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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-08 21:43:55 -0800 |
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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Jeremias - Eine dramatische Dichtung in neun Bildern - -Author: Stefan Zweig - -Release Date: August 22, 2012 [EBook #40564] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JEREMIAS *** - - - - -Produced by Jana Srna, Eleni Christofaki, Alexander Bauer -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40564 ***</div> <div class="tnote"><h3>Anmerkungen zur Transkription:</h3> -<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. -Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus. -<a href="#Anmerkungen_zur_Transkription">Eine Liste der vorgenommenen Änderungen</a> findet sich am Ende des Textes. +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. +Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus. +<a href="#Anmerkungen_zur_Transkription">Eine Liste der vorgenommenen Änderungen</a> findet sich am Ende des Textes. </p></div> <div class="img"> <img src="images/logo.jpg" width="120" height="113" alt="logo" title="logo" /> @@ -141,11 +104,11 @@ IN NEUN BILDERN</p> <tr> <td> II. <a href="#DIE_WARNUNG">Die Warnung</a></td><td>25</td></tr> <tr> -<td> III. <a href="#DAS_GERUCHT">Das Gerücht</a></td><td>51</td></tr> +<td> III. <a href="#DAS_GERUCHT">Das Gerücht</a></td><td>51</td></tr> <tr> <td> IV. <a href="#DIE_WACHEN_AUF_DEM_WALLE">Die Wachen auf dem Walle</a></td><td>67</td></tr> <tr> -<td> V. <a href="#DIE_PRUFUNG_DES_PROFETEN">Die Prüfung des Profeten</a></td><td>91</td></tr> +<td> V. <a href="#DIE_PRUFUNG_DES_PROFETEN">Die Prüfung des Profeten</a></td><td>91</td></tr> <tr> <td> VI. <a href="#STIMMEN_UM_MITTERNACHT">Stimmen um Mitternacht</a></td><td>113</td></tr> <tr> @@ -161,13 +124,13 @@ IN NEUN BILDERN</p> <div class="centered"> <table width="50%" border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Personen"> -<tr><td>ZEDEKIA, der König</td></tr> +<tr><td>ZEDEKIA, der König</td></tr> <tr><td>PASHUR, der Hohepriester</td></tr> <tr><td>NACHUM, der Verwalter</td></tr> -<tr><td>IMRE, der Älteste der Bürger</td></tr> +<tr><td>IMRE, der Älteste der Bürger</td></tr> <tr><td>ABIMELECH, der Oberste der Kriegsknechte</td></tr> <tr><td>HANANJA, der Profet des Volkes</td></tr> -<tr><td>Schwertträger, Krieger, Knechte</td></tr></table></div> +<tr><td>Schwertträger, Krieger, Knechte</td></tr></table></div> <hr class="l45" /> <div class="centered"> @@ -176,7 +139,7 @@ IN NEUN BILDERN</p> <tr><td>SEINE MUTTER</td></tr> <tr><td>JOCHEBED, eine Anverwandte</td></tr> <tr><td>ACHAB, der Diener</td></tr> -<tr><td>BARUCH, ein Jüngling</td></tr> +<tr><td>BARUCH, ein Jüngling</td></tr> <tr><td>SEBULON, sein Vater</td></tr> </table></div> <hr class="l45" /> @@ -184,7 +147,7 @@ IN NEUN BILDERN</p> <table width="50%" border="0" cellpadding="2" cellspacing="0" summary="Personen"> <tr><td>DAS VOLK VON JERUSALEM</td></tr> <tr><td>DIE GESANDTEN NABUKADNEZARS</td></tr> -<tr><td>CHALDÄISCHE UND ÄGYPTISCHE KRIEGER</td></tr> +<tr><td>CHALDÄISCHE UND ÄGYPTISCHE KRIEGER</td></tr> </table></div> <hr class="l45" /> <p class="center">Der Schauplatz des Gedichts ist Jerusalem zur Zeit seines Untergangs.</p> @@ -195,79 +158,79 @@ IN NEUN BILDERN</p> <a name="DIE_ERWECKUNG_DES_PROFETEN" id="DIE_ERWECKUNG_DES_PROFETEN"></a>DIE ERWECKUNG DES PROFETEN</h2> <div class="blockquot"><p>„Rufe mir, so will ich dir antworten und -dir anzeigen große und gewaltige Dinge, -die du nicht weißt.“</p></div> +dir anzeigen große und gewaltige Dinge, +die du nicht weißt.“</p></div> <p class="citation"> Jer. <small>XXX</small>, 3.</p> <hr class="l65" /> -<p class="direction"><span class="dropcap">D</span>as flache Dach auf dem Hause des Jeremias, weißgequadert und blinkend<span class="pagenum">12</span> -im matten Mond. In der Tiefe mit Türmen und Zinnen, mit Schlaf und -Stille Jerusalem. Alles ist reglos ringsum, nur der Wind der ersten Frühe -fährt manchmal tönend durch das Schweigen.</p> +<p class="direction"><span class="dropcap">D</span>as flache Dach auf dem Hause des Jeremias, weißgequadert und blinkend<span class="pagenum">12</span> +im matten Mond. In der Tiefe mit Türmen und Zinnen, mit Schlaf und +Stille Jerusalem. Alles ist reglos ringsum, nur der Wind der ersten Frühe +fährt manchmal tönend durch das Schweigen.</p> -<p class="direction">Plötzlich Schritte, polternd und hastig, die Treppe empor. Jeremias im losen -Kleid, die Brust offen, wie ein Gewürgter keuchend, stürmt herauf.</p> +<p class="direction">Plötzlich Schritte, polternd und hastig, die Treppe empor. Jeremias im losen +Kleid, die Brust offen, wie ein Gewürgter keuchend, stürmt herauf.</p> <p class="character">JEREMIAS:</p> <p>Die Tore rammelt zu ... die Riegel vor ... zum -Wall ... zum Walle!... Oh Wächter, schlimme Wächter ... -sie kommen ... sie sind da ... Brand über uns ... im Tempel -Brand ... Hilfe ... zu Hilfe!... Die Mauer fällt, die Mauer ...</p> +Wall ... zum Walle!... Oh Wächter, schlimme Wächter ... +sie kommen ... sie sind da ... Brand über uns ... im Tempel +Brand ... Hilfe ... zu Hilfe!... Die Mauer fällt, die Mauer ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ist bis zum Rande des Daches vorgestürmt und hält plötzlich -inne. Sein Schrei prallt gell gegen die weiße Stille. Er schrickt zusammen, -ein Erwachen kommt über ihn. Sein Blick tastet wie der eines Trunkenen -über die Stadt hin, seine Arme, die schreckhaft gespreizten, brechen langsam -nieder, müde streift die Hand über die offenen Lider)</span>:</p><p>Wahn! Wieder -Trug und Traum, der fürchterliche! Oh Träume, Träume, -Träume, wie voll ist ihrer das Haus!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ist bis zum Rande des Daches vorgestürmt und hält plötzlich +inne. Sein Schrei prallt gell gegen die weiße Stille. Er schrickt zusammen, +ein Erwachen kommt über ihn. Sein Blick tastet wie der eines Trunkenen +über die Stadt hin, seine Arme, die schreckhaft gespreizten, brechen langsam +nieder, müde streift die Hand über die offenen Lider)</span>:</p><p>Wahn! Wieder +Trug und Traum, der fürchterliche! Oh Träume, Träume, +Träume, wie voll ist ihrer das Haus!</p> -<p class="direction">(Er beugt sich über den Rand der Mauer und blickt hinab:)</p> +<p class="direction">(Er beugt sich über den Rand der Mauer und blickt hinab:)</p> <p>Friedlich die Stadt, friedlich das Land, in mir nur dieser Brand, nur meine Brust ein Feuer! Oh, wie sie selig ruht in Gottes -Arm, von Schlaf bebrütet, überdacht von Frieden, ein Tau von +Arm, von Schlaf bebrütet, überdacht von Frieden, ein Tau von Mond auf jedem Haus und Schlummer, sachter Schlummer auf -jedes Hauses Stirn. Nur ich, ich brenne Nacht um Nacht, stürz -hin mit allen Türmen, fliehe Flucht, vergeh in Flammen, nur -ich, nur ich, zerwühlt die Eingeweide, fahr taumelnd hoch vom -heißen Bett zum Mond, daß er mich kühle! Nur mir sprengt -Traum den Schlaf, nur mir frißt feurig Graun das Schwarze +jedes Hauses Stirn. Nur ich, ich brenne Nacht um Nacht, stürz +hin mit allen Türmen, fliehe Flucht, vergeh in Flammen, nur +ich, nur ich, zerwühlt die Eingeweide, fahr taumelnd hoch vom +heißen Bett zum Mond, daß er mich kühle! Nur mir sprengt +Traum den Schlaf, nur mir frißt feurig Graun das Schwarze von den Lidern! Oh Marter dieses Bilds, oh Irrwitz von Gesichten, -die trügerisch im Blut sich ballen und matt schmelzen +die trügerisch im Blut sich ballen und matt schmelzen dann im wachen Mond!</p> <p>Und immer gleich der Traum, gleich dieser Wahn, Nacht, -Nacht und Nacht, der gleiche Schrecken sich im Fleische bäumend, +Nacht und Nacht, der gleiche Schrecken sich im Fleische bäumend, der gleiche Traum zu gleicher Qual entbrennend! Wer -tat dies in mein Blut, dies Gift der Träume, wer, wer jagt mich -so mit Schrecknis? Wer hungert meines Schlafs, daß er ihn -wegfrißt mir vom Leibe, wer quält, wer quälet mich? Mond, +tat dies in mein Blut, dies Gift der Träume, wer, wer jagt mich +so mit Schrecknis? Wer hungert meines Schlafs, daß er ihn +wegfrißt mir vom Leibe, wer quält, wer quälet mich? Mond, Nacht, Gestirn, ihr kalten Zeugen, wer, wer plaget mich, und wem, wem wache ich? Oh Antwort, Antwort! Wer bist du,<span class="pagenum">13</span> Unsichtbares, das vom Dunkel zielt auf mich mit Pfeilen des -Entsetzens, wer bist du, Schrecknis, die mich nachts beschläft, -daß ich dein schwanger ward und mich hinkrümme in den +Entsetzens, wer bist du, Schrecknis, die mich nachts beschläft, +daß ich dein schwanger ward und mich hinkrümme in den Wehen? Warum dies Grauen mir, nur mir in dieser Stadt voll Schlummer und Entsinkens!</p> <p class="direction">(Er horcht in die Stille hinein. Immer fiebriger.)</p> <p>Oh Schweigen, Schweigen, immer Schweigen und innen Aufruhr -noch und aufgewühlte Nacht. Mit heißen Fängen krallt +noch und aufgewühlte Nacht. Mit heißen Fängen krallt sichs ein in mich und kann sie doch nicht fassen, mit Bildern -geißelts mich und weiß nicht, wer mich treibet, in leere Luft +geißelts mich und weiß nicht, wer mich treibet, in leere Luft hinfallen meine Schreie! Wohin, wohin entfliehn? Oh wirr -Geheimnis dieser Jagd, der ich erliege, und weiß nicht, wessen +Geheimnis dieser Jagd, der ich erliege, und weiß nicht, wessen Ziel und wem zur Beute! Tu auf dich, Netz und Wirrnis, den -Sinn sag dieser Qual, du Unsichtbarer, oder laß von mir, ich -kann, ich kann nicht mehr. Laß ab, du Jäger, oder fasse mich, +Sinn sag dieser Qual, du Unsichtbarer, oder laß von mir, ich +kann, ich kann nicht mehr. Laß ab, du Jäger, oder fasse mich, in Wachen ruf mich, nicht im Traum, in Worten sprich und -nicht in Bildern brenne, – tu auf dich, der du mich verschließest, +nicht in Bildern brenne, – tu auf dich, der du mich verschließest, den Sinn sag dieser Qual, den Sinn, den Sinn!</p> <p><span class="character">EINE STIMME</span> <span class="direction">(leise rufend vom Dunkel her. Sie scheint aus Tiefen -oder Höhen zu kommen, geheimnisvoll in ihrer Ferne)</span>:</p><p>Jeremias!</p> +oder Höhen zu kommen, geheimnisvoll in ihrer Ferne)</span>:</p><p>Jeremias!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(taumelnd, wie von Steinwurf getroffen)</span>:</p><p> Wer?... mein Name ... war dies mein Name nicht ... rief es von Sternen, @@ -275,118 +238,118 @@ riefs aus meinem Traum?... <span class="direction">(Er horcht hinaus. Alles ist stumm.)</span></p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p> Bist du es, Unsichtbarer, der mich jagt und plaget -... bin ich es selbst, tönt mein hinstürmend Blut ... noch -einmal sprich, daß ich dich kenne, Stimme ... noch einmal +... bin ich es selbst, tönt mein hinstürmend Blut ... noch +einmal sprich, daß ich dich kenne, Stimme ... noch einmal ruf mich an ... noch einmal, einmal sprich ...</p> -<p><span class="character">DIE STIMME</span> <span class="direction">(näher tastend)</span>:</p><p>Jeremias!</p> +<p><span class="character">DIE STIMME</span> <span class="direction">(näher tastend)</span>:</p><p>Jeremias!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(zerschmettert in die Knie stürzend)</span>:</p><p>Hier bin ich, Herr! -Es hört dein Knecht! <span class="direction">(Er lauscht atemlos. Nichts regt sich ringsum.)</span></p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(zerschmettert in die Knie stürzend)</span>:</p><p>Hier bin ich, Herr! +Es hört dein Knecht! <span class="direction">(Er lauscht atemlos. Nichts regt sich ringsum.)</span></p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(erbebend vor Leidenschaft)</span>:</p><p> Sprich, Herr, zu deinem Knecht! Du riefest meinen Namen, so gib die Botschaft auch, -auf daß mein Sinn sie fasse. Wach bin ich deinem Wort und offen +auf daß mein Sinn sie fasse. Wach bin ich deinem Wort und offen deiner Rede! <span class="direction">(Er lauscht wieder angespannt. Tiefes Schweigen.)</span></p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p> Ist es vermessen, daß ich dein begehre? Ein Unbelehrter<span class="pagenum">14</span> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p> Ist es vermessen, daß ich dein begehre? Ein Unbelehrter<span class="pagenum">14</span> bin ich und geringer Knecht, ein Staubkorn deiner -Erde, doch dein ist alle Wahl! Der du Könige kiesest aus den -Hirten und oft entsiegelst eines Knaben Mund, daß er dann -glühet deiner Rede, – du wählst nach andern Zeichen. Wen du -berührest, Herr, der ist erwählet, wen du erwählest, Herr, der +Erde, doch dein ist alle Wahl! Der du Könige kiesest aus den +Hirten und oft entsiegelst eines Knaben Mund, daß er dann +glühet deiner Rede, – du wählst nach andern Zeichen. Wen du +berührest, Herr, der ist erwählet, wen du erwählest, Herr, der ist berufen. War schon dein Ruf dies, der an mich ergangen, oh sieh, ich habe ihn vernommen; bist du es, Herr, der mich -gejagt, so sieh, ich flieh dir nicht. Faß deine Beute, Herr, +gejagt, so sieh, ich flieh dir nicht. Faß deine Beute, Herr, greife dein Wild oder jag weiter mich zum Ziele! Nur mach -mich wissend, daß ich dich nicht fehle, tu auf die Himmel deines -Wortes, daß ich dich erschau, dein Knecht!</p> +mich wissend, daß ich dich nicht fehle, tu auf die Himmel deines +Wortes, daß ich dich erschau, dein Knecht!</p> -<p><span class="character">DIE STIMME</span> <span class="direction">(näher, eindringlicher)</span>:</p><p> Jeremias!</p> +<p><span class="character">DIE STIMME</span> <span class="direction">(näher, eindringlicher)</span>:</p><p> Jeremias!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(entbrennend)</span>:</p><p> Ich höre, Herr, ich höre! Mit meiner +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(entbrennend)</span>:</p><p> Ich höre, Herr, ich höre! Mit meiner ganzen Seele horche ich dir zu! Aufgetan sind die Quellen -meines Bluts und strömen, ausgereckt jede Faser meines Leibs, -dich zu fassen, offen bin ich, unwürdig Gefäß, deiner Verkündung. +meines Bluts und strömen, ausgereckt jede Faser meines Leibs, +dich zu fassen, offen bin ich, unwürdig Gefäß, deiner Verkündung. Rede mir deine Rede, befiehl deine Befehle, dein bin ich mit dem Fleisch und dem Inwendigen meiner Seele! Ich -will werden in deinem Willen und vergehen in deinem Geheiß. +will werden in deinem Willen und vergehen in deinem Geheiß. Ich will verlassen, die ich liebte, um deinetwillen und abseits -werden meinen Freuden, ich will lassen die Süße des Weibes +werden meinen Freuden, ich will lassen die Süße des Weibes und die Hausung der Menschen, in dir allein will ich wohnen -und wandern deine Wege. Keinen Ruf will ich hören, da ich -deinen erhörte, und ertauben der Rede von Menschen. Dir +und wandern deine Wege. Keinen Ruf will ich hören, da ich +deinen erhörte, und ertauben der Rede von Menschen. Dir allein gelobe ich mich, Herr, dir allein, denn durstig ist meine -Seele deines Dienstes – offen bin ich deinem Wort und gewärtig +Seele deines Dienstes – offen bin ich deinem Wort und gewärtig deiner Zeichen!</p> <p><span class="character">DIE STIMME DER MUTTER</span> <span class="direction">(nun schon ganz nahe und kenntlich)</span>:</p><p> Jeremias!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(in Ekstase)</span>:</p><p> Brich ein in mich, Herr, mein Herz -birst vom Schauer deiner Nähe schon! Schütte dich aus, selig -Gewitter; wühl mich auf, daß ich deinen Samen trage, mache -fruchtend meine Erde, mache trächtig meine Lippe – einbrenn -mir das Brandmal deiner Hörigkeit! Wirf dein Joch über mich, -siehe, gebeuget schon ist mein Nacken, – dein bin ich, dein für +birst vom Schauer deiner Nähe schon! Schütte dich aus, selig +Gewitter; wühl mich auf, daß ich deinen Samen trage, mache +fruchtend meine Erde, mache trächtig meine Lippe – einbrenn +mir das Brandmal deiner Hörigkeit! Wirf dein Joch über mich, +siehe, gebeuget schon ist mein Nacken, – dein bin ich, dein für immerdar. Nur erkenne mich, Herr, wie ich dich erkenne, nur<span class="pagenum">15</span> -laß mich deine Herrlichkeit schauen, wie du erschautest im +laß mich deine Herrlichkeit schauen, wie du erschautest im Dunkel meine Niedrigkeit, den Weg nur weise deines Willens, Herr, weise ihn, weise ihn deinem ewigen Knecht!</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(ist suchend die Treppe emporgestiegen. Ihr Blick ist -ängstliche Sorge, ihre Stimme voll Zärtlichkeit)</span>:</p><p> Oh hier ... hier bist +ängstliche Sorge, ihre Stimme voll Zärtlichkeit)</span>:</p><p> Oh hier ... hier bist du, mein Kind.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(auffahrend von den Knien, voll Schreck und Ingrimm)</span>:</p><p> Weg ... fort ... oh, verloschen die Stimme ... zerschlagen -der Weg ... verborgen für immer ...</p> +der Weg ... verborgen für immer ...</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Weh ... wie du hier stehest im dünnen Gewand +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Weh ... wie du hier stehest im dünnen Gewand am Kalten der Mauer ... komm hinab, mein Kind ... -Fieber schwelt her von den Sümpfen des Morgens ...</p> +Fieber schwelt her von den Sümpfen des Morgens ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(voll Wildnis)</span>:</p><p>Was folgst du mir, was verfolgst du -mich! Oh Jagd ohne Ende, umstellt von Stirn und Rücken, in +mich! Oh Jagd ohne Ende, umstellt von Stirn und Rücken, in Wachen und Schlaf ...</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Jeremias, wie faß ich dich? Ich lag unten im -Schlafe, da war mir, als hörte ich Zwiesprach vom Dache und +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Jeremias, wie faß ich dich? Ich lag unten im +Schlafe, da war mir, als hörte ich Zwiesprach vom Dache und Rede und Wort ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(auf sie zu)</span>:</p><p>Du hörtest ... Du auch ... um der -ewigen Wahrheit willen ... Du hörtest Ihn reden, vernahmest +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(auf sie zu)</span>:</p><p>Du hörtest ... Du auch ... um der +ewigen Wahrheit willen ... Du hörtest Ihn reden, vernahmest den Ruf ...</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Wen meintest ... keinen seh ich mit dir ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sie fassend)</span>:</p><p>Mutter ... ich beschwöre dich, sprich -mir ... Tod oder Seligkeit trägt mir dein Wort ... Du hörtest -eine Stimme ... wachen Sinnes hörtest du sie ...</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sie fassend)</span>:</p><p>Mutter ... ich beschwöre dich, sprich +mir ... Tod oder Seligkeit trägt mir dein Wort ... Du hörtest +eine Stimme ... wachen Sinnes hörtest du sie ...</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Eine Stimme hört ich vom Dache und tastete, -daß ich dich weckte. Doch kalt war das Linnen, leer lag dein -Bett. Da fiel Angst über mich, und ich rief deinen Namen ...</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Eine Stimme hört ich vom Dache und tastete, +daß ich dich weckte. Doch kalt war das Linnen, leer lag dein +Bett. Da fiel Angst über mich, und ich rief deinen Namen ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(erschwankend)</span>:</p><p>Du riefest ... Du riefest meinen Namen ...</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Zu dreien Malen rief ich ihn ... Doch warum ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Zu dreien Malen? Mutter, des bist du gewiß ...</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Zu dreien Malen? Mutter, des bist du gewiß ...</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Dreimal rief ich dich an ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(mit brechender Stimme)</span>:</p><p>Zernichtung und Hohn! Oh, -Trügnis überall, außen und innen. In Angst schrie eine zu mir,<span class="pagenum">16</span> +Trügnis überall, außen und innen. In Angst schrie eine zu mir,<span class="pagenum">16</span> und mein Grauen vermeinte den Gott ...</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Wie bist du sonderlich! Kein Unrecht glaubt ich zu tun. Und stieg, da keiner Antwort gab, selbstens empor, -ob hier einer wäre. Doch keiner war hier.</p> +ob hier einer wäre. Doch keiner war hier.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Oh doch! Ein Rasender, ein Verblendeter ... oh -Qual und Marter der Träume ... Sinn und Widersinn im Betruge +Qual und Marter der Träume ... Sinn und Widersinn im Betruge ... ich Narr, ich Narr meines Wahns!...</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Was redest du ... was ficht dich an ...</p> @@ -394,40 +357,40 @@ Qual und Marter der Träume ... Sinn und Widersinn im Betruge <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nichts, Mutter, nichts ... nicht achte meiner Worte ...</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Nein, Jeremias, ich achte ihrer, doch sie verschließen -sich mir. Jeremias, ein fremder Geist ist über dich +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Nein, Jeremias, ich achte ihrer, doch sie verschließen +sich mir. Jeremias, ein fremder Geist ist über dich kommen, fremd ward und feindlich dein Sinn. Was ist dir geschehen, -mein Kind, was quälet, was sorget dich?</p> +mein Kind, was quälet, was sorget dich?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nichts quält mich, Mutter ... mich schwülte das -Bett ... Kühlung kam ich zu trinken ...</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nichts quält mich, Mutter ... mich schwülte das +Bett ... Kühlung kam ich zu trinken ...</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Nein, du verschließt dich, du Harter, vor mir +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Nein, du verschließt dich, du Harter, vor mir und bist doch offen meiner Seele. Meinst du, ich wisse nicht, wie du umgehst seit Monden Nacht um Nacht; meinest du, ich -hörte nicht das Stöhnen deines Schlafs und den Angstschrei -deines Schlummers? Oh, offenen Auges hör ich dich im Dunkel, -wie du umwanderst ruhlos im Haus, Schritt für Schritt -hör ich dich schreiten, und Schritt für Schritt mitwandert mein -Herz. Was ists, das dich quälet? Tu dich auf, du Verschlossener, +hörte nicht das Stöhnen deines Schlafs und den Angstschrei +deines Schlummers? Oh, offenen Auges hör ich dich im Dunkel, +wie du umwanderst ruhlos im Haus, Schritt für Schritt +hör ich dich schreiten, und Schritt für Schritt mitwandert mein +Herz. Was ists, das dich quälet? Tu dich auf, du Verschlossener, nicht birg meiner Sorge die Qual!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nicht sorge dich, Mutter! Nicht sorge dich!</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Wie soll ich deiner nicht sorgen? Bist du -denn meiner Tage Tag nicht und meiner Nächte Gebet? Aus -den Händen bist du mir gewachsen, darin ich dich trug, doch -meine Seele, noch hält sie dich inne, daß sie wache deines -Lebens. Oh, ich wußte es vordem, eh du es wußtest, ich sah +denn meiner Tage Tag nicht und meiner Nächte Gebet? Aus +den Händen bist du mir gewachsen, darin ich dich trug, doch +meine Seele, noch hält sie dich inne, daß sie wache deines +Lebens. Oh, ich wußte es vordem, eh du es wußtest, ich sah es, eh du es schautest, seit Monden schon: es ist ein Schatten auf dein Antlitz gefallen und eine Sorge in deine Seele. Du bist -fremd worden deinen Freunden und abseits der Fröhlichen, den -Markt meidest du und der Menschen Haus. In Gedanken vergräbst -du und des Lebens versäumest du dich. Jeremias, besinne<span class="pagenum">17</span> +fremd worden deinen Freunden und abseits der Fröhlichen, den +Markt meidest du und der Menschen Haus. In Gedanken vergräbst +du und des Lebens versäumest du dich. Jeremias, besinne<span class="pagenum">17</span> dich, zum Priester bist du gezogen, dein harret des Vaters Gewand, -daß du lobpreisest den Herrn mit Psalter und Gesang. -Heb auf dein Antlitz vom Dunkel in den Tag, es ist Zeit, daß -du bauest dein Leben, daß du beginnest dein Werk!</p> +daß du lobpreisest den Herrn mit Psalter und Gesang. +Heb auf dein Antlitz vom Dunkel in den Tag, es ist Zeit, daß +du bauest dein Leben, daß du beginnest dein Werk!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nicht ist Zeit jetzt des Beginnens! Zu nah ist das Ende!</p> @@ -435,71 +398,71 @@ du bauest dein Leben, daß du beginnest dein Werk!</p> langen, eines Weibes verlanget dies Haus und der Kinder, damit erweckt sei deines Vaters Bild.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(in grimmigem Schmerz)</span>:</p><p>Ein Weib heimführen in -Wüstung? Kinder zeugen dem Würger? Wahrlich, nicht bräutlich +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(in grimmigem Schmerz)</span>:</p><p>Ein Weib heimführen in +Wüstung? Kinder zeugen dem Würger? Wahrlich, nicht bräutlich nahet die Stunde!</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Ich faß dich nicht.</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Ich faß dich nicht.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Soll ich bauen ein Haus in den Abgrund und mein -Leben in den Tod? Soll ich säen der Fäulnis und lobpreisen +Leben in den Tod? Soll ich säen der Fäulnis und lobpreisen die Vernichtung? Ich sage dir, Mutter, wohl dem, der sein Herz -nicht hängt jetzt ans Lebendige, denn wer atmet diesen Tag, +nicht hängt jetzt ans Lebendige, denn wer atmet diesen Tag, trinkt schon von seinem Tod.</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Welch ein Wahn ist über dir? Wannen war +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Welch ein Wahn ist über dir? Wannen war sanfter die Zeit, wann stiller im Frieden dies Land?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nein, Mutter, sie sagen Friede und Friede, die Toren, aber es ist darob kein Friede noch, und sie legen sich nieder und vermeinen Schlaf, die Arglosen, und schlafen schon in ihren Tod. Mutter, eine Zeit ist nahe wie keine gewesen je -in Israel, und ein Krieg, wie noch keiner über Erden gefahren! -Eine Zeit, daß neiden werden die Lebendigen die Toten in der +in Israel, und ein Krieg, wie noch keiner über Erden gefahren! +Eine Zeit, daß neiden werden die Lebendigen die Toten in der Grube um ihren Frieden und die Schauenden die Blinden um ihr Dunkel. Noch ist es nicht sichtig den Toren, noch ist es -nicht offenbar den Träumern, doch ich, ich hab es geschauet -Nacht um Nacht. Immer höher brennet der Brand, immer näher -nahet der Feind, er ist da, der Tag des Getümmels und der Zertretung, +nicht offenbar den Träumern, doch ich, ich hab es geschauet +Nacht um Nacht. Immer höher brennet der Brand, immer näher +nahet der Feind, er ist da, der Tag des Getümmels und der Zertretung, schon steiget des Krieges rot Gestirn aus der Nacht.</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Entsetzen ... wie wüßtest du's?...</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Entsetzen ... wie wüßtest du's?...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ein Wort, ein heimlich Wort ist über mich kommen,<br /></span> +<span class="i0">Ein Wort, ein heimlich Wort ist über mich kommen,<br /></span> <span class="i0">Da ich Gesichte beschaute des Nachts<br /></span> -<span class="i0">Und irrging in Träumen.<br /></span> -<span class="i0">Furcht und Bangnis fiel über mich,<br /></span><span class="pagenum">18</span> +<span class="i0">Und irrging in Träumen.<br /></span> +<span class="i0">Furcht und Bangnis fiel über mich,<br /></span><span class="pagenum">18</span> <span class="i0">Meine Gebeine erbebten wie eine Klapper,<br /></span> <span class="i0">Und gleich rissiger Mauer<br /></span> -<span class="i0">Einstürzte mein Herz. –<br /></span> +<span class="i0">Einstürzte mein Herz. –<br /></span> <span class="i0">Mutter,<br /></span> <span class="i0">Ich habe Dinge gesehen,<br /></span> -<span class="i0">Wenn die stünden geschrieben,<br /></span> -<span class="i0">Würde starren der Menschen Haar<br /></span> +<span class="i0">Wenn die stünden geschrieben,<br /></span> +<span class="i0">Würde starren der Menschen Haar<br /></span> <span class="i0">Und der Schlaf fallen wie Asche<br /></span> <span class="i0">Von ihrem Gesicht.</span></div></div> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p> -<p>Jeremias ... was ist über dich ...</p> +<p>Jeremias ... was ist über dich ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Das Ende nahet, das Ende,<br /></span> <span class="i0">Es fahret aus<br /></span> -<span class="i0">Dräuend von Mitternacht,<br /></span> +<span class="i0">Dräuend von Mitternacht,<br /></span> <span class="i0">Feuer sein Wagen,<br /></span> -<span class="i0">Würgung sein Flug!<br /></span> +<span class="i0">Würgung sein Flug!<br /></span> <span class="i0">Schon rauschen Schrecknis die heiligen Himmel,<br /></span> <span class="i0">Schon bebt die Erde von Donner und Huf.</span></div></div> <p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(im Entsetzen)</span>:</p><p>Jeremias!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sie anfassend, lauschend)</span>:</p><p>Hörst du ... hörest du +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sie anfassend, lauschend)</span>:</p><p>Hörst du ... hörest du nicht, es rauschet, es rauschet schon nah ...</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Nichts höre ich! Es morgent. Hirtenflöten +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Nichts höre ich! Es morgent. Hirtenflöten wachten im Tal, und ein klein Wind umspielet das Dach.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> @@ -507,60 +470,60 @@ wachten im Tal, und ein klein Wind umspielet das Dach.</p> <span class="i0">Ein klein Wind?<br /></span> <span class="i0">Wehe, wehe!<br /></span> <span class="i0">Gewaltigen Rauschens<br /></span> -<span class="i0">Wächst er empor,<br /></span> +<span class="i0">Wächst er empor,<br /></span> <span class="i0">Sturmwind von Gott.<br /></span> -<span class="i0">Aus dem Geklüfte<br /></span> +<span class="i0">Aus dem Geklüfte<br /></span> <span class="i0">Der Mitternacht<br /></span> <span class="i0">Kommt er gefahren,<br /></span> <span class="i0">Schrecknis schwingt er<br /></span> -<span class="i0">Über die Stadt.<br /></span> -<span class="i0">Mutter! Mutter! Hörst du es nicht:<br /></span> +<span class="i0">Über die Stadt.<br /></span> +<span class="i0">Mutter! Mutter! Hörst du es nicht:<br /></span> <span class="i0">Schwert klirrt im Wind,<br /></span> -<span class="i0">Räder rollt die rauschende Welle,<br /></span> +<span class="i0">Räder rollt die rauschende Welle,<br /></span> <span class="i0">Lanze blinkt und Harnisch die Nacht,<br /></span><span class="pagenum">19</span> <span class="i0">Krieger und Krieger, unendliche Scharen<br /></span> -<span class="i0">Schüttet der Sturmwind über das Land.</span></div></div> +<span class="i0">Schüttet der Sturmwind über das Land.</span></div></div> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p> <p>Wahnwitz von Träumen! Wirrnis und Trug!</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p> <p>Wahnwitz von Träumen! Wirrnis und Trug!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Es nahet, es nahet,<br /></span> <span class="i0">Fremd Volk,<br /></span> -<span class="i0">Mächtig und alt<br /></span> +<span class="i0">Mächtig und alt<br /></span> <span class="i0">Aus dem Osten der Erde,<br /></span> -<span class="i0">Unendliche Fülle<br /></span> +<span class="i0">Unendliche Fülle<br /></span> <span class="i0">Rauschen sie an,<br /></span> <span class="i0">Wie Blitz fliegen weit ihre windigen Pfeile,<br /></span> <span class="i0">Ihre Rosse sind alle mit Eile behufet,<br /></span> <span class="i0">Ihre Wagen starr wie die Felsen geschient.<br /></span> -<span class="i0">Und inmitten ausfähret<br /></span> +<span class="i0">Und inmitten ausfähret<br /></span> <span class="i0">Mit blutiger Krone<br /></span> -<span class="i0">Der Stürzer der Städte,<br /></span> -<span class="i0">Der Zünder der Brände,<br /></span> -<span class="i0">Der Zwingherr der Völker,<br /></span> -<span class="i0">Der König, der König von Mitternacht.</span></div></div> +<span class="i0">Der Stürzer der Städte,<br /></span> +<span class="i0">Der Zünder der Brände,<br /></span> +<span class="i0">Der Zwingherr der Völker,<br /></span> +<span class="i0">Der König, der König von Mitternacht.</span></div></div> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Der König von Mitternacht ... Du träumest -... der König von Mitternacht.</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Der König von Mitternacht ... Du träumest +... der König von Mitternacht.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Den Er erweckte,<br /></span> -<span class="i0">Den Er erwählte,<br /></span> +<span class="i0">Den Er erwählte,<br /></span> <span class="i0">Als harten Vollstrecker<br /></span> -<span class="i0">Härtesten Spruchs,<br /></span> -<span class="i0">Daß er strieme das Volk um all seiner Fehle,<br /></span> -<span class="i0">Daß er mahle die Mauer und berste die Türme,<br /></span> -<span class="i0">Daß er lösche das Licht und das Lachen der Häuser,<br /></span> -<span class="i0">Daß er tilge die Stadt und den Tempel von Erden<br /></span> -<span class="i0">Und pflüge die Straßen Jerusalems.</span></div></div> +<span class="i0">Härtesten Spruchs,<br /></span> +<span class="i0">Daß er strieme das Volk um all seiner Fehle,<br /></span> +<span class="i0">Daß er mahle die Mauer und berste die Türme,<br /></span> +<span class="i0">Daß er lösche das Licht und das Lachen der Häuser,<br /></span> +<span class="i0">Daß er tilge die Stadt und den Tempel von Erden<br /></span> +<span class="i0">Und pflüge die Straßen Jerusalems.</span></div></div> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Irrwitz und Frevel! Ewig währet Jerusalem!</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Irrwitz und Frevel! Ewig währet Jerusalem!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Es fällt!<br /></span> +<span class="i0">Es fällt!<br /></span> <span class="i0">Was Gott berennet,<br /></span> <span class="i0">Hat nicht Bestand!<br /></span> <span class="i0">Von untenher<br /></span> @@ -574,91 +537,91 @@ wachten im Tal, und ein klein Wind umspielet das Dach.</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(ausbrechend)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Es ist nicht wahr!<br /></span> -<span class="i0">Du lügst! Du lügst!<br /></span> +<span class="i0">Du lügst! Du lügst!<br /></span> <span class="i0">Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,<br /></span> <span class="i0">Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen!<br /></span> -<span class="i0">Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,<br /></span> +<span class="i0">Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,<br /></span> <span class="i0">Ewig werden die ragenden Mauern,<br /></span> <span class="i0">Ewig die Herzen Israels dauern,<br /></span> -<span class="i0">Ewig währet Jerusalem!</span></div></div> +<span class="i0">Ewig währet Jerusalem!</span></div></div> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Es stürzet! Gebrochen ist der Stab und gezeichnet +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Es stürzet! Gebrochen ist der Stab und gezeichnet die Stunde! Das Ende nahet, Israels Ende!</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Gottesleugner! Gottesleugner! Des Herrn Erwählte -sind wir und werden dauern über die Zeiten! Nie vergehet +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Gottesleugner! Gottesleugner! Des Herrn Erwählte +sind wir und werden dauern über die Zeiten! Nie vergehet Jerusalem!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich habe es geschauet in meinen Träumen, offenbar +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich habe es geschauet in meinen Träumen, offenbar ward es meinen Gesichten!</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Frevler, wer so träumet, und Frevler siebenfach, -wer glaubt solchen Träumen! Wehe, wehe, daß ichs erlebe, +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Frevler, wer so träumet, und Frevler siebenfach, +wer glaubt solchen Träumen! Wehe, wehe, daß ichs erlebe, mein eigen Blut zaget an Zion und zweifelt des Herrn! Jeremias, -Jeremias, willst du, daß mir zum Abscheu werde mein Schoß?</p> +Jeremias, willst du, daß mir zum Abscheu werde mein Schoß?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wider Willen kam mir das Grauen, nicht vermag ich zu wehren den Gesichten.</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Halte dich wach im Gebet wider sie, und an dem Namen des Herrn zerschellet ihr Trug. Jeremias, besinne -dich: eines Gesalbten Sohn bist du und geweiht, daß deine -Stimme lobsinge dem Herrn, daß sie erhebe die Herzen der -Zagenden und mit Mut fülle der Verstöreten Sinn!</p> +dich: eines Gesalbten Sohn bist du und geweiht, daß deine +Stimme lobsinge dem Herrn, daß sie erhebe die Herzen der +Zagenden und mit Mut fülle der Verstöreten Sinn!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wie kann ichs, wie kann ichs! Selbst bin ich der -Verstörteste aller! Laß ab von mir, Mutter, laß ab!</p> +Verstörteste aller! Laß ab von mir, Mutter, laß ab!</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Ich lasse nicht dein und nicht deine Seele -dem Zweifel. Jeremias, mein einzig Kind, höre mich an! Geheimes -künde ich dir zum erstenmal, daß erwache dein Herz. -<span class="pagenum">21</span>Höre mich, die ich zu dir rede aus meiner Not. Auch ich war -eine Verzagete einst, denn zehen Jahre verschloß der Herr meinen -Schoß. Spott ward ich den Gefährtinnen und der Kebsen Gelächter. +dem Zweifel. Jeremias, mein einzig Kind, höre mich an! Geheimes +künde ich dir zum erstenmal, daß erwache dein Herz. +<span class="pagenum">21</span>Höre mich, die ich zu dir rede aus meiner Not. Auch ich war +eine Verzagete einst, denn zehen Jahre verschloß der Herr meinen +Schoß. Spott ward ich den Gefährtinnen und der Kebsen Gelächter. Zehen Jahre trug ich es duldend und zagete schon, aber -im elften entbrannte mein Herz, und ich ging in Gottes Haus, daß -Er Frucht schenke meinem Schoß.</p> +im elften entbrannte mein Herz, und ich ging in Gottes Haus, daß +Er Frucht schenke meinem Schoß.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Zum erstenmal kündest du dies ... zum erstenmal.</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Zum erstenmal kündest du dies ... zum erstenmal.</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Und ich warf mich zur Erde und tränkte sie -mit meinen Tränen und gelobete: so ein Sohn mir geschenkt +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Und ich warf mich zur Erde und tränkte sie +mit meinen Tränen und gelobete: so ein Sohn mir geschenkt sei, ihn zu weihen dem Herrn. Ich gelobete zu schweigen und -kein Wort zu tun vom Munde in meiner schweren Zeit, daß -ihm dereinst der Rede Fülle sei, zu lobpreisen den Gott.</p> +kein Wort zu tun vom Munde in meiner schweren Zeit, daß +ihm dereinst der Rede Fülle sei, zu lobpreisen den Gott.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Mich gelobet ... Mutter!... auch du ... auch du ...</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Selbigen Tages erkannte dein Vater mich, und -ich ward dein gesegnet. Jeremias, höre, Jeremias, neun Monde -begrub ich getreu die Stimme in meinem Leibe, daß dir alle -Fülle des Wortes sei, daß du Lobkünder werdest des ewigen -Gottes! So lösete ich mein Wort, und wir zogen dich auf, daß +ich ward dein gesegnet. Jeremias, höre, Jeremias, neun Monde +begrub ich getreu die Stimme in meinem Leibe, daß dir alle +Fülle des Wortes sei, daß du Lobkünder werdest des ewigen +Gottes! So lösete ich mein Wort, und wir zogen dich auf, daß du lerntest die Schrift, und lieblich klang deine Stimme zum -Psalter. Jeremias, nun weißt du: zum Priester bist du geweiht -von Anbeginn und zum Lobkünder des Herrn. Zerreiß deiner -Träume Netz und tritt in den Tag.</p> +Psalter. Jeremias, nun weißt du: zum Priester bist du geweiht +von Anbeginn und zum Lobkünder des Herrn. Zerreiß deiner +Träume Netz und tritt in den Tag.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Oh, zwiefach Gelöbnis, Mutter, oh, zwiefach +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Oh, zwiefach Gelöbnis, Mutter, oh, zwiefach Zeugnis dieser Nacht. Zum andern Male hast du mich erwecket dem Leben, ein Wissender bin ich worden an deinem Wort, denn wundersam: ich schrie auf meine Frage zu Gott, und er entsandte dich mir zur Rede! Oh Geheimnis dieses Wegs, oh -Stachel der Träume, der mich aufstieß, oh Lockung der Bilder, -die mich weckten, oh trefflicher Jäger, der nicht fehlet! Nun -weiß ich, wer geschlagen an meines Schlafes Wand, bis ich aufstund -von meines Lebens Schlummer, nun weiß ich, wer drängete -meine Säumnis, nun weiß ich, wer mich gefordert ...</p> +Stachel der Träume, der mich aufstieß, oh Lockung der Bilder, +die mich weckten, oh trefflicher Jäger, der nicht fehlet! Nun +weiß ich, wer geschlagen an meines Schlafes Wand, bis ich aufstund +von meines Lebens Schlummer, nun weiß ich, wer drängete +meine Säumnis, nun weiß ich, wer mich gefordert ...</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Was ward dir! Wie eines Trunkenen gehet deine Rede ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ja, trunken bin ich nun der Gewißheit seines Willens -und so voll der Rede, daß mich der Odem in meinem Innern -ängstet. Die Siegel sind gebrochen meines Mundes, und mir<span class="pagenum">22</span> -brennet die Lippe der Verkündung ...</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ja, trunken bin ich nun der Gewißheit seines Willens +und so voll der Rede, daß mich der Odem in meinem Innern +ängstet. Die Siegel sind gebrochen meines Mundes, und mir<span class="pagenum">22</span> +brennet die Lippe der Verkündung ...</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Wehe, wenn du sie kündest deine Träume, die +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Wehe, wenn du sie kündest deine Träume, die verruchten! Mein Sohn bist du nicht, schreist du aus solchen Wahn!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Dein Sohn, Mutter? Oh, wie sehr bin ich dein Sohn, @@ -666,8 +629,8 @@ wie dir gleich im Geschehen! Wisse, auch ich bin ein Unfruchtbarer gewesen, und Er hat mir ein Wort gezeuget und ein Geheimnis. Erneut habe ich, Mutter, dein Wort, auch ich habe mich ihm gelobet ...</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>So tritt hin in sein Haus, daß du ihm opferst, -der dich erweckte, daß du lobpreisest seinen Namen!</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>So tritt hin in sein Haus, daß du ihm opferst, +der dich erweckte, daß du lobpreisest seinen Namen!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nein, Mutter, nicht Opferers Dienst hab ich genommen – selbst will ich das Opfer sein. Ihm bluten entgegen @@ -676,30 +639,30 @@ Seele. Ich will ihm dienen, wie keiner gedient, seine Wege sind meine Wege nunab. Oh, siehe, schon morgents im Tale, und auch in mir war es Tag aus den Dunkelheiten! Sein Himmel brennet in Feuer, und auch mir entbrannte das Herz. Oh, Wagen -Elias, auffahrend im Feuer, reiß mit meine Rede, daß sie niederstürze +Elias, auffahrend im Feuer, reiß mit meine Rede, daß sie niederstürze wie Donner in der Menschen Tag! Wehe, mir brennet -die Lippe schon, fort, ich muß fort ...</p> +die Lippe schon, fort, ich muß fort ...</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Wohin willst du vor Tag?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich weiß nicht, Gott weiß es.</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich weiß nicht, Gott weiß es.</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Doch sage, was planest du?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich weiß nicht, ich weiß nicht! Sein ist mein Herz, +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich weiß nicht, ich weiß nicht! Sein ist mein Herz, sein ist die Tat!</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Jeremias, ich lasse dich nicht, du schwörest -mir denn, daß du verschweigst deine Träume ...</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Jeremias, ich lasse dich nicht, du schwörest +mir denn, daß du verschweigst deine Träume ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich schwöre nicht! Ihm allein bin ich verschworen!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich schwöre nicht! Ihm allein bin ich verschworen!</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>... daß du nicht kündest Schrecknis vor dem Volke.</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>... daß du nicht kündest Schrecknis vor dem Volke.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Sein ist die Verkündung, mein nur die Lippe!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Sein ist die Verkündung, mein nur die Lippe!</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Wehe, du fliehest mein Wort! So höre und -wisse: wer ausgehet Zweifel zu säen in Israel, geht nicht mehr +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Wehe, du fliehest mein Wort! So höre und +wisse: wer ausgehet Zweifel zu säen in Israel, geht nicht mehr ein in mein Haus.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Sein ist mein Wort, sein meine Hausung.</p> @@ -709,52 +672,52 @@ mein Sohn!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Sein bin ich allein, der mich eintat deinem Leibe.<span class="pagenum">23</span></p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>So weichest du? Aber höre vordem noch, -Jeremias, höre, eh du auftust die Lippe vor dem Volke: Ich -fluche aus meiner Seele Kraft dem, der Schrecknis wirft über +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>So weichest du? Aber höre vordem noch, +Jeremias, höre, eh du auftust die Lippe vor dem Volke: Ich +fluche aus meiner Seele Kraft dem, der Schrecknis wirft über Israel, ich fluche ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(schauernd)</span>:</p><p>Nicht fluche, Mutter, nicht fluche!</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Ich fluche dem, der Sturz sagt den Mauern und -Wüstung den Gassen, ich fluche dem, der Tod schreit über -Israel. Möge sein Leib in Feuer fallen und seine Seele in des +Wüstung den Gassen, ich fluche dem, der Tod schreit über +Israel. Möge sein Leib in Feuer fallen und seine Seele in des lebendigen Gottes Faust.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nicht Fluch sprich ... Mutter ... vielleicht stößt +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nicht Fluch sprich ... Mutter ... vielleicht stößt Er mich unter ihn ...</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Ich fluche dem Zweifler, der mehr vertrauet -den Träumen denn Gottes Barmherzigkeit! Ich verfluche, ich -verfluche den Leugner Gottes und wäre es mein Kind! Zum -letztenmal, Jeremias ... wähle!</p> +den Träumen denn Gottes Barmherzigkeit! Ich verfluche, ich +verfluche den Leugner Gottes und wäre es mein Kind! Zum +letztenmal, Jeremias ... wähle!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich ... geh ... meinen Weg ... <span class="direction">(Er beginnt mit schwerem Schritt zur Treppe zu treten.)</span></p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Jeremias ... mein einzig Kind bist du und meines Alters Trost ... entweiche meinem Fluch ... denn -Gott wird ihn erhören, wie er erhörte mein Gelöbnis.</p> +Gott wird ihn erhören, wie er erhörte mein Gelöbnis.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Auch ich bin ihm gelobet, Mutter, auch mich hat -er erhöret. Lebe wohl! <span class="direction">(Er schreitet die erste Stufe hinab.)</span></p> +er erhöret. Lebe wohl! <span class="direction">(Er schreitet die erste Stufe hinab.)</span></p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(aufschreiend)</span>:</p><p>Jeremias! Über mich geht dein +<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(aufschreiend)</span>:</p><p>Jeremias! Über mich geht dein Schritt! Du zertrittst mir das Herz!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich weiß die Straße nicht, die ich schreite ... ich -fühl die Steine nicht, die ich trete ... ich fühl einen Ruf nur +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich weiß die Straße nicht, die ich schreite ... ich +fühl die Steine nicht, die ich trete ... ich fühl einen Ruf nur ... einen Ruf, der mich rufet ... und ich folge dem Ruf ...</p> <p class="direction">(Er steigt langsam die Stufen nieder, das Antlitz ernst und verhalten, die Augen starr in den Himmel.)</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(zur Treppe hinstürzend, in Verzweiflung)</span>:</p><p>Jeremias!... +<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(zur Treppe hinstürzend, in Verzweiflung)</span>:</p><p>Jeremias!... Jeremias!... Jeremias!...</p> -<p class="direction">(Keine Antwort. Der Schrei verhallt zur Klage und schwingt allmählich -ganz ins Schweigen zurück. Einsam steht die einstürzende Gestalt der -Mutter vor dem hohen Himmel, über den sich tragische Morgenröte wie -ein Schein von Feuer und Blut mählich zu verbreiten beginnt.)</p> +<p class="direction">(Keine Antwort. Der Schrei verhallt zur Klage und schwingt allmählich +ganz ins Schweigen zurück. Einsam steht die einstürzende Gestalt der +Mutter vor dem hohen Himmel, über den sich tragische Morgenröte wie +ein Schein von Feuer und Blut mählich zu verbreiten beginnt.)</p> <hr class="l65" /> <h2><small>DAS ZWEITE BILD</small><br /> @@ -762,173 +725,173 @@ ein Schein von Feuer und Blut mählich zu verbreiten beginnt.)</p> <a name="DIE_WARNUNG" id="DIE_WARNUNG"></a>DIE WARNUNG</h2> <div class="blockquot"><p>„Die Profeten, die vor mir gewesen sind -von alters her, haben wider viel Länder -geweissaget von Krieg, von Unglück und +von alters her, haben wider viel Länder +geweissaget von Krieg, von Unglück und Pestilenz;</p> <p>wenn aber ein Profet von Frieden weissagt, den wird man kennen, ob ihn der Herr wahrhaftig gesandt hat, wenn sein Wort -erfüllet wird.“</p></div> +erfüllet wird.“</p></div> <p class="citation"> Jer. <small>XVIII</small>, 8/9.</p> <hr class="l65" /> -<p class="direction"><span class="dropcap">D</span>er große Platz von Jerusalem, der mit vielen Stufen aufsteigend in den<span class="pagenum">26</span> -Säulenvorhof der Burg von Zion führt, rechts zum königlichen Palaste -und mittseits zum anschließenden Tempel. Auf der andern Seite ist der -geräumige Platz von Häusern und Gassen begrenzt, die nieder und gebückt -scheinen gegen den hochragenden Bau. Die Eingänge in den Palast sind -umschmückt von Girlanden und prächtigem Zedergetäfel; in breite, kunstvolle -Brunnenschalen des Vorhofs fließt Wasser nieder, rückwärts glänzt +<p class="direction"><span class="dropcap">D</span>er große Platz von Jerusalem, der mit vielen Stufen aufsteigend in den<span class="pagenum">26</span> +Säulenvorhof der Burg von Zion führt, rechts zum königlichen Palaste +und mittseits zum anschließenden Tempel. Auf der andern Seite ist der +geräumige Platz von Häusern und Gassen begrenzt, die nieder und gebückt +scheinen gegen den hochragenden Bau. Die Eingänge in den Palast sind +umschmückt von Girlanden und prächtigem Zedergetäfel; in breite, kunstvolle +Brunnenschalen des Vorhofs fließt Wasser nieder, rückwärts glänzt dunkel das erzgetriebene Tor des Tempels.</p> -<p class="direction">Vor der Säulenhalle des Palastes, auf der Straße und die Stufen empor wirr -durcheinandergedrängt das Volk von Jerusalem, eine farbige, erregte Masse -von Männern, Frauen und Kindern, die von einhelliger Erwartung bewegt +<p class="direction">Vor der Säulenhalle des Palastes, auf der Straße und die Stufen empor wirr +durcheinandergedrängt das Volk von Jerusalem, eine farbige, erregte Masse +von Männern, Frauen und Kindern, die von einhelliger Erwartung bewegt sind. Die Menge hat viele Stimmen, die in den Augenblicken des Geschehens -oft in einen einzigen Schrei zusammenfließen, sonst sich aber -erregt widerstreiten. Im gegenwärtigen Augenblicke sind alle in die -Richtung der Gassen gewandt und drängen sich in erwartender Unruhe.</p> +oft in einen einzigen Schrei zusammenfließen, sonst sich aber +erregt widerstreiten. Im gegenwärtigen Augenblicke sind alle in die +Richtung der Gassen gewandt und drängen sich in erwartender Unruhe.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Der Wächter hat schon gerufen vom Turm ... -nein, noch nicht ... doch, ich habe das Horn gehört ... ich -auch ... ich auch ... sie müssen nahe sein ... von wo +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Der Wächter hat schon gerufen vom Turm ... +nein, noch nicht ... doch, ich habe das Horn gehört ... ich +auch ... ich auch ... sie müssen nahe sein ... von wo kommen sie ... werden wir sie sehen ...</p> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Vom Tore Moria kommen sie ... hier -müssen sie vorbei ... sie gehen zum Palast ... laßt die Gasse -frei, ... ja ... ja ... wir wollen sie sehen ... weicht zurück ... -macht Raum ... Raum für die Ägypter ...</p> +müssen sie vorbei ... sie gehen zum Palast ... laßt die Gasse +frei, ... ja ... ja ... wir wollen sie sehen ... weicht zurück ... +macht Raum ... Raum für die Ägypter ...</p> -<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Aber ist es gewiß auch, daß sie kommen?</p> +<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Aber ist es gewiß auch, daß sie kommen?</p> <p><span class="character">EINE ANDERE STIMME</span>:</p><p>Den Boten sprach ich, der ihnen vorausgeeilt.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er hat den Boten gesprochen ... erzähle ... wie +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er hat den Boten gesprochen ... erzähle ... wie viele sind ihrer ... bringen sie Geschenke ... wer ist ihr -Führer ... was bringen sie ... erzähle, Isaschar!</p> +Führer ... was bringen sie ... erzähle, Isaschar!</p> <p class="direction">(EINE GRUPPE bildet sich um den Mann Isaschar.)</p> <p><span class="character">ISASCHAR</span>:</p><p>Ich vermag nur zu berichten, was der Bote, mein -Schwäher, mir gesagt. Die ersten Krieger Ägyptens sind es, +Schwäher, mir gesagt. Die ersten Krieger Ägyptens sind es, die Pharao uns sandte, und Sklaven sind viele mit ihnen, die Geschenke -bringen auf Sänften und Tragen. Seit Salomos Tagen +bringen auf Sänften und Tragen. Seit Salomos Tagen ward nichts ihresgleichen gen Zion gebracht.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Es lebe Pharao ... Ruhm seiner Herrschaft ... -Heil Ägypten!</p> +Heil Ägypten!</p> <p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Sie sagen, auch eine Tochter Pharaos reise -mit ihnen, daß sie Zedekia vermählt werde. Ist es wahr,<span class="pagenum">27</span> +mit ihnen, daß sie Zedekia vermählt werde. Ist es wahr,<span class="pagenum">27</span> Isaschar?</p> <p><span class="character">ISASCHAR</span>:</p><p>Es ist wahr. Eine Tochter Pharaos geleiten sie. -Die Schönste ist sie seiner Töchter, und er hat sie Zedekia gewählt.</p> +Die Schönste ist sie seiner Töchter, und er hat sie Zedekia gewählt.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ruhm Pharao ... Heil Zedekia ... werden wir -sie schauen ... Heil Ägypten!...</p> +sie schauen ... Heil Ägypten!...</p> -<p><span class="character">EIN ALTER MANN</span>:</p><p>Unheil kam von je über Israel von den -fremden Weibern der Könige ...</p> +<p><span class="character">EIN ALTER MANN</span>:</p><p>Unheil kam von je über Israel von den +fremden Weibern der Könige ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja, sie wenden den Sinn der Gerechten ... fort -mit ihnen ... was schmähst du Ägypten ... ja, was wollen, +mit ihnen ... was schmähst du Ägypten ... ja, was wollen, sie ... was bedeutet die Sendung ... seit wann ist Freundschaft -zwischen Ägypten und Israel ... was wollen sie?</p> +zwischen Ägypten und Israel ... was wollen sie?</p> -<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Ein Bündnis bietet Pharao Necho wider Nabukadnezar, -ich weiß es von Abimelech.</p> +<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Ein Bündnis bietet Pharao Necho wider Nabukadnezar, +ich weiß es von Abimelech.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Heil Abimelech, unser Führer ... kein Bündnis -... kein Bündnis mit Ägypten ... kein Bündnis mit Mizraim -... wider wen ist das Bündnis ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Heil Abimelech, unser Führer ... kein Bündnis +... kein Bündnis mit Ägypten ... kein Bündnis mit Mizraim +... wider wen ist das Bündnis ...</p> -<p><span class="character">ISASCHAR</span>:</p><p>Warum kein Bündnis mit ihnen? Mächtig sind -sie, und vereint wären wir stark wider unsern Unterdrücker. +<p><span class="character">ISASCHAR</span>:</p><p>Warum kein Bündnis mit ihnen? Mächtig sind +sie, und vereint wären wir stark wider unsern Unterdrücker. Zehntausend Sichelwagen vermag Pharao Necho ins Blachfeld -zu stellen, und seine Bogenschützen und Reiter sind ohne Zahl. +zu stellen, und seine Bogenschützen und Reiter sind ohne Zahl. Er will aufstehen wider Assur, unsern Peiniger, und sie begehren unseres Beistands.</p> -<p><span class="character">DER ALTE</span>:</p><p>Kein Bündnis mit Ägypten! Unser Kampf ist nicht +<p><span class="character">DER ALTE</span>:</p><p>Kein Bündnis mit Ägypten! Unser Kampf ist nicht der ihre!</p> <p><span class="character">ISASCHAR</span>:</p><p>Unsere Not ist die ihre, sie wollen nicht Knechte -sein der Chaldäer!</p> +sein der Chaldäer!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wir auch nicht ... wir auch nicht ... nieder mit -Assur ... zerbrechen wir das Joch ... hüten wir uns ...</p> +Assur ... zerbrechen wir das Joch ... hüten wir uns ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(ein Jüngling, ekstatisch)</span>:</p><p>In Ketten gehen unsere Tage -und mit güldenen Schäkeln unsere Boten allneumonds gen +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(ein Jüngling, ekstatisch)</span>:</p><p>In Ketten gehen unsere Tage +und mit güldenen Schäkeln unsere Boten allneumonds gen Babel. Wie lange wollen wir es dulden noch?</p> <p><span class="character">SEBULON</span> <span class="direction">(der Vater Baruchs)</span>:</p><p>Schweige ... nicht dein ist die -Rede ... eine linde Knechtschaft ist Chaldäas Joch ...</p> +Rede ... eine linde Knechtschaft ist Chaldäas Joch ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Aber wir wollen nicht länger Knechte sein ... die +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Aber wir wollen nicht länger Knechte sein ... die Stunde der Freiheit ist gekommen ... nieder mit Assur ...<span class="pagenum">28</span> -verbinden wir uns Ägypten ...</p> +verbinden wir uns Ägypten ...</p> -<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Nie kam Gutes von Mizraim. Man muß prüfen -und erwägen, man muß mißtrauen und gedulden.</p> +<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Nie kam Gutes von Mizraim. Man muß prüfen +und erwägen, man muß mißtrauen und gedulden.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Die Geräte des Tempels muß man schaffen ... -nicht länger soll Baal sich ihrer ergötzen ... nieder mit den -Räubern des Tempels ... jetzt ist es die Stunde ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Die Geräte des Tempels muß man schaffen ... +nicht länger soll Baal sich ihrer ergötzen ... nieder mit den +Räubern des Tempels ... jetzt ist es die Stunde ...</p> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span> <span class="direction">(von der Tiefe der Gasse her)</span>:</p><p>Sie kommen! Sie kommen!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(von allen Seiten jauchzend)</span>:</p><p>Sie kommen ... Raum ... -macht Raum ... sie kommen ... hier herauf ... zurück hier +macht Raum ... sie kommen ... hier herauf ... zurück hier ... ich sehe sie schon ... hier kannst du sie sehen ...</p> -<p class="direction">(DAS VOLK stürmt die Stufen empor und bildet eine Gasse, durch die -nun die Gesandtschaft der Ägypter zum Palaste ziehen kann. Man sieht -vorerst nur die Lanzenspitzen der Krieger über dem Gewoge der lärmenden +<p class="direction">(DAS VOLK stürmt die Stufen empor und bildet eine Gasse, durch die +nun die Gesandtschaft der Ägypter zum Palaste ziehen kann. Man sieht +vorerst nur die Lanzenspitzen der Krieger über dem Gewoge der lärmenden Menge leuchten.)</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wie stolz sie gehen ... wer ist der Führer ... -Araxes ist es ... die Geschenke ... die Sänften ... seht diese, -sie ist verhüllt ... die Tochter Pharaos muß es sein ... heil -Araxes ... heil Ägypten ... wie schwer sie tragen an den -Truhen, Gold muß darin sein ... wir werden es zahlen müssen +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wie stolz sie gehen ... wer ist der Führer ... +Araxes ist es ... die Geschenke ... die Sänften ... seht diese, +sie ist verhüllt ... die Tochter Pharaos muß es sein ... heil +Araxes ... heil Ägypten ... wie schwer sie tragen an den +Truhen, Gold muß darin sein ... wir werden es zahlen müssen mit Blut ... die Schwerter, seht die kurzen ... die unsern sind -besser ... wie hochmütig sie gehen ... gewaltige Krieger -müssen es sein ... es lebe Pharao Necho ... es lebe Ägypten -... heil ... Gott strafe Assur ... heil Ägypten ... heil Araxes -... es lebe Necho ... Segen über Pharao ... geheiligt unser +besser ... wie hochmütig sie gehen ... gewaltige Krieger +müssen es sein ... es lebe Pharao Necho ... es lebe Ägypten +... heil ... Gott strafe Assur ... heil Ägypten ... heil Araxes +... es lebe Necho ... Segen über Pharao ... geheiligt unser Bund ... heil euch ... heil euch ...</p> -<p class="direction">(DIE MENGE umdrängt mit frenetischen Jubelrufen den Zug der Ägypter.)</p> +<p class="direction">(DIE MENGE umdrängt mit frenetischen Jubelrufen den Zug der Ägypter.)</p> -<p class="direction">(DIE ÄGYPTER, reichgeschmückt, schreiten stolz und ernst durch die -Reihen. Sie klirren die Schwerter zusammen und danken würdevoll.)</p> +<p class="direction">(DIE ÄGYPTER, reichgeschmückt, schreiten stolz und ernst durch die +Reihen. Sie klirren die Schwerter zusammen und danken würdevoll.)</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(von den Stufen herab)</span>:</p><p>Der König erfülle eure Wünsche! -Er schließe den Bund!</p> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(von den Stufen herab)</span>:</p><p>Der König erfülle eure Wünsche! +Er schließe den Bund!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... ja ... auf gegen Assur ... zerbrechen wir -das Joch ... es lebe Necho ... Segen über eure Ankunft ... -Rache für Zion ...</p> +das Joch ... es lebe Necho ... Segen über eure Ankunft ... +Rache für Zion ...</p> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Zum Palast ... geleitet sie zum Palast -... zum Könige ... er schließe den Bund ... es lebe Araxes ... -Segen über Zedekia, unsern König ... ein König der Knechte ...<span class="pagenum">29</span> +... zum Könige ... er schließe den Bund ... es lebe Araxes ... +Segen über Zedekia, unsern König ... ein König der Knechte ...<span class="pagenum">29</span> nein ... nein ... Freiheit ... auf zum Palast ...</p> -<p class="direction">(DIE ÄGYPTER sind die Stufen empor zum Palast geschritten und in -die Säulenhalle eingetreten. Hinter ihnen strömt der Schwall des Volkes. -Andere Schwärme verlaufen sich in den Gassen. Es bleiben auf den Stufen -nur einzelne kleine Gruppen älterer Leute zurück, während die Krieger und -die Frauen schaulustig den Ägyptern nachstürmen, die Sänften umdrängen -und mit dem Zuge im Säulenvorhof verschwinden.)</p> +<p class="direction">(DIE ÄGYPTER sind die Stufen empor zum Palast geschritten und in +die Säulenhalle eingetreten. Hinter ihnen strömt der Schwall des Volkes. +Andere Schwärme verlaufen sich in den Gassen. Es bleiben auf den Stufen +nur einzelne kleine Gruppen älterer Leute zurück, während die Krieger und +die Frauen schaulustig den Ägyptern nachstürmen, die Sänften umdrängen +und mit dem Zuge im Säulenvorhof verschwinden.)</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(der ihnen ekstatisch zugewinkt hat)</span>:</p><p>Ich muß mit ihnen.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(der ihnen ekstatisch zugewinkt hat)</span>:</p><p>Ich muß mit ihnen.</p> <p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Du bleibst!</p> @@ -936,91 +899,91 @@ und mit dem Zuge im Säulenvorhof verschwinden.)</p> aufsteht wider seine Peiniger. Meine Seele verzehrt sich, das Gewaltige zu erschauen, und nun ist die Stunde genaht.</p> -<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Du bleibst! Gott wägt seine Stunden, nicht wir. -Des Königs ist die Entscheidung.</p> +<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Du bleibst! Gott wägt seine Stunden, nicht wir. +Des Königs ist die Entscheidung.</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Wie sie jubeln! Laß mich mit ihnen sein, mein -Vater, daß ichs erlebe.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Wie sie jubeln! Laß mich mit ihnen sein, mein +Vater, daß ichs erlebe.</p> <p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Oft und oft noch wirst du's erleben. Denn immer -jubelt das Volk zu den lauten Worten, immer läuft es hinter -dem Gepränge.</p> +jubelt das Volk zu den lauten Worten, immer läuft es hinter +dem Gepränge.</p> <p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Was verweigerst du ihm die Freude? Ist der Tag unseres Sehnens nicht erschienen? Freunde sind Israel erstanden.</p> <p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Nie war Mizraim Israels Freund.</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Unsere Schmach ist die ihre, Israels Not die Ägyptens.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Unsere Schmach ist die ihre, Israels Not die Ägyptens.</p> -<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Nichts gemein haben wir mit den Völkern der +<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Nichts gemein haben wir mit den Völkern der Erde. Einsamkeit ist unsere Gewalt.</p> -<p><span class="character">DER ANDERE</span>:</p><p>Aber sie wollen für uns kämpfen.</p> +<p><span class="character">DER ANDERE</span>:</p><p>Aber sie wollen für uns kämpfen.</p> -<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Für sich wollen sie kämpfen. Jedes Volk kämpft -nur für sich allein.</p> +<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Für sich wollen sie kämpfen. Jedes Volk kämpft +nur für sich allein.</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Sollen wir Knechte bleiben, soll Zedekia ein König -sein der Sklaven und Zion ein Pflichtling Chaldäas? Oh, daß -er ein König wäre, Zedekia ...</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Sollen wir Knechte bleiben, soll Zedekia ein König +sein der Sklaven und Zion ein Pflichtling Chaldäas? Oh, daß +er ein König wäre, Zedekia ...</p> <p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Schweige, ich befehle es dir. Nicht ziemt es den -Knaben, die Könige zu richten.</p> +Knaben, die Könige zu richten.</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Jung bin ich, doch wer ist Jerusalem, wenn die -Jugend nicht? Die Bedächtigen nicht haben es gebaut. David, -der Junge, hat sie getürmet und groß gemacht unter den Völkern.</p> +Jugend nicht? Die Bedächtigen nicht haben es gebaut. David, +der Junge, hat sie getürmet und groß gemacht unter den Völkern.</p> <p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Schweige, nicht dein ist das Wort auf dem Markte.<span class="pagenum">30</span></p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Sollen nur die Bedächtigen reden, nur die Greise -beraten, daß Israel ergreise vor den Jahren und Gottes Wort faule +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Sollen nur die Bedächtigen reden, nur die Greise +beraten, daß Israel ergreise vor den Jahren und Gottes Wort faule in unsern Herzen? Unser ist die Stunde, unser die Rache. Ihr -habt euch gebeuget, wir wollen uns erheben, ihr habt gezögert, +habt euch gebeuget, wir wollen uns erheben, ihr habt gezögert, und wir wollen vollbringen, ihr hattet den Frieden, und wir wollen den Krieg.</p> -<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Was weißt du vom Kriege, du Vorwitziger. Wir, -die Väter, haben ihn gekannt. Er ist groß in den Büchern, aber -ein Würger ist er in Wahrheit und ein Schänder des Lebens.</p> +<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Was weißt du vom Kriege, du Vorwitziger. Wir, +die Väter, haben ihn gekannt. Er ist groß in den Büchern, aber +ein Würger ist er in Wahrheit und ein Schänder des Lebens.</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich fürchte ihn nicht. Ein Ende der Knechtschaft!</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich fürchte ihn nicht. Ein Ende der Knechtschaft!</p> <p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Einen Eid des Friedens hat Zedekia geschworen.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ungültig ist der Eid ... er zerbreche den Schwur +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ungültig ist der Eid ... er zerbreche den Schwur ... kein Eid gilt den Heiden ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(von rückwärts aus der Gasse kommend, im Jubel)</span>:</p><p>Abimelech! -Heil Abimelech ... Abimelech, unser Führer ... heil +<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(von rückwärts aus der Gasse kommend, im Jubel)</span>:</p><p>Abimelech! +Heil Abimelech ... Abimelech, unser Führer ... heil dir ...</p> <p class="direction">(DIE GRUPPEN sammeln sich um Abimelech, den Obersten der Krieger, und jubeln ihm zu.)</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>: Abimelech ... ist es wahr, daß Ägypten ein Bündnis +<p><span class="character">STIMMEN</span>: Abimelech ... ist es wahr, daß Ägypten ein Bündnis bietet ... raffe dein Schwert ... auf, ziehe wider Assur ... raffe Israels Kraft ... wir sind bereit ... wir sind bereit ...</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span> <span class="direction">(auf der Höhe der Stufen zu der Menge)</span>: Sei bereit, Volk +<p><span class="character">ABIMELECH</span> <span class="direction">(auf der Höhe der Stufen zu der Menge)</span>: Sei bereit, Volk von Jerusalem, denn nahe ist die Stunde deiner Freiheit.</p> <p class="direction">(DIE MENGE, die ihn umringt, bricht in Jubelschreie aus.)</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Pharao Necho hat uns seine geharnischte Hand -geboten. Er will sich uns gesellen, daß wir selbzweit Assurs +geboten. Er will sich uns gesellen, daß wir selbzweit Assurs Macht brechen, und wir wollen es tun, mein Volk von Jerusalem. -Bereit sind deine Streiter, gerüstet deine Kämpfer, geschirrt -deine Wagen, gespannt deine Bogen, nun stähle dein +Bereit sind deine Streiter, gerüstet deine Kämpfer, geschirrt +deine Wagen, gespannt deine Bogen, nun stähle dein Herz, Volk von Jerusalem.</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(jauchzend)</span>:</p><p>Auf gegen Assur ... Krieg mit Chaldäa +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(jauchzend)</span>:</p><p>Auf gegen Assur ... Krieg mit Chaldäa ... heil Abimelech ...</p> <p><span class="character">EIN KRIEGER</span>:</p><p>Wie die Schafe werden wir sie vor uns hertreiben. -Sie haben sich matt gemacht in den Frauenhäusern, und -ihr König trug nie eines Kriegers Gewand.</p> +Sie haben sich matt gemacht in den Frauenhäusern, und +ihr König trug nie eines Kriegers Gewand.</p> <p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Das ist nicht wahr!<span class="pagenum">31</span></p> @@ -1031,22 +994,22 @@ habe Nabukadnezarn gesehen. Er ist gewaltig und sein Kriegsvolk ohne Makel.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Du Schurke, lobpreisest du unsere Feinde ... -ein Gekaufter ist er ... sein Weib ist eine Chaldäerin ... sie -hat gehurt mit allen Knechten Babels ... Verräter ...</p> +ein Gekaufter ist er ... sein Weib ist eine Chaldäerin ... sie +hat gehurt mit allen Knechten Babels ... Verräter ...