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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Jeremias - Eine dramatische Dichtung in neun Bildern - -Author: Stefan Zweig - -Release Date: August 22, 2012 [EBook #40564] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JEREMIAS *** - - - - -Produced by Jana Srna, Eleni Christofaki, Alexander Bauer -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - -Anmerkungen zur Transkription: - -Im Original sind die Bühnedirektionen im Kleinschrift gesetzt. -Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; -lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der -vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. - - Kursiver Text wurde _so_ markiert - Fett gedruckter Text wurde =so= markiert - - - - -[Illustration] - - - - - STEFAN ZWEIG - - =JEREMIAS= - - EINE DRAMATISCHE DICHTUNG IN NEUN BILDERN - - [Illustration] - - INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG 1918 - - - - - FRIEDERIKE MARIA VON WINTERNITZ - - DANKBARST - - - OSTERN 1915 -- OSTERN 1917 - - - - -DIE BILDER DES GEDICHTS - - - I. Die Erweckung des Profeten 11 - - II. Die Warnung 25 - - III. Das Gerücht 51 - - IV. Die Wachen auf dem Walle 67 - - V. Die Prüfung des Profeten 91 - - VI. Stimmen um Mitternacht 113 - - VII. Die letzte Not 147 - - VIII. Die Umkehr 163 - - IX. Der ewige Weg 193 - - - - -DIE GESTALTEN DES GEDICHTS - - -ZEDEKIA, der König - -PASHUR, der Hohepriester - -NACHUM, der Verwalter - -IMRE, der Älteste der Bürger - -ABIMELECH, der Oberste der Kriegsknechte - -HANANJA, der Profet des Volkes - -Schwertträger, Krieger, Knechte - - * * * * * - -JEREMIAS - -SEINE MUTTER - -JOCHEBED, eine Anverwandte - -ACHAB, der Diener - -BARUCH, ein Jüngling - -SEBULON, sein Vater - - * * * * * - -DAS VOLK VON JERUSALEM - -DIE GESANDTEN NABUKADNEZARS - -CHALDÄISCHE UND ÄGYPTISCHE KRIEGER - - * * * * * - -Der Schauplatz des Gedichts ist Jerusalem zur Zeit seines Untergangs. - - - - -DAS ERSTE BILD - -DIE ERWECKUNG DES PROFETEN - - »Rufe mir, so will ich dir antworten und dir anzeigen große und - gewaltige Dinge, die du nicht weißt.« - - Jer. XXX, 3. - - - Das flache Dach auf dem Hause des Jeremias, weißgequadert und - blinkend im matten Mond. In der Tiefe mit Türmen und Zinnen, mit - Schlaf und Stille Jerusalem. Alles ist reglos ringsum, nur der Wind - der ersten Frühe fährt manchmal tönend durch das Schweigen. - - Plötzlich Schritte, polternd und hastig, die Treppe empor. Jeremias - im losen Kleid, die Brust offen, wie ein Gewürgter keuchend, stürmt - herauf. - -JEREMIAS: - -Die Tore rammelt zu ... die Riegel vor ... zum Wall ... zum Walle!... Oh -Wächter, schlimme Wächter ... sie kommen ... sie sind da ... Brand über -uns ... im Tempel Brand ... Hilfe ... zu Hilfe!... Die Mauer fällt, die -Mauer ... - -JEREMIAS (ist bis zum Rande des Daches vorgestürmt und hält plötzlich -inne. Sein Schrei prallt gell gegen die weiße Stille. Er schrickt -zusammen, ein Erwachen kommt über ihn. Sein Blick tastet wie der eines -Trunkenen über die Stadt hin, seine Arme, die schreckhaft gespreizten, -brechen langsam nieder, müde streift die Hand über die offenen Lider): - -Wahn! Wieder Trug und Traum, der fürchterliche! Oh Träume, Träume, -Träume, wie voll ist ihrer das Haus! - - (Er beugt sich über den Rand der Mauer und blickt hinab:) - -Friedlich die Stadt, friedlich das Land, in mir nur dieser Brand, nur -meine Brust ein Feuer! Oh, wie sie selig ruht in Gottes Arm, von Schlaf -bebrütet, überdacht von Frieden, ein Tau von Mond auf jedem Haus und -Schlummer, sachter Schlummer auf jedes Hauses Stirn. Nur ich, ich brenne -Nacht um Nacht, stürz hin mit allen Türmen, fliehe Flucht, vergeh in -Flammen, nur ich, nur ich, zerwühlt die Eingeweide, fahr taumelnd hoch -vom heißen Bett zum Mond, daß er mich kühle! Nur mir sprengt Traum den -Schlaf, nur mir frißt feurig Graun das Schwarze von den Lidern! Oh -Marter dieses Bilds, oh Irrwitz von Gesichten, die trügerisch im Blut -sich ballen und matt schmelzen dann im wachen Mond! - -Und immer gleich der Traum, gleich dieser Wahn, Nacht, Nacht und Nacht, -der gleiche Schrecken sich im Fleische bäumend, der gleiche Traum zu -gleicher Qual entbrennend! Wer tat dies in mein Blut, dies Gift der -Träume, wer, wer jagt mich so mit Schrecknis? Wer hungert meines -Schlafs, daß er ihn wegfrißt mir vom Leibe, wer quält, wer quälet mich? -Mond, Nacht, Gestirn, ihr kalten Zeugen, wer, wer plaget mich, und wem, -wem wache ich? Oh Antwort, Antwort! Wer bist du, Unsichtbares, das vom -Dunkel zielt auf mich mit Pfeilen des Entsetzens, wer bist du, -Schrecknis, die mich nachts beschläft, daß ich dein schwanger ward und -mich hinkrümme in den Wehen? Warum dies Grauen mir, nur mir in dieser -Stadt voll Schlummer und Entsinkens! - - (Er horcht in die Stille hinein. Immer fiebriger.) - -Oh Schweigen, Schweigen, immer Schweigen und innen Aufruhr noch und -aufgewühlte Nacht. Mit heißen Fängen krallt sichs ein in mich und kann -sie doch nicht fassen, mit Bildern geißelts mich und weiß nicht, wer -mich treibet, in leere Luft hinfallen meine Schreie! Wohin, wohin -entfliehn? Oh wirr Geheimnis dieser Jagd, der ich erliege, und weiß -nicht, wessen Ziel und wem zur Beute! Tu auf dich, Netz und Wirrnis, den -Sinn sag dieser Qual, du Unsichtbarer, oder laß von mir, ich kann, ich -kann nicht mehr. Laß ab, du Jäger, oder fasse mich, in Wachen ruf mich, -nicht im Traum, in Worten sprich und nicht in Bildern brenne, -- tu auf -dich, der du mich verschließest, den Sinn sag dieser Qual, den Sinn, den -Sinn! - -EINE STIMME (leise rufend vom Dunkel her. Sie scheint aus Tiefen oder -Höhen zu kommen, geheimnisvoll in ihrer Ferne): - -Jeremias! - -JEREMIAS (taumelnd, wie von Steinwurf getroffen): - -Wer?... mein Name ... war dies mein Name nicht ... rief es von Sternen, -riefs aus meinem Traum?... (Er horcht hinaus. Alles ist wieder stumm.) - -JEREMIAS: - -Bist du es, Unsichtbarer, der mich jagt und plaget ... bin ich es selbst, -tönt mein hinstürmend Blut ... noch einmal sprich, daß ich dich kenne, -Stimme ... noch einmal ruf mich an ... noch einmal, einmal sprich ... - -DIE STIMME (näher tastend): - -Jeremias! - -JEREMIAS (zerschmettert in die Knie stürzend): - -Hier bin ich, Herr! Es hört dein Knecht! (Er lauscht atemlos. Nichts -regt sich ringsum.) - -JEREMIAS (erbebend vor Leidenschaft): - -Sprich, Herr, zu deinem Knecht! Du riefest meinen Namen, so gib die -Botschaft auch, auf daß mein Sinn sie fasse. Wach bin ich deinem Wort -und offen deiner Rede! (Er lauscht wieder angespannt. Tiefes -Schweigen.) - -JEREMIAS: - -Ist es vermessen, daß ich dein begehre? Ein Unbelehrter bin ich und -geringer Knecht, ein Staubkorn deiner Erde, doch dein ist alle Wahl! Der -du Könige kiesest aus den Hirten und oft entsiegelst eines Knaben Mund, -daß er dann glühet deiner Rede, -- du wählst nach andern Zeichen. Wen du -berührest, Herr, der ist erwählet, wen du erwählest, Herr, der ist -berufen. War schon dein Ruf dies, der an mich ergangen, oh sieh, ich -habe ihn vernommen; bist du es, Herr, der mich gejagt, so sieh, ich -flieh dir nicht. Faß deine Beute, Herr, greife dein Wild oder jag weiter -mich zum Ziele! Nur mach mich wissend, daß ich dich nicht fehle, tu auf -die Himmel deines Wortes, daß ich dich erschau, dein Knecht! - -DIE STIMME (näher, eindringlicher): - -Jeremias! - -JEREMIAS (entbrennend): - -Ich höre, Herr, ich höre! Mit meiner ganzen Seele horche ich dir zu! -Aufgetan sind die Quellen meines Bluts und strömen, ausgereckt jede -Faser meines Leibs, dich zu fassen, offen bin ich, unwürdig Gefäß, -deiner Verkündung. Rede mir deine Rede, befiehl deine Befehle, dein bin -ich mit dem Fleisch und dem Inwendigen meiner Seele! Ich will werden in -deinem Willen und vergehen in deinem Geheiß. Ich will verlassen, die ich -liebte, um deinetwillen und abseits werden meinen Freuden, ich will -lassen die Süße des Weibes und die Hausung der Menschen, in dir allein -will ich wohnen und wandern deine Wege. Keinen Ruf will ich hören, da -ich deinen erhörte, und ertauben der Rede von Menschen. Dir allein -gelobe ich mich, Herr, dir allein, denn durstig ist meine Seele deines -Dienstes -- offen bin ich deinem Wort und gewärtig deiner Zeichen! - -DIE STIMME DER MUTTER (nun schon ganz nahe und kenntlich): - -Jeremias! - -JEREMIAS (in Ekstase): - -Brich ein in mich, Herr, mein Herz birst vom Schauer deiner Nähe schon! -Schütte dich aus, selig Gewitter; wühl mich auf, daß ich deinen Samen -trage, mache fruchtend meine Erde, mache trächtig meine Lippe -- einbrenn -mir das Brandmal deiner Hörigkeit! Wirf dein Joch über mich, siehe, -gebeuget schon ist mein Nacken, -- dein bin ich, dein für immerdar. Nur -erkenne mich, Herr, wie ich dich erkenne, nur laß mich deine -Herrlichkeit schauen, wie du erschautest im Dunkel meine Niedrigkeit, -den Weg nur weise deines Willens, Herr, weise ihn, weise ihn deinem -ewigen Knecht! - -DIE MUTTER (ist suchend die Treppe emporgestiegen. Ihr Blick ist -ängstliche Sorge, ihre Stimme voll Zärtlichkeit): - -Oh hier ... hier bist du, mein Kind. - -JEREMIAS (auffahrend von den Knien, voll Schreck und Ingrimm): - -Weg ... fort ... oh, verloschen die Stimme ... zerschlagen der Weg ... -verborgen für immer ... - -DIE MUTTER: - -Weh ... wie du hier stehest im dünnen Gewand am Kalten der Mauer ... komm -hinab, mein Kind ... Fieber schwelt her von den Sümpfen des Morgens ... - -JEREMIAS (voll Wildnis): - -Was folgst du mir, was verfolgst du mich! Oh Jagd ohne Ende, umstellt -von Stirn und Rücken, in Wachen und Schlaf ... - -DIE MUTTER: - -Jeremias, wie faß ich dich? Ich lag unten im Schlafe, da war mir, als -hörte ich Zwiesprach vom Dache und Rede und Wort ... - -JEREMIAS (auf sie zu): - -Du hörtest ... Du auch ... um der ewigen Wahrheit willen ... Du hörtest -Ihn reden, vernahmest den Ruf ... - -DIE MUTTER: - -Wen meintest ... keinen seh ich mit dir ... - -JEREMIAS (sie fassend): - -Mutter ... ich beschwöre dich, sprich mir ... Tod oder Seligkeit trägt -mir dein Wort ... Du hörtest eine Stimme ... wachen Sinnes hörtest du -sie ... - -DIE MUTTER: - -Eine Stimme hört ich vom Dache und tastete, daß ich dich weckte. Doch -kalt war das Linnen, leer lag dein Bett. Da fiel Angst über mich, und -ich rief deinen Namen ... - -JEREMIAS (erschwankend): - -Du riefest ... Du riefest meinen Namen ... - -DIE MUTTER: - -Zu dreien Malen rief ich ihn ... Doch warum ... - -JEREMIAS: - -Zu dreien Malen? Mutter, des bist du gewiß ... - -DIE MUTTER: - -Dreimal rief ich dich an ... - -JEREMIAS (mit brechender Stimme): - -Zernichtung und Hohn! Oh, Trügnis überall, außen und innen. In Angst -schrie eine zu mir, und mein Grauen vermeinte den Gott ... - -DIE MUTTER: - -Wie bist du sonderlich! Kein Unrecht glaubt ich zu tun. Und stieg, da -keiner Antwort gab, selbstens empor, ob hier einer wäre. Doch keiner war -hier. - -JEREMIAS: - -Oh doch! Ein Rasender, ein Verblendeter ... oh Qual und Marter der -Träume ... Sinn und Widersinn im Betruge ... ich Narr, ich Narr meines -Wahns!... - -DIE MUTTER: - -Was redest du ... was ficht dich an ... - -JEREMIAS: - -Nichts, Mutter, nichts ... nicht achte meiner Worte ... - -DIE MUTTER: - -Nein, Jeremias, ich achte ihrer, doch sie verschließen sich mir. -Jeremias, ein fremder Geist ist über dich kommen, fremd ward und -feindlich dein Sinn. Was ist dir geschehen, mein Kind, was quälet, was -sorget dich? - -JEREMIAS: - -Nichts quält mich, Mutter ... mich schwülte das Bett ... Kühlung kam ich -zu trinken ... - -DIE MUTTER: - -Nein, du verschließt dich, du Harter, vor mir und bist doch offen meiner -Seele. Meinst du, ich wisse nicht, wie du umgehst seit Monden Nacht um -Nacht; meinest du, ich hörte nicht das Stöhnen deines Schlafs und den -Angstschrei deines Schlummers? Oh, offenen Auges hör ich dich im Dunkel, -wie du umwanderst ruhlos im Haus, Schritt für Schritt hör ich dich -schreiten, und Schritt für Schritt mitwandert mein Herz. Was ists, das -dich quälet? Tu dich auf, du Verschlossener, nicht birg meiner Sorge die -Qual! - -JEREMIAS: - -Nicht sorge dich, Mutter! Nicht sorge dich! - -DIE MUTTER: - -Wie soll ich deiner nicht sorgen? Bist du denn meiner Tage Tag nicht und -meiner Nächte Gebet? Aus den Händen bist du mir gewachsen, darin ich -dich trug, doch meine Seele, noch hält sie dich inne, daß sie wache -deines Lebens. Oh, ich wußte es vordem, eh du es wußtest, ich sah es, eh -du es schautest, seit Monden schon: es ist ein Schatten auf dein Antlitz -gefallen und eine Sorge in deine Seele. Du bist fremd worden deinen -Freunden und abseits der Fröhlichen, den Markt meidest du und der -Menschen Haus. In Gedanken vergräbst du und des Lebens versäumest du -dich. Jeremias, besinne dich, zum Priester bist du gezogen, dein harret -des Vaters Gewand, daß du lobpreisest den Herrn mit Psalter und Gesang. -Heb auf dein Antlitz vom Dunkel in den Tag, es ist Zeit, daß du bauest -dein Leben, daß du beginnest dein Werk! - -JEREMIAS: - -Nicht ist Zeit jetzt des Beginnens! Zu nah ist das Ende! - -DIE MUTTER: - -Es ist Zeit! Es ist Zeit! Mannbar bist du des langen, eines Weibes -verlanget dies Haus und der Kinder, damit erweckt sei deines Vaters -Bild. - -JEREMIAS (in grimmigem Schmerz): - -Ein Weib heimführen in Wüstung? Kinder zeugen dem Würger? Wahrlich, -nicht bräutlich nahet die Stunde! - -DIE MUTTER: - -Ich faß dich nicht. - -JEREMIAS: - -Soll ich bauen ein Haus in den Abgrund und mein Leben in den Tod? Soll -ich säen der Fäulnis und lobpreisen die Vernichtung? Ich sage dir, -Mutter, wohl dem, der sein Herz nicht hängt jetzt ans Lebendige, denn -wer atmet diesen Tag, trinkt schon von seinem Tod. - -DIE MUTTER: - -Welch ein Wahn ist über dir? Wannen war sanfter die Zeit, wann stiller -im Frieden dies Land? - -JEREMIAS: - -Nein, Mutter, sie sagen Friede und Friede, die Toren, aber es ist darob -kein Friede noch, und sie legen sich nieder und vermeinen Schlaf, die -Arglosen, und schlafen schon in ihren Tod. Mutter, eine Zeit ist nahe -wie keine gewesen je in Israel, und ein Krieg, wie noch keiner über -Erden gefahren! Eine Zeit, daß neiden werden die Lebendigen die Toten in -der Grube um ihren Frieden und die Schauenden die Blinden um ihr Dunkel. -Noch ist es nicht sichtig den Toren, noch ist es nicht offenbar den -Träumern, doch ich, ich hab es geschauet Nacht um Nacht. Immer höher -brennet der Brand, immer näher nahet der Feind, er ist da, der Tag des -Getümmels und der Zertretung, schon steiget des Krieges rot Gestirn aus -der Nacht. - -DIE MUTTER: - -Entsetzen ... wie wüßtest du's?... - -JEREMIAS: - - Ein Wort, ein heimlich Wort ist über mich kommen, - Da ich Gesichte beschaute des Nachts - Und irrging in Träumen. - Furcht und Bangnis fiel über mich, - Meine Gebeine erbebten wie eine Klapper, - Und gleich rissiger Mauer - Einstürzte mein Herz. -- - Mutter, - Ich habe Dinge gesehen, - Wenn die stünden geschrieben, - Würde starren der Menschen Haar - Und der Schlaf fallen wie Asche - Von ihrem Gesicht. - -DIE MUTTER: - -Jeremias ... was ist über dich ... - -JEREMIAS: - - Das Ende nahet, das Ende, - Es fahret aus - Dräuend von Mitternacht, - Feuer sein Wagen, - Würgung sein Flug! - Schon rauschen Schrecknis die heiligen Himmel, - Schon bebt die Erde von Donner und Huf. - -DIE MUTTER (im Entsetzen): - -Jeremias! - -JEREMIAS (sie anfassend, lauschend): - -Hörst du ... hörest du nicht, es rauschet, es rauschet schon nah ... - -DIE MUTTER: - -Nichts höre ich! Es morgent. Hirtenflöten wachten im Tal, und ein klein -Wind umspielet das Dach. - -JEREMIAS: - - Ein klein Wind? - Wehe, wehe! - Gewaltigen Rauschens - Wächst er empor, - Sturmwind von Gott. - Aus dem Geklüfte - Der Mitternacht - Kommt er gefahren, - Schrecknis schwingt er - Über die Stadt. - Mutter! Mutter! Hörst du es nicht: - Schwert klirrt im Wind, - Räder rollt die rauschende Welle, - Lanze blinkt und Harnisch die Nacht, - Krieger und Krieger, unendliche Scharen - Schüttet der Sturmwind über das Land. - -DIE MUTTER: - -Wahnwitz von Träumen! Wirrnis und Trug! - -JEREMIAS: - - Es nahet, es nahet, - Fremd Volk, - Mächtig und alt - Aus dem Osten der Erde, - Unendliche Fülle - Rauschen sie an, - Wie Blitz fliegen weit ihre windigen Pfeile, - Ihre Rosse sind alle mit Eile behufet, - Ihre Wagen starr wie die Felsen geschient. - Und inmitten ausfähret - Mit blutiger Krone - Der Stürzer der Städte, - Der Zünder der Brände, - Der Zwingherr der Völker, - Der König, der König von Mitternacht. - -DIE MUTTER: - -Der König von Mitternacht ... Du träumest ... der König von Mitternacht. - -JEREMIAS: - - Den Er erweckte, - Den Er erwählte, - Als harten Vollstrecker - Härtesten Spruchs, - Daß er strieme das Volk um all seiner Fehle, - Daß er mahle die Mauer und berste die Türme, - Daß er lösche das Licht und das Lachen der Häuser, - Daß er tilge die Stadt und den Tempel von Erden - Und pflüge die Straßen Jerusalems. - -DIE MUTTER: - -Irrwitz und Frevel! Ewig währet Jerusalem! - -JEREMIAS: - - Es fällt! - Was Gott berennet, - Hat nicht Bestand! - Von untenher - Werden dorren seine Wurzeln, - Und von obenher - Geschnitten seine Frucht! - Mit der Axt und dem Brande - Wird der Reisige roden - Israels Forst und Zions Gefild. - -DIE MUTTER (ausbrechend): - - Es ist nicht wahr! - Du lügst! Du lügst! - Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen, - Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen! - Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm, - Ewig werden die ragenden Mauern, - Ewig die Herzen Israels dauern, - Ewig währet Jerusalem! - -JEREMIAS: - -Es stürzet! Gebrochen ist der Stab und gezeichnet die Stunde! Das Ende -nahet, Israels Ende! - -DIE MUTTER: - -Gottesleugner! Gottesleugner! Des Herrn Erwählte sind wir und werden -dauern über die Zeiten! Nie vergehet Jerusalem! - -JEREMIAS: - -Ich habe es geschauet in meinen Träumen, offenbar ward es meinen -Gesichten! - -DIE MUTTER: - -Frevler, wer so träumet, und Frevler siebenfach, wer glaubt solchen -Träumen! Wehe, wehe, daß ichs erlebe, mein eigen Blut zaget an Zion und -zweifelt des Herrn! Jeremias, Jeremias, willst du, daß mir zum Abscheu -werde mein Schoß? - -JEREMIAS: - -Wider Willen kam mir das Grauen, nicht vermag ich zu wehren den -Gesichten. - -DIE MUTTER: - -Halte dich wach im Gebet wider sie, und an dem Namen des Herrn -zerschellet ihr Trug. Jeremias, besinne dich: eines Gesalbten Sohn bist -du und geweiht, daß deine Stimme lobsinge dem Herrn, daß sie erhebe die -Herzen der Zagenden und mit Mut fülle der Verstöreten Sinn! - -JEREMIAS: - -Wie kann ichs, wie kann ichs! Selbst bin ich der Verstörteste aller! Laß -ab von mir, Mutter, laß ab! - -DIE MUTTER: - -Ich lasse nicht dein und nicht deine Seele dem Zweifel. Jeremias, mein -einzig Kind, höre mich an! Geheimes künde ich dir zum erstenmal, daß -erwache dein Herz. Höre mich, die ich zu dir rede aus meiner Not. Auch -ich war eine Verzagete einst, denn zehen Jahre verschloß der Herr meinen -Schoß. Spott ward ich den Gefährtinnen und der Kebsen Gelächter. Zehen -Jahre trug ich es duldend und zagete schon, aber im elften entbrannte -mein Herz, und ich ging in Gottes Haus, daß Er Frucht schenke meinem -Schoß. - -JEREMIAS: - -Zum erstenmal kündest du dies ... zum erstenmal. - -DIE MUTTER: - -Und ich warf mich zur Erde und tränkte sie mit meinen Tränen und -gelobete: so ein Sohn mir geschenkt sei, ihn zu weihen dem Herrn. Ich -gelobete zu schweigen und kein Wort zu tun vom Munde in meiner schweren -Zeit, daß ihm dereinst der Rede Fülle sei, zu lobpreisen den Gott. - -JEREMIAS: - -Mich gelobet ... Mutter!... auch du ... auch du ... - -DIE MUTTER: - -Selbigen Tages erkannte dein Vater mich, und ich ward dein gesegnet. -Jeremias, höre, Jeremias, neun Monde begrub ich getreu die Stimme in -meinem Leibe, daß dir alle Fülle des Wortes sei, daß du Lobkünder -werdest des ewigen Gottes! So lösete ich mein Wort, und wir zogen dich -auf, daß du lerntest die Schrift, und lieblich klang deine Stimme zum -Psalter. Jeremias, nun weißt du: zum Priester bist du geweiht von -Anbeginn und zum Lobkünder des Herrn. Zerreiß deiner Träume Netz und -tritt in den Tag. - -JEREMIAS: - -Oh, zwiefach Gelöbnis, Mutter, oh, zwiefach Zeugnis dieser Nacht. Zum -andern Male hast du mich erwecket dem Leben, ein Wissender bin ich -worden an deinem Wort, denn wundersam: ich schrie auf meine Frage zu -Gott, und er entsandte dich mir zur Rede! Oh Geheimnis dieses Wegs, oh -Stachel der Träume, der mich aufstieß, oh Lockung der Bilder, die mich -weckten, oh trefflicher Jäger, der nicht fehlet! Nun weiß ich, wer -geschlagen an meines Schlafes Wand, bis ich aufstund von meines Lebens -Schlummer, nun weiß ich, wer drängete meine Säumnis, nun weiß ich, wer -mich gefordert ... - -DIE MUTTER: - -Was ward dir! Wie eines Trunkenen gehet deine Rede ... - -JEREMIAS: - -Ja, trunken bin ich nun der Gewißheit seines Willens und so voll der -Rede, daß mich der Odem in meinem Innern ängstet. Die Siegel sind -gebrochen meines Mundes, und mir brennet die Lippe der Verkündung ... - -DIE MUTTER: - -Wehe, wenn du sie kündest deine Träume, die verruchten! Mein Sohn bist -du nicht, schreist du aus solchen Wahn! - -JEREMIAS: - -Dein Sohn, Mutter? Oh, wie sehr bin ich dein Sohn, wie dir gleich im -Geschehen! Wisse, auch ich bin ein Unfruchtbarer gewesen, und Er hat mir -ein Wort gezeuget und ein Geheimnis. Erneut habe ich, Mutter, dein Wort, -auch ich habe mich ihm gelobet ... - -DIE MUTTER: - -So tritt hin in sein Haus, daß du ihm opferst, der dich erweckte, daß du -lobpreisest seinen Namen! - -JEREMIAS: - -Nein, Mutter, nicht Opferers Dienst hab ich genommen -- selbst will ich -das Opfer sein. Ihm bluten entgegen meine Adern, ihm brennet mein -Fleisch, ihm flammet meine Seele. Ich will ihm dienen, wie keiner -gedient, seine Wege sind meine Wege nunab. Oh, siehe, schon morgents im -Tale, und auch in mir war es Tag aus den Dunkelheiten! Sein Himmel -brennet in Feuer, und auch mir entbrannte das Herz. Oh, Wagen Elias, -auffahrend im Feuer, reiß mit meine Rede, daß sie niederstürze wie -Donner in der Menschen Tag! Wehe, mir brennet die Lippe schon, fort, ich -muß fort ... - -DIE MUTTER: - -Wohin willst du vor Tag? - -JEREMIAS: - -Ich weiß nicht, Gott weiß es. - -DIE MUTTER: - -Doch sage, was planest du? - -JEREMIAS: - -Ich weiß nicht, ich weiß nicht! Sein ist mein Herz, sein ist die Tat! - -DIE MUTTER: - -Jeremias, ich lasse dich nicht, du schwörest mir denn, daß du -verschweigst deine Träume ... - -JEREMIAS: - -Ich schwöre nicht! Ihm allein bin ich verschworen! - -DIE MUTTER: - -... daß du nicht kündest Schrecknis vor dem Volke. - -JEREMIAS: - -Sein ist die Verkündung, mein nur die Lippe! - -DIE MUTTER: - -Wehe, du fliehest mein Wort! So höre und wisse: wer ausgehet Zweifel zu -säen in Israel, geht nicht mehr ein in mein Haus. - -JEREMIAS: - -Sein ist mein Wort, sein meine Hausung. - -DIE MUTTER: - -Wer nicht glaubet an Zion, ist nicht mehr mein Sohn! - -JEREMIAS: - -Sein bin ich allein, der mich eintat deinem Leibe. - -DIE MUTTER: - -So weichest du? Aber höre vordem noch, Jeremias, höre, eh du auftust die -Lippe vor dem Volke: Ich fluche aus meiner Seele Kraft dem, der -Schrecknis wirft über Israel, ich fluche ... - -JEREMIAS (schauernd): - -Nicht fluche, Mutter, nicht fluche! - -DIE MUTTER: - -Ich fluche dem, der Sturz sagt den Mauern und Wüstung den Gassen, ich -fluche dem, der Tod schreit über Israel. Möge sein Leib in Feuer fallen -und seine Seele in des lebendigen Gottes Faust. - -JEREMIAS: - -Nicht Fluch sprich ... Mutter ... vielleicht stößt Er mich unter ihn ... - -DIE MUTTER: - -Ich fluche dem Zweifler, der mehr vertrauet den Träumen denn Gottes -Barmherzigkeit! Ich verfluche, ich verfluche den Leugner Gottes und wäre -es mein Kind! Zum letztenmal, Jeremias ... wähle! - -JEREMIAS: - -Ich ... geh ... meinen Weg ... (Er beginnt mit schwerem Schritt zur -Treppe zu treten.) - -DIE MUTTER: - -Jeremias ... mein einzig Kind bist du und meines Alters Trost ... -entweiche meinem Fluch ... denn Gott wird ihn erhören, wie er erhörte -mein Gelöbnis. - -JEREMIAS: - -Auch ich bin ihm gelobet, Mutter, auch mich hat er erhöret. Lebe wohl! -(Er schreitet die erste Stufe hinab.) - -DIE MUTTER (aufschreiend): - -Jeremias! Über mich geht dein Schritt! Du zertrittst mir das Herz! - -JEREMIAS: - -Ich weiß die Straße nicht, die ich schreite ... ich fühl die Steine -nicht, die ich trete ... ich fühl einen Ruf nur ... einen Ruf, der mich -rufet ... und ich folge dem Ruf ... - - (Er steigt langsam die Stufen nieder, das Antlitz ernst und - verhalten, die Augen starr in den Himmel.) - -DIE MUTTER (zur Treppe hinstürzend, in Verzweiflung): - -Jeremias!... Jeremias!... Jeremias!... - - (Keine Antwort. Der Schrei verhallt zur Klage und schwingt - allmählich ganz ins Schweigen zurück. Einsam steht die einstürzende - Gestalt der Mutter vor dem hohen Himmel, über den sich tragische - Morgenröte wie ein Schein von Feuer und Blut mählich zu verbreiten - beginnt.) - - - - -DAS ZWEITE BILD - -DIE WARNUNG - - »Die Profeten, die vor mir gewesen sind von alters her, haben wider - viel Länder geweissaget von Krieg, von Unglück und Pestilenz; - - wenn aber ein Profet von Frieden weissagt, den wird man kennen, ob - ihn der Herr wahrhaftig gesandt hat, wenn sein Wort erfüllet wird.« - - Jer. XVIII, 8/9. - - - Der große Platz von Jerusalem, der mit vielen Stufen aufsteigend in - den Säulenvorhof der Burg von Zion führt, rechts zum königlichen - Palaste und mittseits zum anschließenden Tempel. Auf der andern - Seite ist der geräumige Platz von Häusern und Gassen begrenzt, die - nieder und gebückt scheinen gegen den hochragenden Bau. Die Eingänge - in den Palast sind umschmückt von Girlanden und prächtigem - Zedergetäfel; in breite, kunstvolle Brunnenschalen des Vorhofs - fließt Wasser nieder, rückwärts glänzt dunkel das erzgetriebene Tor - des Tempels. - - Vor der Säulenhalle des Palastes, auf der Straße und die Stufen - empor wirr durcheinandergedrängt das Volk von Jerusalem, eine - farbige, erregte Masse von Männern, Frauen und Kindern, die von - einhelliger Erwartung bewegt sind. Die Menge hat viele Stimmen, die - in den Augenblicken des Geschehens oft in einen einzigen Schrei - zusammenfließen, sonst sich aber erregt widerstreiten. Im - gegenwärtigen Augenblicke sind alle in die Richtung der Gassen - gewandt und drängen sich in erwartender Unruhe. - -STIMMEN: - -Der Wächter hat schon gerufen vom Turm ... nein, noch nicht ... doch, -ich habe das Horn gehört ... ich auch ... ich auch ... sie müssen nahe -sein ... von wo kommen sie ... werden wir sie sehen ... - -ANDERE STIMMEN: - -Vom Tore Moria kommen sie ... hier müssen sie vorbei ... sie gehen zum -Palast ... laßt die Gasse frei, ... ja ... ja ... wir wollen sie sehen ... -weicht zurück ... macht Raum ... Raum für die Ägypter ... - -EINE STIMME: - -Aber ist es gewiß auch, daß sie kommen? - -EINE ANDERE STIMME: - -Den Boten sprach ich, der ihnen vorausgeeilt. - -STIMMEN: - -Er hat den Boten gesprochen ... erzähle ... wie viele sind ihrer ... -bringen sie Geschenke ... wer ist ihr Führer ... was bringen sie ... -erzähle, Isaschar! - - (EINE GRUPPE bildet sich um den Mann Isaschar.) - -ISASCHAR: - -Ich vermag nur zu berichten, was der Bote, mein Schwäher, mir gesagt. -Die ersten Krieger Ägyptens sind es, die Pharao uns sandte, und Sklaven -sind viele mit ihnen, die Geschenke bringen auf Sänften und Tragen. Seit -Salomos Tagen ward nichts ihresgleichen gen Zion gebracht. - -STIMMEN: - -Es lebe Pharao ... Ruhm seiner Herrschaft ... Heil Ägypten! - -EINE STIMME: - -Sie sagen, auch eine Tochter Pharaos reise mit ihnen, daß sie Zedekia -vermählt werde. Ist es wahr, Isaschar? - -ISASCHAR: - -Es ist wahr. Eine Tochter Pharaos geleiten sie. Die Schönste ist sie -seiner Töchter, und er hat sie Zedekia gewählt. - -STIMMEN: - -Ruhm Pharao ... Heil Zedekia ... werden wir sie schauen ... Heil -Ägypten!... - -EIN ALTER MANN: - -Unheil kam von je über Israel von den fremden Weibern der Könige ... - -STIMMEN: - -Ja, sie wenden den Sinn der Gerechten ... fort mit ihnen ... was schmähst -du Ägypten ... ja, was wollen, sie ... was bedeutet die Sendung ... -seit wann ist Freundschaft zwischen Ägypten und Israel ... was wollen -sie? - -EINE STIMME: - -Ein Bündnis bietet Pharao Necho wider Nabukadnezar, ich weiß es von -Abimelech. - -STIMMEN: - -Heil Abimelech, unser Führer ... kein Bündnis ... kein Bündnis mit -Ägypten ... kein Bündnis mit Mizraim ... wider wen ist das Bündnis ... - -ISASCHAR: - -Warum kein Bündnis mit ihnen? Mächtig sind sie, und vereint wären wir -stark wider unsern Unterdrücker. Zehntausend Sichelwagen vermag Pharao -Necho ins Blachfeld zu stellen, und seine Bogenschützen und Reiter sind -ohne Zahl. Er will aufstehen wider Assur, unsern Peiniger, und sie -begehren unseres Beistands. - -DER ALTE: - -Kein Bündnis mit Ägypten! Unser Kampf ist nicht der ihre! - -ISASCHAR: - -Unsere Not ist die ihre, sie wollen nicht Knechte sein der Chaldäer! - -STIMMEN: - -Wir auch nicht ... wir auch nicht ... nieder mit Assur ... zerbrechen -wir das Joch ... hüten wir uns ... - -BARUCH (ein Jüngling, ekstatisch): - -In Ketten gehen unsere Tage und mit güldenen Schäkeln unsere Boten -allneumonds gen Babel. Wie lange wollen wir es dulden noch? - -SEBULON (der Vater Baruchs): - -Schweige ... nicht dein ist die Rede ... eine linde Knechtschaft ist -Chaldäas Joch ... - -STIMMEN: - -Aber wir wollen nicht länger Knechte sein ... die Stunde der Freiheit -ist gekommen ... nieder mit Assur ... verbinden wir uns Ägypten ... - -SEBULON: - -Nie kam Gutes von Mizraim. Man muß prüfen und erwägen, man muß mißtrauen -und gedulden. - -STIMMEN: - -Die Geräte des Tempels muß man schaffen ... nicht länger soll Baal sich -ihrer ergötzen ... nieder mit den Räubern des Tempels ... jetzt ist es -die Stunde ... - -ANDERE STIMMEN (von der Tiefe der Gasse her): - -Sie kommen! Sie kommen! - -STIMMEN (von allen Seiten jauchzend): - -Sie kommen ... Raum ... macht Raum ... sie kommen ... hier herauf ... -zurück hier ... ich sehe sie schon ... hier kannst du sie sehen ... - - (DAS VOLK stürmt die Stufen empor und bildet eine Gasse, durch die - nun die Gesandtschaft der Ägypter zum Palaste ziehen kann. Man sieht - vorerst nur die Lanzenspitzen der Krieger über dem Gewoge der - lärmenden Menge leuchten.) - -STIMMEN: - -Wie stolz sie gehen ... wer ist der Führer ... Araxes ist es ... die -Geschenke ... die Sänften ... seht diese, sie ist verhüllt ... die -Tochter Pharaos muß es sein ... heil Araxes ... heil Ägypten ... wie -schwer sie tragen an den Truhen, Gold muß darin sein ... wir werden es -zahlen müssen mit Blut ... die Schwerter, seht die kurzen ... die unsern -sind besser ... wie hochmütig sie gehen ... gewaltige Krieger müssen es -sein ... es lebe Pharao Necho ... es lebe Ägypten ... heil ... Gott -strafe Assur ... heil Ägypten ... heil Araxes ... es lebe Necho ... -Segen über Pharao ... geheiligt unser Bund ... heil euch ... heil euch ... - - (DIE MENGE umdrängt mit frenetischen Jubelrufen den Zug der - Ägypter.) - - (DIE ÄGYPTER, reichgeschmückt, schreiten stolz und ernst durch die - Reihen. Sie klirren die Schwerter zusammen und danken würdevoll.) - -BARUCH (von den Stufen herab): - -Der König erfülle eure Wünsche! Er schließe den Bund! - -STIMMEN: - -Ja ... ja ... auf gegen Assur ... zerbrechen wir das Joch ... es lebe -Necho ... Segen über eure Ankunft ... Rache für Zion ... - -ANDERE STIMMEN: - -Zum Palast ... geleitet sie zum Palast ... zum Könige ... er schließe -den Bund ... es lebe Araxes ... Segen über Zedekia, unsern König ... -ein König der Knechte ... nein ... nein ... Freiheit ... auf zum Palast ... - - (DIE ÄGYPTER sind die Stufen empor zum Palast geschritten und in die - Säulenhalle eingetreten. Hinter ihnen strömt der Schwall des Volkes. - Andere Schwärme verlaufen sich in den Gassen. Es bleiben auf den - Stufen nur einzelne kleine Gruppen älterer Leute zurück, während die - Krieger und die Frauen schaulustig den Ägyptern nachstürmen, die - Sänften umdrängen und mit dem Zuge im Säulenvorhof verschwinden.) - -BARUCH (der ihnen ekstatisch zugewinkt hat): - -Ich muß mit ihnen. - -SEBULON: - -Du bleibst! - -BARUCH: - -Ich will es schauen, ich will es erleben, wie Israel aufsteht wider -seine Peiniger. Meine Seele verzehrt sich, das Gewaltige zu erschauen, -und nun ist die Stunde genaht. - -SEBULON: - -Du bleibst! Gott wägt seine Stunden, nicht wir. Des Königs ist die -Entscheidung. - -BARUCH: - -Wie sie jubeln! Laß mich mit ihnen sein, mein Vater, daß ichs erlebe. - -SEBULON: - -Oft und oft noch wirst du's erleben. Denn immer jubelt das Volk zu den -lauten Worten, immer läuft es hinter dem Gepränge. - -EIN ANDERER: - -Was verweigerst du ihm die Freude? Ist der Tag unseres Sehnens nicht -erschienen? Freunde sind Israel erstanden. - -SEBULON: - -Nie war Mizraim Israels Freund. - -BARUCH: - -Unsere Schmach ist die ihre, Israels Not die Ägyptens. - -SEBULON: - -Nichts gemein haben wir mit den Völkern der Erde. Einsamkeit ist unsere -Gewalt. - -DER ANDERE: - -Aber sie wollen für uns kämpfen. - -SEBULON: - -Für sich wollen sie kämpfen. Jedes Volk kämpft nur für sich allein. - -BARUCH: - -Sollen wir Knechte bleiben, soll Zedekia ein König sein der Sklaven und -Zion ein Pflichtling Chaldäas? Oh, daß er ein König wäre, Zedekia ... - -SEBULON: - -Schweige, ich befehle es dir. Nicht ziemt es den Knaben, die Könige zu -richten. - -BARUCH: - -Jung bin ich, doch wer ist Jerusalem, wenn die Jugend nicht? Die -Bedächtigen nicht haben es gebaut. David, der Junge, hat sie getürmet -und groß gemacht unter den Völkern. - -SEBULON: - -Schweige, nicht dein ist das Wort auf dem Markte. - -BARUCH: - -Sollen nur die Bedächtigen reden, nur die Greise beraten, daß Israel -ergreise vor den Jahren und Gottes Wort faule in unsern Herzen? Unser -ist die Stunde, unser die Rache. Ihr habt euch gebeuget, wir wollen uns -erheben, ihr habt gezögert, und wir wollen vollbringen, ihr hattet den -Frieden, und wir wollen den Krieg. - -SEBULON: - -Was weißt du vom Kriege, du Vorwitziger. Wir, die Väter, haben ihn -gekannt. Er ist groß in den Büchern, aber ein Würger ist er in Wahrheit -und ein Schänder des Lebens. - -BARUCH: - -Ich fürchte ihn nicht. Ein Ende der Knechtschaft! - -EINE STIMME: - -Einen Eid des Friedens hat Zedekia geschworen. - -STIMMEN: - -Ungültig ist der Eid ... er zerbreche den Schwur ... kein Eid gilt den -Heiden ... - -STIMMEN (von rückwärts aus der Gasse kommend, im Jubel): - -Abimelech! Heil Abimelech ... Abimelech, unser Führer ... heil dir ... - - (DIE GRUPPEN sammeln sich um Abimelech, den Obersten der Krieger, - und jubeln ihm zu.) - -STIMMEN: - -Abimelech ... ist es wahr, daß Ägypten ein Bündnis bietet ... raffe dein -Schwert ... auf, ziehe wider Assur ... raffe Israels Kraft ... wir sind -bereit ... wir sind bereit ... - -ABIMELECH (auf der Höhe der Stufen zu der Menge): - -Sei bereit, Volk von Jerusalem, denn nahe ist die Stunde deiner -Freiheit. - - (DIE MENGE, die ihn umringt, bricht in Jubelschreie aus.) - -ABIMELECH: - -Pharao Necho hat uns seine geharnischte Hand geboten. Er will sich uns -gesellen, daß wir selbzweit Assurs Macht brechen, und wir wollen es tun, -mein Volk von Jerusalem. Bereit sind deine Streiter, gerüstet deine -Kämpfer, geschirrt deine Wagen, gespannt deine Bogen, nun stähle dein -Herz, Volk von Jerusalem. - -DIE MENGE (jauchzend): - -Auf gegen Assur ... Krieg mit Chaldäa ... heil Abimelech ... - -EIN KRIEGER: - -Wie die Schafe werden wir sie vor uns hertreiben. Sie haben sich matt -gemacht in den Frauenhäusern, und ihr König trug nie eines Kriegers -Gewand. - -EINE STIMME: - -Das ist nicht wahr! - -DER KRIEGER: - -Wer sagt, es sei nicht wahr? - -EINE STIMME: - -Ich sage es. In Babel bin ich gewesen und habe Nabukadnezarn gesehen. Er -ist gewaltig und sein Kriegsvolk ohne Makel. - -STIMMEN: - -Du Schurke, lobpreisest du unsere Feinde ... ein Gekaufter ist er ... -sein Weib ist eine Chaldäerin ... sie hat gehurt mit allen Knechten -Babels ... Verräter ... - -DER KRIEGER (vortretend zu den Sprechenden): - -Willst du sagen, wir könnten ihrer nicht obsiegen? - -DIE STIMME: - -Ich sage, daß sie mächtig sind, die Chaldäer. - -DER KRIEGER (auf ihn eindringend): - -Meine Faust sieh hier und sage noch einmal, sie seien besser denn -Israel. - -STIMMEN: - -Sag es noch einmal ... zerreißt ihn ... Verräter ... Verräter ... - -DER SPRECHER (von allen gefaßt, eingeschüchtert): - -Nicht das sagte ich ... ich meinte ... ich meinte, daß ihrer viele sind. - -ABIMELECH: - -Immer waren unserer Feinde viel, und immer haben wir sie geschlagen. - -STIMMEN: - -Wer kann an wider uns ... alle haben wir geschlagen ... Moab -zerschmettert und Ammon ... Sanherib und seine Tausendmaltausend ... die -Philister und Amalek ... Wer kann uns widerstehn ... Tod über den, der -uns schmäht ... - - (EINIGE BOTEN eilen aus dem Palast.) - -DIE MENGE (sie umdrängend): - -Wohin eilet ihr ... was bringt ihr ... wen suchet ihr ... was ist ... - -EIN BOTE: - -Der König hat den Rat berufen. - -STIMMEN: - -Krieg ... er beschließet den Krieg ... Krieg ... - -ABIMELECH: - -Wen hat er berufen? - -DER BOTE: - -Imre, den Ältesten, Nachum, den Verwalter; und auch an dich ergehet sein -Ruf. - -ABIMELECH: - -Zauderern bin ich gesellt und Klüglern, die das Wort wägen und schauern -vor der Tat. Aber ich bringe mein Schwert, und ich will es von mir -werfen, darf ich es nicht zücken wider Assur. Dein ist die Stunde, ich -kämpfe für sie, Volk von Jerusalem! - -DIE MENGE: - -Heil Abimelech ... Heil Abimelech ... heil dir, du Gottesstreiter ... -heil ... - - (ABIMELECH eilt in den Palast.) - -BARUCH: - -Ihm nach, ihm nach! Der König soll unsere Stimme hören, er höre unsern -Willen erdonnern vor seinem Palast. - -SEBULON: - -Ich verstoße dich, wenn du nicht schweigest. Der König will beraten, und -Ruhe muß sein um den Ratschluß. - -BARUCH: - -Er soll nicht beraten. Er beschließe! Er beschließe den Krieg! Wir alle -wollen den Krieg. - -STIMMEN: - -Ja, wir alle ... wir alle ... schreit auf zu ihm ... - -EINE STIMME: - -Nein, ich will keinen Krieg ... ich will keinen Krieg ... - -STIMMEN: - -Schweige ... Verräter ... noch ein Gekaufter ... wer bist du ... nieder -mit ihm ... wer bist du ... - -DER SPRECHER: - -Ein Bauer bin ich, und nur im Frieden blüht mein Feld. Aber der Krieg -stampft meine Äcker und zerstößt mir die Scholle. Ich will keinen Krieg, -ich will nicht! - -BARUCH (wild): - -Schmach über dich! Schmach über dich! Daß du doch faultest in deinem -Acker und ersticktest an deinen Früchten! Fluch denen, die am Gewinn -ihren Mut messen und an ihrem Leben des Landes Geschick! Israel ist -unser Acker, und wir wollen ihn düngen mit unserm Blute, denn, ihr -Brüder, es ist Seligkeit, zu sterben für den alleinigen Gott. - -DER SPRECHER: - -So stirb und lasse mich leben. Die Erde liebe ich, auch sie ist Gottes, -und er hat sie mir zu eigen gegeben. - -BARUCH: - -Nichts ist uns zu eigen gegeben, Lehen ist alles vom lebendigen Gotte, -daß wir es wiedergeben an ihn auf seinen Ruf. Und sein Ruf ist -erschollen, oh, daß wir ihn hörten! Erfüllet sind die Zeichen! Oh, wo -sind die Künder der Worte, wo sind sie, die seines Geistes sind, daß sie -die Trägen entflammen und hören machen die Tauben. Wo sind die Priester, -wo sind die Profeten? Was schweigt ihre Stimme in dieser Stunde zu -Jerusalem? - -STIMMEN: - -Ja ... die Profeten ... wo sind sie, die Priester ... wecket sie auf ... -sie versäumen die Stunde ... wo ist Hananja ... - -BARUCH: - -Zum Tempel empor! Nichts ohne Gottes Wort! Sie mögen entscheiden, die -Gottesmänner! - -STIMMEN: - -Ja ... wo sind unsere Hirten ... in ihnen ist die Wahrheit ... Hananja ... -Pashur ... wo sind sie ... tut auf den Tempel ... tut auf das Tor ... -Hananja ... Pashur ... - - (EINIGE sind die Stufen hinaufgeeilt und schlagen an die erzene Tür. - Die Tür tut sich auf, und es erscheint im Ornat:) - -PASHUR (der Hohepriester): - -Was ist dein Begehr, Volk von Jerusalem? - -BARUCH: - -Erfüllt ist die Verheißung, aufstehet das Volk! So säume nicht. Sprich -den Fluch über unsere Widersacher, denn die Stunde der Freiheit winket -deinem Volke. - -STIMMEN: - -Tu den Tempel auf, daß Gott über uns sei ... den Profeten rufe, daß er -uns Wahrheit sage ... aus den Büchern lies die Weissagungen ... zum -Könige sprich und zum Volke ... - -PASHUR: - -Was ist geschehen? Was glühet ihr mit einem Male? - -BARUCH: - -Ein Bündnis ist geboten von Ägypten wider Assur, und der König zaudert. -Krämer und Knechte sind seine Vertrauten. Doch das Volk verlanget eurer -Stimme. - -STIMMEN: - -Die Profeten rufe, daß sie uns Weisheit lehren ... Hananja ... Hananja ... -wann waren sie vonnöten, die heiligen Worte, wenn nicht zu dieser -Stunde?... Ihrer sei die Entscheidung ... Hananja ... - -PASHUR: - -Was begehret ihr des Profeten? - -BARUCH: - -Sein Wort falle in unser Herz, er segne Israel, er verfluche -Nabukadnezar und seine Knechte ... Sein Wort soll wie Feuer über uns -fahren, daß wir entbrennen. Hananja rufe, Hananja, es fordert ihn die -Stunde, Gott fordert ihn. - -DIE MENGE: - -Hananja ... wo ist unser Profet ... Gott fordert ihn ... Er erscheine ... -wir dürsten nach seinem Worte ... Hananja ... Hananja ... - - (HANANJA tritt aus der Tür des Tempels.) - - (DIE MENGE bricht bei seinem Anblick in wilde Jubelrufe aus.) - -BARUCH (zu ihm empor): - -Hananja, Gottes Gesandter, siehe, dein Volk dürstet nach deiner Rede! -Gieß aus die Welle deines Wortes über sie, daß Kraft ihnen entbrande, -mache fruchtbar unsern Ingrimm und ziele unsern Zorn. In deinen Händen -liegt Jerusalems Schicksal! - -DIE MENGE: - -Gieß aus Gottes Wort über uns ... Die Verheißung verkünde ... Sage, sollen -wir ausziehen ... Gottes Wille laß uns wissen ... belehre dein Volk, du -Bote des Herrn, belehre den König ... oh, sprich die Verheißung ... sieh -unser Schwanken ... erwecke unser Herz. - -HANANJA (vor die Schwelle des Tempels tretend, pathetisch): - -Selig deine Frage, selig deine Stimme, selig du selber, Volk von -Jerusalem, daß du sie endlich aufhebst zum Schrei! Denn Schlaf war -gefallen über dich, ein Ohnmächtiger bist du gelegen in den Sielen der -Knechtschaft, Jerusalem, und die Völker sind geschritten über dich wie -über einen Trunkenen, sie haben gespien auf dein Gewand, und sie haben -gelacht deiner Blöße. Aber ein Ruf ist gegangen an die Schläfer, eine -Botschaft an die Verträumten, und ich will sie künden euch -Gotterweckten. - -DIE MENGE (bricht in fanatische Jubelschreie aus): - -Höret ihn!... Erweckte sind wir ... wahrlich, wie im Schlafe sind wir -gelegen ... sage, Meister, ist es Zeit ... sag an, ist es die Stunde ... - -HANANJA: - -Wie lange noch wollet ihr euch gedulden der Taten, da Gott euch erweckte -... wie lange stille sein, da der Herr euch gerufen? Gott dürstet, denn -leer sind seine Krüge, Gott hungert, denn gebrochen sind seine Altäre, -Gott friert, denn geraubt ward der Schmuck seiner Fliesen, Gott leidet, -denn es spotten sein die Priester Baals und die Knechte der Astaroth! Er -harret euer, daß ihr ihn erlöset, und wie im Schlafe habt ihr gelegen; -er winket zu sich euch, aber ihr rühret euch nicht im Joche. So werfet -ab das Joch, reißt euch los von den Ketten, die Posaune laßt schallen -und erklirren das tödliche Erz; Gott hat euch wach geschrien, so kämpfet -für ihn! - -BARUCH: - -Töne, oh töne, du Gottesposaune! Auf, Israel, auf, Jerusalem, brecht -Gottes Joch! - -DIE MENGE: - -Zerbrechen wir das Joch ... auf wider Assur ... streiten wir gegen -Nabukadnezar ... zu den Waffen ... werft auf das Panier ... Sage, ist es -Zeit, daß wir ausziehen ... Krieg wider Assur ... Sag, werden wir ihrer -obsiegen? - -HANANJA: - -Die Stimme des Herrn erbrauset mir innen, wie ein Meer schäumt sie mir -stürmend zum Munde, und also tönet sie euch zu: »Erhebe dich, Israel, -wappne deine Lenden, fasse froh den Schild und die Speere, auf, tummle -deine Rosse, denn Assur ist dein Wild und Babel deine Beute. Gehe an, du -Gewaltiger, deine Bedränger zu jagen, ich habe dir Pfeile in den Köcher -getan, die nicht fehlen, und Lanzen gerüstet, die nicht splittern. In -deine Hand habe ich Assur gegeben, so balle sie zur Faust, Israel, und -knicke seine Knochen! Tritt unter die Fersen, die dich bedrückten, hole -heim meine Habe, erlöse mich, wie ich dich erlöse. Wirf weg, die dir -widerraten, tilge aus, die dich zäumen, nicht höre die Schwachmütigen, -nur meinen Boten erhöre! Höre, Israel, höre auf ihn!...