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-The Project Gutenberg EBook of Jeremias, by Stefan Zweig
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
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-
-Title: Jeremias
- Eine dramatische Dichtung in neun Bildern
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-Author: Stefan Zweig
-
-Release Date: August 22, 2012 [EBook #40564]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JEREMIAS ***
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-Produced by Jana Srna, Eleni Christofaki, Alexander Bauer
-and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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-Anmerkungen zur Transkription:
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-Im Original sind die Bühnedirektionen im Kleinschrift gesetzt.
-Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
-lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste der
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-[Illustration]
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- STEFAN ZWEIG
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- =JEREMIAS=
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- EINE DRAMATISCHE DICHTUNG IN NEUN BILDERN
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- [Illustration]
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- INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG 1918
-
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- FRIEDERIKE MARIA VON WINTERNITZ
-
- DANKBARST
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-
- OSTERN 1915 -- OSTERN 1917
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-
-DIE BILDER DES GEDICHTS
-
-
- I. Die Erweckung des Profeten 11
-
- II. Die Warnung 25
-
- III. Das Gerücht 51
-
- IV. Die Wachen auf dem Walle 67
-
- V. Die Prüfung des Profeten 91
-
- VI. Stimmen um Mitternacht 113
-
- VII. Die letzte Not 147
-
- VIII. Die Umkehr 163
-
- IX. Der ewige Weg 193
-
-
-
-
-DIE GESTALTEN DES GEDICHTS
-
-
-ZEDEKIA, der König
-
-PASHUR, der Hohepriester
-
-NACHUM, der Verwalter
-
-IMRE, der Älteste der Bürger
-
-ABIMELECH, der Oberste der Kriegsknechte
-
-HANANJA, der Profet des Volkes
-
-Schwertträger, Krieger, Knechte
-
- * * * * *
-
-JEREMIAS
-
-SEINE MUTTER
-
-JOCHEBED, eine Anverwandte
-
-ACHAB, der Diener
-
-BARUCH, ein Jüngling
-
-SEBULON, sein Vater
-
- * * * * *
-
-DAS VOLK VON JERUSALEM
-
-DIE GESANDTEN NABUKADNEZARS
-
-CHALDÄISCHE UND ÄGYPTISCHE KRIEGER
-
- * * * * *
-
-Der Schauplatz des Gedichts ist Jerusalem zur Zeit seines Untergangs.
-
-
-
-
-DAS ERSTE BILD
-
-DIE ERWECKUNG DES PROFETEN
-
- »Rufe mir, so will ich dir antworten und dir anzeigen große und
- gewaltige Dinge, die du nicht weißt.«
-
- Jer. XXX, 3.
-
-
- Das flache Dach auf dem Hause des Jeremias, weißgequadert und
- blinkend im matten Mond. In der Tiefe mit Türmen und Zinnen, mit
- Schlaf und Stille Jerusalem. Alles ist reglos ringsum, nur der Wind
- der ersten Frühe fährt manchmal tönend durch das Schweigen.
-
- Plötzlich Schritte, polternd und hastig, die Treppe empor. Jeremias
- im losen Kleid, die Brust offen, wie ein Gewürgter keuchend, stürmt
- herauf.
-
-JEREMIAS:
-
-Die Tore rammelt zu ... die Riegel vor ... zum Wall ... zum Walle!... Oh
-Wächter, schlimme Wächter ... sie kommen ... sie sind da ... Brand über
-uns ... im Tempel Brand ... Hilfe ... zu Hilfe!... Die Mauer fällt, die
-Mauer ...
-
-JEREMIAS (ist bis zum Rande des Daches vorgestürmt und hält plötzlich
-inne. Sein Schrei prallt gell gegen die weiße Stille. Er schrickt
-zusammen, ein Erwachen kommt über ihn. Sein Blick tastet wie der eines
-Trunkenen über die Stadt hin, seine Arme, die schreckhaft gespreizten,
-brechen langsam nieder, müde streift die Hand über die offenen Lider):
-
-Wahn! Wieder Trug und Traum, der fürchterliche! Oh Träume, Träume,
-Träume, wie voll ist ihrer das Haus!
-
- (Er beugt sich über den Rand der Mauer und blickt hinab:)
-
-Friedlich die Stadt, friedlich das Land, in mir nur dieser Brand, nur
-meine Brust ein Feuer! Oh, wie sie selig ruht in Gottes Arm, von Schlaf
-bebrütet, überdacht von Frieden, ein Tau von Mond auf jedem Haus und
-Schlummer, sachter Schlummer auf jedes Hauses Stirn. Nur ich, ich brenne
-Nacht um Nacht, stürz hin mit allen Türmen, fliehe Flucht, vergeh in
-Flammen, nur ich, nur ich, zerwühlt die Eingeweide, fahr taumelnd hoch
-vom heißen Bett zum Mond, daß er mich kühle! Nur mir sprengt Traum den
-Schlaf, nur mir frißt feurig Graun das Schwarze von den Lidern! Oh
-Marter dieses Bilds, oh Irrwitz von Gesichten, die trügerisch im Blut
-sich ballen und matt schmelzen dann im wachen Mond!
-
-Und immer gleich der Traum, gleich dieser Wahn, Nacht, Nacht und Nacht,
-der gleiche Schrecken sich im Fleische bäumend, der gleiche Traum zu
-gleicher Qual entbrennend! Wer tat dies in mein Blut, dies Gift der
-Träume, wer, wer jagt mich so mit Schrecknis? Wer hungert meines
-Schlafs, daß er ihn wegfrißt mir vom Leibe, wer quält, wer quälet mich?
-Mond, Nacht, Gestirn, ihr kalten Zeugen, wer, wer plaget mich, und wem,
-wem wache ich? Oh Antwort, Antwort! Wer bist du, Unsichtbares, das vom
-Dunkel zielt auf mich mit Pfeilen des Entsetzens, wer bist du,
-Schrecknis, die mich nachts beschläft, daß ich dein schwanger ward und
-mich hinkrümme in den Wehen? Warum dies Grauen mir, nur mir in dieser
-Stadt voll Schlummer und Entsinkens!
-
- (Er horcht in die Stille hinein. Immer fiebriger.)
-
-Oh Schweigen, Schweigen, immer Schweigen und innen Aufruhr noch und
-aufgewühlte Nacht. Mit heißen Fängen krallt sichs ein in mich und kann
-sie doch nicht fassen, mit Bildern geißelts mich und weiß nicht, wer
-mich treibet, in leere Luft hinfallen meine Schreie! Wohin, wohin
-entfliehn? Oh wirr Geheimnis dieser Jagd, der ich erliege, und weiß
-nicht, wessen Ziel und wem zur Beute! Tu auf dich, Netz und Wirrnis, den
-Sinn sag dieser Qual, du Unsichtbarer, oder laß von mir, ich kann, ich
-kann nicht mehr. Laß ab, du Jäger, oder fasse mich, in Wachen ruf mich,
-nicht im Traum, in Worten sprich und nicht in Bildern brenne, -- tu auf
-dich, der du mich verschließest, den Sinn sag dieser Qual, den Sinn, den
-Sinn!
-
-EINE STIMME (leise rufend vom Dunkel her. Sie scheint aus Tiefen oder
-Höhen zu kommen, geheimnisvoll in ihrer Ferne):
-
-Jeremias!
-
-JEREMIAS (taumelnd, wie von Steinwurf getroffen):
-
-Wer?... mein Name ... war dies mein Name nicht ... rief es von Sternen,
-riefs aus meinem Traum?... (Er horcht hinaus. Alles ist wieder stumm.)
-
-JEREMIAS:
-
-Bist du es, Unsichtbarer, der mich jagt und plaget ... bin ich es selbst,
-tönt mein hinstürmend Blut ... noch einmal sprich, daß ich dich kenne,
-Stimme ... noch einmal ruf mich an ... noch einmal, einmal sprich ...
-
-DIE STIMME (näher tastend):
-
-Jeremias!
-
-JEREMIAS (zerschmettert in die Knie stürzend):
-
-Hier bin ich, Herr! Es hört dein Knecht! (Er lauscht atemlos. Nichts
-regt sich ringsum.)
-
-JEREMIAS (erbebend vor Leidenschaft):
-
-Sprich, Herr, zu deinem Knecht! Du riefest meinen Namen, so gib die
-Botschaft auch, auf daß mein Sinn sie fasse. Wach bin ich deinem Wort
-und offen deiner Rede! (Er lauscht wieder angespannt. Tiefes
-Schweigen.)
-
-JEREMIAS:
-
-Ist es vermessen, daß ich dein begehre? Ein Unbelehrter bin ich und
-geringer Knecht, ein Staubkorn deiner Erde, doch dein ist alle Wahl! Der
-du Könige kiesest aus den Hirten und oft entsiegelst eines Knaben Mund,
-daß er dann glühet deiner Rede, -- du wählst nach andern Zeichen. Wen du
-berührest, Herr, der ist erwählet, wen du erwählest, Herr, der ist
-berufen. War schon dein Ruf dies, der an mich ergangen, oh sieh, ich
-habe ihn vernommen; bist du es, Herr, der mich gejagt, so sieh, ich
-flieh dir nicht. Faß deine Beute, Herr, greife dein Wild oder jag weiter
-mich zum Ziele! Nur mach mich wissend, daß ich dich nicht fehle, tu auf
-die Himmel deines Wortes, daß ich dich erschau, dein Knecht!
-
-DIE STIMME (näher, eindringlicher):
-
-Jeremias!
-
-JEREMIAS (entbrennend):
-
-Ich höre, Herr, ich höre! Mit meiner ganzen Seele horche ich dir zu!
-Aufgetan sind die Quellen meines Bluts und strömen, ausgereckt jede
-Faser meines Leibs, dich zu fassen, offen bin ich, unwürdig Gefäß,
-deiner Verkündung. Rede mir deine Rede, befiehl deine Befehle, dein bin
-ich mit dem Fleisch und dem Inwendigen meiner Seele! Ich will werden in
-deinem Willen und vergehen in deinem Geheiß. Ich will verlassen, die ich
-liebte, um deinetwillen und abseits werden meinen Freuden, ich will
-lassen die Süße des Weibes und die Hausung der Menschen, in dir allein
-will ich wohnen und wandern deine Wege. Keinen Ruf will ich hören, da
-ich deinen erhörte, und ertauben der Rede von Menschen. Dir allein
-gelobe ich mich, Herr, dir allein, denn durstig ist meine Seele deines
-Dienstes -- offen bin ich deinem Wort und gewärtig deiner Zeichen!
-
-DIE STIMME DER MUTTER (nun schon ganz nahe und kenntlich):
-
-Jeremias!
-
-JEREMIAS (in Ekstase):
-
-Brich ein in mich, Herr, mein Herz birst vom Schauer deiner Nähe schon!
-Schütte dich aus, selig Gewitter; wühl mich auf, daß ich deinen Samen
-trage, mache fruchtend meine Erde, mache trächtig meine Lippe -- einbrenn
-mir das Brandmal deiner Hörigkeit! Wirf dein Joch über mich, siehe,
-gebeuget schon ist mein Nacken, -- dein bin ich, dein für immerdar. Nur
-erkenne mich, Herr, wie ich dich erkenne, nur laß mich deine
-Herrlichkeit schauen, wie du erschautest im Dunkel meine Niedrigkeit,
-den Weg nur weise deines Willens, Herr, weise ihn, weise ihn deinem
-ewigen Knecht!
-
-DIE MUTTER (ist suchend die Treppe emporgestiegen. Ihr Blick ist
-ängstliche Sorge, ihre Stimme voll Zärtlichkeit):
-
-Oh hier ... hier bist du, mein Kind.
-
-JEREMIAS (auffahrend von den Knien, voll Schreck und Ingrimm):
-
-Weg ... fort ... oh, verloschen die Stimme ... zerschlagen der Weg ...
-verborgen für immer ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Weh ... wie du hier stehest im dünnen Gewand am Kalten der Mauer ... komm
-hinab, mein Kind ... Fieber schwelt her von den Sümpfen des Morgens ...
-
-JEREMIAS (voll Wildnis):
-
-Was folgst du mir, was verfolgst du mich! Oh Jagd ohne Ende, umstellt
-von Stirn und Rücken, in Wachen und Schlaf ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Jeremias, wie faß ich dich? Ich lag unten im Schlafe, da war mir, als
-hörte ich Zwiesprach vom Dache und Rede und Wort ...
-
-JEREMIAS (auf sie zu):
-
-Du hörtest ... Du auch ... um der ewigen Wahrheit willen ... Du hörtest
-Ihn reden, vernahmest den Ruf ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Wen meintest ... keinen seh ich mit dir ...
-
-JEREMIAS (sie fassend):
-
-Mutter ... ich beschwöre dich, sprich mir ... Tod oder Seligkeit trägt
-mir dein Wort ... Du hörtest eine Stimme ... wachen Sinnes hörtest du
-sie ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Eine Stimme hört ich vom Dache und tastete, daß ich dich weckte. Doch
-kalt war das Linnen, leer lag dein Bett. Da fiel Angst über mich, und
-ich rief deinen Namen ...
-
-JEREMIAS (erschwankend):
-
-Du riefest ... Du riefest meinen Namen ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Zu dreien Malen rief ich ihn ... Doch warum ...
-
-JEREMIAS:
-
-Zu dreien Malen? Mutter, des bist du gewiß ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Dreimal rief ich dich an ...
-
-JEREMIAS (mit brechender Stimme):
-
-Zernichtung und Hohn! Oh, Trügnis überall, außen und innen. In Angst
-schrie eine zu mir, und mein Grauen vermeinte den Gott ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Wie bist du sonderlich! Kein Unrecht glaubt ich zu tun. Und stieg, da
-keiner Antwort gab, selbstens empor, ob hier einer wäre. Doch keiner war
-hier.
-
-JEREMIAS:
-
-Oh doch! Ein Rasender, ein Verblendeter ... oh Qual und Marter der
-Träume ... Sinn und Widersinn im Betruge ... ich Narr, ich Narr meines
-Wahns!...
-
-DIE MUTTER:
-
-Was redest du ... was ficht dich an ...
-
-JEREMIAS:
-
-Nichts, Mutter, nichts ... nicht achte meiner Worte ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Nein, Jeremias, ich achte ihrer, doch sie verschließen sich mir.
-Jeremias, ein fremder Geist ist über dich kommen, fremd ward und
-feindlich dein Sinn. Was ist dir geschehen, mein Kind, was quälet, was
-sorget dich?
-
-JEREMIAS:
-
-Nichts quält mich, Mutter ... mich schwülte das Bett ... Kühlung kam ich
-zu trinken ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Nein, du verschließt dich, du Harter, vor mir und bist doch offen meiner
-Seele. Meinst du, ich wisse nicht, wie du umgehst seit Monden Nacht um
-Nacht; meinest du, ich hörte nicht das Stöhnen deines Schlafs und den
-Angstschrei deines Schlummers? Oh, offenen Auges hör ich dich im Dunkel,
-wie du umwanderst ruhlos im Haus, Schritt für Schritt hör ich dich
-schreiten, und Schritt für Schritt mitwandert mein Herz. Was ists, das
-dich quälet? Tu dich auf, du Verschlossener, nicht birg meiner Sorge die
-Qual!
-
-JEREMIAS:
-
-Nicht sorge dich, Mutter! Nicht sorge dich!
-
-DIE MUTTER:
-
-Wie soll ich deiner nicht sorgen? Bist du denn meiner Tage Tag nicht und
-meiner Nächte Gebet? Aus den Händen bist du mir gewachsen, darin ich
-dich trug, doch meine Seele, noch hält sie dich inne, daß sie wache
-deines Lebens. Oh, ich wußte es vordem, eh du es wußtest, ich sah es, eh
-du es schautest, seit Monden schon: es ist ein Schatten auf dein Antlitz
-gefallen und eine Sorge in deine Seele. Du bist fremd worden deinen
-Freunden und abseits der Fröhlichen, den Markt meidest du und der
-Menschen Haus. In Gedanken vergräbst du und des Lebens versäumest du
-dich. Jeremias, besinne dich, zum Priester bist du gezogen, dein harret
-des Vaters Gewand, daß du lobpreisest den Herrn mit Psalter und Gesang.
-Heb auf dein Antlitz vom Dunkel in den Tag, es ist Zeit, daß du bauest
-dein Leben, daß du beginnest dein Werk!
-
-JEREMIAS:
-
-Nicht ist Zeit jetzt des Beginnens! Zu nah ist das Ende!
-
-DIE MUTTER:
-
-Es ist Zeit! Es ist Zeit! Mannbar bist du des langen, eines Weibes
-verlanget dies Haus und der Kinder, damit erweckt sei deines Vaters
-Bild.
-
-JEREMIAS (in grimmigem Schmerz):
-
-Ein Weib heimführen in Wüstung? Kinder zeugen dem Würger? Wahrlich,
-nicht bräutlich nahet die Stunde!
-
-DIE MUTTER:
-
-Ich faß dich nicht.
-
-JEREMIAS:
-
-Soll ich bauen ein Haus in den Abgrund und mein Leben in den Tod? Soll
-ich säen der Fäulnis und lobpreisen die Vernichtung? Ich sage dir,
-Mutter, wohl dem, der sein Herz nicht hängt jetzt ans Lebendige, denn
-wer atmet diesen Tag, trinkt schon von seinem Tod.
-
-DIE MUTTER:
-
-Welch ein Wahn ist über dir? Wannen war sanfter die Zeit, wann stiller
-im Frieden dies Land?
-
-JEREMIAS:
-
-Nein, Mutter, sie sagen Friede und Friede, die Toren, aber es ist darob
-kein Friede noch, und sie legen sich nieder und vermeinen Schlaf, die
-Arglosen, und schlafen schon in ihren Tod. Mutter, eine Zeit ist nahe
-wie keine gewesen je in Israel, und ein Krieg, wie noch keiner über
-Erden gefahren! Eine Zeit, daß neiden werden die Lebendigen die Toten in
-der Grube um ihren Frieden und die Schauenden die Blinden um ihr Dunkel.
-Noch ist es nicht sichtig den Toren, noch ist es nicht offenbar den
-Träumern, doch ich, ich hab es geschauet Nacht um Nacht. Immer höher
-brennet der Brand, immer näher nahet der Feind, er ist da, der Tag des
-Getümmels und der Zertretung, schon steiget des Krieges rot Gestirn aus
-der Nacht.
-
-DIE MUTTER:
-
-Entsetzen ... wie wüßtest du's?...
-
-JEREMIAS:
-
- Ein Wort, ein heimlich Wort ist über mich kommen,
- Da ich Gesichte beschaute des Nachts
- Und irrging in Träumen.
- Furcht und Bangnis fiel über mich,
- Meine Gebeine erbebten wie eine Klapper,
- Und gleich rissiger Mauer
- Einstürzte mein Herz. --
- Mutter,
- Ich habe Dinge gesehen,
- Wenn die stünden geschrieben,
- Würde starren der Menschen Haar
- Und der Schlaf fallen wie Asche
- Von ihrem Gesicht.
-
-DIE MUTTER:
-
-Jeremias ... was ist über dich ...
-
-JEREMIAS:
-
- Das Ende nahet, das Ende,
- Es fahret aus
- Dräuend von Mitternacht,
- Feuer sein Wagen,
- Würgung sein Flug!
- Schon rauschen Schrecknis die heiligen Himmel,
- Schon bebt die Erde von Donner und Huf.
-
-DIE MUTTER (im Entsetzen):
-
-Jeremias!
-
-JEREMIAS (sie anfassend, lauschend):
-
-Hörst du ... hörest du nicht, es rauschet, es rauschet schon nah ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Nichts höre ich! Es morgent. Hirtenflöten wachten im Tal, und ein klein
-Wind umspielet das Dach.
-
-JEREMIAS:
-
- Ein klein Wind?
- Wehe, wehe!
- Gewaltigen Rauschens
- Wächst er empor,
- Sturmwind von Gott.
- Aus dem Geklüfte
- Der Mitternacht
- Kommt er gefahren,
- Schrecknis schwingt er
- Über die Stadt.
- Mutter! Mutter! Hörst du es nicht:
- Schwert klirrt im Wind,
- Räder rollt die rauschende Welle,
- Lanze blinkt und Harnisch die Nacht,
- Krieger und Krieger, unendliche Scharen
- Schüttet der Sturmwind über das Land.
-
-DIE MUTTER:
-
-Wahnwitz von Träumen! Wirrnis und Trug!
-
-JEREMIAS:
-
- Es nahet, es nahet,
- Fremd Volk,
- Mächtig und alt
- Aus dem Osten der Erde,
- Unendliche Fülle
- Rauschen sie an,
- Wie Blitz fliegen weit ihre windigen Pfeile,
- Ihre Rosse sind alle mit Eile behufet,
- Ihre Wagen starr wie die Felsen geschient.
- Und inmitten ausfähret
- Mit blutiger Krone
- Der Stürzer der Städte,
- Der Zünder der Brände,
- Der Zwingherr der Völker,
- Der König, der König von Mitternacht.
-
-DIE MUTTER:
-
-Der König von Mitternacht ... Du träumest ... der König von Mitternacht.
-
-JEREMIAS:
-
- Den Er erweckte,
- Den Er erwählte,
- Als harten Vollstrecker
- Härtesten Spruchs,
- Daß er strieme das Volk um all seiner Fehle,
- Daß er mahle die Mauer und berste die Türme,
- Daß er lösche das Licht und das Lachen der Häuser,
- Daß er tilge die Stadt und den Tempel von Erden
- Und pflüge die Straßen Jerusalems.
-
-DIE MUTTER:
-
-Irrwitz und Frevel! Ewig währet Jerusalem!
-
-JEREMIAS:
-
- Es fällt!
- Was Gott berennet,
- Hat nicht Bestand!
- Von untenher
- Werden dorren seine Wurzeln,
- Und von obenher
- Geschnitten seine Frucht!
- Mit der Axt und dem Brande
- Wird der Reisige roden
- Israels Forst und Zions Gefild.
-
-DIE MUTTER (ausbrechend):
-
- Es ist nicht wahr!
- Du lügst! Du lügst!
- Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,
- Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen!
- Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,
- Ewig werden die ragenden Mauern,
- Ewig die Herzen Israels dauern,
- Ewig währet Jerusalem!
-
-JEREMIAS:
-
-Es stürzet! Gebrochen ist der Stab und gezeichnet die Stunde! Das Ende
-nahet, Israels Ende!
-
-DIE MUTTER:
-
-Gottesleugner! Gottesleugner! Des Herrn Erwählte sind wir und werden
-dauern über die Zeiten! Nie vergehet Jerusalem!
-
-JEREMIAS:
-
-Ich habe es geschauet in meinen Träumen, offenbar ward es meinen
-Gesichten!
-
-DIE MUTTER:
-
-Frevler, wer so träumet, und Frevler siebenfach, wer glaubt solchen
-Träumen! Wehe, wehe, daß ichs erlebe, mein eigen Blut zaget an Zion und
-zweifelt des Herrn! Jeremias, Jeremias, willst du, daß mir zum Abscheu
-werde mein Schoß?
-
-JEREMIAS:
-
-Wider Willen kam mir das Grauen, nicht vermag ich zu wehren den
-Gesichten.
-
-DIE MUTTER:
-
-Halte dich wach im Gebet wider sie, und an dem Namen des Herrn
-zerschellet ihr Trug. Jeremias, besinne dich: eines Gesalbten Sohn bist
-du und geweiht, daß deine Stimme lobsinge dem Herrn, daß sie erhebe die
-Herzen der Zagenden und mit Mut fülle der Verstöreten Sinn!
-
-JEREMIAS:
-
-Wie kann ichs, wie kann ichs! Selbst bin ich der Verstörteste aller! Laß
-ab von mir, Mutter, laß ab!
-
-DIE MUTTER:
-
-Ich lasse nicht dein und nicht deine Seele dem Zweifel. Jeremias, mein
-einzig Kind, höre mich an! Geheimes künde ich dir zum erstenmal, daß
-erwache dein Herz. Höre mich, die ich zu dir rede aus meiner Not. Auch
-ich war eine Verzagete einst, denn zehen Jahre verschloß der Herr meinen
-Schoß. Spott ward ich den Gefährtinnen und der Kebsen Gelächter. Zehen
-Jahre trug ich es duldend und zagete schon, aber im elften entbrannte
-mein Herz, und ich ging in Gottes Haus, daß Er Frucht schenke meinem
-Schoß.
-
-JEREMIAS:
-
-Zum erstenmal kündest du dies ... zum erstenmal.
-
-DIE MUTTER:
-
-Und ich warf mich zur Erde und tränkte sie mit meinen Tränen und
-gelobete: so ein Sohn mir geschenkt sei, ihn zu weihen dem Herrn. Ich
-gelobete zu schweigen und kein Wort zu tun vom Munde in meiner schweren
-Zeit, daß ihm dereinst der Rede Fülle sei, zu lobpreisen den Gott.
-
-JEREMIAS:
-
-Mich gelobet ... Mutter!... auch du ... auch du ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Selbigen Tages erkannte dein Vater mich, und ich ward dein gesegnet.
-Jeremias, höre, Jeremias, neun Monde begrub ich getreu die Stimme in
-meinem Leibe, daß dir alle Fülle des Wortes sei, daß du Lobkünder
-werdest des ewigen Gottes! So lösete ich mein Wort, und wir zogen dich
-auf, daß du lerntest die Schrift, und lieblich klang deine Stimme zum
-Psalter. Jeremias, nun weißt du: zum Priester bist du geweiht von
-Anbeginn und zum Lobkünder des Herrn. Zerreiß deiner Träume Netz und
-tritt in den Tag.
-
-JEREMIAS:
-
-Oh, zwiefach Gelöbnis, Mutter, oh, zwiefach Zeugnis dieser Nacht. Zum
-andern Male hast du mich erwecket dem Leben, ein Wissender bin ich
-worden an deinem Wort, denn wundersam: ich schrie auf meine Frage zu
-Gott, und er entsandte dich mir zur Rede! Oh Geheimnis dieses Wegs, oh
-Stachel der Träume, der mich aufstieß, oh Lockung der Bilder, die mich
-weckten, oh trefflicher Jäger, der nicht fehlet! Nun weiß ich, wer
-geschlagen an meines Schlafes Wand, bis ich aufstund von meines Lebens
-Schlummer, nun weiß ich, wer drängete meine Säumnis, nun weiß ich, wer
-mich gefordert ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Was ward dir! Wie eines Trunkenen gehet deine Rede ...
-
-JEREMIAS:
-
-Ja, trunken bin ich nun der Gewißheit seines Willens und so voll der
-Rede, daß mich der Odem in meinem Innern ängstet. Die Siegel sind
-gebrochen meines Mundes, und mir brennet die Lippe der Verkündung ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Wehe, wenn du sie kündest deine Träume, die verruchten! Mein Sohn bist
-du nicht, schreist du aus solchen Wahn!
-
-JEREMIAS:
-
-Dein Sohn, Mutter? Oh, wie sehr bin ich dein Sohn, wie dir gleich im
-Geschehen! Wisse, auch ich bin ein Unfruchtbarer gewesen, und Er hat mir
-ein Wort gezeuget und ein Geheimnis. Erneut habe ich, Mutter, dein Wort,
-auch ich habe mich ihm gelobet ...
-
-DIE MUTTER:
-
-So tritt hin in sein Haus, daß du ihm opferst, der dich erweckte, daß du
-lobpreisest seinen Namen!
-
-JEREMIAS:
-
-Nein, Mutter, nicht Opferers Dienst hab ich genommen -- selbst will ich
-das Opfer sein. Ihm bluten entgegen meine Adern, ihm brennet mein
-Fleisch, ihm flammet meine Seele. Ich will ihm dienen, wie keiner
-gedient, seine Wege sind meine Wege nunab. Oh, siehe, schon morgents im
-Tale, und auch in mir war es Tag aus den Dunkelheiten! Sein Himmel
-brennet in Feuer, und auch mir entbrannte das Herz. Oh, Wagen Elias,
-auffahrend im Feuer, reiß mit meine Rede, daß sie niederstürze wie
-Donner in der Menschen Tag! Wehe, mir brennet die Lippe schon, fort, ich
-muß fort ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Wohin willst du vor Tag?
-
-JEREMIAS:
-
-Ich weiß nicht, Gott weiß es.
-
-DIE MUTTER:
-
-Doch sage, was planest du?
-
-JEREMIAS:
-
-Ich weiß nicht, ich weiß nicht! Sein ist mein Herz, sein ist die Tat!
-
-DIE MUTTER:
-
-Jeremias, ich lasse dich nicht, du schwörest mir denn, daß du
-verschweigst deine Träume ...
-
-JEREMIAS:
-
-Ich schwöre nicht! Ihm allein bin ich verschworen!
-
-DIE MUTTER:
-
-... daß du nicht kündest Schrecknis vor dem Volke.
-
-JEREMIAS:
-
-Sein ist die Verkündung, mein nur die Lippe!
-
-DIE MUTTER:
-
-Wehe, du fliehest mein Wort! So höre und wisse: wer ausgehet Zweifel zu
-säen in Israel, geht nicht mehr ein in mein Haus.
-
-JEREMIAS:
-
-Sein ist mein Wort, sein meine Hausung.
-
-DIE MUTTER:
-
-Wer nicht glaubet an Zion, ist nicht mehr mein Sohn!
-
-JEREMIAS:
-
-Sein bin ich allein, der mich eintat deinem Leibe.
-
-DIE MUTTER:
-
-So weichest du? Aber höre vordem noch, Jeremias, höre, eh du auftust die
-Lippe vor dem Volke: Ich fluche aus meiner Seele Kraft dem, der
-Schrecknis wirft über Israel, ich fluche ...
-
-JEREMIAS (schauernd):
-
-Nicht fluche, Mutter, nicht fluche!
-
-DIE MUTTER:
-
-Ich fluche dem, der Sturz sagt den Mauern und Wüstung den Gassen, ich
-fluche dem, der Tod schreit über Israel. Möge sein Leib in Feuer fallen
-und seine Seele in des lebendigen Gottes Faust.
-
-JEREMIAS:
-
-Nicht Fluch sprich ... Mutter ... vielleicht stößt Er mich unter ihn ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Ich fluche dem Zweifler, der mehr vertrauet den Träumen denn Gottes
-Barmherzigkeit! Ich verfluche, ich verfluche den Leugner Gottes und wäre
-es mein Kind! Zum letztenmal, Jeremias ... wähle!
-
-JEREMIAS:
-
-Ich ... geh ... meinen Weg ... (Er beginnt mit schwerem Schritt zur
-Treppe zu treten.)
-
-DIE MUTTER:
-
-Jeremias ... mein einzig Kind bist du und meines Alters Trost ...
-entweiche meinem Fluch ... denn Gott wird ihn erhören, wie er erhörte
-mein Gelöbnis.
-
-JEREMIAS:
-
-Auch ich bin ihm gelobet, Mutter, auch mich hat er erhöret. Lebe wohl!
-(Er schreitet die erste Stufe hinab.)
-
-DIE MUTTER (aufschreiend):
-
-Jeremias! Über mich geht dein Schritt! Du zertrittst mir das Herz!
-
-JEREMIAS:
-
-Ich weiß die Straße nicht, die ich schreite ... ich fühl die Steine
-nicht, die ich trete ... ich fühl einen Ruf nur ... einen Ruf, der mich
-rufet ... und ich folge dem Ruf ...
-
- (Er steigt langsam die Stufen nieder, das Antlitz ernst und
- verhalten, die Augen starr in den Himmel.)
-
-DIE MUTTER (zur Treppe hinstürzend, in Verzweiflung):
-
-Jeremias!... Jeremias!... Jeremias!...
-
- (Keine Antwort. Der Schrei verhallt zur Klage und schwingt
- allmählich ganz ins Schweigen zurück. Einsam steht die einstürzende
- Gestalt der Mutter vor dem hohen Himmel, über den sich tragische
- Morgenröte wie ein Schein von Feuer und Blut mählich zu verbreiten
- beginnt.)
-
-
-
-
-DAS ZWEITE BILD
-
-DIE WARNUNG
-
- »Die Profeten, die vor mir gewesen sind von alters her, haben wider
- viel Länder geweissaget von Krieg, von Unglück und Pestilenz;
-
- wenn aber ein Profet von Frieden weissagt, den wird man kennen, ob
- ihn der Herr wahrhaftig gesandt hat, wenn sein Wort erfüllet wird.«
-
- Jer. XVIII, 8/9.
-
-
- Der große Platz von Jerusalem, der mit vielen Stufen aufsteigend in
- den Säulenvorhof der Burg von Zion führt, rechts zum königlichen
- Palaste und mittseits zum anschließenden Tempel. Auf der andern
- Seite ist der geräumige Platz von Häusern und Gassen begrenzt, die
- nieder und gebückt scheinen gegen den hochragenden Bau. Die Eingänge
- in den Palast sind umschmückt von Girlanden und prächtigem
- Zedergetäfel; in breite, kunstvolle Brunnenschalen des Vorhofs
- fließt Wasser nieder, rückwärts glänzt dunkel das erzgetriebene Tor
- des Tempels.
-
- Vor der Säulenhalle des Palastes, auf der Straße und die Stufen
- empor wirr durcheinandergedrängt das Volk von Jerusalem, eine
- farbige, erregte Masse von Männern, Frauen und Kindern, die von
- einhelliger Erwartung bewegt sind. Die Menge hat viele Stimmen, die
- in den Augenblicken des Geschehens oft in einen einzigen Schrei
- zusammenfließen, sonst sich aber erregt widerstreiten. Im
- gegenwärtigen Augenblicke sind alle in die Richtung der Gassen
- gewandt und drängen sich in erwartender Unruhe.
-
-STIMMEN:
-
-Der Wächter hat schon gerufen vom Turm ... nein, noch nicht ... doch,
-ich habe das Horn gehört ... ich auch ... ich auch ... sie müssen nahe
-sein ... von wo kommen sie ... werden wir sie sehen ...
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-Vom Tore Moria kommen sie ... hier müssen sie vorbei ... sie gehen zum
-Palast ... laßt die Gasse frei, ... ja ... ja ... wir wollen sie sehen ...
-weicht zurück ... macht Raum ... Raum für die Ägypter ...
-
-EINE STIMME:
-
-Aber ist es gewiß auch, daß sie kommen?
-
-EINE ANDERE STIMME:
-
-Den Boten sprach ich, der ihnen vorausgeeilt.
-
-STIMMEN:
-
-Er hat den Boten gesprochen ... erzähle ... wie viele sind ihrer ...
-bringen sie Geschenke ... wer ist ihr Führer ... was bringen sie ...
-erzähle, Isaschar!
-
- (EINE GRUPPE bildet sich um den Mann Isaschar.)
-
-ISASCHAR:
-
-Ich vermag nur zu berichten, was der Bote, mein Schwäher, mir gesagt.
-Die ersten Krieger Ägyptens sind es, die Pharao uns sandte, und Sklaven
-sind viele mit ihnen, die Geschenke bringen auf Sänften und Tragen. Seit
-Salomos Tagen ward nichts ihresgleichen gen Zion gebracht.
-
-STIMMEN:
-
-Es lebe Pharao ... Ruhm seiner Herrschaft ... Heil Ägypten!
-
-EINE STIMME:
-
-Sie sagen, auch eine Tochter Pharaos reise mit ihnen, daß sie Zedekia
-vermählt werde. Ist es wahr, Isaschar?
-
-ISASCHAR:
-
-Es ist wahr. Eine Tochter Pharaos geleiten sie. Die Schönste ist sie
-seiner Töchter, und er hat sie Zedekia gewählt.
-
-STIMMEN:
-
-Ruhm Pharao ... Heil Zedekia ... werden wir sie schauen ... Heil
-Ägypten!...
-
-EIN ALTER MANN:
-
-Unheil kam von je über Israel von den fremden Weibern der Könige ...
-
-STIMMEN:
-
-Ja, sie wenden den Sinn der Gerechten ... fort mit ihnen ... was schmähst
-du Ägypten ... ja, was wollen, sie ... was bedeutet die Sendung ...
-seit wann ist Freundschaft zwischen Ägypten und Israel ... was wollen
-sie?
-
-EINE STIMME:
-
-Ein Bündnis bietet Pharao Necho wider Nabukadnezar, ich weiß es von
-Abimelech.
-
-STIMMEN:
-
-Heil Abimelech, unser Führer ... kein Bündnis ... kein Bündnis mit
-Ägypten ... kein Bündnis mit Mizraim ... wider wen ist das Bündnis ...
-
-ISASCHAR:
-
-Warum kein Bündnis mit ihnen? Mächtig sind sie, und vereint wären wir
-stark wider unsern Unterdrücker. Zehntausend Sichelwagen vermag Pharao
-Necho ins Blachfeld zu stellen, und seine Bogenschützen und Reiter sind
-ohne Zahl. Er will aufstehen wider Assur, unsern Peiniger, und sie
-begehren unseres Beistands.
-
-DER ALTE:
-
-Kein Bündnis mit Ägypten! Unser Kampf ist nicht der ihre!
-
-ISASCHAR:
-
-Unsere Not ist die ihre, sie wollen nicht Knechte sein der Chaldäer!
-
-STIMMEN:
-
-Wir auch nicht ... wir auch nicht ... nieder mit Assur ... zerbrechen
-wir das Joch ... hüten wir uns ...
-
-BARUCH (ein Jüngling, ekstatisch):
-
-In Ketten gehen unsere Tage und mit güldenen Schäkeln unsere Boten
-allneumonds gen Babel. Wie lange wollen wir es dulden noch?
-
-SEBULON (der Vater Baruchs):
-
-Schweige ... nicht dein ist die Rede ... eine linde Knechtschaft ist
-Chaldäas Joch ...
-
-STIMMEN:
-
-Aber wir wollen nicht länger Knechte sein ... die Stunde der Freiheit
-ist gekommen ... nieder mit Assur ... verbinden wir uns Ägypten ...
-
-SEBULON:
-
-Nie kam Gutes von Mizraim. Man muß prüfen und erwägen, man muß mißtrauen
-und gedulden.
-
-STIMMEN:
-
-Die Geräte des Tempels muß man schaffen ... nicht länger soll Baal sich
-ihrer ergötzen ... nieder mit den Räubern des Tempels ... jetzt ist es
-die Stunde ...
-
-ANDERE STIMMEN (von der Tiefe der Gasse her):
-
-Sie kommen! Sie kommen!
-
-STIMMEN (von allen Seiten jauchzend):
-
-Sie kommen ... Raum ... macht Raum ... sie kommen ... hier herauf ...
-zurück hier ... ich sehe sie schon ... hier kannst du sie sehen ...
-
- (DAS VOLK stürmt die Stufen empor und bildet eine Gasse, durch die
- nun die Gesandtschaft der Ägypter zum Palaste ziehen kann. Man sieht
- vorerst nur die Lanzenspitzen der Krieger über dem Gewoge der
- lärmenden Menge leuchten.)
-
-STIMMEN:
-
-Wie stolz sie gehen ... wer ist der Führer ... Araxes ist es ... die
-Geschenke ... die Sänften ... seht diese, sie ist verhüllt ... die
-Tochter Pharaos muß es sein ... heil Araxes ... heil Ägypten ... wie
-schwer sie tragen an den Truhen, Gold muß darin sein ... wir werden es
-zahlen müssen mit Blut ... die Schwerter, seht die kurzen ... die unsern
-sind besser ... wie hochmütig sie gehen ... gewaltige Krieger müssen es
-sein ... es lebe Pharao Necho ... es lebe Ägypten ... heil ... Gott
-strafe Assur ... heil Ägypten ... heil Araxes ... es lebe Necho ...
-Segen über Pharao ... geheiligt unser Bund ... heil euch ... heil euch ...
-
- (DIE MENGE umdrängt mit frenetischen Jubelrufen den Zug der
- Ägypter.)
-
- (DIE ÄGYPTER, reichgeschmückt, schreiten stolz und ernst durch die
- Reihen. Sie klirren die Schwerter zusammen und danken würdevoll.)
-
-BARUCH (von den Stufen herab):
-
-Der König erfülle eure Wünsche! Er schließe den Bund!
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... ja ... auf gegen Assur ... zerbrechen wir das Joch ... es lebe
-Necho ... Segen über eure Ankunft ... Rache für Zion ...
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-Zum Palast ... geleitet sie zum Palast ... zum Könige ... er schließe
-den Bund ... es lebe Araxes ... Segen über Zedekia, unsern König ...
-ein König der Knechte ... nein ... nein ... Freiheit ... auf zum Palast ...
-
- (DIE ÄGYPTER sind die Stufen empor zum Palast geschritten und in die
- Säulenhalle eingetreten. Hinter ihnen strömt der Schwall des Volkes.
- Andere Schwärme verlaufen sich in den Gassen. Es bleiben auf den
- Stufen nur einzelne kleine Gruppen älterer Leute zurück, während die
- Krieger und die Frauen schaulustig den Ägyptern nachstürmen, die
- Sänften umdrängen und mit dem Zuge im Säulenvorhof verschwinden.)
-
-BARUCH (der ihnen ekstatisch zugewinkt hat):
-
-Ich muß mit ihnen.
-
-SEBULON:
-
-Du bleibst!
-
-BARUCH:
-
-Ich will es schauen, ich will es erleben, wie Israel aufsteht wider
-seine Peiniger. Meine Seele verzehrt sich, das Gewaltige zu erschauen,
-und nun ist die Stunde genaht.
-
-SEBULON:
-
-Du bleibst! Gott wägt seine Stunden, nicht wir. Des Königs ist die
-Entscheidung.
-
-BARUCH:
-
-Wie sie jubeln! Laß mich mit ihnen sein, mein Vater, daß ichs erlebe.
-
-SEBULON:
-
-Oft und oft noch wirst du's erleben. Denn immer jubelt das Volk zu den
-lauten Worten, immer läuft es hinter dem Gepränge.
-
-EIN ANDERER:
-
-Was verweigerst du ihm die Freude? Ist der Tag unseres Sehnens nicht
-erschienen? Freunde sind Israel erstanden.
-
-SEBULON:
-
-Nie war Mizraim Israels Freund.
-
-BARUCH:
-
-Unsere Schmach ist die ihre, Israels Not die Ägyptens.
-
-SEBULON:
-
-Nichts gemein haben wir mit den Völkern der Erde. Einsamkeit ist unsere
-Gewalt.
-
-DER ANDERE:
-
-Aber sie wollen für uns kämpfen.
-
-SEBULON:
-
-Für sich wollen sie kämpfen. Jedes Volk kämpft nur für sich allein.
-
-BARUCH:
-
-Sollen wir Knechte bleiben, soll Zedekia ein König sein der Sklaven und
-Zion ein Pflichtling Chaldäas? Oh, daß er ein König wäre, Zedekia ...
-
-SEBULON:
-
-Schweige, ich befehle es dir. Nicht ziemt es den Knaben, die Könige zu
-richten.
-
-BARUCH:
-
-Jung bin ich, doch wer ist Jerusalem, wenn die Jugend nicht? Die
-Bedächtigen nicht haben es gebaut. David, der Junge, hat sie getürmet
-und groß gemacht unter den Völkern.
-
-SEBULON:
-
-Schweige, nicht dein ist das Wort auf dem Markte.
-
-BARUCH:
-
-Sollen nur die Bedächtigen reden, nur die Greise beraten, daß Israel
-ergreise vor den Jahren und Gottes Wort faule in unsern Herzen? Unser
-ist die Stunde, unser die Rache. Ihr habt euch gebeuget, wir wollen uns
-erheben, ihr habt gezögert, und wir wollen vollbringen, ihr hattet den
-Frieden, und wir wollen den Krieg.
-
-SEBULON:
-
-Was weißt du vom Kriege, du Vorwitziger. Wir, die Väter, haben ihn
-gekannt. Er ist groß in den Büchern, aber ein Würger ist er in Wahrheit
-und ein Schänder des Lebens.
-
-BARUCH:
-
-Ich fürchte ihn nicht. Ein Ende der Knechtschaft!
-
-EINE STIMME:
-
-Einen Eid des Friedens hat Zedekia geschworen.
-
-STIMMEN:
-
-Ungültig ist der Eid ... er zerbreche den Schwur ... kein Eid gilt den
-Heiden ...
-
-STIMMEN (von rückwärts aus der Gasse kommend, im Jubel):
-
-Abimelech! Heil Abimelech ... Abimelech, unser Führer ... heil dir ...
-
- (DIE GRUPPEN sammeln sich um Abimelech, den Obersten der Krieger,
- und jubeln ihm zu.)
-
-STIMMEN:
-
-Abimelech ... ist es wahr, daß Ägypten ein Bündnis bietet ... raffe dein
-Schwert ... auf, ziehe wider Assur ... raffe Israels Kraft ... wir sind
-bereit ... wir sind bereit ...
-
-ABIMELECH (auf der Höhe der Stufen zu der Menge):
-
-Sei bereit, Volk von Jerusalem, denn nahe ist die Stunde deiner
-Freiheit.
-
- (DIE MENGE, die ihn umringt, bricht in Jubelschreie aus.)
-
-ABIMELECH:
-
-Pharao Necho hat uns seine geharnischte Hand geboten. Er will sich uns
-gesellen, daß wir selbzweit Assurs Macht brechen, und wir wollen es tun,
-mein Volk von Jerusalem. Bereit sind deine Streiter, gerüstet deine
-Kämpfer, geschirrt deine Wagen, gespannt deine Bogen, nun stähle dein
-Herz, Volk von Jerusalem.
-
-DIE MENGE (jauchzend):
-
-Auf gegen Assur ... Krieg mit Chaldäa ... heil Abimelech ...
-
-EIN KRIEGER:
-
-Wie die Schafe werden wir sie vor uns hertreiben. Sie haben sich matt
-gemacht in den Frauenhäusern, und ihr König trug nie eines Kriegers
-Gewand.
-
-EINE STIMME:
-
-Das ist nicht wahr!
-
-DER KRIEGER:
-
-Wer sagt, es sei nicht wahr?
-
-EINE STIMME:
-
-Ich sage es. In Babel bin ich gewesen und habe Nabukadnezarn gesehen. Er
-ist gewaltig und sein Kriegsvolk ohne Makel.
-
-STIMMEN:
-
-Du Schurke, lobpreisest du unsere Feinde ... ein Gekaufter ist er ...
-sein Weib ist eine Chaldäerin ... sie hat gehurt mit allen Knechten
-Babels ... Verräter ...
-
-DER KRIEGER (vortretend zu den Sprechenden):
-
-Willst du sagen, wir könnten ihrer nicht obsiegen?
-
-DIE STIMME:
-
-Ich sage, daß sie mächtig sind, die Chaldäer.
-
-DER KRIEGER (auf ihn eindringend):
-
-Meine Faust sieh hier und sage noch einmal, sie seien besser denn
-Israel.
-
-STIMMEN:
-
-Sag es noch einmal ... zerreißt ihn ... Verräter ... Verräter ...
-
-DER SPRECHER (von allen gefaßt, eingeschüchtert):
-
-Nicht das sagte ich ... ich meinte ... ich meinte, daß ihrer viele sind.
-
-ABIMELECH:
-
-Immer waren unserer Feinde viel, und immer haben wir sie geschlagen.
-
-STIMMEN:
-
-Wer kann an wider uns ... alle haben wir geschlagen ... Moab
-zerschmettert und Ammon ... Sanherib und seine Tausendmaltausend ... die
-Philister und Amalek ... Wer kann uns widerstehn ... Tod über den, der
-uns schmäht ...
-
- (EINIGE BOTEN eilen aus dem Palast.)
-
-DIE MENGE (sie umdrängend):
-
-Wohin eilet ihr ... was bringt ihr ... wen suchet ihr ... was ist ...
-
-EIN BOTE:
-
-Der König hat den Rat berufen.
-
-STIMMEN:
-
-Krieg ... er beschließet den Krieg ... Krieg ...
-
-ABIMELECH:
-
-Wen hat er berufen?
-
-DER BOTE:
-
-Imre, den Ältesten, Nachum, den Verwalter; und auch an dich ergehet sein
-Ruf.
-
-ABIMELECH:
-
-Zauderern bin ich gesellt und Klüglern, die das Wort wägen und schauern
-vor der Tat. Aber ich bringe mein Schwert, und ich will es von mir
-werfen, darf ich es nicht zücken wider Assur. Dein ist die Stunde, ich
-kämpfe für sie, Volk von Jerusalem!
-
-DIE MENGE:
-
-Heil Abimelech ... Heil Abimelech ... heil dir, du Gottesstreiter ...
-heil ...
-
- (ABIMELECH eilt in den Palast.)
-
-BARUCH:
-
-Ihm nach, ihm nach! Der König soll unsere Stimme hören, er höre unsern
-Willen erdonnern vor seinem Palast.
-
-SEBULON:
-
-Ich verstoße dich, wenn du nicht schweigest. Der König will beraten, und
-Ruhe muß sein um den Ratschluß.
-
-BARUCH:
-
-Er soll nicht beraten. Er beschließe! Er beschließe den Krieg! Wir alle
-wollen den Krieg.
-
-STIMMEN:
-
-Ja, wir alle ... wir alle ... schreit auf zu ihm ...
-
-EINE STIMME:
-
-Nein, ich will keinen Krieg ... ich will keinen Krieg ...
-
-STIMMEN:
-
-Schweige ... Verräter ... noch ein Gekaufter ... wer bist du ... nieder
-mit ihm ... wer bist du ...
-
-DER SPRECHER:
-
-Ein Bauer bin ich, und nur im Frieden blüht mein Feld. Aber der Krieg
-stampft meine Äcker und zerstößt mir die Scholle. Ich will keinen Krieg,
-ich will nicht!
-
-BARUCH (wild):
-
-Schmach über dich! Schmach über dich! Daß du doch faultest in deinem
-Acker und ersticktest an deinen Früchten! Fluch denen, die am Gewinn
-ihren Mut messen und an ihrem Leben des Landes Geschick! Israel ist
-unser Acker, und wir wollen ihn düngen mit unserm Blute, denn, ihr
-Brüder, es ist Seligkeit, zu sterben für den alleinigen Gott.
-
-DER SPRECHER:
-
-So stirb und lasse mich leben. Die Erde liebe ich, auch sie ist Gottes,
-und er hat sie mir zu eigen gegeben.
-
-BARUCH:
-
-Nichts ist uns zu eigen gegeben, Lehen ist alles vom lebendigen Gotte,
-daß wir es wiedergeben an ihn auf seinen Ruf. Und sein Ruf ist
-erschollen, oh, daß wir ihn hörten! Erfüllet sind die Zeichen! Oh, wo
-sind die Künder der Worte, wo sind sie, die seines Geistes sind, daß sie
-die Trägen entflammen und hören machen die Tauben. Wo sind die Priester,
-wo sind die Profeten? Was schweigt ihre Stimme in dieser Stunde zu
-Jerusalem?
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... die Profeten ... wo sind sie, die Priester ... wecket sie auf ...
-sie versäumen die Stunde ... wo ist Hananja ...
-
-BARUCH:
-
-Zum Tempel empor! Nichts ohne Gottes Wort! Sie mögen entscheiden, die
-Gottesmänner!
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... wo sind unsere Hirten ... in ihnen ist die Wahrheit ... Hananja ...
-Pashur ... wo sind sie ... tut auf den Tempel ... tut auf das Tor ...
-Hananja ... Pashur ...
-
- (EINIGE sind die Stufen hinaufgeeilt und schlagen an die erzene Tür.
- Die Tür tut sich auf, und es erscheint im Ornat:)
-
-PASHUR (der Hohepriester):
-
-Was ist dein Begehr, Volk von Jerusalem?
-
-BARUCH:
-
-Erfüllt ist die Verheißung, aufstehet das Volk! So säume nicht. Sprich
-den Fluch über unsere Widersacher, denn die Stunde der Freiheit winket
-deinem Volke.
-
-STIMMEN:
-
-Tu den Tempel auf, daß Gott über uns sei ... den Profeten rufe, daß er
-uns Wahrheit sage ... aus den Büchern lies die Weissagungen ... zum
-Könige sprich und zum Volke ...
-
-PASHUR:
-
-Was ist geschehen? Was glühet ihr mit einem Male?
-
-BARUCH:
-
-Ein Bündnis ist geboten von Ägypten wider Assur, und der König zaudert.
-Krämer und Knechte sind seine Vertrauten. Doch das Volk verlanget eurer
-Stimme.
-
-STIMMEN:
-
-Die Profeten rufe, daß sie uns Weisheit lehren ... Hananja ... Hananja ...
-wann waren sie vonnöten, die heiligen Worte, wenn nicht zu dieser
-Stunde?... Ihrer sei die Entscheidung ... Hananja ...
-
-PASHUR:
-
-Was begehret ihr des Profeten?
-
-BARUCH:
-
-Sein Wort falle in unser Herz, er segne Israel, er verfluche
-Nabukadnezar und seine Knechte ... Sein Wort soll wie Feuer über uns
-fahren, daß wir entbrennen. Hananja rufe, Hananja, es fordert ihn die
-Stunde, Gott fordert ihn.
-
-DIE MENGE:
-
-Hananja ... wo ist unser Profet ... Gott fordert ihn ... Er erscheine ...
-wir dürsten nach seinem Worte ... Hananja ... Hananja ...
-
- (HANANJA tritt aus der Tür des Tempels.)
-
- (DIE MENGE bricht bei seinem Anblick in wilde Jubelrufe aus.)
-
-BARUCH (zu ihm empor):
-
-Hananja, Gottes Gesandter, siehe, dein Volk dürstet nach deiner Rede!
-Gieß aus die Welle deines Wortes über sie, daß Kraft ihnen entbrande,
-mache fruchtbar unsern Ingrimm und ziele unsern Zorn. In deinen Händen
-liegt Jerusalems Schicksal!
-
-DIE MENGE:
-
-Gieß aus Gottes Wort über uns ... Die Verheißung verkünde ... Sage, sollen
-wir ausziehen ... Gottes Wille laß uns wissen ... belehre dein Volk, du
-Bote des Herrn, belehre den König ... oh, sprich die Verheißung ... sieh
-unser Schwanken ... erwecke unser Herz.
-
-HANANJA (vor die Schwelle des Tempels tretend, pathetisch):
-
-Selig deine Frage, selig deine Stimme, selig du selber, Volk von
-Jerusalem, daß du sie endlich aufhebst zum Schrei! Denn Schlaf war
-gefallen über dich, ein Ohnmächtiger bist du gelegen in den Sielen der
-Knechtschaft, Jerusalem, und die Völker sind geschritten über dich wie
-über einen Trunkenen, sie haben gespien auf dein Gewand, und sie haben
-gelacht deiner Blöße. Aber ein Ruf ist gegangen an die Schläfer, eine
-Botschaft an die Verträumten, und ich will sie künden euch
-Gotterweckten.
-
-DIE MENGE (bricht in fanatische Jubelschreie aus):
-
-Höret ihn!... Erweckte sind wir ... wahrlich, wie im Schlafe sind wir
-gelegen ... sage, Meister, ist es Zeit ... sag an, ist es die Stunde ...
-
-HANANJA:
-
-Wie lange noch wollet ihr euch gedulden der Taten, da Gott euch erweckte
-... wie lange stille sein, da der Herr euch gerufen? Gott dürstet, denn
-leer sind seine Krüge, Gott hungert, denn gebrochen sind seine Altäre,
-Gott friert, denn geraubt ward der Schmuck seiner Fliesen, Gott leidet,
-denn es spotten sein die Priester Baals und die Knechte der Astaroth! Er
-harret euer, daß ihr ihn erlöset, und wie im Schlafe habt ihr gelegen;
-er winket zu sich euch, aber ihr rühret euch nicht im Joche. So werfet
-ab das Joch, reißt euch los von den Ketten, die Posaune laßt schallen
-und erklirren das tödliche Erz; Gott hat euch wach geschrien, so kämpfet
-für ihn!
-
-BARUCH:
-
-Töne, oh töne, du Gottesposaune! Auf, Israel, auf, Jerusalem, brecht
-Gottes Joch!
-
-DIE MENGE:
-
-Zerbrechen wir das Joch ... auf wider Assur ... streiten wir gegen
-Nabukadnezar ... zu den Waffen ... werft auf das Panier ... Sage, ist es
-Zeit, daß wir ausziehen ... Krieg wider Assur ... Sag, werden wir ihrer
-obsiegen?
-
-HANANJA:
-
-Die Stimme des Herrn erbrauset mir innen, wie ein Meer schäumt sie mir
-stürmend zum Munde, und also tönet sie euch zu: »Erhebe dich, Israel,
-wappne deine Lenden, fasse froh den Schild und die Speere, auf, tummle
-deine Rosse, denn Assur ist dein Wild und Babel deine Beute. Gehe an, du
-Gewaltiger, deine Bedränger zu jagen, ich habe dir Pfeile in den Köcher
-getan, die nicht fehlen, und Lanzen gerüstet, die nicht splittern. In
-deine Hand habe ich Assur gegeben, so balle sie zur Faust, Israel, und
-knicke seine Knochen! Tritt unter die Fersen, die dich bedrückten, hole
-heim meine Habe, erlöse mich, wie ich dich erlöse. Wirf weg, die dir
-widerraten, tilge aus, die dich zäumen, nicht höre die Schwachmütigen,
-nur meinen Boten erhöre! Höre, Israel, höre auf ihn!...«
-
-JEREMIAS (aus der Menge wild aufschreiend):
-
-Nicht höret auf ihn! Nicht höret auf ihn --! Nicht höret auf ihn!
-
- (DIE MENGE weicht im Tumult auseinander. Jeremias wird mitten in der
- erregten Masse sichtbar. Er arbeitet sich gegen die Stufen zu der
- Stelle empor, wo Hananja spricht.)
-
-STIMMEN:
-
-Wer redet ... wer ist dieser ... was für Rede ... was sagt er ... wer
-ist er ...
-
-JEREMIAS:
-
-Nicht höret ihn, nicht höret denen zu, die euch nach dem Munde reden,
-tut ab die Schlingen seiner Worte! Nicht höret die Gleisner, die euch
-ins Schlüpfrige stoßen, nicht tappet in die Netze der Vogelsteller,
-nicht lausche, Jerusalem, den Lockpfeifern des Krieges!
-
-PASHUR (sich aufrichtend):
-
-Wer redet in der Menge?
-
-HANANJA:
-
-Wer redet wider den Herren? Hervor aus dem Dunkel!
-
-JEREMIAS (sich vorstoßend):
-
-Es redet die Angst, und es schreit das Bangen um Jerusalem, die
-Schrecknis tut auf ihren Mund. Für Israel spreche ich und um Israels
-Leben!
-
-STIMMEN:
-
-Wer ist er ... ich kenne ihn nicht ... es ist keiner von den Profeten ...
-ich kenne ihn nicht ... wer ist es ...
-
-EINE STIMME:
-
-Jeremias ist es von den Priestern zu Anathoth.
-
-STIMMEN:
-
-Wer ist Jeremias ... wer ist er ... was wollen die zu Anathoth in
-Jerusalem ... der Sohn Hilkias ist es ... wer ist er ... was will er ...
-
-PASHUR (zu Jeremias, der die Stufen emporgestiegen ist):
-
-Fort von des Tempels Stufen! Den Gesandten Jahves, den Gottesmännern
-und Profeten ist allein verstattet die heilige Schwelle! Uns allein ist
-es, Gottes Wille zu künden!
-
-JEREMIAS:
-
-Wer ist so vermessen, daß er sich unterfange, ihm allein habe der Herr
-die Weisheit zugeteilt und das Geheimnis seines Willens! Nur in Träumen
-spricht Gott zu den Menschen, und auch mir hat er Träume gesandt. Mit
-Entsetzen hat er gefüllt meine Nächte und mich wach gemacht in die Zeit,
-er hat mir einen Mund gegeben, daß ich rede, und eine Stimme, daß ich
-schreie. Er hat die Angst in mich eingetan, daß ich sie über euch werfe
-wie ein brennend Tuch, und ich will sagen meine Angst um Jerusalem, ich
-will schreien meinen Schrei vor dem Volke, ich will künden meine Träume ...
-
-BARUCH:
-
-Fort mit den Träumern und Traumdeutern! Wache will die Stunde!