</p> <p><span class="character">DER KRIEGER</span> <span class="direction">(vortretend zu den Sprechenden)</span>:</p><p>Willst du sagen, -wir könnten ihrer nicht obsiegen?</p> +wir könnten ihrer nicht obsiegen?</p> -<p><span class="character">DIE STIMME</span>:</p><p>Ich sage, daß sie mächtig sind, die Chaldäer.</p> +<p><span class="character">DIE STIMME</span>:</p><p>Ich sage, daß sie mächtig sind, die Chaldäer.</p> <p><span class="character">DER KRIEGER</span> <span class="direction">(auf ihn eindringend)</span>:</p><p>Meine Faust sieh hier und sage noch einmal, sie seien besser denn Israel.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Sag es noch einmal ... zerreißt ihn ... Verräter -... Verräter ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Sag es noch einmal ... zerreißt ihn ... Verräter +... Verräter ...</p> -<p><span class="character">DER SPRECHER</span> <span class="direction">(von allen gefaßt, eingeschüchtert)</span>:</p><p>Nicht das -sagte ich ... ich meinte ... ich meinte, daß ihrer viele sind.</p> +<p><span class="character">DER SPRECHER</span> <span class="direction">(von allen gefaßt, eingeschüchtert)</span>:</p><p>Nicht das +sagte ich ... ich meinte ... ich meinte, daß ihrer viele sind.</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Immer waren unserer Feinde viel, und immer haben wir sie geschlagen.</p> @@ -1054,26 +1017,26 @@ haben wir sie geschlagen.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wer kann an wider uns ... alle haben wir geschlagen ... Moab zerschmettert und Ammon ... Sanherib und seine Tausendmaltausend ... die Philister und Amalek ... -Wer kann uns widerstehn ... Tod über den, der uns schmäht ...</p> +Wer kann uns widerstehn ... Tod über den, der uns schmäht ...</p> <p class="direction">(EINIGE BOTEN eilen aus dem Palast.)</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(sie umdrängend)</span>:</p><p>Wohin eilet ihr ... was bringt +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(sie umdrängend)</span>:</p><p>Wohin eilet ihr ... was bringt ihr ... wen suchet ihr ... was ist ...</p> -<p><span class="character">EIN BOTE</span>:</p><p>Der König hat den Rat berufen.</p> +<p><span class="character">EIN BOTE</span>:</p><p>Der König hat den Rat berufen.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Krieg ... er beschließet den Krieg ... Krieg ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Krieg ... er beschließet den Krieg ... Krieg ...</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Wen hat er berufen?</p> -<p><span class="character">DER BOTE</span>:</p><p>Imre, den Ältesten, Nachum, den Verwalter; und +<p><span class="character">DER BOTE</span>:</p><p>Imre, den Ältesten, Nachum, den Verwalter; und auch an dich ergehet sein Ruf.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Zauderern bin ich gesellt und Klüglern, die das -Wort wägen und schauern vor der Tat. Aber ich bringe mein -Schwert, und ich will es von mir werfen, darf ich es nicht zücken -wider Assur. Dein ist die Stunde, ich kämpfe für sie, Volk von +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Zauderern bin ich gesellt und Klüglern, die das +Wort wägen und schauern vor der Tat. Aber ich bringe mein +Schwert, und ich will es von mir werfen, darf ich es nicht zücken +wider Assur. Dein ist die Stunde, ich kämpfe für sie, Volk von Jerusalem!</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Heil Abimelech ... Heil Abimelech ... heil<span class="pagenum">32</span> @@ -1081,13 +1044,13 @@ dir, du Gottesstreiter ... heil ...</p> <p class="direction">(ABIMELECH eilt in den Palast.)</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ihm nach, ihm nach! Der König soll unsere Stimme -hören, er höre unsern Willen erdonnern vor seinem Palast.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ihm nach, ihm nach! Der König soll unsere Stimme +hören, er höre unsern Willen erdonnern vor seinem Palast.</p> -<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Ich verstoße dich, wenn du nicht schweigest. -Der König will beraten, und Ruhe muß sein um den Ratschluß.</p> +<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Ich verstoße dich, wenn du nicht schweigest. +Der König will beraten, und Ruhe muß sein um den Ratschluß.</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Er soll nicht beraten. Er beschließe! Er beschließe +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Er soll nicht beraten. Er beschließe! Er beschließe den Krieg! Wir alle wollen den Krieg.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja, wir alle ... wir alle ... schreit auf zu ihm ...</p> @@ -1095,62 +1058,62 @@ den Krieg! Wir alle wollen den Krieg.</p> <p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Nein, ich will keinen Krieg ... ich will keinen Krieg ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Schweige ... Verräter ... noch ein Gekaufter ... +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Schweige ... Verräter ... noch ein Gekaufter ... wer bist du ... nieder mit ihm ... wer bist du ...</p> -<p><span class="character">DER SPRECHER</span>:</p><p>Ein Bauer bin ich, und nur im Frieden blüht -mein Feld. Aber der Krieg stampft meine Äcker und zerstößt +<p><span class="character">DER SPRECHER</span>:</p><p>Ein Bauer bin ich, und nur im Frieden blüht +mein Feld. Aber der Krieg stampft meine Äcker und zerstößt mir die Scholle. Ich will keinen Krieg, ich will nicht!</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(wild)</span>:</p><p>Schmach über dich! Schmach über dich! Daß +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(wild)</span>:</p><p>Schmach über dich! Schmach über dich! Daß du doch faultest in deinem Acker und ersticktest an deinen -Früchten! Fluch denen, die am Gewinn ihren Mut messen und +Früchten! Fluch denen, die am Gewinn ihren Mut messen und an ihrem Leben des Landes Geschick! Israel ist unser Acker, und -wir wollen ihn düngen mit unserm Blute, denn, ihr Brüder, es -ist Seligkeit, zu sterben für den alleinigen Gott.</p> +wir wollen ihn düngen mit unserm Blute, denn, ihr Brüder, es +ist Seligkeit, zu sterben für den alleinigen Gott.</p> <p><span class="character">DER SPRECHER</span>:</p><p>So stirb und lasse mich leben. Die Erde liebe ich, auch sie ist Gottes, und er hat sie mir zu eigen gegeben.</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nichts ist uns zu eigen gegeben, Lehen ist alles vom -lebendigen Gotte, daß wir es wiedergeben an ihn auf seinen Ruf. -Und sein Ruf ist erschollen, oh, daß wir ihn hörten! Erfüllet -sind die Zeichen! Oh, wo sind die Künder der Worte, wo sind -sie, die seines Geistes sind, daß sie die Trägen entflammen und -hören machen die Tauben. Wo sind die Priester, wo sind die +lebendigen Gotte, daß wir es wiedergeben an ihn auf seinen Ruf. +Und sein Ruf ist erschollen, oh, daß wir ihn hörten! Erfüllet +sind die Zeichen! Oh, wo sind die Künder der Worte, wo sind +sie, die seines Geistes sind, daß sie die Trägen entflammen und +hören machen die Tauben. Wo sind die Priester, wo sind die Profeten? Was schweigt ihre Stimme in dieser Stunde zu Jerusalem?</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... die Profeten ... wo sind sie, die Priester ... -wecket sie auf ... sie versäumen die Stunde ... wo ist Hananja ...</p> +wecket sie auf ... sie versäumen die Stunde ... wo ist Hananja ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Zum Tempel empor! Nichts ohne Gottes Wort! -Sie mögen entscheiden, die Gottesmänner!</p> +Sie mögen entscheiden, die Gottesmänner!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... wo sind unsere Hirten ... in ihnen ist die<span class="pagenum">33</span> Wahrheit ... Hananja ... Pashur ... wo sind sie ... tut auf den Tempel ... tut auf das Tor ... Hananja ... Pashur ...</p> -<p class="direction">(EINIGE sind die Stufen hinaufgeeilt und schlagen an die erzene Tür. Die -Tür tut sich auf, und es erscheint im Ornat:)</p> +<p class="direction">(EINIGE sind die Stufen hinaufgeeilt und schlagen an die erzene Tür. Die +Tür tut sich auf, und es erscheint im Ornat:)</p> <p><span class="character">PASHUR</span> <span class="direction">(der Hohepriester)</span>:</p><p>Was ist dein Begehr, Volk von Jerusalem?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Erfüllt ist die Verheißung, aufstehet das Volk! So -säume nicht. Sprich den Fluch über unsere Widersacher, denn +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Erfüllt ist die Verheißung, aufstehet das Volk! So +säume nicht. Sprich den Fluch über unsere Widersacher, denn die Stunde der Freiheit winket deinem Volke.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Tu den Tempel auf, daß Gott über uns sei ... den -Profeten rufe, daß er uns Wahrheit sage ... aus den Büchern -lies die Weissagungen ... zum Könige sprich und zum Volke ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Tu den Tempel auf, daß Gott über uns sei ... den +Profeten rufe, daß er uns Wahrheit sage ... aus den Büchern +lies die Weissagungen ... zum Könige sprich und zum Volke ...</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Was ist geschehen? Was glühet ihr mit einem Male?</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Was ist geschehen? Was glühet ihr mit einem Male?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ein Bündnis ist geboten von Ägypten wider Assur, -und der König zaudert. Krämer und Knechte sind seine Vertrauten. +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ein Bündnis ist geboten von Ägypten wider Assur, +und der König zaudert. Krämer und Knechte sind seine Vertrauten. Doch das Volk verlanget eurer Stimme.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Die Profeten rufe, daß sie uns Weisheit lehren ... -Hananja ... Hananja ... wann waren sie vonnöten, die heiligen +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Die Profeten rufe, daß sie uns Weisheit lehren ... +Hananja ... Hananja ... wann waren sie vonnöten, die heiligen Worte, wenn nicht zu dieser Stunde?... Ihrer sei die Entscheidung ... Hananja ...</p> @@ -1158,90 +1121,90 @@ Worte, wenn nicht zu dieser Stunde?... Ihrer sei die Entscheidung <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Sein Wort falle in unser Herz, er segne Israel, er verfluche Nabukadnezar und seine Knechte ... Sein Wort soll -wie Feuer über uns fahren, daß wir entbrennen. Hananja rufe, +wie Feuer über uns fahren, daß wir entbrennen. Hananja rufe, Hananja, es fordert ihn die Stunde, Gott fordert ihn.</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Hananja ... wo ist unser Profet ... Gott fordert -ihn ... Er erscheine ... wir dürsten nach seinem Worte ... +ihn ... Er erscheine ... wir dürsten nach seinem Worte ... Hananja ... Hananja ...</p> -<p class="direction">(HANANJA tritt aus der Tür des Tempels.)</p> +<p class="direction">(HANANJA tritt aus der Tür des Tempels.)</p> <p class="direction">(DIE MENGE bricht bei seinem Anblick in wilde Jubelrufe aus.)</p> <p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(zu ihm empor)</span>:</p><p>Hananja, Gottes Gesandter, siehe, dein -Volk dürstet nach deiner Rede! Gieß aus die Welle deines -Wortes über sie, daß Kraft ihnen entbrande, mache fruchtbar -unsern Ingrimm und ziele unsern Zorn. In deinen Händen +Volk dürstet nach deiner Rede! Gieß aus die Welle deines +Wortes über sie, daß Kraft ihnen entbrande, mache fruchtbar +unsern Ingrimm und ziele unsern Zorn. In deinen Händen liegt Jerusalems Schicksal!</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Gieß aus Gottes Wort über uns ... Die Verheißung<span class="pagenum">34</span> -verkünde ... Sage, sollen wir ausziehen ... Gottes -Wille laß uns wissen ... belehre dein Volk, du Bote des -Herrn, belehre den König ... oh, sprich die Verheißung ... +<p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Gieß aus Gottes Wort über uns ... Die Verheißung<span class="pagenum">34</span> +verkünde ... Sage, sollen wir ausziehen ... Gottes +Wille laß uns wissen ... belehre dein Volk, du Bote des +Herrn, belehre den König ... oh, sprich die Verheißung ... sieh unser Schwanken ... erwecke unser Herz.</p> <p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(vor die Schwelle des Tempels tretend, pathetisch)</span>:</p><p>Selig deine Frage, selig deine Stimme, selig du selber, Volk von -Jerusalem, daß du sie endlich aufhebst zum Schrei! Denn Schlaf -war gefallen über dich, ein Ohnmächtiger bist du gelegen in -den Sielen der Knechtschaft, Jerusalem, und die Völker sind -geschritten über dich wie über einen Trunkenen, sie haben -gespien auf dein Gewand, und sie haben gelacht deiner Blöße. -Aber ein Ruf ist gegangen an die Schläfer, eine Botschaft an die -Verträumten, und ich will sie künden euch Gotterweckten.</p> - -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(bricht in fanatische Jubelschreie aus)</span>:</p><p>Höret ihn!... +Jerusalem, daß du sie endlich aufhebst zum Schrei! Denn Schlaf +war gefallen über dich, ein Ohnmächtiger bist du gelegen in +den Sielen der Knechtschaft, Jerusalem, und die Völker sind +geschritten über dich wie über einen Trunkenen, sie haben +gespien auf dein Gewand, und sie haben gelacht deiner Blöße. +Aber ein Ruf ist gegangen an die Schläfer, eine Botschaft an die +Verträumten, und ich will sie künden euch Gotterweckten.</p> + +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(bricht in fanatische Jubelschreie aus)</span>:</p><p>Höret ihn!... Erweckte sind wir ... wahrlich, wie im Schlafe sind wir gelegen ... sage, Meister, ist es Zeit ... sag an, ist es die Stunde ...</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Wie lange noch wollet ihr euch gedulden der Taten, da Gott euch erweckte ... wie lange stille sein, da der -Herr euch gerufen? Gott dürstet, denn leer sind seine Krüge, -Gott hungert, denn gebrochen sind seine Altäre, Gott friert, +Herr euch gerufen? Gott dürstet, denn leer sind seine Krüge, +Gott hungert, denn gebrochen sind seine Altäre, Gott friert, denn geraubt ward der Schmuck seiner Fliesen, Gott leidet, denn es spotten sein die Priester Baals und die Knechte der Astaroth! -Er harret euer, daß ihr ihn erlöset, und wie im Schlafe -habt ihr gelegen; er winket zu sich euch, aber ihr rühret euch -nicht im Joche. So werfet ab das Joch, reißt euch los von den -Ketten, die Posaune laßt schallen und erklirren das tödliche Erz; -Gott hat euch wach geschrien, so kämpfet für ihn!</p> +Er harret euer, daß ihr ihn erlöset, und wie im Schlafe +habt ihr gelegen; er winket zu sich euch, aber ihr rühret euch +nicht im Joche. So werfet ab das Joch, reißt euch los von den +Ketten, die Posaune laßt schallen und erklirren das tödliche Erz; +Gott hat euch wach geschrien, so kämpfet für ihn!</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Töne, oh töne, du Gottesposaune! Auf, Israel, auf, +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Töne, oh töne, du Gottesposaune! Auf, Israel, auf, Jerusalem, brecht Gottes Joch!</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Zerbrechen wir das Joch ... auf wider Assur ... streiten wir gegen Nabukadnezar ... zu den Waffen ... werft -auf das Panier ... Sage, ist es Zeit, daß wir ausziehen ... Krieg +auf das Panier ... Sage, ist es Zeit, daß wir ausziehen ... Krieg wider Assur ... Sag, werden wir ihrer obsiegen?</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Die Stimme des Herrn erbrauset mir innen, wie -ein Meer schäumt sie mir stürmend zum Munde, und also tönet +ein Meer schäumt sie mir stürmend zum Munde, und also tönet sie euch zu: „Erhebe dich, Israel, wappne deine Lenden, fasse<span class="pagenum">35</span> froh den Schild und die Speere, auf, tummle deine Rosse, denn Assur ist dein Wild und Babel deine Beute. Gehe an, du Gewaltiger, -deine Bedränger zu jagen, ich habe dir Pfeile in den -Köcher getan, die nicht fehlen, und Lanzen gerüstet, die nicht +deine Bedränger zu jagen, ich habe dir Pfeile in den +Köcher getan, die nicht fehlen, und Lanzen gerüstet, die nicht splittern. In deine Hand habe ich Assur gegeben, so balle sie zur Faust, Israel, und knicke seine Knochen! Tritt unter die -Fersen, die dich bedrückten, hole heim meine Habe, erlöse mich, -wie ich dich erlöse. Wirf weg, die dir widerraten, tilge aus, -die dich zäumen, nicht höre die Schwachmütigen, nur meinen -Boten erhöre! Höre, Israel, höre auf ihn!...“</p> +Fersen, die dich bedrückten, hole heim meine Habe, erlöse mich, +wie ich dich erlöse. Wirf weg, die dir widerraten, tilge aus, +die dich zäumen, nicht höre die Schwachmütigen, nur meinen +Boten erhöre! Höre, Israel, höre auf ihn!...“</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(aus der Menge wild aufschreiend)</span>:</p><p>Nicht höret auf ihn! -Nicht höret auf ihn –! Nicht höret auf ihn!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(aus der Menge wild aufschreiend)</span>:</p><p>Nicht höret auf ihn! +Nicht höret auf ihn –! Nicht höret auf ihn!</p> <p class="direction">(DIE MENGE weicht im Tumult auseinander. Jeremias wird mitten in der erregten Masse sichtbar. Er arbeitet sich gegen die Stufen zu der Stelle empor, wo Hananja spricht.)</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wer redet ... wer ist dieser ... was für Rede ... +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wer redet ... wer ist dieser ... was für Rede ... was sagt er ... wer ist er ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nicht höret ihn, nicht höret denen zu, die euch +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nicht höret ihn, nicht höret denen zu, die euch nach dem Munde reden, tut ab die Schlingen seiner Worte! -Nicht höret die Gleisner, die euch ins Schlüpfrige stoßen, nicht +Nicht höret die Gleisner, die euch ins Schlüpfrige stoßen, nicht tappet in die Netze der Vogelsteller, nicht lausche, Jerusalem, den Lockpfeifern des Krieges!</p> @@ -1250,9 +1213,9 @@ den Lockpfeifern des Krieges!</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Wer redet wider den Herren? Hervor aus dem Dunkel!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich vorstoßend)</span>:</p><p>Es redet die Angst, und es schreit +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich vorstoßend)</span>:</p><p>Es redet die Angst, und es schreit das Bangen um Jerusalem, die Schrecknis tut auf ihren Mund. -Für Israel spreche ich und um Israels Leben!</p> +Für Israel spreche ich und um Israels Leben!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wer ist er ... ich kenne ihn nicht ... es ist keiner von den Profeten ... ich kenne ihn nicht ... wer ist es ...</p> @@ -1264,55 +1227,55 @@ die zu Anathoth in Jerusalem ... der Sohn Hilkias ist es ... wer ist er ... was will er ...</p> <p><span class="character">PASHUR</span> <span class="direction">(zu Jeremias, der die Stufen emporgestiegen ist)</span>:</p><p>Fort von -des Tempels Stufen! Den Gesandten Jahves, den Gottesmännern<span class="pagenum">36</span> +des Tempels Stufen! Den Gesandten Jahves, den Gottesmännern<span class="pagenum">36</span> und Profeten ist allein verstattet die heilige Schwelle! Uns allein -ist es, Gottes Wille zu künden!</p> +ist es, Gottes Wille zu künden!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wer ist so vermessen, daß er sich unterfange, ihm +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wer ist so vermessen, daß er sich unterfange, ihm allein habe der Herr die Weisheit zugeteilt und das Geheimnis -seines Willens! Nur in Träumen spricht Gott zu den Menschen, -und auch mir hat er Träume gesandt. Mit Entsetzen hat er gefüllt -meine Nächte und mich wach gemacht in die Zeit, er hat -mir einen Mund gegeben, daß ich rede, und eine Stimme, daß -ich schreie. Er hat die Angst in mich eingetan, daß ich sie über +seines Willens! Nur in Träumen spricht Gott zu den Menschen, +und auch mir hat er Träume gesandt. Mit Entsetzen hat er gefüllt +meine Nächte und mich wach gemacht in die Zeit, er hat +mir einen Mund gegeben, daß ich rede, und eine Stimme, daß +ich schreie. Er hat die Angst in mich eingetan, daß ich sie über euch werfe wie ein brennend Tuch, und ich will sagen meine Angst um Jerusalem, ich will schreien meinen Schrei vor dem -Volke, ich will künden meine Träume ...</p> +Volke, ich will künden meine Träume ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Fort mit den Träumern und Traumdeutern! Wache +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Fort mit den Träumern und Traumdeutern! Wache will die Stunde!</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Wem sind nicht Träume gegeben! Das Tier wälzt +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Wem sind nicht Träume gegeben! Das Tier wälzt sich im Schlafe, und der Sklaven Traum ist mit Bildern voll. -Wer hat dich gesalbet, daß du redest vor dem Tempel?</p> +Wer hat dich gesalbet, daß du redest vor dem Tempel?</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nein ... er soll reden ... wir wollen ihn hören ... -ein Wahnwitziger ist er ... seine Träume soll er künden ... -erzähle ... offen ist der Markt ... frei ist Gottes Haus ... +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nein ... er soll reden ... wir wollen ihn hören ... +ein Wahnwitziger ist er ... seine Träume soll er künden ... +erzähle ... offen ist der Markt ... frei ist Gottes Haus ... sprich, Jeremias ...</p> <p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Nicht von des Tempels Schwelle! Nicht vor des -Tempels Gelaß!</p> +Tempels Gelaß!</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Ich bin Gottes Profet und keiner sonst in Israel. -Auf mich sollet ihr hören und nicht die Schwätzer der Gasse. -Weg die Träumer vom Markte!</p> +Auf mich sollet ihr hören und nicht die Schwätzer der Gasse. +Weg die Träumer vom Markte!</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ein Feigling ist er, entlaufen seinen Ängsten.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ein Feigling ist er, entlaufen seinen Ängsten.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er soll reden ... wir wollen ihn hören ... nein, +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er soll reden ... wir wollen ihn hören ... nein, Hananja rede ... Hananja ... er ist vielleicht gesandt vom Herrn -... sprich, Jeremias ... warum ihn nicht hören ... was hat -er geträumt ... in Träumen ist oftmals Verkündung ... laß ihn -reden, Hananja ... man wäge ihre Worte ... sprich, Jeremias ...</p> +... sprich, Jeremias ... warum ihn nicht hören ... was hat +er geträumt ... in Träumen ist oftmals Verkündung ... laß ihn +reden, Hananja ... man wäge ihre Worte ... sprich, Jeremias ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(hat sich emporgeschwungen)</span>:</p><p>Brüder in Israel, Brüder -in Jerusalem, einen Sturm hört ich fahren im Traume wider +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(hat sich emporgeschwungen)</span>:</p><p>Brüder in Israel, Brüder +in Jerusalem, einen Sturm hört ich fahren im Traume wider Zion, und Kriegsvolk wider unsere Mauern, und sie warfen nieder -das Gebälk und stürzten die Zinnen, Flamme saß auf den Dächern<span class="pagenum">37</span> -wie ein rot Tier und fraß leer unsere Hausung. Es war kein -Stein mehr, der stund auf dem andern, und eine Wüstung in den -Gassen; so viel Tote sah ich liegen wie Kehricht, daß das Herz +das Gebälk und stürzten die Zinnen, Flamme saß auf den Dächern<span class="pagenum">37</span> +wie ein rot Tier und fraß leer unsere Hausung. Es war kein +Stein mehr, der stund auf dem andern, und eine Wüstung in den +Gassen; so viel Tote sah ich liegen wie Kehricht, daß das Herz sich mir wandte im Leibe und die Siegel meines Mundes aufbrachen im Schlaf ...</p> @@ -1322,79 +1285,79 @@ im Schlaf ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Hinunter mit ihm!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nein, die Träume wollen wir hören ... was +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nein, die Träume wollen wir hören ... was deuten sie ... ein Irrwitziger ist er ... ein Narr ... fort mit ihm ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Doch da ich wach auffuhr im Schweiße meines -Leibes, ihr Brüder, da spottete ich mein, wie diese meiner -spotten! Denn war nicht Friede im Lande, ihr Brüder, saß die -Stille nicht auf den Mauern und kein Wind rührete sie an? Und -ich ging fort vom Hause und schämete mich meines Ängstens -und ging her zum Markte, daß ich mich freute des Friedens. Da +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Doch da ich wach auffuhr im Schweiße meines +Leibes, ihr Brüder, da spottete ich mein, wie diese meiner +spotten! Denn war nicht Friede im Lande, ihr Brüder, saß die +Stille nicht auf den Mauern und kein Wind rührete sie an? Und +ich ging fort vom Hause und schämete mich meines Ängstens +und ging her zum Markte, daß ich mich freute des Friedens. Da scholl Jauchzen her, und das Herz brach mir ein inwendig, denn -ein Jauchzen war es zum Kriege. Meine Brüder, da ward bitter wie +ein Jauchzen war es zum Kriege. Meine Brüder, da ward bitter wie Galle meine Seele, und das Wort sprang mir zum Munde wider -meinen Willen, denn saget wahrhaft, ihr Brüder: ist Krieg ein so -kostbar Ding, daß ihr ihn lobpreiset? Ist er so gütig, daß ihr ihn -ersehnet, ist er so wohltätig, daß ihr ihn grüßet mit der Brunst -eures Herzens? Ich aber sage dir, Volk von Jerusalem, ein bös -und bissig Tier ist der Krieg, er frißt das Fleisch von den Starken -und saugt das Mark von den Mächtigen, die Städte zermalmt er +meinen Willen, denn saget wahrhaft, ihr Brüder: ist Krieg ein so +kostbar Ding, daß ihr ihn lobpreiset? Ist er so gütig, daß ihr ihn +ersehnet, ist er so wohltätig, daß ihr ihn grüßet mit der Brunst +eures Herzens? Ich aber sage dir, Volk von Jerusalem, ein bös +und bissig Tier ist der Krieg, er frißt das Fleisch von den Starken +und saugt das Mark von den Mächtigen, die Städte zermalmt er in seinen Kinnladen, und mit den Hufen zerstampft er das Land. -Nicht schläfert ihn ein mehr, der ihn weckte, und wer das Schwert -zücket, mag leicht selber darein fallen. Weh darum über den Fürwitz, +Nicht schläfert ihn ein mehr, der ihn weckte, und wer das Schwert +zücket, mag leicht selber darein fallen. Weh darum über den Fürwitz, der Streit anhebt ohne Not, denn auf einem Wege wird er -ausziehn, und auf sieben wird er rückfliehen, weh denen, die Mord -tun am Frieden mit dem Wort! Hüte dich vor ihnen, hüte dich, +ausziehn, und auf sieben wird er rückfliehen, weh denen, die Mord +tun am Frieden mit dem Wort! Hüte dich vor ihnen, hüte dich, Volk von Jerusalem!</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Vor den Feiglingen hüte dich, Volk von Jerusalem, -vor den Gekauften und Verrätern!</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Vor den Feiglingen hüte dich, Volk von Jerusalem, +vor den Gekauften und Verrätern!</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Wo ist seine Verheißung? Wo Gottes Wort? Für<span class="pagenum">38</span> +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Wo ist seine Verheißung? Wo Gottes Wort? Für<span class="pagenum">38</span> Babel spricht er und Bel.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nein ... er redet recht ... viel Wahres ist an -seinem Wort ... lasset ihn ausreden ... die Träume ... was -für Verheißung ... lasset ihn ... auch ihn wollen wir hören ...</p> +seinem Wort ... lasset ihn ausreden ... die Träume ... was +für Verheißung ... lasset ihn ... auch ihn wollen wir hören ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Was wecket ihr auf das reißende Tier mit eurem -Gejauchze, was locket ihr in die Stadt den König von Mitternacht, -was rufet ihr zum Kriege, Männer Jerusalems? Habet ihr -dem Mord eure Söhne gezeuget, und der Schande eure Töchter? +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Was wecket ihr auf das reißende Tier mit eurem +Gejauchze, was locket ihr in die Stadt den König von Mitternacht, +was rufet ihr zum Kriege, Männer Jerusalems? Habet ihr +dem Mord eure Söhne gezeuget, und der Schande eure Töchter? Ward dem Feuer eure Hausung gebaut und dem Prellbock die Mauer? Besinne dich, Israel, halt ein, eh du rennest ins Dunkel, Jerusalem! Ist denn so hart deine Knechtschaft, ist so brennend -dein Leiden? Siehe, siehe um dich: es ist Gottes Sonne über -dem Lande, und eure Weinstöcke blühen in Frieden, es schreiten -beseligt die Bräute mit ihren Erwählten, es spielen einfältig die -Kinder, und sanft glänzet der Mond in Jerusalems Schlaf. Das -Feuer hat seinen Ort und das Wasser seine Stätte, die Speicher -ihre Fülle und Gott sein geräumiges Haus. Sage, Israel, sage, -ist es nicht schön in Zions Mauern, ist es nicht lind in Sarons -Talen, nicht selig an des Jordans blauem Gefäll? Oh, laß es dir +dein Leiden? Siehe, siehe um dich: es ist Gottes Sonne über +dem Lande, und eure Weinstöcke blühen in Frieden, es schreiten +beseligt die Bräute mit ihren Erwählten, es spielen einfältig die +Kinder, und sanft glänzet der Mond in Jerusalems Schlaf. Das +Feuer hat seinen Ort und das Wasser seine Stätte, die Speicher +ihre Fülle und Gott sein geräumiges Haus. Sage, Israel, sage, +ist es nicht schön in Zions Mauern, ist es nicht lind in Sarons +Talen, nicht selig an des Jordans blauem Gefäll? Oh, laß es dir genug sein, friedsam zu wohnen unter Gottes beruhigtem Blick, und halte den Frieden, halte ihn fest in deinen Mauern, Volk von Jerusalem, halte den Frieden!</p> <p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Recht redet er! Heil ihm! Wie Gold ist seine Rede!</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Wie chaldäisch Gold!</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Wie chaldäisch Gold!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... er ist verkauft ... nein, recht redet er ... -Friede ... wir wollen den Frieden ... ein Verräter ist er ... -ein Söldling von Assur ... lasset ihn reden ... nein, Hananja +Friede ... wir wollen den Frieden ... ein Verräter ist er ... +ein Söldling von Assur ... lasset ihn reden ... nein, Hananja redet wahr ... nur Hananja ...</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Fort mit dir, fort! In Samaria rede, wo Knechte sitzen; zu Moab sprich also oder zu den Unbeschnittenen, doch -zu Israel nicht, das Gottes Erstling ist unter den Völkern.</p> +zu Israel nicht, das Gottes Erstling ist unter den Völkern.</p> <p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(auf Jeremias eindringend)</span>:</p><p>Sprich, stehe Rede, hier vor -dem Volke sprich es aus, daß sie es hören: soll dauern unsere -Knechtschaft, sollen wir länger Gold zahlen an Chaldäa? Sprich -Antwort, du Verräter!</p> +dem Volke sprich es aus, daß sie es hören: soll dauern unsere +Knechtschaft, sollen wir länger Gold zahlen an Chaldäa? Sprich +Antwort, du Verräter!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... ja ... antworte ... rede ... sollen wir weiter<span class="pagenum">39</span> zahlen ... antworte.</p> @@ -1404,12 +1367,12 @@ des Goldes zahlen dem Feinde, denn den Zins des Blutes dem Kriege! Besser der Weise sein, denn der Starke, besser Gottes Knecht, denn der Menschen Herr!</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Oh, du Gehorcher und Diener, du Knecht Chaldäas, +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Oh, du Gehorcher und Diener, du Knecht Chaldäas, willst du leugnen Gottes Wort, das heischet den Krieg -wider die Bedrücker, willst du leugnen die Schrift?</p> +wider die Bedrücker, willst du leugnen die Schrift?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Doch es stehet auch geschrieben daselbst: „Wenn -ihr stille bleibet, würde euch geholfen, durch Stillesein und +ihr stille bleibet, würde euch geholfen, durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.“</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja, so ist es geschrieben ... er redet wahr ... ja, @@ -1422,109 +1385,109 @@ ist es, Jerusalem, um deines ewigen Namens willen, ein Gotteskrieg, ein Gotteskrieg!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Abtut Gottes Namen vom Kriege, denn nicht Gott -führet Krieg, sondern die Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig +führet Krieg, sondern die Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das Leben.</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Du lügst! Du lügst! Das Leben ist uns einzig gegeben, -daß wir es hinopfern für Gott und seinen Geist. Ich will +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Du lügst! Du lügst! Das Leben ist uns einzig gegeben, +daß wir es hinopfern für Gott und seinen Geist. Ich will mich opfern auf seinem Altare, ich will sinken vor seinen Feinden, -ich will sterben für Israel und seine Herrschaft auf Erden. Nie +ich will sterben für Israel und seine Herrschaft auf Erden. Nie wird Israel besiegt sein, wenn alle meines Sinnes sind!</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Nie wird es besiegt sein, solang die Sterne vor Gott leuchten, doch in dreien Monden wird Babel in unsere Hand -gegeben sein, so wir ausziehen mit Ägypten.</p> +gegeben sein, so wir ausziehen mit Ägypten.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(jauchzend)</span>:</p><p>In drei Monden ... Heil Hananja ... -höret ihn ... in drei Monden ...</p> +höret ihn ... in drei Monden ...</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Israel wird siegen, gegen tausend und tausend.</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Angst streut er aus, wie sie ihm Gold streuten.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Israel über den Völkern ... auf wider Assur ... -Krieg ... Krieg ... nein, Friede ... Friede über Israel ... -Krieg ... Krieg ... für Assur spricht er ... ein Verräter ...<span class="pagenum">40</span> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Israel über den Völkern ... auf wider Assur ... +Krieg ... Krieg ... nein, Friede ... Friede über Israel ... +Krieg ... Krieg ... für Assur spricht er ... ein Verräter ...<span class="pagenum">40</span> sind die nur wahrhaft, die Krieg schreien?... gekauft ist er ... -übereilet nicht ...</p> +übereilet nicht ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ins Weiberhaus mit dem Feigling! Ins Weiberhaus!</p> -<p><span class="character">EIN WEIB</span> <span class="direction">(Jeremias anspeiend)</span>:</p><p>Schmach wär er für uns! Da -dem Manne, der sich verkriecht und uns schändet! Krieg ... Krieg +<p><span class="character">EIN WEIB</span> <span class="direction">(Jeremias anspeiend)</span>:</p><p>Schmach wär er für uns! Da +dem Manne, der sich verkriecht und uns schändet! Krieg ... Krieg wider Assur!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(in Zorn ausbrechend)</span>:</p><p>Wer bist du, die du so brünstig -bist nach dem Blute? Hast du deine Lenden aufgetan für das -Grab und deine Kinder gesäugt für die Grube? Fluch über den -Mann, der nach Blut schreit, aber siebenmal Fluch über die -Frauen, die brünstig sind nach dem Kriege, denn die Frucht ihres +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(in Zorn ausbrechend)</span>:</p><p>Wer bist du, die du so brünstig +bist nach dem Blute? Hast du deine Lenden aufgetan für das +Grab und deine Kinder gesäugt für die Grube? Fluch über den +Mann, der nach Blut schreit, aber siebenmal Fluch über die +Frauen, die brünstig sind nach dem Kriege, denn die Frucht ihres Leibes wird er fressen, und die Knechte Assurs werden worfeln um sie und um ihr Gewand. Klageweiber werdet ihr sein und mit -den Nägeln zerren an euren Wangen, schrill Heulen wird aus euren -Zähnen brechen, die gespien wider mich und wider den Frieden ...</p> +den Nägeln zerren an euren Wangen, schrill Heulen wird aus euren +Zähnen brechen, die gespien wider mich und wider den Frieden ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(Weiber)</span>:</p><p>Wehe ... wehe ... höret den Fluch ... -unsere Söhne ... wehe ... wehe ... der Furchtbare ... wehe ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(Weiber)</span>:</p><p>Wehe ... wehe ... höret den Fluch ... +unsere Söhne ... wehe ... wehe ... der Furchtbare ... wehe ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Die Frauen schreckst du, du Zagherziger, doch die -Männer nicht. Hinunter mit dir!</p> +Männer nicht. Hinunter mit dir!</p> <p><span class="character">EINIGE KRIEGER</span>:</p><p>Hinunter! Jagt ihn in die Gasse!</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Sperrt ihm den Mund!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Fort ... er verstört die Frauen ... fort ... genug -Unheil gekündet ... kalt ward mein Gebein, da er sprach ... +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Fort ... er verstört die Frauen ... fort ... genug +Unheil gekündet ... kalt ward mein Gebein, da er sprach ... er schweige ... schweige ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich schweige nicht, ich schweige nicht, denn in mir schreit Jerusalem! Jerusalems Mauern stehen in meinem -Herzen, und sie wollen nicht sinken, Israels Lande blühen in -meiner Seele, und ich will sie behüten! Dein eigen Blut schreiet -aus mir, Jerusalem, daß es nicht vergossen werde, dein Same, -daß er nicht versprengt werde, deine Steine, daß sie nicht stürzen, -und dein Name, daß er nicht vergehe! Halte dich fest, du -Schwankende, und birg deine Kinder an dich, höre, Jerusalem, -des Warnenden Stimme höre, meine liebende Angst, meine -ängstende Liebe höre! Höre sie, Zion, du Gottesburg, und +Herzen, und sie wollen nicht sinken, Israels Lande blühen in +meiner Seele, und ich will sie behüten! Dein eigen Blut schreiet +aus mir, Jerusalem, daß es nicht vergossen werde, dein Same, +daß er nicht versprengt werde, deine Steine, daß sie nicht stürzen, +und dein Name, daß er nicht vergehe! Halte dich fest, du +Schwankende, und birg deine Kinder an dich, höre, Jerusalem, +des Warnenden Stimme höre, meine liebende Angst, meine +ängstende Liebe höre! Höre sie, Zion, du Gottesburg, und wahre den Frieden, wahre den Frieden ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(jetzt im vollen Widerstreit)</span>:</p><p><span class="pagenum">41</span>Ja ... Gottes Friede über -Israel ... Verräter ... Gekaufter ... Gottes Friede über uns ... -meine Söhne will ich bewahren ... Krieg ... Krieg wider -Assur ... dem König die Entscheidung ... ein Verräter ... +<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(jetzt im vollen Widerstreit)</span>:</p><p><span class="pagenum">41</span>Ja ... Gottes Friede über +Israel ... Verräter ... Gekaufter ... Gottes Friede über uns ... +meine Söhne will ich bewahren ... Krieg ... Krieg wider +Assur ... dem König die Entscheidung ... ein Verräter ... wir wollen in Frieden leben ... feige ist er ... gekauft ... Krieg ... Friede ... Hananja sagt die Wahrheit ... nein Jeremias ... wir glauben ihm ... recht redet er ... Krieg ... nein ... zerbrechet das Joch ... Krieg ... Friede ...</p> -<p class="direction">(EIN GETÜMMEL erhebt sich in der Richtung des königlichen Palastes, +<p class="direction">(EIN GETÜMMEL erhebt sich in der Richtung des königlichen Palastes, eine Gruppe Menschen kommt mit Abimelech in der Mitte, der schwertlos -aus der Säulenhalle stürzt.)</p> +aus der Säulenhalle stürzt.)</p> <p><span class="character">DIE STIMMEN DER NAHENDEN</span>:</p><p>Verrat ... Verrat ... Verrat in Israel.</p> -<p class="direction">(DIE MENGE läßt ab von dem Streite um Jeremias.)</p> +<p class="direction">(DIE MENGE läßt ab von dem Streite um Jeremias.)</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Was ist geschehen ... Abimelech ... was ist ihm -widerfahren ... vom Könige kommt er ... Abimelech ... +widerfahren ... vom Könige kommt er ... Abimelech ... Zorn schattet seine Brauen ... was ist geschehen.</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span> <span class="direction">(vorne auf den Stufen, neben Jeremias)</span>:</p><p>Verkauft ist -Israel von den Weichlingen, verschachert von den Krämern. +Israel von den Weichlingen, verschachert von den Krämern. Obgesiegt haben Imri und Nachum im Rate, sie sprachen wider -Ägypten, und der König gab ihnen Gehör.</p> +Ägypten, und der König gab ihnen Gehör.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nieder mit Nachum ... Verrat ... Imri der Greis ... -Verräter ... Was ward beschlossen ... was sagte der König ... +Verräter ... Was ward beschlossen ... was sagte der König ... Friede, heil dem Frieden ... Gottes Gericht.</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Sein Herz schwanket, denn er scheuet den Krieg. Er will besinnen und bereden, eh er entscheidet.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ruhm Zedekia, mit Weisheit ist er gegürtet!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ruhm Zedekia, mit Weisheit ist er gegürtet!</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Mit Schwachheit ist er umstellt, das Alter und die Angst sind seine Berater. Ich aber warf hin das Schwert, @@ -1532,230 +1495,230 @@ denn kein Schwert will ich mehr um meine Lenden tragen, solange Zion pflichtig bleibet an Assur. Ich diene seinem Rufe, aber ich diene nicht der Knechtschaft.</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(ekstatisch)</span>:</p><p>Oh, du Herrlicher, du Gotteskämpfer, -heilig dein Schwert, das für Israel flammt!</p> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(ekstatisch)</span>:</p><p>Oh, du Herrlicher, du Gotteskämpfer, +heilig dein Schwert, das für Israel flammt!</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Segen über dich, der du dich nicht verbrüdert den -Käuflingen und Krämern.</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Segen über dich, der du dich nicht verbrüdert den +Käuflingen und Krämern.</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Sollen wir zögern noch? Wes ist die Stunde? Ist<span class="pagenum">42</span> -sie Nachums, des Krämers, und Imres, des Greises, oder deiner, +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Sollen wir zögern noch? Wes ist die Stunde? Ist<span class="pagenum">42</span> +sie Nachums, des Krämers, und Imres, des Greises, oder deiner, Volk von Jerusalem! Gottes Stunde ist gekommen, nimm sie -hin! Auf zum Könige, auf zum Palast, daß er uns höre, daß er -uns sehe. Auf, Jerusalem, hebe deine Stimme, stoß aus den -Atem deines Zorns, tritt hin das Gewürm des Palastes, auf, Israel, +hin! Auf zum Könige, auf zum Palast, daß er uns höre, daß er +uns sehe. Auf, Jerusalem, hebe deine Stimme, stoß aus den +Atem deines Zorns, tritt hin das Gewürm des Palastes, auf, Israel, auf, in den Palast.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Auf! Zum Palast ... Zum Könige ... nieder mit +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Auf! Zum Palast ... Zum Könige ... nieder mit den Greisen ... zum Palast ... zieh mit uns, Abimelech ... auf.</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Zum Könige, daß er dich schaue, Volk von Jerusalem. -Zum Könige und zum Siege! Gott will es! Gott will es!</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Zum Könige, daß er dich schaue, Volk von Jerusalem. +Zum Könige und zum Siege! Gott will es! Gott will es!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Auf ... zum Könige ... zum Palast ... zum Sieg ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Auf ... zum Könige ... zum Palast ... zum Sieg ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(vor den Eingang der Säulenhalle springend)</span>:</p><p>Haltet ein, +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(vor den Eingang der Säulenhalle springend)</span>:</p><p>Haltet ein, haltet Friede, ihr mordet Jerusalem!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Fort ... Raum ... Zum Palast ... Was ruft er ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(das Schwert ziehend)</span>:</p><p>Mein Schwert über den, der jetzt +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(das Schwert ziehend)</span>:</p><p>Mein Schwert über den, der jetzt noch Friede spricht!</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Schlag ihn nieder! Schlag ihn nieder!</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Nieder mit dem Verräter!</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Nieder mit dem Verräter!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Um mich, Freunde Gottes, rettet, rettet Jerusalem!</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Stoß ihn nieder! Er will Aufruhr schaffen!</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Stoß ihn nieder! Er will Aufruhr schaffen!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Um mich, Freunde des Friedens, nicht weichet der Gewalt, rettet, rettet Jerusalem!</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Stopft ihm das Maul. Die Zähne in den Schlund!</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Stopft ihm das Maul. Die Zähne in den Schlund!</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Bei meinem Zorn, weiche vom Markte!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Hier bleibe ich, ich weiche nicht; um den Frieden -kämpfe ich, um Jerusalems Leben! Wahnwitz zurück! Höret, -höret ...</p> +kämpfe ich, um Jerusalems Leben! Wahnwitz zurück! Höret, +höret ...</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(die Stufen hinaufschäumend)</span>:</p><p>Auf ... was zögert +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(die Stufen hinaufschäumend)</span>:</p><p>Auf ... was zögert ihr ... wer wehrt den Eingang ... fort ... zum Palast ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Fort! Zum letztenmal! Frei gib den Weg!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Mit meinem Leibe wider den Krieg, mit meinem -Leben für den Frieden!</p> +Leben für den Frieden!</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Schlag ihn hin! Schlag ihn hin! Es ist Gottestat!</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Zum letztenmal! Den Weg frei zum König! <span class="direction">(Er sucht -ihn zur Seite zu stoßen.)</span></p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Zum letztenmal! Den Weg frei zum König! <span class="direction">(Er sucht +ihn zur Seite zu stoßen.)</span></p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich losreißend mit gewaltiger Stimme)</span>:</p><p>Keinen Schritt<span class="pagenum">43</span> -für die Torheit! Friede! Gottes Friede über Israel!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich losreißend mit gewaltiger Stimme)</span>:</p><p>Keinen Schritt<span class="pagenum">43</span> +für die Torheit! Friede! Gottes Friede über Israel!</p> -<p class="direction">(BARUCH hat das Schwert gezückt und schlägt ihn nieder.)</p> +<p class="direction">(BARUCH hat das Schwert gezückt und schlägt ihn nieder.)</p> -<p class="direction">(JEREMIAS stürzt blutend die Stufen hinab.)</p> +<p class="direction">(JEREMIAS stürzt blutend die Stufen hinab.)</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(in Entsetzen auseinanderstiebend)</span>:</p><p>Mord ... sie haben einen erschlagen ... Mord ... wer ist es ... Jeremias ... sie haben ihn erschlagen ... wehe ... warum Gewalt ... warum -schlägt man den Profeten ... recht getan an den Lügnern ... -zum König ... zum König!</p> +schlägt man den Profeten ... recht getan an den Lügnern ... +zum König ... zum König!</p> <p class="direction">(BARUCH bleibt betroffen stehen, das Schwert schwer in der sinkenden Hand.)</p> -<p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(ekstatisch über alle rufend)</span>:</p><p>Mögen alle Feiglinge so -enden, alle Söldlinge Assurs, alle Knechte Chaldäas! Auf zum -Palast, auf zum Könige. Erlöset Israel, erlöset Jerusalem!</p> +<p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(ekstatisch über alle rufend)</span>:</p><p>Mögen alle Feiglinge so +enden, alle Söldlinge Assurs, alle Knechte Chaldäas! Auf zum +Palast, auf zum Könige. Erlöset Israel, erlöset Jerusalem!</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Tod den Verrätern! Rache an Assur!</p> +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Tod den Verrätern! Rache an Assur!</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Gott hat ihn gefällt!</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Gott hat ihn gefällt!</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Gott hat ihn gefällt! Sein Blitz ist über den Leugner +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Gott hat ihn gefällt! Sein Blitz ist über den Leugner gefahren!</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(nach dem kurzen Erschrecken wieder emporschäumend -und in die Säulenhalle des Palastes flutend)</span>:</p><p>Zum Könige ... Israel -über alle Völker ... Krieg ... Krieg mit Assur ... nieder mit -den Verrätern ... zum Könige ... Gott mit uns ... Gott mit +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(nach dem kurzen Erschrecken wieder emporschäumend +und in die Säulenhalle des Palastes flutend)</span>:</p><p>Zum Könige ... Israel +über alle Völker ... Krieg ... Krieg mit Assur ... nieder mit +den Verrätern ... zum Könige ... Gott mit uns ... Gott mit uns ... nieder mit Assur ... Freiheit ... Freiheit ...</p> -<p class="direction">(DIE MENGE strömt jauchzend in die Halle.)</p> +<p class="direction">(DIE MENGE strömt jauchzend in die Halle.)</p> -<p class="direction">(JEREMIAS ist am Stufenrande ohnmächtig liegen geblieben, ohne daß -einer seiner achtete. Der Sturm der andern flutet über ihn hinweg. Wie -die Woge des Volkes verbrandet, bleibt er zurück wie ein ausgeworfenes -Stück Leben in den Steinen.)</p> +<p class="direction">(JEREMIAS ist am Stufenrande ohnmächtig liegen geblieben, ohne daß +einer seiner achtete. Der Sturm der andern flutet über ihn hinweg. Wie +die Woge des Volkes verbrandet, bleibt er zurück wie ein ausgeworfenes +Stück Leben in den Steinen.)</p> -<p class="direction">(BARUCH, der für einen Augenblick aus seinem Erschrecken von der +<p class="direction">(BARUCH, der für einen Augenblick aus seinem Erschrecken von der Menge mitgerissen war, arbeitet sich wieder aus der Flut heraus. Er tritt -langsam, wie von innerer Macht gezwungen, an den Ohnmächtigen heran, -beugt sich über ihn, betastet seine Stirne und horcht nach seinem Atem.)</p> +langsam, wie von innerer Macht gezwungen, an den Ohnmächtigen heran, +beugt sich über ihn, betastet seine Stirne und horcht nach seinem Atem.)</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Jeremias ... sprich, Jeremias ... wenn noch Leben in dir ist!</p> -<p class="direction">(BARUCH richtet den Betäubten halb auf von den Stufen.)</p> +<p class="direction">(BARUCH richtet den Betäubten halb auf von den Stufen.)</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(mit geschlossenen Augen, aus der Dumpfheit der Sinne)</span>: </p><p>Die feurige Wolke ist gefallen ... es brennt ... es brennt ... -Feuer über der Stadt ... es brennet uns an ... wehe ... +Feuer über der Stadt ... es brennet uns an ... wehe ... wehe ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Halte still, daß ich dir das Blut von den Augen<span class="pagenum">44</span> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Halte still, daß ich dir das Blut von den Augen<span class="pagenum">44</span> wische ... still ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(die Augen aufschlagend)</span>:</p><p>Wo ... wo bin ich ... wer ... wer bist du ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Halte dich still und laß deiner warten ...</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Halte dich still und laß deiner warten ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wer ... wer bist du ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nicht krampfe dich auf, laß das Blut dir stillen ...</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nicht krampfe dich auf, laß das Blut dir stillen ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Lasse mich ... lasse mich ... ich kenne dein -Antlitz ... aus deiner Stimme fuhr Haß wider mich ... deine +Antlitz ... aus deiner Stimme fuhr Haß wider mich ... deine Augen brannten mich an ... ich kenne dich ... warst du es nicht ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich war es, der im Zorne wider dich schlug, doch flach fiel mein Schwert, und lieb ist mir dies, denn wider einen -Waffenlosen hab ich geschlagen. Sühngeld will ich bieten für -dein Blut ... laß es mich stillen ...</p> +Waffenlosen hab ich geschlagen. Sühngeld will ich bieten für +dein Blut ... laß es mich stillen ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Laß es fließen, laß es fließen ... oh, daß einzig das -meine strömte in Jerusalem ... <span class="direction">(sich aufrichtend)</span>: Wo ... wo -sind die andern ... das Volk, wo ... leer die Straße ... der -Markt ... ah ... im Palaste schon ... bei dem König, daß sie +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Laß es fließen, laß es fließen ... oh, daß einzig das +meine strömte in Jerusalem ... <span class="direction">(sich aufrichtend)</span>: Wo ... wo +sind die andern ... das Volk, wo ... leer die Straße ... der +Markt ... ah ... im Palaste schon ... bei dem König, daß sie ihn zwingen ... wo ... wo sind sie ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Beruhige dich ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Fort sind sie ... zu spät ... Fluch über dich, -Fluch über dich, daß du mich fälltest ... daß du brachst meine -Knie ... Oh Mörder mehr, als wenn du mich schlugest ... nicht +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Fort sind sie ... zu spät ... Fluch über dich, +Fluch über dich, daß du mich fälltest ... daß du brachst meine +Knie ... Oh Mörder mehr, als wenn du mich schlugest ... nicht mein Blut hast du gemordet, aller in Israels Blut ... nicht mich -hast du gemordet, aber Zion hast du gebrochen ... Zion zerstört -... den Wächter hast du getötet, und sie wüten im Heiligtum -des Herrn ... auf ... auf ... laß mich ... weg, du Mörder +hast du gemordet, aber Zion hast du gebrochen ... Zion zerstört +... den Wächter hast du getötet, und sie wüten im Heiligtum +des Herrn ... auf ... auf ... laß mich ... weg, du Mörder Israels ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Was willst du?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(fiebrig)</span>:</p><p>Auf ... hilf mir auf ... Du hast mich gefällt, +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(fiebrig)</span>:</p><p>Auf ... hilf mir auf ... Du hast mich gefällt, so hilf mir empor ... auf ... raffe mich hoch ... vielleicht ist es noch Zeit ...</p> <p class="direction">(JAUCHZEN von fern aus dem Palast.)</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(aufschreiend)</span>:</p><p>Ah ... ah ... ihr Jubel ist Tod, ihre -Freude Vernichtung ... zu spät wird es ... ich muß ... ich -muß ... warnen ... auf, um Jerusalems willen ... stütze mich ...<span class="pagenum">45</span> -ich muß zu ihm ... es ruft mich ... es ruft ...</p> +Freude Vernichtung ... zu spät wird es ... ich muß ... ich +muß ... warnen ... auf, um Jerusalems willen ... stütze mich ...<span class="pagenum">45</span> +ich muß zu ihm ... es ruft mich ... es ruft ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(verwirrt)</span>:</p><p>Was willst du? Noch beben deine Knie ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wider Hananja, wider Pashur, wider die Lockvögel -des Krieges, wider das Volk ... hilf mir auf ... ich muß schreien -das Friedenswort, ich muß es gellen in die Ohren der Vertaubten +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wider Hananja, wider Pashur, wider die Lockvögel +des Krieges, wider das Volk ... hilf mir auf ... ich muß schreien +das Friedenswort, ich muß es gellen in die Ohren der Vertaubten ... auf ... auf ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(erstaunt)</span>:</p><p>Noch einmal willst du ... noch einmal -allein wider das Volk ... in deinen Tod stürzest du dich ...</p> +allein wider das Volk ... in deinen Tod stürzest du dich ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Und hätte ich sieben Leben, siebenmal will ich -geben für Jerusalem und Gottes Frieden ... so hilf mir ... -hilf mir für mein vergossen Blut ... noch dunkeln mir die Sinne ... +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Und hätte ich sieben Leben, siebenmal will ich +geben für Jerusalem und Gottes Frieden ... so hilf mir ... +hilf mir für mein vergossen Blut ... noch dunkeln mir die Sinne ... hilf ... es gilt Jerusalem ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(schaudernd)</span>:</p><p>Noch einmal willst du ... noch einmal -allein gegen alle ... mächtig ist die Gewalt, die dich treibt, Jeremias +allein gegen alle ... mächtig ist die Gewalt, die dich treibt, Jeremias ... ich habe dich gesehen unter meinem Schwert, und dein Auge war klar ... Jeremias ... einen Feigen habe ich -dich geschmäht und einen Weichling vor dem Volke ... Doch -ich sehe, daß du stark bist in deinem Willen wider den Tod ... -Jeremias ... ein Gewaltiges kündest du mir ...</p> +dich geschmäht und einen Weichling vor dem Volke ... Doch +ich sehe, daß du stark bist in deinem Willen wider den Tod ... +Jeremias ... ein Gewaltiges kündest du mir ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wenn du mich ehrest, so hilf mir ... auf, stütze -mich, daß ich wider sie schreite ... daß ich rette Zion vor dem +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wenn du mich ehrest, so hilf mir ... auf, stütze +mich, daß ich wider sie schreite ... daß ich rette Zion vor dem Verderben ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(ihn stützend)</span>:</p><p>Ich ... helfe dir ... Jeremias ... wider +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(ihn stützend)</span>:</p><p>Ich ... helfe dir ... Jeremias ... wider meinen Willen und meinen Glauben ... denn Macht ist in dir, -die mich zwingt ... wie heiß dein Auge brennt im Willen ... +die mich zwingt ... wie heiß dein Auge brennt im Willen ... Einen Schwachen und Scheuen vermeinte ich dich, darum stand -ich wider dich, der du schmähtest die Tat und den sanften Frieden +ich wider dich, der du schmähtest die Tat und den sanften Frieden gefordert.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Meinst du, der Frieden sei eine Tat nicht und aller -Taten Tat? Tag um Tag mußt du ihn reißen aus dem Maule -der Lügner und aus dem Herzen der Menschen; als einer mußt -du stehen gegen sie alle, denn immer ist das Lärmen bei den -vielen und die Worte bei der Lüge. Stark müssen die Sanftmütigen +Taten Tat? Tag um Tag mußt du ihn reißen aus dem Maule +der Lügner und aus dem Herzen der Menschen; als einer mußt +du stehen gegen sie alle, denn immer ist das Lärmen bei den +vielen und die Worte bei der Lüge. Stark müssen die Sanftmütigen sein, und die den Frieden wollen, stehen im ewigen -Streit. Oh, ich weiß, daß ich in Fluch gehe und sie Tod wider -mich werfen, aber ich fürchte mich nicht, denn Gottestat muß<span class="pagenum">46</span> -ich tun, und wer Gottestat will, darf nicht ängstig sein vor der -Menschen Haß.</p> +Streit. Oh, ich weiß, daß ich in Fluch gehe und sie Tod wider +mich werfen, aber ich fürchte mich nicht, denn Gottestat muß<span class="pagenum">46</span> +ich tun, und wer Gottestat will, darf nicht ängstig sein vor der +Menschen Haß.</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nicht gehe ... nicht gehe allein ... nichts vermagst du wider sie ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich gehe, ich gehe, daß nicht Wind seien meine -Worte. Denn wer nicht einstehet mit dem Leben für sein Wort, -des Rede ist Rauch und verwehet. Auf ... daß ich ausgieße -meine Gesichte und schreie mein Warnen wider den König ... +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich gehe, ich gehe, daß nicht Wind seien meine +Worte. Denn wer nicht einstehet mit dem Leben für sein Wort, +des Rede ist Rauch und verwehet. Auf ... daß ich ausgieße +meine Gesichte und schreie mein Warnen wider den König ... fort ... hilf mir weiter ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Laß mich ... laß mich mit dir gehen ... daß ich -tue, wie du tuest ... denn ich fühle, ein Großes muß es sein, +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Laß mich ... laß mich mit dir gehen ... daß ich +tue, wie du tuest ... denn ich fühle, ein Großes muß es sein, das du beginnest.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Mit mir willst du gehen ... war denn dein Wille @@ -1774,33 +1737,33 @@ Auge unter meinem Schwert.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Du ... glaubst an mich ... wider die Priester und Profeten, die mich verleugnen, wider Volk und Stadt?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich glaube an dich ... denn ich sah dein Blut für +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich glaube an dich ... denn ich sah dein Blut für dein Wort.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Du glaubest an mich ... eh ich selber kaum glaube -meinen Träumen ... redest du wahr, du Knabe?</p> +meinen Träumen ... redest du wahr, du Knabe?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich glaube an dich, denn ich sehe dich aufrecht wider den Tod. Meinen Willen tu ich in deinen Willen.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(erschüttert)</span>:</p><p>Du glaubst an mich ... Knabe ... wer +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(erschüttert)</span>:</p><p>Du glaubst an mich ... Knabe ... wer bist du? Mein Blut hast du gesprengt aus mir und deinen Willen geworfen in den meinen ... der erste bist du, der mir glaubet ... -und noch weiß ich deinen Namen nicht.</p> +und noch weiß ich deinen Namen nicht.</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Baruch bin ich, der Sohn Sebulons von Gilead.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Du wirst keines Sohn mehr sein, so du mir glaubest, -der Verstoßene wirst du sein, so du mir folgest, der Gehaßte<span class="pagenum">47</span> -und Verbannte, denn in Flammen muß verbrennen, wer leuchten -will im Wort. Hüte dich, Baruch, du Knabe! Mein Blut hast +der Verstoßene wirst du sein, so du mir folgest, der Gehaßte<span class="pagenum">47</span> +und Verbannte, denn in Flammen muß verbrennen, wer leuchten +will im Wort. Hüte dich, Baruch, du Knabe! Mein Blut hast du genommen von mir, soll ich darum das deine schon nehmen? -<span class="direction">(Ihn ergriffen fassend)</span>: Laß sehn deine Augen! Morgendlich noch -leuchtet ihr Stern, soll ich ihn umwölken mit meinen Träumen? -Rein glänzet deine Stirn, soll ich sie furchen mit meinen Sorgen? +<span class="direction">(Ihn ergriffen fassend)</span>: Laß sehn deine Augen! Morgendlich noch +leuchtet ihr Stern, soll ich ihn umwölken mit meinen Träumen? +Rein glänzet deine Stirn, soll ich sie furchen mit meinen Sorgen? Klar runden dir die Lippen sich, soll ich sie bitter machen mit meiner Rede? Nein, Knabe, geh, geh von mir, den Schrecknis -umgürtet, nicht wirf in Lauge dein Herz, weiche von mir um +umgürtet, nicht wirf in Lauge dein Herz, weiche von mir um deines Lebens willen.</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich will mein Leben nicht ... Dein Weg soll mein @@ -1818,10 +1781,10 @@ um Jerusalems willen ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich aufraffend)</span>:</p><p>Um Jerusalems willen! Oh, es bedarf der Helfer in dieser Stunde, das verwirrte ... So komm, -Baruch, du Gezeugter meines Worts, auf, stütze mich, daß wir +Baruch, du Gezeugter meines Worts, auf, stütze mich, daß wir schreiten wider sie. Meine Angst, ich will sie werfen wider den -König, meine Sorge, ich will sie schleudern in ihrer Herzen -Schoß, auf, stütze mich, hilf mir wider sie!</p> +König, meine Sorge, ich will sie schleudern in ihrer Herzen +Schoß, auf, stütze mich, hilf mir wider sie!</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich gehe mit dir ... ich gehe mit dir ...</p> @@ -1836,85 +1799,85 @@ sie ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ihnen entgegen ... raffe mich auf ... noch dunkeln mir die Sinne ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Der König ... der König ist unter ihnen ... er -hält das Schwert nackt in den Händen ... zum Tempel ziehen<span class="pagenum">48</span> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Der König ... der König ist unter ihnen ... er +hält das Schwert nackt in den Händen ... zum Tempel ziehen<span class="pagenum">48</span> sie ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>So raffe mich weiter ... es ist Zeit ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Die Hallen dröhnen von ihrem Gelärme ... Hananja +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Die Hallen dröhnen von ihrem Gelärme ... Hananja tanzt ihnen voraus wie David vor der Lade ... sie haben -obgesiegt ... es ist zu spät ... Weiche von ihnen, birg dich -... es ist zu spät.</p> +obgesiegt ... es ist zu spät ... Weiche von ihnen, birg dich +... es ist zu spät.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Es ist nie zu spät ... laß mich ihnen entgegen.</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Es ist nie zu spät ... laß mich ihnen entgegen.</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Was willst du tun ... mich laß es tun ... ich bin +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Was willst du tun ... mich laß es tun ... ich bin jung und stark.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Das Wort wider sie zücken wie ein Schwert ... -ich will wenden des Königs Herz ... zu ihm muß ich durch ... +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Das Wort wider sie zücken wie ein Schwert ... +ich will wenden des Königs Herz ... zu ihm muß ich durch ... zu ihm ...</p> <p class="direction">(DIE MENGE ist inzwischen unter wilden Rufen und Geschrei, Gesang -und Lärmen aus dem Palaste hervorgeströmt, schäumt die Stufen nieder und -strömt wieder zum Tempel empor. Das ganze Volk flammt in einer einzigen -Ekstase. Alle Schreie von früher sammeln sich.)</p> - -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Heil Zedekia ... Israel über alle Völker ... Krieg -wider Assur ... das Joch ist zerbrochen ... es lebe Ägypten ... -Krieg mit Chaldäa ... Vernichtung Nabukadnezar ... zum -Siege ... zum Siege ... heil dem Bund mit Ägypten ... heil +und Lärmen aus dem Palaste hervorgeströmt, schäumt die Stufen nieder und +strömt wieder zum Tempel empor. Das ganze Volk flammt in einer einzigen +Ekstase. Alle Schreie von früher sammeln sich.)</p> + +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Heil Zedekia ... Israel über alle Völker ... Krieg +wider Assur ... das Joch ist zerbrochen ... es lebe Ägypten ... +Krieg mit Chaldäa ... Vernichtung Nabukadnezar ... zum +Siege ... zum Siege ... heil dem Bund mit Ägypten ... heil Zedekia ... heil Abimelech ... Sieg ... Sieg ...</p> <p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(wie ein Trunkener voraneilend zum Tempel, laut)</span>:</p><p>Auftut -des Tempels Tore! Auftut die Tore! Vor dem Altar beschwört -der König den Bund wider Assur!</p> +des Tempels Tore! Auftut die Tore! Vor dem Altar beschwört +der König den Bund wider Assur!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Heil dem Bunde!... Oh Tag der Verheißung ... +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Heil dem Bunde!... Oh Tag der Verheißung ... oh Ende der Knechtschaft ... Nieder mit Assur ... heil Zedekia -... heil ... Sieg ... Sieg ... Israel über alles ... Gott +... heil ... Sieg ... Sieg ... Israel über alles ... Gott ist mit Israel ...</p> -<p class="direction">(DER KÖNIG ZEDEKIA ist, gefolgt von den ägyptischen Gesandten, aus -dem Palaste geschritten. Er trägt das Schwert bloß in den Händen. Sein -Antlitz ist strenge und ernst, er geht inmitten des Jubels wie gedrückt von +<p class="direction">(DER KÖNIG ZEDEKIA ist, gefolgt von den ägyptischen Gesandten, aus +dem Palaste geschritten. Er trägt das Schwert bloß in den Händen. Sein +Antlitz ist strenge und ernst, er geht inmitten des Jubels wie gedrückt von Gedanken, neigt sich kaum dem allgemeinen Schrei und Zuruf und steigt jetzt mit langsamen Schritten den Tempel hinan.)</p> -<p class="direction">(DIE MENGE drängt ihm nach, lärmend und jubelnd, plötzlich gellt mitten +<p class="direction">(DIE MENGE drängt ihm nach, lärmend und jubelnd, plötzlich gellt mitten aus ihr der Schrei):</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Zedekia! Zedekia! Tu ab das Schwert!</p> -<p class="direction">(DIE MENGE bricht in Tumult aus, die Schreie fallen plötzlich nieder.)<span class="pagenum">49</span></p> +<p class="direction">(DIE MENGE bricht in Tumult aus, die Schreie fallen plötzlich nieder.)<span class="pagenum">49</span></p> -<p class="direction">(DER KÖNIG bleibt stehen auf der Stufe und wendet sich um.)</p> +<p class="direction">(DER KÖNIG bleibt stehen auf der Stufe und wendet sich um.)</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(Stimme sich gewaltig erhebend)</span>:</p><p>Tu ab das Schwert, Zedekia! Du rettest Jerusalem! Friede gib Israel! Gottes Friede!</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(wild aufschäumend durcheinander)</span>:</p><p>Krieg ... Krieg +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(wild aufschäumend durcheinander)</span>:</p><p>Krieg ... Krieg ... Krieg mit Assur ... wer redet ... ein Gekaufter ... nieder -mit den Verrätern ... Krieg ... Krieg ... Schlagt ihn nieder -... Israel über alles ... Krieg ... Krieg ...</p> +mit den Verrätern ... Krieg ... Krieg ... Schlagt ihn nieder +... Israel über alles ... Krieg ... Krieg ...</p> -<p class="direction">(JEREMIAS Schrei ist schnell im aufspringenden Getöse untergegangen, -er selbst fortgedrängt und nur mühsam von Baruch geschützt; die Menge -schäumt und tost fort mit verdoppelter Wucht ihrer ekstatischen Stimmen -zum Könige.)</p> +<p class="direction">(JEREMIAS Schrei ist schnell im aufspringenden Getöse untergegangen, +er selbst fortgedrängt und nur mühsam von Baruch geschützt; die Menge +schäumt und tost fort mit verdoppelter Wucht ihrer ekstatischen Stimmen +zum Könige.)</p> -<p class="direction">(DER KÖNIG ist horchend stehen geblieben und sucht nach dem untergegangenen -Schrei. Er hat das Schwert für einen Augenblick sinken lassen +<p class="direction">(DER KÖNIG ist horchend stehen geblieben und sucht nach dem untergegangenen +Schrei. Er hat das Schwert für einen Augenblick sinken lassen und wendet sich wie nach Hilfe rings um. Um ihn brandet jetzt donnernd der fanatische Ruf des Volkes, die Tore des Tempels werden breit aufgetan. -Er zögert noch einen Augenblick, dann hebt er wieder das Schwert und +Er zögert noch einen Augenblick, dann hebt er wieder das Schwert und schreitet fest und ernst die letzten Stufen empor.)</p> <hr class="l65" /> <h2><small>DAS DRITTE BILD</small><br /> -<a name="DAS_GERUCHT" id="DAS_GERUCHT"></a>DAS GERÜCHT</h2> +<a name="DAS_GERUCHT" id="DAS_GERUCHT"></a>DAS GERÜCHT</h2> <div class="blockquot"><p>„Weil ihr solche Rede treibet, siehe, so will ich meine Worte in deinem Munde @@ -1924,44 +1887,44 @@ und sollen sie verbrennen.“</p></div> <p class="citation"> Jer. <small>IV</small>, 14.</p> <hr class="l65" /> -<p class="direction"><span class="dropcap">D</span>er gleiche Platz vor dem Tempel und dem Königspalast. Auf den Stufen<span class="pagenum">52</span> -sitzen und lagern lässige Bündel von Männern und Frauen. In den -Straßen und in der Halle das gewohnt beständige Auf- und Niedergehen von -Menschen in Geschäften und Gespräch.</p> +<p class="direction"><span class="dropcap">D</span>er gleiche Platz vor dem Tempel und dem Königspalast. Auf den Stufen<span class="pagenum">52</span> +sitzen und lagern lässige Bündel von Männern und Frauen. In den +Straßen und in der Halle das gewohnt beständige Auf- und Niedergehen von +Menschen in Geschäften und Gespräch.</p> -<p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(in der großen Gruppe auf den Stufen)</span>:</p><p>Und ich sage es euch, -es ist gewiß: eine gewaltige Schlacht hat angehoben zwischen +<p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(in der großen Gruppe auf den Stufen)</span>:</p><p>Und ich sage es euch, +es ist gewiß: eine gewaltige Schlacht hat angehoben zwischen Nabukadnezar und Pharao.