« - -JEREMIAS (aus der Menge wild aufschreiend): - -Nicht höret auf ihn! Nicht höret auf ihn --! Nicht höret auf ihn! - - (DIE MENGE weicht im Tumult auseinander. Jeremias wird mitten in der - erregten Masse sichtbar. Er arbeitet sich gegen die Stufen zu der - Stelle empor, wo Hananja spricht.) - -STIMMEN: - -Wer redet ... wer ist dieser ... was für Rede ... was sagt er ... wer -ist er ... - -JEREMIAS: - -Nicht höret ihn, nicht höret denen zu, die euch nach dem Munde reden, -tut ab die Schlingen seiner Worte! Nicht höret die Gleisner, die euch -ins Schlüpfrige stoßen, nicht tappet in die Netze der Vogelsteller, -nicht lausche, Jerusalem, den Lockpfeifern des Krieges! - -PASHUR (sich aufrichtend): - -Wer redet in der Menge? - -HANANJA: - -Wer redet wider den Herren? Hervor aus dem Dunkel! - -JEREMIAS (sich vorstoßend): - -Es redet die Angst, und es schreit das Bangen um Jerusalem, die -Schrecknis tut auf ihren Mund. Für Israel spreche ich und um Israels -Leben! - -STIMMEN: - -Wer ist er ... ich kenne ihn nicht ... es ist keiner von den Profeten ... -ich kenne ihn nicht ... wer ist es ... - -EINE STIMME: - -Jeremias ist es von den Priestern zu Anathoth. - -STIMMEN: - -Wer ist Jeremias ... wer ist er ... was wollen die zu Anathoth in -Jerusalem ... der Sohn Hilkias ist es ... wer ist er ... was will er ... - -PASHUR (zu Jeremias, der die Stufen emporgestiegen ist): - -Fort von des Tempels Stufen! Den Gesandten Jahves, den Gottesmännern -und Profeten ist allein verstattet die heilige Schwelle! Uns allein ist -es, Gottes Wille zu künden! - -JEREMIAS: - -Wer ist so vermessen, daß er sich unterfange, ihm allein habe der Herr -die Weisheit zugeteilt und das Geheimnis seines Willens! Nur in Träumen -spricht Gott zu den Menschen, und auch mir hat er Träume gesandt. Mit -Entsetzen hat er gefüllt meine Nächte und mich wach gemacht in die Zeit, -er hat mir einen Mund gegeben, daß ich rede, und eine Stimme, daß ich -schreie. Er hat die Angst in mich eingetan, daß ich sie über euch werfe -wie ein brennend Tuch, und ich will sagen meine Angst um Jerusalem, ich -will schreien meinen Schrei vor dem Volke, ich will künden meine Träume ... - -BARUCH: - -Fort mit den Träumern und Traumdeutern! Wache will die Stunde! - -HANANJA: - -Wem sind nicht Träume gegeben! Das Tier wälzt sich im Schlafe, und der -Sklaven Traum ist mit Bildern voll. Wer hat dich gesalbet, daß du redest -vor dem Tempel? - -STIMMEN: - -Nein ... er soll reden ... wir wollen ihn hören ... ein Wahnwitziger ist -er ... seine Träume soll er künden ... erzähle ... offen ist der Markt ... -frei ist Gottes Haus ... sprich, Jeremias ... - -PASHUR: - -Nicht von des Tempels Schwelle! Nicht vor des Tempels Gelaß! - -HANANJA: - -Ich bin Gottes Profet und keiner sonst in Israel. Auf mich sollet ihr -hören und nicht die Schwätzer der Gasse. Weg die Träumer vom Markte! - -BARUCH: - -Ein Feigling ist er, entlaufen seinen Ängsten. - -STIMMEN: - -Er soll reden ... wir wollen ihn hören ... nein, Hananja rede ... -Hananja ... er ist vielleicht gesandt vom Herrn ... sprich, Jeremias ... -warum ihn nicht hören ... was hat er geträumt ... in Träumen ist oftmals -Verkündung ... laß ihn reden, Hananja ... man wäge ihre Worte ... -sprich, Jeremias ... - -JEREMIAS (hat sich emporgeschwungen): - -Brüder in Israel, Brüder in Jerusalem, einen Sturm hört ich fahren im -Traume wider Zion, und Kriegsvolk wider unsere Mauern, und sie warfen -nieder das Gebälk und stürzten die Zinnen, Flamme saß auf den Dächern -wie ein rot Tier und fraß leer unsere Hausung. Es war kein Stein mehr, -der stund auf dem andern, und eine Wüstung in den Gassen; so viel Tote -sah ich liegen wie Kehricht, daß das Herz sich mir wandte im Leibe und -die Siegel meines Mundes aufbrachen im Schlaf ... - -PASHUR: - -Wahnwitz schreit von den Stufen des Tempels. - -HANANJA: - -Fallsucht plaget ihn, und er plaget uns. - -BARUCH: - -Hinunter mit ihm! - -STIMMEN: - -Nein, die Träume wollen wir hören ... was deuten sie ... ein Irrwitziger -ist er ... ein Narr ... fort mit ihm ... - -JEREMIAS: - -Doch da ich wach auffuhr im Schweiße meines Leibes, ihr Brüder, da -spottete ich mein, wie diese meiner spotten! Denn war nicht Friede im -Lande, ihr Brüder, saß die Stille nicht auf den Mauern und kein Wind -rührete sie an? Und ich ging fort vom Hause und schämete mich meines -Ängstens und ging her zum Markte, daß ich mich freute des Friedens. Da -scholl Jauchzen her, und das Herz brach mir ein inwendig, denn ein -Jauchzen war es zum Kriege. Meine Brüder, da ward bitter wie Galle meine -Seele, und das Wort sprang mir zum Munde wider meinen Willen, denn saget -wahrhaft, ihr Brüder: ist Krieg ein so kostbar Ding, daß ihr ihn -lobpreiset? Ist er so gütig, daß ihr ihn ersehnet, ist er so wohltätig, -daß ihr ihn grüßet mit der Brunst eures Herzens? Ich aber sage dir, Volk -von Jerusalem, ein bös und bissig Tier ist der Krieg, er frißt das -Fleisch von den Starken und saugt das Mark von den Mächtigen, die Städte -zermalmt er in seinen Kinnladen, und mit den Hufen zerstampft er das -Land. Nicht schläfert ihn ein mehr, der ihn weckte, und wer das Schwert -zücket, mag leicht selber darein fallen. Weh darum über den Fürwitz, der -Streit anhebt ohne Not, denn auf einem Wege wird er ausziehn, und auf -sieben wird er rückfliehen, weh denen, die Mord tun am Frieden mit dem -Wort! Hüte dich vor ihnen, hüte dich, Volk von Jerusalem! - -BARUCH: - -Vor den Feiglingen hüte dich, Volk von Jerusalem, vor den Gekauften und -Verrätern! - -HANANJA: - -Wo ist seine Verheißung? Wo Gottes Wort? Für Babel spricht er und Bel. - -STIMMEN: - -Nein ... er redet recht ... viel Wahres ist an seinem Wort ... lasset -ihn ausreden ... die Träume ... was für Verheißung ... lasset ihn ... -auch ihn wollen wir hören ... - -JEREMIAS: - -Was wecket ihr auf das reißende Tier mit eurem Gejauchze, was locket ihr -in die Stadt den König von Mitternacht, was rufet ihr zum Kriege, Männer -Jerusalems? Habet ihr dem Mord eure Söhne gezeuget, und der Schande eure -Töchter? Ward dem Feuer eure Hausung gebaut und dem Prellbock die Mauer? -Besinne dich, Israel, halt ein, eh du rennest ins Dunkel, Jerusalem! Ist -denn so hart deine Knechtschaft, ist so brennend dein Leiden? Siehe, -siehe um dich: es ist Gottes Sonne über dem Lande, und eure Weinstöcke -blühen in Frieden, es schreiten beseligt die Bräute mit ihren Erwählten, -es spielen einfältig die Kinder, und sanft glänzet der Mond in -Jerusalems Schlaf. Das Feuer hat seinen Ort und das Wasser seine Stätte, -die Speicher ihre Fülle und Gott sein geräumiges Haus. Sage, Israel, -sage, ist es nicht schön in Zions Mauern, ist es nicht lind in Sarons -Talen, nicht selig an des Jordans blauem Gefäll? Oh, laß es dir genug -sein, friedsam zu wohnen unter Gottes beruhigtem Blick, und halte den -Frieden, halte ihn fest in deinen Mauern, Volk von Jerusalem, halte den -Frieden! - -SEBULON: - -Recht redet er! Heil ihm! Wie Gold ist seine Rede! - -PASHUR: - -Wie chaldäisch Gold! - -STIMMEN: - -Ja ... er ist verkauft ... nein, recht redet er ... Friede ... wir -wollen den Frieden ... ein Verräter ist er ... ein Söldling von Assur ... -lasset ihn reden ... nein, Hananja redet wahr ... nur Hananja ... - -HANANJA: - -Fort mit dir, fort! In Samaria rede, wo Knechte sitzen; zu Moab sprich -also oder zu den Unbeschnittenen, doch zu Israel nicht, das Gottes -Erstling ist unter den Völkern. - -BARUCH (auf Jeremias eindringend): - -Sprich, stehe Rede, hier vor dem Volke sprich es aus, daß sie es hören: -soll dauern unsere Knechtschaft, sollen wir länger Gold zahlen an -Chaldäa? Sprich Antwort, du Verräter! - -STIMMEN: - -Ja ... ja ... antworte ... rede ... sollen wir weiter zahlen ... -antworte. - -JEREMIAS: - -Laut spreche ich vor dem Volke: Besser den Zins des Goldes zahlen dem -Feinde, denn den Zins des Blutes dem Kriege! Besser der Weise sein, denn -der Starke, besser Gottes Knecht, denn der Menschen Herr! - -HANANJA: - -Oh, du Gehorcher und Diener, du Knecht Chaldäas, willst du leugnen -Gottes Wort, das heischet den Krieg wider die Bedrücker, willst du -leugnen die Schrift? - -JEREMIAS: - -Doch es stehet auch geschrieben daselbst: »Wenn ihr stille bleibet, -würde euch geholfen, durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.« - -STIMMEN: - -Ja, so ist es geschrieben ... er redet wahr ... ja, so ist es -geschrieben ... weise ist sein Wort ... nein, er drehet es zu seinem -Sinne. - -HANANJA: - -Unheiligem Krieg ist es gesagt, Zwist der Geschlechter Israels! Doch -dies ist ein heiliger Krieg, ein Gotteskrieg ist es, Jerusalem, um -deines ewigen Namens willen, ein Gotteskrieg, ein Gotteskrieg! - -JEREMIAS: - -Abtut Gottes Namen vom Kriege, denn nicht Gott führet Krieg, sondern die -Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das -Leben. - -BARUCH: - -Du lügst! Du lügst! Das Leben ist uns einzig gegeben, daß wir es -hinopfern für Gott und seinen Geist. Ich will mich opfern auf seinem -Altare, ich will sinken vor seinen Feinden, ich will sterben für Israel -und seine Herrschaft auf Erden. Nie wird Israel besiegt sein, wenn alle -meines Sinnes sind! - -HANANJA: - -Nie wird es besiegt sein, solang die Sterne vor Gott leuchten, doch in -dreien Monden wird Babel in unsere Hand gegeben sein, so wir ausziehen -mit Ägypten. - -STIMMEN (jauchzend): - -In drei Monden ... Heil Hananja ... höret ihn ... in drei Monden ... - -HANANJA: - -Israel wird siegen, gegen tausend und tausend. - -BARUCH: - -Angst streut er aus, wie sie ihm Gold streuten. - -STIMMEN: - -Israel über den Völkern ... auf wider Assur ... Krieg ... Krieg ... -nein, Friede ... Friede über Israel ... Krieg ... Krieg ... für Assur -spricht er ... ein Verräter ... sind die nur wahrhaft, die Krieg -schreien?... gekauft ist er ... übereilet nicht ... - -BARUCH: - -Ins Weiberhaus mit dem Feigling! Ins Weiberhaus! - -EIN WEIB (Jeremias anspeiend): - -Schmach wär er für uns! Da dem Manne, der sich verkriecht und uns -schändet! Krieg ... Krieg wider Assur! - -JEREMIAS (in Zorn ausbrechend): - -Wer bist du, die du so brünstig bist nach dem Blute? Hast du deine -Lenden aufgetan für das Grab und deine Kinder gesäugt für die Grube? -Fluch über den Mann, der nach Blut schreit, aber siebenmal Fluch über -die Frauen, die brünstig sind nach dem Kriege, denn die Frucht ihres -Leibes wird er fressen, und die Knechte Assurs werden worfeln um sie und -um ihr Gewand. Klageweiber werdet ihr sein und mit den Nägeln zerren an -euren Wangen, schrill Heulen wird aus euren Zähnen brechen, die gespien -wider mich und wider den Frieden ... - -STIMMEN (Weiber): - -Wehe ... wehe ... höret den Fluch ... unsere Söhne ... wehe ... wehe ... -der Furchtbare ... wehe ... - -BARUCH: - -Die Frauen schreckst du, du Zagherziger, doch die Männer nicht. Hinunter -mit dir! - -EINIGE KRIEGER: - -Hinunter! Jagt ihn in die Gasse! - -HANANJA: - -Sperrt ihm den Mund! - -STIMMEN: - -Fort ... er verstört die Frauen ... fort ... genug Unheil gekündet ... -kalt ward mein Gebein, da er sprach ... er schweige ... schweige ... - -JEREMIAS: - -Ich schweige nicht, ich schweige nicht, denn in mir schreit Jerusalem! -Jerusalems Mauern stehen in meinem Herzen, und sie wollen nicht sinken, -Israels Lande blühen in meiner Seele, und ich will sie behüten! Dein -eigen Blut schreiet aus mir, Jerusalem, daß es nicht vergossen werde, -dein Same, daß er nicht versprengt werde, deine Steine, daß sie nicht -stürzen, und dein Name, daß er nicht vergehe! Halte dich fest, du -Schwankende, und birg deine Kinder an dich, höre, Jerusalem, des -Warnenden Stimme höre, meine liebende Angst, meine ängstende Liebe höre! -Höre sie, Zion, du Gottesburg, und wahre den Frieden, wahre den Frieden ... - -STIMMEN (jetzt im vollen Widerstreit): - -Ja ... Gottes Friede über Israel ... Verräter ... Gekaufter ... Gottes -Friede über uns ... meine Söhne will ich bewahren ... Krieg ... Krieg -wider Assur ... dem König die Entscheidung ... ein Verräter ... wir -wollen in Frieden leben ... feige ist er ... gekauft ... Krieg ... -Friede ... Hananja sagt die Wahrheit ... nein Jeremias ... wir glauben -ihm ... recht redet er ... Krieg ... nein ... zerbrechet das Joch ... -Krieg ... Friede ... - - (EIN GETÜMMEL erhebt sich in der Richtung des königlichen Palastes, - eine Gruppe Menschen kommt mit Abimelech in der Mitte, der - schwertlos aus der Säulenhalle stürzt.) - -DIE STIMMEN DER NAHENDEN: - -Verrat ... Verrat ... Verrat in Israel. - - (DIE MENGE läßt ab von dem Streite um Jeremias.) - -STIMMEN: - -Was ist geschehen ... Abimelech ... was ist ihm widerfahren ... vom -Könige kommt er ... Abimelech ... Zorn schattet seine Brauen ... was ist -geschehen. - -ABIMELECH (vorne auf den Stufen, neben Jeremias): - -Verkauft ist Israel von den Weichlingen, verschachert von den Krämern. -Obgesiegt haben Imri und Nachum im Rate, sie sprachen wider Ägypten, und -der König gab ihnen Gehör. - -STIMMEN: - -Nieder mit Nachum ... Verrat ... Imri der Greis ... Verräter ... Was -ward beschlossen ... was sagte der König ... Friede, heil dem Frieden ... -Gottes Gericht. - -ABIMELECH: - -Sein Herz schwanket, denn er scheuet den Krieg. Er will besinnen und -bereden, eh er entscheidet. - -JEREMIAS: - -Ruhm Zedekia, mit Weisheit ist er gegürtet! - -ABIMELECH: - -Mit Schwachheit ist er umstellt, das Alter und die Angst sind seine -Berater. Ich aber warf hin das Schwert, denn kein Schwert will ich mehr -um meine Lenden tragen, solange Zion pflichtig bleibet an Assur. Ich -diene seinem Rufe, aber ich diene nicht der Knechtschaft. - -BARUCH (ekstatisch): - -Oh, du Herrlicher, du Gotteskämpfer, heilig dein Schwert, das für Israel -flammt! - -PASHUR: - -Segen über dich, der du dich nicht verbrüdert den Käuflingen und -Krämern. - -HANANJA: - -Sollen wir zögern noch? Wes ist die Stunde? Ist sie Nachums, des -Krämers, und Imres, des Greises, oder deiner, Volk von Jerusalem! Gottes -Stunde ist gekommen, nimm sie hin! Auf zum Könige, auf zum Palast, daß -er uns höre, daß er uns sehe. Auf, Jerusalem, hebe deine Stimme, stoß -aus den Atem deines Zorns, tritt hin das Gewürm des Palastes, auf, -Israel, auf, in den Palast. - -STIMMEN: - -Auf! Zum Palast ... Zum Könige ... nieder mit den Greisen ... zum -Palast ... zieh mit uns, Abimelech ... auf. - -PASHUR: - -Zum Könige, daß er dich schaue, Volk von Jerusalem. Zum Könige und zum -Siege! Gott will es! Gott will es! - -STIMMEN: - -Auf ... zum Könige ... zum Palast ... zum Sieg ... - -JEREMIAS (vor den Eingang der Säulenhalle springend): - -Haltet ein, haltet Friede, ihr mordet Jerusalem! - -STIMMEN: - -Fort ... Raum ... Zum Palast ... Was ruft er ... - -BARUCH (das Schwert ziehend): - -Mein Schwert über den, der jetzt noch Friede spricht! - -HANANJA: - -Schlag ihn nieder! Schlag ihn nieder! - -PASHUR: - -Nieder mit dem Verräter! - -JEREMIAS: - -Um mich, Freunde Gottes, rettet, rettet Jerusalem! - -PASHUR: - -Stoß ihn nieder! Er will Aufruhr schaffen! - -JEREMIAS: - -Um mich, Freunde des Friedens, nicht weichet der Gewalt, rettet, rettet -Jerusalem! - -PASHUR: - -Stopft ihm das Maul. Die Zähne in den Schlund! - -BARUCH: - -Bei meinem Zorn, weiche vom Markte! - -JEREMIAS: - -Hier bleibe ich, ich weiche nicht; um den Frieden kämpfe ich, um -Jerusalems Leben! Wahnwitz zurück! Höret, höret ... - -DIE MENGE (die Stufen hinaufschäumend): - -Auf ... was zögert ihr ... wer wehrt den Eingang ... fort ... zum -Palast ... - -BARUCH: - -Fort! Zum letztenmal! Frei gib den Weg! - -JEREMIAS: - -Mit meinem Leibe wider den Krieg, mit meinem Leben für den Frieden! - -HANANJA: - -Schlag ihn hin! Schlag ihn hin! Es ist Gottestat! - -BARUCH: - -Zum letztenmal! Den Weg frei zum König! (Er sucht ihn zur Seite zu -stoßen.) - -JEREMIAS (sich losreißend mit gewaltiger Stimme): - -Keinen Schritt für die Torheit! Friede! Gottes Friede über Israel! - - (BARUCH hat das Schwert gezückt und schlägt ihn nieder.) - - (JEREMIAS stürzt blutend die Stufen hinab.) - -DIE MENGE (in Entsetzen auseinanderstiebend): - -Mord ... sie haben einen erschlagen ... Mord ... wer ist es ... -Jeremias ... sie haben ihn erschlagen ... wehe ... warum Gewalt ... -warum schlägt man den Profeten ... recht getan an den Lügnern ... -zum König ... zum König! - - (BARUCH bleibt betroffen stehen, das Schwert schwer in der sinkenden - Hand.) - -HANANJA (ekstatisch über alle rufend): - -Mögen alle Feiglinge so enden, alle Söldlinge Assurs, alle Knechte -Chaldäas! Auf zum Palast, auf zum Könige. Erlöset Israel, erlöset -Jerusalem! - -ABIMELECH: - -Tod den Verrätern! Rache an Assur! - -PASHUR: - -Gott hat ihn gefällt! - -HANANJA: - -Gott hat ihn gefällt! Sein Blitz ist über den Leugner gefahren! - -DIE MENGE (nach dem kurzen Erschrecken wieder emporschäumend und in die -Säulenhalle des Palastes flutend): - -Zum Könige ... Israel über alle Völker ... Krieg ... Krieg mit Assur ... -nieder mit den Verrätern ... zum Könige ... Gott mit uns ... Gott mit -uns ... nieder mit Assur ... Freiheit ... Freiheit ... - - (DIE MENGE strömt jauchzend in die Halle.) - - (JEREMIAS ist am Stufenrande ohnmächtig liegen geblieben, ohne daß - einer seiner achtete. Der Sturm der andern flutet über ihn hinweg. - Wie die Woge des Volkes verbrandet, bleibt er zurück wie ein - ausgeworfenes Stück Leben in den Steinen.) - - (BARUCH, der für einen Augenblick aus seinem Erschrecken von der - Menge mitgerissen war, arbeitet sich wieder aus der Flut heraus. Er - tritt langsam, wie von innerer Macht gezwungen, an den Ohnmächtigen - heran, beugt sich über ihn, betastet seine Stirne und horcht nach - seinem Atem.) - -BARUCH: - -Jeremias ... sprich, Jeremias ... wenn noch Leben in dir ist! - - (BARUCH richtet den Betäubten halb auf von den Stufen.) - -JEREMIAS (mit geschlossenen Augen, aus der Dumpfheit der Sinne): - -Die feurige Wolke ist gefallen ... es brennt ... es brennt ... Feuer -über der Stadt ... es brennet uns an ... wehe ... wehe ... - -BARUCH: - -Halte still, daß ich dir das Blut von den Augen wische ... still ... - -JEREMIAS (die Augen aufschlagend): - -Wo ... wo bin ich ... wer ... wer bist du ... - -BARUCH: - -Halte dich still und laß deiner warten ... - -JEREMIAS: - -Wer ... wer bist du ... - -BARUCH: - -Nicht krampfe dich auf, laß das Blut dir stillen ... - -JEREMIAS: - -Lasse mich ... lasse mich ... ich kenne dein Antlitz ... aus deiner -Stimme fuhr Haß wider mich ... deine Augen brannten mich an ... ich -kenne dich ... warst du es nicht ... - -BARUCH: - -Ich war es, der im Zorne wider dich schlug, doch flach fiel mein -Schwert, und lieb ist mir dies, denn wider einen Waffenlosen hab ich -geschlagen. Sühngeld will ich bieten für dein Blut ... laß es mich -stillen ... - -JEREMIAS: - -Laß es fließen, laß es fließen ... oh, daß einzig das meine strömte in -Jerusalem ... (sich aufrichtend): Wo ... wo sind die andern ... das -Volk, wo ... leer die Straße ... der Markt ... ah ... im Palaste schon ... -bei dem König, daß sie ihn zwingen ... wo ... wo sind sie ... - -BARUCH: - -Beruhige dich ... - -JEREMIAS: - -Fort sind sie ... zu spät ... Fluch über dich, Fluch über dich, daß du -mich fälltest ... daß du brachst meine Knie ... Oh Mörder mehr, als wenn -du mich schlugest ... nicht mein Blut hast du gemordet, aller in Israels -Blut ... nicht mich hast du gemordet, aber Zion hast du gebrochen ... -Zion zerstört ... den Wächter hast du getötet, und sie wüten im -Heiligtum des Herrn ... auf ... auf ... laß mich ... weg, du Mörder -Israels ... - -BARUCH: - -Was willst du? - -JEREMIAS (fiebrig): - -Auf ... hilf mir auf ... Du hast mich gefällt, so hilf mir empor ... -auf ... raffe mich hoch ... vielleicht ist es noch Zeit ... - - (JAUCHZEN von fern aus dem Palast.) - -JEREMIAS (aufschreiend): - -Ah ... ah ... ihr Jubel ist Tod, ihre Freude Vernichtung ... zu spät -wird es ... ich muß ... ich muß ... warnen ... auf, um Jerusalems -willen willen ... stütze mich ... ich muß zu ihm ... es ruft mich ... es -ruft ... - -BARUCH (verwirrt): - -Was willst du? Noch beben deine Knie ... - -JEREMIAS: - -Wider Hananja, wider Pashur, wider die Lockvögel des Krieges, wider das -Volk ... hilf mir auf ... ich muß schreien das Friedenswort, ich muß es -gellen in die Ohren der Vertaubten ... auf ... auf ... - -BARUCH (erstaunt): - -Noch einmal willst du ... noch einmal allein wider das Volk ... in -deinen Tod stürzest du dich ... - -JEREMIAS: - -Und hätte ich sieben Leben, siebenmal will ich geben für Jerusalem und -Gottes Frieden ... so hilf mir ... hilf mir für mein vergossen Blut ... -noch dunkeln mir die Sinne ... hilf ... es gilt Jerusalem ... - -BARUCH (schaudernd): - -Noch einmal willst du ... noch einmal allein gegen alle ... mächtig ist -die Gewalt, die dich treibt, Jeremias ... ich habe dich gesehen unter -meinem Schwert, und dein Auge war klar ... Jeremias ... einen Feigen -habe ich dich geschmäht und einen Weichling vor dem Volke ... Doch ich -sehe, daß du stark bist in deinem Willen wider den Tod ... Jeremias ... -ein Gewaltiges kündest du mir ... - -JEREMIAS: - -Wenn du mich ehrest, so hilf mir ... auf, stütze mich, daß ich wider sie -schreite ... daß ich rette Zion vor dem Verderben ... - -BARUCH (ihn stützend): - -Ich ... helfe dir ... Jeremias ... wider meinen Willen und meinen -Glauben ... denn Macht ist in dir, die mich zwingt ... wie heiß dein -Auge brennt im Willen ... Einen Schwachen und Scheuen vermeinte ich -dich, darum stand ich wider dich, der du schmähtest die Tat und den -sanften Frieden gefordert. - -JEREMIAS: - -Meinst du, der Frieden sei eine Tat nicht und aller Taten Tat? Tag um -Tag mußt du ihn reißen aus dem Maule der Lügner und aus dem Herzen der -Menschen; als einer mußt du stehen gegen sie alle, denn immer ist das -Lärmen bei den vielen und die Worte bei der Lüge. Stark müssen die -Sanftmütigen sein, und die den Frieden wollen, stehen im ewigen Streit. -Oh, ich weiß, daß ich in Fluch gehe und sie Tod wider mich werfen, aber -ich fürchte mich nicht, denn Gottestat muß ich tun, und wer Gottestat -will, darf nicht ängstig sein vor der Menschen Haß. - -BARUCH: - -Nicht gehe ... nicht gehe allein ... nichts vermagst du wider sie ... - -JEREMIAS: - -Ich gehe, ich gehe, daß nicht Wind seien meine Worte. Denn wer nicht -einstehet mit dem Leben für sein Wort, des Rede ist Rauch und verwehet. -Auf ... daß ich ausgieße meine Gesichte und schreie mein Warnen wider -den König ... fort ... hilf mir weiter ... - -BARUCH: - -Laß mich ... laß mich mit dir gehen ... daß ich tue, wie du tuest ... -denn ich fühle, ein Großes muß es sein, das du beginnest. - -JEREMIAS: - -Mit mir willst du gehen ... war denn dein Wille nicht wider mich und -dein Schwert? - -BARUCH: - -Zu stark warst du, da ich wider dich war ... so will ich mit dir sein. -Gebannt hast du mein Herz mit deinem Blute, ich tue, was du tuest, denn -ich ... ich glaube dir, Jeremias! - -JEREMIAS (innehaltend, wie erschreckt): - -Du glaubst meinen Worten? - -BARUCH: - -Ich ... glaube an dich ... denn klar sah ich dein Auge unter meinem -Schwert. - -JEREMIAS: - -Du ... glaubst an mich ... wider die Priester und Profeten, die mich -verleugnen, wider Volk und Stadt? - -BARUCH: - -Ich glaube an dich ... denn ich sah dein Blut für dein Wort. - -JEREMIAS: - -Du glaubest an mich ... eh ich selber kaum glaube meinen Träumen ... -redest du wahr, du Knabe? - -BARUCH: - -Ich glaube an dich, denn ich sehe dich aufrecht wider den Tod. Meinen -Willen tu ich in deinen Willen. - -JEREMIAS (erschüttert): - -Du glaubst an mich ... Knabe ... wer bist du? Mein Blut hast du -gesprengt aus mir und deinen Willen geworfen in den meinen ... der erste -bist du, der mir glaubet ... und noch weiß ich deinen Namen nicht. - -BARUCH: - -Baruch bin ich, der Sohn Sebulons von Gilead. - -JEREMIAS: - -Du wirst keines Sohn mehr sein, so du mir glaubest, der Verstoßene -wirst du sein, so du mir folgest, der Gehaßte und Verbannte, denn in -Flammen muß verbrennen, wer leuchten will im Wort. Hüte dich, Baruch, du -Knabe! Mein Blut hast du genommen von mir, soll ich darum das deine -schon nehmen? (Ihn ergriffen fassend): Laß sehn deine Augen! Morgendlich -noch leuchtet ihr Stern, soll ich ihn umwölken mit meinen Träumen? Rein -glänzet deine Stirn, soll ich sie furchen mit meinen Sorgen? Klar runden -dir die Lippen sich, soll ich sie bitter machen mit meiner Rede? Nein, -Knabe, geh, geh von mir, den Schrecknis umgürtet, nicht wirf in Lauge -dein Herz, weiche von mir um deines Lebens willen. - -BARUCH: - -Ich will mein Leben nicht ... Dein Weg soll mein Weg sein, denn ich -glaube dir, Jeremias, und dieser Glaube ist nunab mein Leben. - -JEREMIAS (bewegt): - -Der erste bist du, der mir glaubet, wahrlich meines Glaubens Erstling -bist du und meiner Angst erstgeboren Kind ... mit meinem Blute habe ich -dich gezeuget und aus meiner Qual dich gewunden ... soll ich dich -wahrhaft nehmen in meiner Bitternis ... - -BARUCH: - -Nimm mich mit dir ... nimm mich mit dir ... um Jerusalems willen ... - -JEREMIAS (sich aufraffend): - -Um Jerusalems willen! Oh, es bedarf der Helfer in dieser Stunde, das -verwirrte ... So komm, Baruch, du Gezeugter meines Worts, auf, stütze -mich, daß wir schreiten wider sie. Meine Angst, ich will sie werfen -wider den König, meine Sorge, ich will sie schleudern in ihrer Herzen -Schoß, auf, stütze mich, hilf mir wider sie! - -BARUCH: - -Ich gehe mit dir ... ich gehe mit dir ... - - (JUBELGESCHREI von nahe.) - -JEREMIAS: - -Wehe ... wehe ... wenn das Volk jubelt, ist Unheil im Werke. - -BARUCH: - -Sie kommen ... sieh ... aus dem Palast kommen sie ... - -JEREMIAS: - -Ihnen entgegen ... raffe mich auf ... noch dunkeln mir die Sinne ... - -BARUCH: - -Der König ... der König ist unter ihnen ... er hält das Schwert nackt -in den Händen ... zum Tempel ziehen sie ... - -JEREMIAS: - -So raffe mich weiter ... es ist Zeit ... - -BARUCH: - -Die Hallen dröhnen von ihrem Gelärme ... Hananja tanzt ihnen voraus wie -David vor der Lade ... sie haben obgesiegt ... es ist zu spät ... Weiche -von ihnen, birg dich ... es ist zu spät. - -JEREMIAS: - -Es ist nie zu spät ... laß mich ihnen entgegen. - -BARUCH: - -Was willst du tun ... mich laß es tun ... ich bin jung und stark. - -JEREMIAS: - -Das Wort wider sie zücken wie ein Schwert ... ich will wenden des Königs -Herz ... zu ihm muß ich durch ... zu ihm ... - - (DIE MENGE ist inzwischen unter wilden Rufen und Geschrei, Gesang - und Lärmen aus dem Palaste hervorgeströmt, schäumt die Stufen nieder - und strömt wieder zum Tempel empor. Das ganze Volk flammt in einer - einzigen Ekstase. Alle Schreie von früher sammeln sich.) - -STIMMEN: - -Heil Zedekia ... Israel über alle Völker ... Krieg wider Assur ... das -Joch ist zerbrochen ... es lebe Ägypten ... Krieg mit Chaldäa ... -Vernichtung Nabukadnezar ... zum Siege ... zum Siege ... heil dem Bund -mit Ägypten ... heil Zedekia ... heil Abimelech ... Sieg ... Sieg ... - -HANANJA (wie ein Trunkener voraneilend zum Tempel, laut): - -Auftut des Tempels Tore! Auftut die Tore! Vor dem Altar beschwört der -König den Bund wider Assur! - -STIMMEN: - -Heil dem Bunde!... Oh Tag der Verheißung ... oh Ende der Knechtschaft ... -Nieder mit Assur ... heil Zedekia ... heil ... Sieg ... Sieg ... Israel -über alles ... Gott ist mit Israel ... - - (DER KÖNIG ZEDEKIA ist, gefolgt von den ägyptischen Gesandten, aus - dem Palaste geschritten. Er trägt das Schwert bloß in den Händen. - Sein Antlitz ist strenge und ernst, er geht inmitten des Jubels wie - gedrückt von Gedanken, neigt sich kaum dem allgemeinen Schrei und - Zuruf und steigt jetzt mit langsamen Schritten den Tempel hinan.) - - (DIE MENGE drängt ihm nach, lärmend und jubelnd, plötzlich gellt - mitten aus ihr der Schrei): - -JEREMIAS: - -Zedekia! Zedekia! Tu ab das Schwert! - - (DIE MENGE bricht in Tumult aus, die Schreie fallen plötzlich - nieder.) - - (DER KÖNIG bleibt stehen auf der Stufe und wendet sich um.) - -JEREMIAS (Stimme sich gewaltig erhebend): - -Tu ab das Schwert, Zedekia! Du rettest Jerusalem! Friede gib Israel! -Gottes Friede! - -DIE MENGE (wild aufschäumend durcheinander): - -Krieg ... Krieg ... Krieg mit Assur ... wer redet ... ein Gekaufter ... -nieder mit den Verrätern ... Krieg ... Krieg ... Schlagt ihn nieder ... -Israel über alles ... Krieg ... Krieg ... - - (JEREMIAS Schrei ist schnell im aufspringenden Getöse untergegangen, - er selbst fortgedrängt und nur mühsam von Baruch geschützt; die - Menge schäumt und tost fort mit verdoppelter Wucht ihrer - ekstatischen Stimmen zum Könige.) - - (DER KÖNIG ist horchend stehen geblieben und sucht nach dem - untergegangenen Schrei. Er hat das Schwert für einen Augenblick - sinken lassen und wendet sich wie nach Hilfe rings um. Um ihn - brandet jetzt donnernd der fanatische Ruf des Volkes, die Tore des - Tempels werden breit aufgetan. Er zögert noch einen Augenblick, dann - hebt er wieder das Schwert und schreitet fest und ernst die letzten - Stufen empor.) - - - - -DAS DRITTE BILD - -DAS GERÜCHT - - »Weil ihr solche Rede treibet, siehe, so will ich meine Worte in - deinem Munde zu Feuer machen und dieses Volk zu Holz und sollen sie - verbrennen.« - - Jer. IV, 14. - - - Der gleiche Platz vor dem Tempel und dem Königspalast. Auf den - Stufen sitzen und lagern lässige Bündel von Männern und Frauen. In - den Straßen und in der Halle das gewohnt beständige Auf- und - Niedergehen von Menschen in Geschäften und Gespräch. - -EINER (in der großen Gruppe auf den Stufen): - -Und ich sage es euch, es ist gewiß: eine gewaltige Schlacht hat -angehoben zwischen Nabukadnezar und Pharao. - -EIN ANDERER: - -Ja ... auch ich habe es gehört ... ein Bote ist gekommen ... - -EINE STIMME: - -Unablässig kommen Boten in den Palast ... das hat nichts zu bedeuten. - -DER ZWEITE: - -Aber ich habe ihn gesprochen, ich weiß es gewiß. - -DIE STIMME: - -Den Boten hast du gesprochen? - -DER ZWEITE: - -Nein ... Aphitor, den Schreiber des Königs ... auch er sagte, eine -Schlacht habe begonnen ... eine große Schlacht ... - -DER ERSTE: - -Eine gewaltige Schlacht, wie nie eine war seit Menschengedenken, Ägypten -gegen Nabukadnezar ... - -STIMMEN: - -Möge der Himmel ihn zermalmen, den Verfluchten ... Ägypten ist mächtig ... -auch von den Unsern sind Streiter zur Stelle ... sie werden ihn strafen, -den Hochmütigen ... - -EINER: - -Er wird ihn zerbrechen, denn Gott ist mit uns. - -EIN ANDERER: - -Stark ist Ägypten, er wird ihm nicht obkommen. - -EIN ANDERER: - -Auch Nabukadnezar ist stark. Sie sagen ... - -EIN ANDERER: - -Laß sie sagen, die Schwachmütigen! Laß sie sagen! - -DER ERSTE: - -Sie sagen, wie ein Heuschreckenschwarm seien seine Krieger! - -EINER: - -Krieger! Es sind keine Krieger! Klein sind sie von Wuchs wie die Knaben -und unkund des Schwerts. Mein Schwestermann hat ihrer viel gesehen, in -den Weiberhäusern sind sie Männer und nicht auf dem Feld. - -EIN ANDERER: - -Bei den Knaben liegen sie des Nachts und machen sie zu Weibern. - - (EINIGE lachen.) - -EINER: - -Pharao wird sie vernichten. - -STIMMEN: - -Wie Spreu wird er sie fegen von der Tenne ... lang lebe Pharao, unser -Freund ... es lebe Pharao, der Besieger ... lang lebe Pharao ... er kann -nicht an wider ihn ... es lebe Pharao ... - -ANDERE (von den Rufen hergelockt, die Gruppe vergrößernd): - -Was sagt ihr vom Pharao ... was ists mit Pharao Necho ... - -EINER: - -Eine große Schlacht schlägt er wider Nabukadnezar ... - -STIMMEN: - -Er wird sie besiegen ... wie die Hunde mit geklemmten Schwänzen werden -sie vor ihm laufen ... ja, ich habe es gehört, ein gewaltig Ringen hat -angehoben ... er wird sie besiegen ... er wird uns befreien ... es lebe -Pharao ... ewigen Ruhm über Pharao ... eine Tafel des Gedenkens möge man -ihm graben aus Gold ... es lebe Pharao, der Besieger Assurs. - -NEUE NEUGIERIGE (herbeieilend): - -Was ists ... was ist geschehen ... - -EINER DER JÜNGSTGEKOMMENEN: - -Pharao hat Nabukadnezar besiegt. - -STIMMEN: - -Heil Pharao Necho ... ist es wahr ... ich muß heim, meinem Weibe es -künden ... heil Pharao Necho ... - -EINER: - -Aber noch ists nicht gewiß! - -ANDERE: - -Wieso ist es nicht gewiß ... willst du zweifeln ... wie kann Baal wider -unsern Gott ... Gott ist mit uns ... - -EINER: - -Ich habe es immer gewußt, Gott wird mit unsern Waffen sein. Wo er -streitet, ist Sieg ... Keiner kann wider uns ... keiner ... - -EIN ANDERER (wegeilend, andern entgegenrufend): - -Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ... - - (DIE MÜSSIGEN des Platzes auf diesen Ruf zur Gruppe hineilend.) - -STIMMEN: - -Sie erzählen von Sieg ... ist es wahr, daß Pharao Nabukadnezar -geschlagen ... - -STIMMEN: - -Ja, es ist wahr ... noch nichts ist gewiß ... ja, es ist gewiß ... wer -sagt es ... alle sagen sie es ... er hat es gehört ... der Schreiber des -Königs hat es gesagt ... der König hat es gesagt ... er hat es selbst -gehört vom Könige ... Pharao möge leben ... es lebe unser Freund ... ein -Ende der Knechtschaft ... es lebe Zedekia, der Erlöser des Tempels ... - -EINER: - -Habe ich es nicht gesagt, eine Schmach war es, daß wir Tribut zahlten -diesen Übermütigen! - -STIMMEN: - -Eine Schmach ... nun sollen sie uns bezahlen ... das Haus Jahves muß -erneut werden ... ein neues müssen wir ihm bauen ... ja, ein neues ... -sie müssen es bezahlen zur Sühne ... Salomos Palast muß erstehen ... -Salomos Haus ... - -EIN MANN: - -Was ists? Was ist geschehen? - -STIMMEN: - -Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ... Sieg ... -Sieg ... wir haben gesiegt ... - -DER MANN: - -Sieg, endlich Sieg, heil Pharao ... ich muß es verkünden daheim ... sie -harren der Kunde ... (wegeilend) Sieg ... Sieg über Assur. - -DIE MENGE (strömt jetzt rauschend zu, sich immer mehr begeisternd die -Rufe werden lauter und lauter): - -Gottes Gebot war es, daß wir diesen Krieg begannen ... heil Zedekia ... -nun müssen wir sie alle besiegen ... Israel muß über allen Völkern sein ... -ein Brandopfer auf dem Altar ... danket dem Herrn, daß er unsere Feinde -geworfen ... ja ... ja ... danket dem Herrn, Halleluja ... Sieg über -Assur ... zum Tempel ... zum Könige ... daß wir mehr doch wüßten, mein -Herz verzehrt sich in Ungeduld ... von Gott war diese Erleuchtung über -Zedekia ... Hananja hat es geweissagt ... Ja, Hananja ... Hananja ... -sein war der Ruf ... nun müssen wir wider Babel ... ja, zerbrechen wir -seine Mauern ... die goldenen Geräte muß man holen ... Sklaven müssen -sie werden, unsere Sklaven ... mein Herz hat gedürstet nach dieser -Stunde ... - -EINER: - -Ein Bote kommt vom Tore ... - -ALLE (wild in die Richtung stürzend): - -Ein Bote ... ein Bote ... wer hat es gesagt ... vom Blachfeld kommt -er ... was ist es ... was bringt er ... er wird uns berichten ... wo ist -er ... wo ... - - (EIN BOTE, schweißbedeckt, keuchend vom Lauf, ringt sich durch die - Menge.) - -STIMMEN: - -Erzähle ... er hat gesiegt ... was ists mit Nabukadnezar ... wieviel -sind der Toten ... - -DER BOTE: - -Los ... laßt mich los ... Raum ... an den König geht meine Botschaft ... - -STIMMEN: - -Sei nicht so grob ... ein Wort nur ... ein Wort ... ist er geflohen ... -erzähle ... laßt ihn frei ... er muß zum Könige ... ein Wort nur ... - -DER BOTE (sich ihnen entwindend): - -Laßt mich frei!... laßt mich frei ... ihr werdets bald erfahren ... zum -König ... ich muß zum König ... meine Botschaft ist eilig ... - -STIMMEN: - -Was hat er gesagt ... was ists ... Die Botschaft sei eilig ... was hat -er gesagt ... - -EINER: - -Er sagte, wir würden es bald erfahren, er eilte zum König. - -EIN ANDERER: - -Das ist gut. - -EIN DRITTER: - -Warum gut? - -DER ZWEITE: - -Hätte er nicht gute Botschaft, würde er so hastig sein? - -STIMMEN: - -Ja ... das ist wahr ... ja ... ja ... mit einem silbernen Schäkel zahlt -ihm der König jedes Wort ... ja ... er eilt um den Botenlohn ... er -verkündet den Sieg ... Sieg ... Sieg ... gute Nachricht ... Sieg ... - -STIMMEN (von rückwärts, die den Boten nicht sehen konnten): - -Sieg ... er verkündet den Sieg ... Der Bote hat den Sieg verkündet ... -zerschmettert ist Assur ... Sieg ... Sieg ... - -EINIGE LEUTE (neu herbeiströmend): - -Was ist ... was ists ... was jauchzet ihr ... - -STIMMEN: - -Sieg ... Sieg ... ein Bote ist gekommen ... er hat Botschaft vom Siege -gebracht ... Nabukadnezar ist geschlagen ... ein Sieg ist errungen ... -ein gewaltiger Sieg ... danket Gott ... Halleluja ... nun ist es gewiß ... -Sieg ... Sieg ... - -EINER: - -Ein gewaltiger Sieg muß es sein. - -EIN ZWEITER: - -Sonst hätte er nicht so verborgen getan. - -EIN DRITTER: - -Man spart uns die Kunde. - -STIMMEN: - -Ja ... ein gewaltiger Sieg ... bald werden wir es hören ... Tausende -müssen gefallen sein ... vielleicht Nabukadnezar selbst ... Tausende ... -Zehntausende müssen es sein ... ich habe es immer gesagt ... heil -Zedekia ... ein weiser König ist er ... Salomo ... - -EINER (sich durchdrängend): - -Ist es wahr ... Nabukadnezar ist gefallen ... sie sagen es in allen -Gassen ... - -STIMMEN: - -Ja ... tot ist der Bedrücker ... nein ... es ist noch nicht gewiß ... -ja ... er hat es gesagt ... der Bote ... inmitten seines Zeltes haben sie -ihn geschlagen ... Zehntausende mit ihm ... lobpreiset Gott ... ja ... -ja ... lobpreiset Gott ... danket dem Herrn ... der Bedrücker ist -gefallen ... Halleluja ... - -EIN ÄLTERER MANN: - -Aber er sagte doch nur, der Bote ... - -STIMMEN: - -Sieg hat er gekündet, was zweifelst du noch ... ausrotten soll man diese -Kleinmütigen ... ich hab es gehört ... ich auch ... ich auch ... er -sagte, daß sie Nabukadnezar schlugen ... inmitten seines Zeltes, sagte -er ... nein, das hat er nicht gesagt ... ja ... nein... aber Sieg hat er -gekündet ... frei ist Israel ... frei ... - -DER ÄLTERE MANN: - -Aber ich stand doch neben ihm und hörte ... - -STIMMEN: - -Taub ist dein Herz und deine Ohren, totschlagen soll man diese Würger der -Freude ... kommt, legt Festkleider an ... fort mit dir, du Schwätzer ... - - (EINE NEUE GRUPPE strömt aus der Gasse.) - -STIMMEN: - -Sieg ... Sieg, Nabukadnezar ist gefallen ... habt ihr es auch gehört ... -durch die ganze Stadt ... ein Bote ist gekommen und hat es berichtet ... -ja, hier ... hier hat er es erzählt ... längst wissen wir es schon ... -länger als ihr ... uns hat er es zuerst berichtet ... nein ... uns ... -uns ... wir wußten es als erste!... - -EINER: - -Hananja hat es verkündet als erster, der Seher, der Profet. Oh, wie -weise waren wir, daß wir auf ihn hörten und nicht die Verzagten, die -flennten und greinten, der Tempel werde stürzen ... - -EIN ANDERER: - -Assur würde Zion besiegen ... - -EIN DRITTER: - -Unsere Jungfrauen geschwächt werden von den Chaldäern. - -DER ERSTE: - -Zum Tempel! Zum Tempel! Wir müssen Gott danken und Hananja, seinem -Profeten! - -STIMMEN: - -Ja ... ja ... nein, wir wollen warten ... Freude und Ungeduld zehrt -unser Herz ... der König wird erscheinen ... ja ... ja ... wer hat es -gesagt ... immer erscheinen die Könige nach dem Siege ... er wird in -den Tempel gehen ... er zuerst muß Dankopfer spenden, nicht uns ziemt -es ... ja ... ja ... bleiben wir ... aber Zimbeln und Pauken laßt uns -rüsten zum Siege ... wie David hinter der Lade wollen wir tanzen ... oh, -Gott ward wieder gütig Jerusalem ... den Reigen rüstet ... den Reigen ... -die Frauen holt alle ... die Bläser und die Lautenschläger ... -ja ... ja ... tuen wir also ... allen erzählet vom Siege ... ein Fest -lasset uns rüsten, ein Fest dem König der Könige .. ja, wir gehen ... -ich bleibe ... - - (DIE MENGE wogt freudig wie ein aufgeregter Strom hin und wider, - Gruppen bilden und lösen sich in Erwartung und Ungeduld.) - - (JEREMIAS und BARUCH kommen aus einer Nebenstraße gegangen, um ihren - Weg weiter durch die Menge zu verfolgen.) - -EINER (lachend): - -Da ... da kommt er ... da seht hin ... Jeremias ... - -ANDERE (übermütig): - -Gegrüßt, du Verkünder!... der Profet kommt, lasset uns grüßen den -Zerstörer Jerusalems ... da ist er, der Schwätzer der Gasse ... kommt ... -kommt mit ... - - (EINIGE DER LEUTE umringen Jeremias und Baruch, hindern sie, ihren - Weg fortzusetzen, indem sie sich spöttisch vor ihnen verneigen.) - -EINER (sich tief verneigend): - -Gegrüßt du, Gesalbter des Herrn! - -DIE ANDERN: - -Gegrüßt du, Elia ... heil dir, du Verkünder ... Gruß dir, du -Starkmutiger ... heil Jeremias, dem Profeten! - -JEREMIAS (stehen bleibend, finster): - -Was heischt ihr von mir? - -BARUCH (an ihm drängend): - -Nicht sprich mit ihnen, nicht rede mit ihnen. Spott ist auf ihren Lippen -und Verhöhnung in ihrem Blick. - -EINER: - -Weisheit wollen wir von dir und Verkündigung! - -DER ZWEITE: - -Wir wollen dich fragen, ob unsere Jungfrauen Jungfrauen bleiben dürfen. - -DER DRITTE: - -Wir wollen dich bitten, daß du dich geduldest und lassest weiter ragen -die Mauern Jerusalems. - -JEREMIAS (hart): - -Was wollt ihr von mir! Nicht ists zu Scherzen Zeit, da Blut fließt und -Krieg hängt über Israel. - -DER ERSTE: - -Vorbei ist der Krieg, nun dürfen wir wieder scherzen! - -DER ZWEITE: - -Und am Bart fassen die Weisen und an ihrer Torheit die Schwätzer. - -DER DRITTE: - -Wo ist er, dein König von Mitternacht, wo ist er, du Verkünder? - -DER VIERTE: - -Wo sind ihre Sklaven, wo sind ihre Rosse? - -JEREMIAS: - -Was wirrt euch die Sinne? Seid ihr rasend geworden? Wie sagt ihr? Vorbei -schon der Krieg, kaum daß er begonnen? - -BARUCH: - -Nicht rede mit ihnen, nicht rede mit ihnen! Zum Spott wird, wer mit -Rasenden spricht! - -DER ERSTE: - -Er weiß es noch nicht! Er weiß es noch nicht, der Profet! - -DER ZWEITE: - -Ei, seht! Er weiß nicht, was gestern war, und will künden, was morgen -geschieht. - -JEREMIAS: - -Was weiß ich noch nicht? Was ists, das euch so froh macht, ihr -Witzlinge! Ein Arges wohl muß es sein. - -DER ERSTE: - -Ein Arges nennt ers. Ein Arges fürwahr deinen Wünschen! - -DER ZWEITE: - -Dein König ist gefallen, erstickt ist er in seinem Blut! - -JEREMIAS: - -Nabukadnezar ist gefallen? Assur geschlagen? - -DER ERSTE: - -Ja, du Allweiser. Hananjas Wort hat sich bewährt. - -DER ZWEITE: - -Zerreiß dein Gewand und scher dir den Bart. Israel hat gesiegt. - -DER DRITTE: - -Grab dich ein, du Profet, und verschneide deine Zunge. Tot ist -Nabukadnezar, ewig währet Jerusalem. - -JEREMIAS (erschüttert): - -Tot wäre Nabukadnezar? Ist es wahr, ist es gewiß auch? Sprecht ... -treibt nicht Scherz mit so Gewaltigem! - -DER ERSTE: - -Er zweifelt noch! Weine, weine, Profet! - -DER ZWEITE: - -Ja, ich gell dirs in deine Ohren, tot ist Nabukadnezar, zerschlagen -seine Wagen, zerjagt seine Krieger. Gerettet, gerettet ist Israel! - -JEREMIAS (ist einen Augenblick starr geblieben. Dann spreitet er die -Arme wie in höchster Freude von seiner aufatmenden Brust. Plötzlich läßt -er sie sinken, und es quillt ihm fast jubelnd von den Lippen): - -Gebenedeit sei Gott! Oh, Dank, du Allgütiger, daß du zuschanden -machtest meine Träume, daß du bewahrtest Jerusalem! Besser ich ein Narr -meines Wahns, als die Stadt die Beute der Feinde! Gesegnet seiest du, -Gott, gesegnet! - -DER ERSTE: - -Ja, du Allweiser, Gott ist milder als du, er liebt uns und erquickt -unser Herz. - -DER ZWEITE: - -Was wirst du nun uns verkünden? In welchen Winkel wirst du kriechen, du -Maulwurf? Wen wirst du jetzt noch verwirren, du Verwirrter? - -DER DRITTE: - -Wen nunab betrügen, du Betrüger? - -DER VIERTE (mit gespielter Entrüstung): - -Oh, wie sprecht ihr arg mit dem Boten des Herrn? Oh, lasset uns küssen -sein Gewand, lasset uns ehren sein Geträume! - -STIMMEN (durcheinander lachend): - -Ja, erzähle uns, Elia ... belehre uns wieder, du Allweiser ... beglückt, -der dir vertrauet ... auch dein Knabe ... beschläfst du ihn mit -Weisheit ... wo hast du dies Hühnchen gefunden, das gackert hinter -dir ... oh, erzähle uns, Jeremias ... Unheil verkünde uns, viel Unheil, -Jeremia ... Berge von Unheil ... - -JEREMIAS (plötzlich ausbrechend): - -Ein Wunder ist über dich gekommen, du feiles Volk von Jerusalem, ein -Wunder, das dich erlöst vom Tode, und statt fürchtig zu werden daran, -spottest du im Überwitz! Eine Stunde kaum ist es, und ihr waret im -Rachen der Angst; noch wanken die Knie eurer Seelen, noch beben die -Herzen eurer Herzen, und schon belfert wieder euer Mund. Weh euch, daß -euer erster Schrei, seit der Strick riß eurer Kehle, Hohn war und -Überheben! - -BARUCH (sich an ihn drängend): - -Nicht sprich zu ihnen. Töricht, wer zu Toren spricht! - -EINER: - -Ja, Spott werfe ich wie Kot auf dich, denn auf das Herz warfst du uns -Angst, da wir uns aufrafften zum Kampfe. - -DER ZWEITE: - -Jetzt möchtest du, daß wir schwiegen, aber unser ist jetzt das Reden, an -dir jetzt das Schweigen. - -DER DRITTE: - -Nicht hören willst du's, aber mach dir taub wie die Eule dein Ohr, ich -schrei dirs hinein aus meiner Freude: »Wir haben gesiegt, wir haben -gesiegt!