-
-HANANJA:
-
-Wem sind nicht Träume gegeben! Das Tier wälzt sich im Schlafe, und der
-Sklaven Traum ist mit Bildern voll. Wer hat dich gesalbet, daß du redest
-vor dem Tempel?
-
-STIMMEN:
-
-Nein ... er soll reden ... wir wollen ihn hören ... ein Wahnwitziger ist
-er ... seine Träume soll er künden ... erzähle ... offen ist der Markt ...
-frei ist Gottes Haus ... sprich, Jeremias ...
-
-PASHUR:
-
-Nicht von des Tempels Schwelle! Nicht vor des Tempels Gelaß!
-
-HANANJA:
-
-Ich bin Gottes Profet und keiner sonst in Israel. Auf mich sollet ihr
-hören und nicht die Schwätzer der Gasse. Weg die Träumer vom Markte!
-
-BARUCH:
-
-Ein Feigling ist er, entlaufen seinen Ängsten.
-
-STIMMEN:
-
-Er soll reden ... wir wollen ihn hören ... nein, Hananja rede ...
-Hananja ... er ist vielleicht gesandt vom Herrn ... sprich, Jeremias ...
-warum ihn nicht hören ... was hat er geträumt ... in Träumen ist oftmals
-Verkündung ... laß ihn reden, Hananja ... man wäge ihre Worte ...
-sprich, Jeremias ...
-
-JEREMIAS (hat sich emporgeschwungen):
-
-Brüder in Israel, Brüder in Jerusalem, einen Sturm hört ich fahren im
-Traume wider Zion, und Kriegsvolk wider unsere Mauern, und sie warfen
-nieder das Gebälk und stürzten die Zinnen, Flamme saß auf den Dächern
-wie ein rot Tier und fraß leer unsere Hausung. Es war kein Stein mehr,
-der stund auf dem andern, und eine Wüstung in den Gassen; so viel Tote
-sah ich liegen wie Kehricht, daß das Herz sich mir wandte im Leibe und
-die Siegel meines Mundes aufbrachen im Schlaf ...
-
-PASHUR:
-
-Wahnwitz schreit von den Stufen des Tempels.
-
-HANANJA:
-
-Fallsucht plaget ihn, und er plaget uns.
-
-BARUCH:
-
-Hinunter mit ihm!
-
-STIMMEN:
-
-Nein, die Träume wollen wir hören ... was deuten sie ... ein Irrwitziger
-ist er ... ein Narr ... fort mit ihm ...
-
-JEREMIAS:
-
-Doch da ich wach auffuhr im Schweiße meines Leibes, ihr Brüder, da
-spottete ich mein, wie diese meiner spotten! Denn war nicht Friede im
-Lande, ihr Brüder, saß die Stille nicht auf den Mauern und kein Wind
-rührete sie an? Und ich ging fort vom Hause und schämete mich meines
-Ängstens und ging her zum Markte, daß ich mich freute des Friedens. Da
-scholl Jauchzen her, und das Herz brach mir ein inwendig, denn ein
-Jauchzen war es zum Kriege. Meine Brüder, da ward bitter wie Galle meine
-Seele, und das Wort sprang mir zum Munde wider meinen Willen, denn saget
-wahrhaft, ihr Brüder: ist Krieg ein so kostbar Ding, daß ihr ihn
-lobpreiset? Ist er so gütig, daß ihr ihn ersehnet, ist er so wohltätig,
-daß ihr ihn grüßet mit der Brunst eures Herzens? Ich aber sage dir, Volk
-von Jerusalem, ein bös und bissig Tier ist der Krieg, er frißt das
-Fleisch von den Starken und saugt das Mark von den Mächtigen, die Städte
-zermalmt er in seinen Kinnladen, und mit den Hufen zerstampft er das
-Land. Nicht schläfert ihn ein mehr, der ihn weckte, und wer das Schwert
-zücket, mag leicht selber darein fallen. Weh darum über den Fürwitz, der
-Streit anhebt ohne Not, denn auf einem Wege wird er ausziehn, und auf
-sieben wird er rückfliehen, weh denen, die Mord tun am Frieden mit dem
-Wort! Hüte dich vor ihnen, hüte dich, Volk von Jerusalem!
-
-BARUCH:
-
-Vor den Feiglingen hüte dich, Volk von Jerusalem, vor den Gekauften und
-Verrätern!
-
-HANANJA:
-
-Wo ist seine Verheißung? Wo Gottes Wort? Für Babel spricht er und Bel.
-
-STIMMEN:
-
-Nein ... er redet recht ... viel Wahres ist an seinem Wort ... lasset
-ihn ausreden ... die Träume ... was für Verheißung ... lasset ihn ...
-auch ihn wollen wir hören ...
-
-JEREMIAS:
-
-Was wecket ihr auf das reißende Tier mit eurem Gejauchze, was locket ihr
-in die Stadt den König von Mitternacht, was rufet ihr zum Kriege, Männer
-Jerusalems? Habet ihr dem Mord eure Söhne gezeuget, und der Schande eure
-Töchter? Ward dem Feuer eure Hausung gebaut und dem Prellbock die Mauer?
-Besinne dich, Israel, halt ein, eh du rennest ins Dunkel, Jerusalem! Ist
-denn so hart deine Knechtschaft, ist so brennend dein Leiden? Siehe,
-siehe um dich: es ist Gottes Sonne über dem Lande, und eure Weinstöcke
-blühen in Frieden, es schreiten beseligt die Bräute mit ihren Erwählten,
-es spielen einfältig die Kinder, und sanft glänzet der Mond in
-Jerusalems Schlaf. Das Feuer hat seinen Ort und das Wasser seine Stätte,
-die Speicher ihre Fülle und Gott sein geräumiges Haus. Sage, Israel,
-sage, ist es nicht schön in Zions Mauern, ist es nicht lind in Sarons
-Talen, nicht selig an des Jordans blauem Gefäll? Oh, laß es dir genug
-sein, friedsam zu wohnen unter Gottes beruhigtem Blick, und halte den
-Frieden, halte ihn fest in deinen Mauern, Volk von Jerusalem, halte den
-Frieden!
-
-SEBULON:
-
-Recht redet er! Heil ihm! Wie Gold ist seine Rede!
-
-PASHUR:
-
-Wie chaldäisch Gold!
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... er ist verkauft ... nein, recht redet er ... Friede ... wir
-wollen den Frieden ... ein Verräter ist er ... ein Söldling von Assur ...
-lasset ihn reden ... nein, Hananja redet wahr ... nur Hananja ...
-
-HANANJA:
-
-Fort mit dir, fort! In Samaria rede, wo Knechte sitzen; zu Moab sprich
-also oder zu den Unbeschnittenen, doch zu Israel nicht, das Gottes
-Erstling ist unter den Völkern.
-
-BARUCH (auf Jeremias eindringend):
-
-Sprich, stehe Rede, hier vor dem Volke sprich es aus, daß sie es hören:
-soll dauern unsere Knechtschaft, sollen wir länger Gold zahlen an
-Chaldäa? Sprich Antwort, du Verräter!
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... ja ... antworte ... rede ... sollen wir weiter zahlen ...
-antworte.
-
-JEREMIAS:
-
-Laut spreche ich vor dem Volke: Besser den Zins des Goldes zahlen dem
-Feinde, denn den Zins des Blutes dem Kriege! Besser der Weise sein, denn
-der Starke, besser Gottes Knecht, denn der Menschen Herr!
-
-HANANJA:
-
-Oh, du Gehorcher und Diener, du Knecht Chaldäas, willst du leugnen
-Gottes Wort, das heischet den Krieg wider die Bedrücker, willst du
-leugnen die Schrift?
-
-JEREMIAS:
-
-Doch es stehet auch geschrieben daselbst: »Wenn ihr stille bleibet,
-würde euch geholfen, durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.«
-
-STIMMEN:
-
-Ja, so ist es geschrieben ... er redet wahr ... ja, so ist es
-geschrieben ... weise ist sein Wort ... nein, er drehet es zu seinem
-Sinne.
-
-HANANJA:
-
-Unheiligem Krieg ist es gesagt, Zwist der Geschlechter Israels! Doch
-dies ist ein heiliger Krieg, ein Gotteskrieg ist es, Jerusalem, um
-deines ewigen Namens willen, ein Gotteskrieg, ein Gotteskrieg!
-
-JEREMIAS:
-
-Abtut Gottes Namen vom Kriege, denn nicht Gott führet Krieg, sondern die
-Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das
-Leben.
-
-BARUCH:
-
-Du lügst! Du lügst! Das Leben ist uns einzig gegeben, daß wir es
-hinopfern für Gott und seinen Geist. Ich will mich opfern auf seinem
-Altare, ich will sinken vor seinen Feinden, ich will sterben für Israel
-und seine Herrschaft auf Erden. Nie wird Israel besiegt sein, wenn alle
-meines Sinnes sind!
-
-HANANJA:
-
-Nie wird es besiegt sein, solang die Sterne vor Gott leuchten, doch in
-dreien Monden wird Babel in unsere Hand gegeben sein, so wir ausziehen
-mit Ägypten.
-
-STIMMEN (jauchzend):
-
-In drei Monden ... Heil Hananja ... höret ihn ... in drei Monden ...
-
-HANANJA:
-
-Israel wird siegen, gegen tausend und tausend.
-
-BARUCH:
-
-Angst streut er aus, wie sie ihm Gold streuten.
-
-STIMMEN:
-
-Israel über den Völkern ... auf wider Assur ... Krieg ... Krieg ...
-nein, Friede ... Friede über Israel ... Krieg ... Krieg ... für Assur
-spricht er ... ein Verräter ... sind die nur wahrhaft, die Krieg
-schreien?... gekauft ist er ... übereilet nicht ...
-
-BARUCH:
-
-Ins Weiberhaus mit dem Feigling! Ins Weiberhaus!
-
-EIN WEIB (Jeremias anspeiend):
-
-Schmach wär er für uns! Da dem Manne, der sich verkriecht und uns
-schändet! Krieg ... Krieg wider Assur!
-
-JEREMIAS (in Zorn ausbrechend):
-
-Wer bist du, die du so brünstig bist nach dem Blute? Hast du deine
-Lenden aufgetan für das Grab und deine Kinder gesäugt für die Grube?
-Fluch über den Mann, der nach Blut schreit, aber siebenmal Fluch über
-die Frauen, die brünstig sind nach dem Kriege, denn die Frucht ihres
-Leibes wird er fressen, und die Knechte Assurs werden worfeln um sie und
-um ihr Gewand. Klageweiber werdet ihr sein und mit den Nägeln zerren an
-euren Wangen, schrill Heulen wird aus euren Zähnen brechen, die gespien
-wider mich und wider den Frieden ...
-
-STIMMEN (Weiber):
-
-Wehe ... wehe ... höret den Fluch ... unsere Söhne ... wehe ... wehe ...
-der Furchtbare ... wehe ...
-
-BARUCH:
-
-Die Frauen schreckst du, du Zagherziger, doch die Männer nicht. Hinunter
-mit dir!
-
-EINIGE KRIEGER:
-
-Hinunter! Jagt ihn in die Gasse!
-
-HANANJA:
-
-Sperrt ihm den Mund!
-
-STIMMEN:
-
-Fort ... er verstört die Frauen ... fort ... genug Unheil gekündet ...
-kalt ward mein Gebein, da er sprach ... er schweige ... schweige ...
-
-JEREMIAS:
-
-Ich schweige nicht, ich schweige nicht, denn in mir schreit Jerusalem!
-Jerusalems Mauern stehen in meinem Herzen, und sie wollen nicht sinken,
-Israels Lande blühen in meiner Seele, und ich will sie behüten! Dein
-eigen Blut schreiet aus mir, Jerusalem, daß es nicht vergossen werde,
-dein Same, daß er nicht versprengt werde, deine Steine, daß sie nicht
-stürzen, und dein Name, daß er nicht vergehe! Halte dich fest, du
-Schwankende, und birg deine Kinder an dich, höre, Jerusalem, des
-Warnenden Stimme höre, meine liebende Angst, meine ängstende Liebe höre!
-Höre sie, Zion, du Gottesburg, und wahre den Frieden, wahre den Frieden ...
-
-STIMMEN (jetzt im vollen Widerstreit):
-
-Ja ... Gottes Friede über Israel ... Verräter ... Gekaufter ... Gottes
-Friede über uns ... meine Söhne will ich bewahren ... Krieg ... Krieg
-wider Assur ... dem König die Entscheidung ... ein Verräter ... wir
-wollen in Frieden leben ... feige ist er ... gekauft ... Krieg ...
-Friede ... Hananja sagt die Wahrheit ... nein Jeremias ... wir glauben
-ihm ... recht redet er ... Krieg ... nein ... zerbrechet das Joch ...
-Krieg ... Friede ...
-
- (EIN GETÜMMEL erhebt sich in der Richtung des königlichen Palastes,
- eine Gruppe Menschen kommt mit Abimelech in der Mitte, der
- schwertlos aus der Säulenhalle stürzt.)
-
-DIE STIMMEN DER NAHENDEN:
-
-Verrat ... Verrat ... Verrat in Israel.
-
- (DIE MENGE läßt ab von dem Streite um Jeremias.)
-
-STIMMEN:
-
-Was ist geschehen ... Abimelech ... was ist ihm widerfahren ... vom
-Könige kommt er ... Abimelech ... Zorn schattet seine Brauen ... was ist
-geschehen.
-
-ABIMELECH (vorne auf den Stufen, neben Jeremias):
-
-Verkauft ist Israel von den Weichlingen, verschachert von den Krämern.
-Obgesiegt haben Imri und Nachum im Rate, sie sprachen wider Ägypten, und
-der König gab ihnen Gehör.
-
-STIMMEN:
-
-Nieder mit Nachum ... Verrat ... Imri der Greis ... Verräter ... Was
-ward beschlossen ... was sagte der König ... Friede, heil dem Frieden ...
-Gottes Gericht.
-
-ABIMELECH:
-
-Sein Herz schwanket, denn er scheuet den Krieg. Er will besinnen und
-bereden, eh er entscheidet.
-
-JEREMIAS:
-
-Ruhm Zedekia, mit Weisheit ist er gegürtet!
-
-ABIMELECH:
-
-Mit Schwachheit ist er umstellt, das Alter und die Angst sind seine
-Berater. Ich aber warf hin das Schwert, denn kein Schwert will ich mehr
-um meine Lenden tragen, solange Zion pflichtig bleibet an Assur. Ich
-diene seinem Rufe, aber ich diene nicht der Knechtschaft.
-
-BARUCH (ekstatisch):
-
-Oh, du Herrlicher, du Gotteskämpfer, heilig dein Schwert, das für Israel
-flammt!
-
-PASHUR:
-
-Segen über dich, der du dich nicht verbrüdert den Käuflingen und
-Krämern.
-
-HANANJA:
-
-Sollen wir zögern noch? Wes ist die Stunde? Ist sie Nachums, des
-Krämers, und Imres, des Greises, oder deiner, Volk von Jerusalem! Gottes
-Stunde ist gekommen, nimm sie hin! Auf zum Könige, auf zum Palast, daß
-er uns höre, daß er uns sehe. Auf, Jerusalem, hebe deine Stimme, stoß
-aus den Atem deines Zorns, tritt hin das Gewürm des Palastes, auf,
-Israel, auf, in den Palast.
-
-STIMMEN:
-
-Auf! Zum Palast ... Zum Könige ... nieder mit den Greisen ... zum
-Palast ... zieh mit uns, Abimelech ... auf.
-
-PASHUR:
-
-Zum Könige, daß er dich schaue, Volk von Jerusalem. Zum Könige und zum
-Siege! Gott will es! Gott will es!
-
-STIMMEN:
-
-Auf ... zum Könige ... zum Palast ... zum Sieg ...
-
-JEREMIAS (vor den Eingang der Säulenhalle springend):
-
-Haltet ein, haltet Friede, ihr mordet Jerusalem!
-
-STIMMEN:
-
-Fort ... Raum ... Zum Palast ... Was ruft er ...
-
-BARUCH (das Schwert ziehend):
-
-Mein Schwert über den, der jetzt noch Friede spricht!
-
-HANANJA:
-
-Schlag ihn nieder! Schlag ihn nieder!
-
-PASHUR:
-
-Nieder mit dem Verräter!
-
-JEREMIAS:
-
-Um mich, Freunde Gottes, rettet, rettet Jerusalem!
-
-PASHUR:
-
-Stoß ihn nieder! Er will Aufruhr schaffen!
-
-JEREMIAS:
-
-Um mich, Freunde des Friedens, nicht weichet der Gewalt, rettet, rettet
-Jerusalem!
-
-PASHUR:
-
-Stopft ihm das Maul. Die Zähne in den Schlund!
-
-BARUCH:
-
-Bei meinem Zorn, weiche vom Markte!
-
-JEREMIAS:
-
-Hier bleibe ich, ich weiche nicht; um den Frieden kämpfe ich, um
-Jerusalems Leben! Wahnwitz zurück! Höret, höret ...
-
-DIE MENGE (die Stufen hinaufschäumend):
-
-Auf ... was zögert ihr ... wer wehrt den Eingang ... fort ... zum
-Palast ...
-
-BARUCH:
-
-Fort! Zum letztenmal! Frei gib den Weg!
-
-JEREMIAS:
-
-Mit meinem Leibe wider den Krieg, mit meinem Leben für den Frieden!
-
-HANANJA:
-
-Schlag ihn hin! Schlag ihn hin! Es ist Gottestat!
-
-BARUCH:
-
-Zum letztenmal! Den Weg frei zum König! (Er sucht ihn zur Seite zu
-stoßen.)
-
-JEREMIAS (sich losreißend mit gewaltiger Stimme):
-
-Keinen Schritt für die Torheit! Friede! Gottes Friede über Israel!
-
- (BARUCH hat das Schwert gezückt und schlägt ihn nieder.)
-
- (JEREMIAS stürzt blutend die Stufen hinab.)
-
-DIE MENGE (in Entsetzen auseinanderstiebend):
-
-Mord ... sie haben einen erschlagen ... Mord ... wer ist es ...
-Jeremias ... sie haben ihn erschlagen ... wehe ... warum Gewalt ...
-warum schlägt man den Profeten ... recht getan an den Lügnern ...
-zum König ... zum König!
-
- (BARUCH bleibt betroffen stehen, das Schwert schwer in der sinkenden
- Hand.)
-
-HANANJA (ekstatisch über alle rufend):
-
-Mögen alle Feiglinge so enden, alle Söldlinge Assurs, alle Knechte
-Chaldäas! Auf zum Palast, auf zum Könige. Erlöset Israel, erlöset
-Jerusalem!
-
-ABIMELECH:
-
-Tod den Verrätern! Rache an Assur!
-
-PASHUR:
-
-Gott hat ihn gefällt!
-
-HANANJA:
-
-Gott hat ihn gefällt! Sein Blitz ist über den Leugner gefahren!
-
-DIE MENGE (nach dem kurzen Erschrecken wieder emporschäumend und in die
-Säulenhalle des Palastes flutend):
-
-Zum Könige ... Israel über alle Völker ... Krieg ... Krieg mit Assur ...
-nieder mit den Verrätern ... zum Könige ... Gott mit uns ... Gott mit
-uns ... nieder mit Assur ... Freiheit ... Freiheit ...
-
- (DIE MENGE strömt jauchzend in die Halle.)
-
- (JEREMIAS ist am Stufenrande ohnmächtig liegen geblieben, ohne daß
- einer seiner achtete. Der Sturm der andern flutet über ihn hinweg.
- Wie die Woge des Volkes verbrandet, bleibt er zurück wie ein
- ausgeworfenes Stück Leben in den Steinen.)
-
- (BARUCH, der für einen Augenblick aus seinem Erschrecken von der
- Menge mitgerissen war, arbeitet sich wieder aus der Flut heraus. Er
- tritt langsam, wie von innerer Macht gezwungen, an den Ohnmächtigen
- heran, beugt sich über ihn, betastet seine Stirne und horcht nach
- seinem Atem.)
-
-BARUCH:
-
-Jeremias ... sprich, Jeremias ... wenn noch Leben in dir ist!
-
- (BARUCH richtet den Betäubten halb auf von den Stufen.)
-
-JEREMIAS (mit geschlossenen Augen, aus der Dumpfheit der Sinne):
-
-Die feurige Wolke ist gefallen ... es brennt ... es brennt ... Feuer
-über der Stadt ... es brennet uns an ... wehe ... wehe ...
-
-BARUCH:
-
-Halte still, daß ich dir das Blut von den Augen wische ... still ...
-
-JEREMIAS (die Augen aufschlagend):
-
-Wo ... wo bin ich ... wer ... wer bist du ...
-
-BARUCH:
-
-Halte dich still und laß deiner warten ...
-
-JEREMIAS:
-
-Wer ... wer bist du ...
-
-BARUCH:
-
-Nicht krampfe dich auf, laß das Blut dir stillen ...
-
-JEREMIAS:
-
-Lasse mich ... lasse mich ... ich kenne dein Antlitz ... aus deiner
-Stimme fuhr Haß wider mich ... deine Augen brannten mich an ... ich
-kenne dich ... warst du es nicht ...
-
-BARUCH:
-
-Ich war es, der im Zorne wider dich schlug, doch flach fiel mein
-Schwert, und lieb ist mir dies, denn wider einen Waffenlosen hab ich
-geschlagen. Sühngeld will ich bieten für dein Blut ... laß es mich
-stillen ...
-
-JEREMIAS:
-
-Laß es fließen, laß es fließen ... oh, daß einzig das meine strömte in
-Jerusalem ... (sich aufrichtend): Wo ... wo sind die andern ... das
-Volk, wo ... leer die Straße ... der Markt ... ah ... im Palaste schon ...
-bei dem König, daß sie ihn zwingen ... wo ... wo sind sie ...
-
-BARUCH:
-
-Beruhige dich ...
-
-JEREMIAS:
-
-Fort sind sie ... zu spät ... Fluch über dich, Fluch über dich, daß du
-mich fälltest ... daß du brachst meine Knie ... Oh Mörder mehr, als wenn
-du mich schlugest ... nicht mein Blut hast du gemordet, aller in Israels
-Blut ... nicht mich hast du gemordet, aber Zion hast du gebrochen ...
-Zion zerstört ... den Wächter hast du getötet, und sie wüten im
-Heiligtum des Herrn ... auf ... auf ... laß mich ... weg, du Mörder
-Israels ...
-
-BARUCH:
-
-Was willst du?
-
-JEREMIAS (fiebrig):
-
-Auf ... hilf mir auf ... Du hast mich gefällt, so hilf mir empor ...
-auf ... raffe mich hoch ... vielleicht ist es noch Zeit ...
-
- (JAUCHZEN von fern aus dem Palast.)
-
-JEREMIAS (aufschreiend):
-
-Ah ... ah ... ihr Jubel ist Tod, ihre Freude Vernichtung ... zu spät
-wird es ... ich muß ... ich muß ... warnen ... auf, um Jerusalems
-willen willen ... stütze mich ... ich muß zu ihm ... es ruft mich ... es
-ruft ...
-
-BARUCH (verwirrt):
-
-Was willst du? Noch beben deine Knie ...
-
-JEREMIAS:
-
-Wider Hananja, wider Pashur, wider die Lockvögel des Krieges, wider das
-Volk ... hilf mir auf ... ich muß schreien das Friedenswort, ich muß es
-gellen in die Ohren der Vertaubten ... auf ... auf ...
-
-BARUCH (erstaunt):
-
-Noch einmal willst du ... noch einmal allein wider das Volk ... in
-deinen Tod stürzest du dich ...
-
-JEREMIAS:
-
-Und hätte ich sieben Leben, siebenmal will ich geben für Jerusalem und
-Gottes Frieden ... so hilf mir ... hilf mir für mein vergossen Blut ...
-noch dunkeln mir die Sinne ... hilf ... es gilt Jerusalem ...
-
-BARUCH (schaudernd):
-
-Noch einmal willst du ... noch einmal allein gegen alle ... mächtig ist
-die Gewalt, die dich treibt, Jeremias ... ich habe dich gesehen unter
-meinem Schwert, und dein Auge war klar ... Jeremias ... einen Feigen
-habe ich dich geschmäht und einen Weichling vor dem Volke ... Doch ich
-sehe, daß du stark bist in deinem Willen wider den Tod ... Jeremias ...
-ein Gewaltiges kündest du mir ...
-
-JEREMIAS:
-
-Wenn du mich ehrest, so hilf mir ... auf, stütze mich, daß ich wider sie
-schreite ... daß ich rette Zion vor dem Verderben ...
-
-BARUCH (ihn stützend):
-
-Ich ... helfe dir ... Jeremias ... wider meinen Willen und meinen
-Glauben ... denn Macht ist in dir, die mich zwingt ... wie heiß dein
-Auge brennt im Willen ... Einen Schwachen und Scheuen vermeinte ich
-dich, darum stand ich wider dich, der du schmähtest die Tat und den
-sanften Frieden gefordert.
-
-JEREMIAS:
-
-Meinst du, der Frieden sei eine Tat nicht und aller Taten Tat? Tag um
-Tag mußt du ihn reißen aus dem Maule der Lügner und aus dem Herzen der
-Menschen; als einer mußt du stehen gegen sie alle, denn immer ist das
-Lärmen bei den vielen und die Worte bei der Lüge. Stark müssen die
-Sanftmütigen sein, und die den Frieden wollen, stehen im ewigen Streit.
-Oh, ich weiß, daß ich in Fluch gehe und sie Tod wider mich werfen, aber
-ich fürchte mich nicht, denn Gottestat muß ich tun, und wer Gottestat
-will, darf nicht ängstig sein vor der Menschen Haß.
-
-BARUCH:
-
-Nicht gehe ... nicht gehe allein ... nichts vermagst du wider sie ...
-
-JEREMIAS:
-
-Ich gehe, ich gehe, daß nicht Wind seien meine Worte. Denn wer nicht
-einstehet mit dem Leben für sein Wort, des Rede ist Rauch und verwehet.
-Auf ... daß ich ausgieße meine Gesichte und schreie mein Warnen wider
-den König ... fort ... hilf mir weiter ...
-
-BARUCH:
-
-Laß mich ... laß mich mit dir gehen ... daß ich tue, wie du tuest ...
-denn ich fühle, ein Großes muß es sein, das du beginnest.
-
-JEREMIAS:
-
-Mit mir willst du gehen ... war denn dein Wille nicht wider mich und
-dein Schwert?
-
-BARUCH:
-
-Zu stark warst du, da ich wider dich war ... so will ich mit dir sein.
-Gebannt hast du mein Herz mit deinem Blute, ich tue, was du tuest, denn
-ich ... ich glaube dir, Jeremias!
-
-JEREMIAS (innehaltend, wie erschreckt):
-
-Du glaubst meinen Worten?
-
-BARUCH:
-
-Ich ... glaube an dich ... denn klar sah ich dein Auge unter meinem
-Schwert.
-
-JEREMIAS:
-
-Du ... glaubst an mich ... wider die Priester und Profeten, die mich
-verleugnen, wider Volk und Stadt?
-
-BARUCH:
-
-Ich glaube an dich ... denn ich sah dein Blut für dein Wort.
-
-JEREMIAS:
-
-Du glaubest an mich ... eh ich selber kaum glaube meinen Träumen ...
-redest du wahr, du Knabe?
-
-BARUCH:
-
-Ich glaube an dich, denn ich sehe dich aufrecht wider den Tod. Meinen
-Willen tu ich in deinen Willen.
-
-JEREMIAS (erschüttert):
-
-Du glaubst an mich ... Knabe ... wer bist du? Mein Blut hast du
-gesprengt aus mir und deinen Willen geworfen in den meinen ... der erste
-bist du, der mir glaubet ... und noch weiß ich deinen Namen nicht.
-
-BARUCH:
-
-Baruch bin ich, der Sohn Sebulons von Gilead.
-
-JEREMIAS:
-
-Du wirst keines Sohn mehr sein, so du mir glaubest, der Verstoßene
-wirst du sein, so du mir folgest, der Gehaßte und Verbannte, denn in
-Flammen muß verbrennen, wer leuchten will im Wort. Hüte dich, Baruch, du
-Knabe! Mein Blut hast du genommen von mir, soll ich darum das deine
-schon nehmen? (Ihn ergriffen fassend): Laß sehn deine Augen! Morgendlich
-noch leuchtet ihr Stern, soll ich ihn umwölken mit meinen Träumen? Rein
-glänzet deine Stirn, soll ich sie furchen mit meinen Sorgen? Klar runden
-dir die Lippen sich, soll ich sie bitter machen mit meiner Rede? Nein,
-Knabe, geh, geh von mir, den Schrecknis umgürtet, nicht wirf in Lauge
-dein Herz, weiche von mir um deines Lebens willen.
-
-BARUCH:
-
-Ich will mein Leben nicht ... Dein Weg soll mein Weg sein, denn ich
-glaube dir, Jeremias, und dieser Glaube ist nunab mein Leben.
-
-JEREMIAS (bewegt):
-
-Der erste bist du, der mir glaubet, wahrlich meines Glaubens Erstling
-bist du und meiner Angst erstgeboren Kind ... mit meinem Blute habe ich
-dich gezeuget und aus meiner Qual dich gewunden ... soll ich dich
-wahrhaft nehmen in meiner Bitternis ...
-
-BARUCH:
-
-Nimm mich mit dir ... nimm mich mit dir ... um Jerusalems willen ...
-
-JEREMIAS (sich aufraffend):
-
-Um Jerusalems willen! Oh, es bedarf der Helfer in dieser Stunde, das
-verwirrte ... So komm, Baruch, du Gezeugter meines Worts, auf, stütze
-mich, daß wir schreiten wider sie. Meine Angst, ich will sie werfen
-wider den König, meine Sorge, ich will sie schleudern in ihrer Herzen
-Schoß, auf, stütze mich, hilf mir wider sie!
-
-BARUCH:
-
-Ich gehe mit dir ... ich gehe mit dir ...
-
- (JUBELGESCHREI von nahe.)
-
-JEREMIAS:
-
-Wehe ... wehe ... wenn das Volk jubelt, ist Unheil im Werke.
-
-BARUCH:
-
-Sie kommen ... sieh ... aus dem Palast kommen sie ...
-
-JEREMIAS:
-
-Ihnen entgegen ... raffe mich auf ... noch dunkeln mir die Sinne ...
-
-BARUCH:
-
-Der König ... der König ist unter ihnen ... er hält das Schwert nackt
-in den Händen ... zum Tempel ziehen sie ...
-
-JEREMIAS:
-
-So raffe mich weiter ... es ist Zeit ...
-
-BARUCH:
-
-Die Hallen dröhnen von ihrem Gelärme ... Hananja tanzt ihnen voraus wie
-David vor der Lade ... sie haben obgesiegt ... es ist zu spät ... Weiche
-von ihnen, birg dich ... es ist zu spät.
-
-JEREMIAS:
-
-Es ist nie zu spät ... laß mich ihnen entgegen.
-
-BARUCH:
-
-Was willst du tun ... mich laß es tun ... ich bin jung und stark.
-
-JEREMIAS:
-
-Das Wort wider sie zücken wie ein Schwert ... ich will wenden des Königs
-Herz ... zu ihm muß ich durch ... zu ihm ...
-
- (DIE MENGE ist inzwischen unter wilden Rufen und Geschrei, Gesang
- und Lärmen aus dem Palaste hervorgeströmt, schäumt die Stufen nieder
- und strömt wieder zum Tempel empor. Das ganze Volk flammt in einer
- einzigen Ekstase. Alle Schreie von früher sammeln sich.)
-
-STIMMEN:
-
-Heil Zedekia ... Israel über alle Völker ... Krieg wider Assur ... das
-Joch ist zerbrochen ... es lebe Ägypten ... Krieg mit Chaldäa ...
-Vernichtung Nabukadnezar ... zum Siege ... zum Siege ... heil dem Bund
-mit Ägypten ... heil Zedekia ... heil Abimelech ... Sieg ... Sieg ...
-
-HANANJA (wie ein Trunkener voraneilend zum Tempel, laut):
-
-Auftut des Tempels Tore! Auftut die Tore! Vor dem Altar beschwört der
-König den Bund wider Assur!
-
-STIMMEN:
-
-Heil dem Bunde!... Oh Tag der Verheißung ... oh Ende der Knechtschaft ...
-Nieder mit Assur ... heil Zedekia ... heil ... Sieg ... Sieg ... Israel
-über alles ... Gott ist mit Israel ...
-
- (DER KÖNIG ZEDEKIA ist, gefolgt von den ägyptischen Gesandten, aus
- dem Palaste geschritten. Er trägt das Schwert bloß in den Händen.
- Sein Antlitz ist strenge und ernst, er geht inmitten des Jubels wie
- gedrückt von Gedanken, neigt sich kaum dem allgemeinen Schrei und
- Zuruf und steigt jetzt mit langsamen Schritten den Tempel hinan.)
-
- (DIE MENGE drängt ihm nach, lärmend und jubelnd, plötzlich gellt
- mitten aus ihr der Schrei):
-
-JEREMIAS:
-
-Zedekia! Zedekia! Tu ab das Schwert!
-
- (DIE MENGE bricht in Tumult aus, die Schreie fallen plötzlich
- nieder.)
-
- (DER KÖNIG bleibt stehen auf der Stufe und wendet sich um.)
-
-JEREMIAS (Stimme sich gewaltig erhebend):
-
-Tu ab das Schwert, Zedekia! Du rettest Jerusalem! Friede gib Israel!
-Gottes Friede!
-
-DIE MENGE (wild aufschäumend durcheinander):
-
-Krieg ... Krieg ... Krieg mit Assur ... wer redet ... ein Gekaufter ...
-nieder mit den Verrätern ... Krieg ... Krieg ... Schlagt ihn nieder ...
-Israel über alles ... Krieg ... Krieg ...
-
- (JEREMIAS Schrei ist schnell im aufspringenden Getöse untergegangen,
- er selbst fortgedrängt und nur mühsam von Baruch geschützt; die
- Menge schäumt und tost fort mit verdoppelter Wucht ihrer
- ekstatischen Stimmen zum Könige.)
-
- (DER KÖNIG ist horchend stehen geblieben und sucht nach dem
- untergegangenen Schrei. Er hat das Schwert für einen Augenblick
- sinken lassen und wendet sich wie nach Hilfe rings um. Um ihn
- brandet jetzt donnernd der fanatische Ruf des Volkes, die Tore des
- Tempels werden breit aufgetan. Er zögert noch einen Augenblick, dann
- hebt er wieder das Schwert und schreitet fest und ernst die letzten
- Stufen empor.)
-
-
-
-
-DAS DRITTE BILD
-
-DAS GERÜCHT
-
- »Weil ihr solche Rede treibet, siehe, so will ich meine Worte in
- deinem Munde zu Feuer machen und dieses Volk zu Holz und sollen sie
- verbrennen.«
-
- Jer. IV, 14.
-
-
- Der gleiche Platz vor dem Tempel und dem Königspalast. Auf den
- Stufen sitzen und lagern lässige Bündel von Männern und Frauen. In
- den Straßen und in der Halle das gewohnt beständige Auf- und
- Niedergehen von Menschen in Geschäften und Gespräch.
-
-EINER (in der großen Gruppe auf den Stufen):
-
-Und ich sage es euch, es ist gewiß: eine gewaltige Schlacht hat
-angehoben zwischen Nabukadnezar und Pharao.
-
-EIN ANDERER:
-
-Ja ... auch ich habe es gehört ... ein Bote ist gekommen ...
-
-EINE STIMME:
-
-Unablässig kommen Boten in den Palast ... das hat nichts zu bedeuten.
-
-DER ZWEITE:
-
-Aber ich habe ihn gesprochen, ich weiß es gewiß.
-
-DIE STIMME:
-
-Den Boten hast du gesprochen?
-
-DER ZWEITE:
-
-Nein ... Aphitor, den Schreiber des Königs ... auch er sagte, eine
-Schlacht habe begonnen ... eine große Schlacht ...
-
-DER ERSTE:
-
-Eine gewaltige Schlacht, wie nie eine war seit Menschengedenken, Ägypten
-gegen Nabukadnezar ...
-
-STIMMEN:
-
-Möge der Himmel ihn zermalmen, den Verfluchten ... Ägypten ist mächtig ...
-auch von den Unsern sind Streiter zur Stelle ... sie werden ihn strafen,
-den Hochmütigen ...
-
-EINER:
-
-Er wird ihn zerbrechen, denn Gott ist mit uns.
-
-EIN ANDERER:
-
-Stark ist Ägypten, er wird ihm nicht obkommen.
-
-EIN ANDERER:
-
-Auch Nabukadnezar ist stark. Sie sagen ...
-
-EIN ANDERER:
-
-Laß sie sagen, die Schwachmütigen! Laß sie sagen!
-
-DER ERSTE:
-
-Sie sagen, wie ein Heuschreckenschwarm seien seine Krieger!
-
-EINER:
-
-Krieger! Es sind keine Krieger! Klein sind sie von Wuchs wie die Knaben
-und unkund des Schwerts. Mein Schwestermann hat ihrer viel gesehen, in
-den Weiberhäusern sind sie Männer und nicht auf dem Feld.
-
-EIN ANDERER:
-
-Bei den Knaben liegen sie des Nachts und machen sie zu Weibern.
-
- (EINIGE lachen.)
-
-EINER:
-
-Pharao wird sie vernichten.
-
-STIMMEN:
-
-Wie Spreu wird er sie fegen von der Tenne ... lang lebe Pharao, unser
-Freund ... es lebe Pharao, der Besieger ... lang lebe Pharao ... er kann
-nicht an wider ihn ... es lebe Pharao ...
-
-ANDERE (von den Rufen hergelockt, die Gruppe vergrößernd):
-
-Was sagt ihr vom Pharao ... was ists mit Pharao Necho ...
-
-EINER:
-
-Eine große Schlacht schlägt er wider Nabukadnezar ...
-
-STIMMEN:
-
-Er wird sie besiegen ... wie die Hunde mit geklemmten Schwänzen werden
-sie vor ihm laufen ... ja, ich habe es gehört, ein gewaltig Ringen hat
-angehoben ... er wird sie besiegen ... er wird uns befreien ... es lebe
-Pharao ... ewigen Ruhm über Pharao ... eine Tafel des Gedenkens möge man
-ihm graben aus Gold ... es lebe Pharao, der Besieger Assurs.
-
-NEUE NEUGIERIGE (herbeieilend):
-
-Was ists ... was ist geschehen ...
-
-EINER DER JÜNGSTGEKOMMENEN:
-
-Pharao hat Nabukadnezar besiegt.
-
-STIMMEN:
-
-Heil Pharao Necho ... ist es wahr ... ich muß heim, meinem Weibe es
-künden ... heil Pharao Necho ...
-
-EINER:
-
-Aber noch ists nicht gewiß!
-
-ANDERE:
-
-Wieso ist es nicht gewiß ... willst du zweifeln ... wie kann Baal wider
-unsern Gott ... Gott ist mit uns ...
-
-EINER:
-
-Ich habe es immer gewußt, Gott wird mit unsern Waffen sein. Wo er
-streitet, ist Sieg ... Keiner kann wider uns ... keiner ...
-
-EIN ANDERER (wegeilend, andern entgegenrufend):
-
-Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ...
-
- (DIE MÜSSIGEN des Platzes auf diesen Ruf zur Gruppe hineilend.)
-
-STIMMEN:
-
-Sie erzählen von Sieg ... ist es wahr, daß Pharao Nabukadnezar
-geschlagen ...
-
-STIMMEN:
-
-Ja, es ist wahr ... noch nichts ist gewiß ... ja, es ist gewiß ... wer
-sagt es ... alle sagen sie es ... er hat es gehört ... der Schreiber des
-Königs hat es gesagt ... der König hat es gesagt ... er hat es selbst
-gehört vom Könige ... Pharao möge leben ... es lebe unser Freund ... ein
-Ende der Knechtschaft ... es lebe Zedekia, der Erlöser des Tempels ...
-
-EINER:
-
-Habe ich es nicht gesagt, eine Schmach war es, daß wir Tribut zahlten
-diesen Übermütigen!
-
-STIMMEN:
-
-Eine Schmach ... nun sollen sie uns bezahlen ... das Haus Jahves muß
-erneut werden ... ein neues müssen wir ihm bauen ... ja, ein neues ...
-sie müssen es bezahlen zur Sühne ... Salomos Palast muß erstehen ...
-Salomos Haus ...
-
-EIN MANN:
-
-Was ists? Was ist geschehen?
-
-STIMMEN:
-
-Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ... Sieg ...
-Sieg ... wir haben gesiegt ...
-
-DER MANN:
-
-Sieg, endlich Sieg, heil Pharao ... ich muß es verkünden daheim ... sie
-harren der Kunde ... (wegeilend) Sieg ... Sieg über Assur.
-
-DIE MENGE (strömt jetzt rauschend zu, sich immer mehr begeisternd die
-Rufe werden lauter und lauter):
-
-Gottes Gebot war es, daß wir diesen Krieg begannen ... heil Zedekia ...
-nun müssen wir sie alle besiegen ... Israel muß über allen Völkern sein ...
-ein Brandopfer auf dem Altar ... danket dem Herrn, daß er unsere Feinde
-geworfen ... ja ... ja ... danket dem Herrn, Halleluja ... Sieg über
-Assur ... zum Tempel ... zum Könige ... daß wir mehr doch wüßten, mein
-Herz verzehrt sich in Ungeduld ... von Gott war diese Erleuchtung über
-Zedekia ... Hananja hat es geweissagt ... Ja, Hananja ... Hananja ...
-sein war der Ruf ... nun müssen wir wider Babel ... ja, zerbrechen wir
-seine Mauern ... die goldenen Geräte muß man holen ... Sklaven müssen
-sie werden, unsere Sklaven ... mein Herz hat gedürstet nach dieser
-Stunde ...
-
-EINER:
-
-Ein Bote kommt vom Tore ...
-
-ALLE (wild in die Richtung stürzend):
-
-Ein Bote ... ein Bote ... wer hat es gesagt ... vom Blachfeld kommt
-er ... was ist es ... was bringt er ... er wird uns berichten ... wo ist
-er ... wo ...
-
- (EIN BOTE, schweißbedeckt, keuchend vom Lauf, ringt sich durch die
- Menge.)
-
-STIMMEN:
-
-Erzähle ... er hat gesiegt ... was ists mit Nabukadnezar ... wieviel
-sind der Toten ...
-
-DER BOTE:
-
-Los ... laßt mich los ... Raum ... an den König geht meine Botschaft ...
-
-STIMMEN:
-
-Sei nicht so grob ... ein Wort nur ... ein Wort ... ist er geflohen ...
-erzähle ... laßt ihn frei ... er muß zum Könige ... ein Wort nur ...
-
-DER BOTE (sich ihnen entwindend):
-
-Laßt mich frei!... laßt mich frei ... ihr werdets bald erfahren ... zum
-König ... ich muß zum König ... meine Botschaft ist eilig ...
-
-STIMMEN:
-
-Was hat er gesagt ... was ists ... Die Botschaft sei eilig ... was hat
-er gesagt ...
-
-EINER:
-
-Er sagte, wir würden es bald erfahren, er eilte zum König.
-
-EIN ANDERER:
-
-Das ist gut.
-
-EIN DRITTER:
-
-Warum gut?
-
-DER ZWEITE:
-
-Hätte er nicht gute Botschaft, würde er so hastig sein?
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... das ist wahr ... ja ... ja ... mit einem silbernen Schäkel zahlt
-ihm der König jedes Wort ... ja ... er eilt um den Botenlohn ... er
-verkündet den Sieg ... Sieg ... Sieg ... gute Nachricht ... Sieg ...
-
-STIMMEN (von rückwärts, die den Boten nicht sehen konnten):
-
-Sieg ... er verkündet den Sieg ... Der Bote hat den Sieg verkündet ...
-zerschmettert ist Assur ... Sieg ... Sieg ...
-
-EINIGE LEUTE (neu herbeiströmend):
-
-Was ist ... was ists ... was jauchzet ihr ...
-
-STIMMEN:
-
-Sieg ... Sieg ... ein Bote ist gekommen ... er hat Botschaft vom Siege
-gebracht ... Nabukadnezar ist geschlagen ... ein Sieg ist errungen ...
-ein gewaltiger Sieg ... danket Gott ... Halleluja ... nun ist es gewiß ...
-Sieg ... Sieg ...
-
-EINER:
-
-Ein gewaltiger Sieg muß es sein.
-
-EIN ZWEITER:
-
-Sonst hätte er nicht so verborgen getan.
-
-EIN DRITTER:
-
-Man spart uns die Kunde.
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... ein gewaltiger Sieg ... bald werden wir es hören ... Tausende
-müssen gefallen sein ... vielleicht Nabukadnezar selbst ... Tausende ...
-Zehntausende müssen es sein ... ich habe es immer gesagt ... heil
-Zedekia ... ein weiser König ist er ... Salomo ...
-
-EINER (sich durchdrängend):
-
-Ist es wahr ... Nabukadnezar ist gefallen ... sie sagen es in allen
-Gassen ...
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... tot ist der Bedrücker ... nein ... es ist noch nicht gewiß ...
-ja ... er hat es gesagt ... der Bote ... inmitten seines Zeltes haben sie
-ihn geschlagen ... Zehntausende mit ihm ... lobpreiset Gott ... ja ...
-ja ... lobpreiset Gott ... danket dem Herrn ... der Bedrücker ist
-gefallen ... Halleluja ...
-
-EIN ÄLTERER MANN:
-
-Aber er sagte doch nur, der Bote ...
-
-STIMMEN:
-
-Sieg hat er gekündet, was zweifelst du noch ... ausrotten soll man diese
-Kleinmütigen ... ich hab es gehört ... ich auch ... ich auch ... er
-sagte, daß sie Nabukadnezar schlugen ... inmitten seines Zeltes, sagte
-er ... nein, das hat er nicht gesagt ... ja ... nein... aber Sieg hat er
-gekündet ... frei ist Israel ... frei ...
-
-DER ÄLTERE MANN:
-
-Aber ich stand doch neben ihm und hörte ...
-
-STIMMEN:
-
-Taub ist dein Herz und deine Ohren, totschlagen soll man diese Würger der
-Freude ... kommt, legt Festkleider an ... fort mit dir, du Schwätzer ...
-
- (EINE NEUE GRUPPE strömt aus der Gasse.)
-
-STIMMEN:
-
-Sieg ... Sieg, Nabukadnezar ist gefallen ... habt ihr es auch gehört ...
-durch die ganze Stadt ... ein Bote ist gekommen und hat es berichtet ...
-ja, hier ... hier hat er es erzählt ... längst wissen wir es schon ...
-länger als ihr ... uns hat er es zuerst berichtet ... nein ... uns ...
-uns ... wir wußten es als erste!...
-
-EINER:
-
-Hananja hat es verkündet als erster, der Seher, der Profet. Oh, wie
-weise waren wir, daß wir auf ihn hörten und nicht die Verzagten, die
-flennten und greinten, der Tempel werde stürzen ...
-
-EIN ANDERER:
-
-Assur würde Zion besiegen ...
-
-EIN DRITTER:
-
-Unsere Jungfrauen geschwächt werden von den Chaldäern.
-
-DER ERSTE:
-
-Zum Tempel! Zum Tempel! Wir müssen Gott danken und Hananja, seinem
-Profeten!
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... ja ... nein, wir wollen warten ... Freude und Ungeduld zehrt
-unser Herz ... der König wird erscheinen ... ja ... ja ... wer hat es
-gesagt ... immer erscheinen die Könige nach dem Siege ... er wird in
-den Tempel gehen ... er zuerst muß Dankopfer spenden, nicht uns ziemt
-es ... ja ... ja ... bleiben wir ... aber Zimbeln und Pauken laßt uns
-rüsten zum Siege ... wie David hinter der Lade wollen wir tanzen ... oh,
-Gott ward wieder gütig Jerusalem ... den Reigen rüstet ... den Reigen ...
-die Frauen holt alle ... die Bläser und die Lautenschläger ...
-ja ... ja ... tuen wir also ... allen erzählet vom Siege ... ein Fest
-lasset uns rüsten, ein Fest dem König der Könige .. ja, wir gehen ...
-ich bleibe ...
-
- (DIE MENGE wogt freudig wie ein aufgeregter Strom hin und wider,
- Gruppen bilden und lösen sich in Erwartung und Ungeduld.)
-
- (JEREMIAS und BARUCH kommen aus einer Nebenstraße gegangen, um ihren
- Weg weiter durch die Menge zu verfolgen.)
-
-EINER (lachend):
-
-Da ... da kommt er ... da seht hin ... Jeremias ...
-
-ANDERE (übermütig):
-
-Gegrüßt, du Verkünder!... der Profet kommt, lasset uns grüßen den
-Zerstörer Jerusalems ... da ist er, der Schwätzer der Gasse ... kommt ...
-kommt mit ...
-
- (EINIGE DER LEUTE umringen Jeremias und Baruch, hindern sie, ihren
- Weg fortzusetzen, indem sie sich spöttisch vor ihnen verneigen.)
-
-EINER (sich tief verneigend):
-
-Gegrüßt du, Gesalbter des Herrn!
-
-DIE ANDERN:
-
-Gegrüßt du, Elia ... heil dir, du Verkünder ... Gruß dir, du
-Starkmutiger ... heil Jeremias, dem Profeten!
-
-JEREMIAS (stehen bleibend, finster):
-
-Was heischt ihr von mir?
-
-BARUCH (an ihm drängend):
-
-Nicht sprich mit ihnen, nicht rede mit ihnen. Spott ist auf ihren Lippen
-und Verhöhnung in ihrem Blick.
-
-EINER:
-
-Weisheit wollen wir von dir und Verkündigung!
-
-DER ZWEITE:
-
-Wir wollen dich fragen, ob unsere Jungfrauen Jungfrauen bleiben dürfen.
-
-DER DRITTE:
-
-Wir wollen dich bitten, daß du dich geduldest und lassest weiter ragen
-die Mauern Jerusalems.
-
-JEREMIAS (hart):
-
-Was wollt ihr von mir! Nicht ists zu Scherzen Zeit, da Blut fließt und
-Krieg hängt über Israel.
-
-DER ERSTE:
-
-Vorbei ist der Krieg, nun dürfen wir wieder scherzen!
-
-DER ZWEITE:
-
-Und am Bart fassen die Weisen und an ihrer Torheit die Schwätzer.
-
-DER DRITTE:
-
-Wo ist er, dein König von Mitternacht, wo ist er, du Verkünder?
-
-DER VIERTE:
-
-Wo sind ihre Sklaven, wo sind ihre Rosse?
-
-JEREMIAS:
-
-Was wirrt euch die Sinne? Seid ihr rasend geworden? Wie sagt ihr? Vorbei
-schon der Krieg, kaum daß er begonnen?
-
-BARUCH:
-
-Nicht rede mit ihnen, nicht rede mit ihnen! Zum Spott wird, wer mit
-Rasenden spricht!
-
-DER ERSTE:
-
-Er weiß es noch nicht! Er weiß es noch nicht, der Profet!
-
-DER ZWEITE:
-
-Ei, seht! Er weiß nicht, was gestern war, und will künden, was morgen
-geschieht.
-
-JEREMIAS:
-
-Was weiß ich noch nicht? Was ists, das euch so froh macht, ihr
-Witzlinge! Ein Arges wohl muß es sein.
-
-DER ERSTE:
-
-Ein Arges nennt ers. Ein Arges fürwahr deinen Wünschen!
-
-DER ZWEITE:
-
-Dein König ist gefallen, erstickt ist er in seinem Blut!
-
-JEREMIAS:
-
-Nabukadnezar ist gefallen? Assur geschlagen?
-
-DER ERSTE:
-
-Ja, du Allweiser. Hananjas Wort hat sich bewährt.
-
-DER ZWEITE:
-
-Zerreiß dein Gewand und scher dir den Bart. Israel hat gesiegt.
-
-DER DRITTE:
-
-Grab dich ein, du Profet, und verschneide deine Zunge. Tot ist
-Nabukadnezar, ewig währet Jerusalem.
-
-JEREMIAS (erschüttert):
-
-Tot wäre Nabukadnezar? Ist es wahr, ist es gewiß auch? Sprecht ...
-treibt nicht Scherz mit so Gewaltigem!
-
-DER ERSTE:
-
-Er zweifelt noch! Weine, weine, Profet!
-
-DER ZWEITE:
-
-Ja, ich gell dirs in deine Ohren, tot ist Nabukadnezar, zerschlagen
-seine Wagen, zerjagt seine Krieger. Gerettet, gerettet ist Israel!
-
-JEREMIAS (ist einen Augenblick starr geblieben. Dann spreitet er die
-Arme wie in höchster Freude von seiner aufatmenden Brust. Plötzlich läßt
-er sie sinken, und es quillt ihm fast jubelnd von den Lippen):
-
-Gebenedeit sei Gott! Oh, Dank, du Allgütiger, daß du zuschanden
-machtest meine Träume, daß du bewahrtest Jerusalem! Besser ich ein Narr
-meines Wahns, als die Stadt die Beute der Feinde! Gesegnet seiest du,
-Gott, gesegnet!
-
-DER ERSTE:
-
-Ja, du Allweiser, Gott ist milder als du, er liebt uns und erquickt
-unser Herz.
-
-DER ZWEITE:
-
-Was wirst du nun uns verkünden? In welchen Winkel wirst du kriechen, du
-Maulwurf? Wen wirst du jetzt noch verwirren, du Verwirrter?
-
-DER DRITTE:
-
-Wen nunab betrügen, du Betrüger?
-
-DER VIERTE (mit gespielter Entrüstung):
-
-Oh, wie sprecht ihr arg mit dem Boten des Herrn? Oh, lasset uns küssen
-sein Gewand, lasset uns ehren sein Geträume!
-
-STIMMEN (durcheinander lachend):
-
-Ja, erzähle uns, Elia ... belehre uns wieder, du Allweiser ... beglückt,
-der dir vertrauet ... auch dein Knabe ... beschläfst du ihn mit
-Weisheit ... wo hast du dies Hühnchen gefunden, das gackert hinter
-dir ... oh, erzähle uns, Jeremias ... Unheil verkünde uns, viel Unheil,
-Jeremia ... Berge von Unheil ...
-
-JEREMIAS (plötzlich ausbrechend):
-
-Ein Wunder ist über dich gekommen, du feiles Volk von Jerusalem, ein
-Wunder, das dich erlöst vom Tode, und statt fürchtig zu werden daran,
-spottest du im Überwitz! Eine Stunde kaum ist es, und ihr waret im
-Rachen der Angst; noch wanken die Knie eurer Seelen, noch beben die
-Herzen eurer Herzen, und schon belfert wieder euer Mund. Weh euch, daß
-euer erster Schrei, seit der Strick riß eurer Kehle, Hohn war und
-Überheben!
-
-BARUCH (sich an ihn drängend):
-
-Nicht sprich zu ihnen. Töricht, wer zu Toren spricht!
-
-EINER:
-
-Ja, Spott werfe ich wie Kot auf dich, denn auf das Herz warfst du uns
-Angst, da wir uns aufrafften zum Kampfe.
-
-DER ZWEITE:
-
-Jetzt möchtest du, daß wir schwiegen, aber unser ist jetzt das Reden, an
-dir jetzt das Schweigen.
-
-DER DRITTE:
-
-Nicht hören willst du's, aber mach dir taub wie die Eule dein Ohr, ich
-schrei dirs hinein aus meiner Freude: »Wir haben gesiegt, wir haben
-gesiegt!«
-
-JEREMIAS (einen anfassend):
-
-Wo hast du gesiegt, erzähle hier! Wen hast du geschlagen, du, der du
-dich brüstest? Ich seh kein Blut an deinem Schwert, und du, deine Narbe
-zeig her, die du empfingest im Streit! Auf dem Markte seid ihr gesessen
-allesamt und bei euren Weibern gelegen. Was hurt ihr mit der Ägypter
-Sieg, was buhlt ihr mit fremder Tat? Beugt die Knie und bläht eure Hälse
-nicht: denn nicht ihr habt gesiegt.
-
-STIMMEN:
-
-Ägyptens Sieg ist Israels Sieg ... wir sind Israel ... auch der Unsern
-waren dabei ... wir haben gesiegt, weil Israel befreit ist ... es ist
-das gleiche ... er will uns nur höhnen ... seine Wut seht, daß wir
-siegten ...
-
-JEREMIAS:
-
-Aber nicht du und nicht du und nicht du, der jetzt die Backen bläht,
-nicht ihr, die ihr euch mästet mit fremder Tat! Sie haben gesiegt, die
-Krieger, nicht ihr! Demütig sind sie hingegangen, Tod zu senden und Tod
-zu leiden, mit krummen Rücken unter der Waffen Wucht sind sie gekeucht,
-und der Tod warf sich über sie und drückte ins Knie die Geschwächten. Wo
-sie ackerten mit ihrem nackten Gebein, wollt ihr Stolz ernten, aus ihrem
-Blute tränken euren Frechsinn, ihr verlassen Volk! Weh, daß sie siegten
-für euch und euren stinkenden Stolz!
-
-STIMMEN:
-
-Weh, daß sie siegten -- habt ihr gehört?... er ist toll ... Ihn lüstet
-nach Nabukadnezar ... er trauert um Assur ... weh, daß sie siegten ...
-er heulet um Jerusalems Fall ... Ohrenschmaus ist sein Zorn ...
-
-JEREMIAS:
-
-Weh, daß sie siegten, sage ich, weh, daß sie siegten, denn zum Narren
-gemacht hat euch der Sieg, und den Narren ist böses Ende. Da Josuas
-Schwert die Feinde zerschlug, schwieg sein Mund, er brach hin vor dem
-Altar und dankete Gott. Hin beugte er sich in Stille, von Schweigen und
-Demut glänzte sein Herz, seine Seele tönte an Gott, und war doch ein
-Kriegsherr wie keiner der euren. Ihr aber, denen Sieg auf den Scheitel
-fiel wie Regen vom Himmel, wem habt ihr gedanket, wem geopfert aus des
-Herzens Stille? Mit Hochmut habt ihr euren Wanst gefüllt, mit Stolz habt
-ihr euch trunken gemacht, bis ihr taumelig wart; freche Worte rülpst ihr
-heraus und speit Unreines vor wie die Schlange ihr Gift. Wahrlich, wert
-seid ihr, gezüchtigt zu werden, und so groß Gottes Langmut ist, an
-eurer Hurenstirn muß sie zerbrechen!
-
-STIMMEN:
-
-Kommt ... kommt her ... hört den Profeten ... zerreißt die Kleider, denn
-wir haben gesiegt ... streut die Asche aufs Haupt, denn Nabukadnezar ist
-gefallen ... heulet, heulet, ihr Kinder Israels, denn Zion ward erlöset ...
-trauert, ihr Gerechten, denn Gott schenkte uns den Sieg ... Oh, Weisheit,
-oh, Jeremias!
-
-JEREMIAS (immer mehr entbrennend):
-
-Wahrlich, du Volk, unter euch sein, ist unter Skorpionen sein; aber ich
-sage euch, ihr Frechen, euer Lachen wird kürzer dauern denn die Blüte
-des Weinstocks! Gott hat euch begnadet, er hat noch einmal errettet
-Jerusalem, aber nicht um eures Lachens, sondern um der Demut willen!
-Nicht wollet ihr seiner gewahr werden in der Güte, wohlan, ihr
-Verworfenen, bald werdet ihr ihn erkennen in seinem Zorne! Wie einen
-Vorhang wird er das Lachen zerreißen in eurem Gesicht, und wie Stein
-werden eure Augen dann starren im Schrecken! Rücklings wird fallen eure
-Freude, denn nahe ist die Stunde der Sühne dir, Jerusalem, Furchtbares
-ist dir bereitet ...
-
-STIMMEN:
-
-Es werden stürzen die Mauern ... es werden weinen die Jungfrauen ... wir
-kennen es schon ... Zion wird sinken ... oh, Jeremias, du Weisheit des
-Narren ... wie unsere Freude ihn brennet ... hört ihr wanken die
-Mauern?...