</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Ja ... auch ich habe es gehört ... ein Bote +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Ja ... auch ich habe es gehört ... ein Bote ist gekommen ...</p> -<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Unablässig kommen Boten in den Palast ... +<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Unablässig kommen Boten in den Palast ... das hat nichts zu bedeuten.</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Aber ich habe ihn gesprochen, ich weiß es -gewiß.</p> +<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Aber ich habe ihn gesprochen, ich weiß es +gewiß.</p> <p><span class="character">DIE STIMME</span>:</p><p>Den Boten hast du gesprochen?</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Nein ... Aphitor, den Schreiber des Königs ... -auch er sagte, eine Schlacht habe begonnen ... eine große +<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Nein ... Aphitor, den Schreiber des Königs ... +auch er sagte, eine Schlacht habe begonnen ... eine große Schlacht ...</p> <p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Eine gewaltige Schlacht, wie nie eine war seit -Menschengedenken, Ägypten gegen Nabukadnezar ...</p> +Menschengedenken, Ägypten gegen Nabukadnezar ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Möge der Himmel ihn zermalmen, den Verfluchten -... Ägypten ist mächtig ... auch von den Unsern sind Streiter -zur Stelle ... sie werden ihn strafen, den Hochmütigen ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Möge der Himmel ihn zermalmen, den Verfluchten +... Ägypten ist mächtig ... auch von den Unsern sind Streiter +zur Stelle ... sie werden ihn strafen, den Hochmütigen ...</p> <p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Er wird ihn zerbrechen, denn Gott ist mit uns.</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Stark ist Ägypten, er wird ihm nicht obkommen.</p> +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Stark ist Ägypten, er wird ihm nicht obkommen.</p> <p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Auch Nabukadnezar ist stark. Sie sagen ...</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Laß sie sagen, die Schwachmütigen! Laß sie +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Laß sie sagen, die Schwachmütigen! Laß sie sagen!</p> <p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Sie sagen, wie ein Heuschreckenschwarm seien @@ -1969,8 +1932,8 @@ seine Krieger!</p> <p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Krieger! Es sind keine Krieger! Klein sind sie von Wuchs wie die Knaben und unkund des Schwerts. Mein -Schwestermann hat ihrer viel gesehen, in den Weiberhäusern -sind sie Männer und nicht auf dem Feld.</p> +Schwestermann hat ihrer viel gesehen, in den Weiberhäusern +sind sie Männer und nicht auf dem Feld.</p> <p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Bei den Knaben liegen sie des Nachts und machen sie zu Weibern.</p> @@ -1983,289 +1946,289 @@ machen sie zu Weibern.</p> lebe Pharao, unser Freund ... es lebe Pharao, der Besieger ... lang lebe Pharao ... er kann nicht an wider ihn ... es lebe Pharao ...</p> -<p><span class="character">ANDERE</span> <span class="direction">(von den Rufen hergelockt, die Gruppe vergrößernd)</span>:</p><p>Was +<p><span class="character">ANDERE</span> <span class="direction">(von den Rufen hergelockt, die Gruppe vergrößernd)</span>:</p><p>Was sagt ihr vom Pharao ... was ists mit Pharao Necho ...</p> -<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Eine große Schlacht schlägt er wider Nabukadnezar ...</p> +<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Eine große Schlacht schlägt er wider Nabukadnezar ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er wird sie besiegen ... wie die Hunde mit geklemmten -Schwänzen werden sie vor ihm laufen ... ja, ich -habe es gehört, ein gewaltig Ringen hat angehoben ... er wird +Schwänzen werden sie vor ihm laufen ... ja, ich +habe es gehört, ein gewaltig Ringen hat angehoben ... er wird sie besiegen ... er wird uns befreien ... es lebe Pharao ... -ewigen Ruhm über Pharao ... eine Tafel des Gedenkens möge +ewigen Ruhm über Pharao ... eine Tafel des Gedenkens möge man ihm graben aus Gold ... es lebe Pharao, der Besieger Assurs.</p> <p><span class="character">NEUE NEUGIERIGE</span> <span class="direction">(herbeieilend)</span>:</p><p>Was ists ... was ist geschehen ...</p> -<p><span class="character">EINER DER JÜNGSTGEKOMMENEN</span>:</p><p>Pharao hat Nabukadnezar +<p><span class="character">EINER DER JÜNGSTGEKOMMENEN</span>:</p><p>Pharao hat Nabukadnezar besiegt.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Heil Pharao Necho ... ist es wahr ... ich muß -heim, meinem Weibe es künden ... heil Pharao Necho ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Heil Pharao Necho ... ist es wahr ... ich muß +heim, meinem Weibe es künden ... heil Pharao Necho ...</p> -<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Aber noch ists nicht gewiß!</p> +<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Aber noch ists nicht gewiß!</p> -<p><span class="character">ANDERE</span>:</p><p>Wieso ist es nicht gewiß ... willst du zweifeln ... +<p><span class="character">ANDERE</span>:</p><p>Wieso ist es nicht gewiß ... willst du zweifeln ... wie kann Baal wider unsern Gott ... Gott ist mit uns ...</p> -<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Ich habe es immer gewußt, Gott wird mit unsern +<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Ich habe es immer gewußt, Gott wird mit unsern Waffen sein. Wo er streitet, ist Sieg ... Keiner kann wider uns ... keiner ...</p> <p><span class="character">EIN ANDERER</span> <span class="direction">(wegeilend, andern entgegenrufend)</span>:</p><p>Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ...</p> -<p class="direction">(DIE MÜSSIGEN des Platzes auf diesen Ruf zur Gruppe hineilend.)</p> +<p class="direction">(DIE MÜSSIGEN des Platzes auf diesen Ruf zur Gruppe hineilend.)</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Sie erzählen von Sieg ... ist es wahr, daß Pharao +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Sie erzählen von Sieg ... ist es wahr, daß Pharao Nabukadnezar geschlagen ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja, es ist wahr ... noch nichts ist gewiß ... ja, es -ist gewiß ... wer sagt es ... alle sagen sie es ... er hat es gehört -... der Schreiber des Königs hat es gesagt ... der König -hat es gesagt ... er hat es selbst gehört vom Könige ... Pharao -möge leben ... es lebe unser Freund ... ein Ende der Knechtschaft -... es lebe Zedekia, der Erlöser des Tempels ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja, es ist wahr ... noch nichts ist gewiß ... ja, es +ist gewiß ... wer sagt es ... alle sagen sie es ... er hat es gehört +... der Schreiber des Königs hat es gesagt ... der König +hat es gesagt ... er hat es selbst gehört vom Könige ... Pharao +möge leben ... es lebe unser Freund ... ein Ende der Knechtschaft +... es lebe Zedekia, der Erlöser des Tempels ...</p> -<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Habe ich es nicht gesagt, eine Schmach war es, daß<span class="pagenum">54</span> -wir Tribut zahlten diesen Übermütigen!</p> +<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Habe ich es nicht gesagt, eine Schmach war es, daß<span class="pagenum">54</span> +wir Tribut zahlten diesen Übermütigen!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Eine Schmach ... nun sollen sie uns bezahlen ... -das Haus Jahves muß erneut werden ... ein neues müssen wir -ihm bauen ... ja, ein neues ... sie müssen es bezahlen zur -Sühne ... Salomos Palast muß erstehen ... Salomos Haus ...</p> +das Haus Jahves muß erneut werden ... ein neues müssen wir +ihm bauen ... ja, ein neues ... sie müssen es bezahlen zur +Sühne ... Salomos Palast muß erstehen ... Salomos Haus ...</p> <p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Was ists? Was ist geschehen?</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wir haben gesiegt ... Pharao hat Nabukadnezar geschlagen ... Sieg ... Sieg ... wir haben gesiegt ...</p> -<p><span class="character">DER MANN</span>:</p><p>Sieg, endlich Sieg, heil Pharao ... ich muß es -verkünden daheim ... sie harren der Kunde ... <span class="direction">(wegeilend)</span> Sieg -... Sieg über Assur.</p> +<p><span class="character">DER MANN</span>:</p><p>Sieg, endlich Sieg, heil Pharao ... ich muß es +verkünden daheim ... sie harren der Kunde ... <span class="direction">(wegeilend)</span> Sieg +... Sieg über Assur.</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(strömt jetzt rauschend zu, sich immer mehr begeisternd -die Rufe werden lauter und lauter)</span>:</p><p>Gottes Gebot war es, daß wir -diesen Krieg begannen ... heil Zedekia ... nun müssen wir sie -alle besiegen ... Israel muß über allen Völkern sein ... ein -Brandopfer auf dem Altar ... danket dem Herrn, daß er unsere +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(strömt jetzt rauschend zu, sich immer mehr begeisternd +die Rufe werden lauter und lauter)</span>:</p><p>Gottes Gebot war es, daß wir +diesen Krieg begannen ... heil Zedekia ... nun müssen wir sie +alle besiegen ... Israel muß über allen Völkern sein ... ein +Brandopfer auf dem Altar ... danket dem Herrn, daß er unsere Feinde geworfen ... ja ... ja ... danket dem Herrn, Halleluja -... Sieg über Assur ... zum Tempel ... zum Könige ... -daß wir mehr doch wüßten, mein Herz verzehrt sich in Ungeduld -... von Gott war diese Erleuchtung über Zedekia ... +... Sieg über Assur ... zum Tempel ... zum Könige ... +daß wir mehr doch wüßten, mein Herz verzehrt sich in Ungeduld +... von Gott war diese Erleuchtung über Zedekia ... Hananja hat es geweissagt ... Ja, Hananja ... Hananja ... -sein war der Ruf ... nun müssen wir wider Babel ... ja, zerbrechen -wir seine Mauern ... die goldenen Geräte muß man -holen ... Sklaven müssen sie werden, unsere Sklaven ... -mein Herz hat gedürstet nach dieser Stunde ...</p> +sein war der Ruf ... nun müssen wir wider Babel ... ja, zerbrechen +wir seine Mauern ... die goldenen Geräte muß man +holen ... Sklaven müssen sie werden, unsere Sklaven ... +mein Herz hat gedürstet nach dieser Stunde ...</p> <p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Ein Bote kommt vom Tore ...</p> -<p><span class="character">ALLE</span> <span class="direction">(wild in die Richtung stürzend)</span>:</p><p>Ein Bote ... ein Bote ... wer +<p><span class="character">ALLE</span> <span class="direction">(wild in die Richtung stürzend)</span>:</p><p>Ein Bote ... ein Bote ... wer hat es gesagt ... vom Blachfeld kommt er ... was ist es ... was bringt er ... er wird uns berichten ... wo ist er ... wo ...</p> -<p class="direction">(EIN BOTE, schweißbedeckt, keuchend vom Lauf, ringt sich durch die Menge.)</p> +<p class="direction">(EIN BOTE, schweißbedeckt, keuchend vom Lauf, ringt sich durch die Menge.)</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Erzähle ... er hat gesiegt ... was ists mit Nabukadnezar +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Erzähle ... er hat gesiegt ... was ists mit Nabukadnezar ... wieviel sind der Toten ...</p> -<p><span class="character">DER BOTE</span>:</p><p>Los ... laßt mich los ... Raum ... an den König +<p><span class="character">DER BOTE</span>:</p><p>Los ... laßt mich los ... Raum ... an den König geht meine Botschaft ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Sei nicht so grob ... ein Wort nur ... ein Wort -... ist er geflohen ... erzähle ... laßt ihn frei ... er muß zum<span class="pagenum">55</span> -Könige ... ein Wort nur ...</p> +... ist er geflohen ... erzähle ... laßt ihn frei ... er muß zum<span class="pagenum">55</span> +Könige ... ein Wort nur ...</p> -<p><span class="character">DER BOTE</span> <span class="direction">(sich ihnen entwindend)</span>:</p><p>Laßt mich frei!... laßt mich -frei ... ihr werdets bald erfahren ... zum König ... ich muß -zum König ... meine Botschaft ist eilig ...</p> +<p><span class="character">DER BOTE</span> <span class="direction">(sich ihnen entwindend)</span>:</p><p>Laßt mich frei!... laßt mich +frei ... ihr werdets bald erfahren ... zum König ... ich muß +zum König ... meine Botschaft ist eilig ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Was hat er gesagt ... was ists ... Die Botschaft sei eilig ... was hat er gesagt ...</p> -<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Er sagte, wir würden es bald erfahren, er eilte zum König.</p> +<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Er sagte, wir würden es bald erfahren, er eilte zum König.</p> <p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Das ist gut.</p> <p><span class="character">EIN DRITTER</span>:</p><p>Warum gut?</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Hätte er nicht gute Botschaft, würde er so +<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Hätte er nicht gute Botschaft, würde er so hastig sein?</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... das ist wahr ... ja ... ja ... mit einem -silbernen Schäkel zahlt ihm der König jedes Wort ... ja ... er -eilt um den Botenlohn ... er verkündet den Sieg ... Sieg ... +silbernen Schäkel zahlt ihm der König jedes Wort ... ja ... er +eilt um den Botenlohn ... er verkündet den Sieg ... Sieg ... Sieg ... gute Nachricht ... Sieg ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(von rückwärts, die den Boten nicht sehen konnten)</span>:</p><p>Sieg -... er verkündet den Sieg ... Der Bote hat den Sieg verkündet +<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(von rückwärts, die den Boten nicht sehen konnten)</span>:</p><p>Sieg +... er verkündet den Sieg ... Der Bote hat den Sieg verkündet ... zerschmettert ist Assur ... Sieg ... Sieg ...</p> -<p><span class="character">EINIGE LEUTE</span> <span class="direction">(neu herbeiströmend)</span>:</p><p>Was ist ... was ists ... +<p><span class="character">EINIGE LEUTE</span> <span class="direction">(neu herbeiströmend)</span>:</p><p>Was ist ... was ists ... was jauchzet ihr ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Sieg ... Sieg ... ein Bote ist gekommen ... er hat Botschaft vom Siege gebracht ... Nabukadnezar ist geschlagen ... ein Sieg ist errungen ... ein gewaltiger Sieg ... -danket Gott ... Halleluja ... nun ist es gewiß ... Sieg ... +danket Gott ... Halleluja ... nun ist es gewiß ... Sieg ... Sieg ...</p> -<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Ein gewaltiger Sieg muß es sein.</p> +<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Ein gewaltiger Sieg muß es sein.</p> -<p><span class="character">EIN ZWEITER</span>:</p><p>Sonst hätte er nicht so verborgen getan.</p> +<p><span class="character">EIN ZWEITER</span>:</p><p>Sonst hätte er nicht so verborgen getan.</p> <p><span class="character">EIN DRITTER</span>:</p><p>Man spart uns die Kunde.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... ein gewaltiger Sieg ... bald werden wir es -hören ... Tausende müssen gefallen sein ... vielleicht Nabukadnezar -selbst ... Tausende ... Zehntausende müssen es sein +hören ... Tausende müssen gefallen sein ... vielleicht Nabukadnezar +selbst ... Tausende ... Zehntausende müssen es sein ... ich habe es immer gesagt ... heil Zedekia ... ein weiser -König ist er ... Salomo ...</p> +König ist er ... Salomo ...</p> -<p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(sich durchdrängend)</span>:</p><p>Ist es wahr ... Nabukadnezar ist +<p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(sich durchdrängend)</span>:</p><p>Ist es wahr ... Nabukadnezar ist gefallen ... sie sagen es in allen Gassen ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... tot ist der Bedrücker ... nein ... es ist<span class="pagenum">56</span> -noch nicht gewiß ... ja ... er hat es gesagt ... der Bote ... +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... tot ist der Bedrücker ... nein ... es ist<span class="pagenum">56</span> +noch nicht gewiß ... ja ... er hat es gesagt ... der Bote ... inmitten seines Zeltes haben sie ihn geschlagen ... Zehntausende mit ihm ... lobpreiset Gott ... ja ... ja ... lobpreiset Gott ... -danket dem Herrn ... der Bedrücker ist gefallen ... Halleluja ...</p> +danket dem Herrn ... der Bedrücker ist gefallen ... Halleluja ...</p> -<p><span class="character">EIN ÄLTERER MANN</span>:</p><p>Aber er sagte doch nur, der Bote ...</p> +<p><span class="character">EIN ÄLTERER MANN</span>:</p><p>Aber er sagte doch nur, der Bote ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Sieg hat er gekündet, was zweifelst du noch ... -ausrotten soll man diese Kleinmütigen ... ich hab es gehört ... -ich auch ... ich auch ... er sagte, daß sie Nabukadnezar schlugen +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Sieg hat er gekündet, was zweifelst du noch ... +ausrotten soll man diese Kleinmütigen ... ich hab es gehört ... +ich auch ... ich auch ... er sagte, daß sie Nabukadnezar schlugen ... inmitten seines Zeltes, sagte er ... nein, das hat er nicht -gesagt ... ja ... nein... aber Sieg hat er gekündet ... frei +gesagt ... ja ... nein... aber Sieg hat er gekündet ... frei ist Israel ... frei ...</p> -<p><span class="character">DER ÄLTERE MANN</span>:</p><p>Aber ich stand doch neben ihm und -hörte ...</p> +<p><span class="character">DER ÄLTERE MANN</span>:</p><p>Aber ich stand doch neben ihm und +hörte ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Taub ist dein Herz und deine Ohren, totschlagen -soll man diese Würger der Freude ... kommt, legt Festkleider -an ... fort mit dir, du Schwätzer ...</p> +soll man diese Würger der Freude ... kommt, legt Festkleider +an ... fort mit dir, du Schwätzer ...</p> -<p class="direction">(EINE NEUE GRUPPE strömt aus der Gasse.)</p> +<p class="direction">(EINE NEUE GRUPPE strömt aus der Gasse.)</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Sieg ... Sieg, Nabukadnezar ist gefallen ... habt -ihr es auch gehört ... durch die ganze Stadt ... ein Bote ist +ihr es auch gehört ... durch die ganze Stadt ... ein Bote ist gekommen und hat es berichtet ... ja, hier ... hier hat er es -erzählt ... längst wissen wir es schon ... länger als ihr ... +erzählt ... längst wissen wir es schon ... länger als ihr ... uns hat er es zuerst berichtet ... nein ... uns ... uns ... wir -wußten es als erste!...</p> +wußten es als erste!...</p> -<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Hananja hat es verkündet als erster, der Seher, der -Profet. Oh, wie weise waren wir, daß wir auf ihn hörten und +<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Hananja hat es verkündet als erster, der Seher, der +Profet. Oh, wie weise waren wir, daß wir auf ihn hörten und nicht die Verzagten, die flennten und greinten, der Tempel -werde stürzen ...</p> +werde stürzen ...</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Assur würde Zion besiegen ...</p> +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Assur würde Zion besiegen ...</p> -<p><span class="character">EIN DRITTER</span>:</p><p>Unsere Jungfrauen geschwächt werden von -den Chaldäern.</p> +<p><span class="character">EIN DRITTER</span>:</p><p>Unsere Jungfrauen geschwächt werden von +den Chaldäern.</p> -<p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Zum Tempel! Zum Tempel! Wir müssen Gott +<p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Zum Tempel! Zum Tempel! Wir müssen Gott danken und Hananja, seinem Profeten!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... ja ... nein, wir wollen warten ... Freude -und Ungeduld zehrt unser Herz ... der König wird erscheinen +und Ungeduld zehrt unser Herz ... der König wird erscheinen ... ja ... ja ... wer hat es gesagt ... immer erscheinen die -Könige nach dem Siege ... er wird in den Tempel gehen ...<span class="pagenum">57</span> -er zuerst muß Dankopfer spenden, nicht uns ziemt es ... ja ... -ja ... bleiben wir ... aber Zimbeln und Pauken laßt uns rüsten +Könige nach dem Siege ... er wird in den Tempel gehen ...<span class="pagenum">57</span> +er zuerst muß Dankopfer spenden, nicht uns ziemt es ... ja ... +ja ... bleiben wir ... aber Zimbeln und Pauken laßt uns rüsten zum Siege ... wie David hinter der Lade wollen wir tanzen ... -oh, Gott ward wieder gütig Jerusalem ... den Reigen rüstet ... -den Reigen ... die Frauen holt alle ... die Bläser und die Lautenschläger -... ja ... ja ... tuen wir also ... allen erzählet vom Siege -... ein Fest lasset uns rüsten, ein Fest dem König der Könige +oh, Gott ward wieder gütig Jerusalem ... den Reigen rüstet ... +den Reigen ... die Frauen holt alle ... die Bläser und die Lautenschläger +... ja ... ja ... tuen wir also ... allen erzählet vom Siege +... ein Fest lasset uns rüsten, ein Fest dem König der Könige .. ja, wir gehen ... ich bleibe ...</p> <p class="direction">(DIE MENGE wogt freudig wie ein aufgeregter Strom hin und wider, -Gruppen bilden und lösen sich in Erwartung und Ungeduld.)</p> +Gruppen bilden und lösen sich in Erwartung und Ungeduld.)</p> -<p class="direction">(JEREMIAS und BARUCH kommen aus einer Nebenstraße gegangen, um +<p class="direction">(JEREMIAS und BARUCH kommen aus einer Nebenstraße gegangen, um ihren Weg weiter durch die Menge zu verfolgen.)</p> <p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(lachend)</span>:</p><p>Da ... da kommt er ... da seht hin ... Jeremias ...</p> -<p><span class="character">ANDERE</span> <span class="direction">(übermütig)</span>:</p><p>Gegrüßt, du Verkünder!... der Profet -kommt, lasset uns grüßen den Zerstörer Jerusalems ... da ist er, -der Schwätzer der Gasse ... kommt ... kommt mit ...</p> +<p><span class="character">ANDERE</span> <span class="direction">(übermütig)</span>:</p><p>Gegrüßt, du Verkünder!... der Profet +kommt, lasset uns grüßen den Zerstörer Jerusalems ... da ist er, +der Schwätzer der Gasse ... kommt ... kommt mit ...</p> <p class="direction">(EINIGE DER LEUTE umringen Jeremias und Baruch, hindern sie, ihren -Weg fortzusetzen, indem sie sich spöttisch vor ihnen verneigen.)</p> +Weg fortzusetzen, indem sie sich spöttisch vor ihnen verneigen.)</p> -<p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(sich tief verneigend)</span>:</p><p>Gegrüßt du, Gesalbter des Herrn!</p> +<p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(sich tief verneigend)</span>:</p><p>Gegrüßt du, Gesalbter des Herrn!</p> -<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Gegrüßt du, Elia ... heil dir, du Verkünder -... Gruß dir, du Starkmutiger ... heil Jeremias, dem Profeten!</p> +<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Gegrüßt du, Elia ... heil dir, du Verkünder +... Gruß dir, du Starkmutiger ... heil Jeremias, dem Profeten!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(stehen bleibend, finster)</span>:</p><p>Was heischt ihr von mir?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(an ihm drängend)</span>:</p><p>Nicht sprich mit ihnen, nicht rede -mit ihnen. Spott ist auf ihren Lippen und Verhöhnung in ihrem +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(an ihm drängend)</span>:</p><p>Nicht sprich mit ihnen, nicht rede +mit ihnen. Spott ist auf ihren Lippen und Verhöhnung in ihrem Blick.</p> -<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Weisheit wollen wir von dir und Verkündigung!</p> +<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Weisheit wollen wir von dir und Verkündigung!</p> <p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Wir wollen dich fragen, ob unsere Jungfrauen -Jungfrauen bleiben dürfen.</p> +Jungfrauen bleiben dürfen.</p> -<p><span class="character">DER DRITTE</span>:</p><p>Wir wollen dich bitten, daß du dich geduldest +<p><span class="character">DER DRITTE</span>:</p><p>Wir wollen dich bitten, daß du dich geduldest und lassest weiter ragen die Mauern Jerusalems.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(hart)</span>:</p><p>Was wollt ihr von mir! Nicht ists zu Scherzen -Zeit, da Blut fließt und Krieg hängt über Israel.</p> +Zeit, da Blut fließt und Krieg hängt über Israel.</p> -<p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Vorbei ist der Krieg, nun dürfen wir wieder +<p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Vorbei ist der Krieg, nun dürfen wir wieder scherzen!</p> <p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Und am Bart fassen die Weisen und an ihrer<span class="pagenum">58</span> -Torheit die Schwätzer.</p> +Torheit die Schwätzer.</p> -<p><span class="character">DER DRITTE</span>:</p><p>Wo ist er, dein König von Mitternacht, wo ist -er, du Verkünder?</p> +<p><span class="character">DER DRITTE</span>:</p><p>Wo ist er, dein König von Mitternacht, wo ist +er, du Verkünder?</p> <p><span class="character">DER VIERTE</span>:</p><p>Wo sind ihre Sklaven, wo sind ihre Rosse?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Was wirrt euch die Sinne? Seid ihr rasend geworden? -Wie sagt ihr? Vorbei schon der Krieg, kaum daß er +Wie sagt ihr? Vorbei schon der Krieg, kaum daß er begonnen?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nicht rede mit ihnen, nicht rede mit ihnen! Zum Spott wird, wer mit Rasenden spricht!</p> -<p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Er weiß es noch nicht! Er weiß es noch nicht, +<p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Er weiß es noch nicht! Er weiß es noch nicht, der Profet!</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Ei, seht! Er weiß nicht, was gestern war, und -will künden, was morgen geschieht.</p> +<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Ei, seht! Er weiß nicht, was gestern war, und +will künden, was morgen geschieht.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Was weiß ich noch nicht? Was ists, das euch so -froh macht, ihr Witzlinge! Ein Arges wohl muß es sein.</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Was weiß ich noch nicht? Was ists, das euch so +froh macht, ihr Witzlinge! Ein Arges wohl muß es sein.</p> -<p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Ein Arges nennt ers. Ein Arges fürwahr deinen -Wünschen!</p> +<p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Ein Arges nennt ers. Ein Arges fürwahr deinen +Wünschen!</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Dein König ist gefallen, erstickt ist er in seinem +<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Dein König ist gefallen, erstickt ist er in seinem Blut!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nabukadnezar ist gefallen? Assur geschlagen?</p> -<p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Ja, du Allweiser. Hananjas Wort hat sich bewährt.</p> +<p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Ja, du Allweiser. Hananjas Wort hat sich bewährt.</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Zerreiß dein Gewand und scher dir den Bart. +<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Zerreiß dein Gewand und scher dir den Bart. Israel hat gesiegt.</p> <p><span class="character">DER DRITTE</span>:</p><p>Grab dich ein, du Profet, und verschneide -deine Zunge. Tot ist Nabukadnezar, ewig währet Jerusalem.</p> +deine Zunge. Tot ist Nabukadnezar, ewig währet Jerusalem.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(erschüttert)</span>:</p><p>Tot wäre Nabukadnezar? Ist es wahr, -ist es gewiß auch? Sprecht ... treibt nicht Scherz mit so Gewaltigem!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(erschüttert)</span>:</p><p>Tot wäre Nabukadnezar? Ist es wahr, +ist es gewiß auch? Sprecht ... treibt nicht Scherz mit so Gewaltigem!</p> <p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Er zweifelt noch! Weine, weine, Profet!</p> @@ -2274,140 +2237,140 @@ zerschlagen seine Wagen, zerjagt seine Krieger. Gerettet, gerettet ist Israel!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ist einen Augenblick starr geblieben. Dann spreitet er die Arme -wie in höchster Freude von seiner aufatmenden Brust. Plötzlich läßt er sie +wie in höchster Freude von seiner aufatmenden Brust. Plötzlich läßt er sie sinken, und es quillt ihm fast jubelnd von den Lippen)</span>:</p><p>Gebenedeit sei -Gott! Oh, Dank, du Allgütiger, daß du zuschanden machtest<span class="pagenum">59</span> -meine Träume, daß du bewahrtest Jerusalem! Besser ich ein +Gott! Oh, Dank, du Allgütiger, daß du zuschanden machtest<span class="pagenum">59</span> +meine Träume, daß du bewahrtest Jerusalem! Besser ich ein Narr meines Wahns, als die Stadt die Beute der Feinde! Gesegnet seiest du, Gott, gesegnet!</p> <p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Ja, du Allweiser, Gott ist milder als du, er liebt uns und erquickt unser Herz.</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Was wirst du nun uns verkünden? In welchen +<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Was wirst du nun uns verkünden? In welchen Winkel wirst du kriechen, du Maulwurf? Wen wirst du jetzt noch verwirren, du Verwirrter?</p> -<p><span class="character">DER DRITTE</span>:</p><p>Wen nunab betrügen, du Betrüger?</p> +<p><span class="character">DER DRITTE</span>:</p><p>Wen nunab betrügen, du Betrüger?</p> -<p><span class="character">DER VIERTE</span> <span class="direction">(mit gespielter Entrüstung)</span>:</p><p>Oh, wie sprecht ihr arg -mit dem Boten des Herrn? Oh, lasset uns küssen sein Gewand, -lasset uns ehren sein Geträume!</p> +<p><span class="character">DER VIERTE</span> <span class="direction">(mit gespielter Entrüstung)</span>:</p><p>Oh, wie sprecht ihr arg +mit dem Boten des Herrn? Oh, lasset uns küssen sein Gewand, +lasset uns ehren sein Geträume!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(durcheinander lachend)</span>:</p><p>Ja, erzähle uns, Elia ... belehre -uns wieder, du Allweiser ... beglückt, der dir vertrauet -... auch dein Knabe ... beschläfst du ihn mit Weisheit ... -wo hast du dies Hühnchen gefunden, das gackert hinter dir ... -oh, erzähle uns, Jeremias ... Unheil verkünde uns, viel Unheil, +<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(durcheinander lachend)</span>:</p><p>Ja, erzähle uns, Elia ... belehre +uns wieder, du Allweiser ... beglückt, der dir vertrauet +... auch dein Knabe ... beschläfst du ihn mit Weisheit ... +wo hast du dies Hühnchen gefunden, das gackert hinter dir ... +oh, erzähle uns, Jeremias ... Unheil verkünde uns, viel Unheil, Jeremia ... Berge von Unheil ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(plötzlich ausbrechend)</span>:</p><p>Ein Wunder ist über dich gekommen, +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(plötzlich ausbrechend)</span>:</p><p>Ein Wunder ist über dich gekommen, du feiles Volk von Jerusalem, ein Wunder, das dich -erlöst vom Tode, und statt fürchtig zu werden daran, spottest -du im Überwitz! Eine Stunde kaum ist es, und ihr waret im +erlöst vom Tode, und statt fürchtig zu werden daran, spottest +du im Überwitz! Eine Stunde kaum ist es, und ihr waret im Rachen der Angst; noch wanken die Knie eurer Seelen, noch beben die Herzen eurer Herzen, und schon belfert wieder euer -Mund. Weh euch, daß euer erster Schrei, seit der Strick riß -eurer Kehle, Hohn war und Überheben!</p> +Mund. Weh euch, daß euer erster Schrei, seit der Strick riß +eurer Kehle, Hohn war und Überheben!</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(sich an ihn drängend)</span>:</p><p>Nicht sprich zu ihnen. Töricht, +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(sich an ihn drängend)</span>:</p><p>Nicht sprich zu ihnen. Töricht, wer zu Toren spricht!</p> <p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Ja, Spott werfe ich wie Kot auf dich, denn auf das Herz warfst du uns Angst, da wir uns aufrafften zum Kampfe.</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Jetzt möchtest du, daß wir schwiegen, aber +<p><span class="character">DER ZWEITE</span>:</p><p>Jetzt möchtest du, daß wir schwiegen, aber unser ist jetzt das Reden, an dir jetzt das Schweigen.</p> -<p><span class="character">DER DRITTE</span>:</p><p>Nicht hören willst du's, aber mach dir taub +<p><span class="character">DER DRITTE</span>:</p><p>Nicht hören willst du's, aber mach dir taub wie die Eule dein Ohr, ich schrei dirs hinein aus meiner Freude: „Wir haben gesiegt, wir haben gesiegt!“</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(einen anfassend)</span>:</p><p>Wo hast du gesiegt, erzähle hier!<span class="pagenum">60</span> -Wen hast du geschlagen, du, der du dich brüstest? Ich seh +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(einen anfassend)</span>:</p><p>Wo hast du gesiegt, erzähle hier!<span class="pagenum">60</span> +Wen hast du geschlagen, du, der du dich brüstest? Ich seh kein Blut an deinem Schwert, und du, deine Narbe zeig her, die du empfingest im Streit! Auf dem Markte seid ihr gesessen allesamt und bei euren Weibern gelegen. Was hurt ihr mit der -Ägypter Sieg, was buhlt ihr mit fremder Tat? Beugt die Knie -und bläht eure Hälse nicht: denn nicht ihr habt gesiegt.</p> +Ägypter Sieg, was buhlt ihr mit fremder Tat? Beugt die Knie +und bläht eure Hälse nicht: denn nicht ihr habt gesiegt.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ägyptens Sieg ist Israels Sieg ... wir sind Israel +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ägyptens Sieg ist Israels Sieg ... wir sind Israel ... auch der Unsern waren dabei ... wir haben gesiegt, weil -Israel befreit ist ... es ist das gleiche ... er will uns nur höhnen -... seine Wut seht, daß wir siegten ...</p> +Israel befreit ist ... es ist das gleiche ... er will uns nur höhnen +... seine Wut seht, daß wir siegten ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Aber nicht du und nicht du und nicht du, der -jetzt die Backen bläht, nicht ihr, die ihr euch mästet mit fremder -Tat! Sie haben gesiegt, die Krieger, nicht ihr! Demütig sind +jetzt die Backen bläht, nicht ihr, die ihr euch mästet mit fremder +Tat! Sie haben gesiegt, die Krieger, nicht ihr! Demütig sind sie hingegangen, Tod zu senden und Tod zu leiden, mit krummen -Rücken unter der Waffen Wucht sind sie gekeucht, und der Tod -warf sich über sie und drückte ins Knie die Geschwächten. Wo +Rücken unter der Waffen Wucht sind sie gekeucht, und der Tod +warf sich über sie und drückte ins Knie die Geschwächten. Wo sie ackerten mit ihrem nackten Gebein, wollt ihr Stolz ernten, -aus ihrem Blute tränken euren Frechsinn, ihr verlassen Volk! -Weh, daß sie siegten für euch und euren stinkenden Stolz!</p> +aus ihrem Blute tränken euren Frechsinn, ihr verlassen Volk! +Weh, daß sie siegten für euch und euren stinkenden Stolz!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Weh, daß sie siegten – habt ihr gehört?... er ist -toll ... Ihn lüstet nach Nabukadnezar ... er trauert um Assur -... weh, daß sie siegten ... er heulet um Jerusalems Fall ... +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Weh, daß sie siegten – habt ihr gehört?... er ist +toll ... Ihn lüstet nach Nabukadnezar ... er trauert um Assur +... weh, daß sie siegten ... er heulet um Jerusalems Fall ... Ohrenschmaus ist sein Zorn ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Weh, daß sie siegten, sage ich, weh, daß sie siegten, +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Weh, daß sie siegten, sage ich, weh, daß sie siegten, denn zum Narren gemacht hat euch der Sieg, und den Narren -ist böses Ende. Da Josuas Schwert die Feinde zerschlug, schwieg +ist böses Ende. Da Josuas Schwert die Feinde zerschlug, schwieg sein Mund, er brach hin vor dem Altar und dankete Gott. Hin -beugte er sich in Stille, von Schweigen und Demut glänzte sein -Herz, seine Seele tönte an Gott, und war doch ein Kriegsherr +beugte er sich in Stille, von Schweigen und Demut glänzte sein +Herz, seine Seele tönte an Gott, und war doch ein Kriegsherr wie keiner der euren. Ihr aber, denen Sieg auf den Scheitel fiel wie Regen vom Himmel, wem habt ihr gedanket, wem geopfert -aus des Herzens Stille? Mit Hochmut habt ihr euren Wanst gefüllt, +aus des Herzens Stille? Mit Hochmut habt ihr euren Wanst gefüllt, mit Stolz habt ihr euch trunken gemacht, bis ihr taumelig -wart; freche Worte rülpst ihr heraus und speit Unreines vor -wie die Schlange ihr Gift. Wahrlich, wert seid ihr, gezüchtigt -zu werden, und so groß Gottes Langmut ist, an eurer Hurenstirn<span class="pagenum">61</span> -muß sie zerbrechen!</p> +wart; freche Worte rülpst ihr heraus und speit Unreines vor +wie die Schlange ihr Gift. Wahrlich, wert seid ihr, gezüchtigt +zu werden, und so groß Gottes Langmut ist, an eurer Hurenstirn<span class="pagenum">61</span> +muß sie zerbrechen!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Kommt ... kommt her ... hört den Profeten ... -zerreißt die Kleider, denn wir haben gesiegt ... streut die Asche +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Kommt ... kommt her ... hört den Profeten ... +zerreißt die Kleider, denn wir haben gesiegt ... streut die Asche aufs Haupt, denn Nabukadnezar ist gefallen ... heulet, heulet, ihr -Kinder Israels, denn Zion ward erlöset ... trauert, ihr Gerechten, +Kinder Israels, denn Zion ward erlöset ... trauert, ihr Gerechten, denn Gott schenkte uns den Sieg ... Oh, Weisheit, oh, Jeremias!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(immer mehr entbrennend)</span>:</p><p>Wahrlich, du Volk, unter euch sein, ist unter Skorpionen sein; aber ich sage euch, ihr -Frechen, euer Lachen wird kürzer dauern denn die Blüte des +Frechen, euer Lachen wird kürzer dauern denn die Blüte des Weinstocks! Gott hat euch begnadet, er hat noch einmal errettet Jerusalem, aber nicht um eures Lachens, sondern um der Demut -willen! Nicht wollet ihr seiner gewahr werden in der Güte, wohlan, +willen! Nicht wollet ihr seiner gewahr werden in der Güte, wohlan, ihr Verworfenen, bald werdet ihr ihn erkennen in seinem Zorne! -Wie einen Vorhang wird er das Lachen zerreißen in eurem Gesicht, +Wie einen Vorhang wird er das Lachen zerreißen in eurem Gesicht, und wie Stein werden eure Augen dann starren im Schrecken! -Rücklings wird fallen eure Freude, denn nahe ist die Stunde der -Sühne dir, Jerusalem, Furchtbares ist dir bereitet ...</p> +Rücklings wird fallen eure Freude, denn nahe ist die Stunde der +Sühne dir, Jerusalem, Furchtbares ist dir bereitet ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Es werden stürzen die Mauern ... es werden weinen +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Es werden stürzen die Mauern ... es werden weinen die Jungfrauen ... wir kennen es schon ... Zion wird sinken ... oh, Jeremias, du Weisheit des Narren ... wie unsere Freude -ihn brennet ... hört ihr wanken die Mauern?...</p> +ihn brennet ... hört ihr wanken die Mauern?...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Höhnt ihr den Warner? So hat Sodom gelachet, +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Höhnt ihr den Warner? So hat Sodom gelachet, wie ihr lachet, und Gomorra gespottet, denn auch Sodom hat -Gott verschonet zu zweien Malen! Aber schon ist der Rächer -gerüstet, der euren stinkenden Stolz wegfeget, schon das Schwert -gezückt, das eure Frechheit zerhauet; der Bote, schon eilt er +Gott verschonet zu zweien Malen! Aber schon ist der Rächer +gerüstet, der euren stinkenden Stolz wegfeget, schon das Schwert +gezückt, das eure Frechheit zerhauet; der Bote, schon eilt er heran, euch Jammer zu bringen, er eilt, er eilt, schon hasten -seine Schritte gen Jerusalem, daß sie euch verstören! Schon +seine Schritte gen Jerusalem, daß sie euch verstören! Schon naht er, der Bote der Schrecknis, schon naht er, der Bote des -Entsetzens, daß seine Worte wie Hämmer auf euch fallen, schon +Entsetzens, daß seine Worte wie Hämmer auf euch fallen, schon naht der Bote ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Geh heim, Jeremias ... friß dich satt an deiner -Galle und spei nicht auf unsere Freude ... nein, hört ihn, er -erheitert das Herz ... sprich weiter ... spei dich aus, du Verkünder ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Geh heim, Jeremias ... friß dich satt an deiner +Galle und spei nicht auf unsere Freude ... nein, hört ihn, er +erheitert das Herz ... sprich weiter ... spei dich aus, du Verkünder ...</p> -<p><span class="character">EINE STIMME</span> <span class="direction">(von rückwärts)</span>:</p><p>Ein Bote ... von Moria kommt er ...<span class="pagenum">62</span></p> +<p><span class="character">EINE STIMME</span> <span class="direction">(von rückwärts)</span>:</p><p>Ein Bote ... von Moria kommt er ...<span class="pagenum">62</span></p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(sich verlaufend, in die Richtung stürzend)</span>:</p><p>Ein Bote ... -wo ist er ... er bringt Nachricht vom Siege ... führt ihn her +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(sich verlaufend, in die Richtung stürzend)</span>:</p><p>Ein Bote ... +wo ist er ... er bringt Nachricht vom Siege ... führt ihn her ... vom Siege bringt er Kunde ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(erbebend im Schrecken)</span>:</p><p>Der Bote ... der Bote ...</p> @@ -2415,180 +2378,180 @@ wo ist er ... er bringt Nachricht vom Siege ... führt ihn her <p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Vom Tore kommt er gelaufen ... wie ein Trunkener wankt er von seiner Schnelle ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wo ist er ... hieher ... hieher ... was ist ... erzähle +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wo ist er ... hieher ... hieher ... was ist ... erzähle ... wann fiel er ... hieher ... hieher ...</p> -<p class="direction">(DIE MENGE umstürmt den Boten, der eilig vorwärts will und vor Erschöpfung +<p class="direction">(DIE MENGE umstürmt den Boten, der eilig vorwärts will und vor Erschöpfung keucht.)</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Heil dir, Siegbringer ... gegrüßt ... gegrüßt ... -erzähle ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Heil dir, Siegbringer ... gegrüßt ... gegrüßt ... +erzähle ...</p> -<p><span class="character">DER BOTE</span> <span class="direction">(mit letzter Stimme, sich fortkämpfend)</span>:</p><p>Den Weg frei ... -ich ... zum König ... ich ... ich muß ...</p> +<p><span class="character">DER BOTE</span> <span class="direction">(mit letzter Stimme, sich fortkämpfend)</span>:</p><p>Den Weg frei ... +ich ... zum König ... ich ... ich muß ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ein Wort nur ... wie fiel Nabukadnezar ...</p> <p><span class="character">DER BOTE</span>:</p><p>Ist Irrwitz unter euch gefahren ... was ist so -viel Jubel in Jerusalem ... rüstet euch, rüstet euch ... laßt -mich ... zum König ...</p> +viel Jubel in Jerusalem ... rüstet euch, rüstet euch ... laßt +mich ... zum König ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Was ist geschehen ... ist Nabukadnezar denn nicht -tot ... Pharao hat ihn zerschlagen ... was sollen wir rüsten ...</p> +tot ... Pharao hat ihn zerschlagen ... was sollen wir rüsten ...</p> <p><span class="character">DER BOTE</span>:</p><p>Mit seiner ganzen Macht zieht er heran ... Nabukadnezar -... kaum entkam ich seinen Reitern ... rüstet ... -rüstet ... Wächter an die Mauern ... ich ... ich muß ...</p> +... kaum entkam ich seinen Reitern ... rüstet ... +rüstet ... Wächter an die Mauern ... ich ... ich muß ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wie ... was sagt er ... wer ist geschlagen ... wo ist Pharao ... Du bist verwirrt ... gebt ihm Wasser ... -er lebt ... es ist nicht möglich ... wo ist Ägypten ...</p> +er lebt ... es ist nicht möglich ... wo ist Ägypten ...</p> -<p><span class="character">DER BOTE</span>:</p><p>Wasser ... ich kann nicht mehr ... Ägypten ist +<p><span class="character">DER BOTE</span>:</p><p>Wasser ... ich kann nicht mehr ... Ägypten ist geschlagen ... Necho hat Friede gemacht ... Tribut ... Tribut -... nun zieht er heran ... Nabukadnezar ... führt mich ... ich -kann nicht mehr ... hinter mir seine Reiter ... zum Könige ...</p> +... nun zieht er heran ... Nabukadnezar ... führt mich ... ich +kann nicht mehr ... hinter mir seine Reiter ... zum Könige ...</p> -<p class="direction">(EINIGE führen den Boten, der kaum vor Erregung gehen kann, zum Palast.)</p> +<p class="direction">(EINIGE führen den Boten, der kaum vor Erregung gehen kann, zum Palast.)</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(von rückwärts)</span>:</p><p>Was hat er gesagt ... sind die Chaldäer +<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(von rückwärts)</span>:</p><p>Was hat er gesagt ... sind die Chaldäer geschlagen ... was ist ... warum schweigt ihr ... was ist geschehen ...?</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(wird allmählich von einer grauenhaften Angst befallen, der -große, rauschende Tumult ist in ihr erloschen. Ein ungeheures Schweigen der<span class="pagenum">63</span> -Bestürzung geht allmählich über in die Stimmen, die zaghaft und erschreckt -aus der Stille aufzucken)</span>:</p><p>Es ist nicht möglich ... es darf nicht -wahr sein ... was ... was hat er gesagt ... ein Betrüger ... -er ist trunken ... nein, er war erschöpft ... die Reiter hinter +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(wird allmählich von einer grauenhaften Angst befallen, der +große, rauschende Tumult ist in ihr erloschen. Ein ungeheures Schweigen der<span class="pagenum">63</span> +Bestürzung geht allmählich über in die Stimmen, die zaghaft und erschreckt +aus der Stille aufzucken)</span>:</p><p>Es ist nicht möglich ... es darf nicht +wahr sein ... was ... was hat er gesagt ... ein Betrüger ... +er ist trunken ... nein, er war erschöpft ... die Reiter hinter ihm, hat er gesagt ... es kann nicht sein ... sie haben doch -gesagt ... er lügt ... nein, nicht eines Lügners war sein Gebaren +gesagt ... er lügt ... nein, nicht eines Lügners war sein Gebaren ... was ist ... was ist geschehen ... was hat er gesagt ... es kann nicht sein ... Gott kann das nicht wollen ...</p> <p><span class="character">EINE STIMME</span> <span class="direction">(laut)</span>:</p><p>Pharao hat uns verraten!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(plötzlich aufspringend im Zorn und raschen Anlaufs wachsend)</span>:</p><p> -Ja ... Pharao hat uns verraten ... ja ... ja ... Fluch über -Pharao ... ein Bündnis geschlossen ... Fluch Mizraim ... Betrüger -die Ägypter ... sie haben uns verraten ... Fluch Pharao ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(plötzlich aufspringend im Zorn und raschen Anlaufs wachsend)</span>:</p><p> +Ja ... Pharao hat uns verraten ... ja ... ja ... Fluch über +Pharao ... ein Bündnis geschlossen ... Fluch Mizraim ... Betrüger +die Ägypter ... sie haben uns verraten ... Fluch Pharao ...</p> -<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Immer habe ich gesagt: kein Bündnis mit -Ägypten.</p> +<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Immer habe ich gesagt: kein Bündnis mit +Ägypten.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ich auch ... ich auch ... ja ... ich auch ... ich -auch ... wir alle ... ich auch ... ein Rohrstab ist Ägypten -... weh, daß der König ihnen traute ... ich habe widerraten -... ich auch ... ich auch ... wir alle ... Fluch über Pharao -... was wird nun aus uns ... wehe über Israel ... mein Weib, +auch ... wir alle ... ich auch ... ein Rohrstab ist Ägypten +... weh, daß der König ihnen traute ... ich habe widerraten +... ich auch ... ich auch ... wir alle ... Fluch über Pharao +... was wird nun aus uns ... wehe über Israel ... mein Weib, meine Kinder ... ich habe gewarnt ... ich auch ...</p> -<p><span class="character">EIN MANN</span> <span class="direction">(hereinstürzend)</span>:</p><p>Zu den Waffen! Zu den Waffen! -Verschließet die Tore, Nabukadnezar zieht heran und seine +<p><span class="character">EIN MANN</span> <span class="direction">(hereinstürzend)</span>:</p><p>Zu den Waffen! Zu den Waffen! +Verschließet die Tore, Nabukadnezar zieht heran und seine Scharen. Schon bei Hebron sind seine Reiter ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe ... bei Hebron ... in zwei Tagen umgürtet +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe ... bei Hebron ... in zwei Tagen umgürtet er die Stadt ... wir sind verloren ... nein ... an die Mauern ... -wo ist der König ... man schließe Friede ... nein ... es ist -zu spät ... sind wir besiegt denn ... die Priester, wo sind sie +wo ist der König ... man schließe Friede ... nein ... es ist +zu spät ... sind wir besiegt denn ... die Priester, wo sind sie ... bei Hebron hat er gesagt ... zu den Waffen ... nein, Friede ... Friede ... zieht ihm entgegen ... verloren sind wir ... von je hab ich gewarnt ...</p> -<p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(plötzlich auf Jeremias hindeutend, der sich wie ein Trunkener an -eine Säule stützt und sein Antlitz verhüllt)</span>:</p><p>Da ... da seht hin ...</p> +<p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(plötzlich auf Jeremias hindeutend, der sich wie ein Trunkener an +eine Säule stützt und sein Antlitz verhüllt)</span>:</p><p>Da ... da seht hin ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Was ist ... wer ist es ... was habt ihr ... was meinet er ...</p> <p><span class="character">DER EINE</span>:</p><p>Dort ... dort sehet hin ... von ihm geht es aus<span class="pagenum">64</span> -... er hat sie gerufen ... er hat den Boten gekündet ... er +... er hat sie gerufen ... er hat den Boten gekündet ... er hat uns verflucht ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wer ... Jeremias ... wer ist es ... Jeremias, er hat uns verflucht ... ja, er hat ihn gerufen ... er hat gebetet -um Nabukadnezars Sieg ... ein Gekaufter ist er ... zerreißet -ihn ... nein, nicht rührt ihn an ... er hat es gekündet ... ein -Profet ist er ... ein Gekaufter ... seht, wie er brütet ...</p> +um Nabukadnezars Sieg ... ein Gekaufter ist er ... zerreißet +ihn ... nein, nicht rührt ihn an ... er hat es gekündet ... ein +Profet ist er ... ein Gekaufter ... seht, wie er brütet ...</p> <p><span class="character">DER EINE</span>:</p><p>Sein Lachen verbirgt er hinter dem Tuche. Aber zu -frühe freuet er sich. Noch steht Jerusalem, ewig wird es bestehen.</p> +frühe freuet er sich. Noch steht Jerusalem, ewig wird es bestehen.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... ja ... ewig währet Jerusalem ... tretet +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... ja ... ewig währet Jerusalem ... tretet ihn tot ... nein, weichet von ihm ... Macht ist in ihm ... -weh, daß er uns fluchte ... er ist alles Unheils schuld ... ausreißt -ihm die Zunge ... nein, laßt ab von ihm ...</p> +weh, daß er uns fluchte ... er ist alles Unheils schuld ... ausreißt +ihm die Zunge ... nein, laßt ab von ihm ...</p> -<p class="direction">(EIN HEROLD tritt hastig aus des Königs Palast.)</p> +<p class="direction">(EIN HEROLD tritt hastig aus des Königs Palast.)</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ein Herold ... ein Bote des Königs ... Botschaft des -Königs ... schweigt ... schweiget ... höret ihn an ... ein Bote ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ein Herold ... ein Bote des Königs ... Botschaft des +Königs ... schweigt ... schweiget ... höret ihn an ... ein Bote ...</p> <p class="direction">(DIE MENGE wird ganz still und sammelt sich um die Stufen.)</p> -<p><span class="character">DER HEROLD</span>:</p><p>Botschaft des Königs! Feind ziehet wider Jerusalem, -Chaldäa ist auf wider uns. Jeder Mannbare greife zum -Schwert, und die Weiber mögen Pfeile rüsten und Schleuder. -Es schaffe aus der Stadt ein jeder seine Siechen und Unkräftigen, -es tue jeglicher Zehrung in sein Haus, daß nicht Hunger uns +<p><span class="character">DER HEROLD</span>:</p><p>Botschaft des Königs! Feind ziehet wider Jerusalem, +Chaldäa ist auf wider uns. Jeder Mannbare greife zum +Schwert, und die Weiber mögen Pfeile rüsten und Schleuder. +Es schaffe aus der Stadt ein jeder seine Siechen und Unkräftigen, +es tue jeglicher Zehrung in sein Haus, daß nicht Hunger uns zwinge. Denn wider Waffen stehen unsere Mauern, nichts vermag Baal wider Jahve, nichts Assur wider Jerusalem!</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Ja ... Gott ist mit Israel ... Wir werden uns -rüsten ... ja ... Gott ist mit uns ... auf ... zu den Waffen ...</p> +rüsten ... ja ... Gott ist mit uns ... auf ... zu den Waffen ...</p> -<p><span class="character">DER HEROLD</span>:</p><p>Keiner bleibe zurück, und keiner entbehre des +<p><span class="character">DER HEROLD</span>:</p><p>Keiner bleibe zurück, und keiner entbehre des Mutes. Wer in Zagen spricht, den sollt ihr schlagen mit dem Schwert, wer von Flucht redet, den sollt ihr jagen aus den Mauern. -Ihr sollt euch nicht rotten auf den Gassen, jeder hüte sein Haus -und rüste sich dem Feinde. Auf, Volk Israels, recke deine Kraft -und zage nicht, denn ewig währet Jerusalem!</p> +Ihr sollt euch nicht rotten auf den Gassen, jeder hüte sein Haus +und rüste sich dem Feinde. Auf, Volk Israels, recke deine Kraft +und zage nicht, denn ewig währet Jerusalem!</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(wieder ganz im Taumel)</span>:</p><p>Ewig währet Jerusalem ... +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(wieder ganz im Taumel)</span>:</p><p>Ewig währet Jerusalem ... zu den Waffen ... ich hole mein Schwert ... auf wider Assur ... lasset uns ermannen ... auf ... zu den Waffen ... eilt, -eilt ... an die Wälle ... in die Häuser ... wir werden zerschellen<span class="pagenum">65</span> -ihre Macht ... ewig währet Jerusalem!...</p> +eilt ... an die Wälle ... in die Häuser ... wir werden zerschellen<span class="pagenum">65</span> +ihre Macht ... ewig währet Jerusalem!...</p> -<p class="direction">(DIE MENGE zerstreut sich in wildem Tumult nach allen Seiten, so daß -der ganze Platz frei bleibt und mit einem Male die lärmende Erregung einer +<p class="direction">(DIE MENGE zerstreut sich in wildem Tumult nach allen Seiten, so daß +der ganze Platz frei bleibt und mit einem Male die lärmende Erregung einer grauenhaften Stille weicht.)</p> -<p class="direction">(JEREMIAS ist langsam aufgestanden und schreitet mit verhülltem Antlitz +<p class="direction">(JEREMIAS ist langsam aufgestanden und schreitet mit verhülltem Antlitz die Stufen zum Tempel empor.)</p> <p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(ihm nach)</span>:</p><p>Wohin gehst du, Meister? Nicht lasse mich, den Getreuen!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Allein muß ich ... allein ... zu ihm, daß er mich -erleuchte ... ein Zeichen ließ er mich tun vor dem Volke, und +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Allein muß ich ... allein ... zu ihm, daß er mich +erleuchte ... ein Zeichen ließ er mich tun vor dem Volke, und doch, ich glaube ihm nicht, denn, Baruch ... ich will es nicht -glauben, daß Gottes seien in mir die Gesichte, daß Gottes sei dieser -schreckhafte Wahn ... oh, daß es Gebrest nur wäre meines Hirns -und nicht Botschaft seines Geistes ... Denn wehe, wär ich erwählet -als Künder und wahr meine Träume ... wehe ...</p> +glauben, daß Gottes seien in mir die Gesichte, daß Gottes sei dieser +schreckhafte Wahn ... oh, daß es Gebrest nur wäre meines Hirns +und nicht Botschaft seines Geistes ... Denn wehe, wär ich erwählet +als Künder und wahr meine Träume ... wehe ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Du bist erwählet, Meister, ich hab es erschauet in +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Du bist erwählet, Meister, ich hab es erschauet in dieser Stunde. Ein Zeichen hat dich bezeugt, ein Zeichen von -Gott! Der Geist der Profeten ist über dir und ihre Gewalt!</p> +Gott! Der Geist der Profeten ist über dir und ihre Gewalt!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(die Stufen empor, gleichsam fliehend vor ihm, mit abwehrenden -Händen)</span>:</p><p>Nicht sage, daß ich erwählet sei, nicht versuche +Händen)</span>:</p><p>Nicht sage, daß ich erwählet sei, nicht versuche mein Herz! Es darf nicht wahr werden mein Wort, es darf nicht wahr werden um Israels, um Jerusalems willen. Oh, lieber der Verlachte -und Verhöhnte sein des Volkes, denn der Erfüller solcher -Schrecknis! Lieber Lügner und Narr, denn dieser Wahrheit -Profet! Lieber ich, denn die Stadt dein Opfer, Herr! Möge ich -stürzen ins Dunkel der Vergängnis, wenn nur leuchten deine -Zinnen, Jerusalem! Mögen vergehen meine Worte wie Rauch, -wenn du nur dauerst, du ewige Stadt, möge Gott meiner vergessen, +und Verhöhnte sein des Volkes, denn der Erfüller solcher +Schrecknis! Lieber Lügner und Narr, denn dieser Wahrheit +Profet! Lieber ich, denn die Stadt dein Opfer, Herr! Möge ich +stürzen ins Dunkel der Vergängnis, wenn nur leuchten deine +Zinnen, Jerusalem! Mögen vergehen meine Worte wie Rauch, +wenn du nur dauerst, du ewige Stadt, möge Gott meiner vergessen, wenn er nur deiner gedenket! Oh, ich will knien vor -seinem Altare, daß er zerschlage das Wort in meinem Munde, -ich will beten auf meines Herzens Knien, daß er verstoße meine -Verkündung und, Baruch – bete, bete mit mir, daß ich als -Lügner erfunden werde an Jerusalem!</p> +seinem Altare, daß er zerschlage das Wort in meinem Munde, +ich will beten auf meines Herzens Knien, daß er verstoße meine +Verkündung und, Baruch – bete, bete mit mir, daß ich als +Lügner erfunden werde an Jerusalem!</p> -<p class="direction">(JEREMIAS steigt demütig die letzten Stufen empor und tritt mit gebeugtem +<p class="direction">(JEREMIAS steigt demütig die letzten Stufen empor und tritt mit gebeugtem Haupte in die Vorhalle des Tempels. Baruch verharrt regungslos und sieht ihm nach, bis er verschwindet.)</p> @@ -2598,215 +2561,215 @@ ihm nach, bis er verschwindet.)</p> <a name="DIE_WACHEN_AUF_DEM_WALLE" id="DIE_WACHEN_AUF_DEM_WALLE"></a>DIE WACHEN AUF DEM WALLE</h2> <div class="blockquot"><p>„Und des Herren Wort geschah zu mir und -sprach: ‚Wenn ich ein Schwert über das -Land führen würde und das Volk im Lande -nähme einen Mann unter sich und machete -ihn zum Wächter, und er sähe das Schwert +sprach: ‚Wenn ich ein Schwert über das +Land führen würde und das Volk im Lande +nähme einen Mann unter sich und machete +ihn zum Wächter, und er sähe das Schwert kommen und warnete nicht das Volk, und -das Schwert käme und nähme etliche weg, -deren Blut will ich von des Wächters Hand +das Schwert käme und nähme etliche weg, +deren Blut will ich von des Wächters Hand fordern.‘“</p></div> <p class="citation"> Hesekiel <small>XXXIII</small>, 1.</p> <hr class="l65" /> <p class="direction"><span class="dropcap">A</span>uf der Umwallung Jerusalems. Die Mauern, breite, behauene Quadern,<span class="pagenum">68</span> -laufen als Straße rings um die Stadt. Rückwärts der sternenbesäete -Himmel und dämmerig fern das Tal mit Lichtern und ungewissen Flächen. -Strahlendes Mondlicht kleidet die Wälle wie blinkendes Erz.</p> +laufen als Straße rings um die Stadt. Rückwärts der sternenbesäete +Himmel und dämmerig fern das Tal mit Lichtern und ungewissen Flächen. +Strahlendes Mondlicht kleidet die Wälle wie blinkendes Erz.</p> <p class="direction">Auf den Mauern schreiten zwei Krieger die Wache auf und ab. Ihre Gesichter sind verschattet von den Helmen, auf ihren Lanzen schimmert das Mondlicht.</p> <p class="direction">Einige wenige Neugierige haben sich trotz der nahen Mitternachtsstunde -auf die Mauer gewagt und spähen in die ungewisse Ferne.</p> +auf die Mauer gewagt und spähen in die ungewisse Ferne.</p> -<p><span class="character">EINE FRAU</span>:</p><p>Es ist Schlafenszeit. Füll dir nicht das Herz -mit Bangnis. Frühe genug siehst du sie morgen, die Verfluchten. +<p><span class="character">EINE FRAU</span>:</p><p>Es ist Schlafenszeit. Füll dir nicht das Herz +mit Bangnis. Frühe genug siehst du sie morgen, die Verfluchten. Komm schlafen, es ist vielleicht das letzte Schlafen in Stille.</p> -<p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Wie schlafen können, wie schlafen, da sie wach +<p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Wie schlafen können, wie schlafen, da sie wach sind, unsere Feinde, wider uns! Schwerer denn Blei ward mir das Herz, seit ich hier stehe, und kann doch nicht fort – wie in -einen Abgrund muß ich starren in die Flut, die aufsteigt, uns zu +einen Abgrund muß ich starren in die Flut, die aufsteigt, uns zu schlingen! Von Mitternacht kamen die Reiter und dann von -Abend her, immer meinte man, es müsse zu Ende sein, und -immer zogen ihrer noch mehr, als wären Länder ausgeschüttet -wie Korn und die Lanzen wie Halme gesäet.</p> +Abend her, immer meinte man, es müsse zu Ende sein, und +immer zogen ihrer noch mehr, als wären Länder ausgeschüttet +wie Korn und die Lanzen wie Halme gesäet.</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Schon haben sie Zelte gespannt, ein weißer +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Schon haben sie Zelte gespannt, ein weißer Wald ist aufgestanden im Tal.</p> <p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Wehe, sie wollen verweilen.</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Wie der Wind müssen sie gekommen sein. -Gestern waren ihre Reiter noch in Bethul, und heute gürten sie +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Wie der Wind müssen sie gekommen sein. +Gestern waren ihre Reiter noch in Bethul, und heute gürten sie Zion schon ein.</p> -<p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Furchtbar ist Assur. Gott möge uns schützen.</p> +<p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Furchtbar ist Assur. Gott möge uns schützen.</p> -<p><span class="character">DAS WEIB</span>:</p><p>Das Lichte sieh drüben, wie eine Säule ist es, die -zum Himmel fährt.</p> +<p><span class="character">DAS WEIB</span>:</p><p>Das Lichte sieh drüben, wie eine Säule ist es, die +zum Himmel fährt.</p> <p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Samaria ist dort!</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Eine Feuersäule ist es, die gen Himmel fährt. +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Eine Feuersäule ist es, die gen Himmel fährt. Sie haben Samaria genommen!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe!... es ist nicht möglich ... eine Feste ist -Samaria, dreifach gegürtet!... ein Rasender bist du ... Samaria -ist es ... ich sehe es ... wehe ... es ist nicht möglich ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe!... es ist nicht möglich ... eine Feste ist +Samaria, dreifach gegürtet!... ein Rasender bist du ... Samaria +ist es ... ich sehe es ... wehe ... es ist nicht möglich ...</p> -<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Sie haben Widder, gewaltige Böcke von Holz, mit denen -sie die Mauern berennen. Ich habe gehört von ihren Schleudern,<span class="pagenum">69</span> -die Türme zerschmeißen ...</p> +<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Sie haben Widder, gewaltige Böcke von Holz, mit denen +sie die Mauern berennen. Ich habe gehört von ihren Schleudern,<span class="pagenum">69</span> +die Türme zerschmeißen ...</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Wehe ... Unsere Türme ... Jerusalem ... +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Wehe ... Unsere Türme ... Jerusalem ... Jerusalem ...</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Dort drüben sieh ... dort drüben ... eine -neue Säule, rot greift sie den Himmel hinan ... Gilgal ist +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Dort drüben sieh ... dort drüben ... eine +neue Säule, rot greift sie den Himmel hinan ... Gilgal ist das ...</p> <p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Meine Heimat ... meiner Kinder Haus ...</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Mordbrenner sind sie ... Fluch über Assur ...</p> +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Mordbrenner sind sie ... Fluch über Assur ...</p> <p><span class="character">DER ERSTE</span>:</p><p>Mizpah haben sie vertilgt und Saron ... wie ein -Sturm sind sie über das Land gefahren ... furchtbar ist Assur +Sturm sind sie über das Land gefahren ... furchtbar ist Assur in seinem Zorne.</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Nie hätten wir Streit beginnen sollen mit +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Nie hätten wir Streit beginnen sollen mit ihnen.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wer hat ihn begonnen ... nicht wir ... ich nicht -... der König ... die Priester ... wir wollten in Frieden leben +... der König ... die Priester ... wir wollten in Frieden leben mit ihnen ...</p> -<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Ägypten hat uns verlockt und verraten.</p> +<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Ägypten hat uns verlockt und verraten.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja, Ägypten ... der Pharao ... Fluch Pharao ... +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja, Ägypten ... der Pharao ... Fluch Pharao ... sie haben uns verkauft ... verlassen haben sie unser Elend ... -wo sind sie, die fünfzigtausend Bogenschützen ... allein sind +wo sind sie, die fünfzigtausend Bogenschützen ... allein sind wir nun ... verloren ...</p> <p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Wehe ... Jerusalem, Jerusalem ... Deinen Feinden bist -du gegeben, und deine Neider blecken die Zähne ...</p> +du gegeben, und deine Neider blecken die Zähne ...</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span> <span class="direction">(zornig dreinfahrend)</span>:</p><p>Fort da! Was -wärmt ihr die Mauer! Geht heim zu euern Weibern und schlaft. -Wir wachen für euch!</p> +wärmt ihr die Mauer! Geht heim zu euern Weibern und schlaft. +Wir wachen für euch!</p> <p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Wir wollen schauen, wie ...</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Nichts zu schauen! Ihr habt geschrien um sie mit vollen Backen und Assur gefordert, nun ist Assur gekommen. Lasset den Kriegern, sie heimzujagen, ihr aber geht -und schlaft oder betet, so ihr nicht schlafen könnt.</p> +und schlaft oder betet, so ihr nicht schlafen könnt.</p> <p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Aber sage uns ...</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Nichts zu sagen. Der Worte sind -schon zu viel, jetzt haben die Fäuste ihr Maul. Fort ... Herunter +schon zu viel, jetzt haben die Fäuste ihr Maul. Fort ... Herunter mit euch ...</p> -<p class="direction">(DIE BEIDEN KRIEGER stoßen mit ziemlicher Gewalt die Neugierigen von<span class="pagenum">70</span> -der Mauer zurück. Die Fortgedrängten verschwinden im Dunkel der Stufen, +<p class="direction">(DIE BEIDEN KRIEGER stoßen mit ziemlicher Gewalt die Neugierigen von<span class="pagenum">70</span> +der Mauer zurück. Die Fortgedrängten verschwinden im Dunkel der Stufen, die zum Walle emporsteigen und tief verschattet sind. Es ist jetzt ganz still -oben. Die beiden Krieger stehen wie Erzgestalten im weißen Mondlicht.)</p> +oben. Die beiden Krieger stehen wie Erzgestalten im weißen Mondlicht.)</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Wie verzagt das Volk schon ist, kaum -daß sie die ersten Lanzen erblickten. Man darf es nicht dulden, -daß sie so reden.</p> +daß sie die ersten Lanzen erblickten. Man darf es nicht dulden, +daß sie so reden.</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Wenn man Angst hat und ihrer -nicht Herr wird, muß man reden. Es hilft nicht und hilft doch.</p> +nicht Herr wird, muß man reden. Es hilft nicht und hilft doch.</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Sie sollen schlafen und nicht schwätzen.</p> +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Sie sollen schlafen und nicht schwätzen.</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Der Schlaf ist nicht der Menschen -Knecht. Er läßt sich nicht befehlen an der Sorgen Bett. Viel +Knecht. Er läßt sich nicht befehlen an der Sorgen Bett. Viel offene Lider schauen heute den Mond.</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>So sollen sie schweigen, die kein -Schwert führen. Wir wachen für alle.</p> +Schwert führen. Wir wachen für alle.</p> <div class="direction"><p>(DIE BEIDEN KRIEGER schweigen und gehen auf und ab. Ihre Schritte hallen dumpf, ihre Speere funkeln im Mondlicht.)</p></div> -<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span> <span class="direction">(bleibt stehen)</span>:</p><p>Hörst du?</p> +<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span> <span class="direction">(bleibt stehen)</span>:</p><p>Hörst du?</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Was soll ich hören?</p> +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Was soll ich hören?</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Es ist ganz still, und doch tönt es, -wenn der Wind sich wider uns hebt. Als ich in Joppe war, hört -ich zum erstenmal das Meer von fern in der Nacht. Solch Tönen +<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Es ist ganz still, und doch tönt es, +wenn der Wind sich wider uns hebt. Als ich in Joppe war, hört +ich zum erstenmal das Meer von fern in der Nacht. Solch Tönen ist nun im Tal von Tausender Gegenwart, leise sind alle, und -doch rollet von Rädern und Waffen die Luft. Ein ganzes Volk -muß es sein, das plötzlich über Israel fiel, wie ein Meer rauscht +doch rollet von Rädern und Waffen die Luft. Ein ganzes Volk +muß es sein, das plötzlich über Israel fiel, wie ein Meer rauscht es dumpf an die Mauern.</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span> <span class="direction">(hart)</span>:</p><p>Ich will nichts hören als den -Wachtruf. Laß rollen, laß rauschen!</p> +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span> <span class="direction">(hart)</span>:</p><p>Ich will nichts hören als den +Wachtruf. Laß rollen, laß rauschen!</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Warum wirft Gott die Völker gegeneinander? -Es ist doch so viel Raum unter dem Himmel, daß -einer nicht störte den andern. Viel Land noch harrt der Pflugschar, -viele Wälder des Beiles, und doch schärfen sie Schwerter -aus den Pflügen und schlagen in lebendiges Fleisch mit den -Äxten. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht!</p> +<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Warum wirft Gott die Völker gegeneinander? +Es ist doch so viel Raum unter dem Himmel, daß +einer nicht störte den andern. Viel Land noch harrt der Pflugschar, +viele Wälder des Beiles, und doch schärfen sie Schwerter +aus den Pflügen und schlagen in lebendiges Fleisch mit den +Äxten. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht!</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Von jeher war es so.</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Aber muß es so sein? Warum will -Gott den Krieg zwischen den Völkern?</p> +<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Aber muß es so sein? Warum will +Gott den Krieg zwischen den Völkern?</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Die Völker begehren seiner um seinetwillen.<span class="pagenum">71</span></p> +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Die Völker begehren seiner um seinetwillen.