« - -JEREMIAS (einen anfassend): - -Wo hast du gesiegt, erzähle hier! Wen hast du geschlagen, du, der du -dich brüstest? Ich seh kein Blut an deinem Schwert, und du, deine Narbe -zeig her, die du empfingest im Streit! Auf dem Markte seid ihr gesessen -allesamt und bei euren Weibern gelegen. Was hurt ihr mit der Ägypter -Sieg, was buhlt ihr mit fremder Tat? Beugt die Knie und bläht eure Hälse -nicht: denn nicht ihr habt gesiegt. - -STIMMEN: - -Ägyptens Sieg ist Israels Sieg ... wir sind Israel ... auch der Unsern -waren dabei ... wir haben gesiegt, weil Israel befreit ist ... es ist -das gleiche ... er will uns nur höhnen ... seine Wut seht, daß wir -siegten ... - -JEREMIAS: - -Aber nicht du und nicht du und nicht du, der jetzt die Backen bläht, -nicht ihr, die ihr euch mästet mit fremder Tat! Sie haben gesiegt, die -Krieger, nicht ihr! Demütig sind sie hingegangen, Tod zu senden und Tod -zu leiden, mit krummen Rücken unter der Waffen Wucht sind sie gekeucht, -und der Tod warf sich über sie und drückte ins Knie die Geschwächten. Wo -sie ackerten mit ihrem nackten Gebein, wollt ihr Stolz ernten, aus ihrem -Blute tränken euren Frechsinn, ihr verlassen Volk! Weh, daß sie siegten -für euch und euren stinkenden Stolz! - -STIMMEN: - -Weh, daß sie siegten -- habt ihr gehört?... er ist toll ... Ihn lüstet -nach Nabukadnezar ... er trauert um Assur ... weh, daß sie siegten ... -er heulet um Jerusalems Fall ... Ohrenschmaus ist sein Zorn ... - -JEREMIAS: - -Weh, daß sie siegten, sage ich, weh, daß sie siegten, denn zum Narren -gemacht hat euch der Sieg, und den Narren ist böses Ende. Da Josuas -Schwert die Feinde zerschlug, schwieg sein Mund, er brach hin vor dem -Altar und dankete Gott. Hin beugte er sich in Stille, von Schweigen und -Demut glänzte sein Herz, seine Seele tönte an Gott, und war doch ein -Kriegsherr wie keiner der euren. Ihr aber, denen Sieg auf den Scheitel -fiel wie Regen vom Himmel, wem habt ihr gedanket, wem geopfert aus des -Herzens Stille? Mit Hochmut habt ihr euren Wanst gefüllt, mit Stolz habt -ihr euch trunken gemacht, bis ihr taumelig wart; freche Worte rülpst ihr -heraus und speit Unreines vor wie die Schlange ihr Gift. Wahrlich, wert -seid ihr, gezüchtigt zu werden, und so groß Gottes Langmut ist, an -eurer Hurenstirn muß sie zerbrechen! - -STIMMEN: - -Kommt ... kommt her ... hört den Profeten ... zerreißt die Kleider, denn -wir haben gesiegt ... streut die Asche aufs Haupt, denn Nabukadnezar ist -gefallen ... heulet, heulet, ihr Kinder Israels, denn Zion ward erlöset ... -trauert, ihr Gerechten, denn Gott schenkte uns den Sieg ... Oh, Weisheit, -oh, Jeremias! - -JEREMIAS (immer mehr entbrennend): - -Wahrlich, du Volk, unter euch sein, ist unter Skorpionen sein; aber ich -sage euch, ihr Frechen, euer Lachen wird kürzer dauern denn die Blüte -des Weinstocks! Gott hat euch begnadet, er hat noch einmal errettet -Jerusalem, aber nicht um eures Lachens, sondern um der Demut willen! -Nicht wollet ihr seiner gewahr werden in der Güte, wohlan, ihr -Verworfenen, bald werdet ihr ihn erkennen in seinem Zorne! Wie einen -Vorhang wird er das Lachen zerreißen in eurem Gesicht, und wie Stein -werden eure Augen dann starren im Schrecken! Rücklings wird fallen eure -Freude, denn nahe ist die Stunde der Sühne dir, Jerusalem, Furchtbares -ist dir bereitet ... - -STIMMEN: - -Es werden stürzen die Mauern ... es werden weinen die Jungfrauen ... wir -kennen es schon ... Zion wird sinken ... oh, Jeremias, du Weisheit des -Narren ... wie unsere Freude ihn brennet ... hört ihr wanken die -Mauern?... - -JEREMIAS: - -Höhnt ihr den Warner? So hat Sodom gelachet, wie ihr lachet, und Gomorra -gespottet, denn auch Sodom hat Gott verschonet zu zweien Malen! Aber -schon ist der Rächer gerüstet, der euren stinkenden Stolz wegfeget, -schon das Schwert gezückt, das eure Frechheit zerhauet; der Bote, schon -eilt er heran, euch Jammer zu bringen, er eilt, er eilt, schon hasten -seine Schritte gen Jerusalem, daß sie euch verstören! Schon naht er, der -Bote der Schrecknis, schon naht er, der Bote des Entsetzens, daß seine -Worte wie Hämmer auf euch fallen, schon naht der Bote ... - -STIMMEN: - -Geh heim, Jeremias ... friß dich satt an deiner Galle und spei nicht auf -unsere Freude ... nein, hört ihn, er erheitert das Herz ... sprich -weiter ... spei dich aus, du Verkünder ... - -EINE STIMME (von rückwärts): - -Ein Bote ... von Moria kommt er ... - -DIE MENGE (sich verlaufend, in die Richtung stürzend): - -Ein Bote ... wo ist er ... er bringt Nachricht vom Siege ... führt ihn -her ... vom Siege bringt er Kunde ... - -JEREMIAS (erbebend im Schrecken): - -Der Bote ... der Bote ... - -EINE STIMME: - -Vom Tore kommt er gelaufen ... wie ein Trunkener wankt er von seiner -Schnelle ... - -STIMMEN: - -Wo ist er ... hieher ... hieher ... was ist ... erzähle ... wann fiel -er ... hieher ... hieher ... - - (DIE MENGE umstürmt den Boten, der eilig vorwärts will und vor - Erschöpfung keucht.) - -STIMMEN: - -Heil dir, Siegbringer ... gegrüßt ... gegrüßt ... erzähle ... - -DER BOTE (mit letzter Stimme, sich fortkämpfend): - -Den Weg frei ... ich ... zum König ... ich ... ich muß ... - -STIMMEN: - -Ein Wort nur ... wie fiel Nabukadnezar ... - -DER BOTE: - -Ist Irrwitz unter euch gefahren ... was ist so viel Jubel in Jerusalem ... -rüstet euch, rüstet euch ... laßt mich ... zum König ... - -STIMMEN: - -Was ist geschehen ... ist Nabukadnezar denn nicht tot ... Pharao hat ihn -zerschlagen ... was sollen wir rüsten ... - -DER BOTE: - -Mit seiner ganzen Macht zieht er heran ... Nabukadnezar ... kaum entkam -ich seinen Reitern ... rüstet ... rüstet ... Wächter an die Mauern ... -ich ... ich muß ... - -STIMMEN: - -Wie ... was sagt er ... wer ist geschlagen ... wo ist Pharao ... Du bist -verwirrt ... gebt ihm Wasser ... er lebt ... es ist nicht möglich ... wo -ist Ägypten ... - -DER BOTE: - -Wasser ... ich kann nicht mehr ... Ägypten ist geschlagen ... Necho hat -Friede gemacht ... Tribut ... Tribut ... nun zieht er heran ... -Nabukadnezar ... führt mich ... ich kann nicht mehr ... hinter mir seine -Reiter ... zum Könige ... - - (EINIGE führen den Boten, der kaum vor Erregung gehen kann, zum - Palast.) - -STIMMEN (von rückwärts): - -Was hat er gesagt ... sind die Chaldäer geschlagen ... was ist ... warum -schweigt ihr ... was ist geschehen ...? - -DIE MENGE (wird allmählich von einer grauenhaften Angst befallen, der -große, rauschende Tumult ist in ihr erloschen. Ein ungeheures Schweigen -der Bestürzung geht allmählich über in die Stimmen, die zaghaft und -erschreckt aus der Stille aufzucken): - -Es ist nicht möglich ... es darf nicht wahr sein ... was ... was hat er -gesagt ... ein Betrüger ... er ist trunken ... nein, er war erschöpft ... -die Reiter hinter ihm, hat er gesagt ... es kann nicht sein ... sie -haben doch gesagt ... er lügt ... nein, nicht eines Lügners war sein -Gebaren ... was ist ... was ist geschehen ... was hat er gesagt ... es -kann nicht sein ... Gott kann das nicht wollen ... - -EINE STIMME (laut): - -Pharao hat uns verraten! - -STIMMEN (plötzlich aufspringend im Zorn und raschen Anlaufs wachsend): - -Ja ... Pharao hat uns verraten ... ja ... ja ... Fluch über Pharao ... -ein Bündnis geschlossen ... Fluch Mizraim ... Betrüger die Ägypter ... -sie haben uns verraten ... Fluch Pharao ... - -EINE STIMME: - -Immer habe ich gesagt: kein Bündnis mit Ägypten. - -STIMMEN: - -Ich auch ... ich auch ... ja ... ich auch ... ich auch ... wir alle ... -ich auch ... ein Rohrstab ist Ägypten ... weh, daß der König ihnen -traute ... ich habe widerraten ... ich auch ... ich auch ... wir alle ... -Fluch über Pharao ... was wird nun aus uns ... wehe über Israel ... mein -Weib, meine Kinder ... ich habe gewarnt ... ich auch ... - -EIN MANN (hereinstürzend): - -Zu den Waffen! Zu den Waffen! Verschließet die Tore, Nabukadnezar zieht -heran und seine Scharen. Schon bei Hebron sind seine Reiter ... - -STIMMEN: - -Wehe ... bei Hebron ... in zwei Tagen umgürtet er die Stadt ... wir sind -verloren ... nein ... an die Mauern ... wo ist der König ... man -schließe Friede ... nein ... es ist zu spät ... sind wir besiegt denn ... -die Priester, wo sind sie ... bei Hebron hat er gesagt ... zu den -Waffen ... nein, Friede ... Friede ... zieht ihm entgegen ... verloren -sind wir ... von je hab ich gewarnt ... - -EINER (plötzlich auf Jeremias hindeutend, der sich wie ein Trunkener an -eine Säule stützt und sein Antlitz verhüllt): - -Da ... da seht hin ... - -STIMMEN: - -Was ist ... wer ist es ... was habt ihr ... was meinet er ... - -DER EINE: - -Dort ... dort sehet hin ... von ihm geht es aus ... er hat sie -gerufen ... er hat den Boten gekündet ... er hat uns verflucht ... - -STIMMEN: - -Wer ... Jeremias ... wer ist es ... Jeremias, er hat uns verflucht ... -ja, er hat ihn gerufen ... er hat gebetet um Nabukadnezars Sieg ... ein -Gekaufter ist er ... zerreißet ihn ... nein, nicht rührt ihn an ... er -hat es gekündet ... ein Profet ist er ... ein Gekaufter ... seht, wie er -brütet ... - -DER EINE: - -Sein Lachen verbirgt er hinter dem Tuche. Aber zu frühe freuet er sich. -Noch steht Jerusalem, ewig wird es bestehen. - -STIMMEN: - -Ja ... ja ... ewig währet Jerusalem ... tretet ihn tot ... nein, weichet -von ihm ... Macht ist in ihm ... weh, daß er uns fluchte ... er ist -alles Unheils schuld ... ausreißt ihm die Zunge ... nein, laßt ab von -ihm ... - - (EIN HEROLD tritt hastig aus des Königs Palast.) - -STIMMEN: - -Ein Herold ... ein Bote des Königs ... Botschaft des Königs ... -schweigt ... schweiget ... höret ihn an ... ein Bote ... - - (DIE MENGE wird ganz still und sammelt sich um die Stufen.) - -DER HEROLD: - -Botschaft des Königs! Feind ziehet wider Jerusalem, Chaldäa ist auf -wider uns. Jeder Mannbare greife zum Schwert, und die Weiber mögen -Pfeile rüsten und Schleuder. Es schaffe aus der Stadt ein jeder seine -Siechen und Unkräftigen, es tue jeglicher Zehrung in sein Haus, daß -nicht Hunger uns zwinge. Denn wider Waffen stehen unsere Mauern, nichts -vermag Baal wider Jahve, nichts Assur wider Jerusalem! - -DIE MENGE: - -Ja ... Gott ist mit Israel ... Wir werden uns rüsten ... ja ... Gott ist -mit uns ... auf ... zu den Waffen ... - -DER HEROLD: - -Keiner bleibe zurück, und keiner entbehre des Mutes. Wer in Zagen -spricht, den sollt ihr schlagen mit dem Schwert, wer von Flucht redet, -den sollt ihr jagen aus den Mauern. Ihr sollt euch nicht rotten auf den -Gassen, jeder hüte sein Haus und rüste sich dem Feinde. Auf, Volk -Israels, recke deine Kraft und zage nicht, denn ewig währet Jerusalem! - -DIE MENGE (wieder ganz im Taumel): - -Ewig währet Jerusalem ... zu den Waffen ... ich hole mein Schwert ... -auf wider Assur ... lasset uns ermannen ... auf ... zu den Waffen ... -eilt, eilt ... an die Wälle ... in die Häuser ... wir werden -zerschellen ihre Macht ... ewig währet Jerusalem!... - - (DIE MENGE zerstreut sich in wildem Tumult nach allen Seiten, so daß - der ganze Platz frei bleibt und mit einem Male die lärmende Erregung - einer grauenhaften Stille weicht.) - - (JEREMIAS ist langsam aufgestanden und schreitet mit verhülltem - Antlitz die Stufen zum Tempel empor.) - -BARUCH (ihm nach): - -Wohin gehst du, Meister? Nicht lasse mich, den Getreuen! - -JEREMIAS: - -Allein muß ich ... allein ... zu ihm, daß er mich erleuchte ... ein -Zeichen ließ er mich tun vor dem Volke, und doch, ich glaube ihm nicht, -denn, Baruch ... ich will es nicht glauben, daß Gottes seien in mir die -Gesichte, daß Gottes sei dieser schreckhafte Wahn ... oh, daß es Gebrest -nur wäre meines Hirns und nicht Botschaft seines Geistes ... Denn wehe, -wär ich erwählet als Künder und wahr meine Träume ... wehe ... - -BARUCH: - -Du bist erwählet, Meister, ich hab es erschauet in dieser Stunde. Ein -Zeichen hat dich bezeugt, ein Zeichen von Gott! Der Geist der Profeten -ist über dir und ihre Gewalt! - -JEREMIAS (die Stufen empor, gleichsam fliehend vor ihm, mit abwehrenden -Händen): - -Nicht sage, daß ich erwählet sei, nicht versuche mein Herz! Es darf -nicht wahr werden mein Wort, es darf nicht wahr werden um Israels, um -Jerusalems willen. Oh, lieber der Verlachte und Verhöhnte sein des -Volkes, denn der Erfüller solcher Schrecknis! Lieber Lügner und Narr, -denn dieser Wahrheit Profet! Lieber ich, denn die Stadt dein Opfer, -Herr! Möge ich stürzen ins Dunkel der Vergängnis, wenn nur leuchten -deine Zinnen, Jerusalem! Mögen vergehen meine Worte wie Rauch, wenn du -nur dauerst, du ewige Stadt, möge Gott meiner vergessen, wenn er nur -deiner gedenket! Oh, ich will knien vor seinem Altare, daß er zerschlage -das Wort in meinem Munde, ich will beten auf meines Herzens Knien, daß -er verstoße meine Verkündung und, Baruch -- bete, bete mit mir, daß ich -als Lügner erfunden werde an Jerusalem! - - (JEREMIAS steigt demütig die letzten Stufen empor und tritt mit - gebeugtem Haupte in die Vorhalle des Tempels. Baruch verharrt - regungslos und sieht ihm nach, bis er verschwindet.) - - - - -DAS VIERTE BILD - -DIE WACHEN AUF DEM WALLE - - »Und des Herren Wort geschah zu mir und sprach: 'Wenn ich ein - Schwert über das Land führen würde und das Volk im Lande nähme - einen Mann unter sich und machete ihn zum Wächter, und er sähe das - Schwert kommen und warnete nicht das Volk, und das Schwert käme und - nähme etliche weg, deren Blut will ich von des Wächters Hand - fordern.'« - - Hesekiel XXXIII, 1. - - - Auf der Umwallung Jerusalems. Die Mauern, breite, behauene Quadern, - laufen als Straße rings um die Stadt. Rückwärts der sternenbesäete - Himmel und dämmerig fern das Tal mit Lichtern und ungewissen - Flächen. Strahlendes Mondlicht kleidet die Wälle wie blinkendes Erz. - - Auf den Mauern schreiten zwei Krieger die Wache auf und ab. Ihre - Gesichter sind verschattet von den Helmen, auf ihren Lanzen - schimmert das Mondlicht. - - Einige wenige Neugierige haben sich trotz der nahen - Mitternachtsstunde auf die Mauer gewagt und spähen in die ungewisse - Ferne. - -EINE FRAU: - -Es ist Schlafenszeit. Füll dir nicht das Herz mit Bangnis. Frühe genug -siehst du sie morgen, die Verfluchten. Komm schlafen, es ist vielleicht -das letzte Schlafen in Stille. - -EIN MANN: - -Wie schlafen können, wie schlafen, da sie wach sind, unsere Feinde, -wider uns! Schwerer denn Blei ward mir das Herz, seit ich hier stehe, -und kann doch nicht fort -- wie in einen Abgrund muß ich starren in die -Flut, die aufsteigt, uns zu schlingen! Von Mitternacht kamen die Reiter -und dann von Abend her, immer meinte man, es müsse zu Ende sein, und -immer zogen ihrer noch mehr, als wären Länder ausgeschüttet wie Korn und -die Lanzen wie Halme gesäet. - -EIN ANDERER: - -Schon haben sie Zelte gespannt, ein weißer Wald ist aufgestanden im Tal. - -EIN ANDERER: - -Wehe, sie wollen verweilen. - -EIN ANDERER: - -Wie der Wind müssen sie gekommen sein. Gestern waren ihre Reiter noch in -Bethul, und heute gürten sie Zion schon ein. - -DER ERSTE: - -Furchtbar ist Assur. Gott möge uns schützen. - -DAS WEIB: - -Das Lichte sieh drüben, wie eine Säule ist es, die zum Himmel fährt. - -EINER: - -Samaria ist dort! - -EIN ANDERER: - -Eine Feuersäule ist es, die gen Himmel fährt. Sie haben Samaria -genommen! - -STIMMEN: - -Wehe!... es ist nicht möglich ... eine Feste ist Samaria, dreifach -gegürtet!... ein Rasender bist du ... Samaria ist es ... ich sehe es ... -wehe ... es ist nicht möglich ... - -EINER: - -Sie haben Widder, gewaltige Böcke von Holz, mit denen sie die Mauern -berennen. Ich habe gehört von ihren Schleudern, die Türme zerschmeißen ... - -EIN ANDERER: - -Wehe ... Unsere Türme ... Jerusalem ... Jerusalem ... - -EIN ANDERER: - -Dort drüben sieh ... dort drüben ... eine neue Säule, rot greift sie den -Himmel hinan ... Gilgal ist das ... - -EIN ANDERER: - -Meine Heimat ... meiner Kinder Haus ... - -EIN ANDERER: - -Mordbrenner sind sie ... Fluch über Assur ... - -DER ERSTE: - -Mizpah haben sie vertilgt und Saron ... wie ein Sturm sind sie über das -Land gefahren ... furchtbar ist Assur in seinem Zorne. - -EIN ANDERER: - -Nie hätten wir Streit beginnen sollen mit ihnen. - -STIMMEN: - -Wer hat ihn begonnen ... nicht wir ... ich nicht ... der König ... die -Priester ... wir wollten in Frieden leben mit ihnen ... - -EINER: - -Ägypten hat uns verlockt und verraten. - -STIMMEN: - -Ja, Ägypten ... der Pharao ... Fluch Pharao ... sie haben uns verkauft ... -verlassen haben sie unser Elend ... wo sind sie, die fünfzigtausend -Bogenschützen ... allein sind wir nun ... verloren ... - -EINER: - -Wehe ... Jerusalem, Jerusalem ... Deinen Feinden bist du gegeben, und -deine Neider blecken die Zähne ... - -DER ERSTE KRIEGER (zornig dreinfahrend): - -Fort da! Was wärmt ihr die Mauer! Geht heim zu euern Weibern und -schlaft. Wir wachen für euch! - -EINER: - -Wir wollen schauen, wie ... - -DER ERSTE KRIEGER: - -Nichts zu schauen! Ihr habt geschrien um sie mit vollen Backen und Assur -gefordert, nun ist Assur gekommen. Lasset den Kriegern, sie heimzujagen, -ihr aber geht und schlaft oder betet, so ihr nicht schlafen könnt. - -EINER: - -Aber sage uns ... - -DER ERSTE KRIEGER: - -Nichts zu sagen. Der Worte sind schon zu viel, jetzt haben die Fäuste -ihr Maul. Fort ... Herunter mit euch ... - - (DIE BEIDEN KRIEGER stoßen mit ziemlicher Gewalt die Neugierigen von - der Mauer zurück. Die Fortgedrängten verschwinden im Dunkel der - Stufen, die zum Walle emporsteigen und tief verschattet sind. Es ist - jetzt ganz still oben. Die beiden Krieger stehen wie Erzgestalten im - weißen Mondlicht.) - -DER ERSTE KRIEGER: - -Wie verzagt das Volk schon ist, kaum daß sie die ersten Lanzen -erblickten. Man darf es nicht dulden, daß sie so reden. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Wenn man Angst hat und ihrer nicht Herr wird, muß man reden. Es hilft -nicht und hilft doch. - -DER ERSTE KRIEGER: - -Sie sollen schlafen und nicht schwätzen. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Der Schlaf ist nicht der Menschen Knecht. Er läßt sich nicht befehlen an -der Sorgen Bett. Viel offene Lider schauen heute den Mond. - -DER ERSTE KRIEGER: - -So sollen sie schweigen, die kein Schwert führen. Wir wachen für alle. - - (DIE BEIDEN KRIEGER schweigen und gehen auf und ab. Ihre Schritte - hallen dumpf, ihre Speere funkeln im Mondlicht.) - -DER ZWEITE KRIEGER (bleibt stehen): - -Hörst du? - -DER ERSTE KRIEGER: - -Was soll ich hören? - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Es ist ganz still, und doch tönt es, wenn der Wind sich wider uns hebt. -Als ich in Joppe war, hört ich zum erstenmal das Meer von fern in der -Nacht. Solch Tönen ist nun im Tal von Tausender Gegenwart, leise sind -alle, und doch rollet von Rädern und Waffen die Luft. Ein ganzes Volk -muß es sein, das plötzlich über Israel fiel, wie ein Meer rauscht es -dumpf an die Mauern. - -DER ERSTE KRIEGER (hart): - -Ich will nichts hören als den Wachtruf. Laß rollen, laß rauschen! - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Warum wirft Gott die Völker gegeneinander? Es ist doch so viel Raum -unter dem Himmel, daß einer nicht störte den andern. Viel Land noch -harrt der Pflugschar, viele Wälder des Beiles, und doch schärfen sie -Schwerter aus den Pflügen und schlagen in lebendiges Fleisch mit den -Äxten. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht! - -DER ERSTE KRIEGER: - -Von jeher war es so. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Aber muß es so sein? Warum will Gott den Krieg zwischen den Völkern? - -DER ERSTE KRIEGER: - -Die Völker begehren seiner um seinetwillen. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Wer sind die Völker? Bist du nicht unsres Volkes einer, bin ich es -nicht, und unsere Frauen, die meine und die deine, sind die nicht Volkes -Teil, und haben wir dieses Krieges begehrt? Hier stehe ich und halte -einen Speer, nicht weiß ich, wider wen ich ihn wende. Dort unten im -Dunkel wartet unwissend der, dem er zugeschliffen ward, ich kenne ihn -nicht, nie habe ich sein Antlitz gesehen und die Brust, die ich mit Tod -ihm durchstoße. Und ein anderer wärmt dort unten vielleicht jetzt am -Lagerfeuer die Hand, die meinen Kindern den Vater stößt, und hat mich -nie geschaut und nie Kränkung gehabt von meinem Leben. Fremd sind wir -einander wie die Bäume des Waldes, doch die wachsen still und blühen aus -sich, wir aber wüten widereinander mit der Axt und dem Speer, bis das -Harz unseres Blutes aus den Leibern quillt. Was ist dies, das Tod unter -die Menschen stellt und den Haß säet zwischen sie, da dem Leben so viel -Raum ist und der Liebe so lange Frist? Ich verstehe es nicht, ich -verstehe es nicht! - -DER ERSTE KRIEGER: - -Von Gott muß es kommen; denn von jeher war es so! Ich frage nicht -weiter. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Gott kann diesen Frevel nicht wollen. Er hat das Leben gegeben um des -Lebens willen. Auf seinen Namen häufen die Menschen alles, was sie nicht -verstehen. Nicht von Gott kommt der Krieg, woher mag er nun stammen? - -DER ERSTE KRIEGER: - -Was weiß ich, woher er stammt! Ich weiß, er ist da und will nicht -beschwatzt sein. Ich tu mein Geheiß, ich schärf mir den Speer und nicht -meine Zunge. - - (EIN SCHWEIGEN entsteht zwischen beiden. Sie stehen lautlos in der - weißen Stille und spähen hinaus. Von ferne tönt der Wachtruf »Simson - über sie« ganz undeutlich zuerst, dann näher gesprochen von den - unsichtbaren Wachen »Simson über sie« und nun ganz deutlich heran - von den nächsten Posten. Auch die Krieger wiederholen laut den Ruf - »Simson über sie«, und man hört ihn die unsichtbare Runde der Mauer - weiterlaufen und vertönen. Es wird wieder ganz still, ehern stehen - die Gestalten mit verschattetem Gesicht im blanken Mondglanz. - Schweigen.) - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Weißt du etwas von den Chaldäern? - -DER ERSTE KRIEGER: - -Unsere Feinde sind sie, das weiß ich, und wollen wider unsere Heimat. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Nicht dies meine ich. Ich frage dich, hast du ihrer je einen gesehn, -kennst du ihre Sitten und Lande? - -DER ERSTE KRIEGER: - -Grausam sind sie wie wilde Katzen und heimtückisch wie die Schlangen, -hat man mir gesagt, und sie werfen ihre Kinder in Götzensteine von -Kupfer und Blei. Doch nie habe ich ihrer einen gesehen. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Ich auch nicht. Es türmen sich viel Hügel zwischen Babel und Jerusalem, -Flüsse fahren dazwischen und mehr des Lands, als einer in Wochen -durchschritte. Selbst die Sterne stehen anders über ihren Häupten und -unsern, und doch sind sie wider uns und wir wider sie. Was begehren sie -von uns? Wenn ich einen fragete von ihnen, er wüßte wohl nur zu sagen, -daß ein Weib seiner wartet zu Hause und Kinder auf der Streu wie in -meinem. Ich glaube, wenn ich redete mit einem, wir verstünden uns. Weißt -du, manchmal lockt es mich, die Hand zu heben und einen zu rufen, daß -wir redeten Herz zu Herz. - -DER ERSTE KRIEGER: - -Das darfst du nicht. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Warum darf ich das nicht? - -DER ERSTE KRIEGER: - -Sie sind unsere Feinde, wir müssen sie hassen. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Warum muß ich sie hassen, wenn mein Herz nicht weiß um diesen Haß? - -DER ERSTE KRIEGER: - -Sie haben den Krieg begonnen, in unsern Frieden sind sie gefahren. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Die in Jerusalem sagen das so. Doch vielleicht auch sagen sie das -gleiche in Babel. Wenn man redete miteinander, man würde vielleicht -klar. - -DER ERSTE KRIEGER: - -Du darfst nicht reden mit ihnen. Wir müssen sie schlagen, so ist uns -befohlen, wir müssen gehorchen. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Ich weiß es mit meinen Sinnen, daß ich nicht darf, und fasse es doch -nicht mit meiner Seele. Wem dienen wir mit ihrem Tod? - -DER ERSTE KRIEGER: - -Was fragst du, Einfältiger? Dem Könige dienen wir und unserm Gott. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Aber Gott hat gesagt und es stehet geschrieben: »Du sollst nicht töten.« -Wer weiß, wenn ich mein Schwert nähme und würfe es fort, ich diente ihm -wahrhafter denn mit der Feinde Blut. - -DER ERSTE KRIEGER: - -Aber es stehet auch in den Büchern: »Aug um Auge, Zahn um Zahn.« - -DER ZWEITE KRIEGER (seufzend): - -Viel steht in der Schrift. Wer mag alles verstehen?! - -DER ERSTE KRIEGER: - -Ein Grübler bist du. Um unsere Stadt drängen sie und wollen ihre Häuser -brennen, und hier stehe ich mit Schwert und Speer, ihnen zu wehren. Mehr -des Wissens ist ungut. Ich will nicht mehr wissen. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Aber ich frage ... - -DER ERSTE KRIEGER (hart): - -Du sollst nicht so viel fragen. Krieger sind wir und müssen kämpfen, -nicht fragen. Was grübelst du, statt dich zu härten? - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Wie soll ich nicht fragen, wie soll mein Herz ohne Unruh sein in dieser -Stunde? Weiß ich denn, wo ich stehe und wie lang ich noch wache? Dies -Dunkle hier unter der Mauer, wo der Stein hinbröckelt und fällt, -vielleicht ist es morgen mein Grab, und der Wind, der mir jetzt um die -Wange fährt, vielleicht findet er mich morgen nicht mehr. Wie soll ich -nicht fragen, da ich lebendig bin, um mein Leben? Die Flamme zuckt auf -und windet sich, ehe der Docht lischt ins Dunkel, wie sollte das Leben -sich nicht heben zur Frage, ehe es lischt in den Tod? Vielleicht ist es -schon der Tod in mir, der so fraget und nicht das Leben mehr. - -DER ERSTE KRIEGER: - -Du grübelst zu viel. Nichts nützt es und quält nur. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Gott hat uns das Herz aufgetan, daß es sich quäle. - -DER ERSTE KRIEGER: - -Was hilft es dann zu reden? Wir haben Wache, mehr mag ich nicht wissen. - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Das Reden hält wach, und es hörens nur die Sterne. - - (EIN SCHWEIGEN wieder zwischen beiden.) - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Was kommt da? Vom Dunkel schleicht es heran. - -DER ERSTE KRIEGER: - -Wieder Müßiggänger! Sie sollen schlafen des Nachts. Jag sie heim! - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Nein! Laß sie reden und tritt ins Dunkel. Laß uns hören, was sie reden. -Es scheucht den Schlaf von den Lidern, die Stimme der Menschen zu hören. -Tritt zurück in den Schatten! - -DER ERSTE KRIEGER: - -Ein Sonderbarer bist du! Ich schreite die Runde! - - (DIE BEIDEN KRIEGER treten zurück in den Schatten des Mauerturmes. - Ihre Gestalten verschwinden in dem tiefen Dunkel, das mit scharfer - Schattenschneide gegen die vom Mondlicht überflutete Mauer grenzt. - Nur ihre Lanzen funkeln manchmal leise hervor.) - - (JEREMIAS UND BARUCH steigen aus dem Dunkel der Tiefe zur Mauer - empor, Jeremias hastig voran, Baruch mühsam seiner Erregung folgend. - Der Krieger steht -- von ihnen ungesehen -- im Schatten wie aus Erz - gegossen.) - -BARUCH: - -Wohin führst du mich, Meister? Wohin führst du mich? - -JEREMIAS: - -Empor, empor! Ich muß es schauen, das Fürchterliche, Blick in Blick. - - (JEREMIAS ist auf der Höhe angelangt. Er starrt in das mondbeglänzte - Tal hinab und verharrt regungslos, ohne zu sprechen.) - -BARUCH (ängstlich): - -Was starrst du so, was sprichst du nicht? - -JEREMIAS (schauernd): - -Der König ... er ist gekommen ... der König von Mitternacht (erregt nach -Baruch fassend), Baruch, Baruch, tritt zu mir, tritt zu mir her! Rühr -meine Hand, daß ich weiß, ob ich wach bin oder getaucht in Traum. -Baruch, Baruch, sprich, meine Augen, sind sie aufgetan, ist eine Mauer -dies aus Stein oder aus Tränen, ist Jerusalem dies Dunkle, das -ahnungslos liegt, und wahrhaft Assur dies andere Dunkle dort und der -Mond dies, fahl und fühllos wie Wasser zwischen beiden? Sag es mir, -Baruch, sag es mir, und so ich nur träume, rüttle mich auf, daß ich des -Irrwitzes lache, Zion sei umgürtet von Assur; denn nicht wahr ist dies -vor Gott, es darf nicht wahr sein. Weck mich auf, Baruch, weck mich -wach! - -BARUCH: - -Wie meinest du, Meister? Ich fasse dich nicht. - -JEREMIAS: - -Bin ich wach, Baruch, bin ich wach, sind meine Augen offen und wahr dies -Unheil vor ihnen, ich flehe dich an. - -BARUCH: - -Ich fasse dich nicht ... wie zweifeltest du ... - -JEREMIAS: - -Oh, Fluch, so ist es wahr, wahr und wahrhaftig, ich träume nicht mehr! -Meine Träume, sie sind wach geworden, sie haben Rosse geschirrt und -Wagen gegürtet, Assur zieht an gegen Zion, es erfüllt sich, es erfüllt -sich! Und all dies Unselige, aus mir quillt es vor, aus meiner Träume -Schoß drängt sichs fort; in mir war es zuerst, ehe es war in der Welt, -und ich, ich warf es im Wort über sie. Ich hab es gewußt, ich allein, eh -Gott es getan! In mir hat es Anfang und mündet mir zu, und ich kanns -doch nicht halten im Laufe, nicht fassen im Fluge, kein Schild ist mir -dawider und kein Schwert -- oh, Ohnmacht, Ohnmacht der Worte! - -BARUCH: - -Meister, was redest du ... nicht fasse ich den Sinn ... sprich zu mir, -daß ichs glaube und begreife, was dich erfüllet. - -JEREMIAS: - -Daß du es glaubest ... Baruch, Baruch ... wirst du wahrhaft glauben -meinem Worte, das ich dir sage zu dieser Stunde unter den Sternen ... -wirst du es nicht leugnen und verlachen, so ichs beschwöre mit meiner -Seele Siegel ... denn wider allen Sinn ists, was ich dir künden will ... - -BARUCH: - -Meister ... der Glaube an dich ist mein Leben ... - -JEREMIAS: - -So höre es, höre, was ich dir sage ... (geheimnisvoll, leise) Dies -alles, dies alles, was heute ist zum erstenmal, ich habe es geträumt vor -Monden schon, ich habe es geträumet in meinen Nächten, ganz so -geträumet. Nicht ein Stern steht da, den ich nicht sah, hier oben den -Wall und Gottes weißragendes Haus und unten der Feinde Scharen, Zelt an -Zelt, und meines eigenen Herzens eigenen Schauer und Blick, all, all -dies hab ich geträumt.... Hörst du mich, Baruch, hörst du mir zu ... - -BARUCH (schauernd): - -Ich höre dich ... ich höre dich ... - -JEREMIAS: - -Warum mir, warum ward mir dies alles offenbar vor der Zeit? Es kann -nicht sein wider Gottes Willen, daß er mir aufschließt seine Pläne und -mir sichtig macht Bilder des Zukünftigen. Und es darf nicht sein, es -darf nicht sein, daß ich dawider mich wehre, daß ich schweige, denn -Baruch, Baruch: lang verbarg ich mein Herz der Berufung und verschlug -mein Ohr seinem Rufe. Doch nun, da ich schaue lebendig, was in mir -längst schauten die Träume, da wie ein Spiegel sichs aufrollt außen zum -Innen, nun fühle ichs zum ersten Male, daß Gott in mir ist, und Baruch, -ich sage dir: er hat mich gewählet. Weh mir, wenn ich verschwiege meine -Angst vor dem Volke und meine Ahnung vor den Königen. Denn nur ein -Anfang ist dies, und ich kenne, ich kenne das Ende ... - -BARUCH: - -Künde es, du Geweihter ... ausrufe dein Wort ... - -JEREMIAS: - -Baruch, Baruch, siehst du Lager und Zelt, siehest du dies schlafende -Meer wogen von Mitternacht her ... - -BARUCH (schauernd): - -Ich sehe den Feind ... ich sehe die Zelte ... - -JEREMIAS: - -Die Nacht siehest du, den Schlaf und die falsche Stille der Rast. Aber -in meinem Ohr gellen die Trompeten schon und klirren die Waffen, wenn -sie aufstehen und stürmen wider uns! Die Mauer, darauf wir festen Fußes -noch wuchten, schon krachet sie hin, und den Schrei der Gejagten, ich -höre ihn, höre ihn schon. Sie kommen, weh, sie sind da, aufschäumt ihre -erzene Flut! Baruch, Baruch, wehe, mein Wort stund auf über Israel, ich -höre den Tod, wie er fährt über die Stadt und die Mauern, sie fallen und -mit ihnen Jerusalem. Baruch, Baruch, ich sehe es wach; denn Gott hat ein -Auge mir aufgerissen im Schwarzen meines Leibes, daß ichs schaue, und -einen Schrei getan in meine Eingeweide, daß ich ihn stoße aus mir wie -ein Horn. Was schlafen sie noch! Was schlafen sie noch! Oh, es ist Zeit, -daß man sie wecke, es ist Zeit, denn sie schlafen in ihren Tod hinein -und brüten in ihr Verderben. Es ist Zeit, daß man aufschreie Jerusalem, -es ist Zeit, es ist Zeit!... - -BARUCH (hingerissen): - -Ja, erwecke sie, erwecke sie, Jeremias! - -JEREMIAS (immer fanatischer): - - Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt, - Wie kann sie vom Schlaf sich umfrieden lassen, - Da Tod ihnen unter die Lagerstatt - Sein eiskalt Linnen gebreitet hat. - Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt, - Wie können sie ruhen, den Donner zu Häupten! - Oh, wie können, wie können - Sie so hindämmern, in Träumen verloren, - Da donnernd wider die Tempel und Tore - Schon Assurs Widder hämmern und rennen; - Oh, wer weckt die Toren, wer weckt die Betäubten? - Wer schreckt sie auf, wer weckt sie empor, - Wer wirft einen Ruf in ihr ohnmächtig Ohr, - Oh, wer wird in den Tod dieser Stille hinein - Gottes Gebot und Wille hinschrein? - -BARUCH (ekstatisch): - -Du wecke sie auf! Erwecke sie! Meister, vom Tode reiß sie auf! - -JEREMIAS: - - Wacht auf! Wacht auf! Empor! Empor! - Brand ist im Land! Feind hat die Stadt! - Flüchtet, eh er euch ganz zernichtet, - Entflüchtet dem Schwert, entflüchtet den Flammen, - Laßt eure Habe, laßt euer Haus, - Die Frauen rafft, die Kinder zusammen, - Eh er euch faßt, flüchtet hinaus! - Auf! Empor! - Brand ist im Land! Feind hat die Stadt! - Empor! Empor! - -DER ZWEITE KRIEGER (aus dem Dunkel tretend): - -Wer lärmt? Er wird die Schlafenden erwecken. - -JEREMIAS: - -Daß ichs vermöchte, oh, daß ichs vermöchte! Auf! erwache, Jerusalem ... -Gottesstadt, errette dich ... - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Trunken bist du ... fort mit dir ... geh schlafen ... - -BARUCH (sich dazwischen werfend): - -Ablasse von ihm! - -JEREMIAS: - -Ich darf nicht schlafen! Keiner darf schlafen mehr. Der Wächter bin ich, -der Wächter! Weh, wer mirs wehrt! - -DER ZWEITE KRIEGER (ihn anfassend): - -Ein Mondkranker bist du, daß du dich Wächter nennst ... ich selbst bin -die Wache ... fort mit dir ... - -BARUCH: - -Nicht rühr ihn an ... den Erwählten des Herrn ... den Profeten ... - -DER ZWEITE KRIEGER (ablassend): - -Bist du Hananja, der Gotteskünder? - -BARUCH: - -Jeremias ist es, der Profet! - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Jeremias, der das Volk verwirrt, der hinschrie in den Gassen, Assur -werde obsiegen? Bist du gekommen, dich deiner Verheißung zu weiden? Zu -früh bist du gekommen, du Zagherz, und doch zurecht meinem Zorn! -Gesegnet meine Faust, daß ich dich fasse, du Krämer des Unglücks ... ich -will dir Verkündigung geben ... - -BARUCH (mit ihm ringend): - -Laß ab von ihm ... laß ab ... - -DER ERSTE KRIEGER (herbeistürzend): - -Der König kommt ... der König macht die Runde ... schaff weg das Volk ... - -JEREMIAS: - -Der König!... Segnung des Herrn ... oh, sichtliche Deutung ... Gott -stößt ihn mir in die Hände ... - -DER ERSTE KRIEGER: - -Fort mit euch ... fort, ihr Schwätzer ... - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Hinab mit dir ... da ... fort ... Da krieche unter und rühr dich nicht, -sonst mach ich dich kalt ... - -DER ERSTE KRIEGER: - -Weg ... fort ... der König kommt ... - - (JEREMIAS UND BARUCH werden hastig die Mauer hinabgedrängt; sie - verschwinden im dunklen Schatten, aus dem sie aufgestiegen. Die - beiden Krieger treten an den Rand der Mauer, um dem König und seinem - Gefolge Raum zu geben. Da Zedekia erscheint, klirren sie zum Gruße - mit den Speeren an die Schilde und stehen dann wieder regungslos.) - - (DER KÖNIG ZEDEKIA erscheint, begleitet von Abimelech und einigen - seines Gefolges, auf seinem Rundweg um die Mauern. Er ist ungerüstet - und barhäuptig, im weißen Mondlicht sieht sein Antlitz bleich und - ernst aus. Er bleibt stehen und blickt lange auf das fahldämmernde - Blachfeld hinaus.) - -DER KÖNIG ZEDEKIA (zu Abimelech): - -Auf wieviel schätzest du ihre Scharen, Abimelech? - -ABIMELECH: - -Zelt reiht sich an Zelt, schwer wie die Sterne sind sie zu zählen. Die -Boten nannten ihrer hunderttausend, doch man soll den Worten nicht -trauen. - -ZEDEKIA: - -Wahr sprichst du, Abimelech, allzu wahr. Man soll den Worten nicht -trauen. Wo sind die Wahrsager, die mir rieten, wo Pharaos Heer und die -Hilfe Mizraims! Nun sind wir allein wider die Heere Chaldäas. - -ABIMELECH: - -Zwiefach wird unsere Ehre darum sein, sie zu besiegen. Ewig währet -Jerusalem! - -ZEDEKIA: - -Oh, daß dein Wort sich erfüllte! Doch mein Herz mißtraut schon den -Worten ... - -ABIMELECH: - -Ich schwöre auf Israels Sieg, mein König, und Tat bekräfte meinen Eid. - -ZEDEKIA: - -Auch ich habe einen Eid geschworen Nabukadnezarn, und man entwand mir -das Wort. Das Schicksal zerbricht die Eide und Gott die Worte der -Menschen. Dort unten im Dunkel ruht er, dem ich Friede zusprach, und nun -ist Krieg und seine Lanzen gerüstet zur Rache. Fluch über sie alle, die -an mir zerrten, daß ich diesen Weg ging wider ihn, und weh über mich, -daß ich nicht stark ward, ihnen zu wehren! Nicht kannst du dies fassen -vielleicht, Abimelech, denn ein Krieger bist du und spottest deines -Lebens, doch auf mir lasten die Mauern und eines Volkes Geschick, -tausend und abertausend Leben pochen laut durch mein Blut. Ich will -beten zu Gott, daß er diese Zeit von uns nehme, denn mein Herz vermag -nicht sie zu tragen und dürstet nach Frieden! - -ABIMELECH: - -Den Sieg erst, mein König, und dann den Frieden. Laß Nabukadnezarn die -Stirn seines Zorns sich zerstoßen an diesen Mauern und die Widderböcke -seines Ingrimms zerschellen an unsern Herzen. Ihr Blut erst, und dann -den Frieden! - -ZEDEKIA (sieht lange hinaus in die Ferne): - -Wieweit hinein ins Land die Lagerfeuer dort brennen, es ist, als sei ein -Himmel schwarz hingesunken auf die Erde und leuchtete nun Stern an -Stern. Unendlich Volk fühl ich lagern um Israel, und jedes Speer ist -gezückt, jede Hand gehoben, und im Schlafe noch träumen sie wider uns. -Und morgen wird all dies aufstehen wie die Halme nach dem Regen und die -Stille gellen von Schrei und Tod. Es ist die letzte Nacht des Friedens -und des Schlafes vielleicht für immerdar. - -ABIMELECH: - -Laß dein Herz nicht verdüstern, mein König. Auf diesem steinernen -Gelände, da du stehest in Sorge, stand Hosea, dein Oheim, einst, und -auch seine Seele war Sorgen voll, denn unten wogten Salmanassars Scharen -unendlich wie diese. Schon einmal umspülte Assurs Woge die heilige -Stadt. Doch der Herr reckte aus seinen Arm wider sie, und die Pest fraß -ihre Völker. Nie bricht diese Mauer! Ewig währet Jerusalem! - -DIE ANDERN: - -Ewig währet Jerusalem! - -DIE STIMME JEREMIAS (aus dem Dunkel): - -Wache auf, verlorene Stadt, daß du dich rettest! Wachet auf aus eurem -harten Schlaf, ihr Arglosen, daß ihr nicht geschlachtet werdet im -Schlummer, wachet auf, denn schon bröckelt die Mauer und will euch -erschlagen, wachet auf, denn Assurs Schwert ist gezückt über euch ... - -ZEDEKIA (zusammenfahrend): - -Wer spricht? Wer spricht? - -STIMMEN: - -Wer redet ... wer spricht ... - -DIE STIMME JEREMIAS: - -Der Zorn des Herrn ist gefallen über des Friedens Verstörer, und von -Mitternacht den König hat er gen Israel gesandt, daß er ihm breche Türme -und Trotz. Wachet auf, um zu fliehen, wachet auf, euch zu retten, denn -er ist gekommen, der Würger eurer Söhne, der Schänder eurer Töchter, der -Verwüster eurer Felder. Wachet auf! Wachet auf! - -ZEDEKIA (zusammenschreckend und sich schließlich stark aufraffend): - -Wer spricht da? Wer redet da? - -DER ERSTE KRIEGER: - -Ein Wahnwitziger ist es, Herr, der Mond hat ihn verwirrt. - -STIMMEN: - -Sperr ihm das Maul ... fort mit ihm ... fort ... ein Toller ... - -ZEDEKIA: - -Nein ... bring ihn vor ... ich will ihn sehen ... ich will sehen, daß -ein Lebendiger solches sprach ... denn zu furchtbar klang diese -Stimme ... mir war, als schrien Klage die Steine Jerusalems, als entbebte -der Mauer das Wort ... - - (DIE BEIDEN KRIEGER eilen hinab.) - -ABIMELECH: - -Nicht laß dich verwirren, Herr ... viele sind gekauft in der Stadt von -chaldäischem Gold ... - -ANDERE: - -Nicht höre ihn an ... laß von der Mauer ihn werfen ... Nicht mit den -Verängstigten sprich ... - - (JEREMIAS UND BARUCH werden von den beiden Kriegern heraufgeholt, - Jeremias vor den König gestoßen.) - -DER ZWEITE KRIEGER: - -Dieser ist es, der so lästerlich redete. Schon vordem habe ich ihn -belauscht. - -ZEDEKIA: - -Sie sagen von einem, der umginge in der Stadt und Unheil kündete vor den -Leuten. Ist es dieser? - -STIMMEN: - -Er ist es ... Jeremias ... Fluch über ihn ... Unheil sprengt er aus ... -er vergiftet die Herzen ... ein Lügner ist er ... - -BARUCH: - -Gottes Bote ist er, und Wahrheit kündet er, ich zeuge für ihn. - -STIMMEN: - -Wer bist du, daß du zeugest?... Du Knabe ... nicht höre ihn ... -niederschlagen soll man solch Otterngezücht. - -ZEDEKIA: - -Schweiget ... Weg mit diesem vorerst, ich bedarf eines Zeugen nicht ... - - (BARUCH wird zurückgestoßen in das Dunkel.) - -ZEDEKIA: - -Tritt heran zu mir, Jeremias ... Bist du es, der Israel verwirrt? - -JEREMIAS: - -Von Israel geht Wirrnis aus und nicht von mir. - -ZEDEKIA: - -Ich kenne deine Stimme ... ich muß sie gehört haben ... aus meinem -Herzen klingt etwas zurück, da du mir zusprichst, und doch blickte ich -dich nie. Oder ... Warst du es nicht, der damals um Friede schrie vor -dem Palast ... - -JEREMIAS: - -Ich war es, Herr! - -ZEDEKIA: - -Du warst es, Jeremias? Viele schrien um mich zu jener Stunde, doch als -ich heimging des Nachts und ruhte ohne Schlaf auf meinem Lager, da war -dein Ruf noch wach in meinem Herzen. - -JEREMIAS: - -Gott wollte, daß du ihn hörtest, und weh dir, daß du ihn wegwarfst, denn -es wäre Schlaf jetzt auf deinen Lidern und ein Friede in Israel. - -DIE ANDERN: - -Nicht höre auf ihn, König ... ein Gaukler ist er und frevelt mit Gottes -Wort ... sprich nicht mit ihm ... - -ABIMELECH: - -Was schaffst du hier auf der Mauer des Nachts? Zu den Chaldäern willst -du fallen? Nimm ihn fest, mein König, sein Wandel ist Gefahr! - -EINER: - -Seine Mutter ringt mit dem Tode, vergiftet hat sie sein Wort. Aber er -meidet das Haus, sieh, des Nachts schweift er hier um und späht zu den -Feinden ... - -JEREMIAS (erschreckt): - -Meine Mutter, sagst du ... - -ANDERE: - -Ein Verräter ist er ... nicht höre ihn, mein König ... nicht höre ihn ... -nimm ihn fest ... - -ZEDEKIA: - -Ruhe um mich! Meine Seele ist so schwach nicht gemauert, daß ein -Schwätzer sie werfe. Jeremias, tritt her zu mir und sei ohne Scheu. Ich -habe das Wort vernommen, das du riefest am Tage des Ausgangs, und dies -Wort klang mir zu, denn ein Gotteswort ist das Friedenswort. Doch -vergangen ist das Vergangene. Nun brennt Krieg zwischen Assur und -Israel. Nicht bändigt ihn mehr ein Wort, ich kann ihn nicht niedertreten -mit dem Willen ... - -JEREMIAS: - -Du kannst es, Herr! - -ZEDEKIA (zornig): - -Wie kann ich es noch? Siehst du den Feind nicht um die Mauern, hörst du -seine Speere nicht klirren im Wind? Wie kann ich das wenden? - -JEREMIAS: - -Du kannst es, Herr, denn du bist der König. - -ZEDEKIA: - -Kann ich sie fortblasen mit meinem Hauch, kann ich austilgen das -Vergangene? Zu spät ist es für den Frieden. - -JEREMIAS: - -Es ist nie zu spät. - -ZEDEKIA (noch zorniger): - -Wie ein Einfältiger redest du. Noch ward Assur nicht geschlagen von -Israel und nicht Israel von Assur, noch ist Blut nicht geflossen. Wie -kann ich enden, was nicht begonnen? - -JEREMIAS: - -Das Blut ist ein Graben zwischen den Völkern. So tiefer du ihn ziehest, -so schwerer wirst du ihn dämmen. Darum laß sprechen die Worte vor dem -Schwert, geh hin zum König oder sende ihm Botschaft! - -ZEDEKIA: - -Ich soll zu Nabukadnezar, meinem Feinde? - -JEREMIAS: - -Sende Boten an ihn, vielleicht, daß du noch rettest Jerusalem! - -ABIMELECH: - -Eine Schmach sind seine Worte, eine Schmach für Israel ... fort mit dem -Zagherzigen ... - -ZEDEKIA: - -Warum soll ich senden zu ihm, warum ich als der erste? Bin ich sein -Knecht denn, bin ich der Besiegte schon? - -JEREMIAS: - -Es muß einer den Frieden beginnen, wie einer den Krieg. - -ZEDEKIA: - -Warum soll ich es sein, der als der erste spricht, warum ich und nicht -er? Soll er meinen, daß ich verzagte? Möge er senden zu mir, so will ich -Zwiesprache halten und erwägen sein Wort. Doch warum ich als der erste? - -JEREMIAS: - -Selig, der als erster die Hand bietet für den Frieden, selig der König, -der das Blut spart seines Volkes. - -ZEDEKIA: - -Und wenn ich die Hand böte, wenn ich mein Herz bezwänge, Jeremias, wenn -ich so täte, wie du heischest, und er stößt sie zurück, meine Hand? - -JEREMIAS: - -Selig die Verstoßenen um der Gerechtigkeit willen, denn Gott nimmt sie -auf an sein Herz. - -ZEDEKIA: - -Ich aber sage dir, die Kinder würden meiner spotten und die Weiber -lachen meiner Schmach. - -JEREMIAS: - -Besser, der Narren Gelächter hinter dir, als der Witwen Klage. Nicht -deiner gedenke jetzt, sondern des Volkes, dem du gesetzt bist von -heiliger Hand. Laß dich verlachen von den Toren um der Gerechtigkeit -willen, aber tu Gottes Tat! Tu auf die Tore, tu auf dein Herz, Zedekia, -bedenke, du rettest Jerusalem! Du hast dich erhoben wider Assur, so -beuge dich vor ihm! - -ZEDEKIA: - -Ich mich beugen? - -JEREMIAS: - -Beuge dich, beuge dich, Gesalbter des Herrn, um Jerusalems willen! Tu -auf die Tore, tu auf ihm dein Herz! Du rettest, du rettest Jerusalem! - -ZEDEKIA: - -Mit dem Schwert will ich es retten und meines Lebens Preis, doch mit -meiner Ehre nicht. Du weißt nicht, was du heischest von mir. - -JEREMIAS: - -Das Schwerste heische ich von dir, denn wem ziemt das Gewaltige denn den -Gesalbten? Deines Herzens Kleinod, deinen Stolz opfre hin für die Stadt! -Wirf dich hin vor jenen, wie ich mich hinwerfe vor dir, tu auf die Tore, -tu auf dein Herz! Beuge dich, König Zedekia, denn besser, du beugest -dich, denn daß Israel gebeuget werde. - -ZEDEKIA: - -In Spott willst du mich stoßen und dich weiden an meiner Schmach, du -Rasender! Aber ich steh aufrecht und halte mein Erbe! Lieber sterben, -als Gnade erbitten, lieber Vernichtung, denn diese Demut! Weg von mir, -weg! Ich beuge mich nicht, keinem auf Erden beuge ich mich! - -JEREMIAS (von den Knien sich gewaltig aufhebend): - -Dann Fluch dem Öl, das dir salbte die Stirn, und Fluch der Krone, die -dir die Stirne gürtet; Fluch dir, Davids Sohn, daß du nur deinen Hochmut -schützest, dein irdisch Teil, statt daß du wahrest Jerusalem, dein -Gottesteil. Aber höre mich ... - -ZEDEKIA: - -Nichts will ich mehr hören, du Narr, du böser Narr Gottes ... - -JEREMIAS: - -Stoße es nur fort mein Wort mit dem Fuße, du Taumelnder, nicht kannst du -zertreten ein Gotteswort. Spei es aus, du Trunkener, aber wisse es bis -in deine Eingeweide: nahe ist die Stunde, Zedekia, da du schreien wirst -nach meinem Troste, wie die Gebärerin schreit! Doch dann wird kein Rat -mehr sein, denn wer weiß Rat wider den Tod und hat ein Retten vor Gottes -Gericht. Gedenke der Mauer hier, gedenke der Stunde! Rechtzeit habe ich -dich gewarnt, aber ein Prellbock starret dein Herz und von Eisen deine -Stirne, und wie ich dir darob fluche aus dieser Stunde, werden fluchen -Geschlechter und Geschlechter deinem Namen. In deine Hände war Zion -gegeben, und du ließest es fallen, dir war es vertraut, und du hast es -verschleudert! Mögest du darum vergessen werden von Gottes Gnade, wie du -vergaßest Jerusalem! Fluch über dich, du Vollstrecker Babels, du Würger -Zions, du Mörder, du Mörder von Israel! - -ABIMELECH: - -Die Mauer hinab! Zerbrecht ihm den Nacken! - -DIE ANDERN: - -Er hat den König gelästert ... sperrt ihm das Schandmaul ... die Mauer -hinab ... nicht fürchte des Rasenden Wort ... Schaum steht um seine -Lippe ... ein Kranker ist er ... hinab mit ihm. - - (DIE BEGLEITER des Königs dringen gewaltsam auf Jeremias ein.) - -ZEDEKIA (der wie vor unsichtbarem Anprall zurückgefahren ist, die Hand -am Herzen, sich wieder ermannend): - -Ablaßt von ihm! Meint ihr, eines Narren Fluch machte mich blassen, ein -frech Wort knickte schon meine Kraft? (Nach einer Pause): Aber dies sehe -ich: wahr ist, was sie sagten im Volke: gefährlich ist dieses Menschen -Wort. Wie ein Sturmbock stößt er wider die Herzen. Es geht nicht an, -daß solch ein Gottesleugner länger frei rede im Volke und seine Angst -auf die Krieger falle. - -ABIMELECH: - -Töten muß man ihn. Wer nicht Gott vertraut, ist unwert des Lebens. - -STIMMEN: - -Man steinige ihn ... ein Söldling ist er ... er will die Stadt den -Chaldäern preisgeben ... laß ihn töten ... er betet um unser Verderben ... - -ZEDEKIA: - -Soll ich töten den, der mich schmähte, daß man meine, ich fürchte sein -Wort? Nicht so! Tritt her, Jeremias! Wind ist mir dein Wort, doch noch -einmal frage ich dich um deinetwillen: Sagt dir untrüglich dein Herz, -daß Tod sei über Zion und allen in Zions Mauern? Ich frage dich! -Antworte mir frei! - -JEREMIAS: - -Tod steht über Jerusalem, Tod über uns allen. Nur Ergebung kann uns -erretten. - -ZEDEKIA: - -Dann geh und ergib dich! Als einziger aller rette dein Leben! - - (JEREMIAS starrt ihn an, ohne ihn zu verstehen.) - -ZEDEKIA: - -Wer zehrt an unserem Brote, soll nicht auch zehren an unserer Kraft. -Fürchtest du für Zion, so fliehe von Zion! Ich schenk dir dein Leben! -Die Mauer hier, klimm sie hinab, zu Nabukadnezar geh und birg deinen -Leib. Und so dein Wort sich erfüllet, bläh auf deine Backen und lache -der Brüder, die starben für Jerusalem. - -ABIMELECH: - -Zu milde bist du, König, mit dem Lästerer. - - (JEREMIAS unbeweglich, ringt um ein Wort.) - -ZEDEKIA: - -So geh doch, flieh fort, Abtrünniger des Glaubens, geh zu Nabukadnezar, -des Sieg du gekündet, und küsse seinen Fuß! Ich aber bleibe in meines -Volkes Mitte und in meiner Väter Heimat, denn ich glaube bis zum letzten -Atem meines Leibes: Lüge ist dieses Mannes Rede und ewig währet -Jerusalem! - -DIE ANDERN (jauchzend): - -Ewig währet Jerusalem! Nie vergehet Gottes Haus! - -ZEDEKIA: - -So eile! Lauf über zu Assur, ich hab dirs gewährt! Laß uns unsern Tod -und kriech in dein Leben! - -JEREMIAS (sich fassend): - -Ich lasse nicht Jerusalem! - -ZEDEKIA: - -Hast du nicht eben gekündet uns allen, Tod stünde über Jerusalem? So -flieh, daß du ihm entweichest! - -JEREMIAS: - -Nicht meines Lebens trage ich Bangen, sondern für die Tausendmaltausend -schreiet mein Herz. Ich weiche nicht! Mögen fallen seine Mauern, ich -stürze mit dem letzten seiner Steine. - -STIMMEN: - -Nicht dulde ihn bei den Kriegern ... ein Verräter ist er ... Verwirrung -sprengt er unter die Krieger ... jage ihn fort ... nicht habe er länger -Gemeinschaft mit uns ... - -ZEDEKIA: - -Zum letztenmal, Jeremias! Aufgetan ist dir der Weg! - -JEREMIAS: - -Ich bleibe in Gottes Stadt, bis daß sie vergehet, bis daß ich vergehe! - -ZEDEKIA: - -Dann aber wisse dieses zur Warnung: Schwert liegt fortab auf deinem -Wort! So du noch einmal hebst die Stimme zu harter Verkündung, so du -noch einmal ausschreiest Untergang in diesen Mauern, ist dein Leben -verfallen. - -JEREMIAS: - -Nicht ich hebe die Stimme, Gott wirft sie aus mir. Wie die Luft fährt -durch die Posaune, daß sie erklinge, so tönet sein Wille durch mich. In -seine Hände habe ich mich gegeben. - -ZEDEKIA: - -Ich habe dich gewarnet, Jeremias, wie du mich gewarnet. Selbst schützest -du fortan dein Leben. (Zu den andern): Keiner rühre ihn feindlich an, -solange er