-
-JEREMIAS:
-
-Höhnt ihr den Warner? So hat Sodom gelachet, wie ihr lachet, und Gomorra
-gespottet, denn auch Sodom hat Gott verschonet zu zweien Malen! Aber
-schon ist der Rächer gerüstet, der euren stinkenden Stolz wegfeget,
-schon das Schwert gezückt, das eure Frechheit zerhauet; der Bote, schon
-eilt er heran, euch Jammer zu bringen, er eilt, er eilt, schon hasten
-seine Schritte gen Jerusalem, daß sie euch verstören! Schon naht er, der
-Bote der Schrecknis, schon naht er, der Bote des Entsetzens, daß seine
-Worte wie Hämmer auf euch fallen, schon naht der Bote ...
-
-STIMMEN:
-
-Geh heim, Jeremias ... friß dich satt an deiner Galle und spei nicht auf
-unsere Freude ... nein, hört ihn, er erheitert das Herz ... sprich
-weiter ... spei dich aus, du Verkünder ...
-
-EINE STIMME (von rückwärts):
-
-Ein Bote ... von Moria kommt er ...
-
-DIE MENGE (sich verlaufend, in die Richtung stürzend):
-
-Ein Bote ... wo ist er ... er bringt Nachricht vom Siege ... führt ihn
-her ... vom Siege bringt er Kunde ...
-
-JEREMIAS (erbebend im Schrecken):
-
-Der Bote ... der Bote ...
-
-EINE STIMME:
-
-Vom Tore kommt er gelaufen ... wie ein Trunkener wankt er von seiner
-Schnelle ...
-
-STIMMEN:
-
-Wo ist er ... hieher ... hieher ... was ist ... erzähle ... wann fiel
-er ... hieher ... hieher ...
-
- (DIE MENGE umstürmt den Boten, der eilig vorwärts will und vor
- Erschöpfung keucht.)
-
-STIMMEN:
-
-Heil dir, Siegbringer ... gegrüßt ... gegrüßt ... erzähle ...
-
-DER BOTE (mit letzter Stimme, sich fortkämpfend):
-
-Den Weg frei ... ich ... zum König ... ich ... ich muß ...
-
-STIMMEN:
-
-Ein Wort nur ... wie fiel Nabukadnezar ...
-
-DER BOTE:
-
-Ist Irrwitz unter euch gefahren ... was ist so viel Jubel in Jerusalem ...
-rüstet euch, rüstet euch ... laßt mich ... zum König ...
-
-STIMMEN:
-
-Was ist geschehen ... ist Nabukadnezar denn nicht tot ... Pharao hat ihn
-zerschlagen ... was sollen wir rüsten ...
-
-DER BOTE:
-
-Mit seiner ganzen Macht zieht er heran ... Nabukadnezar ... kaum entkam
-ich seinen Reitern ... rüstet ... rüstet ... Wächter an die Mauern ...
-ich ... ich muß ...
-
-STIMMEN:
-
-Wie ... was sagt er ... wer ist geschlagen ... wo ist Pharao ... Du bist
-verwirrt ... gebt ihm Wasser ... er lebt ... es ist nicht möglich ... wo
-ist Ägypten ...
-
-DER BOTE:
-
-Wasser ... ich kann nicht mehr ... Ägypten ist geschlagen ... Necho hat
-Friede gemacht ... Tribut ... Tribut ... nun zieht er heran ...
-Nabukadnezar ... führt mich ... ich kann nicht mehr ... hinter mir seine
-Reiter ... zum Könige ...
-
- (EINIGE führen den Boten, der kaum vor Erregung gehen kann, zum
- Palast.)
-
-STIMMEN (von rückwärts):
-
-Was hat er gesagt ... sind die Chaldäer geschlagen ... was ist ... warum
-schweigt ihr ... was ist geschehen ...?
-
-DIE MENGE (wird allmählich von einer grauenhaften Angst befallen, der
-große, rauschende Tumult ist in ihr erloschen. Ein ungeheures Schweigen
-der Bestürzung geht allmählich über in die Stimmen, die zaghaft und
-erschreckt aus der Stille aufzucken):
-
-Es ist nicht möglich ... es darf nicht wahr sein ... was ... was hat er
-gesagt ... ein Betrüger ... er ist trunken ... nein, er war erschöpft ...
-die Reiter hinter ihm, hat er gesagt ... es kann nicht sein ... sie
-haben doch gesagt ... er lügt ... nein, nicht eines Lügners war sein
-Gebaren ... was ist ... was ist geschehen ... was hat er gesagt ... es
-kann nicht sein ... Gott kann das nicht wollen ...
-
-EINE STIMME (laut):
-
-Pharao hat uns verraten!
-
-STIMMEN (plötzlich aufspringend im Zorn und raschen Anlaufs wachsend):
-
-Ja ... Pharao hat uns verraten ... ja ... ja ... Fluch über Pharao ...
-ein Bündnis geschlossen ... Fluch Mizraim ... Betrüger die Ägypter ...
-sie haben uns verraten ... Fluch Pharao ...
-
-EINE STIMME:
-
-Immer habe ich gesagt: kein Bündnis mit Ägypten.
-
-STIMMEN:
-
-Ich auch ... ich auch ... ja ... ich auch ... ich auch ... wir alle ...
-ich auch ... ein Rohrstab ist Ägypten ... weh, daß der König ihnen
-traute ... ich habe widerraten ... ich auch ... ich auch ... wir alle ...
-Fluch über Pharao ... was wird nun aus uns ... wehe über Israel ... mein
-Weib, meine Kinder ... ich habe gewarnt ... ich auch ...
-
-EIN MANN (hereinstürzend):
-
-Zu den Waffen! Zu den Waffen! Verschließet die Tore, Nabukadnezar zieht
-heran und seine Scharen. Schon bei Hebron sind seine Reiter ...
-
-STIMMEN:
-
-Wehe ... bei Hebron ... in zwei Tagen umgürtet er die Stadt ... wir sind
-verloren ... nein ... an die Mauern ... wo ist der König ... man
-schließe Friede ... nein ... es ist zu spät ... sind wir besiegt denn ...
-die Priester, wo sind sie ... bei Hebron hat er gesagt ... zu den
-Waffen ... nein, Friede ... Friede ... zieht ihm entgegen ... verloren
-sind wir ... von je hab ich gewarnt ...
-
-EINER (plötzlich auf Jeremias hindeutend, der sich wie ein Trunkener an
-eine Säule stützt und sein Antlitz verhüllt):
-
-Da ... da seht hin ...
-
-STIMMEN:
-
-Was ist ... wer ist es ... was habt ihr ... was meinet er ...
-
-DER EINE:
-
-Dort ... dort sehet hin ... von ihm geht es aus ... er hat sie
-gerufen ... er hat den Boten gekündet ... er hat uns verflucht ...
-
-STIMMEN:
-
-Wer ... Jeremias ... wer ist es ... Jeremias, er hat uns verflucht ...
-ja, er hat ihn gerufen ... er hat gebetet um Nabukadnezars Sieg ... ein
-Gekaufter ist er ... zerreißet ihn ... nein, nicht rührt ihn an ... er
-hat es gekündet ... ein Profet ist er ... ein Gekaufter ... seht, wie er
-brütet ...
-
-DER EINE:
-
-Sein Lachen verbirgt er hinter dem Tuche. Aber zu frühe freuet er sich.
-Noch steht Jerusalem, ewig wird es bestehen.
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... ja ... ewig währet Jerusalem ... tretet ihn tot ... nein, weichet
-von ihm ... Macht ist in ihm ... weh, daß er uns fluchte ... er ist
-alles Unheils schuld ... ausreißt ihm die Zunge ... nein, laßt ab von
-ihm ...
-
- (EIN HEROLD tritt hastig aus des Königs Palast.)
-
-STIMMEN:
-
-Ein Herold ... ein Bote des Königs ... Botschaft des Königs ...
-schweigt ... schweiget ... höret ihn an ... ein Bote ...
-
- (DIE MENGE wird ganz still und sammelt sich um die Stufen.)
-
-DER HEROLD:
-
-Botschaft des Königs! Feind ziehet wider Jerusalem, Chaldäa ist auf
-wider uns. Jeder Mannbare greife zum Schwert, und die Weiber mögen
-Pfeile rüsten und Schleuder. Es schaffe aus der Stadt ein jeder seine
-Siechen und Unkräftigen, es tue jeglicher Zehrung in sein Haus, daß
-nicht Hunger uns zwinge. Denn wider Waffen stehen unsere Mauern, nichts
-vermag Baal wider Jahve, nichts Assur wider Jerusalem!
-
-DIE MENGE:
-
-Ja ... Gott ist mit Israel ... Wir werden uns rüsten ... ja ... Gott ist
-mit uns ... auf ... zu den Waffen ...
-
-DER HEROLD:
-
-Keiner bleibe zurück, und keiner entbehre des Mutes. Wer in Zagen
-spricht, den sollt ihr schlagen mit dem Schwert, wer von Flucht redet,
-den sollt ihr jagen aus den Mauern. Ihr sollt euch nicht rotten auf den
-Gassen, jeder hüte sein Haus und rüste sich dem Feinde. Auf, Volk
-Israels, recke deine Kraft und zage nicht, denn ewig währet Jerusalem!
-
-DIE MENGE (wieder ganz im Taumel):
-
-Ewig währet Jerusalem ... zu den Waffen ... ich hole mein Schwert ...
-auf wider Assur ... lasset uns ermannen ... auf ... zu den Waffen ...
-eilt, eilt ... an die Wälle ... in die Häuser ... wir werden
-zerschellen ihre Macht ... ewig währet Jerusalem!...
-
- (DIE MENGE zerstreut sich in wildem Tumult nach allen Seiten, so daß
- der ganze Platz frei bleibt und mit einem Male die lärmende Erregung
- einer grauenhaften Stille weicht.)
-
- (JEREMIAS ist langsam aufgestanden und schreitet mit verhülltem
- Antlitz die Stufen zum Tempel empor.)
-
-BARUCH (ihm nach):
-
-Wohin gehst du, Meister? Nicht lasse mich, den Getreuen!
-
-JEREMIAS:
-
-Allein muß ich ... allein ... zu ihm, daß er mich erleuchte ... ein
-Zeichen ließ er mich tun vor dem Volke, und doch, ich glaube ihm nicht,
-denn, Baruch ... ich will es nicht glauben, daß Gottes seien in mir die
-Gesichte, daß Gottes sei dieser schreckhafte Wahn ... oh, daß es Gebrest
-nur wäre meines Hirns und nicht Botschaft seines Geistes ... Denn wehe,
-wär ich erwählet als Künder und wahr meine Träume ... wehe ...
-
-BARUCH:
-
-Du bist erwählet, Meister, ich hab es erschauet in dieser Stunde. Ein
-Zeichen hat dich bezeugt, ein Zeichen von Gott! Der Geist der Profeten
-ist über dir und ihre Gewalt!
-
-JEREMIAS (die Stufen empor, gleichsam fliehend vor ihm, mit abwehrenden
-Händen):
-
-Nicht sage, daß ich erwählet sei, nicht versuche mein Herz! Es darf
-nicht wahr werden mein Wort, es darf nicht wahr werden um Israels, um
-Jerusalems willen. Oh, lieber der Verlachte und Verhöhnte sein des
-Volkes, denn der Erfüller solcher Schrecknis! Lieber Lügner und Narr,
-denn dieser Wahrheit Profet! Lieber ich, denn die Stadt dein Opfer,
-Herr! Möge ich stürzen ins Dunkel der Vergängnis, wenn nur leuchten
-deine Zinnen, Jerusalem! Mögen vergehen meine Worte wie Rauch, wenn du
-nur dauerst, du ewige Stadt, möge Gott meiner vergessen, wenn er nur
-deiner gedenket! Oh, ich will knien vor seinem Altare, daß er zerschlage
-das Wort in meinem Munde, ich will beten auf meines Herzens Knien, daß
-er verstoße meine Verkündung und, Baruch -- bete, bete mit mir, daß ich
-als Lügner erfunden werde an Jerusalem!
-
- (JEREMIAS steigt demütig die letzten Stufen empor und tritt mit
- gebeugtem Haupte in die Vorhalle des Tempels. Baruch verharrt
- regungslos und sieht ihm nach, bis er verschwindet.)
-
-
-
-
-DAS VIERTE BILD
-
-DIE WACHEN AUF DEM WALLE
-
- »Und des Herren Wort geschah zu mir und sprach: 'Wenn ich ein
- Schwert über das Land führen würde und das Volk im Lande nähme
- einen Mann unter sich und machete ihn zum Wächter, und er sähe das
- Schwert kommen und warnete nicht das Volk, und das Schwert käme und
- nähme etliche weg, deren Blut will ich von des Wächters Hand
- fordern.'«
-
- Hesekiel XXXIII, 1.
-
-
- Auf der Umwallung Jerusalems. Die Mauern, breite, behauene Quadern,
- laufen als Straße rings um die Stadt. Rückwärts der sternenbesäete
- Himmel und dämmerig fern das Tal mit Lichtern und ungewissen
- Flächen. Strahlendes Mondlicht kleidet die Wälle wie blinkendes Erz.
-
- Auf den Mauern schreiten zwei Krieger die Wache auf und ab. Ihre
- Gesichter sind verschattet von den Helmen, auf ihren Lanzen
- schimmert das Mondlicht.
-
- Einige wenige Neugierige haben sich trotz der nahen
- Mitternachtsstunde auf die Mauer gewagt und spähen in die ungewisse
- Ferne.
-
-EINE FRAU:
-
-Es ist Schlafenszeit. Füll dir nicht das Herz mit Bangnis. Frühe genug
-siehst du sie morgen, die Verfluchten. Komm schlafen, es ist vielleicht
-das letzte Schlafen in Stille.
-
-EIN MANN:
-
-Wie schlafen können, wie schlafen, da sie wach sind, unsere Feinde,
-wider uns! Schwerer denn Blei ward mir das Herz, seit ich hier stehe,
-und kann doch nicht fort -- wie in einen Abgrund muß ich starren in die
-Flut, die aufsteigt, uns zu schlingen! Von Mitternacht kamen die Reiter
-und dann von Abend her, immer meinte man, es müsse zu Ende sein, und
-immer zogen ihrer noch mehr, als wären Länder ausgeschüttet wie Korn und
-die Lanzen wie Halme gesäet.
-
-EIN ANDERER:
-
-Schon haben sie Zelte gespannt, ein weißer Wald ist aufgestanden im Tal.
-
-EIN ANDERER:
-
-Wehe, sie wollen verweilen.
-
-EIN ANDERER:
-
-Wie der Wind müssen sie gekommen sein. Gestern waren ihre Reiter noch in
-Bethul, und heute gürten sie Zion schon ein.
-
-DER ERSTE:
-
-Furchtbar ist Assur. Gott möge uns schützen.
-
-DAS WEIB:
-
-Das Lichte sieh drüben, wie eine Säule ist es, die zum Himmel fährt.
-
-EINER:
-
-Samaria ist dort!
-
-EIN ANDERER:
-
-Eine Feuersäule ist es, die gen Himmel fährt. Sie haben Samaria
-genommen!
-
-STIMMEN:
-
-Wehe!... es ist nicht möglich ... eine Feste ist Samaria, dreifach
-gegürtet!... ein Rasender bist du ... Samaria ist es ... ich sehe es ...
-wehe ... es ist nicht möglich ...
-
-EINER:
-
-Sie haben Widder, gewaltige Böcke von Holz, mit denen sie die Mauern
-berennen. Ich habe gehört von ihren Schleudern, die Türme zerschmeißen ...
-
-EIN ANDERER:
-
-Wehe ... Unsere Türme ... Jerusalem ... Jerusalem ...
-
-EIN ANDERER:
-
-Dort drüben sieh ... dort drüben ... eine neue Säule, rot greift sie den
-Himmel hinan ... Gilgal ist das ...
-
-EIN ANDERER:
-
-Meine Heimat ... meiner Kinder Haus ...
-
-EIN ANDERER:
-
-Mordbrenner sind sie ... Fluch über Assur ...
-
-DER ERSTE:
-
-Mizpah haben sie vertilgt und Saron ... wie ein Sturm sind sie über das
-Land gefahren ... furchtbar ist Assur in seinem Zorne.
-
-EIN ANDERER:
-
-Nie hätten wir Streit beginnen sollen mit ihnen.
-
-STIMMEN:
-
-Wer hat ihn begonnen ... nicht wir ... ich nicht ... der König ... die
-Priester ... wir wollten in Frieden leben mit ihnen ...
-
-EINER:
-
-Ägypten hat uns verlockt und verraten.
-
-STIMMEN:
-
-Ja, Ägypten ... der Pharao ... Fluch Pharao ... sie haben uns verkauft ...
-verlassen haben sie unser Elend ... wo sind sie, die fünfzigtausend
-Bogenschützen ... allein sind wir nun ... verloren ...
-
-EINER:
-
-Wehe ... Jerusalem, Jerusalem ... Deinen Feinden bist du gegeben, und
-deine Neider blecken die Zähne ...
-
-DER ERSTE KRIEGER (zornig dreinfahrend):
-
-Fort da! Was wärmt ihr die Mauer! Geht heim zu euern Weibern und
-schlaft. Wir wachen für euch!
-
-EINER:
-
-Wir wollen schauen, wie ...
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Nichts zu schauen! Ihr habt geschrien um sie mit vollen Backen und Assur
-gefordert, nun ist Assur gekommen. Lasset den Kriegern, sie heimzujagen,
-ihr aber geht und schlaft oder betet, so ihr nicht schlafen könnt.
-
-EINER:
-
-Aber sage uns ...
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Nichts zu sagen. Der Worte sind schon zu viel, jetzt haben die Fäuste
-ihr Maul. Fort ... Herunter mit euch ...
-
- (DIE BEIDEN KRIEGER stoßen mit ziemlicher Gewalt die Neugierigen von
- der Mauer zurück. Die Fortgedrängten verschwinden im Dunkel der
- Stufen, die zum Walle emporsteigen und tief verschattet sind. Es ist
- jetzt ganz still oben. Die beiden Krieger stehen wie Erzgestalten im
- weißen Mondlicht.)
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Wie verzagt das Volk schon ist, kaum daß sie die ersten Lanzen
-erblickten. Man darf es nicht dulden, daß sie so reden.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Wenn man Angst hat und ihrer nicht Herr wird, muß man reden. Es hilft
-nicht und hilft doch.
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Sie sollen schlafen und nicht schwätzen.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Der Schlaf ist nicht der Menschen Knecht. Er läßt sich nicht befehlen an
-der Sorgen Bett. Viel offene Lider schauen heute den Mond.
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-So sollen sie schweigen, die kein Schwert führen. Wir wachen für alle.
-
- (DIE BEIDEN KRIEGER schweigen und gehen auf und ab. Ihre Schritte
- hallen dumpf, ihre Speere funkeln im Mondlicht.)
-
-DER ZWEITE KRIEGER (bleibt stehen):
-
-Hörst du?
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Was soll ich hören?
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Es ist ganz still, und doch tönt es, wenn der Wind sich wider uns hebt.
-Als ich in Joppe war, hört ich zum erstenmal das Meer von fern in der
-Nacht. Solch Tönen ist nun im Tal von Tausender Gegenwart, leise sind
-alle, und doch rollet von Rädern und Waffen die Luft. Ein ganzes Volk
-muß es sein, das plötzlich über Israel fiel, wie ein Meer rauscht es
-dumpf an die Mauern.
-
-DER ERSTE KRIEGER (hart):
-
-Ich will nichts hören als den Wachtruf. Laß rollen, laß rauschen!
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Warum wirft Gott die Völker gegeneinander? Es ist doch so viel Raum
-unter dem Himmel, daß einer nicht störte den andern. Viel Land noch
-harrt der Pflugschar, viele Wälder des Beiles, und doch schärfen sie
-Schwerter aus den Pflügen und schlagen in lebendiges Fleisch mit den
-Äxten. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht!
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Von jeher war es so.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Aber muß es so sein? Warum will Gott den Krieg zwischen den Völkern?
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Die Völker begehren seiner um seinetwillen.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Wer sind die Völker? Bist du nicht unsres Volkes einer, bin ich es
-nicht, und unsere Frauen, die meine und die deine, sind die nicht Volkes
-Teil, und haben wir dieses Krieges begehrt? Hier stehe ich und halte
-einen Speer, nicht weiß ich, wider wen ich ihn wende. Dort unten im
-Dunkel wartet unwissend der, dem er zugeschliffen ward, ich kenne ihn
-nicht, nie habe ich sein Antlitz gesehen und die Brust, die ich mit Tod
-ihm durchstoße. Und ein anderer wärmt dort unten vielleicht jetzt am
-Lagerfeuer die Hand, die meinen Kindern den Vater stößt, und hat mich
-nie geschaut und nie Kränkung gehabt von meinem Leben. Fremd sind wir
-einander wie die Bäume des Waldes, doch die wachsen still und blühen aus
-sich, wir aber wüten widereinander mit der Axt und dem Speer, bis das
-Harz unseres Blutes aus den Leibern quillt. Was ist dies, das Tod unter
-die Menschen stellt und den Haß säet zwischen sie, da dem Leben so viel
-Raum ist und der Liebe so lange Frist? Ich verstehe es nicht, ich
-verstehe es nicht!
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Von Gott muß es kommen; denn von jeher war es so! Ich frage nicht
-weiter.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Gott kann diesen Frevel nicht wollen. Er hat das Leben gegeben um des
-Lebens willen. Auf seinen Namen häufen die Menschen alles, was sie nicht
-verstehen. Nicht von Gott kommt der Krieg, woher mag er nun stammen?
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Was weiß ich, woher er stammt! Ich weiß, er ist da und will nicht
-beschwatzt sein. Ich tu mein Geheiß, ich schärf mir den Speer und nicht
-meine Zunge.
-
- (EIN SCHWEIGEN entsteht zwischen beiden. Sie stehen lautlos in der
- weißen Stille und spähen hinaus. Von ferne tönt der Wachtruf »Simson
- über sie« ganz undeutlich zuerst, dann näher gesprochen von den
- unsichtbaren Wachen »Simson über sie« und nun ganz deutlich heran
- von den nächsten Posten. Auch die Krieger wiederholen laut den Ruf
- »Simson über sie«, und man hört ihn die unsichtbare Runde der Mauer
- weiterlaufen und vertönen. Es wird wieder ganz still, ehern stehen
- die Gestalten mit verschattetem Gesicht im blanken Mondglanz.
- Schweigen.)
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Weißt du etwas von den Chaldäern?
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Unsere Feinde sind sie, das weiß ich, und wollen wider unsere Heimat.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Nicht dies meine ich. Ich frage dich, hast du ihrer je einen gesehn,
-kennst du ihre Sitten und Lande?
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Grausam sind sie wie wilde Katzen und heimtückisch wie die Schlangen,
-hat man mir gesagt, und sie werfen ihre Kinder in Götzensteine von
-Kupfer und Blei. Doch nie habe ich ihrer einen gesehen.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Ich auch nicht. Es türmen sich viel Hügel zwischen Babel und Jerusalem,
-Flüsse fahren dazwischen und mehr des Lands, als einer in Wochen
-durchschritte. Selbst die Sterne stehen anders über ihren Häupten und
-unsern, und doch sind sie wider uns und wir wider sie. Was begehren sie
-von uns? Wenn ich einen fragete von ihnen, er wüßte wohl nur zu sagen,
-daß ein Weib seiner wartet zu Hause und Kinder auf der Streu wie in
-meinem. Ich glaube, wenn ich redete mit einem, wir verstünden uns. Weißt
-du, manchmal lockt es mich, die Hand zu heben und einen zu rufen, daß
-wir redeten Herz zu Herz.
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Das darfst du nicht.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Warum darf ich das nicht?
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Sie sind unsere Feinde, wir müssen sie hassen.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Warum muß ich sie hassen, wenn mein Herz nicht weiß um diesen Haß?
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Sie haben den Krieg begonnen, in unsern Frieden sind sie gefahren.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Die in Jerusalem sagen das so. Doch vielleicht auch sagen sie das
-gleiche in Babel. Wenn man redete miteinander, man würde vielleicht
-klar.
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Du darfst nicht reden mit ihnen. Wir müssen sie schlagen, so ist uns
-befohlen, wir müssen gehorchen.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Ich weiß es mit meinen Sinnen, daß ich nicht darf, und fasse es doch
-nicht mit meiner Seele. Wem dienen wir mit ihrem Tod?
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Was fragst du, Einfältiger? Dem Könige dienen wir und unserm Gott.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Aber Gott hat gesagt und es stehet geschrieben: »Du sollst nicht töten.«
-Wer weiß, wenn ich mein Schwert nähme und würfe es fort, ich diente ihm
-wahrhafter denn mit der Feinde Blut.
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Aber es stehet auch in den Büchern: »Aug um Auge, Zahn um Zahn.«
-
-DER ZWEITE KRIEGER (seufzend):
-
-Viel steht in der Schrift. Wer mag alles verstehen?!
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Ein Grübler bist du. Um unsere Stadt drängen sie und wollen ihre Häuser
-brennen, und hier stehe ich mit Schwert und Speer, ihnen zu wehren. Mehr
-des Wissens ist ungut. Ich will nicht mehr wissen.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Aber ich frage ...
-
-DER ERSTE KRIEGER (hart):
-
-Du sollst nicht so viel fragen. Krieger sind wir und müssen kämpfen,
-nicht fragen. Was grübelst du, statt dich zu härten?
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Wie soll ich nicht fragen, wie soll mein Herz ohne Unruh sein in dieser
-Stunde? Weiß ich denn, wo ich stehe und wie lang ich noch wache? Dies
-Dunkle hier unter der Mauer, wo der Stein hinbröckelt und fällt,
-vielleicht ist es morgen mein Grab, und der Wind, der mir jetzt um die
-Wange fährt, vielleicht findet er mich morgen nicht mehr. Wie soll ich
-nicht fragen, da ich lebendig bin, um mein Leben? Die Flamme zuckt auf
-und windet sich, ehe der Docht lischt ins Dunkel, wie sollte das Leben
-sich nicht heben zur Frage, ehe es lischt in den Tod? Vielleicht ist es
-schon der Tod in mir, der so fraget und nicht das Leben mehr.
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Du grübelst zu viel. Nichts nützt es und quält nur.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Gott hat uns das Herz aufgetan, daß es sich quäle.
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Was hilft es dann zu reden? Wir haben Wache, mehr mag ich nicht wissen.
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Das Reden hält wach, und es hörens nur die Sterne.
-
- (EIN SCHWEIGEN wieder zwischen beiden.)
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Was kommt da? Vom Dunkel schleicht es heran.
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Wieder Müßiggänger! Sie sollen schlafen des Nachts. Jag sie heim!
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Nein! Laß sie reden und tritt ins Dunkel. Laß uns hören, was sie reden.
-Es scheucht den Schlaf von den Lidern, die Stimme der Menschen zu hören.
-Tritt zurück in den Schatten!
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Ein Sonderbarer bist du! Ich schreite die Runde!
-
- (DIE BEIDEN KRIEGER treten zurück in den Schatten des Mauerturmes.
- Ihre Gestalten verschwinden in dem tiefen Dunkel, das mit scharfer
- Schattenschneide gegen die vom Mondlicht überflutete Mauer grenzt.
- Nur ihre Lanzen funkeln manchmal leise hervor.)
-
- (JEREMIAS UND BARUCH steigen aus dem Dunkel der Tiefe zur Mauer
- empor, Jeremias hastig voran, Baruch mühsam seiner Erregung folgend.
- Der Krieger steht -- von ihnen ungesehen -- im Schatten wie aus Erz
- gegossen.)
-
-BARUCH:
-
-Wohin führst du mich, Meister? Wohin führst du mich?
-
-JEREMIAS:
-
-Empor, empor! Ich muß es schauen, das Fürchterliche, Blick in Blick.
-
- (JEREMIAS ist auf der Höhe angelangt. Er starrt in das mondbeglänzte
- Tal hinab und verharrt regungslos, ohne zu sprechen.)
-
-BARUCH (ängstlich):
-
-Was starrst du so, was sprichst du nicht?
-
-JEREMIAS (schauernd):
-
-Der König ... er ist gekommen ... der König von Mitternacht (erregt nach
-Baruch fassend), Baruch, Baruch, tritt zu mir, tritt zu mir her! Rühr
-meine Hand, daß ich weiß, ob ich wach bin oder getaucht in Traum.
-Baruch, Baruch, sprich, meine Augen, sind sie aufgetan, ist eine Mauer
-dies aus Stein oder aus Tränen, ist Jerusalem dies Dunkle, das
-ahnungslos liegt, und wahrhaft Assur dies andere Dunkle dort und der
-Mond dies, fahl und fühllos wie Wasser zwischen beiden? Sag es mir,
-Baruch, sag es mir, und so ich nur träume, rüttle mich auf, daß ich des
-Irrwitzes lache, Zion sei umgürtet von Assur; denn nicht wahr ist dies
-vor Gott, es darf nicht wahr sein. Weck mich auf, Baruch, weck mich
-wach!
-
-BARUCH:
-
-Wie meinest du, Meister? Ich fasse dich nicht.
-
-JEREMIAS:
-
-Bin ich wach, Baruch, bin ich wach, sind meine Augen offen und wahr dies
-Unheil vor ihnen, ich flehe dich an.
-
-BARUCH:
-
-Ich fasse dich nicht ... wie zweifeltest du ...
-
-JEREMIAS:
-
-Oh, Fluch, so ist es wahr, wahr und wahrhaftig, ich träume nicht mehr!
-Meine Träume, sie sind wach geworden, sie haben Rosse geschirrt und
-Wagen gegürtet, Assur zieht an gegen Zion, es erfüllt sich, es erfüllt
-sich! Und all dies Unselige, aus mir quillt es vor, aus meiner Träume
-Schoß drängt sichs fort; in mir war es zuerst, ehe es war in der Welt,
-und ich, ich warf es im Wort über sie. Ich hab es gewußt, ich allein, eh
-Gott es getan! In mir hat es Anfang und mündet mir zu, und ich kanns
-doch nicht halten im Laufe, nicht fassen im Fluge, kein Schild ist mir
-dawider und kein Schwert -- oh, Ohnmacht, Ohnmacht der Worte!
-
-BARUCH:
-
-Meister, was redest du ... nicht fasse ich den Sinn ... sprich zu mir,
-daß ichs glaube und begreife, was dich erfüllet.
-
-JEREMIAS:
-
-Daß du es glaubest ... Baruch, Baruch ... wirst du wahrhaft glauben
-meinem Worte, das ich dir sage zu dieser Stunde unter den Sternen ...
-wirst du es nicht leugnen und verlachen, so ichs beschwöre mit meiner
-Seele Siegel ... denn wider allen Sinn ists, was ich dir künden will ...
-
-BARUCH:
-
-Meister ... der Glaube an dich ist mein Leben ...
-
-JEREMIAS:
-
-So höre es, höre, was ich dir sage ... (geheimnisvoll, leise) Dies
-alles, dies alles, was heute ist zum erstenmal, ich habe es geträumt vor
-Monden schon, ich habe es geträumet in meinen Nächten, ganz so
-geträumet. Nicht ein Stern steht da, den ich nicht sah, hier oben den
-Wall und Gottes weißragendes Haus und unten der Feinde Scharen, Zelt an
-Zelt, und meines eigenen Herzens eigenen Schauer und Blick, all, all
-dies hab ich geträumt.... Hörst du mich, Baruch, hörst du mir zu ...
-
-BARUCH (schauernd):
-
-Ich höre dich ... ich höre dich ...
-
-JEREMIAS:
-
-Warum mir, warum ward mir dies alles offenbar vor der Zeit? Es kann
-nicht sein wider Gottes Willen, daß er mir aufschließt seine Pläne und
-mir sichtig macht Bilder des Zukünftigen. Und es darf nicht sein, es
-darf nicht sein, daß ich dawider mich wehre, daß ich schweige, denn
-Baruch, Baruch: lang verbarg ich mein Herz der Berufung und verschlug
-mein Ohr seinem Rufe. Doch nun, da ich schaue lebendig, was in mir
-längst schauten die Träume, da wie ein Spiegel sichs aufrollt außen zum
-Innen, nun fühle ichs zum ersten Male, daß Gott in mir ist, und Baruch,
-ich sage dir: er hat mich gewählet. Weh mir, wenn ich verschwiege meine
-Angst vor dem Volke und meine Ahnung vor den Königen. Denn nur ein
-Anfang ist dies, und ich kenne, ich kenne das Ende ...
-
-BARUCH:
-
-Künde es, du Geweihter ... ausrufe dein Wort ...
-
-JEREMIAS:
-
-Baruch, Baruch, siehst du Lager und Zelt, siehest du dies schlafende
-Meer wogen von Mitternacht her ...
-
-BARUCH (schauernd):
-
-Ich sehe den Feind ... ich sehe die Zelte ...
-
-JEREMIAS:
-
-Die Nacht siehest du, den Schlaf und die falsche Stille der Rast. Aber
-in meinem Ohr gellen die Trompeten schon und klirren die Waffen, wenn
-sie aufstehen und stürmen wider uns! Die Mauer, darauf wir festen Fußes
-noch wuchten, schon krachet sie hin, und den Schrei der Gejagten, ich
-höre ihn, höre ihn schon. Sie kommen, weh, sie sind da, aufschäumt ihre
-erzene Flut! Baruch, Baruch, wehe, mein Wort stund auf über Israel, ich
-höre den Tod, wie er fährt über die Stadt und die Mauern, sie fallen und
-mit ihnen Jerusalem. Baruch, Baruch, ich sehe es wach; denn Gott hat ein
-Auge mir aufgerissen im Schwarzen meines Leibes, daß ichs schaue, und
-einen Schrei getan in meine Eingeweide, daß ich ihn stoße aus mir wie
-ein Horn. Was schlafen sie noch! Was schlafen sie noch! Oh, es ist Zeit,
-daß man sie wecke, es ist Zeit, denn sie schlafen in ihren Tod hinein
-und brüten in ihr Verderben. Es ist Zeit, daß man aufschreie Jerusalem,
-es ist Zeit, es ist Zeit!...
-
-BARUCH (hingerissen):
-
-Ja, erwecke sie, erwecke sie, Jeremias!
-
-JEREMIAS (immer fanatischer):
-
- Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt,
- Wie kann sie vom Schlaf sich umfrieden lassen,
- Da Tod ihnen unter die Lagerstatt
- Sein eiskalt Linnen gebreitet hat.
- Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt,
- Wie können sie ruhen, den Donner zu Häupten!
- Oh, wie können, wie können
- Sie so hindämmern, in Träumen verloren,
- Da donnernd wider die Tempel und Tore
- Schon Assurs Widder hämmern und rennen;
- Oh, wer weckt die Toren, wer weckt die Betäubten?
- Wer schreckt sie auf, wer weckt sie empor,
- Wer wirft einen Ruf in ihr ohnmächtig Ohr,
- Oh, wer wird in den Tod dieser Stille hinein
- Gottes Gebot und Wille hinschrein?
-
-BARUCH (ekstatisch):
-
-Du wecke sie auf! Erwecke sie! Meister, vom Tode reiß sie auf!
-
-JEREMIAS:
-
- Wacht auf! Wacht auf! Empor! Empor!
- Brand ist im Land! Feind hat die Stadt!
- Flüchtet, eh er euch ganz zernichtet,
- Entflüchtet dem Schwert, entflüchtet den Flammen,
- Laßt eure Habe, laßt euer Haus,
- Die Frauen rafft, die Kinder zusammen,
- Eh er euch faßt, flüchtet hinaus!
- Auf! Empor!
- Brand ist im Land! Feind hat die Stadt!
- Empor! Empor!
-
-DER ZWEITE KRIEGER (aus dem Dunkel tretend):
-
-Wer lärmt? Er wird die Schlafenden erwecken.
-
-JEREMIAS:
-
-Daß ichs vermöchte, oh, daß ichs vermöchte! Auf! erwache, Jerusalem ...
-Gottesstadt, errette dich ...
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Trunken bist du ... fort mit dir ... geh schlafen ...
-
-BARUCH (sich dazwischen werfend):
-
-Ablasse von ihm!
-
-JEREMIAS:
-
-Ich darf nicht schlafen! Keiner darf schlafen mehr. Der Wächter bin ich,
-der Wächter! Weh, wer mirs wehrt!
-
-DER ZWEITE KRIEGER (ihn anfassend):
-
-Ein Mondkranker bist du, daß du dich Wächter nennst ... ich selbst bin
-die Wache ... fort mit dir ...
-
-BARUCH:
-
-Nicht rühr ihn an ... den Erwählten des Herrn ... den Profeten ...
-
-DER ZWEITE KRIEGER (ablassend):
-
-Bist du Hananja, der Gotteskünder?
-
-BARUCH:
-
-Jeremias ist es, der Profet!
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Jeremias, der das Volk verwirrt, der hinschrie in den Gassen, Assur
-werde obsiegen? Bist du gekommen, dich deiner Verheißung zu weiden? Zu
-früh bist du gekommen, du Zagherz, und doch zurecht meinem Zorn!
-Gesegnet meine Faust, daß ich dich fasse, du Krämer des Unglücks ... ich
-will dir Verkündigung geben ...
-
-BARUCH (mit ihm ringend):
-
-Laß ab von ihm ... laß ab ...
-
-DER ERSTE KRIEGER (herbeistürzend):
-
-Der König kommt ... der König macht die Runde ... schaff weg das Volk ...
-
-JEREMIAS:
-
-Der König!... Segnung des Herrn ... oh, sichtliche Deutung ... Gott
-stößt ihn mir in die Hände ...
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Fort mit euch ... fort, ihr Schwätzer ...
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Hinab mit dir ... da ... fort ... Da krieche unter und rühr dich nicht,
-sonst mach ich dich kalt ...
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Weg ... fort ... der König kommt ...
-
- (JEREMIAS UND BARUCH werden hastig die Mauer hinabgedrängt; sie
- verschwinden im dunklen Schatten, aus dem sie aufgestiegen. Die
- beiden Krieger treten an den Rand der Mauer, um dem König und seinem
- Gefolge Raum zu geben. Da Zedekia erscheint, klirren sie zum Gruße
- mit den Speeren an die Schilde und stehen dann wieder regungslos.)
-
- (DER KÖNIG ZEDEKIA erscheint, begleitet von Abimelech und einigen
- seines Gefolges, auf seinem Rundweg um die Mauern. Er ist ungerüstet
- und barhäuptig, im weißen Mondlicht sieht sein Antlitz bleich und
- ernst aus. Er bleibt stehen und blickt lange auf das fahldämmernde
- Blachfeld hinaus.)
-
-DER KÖNIG ZEDEKIA (zu Abimelech):
-
-Auf wieviel schätzest du ihre Scharen, Abimelech?
-
-ABIMELECH:
-
-Zelt reiht sich an Zelt, schwer wie die Sterne sind sie zu zählen. Die
-Boten nannten ihrer hunderttausend, doch man soll den Worten nicht
-trauen.
-
-ZEDEKIA:
-
-Wahr sprichst du, Abimelech, allzu wahr. Man soll den Worten nicht
-trauen. Wo sind die Wahrsager, die mir rieten, wo Pharaos Heer und die
-Hilfe Mizraims! Nun sind wir allein wider die Heere Chaldäas.
-
-ABIMELECH:
-
-Zwiefach wird unsere Ehre darum sein, sie zu besiegen. Ewig währet
-Jerusalem!
-
-ZEDEKIA:
-
-Oh, daß dein Wort sich erfüllte! Doch mein Herz mißtraut schon den
-Worten ...
-
-ABIMELECH:
-
-Ich schwöre auf Israels Sieg, mein König, und Tat bekräfte meinen Eid.
-
-ZEDEKIA:
-
-Auch ich habe einen Eid geschworen Nabukadnezarn, und man entwand mir
-das Wort. Das Schicksal zerbricht die Eide und Gott die Worte der
-Menschen. Dort unten im Dunkel ruht er, dem ich Friede zusprach, und nun
-ist Krieg und seine Lanzen gerüstet zur Rache. Fluch über sie alle, die
-an mir zerrten, daß ich diesen Weg ging wider ihn, und weh über mich,
-daß ich nicht stark ward, ihnen zu wehren! Nicht kannst du dies fassen
-vielleicht, Abimelech, denn ein Krieger bist du und spottest deines
-Lebens, doch auf mir lasten die Mauern und eines Volkes Geschick,
-tausend und abertausend Leben pochen laut durch mein Blut. Ich will
-beten zu Gott, daß er diese Zeit von uns nehme, denn mein Herz vermag
-nicht sie zu tragen und dürstet nach Frieden!
-
-ABIMELECH:
-
-Den Sieg erst, mein König, und dann den Frieden. Laß Nabukadnezarn die
-Stirn seines Zorns sich zerstoßen an diesen Mauern und die Widderböcke
-seines Ingrimms zerschellen an unsern Herzen. Ihr Blut erst, und dann
-den Frieden!
-
-ZEDEKIA (sieht lange hinaus in die Ferne):
-
-Wieweit hinein ins Land die Lagerfeuer dort brennen, es ist, als sei ein
-Himmel schwarz hingesunken auf die Erde und leuchtete nun Stern an
-Stern. Unendlich Volk fühl ich lagern um Israel, und jedes Speer ist
-gezückt, jede Hand gehoben, und im Schlafe noch träumen sie wider uns.
-Und morgen wird all dies aufstehen wie die Halme nach dem Regen und die
-Stille gellen von Schrei und Tod. Es ist die letzte Nacht des Friedens
-und des Schlafes vielleicht für immerdar.
-
-ABIMELECH:
-
-Laß dein Herz nicht verdüstern, mein König. Auf diesem steinernen
-Gelände, da du stehest in Sorge, stand Hosea, dein Oheim, einst, und
-auch seine Seele war Sorgen voll, denn unten wogten Salmanassars Scharen
-unendlich wie diese. Schon einmal umspülte Assurs Woge die heilige
-Stadt. Doch der Herr reckte aus seinen Arm wider sie, und die Pest fraß
-ihre Völker. Nie bricht diese Mauer! Ewig währet Jerusalem!
-
-DIE ANDERN:
-
-Ewig währet Jerusalem!
-
-DIE STIMME JEREMIAS (aus dem Dunkel):
-
-Wache auf, verlorene Stadt, daß du dich rettest! Wachet auf aus eurem
-harten Schlaf, ihr Arglosen, daß ihr nicht geschlachtet werdet im
-Schlummer, wachet auf, denn schon bröckelt die Mauer und will euch
-erschlagen, wachet auf, denn Assurs Schwert ist gezückt über euch ...
-
-ZEDEKIA (zusammenfahrend):
-
-Wer spricht? Wer spricht?
-
-STIMMEN:
-
-Wer redet ... wer spricht ...
-
-DIE STIMME JEREMIAS:
-
-Der Zorn des Herrn ist gefallen über des Friedens Verstörer, und von
-Mitternacht den König hat er gen Israel gesandt, daß er ihm breche Türme
-und Trotz. Wachet auf, um zu fliehen, wachet auf, euch zu retten, denn
-er ist gekommen, der Würger eurer Söhne, der Schänder eurer Töchter, der
-Verwüster eurer Felder. Wachet auf! Wachet auf!
-
-ZEDEKIA (zusammenschreckend und sich schließlich stark aufraffend):
-
-Wer spricht da? Wer redet da?
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Ein Wahnwitziger ist es, Herr, der Mond hat ihn verwirrt.
-
-STIMMEN:
-
-Sperr ihm das Maul ... fort mit ihm ... fort ... ein Toller ...
-
-ZEDEKIA:
-
-Nein ... bring ihn vor ... ich will ihn sehen ... ich will sehen, daß
-ein Lebendiger solches sprach ... denn zu furchtbar klang diese
-Stimme ... mir war, als schrien Klage die Steine Jerusalems, als entbebte
-der Mauer das Wort ...
-
- (DIE BEIDEN KRIEGER eilen hinab.)
-
-ABIMELECH:
-
-Nicht laß dich verwirren, Herr ... viele sind gekauft in der Stadt von
-chaldäischem Gold ...
-
-ANDERE:
-
-Nicht höre ihn an ... laß von der Mauer ihn werfen ... Nicht mit den
-Verängstigten sprich ...
-
- (JEREMIAS UND BARUCH werden von den beiden Kriegern heraufgeholt,
- Jeremias vor den König gestoßen.)
-
-DER ZWEITE KRIEGER:
-
-Dieser ist es, der so lästerlich redete. Schon vordem habe ich ihn
-belauscht.
-
-ZEDEKIA:
-
-Sie sagen von einem, der umginge in der Stadt und Unheil kündete vor den
-Leuten. Ist es dieser?
-
-STIMMEN:
-
-Er ist es ... Jeremias ... Fluch über ihn ... Unheil sprengt er aus ...
-er vergiftet die Herzen ... ein Lügner ist er ...
-
-BARUCH:
-
-Gottes Bote ist er, und Wahrheit kündet er, ich zeuge für ihn.
-
-STIMMEN:
-
-Wer bist du, daß du zeugest?... Du Knabe ... nicht höre ihn ...
-niederschlagen soll man solch Otterngezücht.
-
-ZEDEKIA:
-
-Schweiget ... Weg mit diesem vorerst, ich bedarf eines Zeugen nicht ...
-
- (BARUCH wird zurückgestoßen in das Dunkel.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Tritt heran zu mir, Jeremias ... Bist du es, der Israel verwirrt?
-
-JEREMIAS:
-
-Von Israel geht Wirrnis aus und nicht von mir.
-
-ZEDEKIA:
-
-Ich kenne deine Stimme ... ich muß sie gehört haben ... aus meinem
-Herzen klingt etwas zurück, da du mir zusprichst, und doch blickte ich
-dich nie. Oder ... Warst du es nicht, der damals um Friede schrie vor
-dem Palast ...
-
-JEREMIAS:
-
-Ich war es, Herr!
-
-ZEDEKIA:
-
-Du warst es, Jeremias? Viele schrien um mich zu jener Stunde, doch als
-ich heimging des Nachts und ruhte ohne Schlaf auf meinem Lager, da war
-dein Ruf noch wach in meinem Herzen.
-
-JEREMIAS:
-
-Gott wollte, daß du ihn hörtest, und weh dir, daß du ihn wegwarfst, denn
-es wäre Schlaf jetzt auf deinen Lidern und ein Friede in Israel.
-
-DIE ANDERN:
-
-Nicht höre auf ihn, König ... ein Gaukler ist er und frevelt mit Gottes
-Wort ... sprich nicht mit ihm ...
-
-ABIMELECH:
-
-Was schaffst du hier auf der Mauer des Nachts? Zu den Chaldäern willst
-du fallen? Nimm ihn fest, mein König, sein Wandel ist Gefahr!
-
-EINER:
-
-Seine Mutter ringt mit dem Tode, vergiftet hat sie sein Wort. Aber er
-meidet das Haus, sieh, des Nachts schweift er hier um und späht zu den
-Feinden ...
-
-JEREMIAS (erschreckt):
-
-Meine Mutter, sagst du ...
-
-ANDERE:
-
-Ein Verräter ist er ... nicht höre ihn, mein König ... nicht höre ihn ...
-nimm ihn fest ...
-
-ZEDEKIA:
-
-Ruhe um mich! Meine Seele ist so schwach nicht gemauert, daß ein
-Schwätzer sie werfe. Jeremias, tritt her zu mir und sei ohne Scheu. Ich
-habe das Wort vernommen, das du riefest am Tage des Ausgangs, und dies
-Wort klang mir zu, denn ein Gotteswort ist das Friedenswort. Doch
-vergangen ist das Vergangene. Nun brennt Krieg zwischen Assur und
-Israel. Nicht bändigt ihn mehr ein Wort, ich kann ihn nicht niedertreten
-mit dem Willen ...
-
-JEREMIAS:
-
-Du kannst es, Herr!
-
-ZEDEKIA (zornig):
-
-Wie kann ich es noch? Siehst du den Feind nicht um die Mauern, hörst du
-seine Speere nicht klirren im Wind? Wie kann ich das wenden?
-
-JEREMIAS:
-
-Du kannst es, Herr, denn du bist der König.
-
-ZEDEKIA:
-
-Kann ich sie fortblasen mit meinem Hauch, kann ich austilgen das
-Vergangene? Zu spät ist es für den Frieden.
-
-JEREMIAS:
-
-Es ist nie zu spät.
-
-ZEDEKIA (noch zorniger):
-
-Wie ein Einfältiger redest du. Noch ward Assur nicht geschlagen von
-Israel und nicht Israel von Assur, noch ist Blut nicht geflossen. Wie
-kann ich enden, was nicht begonnen?
-
-JEREMIAS:
-
-Das Blut ist ein Graben zwischen den Völkern. So tiefer du ihn ziehest,
-so schwerer wirst du ihn dämmen. Darum laß sprechen die Worte vor dem
-Schwert, geh hin zum König oder sende ihm Botschaft!
-
-ZEDEKIA:
-
-Ich soll zu Nabukadnezar, meinem Feinde?
-
-JEREMIAS:
-
-Sende Boten an ihn, vielleicht, daß du noch rettest Jerusalem!
-
-ABIMELECH:
-
-Eine Schmach sind seine Worte, eine Schmach für Israel ... fort mit dem
-Zagherzigen ...
-
-ZEDEKIA:
-
-Warum soll ich senden zu ihm, warum ich als der erste? Bin ich sein
-Knecht denn, bin ich der Besiegte schon?
-
-JEREMIAS:
-
-Es muß einer den Frieden beginnen, wie einer den Krieg.
-
-ZEDEKIA:
-
-Warum soll ich es sein, der als der erste spricht, warum ich und nicht
-er? Soll er meinen, daß ich verzagte? Möge er senden zu mir, so will ich
-Zwiesprache halten und erwägen sein Wort. Doch warum ich als der erste?
-
-JEREMIAS:
-
-Selig, der als erster die Hand bietet für den Frieden, selig der König,
-der das Blut spart seines Volkes.
-
-ZEDEKIA:
-
-Und wenn ich die Hand böte, wenn ich mein Herz bezwänge, Jeremias, wenn
-ich so täte, wie du heischest, und er stößt sie zurück, meine Hand?
-
-JEREMIAS:
-
-Selig die Verstoßenen um der Gerechtigkeit willen, denn Gott nimmt sie
-auf an sein Herz.
-
-ZEDEKIA:
-
-Ich aber sage dir, die Kinder würden meiner spotten und die Weiber
-lachen meiner Schmach.
-
-JEREMIAS:
-
-Besser, der Narren Gelächter hinter dir, als der Witwen Klage. Nicht
-deiner gedenke jetzt, sondern des Volkes, dem du gesetzt bist von
-heiliger Hand. Laß dich verlachen von den Toren um der Gerechtigkeit
-willen, aber tu Gottes Tat! Tu auf die Tore, tu auf dein Herz, Zedekia,
-bedenke, du rettest Jerusalem! Du hast dich erhoben wider Assur, so
-beuge dich vor ihm!
-
-ZEDEKIA:
-
-Ich mich beugen?
-
-JEREMIAS:
-
-Beuge dich, beuge dich, Gesalbter des Herrn, um Jerusalems willen! Tu
-auf die Tore, tu auf ihm dein Herz! Du rettest, du rettest Jerusalem!
-
-ZEDEKIA:
-
-Mit dem Schwert will ich es retten und meines Lebens Preis, doch mit
-meiner Ehre nicht. Du weißt nicht, was du heischest von mir.
-
-JEREMIAS:
-
-Das Schwerste heische ich von dir, denn wem ziemt das Gewaltige denn den
-Gesalbten? Deines Herzens Kleinod, deinen Stolz opfre hin für die Stadt!
-Wirf dich hin vor jenen, wie ich mich hinwerfe vor dir, tu auf die Tore,
-tu auf dein Herz! Beuge dich, König Zedekia, denn besser, du beugest
-dich, denn daß Israel gebeuget werde.
-
-ZEDEKIA:
-
-In Spott willst du mich stoßen und dich weiden an meiner Schmach, du
-Rasender! Aber ich steh aufrecht und halte mein Erbe! Lieber sterben,
-als Gnade erbitten, lieber Vernichtung, denn diese Demut! Weg von mir,
-weg! Ich beuge mich nicht, keinem auf Erden beuge ich mich!
-
-JEREMIAS (von den Knien sich gewaltig aufhebend):
-
-Dann Fluch dem Öl, das dir salbte die Stirn, und Fluch der Krone, die
-dir die Stirne gürtet; Fluch dir, Davids Sohn, daß du nur deinen Hochmut
-schützest, dein irdisch Teil, statt daß du wahrest Jerusalem, dein
-Gottesteil. Aber höre mich ...
-
-ZEDEKIA:
-
-Nichts will ich mehr hören, du Narr, du böser Narr Gottes ...
-
-JEREMIAS:
-
-Stoße es nur fort mein Wort mit dem Fuße, du Taumelnder, nicht kannst du
-zertreten ein Gotteswort. Spei es aus, du Trunkener, aber wisse es bis
-in deine Eingeweide: nahe ist die Stunde, Zedekia, da du schreien wirst
-nach meinem Troste, wie die Gebärerin schreit! Doch dann wird kein Rat
-mehr sein, denn wer weiß Rat wider den Tod und hat ein Retten vor Gottes
-Gericht. Gedenke der Mauer hier, gedenke der Stunde! Rechtzeit habe ich
-dich gewarnt, aber ein Prellbock starret dein Herz und von Eisen deine
-Stirne, und wie ich dir darob fluche aus dieser Stunde, werden fluchen
-Geschlechter und Geschlechter deinem Namen. In deine Hände war Zion
-gegeben, und du ließest es fallen, dir war es vertraut, und du hast es
-verschleudert! Mögest du darum vergessen werden von Gottes Gnade, wie du
-vergaßest Jerusalem! Fluch über dich, du Vollstrecker Babels, du Würger
-Zions, du Mörder, du Mörder von Israel!
-
-ABIMELECH:
-
-Die Mauer hinab! Zerbrecht ihm den Nacken!
-
-DIE ANDERN:
-
-Er hat den König gelästert ... sperrt ihm das Schandmaul ... die Mauer
-hinab ... nicht fürchte des Rasenden Wort ... Schaum steht um seine
-Lippe ... ein Kranker ist er ... hinab mit ihm.
-
- (DIE BEGLEITER des Königs dringen gewaltsam auf Jeremias ein.)
-
-ZEDEKIA (der wie vor unsichtbarem Anprall zurückgefahren ist, die Hand
-am Herzen, sich wieder ermannend):
-
-Ablaßt von ihm! Meint ihr, eines Narren Fluch machte mich blassen, ein
-frech Wort knickte schon meine Kraft? (Nach einer Pause): Aber dies sehe
-ich: wahr ist, was sie sagten im Volke: gefährlich ist dieses Menschen
-Wort. Wie ein Sturmbock stößt er wider die Herzen. Es geht nicht an,
-daß solch ein Gottesleugner länger frei rede im Volke und seine Angst
-auf die Krieger falle.
-
-ABIMELECH:
-
-Töten muß man ihn. Wer nicht Gott vertraut, ist unwert des Lebens.
-
-STIMMEN:
-
-Man steinige ihn ... ein Söldling ist er ... er will die Stadt den
-Chaldäern preisgeben ... laß ihn töten ... er betet um unser Verderben ...
-
-ZEDEKIA:
-
-Soll ich töten den, der mich schmähte, daß man meine, ich fürchte sein
-Wort? Nicht so! Tritt her, Jeremias! Wind ist mir dein Wort, doch noch
-einmal frage ich dich um deinetwillen: Sagt dir untrüglich dein Herz,
-daß Tod sei über Zion und allen in Zions Mauern? Ich frage dich!
-Antworte mir frei!
-
-JEREMIAS:
-
-Tod steht über Jerusalem, Tod über uns allen. Nur Ergebung kann uns
-erretten.
-
-ZEDEKIA:
-
-Dann geh und ergib dich! Als einziger aller rette dein Leben!
-
- (JEREMIAS starrt ihn an, ohne ihn zu verstehen.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Wer zehrt an unserem Brote, soll nicht auch zehren an unserer Kraft.
-Fürchtest du für Zion, so fliehe von Zion! Ich schenk dir dein Leben!
-Die Mauer hier, klimm sie hinab, zu Nabukadnezar geh und birg deinen
-Leib. Und so dein Wort sich erfüllet, bläh auf deine Backen und lache
-der Brüder, die starben für Jerusalem.
-
-ABIMELECH:
-
-Zu milde bist du, König, mit dem Lästerer.
-
- (JEREMIAS unbeweglich, ringt um ein Wort.)
-
-ZEDEKIA:
-
-So geh doch, flieh fort, Abtrünniger des Glaubens, geh zu Nabukadnezar,
-des Sieg du gekündet, und küsse seinen Fuß! Ich aber bleibe in meines
-Volkes Mitte und in meiner Väter Heimat, denn ich glaube bis zum letzten
-Atem meines Leibes: Lüge ist dieses Mannes Rede und ewig währet
-Jerusalem!
-
-DIE ANDERN (jauchzend):
-
-Ewig währet Jerusalem! Nie vergehet Gottes Haus!
-
-ZEDEKIA:
-
-So eile! Lauf über zu Assur, ich hab dirs gewährt! Laß uns unsern Tod
-und kriech in dein Leben!
-
-JEREMIAS (sich fassend):
-
-Ich lasse nicht Jerusalem!
-
-ZEDEKIA:
-
-Hast du nicht eben gekündet uns allen, Tod stünde über Jerusalem? So
-flieh, daß du ihm entweichest!
-
-JEREMIAS:
-
-Nicht meines Lebens trage ich Bangen, sondern für die Tausendmaltausend
-schreiet mein Herz. Ich weiche nicht! Mögen fallen seine Mauern, ich
-stürze mit dem letzten seiner Steine.
-
-STIMMEN:
-
-Nicht dulde ihn bei den Kriegern ... ein Verräter ist er ... Verwirrung
-sprengt er unter die Krieger ... jage ihn fort ... nicht habe er länger
-Gemeinschaft mit uns ...
-
-ZEDEKIA:
-
-Zum letztenmal, Jeremias! Aufgetan ist dir der Weg!
-
-JEREMIAS:
-
-Ich bleibe in Gottes Stadt, bis daß sie vergehet, bis daß ich vergehe!
-
-ZEDEKIA:
-
-Dann aber wisse dieses zur Warnung: Schwert liegt fortab auf deinem
-Wort! So du noch einmal hebst die Stimme zu harter Verkündung, so du
-noch einmal ausschreiest Untergang in diesen Mauern, ist dein Leben
-verfallen.
-
-JEREMIAS:
-
-Nicht ich hebe die Stimme, Gott wirft sie aus mir. Wie die Luft fährt
-durch die Posaune, daß sie erklinge, so tönet sein Wille durch mich. In
-seine Hände habe ich mich gegeben.
-
-ZEDEKIA:
-
-Ich habe dich gewarnet, Jeremias, wie du mich gewarnet. Selbst schützest
-du fortan dein Leben. (Zu den andern): Keiner rühre ihn feindlich an,
-solange er sich zähmet. Doch schreit er noch einmal Schrecknis über die
-andern, so fasset ihn, und er büße nach euerm Spruch. (Zu Jeremias):
-Hüte dich, hüte deine Lippe, daß dein Blut nicht springe über sie! Uns
-aber möge Gott schonen, wie ich heute deiner geschonet.
-
-JEREMIAS (reglos, mit unsicherer Stimme):
-
-Nicht mich hüte ich ... ich hüte Jerusalem ...
-
-ZEDEKIA (wieder an den Rand der Mauer tretend):
-
-Noch immer ziehen sie her, und wie von Wettern rollts von ihren Wagen
-und Rossen, es ist kein Ende abzusehen, kein Ende. Wahrlich, furchtbar
-ist er, der König von Mitternacht, furchtbar wird es sein, ihm zu
-begegnen! Gott schütze Jerusalem! (Tief atmend): Gott schütze Jerusalem!
-
- (ZEDEKIA wendet sich langsam zum Gehen und schreitet die Runde
- weiter; Abimelech, die anderen sowie die beiden Krieger folgen dem
- sinnend Hinschreitenden langsam nach.)
-
-BARUCH (aus dem Dunkel vorstürzend):
-
-Rasch ... eile ihm nach, noch einmal fasse deine Kraft ... Gottes
-Sendung ist über dir ... eile, daß du ihn zwingest.
-
-JEREMIAS (erwachend aus seiner Dumpfheit):
-
-Wen ... wen soll ich zwingen?
-
-BARUCH:
-
-Den König ... eile ihm nach ... entbrenne dein Wort, rette, rette
-Jerusalem!