<span class="pagenum">71</span></p> -<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Wer sind die Völker? Bist du nicht +<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Wer sind die Völker? Bist du nicht unsres Volkes einer, bin ich es nicht, und unsere Frauen, die meine und die deine, sind die nicht Volkes Teil, und haben wir dieses Krieges begehrt? Hier stehe ich und halte einen Speer, -nicht weiß ich, wider wen ich ihn wende. Dort unten im Dunkel +nicht weiß ich, wider wen ich ihn wende. Dort unten im Dunkel wartet unwissend der, dem er zugeschliffen ward, ich kenne ihn nicht, nie habe ich sein Antlitz gesehen und die Brust, die ich -mit Tod ihm durchstoße. Und ein anderer wärmt dort unten +mit Tod ihm durchstoße. Und ein anderer wärmt dort unten vielleicht jetzt am Lagerfeuer die Hand, die meinen Kindern den -Vater stößt, und hat mich nie geschaut und nie Kränkung gehabt -von meinem Leben. Fremd sind wir einander wie die Bäume -des Waldes, doch die wachsen still und blühen aus sich, wir -aber wüten widereinander mit der Axt und dem Speer, bis das +Vater stößt, und hat mich nie geschaut und nie Kränkung gehabt +von meinem Leben. Fremd sind wir einander wie die Bäume +des Waldes, doch die wachsen still und blühen aus sich, wir +aber wüten widereinander mit der Axt und dem Speer, bis das Harz unseres Blutes aus den Leibern quillt. Was ist dies, das -Tod unter die Menschen stellt und den Haß säet zwischen sie, +Tod unter die Menschen stellt und den Haß säet zwischen sie, da dem Leben so viel Raum ist und der Liebe so lange Frist? Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht!</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Von Gott muß es kommen; denn +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Von Gott muß es kommen; denn von jeher war es so! Ich frage nicht weiter.</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Gott kann diesen Frevel nicht wollen. Er hat das Leben gegeben um des Lebens willen. Auf -seinen Namen häufen die Menschen alles, was sie nicht verstehen. +seinen Namen häufen die Menschen alles, was sie nicht verstehen. Nicht von Gott kommt der Krieg, woher mag er nun stammen?</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Was weiß ich, woher er stammt! Ich -weiß, er ist da und will nicht beschwatzt sein. Ich tu mein Geheiß, -ich schärf mir den Speer und nicht meine Zunge.</p> +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Was weiß ich, woher er stammt! Ich +weiß, er ist da und will nicht beschwatzt sein. Ich tu mein Geheiß, +ich schärf mir den Speer und nicht meine Zunge.</p> <p class="direction">(EIN SCHWEIGEN entsteht zwischen beiden. Sie stehen lautlos in der -weißen Stille und spähen hinaus. Von ferne tönt der Wachtruf „Simson -über sie“ ganz undeutlich zuerst, dann näher gesprochen von den unsichtbaren -Wachen „Simson über sie“ und nun ganz deutlich heran von den -nächsten Posten. Auch die Krieger wiederholen laut den Ruf „Simson über -sie“, und man hört ihn die unsichtbare Runde der Mauer weiterlaufen und -vertönen. Es wird wieder ganz still, ehern stehen die Gestalten mit verschattetem +weißen Stille und spähen hinaus. Von ferne tönt der Wachtruf „Simson +über sie“ ganz undeutlich zuerst, dann näher gesprochen von den unsichtbaren +Wachen „Simson über sie“ und nun ganz deutlich heran von den +nächsten Posten. Auch die Krieger wiederholen laut den Ruf „Simson über +sie“, und man hört ihn die unsichtbare Runde der Mauer weiterlaufen und +vertönen. Es wird wieder ganz still, ehern stehen die Gestalten mit verschattetem Gesicht im blanken Mondglanz. Schweigen.)</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Weißt du etwas von den Chaldäern?</p> +<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Weißt du etwas von den Chaldäern?</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Unsere Feinde sind sie, das weiß ich,<span class="pagenum">72</span> +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Unsere Feinde sind sie, das weiß ich,<span class="pagenum">72</span> und wollen wider unsere Heimat.</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Nicht dies meine ich. Ich frage @@ -2814,140 +2777,140 @@ dich, hast du ihrer je einen gesehn, kennst du ihre Sitten und Lande?</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Grausam sind sie wie wilde Katzen -und heimtückisch wie die Schlangen, hat man mir gesagt, und -sie werfen ihre Kinder in Götzensteine von Kupfer und Blei. +und heimtückisch wie die Schlangen, hat man mir gesagt, und +sie werfen ihre Kinder in Götzensteine von Kupfer und Blei. Doch nie habe ich ihrer einen gesehen.</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Ich auch nicht. Es türmen sich viel -Hügel zwischen Babel und Jerusalem, Flüsse fahren dazwischen +<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Ich auch nicht. Es türmen sich viel +Hügel zwischen Babel und Jerusalem, Flüsse fahren dazwischen und mehr des Lands, als einer in Wochen durchschritte. Selbst -die Sterne stehen anders über ihren Häupten und unsern, und +die Sterne stehen anders über ihren Häupten und unsern, und doch sind sie wider uns und wir wider sie. Was begehren sie -von uns? Wenn ich einen fragete von ihnen, er wüßte wohl -nur zu sagen, daß ein Weib seiner wartet zu Hause und Kinder +von uns? Wenn ich einen fragete von ihnen, er wüßte wohl +nur zu sagen, daß ein Weib seiner wartet zu Hause und Kinder auf der Streu wie in meinem. Ich glaube, wenn ich redete mit -einem, wir verstünden uns. Weißt du, manchmal lockt es mich, -die Hand zu heben und einen zu rufen, daß wir redeten Herz +einem, wir verstünden uns. Weißt du, manchmal lockt es mich, +die Hand zu heben und einen zu rufen, daß wir redeten Herz zu Herz.</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Das darfst du nicht.</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Warum darf ich das nicht?</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Sie sind unsere Feinde, wir müssen +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Sie sind unsere Feinde, wir müssen sie hassen.</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Warum muß ich sie hassen, wenn -mein Herz nicht weiß um diesen Haß?</p> +<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Warum muß ich sie hassen, wenn +mein Herz nicht weiß um diesen Haß?</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Sie haben den Krieg begonnen, in unsern Frieden sind sie gefahren.</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Die in Jerusalem sagen das so. Doch vielleicht auch sagen sie das gleiche in Babel. Wenn man redete -miteinander, man würde vielleicht klar.</p> +miteinander, man würde vielleicht klar.</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Du darfst nicht reden mit ihnen. Wir -müssen sie schlagen, so ist uns befohlen, wir müssen gehorchen.</p> +müssen sie schlagen, so ist uns befohlen, wir müssen gehorchen.</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Ich weiß es mit meinen Sinnen, -daß ich nicht darf, und fasse es doch nicht mit meiner Seele. +<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Ich weiß es mit meinen Sinnen, +daß ich nicht darf, und fasse es doch nicht mit meiner Seele. Wem dienen wir mit ihrem Tod?</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Was fragst du, Einfältiger? Dem<span class="pagenum">73</span> -Könige dienen wir und unserm Gott.</p> +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Was fragst du, Einfältiger? Dem<span class="pagenum">73</span> +Könige dienen wir und unserm Gott.</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Aber Gott hat gesagt und es stehet -geschrieben: „Du sollst nicht töten.“ Wer weiß, wenn ich mein -Schwert nähme und würfe es fort, ich diente ihm wahrhafter +geschrieben: „Du sollst nicht töten.“ Wer weiß, wenn ich mein +Schwert nähme und würfe es fort, ich diente ihm wahrhafter denn mit der Feinde Blut.</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Aber es stehet auch in den Büchern: +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Aber es stehet auch in den Büchern: „Aug um Auge, Zahn um Zahn.“</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span> <span class="direction">(seufzend)</span>:</p><p>Viel steht in der Schrift. Wer mag alles verstehen?!</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Ein Grübler bist du. Um unsere -Stadt drängen sie und wollen ihre Häuser brennen, und hier +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Ein Grübler bist du. Um unsere +Stadt drängen sie und wollen ihre Häuser brennen, und hier stehe ich mit Schwert und Speer, ihnen zu wehren. Mehr des Wissens ist ungut. Ich will nicht mehr wissen.</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Aber ich frage ...</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span> <span class="direction">(hart)</span>:</p><p>Du sollst nicht so viel fragen. -Krieger sind wir und müssen kämpfen, nicht fragen. Was -grübelst du, statt dich zu härten?</p> +Krieger sind wir und müssen kämpfen, nicht fragen. Was +grübelst du, statt dich zu härten?</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Wie soll ich nicht fragen, wie soll -mein Herz ohne Unruh sein in dieser Stunde? Weiß ich denn, +mein Herz ohne Unruh sein in dieser Stunde? Weiß ich denn, wo ich stehe und wie lang ich noch wache? Dies Dunkle hier -unter der Mauer, wo der Stein hinbröckelt und fällt, vielleicht +unter der Mauer, wo der Stein hinbröckelt und fällt, vielleicht ist es morgen mein Grab, und der Wind, der mir jetzt um die -Wange fährt, vielleicht findet er mich morgen nicht mehr. Wie +Wange fährt, vielleicht findet er mich morgen nicht mehr. Wie soll ich nicht fragen, da ich lebendig bin, um mein Leben? Die Flamme zuckt auf und windet sich, ehe der Docht lischt ins Dunkel, wie sollte das Leben sich nicht heben zur Frage, ehe es lischt in den Tod? Vielleicht ist es schon der Tod in mir, der so fraget und nicht das Leben mehr.</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Du grübelst zu viel. Nichts nützt es -und quält nur.</p> +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Du grübelst zu viel. Nichts nützt es +und quält nur.</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Gott hat uns das Herz aufgetan, -daß es sich quäle.</p> +daß es sich quäle.</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Was hilft es dann zu reden? Wir haben Wache, mehr mag ich nicht wissen.</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Das Reden hält wach, und es hörens<span class="pagenum">74</span> +<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Das Reden hält wach, und es hörens<span class="pagenum">74</span> nur die Sterne.</p> <p class="direction">(EIN SCHWEIGEN wieder zwischen beiden.)</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Was kommt da? Vom Dunkel schleicht es heran.</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Wieder Müßiggänger! Sie sollen +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Wieder Müßiggänger! Sie sollen schlafen des Nachts. Jag sie heim!</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Nein! Laß sie reden und tritt ins -Dunkel. Laß uns hören, was sie reden. Es scheucht den Schlaf -von den Lidern, die Stimme der Menschen zu hören. Tritt zurück +<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Nein! Laß sie reden und tritt ins +Dunkel. Laß uns hören, was sie reden. Es scheucht den Schlaf +von den Lidern, die Stimme der Menschen zu hören. Tritt zurück in den Schatten!</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Ein Sonderbarer bist du! Ich schreite die Runde!</p> -<p class="direction">(DIE BEIDEN KRIEGER treten zurück in den Schatten des Mauerturmes. +<p class="direction">(DIE BEIDEN KRIEGER treten zurück in den Schatten des Mauerturmes. Ihre Gestalten verschwinden in dem tiefen Dunkel, das mit scharfer Schattenschneide -gegen die vom Mondlicht überflutete Mauer grenzt. Nur ihre +gegen die vom Mondlicht überflutete Mauer grenzt. Nur ihre Lanzen funkeln manchmal leise hervor.)</p> <p class="direction">(JEREMIAS UND BARUCH steigen aus dem Dunkel der Tiefe zur Mauer -empor, Jeremias hastig voran, Baruch mühsam seiner Erregung folgend. Der +empor, Jeremias hastig voran, Baruch mühsam seiner Erregung folgend. Der Krieger steht – von ihnen ungesehen – im Schatten wie aus Erz gegossen.)</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Wohin führst du mich, Meister? Wohin führst du +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Wohin führst du mich, Meister? Wohin führst du mich?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Empor, empor! Ich muß es schauen, das Fürchterliche, +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Empor, empor! Ich muß es schauen, das Fürchterliche, Blick in Blick.</p> -<p class="direction">(JEREMIAS ist auf der Höhe angelangt. Er starrt in das mondbeglänzte Tal +<p class="direction">(JEREMIAS ist auf der Höhe angelangt. Er starrt in das mondbeglänzte Tal hinab und verharrt regungslos, ohne zu sprechen.)</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(ängstlich)</span>:</p><p>Was starrst du so, was sprichst du nicht?</p> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(ängstlich)</span>:</p><p>Was starrst du so, was sprichst du nicht?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(schauernd)</span>:</p><p>Der König ... er ist gekommen ... der -König von Mitternacht <span class="direction">(erregt nach Baruch fassend)</span>, Baruch, Baruch, -tritt zu mir, tritt zu mir her! Rühr meine Hand, daß ich weiß, +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(schauernd)</span>:</p><p>Der König ... er ist gekommen ... der +König von Mitternacht <span class="direction">(erregt nach Baruch fassend)</span>, Baruch, Baruch, +tritt zu mir, tritt zu mir her! Rühr meine Hand, daß ich weiß, ob ich wach bin oder getaucht in Traum. Baruch, Baruch, sprich, meine Augen, sind sie aufgetan, ist eine Mauer dies aus Stein -oder aus Tränen, ist Jerusalem dies Dunkle, das ahnungslos liegt, +oder aus Tränen, ist Jerusalem dies Dunkle, das ahnungslos liegt, und wahrhaft Assur dies andere Dunkle dort und der Mond dies, -fahl und fühllos wie Wasser zwischen beiden? Sag es mir, Baruch, -sag es mir, und so ich nur träume, rüttle mich auf, daß ich des -Irrwitzes lache, Zion sei umgürtet von Assur; denn nicht wahr +fahl und fühllos wie Wasser zwischen beiden? Sag es mir, Baruch, +sag es mir, und so ich nur träume, rüttle mich auf, daß ich des +Irrwitzes lache, Zion sei umgürtet von Assur; denn nicht wahr ist dies vor Gott, es darf nicht wahr sein. Weck mich auf, Baruch,<span class="pagenum">75</span> weck mich wach!</p> @@ -2959,54 +2922,54 @@ Augen offen und wahr dies Unheil vor ihnen, ich flehe dich an.</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich fasse dich nicht ... wie zweifeltest du ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Oh, Fluch, so ist es wahr, wahr und wahrhaftig, -ich träume nicht mehr! Meine Träume, sie sind wach geworden, -sie haben Rosse geschirrt und Wagen gegürtet, Assur zieht an -gegen Zion, es erfüllt sich, es erfüllt sich! Und all dies Unselige, -aus mir quillt es vor, aus meiner Träume Schoß drängt sichs +ich träume nicht mehr! Meine Träume, sie sind wach geworden, +sie haben Rosse geschirrt und Wagen gegürtet, Assur zieht an +gegen Zion, es erfüllt sich, es erfüllt sich! Und all dies Unselige, +aus mir quillt es vor, aus meiner Träume Schoß drängt sichs fort; in mir war es zuerst, ehe es war in der Welt, und ich, ich -warf es im Wort über sie. Ich hab es gewußt, ich allein, eh Gott -es getan! In mir hat es Anfang und mündet mir zu, und ich +warf es im Wort über sie. Ich hab es gewußt, ich allein, eh Gott +es getan! In mir hat es Anfang und mündet mir zu, und ich kanns doch nicht halten im Laufe, nicht fassen im Fluge, kein Schild ist mir dawider und kein Schwert – oh, Ohnmacht, Ohnmacht der Worte!</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Meister, was redest du ... nicht fasse ich den Sinn ... -sprich zu mir, daß ichs glaube und begreife, was dich erfüllet.</p> +sprich zu mir, daß ichs glaube und begreife, was dich erfüllet.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>: Daß du es glaubest ... Baruch, Baruch ... wirst +<p><span class="character">JEREMIAS</span>: Daß du es glaubest ... Baruch, Baruch ... wirst du wahrhaft glauben meinem Worte, das ich dir sage zu dieser Stunde unter den Sternen ... wirst du es nicht leugnen und -verlachen, so ichs beschwöre mit meiner Seele Siegel ... denn -wider allen Sinn ists, was ich dir künden will ...</p> +verlachen, so ichs beschwöre mit meiner Seele Siegel ... denn +wider allen Sinn ists, was ich dir künden will ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Meister ... der Glaube an dich ist mein Leben ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>So höre es, höre, was ich dir sage ... <span class="direction">(geheimnisvoll, +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>So höre es, höre, was ich dir sage ... <span class="direction">(geheimnisvoll, leise)</span> Dies alles, dies alles, was heute ist zum erstenmal, ich -habe es geträumt vor Monden schon, ich habe es geträumet in -meinen Nächten, ganz so geträumet. Nicht ein Stern steht da, -den ich nicht sah, hier oben den Wall und Gottes weißragendes +habe es geträumt vor Monden schon, ich habe es geträumet in +meinen Nächten, ganz so geträumet. Nicht ein Stern steht da, +den ich nicht sah, hier oben den Wall und Gottes weißragendes Haus und unten der Feinde Scharen, Zelt an Zelt, und meines eigenen Herzens eigenen Schauer und Blick, all, all dies hab ich -geträumt.... Hörst du mich, Baruch, hörst du mir zu ...</p> +geträumt.... Hörst du mich, Baruch, hörst du mir zu ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(schauernd)</span>:</p><p>Ich höre dich ... ich höre dich ...</p> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(schauernd)</span>:</p><p>Ich höre dich ... ich höre dich ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Warum mir, warum ward mir dies alles offenbar -vor der Zeit? Es kann nicht sein wider Gottes Willen, daß er -mir aufschließt seine Pläne und mir sichtig macht Bilder des<span class="pagenum">76</span> -Zukünftigen. Und es darf nicht sein, es darf nicht sein, daß ich -dawider mich wehre, daß ich schweige, denn Baruch, Baruch: +vor der Zeit? Es kann nicht sein wider Gottes Willen, daß er +mir aufschließt seine Pläne und mir sichtig macht Bilder des<span class="pagenum">76</span> +Zukünftigen. Und es darf nicht sein, es darf nicht sein, daß ich +dawider mich wehre, daß ich schweige, denn Baruch, Baruch: lang verbarg ich mein Herz der Berufung und verschlug mein Ohr seinem Rufe. Doch nun, da ich schaue lebendig, was in -mir längst schauten die Träume, da wie ein Spiegel sichs aufrollt -außen zum Innen, nun fühle ichs zum ersten Male, daß -Gott in mir ist, und Baruch, ich sage dir: er hat mich gewählet. +mir längst schauten die Träume, da wie ein Spiegel sichs aufrollt +außen zum Innen, nun fühle ichs zum ersten Male, daß +Gott in mir ist, und Baruch, ich sage dir: er hat mich gewählet. Weh mir, wenn ich verschwiege meine Angst vor dem Volke -und meine Ahnung vor den Königen. Denn nur ein Anfang ist +und meine Ahnung vor den Königen. Denn nur ein Anfang ist dies, und ich kenne, ich kenne das Ende ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Künde es, du Geweihter ... ausrufe dein Wort ...</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Künde es, du Geweihter ... ausrufe dein Wort ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Baruch, Baruch, siehst du Lager und Zelt, siehest du dies schlafende Meer wogen von Mitternacht her ...</p> @@ -3015,61 +2978,61 @@ du dies schlafende Meer wogen von Mitternacht her ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Die Nacht siehest du, den Schlaf und die falsche Stille der Rast. Aber in meinem Ohr gellen die Trompeten -schon und klirren die Waffen, wenn sie aufstehen und stürmen -wider uns! Die Mauer, darauf wir festen Fußes noch wuchten, -schon krachet sie hin, und den Schrei der Gejagten, ich höre -ihn, höre ihn schon. Sie kommen, weh, sie sind da, aufschäumt +schon und klirren die Waffen, wenn sie aufstehen und stürmen +wider uns! Die Mauer, darauf wir festen Fußes noch wuchten, +schon krachet sie hin, und den Schrei der Gejagten, ich höre +ihn, höre ihn schon. Sie kommen, weh, sie sind da, aufschäumt ihre erzene Flut! Baruch, Baruch, wehe, mein Wort stund -auf über Israel, ich höre den Tod, wie er fährt über die Stadt +auf über Israel, ich höre den Tod, wie er fährt über die Stadt und die Mauern, sie fallen und mit ihnen Jerusalem. Baruch, Baruch, ich sehe es wach; denn Gott hat ein Auge mir aufgerissen -im Schwarzen meines Leibes, daß ichs schaue, und -einen Schrei getan in meine Eingeweide, daß ich ihn stoße aus +im Schwarzen meines Leibes, daß ichs schaue, und +einen Schrei getan in meine Eingeweide, daß ich ihn stoße aus mir wie ein Horn. Was schlafen sie noch! Was schlafen sie -noch! Oh, es ist Zeit, daß man sie wecke, es ist Zeit, denn sie -schlafen in ihren Tod hinein und brüten in ihr Verderben. Es -ist Zeit, daß man aufschreie Jerusalem, es ist Zeit, es ist Zeit!...</p> +noch! Oh, es ist Zeit, daß man sie wecke, es ist Zeit, denn sie +schlafen in ihren Tod hinein und brüten in ihr Verderben. Es +ist Zeit, daß man aufschreie Jerusalem, es ist Zeit, es ist Zeit!...</p> <p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(hingerissen)</span>:</p><p>Ja, erwecke sie, erwecke sie, Jeremias!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(immer fanatischer)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt,<br /></span> +<span class="i0">Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt,<br /></span> <span class="i0">Wie kann sie vom Schlaf sich umfrieden lassen,<br /></span> <span class="i0">Da Tod ihnen unter die Lagerstatt<br /></span> <span class="i0">Sein eiskalt Linnen gebreitet hat.<br /></span><span class="pagenum">77</span> -<span class="i0">Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt,<br /></span> -<span class="i0">Wie können sie ruhen, den Donner zu Häupten!<br /></span> -<span class="i0">Oh, wie können, wie können<br /></span> -<span class="i0">Sie so hindämmern, in Träumen verloren,<br /></span> +<span class="i0">Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt,<br /></span> +<span class="i0">Wie können sie ruhen, den Donner zu Häupten!<br /></span> +<span class="i0">Oh, wie können, wie können<br /></span> +<span class="i0">Sie so hindämmern, in Träumen verloren,<br /></span> <span class="i0">Da donnernd wider die Tempel und Tore<br /></span> -<span class="i0">Schon Assurs Widder hämmern und rennen;<br /></span> -<span class="i0">Oh, wer weckt die Toren, wer weckt die Betäubten?<br /></span> +<span class="i0">Schon Assurs Widder hämmern und rennen;<br /></span> +<span class="i0">Oh, wer weckt die Toren, wer weckt die Betäubten?<br /></span> <span class="i0">Wer schreckt sie auf, wer weckt sie empor,<br /></span> -<span class="i0">Wer wirft einen Ruf in ihr ohnmächtig Ohr,<br /></span> +<span class="i0">Wer wirft einen Ruf in ihr ohnmächtig Ohr,<br /></span> <span class="i0">Oh, wer wird in den Tod dieser Stille hinein<br /></span> <span class="i0">Gottes Gebot und Wille hinschrein?</span></div></div> <p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(ekstatisch)</span>:</p><p>Du wecke sie auf! Erwecke sie! Meister, -vom Tode reiß sie auf!</p> +vom Tode reiß sie auf!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Wacht auf! Wacht auf! Empor! Empor!<br /></span> <span class="i0">Brand ist im Land! Feind hat die Stadt!<br /></span> -<span class="i0">Flüchtet, eh er euch ganz zernichtet,<br /></span> -<span class="i0">Entflüchtet dem Schwert, entflüchtet den Flammen,<br /></span> -<span class="i0">Laßt eure Habe, laßt euer Haus,<br /></span> +<span class="i0">Flüchtet, eh er euch ganz zernichtet,<br /></span> +<span class="i0">Entflüchtet dem Schwert, entflüchtet den Flammen,<br /></span> +<span class="i0">Laßt eure Habe, laßt euer Haus,<br /></span> <span class="i0">Die Frauen rafft, die Kinder zusammen,<br /></span> -<span class="i0">Eh er euch faßt, flüchtet hinaus!<br /></span> +<span class="i0">Eh er euch faßt, flüchtet hinaus!<br /></span> <span class="i0">Auf! Empor!<br /></span> <span class="i0">Brand ist im Land! Feind hat die Stadt!<br /></span> <span class="i0">Empor! Empor!</span></div></div> -<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span> <span class="direction">(aus dem Dunkel tretend)</span>:</p><p>Wer lärmt? +<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span> <span class="direction">(aus dem Dunkel tretend)</span>:</p><p>Wer lärmt? Er wird die Schlafenden erwecken.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Daß ichs vermöchte, oh, daß ichs vermöchte! Auf! +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Daß ichs vermöchte, oh, daß ichs vermöchte! Auf! erwache, Jerusalem ... Gottesstadt, errette dich ...</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Trunken bist du ... fort mit dir @@ -3078,132 +3041,132 @@ erwache, Jerusalem ... Gottesstadt, errette dich ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(sich dazwischen werfend)</span>:</p><p>Ablasse von ihm!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich darf nicht schlafen! Keiner darf schlafen mehr. -Der Wächter bin ich, der Wächter! Weh, wer mirs wehrt!</p> +Der Wächter bin ich, der Wächter! Weh, wer mirs wehrt!</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span> <span class="direction">(ihn anfassend)</span>:</p><p>Ein Mondkranker bist -du, daß du dich Wächter nennst ... ich selbst bin die Wache +du, daß du dich Wächter nennst ... ich selbst bin die Wache ... fort mit dir ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nicht rühr ihn an ... den Erwählten des Herrn ...<span class="pagenum">78</span> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nicht rühr ihn an ... den Erwählten des Herrn ...<span class="pagenum">78</span> den Profeten ...</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span> <span class="direction">(ablassend)</span>:</p><p>Bist du Hananja, der -Gotteskünder?</p> +Gotteskünder?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Jeremias ist es, der Profet!</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Jeremias, der das Volk verwirrt, der hinschrie in den Gassen, Assur werde obsiegen? Bist du -gekommen, dich deiner Verheißung zu weiden? Zu früh bist +gekommen, dich deiner Verheißung zu weiden? Zu früh bist du gekommen, du Zagherz, und doch zurecht meinem Zorn! -Gesegnet meine Faust, daß ich dich fasse, du Krämer des Unglücks -... ich will dir Verkündigung geben ...</p> +Gesegnet meine Faust, daß ich dich fasse, du Krämer des Unglücks +... ich will dir Verkündigung geben ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(mit ihm ringend)</span>:</p><p>Laß ab von ihm ... laß ab ...</p> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(mit ihm ringend)</span>:</p><p>Laß ab von ihm ... laß ab ...</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span> <span class="direction">(herbeistürzend)</span>:</p><p>Der König kommt ... -der König macht die Runde ... schaff weg das Volk ...</p> +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span> <span class="direction">(herbeistürzend)</span>:</p><p>Der König kommt ... +der König macht die Runde ... schaff weg das Volk ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Der König!... Segnung des Herrn ... oh, sichtliche -Deutung ... Gott stößt ihn mir in die Hände ...</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Der König!... Segnung des Herrn ... oh, sichtliche +Deutung ... Gott stößt ihn mir in die Hände ...</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Fort mit euch ... fort, ihr Schwätzer ...</p> +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Fort mit euch ... fort, ihr Schwätzer ...</p> <p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Hinab mit dir ... da ... fort ... -Da krieche unter und rühr dich nicht, sonst mach ich dich +Da krieche unter und rühr dich nicht, sonst mach ich dich kalt ...</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Weg ... fort ... der König kommt ...</p> +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Weg ... fort ... der König kommt ...</p> -<p class="direction">(JEREMIAS UND BARUCH werden hastig die Mauer hinabgedrängt; sie +<p class="direction">(JEREMIAS UND BARUCH werden hastig die Mauer hinabgedrängt; sie verschwinden im dunklen Schatten, aus dem sie aufgestiegen. Die beiden -Krieger treten an den Rand der Mauer, um dem König und seinem Gefolge -Raum zu geben. Da Zedekia erscheint, klirren sie zum Gruße mit den Speeren +Krieger treten an den Rand der Mauer, um dem König und seinem Gefolge +Raum zu geben. Da Zedekia erscheint, klirren sie zum Gruße mit den Speeren an die Schilde und stehen dann wieder regungslos.)</p> -<p class="direction">(DER KÖNIG ZEDEKIA erscheint, begleitet von Abimelech und einigen -seines Gefolges, auf seinem Rundweg um die Mauern. Er ist ungerüstet -und barhäuptig, im weißen Mondlicht sieht sein Antlitz bleich und ernst aus. -Er bleibt stehen und blickt lange auf das fahldämmernde Blachfeld hinaus.)</p> +<p class="direction">(DER KÖNIG ZEDEKIA erscheint, begleitet von Abimelech und einigen +seines Gefolges, auf seinem Rundweg um die Mauern. Er ist ungerüstet +und barhäuptig, im weißen Mondlicht sieht sein Antlitz bleich und ernst aus. +Er bleibt stehen und blickt lange auf das fahldämmernde Blachfeld hinaus.)</p> -<p><span class="character">DER KÖNIG ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zu Abimelech)</span>:</p><p>Auf wieviel schätzest +<p><span class="character">DER KÖNIG ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zu Abimelech)</span>:</p><p>Auf wieviel schätzest du ihre Scharen, Abimelech?</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Zelt reiht sich an Zelt, schwer wie die Sterne -sind sie zu zählen. Die Boten nannten ihrer hunderttausend, doch +sind sie zu zählen. Die Boten nannten ihrer hunderttausend, doch man soll den Worten nicht trauen.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wahr sprichst du, Abimelech, allzu wahr. Man soll den Worten nicht trauen. Wo sind die Wahrsager, die mir rieten, wo Pharaos Heer und die Hilfe Mizraims! Nun sind wir allein<span class="pagenum"><a name="page_79" id="page_79"></a>79</span> -wider die Heere Chaldäas.</p> +wider die Heere Chaldäas.</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Zwiefach wird unsere Ehre darum sein, sie zu -besiegen. Ewig währet Jerusalem!</p> +besiegen. Ewig währet Jerusalem!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Oh, daß dein Wort sich erfüllte! Doch mein Herz -mißtraut schon den Worten ...</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Oh, daß dein Wort sich erfüllte! Doch mein Herz +mißtraut schon den Worten ...</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Ich schwöre auf Israels Sieg, mein König, und -Tat bekräfte meinen Eid.</p> +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Ich schwöre auf Israels Sieg, mein König, und +Tat bekräfte meinen Eid.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Auch ich habe einen Eid geschworen Nabukadnezarn, und man entwand mir das Wort. Das Schicksal zerbricht die Eide und Gott die Worte der Menschen. Dort unten im Dunkel ruht er, dem ich Friede zusprach, und nun ist Krieg und seine Lanzen -gerüstet zur Rache. Fluch über sie alle, die an mir zerrten, daß -ich diesen Weg ging wider ihn, und weh über mich, daß ich nicht +gerüstet zur Rache. Fluch über sie alle, die an mir zerrten, daß +ich diesen Weg ging wider ihn, und weh über mich, daß ich nicht stark ward, ihnen zu wehren! Nicht kannst du dies fassen vielleicht, Abimelech, denn ein Krieger bist du und spottest deines Lebens, doch auf mir lasten die Mauern und eines Volkes Geschick, tausend und abertausend Leben pochen laut durch -mein Blut. Ich will beten zu Gott, daß er diese Zeit von uns -nehme, denn mein Herz vermag nicht sie zu tragen und dürstet +mein Blut. Ich will beten zu Gott, daß er diese Zeit von uns +nehme, denn mein Herz vermag nicht sie zu tragen und dürstet nach Frieden!</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Den Sieg erst, mein König, und dann den Frieden. -Laß Nabukadnezarn die Stirn seines Zorns sich zerstoßen an -diesen Mauern und die Widderböcke seines Ingrimms zerschellen +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Den Sieg erst, mein König, und dann den Frieden. +Laß Nabukadnezarn die Stirn seines Zorns sich zerstoßen an +diesen Mauern und die Widderböcke seines Ingrimms zerschellen an unsern Herzen. Ihr Blut erst, und dann den Frieden!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(sieht lange hinaus in die Ferne)</span>:</p><p>Wieweit hinein ins Land die Lagerfeuer dort brennen, es ist, als sei ein Himmel schwarz hingesunken auf die Erde und leuchtete nun Stern an Stern. Unendlich -Volk fühl ich lagern um Israel, und jedes Speer ist gezückt, -<ins title="original: jedes">jede</ins> Hand gehoben, und im Schlafe noch träumen sie +Volk fühl ich lagern um Israel, und jedes Speer ist gezückt, +<ins title="original: jedes">jede</ins> Hand gehoben, und im Schlafe noch träumen sie wider uns. Und morgen wird all dies aufstehen wie die Halme nach dem Regen und die Stille gellen von Schrei und Tod. Es -ist die letzte Nacht des Friedens und des Schlafes vielleicht für +ist die letzte Nacht des Friedens und des Schlafes vielleicht für immerdar.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Laß dein Herz nicht verdüstern, mein König. -Auf diesem steinernen Gelände, da du stehest in Sorge, stand +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Laß dein Herz nicht verdüstern, mein König. +Auf diesem steinernen Gelände, da du stehest in Sorge, stand Hosea, dein Oheim, einst, und auch seine Seele war Sorgen voll,<span class="pagenum">80</span> denn unten wogten Salmanassars Scharen unendlich wie diese. -Schon einmal umspülte Assurs Woge die heilige Stadt. Doch -der Herr reckte aus seinen Arm wider sie, und die Pest fraß ihre -Völker. Nie bricht diese Mauer! Ewig währet Jerusalem!</p> +Schon einmal umspülte Assurs Woge die heilige Stadt. Doch +der Herr reckte aus seinen Arm wider sie, und die Pest fraß ihre +Völker. Nie bricht diese Mauer! Ewig währet Jerusalem!</p> -<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Ewig währet Jerusalem!</p> +<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Ewig währet Jerusalem!</p> <p><span class="character">DIE STIMME JEREMIAS</span> <span class="direction">(aus dem Dunkel)</span>:</p><p>Wache auf, verlorene -Stadt, daß du dich rettest! Wachet auf aus eurem harten Schlaf, -ihr Arglosen, daß ihr nicht geschlachtet werdet im Schlummer, -wachet auf, denn schon bröckelt die Mauer und will euch erschlagen, -wachet auf, denn Assurs Schwert ist gezückt über euch ...</p> +Stadt, daß du dich rettest! Wachet auf aus eurem harten Schlaf, +ihr Arglosen, daß ihr nicht geschlachtet werdet im Schlummer, +wachet auf, denn schon bröckelt die Mauer und will euch erschlagen, +wachet auf, denn Assurs Schwert ist gezückt über euch ...</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zusammenfahrend)</span>:</p><p>Wer spricht? Wer spricht?</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wer redet ... wer spricht ...</p> <p><span class="character">DIE STIMME JEREMIAS</span>:</p><p>Der Zorn des Herrn ist gefallen -über des Friedens Verstörer, und von Mitternacht den König hat -er gen Israel gesandt, daß er ihm breche Türme und Trotz. +über des Friedens Verstörer, und von Mitternacht den König hat +er gen Israel gesandt, daß er ihm breche Türme und Trotz. Wachet auf, um zu fliehen, wachet auf, euch zu retten, denn er -ist gekommen, der Würger eurer Söhne, der Schänder eurer -Töchter, der Verwüster eurer Felder. Wachet auf! Wachet auf!</p> +ist gekommen, der Würger eurer Söhne, der Schänder eurer +Töchter, der Verwüster eurer Felder. Wachet auf! Wachet auf!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zusammenschreckend und sich schließlich stark aufraffend)</span>:</p><p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zusammenschreckend und sich schließlich stark aufraffend)</span>:</p><p> Wer spricht da? Wer redet da?</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Ein Wahnwitziger ist es, Herr, der @@ -3213,47 +3176,47 @@ Mond hat ihn verwirrt.</p> ein Toller ...</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Nein ... bring ihn vor ... ich will ihn sehen ... -ich will sehen, daß ein Lebendiger solches sprach ... denn zu +ich will sehen, daß ein Lebendiger solches sprach ... denn zu furchtbar klang diese Stimme ... mir war, als schrien Klage die Steine Jerusalems, als entbebte der Mauer das Wort ...</p> <p class="direction">(DIE BEIDEN KRIEGER eilen hinab.)</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Nicht laß dich verwirren, Herr ... viele sind -gekauft in der Stadt von chaldäischem Gold ...</p> +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Nicht laß dich verwirren, Herr ... viele sind +gekauft in der Stadt von chaldäischem Gold ...</p> -<p><span class="character">ANDERE</span>:</p><p>Nicht höre ihn an ... laß von der Mauer ihn werfen ... -Nicht mit den Verängstigten sprich ...</p> +<p><span class="character">ANDERE</span>:</p><p>Nicht höre ihn an ... laß von der Mauer ihn werfen ... +Nicht mit den Verängstigten sprich ...</p> <p class="direction">(JEREMIAS UND BARUCH werden von den beiden Kriegern heraufgeholt, -Jeremias vor den König gestoßen.)</p> +Jeremias vor den König gestoßen.)</p> -<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Dieser ist es, der so lästerlich redete.<span class="pagenum">81</span> +<p><span class="character">DER ZWEITE KRIEGER</span>:</p><p>Dieser ist es, der so lästerlich redete.<span class="pagenum">81</span> Schon vordem habe ich ihn belauscht.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Sie sagen von einem, der umginge in der Stadt und -Unheil kündete vor den Leuten. Ist es dieser?</p> +Unheil kündete vor den Leuten. Ist es dieser?</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er ist es ... Jeremias ... Fluch über ihn ... Unheil -sprengt er aus ... er vergiftet die Herzen ... ein Lügner ist er ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er ist es ... Jeremias ... Fluch über ihn ... Unheil +sprengt er aus ... er vergiftet die Herzen ... ein Lügner ist er ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Gottes Bote ist er, und Wahrheit kündet er, ich zeuge -für ihn.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Gottes Bote ist er, und Wahrheit kündet er, ich zeuge +für ihn.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wer bist du, daß du zeugest?... Du Knabe ... -nicht höre ihn ... niederschlagen soll man solch Otterngezücht.</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wer bist du, daß du zeugest?... Du Knabe ... +nicht höre ihn ... niederschlagen soll man solch Otterngezücht.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Schweiget ... Weg mit diesem vorerst, ich bedarf eines Zeugen nicht ...</p> -<p class="direction">(BARUCH wird zurückgestoßen in das Dunkel.)</p> +<p class="direction">(BARUCH wird zurückgestoßen in das Dunkel.)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Tritt heran zu mir, Jeremias ... Bist du es, der Israel verwirrt?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Von Israel geht Wirrnis aus und nicht von mir.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich kenne deine Stimme ... ich muß sie gehört -haben ... aus meinem Herzen klingt etwas zurück, da du mir +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich kenne deine Stimme ... ich muß sie gehört +haben ... aus meinem Herzen klingt etwas zurück, da du mir zusprichst, und doch blickte ich dich nie. Oder ... Warst du es nicht, der damals um Friede schrie vor dem Palast ...</p> @@ -3264,93 +3227,93 @@ jener Stunde, doch als ich heimging des Nachts und ruhte ohne Schlaf auf meinem Lager, da war dein Ruf noch wach in meinem Herzen.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Gott wollte, daß du ihn hörtest, und weh dir, daß -du ihn wegwarfst, denn es wäre Schlaf jetzt auf deinen Lidern +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Gott wollte, daß du ihn hörtest, und weh dir, daß +du ihn wegwarfst, denn es wäre Schlaf jetzt auf deinen Lidern und ein Friede in Israel.</p> -<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Nicht höre auf ihn, König ... ein Gaukler +<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Nicht höre auf ihn, König ... ein Gaukler ist er und frevelt mit Gottes Wort ... sprich nicht mit ihm ...</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Was schaffst du hier auf der Mauer des Nachts? -Zu den Chaldäern willst du fallen? Nimm ihn fest, mein König, +Zu den Chaldäern willst du fallen? Nimm ihn fest, mein König, sein Wandel ist Gefahr!</p> <p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Seine Mutter ringt mit dem Tode, vergiftet hat sie sein Wort. Aber er meidet das Haus, sieh, des Nachts schweift er -hier um und späht zu den Feinden ...</p> +hier um und späht zu den Feinden ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(erschreckt)</span>:</p><p>Meine Mutter, sagst du ...<span class="pagenum">82</span></p> -<p><span class="character">ANDERE</span>:</p><p>Ein Verräter ist er ... nicht höre ihn, mein König -... nicht höre ihn ... nimm ihn fest ...</p> +<p><span class="character">ANDERE</span>:</p><p>Ein Verräter ist er ... nicht höre ihn, mein König +... nicht höre ihn ... nimm ihn fest ...</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ruhe um mich! Meine Seele ist so schwach nicht -gemauert, daß ein Schwätzer sie werfe. Jeremias, tritt her zu +gemauert, daß ein Schwätzer sie werfe. Jeremias, tritt her zu mir und sei ohne Scheu. Ich habe das Wort vernommen, das du riefest am Tage des Ausgangs, und dies Wort klang mir zu, denn ein Gotteswort ist das Friedenswort. Doch vergangen ist das Vergangene. Nun brennt Krieg zwischen Assur und Israel. -Nicht bändigt ihn mehr ein Wort, ich kann ihn nicht niedertreten +Nicht bändigt ihn mehr ein Wort, ich kann ihn nicht niedertreten mit dem Willen ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Du kannst es, Herr!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zornig)</span>:</p><p>Wie kann ich es noch? Siehst du den Feind -nicht um die Mauern, hörst du seine Speere nicht klirren im +nicht um die Mauern, hörst du seine Speere nicht klirren im Wind? Wie kann ich das wenden?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Du kannst es, Herr, denn du bist der König.</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Du kannst es, Herr, denn du bist der König.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Kann ich sie fortblasen mit meinem Hauch, kann -ich austilgen das Vergangene? Zu spät ist es für den Frieden.</p> +ich austilgen das Vergangene? Zu spät ist es für den Frieden.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Es ist nie zu spät.</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Es ist nie zu spät.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(noch zorniger)</span>:</p><p>Wie ein Einfältiger redest du. Noch +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(noch zorniger)</span>:</p><p>Wie ein Einfältiger redest du. Noch ward Assur nicht geschlagen von Israel und nicht Israel von Assur, noch ist Blut nicht geflossen. Wie kann ich enden, was nicht begonnen?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Das Blut ist ein Graben zwischen den Völkern. So -tiefer du ihn ziehest, so schwerer wirst du ihn dämmen. Darum -laß sprechen die Worte vor dem Schwert, geh hin zum König +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Das Blut ist ein Graben zwischen den Völkern. So +tiefer du ihn ziehest, so schwerer wirst du ihn dämmen. Darum +laß sprechen die Worte vor dem Schwert, geh hin zum König oder sende ihm Botschaft!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich soll zu Nabukadnezar, meinem Feinde?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Sende Boten an ihn, vielleicht, daß du noch rettest +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Sende Boten an ihn, vielleicht, daß du noch rettest Jerusalem!</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Eine Schmach sind seine Worte, eine Schmach -für Israel ... fort mit dem Zagherzigen ...</p> +für Israel ... fort mit dem Zagherzigen ...</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Warum soll ich senden zu ihm, warum ich als der erste? Bin ich sein Knecht denn, bin ich der Besiegte schon?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Es muß einer den Frieden beginnen, wie einer den +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Es muß einer den Frieden beginnen, wie einer den Krieg.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Warum soll ich es sein, der als der erste spricht,<span class="pagenum">83</span> -warum ich und nicht er? Soll er meinen, daß ich verzagte? -Möge er senden zu mir, so will ich Zwiesprache halten und erwägen +warum ich und nicht er? Soll er meinen, daß ich verzagte? +Möge er senden zu mir, so will ich Zwiesprache halten und erwägen sein Wort. Doch warum ich als der erste?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Selig, der als erster die Hand bietet für den Frieden, -selig der König, der das Blut spart seines Volkes.</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Selig, der als erster die Hand bietet für den Frieden, +selig der König, der das Blut spart seines Volkes.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und wenn ich die Hand böte, wenn ich mein Herz -bezwänge, Jeremias, wenn ich so täte, wie du heischest, und er -stößt sie zurück, meine Hand?</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und wenn ich die Hand böte, wenn ich mein Herz +bezwänge, Jeremias, wenn ich so täte, wie du heischest, und er +stößt sie zurück, meine Hand?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Selig die Verstoßenen um der Gerechtigkeit willen, +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Selig die Verstoßenen um der Gerechtigkeit willen, denn Gott nimmt sie auf an sein Herz.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich aber sage dir, die Kinder würden meiner spotten +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich aber sage dir, die Kinder würden meiner spotten und die Weiber lachen meiner Schmach.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Besser, der Narren Gelächter hinter dir, als der +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Besser, der Narren Gelächter hinter dir, als der Witwen Klage. Nicht deiner gedenke jetzt, sondern des Volkes, -dem du gesetzt bist von heiliger Hand. Laß dich verlachen von +dem du gesetzt bist von heiliger Hand. Laß dich verlachen von den Toren um der Gerechtigkeit willen, aber tu Gottes Tat! Tu auf die Tore, tu auf dein Herz, Zedekia, bedenke, du rettest Jerusalem! Du hast dich erhoben wider Assur, so beuge dich @@ -3363,80 +3326,80 @@ Jerusalems willen! Tu auf die Tore, tu auf ihm dein Herz! Du rettest, du rettest Jerusalem!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Mit dem Schwert will ich es retten und meines Lebens -Preis, doch mit meiner Ehre nicht. Du weißt nicht, was du heischest +Preis, doch mit meiner Ehre nicht. Du weißt nicht, was du heischest von mir.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Das Schwerste heische ich von dir, denn wem ziemt das Gewaltige denn den Gesalbten? Deines Herzens Kleinod, -deinen Stolz opfre hin für die Stadt! Wirf dich hin vor jenen, +deinen Stolz opfre hin für die Stadt! Wirf dich hin vor jenen, wie ich mich hinwerfe vor dir, tu auf die Tore, tu auf dein -Herz! Beuge dich, König Zedekia, denn besser, du beugest dich, -denn daß Israel gebeuget werde.</p> +Herz! Beuge dich, König Zedekia, denn besser, du beugest dich, +denn daß Israel gebeuget werde.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>In Spott willst du mich stoßen und dich weiden +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>In Spott willst du mich stoßen und dich weiden an meiner Schmach, du Rasender! Aber ich steh aufrecht und halte mein Erbe! Lieber sterben, als Gnade erbitten, lieber Vernichtung, denn diese Demut! Weg von mir, weg! Ich beuge<span class="pagenum">84</span> mich nicht, keinem auf Erden beuge ich mich!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(von den Knien sich gewaltig aufhebend)</span>:</p><p>Dann Fluch -dem Öl, das dir salbte die Stirn, und Fluch der Krone, die dir -die Stirne gürtet; Fluch dir, Davids Sohn, daß du nur deinen -Hochmut schützest, dein irdisch Teil, statt daß du wahrest -Jerusalem, dein Gottesteil. Aber höre mich ...</p> +dem Öl, das dir salbte die Stirn, und Fluch der Krone, die dir +die Stirne gürtet; Fluch dir, Davids Sohn, daß du nur deinen +Hochmut schützest, dein irdisch Teil, statt daß du wahrest +Jerusalem, dein Gottesteil. Aber höre mich ...</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Nichts will ich mehr hören, du Narr, du böser Narr +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Nichts will ich mehr hören, du Narr, du böser Narr Gottes ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Stoße es nur fort mein Wort mit dem Fuße, du +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Stoße es nur fort mein Wort mit dem Fuße, du Taumelnder, nicht kannst du zertreten ein Gotteswort. Spei es aus, du Trunkener, aber wisse es bis in deine Eingeweide: nahe ist die Stunde, Zedekia, da du schreien wirst nach meinem Troste, -wie die Gebärerin schreit! Doch dann wird kein Rat mehr sein, -denn wer weiß Rat wider den Tod und hat ein Retten vor Gottes +wie die Gebärerin schreit! Doch dann wird kein Rat mehr sein, +denn wer weiß Rat wider den Tod und hat ein Retten vor Gottes Gericht. Gedenke der Mauer hier, gedenke der Stunde! Rechtzeit habe ich dich gewarnt, aber ein Prellbock starret dein Herz und von Eisen deine Stirne, und wie ich dir darob fluche aus dieser Stunde, werden fluchen Geschlechter und Geschlechter -deinem Namen. In deine Hände war Zion gegeben, und du -ließest es fallen, dir war es vertraut, und du hast es verschleudert! -Mögest du darum vergessen werden von Gottes Gnade, wie du -vergaßest Jerusalem! Fluch über dich, du Vollstrecker Babels, -du Würger Zions, du Mörder, du Mörder von Israel!</p> +deinem Namen. In deine Hände war Zion gegeben, und du +ließest es fallen, dir war es vertraut, und du hast es verschleudert! +Mögest du darum vergessen werden von Gottes Gnade, wie du +vergaßest Jerusalem! Fluch über dich, du Vollstrecker Babels, +du Würger Zions, du Mörder, du Mörder von Israel!</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Die Mauer hinab! Zerbrecht ihm den Nacken!</p> -<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Er hat den König gelästert ... sperrt ihm das -Schandmaul ... die Mauer hinab ... nicht fürchte des Rasenden +<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Er hat den König gelästert ... sperrt ihm das +Schandmaul ... die Mauer hinab ... nicht fürchte des Rasenden Wort ... Schaum steht um seine Lippe ... ein Kranker ist er ... hinab mit ihm.</p> -<p class="direction">(DIE BEGLEITER des Königs dringen gewaltsam auf Jeremias ein.)</p> +<p class="direction">(DIE BEGLEITER des Königs dringen gewaltsam auf Jeremias ein.)</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(der wie vor unsichtbarem Anprall zurückgefahren ist, die Hand -am Herzen, sich wieder ermannend)</span>:</p><p>Ablaßt von ihm! Meint ihr, eines +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(der wie vor unsichtbarem Anprall zurückgefahren ist, die Hand +am Herzen, sich wieder ermannend)</span>:</p><p>Ablaßt von ihm! Meint ihr, eines Narren Fluch machte mich blassen, ein frech Wort knickte schon meine Kraft? <span class="direction">(Nach einer Pause)</span>: Aber dies sehe ich: wahr ist, was -sie sagten im Volke: gefährlich ist dieses Menschen Wort. Wie -ein Sturmbock stößt er wider die Herzen. Es geht nicht an, daß -solch ein Gottesleugner länger frei rede im Volke und seine<span class="pagenum">85</span> +sie sagten im Volke: gefährlich ist dieses Menschen Wort. Wie +ein Sturmbock stößt er wider die Herzen. Es geht nicht an, daß +solch ein Gottesleugner länger frei rede im Volke und seine<span class="pagenum">85</span> Angst auf die Krieger falle.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Töten muß man ihn. Wer nicht Gott vertraut, +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Töten muß man ihn. Wer nicht Gott vertraut, ist unwert des Lebens.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Man steinige ihn ... ein Söldling ist er ... er -will die Stadt den Chaldäern preisgeben ... laß ihn töten ... +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Man steinige ihn ... ein Söldling ist er ... er +will die Stadt den Chaldäern preisgeben ... laß ihn töten ... er betet um unser Verderben ...</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Soll ich töten den, der mich schmähte, daß man -meine, ich fürchte sein Wort? Nicht so! Tritt her, Jeremias! +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Soll ich töten den, der mich schmähte, daß man +meine, ich fürchte sein Wort? Nicht so! Tritt her, Jeremias! Wind ist mir dein Wort, doch noch einmal frage ich dich um -deinetwillen: Sagt dir untrüglich dein Herz, daß Tod sei über +deinetwillen: Sagt dir untrüglich dein Herz, daß Tod sei über Zion und allen in Zions Mauern? Ich frage dich! Antworte mir frei!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Tod steht über Jerusalem, Tod über uns allen. +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Tod steht über Jerusalem, Tod über uns allen. Nur Ergebung kann uns erretten.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Dann geh und ergib dich! Als einziger aller rette @@ -3445,189 +3408,189 @@ dein Leben!</p> <p class="direction">(JEREMIAS starrt ihn an, ohne ihn zu verstehen.)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wer zehrt an unserem Brote, soll nicht auch zehren -an unserer Kraft. Fürchtest du für Zion, so fliehe von Zion! +an unserer Kraft. Fürchtest du für Zion, so fliehe von Zion! Ich schenk dir dein Leben! Die Mauer hier, klimm sie hinab, zu Nabukadnezar geh und birg deinen Leib. Und so dein Wort -sich erfüllet, bläh auf deine Backen und lache der Brüder, die -starben für Jerusalem.</p> +sich erfüllet, bläh auf deine Backen und lache der Brüder, die +starben für Jerusalem.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Zu milde bist du, König, mit dem Lästerer.</p> +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Zu milde bist du, König, mit dem Lästerer.</p> <p class="direction">(JEREMIAS unbeweglich, ringt um ein Wort.)</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>So geh doch, flieh fort, Abtrünniger des Glaubens, -geh zu Nabukadnezar, des Sieg du gekündet, und küsse seinen -Fuß! Ich aber bleibe in meines Volkes Mitte und in meiner Väter +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>So geh doch, flieh fort, Abtrünniger des Glaubens, +geh zu Nabukadnezar, des Sieg du gekündet, und küsse seinen +Fuß! Ich aber bleibe in meines Volkes Mitte und in meiner Väter Heimat, denn ich glaube bis zum letzten Atem meines Leibes: -Lüge ist dieses Mannes Rede und ewig währet Jerusalem!</p> +Lüge ist dieses Mannes Rede und ewig währet Jerusalem!</p> -<p><span class="character">DIE ANDERN</span> <span class="direction">(jauchzend)</span>:</p><p>Ewig währet Jerusalem! Nie vergehet +<p><span class="character">DIE ANDERN</span> <span class="direction">(jauchzend)</span>:</p><p>Ewig währet Jerusalem! Nie vergehet Gottes Haus!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>So eile! Lauf über zu Assur, ich hab dirs gewährt! -Laß uns unsern Tod und kriech in dein Leben!</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>So eile! Lauf über zu Assur, ich hab dirs gewährt! +Laß uns unsern Tod und kriech in dein Leben!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich fassend)</span>:</p><p>Ich lasse nicht Jerusalem!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Hast du nicht eben gekündet uns allen, Tod stünde<span class="pagenum">86</span> -über Jerusalem? So flieh, daß du ihm entweichest!</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Hast du nicht eben gekündet uns allen, Tod stünde<span class="pagenum">86</span> +über Jerusalem? So flieh, daß du ihm entweichest!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nicht meines Lebens trage ich Bangen, sondern -für die Tausendmaltausend schreiet mein Herz. Ich weiche nicht! -Mögen fallen seine Mauern, ich stürze mit dem letzten seiner Steine.</p> +für die Tausendmaltausend schreiet mein Herz. Ich weiche nicht! +Mögen fallen seine Mauern, ich stürze mit dem letzten seiner Steine.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nicht dulde ihn bei den Kriegern ... ein Verräter +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nicht dulde ihn bei den Kriegern ... ein Verräter ist er ... Verwirrung sprengt er unter die Krieger ... jage ihn -fort ... nicht habe er länger Gemeinschaft mit uns ...</p> +fort ... nicht habe er länger Gemeinschaft mit uns ...</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Zum letztenmal, Jeremias! Aufgetan ist dir der Weg!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich bleibe in Gottes Stadt, bis daß sie vergehet, bis -daß ich vergehe!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich bleibe in Gottes Stadt, bis daß sie vergehet, bis +daß ich vergehe!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Dann aber wisse dieses zur Warnung: Schwert liegt fortab auf deinem Wort! So du noch einmal hebst die Stimme -zu harter Verkündung, so du noch einmal ausschreiest Untergang +zu harter Verkündung, so du noch einmal ausschreiest Untergang in diesen Mauern, ist dein Leben verfallen.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nicht ich hebe die Stimme, Gott wirft sie aus mir. -Wie die Luft fährt durch die Posaune, daß sie erklinge, so tönet -sein Wille durch mich. In seine Hände habe ich mich gegeben.</p> +Wie die Luft fährt durch die Posaune, daß sie erklinge, so tönet +sein Wille durch mich. In seine Hände habe ich mich gegeben.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich habe dich gewarnet, Jeremias, wie du mich gewarnet. -Selbst schützest du fortan dein Leben. <span class="direction">(Zu den andern)</span>: -Keiner rühre ihn feindlich an, solange er sich zähmet. Doch -schreit er noch einmal Schrecknis über die andern, so fasset ihn, -und er büße nach euerm Spruch. <span class="direction">(Zu Jeremias)</span>: Hüte dich, hüte -deine Lippe, daß dein Blut nicht springe über sie! Uns aber -möge Gott schonen, wie ich heute deiner geschonet.</p> +Selbst schützest du fortan dein Leben. <span class="direction">(Zu den andern)</span>: +Keiner rühre ihn feindlich an, solange er sich zähmet. Doch +schreit er noch einmal Schrecknis über die andern, so fasset ihn, +und er büße nach euerm Spruch. <span class="direction">(Zu Jeremias)</span>: Hüte dich, hüte +deine Lippe, daß dein Blut nicht springe über sie! Uns aber +möge Gott schonen, wie ich heute deiner geschonet.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(reglos, mit unsicherer Stimme)</span>:</p><p>Nicht mich hüte ich -... ich hüte Jerusalem ...</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(reglos, mit unsicherer Stimme)</span>:</p><p>Nicht mich hüte ich +... ich hüte Jerusalem ...</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(wieder an den Rand der Mauer tretend)</span>:</p><p>Noch immer ziehen sie her, und wie von Wettern rollts von ihren Wagen und Rossen, es ist kein Ende abzusehen, kein Ende. Wahrlich, furchtbar -ist er, der König von Mitternacht, furchtbar wird es sein, ihm -zu begegnen! Gott schütze Jerusalem! <span class="direction">(Tief atmend)</span>: Gott schütze +ist er, der König von Mitternacht, furchtbar wird es sein, ihm +zu begegnen! Gott schütze Jerusalem! <span class="direction">(Tief atmend)</span>: Gott schütze Jerusalem!</p> <p class="direction">(ZEDEKIA wendet sich langsam zum Gehen und schreitet die Runde weiter; Abimelech, die anderen sowie die beiden Krieger folgen dem sinnend Hinschreitenden langsam nach.)</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(aus dem Dunkel vorstürzend)</span>:</p><p>Rasch ... eile ihm nach,<span class="pagenum">87</span> -noch einmal fasse deine Kraft ... Gottes Sendung ist über dir -... eile, daß du ihn zwingest.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(aus dem Dunkel vorstürzend)</span>:</p><p>Rasch ... eile ihm nach,<span class="pagenum">87</span> +noch einmal fasse deine Kraft ... Gottes Sendung ist über dir +... eile, daß du ihn zwingest.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(erwachend aus seiner Dumpfheit)</span>:</p><p>Wen ... wen soll ich zwingen?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Den König ... eile ihm nach ... entbrenne dein +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Den König ... eile ihm nach ... entbrenne dein Wort, rette, rette Jerusalem!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Den König! <span class="direction">(In heißem Erschrecken um sich auf die leere -Mauer starrend)</span>: Oh, fort ... fort ... versäumt ... verloren die -heilige Stunde ... von Gott war er mir gesandt, in meine Hände -geworfen, daß ich knetete seinen Willen, und ich ließ ihn entgleiten +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Den König! <span class="direction">(In heißem Erschrecken um sich auf die leere +Mauer starrend)</span>: Oh, fort ... fort ... versäumt ... verloren die +heilige Stunde ... von Gott war er mir gesandt, in meine Hände +geworfen, daß ich knetete seinen Willen, und ich ließ ihn entgleiten ... Blick in Blick war mir der Schwanke gegeben, und -doch: wie Asche zerstäubte an seiner Stirne mein Wort ... Oh, -Schmach über mich, daß so dürr war meine Rede, so laulich -mein Atem ... Mit Fluch fiel ich ihn an, und mit Güte hat er -mich geschlagen ... wer bin ich, daß man mir diente, wenn +doch: wie Asche zerstäubte an seiner Stirne mein Wort ... Oh, +Schmach über mich, daß so dürr war meine Rede, so laulich +mein Atem ... Mit Fluch fiel ich ihn an, und mit Güte hat er +mich geschlagen ... wer bin ich, daß man mir diente, wenn ich nicht diene dem Wort ... Oh, Fluch der Nessel meiner Rede ... Fluch der Distel meines Munds ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Noch einmal versuch es, und du zwingest ihn. Schon erschwankte sein Wille!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Zu spät, zu spät, verloren ist die Stunde, die Gott -mir erkor! Doch was wählete er auch mich, den Schwächling, +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Zu spät, zu spät, verloren ist die Stunde, die Gott +mir erkor! Doch was wählete er auch mich, den Schwächling, was rief er Unkraft zu so gewaltig Beginnen! Warum tat er nur Galle des Fluches in meinen Mund und des Wortes bittern Wermut, -warum die läutrige Flamme nicht, die entbrennet die Herzen -der Menschen! Wer bin ich denn, Nichtiger, daß ich mich erfreche, +warum die läutrige Flamme nicht, die entbrennet die Herzen +der Menschen! Wer bin ich denn, Nichtiger, daß ich mich erfreche, seines Wortes Profeten mich zu nennen, Bruder der Erlauchten, -wenn ich nicht Erbe bin ihrer Stärke? Königen umtaten -sie den Zaum ihres Willens und beugeten der Völker Stirn, +wenn ich nicht Erbe bin ihrer Stärke? Königen umtaten +sie den Zaum ihres Willens und beugeten der Völker Stirn, Feuer des Herrn fuhr voran ihrer Rede, doch ich, ich Dorn im Fleisch ihrer Qual, nicht ein Blatt vermag ich zu wenden mit meiner Seele Odem ... ein Speichelspeier nur bin ich, ein -Tönen von Wirrsal und Wind ...</p> +Tönen von Wirrsal und Wind ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nicht quäle dich, Meister ... der Schmerz verwirret +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nicht quäle dich, Meister ... der Schmerz verwirret dich.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>So sage doch, zeuge, künde mir, daß ichs gewahr -sei ... was hab ich vermocht? Eine Stadt hängt am Tode, und<span class="pagenum">88</span> -ihre Not verzehret mich ... von Träumen bin ich allnächtens -umtan und schmerzhaft trächtig des Worts ... so sag, was vermocht +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>So sage doch, zeuge, künde mir, daß ichs gewahr +sei ... was hab ich vermocht? Eine Stadt hängt am Tode, und<span class="pagenum">88</span> +ihre Not verzehret mich ... von Träumen bin ich allnächtens +umtan und schmerzhaft trächtig des Worts ... so sag, was vermocht ich wider den Herren der Stunde ... meine Warnung, -wen warnete sie ... nicht daß er einen Boten sendete von Zelt -zu Zelt ... nicht daß ein Mensch seine Schritte aufhübe als -Bote des Friedens ... Oh, die Luft frißt meine Schreie, und das -Gelächter der Menschen schluckt meine Schreie, zur Schande +wen warnete sie ... nicht daß er einen Boten sendete von Zelt +zu Zelt ... nicht daß ein Mensch seine Schritte aufhübe als +Bote des Friedens ... Oh, die Luft frißt meine Schreie, und das +Gelächter der Menschen schluckt meine Schreie, zur Schande bin ich gezeugt und zur Plage geboren! Wem hab ich Freude geschenket? Ein Greuel bin ich den Gerechten und meiner Mutter -Kümmernis. Kein Weib trägt ein Kind mir im Schoß, und kein +Kümmernis. Kein Weib trägt ein Kind mir im Schoß, und kein Lebendiger glaubet meiner Rede!</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich glaube dir, ich laß dich nicht.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich glaube dir, ich laß dich nicht.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Du glaubest mir ... noch immer ... dann hör mein -Wort ... So du mir glaubest, verlaß mich! Denn du verderbest -dich. Geh zu den andern, die Süße predigen und triefen von -Verheißung, geh zu Hananja, der Sieg sagt, und nicht spotte -ihrer mehr, denn wisse, sie sind besser denn ich. Ihre Lüge, -sie zeuget noch Kühnheit, doch schlaff sind die Lenden meines +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Du glaubest mir ... noch immer ... dann hör mein +Wort ... So du mir glaubest, verlaß mich! Denn du verderbest +dich. Geh zu den andern, die Süße predigen und triefen von +Verheißung, geh zu Hananja, der Sieg sagt, und nicht spotte +ihrer mehr, denn wisse, sie sind besser denn ich. Ihre Lüge, +sie zeuget noch Kühnheit, doch schlaff sind die Lenden meines Worts, sie wecken keinen Samen des Sieges. Ohnmacht nur -zeugt meine Ohnmacht. Oh und sage, wer ist unnützer, denn -der Friede schreit zwischen den Schwertern, wer törichter als -der Weisheit Verkünder in der Trunkenen Mitte? Ist denn nicht +zeugt meine Ohnmacht. Oh und sage, wer ist unnützer, denn +der Friede schreit zwischen den Schwertern, wer törichter als +der Weisheit Verkünder in der Trunkenen Mitte? Ist denn nicht Freude der Menschen Brot und die Hoffnung ihre Speise? Gesegnet, -wer tröstet, verflucht, wer nur fluchet ... daß ihm darre -die Zunge ... daß auslösche, der Anstoß ist und Ärgernis ...</p> +wer tröstet, verflucht, wer nur fluchet ... daß ihm darre +die Zunge ... daß auslösche, der Anstoß ist und Ärgernis ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nein, ich weiche nicht von dir ... Du bist der -Große ... Dich hab ich erwählt um deines Leidens willen.</p> +Große ... Dich hab ich erwählt um deines Leidens willen.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nicht lobe mich, nicht lobe mich ... mich verbrennet die Scham ... was hab ich denn Jerusalem zum Heile -getan ... hab ich gebeugt des Königs Starrnis, hab ich zum -Rechten geführt das irrend Volk, hab ich erweckt den Boten des +getan ... hab ich gebeugt des Königs Starrnis, hab ich zum +Rechten geführt das irrend Volk, hab ich erweckt den Boten des Friedens mit meiner Rede Stachel? Nur geschrien habe ich und -gefluchet, doch mein Geschrei war ein Blitz, der in Wasser fährt, +gefluchet, doch mein Geschrei war ein Blitz, der in Wasser fährt, und mein Fluch ein Wind, der nicht wehet ... wo ist meine Tat ... wem brachte ich Segen ... wo schuf ich den Frieden ... wo weckte ich den Boten zum Wege, da ich selber gestrauchelt ...<span class="pagenum">89</span></p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Wie sagtest du ... einen Boten müßtest du schaffen, -daß er gehe von Nabukadnezar zum Könige?</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Wie sagtest du ... einen Boten müßtest du schaffen, +daß er gehe von Nabukadnezar zum Könige?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Will er denn als erster sprechen zum andern. Wie -die Knaben warten die Könige, daß einer anhübe mit dem Wort.</p> +die Knaben warten die Könige, daß einer anhübe mit dem Wort.</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(heiß)</span>:</p><p>Aus deinem Atem, sagtest du, müßtest du +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(heiß)</span>:</p><p>Aus deinem Atem, sagtest du, müßtest du einen Boten erschaffen ... aus deinem Atem ... siehe, Jeremias, -wisse ... du heilig Verzagter ... nicht dürr und fruchtlos +wisse ... du heilig Verzagter ... nicht dürr und fruchtlos ist dein Wort ... fruchtend ist es mir in die Seele gefallen -... in mir nun keimet Gottes Geheiß ... ich danke dir, Meister, +... in mir nun keimet Gottes Geheiß ... ich danke dir, Meister, Erwecker ... aus dem Dunkel hast du mich gehoben ... meine Tat mir gewiesen ... oh, Jeremias, der du Kraft zeugest aus deinem Schmerze ... ich danke dir ... ich danke dir.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Was erglühest du so ... Ich fasse dich nicht ...</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Was erglühest du so ... Ich fasse dich nicht ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Meine Tat ... Sie ist es, die mir entglüht ... Du -hast mich befeuert ... ich weiß den Weg, nachbarlich geht er -dem Tode wie der deine ... doch ich will ihn gehen für Jerusalem -... lebe wohl, Meister ... ich will würdig sein deines +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Meine Tat ... Sie ist es, die mir entglüht ... Du +hast mich befeuert ... ich weiß den Weg, nachbarlich geht er +dem Tode wie der deine ... doch ich will ihn gehen für Jerusalem +... lebe wohl, Meister ... ich will würdig sein deines Rufes, lebe wohl.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wohin willst du?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Lebe wohl, Meister ... lebe wohl und segne mich, -wenn ichs vollbringe, und fluche mir nicht, so ichs versäume ... +wenn ichs vollbringe, und fluche mir nicht, so ichs versäume ... lebe wohl ... lebe wohl ... es gilt Jerusalem ...</p> <p class="direction">(BARUCH schwingt sich zur Mauer und beginnt hinabzuklettern.)</p> @@ -3639,16 +3602,16 @@ wohin ...</p> <p class="direction">(BARUCH verschwindet jenseits der Mauer.)</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich über die Mauer beugend)</span>:</p><p>Baruch, wohin gehest -du ... halt ein ... sie werden dich fassen ... die Späher -Chaldäas sind schon rege um die Wege ... Baruch ... Baruch -... Was fliehst du von mir ... Was lässest du mich allein ... +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich über die Mauer beugend)</span>:</p><p>Baruch, wohin gehest +du ... halt ein ... sie werden dich fassen ... die Späher +Chaldäas sind schon rege um die Wege ... Baruch ... Baruch +... Was fliehst du von mir ... Was lässest du mich allein ... Baruch ... Baruch ... bleib bei mir in dieser Stunde ...</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span> <span class="direction">(ist herbeigeeilt)</span>:</p><p>Was rufst du da ... was schreist du in die Nacht ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich aufrichtend)</span>:</p><p>Ich rufe ... ich rufe, und doch hört<span class="pagenum">90</span> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich aufrichtend)</span>:</p><p>Ich rufe ... ich rufe, und doch hört<span class="pagenum">90</span> keiner auf mich ...</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Was geht hier vor? Was treibst du @@ -3657,43 +3620,43 @@ einer mit dir?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Keiner ist mit mir ... keiner ist mehr mit mir ...