sich zähmet. Doch schreit er noch einmal Schrecknis über die -andern, so fasset ihn, und er büße nach euerm Spruch. (Zu Jeremias): -Hüte dich, hüte deine Lippe, daß dein Blut nicht springe über sie! Uns -aber möge Gott schonen, wie ich heute deiner geschonet. - -JEREMIAS (reglos, mit unsicherer Stimme): - -Nicht mich hüte ich ... ich hüte Jerusalem ... - -ZEDEKIA (wieder an den Rand der Mauer tretend): - -Noch immer ziehen sie her, und wie von Wettern rollts von ihren Wagen -und Rossen, es ist kein Ende abzusehen, kein Ende. Wahrlich, furchtbar -ist er, der König von Mitternacht, furchtbar wird es sein, ihm zu -begegnen! Gott schütze Jerusalem! (Tief atmend): Gott schütze Jerusalem! - - (ZEDEKIA wendet sich langsam zum Gehen und schreitet die Runde - weiter; Abimelech, die anderen sowie die beiden Krieger folgen dem - sinnend Hinschreitenden langsam nach.) - -BARUCH (aus dem Dunkel vorstürzend): - -Rasch ... eile ihm nach, noch einmal fasse deine Kraft ... Gottes -Sendung ist über dir ... eile, daß du ihn zwingest. - -JEREMIAS (erwachend aus seiner Dumpfheit): - -Wen ... wen soll ich zwingen? - -BARUCH: - -Den König ... eile ihm nach ... entbrenne dein Wort, rette, rette -Jerusalem! - -JEREMIAS: - -Den König! (In heißem Erschrecken um sich auf die leere Mauer starrend): -Oh, fort ... fort ... versäumt ... verloren die heilige Stunde ... von -Gott war er mir gesandt, in meine Hände geworfen, daß ich knetete seinen -Willen, und ich ließ ihn entgleiten ... Blick in Blick war mir der -Schwanke gegeben, und doch: wie Asche zerstäubte an seiner Stirne mein -Wort ... Oh, Schmach über mich, daß so dürr war meine Rede, so laulich -mein Atem ... Mit Fluch fiel ich ihn an, und mit Güte hat er mich -geschlagen ... wer bin ich, daß man mir diente, wenn ich nicht diene dem -Wort ... Oh, Fluch der Nessel meiner Rede ... Fluch der Distel meines -Munds ... - -BARUCH: - -Noch einmal versuch es, und du zwingest ihn. Schon erschwankte sein -Wille! - -JEREMIAS: - -Zu spät, zu spät, verloren ist die Stunde, die Gott mir erkor! Doch was -wählete er auch mich, den Schwächling, was rief er Unkraft zu so -gewaltig Beginnen! Warum tat er nur Galle des Fluches in meinen Mund und -des Wortes bittern Wermut, warum die läutrige Flamme nicht, die -entbrennet die Herzen der Menschen! Wer bin ich denn, Nichtiger, daß ich -mich erfreche, seines Wortes Profeten mich zu nennen, Bruder der -Erlauchten, wenn ich nicht Erbe bin ihrer Stärke? Königen umtaten sie -den Zaum ihres Willens und beugeten der Völker Stirn, Feuer des Herrn -fuhr voran ihrer Rede, doch ich, ich Dorn im Fleisch ihrer Qual, nicht -ein Blatt vermag ich zu wenden mit meiner Seele Odem ... ein -Speichelspeier nur bin ich, ein Tönen von Wirrsal und Wind ... - -BARUCH: - -Nicht quäle dich, Meister ... der Schmerz verwirret dich. - -JEREMIAS: - -So sage doch, zeuge, künde mir, daß ichs gewahr sei ... was hab ich -vermocht? Eine Stadt hängt am Tode, und ihre Not verzehret mich ... von -Träumen bin ich allnächtens umtan und schmerzhaft trächtig des Worts ... -so sag, was vermocht ich wider den Herren der Stunde ... meine Warnung, -wen warnete sie ... nicht daß er einen Boten sendete von Zelt zu Zelt ... -nicht daß ein Mensch seine Schritte aufhübe als Bote des Friedens ... -Oh, die Luft frißt meine Schreie, und das Gelächter der Menschen -schluckt meine Schreie, zur Schande bin ich gezeugt und zur Plage -geboren! Wem hab ich Freude geschenket? Ein Greuel bin ich den Gerechten -und meiner Mutter Kümmernis. Kein Weib trägt ein Kind mir im Schoß, und -kein Lebendiger glaubet meiner Rede! - -BARUCH: - -Ich glaube dir, ich laß dich nicht. - -JEREMIAS: - -Du glaubest mir ... noch immer ... dann hör mein Wort ... So du mir -glaubest, verlaß mich! Denn du verderbest dich. Geh zu den andern, die -Süße predigen und triefen von Verheißung, geh zu Hananja, der Sieg sagt, -und nicht spotte ihrer mehr, denn wisse, sie sind besser denn ich. Ihre -Lüge, sie zeuget noch Kühnheit, doch schlaff sind die Lenden meines -Worts, sie wecken keinen Samen des Sieges. Ohnmacht nur zeugt meine -Ohnmacht. Oh und sage, wer ist unnützer, denn der Friede schreit -zwischen den Schwertern, wer törichter als der Weisheit Verkünder in der -Trunkenen Mitte? Ist denn nicht Freude der Menschen Brot und die -Hoffnung ihre Speise? Gesegnet, wer tröstet, verflucht, wer nur -fluchet ... daß ihm darre die Zunge ... daß auslösche, der Anstoß ist -und Ärgernis ... - -BARUCH: - -Nein, ich weiche nicht von dir ... Du bist der Große ... Dich hab ich -erwählt um deines Leidens willen. - -JEREMIAS: - -Nicht lobe mich, nicht lobe mich ... mich verbrennet die Scham ... was -hab ich denn Jerusalem zum Heile getan ... hab ich gebeugt des Königs -Starrnis, hab ich zum Rechten geführt das irrend Volk, hab ich erweckt -den Boten des Friedens mit meiner Rede Stachel? Nur geschrien habe ich -und gefluchet, doch mein Geschrei war ein Blitz, der in Wasser fährt, -und mein Fluch ein Wind, der nicht wehet ... wo ist meine Tat ... wem -brachte ich Segen ... wo schuf ich den Frieden ... wo weckte ich den -Boten zum Wege, da ich selber gestrauchelt ... - -BARUCH: - -Wie sagtest du ... einen Boten müßtest du schaffen, daß er gehe von -Nabukadnezar zum Könige? - -JEREMIAS: - -Will er denn als erster sprechen zum andern. Wie die Knaben warten die -Könige, daß einer anhübe mit dem Wort. - -BARUCH (heiß): - -Aus deinem Atem, sagtest du, müßtest du einen Boten erschaffen ... aus -deinem Atem ... siehe, Jeremias, wisse ... du heilig Verzagter ... nicht -dürr und fruchtlos ist dein Wort ... fruchtend ist es mir in die Seele -gefallen ... in mir nun keimet Gottes Geheiß ... ich danke dir, Meister, -Erwecker ... aus dem Dunkel hast du mich gehoben ... meine Tat mir -gewiesen ... oh, Jeremias, der du Kraft zeugest aus deinem Schmerze ... -ich danke dir ... ich danke dir. - -JEREMIAS: - -Was erglühest du so ... Ich fasse dich nicht ... - -BARUCH: - -Meine Tat ... Sie ist es, die mir entglüht ... Du hast mich befeuert ... -ich weiß den Weg, nachbarlich geht er dem Tode wie der deine ... doch -ich will ihn gehen für Jerusalem ... lebe wohl, Meister ... ich will -würdig sein deines Rufes, lebe wohl. - -JEREMIAS: - -Wohin willst du? - -BARUCH: - -Lebe wohl, Meister ... lebe wohl und segne mich, wenn ichs vollbringe, -und fluche mir nicht, so ichs versäume ... lebe wohl ... lebe wohl ... -es gilt Jerusalem ... - - (BARUCH schwingt sich zur Mauer und beginnt hinabzuklettern.) - -JEREMIAS: - -Was willst du an der Mauer ... Baruch ... wohin ... - -BARUCH: - -Deinen Weg ... lebe wohl ... lebe wohl ... - - (BARUCH verschwindet jenseits der Mauer.) - -JEREMIAS (sich über die Mauer beugend): - -Baruch, wohin gehest du ... halt ein ... sie werden dich fassen ... die -Späher Chaldäas sind schon rege um die Wege ... Baruch ... Baruch ... -Was fliehst du von mir ... Was lässest du mich allein ... Baruch ... -Baruch ... bleib bei mir in dieser Stunde ... - -DER ERSTE KRIEGER (ist herbeigeeilt): - -Was rufst du da ... was schreist du in die Nacht ... - -JEREMIAS (sich aufrichtend): - -Ich rufe ... ich rufe, und doch hört keiner auf mich ... - -DER ERSTE KRIEGER: - -Was geht hier vor? Was treibst du noch da? Mir war, als glitte ein -Schatten die Mauer hinab. Ist einer mit dir? - -JEREMIAS: - -Keiner ist mit mir ... keiner ist mehr mit mir ... - - (JEREMIAS geht langsam, mit schwerem Schritt, von der Mauer - stadtwärts hinab. Der Krieger sieht ihm starr nach, bis er im - Schatten der Mauer verschwindet, dann rafft er sich auf und - schreitet im harten Mondlicht schweigend auf und ab. Es ist ganz - still, nur sein schwerer Schritt hallt über die mondblanken Quadern, - und von ferne tönt aus dem Unsichtbaren heranklingend wieder der - Wachtruf: »Simson über sie« ... »Simson über sie« durch die weiße - Nacht ...) - - - - -DAS FÜNFTE BILD - -DIE PRÜFUNG DES PROFETEN - - »Doch der Herr wollte ihn mit Leiden zermalmen.« - - Jes. LIII. - - - Das enge Schlafgemach der Mutter Jeremias in seinem Hause. Die Türen - des schmalen Raumes sind mit Vorhängen überhängt, ebenso die - Fenster, so daß Licht und alle Laute nur gedämpft von außen in die - Düsterheit der Stube dringen und kaum mehr als der Umriß der - Gestalten und Dinge wahrnehmbar wird. Im Hintergrunde glänzt weiß - aus der Dunkelheit das breite bettartige Pfühl, auf dem die alte - Frau regungslos liegt. Neben ihr aufrecht stehend ACHAB, der alte - Diener. - -JOCHEBED (eine Anverwandte, hebt vorsichtig den Vorhang des Einganges): - -Achab ... hör, Achab ... - -ACHAB: - -Leise!... Tritt leise heran! Wie Flaum liegt der Schlummer über ihr, -eines Wortes Windhauch schon bläst ihn fort. Nicht störe ihre Ruhe! - -JOCHEBED: - -Wohl dem, der noch ruhen kann, indes die Tore schüttern und die Festen -beben der Stadt! - -ACHAB: - -Nicht sprich davon, nicht erwähne des Feindes! So du sie liebst, schone -der Kranken. - -JOCHEBED: - -Wie meinest du? Was soll ich nicht sagen? - -ACHAB: - -Nicht nenn unsere Not! Fremd ist ihr Jerusalems Schicksal. - -JOCHEBED: - -Nicht fasse ich dich. Sie weiß nicht, daß Krieg unsere Stadt umfährt? - -ACHAB: - -Wozu ihrs verraten, woran sie verginge? Ein Ahnen schon wäre ihr Tod. - -JOCHEBED (in höchstem Erstaunen): - -Sie weiß nicht, daß Assur über uns gefallen? Es ist noch ein Lebendiger -in den Mauern, der unwissend blieb unseres Elends? Wie konnte solch -Wunder geschehen? Sind ihre Sinne verschlossen denn, daß sie die -Posaunen nicht hört, meint sie noch Frieden, da schon Widder die Mauern -anrennen? - -ACHAB: - -Ihre Sinne sind dunkel geworden. Was sie hört, vermeinet sie Traum. Die -Türen hab ich vertan und die Spalten verschlossen, daß nichts Eingang -finde von Lärmen und Licht! - -JOCHEBED: - -Sie weiß es nicht? Sie weiß es nicht? Wunder ist dies und grausam -zugleich. Nichts, sagst du, Achab, weiß sie, auch kein Ahnen rührt ihren -Sinn? - -ACHAB: - -Manchmal flog Ahnen sie an, doch traumhaft nur, und mit Worten scheucht -ich es fort. Nur gestern, als das Volk schrie bei des ersten Widders -Prall, da schreckte sie auf. Die Decken warf sie im Fieber von sich und -reckte die Hände, sie müsse hinaus, sie müsse zu Walle, Krieg sei im -Land, Feind in der Stadt, Zion vergehe, Jerusalem falle. Das Wort sei -erfüllt, ihr Sohn, er habe es wahrgesagt, der König sei gekommen, der -König von Mitternacht. Und sie reckte sich auf und brach in die Knie, -doch ehe sie noch stürzte, faßte ich sie und trug sie zum Bett und -begütete sie, es sei nur ein Traum, nur ein Fiebertrug, dies Dröhnen -draußen von Volk und Posaunen. Sie schien es zu glauben und lag dann -offenen Auges und horchte dem dunklen Gedröhne der Gasse nach. - -JOCHEBED: - -Wie sonderlich! Doch sag: was ists, das sie so verwirrt? - -ACHAB: - -Ihre kranken Sinne suchen den Sohn. - -JOCHEBED: - -Jeremias ... den Rasenden ... den Geiferer der Gasse ... sie selbst doch -stieß ihn aus dem Haus. - -ACHAB: - -Doch ward keine Stunde ihr seitdem froh. Stumm saß sie nur mehr in den -Gemächern, und oft fand ich sie gebeugt über das Tor wie einer, der -eines Gastes wartet. Und als er nicht kam und nicht kam, ward es mählich -düster in ihren Sinnen. - -JOCHEBED: - -Doch was kommt er nicht, der Verworfene, daß sie genese an ihm? Die -Gassen streift er alltags und speit Fluch in das Volk, indes die Mutter -seiner sehnend ist. Warum kommt er nicht, der Schwätzer des Markts, der -Würger der Freude? - -ACHAB: - -Unwissend ist er, daß sie seiner begehrt. Stolz ist er wie sie selbst, -nicht die Steine der Schwelle tritt er, auf die sie ihn gestoßen. - -JOCHEBED: - -So laß es ihn wissen. - -ACHAB: - -Wie darf ichs ohne ihr Geheiß? Ein Sklave bin ich, ein Diener nur. Darf -ich mich unterfangen denn, zu hören, was sie unwissend spricht? - -JOCHEBED: - -Du darfst es, du mußt es, so es ihr Leben gilt. - -ACHAB: - -Ist wahrhaft dies dein Meinen? Glaubst du, ich täte recht, voraus zu -sein ihrem Wort und ihm Botschaft zu senden? - -JOCHEBED: - -Bei Gottes Güte, so mein' ichs. Ihr Leben rettest du damit. - -ACHAB: - -So sei Gott gedankt, denn höre, Jochebed! Was du forderst, ich hab es -getan in meines Herzens Bedrängnis. - -JOCHEBED: - -Gesegnet, gesegnet dafür! - -ACHAB: - -Schon gingen meine Knaben aus, ihn zu suchen. Durch die Stadt sandte ich -sie, noch fanden sie ihn nicht, doch hart sind ihre Schritte hinter den -seinen! - -JOCHEBED: Ach, fänden sie ihn nur! Es würde ihr Genesung bringen, der -Armen, denn wirr ist zwischen Stolz und Sehnen ihr Sinn. - -ACHAB: - -Ja, wirr ist ihr Gefühl und verdüstert ihr Blut. Seit er ging, ist sie -wie mit sich selber entzweit. - -JOCHEBED: - -Ach, wer fühlt denn noch klar in der Wirrnis der Zeit! - - (DIE MUTTER regt sich seufzend auf dem Bette.) - -JOCHEBED (ihr Erwachen bemerkend, leise zu Achab): - -Achab ... sie regt sich ... der Schlaf fällt von ihr ab ... noch sind -ihre Augen verschlossen, doch ihre Lippen füllt schon das Wort ... - - (ACHAB eilt hin und beugt sich über die Kranke.) - -DIE MUTTER (mit geschlossenen Augen, ihre Stimme ist leise wie ferner -Gesang): - -Sag, ist er gekommen, sag, kam er schon? Oh, wo ist er, wo ist er, mein -Sorgensohn? - -JOCHEBED (flüsternd): - -Wie wunderlich! Zum erstenmal denkt sie seiner im Wort! - -ACHAB: - -Noch ist Traum über ihr, noch sind ihre Augen verhangen. - -DIE MUTTER (regt sich und schlägt ihre Lider auf): - -Wo ... Achab ... Du bist es ... Jochebed ... oh, das Dunkel über mir ... -Traum, Traum, der mich verwirrte ... wo ... - -ACHAB (zärtlich sich hinbeugend): - -Wie fühlst du, du Liebe? Wie hast du geruht? - -DIE MUTTER: - -Wie kann ich ruhen ... wie ruhen in solcher Träume Schrecknis ... wo ist -er ... war er nicht hier ... wo ist er ... ich hab ihn gesehen ... was -ging er fort ... - -JOCHEBED: - -Sieh den Glanz in ihren Augen! Wie aus Fieber blickt sie, noch wirrt sie -der Traum. - -ACHAB: - -Wen meinst du, Liebe? - -DIE MUTTER: - -Fort ... was ging er fort ... was ließest du ihn von mir ... hier war -er, hier ... - -ACHAB: - -Keiner war im Gelaß, denn Jochebed und ich ... - -DIE MUTTER: - -Nicht er ... nicht er ... oh, Träume, wie voll ist von ihnen das Haus ... -(plötzlich sich aufrichtend, fiebrigen Blicks): Was rufst du ihn -nicht ... er soll kommen ... soll kommen ... - -ACHAB: - -Wen soll ich rufen? - -DIE MUTTER: - -Was fragst du, was fragst du? Siehst du nicht, Tod kniet auf mir, und du -rufst ihn nicht! - -ACHAB: - -Wie wagte ich ... - -DIE MUTTER: - -Oh, daß meine Füße vermauert sind, daß ich sieche, gehütet von blinden -Knechten, von steinernen Herzen. Fort ... fort von mir! - -ACHAB: - -Aber Liebe ... - -DIE MUTTER: - -Verraten hast du mich ... gesperrt ihm das Haus ... gewiß war er hier, -und du hast ihn fortgestoßen ... er war hier ... mein Blut spürt ihn an -der Schwelle ... er harrt nur des Rufes, und du schweigst ... Du hast -ihn weggestoßen. - -ACHAB: - -So höre doch, Liebe ... - -DIE MUTTER: - -Weh über mich ... fort ... fort von mir ... mögest du sterben wie ich, -verlassen von deinen Kindern, sterben am Streu wie das Räudige ... - -ACHAB: - -Ein Wort nur laß mich sagen. - -DIE MUTTER: - -Ein Wort nur will ich hören, nur eines: Er kommt, er ist da ... - -ACHAB: - -Dies eben vermeld ich ... er kommt ... schon nahen dem Haus seine -Schritte ... - -DIE MUTTER (sich aufrichtend, ganz verzückt): - -Er kommt ... er kommt ... mein Jeremias ... oh, Achab ... nicht belüge -mich ... nicht trüge den Tod ... - -JOCHEBED: - -Schon hat er die Söhne gesandt, daß sie ihn suchen ... bald ist er hier ... - -DIE MUTTER: - -Er kommt ... Ist es wahr ... er kommt ... ja, schon höre ich ihn ... in -mir gehen seine Schritte ... ich hör ihn im Haus ... er will herein ... -im Herzen pocht er ... hinab, so geh doch, ans Tor, eile, flieg hinab ... -was steht ihr noch ... - -ACHAB (beruhigend): - -Du Liebe, gleich ist er bei dir ... frühmorgens schon sandte ich die -Söhne ... er kommt gewiß ... - -DIE MUTTER (wieder erregt): - -Nein ... er kommt nicht ... träge sind sie, die Knaben, nicht suchen sie -ihn ... sie streichen die Gassen ... oh, eilten sie doch ... das -Dunkel ... das Dunkel ... im Blute steigt mirs auf ... ich ... ich will -ihn noch sehen, eh mirs blendet den Blick ... geh, Achab ... sieh -doch ... er ist da ... - -ACHAB: - -Gedulde dich, Liebe, nicht reg dich so wild. - -DIE MUTTER: - -Laß ihn ein ... was läßt du ihn warten ... hörst du nicht, wie er -hämmert am Tor ... an den Schläfen fühle ichs schon ... auf ... tu ihm -auf ... wie er hämmert ... weh ... wie er hämmert mit den Fäusten ... -auf, tu ihm auf ... - -ACHAB: - -Noch ist er nicht hier, Liebe, doch er zögert nicht lang ... - -JOCHEBED: - -Gleich wird er kommen ... gedulde dich ... - -DIE MUTTER: - -Nein, nein, er ist da ... was haltet ihr ihn von mir ... ich habe nicht -Zeit ... kalt rinnts mir die Glieder herauf ... oh, kalt ... wie Stein -meine Beine ... es will ... es will ... - - (JEREMIAS ist leise zur Türe eingetreten und bleibt zögernd dort - stehen, seine Hände sind verkrampft, sein Haupt wie von ungeheurer - Last gebeugt.) - -ACHAB: - -Nicht raff dich so auf ... bette dich hin ... er wird ... - - (ACHAB bemerkt Jeremias, er hält erschrocken inne; auch Jochebed - schweigt voll starrer Ergriffenheit. Eine steinerne Stille steht - plötzlich im dunklen Raum.) - -DIE MUTTER (sich mühsam aufrichtend): - -Was schweigt ihr plötzlich mit einemmal ... was schweigt ihr so? -(Plötzlich mit einem Jubellaut): Ist er gekommen ... ist er da, mein -Kind, mein Sohn ... mein Jeremia ... oh, daß meine Sinne so dunkel -sind ... wo ... wo bist du, Jeremia ... - - (JEREMIAS tritt zögernd einige Schritte näher, bleibt dann stehen, - gleichsam vom eigenen Gefühle bezwungen.) - -DIE MUTTER (sich gegen ihn wendend): - -Du bist da, ich fühl es ... meine Sinne eratmen dich ... weh, daß es so -dunkelt vor meinem Gesicht ... was trittst du nicht nah, daß meine Hände -dich fassen ... Was kommst du nicht, mein Jeremia? - -JEREMIAS (unbeweglich verharrend, die Hände an sich gekrampft): - -Ich wage es nicht! Ich wage es nicht! Unheil hängt mir an, Fluch fährt -mir voraus. Laß mich ferne stehn, daß mein Hauch dich nicht rühre, nicht -Schauer anstreife dein heilig Herz! - -DIE MUTTER (fiebrig): - -Mein Kind, meine Arme, sie sehnen sich aus, was kommst du nicht, Lieber, -was kommst du nicht nah? Ward dir so widrig die Lippe, so fremd meine -Hand? - -JEREMIAS: - -Fremd bin ich mir selbst, fremd steh ich im Haus! - -DIE MUTTER: - -Oh, er verstößt mich, er läßt mich zum andermal! Was läßt du mich -sehnen, was bist du so hart? - -JEREMIAS: - -Ich kann nicht! Ich kann nicht! Ein Wort brennt zwischen mir und dir wie -des Engels Schwert. - -DIE MUTTER: - -Oh, der Fluch, den ich tausendmal selber verfluchte. Wind hat ihn -zerblasen, mit dem Atem ist er verweht. - -JEREMIAS: - -Nein, Mutter, wach ist dein Fluch und alle Gassen rege deines Worts. Von -den Häusern ist er gefahren wider mich, aus aller Menschen Mund sprang -er mich an. Nicht dein Sohn, nicht atmend Fleisch bin ich mehr, nur -Gelächter einer Welt, der Ausgestoßene bin ich worden meines Volks und -der Zorn der Gerechten, der Vergessene Gottes und Ekel mir selbst. -Allein, laß mich allein, abseits laß mich stehen im Dunkel, den -Verfluchtesten aller! - -DIE MUTTER: - -Oh, mein Kind, und wärest du der Verstoßene einer Welt, in der Priester -Bann und des Volkes Acht, und hätte selbst Gott dich verstoßen von -seinem Antlitz, mein Kind bist du und mein selig Blut für immerdar! Für -ihren Haß will ich dich lieben und segnen für ihren Fluch! Haben sie -gespien auf dich, oh, komm, daß ich dich küsse; haben sie dich -verstoßen, oh, komm, daß ich dich empfange; oh, kehr heim an mein Herz, -da du ausgegangen. Süß ist mir deine Lippe, die bittere, und süß das -Salz deiner Tränen, gesegnet mir dein Wandel für allezeit, kehrst du nur -heim an mein mütterlich Herz ... - -JEREMIAS (mit einem Aufschrei hinstürzend und in die Knie sinkend): - -Oh, Mutter, du ewige Güte du! Oh, Mutter, du meine verlorene Welt! - -DIE MUTTER (ihn in den Armen einwiegend, hält ihn lautlos umfangen. Ihre -Hände streichen immer aufs neue zitternd über sein Haupt, seinen Leib. -Endlich blickt sie ihn an, in ihrem Auge glänzt ein fremdes, -glückseliges Licht, wie sie gleichsam in singender Klage zu ihm -spricht): - - Mein Kind, du mein weltverlorenes Kind, - Ach, wärst du doch niemals von mir gegangen - Zu den Menschen, die starr wie die Steine sind! - Oh, du Lieber, du Guter, du spät Belehrter, - Mein Herzgewiegter, mein Heimgekehrter - Ruh aus nun, du Lieber, am Herzen ruh aus, - Ich habe dich ja wieder, spür Blut dich im Blut, - Väterlich hält dich mit Stille das Haus, - Mütterlich warm mein Arm dich gefangen. - Laß dir streicheln die Stirn, laß dir schmeicheln das Haar - Wie einstens, wenn in dir ein Wehes war, - Und das Wort, das harte, das törige Wort, - Sieh, schon streichts die Hand von den Schläfen dir fort. - -JEREMIAS (mit leisem Erschrecken): - - Oh, Mutter, wie deine Hände doch schmal sind, - Oh, Mutter, wie deine Wangen doch fahl sind, - Dein Herz ward so still, deine Lippen so blaß. - Bist du krank denn, Mutter, sag, fehlt dir etwas? - -DIE MUTTER: - - Was mir fehlte, warst du allein, - All, was mich quälte, dein Fernesein. - Als hier vom Haus - Dein letzter Schritt im Gang verklang, - Da ward herzinnen mir so schwach, - Wie jenes Tags vor Jahr und Jahr, - Als ich dich in die Welt gebar - Und vieler Monde volle Frucht - Aus meinem süß beschwerten Schoß - Mit einmal schmerzhaft von mir fiel - Und fast das Herz mir stille stand, - Da es nicht mehr dies andre fand, - Das mit ihm schwang im Wechselspiel. -- - Oh, jene Stunde banger Qual, - Da du zuerst dich mir entrafft, - Als neue Not und Mutterschaft - Durchlebt ich sie nun abermal, - Oh, Tag um Tag und Nacht für Nacht, - Und du weißt nicht, wie Sehnsucht uns müde macht. - -JEREMIAS: - - Oh, Mutter, so hast du um mich gelitten, - Und ich stieß durch die Straßen, starrfühlend wie Stein! - Oh, Mutter, wie kann ich dir dies abbitten, - Oh, Mutter, wie kannst du mir dies verzeihn! - -DIE MUTTER: - - Und wenn ich so mit mir allein - Im leeren Haus verlassen lag, - Träumt ich dir all deine Träume nach. - Bei Tag - Da duckten sie sich, da hockten sie stumm - Im grauen Gespind und Gebälk herum. - Doch kaum, daß am Dach die Sonne verblich, - Da regten sie sich, - Wie Eule, Unke und Fledermaus - Flatterten sie schwarz aus den Schatten aus. - Sie schlichen - Und strichen - Um meine Schläfen mit Graun und Geraun. - Sie hockten - Sich schwer auf die Brust, daß der Atem mir stockte. - Sie hackten - Und nagten - Kaltgleitende Schatten mir schwarz auf der Stirn - Und fraßen den Schlaf vom Herzen und Hirn. - Oh, wie sie mich quälten, die widrigen Tiere, - Die wirrichten Träume, die geilen Vampire, - Bald kühlten und bald durchschwülten sie mich, - Bis tiefst zu innen aufwühlten sie mich, - Daß ich, wenn endlich der Morgen anbrach, - Entkräftet im Schweiß meines Leibes lag, - Von Schauer und Traum - Ganz ausgehöhlt wie ein uralter Baum. - -JEREMIAS: - - Oh, Mutter, oh, Mutter, was tat ich dir an! - Und ich strich die Straßen, fremd, unbedacht! - Mit Jahren laß jede Nacht mich entsühnen, - Die du um meinetwillen verwacht! - Jetzt, jetzt erst hebt ja mein Leben an, - Seit ich heim in deine Vergebung mich fand, - Nun weiß ich erst, daß die wirrichte Welt - Der Liebe nicht auch nur ein Tausend enthält, - Als das milde Kreuz deiner Arme umspannt. - -DIE MUTTER: - - Oh, mein Sohn, mein Kind, mein Jeremia, - Oh, ahntest du, was du an Tröstung gibst, - Wenn ich wieder erfühle, daß du mich liebst, - Oh, daß du doch immer mir nahe bliebst, - Du mein brennender Trost, mein seliges Licht, - Du mein Erdenbrot, du mein Gottesdank, - Genesen entglüht mir schon deinem Gesicht! - Oh, höre, ich beschwöre dich, - Jeremias, verlaß mich nicht, - Bleib mir jetzt nah, es währt nicht lang, - Bleib da bei mir, Jeremia! - -JEREMIAS: - -Was fürchtest du ... ich faß dich nicht ... - -DIE MUTTER: - - Nicht lüge, nicht betrüge mich. - Glaubst du, daß ichs nicht innen spür, - Wie sichs mit mir zu Ende neigt. - Ich fühls: der Tod ist wach in mir! - Und wie in einer Schattenuhr - Ganz unmerklich - Der schwarze Zeiger Strich um Strich - Wandaufwärts schiebt und ründet sich, - So steigt - Mit jedem wachen Atemzug - Das Dunkel tiefer mir ins Blut. - Weh, daß ichs selbst so wissend spür, - Wie ich im wachen Blut einfrier. - -JEREMIAS: - - Mutter, wie soll ich den Wahn verstehn, - Du willst mich verlassen? Willst von mir gehn? - Bedenke, nun sind - Wir doch einander kaum wiedergewonnen, - Zu neuer Gemeinschaft, Mutter und Kind, - Nun erst hat mein wahrhaft Leben begonnen, - Gott hat nicht vergebens mich heimgesendet - Aus meiner Wirrnis und meinem Wahn: - Ein Anbeginn ist dies von Gott und kein Ende, - Oh, Mutter, heb neu mir zu leben an! - -DIE MUTTER: - - Du ewiger Träumer, du mein töriges Kind, - Wie verführungsvoll deine Worte doch sind! - Ach, daß ichs vermöchte, - Was du ersehntest, dir wahrhaft zu werden, - Ein Traum wär die Welt, zum Himmel die Erde! - Im stillen Haus, einträchtig zu zwein, - Wie friedsam sollte dies Leben sein! - Mit lindem Gang - Schritt ich des Tags deine Stunden entlang, - Und zur Nacht - Säß ich ob deinem Schlummer wach - Und glänzte den Blick als ein lauschend Licht - In das schlafend Dunkel auf deinem Gesicht, - Ich horchte in deines Atems Getön, - Ob still er weht - Oder heiß von Fiebern und Träumen geht. - Und fühlt ich, die Träume erschreckten dich, - So weckte ich dich, - Und dein erster, dunkelenttauchender Blick - Fiele froh in das Lächeln des meinen zurück. - -JEREMIAS: - - Mutter, Geliebte, sorge dich nicht, - Meine Nächte sind dunkel und träumeleer. - Es ist vorüber: ich träume nicht mehr. - -DIE MUTTER: - -Du träumst nicht mehr? - -JEREMIAS: - - Ich träume nicht mehr. - Mein Schlaf ward schwarz, mein Schlaf ward stumm, - Nicht mehr wallen - In meinem Blut die Gesichte um, - Meine Träume sind tief in den Tag gefallen, - Ihr Schauer hat sich den Stunden gesellt: - Ich träume nicht mehr, denn wach ward die Welt. - -DIE MUTTER (ekstatisch): - - Jeremia! Du träumst nicht mehr? - Oh, wie gut! Oh, wie gut! - Siehst du Verzagter, ich wußte es ja, - Gott würde dein dunkelndes Herz erleuchten - Von seiner Wirrnis und seinem Wahn! - Oh, so selig sicher glühts mir im Blut, - Was ich dich lehrte von Anfang an: - Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen, - Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen, - Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm, - Ewig werden die ragenden Mauern, - Ewig die Herzen Israels dauern, - Ewig währet Jerusalem! - -JEREMIAS (ist von den Knien aufgefahren. Er starrt sie wie ein Sinnloser -an. Seine Lippen beben das Wort wie eine Frage nach): - -Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt ... umwallen?... - -DIE MUTTER (aufzitternd vor Angst): - - Was schrickst so jäh, - Was blickst du so blaß? - -JEREMIAS (noch ganz benommen im Schauer): - -Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt umwallen ... - -DIE MUTTER: - - Jeremia, sprich, - Was ist dir geschehn, - Was krampfst du die Hand, - Was birgst du den Blick? - Was schrickst du und blickst du so unbewußt? - Und ihr, - Achab, Jochebed, - Was winkt ihr ihm ab, - Was blinkt ihr ihm zu, - Jeremia, Jeremia, - Sage mir, sage, was ist geschehn? - -JEREMIAS (sich fassend): - - Nichts, Mutter ... nichts ... nicht errege dich. - Mir war - Nur dein Wort so fremd ... so sonderbar. - -DIE MUTTER: - - Nein! - Euer Blick - Ward mit einmal schwarz und sorgenumdüstert; - Und nun steht ihr im Dunkel und schauert und flüstert. - Fürchterlich, fürchterlich - Ist dies Geheimnis, das ihr verschließt. - Ich spür - Es wie Tod und Gottes Zorn über mir. - -JEREMIAS (stammelnd): - -Nichts, Mutter ... nichts ... verbergen wir dir. - -DIE MUTTER: - - Was belügt ihr mich, - Was betrügt ihr mich? - Noch bin ich nicht tot und nicht eingesargt, - Noch geht der warme Atem von mir, - Noch schlägt mir das Blut aus dem Herzen heraus, - Noch kann ich hören, noch bin ich nicht stumm, - Noch bin ich lebendig im eigenen Haus. - -JEREMIAS: - - Mutter ... du fieberst ... Wahn hält dich umkrallt, - Deine Schläfen sind Feuer ... deine Hände so kalt ... - -DIE MUTTER: - - Was biegt ihr mir aus, - Was schließt ihr mich ab? - Und wär es die Schrecknis, ich will um sie wissen! - Warum, oh warum - Sind hier die Fenster und Türen verhängt, - Warum ist alles so dunkel und stumm? - Wie in einen Sarg - Habt ihr mich wach in mein Bett versenkt, - Mich schwarz vergraben in Matten und Kissen. - Warum, warum - Stoßt ihr gewaltsam in Grauen und Grab - Mich, die Lebendige, jetzt schon hinab? - -JEREMIAS: - - Mutter ... Mutter ... bette dich hin ... - Nicht wirf dich hoch ... beruhige dich ... - Meine Hände fühle ... ich bin doch bei dir ... - -DIE MUTTER: - - Ich lebe ... ich lebe ... ich lebe noch, - Ich lasse mich nicht belügen und trügen. - Fürchterlich Wachen kommt über mich. - Ich weiß es, ich weiß es jetzt grauenvoll klar, - Daß mein Träumen nicht Traum, sondern Wirklichkeit war. - Oft - Hörte ich Dröhnen - Von Rossen und Wagen, - Ein Tönen, - Klirren und Klagen und Waffenschlagen, - Posaunen schollen dumpf in den Raum her, - Und ich lag - Von Grauen umdrängt - Und meinte, - Daß all dies nur mein eigener Traum wär. - Doch jetzt - Bin ich wach, - Grauenhaft wach, - Der Tod hat die Lider mir aufgesprengt. - Ich weiß, - Warum ihr das Licht und den Lärm mir verhängt: - Unheil ist um in der Stadt, in den Toren, - Wir sind geschlagen, wir sind verloren. - Wehe, Krieg ist in Israel! - -JEREMIAS: - -Mutter! Mutter! - -DIE MUTTER: - - Jeremia, - Jeremia, sprich, - Nicht laß mich in Dunkel, nicht schweige mich an. - Sag, - Ist er gekommen, - Den du verkündet, - Der König, der König von Mitternacht? - -JEREMIAS: - -Du träumst, Mutter, du träumst. - -JOCHEBED (flüsternd): - -Leugne es ihr ... um ihres Lebens willen leugne es ihr ... - -DIE MUTTER (im Fieber): - - Weh, die Fanfaren, - Wie sie dröhnen und schallen! - Er ist da, er ist da, - Der reisige König von Mitternacht! - Krieg ist in unsere Länder gefallen, - Feind kommt gefahren - Unendliche Scharen. - Weh, wie sie stürmen! - Es knicken die Mauern, - Es brechen die Tore - Gewaltig entzwei. - Verloren ... verloren - Israels Stadt und heiliges Haus. - Die Mauer begräbt mich, - Die Mauer erschlägt mich. - Weh! Ich will nicht verbrennen im Bette! - Rette mich, rette! - Wohin - Soll ich entfliehn? - Jeremia ... wo bist du ... Jeremia, - Hebe mich fort ... trag mich hinaus! - -JEREMIAS (bei ihr kniend): - - Mutter, Mutter, unseliger Wahn - Hält dich umkettet, - Mutter, Mutter, höre mich an! - -DIE MUTTER: - - Ich halt deine Hand, ich halt deine Hände, - So schwöre mir, schwöre, - Daß es nicht wahr ist. - Schwöre mir, schwöre, - Daß Israel nicht in Not und Gefahr ist. - Schwör mirs, beschwöre, - Daß kein Feind mir die letzte Ruhe verstört, - Daß mein Leib in Zion zur Erde fährt! - -JEREMIAS (erschreckt): - - Es wird ... es wird ... Gott wird gnädig sein - Unserm Tode, wie ers dem Leben ist. - -DIE MUTTER: - - Jeremia, - Sage mir, sage, - Bin ich wach oder wirr, - Ist Feind vor den Toren - Oder seligen Friedens voll unsere Welt? - - (JEREMIAS mit sich ringend, sucht vergeblich ein Wort.) - -ACHAB (gleichzeitig auf ihn eindringend): - - Täusche sie ... sprich - doch ... eh sie vergeht. - Siehst du denn nicht, - Wie dunkel schon auf ihrem Gesicht - Schatten des Todesengels hinweht? - Die Angst ... die Schrecknis ... scheuch ihr sie fort ... - -JOCHEBED: - - Sprich ihr zu ... sonst wird es zu spät ... - Ein Wort nur ... ein Wort, - Daß sie in Frieden zu Gott eingeht. - -JEREMIAS (mit sich ringend): - - Ich ... kann nicht ... ich kann nicht. - Es hält mir einer die Kehle umpreßt, - Es hält mir einer die Seele umschnürt ... - -DIE MUTTER: - - Wehe, - Er schweigt, - Oh, wahr, es ist wahr! - Gott hat sein eigenes Volk geschlagen ... - Jerusalem ... Fluchtag, der mich gebar ... - Das Dunkel ... wehe ... das Dunkel steigt ... - Brand überm Land ... die rasende Glut ... - Weh, ich verbrenne ... rettet mich fort ... - -ACHAB (gleichzeitig): - -Ein Wort ... ein Wort nur sprich ... nur ein Wort. - -JOCHEBED: - -Tröste sie ... tröste sie ... eh sie vergeht ... Ein Wort nur ... ein -Wort ... sieh, wie sie verschmachtet. - -JEREMIAS (wie ein Gewürgter röchelnd): - - Ich ... kann es nicht sagen ... das Wort ... - Er läßt nicht ... Er ... Mir die Kehle verdorrt ... - Die Hand ... die grausame Gotteshand ... - Mir ... die Seele geschnürt ... die Kehle umspannt ... - Gott ... Gott, gib mich frei ... gib mich frei ... - -DIE MUTTER (aufzuckend in wildem Schrei): - - Verloren ... weh ... wehe ... ich brenne ... Mord im Gezelt ... - Hilfe ... die Stadt ... der Tempel ... Gott fällt ... - Gott ist gefallen ... verloren ... die Flammen Gehennas ... - Ins Herz ... bis ins Herz ... oh, Jerusalem ... - - (Die Mutter stürzt plötzlich in sich zurück. Ein tiefes Schweigen.) - - (ACHAB UND JOCHEBED treten erschreckt heran und beugen sich über die - Tote.) - -JEREMIAS (Stimme plötzlich grell wie ein Springquell aufschießend): - - Es ist nicht wahr: - Ich log, ich log, - Ewig währet Jerusalem, - Nie wird ein Feind unsere Stadt umwallen, - Nie Zion sinken, nie Davids Burg fallen. - Höre mich, Mutter, noch einmal aufhöre, - Ich schwöre, siehe, ich schwöre, ich schwöre: - Ewig währet Jerusalem! - -ACHAB (im Zorn): - - Weg, - Du schreist sie nicht wach! - Laß ihr den Frieden! - -JEREMIAS: - - Sie muß mich hören, sie muß mich hören, - Eh es zu spät ist! - -ACHAB: - - Es ist zu spät! - Weg - Von ihrer Stille, - Fort aus dem Gemach, - Du schreist sie nicht auf, du lügst sie nicht wach! - Was sprachst du nicht, da sie vor Angst sich verzehrte - Und ihr Leben an deinem Schweigen verging? - Fort, - Du Mitleidsloser, du Gottesnarr, - Du wüster Träumer, du Ausgestoßner! - Da, - Sieh nur, wie starr - Ihre Blicke nach Güte und Hoffnung fragen, - Und du hast - Ihr den Schrecken des Todes hineingeschlagen. - Du Gottverfluchter ... weg ... laß ihr den Frieden ... - Der du sie selber gemordet hast. - -JEREMIAS (stammelnd): - -Laß mich ... ich will ... - -JOCHEBED: - - Fort, du Aussatz - Von den Gerechten, - Fort aus dem Haus! - Wehe, warum - Ließ sie dich ein? - Weg, du Verfluchter, - Rühr nicht die heilige Stille an - Und den Tod, den du ihr angetan. - -JEREMIAS (zusammenbrechend): - - Ewig verflucht, - Ewig verstoßen, - Aus dem Mutterschoß in die Welt hinein, - Gott ... Gott ... es ist hart, dein Bote zu sein! - - (ACHAB UND JOCHEBED umschreiten feierlich die Tote. Sie drücken ihr - die Augen zu und schlagen die Laken um ihren Leib. ACHAB geht zu den - Krügen und schüttet das Wasser auf die Erde. Man hört nur ihr - ernstes Schreiten. Jeremias stumpfer Blick ist starr zu Boden - gerichtet. Ein langes, tiefes Schweigen voll der Geheimnisse des - Todes.) - - (LÄRMEN von außen, heftige Stimmen in Erregung.) - -ACHAB: - -Wer dringt heran? - -JOCHEBED: - -Außen stehen sie, ein lärmender Hauf. Sie wollen ins Haus. - -ACHAB: - -Wie die Feinde pochen sie hart. Tu ihnen auf! - -JOCHEBED: - -Wehe, die Wilden! Sie sprengen das Tor! - - (Gepolter nah außen von zerbrechendem Holz. Herauf dringt das - Dröhnen schwerer hastiger Schritte und herein stürmen SEBULON, - PASHUR, HANANJA, DER ERSTE KRIEGER und ein Schwarm mit ihnen.) - -SEBULON: - -Hier muß er sein. - -EIN KNABE: - -Ich sah ihn eingehn ins Haus. - -STIMMEN: - -Ich auch! Vor einer Stunde schlich er hier ein. Ich hielt Wache, wie du -befahlst ... ich auch ... ich hab ihn gesehn. - -ACHAB: - -Wen sucht ihr? - -PASHUR: - -Gib ihn heraus, den du birgst! - -SEBULON: - -Wir wollen ihn fassen! Blut um Blut! - -ACHAB: - -Was lärmt ihr! Weg von hier, ihr Rotte ... - -PASHUR (die Tote sehend, hebt die Hände von sich und spricht ernst): - -Gelobt sei der ewige Richter. Gnädig möge er sein der Gerechten! (Dann -wendet er sich und tritt schweigend zurück.) - -DIE ANDERN (plötzlich still werdend, murmeln): - -Gelobt sei der ewige Richter ... - -EINER (leise): - -Wer starb? - -ACHAB: - -Eine, von der Gott sein Antlitz kehrte. Eine Kummervolle, eine -Leidbeschwerte. Eine, deren Schmerz und bitterste Sorge war, daß sie -einen Feind ihrem Volke gebar. - -EINER: - -Jeremias! - -SEBULON: - -Ihn suche ich! Ihn suche ich! Jeremias! - -JEREMIAS (auffahrend, seine Stimme ist gewaltig von schmerzlichem -Zorne): - -Wer sucht mich noch? Wer will noch Fluch schreien über mich? Er komme, -daß er es tue, der Aufgetane bin ich allen Flüchen dieser Erde! - -SEBULON: - -Ich komme, dir zu fluchen, du Verfluchter, ich, Sebulon, der Vater -Baruchs, den du verführtest. Wo ist mein Sohn? - -JEREMIAS (abwesend): - -Ich weiß es nicht. Nicht bin ich der Hüter deines Sohnes. - -SEBULON: - -Der Verführer doch bist du und der Verderber. Schande hast du geworfen -auf mein Haupt und Schmach auf seinen Namen. Brüder um mich, höret, -diesen klage ich an! Er hat meinen Sohn verlockt, daß er untreu ward -seinem Gotte und feige an seinem Volke. Er hat ihn beredet, mit Worten -des Unheils und verleitet zur Schande. - -HANANJA: - -Antworte! Klage erhebt dieser Mann wider dich! - -JEREMIAS: - -Auch er klaget, auch er? Wehe, wenn ich anhübe zu klagen, mein Wort -müßte fahren zu Gott! - -STIMMEN: - -Er schweigt ... er redet wirr, daß man ihn nicht fasse ... Haltet -Gericht ... nicht gebet ihn frei ... Pashur, Hananja ... Ein Ende machet -mit ihm ... haltet Gericht ... - -HANANJA: - -Hast du Zeugen deines Wortes, Sebulon? - -SEBULON: - -Verschwunden ist mein Sohn aus der Stadt, und mit ihm nur ward er -gesehn! Und dieser hat gehört, wie er ihn verlockte des Mitternachts an -der Mauer, daß er überliefe zum Feind! - -HANANJA (zu dem ersten Krieger): - -Bist du des zu zeugen erbötig? - -DER ERSTE KRIEGER: - -Ich bin es, Profet! Da ich stund auf dem Walle, kamen selbander die -beiden, dieser, Jeremias, den ich kannte, und ein Jüngerer, wie ein -Knabe anzuschaun, schwarz von Haar und feurigen Blickes ... - -SEBULON: - -Baruch, mein Sohn, mein Kind, das verführte! - -DER ERSTE KRIEGER: - -Und viel Redens war zwischen ihnen, und dieser, Jeremias, kündete laut -Untergang, daß mir das Herz ergrimmte ... - -HANANJA (zu den andern): - -Habt ihr vernommen? Laut kündete er Zions Fall! - -DER ERSTE KRIEGER: - -... und da der König gegangen war und beide allein, klomm jener, den ihr -Baruch nennet, die Mauer hinab und lief zum Feinde, indes dieser zagte -und blieb. - -SEBULON: - -Hört ihr? Habt ihrs vernommen, Männer Israels? Der Verführung klage ich -ihn und der Schmach über mein Haus. - -PASHUR: - -Was ist dein Einspruch, Jeremias? Klage stehet wider dich. - -JEREMIAS (schweigt). - -PASHUR: - -So nennest du keinen Zeugen? - -JEREMIAS (dumpf): - -Der für mich zeugen wird, nennet sich nicht. - -PASHUR: - -Wird er sich erweisen zur Zeit? - -JEREMIAS: - -Oh, Schweigen, Schweigen! Qual eurer Worte! - -HANANJA: - -Hört ihr? Eitel Ausflucht und Ränke! - -STIMMEN: - -Er leugnet nicht ... überwiesen ist er! Ein Ende, macht ein Ende. - -PASHUR: - -Stille! Gerecht Gericht will ich halten! Jeremias, ich rufe dich zu -Einspruch und Widerrede! - -JEREMIAS (schweigt). - -PASHUR: - -Klage ist wider dich, daß du gekündet Untergang wider des Königs Geheiß. - -JEREMIAS (schweigt). - -STIMMEN: - -Er verbirgt sich ... brich seinen Trotz ... ein Ende, mach ein Ende ... - -HANANJA: - -So leugnest du deine Verheißung? - -JEREMIAS (schweigt wie abwesend). - -HANANJA: - -Sehet, vor des Todes Angst bricht seines Lebens Angst. Er schweiget, zum -ersten Male schweiget er! - -JEREMIAS: - -Willst du mich versuchen, du Versucher Israels, daß ich sage nein für -Gottes Ja und ja für sein Nein! Stärker hat er mich versuchet, daß ich -weiche von seinem Wege, und ich bin nicht gewichen. Er hat eine wider -mich gestellt, deren Atem mir teurer war, als meines Lebens Hauch, und -ich wankte ihr nicht, denn wen der Herr zur Geißel erlesen, den reißt er -los vom Baume des Lebens. Steinern bin ich worden in dieser Stunde, oh, -daß ich wäre der Stein des Anstoßes, an dem ihr euch zerstoßet. Weichet -von mir und verstört nicht meinen Frieden! - -SEBULON: - -Nicht weiche ich! Meinen Sohn hat er verstört. Gericht fordere ich, -gerecht Gericht. - -HANANJA: - -Das Volk hat er verwirrt! Tod über sein Haupt! - -STIMMEN: - -Tod über ihn ... befreie uns von seiner Nähe ... tilg ihn aus ... Sprich -deinen Spruch ... - -PASHUR: - -Zweimal habe ich dich gerufen zum Wort. Da du schweigen solltest, hast -du geredet, und nun du reden solltest, schweigest du. Zum drittenmal -rufe ich dich. - -JEREMIAS (schweigt). - -PASHUR: - -So sprech ich deinen Spruch! Nicht mehr sollst du schrecken die Mutigen, -nicht mehr verwirren die Knaben. Jeremias, Sohn Hilkias in Israel ... - -JEREMIAS: - -Ein Ende! Macht ein Ende! Brennt mich nicht an mit den Blicken! Euer -Atem ekelt mich! Ein Ende, ein Ende! - -PASHUR: - -In die Düngergrube stoßt ihn hinab, Unrat zu Unrat, Kot zum Kote, daß -Gottes Licht er nicht länger schände und ledig sei seiner Stimme die -Stadt. Möge er faulen wie seine Worte im Dunkel der Erde. - -JEREMIAS: - -Oh Qual alles Lebens! Oh Qual aller Worte! Gesegnet das Dunkel, gesegnet -das Grab! - -PASHUR: - -Faßt ihn an, vollzieht den Spruch! - -STIMMEN: - -Gerechter Spruch ... gesegnet deine Weisheit ... fort ... hinab ... -schleifen wir ihn fort ... die Seile holt ... die Seile ... daran wir -ihn niederlassen. - -JEREMIAS (zurückzuckend vor ihrer Berührung): - -Nicht rühret mich an, nichts hab ich gemein mehr mit euch! Oh, besser -jetzt im Dunkel zu weilen, denn die Stunde ist nahe, da die Lebendigen -neiden werden die Toten und die Wachen die Schweigenden in Israel. Oh, -wie michs schon lüstet des Schweigens, wie michs brennet, der Toten -Bruder zu sein -- fort -- weichet, selbst scharr ich mich ein, daß ich -erlöst sei der Welt und Israel meiner erlöset sei! - - (JEREMIAS geht mit eingezogenen Armen wie ein Frierender gegen die - Türe, das Haupt schon gesenkt gegen die Tiefe. Die andern beginnen, - ihm vorsichtig nachzufolgen.) - -HANANJA (mit gellem Ton die Stille zerschneidend): - -Jauchze, Zion, geborsten ist die Posaune deines Untergangs, zerrissen -die Lippe deines Leugners. Jauchze, Zion, denn ewig ist deine Blüte! -Ewig währet Jerusalem! - - (JEREMIAS hat sich im Zorne gewaltig umgewandt. Er spannt seine Arme - zur Beschwörung, aus seinen Blicken flammt ekstatische Drohung, von - seinen Lippen will furchtbarer Fluch brechen. Die ihm folgen, fahren - schauernd zurück wie vor eines wilden Tieres Ausbruch. Aber Jeremias - bezwingt sich. Seine Arme sinken langsam nieder, die gespannte - Furchtbarkeit seiner Züge löst sich. Einmal noch sucht sein Blick - das Bett der Toten, dann lischt seine Glut. Er verhüllt sein Antlitz - und schreitet einsam voran, wie gebückt von großer Last.) - -DIE ANDERN (sich allmählich aufraffend, doch noch voll Gedrücktheit): - -Selig, daß wir diesen wüsten Träumer abtaten von der Stadt ... ein -Verhängnis war er ... man verbrannte an seinem Blut ... oh, daß nun doch -Frieden würde ... Friede in Israel ... hinab mit ihm, daß versiegelt sei -dieser Mund des Schreckens, oh, Erlösung ... daß doch nun Friede würde -in Israel ... - - (ALLE folgen in Unruhe und Bewegung Jeremias. Als Letzter verläßt - ernst und sinnend Pashur den Raum. Achab und Jochebed sind - zurückgeblieben und blicken einander unsicher an. Dann hebt Achab - ein Linnen und breitet es ehrfürchtig über die Tote.) - - - - -DAS SECHSTE BILD - -STIMMEN UM MITTERNACHT - - »Es will Abend werden, und die Schatten werden groß.