-
-JEREMIAS:
-
-Den König! (In heißem Erschrecken um sich auf die leere Mauer starrend):
-Oh, fort ... fort ... versäumt ... verloren die heilige Stunde ... von
-Gott war er mir gesandt, in meine Hände geworfen, daß ich knetete seinen
-Willen, und ich ließ ihn entgleiten ... Blick in Blick war mir der
-Schwanke gegeben, und doch: wie Asche zerstäubte an seiner Stirne mein
-Wort ... Oh, Schmach über mich, daß so dürr war meine Rede, so laulich
-mein Atem ... Mit Fluch fiel ich ihn an, und mit Güte hat er mich
-geschlagen ... wer bin ich, daß man mir diente, wenn ich nicht diene dem
-Wort ... Oh, Fluch der Nessel meiner Rede ... Fluch der Distel meines
-Munds ...
-
-BARUCH:
-
-Noch einmal versuch es, und du zwingest ihn. Schon erschwankte sein
-Wille!
-
-JEREMIAS:
-
-Zu spät, zu spät, verloren ist die Stunde, die Gott mir erkor! Doch was
-wählete er auch mich, den Schwächling, was rief er Unkraft zu so
-gewaltig Beginnen! Warum tat er nur Galle des Fluches in meinen Mund und
-des Wortes bittern Wermut, warum die läutrige Flamme nicht, die
-entbrennet die Herzen der Menschen! Wer bin ich denn, Nichtiger, daß ich
-mich erfreche, seines Wortes Profeten mich zu nennen, Bruder der
-Erlauchten, wenn ich nicht Erbe bin ihrer Stärke? Königen umtaten sie
-den Zaum ihres Willens und beugeten der Völker Stirn, Feuer des Herrn
-fuhr voran ihrer Rede, doch ich, ich Dorn im Fleisch ihrer Qual, nicht
-ein Blatt vermag ich zu wenden mit meiner Seele Odem ... ein
-Speichelspeier nur bin ich, ein Tönen von Wirrsal und Wind ...
-
-BARUCH:
-
-Nicht quäle dich, Meister ... der Schmerz verwirret dich.
-
-JEREMIAS:
-
-So sage doch, zeuge, künde mir, daß ichs gewahr sei ... was hab ich
-vermocht? Eine Stadt hängt am Tode, und ihre Not verzehret mich ... von
-Träumen bin ich allnächtens umtan und schmerzhaft trächtig des Worts ...
-so sag, was vermocht ich wider den Herren der Stunde ... meine Warnung,
-wen warnete sie ... nicht daß er einen Boten sendete von Zelt zu Zelt ...
-nicht daß ein Mensch seine Schritte aufhübe als Bote des Friedens ...
-Oh, die Luft frißt meine Schreie, und das Gelächter der Menschen
-schluckt meine Schreie, zur Schande bin ich gezeugt und zur Plage
-geboren! Wem hab ich Freude geschenket? Ein Greuel bin ich den Gerechten
-und meiner Mutter Kümmernis. Kein Weib trägt ein Kind mir im Schoß, und
-kein Lebendiger glaubet meiner Rede!
-
-BARUCH:
-
-Ich glaube dir, ich laß dich nicht.
-
-JEREMIAS:
-
-Du glaubest mir ... noch immer ... dann hör mein Wort ... So du mir
-glaubest, verlaß mich! Denn du verderbest dich. Geh zu den andern, die
-Süße predigen und triefen von Verheißung, geh zu Hananja, der Sieg sagt,
-und nicht spotte ihrer mehr, denn wisse, sie sind besser denn ich. Ihre
-Lüge, sie zeuget noch Kühnheit, doch schlaff sind die Lenden meines
-Worts, sie wecken keinen Samen des Sieges. Ohnmacht nur zeugt meine
-Ohnmacht. Oh und sage, wer ist unnützer, denn der Friede schreit
-zwischen den Schwertern, wer törichter als der Weisheit Verkünder in der
-Trunkenen Mitte? Ist denn nicht Freude der Menschen Brot und die
-Hoffnung ihre Speise? Gesegnet, wer tröstet, verflucht, wer nur
-fluchet ... daß ihm darre die Zunge ... daß auslösche, der Anstoß ist
-und Ärgernis ...
-
-BARUCH:
-
-Nein, ich weiche nicht von dir ... Du bist der Große ... Dich hab ich
-erwählt um deines Leidens willen.
-
-JEREMIAS:
-
-Nicht lobe mich, nicht lobe mich ... mich verbrennet die Scham ... was
-hab ich denn Jerusalem zum Heile getan ... hab ich gebeugt des Königs
-Starrnis, hab ich zum Rechten geführt das irrend Volk, hab ich erweckt
-den Boten des Friedens mit meiner Rede Stachel? Nur geschrien habe ich
-und gefluchet, doch mein Geschrei war ein Blitz, der in Wasser fährt,
-und mein Fluch ein Wind, der nicht wehet ... wo ist meine Tat ... wem
-brachte ich Segen ... wo schuf ich den Frieden ... wo weckte ich den
-Boten zum Wege, da ich selber gestrauchelt ...
-
-BARUCH:
-
-Wie sagtest du ... einen Boten müßtest du schaffen, daß er gehe von
-Nabukadnezar zum Könige?
-
-JEREMIAS:
-
-Will er denn als erster sprechen zum andern. Wie die Knaben warten die
-Könige, daß einer anhübe mit dem Wort.
-
-BARUCH (heiß):
-
-Aus deinem Atem, sagtest du, müßtest du einen Boten erschaffen ... aus
-deinem Atem ... siehe, Jeremias, wisse ... du heilig Verzagter ... nicht
-dürr und fruchtlos ist dein Wort ... fruchtend ist es mir in die Seele
-gefallen ... in mir nun keimet Gottes Geheiß ... ich danke dir, Meister,
-Erwecker ... aus dem Dunkel hast du mich gehoben ... meine Tat mir
-gewiesen ... oh, Jeremias, der du Kraft zeugest aus deinem Schmerze ...
-ich danke dir ... ich danke dir.
-
-JEREMIAS:
-
-Was erglühest du so ... Ich fasse dich nicht ...
-
-BARUCH:
-
-Meine Tat ... Sie ist es, die mir entglüht ... Du hast mich befeuert ...
-ich weiß den Weg, nachbarlich geht er dem Tode wie der deine ... doch
-ich will ihn gehen für Jerusalem ... lebe wohl, Meister ... ich will
-würdig sein deines Rufes, lebe wohl.
-
-JEREMIAS:
-
-Wohin willst du?
-
-BARUCH:
-
-Lebe wohl, Meister ... lebe wohl und segne mich, wenn ichs vollbringe,
-und fluche mir nicht, so ichs versäume ... lebe wohl ... lebe wohl ...
-es gilt Jerusalem ...
-
- (BARUCH schwingt sich zur Mauer und beginnt hinabzuklettern.)
-
-JEREMIAS:
-
-Was willst du an der Mauer ... Baruch ... wohin ...
-
-BARUCH:
-
-Deinen Weg ... lebe wohl ... lebe wohl ...
-
- (BARUCH verschwindet jenseits der Mauer.)
-
-JEREMIAS (sich über die Mauer beugend):
-
-Baruch, wohin gehest du ... halt ein ... sie werden dich fassen ... die
-Späher Chaldäas sind schon rege um die Wege ... Baruch ... Baruch ...
-Was fliehst du von mir ... Was lässest du mich allein ... Baruch ...
-Baruch ... bleib bei mir in dieser Stunde ...
-
-DER ERSTE KRIEGER (ist herbeigeeilt):
-
-Was rufst du da ... was schreist du in die Nacht ...
-
-JEREMIAS (sich aufrichtend):
-
-Ich rufe ... ich rufe, und doch hört keiner auf mich ...
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Was geht hier vor? Was treibst du noch da? Mir war, als glitte ein
-Schatten die Mauer hinab. Ist einer mit dir?
-
-JEREMIAS:
-
-Keiner ist mit mir ... keiner ist mehr mit mir ...
-
- (JEREMIAS geht langsam, mit schwerem Schritt, von der Mauer
- stadtwärts hinab. Der Krieger sieht ihm starr nach, bis er im
- Schatten der Mauer verschwindet, dann rafft er sich auf und
- schreitet im harten Mondlicht schweigend auf und ab. Es ist ganz
- still, nur sein schwerer Schritt hallt über die mondblanken Quadern,
- und von ferne tönt aus dem Unsichtbaren heranklingend wieder der
- Wachtruf: »Simson über sie« ... »Simson über sie« durch die weiße
- Nacht ...)
-
-
-
-
-DAS FÜNFTE BILD
-
-DIE PRÜFUNG DES PROFETEN
-
- »Doch der Herr wollte ihn mit Leiden zermalmen.«
-
- Jes. LIII.
-
-
- Das enge Schlafgemach der Mutter Jeremias in seinem Hause. Die Türen
- des schmalen Raumes sind mit Vorhängen überhängt, ebenso die
- Fenster, so daß Licht und alle Laute nur gedämpft von außen in die
- Düsterheit der Stube dringen und kaum mehr als der Umriß der
- Gestalten und Dinge wahrnehmbar wird. Im Hintergrunde glänzt weiß
- aus der Dunkelheit das breite bettartige Pfühl, auf dem die alte
- Frau regungslos liegt. Neben ihr aufrecht stehend ACHAB, der alte
- Diener.
-
-JOCHEBED (eine Anverwandte, hebt vorsichtig den Vorhang des Einganges):
-
-Achab ... hör, Achab ...
-
-ACHAB:
-
-Leise!... Tritt leise heran! Wie Flaum liegt der Schlummer über ihr,
-eines Wortes Windhauch schon bläst ihn fort. Nicht störe ihre Ruhe!
-
-JOCHEBED:
-
-Wohl dem, der noch ruhen kann, indes die Tore schüttern und die Festen
-beben der Stadt!
-
-ACHAB:
-
-Nicht sprich davon, nicht erwähne des Feindes! So du sie liebst, schone
-der Kranken.
-
-JOCHEBED:
-
-Wie meinest du? Was soll ich nicht sagen?
-
-ACHAB:
-
-Nicht nenn unsere Not! Fremd ist ihr Jerusalems Schicksal.
-
-JOCHEBED:
-
-Nicht fasse ich dich. Sie weiß nicht, daß Krieg unsere Stadt umfährt?
-
-ACHAB:
-
-Wozu ihrs verraten, woran sie verginge? Ein Ahnen schon wäre ihr Tod.
-
-JOCHEBED (in höchstem Erstaunen):
-
-Sie weiß nicht, daß Assur über uns gefallen? Es ist noch ein Lebendiger
-in den Mauern, der unwissend blieb unseres Elends? Wie konnte solch
-Wunder geschehen? Sind ihre Sinne verschlossen denn, daß sie die
-Posaunen nicht hört, meint sie noch Frieden, da schon Widder die Mauern
-anrennen?
-
-ACHAB:
-
-Ihre Sinne sind dunkel geworden. Was sie hört, vermeinet sie Traum. Die
-Türen hab ich vertan und die Spalten verschlossen, daß nichts Eingang
-finde von Lärmen und Licht!
-
-JOCHEBED:
-
-Sie weiß es nicht? Sie weiß es nicht? Wunder ist dies und grausam
-zugleich. Nichts, sagst du, Achab, weiß sie, auch kein Ahnen rührt ihren
-Sinn?
-
-ACHAB:
-
-Manchmal flog Ahnen sie an, doch traumhaft nur, und mit Worten scheucht
-ich es fort. Nur gestern, als das Volk schrie bei des ersten Widders
-Prall, da schreckte sie auf. Die Decken warf sie im Fieber von sich und
-reckte die Hände, sie müsse hinaus, sie müsse zu Walle, Krieg sei im
-Land, Feind in der Stadt, Zion vergehe, Jerusalem falle. Das Wort sei
-erfüllt, ihr Sohn, er habe es wahrgesagt, der König sei gekommen, der
-König von Mitternacht. Und sie reckte sich auf und brach in die Knie,
-doch ehe sie noch stürzte, faßte ich sie und trug sie zum Bett und
-begütete sie, es sei nur ein Traum, nur ein Fiebertrug, dies Dröhnen
-draußen von Volk und Posaunen. Sie schien es zu glauben und lag dann
-offenen Auges und horchte dem dunklen Gedröhne der Gasse nach.
-
-JOCHEBED:
-
-Wie sonderlich! Doch sag: was ists, das sie so verwirrt?
-
-ACHAB:
-
-Ihre kranken Sinne suchen den Sohn.
-
-JOCHEBED:
-
-Jeremias ... den Rasenden ... den Geiferer der Gasse ... sie selbst doch
-stieß ihn aus dem Haus.
-
-ACHAB:
-
-Doch ward keine Stunde ihr seitdem froh. Stumm saß sie nur mehr in den
-Gemächern, und oft fand ich sie gebeugt über das Tor wie einer, der
-eines Gastes wartet. Und als er nicht kam und nicht kam, ward es mählich
-düster in ihren Sinnen.
-
-JOCHEBED:
-
-Doch was kommt er nicht, der Verworfene, daß sie genese an ihm? Die
-Gassen streift er alltags und speit Fluch in das Volk, indes die Mutter
-seiner sehnend ist. Warum kommt er nicht, der Schwätzer des Markts, der
-Würger der Freude?
-
-ACHAB:
-
-Unwissend ist er, daß sie seiner begehrt. Stolz ist er wie sie selbst,
-nicht die Steine der Schwelle tritt er, auf die sie ihn gestoßen.
-
-JOCHEBED:
-
-So laß es ihn wissen.
-
-ACHAB:
-
-Wie darf ichs ohne ihr Geheiß? Ein Sklave bin ich, ein Diener nur. Darf
-ich mich unterfangen denn, zu hören, was sie unwissend spricht?
-
-JOCHEBED:
-
-Du darfst es, du mußt es, so es ihr Leben gilt.
-
-ACHAB:
-
-Ist wahrhaft dies dein Meinen? Glaubst du, ich täte recht, voraus zu
-sein ihrem Wort und ihm Botschaft zu senden?
-
-JOCHEBED:
-
-Bei Gottes Güte, so mein' ichs. Ihr Leben rettest du damit.
-
-ACHAB:
-
-So sei Gott gedankt, denn höre, Jochebed! Was du forderst, ich hab es
-getan in meines Herzens Bedrängnis.
-
-JOCHEBED:
-
-Gesegnet, gesegnet dafür!
-
-ACHAB:
-
-Schon gingen meine Knaben aus, ihn zu suchen. Durch die Stadt sandte ich
-sie, noch fanden sie ihn nicht, doch hart sind ihre Schritte hinter den
-seinen!
-
-JOCHEBED: Ach, fänden sie ihn nur! Es würde ihr Genesung bringen, der
-Armen, denn wirr ist zwischen Stolz und Sehnen ihr Sinn.
-
-ACHAB:
-
-Ja, wirr ist ihr Gefühl und verdüstert ihr Blut. Seit er ging, ist sie
-wie mit sich selber entzweit.
-
-JOCHEBED:
-
-Ach, wer fühlt denn noch klar in der Wirrnis der Zeit!
-
- (DIE MUTTER regt sich seufzend auf dem Bette.)
-
-JOCHEBED (ihr Erwachen bemerkend, leise zu Achab):
-
-Achab ... sie regt sich ... der Schlaf fällt von ihr ab ... noch sind
-ihre Augen verschlossen, doch ihre Lippen füllt schon das Wort ...
-
- (ACHAB eilt hin und beugt sich über die Kranke.)
-
-DIE MUTTER (mit geschlossenen Augen, ihre Stimme ist leise wie ferner
-Gesang):
-
-Sag, ist er gekommen, sag, kam er schon? Oh, wo ist er, wo ist er, mein
-Sorgensohn?
-
-JOCHEBED (flüsternd):
-
-Wie wunderlich! Zum erstenmal denkt sie seiner im Wort!
-
-ACHAB:
-
-Noch ist Traum über ihr, noch sind ihre Augen verhangen.
-
-DIE MUTTER (regt sich und schlägt ihre Lider auf):
-
-Wo ... Achab ... Du bist es ... Jochebed ... oh, das Dunkel über mir ...
-Traum, Traum, der mich verwirrte ... wo ...
-
-ACHAB (zärtlich sich hinbeugend):
-
-Wie fühlst du, du Liebe? Wie hast du geruht?
-
-DIE MUTTER:
-
-Wie kann ich ruhen ... wie ruhen in solcher Träume Schrecknis ... wo ist
-er ... war er nicht hier ... wo ist er ... ich hab ihn gesehen ... was
-ging er fort ...
-
-JOCHEBED:
-
-Sieh den Glanz in ihren Augen! Wie aus Fieber blickt sie, noch wirrt sie
-der Traum.
-
-ACHAB:
-
-Wen meinst du, Liebe?
-
-DIE MUTTER:
-
-Fort ... was ging er fort ... was ließest du ihn von mir ... hier war
-er, hier ...
-
-ACHAB:
-
-Keiner war im Gelaß, denn Jochebed und ich ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Nicht er ... nicht er ... oh, Träume, wie voll ist von ihnen das Haus ...
-(plötzlich sich aufrichtend, fiebrigen Blicks): Was rufst du ihn
-nicht ... er soll kommen ... soll kommen ...
-
-ACHAB:
-
-Wen soll ich rufen?
-
-DIE MUTTER:
-
-Was fragst du, was fragst du? Siehst du nicht, Tod kniet auf mir, und du
-rufst ihn nicht!
-
-ACHAB:
-
-Wie wagte ich ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Oh, daß meine Füße vermauert sind, daß ich sieche, gehütet von blinden
-Knechten, von steinernen Herzen. Fort ... fort von mir!
-
-ACHAB:
-
-Aber Liebe ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Verraten hast du mich ... gesperrt ihm das Haus ... gewiß war er hier,
-und du hast ihn fortgestoßen ... er war hier ... mein Blut spürt ihn an
-der Schwelle ... er harrt nur des Rufes, und du schweigst ... Du hast
-ihn weggestoßen.
-
-ACHAB:
-
-So höre doch, Liebe ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Weh über mich ... fort ... fort von mir ... mögest du sterben wie ich,
-verlassen von deinen Kindern, sterben am Streu wie das Räudige ...
-
-ACHAB:
-
-Ein Wort nur laß mich sagen.
-
-DIE MUTTER:
-
-Ein Wort nur will ich hören, nur eines: Er kommt, er ist da ...
-
-ACHAB:
-
-Dies eben vermeld ich ... er kommt ... schon nahen dem Haus seine
-Schritte ...
-
-DIE MUTTER (sich aufrichtend, ganz verzückt):
-
-Er kommt ... er kommt ... mein Jeremias ... oh, Achab ... nicht belüge
-mich ... nicht trüge den Tod ...
-
-JOCHEBED:
-
-Schon hat er die Söhne gesandt, daß sie ihn suchen ... bald ist er hier ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Er kommt ... Ist es wahr ... er kommt ... ja, schon höre ich ihn ... in
-mir gehen seine Schritte ... ich hör ihn im Haus ... er will herein ...
-im Herzen pocht er ... hinab, so geh doch, ans Tor, eile, flieg hinab ...
-was steht ihr noch ...
-
-ACHAB (beruhigend):
-
-Du Liebe, gleich ist er bei dir ... frühmorgens schon sandte ich die
-Söhne ... er kommt gewiß ...
-
-DIE MUTTER (wieder erregt):
-
-Nein ... er kommt nicht ... träge sind sie, die Knaben, nicht suchen sie
-ihn ... sie streichen die Gassen ... oh, eilten sie doch ... das
-Dunkel ... das Dunkel ... im Blute steigt mirs auf ... ich ... ich will
-ihn noch sehen, eh mirs blendet den Blick ... geh, Achab ... sieh
-doch ... er ist da ...
-
-ACHAB:
-
-Gedulde dich, Liebe, nicht reg dich so wild.
-
-DIE MUTTER:
-
-Laß ihn ein ... was läßt du ihn warten ... hörst du nicht, wie er
-hämmert am Tor ... an den Schläfen fühle ichs schon ... auf ... tu ihm
-auf ... wie er hämmert ... weh ... wie er hämmert mit den Fäusten ...
-auf, tu ihm auf ...
-
-ACHAB:
-
-Noch ist er nicht hier, Liebe, doch er zögert nicht lang ...
-
-JOCHEBED:
-
-Gleich wird er kommen ... gedulde dich ...
-
-DIE MUTTER:
-
-Nein, nein, er ist da ... was haltet ihr ihn von mir ... ich habe nicht
-Zeit ... kalt rinnts mir die Glieder herauf ... oh, kalt ... wie Stein
-meine Beine ... es will ... es will ...
-
- (JEREMIAS ist leise zur Türe eingetreten und bleibt zögernd dort
- stehen, seine Hände sind verkrampft, sein Haupt wie von ungeheurer
- Last gebeugt.)
-
-ACHAB:
-
-Nicht raff dich so auf ... bette dich hin ... er wird ...
-
- (ACHAB bemerkt Jeremias, er hält erschrocken inne; auch Jochebed
- schweigt voll starrer Ergriffenheit. Eine steinerne Stille steht
- plötzlich im dunklen Raum.)
-
-DIE MUTTER (sich mühsam aufrichtend):
-
-Was schweigt ihr plötzlich mit einemmal ... was schweigt ihr so?
-(Plötzlich mit einem Jubellaut): Ist er gekommen ... ist er da, mein
-Kind, mein Sohn ... mein Jeremia ... oh, daß meine Sinne so dunkel
-sind ... wo ... wo bist du, Jeremia ...
-
- (JEREMIAS tritt zögernd einige Schritte näher, bleibt dann stehen,
- gleichsam vom eigenen Gefühle bezwungen.)
-
-DIE MUTTER (sich gegen ihn wendend):
-
-Du bist da, ich fühl es ... meine Sinne eratmen dich ... weh, daß es so
-dunkelt vor meinem Gesicht ... was trittst du nicht nah, daß meine Hände
-dich fassen ... Was kommst du nicht, mein Jeremia?
-
-JEREMIAS (unbeweglich verharrend, die Hände an sich gekrampft):
-
-Ich wage es nicht! Ich wage es nicht! Unheil hängt mir an, Fluch fährt
-mir voraus. Laß mich ferne stehn, daß mein Hauch dich nicht rühre, nicht
-Schauer anstreife dein heilig Herz!
-
-DIE MUTTER (fiebrig):
-
-Mein Kind, meine Arme, sie sehnen sich aus, was kommst du nicht, Lieber,
-was kommst du nicht nah? Ward dir so widrig die Lippe, so fremd meine
-Hand?
-
-JEREMIAS:
-
-Fremd bin ich mir selbst, fremd steh ich im Haus!
-
-DIE MUTTER:
-
-Oh, er verstößt mich, er läßt mich zum andermal! Was läßt du mich
-sehnen, was bist du so hart?
-
-JEREMIAS:
-
-Ich kann nicht! Ich kann nicht! Ein Wort brennt zwischen mir und dir wie
-des Engels Schwert.
-
-DIE MUTTER:
-
-Oh, der Fluch, den ich tausendmal selber verfluchte. Wind hat ihn
-zerblasen, mit dem Atem ist er verweht.
-
-JEREMIAS:
-
-Nein, Mutter, wach ist dein Fluch und alle Gassen rege deines Worts. Von
-den Häusern ist er gefahren wider mich, aus aller Menschen Mund sprang
-er mich an. Nicht dein Sohn, nicht atmend Fleisch bin ich mehr, nur
-Gelächter einer Welt, der Ausgestoßene bin ich worden meines Volks und
-der Zorn der Gerechten, der Vergessene Gottes und Ekel mir selbst.
-Allein, laß mich allein, abseits laß mich stehen im Dunkel, den
-Verfluchtesten aller!
-
-DIE MUTTER:
-
-Oh, mein Kind, und wärest du der Verstoßene einer Welt, in der Priester
-Bann und des Volkes Acht, und hätte selbst Gott dich verstoßen von
-seinem Antlitz, mein Kind bist du und mein selig Blut für immerdar! Für
-ihren Haß will ich dich lieben und segnen für ihren Fluch! Haben sie
-gespien auf dich, oh, komm, daß ich dich küsse; haben sie dich
-verstoßen, oh, komm, daß ich dich empfange; oh, kehr heim an mein Herz,
-da du ausgegangen. Süß ist mir deine Lippe, die bittere, und süß das
-Salz deiner Tränen, gesegnet mir dein Wandel für allezeit, kehrst du nur
-heim an mein mütterlich Herz ...
-
-JEREMIAS (mit einem Aufschrei hinstürzend und in die Knie sinkend):
-
-Oh, Mutter, du ewige Güte du! Oh, Mutter, du meine verlorene Welt!
-
-DIE MUTTER (ihn in den Armen einwiegend, hält ihn lautlos umfangen. Ihre
-Hände streichen immer aufs neue zitternd über sein Haupt, seinen Leib.
-Endlich blickt sie ihn an, in ihrem Auge glänzt ein fremdes,
-glückseliges Licht, wie sie gleichsam in singender Klage zu ihm
-spricht):
-
- Mein Kind, du mein weltverlorenes Kind,
- Ach, wärst du doch niemals von mir gegangen
- Zu den Menschen, die starr wie die Steine sind!
- Oh, du Lieber, du Guter, du spät Belehrter,
- Mein Herzgewiegter, mein Heimgekehrter
- Ruh aus nun, du Lieber, am Herzen ruh aus,
- Ich habe dich ja wieder, spür Blut dich im Blut,
- Väterlich hält dich mit Stille das Haus,
- Mütterlich warm mein Arm dich gefangen.
- Laß dir streicheln die Stirn, laß dir schmeicheln das Haar
- Wie einstens, wenn in dir ein Wehes war,
- Und das Wort, das harte, das törige Wort,
- Sieh, schon streichts die Hand von den Schläfen dir fort.
-
-JEREMIAS (mit leisem Erschrecken):
-
- Oh, Mutter, wie deine Hände doch schmal sind,
- Oh, Mutter, wie deine Wangen doch fahl sind,
- Dein Herz ward so still, deine Lippen so blaß.
- Bist du krank denn, Mutter, sag, fehlt dir etwas?
-
-DIE MUTTER:
-
- Was mir fehlte, warst du allein,
- All, was mich quälte, dein Fernesein.
- Als hier vom Haus
- Dein letzter Schritt im Gang verklang,
- Da ward herzinnen mir so schwach,
- Wie jenes Tags vor Jahr und Jahr,
- Als ich dich in die Welt gebar
- Und vieler Monde volle Frucht
- Aus meinem süß beschwerten Schoß
- Mit einmal schmerzhaft von mir fiel
- Und fast das Herz mir stille stand,
- Da es nicht mehr dies andre fand,
- Das mit ihm schwang im Wechselspiel. --
- Oh, jene Stunde banger Qual,
- Da du zuerst dich mir entrafft,
- Als neue Not und Mutterschaft
- Durchlebt ich sie nun abermal,
- Oh, Tag um Tag und Nacht für Nacht,
- Und du weißt nicht, wie Sehnsucht uns müde macht.
-
-JEREMIAS:
-
- Oh, Mutter, so hast du um mich gelitten,
- Und ich stieß durch die Straßen, starrfühlend wie Stein!
- Oh, Mutter, wie kann ich dir dies abbitten,
- Oh, Mutter, wie kannst du mir dies verzeihn!
-
-DIE MUTTER:
-
- Und wenn ich so mit mir allein
- Im leeren Haus verlassen lag,
- Träumt ich dir all deine Träume nach.
- Bei Tag
- Da duckten sie sich, da hockten sie stumm
- Im grauen Gespind und Gebälk herum.
- Doch kaum, daß am Dach die Sonne verblich,
- Da regten sie sich,
- Wie Eule, Unke und Fledermaus
- Flatterten sie schwarz aus den Schatten aus.
- Sie schlichen
- Und strichen
- Um meine Schläfen mit Graun und Geraun.
- Sie hockten
- Sich schwer auf die Brust, daß der Atem mir stockte.
- Sie hackten
- Und nagten
- Kaltgleitende Schatten mir schwarz auf der Stirn
- Und fraßen den Schlaf vom Herzen und Hirn.
- Oh, wie sie mich quälten, die widrigen Tiere,
- Die wirrichten Träume, die geilen Vampire,
- Bald kühlten und bald durchschwülten sie mich,
- Bis tiefst zu innen aufwühlten sie mich,
- Daß ich, wenn endlich der Morgen anbrach,
- Entkräftet im Schweiß meines Leibes lag,
- Von Schauer und Traum
- Ganz ausgehöhlt wie ein uralter Baum.
-
-JEREMIAS:
-
- Oh, Mutter, oh, Mutter, was tat ich dir an!
- Und ich strich die Straßen, fremd, unbedacht!
- Mit Jahren laß jede Nacht mich entsühnen,
- Die du um meinetwillen verwacht!
- Jetzt, jetzt erst hebt ja mein Leben an,
- Seit ich heim in deine Vergebung mich fand,
- Nun weiß ich erst, daß die wirrichte Welt
- Der Liebe nicht auch nur ein Tausend enthält,
- Als das milde Kreuz deiner Arme umspannt.
-
-DIE MUTTER:
-
- Oh, mein Sohn, mein Kind, mein Jeremia,
- Oh, ahntest du, was du an Tröstung gibst,
- Wenn ich wieder erfühle, daß du mich liebst,
- Oh, daß du doch immer mir nahe bliebst,
- Du mein brennender Trost, mein seliges Licht,
- Du mein Erdenbrot, du mein Gottesdank,
- Genesen entglüht mir schon deinem Gesicht!
- Oh, höre, ich beschwöre dich,
- Jeremias, verlaß mich nicht,
- Bleib mir jetzt nah, es währt nicht lang,
- Bleib da bei mir, Jeremia!
-
-JEREMIAS:
-
-Was fürchtest du ... ich faß dich nicht ...
-
-DIE MUTTER:
-
- Nicht lüge, nicht betrüge mich.
- Glaubst du, daß ichs nicht innen spür,
- Wie sichs mit mir zu Ende neigt.
- Ich fühls: der Tod ist wach in mir!
- Und wie in einer Schattenuhr
- Ganz unmerklich
- Der schwarze Zeiger Strich um Strich
- Wandaufwärts schiebt und ründet sich,
- So steigt
- Mit jedem wachen Atemzug
- Das Dunkel tiefer mir ins Blut.
- Weh, daß ichs selbst so wissend spür,
- Wie ich im wachen Blut einfrier.
-
-JEREMIAS:
-
- Mutter, wie soll ich den Wahn verstehn,
- Du willst mich verlassen? Willst von mir gehn?
- Bedenke, nun sind
- Wir doch einander kaum wiedergewonnen,
- Zu neuer Gemeinschaft, Mutter und Kind,
- Nun erst hat mein wahrhaft Leben begonnen,
- Gott hat nicht vergebens mich heimgesendet
- Aus meiner Wirrnis und meinem Wahn:
- Ein Anbeginn ist dies von Gott und kein Ende,
- Oh, Mutter, heb neu mir zu leben an!
-
-DIE MUTTER:
-
- Du ewiger Träumer, du mein töriges Kind,
- Wie verführungsvoll deine Worte doch sind!
- Ach, daß ichs vermöchte,
- Was du ersehntest, dir wahrhaft zu werden,
- Ein Traum wär die Welt, zum Himmel die Erde!
- Im stillen Haus, einträchtig zu zwein,
- Wie friedsam sollte dies Leben sein!
- Mit lindem Gang
- Schritt ich des Tags deine Stunden entlang,
- Und zur Nacht
- Säß ich ob deinem Schlummer wach
- Und glänzte den Blick als ein lauschend Licht
- In das schlafend Dunkel auf deinem Gesicht,
- Ich horchte in deines Atems Getön,
- Ob still er weht
- Oder heiß von Fiebern und Träumen geht.
- Und fühlt ich, die Träume erschreckten dich,
- So weckte ich dich,
- Und dein erster, dunkelenttauchender Blick
- Fiele froh in das Lächeln des meinen zurück.
-
-JEREMIAS:
-
- Mutter, Geliebte, sorge dich nicht,
- Meine Nächte sind dunkel und träumeleer.
- Es ist vorüber: ich träume nicht mehr.
-
-DIE MUTTER:
-
-Du träumst nicht mehr?
-
-JEREMIAS:
-
- Ich träume nicht mehr.
- Mein Schlaf ward schwarz, mein Schlaf ward stumm,
- Nicht mehr wallen
- In meinem Blut die Gesichte um,
- Meine Träume sind tief in den Tag gefallen,
- Ihr Schauer hat sich den Stunden gesellt:
- Ich träume nicht mehr, denn wach ward die Welt.
-
-DIE MUTTER (ekstatisch):
-
- Jeremia! Du träumst nicht mehr?
- Oh, wie gut! Oh, wie gut!
- Siehst du Verzagter, ich wußte es ja,
- Gott würde dein dunkelndes Herz erleuchten
- Von seiner Wirrnis und seinem Wahn!
- Oh, so selig sicher glühts mir im Blut,
- Was ich dich lehrte von Anfang an:
- Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,
- Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen,
- Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,
- Ewig werden die ragenden Mauern,
- Ewig die Herzen Israels dauern,
- Ewig währet Jerusalem!
-
-JEREMIAS (ist von den Knien aufgefahren. Er starrt sie wie ein Sinnloser
-an. Seine Lippen beben das Wort wie eine Frage nach):
-
-Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt ... umwallen?...
-
-DIE MUTTER (aufzitternd vor Angst):
-
- Was schrickst so jäh,
- Was blickst du so blaß?
-
-JEREMIAS (noch ganz benommen im Schauer):
-
-Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt umwallen ...
-
-DIE MUTTER:
-
- Jeremia, sprich,
- Was ist dir geschehn,
- Was krampfst du die Hand,
- Was birgst du den Blick?
- Was schrickst du und blickst du so unbewußt?
- Und ihr,
- Achab, Jochebed,
- Was winkt ihr ihm ab,
- Was blinkt ihr ihm zu,
- Jeremia, Jeremia,
- Sage mir, sage, was ist geschehn?
-
-JEREMIAS (sich fassend):
-
- Nichts, Mutter ... nichts ... nicht errege dich.
- Mir war
- Nur dein Wort so fremd ... so sonderbar.
-
-DIE MUTTER:
-
- Nein!
- Euer Blick
- Ward mit einmal schwarz und sorgenumdüstert;
- Und nun steht ihr im Dunkel und schauert und flüstert.
- Fürchterlich, fürchterlich
- Ist dies Geheimnis, das ihr verschließt.
- Ich spür
- Es wie Tod und Gottes Zorn über mir.
-
-JEREMIAS (stammelnd):
-
-Nichts, Mutter ... nichts ... verbergen wir dir.
-
-DIE MUTTER:
-
- Was belügt ihr mich,
- Was betrügt ihr mich?
- Noch bin ich nicht tot und nicht eingesargt,
- Noch geht der warme Atem von mir,
- Noch schlägt mir das Blut aus dem Herzen heraus,
- Noch kann ich hören, noch bin ich nicht stumm,
- Noch bin ich lebendig im eigenen Haus.
-
-JEREMIAS:
-
- Mutter ... du fieberst ... Wahn hält dich umkrallt,
- Deine Schläfen sind Feuer ... deine Hände so kalt ...
-
-DIE MUTTER:
-
- Was biegt ihr mir aus,
- Was schließt ihr mich ab?
- Und wär es die Schrecknis, ich will um sie wissen!
- Warum, oh warum
- Sind hier die Fenster und Türen verhängt,
- Warum ist alles so dunkel und stumm?
- Wie in einen Sarg
- Habt ihr mich wach in mein Bett versenkt,
- Mich schwarz vergraben in Matten und Kissen.
- Warum, warum
- Stoßt ihr gewaltsam in Grauen und Grab
- Mich, die Lebendige, jetzt schon hinab?
-
-JEREMIAS:
-
- Mutter ... Mutter ... bette dich hin ...
- Nicht wirf dich hoch ... beruhige dich ...
- Meine Hände fühle ... ich bin doch bei dir ...
-
-DIE MUTTER:
-
- Ich lebe ... ich lebe ... ich lebe noch,
- Ich lasse mich nicht belügen und trügen.
- Fürchterlich Wachen kommt über mich.
- Ich weiß es, ich weiß es jetzt grauenvoll klar,
- Daß mein Träumen nicht Traum, sondern Wirklichkeit war.
- Oft
- Hörte ich Dröhnen
- Von Rossen und Wagen,
- Ein Tönen,
- Klirren und Klagen und Waffenschlagen,
- Posaunen schollen dumpf in den Raum her,
- Und ich lag
- Von Grauen umdrängt
- Und meinte,
- Daß all dies nur mein eigener Traum wär.
- Doch jetzt
- Bin ich wach,
- Grauenhaft wach,
- Der Tod hat die Lider mir aufgesprengt.
- Ich weiß,
- Warum ihr das Licht und den Lärm mir verhängt:
- Unheil ist um in der Stadt, in den Toren,
- Wir sind geschlagen, wir sind verloren.
- Wehe, Krieg ist in Israel!
-
-JEREMIAS:
-
-Mutter! Mutter!
-
-DIE MUTTER:
-
- Jeremia,
- Jeremia, sprich,
- Nicht laß mich in Dunkel, nicht schweige mich an.
- Sag,
- Ist er gekommen,
- Den du verkündet,
- Der König, der König von Mitternacht?
-
-JEREMIAS:
-
-Du träumst, Mutter, du träumst.
-
-JOCHEBED (flüsternd):
-
-Leugne es ihr ... um ihres Lebens willen leugne es ihr ...
-
-DIE MUTTER (im Fieber):
-
- Weh, die Fanfaren,
- Wie sie dröhnen und schallen!
- Er ist da, er ist da,
- Der reisige König von Mitternacht!
- Krieg ist in unsere Länder gefallen,
- Feind kommt gefahren
- Unendliche Scharen.
- Weh, wie sie stürmen!
- Es knicken die Mauern,
- Es brechen die Tore
- Gewaltig entzwei.
- Verloren ... verloren
- Israels Stadt und heiliges Haus.
- Die Mauer begräbt mich,
- Die Mauer erschlägt mich.
- Weh! Ich will nicht verbrennen im Bette!
- Rette mich, rette!
- Wohin
- Soll ich entfliehn?
- Jeremia ... wo bist du ... Jeremia,
- Hebe mich fort ... trag mich hinaus!
-
-JEREMIAS (bei ihr kniend):
-
- Mutter, Mutter, unseliger Wahn
- Hält dich umkettet,
- Mutter, Mutter, höre mich an!
-
-DIE MUTTER:
-
- Ich halt deine Hand, ich halt deine Hände,
- So schwöre mir, schwöre,
- Daß es nicht wahr ist.
- Schwöre mir, schwöre,
- Daß Israel nicht in Not und Gefahr ist.
- Schwör mirs, beschwöre,
- Daß kein Feind mir die letzte Ruhe verstört,
- Daß mein Leib in Zion zur Erde fährt!
-
-JEREMIAS (erschreckt):
-
- Es wird ... es wird ... Gott wird gnädig sein
- Unserm Tode, wie ers dem Leben ist.
-
-DIE MUTTER:
-
- Jeremia,
- Sage mir, sage,
- Bin ich wach oder wirr,
- Ist Feind vor den Toren
- Oder seligen Friedens voll unsere Welt?
-
- (JEREMIAS mit sich ringend, sucht vergeblich ein Wort.)
-
-ACHAB (gleichzeitig auf ihn eindringend):
-
- Täusche sie ... sprich
- doch ... eh sie vergeht.
- Siehst du denn nicht,
- Wie dunkel schon auf ihrem Gesicht
- Schatten des Todesengels hinweht?
- Die Angst ... die Schrecknis ... scheuch ihr sie fort ...
-
-JOCHEBED:
-
- Sprich ihr zu ... sonst wird es zu spät ...
- Ein Wort nur ... ein Wort,
- Daß sie in Frieden zu Gott eingeht.
-
-JEREMIAS (mit sich ringend):
-
- Ich ... kann nicht ... ich kann nicht.
- Es hält mir einer die Kehle umpreßt,
- Es hält mir einer die Seele umschnürt ...
-
-DIE MUTTER:
-
- Wehe,
- Er schweigt,
- Oh, wahr, es ist wahr!
- Gott hat sein eigenes Volk geschlagen ...
- Jerusalem ... Fluchtag, der mich gebar ...
- Das Dunkel ... wehe ... das Dunkel steigt ...
- Brand überm Land ... die rasende Glut ...
- Weh, ich verbrenne ... rettet mich fort ...
-
-ACHAB (gleichzeitig):
-
-Ein Wort ... ein Wort nur sprich ... nur ein Wort.
-
-JOCHEBED:
-
-Tröste sie ... tröste sie ... eh sie vergeht ... Ein Wort nur ... ein
-Wort ... sieh, wie sie verschmachtet.
-
-JEREMIAS (wie ein Gewürgter röchelnd):
-
- Ich ... kann es nicht sagen ... das Wort ...
- Er läßt nicht ... Er ... Mir die Kehle verdorrt ...
- Die Hand ... die grausame Gotteshand ...
- Mir ... die Seele geschnürt ... die Kehle umspannt ...
- Gott ... Gott, gib mich frei ... gib mich frei ...
-
-DIE MUTTER (aufzuckend in wildem Schrei):
-
- Verloren ... weh ... wehe ... ich brenne ... Mord im Gezelt ...
- Hilfe ... die Stadt ... der Tempel ... Gott fällt ...
- Gott ist gefallen ... verloren ... die Flammen Gehennas ...
- Ins Herz ... bis ins Herz ... oh, Jerusalem ...
-
- (Die Mutter stürzt plötzlich in sich zurück. Ein tiefes Schweigen.)
-
- (ACHAB UND JOCHEBED treten erschreckt heran und beugen sich über die
- Tote.)
-
-JEREMIAS (Stimme plötzlich grell wie ein Springquell aufschießend):
-
- Es ist nicht wahr:
- Ich log, ich log,
- Ewig währet Jerusalem,
- Nie wird ein Feind unsere Stadt umwallen,
- Nie Zion sinken, nie Davids Burg fallen.
- Höre mich, Mutter, noch einmal aufhöre,
- Ich schwöre, siehe, ich schwöre, ich schwöre:
- Ewig währet Jerusalem!
-
-ACHAB (im Zorn):
-
- Weg,
- Du schreist sie nicht wach!
- Laß ihr den Frieden!
-
-JEREMIAS:
-
- Sie muß mich hören, sie muß mich hören,
- Eh es zu spät ist!
-
-ACHAB:
-
- Es ist zu spät!
- Weg
- Von ihrer Stille,
- Fort aus dem Gemach,
- Du schreist sie nicht auf, du lügst sie nicht wach!
- Was sprachst du nicht, da sie vor Angst sich verzehrte
- Und ihr Leben an deinem Schweigen verging?
- Fort,
- Du Mitleidsloser, du Gottesnarr,
- Du wüster Träumer, du Ausgestoßner!
- Da,
- Sieh nur, wie starr
- Ihre Blicke nach Güte und Hoffnung fragen,
- Und du hast
- Ihr den Schrecken des Todes hineingeschlagen.
- Du Gottverfluchter ... weg ... laß ihr den Frieden ...
- Der du sie selber gemordet hast.
-
-JEREMIAS (stammelnd):
-
-Laß mich ... ich will ...
-
-JOCHEBED:
-
- Fort, du Aussatz
- Von den Gerechten,
- Fort aus dem Haus!
- Wehe, warum
- Ließ sie dich ein?
- Weg, du Verfluchter,
- Rühr nicht die heilige Stille an
- Und den Tod, den du ihr angetan.
-
-JEREMIAS (zusammenbrechend):
-
- Ewig verflucht,
- Ewig verstoßen,
- Aus dem Mutterschoß in die Welt hinein,
- Gott ... Gott ... es ist hart, dein Bote zu sein!
-
- (ACHAB UND JOCHEBED umschreiten feierlich die Tote. Sie drücken ihr
- die Augen zu und schlagen die Laken um ihren Leib. ACHAB geht zu den
- Krügen und schüttet das Wasser auf die Erde. Man hört nur ihr
- ernstes Schreiten. Jeremias stumpfer Blick ist starr zu Boden
- gerichtet. Ein langes, tiefes Schweigen voll der Geheimnisse des
- Todes.)
-
- (LÄRMEN von außen, heftige Stimmen in Erregung.)
-
-ACHAB:
-
-Wer dringt heran?
-
-JOCHEBED:
-
-Außen stehen sie, ein lärmender Hauf. Sie wollen ins Haus.
-
-ACHAB:
-
-Wie die Feinde pochen sie hart. Tu ihnen auf!
-
-JOCHEBED:
-
-Wehe, die Wilden! Sie sprengen das Tor!
-
- (Gepolter nah außen von zerbrechendem Holz. Herauf dringt das
- Dröhnen schwerer hastiger Schritte und herein stürmen SEBULON,
- PASHUR, HANANJA, DER ERSTE KRIEGER und ein Schwarm mit ihnen.)
-
-SEBULON:
-
-Hier muß er sein.
-
-EIN KNABE:
-
-Ich sah ihn eingehn ins Haus.
-
-STIMMEN:
-
-Ich auch! Vor einer Stunde schlich er hier ein. Ich hielt Wache, wie du
-befahlst ... ich auch ... ich hab ihn gesehn.
-
-ACHAB:
-
-Wen sucht ihr?
-
-PASHUR:
-
-Gib ihn heraus, den du birgst!
-
-SEBULON:
-
-Wir wollen ihn fassen! Blut um Blut!
-
-ACHAB:
-
-Was lärmt ihr! Weg von hier, ihr Rotte ...
-
-PASHUR (die Tote sehend, hebt die Hände von sich und spricht ernst):
-
-Gelobt sei der ewige Richter. Gnädig möge er sein der Gerechten! (Dann
-wendet er sich und tritt schweigend zurück.)
-
-DIE ANDERN (plötzlich still werdend, murmeln):
-
-Gelobt sei der ewige Richter ...
-
-EINER (leise):
-
-Wer starb?
-
-ACHAB:
-
-Eine, von der Gott sein Antlitz kehrte. Eine Kummervolle, eine
-Leidbeschwerte. Eine, deren Schmerz und bitterste Sorge war, daß sie
-einen Feind ihrem Volke gebar.
-
-EINER:
-
-Jeremias!
-
-SEBULON:
-
-Ihn suche ich! Ihn suche ich! Jeremias!
-
-JEREMIAS (auffahrend, seine Stimme ist gewaltig von schmerzlichem
-Zorne):
-
-Wer sucht mich noch? Wer will noch Fluch schreien über mich? Er komme,
-daß er es tue, der Aufgetane bin ich allen Flüchen dieser Erde!
-
-SEBULON:
-
-Ich komme, dir zu fluchen, du Verfluchter, ich, Sebulon, der Vater
-Baruchs, den du verführtest. Wo ist mein Sohn?
-
-JEREMIAS (abwesend):
-
-Ich weiß es nicht. Nicht bin ich der Hüter deines Sohnes.
-
-SEBULON:
-
-Der Verführer doch bist du und der Verderber. Schande hast du geworfen
-auf mein Haupt und Schmach auf seinen Namen. Brüder um mich, höret,
-diesen klage ich an! Er hat meinen Sohn verlockt, daß er untreu ward
-seinem Gotte und feige an seinem Volke. Er hat ihn beredet, mit Worten
-des Unheils und verleitet zur Schande.
-
-HANANJA:
-
-Antworte! Klage erhebt dieser Mann wider dich!
-
-JEREMIAS:
-
-Auch er klaget, auch er? Wehe, wenn ich anhübe zu klagen, mein Wort
-müßte fahren zu Gott!
-
-STIMMEN:
-
-Er schweigt ... er redet wirr, daß man ihn nicht fasse ... Haltet
-Gericht ... nicht gebet ihn frei ... Pashur, Hananja ... Ein Ende machet
-mit ihm ... haltet Gericht ...
-
-HANANJA:
-
-Hast du Zeugen deines Wortes, Sebulon?
-
-SEBULON:
-
-Verschwunden ist mein Sohn aus der Stadt, und mit ihm nur ward er
-gesehn! Und dieser hat gehört, wie er ihn verlockte des Mitternachts an
-der Mauer, daß er überliefe zum Feind!
-
-HANANJA (zu dem ersten Krieger):
-
-Bist du des zu zeugen erbötig?
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Ich bin es, Profet! Da ich stund auf dem Walle, kamen selbander die
-beiden, dieser, Jeremias, den ich kannte, und ein Jüngerer, wie ein
-Knabe anzuschaun, schwarz von Haar und feurigen Blickes ...
-
-SEBULON:
-
-Baruch, mein Sohn, mein Kind, das verführte!
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-Und viel Redens war zwischen ihnen, und dieser, Jeremias, kündete laut
-Untergang, daß mir das Herz ergrimmte ...
-
-HANANJA (zu den andern):
-
-Habt ihr vernommen? Laut kündete er Zions Fall!
-
-DER ERSTE KRIEGER:
-
-... und da der König gegangen war und beide allein, klomm jener, den ihr
-Baruch nennet, die Mauer hinab und lief zum Feinde, indes dieser zagte
-und blieb.
-
-SEBULON:
-
-Hört ihr? Habt ihrs vernommen, Männer Israels? Der Verführung klage ich
-ihn und der Schmach über mein Haus.
-
-PASHUR:
-
-Was ist dein Einspruch, Jeremias? Klage stehet wider dich.
-
-JEREMIAS (schweigt).
-
-PASHUR:
-
-So nennest du keinen Zeugen?
-
-JEREMIAS (dumpf):
-
-Der für mich zeugen wird, nennet sich nicht.
-
-PASHUR:
-
-Wird er sich erweisen zur Zeit?
-
-JEREMIAS:
-
-Oh, Schweigen, Schweigen! Qual eurer Worte!
-
-HANANJA:
-
-Hört ihr? Eitel Ausflucht und Ränke!
-
-STIMMEN:
-
-Er leugnet nicht ... überwiesen ist er! Ein Ende, macht ein Ende.
-
-PASHUR:
-
-Stille! Gerecht Gericht will ich halten! Jeremias, ich rufe dich zu
-Einspruch und Widerrede!
-
-JEREMIAS (schweigt).
-
-PASHUR:
-
-Klage ist wider dich, daß du gekündet Untergang wider des Königs Geheiß.
-
-JEREMIAS (schweigt).
-
-STIMMEN:
-
-Er verbirgt sich ... brich seinen Trotz ... ein Ende, mach ein Ende ...
-
-HANANJA:
-
-So leugnest du deine Verheißung?
-
-JEREMIAS (schweigt wie abwesend).
-
-HANANJA:
-
-Sehet, vor des Todes Angst bricht seines Lebens Angst. Er schweiget, zum
-ersten Male schweiget er!
-
-JEREMIAS:
-
-Willst du mich versuchen, du Versucher Israels, daß ich sage nein für
-Gottes Ja und ja für sein Nein! Stärker hat er mich versuchet, daß ich
-weiche von seinem Wege, und ich bin nicht gewichen. Er hat eine wider
-mich gestellt, deren Atem mir teurer war, als meines Lebens Hauch, und
-ich wankte ihr nicht, denn wen der Herr zur Geißel erlesen, den reißt er
-los vom Baume des Lebens. Steinern bin ich worden in dieser Stunde, oh,
-daß ich wäre der Stein des Anstoßes, an dem ihr euch zerstoßet. Weichet
-von mir und verstört nicht meinen Frieden!
-
-SEBULON:
-
-Nicht weiche ich! Meinen Sohn hat er verstört. Gericht fordere ich,
-gerecht Gericht.
-
-HANANJA:
-
-Das Volk hat er verwirrt! Tod über sein Haupt!
-
-STIMMEN:
-
-Tod über ihn ... befreie uns von seiner Nähe ... tilg ihn aus ... Sprich
-deinen Spruch ...
-
-PASHUR:
-
-Zweimal habe ich dich gerufen zum Wort. Da du schweigen solltest, hast
-du geredet, und nun du reden solltest, schweigest du. Zum drittenmal
-rufe ich dich.
-
-JEREMIAS (schweigt).
-
-PASHUR:
-
-So sprech ich deinen Spruch! Nicht mehr sollst du schrecken die Mutigen,
-nicht mehr verwirren die Knaben. Jeremias, Sohn Hilkias in Israel ...
-
-JEREMIAS:
-
-Ein Ende! Macht ein Ende! Brennt mich nicht an mit den Blicken! Euer
-Atem ekelt mich! Ein Ende, ein Ende!
-
-PASHUR:
-
-In die Düngergrube stoßt ihn hinab, Unrat zu Unrat, Kot zum Kote, daß
-Gottes Licht er nicht länger schände und ledig sei seiner Stimme die
-Stadt. Möge er faulen wie seine Worte im Dunkel der Erde.
-
-JEREMIAS:
-
-Oh Qual alles Lebens! Oh Qual aller Worte! Gesegnet das Dunkel, gesegnet
-das Grab!
-
-PASHUR:
-
-Faßt ihn an, vollzieht den Spruch!
-
-STIMMEN:
-
-Gerechter Spruch ... gesegnet deine Weisheit ... fort ... hinab ...
-schleifen wir ihn fort ... die Seile holt ... die Seile ... daran wir
-ihn niederlassen.
-
-JEREMIAS (zurückzuckend vor ihrer Berührung):
-
-Nicht rühret mich an, nichts hab ich gemein mehr mit euch! Oh, besser
-jetzt im Dunkel zu weilen, denn die Stunde ist nahe, da die Lebendigen
-neiden werden die Toten und die Wachen die Schweigenden in Israel. Oh,
-wie michs schon lüstet des Schweigens, wie michs brennet, der Toten
-Bruder zu sein -- fort -- weichet, selbst scharr ich mich ein, daß ich
-erlöst sei der Welt und Israel meiner erlöset sei!
-
- (JEREMIAS geht mit eingezogenen Armen wie ein Frierender gegen die
- Türe, das Haupt schon gesenkt gegen die Tiefe. Die andern beginnen,
- ihm vorsichtig nachzufolgen.)
-
-HANANJA (mit gellem Ton die Stille zerschneidend):
-
-Jauchze, Zion, geborsten ist die Posaune deines Untergangs, zerrissen
-die Lippe deines Leugners. Jauchze, Zion, denn ewig ist deine Blüte!
-Ewig währet Jerusalem!
-
- (JEREMIAS hat sich im Zorne gewaltig umgewandt. Er spannt seine Arme
- zur Beschwörung, aus seinen Blicken flammt ekstatische Drohung, von
- seinen Lippen will furchtbarer Fluch brechen. Die ihm folgen, fahren
- schauernd zurück wie vor eines wilden Tieres Ausbruch. Aber Jeremias
- bezwingt sich. Seine Arme sinken langsam nieder, die gespannte
- Furchtbarkeit seiner Züge löst sich. Einmal noch sucht sein Blick
- das Bett der Toten, dann lischt seine Glut. Er verhüllt sein Antlitz
- und schreitet einsam voran, wie gebückt von großer Last.)
-
-DIE ANDERN (sich allmählich aufraffend, doch noch voll Gedrücktheit):
-
-Selig, daß wir diesen wüsten Träumer abtaten von der Stadt ... ein
-Verhängnis war er ... man verbrannte an seinem Blut ... oh, daß nun doch
-Frieden würde ... Friede in Israel ... hinab mit ihm, daß versiegelt sei
-dieser Mund des Schreckens, oh, Erlösung ... daß doch nun Friede würde
-in Israel ...
-
- (ALLE folgen in Unruhe und Bewegung Jeremias. Als Letzter verläßt
- ernst und sinnend Pashur den Raum. Achab und Jochebed sind
- zurückgeblieben und blicken einander unsicher an. Dann hebt Achab
- ein Linnen und breitet es ehrfürchtig über die Tote.)
-
-
-
-
-DAS SECHSTE BILD
-
-STIMMEN UM MITTERNACHT
-
- »Es will Abend werden, und die Schatten werden groß.«
-
- Jer. VI, 4.
-
-
- Das Schlafgemach des Königs Zedekia, ein weiter prunkvoller Raum,
- dessen Umrisse sich im Dunkel verlieren. Nur über dem Ruhebett
- leuchtet eine Ampel in goldener Schale, und durch das Fenster, das
- weitaufgetan über die Stadt blickt, strömt weiches Mondlicht. Vorne
- ein breitgefügter Tisch mit tiefen Sitzen; das Ruhebett, hinter
- Vorhängen, steht rückwärts in der Mitte des Raumes.
-
- (ZEDEKIA steht am Fenster und sieht regungslos auf die mondbeglänzte
- Stadt. Es ist ganz still und er selbst ein Teil dieser Stille.)
-
- (DER KNABE SPEERTRÄGER von der Türe auf ihn zu. Er wartet
- ehrfurchtsvoll, ob der König ihn bemerken wolle. Zedekia wendet sich
- nicht, sondern sieht regungslos in die Nacht hinaus.)
-
-DER KNABE SPEERTRÄGER (nach einer Pause, ehrfurchtsvoll, behutsam):
-
-Mein König!
-
- (ZEDEKIA wendet sich wie erschreckt.)
-
-DER KNABE:
-
-Mitternacht, mein König. Die Stunde ist es, da du mich hießest, den Rat
-vor dich zu rufen.
-
-ZEDEKIA:
-
-Sind alle versammelt?
-
-DER KNABE:
-
-Alle, so du entboten.
-
-ZEDEKIA:
-
-Hat keiner des Volks oder der Knechte sie gesehen?
-
-DER KNABE:
-
-Keiner, mein König. Auf dem geheimen Wege habe ich sie geleitet.
-
-ZEDEKIA:
-
-Und der Späher, ist er gesondert von ihnen?
-
-DER KNABE:
-
-Er harrt in der Halle der Türhüter.
-
-ZEDEKIA:
-
-Er möge warten. Erst rufe den Rat.
-
- (DER KNABE verneigt sich, hebt den Vorhang der Türe und
- entschwindet.)
-
-ZEDEKIA (allein, durchmißt mit starken Schritten den Raum. Dann bleibt
-er wieder am Fenster stehen und blickt hinaus):
-
-Wie die Sterne heute abends glühen, so sah ich sie nie. In Reihen stehen
-sie, wirr und weiß wie eine Schrift zu schauen auf dem Dunkel des
-Himmels, und doch vermag keiner sie zu lesen. In Babel, so sagen sie,
-sind Deuter und Priester, die den Gestirnen dienen und Zwiesprache
-pflegen mit ihnen des Nachts. Anderen Königen sprechen ihre Götter, auf
-Türmen sind Stätten gebaut, das Wort der Himmel zu fassen, wenn innen im
-Herzen das Dunkel waltet wie am Tage des Anbeginns. Warum sind mir nicht
-Diener gegeben, die Zukünftiges wissen! Wahrlich, es ist furchtbar,
-Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des Auge keiner
-gesehen! (Er blickt lang auf die Stadt): Schlaf liegt auf ihnen, denen
-ich gesetzt bin als König, bei ihren Weibern ruhen sie oder bei ihren
-Waffen, und all ihr Wachsein ist in mir und ihre Not. Rat muß ich geben,
-doch wer ist, der mich beratet? Führer muß ich sein, doch wer ist, der
-mich führte? Über sie bin ich gesetzt, doch einer ist gesetzt über mich,
-und ich sehe ihn nicht. Schlaf hängt unter mir, Schweigen hängt über
-mir. Furchtbar, Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des
-Auge keiner gesehn!
-
- (DER KNABE hebt den Vorhang. Es treten lautlos die fünf Räte des
- Königs ein. PASHUR, der Priester, HANANJA, der Profet, IMRE, der
- Älteste, ABIMELECH, der Heerführer, NACHUM, der Verwalter. Zedekia
- wendet sich und schreitet auf sie zu. Alle verneigen sich.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Ich habe euch des Nachts entboten, auf daß geheim bleibe unsere Rede.
-Des Großen Rates habe ich entraten, denn ich bin seiner nicht sicher
-mehr. Zu viele sind sie, als daß ein Geheimnis nicht schlüpfte von
-hundert Zungen. Doch euch vertraue ich des Herzens Geheimstes. Redet
-frei, wie ich frei zu euch rede, keiner möge zagen, daß ich ihm zürne,
-wenn sein Wort gegen das meine sich wendet. Doch was an Rede und
-Ratschluß hier fällt, muß tot sein für Stadt und Volk, begraben in
-unserer Brust. Das fordere ich von euch und daß ihr es bekräftigt mit
-einem Gelöbnis. Legt eure Hände zum Zeugnis in des Priesters Hand, er
-bewahre an des Höchsten Statt euren Eid!