</p> -<p class="direction">(JEREMIAS geht langsam, mit schwerem Schritt, von der Mauer stadtwärts +<p class="direction">(JEREMIAS geht langsam, mit schwerem Schritt, von der Mauer stadtwärts hinab. Der Krieger sieht ihm starr nach, bis er im Schatten der Mauer verschwindet, dann rafft er sich auf und schreitet im harten Mondlicht schweigend auf und ab. Es ist ganz still, nur sein schwerer Schritt -hallt über die mondblanken Quadern, und von ferne tönt aus dem Unsichtbaren -heranklingend wieder der Wachtruf: „Simson über sie“ ... -„Simson über sie“ durch die weiße Nacht ...)</p> +hallt über die mondblanken Quadern, und von ferne tönt aus dem Unsichtbaren +heranklingend wieder der Wachtruf: „Simson über sie“ ... +„Simson über sie“ durch die weiße Nacht ...)</p> <hr class="l65" /> -<h2><small>DAS FÜNFTE BILD</small><br /> +<h2><small>DAS FÜNFTE BILD</small><br /> -<a name="DIE_PRUFUNG_DES_PROFETEN" id="DIE_PRUFUNG_DES_PROFETEN"></a>DIE PRÜFUNG DES PROFETEN</h2> +<a name="DIE_PRUFUNG_DES_PROFETEN" id="DIE_PRUFUNG_DES_PROFETEN"></a>DIE PRÜFUNG DES PROFETEN</h2> <div class="blockquot"><p>„Doch der Herr wollte ihn mit Leiden zermalmen.“</p></div> <p class="citation"> Jes. <small>LIII</small>.</p> <hr class="l65" /> -<p class="direction"><span class="dropcap">D</span>as enge Schlafgemach der Mutter Jeremias in seinem Hause. Die Türen<span class="pagenum">92</span> -des schmalen Raumes sind mit Vorhängen überhängt, ebenso die -Fenster, so daß Licht und alle Laute nur gedämpft von außen in die Düsterheit -der Stube dringen und kaum mehr als der Umriß der Gestalten und -Dinge wahrnehmbar wird. Im Hintergrunde glänzt weiß aus der Dunkelheit -das breite bettartige Pfühl, auf dem die alte Frau regungslos liegt. Neben +<p class="direction"><span class="dropcap">D</span>as enge Schlafgemach der Mutter Jeremias in seinem Hause. Die Türen<span class="pagenum">92</span> +des schmalen Raumes sind mit Vorhängen überhängt, ebenso die +Fenster, so daß Licht und alle Laute nur gedämpft von außen in die Düsterheit +der Stube dringen und kaum mehr als der Umriß der Gestalten und +Dinge wahrnehmbar wird. Im Hintergrunde glänzt weiß aus der Dunkelheit +das breite bettartige Pfühl, auf dem die alte Frau regungslos liegt. Neben ihr aufrecht stehend ACHAB, der alte Diener.</p> <p><span class="character">JOCHEBED</span> <span class="direction">(eine Anverwandte, hebt vorsichtig den Vorhang des Einganges)</span>:</p><p> -Achab ... hör, Achab ...</p> +Achab ... hör, Achab ...</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Leise!... Tritt leise heran! Wie Flaum liegt der -Schlummer über ihr, eines Wortes Windhauch schon bläst ihn -fort. Nicht störe ihre Ruhe!</p> +Schlummer über ihr, eines Wortes Windhauch schon bläst ihn +fort. Nicht störe ihre Ruhe!</p> <p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Wohl dem, der noch ruhen kann, indes die Tore -schüttern und die Festen beben der Stadt!</p> +schüttern und die Festen beben der Stadt!</p> -<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Nicht sprich davon, nicht erwähne des Feindes! So +<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Nicht sprich davon, nicht erwähne des Feindes! So du sie liebst, schone der Kranken.</p> <p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Wie meinest du? Was soll ich nicht sagen?</p> @@ -3701,40 +3664,40 @@ du sie liebst, schone der Kranken.</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Nicht nenn unsere Not! Fremd ist ihr Jerusalems Schicksal.</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Nicht fasse ich dich. Sie weiß nicht, daß Krieg -unsere Stadt umfährt?</p> +<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Nicht fasse ich dich. Sie weiß nicht, daß Krieg +unsere Stadt umfährt?</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Wozu ihrs verraten, woran sie verginge? Ein Ahnen -schon wäre ihr Tod.</p> +schon wäre ihr Tod.</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span> <span class="direction">(in höchstem Erstaunen)</span>:</p><p>Sie weiß nicht, daß Assur -über uns gefallen? Es ist noch ein Lebendiger in den Mauern, +<p><span class="character">JOCHEBED</span> <span class="direction">(in höchstem Erstaunen)</span>:</p><p>Sie weiß nicht, daß Assur +über uns gefallen? Es ist noch ein Lebendiger in den Mauern, der unwissend blieb unseres Elends? Wie konnte solch Wunder -geschehen? Sind ihre Sinne verschlossen denn, daß sie die Posaunen -nicht hört, meint sie noch Frieden, da schon Widder die +geschehen? Sind ihre Sinne verschlossen denn, daß sie die Posaunen +nicht hört, meint sie noch Frieden, da schon Widder die Mauern anrennen?</p> -<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Ihre Sinne sind dunkel geworden. Was sie hört, vermeinet -sie Traum. Die Türen hab ich vertan und die Spalten verschlossen, -daß nichts Eingang finde von Lärmen und Licht!</p> +<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Ihre Sinne sind dunkel geworden. Was sie hört, vermeinet +sie Traum. Die Türen hab ich vertan und die Spalten verschlossen, +daß nichts Eingang finde von Lärmen und Licht!</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Sie weiß es nicht? Sie weiß es nicht? Wunder ist -dies und grausam zugleich. Nichts, sagst du, Achab, weiß sie, -auch kein Ahnen rührt ihren Sinn?</p> +<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Sie weiß es nicht? Sie weiß es nicht? Wunder ist +dies und grausam zugleich. Nichts, sagst du, Achab, weiß sie, +auch kein Ahnen rührt ihren Sinn?</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Manchmal flog Ahnen sie an, doch traumhaft nur, und mit Worten scheucht ich es fort. Nur gestern, als das Volk schrie<span class="pagenum">93</span> bei des ersten Widders Prall, da schreckte sie auf. Die Decken -warf sie im Fieber von sich und reckte die Hände, sie müsse -hinaus, sie müsse zu Walle, Krieg sei im Land, Feind in der -Stadt, Zion vergehe, Jerusalem falle. Das Wort sei erfüllt, ihr -Sohn, er habe es wahrgesagt, der König sei gekommen, der -König von Mitternacht. Und sie reckte sich auf und brach in -die Knie, doch ehe sie noch stürzte, faßte ich sie und trug sie -zum Bett und begütete sie, es sei nur ein Traum, nur ein Fiebertrug, -dies Dröhnen draußen von Volk und Posaunen. Sie schien +warf sie im Fieber von sich und reckte die Hände, sie müsse +hinaus, sie müsse zu Walle, Krieg sei im Land, Feind in der +Stadt, Zion vergehe, Jerusalem falle. Das Wort sei erfüllt, ihr +Sohn, er habe es wahrgesagt, der König sei gekommen, der +König von Mitternacht. Und sie reckte sich auf und brach in +die Knie, doch ehe sie noch stürzte, faßte ich sie und trug sie +zum Bett und begütete sie, es sei nur ein Traum, nur ein Fiebertrug, +dies Dröhnen draußen von Volk und Posaunen. Sie schien es zu glauben und lag dann offenen Auges und horchte dem -dunklen Gedröhne der Gasse nach.</p> +dunklen Gedröhne der Gasse nach.</p> <p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Wie sonderlich! Doch sag: was ists, das sie so verwirrt?</p> @@ -3742,83 +3705,83 @@ verwirrt?</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Ihre kranken Sinne suchen den Sohn.</p> <p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Jeremias ... den Rasenden ... den Geiferer der -Gasse ... sie selbst doch stieß ihn aus dem Haus.</p> +Gasse ... sie selbst doch stieß ihn aus dem Haus.</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Doch ward keine Stunde ihr seitdem froh. Stumm -saß sie nur mehr in den Gemächern, und oft fand ich sie gebeugt -über das Tor wie einer, der eines Gastes wartet. Und als -er nicht kam und nicht kam, ward es mählich düster in ihren +saß sie nur mehr in den Gemächern, und oft fand ich sie gebeugt +über das Tor wie einer, der eines Gastes wartet. Und als +er nicht kam und nicht kam, ward es mählich düster in ihren Sinnen.</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Doch was kommt er nicht, der Verworfene, daß +<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Doch was kommt er nicht, der Verworfene, daß sie genese an ihm? Die Gassen streift er alltags und speit Fluch in das Volk, indes die Mutter seiner sehnend ist. Warum kommt -er nicht, der Schwätzer des Markts, der Würger der Freude?</p> +er nicht, der Schwätzer des Markts, der Würger der Freude?</p> -<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Unwissend ist er, daß sie seiner begehrt. Stolz ist er wie +<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Unwissend ist er, daß sie seiner begehrt. Stolz ist er wie sie selbst, nicht die Steine der Schwelle tritt er, auf die sie ihn -gestoßen.</p> +gestoßen.</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>So laß es ihn wissen.</p> +<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>So laß es ihn wissen.</p> -<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Wie darf ichs ohne ihr Geheiß? Ein Sklave bin ich, -ein Diener nur. Darf ich mich unterfangen denn, zu hören, was +<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Wie darf ichs ohne ihr Geheiß? Ein Sklave bin ich, +ein Diener nur. Darf ich mich unterfangen denn, zu hören, was sie unwissend spricht?</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Du darfst es, du mußt es, so es ihr Leben gilt.</p> +<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Du darfst es, du mußt es, so es ihr Leben gilt.</p> -<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Ist wahrhaft dies dein Meinen? Glaubst du, ich täte +<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Ist wahrhaft dies dein Meinen? Glaubst du, ich täte recht, voraus zu sein ihrem Wort und ihm Botschaft zu senden?</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Bei Gottes Güte, so mein' ichs. Ihr Leben rettest<span class="pagenum">94</span> +<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Bei Gottes Güte, so mein' ichs. Ihr Leben rettest<span class="pagenum">94</span> du damit.</p> -<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>So sei Gott gedankt, denn höre, Jochebed! Was du -forderst, ich hab es getan in meines Herzens Bedrängnis.</p> +<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>So sei Gott gedankt, denn höre, Jochebed! Was du +forderst, ich hab es getan in meines Herzens Bedrängnis.</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Gesegnet, gesegnet dafür!</p> +<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Gesegnet, gesegnet dafür!</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Schon gingen meine Knaben aus, ihn zu suchen. Durch die Stadt sandte ich sie, noch fanden sie ihn nicht, doch hart sind ihre Schritte hinter den seinen!</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Ach, fänden sie ihn nur! Es würde ihr Genesung +<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Ach, fänden sie ihn nur! Es würde ihr Genesung bringen, der Armen, denn wirr ist zwischen Stolz und Sehnen ihr Sinn.</p> -<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Ja, wirr ist ihr Gefühl und verdüstert ihr Blut. Seit er +<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Ja, wirr ist ihr Gefühl und verdüstert ihr Blut. Seit er ging, ist sie wie mit sich selber entzweit.</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Ach, wer fühlt denn noch klar in der Wirrnis der +<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Ach, wer fühlt denn noch klar in der Wirrnis der Zeit!</p> <p class="direction">(DIE MUTTER regt sich seufzend auf dem Bette.)</p> <p><span class="character">JOCHEBED</span> <span class="direction">(ihr Erwachen bemerkend, leise zu Achab)</span>:</p><p>Achab ... -sie regt sich ... der Schlaf fällt von ihr ab ... noch sind -ihre Augen verschlossen, doch ihre Lippen füllt schon das +sie regt sich ... der Schlaf fällt von ihr ab ... noch sind +ihre Augen verschlossen, doch ihre Lippen füllt schon das Wort ...</p> -<p class="direction">(ACHAB eilt hin und beugt sich über die Kranke.)</p> +<p class="direction">(ACHAB eilt hin und beugt sich über die Kranke.)</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(mit geschlossenen Augen, ihre Stimme ist leise wie ferner Gesang)</span>:</p><p>Sag, ist er gekommen, sag, kam er schon? Oh, wo ist er, wo ist er, mein Sorgensohn?</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span> <span class="direction">(flüsternd)</span>:</p><p>Wie wunderlich! Zum erstenmal denkt +<p><span class="character">JOCHEBED</span> <span class="direction">(flüsternd)</span>:</p><p>Wie wunderlich! Zum erstenmal denkt sie seiner im Wort!</p> -<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Noch ist Traum über ihr, noch sind ihre Augen verhangen.</p> +<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Noch ist Traum über ihr, noch sind ihre Augen verhangen.</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(regt sich und schlägt ihre Lider auf)</span>:</p><p>Wo ... Achab -... Du bist es ... Jochebed ... oh, das Dunkel über mir ... +<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(regt sich und schlägt ihre Lider auf)</span>:</p><p>Wo ... Achab +... Du bist es ... Jochebed ... oh, das Dunkel über mir ... Traum, Traum, der mich verwirrte ... wo ...</p> -<p><span class="character">ACHAB</span> <span class="direction">(zärtlich sich hinbeugend)</span>:</p><p>Wie fühlst du, du Liebe? Wie +<p><span class="character">ACHAB</span> <span class="direction">(zärtlich sich hinbeugend)</span>:</p><p>Wie fühlst du, du Liebe? Wie hast du geruht?</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Wie kann ich ruhen ... wie ruhen in solcher -Träume Schrecknis ... wo ist er ... war er nicht hier ... wo +Träume Schrecknis ... wo ist er ... war er nicht hier ... wo ist er ... ich hab ihn gesehen ... was ging er fort ...</p> <p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Sieh den Glanz in ihren Augen! Wie aus Fieber<span class="pagenum">95</span> @@ -3826,13 +3789,13 @@ blickt sie, noch wirrt sie der Traum.</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Wen meinst du, Liebe?</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Fort ... was ging er fort ... was ließest du +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Fort ... was ging er fort ... was ließest du ihn von mir ... hier war er, hier ...</p> -<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Keiner war im Gelaß, denn Jochebed und ich ...</p> +<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Keiner war im Gelaß, denn Jochebed und ich ...</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Nicht er ... nicht er ... oh, Träume, wie voll -ist von ihnen das Haus ... <span class="direction">(plötzlich sich aufrichtend, fiebrigen Blicks)</span>: +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Nicht er ... nicht er ... oh, Träume, wie voll +ist von ihnen das Haus ... <span class="direction">(plötzlich sich aufrichtend, fiebrigen Blicks)</span>: Was rufst du ihn nicht ... er soll kommen ... soll kommen ...</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Wen soll ich rufen?</p> @@ -3842,48 +3805,48 @@ Tod kniet auf mir, und du rufst ihn nicht!</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Wie wagte ich ...</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Oh, daß meine Füße vermauert sind, daß ich -sieche, gehütet von blinden Knechten, von steinernen Herzen. +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Oh, daß meine Füße vermauert sind, daß ich +sieche, gehütet von blinden Knechten, von steinernen Herzen. Fort ... fort von mir!</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Aber Liebe ...</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Verraten hast du mich ... gesperrt ihm das -Haus ... gewiß war er hier, und du hast ihn fortgestoßen ... -er war hier ... mein Blut spürt ihn an der Schwelle ... er harrt -nur des Rufes, und du schweigst ... Du hast ihn weggestoßen.</p> +Haus ... gewiß war er hier, und du hast ihn fortgestoßen ... +er war hier ... mein Blut spürt ihn an der Schwelle ... er harrt +nur des Rufes, und du schweigst ... Du hast ihn weggestoßen.</p> -<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>So höre doch, Liebe ...</p> +<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>So höre doch, Liebe ...</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Weh über mich ... fort ... fort von mir ... -mögest du sterben wie ich, verlassen von deinen Kindern, sterben -am Streu wie das Räudige ...</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Weh über mich ... fort ... fort von mir ... +mögest du sterben wie ich, verlassen von deinen Kindern, sterben +am Streu wie das Räudige ...</p> -<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Ein Wort nur laß mich sagen.</p> +<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Ein Wort nur laß mich sagen.</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Ein Wort nur will ich hören, nur eines: Er +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Ein Wort nur will ich hören, nur eines: Er kommt, er ist da ...</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Dies eben vermeld ich ... er kommt ... schon nahen dem Haus seine Schritte ...</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(sich aufrichtend, ganz verzückt)</span>:</p><p>Er kommt ... er -kommt ... mein Jeremias ... oh, Achab ... nicht belüge mich -... nicht trüge den Tod ...</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(sich aufrichtend, ganz verzückt)</span>:</p><p>Er kommt ... er +kommt ... mein Jeremias ... oh, Achab ... nicht belüge mich +... nicht trüge den Tod ...</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Schon hat er die Söhne gesandt, daß sie ihn suchen +<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Schon hat er die Söhne gesandt, daß sie ihn suchen ... bald ist er hier ...</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Er kommt ... Ist es wahr ... er kommt ... -ja, schon höre ich ihn ... in mir gehen seine Schritte ... ich<span class="pagenum">96</span> -hör ihn im Haus ... er will herein ... im Herzen pocht er ... +ja, schon höre ich ihn ... in mir gehen seine Schritte ... ich<span class="pagenum">96</span> +hör ihn im Haus ... er will herein ... im Herzen pocht er ... hinab, so geh doch, ans Tor, eile, flieg hinab ... was steht ihr noch ...</p> -<p><span class="character">ACHAB</span> <span class="direction">(beruhigend)</span>:</p><p>Du Liebe, gleich ist er bei dir ... frühmorgens -schon sandte ich die Söhne ... er kommt gewiß ...</p> +<p><span class="character">ACHAB</span> <span class="direction">(beruhigend)</span>:</p><p>Du Liebe, gleich ist er bei dir ... frühmorgens +schon sandte ich die Söhne ... er kommt gewiß ...</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(wieder erregt)</span>:</p><p>Nein ... er kommt nicht ... träge +<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(wieder erregt)</span>:</p><p>Nein ... er kommt nicht ... träge sind sie, die Knaben, nicht suchen sie ihn ... sie streichen die Gassen ... oh, eilten sie doch ... das Dunkel ... das Dunkel ... im Blute steigt mirs auf ... ich ... ich will ihn noch sehen, eh @@ -3891,12 +3854,12 @@ mirs blendet den Blick ... geh, Achab ... sieh doch ... er ist da ...</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Gedulde dich, Liebe, nicht reg dich so wild.</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Laß ihn ein ... was läßt du ihn warten ... -hörst du nicht, wie er hämmert am Tor ... an den Schläfen -fühle ichs schon ... auf ... tu ihm auf ... wie er hämmert ... -weh ... wie er hämmert mit den Fäusten ... auf, tu ihm auf ...</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Laß ihn ein ... was läßt du ihn warten ... +hörst du nicht, wie er hämmert am Tor ... an den Schläfen +fühle ichs schon ... auf ... tu ihm auf ... wie er hämmert ... +weh ... wie er hämmert mit den Fäusten ... auf, tu ihm auf ...</p> -<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Noch ist er nicht hier, Liebe, doch er zögert nicht +<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Noch ist er nicht hier, Liebe, doch er zögert nicht lang ...</p> <p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Gleich wird er kommen ... gedulde dich ...</p> @@ -3906,33 +3869,33 @@ mir ... ich habe nicht Zeit ... kalt rinnts mir die Glieder herauf ... oh, kalt ... wie Stein meine Beine ... es will ... es will ...</p> -<p class="direction">(JEREMIAS ist leise zur Türe eingetreten und bleibt zögernd dort stehen, -seine Hände sind verkrampft, sein Haupt wie von ungeheurer Last gebeugt.)</p> +<p class="direction">(JEREMIAS ist leise zur Türe eingetreten und bleibt zögernd dort stehen, +seine Hände sind verkrampft, sein Haupt wie von ungeheurer Last gebeugt.)</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Nicht raff dich so auf ... bette dich hin ... er wird ...</p> -<p class="direction">(ACHAB bemerkt Jeremias, er hält erschrocken inne; auch Jochebed schweigt -voll starrer Ergriffenheit. Eine steinerne Stille steht plötzlich im dunklen +<p class="direction">(ACHAB bemerkt Jeremias, er hält erschrocken inne; auch Jochebed schweigt +voll starrer Ergriffenheit. Eine steinerne Stille steht plötzlich im dunklen Raum.)</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(sich mühsam aufrichtend)</span>: Was schweigt ihr plötzlich -mit einemmal ... was schweigt ihr so? <span class="direction">(Plötzlich mit einem +<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(sich mühsam aufrichtend)</span>: Was schweigt ihr plötzlich +mit einemmal ... was schweigt ihr so? <span class="direction">(Plötzlich mit einem Jubellaut)</span>:</p><p>Ist er gekommen ... ist er da, mein Kind, mein Sohn -... mein Jeremia ... oh, daß meine Sinne so dunkel sind ... +... mein Jeremia ... oh, daß meine Sinne so dunkel sind ... wo ... wo bist du, Jeremia ...</p> -<p class="direction">(JEREMIAS tritt zögernd einige Schritte näher, bleibt dann stehen, gleichsam -vom eigenen Gefühle bezwungen.)</p> +<p class="direction">(JEREMIAS tritt zögernd einige Schritte näher, bleibt dann stehen, gleichsam +vom eigenen Gefühle bezwungen.)</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(sich gegen ihn wendend)</span>:</p><p>Du bist da, ich fühl es -... meine Sinne eratmen dich ... weh, daß es so dunkelt vor<span class="pagenum">97</span> -meinem Gesicht ... was trittst du nicht nah, daß meine Hände +<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(sich gegen ihn wendend)</span>:</p><p>Du bist da, ich fühl es +... meine Sinne eratmen dich ... weh, daß es so dunkelt vor<span class="pagenum">97</span> +meinem Gesicht ... was trittst du nicht nah, daß meine Hände dich fassen ... Was kommst du nicht, mein Jeremia?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(unbeweglich verharrend, die Hände an sich gekrampft)</span>:</p><p> -Ich wage es nicht! Ich wage es nicht! Unheil hängt mir an, -Fluch fährt mir voraus. Laß mich ferne stehn, daß mein Hauch -dich nicht rühre, nicht Schauer anstreife dein heilig Herz!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(unbeweglich verharrend, die Hände an sich gekrampft)</span>:</p><p> +Ich wage es nicht! Ich wage es nicht! Unheil hängt mir an, +Fluch fährt mir voraus. Laß mich ferne stehn, daß mein Hauch +dich nicht rühre, nicht Schauer anstreife dein heilig Herz!</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(fiebrig)</span>:</p><p>Mein Kind, meine Arme, sie sehnen sich aus, was kommst du nicht, Lieber, was kommst du nicht @@ -3940,8 +3903,8 @@ nah? Ward dir so widrig die Lippe, so fremd meine Hand?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Fremd bin ich mir selbst, fremd steh ich im Haus!</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Oh, er verstößt mich, er läßt mich zum andermal! -Was läßt du mich sehnen, was bist du so hart?</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Oh, er verstößt mich, er läßt mich zum andermal! +Was läßt du mich sehnen, was bist du so hart?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich kann nicht! Ich kann nicht! Ein Wort brennt zwischen mir und dir wie des Engels Schwert.</p> @@ -3950,66 +3913,66 @@ zwischen mir und dir wie des Engels Schwert.</p> Wind hat ihn zerblasen, mit dem Atem ist er verweht.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nein, Mutter, wach ist dein Fluch und alle Gassen -rege deines Worts. Von den Häusern ist er gefahren wider +rege deines Worts. Von den Häusern ist er gefahren wider mich, aus aller Menschen Mund sprang er mich an. Nicht dein -Sohn, nicht atmend Fleisch bin ich mehr, nur Gelächter einer -Welt, der Ausgestoßene bin ich worden meines Volks und der +Sohn, nicht atmend Fleisch bin ich mehr, nur Gelächter einer +Welt, der Ausgestoßene bin ich worden meines Volks und der Zorn der Gerechten, der Vergessene Gottes und Ekel mir selbst. -Allein, laß mich allein, abseits laß mich stehen im Dunkel, den +Allein, laß mich allein, abseits laß mich stehen im Dunkel, den Verfluchtesten aller!</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Oh, mein Kind, und wärest du der Verstoßene -einer Welt, in der Priester Bann und des Volkes Acht, und hätte -selbst Gott dich verstoßen von seinem Antlitz, mein Kind bist -du und mein selig Blut für immerdar! Für ihren Haß will ich -dich lieben und segnen für ihren Fluch! Haben sie gespien auf -dich, oh, komm, daß ich dich küsse; haben sie dich verstoßen, -oh, komm, daß ich dich empfange; oh, kehr heim an mein Herz, -da du ausgegangen. Süß ist mir deine Lippe, die bittere, und -süß das Salz deiner Tränen, gesegnet mir dein Wandel für allezeit, -kehrst du nur heim an mein mütterlich Herz ...</p> - -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(mit einem Aufschrei hinstürzend und in die Knie sinkend)</span>:</p><p> -Oh, Mutter, du ewige Güte du! Oh, Mutter, du meine verlorene<span class="pagenum">98</span> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Oh, mein Kind, und wärest du der Verstoßene +einer Welt, in der Priester Bann und des Volkes Acht, und hätte +selbst Gott dich verstoßen von seinem Antlitz, mein Kind bist +du und mein selig Blut für immerdar! Für ihren Haß will ich +dich lieben und segnen für ihren Fluch! Haben sie gespien auf +dich, oh, komm, daß ich dich küsse; haben sie dich verstoßen, +oh, komm, daß ich dich empfange; oh, kehr heim an mein Herz, +da du ausgegangen. Süß ist mir deine Lippe, die bittere, und +süß das Salz deiner Tränen, gesegnet mir dein Wandel für allezeit, +kehrst du nur heim an mein mütterlich Herz ...</p> + +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(mit einem Aufschrei hinstürzend und in die Knie sinkend)</span>:</p><p> +Oh, Mutter, du ewige Güte du! Oh, Mutter, du meine verlorene<span class="pagenum">98</span> Welt!</p> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(ihn in den Armen einwiegend, hält ihn lautlos umfangen. -Ihre Hände streichen immer aufs neue zitternd über sein Haupt, seinen -Leib. Endlich blickt sie ihn an, in ihrem Auge glänzt ein fremdes, glückseliges +<p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(ihn in den Armen einwiegend, hält ihn lautlos umfangen. +Ihre Hände streichen immer aufs neue zitternd über sein Haupt, seinen +Leib. Endlich blickt sie ihn an, in ihrem Auge glänzt ein fremdes, glückseliges Licht, wie sie gleichsam in singender Klage zu ihm spricht)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Mein Kind, du mein weltverlorenes Kind,<br /></span> -<span class="i0">Ach, wärst du doch niemals von mir gegangen<br /></span> +<span class="i0">Ach, wärst du doch niemals von mir gegangen<br /></span> <span class="i0">Zu den Menschen, die starr wie die Steine sind!<br /></span> -<span class="i0">Oh, du Lieber, du Guter, du spät Belehrter,<br /></span> +<span class="i0">Oh, du Lieber, du Guter, du spät Belehrter,<br /></span> <span class="i0">Mein Herzgewiegter, mein Heimgekehrter<br /></span> <span class="i0">Ruh aus nun, du Lieber, am Herzen ruh aus,<br /></span> -<span class="i0">Ich habe dich ja wieder, spür Blut dich im Blut,<br /></span> -<span class="i0">Väterlich hält dich mit Stille das Haus,<br /></span> -<span class="i0">Mütterlich warm mein Arm dich gefangen.<br /></span> -<span class="i0">Laß dir streicheln die Stirn, laß dir schmeicheln das Haar<br /></span> +<span class="i0">Ich habe dich ja wieder, spür Blut dich im Blut,<br /></span> +<span class="i0">Väterlich hält dich mit Stille das Haus,<br /></span> +<span class="i0">Mütterlich warm mein Arm dich gefangen.<br /></span> +<span class="i0">Laß dir streicheln die Stirn, laß dir schmeicheln das Haar<br /></span> <span class="i0">Wie einstens, wenn in dir ein Wehes war,<br /></span> -<span class="i0">Und das Wort, das harte, das törige Wort,<br /></span> -<span class="i0">Sieh, schon streichts die Hand von den Schläfen dir fort.</span></div></div> +<span class="i0">Und das Wort, das harte, das törige Wort,<br /></span> +<span class="i0">Sieh, schon streichts die Hand von den Schläfen dir fort.</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(mit leisem Erschrecken)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Oh, Mutter, wie deine Hände doch schmal sind,<br /></span> +<span class="i0">Oh, Mutter, wie deine Hände doch schmal sind,<br /></span> <span class="i0">Oh, Mutter, wie deine Wangen doch fahl sind,<br /></span> -<span class="i0">Dein Herz ward so still, deine Lippen so blaß.<br /></span> +<span class="i0">Dein Herz ward so still, deine Lippen so blaß.<br /></span> <span class="i0">Bist du krank denn, Mutter, sag, fehlt dir etwas?</span></div></div> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Was mir fehlte, warst du allein,<br /></span> -<span class="i0">All, was mich quälte, dein Fernesein.<br /></span> +<span class="i0">All, was mich quälte, dein Fernesein.<br /></span> <span class="i0">Als hier vom Haus<br /></span> <span class="i0">Dein letzter Schritt im Gang verklang,<br /></span> <span class="i0">Da ward herzinnen mir so schwach,<br /></span> <span class="i0">Wie jenes Tags vor Jahr und Jahr,<br /></span> <span class="i0">Als ich dich in die Welt gebar<br /></span> <span class="i0">Und vieler Monde volle Frucht<br /></span> -<span class="i0">Aus meinem süß beschwerten Schoß<br /></span> +<span class="i0">Aus meinem süß beschwerten Schoß<br /></span> <span class="i0">Mit einmal schmerzhaft von mir fiel<br /></span> <span class="i0">Und fast das Herz mir stille stand,<br /></span> <span class="i0">Da es nicht mehr dies andre fand,<br /></span> @@ -4018,13 +3981,13 @@ Licht, wie sie gleichsam in singender Klage zu ihm spricht)</span>:</p> <span class="i0">Da du zuerst dich mir entrafft,<br /></span> <span class="i0">Als neue Not und Mutterschaft<br /></span> <span class="i0">Durchlebt ich sie nun abermal,<br /></span> -<span class="i0">Oh, Tag um Tag und Nacht für Nacht,<br /></span> -<span class="i0">Und du weißt nicht, wie Sehnsucht uns müde macht.</span></div></div> +<span class="i0">Oh, Tag um Tag und Nacht für Nacht,<br /></span> +<span class="i0">Und du weißt nicht, wie Sehnsucht uns müde macht.</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Oh, Mutter, so hast du um mich gelitten,<br /></span> -<span class="i0">Und ich stieß durch die Straßen, starrfühlend wie Stein!<br /></span> +<span class="i0">Und ich stieß durch die Straßen, starrfühlend wie Stein!<br /></span> <span class="i0">Oh, Mutter, wie kann ich dir dies abbitten,<br /></span> <span class="i0">Oh, Mutter, wie kannst du mir dies verzeihn!</span></div></div> @@ -4032,74 +3995,74 @@ Licht, wie sie gleichsam in singender Klage zu ihm spricht)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Und wenn ich so mit mir allein<br /></span> <span class="i0">Im leeren Haus verlassen lag,<br /></span> -<span class="i0">Träumt ich dir all deine Träume nach.<br /></span> +<span class="i0">Träumt ich dir all deine Träume nach.<br /></span> <span class="i0">Bei Tag<br /></span> <span class="i0">Da duckten sie sich, da hockten sie stumm<br /></span> -<span class="i0">Im grauen Gespind und Gebälk herum.<br /></span> -<span class="i0">Doch kaum, daß am Dach die Sonne verblich,<br /></span> +<span class="i0">Im grauen Gespind und Gebälk herum.<br /></span> +<span class="i0">Doch kaum, daß am Dach die Sonne verblich,<br /></span> <span class="i0">Da regten sie sich,<br /></span> <span class="i0">Wie Eule, Unke und Fledermaus<br /></span> <span class="i0">Flatterten sie schwarz aus den Schatten aus.<br /></span> <span class="i0">Sie schlichen<br /></span> <span class="i0">Und strichen<br /></span> -<span class="i0">Um meine Schläfen mit Graun und Geraun.<br /></span> +<span class="i0">Um meine Schläfen mit Graun und Geraun.<br /></span> <span class="i0">Sie hockten<br /></span> -<span class="i0">Sich schwer auf die Brust, daß der Atem mir stockte.<br /></span> +<span class="i0">Sich schwer auf die Brust, daß der Atem mir stockte.<br /></span> <span class="i0">Sie hackten<br /></span> <span class="i0">Und nagten<br /></span> <span class="i0">Kaltgleitende Schatten mir schwarz auf der Stirn<br /></span> -<span class="i0">Und fraßen den Schlaf vom Herzen und Hirn.<br /></span> -<span class="i0">Oh, wie sie mich quälten, die widrigen Tiere,<br /></span> -<span class="i0">Die wirrichten Träume, die geilen Vampire,<br /></span> -<span class="i0">Bald kühlten und bald durchschwülten sie mich,<br /></span> -<span class="i0">Bis tiefst zu innen aufwühlten sie mich,<br /></span> -<span class="i0">Daß ich, wenn endlich der Morgen anbrach,<br /></span> -<span class="i0">Entkräftet im Schweiß meines Leibes lag,<br /></span> +<span class="i0">Und fraßen den Schlaf vom Herzen und Hirn.<br /></span> +<span class="i0">Oh, wie sie mich quälten, die widrigen Tiere,<br /></span> +<span class="i0">Die wirrichten Träume, die geilen Vampire,<br /></span> +<span class="i0">Bald kühlten und bald durchschwülten sie mich,<br /></span> +<span class="i0">Bis tiefst zu innen aufwühlten sie mich,<br /></span> +<span class="i0">Daß ich, wenn endlich der Morgen anbrach,<br /></span> +<span class="i0">Entkräftet im Schweiß meines Leibes lag,<br /></span> <span class="i0">Von Schauer und Traum<br /></span><span class="pagenum">100</span> -<span class="i0">Ganz ausgehöhlt wie ein uralter Baum.</span></div></div> +<span class="i0">Ganz ausgehöhlt wie ein uralter Baum.</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Oh, Mutter, oh, Mutter, was tat ich dir an!<br /></span> -<span class="i0">Und ich strich die Straßen, fremd, unbedacht!<br /></span> -<span class="i0">Mit Jahren laß jede Nacht mich entsühnen,<br /></span> +<span class="i0">Und ich strich die Straßen, fremd, unbedacht!<br /></span> +<span class="i0">Mit Jahren laß jede Nacht mich entsühnen,<br /></span> <span class="i0">Die du um meinetwillen verwacht!<br /></span> <span class="i0">Jetzt, jetzt erst hebt ja mein Leben an,<br /></span> <span class="i0">Seit ich heim in deine Vergebung mich fand,<br /></span> -<span class="i0">Nun weiß ich erst, daß die wirrichte Welt<br /></span> -<span class="i0">Der Liebe nicht auch nur ein Tausend enthält,<br /></span> +<span class="i0">Nun weiß ich erst, daß die wirrichte Welt<br /></span> +<span class="i0">Der Liebe nicht auch nur ein Tausend enthält,<br /></span> <span class="i0">Als das milde Kreuz deiner Arme umspannt.</span></div></div> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Oh, mein Sohn, mein Kind, mein Jeremia,<br /></span> -<span class="i0">Oh, ahntest du, was du an Tröstung gibst,<br /></span> -<span class="i0">Wenn ich wieder erfühle, daß du mich liebst,<br /></span> -<span class="i0">Oh, daß du doch immer mir nahe bliebst,<br /></span> +<span class="i0">Oh, ahntest du, was du an Tröstung gibst,<br /></span> +<span class="i0">Wenn ich wieder erfühle, daß du mich liebst,<br /></span> +<span class="i0">Oh, daß du doch immer mir nahe bliebst,<br /></span> <span class="i0">Du mein brennender Trost, mein seliges Licht,<br /></span> <span class="i0">Du mein Erdenbrot, du mein Gottesdank,<br /></span> -<span class="i0">Genesen entglüht mir schon deinem Gesicht!<br /></span> -<span class="i0">Oh, höre, ich beschwöre dich,<br /></span> -<span class="i0">Jeremias, verlaß mich nicht,<br /></span> -<span class="i0">Bleib mir jetzt nah, es währt nicht lang,<br /></span> +<span class="i0">Genesen entglüht mir schon deinem Gesicht!<br /></span> +<span class="i0">Oh, höre, ich beschwöre dich,<br /></span> +<span class="i0">Jeremias, verlaß mich nicht,<br /></span> +<span class="i0">Bleib mir jetzt nah, es währt nicht lang,<br /></span> <span class="i0">Bleib da bei mir, Jeremia!</span></div></div> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Was fürchtest du ... ich faß dich nicht ...</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Was fürchtest du ... ich faß dich nicht ...</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Nicht lüge, nicht betrüge mich.<br /></span> -<span class="i0">Glaubst du, daß ichs nicht innen spür,<br /></span> +<span class="i0">Nicht lüge, nicht betrüge mich.<br /></span> +<span class="i0">Glaubst du, daß ichs nicht innen spür,<br /></span> <span class="i0">Wie sichs mit mir zu Ende neigt.<br /></span> -<span class="i0">Ich fühls: der Tod ist wach in mir!<br /></span> +<span class="i0">Ich fühls: der Tod ist wach in mir!<br /></span> <span class="i0">Und wie in einer Schattenuhr<br /></span> <span class="i0">Ganz unmerklich<br /></span> <span class="i0">Der schwarze Zeiger Strich um Strich<br /></span> -<span class="i0">Wandaufwärts schiebt und ründet sich,<br /></span> +<span class="i0">Wandaufwärts schiebt und ründet sich,<br /></span> <span class="i0">So steigt<br /></span> <span class="i0">Mit jedem wachen Atemzug<br /></span> <span class="i0">Das Dunkel tiefer mir ins Blut.<br /></span> -<span class="i0">Weh, daß ichs selbst so wissend spür,<br /></span> +<span class="i0">Weh, daß ichs selbst so wissend spür,<br /></span> <span class="i0">Wie ich im wachen Blut einfrier.</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> @@ -4117,60 +4080,60 @@ Licht, wie sie gleichsam in singender Klage zu ihm spricht)</span>:</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Du ewiger Träumer, du mein töriges Kind,<br /></span> -<span class="i0">Wie verführungsvoll deine Worte doch sind!<br /></span> -<span class="i0">Ach, daß ichs vermöchte,<br /></span> +<span class="i0">Du ewiger Träumer, du mein töriges Kind,<br /></span> +<span class="i0">Wie verführungsvoll deine Worte doch sind!<br /></span> +<span class="i0">Ach, daß ichs vermöchte,<br /></span> <span class="i0">Was du ersehntest, dir wahrhaft zu werden,<br /></span> -<span class="i0">Ein Traum wär die Welt, zum Himmel die Erde!<br /></span> -<span class="i0">Im stillen Haus, einträchtig zu zwein,<br /></span> +<span class="i0">Ein Traum wär die Welt, zum Himmel die Erde!<br /></span> +<span class="i0">Im stillen Haus, einträchtig zu zwein,<br /></span> <span class="i0">Wie friedsam sollte dies Leben sein!<br /></span> <span class="i0">Mit lindem Gang<br /></span> <span class="i0">Schritt ich des Tags deine Stunden entlang,<br /></span> <span class="i0">Und zur Nacht<br /></span> -<span class="i0">Säß ich ob deinem Schlummer wach<br /></span> -<span class="i0">Und glänzte den Blick als ein lauschend Licht<br /></span> +<span class="i0">Säß ich ob deinem Schlummer wach<br /></span> +<span class="i0">Und glänzte den Blick als ein lauschend Licht<br /></span> <span class="i0">In das schlafend Dunkel auf deinem Gesicht,<br /></span> -<span class="i0">Ich horchte in deines Atems Getön,<br /></span> +<span class="i0">Ich horchte in deines Atems Getön,<br /></span> <span class="i0">Ob still er weht<br /></span> -<span class="i0">Oder heiß von Fiebern und Träumen geht.<br /></span> -<span class="i0">Und fühlt ich, die Träume erschreckten dich,<br /></span> +<span class="i0">Oder heiß von Fiebern und Träumen geht.<br /></span> +<span class="i0">Und fühlt ich, die Träume erschreckten dich,<br /></span> <span class="i0">So weckte ich dich,<br /></span> <span class="i0">Und dein erster, dunkelenttauchender Blick<br /></span> -<span class="i0">Fiele froh in das Lächeln des meinen zurück.</span></div></div> +<span class="i0">Fiele froh in das Lächeln des meinen zurück.</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Mutter, Geliebte, sorge dich nicht,<br /></span> -<span class="i0">Meine Nächte sind dunkel und träumeleer.<br /></span> -<span class="i0">Es ist vorüber: ich träume nicht mehr.</span></div></div> +<span class="i0">Meine Nächte sind dunkel und träumeleer.<br /></span> +<span class="i0">Es ist vorüber: ich träume nicht mehr.</span></div></div> -<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Du träumst nicht mehr?</p> +<p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p><p>Du träumst nicht mehr?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ich träume nicht mehr.<br /></span> +<span class="i0">Ich träume nicht mehr.<br /></span> <span class="i0">Mein Schlaf ward schwarz, mein Schlaf ward stumm,<br /></span> <span class="i0">Nicht mehr wallen<br /></span><span class="pagenum">102</span> <span class="i0">In meinem Blut die Gesichte um,<br /></span> -<span class="i0">Meine Träume sind tief in den Tag gefallen,<br /></span> +<span class="i0">Meine Träume sind tief in den Tag gefallen,<br /></span> <span class="i0">Ihr Schauer hat sich den Stunden gesellt:<br /></span> -<span class="i0">Ich träume nicht mehr, denn wach ward die Welt.</span></div></div> +<span class="i0">Ich träume nicht mehr, denn wach ward die Welt.</span></div></div> <p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(ekstatisch)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Jeremia! Du träumst nicht mehr?<br /></span> +<span class="i0">Jeremia! Du träumst nicht mehr?<br /></span> <span class="i0">Oh, wie gut! Oh, wie gut!<br /></span> -<span class="i0">Siehst du Verzagter, ich wußte es ja,<br /></span> -<span class="i0">Gott würde dein dunkelndes Herz erleuchten<br /></span> +<span class="i0">Siehst du Verzagter, ich wußte es ja,<br /></span> +<span class="i0">Gott würde dein dunkelndes Herz erleuchten<br /></span> <span class="i0">Von seiner Wirrnis und seinem Wahn!<br /></span> -<span class="i0">Oh, so selig sicher glühts mir im Blut,<br /></span> +<span class="i0">Oh, so selig sicher glühts mir im Blut,<br /></span> <span class="i0">Was ich dich lehrte von Anfang an:<br /></span> <span class="i0">Nie wird ein Feind diese Stadt umwallen,<br /></span> <span class="i0">Nie Zion zittern, nie Davids Burg fallen,<br /></span> -<span class="i0">Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,<br /></span> +<span class="i0">Und wenn der Feind von den Enden der Erde käm,<br /></span> <span class="i0">Ewig werden die ragenden Mauern,<br /></span> <span class="i0">Ewig die Herzen Israels dauern,<br /></span> -<span class="i0">Ewig währet Jerusalem!</span></div></div> +<span class="i0">Ewig währet Jerusalem!</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ist von den Knien aufgefahren. Er starrt sie wie ein Sinnloser an. Seine Lippen beben das Wort wie eine Frage nach)</span>:</p><p>Nie wird @@ -4178,8 +4141,8 @@ an. Seine Lippen beben das Wort wie eine Frage nach)</span>:</p><p>Nie wird <p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(aufzitternd vor Angst)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Was schrickst so jäh,<br /></span> -<span class="i0">Was blickst du so blaß?</span></div></div> +<span class="i0">Was schrickst so jäh,<br /></span> +<span class="i0">Was blickst du so blaß?</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(noch ganz benommen im Schauer)</span>:</p><p>Nie wird ... ein Feind ... unsere Stadt umwallen ...</p> @@ -4190,7 +4153,7 @@ Feind ... unsere Stadt umwallen ...</p> <span class="i0">Was ist dir geschehn,<br /></span> <span class="i0">Was krampfst du die Hand,<br /></span> <span class="i0">Was birgst du den Blick?<br /></span> -<span class="i0">Was schrickst du und blickst du so unbewußt?<br /></span> +<span class="i0">Was schrickst du und blickst du so unbewußt?<br /></span> <span class="i0">Und ihr,<br /></span> <span class="i0">Achab, Jochebed,<br /></span> <span class="i0">Was winkt ihr ihm ab,<br /></span> @@ -4208,75 +4171,75 @@ Feind ... unsere Stadt umwallen ...</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Nein!<br /></span> <span class="i0">Euer Blick<br /></span> -<span class="i0">Ward mit einmal schwarz und sorgenumdüstert;<br /></span> -<span class="i0">Und nun steht ihr im Dunkel und schauert und flüstert.<br /></span> -<span class="i0">Fürchterlich, fürchterlich<br /></span> -<span class="i0">Ist dies Geheimnis, das ihr verschließt.<br /></span> -<span class="i0">Ich spür<br /></span> -<span class="i0">Es wie Tod und Gottes Zorn über mir.</span></div></div> +<span class="i0">Ward mit einmal schwarz und sorgenumdüstert;<br /></span> +<span class="i0">Und nun steht ihr im Dunkel und schauert und flüstert.<br /></span> +<span class="i0">Fürchterlich, fürchterlich<br /></span> +<span class="i0">Ist dies Geheimnis, das ihr verschließt.<br /></span> +<span class="i0">Ich spür<br /></span> +<span class="i0">Es wie Tod und Gottes Zorn über mir.</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(stammelnd)</span>:</p><p>Nichts, Mutter ... nichts ... verbergen wir dir.</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Was belügt ihr mich,<br /></span> -<span class="i0">Was betrügt ihr mich?<br /></span> +<span class="i0">Was belügt ihr mich,<br /></span> +<span class="i0">Was betrügt ihr mich?<br /></span> <span class="i0">Noch bin ich nicht tot und nicht eingesargt,<br /></span> <span class="i0">Noch geht der warme Atem von mir,<br /></span> -<span class="i0">Noch schlägt mir das Blut aus dem Herzen heraus,<br /></span> -<span class="i0">Noch kann ich hören, noch bin ich nicht stumm,<br /></span> +<span class="i0">Noch schlägt mir das Blut aus dem Herzen heraus,<br /></span> +<span class="i0">Noch kann ich hören, noch bin ich nicht stumm,<br /></span> <span class="i0">Noch bin ich lebendig im eigenen Haus.</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Mutter ... du fieberst ... Wahn hält dich umkrallt,<br /></span> -<span class="i0">Deine Schläfen sind Feuer ... deine Hände so kalt ...</span></div></div> +<span class="i0">Mutter ... du fieberst ... Wahn hält dich umkrallt,<br /></span> +<span class="i0">Deine Schläfen sind Feuer ... deine Hände so kalt ...</span></div></div> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Was biegt ihr mir aus,<br /></span> -<span class="i0">Was schließt ihr mich ab?<br /></span> -<span class="i0">Und wär es die Schrecknis, ich will um sie wissen!<br /></span> +<span class="i0">Was schließt ihr mich ab?<br /></span> +<span class="i0">Und wär es die Schrecknis, ich will um sie wissen!<br /></span> <span class="i0">Warum, oh warum<br /></span> -<span class="i0">Sind hier die Fenster und Türen verhängt,<br /></span> +<span class="i0">Sind hier die Fenster und Türen verhängt,<br /></span> <span class="i0">Warum ist alles so dunkel und stumm?<br /></span> <span class="i0">Wie in einen Sarg<br /></span> <span class="i0">Habt ihr mich wach in mein Bett versenkt,<br /></span> <span class="i0">Mich schwarz vergraben in Matten und Kissen.<br /></span> <span class="i0">Warum, warum<br /></span> -<span class="i0">Stoßt ihr gewaltsam in Grauen und Grab<br /></span> +<span class="i0">Stoßt ihr gewaltsam in Grauen und Grab<br /></span> <span class="i0">Mich, die Lebendige, jetzt schon hinab?</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Mutter ... Mutter ... bette dich hin ...<br /></span><span class="pagenum">104</span> <span class="i0">Nicht wirf dich hoch ... beruhige dich ...<br /></span> -<span class="i0">Meine Hände fühle ... ich bin doch bei dir ...</span></div></div> +<span class="i0">Meine Hände fühle ... ich bin doch bei dir ...</span></div></div> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Ich lebe ... ich lebe ... ich lebe noch,<br /></span> -<span class="i0">Ich lasse mich nicht belügen und trügen.<br /></span> -<span class="i0">Fürchterlich Wachen kommt über mich.<br /></span> -<span class="i0">Ich weiß es, ich weiß es jetzt grauenvoll klar,<br /></span> -<span class="i0">Daß mein Träumen nicht Traum, sondern Wirklichkeit war.<br /></span> +<span class="i0">Ich lasse mich nicht belügen und trügen.<br /></span> +<span class="i0">Fürchterlich Wachen kommt über mich.<br /></span> +<span class="i0">Ich weiß es, ich weiß es jetzt grauenvoll klar,<br /></span> +<span class="i0">Daß mein Träumen nicht Traum, sondern Wirklichkeit war.<br /></span> <span class="i0">Oft<br /></span> -<span class="i0">Hörte ich Dröhnen<br /></span> +<span class="i0">Hörte ich Dröhnen<br /></span> <span class="i0">Von Rossen und Wagen,<br /></span> -<span class="i0">Ein Tönen,<br /></span> +<span class="i0">Ein Tönen,<br /></span> <span class="i0">Klirren und Klagen und Waffenschlagen,<br /></span> <span class="i0">Posaunen schollen dumpf in den Raum her,<br /></span> <span class="i0">Und ich lag<br /></span> -<span class="i0">Von Grauen umdrängt<br /></span> +<span class="i0">Von Grauen umdrängt<br /></span> <span class="i0">Und meinte,<br /></span> -<span class="i0">Daß all dies nur mein eigener Traum wär.<br /></span> +<span class="i0">Daß all dies nur mein eigener Traum wär.<br /></span> <span class="i0">Doch jetzt<br /></span> <span class="i0">Bin ich wach,<br /></span> <span class="i0">Grauenhaft wach,<br /></span> <span class="i0">Der Tod hat die Lider mir aufgesprengt.<br /></span> -<span class="i0">Ich weiß,<br /></span> -<span class="i0">Warum ihr das Licht und den Lärm mir verhängt:<br /></span> +<span class="i0">Ich weiß,<br /></span> +<span class="i0">Warum ihr das Licht und den Lärm mir verhängt:<br /></span> <span class="i0">Unheil ist um in der Stadt, in den Toren,<br /></span> <span class="i0">Wir sind geschlagen, wir sind verloren.<br /></span> <span class="i0">Wehe, Krieg ist in Israel!</span></div></div> @@ -4287,34 +4250,34 @@ wir dir.</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Jeremia,<br /></span> <span class="i0">Jeremia, sprich,<br /></span> -<span class="i0">Nicht laß mich in Dunkel, nicht schweige mich an.<br /></span> +<span class="i0">Nicht laß mich in Dunkel, nicht schweige mich an.<br /></span> <span class="i0">Sag,<br /></span> <span class="i0">Ist er gekommen,<br /></span> -<span class="i0">Den du verkündet,<br /></span> -<span class="i0">Der König, der König von Mitternacht?</span></div></div> +<span class="i0">Den du verkündet,<br /></span> +<span class="i0">Der König, der König von Mitternacht?</span></div></div> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Du träumst, Mutter, du träumst.</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Du träumst, Mutter, du träumst.</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span> <span class="direction">(flüsternd)</span>:</p><p>Leugne es ihr ... um ihres Lebens<span class="pagenum">105</span> +<p><span class="character">JOCHEBED</span> <span class="direction">(flüsternd)</span>:</p><p>Leugne es ihr ... um ihres Lebens<span class="pagenum">105</span> willen leugne es ihr ...</p> <p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(im Fieber)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Weh, die Fanfaren,<br /></span> -<span class="i0">Wie sie dröhnen und schallen!<br /></span> +<span class="i0">Wie sie dröhnen und schallen!<br /></span> <span class="i0">Er ist da, er ist da,<br /></span> -<span class="i0">Der reisige König von Mitternacht!<br /></span> -<span class="i0">Krieg ist in unsere Länder gefallen,<br /></span> +<span class="i0">Der reisige König von Mitternacht!<br /></span> +<span class="i0">Krieg ist in unsere Länder gefallen,<br /></span> <span class="i0">Feind kommt gefahren<br /></span> <span class="i0">Unendliche Scharen.<br /></span> -<span class="i0">Weh, wie sie stürmen!<br /></span> +<span class="i0">Weh, wie sie stürmen!<br /></span> <span class="i0">Es knicken die Mauern,<br /></span> <span class="i0">Es brechen die Tore<br /></span> <span class="i0">Gewaltig entzwei.<br /></span> <span class="i0">Verloren ... verloren<br /></span> <span class="i0">Israels Stadt und heiliges Haus.<br /></span> -<span class="i0">Die Mauer begräbt mich,<br /></span> -<span class="i0">Die Mauer erschlägt mich.<br /></span> +<span class="i0">Die Mauer begräbt mich,<br /></span> +<span class="i0">Die Mauer erschlägt mich.<br /></span> <span class="i0">Weh! Ich will nicht verbrennen im Bette!<br /></span> <span class="i0">Rette mich, rette!<br /></span> <span class="i0">Wohin<br /></span> @@ -4325,23 +4288,23 @@ willen leugne es ihr ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(bei ihr kniend)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Mutter, Mutter, unseliger Wahn<br /></span> -<span class="i0">Hält dich umkettet,<br /></span> -<span class="i0">Mutter, Mutter, höre mich an!</span></div></div> +<span class="i0">Hält dich umkettet,<br /></span> +<span class="i0">Mutter, Mutter, höre mich an!</span></div></div> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ich halt deine Hand, ich halt deine Hände,<br /></span> -<span class="i0">So schwöre mir, schwöre,<br /></span> -<span class="i0">Daß es nicht wahr ist.<br /></span> -<span class="i0">Schwöre mir, schwöre,<br /></span> -<span class="i0">Daß Israel nicht in Not und Gefahr ist.<br /></span> -<span class="i0">Schwör mirs, beschwöre,<br /></span> -<span class="i0">Daß kein Feind mir die letzte Ruhe verstört,<br /></span> -<span class="i0">Daß mein Leib in Zion zur Erde fährt!</span></div></div> +<span class="i0">Ich halt deine Hand, ich halt deine Hände,<br /></span> +<span class="i0">So schwöre mir, schwöre,<br /></span> +<span class="i0">Daß es nicht wahr ist.<br /></span> +<span class="i0">Schwöre mir, schwöre,<br /></span> +<span class="i0">Daß Israel nicht in Not und Gefahr ist.<br /></span> +<span class="i0">Schwör mirs, beschwöre,<br /></span> +<span class="i0">Daß kein Feind mir die letzte Ruhe verstört,<br /></span> +<span class="i0">Daß mein Leib in Zion zur Erde fährt!</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(erschreckt)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Es wird ... es wird ... Gott wird gnädig sein<br /></span> +<span class="i0">Es wird ... es wird ... Gott wird gnädig sein<br /></span> <span class="i0">Unserm Tode, wie ers dem Leben ist.</span></div></div> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p> @@ -4356,7 +4319,7 @@ willen leugne es ihr ...</p> <p><span class="character">ACHAB</span> <span class="direction">(gleichzeitig auf ihn eindringend)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Täusche sie ... sprich doch ... eh sie vergeht.<br /></span> +<span class="i0">Täusche sie ... sprich doch ... eh sie vergeht.<br /></span> <span class="i0">Siehst du denn nicht,<br /></span> <span class="i0">Wie dunkel schon auf ihrem Gesicht<br /></span> <span class="i0">Schatten des Todesengels hinweht?<br /></span> @@ -4364,15 +4327,15 @@ willen leugne es ihr ...</p> <p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Sprich ihr zu ... sonst wird es zu spät ...<br /></span> +<span class="i0">Sprich ihr zu ... sonst wird es zu spät ...<br /></span> <span class="i0">Ein Wort nur ... ein Wort,<br /></span> -<span class="i0">Daß sie in Frieden zu Gott eingeht.</span></div></div> +<span class="i0">Daß sie in Frieden zu Gott eingeht.</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(mit sich ringend)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Ich ... kann nicht ... ich kann nicht.<br /></span> -<span class="i0">Es hält mir einer die Kehle umpreßt,<br /></span> -<span class="i0">Es hält mir einer die Seele umschnürt ...</span></div></div> +<span class="i0">Es hält mir einer die Kehle umpreßt,<br /></span> +<span class="i0">Es hält mir einer die Seele umschnürt ...</span></div></div> <p><span class="character">DIE MUTTER</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> @@ -4382,83 +4345,83 @@ willen leugne es ihr ...</p> <span class="i0">Gott hat sein eigenes Volk geschlagen ...<br /></span> <span class="i0">Jerusalem ... Fluchtag, der mich gebar ...<br /></span> <span class="i0">Das Dunkel ... wehe ... das Dunkel steigt ...<br /></span> -<span class="i0">Brand überm Land ... die rasende Glut ...<br /></span> +<span class="i0">Brand überm Land ... die rasende Glut ...<br /></span> <span class="i0">Weh, ich verbrenne ... rettet mich fort ...</span></div></div> <p><span class="character">ACHAB</span> <span class="direction">(gleichzeitig)</span>:</p><p>Ein Wort ... ein Wort nur sprich ... nur ein Wort.</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Tröste sie ... tröste sie ... eh sie vergeht ... +<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Tröste sie ... tröste sie ... eh sie vergeht ... Ein Wort nur ... ein Wort ... sieh, wie sie verschmachtet.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(wie ein Gewürgter röchelnd)</span>:</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(wie ein Gewürgter röchelnd)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Ich ... kann es nicht sagen ... das Wort ...<br /></span> -<span class="i0">Er läßt nicht ... Er ... Mir die Kehle verdorrt ...<br /></span> +<span class="i0">Er läßt nicht ... Er ... Mir die Kehle verdorrt ...<br /></span> <span class="i0">Die Hand ... die grausame Gotteshand ...<br /></span> -<span class="i0">Mir ... die Seele geschnürt ... die Kehle umspannt ...<br /></span> +<span class="i0">Mir ... die Seele geschnürt ... die Kehle umspannt ...<br /></span> <span class="i0">Gott ... Gott, gib mich frei ... gib mich frei ...</span></div></div> <p><span class="character">DIE MUTTER</span> <span class="direction">(aufzuckend in wildem Schrei)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Verloren ... weh</span><span class="pagenum">107</span><br /> <span class="i0">... wehe ... ich brenne ... Mord im Gezelt ...<br /></span> -<span class="i0">Hilfe ... die Stadt ... der Tempel ... Gott fällt ...<br /></span> +<span class="i0">Hilfe ... die Stadt ... der Tempel ... Gott fällt ...<br /></span> <span class="i0">Gott ist gefallen ... verloren ... die Flammen Gehennas ...<br /></span> <span class="i0">Ins Herz ... bis ins Herz ... oh, Jerusalem ...</span></div></div> -<p class="direction">(Die Mutter stürzt plötzlich in sich zurück. Ein tiefes Schweigen.)</p> +<p class="direction">(Die Mutter stürzt plötzlich in sich zurück. Ein tiefes Schweigen.)</p> -<p class="direction">(ACHAB UND JOCHEBED treten erschreckt heran und beugen sich über +<p class="direction">(ACHAB UND JOCHEBED treten erschreckt heran und beugen sich über die Tote.)</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(Stimme plötzlich grell wie ein Springquell aufschießend)</span>:</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(Stimme plötzlich grell wie ein Springquell aufschießend)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Es ist nicht wahr:<br /></span> <span class="i0">Ich log, ich log,<br /></span> -<span class="i0">Ewig währet Jerusalem,<br /></span> +<span class="i0">Ewig währet Jerusalem,<br /></span> <span class="i0">Nie wird ein Feind unsere Stadt umwallen,<br /></span> <span class="i0">Nie Zion sinken, nie Davids Burg fallen.<br /></span> -<span class="i0">Höre mich, Mutter, noch einmal aufhöre,<br /></span> -<span class="i0">Ich schwöre, siehe, ich schwöre, ich schwöre:<br /></span> -<span class="i0">Ewig währet Jerusalem!</span></div></div> +<span class="i0">Höre mich, Mutter, noch einmal aufhöre,<br /></span> +<span class="i0">Ich schwöre, siehe, ich schwöre, ich schwöre:<br /></span> +<span class="i0">Ewig währet Jerusalem!</span></div></div> <p><span class="character">ACHAB</span> <span class="direction">(im Zorn)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Weg,<br /></span> <span class="i0">Du schreist sie nicht wach!<br /></span> -<span class="i0">Laß ihr den Frieden!</span></div></div> +<span class="i0">Laß ihr den Frieden!</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Sie muß mich hören, sie muß mich hören,<br /></span> -<span class="i0">Eh es zu spät ist!</span></div></div> +<span class="i0">Sie muß mich hören, sie muß mich hören,<br /></span> +<span class="i0">Eh es zu spät ist!</span></div></div> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Es ist zu spät!<br /></span> +<span class="i0">Es ist zu spät!<br /></span> <span class="i0">Weg<br /></span> <span class="i0">Von ihrer Stille,<br /></span> <span class="i0">Fort aus dem Gemach,<br /></span> -<span class="i0">Du schreist sie nicht auf, du lügst sie nicht wach!<br /></span> +<span class="i0">Du schreist sie nicht auf, du lügst sie nicht wach!<br /></span> <span class="i0">Was sprachst du nicht, da sie vor Angst sich verzehrte<br /></span> <span class="i0">Und ihr Leben an deinem Schweigen verging?<br /></span> <span class="i0">Fort,<br /></span> <span class="i0">Du Mitleidsloser, du Gottesnarr,<br /></span> -<span class="i0">Du wüster Träumer, du Ausgestoßner!<br /></span> +<span class="i0">Du wüster Träumer, du Ausgestoßner!<br /></span> <span class="i0">Da,<br /></span> <span class="i0">Sieh nur, wie starr<br /></span> -<span class="i0">Ihre Blicke nach Güte und Hoffnung fragen,<br /></span> +<span class="i0">Ihre Blicke nach Güte und Hoffnung fragen,<br /></span> <span class="i0">Und du hast<br /></span> <span class="i0">Ihr den Schrecken des Todes hineingeschlagen.<br /></span><span class="pagenum">108</span> -<span class="i0">Du Gottverfluchter ... weg ... laß ihr den Frieden ...<br /></span> +<span class="i0">Du Gottverfluchter ... weg ... laß ihr den Frieden ...<br /></span> <span class="i0">Der du sie selber gemordet hast.</span></div></div> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(stammelnd)</span>:</p><p>Laß mich ... ich will ...</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(stammelnd)</span>:</p><p>Laß mich ... ich will ...</p> <p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> @@ -4466,40 +4429,40 @@ die Tote.)</p> <span class="i0">Von den Gerechten,<br /></span> <span class="i0">Fort aus dem Haus!<br /></span> <span class="i0">Wehe, warum<br /></span> -<span class="i0">Ließ sie dich ein?<br /></span> +<span class="i0">Ließ sie dich ein?<br /></span> <span class="i0">Weg, du Verfluchter,<br /></span> -<span class="i0">Rühr nicht die heilige Stille an<br /></span> +<span class="i0">Rühr nicht die heilige Stille an<br /></span> <span class="i0">Und den Tod, den du ihr angetan.</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(zusammenbrechend)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Ewig verflucht,<br /></span> -<span class="i0">Ewig verstoßen,<br /></span> -<span class="i0">Aus dem Mutterschoß in die Welt hinein,<br /></span> +<span class="i0">Ewig verstoßen,<br /></span> +<span class="i0">Aus dem Mutterschoß in die Welt hinein,<br /></span> <span class="i0">Gott ... Gott ... es ist hart, dein Bote zu sein!</span></div></div> -<p class="direction">(ACHAB UND JOCHEBED umschreiten feierlich die Tote. Sie drücken +<p class="direction">(ACHAB UND JOCHEBED umschreiten feierlich die Tote. Sie drücken ihr die Augen zu und schlagen die Laken um ihren Leib. ACHAB geht -zu den Krügen und schüttet das Wasser auf die Erde. Man hört nur +zu den Krügen und schüttet das Wasser auf die Erde. Man hört nur ihr ernstes Schreiten. Jeremias stumpfer Blick ist starr zu Boden gerichtet. Ein langes, tiefes Schweigen voll der Geheimnisse des Todes.)</p> -<p class="direction">(LÄRMEN von außen, heftige Stimmen in Erregung.)</p> +<p class="direction">(LÄRMEN von außen, heftige Stimmen in Erregung.)</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Wer dringt heran?</p> -<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Außen stehen sie, ein lärmender Hauf. Sie wollen +<p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Außen stehen sie, ein lärmender Hauf. Sie wollen ins Haus.</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Wie die Feinde pochen sie hart. Tu ihnen auf!</p> <p><span class="character">JOCHEBED</span>:</p><p>Wehe, die Wilden! Sie sprengen das Tor!</p> -<p class="direction">(Gepolter nah außen von zerbrechendem Holz. Herauf dringt das Dröhnen -schwerer hastiger Schritte und herein stürmen SEBULON, PASHUR, +<p class="direction">(Gepolter nah außen von zerbrechendem Holz. Herauf dringt das Dröhnen +schwerer hastiger Schritte und herein stürmen SEBULON, PASHUR, HANANJA, DER ERSTE KRIEGER und ein Schwarm mit ihnen.)</p> -<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Hier muß er sein.</p> +<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Hier muß er sein.</p> <p><span class="character">EIN KNABE</span>:</p><p>Ich sah ihn eingehn ins Haus.</p> @@ -4513,20 +4476,20 @@ gesehn.</p> <p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Wir wollen ihn fassen! Blut um Blut!</p> -<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Was lärmt ihr! Weg von hier, ihr Rotte ...</p> +<p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Was lärmt ihr! Weg von hier, ihr Rotte ...</p> -<p><span class="character">PASHUR</span> <span class="direction">(die Tote sehend, hebt die Hände von sich und spricht ernst)</span>:</p><p> -Gelobt sei der ewige Richter. Gnädig möge er sein der Gerechten! -<span class="direction">(Dann wendet er sich und tritt schweigend zurück.)</span></p> +<p><span class="character">PASHUR</span> <span class="direction">(die Tote sehend, hebt die Hände von sich und spricht ernst)</span>:</p><p> +Gelobt sei der ewige Richter. Gnädig möge er sein der Gerechten! +<span class="direction">(Dann wendet er sich und tritt schweigend zurück.)</span></p> -<p><span class="character">DIE ANDERN</span> <span class="direction">(plötzlich still werdend, murmeln)</span>:</p><p>Gelobt sei der +<p><span class="character">DIE ANDERN</span> <span class="direction">(plötzlich still werdend, murmeln)</span>:</p><p>Gelobt sei der ewige Richter ...</p> <p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(leise)</span>:</p><p>Wer starb?</p> <p><span class="character">ACHAB</span>:</p><p>Eine, von der Gott sein Antlitz kehrte. Eine Kummervolle, eine Leidbeschwerte. Eine, deren Schmerz und bitterste -Sorge war, daß sie einen Feind ihrem Volke gebar.</p> +Sorge war, daß sie einen Feind ihrem Volke gebar.</p> <p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Jeremias!</p> @@ -4534,61 +4497,61 @@ Sorge war, daß sie einen Feind ihrem Volke gebar.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(auffahrend, seine Stimme ist gewaltig von schmerzlichem Zorne)</span>:</p><p>Wer sucht mich noch? Wer will noch Fluch schreien -über mich? Er komme, daß er es tue, der Aufgetane bin ich -allen Flüchen dieser Erde!</p> +über mich? Er komme, daß er es tue, der Aufgetane bin ich +allen Flüchen dieser Erde!</p> <p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Ich komme, dir zu fluchen, du Verfluchter, ich, -Sebulon, der Vater Baruchs, den du verführtest. Wo ist mein +Sebulon, der Vater Baruchs, den du verführtest. Wo ist mein Sohn?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(abwesend)</span>:</p><p>Ich weiß es nicht. Nicht bin ich der -Hüter deines Sohnes.</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(abwesend)</span>:</p><p>Ich weiß es nicht. Nicht bin ich der +Hüter deines Sohnes.</p> -<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Der Verführer doch bist du und der Verderber. +<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Der Verführer doch bist du und der Verderber. Schande hast du geworfen auf mein Haupt und Schmach auf -seinen Namen. Brüder um mich, höret, diesen klage ich an! -Er hat meinen Sohn verlockt, daß er untreu ward seinem Gotte +seinen Namen. Brüder um mich, höret, diesen klage ich an! +Er hat meinen Sohn verlockt, daß er untreu ward seinem Gotte und feige an seinem Volke. Er hat ihn beredet, mit Worten des Unheils und verleitet zur Schande.</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Antworte! Klage erhebt dieser Mann wider dich!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Auch er klaget, auch er? Wehe, wenn ich anhübe -zu klagen, mein Wort müßte fahren zu Gott!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Auch er klaget, auch er? Wehe, wenn ich anhübe +zu klagen, mein Wort müßte fahren zu Gott!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er schweigt ... er redet wirr, daß man ihn nicht +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er schweigt ... er redet wirr, daß man ihn nicht fasse ... Haltet Gericht ... nicht gebet ihn frei ... Pashur, Hananja ... Ein Ende machet mit ihm ... haltet Gericht ...</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Hast du Zeugen deines Wortes, Sebulon?</p> <p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Verschwunden ist mein Sohn aus der Stadt, und<span class="pagenum">110</span> -mit ihm nur ward er gesehn! Und dieser hat gehört, wie er ihn -verlockte des Mitternachts an der Mauer, daß er überliefe zum +mit ihm nur ward er gesehn! Und dieser hat gehört, wie er ihn +verlockte des Mitternachts an der Mauer, daß er überliefe zum Feind!</p> -<p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(zu dem ersten Krieger)</span>:</p><p>Bist du des zu zeugen erbötig?</p> +<p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(zu dem ersten Krieger)</span>:</p><p>Bist du des zu zeugen erbötig?</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Ich bin es, Profet! Da ich stund auf dem Walle, kamen selbander die beiden, dieser, Jeremias, den -ich kannte, und ein Jüngerer, wie ein Knabe anzuschaun, +ich kannte, und ein Jüngerer, wie ein Knabe anzuschaun, schwarz von Haar und feurigen Blickes ...</p> -<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Baruch, mein Sohn, mein Kind, das verführte!</p> +<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Baruch, mein Sohn, mein Kind, das verführte!</p> <p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>Und viel Redens war zwischen ihnen, -und dieser, Jeremias, kündete laut Untergang, daß mir das Herz +und dieser, Jeremias, kündete laut Untergang, daß mir das Herz ergrimmte ...</p> -<p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(zu den andern)</span>:</p><p>Habt ihr vernommen? Laut kündete +<p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(zu den andern)</span>:</p><p>Habt ihr vernommen? Laut kündete er Zions Fall!</p> -<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>... und da der König gegangen war +<p><span class="character">DER ERSTE KRIEGER</span>:</p><p>... und da der König gegangen war und beide allein, klomm jener, den ihr Baruch nennet, die Mauer hinab und lief zum Feinde, indes dieser zagte und blieb.</p> -<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Hört ihr? Habt ihrs vernommen, Männer Israels? -Der Verführung klage ich ihn und der Schmach über mein Haus.</p> +<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Hört ihr? Habt ihrs vernommen, Männer Israels? +Der Verführung klage ich ihn und der Schmach über mein Haus.</p> <p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Was ist dein Einspruch, Jeremias? Klage stehet wider dich.</p> @@ -4597,15 +4560,15 @@ dich.</p> <p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>So nennest du keinen Zeugen?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(dumpf)</span>:</p><p>Der für mich zeugen wird, nennet sich nicht.</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(dumpf)</span>:</p><p>Der für mich zeugen wird, nennet sich nicht.</p> <p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Wird er sich erweisen zur Zeit?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Oh, Schweigen, Schweigen! Qual eurer Worte!</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Hört ihr? Eitel Ausflucht und Ränke!</p> +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Hört ihr? Eitel Ausflucht und Ränke!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er leugnet nicht ... überwiesen ist er! Ein Ende, +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er leugnet nicht ... überwiesen ist er! Ein Ende, macht ein Ende.</p> <p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Stille! Gerecht Gericht will ich halten! Jeremias, @@ -4613,15 +4576,15 @@ ich rufe dich zu Einspruch und Widerrede!