« - - Jer. VI, 4. - - - Das Schlafgemach des Königs Zedekia, ein weiter prunkvoller Raum, - dessen Umrisse sich im Dunkel verlieren. Nur über dem Ruhebett - leuchtet eine Ampel in goldener Schale, und durch das Fenster, das - weitaufgetan über die Stadt blickt, strömt weiches Mondlicht. Vorne - ein breitgefügter Tisch mit tiefen Sitzen; das Ruhebett, hinter - Vorhängen, steht rückwärts in der Mitte des Raumes. - - (ZEDEKIA steht am Fenster und sieht regungslos auf die mondbeglänzte - Stadt. Es ist ganz still und er selbst ein Teil dieser Stille.) - - (DER KNABE SPEERTRÄGER von der Türe auf ihn zu. Er wartet - ehrfurchtsvoll, ob der König ihn bemerken wolle. Zedekia wendet sich - nicht, sondern sieht regungslos in die Nacht hinaus.) - -DER KNABE SPEERTRÄGER (nach einer Pause, ehrfurchtsvoll, behutsam): - -Mein König! - - (ZEDEKIA wendet sich wie erschreckt.) - -DER KNABE: - -Mitternacht, mein König. Die Stunde ist es, da du mich hießest, den Rat -vor dich zu rufen. - -ZEDEKIA: - -Sind alle versammelt? - -DER KNABE: - -Alle, so du entboten. - -ZEDEKIA: - -Hat keiner des Volks oder der Knechte sie gesehen? - -DER KNABE: - -Keiner, mein König. Auf dem geheimen Wege habe ich sie geleitet. - -ZEDEKIA: - -Und der Späher, ist er gesondert von ihnen? - -DER KNABE: - -Er harrt in der Halle der Türhüter. - -ZEDEKIA: - -Er möge warten. Erst rufe den Rat. - - (DER KNABE verneigt sich, hebt den Vorhang der Türe und - entschwindet.) - -ZEDEKIA (allein, durchmißt mit starken Schritten den Raum. Dann bleibt -er wieder am Fenster stehen und blickt hinaus): - -Wie die Sterne heute abends glühen, so sah ich sie nie. In Reihen stehen -sie, wirr und weiß wie eine Schrift zu schauen auf dem Dunkel des -Himmels, und doch vermag keiner sie zu lesen. In Babel, so sagen sie, -sind Deuter und Priester, die den Gestirnen dienen und Zwiesprache -pflegen mit ihnen des Nachts. Anderen Königen sprechen ihre Götter, auf -Türmen sind Stätten gebaut, das Wort der Himmel zu fassen, wenn innen im -Herzen das Dunkel waltet wie am Tage des Anbeginns. Warum sind mir nicht -Diener gegeben, die Zukünftiges wissen! Wahrlich, es ist furchtbar, -Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des Auge keiner -gesehen! (Er blickt lang auf die Stadt): Schlaf liegt auf ihnen, denen -ich gesetzt bin als König, bei ihren Weibern ruhen sie oder bei ihren -Waffen, und all ihr Wachsein ist in mir und ihre Not. Rat muß ich geben, -doch wer ist, der mich beratet? Führer muß ich sein, doch wer ist, der -mich führte? Über sie bin ich gesetzt, doch einer ist gesetzt über mich, -und ich sehe ihn nicht. Schlaf hängt unter mir, Schweigen hängt über -mir. Furchtbar, Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des -Auge keiner gesehn! - - (DER KNABE hebt den Vorhang. Es treten lautlos die fünf Räte des - Königs ein. PASHUR, der Priester, HANANJA, der Profet, IMRE, der - Älteste, ABIMELECH, der Heerführer, NACHUM, der Verwalter. Zedekia - wendet sich und schreitet auf sie zu. Alle verneigen sich.) - -ZEDEKIA: - -Ich habe euch des Nachts entboten, auf daß geheim bleibe unsere Rede. -Des Großen Rates habe ich entraten, denn ich bin seiner nicht sicher -mehr. Zu viele sind sie, als daß ein Geheimnis nicht schlüpfte von -hundert Zungen. Doch euch vertraue ich des Herzens Geheimstes. Redet -frei, wie ich frei zu euch rede, keiner möge zagen, daß ich ihm zürne, -wenn sein Wort gegen das meine sich wendet. Doch was an Rede und -Ratschluß hier fällt, muß tot sein für Stadt und Volk, begraben in -unserer Brust. Das fordere ich von euch und daß ihr es bekräftigt mit -einem Gelöbnis. Legt eure Hände zum Zeugnis in des Priesters Hand, er -bewahre an des Höchsten Statt euren Eid! - - (ALLE heben die Hände schweigend zum Eid und legen sie dann in - Pashurs Hand.) - -ZEDEKIA: - -Und ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, daß ich mein Herz -verschließen will dem Zorne gegen jeden, der wider mich redet. (Er legt -seine Hände in die Pashurs.) Und nun laßt uns Rates pflegen! (Er weist -mit der Hand gegen den Tisch. Alle lassen sich nieder. Schweigen.) Der -elfte Monat ist es, daß Nabukadnezar uns belagert. Die Reben sind grün -geworden zum andern Male. Nichts hat Nabukadnezar vermocht wider -Jerusalem, aber desgleichen auch wir nichts wider ihn. Wie in Wasser -schlägt sein Schwert wider uns, wie in Wasser das unsere wider ihn. -Nichts haben wir unterlassen, dem Hilfe entwachsen könnte. Ich habe -Boten entsandt an Cyros, den Meder, und zu den Fürsten des Morgenlands, -daß sie uns beikämen wider Assur. Sie sind heimgekehrt leerer Hände. -Keiner ist gewillt, unserer Not zu helfen. Wir sind allein. - -HANANJA (heftig): - -Gott ist mit uns! - - (DIE ANDERN schweigen.) - -ZEDEKIA (sehr ruhig): - -Gott ist mit uns, er hat sein Zelt geschlagen auf diesem Hügel, und sein -Haus schattet mein eigen Dach. Aber Gott sendet auch Prüfungen über sein -Volk. Nochmals sei es gesagt: die uns Treue schwuren, haben uns -verraten, Ägypten hat uns verlassen, wir sind allein. Lasset uns nun -bereden, Wort wider Wort, Meinung wider Meinung, wie wir den Streit -ausfechten möchten mit Nabukadnezar oder ob einer Rat wüßte, ihn zu -enden. - -HANANJA: - -Wir müssen beten zu Gott, daß er das Wunder sende. Wir müssen unsere -Herzen füllen mit Gebet und seine Altäre mit Opfern. Wir müssen ein -Doppeltes tun als bisher ... - -NACHUM: - -Es sind keine Opfer mehr, nicht Farren noch Böcke. - -HANANJA: - -Nicht wahr ist dies. Selbst habe ich das Blöken der Rinder gehört, die -du birgst vor den Altären. - -NACHUM: - -Die letzten sind es, Milchkühe, gespart den Frauen, ihre Kinder zu -säugen, und als Zehrung den Kranken. - -HANANJA: - -Man darf nicht sparen für Gott. Mögen darben die Kranken und verdorren -die Brüste der Frauen. Gott darf nicht entbehren des Opfers. - -PASHUR (ernst): - -Sein Herz weiß unsere Not auch ohne Gabe. - -HANANJA: - -Aber nichts ist ihm süßer, denn die Gabe der Not. Man gebe ihm das -Letzte und reiße es selbst sich vom Munde. - -PASHUR: - -Ich kenne die Bräuche, nicht mußt du meines Dienstes mich belehren, -Hananja, besser ist er vielleicht mir bewußt, als dir Gottes Wort und -Wille. - -HANANJA: - -Wer nicht opfert heißen Herzens, wer da zaudert und zählt, ist nur ein -Schlächter des Tieres und nicht Diener des Herrn. Ich aber sage euch, so -ihr nicht das Letzte hingebet von eurer Notdurft, seid ihr nicht würdig, -vor sein Antlitz zu treten ... - -ZEDEKIA (heftig): - -Schweigt stille! Ich mag eure Worte nicht. Noch sind der Sandkörner -kaum zehn niedergeronnen in der Uhr, und schon erhebt ihr Rede -widereinander. Was Gottes ist, will nicht beredet sein. Ich habe euch -zum Rate gerufen über unsere Not und wie wir sie vermöchten zu wenden. -Kriegszeit ist unsere Zeit, und so frage ich dich als ersten, Abimelech, -den Obersten meiner Krieger. - -ABIMELECH: - -Fest sind die Mauern Jerusalems, mein König, aber noch fester ist mein -Herz. - -ZEDEKIA: - -Aber deine Knechte, du Getreuer, wie ist ihr Sinn? Selten höre ich sie -jubeln, und schreite ich an ihnen vorüber, so schlagen sie nicht mehr -die Schilde und wahren den Blick. - -ABIMELECH: - -Schweigsam macht der Krieg, aber er härtet die Herzen. Vorbei ist die -Stunde, da sie jauchzten vor Lust, daß das Schwert ihnen frei aus den -Händen fuhr, denn die Gewöhnung mordet alles Große, und jede Lust wird -schal an der Dauer. Aber sie wachen und warten, ehern hüten sie die -Mauern Jerusalems. - -ZEDEKIA: - -Und wenn die Monde wachsen und sich mindern, wenn abermals das Jahr sich -neut? Wir haben keine Hilfe zu erharren. - -ABIMELECH: - -Mag es dauern, solang es Gott gefällt! Wir werden dauern wie die Zeit. - -ZEDEKIA: - -Der Herr erfülle dein Wort! (Zu den andern:) Ist eure Meinung gleicher -Art? - -PASHUR: - -Wir müssen harren und gedulden, bis das Los des Sieges gefallen. - -ZEDEKIA: - -Und was ist dein Wort, Hananja? - -HANANJA: - -Nie wird Nabukadnezar uns obkommen! Weh denen, die kleinmütig sind und -denen das Herz schmilzt im Leibe, es wäre besser, man schlüge sie mit -der Schärfe des Schwerts. - -IMRE: - -Mein Auge ist trübe geworden, doch es hat dereinstens noch Salmanassar -gesehen, der aufstund wider Israel, und es sah seiner Toten Schar vor -den Mauern. Nie waren so fett die Schakale, denn das Jahr, da Jerusalem -gegürtet war von den Feinden des Herrn. Und so wird er wiederum treffen, -die wider uns aufstunden. Möge mein Auge nicht welken, ehe es diesen -Tag erschaut. Ewig währet Jerusalem! - -ABIMELECH, HANANJA, PASHUR: - -Ewig währet Jerusalem! - -ZEDEKIA (nach einer Pause): - -Ich misse dein Wort, Nachum! Warum verharrst du in Schweigen? - -NACHUM: - -Düster sind meine Gedanken, mein König, und bitter meine Rede. Nicht -drängt sich vor, dessen Sinn ohne Freude ist. - -ZEDEKIA: - -Ich rief euch, Rates zu halten. Willkommen, des Botschaft Labsal bringt, -willkommen auch der, des Wort Warnung ist. Sprich frei vor uns allen! - -NACHUM: - -Ehe du mich entbotest zum Rate, bin ich in die Kammern des Korns -gegangen und habe die Scheffel gezählt. Die Räume, die voll gewesen bis -zum Speicher, sind licht und leer. Es geht nicht mehr an, daß jeder ein -ganzes Brot erhalte des Tages. - - (ALLE schweigen betroffen.) - -ZEDEKIA: - -Wurde nicht Korn aus den Dörfern geschafft? Ließ ich nicht Milchkühe und -Vieh in die Mauern treiben? - -NACHUM: - -Elf Monde währet der Krieg, und viel fressende Mäuler flohen zur Stadt. - -ZEDEKIA (nach einer Pause): - -Es ist nicht vonnöten, daß jeder die volle Zehrung habe. Wir werden -sparen. - -NACHUM: - -Auch bislang ward kein Körnchen verschwendet, mein König, und doch -gähnen die Speicher. Gewaltigen Schlund hat die Zeit. - -ZEDEKIA: - -Und wie lange ... meinest du ... könnten wir ausharren ... mit unserer -Zehrung ... - -NACHUM (leise): - -Drei Wochen, Herr, -- zum längsten. - - (ALLE schweigen wieder betroffen.) - -ZEDEKIA: - -Drei Wochen ... und dann? - -NACHUM: - -Ich weiß nicht Antwort, Herr, Gott weiß sie allein. - - (ALLE schweigen wieder.) - -HANANJA (erregt): - -Man teile die Brote. Man gebe jedem nur das Halbe oder ein Drittel. -Genug lang haben sie gepraßt für sich und ihre Kebsen, nun mögen sie -darben für den Herrn. - -ABIMELECH: - -Meine Krieger dürfen nicht geschmälert werden. Wer kämpfen soll, darf -nicht darben. - -HANANJA: - -Alle müssen ihr Teil geben, auch die Krieger. Es gilt Jerusalem. - -ABIMELECH: - -Meine Krieger müssen Kraft haben. Lieber mögen die Unnützen verhungern, -die Luftbläser und Wortemacher. - -NACHUM: - -Um Nichtiges rechtet ihr. Denn was wäre gewonnen, schnürten wir die -Magen, wenn Hundertmaltausend in unsern Mauern sind? Drei Wochen reicht -die Zehrung, und schlachten wir die Tiere des Tempels, so währet es zwei -Sabbate mehr. - -PASHUR: - -Es muß mehr Stille sein zwischen uns. Wie die Feinde sprecht ihr -gegeneinander. Wir müssen verbündet sein gegen Nabukadnezar und -verbündet gegen das Volk. Nicht er und nicht sie dürfen wissen von -unserer Not. - -ZEDEKIA: - -Und wenn er es wüßte bereits? - -NACHUM: - -Keiner kann es wissen. Ein Siegel drücke ich allmorgendlich an die Tür -der Kammern und löse es mit eigener Hand. Nicht das Volk ahnt die Not, -nicht Nabukadnezar. - -ABIMELECH: - -Gott sei gepriesen. Er würde unser nicht schonen. - -ZEDEKIA: - -Ich habe euch gerufen zum Rat, ihr Ältesten des Volkes. Nicht war mir -bewußt, wie karg unsere Speise sei, und doch, meine Gedanken standen auf -wider die Zeit. Nicht das Schwert allein endet die Kriege, oft sänftigt -sie das Wort. Und ich rief euch, zu fragen, was ihr dächtet, wenn ich -Botschaft sendete zu Nabukadnezar, daß wir fragten um den Frieden -zwischen unsern Völkern. - -HANANJA: - -Keinen Frieden mit den Lästerern des Allmächtigen! - -ABIMELECH: - -Möge er senden zu dir, mein König! Nicht wir zu ihm! - -PASHUR: - -Gefährlich dünkt mich dies Beginnen. Er wird uns zu knechten suchen, -sobald er unsere Botschaft gehört. - -ZEDEKIA: - -Anders denn eure sind meine Gedanken. Noch ist unsere Not ihm verborgen, -doch in wenig Tagen wird er sie wissen. Wir müssen die Zeit des -Geheimnisses nutzen. - -NACHUM: - -Wie wahr ist deine Rede, mein König! Wir müssen Gnade suchen bei -Nabukadnezar, ehe seine Hoffart mächtig wird über uns. - -ABIMELECH (erbittert): - -Keine Gnade! Lieber den Tod! - -PASHUR: - -Gottes Gnade bedürfen wir, keiner andern! - -HANANJA: - -Feiger Verräter du, Krämer des Glaubens ... - -IMRE (mühsam): - -Wann wird der Streit tot sein in euren Herzen! Wahr redet der König. -Nicht zur letzten Stunde dürfen wir warten. Lasset uns ihm -entgegengehen, solange wir noch aufrecht sind. - -ABIMELECH: - -Es ist zu spät schon. Die Toten vor den Mauern reden wider uns. - -PASHUR: - -Es ist zu spät. Zuviel Grimm hat der Krieg gehäuft. - -ZEDEKIA: - -Es ist nicht zu spät. (Er schweigt einen Augenblick.) Denn schon ist ein -Bote gegangen zwischen Nabukadnezar und mir! - - (ALLE aufspringend, wirr durcheinander.) - -NACHUM: - -Du hast Botschaft von ihm! Gesegnet sei die Stunde! - -HANANJA: - -Verrat! Du verhandelst mit den Feinden! - -ABIMELECH: - -Keinen Vertrag ohne unsere Stimme! Du hast unser vergessen! - -PASHUR: - -Was handelst du, König, ohne unsere Meinung? Wozu sind wir berufen? - -ZEDEKIA: - -Ruhe vor mir! Könnt ihr nicht warten auf einer Rede Ende! Wie die -hungrigen Hunde zerfleischt ihr das erste Wort! (Pause. Er spricht -ruhiger:) Ein Sendling ist gekommen von Nabukadnezar in mein Haus, -Botschaft zu bringen. Nicht habe ich ihr gewehrt, nicht habe ich sie -empfangen. Versiegelt noch harrt sie in seinem Munde. Ist dies -Verhandeln, was ich tat, ist dies Betrug? Redet! - - (ALLE schweigen.) - -PASHUR: - -Verzeihe, mein König. Schwer ist es, sein Herz zu halten, wenn es heilig -Schicksal trägt. - -ZEDEKIA: - -An euch ist es, ihn zu hören oder ihn abzuweisen. - -NACHUM: - -Wir sind in Not. Wir müssen ihn hören. - -IMRE: - -Man höre ihn und mißtraue doch seinen Worten. - -ABIMELECH: - -Man höre ihn, doch erwäge, ob man ihn heimsende hernach, denn er mag -ein Späher sein und gesandt, uns auszuschleichen. - -ZEDEKIA: - -Und ihr, Pashur und Hananja? - -PASHUR: - -Man höre ihn! - - (HANANJA schweigt, wendet sich ab.) - -ZEDEKIA: - -Da keiner dawider spricht, sei er berufen. (Er tritt zur Tür und ruft:) -Joab, hole den Boten! (Dann zurück zu den andern:) Fraget ihn aus, jeder -nach seinem Dünken. Vielfach sei unser Fragen, doch einig unsere -Antwort. Meidet, vor ihm uneins zu sein. - - (BARUCH tritt ein hinter Joab, der den Vorhang über ihn hebt und - dann verschwindet. Er verneigt sich vor dem Könige.) - -ZEDEKIA: - -Bist du es, der Botschaft bringt vom Könige Nabukadnezar an Israel? - -BARUCH: - -An dich hat er mich mit Botschaft gesandt. - -ZEDEKIA: - -Meine Räte sind dies. Wer zu mir redet, muß ihnen Antwort stehen, denn -sie und ich, Israel und sein König, sind eines Gottes Wille. (Zu den -andern:) Fraget ihn aus. - -HANANJA (höhnisch): - -Was geruhet die Gnade des heidnischen Königs ... - -ABIMELECH (hart unterbrechend): - -Die Frage der Vorsicht zuerst! Wie ist dein Name? - -BARUCH: - -Baruch bin ich, der Sohn Sebulons, aus dem Stamme Naphtali. - -ABIMELECH: - -Unseres Blutes nennst du dich? - -BARUCH: - -Ich bin Diener des alleinigen Gottes, und zu Jerusalem steht meiner -Väter Haus. - -ABIMELECH: - -Ist einem Kenntnis dieses Mannes? - -PASHUR: - -Seinen Vater kenne ich, rechtlich ist er, ein treuer Diener des Herrn. - -ABIMELECH: - -Wie fielest du in des Feindes Hand? - -BARUCH: - -Ich war gegangen, Wasser zu holen vom Brunnen Moria. Da faßten sie mich -von den Schultern her und griffen mich. - -ABIMELECH: - -Und wie weisest du, daß du sein Bote bist? Ist geschrieben Zeugnis dir -gegeben, gesiegelte Schrift? - -BARUCH: - -Er ließ seinen Ring an meine Hand tun, daß ich kenntlich sei seinen -Kriegern für Eingang und Widergang. (Er hebt die Hand mit dem Ringe.) - -ABIMELECH: - -Ich habe keine Frage mehr. Er rede seine Botschaft. - -BARUCH: - -Da mich die Krieger griffen vor dem Tore, schleppten sie mich in des -Königs Zelt. Sie führten mich vor sein Angesicht und frugen, ein Ebräer -sei gefangen und ob sie mich vom Leben zum Tode bringen sollten. Doch -der König wehrete ihnen und hielt mich elf Monde bis zum gestrigen Tage, -da er mich frug: »Willst du Botschaft bringen an den König Zedekia?« Ich -stund vor ihm ohne Furcht und sagte, daß ich willens sei. Da sprach -Nabukadnezar: »Elf Monate lagere ich hier vor der Stadt, und ich habe -geschworen, nicht eher zu weichen und bei einem Weibe zu liegen, bis -diese Tore sich auftun vor mir. Doch nun ist des Harrens nicht länger. -Lange habt ihr mir widerstanden, doch nun reifet der Zorn in mir: -fürchtet seine Frucht! Will der König sich bedenken, so möge er eilen. -Kein Volk hat mir besser widerstanden, gegen keines will ich milder -sein, so ihr euch eilet, die Gnade zu nehmen.« - -ABIMELECH: - -Nabukadnezar ist ein großer Krieger. Ehre ist es, ihm widerstrebt zu -haben elf Monde lang. - -BARUCH: - -Und er sagte ferner -- die Krone trug er zu Häupten, wie ich nie eine -gesehen, funkelnd von Gold und Edelgestein: »So ihr die Tore noch auftut -und euch beugt, ehe der volle Mond sich neut, will ich euch das Leben -lassen. Jeder möge seines Weinstocks pflegen und in Frieden von seinem -Feigenbaume essen. Ich will nicht Blut von euch, obzwar ihr Blut -vergossen, ich will nur den Ruhm und den Sieg. Ich will, daß die Völker -von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang des Neuen gewahr werden, daß kein -Trotz ist wider mein Schwert, der nicht zerbräche, und kein König, der -mir sich nicht beugete, dem König der Könige. Des will ich ein Zeichen, -und dauern möge eure Stadt und eure Tage.« - -NACHUM: - -Milde dünkt mich die Botschaft. - -PASHUR: - -Zu milde, als daß ich ihr traute. - -ZEDEKIA: - -Doch das Zeichen! Welches Zeichen fordert Nabukadnezar? - -BARUCH: - -Er sagte: Also sprich mein Wort zu Zedekia: »Ich habe die Krone gelassen -auf deinem Haupte, weil sie ein Kind war der meinen, ein Kind meiner -Gnade. Doch du hast aufgereckt dein Haupt wider mich, so mußt du wieder -es beugen; du warst König durch meine Gnade vordem und sollst es -wiederum werden durch meine Gnade, doch meinem Zorne mußt du zuvor Buße -tun und deiner Hoffart.« - -ZEDEKIA (ruhig, sehr langsam): - -Was fordert König Nabukadnezar von mir, daß ich tue? - -BARUCH: - -Er sprach: »Der aufstand wider mich, muß sich beugen, und der die Stirne -reckte wider mich, dessen Rücken will ich sehen. Wenn ich einschreite -durch das Tor, soll Zedekia mir entgegengehen vom Tor des Tempels bis -zum Walle, die Krone in Händen und ein hölzern Joch auf seinem Nacken ...« - -ZEDEKIA (auffahrend): - -Ein Joch? - -BARUCH: - -»Ein Joch, auf daß alle gewahr werden, daß sein Starrsinn gebrochen sei -und sein Hochmut sich beuge. Und ich will ihm entgegengehen und das Joch -nehmen von seinem Nacken und die Krone wieder setzen auf sein Haupt.« - -ZEDEKIA: - -Nie wird das Haupt eine Krone tragen, des Nacken ein Joch gefühlt. -Niemals! (Er steht auf.) - -ABIMELECH: - -Nie werde ich es dulden. (Er steht gleichfalls auf.) - - (DIE ANDERN bleiben schweigend sitzen.) - -NACHUM (endlich nach einer langen Pause nachdenklich): - -Vom Tor des Tempels sagte er, bis zur Mauer der Stadt? - -PASHUR: - -Hundert Schritte kaum sind es ... nicht mehr ... - -IMRE: - -Nicht siebenzig sind es ... nicht siebenzig ... - -ZEDEKIA (sich umwendend in Zorn): - -Die Schritte zählet ihr schon, die ich tun soll, den Nacken unter das -Joch gespannt wie der Stier vor dem Pflug? Ist Wahnsinn in euch -gefahren, daß ihr meint, ich würde mich beugen? Wart ihr nur mutig mit -mir, solange es euer Leben galt und euer Gespartes, und nun, da der -Freche euch befriedet, verschachert ihr meine Schmach? Feiglinge seid -ihr ... - -PASHUR: - -Mit deinem Eide hast du gelobt, mein König, daß jeder frei vor dir sage, -was sein Herz ihm gebietet. - -ZEDEKIA: - -Zum rechten erinnerst du mich. Verzeih meinem Blute. Sprecht frei nach -eurem Herzen. - -NACHUM: - -Hart ist Nabukadnezars Heischung, doch härter die Not. Man möge ihm -willfahren. Nicht aber meine, daß wider deine Ehre ich rede, mein König. -Habe ich bislang mich gebeugt in Ehrfurcht vor dir, so will ich noch -tiefer mich neigen vor dem, der die Not des Volkes auf den Nacken -genommen, der sich erniedrigt, auf daß Israel erhöhet sei. Denn -wahrlich, Königstat ist es, zu leiden für sein Volk. - -PASHUR: - -Und ich, mein König, neide dir deine Stunde. Denn selig ist es, zu -leiden für seine Brüder. Siebenzig Schritte hast du unter dem Joche zu -gehen, und Siebenzigmaltausend rettet dein Schreiten. - -ZEDEKIA: - -Leicht ist euch, was mir Tod ist. Alle, alle wider mich! Und du, -Hananja? - -HANANJA: - -Ich schweige, mein König. Dein ist die Tat! - -ZEDEKIA: - -Schweigst du jetzt, Profet! Noch sind die Ohren mir voll deiner -Verheißung. Alle, alle wider mich in der Not! So wollt ihr mich zwingen? - -ABIMELECH: - -Ferne sei es uns, zu zwingen den Gesalbten des Herrn. Frei walte sein -Wille! - -ZEDEKIA: - -Frei! Schicksal habt ihr geladen auf mein Leben, und nun ich stöhne und -stürze, tretet ihr abseits und laßt mich ihm allein. (Er geht auf und -ab, dann tritt er wieder zum Fenster.) Mauern und Türme, Häuser und -Lager, alles, alles auf mein stöhnend Herz, Schicksal von Tausend auf -Tausend gehäuft auf mein Leben! Wie das tragen, ohne hinzusinken, wie es -ertragen! (Er geht wieder auf und ab. Plötzlich:) Noch einmal wägt euern -Beschluß, prüfet bis ins Mark euer Meinen. Ist es euer aller Geheiß, daß -ich unter das Joch trete für Israel? - - (ALLE schweigen. Dann sagt:) - -NACHUM (als erster): - -Ich flehe dich an, daß du es tuest für uns und unsere Kinder. - -IMRE: - -Für die Stadt und das Land. - -PASHUR: - -Für den heiligen Tempel und den Altar. - -HANANJA: - -Für Gott, der es heischt von dir. - - (ABIMELECH schweigt und birgt sein Gesicht.) - -ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. In ihm wogt ein innerer Kampf. Endlich -tritt er vor. Seine Stimme ist ernst und feierlich): - -Ich will tun, wie ihr gebietet. Ich will meinen Stolz nehmen und ihn -zerbrechen wie ein Rohr, ich will das Joch nehmen auf mein Haupt. - - (ALLE wollen erregt sprechen. Er winkt ihnen, zu schweigen.) - -ZEDEKIA: - -Ich will die Krone nehmen von meiner Stirne und sie darbieten mit den -Händen, wie jener es gebot. Aber heilig ist die Krone Israels, und kein -Haupt soll sie tragen, dessen Nacken ein Joch geschleppt. So ich abgetan -von mir das Holz der Schmach, tue ich auch ab Zepter und Ring von mir in -meines Sohnes Hand. Jung ist er, doch ihr werdet ihn beraten. Schwöret -ihr, daß ihr Treue bietet, daß ihr das Volk ihm zuscharen werdet und ihn -kleiden mit Krone und Ring an meiner Statt? - -PASHUR (ergriffen): - -Ich schwöre es, mein König. - -IMRE, HANANJA, NACHUM: - -Wir schwören es. - -ABIMELECH: - -Wie ein König hast du getan, Ruhm deinem Namen! - -NACHUM: - -Ewiges Gedenken dem König Zedekia. - -ZEDEKIA: - -So mögen stehen die Mauern und die heilige Burg, wenn ich hinsinke in -Staub; besser ich, denn die Stadt. Ewig währe Jerusalem! - -ALLE (begeistert): - -Ewig währet Jerusalem! - -ZEDEKIA (zu Baruch): - -Du hast gehört, Knabe! So gehe hin zum Könige und sage ihm an: Zedekia, -der Herrscher war und aufstund wider ihn, beuget sich vor ihm, auftun -sich die Tore seiner Gnade. Gehe hin und eile, denn es drängt mich, bald -vor die Tür meines Hauses zu treten und es dem Volke zu sagen das -köstliche Wort: Friede. - -BARUCH (unruhig, leise): - -Ich höre, mein König. Doch eines noch hieß der König mich melden, eines -noch heischt er von uns. - -ABIMELECH (auffahrend): - -Noch mehr? Genügt ihm noch nicht diese Schmach? - -BARUCH: - -Ein Geringes nur nannte er es. Doch mich dünkt es groß. - -ZEDEKIA: - -Was fordert sein Stolz noch mehr? - -BARUCH: - -Er sprach: »Ich will nehmen das Joch vom Nacken des Königs und die Krone -wieder legen auf sein Haupt. Und er möge zu meiner Linken gehn, damit -man erkenne, daß ich ihn ehre als meiner Krone Geschwister und Kind. -Aber noch einer ist in euern Mauern, von dem die Völker sagen, daß er -mächtiger sei denn alle, und diesen verlangt es mich, zu sehn. Sie -sagen, ein Gott sei in euern Mauern, dessen Blick ihr berget vor den -Menschen hinter zeltenen Wänden und den keiner ertrüge zu schauen. Aber -fremd ist mir Furcht, und ich will vor ihn treten, daß ich ihn kenne. -Ich werde nicht rühren an seinen Altar, nicht fassen nach seinem Brote, -nicht gieren nach seinen Schätzen. Einlaß nur heische ich von euch, denn -es lüstet mich, den zu kennen, der gewaltiger wäre als ich.« So sagte -Nabukadnezar. - -PASHUR: - -Niemals! Niemals! - -HANANJA: - -Die Flamme des Herrn möge ihn fressen, den Frevler! - -PASHUR: - -Lieber in Staub den Tempel als entweiht! - -IMRE (bestürzt): - -Das Allerheiligste heischt er zu sehen! Furchtbar ist das Verlangen! - -PASHUR: - -Frevel ist es und heidnischer Hochmut! Sende heim den Boten, mein König, -sende ihn heim! - -HANANJA: - -Sende ihn heim! Nie darf dieses geschehen! - -NACHUM: - -Übereile nichts, mein König. Wir sind entboten, eines Volkes Wohl zu -erwägen. - -ABIMELECH: - -Tausend Tode lieber als diese Schmach. - -PASHUR: - -Und ich sterbe mit euch! In eurer Mitte, ihr Krieger! - -HANANJA (wild): - -Sende ihn heim, König. Lieber Tod als diese Schmach! - -IMRE: - -Wie ihr doch redet vom Sterben! Wie leicht werft ihr das Wort! -Siebenzigtausend tötet euer Trotz, bedenket es, ihr Eilfertigen! - -PASHUR: - -Willst du es preisgeben, Gottes Heiligtum? - -IMRE: - -Auch das Leben ist ein Heiligtum von Gott, Gott selbst ist das Leben. -Warum überhebst du dich, Gottes Anwalt zu sein? - -HANANJA: - -Es wäre Schmach ohne Ende und Triumph vor den Heiden, ginge er hin und -sagete: Ich habe Jahwes Antlitz gesehn. - -NACHUM: - -Mögen sie jauchzen, unsere Feinde, möge vergehen unser Stolz. Doch die -Stadt möge überdauern unsern Stolz und unser Leben. König, mein König, -errette Jerusalem! - -HANANJA: - -Nein! Sende ihn heim! Sprich das Wort! Sprich das Wort! - -ZEDEKIA: - -Ich bin die Hand nur, die wägt. Mein eigen Herz halte ich nieder. Eilet, -entscheidet, zählet die Stimmen! Zählet und eilet, daß ein Ende sei im -Bösen oder im Guten. - -IMRE: - -Der Älteste bin ich und sage: man erfülle Nabukadnezars Gebot. - -HANANJA: - -Man erfülle es nicht. Gott wird uns helfen. - -PASHUR: - -Ich schachere nicht um Gottes Antlitz. Niemalens diesen Frevel! - -NACHUM: - -Gottes Stadt für ewig. Man sende den Boten. - -ZEDEKIA: - -Und du, Abimelech? - -ABIMELECH: - -Nicht dein Berater bin ich, mein König, dein Diener bin ich und dein -Schwert. Bei ja und nein, in Leben und Tod steh ich zu dir. - -ZEDEKIA: - -Zwei Stimmen gegen zwei und in mir selbst sind zwei Stimmen! Widerstreit -um mich und Widerstreit in mir! Wie soll ich entscheiden? Weggestoßen -habe ich meinen Willen und euch zugeworfen, doch wie das Meer schleudert -ihr ihn mir zurück und schauernd halte ich ihn in Händen. Muß ich selbst -sie werfen, die Würfel, die fürchterlichen? - -PASHUR: - -Gott wird dich erleuchten! - -ZEDEKIA: - -Daß er doch spräche zu mir! Oh, selig die Ahnen, denen er sich noch -auftat im Gewölk! Ich habe ausgereckt meine Hände nach ihm und mein -Herz, doch verschlossen sind mir seine Himmel. Im Dunkel tappe ich, und -meine Hände greifen nur Ungewisses. Betet für mich, daß ich das Rechte -finde! - -NACHUM: - -Unsere Liebe ist mit dir, mein König! - -ZEDEKIA: - -Die Sterne werden blaß, und ehe die Nacht sich wendet, muß ich ja sagen -oder nein, und vielleicht ist nein ja und ja ist nein. Möge Gott mich -erleuchten. (Er steht auf, alle erheben sich.) Lasset mich allein! Euer -Zwiespalt mehrt nur den meinen. Ich werde entscheiden, wie mein Herz mir -sagt, und vielleicht, ehe ihr heimkehret, ist der Spruch gefallen; wie -in Kindesnot die Gebärerin, krümmt sich mein Herz, daß es das Rechte -gestalte. Betet, ihr Freunde, betet, daß ich das Rechte erwäge für -Israel! Betet für mich, betet für Jerusalem! - -PASHUR: - -Gott möge dich erleuchten! Mein Auge wird nicht den Schlummer sehen, ehe -du entschieden. Ich harre vor dem Altare! - -HANANJA (im Abgehen): - -Gedenke Gottes! - -NACHUM (gleichfalls): - -Gedenke der Stadt! - -IMRE: - -Gedenke der Kinder, gedenke der Frauen! - -ABIMELECH: - -Du findest mich bei dir in Leben oder Tod. - - (ALLE gehen ab. BARUCH allein ist wartend stehen geblieben.) - -BARUCH (leise): - -Soll ich mit ihnen, mein König? - -ZEDEKIA (aus seinen Gedanken auffahrend): - -Wie sagst du? (Sich erinnernd): Nein, du bleibst! - - (BARUCH bleibt wartend in der Nähe der Türe stehen. ZEDEKIA beginnt - unruhig auf und ab zu gehen. Er blickt auf die Stadt, starrt lange - hinaus, wandert wieder auf und nieder. Dann wendet er sich plötzlich - scharf um.) - -ZEDEKIA: - -Noch heute fordert Nabukadnezar mein Wort? - -BARUCH: - -Noch heute! Denn morgen neut sich der volle Mond. - -ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. Dann plötzlich): - -Du bist vor seinem Antlitz gestanden! Sprach er vor vielen mit dir oder -im geheimen? - -BARUCH: - -Er ließ mich in sein Gemach entbieten. Nur sein Schreiber war -gegenwärtig und sein Vertrauter. - -ZEDEKIA: - -Und wie war seine Weise, da er zu dir sprach? - -BARUCH: - -Stolz schien mir seines Wesens Art vor allem. Er sprach gütig zu mir und -schien sich zu freuen, daß er so gütig zu sein vermochte; und da die -andern ihn deshalb priesen, sonnte er sich in ihrem Wort. - -ZEDEKIA: - -Und da er drohete, wie war er? - -BARUCH: - -In Finsternis hüllte er sein Gesicht und stampfte mit dem Fuße. Aber ich -merkte, daß auch dies nur getan sei, daß man vor seiner Größe schaudere -und ich Botschaft brächte seines Zorns. - -ZEDEKIA: - -Und frug er dich nach mir? - -BARUCH: - -Sein Vertrauter wollte mir Kundschaft ablocken, er aber duldete es -nicht. - -ZEDEKIA: - -Hoffärtig ist er und sein Trotz ein Gewitter über unsern Häupten. Aber -ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte ihn nicht. (Er geht auf und ab.) -Keine Frage hat er getan nach mir? - -BARUCH: - -Nein, mein König. - -ZEDEKIA: - -Nichts sind wir ihm, ein Häufchen Staub unsere Mauern. Aber er möge -Trotz finden für sein Trotzen. Elf Monde stößt seine Stirne gegen unsere -Wälle, und kein Lächeln sind wir ihm wert. Für ein Wort bin ich ihm zu -gering und für einen Atem die Stadt. Aber noch ist mein Joch nicht -geschmiedet, noch stehen die Mauern Jerusalems. (Er geht heftiger auf -und ab.) Noch heute, sagst du, verlangt er die Botschaft, noch heute? - -BARUCH: - -Morgen neut sich der volle Mond. - -ZEDEKIA: - -Warten haben wir ihn gelehrt, und noch immer hat er es nicht gelernt. -Nicht bin ich der Springer seiner Ungeduld, nicht seiner Launen Ball. -Will er nicht warten länger als einen Tag, so soll er warten lernen -Wochen und Monde. (Sich aufrichtend.) Noch heute bringst du Botschaft an -Nabukadnezar! Melde ihm ... - -BARUCH (erschreckt): - -Mein König! Nicht im Zorne entschließe dich! - -ZEDEKIA (ganz starr vor Erstaunen): - -Was erkühnst du dich? - -BARUCH (flehend): - -Mein König, ich sah den Grimm auf deinem Antlitz und erschrak vor der -Botschaft. - -ZEDEKIA: - -Was maßt du dir an? Nicht in mein Antlitz hast du zu schauen, sondern -Worte zu bringen. Und ich befehle dir ... Warum zitterst du? - -BARUCH: - -Furchtbar ist es, Bote zu sein harter Botschaft. - -ZEDEKIA: - -Hast du Furcht, sie Nabukadnezar zu bringen? - -BARUCH: - -Nicht ihn fürchte ich -- ich fürchte die Botschaft. - -ZEDEKIA (erstaunt): - -Was fürchtest du? - -BARUCH: - -Wider uns wird sie fahren, die Flamme deines Zorns! (Plötzlich in die -Knie stürzend:) König, mein König, nicht im Zorne entschließe dich, -rette, rette die Stadt! - - (ZEDEKIA ist in höchstem Erstaunen zurückgetreten.) - -BARUCH: - -Ich flehe dich an auf den Knien, rette Jerusalem, rette Jerusalem! Recke -aus deine Hand, daß sie den Frieden fasse, sonst stürzen die Mauern und -sinkt der Tempel in Staub. König, mein König, tu auf die Tore, tu auf -dein Herz! - -ZEDEKIA (grimmig): - -Tu auf die Tore, tu auf dein Herz -- ich kenne dieses Wort. Nicht du -sprichst zu mir, du Frecher. Es ist einer hinter dir, der redet wider -mich ... - -BARUCH: - -Niemand, mein König: ich flehe aus der Tiefe meiner Angst. Wahrheit will -ich dir sagen. Nicht gefordert hat mich Nabukadnezar zu sich, ich sah, -daß zögerten die einen und die andern zum Frieden; da ging ich hin zu -ihm freien Herzens, daß ich das seine erweichte. Sein Gewand faßte ich -an und flehte, elf Monde, Tag für Tag, bis er mir Botschaft gab an dich. - -ZEDEKIA: - -Das hast du getan? Ein Knabe, ein Kind, bist du gegangen, während wir -sprachen und rieten, bist du gegangen zum König der Könige, um Frieden -zu holen? - -BARUCH: - -So habe ich getan in meines Herzens Not, mein König. - -ZEDEKIA (ihn lange ansehend; plötzlich scharf): - -Nicht du hast diese Tat ersonnen, nicht du! - -BARUCH: - -Niemand hat mich sie geheißen. - -ZEDEKIA: - -Das ist nicht wahr. Kein Knabe sinnt solche Taten aus. - -BARUCH: - -Ich schwöre, mein König, ich tat es allein. Unwissend war er ihrer, -nicht hat er sie befohlen noch gebilligt. - -ZEDEKIA: - -Wer ist dieser, der dir gebietet? - -BARUCH (ausflüchtend): - -Mein Lehrer, mein Meister. - -ZEDEKIA: - -Wer ist dein Meister, frage ich, wer gebietet den Knaben in dieser -Stadt? - -BARUCH: - -Gottes Diener und Profet ist mein Meister -- Jeremias. - -ZEDEKIA (ausbrechend): - -Jeremias! Er, immer er! Immer der Schatten hinter meiner Tat, immer in -Aufruhr wider mich! In den Kerker habe ich ihn verschlossen, aber noch -immer schreit er zu mir wie am ersten Tage: Friede, Friede! Was drängt -er sich vor? Was will er mich verwirren, was quert er meinen Weg? Wo ich -mich wende, ist auch er, im Palast, in der Stadt, und durch seine Boten -wirft er sich auf wider mich. Was verfolgt er mich? - -BARUCH: - -Du irrst, mein König! Jeremias liebt dich mehr, denn einen andern dieser -Stadt. - -ZEDEKIA: - -Ich brauche seine Liebe nicht, ich speie sie an und zerblase seinen -Zorn! Wer ist er, daß er wagt, mich zu lieben? Darf einer aufstehn in -der Gasse und künden, er liebet mich oder liebet mich nicht? Was stößt -er sich zwischen mich und meinen Entschluß? Will er mehr sein als ich? -Ich bin der König, ich allein! Möge er schreien: Friede, Friede! nicht -seine Hand hält Jerusalems Geschick. Ich bin der König, und nicht rühmen -soll er sich, er habe mich geschreckt mit seinen Träumen. Eher sinke die -Stadt, als daß sie gerettet sei durch Jeremias! (Zu Baruch): Du gehst zu -Nabukadnezar und sagest ihm an: Nie wird Zedekia ein Joch tragen, nie -hebt er den Vorhang des Heiligsten. Möge er kommen mit seinen Völkern, -Zedekia ist ihm bereit. - - (BARUCH, im Schrecken beide Hände hebend, will sprechen.) - -ZEDEKIA: - -Kein Wort! Und bringst du die Botschaft nicht, so fällt Jeremias Haupt. -Zweimal habe ich seines Lebens geschont, doch zu Ende ist meine Milde. -Nicht will ich Richter hinter mir und Schatten hinter meiner Tat, ich -will sterben als König zu Jerusalem. - - (BARUCH hebt noch einmal die Hände.) - -ZEDEKIA: - -Ein Wort dawider, und sein Haupt sinkt hin. In deinen Händen ist meine -Botschaft, ist Jeremias Haupt. Geh! Ich befehle dir: geh! - - (BARUCH bleibt noch einen Augenblick stehen, dann verhüllt er sein - Antlitz und wendet sich ab.) - -ZEDEKIA (hat sich drohend aufgerichtet gegen den Zögernden. Wie Baruch -abgeht, fällt sein ausgereckter Arm nieder wie zerbrochen, sein Antlitz -verdüstert sich wieder von neuem. Plötzlich sich aufreckend): - -Vorbei! Ein Ende, ein Ende! Nur nicht mehr die Qual! (Er geht wieder auf -und ab, hebt den Vorhang und sieht lange stumm sinnend auf die Stadt. -Endlich stampft er zweimal mit dem Fuße.) - -DER KNABE SCHWERTTRÄGER (erscheint): - -Mein König? - -ZEDEKIA: - -Wein! Bring mir Wein! Ich will schlafen, schwarz und tief, schlafen ohne -Träume! - - (DER SCHWERTTRÄGER bringt hastig einen Krug und füllt den silbernen - Becher. Zedekia stürzt ihn gierig hinab. Sein Gesicht wird wieder - unruhig.) - -ZEDEKIA: - -Wer ist draußen im Gange? Ich höre einen Schritt. Ist der Späher nicht -gegangen, zögert er noch? - -SCHWERTTRÄGER: - -Er ist gegangen, Herr! Der draußen wacht, ist mein Bruder Nehemia. - -ZEDEKIA: - -Er soll nicht so laut schreiten des Nachts vor meinem Schlafgemach. Ich -will nichts hören um mich. Ich will schlafen. Auch ich will schlafen wie -die andern. - -SCHWERTTRÄGER: - -Es soll geschehen, Herr! (Er schlägt die Vorhänge des Pfühles -auseinander und verhüllt die Ampel. Nur ein trüber Schein von Mondlicht -glänzt in den Raum.) - -SCHWERTTRÄGER: - -Soll ich dir noch lesen aus den heiligen Büchern, mein König, wie -gestern und ehetags? - -ZEDEKIA: - -Aus den Büchern?... Nein, laß die Bücher, auch sie wissen nicht Rat. Ich -will schlafen, schlafen einmal wie die andern. Meine Lider brennen, und -mein Herz brennt mit. - -SCHWERTTRÄGER (hilft ihm aus dem Obergewand. Zedekia wirft sich auf das -Ruhelager): - -Gott schütze deinen Schlummer, mein König. - - (ZEDEKIA breitet sich hin.) - - (SCHWERTTRÄGER ruft Nehemia. Sie stellen sich schweigend ins Dunkel - zu Häupten des Bettes, reglos auf ihre Lanzen gestützt. Die Lampe - ist ganz verhüllt, nur das Fenster wirft Mondlicht auf den Teppich - zu Füßen des Pfühles. Riesengroß stehen die Schatten der Wachenden - an der Wand. Es ist ganz still. Man hört aus dem Hofe jetzt das - leise plätschernde Rauschen eines Springbrunnens. Sonst ist alles - wie erstorben. Die beiden rühren sich nicht. Die Zeit fließt stumm - weiter.) - -ZEDEKIA (plötzlich wild aufspringend und sie anfahrend): - -Was flüstert ihr miteinander? Habe ich nicht Stille befohlen? - -SCHWERTTRÄGER (erschrocken): - -Wir sprachen nichts, mein König. - -ZEDEKIA: - -Aber es spricht jemand! Wer dringt in meinen Schlaf, wer frißt an meinem -Schlummer? Sie sollen schlafen jetzt alle, alle, damit ich schlafen -kann! Ist jemand noch wach in den Nebengemächern? - -SCHWERTTRÄGER: - -Niemand, mein König. Niemand ist wach mehr im Hause. - -ZEDEKIA: - -Niemand ist wach mehr, nur ich, nur ich! Warum auf mich alle Last, die -Mauern der Stadt und die Türme der Sorgen? Wein, gib mir Wein! - - (SCHWERTTRÄGER gibt ihm wieder den Becher, Zedekia stürzt ihn hastig - hinab und schleudert ihn weg. Er stöhnt und legt sich wieder auf das - Ruhebett. Wieder wird es ganz still. Wieder hört man durch die - Stille das Rauschen des fernen Springbrunnens. Es ist ein leises - Tönen davon in der Luft, einlullend und geisterhaft. Reglos stehen - die Schatten der beiden Wächter, dunkel im Dunkel. Wieder rinnt Zeit - vorbei.) - -ZEDEKIA (der reglos gelegen, richtet sich im Dunkel ganz leise auf. Wie -ein Tier im Ansprang, krümmt sich sein Körper in der Anstrengung des -Lauschens, er krampft sich immer mehr zusammen, und plötzlich schreit er -heftig): - -Es spricht! Es spricht! Es spricht hier von irgendwo. Ich höre eine -Stimme, ich höre, ich höre sie. Und es soll niemand jetzt reden in -meinem Haus. Wie Gesang tönt es her, es soll niemand jetzt singen in -meinem Haus. Hört ihr es, hört ihr es nicht? - -SCHWERTTRÄGER: - -Ich höre nichts, mein König! - -NEHEMIA: - -Nichts habe ich vernommen ... - -ZEDEKIA (sieht beide starr an, dann krümmt er sich wieder auf seinem -Lager zusammen, horcht und plötzlich wieder losbrechend): - -Und doch! Es spricht! Es spricht! Es spricht ohne Ende! Hieher, -Schwertträger, hier, unter meinem Ohr. Wie ein Maulwurf wühlt es im -Schwarzen meines Schlafes und frißt meine Ruhe. Hörst du, hörst du es -nicht? - -SCHWERTTRÄGER (lauscht. Es ist einen Augenblick ganz still. Dann -schaudernd): - -Ich höre eine Stimme. Aus der Tiefe dringt sie empor! - -ZEDEKIA: - -Ah, du hörst sie auch! - -SCHWERTTRÄGER (schaudernd): - -Es tönt wie Gesang. Die Geister der Tiefe sind wach unter dem Haus. Es -klagt und stöhnt wie ein gefesseltes Tier. - -NEHEMIA: - -Vielleicht ist es Wind, in eine Spalte verfangen? - -ZEDEKIA: - -Nein, Worte sind es, ich fühle sie, ohne sie zu fassen. Wer singt hier -nachts in meinem Haus? Ist den Sklaven so wohl, daß sie singen, indes -ich, der König, hier liege mit brennenden Lidern? Geh, Joab, und mache -ihn stumm. - - (SCHWERTTRÄGER eilends ab.) - -ZEDEKIA (bleibt gekrümmt horchend. Er scheint etwas zu hören, denn er -hebt den Kopf, dann beugt er sich wieder horchend nieder. Plötzlich hört -man drei dumpfe Schläge. Der König horcht gierig. Dann aufatmend): - -Gott sei gedankt. Es schweigt! Es ist stumm! Er hat es stumm gemacht! - - (SCHWERTTRÄGER erscheint wieder an der Tür. Er blickt verstört.) - -ZEDEKIA: - -Wer war es, der da sprach? - -SCHWERTTRÄGER (zitternd): - -Ich weiß es nicht, Herr. Ich bin ihm nicht genaht. Wie ich niederstieg -zur Halle, hörte ich stärker das Singen, aus der Tiefe der Erde schien -es zu kommen, und grauenhaft tönten die Worte. Ich ging nach, wo sie -tönten, und fand doch keinen, der sang in der Halle, immer war es tiefer -als ich, immer tiefer, wie aus einem Brunnen klang es empor oder einer -Grube. Und ich hörte seine Worte, die waren fürchterlich. Dreimal stieß -ich den Speer auf die Erde. Und da schwieg die Gehenna. - -ZEDEKIA: - -Was tönte die Stimme? - -SCHWERTTRÄGER (schaudernd): - -Ich ... ich kann es nicht sagen! - -ZEDEKIA: - -Ich befehle dir: sage die Worte! - -SCHWERTTRÄGER: - -Lästerung war es, mein König, die aufströmte vom Brunnen. - -ZEDEKIA: - -Was waren die Worte? Bei meinem Zorn! - -SCHWERTTRÄGER (schaudernd. Seine Stimme wird psalmodierend im Gesang): - - So sang es von der Tiefe: - Ich habe mein Haus verlassen müssen - Und mein Erbe meiden, - Und was meine Seele liebet, in der Feinde Hand geben. - Meine Augen fließen mit Tränen Tag und Nacht - Und hören nicht auf, - Denn die Jungfrau, die Tochter meines Volks, - Ist greulich zerplagt. - -ZEDEKIA (aufschreiend): - -Jeremias! Er, immer er! - -SCHWERTTRÄGER (wie begeistert weitersingend): - - Wehe, wie hat der Herr die Tochter Zion - Mit seinem Zorn überschüttet! - Er hat die Herrlichkeit Israels - Vom Himmel auf die Erde geworfen, - Er hat die Mauer seiner Paläste - In des Feindes Hände gegeben, - Daß sie im Hause des Herrn geschrien haben - Wie an einem Fest. - Er hat ... - -ZEDEKIA (ausbrechend): - -Schweig still! Schweig still! Ich will es nicht hören. Ich will nicht! -Immer er, immer er! Auf jeden Kreuzweg ist er gestellt, da ich schreite, -hinter meinen Taten rennen seine Rufe, in meine Träume drängt er sich -ein und füttert meinen Zwiespalt. Wie ihm entrinnen, dem Schatten, dem -fürchterlichen? Aus der Grube noch schreit er zu mir! Wie ihm -entfliehen, der mich verfolgt, wie ihm entgehen, der allerorts ist? Wer -befreit mich von ihm ... - -SCHWERTTRÄGER: - -Herr, ist es dein Feind, so ... (Er macht eine Bewegung.) - -ZEDEKIA (aufgeschreckt aus seinem Zorn, starrt ihn fassungslos an. Dann -in erwachendem Stolz): - -Du meinst ... Nein, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte niemanden. Und -ich weiß nicht, ob er mein Feind ist. Vielleicht war es töricht, vor ihm -zu flüchten ... Vielleicht ... (Er geht unruhig auf und ab): -Schwertträger! - -SCHWERTTRÄGER: - -Mein König? - -ZEDEKIA: - -Geh hinab und schließe auf die Düngergrube. Nimm mit deinen Bruder -Nehemia, und bringet den Mann aus der Tiefe vor mich her. Geheim muß er -gebracht werden und im geheimen wieder hinab. - - (DER SCHWERTTRÄGER und sein Bruder eilig ab.) - -ZEDEKIA (allein. Er spricht halblaut vor sich hin): - -An jedem Kreuzweg hinter meinem Rücken und immer zu spät, und immer muß -ich ihn hören. Warum rief ich nur Gott, der mir schweigt, und nicht -alle, die sagen, daß er rede durch sie? Aber warum reden sie einer gegen -den andern und widersprechen sich, wie ja dem nein? Wie sie erkennen, -wie scheiden das Falsche vom Wahren? Furchtbar, furchtbar dieser Gott, -der immer nur schweigt und dessen Boten keiner erfaßt! - - (JEREMIAS erscheint, begleitet vom Schwertträger, der auf eine - Gebärde Zedekias sofort den Raum verläßt. Sein Antlitz ist fahl und - abgemagert, schwarz wie aus einem Totenschädel schauen die Augen aus - einem weißen, knöchernen Gesicht. Er blickt den König ruhig - forschend an.) - -ZEDEKIA (nach einer kurzen Betretenheit): - -Ich habe dich rufen lassen, Jeremia. Warum störst du meine Ruhe? Was -singst du des Nachts, da alle schlafen, und schläfst nicht auch? - -JEREMIAS: - -Dem, der da wachen soll über das Volk, ist kein Schlafen verstattet, und -zum Wächter bin ich gesetzt und zum Warner. - -ZEDEKIA: - -Wahr sprichst du, Jeremias, nicht ist jetzt Zeit zu ruhen in Jerusalem, -und bei Gott, ich habe nicht geruht. Ratschluß habe ich gehalten mit den -Dienern meiner Krone, aber nicht ward still meine Seele daran. Die -Freunde habe ich vernommen, die meines Sinnes sind, doch noch verlangt -es mich, den zu vernehmen, der wider mich ist in Jerusalem. - -JEREMIAS: - -Nie ward mein Herz wider dich, mein König, nur meine Rede wider dein -Tun. - -ZEDEKIA: - -Und nie war ich dir feind, sei des eingedenk in dieser Stunde! Wenn ich -dich verschloß, so war es, dich zu retten vor deinen Widersachern. -Heilig war mir dein Haupt um deiner Kühnheit willen. Doch nun sprich zu -mir nicht, wie du am Markte sprichst, sondern in deiner Seele und vor -Gottes Ohr. Nahe bist du vielleicht deinem Ende, und die Bücher sagen, -daß Worte wahr sind im Antlitz des Todes. - -JEREMIAS: - -Nicht näher bin ich dem Tode, Zedekia, als du selbst. Auf einem Blatte -des dunklen Buches ist unsere Stunde gezeichnet. - -ZEDEKIA: - -Ich bin nicht dein Feind: möge sie dir ferne sein! - -JEREMIAS: - -Zweimal habe ich gesprochen zu dir, Zedekia, König von Israel, doch nur -deinen Rücken traf meine Rede, und vor dir lief schon die Tat. Nun -spreche ich in dein Antlitz und frage dich, was begehrst du von mir? - -ZEDEKIA: - -Viel ist von den Dingen wahr geworden, Jeremias, die du geweissagt, und -deine Stimme ward stärker in meiner Seele. Nabukadnezar ist gekommen von -Mitternacht mit Rossen und Wagen, wie du gesehen im Traum, und gürtet -die Stadt. Nichts ist ihm gelungen bislang, doch mächtig hilft ihm die -Zeit. Ein Geheimnis will ich dir künden. Karg wird in den Mauern das -Brot. - -JEREMIAS: - -Ich weiß es, Herr. - -ZEDEKIA: - -Wie kannst du es wissen? Keiner hat die Säcke gezählt, als Nachum, der -Hüter. Wie gibst du vor, es zu wissen, der du beim Dünger liegst unter -der Erde? - -JEREMIAS: - -Das Brot ist kleiner geworden und kleiner, das sie mir in die Grube -reichen, kaum deckt mirs die Spanne der Hand. Und ich höre die Hunde -winseln des Nachts und scharren in den Knochen, denn keiner wirft ihnen -mehr Weiches zu. So ward mir die Not bewußt. - -ZEDEKIA (noch gereizter): - -Die Hunde wissen es in den Gassen, die Versenkten in ihrer Grube, und -mich, den König, hat man heut es gelehrt. Auf den Gassen geht die -Wahrheit um und weilet dort lange, ehe sie kommt zu den Königen. - -JEREMIAS: - -Wie soll Wahrheit dorthin eilen, wo Dünkel weilt? Ist ihr denn Willkomm -bei den Königen? Hart ist das Ohr der Könige und nur aufgetan der -Honigrede, ihre Hüften umgürtet mit Hochmut und ihre Füße umnestelt mit -Schmeichlern. Sie meinen, die Hochmütigen, man könne Feuer fassen, ohne -sich zu brennen, und ins Schwert greifen, ohne sich zu schneiden. Wer -aber den Frieden stört, dem wird er verstöret werden, und wer Wind in -die Welt gesäet, wird Sturm ernten in seiner Seele. - -ZEDEKIA: - -Jeremia, zum Rat habe ich dich gerufen, nicht zur Schmähung! Aus deiner -Tiefe habe ich dich geholt, und keiner weiß es von ihnen, daß aus dem -Brunnen, darein sie dich versenkten, Ratschluß ich hebe. Darum sprich zu -mir wahrhaft und rate, ehe daß du schmähest. Willst du mir zu Willen -sein? - -JEREMIAS: - -Gott einzig bin ich zu Willen. - -ZEDEKIA: - -So höre, was keiner weiß, denn meine Räte. Ein Bote kam von -Nabukadnezar, daß wir wendeten den Krieg von unseren Völkern. - -JEREMIAS (jauchzend): - -Gelobt sei Gott! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz! - -ZEDEKIA: - -Nicht juble zu früh! Hart ist, was er fordert von uns, und seine Hoffart -ohne Maß. - -JEREMIAS: - -Hoffärtig warst du wider ihn, so nimm nun Hoffart von ihm. Zwinge dein -Herz, doch rette die Stadt! - -ZEDEKIA: - -Meine Ehre hat er gefordert. - -JEREMIAS: - -Gib sie hin für die Stadt! - -ZEDEKIA: - -Ist nicht Ehre mein Amt und der Stolz meine Krone? - -JEREMIAS: - -Was dein ist, wirf weg! Besser als Ehre ist Friede, besser Leiden denn -Sterben. - -ZEDEKIA: - -In ein Joch will er mich beugen! - -JEREMIAS: - -Selig zu leiden einer für alle, zu leiden für das lebendige Leben. Beuge -den Nacken, errette die Stadt! - -ZEDEKIA: - -Schmach wäre es für all die Könige, deren Erbe ich bin, Unflat am Kleid -meiner Ahnen. - -JEREMIAS: - -Nicht derer denke, die waren, denn Staub sind sie und Wurmfraß. Denke -der Stadt, gedenke der Lebendigen! - -ZEDEKIA: - -Doch nicht mich nur will er erniedrigen, auch unsern Gott. - -JEREMIAS: - -Gott lächelt seiner Verächter! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut -dein Herz! - -ZEDEKIA: - -Das Heiligste will er betreten, dem keiner genaht! - -JEREMIAS: - -Gott wird es wehren, so es sein Wille ist, nicht du. Tu auf die Tore, tu -auf der Demut dein Herz! - -ZEDEKIA (ergrimmt): - -Starrsinn ist deine Weisheit und Trotz dein Ratschluß. Mit tauben Ohren -hörst du mir zu, und Kieselstein ist deine Antwort. - -JEREMIAS: - -Soll ich die Hände klappen zu deiner Verblendung und jauchzen zu deinem -Wort? Rat scheinst du zu fragen und buhlst doch nur Beifall. Doch eher -dorre meine Zunge und zerfalle mein Gebein, als daß ich deine Torheit -lobe und nicht schreie wider deine Verblendung. - -ZEDEKIA: - -Was wirfst du dich hart über mich? Noch weißt du meinen Willen nicht. - -JEREMIAS: - -Ich kenne deinen Sinn. Nur dein Wort buhlt um mich, doch dein Wille -bockt wider mich! Willst du meiner spotten und spielen mit Gottes Wort? -Nicht riefst du mich, daß ich die Wage sei deines Entschlusses. Längst -ist die Botschaft gehärtet in deiner Seele und gesiegelt deine Meinung. -Nicht mich belügst du, nur dich selber, König von Israel. - -ZEDEKIA: - -Jeremias! - -JEREMIAS: - -Ja, ich, Jeremias, sage dir, dem Könige: Unwahr handelst du an mir, und -Ausflucht sind deine Worte. Denn nicht frei ist dein Wille mehr, und du -willst nicht, daß ich ihn wende. - -ZEDEKIA (unsicher): - -Wie kannst du es wissen? - -JEREMIAS: - -Deine Lippe verrät es, wie ein Schuldiger schreckst du vor meinem Zorn. -Versuchen wolltest du mich, daß ich dir zuspräche und ablüde die Schuld -deinen Schultern, aber, wehe dem, der Menschen versucht, denn Gott -versucht er in ihnen. - -ZEDEKIA (zögert betroffen. Dann leise): - -Viel ist dir zu wissen gegeben, Jeremias! Wahr, allzu wahr ist dein -Wort. Nicht ist mein Wille mehr frei. Schon ist die Botschaft bei dem -Boten. - -JEREMIAS: - -Nimm sie ihm ab! Errette die Stadt! - -ZEDEKIA: - -Schon ist er gegangen. - -JEREMIAS: - -Zurück! Ruf ihn zurück! - -ZEDEKIA: - -Zu spät! Zu spät bist du gekommen. - -JEREMIAS: - -Eile ihm nach! Laß ihm nachsetzen mit Rossen und Läufern. - -ZEDEKIA: - -Es ist zu spät. Schon hält sie des Königs Hand! - -JEREMIAS (bricht zusammen, verhüllt sein Gesicht, mit einem dumpfen -Schrei die Hände reckend): - -Dann wehe, wehe Jerusalem! Jerusalem! Jerusalem! Wehe! Wehe! - -ZEDEKIA (erschreckt ihm nahe tretend): - -Was ist dir, Jeremias? - -JEREMIAS (hört ihn nicht. Ein Schluchzen geht durch seinen Körper. -Allmählich richtet er sich ganz empor. Seine Augen starren in die Ferne -mit ekstatischem Blick, sein ganzer Leib ist durchschüttelt von -mächtiger Bewegung. Er spricht abwesend wie im Gebet, die Hände -aufhebend, überwältigt von innern Gesichten): - - Oh wehe, wie bist du vom Himmel gefallen, - Jerusalem, prächtiger Morgenstern, - Und gedachtest doch über die Welten zu steigen! - Über die Wolken wolltest du fahren, - Doch wehe, du bist gesunken, du Schöner, - Nieder, oh nieder, in Dunkel und Nacht. - -ZEDEKIA (ihn erwecken wollend): - -Jeremias! - -JEREMIAS: - - Was war heller, als deine Stirne, - Du Burg Jakobs, - Du Kronstadt Davids, - Du Zelt Salomos, - Gottes Kleinod und heiliges Haus? - Wer konnte dich künden, wer durfte dich rühmen? - Die Psalter ward müde, die Zimbel zu leise, - Von Morgen bis Abend dich heilig zu preisen. - Völker pilgerten her, dich zu schauen, - Und wer dich schaute, dem frohlockte das Herz! - -ZEDEKIA: - -Du rasest, Jeremias! Wach auf! Wach auf! - -JEREMIAS: - - Doch wie still bist du nun, du Schöne, geworden, - Wo ist dein Leuchten, wohin dein Gefunkel? - Nicht mehr flüstern - Die Stimmen des Bräutigams und der Braut, - Weithin verscholl das Wogen des Marktes, - Das Tönen der Freude, - Flötenklang und der Jungfraun Gesang! - Weh! Ein Würger ist über dich kommen, - Ein arger Vollstrecker von Mitternacht. - Eitel Wüstung sind deine Straßen, - Dornen wachsen in Marmelgemächern - Und Nesseln in deines Königs Palast. - Weh! Gesunken sind all deine Mauern, - Geborsten die Türme und schmählich zerstoßen - Das ewige Herz deines Heiligtums. - -ZEDEKIA: - -Du lügst, Verfluchter! Hoch und heil sind Jerusalems Mauern! - -JEREMIAS (immer frenetischer): - - Alles Haupt ist geschoren, - Aller Bart ist geschnitten, - In Säcken gehen die Mütter und reißen - Mit Nägeln sich rot das Fleisch von den Wangen: - Wo sind meine Söhne? Wo sind meine Töchter? - Doch wehe! Es liegen wie Kot in den Gassen - Die Leichen der Knaben, erwürgt von den Knechten, - Die Frauen, erdrosselt im Strang ihrer Haare, - Die Schwangern zerhaun mitsamt ihrer Frucht. - Schon ekeln die Raben sich vor ihrer Fülle, - Und die Schakale der Wüste sind satt. - -ZEDEKIA: - -Schweig still! Schweig still! Du lügst! - -JEREMIAS: - - Was hilft es zu flüchten in die Geklüfte, - In brennenden Steinriß, in tiefes Gestrüpp? - Sie jagen dir nach mit Rossen und Meuten, - Sie treiben dich aus mit Räuchern und Bränden, - Sie fassen dich an und fassen dich doch! - Sie treiben das Volk mit dem Stecken des Treibers, - Sie schwächen die Frauen, sie schlagen die Greise, - Die Tochter des Königs wird Magd seiner Mägde - Und Sklave der Sklaven der rechtliche Mann. - -ZEDEKIA: - -Kein Wort mehr, du Lügner, bei meinem Zorn! - -JEREMIAS (aufklagend): - - Oh, Jerusalem, Jungfrau und Gotteskind, - Geschmäht und geschwächt vom Hohne der Heiden, - Oh wehe, daß ich dich so schauen muß! - Alle deine Neider sind voll jetzt des Lachens, - Sie blecken die Zähne und lachen betulich: - »Ei, wie haben wir diese erniedrigt, - Wie ward willfährig die Stolze, die Schöne! - Das ist der Tag, des wir haben begehret, - Wir habens erlanget, - Wir habens erlebt!« - -ZEDEKIA (zitternd vor Zorn auf ihn, mit geballten Fäusten): - -Schweige, du Lügner! Ich kann es nicht hören! Du lügst! Du lügst! - -JEREMIAS: - - Oh, Jerusalem, heilige Gottesstadt, - Wiege der Völker und Kleinod der Welt. - Wer wird dich rühmen, wer findet dich? - Eine Sage der Zeiten bist du geworden, - Fabel und Sprichwort unter den Völkern, - Oh, ich sehe ... - -ZEDEKIA: - -Nichts wirst du sehen, du Rasender du! - -JEREMIAS: - - Ich sehe dein Leid, ich seh deinen Tod, - Ich sehe ... - -ZEDEKIA (ihn wild anfassend und rüttelnd, in höchstem Zorn): - -Nichts wirst du sehen! Ich lasse dich blenden! - -JEREMIAS (wie in einem fürchterlichen Erwachen ihn anstarrend. Dann -plötzlich grell auflachend, in vorbrechender Ekstase): - - Mich?! - Du mich blenden, du Ruchloser!? Nein! - Anders hat Gottes Entschluß bestimmt! - Wohl wird einer geblendet sein, - Ehe der Tag noch sein Ende nimmt, - Doch jener, der längst schon verblendet war, - Als sein Auge noch blickte und sah: -- - Höre mich, König Zedekia! - - (ZEDEKIA hat ihn losgelassen und starrt ihn erschrocken an.) - -JEREMIAS (mit beiden Fäusten auf ihn zu): - - Dich - Werden sie fassen, des Königs Knechte - Im Hause Gottes, das du verstört, - Sie reißen die Rechte - Dir los vom Altar, - Daran sie zur Hilfe verklammert war! - Du willst dich wehren, sie brechen dein Schwert, - Umtun deine Arme mit eisernen Flechten - Und schleppen - Und schleifen dich über die Treppen, - Wie ein Opfertier mit Peitschen und Schlägen - Jenem entgegen, - Dessen Hand du verstoßen, dessen Joch du zerbrochen - Und der dir ein feuriges Urteil gesprochen! - - (ZEDEKIA ist zurückgefahren und hebt wie abwehrend die Hände.) - -JEREMIAS: - - In die Knie - Knicken sie dich und stoßen dich sie, - Ein Feuer loht knisternd auf rundem Stein, - Vier Hände halten den Blendstahl hinein. - Heiß - Frißt die Hitze - Vom schwarzen Griff sich auf in die Spitze. - Sie glüht! Sie flammt! Sie wird rot! Sie wird weiß! - Und dann - Fassen dich rauh ihre Fäuste an, - Zischend und rauchend - Tauchen - Sie die Nacht dir in dein Auge hinein. - -ZEDEKIA (aufschreiend und sich an die Augen greifend, wie ein -Geblendeter): - -Weh! - -JEREMIAS: - - Doch eh - Dir noch in einer brennenden Gischt - Von Blut und Tränen dein Blick verlischt, - Mußt du noch sehn - Deine Söhne, die drei, vor dem Henker stehn! - Doch dich halten die Knechte, dich halten die Ketten, - Du kannst sie nicht lösen, du kannst sie nicht retten, - Du kannst nur aufschrein, wie jetzt das Schwert - In den ersten! den zweiten! den letzten fährt! - Du siehst, - Wie ihr Blut, ihr junges, im Kote fließt, - Und siehst, - Eh der rote Stahl dich für immer blendet, - Wie Israels Stamm und Königtum endet. - -ZEDEKIA (der, wie ein Blinder tappend, auf das Ruhebett gesunken ist, -die Hände flehend aufhebend): - -Erbarmen! Erbarmen! - -JEREMIAS: - - So wirst du ins ewige Dunkel schrein, - Doch dir wird kein Helfer im Himmel sein, - Denn Gott erhört - Nie den, der frevelnden Übermutes - Seine Stadt vertan und sein Haus zerstört. - Er wirft dich nieder zu den Würmern und Schlangen, - Die blind am Bauche der Erde hinlangen, - Er wirft dich zum Abhub, zu den Siechen, Verschwärten, - Den Unreinen, zu den Aussatzverzehrten, - Er wirft dich in Abseits, zu Räude und Grind, - Wo die Ausgestoßenen des Volkes sind. - Ein blinder Bettler, der Ärmste der Armen, - Durchstreifst du fremd dein eigenes Land, - Und tritt einer nah - Und sieht unter dem aschenwirrichten Haar - Das, was einstens König zu Zion war, - Dann hebt er die Hand - Und flucht dir, König Zedekia! - -ZEDEKIA (ist wie zerschmettert von den Worten stöhnend auf dem Lager -liegen geblieben. Jetzt richtet er sich langsam auf und sieht Jeremias -mit einem wirren Blicke schauernd an): - -Was für eine Macht ist dir gegeben, Jeremias! Die Kraft hast du -gebrochen in meinen Gliedern, und das Mark steht starr mir im Leibe. -Furchtbar sind deine Worte, Jeremias! - -JEREMIAS (die Ekstase ist von ihm gefallen, der Glanz in seinen Augen -erloschen): - -Arm sind meine Worte, Zedekia, Ohnmacht meine Macht. Nur wissen kann ich -und nicht wenden! - -ZEDEKIA (erschüttert): - -Warum bist du nicht früher vor mich getreten? - -JEREMIAS: - -Ich war immer zur Stelle. Doch du fandest mich nicht. - -ZEDEKIA: - -Es muß so Gottes Wille gewesen sein! (Schweigen. Dann steht Zedekia -langsam auf und geht auf Jeremias zu): Jeremias, höre mich an -- ich ... -glaube dir! Furchtbareres hast du gekündet, denn je gekündet ward einem -König in Israel, und doch -- ich glaube dir. Mit Schauer hast du mein -Herz geschlagen, und doch, ich ward dir nicht gram. Es möge kein Streit -mehr sein zwischen uns im Schatten des Todes. Geh hinab, woher du -gekommen, nicht soll es dir fehlen an Zehrung, das letzte Brot meines -Tisches will ich teilen mit dir. Und niemand wisse um unsere Zwiesprache -denn Gott allein. - - (JEREMIAS wendet sich zum Gehen.) - -ZEDEKIA (gequält): - -Jeremias! Muß es denn sein? Oh, Jerusalem, mein Jerusalem! Kannst du es -nicht wenden? - -JEREMIAS (düster): - -Es muß sein! Nichts vermag ich zu wenden. Verkünden ist mein Amt. Wehe -den Ohnmächtigen! - -ZEDEKIA (schweigt, dann von innen): - -Jeremias, ich habe es nicht gewollt! Ich mußte Krieg künden, aber ich -liebte den Frieden. Und ich liebte dich, weil du ihn gekündet hast. -Nicht leichten Herzens hab ich den Harnisch genommen, es war Krieg vor -mir unter Gottes Angesicht und wird auch nachdem sein. Viel habe ich -gelitten, sei dessen Zeuge zu seiner Zeit. Und sei bei mir, wenn dein -Wort sich erfüllt. - -JEREMIAS (ergriffen): - -Ich werde bei dir sein, mein Bruder Zedekia! - -(JEREMIAS wendet sich langsam, abgekehrten Gesichtes von ihm. Er ist -schon bei der Türe, da ruft noch einmal:) - -ZEDEKIA: Jeremias! - - (JEREMIAS wendet sich.) - -ZEDEKIA: - -Tod ist über mir, und ich sehe dich zum letztenmal. Du hast mir -geflucht, Jeremias -- nun segne mich auch, ehe wir scheiden. - -JEREMIAS (zögert, dann schreitet er feierlich zurück und hebt die Hände -über des Königs Stirn): - -Der Herr segne dich und behüte dich auf allen deinen Wegen. Er lasse dir -leuchten sein Angesicht und gebe dir den Frieden. - -ZEDEKIA (träumerisch verworren nachsprechend): - -Und ... gebe ... uns ... den Frieden ... - - - - -DAS SIEBENTE BILD - -DIE LETZTE NOT - - »Ich hielt meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine - Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht - vor Spott und Speichel.« - - Jer. L, 6. - - - Auf dem großen Tempelplatze am Morgen des nächsten Tages. Eine - gewaltige Menge, meist Frauen mit Kindern, drängt sich wild vor dem - Palaste die Stufen empor und wird eine einzige, lärmende Flut, - überschäumt von einzelnen gellen Rufen und Schreien. Die Vordersten - sind bis zu der Tür gelangt und hämmern an das Tor. - -DER TÜRHÜTER (erscheint): - -Was wollt ihr noch? Ich habe euch schon gesagt, es wird heute kein Brot -mehr gegeben! - -EIN WEIB: - -Aber ich habe Hunger! Ich habe Hunger! - -EINE ANDERE: - -Ein Brot haben sie mir gegeben für meine drei Kinder, klein wie die -Spanne meiner Hand! Sieh her: ganz dürr ist das Mädchen, wie Bast ihre -Finger. (Sie hebt ein Kind empor.) - -EINE ANDERE: - -Das meine sieh! Das meine! (Sie hebt ihr Kind empor.) - -STIMMEN (wild durcheinander): - -Ich habe Hunger ... Gib Brot ... Brot ... Brot ... Wir verhungern ... -Brot ... Brot ... - -EINER (ist bis zur letzten Stufe emporgeklettert): - -Her mit den Schlüsseln, sage ich. - -STIMMEN (durcheinander): - -Ja ... her mit den Schlüsseln ... Sperrt auf ... Die Schlüssel ... -Ja ... ja ... - -DER TÜRHÜTER (den Emporgeklommenen vor die Brust stoßend): - -Zurück! Befehl des Königs, jedem ein Brot zu geben bei Tagesanbruch, und -dann die Speicher zu schließen. - -EINE STIMME: - -Mir hat man keines gegeben! - -ANDERE STIMMEN: - -Mir auch nicht ... mir auch nicht ... Man hat mich vergessen ... mich -auch ... warum mir keines? - -EINE FRAU: - -Wie ein Goldstück war meines, und ich habe ein Kind an der Brust. -Gerechtigkeit! - -EINE ANDERE: - -Sand war in meinem, Kies und Sand! - -EINE ANDERE: - -Es sind nicht die gleichen Brote wie vordem! Falsch teilt man uns zu! -Gerechtigkeit! - -DER TÜRHÜTER: - -Nachum teilt jedem das gleiche zu. Er ist gerecht. - -EINE STIMME: - -Wo ist er? - -ANDERE STIMMEN: - -Ja, wo ist er? Wir wollen ihn sehen!... Wo ist er ... er soll uns Rede -stehn ... Heraus mit ihm ... Er bestiehlt uns ... wo ist er ... - -EINE STIMME (aufreizend, grell): - -Zu Hause sitzt er und mästet die Seinen. Kringel und Kuchen backen sie. - -EIN ANDERER: - -Ja, sie haben alles beiseite geschafft, die Reichen! - -ANDERE: - -Und wir sollen hungern ... nein! nein!... Sie bestehlen uns ... Brot für -die Armen ... Brot ... Brot ... - -DIE AUFREIZENDE GRELLE STIMME: - -Beim Könige sind die goldenen Schüsseln voll mit Wildbret und Leckerei. -Den Hunden werfen sie im Palast lieber die Reste vor als unseren -Kindern. - -EINE STIMME: - -Das ist nicht wahr. - -ANDERE STIMMEN: - -Ja ... ja ... ich habe es selbst gesehen ... meine Schwester sagt es -auch ... Wo ist Nachum ... Vorwärts ... Hinauf ... Brot ... Brot ... -Verschwunden sind sie jetzt alle ... Brot ... Brot ... - - (DIE STIMMEN schwellen allmählich zu einem einzigen gewaltigen - Schrei »Brot! Brot!« an. Die Menge flutet die Treppen in steigender - Erregung hinauf, die Vordersten wollen schon den Türhüter greifen - und hämmern mit ihren Fäusten an die verschlossene Tür.) - - (DER TÜRHÜTER hat in ein Horn gestoßen. Aus dem Palast eilt sofort - ABIMELECH mit einigen Kriegsknechten herbei.) - -ABIMELECH: - -Fort!... Stoßt sie zurück ... Hinunter die Treppen ... hinunter ... Raum -vor dem Palast. - - (DIE MENGE flüchtet, gestoßen von den umgekehrten Lanzen, hinab in - panischem Tumult.) - -DIE STIMMEN (durcheinander): - -Wehe ... Er hat mich geschlagen ... Sie töten uns ... Wehe ... Wo ist -mein Kind ... Weh ... Gewalt ... Zu Hilfe! - - (DIE MENGE hinabgedrängt, wogt unten in zorniger Erregung.) - -ABIMELECH: - -Seid ihr rasend! Der Feind wirft sich wider uns. Vor dem Walle stehe ich -seit morgens gegen seinen Ansturm, und derweil brecht ihr hier vor? Was -wollt ihr, Rotte? - -DIE STIMMEN: - -Brot ... Wir haben Hunger ... Brot ... Unsere Kinder verhungern. - -ABIMELECH: - -Jedem ist Brot zugeteilt. - -DIE STIMMEN: - -Mir nicht ... Man hat mich vergessen ... Nicht genug ... - -ABIMELECH: - -Der Feind berennt die Stadt! Spannt den Riemen enger. Kriegszeit ist -jetzt. - -DIE STIMMEN: - -Nicht genug ... Wir haben Hunger ... - -ABIMELECH: - -So hungert! Ihr könnt hungern, wenn wir bluten! Erst die Stadt, dann -ihr! (Aufmunternd): Es lebe Jerusalem! - -EINE EINZIGE STIMME (aus der Menge, schwach): - -Es lebe Jerusalem! - -DIE AUFREIZENDE STIMME (grell): - -Wer ist Jerusalem? Hat es Magen und Blut? Steine und Mauern sind nicht -Jerusalem. Wir sind Jerusalem! - -DIE MENGE: - -Ja! Wir sind Jerusalem ... wir wollen leben ... wir wollen nicht -verhungern ... Meine Kinder sollen leben ... Was ist mir Jerusalem? -Brot ... Brot ... - -ABIMELECH (aufstampfend): - -Ruhig, Volk! In die Häuser mit euch! Was steht ihr müßig auf dem Markt -statt an der Mauer! Es ist Krieg jetzt. - -EIN WEIB: - -Warum ist Krieg? - -VIELE STIMMEN: - -Ja, warum? Warum ist Krieg? Machen wir Friede ... Friede ... Friede ... -Brot ... - -DIE AUFREIZENDE STIMME: - -War uns nicht wohl unter Nabukadnezar, war sein Joch nicht sanft, und -linde unsere Tage? - -VIELE STIMMEN: - -Ja ... ja ... Friede mit ihm ... Friede ... Ja ... ja ... Endet den -Krieg ... Nieder mit dem Krieg ... Fluch dem, der ihn begann ... - -EIN WEIB: - -Zedekia hat ihn gewollt um der Ägypter willen ... - -STIMMEN: - -Ja ... Er hat uns verkauft ... Unsere Räte haben uns verraten ... -Zedekia hat uns verraten ... er hat sich verkrochen bei seinen Weibern. - -ABIMELECH: - -Wer wagt, den Gesalbten des Herrn zu schmälen? Der Erste ist er im -Kampfe ... - -DIE AUFREIZENDE STIMME: - -Das ist nicht wahr! - -ABIMELECH: - -Wer sagt, es ist nicht wahr? Er trete vor, der Verleumder, ich will ihn -vor mein Schwert. Wer hat es gesagt? - - (DIE MENGE schweigt.) - -ABIMELECH: - -Hütet euch vor den Verleumdern! Und jetzt in die Häuser, und wer Kraft -hat, an die Wälle. - -STIMMEN (von rückwärts): - -Nachum ... Nachum ... da ist er. - -DIE MENGE (verteilt sich, flutet gegen Nachum, den sie umringt): - -Nachum, guter Nachum ... Gib uns Brot ... Brot ... Brot ... Du bist der -Gerechte ... Nachum ... Hilf uns ... Guter Nachum ... - -NACHUM (sich losringend): - -Laßt mich los! Gebt mich frei! - -DIE MENGE (hinter ihm die Treppen emporwogend): - -Nachum, Nachum ... - -ABIMELECH: - -Zurück mit euch! - - (DIE KNECHTE heben die Speere, die Menge bleibt schreiend unten.) - -NACHUM: - -Was wollt ihr von mir? - -EINE STIMME: - -Die Speicher schließ auf! - -NACHUM: - -Sie sind leer. Jedem ein Brot des Tages, das muß reichen. - -DIE STIMMEN VON FRÜHER: - -Ich habe keines bekommen ... ich auch nicht ... tu auf die Speicher ... -tu auf die Speicher ... - -NACHUM: - -Die Speicher sind leer. - -DIE AUFREIZENDE STIMME: - -Wir wollen sie sehen. - -VIELE STIMMEN: - -Ja, wir wollen sie sehen ... ich glaube es nicht ... es ist nicht -wahr ... mit unseren Augen wollen wir es sehen ... schließe sie auf ... -wir wollen selbst sehen ... ja ... ja ... schließe auf ... ich glaube es -nicht ... - -NACHUM: - -Ich schwöre euch ... - -DIE AUFREIZENDE STIMME: - -Wir glauben nur, was wir sehen. Zuviel hat man uns gelogen. - -VIELE STIMMEN: - -Ja ... alle haben uns belogen ... die Priester ... Ja, alle ... der -König ... Her mit den Schlüsseln ... Alle haben sie Lügen gesagt ... -Sieg haben sie verkündet. - -ANDERE STIMMEN (immer stärker ausbrechend): - -Wo sind die Ägypter ... Wir wollen sie sehen ... Zedekia hat sie -verheißen ... Wo sind die Wunder ... Wo sind sie ... wo ... Brot ... -Brot ... Her mit den Schlüsseln ... Brot ... Her mit den Schlüsseln ... - - (DIE MENGE ist wieder mächtig aufgewogt gegen die Treppen. Sie - bedrängen Nachum und suchen ihm die Schlüssel zu entreißen.) - -NACHUM: - -Zu Hilfe! Zu Hilfe! - -ABIMELECH (dreinschlagend mit seinen Knechten): - -Hinunter, ihr Rotte! Hinunter! Hinunter! - -EINE STIMME: - -Wehe, ich bin getroffen! - -VIELE STIMMEN: - -Wehe ... mein Kind ... er hat mich geschlagen ... Mörder ... Mörder ... -Wehrlose schlagt ihr ... Sie morden uns ... Mein Kind ... Wehe ... -Gewalt ... - -EIN WEIB (sich das Gewand aufreißend): - -Hier hat er mich getroffen! Ich blute! Ich blute! Seht her! - -DIE MENGE (die zurückgeworfen ist, stößt Wutschreie aus): - -Rache ... Nieder mit ihnen ... nieder! - -ABIMELECH: - -Zum letztenmal! In die Häuser mit euch! Räumt den Platz, oder ich fasse -das Schwert! - -DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME: - -Unser ist der Markt, unser die Stadt! - -VIELE STIMMEN: - -Ja, wir bleiben. - -EIN WEIB: - -Ich bleibe, bis der König kommt. - -STIMMEN: - -Ja ... ja ... - -DAS WEIB: - -Mein Kind werfe ich ihm vor die Füße. Er soll es nähren. Ich weiche -nicht, ehe ich nicht Brot habe. - -ANDERE: - -Ich bleibe ... wir warten ... ich weiche nicht ... ich bleibe. - -EINE STIMME (von rückwärts durch das Gedränge): - -Abimelech, wo ist Abimelech? - -ABIMELECH: - -Hier bin ich! - -DIE MENGE: - -Dort ist er, der Verruchte ... der Mörder ... - -DER BOTE: - -Zu Hilfe, Abimelech ... Am Tore Moria sind sie eingedrungen. - - (DIE MENGE stößt einen Schreckensschrei aus.) - -ABIMELECH (mit dem Schwert sich durchschlagend): - -Platz, Gesindel! Fort! Raum! (Er schlägt sich durch eine Gasse von -Entsetzen und Schreien mit dem Schwerte durch.) - - (DIE MENGE wird jetzt im Entsetzen zu einem einzigen, gewaltig - tönenden Chaos. Während sie früher in einer Richtung, einem Willen - drängte, wirren die einzelnen jetzt durcheinander, strömen zu, - flüchten und kommen. Es ist ein brodelndes Geschwirr von Worten, - Schreien und Bewegungen in ihnen, das in seinen hundertfachen Formen - ein einziges ausdrückt: grenzenlose, sinnlose, ziellose Angst, - ratloses Entsetzen.) - -STIMMEN AUS DER MENGE: - -Bei Moria sind sie ... Wir sind verloren ... jetzt ist es zu Ende ... -wohin ... Meine Frau ... meine Kinder ... Wehe ... wehe ... Wo bist -du ... Gottes Tod über uns ... In den Tempel ... Elia ... Elia ... -Gott errette uns ... Wo sich bergen ... Wehe ... wehe ... Was sollen wir -tun ... - -EINE STIMME: - -An die Mauern ... Alles an die Mauern ... - -STIMMEN: - -Ja ... nein ... An die Mauern ... Elia ... Wohin ... - - EINE GRUPPE löst sich ab und eilt fort, andere Gruppen strömen - wieder her, eine flutet heran und ruft mit einzelnen - -STIMMEN: - -In den Tempel ... In den Tempel ... Gott muß uns helfen ... Die -Bundeslade ... Die Bundeslade ... Traget sie vor ... - -ANDERE STIMMEN: - -In den Tempel ... Wo sind die Priester? Wehe, wo sind sie? Wo sind sie? -Verschlossen die Türen! - -EINER (hereinstürmend): - -Verrat! Der König ist geflohen! Wir sind verloren! - - (DIE MENGE bricht in einen Schrei wütenden Entsetzens aus.) - -STIMMEN: - -Verraten sind wir ... verloren ... Wo ist der König ... wo sind die -Priester ... wo Hananja ... verraten ... Verschlossen die Türen ... wir -sind verloren ... wohin ... sie haben uns belogen ... Rache ... Rache ... -sie lassen uns ermorden ... Wehe, wer rettet uns ... Wer rettet uns ... -Tod über uns ... Die Chaldäer ... - -DIE AUFREIZENDE STIMME: - -Fluch dem Könige! - -STIMMEN (im Wutgeschrei): - -Fluch! Fluch! - -DIE AUFREIZENDE STIMME: - -Fluch den Priestern! Fluch den Profeten! Alle haben sie uns belogen! - -DIE MENGE: - -Fluch! Fluch! - -DIE AUFREIZENDE STIMME: - -Sie haben geschlagen, die warnten und rieten ... - -EINE STIMME: - -Geschlagen Jeremias! - -ANDERE STIMME: - -Ja! Er hat es gesagt! Jeremias ... Jeremias ... - -ANDERE STIMMEN: - -Er hat gewarnt ... Friede hat er gefordert ... gedenket ihrs noch ... -ja ... Ich habe es gehört ... Ja ... ja ... Hier hat er es gesagt ... -ja ... ja ... Er ist der Profet ... immer wurde sein Wort Wahrheit ... -Ja ... ja ... ja ... Er hat alles gekündet. - -ANDERE STIMMEN: - -Wo ist er ... Jeremias ... rufet ihn her ... Jeremias ... wo ist er ... -er soll uns raten ... ja ... ja ... er hat stets das Rechte gewußt ... -er wird uns helfen ... Wo ist er ... wo ist er ... - -EINE STIMME: - -In den Düngerhaufen haben sie ihn versenkt, hier im Palast. - - (DIE MENGE bricht in ein Wutgebrüll aus.) - -STIMMEN: - -Wir müssen ihn befreien ... ja ... ja ... er wird uns erretten ... -sprengt seine Gruft ... ja ... heraus mit ihm. - -ANDERE STIMMEN: - -Die Tore auf ... Jeremias ... Jeremias ... Oh, er ist der Befreier. Gott -hat ihn gesandt ... Wo ist er ... Jeremias, du Gottesknecht ... -Erlösung ... Erlösung ... - -ANDERE: - -Schlagt die Lügner und Profeten ... Er ist der Wahre, er hat es -verkündet ... ja ... ja ... jedes Wort ist Wahrheit geworden ... Gottes -Gnade war über ihm ... Gib das Beil ... die Latte gib her ... wir müssen -ihn befreien ... hinauf ... Jeremia!... Jeremia!... Er soll König -sein ... Wo ist er ... oh Helfer, Erretter, oh Trost, oh Tröster ... - - (DIE MENGE hat ihre Stimmen zu dem einzigen glühenden Schrei - »Jeremias, Jeremias« zusammengefaßt, in dem sich ihre Wut, ihre - Hoffnung und Angst vereint. Ihre Flut ist die Treppe wieder - hinaufgeschäumt, mit Brettern und Hämmern und den Fäusten schlagen - sie gegen das verschlossene Tor. Endlich wird zögernd aufgetan.) - -DER TÜRSTEHER: - -Was wollt ihr? - -DIE MENGE: - -Fort! Jeremia! Jeremia! (Sie stoßen ihn zur Seite.) - -DER TÜRSTEHER: - -Hilfe! Hilfe! (Sein Schrei wird mit ihm selbst fortgerissen, ein Teil -der Masse flutet schwarz durch die Tür, man hört dumpf das Sprengen von -Türen, das Schlagen von Äxten.) - - (DIE MENGE unten beobachtet in wilder Ekstase und Ungeduld das - Geschehen.) - -STIMMEN: - -Hinein!... Hinein!... Ganz unten haben sie ihn verscharrt ... sie hatten -Furcht vor ihm ... die Hunde ... - -STIMMEN: - -Oh, ein Heiliger ist er ... ein Gesandter des Herrn ... Oh, Jeremia ... -er wird uns erretten ... - -EIN WEIB (in Ekstase): - -Er hat die Hände gebreitet und gerufen: Friede! Gottes Flamme war auf -seinen Lippen und seine Stirne hell wie von Engelsgeleucht. Oh, er wird -uns erlösen! - -EINE ANDERE: - -Er wird seine Hand ausrecken wider die Feinde, und Aussatz wird über sie -fallen. Oh, seine Füße zu küssen, des Heiligen, der für uns gelitten! - -EINE ANDERE: - -Gegeißelt haben sie ihn ... wie Balsam sind für uns seine Wunden ... ich -will knien vor ihm in den Staub ... - -DIE ERSTE: - -Heilig ... heilig ... heilig ist er, Jeremia! - -STIMME (von oben): - -Seile ... Bringt ein Seil ... daß wir ihn heben! - -DAS WEIB: - -Oh, er naht! Rettung naht, wir werden leben, mein Kind! Der Heilige -naht. - -DIE ANDERE: - -Daß ich doch schon schauen könnte sein seliges Antlitz. Leuchten wird -davon Jerusalem. - - (JUBELGESCHREI von oben aus der Tiefe.) - -DIE MENGE UNTEN: - -Sie haben ihn gefunden!... Rettung ... Rettung ... Gottes Gnade ... -Jeremia ... Jeremia ... - -DAS WEIB: - -Oh, ihn schauen, ist schon genesen, mein Herz brennt loh, ihn zu sehen! -Oh, du Heiliger, du Erlöser, nahe deinem Volke, nahe deinen Mägden, -rette, rette Jerusalem! Gehe auf, du Sonne unserer Nacht, erglühe, du -Stern unseres Dunkels! Rette! Rette Jerusalem! - -DIE MENGE (wild ekstatisch): - -Jerusalem!... Rette die Stadt ... Jeremia ... Jeremia ... - -DAS WEIB: - -Er naht! Oh, ich sehe ihn, ich sehe, ich sehe sein seliges Antlitz. Wie -die Sonne ist es zu schauen, da sie über den Libanon steigt. Oh, sieh -nieder, du Gebenedeiter! Sieh nieder auf unser Elend! Hebe uns auf! - - (DIE MENGE hat unter wildem Getöse Jeremias im Triumph aus dem Tore - geschleppt. Er steht an der obersten Stufe, die Augen verhüllend vor - dem Licht, das so plötzlich auf ihn eindringt. Um ihn tost die - Ekstase der Menge.) - -STIMMEN: - -Heiliger! Meister!... Samuel ... Elia ... Elia ... Oh, Verkünder ... -Jeremia ... errette ... errette uns ... Jeremia ... König ... Gesalbter -du ... Jeremia ... Höre ihn, Israel ... Jeremia ... - -DAS WEIB (zu seinen Füßen sich werfend): - -Was verhüllst du dein Antlitz? Labsal ist dein Blick! Oh, sieh, -Gesegneter, auf das Kind, damit es genese, sieh auf uns, daß wir -auferstehen vom Tode! - -JEREMIAS (langsam die Hände von den Augen nehmend. Er ist sehr ernst und -düster, wie er in die wilde Erwartung blickt): - -Fremd ist das Licht meinen Augen, es brennet mich, und ungewohnt diese -Liebe meiner Seele: auch sie brennet mich! Was heischt ihr von mir? - -DIE MENGE: - -Heiliger ... Jeremias ... rette uns ... Gesalbter ... rette die Stadt ... -Unser König sei ... tue ein Wunder ... - -JEREMIAS: - -Ich verstehe eure Worte nicht. Was wollt ihr von mir? - -DIE MENGE (chaotisch durcheinander): - -Moria ... die Burg ... rette Jerusalem ... ein Wunder ... wir sind -verloren ... Unser Hort bist du ... errette uns ... rette Jerusalem ... - -JEREMIAS: - -Einer rede, nicht alle! - -DAS WEIB (hinstürzend zu seinen Füßen): - -Heiliger! Gesalbter Gottes, Stern unserer Hoffnung, tu auf deine Hände, -die gebenedeiten! Rette uns, rette uns, rette Jerusalem! Was du -geschaut, hat sich erfüllet, die Chaldäer sind über uns! - -EINE STIMME: - -Sie stürmen die Mauer von Moria! - -EINE ANDERE STIMME: - -Unsere Männer sind geschlagen ... - -EINE ANDERE STIMME: - -Vor dem Tempel schon kämpfen sie. - -EINE DRITTE STIMME (verzweifelt): - -Rette, rette Jerusalem! - -DIE MENGE (frenetisch): - -Rette, rette Jerusalem! - - (JEREMIAS bleibt unbeweglich und birgt sein Gesicht in den Händen.) - -DAS WEIB: - -Wir wollen dich rächen an deinen Feinden, mit den Nägeln zerreißen das -Antlitz deiner Widersacher. Aber erbarme dich unser, erbarme dich! Unser -Hort bist du und unsere Hoffnung. - -EINE STIMME: - -Wer errettet uns, wenn nicht du? - -DIE AUFREIZENDE STIMME: - -Die Priester haben uns verraten, der König uns verkauft. - -JEREMIAS (auffahrend): - -Das ist nicht wahr! Was schmäht ihr den König? - -STIMMEN: - -Er hat uns verlassen ... Wo ist er ... warum hilft er nicht ... er ist -geflüchtet ... er ist geflohen ... - -JEREMIAS (stark): - -Das ist nicht wahr. - -STIMMEN: - -Es ist wahr ... Sie haben uns in diesen Krieg geführt ... sie haben uns -geopfert ... Wir haben diesen Krieg nicht gewollt ... Friede wollten -wir ... Friede ... Mache Friede mit ihnen ... Friede ... Friede ... - -JEREMIAS: - -Spät wollt ihr den Frieden! Was werft ihr Blutes Schuld von euch fort -auf den König? Auch ihr habt diesen Krieg gewollt. - -STIMMEN: - -Ich nicht ... nein ... ich nicht ... ich nicht ... Der König hat ihn -gewollt ... ich nicht ... keiner von uns ... - -JEREMIAS: - -Alle habt ihr ihn gewollt, alle, alle! Wankelmütig sind eure Herzen und -schwanker denn Rohr. Die jetzt Friede schreien, hörte ich toben nach dem -Kriege, und die jetzt den König schmähen, jauchzeten ihm zu. Wehe, du -Volk! Doppelzüngig ist deine Seele, und jeder Wind wendet deine Meinung! -Ihr habt gehurt mit dem Kriege, nun traget seine Frucht! Ihr habt -gespielt mit dem Schwerte, nun fühlet seine Schärfe. Wider euch schlaget -mit den Fäusten, wider euch mit den Worten! - -STIMMEN: - -Wehe ... er zürnt uns ... Jeremias ... sieh unsere Not ... hilf uns ... -was sollen wir tun ... - -JEREMIAS: - -Es tue jeder nach seinen Kräften. Wer ein Schwert fassen kann, fasse das -Schwert und diene mit seinem Blute, und wem der Arm lahmt, der gehe ein -in sein Haus und diene mit seinen Tränen. Aber rottet euch nicht und -murret nicht! - -DIE MENGE: - -Nein ... Rettung ... Hilf uns ... Sieg, gib uns Sieg ... Laß uns nicht -ohne Hoffnung ... Siehe, wir vergehen ... Jerusalem ... rette uns ... -rette Jerusalem ... Heiliger ... Gütiger ... hilf uns ... ein Wunder tu, -laß es nicht geschehen ... ein Wunder ... recke aus deinen Arm, wie -Jesaja tat ... wie Elia ... wie Aaron ... hilf uns ... - -JEREMIAS: - -Niemand kann helfen, so Gott euch nicht hilft. - -DIE AUFREIZENDE STIMME: - -Gott hat uns verlassen! - -DIE MENGE: - -Ja ... Gott hat uns verlassen ... wo ist er ... wo ist der Bund, den er -geschlossen mit uns ... Gott hilft nicht ... - -JEREMIAS (zornig): - -Was zischt ihr wider Gott aus eurem Elend, ihr Gewürm der Erde, wollt -ihr, daß er euch zertrete mit seiner Ferse? Da er euch gnädig war, -brüstetet ihr euch mit seiner Liebe und prangertet mit seiner Güte, und -meinet ihn nun wegspeien zu dürfen am Tage des Gerichts! Wehe, welch ein -Volk seid ihr. Stein ist eure Stirne und eine eiserne Ader euer Nacken, -aber ich sage euch: Nicht stemmet die Stirn wider Gottes Stärke, beuget -euch, beuget euch, ehe ihr zertreten werdet! - -STIMMEN: - -Wehe ... wie unbarmherzig ... er verläßt uns ... nur Worte gibt er ... -Wir sind verloren ... wer hilft uns ... Nicht harte Worte gib uns ... -ein Wunder tu ... ein Wunder ... ein Wunder ... ein Wunder ... - -JEREMIAS: - -Wahrlich, ein Wunder wäre vonnöten, euren Starrsinn zu beugen! Noch aus -dem Tod hebt ihr die Stirne, noch aus dem Untergang eure Lästerung! -Wehe, welch ein Volk seid ihr! Ich aber sage euch, beuget euch, beuget -euch! Nicht auf das Wunder wartet, das euch erlöse -- den Gott erlöset -in euch! Beuget euch, ihr Starren, demütiget euch, ihr Hochmütigen, ehe -ihr zerbrochen werdet! - -STIMMEN HERBEISTÜRMENDER: - -Sie haben ein Tor gesprengt bei Moria ... Abimelech ist gefallen! - -DIE MENGE (wild aufschreiend): - -Wehe ... wehe ... (Dann plötzlich mit verdoppelter Wucht gegen Jeremias -aufschäumend): Höre ... höre ... wir sind verloren ... jetzt hilf ... -tue ein Wunder ... ein Wunder, Profet ... ein Wunder ... - -JEREMIAS (verzweifelt): - -Was wollt ihr, daß ich tue? Soll ich die nackten Arme recken wider den -Feind ... - -DIE MENGE (ekstatisch): - -Ja ... ja ... tue also ... - -JEREMIAS: - -Glaubt ihr denn, daß ich jagen kann, den Gott wider euch sandte? - -DIE MENGE: - -Ja ... ja ... Du kannst es ... Du kannst es ... Du mußt es können ... -ja ... ja ... alles kannst du ... - -JEREMIAS: - -Ich kann es nicht, Wahnwitzige! Nichts vermag ich wider Gott! - -DIE MENGE: - -Du kannst es ... rette Jerusalem ... Du kannst es!... Das Wunder tu ... - -JEREMIAS (ausbrechend): - -Und wenn ich es könnte wider Gottes Wille, ich täte es nicht. Weichet -von mir, die ihr mich verlockt wider ihn. Zu ihm halte ich und nicht zu -euch, ich streite nicht wider sein Schwert, ich rede nicht wider seine -Rede, ich will nicht wider seinen Willen! Möget ihr euch ihm wehren, ich -beuge mich! Was immer er verhänge, ich beuge mich seinem Willen, ich -beuge mich. - -STIMMEN: - -Wehe ... nein ... nein ... - -JEREMIAS: - -Es geschehe, wie er bestimmt. Es erfülle sich sein Wille: wer durch das -Schwert fallen solle, falle durch das Schwert, wen der Hunger schlägt, -durch den Hunger, wen Pest würget, würge die Pest -- sein Wille geschehe, -sein Wille geschehe, ich beuge mich, ich beuge mich! Seine Bitternis -will ich trinken und seine Fäuste fühlen, so es sein Wille ist -- ich -beuge mich. - -STIMMEN: - -Wehe ... er verleugnet uns ... er verläßt uns ... - -JEREMIAS (immer mehr in Ekstase): - -Zu ihm halte ich, dem Getreuen, und nicht zu euch, die ihr schwanket. Sein -Wille geschehe und nicht der eure! Herr, tue, wie es dein Wille ist -- -ich beuge mich dir, ich beuge mich. Fallen möge Jerusalem, so es dein -Wille ist -- ich beuge mich! - - (DIE MENGE bricht in einen Entsetzensschrei aus.) - -JEREMIAS: - -Fallen möge dein heiliges Haus, so es dein Wille ist -- ich beuge mich! - - (AUS DER MENGE zucken wilde Wutschreie.) - -JEREMIAS: - -Fallen mögen die Türme, zerstieben das Volk und sinken sein Name, -Schmach möge stürzen auf meinen Leib und Marter auf meine Seele, so es -dein Wille ist -- ich beuge mich, Herr, ich beuge mich! - -DIE MENGE: - -Er ist rasend ... Nieder mit ihm ... Er ist toll ... Wehe ... Er -verflucht uns ... Schweige ... Verräter ... Wehe ... - -JEREMIAS (ganz in Ekstase): - - Was immer du tust, ich beuge mich. - Ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich! - Ström nieder auf mich mit all deinen Schauern, - Ich tu mich dir auf, ich sperr mich nicht ab, - Brich ein in mein Herz, brich ein in die Mauern, - Wirf nieder die Tore, die tödlich umstürmten, - Verbrenn deinen Altar, den blutig beschirmten, - Verstoße dein Volk und verstoße auch mich -- - Ich bleib dir doch treu in Tiefe und Trauer, - Denn mein Herz beherbergt dich ewiglich! - -DIE MENGE (ihn wild umstürmend): - -Verräter ... Er betet um unsern Tod ... Er verflucht uns ... Steiniget -ihn ... steiniget ihn ... - -JEREMIAS (noch ekstatischer sich aufrichtend, wie eine Flamme über der -dunkel schwelenden Masse): - - Herr, tue an mir, wie dir es gefällt. - Ist Dunkel gesunken, kam Leidenszeit, - Herr, ich bin allem Leiden bereit! - Gieß aus deines Zornes fressende Lauge - In meine Seele -- sie wird dich nicht lassen, - Zerbrich meine Hände, verschließ meine Augen -- - Ich werde dich schauen, ich werde dich fassen. - Sinn aus das trächtigste Maß deiner Leiden, - Ich will mich nicht wehren, ich bin ihm bereit! - Und je mehr du mir Leiden und Martern gibst, - Um so mehr will ich künden, daß du mich liebst! - Ich will doppeln die Qual, die du auferlegt, - Ich will küssen die Geißel, die mich zerschlägt, - Ich will danken der Hand, die mich knechtet und kränkte, - Ich will rühmen den Brand, der das Herz mir versengte, - Ich will segnen den Tod, den dein Wille entsandte, - Ich will segnen die Not, die die Stadt uns verbrannte, - Ich will segnen Bitternis, Knechtschaft und Schmach, - Ich will segnen den Feind, der die Tore zerbrach, - Denn ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich! - Was immer du sendest, ich lobe dich, - Herr, höre mein Wort und erprobe mich! - -DIE MENGE (in Wutschreien ihn unterbrechend): - -Verräter ... steiniget ihn ... er segnet unsere Feinde ... er betet für -unsere Feinde ... Steiniget ihn ... Fluch wirft er über uns ... -Lästerer ... Steiniget ihn ... - -DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME (alle überkreischend): - -Kreuziget ihn! Kreuziget ihn ... - -DIE MENGE (die Stufen emporschäumend in wildem Schrei): - -Ja ... ans Kreuz ... kreuziget ihn ... Gotteslästerer ... Verräter ... -steiniget ihn ... kreuziget ihn ... - -JEREMIAS (die Arme auftuend zur Kreuzgebärde, in äußerster Ekstase): - - Dein Wille geschehe! Kommt her! Kommt her! - Die Lanze rammt mir ein und den Speer, - Oh, geißelt nur, speit und beschmähet mich, - Zum Kreuze schleppt und erhöhet mich, - Zerreißt meine Hände, zerbrecht mein Gebein, -- - Ich will ja nur für euch alle und alle - Vor Gott das selige Sühnopfer sein. - Oh, faßt mich! Vielleicht ist mein Opfer genehm, - Vielleicht sieht sein Auge mit Wohlgefallen - Mein brennendes Herz und erbarmet sich - Und rettet und rettet Jerusalem! - - (DIE MENGE schäumt empor, ihn umdringend. Einige fassen ihn, andere - werfen sich ihnen entgegen und versuchen, ihn zu befreien.) - -STIMMEN: - -Ans Kreuz ... steiniget ihn ... Er lästert Gott ... Kreuziget ihn ... -Fluch Jeremias ... Kreuziget ihn ... - -ANDERE STIMMEN: - -Laßt ... Der Geist Gottes ist über ihm ... Er rast ... laßt ab ... - -ANDERE STIMMEN: - -Ans Kreuz ... Ans Kreuz ... Er hat uns verflucht. - -JEREMIAS (im Tumult, die Hände kreuzgebreitet): - - Was zögert ihr noch? Den seligen Preis - Des Martertods, ich will ihn bezahlen! - Oh, wie dürstig bin ich der Martern und Qualen, - Denn ich weiß, - Der am Kreuze hinstirbt in irdischer Pein, - Wird der selige Mittler und Fürbitter sein. - Seine Arme, die brechend am Kreuzholz hangen, - Werden liebend die Seele der Welt einst umfangen, - Seine Lippen, die schmachtend verlöschen und brechen, - Das erlösende Wort des Friedens aussprechen, - Seine Seufzer werden zu Wohllaut werden, - Seine Qual die ewige Liebe auf Erden. - Oh, sein Tod ist Leben, sein Leiden Vergeben, - Nur sein Fleisch kann sinken, sein Leib kann zerfallen, - Doch seine Seele wird flügelnd mit allen - Sünden der Menschen zu Gott aufschweben - Und dort der Bitter und Bote sein! - Oh, daß ich es wäre, oh, daß ich es würde, - Meine Seele verzehrt und verlodert sich! - Auflegt mir das Kreuz! Aufhäuft mir die Bürde! - Kreuziget mich! Oh, kreuziget mich! - - (DIE MENGE hat ihn unter wilden Rufen gefaßt und schleift ihn mit - sich. Sie schlagen auf ihn ein.) - -STIMMEN: - -Kreuziget ihn ... Ans Kreuz ... Er hat sie gerufen ... er ist der -Feind ... Kreuziget ihn!... steiniget ihn ... - - (Flüchtige kommen in diesem Augenblick von rückwärts gestürmt in - wahnsinniger Verwirrung. Sie schleudern die Waffen im Lauf weg und - gebärden sich wie Tolle.) - -WILDE STIMMEN: - -Die Mauer ist gefallen ... Die Feinde sind in der Stadt ... Die Chaldäer -über uns ... Verloren ... Israel ist verloren ... - -NEUE FLÜCHTIGE: - -Abimelech ist tot ... Alles ist verloren ... Jerusalem ist gefallen ... -Rettet euch ... Die Chaldäer ... - -NEUE FLÜCHTIGE (in vollem Lauf): - -Sie sind hinter uns ... Zum Tempel ... Alles ist verloren ... Wehe ... -Israel ... Israel ... Wehe! Israels Ende ... verloren Jerusalem! - - (DIE MENGE stiebt in furchtbarem Entsetzensschrei auseinander. Sie - lassen Jeremias und stürzen kreischend in alle Richtungen. Die ganze - Stadt dröhnt von Geschrei und Getöse wirrer Verzweiflung und - Flucht.) - - - - -DAS ACHTE BILD - -DIE UMKEHR - - »Oh, daß Hiob versuchet würde bis ans Ende.« - - Hiob XXXIV, 36. - - - Ein weitläufiges kellerartiges Gewölbe, dessen Läden verschlossen - und dessen Türen verrammelt sind. Feuchtes Grau füllt die Tiefe des - unterirdischen Raumes. Wie Gewürm, dunkel und verstrickt, kauern und - liegen Flüchtlinge auf den Steinen, einige haben sich um einen Greis - zusammengetan, der aus der Schrift mit zerbrochener Stimme halblaut - liest; rückwärts liegt, von einer Frau behütet, ein Verwundeter. - - Abgesondert von ihnen, auf einem Stein und selbst reglos wie er in - Fels erstarrt, sitzt gebückt JEREMIAS, das Antlitz in den Händen - vergraben. Er ist ganz teilnahmslos. Sein Schweigen liegt wie ein - Block in dem wogenden Murmeln und Widerstreiten der andern. - - Es ist der Tag nach Jerusalems Fall, die Stunde nach - Sonnenuntergang. - -DER ÄLTESTE (liest vor aus der Schrift, den Leib rhythmisch wiegend zu -den Worten, die er leise und monoton spricht, nur manche Rufe der -Verzweiflung und der Begeisterung ruft er vor, und die andern sprechen -sie im murmelnden Chore mit): - - Höre, oh höre, du Hirte Israels, - Der du Josefs hütest wie der Schafe, - Erscheine, der du sitzest über Cherubim, - Erscheine, erwecke deine Gewalt! - -DIE ANDERN UM IHN (mitmurmelnd): - -Erscheine, erscheine, Erwecke deine Gewalt! - -DER ÄLTESTE: - - Erscheine, du Hirte! Gott, tröste uns, - Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen! - Wie lang willst du zürnen dem betenden Volke, - Mit Tränen sie speisen, mit Tränen sie tränken? - Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth, - Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen! - -DIE ANDERN: - -Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen! - -DER ÄLTESTE: - - Du hast aus Mizraim den Weinstock geholet - Und eingepflanzt in der Heiden Land, - Du ließest die Wurzeln ihn mächtig ausgreifen, - Gehügel und Berge deckte sein Schatten - Und sprossende Reben die Zedern des Tals, - Doch wehe, - Die Fremden haben die Reben zerrissen, - Die wilden Tiere sein Wachsen verderbet, - Festiglich war er, und wüst ist er nun! - -DIE ANDERN: - - Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth, - Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen! - -DER ÄLTESTE: - - Nicht denke der Sünden, so wir begingen, - Erbarme dich unser, eh wir vergehn, - Denn dünn und schwank schon sind wir geworden, - Und der Sturm deines Ingrimms wirft uns zu Tod, - Nicht denke der Sünden, so wir begingen, - Gedenke des Bundes, gedenk deines Namens, - Erscheine, du Hirte! Führ heim deine Herde! - Erscheine! Erwecke deine Gewalt! - -DIE ANDERN: - -Erscheine! Erwecke deine Gewalt! - -ANDERE (flehentlich): - -Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen! - -DER VERWUNDETE (von rückwärts, der leise gestöhnt hat, jetzt laut -aufschreiend): - -Ah! Ah! Ah!... Ich verbrenne ... Legt mir Wasser auf ... ich -verbrenne ... ah ... ah ... ah ... Wasser! - -DIE FRAU (neben ihm): - -Schweige, Guter, schweige um Gottes Gnade willen! Sie hören uns sonst. - -DER ÄLTESTE: - -Schweige! Sei stille! Verschließ dich! Du stürzt uns alle ins Verderben. - -EIN ANDERER: - -Sie töten uns, wenn sie uns entdecken! - -DER VERWUNDETE: - -Sie sollen mich töten ... ah ... ah ... ich ertrage es nicht ... es -frißt mich das Feuer ... ah ... ah ... Wasser ... Wasser ... gebt mir -Wasser ... ich verbrenne ... Hilfe ... Hilfe!... - -EIN MANN: - -Wir müssen ihn schweigen machen, er verrät uns. - -DIE FRAU: - -Nein ... fort von ihm ... mein Bruder ist er ... von der Mauer habe ich -ihn auf meinen Schultern getragen. (Sie kniet bei ihm nieder.) Lieber ... -Lieber ... ich flehe dich an ... versuche zu schweigen ... ich hole -dir Wasser ... da, mein Tuch nimm und klemm es in die Zähne ... so ... -so ... - - (DER VERWUNDETE hat das Tuch sich in den Mund geknebelt. Sein - Schreien geht in ein dumpfes Wimmern über.) - - (DIE ANDERN, die erregt aufgestanden waren, haben sich wieder - niedergelassen.) - -EINER: - -Lies weiter, Pinehas! Es ist viel Tröstung im Wort. - -EIN ANDERER: - -Lies weiter! Von der Verheißung lies, von der Verheißung! - -ANDERE: - -Ja ... vom Gottesknecht ... vom Reis aus Isais Stamm ... die -Verkündigung ... Oh, lies ... sänftige mein Herz ... vom Erlöser lies ... -unsere Herzen dürsten nach dem Tau des Worts ... - - (DER ÄLTESTE hat die Schrift wieder aufgenommen und will zu lesen - beginnen. Es pocht von außen an eine Türe. Alle fahren zusammen.) - -EINE FRAU (ängstlich): - -Es hat gepocht! - -EINE ANDERE (erregt): - -Sie sind da! Sie haben uns ausgespürt! - -EIN MANN: - -Es ist nicht vom Tore her! Einer der unsern muß es sein. Nur sie kennen -den Gang. Tut ihm auf! - -DIE FRAU: - -Nein! Nein! Es kann Verrat sein. Schächer sind unter dem Volke. Laßt zu! - -DER ÄLTESTE: - -Stille! (Er nähert sich vorsichtig der hinter Steinen verborgenen Türe). -Wer ist es? - - (EINE STIMME von außen antwortet.) - -DER ÄLTESTE: - -Zefanja ist es, der Sohn meines Schwähers, den wir auf Kundschaft -gesandt. (Er schiebt den Riegel auf, ein Mann tritt ein, behelmt und wie -ein Chaldäer gekleidet. Alle stürzen sich um ihn. Nur Jeremias bleibt, -wie der Stein, auf dem er mit gestütztem Arm starrt, reglos und -unbeteiligt.) - -ALLE (wild durcheinander): - -Was ist geschehen ... Hast du Neter gesehen, meinen Sohn ... Tebia, mein -Weib ... mein Haus, haben sie es verbrannt ... Erzähle ... sprich ... Wo -ist der König ... Der Tempel ... Erzähle, Zefanja ... Mein Gatte, -Ismael ... wo ist er ... Sprich ... Wo ist der Priester ... was geschieht -mit uns ... Erzähle ... - -DER ÄLTESTE: - -Stille! Ihm lasset die Rede, denn seine Augen haben den Tag gesehen und -die Stadt! - -ZEFANJA: - -Besser im Dunkel zu sitzen, anstatt solches zu schauen, besser als -dieses noch, blind sich zu weinen, und am besten tief unten im Schwarzen -zu schlafen zwischen den Wurzeln der Bäume und den Eingeweiden der Erde. -Ein Acker der Toten ist Davids Stadt geworden, Schutt und Kehricht -Salomos Burg. - -ALLE: - -Wehe ... Jerusalem ... wehe ... wehe ... - -ZEFANJA: - -Wie Kot liegen unserer Brüder Leichen auf den Gassen, und selbst den -Toten noch rauben sie das Kleid. Aus den Gräbern haben sie das Gebein -des Königs Judas gerissen und geworfelt um den Purpur Salomos aus -seinem Sarge. Sie haben die Brote gegriffen vom heiligen Tisch und die -Leuchter geraubt von den Wänden. - -DER ÄLTESTE (sein Kleid zerreißend): - -Ich will nicht mehr leben! Oh, könnt ich mein Innres zerreißen wie dies -mein Gewand! - -STIMMEN: - -Wehe ... wo ist Gottes Kraft ... der Bund ... die Verheißung ... wo sind -unsere Führer ... Nachum ... wo ist Jochan ... verloren, verloren ... -Jerusalem ... mein Gatte ... wen sahest du ... - -ZEFANJA: - -Um viele fraget ihr, und eine Antwort habe ich für alle. Es sieht keiner -Gottes Morgen mehr von den Edlen der Stadt. - -ALLE: - -Wehe ... Sie alle ... es ist nicht möglich ... Was ist mit Abodassar ... -Jojakim, auch er ... Hedassar ... Imre ... mir sage, mir ... Nachum ... - -ZEFANJA: - -Nicht fraget mich ... ihr Leiden ist gewesen und ihre Seelen bei Gott. - -ALLE (durcheinander): - -Und sage, auch Nachum ... antworte ... die Kinder des Königs ... -Absalon, mein Schwäher ... - -ZEFANJA: - -Es ist keiner am Leben. Wer nicht fiel an der Mauer, den erwürgten -Nabukadnezars Schlächter. Keiner lebet mehr, denn Zedekia. - -STIMMEN: - -Zedekia lebet ... Warum ihn geschont ... warum gerade ihn ... Ein -Verräter ist er ... Warum Gnade ihm, wenn den andern Tod ... warum ihm -Schonung? - -ZEFANJA: - -Ehrfurcht vor dem Könige! Ehrfurcht vor seinem Leide. - -STIMMEN: - -Was ist mit ihm ... ist er gefangen?... - -ZEFANJA: - -Zedekia brach durch mit sechzig der Tapfersten, daß sie sich sammelten -im Gebirge und den Kampf erneuerten wider Assur. Aber jene jagten ihnen -mit Wagen nach und faßten ihn und schleppten ihn vor Nabukadnezar. - -STIMMEN: - -Und er ... was tat er? - -ZEFANJA: - -Ich kreuzte den Weg seines Leidens und stand auf dem Platze, da sie ihn -in Ketten hielten. Und sie schlugen vor seinen Augen seine Kinder eines -nach dem andern mit dem Schwert. Dann aber ... als seine Augen voll -waren mit Grauen und Tränen ... dann ward der Gesalbte des Herrn, dann -ward Zedekia geblendet ... - -JEREMIAS (plötzlich aus seiner ehernen Reglosigkeit auffahrend, in -furchtbarstem Entsetzen): - -Geblendet, sagst du ... geblendet ... - -ZEFANJA: - -Wer ist dieser? - -STIMMEN: - -Sprich nicht mit ihm ... sieh ihn nicht an ... Schweiget ... nicht -nennet den Namen des Verruchten ... Fluch ist auf ihm ... fort ... -Sprich nicht zu ihm ... - -ZEFANJA: - -Wer ist, der da fragte? Ich kenne diese Stimme. - -STIMMEN: - -Nicht frage ... Fluch über ihn ... er gehört nicht zu uns ... ein -Ausgestoßener ist es des Herrn... - -EINE FRAU: - -Gottes Fluch ist er, über uns gesandt zu brennender Qual, Gottes Geißel -und Galle -- Jeremias, Jeremias! - -ZEFANJA (mit einem gellen Aufschrei, beide Hände vor sich hinhaltend): - -Jeremias! - -JEREMIAS: - -Was schrickst du so vor mir? Was fürchtest du dich? Ich bin nicht zu -fürchten mehr. Wind ward mein Wort, und Kot ist meine Kraft. Spei mich -an und geh deines Wegs! - -ZEFANJA (schauernd): - -Nicht fluche mir, du Furchtbarer, nicht fluche mir! Nein, nein, nein, -ich tat dir nichts! Nicht fluche mir! - -JEREMIAS: - -Und wenn ich dir fluchte, was schädigte es dich, und wenn ich dich -segnete, was förderte es dich? Was bin ich denn? Ein Hauch ohne Wort, -ein Fluch ohne Kraft, ein Verkünder ohne Gott. Spei mich an, denn -Aussatz war mein Wort und Lahmheit mein Wandel. - -ZEFANJA (noch mehr schauernd): - -Nicht fluche mir! Nicht fluche mir! Nie war ich dir feind! Oh, schützet -mich! Verbergt mich vor ihm! Flehet ihn an, daß er mir nicht fluche! Ich -kann sein Auge nicht schauen, ohne zu zittern, ich kann seinen Namen -nicht hören, ohne zu schauern. - -DER ÄLTESTE: - -Ermanne dich! Was schauerst du vor ihm? Wind sind seine Worte und die -Schmach seine Heimstatt. - -ZEFANJA: - -Nein ... nein ... furchtbar ist er ... furchtbar ... er hat es gewußt ... -er hat es gewußt voraus ... er ... er allein ... und er hat ihn -gerufen ... der König ... er ... er ... - -DER ÄLTESTE: - -Wer hat ihn gerufen? - -ZEFANJA (ganz entgeistert): - -Er ... er hat ihn gerufen ... der König. Gefaßt hatten sie ihn in seinen -Ketten und wandten sein Antlitz, daß er schaue, wie man seine Kinder -schlüge ... er wehrte sich ... aber sie zwangen ihn... Seine Lippen -waren zwischen den Zähnen, er wollte schweigen ... und er schwieg, wie -sie den ersten faßten seiner Söhne ... aber wie sie den zweiten griffen, -da bebten sie ... und da sie den dritten durchstießen, da sprangen sie -auf, die Lippen, die verzerrten ... aber nicht um Gnade schrie er ... er -schrie: »Jeremias!