-
- (ALLE heben die Hände schweigend zum Eid und legen sie dann in
- Pashurs Hand.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Und ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, daß ich mein Herz
-verschließen will dem Zorne gegen jeden, der wider mich redet. (Er legt
-seine Hände in die Pashurs.) Und nun laßt uns Rates pflegen! (Er weist
-mit der Hand gegen den Tisch. Alle lassen sich nieder. Schweigen.) Der
-elfte Monat ist es, daß Nabukadnezar uns belagert. Die Reben sind grün
-geworden zum andern Male. Nichts hat Nabukadnezar vermocht wider
-Jerusalem, aber desgleichen auch wir nichts wider ihn. Wie in Wasser
-schlägt sein Schwert wider uns, wie in Wasser das unsere wider ihn.
-Nichts haben wir unterlassen, dem Hilfe entwachsen könnte. Ich habe
-Boten entsandt an Cyros, den Meder, und zu den Fürsten des Morgenlands,
-daß sie uns beikämen wider Assur. Sie sind heimgekehrt leerer Hände.
-Keiner ist gewillt, unserer Not zu helfen. Wir sind allein.
-
-HANANJA (heftig):
-
-Gott ist mit uns!
-
- (DIE ANDERN schweigen.)
-
-ZEDEKIA (sehr ruhig):
-
-Gott ist mit uns, er hat sein Zelt geschlagen auf diesem Hügel, und sein
-Haus schattet mein eigen Dach. Aber Gott sendet auch Prüfungen über sein
-Volk. Nochmals sei es gesagt: die uns Treue schwuren, haben uns
-verraten, Ägypten hat uns verlassen, wir sind allein. Lasset uns nun
-bereden, Wort wider Wort, Meinung wider Meinung, wie wir den Streit
-ausfechten möchten mit Nabukadnezar oder ob einer Rat wüßte, ihn zu
-enden.
-
-HANANJA:
-
-Wir müssen beten zu Gott, daß er das Wunder sende. Wir müssen unsere
-Herzen füllen mit Gebet und seine Altäre mit Opfern. Wir müssen ein
-Doppeltes tun als bisher ...
-
-NACHUM:
-
-Es sind keine Opfer mehr, nicht Farren noch Böcke.
-
-HANANJA:
-
-Nicht wahr ist dies. Selbst habe ich das Blöken der Rinder gehört, die
-du birgst vor den Altären.
-
-NACHUM:
-
-Die letzten sind es, Milchkühe, gespart den Frauen, ihre Kinder zu
-säugen, und als Zehrung den Kranken.
-
-HANANJA:
-
-Man darf nicht sparen für Gott. Mögen darben die Kranken und verdorren
-die Brüste der Frauen. Gott darf nicht entbehren des Opfers.
-
-PASHUR (ernst):
-
-Sein Herz weiß unsere Not auch ohne Gabe.
-
-HANANJA:
-
-Aber nichts ist ihm süßer, denn die Gabe der Not. Man gebe ihm das
-Letzte und reiße es selbst sich vom Munde.
-
-PASHUR:
-
-Ich kenne die Bräuche, nicht mußt du meines Dienstes mich belehren,
-Hananja, besser ist er vielleicht mir bewußt, als dir Gottes Wort und
-Wille.
-
-HANANJA:
-
-Wer nicht opfert heißen Herzens, wer da zaudert und zählt, ist nur ein
-Schlächter des Tieres und nicht Diener des Herrn. Ich aber sage euch, so
-ihr nicht das Letzte hingebet von eurer Notdurft, seid ihr nicht würdig,
-vor sein Antlitz zu treten ...
-
-ZEDEKIA (heftig):
-
-Schweigt stille! Ich mag eure Worte nicht. Noch sind der Sandkörner
-kaum zehn niedergeronnen in der Uhr, und schon erhebt ihr Rede
-widereinander. Was Gottes ist, will nicht beredet sein. Ich habe euch
-zum Rate gerufen über unsere Not und wie wir sie vermöchten zu wenden.
-Kriegszeit ist unsere Zeit, und so frage ich dich als ersten, Abimelech,
-den Obersten meiner Krieger.
-
-ABIMELECH:
-
-Fest sind die Mauern Jerusalems, mein König, aber noch fester ist mein
-Herz.
-
-ZEDEKIA:
-
-Aber deine Knechte, du Getreuer, wie ist ihr Sinn? Selten höre ich sie
-jubeln, und schreite ich an ihnen vorüber, so schlagen sie nicht mehr
-die Schilde und wahren den Blick.
-
-ABIMELECH:
-
-Schweigsam macht der Krieg, aber er härtet die Herzen. Vorbei ist die
-Stunde, da sie jauchzten vor Lust, daß das Schwert ihnen frei aus den
-Händen fuhr, denn die Gewöhnung mordet alles Große, und jede Lust wird
-schal an der Dauer. Aber sie wachen und warten, ehern hüten sie die
-Mauern Jerusalems.
-
-ZEDEKIA:
-
-Und wenn die Monde wachsen und sich mindern, wenn abermals das Jahr sich
-neut? Wir haben keine Hilfe zu erharren.
-
-ABIMELECH:
-
-Mag es dauern, solang es Gott gefällt! Wir werden dauern wie die Zeit.
-
-ZEDEKIA:
-
-Der Herr erfülle dein Wort! (Zu den andern:) Ist eure Meinung gleicher
-Art?
-
-PASHUR:
-
-Wir müssen harren und gedulden, bis das Los des Sieges gefallen.
-
-ZEDEKIA:
-
-Und was ist dein Wort, Hananja?
-
-HANANJA:
-
-Nie wird Nabukadnezar uns obkommen! Weh denen, die kleinmütig sind und
-denen das Herz schmilzt im Leibe, es wäre besser, man schlüge sie mit
-der Schärfe des Schwerts.
-
-IMRE:
-
-Mein Auge ist trübe geworden, doch es hat dereinstens noch Salmanassar
-gesehen, der aufstund wider Israel, und es sah seiner Toten Schar vor
-den Mauern. Nie waren so fett die Schakale, denn das Jahr, da Jerusalem
-gegürtet war von den Feinden des Herrn. Und so wird er wiederum treffen,
-die wider uns aufstunden. Möge mein Auge nicht welken, ehe es diesen
-Tag erschaut. Ewig währet Jerusalem!
-
-ABIMELECH, HANANJA, PASHUR:
-
-Ewig währet Jerusalem!
-
-ZEDEKIA (nach einer Pause):
-
-Ich misse dein Wort, Nachum! Warum verharrst du in Schweigen?
-
-NACHUM:
-
-Düster sind meine Gedanken, mein König, und bitter meine Rede. Nicht
-drängt sich vor, dessen Sinn ohne Freude ist.
-
-ZEDEKIA:
-
-Ich rief euch, Rates zu halten. Willkommen, des Botschaft Labsal bringt,
-willkommen auch der, des Wort Warnung ist. Sprich frei vor uns allen!
-
-NACHUM:
-
-Ehe du mich entbotest zum Rate, bin ich in die Kammern des Korns
-gegangen und habe die Scheffel gezählt. Die Räume, die voll gewesen bis
-zum Speicher, sind licht und leer. Es geht nicht mehr an, daß jeder ein
-ganzes Brot erhalte des Tages.
-
- (ALLE schweigen betroffen.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Wurde nicht Korn aus den Dörfern geschafft? Ließ ich nicht Milchkühe und
-Vieh in die Mauern treiben?
-
-NACHUM:
-
-Elf Monde währet der Krieg, und viel fressende Mäuler flohen zur Stadt.
-
-ZEDEKIA (nach einer Pause):
-
-Es ist nicht vonnöten, daß jeder die volle Zehrung habe. Wir werden
-sparen.
-
-NACHUM:
-
-Auch bislang ward kein Körnchen verschwendet, mein König, und doch
-gähnen die Speicher. Gewaltigen Schlund hat die Zeit.
-
-ZEDEKIA:
-
-Und wie lange ... meinest du ... könnten wir ausharren ... mit unserer
-Zehrung ...
-
-NACHUM (leise):
-
-Drei Wochen, Herr, -- zum längsten.
-
- (ALLE schweigen wieder betroffen.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Drei Wochen ... und dann?
-
-NACHUM:
-
-Ich weiß nicht Antwort, Herr, Gott weiß sie allein.
-
- (ALLE schweigen wieder.)
-
-HANANJA (erregt):
-
-Man teile die Brote. Man gebe jedem nur das Halbe oder ein Drittel.
-Genug lang haben sie gepraßt für sich und ihre Kebsen, nun mögen sie
-darben für den Herrn.
-
-ABIMELECH:
-
-Meine Krieger dürfen nicht geschmälert werden. Wer kämpfen soll, darf
-nicht darben.
-
-HANANJA:
-
-Alle müssen ihr Teil geben, auch die Krieger. Es gilt Jerusalem.
-
-ABIMELECH:
-
-Meine Krieger müssen Kraft haben. Lieber mögen die Unnützen verhungern,
-die Luftbläser und Wortemacher.
-
-NACHUM:
-
-Um Nichtiges rechtet ihr. Denn was wäre gewonnen, schnürten wir die
-Magen, wenn Hundertmaltausend in unsern Mauern sind? Drei Wochen reicht
-die Zehrung, und schlachten wir die Tiere des Tempels, so währet es zwei
-Sabbate mehr.
-
-PASHUR:
-
-Es muß mehr Stille sein zwischen uns. Wie die Feinde sprecht ihr
-gegeneinander. Wir müssen verbündet sein gegen Nabukadnezar und
-verbündet gegen das Volk. Nicht er und nicht sie dürfen wissen von
-unserer Not.
-
-ZEDEKIA:
-
-Und wenn er es wüßte bereits?
-
-NACHUM:
-
-Keiner kann es wissen. Ein Siegel drücke ich allmorgendlich an die Tür
-der Kammern und löse es mit eigener Hand. Nicht das Volk ahnt die Not,
-nicht Nabukadnezar.
-
-ABIMELECH:
-
-Gott sei gepriesen. Er würde unser nicht schonen.
-
-ZEDEKIA:
-
-Ich habe euch gerufen zum Rat, ihr Ältesten des Volkes. Nicht war mir
-bewußt, wie karg unsere Speise sei, und doch, meine Gedanken standen auf
-wider die Zeit. Nicht das Schwert allein endet die Kriege, oft sänftigt
-sie das Wort. Und ich rief euch, zu fragen, was ihr dächtet, wenn ich
-Botschaft sendete zu Nabukadnezar, daß wir fragten um den Frieden
-zwischen unsern Völkern.
-
-HANANJA:
-
-Keinen Frieden mit den Lästerern des Allmächtigen!
-
-ABIMELECH:
-
-Möge er senden zu dir, mein König! Nicht wir zu ihm!
-
-PASHUR:
-
-Gefährlich dünkt mich dies Beginnen. Er wird uns zu knechten suchen,
-sobald er unsere Botschaft gehört.
-
-ZEDEKIA:
-
-Anders denn eure sind meine Gedanken. Noch ist unsere Not ihm verborgen,
-doch in wenig Tagen wird er sie wissen. Wir müssen die Zeit des
-Geheimnisses nutzen.
-
-NACHUM:
-
-Wie wahr ist deine Rede, mein König! Wir müssen Gnade suchen bei
-Nabukadnezar, ehe seine Hoffart mächtig wird über uns.
-
-ABIMELECH (erbittert):
-
-Keine Gnade! Lieber den Tod!
-
-PASHUR:
-
-Gottes Gnade bedürfen wir, keiner andern!
-
-HANANJA:
-
-Feiger Verräter du, Krämer des Glaubens ...
-
-IMRE (mühsam):
-
-Wann wird der Streit tot sein in euren Herzen! Wahr redet der König.
-Nicht zur letzten Stunde dürfen wir warten. Lasset uns ihm
-entgegengehen, solange wir noch aufrecht sind.
-
-ABIMELECH:
-
-Es ist zu spät schon. Die Toten vor den Mauern reden wider uns.
-
-PASHUR:
-
-Es ist zu spät. Zuviel Grimm hat der Krieg gehäuft.
-
-ZEDEKIA:
-
-Es ist nicht zu spät. (Er schweigt einen Augenblick.) Denn schon ist ein
-Bote gegangen zwischen Nabukadnezar und mir!
-
- (ALLE aufspringend, wirr durcheinander.)
-
-NACHUM:
-
-Du hast Botschaft von ihm! Gesegnet sei die Stunde!
-
-HANANJA:
-
-Verrat! Du verhandelst mit den Feinden!
-
-ABIMELECH:
-
-Keinen Vertrag ohne unsere Stimme! Du hast unser vergessen!
-
-PASHUR:
-
-Was handelst du, König, ohne unsere Meinung? Wozu sind wir berufen?
-
-ZEDEKIA:
-
-Ruhe vor mir! Könnt ihr nicht warten auf einer Rede Ende! Wie die
-hungrigen Hunde zerfleischt ihr das erste Wort! (Pause. Er spricht
-ruhiger:) Ein Sendling ist gekommen von Nabukadnezar in mein Haus,
-Botschaft zu bringen. Nicht habe ich ihr gewehrt, nicht habe ich sie
-empfangen. Versiegelt noch harrt sie in seinem Munde. Ist dies
-Verhandeln, was ich tat, ist dies Betrug? Redet!
-
- (ALLE schweigen.)
-
-PASHUR:
-
-Verzeihe, mein König. Schwer ist es, sein Herz zu halten, wenn es heilig
-Schicksal trägt.
-
-ZEDEKIA:
-
-An euch ist es, ihn zu hören oder ihn abzuweisen.
-
-NACHUM:
-
-Wir sind in Not. Wir müssen ihn hören.
-
-IMRE:
-
-Man höre ihn und mißtraue doch seinen Worten.
-
-ABIMELECH:
-
-Man höre ihn, doch erwäge, ob man ihn heimsende hernach, denn er mag
-ein Späher sein und gesandt, uns auszuschleichen.
-
-ZEDEKIA:
-
-Und ihr, Pashur und Hananja?
-
-PASHUR:
-
-Man höre ihn!
-
- (HANANJA schweigt, wendet sich ab.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Da keiner dawider spricht, sei er berufen. (Er tritt zur Tür und ruft:)
-Joab, hole den Boten! (Dann zurück zu den andern:) Fraget ihn aus, jeder
-nach seinem Dünken. Vielfach sei unser Fragen, doch einig unsere
-Antwort. Meidet, vor ihm uneins zu sein.
-
- (BARUCH tritt ein hinter Joab, der den Vorhang über ihn hebt und
- dann verschwindet. Er verneigt sich vor dem Könige.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Bist du es, der Botschaft bringt vom Könige Nabukadnezar an Israel?
-
-BARUCH:
-
-An dich hat er mich mit Botschaft gesandt.
-
-ZEDEKIA:
-
-Meine Räte sind dies. Wer zu mir redet, muß ihnen Antwort stehen, denn
-sie und ich, Israel und sein König, sind eines Gottes Wille. (Zu den
-andern:) Fraget ihn aus.
-
-HANANJA (höhnisch):
-
-Was geruhet die Gnade des heidnischen Königs ...
-
-ABIMELECH (hart unterbrechend):
-
-Die Frage der Vorsicht zuerst! Wie ist dein Name?
-
-BARUCH:
-
-Baruch bin ich, der Sohn Sebulons, aus dem Stamme Naphtali.
-
-ABIMELECH:
-
-Unseres Blutes nennst du dich?
-
-BARUCH:
-
-Ich bin Diener des alleinigen Gottes, und zu Jerusalem steht meiner
-Väter Haus.
-
-ABIMELECH:
-
-Ist einem Kenntnis dieses Mannes?
-
-PASHUR:
-
-Seinen Vater kenne ich, rechtlich ist er, ein treuer Diener des Herrn.
-
-ABIMELECH:
-
-Wie fielest du in des Feindes Hand?
-
-BARUCH:
-
-Ich war gegangen, Wasser zu holen vom Brunnen Moria. Da faßten sie mich
-von den Schultern her und griffen mich.
-
-ABIMELECH:
-
-Und wie weisest du, daß du sein Bote bist? Ist geschrieben Zeugnis dir
-gegeben, gesiegelte Schrift?
-
-BARUCH:
-
-Er ließ seinen Ring an meine Hand tun, daß ich kenntlich sei seinen
-Kriegern für Eingang und Widergang. (Er hebt die Hand mit dem Ringe.)
-
-ABIMELECH:
-
-Ich habe keine Frage mehr. Er rede seine Botschaft.
-
-BARUCH:
-
-Da mich die Krieger griffen vor dem Tore, schleppten sie mich in des
-Königs Zelt. Sie führten mich vor sein Angesicht und frugen, ein Ebräer
-sei gefangen und ob sie mich vom Leben zum Tode bringen sollten. Doch
-der König wehrete ihnen und hielt mich elf Monde bis zum gestrigen Tage,
-da er mich frug: »Willst du Botschaft bringen an den König Zedekia?« Ich
-stund vor ihm ohne Furcht und sagte, daß ich willens sei. Da sprach
-Nabukadnezar: »Elf Monate lagere ich hier vor der Stadt, und ich habe
-geschworen, nicht eher zu weichen und bei einem Weibe zu liegen, bis
-diese Tore sich auftun vor mir. Doch nun ist des Harrens nicht länger.
-Lange habt ihr mir widerstanden, doch nun reifet der Zorn in mir:
-fürchtet seine Frucht! Will der König sich bedenken, so möge er eilen.
-Kein Volk hat mir besser widerstanden, gegen keines will ich milder
-sein, so ihr euch eilet, die Gnade zu nehmen.«
-
-ABIMELECH:
-
-Nabukadnezar ist ein großer Krieger. Ehre ist es, ihm widerstrebt zu
-haben elf Monde lang.
-
-BARUCH:
-
-Und er sagte ferner -- die Krone trug er zu Häupten, wie ich nie eine
-gesehen, funkelnd von Gold und Edelgestein: »So ihr die Tore noch auftut
-und euch beugt, ehe der volle Mond sich neut, will ich euch das Leben
-lassen. Jeder möge seines Weinstocks pflegen und in Frieden von seinem
-Feigenbaume essen. Ich will nicht Blut von euch, obzwar ihr Blut
-vergossen, ich will nur den Ruhm und den Sieg. Ich will, daß die Völker
-von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang des Neuen gewahr werden, daß kein
-Trotz ist wider mein Schwert, der nicht zerbräche, und kein König, der
-mir sich nicht beugete, dem König der Könige. Des will ich ein Zeichen,
-und dauern möge eure Stadt und eure Tage.«
-
-NACHUM:
-
-Milde dünkt mich die Botschaft.
-
-PASHUR:
-
-Zu milde, als daß ich ihr traute.
-
-ZEDEKIA:
-
-Doch das Zeichen! Welches Zeichen fordert Nabukadnezar?
-
-BARUCH:
-
-Er sagte: Also sprich mein Wort zu Zedekia: »Ich habe die Krone gelassen
-auf deinem Haupte, weil sie ein Kind war der meinen, ein Kind meiner
-Gnade. Doch du hast aufgereckt dein Haupt wider mich, so mußt du wieder
-es beugen; du warst König durch meine Gnade vordem und sollst es
-wiederum werden durch meine Gnade, doch meinem Zorne mußt du zuvor Buße
-tun und deiner Hoffart.«
-
-ZEDEKIA (ruhig, sehr langsam):
-
-Was fordert König Nabukadnezar von mir, daß ich tue?
-
-BARUCH:
-
-Er sprach: »Der aufstand wider mich, muß sich beugen, und der die Stirne
-reckte wider mich, dessen Rücken will ich sehen. Wenn ich einschreite
-durch das Tor, soll Zedekia mir entgegengehen vom Tor des Tempels bis
-zum Walle, die Krone in Händen und ein hölzern Joch auf seinem Nacken ...«
-
-ZEDEKIA (auffahrend):
-
-Ein Joch?
-
-BARUCH:
-
-»Ein Joch, auf daß alle gewahr werden, daß sein Starrsinn gebrochen sei
-und sein Hochmut sich beuge. Und ich will ihm entgegengehen und das Joch
-nehmen von seinem Nacken und die Krone wieder setzen auf sein Haupt.«
-
-ZEDEKIA:
-
-Nie wird das Haupt eine Krone tragen, des Nacken ein Joch gefühlt.
-Niemals! (Er steht auf.)
-
-ABIMELECH:
-
-Nie werde ich es dulden. (Er steht gleichfalls auf.)
-
- (DIE ANDERN bleiben schweigend sitzen.)
-
-NACHUM (endlich nach einer langen Pause nachdenklich):
-
-Vom Tor des Tempels sagte er, bis zur Mauer der Stadt?
-
-PASHUR:
-
-Hundert Schritte kaum sind es ... nicht mehr ...
-
-IMRE:
-
-Nicht siebenzig sind es ... nicht siebenzig ...
-
-ZEDEKIA (sich umwendend in Zorn):
-
-Die Schritte zählet ihr schon, die ich tun soll, den Nacken unter das
-Joch gespannt wie der Stier vor dem Pflug? Ist Wahnsinn in euch
-gefahren, daß ihr meint, ich würde mich beugen? Wart ihr nur mutig mit
-mir, solange es euer Leben galt und euer Gespartes, und nun, da der
-Freche euch befriedet, verschachert ihr meine Schmach? Feiglinge seid
-ihr ...
-
-PASHUR:
-
-Mit deinem Eide hast du gelobt, mein König, daß jeder frei vor dir sage,
-was sein Herz ihm gebietet.
-
-ZEDEKIA:
-
-Zum rechten erinnerst du mich. Verzeih meinem Blute. Sprecht frei nach
-eurem Herzen.
-
-NACHUM:
-
-Hart ist Nabukadnezars Heischung, doch härter die Not. Man möge ihm
-willfahren. Nicht aber meine, daß wider deine Ehre ich rede, mein König.
-Habe ich bislang mich gebeugt in Ehrfurcht vor dir, so will ich noch
-tiefer mich neigen vor dem, der die Not des Volkes auf den Nacken
-genommen, der sich erniedrigt, auf daß Israel erhöhet sei. Denn
-wahrlich, Königstat ist es, zu leiden für sein Volk.
-
-PASHUR:
-
-Und ich, mein König, neide dir deine Stunde. Denn selig ist es, zu
-leiden für seine Brüder. Siebenzig Schritte hast du unter dem Joche zu
-gehen, und Siebenzigmaltausend rettet dein Schreiten.
-
-ZEDEKIA:
-
-Leicht ist euch, was mir Tod ist. Alle, alle wider mich! Und du,
-Hananja?
-
-HANANJA:
-
-Ich schweige, mein König. Dein ist die Tat!
-
-ZEDEKIA:
-
-Schweigst du jetzt, Profet! Noch sind die Ohren mir voll deiner
-Verheißung. Alle, alle wider mich in der Not! So wollt ihr mich zwingen?
-
-ABIMELECH:
-
-Ferne sei es uns, zu zwingen den Gesalbten des Herrn. Frei walte sein
-Wille!
-
-ZEDEKIA:
-
-Frei! Schicksal habt ihr geladen auf mein Leben, und nun ich stöhne und
-stürze, tretet ihr abseits und laßt mich ihm allein. (Er geht auf und
-ab, dann tritt er wieder zum Fenster.) Mauern und Türme, Häuser und
-Lager, alles, alles auf mein stöhnend Herz, Schicksal von Tausend auf
-Tausend gehäuft auf mein Leben! Wie das tragen, ohne hinzusinken, wie es
-ertragen! (Er geht wieder auf und ab. Plötzlich:) Noch einmal wägt euern
-Beschluß, prüfet bis ins Mark euer Meinen. Ist es euer aller Geheiß, daß
-ich unter das Joch trete für Israel?
-
- (ALLE schweigen. Dann sagt:)
-
-NACHUM (als erster):
-
-Ich flehe dich an, daß du es tuest für uns und unsere Kinder.
-
-IMRE:
-
-Für die Stadt und das Land.
-
-PASHUR:
-
-Für den heiligen Tempel und den Altar.
-
-HANANJA:
-
-Für Gott, der es heischt von dir.
-
- (ABIMELECH schweigt und birgt sein Gesicht.)
-
-ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. In ihm wogt ein innerer Kampf. Endlich
-tritt er vor. Seine Stimme ist ernst und feierlich):
-
-Ich will tun, wie ihr gebietet. Ich will meinen Stolz nehmen und ihn
-zerbrechen wie ein Rohr, ich will das Joch nehmen auf mein Haupt.
-
- (ALLE wollen erregt sprechen. Er winkt ihnen, zu schweigen.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Ich will die Krone nehmen von meiner Stirne und sie darbieten mit den
-Händen, wie jener es gebot. Aber heilig ist die Krone Israels, und kein
-Haupt soll sie tragen, dessen Nacken ein Joch geschleppt. So ich abgetan
-von mir das Holz der Schmach, tue ich auch ab Zepter und Ring von mir in
-meines Sohnes Hand. Jung ist er, doch ihr werdet ihn beraten. Schwöret
-ihr, daß ihr Treue bietet, daß ihr das Volk ihm zuscharen werdet und ihn
-kleiden mit Krone und Ring an meiner Statt?
-
-PASHUR (ergriffen):
-
-Ich schwöre es, mein König.
-
-IMRE, HANANJA, NACHUM:
-
-Wir schwören es.
-
-ABIMELECH:
-
-Wie ein König hast du getan, Ruhm deinem Namen!
-
-NACHUM:
-
-Ewiges Gedenken dem König Zedekia.
-
-ZEDEKIA:
-
-So mögen stehen die Mauern und die heilige Burg, wenn ich hinsinke in
-Staub; besser ich, denn die Stadt. Ewig währe Jerusalem!
-
-ALLE (begeistert):
-
-Ewig währet Jerusalem!
-
-ZEDEKIA (zu Baruch):
-
-Du hast gehört, Knabe! So gehe hin zum Könige und sage ihm an: Zedekia,
-der Herrscher war und aufstund wider ihn, beuget sich vor ihm, auftun
-sich die Tore seiner Gnade. Gehe hin und eile, denn es drängt mich, bald
-vor die Tür meines Hauses zu treten und es dem Volke zu sagen das
-köstliche Wort: Friede.
-
-BARUCH (unruhig, leise):
-
-Ich höre, mein König. Doch eines noch hieß der König mich melden, eines
-noch heischt er von uns.
-
-ABIMELECH (auffahrend):
-
-Noch mehr? Genügt ihm noch nicht diese Schmach?
-
-BARUCH:
-
-Ein Geringes nur nannte er es. Doch mich dünkt es groß.
-
-ZEDEKIA:
-
-Was fordert sein Stolz noch mehr?
-
-BARUCH:
-
-Er sprach: »Ich will nehmen das Joch vom Nacken des Königs und die Krone
-wieder legen auf sein Haupt. Und er möge zu meiner Linken gehn, damit
-man erkenne, daß ich ihn ehre als meiner Krone Geschwister und Kind.
-Aber noch einer ist in euern Mauern, von dem die Völker sagen, daß er
-mächtiger sei denn alle, und diesen verlangt es mich, zu sehn. Sie
-sagen, ein Gott sei in euern Mauern, dessen Blick ihr berget vor den
-Menschen hinter zeltenen Wänden und den keiner ertrüge zu schauen. Aber
-fremd ist mir Furcht, und ich will vor ihn treten, daß ich ihn kenne.
-Ich werde nicht rühren an seinen Altar, nicht fassen nach seinem Brote,
-nicht gieren nach seinen Schätzen. Einlaß nur heische ich von euch, denn
-es lüstet mich, den zu kennen, der gewaltiger wäre als ich.« So sagte
-Nabukadnezar.
-
-PASHUR:
-
-Niemals! Niemals!
-
-HANANJA:
-
-Die Flamme des Herrn möge ihn fressen, den Frevler!
-
-PASHUR:
-
-Lieber in Staub den Tempel als entweiht!
-
-IMRE (bestürzt):
-
-Das Allerheiligste heischt er zu sehen! Furchtbar ist das Verlangen!
-
-PASHUR:
-
-Frevel ist es und heidnischer Hochmut! Sende heim den Boten, mein König,
-sende ihn heim!
-
-HANANJA:
-
-Sende ihn heim! Nie darf dieses geschehen!
-
-NACHUM:
-
-Übereile nichts, mein König. Wir sind entboten, eines Volkes Wohl zu
-erwägen.
-
-ABIMELECH:
-
-Tausend Tode lieber als diese Schmach.
-
-PASHUR:
-
-Und ich sterbe mit euch! In eurer Mitte, ihr Krieger!
-
-HANANJA (wild):
-
-Sende ihn heim, König. Lieber Tod als diese Schmach!
-
-IMRE:
-
-Wie ihr doch redet vom Sterben! Wie leicht werft ihr das Wort!
-Siebenzigtausend tötet euer Trotz, bedenket es, ihr Eilfertigen!
-
-PASHUR:
-
-Willst du es preisgeben, Gottes Heiligtum?
-
-IMRE:
-
-Auch das Leben ist ein Heiligtum von Gott, Gott selbst ist das Leben.
-Warum überhebst du dich, Gottes Anwalt zu sein?
-
-HANANJA:
-
-Es wäre Schmach ohne Ende und Triumph vor den Heiden, ginge er hin und
-sagete: Ich habe Jahwes Antlitz gesehn.
-
-NACHUM:
-
-Mögen sie jauchzen, unsere Feinde, möge vergehen unser Stolz. Doch die
-Stadt möge überdauern unsern Stolz und unser Leben. König, mein König,
-errette Jerusalem!
-
-HANANJA:
-
-Nein! Sende ihn heim! Sprich das Wort! Sprich das Wort!
-
-ZEDEKIA:
-
-Ich bin die Hand nur, die wägt. Mein eigen Herz halte ich nieder. Eilet,
-entscheidet, zählet die Stimmen! Zählet und eilet, daß ein Ende sei im
-Bösen oder im Guten.
-
-IMRE:
-
-Der Älteste bin ich und sage: man erfülle Nabukadnezars Gebot.
-
-HANANJA:
-
-Man erfülle es nicht. Gott wird uns helfen.
-
-PASHUR:
-
-Ich schachere nicht um Gottes Antlitz. Niemalens diesen Frevel!
-
-NACHUM:
-
-Gottes Stadt für ewig. Man sende den Boten.
-
-ZEDEKIA:
-
-Und du, Abimelech?
-
-ABIMELECH:
-
-Nicht dein Berater bin ich, mein König, dein Diener bin ich und dein
-Schwert. Bei ja und nein, in Leben und Tod steh ich zu dir.
-
-ZEDEKIA:
-
-Zwei Stimmen gegen zwei und in mir selbst sind zwei Stimmen! Widerstreit
-um mich und Widerstreit in mir! Wie soll ich entscheiden? Weggestoßen
-habe ich meinen Willen und euch zugeworfen, doch wie das Meer schleudert
-ihr ihn mir zurück und schauernd halte ich ihn in Händen. Muß ich selbst
-sie werfen, die Würfel, die fürchterlichen?
-
-PASHUR:
-
-Gott wird dich erleuchten!
-
-ZEDEKIA:
-
-Daß er doch spräche zu mir! Oh, selig die Ahnen, denen er sich noch
-auftat im Gewölk! Ich habe ausgereckt meine Hände nach ihm und mein
-Herz, doch verschlossen sind mir seine Himmel. Im Dunkel tappe ich, und
-meine Hände greifen nur Ungewisses. Betet für mich, daß ich das Rechte
-finde!
-
-NACHUM:
-
-Unsere Liebe ist mit dir, mein König!
-
-ZEDEKIA:
-
-Die Sterne werden blaß, und ehe die Nacht sich wendet, muß ich ja sagen
-oder nein, und vielleicht ist nein ja und ja ist nein. Möge Gott mich
-erleuchten. (Er steht auf, alle erheben sich.) Lasset mich allein! Euer
-Zwiespalt mehrt nur den meinen. Ich werde entscheiden, wie mein Herz mir
-sagt, und vielleicht, ehe ihr heimkehret, ist der Spruch gefallen; wie
-in Kindesnot die Gebärerin, krümmt sich mein Herz, daß es das Rechte
-gestalte. Betet, ihr Freunde, betet, daß ich das Rechte erwäge für
-Israel! Betet für mich, betet für Jerusalem!
-
-PASHUR:
-
-Gott möge dich erleuchten! Mein Auge wird nicht den Schlummer sehen, ehe
-du entschieden. Ich harre vor dem Altare!
-
-HANANJA (im Abgehen):
-
-Gedenke Gottes!
-
-NACHUM (gleichfalls):
-
-Gedenke der Stadt!
-
-IMRE:
-
-Gedenke der Kinder, gedenke der Frauen!
-
-ABIMELECH:
-
-Du findest mich bei dir in Leben oder Tod.
-
- (ALLE gehen ab. BARUCH allein ist wartend stehen geblieben.)
-
-BARUCH (leise):
-
-Soll ich mit ihnen, mein König?
-
-ZEDEKIA (aus seinen Gedanken auffahrend):
-
-Wie sagst du? (Sich erinnernd): Nein, du bleibst!
-
- (BARUCH bleibt wartend in der Nähe der Türe stehen. ZEDEKIA beginnt
- unruhig auf und ab zu gehen. Er blickt auf die Stadt, starrt lange
- hinaus, wandert wieder auf und nieder. Dann wendet er sich plötzlich
- scharf um.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Noch heute fordert Nabukadnezar mein Wort?
-
-BARUCH:
-
-Noch heute! Denn morgen neut sich der volle Mond.
-
-ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. Dann plötzlich):
-
-Du bist vor seinem Antlitz gestanden! Sprach er vor vielen mit dir oder
-im geheimen?
-
-BARUCH:
-
-Er ließ mich in sein Gemach entbieten. Nur sein Schreiber war
-gegenwärtig und sein Vertrauter.
-
-ZEDEKIA:
-
-Und wie war seine Weise, da er zu dir sprach?
-
-BARUCH:
-
-Stolz schien mir seines Wesens Art vor allem. Er sprach gütig zu mir und
-schien sich zu freuen, daß er so gütig zu sein vermochte; und da die
-andern ihn deshalb priesen, sonnte er sich in ihrem Wort.
-
-ZEDEKIA:
-
-Und da er drohete, wie war er?
-
-BARUCH:
-
-In Finsternis hüllte er sein Gesicht und stampfte mit dem Fuße. Aber ich
-merkte, daß auch dies nur getan sei, daß man vor seiner Größe schaudere
-und ich Botschaft brächte seines Zorns.
-
-ZEDEKIA:
-
-Und frug er dich nach mir?
-
-BARUCH:
-
-Sein Vertrauter wollte mir Kundschaft ablocken, er aber duldete es
-nicht.
-
-ZEDEKIA:
-
-Hoffärtig ist er und sein Trotz ein Gewitter über unsern Häupten. Aber
-ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte ihn nicht. (Er geht auf und ab.)
-Keine Frage hat er getan nach mir?
-
-BARUCH:
-
-Nein, mein König.
-
-ZEDEKIA:
-
-Nichts sind wir ihm, ein Häufchen Staub unsere Mauern. Aber er möge
-Trotz finden für sein Trotzen. Elf Monde stößt seine Stirne gegen unsere
-Wälle, und kein Lächeln sind wir ihm wert. Für ein Wort bin ich ihm zu
-gering und für einen Atem die Stadt. Aber noch ist mein Joch nicht
-geschmiedet, noch stehen die Mauern Jerusalems. (Er geht heftiger auf
-und ab.) Noch heute, sagst du, verlangt er die Botschaft, noch heute?
-
-BARUCH:
-
-Morgen neut sich der volle Mond.
-
-ZEDEKIA:
-
-Warten haben wir ihn gelehrt, und noch immer hat er es nicht gelernt.
-Nicht bin ich der Springer seiner Ungeduld, nicht seiner Launen Ball.
-Will er nicht warten länger als einen Tag, so soll er warten lernen
-Wochen und Monde. (Sich aufrichtend.) Noch heute bringst du Botschaft an
-Nabukadnezar! Melde ihm ...
-
-BARUCH (erschreckt):
-
-Mein König! Nicht im Zorne entschließe dich!
-
-ZEDEKIA (ganz starr vor Erstaunen):
-
-Was erkühnst du dich?
-
-BARUCH (flehend):
-
-Mein König, ich sah den Grimm auf deinem Antlitz und erschrak vor der
-Botschaft.
-
-ZEDEKIA:
-
-Was maßt du dir an? Nicht in mein Antlitz hast du zu schauen, sondern
-Worte zu bringen. Und ich befehle dir ... Warum zitterst du?
-
-BARUCH:
-
-Furchtbar ist es, Bote zu sein harter Botschaft.
-
-ZEDEKIA:
-
-Hast du Furcht, sie Nabukadnezar zu bringen?
-
-BARUCH:
-
-Nicht ihn fürchte ich -- ich fürchte die Botschaft.
-
-ZEDEKIA (erstaunt):
-
-Was fürchtest du?
-
-BARUCH:
-
-Wider uns wird sie fahren, die Flamme deines Zorns! (Plötzlich in die
-Knie stürzend:) König, mein König, nicht im Zorne entschließe dich,
-rette, rette die Stadt!
-
- (ZEDEKIA ist in höchstem Erstaunen zurückgetreten.)
-
-BARUCH:
-
-Ich flehe dich an auf den Knien, rette Jerusalem, rette Jerusalem! Recke
-aus deine Hand, daß sie den Frieden fasse, sonst stürzen die Mauern und
-sinkt der Tempel in Staub. König, mein König, tu auf die Tore, tu auf
-dein Herz!
-
-ZEDEKIA (grimmig):
-
-Tu auf die Tore, tu auf dein Herz -- ich kenne dieses Wort. Nicht du
-sprichst zu mir, du Frecher. Es ist einer hinter dir, der redet wider
-mich ...
-
-BARUCH:
-
-Niemand, mein König: ich flehe aus der Tiefe meiner Angst. Wahrheit will
-ich dir sagen. Nicht gefordert hat mich Nabukadnezar zu sich, ich sah,
-daß zögerten die einen und die andern zum Frieden; da ging ich hin zu
-ihm freien Herzens, daß ich das seine erweichte. Sein Gewand faßte ich
-an und flehte, elf Monde, Tag für Tag, bis er mir Botschaft gab an dich.
-
-ZEDEKIA:
-
-Das hast du getan? Ein Knabe, ein Kind, bist du gegangen, während wir
-sprachen und rieten, bist du gegangen zum König der Könige, um Frieden
-zu holen?
-
-BARUCH:
-
-So habe ich getan in meines Herzens Not, mein König.
-
-ZEDEKIA (ihn lange ansehend; plötzlich scharf):
-
-Nicht du hast diese Tat ersonnen, nicht du!
-
-BARUCH:
-
-Niemand hat mich sie geheißen.
-
-ZEDEKIA:
-
-Das ist nicht wahr. Kein Knabe sinnt solche Taten aus.
-
-BARUCH:
-
-Ich schwöre, mein König, ich tat es allein. Unwissend war er ihrer,
-nicht hat er sie befohlen noch gebilligt.
-
-ZEDEKIA:
-
-Wer ist dieser, der dir gebietet?
-
-BARUCH (ausflüchtend):
-
-Mein Lehrer, mein Meister.
-
-ZEDEKIA:
-
-Wer ist dein Meister, frage ich, wer gebietet den Knaben in dieser
-Stadt?
-
-BARUCH:
-
-Gottes Diener und Profet ist mein Meister -- Jeremias.
-
-ZEDEKIA (ausbrechend):
-
-Jeremias! Er, immer er! Immer der Schatten hinter meiner Tat, immer in
-Aufruhr wider mich! In den Kerker habe ich ihn verschlossen, aber noch
-immer schreit er zu mir wie am ersten Tage: Friede, Friede! Was drängt
-er sich vor? Was will er mich verwirren, was quert er meinen Weg? Wo ich
-mich wende, ist auch er, im Palast, in der Stadt, und durch seine Boten
-wirft er sich auf wider mich. Was verfolgt er mich?
-
-BARUCH:
-
-Du irrst, mein König! Jeremias liebt dich mehr, denn einen andern dieser
-Stadt.
-
-ZEDEKIA:
-
-Ich brauche seine Liebe nicht, ich speie sie an und zerblase seinen
-Zorn! Wer ist er, daß er wagt, mich zu lieben? Darf einer aufstehn in
-der Gasse und künden, er liebet mich oder liebet mich nicht? Was stößt
-er sich zwischen mich und meinen Entschluß? Will er mehr sein als ich?
-Ich bin der König, ich allein! Möge er schreien: Friede, Friede! nicht
-seine Hand hält Jerusalems Geschick. Ich bin der König, und nicht rühmen
-soll er sich, er habe mich geschreckt mit seinen Träumen. Eher sinke die
-Stadt, als daß sie gerettet sei durch Jeremias! (Zu Baruch): Du gehst zu
-Nabukadnezar und sagest ihm an: Nie wird Zedekia ein Joch tragen, nie
-hebt er den Vorhang des Heiligsten. Möge er kommen mit seinen Völkern,
-Zedekia ist ihm bereit.
-
- (BARUCH, im Schrecken beide Hände hebend, will sprechen.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Kein Wort! Und bringst du die Botschaft nicht, so fällt Jeremias Haupt.
-Zweimal habe ich seines Lebens geschont, doch zu Ende ist meine Milde.
-Nicht will ich Richter hinter mir und Schatten hinter meiner Tat, ich
-will sterben als König zu Jerusalem.
-
- (BARUCH hebt noch einmal die Hände.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Ein Wort dawider, und sein Haupt sinkt hin. In deinen Händen ist meine
-Botschaft, ist Jeremias Haupt. Geh! Ich befehle dir: geh!
-
- (BARUCH bleibt noch einen Augenblick stehen, dann verhüllt er sein
- Antlitz und wendet sich ab.)
-
-ZEDEKIA (hat sich drohend aufgerichtet gegen den Zögernden. Wie Baruch
-abgeht, fällt sein ausgereckter Arm nieder wie zerbrochen, sein Antlitz
-verdüstert sich wieder von neuem. Plötzlich sich aufreckend):
-
-Vorbei! Ein Ende, ein Ende! Nur nicht mehr die Qual! (Er geht wieder auf
-und ab, hebt den Vorhang und sieht lange stumm sinnend auf die Stadt.
-Endlich stampft er zweimal mit dem Fuße.)
-
-DER KNABE SCHWERTTRÄGER (erscheint):
-
-Mein König?
-
-ZEDEKIA:
-
-Wein! Bring mir Wein! Ich will schlafen, schwarz und tief, schlafen ohne
-Träume!
-
- (DER SCHWERTTRÄGER bringt hastig einen Krug und füllt den silbernen
- Becher. Zedekia stürzt ihn gierig hinab. Sein Gesicht wird wieder
- unruhig.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Wer ist draußen im Gange? Ich höre einen Schritt. Ist der Späher nicht
-gegangen, zögert er noch?
-
-SCHWERTTRÄGER:
-
-Er ist gegangen, Herr! Der draußen wacht, ist mein Bruder Nehemia.
-
-ZEDEKIA:
-
-Er soll nicht so laut schreiten des Nachts vor meinem Schlafgemach. Ich
-will nichts hören um mich. Ich will schlafen. Auch ich will schlafen wie
-die andern.
-
-SCHWERTTRÄGER:
-
-Es soll geschehen, Herr! (Er schlägt die Vorhänge des Pfühles
-auseinander und verhüllt die Ampel. Nur ein trüber Schein von Mondlicht
-glänzt in den Raum.)
-
-SCHWERTTRÄGER:
-
-Soll ich dir noch lesen aus den heiligen Büchern, mein König, wie
-gestern und ehetags?
-
-ZEDEKIA:
-
-Aus den Büchern?... Nein, laß die Bücher, auch sie wissen nicht Rat. Ich
-will schlafen, schlafen einmal wie die andern. Meine Lider brennen, und
-mein Herz brennt mit.
-
-SCHWERTTRÄGER (hilft ihm aus dem Obergewand. Zedekia wirft sich auf das
-Ruhelager):
-
-Gott schütze deinen Schlummer, mein König.
-
- (ZEDEKIA breitet sich hin.)
-
- (SCHWERTTRÄGER ruft Nehemia. Sie stellen sich schweigend ins Dunkel
- zu Häupten des Bettes, reglos auf ihre Lanzen gestützt. Die Lampe
- ist ganz verhüllt, nur das Fenster wirft Mondlicht auf den Teppich
- zu Füßen des Pfühles. Riesengroß stehen die Schatten der Wachenden
- an der Wand. Es ist ganz still. Man hört aus dem Hofe jetzt das
- leise plätschernde Rauschen eines Springbrunnens. Sonst ist alles
- wie erstorben. Die beiden rühren sich nicht. Die Zeit fließt stumm
- weiter.)
-
-ZEDEKIA (plötzlich wild aufspringend und sie anfahrend):
-
-Was flüstert ihr miteinander? Habe ich nicht Stille befohlen?
-
-SCHWERTTRÄGER (erschrocken):
-
-Wir sprachen nichts, mein König.
-
-ZEDEKIA:
-
-Aber es spricht jemand! Wer dringt in meinen Schlaf, wer frißt an meinem
-Schlummer? Sie sollen schlafen jetzt alle, alle, damit ich schlafen
-kann! Ist jemand noch wach in den Nebengemächern?
-
-SCHWERTTRÄGER:
-
-Niemand, mein König. Niemand ist wach mehr im Hause.
-
-ZEDEKIA:
-
-Niemand ist wach mehr, nur ich, nur ich! Warum auf mich alle Last, die
-Mauern der Stadt und die Türme der Sorgen? Wein, gib mir Wein!
-
- (SCHWERTTRÄGER gibt ihm wieder den Becher, Zedekia stürzt ihn hastig
- hinab und schleudert ihn weg. Er stöhnt und legt sich wieder auf das
- Ruhebett. Wieder wird es ganz still. Wieder hört man durch die
- Stille das Rauschen des fernen Springbrunnens. Es ist ein leises
- Tönen davon in der Luft, einlullend und geisterhaft. Reglos stehen
- die Schatten der beiden Wächter, dunkel im Dunkel. Wieder rinnt Zeit
- vorbei.)
-
-ZEDEKIA (der reglos gelegen, richtet sich im Dunkel ganz leise auf. Wie
-ein Tier im Ansprang, krümmt sich sein Körper in der Anstrengung des
-Lauschens, er krampft sich immer mehr zusammen, und plötzlich schreit er
-heftig):
-
-Es spricht! Es spricht! Es spricht hier von irgendwo. Ich höre eine
-Stimme, ich höre, ich höre sie. Und es soll niemand jetzt reden in
-meinem Haus. Wie Gesang tönt es her, es soll niemand jetzt singen in
-meinem Haus. Hört ihr es, hört ihr es nicht?
-
-SCHWERTTRÄGER:
-
-Ich höre nichts, mein König!
-
-NEHEMIA:
-
-Nichts habe ich vernommen ...
-
-ZEDEKIA (sieht beide starr an, dann krümmt er sich wieder auf seinem
-Lager zusammen, horcht und plötzlich wieder losbrechend):
-
-Und doch! Es spricht! Es spricht! Es spricht ohne Ende! Hieher,
-Schwertträger, hier, unter meinem Ohr. Wie ein Maulwurf wühlt es im
-Schwarzen meines Schlafes und frißt meine Ruhe. Hörst du, hörst du es
-nicht?
-
-SCHWERTTRÄGER (lauscht. Es ist einen Augenblick ganz still. Dann
-schaudernd):
-
-Ich höre eine Stimme. Aus der Tiefe dringt sie empor!
-
-ZEDEKIA:
-
-Ah, du hörst sie auch!
-
-SCHWERTTRÄGER (schaudernd):
-
-Es tönt wie Gesang. Die Geister der Tiefe sind wach unter dem Haus. Es
-klagt und stöhnt wie ein gefesseltes Tier.
-
-NEHEMIA:
-
-Vielleicht ist es Wind, in eine Spalte verfangen?
-
-ZEDEKIA:
-
-Nein, Worte sind es, ich fühle sie, ohne sie zu fassen. Wer singt hier
-nachts in meinem Haus? Ist den Sklaven so wohl, daß sie singen, indes
-ich, der König, hier liege mit brennenden Lidern? Geh, Joab, und mache
-ihn stumm.
-
- (SCHWERTTRÄGER eilends ab.)
-
-ZEDEKIA (bleibt gekrümmt horchend. Er scheint etwas zu hören, denn er
-hebt den Kopf, dann beugt er sich wieder horchend nieder. Plötzlich hört
-man drei dumpfe Schläge. Der König horcht gierig. Dann aufatmend):
-
-Gott sei gedankt. Es schweigt! Es ist stumm! Er hat es stumm gemacht!
-
- (SCHWERTTRÄGER erscheint wieder an der Tür. Er blickt verstört.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Wer war es, der da sprach?
-
-SCHWERTTRÄGER (zitternd):
-
-Ich weiß es nicht, Herr. Ich bin ihm nicht genaht. Wie ich niederstieg
-zur Halle, hörte ich stärker das Singen, aus der Tiefe der Erde schien
-es zu kommen, und grauenhaft tönten die Worte. Ich ging nach, wo sie
-tönten, und fand doch keinen, der sang in der Halle, immer war es tiefer
-als ich, immer tiefer, wie aus einem Brunnen klang es empor oder einer
-Grube. Und ich hörte seine Worte, die waren fürchterlich. Dreimal stieß
-ich den Speer auf die Erde. Und da schwieg die Gehenna.
-
-ZEDEKIA:
-
-Was tönte die Stimme?
-
-SCHWERTTRÄGER (schaudernd):
-
-Ich ... ich kann es nicht sagen!
-
-ZEDEKIA:
-
-Ich befehle dir: sage die Worte!
-
-SCHWERTTRÄGER:
-
-Lästerung war es, mein König, die aufströmte vom Brunnen.
-
-ZEDEKIA:
-
-Was waren die Worte? Bei meinem Zorn!
-
-SCHWERTTRÄGER (schaudernd. Seine Stimme wird psalmodierend im Gesang):
-
- So sang es von der Tiefe:
- Ich habe mein Haus verlassen müssen
- Und mein Erbe meiden,
- Und was meine Seele liebet, in der Feinde Hand geben.
- Meine Augen fließen mit Tränen Tag und Nacht
- Und hören nicht auf,
- Denn die Jungfrau, die Tochter meines Volks,
- Ist greulich zerplagt.
-
-ZEDEKIA (aufschreiend):
-
-Jeremias! Er, immer er!
-
-SCHWERTTRÄGER (wie begeistert weitersingend):
-
- Wehe, wie hat der Herr die Tochter Zion
- Mit seinem Zorn überschüttet!
- Er hat die Herrlichkeit Israels
- Vom Himmel auf die Erde geworfen,
- Er hat die Mauer seiner Paläste
- In des Feindes Hände gegeben,
- Daß sie im Hause des Herrn geschrien haben
- Wie an einem Fest.
- Er hat ...
-
-ZEDEKIA (ausbrechend):
-
-Schweig still! Schweig still! Ich will es nicht hören. Ich will nicht!
-Immer er, immer er! Auf jeden Kreuzweg ist er gestellt, da ich schreite,
-hinter meinen Taten rennen seine Rufe, in meine Träume drängt er sich
-ein und füttert meinen Zwiespalt. Wie ihm entrinnen, dem Schatten, dem
-fürchterlichen? Aus der Grube noch schreit er zu mir! Wie ihm
-entfliehen, der mich verfolgt, wie ihm entgehen, der allerorts ist? Wer
-befreit mich von ihm ...
-
-SCHWERTTRÄGER:
-
-Herr, ist es dein Feind, so ... (Er macht eine Bewegung.)
-
-ZEDEKIA (aufgeschreckt aus seinem Zorn, starrt ihn fassungslos an. Dann
-in erwachendem Stolz):
-
-Du meinst ... Nein, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte niemanden. Und
-ich weiß nicht, ob er mein Feind ist. Vielleicht war es töricht, vor ihm
-zu flüchten ... Vielleicht ... (Er geht unruhig auf und ab):
-Schwertträger!
-
-SCHWERTTRÄGER:
-
-Mein König?
-
-ZEDEKIA:
-
-Geh hinab und schließe auf die Düngergrube. Nimm mit deinen Bruder
-Nehemia, und bringet den Mann aus der Tiefe vor mich her. Geheim muß er
-gebracht werden und im geheimen wieder hinab.
-
- (DER SCHWERTTRÄGER und sein Bruder eilig ab.)
-
-ZEDEKIA (allein. Er spricht halblaut vor sich hin):
-
-An jedem Kreuzweg hinter meinem Rücken und immer zu spät, und immer muß
-ich ihn hören. Warum rief ich nur Gott, der mir schweigt, und nicht
-alle, die sagen, daß er rede durch sie? Aber warum reden sie einer gegen
-den andern und widersprechen sich, wie ja dem nein? Wie sie erkennen,
-wie scheiden das Falsche vom Wahren? Furchtbar, furchtbar dieser Gott,
-der immer nur schweigt und dessen Boten keiner erfaßt!
-
- (JEREMIAS erscheint, begleitet vom Schwertträger, der auf eine
- Gebärde Zedekias sofort den Raum verläßt. Sein Antlitz ist fahl und
- abgemagert, schwarz wie aus einem Totenschädel schauen die Augen aus
- einem weißen, knöchernen Gesicht. Er blickt den König ruhig
- forschend an.)
-
-ZEDEKIA (nach einer kurzen Betretenheit):
-
-Ich habe dich rufen lassen, Jeremia. Warum störst du meine Ruhe? Was
-singst du des Nachts, da alle schlafen, und schläfst nicht auch?
-
-JEREMIAS:
-
-Dem, der da wachen soll über das Volk, ist kein Schlafen verstattet, und
-zum Wächter bin ich gesetzt und zum Warner.
-
-ZEDEKIA:
-
-Wahr sprichst du, Jeremias, nicht ist jetzt Zeit zu ruhen in Jerusalem,
-und bei Gott, ich habe nicht geruht. Ratschluß habe ich gehalten mit den
-Dienern meiner Krone, aber nicht ward still meine Seele daran. Die
-Freunde habe ich vernommen, die meines Sinnes sind, doch noch verlangt
-es mich, den zu vernehmen, der wider mich ist in Jerusalem.
-
-JEREMIAS:
-
-Nie ward mein Herz wider dich, mein König, nur meine Rede wider dein
-Tun.
-
-ZEDEKIA:
-
-Und nie war ich dir feind, sei des eingedenk in dieser Stunde! Wenn ich
-dich verschloß, so war es, dich zu retten vor deinen Widersachern.
-Heilig war mir dein Haupt um deiner Kühnheit willen. Doch nun sprich zu
-mir nicht, wie du am Markte sprichst, sondern in deiner Seele und vor
-Gottes Ohr. Nahe bist du vielleicht deinem Ende, und die Bücher sagen,
-daß Worte wahr sind im Antlitz des Todes.
-
-JEREMIAS:
-
-Nicht näher bin ich dem Tode, Zedekia, als du selbst. Auf einem Blatte
-des dunklen Buches ist unsere Stunde gezeichnet.
-
-ZEDEKIA:
-
-Ich bin nicht dein Feind: möge sie dir ferne sein!
-
-JEREMIAS:
-
-Zweimal habe ich gesprochen zu dir, Zedekia, König von Israel, doch nur
-deinen Rücken traf meine Rede, und vor dir lief schon die Tat. Nun
-spreche ich in dein Antlitz und frage dich, was begehrst du von mir?
-
-ZEDEKIA:
-
-Viel ist von den Dingen wahr geworden, Jeremias, die du geweissagt, und
-deine Stimme ward stärker in meiner Seele. Nabukadnezar ist gekommen von
-Mitternacht mit Rossen und Wagen, wie du gesehen im Traum, und gürtet
-die Stadt. Nichts ist ihm gelungen bislang, doch mächtig hilft ihm die
-Zeit. Ein Geheimnis will ich dir künden. Karg wird in den Mauern das
-Brot.
-
-JEREMIAS:
-
-Ich weiß es, Herr.
-
-ZEDEKIA:
-
-Wie kannst du es wissen? Keiner hat die Säcke gezählt, als Nachum, der
-Hüter. Wie gibst du vor, es zu wissen, der du beim Dünger liegst unter
-der Erde?
-
-JEREMIAS:
-
-Das Brot ist kleiner geworden und kleiner, das sie mir in die Grube
-reichen, kaum deckt mirs die Spanne der Hand. Und ich höre die Hunde
-winseln des Nachts und scharren in den Knochen, denn keiner wirft ihnen
-mehr Weiches zu. So ward mir die Not bewußt.
-
-ZEDEKIA (noch gereizter):
-
-Die Hunde wissen es in den Gassen, die Versenkten in ihrer Grube, und
-mich, den König, hat man heut es gelehrt. Auf den Gassen geht die
-Wahrheit um und weilet dort lange, ehe sie kommt zu den Königen.
-
-JEREMIAS:
-
-Wie soll Wahrheit dorthin eilen, wo Dünkel weilt? Ist ihr denn Willkomm
-bei den Königen? Hart ist das Ohr der Könige und nur aufgetan der
-Honigrede, ihre Hüften umgürtet mit Hochmut und ihre Füße umnestelt mit
-Schmeichlern. Sie meinen, die Hochmütigen, man könne Feuer fassen, ohne
-sich zu brennen, und ins Schwert greifen, ohne sich zu schneiden. Wer
-aber den Frieden stört, dem wird er verstöret werden, und wer Wind in
-die Welt gesäet, wird Sturm ernten in seiner Seele.
-
-ZEDEKIA:
-
-Jeremia, zum Rat habe ich dich gerufen, nicht zur Schmähung! Aus deiner
-Tiefe habe ich dich geholt, und keiner weiß es von ihnen, daß aus dem
-Brunnen, darein sie dich versenkten, Ratschluß ich hebe. Darum sprich zu
-mir wahrhaft und rate, ehe daß du schmähest. Willst du mir zu Willen
-sein?
-
-JEREMIAS:
-
-Gott einzig bin ich zu Willen.
-
-ZEDEKIA:
-
-So höre, was keiner weiß, denn meine Räte. Ein Bote kam von
-Nabukadnezar, daß wir wendeten den Krieg von unseren Völkern.
-
-JEREMIAS (jauchzend):
-
-Gelobt sei Gott! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!
-
-ZEDEKIA:
-
-Nicht juble zu früh! Hart ist, was er fordert von uns, und seine Hoffart
-ohne Maß.
-
-JEREMIAS:
-
-Hoffärtig warst du wider ihn, so nimm nun Hoffart von ihm. Zwinge dein
-Herz, doch rette die Stadt!
-
-ZEDEKIA:
-
-Meine Ehre hat er gefordert.
-
-JEREMIAS:
-
-Gib sie hin für die Stadt!
-
-ZEDEKIA:
-
-Ist nicht Ehre mein Amt und der Stolz meine Krone?
-
-JEREMIAS:
-
-Was dein ist, wirf weg! Besser als Ehre ist Friede, besser Leiden denn
-Sterben.
-
-ZEDEKIA:
-
-In ein Joch will er mich beugen!
-
-JEREMIAS:
-
-Selig zu leiden einer für alle, zu leiden für das lebendige Leben. Beuge
-den Nacken, errette die Stadt!
-
-ZEDEKIA:
-
-Schmach wäre es für all die Könige, deren Erbe ich bin, Unflat am Kleid
-meiner Ahnen.
-
-JEREMIAS:
-
-Nicht derer denke, die waren, denn Staub sind sie und Wurmfraß. Denke
-der Stadt, gedenke der Lebendigen!
-
-ZEDEKIA:
-
-Doch nicht mich nur will er erniedrigen, auch unsern Gott.
-
-JEREMIAS:
-
-Gott lächelt seiner Verächter! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut
-dein Herz!
-
-ZEDEKIA:
-
-Das Heiligste will er betreten, dem keiner genaht!
-
-JEREMIAS:
-
-Gott wird es wehren, so es sein Wille ist, nicht du. Tu auf die Tore, tu
-auf der Demut dein Herz!