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(schweigt)</span>.</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Klage ist wider dich, daß du gekündet Untergang -wider des Königs Geheiß.</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Klage ist wider dich, daß du gekündet Untergang +wider des Königs Geheiß.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(schweigt)</span>.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er verbirgt sich ... brich seinen Trotz ... ein<span class="pagenum">111</span> Ende, mach ein Ende ...</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>So leugnest du deine Verheißung?</p> +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>So leugnest du deine Verheißung?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(schweigt wie abwesend)</span>.</p> @@ -4629,22 +4592,22 @@ Ende, mach ein Ende ...</p> Angst. Er schweiget, zum ersten Male schweiget er!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Willst du mich versuchen, du Versucher Israels, -daß ich sage nein für Gottes Ja und ja für sein Nein! Stärker -hat er mich versuchet, daß ich weiche von seinem Wege, und +daß ich sage nein für Gottes Ja und ja für sein Nein! Stärker +hat er mich versuchet, daß ich weiche von seinem Wege, und ich bin nicht gewichen. Er hat eine wider mich gestellt, deren Atem mir teurer war, als meines Lebens Hauch, und ich wankte -ihr nicht, denn wen der Herr zur Geißel erlesen, den reißt er +ihr nicht, denn wen der Herr zur Geißel erlesen, den reißt er los vom Baume des Lebens. Steinern bin ich worden in dieser -Stunde, oh, daß ich wäre der Stein des Anstoßes, an dem ihr -euch zerstoßet. Weichet von mir und verstört nicht meinen +Stunde, oh, daß ich wäre der Stein des Anstoßes, an dem ihr +euch zerstoßet. Weichet von mir und verstört nicht meinen Frieden!</p> -<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Nicht weiche ich! Meinen Sohn hat er verstört. +<p><span class="character">SEBULON</span>:</p><p>Nicht weiche ich! Meinen Sohn hat er verstört. Gericht fordere ich, gerecht Gericht.</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Das Volk hat er verwirrt! Tod über sein Haupt!</p> +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Das Volk hat er verwirrt! Tod über sein Haupt!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Tod über ihn ... befreie uns von seiner Nähe ... +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Tod über ihn ... befreie uns von seiner Nähe ... tilg ihn aus ... Sprich deinen Spruch ...</p> <p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Zweimal habe ich dich gerufen zum Wort. Da du @@ -4660,58 +4623,58 @@ Jeremias, Sohn Hilkias in Israel ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ein Ende! Macht ein Ende! Brennt mich nicht an mit den Blicken! Euer Atem ekelt mich! Ein Ende, ein Ende!</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>In die Düngergrube stoßt ihn hinab, Unrat zu Unrat, -Kot zum Kote, daß Gottes Licht er nicht länger schände und -ledig sei seiner Stimme die Stadt. Möge er faulen wie seine +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>In die Düngergrube stoßt ihn hinab, Unrat zu Unrat, +Kot zum Kote, daß Gottes Licht er nicht länger schände und +ledig sei seiner Stimme die Stadt. Möge er faulen wie seine Worte im Dunkel der Erde.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Oh Qual alles Lebens! Oh Qual aller Worte! Gesegnet das Dunkel, gesegnet das Grab!</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Faßt ihn an, vollzieht den Spruch!<span class="pagenum">112</span></p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Faßt ihn an, vollzieht den Spruch!<span class="pagenum">112</span></p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Gerechter Spruch ... gesegnet deine Weisheit ... fort ... hinab ... schleifen wir ihn fort ... die Seile holt ... die Seile ... daran wir ihn niederlassen.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(zurückzuckend vor ihrer Berührung)</span>:</p><p>Nicht rühret mich +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(zurückzuckend vor ihrer Berührung)</span>:</p><p>Nicht rühret mich an, nichts hab ich gemein mehr mit euch! Oh, besser jetzt im Dunkel zu weilen, denn die Stunde ist nahe, da die Lebendigen neiden werden die Toten und die Wachen die Schweigenden in -Israel. Oh, wie michs schon lüstet des Schweigens, wie michs +Israel. Oh, wie michs schon lüstet des Schweigens, wie michs brennet, der Toten Bruder zu sein – fort – weichet, selbst scharr -ich mich ein, daß ich erlöst sei der Welt und Israel meiner erlöset +ich mich ein, daß ich erlöst sei der Welt und Israel meiner erlöset sei!</p> <p class="direction">(JEREMIAS geht mit eingezogenen Armen wie ein Frierender gegen die -Türe, das Haupt schon gesenkt gegen die Tiefe. Die andern beginnen, +Türe, das Haupt schon gesenkt gegen die Tiefe. Die andern beginnen, ihm vorsichtig nachzufolgen.)</p> <p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(mit gellem Ton die Stille zerschneidend)</span>:</p><p>Jauchze, Zion, geborsten ist die Posaune deines Untergangs, zerrissen die Lippe -deines Leugners. Jauchze, Zion, denn ewig ist deine Blüte! Ewig -währet Jerusalem!</p> +deines Leugners. Jauchze, Zion, denn ewig ist deine Blüte! Ewig +währet Jerusalem!</p> <p class="direction">(JEREMIAS hat sich im Zorne gewaltig umgewandt. Er spannt seine Arme -zur Beschwörung, aus seinen Blicken flammt ekstatische Drohung, von +zur Beschwörung, aus seinen Blicken flammt ekstatische Drohung, von seinen Lippen will furchtbarer Fluch brechen. Die ihm folgen, fahren -schauernd zurück wie vor eines wilden Tieres Ausbruch. Aber Jeremias +schauernd zurück wie vor eines wilden Tieres Ausbruch. Aber Jeremias bezwingt sich. Seine Arme sinken langsam nieder, die gespannte Furchtbarkeit -seiner Züge löst sich. Einmal noch sucht sein Blick das Bett der -Toten, dann lischt seine Glut. Er verhüllt sein Antlitz und schreitet -einsam voran, wie gebückt von großer Last.)</p> - -<p><span class="character">DIE ANDERN</span> <span class="direction">(sich allmählich aufraffend, doch noch voll Gedrücktheit)</span>:</p><p> -Selig, daß wir diesen wüsten Träumer abtaten von der -Stadt ... ein Verhängnis war er ... man verbrannte an seinem -Blut ... oh, daß nun doch Frieden würde ... Friede in Israel ... -hinab mit ihm, daß versiegelt sei dieser Mund des Schreckens, -oh, Erlösung ... daß doch nun Friede würde in Israel ...</p> - -<p class="direction">(ALLE folgen in Unruhe und Bewegung Jeremias. Als Letzter verläßt -ernst und sinnend Pashur den Raum. Achab und Jochebed sind zurückgeblieben +seiner Züge löst sich. Einmal noch sucht sein Blick das Bett der +Toten, dann lischt seine Glut. Er verhüllt sein Antlitz und schreitet +einsam voran, wie gebückt von großer Last.)</p> + +<p><span class="character">DIE ANDERN</span> <span class="direction">(sich allmählich aufraffend, doch noch voll Gedrücktheit)</span>:</p><p> +Selig, daß wir diesen wüsten Träumer abtaten von der +Stadt ... ein Verhängnis war er ... man verbrannte an seinem +Blut ... oh, daß nun doch Frieden würde ... Friede in Israel ... +hinab mit ihm, daß versiegelt sei dieser Mund des Schreckens, +oh, Erlösung ... daß doch nun Friede würde in Israel ...</p> + +<p class="direction">(ALLE folgen in Unruhe und Bewegung Jeremias. Als Letzter verläßt +ernst und sinnend Pashur den Raum. Achab und Jochebed sind zurückgeblieben und blicken einander unsicher an. Dann hebt Achab ein Linnen -und breitet es ehrfürchtig über die Tote.)</p> +und breitet es ehrfürchtig über die Tote.)</p> <hr class="l65" /> <h2><small>DAS SECHSTE BILD</small><br /> @@ -4719,32 +4682,32 @@ und breitet es ehrfürchtig über die Tote.)</p> <a name="STIMMEN_UM_MITTERNACHT" id="STIMMEN_UM_MITTERNACHT"></a>STIMMEN UM MITTERNACHT</h2> <div class="blockquot"><p>„Es will Abend werden, und die Schatten -werden groß.“</p></div> +werden groß.“</p></div> <p class="citation"> Jer. <small>VI</small>, 4.</p> <hr class="l65" /> -<p class="direction"><span class="dropcap">D</span>as Schlafgemach des Königs Zedekia, ein weiter prunkvoller Raum, dessen<span class="pagenum">114</span> -Umrisse sich im Dunkel verlieren. Nur über dem Ruhebett leuchtet eine -Ampel in goldener Schale, und durch das Fenster, das weitaufgetan über -die Stadt blickt, strömt weiches Mondlicht. Vorne ein breitgefügter Tisch -mit tiefen Sitzen; das Ruhebett, hinter Vorhängen, steht rückwärts in der +<p class="direction"><span class="dropcap">D</span>as Schlafgemach des Königs Zedekia, ein weiter prunkvoller Raum, dessen<span class="pagenum">114</span> +Umrisse sich im Dunkel verlieren. Nur über dem Ruhebett leuchtet eine +Ampel in goldener Schale, und durch das Fenster, das weitaufgetan über +die Stadt blickt, strömt weiches Mondlicht. Vorne ein breitgefügter Tisch +mit tiefen Sitzen; das Ruhebett, hinter Vorhängen, steht rückwärts in der Mitte des Raumes.</p> -<p class="direction">(ZEDEKIA steht am Fenster und sieht regungslos auf die mondbeglänzte +<p class="direction">(ZEDEKIA steht am Fenster und sieht regungslos auf die mondbeglänzte Stadt. Es ist ganz still und er selbst ein Teil dieser Stille.)</p> -<p class="direction">(DER KNABE SPEERTRÄGER von der Türe auf ihn zu. Er wartet ehrfurchtsvoll, -ob der König ihn bemerken wolle. Zedekia wendet sich nicht, +<p class="direction">(DER KNABE SPEERTRÄGER von der Türe auf ihn zu. Er wartet ehrfurchtsvoll, +ob der König ihn bemerken wolle. Zedekia wendet sich nicht, sondern sieht regungslos in die Nacht hinaus.)</p> -<p><span class="character">DER KNABE SPEERTRÄGER</span> <span class="direction">(nach einer Pause, ehrfurchtsvoll, -behutsam)</span>:</p><p>Mein König!</p> +<p><span class="character">DER KNABE SPEERTRÄGER</span> <span class="direction">(nach einer Pause, ehrfurchtsvoll, +behutsam)</span>:</p><p>Mein König!</p> <p class="direction">(ZEDEKIA wendet sich wie erschreckt.)</p> -<p><span class="character">DER KNABE</span>:</p><p>Mitternacht, mein König. Die Stunde ist es, da -du mich hießest, den Rat vor dich zu rufen.</p> +<p><span class="character">DER KNABE</span>:</p><p>Mitternacht, mein König. Die Stunde ist es, da +du mich hießest, den Rat vor dich zu rufen.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Sind alle versammelt?</p> @@ -4752,72 +4715,72 @@ du mich hießest, den Rat vor dich zu rufen.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Hat keiner des Volks oder der Knechte sie gesehen?</p> -<p><span class="character">DER KNABE</span>:</p><p>Keiner, mein König. Auf dem geheimen Wege +<p><span class="character">DER KNABE</span>:</p><p>Keiner, mein König. Auf dem geheimen Wege habe ich sie geleitet.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und der Späher, ist er gesondert von ihnen?</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und der Späher, ist er gesondert von ihnen?</p> -<p><span class="character">DER KNABE</span>:</p><p>Er harrt in der Halle der Türhüter.</p> +<p><span class="character">DER KNABE</span>:</p><p>Er harrt in der Halle der Türhüter.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Er möge warten. Erst rufe den Rat.</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Er möge warten. Erst rufe den Rat.</p> -<p class="direction">(DER KNABE verneigt sich, hebt den Vorhang der Türe und entschwindet.)</p> +<p class="direction">(DER KNABE verneigt sich, hebt den Vorhang der Türe und entschwindet.)</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(allein, durchmißt mit starken Schritten den Raum. Dann bleibt +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(allein, durchmißt mit starken Schritten den Raum. Dann bleibt er wieder am Fenster stehen und blickt hinaus)</span>:</p><p>Wie die Sterne heute -abends glühen, so sah ich sie nie. In Reihen stehen sie, wirr und -weiß wie eine Schrift zu schauen auf dem Dunkel des Himmels, +abends glühen, so sah ich sie nie. In Reihen stehen sie, wirr und +weiß wie eine Schrift zu schauen auf dem Dunkel des Himmels, und doch vermag keiner sie zu lesen. In Babel, so sagen sie, sind Deuter und Priester, die den Gestirnen dienen und Zwiesprache -pflegen mit ihnen des Nachts. Anderen Königen sprechen -ihre Götter, auf Türmen sind Stätten gebaut, das Wort der +pflegen mit ihnen des Nachts. Anderen Königen sprechen +ihre Götter, auf Türmen sind Stätten gebaut, das Wort der Himmel zu fassen, wenn innen im Herzen das Dunkel waltet wie am Tage des Anbeginns. Warum sind mir nicht Diener -gegeben, die Zukünftiges wissen! Wahrlich, es ist furchtbar, +gegeben, die Zukünftiges wissen! Wahrlich, es ist furchtbar, Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des Auge keiner gesehen! <span class="direction">(Er blickt lang auf die Stadt)</span>: Schlaf liegt auf ihnen, denen<span class="pagenum">115</span> -ich gesetzt bin als König, bei ihren Weibern ruhen sie oder bei +ich gesetzt bin als König, bei ihren Weibern ruhen sie oder bei ihren Waffen, und all ihr Wachsein ist in mir und ihre Not. Rat -muß ich geben, doch wer ist, der mich beratet? Führer muß -ich sein, doch wer ist, der mich führte? Über sie bin ich gesetzt, -doch einer ist gesetzt über mich, und ich sehe ihn nicht. Schlaf -hängt unter mir, Schweigen hängt über mir. Furchtbar, Knecht +muß ich geben, doch wer ist, der mich beratet? Führer muß +ich sein, doch wer ist, der mich führte? Über sie bin ich gesetzt, +doch einer ist gesetzt über mich, und ich sehe ihn nicht. Schlaf +hängt unter mir, Schweigen hängt über mir. Furchtbar, Knecht eines Gottes zu sein, der immer schweigt, des Auge keiner gesehn!</p> -<p class="direction">(DER KNABE hebt den Vorhang. Es treten lautlos die fünf Räte des Königs -ein. PASHUR, der Priester, HANANJA, der Profet, IMRE, der Älteste, -ABIMELECH, der Heerführer, NACHUM, der Verwalter. Zedekia wendet +<p class="direction">(DER KNABE hebt den Vorhang. Es treten lautlos die fünf Räte des Königs +ein. PASHUR, der Priester, HANANJA, der Profet, IMRE, der Älteste, +ABIMELECH, der Heerführer, NACHUM, der Verwalter. Zedekia wendet sich und schreitet auf sie zu. Alle verneigen sich.)</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich habe euch des Nachts entboten, auf daß geheim -bleibe unsere Rede. Des Großen Rates habe ich entraten, denn ich -bin seiner nicht sicher mehr. Zu viele sind sie, als daß ein Geheimnis -nicht schlüpfte von hundert Zungen. Doch euch vertraue +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich habe euch des Nachts entboten, auf daß geheim +bleibe unsere Rede. Des Großen Rates habe ich entraten, denn ich +bin seiner nicht sicher mehr. Zu viele sind sie, als daß ein Geheimnis +nicht schlüpfte von hundert Zungen. Doch euch vertraue ich des Herzens Geheimstes. Redet frei, wie ich frei zu euch rede, -keiner möge zagen, daß ich ihm zürne, wenn sein Wort gegen das -meine sich wendet. Doch was an Rede und Ratschluß hier fällt, -muß tot sein für Stadt und Volk, begraben in unserer Brust. -Das fordere ich von euch und daß ihr es bekräftigt mit einem -Gelöbnis. Legt eure Hände zum Zeugnis in des Priesters Hand, -er bewahre an des Höchsten Statt euren Eid!</p> - -<p class="direction">(ALLE heben die Hände schweigend zum Eid und legen sie dann in Pashurs +keiner möge zagen, daß ich ihm zürne, wenn sein Wort gegen das +meine sich wendet. Doch was an Rede und Ratschluß hier fällt, +muß tot sein für Stadt und Volk, begraben in unserer Brust. +Das fordere ich von euch und daß ihr es bekräftigt mit einem +Gelöbnis. Legt eure Hände zum Zeugnis in des Priesters Hand, +er bewahre an des Höchsten Statt euren Eid!</p> + +<p class="direction">(ALLE heben die Hände schweigend zum Eid und legen sie dann in Pashurs Hand.)</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, daß -ich mein Herz verschließen will dem Zorne gegen jeden, der -wider mich redet. <span class="direction">(Er legt seine Hände in die Pashurs.)</span> Und nun laßt +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, daß +ich mein Herz verschließen will dem Zorne gegen jeden, der +wider mich redet. <span class="direction">(Er legt seine Hände in die Pashurs.)</span> Und nun laßt uns Rates pflegen! <span class="direction">(Er weist mit der Hand gegen den Tisch. Alle lassen -sich nieder. Schweigen.)</span> Der elfte Monat ist es, daß Nabukadnezar -uns belagert. Die Reben sind grün geworden zum andern Male. +sich nieder. Schweigen.)</span> Der elfte Monat ist es, daß Nabukadnezar +uns belagert. Die Reben sind grün geworden zum andern Male. Nichts hat Nabukadnezar vermocht wider Jerusalem, aber desgleichen -auch wir nichts wider ihn. Wie in Wasser schlägt sein +auch wir nichts wider ihn. Wie in Wasser schlägt sein Schwert wider uns, wie in Wasser das unsere wider ihn. Nichts -haben wir unterlassen, dem Hilfe entwachsen könnte. Ich habe -Boten entsandt an Cyros, den Meder, und zu den Fürsten des -Morgenlands, daß sie uns beikämen wider Assur. Sie sind heimgekehrt<span class="pagenum">116</span> -leerer Hände. Keiner ist gewillt, unserer Not zu helfen. +haben wir unterlassen, dem Hilfe entwachsen könnte. Ich habe +Boten entsandt an Cyros, den Meder, und zu den Fürsten des +Morgenlands, daß sie uns beikämen wider Assur. Sie sind heimgekehrt<span class="pagenum">116</span> +leerer Hände. Keiner ist gewillt, unserer Not zu helfen. Wir sind allein.</p> <p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(heftig)</span>:</p><p>Gott ist mit uns!</p> @@ -4825,101 +4788,101 @@ Wir sind allein.</p> <p class="direction">(DIE ANDERN schweigen.)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(sehr ruhig)</span>:</p><p>Gott ist mit uns, er hat sein Zelt geschlagen -auf diesem Hügel, und sein Haus schattet mein eigen Dach. Aber -Gott sendet auch Prüfungen über sein Volk. Nochmals sei es -gesagt: die uns Treue schwuren, haben uns verraten, Ägypten +auf diesem Hügel, und sein Haus schattet mein eigen Dach. Aber +Gott sendet auch Prüfungen über sein Volk. Nochmals sei es +gesagt: die uns Treue schwuren, haben uns verraten, Ägypten hat uns verlassen, wir sind allein. Lasset uns nun bereden, Wort wider Wort, Meinung wider Meinung, wie wir den Streit ausfechten -möchten mit Nabukadnezar oder ob einer Rat wüßte, +möchten mit Nabukadnezar oder ob einer Rat wüßte, ihn zu enden.</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Wir müssen beten zu Gott, daß er das Wunder -sende. Wir müssen unsere Herzen füllen mit Gebet und seine -Altäre mit Opfern. Wir müssen ein Doppeltes tun als bisher ...</p> +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Wir müssen beten zu Gott, daß er das Wunder +sende. Wir müssen unsere Herzen füllen mit Gebet und seine +Altäre mit Opfern. Wir müssen ein Doppeltes tun als bisher ...</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Es sind keine Opfer mehr, nicht Farren noch Böcke.</p> +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Es sind keine Opfer mehr, nicht Farren noch Böcke.</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Nicht wahr ist dies. Selbst habe ich das Blöken -der Rinder gehört, die du birgst vor den Altären.</p> +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Nicht wahr ist dies. Selbst habe ich das Blöken +der Rinder gehört, die du birgst vor den Altären.</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Die letzten sind es, Milchkühe, gespart den Frauen, -ihre Kinder zu säugen, und als Zehrung den Kranken.</p> +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Die letzten sind es, Milchkühe, gespart den Frauen, +ihre Kinder zu säugen, und als Zehrung den Kranken.</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Man darf nicht sparen für Gott. Mögen darben die -Kranken und verdorren die Brüste der Frauen. Gott darf nicht +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Man darf nicht sparen für Gott. Mögen darben die +Kranken und verdorren die Brüste der Frauen. Gott darf nicht entbehren des Opfers.</p> -<p><span class="character">PASHUR</span> <span class="direction">(ernst)</span>:</p><p>Sein Herz weiß unsere Not auch ohne Gabe.</p> +<p><span class="character">PASHUR</span> <span class="direction">(ernst)</span>:</p><p>Sein Herz weiß unsere Not auch ohne Gabe.</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Aber nichts ist ihm süßer, denn die Gabe der Not. -Man gebe ihm das Letzte und reiße es selbst sich vom Munde.</p> +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Aber nichts ist ihm süßer, denn die Gabe der Not. +Man gebe ihm das Letzte und reiße es selbst sich vom Munde.</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Ich kenne die Bräuche, nicht mußt du meines Dienstes -mich belehren, Hananja, besser ist er vielleicht mir bewußt, als +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Ich kenne die Bräuche, nicht mußt du meines Dienstes +mich belehren, Hananja, besser ist er vielleicht mir bewußt, als dir Gottes Wort und Wille.</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Wer nicht opfert heißen Herzens, wer da zaudert -und zählt, ist nur ein Schlächter des Tieres und nicht Diener +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Wer nicht opfert heißen Herzens, wer da zaudert +und zählt, ist nur ein Schlächter des Tieres und nicht Diener des Herrn. Ich aber sage euch, so ihr nicht das Letzte hingebet -von eurer Notdurft, seid ihr nicht würdig, vor sein Antlitz zu +von eurer Notdurft, seid ihr nicht würdig, vor sein Antlitz zu treten ...</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(heftig)</span>:</p><p>Schweigt stille! Ich mag eure Worte nicht. -Noch sind der Sandkörner kaum zehn niedergeronnen in der<span class="pagenum">117</span> +Noch sind der Sandkörner kaum zehn niedergeronnen in der<span class="pagenum">117</span> Uhr, und schon erhebt ihr Rede widereinander. Was Gottes ist, -will nicht beredet sein. Ich habe euch zum Rate gerufen über -unsere Not und wie wir sie vermöchten zu wenden. Kriegszeit +will nicht beredet sein. Ich habe euch zum Rate gerufen über +unsere Not und wie wir sie vermöchten zu wenden. Kriegszeit ist unsere Zeit, und so frage ich dich als ersten, Abimelech, den Obersten meiner Krieger.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Fest sind die Mauern Jerusalems, mein König, +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Fest sind die Mauern Jerusalems, mein König, aber noch fester ist mein Herz.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Aber deine Knechte, du Getreuer, wie ist ihr Sinn? -Selten höre ich sie jubeln, und schreite ich an ihnen vorüber, so +Selten höre ich sie jubeln, und schreite ich an ihnen vorüber, so schlagen sie nicht mehr die Schilde und wahren den Blick.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Schweigsam macht der Krieg, aber er härtet die -Herzen. Vorbei ist die Stunde, da sie jauchzten vor Lust, daß -das Schwert ihnen frei aus den Händen fuhr, denn die Gewöhnung -mordet alles Große, und jede Lust wird schal an der Dauer. -Aber sie wachen und warten, ehern hüten sie die Mauern Jerusalems.</p> +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Schweigsam macht der Krieg, aber er härtet die +Herzen. Vorbei ist die Stunde, da sie jauchzten vor Lust, daß +das Schwert ihnen frei aus den Händen fuhr, denn die Gewöhnung +mordet alles Große, und jede Lust wird schal an der Dauer. +Aber sie wachen und warten, ehern hüten sie die Mauern Jerusalems.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und wenn die Monde wachsen und sich mindern, wenn abermals das Jahr sich neut? Wir haben keine Hilfe zu erharren.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Mag es dauern, solang es Gott gefällt! Wir werden +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Mag es dauern, solang es Gott gefällt! Wir werden dauern wie die Zeit.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Der Herr erfülle dein Wort! <span class="direction">(Zu den andern</span>:) Ist eure +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Der Herr erfülle dein Wort! <span class="direction">(Zu den andern</span>:) Ist eure Meinung gleicher Art?</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Wir müssen harren und gedulden, bis das Los des +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Wir müssen harren und gedulden, bis das Los des Sieges gefallen.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und was ist dein Wort, Hananja?</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Nie wird Nabukadnezar uns obkommen! Weh -denen, die kleinmütig sind und denen das Herz schmilzt im -Leibe, es wäre besser, man schlüge sie mit der Schärfe des +denen, die kleinmütig sind und denen das Herz schmilzt im +Leibe, es wäre besser, man schlüge sie mit der Schärfe des Schwerts.</p> -<p><span class="character">IMRE</span>:</p><p>Mein Auge ist trübe geworden, doch es hat dereinstens +<p><span class="character">IMRE</span>:</p><p>Mein Auge ist trübe geworden, doch es hat dereinstens noch Salmanassar gesehen, der aufstund wider Israel, und es sah seiner Toten Schar vor den Mauern. Nie waren so fett die Schakale, -denn das Jahr, da Jerusalem gegürtet war von den Feinden +denn das Jahr, da Jerusalem gegürtet war von den Feinden des Herrn. Und so wird er wiederum treffen, die wider uns aufstunden. -Möge mein Auge nicht welken, ehe es diesen Tag erschaut.<span class="pagenum">118</span> -Ewig währet Jerusalem!</p> +Möge mein Auge nicht welken, ehe es diesen Tag erschaut.<span class="pagenum">118</span> +Ewig währet Jerusalem!</p> -<p><span class="character">ABIMELECH, HANANJA, PASHUR</span>:</p><p>Ewig währet Jerusalem!</p> +<p><span class="character">ABIMELECH, HANANJA, PASHUR</span>:</p><p>Ewig währet Jerusalem!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(nach einer Pause)</span>:</p><p>Ich misse dein Wort, Nachum! Warum verharrst du in Schweigen?</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Düster sind meine Gedanken, mein König, und -bitter meine Rede. Nicht drängt sich vor, dessen Sinn ohne +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Düster sind meine Gedanken, mein König, und +bitter meine Rede. Nicht drängt sich vor, dessen Sinn ohne Freude ist.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich rief euch, Rates zu halten. Willkommen, des @@ -4927,112 +4890,112 @@ Botschaft Labsal bringt, willkommen auch der, des Wort Warnung ist. Sprich frei vor uns allen!</p> <p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Ehe du mich entbotest zum Rate, bin ich in die -Kammern des Korns gegangen und habe die Scheffel gezählt. -Die Räume, die voll gewesen bis zum Speicher, sind licht und -leer. Es geht nicht mehr an, daß jeder ein ganzes Brot erhalte +Kammern des Korns gegangen und habe die Scheffel gezählt. +Die Räume, die voll gewesen bis zum Speicher, sind licht und +leer. Es geht nicht mehr an, daß jeder ein ganzes Brot erhalte des Tages.</p> <p class="direction">(ALLE schweigen betroffen.)</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wurde nicht Korn aus den Dörfern geschafft? Ließ -ich nicht Milchkühe und Vieh in die Mauern treiben?</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wurde nicht Korn aus den Dörfern geschafft? Ließ +ich nicht Milchkühe und Vieh in die Mauern treiben?</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Elf Monde währet der Krieg, und viel fressende -Mäuler flohen zur Stadt.</p> +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Elf Monde währet der Krieg, und viel fressende +Mäuler flohen zur Stadt.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(nach einer Pause)</span>:</p><p>Es ist nicht vonnöten, daß jeder +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(nach einer Pause)</span>:</p><p>Es ist nicht vonnöten, daß jeder die volle Zehrung habe. Wir werden sparen.</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Auch bislang ward kein Körnchen verschwendet, -mein König, und doch gähnen die Speicher. Gewaltigen Schlund +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Auch bislang ward kein Körnchen verschwendet, +mein König, und doch gähnen die Speicher. Gewaltigen Schlund hat die Zeit.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und wie lange ... meinest du ... könnten wir ausharren +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und wie lange ... meinest du ... könnten wir ausharren ... mit unserer Zehrung ...</p> -<p><span class="character">NACHUM</span> <span class="direction">(leise)</span>:</p><p>Drei Wochen, Herr, – zum längsten.</p> +<p><span class="character">NACHUM</span> <span class="direction">(leise)</span>:</p><p>Drei Wochen, Herr, – zum längsten.</p> <p class="direction">(ALLE schweigen wieder betroffen.)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Drei Wochen ... und dann?</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Ich weiß nicht Antwort, Herr, Gott weiß sie allein.</p> +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Ich weiß nicht Antwort, Herr, Gott weiß sie allein.</p> <p class="direction">(ALLE schweigen wieder.)</p> <p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(erregt)</span>:</p><p>Man teile die Brote. Man gebe jedem nur -das Halbe oder ein Drittel. Genug lang haben sie gepraßt für -sich und ihre Kebsen, nun mögen sie darben für den Herrn.</p> +das Halbe oder ein Drittel. Genug lang haben sie gepraßt für +sich und ihre Kebsen, nun mögen sie darben für den Herrn.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Meine Krieger dürfen nicht geschmälert werden.<span class="pagenum">119</span> -Wer kämpfen soll, darf nicht darben.</p> +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Meine Krieger dürfen nicht geschmälert werden.<span class="pagenum">119</span> +Wer kämpfen soll, darf nicht darben.</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Alle müssen ihr Teil geben, auch die Krieger. Es +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Alle müssen ihr Teil geben, auch die Krieger. Es gilt Jerusalem.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Meine Krieger müssen Kraft haben. Lieber mögen -die Unnützen verhungern, die Luftbläser und Wortemacher.</p> +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Meine Krieger müssen Kraft haben. Lieber mögen +die Unnützen verhungern, die Luftbläser und Wortemacher.</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Um Nichtiges rechtet ihr. Denn was wäre gewonnen, -schnürten wir die Magen, wenn Hundertmaltausend in unsern +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Um Nichtiges rechtet ihr. Denn was wäre gewonnen, +schnürten wir die Magen, wenn Hundertmaltausend in unsern Mauern sind? Drei Wochen reicht die Zehrung, und schlachten -wir die Tiere des Tempels, so währet es zwei Sabbate mehr.</p> +wir die Tiere des Tempels, so währet es zwei Sabbate mehr.</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Es muß mehr Stille sein zwischen uns. Wie die Feinde -sprecht ihr gegeneinander. Wir müssen verbündet sein gegen -Nabukadnezar und verbündet gegen das Volk. Nicht er und -nicht sie dürfen wissen von unserer Not.</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Es muß mehr Stille sein zwischen uns. Wie die Feinde +sprecht ihr gegeneinander. Wir müssen verbündet sein gegen +Nabukadnezar und verbündet gegen das Volk. Nicht er und +nicht sie dürfen wissen von unserer Not.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und wenn er es wüßte bereits?</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und wenn er es wüßte bereits?</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Keiner kann es wissen. Ein Siegel drücke ich allmorgendlich -an die Tür der Kammern und löse es mit eigener +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Keiner kann es wissen. Ein Siegel drücke ich allmorgendlich +an die Tür der Kammern und löse es mit eigener Hand. Nicht das Volk ahnt die Not, nicht Nabukadnezar.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Gott sei gepriesen. Er würde unser nicht +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Gott sei gepriesen. Er würde unser nicht schonen.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich habe euch gerufen zum Rat, ihr Ältesten des -Volkes. Nicht war mir bewußt, wie karg unsere Speise sei, und +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich habe euch gerufen zum Rat, ihr Ältesten des +Volkes. Nicht war mir bewußt, wie karg unsere Speise sei, und doch, meine Gedanken standen auf wider die Zeit. Nicht das -Schwert allein endet die Kriege, oft sänftigt sie das Wort. Und -ich rief euch, zu fragen, was ihr dächtet, wenn ich Botschaft -sendete zu Nabukadnezar, daß wir fragten um den Frieden -zwischen unsern Völkern.</p> +Schwert allein endet die Kriege, oft sänftigt sie das Wort. Und +ich rief euch, zu fragen, was ihr dächtet, wenn ich Botschaft +sendete zu Nabukadnezar, daß wir fragten um den Frieden +zwischen unsern Völkern.</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Keinen Frieden mit den Lästerern des Allmächtigen!</p> +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Keinen Frieden mit den Lästerern des Allmächtigen!</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Möge er senden zu dir, mein König! Nicht +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Möge er senden zu dir, mein König! Nicht wir zu ihm!</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Gefährlich dünkt mich dies Beginnen. Er wird uns -zu knechten suchen, sobald er unsere Botschaft gehört.</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Gefährlich dünkt mich dies Beginnen. Er wird uns +zu knechten suchen, sobald er unsere Botschaft gehört.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Anders denn eure sind meine Gedanken. Noch ist unsere Not ihm verborgen, doch in wenig Tagen wird er sie -wissen. Wir müssen die Zeit des Geheimnisses nutzen.</p> +wissen. Wir müssen die Zeit des Geheimnisses nutzen.</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Wie wahr ist deine Rede, mein König! Wir müssen -Gnade suchen bei Nabukadnezar, ehe seine Hoffart mächtig<span class="pagenum">120</span> -wird über uns.</p> +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Wie wahr ist deine Rede, mein König! Wir müssen +Gnade suchen bei Nabukadnezar, ehe seine Hoffart mächtig<span class="pagenum">120</span> +wird über uns.</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span> <span class="direction">(erbittert)</span>:</p><p>Keine Gnade! Lieber den Tod!</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Gottes Gnade bedürfen wir, keiner andern!</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Gottes Gnade bedürfen wir, keiner andern!</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Feiger Verräter du, Krämer des Glaubens ...</p> +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Feiger Verräter du, Krämer des Glaubens ...</p> -<p><span class="character">IMRE</span> <span class="direction">(mühsam)</span>:</p><p>Wann wird der Streit tot sein in euren Herzen! -Wahr redet der König. Nicht zur letzten Stunde dürfen wir +<p><span class="character">IMRE</span> <span class="direction">(mühsam)</span>:</p><p>Wann wird der Streit tot sein in euren Herzen! +Wahr redet der König. Nicht zur letzten Stunde dürfen wir warten. Lasset uns ihm entgegengehen, solange wir noch aufrecht sind.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Es ist zu spät schon. Die Toten vor den Mauern +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Es ist zu spät schon. Die Toten vor den Mauern reden wider uns.</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Es ist zu spät. Zuviel Grimm hat der Krieg gehäuft.</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Es ist zu spät. Zuviel Grimm hat der Krieg gehäuft.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Es ist nicht zu spät. <span class="direction">(Er schweigt einen Augenblick.)</span> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Es ist nicht zu spät. <span class="direction">(Er schweigt einen Augenblick.)</span> Denn schon ist ein Bote gegangen zwischen Nabukadnezar und mir!</p> @@ -5045,10 +5008,10 @@ mir!</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Keinen Vertrag ohne unsere Stimme! Du hast unser vergessen!</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Was handelst du, König, ohne unsere Meinung? +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Was handelst du, König, ohne unsere Meinung? Wozu sind wir berufen?</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ruhe vor mir! Könnt ihr nicht warten auf einer Rede +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ruhe vor mir! Könnt ihr nicht warten auf einer Rede Ende! Wie die hungrigen Hunde zerfleischt ihr das erste Wort! <span class="direction">(Pause. Er spricht ruhiger:)</span> Ein Sendling ist gekommen von Nabukadnezar in mein Haus, Botschaft zu bringen. Nicht habe ich @@ -5058,45 +5021,45 @@ Betrug? Redet!</p> <p class="direction">(ALLE schweigen.)</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Verzeihe, mein König. Schwer ist es, sein Herz zu -halten, wenn es heilig Schicksal trägt.</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Verzeihe, mein König. Schwer ist es, sein Herz zu +halten, wenn es heilig Schicksal trägt.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>An euch ist es, ihn zu hören oder ihn abzuweisen.</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>An euch ist es, ihn zu hören oder ihn abzuweisen.</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Wir sind in Not. Wir müssen ihn hören.</p> +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Wir sind in Not. Wir müssen ihn hören.</p> -<p><span class="character">IMRE</span>:</p><p>Man höre ihn und mißtraue doch seinen Worten.</p> +<p><span class="character">IMRE</span>:</p><p>Man höre ihn und mißtraue doch seinen Worten.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Man höre ihn, doch erwäge, ob man ihn heimsende -hernach, denn er mag ein Späher sein und gesandt, uns<span class="pagenum">121</span> +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Man höre ihn, doch erwäge, ob man ihn heimsende +hernach, denn er mag ein Späher sein und gesandt, uns<span class="pagenum">121</span> auszuschleichen.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und ihr, Pashur und Hananja?</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Man höre ihn!</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Man höre ihn!</p> <p class="direction">(HANANJA schweigt, wendet sich ab.)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Da keiner dawider spricht, sei er berufen. <span class="direction">(Er tritt zur -Tür und ruft:)</span> Joab, hole den Boten! <span class="direction">(Dann zurück zu den andern:)</span> -Fraget ihn aus, jeder nach seinem Dünken. Vielfach sei unser +Tür und ruft:)</span> Joab, hole den Boten! <span class="direction">(Dann zurück zu den andern:)</span> +Fraget ihn aus, jeder nach seinem Dünken. Vielfach sei unser Fragen, doch einig unsere Antwort. Meidet, vor ihm uneins zu sein.</p> -<p class="direction">(BARUCH tritt ein hinter Joab, der den Vorhang über ihn hebt und dann -verschwindet. Er verneigt sich vor dem Könige.)</p> +<p class="direction">(BARUCH tritt ein hinter Joab, der den Vorhang über ihn hebt und dann +verschwindet. Er verneigt sich vor dem Könige.)</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Bist du es, der Botschaft bringt vom Könige Nabukadnezar +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Bist du es, der Botschaft bringt vom Könige Nabukadnezar an Israel?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>An dich hat er mich mit Botschaft gesandt.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Meine Räte sind dies. Wer zu mir redet, muß ihnen -Antwort stehen, denn sie und ich, Israel und sein König, sind +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Meine Räte sind dies. Wer zu mir redet, muß ihnen +Antwort stehen, denn sie und ich, Israel und sein König, sind eines Gottes Wille. <span class="direction">(Zu den andern:)</span> Fraget ihn aus.</p> -<p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(höhnisch)</span>:</p><p>Was geruhet die Gnade des heidnischen -Königs ...</p> +<p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(höhnisch)</span>:</p><p>Was geruhet die Gnade des heidnischen +Königs ...</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span> <span class="direction">(hart unterbrechend)</span>:</p><p>Die Frage der Vorsicht zuerst! Wie ist dein Name?</p> @@ -5107,7 +5070,7 @@ Naphtali.</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Unseres Blutes nennst du dich?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich bin Diener des alleinigen Gottes, und zu Jerusalem -steht meiner Väter Haus.</p> +steht meiner Väter Haus.</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Ist einem Kenntnis dieses Mannes?</p> @@ -5117,81 +5080,81 @@ Diener des Herrn.</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Wie fielest du in des Feindes Hand?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich war gegangen, Wasser zu holen vom Brunnen -Moria. Da faßten sie mich von den Schultern her und griffen mich.</p> +Moria. Da faßten sie mich von den Schultern her und griffen mich.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Und wie weisest du, daß du sein Bote bist? Ist +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Und wie weisest du, daß du sein Bote bist? Ist geschrieben Zeugnis dir gegeben, gesiegelte Schrift?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Er ließ seinen Ring an meine Hand tun, daß ich -kenntlich sei seinen Kriegern für Eingang und Widergang. <span class="direction">(Er<span class="pagenum">122</span> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Er ließ seinen Ring an meine Hand tun, daß ich +kenntlich sei seinen Kriegern für Eingang und Widergang. <span class="direction">(Er<span class="pagenum">122</span> hebt die Hand mit dem Ringe.)</span></p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Ich habe keine Frage mehr. Er rede seine Botschaft.</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Da mich die Krieger griffen vor dem Tore, schleppten -sie mich in des Königs Zelt. Sie führten mich vor sein Angesicht -und frugen, ein Ebräer sei gefangen und ob sie mich -vom Leben zum Tode bringen sollten. Doch der König wehrete +sie mich in des Königs Zelt. Sie führten mich vor sein Angesicht +und frugen, ein Ebräer sei gefangen und ob sie mich +vom Leben zum Tode bringen sollten. Doch der König wehrete ihnen und hielt mich elf Monde bis zum gestrigen Tage, da -er mich frug: „Willst du Botschaft bringen an den König -Zedekia?“ Ich stund vor ihm ohne Furcht und sagte, daß ich +er mich frug: „Willst du Botschaft bringen an den König +Zedekia?“ Ich stund vor ihm ohne Furcht und sagte, daß ich willens sei. Da sprach Nabukadnezar: „Elf Monate lagere ich hier vor der Stadt, und ich habe geschworen, nicht eher zu weichen und bei einem Weibe zu liegen, bis diese Tore sich auftun -vor mir. Doch nun ist des Harrens nicht länger. Lange +vor mir. Doch nun ist des Harrens nicht länger. Lange habt ihr mir widerstanden, doch nun reifet der Zorn in mir: -fürchtet seine Frucht! Will der König sich bedenken, so möge +fürchtet seine Frucht! Will der König sich bedenken, so möge er eilen. Kein Volk hat mir besser widerstanden, gegen keines will ich milder sein, so ihr euch eilet, die Gnade zu nehmen.“</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Nabukadnezar ist ein großer Krieger. Ehre ist +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Nabukadnezar ist ein großer Krieger. Ehre ist es, ihm widerstrebt zu haben elf Monde lang.</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Und er sagte ferner – die Krone trug er zu Häupten, +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Und er sagte ferner – die Krone trug er zu Häupten, wie ich nie eine gesehen, funkelnd von Gold und Edelgestein: „So ihr die Tore noch auftut und euch beugt, ehe der volle -Mond sich neut, will ich euch das Leben lassen. Jeder möge +Mond sich neut, will ich euch das Leben lassen. Jeder möge seines Weinstocks pflegen und in Frieden von seinem Feigenbaume essen. Ich will nicht Blut von euch, obzwar ihr Blut -vergossen, ich will nur den Ruhm und den Sieg. Ich will, daß -die Völker von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang des Neuen -gewahr werden, daß kein Trotz ist wider mein Schwert, der -nicht zerbräche, und kein König, der mir sich nicht beugete, -dem König der Könige. Des will ich ein Zeichen, und dauern -möge eure Stadt und eure Tage.“</p> +vergossen, ich will nur den Ruhm und den Sieg. Ich will, daß +die Völker von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang des Neuen +gewahr werden, daß kein Trotz ist wider mein Schwert, der +nicht zerbräche, und kein König, der mir sich nicht beugete, +dem König der Könige. Des will ich ein Zeichen, und dauern +möge eure Stadt und eure Tage.“</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Milde dünkt mich die Botschaft.</p> +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Milde dünkt mich die Botschaft.</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Zu milde, als daß ich ihr traute.</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Zu milde, als daß ich ihr traute.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Doch das Zeichen! Welches Zeichen fordert Nabukadnezar?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Er sagte: Also sprich mein Wort zu Zedekia: „Ich<span class="pagenum">123</span> habe die Krone gelassen auf deinem Haupte, weil sie ein Kind war der meinen, ein Kind meiner Gnade. Doch du hast aufgereckt -dein Haupt wider mich, so mußt du wieder es beugen; -du warst König durch meine Gnade vordem und sollst es wiederum -werden durch meine Gnade, doch meinem Zorne mußt du -zuvor Buße tun und deiner Hoffart.“</p> +dein Haupt wider mich, so mußt du wieder es beugen; +du warst König durch meine Gnade vordem und sollst es wiederum +werden durch meine Gnade, doch meinem Zorne mußt du +zuvor Buße tun und deiner Hoffart.“</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ruhig, sehr langsam)</span>:</p><p>Was fordert König Nabukadnezar -von mir, daß ich tue?</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ruhig, sehr langsam)</span>:</p><p>Was fordert König Nabukadnezar +von mir, daß ich tue?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Er sprach: „Der aufstand wider mich, muß sich -beugen, und der die Stirne reckte wider mich, dessen Rücken +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Er sprach: „Der aufstand wider mich, muß sich +beugen, und der die Stirne reckte wider mich, dessen Rücken will ich sehen. Wenn ich einschreite durch das Tor, soll Zedekia mir entgegengehen vom Tor des Tempels bis zum Walle, die -Krone in Händen und ein hölzern Joch auf seinem Nacken ...“</p> +Krone in Händen und ein hölzern Joch auf seinem Nacken ...“</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(auffahrend)</span>:</p><p>Ein Joch?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>„Ein Joch, auf daß alle gewahr werden, daß sein +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>„Ein Joch, auf daß alle gewahr werden, daß sein Starrsinn gebrochen sei und sein Hochmut sich beuge. Und ich will ihm entgegengehen und das Joch nehmen von seinem Nacken und die Krone wieder setzen auf sein Haupt.“</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Nie wird das Haupt eine Krone tragen, des Nacken -ein Joch gefühlt. Niemals! <span class="direction">(Er steht auf.)</span></p> +ein Joch gefühlt. Niemals! <span class="direction">(Er steht auf.)</span></p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Nie werde ich es dulden. <span class="direction">(Er steht gleichfalls auf.)</span></p> @@ -5203,65 +5166,65 @@ des Tempels sagte er, bis zur Mauer der Stadt?</p> <p><span class="character">IMRE</span>:</p><p>Nicht siebenzig sind es ... nicht siebenzig ...</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(sich umwendend in Zorn)</span>:</p><p>Die Schritte zählet ihr schon, +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(sich umwendend in Zorn)</span>:</p><p>Die Schritte zählet ihr schon, die ich tun soll, den Nacken unter das Joch gespannt wie der -Stier vor dem Pflug? Ist Wahnsinn in euch gefahren, daß ihr -meint, ich würde mich beugen? Wart ihr nur mutig mit mir, +Stier vor dem Pflug? Ist Wahnsinn in euch gefahren, daß ihr +meint, ich würde mich beugen? Wart ihr nur mutig mit mir, solange es euer Leben galt und euer Gespartes, und nun, da der Freche euch befriedet, verschachert ihr meine Schmach? Feiglinge seid ihr ...</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Mit deinem Eide hast du gelobt, mein König, daß +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Mit deinem Eide hast du gelobt, mein König, daß jeder frei vor dir sage, was sein Herz ihm gebietet.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Zum rechten erinnerst du mich. Verzeih meinem<span class="pagenum">124</span> Blute. Sprecht frei nach eurem Herzen.</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Hart ist Nabukadnezars Heischung, doch härter die -Not. Man möge ihm willfahren. Nicht aber meine, daß wider -deine Ehre ich rede, mein König. Habe ich bislang mich gebeugt +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Hart ist Nabukadnezars Heischung, doch härter die +Not. Man möge ihm willfahren. Nicht aber meine, daß wider +deine Ehre ich rede, mein König. Habe ich bislang mich gebeugt in Ehrfurcht vor dir, so will ich noch tiefer mich neigen vor dem, der die Not des Volkes auf den Nacken genommen, -der sich erniedrigt, auf daß Israel erhöhet sei. Denn wahrlich, -Königstat ist es, zu leiden für sein Volk.</p> +der sich erniedrigt, auf daß Israel erhöhet sei. Denn wahrlich, +Königstat ist es, zu leiden für sein Volk.</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Und ich, mein König, neide dir deine Stunde. -Denn selig ist es, zu leiden für seine Brüder. Siebenzig Schritte +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Und ich, mein König, neide dir deine Stunde. +Denn selig ist es, zu leiden für seine Brüder. Siebenzig Schritte hast du unter dem Joche zu gehen, und Siebenzigmaltausend rettet dein Schreiten.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Leicht ist euch, was mir Tod ist. Alle, alle wider mich! Und du, Hananja?</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Ich schweige, mein König. Dein ist die Tat!</p> +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Ich schweige, mein König. Dein ist die Tat!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Schweigst du jetzt, Profet! Noch sind die Ohren -mir voll deiner Verheißung. Alle, alle wider mich in der Not! +mir voll deiner Verheißung. Alle, alle wider mich in der Not! So wollt ihr mich zwingen?</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Ferne sei es uns, zu zwingen den Gesalbten des Herrn. Frei walte sein Wille!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Frei! Schicksal habt ihr geladen auf mein Leben, -und nun ich stöhne und stürze, tretet ihr abseits und laßt mich +und nun ich stöhne und stürze, tretet ihr abseits und laßt mich ihm allein. <span class="direction">(Er geht auf und ab, dann tritt er wieder zum Fenster.)</span> Mauern -und Türme, Häuser und Lager, alles, alles auf mein stöhnend -Herz, Schicksal von Tausend auf Tausend gehäuft auf mein +und Türme, Häuser und Lager, alles, alles auf mein stöhnend +Herz, Schicksal von Tausend auf Tausend gehäuft auf mein Leben! Wie das tragen, ohne hinzusinken, wie es ertragen! -<span class="direction">(Er geht wieder auf und ab. Plötzlich:)</span> Noch einmal wägt euern Beschluß, -prüfet bis ins Mark euer Meinen. Ist es euer aller Geheiß, -daß ich unter das Joch trete für Israel?</p> +<span class="direction">(Er geht wieder auf und ab. Plötzlich:)</span> Noch einmal wägt euern Beschluß, +prüfet bis ins Mark euer Meinen. Ist es euer aller Geheiß, +daß ich unter das Joch trete für Israel?</p> <p class="direction">(ALLE schweigen. Dann sagt:)</p> -<p><span class="character">NACHUM</span> <span class="direction">(als erster)</span>:</p><p>Ich flehe dich an, daß du es tuest für uns +<p><span class="character">NACHUM</span> <span class="direction">(als erster)</span>:</p><p>Ich flehe dich an, daß du es tuest für uns und unsere Kinder.</p> -<p><span class="character">IMRE</span>:</p><p>Für die Stadt und das Land.</p> +<p><span class="character">IMRE</span>:</p><p>Für die Stadt und das Land.</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Für den heiligen Tempel und den Altar.</p> +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Für den heiligen Tempel und den Altar.</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Für Gott, der es heischt von dir.</p> +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Für Gott, der es heischt von dir.</p> <p class="direction">(ABIMELECH schweigt und birgt sein Gesicht.)<span class="pagenum">125</span></p> @@ -5273,153 +5236,153 @@ wie ein Rohr, ich will das Joch nehmen auf mein Haupt.</p> <p class="direction">(ALLE wollen erregt sprechen. Er winkt ihnen, zu schweigen.)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich will die Krone nehmen von meiner Stirne und -sie darbieten mit den Händen, wie jener es gebot. Aber heilig +sie darbieten mit den Händen, wie jener es gebot. Aber heilig ist die Krone Israels, und kein Haupt soll sie tragen, dessen Nacken ein Joch geschleppt. So ich abgetan von mir das Holz der Schmach, tue ich auch ab Zepter und Ring von mir in meines Sohnes Hand. Jung ist er, doch ihr werdet ihn beraten. -Schwöret ihr, daß ihr Treue bietet, daß ihr das Volk ihm zuscharen +Schwöret ihr, daß ihr Treue bietet, daß ihr das Volk ihm zuscharen werdet und ihn kleiden mit Krone und Ring an meiner Statt?</p> -<p><span class="character">PASHUR</span> <span class="direction">(ergriffen)</span>:</p><p>Ich schwöre es, mein König.</p> +<p><span class="character">PASHUR</span> <span class="direction">(ergriffen)</span>:</p><p>Ich schwöre es, mein König.</p> -<p><span class="character">IMRE</span>, HANANJA, NACHUM:</p><p>Wir schwören es.</p> +<p><span class="character">IMRE</span>, HANANJA, NACHUM:</p><p>Wir schwören es.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Wie ein König hast du getan, Ruhm deinem +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Wie ein König hast du getan, Ruhm deinem Namen!</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Ewiges Gedenken dem König Zedekia.</p> +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Ewiges Gedenken dem König Zedekia.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>So mögen stehen die Mauern und die heilige Burg, +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>So mögen stehen die Mauern und die heilige Burg, wenn ich hinsinke in Staub; besser ich, denn die Stadt. Ewig -währe Jerusalem!</p> +währe Jerusalem!</p> -<p><span class="character">ALLE</span> <span class="direction">(begeistert)</span>:</p><p>Ewig währet Jerusalem!</p> +<p><span class="character">ALLE</span> <span class="direction">(begeistert)</span>:</p><p>Ewig währet Jerusalem!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zu Baruch)</span>:</p><p>Du hast gehört, Knabe! So gehe hin -zum Könige und sage ihm an: Zedekia, der Herrscher war und +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zu Baruch)</span>:</p><p>Du hast gehört, Knabe! So gehe hin +zum Könige und sage ihm an: Zedekia, der Herrscher war und aufstund wider ihn, beuget sich vor ihm, auftun sich die Tore -seiner Gnade. Gehe hin und eile, denn es drängt mich, bald vor -die Tür meines Hauses zu treten und es dem Volke zu sagen das -köstliche Wort: Friede.</p> +seiner Gnade. Gehe hin und eile, denn es drängt mich, bald vor +die Tür meines Hauses zu treten und es dem Volke zu sagen das +köstliche Wort: Friede.</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(unruhig, leise)</span>:</p><p>Ich höre, mein König. Doch eines -noch hieß der König mich melden, eines noch heischt er von uns.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(unruhig, leise)</span>:</p><p>Ich höre, mein König. Doch eines +noch hieß der König mich melden, eines noch heischt er von uns.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span> <span class="direction">(auffahrend)</span>:</p><p>Noch mehr? Genügt ihm noch nicht +<p><span class="character">ABIMELECH</span> <span class="direction">(auffahrend)</span>:</p><p>Noch mehr? Genügt ihm noch nicht diese Schmach?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ein Geringes nur nannte er es. Doch mich dünkt -es groß.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ein Geringes nur nannte er es. Doch mich dünkt +es groß.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Was fordert sein Stolz noch mehr?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Er sprach: „Ich will nehmen das Joch vom Nacken<span class="pagenum">126</span> -des Königs und die Krone wieder legen auf sein Haupt. Und er -möge zu meiner Linken gehn, damit man erkenne, daß ich ihn +des Königs und die Krone wieder legen auf sein Haupt. Und er +möge zu meiner Linken gehn, damit man erkenne, daß ich ihn ehre als meiner Krone Geschwister und Kind. Aber noch einer -ist in euern Mauern, von dem die Völker sagen, daß er mächtiger +ist in euern Mauern, von dem die Völker sagen, daß er mächtiger sei denn alle, und diesen verlangt es mich, zu sehn. Sie sagen, ein Gott sei in euern Mauern, dessen Blick ihr berget vor den -Menschen hinter zeltenen Wänden und den keiner ertrüge zu +Menschen hinter zeltenen Wänden und den keiner ertrüge zu schauen. Aber fremd ist mir Furcht, und ich will vor ihn treten, -daß ich ihn kenne. Ich werde nicht rühren an seinen Altar, nicht -fassen nach seinem Brote, nicht gieren nach seinen Schätzen. -Einlaß nur heische ich von euch, denn es lüstet mich, den zu -kennen, der gewaltiger wäre als ich.“ So sagte Nabukadnezar.</p> +daß ich ihn kenne. Ich werde nicht rühren an seinen Altar, nicht +fassen nach seinem Brote, nicht gieren nach seinen Schätzen. +Einlaß nur heische ich von euch, denn es lüstet mich, den zu +kennen, der gewaltiger wäre als ich.“ So sagte Nabukadnezar.</p> <p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Niemals! Niemals!</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Die Flamme des Herrn möge ihn fressen, den +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Die Flamme des Herrn möge ihn fressen, den Frevler!</p> <p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Lieber in Staub den Tempel als entweiht!</p> -<p><span class="character">IMRE</span> <span class="direction">(bestürzt)</span>:</p><p>Das Allerheiligste heischt er zu sehen! Furchtbar +<p><span class="character">IMRE</span> <span class="direction">(bestürzt)</span>:</p><p>Das Allerheiligste heischt er zu sehen! Furchtbar ist das Verlangen!</p> <p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Frevel ist es und heidnischer Hochmut! Sende heim -den Boten, mein König, sende ihn heim!</p> +den Boten, mein König, sende ihn heim!</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Sende ihn heim! Nie darf dieses geschehen!</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Übereile nichts, mein König. Wir sind entboten, -eines Volkes Wohl zu erwägen.</p> +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Übereile nichts, mein König. Wir sind entboten, +eines Volkes Wohl zu erwägen.</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Tausend Tode lieber als diese Schmach.</p> <p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Und ich sterbe mit euch! In eurer Mitte, ihr Krieger!</p> -<p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(wild)</span>:</p><p>Sende ihn heim, König. Lieber Tod als diese +<p><span class="character">HANANJA</span> <span class="direction">(wild)</span>:</p><p>Sende ihn heim, König. Lieber Tod als diese Schmach!</p> <p><span class="character">IMRE</span>:</p><p>Wie ihr doch redet vom Sterben! Wie leicht werft ihr -das Wort! Siebenzigtausend tötet euer Trotz, bedenket es, ihr +das Wort! Siebenzigtausend tötet euer Trotz, bedenket es, ihr Eilfertigen!</p> <p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Willst du es preisgeben, Gottes Heiligtum?</p> <p><span class="character">IMRE</span>:</p><p>Auch das Leben ist ein Heiligtum von Gott, Gott selbst -ist das Leben. Warum überhebst du dich, Gottes Anwalt zu sein?</p> +ist das Leben. Warum überhebst du dich, Gottes Anwalt zu sein?</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Es wäre Schmach ohne Ende und Triumph vor den +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Es wäre Schmach ohne Ende und Triumph vor den Heiden, ginge er hin und sagete: Ich habe Jahwes Antlitz gesehn.</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Mögen sie jauchzen, unsere Feinde, möge vergehen<span class="pagenum">127</span> -unser Stolz. Doch die Stadt möge überdauern unsern Stolz und -unser Leben. König, mein König, errette Jerusalem!</p> +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Mögen sie jauchzen, unsere Feinde, möge vergehen<span class="pagenum">127</span> +unser Stolz. Doch die Stadt möge überdauern unsern Stolz und +unser Leben. König, mein König, errette Jerusalem!</p> <p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Nein! Sende ihn heim! Sprich das Wort! Sprich das Wort!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich bin die Hand nur, die wägt. Mein eigen Herz -halte ich nieder. Eilet, entscheidet, zählet die Stimmen! Zählet -und eilet, daß ein Ende sei im Bösen oder im Guten.</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich bin die Hand nur, die wägt. Mein eigen Herz +halte ich nieder. Eilet, entscheidet, zählet die Stimmen! Zählet +und eilet, daß ein Ende sei im Bösen oder im Guten.</p> -<p><span class="character">IMRE</span>:</p><p>Der Älteste bin ich und sage: man erfülle Nabukadnezars +<p><span class="character">IMRE</span>:</p><p>Der Älteste bin ich und sage: man erfülle Nabukadnezars Gebot.</p> -<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Man erfülle es nicht. Gott wird uns helfen.</p> +<p><span class="character">HANANJA</span>:</p><p>Man erfülle es nicht. Gott wird uns helfen.</p> <p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Ich schachere nicht um Gottes Antlitz. Niemalens diesen Frevel!</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Gottes Stadt für ewig. Man sende den Boten.</p> +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Gottes Stadt für ewig. Man sende den Boten.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und du, Abimelech?</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Nicht dein Berater bin ich, mein König, dein +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Nicht dein Berater bin ich, mein König, dein Diener bin ich und dein Schwert. Bei ja und nein, in Leben und Tod steh ich zu dir.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Zwei Stimmen gegen zwei und in mir selbst sind zwei Stimmen! Widerstreit um mich und Widerstreit in mir! -Wie soll ich entscheiden? Weggestoßen habe ich meinen Willen +Wie soll ich entscheiden? Weggestoßen habe ich meinen Willen und euch zugeworfen, doch wie das Meer schleudert ihr ihn -mir zurück und schauernd halte ich ihn in Händen. Muß ich -selbst sie werfen, die Würfel, die fürchterlichen?</p> +mir zurück und schauernd halte ich ihn in Händen. Muß ich +selbst sie werfen, die Würfel, die fürchterlichen?</p> <p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Gott wird dich erleuchten!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Daß er doch spräche zu mir! Oh, selig die Ahnen, -denen er sich noch auftat im Gewölk! Ich habe ausgereckt meine -Hände nach ihm und mein Herz, doch verschlossen sind mir -seine Himmel. Im Dunkel tappe ich, und meine Hände greifen -nur Ungewisses. Betet für mich, daß ich das Rechte finde!</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Daß er doch spräche zu mir! Oh, selig die Ahnen, +denen er sich noch auftat im Gewölk! Ich habe ausgereckt meine +Hände nach ihm und mein Herz, doch verschlossen sind mir +seine Himmel. Im Dunkel tappe ich, und meine Hände greifen +nur Ungewisses. Betet für mich, daß ich das Rechte finde!</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Unsere Liebe ist mit dir, mein König!</p> +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Unsere Liebe ist mit dir, mein König!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Die Sterne werden blaß, und ehe die Nacht sich -wendet, muß ich ja sagen oder nein, und vielleicht ist nein ja -und ja ist nein. Möge Gott mich erleuchten. <span class="direction">(Er steht auf, alle +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Die Sterne werden blaß, und ehe die Nacht sich +wendet, muß ich ja sagen oder nein, und vielleicht ist nein ja +und ja ist nein. Möge Gott mich erleuchten. <span class="direction">(Er steht auf, alle erheben sich.)</span> Lasset mich allein! Euer Zwiespalt mehrt nur den meinen. Ich werde entscheiden, wie mein Herz mir sagt, und vielleicht, ehe ihr heimkehret, ist der Spruch gefallen; wie in<span class="pagenum">128</span> -Kindesnot die Gebärerin, krümmt sich mein Herz, daß es das -Rechte gestalte. Betet, ihr Freunde, betet, daß ich das Rechte -erwäge für Israel! Betet für mich, betet für Jerusalem!</p> +Kindesnot die Gebärerin, krümmt sich mein Herz, daß es das +Rechte gestalte. Betet, ihr Freunde, betet, daß ich das Rechte +erwäge für Israel! Betet für mich, betet für Jerusalem!</p> -<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Gott möge dich erleuchten! Mein Auge wird nicht +<p><span class="character">PASHUR</span>:</p><p>Gott möge dich erleuchten! Mein Auge wird nicht den Schlummer sehen, ehe du entschieden. Ich harre vor dem Altare!</p> @@ -5433,39 +5396,39 @@ Altare!</p> <p class="direction">(ALLE gehen ab. BARUCH allein ist wartend stehen geblieben.)</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(leise)</span>:</p><p>Soll ich mit ihnen, mein König?</p> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(leise)</span>:</p><p>Soll ich mit ihnen, mein König?</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(aus seinen Gedanken auffahrend)</span>:</p><p>Wie sagst du? <span class="direction">(Sich erinnernd)</span>: Nein, du bleibst!</p> -<p class="direction">(BARUCH bleibt wartend in der Nähe der Türe stehen. ZEDEKIA beginnt +<p class="direction">(BARUCH bleibt wartend in der Nähe der Türe stehen. ZEDEKIA beginnt unruhig auf und ab zu gehen. Er blickt auf die Stadt, starrt lange hinaus, -wandert wieder auf und nieder. Dann wendet er sich plötzlich scharf um.)</p> +wandert wieder auf und nieder. Dann wendet er sich plötzlich scharf um.)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Noch heute fordert Nabukadnezar mein Wort?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Noch heute! Denn morgen neut sich der volle Mond.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(geht wieder auf und ab. Dann plötzlich)</span>:</p><p>Du bist vor +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(geht wieder auf und ab. Dann plötzlich)</span>:</p><p>Du bist vor seinem Antlitz gestanden! Sprach er vor vielen mit dir oder im geheimen?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Er ließ mich in sein Gemach entbieten. Nur sein -Schreiber war gegenwärtig und sein Vertrauter.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Er ließ mich in sein Gemach entbieten. Nur sein +Schreiber war gegenwärtig und sein Vertrauter.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und wie war seine Weise, da er zu dir sprach?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Stolz schien mir seines Wesens Art vor allem. Er -sprach gütig zu mir und schien sich zu freuen, daß er so gütig +sprach gütig zu mir und schien sich zu freuen, daß er so gütig zu sein vermochte; und da die andern ihn deshalb priesen, sonnte er sich in ihrem Wort.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und da er drohete, wie war er?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>In Finsternis hüllte er sein Gesicht und stampfte mit -dem Fuße. Aber ich merkte, daß auch dies nur getan sei, daß -man vor seiner Größe schaudere und ich Botschaft brächte +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>In Finsternis hüllte er sein Gesicht und stampfte mit +dem Fuße. Aber ich merkte, daß auch dies nur getan sei, daß +man vor seiner Größe schaudere und ich Botschaft brächte seines Zorns.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und frug er dich nach mir?<span class="pagenum">129</span></p> @@ -5473,16 +5436,16 @@ seines Zorns.</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Sein Vertrauter wollte mir Kundschaft ablocken, er aber duldete es nicht.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Hoffärtig ist er und sein Trotz ein Gewitter über -unsern Häupten. Aber ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte ihn +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Hoffärtig ist er und sein Trotz ein Gewitter über +unsern Häupten. Aber ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte ihn nicht. <span class="direction">(Er geht auf und ab.)</span> Keine Frage hat er getan nach mir?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nein, mein König.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nein, mein König.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Nichts sind wir ihm, ein Häufchen Staub unsere -Mauern. Aber er möge Trotz finden für sein Trotzen. Elf Monde -stößt seine Stirne gegen unsere Wälle, und kein Lächeln sind -wir ihm wert. Für ein Wort bin ich ihm zu gering und für einen +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Nichts sind wir ihm, ein Häufchen Staub unsere +Mauern. Aber er möge Trotz finden für sein Trotzen. Elf Monde +stößt seine Stirne gegen unsere Wälle, und kein Lächeln sind +wir ihm wert. Für ein Wort bin ich ihm zu gering und für einen Atem die Stadt. Aber noch ist mein Joch nicht geschmiedet, noch stehen die Mauern Jerusalems. <span class="direction">(Er geht heftiger auf und ab.)</span> Noch heute, sagst du, verlangt er die Botschaft, noch heute?</p> @@ -5491,20 +5454,20 @@ Noch heute, sagst du, verlangt er die Botschaft, noch heute?</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Warten haben wir ihn gelehrt, und noch immer hat er es nicht gelernt. Nicht bin ich der Springer seiner Ungeduld, -nicht seiner Launen Ball. Will er nicht warten länger als einen +nicht seiner Launen Ball. Will er nicht warten länger als einen Tag, so soll er warten lernen Wochen und Monde. <span class="direction">(Sich aufrichtend.)</span> Noch heute bringst du Botschaft an Nabukadnezar! Melde ihm ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(erschreckt)</span>:</p><p>Mein König! Nicht im Zorne entschließe +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(erschreckt)</span>:</p><p>Mein König! Nicht im Zorne entschließe dich!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ganz starr vor Erstaunen)</span>:</p><p>Was erkühnst du dich?</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ganz starr vor Erstaunen)</span>:</p><p>Was erkühnst du dich?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(flehend)</span>:</p><p>Mein König, ich sah den Grimm auf deinem +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(flehend)</span>:</p><p>Mein König, ich sah den Grimm auf deinem Antlitz und erschrak vor der Botschaft.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Was maßt du dir an? Nicht in mein Antlitz hast du +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Was maßt du dir an? Nicht in mein Antlitz hast du zu schauen, sondern Worte zu bringen. Und ich befehle dir ... Warum zitterst du?</p> @@ -5512,52 +5475,52 @@ Warum zitterst du?</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Hast du Furcht, sie Nabukadnezar zu bringen?