« »Jeremias!« - - (ALLE schauern zurück.) - -ZEFANJA: - -Seinen Namen schrie er in der Qual. Und da der Brandstahl seine Augen -zerstieß, da schrie er nochmals ... Jeremias ... Jeremias... Wo bist du, -Verkünder ... wo bist du ... mein Bruder Jeremias ... ihn ... ihn hat er -gerufen ... Er hat es gewußt ... - - (ALLE weichen vor Jeremias, wie vor einem gefährlichen Tier.) - -JEREMIAS (in wirrer Qual mit sich ringend): - -Es ist nicht wahr ... Ich habe es nicht gewollt ... nichts, habe ich -gewollt von dem allen ... er darf mich nicht anklagen ... er darf -nicht ... Das Wort ist in mich gefahren, wie das Feuer vom Steine fährt ... -er darf mich nicht anklagen ... ich ... ich wollte zu ihm ... nicht ich ... -Gott hat mich zum Lügner gemacht ... ich habe mich seiner erwehret ... -es ist nicht wahr ... nicht ich habe es getan ... - -ZEFANJA: - -Was redet er? - -EIN WEIB: - -Wahnsinn hat ihn befallen. - -EIN ANDERER: - -Ein Rasender ist er. - -EIN MANN: - -Nein ... er hat es gesagt ... er hat alles gewußt ... ein Weiser ist -er ... ein Profet ... - -JEREMIAS: - -Er darf nicht ... er darf nicht ... er darf mich nicht anklagen ... mein -Wort ist mein Wille nicht ... Macht ist über mir ... Er ... Er ... Der -Furchtbare ... Der Mitleidslose ... Sein Werkzeug bin ich nur ... sein -Hauch ... seiner Bosheit Knecht ... Er hat mich beredet, und ich ließ -mich bereden ... denn übermächtig war er, und sein Knecht bin ich -geworden ... Fluch hat er in meinen Atem getan ... Er ... Er ... der -Furchtbare ... die Galle in meine Rede ... und das Bittere in meinen -Speichel ... Oh, wehe über die Gottesfaust ... wen er faßt, der -Furchtbare, den läßt er nicht wieder ... oh, daß er mich freigäbe, den -Verfluchten seines Worts ... ich ... ich ... ich will nicht mehr reden -seine Rede ... schweigen will ich ... schweigen ... ich ... ich ... ich -will nicht mehr, Gott ... ich will nicht mehr ... ich fluch deinem -Fluche ... laß deine Hand von mir, tu das Feuer von meinem Mund ... -ich ... ich ... ich kann nicht mehr ... ich will nicht mehr ... - -DIE STIMMEN: - -Tobsucht hat ihn überkommen ... die Krämpfe ... die Krämpfe ... wie eine -Gebärerin windet er sich ... weichet von ihm ... hört ihn nicht an ... -Gott hat ihn gestraft ... - - (JEREMIAS bricht wie zerschmettert in sich zusammen.) - -DIE STIMMEN: - -Sehet ... seht ... Die Hand des Herrn hat ihn getroffen ... Wahnsinn hat -ihn geschlagen ... weichet von ihm ... weichet von ihm ... - - (ALLE haben sich zusammengeschart und drängen sich von Jeremias - fort, der auf der Erde liegt, wie ein gefällter Baum. Einige - Augenblicke herrscht bestürztes, ratloses Schweigen. Dann plötzlich - von außen ein Hörnerschall aus großer Ferne.) - -ZEFANJA: - -Wehe, sie nahen schon, die Verkünder, die Herolde des Unheils! - -ALLE (um ihn): - -Was ist ... was ist geschehen ... was bedeutet der Ruf ... Lasset den -Narren ... Sprich, Zefanja ... welche Botschaft ... - -ZEFANJA: - -Botschaft Nabukadnezars an die Restlinge des Volkes. - -STIMMEN: - -Wehe ... was haben sie vor ... sollen wir gehen, sie zu hören ... dürfen -wirs wagen ... sprich, Zefanja ... - -ZEFANJA: - -Nicht eilet euch, böse Botschaft ist immer zu früh noch vernommen. - -STIMMEN: - -Nein ... sprich ... erzähle ... sprich ... was ist uns verhängt ... - -ZEFANJA: - -Es ist Nabukadnezars Wille, daß die Stadt nicht mehr lebe auf Erden. - - (STIMMEN in Schreckensschreien.) - -ZEFANJA: - -Zum Denkmal der Schrecknis hat der Verruchte Gottes Stadt bestimmt! Von -der Erde reißt er uns weg, wandern müssen wir, Brüder, wie einst in die -Knechtschaft. Eine Nacht nur wird uns Restlingen gegeben zur Rast, daß -wir die Toten begraben, dann muß ein jeder, Greis und Kind, fort von -hier in der Chaldäer Land. Fremden Acker sollen wir bauen, fremde Reben -aufpflanzen und fremd uns selber werden und unserm Gott. Zum letzten -Male halten wir Jerusalems Erde an unserm Fuß, zum letzten glänzt -heimatlich Gestirn ob unsern Häupten. Das ist jener Botschaft. Weh, wen -es lüstet, sie zu vernehmen! - - (DER POSAUNENSCHALL tönt wieder von näher.) - -STIMMEN: - -Wir sollen hinaus ... fort von Zion ... fort von Jerusalem ... - -DER ÄLTESTE: - -Ich gehe nicht ... ich bleibe ... ich bleibe ... - -ZEFANJA: - -Wer sich weigert der Wandrung, den fällt das Schwert. Jeder soll sich -rüsten zur Reise und sich sammeln auf dem Markte. Dreimal wird die -Posaune tönen vor dem Morgenrot. Wer dann noch betroffen wird in der -Mauern Geviert, der verfällt ihrem Schwert. - -DER ÄLTESTE: - -Möge es mich fällen, ich bleibe, ich bleibe! Ich will nicht leben ohne -Jerusalem. Im Sarge lieber, denn in fremdem Geviert! - -EIN WEIB: - -Mein Bruder ist gefallen, meines Bruders Sohn und mein Gemahl. Gräber -sind mein Erbe, ich will es behüten. - -EIN MANN: - -Ich bleibe! Ich bleibe! Hier ist meine Wurzel und meine Kraft. Lahm -würde mein Arm, sollte ich den Pflug stoßen in fremde Erde, und blind -meine Lider in fremder Welt. - -STIMMEN (begeistert): - -Wir bleiben ... wir wollen sterben ... lieber den Tod, als das -Diensthaus ... nicht in die Verbannung ... sterben für Gott ... -sterben ... lieber sterben ... - -DER KRANKE (von seinem Lager rückwärts sich fiebernd aufrichtend): - -Nein ... nein ... ich will nicht sterben ... nicht sterben ... leben -will ich, leben ... ich will fort ... fort ... nur nicht sterben ... wer -wird mich tragen ... verlaßt mich nicht ... nicht ... nicht sterben ... -leben, leben, leben!... - -DIE FRAU (zu ihm hinstürzend): - -Beruhige dich ... ich trage dich. - -DER KRANKE (fiebernd): - -Ja ... fort ... fort von den Wahnwitzigen ... nur nicht sterben ... nur -nicht sterben ... - -DER ÄLTESTE: - -Er spricht wirr ... sein Leib ist verbrannt, sein Arm zerschmettert ... -er weiß nicht, was er redet ... - -DER KRANKE (in fiebriger Wut): - -Ich weiß ... ich weiß ... ich habe den Tod gespürt ... nur nicht -sterben ... Lieber verbrennen, lieber leiden ... aber doch Leben noch -fühlen, Leben ist Hoffnung, und Totsein ist nichts ... nur nicht -sterben ... leben ... leben ... - -EINE JUNGE FRAU: - -Ja, auch ich will leben ... ich habe noch nichts geschaut, nichts -gefühlt ... meine Glieder blühn noch ... ich spüre mich ... ich will -nicht ins Kalte ... ich will nicht ... ich gehe mit dir ... -überallhin ... überallhin ... - -EIN ANDERES WEIB: - -Metze du ... Buhlerin ... willst du Kebse werden der Fremden? - -DIE JUNGE FRAU: - -Alles ... alles ... nur leben, nur leben ... - -DER KRANKE: - -Leben ... alles leiden, alle Qualen ... aber leben ... - -EIN MANN (wild): - -Kein Leben ohne Gott ... kein Leben ohne Jerusalem ... - -ANDERE STIMMEN (durcheinander): - -Lieber sterben ... lieber sterben ... nur nicht zurück ins Diensthaus ... -nicht Sklave sein ... nicht sterben, nur nicht sterben ... - - (DER POSAUNENRUF der Herolde tönt nun von ganz nahe.) - -EINER: - -Laßt sie rufen, ich höre sie nicht. Die Stimme des Todes tönt in mir -stark wie Gotteswort! Sterben wir, sterben wir, lassen wir uns nicht -locken! Sterben wir mit Jerusalem! - -DER ÄLTESTE: - -Ich halte dich, Jerusalem, heilige Stadt, mit meinen welken Händen -klammre ich mich dir an, mein Leben warst du, so sei auch mein Tod! Wie -könnte ich atmen ohne dich, wie auftun das Auge des Morgens, ohne zu -schauen Salomos Haus und Gottes irdische Rast? Lieber in deine Erde -versargt sein, als hingehen über andere Scholle, lieber ein Toter mit -meinen Vätern, denn ein Knecht unter Fremden. Jerusalem, Jerusalem, -Jerusalem, nimm mich in deine Erde, mein Leben warst du, sei auch mein -Tod! - -ZEFANJA: - -Ich scheide mich von dir. Ich will nicht sterben! Zu viel der Toten habe -ich gesehn in den Straßen, ihre Augen standen starr in den Himmel der -Stadt, ihre Fäuste waren gekrampft in Israels Erde, aber es war kein -Friede in ihrem Gesicht. Ich will leiden ohne Maß, aber ich will leben. -Mögen sie mich hämmern in die Bergwerke von Tyr, wo das Wasser tropft, -daß der Bart fault und die Augen blinden, mögen sie mich schmieden mit -krummem Rücken in den Ring ihrer Ruderschiffe, mögen sie mich -verschneiden ihren Göttern und verstümmeln, jedes Glied in mir schreit -noch um Leben zu Gott. Jeden Tag will ich segnen aus Ketten und Qual, -oh, nur nicht tot sein, nicht tot sein! - -DER KRANKE (sich aufrichtend): - -Ja, nur leben, nur ein Sandkorn Zeit noch zwischen den Fingern fühlen! -Nur noch sehn die kleinen Blüten der Mandeln, die sich weiß auftun über -Nacht, und den Mond, wie er schmilzt und sich rundet unter den Sternen. -Oh, nichts genießen mehr, verkrümmt sein und vertaubt, aber noch schauen -die seligen Dinge der Welt und die Luft einziehen im Munde. Nur sein -eigen Herz spüren, wie es schlägt und die Ader warm läuft an den Händen! -Leben, oh, leben, nur leben! - -DER ÄLTESTE: - -Schmach über euch, Weichlinge! Wollt ihr leben ohne Gott? Wollt ihr ihn -rücklings lassen in Schutt und Schande? - -EIN MANN: - -Er geht mit uns, wie er ging durch die Wüste. - -EINE FRAU: - -Wir wollen seiner gedenken im Gebet. - -DER ÄLTESTE: - -Wo wollt ihr beten, wenn nicht an seinem Altar? Abtrünnige seid ihr und -Verräter. Wollt ihr knien vor Bel und opfern vor Astaroth? Lebe, wer -leben will ohne ihn. Ich bleibe ihm getreu. - -EIN MANN: - -Ein neues Haus wollen wir ihm bauen. - -DER ÄLTESTE: - -Dieses hat er gewählt. Hier ist er allein. - -STIMMEN: - -Er wandert mit uns ... überall spricht er zu uns ... auch aus dem Golus -wird er uns hören ... auch dort werden wir gläubig sein ... unter allen -Himmeln ist sein Wort, sein Antlitz überschattet alle Wege ... - -DER ÄLTESTE: - -Nein, wer Jerusalem lässet, verläßt auch Gott. Hier ist Jahwes Haus, -hier ist er allein. Götzendienst ist jedes Opfer als an seinem Altar. - -STIMMEN (widerstreitend): - -Nein ... überall ist er ... hier ist er allein ... überall ... allerorts -ist er ... er wird sich uns weisen an jeder Stätte ... nur im Tempel ist -sein Haus ... überall ist er ... überall ... nur hier ist sein -Antlitz ... - -JEREMIAS (plötzlich sich aufraffend, mit furchtbarem Ausbruch): - -Nirgends ist er! Nirgends! Wer hat ihn gesehn von den Lebendigen, wer -gehört seine Stimme? Nirgends ist er! Nirgends! Ins Leere starren, die -ihn suchen, und die ihn bezeugten, sind Lügner geworden vor der -Menschheit Gesicht. Nirgends ist Gott, in den Himmeln nicht und auf der -Erde und in den Seelen der Menschen nicht! Nirgends, nirgends ist er! - -DER ÄLTESTE (ganz erstarrt mit offenem Munde. Endlich mit den Händen -aufzuckend zum Himmel fahrend): - -Lästerung! Lästerung! Fahre nieder auf ihn mit deinen Blitzen! - -JEREMIAS (immer heißer): - -Wer hat ihn gelästert, wenn nicht er selbst? Zerbrochen hat er seinen -Bund, verleugnet seine Schwüre, zerschmissen seine Mauern und verbrannt -sein eigen Haus. Er selbst verneinet sich, er selbst ist Gottes -Lästerer, er, nur er! - -DER ÄLTESTE: - -Hört nicht auf ihn! Hört nicht auf ihn! Ein Abgefallener ist er, ein -Ausgestoßener, hört nicht auf ihn, ihr Diener des Allmächtigen! - -JEREMIAS (immer mehr sich entzündend): - -Wer hat ihm gedient wie ich in Israel, wer war sein Knecht so treuselig -wie ich in Jerusalems Mauern? Ich habe mein Haus gelassen um -seinetwillen im Hasse und meine Mutter im Tode, Freunde habe ich -geopfert seiner Liebe und der Frauen Süße seiner Eifersucht! Seinem -Willen habe ich mich aufgetan wie ein Weib dem Manne. Das Wort zwischen -meinen Zähnen war sein, und das Blut in meinem Leibe, jeder Gedanke war -seines Willens Kind und die Träume hinter meinem Schlaf. Ich habe meinen -Rücken geboten, die mich schlugen, mein Angesicht verbarg ich nicht vor -Hohn und Speichel. Und ich habe gedient, ich habe gedient, weil ich -meinte, daß er wenden werde das Unheil durch mich; ich habe geflucht, -weil ich meinte, er werde es zum Segen kehren; ich habe gekündet, weil -ich meinte, er werde mich zum Lügner machen und werde retten Jerusalem! -Aber Wahrheit habe ich gekündet, und nur er ward Lügner an seinem Wort. -Wehe, wehe, daß ich so treu gedient dem Treulosen! Da meine Brüder -lachten, hat er mich entsendet, daß ich speie auf ihre Freude, und nun, -da sie sich ängstigen und sich winden im Krampf ihres Elends, will er, -daß ich ihrer lache! Aber ich lache nicht, Gott! Ich lache nicht an -meiner Brüder Qual, ich lache nicht! Nicht vermag ich mich zu freuen wie -du an dem Jammer der Verschreckten, und der Erschlagenen Geruch duftet -mir nicht! Deine Härte ist mir zu hart und zu schwer deine Hand! Ich -diene nicht mehr deiner rasenden Rache, ich dien dir nicht mehr. Ich -zerreiße den Bund zwischen dir und mir. Ich zerreiße ihn! Ich zerreiße -ihn! - -STIMMEN (durcheinander): - -Er ist rasend ... er lästert Gott ... fort von ihm ... Gott wütet in -ihm ... Irrwitz hat ihn befallen. - -JEREMIAS (über sie hinweg, in wilder Ekstase ins Leere sprechend): - - So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich! - Wie ich wider dich zeuge, zeug du wider mich! - Sag an, - Ob je ich meinem Gelöbnis mich wehrte, - Ob je ich gemüdet und aufbegehrte? - So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich, - Raff dich auf vor diesen und sprich wider mich! - Du hast mich gesucht und hast mich gefunden, - Mit Ahnung verschreckt und mit Träumen entzunden, - Und da meine Seele in Flammen stand, - Als Feuerbrand wider mein Volk entsandt; - Was wars, als dein rasender Wille nur, - Daß wie ein Feind ich wider sie fuhr? - Ich war die Drossel, die sie umkrampfte, - Der Huf, der ihren Frieden zerstampfte, - Ich war die Säge, die sie zerkreischte, - Der Stachel, der sie lebendig entfleischte, - Ich war die Schrecknis, die sie erschreckte, - Der Angsttraum, der sie allnächtens erweckte, - Der Brand, der an ihren Knochen fraß, - Der Dorn, der in ihrem Fleische saß, - Ich war der Zänker, der sie schmähte und schmälte, - Der Henker, der sie zerpfählte und quälte, - Und war noch der Hohn, der dann sie verlachte verlachte -- - Oh, alles war ich, was dein Irrwitz mich machte, - Denn fühllos wie Feuer und dumpf wie ein Tier, - So diente ich dir! So diente ich dir! - Ich fühlte die Brüder, deren Seele mich suchte, - Und doch! Ich verschloß mich und fluchte und fluchte, - Und ob auch mein Herz sich bäumte und schrie, - Ich zäumte es nieder und züchtigte sie. - -STIMMEN: - -Im Fieber redet er ... zu wem spricht er ... er ist rasend ... sein Hirn -verbrennt ... Irrwitz redet er ... - -JEREMIAS: - - Aber ich sage mich los! - Ich tu nicht länger nach deinem Begehr, - Ich rechte nicht mehr und knechte nicht mehr! - Mein Herz ist nicht länger dir Heimstatt und Haus, - Ich stürz dich aus deinen Himmeln hinaus! - Wie du dein Volk, so hab ich dich verstoßen, - Den harten Hasser, den Mitleidslosen, - Denn ein Gott, der Hohn anstatt Hilfe gibt, - Ist nicht wert mehr, daß man ihn kündet und liebt! - Nur wer das Leiden wendet, ist Gott allein, - Nur wer Trost ausspendet, darf Allmacht sein! - Oh, ich weiß es, ich weiß es, nur der ist Profet, - Dessen Hand die ewige Liebe aussäet, - Dessen Seele Flut ist von großem Erbarmen, - Dessen Seele Glut ist von allem warmen - Strömenden Blut, das unschuldig versprengt ist, - Und dessen Herz von unendlicher Liebe versengt ist! - Oh, und ich fühl es, ich fühl es, ich kann einer sein, - Denn die Stimmen, die ungehört auf zu dir schrein, - Sie schlagen wie Flammen in mich hinein! - Mich ruft die Stadt, die du zürnend verbrannt hast, - Mich ruft dein Volk, das du hassend verbannt hast, - Mich rufen die Witwen, die du gezeugt hast, - Mich rufen die Mütter, die du gebeugt hast, - Mich ruft der König, den du geblendet, - Dein Altar, den du dir selber geschändet: - Aus Grüften und Lüften sind klingende Boten - Urmächtigen Leidens mir zugesendet, - Die Lebenden rufen, mich rufen die Toten, - Und mein Herz erhört sie -- es hat sich gewendet: - Gewendet von dir, der du hassend und hart bist - Und zum Götzenstein deines Stolzes erstarrt bist, - Zu ihnen, den Schwestern, zu ihnen, den Brüdern, - Die Leiden umkleiden, die Qualen erniedern! - Nur ihnen, nur ihnen - Tut auf sich mein Herz, blühn auf meine Arme, - Und ich beug ihrem Leid mich, ihm beug ich die Knie -- - Denn ich hasse dich, Gott, und ich liebe nur sie! - -DER ÄLTESTE: - -Er hat Gott verflucht ... Schlagt ihn nieder ... - -STIMMEN: - -Er rast ... er ist toll ... Irrwitz ist seine Rede ... Wachen Auges -träumt er ... es ist Gefahr, ihn zu hören ... bringt ihn zum Schweigen ... - -JEREMIAS (plötzlich in die Knie brechend, gegen die andern gewandt): - - Oh, meine Brüder, verzeiht mir, verzeiht, - Verzeiht meiner ruchlosen Eitelkeit! - Er, er nur hat mich mit Träumen verblendet, - Mit Worten gelockt und mit Zeichen versucht, - Daß ich meinte im Trotz meiner Eigensucht, - Ich sei als ein Mahner gen euch gesendet. - Ich meinte, daß ich der Große bin, - Wenn seinen Namen ich wider euch reckte - Und die Zähne mit seinen Flüchen ausbleckte, -- - Doch ich reiße mich los und verstoße ihn! - Und ob ich hoffärtig an euch getan, - Ihr Brüder, hört mich erbarmungsvoll an! - Weil ich euch fluchte, erbost euch nicht, - Weil er mich versuchte, verstoßt mich nicht, - Zu euren Füßen werf ich mich hin, - Fühlt, fühlt es, daß ich voll Buße bin! - - (DIE MÄNNER UND FRAUEN weichen entsetzt zurück.) - -JEREMIAS (ihnen nachkriechend auf den Knien): - - Ihr Brüder, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht, - Oh, wie fühl ichs jetzt, daß ihr mir Brüder seid - Und ich der jüngste, geringste von allen! - Oh, laßt mich, ihr Lieben, nun Liebe nur sprechen - Und selig das Brot eures Leidens mitbrechen, - Oh, laßt es, ihr Brüder, euch gütig gefallen, - Daß ich euch liebe, daß ich euch gehöre, - Nie soll mein Wort mehr, ich schwöre, ich schwöre, - Sich frech und mahnend wider euch kehren. - Das Letzte, das Niederste will ich euch tun, - Das ihr mir auflegt als Buße und Pein, - Den Staub will ich küssen von euren Schuhn - Und der klägliche Knecht eurer Knechte sein. - Oh, ihr Brüder im Dunkel, ihr Brüder im Leid, - Meine Reue fühlt, meine Demütigkeit, - Und vergebt mir, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht! - -DER ÄLTESTE: - -Tod über den, der ihn berührt! Gott hat ihn gerichtet. - -STIMMEN: - -Gottverfluchter ... fort mit dir ... fort ... weg von uns ... weg aus -unserer Mitte ... verpeste uns nicht ... Gottesleugner ... fort ... -fort ... - -JEREMIAS (zurückgestoßen, mit einem dumpfen Aufschrei): - -Aussatz über mich! Aussatz über mich und Tod! (Er bricht in sich -zusammen.) - -STIMMEN: - -Man muß ihn hinausschaffen wie ein Aas ... er verpestet mit seiner Nähe -den Atem ... Wahnsinn ist über ihm ... hinaus mit ihm ... tötet ihn ... -schlagt ihn nieder ... - -DER ÄLTESTE: - -Rührt ihn nicht an! Gottes Hand ist über ihm, und sie ist stärker, denn -die unsere. - - (EIN POCHEN, heftig und herrisch, an der Türe.) - -ALLE (durcheinander): - -Die Herolde ... die Chaldäer ... es pocht wie die Hand eines -Gebieters ... es ist keiner der unsern ... - - (DAS POCHEN, heftiger und eiliger.) - -ALLE (durcheinander): - -Wie er drängt ... er ist ungeduldig ... man darf ihn nicht erzürnen ... -laßt verschlossen, Räuber sind es, Chaldäer ... man muß auftun ... er -erzürnt sonst. - -DER ÄLTESTE: - -Ich tue ihm auf. Sind wir denn des Todes nicht zu jeder Stunde? - - (DER ÄLTESTE öffnet zaghaft einen Spalt der großen Türe. Sie wird - hastig aufgestoßen und herein stürzt) - -BARUCH (verstörten Gesichts): - -Brüder, ist Jeremias hier? - -DER ÄLTESTE: - -Nenn seinen Namen nicht, sprich ihn nicht aus! - -BARUCH: - -Ist er hier? Man hat mirs gesagt. - -DER ÄLTESTE: - -Daß er doch anderwärts wäre, im Schlund der Gehenna und zerrissenen -Gebeins im Schlachthaus der Feinde! Hier liegt er, getroffen von Gottes -Hand. - -BARUCH (hinstürzend): - -Jeremias! Jeremias! - -JEREMIAS (sich aus seiner Hingesunkenheit langsam erhebend, ganz fremd -ihn anstarrend): - -Wer sucht mich noch, wer versucht mich noch? - -BARUCH: - -Meister, mein Meister, kennst du mein Antlitz nicht mehr, ward dir fremd -meine Stimme? - -JEREMIAS: - -Ich will nichts schauen mehr und nichts hören. Weg du, der du noch Atem -im Maule hast! Laß mich liegen und faulen! - -BARUCH: - -Jeremias, gütigster Meister du! Ich beschwöre dich, raffe dich auf, sie -fahnden nach dir, sie sind nah, sie kommen! - -JEREMIAS: - -Wer sucht mich noch auf dieser Welt? - -BARUCH: - -Du bist verraten, man weiß deine Hausung. Nabukadnezar sandte Schergen -nach dir, sie suchen dich, und rasch nur flog ich voraus. - -JEREMIAS: - -Mögen sie kommen. Selig die Schlächter, selig der Tod! - -BARUCH: - -Jeremias, fasse deine Sinne. Der Letzte bist du von den Edlen der Stadt; -alle sind sie gefallen und geschlachtet, nur um dich fahnden sie noch, -daß alles ausgerottet sei, was edel war in Israel. - -JEREMIAS: - -Mögen sie kommen! Selig die Schlächter, selig der Tod! - -BARUCH (in Verzweiflung ihn aufrüttelnd): - -Jeremias! Jeremias! Wach auf aus deinem Traum! Furchtbar ist -Nabukadnezars Zorn und entsetzlich seine grausame Lust. Noch den Tod -schärft er durch Qualen, und seine Knechte wissen zu martern wie keiner. - -JEREMIAS: - -Meinst du das, Knabe? Oh, du kennst Ihn nicht, den Fürchterlichen, der -Qualen hat und Martern, die kein Irdischer weiß. Wes lebendige Seele in -Gottes Marter gefallen, der fürchtet nicht mehr des Leibes Pein und die -Schrecknis der Knechte. Mögen sie kommen, mögen sie kommen und sich -versuchen an mir, dem Gott in die Eingeweide griff, und ich spotte -ihrer. Denn ich habe die Gottesqual gekannt, und Seligkeit ist die -Marter des Tods gegen die Marter des Lebens, eine Wollust der Menschen -Qual wider die Gottesqual. - -BARUCH: - -Jeremias, Jeremias! Wenn du mich liebst, so entfliehe, ich lasse dein -Leben nicht, ich lasse es nicht! - -JEREMIAS: - -Ich liebe nicht mehr! Keinen mehr liebe ich, keinen! - -BARUCH (ihn umschlingend): - -Nein, Meister, mein Blut eher, denn deines. Ich sterbe mit dir. - - (HEFTIGE SCHLÄGE von ehernen Lanzen an der Tür.) - -ALLE (stürzen in die Winkel): - -Wehe ... wehe ... die Chaldäer ... unsere Stunde ist gekommen ... er hat -das Unheil über uns gebracht ... Wehe ... er ... er ... liefern wir ihn -aus ... - -BARUCH (entsetzt): - -Es ist zu spät ... sie sind da ... - -JEREMIAS: - -Tu ihnen auf, Baruch! - - (BARUCH zögert.) - -JEREMIAS (aufstehend, stark, mit großer, klingender, fast jauchzender -Stimme): - -Tu ihnen auf, daß ich aufrecht sie empfange, denn dürstig ward meine -Seele des Todes. Oh, erster Erfüller meines Wortes, sei gegrüßet, -gegrüßet das Ende! Tu auf, Baruch! Tu ihm auf, dem Erlöser! - - (BARUCH schreitet gegen die Tür, zögert wieder.) - - (NEUE HEFTIGE SCHLÄGE von außen.) - -JEREMIAS (mächtig): - -Tu auf, Baruch, wenn du mich liebst. Ich befehle es dir. Tu ihm auf! - - (BARUCH verhüllt sein Gesicht und schiebt den Riegel zur Seite.) - - (DIE TÜRE wird mächtig mit ihren beiden Flügeln aufgestoßen, ein - Schimmer vom letzten abendlichen Licht glüht in das verdunkelte - Gemach herein. Die drei Abgesandten des Königs treten reich - geschmückt herein, hinter ihnen steht feurige Helle des sinkenden - Tages. Die Flüchtigen scheuen vor ihnen in die dämmerigen Winkel - zurück, nur Jeremias bleibt aufrecht ihnen gegenüber.) - -DER GESANDTE (den beiden andern voraustretend): - -Ist unter euch der, den sie Jeremias nennen, den Sohn Hilkias von -Anathoth? - -JEREMIAS: - -Ich bin, den du suchst. Tu an mir nach deinem Geheiß. - - (DER GESANDTE wirft sich seiner ganzen Länge nach vor Jeremias - nieder und berührt dreimal mit seinem Haupte die Erde. Die beiden - anderen tun desgleichen.) - - (JEREMIAS tritt erschreckt einen Schritt zurück.) - -DER GESANDTE (sich aufrichtend): - -Gruß und Ehrfurcht dem Deuter der Zeichen! Ehre und Ruhm dem Verkünder -des Geschehens, dem Erschauer des Verhüllten! (Er neigt sich wieder -dreimal zur Erde, dann steht er auf, die beiden andern folgen seinem -Gehaben.) - - (JEREMIAS hat sich wieder gefaßt und sieht ihn finster an.) - -DER GESANDTE: - -Auftrag ist dir und Botschaft gesandt durch meinen knechtischen Mund von -Nabukadnezar, meinem Herrn, dem König der Könige, dem Umpflüger des -Lands. Also ergeht an dich das Wort des Gewaltigen. Gekündet ward -Nabukadnezarn, daß du der einzige warst deines Volkes, der Untergang -kündete den Empörern und Schande den Schwätzern. Wie Blei sind -geschmolzen die Worte der Priester, die wider seine Stärke sprachen, -aber das deine der Warnung ward bewähret wie Gold. Nabukadnezar hat -deinen Ruhm vernommen, sein Ohr hat deinen Namen getrunken, und nun -dürstet sein Auge, dich zu schauen. - -JEREMIAS: - -Mögen die Feinde meine Weisheit rühmen, ich fluche meinem Wort! - -DER GESANDTE: - -Also aber ergehet des Allkönigs Ruf an dich: »Ich habe geblendet, die -verblendet waren. Ich habe die Kinnbacken gebrochen den Empörern und die -Zunge ausgerissen denen, die sprachen wider mich. Aber die meine Macht -ehrten, die will ich ehren, und Macht geben, die meine zu fürchten -gewußt.« Ein Gewand sendet er dir, wie es die Fürsten Chaldäas tragen, -und du sollst der Oberste seiner Diener sein an seinem Tisch. - -JEREMIAS: - -Ich diene keinem mehr im Himmel und auf Erden, seit ich Gott gedient und -müde ward an ihm. Ich weigere mich dem Dienst. - -DER GESANDTE: - -Falsch deutest du das Wort. Nicht zu geringem Dienste bist du begehrt, -sondern über alle gestellt, die dem Könige dienen. Der Oberste sollst du -seiner Magier werden, Schicksal sollst du ihm deuten und die Sterne -zählen, die seine Jahre sind. Es soll keiner sein über dir, frei dein -Ausgang und Eingang in seinem Palast. - -JEREMIAS: - -Ich höre dein Wort, ich höre des Königs Wort aus deinen Worten und wäge -es flach in den Händen. Groß ist der Ruf, den Nabukadnezar mir sendet, -doch größer des Volkes Not, dem ich zu eigen bin. Darum höre! Ich mag -nicht eingehen in den Palast, des Stufen die Töchter meines Herren -scheuern als Mägde. Ich mag nicht das Brot brechen bei Tische als jener -Gesell, deren Hände den Vorhang von Gottes Verborgenheit rissen zu Zion. -Ich mag Gunst nicht von dem Grausamen und die Gnade nicht von dem -Gnadelosen, ich mag sie nicht. - -DER GESANDTE: - -Botschaft habe ich dir gebracht, du hast sie vernommen, und eines Königs -Botschaft will Gehorsam. - -JEREMIAS: - -Klar ist deine Rede, klar sei auch die meine. Geh hin zu dem, von dem du -gekommen, und sage ihm, wie ich dir sage: »Also spricht Jeremias zu -Nabukadnezar. Meine Bitternis hat keine Süße für dich und meine Lippen -keine Verheißung für deinen Stolz. Und wenn du riefest mit aller Engel -Stimme, mein Herz wird dich nicht hören, und wägtest du alle Steine -Jerusalems mir mit Gold, so spricht dir nicht zur Süße mein Mund. Ob du -mich gleich ehrest, ich ehre dich nicht, und ob du mich suchest, ich -will dich nicht finden.« - -DER GESANDTE: - -Besinne dich, der Könige König ist es, der dich vor sein Antlitz -fordert! - -JEREMIAS: - -Ich weigere mich ihm! Ich weigere mich! - -DER GESANDTE: - -Noch nie ward Weigerung ihm geboten. - -JEREMIAS: - -Ich biete sie ihm, ich, der Letzte Israels. Wer ist er, daß ich ihn -fürchten soll? Ein Strohhalm ist seine Macht und ein Windhauch sein -Zorn. - -DER GESANDTE: - -Verwegener, wen lästerst du? Des Herren geheiligten Namen sprichst du -liederlich aus. Hüte deine Zunge, hüte dein Leben! - -JEREMIAS (entbrennend): - -Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? Viele waren, die einst solch -Stirnband trugen von Gold und sich Pharao nannten, und ist doch keiner -mehr, der ihnen nachfragte und einen Stift faßt, ihr Gedächtnis zu -schreiben in die Bücher der Zeit. Mächtigere waren denn er, und die -Geschlechter der Erde vergaßen ihrer, ehe die Bäume morschten, die sie -gepflanzt. Wer ist Nabukadnezar unter den Sternen, daß ich ihn fürchten -soll? Ist er ein Menschwurm nicht und wartet nicht Tod hinter seinem -Schlaf und Fäulnis in seinem Leibe? Ist er dem Wandel enteilt schon und -dem Umschwung der Stunde? Meinst du, er halte schon, was er habe, und -mag sich des Ausgangs berühmen inmitten des Wegs? - -DER GESANDTE: - -Ewig währet Nabukadnezars Macht, ewig hält er den Sieg. - -JEREMIAS: - -Hast du es gelesen im Buche des Schicksals, haben die Magier ihm die -Siegel gelöst vom Zukünftigen und die Sterngucker es bedeutet? Weiß er -seinen Ausgang schon, daß ihr ein Prahlen um ihn anhebt, und kennet er -sein Los, daß er sich erfrechet? Ich aber, Jeremias, sage dir: gebrochen -ist der Stab über Nabukadnezar und zerrissen das Kleid seiner Macht. -Tief hat er Israel geknechtet, aber siebenmal tiefer wird er geknechtet -werden. Schon keimet sein Sturz, und seine Stunde, sie ist nah, sie ist -da, schon erstanden ist der Rächer für Israel, erstanden der Rächer für -Jerusalem! - - (DER GESANDTE schrickt zurück.) - -DER ÄLTESTE (aus dem Dunkel ist plötzlich aufgestanden und schreit -begeistert): - -Erfülle, erfülle sein Wort! Erhöre es, Gott, erhöre es! - -JEREMIAS (ganz in Glut): - -Geh hin zum Könige, geh hin! Hat er doch gesendet um Botschaft und -gefordert das Verhüllte, geh hin, geh hin, sage ihm Verkündigung, daß -die Ohren ihm gellen, geh hin, du Gesandter, geh hin und sage, wie ich -es ihm sage: »Weh dem Verstörer, denn er wird verstöret werden, und weh -dem Räuber, denn er wird beraubet werden! Der Blut getrunken in -Scheffeln, wird darin ersaufen; und der sich gemästet vom Fleische der -Völker, bald wird er Fraß sein der Würmer! Horch! Ein scharfer Wind -wacht auf wider Babel und ein Sturmwind gen Ninive! Gezählt sind die -Tage Assurs und gezückt das Schwert -- Schwert wider Babel, Schwert -wider dich, Schwert über deine Männer, Schwert über Volk und Gefild! -Gezückt, gezückt ist das Schwert, Blut will es trinken, es ist gezückt, -es ist gezückt! Wisse es, du Neugieriger, erfahr es, du Vorwitziger, -reif ist dein Assur zur Grube, voll sind die Kelter deiner Missetaten -und die Kufen deines Frevels, Nabukadnezar.« - - (DIE GESANDTEN haben sich scheu vor dem Ausbruch geflüchtet und - halten die Hände abwehrend vor sich.) - -DER ÄLTESTE (in Ekstase): - -Erhöre ihn, Herr! Erhöre ihn! Mache wahr seine Rede, mache wahr seine -Zunge! Sei du, der es sendet, sein Wort! - -EINIGE DER FRAUEN UND MÄNNER (haben sich aus dem Dunkel gewagt und um -ihn gesammelt. Flehentlich): - -Erhöre ihn, erhöre ihn, Gott Zebaoth! Erhöre ihn! - -JEREMIAS: - -Schon ist er wach, der Rächer, er ist wach, denn der Herr des Tempels -hat ihn erweckt und mit Stärke geschienet! Und er kommt, er naht, er ist -da, gewaltig sind seine Fäuste, sie werden Babel zerdrücken wie ein -Vogelnest und sein Volk jagen wie Spreu! Setze nur Wächter auf die -Türme, daß sie warnen, rüste geharnischte Männer, daß sie ihm wehren, -schärfe die Speere; doch so wenig du die Wolke kannst scheuchen am -Himmel mit deinem Hauche, kannst du scheuchen seinen Sturm, denn als ein -Rächer kommt er gefahren, und ein Segen ist auf seinem trunkenen -Schwert. - -DER ÄLTESTE (ekstatisch): - -So lasse es geschehen, Gott! Lasse es geschehen! - -DIE ANDERN (um ihn haben sich gesammelt, auch sie ergreift die -Begeisterung): - -Stürze nieder auf sie, wie er gesprochen ... erfülle, erfülle sein -Wort ... oh, Verheißung ... sende den Rächer ... sende den Rächer ... -fälle Babel, wie er gekündet ... erhöre ihn, Gott ... erhöre ihn ... - - (DIE GESANDTEN weichen verstört zum Ausgange.) - -JEREMIAS (in einem wilden Gemenge von Jubel und Ekstase): - -Oh, du Irrwitziger der Irrwitzigen, hast du wahrhaft gemeint, uns zu -knechten, hast du gemeint, Gott vergäße unser, Gott vergäße Jerusalem? -Sind wir denn sein Kind nicht und seines Namens Vermächtnis, seine -Erstgeburt und Erbe, ist sein Geist nicht auf uns und sein Segen auf -Abrahams Scheitel? Er hat uns gezüchtigt in unsern Sünden, doch er wird -unser sich erbarmen, er hat zerstört, doch er wird wieder aufbauen, er -hat uns zerstreut, doch seine Liebe wird uns wieder sammeln, und wären -wir zerstreut bis an die Enden der Erde. Was seine Linke genommen, wird -die Rechte uns heimgeben tausendfach, denn, ihr Brüder, ihr Brüder, eher -mögen Berge stürzen und aufwärts fließen die Flüsse und verdunkeln des -Himmels Gezelt, als daß Gott vergäße seines Bundes, daß er vergäße -Israel, daß er versäumte Jerusalem! - - (DIE GESANDTEN sind mit ratlosen Gebärden entschwunden.) - -DER ÄLTESTE UND DIE ANDERN (umdrängen Jeremias von nah und begleiten -seine Rede mit hymnischem Zuruf): - -Segen auf dein Wort ... Segen über dein Haupt ... Gott vergißt nicht -Jerusalem ... Oh, Verkündigung, selige Botschaft ... Segen auf dein -Wort ... Segen über dich! - -JEREMIAS (immer jauchzender, ohne ihrer zu achten): - -Oh, wie dunkel doch waren die Tage der Erde, da dräuend die Brauen -Gottes sich ballten und sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern! In -Finsternis waren wir zergangen, schon meinten wir zu ersterben in den -Kerkern der Ängste. Aber, meine Brüder, seines Ingrimms Ende war seiner -Liebe Anfang schon. Ein Wetter ist er hingefahren über unsern Häupten -und hat uns zerschlagen, wie Rohr brach er die Kraft unseres Leibes, -aber neu glänzt bald die Sonne seiner Gnade. Er wirft die Blitze aus den -Händen, er heißt seine Donner schweigen, und im sanften Säuseln klingt -seine Stimme. Oh, sie klingt, sie hebt an, süß zu vernehmen über Länder -und Meere, mildiglich hebt sie an, und sie wird sprechen zu ihrer -Stunde: - - Stehe auf, Jerusalem, - Stehe auf, du Gekränkte, - Und fürchte dich nicht, - Denn ich erbarmte mich dein. - Ich habe dir gezürnet - Und dich einen kleinen Augenblick verlassen, - Aber nicht immerdar will ich mit dir hadern, - Und ich zürne nicht ewiglich. - Und darum, daß du die Verlassene gewesen bist - Und die Verstoßene einen Tag, - Sollst du die Prächtige sein für und für - Und die Erhobene in aller Ewigkeit. - Ich will dich schmücken mit meiner Liebe - Und gürten mit meinem Frieden, - Mein Antlitz hat sich dir zugewendet, - Und mein Segen ist deinem Scheitel gesenkt. - So stehe auf, Jerusalem, - Stehe auf, - Denn ich hab dich erlöset! - -DER ÄLTESTE: - -Segen über dein Wort und Erfüllung! - -DIE ANDERN: - -Erhöre ihn, Gott ... tue nach seinen Worten ... erhöre uns ... erlöse -Jerusalem ... erlöse Jerusalem ... - -JEREMIAS: - -Und siehe, sie ist aufgestanden, die Verstörte, da sie hörte den -wonnigen Ruf, und es löset der Herr die Fesseln ihres Halses und das -Joch ihrem Nacken. Er hebt auf die Geknickte von den Knien, er wischt -ihr die Tränen von den Wangen, die Witwe und Waise erkürt er zur Braut. -Und es lächelt die Gekränkte, es blüht die Verdorrte, es wird fruchtbar -die Verschlossene und verlangt ihrer Söhne, daß sie möchten sie schauen -in ihrem Glücke und frohlocken ihrer Erneuung. Aber schon haben Israels -Kinder vernommen den Ruf des Herrn, und so weit sie verstoßen von den -Enden der Erde und den Eilanden des Meeres, kommen sie heimgezogen gen -Zion. Von Morgen und Mittag, von Abend und Mitternacht, selige Pilger -kommen sie gezogen, über Gileads Gebirge eilen ihre Schritte, über Basan -und Karmel ihre Ungeduld, daß sie schauen die Stadt unserer Liebe, die -Stadt unseres Leidens, Zions heilige Burg. Und es glänzet Jerusalem, es -jubelt Zions Tochter, da sie schauet ihre Kinder, zahllos gekommen aus -den Kerkern der Verbannung, es blühet die Verdorrte, es glänzt die -Verdunkelte, es jauchzt die Verstummte, auferstanden ist die Versargte, -sie ist auferstanden! Und die Hügel winken ihr zu wie einst, und es -schatten sie die Berge, und wie der Tau auf den Feldern, so glänzet der -Friede über ihr, Friede des Herrn, Friede Israels, der Friede, Friede -Jerusalems! - -DIE ANDERN: - -Oh, lasse es geschehen, wie er kündet, Herr ... tue also, wie er -gesagt ... Friede über Israel ... lasse auferstehen Jerusalem ... laß -uns auferstehen ... laß uns auferstehen ... - -JEREMIAS: - - Und des Tags, da wir wieder um Zion uns scharen, - Die wir so lange die klagenden Knechte - Im düsteren Zinshaus der Fremde waren, - Da werden wir gläubig zusammentreten, - Da werden wir sprechen, da werden wir beten: - »Gesegnet seist du, Herr Zebaoth, - Der du groß und gnädig an uns hast getan! - An den Wassern von Babel saßen wir bangend - Und brachen der Knechtschaft bitteres Brot, - Wir mengten mit Tränen den Wein in den Krügen, - Denn unsere Seele war heimverlangend - Und unsere Dienstschaft ein täglicher Tod. - Da riefen wir heiß, wir riefen aus Tiefen - Des brennenden Sehnens dich, Gütigen, an, - Wir riefen dich an, und es war nicht vergebens, - Denn du hast unsere Fesseln, die harten, gesprengt, - Mit dem Tau deiner Güte, mit den Wassern des Lebens - Den Brand unserer dürstigen Seelen getränkt, - Du hast unsere Hoffnung, die schon versiegte, - Mit dem heiligen Stab deines Namens berührt, - Du hast die Verirrten, du hast uns Besiegte - Aus der Tiefe geholt und uns heimgeführt. - Oh, seht - Es, ihr Berge, oh, seht es, ihr Lande, - Wir sind heimgekehrt, wir sind auferstanden! - Oh, beugt euch, ihr Berge, oh, beugt euch, ihr Hügel, - Oh, Ströme, rauscht auf in unser Gebet, - Umgrünt uns, ihr Felder, empfanget, ihr Gärten, - Mit Blütenfackeln die Heimgekehrten! - Bekränzt uns, ihr Wälder, mit jubelndem Ton, - Streu Rosen uns, Saron, zum andern Male, - Umschatte uns, Karmel und Libanon, - Wir sind heimgekehrt, wir sind heimgekehrt! - Und du, - Du selige Stadt, geliebt und verloren, - Im Wachen erträumt, in Träumen beschworen, - Du Braut unsrer Liebe, du Mutter uns allen, - Mit Zimbeln erfüll dich und Flötengetön, - Wach auf und laß deinen Jubel erschallen, - Denn heimgekehrt sind wir, Jerusalem!« - -DIE ANDERN (ihn jauchzend umdrängend, zu seinen Füßen hinstürzend, -seine Knie umfassend in wilder Hingerissenheit): - -Heimgekehrt ... auferstanden ... oh, Verheißung ... Jerusalem ... -Jerusalem ... - -BARUCH (zu seinen Knien): - -Oh, mein Meister, mein Lehrer, wie ist deine Lehre süß meinem Herzen, -wie selig deine Erleuchtung! - -DER ÄLTESTE: - -Gebenedeit sei, wer die Verheißung bringt in den Stunden der Not. Segen -über deine Tröstung! Erfüllung, oh, Erfüllung! - -EINE FRAU: - -Sein Antlitz seht, wie es leuchtet! Wie zwei Sterne glühn die Augen ihm -auf und hellen den Raum. - -EINE ANDERE: - -Gottes Geist hat sich auf ihn gesenkt! - -DER KRANKE: - -Aufgerichtet hat mich sein Wort ... aufrecht bin ich ... ich lebe, ich -lebe wieder ... oh, daß ich heimkehrte mit euch. - -ZEFANJA: - -Mein Herz ist erstanden und klingt dir zu, Jeremias. - -JEREMIAS (ohne sie zu hören, ganz allmählich aus seiner Ekstase -erwachend und erschreckt um sich blickend): - -Wo sind sie hin, zu denen ich sprach? Wo sind sie hin?... Waren nicht -Boten da des Königs Nabukadnezar? Habe ich geträumet ... mir dünkte, -drei Männer kamen und redeten ... prächtig waren sie gewandet ... wo -sind sie hin ... - -DER ÄLTESTE: - -Der Blitz deines Blickes hat sie gescheucht. - -ANDERE: - -Deine Worte haben sie gejagt ... wie ein Schwert fuhr dein Zorn über -sie. - -JEREMIAS (immer verwirrter): - -Was habe ich gesagt? Ein Dunkles liegt um mich, und doch glänzt michs -von innen an ... Was habe ich gesagt ... Oh, und warum, warum blickt ihr -mit einmal auf zu mir wie die Durstigen ... was seid ihr geschart um -mich ... es war doch Dunkel auf euren Stirnen, und nun glänzt ihr mich -an mit den Blicken ... Was ist geschehen mit mir, was ist geschehen mit -euch? - -DER ÄLTESTE: - -Du brennendes Herz der Herzen, in das Gott seine Flamme geworfen, von -dir strahlt dieses Licht! Oh, welche Verheißung hast du uns gekündet, -welche Verheißung! - -EIN MANN: - -Aufgetan hast du mir die Seele, du Guter! - -EIN WEIB: - -Mein Herz mir mit Manna gespeist. - -STIMMEN: - -Oh, wie süß waren deine Worte, du Lieber ... genesen sind wir an deiner -Verheißung ... nun ist die Fremde nicht mehr Bitternis ... heimkehren -werden wir, oh, seliges Wort ... - -JEREMIAS (ergriffen): - -Meine Brüder, meine Brüder, was ist mit mir geschehen? War nicht Groll -zwischen uns und Fluch auf meinen Lippen, da ich redete zu euch? Ein -Sturmwind hat mich gefaßt und getragen, wohin ich nicht weiß, und nun -ich stürze, sehen eure Augen mich liebend an, ihr Brüder, eure Hand -spüre ich an meinen Knien, und eure Seele zittert wie ein Falter mir zu! -Was ist mir geschehen, was ist mir geschehen? - -DER ÄLTESTE: - -Oh, Jeremias, der du bitter warst unserer Freude, wie süß ist deine Rede -nun unserm Leiden! Du hast uns getröstet, du hast uns erlöset wie keiner -vordem! - -EINER: - -Aus der Nacht hast du meine Seele gehoben, beglückt hast du mich, -Gebenedeiter! - -EIN ANDERER: - -Die Zweifel hast du gerodet aus meiner Brust und Gottes ewige Heimstatt -bereitet. - -EIN ANDERER: - -Oh, du Tröster der Tröster! Möge nun Leid auf mich fallen, meine Seele -wird ihm nicht mehr erliegen. - -EINE FRAU: - -Im Tode war mein Herz und ist auferstanden durch dich. - -JEREMIAS: - -Ihr Lieben, ihr Lieben, was ihr sprechet, ist es wahr? Von meiner Lippe, -der fluchverbrannten, ist Tröstung gekommen, aus meiner Seele, der -nächtigsten aller, ein liebendes Wort! - -EIN WEIB: - -Oh, wie es dir sagen? Meine Hände fühl an, die wie Früchte sich heben! -Uns alle, uns alle sieh, du Gebenedeiter, Beseligte deines Worts! - -DER KRANKE: - -Seht her ... seht her ... ich schreite, ich gehe ... ich spüre die -Qualen nicht mehr ... aus dem Tode hat dein Wort mich erweckt ... wie -Elia ... ein Wunder hast du an mir getan. - -DAS WEIB: - -Seht ihn an ... er lag, vom Fieber zerfressen ... ich bezeuge es, ich -bezeuge es ... ein Wunder hat er an ihm getan ... - -STIMMEN (ekstatisch): - -Ein Wunder ... ein Wunder wie Elia ... ein Wunder hat er getan ... -Erweckung ... beugt euch dem Gottgesandten ... ein Wunder ... ein -Wunder ... beugt euch vor ihm, dem Wundertäter!... - -JEREMIAS (hat sich aufgerichtet vor ihnen, ganz leise): - -Schweiget, ihr Brüder ... nicht rühmet mich ... beschämet mich nicht ... -ich habe nicht Anteil daran. Wohl ist ein Wunder geschehen, doch nicht -ich habe es vollbracht -- an mir, ihr Brüder, ist es geschehen. Ihr -Brüder, ihr Brüder, ich sage euch, ein Großes hat Gott in dieser Stunde -an mir getan. Ich habe gefluchet meinem Gotte und ihn getötet in meiner -Seele. Doch, meine Brüder, meine Brüder, ehe der Atem noch kalt war in -meinem Munde, ist er mir auferstanden. Er riß mir das Herz aus dem -Leibe, daß ich meinte zu vergehen vor seinem grimmigen Stoß, aber ein -steinernes Herz war es, das er von mir riß, und ein fleischernes hat er -mir nun eingetan, daß ich fühle alles Leiden und alles Leidens Sinn. Oh, -ihr Brüder, ihr Brüder, schauet das Wunder, das an mir geschehen: ich -habe Gott gefluchet, und er hat mich gesegnet, ich habe ihn geflohen, -und er hat mich gefunden, ich wollte ihm entweichen, und er hat mich -erreichet. Denn es ist kein Entweichen vor seiner Liebe und kein -Obsiegen wider seine Kraft. Er hat mich besiegt, meine Brüder, und -nichts ist süßer, als von ihm besiegt zu sein. - -DER ÄLTESTE (ekstatisch): - -Jeremias ... oh, Jeremias ... uns allen möge er tuen wie dir! - -JEREMIAS: - -Oh, daß ich so spät ihn erkannte, so spät euch fand, meine Brüder! Doch -ich will nicht klagen mehr. Ich will nur mehr danken, ich will nicht -fluchen mehr, ich will nur mehr segnen. Dunkel liegt vor uns die Stadt, -dunkel unser Schicksal, aber, meine Brüder, vertrauen wir, denn -wunderbar ist das Leben, heilig die irdische Erde. In Liebe will ich -umfassen, die ich im Zorne getreten, und die ich bespien mit meinem -Fluche, will ich tränken mit meinen Tränen. Nimm, Erde, du geschmähte, -gütig meine demütigen Knie; nimm, Gott, du verkannter, gnädig mein -gläubiges Wort! - - (Er kniet nieder und spricht wie ein Gebet:) - - Ich danke dir, Herr, daß du so lind mir begegnet, - Als ich mich wehrte und von dir gekehrt, - Ich hab dir geflucht, und du hast mich gesegnet, - So segn ich, solang mir mein Leben währt. - Ich segne dich, daß du das würzige Brot - Des Wortes in meine Lippen getan, - Damit ich dich preise in Leben und Tod, - Ich segne dich, daß du mir wecktest den Geist, - Der die Welten mit Liebe durchgütet und speist. - Ich segne dich, daß du so hart mich gefaßt - Und im Zorn vor dein Antlitz getrieben hast, - Und ich segne dich, Gottes Gabe, dich Leid, - Daß du läuternd die Seelen der Menschen durchdringst - Und flammend mit deiner Allfältigkeit - Ihre Einsamkeit einst, ihre Fremde bezwingst, - Und ich segne dich, Gott, der es im Sturm uns gesendet, - Der du mit Qualen beginnst und mit Seligkeit endest, - Der die Suchenden führt und die Fliehenden findet, - Dem jeder entweicht und dem sich keiner entwindet, - Der dem Niedersten sich als der Gnädigste gibt - Und den Sündigsten um seiner Sünden liebt, - Selig, der sich an dich verloren, - Selig, den du dir auserkoren, - Selig der Himmel, der dich rauschend umstellt, - Selig dein lauschender Spiegel, die Welt, - Selig die Sterne, die sie strahlend umschweben, - Selig der Tod und selig das Leben! - -BARUCH (auf die Knie zu dem Knienden stürzend): - -Jeremias, mein Meister, Jeremias! Nicht uns allein lasse leuchten dein -Wort. Auf dem Markte harret das Volk, und sie vergehen in Ängsten, ihre -Seele lischt in Zagen und Klagen. Sie wollen sterben und vergehen um -Jerusalems willen. Meister, mein Meister, gib ihnen Leben, gib ihnen -Gott zurück! Richte auf die Verzagten, und die Durstigen tränke mit den -Wassern des Lebens! - -DER ÄLTESTE: - -Ja, richte auf der Wankenden Knie, belebe die zagenden Herzen! Gieß aus -dein Wort über die Schmachtenden, gieß es aus! - -STIMME: - -Auf ... zu den Brüdern ... zu unsern Brüdern ... erwecke sie ... gib -ihnen Trost, wie du uns gegeben ... gib Verkündigung ... gib -Verheißung ... - -JEREMIAS (sich aufrichtend): - -Wohlan, meine Brüder, führet mich zu ihnen! Der Getröstete Gottes bin -ich gewesen, nunab will ich ein Tröster sein! Laßt uns gehen, meine -Brüder, vielleicht ist der Verworfene gewählet, laßt uns gehen zu den -Brüdern, den verzagten, daß wir den Tempel in ihren Herzen aufrichten, -daß wir ihnen bauen das ewige Jerusalem! - - (JEREMIAS geht mit starken Schritten gegen den Ausgang.) - -DIE ANDERN (umringen ihn jauchzend, einige eilen voraus, ihre Stimmen -klingen ekstatisch durcheinander): - -Jerusalem ... oh, das ewige Jerusalem ... Verkündigung ... Auf, Bauherr -Gottes ... Ewig währet Jerusalem ... - - - - -DAS NEUNTE BILD - -DER EWIGE WEG - - »Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht - der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch - gebe das Ende, dessen ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen, und - ich werde euch erhören. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen - werdet, will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und - will euer Gefängnis wenden.« - - Jer. XIX, 11--14. - - - Der gleiche große Platz vor dem Tempel wie im ersten Bilde, doch nun - mit allen Zeichen der Vernichtung und Zerstörung. - - Auf dem Platze stauen sich in wirrem Geschiebe Karren mit Hausrat - beladen, aufgezäumte Tragtiere, Wagen und Gefährte, dazwischen der - strömende Schwarm der flüchtigen Menschen, die zum großen Aufbruch - rüsten. Immer neue Gruppen drängen aus den Gassen her, immer lauter - wird das Geschwirre der Stimmen. Auf den Stufen hocken teilnahmlos - Greise und Frauen, indes die Männer die Maulesel zäumen; chaldäische - Krieger in voller Rüstung schreiten stolz und herrisch durch das - Getümmel, sich Platz mit den Speeren stoßend, und wachen über die - Vertriebenen. - - Über dem wirr geschäftigen tragischen Treiben hängt das Dunkel einer - mondverwölkten Nacht, die allmählich in das Ungewiß der nahenden - Dämmerung übergeht. Manchmal löst sich ein Glanz von Licht weißlich - aus den Wolken los und erhellt das Bild der Verwirrung, indes von - Osten schon als rötlicher Rauch der Frühschein des Morgens sich - kündet. - -STIMMEN: - -Hier ist der Platz ... wie viele ihrer schon sind ... haltet euch -zusammen, Söhne Rubens ... wie es doch dunkel ist ... hier voran, daß -ihr die ersten seid ... - -ANDERE STIMMEN: - -Was drängt ihr ... unser ist die Stelle ... seit Abend stehen unsere -Mäuler hier gegürtet ... Unser ist die Stelle ... immer will Ruben voran -sein ... - -EIN ALTER: - -Nicht streitet ... lasset Ruben voran, so will es das Gesetz ... - -DIE ANDERN STIMMEN: - -Es gibt kein Gesetz mehr ... verbrannt ist die Schrift ... wer bist du, -daß du uns gebieten willst ... die Priester ruft, die Priester ... Es -gibt keine Priester mehr ... alle raffte sie das Schwert ... Hananja ist -entkommen ... nein, am Pfahle verdarb er ... führerlos sind wir ... -verlassen von allen ... wer wird uns gebieten ... oh, Qual der -Knechtschaft ... wer wird die Opfer empfangen zu Babel ... wer uns -deuten das Wort ... ausgerottet ist Aarons Geschlecht ... weh uns -Verwaisten ... daß wir die Lade doch hätten und die Rolle des -Gesetzes ... sie ist verbrannt ... nein, Gottes Wort verbrennt nicht ... -selbst sah ich sie kohlen im Feuer, wie eine Schlange sprang sie hoch ... -wehe, sie ist verbrannt ... verbrannt das Gesetz ... nein, es kann nicht -wahr sein, Gottes Wort verbrennet nicht ... ist sein Haus nicht -verbrannt, sein Altar nicht gestürzt ... ließ er nicht sinken seine -heilige Stadt ... Ja ... ja ... hat er nicht uns in Knechtschaft -gegeben ... ja ... ja ... gebrochen hat er den Bund, vernichtet die -Verheißung ... lästert nicht ... lästert nicht ... ich fürchte ihn nicht -mehr ... lästert nicht ... wer gebietet mir ... führerlos sind wir ... -daß doch Mose uns erstünde ... daß ein Richter unter uns wäre ... der -König, wo ist er ... der Geblendete ... blind ist er immer gewesen ... -er hat uns hinabgestoßen ... oh, Ende Israels, Ende Jerusalems ... was -ziehen wir aus ohne Gott und Gesetz, ohne Führer, der uns weise ... oh, -Simson, Simson ... warum kommt er nicht, der uns ausführet mit starker -Hand ... nie war größer die Not ... ach, er kommt nicht, verloren sind -wir ... Gott ist gesunken mit seinem Tempel ... lästere nicht ... -lästere nicht ... daß er doch käme, der Verkünder, der Befreier ... - -EINE NEUE GRUPPE (aus dem Dunkel): - -Hier ist des Marktes Mitte ... wer seid ihr ... Benjamin sind wir ... -die Letzten, reihet euch an ... nein ... nein ... wir wollen nicht -fressen von eurem Staube ... und wir nicht den euren ... fort mit den -Tieren, führt sie am Zaume ... ihr tretet die Frauen ... weichet aus ... -wehe, was stoßet ihr ... es ist so dunkel ... ach, daß es schon Morgen -würde, daß ausginge diese Nacht ... wehe, wie Arges wünschest du, bete, -daß ewig sie währte, denn die letzte ist sie auf Zions Berge ... ja ... -ja ... segne die Nacht, sie birgt unsere Tränen, sie hüllt unsere -Schmach ... die Sonne von morgen wird uns entblößen und unsere Scham den -Heiden zeigen ... wehe ... betet, daß der Morgen nie komme über unser -beladen Haupt ... ich kann nicht beten mehr ... meine Seele ist starr -geworden in Schrecken und mein Herz steinern vor Grauen ... selig die -unten liegen im Dunkel für ewig und Ruhe haben, selig die Toten Israels, -sie dürfen weilen im Schatten der Heimat ... ins Diensthaus müssen wir -ziehen ... ach, bräche doch nie dieser Tag über uns ... wehe uns, weh -unsern Kindern, den Knechten der Fremde ... - - (GELÄCHTER UND TUMULT aus dem Palast. Heraus treten, beleuchtet von - Fackeln, die trunkenen chaldäischen Fürsten, grölend und lachend. In - ihrer Mitte haben sie einen, den sie fortstoßen, einer zum andern, - daß er zwischen ihnen schwankt und immer zu fallen droht.) - -DIE CHALDÄISCHEN KRIEGER (durcheinander): - -So geh doch wider Nabukadnezar ... Auf, Erstürmer Babels ... nicht -falle, du Säule Israels ... geh ... stoßt ihn weg ... er ödet uns ... -nicht kann er tanzen, wie David, der König ... nicht schlägt er die -Psalter ... lasset ihn ... kommt zurück zum Weine ... an seinen Weibern -erletz ich mich lieber ... lasset ihn Dunkel trinken, und trinken wir -Wein ... kommt ... kehret ... laßt ihn ... - - (DIE KRIEGER kehren lachend und lärmend in den Palast zurück. Der - Verlassene bleibt unsicher im Dunkel über der Treppe stehen. Ein - matter Strich verwölkten Mondlichtes läßt seinen Schatten schwarz - hinter ihm aufstehen, daß er groß und gespenstig scheint.) - - (DIE MENGE, unten in Schrecken und Staunen wogend, leise flüsternd.) - -STIMMEN: - -Wer ist es ... warum haben sie ihn fortgestoßen vom Mahle ... wer ist -er ... wie ein Felsen steht er schwarz ... warum spricht er nicht ... -seine Blicke sind verschnürt ... wie er die Hände hebt ... wer ist er ... -nicht nahet ihm ... wer mag es sein ... ich will sehen ... - - (EINIGE der Beherzten sind die Stufen emporgeklommen.) - -EINER (plötzlich aufschreiend): - -Zedekia! - -DIE MENGE (durcheinander): - -Der König ... der Geblendete ... Gottes Gericht ... Zedekia ... - -ZEDEKIA (unsicher): - -Wer ruft mich?... - -STIMMEN: - -Keiner ruft dich ... Fluch ruft dich und Gottes Gericht ... Wo sind die -Ägypter ... wo ist Zion ... - -ANDERE STIMMEN: - -Schweiget!... Der Gesalbte ist er des Herrn ... geblendet haben ihn -unsere Feinde ... Ehrfurcht dem Könige ... ehret den Dulder ... - -ANDERE STIMMEN: - -Nein, er soll nicht sitzen unter uns ... wo sind meine Kinder ... gib -sie mir wieder ... Fluch über den Mörder Israels ... sein ist die -Schuld ... fort mit ihm ... warum lebt er, da Bessere starben? - -ZEDEKIA (zu einem, der emporgestiegen ist und ihn leitet): - -Wer sind jene, die wider mich rufen? Ist es Israel, das mir feind ist? - -DER FÜHRENDE: - -Herr, Unglückliche sind es! - -STIMMEN: - -Nicht führe ihn her, gesondert sei unser Los von dem seinen!... abseits -möge er sitzen ... Gott hat ihn gestraft ... Fluch liegt auf ihm ... - -ZEDEKIA: - -Fort ... führe mich fort ... in den Tempel, daß er mich berge vor ihrem -Hasse ... ich will ihre Stimmen nicht hören ... ihr Haß brennt auf meine -Wunden ... in den Tempel. - -DER FÜHRENDE: - -Herr, der Tempel ist nicht mehr. - -ZEDEKIA: - -Ist der Tempel gefallen ... dann falle auch ich ... wehe, wer tötet -mich, den Blinden ... geh ... sage ihnen, rufe sie, die mich schmähen, -daß sie ein Ende machen. - -DER ÄLTESTE: - -Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Was zerfleischet -ihr einander, da der Feind uns würget? - -STIMMEN: - -Ein Fluchbringer ist er ... er hat Gottes Haus stürzen lassen ... er -brach den Eid ... nein, lasset ihn ... man hat seine Söhne geschlagen ... -ein Blinder ist er ... aber er soll nicht mehr König sein ... nein ... -nein ... was soll uns ein Blinder ... eine Last ist er ... nein, er -soll nicht König sein ... nein ... - -ZEDEKIA (fast weinend in seiner Hilflosigkeit): - -Führ mich fort ... meine Augen sind mir genommen ... die Krone noch -reißen sie mir ab ... birg mich ... verbirg mich vor ihnen. - -EINE FRAU: - -Hier ruhe aus ... mein König, bette dich hin. - - (ZEDEKIA wird an der Treppe hingebettet, Neugierde drängt um ihn.) - -DER ÄLTESTE: - -Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Unser Führer ist -er von Gott. - -STIMMEN: - -Nein ... ein Blinder ist kein Führer ... wie kann er König sein in -Jerusalem, da Zion fiel ... Knechte sind wir alle, wir brauchen keine -Führer ... oh, wir bedürfen eines Erretters ... oh, daß Mose uns -erstünde ... ein Tröster wäre vonnöten, kein Bedrückter ... ein -Erleuchteter und kein Blinder ... niemand kann uns helfen ... rüstet zur -Reise ... sehet das Dämmern ... wehe der Tag ... oh, Auszug ins -Fremde ... wehe wir Vertriebenen ... wehe uns Führerlosen ... - - (EIN LAUTES KLINGENDES TÖNEN von ferne.) - -STIMMEN: - -Wehe, die Posaune ... die Posaune ... hört ihr sie tönen ... nein, es -ist die Posaune nicht ... wie von Zimbeln klingt es und Pauken ... -Gesang, hört ihr Gesang ... es jauchzen unsere Feinde ... oh, Schmach ... -oh, Qual ... - - (DAS LAUTE KLINGENDE TÖNEN kommt näher.) - -STIMMEN: - -Pauken und Zimbeln ... sie rufen ... sie jauchzen ... sie kommen, uns -fortzutreiben ... Gesang schwillt her ... wehe, wehe, wenn unsere Feinde -jauchzen ... ihren Sieg jubeln sie ... verschließet die Ohren ... weh, -ihrer ist das Frohlocken und unser die Trauer ... Schmach, es hören zu -müssen ... wohin flüchten vor ihrem Hohn ... sie danken ihrem Gotte ... -wem sollen wir klagen? - - (DAS TÖNEN ist ganz nah, man hört einzelne Rufe und Zimbelschläge. - Aus dem Dunkel sieht man eine Gruppe Menschen schreiten, die sich - jubelnd um eine hohe Gestalt drängen.) - -EINER (aus der Menge): - -Sehet ... sehet ... der Unseren welche sind es, die nahen ... - -STIMMEN: - -Es ist nicht wahr ... wie könnten sie jauchzen ... Fluch dem Sohn -Israels, der frohlockte an diesem Tag ... Trunkene müssen es sein ... -die Unsern sind es ... ich erkenne sie ... Wer ist es, den sie -umschreiten ... was geschieht hier ... was jauchzen sie ... was schlägt -die Zimbel das rasende Weib ... - - (DIE GRUPPE der Nahenden, mit Jeremias in der Mitte, ist aus der - Tiefe ins fahle Morgenlicht getreten. Sie schreiten wie die - Trunkenen einher im Taumel, einige ekstatisch, andere wieder ernst - und feierlich.) - -STIMMEN DER NAHENDEN: - -Hosianna ... Verkündigung ... ewig währet Jerusalem ... oh, selige -Heimkehr, oh, ewige Wiederkehr!... Gesegnet der Tröster, gesegnet die -Tröstung ... Hosianna ... ewig währet Jerusalem ... - -STIMMEN DER MENGE (in wilder Erregung): - -Sie sind rasend ... was ist geschehen ... höret ... höret! Hosianna -rufen sie ... was bringet er ... was ist seine Botschaft ... er rede -auch zu uns ... wer ist es ... auch zu uns sprich, Verkünder ... Oh, -Tröstung, wer gibt uns Tröstung ... - -EINER: - -Sehet, ist dies Jeremia nicht, den sie umschreiten? - -STIMMEN: - -Ja ... nein ... dunkel war jenes Gesicht ... ein Leuchten ist aber um -diesen ... doch, sehet, er ist es ... er ist es ... wie ist er -gewandelt ... wehe der Flucher ... wie kann Süßes kommen von dem -Bittern ... was folget er uns, der uns verfolgte ... - -BARUCH: - -Höret die Tröstung, Brüder, lasset euch speisen mit dem Worte Gottes, -mit dem Brote des Lebens! - -STIMMEN: - -Wie kann Tröstung kommen von dem Verfluchten ... wie die Geißel schlägt -er zu ... er wird uns würgen mit dem Wort ... genug der Profeten, sie -haben uns verredet mit ihren Worten ... nein, dieser hat gewarnet ... -hart ist sein Mund wie ein Schwert ... Salz streut er in unsere -Wunden ... hebe dich fort, Unbarmherziger! - -BARUCH: - -Nein, höret ihn! Das Herz hat er uns erhoben, oh, lasset euch trösten, -ihr Gottesbrüder! - -DER KRANKE: - -Ich zeuge für ihn, ich bezeuge ihn! Im Brand meiner Wunde lag ich, ein -Siecher, und er hat mich erhoben. Ich zeuge für ihn, ich zeuge ... - -STIMMEN: - -Wer ist dieser ... höret ihn an ... Wunder verheißet er, und wir -bedürfen der Wunder ... Tröstung will mein Herz ... mich trösten einzig -Zions Tale ... wie kann er trösten ... kann er wecken die Toten, kann er -aufbaun die zederne Burg ... nein, höret ihn ... wehe uns ... - -DAS WEIB: - -Bileam! Bileam! Bileam! Heil dir, der du kamest zu fluchen Israel, und -dreimal hast du uns gesegnet. - -BARUCH: - -Meister, sieh ihren Widerstreit! Mache einig ihr Herz, mache fruchtbar -ihre Seelen, hebe auf, hebe auf zu Gott ihre Trauer! - -JEREMIAS (aus dem Kreise vortretend an die höchste der Stufen): - -Meine Brüder, im Dunkel fühle ich eure Nähe und des Dunkels voll eure -Seelen. Aber, meine Brüder, warum verzaget ihr, warum klaget ihr? - -STIMMEN: - -Hört ihr den Lästerer ... ich habe gewarnt vor ihm ... er höhnt uns ... -er fragt, warum wir klagen ... Salz streut er in unsere Wunden ... -sollen wir jauchzen am Tage unseres Ausgangs ... sollen wir vergessen -der Toten ... er spottet unserer Tränen ... schweige ... nein, höret -ihn ... lasset ihn reden ... - -JEREMIAS: - -Oh, höret mich, ihr Brüder, höret mich an! Ist denn alles verloren, daß -ihr klaget? Sehet und fühlt es mit den Sinnen: das Leben ist euch -geschenkt ... - -EINE STIMME: - -Wehe, welch ein Leben! - -JEREMIAS: - -Und ich sage euch, wes das Leben ist, dessen ist auch Gott. Nur der -Toten ist es, zu schweigen und zu klagen derer, die zur Grube fahren, -doch der Lebendigen ist es, zu hoffen. Oh, meine Brüder, nicht klaget -und verzaget, solange euch Atem vom Munde fließt, nicht tut auf euren -Mund der Empörung und nicht schließet euer Ohr der Tröstung! - -STIMMEN: - -Ach, Trost der Worte, er wärmet nicht ... willst du uns aufrichten, so -richte auf die Mauern Jerusalems ... baue Zions Burg ... wehe, er sieht -unsere Not nicht ... er erkennet unsere Leiden nicht ... - -JEREMIAS: - -Ich schaue, meine Brüder, in euer Leiden wie in ein geöffnet Buch, und -eurer Schmerzen Schrift ist mir aufgetan; doch, meine Brüder, auch -unseres Leidens Sinn sehe ich: ich sehe den Gott darin. Seine Prüfung -nur ist diese Stunde, so lasset sie uns bestehen! - -STIMMEN: - -Warum prüfet uns Gott ... Warum gerade uns, seine Auserwählten ... warum -ist so hart diese Prüfung ... - -JEREMIAS: - -Damit wir ihn erkennen, sendet Gott uns die Prüfung. Andern Völkern ist -klein Zeichen und gering Erkennen gegeben, in Hölzern und Steinen meinen -sie des Ewigen Gesicht zu erschauen. Doch unser Gott, unserer Väter -Gott, ein verborgener Gott ist er, und erst in der Tiefe des Leidens -werden wir seiner gewahr, nur in der Prüfung tut er sich auf seinen -Erwählten. Segen, wem sie begegnet, denn was wäre Israel unter den -Völkern, prüfte es nicht ewig sein Gott? Wen er liebet, den stößt er -hinab in die Tiefe des Lebens, daß er ihn erprobe, und, ihr Brüder, -immer hat Gott sein Volk geliebt, immer hat er es hinabgestoßen. - -STIMMEN: - -Ja, er redet recht ... nein, gütig ist Gott ... verstehet ihn recht ... -ja, es steht geschrieben: »Selig der Mensch, den Gott strafet, darum -weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen nicht« ... Ja, ja ... so -steht es geschrieben ... nur die Sünder strafet er ... was haben wir -getan ... Vergessen haben wir seiner in Hoffart ... nie rief ich ihn an -wie jetzt in der Not ... wahr redet er ... Tröstung ist in seinen -Worten ... - -JEREMIAS: - -Nur die Geprüften hat er erwählet, und nur den Leidenden gilt seine -Liebe. So lasset uns die Geprüften sein und lieben sein Leid, ihr -Brüder! Er hat uns brüchig gemacht, daß er tiefer sich senke in unseres -Herzens Scholle und wir fruchtend würden seines Samens, er hat uns -geschwächet am Leibe, daß er uns stärkte in der Seele. Oh, willig lasset -uns eingehen in die Schmelzfeuer seines Willens um der Läuterung willen. -Tut, wie eure Väter taten, und weigert euch der Züchtigung des -Allmächtigen nicht! - -STIMMEN: - -Geben wir uns hin seinem Willen ... gepriesen die Prüfung ... ich will -die Klage zerschlagen in meinem Munde ... ja ... auch sie waren in -Knechtschaft, und er hat sie erlöset ... auch uns wird er hören ... -ja ... ja ... oh, daß er unser sich erbarmte ... sage, du Verkünder, wird -er uns wieder aufnehmen ... gibt er uns Erhebung ... erlöst er uns von -Babel ... laß es uns glauben ... - -JEREMIAS: - -Glaubet an die Erstehung, ihr Brüder, und ihr seid schon erstanden. Denn -wer sind wir, wenn wir nicht gläubig sind? Nicht ward uns wie andern -Völkern Scholle gegeben, daran zu kleben, Heimat, darin zu verharren, -nicht die Rast, darin unser Herz fett werde! Nicht zum Frieden sind wir -erwählet unter den Völkern: Weltwanderschaft ist unser Zelt, Mühsal -unser Acker und Gott unsere Heimat in der Zeit. Aber nicht neidet sie -darob, nicht klaget! Lasset den andern ihr Glück und den Stolz, lasset -ihnen Haus und die Heimstatt der Erde, du aber lasse dich prüfen, du -Leidensvolk, und glaube, du Gottesvolk, denn das Leid ist dein heilig -Erbe, und ihm einzig bist du erwählet um deiner Ewigkeit willen. - -STIMMEN: - -Oh, Wahrheit des Wortes ... unser Erbe ist das Leid ... ich will es auf -mich nehmen ... ich glaube an seine Barmherzigkeit ... er wird uns -ausführen, wie er uns führte aus Mizraim ... Segen auf dein Wort ... -Gott wird uns erlösen, wie er erlöste unsere Väter ... - -JEREMIAS: - -So steh auf, du Volk, aus deiner Klage; wie einen Stab nimm deinen -Glauben, und du wirst schreiten aus deinen Nöten, wie du geschritten -tausend und tausend Jahre! Selig die Besiegten, die wir sind um -seinetwillen, selig unsere Vertriebenheit! Selig, daß wir alles -verlieren, um ihn zu finden, selig unser hart Schicksal, selig unsere -Plage und Prüfung! Denn zur Dauer sind wir erwählt durch das Leid und -zur Ewigkeit durch die Erneuung! Könige, die uns Herren waren, sind -vergangen wie Rauch; Völker, die uns geknechtet, zerstreut und zertreten -ihr Samen; Städte, darin wir dieneten, geborsten und der Schakale -Hausung; doch Israel lebt und veraltet nicht an den Zeiten, ist doch das -Leid seine Kraft und der Sturz seine Stufe. Durch Leiden haben wir die -Zeit bestanden, immer war Untergang unser Anbeginn, doch aus allen -Tiefen hub er uns immer an sein heilig Herz! Gedenket, gedenket der -einstigen Mühsal und gedenket, wie wir sie bestanden; gedenket, gedenket -Mizraims, des Diensthauses, der ersten Prüfung! Rühmet die Plage, ihr -Geplagten, rühmet die Prüfung, ihr Geprüften, rühmet den Gott, der uns -ihr erwählte in alle Ewigkeit! - - (DAS VOLK gerät in mächtige Erregung. Aus den einzelnen Stimmen - heben sich rhythmisch die Chöre.) - -STIMMEN: - - Knechte Mizraims - Waren die Väter, - Eiserne Zäume - Preßten und banden - Israels Stirn. - Knechte und Vögte - Schlugen die Klage - Auf dienendem Rücken - Mit Peitschen entzwei, - Schlugen die Kinder - Mit tödlichem Erz. - -HELLERE STIMMEN: - - Doch in dem Dunkel, das uns umwölkte, - Fand uns Gottes erbarmender Blick, - Einen Befreier in niederem Schoße - Weckt' er dem Volke, eh es zerbrach. - In seine Zunge ergoß er die Rede - Und in seine Hände der Zeichen Gewalt. - Aufhub Mose das Volk, das bedrückte, - Aus seiner Rede glänzte uns Heimat, - Und wir ließen das bittere Land. - -JUBELNDE STIMMEN: - - Und die Siebzig dereinstens gekommen, - Tausend und Tausend kehrten darwider, - Gehäufeter Habe mit Knechten und Tieren, - Ein starkes Geschlechte zogen wir aus. - Säule des Rauchs und Säule des Feuers - Zogen voran den seligen Blicken, - Engel des Herrn flogen hell vor uns her. - Oh, erster Auszug! Oh, Anhub des Glückes! - Oh, erste Einkehr und Wiederkehr! - -JEREMIAS: - - Doch neue Nöte waren Israel bereitet, Prüfung um Prüfung! - Entsinnet sie, entsinnet die brennenden Tage der Bitternis! Entsinnet - sie! - -STIMMEN: - - Hinter uns jagten, - Schäumender Nüster, - Rosse und Wagen - Pharaos Heer. - Über uns schollen - Schon Schreie der Rache, - Vor uns war Meerflut - Und hinter uns Tod. - -HELLERE STIMMEN: - - Da aber ging Sturm von Gott aus der Höhe, - Weit voneinander riß er die Fluten, - Wasser ward Mauer, die Tiefe ward Gang, - Hausung der Fische, sie ward uns zum Pfade, - Und wir wandelten trockenen Fußes - Zwischen der Wasser getürmeter Schlucht. - -JAUCHZENDE STIMMEN: - - Klirrend folgten die gierigen Feinde, - Prasselnd jagten sie hin durch die Gasse - Wartender Wasser, schon fing uns ihr Schrei, - Da aber fiel Sturmwind des Herren hernieder, - Brandend zerschäumten die wassernen Mauern, - Über sie stürmte das blaue Verhängnis, - Rosse und Wagen erwürgte das Meer! - -ERNSTE STIMMEN: - - So zerbrach der Herr die Gefahren, - Heil entriß er das Volk seiner Haft. - Oh, großer Anhub der wunderbaren, - Selig unseligen Wanderschaft! - -JEREMIAS: - -Doch nochmals und nochmals goß er des Todes Bitternis über uns und der -Prüfung Kelch, damit wir geneseten auf immerdar! Besinnet sie! Besinnet -sie, die heißen Tage der Wüste, die vierzig Jahre Mühsal vor dem -Gottesland! - -STIMMEN: - - Brach die Kehle, - Leer die Lippen, - Ausgedürstet - Und verschmachtet - Wankten wir - Im leeren Land. - -JAUCHZENDE STIMMEN: - - Da reckte Mose, der Gottesgesandte, - Den Stab und schmetterte ihn wider den Stein. - Aufbrachen der Felsen marmorne Flanken, - Wasser netzte die lechzende Lippe, - Kühlung umspülte den staubigen Fuß. - -HELLERE STIMMEN: - - Wann wir müdeten, wurde uns Tröstung, - Wunder durchrauschten den brennenden Tag, - Bittere Bronnen wurden zu süßen, - Würzige Wachteln herblies der Wind, - Und als Hunger feurigen Eisens - Unsere Eingeweide zerriß, - Brach aus dem Morgen blendende Weiße: - Manna fiel nieder, das himmlische Brot! - -JEREMIAS: - -Niemalens aber war Sicherheit uns gegeben. Ewig warf er uns nieder mit -seiner heiligen Hand! Immer erneute er die Gefahren seinem Volke! -Besinnet sie! Besinnet sie! - -STIMMEN: - - Völker standen - Auf in Waffen, - Neid und Habsucht - Sperrten Wege - Unsrer Fahrt, - Städte schlossen - Turm und Tore, - Speere starrten - Trotz und Tod. - -HELLERE STIMMEN: - - Da gab uns Gott Gewaffen zu Händen - Und in die Herzen die Schärfe des Schwerts, - Wider Tausend gab er uns Stärke, - Wider Zehntausend gab er uns Sieg. - -JAUCHZENDE STIMMEN: - - Posaunen bliesen, es stürzten die Mauern, - Moab zerknickte, Amalek verging. - Mit dem Schwerte schlugen wir Wege - Durch den Zorn der Völker und Zeiten, - Bis unser Herz die Prüfung bestand, - Bis wir ihn fanden, den Acker der Ruhe, - Kanaan, unser verheißenes Land. - Heimat durften die Schweifenden haben, - Segnend lösten wir Gürtel und Schuhe, - Rebe entgrünte dem Wanderstabe, - Israel blühte, und Zion erstand. - -ALLE STIMMEN: - - Immer waren wir Pflüger im Joche, - Immer gebeugt und in Dienstbarkeit, - Doch ewig hat er das Joch uns zerbrochen, - Aus allen Kerkern uns heimbefreit, - Wo immer sie Not und Drängung uns schufen, - Immer hat er uns heimgerufen, - Und unsern Samen zur Blüte erneut! - -JEREMIAS: - - Und nie wird geschehn, daß er unser vergißt. - Bedenket, bedenket, - Daß, wenn er uns niedrigt, daß, wenn er uns kränket, - Dies Leiden nur Brand seiner Liebe ist. - So beugt euch, ihr Brüder, dem Joch in Ergebung, - Segnet die Schickung, so uns geschah, - Leiden ist Prüfung und Prüfung Erhebung, - Erniedrigung macht uns nur gottesnah, - Jeder Sturz führt höher in seine Reiche, - Denn nur die Besiegten wissen um ihn: - Ihr Brüder, auf denn! Auf, ihn zu erreichen! - Auf, Brüder, lasset uns gotteswärts ziehn! - -STIMMEN (ekstatisch): - -Ja, auf, zur Wanderschaft ... führe uns an ... wie die Väter wollen wir -leiden ... oh, Auszug und ewige Wiederkehr ... auf ... auf ... hebet -an ... es ist nahe gen Tag ... ziehen wir aus ... ziehen wir aus in die -Knechtschaft ... Gott wird uns erlösen, wie er immer uns erlöset ... -Alle wollen wir gehen ... alle ... ja, wir alle ... - -DIE STIMME ZEDEKIAS: - -Wehe, wehe! Wer wird mich führen? Nicht lasset mich zurück! Wehe, wehe, -wer hebet mich auf? - -JEREMIAS: - -Wes Ruf ist dies? - -STIMMEN: - -Laß ihn ... er bleibe ... Spreu ist er und verworfen ... Du führe uns -an, du, Gesegneter ... Du sei uns Herr ... Laß den Verworfenen ... - -JEREMIAS: - -Keiner ist verworfen! Wer rufet, muß erhört werden um unserer aller -willen! - -STIMMEN: - -Nicht er ... nicht er ... Aussatz ist er unseres Volkes ... alles -Unheils Quelle ... Laß den Verstoßenen Gottes ... Laß den Verfluchten! - -JEREMIAS: - -Auch ich war ein Verstoßener Gottes, und er hat mich erhört; auch ich -war ein Verfluchter, und er hat mich gesegnet! Wo ist er, der aufschrie -aus seiner Not, daß ich ihn tröste, wie ich selber getröstet ward? - -STIMMEN: - -Im Dunkel ist er ... auf den Stufen ... dort, sieh den Gebückten ... -Gottes Zorn ist auf seinen Hochmut gefallen. - -JEREMIAS: - -Warum naht er nicht? Warum weilet er abseits? - -STIMMEN: - -Sieh doch ... seine Sterne sind erloschen ... seine Schritte sind -irr ... er weiß nicht seinen Weg mehr, blind ist er, der Verblendete ... - -JEREMIAS (näher tretend, in heißem Erschrecken): - -Zedekia! Mein König! - -ZEDEKIA: - -Bist du es, Jeremias, der mir nahet? - -JEREMIAS: - -Ich bin es, mein König, dein Knecht und Diener Jeremias! (Er beugt sich -in die Knie vor dem Könige.) - -ZEDEKIA: - -Wehe, nicht höhne mich, nicht stoße mich fort, wie ich dich von mir -stieß! Zu Asche hat dein Wort mich gebrannt, du Gewaltiger, nun schone -mein; nicht wirf mich fort, nicht laß mich allein in der Stunde des -Schreckens! Sei bei mir, wie du geschworen vor Gottes Antlitz in der -Stunde, der letzten, die ich schaute auf Erden. - -JEREMIAS (zu seinen Füßen): - -Ich bin bei dir ... mein König Zedekia. - -ZEDEKIA (nach ihm ins Leere tastend): - -Wo bist du? Ich fühle dich nicht! - -JEREMIAS: - -Zu deinen Füßen bin ich, dein Diener und dein Knecht. - -ZEDEKIA (zitternd): - -Nicht höhne mich vor dem Volke, nicht beuge dich dem Gebeugten! Das -Salböl ward zu Blut auf meiner Stirne und meine Krone zum Staube. - -JEREMIAS: - -Doch des Leidens König bist du geworden, und nie warst du mehr -königlich! Zedekia, mein Herr und König, starr stand ich vor dir, da die -Macht in dir war und die Stärke, doch dem Gebeugten Gottes beuge ich -mich, des Leidens niederster Knecht. Der Erste hast du getrunken den -Kelch unserer Bitternis, der Erste wärest du des Duldens, so mögest du -der Erste sein unseres Volkes in alle Ewigkeit und seiner Erlösung -Anbeginn. Oh, du König der Leiden, Gesalbter der Prüfung, Israels Herr, -erheb deine Stirne, daß sie uns glänze, führe, der du Gott nur schauest -und nicht mehr die Erde, führe, führe dein Volk! - -JEREMIAS (aufstehend, zum Volke): - - Sehet, sehet, - Leidensvolk, Gottesvolk, - Gott erhörte euer Begehr, - Er hat euch einen Führer gesandt! - Der Schmerzengekrönte, - Der Menschenverhöhnte, - Wer mag wie er, - König der selig Besiegten sein? - Gott hat ihm den irdischen Blick verschlossen, - Daß er besser schaue sein ewiges Reich, - Oh, Brüder, wer war je von Davids Sprossen - Diesem als König der Duldenden gleich? - -ZEDEKIA: - -Wohin führest du mich? Was geschieht mir? - -JEREMIAS: - - Hebet ihn auf, - Den Hingesenkten, - Ehrt den Gekränkten - Mit sorgender Liebe! - Hüllet um ihn - Königsgewande - Und erneuet - Der Zeichen Gewalt, - Ehret, oh ehret - In ihm euer Leiden, - Als der Erste schreite er aus. - Zäumet die Rosse, - Rüstet die Sänfte, - Fürchtigen Armes - Hebet ihn hoch, - Denn er ist - Heiligste Bürde, - Israels Hort und königlich Haus. - - (EINIGE führen mit allen Zeichen der Ehrfurcht den König hinab und - betten den Blinden in eine Sänfte.) - - (EINE POSAUNE schallt mächtig aus der Ferne her als ungeheurer Ruf, - der gleichsam von der Stadt selbst auszutönen scheint. Der Tag ist - inzwischen angebrochen und überleuchtet mit rötlicher Glut die - geschwärzten Mauern. Eine große Helle geht, immer sich steigernd, - vom morgendlichen Himmel aus.) - - (DIE MENGE in mächtigem Aufschwall beim Ruf der Posaune, die Hände - gen Osten gereckt, flutet ekstatisch durcheinander.) - -STIMMEN: - -Die Posaune ... die Posaune ... Gott ruft uns ... der Tag ist -angebrochen ... der Tag unserer Prüfung ... die Sonne nahet Jerusalem ... -rüstet die Tiere ... rüstet die Herzen ... Gott ruft uns ... wir kommen, -wir kommen ... Auszug ... Auszug ... oh Einkehr und Wiederkehr ... -Jerusalem ... Jerusalem! - -JEREMIAS (gewaltig auf der Höhe der Stufen aufgerichtet. Alle um ihn -sind zurückgetreten, so daß er, einsam auf der Höhe, noch gewaltiger -scheint. Seine Arme sind erhoben, seine Stimme bebend in Überraschung): - - Auf, ihr Verstoßenen, - Auf, ihr Besiegten, - Rüstet zur Reise! - Wandervolk, Gottesvolk, welterwähltes, - Hebe dein Herz! - - (DIE MENGE gerät in gewaltige Bewegung.) - -JEREMIAS (zur Stadt hingewandt): - - Zum letztenmal glänzen - Jerusalems Zinnen - In eure Tränen, - Leuchtet euch Höhe - Des heiligen Bergs! - Einmal noch hebet - Brennende Blicke, - Trinket der Heimat - Verlorenes Bild! - Trinket die Zinnen, - Trinket die Mauern, - Trinket die Türme - Der ewigen Stadt, - Trinket das Dürsten, - Sie wieder zu schauen, - Trinket, oh trinket Jerusalem! - -STIMMEN: - -Glüh ein in uns, daß wir entbrennen ... wie könnt ich dich vergessen, -Bild der Bilder ... möge darren meine Rechte, wenn ich dein vergäße, -Jerusalem ... oh, Heimat unserer Herzen ... Zion, Zion, du heilige -Stadt! - -JEREMIAS: - - Einmal noch beuget - Fromm euch der Erde, - Einmal noch rühret - Die Grube der Väter - Fürchtiger Hand! - Erde, oh Erde, die ich verlasse, - Du blutgetränkte, - Du tränenversengte, - Sehet, ich fasse - Sie fromm mit liebenden Händen an. - Erde, Erde, ich schlinge dich, - Erde, Erde, durchdringe mich! - Bitteren Kloß - Würg ich die schluchzende Kehle hinab, - Doch deine Bitternis innen im Leibe - Entbrenne mir Seele und Eingeweide, - Daß ich ewig deiner gedenke, - Ewig deiner teilhaftig werde! - Erde, du heilige Vätererde, - Schenke - Mir ewig Begehren und ewigen Brand, - Ewigen Hunger und Heimverlangen - Nach Zion, unserm verlorenen Land! - -DIE MENGE (sich niederwerfend und wie Jeremias von der Erde einen Kloß -schlingend): - -Oh, teure Erde, Scholle der Väter ... dring ein in mich ... würg meine -Seele, wie ich dich würge ... oh, verloren Land ... Sarg meiner Väter ... -oh, dich lassen ... Erde, Erde, du heilige Erde ... - -JEREMIAS (sich erhebend): - - Doch nun du gespeiset - Bittere Sehnsucht, - Doch nun du getrunken - Brennendes Bild, - Wandervolk, Gottesvolk, hebe dich auf! - Lasset die Toten, - Sie haben den Frieden, - Lasset die Mauern, - Sie stehen nicht auf, - Du doch erstehest - Ewig und ewig - Aus deinen Tiefen - In deinem Gott. - Auf, - Wandervolk, Gottesvolk, rüste zur Reise, - Blick in die Ferne, - Blick nicht zurück! - Die verweilen, - Haben die Heimat, - Doch die wandern, - Haben die Welt! - Auf, ihr Gebeugten, - Auf, ihr Besiegten, - Hebet die Stirnen - Über die Nöte - Wider die ewigen Morgenröten - Und der Gestirne - Wanderndes Zelt. - Gott hat die Straßen, - Die ihr beschreitet, - Wissend bereitet, - Wandervolk, Gottesvolk, auf in die Welt! - - (DIE MENGE rüstet ringsum zur Wanderung, Getümmel der Menschen und - Tragtiere, erregte, eifernde Bewegung.) - -EINER (vortretend): - - Doch sage, du Führer, dulde die zage Klagende Frage, - Werden die Tale uns wieder gehören, - Wird einstens Israel wiederkehren, - Sag, schauen wir wieder Jerusalem? - -STIMMEN: - -Ja ... sage ... künde, verkünde ... schauen wir wieder Jerusalem? - -JEREMIAS: - - Ewig wird inwendig es schauen, - Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist, - Und mit dem Maß seines Gottvertrauens - Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt. - Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde - Des Herzens Zion zu jeglicher Stunde, - Schöner als wir es vordem gekannt, - Jede Fremde wird ihm das Gottesland! - Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet, - Wer glaubt, schaut immer Jerusalem! - -STIMMEN: - -Wir glauben ... wir glauben ... ewig werden wir es schauen ... Der -Glaube ist unser Jerusalem! - -EIN ANDERER (vortretend): - -Doch sage, du Führer, wer wird es uns bauen? - -JEREMIAS: - - Die Inbrunst des Sehnens, die Nacht unsrer Kerker, - Und das Leiden, das euch gelehrigt hat, - Ihr selber werdet die heiligen Werker, - Umschafft ihr die Seelen zur seligen Stadt. - Aus euern Trauern erhebet die Mauern, - Und je tiefer die Völker euch niederbeugen, - Um so höher werden sie gottwärts aufsteigen, - Um so schöner erstehet Jerusalem! - -STIMMEN: - -Ja, laßt es uns bauen ... das Senkblei niederwerfen in unsere Leiden ... -laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes ... zu Gott die -Richtschnur erhoben ... bauen wir Jerusalem. - -EIN ANDERER: - -Doch sage, du Führer, wird es dann dauern? - -JEREMIAS: - - Steine bröckeln, es stürzen die Mauern - Irdischer Werke, die Reiche veralten, - Städte verschwemmen im Strome der Zeit, - Doch was die Seelen in Leiden gestalten, - Dauert in Gottes Allewigkeit. - Wer kann sie zerstören, - Die unsichtbaren, - Innen geschauten, - Tränenerbauten - Zinnen der heiligen Zuversicht, - Wer kann ihn uns rauben - Den seligen Glauben, - Wer stürzet des Herzens Jerusalem? - -STIMMEN: - -Ewig währet Jerusalem ... wer kann es zerstören ... heilig, heilig -unsrer Herzen Haus ... heilig die Stätte unsrer Not ... oh, Tröstung ... -oh, Zuversicht ... - -EIN ANDERER: - -Doch sage, du Führer, wo sollen wirs finden, Wo schauet die Seele -Jerusalem? - -JEREMIAS: - - Wo immer ihr euch in euch selber aufrichtet - Und feurig von Furcht und Fremdnis erhebt, - Da ist es aus Wunsch in die Welt gedichtet, - Da ist der Traum unseres Heimwehs erlebt, - An jeglichem Orte, - Wo euch Glaube inwohnet, - Überwölbt euch hell seine mauerne Krone: - Wer glüht, sieht ewig Jerusalem! - -STIMMEN: - -Oh, Tröstung des Glaubens ... Gottes selige Knechtschaft ... zerstört -hat er die Stadt, daß sie uns ewig in den Herzen erstehe ... überall -wollen wir sie finden ... laßt sie uns aufbauen in den Herzen ... ewig -ist unser Jerusalem ... Oh, ewiger Auszug und Wiederkehr ... - - (DIE POSAUNE schallt mächtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell - geworden, offen regt sich der unübersehbare Tumult der - wanderbereiten Massen, die mit einem gewaltigen Schrei der Ungeduld - und der Erhebung das Zeichen des Auszuges grüßen.) - -JEREMIAS (hoch über ihnen): - - Wandervolk, Leidvolk -- im heiligen Namen - Jakobs, der von Gott einst dir Segen entrang -- - Hebe dich auf, in die Welt zu fahren, - Rüste und schreite unendlichen Gang! - Wirf deinen Samen - Willig ins Dunkel der Völker und Jahre, - Wandre dein Wandern und leide dein Leid! - Auf, du Gottvolk! Beginn deine wunderbare - Heimkehr durch Welt in die Ewigkeit! - - (DIE MENGE gerät in mächtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein - ungeheurer Zug. Voran tragen sie den König in einer Sänfte, dann - schreiten ernst und feierlich, Geschlecht um Geschlecht, die - geordneten Gruppen den Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwärts - gerichtet, sie singen im Schreiten, und ihr Ausziehen hat die ernste - Feierlichkeit einer Opferhandlung. Keiner drängt sich vor, keiner - bleibt zurück, ohne Eile und Hast schreiten die Reihen dahin und - schwinden im Vorbeigehen. Immer neue kommen ihnen nach, und es ist, - als ginge eine Unendlichkeit hier aus dem Dunkel in die Ferne.) - -STIMME DER SCHREITENDEN: - - In fremden Häusern werden wir wohnen - Und brechen ein tränensalzenes Brot. - Auf Schemeln der Schande werden wir sitzen - Und ängstend schlafen an feindlichem Herd. - Dunkel der Jahre wird über uns fallen, - Der Könige Fron und der Herrschenden Haft, - Doch unsere Seelen entwandern der Fremde - Und ruhen allzeit in Jerusalem. - -ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN: - - Aus weiten Wassern werden wir trinken, - Die bitter brennen dem sehnenden Mund, - Mit Fremdnis werden uns Bäume umschatten - Und Stimmen des Ängstens wehen der Wind, - Doch keine Fremde wird uns zur Ferne, - Denn von den Sternen wehet uns Tröstung; - Träume der Heimat enttauchen den Nächten, - Und unsere Seele erstehet gekräftigt - Von der heiligen Zehrung Jerusalem! - -ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN: - - Auf fremden Straßen werden wir fahren, - Durch Land und Länder stößt uns der Wind, - Heimat um Heimat reißen die Völker - Uns von den brennenden Sohlen fort, - Nirgends ist Wurzel dem stürzenden Stamme, - Wanderschaft stets unsere wandelnde Welt, - Doch selig, selig wir Weltbesiegten, - Denn sind wir auch nur Spreu aller Straßen, - Nirgends verschwistert und keinem genehm, - Ewig doch geht unser Zug durch die Zeiten - Zu unserer Seelen Jerusalem! - - (EINIGE CHALDÄER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus - dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell über - das dunkle Sprechen der Schreitenden hin.) - -DER HAUPTMANN DER CHALDÄER: - -Hört ihr sie murren? Sie wollen nicht ausziehen! Mit der Peitsche schlag -unter sie, wenn sie trotzig sind! - -EIN CHALDÄER: - -Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Geheiß! Und sie murren nicht! - -DER HAUPTMANN: - -Wenn sie klagen, schlag die Klage entzwei in ihrem Munde. - -DER CHALDÄER: - -Herr, sie klagen nicht. - -EIN ANDERER CHALDÄER: - -Siehe ... wie sie schreiten ... wie die Sieger gehen sie einher ... es -leuchtet in ihren Blicken. - -DIE CHALDÄER: - -Was ist mit diesem Volke ... sind sie die Besiegten nicht ... hat sie -einer genarrt mit falscher Botschaft der Befreiung ... hört, was sagen -sie ... was singen sie ... seltsam ist dies Volk ... unverständlich in -seinem Trotz und seiner Ergebung ... wer begreifet dies Volk ... in -dieser Milde ist eine Kraft, die gefährlich ist ... ein Einzug ist dies -eines Königs und nicht Auszug der Geknechteten ... nie sah die Welt ein -Volk wie dieses ... - -STIMMEN (vereint sich ablösend, in immer neuen, weiterschreitenden -Zügen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist): - - Wir wandern durch Völker, wir wandern durch Zeiten - Unendliche Straßen des Leidens entlang, - Ewig sind wir die ewig Besiegten, - Hörig dem Herde, an dem wir ausrasten, - Niedrige Knechte niedrigen Frons, - Doch die Städte, sie sinken, es gleiten - Völker ins Dunkel wie stürzende Sterne, - Und die hart unsere Rücken zerschlugen, - Werden zuschanden Geschlecht um Geschlecht. - Wir aber schreiten und schreiten und schreiten - Tiefer hinein in die eigene Kraft, - Die sich aus Erden die Ewigkeiten - Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft. - -DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN: - -Sieh ... sieh ... wie die Tänzer schreiten sie her ... ein Taumel ist -über sie gekommen ... haben wir sie denn nicht besiegt ... sind sie -nicht in Schande ... warum klagen sie nicht ... - -EIN CHALDÄER: - -Ein Geheimnis muß in ihnen sein, das sie verwandelt, ein Unsichtbares, -das sie verzückt ... - -EIN ANDERER CHALDÄER: - -Ja ... sie glauben an das Unsichtbare ... das ist ihr Geheimnis ... - -DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN: - -Wie kann man das Unsichtbare schauen, wie glauben, was man nicht -sieht ... ein Geheimnis muß in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern ... -man müßte es lernen von ihnen ... - -DER CHALDÄER: - -Man kann es nicht lernen. Man kann es nur glauben, und sie sagen, es sei -ihr Gott. - -DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN (sich mächtig erhebend, da nun die Letzten -unter ihnen auszuschreiten beginnen): - - Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden, - Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung, - Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte, - Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite, - Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute, - Wir aller Völker Spielball und Spott, - Wir einzig Heimatlosen der Erde, - Wir wandern in alle Ewigkeiten, - Die Letztgebliebnen - Unendlicher Schar - Heimwärts zu Gott, - Der aller Anfang und Ausgang war, - Bis daß er uns selber die Heimstatt werde, - Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren - Die Welt umwandert und leuchtend umkreist, - Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren: - Verlorenes Volk, unsterblicher Geist. - -DER CHALDÄER: - -Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf -diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren Häupten. Mächtig muß ihr Gott -sein. - -DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN: - -Ihr Gott? Haben wir nicht seine Altäre zerbrochen? Haben wir nicht -gesiegt über ihn? - -DER CHALDÄER: - -Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber -nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie -seinen Geist. - - (DIE POSAUNE schallt zum dritten Male. Die Sonne ist aufgegangen - über Jerusalem und strahlt üb er dem Auszug des Volkes, das aus der - Stadt in die Zeiten schreitet.) - - - - -Alle Rechte vorbehalten. Das Recht der Aufführung ist durch Felix Bloch -Erben, Berlin-Wilmersdorf, zu erwerben. - -Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. - - - - -INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG - - -Dichtungen von Stefan Zweig - -DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Zweite Auflage. In Pappband M. 3.50. - -ERSTES ERLEBNIS. Vier Geschichten aus Kinderland. Drittes und viertes -Tausend. In Pappband M. 5.--. - -DAS HAUS AM MEER. Schauspiel in zwei Teilen. In Leinen M. 4.50. - -TERSITES. Ein Trauerspiel. In Halbpergament M. 5.--. - -DER VERWANDELTE KOMÖDIANT. Ein Spiel aus dem deutschen Rokoko. In -Halbpergament M. 3.50. - -BRENNENDES GEHEIMNIS. Novelle. (Inselbücherei Nr. 122.) 21. bis 25. -Tausend. In Pappband M. --.90. - - -_Von Stefan Zweig wurden übertragen:_ - -Emile Verhaeren: Ausgewählte Werke in drei Bänden. 2. Auflage. - - Band I. Stefan Zweig: Emile Verhaeren. Geheftet M. 3.50; gebunden - M. 5.50. - - Band II. Emile Verhaeren: Ausgewählte Gedichte. Geheftet M. 3.50; - gebunden M. 5.50. - - Band III. Emile Verhaeren: Drei Dramen. Geheftet M. 3.50; gebunden - M. 5.50. - -Emile Verhaeren: Rubens. Mit 95 Vollbildern, 11. bis 15. Tausend. In -Halbleinen M. 5.--. - -Emile Verhaeren: Rembrandt. Mit 80 Vollbildern. 21. bis 25. Tausend. In -Halbleinen M. 5.--. - -Emile Verhaeren: Hymnen an das Leben. (Insel-Bücherei Nr. 5.) 36. bis -40. Tausend. In Pappband M. --.90. - - -_Von Stefan Zweig wurden eingeleitet:_ - -Charles Dickens: Ausgewählte Romane. -- Arthur Rimbaud: Leben und -Dichtung. -- Alexandre Mercereau: Worte vor dem Leben. - - - - -Anmerkungen zur Transkription: - -Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils -zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht. - - Seite 79: »jedes Hand gehoben« - »jede Hand gehoben« - - Seite 139: »wie ein Schuldiger schrakst du« - »wie ein Schuldiger schreckst du« - - Seite 175: »weil ich meinete« - »weil ich meinte« - - Seite 185: »sein Antlitz sich hüllte seinem Kinde!« - »sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern!« - - Seite 196: »EINIGE der Beherzteren« - »EINIGE der Beherzten« - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Jeremias, by Stefan Zweig - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JEREMIAS *** - -***** This file should be named 40564-8.txt or 40564-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/0/5/6/40564/ - -Produced by Jana Srna, Eleni Christofaki, Alexander Bauer -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License available with this file or online at - www.gutenberg.org/license. - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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