-
-ZEDEKIA (ergrimmt):
-
-Starrsinn ist deine Weisheit und Trotz dein Ratschluß. Mit tauben Ohren
-hörst du mir zu, und Kieselstein ist deine Antwort.
-
-JEREMIAS:
-
-Soll ich die Hände klappen zu deiner Verblendung und jauchzen zu deinem
-Wort? Rat scheinst du zu fragen und buhlst doch nur Beifall. Doch eher
-dorre meine Zunge und zerfalle mein Gebein, als daß ich deine Torheit
-lobe und nicht schreie wider deine Verblendung.
-
-ZEDEKIA:
-
-Was wirfst du dich hart über mich? Noch weißt du meinen Willen nicht.
-
-JEREMIAS:
-
-Ich kenne deinen Sinn. Nur dein Wort buhlt um mich, doch dein Wille
-bockt wider mich! Willst du meiner spotten und spielen mit Gottes Wort?
-Nicht riefst du mich, daß ich die Wage sei deines Entschlusses. Längst
-ist die Botschaft gehärtet in deiner Seele und gesiegelt deine Meinung.
-Nicht mich belügst du, nur dich selber, König von Israel.
-
-ZEDEKIA:
-
-Jeremias!
-
-JEREMIAS:
-
-Ja, ich, Jeremias, sage dir, dem Könige: Unwahr handelst du an mir, und
-Ausflucht sind deine Worte. Denn nicht frei ist dein Wille mehr, und du
-willst nicht, daß ich ihn wende.
-
-ZEDEKIA (unsicher):
-
-Wie kannst du es wissen?
-
-JEREMIAS:
-
-Deine Lippe verrät es, wie ein Schuldiger schreckst du vor meinem Zorn.
-Versuchen wolltest du mich, daß ich dir zuspräche und ablüde die Schuld
-deinen Schultern, aber, wehe dem, der Menschen versucht, denn Gott
-versucht er in ihnen.
-
-ZEDEKIA (zögert betroffen. Dann leise):
-
-Viel ist dir zu wissen gegeben, Jeremias! Wahr, allzu wahr ist dein
-Wort. Nicht ist mein Wille mehr frei. Schon ist die Botschaft bei dem
-Boten.
-
-JEREMIAS:
-
-Nimm sie ihm ab! Errette die Stadt!
-
-ZEDEKIA:
-
-Schon ist er gegangen.
-
-JEREMIAS:
-
-Zurück! Ruf ihn zurück!
-
-ZEDEKIA:
-
-Zu spät! Zu spät bist du gekommen.
-
-JEREMIAS:
-
-Eile ihm nach! Laß ihm nachsetzen mit Rossen und Läufern.
-
-ZEDEKIA:
-
-Es ist zu spät. Schon hält sie des Königs Hand!
-
-JEREMIAS (bricht zusammen, verhüllt sein Gesicht, mit einem dumpfen
-Schrei die Hände reckend):
-
-Dann wehe, wehe Jerusalem! Jerusalem! Jerusalem! Wehe! Wehe!
-
-ZEDEKIA (erschreckt ihm nahe tretend):
-
-Was ist dir, Jeremias?
-
-JEREMIAS (hört ihn nicht. Ein Schluchzen geht durch seinen Körper.
-Allmählich richtet er sich ganz empor. Seine Augen starren in die Ferne
-mit ekstatischem Blick, sein ganzer Leib ist durchschüttelt von
-mächtiger Bewegung. Er spricht abwesend wie im Gebet, die Hände
-aufhebend, überwältigt von innern Gesichten):
-
- Oh wehe, wie bist du vom Himmel gefallen,
- Jerusalem, prächtiger Morgenstern,
- Und gedachtest doch über die Welten zu steigen!
- Über die Wolken wolltest du fahren,
- Doch wehe, du bist gesunken, du Schöner,
- Nieder, oh nieder, in Dunkel und Nacht.
-
-ZEDEKIA (ihn erwecken wollend):
-
-Jeremias!
-
-JEREMIAS:
-
- Was war heller, als deine Stirne,
- Du Burg Jakobs,
- Du Kronstadt Davids,
- Du Zelt Salomos,
- Gottes Kleinod und heiliges Haus?
- Wer konnte dich künden, wer durfte dich rühmen?
- Die Psalter ward müde, die Zimbel zu leise,
- Von Morgen bis Abend dich heilig zu preisen.
- Völker pilgerten her, dich zu schauen,
- Und wer dich schaute, dem frohlockte das Herz!
-
-ZEDEKIA:
-
-Du rasest, Jeremias! Wach auf! Wach auf!
-
-JEREMIAS:
-
- Doch wie still bist du nun, du Schöne, geworden,
- Wo ist dein Leuchten, wohin dein Gefunkel?
- Nicht mehr flüstern
- Die Stimmen des Bräutigams und der Braut,
- Weithin verscholl das Wogen des Marktes,
- Das Tönen der Freude,
- Flötenklang und der Jungfraun Gesang!
- Weh! Ein Würger ist über dich kommen,
- Ein arger Vollstrecker von Mitternacht.
- Eitel Wüstung sind deine Straßen,
- Dornen wachsen in Marmelgemächern
- Und Nesseln in deines Königs Palast.
- Weh! Gesunken sind all deine Mauern,
- Geborsten die Türme und schmählich zerstoßen
- Das ewige Herz deines Heiligtums.
-
-ZEDEKIA:
-
-Du lügst, Verfluchter! Hoch und heil sind Jerusalems Mauern!
-
-JEREMIAS (immer frenetischer):
-
- Alles Haupt ist geschoren,
- Aller Bart ist geschnitten,
- In Säcken gehen die Mütter und reißen
- Mit Nägeln sich rot das Fleisch von den Wangen:
- Wo sind meine Söhne? Wo sind meine Töchter?
- Doch wehe! Es liegen wie Kot in den Gassen
- Die Leichen der Knaben, erwürgt von den Knechten,
- Die Frauen, erdrosselt im Strang ihrer Haare,
- Die Schwangern zerhaun mitsamt ihrer Frucht.
- Schon ekeln die Raben sich vor ihrer Fülle,
- Und die Schakale der Wüste sind satt.
-
-ZEDEKIA:
-
-Schweig still! Schweig still! Du lügst!
-
-JEREMIAS:
-
- Was hilft es zu flüchten in die Geklüfte,
- In brennenden Steinriß, in tiefes Gestrüpp?
- Sie jagen dir nach mit Rossen und Meuten,
- Sie treiben dich aus mit Räuchern und Bränden,
- Sie fassen dich an und fassen dich doch!
- Sie treiben das Volk mit dem Stecken des Treibers,
- Sie schwächen die Frauen, sie schlagen die Greise,
- Die Tochter des Königs wird Magd seiner Mägde
- Und Sklave der Sklaven der rechtliche Mann.
-
-ZEDEKIA:
-
-Kein Wort mehr, du Lügner, bei meinem Zorn!
-
-JEREMIAS (aufklagend):
-
- Oh, Jerusalem, Jungfrau und Gotteskind,
- Geschmäht und geschwächt vom Hohne der Heiden,
- Oh wehe, daß ich dich so schauen muß!
- Alle deine Neider sind voll jetzt des Lachens,
- Sie blecken die Zähne und lachen betulich:
- »Ei, wie haben wir diese erniedrigt,
- Wie ward willfährig die Stolze, die Schöne!
- Das ist der Tag, des wir haben begehret,
- Wir habens erlanget,
- Wir habens erlebt!«
-
-ZEDEKIA (zitternd vor Zorn auf ihn, mit geballten Fäusten):
-
-Schweige, du Lügner! Ich kann es nicht hören! Du lügst! Du lügst!
-
-JEREMIAS:
-
- Oh, Jerusalem, heilige Gottesstadt,
- Wiege der Völker und Kleinod der Welt.
- Wer wird dich rühmen, wer findet dich?
- Eine Sage der Zeiten bist du geworden,
- Fabel und Sprichwort unter den Völkern,
- Oh, ich sehe ...
-
-ZEDEKIA:
-
-Nichts wirst du sehen, du Rasender du!
-
-JEREMIAS:
-
- Ich sehe dein Leid, ich seh deinen Tod,
- Ich sehe ...
-
-ZEDEKIA (ihn wild anfassend und rüttelnd, in höchstem Zorn):
-
-Nichts wirst du sehen! Ich lasse dich blenden!
-
-JEREMIAS (wie in einem fürchterlichen Erwachen ihn anstarrend. Dann
-plötzlich grell auflachend, in vorbrechender Ekstase):
-
- Mich?!
- Du mich blenden, du Ruchloser!? Nein!
- Anders hat Gottes Entschluß bestimmt!
- Wohl wird einer geblendet sein,
- Ehe der Tag noch sein Ende nimmt,
- Doch jener, der längst schon verblendet war,
- Als sein Auge noch blickte und sah: --
- Höre mich, König Zedekia!
-
- (ZEDEKIA hat ihn losgelassen und starrt ihn erschrocken an.)
-
-JEREMIAS (mit beiden Fäusten auf ihn zu):
-
- Dich
- Werden sie fassen, des Königs Knechte
- Im Hause Gottes, das du verstört,
- Sie reißen die Rechte
- Dir los vom Altar,
- Daran sie zur Hilfe verklammert war!
- Du willst dich wehren, sie brechen dein Schwert,
- Umtun deine Arme mit eisernen Flechten
- Und schleppen
- Und schleifen dich über die Treppen,
- Wie ein Opfertier mit Peitschen und Schlägen
- Jenem entgegen,
- Dessen Hand du verstoßen, dessen Joch du zerbrochen
- Und der dir ein feuriges Urteil gesprochen!
-
- (ZEDEKIA ist zurückgefahren und hebt wie abwehrend die Hände.)
-
-JEREMIAS:
-
- In die Knie
- Knicken sie dich und stoßen dich sie,
- Ein Feuer loht knisternd auf rundem Stein,
- Vier Hände halten den Blendstahl hinein.
- Heiß
- Frißt die Hitze
- Vom schwarzen Griff sich auf in die Spitze.
- Sie glüht! Sie flammt! Sie wird rot! Sie wird weiß!
- Und dann
- Fassen dich rauh ihre Fäuste an,
- Zischend und rauchend
- Tauchen
- Sie die Nacht dir in dein Auge hinein.
-
-ZEDEKIA (aufschreiend und sich an die Augen greifend, wie ein
-Geblendeter):
-
-Weh!
-
-JEREMIAS:
-
- Doch eh
- Dir noch in einer brennenden Gischt
- Von Blut und Tränen dein Blick verlischt,
- Mußt du noch sehn
- Deine Söhne, die drei, vor dem Henker stehn!
- Doch dich halten die Knechte, dich halten die Ketten,
- Du kannst sie nicht lösen, du kannst sie nicht retten,
- Du kannst nur aufschrein, wie jetzt das Schwert
- In den ersten! den zweiten! den letzten fährt!
- Du siehst,
- Wie ihr Blut, ihr junges, im Kote fließt,
- Und siehst,
- Eh der rote Stahl dich für immer blendet,
- Wie Israels Stamm und Königtum endet.
-
-ZEDEKIA (der, wie ein Blinder tappend, auf das Ruhebett gesunken ist,
-die Hände flehend aufhebend):
-
-Erbarmen! Erbarmen!
-
-JEREMIAS:
-
- So wirst du ins ewige Dunkel schrein,
- Doch dir wird kein Helfer im Himmel sein,
- Denn Gott erhört
- Nie den, der frevelnden Übermutes
- Seine Stadt vertan und sein Haus zerstört.
- Er wirft dich nieder zu den Würmern und Schlangen,
- Die blind am Bauche der Erde hinlangen,
- Er wirft dich zum Abhub, zu den Siechen, Verschwärten,
- Den Unreinen, zu den Aussatzverzehrten,
- Er wirft dich in Abseits, zu Räude und Grind,
- Wo die Ausgestoßenen des Volkes sind.
- Ein blinder Bettler, der Ärmste der Armen,
- Durchstreifst du fremd dein eigenes Land,
- Und tritt einer nah
- Und sieht unter dem aschenwirrichten Haar
- Das, was einstens König zu Zion war,
- Dann hebt er die Hand
- Und flucht dir, König Zedekia!
-
-ZEDEKIA (ist wie zerschmettert von den Worten stöhnend auf dem Lager
-liegen geblieben. Jetzt richtet er sich langsam auf und sieht Jeremias
-mit einem wirren Blicke schauernd an):
-
-Was für eine Macht ist dir gegeben, Jeremias! Die Kraft hast du
-gebrochen in meinen Gliedern, und das Mark steht starr mir im Leibe.
-Furchtbar sind deine Worte, Jeremias!
-
-JEREMIAS (die Ekstase ist von ihm gefallen, der Glanz in seinen Augen
-erloschen):
-
-Arm sind meine Worte, Zedekia, Ohnmacht meine Macht. Nur wissen kann ich
-und nicht wenden!
-
-ZEDEKIA (erschüttert):
-
-Warum bist du nicht früher vor mich getreten?
-
-JEREMIAS:
-
-Ich war immer zur Stelle. Doch du fandest mich nicht.
-
-ZEDEKIA:
-
-Es muß so Gottes Wille gewesen sein! (Schweigen. Dann steht Zedekia
-langsam auf und geht auf Jeremias zu): Jeremias, höre mich an -- ich ...
-glaube dir! Furchtbareres hast du gekündet, denn je gekündet ward einem
-König in Israel, und doch -- ich glaube dir. Mit Schauer hast du mein
-Herz geschlagen, und doch, ich ward dir nicht gram. Es möge kein Streit
-mehr sein zwischen uns im Schatten des Todes. Geh hinab, woher du
-gekommen, nicht soll es dir fehlen an Zehrung, das letzte Brot meines
-Tisches will ich teilen mit dir. Und niemand wisse um unsere Zwiesprache
-denn Gott allein.
-
- (JEREMIAS wendet sich zum Gehen.)
-
-ZEDEKIA (gequält):
-
-Jeremias! Muß es denn sein? Oh, Jerusalem, mein Jerusalem! Kannst du es
-nicht wenden?
-
-JEREMIAS (düster):
-
-Es muß sein! Nichts vermag ich zu wenden. Verkünden ist mein Amt. Wehe
-den Ohnmächtigen!
-
-ZEDEKIA (schweigt, dann von innen):
-
-Jeremias, ich habe es nicht gewollt! Ich mußte Krieg künden, aber ich
-liebte den Frieden. Und ich liebte dich, weil du ihn gekündet hast.
-Nicht leichten Herzens hab ich den Harnisch genommen, es war Krieg vor
-mir unter Gottes Angesicht und wird auch nachdem sein. Viel habe ich
-gelitten, sei dessen Zeuge zu seiner Zeit. Und sei bei mir, wenn dein
-Wort sich erfüllt.
-
-JEREMIAS (ergriffen):
-
-Ich werde bei dir sein, mein Bruder Zedekia!
-
-(JEREMIAS wendet sich langsam, abgekehrten Gesichtes von ihm. Er ist
-schon bei der Türe, da ruft noch einmal:)
-
-ZEDEKIA: Jeremias!
-
- (JEREMIAS wendet sich.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Tod ist über mir, und ich sehe dich zum letztenmal. Du hast mir
-geflucht, Jeremias -- nun segne mich auch, ehe wir scheiden.
-
-JEREMIAS (zögert, dann schreitet er feierlich zurück und hebt die Hände
-über des Königs Stirn):
-
-Der Herr segne dich und behüte dich auf allen deinen Wegen. Er lasse dir
-leuchten sein Angesicht und gebe dir den Frieden.
-
-ZEDEKIA (träumerisch verworren nachsprechend):
-
-Und ... gebe ... uns ... den Frieden ...
-
-
-
-
-DAS SIEBENTE BILD
-
-DIE LETZTE NOT
-
- »Ich hielt meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine
- Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht
- vor Spott und Speichel.«
-
- Jer. L, 6.
-
-
- Auf dem großen Tempelplatze am Morgen des nächsten Tages. Eine
- gewaltige Menge, meist Frauen mit Kindern, drängt sich wild vor dem
- Palaste die Stufen empor und wird eine einzige, lärmende Flut,
- überschäumt von einzelnen gellen Rufen und Schreien. Die Vordersten
- sind bis zu der Tür gelangt und hämmern an das Tor.
-
-DER TÜRHÜTER (erscheint):
-
-Was wollt ihr noch? Ich habe euch schon gesagt, es wird heute kein Brot
-mehr gegeben!
-
-EIN WEIB:
-
-Aber ich habe Hunger! Ich habe Hunger!
-
-EINE ANDERE:
-
-Ein Brot haben sie mir gegeben für meine drei Kinder, klein wie die
-Spanne meiner Hand! Sieh her: ganz dürr ist das Mädchen, wie Bast ihre
-Finger. (Sie hebt ein Kind empor.)
-
-EINE ANDERE:
-
-Das meine sieh! Das meine! (Sie hebt ihr Kind empor.)
-
-STIMMEN (wild durcheinander):
-
-Ich habe Hunger ... Gib Brot ... Brot ... Brot ... Wir verhungern ...
-Brot ... Brot ...
-
-EINER (ist bis zur letzten Stufe emporgeklettert):
-
-Her mit den Schlüsseln, sage ich.
-
-STIMMEN (durcheinander):
-
-Ja ... her mit den Schlüsseln ... Sperrt auf ... Die Schlüssel ...
-Ja ... ja ...
-
-DER TÜRHÜTER (den Emporgeklommenen vor die Brust stoßend):
-
-Zurück! Befehl des Königs, jedem ein Brot zu geben bei Tagesanbruch, und
-dann die Speicher zu schließen.
-
-EINE STIMME:
-
-Mir hat man keines gegeben!
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-Mir auch nicht ... mir auch nicht ... Man hat mich vergessen ... mich
-auch ... warum mir keines?
-
-EINE FRAU:
-
-Wie ein Goldstück war meines, und ich habe ein Kind an der Brust.
-Gerechtigkeit!
-
-EINE ANDERE:
-
-Sand war in meinem, Kies und Sand!
-
-EINE ANDERE:
-
-Es sind nicht die gleichen Brote wie vordem! Falsch teilt man uns zu!
-Gerechtigkeit!
-
-DER TÜRHÜTER:
-
-Nachum teilt jedem das gleiche zu. Er ist gerecht.
-
-EINE STIMME:
-
-Wo ist er?
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-Ja, wo ist er? Wir wollen ihn sehen!... Wo ist er ... er soll uns Rede
-stehn ... Heraus mit ihm ... Er bestiehlt uns ... wo ist er ...
-
-EINE STIMME (aufreizend, grell):
-
-Zu Hause sitzt er und mästet die Seinen. Kringel und Kuchen backen sie.
-
-EIN ANDERER:
-
-Ja, sie haben alles beiseite geschafft, die Reichen!
-
-ANDERE:
-
-Und wir sollen hungern ... nein! nein!... Sie bestehlen uns ... Brot für
-die Armen ... Brot ... Brot ...
-
-DIE AUFREIZENDE GRELLE STIMME:
-
-Beim Könige sind die goldenen Schüsseln voll mit Wildbret und Leckerei.
-Den Hunden werfen sie im Palast lieber die Reste vor als unseren
-Kindern.
-
-EINE STIMME:
-
-Das ist nicht wahr.
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-Ja ... ja ... ich habe es selbst gesehen ... meine Schwester sagt es
-auch ... Wo ist Nachum ... Vorwärts ... Hinauf ... Brot ... Brot ...
-Verschwunden sind sie jetzt alle ... Brot ... Brot ...
-
- (DIE STIMMEN schwellen allmählich zu einem einzigen gewaltigen
- Schrei »Brot! Brot!« an. Die Menge flutet die Treppen in steigender
- Erregung hinauf, die Vordersten wollen schon den Türhüter greifen
- und hämmern mit ihren Fäusten an die verschlossene Tür.)
-
- (DER TÜRHÜTER hat in ein Horn gestoßen. Aus dem Palast eilt sofort
- ABIMELECH mit einigen Kriegsknechten herbei.)
-
-ABIMELECH:
-
-Fort!... Stoßt sie zurück ... Hinunter die Treppen ... hinunter ... Raum
-vor dem Palast.
-
- (DIE MENGE flüchtet, gestoßen von den umgekehrten Lanzen, hinab in
- panischem Tumult.)
-
-DIE STIMMEN (durcheinander):
-
-Wehe ... Er hat mich geschlagen ... Sie töten uns ... Wehe ... Wo ist
-mein Kind ... Weh ... Gewalt ... Zu Hilfe!
-
- (DIE MENGE hinabgedrängt, wogt unten in zorniger Erregung.)
-
-ABIMELECH:
-
-Seid ihr rasend! Der Feind wirft sich wider uns. Vor dem Walle stehe ich
-seit morgens gegen seinen Ansturm, und derweil brecht ihr hier vor? Was
-wollt ihr, Rotte?
-
-DIE STIMMEN:
-
-Brot ... Wir haben Hunger ... Brot ... Unsere Kinder verhungern.
-
-ABIMELECH:
-
-Jedem ist Brot zugeteilt.
-
-DIE STIMMEN:
-
-Mir nicht ... Man hat mich vergessen ... Nicht genug ...
-
-ABIMELECH:
-
-Der Feind berennt die Stadt! Spannt den Riemen enger. Kriegszeit ist
-jetzt.
-
-DIE STIMMEN:
-
-Nicht genug ... Wir haben Hunger ...
-
-ABIMELECH:
-
-So hungert! Ihr könnt hungern, wenn wir bluten! Erst die Stadt, dann
-ihr! (Aufmunternd): Es lebe Jerusalem!
-
-EINE EINZIGE STIMME (aus der Menge, schwach):
-
-Es lebe Jerusalem!
-
-DIE AUFREIZENDE STIMME (grell):
-
-Wer ist Jerusalem? Hat es Magen und Blut? Steine und Mauern sind nicht
-Jerusalem. Wir sind Jerusalem!
-
-DIE MENGE:
-
-Ja! Wir sind Jerusalem ... wir wollen leben ... wir wollen nicht
-verhungern ... Meine Kinder sollen leben ... Was ist mir Jerusalem?
-Brot ... Brot ...
-
-ABIMELECH (aufstampfend):
-
-Ruhig, Volk! In die Häuser mit euch! Was steht ihr müßig auf dem Markt
-statt an der Mauer! Es ist Krieg jetzt.
-
-EIN WEIB:
-
-Warum ist Krieg?
-
-VIELE STIMMEN:
-
-Ja, warum? Warum ist Krieg? Machen wir Friede ... Friede ... Friede ...
-Brot ...
-
-DIE AUFREIZENDE STIMME:
-
-War uns nicht wohl unter Nabukadnezar, war sein Joch nicht sanft, und
-linde unsere Tage?
-
-VIELE STIMMEN:
-
-Ja ... ja ... Friede mit ihm ... Friede ... Ja ... ja ... Endet den
-Krieg ... Nieder mit dem Krieg ... Fluch dem, der ihn begann ...
-
-EIN WEIB:
-
-Zedekia hat ihn gewollt um der Ägypter willen ...
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... Er hat uns verkauft ... Unsere Räte haben uns verraten ...
-Zedekia hat uns verraten ... er hat sich verkrochen bei seinen Weibern.
-
-ABIMELECH:
-
-Wer wagt, den Gesalbten des Herrn zu schmälen? Der Erste ist er im
-Kampfe ...
-
-DIE AUFREIZENDE STIMME:
-
-Das ist nicht wahr!
-
-ABIMELECH:
-
-Wer sagt, es ist nicht wahr? Er trete vor, der Verleumder, ich will ihn
-vor mein Schwert. Wer hat es gesagt?
-
- (DIE MENGE schweigt.)
-
-ABIMELECH:
-
-Hütet euch vor den Verleumdern! Und jetzt in die Häuser, und wer Kraft
-hat, an die Wälle.
-
-STIMMEN (von rückwärts):
-
-Nachum ... Nachum ... da ist er.
-
-DIE MENGE (verteilt sich, flutet gegen Nachum, den sie umringt):
-
-Nachum, guter Nachum ... Gib uns Brot ... Brot ... Brot ... Du bist der
-Gerechte ... Nachum ... Hilf uns ... Guter Nachum ...
-
-NACHUM (sich losringend):
-
-Laßt mich los! Gebt mich frei!
-
-DIE MENGE (hinter ihm die Treppen emporwogend):
-
-Nachum, Nachum ...
-
-ABIMELECH:
-
-Zurück mit euch!
-
- (DIE KNECHTE heben die Speere, die Menge bleibt schreiend unten.)
-
-NACHUM:
-
-Was wollt ihr von mir?
-
-EINE STIMME:
-
-Die Speicher schließ auf!
-
-NACHUM:
-
-Sie sind leer. Jedem ein Brot des Tages, das muß reichen.
-
-DIE STIMMEN VON FRÜHER:
-
-Ich habe keines bekommen ... ich auch nicht ... tu auf die Speicher ...
-tu auf die Speicher ...
-
-NACHUM:
-
-Die Speicher sind leer.
-
-DIE AUFREIZENDE STIMME:
-
-Wir wollen sie sehen.
-
-VIELE STIMMEN:
-
-Ja, wir wollen sie sehen ... ich glaube es nicht ... es ist nicht
-wahr ... mit unseren Augen wollen wir es sehen ... schließe sie auf ...
-wir wollen selbst sehen ... ja ... ja ... schließe auf ... ich glaube es
-nicht ...
-
-NACHUM:
-
-Ich schwöre euch ...
-
-DIE AUFREIZENDE STIMME:
-
-Wir glauben nur, was wir sehen. Zuviel hat man uns gelogen.
-
-VIELE STIMMEN:
-
-Ja ... alle haben uns belogen ... die Priester ... Ja, alle ... der
-König ... Her mit den Schlüsseln ... Alle haben sie Lügen gesagt ...
-Sieg haben sie verkündet.
-
-ANDERE STIMMEN (immer stärker ausbrechend):
-
-Wo sind die Ägypter ... Wir wollen sie sehen ... Zedekia hat sie
-verheißen ... Wo sind die Wunder ... Wo sind sie ... wo ... Brot ...
-Brot ... Her mit den Schlüsseln ... Brot ... Her mit den Schlüsseln ...
-
- (DIE MENGE ist wieder mächtig aufgewogt gegen die Treppen. Sie
- bedrängen Nachum und suchen ihm die Schlüssel zu entreißen.)
-
-NACHUM:
-
-Zu Hilfe! Zu Hilfe!
-
-ABIMELECH (dreinschlagend mit seinen Knechten):
-
-Hinunter, ihr Rotte! Hinunter! Hinunter!
-
-EINE STIMME:
-
-Wehe, ich bin getroffen!
-
-VIELE STIMMEN:
-
-Wehe ... mein Kind ... er hat mich geschlagen ... Mörder ... Mörder ...
-Wehrlose schlagt ihr ... Sie morden uns ... Mein Kind ... Wehe ...
-Gewalt ...
-
-EIN WEIB (sich das Gewand aufreißend):
-
-Hier hat er mich getroffen! Ich blute! Ich blute! Seht her!
-
-DIE MENGE (die zurückgeworfen ist, stößt Wutschreie aus):
-
-Rache ... Nieder mit ihnen ... nieder!
-
-ABIMELECH:
-
-Zum letztenmal! In die Häuser mit euch! Räumt den Platz, oder ich fasse
-das Schwert!
-
-DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME:
-
-Unser ist der Markt, unser die Stadt!
-
-VIELE STIMMEN:
-
-Ja, wir bleiben.
-
-EIN WEIB:
-
-Ich bleibe, bis der König kommt.
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... ja ...
-
-DAS WEIB:
-
-Mein Kind werfe ich ihm vor die Füße. Er soll es nähren. Ich weiche
-nicht, ehe ich nicht Brot habe.
-
-ANDERE:
-
-Ich bleibe ... wir warten ... ich weiche nicht ... ich bleibe.
-
-EINE STIMME (von rückwärts durch das Gedränge):
-
-Abimelech, wo ist Abimelech?
-
-ABIMELECH:
-
-Hier bin ich!
-
-DIE MENGE:
-
-Dort ist er, der Verruchte ... der Mörder ...
-
-DER BOTE:
-
-Zu Hilfe, Abimelech ... Am Tore Moria sind sie eingedrungen.
-
- (DIE MENGE stößt einen Schreckensschrei aus.)
-
-ABIMELECH (mit dem Schwert sich durchschlagend):
-
-Platz, Gesindel! Fort! Raum! (Er schlägt sich durch eine Gasse von
-Entsetzen und Schreien mit dem Schwerte durch.)
-
- (DIE MENGE wird jetzt im Entsetzen zu einem einzigen, gewaltig
- tönenden Chaos. Während sie früher in einer Richtung, einem Willen
- drängte, wirren die einzelnen jetzt durcheinander, strömen zu,
- flüchten und kommen. Es ist ein brodelndes Geschwirr von Worten,
- Schreien und Bewegungen in ihnen, das in seinen hundertfachen Formen
- ein einziges ausdrückt: grenzenlose, sinnlose, ziellose Angst,
- ratloses Entsetzen.)
-
-STIMMEN AUS DER MENGE:
-
-Bei Moria sind sie ... Wir sind verloren ... jetzt ist es zu Ende ...
-wohin ... Meine Frau ... meine Kinder ... Wehe ... wehe ... Wo bist
-du ... Gottes Tod über uns ... In den Tempel ... Elia ... Elia ...
-Gott errette uns ... Wo sich bergen ... Wehe ... wehe ... Was sollen wir
-tun ...
-
-EINE STIMME:
-
-An die Mauern ... Alles an die Mauern ...
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... nein ... An die Mauern ... Elia ... Wohin ...
-
- EINE GRUPPE löst sich ab und eilt fort, andere Gruppen strömen
- wieder her, eine flutet heran und ruft mit einzelnen
-
-STIMMEN:
-
-In den Tempel ... In den Tempel ... Gott muß uns helfen ... Die
-Bundeslade ... Die Bundeslade ... Traget sie vor ...
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-In den Tempel ... Wo sind die Priester? Wehe, wo sind sie? Wo sind sie?
-Verschlossen die Türen!
-
-EINER (hereinstürmend):
-
-Verrat! Der König ist geflohen! Wir sind verloren!
-
- (DIE MENGE bricht in einen Schrei wütenden Entsetzens aus.)
-
-STIMMEN:
-
-Verraten sind wir ... verloren ... Wo ist der König ... wo sind die
-Priester ... wo Hananja ... verraten ... Verschlossen die Türen ... wir
-sind verloren ... wohin ... sie haben uns belogen ... Rache ... Rache ...
-sie lassen uns ermorden ... Wehe, wer rettet uns ... Wer rettet uns ...
-Tod über uns ... Die Chaldäer ...
-
-DIE AUFREIZENDE STIMME:
-
-Fluch dem Könige!
-
-STIMMEN (im Wutgeschrei):
-
-Fluch! Fluch!
-
-DIE AUFREIZENDE STIMME:
-
-Fluch den Priestern! Fluch den Profeten! Alle haben sie uns belogen!
-
-DIE MENGE:
-
-Fluch! Fluch!
-
-DIE AUFREIZENDE STIMME:
-
-Sie haben geschlagen, die warnten und rieten ...
-
-EINE STIMME:
-
-Geschlagen Jeremias!
-
-ANDERE STIMME:
-
-Ja! Er hat es gesagt! Jeremias ... Jeremias ...
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-Er hat gewarnt ... Friede hat er gefordert ... gedenket ihrs noch ...
-ja ... Ich habe es gehört ... Ja ... ja ... Hier hat er es gesagt ...
-ja ... ja ... Er ist der Profet ... immer wurde sein Wort Wahrheit ...
-Ja ... ja ... ja ... Er hat alles gekündet.
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-Wo ist er ... Jeremias ... rufet ihn her ... Jeremias ... wo ist er ...
-er soll uns raten ... ja ... ja ... er hat stets das Rechte gewußt ...
-er wird uns helfen ... Wo ist er ... wo ist er ...
-
-EINE STIMME:
-
-In den Düngerhaufen haben sie ihn versenkt, hier im Palast.
-
- (DIE MENGE bricht in ein Wutgebrüll aus.)
-
-STIMMEN:
-
-Wir müssen ihn befreien ... ja ... ja ... er wird uns erretten ...
-sprengt seine Gruft ... ja ... heraus mit ihm.
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-Die Tore auf ... Jeremias ... Jeremias ... Oh, er ist der Befreier. Gott
-hat ihn gesandt ... Wo ist er ... Jeremias, du Gottesknecht ...
-Erlösung ... Erlösung ...
-
-ANDERE:
-
-Schlagt die Lügner und Profeten ... Er ist der Wahre, er hat es
-verkündet ... ja ... ja ... jedes Wort ist Wahrheit geworden ... Gottes
-Gnade war über ihm ... Gib das Beil ... die Latte gib her ... wir müssen
-ihn befreien ... hinauf ... Jeremia!... Jeremia!... Er soll König
-sein ... Wo ist er ... oh Helfer, Erretter, oh Trost, oh Tröster ...
-
- (DIE MENGE hat ihre Stimmen zu dem einzigen glühenden Schrei
- »Jeremias, Jeremias« zusammengefaßt, in dem sich ihre Wut, ihre
- Hoffnung und Angst vereint. Ihre Flut ist die Treppe wieder
- hinaufgeschäumt, mit Brettern und Hämmern und den Fäusten schlagen
- sie gegen das verschlossene Tor. Endlich wird zögernd aufgetan.)
-
-DER TÜRSTEHER:
-
-Was wollt ihr?
-
-DIE MENGE:
-
-Fort! Jeremia! Jeremia! (Sie stoßen ihn zur Seite.)
-
-DER TÜRSTEHER:
-
-Hilfe! Hilfe! (Sein Schrei wird mit ihm selbst fortgerissen, ein Teil
-der Masse flutet schwarz durch die Tür, man hört dumpf das Sprengen von
-Türen, das Schlagen von Äxten.)
-
- (DIE MENGE unten beobachtet in wilder Ekstase und Ungeduld das
- Geschehen.)
-
-STIMMEN:
-
-Hinein!... Hinein!... Ganz unten haben sie ihn verscharrt ... sie hatten
-Furcht vor ihm ... die Hunde ...
-
-STIMMEN:
-
-Oh, ein Heiliger ist er ... ein Gesandter des Herrn ... Oh, Jeremia ...
-er wird uns erretten ...
-
-EIN WEIB (in Ekstase):
-
-Er hat die Hände gebreitet und gerufen: Friede! Gottes Flamme war auf
-seinen Lippen und seine Stirne hell wie von Engelsgeleucht. Oh, er wird
-uns erlösen!
-
-EINE ANDERE:
-
-Er wird seine Hand ausrecken wider die Feinde, und Aussatz wird über sie
-fallen. Oh, seine Füße zu küssen, des Heiligen, der für uns gelitten!
-
-EINE ANDERE:
-
-Gegeißelt haben sie ihn ... wie Balsam sind für uns seine Wunden ... ich
-will knien vor ihm in den Staub ...
-
-DIE ERSTE:
-
-Heilig ... heilig ... heilig ist er, Jeremia!
-
-STIMME (von oben):
-
-Seile ... Bringt ein Seil ... daß wir ihn heben!
-
-DAS WEIB:
-
-Oh, er naht! Rettung naht, wir werden leben, mein Kind! Der Heilige
-naht.
-
-DIE ANDERE:
-
-Daß ich doch schon schauen könnte sein seliges Antlitz. Leuchten wird
-davon Jerusalem.
-
- (JUBELGESCHREI von oben aus der Tiefe.)
-
-DIE MENGE UNTEN:
-
-Sie haben ihn gefunden!... Rettung ... Rettung ... Gottes Gnade ...
-Jeremia ... Jeremia ...
-
-DAS WEIB:
-
-Oh, ihn schauen, ist schon genesen, mein Herz brennt loh, ihn zu sehen!
-Oh, du Heiliger, du Erlöser, nahe deinem Volke, nahe deinen Mägden,
-rette, rette Jerusalem! Gehe auf, du Sonne unserer Nacht, erglühe, du
-Stern unseres Dunkels! Rette! Rette Jerusalem!
-
-DIE MENGE (wild ekstatisch):
-
-Jerusalem!... Rette die Stadt ... Jeremia ... Jeremia ...
-
-DAS WEIB:
-
-Er naht! Oh, ich sehe ihn, ich sehe, ich sehe sein seliges Antlitz. Wie
-die Sonne ist es zu schauen, da sie über den Libanon steigt. Oh, sieh
-nieder, du Gebenedeiter! Sieh nieder auf unser Elend! Hebe uns auf!
-
- (DIE MENGE hat unter wildem Getöse Jeremias im Triumph aus dem Tore
- geschleppt. Er steht an der obersten Stufe, die Augen verhüllend vor
- dem Licht, das so plötzlich auf ihn eindringt. Um ihn tost die
- Ekstase der Menge.)
-
-STIMMEN:
-
-Heiliger! Meister!... Samuel ... Elia ... Elia ... Oh, Verkünder ...
-Jeremia ... errette ... errette uns ... Jeremia ... König ... Gesalbter
-du ... Jeremia ... Höre ihn, Israel ... Jeremia ...
-
-DAS WEIB (zu seinen Füßen sich werfend):
-
-Was verhüllst du dein Antlitz? Labsal ist dein Blick! Oh, sieh,
-Gesegneter, auf das Kind, damit es genese, sieh auf uns, daß wir
-auferstehen vom Tode!
-
-JEREMIAS (langsam die Hände von den Augen nehmend. Er ist sehr ernst und
-düster, wie er in die wilde Erwartung blickt):
-
-Fremd ist das Licht meinen Augen, es brennet mich, und ungewohnt diese
-Liebe meiner Seele: auch sie brennet mich! Was heischt ihr von mir?
-
-DIE MENGE:
-
-Heiliger ... Jeremias ... rette uns ... Gesalbter ... rette die Stadt ...
-Unser König sei ... tue ein Wunder ...
-
-JEREMIAS:
-
-Ich verstehe eure Worte nicht. Was wollt ihr von mir?
-
-DIE MENGE (chaotisch durcheinander):
-
-Moria ... die Burg ... rette Jerusalem ... ein Wunder ... wir sind
-verloren ... Unser Hort bist du ... errette uns ... rette Jerusalem ...
-
-JEREMIAS:
-
-Einer rede, nicht alle!
-
-DAS WEIB (hinstürzend zu seinen Füßen):
-
-Heiliger! Gesalbter Gottes, Stern unserer Hoffnung, tu auf deine Hände,
-die gebenedeiten! Rette uns, rette uns, rette Jerusalem! Was du
-geschaut, hat sich erfüllet, die Chaldäer sind über uns!
-
-EINE STIMME:
-
-Sie stürmen die Mauer von Moria!
-
-EINE ANDERE STIMME:
-
-Unsere Männer sind geschlagen ...
-
-EINE ANDERE STIMME:
-
-Vor dem Tempel schon kämpfen sie.
-
-EINE DRITTE STIMME (verzweifelt):
-
-Rette, rette Jerusalem!
-
-DIE MENGE (frenetisch):
-
-Rette, rette Jerusalem!
-
- (JEREMIAS bleibt unbeweglich und birgt sein Gesicht in den Händen.)
-
-DAS WEIB:
-
-Wir wollen dich rächen an deinen Feinden, mit den Nägeln zerreißen das
-Antlitz deiner Widersacher. Aber erbarme dich unser, erbarme dich! Unser
-Hort bist du und unsere Hoffnung.
-
-EINE STIMME:
-
-Wer errettet uns, wenn nicht du?
-
-DIE AUFREIZENDE STIMME:
-
-Die Priester haben uns verraten, der König uns verkauft.
-
-JEREMIAS (auffahrend):
-
-Das ist nicht wahr! Was schmäht ihr den König?
-
-STIMMEN:
-
-Er hat uns verlassen ... Wo ist er ... warum hilft er nicht ... er ist
-geflüchtet ... er ist geflohen ...
-
-JEREMIAS (stark):
-
-Das ist nicht wahr.
-
-STIMMEN:
-
-Es ist wahr ... Sie haben uns in diesen Krieg geführt ... sie haben uns
-geopfert ... Wir haben diesen Krieg nicht gewollt ... Friede wollten
-wir ... Friede ... Mache Friede mit ihnen ... Friede ... Friede ...
-
-JEREMIAS:
-
-Spät wollt ihr den Frieden! Was werft ihr Blutes Schuld von euch fort
-auf den König? Auch ihr habt diesen Krieg gewollt.
-
-STIMMEN:
-
-Ich nicht ... nein ... ich nicht ... ich nicht ... Der König hat ihn
-gewollt ... ich nicht ... keiner von uns ...
-
-JEREMIAS:
-
-Alle habt ihr ihn gewollt, alle, alle! Wankelmütig sind eure Herzen und
-schwanker denn Rohr. Die jetzt Friede schreien, hörte ich toben nach dem
-Kriege, und die jetzt den König schmähen, jauchzeten ihm zu. Wehe, du
-Volk! Doppelzüngig ist deine Seele, und jeder Wind wendet deine Meinung!
-Ihr habt gehurt mit dem Kriege, nun traget seine Frucht! Ihr habt
-gespielt mit dem Schwerte, nun fühlet seine Schärfe. Wider euch schlaget
-mit den Fäusten, wider euch mit den Worten!
-
-STIMMEN:
-
-Wehe ... er zürnt uns ... Jeremias ... sieh unsere Not ... hilf uns ...
-was sollen wir tun ...
-
-JEREMIAS:
-
-Es tue jeder nach seinen Kräften. Wer ein Schwert fassen kann, fasse das
-Schwert und diene mit seinem Blute, und wem der Arm lahmt, der gehe ein
-in sein Haus und diene mit seinen Tränen. Aber rottet euch nicht und
-murret nicht!
-
-DIE MENGE:
-
-Nein ... Rettung ... Hilf uns ... Sieg, gib uns Sieg ... Laß uns nicht
-ohne Hoffnung ... Siehe, wir vergehen ... Jerusalem ... rette uns ...
-rette Jerusalem ... Heiliger ... Gütiger ... hilf uns ... ein Wunder tu,
-laß es nicht geschehen ... ein Wunder ... recke aus deinen Arm, wie
-Jesaja tat ... wie Elia ... wie Aaron ... hilf uns ...
-
-JEREMIAS:
-
-Niemand kann helfen, so Gott euch nicht hilft.
-
-DIE AUFREIZENDE STIMME:
-
-Gott hat uns verlassen!
-
-DIE MENGE:
-
-Ja ... Gott hat uns verlassen ... wo ist er ... wo ist der Bund, den er
-geschlossen mit uns ... Gott hilft nicht ...
-
-JEREMIAS (zornig):
-
-Was zischt ihr wider Gott aus eurem Elend, ihr Gewürm der Erde, wollt
-ihr, daß er euch zertrete mit seiner Ferse? Da er euch gnädig war,
-brüstetet ihr euch mit seiner Liebe und prangertet mit seiner Güte, und
-meinet ihn nun wegspeien zu dürfen am Tage des Gerichts! Wehe, welch ein
-Volk seid ihr. Stein ist eure Stirne und eine eiserne Ader euer Nacken,
-aber ich sage euch: Nicht stemmet die Stirn wider Gottes Stärke, beuget
-euch, beuget euch, ehe ihr zertreten werdet!
-
-STIMMEN:
-
-Wehe ... wie unbarmherzig ... er verläßt uns ... nur Worte gibt er ...
-Wir sind verloren ... wer hilft uns ... Nicht harte Worte gib uns ...
-ein Wunder tu ... ein Wunder ... ein Wunder ... ein Wunder ...
-
-JEREMIAS:
-
-Wahrlich, ein Wunder wäre vonnöten, euren Starrsinn zu beugen! Noch aus
-dem Tod hebt ihr die Stirne, noch aus dem Untergang eure Lästerung!
-Wehe, welch ein Volk seid ihr! Ich aber sage euch, beuget euch, beuget
-euch! Nicht auf das Wunder wartet, das euch erlöse -- den Gott erlöset
-in euch! Beuget euch, ihr Starren, demütiget euch, ihr Hochmütigen, ehe
-ihr zerbrochen werdet!
-
-STIMMEN HERBEISTÜRMENDER:
-
-Sie haben ein Tor gesprengt bei Moria ... Abimelech ist gefallen!
-
-DIE MENGE (wild aufschreiend):
-
-Wehe ... wehe ... (Dann plötzlich mit verdoppelter Wucht gegen Jeremias
-aufschäumend): Höre ... höre ... wir sind verloren ... jetzt hilf ...
-tue ein Wunder ... ein Wunder, Profet ... ein Wunder ...
-
-JEREMIAS (verzweifelt):
-
-Was wollt ihr, daß ich tue? Soll ich die nackten Arme recken wider den
-Feind ...
-
-DIE MENGE (ekstatisch):
-
-Ja ... ja ... tue also ...
-
-JEREMIAS:
-
-Glaubt ihr denn, daß ich jagen kann, den Gott wider euch sandte?
-
-DIE MENGE:
-
-Ja ... ja ... Du kannst es ... Du kannst es ... Du mußt es können ...
-ja ... ja ... alles kannst du ...
-
-JEREMIAS:
-
-Ich kann es nicht, Wahnwitzige! Nichts vermag ich wider Gott!
-
-DIE MENGE:
-
-Du kannst es ... rette Jerusalem ... Du kannst es!... Das Wunder tu ...
-
-JEREMIAS (ausbrechend):
-
-Und wenn ich es könnte wider Gottes Wille, ich täte es nicht. Weichet
-von mir, die ihr mich verlockt wider ihn. Zu ihm halte ich und nicht zu
-euch, ich streite nicht wider sein Schwert, ich rede nicht wider seine
-Rede, ich will nicht wider seinen Willen! Möget ihr euch ihm wehren, ich
-beuge mich! Was immer er verhänge, ich beuge mich seinem Willen, ich
-beuge mich.
-
-STIMMEN:
-
-Wehe ... nein ... nein ...
-
-JEREMIAS:
-
-Es geschehe, wie er bestimmt. Es erfülle sich sein Wille: wer durch das
-Schwert fallen solle, falle durch das Schwert, wen der Hunger schlägt,
-durch den Hunger, wen Pest würget, würge die Pest -- sein Wille geschehe,
-sein Wille geschehe, ich beuge mich, ich beuge mich! Seine Bitternis
-will ich trinken und seine Fäuste fühlen, so es sein Wille ist -- ich
-beuge mich.
-
-STIMMEN:
-
-Wehe ... er verleugnet uns ... er verläßt uns ...
-
-JEREMIAS (immer mehr in Ekstase):
-
-Zu ihm halte ich, dem Getreuen, und nicht zu euch, die ihr schwanket. Sein
-Wille geschehe und nicht der eure! Herr, tue, wie es dein Wille ist --
-ich beuge mich dir, ich beuge mich. Fallen möge Jerusalem, so es dein
-Wille ist -- ich beuge mich!
-
- (DIE MENGE bricht in einen Entsetzensschrei aus.)
-
-JEREMIAS:
-
-Fallen möge dein heiliges Haus, so es dein Wille ist -- ich beuge mich!
-
- (AUS DER MENGE zucken wilde Wutschreie.)
-
-JEREMIAS:
-
-Fallen mögen die Türme, zerstieben das Volk und sinken sein Name,
-Schmach möge stürzen auf meinen Leib und Marter auf meine Seele, so es
-dein Wille ist -- ich beuge mich, Herr, ich beuge mich!
-
-DIE MENGE:
-
-Er ist rasend ... Nieder mit ihm ... Er ist toll ... Wehe ... Er
-verflucht uns ... Schweige ... Verräter ... Wehe ...
-
-JEREMIAS (ganz in Ekstase):
-
- Was immer du tust, ich beuge mich.
- Ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!
- Ström nieder auf mich mit all deinen Schauern,
- Ich tu mich dir auf, ich sperr mich nicht ab,
- Brich ein in mein Herz, brich ein in die Mauern,
- Wirf nieder die Tore, die tödlich umstürmten,
- Verbrenn deinen Altar, den blutig beschirmten,
- Verstoße dein Volk und verstoße auch mich --
- Ich bleib dir doch treu in Tiefe und Trauer,
- Denn mein Herz beherbergt dich ewiglich!
-
-DIE MENGE (ihn wild umstürmend):
-
-Verräter ... Er betet um unsern Tod ... Er verflucht uns ... Steiniget
-ihn ... steiniget ihn ...
-
-JEREMIAS (noch ekstatischer sich aufrichtend, wie eine Flamme über der
-dunkel schwelenden Masse):
-
- Herr, tue an mir, wie dir es gefällt.
- Ist Dunkel gesunken, kam Leidenszeit,
- Herr, ich bin allem Leiden bereit!
- Gieß aus deines Zornes fressende Lauge
- In meine Seele -- sie wird dich nicht lassen,
- Zerbrich meine Hände, verschließ meine Augen --
- Ich werde dich schauen, ich werde dich fassen.
- Sinn aus das trächtigste Maß deiner Leiden,
- Ich will mich nicht wehren, ich bin ihm bereit!
- Und je mehr du mir Leiden und Martern gibst,
- Um so mehr will ich künden, daß du mich liebst!
- Ich will doppeln die Qual, die du auferlegt,
- Ich will küssen die Geißel, die mich zerschlägt,
- Ich will danken der Hand, die mich knechtet und kränkte,
- Ich will rühmen den Brand, der das Herz mir versengte,
- Ich will segnen den Tod, den dein Wille entsandte,
- Ich will segnen die Not, die die Stadt uns verbrannte,
- Ich will segnen Bitternis, Knechtschaft und Schmach,
- Ich will segnen den Feind, der die Tore zerbrach,
- Denn ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!
- Was immer du sendest, ich lobe dich,
- Herr, höre mein Wort und erprobe mich!
-
-DIE MENGE (in Wutschreien ihn unterbrechend):
-
-Verräter ... steiniget ihn ... er segnet unsere Feinde ... er betet für
-unsere Feinde ... Steiniget ihn ... Fluch wirft er über uns ...
-Lästerer ... Steiniget ihn ...
-
-DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME (alle überkreischend):
-
-Kreuziget ihn! Kreuziget ihn ...
-
-DIE MENGE (die Stufen emporschäumend in wildem Schrei):
-
-Ja ... ans Kreuz ... kreuziget ihn ... Gotteslästerer ... Verräter ...
-steiniget ihn ... kreuziget ihn ...
-
-JEREMIAS (die Arme auftuend zur Kreuzgebärde, in äußerster Ekstase):
-
- Dein Wille geschehe! Kommt her! Kommt her!
- Die Lanze rammt mir ein und den Speer,
- Oh, geißelt nur, speit und beschmähet mich,
- Zum Kreuze schleppt und erhöhet mich,
- Zerreißt meine Hände, zerbrecht mein Gebein, --
- Ich will ja nur für euch alle und alle
- Vor Gott das selige Sühnopfer sein.
- Oh, faßt mich! Vielleicht ist mein Opfer genehm,
- Vielleicht sieht sein Auge mit Wohlgefallen
- Mein brennendes Herz und erbarmet sich
- Und rettet und rettet Jerusalem!
-
- (DIE MENGE schäumt empor, ihn umdringend. Einige fassen ihn, andere
- werfen sich ihnen entgegen und versuchen, ihn zu befreien.)
-
-STIMMEN:
-
-Ans Kreuz ... steiniget ihn ... Er lästert Gott ... Kreuziget ihn ...
-Fluch Jeremias ... Kreuziget ihn ...
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-Laßt ... Der Geist Gottes ist über ihm ... Er rast ... laßt ab ...
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-Ans Kreuz ... Ans Kreuz ... Er hat uns verflucht.
-
-JEREMIAS (im Tumult, die Hände kreuzgebreitet):
-
- Was zögert ihr noch? Den seligen Preis
- Des Martertods, ich will ihn bezahlen!
- Oh, wie dürstig bin ich der Martern und Qualen,
- Denn ich weiß,
- Der am Kreuze hinstirbt in irdischer Pein,
- Wird der selige Mittler und Fürbitter sein.
- Seine Arme, die brechend am Kreuzholz hangen,
- Werden liebend die Seele der Welt einst umfangen,
- Seine Lippen, die schmachtend verlöschen und brechen,
- Das erlösende Wort des Friedens aussprechen,
- Seine Seufzer werden zu Wohllaut werden,
- Seine Qual die ewige Liebe auf Erden.
- Oh, sein Tod ist Leben, sein Leiden Vergeben,
- Nur sein Fleisch kann sinken, sein Leib kann zerfallen,
- Doch seine Seele wird flügelnd mit allen
- Sünden der Menschen zu Gott aufschweben
- Und dort der Bitter und Bote sein!
- Oh, daß ich es wäre, oh, daß ich es würde,
- Meine Seele verzehrt und verlodert sich!
- Auflegt mir das Kreuz! Aufhäuft mir die Bürde!
- Kreuziget mich! Oh, kreuziget mich!
-
- (DIE MENGE hat ihn unter wilden Rufen gefaßt und schleift ihn mit
- sich. Sie schlagen auf ihn ein.)
-
-STIMMEN:
-
-Kreuziget ihn ... Ans Kreuz ... Er hat sie gerufen ... er ist der
-Feind ... Kreuziget ihn!... steiniget ihn ...
-
- (Flüchtige kommen in diesem Augenblick von rückwärts gestürmt in
- wahnsinniger Verwirrung. Sie schleudern die Waffen im Lauf weg und
- gebärden sich wie Tolle.)
-
-WILDE STIMMEN:
-
-Die Mauer ist gefallen ... Die Feinde sind in der Stadt ... Die Chaldäer
-über uns ... Verloren ... Israel ist verloren ...
-
-NEUE FLÜCHTIGE:
-
-Abimelech ist tot ... Alles ist verloren ... Jerusalem ist gefallen ...
-Rettet euch ... Die Chaldäer ...
-
-NEUE FLÜCHTIGE (in vollem Lauf):
-
-Sie sind hinter uns ... Zum Tempel ... Alles ist verloren ... Wehe ...
-Israel ... Israel ... Wehe! Israels Ende ... verloren Jerusalem!
-
- (DIE MENGE stiebt in furchtbarem Entsetzensschrei auseinander. Sie
- lassen Jeremias und stürzen kreischend in alle Richtungen. Die ganze
- Stadt dröhnt von Geschrei und Getöse wirrer Verzweiflung und
- Flucht.)
-
-
-
-
-DAS ACHTE BILD
-
-DIE UMKEHR
-
- »Oh, daß Hiob versuchet würde bis ans Ende.«
-
- Hiob XXXIV, 36.
-
-
- Ein weitläufiges kellerartiges Gewölbe, dessen Läden verschlossen
- und dessen Türen verrammelt sind. Feuchtes Grau füllt die Tiefe des
- unterirdischen Raumes. Wie Gewürm, dunkel und verstrickt, kauern und
- liegen Flüchtlinge auf den Steinen, einige haben sich um einen Greis
- zusammengetan, der aus der Schrift mit zerbrochener Stimme halblaut
- liest; rückwärts liegt, von einer Frau behütet, ein Verwundeter.
-
- Abgesondert von ihnen, auf einem Stein und selbst reglos wie er in
- Fels erstarrt, sitzt gebückt JEREMIAS, das Antlitz in den Händen
- vergraben. Er ist ganz teilnahmslos. Sein Schweigen liegt wie ein
- Block in dem wogenden Murmeln und Widerstreiten der andern.
-
- Es ist der Tag nach Jerusalems Fall, die Stunde nach
- Sonnenuntergang.
-
-DER ÄLTESTE (liest vor aus der Schrift, den Leib rhythmisch wiegend zu
-den Worten, die er leise und monoton spricht, nur manche Rufe der
-Verzweiflung und der Begeisterung ruft er vor, und die andern sprechen
-sie im murmelnden Chore mit):
-
- Höre, oh höre, du Hirte Israels,
- Der du Josefs hütest wie der Schafe,
- Erscheine, der du sitzest über Cherubim,
- Erscheine, erwecke deine Gewalt!
-
-DIE ANDERN UM IHN (mitmurmelnd):
-
-Erscheine, erscheine, Erwecke deine Gewalt!
-
-DER ÄLTESTE:
-
- Erscheine, du Hirte! Gott, tröste uns,
- Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
- Wie lang willst du zürnen dem betenden Volke,
- Mit Tränen sie speisen, mit Tränen sie tränken?
- Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,
- Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
-
-DIE ANDERN:
-
-Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
-
-DER ÄLTESTE:
-
- Du hast aus Mizraim den Weinstock geholet
- Und eingepflanzt in der Heiden Land,
- Du ließest die Wurzeln ihn mächtig ausgreifen,
- Gehügel und Berge deckte sein Schatten
- Und sprossende Reben die Zedern des Tals,
- Doch wehe,
- Die Fremden haben die Reben zerrissen,
- Die wilden Tiere sein Wachsen verderbet,
- Festiglich war er, und wüst ist er nun!
-
-DIE ANDERN:
-
- Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,
- Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
-
-DER ÄLTESTE:
-
- Nicht denke der Sünden, so wir begingen,
- Erbarme dich unser, eh wir vergehn,
- Denn dünn und schwank schon sind wir geworden,
- Und der Sturm deines Ingrimms wirft uns zu Tod,
- Nicht denke der Sünden, so wir begingen,
- Gedenke des Bundes, gedenk deines Namens,
- Erscheine, du Hirte! Führ heim deine Herde!
- Erscheine! Erwecke deine Gewalt!
-
-DIE ANDERN:
-
-Erscheine! Erwecke deine Gewalt!
-
-ANDERE (flehentlich):
-
-Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!
-
-DER VERWUNDETE (von rückwärts, der leise gestöhnt hat, jetzt laut
-aufschreiend):
-
-Ah! Ah! Ah!... Ich verbrenne ... Legt mir Wasser auf ... ich
-verbrenne ... ah ... ah ... ah ... Wasser!
-
-DIE FRAU (neben ihm):
-
-Schweige, Guter, schweige um Gottes Gnade willen! Sie hören uns sonst.
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Schweige! Sei stille! Verschließ dich! Du stürzt uns alle ins Verderben.
-
-EIN ANDERER:
-
-Sie töten uns, wenn sie uns entdecken!
-
-DER VERWUNDETE:
-
-Sie sollen mich töten ... ah ... ah ... ich ertrage es nicht ... es
-frißt mich das Feuer ... ah ... ah ... Wasser ... Wasser ... gebt mir
-Wasser ... ich verbrenne ... Hilfe ... Hilfe!...
-
-EIN MANN:
-
-Wir müssen ihn schweigen machen, er verrät uns.
-
-DIE FRAU:
-
-Nein ... fort von ihm ... mein Bruder ist er ... von der Mauer habe ich
-ihn auf meinen Schultern getragen. (Sie kniet bei ihm nieder.) Lieber ...
-Lieber ... ich flehe dich an ... versuche zu schweigen ... ich hole
-dir Wasser ... da, mein Tuch nimm und klemm es in die Zähne ... so ...
-so ...
-
- (DER VERWUNDETE hat das Tuch sich in den Mund geknebelt. Sein
- Schreien geht in ein dumpfes Wimmern über.)
-
- (DIE ANDERN, die erregt aufgestanden waren, haben sich wieder
- niedergelassen.)
-
-EINER:
-
-Lies weiter, Pinehas! Es ist viel Tröstung im Wort.
-
-EIN ANDERER:
-
-Lies weiter! Von der Verheißung lies, von der Verheißung!
-
-ANDERE:
-
-Ja ... vom Gottesknecht ... vom Reis aus Isais Stamm ... die
-Verkündigung ... Oh, lies ... sänftige mein Herz ... vom Erlöser lies ...
-unsere Herzen dürsten nach dem Tau des Worts ...
-
- (DER ÄLTESTE hat die Schrift wieder aufgenommen und will zu lesen
- beginnen. Es pocht von außen an eine Türe. Alle fahren zusammen.)
-
-EINE FRAU (ängstlich):
-
-Es hat gepocht!
-
-EINE ANDERE (erregt):
-
-Sie sind da! Sie haben uns ausgespürt!
-
-EIN MANN:
-
-Es ist nicht vom Tore her! Einer der unsern muß es sein. Nur sie kennen
-den Gang. Tut ihm auf!
-
-DIE FRAU:
-
-Nein! Nein! Es kann Verrat sein. Schächer sind unter dem Volke. Laßt zu!