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nicht ihn fürchte ich – ich fürchte die Botschaft.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nicht ihn fürchte ich – ich fürchte die Botschaft.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(erstaunt)</span>:</p><p>Was fürchtest du?</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(erstaunt)</span>:</p><p>Was fürchtest du?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Wider uns wird sie fahren, die Flamme deines Zorns! -<span class="direction">(Plötzlich in die Knie stürzend:)</span> König, mein König, nicht im Zorne -entschließe dich, rette, rette die Stadt!</p> +<span class="direction">(Plötzlich in die Knie stürzend:)</span> König, mein König, nicht im Zorne +entschließe dich, rette, rette die Stadt!</p> -<p class="direction">(ZEDEKIA ist in höchstem Erstaunen zurückgetreten.)<span class="pagenum">130</span></p> +<p class="direction">(ZEDEKIA ist in höchstem Erstaunen zurückgetreten.)<span class="pagenum">130</span></p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich flehe dich an auf den Knien, rette Jerusalem, -rette Jerusalem! Recke aus deine Hand, daß sie den Frieden -fasse, sonst stürzen die Mauern und sinkt der Tempel in Staub. -König, mein König, tu auf die Tore, tu auf dein Herz!</p> +rette Jerusalem! Recke aus deine Hand, daß sie den Frieden +fasse, sonst stürzen die Mauern und sinkt der Tempel in Staub. +König, mein König, tu auf die Tore, tu auf dein Herz!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(grimmig)</span>:</p><p>Tu auf die Tore, tu auf dein Herz – ich kenne dieses Wort. Nicht du sprichst zu mir, du Frecher. Es ist einer hinter dir, der redet wider mich ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Niemand, mein König: ich flehe aus der Tiefe meiner +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Niemand, mein König: ich flehe aus der Tiefe meiner Angst. Wahrheit will ich dir sagen. Nicht gefordert hat mich -Nabukadnezar zu sich, ich sah, daß zögerten die einen und die +Nabukadnezar zu sich, ich sah, daß zögerten die einen und die andern zum Frieden; da ging ich hin zu ihm freien Herzens, -daß ich das seine erweichte. Sein Gewand faßte ich an und -flehte, elf Monde, Tag für Tag, bis er mir Botschaft gab an dich.</p> +daß ich das seine erweichte. Sein Gewand faßte ich an und +flehte, elf Monde, Tag für Tag, bis er mir Botschaft gab an dich.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Das hast du getan? Ein Knabe, ein Kind, bist du -gegangen, während wir sprachen und rieten, bist du gegangen -zum König der Könige, um Frieden zu holen?</p> +gegangen, während wir sprachen und rieten, bist du gegangen +zum König der Könige, um Frieden zu holen?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>So habe ich getan in meines Herzens Not, mein -König.</p> +König.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ihn lange ansehend; plötzlich scharf)</span>:</p><p>Nicht du hast diese +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ihn lange ansehend; plötzlich scharf)</span>:</p><p>Nicht du hast diese Tat ersonnen, nicht du!</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Niemand hat mich sie geheißen.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Niemand hat mich sie geheißen.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Das ist nicht wahr. Kein Knabe sinnt solche Taten aus.</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich schwöre, mein König, ich tat es allein. Unwissend +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ich schwöre, mein König, ich tat es allein. Unwissend war er ihrer, nicht hat er sie befohlen noch gebilligt.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wer ist dieser, der dir gebietet?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(ausflüchtend)</span>:</p><p>Mein Lehrer, mein Meister.</p> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(ausflüchtend)</span>:</p><p>Mein Lehrer, mein Meister.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wer ist dein Meister, frage ich, wer gebietet den Knaben in dieser Stadt?</p> @@ -5567,352 +5530,352 @@ Knaben in dieser Stadt?</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ausbrechend)</span>:</p><p>Jeremias! Er, immer er! Immer der Schatten hinter meiner Tat, immer in Aufruhr wider mich! In den Kerker habe ich ihn verschlossen, aber noch immer schreit -er zu mir wie am ersten Tage: Friede, Friede! Was drängt er +er zu mir wie am ersten Tage: Friede, Friede! Was drängt er sich vor? Was will er mich verwirren, was quert er meinen Weg? Wo ich mich wende, ist auch er, im Palast, in der Stadt, und durch seine Boten wirft er sich auf wider mich. Was verfolgt<span class="pagenum">131</span> er mich?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Du irrst, mein König! Jeremias liebt dich mehr, +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Du irrst, mein König! Jeremias liebt dich mehr, denn einen andern dieser Stadt.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich brauche seine Liebe nicht, ich speie sie an und -zerblase seinen Zorn! Wer ist er, daß er wagt, mich zu lieben? -Darf einer aufstehn in der Gasse und künden, er liebet mich -oder liebet mich nicht? Was stößt er sich zwischen mich und -meinen Entschluß? Will er mehr sein als ich? Ich bin der König, -ich allein! Möge er schreien: Friede, Friede! nicht seine Hand -hält Jerusalems Geschick. Ich bin der König, und nicht rühmen -soll er sich, er habe mich geschreckt mit seinen Träumen. Eher -sinke die Stadt, als daß sie gerettet sei durch Jeremias! <span class="direction">(Zu Baruch)</span>: +zerblase seinen Zorn! Wer ist er, daß er wagt, mich zu lieben? +Darf einer aufstehn in der Gasse und künden, er liebet mich +oder liebet mich nicht? Was stößt er sich zwischen mich und +meinen Entschluß? Will er mehr sein als ich? Ich bin der König, +ich allein! Möge er schreien: Friede, Friede! nicht seine Hand +hält Jerusalems Geschick. Ich bin der König, und nicht rühmen +soll er sich, er habe mich geschreckt mit seinen Träumen. Eher +sinke die Stadt, als daß sie gerettet sei durch Jeremias! <span class="direction">(Zu Baruch)</span>: Du gehst zu Nabukadnezar und sagest ihm an: Nie wird Zedekia -ein Joch tragen, nie hebt er den Vorhang des Heiligsten. Möge -er kommen mit seinen Völkern, Zedekia ist ihm bereit.</p> +ein Joch tragen, nie hebt er den Vorhang des Heiligsten. Möge +er kommen mit seinen Völkern, Zedekia ist ihm bereit.</p> -<p class="direction">(BARUCH, im Schrecken beide Hände hebend, will sprechen.)</p> +<p class="direction">(BARUCH, im Schrecken beide Hände hebend, will sprechen.)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Kein Wort! Und bringst du die Botschaft nicht, so -fällt Jeremias Haupt. Zweimal habe ich seines Lebens geschont, +fällt Jeremias Haupt. Zweimal habe ich seines Lebens geschont, doch zu Ende ist meine Milde. Nicht will ich Richter hinter -mir und Schatten hinter meiner Tat, ich will sterben als König +mir und Schatten hinter meiner Tat, ich will sterben als König zu Jerusalem.</p> -<p class="direction">(BARUCH hebt noch einmal die Hände.)</p> +<p class="direction">(BARUCH hebt noch einmal die Hände.)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ein Wort dawider, und sein Haupt sinkt hin. In -deinen Händen ist meine Botschaft, ist Jeremias Haupt. Geh! +deinen Händen ist meine Botschaft, ist Jeremias Haupt. Geh! Ich befehle dir: geh!</p> -<p class="direction">(BARUCH bleibt noch einen Augenblick stehen, dann verhüllt er sein Antlitz +<p class="direction">(BARUCH bleibt noch einen Augenblick stehen, dann verhüllt er sein Antlitz und wendet sich ab.)</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(hat sich drohend aufgerichtet gegen den Zögernden. Wie -Baruch abgeht, fällt sein ausgereckter Arm nieder wie zerbrochen, sein Antlitz -verdüstert sich wieder von neuem. Plötzlich sich aufreckend)</span>:</p><p>Vorbei! +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(hat sich drohend aufgerichtet gegen den Zögernden. Wie +Baruch abgeht, fällt sein ausgereckter Arm nieder wie zerbrochen, sein Antlitz +verdüstert sich wieder von neuem. Plötzlich sich aufreckend)</span>:</p><p>Vorbei! Ein Ende, ein Ende! Nur nicht mehr die Qual! <span class="direction">(Er geht wieder auf und ab, hebt den Vorhang und sieht lange stumm sinnend auf -die Stadt. Endlich stampft er zweimal mit dem Fuße.)</span></p> +die Stadt. Endlich stampft er zweimal mit dem Fuße.)</span></p> -<p><span class="character">DER KNABE SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(erscheint)</span>:</p><p>Mein König?</p> +<p><span class="character">DER KNABE SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(erscheint)</span>:</p><p>Mein König?</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wein! Bring mir Wein! Ich will schlafen, schwarz -und tief, schlafen ohne Träume!</p> +und tief, schlafen ohne Träume!</p> -<p class="direction">(DER SCHWERTTRÄGER bringt hastig einen Krug und füllt den silbernen<span class="pagenum">132</span> -Becher. Zedekia stürzt ihn gierig hinab. Sein Gesicht wird wieder unruhig.)</p> +<p class="direction">(DER SCHWERTTRÄGER bringt hastig einen Krug und füllt den silbernen<span class="pagenum">132</span> +Becher. Zedekia stürzt ihn gierig hinab. Sein Gesicht wird wieder unruhig.)</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wer ist draußen im Gange? Ich höre einen Schritt. -Ist der Späher nicht gegangen, zögert er noch?</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wer ist draußen im Gange? Ich höre einen Schritt. +Ist der Späher nicht gegangen, zögert er noch?</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Er ist gegangen, Herr! Der draußen +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Er ist gegangen, Herr! Der draußen wacht, ist mein Bruder Nehemia.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Er soll nicht so laut schreiten des Nachts vor meinem -Schlafgemach. Ich will nichts hören um mich. Ich will schlafen. +Schlafgemach. Ich will nichts hören um mich. Ich will schlafen. Auch ich will schlafen wie die andern.</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Es soll geschehen, Herr! <span class="direction">(Er schlägt die -Vorhänge des Pfühles auseinander und verhüllt die Ampel. Nur ein trüber -Schein von Mondlicht glänzt in den Raum.)</span></p> +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Es soll geschehen, Herr! <span class="direction">(Er schlägt die +Vorhänge des Pfühles auseinander und verhüllt die Ampel. Nur ein trüber +Schein von Mondlicht glänzt in den Raum.)</span></p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Soll ich dir noch lesen aus den heiligen -Büchern, mein König, wie gestern und ehetags?</p> +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Soll ich dir noch lesen aus den heiligen +Büchern, mein König, wie gestern und ehetags?</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Aus den Büchern?... Nein, laß die Bücher, auch +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Aus den Büchern?... Nein, laß die Bücher, auch sie wissen nicht Rat. Ich will schlafen, schlafen einmal wie die andern. Meine Lider brennen, und mein Herz brennt mit.</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(hilft ihm aus dem Obergewand. Zedekia wirft -sich auf das Ruhelager)</span>:</p><p>Gott schütze deinen Schlummer, mein -König.</p> +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(hilft ihm aus dem Obergewand. Zedekia wirft +sich auf das Ruhelager)</span>:</p><p>Gott schütze deinen Schlummer, mein +König.</p> <p class="direction">(ZEDEKIA breitet sich hin.)</p> -<p class="direction">(SCHWERTTRÄGER ruft Nehemia. Sie stellen sich schweigend ins Dunkel -zu Häupten des Bettes, reglos auf ihre Lanzen gestützt. Die Lampe ist ganz -verhüllt, nur das Fenster wirft Mondlicht auf den Teppich zu Füßen des -Pfühles. Riesengroß stehen die Schatten der Wachenden an der Wand. Es -ist ganz still. Man hört aus dem Hofe jetzt das leise plätschernde Rauschen -eines Springbrunnens. Sonst ist alles wie erstorben. Die beiden rühren sich -nicht. Die Zeit fließt stumm weiter.)</p> +<p class="direction">(SCHWERTTRÄGER ruft Nehemia. Sie stellen sich schweigend ins Dunkel +zu Häupten des Bettes, reglos auf ihre Lanzen gestützt. Die Lampe ist ganz +verhüllt, nur das Fenster wirft Mondlicht auf den Teppich zu Füßen des +Pfühles. Riesengroß stehen die Schatten der Wachenden an der Wand. Es +ist ganz still. Man hört aus dem Hofe jetzt das leise plätschernde Rauschen +eines Springbrunnens. Sonst ist alles wie erstorben. Die beiden rühren sich +nicht. Die Zeit fließt stumm weiter.)</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(plötzlich wild aufspringend und sie anfahrend)</span>:</p><p>Was flüstert +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(plötzlich wild aufspringend und sie anfahrend)</span>:</p><p>Was flüstert ihr miteinander? Habe ich nicht Stille befohlen?</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(erschrocken)</span>:</p><p>Wir sprachen nichts, mein -König.</p> +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(erschrocken)</span>:</p><p>Wir sprachen nichts, mein +König.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Aber es spricht jemand! Wer dringt in meinen -Schlaf, wer frißt an meinem Schlummer? Sie sollen schlafen +Schlaf, wer frißt an meinem Schlummer? Sie sollen schlafen jetzt alle, alle, damit ich schlafen kann! Ist jemand noch wach -in den Nebengemächern?</p> +in den Nebengemächern?</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Niemand, mein König. Niemand ist +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Niemand, mein König. Niemand ist wach mehr im Hause.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Niemand ist wach mehr, nur ich, nur ich! Warum<span class="pagenum">133</span> -auf mich alle Last, die Mauern der Stadt und die Türme der +auf mich alle Last, die Mauern der Stadt und die Türme der Sorgen? Wein, gib mir Wein!</p> -<p class="direction">(SCHWERTTRÄGER gibt ihm wieder den Becher, Zedekia stürzt ihn hastig -hinab und schleudert ihn weg. Er stöhnt und legt sich wieder auf das Ruhebett. -Wieder wird es ganz still. Wieder hört man durch die Stille das -Rauschen des fernen Springbrunnens. Es ist ein leises Tönen davon in der +<p class="direction">(SCHWERTTRÄGER gibt ihm wieder den Becher, Zedekia stürzt ihn hastig +hinab und schleudert ihn weg. Er stöhnt und legt sich wieder auf das Ruhebett. +Wieder wird es ganz still. Wieder hört man durch die Stille das +Rauschen des fernen Springbrunnens. Es ist ein leises Tönen davon in der Luft, einlullend und geisterhaft. Reglos stehen die Schatten der beiden -Wächter, dunkel im Dunkel. Wieder rinnt Zeit vorbei.)</p> +Wächter, dunkel im Dunkel. Wieder rinnt Zeit vorbei.)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(der reglos gelegen, richtet sich im Dunkel ganz leise auf. Wie -ein Tier im Ansprang, krümmt sich sein Körper in der Anstrengung des -Lauschens, er krampft sich immer mehr zusammen, und plötzlich schreit +ein Tier im Ansprang, krümmt sich sein Körper in der Anstrengung des +Lauschens, er krampft sich immer mehr zusammen, und plötzlich schreit er heftig)</span>:</p><p>Es spricht! Es spricht! Es spricht hier von irgendwo. -Ich höre eine Stimme, ich höre, ich höre sie. Und es soll niemand -jetzt reden in meinem Haus. Wie Gesang tönt es her, es -soll niemand jetzt singen in meinem Haus. Hört ihr es, hört ihr +Ich höre eine Stimme, ich höre, ich höre sie. Und es soll niemand +jetzt reden in meinem Haus. Wie Gesang tönt es her, es +soll niemand jetzt singen in meinem Haus. Hört ihr es, hört ihr es nicht?</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Ich höre nichts, mein König!</p> +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Ich höre nichts, mein König!</p> <p><span class="character">NEHEMIA</span>:</p><p>Nichts habe ich vernommen ...</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(sieht beide starr an, dann krümmt er sich wieder auf seinem -Lager zusammen, horcht und plötzlich wieder losbrechend)</span>:</p><p>Und doch! -Es spricht! Es spricht! Es spricht ohne Ende! Hieher, Schwertträger, -hier, unter meinem Ohr. Wie ein Maulwurf wühlt es -im Schwarzen meines Schlafes und frißt meine Ruhe. Hörst du, -hörst du es nicht?</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(sieht beide starr an, dann krümmt er sich wieder auf seinem +Lager zusammen, horcht und plötzlich wieder losbrechend)</span>:</p><p>Und doch! +Es spricht! Es spricht! Es spricht ohne Ende! Hieher, Schwertträger, +hier, unter meinem Ohr. Wie ein Maulwurf wühlt es +im Schwarzen meines Schlafes und frißt meine Ruhe. Hörst du, +hörst du es nicht?</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(lauscht. Es ist einen Augenblick ganz still. -Dann schaudernd)</span>:</p><p>Ich höre eine Stimme. Aus der Tiefe dringt +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(lauscht. Es ist einen Augenblick ganz still. +Dann schaudernd)</span>:</p><p>Ich höre eine Stimme. Aus der Tiefe dringt sie empor!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ah, du hörst sie auch!</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ah, du hörst sie auch!</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(schaudernd)</span>:</p><p>Es tönt wie Gesang. Die -Geister der Tiefe sind wach unter dem Haus. Es klagt und stöhnt +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(schaudernd)</span>:</p><p>Es tönt wie Gesang. Die +Geister der Tiefe sind wach unter dem Haus. Es klagt und stöhnt wie ein gefesseltes Tier.</p> <p><span class="character">NEHEMIA</span>:</p><p>Vielleicht ist es Wind, in eine Spalte verfangen?</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Nein, Worte sind es, ich fühle sie, ohne sie zu fassen. +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Nein, Worte sind es, ich fühle sie, ohne sie zu fassen. Wer singt hier nachts in meinem Haus? Ist den Sklaven so -wohl, daß sie singen, indes ich, der König, hier liege mit brennenden +wohl, daß sie singen, indes ich, der König, hier liege mit brennenden Lidern? Geh, Joab, und mache ihn stumm.</p> -<p class="direction">(SCHWERTTRÄGER eilends ab.)</p> +<p class="direction">(SCHWERTTRÄGER eilends ab.)</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(bleibt gekrümmt horchend. Er scheint etwas zu hören, denn<span class="pagenum">134</span> -er hebt den Kopf, dann beugt er sich wieder horchend nieder. Plötzlich -hört man drei dumpfe Schläge. Der König horcht gierig. Dann aufatmend)</span>:</p><p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(bleibt gekrümmt horchend. Er scheint etwas zu hören, denn<span class="pagenum">134</span> +er hebt den Kopf, dann beugt er sich wieder horchend nieder. Plötzlich +hört man drei dumpfe Schläge. Der König horcht gierig. Dann aufatmend)</span>:</p><p> Gott sei gedankt. Es schweigt! Es ist stumm! Er hat es stumm gemacht!</p> -<p class="direction">(SCHWERTTRÄGER erscheint wieder an der Tür. Er blickt verstört.)</p> +<p class="direction">(SCHWERTTRÄGER erscheint wieder an der Tür. Er blickt verstört.)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wer war es, der da sprach?</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(zitternd)</span>:</p><p>Ich weiß es nicht, Herr. Ich -bin ihm nicht genaht. Wie ich niederstieg zur Halle, hörte ich -stärker das Singen, aus der Tiefe der Erde schien es zu kommen, -und grauenhaft tönten die Worte. Ich ging nach, wo sie tönten, +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(zitternd)</span>:</p><p>Ich weiß es nicht, Herr. Ich +bin ihm nicht genaht. Wie ich niederstieg zur Halle, hörte ich +stärker das Singen, aus der Tiefe der Erde schien es zu kommen, +und grauenhaft tönten die Worte. Ich ging nach, wo sie tönten, und fand doch keinen, der sang in der Halle, immer war es tiefer als ich, immer tiefer, wie aus einem Brunnen klang es empor -oder einer Grube. Und ich hörte seine Worte, die waren fürchterlich. -Dreimal stieß ich den Speer auf die Erde. Und da schwieg +oder einer Grube. Und ich hörte seine Worte, die waren fürchterlich. +Dreimal stieß ich den Speer auf die Erde. Und da schwieg die Gehenna.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Was tönte die Stimme?</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Was tönte die Stimme?</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(schaudernd)</span>:</p><p>Ich ... ich kann es nicht +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(schaudernd)</span>:</p><p>Ich ... ich kann es nicht sagen!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich befehle dir: sage die Worte!</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Lästerung war es, mein König, die aufströmte +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Lästerung war es, mein König, die aufströmte vom Brunnen.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Was waren die Worte? Bei meinem Zorn!</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(schaudernd. Seine Stimme wird psalmodierend +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(schaudernd. Seine Stimme wird psalmodierend im Gesang)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">So sang es von der Tiefe:<br /></span> -<span class="i0">Ich habe mein Haus verlassen müssen<br /></span> +<span class="i0">Ich habe mein Haus verlassen müssen<br /></span> <span class="i0">Und mein Erbe meiden,<br /></span> <span class="i0">Und was meine Seele liebet, in der Feinde Hand geben.<br /></span> -<span class="i0">Meine Augen fließen mit Tränen Tag und Nacht<br /></span> -<span class="i0">Und hören nicht auf,<br /></span> +<span class="i0">Meine Augen fließen mit Tränen Tag und Nacht<br /></span> +<span class="i0">Und hören nicht auf,<br /></span> <span class="i0">Denn die Jungfrau, die Tochter meines Volks,<br /></span> <span class="i0">Ist greulich zerplagt.</span></div></div> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(aufschreiend)</span>:</p><p>Jeremias! Er, immer er!</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(wie begeistert weitersingend)</span>:</p> +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span> <span class="direction">(wie begeistert weitersingend)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Wehe, wie hat der Herr die Tochter Zion<br /></span> -<span class="i0">Mit seinem Zorn überschüttet!<br /></span> +<span class="i0">Mit seinem Zorn überschüttet!<br /></span> <span class="i0">Er hat die Herrlichkeit Israels<br /></span><span class="pagenum">135</span> <span class="i0">Vom Himmel auf die Erde geworfen,<br /></span> -<span class="i0">Er hat die Mauer seiner Paläste<br /></span> -<span class="i0">In des Feindes Hände gegeben,<br /></span> -<span class="i0">Daß sie im Hause des Herrn geschrien haben<br /></span> +<span class="i0">Er hat die Mauer seiner Paläste<br /></span> +<span class="i0">In des Feindes Hände gegeben,<br /></span> +<span class="i0">Daß sie im Hause des Herrn geschrien haben<br /></span> <span class="i0">Wie an einem Fest.<br /></span> <span class="i0">Er hat ...</span></div></div> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ausbrechend)</span>:</p><p>Schweig still! Schweig still! Ich will es -nicht hören. Ich will nicht! Immer er, immer er! Auf jeden +nicht hören. Ich will nicht! Immer er, immer er! Auf jeden Kreuzweg ist er gestellt, da ich schreite, hinter meinen Taten -rennen seine Rufe, in meine Träume drängt er sich ein und -füttert meinen Zwiespalt. Wie ihm entrinnen, dem Schatten, -dem fürchterlichen? Aus der Grube noch schreit er zu mir! Wie +rennen seine Rufe, in meine Träume drängt er sich ein und +füttert meinen Zwiespalt. Wie ihm entrinnen, dem Schatten, +dem fürchterlichen? Aus der Grube noch schreit er zu mir! Wie ihm entfliehen, der mich verfolgt, wie ihm entgehen, der allerorts ist? Wer befreit mich von ihm ...</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Herr, ist es dein Feind, so ... <span class="direction">(Er macht +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Herr, ist es dein Feind, so ... <span class="direction">(Er macht eine Bewegung.)</span></p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(aufgeschreckt aus seinem Zorn, starrt ihn fassungslos an. Dann -in erwachendem Stolz)</span>:</p><p>Du meinst ... Nein, ich fürchte ihn nicht. -Ich fürchte niemanden. Und ich weiß nicht, ob er mein Feind -ist. Vielleicht war es töricht, vor ihm zu flüchten ... Vielleicht ... -<span class="direction">(Er geht unruhig auf und ab)</span>: Schwertträger!</p> +in erwachendem Stolz)</span>:</p><p>Du meinst ... Nein, ich fürchte ihn nicht. +Ich fürchte niemanden. Und ich weiß nicht, ob er mein Feind +ist. Vielleicht war es töricht, vor ihm zu flüchten ... Vielleicht ... +<span class="direction">(Er geht unruhig auf und ab)</span>: Schwertträger!</p> -<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Mein König?</p> +<p><span class="character">SCHWERTTRÄGER</span>:</p><p>Mein König?</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Geh hinab und schließe auf die Düngergrube. Nimm +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Geh hinab und schließe auf die Düngergrube. Nimm mit deinen Bruder Nehemia, und bringet den Mann aus der Tiefe -vor mich her. Geheim muß er gebracht werden und im geheimen +vor mich her. Geheim muß er gebracht werden und im geheimen wieder hinab.</p> -<p class="direction">(DER SCHWERTTRÄGER und sein Bruder eilig ab.)</p> +<p class="direction">(DER SCHWERTTRÄGER und sein Bruder eilig ab.)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(allein. Er spricht halblaut vor sich hin)</span>:</p><p>An jedem Kreuzweg -hinter meinem Rücken und immer zu spät, und immer muß -ich ihn hören. Warum rief ich nur Gott, der mir schweigt, und -nicht alle, die sagen, daß er rede durch sie? Aber warum reden +hinter meinem Rücken und immer zu spät, und immer muß +ich ihn hören. Warum rief ich nur Gott, der mir schweigt, und +nicht alle, die sagen, daß er rede durch sie? Aber warum reden sie einer gegen den andern und widersprechen sich, wie ja dem nein? Wie sie erkennen, wie scheiden das Falsche vom Wahren? Furchtbar, furchtbar dieser Gott, der immer nur schweigt und -dessen Boten keiner erfaßt!</p> +dessen Boten keiner erfaßt!</p> -<p class="direction">(JEREMIAS erscheint, begleitet vom Schwertträger, der auf eine Gebärde<span class="pagenum">136</span> -Zedekias sofort den Raum verläßt. Sein Antlitz ist fahl und abgemagert, -schwarz wie aus einem Totenschädel schauen die Augen aus einem weißen, -knöchernen Gesicht. Er blickt den König ruhig forschend an.)</p> +<p class="direction">(JEREMIAS erscheint, begleitet vom Schwertträger, der auf eine Gebärde<span class="pagenum">136</span> +Zedekias sofort den Raum verläßt. Sein Antlitz ist fahl und abgemagert, +schwarz wie aus einem Totenschädel schauen die Augen aus einem weißen, +knöchernen Gesicht. Er blickt den König ruhig forschend an.)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(nach einer kurzen Betretenheit)</span>:</p><p>Ich habe dich rufen -lassen, Jeremia. Warum störst du meine Ruhe? Was singst du -des Nachts, da alle schlafen, und schläfst nicht auch?</p> +lassen, Jeremia. Warum störst du meine Ruhe? Was singst du +des Nachts, da alle schlafen, und schläfst nicht auch?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Dem, der da wachen soll über das Volk, ist kein -Schlafen verstattet, und zum Wächter bin ich gesetzt und zum +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Dem, der da wachen soll über das Volk, ist kein +Schlafen verstattet, und zum Wächter bin ich gesetzt und zum Warner.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wahr sprichst du, Jeremias, nicht ist jetzt Zeit zu -ruhen in Jerusalem, und bei Gott, ich habe nicht geruht. Ratschluß +ruhen in Jerusalem, und bei Gott, ich habe nicht geruht. Ratschluß habe ich gehalten mit den Dienern meiner Krone, aber nicht ward still meine Seele daran. Die Freunde habe ich vernommen, die meines Sinnes sind, doch noch verlangt es mich, den zu vernehmen, der wider mich ist in Jerusalem.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nie ward mein Herz wider dich, mein König, nur +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nie ward mein Herz wider dich, mein König, nur meine Rede wider dein Tun.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Und nie war ich dir feind, sei des eingedenk in dieser -Stunde! Wenn ich dich verschloß, so war es, dich zu retten +Stunde! Wenn ich dich verschloß, so war es, dich zu retten vor deinen Widersachern. Heilig war mir dein Haupt um -deiner Kühnheit willen. Doch nun sprich zu mir nicht, wie +deiner Kühnheit willen. Doch nun sprich zu mir nicht, wie du am Markte sprichst, sondern in deiner Seele und vor Gottes -Ohr. Nahe bist du vielleicht deinem Ende, und die Bücher -sagen, daß Worte wahr sind im Antlitz des Todes.</p> +Ohr. Nahe bist du vielleicht deinem Ende, und die Bücher +sagen, daß Worte wahr sind im Antlitz des Todes.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nicht näher bin ich dem Tode, Zedekia, als du +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nicht näher bin ich dem Tode, Zedekia, als du selbst. Auf einem Blatte des dunklen Buches ist unsere Stunde gezeichnet.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich bin nicht dein Feind: möge sie dir ferne sein!</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ich bin nicht dein Feind: möge sie dir ferne sein!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Zweimal habe ich gesprochen zu dir, Zedekia, -König von Israel, doch nur deinen Rücken traf meine Rede, und +König von Israel, doch nur deinen Rücken traf meine Rede, und vor dir lief schon die Tat. Nun spreche ich in dein Antlitz und frage dich, was begehrst du von mir?</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Viel ist von den Dingen wahr geworden, Jeremias, -die du geweissagt, und deine Stimme ward stärker in meiner +die du geweissagt, und deine Stimme ward stärker in meiner Seele. Nabukadnezar ist gekommen von Mitternacht mit Rossen -und Wagen, wie du gesehen im Traum, und gürtet die Stadt.<span class="pagenum">137</span> -Nichts ist ihm gelungen bislang, doch mächtig hilft ihm die Zeit. -Ein Geheimnis will ich dir künden. Karg wird in den Mauern +und Wagen, wie du gesehen im Traum, und gürtet die Stadt.<span class="pagenum">137</span> +Nichts ist ihm gelungen bislang, doch mächtig hilft ihm die Zeit. +Ein Geheimnis will ich dir künden. Karg wird in den Mauern das Brot.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich weiß es, Herr.</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich weiß es, Herr.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wie kannst du es wissen? Keiner hat die Säcke -gezählt, als Nachum, der Hüter. Wie gibst du vor, es zu wissen, -der du beim Dünger liegst unter der Erde?</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wie kannst du es wissen? Keiner hat die Säcke +gezählt, als Nachum, der Hüter. Wie gibst du vor, es zu wissen, +der du beim Dünger liegst unter der Erde?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Das Brot ist kleiner geworden und kleiner, das sie mir in die Grube reichen, kaum deckt mirs die Spanne der Hand. -Und ich höre die Hunde winseln des Nachts und scharren in den +Und ich höre die Hunde winseln des Nachts und scharren in den Knochen, denn keiner wirft ihnen mehr Weiches zu. So ward -mir die Not bewußt.</p> +mir die Not bewußt.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(noch gereizter)</span>:</p><p>Die Hunde wissen es in den Gassen, -die Versenkten in ihrer Grube, und mich, den König, hat man +die Versenkten in ihrer Grube, und mich, den König, hat man heut es gelehrt. Auf den Gassen geht die Wahrheit um und -weilet dort lange, ehe sie kommt zu den Königen.</p> +weilet dort lange, ehe sie kommt zu den Königen.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wie soll Wahrheit dorthin eilen, wo Dünkel weilt? -Ist ihr denn Willkomm bei den Königen? Hart ist das Ohr der -Könige und nur aufgetan der Honigrede, ihre Hüften umgürtet -mit Hochmut und ihre Füße umnestelt mit Schmeichlern. Sie -meinen, die Hochmütigen, man könne Feuer fassen, ohne sich +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wie soll Wahrheit dorthin eilen, wo Dünkel weilt? +Ist ihr denn Willkomm bei den Königen? Hart ist das Ohr der +Könige und nur aufgetan der Honigrede, ihre Hüften umgürtet +mit Hochmut und ihre Füße umnestelt mit Schmeichlern. Sie +meinen, die Hochmütigen, man könne Feuer fassen, ohne sich zu brennen, und ins Schwert greifen, ohne sich zu schneiden. -Wer aber den Frieden stört, dem wird er verstöret werden, und -wer Wind in die Welt gesäet, wird Sturm ernten in seiner Seele.</p> +Wer aber den Frieden stört, dem wird er verstöret werden, und +wer Wind in die Welt gesäet, wird Sturm ernten in seiner Seele.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Jeremia, zum Rat habe ich dich gerufen, nicht zur -Schmähung! Aus deiner Tiefe habe ich dich geholt, und keiner -weiß es von ihnen, daß aus dem Brunnen, darein sie dich versenkten, -Ratschluß ich hebe. Darum sprich zu mir wahrhaft und -rate, ehe daß du schmähest. Willst du mir zu Willen sein?</p> +Schmähung! Aus deiner Tiefe habe ich dich geholt, und keiner +weiß es von ihnen, daß aus dem Brunnen, darein sie dich versenkten, +Ratschluß ich hebe. Darum sprich zu mir wahrhaft und +rate, ehe daß du schmähest. Willst du mir zu Willen sein?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Gott einzig bin ich zu Willen.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>So höre, was keiner weiß, denn meine Räte. Ein -Bote kam von Nabukadnezar, daß wir wendeten den Krieg von -unseren Völkern.</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>So höre, was keiner weiß, denn meine Räte. Ein +Bote kam von Nabukadnezar, daß wir wendeten den Krieg von +unseren Völkern.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(jauchzend)</span>:</p><p>Gelobt sei Gott! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Nicht juble zu früh! Hart ist, was er fordert von<span class="pagenum">138</span> -uns, und seine Hoffart ohne Maß.</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Nicht juble zu früh! Hart ist, was er fordert von<span class="pagenum">138</span> +uns, und seine Hoffart ohne Maß.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Hoffärtig warst du wider ihn, so nimm nun Hoffart +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Hoffärtig warst du wider ihn, so nimm nun Hoffart von ihm. Zwinge dein Herz, doch rette die Stadt!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Meine Ehre hat er gefordert.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Gib sie hin für die Stadt!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Gib sie hin für die Stadt!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ist nicht Ehre mein Amt und der Stolz meine Krone?</p> @@ -5921,19 +5884,19 @@ besser Leiden denn Sterben.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>In ein Joch will er mich beugen!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Selig zu leiden einer für alle, zu leiden für das +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Selig zu leiden einer für alle, zu leiden für das lebendige Leben. Beuge den Nacken, errette die Stadt!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Schmach wäre es für all die Könige, deren Erbe +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Schmach wäre es für all die Könige, deren Erbe ich bin, Unflat am Kleid meiner Ahnen.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nicht derer denke, die waren, denn Staub sind sie -und Wurmfraß. Denke der Stadt, gedenke der Lebendigen!</p> +und Wurmfraß. Denke der Stadt, gedenke der Lebendigen!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Doch nicht mich nur will er erniedrigen, auch unsern Gott.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Gott lächelt seiner Verächter! Tu auf ihm die Tore, +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Gott lächelt seiner Verächter! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Das Heiligste will er betreten, dem keiner genaht!</p> @@ -5942,40 +5905,40 @@ tu auf der Demut dein Herz!</p> Tu auf die Tore, tu auf der Demut dein Herz!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ergrimmt)</span>:</p><p>Starrsinn ist deine Weisheit und Trotz -dein Ratschluß. Mit tauben Ohren hörst du mir zu, und Kieselstein +dein Ratschluß. Mit tauben Ohren hörst du mir zu, und Kieselstein ist deine Antwort.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Soll ich die Hände klappen zu deiner Verblendung +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Soll ich die Hände klappen zu deiner Verblendung und jauchzen zu deinem Wort? Rat scheinst du zu fragen und buhlst doch nur Beifall. Doch eher dorre meine Zunge und zerfalle -mein Gebein, als daß ich deine Torheit lobe und nicht +mein Gebein, als daß ich deine Torheit lobe und nicht schreie wider deine Verblendung.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Was wirfst du dich hart über mich? Noch weißt du +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Was wirfst du dich hart über mich? Noch weißt du meinen Willen nicht.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich kenne deinen Sinn. Nur dein Wort buhlt um mich, doch dein Wille bockt wider mich! Willst du meiner spotten und spielen mit Gottes Wort? Nicht riefst du mich, -daß ich die Wage sei deines Entschlusses. Längst ist die Botschaft<span class="pagenum"><a name="page_139" id="page_139"></a>139</span> -gehärtet in deiner Seele und gesiegelt deine Meinung. -Nicht mich belügst du, nur dich selber, König von Israel.</p> +daß ich die Wage sei deines Entschlusses. Längst ist die Botschaft<span class="pagenum"><a name="page_139" id="page_139"></a>139</span> +gehärtet in deiner Seele und gesiegelt deine Meinung. +Nicht mich belügst du, nur dich selber, König von Israel.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Jeremias!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ja, ich, Jeremias, sage dir, dem Könige: Unwahr +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ja, ich, Jeremias, sage dir, dem Könige: Unwahr handelst du an mir, und Ausflucht sind deine Worte. Denn -nicht frei ist dein Wille mehr, und du willst nicht, daß ich ihn +nicht frei ist dein Wille mehr, und du willst nicht, daß ich ihn wende.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(unsicher)</span>:</p><p>Wie kannst du es wissen?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Deine Lippe verrät es, wie ein Schuldiger <ins title="original: schrakst">schreckst</ins> -du vor meinem Zorn. Versuchen wolltest du mich, daß ich dir -zuspräche und ablüde die Schuld deinen Schultern, aber, wehe +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Deine Lippe verrät es, wie ein Schuldiger <ins title="original: schrakst">schreckst</ins> +du vor meinem Zorn. Versuchen wolltest du mich, daß ich dir +zuspräche und ablüde die Schuld deinen Schultern, aber, wehe dem, der Menschen versucht, denn Gott versucht er in ihnen.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zögert betroffen. Dann leise)</span>:</p><p>Viel ist dir zu wissen gegeben, +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zögert betroffen. Dann leise)</span>:</p><p>Viel ist dir zu wissen gegeben, Jeremias! Wahr, allzu wahr ist dein Wort. Nicht ist mein Wille mehr frei. Schon ist die Botschaft bei dem Boten.</p> @@ -5983,31 +5946,31 @@ Wille mehr frei. Schon ist die Botschaft bei dem Boten.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Schon ist er gegangen.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Zurück! Ruf ihn zurück!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Zurück! Ruf ihn zurück!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Zu spät! Zu spät bist du gekommen.</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Zu spät! Zu spät bist du gekommen.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Eile ihm nach! Laß ihm nachsetzen mit Rossen -und Läufern.</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Eile ihm nach! Laß ihm nachsetzen mit Rossen +und Läufern.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Es ist zu spät. Schon hält sie des Königs Hand!</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Es ist zu spät. Schon hält sie des Königs Hand!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(bricht zusammen, verhüllt sein Gesicht, mit einem dumpfen -Schrei die Hände reckend)</span>:</p><p>Dann wehe, wehe Jerusalem! Jerusalem! +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(bricht zusammen, verhüllt sein Gesicht, mit einem dumpfen +Schrei die Hände reckend)</span>:</p><p>Dann wehe, wehe Jerusalem! Jerusalem! Jerusalem! Wehe! Wehe!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(erschreckt ihm nahe tretend)</span>:</p><p>Was ist dir, Jeremias?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(hört ihn nicht. Ein Schluchzen geht durch seinen Körper. -Allmählich richtet er sich ganz empor. Seine Augen starren in die Ferne -mit ekstatischem Blick, sein ganzer Leib ist durchschüttelt von mächtiger -Bewegung. Er spricht abwesend wie im Gebet, die Hände aufhebend, überwältigt +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(hört ihn nicht. Ein Schluchzen geht durch seinen Körper. +Allmählich richtet er sich ganz empor. Seine Augen starren in die Ferne +mit ekstatischem Blick, sein ganzer Leib ist durchschüttelt von mächtiger +Bewegung. Er spricht abwesend wie im Gebet, die Hände aufhebend, überwältigt von innern Gesichten)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"><span class="i0">Oh wehe, wie bist du vom Himmel gefallen,<br /></span> -<span class="i0">Jerusalem, prächtiger Morgenstern,<br /></span> -<span class="i0">Und gedachtest doch über die Welten zu steigen!<br /></span> -<span class="i0">Über die Wolken wolltest du fahren,<br /></span> -<span class="i0">Doch wehe, du bist gesunken, du Schöner,<br /></span><span class="pagenum">140</span> +<span class="i0">Jerusalem, prächtiger Morgenstern,<br /></span> +<span class="i0">Und gedachtest doch über die Welten zu steigen!<br /></span> +<span class="i0">Über die Wolken wolltest du fahren,<br /></span> +<span class="i0">Doch wehe, du bist gesunken, du Schöner,<br /></span><span class="pagenum">140</span> <span class="i0">Nieder, oh nieder, in Dunkel und Nacht.</span></div></div> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ihn erwecken wollend)</span>:</p><p>Jeremias!</p> @@ -6019,88 +5982,88 @@ von innern Gesichten)</span>:</p> <span class="i0">Du Kronstadt Davids,<br /></span> <span class="i0">Du Zelt Salomos,<br /></span> <span class="i0">Gottes Kleinod und heiliges Haus?<br /></span> -<span class="i0">Wer konnte dich künden, wer durfte dich rühmen?<br /></span> -<span class="i0">Die Psalter ward müde, die Zimbel zu leise,<br /></span> +<span class="i0">Wer konnte dich künden, wer durfte dich rühmen?<br /></span> +<span class="i0">Die Psalter ward müde, die Zimbel zu leise,<br /></span> <span class="i0">Von Morgen bis Abend dich heilig zu preisen.<br /></span> -<span class="i0">Völker pilgerten her, dich zu schauen,<br /></span> +<span class="i0">Völker pilgerten her, dich zu schauen,<br /></span> <span class="i0">Und wer dich schaute, dem frohlockte das Herz!</span></div></div> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Du rasest, Jeremias! Wach auf! Wach auf!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Doch wie still bist du nun, du Schöne, geworden,<br /></span> +<span class="i0">Doch wie still bist du nun, du Schöne, geworden,<br /></span> <span class="i0">Wo ist dein Leuchten, wohin dein Gefunkel?<br /></span> -<span class="i0">Nicht mehr flüstern<br /></span> -<span class="i0">Die Stimmen des Bräutigams und der Braut,<br /></span> +<span class="i0">Nicht mehr flüstern<br /></span> +<span class="i0">Die Stimmen des Bräutigams und der Braut,<br /></span> <span class="i0">Weithin verscholl das Wogen des Marktes,<br /></span> -<span class="i0">Das Tönen der Freude,<br /></span> -<span class="i0">Flötenklang und der Jungfraun Gesang!<br /></span> -<span class="i0">Weh! Ein Würger ist über dich kommen,<br /></span> +<span class="i0">Das Tönen der Freude,<br /></span> +<span class="i0">Flötenklang und der Jungfraun Gesang!<br /></span> +<span class="i0">Weh! Ein Würger ist über dich kommen,<br /></span> <span class="i0">Ein arger Vollstrecker von Mitternacht.<br /></span> -<span class="i0">Eitel Wüstung sind deine Straßen,<br /></span> -<span class="i0">Dornen wachsen in Marmelgemächern<br /></span> -<span class="i0">Und Nesseln in deines Königs Palast.<br /></span> +<span class="i0">Eitel Wüstung sind deine Straßen,<br /></span> +<span class="i0">Dornen wachsen in Marmelgemächern<br /></span> +<span class="i0">Und Nesseln in deines Königs Palast.<br /></span> <span class="i0">Weh! Gesunken sind all deine Mauern,<br /></span> -<span class="i0">Geborsten die Türme und schmählich zerstoßen<br /></span> +<span class="i0">Geborsten die Türme und schmählich zerstoßen<br /></span> <span class="i0">Das ewige Herz deines Heiligtums.</span></div></div> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Du lügst, Verfluchter! Hoch und heil sind Jerusalems +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Du lügst, Verfluchter! Hoch und heil sind Jerusalems Mauern!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(immer frenetischer)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Alles Haupt ist geschoren,<br /></span> <span class="i0">Aller Bart ist geschnitten,<br /></span> -<span class="i0">In Säcken gehen die Mütter und reißen<br /></span> -<span class="i0">Mit Nägeln sich rot das Fleisch von den Wangen:<br /></span> -<span class="i0">Wo sind meine Söhne? Wo sind meine Töchter?<br /></span> +<span class="i0">In Säcken gehen die Mütter und reißen<br /></span> +<span class="i0">Mit Nägeln sich rot das Fleisch von den Wangen:<br /></span> +<span class="i0">Wo sind meine Söhne? Wo sind meine Töchter?<br /></span> <span class="i0">Doch wehe! Es liegen wie Kot in den Gassen<br /></span><span class="pagenum">141</span> -<span class="i0">Die Leichen der Knaben, erwürgt von den Knechten,<br /></span> +<span class="i0">Die Leichen der Knaben, erwürgt von den Knechten,<br /></span> <span class="i0">Die Frauen, erdrosselt im Strang ihrer Haare,<br /></span> <span class="i0">Die Schwangern zerhaun mitsamt ihrer Frucht.<br /></span> -<span class="i0">Schon ekeln die Raben sich vor ihrer Fülle,<br /></span> -<span class="i0">Und die Schakale der Wüste sind satt.</span></div></div> +<span class="i0">Schon ekeln die Raben sich vor ihrer Fülle,<br /></span> +<span class="i0">Und die Schakale der Wüste sind satt.</span></div></div> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Schweig still! Schweig still! Du lügst!</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Schweig still! Schweig still! Du lügst!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Was hilft es zu flüchten in die Geklüfte,<br /></span> -<span class="i0">In brennenden Steinriß, in tiefes Gestrüpp?<br /></span> +<span class="i0">Was hilft es zu flüchten in die Geklüfte,<br /></span> +<span class="i0">In brennenden Steinriß, in tiefes Gestrüpp?<br /></span> <span class="i0">Sie jagen dir nach mit Rossen und Meuten,<br /></span> -<span class="i0">Sie treiben dich aus mit Räuchern und Bränden,<br /></span> +<span class="i0">Sie treiben dich aus mit Räuchern und Bränden,<br /></span> <span class="i0">Sie fassen dich an und fassen dich doch!<br /></span> <span class="i0">Sie treiben das Volk mit dem Stecken des Treibers,<br /></span> -<span class="i0">Sie schwächen die Frauen, sie schlagen die Greise,<br /></span> -<span class="i0">Die Tochter des Königs wird Magd seiner Mägde<br /></span> +<span class="i0">Sie schwächen die Frauen, sie schlagen die Greise,<br /></span> +<span class="i0">Die Tochter des Königs wird Magd seiner Mägde<br /></span> <span class="i0">Und Sklave der Sklaven der rechtliche Mann.</span></div></div> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Kein Wort mehr, du Lügner, bei meinem Zorn!</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Kein Wort mehr, du Lügner, bei meinem Zorn!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(aufklagend)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Oh, Jerusalem, Jungfrau und Gotteskind,<br /></span> -<span class="i0">Geschmäht und geschwächt vom Hohne der Heiden,<br /></span> -<span class="i0">Oh wehe, daß ich dich so schauen muß!<br /></span> +<span class="i0">Geschmäht und geschwächt vom Hohne der Heiden,<br /></span> +<span class="i0">Oh wehe, daß ich dich so schauen muß!<br /></span> <span class="i0">Alle deine Neider sind voll jetzt des Lachens,<br /></span> -<span class="i0">Sie blecken die Zähne und lachen betulich:<br /></span> +<span class="i0">Sie blecken die Zähne und lachen betulich:<br /></span> <span class="i0">„Ei, wie haben wir diese erniedrigt,<br /></span> -<span class="i0">Wie ward willfährig die Stolze, die Schöne!<br /></span> +<span class="i0">Wie ward willfährig die Stolze, die Schöne!<br /></span> <span class="i0">Das ist der Tag, des wir haben begehret,<br /></span> <span class="i0">Wir habens erlanget,<br /></span> <span class="i0">Wir habens erlebt!“</span></div></div> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zitternd vor Zorn auf ihn, mit geballten Fäusten)</span>:</p><p>Schweige, -du Lügner! Ich kann es nicht hören! Du lügst! Du lügst!</p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zitternd vor Zorn auf ihn, mit geballten Fäusten)</span>:</p><p>Schweige, +du Lügner! Ich kann es nicht hören! Du lügst! Du lügst!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Oh, Jerusalem, heilige Gottesstadt,<br /></span> -<span class="i0">Wiege der Völker und Kleinod der Welt.<br /></span> -<span class="i0">Wer wird dich rühmen, wer findet dich?<br /></span> +<span class="i0">Wiege der Völker und Kleinod der Welt.<br /></span> +<span class="i0">Wer wird dich rühmen, wer findet dich?<br /></span> <span class="i0">Eine Sage der Zeiten bist du geworden,<br /></span> -<span class="i0">Fabel und Sprichwort unter den Völkern,<br /></span> +<span class="i0">Fabel und Sprichwort unter den Völkern,<br /></span> <span class="i0">Oh, ich sehe ...</span></div></div> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Nichts wirst du sehen, du Rasender du!</p> @@ -6110,54 +6073,54 @@ du Lügner! Ich kann es nicht hören! Du lügst! Du lügst!</p> <span class="i0">Ich sehe dein Leid, ich seh deinen Tod,<br /></span> <span class="i0">Ich sehe ...</span></div></div> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ihn wild anfassend und rüttelnd, in höchstem Zorn)</span>:</p><p>Nichts +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ihn wild anfassend und rüttelnd, in höchstem Zorn)</span>:</p><p>Nichts wirst du sehen! Ich lasse dich blenden!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(wie in einem fürchterlichen Erwachen ihn anstarrend. Dann -plötzlich grell auflachend, in vorbrechender Ekstase)</span>:</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(wie in einem fürchterlichen Erwachen ihn anstarrend. Dann +plötzlich grell auflachend, in vorbrechender Ekstase)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Mich?!<br /></span> <span class="i0">Du mich blenden, du Ruchloser!? Nein!<br /></span> -<span class="i0">Anders hat Gottes Entschluß bestimmt!<br /></span> +<span class="i0">Anders hat Gottes Entschluß bestimmt!<br /></span> <span class="i0">Wohl wird einer geblendet sein,<br /></span> <span class="i0">Ehe der Tag noch sein Ende nimmt,<br /></span> -<span class="i0">Doch jener, der längst schon verblendet war,<br /></span> +<span class="i0">Doch jener, der längst schon verblendet war,<br /></span> <span class="i0">Als sein Auge noch blickte und sah: –<br /></span> -<span class="i0">Höre mich, König Zedekia!</span></div></div> +<span class="i0">Höre mich, König Zedekia!</span></div></div> <p class="direction">(ZEDEKIA hat ihn losgelassen und starrt ihn erschrocken an.)</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(mit beiden Fäusten auf ihn zu)</span>:</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(mit beiden Fäusten auf ihn zu)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Dich<br /></span> -<span class="i0">Werden sie fassen, des Königs Knechte<br /></span> -<span class="i0">Im Hause Gottes, das du verstört,<br /></span> -<span class="i0">Sie reißen die Rechte<br /></span> +<span class="i0">Werden sie fassen, des Königs Knechte<br /></span> +<span class="i0">Im Hause Gottes, das du verstört,<br /></span> +<span class="i0">Sie reißen die Rechte<br /></span> <span class="i0">Dir los vom Altar,<br /></span> <span class="i0">Daran sie zur Hilfe verklammert war!<br /></span> <span class="i0">Du willst dich wehren, sie brechen dein Schwert,<br /></span> <span class="i0">Umtun deine Arme mit eisernen Flechten<br /></span> <span class="i0">Und schleppen<br /></span> -<span class="i0">Und schleifen dich über die Treppen,<br /></span> -<span class="i0">Wie ein Opfertier mit Peitschen und Schlägen<br /></span> +<span class="i0">Und schleifen dich über die Treppen,<br /></span> +<span class="i0">Wie ein Opfertier mit Peitschen und Schlägen<br /></span> <span class="i0">Jenem entgegen,<br /></span> -<span class="i0">Dessen Hand du verstoßen, dessen Joch du zerbrochen<br /></span> +<span class="i0">Dessen Hand du verstoßen, dessen Joch du zerbrochen<br /></span> <span class="i0">Und der dir ein feuriges Urteil gesprochen!</span></div></div> -<p class="direction">(ZEDEKIA ist zurückgefahren und hebt wie abwehrend die Hände.)</p> +<p class="direction">(ZEDEKIA ist zurückgefahren und hebt wie abwehrend die Hände.)</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">In die Knie<br /></span> -<span class="i0">Knicken sie dich und stoßen dich sie,<br /></span> +<span class="i0">Knicken sie dich und stoßen dich sie,<br /></span> <span class="i0">Ein Feuer loht knisternd auf rundem Stein,<br /></span> -<span class="i0">Vier Hände halten den Blendstahl hinein.<br /></span> -<span class="i0">Heiß<br /></span> -<span class="i0">Frißt die Hitze<br /></span> +<span class="i0">Vier Hände halten den Blendstahl hinein.<br /></span> +<span class="i0">Heiß<br /></span> +<span class="i0">Frißt die Hitze<br /></span> <span class="i0">Vom schwarzen Griff sich auf in die Spitze.<br /></span> -<span class="i0">Sie glüht! Sie flammt! Sie wird rot! Sie wird weiß!<br /></span><span class="pagenum">143</span> +<span class="i0">Sie glüht! Sie flammt! Sie wird rot! Sie wird weiß!<br /></span><span class="pagenum">143</span> <span class="i0">Und dann<br /></span> -<span class="i0">Fassen dich rauh ihre Fäuste an,<br /></span> +<span class="i0">Fassen dich rauh ihre Fäuste an,<br /></span> <span class="i0">Zischend und rauchend<br /></span> <span class="i0">Tauchen<br /></span> <span class="i0">Sie die Nacht dir in dein Auge hinein.</span></div></div> @@ -6169,46 +6132,46 @@ Weh!</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Doch eh<br /></span> <span class="i0">Dir noch in einer brennenden Gischt<br /></span> -<span class="i0">Von Blut und Tränen dein Blick verlischt,<br /></span> -<span class="i0">Mußt du noch sehn<br /></span> -<span class="i0">Deine Söhne, die drei, vor dem Henker stehn!<br /></span> +<span class="i0">Von Blut und Tränen dein Blick verlischt,<br /></span> +<span class="i0">Mußt du noch sehn<br /></span> +<span class="i0">Deine Söhne, die drei, vor dem Henker stehn!<br /></span> <span class="i0">Doch dich halten die Knechte, dich halten die Ketten,<br /></span> -<span class="i0">Du kannst sie nicht lösen, du kannst sie nicht retten,<br /></span> +<span class="i0">Du kannst sie nicht lösen, du kannst sie nicht retten,<br /></span> <span class="i0">Du kannst nur aufschrein, wie jetzt das Schwert<br /></span> -<span class="i0">In den ersten! den zweiten! den letzten fährt!<br /></span> +<span class="i0">In den ersten! den zweiten! den letzten fährt!<br /></span> <span class="i0">Du siehst,<br /></span> -<span class="i0">Wie ihr Blut, ihr junges, im Kote fließt,<br /></span> +<span class="i0">Wie ihr Blut, ihr junges, im Kote fließt,<br /></span> <span class="i0">Und siehst,<br /></span> -<span class="i0">Eh der rote Stahl dich für immer blendet,<br /></span> -<span class="i0">Wie Israels Stamm und Königtum endet.</span></div></div> +<span class="i0">Eh der rote Stahl dich für immer blendet,<br /></span> +<span class="i0">Wie Israels Stamm und Königtum endet.</span></div></div> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(der, wie ein Blinder tappend, auf das Ruhebett gesunken ist, -die Hände flehend aufhebend)</span>:</p><p>Erbarmen! Erbarmen!</p> +die Hände flehend aufhebend)</span>:</p><p>Erbarmen! Erbarmen!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">So wirst du ins ewige Dunkel schrein,<br /></span> <span class="i0">Doch dir wird kein Helfer im Himmel sein,<br /></span> -<span class="i0">Denn Gott erhört<br /></span> -<span class="i0">Nie den, der frevelnden Übermutes<br /></span> -<span class="i0">Seine Stadt vertan und sein Haus zerstört.<br /></span> -<span class="i0">Er wirft dich nieder zu den Würmern und Schlangen,<br /></span> +<span class="i0">Denn Gott erhört<br /></span> +<span class="i0">Nie den, der frevelnden Übermutes<br /></span> +<span class="i0">Seine Stadt vertan und sein Haus zerstört.<br /></span> +<span class="i0">Er wirft dich nieder zu den Würmern und Schlangen,<br /></span> <span class="i0">Die blind am Bauche der Erde hinlangen,<br /></span> -<span class="i0">Er wirft dich zum Abhub, zu den Siechen, Verschwärten,<br /></span> +<span class="i0">Er wirft dich zum Abhub, zu den Siechen, Verschwärten,<br /></span> <span class="i0">Den Unreinen, zu den Aussatzverzehrten,<br /></span> -<span class="i0">Er wirft dich in Abseits, zu Räude und Grind,<br /></span> -<span class="i0">Wo die Ausgestoßenen des Volkes sind.<br /></span> -<span class="i0">Ein blinder Bettler, der Ärmste der Armen,<br /></span> +<span class="i0">Er wirft dich in Abseits, zu Räude und Grind,<br /></span> +<span class="i0">Wo die Ausgestoßenen des Volkes sind.<br /></span> +<span class="i0">Ein blinder Bettler, der Ärmste der Armen,<br /></span> <span class="i0">Durchstreifst du fremd dein eigenes Land,<br /></span><span class="pagenum">144</span> <span class="i0">Und tritt einer nah<br /></span> <span class="i0">Und sieht unter dem aschenwirrichten Haar<br /></span> -<span class="i0">Das, was einstens König zu Zion war,<br /></span> +<span class="i0">Das, was einstens König zu Zion war,<br /></span> <span class="i0">Dann hebt er die Hand<br /></span> -<span class="i0">Und flucht dir, König Zedekia!</span></div></div> +<span class="i0">Und flucht dir, König Zedekia!</span></div></div> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ist wie zerschmettert von den Worten stöhnend auf dem +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(ist wie zerschmettert von den Worten stöhnend auf dem Lager liegen geblieben. Jetzt richtet er sich langsam auf und sieht Jeremias -mit einem wirren Blicke schauernd an)</span>:</p><p>Was für eine Macht ist dir +mit einem wirren Blicke schauernd an)</span>:</p><p>Was für eine Macht ist dir gegeben, Jeremias! Die Kraft hast du gebrochen in meinen Gliedern, und das Mark steht starr mir im Leibe. Furchtbar sind deine Worte, Jeremias!</p> @@ -6217,18 +6180,18 @@ deine Worte, Jeremias!</p> erloschen)</span>:</p><p>Arm sind meine Worte, Zedekia, Ohnmacht meine Macht. Nur wissen kann ich und nicht wenden!</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(erschüttert)</span>:</p><p>Warum bist du nicht früher vor mich +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(erschüttert)</span>:</p><p>Warum bist du nicht früher vor mich getreten?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich war immer zur Stelle. Doch du fandest mich nicht.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Es muß so Gottes Wille gewesen sein! <span class="direction">(Schweigen. +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Es muß so Gottes Wille gewesen sein! <span class="direction">(Schweigen. Dann steht Zedekia langsam auf und geht auf Jeremias zu)</span>: Jeremias, -höre mich an – ich ... glaube dir! Furchtbareres hast du gekündet, -denn je gekündet ward einem König in Israel, und doch +höre mich an – ich ... glaube dir! Furchtbareres hast du gekündet, +denn je gekündet ward einem König in Israel, und doch – ich glaube dir. Mit Schauer hast du mein Herz geschlagen, -und doch, ich ward dir nicht gram. Es möge kein Streit mehr +und doch, ich ward dir nicht gram. Es möge kein Streit mehr sein zwischen uns im Schatten des Todes. Geh hinab, woher du gekommen, nicht soll es dir fehlen an Zehrung, das letzte Brot meines Tisches will ich teilen mit dir. Und niemand wisse @@ -6236,40 +6199,40 @@ um unsere Zwiesprache denn Gott allein.</p> <p class="direction">(JEREMIAS wendet sich zum Gehen.)</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(gequält)</span>:</p><p>Jeremias! Muß es denn sein? Oh, Jerusalem, +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(gequält)</span>:</p><p>Jeremias! Muß es denn sein? Oh, Jerusalem, mein Jerusalem! Kannst du es nicht wenden?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(düster)</span>:</p><p>Es muß sein! Nichts vermag ich zu wenden. -Verkünden ist mein Amt. Wehe den Ohnmächtigen!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(düster)</span>:</p><p>Es muß sein! Nichts vermag ich zu wenden. +Verkünden ist mein Amt. Wehe den Ohnmächtigen!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(schweigt, dann von innen)</span>:</p><p>Jeremias, ich habe es nicht -gewollt! Ich mußte Krieg künden, aber ich liebte den Frieden. -Und ich liebte dich, weil du ihn gekündet hast. Nicht leichten<span class="pagenum">145</span> +gewollt! Ich mußte Krieg künden, aber ich liebte den Frieden. +Und ich liebte dich, weil du ihn gekündet hast. Nicht leichten<span class="pagenum">145</span> Herzens hab ich den Harnisch genommen, es war Krieg vor mir unter Gottes Angesicht und wird auch nachdem sein. Viel habe ich gelitten, sei dessen Zeuge zu seiner Zeit. Und sei bei mir, -wenn dein Wort sich erfüllt.</p> +wenn dein Wort sich erfüllt.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ergriffen)</span>:</p><p>Ich werde bei dir sein, mein Bruder Zedekia!</p> <p class="direction">(JEREMIAS wendet sich langsam, abgekehrten Gesichtes von ihm. Er ist -schon bei der Türe, da ruft noch einmal:)</p> +schon bei der Türe, da ruft noch einmal:)</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Jeremias!</p> <p class="direction">(JEREMIAS wendet sich.)</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Tod ist über mir, und ich sehe dich zum letztenmal. +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Tod ist über mir, und ich sehe dich zum letztenmal. Du hast mir geflucht, Jeremias – nun segne mich auch, ehe wir scheiden.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(zögert, dann schreitet er feierlich zurück und hebt die Hände -über des Königs Stirn)</span>:</p><p>Der Herr segne dich und behüte dich auf +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(zögert, dann schreitet er feierlich zurück und hebt die Hände +über des Königs Stirn)</span>:</p><p>Der Herr segne dich und behüte dich auf allen deinen Wegen. Er lasse dir leuchten sein Angesicht und gebe dir den Frieden.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(träumerisch verworren nachsprechend)</span>:</p><p>Und ... gebe ... +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(träumerisch verworren nachsprechend)</span>:</p><p>Und ... gebe ... uns ... den Frieden ...</p> <hr class="l65" /> @@ -6277,7 +6240,7 @@ uns ... den Frieden ...</p> <a name="DIE_LETZTE_NOT" id="DIE_LETZTE_NOT"></a>DIE LETZTE NOT</h2> -<div class="blockquot"><p>„Ich hielt meinen Rücken dar denen, die +<div class="blockquot"><p>„Ich hielt meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Spott und Speichel.“</p></div> @@ -6285,20 +6248,20 @@ ich nicht vor Spott und Speichel.“</p></div> <p class="citation"> Jer. <small>L</small>, 6.</p> <hr class="l65" /> -<p class="direction"><span class="dropcap">A</span>uf dem großen Tempelplatze am Morgen des nächsten Tages. Eine<span class="pagenum">148</span> -gewaltige Menge, meist Frauen mit Kindern, drängt sich wild vor -dem Palaste die Stufen empor und wird eine einzige, lärmende Flut, überschäumt +<p class="direction"><span class="dropcap">A</span>uf dem großen Tempelplatze am Morgen des nächsten Tages. Eine<span class="pagenum">148</span> +gewaltige Menge, meist Frauen mit Kindern, drängt sich wild vor +dem Palaste die Stufen empor und wird eine einzige, lärmende Flut, überschäumt von einzelnen gellen Rufen und Schreien. Die Vordersten sind bis -zu der Tür gelangt und hämmern an das Tor.</p> +zu der Tür gelangt und hämmern an das Tor.</p> -<p><span class="character">DER TÜRHÜTER</span> <span class="direction">(erscheint)</span>:</p><p>Was wollt ihr noch? Ich habe +<p><span class="character">DER TÜRHÜTER</span> <span class="direction">(erscheint)</span>:</p><p>Was wollt ihr noch? Ich habe euch schon gesagt, es wird heute kein Brot mehr gegeben!</p> <p><span class="character">EIN WEIB</span>:</p><p>Aber ich habe Hunger! Ich habe Hunger!</p> -<p><span class="character">EINE ANDERE</span>:</p><p>Ein Brot haben sie mir gegeben für meine +<p><span class="character">EINE ANDERE</span>:</p><p>Ein Brot haben sie mir gegeben für meine drei Kinder, klein wie die Spanne meiner Hand! Sieh her: -ganz dürr ist das Mädchen, wie Bast ihre Finger. <span class="direction">(Sie hebt ein Kind +ganz dürr ist das Mädchen, wie Bast ihre Finger. <span class="direction">(Sie hebt ein Kind empor.)</span></p> <p><span class="character">EINE ANDERE</span>:</p><p>Das meine sieh! Das meine! <span class="direction">(Sie hebt ihr Kind @@ -6308,21 +6271,21 @@ empor.)</span></p> ... Brot ... Brot ... Wir verhungern ... Brot ... Brot ...</p> <p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(ist bis zur letzten Stufe emporgeklettert)</span>:</p><p>Her mit den -Schlüsseln, sage ich.</p> +Schlüsseln, sage ich.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>Ja ... her mit den Schlüsseln ... -Sperrt auf ... Die Schlüssel ... Ja ... ja ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>Ja ... her mit den Schlüsseln ... +Sperrt auf ... Die Schlüssel ... Ja ... ja ...</p> -<p><span class="character">DER TÜRHÜTER</span> <span class="direction">(den Emporgeklommenen vor die Brust stoßend)</span>:</p><p> -Zurück! Befehl des Königs, jedem ein Brot zu geben bei Tagesanbruch, -und dann die Speicher zu schließen.</p> +<p><span class="character">DER TÜRHÜTER</span> <span class="direction">(den Emporgeklommenen vor die Brust stoßend)</span>:</p><p> +Zurück! Befehl des Königs, jedem ein Brot zu geben bei Tagesanbruch, +und dann die Speicher zu schließen.</p> <p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Mir hat man keines gegeben!</p> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Mir auch nicht ... mir auch nicht ... Man hat mich vergessen ... mich auch ... warum mir keines?</p> -<p><span class="character">EINE FRAU</span>:</p><p>Wie ein Goldstück war meines, und ich habe ein +<p><span class="character">EINE FRAU</span>:</p><p>Wie ein Goldstück war meines, und ich habe ein Kind an der Brust. Gerechtigkeit!</p> <p><span class="character">EINE ANDERE</span>:</p><p>Sand war in meinem, Kies und Sand!</p> @@ -6330,7 +6293,7 @@ Kind an der Brust. Gerechtigkeit!</p> <p><span class="character">EINE ANDERE</span>:</p><p>Es sind nicht die gleichen Brote wie vordem! Falsch teilt man uns zu! Gerechtigkeit!</p> -<p><span class="character">DER TÜRHÜTER</span>:</p><p>Nachum teilt jedem das gleiche zu. Er ist +<p><span class="character">DER TÜRHÜTER</span>:</p><p>Nachum teilt jedem das gleiche zu. Er ist gerecht.</p> <p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Wo ist er?</p> @@ -6339,17 +6302,17 @@ gerecht.</p> Wo ist er ... er soll uns Rede stehn ... Heraus mit ihm ... Er bestiehlt uns ... wo ist er ...</p> -<p><span class="character">EINE STIMME</span> <span class="direction">(aufreizend, grell)</span>:</p><p>Zu Hause sitzt er und mästet<span class="pagenum">149</span> +<p><span class="character">EINE STIMME</span> <span class="direction">(aufreizend, grell)</span>:</p><p>Zu Hause sitzt er und mästet<span class="pagenum">149</span> die Seinen. Kringel und Kuchen backen sie.</p> <p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Ja, sie haben alles beiseite geschafft, die Reichen!</p> <p><span class="character">ANDERE</span>:</p><p>Und wir sollen hungern ... nein! nein!... Sie -bestehlen uns ... Brot für die Armen ... Brot ... Brot ...</p> +bestehlen uns ... Brot für die Armen ... Brot ... Brot ...</p> -<p><span class="character">DIE AUFREIZENDE GRELLE STIMME</span>:</p><p>Beim Könige sind -die goldenen Schüsseln voll mit Wildbret und Leckerei. Den +<p><span class="character">DIE AUFREIZENDE GRELLE STIMME</span>:</p><p>Beim Könige sind +die goldenen Schüsseln voll mit Wildbret und Leckerei. Den Hunden werfen sie im Palast lieber die Reste vor als unseren Kindern.</p> @@ -6357,28 +6320,28 @@ Kindern.</p> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... ja ... ich habe es selbst gesehen ... meine Schwester sagt es auch ... Wo ist Nachum ... -Vorwärts ... Hinauf ... Brot ... Brot ... Verschwunden +Vorwärts ... Hinauf ... Brot ... Brot ... Verschwunden sind sie jetzt alle ... Brot ... Brot ...</p> -<p class="direction">(DIE STIMMEN schwellen allmählich zu einem einzigen gewaltigen Schrei +<p class="direction">(DIE STIMMEN schwellen allmählich zu einem einzigen gewaltigen Schrei „Brot! Brot!“ an. Die Menge flutet die Treppen in steigender Erregung -hinauf, die Vordersten wollen schon den Türhüter greifen und hämmern -mit ihren Fäusten an die verschlossene Tür.)</p> +hinauf, die Vordersten wollen schon den Türhüter greifen und hämmern +mit ihren Fäusten an die verschlossene Tür.)</p> -<p class="direction">(DER TÜRHÜTER hat in ein Horn gestoßen. Aus dem Palast eilt sofort +<p class="direction">(DER TÜRHÜTER hat in ein Horn gestoßen. Aus dem Palast eilt sofort ABIMELECH mit einigen Kriegsknechten herbei.)</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Fort!... Stoßt sie zurück ... Hinunter die +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Fort!... Stoßt sie zurück ... Hinunter die Treppen ... hinunter ... Raum vor dem Palast.</p> -<p class="direction">(DIE MENGE flüchtet, gestoßen von den umgekehrten Lanzen, hinab in +<p class="direction">(DIE MENGE flüchtet, gestoßen von den umgekehrten Lanzen, hinab in panischem Tumult.)</p> <p><span class="character">DIE STIMMEN</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>Wehe ... Er hat mich geschlagen -... Sie töten uns ... Wehe ... Wo ist mein Kind +... Sie töten uns ... Wehe ... Wo ist mein Kind ... Weh ... Gewalt ... Zu Hilfe!</p> -<p class="direction">(DIE MENGE hinabgedrängt, wogt unten in zorniger Erregung.)</p> +<p class="direction">(DIE MENGE hinabgedrängt, wogt unten in zorniger Erregung.)</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Seid ihr rasend! Der Feind wirft sich wider uns. Vor dem Walle stehe ich seit morgens gegen seinen Ansturm, und @@ -6397,7 +6360,7 @@ enger. Kriegszeit ist jetzt.</p> <p><span class="character">DIE STIMMEN</span>:</p><p>Nicht genug ... Wir haben Hunger ...</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>So hungert! Ihr könnt hungern, wenn wir bluten! +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>So hungert! Ihr könnt hungern, wenn wir bluten! Erst die Stadt, dann ihr! <span class="direction">(Aufmunternd)</span>: Es lebe Jerusalem!