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Stille! (Er nähert sich vorsichtig der hinter Steinen verborgenen Türe).
-Wer ist es?
-
- (EINE STIMME von außen antwortet.)
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Zefanja ist es, der Sohn meines Schwähers, den wir auf Kundschaft
-gesandt. (Er schiebt den Riegel auf, ein Mann tritt ein, behelmt und wie
-ein Chaldäer gekleidet. Alle stürzen sich um ihn. Nur Jeremias bleibt,
-wie der Stein, auf dem er mit gestütztem Arm starrt, reglos und
-unbeteiligt.)
-
-ALLE (wild durcheinander):
-
-Was ist geschehen ... Hast du Neter gesehen, meinen Sohn ... Tebia, mein
-Weib ... mein Haus, haben sie es verbrannt ... Erzähle ... sprich ... Wo
-ist der König ... Der Tempel ... Erzähle, Zefanja ... Mein Gatte,
-Ismael ... wo ist er ... Sprich ... Wo ist der Priester ... was geschieht
-mit uns ... Erzähle ...
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Stille! Ihm lasset die Rede, denn seine Augen haben den Tag gesehen und
-die Stadt!
-
-ZEFANJA:
-
-Besser im Dunkel zu sitzen, anstatt solches zu schauen, besser als
-dieses noch, blind sich zu weinen, und am besten tief unten im Schwarzen
-zu schlafen zwischen den Wurzeln der Bäume und den Eingeweiden der Erde.
-Ein Acker der Toten ist Davids Stadt geworden, Schutt und Kehricht
-Salomos Burg.
-
-ALLE:
-
-Wehe ... Jerusalem ... wehe ... wehe ...
-
-ZEFANJA:
-
-Wie Kot liegen unserer Brüder Leichen auf den Gassen, und selbst den
-Toten noch rauben sie das Kleid. Aus den Gräbern haben sie das Gebein
-des Königs Judas gerissen und geworfelt um den Purpur Salomos aus
-seinem Sarge. Sie haben die Brote gegriffen vom heiligen Tisch und die
-Leuchter geraubt von den Wänden.
-
-DER ÄLTESTE (sein Kleid zerreißend):
-
-Ich will nicht mehr leben! Oh, könnt ich mein Innres zerreißen wie dies
-mein Gewand!
-
-STIMMEN:
-
-Wehe ... wo ist Gottes Kraft ... der Bund ... die Verheißung ... wo sind
-unsere Führer ... Nachum ... wo ist Jochan ... verloren, verloren ...
-Jerusalem ... mein Gatte ... wen sahest du ...
-
-ZEFANJA:
-
-Um viele fraget ihr, und eine Antwort habe ich für alle. Es sieht keiner
-Gottes Morgen mehr von den Edlen der Stadt.
-
-ALLE:
-
-Wehe ... Sie alle ... es ist nicht möglich ... Was ist mit Abodassar ...
-Jojakim, auch er ... Hedassar ... Imre ... mir sage, mir ... Nachum ...
-
-ZEFANJA:
-
-Nicht fraget mich ... ihr Leiden ist gewesen und ihre Seelen bei Gott.
-
-ALLE (durcheinander):
-
-Und sage, auch Nachum ... antworte ... die Kinder des Königs ...
-Absalon, mein Schwäher ...
-
-ZEFANJA:
-
-Es ist keiner am Leben. Wer nicht fiel an der Mauer, den erwürgten
-Nabukadnezars Schlächter. Keiner lebet mehr, denn Zedekia.
-
-STIMMEN:
-
-Zedekia lebet ... Warum ihn geschont ... warum gerade ihn ... Ein
-Verräter ist er ... Warum Gnade ihm, wenn den andern Tod ... warum ihm
-Schonung?
-
-ZEFANJA:
-
-Ehrfurcht vor dem Könige! Ehrfurcht vor seinem Leide.
-
-STIMMEN:
-
-Was ist mit ihm ... ist er gefangen?...
-
-ZEFANJA:
-
-Zedekia brach durch mit sechzig der Tapfersten, daß sie sich sammelten
-im Gebirge und den Kampf erneuerten wider Assur. Aber jene jagten ihnen
-mit Wagen nach und faßten ihn und schleppten ihn vor Nabukadnezar.
-
-STIMMEN:
-
-Und er ... was tat er?
-
-ZEFANJA:
-
-Ich kreuzte den Weg seines Leidens und stand auf dem Platze, da sie ihn
-in Ketten hielten. Und sie schlugen vor seinen Augen seine Kinder eines
-nach dem andern mit dem Schwert. Dann aber ... als seine Augen voll
-waren mit Grauen und Tränen ... dann ward der Gesalbte des Herrn, dann
-ward Zedekia geblendet ...
-
-JEREMIAS (plötzlich aus seiner ehernen Reglosigkeit auffahrend, in
-furchtbarstem Entsetzen):
-
-Geblendet, sagst du ... geblendet ...
-
-ZEFANJA:
-
-Wer ist dieser?
-
-STIMMEN:
-
-Sprich nicht mit ihm ... sieh ihn nicht an ... Schweiget ... nicht
-nennet den Namen des Verruchten ... Fluch ist auf ihm ... fort ...
-Sprich nicht zu ihm ...
-
-ZEFANJA:
-
-Wer ist, der da fragte? Ich kenne diese Stimme.
-
-STIMMEN:
-
-Nicht frage ... Fluch über ihn ... er gehört nicht zu uns ... ein
-Ausgestoßener ist es des Herrn...
-
-EINE FRAU:
-
-Gottes Fluch ist er, über uns gesandt zu brennender Qual, Gottes Geißel
-und Galle -- Jeremias, Jeremias!
-
-ZEFANJA (mit einem gellen Aufschrei, beide Hände vor sich hinhaltend):
-
-Jeremias!
-
-JEREMIAS:
-
-Was schrickst du so vor mir? Was fürchtest du dich? Ich bin nicht zu
-fürchten mehr. Wind ward mein Wort, und Kot ist meine Kraft. Spei mich
-an und geh deines Wegs!
-
-ZEFANJA (schauernd):
-
-Nicht fluche mir, du Furchtbarer, nicht fluche mir! Nein, nein, nein,
-ich tat dir nichts! Nicht fluche mir!
-
-JEREMIAS:
-
-Und wenn ich dir fluchte, was schädigte es dich, und wenn ich dich
-segnete, was förderte es dich? Was bin ich denn? Ein Hauch ohne Wort,
-ein Fluch ohne Kraft, ein Verkünder ohne Gott. Spei mich an, denn
-Aussatz war mein Wort und Lahmheit mein Wandel.
-
-ZEFANJA (noch mehr schauernd):
-
-Nicht fluche mir! Nicht fluche mir! Nie war ich dir feind! Oh, schützet
-mich! Verbergt mich vor ihm! Flehet ihn an, daß er mir nicht fluche! Ich
-kann sein Auge nicht schauen, ohne zu zittern, ich kann seinen Namen
-nicht hören, ohne zu schauern.
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Ermanne dich! Was schauerst du vor ihm? Wind sind seine Worte und die
-Schmach seine Heimstatt.
-
-ZEFANJA:
-
-Nein ... nein ... furchtbar ist er ... furchtbar ... er hat es gewußt ...
-er hat es gewußt voraus ... er ... er allein ... und er hat ihn
-gerufen ... der König ... er ... er ...
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Wer hat ihn gerufen?
-
-ZEFANJA (ganz entgeistert):
-
-Er ... er hat ihn gerufen ... der König. Gefaßt hatten sie ihn in seinen
-Ketten und wandten sein Antlitz, daß er schaue, wie man seine Kinder
-schlüge ... er wehrte sich ... aber sie zwangen ihn... Seine Lippen
-waren zwischen den Zähnen, er wollte schweigen ... und er schwieg, wie
-sie den ersten faßten seiner Söhne ... aber wie sie den zweiten griffen,
-da bebten sie ... und da sie den dritten durchstießen, da sprangen sie
-auf, die Lippen, die verzerrten ... aber nicht um Gnade schrie er ... er
-schrie: »Jeremias!« »Jeremias!«
-
- (ALLE schauern zurück.)
-
-ZEFANJA:
-
-Seinen Namen schrie er in der Qual. Und da der Brandstahl seine Augen
-zerstieß, da schrie er nochmals ... Jeremias ... Jeremias... Wo bist du,
-Verkünder ... wo bist du ... mein Bruder Jeremias ... ihn ... ihn hat er
-gerufen ... Er hat es gewußt ...
-
- (ALLE weichen vor Jeremias, wie vor einem gefährlichen Tier.)
-
-JEREMIAS (in wirrer Qual mit sich ringend):
-
-Es ist nicht wahr ... Ich habe es nicht gewollt ... nichts, habe ich
-gewollt von dem allen ... er darf mich nicht anklagen ... er darf
-nicht ... Das Wort ist in mich gefahren, wie das Feuer vom Steine fährt ...
-er darf mich nicht anklagen ... ich ... ich wollte zu ihm ... nicht ich ...
-Gott hat mich zum Lügner gemacht ... ich habe mich seiner erwehret ...
-es ist nicht wahr ... nicht ich habe es getan ...
-
-ZEFANJA:
-
-Was redet er?
-
-EIN WEIB:
-
-Wahnsinn hat ihn befallen.
-
-EIN ANDERER:
-
-Ein Rasender ist er.
-
-EIN MANN:
-
-Nein ... er hat es gesagt ... er hat alles gewußt ... ein Weiser ist
-er ... ein Profet ...
-
-JEREMIAS:
-
-Er darf nicht ... er darf nicht ... er darf mich nicht anklagen ... mein
-Wort ist mein Wille nicht ... Macht ist über mir ... Er ... Er ... Der
-Furchtbare ... Der Mitleidslose ... Sein Werkzeug bin ich nur ... sein
-Hauch ... seiner Bosheit Knecht ... Er hat mich beredet, und ich ließ
-mich bereden ... denn übermächtig war er, und sein Knecht bin ich
-geworden ... Fluch hat er in meinen Atem getan ... Er ... Er ... der
-Furchtbare ... die Galle in meine Rede ... und das Bittere in meinen
-Speichel ... Oh, wehe über die Gottesfaust ... wen er faßt, der
-Furchtbare, den läßt er nicht wieder ... oh, daß er mich freigäbe, den
-Verfluchten seines Worts ... ich ... ich ... ich will nicht mehr reden
-seine Rede ... schweigen will ich ... schweigen ... ich ... ich ... ich
-will nicht mehr, Gott ... ich will nicht mehr ... ich fluch deinem
-Fluche ... laß deine Hand von mir, tu das Feuer von meinem Mund ...
-ich ... ich ... ich kann nicht mehr ... ich will nicht mehr ...
-
-DIE STIMMEN:
-
-Tobsucht hat ihn überkommen ... die Krämpfe ... die Krämpfe ... wie eine
-Gebärerin windet er sich ... weichet von ihm ... hört ihn nicht an ...
-Gott hat ihn gestraft ...
-
- (JEREMIAS bricht wie zerschmettert in sich zusammen.)
-
-DIE STIMMEN:
-
-Sehet ... seht ... Die Hand des Herrn hat ihn getroffen ... Wahnsinn hat
-ihn geschlagen ... weichet von ihm ... weichet von ihm ...
-
- (ALLE haben sich zusammengeschart und drängen sich von Jeremias
- fort, der auf der Erde liegt, wie ein gefällter Baum. Einige
- Augenblicke herrscht bestürztes, ratloses Schweigen. Dann plötzlich
- von außen ein Hörnerschall aus großer Ferne.)
-
-ZEFANJA:
-
-Wehe, sie nahen schon, die Verkünder, die Herolde des Unheils!
-
-ALLE (um ihn):
-
-Was ist ... was ist geschehen ... was bedeutet der Ruf ... Lasset den
-Narren ... Sprich, Zefanja ... welche Botschaft ...
-
-ZEFANJA:
-
-Botschaft Nabukadnezars an die Restlinge des Volkes.
-
-STIMMEN:
-
-Wehe ... was haben sie vor ... sollen wir gehen, sie zu hören ... dürfen
-wirs wagen ... sprich, Zefanja ...
-
-ZEFANJA:
-
-Nicht eilet euch, böse Botschaft ist immer zu früh noch vernommen.
-
-STIMMEN:
-
-Nein ... sprich ... erzähle ... sprich ... was ist uns verhängt ...
-
-ZEFANJA:
-
-Es ist Nabukadnezars Wille, daß die Stadt nicht mehr lebe auf Erden.
-
- (STIMMEN in Schreckensschreien.)
-
-ZEFANJA:
-
-Zum Denkmal der Schrecknis hat der Verruchte Gottes Stadt bestimmt! Von
-der Erde reißt er uns weg, wandern müssen wir, Brüder, wie einst in die
-Knechtschaft. Eine Nacht nur wird uns Restlingen gegeben zur Rast, daß
-wir die Toten begraben, dann muß ein jeder, Greis und Kind, fort von
-hier in der Chaldäer Land. Fremden Acker sollen wir bauen, fremde Reben
-aufpflanzen und fremd uns selber werden und unserm Gott. Zum letzten
-Male halten wir Jerusalems Erde an unserm Fuß, zum letzten glänzt
-heimatlich Gestirn ob unsern Häupten. Das ist jener Botschaft. Weh, wen
-es lüstet, sie zu vernehmen!
-
- (DER POSAUNENSCHALL tönt wieder von näher.)
-
-STIMMEN:
-
-Wir sollen hinaus ... fort von Zion ... fort von Jerusalem ...
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Ich gehe nicht ... ich bleibe ... ich bleibe ...
-
-ZEFANJA:
-
-Wer sich weigert der Wandrung, den fällt das Schwert. Jeder soll sich
-rüsten zur Reise und sich sammeln auf dem Markte. Dreimal wird die
-Posaune tönen vor dem Morgenrot. Wer dann noch betroffen wird in der
-Mauern Geviert, der verfällt ihrem Schwert.
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Möge es mich fällen, ich bleibe, ich bleibe! Ich will nicht leben ohne
-Jerusalem. Im Sarge lieber, denn in fremdem Geviert!
-
-EIN WEIB:
-
-Mein Bruder ist gefallen, meines Bruders Sohn und mein Gemahl. Gräber
-sind mein Erbe, ich will es behüten.
-
-EIN MANN:
-
-Ich bleibe! Ich bleibe! Hier ist meine Wurzel und meine Kraft. Lahm
-würde mein Arm, sollte ich den Pflug stoßen in fremde Erde, und blind
-meine Lider in fremder Welt.
-
-STIMMEN (begeistert):
-
-Wir bleiben ... wir wollen sterben ... lieber den Tod, als das
-Diensthaus ... nicht in die Verbannung ... sterben für Gott ...
-sterben ... lieber sterben ...
-
-DER KRANKE (von seinem Lager rückwärts sich fiebernd aufrichtend):
-
-Nein ... nein ... ich will nicht sterben ... nicht sterben ... leben
-will ich, leben ... ich will fort ... fort ... nur nicht sterben ... wer
-wird mich tragen ... verlaßt mich nicht ... nicht ... nicht sterben ...
-leben, leben, leben!...
-
-DIE FRAU (zu ihm hinstürzend):
-
-Beruhige dich ... ich trage dich.
-
-DER KRANKE (fiebernd):
-
-Ja ... fort ... fort von den Wahnwitzigen ... nur nicht sterben ... nur
-nicht sterben ...
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Er spricht wirr ... sein Leib ist verbrannt, sein Arm zerschmettert ...
-er weiß nicht, was er redet ...
-
-DER KRANKE (in fiebriger Wut):
-
-Ich weiß ... ich weiß ... ich habe den Tod gespürt ... nur nicht
-sterben ... Lieber verbrennen, lieber leiden ... aber doch Leben noch
-fühlen, Leben ist Hoffnung, und Totsein ist nichts ... nur nicht
-sterben ... leben ... leben ...
-
-EINE JUNGE FRAU:
-
-Ja, auch ich will leben ... ich habe noch nichts geschaut, nichts
-gefühlt ... meine Glieder blühn noch ... ich spüre mich ... ich will
-nicht ins Kalte ... ich will nicht ... ich gehe mit dir ...
-überallhin ... überallhin ...
-
-EIN ANDERES WEIB:
-
-Metze du ... Buhlerin ... willst du Kebse werden der Fremden?
-
-DIE JUNGE FRAU:
-
-Alles ... alles ... nur leben, nur leben ...
-
-DER KRANKE:
-
-Leben ... alles leiden, alle Qualen ... aber leben ...
-
-EIN MANN (wild):
-
-Kein Leben ohne Gott ... kein Leben ohne Jerusalem ...
-
-ANDERE STIMMEN (durcheinander):
-
-Lieber sterben ... lieber sterben ... nur nicht zurück ins Diensthaus ...
-nicht Sklave sein ... nicht sterben, nur nicht sterben ...
-
- (DER POSAUNENRUF der Herolde tönt nun von ganz nahe.)
-
-EINER:
-
-Laßt sie rufen, ich höre sie nicht. Die Stimme des Todes tönt in mir
-stark wie Gotteswort! Sterben wir, sterben wir, lassen wir uns nicht
-locken! Sterben wir mit Jerusalem!
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Ich halte dich, Jerusalem, heilige Stadt, mit meinen welken Händen
-klammre ich mich dir an, mein Leben warst du, so sei auch mein Tod! Wie
-könnte ich atmen ohne dich, wie auftun das Auge des Morgens, ohne zu
-schauen Salomos Haus und Gottes irdische Rast? Lieber in deine Erde
-versargt sein, als hingehen über andere Scholle, lieber ein Toter mit
-meinen Vätern, denn ein Knecht unter Fremden. Jerusalem, Jerusalem,
-Jerusalem, nimm mich in deine Erde, mein Leben warst du, sei auch mein
-Tod!
-
-ZEFANJA:
-
-Ich scheide mich von dir. Ich will nicht sterben! Zu viel der Toten habe
-ich gesehn in den Straßen, ihre Augen standen starr in den Himmel der
-Stadt, ihre Fäuste waren gekrampft in Israels Erde, aber es war kein
-Friede in ihrem Gesicht. Ich will leiden ohne Maß, aber ich will leben.
-Mögen sie mich hämmern in die Bergwerke von Tyr, wo das Wasser tropft,
-daß der Bart fault und die Augen blinden, mögen sie mich schmieden mit
-krummem Rücken in den Ring ihrer Ruderschiffe, mögen sie mich
-verschneiden ihren Göttern und verstümmeln, jedes Glied in mir schreit
-noch um Leben zu Gott. Jeden Tag will ich segnen aus Ketten und Qual,
-oh, nur nicht tot sein, nicht tot sein!
-
-DER KRANKE (sich aufrichtend):
-
-Ja, nur leben, nur ein Sandkorn Zeit noch zwischen den Fingern fühlen!
-Nur noch sehn die kleinen Blüten der Mandeln, die sich weiß auftun über
-Nacht, und den Mond, wie er schmilzt und sich rundet unter den Sternen.
-Oh, nichts genießen mehr, verkrümmt sein und vertaubt, aber noch schauen
-die seligen Dinge der Welt und die Luft einziehen im Munde. Nur sein
-eigen Herz spüren, wie es schlägt und die Ader warm läuft an den Händen!
-Leben, oh, leben, nur leben!
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Schmach über euch, Weichlinge! Wollt ihr leben ohne Gott? Wollt ihr ihn
-rücklings lassen in Schutt und Schande?
-
-EIN MANN:
-
-Er geht mit uns, wie er ging durch die Wüste.
-
-EINE FRAU:
-
-Wir wollen seiner gedenken im Gebet.
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Wo wollt ihr beten, wenn nicht an seinem Altar? Abtrünnige seid ihr und
-Verräter. Wollt ihr knien vor Bel und opfern vor Astaroth? Lebe, wer
-leben will ohne ihn. Ich bleibe ihm getreu.
-
-EIN MANN:
-
-Ein neues Haus wollen wir ihm bauen.
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Dieses hat er gewählt. Hier ist er allein.
-
-STIMMEN:
-
-Er wandert mit uns ... überall spricht er zu uns ... auch aus dem Golus
-wird er uns hören ... auch dort werden wir gläubig sein ... unter allen
-Himmeln ist sein Wort, sein Antlitz überschattet alle Wege ...
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Nein, wer Jerusalem lässet, verläßt auch Gott. Hier ist Jahwes Haus,
-hier ist er allein. Götzendienst ist jedes Opfer als an seinem Altar.
-
-STIMMEN (widerstreitend):
-
-Nein ... überall ist er ... hier ist er allein ... überall ... allerorts
-ist er ... er wird sich uns weisen an jeder Stätte ... nur im Tempel ist
-sein Haus ... überall ist er ... überall ... nur hier ist sein
-Antlitz ...
-
-JEREMIAS (plötzlich sich aufraffend, mit furchtbarem Ausbruch):
-
-Nirgends ist er! Nirgends! Wer hat ihn gesehn von den Lebendigen, wer
-gehört seine Stimme? Nirgends ist er! Nirgends! Ins Leere starren, die
-ihn suchen, und die ihn bezeugten, sind Lügner geworden vor der
-Menschheit Gesicht. Nirgends ist Gott, in den Himmeln nicht und auf der
-Erde und in den Seelen der Menschen nicht! Nirgends, nirgends ist er!
-
-DER ÄLTESTE (ganz erstarrt mit offenem Munde. Endlich mit den Händen
-aufzuckend zum Himmel fahrend):
-
-Lästerung! Lästerung! Fahre nieder auf ihn mit deinen Blitzen!
-
-JEREMIAS (immer heißer):
-
-Wer hat ihn gelästert, wenn nicht er selbst? Zerbrochen hat er seinen
-Bund, verleugnet seine Schwüre, zerschmissen seine Mauern und verbrannt
-sein eigen Haus. Er selbst verneinet sich, er selbst ist Gottes
-Lästerer, er, nur er!
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Hört nicht auf ihn! Hört nicht auf ihn! Ein Abgefallener ist er, ein
-Ausgestoßener, hört nicht auf ihn, ihr Diener des Allmächtigen!
-
-JEREMIAS (immer mehr sich entzündend):
-
-Wer hat ihm gedient wie ich in Israel, wer war sein Knecht so treuselig
-wie ich in Jerusalems Mauern? Ich habe mein Haus gelassen um
-seinetwillen im Hasse und meine Mutter im Tode, Freunde habe ich
-geopfert seiner Liebe und der Frauen Süße seiner Eifersucht! Seinem
-Willen habe ich mich aufgetan wie ein Weib dem Manne. Das Wort zwischen
-meinen Zähnen war sein, und das Blut in meinem Leibe, jeder Gedanke war
-seines Willens Kind und die Träume hinter meinem Schlaf. Ich habe meinen
-Rücken geboten, die mich schlugen, mein Angesicht verbarg ich nicht vor
-Hohn und Speichel. Und ich habe gedient, ich habe gedient, weil ich
-meinte, daß er wenden werde das Unheil durch mich; ich habe geflucht,
-weil ich meinte, er werde es zum Segen kehren; ich habe gekündet, weil
-ich meinte, er werde mich zum Lügner machen und werde retten Jerusalem!
-Aber Wahrheit habe ich gekündet, und nur er ward Lügner an seinem Wort.
-Wehe, wehe, daß ich so treu gedient dem Treulosen! Da meine Brüder
-lachten, hat er mich entsendet, daß ich speie auf ihre Freude, und nun,
-da sie sich ängstigen und sich winden im Krampf ihres Elends, will er,
-daß ich ihrer lache! Aber ich lache nicht, Gott! Ich lache nicht an
-meiner Brüder Qual, ich lache nicht! Nicht vermag ich mich zu freuen wie
-du an dem Jammer der Verschreckten, und der Erschlagenen Geruch duftet
-mir nicht! Deine Härte ist mir zu hart und zu schwer deine Hand! Ich
-diene nicht mehr deiner rasenden Rache, ich dien dir nicht mehr. Ich
-zerreiße den Bund zwischen dir und mir. Ich zerreiße ihn! Ich zerreiße
-ihn!
-
-STIMMEN (durcheinander):
-
-Er ist rasend ... er lästert Gott ... fort von ihm ... Gott wütet in
-ihm ... Irrwitz hat ihn befallen.
-
-JEREMIAS (über sie hinweg, in wilder Ekstase ins Leere sprechend):
-
- So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich!
- Wie ich wider dich zeuge, zeug du wider mich!
- Sag an,
- Ob je ich meinem Gelöbnis mich wehrte,
- Ob je ich gemüdet und aufbegehrte?
- So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich,
- Raff dich auf vor diesen und sprich wider mich!
- Du hast mich gesucht und hast mich gefunden,
- Mit Ahnung verschreckt und mit Träumen entzunden,
- Und da meine Seele in Flammen stand,
- Als Feuerbrand wider mein Volk entsandt;
- Was wars, als dein rasender Wille nur,
- Daß wie ein Feind ich wider sie fuhr?
- Ich war die Drossel, die sie umkrampfte,
- Der Huf, der ihren Frieden zerstampfte,
- Ich war die Säge, die sie zerkreischte,
- Der Stachel, der sie lebendig entfleischte,
- Ich war die Schrecknis, die sie erschreckte,
- Der Angsttraum, der sie allnächtens erweckte,
- Der Brand, der an ihren Knochen fraß,
- Der Dorn, der in ihrem Fleische saß,
- Ich war der Zänker, der sie schmähte und schmälte,
- Der Henker, der sie zerpfählte und quälte,
- Und war noch der Hohn, der dann sie verlachte verlachte --
- Oh, alles war ich, was dein Irrwitz mich machte,
- Denn fühllos wie Feuer und dumpf wie ein Tier,
- So diente ich dir! So diente ich dir!
- Ich fühlte die Brüder, deren Seele mich suchte,
- Und doch! Ich verschloß mich und fluchte und fluchte,
- Und ob auch mein Herz sich bäumte und schrie,
- Ich zäumte es nieder und züchtigte sie.
-
-STIMMEN:
-
-Im Fieber redet er ... zu wem spricht er ... er ist rasend ... sein Hirn
-verbrennt ... Irrwitz redet er ...
-
-JEREMIAS:
-
- Aber ich sage mich los!
- Ich tu nicht länger nach deinem Begehr,
- Ich rechte nicht mehr und knechte nicht mehr!
- Mein Herz ist nicht länger dir Heimstatt und Haus,
- Ich stürz dich aus deinen Himmeln hinaus!
- Wie du dein Volk, so hab ich dich verstoßen,
- Den harten Hasser, den Mitleidslosen,
- Denn ein Gott, der Hohn anstatt Hilfe gibt,
- Ist nicht wert mehr, daß man ihn kündet und liebt!
- Nur wer das Leiden wendet, ist Gott allein,
- Nur wer Trost ausspendet, darf Allmacht sein!
- Oh, ich weiß es, ich weiß es, nur der ist Profet,
- Dessen Hand die ewige Liebe aussäet,
- Dessen Seele Flut ist von großem Erbarmen,
- Dessen Seele Glut ist von allem warmen
- Strömenden Blut, das unschuldig versprengt ist,
- Und dessen Herz von unendlicher Liebe versengt ist!
- Oh, und ich fühl es, ich fühl es, ich kann einer sein,
- Denn die Stimmen, die ungehört auf zu dir schrein,
- Sie schlagen wie Flammen in mich hinein!
- Mich ruft die Stadt, die du zürnend verbrannt hast,
- Mich ruft dein Volk, das du hassend verbannt hast,
- Mich rufen die Witwen, die du gezeugt hast,
- Mich rufen die Mütter, die du gebeugt hast,
- Mich ruft der König, den du geblendet,
- Dein Altar, den du dir selber geschändet:
- Aus Grüften und Lüften sind klingende Boten
- Urmächtigen Leidens mir zugesendet,
- Die Lebenden rufen, mich rufen die Toten,
- Und mein Herz erhört sie -- es hat sich gewendet:
- Gewendet von dir, der du hassend und hart bist
- Und zum Götzenstein deines Stolzes erstarrt bist,
- Zu ihnen, den Schwestern, zu ihnen, den Brüdern,
- Die Leiden umkleiden, die Qualen erniedern!
- Nur ihnen, nur ihnen
- Tut auf sich mein Herz, blühn auf meine Arme,
- Und ich beug ihrem Leid mich, ihm beug ich die Knie --
- Denn ich hasse dich, Gott, und ich liebe nur sie!
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Er hat Gott verflucht ... Schlagt ihn nieder ...
-
-STIMMEN:
-
-Er rast ... er ist toll ... Irrwitz ist seine Rede ... Wachen Auges
-träumt er ... es ist Gefahr, ihn zu hören ... bringt ihn zum Schweigen ...
-
-JEREMIAS (plötzlich in die Knie brechend, gegen die andern gewandt):
-
- Oh, meine Brüder, verzeiht mir, verzeiht,
- Verzeiht meiner ruchlosen Eitelkeit!
- Er, er nur hat mich mit Träumen verblendet,
- Mit Worten gelockt und mit Zeichen versucht,
- Daß ich meinte im Trotz meiner Eigensucht,
- Ich sei als ein Mahner gen euch gesendet.
- Ich meinte, daß ich der Große bin,
- Wenn seinen Namen ich wider euch reckte
- Und die Zähne mit seinen Flüchen ausbleckte, --
- Doch ich reiße mich los und verstoße ihn!
- Und ob ich hoffärtig an euch getan,
- Ihr Brüder, hört mich erbarmungsvoll an!
- Weil ich euch fluchte, erbost euch nicht,
- Weil er mich versuchte, verstoßt mich nicht,
- Zu euren Füßen werf ich mich hin,
- Fühlt, fühlt es, daß ich voll Buße bin!
-
- (DIE MÄNNER UND FRAUEN weichen entsetzt zurück.)
-
-JEREMIAS (ihnen nachkriechend auf den Knien):
-
- Ihr Brüder, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht,
- Oh, wie fühl ichs jetzt, daß ihr mir Brüder seid
- Und ich der jüngste, geringste von allen!
- Oh, laßt mich, ihr Lieben, nun Liebe nur sprechen
- Und selig das Brot eures Leidens mitbrechen,
- Oh, laßt es, ihr Brüder, euch gütig gefallen,
- Daß ich euch liebe, daß ich euch gehöre,
- Nie soll mein Wort mehr, ich schwöre, ich schwöre,
- Sich frech und mahnend wider euch kehren.
- Das Letzte, das Niederste will ich euch tun,
- Das ihr mir auflegt als Buße und Pein,
- Den Staub will ich küssen von euren Schuhn
- Und der klägliche Knecht eurer Knechte sein.
- Oh, ihr Brüder im Dunkel, ihr Brüder im Leid,
- Meine Reue fühlt, meine Demütigkeit,
- Und vergebt mir, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht!
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Tod über den, der ihn berührt! Gott hat ihn gerichtet.
-
-STIMMEN:
-
-Gottverfluchter ... fort mit dir ... fort ... weg von uns ... weg aus
-unserer Mitte ... verpeste uns nicht ... Gottesleugner ... fort ...
-fort ...
-
-JEREMIAS (zurückgestoßen, mit einem dumpfen Aufschrei):
-
-Aussatz über mich! Aussatz über mich und Tod! (Er bricht in sich
-zusammen.)
-
-STIMMEN:
-
-Man muß ihn hinausschaffen wie ein Aas ... er verpestet mit seiner Nähe
-den Atem ... Wahnsinn ist über ihm ... hinaus mit ihm ... tötet ihn ...
-schlagt ihn nieder ...
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Rührt ihn nicht an! Gottes Hand ist über ihm, und sie ist stärker, denn
-die unsere.
-
- (EIN POCHEN, heftig und herrisch, an der Türe.)
-
-ALLE (durcheinander):
-
-Die Herolde ... die Chaldäer ... es pocht wie die Hand eines
-Gebieters ... es ist keiner der unsern ...
-
- (DAS POCHEN, heftiger und eiliger.)
-
-ALLE (durcheinander):
-
-Wie er drängt ... er ist ungeduldig ... man darf ihn nicht erzürnen ...
-laßt verschlossen, Räuber sind es, Chaldäer ... man muß auftun ... er
-erzürnt sonst.
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Ich tue ihm auf. Sind wir denn des Todes nicht zu jeder Stunde?
-
- (DER ÄLTESTE öffnet zaghaft einen Spalt der großen Türe. Sie wird
- hastig aufgestoßen und herein stürzt)
-
-BARUCH (verstörten Gesichts):
-
-Brüder, ist Jeremias hier?
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Nenn seinen Namen nicht, sprich ihn nicht aus!
-
-BARUCH:
-
-Ist er hier? Man hat mirs gesagt.
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Daß er doch anderwärts wäre, im Schlund der Gehenna und zerrissenen
-Gebeins im Schlachthaus der Feinde! Hier liegt er, getroffen von Gottes
-Hand.
-
-BARUCH (hinstürzend):
-
-Jeremias! Jeremias!
-
-JEREMIAS (sich aus seiner Hingesunkenheit langsam erhebend, ganz fremd
-ihn anstarrend):
-
-Wer sucht mich noch, wer versucht mich noch?
-
-BARUCH:
-
-Meister, mein Meister, kennst du mein Antlitz nicht mehr, ward dir fremd
-meine Stimme?
-
-JEREMIAS:
-
-Ich will nichts schauen mehr und nichts hören. Weg du, der du noch Atem
-im Maule hast! Laß mich liegen und faulen!
-
-BARUCH:
-
-Jeremias, gütigster Meister du! Ich beschwöre dich, raffe dich auf, sie
-fahnden nach dir, sie sind nah, sie kommen!
-
-JEREMIAS:
-
-Wer sucht mich noch auf dieser Welt?
-
-BARUCH:
-
-Du bist verraten, man weiß deine Hausung. Nabukadnezar sandte Schergen
-nach dir, sie suchen dich, und rasch nur flog ich voraus.
-
-JEREMIAS:
-
-Mögen sie kommen. Selig die Schlächter, selig der Tod!
-
-BARUCH:
-
-Jeremias, fasse deine Sinne. Der Letzte bist du von den Edlen der Stadt;
-alle sind sie gefallen und geschlachtet, nur um dich fahnden sie noch,
-daß alles ausgerottet sei, was edel war in Israel.
-
-JEREMIAS:
-
-Mögen sie kommen! Selig die Schlächter, selig der Tod!
-
-BARUCH (in Verzweiflung ihn aufrüttelnd):
-
-Jeremias! Jeremias! Wach auf aus deinem Traum! Furchtbar ist
-Nabukadnezars Zorn und entsetzlich seine grausame Lust. Noch den Tod
-schärft er durch Qualen, und seine Knechte wissen zu martern wie keiner.
-
-JEREMIAS:
-
-Meinst du das, Knabe? Oh, du kennst Ihn nicht, den Fürchterlichen, der
-Qualen hat und Martern, die kein Irdischer weiß. Wes lebendige Seele in
-Gottes Marter gefallen, der fürchtet nicht mehr des Leibes Pein und die
-Schrecknis der Knechte. Mögen sie kommen, mögen sie kommen und sich
-versuchen an mir, dem Gott in die Eingeweide griff, und ich spotte
-ihrer. Denn ich habe die Gottesqual gekannt, und Seligkeit ist die
-Marter des Tods gegen die Marter des Lebens, eine Wollust der Menschen
-Qual wider die Gottesqual.
-
-BARUCH:
-
-Jeremias, Jeremias! Wenn du mich liebst, so entfliehe, ich lasse dein
-Leben nicht, ich lasse es nicht!
-
-JEREMIAS:
-
-Ich liebe nicht mehr! Keinen mehr liebe ich, keinen!
-
-BARUCH (ihn umschlingend):
-
-Nein, Meister, mein Blut eher, denn deines. Ich sterbe mit dir.
-
- (HEFTIGE SCHLÄGE von ehernen Lanzen an der Tür.)
-
-ALLE (stürzen in die Winkel):
-
-Wehe ... wehe ... die Chaldäer ... unsere Stunde ist gekommen ... er hat
-das Unheil über uns gebracht ... Wehe ... er ... er ... liefern wir ihn
-aus ...
-
-BARUCH (entsetzt):
-
-Es ist zu spät ... sie sind da ...
-
-JEREMIAS:
-
-Tu ihnen auf, Baruch!
-
- (BARUCH zögert.)
-
-JEREMIAS (aufstehend, stark, mit großer, klingender, fast jauchzender
-Stimme):
-
-Tu ihnen auf, daß ich aufrecht sie empfange, denn dürstig ward meine
-Seele des Todes. Oh, erster Erfüller meines Wortes, sei gegrüßet,
-gegrüßet das Ende! Tu auf, Baruch! Tu ihm auf, dem Erlöser!
-
- (BARUCH schreitet gegen die Tür, zögert wieder.)
-
- (NEUE HEFTIGE SCHLÄGE von außen.)
-
-JEREMIAS (mächtig):
-
-Tu auf, Baruch, wenn du mich liebst. Ich befehle es dir. Tu ihm auf!
-
- (BARUCH verhüllt sein Gesicht und schiebt den Riegel zur Seite.)
-
- (DIE TÜRE wird mächtig mit ihren beiden Flügeln aufgestoßen, ein
- Schimmer vom letzten abendlichen Licht glüht in das verdunkelte
- Gemach herein. Die drei Abgesandten des Königs treten reich
- geschmückt herein, hinter ihnen steht feurige Helle des sinkenden
- Tages. Die Flüchtigen scheuen vor ihnen in die dämmerigen Winkel
- zurück, nur Jeremias bleibt aufrecht ihnen gegenüber.)
-
-DER GESANDTE (den beiden andern voraustretend):
-
-Ist unter euch der, den sie Jeremias nennen, den Sohn Hilkias von
-Anathoth?
-
-JEREMIAS:
-
-Ich bin, den du suchst. Tu an mir nach deinem Geheiß.
-
- (DER GESANDTE wirft sich seiner ganzen Länge nach vor Jeremias
- nieder und berührt dreimal mit seinem Haupte die Erde. Die beiden
- anderen tun desgleichen.)
-
- (JEREMIAS tritt erschreckt einen Schritt zurück.)
-
-DER GESANDTE (sich aufrichtend):
-
-Gruß und Ehrfurcht dem Deuter der Zeichen! Ehre und Ruhm dem Verkünder
-des Geschehens, dem Erschauer des Verhüllten! (Er neigt sich wieder
-dreimal zur Erde, dann steht er auf, die beiden andern folgen seinem
-Gehaben.)
-
- (JEREMIAS hat sich wieder gefaßt und sieht ihn finster an.)
-
-DER GESANDTE:
-
-Auftrag ist dir und Botschaft gesandt durch meinen knechtischen Mund von
-Nabukadnezar, meinem Herrn, dem König der Könige, dem Umpflüger des
-Lands. Also ergeht an dich das Wort des Gewaltigen. Gekündet ward
-Nabukadnezarn, daß du der einzige warst deines Volkes, der Untergang
-kündete den Empörern und Schande den Schwätzern. Wie Blei sind
-geschmolzen die Worte der Priester, die wider seine Stärke sprachen,
-aber das deine der Warnung ward bewähret wie Gold. Nabukadnezar hat
-deinen Ruhm vernommen, sein Ohr hat deinen Namen getrunken, und nun
-dürstet sein Auge, dich zu schauen.
-
-JEREMIAS:
-
-Mögen die Feinde meine Weisheit rühmen, ich fluche meinem Wort!
-
-DER GESANDTE:
-
-Also aber ergehet des Allkönigs Ruf an dich: »Ich habe geblendet, die
-verblendet waren. Ich habe die Kinnbacken gebrochen den Empörern und die
-Zunge ausgerissen denen, die sprachen wider mich. Aber die meine Macht
-ehrten, die will ich ehren, und Macht geben, die meine zu fürchten
-gewußt.« Ein Gewand sendet er dir, wie es die Fürsten Chaldäas tragen,
-und du sollst der Oberste seiner Diener sein an seinem Tisch.
-
-JEREMIAS:
-
-Ich diene keinem mehr im Himmel und auf Erden, seit ich Gott gedient und
-müde ward an ihm. Ich weigere mich dem Dienst.
-
-DER GESANDTE:
-
-Falsch deutest du das Wort. Nicht zu geringem Dienste bist du begehrt,
-sondern über alle gestellt, die dem Könige dienen. Der Oberste sollst du
-seiner Magier werden, Schicksal sollst du ihm deuten und die Sterne
-zählen, die seine Jahre sind. Es soll keiner sein über dir, frei dein
-Ausgang und Eingang in seinem Palast.
-
-JEREMIAS:
-
-Ich höre dein Wort, ich höre des Königs Wort aus deinen Worten und wäge
-es flach in den Händen. Groß ist der Ruf, den Nabukadnezar mir sendet,
-doch größer des Volkes Not, dem ich zu eigen bin. Darum höre! Ich mag
-nicht eingehen in den Palast, des Stufen die Töchter meines Herren
-scheuern als Mägde. Ich mag nicht das Brot brechen bei Tische als jener
-Gesell, deren Hände den Vorhang von Gottes Verborgenheit rissen zu Zion.
-Ich mag Gunst nicht von dem Grausamen und die Gnade nicht von dem
-Gnadelosen, ich mag sie nicht.
-
-DER GESANDTE:
-
-Botschaft habe ich dir gebracht, du hast sie vernommen, und eines Königs
-Botschaft will Gehorsam.
-
-JEREMIAS:
-
-Klar ist deine Rede, klar sei auch die meine. Geh hin zu dem, von dem du
-gekommen, und sage ihm, wie ich dir sage: »Also spricht Jeremias zu
-Nabukadnezar. Meine Bitternis hat keine Süße für dich und meine Lippen
-keine Verheißung für deinen Stolz. Und wenn du riefest mit aller Engel
-Stimme, mein Herz wird dich nicht hören, und wägtest du alle Steine
-Jerusalems mir mit Gold, so spricht dir nicht zur Süße mein Mund. Ob du
-mich gleich ehrest, ich ehre dich nicht, und ob du mich suchest, ich
-will dich nicht finden.«
-
-DER GESANDTE:
-
-Besinne dich, der Könige König ist es, der dich vor sein Antlitz
-fordert!
-
-JEREMIAS:
-
-Ich weigere mich ihm! Ich weigere mich!
-
-DER GESANDTE:
-
-Noch nie ward Weigerung ihm geboten.
-
-JEREMIAS:
-
-Ich biete sie ihm, ich, der Letzte Israels. Wer ist er, daß ich ihn
-fürchten soll? Ein Strohhalm ist seine Macht und ein Windhauch sein
-Zorn.
-
-DER GESANDTE:
-
-Verwegener, wen lästerst du? Des Herren geheiligten Namen sprichst du
-liederlich aus. Hüte deine Zunge, hüte dein Leben!
-
-JEREMIAS (entbrennend):
-
-Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? Viele waren, die einst solch
-Stirnband trugen von Gold und sich Pharao nannten, und ist doch keiner
-mehr, der ihnen nachfragte und einen Stift faßt, ihr Gedächtnis zu
-schreiben in die Bücher der Zeit. Mächtigere waren denn er, und die
-Geschlechter der Erde vergaßen ihrer, ehe die Bäume morschten, die sie
-gepflanzt. Wer ist Nabukadnezar unter den Sternen, daß ich ihn fürchten
-soll? Ist er ein Menschwurm nicht und wartet nicht Tod hinter seinem
-Schlaf und Fäulnis in seinem Leibe? Ist er dem Wandel enteilt schon und
-dem Umschwung der Stunde? Meinst du, er halte schon, was er habe, und
-mag sich des Ausgangs berühmen inmitten des Wegs?
-
-DER GESANDTE:
-
-Ewig währet Nabukadnezars Macht, ewig hält er den Sieg.
-
-JEREMIAS:
-
-Hast du es gelesen im Buche des Schicksals, haben die Magier ihm die
-Siegel gelöst vom Zukünftigen und die Sterngucker es bedeutet? Weiß er
-seinen Ausgang schon, daß ihr ein Prahlen um ihn anhebt, und kennet er
-sein Los, daß er sich erfrechet? Ich aber, Jeremias, sage dir: gebrochen
-ist der Stab über Nabukadnezar und zerrissen das Kleid seiner Macht.
-Tief hat er Israel geknechtet, aber siebenmal tiefer wird er geknechtet
-werden. Schon keimet sein Sturz, und seine Stunde, sie ist nah, sie ist
-da, schon erstanden ist der Rächer für Israel, erstanden der Rächer für
-Jerusalem!
-
- (DER GESANDTE schrickt zurück.)
-
-DER ÄLTESTE (aus dem Dunkel ist plötzlich aufgestanden und schreit
-begeistert):
-
-Erfülle, erfülle sein Wort! Erhöre es, Gott, erhöre es!
-
-JEREMIAS (ganz in Glut):
-
-Geh hin zum Könige, geh hin! Hat er doch gesendet um Botschaft und
-gefordert das Verhüllte, geh hin, geh hin, sage ihm Verkündigung, daß
-die Ohren ihm gellen, geh hin, du Gesandter, geh hin und sage, wie ich
-es ihm sage: »Weh dem Verstörer, denn er wird verstöret werden, und weh
-dem Räuber, denn er wird beraubet werden! Der Blut getrunken in
-Scheffeln, wird darin ersaufen; und der sich gemästet vom Fleische der
-Völker, bald wird er Fraß sein der Würmer! Horch! Ein scharfer Wind
-wacht auf wider Babel und ein Sturmwind gen Ninive! Gezählt sind die
-Tage Assurs und gezückt das Schwert -- Schwert wider Babel, Schwert
-wider dich, Schwert über deine Männer, Schwert über Volk und Gefild!
-Gezückt, gezückt ist das Schwert, Blut will es trinken, es ist gezückt,
-es ist gezückt! Wisse es, du Neugieriger, erfahr es, du Vorwitziger,
-reif ist dein Assur zur Grube, voll sind die Kelter deiner Missetaten
-und die Kufen deines Frevels, Nabukadnezar.«
-
- (DIE GESANDTEN haben sich scheu vor dem Ausbruch geflüchtet und
- halten die Hände abwehrend vor sich.)
-
-DER ÄLTESTE (in Ekstase):
-
-Erhöre ihn, Herr! Erhöre ihn! Mache wahr seine Rede, mache wahr seine
-Zunge! Sei du, der es sendet, sein Wort!
-
-EINIGE DER FRAUEN UND MÄNNER (haben sich aus dem Dunkel gewagt und um
-ihn gesammelt. Flehentlich):
-
-Erhöre ihn, erhöre ihn, Gott Zebaoth! Erhöre ihn!
-
-JEREMIAS:
-
-Schon ist er wach, der Rächer, er ist wach, denn der Herr des Tempels
-hat ihn erweckt und mit Stärke geschienet! Und er kommt, er naht, er ist
-da, gewaltig sind seine Fäuste, sie werden Babel zerdrücken wie ein
-Vogelnest und sein Volk jagen wie Spreu! Setze nur Wächter auf die
-Türme, daß sie warnen, rüste geharnischte Männer, daß sie ihm wehren,
-schärfe die Speere; doch so wenig du die Wolke kannst scheuchen am
-Himmel mit deinem Hauche, kannst du scheuchen seinen Sturm, denn als ein
-Rächer kommt er gefahren, und ein Segen ist auf seinem trunkenen
-Schwert.
-
-DER ÄLTESTE (ekstatisch):
-
-So lasse es geschehen, Gott! Lasse es geschehen!
-
-DIE ANDERN (um ihn haben sich gesammelt, auch sie ergreift die
-Begeisterung):
-
-Stürze nieder auf sie, wie er gesprochen ... erfülle, erfülle sein
-Wort ... oh, Verheißung ... sende den Rächer ... sende den Rächer ...
-fälle Babel, wie er gekündet ... erhöre ihn, Gott ... erhöre ihn ...
-
- (DIE GESANDTEN weichen verstört zum Ausgange.)
-
-JEREMIAS (in einem wilden Gemenge von Jubel und Ekstase):
-
-Oh, du Irrwitziger der Irrwitzigen, hast du wahrhaft gemeint, uns zu
-knechten, hast du gemeint, Gott vergäße unser, Gott vergäße Jerusalem?
-Sind wir denn sein Kind nicht und seines Namens Vermächtnis, seine
-Erstgeburt und Erbe, ist sein Geist nicht auf uns und sein Segen auf
-Abrahams Scheitel? Er hat uns gezüchtigt in unsern Sünden, doch er wird
-unser sich erbarmen, er hat zerstört, doch er wird wieder aufbauen, er
-hat uns zerstreut, doch seine Liebe wird uns wieder sammeln, und wären
-wir zerstreut bis an die Enden der Erde. Was seine Linke genommen, wird
-die Rechte uns heimgeben tausendfach, denn, ihr Brüder, ihr Brüder, eher
-mögen Berge stürzen und aufwärts fließen die Flüsse und verdunkeln des
-Himmels Gezelt, als daß Gott vergäße seines Bundes, daß er vergäße
-Israel, daß er versäumte Jerusalem!
-
- (DIE GESANDTEN sind mit ratlosen Gebärden entschwunden.)
-
-DER ÄLTESTE UND DIE ANDERN (umdrängen Jeremias von nah und begleiten
-seine Rede mit hymnischem Zuruf):
-
-Segen auf dein Wort ... Segen über dein Haupt ... Gott vergißt nicht
-Jerusalem ... Oh, Verkündigung, selige Botschaft ... Segen auf dein
-Wort ... Segen über dich!
-
-JEREMIAS (immer jauchzender, ohne ihrer zu achten):
-
-Oh, wie dunkel doch waren die Tage der Erde, da dräuend die Brauen
-Gottes sich ballten und sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern! In
-Finsternis waren wir zergangen, schon meinten wir zu ersterben in den
-Kerkern der Ängste. Aber, meine Brüder, seines Ingrimms Ende war seiner
-Liebe Anfang schon. Ein Wetter ist er hingefahren über unsern Häupten
-und hat uns zerschlagen, wie Rohr brach er die Kraft unseres Leibes,
-aber neu glänzt bald die Sonne seiner Gnade. Er wirft die Blitze aus den
-Händen, er heißt seine Donner schweigen, und im sanften Säuseln klingt
-seine Stimme. Oh, sie klingt, sie hebt an, süß zu vernehmen über Länder
-und Meere, mildiglich hebt sie an, und sie wird sprechen zu ihrer
-Stunde:
-
- Stehe auf, Jerusalem,
- Stehe auf, du Gekränkte,
- Und fürchte dich nicht,
- Denn ich erbarmte mich dein.
- Ich habe dir gezürnet
- Und dich einen kleinen Augenblick verlassen,
- Aber nicht immerdar will ich mit dir hadern,
- Und ich zürne nicht ewiglich.
- Und darum, daß du die Verlassene gewesen bist
- Und die Verstoßene einen Tag,
- Sollst du die Prächtige sein für und für
- Und die Erhobene in aller Ewigkeit.
- Ich will dich schmücken mit meiner Liebe
- Und gürten mit meinem Frieden,
- Mein Antlitz hat sich dir zugewendet,
- Und mein Segen ist deinem Scheitel gesenkt.
- So stehe auf, Jerusalem,
- Stehe auf,
- Denn ich hab dich erlöset!
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Segen über dein Wort und Erfüllung!
-
-DIE ANDERN:
-
-Erhöre ihn, Gott ... tue nach seinen Worten ... erhöre uns ... erlöse
-Jerusalem ... erlöse Jerusalem ...
-
-JEREMIAS:
-
-Und siehe, sie ist aufgestanden, die Verstörte, da sie hörte den
-wonnigen Ruf, und es löset der Herr die Fesseln ihres Halses und das
-Joch ihrem Nacken. Er hebt auf die Geknickte von den Knien, er wischt
-ihr die Tränen von den Wangen, die Witwe und Waise erkürt er zur Braut.
-Und es lächelt die Gekränkte, es blüht die Verdorrte, es wird fruchtbar
-die Verschlossene und verlangt ihrer Söhne, daß sie möchten sie schauen
-in ihrem Glücke und frohlocken ihrer Erneuung. Aber schon haben Israels
-Kinder vernommen den Ruf des Herrn, und so weit sie verstoßen von den
-Enden der Erde und den Eilanden des Meeres, kommen sie heimgezogen gen
-Zion. Von Morgen und Mittag, von Abend und Mitternacht, selige Pilger
-kommen sie gezogen, über Gileads Gebirge eilen ihre Schritte, über Basan
-und Karmel ihre Ungeduld, daß sie schauen die Stadt unserer Liebe, die
-Stadt unseres Leidens, Zions heilige Burg. Und es glänzet Jerusalem, es
-jubelt Zions Tochter, da sie schauet ihre Kinder, zahllos gekommen aus
-den Kerkern der Verbannung, es blühet die Verdorrte, es glänzt die
-Verdunkelte, es jauchzt die Verstummte, auferstanden ist die Versargte,
-sie ist auferstanden! Und die Hügel winken ihr zu wie einst, und es
-schatten sie die Berge, und wie der Tau auf den Feldern, so glänzet der
-Friede über ihr, Friede des Herrn, Friede Israels, der Friede, Friede
-Jerusalems!
-
-DIE ANDERN:
-
-Oh, lasse es geschehen, wie er kündet, Herr ... tue also, wie er
-gesagt ... Friede über Israel ... lasse auferstehen Jerusalem ... laß
-uns auferstehen ... laß uns auferstehen ...
-
-JEREMIAS:
-
- Und des Tags, da wir wieder um Zion uns scharen,
- Die wir so lange die klagenden Knechte
- Im düsteren Zinshaus der Fremde waren,
- Da werden wir gläubig zusammentreten,
- Da werden wir sprechen, da werden wir beten:
- »Gesegnet seist du, Herr Zebaoth,
- Der du groß und gnädig an uns hast getan!
- An den Wassern von Babel saßen wir bangend
- Und brachen der Knechtschaft bitteres Brot,
- Wir mengten mit Tränen den Wein in den Krügen,
- Denn unsere Seele war heimverlangend
- Und unsere Dienstschaft ein täglicher Tod.
- Da riefen wir heiß, wir riefen aus Tiefen
- Des brennenden Sehnens dich, Gütigen, an,
- Wir riefen dich an, und es war nicht vergebens,
- Denn du hast unsere Fesseln, die harten, gesprengt,
- Mit dem Tau deiner Güte, mit den Wassern des Lebens
- Den Brand unserer dürstigen Seelen getränkt,
- Du hast unsere Hoffnung, die schon versiegte,
- Mit dem heiligen Stab deines Namens berührt,
- Du hast die Verirrten, du hast uns Besiegte
- Aus der Tiefe geholt und uns heimgeführt.
- Oh, seht
- Es, ihr Berge, oh, seht es, ihr Lande,
- Wir sind heimgekehrt, wir sind auferstanden!
- Oh, beugt euch, ihr Berge, oh, beugt euch, ihr Hügel,
- Oh, Ströme, rauscht auf in unser Gebet,
- Umgrünt uns, ihr Felder, empfanget, ihr Gärten,
- Mit Blütenfackeln die Heimgekehrten!
- Bekränzt uns, ihr Wälder, mit jubelndem Ton,
- Streu Rosen uns, Saron, zum andern Male,
- Umschatte uns, Karmel und Libanon,
- Wir sind heimgekehrt, wir sind heimgekehrt!
- Und du,
- Du selige Stadt, geliebt und verloren,
- Im Wachen erträumt, in Träumen beschworen,
- Du Braut unsrer Liebe, du Mutter uns allen,
- Mit Zimbeln erfüll dich und Flötengetön,
- Wach auf und laß deinen Jubel erschallen,
- Denn heimgekehrt sind wir, Jerusalem!«
-
-DIE ANDERN (ihn jauchzend umdrängend, zu seinen Füßen hinstürzend,
-seine Knie umfassend in wilder Hingerissenheit):
-
-Heimgekehrt ... auferstanden ... oh, Verheißung ... Jerusalem ...
-Jerusalem ...
-
-BARUCH (zu seinen Knien):
-
-Oh, mein Meister, mein Lehrer, wie ist deine Lehre süß meinem Herzen,
-wie selig deine Erleuchtung!
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Gebenedeit sei, wer die Verheißung bringt in den Stunden der Not. Segen
-über deine Tröstung! Erfüllung, oh, Erfüllung!
-
-EINE FRAU:
-
-Sein Antlitz seht, wie es leuchtet! Wie zwei Sterne glühn die Augen ihm
-auf und hellen den Raum.
-
-EINE ANDERE:
-
-Gottes Geist hat sich auf ihn gesenkt!
-
-DER KRANKE:
-
-Aufgerichtet hat mich sein Wort ... aufrecht bin ich ... ich lebe, ich
-lebe wieder ... oh, daß ich heimkehrte mit euch.
-
-ZEFANJA:
-
-Mein Herz ist erstanden und klingt dir zu, Jeremias.
-
-JEREMIAS (ohne sie zu hören, ganz allmählich aus seiner Ekstase
-erwachend und erschreckt um sich blickend):
-
-Wo sind sie hin, zu denen ich sprach? Wo sind sie hin?... Waren nicht
-Boten da des Königs Nabukadnezar? Habe ich geträumet ... mir dünkte,
-drei Männer kamen und redeten ... prächtig waren sie gewandet ... wo
-sind sie hin ...
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Der Blitz deines Blickes hat sie gescheucht.
-
-ANDERE:
-
-Deine Worte haben sie gejagt ... wie ein Schwert fuhr dein Zorn über
-sie.
-
-JEREMIAS (immer verwirrter):
-
-Was habe ich gesagt? Ein Dunkles liegt um mich, und doch glänzt michs
-von innen an ... Was habe ich gesagt ... Oh, und warum, warum blickt ihr
-mit einmal auf zu mir wie die Durstigen ... was seid ihr geschart um
-mich ... es war doch Dunkel auf euren Stirnen, und nun glänzt ihr mich
-an mit den Blicken ... Was ist geschehen mit mir, was ist geschehen mit
-euch?
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Du brennendes Herz der Herzen, in das Gott seine Flamme geworfen, von
-dir strahlt dieses Licht! Oh, welche Verheißung hast du uns gekündet,
-welche Verheißung!
-
-EIN MANN:
-
-Aufgetan hast du mir die Seele, du Guter!
-
-EIN WEIB:
-
-Mein Herz mir mit Manna gespeist.
-
-STIMMEN:
-
-Oh, wie süß waren deine Worte, du Lieber ... genesen sind wir an deiner
-Verheißung ... nun ist die Fremde nicht mehr Bitternis ... heimkehren
-werden wir, oh, seliges Wort ...
-
-JEREMIAS (ergriffen):
-
-Meine Brüder, meine Brüder, was ist mit mir geschehen? War nicht Groll
-zwischen uns und Fluch auf meinen Lippen, da ich redete zu euch? Ein
-Sturmwind hat mich gefaßt und getragen, wohin ich nicht weiß, und nun
-ich stürze, sehen eure Augen mich liebend an, ihr Brüder, eure Hand
-spüre ich an meinen Knien, und eure Seele zittert wie ein Falter mir zu!
-Was ist mir geschehen, was ist mir geschehen?
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Oh, Jeremias, der du bitter warst unserer Freude, wie süß ist deine Rede
-nun unserm Leiden! Du hast uns getröstet, du hast uns erlöset wie keiner
-vordem!
-
-EINER:
-
-Aus der Nacht hast du meine Seele gehoben, beglückt hast du mich,
-Gebenedeiter!
-
-EIN ANDERER:
-
-Die Zweifel hast du gerodet aus meiner Brust und Gottes ewige Heimstatt
-bereitet.
-
-EIN ANDERER:
-
-Oh, du Tröster der Tröster! Möge nun Leid auf mich fallen, meine Seele
-wird ihm nicht mehr erliegen.
-
-EINE FRAU:
-
-Im Tode war mein Herz und ist auferstanden durch dich.
-
-JEREMIAS:
-
-Ihr Lieben, ihr Lieben, was ihr sprechet, ist es wahr? Von meiner Lippe,
-der fluchverbrannten, ist Tröstung gekommen, aus meiner Seele, der
-nächtigsten aller, ein liebendes Wort!
-
-EIN WEIB:
-
-Oh, wie es dir sagen? Meine Hände fühl an, die wie Früchte sich heben!
-Uns alle, uns alle sieh, du Gebenedeiter, Beseligte deines Worts!
-
-DER KRANKE:
-
-Seht her ... seht her ... ich schreite, ich gehe ... ich spüre die
-Qualen nicht mehr ... aus dem Tode hat dein Wort mich erweckt ... wie
-Elia ... ein Wunder hast du an mir getan.
-
-DAS WEIB:
-
-Seht ihn an ... er lag, vom Fieber zerfressen ... ich bezeuge es, ich
-bezeuge es ... ein Wunder hat er an ihm getan ...
-
-STIMMEN (ekstatisch):
-
-Ein Wunder ... ein Wunder wie Elia ... ein Wunder hat er getan ...
-Erweckung ... beugt euch dem Gottgesandten ... ein Wunder ... ein
-Wunder ... beugt euch vor ihm, dem Wundertäter!...
-
-JEREMIAS (hat sich aufgerichtet vor ihnen, ganz leise):
-
-Schweiget, ihr Brüder ... nicht rühmet mich ... beschämet mich nicht ...
-ich habe nicht Anteil daran. Wohl ist ein Wunder geschehen, doch nicht
-ich habe es vollbracht -- an mir, ihr Brüder, ist es geschehen. Ihr
-Brüder, ihr Brüder, ich sage euch, ein Großes hat Gott in dieser Stunde
-an mir getan. Ich habe gefluchet meinem Gotte und ihn getötet in meiner
-Seele. Doch, meine Brüder, meine Brüder, ehe der Atem noch kalt war in
-meinem Munde, ist er mir auferstanden. Er riß mir das Herz aus dem
-Leibe, daß ich meinte zu vergehen vor seinem grimmigen Stoß, aber ein
-steinernes Herz war es, das er von mir riß, und ein fleischernes hat er
-mir nun eingetan, daß ich fühle alles Leiden und alles Leidens Sinn. Oh,
-ihr Brüder, ihr Brüder, schauet das Wunder, das an mir geschehen: ich
-habe Gott gefluchet, und er hat mich gesegnet, ich habe ihn geflohen,
-und er hat mich gefunden, ich wollte ihm entweichen, und er hat mich
-erreichet. Denn es ist kein Entweichen vor seiner Liebe und kein
-Obsiegen wider seine Kraft. Er hat mich besiegt, meine Brüder, und
-nichts ist süßer, als von ihm besiegt zu sein.
-
-DER ÄLTESTE (ekstatisch):
-
-Jeremias ... oh, Jeremias ... uns allen möge er tuen wie dir!
-
-JEREMIAS:
-
-Oh, daß ich so spät ihn erkannte, so spät euch fand, meine Brüder! Doch
-ich will nicht klagen mehr. Ich will nur mehr danken, ich will nicht
-fluchen mehr, ich will nur mehr segnen. Dunkel liegt vor uns die Stadt,
-dunkel unser Schicksal, aber, meine Brüder, vertrauen wir, denn
-wunderbar ist das Leben, heilig die irdische Erde. In Liebe will ich
-umfassen, die ich im Zorne getreten, und die ich bespien mit meinem
-Fluche, will ich tränken mit meinen Tränen. Nimm, Erde, du geschmähte,
-gütig meine demütigen Knie; nimm, Gott, du verkannter, gnädig mein
-gläubiges Wort!
-
- (Er kniet nieder und spricht wie ein Gebet:)
-
- Ich danke dir, Herr, daß du so lind mir begegnet,
- Als ich mich wehrte und von dir gekehrt,
- Ich hab dir geflucht, und du hast mich gesegnet,
- So segn ich, solang mir mein Leben währt.
- Ich segne dich, daß du das würzige Brot
- Des Wortes in meine Lippen getan,
- Damit ich dich preise in Leben und Tod,
- Ich segne dich, daß du mir wecktest den Geist,
- Der die Welten mit Liebe durchgütet und speist.
- Ich segne dich, daß du so hart mich gefaßt
- Und im Zorn vor dein Antlitz getrieben hast,
- Und ich segne dich, Gottes Gabe, dich Leid,
- Daß du läuternd die Seelen der Menschen durchdringst
- Und flammend mit deiner Allfältigkeit
- Ihre Einsamkeit einst, ihre Fremde bezwingst,
- Und ich segne dich, Gott, der es im Sturm uns gesendet,
- Der du mit Qualen beginnst und mit Seligkeit endest,
- Der die Suchenden führt und die Fliehenden findet,
- Dem jeder entweicht und dem sich keiner entwindet,
- Der dem Niedersten sich als der Gnädigste gibt
- Und den Sündigsten um seiner Sünden liebt,
- Selig, der sich an dich verloren,
- Selig, den du dir auserkoren,
- Selig der Himmel, der dich rauschend umstellt,
- Selig dein lauschender Spiegel, die Welt,
- Selig die Sterne, die sie strahlend umschweben,
- Selig der Tod und selig das Leben!
-
-BARUCH (auf die Knie zu dem Knienden stürzend):
-
-Jeremias, mein Meister, Jeremias! Nicht uns allein lasse leuchten dein
-Wort. Auf dem Markte harret das Volk, und sie vergehen in Ängsten, ihre
-Seele lischt in Zagen und Klagen. Sie wollen sterben und vergehen um
-Jerusalems willen. Meister, mein Meister, gib ihnen Leben, gib ihnen
-Gott zurück! Richte auf die Verzagten, und die Durstigen tränke mit den
-Wassern des Lebens!
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Ja, richte auf der Wankenden Knie, belebe die zagenden Herzen! Gieß aus
-dein Wort über die Schmachtenden, gieß es aus!
-
-STIMME:
-
-Auf ... zu den Brüdern ... zu unsern Brüdern ... erwecke sie ... gib
-ihnen Trost, wie du uns gegeben ... gib Verkündigung ... gib
-Verheißung ...
-
-JEREMIAS (sich aufrichtend):
-
-Wohlan, meine Brüder, führet mich zu ihnen! Der Getröstete Gottes bin
-ich gewesen, nunab will ich ein Tröster sein! Laßt uns gehen, meine
-Brüder, vielleicht ist der Verworfene gewählet, laßt uns gehen zu den
-Brüdern, den verzagten, daß wir den Tempel in ihren Herzen aufrichten,
-daß wir ihnen bauen das ewige Jerusalem!
-
- (JEREMIAS geht mit starken Schritten gegen den Ausgang.)
-
-DIE ANDERN (umringen ihn jauchzend, einige eilen voraus, ihre Stimmen
-klingen ekstatisch durcheinander):
-
-Jerusalem ... oh, das ewige Jerusalem ... Verkündigung ... Auf, Bauherr
-Gottes ... Ewig währet Jerusalem ...
-
-
-
-
-DAS NEUNTE BILD
-
-DER EWIGE WEG
-
- »Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht
- der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch
- gebe das Ende, dessen ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen, und
- ich werde euch erhören. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen
- werdet, will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und
- will euer Gefängnis wenden.«
-
- Jer. XIX, 11--14.
-
-
- Der gleiche große Platz vor dem Tempel wie im ersten Bilde, doch nun
- mit allen Zeichen der Vernichtung und Zerstörung.
-
- Auf dem Platze stauen sich in wirrem Geschiebe Karren mit Hausrat
- beladen, aufgezäumte Tragtiere, Wagen und Gefährte, dazwischen der
- strömende Schwarm der flüchtigen Menschen, die zum großen Aufbruch
- rüsten. Immer neue Gruppen drängen aus den Gassen her, immer lauter
- wird das Geschwirre der Stimmen. Auf den Stufen hocken teilnahmlos
- Greise und Frauen, indes die Männer die Maulesel zäumen; chaldäische
- Krieger in voller Rüstung schreiten stolz und herrisch durch das
- Getümmel, sich Platz mit den Speeren stoßend, und wachen über die
- Vertriebenen.
-
- Über dem wirr geschäftigen tragischen Treiben hängt das Dunkel einer
- mondverwölkten Nacht, die allmählich in das Ungewiß der nahenden
- Dämmerung übergeht. Manchmal löst sich ein Glanz von Licht weißlich
- aus den Wolken los und erhellt das Bild der Verwirrung, indes von
- Osten schon als rötlicher Rauch der Frühschein des Morgens sich
- kündet.
-
-STIMMEN:
-
-Hier ist der Platz ... wie viele ihrer schon sind ... haltet euch
-zusammen, Söhne Rubens ... wie es doch dunkel ist ... hier voran, daß
-ihr die ersten seid ...
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-Was drängt ihr ... unser ist die Stelle ... seit Abend stehen unsere
-Mäuler hier gegürtet ... Unser ist die Stelle ... immer will Ruben voran
-sein ...
-
-EIN ALTER:
-
-Nicht streitet ... lasset Ruben voran, so will es das Gesetz ...
-
-DIE ANDERN STIMMEN:
-
-Es gibt kein Gesetz mehr ... verbrannt ist die Schrift ... wer bist du,
-daß du uns gebieten willst ... die Priester ruft, die Priester ... Es
-gibt keine Priester mehr ... alle raffte sie das Schwert ... Hananja ist
-entkommen ... nein, am Pfahle verdarb er ... führerlos sind wir ...
-verlassen von allen ... wer wird uns gebieten ... oh, Qual der
-Knechtschaft ... wer wird die Opfer empfangen zu Babel ... wer uns
-deuten das Wort ... ausgerottet ist Aarons Geschlecht ... weh uns
-Verwaisten ... daß wir die Lade doch hätten und die Rolle des
-Gesetzes ... sie ist verbrannt ... nein, Gottes Wort verbrennt nicht ...
-selbst sah ich sie kohlen im Feuer, wie eine Schlange sprang sie hoch ...
-wehe, sie ist verbrannt ... verbrannt das Gesetz ... nein, es kann nicht
-wahr sein, Gottes Wort verbrennet nicht ... ist sein Haus nicht
-verbrannt, sein Altar nicht gestürzt ... ließ er nicht sinken seine
-heilige Stadt ... Ja ... ja ... hat er nicht uns in Knechtschaft
-gegeben ... ja ... ja ... gebrochen hat er den Bund, vernichtet die
-Verheißung ... lästert nicht ... lästert nicht ... ich fürchte ihn nicht
-mehr ... lästert nicht ... wer gebietet mir ... führerlos sind wir ...
-daß doch Mose uns erstünde ... daß ein Richter unter uns wäre ... der
-König, wo ist er ... der Geblendete ... blind ist er immer gewesen ...
-er hat uns hinabgestoßen ... oh, Ende Israels, Ende Jerusalems ... was
-ziehen wir aus ohne Gott und Gesetz, ohne Führer, der uns weise ... oh,
-Simson, Simson ... warum kommt er nicht, der uns ausführet mit starker
-Hand ... nie war größer die Not ... ach, er kommt nicht, verloren sind
-wir ... Gott ist gesunken mit seinem Tempel ... lästere nicht ...
-lästere nicht ... daß er doch käme, der Verkünder, der Befreier ...
-
-EINE NEUE GRUPPE (aus dem Dunkel):
-
-Hier ist des Marktes Mitte ... wer seid ihr ... Benjamin sind wir ...
-die Letzten, reihet euch an ... nein ... nein ... wir wollen nicht
-fressen von eurem Staube ... und wir nicht den euren ... fort mit den
-Tieren, führt sie am Zaume ... ihr tretet die Frauen ... weichet aus ...
-wehe, was stoßet ihr ... es ist so dunkel ... ach, daß es schon Morgen
-würde, daß ausginge diese Nacht ... wehe, wie Arges wünschest du, bete,
-daß ewig sie währte, denn die letzte ist sie auf Zions Berge ... ja ...
-ja ... segne die Nacht, sie birgt unsere Tränen, sie hüllt unsere
-Schmach ... die Sonne von morgen wird uns entblößen und unsere Scham den
-Heiden zeigen ... wehe ... betet, daß der Morgen nie komme über unser
-beladen Haupt ... ich kann nicht beten mehr ... meine Seele ist starr
-geworden in Schrecken und mein Herz steinern vor Grauen ... selig die
-unten liegen im Dunkel für ewig und Ruhe haben, selig die Toten Israels,
-sie dürfen weilen im Schatten der Heimat ... ins Diensthaus müssen wir
-ziehen ... ach, bräche doch nie dieser Tag über uns ... wehe uns, weh
-unsern Kindern, den Knechten der Fremde ...
-
- (GELÄCHTER UND TUMULT aus dem Palast. Heraus treten, beleuchtet von
- Fackeln, die trunkenen chaldäischen Fürsten, grölend und lachend. In
- ihrer Mitte haben sie einen, den sie fortstoßen, einer zum andern,
- daß er zwischen ihnen schwankt und immer zu fallen droht.)
-
-DIE CHALDÄISCHEN KRIEGER (durcheinander):
-
-So geh doch wider Nabukadnezar ... Auf, Erstürmer Babels ... nicht
-falle, du Säule Israels ... geh ... stoßt ihn weg ... er ödet uns ...
-nicht kann er tanzen, wie David, der König ... nicht schlägt er die
-Psalter ... lasset ihn ... kommt zurück zum Weine ... an seinen Weibern
-erletz ich mich lieber ... lasset ihn Dunkel trinken, und trinken wir
-Wein ... kommt ... kehret ... laßt ihn ...
-
- (DIE KRIEGER kehren lachend und lärmend in den Palast zurück. Der
- Verlassene bleibt unsicher im Dunkel über der Treppe stehen. Ein
- matter Strich verwölkten Mondlichtes läßt seinen Schatten schwarz
- hinter ihm aufstehen, daß er groß und gespenstig scheint.)
-
- (DIE MENGE, unten in Schrecken und Staunen wogend, leise flüsternd.)
-
-STIMMEN:
-
-Wer ist es ... warum haben sie ihn fortgestoßen vom Mahle ... wer ist
-er ... wie ein Felsen steht er schwarz ... warum spricht er nicht ...
-seine Blicke sind verschnürt ... wie er die Hände hebt ... wer ist er ...
-nicht nahet ihm ... wer mag es sein ... ich will sehen ...
-
- (EINIGE der Beherzten sind die Stufen emporgeklommen.)
-
-EINER (plötzlich aufschreiend):
-
-Zedekia!
-
-DIE MENGE (durcheinander):
-
-Der König ... der Geblendete ... Gottes Gericht ... Zedekia ...
-
-ZEDEKIA (unsicher):
-
-Wer ruft mich?...
-
-STIMMEN:
-
-Keiner ruft dich ... Fluch ruft dich und Gottes Gericht ... Wo sind die
-Ägypter ... wo ist Zion ...
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-Schweiget!... Der Gesalbte ist er des Herrn ... geblendet haben ihn
-unsere Feinde ... Ehrfurcht dem Könige ... ehret den Dulder ...
-
-ANDERE STIMMEN:
-
-Nein, er soll nicht sitzen unter uns ... wo sind meine Kinder ... gib
-sie mir wieder ... Fluch über den Mörder Israels ... sein ist die
-Schuld ... fort mit ihm ... warum lebt er, da Bessere starben?
-
-ZEDEKIA (zu einem, der emporgestiegen ist und ihn leitet):
-
-Wer sind jene, die wider mich rufen? Ist es Israel, das mir feind ist?
-
-DER FÜHRENDE:
-
-Herr, Unglückliche sind es!
-
-STIMMEN:
-
-Nicht führe ihn her, gesondert sei unser Los von dem seinen!... abseits
-möge er sitzen ... Gott hat ihn gestraft ... Fluch liegt auf ihm ...
-
-ZEDEKIA:
-
-Fort ... führe mich fort ... in den Tempel, daß er mich berge vor ihrem
-Hasse ... ich will ihre Stimmen nicht hören ... ihr Haß brennt auf meine
-Wunden ... in den Tempel.
-
-DER FÜHRENDE:
-
-Herr, der Tempel ist nicht mehr.
-
-ZEDEKIA:
-
-Ist der Tempel gefallen ... dann falle auch ich ... wehe, wer tötet
-mich, den Blinden ... geh ... sage ihnen, rufe sie, die mich schmähen,
-daß sie ein Ende machen.
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Was zerfleischet
-ihr einander, da der Feind uns würget?
-
-STIMMEN:
-
-Ein Fluchbringer ist er ... er hat Gottes Haus stürzen lassen ... er
-brach den Eid ... nein, lasset ihn ... man hat seine Söhne geschlagen ...
-ein Blinder ist er ... aber er soll nicht mehr König sein ... nein ...
-nein ... was soll uns ein Blinder ... eine Last ist er ... nein, er
-soll nicht König sein ... nein ...
-
-ZEDEKIA (fast weinend in seiner Hilflosigkeit):
-
-Führ mich fort ... meine Augen sind mir genommen ... die Krone noch
-reißen sie mir ab ... birg mich ... verbirg mich vor ihnen.
-
-EINE FRAU:
-
-Hier ruhe aus ... mein König, bette dich hin.
-
- (ZEDEKIA wird an der Treppe hingebettet, Neugierde drängt um ihn.)
-
-DER ÄLTESTE:
-
-Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Unser Führer ist
-er von Gott.
-
-STIMMEN:
-
-Nein ... ein Blinder ist kein Führer ... wie kann er König sein in
-Jerusalem, da Zion fiel ... Knechte sind wir alle, wir brauchen keine
-Führer ... oh, wir bedürfen eines Erretters ... oh, daß Mose uns
-erstünde ... ein Tröster wäre vonnöten, kein Bedrückter ... ein
-Erleuchteter und kein Blinder ... niemand kann uns helfen ... rüstet zur
-Reise ... sehet das Dämmern ... wehe der Tag ... oh, Auszug ins
-Fremde ... wehe wir Vertriebenen ... wehe uns Führerlosen ...
-
- (EIN LAUTES KLINGENDES TÖNEN von ferne.)
-
-STIMMEN:
-
-Wehe, die Posaune ... die Posaune ... hört ihr sie tönen ... nein, es
-ist die Posaune nicht ... wie von Zimbeln klingt es und Pauken ...
-Gesang, hört ihr Gesang ... es jauchzen unsere Feinde ... oh, Schmach ...
-oh, Qual ...
-
- (DAS LAUTE KLINGENDE TÖNEN kommt näher.)
-
-STIMMEN:
-
-Pauken und Zimbeln ... sie rufen ... sie jauchzen ... sie kommen, uns
-fortzutreiben ... Gesang schwillt her ... wehe, wehe, wenn unsere Feinde
-jauchzen ... ihren Sieg jubeln sie ... verschließet die Ohren ... weh,
-ihrer ist das Frohlocken und unser die Trauer ... Schmach, es hören zu
-müssen ... wohin flüchten vor ihrem Hohn ... sie danken ihrem Gotte ...
-wem sollen wir klagen?
-
- (DAS TÖNEN ist ganz nah, man hört einzelne Rufe und Zimbelschläge.
- Aus dem Dunkel sieht man eine Gruppe Menschen schreiten, die sich
- jubelnd um eine hohe Gestalt drängen.)
-
-EINER (aus der Menge):
-
-Sehet ... sehet ... der Unseren welche sind es, die nahen ...
-
-STIMMEN:
-
-Es ist nicht wahr ... wie könnten sie jauchzen ... Fluch dem Sohn
-Israels, der frohlockte an diesem Tag ... Trunkene müssen es sein ...
-die Unsern sind es ... ich erkenne sie ... Wer ist es, den sie
-umschreiten ... was geschieht hier ... was jauchzen sie ... was schlägt
-die Zimbel das rasende Weib ...
-
- (DIE GRUPPE der Nahenden, mit Jeremias in der Mitte, ist aus der
- Tiefe ins fahle Morgenlicht getreten. Sie schreiten wie die
- Trunkenen einher im Taumel, einige ekstatisch, andere wieder ernst
- und feierlich.)
-
-STIMMEN DER NAHENDEN:
-
-Hosianna ... Verkündigung ... ewig währet Jerusalem ... oh, selige
-Heimkehr, oh, ewige Wiederkehr!... Gesegnet der Tröster, gesegnet die
-Tröstung ... Hosianna ... ewig währet Jerusalem ...
-
-STIMMEN DER MENGE (in wilder Erregung):
-
-Sie sind rasend ... was ist geschehen ... höret ... höret! Hosianna
-rufen sie ... was bringet er ... was ist seine Botschaft ... er rede
-auch zu uns ... wer ist es ... auch zu uns sprich, Verkünder ... Oh,
-Tröstung, wer gibt uns Tröstung ...
-
-EINER:
-
-Sehet, ist dies Jeremia nicht, den sie umschreiten?
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... nein ... dunkel war jenes Gesicht ... ein Leuchten ist aber um
-diesen ... doch, sehet, er ist es ... er ist es ... wie ist er
-gewandelt ... wehe der Flucher ... wie kann Süßes kommen von dem
-Bittern ... was folget er uns, der uns verfolgte ...
-
-BARUCH:
-
-Höret die Tröstung, Brüder, lasset euch speisen mit dem Worte Gottes,
-mit dem Brote des Lebens!
-
-STIMMEN:
-
-Wie kann Tröstung kommen von dem Verfluchten ... wie die Geißel schlägt
-er zu ... er wird uns würgen mit dem Wort ... genug der Profeten, sie
-haben uns verredet mit ihren Worten ... nein, dieser hat gewarnet ...
-hart ist sein Mund wie ein Schwert ... Salz streut er in unsere
-Wunden ... hebe dich fort, Unbarmherziger!
-
-BARUCH:
-
-Nein, höret ihn! Das Herz hat er uns erhoben, oh, lasset euch trösten,
-ihr Gottesbrüder!
-
-DER KRANKE:
-
-Ich zeuge für ihn, ich bezeuge ihn! Im Brand meiner Wunde lag ich, ein
-Siecher, und er hat mich erhoben. Ich zeuge für ihn, ich zeuge ...
-
-STIMMEN:
-
-Wer ist dieser ... höret ihn an ... Wunder verheißet er, und wir
-bedürfen der Wunder ... Tröstung will mein Herz ... mich trösten einzig
-Zions Tale ... wie kann er trösten ... kann er wecken die Toten, kann er
-aufbaun die zederne Burg ... nein, höret ihn ... wehe uns ...
-
-DAS WEIB:
-
-Bileam! Bileam! Bileam! Heil dir, der du kamest zu fluchen Israel, und
-dreimal hast du uns gesegnet.
-
-BARUCH:
-
-Meister, sieh ihren Widerstreit! Mache einig ihr Herz, mache fruchtbar
-ihre Seelen, hebe auf, hebe auf zu Gott ihre Trauer!
-
-JEREMIAS (aus dem Kreise vortretend an die höchste der Stufen):
-
-Meine Brüder, im Dunkel fühle ich eure Nähe und des Dunkels voll eure
-Seelen. Aber, meine Brüder, warum verzaget ihr, warum klaget ihr?
-
-STIMMEN:
-
-Hört ihr den Lästerer ... ich habe gewarnt vor ihm ... er höhnt uns ...
-er fragt, warum wir klagen ... Salz streut er in unsere Wunden ...
-sollen wir jauchzen am Tage unseres Ausgangs ... sollen wir vergessen
-der Toten ... er spottet unserer Tränen ... schweige ... nein, höret
-ihn ... lasset ihn reden ...
-
-JEREMIAS:
-
-Oh, höret mich, ihr Brüder, höret mich an! Ist denn alles verloren, daß
-ihr klaget? Sehet und fühlt es mit den Sinnen: das Leben ist euch
-geschenkt ...
-
-EINE STIMME:
-
-Wehe, welch ein Leben!
-
-JEREMIAS:
-
-Und ich sage euch, wes das Leben ist, dessen ist auch Gott. Nur der
-Toten ist es, zu schweigen und zu klagen derer, die zur Grube fahren,
-doch der Lebendigen ist es, zu hoffen. Oh, meine Brüder, nicht klaget
-und verzaget, solange euch Atem vom Munde fließt, nicht tut auf euren
-Mund der Empörung und nicht schließet euer Ohr der Tröstung!
-
-STIMMEN:
-
-Ach, Trost der Worte, er wärmet nicht ... willst du uns aufrichten, so
-richte auf die Mauern Jerusalems ... baue Zions Burg ... wehe, er sieht
-unsere Not nicht ... er erkennet unsere Leiden nicht ...
-
-JEREMIAS:
-
-Ich schaue, meine Brüder, in euer Leiden wie in ein geöffnet Buch, und
-eurer Schmerzen Schrift ist mir aufgetan; doch, meine Brüder, auch
-unseres Leidens Sinn sehe ich: ich sehe den Gott darin. Seine Prüfung
-nur ist diese Stunde, so lasset sie uns bestehen!
-
-STIMMEN:
-
-Warum prüfet uns Gott ... Warum gerade uns, seine Auserwählten ... warum
-ist so hart diese Prüfung ...
-
-JEREMIAS:
-
-Damit wir ihn erkennen, sendet Gott uns die Prüfung. Andern Völkern ist
-klein Zeichen und gering Erkennen gegeben, in Hölzern und Steinen meinen
-sie des Ewigen Gesicht zu erschauen. Doch unser Gott, unserer Väter
-Gott, ein verborgener Gott ist er, und erst in der Tiefe des Leidens
-werden wir seiner gewahr, nur in der Prüfung tut er sich auf seinen
-Erwählten. Segen, wem sie begegnet, denn was wäre Israel unter den
-Völkern, prüfte es nicht ewig sein Gott? Wen er liebet, den stößt er
-hinab in die Tiefe des Lebens, daß er ihn erprobe, und, ihr Brüder,
-immer hat Gott sein Volk geliebt, immer hat er es hinabgestoßen.
-
-STIMMEN:
-
-Ja, er redet recht ... nein, gütig ist Gott ... verstehet ihn recht ...
-ja, es steht geschrieben: »Selig der Mensch, den Gott strafet, darum
-weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen nicht« ... Ja, ja ... so
-steht es geschrieben ... nur die Sünder strafet er ... was haben wir
-getan ... Vergessen haben wir seiner in Hoffart ... nie rief ich ihn an
-wie jetzt in der Not ... wahr redet er ... Tröstung ist in seinen
-Worten ...
-
-JEREMIAS:
-
-Nur die Geprüften hat er erwählet, und nur den Leidenden gilt seine
-Liebe. So lasset uns die Geprüften sein und lieben sein Leid, ihr
-Brüder! Er hat uns brüchig gemacht, daß er tiefer sich senke in unseres
-Herzens Scholle und wir fruchtend würden seines Samens, er hat uns
-geschwächet am Leibe, daß er uns stärkte in der Seele. Oh, willig lasset
-uns eingehen in die Schmelzfeuer seines Willens um der Läuterung willen.
-Tut, wie eure Väter taten, und weigert euch der Züchtigung des
-Allmächtigen nicht!
-
-STIMMEN:
-
-Geben wir uns hin seinem Willen ... gepriesen die Prüfung ... ich will
-die Klage zerschlagen in meinem Munde ... ja ... auch sie waren in
-Knechtschaft, und er hat sie erlöset ... auch uns wird er hören ...
-ja ... ja ... oh, daß er unser sich erbarmte ... sage, du Verkünder, wird
-er uns wieder aufnehmen ... gibt er uns Erhebung ... erlöst er uns von
-Babel ... laß es uns glauben ...
-
-JEREMIAS:
-
-Glaubet an die Erstehung, ihr Brüder, und ihr seid schon erstanden. Denn
-wer sind wir, wenn wir nicht gläubig sind? Nicht ward uns wie andern
-Völkern Scholle gegeben, daran zu kleben, Heimat, darin zu verharren,
-nicht die Rast, darin unser Herz fett werde! Nicht zum Frieden sind wir
-erwählet unter den Völkern: Weltwanderschaft ist unser Zelt, Mühsal
-unser Acker und Gott unsere Heimat in der Zeit. Aber nicht neidet sie
-darob, nicht klaget! Lasset den andern ihr Glück und den Stolz, lasset
-ihnen Haus und die Heimstatt der Erde, du aber lasse dich prüfen, du
-Leidensvolk, und glaube, du Gottesvolk, denn das Leid ist dein heilig
-Erbe, und ihm einzig bist du erwählet um deiner Ewigkeit willen.
-
-STIMMEN:
-
-Oh, Wahrheit des Wortes ... unser Erbe ist das Leid ... ich will es auf
-mich nehmen ... ich glaube an seine Barmherzigkeit ... er wird uns
-ausführen, wie er uns führte aus Mizraim ... Segen auf dein Wort ...
-Gott wird uns erlösen, wie er erlöste unsere Väter ...
-
-JEREMIAS:
-
-So steh auf, du Volk, aus deiner Klage; wie einen Stab nimm deinen
-Glauben, und du wirst schreiten aus deinen Nöten, wie du geschritten
-tausend und tausend Jahre! Selig die Besiegten, die wir sind um
-seinetwillen, selig unsere Vertriebenheit! Selig, daß wir alles
-verlieren, um ihn zu finden, selig unser hart Schicksal, selig unsere
-Plage und Prüfung! Denn zur Dauer sind wir erwählt durch das Leid und
-zur Ewigkeit durch die Erneuung! Könige, die uns Herren waren, sind
-vergangen wie Rauch; Völker, die uns geknechtet, zerstreut und zertreten
-ihr Samen; Städte, darin wir dieneten, geborsten und der Schakale
-Hausung; doch Israel lebt und veraltet nicht an den Zeiten, ist doch das
-Leid seine Kraft und der Sturz seine Stufe. Durch Leiden haben wir die
-Zeit bestanden, immer war Untergang unser Anbeginn, doch aus allen
-Tiefen hub er uns immer an sein heilig Herz! Gedenket, gedenket der
-einstigen Mühsal und gedenket, wie wir sie bestanden; gedenket, gedenket
-Mizraims, des Diensthauses, der ersten Prüfung! Rühmet die Plage, ihr
-Geplagten, rühmet die Prüfung, ihr Geprüften, rühmet den Gott, der uns
-ihr erwählte in alle Ewigkeit!
-
- (DAS VOLK gerät in mächtige Erregung. Aus den einzelnen Stimmen
- heben sich rhythmisch die Chöre.)
-
-STIMMEN:
-
- Knechte Mizraims
- Waren die Väter,
- Eiserne Zäume
- Preßten und banden
- Israels Stirn.
- Knechte und Vögte
- Schlugen die Klage
- Auf dienendem Rücken
- Mit Peitschen entzwei,
- Schlugen die Kinder
- Mit tödlichem Erz.
-
-HELLERE STIMMEN:
-
- Doch in dem Dunkel, das uns umwölkte,
- Fand uns Gottes erbarmender Blick,
- Einen Befreier in niederem Schoße
- Weckt' er dem Volke, eh es zerbrach.
- In seine Zunge ergoß er die Rede
- Und in seine Hände der Zeichen Gewalt.
- Aufhub Mose das Volk, das bedrückte,
- Aus seiner Rede glänzte uns Heimat,
- Und wir ließen das bittere Land.
-
-JUBELNDE STIMMEN:
-
- Und die Siebzig dereinstens gekommen,
- Tausend und Tausend kehrten darwider,
- Gehäufeter Habe mit Knechten und Tieren,
- Ein starkes Geschlechte zogen wir aus.
- Säule des Rauchs und Säule des Feuers
- Zogen voran den seligen Blicken,
- Engel des Herrn flogen hell vor uns her.
- Oh, erster Auszug! Oh, Anhub des Glückes!
- Oh, erste Einkehr und Wiederkehr!
-
-JEREMIAS:
-
- Doch neue Nöte waren Israel bereitet, Prüfung um Prüfung!
- Entsinnet sie, entsinnet die brennenden Tage der Bitternis! Entsinnet
- sie!
-
-STIMMEN:
-
- Hinter uns jagten,
- Schäumender Nüster,
- Rosse und Wagen
- Pharaos Heer.
- Über uns schollen
- Schon Schreie der Rache,
- Vor uns war Meerflut
- Und hinter uns Tod.
-
-HELLERE STIMMEN:
-
- Da aber ging Sturm von Gott aus der Höhe,
- Weit voneinander riß er die Fluten,
- Wasser ward Mauer, die Tiefe ward Gang,
- Hausung der Fische, sie ward uns zum Pfade,
- Und wir wandelten trockenen Fußes
- Zwischen der Wasser getürmeter Schlucht.
-
-JAUCHZENDE STIMMEN:
-
- Klirrend folgten die gierigen Feinde,
- Prasselnd jagten sie hin durch die Gasse
- Wartender Wasser, schon fing uns ihr Schrei,
- Da aber fiel Sturmwind des Herren hernieder,
- Brandend zerschäumten die wassernen Mauern,
- Über sie stürmte das blaue Verhängnis,
- Rosse und Wagen erwürgte das Meer!
-
-ERNSTE STIMMEN:
-
- So zerbrach der Herr die Gefahren,
- Heil entriß er das Volk seiner Haft.
- Oh, großer Anhub der wunderbaren,
- Selig unseligen Wanderschaft!
-
-JEREMIAS:
-
-Doch nochmals und nochmals goß er des Todes Bitternis über uns und der
-Prüfung Kelch, damit wir geneseten auf immerdar! Besinnet sie! Besinnet
-sie, die heißen Tage der Wüste, die vierzig Jahre Mühsal vor dem
-Gottesland!
-
-STIMMEN:
-
- Brach die Kehle,
- Leer die Lippen,
- Ausgedürstet
- Und verschmachtet
- Wankten wir
- Im leeren Land.
-
-JAUCHZENDE STIMMEN:
-
- Da reckte Mose, der Gottesgesandte,
- Den Stab und schmetterte ihn wider den Stein.
- Aufbrachen der Felsen marmorne Flanken,
- Wasser netzte die lechzende Lippe,
- Kühlung umspülte den staubigen Fuß.
-
-HELLERE STIMMEN:
-
- Wann wir müdeten, wurde uns Tröstung,
- Wunder durchrauschten den brennenden Tag,
- Bittere Bronnen wurden zu süßen,
- Würzige Wachteln herblies der Wind,
- Und als Hunger feurigen Eisens
- Unsere Eingeweide zerriß,
- Brach aus dem Morgen blendende Weiße:
- Manna fiel nieder, das himmlische Brot!
-
-JEREMIAS:
-
-Niemalens aber war Sicherheit uns gegeben. Ewig warf er uns nieder mit
-seiner heiligen Hand! Immer erneute er die Gefahren seinem Volke!
-Besinnet sie! Besinnet sie!
-
-STIMMEN:
-
- Völker standen
- Auf in Waffen,
- Neid und Habsucht
- Sperrten Wege
- Unsrer Fahrt,
- Städte schlossen
- Turm und Tore,
- Speere starrten
- Trotz und Tod.
-
-HELLERE STIMMEN:
-
- Da gab uns Gott Gewaffen zu Händen
- Und in die Herzen die Schärfe des Schwerts,
- Wider Tausend gab er uns Stärke,
- Wider Zehntausend gab er uns Sieg.
-
-JAUCHZENDE STIMMEN:
-
- Posaunen bliesen, es stürzten die Mauern,
- Moab zerknickte, Amalek verging.
- Mit dem Schwerte schlugen wir Wege
- Durch den Zorn der Völker und Zeiten,
- Bis unser Herz die Prüfung bestand,
- Bis wir ihn fanden, den Acker der Ruhe,
- Kanaan, unser verheißenes Land.
- Heimat durften die Schweifenden haben,
- Segnend lösten wir Gürtel und Schuhe,
- Rebe entgrünte dem Wanderstabe,
- Israel blühte, und Zion erstand.
-
-ALLE STIMMEN:
-
- Immer waren wir Pflüger im Joche,
- Immer gebeugt und in Dienstbarkeit,
- Doch ewig hat er das Joch uns zerbrochen,
- Aus allen Kerkern uns heimbefreit,
- Wo immer sie Not und Drängung uns schufen,
- Immer hat er uns heimgerufen,
- Und unsern Samen zur Blüte erneut!
-
-JEREMIAS:
-
- Und nie wird geschehn, daß er unser vergißt.
- Bedenket, bedenket,
- Daß, wenn er uns niedrigt, daß, wenn er uns kränket,
- Dies Leiden nur Brand seiner Liebe ist.
- So beugt euch, ihr Brüder, dem Joch in Ergebung,
- Segnet die Schickung, so uns geschah,
- Leiden ist Prüfung und Prüfung Erhebung,
- Erniedrigung macht uns nur gottesnah,
- Jeder Sturz führt höher in seine Reiche,
- Denn nur die Besiegten wissen um ihn:
- Ihr Brüder, auf denn! Auf, ihn zu erreichen!
- Auf, Brüder, lasset uns gotteswärts ziehn!
-
-STIMMEN (ekstatisch):
-
-Ja, auf, zur Wanderschaft ... führe uns an ... wie die Väter wollen wir
-leiden ... oh, Auszug und ewige Wiederkehr ... auf ... auf ... hebet
-an ... es ist nahe gen Tag ... ziehen wir aus ... ziehen wir aus in die
-Knechtschaft ... Gott wird uns erlösen, wie er immer uns erlöset ...
-Alle wollen wir gehen ... alle ... ja, wir alle ...
-
-DIE STIMME ZEDEKIAS:
-
-Wehe, wehe! Wer wird mich führen? Nicht lasset mich zurück! Wehe, wehe,
-wer hebet mich auf?
-
-JEREMIAS:
-
-Wes Ruf ist dies?
-
-STIMMEN:
-
-Laß ihn ... er bleibe ... Spreu ist er und verworfen ... Du führe uns
-an, du, Gesegneter ... Du sei uns Herr ... Laß den Verworfenen ...
-
-JEREMIAS:
-
-Keiner ist verworfen! Wer rufet, muß erhört werden um unserer aller
-willen!
-
-STIMMEN:
-
-Nicht er ... nicht er ... Aussatz ist er unseres Volkes ... alles
-Unheils Quelle ... Laß den Verstoßenen Gottes ... Laß den Verfluchten!
-
-JEREMIAS:
-
-Auch ich war ein Verstoßener Gottes, und er hat mich erhört; auch ich
-war ein Verfluchter, und er hat mich gesegnet! Wo ist er, der aufschrie
-aus seiner Not, daß ich ihn tröste, wie ich selber getröstet ward?
-
-STIMMEN:
-
-Im Dunkel ist er ... auf den Stufen ... dort, sieh den Gebückten ...
-Gottes Zorn ist auf seinen Hochmut gefallen.
-
-JEREMIAS:
-
-Warum naht er nicht? Warum weilet er abseits?
-
-STIMMEN:
-
-Sieh doch ... seine Sterne sind erloschen ... seine Schritte sind
-irr ... er weiß nicht seinen Weg mehr, blind ist er, der Verblendete ...
-
-JEREMIAS (näher tretend, in heißem Erschrecken):
-
-Zedekia! Mein König!
-
-ZEDEKIA:
-
-Bist du es, Jeremias, der mir nahet?
-
-JEREMIAS:
-
-Ich bin es, mein König, dein Knecht und Diener Jeremias! (Er beugt sich
-in die Knie vor dem Könige.)
-
-ZEDEKIA:
-
-Wehe, nicht höhne mich, nicht stoße mich fort, wie ich dich von mir
-stieß! Zu Asche hat dein Wort mich gebrannt, du Gewaltiger, nun schone
-mein; nicht wirf mich fort, nicht laß mich allein in der Stunde des
-Schreckens! Sei bei mir, wie du geschworen vor Gottes Antlitz in der
-Stunde, der letzten, die ich schaute auf Erden.
-
-JEREMIAS (zu seinen Füßen):
-
-Ich bin bei dir ... mein König Zedekia.
-
-ZEDEKIA (nach ihm ins Leere tastend):
-
-Wo bist du? Ich fühle dich nicht!
-
-JEREMIAS:
-
-Zu deinen Füßen bin ich, dein Diener und dein Knecht.
-
-ZEDEKIA (zitternd):
-
-Nicht höhne mich vor dem Volke, nicht beuge dich dem Gebeugten! Das
-Salböl ward zu Blut auf meiner Stirne und meine Krone zum Staube.
-
-JEREMIAS:
-
-Doch des Leidens König bist du geworden, und nie warst du mehr
-königlich! Zedekia, mein Herr und König, starr stand ich vor dir, da die
-Macht in dir war und die Stärke, doch dem Gebeugten Gottes beuge ich
-mich, des Leidens niederster Knecht. Der Erste hast du getrunken den
-Kelch unserer Bitternis, der Erste wärest du des Duldens, so mögest du
-der Erste sein unseres Volkes in alle Ewigkeit und seiner Erlösung
-Anbeginn. Oh, du König der Leiden, Gesalbter der Prüfung, Israels Herr,
-erheb deine Stirne, daß sie uns glänze, führe, der du Gott nur schauest
-und nicht mehr die Erde, führe, führe dein Volk!
-
-JEREMIAS (aufstehend, zum Volke):
-
- Sehet, sehet,
- Leidensvolk, Gottesvolk,
- Gott erhörte euer Begehr,
- Er hat euch einen Führer gesandt!
- Der Schmerzengekrönte,
- Der Menschenverhöhnte,
- Wer mag wie er,
- König der selig Besiegten sein?
- Gott hat ihm den irdischen Blick verschlossen,
- Daß er besser schaue sein ewiges Reich,
- Oh, Brüder, wer war je von Davids Sprossen
- Diesem als König der Duldenden gleich?
-
-ZEDEKIA:
-
-Wohin führest du mich? Was geschieht mir?
-
-JEREMIAS:
-
- Hebet ihn auf,
- Den Hingesenkten,
- Ehrt den Gekränkten
- Mit sorgender Liebe!
- Hüllet um ihn
- Königsgewande
- Und erneuet
- Der Zeichen Gewalt,
- Ehret, oh ehret
- In ihm euer Leiden,
- Als der Erste schreite er aus.
- Zäumet die Rosse,
- Rüstet die Sänfte,
- Fürchtigen Armes
- Hebet ihn hoch,
- Denn er ist
- Heiligste Bürde,
- Israels Hort und königlich Haus.
-
- (EINIGE führen mit allen Zeichen der Ehrfurcht den König hinab und
- betten den Blinden in eine Sänfte.)
-
- (EINE POSAUNE schallt mächtig aus der Ferne her als ungeheurer Ruf,
- der gleichsam von der Stadt selbst auszutönen scheint. Der Tag ist
- inzwischen angebrochen und überleuchtet mit rötlicher Glut die
- geschwärzten Mauern. Eine große Helle geht, immer sich steigernd,
- vom morgendlichen Himmel aus.)
-
- (DIE MENGE in mächtigem Aufschwall beim Ruf der Posaune, die Hände
- gen Osten gereckt, flutet ekstatisch durcheinander.)
-
-STIMMEN:
-
-Die Posaune ... die Posaune ... Gott ruft uns ... der Tag ist
-angebrochen ... der Tag unserer Prüfung ... die Sonne nahet Jerusalem ...
-rüstet die Tiere ... rüstet die Herzen ... Gott ruft uns ... wir kommen,
-wir kommen ... Auszug ... Auszug ... oh Einkehr und Wiederkehr ...
-Jerusalem ... Jerusalem!
-
-JEREMIAS (gewaltig auf der Höhe der Stufen aufgerichtet. Alle um ihn
-sind zurückgetreten, so daß er, einsam auf der Höhe, noch gewaltiger
-scheint. Seine Arme sind erhoben, seine Stimme bebend in Überraschung):
-
- Auf, ihr Verstoßenen,
- Auf, ihr Besiegten,
- Rüstet zur Reise!
- Wandervolk, Gottesvolk, welterwähltes,
- Hebe dein Herz!
-
- (DIE MENGE gerät in gewaltige Bewegung.)
-
-JEREMIAS (zur Stadt hingewandt):
-
- Zum letztenmal glänzen
- Jerusalems Zinnen
- In eure Tränen,
- Leuchtet euch Höhe
- Des heiligen Bergs!
- Einmal noch hebet
- Brennende Blicke,
- Trinket der Heimat
- Verlorenes Bild!
- Trinket die Zinnen,
- Trinket die Mauern,
- Trinket die Türme
- Der ewigen Stadt,
- Trinket das Dürsten,
- Sie wieder zu schauen,
- Trinket, oh trinket Jerusalem!
-
-STIMMEN:
-
-Glüh ein in uns, daß wir entbrennen ... wie könnt ich dich vergessen,
-Bild der Bilder ... möge darren meine Rechte, wenn ich dein vergäße,
-Jerusalem ... oh, Heimat unserer Herzen ... Zion, Zion, du heilige
-Stadt!
-
-JEREMIAS:
-
- Einmal noch beuget
- Fromm euch der Erde,
- Einmal noch rühret
- Die Grube der Väter
- Fürchtiger Hand!
- Erde, oh Erde, die ich verlasse,
- Du blutgetränkte,
- Du tränenversengte,
- Sehet, ich fasse
- Sie fromm mit liebenden Händen an.
- Erde, Erde, ich schlinge dich,
- Erde, Erde, durchdringe mich!
- Bitteren Kloß
- Würg ich die schluchzende Kehle hinab,
- Doch deine Bitternis innen im Leibe
- Entbrenne mir Seele und Eingeweide,
- Daß ich ewig deiner gedenke,
- Ewig deiner teilhaftig werde!
- Erde, du heilige Vätererde,
- Schenke
- Mir ewig Begehren und ewigen Brand,
- Ewigen Hunger und Heimverlangen
- Nach Zion, unserm verlorenen Land!
-
-DIE MENGE (sich niederwerfend und wie Jeremias von der Erde einen Kloß
-schlingend):
-
-Oh, teure Erde, Scholle der Väter ... dring ein in mich ... würg meine
-Seele, wie ich dich würge ... oh, verloren Land ... Sarg meiner Väter ...
-oh, dich lassen ... Erde, Erde, du heilige Erde ...
-
-JEREMIAS (sich erhebend):
-
- Doch nun du gespeiset
- Bittere Sehnsucht,
- Doch nun du getrunken
- Brennendes Bild,
- Wandervolk, Gottesvolk, hebe dich auf!
- Lasset die Toten,
- Sie haben den Frieden,
- Lasset die Mauern,
- Sie stehen nicht auf,
- Du doch erstehest
- Ewig und ewig
- Aus deinen Tiefen
- In deinem Gott.
- Auf,
- Wandervolk, Gottesvolk, rüste zur Reise,
- Blick in die Ferne,
- Blick nicht zurück!
- Die verweilen,
- Haben die Heimat,
- Doch die wandern,
- Haben die Welt!
- Auf, ihr Gebeugten,
- Auf, ihr Besiegten,
- Hebet die Stirnen
- Über die Nöte
- Wider die ewigen Morgenröten
- Und der Gestirne
- Wanderndes Zelt.
- Gott hat die Straßen,
- Die ihr beschreitet,
- Wissend bereitet,
- Wandervolk, Gottesvolk, auf in die Welt!
-
- (DIE MENGE rüstet ringsum zur Wanderung, Getümmel der Menschen und
- Tragtiere, erregte, eifernde Bewegung.)
-
-EINER (vortretend):
-
- Doch sage, du Führer, dulde die zage Klagende Frage,
- Werden die Tale uns wieder gehören,
- Wird einstens Israel wiederkehren,
- Sag, schauen wir wieder Jerusalem?
-
-STIMMEN:
-
-Ja ... sage ... künde, verkünde ... schauen wir wieder Jerusalem?
-
-JEREMIAS:
-
- Ewig wird inwendig es schauen,
- Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist,
- Und mit dem Maß seines Gottvertrauens
- Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt.
- Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde
- Des Herzens Zion zu jeglicher Stunde,
- Schöner als wir es vordem gekannt,
- Jede Fremde wird ihm das Gottesland!
- Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet,
- Wer glaubt, schaut immer Jerusalem!
-
-STIMMEN:
-
-Wir glauben ... wir glauben ... ewig werden wir es schauen ... Der
-Glaube ist unser Jerusalem!
-
-EIN ANDERER (vortretend):
-
-Doch sage, du Führer, wer wird es uns bauen?
-
-JEREMIAS:
-
- Die Inbrunst des Sehnens, die Nacht unsrer Kerker,
- Und das Leiden, das euch gelehrigt hat,
- Ihr selber werdet die heiligen Werker,
- Umschafft ihr die Seelen zur seligen Stadt.
- Aus euern Trauern erhebet die Mauern,
- Und je tiefer die Völker euch niederbeugen,
- Um so höher werden sie gottwärts aufsteigen,
- Um so schöner erstehet Jerusalem!
-
-STIMMEN:
-
-Ja, laßt es uns bauen ... das Senkblei niederwerfen in unsere Leiden ...
-laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes ... zu Gott die
-Richtschnur erhoben ... bauen wir Jerusalem.
-
-EIN ANDERER:
-
-Doch sage, du Führer, wird es dann dauern?
-
-JEREMIAS:
-
- Steine bröckeln, es stürzen die Mauern
- Irdischer Werke, die Reiche veralten,
- Städte verschwemmen im Strome der Zeit,
- Doch was die Seelen in Leiden gestalten,
- Dauert in Gottes Allewigkeit.
- Wer kann sie zerstören,
- Die unsichtbaren,
- Innen geschauten,
- Tränenerbauten
- Zinnen der heiligen Zuversicht,
- Wer kann ihn uns rauben
- Den seligen Glauben,
- Wer stürzet des Herzens Jerusalem?
-
-STIMMEN:
-
-Ewig währet Jerusalem ... wer kann es zerstören ... heilig, heilig
-unsrer Herzen Haus ... heilig die Stätte unsrer Not ... oh, Tröstung ...
-oh, Zuversicht ...
-
-EIN ANDERER:
-
-Doch sage, du Führer, wo sollen wirs finden, Wo schauet die Seele
-Jerusalem?
-
-JEREMIAS:
-
- Wo immer ihr euch in euch selber aufrichtet
- Und feurig von Furcht und Fremdnis erhebt,
- Da ist es aus Wunsch in die Welt gedichtet,
- Da ist der Traum unseres Heimwehs erlebt,
- An jeglichem Orte,
- Wo euch Glaube inwohnet,
- Überwölbt euch hell seine mauerne Krone:
- Wer glüht, sieht ewig Jerusalem!
-
-STIMMEN:
-
-Oh, Tröstung des Glaubens ... Gottes selige Knechtschaft ... zerstört
-hat er die Stadt, daß sie uns ewig in den Herzen erstehe ... überall
-wollen wir sie finden ... laßt sie uns aufbauen in den Herzen ... ewig
-ist unser Jerusalem ... Oh, ewiger Auszug und Wiederkehr ...
-
- (DIE POSAUNE schallt mächtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell
- geworden, offen regt sich der unübersehbare Tumult der
- wanderbereiten Massen, die mit einem gewaltigen Schrei der Ungeduld
- und der Erhebung das Zeichen des Auszuges grüßen.)
-
-JEREMIAS (hoch über ihnen):
-
- Wandervolk, Leidvolk -- im heiligen Namen
- Jakobs, der von Gott einst dir Segen entrang --
- Hebe dich auf, in die Welt zu fahren,
- Rüste und schreite unendlichen Gang!
- Wirf deinen Samen
- Willig ins Dunkel der Völker und Jahre,
- Wandre dein Wandern und leide dein Leid!
- Auf, du Gottvolk! Beginn deine wunderbare
- Heimkehr durch Welt in die Ewigkeit!
-
- (DIE MENGE gerät in mächtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein
- ungeheurer Zug. Voran tragen sie den König in einer Sänfte, dann
- schreiten ernst und feierlich, Geschlecht um Geschlecht, die
- geordneten Gruppen den Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwärts
- gerichtet, sie singen im Schreiten, und ihr Ausziehen hat die ernste
- Feierlichkeit einer Opferhandlung. Keiner drängt sich vor, keiner
- bleibt zurück, ohne Eile und Hast schreiten die Reihen dahin und
- schwinden im Vorbeigehen. Immer neue kommen ihnen nach, und es ist,
- als ginge eine Unendlichkeit hier aus dem Dunkel in die Ferne.)
-
-STIMME DER SCHREITENDEN:
-
- In fremden Häusern werden wir wohnen
- Und brechen ein tränensalzenes Brot.
- Auf Schemeln der Schande werden wir sitzen
- Und ängstend schlafen an feindlichem Herd.
- Dunkel der Jahre wird über uns fallen,
- Der Könige Fron und der Herrschenden Haft,
- Doch unsere Seelen entwandern der Fremde
- Und ruhen allzeit in Jerusalem.
-
-ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:
-
- Aus weiten Wassern werden wir trinken,
- Die bitter brennen dem sehnenden Mund,
- Mit Fremdnis werden uns Bäume umschatten
- Und Stimmen des Ängstens wehen der Wind,
- Doch keine Fremde wird uns zur Ferne,
- Denn von den Sternen wehet uns Tröstung;
- Träume der Heimat enttauchen den Nächten,
- Und unsere Seele erstehet gekräftigt
- Von der heiligen Zehrung Jerusalem!
-
-ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:
-
- Auf fremden Straßen werden wir fahren,
- Durch Land und Länder stößt uns der Wind,
- Heimat um Heimat reißen die Völker
- Uns von den brennenden Sohlen fort,
- Nirgends ist Wurzel dem stürzenden Stamme,
- Wanderschaft stets unsere wandelnde Welt,
- Doch selig, selig wir Weltbesiegten,
- Denn sind wir auch nur Spreu aller Straßen,
- Nirgends verschwistert und keinem genehm,
- Ewig doch geht unser Zug durch die Zeiten
- Zu unserer Seelen Jerusalem!
-
- (EINIGE CHALDÄER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus
- dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell über
- das dunkle Sprechen der Schreitenden hin.)
-
-DER HAUPTMANN DER CHALDÄER:
-
-Hört ihr sie murren? Sie wollen nicht ausziehen! Mit der Peitsche schlag
-unter sie, wenn sie trotzig sind!
-
-EIN CHALDÄER:
-
-Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Geheiß! Und sie murren nicht!
-
-DER HAUPTMANN:
-
-Wenn sie klagen, schlag die Klage entzwei in ihrem Munde.
-
-DER CHALDÄER:
-
-Herr, sie klagen nicht.
-
-EIN ANDERER CHALDÄER:
-
-Siehe ... wie sie schreiten ... wie die Sieger gehen sie einher ... es
-leuchtet in ihren Blicken.
-
-DIE CHALDÄER:
-
-Was ist mit diesem Volke ... sind sie die Besiegten nicht ... hat sie
-einer genarrt mit falscher Botschaft der Befreiung ... hört, was sagen
-sie ... was singen sie ... seltsam ist dies Volk ... unverständlich in
-seinem Trotz und seiner Ergebung ... wer begreifet dies Volk ... in
-dieser Milde ist eine Kraft, die gefährlich ist ... ein Einzug ist dies
-eines Königs und nicht Auszug der Geknechteten ... nie sah die Welt ein
-Volk wie dieses ...
-
-STIMMEN (vereint sich ablösend, in immer neuen, weiterschreitenden
-Zügen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist):
-
- Wir wandern durch Völker, wir wandern durch Zeiten
- Unendliche Straßen des Leidens entlang,
- Ewig sind wir die ewig Besiegten,
- Hörig dem Herde, an dem wir ausrasten,
- Niedrige Knechte niedrigen Frons,
- Doch die Städte, sie sinken, es gleiten
- Völker ins Dunkel wie stürzende Sterne,
- Und die hart unsere Rücken zerschlugen,
- Werden zuschanden Geschlecht um Geschlecht.
- Wir aber schreiten und schreiten und schreiten
- Tiefer hinein in die eigene Kraft,
- Die sich aus Erden die Ewigkeiten
- Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft.
-
-DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
-
-Sieh ... sieh ... wie die Tänzer schreiten sie her ... ein Taumel ist
-über sie gekommen ... haben wir sie denn nicht besiegt ... sind sie
-nicht in Schande ... warum klagen sie nicht ...
-
-EIN CHALDÄER:
-
-Ein Geheimnis muß in ihnen sein, das sie verwandelt, ein Unsichtbares,
-das sie verzückt ...
-
-EIN ANDERER CHALDÄER:
-
-Ja ... sie glauben an das Unsichtbare ... das ist ihr Geheimnis ...
-
-DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
-
-Wie kann man das Unsichtbare schauen, wie glauben, was man nicht
-sieht ... ein Geheimnis muß in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern ...
-man müßte es lernen von ihnen ...
-
-DER CHALDÄER:
-
-Man kann es nicht lernen. Man kann es nur glauben, und sie sagen, es sei
-ihr Gott.
-
-DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN (sich mächtig erhebend, da nun die Letzten
-unter ihnen auszuschreiten beginnen):
-
- Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden,
- Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung,
- Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte,
- Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite,
- Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute,
- Wir aller Völker Spielball und Spott,
- Wir einzig Heimatlosen der Erde,
- Wir wandern in alle Ewigkeiten,
- Die Letztgebliebnen
- Unendlicher Schar
- Heimwärts zu Gott,
- Der aller Anfang und Ausgang war,
- Bis daß er uns selber die Heimstatt werde,
- Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren
- Die Welt umwandert und leuchtend umkreist,
- Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren:
- Verlorenes Volk, unsterblicher Geist.
-
-DER CHALDÄER:
-
-Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf
-diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren Häupten. Mächtig muß ihr Gott
-sein.
-
-DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
-
-Ihr Gott? Haben wir nicht seine Altäre zerbrochen? Haben wir nicht
-gesiegt über ihn?
-
-DER CHALDÄER:
-
-Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber
-nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie
-seinen Geist.
-
- (DIE POSAUNE schallt zum dritten Male. Die Sonne ist aufgegangen
- über Jerusalem und strahlt üb er dem Auszug des Volkes, das aus der
- Stadt in die Zeiten schreitet.)
-
-
-
-
-Alle Rechte vorbehalten. Das Recht der Aufführung ist durch Felix Bloch
-Erben, Berlin-Wilmersdorf, zu erwerben.
-
-Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.
-
-
-
-
-INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG
-
-
-Dichtungen von Stefan Zweig
-
-DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Zweite Auflage. In Pappband M. 3.50.
-
-ERSTES ERLEBNIS. Vier Geschichten aus Kinderland. Drittes und viertes
-Tausend. In Pappband M. 5.--.
-
-DAS HAUS AM MEER. Schauspiel in zwei Teilen. In Leinen M. 4.50.
-
-TERSITES. Ein Trauerspiel. In Halbpergament M. 5.--.
-
-DER VERWANDELTE KOMÖDIANT. Ein Spiel aus dem deutschen Rokoko. In
-Halbpergament M. 3.50.
-
-BRENNENDES GEHEIMNIS. Novelle. (Inselbücherei Nr. 122.) 21. bis 25.
-Tausend. In Pappband M. --.90.
-
-
-_Von Stefan Zweig wurden übertragen:_
-
-Emile Verhaeren: Ausgewählte Werke in drei Bänden. 2. Auflage.
-
- Band I. Stefan Zweig: Emile Verhaeren. Geheftet M. 3.50; gebunden
- M. 5.50.
-
- Band II. Emile Verhaeren: Ausgewählte Gedichte. Geheftet M. 3.50;
- gebunden M. 5.50.
-
- Band III. Emile Verhaeren: Drei Dramen. Geheftet M. 3.50; gebunden
- M. 5.50.
-
-Emile Verhaeren: Rubens. Mit 95 Vollbildern, 11. bis 15. Tausend. In
-Halbleinen M. 5.--.
-
-Emile Verhaeren: Rembrandt. Mit 80 Vollbildern. 21. bis 25. Tausend. In
-Halbleinen M. 5.--.
-
-Emile Verhaeren: Hymnen an das Leben. (Insel-Bücherei Nr. 5.) 36. bis
-40. Tausend. In Pappband M. --.90.
-
-
-_Von Stefan Zweig wurden eingeleitet:_
-
-Charles Dickens: Ausgewählte Romane. -- Arthur Rimbaud: Leben und
-Dichtung. -- Alexandre Mercereau: Worte vor dem Leben.
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils
-zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.
-
- Seite 79: »jedes Hand gehoben«
- »jede Hand gehoben«
-
- Seite 139: »wie ein Schuldiger schrakst du«
- »wie ein Schuldiger schreckst du«
-
- Seite 175: »weil ich meinete«
- »weil ich meinte«
-
- Seite 185: »sein Antlitz sich hüllte seinem Kinde!«
- »sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern!«
-
- Seite 196: »EINIGE der Beherzteren«
- »EINIGE der Beherzten«
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Jeremias, by Stefan Zweig
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JEREMIAS ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation information page at www.gutenberg.org
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at 809
-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
-contact links and up to date contact information can be found at the
-Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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-any statements concerning tax treatment of donations received from
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-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
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-works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
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