</p> <p><span class="character">EINE EINZIGE STIMME</span> <span class="direction">(aus der Menge, schwach)</span>:</p><p>Es lebe Jerusalem!</p> @@ -6410,8 +6373,8 @@ Wir sind Jerusalem!</p> wir wollen nicht verhungern ... Meine Kinder sollen leben ... Was ist mir Jerusalem? Brot ... Brot ...</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span> <span class="direction">(aufstampfend)</span>:</p><p>Ruhig, Volk! In die Häuser mit -euch! Was steht ihr müßig auf dem Markt statt an der Mauer! +<p><span class="character">ABIMELECH</span> <span class="direction">(aufstampfend)</span>:</p><p>Ruhig, Volk! In die Häuser mit +euch! Was steht ihr müßig auf dem Markt statt an der Mauer! Es ist Krieg jetzt.</p> <p><span class="character">EIN WEIB</span>:</p><p>Warum ist Krieg?</p> @@ -6426,13 +6389,13 @@ Nabukadnezar, war sein Joch nicht sanft, und linde unsere Tage?</p> Ja ... ja ... Endet den Krieg ... Nieder mit dem Krieg ... Fluch dem, der ihn begann ...</p> -<p><span class="character">EIN WEIB</span>:</p><p>Zedekia hat ihn gewollt um der Ägypter willen ...</p> +<p><span class="character">EIN WEIB</span>:</p><p>Zedekia hat ihn gewollt um der Ägypter willen ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... Er hat uns verkauft ... Unsere Räte haben +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... Er hat uns verkauft ... Unsere Räte haben uns verraten ... Zedekia hat uns verraten ... er hat sich verkrochen bei seinen Weibern.</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Wer wagt, den Gesalbten des Herrn zu schmälen? +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Wer wagt, den Gesalbten des Herrn zu schmälen? Der Erste ist er im Kampfe ...</p> <p><span class="character">DIE AUFREIZENDE STIMME</span>:</p><p>Das ist nicht wahr!</p> @@ -6442,33 +6405,33 @@ Verleumder, ich will ihn vor mein Schwert. Wer hat es gesagt?</p> <p class="direction">(DIE MENGE schweigt.)</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Hütet euch vor den Verleumdern! Und jetzt -in die Häuser, und wer Kraft hat, an die Wälle.</p> +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Hütet euch vor den Verleumdern! Und jetzt +in die Häuser, und wer Kraft hat, an die Wälle.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(von rückwärts)</span>:</p><p>Nachum ... Nachum ... da ist er.<span class="pagenum">151</span></p> +<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(von rückwärts)</span>:</p><p>Nachum ... Nachum ... da ist er.<span class="pagenum">151</span></p> <p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(verteilt sich, flutet gegen Nachum, den sie umringt)</span>:</p><p> Nachum, guter Nachum ... Gib uns Brot ... Brot ... Brot ... Du bist der Gerechte ... Nachum ... Hilf uns ... Guter Nachum ...</p> -<p><span class="character">NACHUM</span> <span class="direction">(sich losringend)</span>:</p><p>Laßt mich los! Gebt mich frei!</p> +<p><span class="character">NACHUM</span> <span class="direction">(sich losringend)</span>:</p><p>Laßt mich los! Gebt mich frei!</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(hinter ihm die Treppen emporwogend)</span>:</p><p>Nachum, Nachum ...</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Zurück mit euch!</p> +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Zurück mit euch!</p> <p class="direction">(DIE KNECHTE heben die Speere, die Menge bleibt schreiend unten.)</p> <p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Was wollt ihr von mir?</p> -<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Die Speicher schließ auf!</p> +<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Die Speicher schließ auf!</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Sie sind leer. Jedem ein Brot des Tages, das muß +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Sie sind leer. Jedem ein Brot des Tages, das muß reichen.</p> -<p><span class="character">DIE STIMMEN VON FRÜHER</span>:</p><p>Ich habe keines bekommen ... +<p><span class="character">DIE STIMMEN VON FRÜHER</span>:</p><p>Ich habe keines bekommen ... ich auch nicht ... tu auf die Speicher ... tu auf die Speicher ...</p> <p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Die Speicher sind leer.</p> @@ -6477,26 +6440,26 @@ ich auch nicht ... tu auf die Speicher ... tu auf die Speicher ...</p> <p><span class="character">VIELE STIMMEN</span>:</p><p>Ja, wir wollen sie sehen ... ich glaube es nicht ... es ist nicht wahr ... mit unseren Augen wollen wir -es sehen ... schließe sie auf ... wir wollen selbst sehen ... -ja ... ja ... schließe auf ... ich glaube es nicht ...</p> +es sehen ... schließe sie auf ... wir wollen selbst sehen ... +ja ... ja ... schließe auf ... ich glaube es nicht ...</p> -<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Ich schwöre euch ...</p> +<p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Ich schwöre euch ...</p> <p><span class="character">DIE AUFREIZENDE STIMME</span>:</p><p>Wir glauben nur, was wir sehen. Zuviel hat man uns gelogen.</p> <p><span class="character">VIELE STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... alle haben uns belogen ... die -Priester ... Ja, alle ... der König ... Her mit den Schlüsseln -... Alle haben sie Lügen gesagt ... Sieg haben sie verkündet.</p> +Priester ... Ja, alle ... der König ... Her mit den Schlüsseln +... Alle haben sie Lügen gesagt ... Sieg haben sie verkündet.</p> -<p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span> <span class="direction">(immer stärker ausbrechend)</span>:</p><p>Wo sind die -Ägypter ... Wir wollen sie sehen ... Zedekia hat sie verheißen +<p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span> <span class="direction">(immer stärker ausbrechend)</span>:</p><p>Wo sind die +Ägypter ... Wir wollen sie sehen ... Zedekia hat sie verheißen ... Wo sind die Wunder ... Wo sind sie ... wo ... -Brot ... Brot ... Her mit den Schlüsseln ... Brot ... Her -mit den Schlüsseln ...</p> +Brot ... Brot ... Her mit den Schlüsseln ... Brot ... Her +mit den Schlüsseln ...</p> -<p class="direction">(DIE MENGE ist wieder mächtig aufgewogt gegen die Treppen. Sie bedrängen -Nachum und suchen ihm die Schlüssel zu entreißen.)</p> +<p class="direction">(DIE MENGE ist wieder mächtig aufgewogt gegen die Treppen. Sie bedrängen +Nachum und suchen ihm die Schlüssel zu entreißen.)</p> <p><span class="character">NACHUM</span>:</p><p>Zu Hilfe! Zu Hilfe!</p> @@ -6506,16 +6469,16 @@ Rotte! Hinunter! Hinunter!</p> <p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Wehe, ich bin getroffen!</p> <p><span class="character">VIELE STIMMEN</span>:</p><p>Wehe ... mein Kind ... er hat mich geschlagen -... Mörder ... Mörder ... Wehrlose schlagt ihr ... +... Mörder ... Mörder ... Wehrlose schlagt ihr ... Sie morden uns ... Mein Kind ... Wehe ... Gewalt ...</p> -<p><span class="character">EIN WEIB</span> <span class="direction">(sich das Gewand aufreißend)</span>:</p><p>Hier hat er mich getroffen! +<p><span class="character">EIN WEIB</span> <span class="direction">(sich das Gewand aufreißend)</span>:</p><p>Hier hat er mich getroffen! Ich blute! Ich blute! Seht her!</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(die zurückgeworfen ist, stößt Wutschreie aus)</span>:</p><p>Rache +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(die zurückgeworfen ist, stößt Wutschreie aus)</span>:</p><p>Rache ... Nieder mit ihnen ... nieder!</p> -<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Zum letztenmal! In die Häuser mit euch! Räumt +<p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Zum letztenmal! In die Häuser mit euch! Räumt den Platz, oder ich fasse das Schwert!</p> <p><span class="character">DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME</span>:</p><p>Unser ist der Markt, @@ -6523,43 +6486,43 @@ unser die Stadt!</p> <p><span class="character">VIELE STIMMEN</span>:</p><p>Ja, wir bleiben.</p> -<p><span class="character">EIN WEIB</span>:</p><p>Ich bleibe, bis der König kommt.</p> +<p><span class="character">EIN WEIB</span>:</p><p>Ich bleibe, bis der König kommt.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... ja ...</p> -<p><span class="character">DAS WEIB</span>:</p><p>Mein Kind werfe ich ihm vor die Füße. Er soll es -nähren. Ich weiche nicht, ehe ich nicht Brot habe.</p> +<p><span class="character">DAS WEIB</span>:</p><p>Mein Kind werfe ich ihm vor die Füße. Er soll es +nähren. Ich weiche nicht, ehe ich nicht Brot habe.</p> <p><span class="character">ANDERE</span>:</p><p>Ich bleibe ... wir warten ... ich weiche nicht ... ich bleibe.</p> -<p><span class="character">EINE STIMME</span> <span class="direction">(von rückwärts durch das Gedränge)</span>:</p><p>Abimelech, wo +<p><span class="character">EINE STIMME</span> <span class="direction">(von rückwärts durch das Gedränge)</span>:</p><p>Abimelech, wo ist Abimelech?</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span>:</p><p>Hier bin ich!</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Dort ist er, der Verruchte ... der Mörder ...</p> +<p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Dort ist er, der Verruchte ... der Mörder ...</p> <p><span class="character">DER BOTE</span>:</p><p>Zu Hilfe, Abimelech ... Am Tore Moria sind sie eingedrungen.</p> -<p class="direction">(DIE MENGE stößt einen Schreckensschrei aus.)</p> +<p class="direction">(DIE MENGE stößt einen Schreckensschrei aus.)</p> <p><span class="character">ABIMELECH</span> <span class="direction">(mit dem Schwert sich durchschlagend)</span>:</p><p>Platz, Gesindel! -Fort! Raum! <span class="direction">(Er schlägt sich durch eine Gasse von Entsetzen +Fort! Raum! <span class="direction">(Er schlägt sich durch eine Gasse von Entsetzen und Schreien mit dem Schwerte durch.)</span></p> -<p class="direction">(DIE MENGE wird jetzt im Entsetzen zu einem einzigen, gewaltig tönenden -Chaos. Während sie früher in einer Richtung, einem Willen drängte, wirren -die einzelnen jetzt durcheinander, strömen zu, flüchten und kommen. Es ist +<p class="direction">(DIE MENGE wird jetzt im Entsetzen zu einem einzigen, gewaltig tönenden +Chaos. Während sie früher in einer Richtung, einem Willen drängte, wirren +die einzelnen jetzt durcheinander, strömen zu, flüchten und kommen. Es ist ein brodelndes Geschwirr von Worten, Schreien und Bewegungen in ihnen, -das in seinen hundertfachen Formen ein einziges ausdrückt: grenzenlose, +das in seinen hundertfachen Formen ein einziges ausdrückt: grenzenlose, sinnlose, ziellose Angst, ratloses Entsetzen.)</p> <p><span class="character">STIMMEN AUS DER MENGE</span>:</p><p>Bei Moria sind sie ... Wir<span class="pagenum">153</span> sind verloren ... jetzt ist es zu Ende ... wohin ... Meine Frau ... meine Kinder ... Wehe ... wehe ... Wo bist du ... -Gottes Tod über uns ... In den Tempel ... Elia ... Elia ... +Gottes Tod über uns ... In den Tempel ... Elia ... Elia ... Gott errette uns ... Wo sich bergen ... Wehe ... wehe ... Was sollen wir tun ...</p> @@ -6568,29 +6531,29 @@ Was sollen wir tun ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... nein ... An die Mauern ... Elia ... Wohin ...</p> -<p class="direction">EINE GRUPPE löst sich ab und eilt fort, andere Gruppen strömen wieder +<p class="direction">EINE GRUPPE löst sich ab und eilt fort, andere Gruppen strömen wieder her, eine flutet heran und ruft mit einzelnen</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>In den Tempel ... In den Tempel ... Gott muß +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>In den Tempel ... In den Tempel ... Gott muß uns helfen ... Die Bundeslade ... Die Bundeslade ... Traget sie vor ...</p> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>In den Tempel ... Wo sind die Priester? -Wehe, wo sind sie? Wo sind sie? Verschlossen die Türen!</p> +Wehe, wo sind sie? Wo sind sie? Verschlossen die Türen!</p> -<p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(hereinstürmend)</span>:</p><p>Verrat! Der König ist geflohen! Wir +<p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(hereinstürmend)</span>:</p><p>Verrat! Der König ist geflohen! Wir sind verloren!</p> -<p class="direction">(DIE MENGE bricht in einen Schrei wütenden Entsetzens aus.)</p> +<p class="direction">(DIE MENGE bricht in einen Schrei wütenden Entsetzens aus.)</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Verraten sind wir ... verloren ... Wo ist der -König ... wo sind die Priester ... wo Hananja ... verraten -... Verschlossen die Türen ... wir sind verloren ... wohin +König ... wo sind die Priester ... wo Hananja ... verraten +... Verschlossen die Türen ... wir sind verloren ... wohin ... sie haben uns belogen ... Rache ... Rache ... sie lassen uns ermorden ... Wehe, wer rettet uns ... Wer rettet uns ... -Tod über uns ... Die Chaldäer ...</p> +Tod über uns ... Die Chaldäer ...</p> -<p><span class="character">DIE AUFREIZENDE STIMME</span>:</p><p>Fluch dem Könige!</p> +<p><span class="character">DIE AUFREIZENDE STIMME</span>:</p><p>Fluch dem Könige!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(im Wutgeschrei)</span>:</p><p>Fluch! Fluch!</p> @@ -6608,48 +6571,48 @@ warnten und rieten ...</p> ...</p> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Er hat gewarnt ... Friede hat er gefordert -... gedenket ihrs noch ... ja ... Ich habe es gehört<span class="pagenum">154</span> +... gedenket ihrs noch ... ja ... Ich habe es gehört<span class="pagenum">154</span> ... Ja ... ja ... Hier hat er es gesagt ... ja ... ja ... Er ist der Profet ... immer wurde sein Wort Wahrheit ... Ja ... ja ... -ja ... Er hat alles gekündet.</p> +ja ... Er hat alles gekündet.</p> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Wo ist er ... Jeremias ... rufet ihn her ... Jeremias ... wo ist er ... er soll uns raten ... ja ... -ja ... er hat stets das Rechte gewußt ... er wird uns helfen ... +ja ... er hat stets das Rechte gewußt ... er wird uns helfen ... Wo ist er ... wo ist er ...</p> -<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>In den Düngerhaufen haben sie ihn versenkt, +<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>In den Düngerhaufen haben sie ihn versenkt, hier im Palast.</p> -<p class="direction">(DIE MENGE bricht in ein Wutgebrüll aus.)</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wir müssen ihn befreien ... ja ... ja ... er wird +<p class="direction">(DIE MENGE bricht in ein Wutgebrüll aus.)</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wir müssen ihn befreien ... ja ... ja ... er wird uns erretten ... sprengt seine Gruft ... ja ... heraus mit ihm.</p> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Die Tore auf ... Jeremias ... Jeremias ... Oh, er ist der Befreier. Gott hat ihn gesandt ... Wo -ist er ... Jeremias, du Gottesknecht ... Erlösung ... Erlösung +ist er ... Jeremias, du Gottesknecht ... Erlösung ... Erlösung ...</p> -<p><span class="character">ANDERE</span>:</p><p>Schlagt die Lügner und Profeten ... Er ist der -Wahre, er hat es verkündet ... ja ... ja ... jedes Wort ist -Wahrheit geworden ... Gottes Gnade war über ihm ... Gib -das Beil ... die Latte gib her ... wir müssen ihn befreien ... -hinauf ... Jeremia!... Jeremia!... Er soll König sein ... Wo -ist er ... oh Helfer, Erretter, oh Trost, oh Tröster ...</p> +<p><span class="character">ANDERE</span>:</p><p>Schlagt die Lügner und Profeten ... Er ist der +Wahre, er hat es verkündet ... ja ... ja ... jedes Wort ist +Wahrheit geworden ... Gottes Gnade war über ihm ... Gib +das Beil ... die Latte gib her ... wir müssen ihn befreien ... +hinauf ... Jeremia!... Jeremia!... Er soll König sein ... Wo +ist er ... oh Helfer, Erretter, oh Trost, oh Tröster ...</p> -<p class="direction">(DIE MENGE hat ihre Stimmen zu dem einzigen glühenden Schrei „Jeremias, -Jeremias“ zusammengefaßt, in dem sich ihre Wut, ihre Hoffnung und -Angst vereint. Ihre Flut ist die Treppe wieder hinaufgeschäumt, mit Brettern -und Hämmern und den Fäusten schlagen sie gegen das verschlossene Tor. -Endlich wird zögernd aufgetan.)</p> +<p class="direction">(DIE MENGE hat ihre Stimmen zu dem einzigen glühenden Schrei „Jeremias, +Jeremias“ zusammengefaßt, in dem sich ihre Wut, ihre Hoffnung und +Angst vereint. Ihre Flut ist die Treppe wieder hinaufgeschäumt, mit Brettern +und Hämmern und den Fäusten schlagen sie gegen das verschlossene Tor. +Endlich wird zögernd aufgetan.)</p> -<p><span class="character">DER TÜRSTEHER</span>:</p><p>Was wollt ihr?</p> +<p><span class="character">DER TÜRSTEHER</span>:</p><p>Was wollt ihr?</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Fort! Jeremia! Jeremia! <span class="direction">(Sie stoßen ihn zur Seite.)</span></p> +<p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Fort! Jeremia! Jeremia! <span class="direction">(Sie stoßen ihn zur Seite.)</span></p> -<p><span class="character">DER TÜRSTEHER</span>:</p><p>Hilfe! Hilfe! <span class="direction">(Sein Schrei wird mit ihm selbst -fortgerissen, ein Teil der Masse flutet schwarz durch die Tür, man hört -dumpf das Sprengen von Türen, das Schlagen von Äxten.)</span></p> +<p><span class="character">DER TÜRSTEHER</span>:</p><p>Hilfe! Hilfe! <span class="direction">(Sein Schrei wird mit ihm selbst +fortgerissen, ein Teil der Masse flutet schwarz durch die Tür, man hört +dumpf das Sprengen von Türen, das Schlagen von Äxten.)</span></p> <p class="direction">(DIE MENGE unten beobachtet in wilder Ekstase und Ungeduld das Geschehen.)</p> @@ -6659,25 +6622,25 @@ ihn verscharrt ... sie hatten Furcht vor ihm ... die Hunde ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Oh, ein Heiliger ist er ... ein Gesandter des Herrn<span class="pagenum">155</span> ... Oh, Jeremia ... er wird uns erretten ...</p> -<p><span class="character">EIN WEIB</span> <span class="direction">(in Ekstase)</span>:</p><p>Er hat die Hände gebreitet und gerufen: +<p><span class="character">EIN WEIB</span> <span class="direction">(in Ekstase)</span>:</p><p>Er hat die Hände gebreitet und gerufen: Friede! Gottes Flamme war auf seinen Lippen und seine Stirne -hell wie von Engelsgeleucht. Oh, er wird uns erlösen!</p> +hell wie von Engelsgeleucht. Oh, er wird uns erlösen!</p> <p><span class="character">EINE ANDERE</span>:</p><p>Er wird seine Hand ausrecken wider die Feinde, -und Aussatz wird über sie fallen. Oh, seine Füße zu küssen, des -Heiligen, der für uns gelitten!</p> +und Aussatz wird über sie fallen. Oh, seine Füße zu küssen, des +Heiligen, der für uns gelitten!</p> -<p><span class="character">EINE ANDERE</span>:</p><p>Gegeißelt haben sie ihn ... wie Balsam sind -für uns seine Wunden ... ich will knien vor ihm in den Staub ...</p> +<p><span class="character">EINE ANDERE</span>:</p><p>Gegeißelt haben sie ihn ... wie Balsam sind +für uns seine Wunden ... ich will knien vor ihm in den Staub ...</p> <p><span class="character">DIE ERSTE</span>:</p><p>Heilig ... heilig ... heilig ist er, Jeremia!</p> -<p><span class="character">STIMME</span> <span class="direction">(von oben)</span>:</p><p>Seile ... Bringt ein Seil ... daß wir ihn heben!</p> +<p><span class="character">STIMME</span> <span class="direction">(von oben)</span>:</p><p>Seile ... Bringt ein Seil ... daß wir ihn heben!</p> <p><span class="character">DAS WEIB</span>:</p><p>Oh, er naht! Rettung naht, wir werden leben, mein Kind! Der Heilige naht.</p> -<p><span class="character">DIE ANDERE</span>:</p><p>Daß ich doch schon schauen könnte sein seliges +<p><span class="character">DIE ANDERE</span>:</p><p>Daß ich doch schon schauen könnte sein seliges Antlitz. Leuchten wird davon Jerusalem.</p> <p class="direction">(JUBELGESCHREI von oben aus der Tiefe.)</p> @@ -6686,40 +6649,40 @@ Antlitz. Leuchten wird davon Jerusalem.</p> ... Rettung ... Gottes Gnade ... Jeremia ... Jeremia ...</p> <p><span class="character">DAS WEIB</span>:</p><p>Oh, ihn schauen, ist schon genesen, mein Herz -brennt loh, ihn zu sehen! Oh, du Heiliger, du Erlöser, nahe -deinem Volke, nahe deinen Mägden, rette, rette Jerusalem! -Gehe auf, du Sonne unserer Nacht, erglühe, du Stern unseres +brennt loh, ihn zu sehen! Oh, du Heiliger, du Erlöser, nahe +deinem Volke, nahe deinen Mägden, rette, rette Jerusalem! +Gehe auf, du Sonne unserer Nacht, erglühe, du Stern unseres Dunkels! Rette! Rette Jerusalem!</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(wild ekstatisch)</span>:</p><p>Jerusalem!... Rette die Stadt ... Jeremia ... Jeremia ...</p> <p><span class="character">DAS WEIB</span>:</p><p>Er naht! Oh, ich sehe ihn, ich sehe, ich sehe sein -seliges Antlitz. Wie die Sonne ist es zu schauen, da sie über +seliges Antlitz. Wie die Sonne ist es zu schauen, da sie über den Libanon steigt. Oh, sieh nieder, du Gebenedeiter! Sieh nieder auf unser Elend! Hebe uns auf!</p> -<p class="direction">(DIE MENGE hat unter wildem Getöse Jeremias im Triumph aus dem Tore -geschleppt. Er steht an der obersten Stufe, die Augen verhüllend vor dem -Licht, das so plötzlich auf ihn eindringt. Um ihn tost die Ekstase der Menge.)</p> +<p class="direction">(DIE MENGE hat unter wildem Getöse Jeremias im Triumph aus dem Tore +geschleppt. Er steht an der obersten Stufe, die Augen verhüllend vor dem +Licht, das so plötzlich auf ihn eindringt. Um ihn tost die Ekstase der Menge.)</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Heiliger! Meister!... Samuel ... Elia ... Elia ... -Oh, Verkünder ... Jeremia ... errette ... errette uns ... Jeremia ... -König ... Gesalbter du ... Jeremia ... Höre ihn, Israel ... Jeremia ...</p> +Oh, Verkünder ... Jeremia ... errette ... errette uns ... Jeremia ... +König ... Gesalbter du ... Jeremia ... Höre ihn, Israel ... Jeremia ...</p> -<p><span class="character">DAS WEIB</span> <span class="direction">(zu seinen Füßen sich werfend)</span>:</p><p>Was verhüllst du dein<span class="pagenum">156</span> +<p><span class="character">DAS WEIB</span> <span class="direction">(zu seinen Füßen sich werfend)</span>:</p><p>Was verhüllst du dein<span class="pagenum">156</span> Antlitz? Labsal ist dein Blick! Oh, sieh, Gesegneter, auf das -Kind, damit es genese, sieh auf uns, daß wir auferstehen vom +Kind, damit es genese, sieh auf uns, daß wir auferstehen vom Tode!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(langsam die Hände von den Augen nehmend. Er ist sehr -ernst und düster, wie er in die wilde Erwartung blickt)</span>:</p><p>Fremd ist das +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(langsam die Hände von den Augen nehmend. Er ist sehr +ernst und düster, wie er in die wilde Erwartung blickt)</span>:</p><p>Fremd ist das Licht meinen Augen, es brennet mich, und ungewohnt diese Liebe meiner Seele: auch sie brennet mich! Was heischt ihr von mir?</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Heiliger ... Jeremias ... rette uns ... Gesalbter ... -rette die Stadt ... Unser König sei ... tue ein Wunder ...</p> +rette die Stadt ... Unser König sei ... tue ein Wunder ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich verstehe eure Worte nicht. Was wollt ihr von mir?</p> @@ -6730,74 +6693,74 @@ bist du ... errette uns ... rette Jerusalem ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Einer rede, nicht alle!</p> -<p><span class="character">DAS WEIB</span> <span class="direction">(hinstürzend zu seinen Füßen)</span>:</p><p>Heiliger! Gesalbter -Gottes, Stern unserer Hoffnung, tu auf deine Hände, die gebenedeiten! +<p><span class="character">DAS WEIB</span> <span class="direction">(hinstürzend zu seinen Füßen)</span>:</p><p>Heiliger! Gesalbter +Gottes, Stern unserer Hoffnung, tu auf deine Hände, die gebenedeiten! Rette uns, rette uns, rette Jerusalem! Was du geschaut, -hat sich erfüllet, die Chaldäer sind über uns!</p> +hat sich erfüllet, die Chaldäer sind über uns!</p> -<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Sie stürmen die Mauer von Moria!</p> +<p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Sie stürmen die Mauer von Moria!</p> -<p><span class="character">EINE ANDERE STIMME</span>:</p><p>Unsere Männer sind geschlagen ...</p> +<p><span class="character">EINE ANDERE STIMME</span>:</p><p>Unsere Männer sind geschlagen ...</p> -<p><span class="character">EINE ANDERE STIMME</span>:</p><p>Vor dem Tempel schon kämpfen sie.</p> +<p><span class="character">EINE ANDERE STIMME</span>:</p><p>Vor dem Tempel schon kämpfen sie.</p> <p><span class="character">EINE DRITTE STIMME</span> <span class="direction">(verzweifelt)</span>:</p><p>Rette, rette Jerusalem!</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(frenetisch)</span>:</p><p>Rette, rette Jerusalem!</p> -<p class="direction">(JEREMIAS bleibt unbeweglich und birgt sein Gesicht in den Händen.)</p> +<p class="direction">(JEREMIAS bleibt unbeweglich und birgt sein Gesicht in den Händen.)</p> -<p><span class="character">DAS WEIB</span>:</p><p>Wir wollen dich rächen an deinen Feinden, mit -den Nägeln zerreißen das Antlitz deiner Widersacher. Aber erbarme +<p><span class="character">DAS WEIB</span>:</p><p>Wir wollen dich rächen an deinen Feinden, mit +den Nägeln zerreißen das Antlitz deiner Widersacher. Aber erbarme dich unser, erbarme dich! Unser Hort bist du und unsere Hoffnung.</p> <p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Wer errettet uns, wenn nicht du?</p> <p><span class="character">DIE AUFREIZENDE STIMME</span>:</p><p>Die Priester haben uns verraten, -der König uns verkauft.</p> +der König uns verkauft.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(auffahrend)</span>:</p><p>Das ist nicht wahr! Was schmäht ihr -den König?</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(auffahrend)</span>:</p><p>Das ist nicht wahr! Was schmäht ihr +den König?</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er hat uns verlassen ... Wo ist er ... warum hilft<span class="pagenum">157</span> -er nicht ... er ist geflüchtet ... er ist geflohen ...</p> +er nicht ... er ist geflüchtet ... er ist geflohen ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(stark)</span>:</p><p>Das ist nicht wahr.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Es ist wahr ... Sie haben uns in diesen Krieg geführt +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Es ist wahr ... Sie haben uns in diesen Krieg geführt ... sie haben uns geopfert ... Wir haben diesen Krieg nicht gewollt ... Friede wollten wir ... Friede ... Mache Friede mit ihnen ... Friede ... Friede ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Spät wollt ihr den Frieden! Was werft ihr Blutes -Schuld von euch fort auf den König? Auch ihr habt diesen +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Spät wollt ihr den Frieden! Was werft ihr Blutes +Schuld von euch fort auf den König? Auch ihr habt diesen Krieg gewollt.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ich nicht ... nein ... ich nicht ... ich nicht ... Der -König hat ihn gewollt ... ich nicht ... keiner von uns ...</p> +König hat ihn gewollt ... ich nicht ... keiner von uns ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Alle habt ihr ihn gewollt, alle, alle! Wankelmütig +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Alle habt ihr ihn gewollt, alle, alle! Wankelmütig sind eure Herzen und schwanker denn Rohr. Die jetzt Friede -schreien, hörte ich toben nach dem Kriege, und die jetzt den -König schmähen, jauchzeten ihm zu. Wehe, du Volk! Doppelzüngig +schreien, hörte ich toben nach dem Kriege, und die jetzt den +König schmähen, jauchzeten ihm zu. Wehe, du Volk! Doppelzüngig ist deine Seele, und jeder Wind wendet deine Meinung! Ihr habt gehurt mit dem Kriege, nun traget seine Frucht! Ihr -habt gespielt mit dem Schwerte, nun fühlet seine Schärfe. Wider -euch schlaget mit den Fäusten, wider euch mit den Worten!</p> +habt gespielt mit dem Schwerte, nun fühlet seine Schärfe. Wider +euch schlaget mit den Fäusten, wider euch mit den Worten!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe ... er zürnt uns ... Jeremias ... sieh unsere +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe ... er zürnt uns ... Jeremias ... sieh unsere Not ... hilf uns ... was sollen wir tun ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Es tue jeder nach seinen Kräften. Wer ein Schwert +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Es tue jeder nach seinen Kräften. Wer ein Schwert fassen kann, fasse das Schwert und diene mit seinem Blute, und wem der Arm lahmt, der gehe ein in sein Haus und diene mit -seinen Tränen. Aber rottet euch nicht und murret nicht!</p> +seinen Tränen. Aber rottet euch nicht und murret nicht!</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Nein ... Rettung ... Hilf uns ... Sieg, gib uns -Sieg ... Laß uns nicht ohne Hoffnung ... Siehe, wir vergehen ... -Jerusalem ... rette uns ... rette Jerusalem ... Heiliger ... Gütiger -... hilf uns ... ein Wunder tu, laß es nicht geschehen ... ein +Sieg ... Laß uns nicht ohne Hoffnung ... Siehe, wir vergehen ... +Jerusalem ... rette uns ... rette Jerusalem ... Heiliger ... Gütiger +... hilf uns ... ein Wunder tu, laß es nicht geschehen ... ein Wunder ... recke aus deinen Arm, wie Jesaja tat ... wie Elia ... wie Aaron ... hilf uns ...</p> @@ -6809,45 +6772,45 @@ wie Aaron ... hilf uns ...</p> ist der Bund, den er geschlossen mit uns ... Gott hilft nicht ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(zornig)</span>:</p><p>Was zischt ihr wider Gott aus eurem Elend,<span class="pagenum">158</span> -ihr Gewürm der Erde, wollt ihr, daß er euch zertrete mit seiner -Ferse? Da er euch gnädig war, brüstetet ihr euch mit seiner Liebe -und prangertet mit seiner Güte, und meinet ihn nun wegspeien -zu dürfen am Tage des Gerichts! Wehe, welch ein Volk seid +ihr Gewürm der Erde, wollt ihr, daß er euch zertrete mit seiner +Ferse? Da er euch gnädig war, brüstetet ihr euch mit seiner Liebe +und prangertet mit seiner Güte, und meinet ihn nun wegspeien +zu dürfen am Tage des Gerichts! Wehe, welch ein Volk seid ihr. Stein ist eure Stirne und eine eiserne Ader euer Nacken, -aber ich sage euch: Nicht stemmet die Stirn wider Gottes Stärke, +aber ich sage euch: Nicht stemmet die Stirn wider Gottes Stärke, beuget euch, beuget euch, ehe ihr zertreten werdet!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe ... wie unbarmherzig ... er verläßt uns ... +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe ... wie unbarmherzig ... er verläßt uns ... nur Worte gibt er ... Wir sind verloren ... wer hilft uns ... Nicht harte Worte gib uns ... ein Wunder tu ... ein Wunder ... ein Wunder ... ein Wunder ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wahrlich, ein Wunder wäre vonnöten, euren +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wahrlich, ein Wunder wäre vonnöten, euren Starrsinn zu beugen! Noch aus dem Tod hebt ihr die Stirne, -noch aus dem Untergang eure Lästerung! Wehe, welch ein +noch aus dem Untergang eure Lästerung! Wehe, welch ein Volk seid ihr! Ich aber sage euch, beuget euch, beuget euch! -Nicht auf das Wunder wartet, das euch erlöse – den Gott erlöset -in euch! Beuget euch, ihr Starren, demütiget euch, ihr -Hochmütigen, ehe ihr zerbrochen werdet!</p> +Nicht auf das Wunder wartet, das euch erlöse – den Gott erlöset +in euch! Beuget euch, ihr Starren, demütiget euch, ihr +Hochmütigen, ehe ihr zerbrochen werdet!</p> -<p><span class="character">STIMMEN HERBEISTÜRMENDER</span>:</p><p>Sie haben ein Tor gesprengt +<p><span class="character">STIMMEN HERBEISTÜRMENDER</span>:</p><p>Sie haben ein Tor gesprengt bei Moria ... Abimelech ist gefallen!</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(wild aufschreiend)</span>:</p><p>Wehe ... wehe ... <span class="direction">(Dann plötzlich -mit verdoppelter Wucht gegen Jeremias aufschäumend)</span>: Höre ... -höre ... wir sind verloren ... jetzt hilf ... tue ein Wunder ... ein +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(wild aufschreiend)</span>:</p><p>Wehe ... wehe ... <span class="direction">(Dann plötzlich +mit verdoppelter Wucht gegen Jeremias aufschäumend)</span>: Höre ... +höre ... wir sind verloren ... jetzt hilf ... tue ein Wunder ... ein Wunder, Profet ... ein Wunder ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(verzweifelt)</span>:</p><p>Was wollt ihr, daß ich tue? Soll ich die +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(verzweifelt)</span>:</p><p>Was wollt ihr, daß ich tue? Soll ich die nackten Arme recken wider den Feind ...</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(ekstatisch)</span>:</p><p>Ja ... ja ... tue also ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Glaubt ihr denn, daß ich jagen kann, den Gott +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Glaubt ihr denn, daß ich jagen kann, den Gott wider euch sandte?</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Ja ... ja ... Du kannst es ... Du kannst es ... -Du mußt es können ... ja ... ja ... alles kannst du ...</p> +Du mußt es können ... ja ... ja ... alles kannst du ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich kann es nicht, Wahnwitzige! Nichts vermag ich wider Gott!</p> @@ -6855,359 +6818,359 @@ ich wider Gott!</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Du kannst es ... rette Jerusalem ... Du kannst es!... Das Wunder tu ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ausbrechend)</span>:</p><p>Und wenn ich es könnte wider Gottes<span class="pagenum">159</span> -Wille, ich täte es nicht. Weichet von mir, die ihr mich verlockt +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ausbrechend)</span>:</p><p>Und wenn ich es könnte wider Gottes<span class="pagenum">159</span> +Wille, ich täte es nicht. Weichet von mir, die ihr mich verlockt wider ihn. Zu ihm halte ich und nicht zu euch, ich streite nicht wider sein Schwert, ich rede nicht wider seine Rede, ich will -nicht wider seinen Willen! Möget ihr euch ihm wehren, ich -beuge mich! Was immer er verhänge, ich beuge mich seinem +nicht wider seinen Willen! Möget ihr euch ihm wehren, ich +beuge mich! Was immer er verhänge, ich beuge mich seinem Willen, ich beuge mich.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe ... nein ... nein ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Es geschehe, wie er bestimmt. Es erfülle sich sein +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Es geschehe, wie er bestimmt. Es erfülle sich sein Wille: wer durch das Schwert fallen solle, falle durch das Schwert, -wen der Hunger schlägt, durch den Hunger, wen Pest würget, -würge die Pest – sein Wille geschehe, sein Wille geschehe, ich +wen der Hunger schlägt, durch den Hunger, wen Pest würget, +würge die Pest – sein Wille geschehe, sein Wille geschehe, ich beuge mich, ich beuge mich! Seine Bitternis will ich trinken -und seine Fäuste fühlen, so es sein Wille ist – ich beuge mich.</p> +und seine Fäuste fühlen, so es sein Wille ist – ich beuge mich.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe ... er verleugnet uns ... er verläßt uns ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe ... er verleugnet uns ... er verläßt uns ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(immer mehr in Ekstase)</span>:</p><p>Zu ihm halte ich, dem Getreuen, und nicht zu euch, die ihr schwanket. Sein Wille geschehe und nicht der eure! Herr, tue, wie es dein Wille ist – -ich beuge mich dir, ich beuge mich. Fallen möge Jerusalem, so +ich beuge mich dir, ich beuge mich. Fallen möge Jerusalem, so es dein Wille ist – ich beuge mich!</p> <p class="direction">(DIE MENGE bricht in einen Entsetzensschrei aus.)</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Fallen möge dein heiliges Haus, so es dein Wille +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Fallen möge dein heiliges Haus, so es dein Wille ist – ich beuge mich!</p> <p class="direction">(AUS DER MENGE zucken wilde Wutschreie.)</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Fallen mögen die Türme, zerstieben das Volk und -sinken sein Name, Schmach möge stürzen auf meinen Leib und +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Fallen mögen die Türme, zerstieben das Volk und +sinken sein Name, Schmach möge stürzen auf meinen Leib und Marter auf meine Seele, so es dein Wille ist – ich beuge mich, Herr, ich beuge mich!</p> <p><span class="character">DIE MENGE</span>:</p><p>Er ist rasend ... Nieder mit ihm ... Er ist toll ... -Wehe ... Er verflucht uns ... Schweige ... Verräter ... Wehe ...</p> +Wehe ... Er verflucht uns ... Schweige ... Verräter ... Wehe ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ganz in Ekstase)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Was immer du tust, ich beuge mich.<br /></span> <span class="i0">Ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!<br /></span> -<span class="i0">Ström nieder auf mich mit all deinen Schauern,<br /></span> +<span class="i0">Ström nieder auf mich mit all deinen Schauern,<br /></span> <span class="i0">Ich tu mich dir auf, ich sperr mich nicht ab,<br /></span> <span class="i0">Brich ein in mein Herz, brich ein in die Mauern,<br /></span> -<span class="i0">Wirf nieder die Tore, die tödlich umstürmten,<br /></span><span class="pagenum">160</span> +<span class="i0">Wirf nieder die Tore, die tödlich umstürmten,<br /></span><span class="pagenum">160</span> <span class="i0">Verbrenn deinen Altar, den blutig beschirmten,<br /></span> -<span class="i0">Verstoße dein Volk und verstoße auch mich –<br /></span> +<span class="i0">Verstoße dein Volk und verstoße auch mich –<br /></span> <span class="i0">Ich bleib dir doch treu in Tiefe und Trauer,<br /></span> <span class="i0">Denn mein Herz beherbergt dich ewiglich!</span></div></div> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(ihn wild umstürmend)</span>:</p><p>Verräter ... Er betet um unsern +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(ihn wild umstürmend)</span>:</p><p>Verräter ... Er betet um unsern Tod ... Er verflucht uns ... Steiniget ihn ... steiniget ihn ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(noch ekstatischer sich aufrichtend, wie eine Flamme über +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(noch ekstatischer sich aufrichtend, wie eine Flamme über der dunkel schwelenden Masse)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Herr, tue an mir, wie dir es gefällt.<br /></span> +<span class="i0">Herr, tue an mir, wie dir es gefällt.<br /></span> <span class="i0">Ist Dunkel gesunken, kam Leidenszeit,<br /></span> <span class="i0">Herr, ich bin allem Leiden bereit!<br /></span> -<span class="i0">Gieß aus deines Zornes fressende Lauge<br /></span> +<span class="i0">Gieß aus deines Zornes fressende Lauge<br /></span> <span class="i0">In meine Seele – sie wird dich nicht lassen,<br /></span> -<span class="i0">Zerbrich meine Hände, verschließ meine Augen –<br /></span> +<span class="i0">Zerbrich meine Hände, verschließ meine Augen –<br /></span> <span class="i0">Ich werde dich schauen, ich werde dich fassen.<br /></span> -<span class="i0">Sinn aus das trächtigste Maß deiner Leiden,<br /></span> +<span class="i0">Sinn aus das trächtigste Maß deiner Leiden,<br /></span> <span class="i0">Ich will mich nicht wehren, ich bin ihm bereit!<br /></span> <span class="i0">Und je mehr du mir Leiden und Martern gibst,<br /></span> -<span class="i0">Um so mehr will ich künden, daß du mich liebst!<br /></span> +<span class="i0">Um so mehr will ich künden, daß du mich liebst!<br /></span> <span class="i0">Ich will doppeln die Qual, die du auferlegt,<br /></span> -<span class="i0">Ich will küssen die Geißel, die mich zerschlägt,<br /></span> -<span class="i0">Ich will danken der Hand, die mich knechtet und kränkte,<br /></span> -<span class="i0">Ich will rühmen den Brand, der das Herz mir versengte,<br /></span> +<span class="i0">Ich will küssen die Geißel, die mich zerschlägt,<br /></span> +<span class="i0">Ich will danken der Hand, die mich knechtet und kränkte,<br /></span> +<span class="i0">Ich will rühmen den Brand, der das Herz mir versengte,<br /></span> <span class="i0">Ich will segnen den Tod, den dein Wille entsandte,<br /></span> <span class="i0">Ich will segnen die Not, die die Stadt uns verbrannte,<br /></span> <span class="i0">Ich will segnen Bitternis, Knechtschaft und Schmach,<br /></span> <span class="i0">Ich will segnen den Feind, der die Tore zerbrach,<br /></span> <span class="i0">Denn ich beuge mich, Herr, und bezeuge dich!<br /></span> <span class="i0">Was immer du sendest, ich lobe dich,<br /></span> -<span class="i0">Herr, höre mein Wort und erprobe mich!</span></div></div> +<span class="i0">Herr, höre mein Wort und erprobe mich!</span></div></div> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(in Wutschreien ihn unterbrechend)</span>:</p><p>Verräter ... steiniget -ihn ... er segnet unsere Feinde ... er betet für unsere -Feinde ... Steiniget ihn ... Fluch wirft er über uns ... -Lästerer ... Steiniget ihn ...</p> +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(in Wutschreien ihn unterbrechend)</span>:</p><p>Verräter ... steiniget +ihn ... er segnet unsere Feinde ... er betet für unsere +Feinde ... Steiniget ihn ... Fluch wirft er über uns ... +Lästerer ... Steiniget ihn ...</p> -<p><span class="character">DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME</span> <span class="direction">(alle überkreischend)</span>:</p><p> +<p><span class="character">DIE GRELLE AUFREIZENDE STIMME</span> <span class="direction">(alle überkreischend)</span>:</p><p> Kreuziget ihn! Kreuziget ihn ...</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(die Stufen emporschäumend in wildem Schrei)</span>:</p><p>Ja ...<span class="pagenum">161</span> -ans Kreuz ... kreuziget ihn ... Gotteslästerer ... Verräter ... +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(die Stufen emporschäumend in wildem Schrei)</span>:</p><p>Ja ...<span class="pagenum">161</span> +ans Kreuz ... kreuziget ihn ... Gotteslästerer ... Verräter ... steiniget ihn ... kreuziget ihn ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(die Arme auftuend zur Kreuzgebärde, in äußerster Ekstase)</span>:</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(die Arme auftuend zur Kreuzgebärde, in äußerster Ekstase)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Dein Wille geschehe! Kommt her! Kommt her!<br /></span> <span class="i0">Die Lanze rammt mir ein und den Speer,<br /></span> -<span class="i0">Oh, geißelt nur, speit und beschmähet mich,<br /></span> -<span class="i0">Zum Kreuze schleppt und erhöhet mich,<br /></span> -<span class="i0">Zerreißt meine Hände, zerbrecht mein Gebein, –<br /></span> -<span class="i0">Ich will ja nur für euch alle und alle<br /></span> -<span class="i0">Vor Gott das selige Sühnopfer sein.<br /></span> -<span class="i0">Oh, faßt mich! Vielleicht ist mein Opfer genehm,<br /></span> +<span class="i0">Oh, geißelt nur, speit und beschmähet mich,<br /></span> +<span class="i0">Zum Kreuze schleppt und erhöhet mich,<br /></span> +<span class="i0">Zerreißt meine Hände, zerbrecht mein Gebein, –<br /></span> +<span class="i0">Ich will ja nur für euch alle und alle<br /></span> +<span class="i0">Vor Gott das selige Sühnopfer sein.<br /></span> +<span class="i0">Oh, faßt mich! Vielleicht ist mein Opfer genehm,<br /></span> <span class="i0">Vielleicht sieht sein Auge mit Wohlgefallen<br /></span> <span class="i0">Mein brennendes Herz und erbarmet sich<br /></span> <span class="i0">Und rettet und rettet Jerusalem!</span></div></div> -<p class="direction">(DIE MENGE schäumt empor, ihn umdringend. Einige fassen ihn, andere +<p class="direction">(DIE MENGE schäumt empor, ihn umdringend. Einige fassen ihn, andere werfen sich ihnen entgegen und versuchen, ihn zu befreien.)</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ans Kreuz ... steiniget ihn ... Er lästert Gott ... +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ans Kreuz ... steiniget ihn ... Er lästert Gott ... Kreuziget ihn ... Fluch Jeremias ... Kreuziget ihn ...</p> -<p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Laßt ... Der Geist Gottes ist über ihm -... Er rast ... laßt ab ...</p> +<p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Laßt ... Der Geist Gottes ist über ihm +... Er rast ... laßt ab ...</p> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Ans Kreuz ... Ans Kreuz ... Er hat uns verflucht.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(im Tumult, die Hände kreuzgebreitet)</span>:</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(im Tumult, die Hände kreuzgebreitet)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Was zögert ihr noch? Den seligen Preis<br /></span> +<span class="i0">Was zögert ihr noch? Den seligen Preis<br /></span> <span class="i0">Des Martertods, ich will ihn bezahlen!<br /></span> -<span class="i0">Oh, wie dürstig bin ich der Martern und Qualen,<br /></span> -<span class="i0">Denn ich weiß,<br /></span> +<span class="i0">Oh, wie dürstig bin ich der Martern und Qualen,<br /></span> +<span class="i0">Denn ich weiß,<br /></span> <span class="i0">Der am Kreuze hinstirbt in irdischer Pein,<br /></span> -<span class="i0">Wird der selige Mittler und Fürbitter sein.<br /></span> +<span class="i0">Wird der selige Mittler und Fürbitter sein.<br /></span> <span class="i0">Seine Arme, die brechend am Kreuzholz hangen,<br /></span> <span class="i0">Werden liebend die Seele der Welt einst umfangen,<br /></span> -<span class="i0">Seine Lippen, die schmachtend verlöschen und brechen,<br /></span> -<span class="i0">Das erlösende Wort des Friedens aussprechen,<br /></span> +<span class="i0">Seine Lippen, die schmachtend verlöschen und brechen,<br /></span> +<span class="i0">Das erlösende Wort des Friedens aussprechen,<br /></span> <span class="i0">Seine Seufzer werden zu Wohllaut werden,<br /></span> <span class="i0">Seine Qual die ewige Liebe auf Erden.<br /></span> <span class="i0">Oh, sein Tod ist Leben, sein Leiden Vergeben,<br /></span><span class="pagenum">162</span> <span class="i0">Nur sein Fleisch kann sinken, sein Leib kann zerfallen,<br /></span> -<span class="i0">Doch seine Seele wird flügelnd mit allen<br /></span> -<span class="i0">Sünden der Menschen zu Gott aufschweben<br /></span> +<span class="i0">Doch seine Seele wird flügelnd mit allen<br /></span> +<span class="i0">Sünden der Menschen zu Gott aufschweben<br /></span> <span class="i0">Und dort der Bitter und Bote sein!<br /></span> -<span class="i0">Oh, daß ich es wäre, oh, daß ich es würde,<br /></span> +<span class="i0">Oh, daß ich es wäre, oh, daß ich es würde,<br /></span> <span class="i0">Meine Seele verzehrt und verlodert sich!<br /></span> -<span class="i0">Auflegt mir das Kreuz! Aufhäuft mir die Bürde!<br /></span> +<span class="i0">Auflegt mir das Kreuz! Aufhäuft mir die Bürde!<br /></span> <span class="i0">Kreuziget mich! Oh, kreuziget mich!</span></div></div> -<p class="direction">(DIE MENGE hat ihn unter wilden Rufen gefaßt und schleift ihn mit sich. +<p class="direction">(DIE MENGE hat ihn unter wilden Rufen gefaßt und schleift ihn mit sich. Sie schlagen auf ihn ein.)</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Kreuziget ihn ... Ans Kreuz ... Er hat sie gerufen ... er ist der Feind ... Kreuziget ihn!... steiniget ihn ...</p> -<p class="direction">(Flüchtige kommen in diesem Augenblick von rückwärts gestürmt in wahnsinniger -Verwirrung. Sie schleudern die Waffen im Lauf weg und gebärden +<p class="direction">(Flüchtige kommen in diesem Augenblick von rückwärts gestürmt in wahnsinniger +Verwirrung. Sie schleudern die Waffen im Lauf weg und gebärden sich wie Tolle.)</p> <p><span class="character">WILDE STIMMEN</span>:</p><p>Die Mauer ist gefallen ... Die Feinde sind -in der Stadt ... Die Chaldäer über uns ... Verloren ... Israel ist +in der Stadt ... Die Chaldäer über uns ... Verloren ... Israel ist verloren ...</p> -<p><span class="character">NEUE FLÜCHTIGE</span>:</p><p>Abimelech ist tot ... Alles ist verloren ... -Jerusalem ist gefallen ... Rettet euch ... Die Chaldäer ...</p> +<p><span class="character">NEUE FLÜCHTIGE</span>:</p><p>Abimelech ist tot ... Alles ist verloren ... +Jerusalem ist gefallen ... Rettet euch ... Die Chaldäer ...</p> -<p><span class="character">NEUE FLÜCHTIGE</span> <span class="direction">(in vollem Lauf)</span>:</p><p>Sie sind hinter uns ... +<p><span class="character">NEUE FLÜCHTIGE</span> <span class="direction">(in vollem Lauf)</span>:</p><p>Sie sind hinter uns ... Zum Tempel ... Alles ist verloren ... Wehe ... Israel ... Israel ... Wehe! Israels Ende ... verloren Jerusalem!</p> <p class="direction">(DIE MENGE stiebt in furchtbarem Entsetzensschrei auseinander. Sie lassen -Jeremias und stürzen kreischend in alle Richtungen. Die ganze Stadt dröhnt -von Geschrei und Getöse wirrer Verzweiflung und Flucht.)</p> +Jeremias und stürzen kreischend in alle Richtungen. Die ganze Stadt dröhnt +von Geschrei und Getöse wirrer Verzweiflung und Flucht.)</p> <hr class="l65" /> <h2><small>DAS ACHTE BILD</small><br /> <a name="DIE_UMKEHR" id="DIE_UMKEHR"></a>DIE UMKEHR</h2> -<div class="blockquot"><p>„Oh, daß Hiob versuchet würde bis ans +<div class="blockquot"><p>„Oh, daß Hiob versuchet würde bis ans Ende.“</p></div> <p class="citation"> Hiob <small>XXXIV</small>, 36.</p> <hr class="l65" /> -<p class="direction"><span class="dropcap">E</span>in weitläufiges kellerartiges Gewölbe, dessen Läden verschlossen und<span class="pagenum">164</span> -dessen Türen verrammelt sind. Feuchtes Grau füllt die Tiefe des unterirdischen -Raumes. Wie Gewürm, dunkel und verstrickt, kauern und liegen -Flüchtlinge auf den Steinen, einige haben sich um einen Greis zusammengetan, -der aus der Schrift mit zerbrochener Stimme halblaut liest; rückwärts -liegt, von einer Frau behütet, ein Verwundeter.</p> +<p class="direction"><span class="dropcap">E</span>in weitläufiges kellerartiges Gewölbe, dessen Läden verschlossen und<span class="pagenum">164</span> +dessen Türen verrammelt sind. Feuchtes Grau füllt die Tiefe des unterirdischen +Raumes. Wie Gewürm, dunkel und verstrickt, kauern und liegen +Flüchtlinge auf den Steinen, einige haben sich um einen Greis zusammengetan, +der aus der Schrift mit zerbrochener Stimme halblaut liest; rückwärts +liegt, von einer Frau behütet, ein Verwundeter.</p> <p class="direction">Abgesondert von ihnen, auf einem Stein und selbst reglos wie er in Fels -erstarrt, sitzt gebückt JEREMIAS, das Antlitz in den Händen vergraben. Er +erstarrt, sitzt gebückt JEREMIAS, das Antlitz in den Händen vergraben. Er ist ganz teilnahmslos. Sein Schweigen liegt wie ein Block in dem wogenden Murmeln und Widerstreiten der andern.</p> <p class="direction">Es ist der Tag nach Jerusalems Fall, die Stunde nach Sonnenuntergang.</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(liest vor aus der Schrift, den Leib rhythmisch wiegend +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(liest vor aus der Schrift, den Leib rhythmisch wiegend zu den Worten, die er leise und monoton spricht, nur manche Rufe der Verzweiflung und der Begeisterung ruft er vor, und die andern sprechen sie im murmelnden Chore mit)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Höre, oh höre, du Hirte Israels,<br /></span> -<span class="i0">Der du Josefs hütest wie der Schafe,<br /></span> -<span class="i0">Erscheine, der du sitzest über Cherubim,<br /></span> +<span class="i0">Höre, oh höre, du Hirte Israels,<br /></span> +<span class="i0">Der du Josefs hütest wie der Schafe,<br /></span> +<span class="i0">Erscheine, der du sitzest über Cherubim,<br /></span> <span class="i0">Erscheine, erwecke deine Gewalt!</span></div></div> <p><span class="character">DIE ANDERN UM IHN</span> <span class="direction">(mitmurmelnd)</span>:</p><p>Erscheine, erscheine, Erwecke deine Gewalt!</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Erscheine, du Hirte! Gott, tröste uns,<br /></span> -<span class="i0">Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!<br /></span> -<span class="i0">Wie lang willst du zürnen dem betenden Volke,<br /></span> -<span class="i0">Mit Tränen sie speisen, mit Tränen sie tränken?<br /></span> +<span class="i0">Erscheine, du Hirte! Gott, tröste uns,<br /></span> +<span class="i0">Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!<br /></span> +<span class="i0">Wie lang willst du zürnen dem betenden Volke,<br /></span> +<span class="i0">Mit Tränen sie speisen, mit Tränen sie tränken?<br /></span> <span class="i0">Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,<br /></span> -<span class="i0">Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!</span></div></div> +<span class="i0">Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!</span></div></div> -<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!</p> +<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Du hast aus Mizraim den Weinstock geholet<br /></span> <span class="i0">Und eingepflanzt in der Heiden Land,<br /></span> -<span class="i0">Du ließest die Wurzeln ihn mächtig ausgreifen,<br /></span> -<span class="i0">Gehügel und Berge deckte sein Schatten<br /></span> +<span class="i0">Du ließest die Wurzeln ihn mächtig ausgreifen,<br /></span> +<span class="i0">Gehügel und Berge deckte sein Schatten<br /></span> <span class="i0">Und sprossende Reben die Zedern des Tals,<br /></span> <span class="i0">Doch wehe,<br /></span> <span class="i0">Die Fremden haben die Reben zerrissen,<br /></span> <span class="i0">Die wilden Tiere sein Wachsen verderbet,<br /></span> -<span class="i0">Festiglich war er, und wüst ist er nun!</span></div></div> +<span class="i0">Festiglich war er, und wüst ist er nun!</span></div></div> <p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Herr, oh Herr, du Gott Zebaoth,<br /></span> -<span class="i0">Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!</span></div></div> +<span class="i0">Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!</span></div></div> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:<span class="pagenum">165</span></p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:<span class="pagenum">165</span></p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Nicht denke der Sünden, so wir begingen,<br /></span> +<span class="i0">Nicht denke der Sünden, so wir begingen,<br /></span> <span class="i0">Erbarme dich unser, eh wir vergehn,<br /></span> -<span class="i0">Denn dünn und schwank schon sind wir geworden,<br /></span> +<span class="i0">Denn dünn und schwank schon sind wir geworden,<br /></span> <span class="i0">Und der Sturm deines Ingrimms wirft uns zu Tod,<br /></span> -<span class="i0">Nicht denke der Sünden, so wir begingen,<br /></span> +<span class="i0">Nicht denke der Sünden, so wir begingen,<br /></span> <span class="i0">Gedenke des Bundes, gedenk deines Namens,<br /></span> -<span class="i0">Erscheine, du Hirte! Führ heim deine Herde!<br /></span> +<span class="i0">Erscheine, du Hirte! Führ heim deine Herde!<br /></span> <span class="i0">Erscheine! Erwecke deine Gewalt!</span></div></div> <p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Erscheine! Erwecke deine Gewalt!</p> -<p><span class="character">ANDERE</span> <span class="direction">(flehentlich)</span>:</p><p>Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir +<p><span class="character">ANDERE</span> <span class="direction">(flehentlich)</span>:</p><p>Laß leuchten dein Antlitz, auf daß wir genesen!</p> -<p><span class="character">DER VERWUNDETE</span> <span class="direction">(von rückwärts, der leise gestöhnt hat, jetzt laut +<p><span class="character">DER VERWUNDETE</span> <span class="direction">(von rückwärts, der leise gestöhnt hat, jetzt laut aufschreiend)</span>:</p><p>Ah! Ah! Ah!... Ich verbrenne ... Legt mir Wasser auf ... ich verbrenne ... ah ... ah ... ah ... Wasser!</p> <p><span class="character">DIE FRAU</span> <span class="direction">(neben ihm)</span>:</p><p>Schweige, Guter, schweige um Gottes -Gnade willen! Sie hören uns sonst.</p> +Gnade willen! Sie hören uns sonst.</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Schweige! Sei stille! Verschließ dich! Du -stürzt uns alle ins Verderben.</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Schweige! Sei stille! Verschließ dich! Du +stürzt uns alle ins Verderben.</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Sie töten uns, wenn sie uns entdecken!</p> +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Sie töten uns, wenn sie uns entdecken!</p> -<p><span class="character">DER VERWUNDETE</span>:</p><p>Sie sollen mich töten ... ah ... ah ... -ich ertrage es nicht ... es frißt mich das Feuer ... ah ... ah ... +<p><span class="character">DER VERWUNDETE</span>:</p><p>Sie sollen mich töten ... ah ... ah ... +ich ertrage es nicht ... es frißt mich das Feuer ... ah ... ah ... Wasser ... Wasser ... gebt mir Wasser ... ich verbrenne ... Hilfe ... Hilfe!...</p> -<p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Wir müssen ihn schweigen machen, er verrät uns.</p> +<p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Wir müssen ihn schweigen machen, er verrät uns.</p> <p><span class="character">DIE FRAU</span>:</p><p>Nein ... fort von ihm ... mein Bruder ist er ... von der Mauer habe ich ihn auf meinen Schultern getragen. <span class="direction">(Sie kniet bei ihm nieder.)</span> Lieber ... Lieber ... ich flehe dich an ... versuche zu schweigen ... ich hole dir Wasser ... da, mein -Tuch nimm und klemm es in die Zähne ... so ... so ...</p> +Tuch nimm und klemm es in die Zähne ... so ... so ...</p> <p class="direction">(DER VERWUNDETE hat das Tuch sich in den Mund geknebelt. Sein -Schreien geht in ein dumpfes Wimmern über.)</p> +Schreien geht in ein dumpfes Wimmern über.)</p> <p class="direction">(DIE ANDERN, die erregt aufgestanden waren, haben sich wieder niedergelassen.)</p> -<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Lies weiter, Pinehas! Es ist viel Tröstung im Wort.</p> +<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Lies weiter, Pinehas! Es ist viel Tröstung im Wort.</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Lies weiter! Von der Verheißung lies, von -der Verheißung!</p> +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Lies weiter! Von der Verheißung lies, von +der Verheißung!</p> <p><span class="character">ANDERE</span>:</p><p>Ja ... vom Gottesknecht ... vom Reis aus Isais<span class="pagenum">166</span> -Stamm ... die Verkündigung ... Oh, lies ... sänftige mein -Herz ... vom Erlöser lies ... unsere Herzen dürsten nach dem +Stamm ... die Verkündigung ... Oh, lies ... sänftige mein +Herz ... vom Erlöser lies ... unsere Herzen dürsten nach dem Tau des Worts ...</p> -<p class="direction">(DER ÄLTESTE hat die Schrift wieder aufgenommen und will zu lesen beginnen. -Es pocht von außen an eine Türe. Alle fahren zusammen.)</p> +<p class="direction">(DER ÄLTESTE hat die Schrift wieder aufgenommen und will zu lesen beginnen. +Es pocht von außen an eine Türe. Alle fahren zusammen.)</p> -<p><span class="character">EINE FRAU</span> <span class="direction">(ängstlich)</span>:</p><p>Es hat gepocht!</p> +<p><span class="character">EINE FRAU</span> <span class="direction">(ängstlich)</span>:</p><p>Es hat gepocht!</p> -<p><span class="character">EINE ANDERE</span> <span class="direction">(erregt)</span>:</p><p>Sie sind da! Sie haben uns ausgespürt!</p> +<p><span class="character">EINE ANDERE</span> <span class="direction">(erregt)</span>:</p><p>Sie sind da! Sie haben uns ausgespürt!</p> -<p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Es ist nicht vom Tore her! Einer der unsern muß +<p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Es ist nicht vom Tore her! Einer der unsern muß es sein. Nur sie kennen den Gang. Tut ihm auf!</p> -<p><span class="character">DIE FRAU</span>:</p><p>Nein! Nein! Es kann Verrat sein. Schächer sind -unter dem Volke. Laßt zu!</p> +<p><span class="character">DIE FRAU</span>:</p><p>Nein! Nein! Es kann Verrat sein. Schächer sind +unter dem Volke. Laßt zu!</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Stille! <span class="direction">(Er nähert sich vorsichtig der hinter Steinen -verborgenen Türe)</span>. Wer ist es?</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Stille! <span class="direction">(Er nähert sich vorsichtig der hinter Steinen +verborgenen Türe)</span>. Wer ist es?</p> -<p class="direction">(EINE STIMME von außen antwortet.)</p> +<p class="direction">(EINE STIMME von außen antwortet.)</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Zefanja ist es, der Sohn meines Schwähers, +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Zefanja ist es, der Sohn meines Schwähers, den wir auf Kundschaft gesandt. <span class="direction">(Er schiebt den Riegel auf, ein Mann -tritt ein, behelmt und wie ein Chaldäer gekleidet. Alle stürzen sich um ihn. -Nur Jeremias bleibt, wie der Stein, auf dem er mit gestütztem Arm starrt, +tritt ein, behelmt und wie ein Chaldäer gekleidet. Alle stürzen sich um ihn. +Nur Jeremias bleibt, wie der Stein, auf dem er mit gestütztem Arm starrt, reglos und unbeteiligt.)</span></p> <p><span class="character">ALLE</span> <span class="direction">(wild durcheinander)</span>:</p><p>Was ist geschehen ... Hast du Neter gesehen, meinen Sohn ... Tebia, mein Weib ... mein Haus, -haben sie es verbrannt ... Erzähle ... sprich ... Wo ist der -König ... Der Tempel ... Erzähle, Zefanja ... Mein Gatte, +haben sie es verbrannt ... Erzähle ... sprich ... Wo ist der +König ... Der Tempel ... Erzähle, Zefanja ... Mein Gatte, Ismael ... wo ist er ... Sprich ... Wo ist der Priester ... was -geschieht mit uns ... Erzähle ...</p> +geschieht mit uns ... Erzähle ...</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Stille! Ihm lasset die Rede, denn seine Augen +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Stille! Ihm lasset die Rede, denn seine Augen haben den Tag gesehen und die Stadt!</p> <p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Besser im Dunkel zu sitzen, anstatt solches zu schauen, besser als dieses noch, blind sich zu weinen, und am besten tief unten im Schwarzen zu schlafen zwischen den Wurzeln der -Bäume und den Eingeweiden der Erde. Ein Acker der Toten ist +Bäume und den Eingeweiden der Erde. Ein Acker der Toten ist Davids Stadt geworden, Schutt und Kehricht Salomos Burg.</p> <p><span class="character">ALLE</span>:</p><p>Wehe ... Jerusalem ... wehe ... wehe ...</p> -<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Wie Kot liegen unserer Brüder Leichen auf den +<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Wie Kot liegen unserer Brüder Leichen auf den Gassen, und selbst den Toten noch rauben sie das Kleid. Aus -den Gräbern haben sie das Gebein des Königs Judas gerissen +den Gräbern haben sie das Gebein des Königs Judas gerissen und geworfelt um den Purpur Salomos aus seinem Sarge. Sie<span class="pagenum">167</span> haben die Brote gegriffen vom heiligen Tisch und die Leuchter -geraubt von den Wänden.</p> +geraubt von den Wänden.</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(sein Kleid zerreißend)</span>:</p><p>Ich will nicht mehr leben! -Oh, könnt ich mein Innres zerreißen wie dies mein Gewand!</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(sein Kleid zerreißend)</span>:</p><p>Ich will nicht mehr leben! +Oh, könnt ich mein Innres zerreißen wie dies mein Gewand!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe ... wo ist Gottes Kraft ... der Bund ... die -Verheißung ... wo sind unsere Führer ... Nachum ... wo ist +Verheißung ... wo sind unsere Führer ... Nachum ... wo ist Jochan ... verloren, verloren ... Jerusalem ... mein Gatte ... wen sahest du ...</p> -<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Um viele fraget ihr, und eine Antwort habe ich für +<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Um viele fraget ihr, und eine Antwort habe ich für alle. Es sieht keiner Gottes Morgen mehr von den Edlen der Stadt.</p> -<p><span class="character">ALLE</span>:</p><p>Wehe ... Sie alle ... es ist nicht möglich ... Was ist mit +<p><span class="character">ALLE</span>:</p><p>Wehe ... Sie alle ... es ist nicht möglich ... Was ist mit Abodassar ... Jojakim, auch er ... Hedassar ... Imre ... mir sage, mir ... Nachum ...</p> @@ -7215,24 +7178,24 @@ mir ... Nachum ...</p> ihre Seelen bei Gott.</p> <p><span class="character">ALLE</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>Und sage, auch Nachum ... antworte ... -die Kinder des Königs ... Absalon, mein Schwäher ...</p> +die Kinder des Königs ... Absalon, mein Schwäher ...</p> <p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Es ist keiner am Leben. Wer nicht fiel an der Mauer, -den erwürgten Nabukadnezars Schlächter. Keiner lebet mehr, +den erwürgten Nabukadnezars Schlächter. Keiner lebet mehr, denn Zedekia.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Zedekia lebet ... Warum ihn geschont ... warum -gerade ihn ... Ein Verräter ist er ... Warum Gnade ihm, wenn +gerade ihn ... Ein Verräter ist er ... Warum Gnade ihm, wenn den andern Tod ... warum ihm Schonung?</p> -<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Ehrfurcht vor dem Könige! Ehrfurcht vor seinem +<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Ehrfurcht vor dem Könige! Ehrfurcht vor seinem Leide.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Was ist mit ihm ... ist er gefangen?...</p> -<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Zedekia brach durch mit sechzig der Tapfersten, daß +<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Zedekia brach durch mit sechzig der Tapfersten, daß sie sich sammelten im Gebirge und den Kampf erneuerten wider -Assur. Aber jene jagten ihnen mit Wagen nach und faßten ihn +Assur. Aber jene jagten ihnen mit Wagen nach und faßten ihn und schleppten ihn vor Nabukadnezar.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Und er ... was tat er?</p> @@ -7241,10 +7204,10 @@ und schleppten ihn vor Nabukadnezar.</p> dem Platze, da sie ihn in Ketten hielten. Und sie schlugen vor seinen Augen seine Kinder eines nach dem andern mit dem Schwert. Dann aber ... als seine Augen voll waren mit Grauen<span class="pagenum">168</span> -und Tränen ... dann ward der Gesalbte des Herrn, dann ward +und Tränen ... dann ward der Gesalbte des Herrn, dann ward Zedekia geblendet ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(plötzlich aus seiner ehernen Reglosigkeit auffahrend, in +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(plötzlich aus seiner ehernen Reglosigkeit auffahrend, in furchtbarstem Entsetzen)</span>:</p><p>Geblendet, sagst du ... geblendet ...</p> <p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Wer ist dieser?</p> @@ -7255,69 +7218,69 @@ Fluch ist auf ihm ... fort ... Sprich nicht zu ihm ...</p> <p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Wer ist, der da fragte? Ich kenne diese Stimme.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nicht frage ... Fluch über ihn ... er gehört nicht -zu uns ... ein Ausgestoßener ist es des Herrn...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nicht frage ... Fluch über ihn ... er gehört nicht +zu uns ... ein Ausgestoßener ist es des Herrn...</p> -<p><span class="character">EINE FRAU</span>:</p><p>Gottes Fluch ist er, über uns gesandt zu brennender -Qual, Gottes Geißel und Galle – Jeremias, Jeremias!</p> +<p><span class="character">EINE FRAU</span>:</p><p>Gottes Fluch ist er, über uns gesandt zu brennender +Qual, Gottes Geißel und Galle – Jeremias, Jeremias!</p> -<p><span class="character">ZEFANJA</span> <span class="direction">(mit einem gellen Aufschrei, beide Hände vor sich hinhaltend)</span>:</p><p> +<p><span class="character">ZEFANJA</span> <span class="direction">(mit einem gellen Aufschrei, beide Hände vor sich hinhaltend)</span>:</p><p> Jeremias!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Was schrickst du so vor mir? Was fürchtest du -dich? Ich bin nicht zu fürchten mehr. Wind ward mein Wort, +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Was schrickst du so vor mir? Was fürchtest du +dich? Ich bin nicht zu fürchten mehr. Wind ward mein Wort, und Kot ist meine Kraft. Spei mich an und geh deines Wegs!</p> <p><span class="character">ZEFANJA</span> <span class="direction">(schauernd)</span>:</p><p>Nicht fluche mir, du Furchtbarer, nicht fluche mir! Nein, nein, nein, ich tat dir nichts! Nicht fluche mir!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Und wenn ich dir fluchte, was schädigte es dich, -und wenn ich dich segnete, was förderte es dich? Was bin ich -denn? Ein Hauch ohne Wort, ein Fluch ohne Kraft, ein Verkünder +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Und wenn ich dir fluchte, was schädigte es dich, +und wenn ich dich segnete, was förderte es dich? Was bin ich +denn? Ein Hauch ohne Wort, ein Fluch ohne Kraft, ein Verkünder ohne Gott. Spei mich an, denn Aussatz war mein Wort und Lahmheit mein Wandel.</p> <p><span class="character">ZEFANJA</span> <span class="direction">(noch mehr schauernd)</span>:</p><p>Nicht fluche mir! Nicht fluche -mir! Nie war ich dir feind! Oh, schützet mich! Verbergt -mich vor ihm! Flehet ihn an, daß er mir nicht fluche! Ich kann +mir! Nie war ich dir feind! Oh, schützet mich! Verbergt +mich vor ihm! Flehet ihn an, daß er mir nicht fluche! Ich kann sein Auge nicht schauen, ohne zu zittern, ich kann seinen Namen -nicht hören, ohne zu schauern.</p> +nicht hören, ohne zu schauern.</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Ermanne dich! Was schauerst du vor ihm? +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Ermanne dich! Was schauerst du vor ihm? Wind sind seine Worte und die Schmach seine Heimstatt.</p> <p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Nein ... nein ... furchtbar ist er ... furchtbar ... -er hat es gewußt ... er hat es gewußt voraus ... er ... er -allein ... und er hat ihn gerufen ... der König ... er ... er ...</p> +er hat es gewußt ... er hat es gewußt voraus ... er ... er +allein ... und er hat ihn gerufen ... der König ... er ... er ...</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Wer hat ihn gerufen?<span class="pagenum">169</span></p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Wer hat ihn gerufen?<span class="pagenum">169</span></p> <p><span class="character">ZEFANJA</span> <span class="direction">(ganz entgeistert)</span>:</p><p>Er ... er hat ihn gerufen ... der -König. Gefaßt hatten sie ihn in seinen Ketten und wandten sein -Antlitz, daß er schaue, wie man seine Kinder schlüge ... er +König. Gefaßt hatten sie ihn in seinen Ketten und wandten sein +Antlitz, daß er schaue, wie man seine Kinder schlüge ... er wehrte sich ... aber sie zwangen ihn... Seine Lippen waren -zwischen den Zähnen, er wollte schweigen ... und er schwieg, -wie sie den ersten faßten seiner Söhne ... aber wie sie den zweiten -griffen, da bebten sie ... und da sie den dritten durchstießen, +zwischen den Zähnen, er wollte schweigen ... und er schwieg, +wie sie den ersten faßten seiner Söhne ... aber wie sie den zweiten +griffen, da bebten sie ... und da sie den dritten durchstießen, da sprangen sie auf, die Lippen, die verzerrten ... aber nicht um Gnade schrie er ... er schrie: „Jeremias!“ „Jeremias!“</p> -<p class="direction">(ALLE schauern zurück.)</p> +<p class="direction">(ALLE schauern zurück.)</p> <p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Seinen Namen schrie er in der Qual. Und da der -Brandstahl seine Augen zerstieß, da schrie er nochmals ... Jeremias -... Jeremias... Wo bist du, Verkünder ... wo bist du +Brandstahl seine Augen zerstieß, da schrie er nochmals ... Jeremias +... Jeremias... Wo bist du, Verkünder ... wo bist du ... mein Bruder Jeremias ... ihn ... ihn hat er gerufen ... -Er hat es gewußt ...</p> +Er hat es gewußt ...</p> -<p class="direction">(ALLE weichen vor Jeremias, wie vor einem gefährlichen Tier.)</p> +<p class="direction">(ALLE weichen vor Jeremias, wie vor einem gefährlichen Tier.)</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(in wirrer Qual mit sich ringend)</span>:</p><p>Es ist nicht wahr ... Ich habe es nicht gewollt ... nichts, habe ich gewollt von dem allen ... er darf mich nicht anklagen ... er darf nicht ... Das -Wort ist in mich gefahren, wie das Feuer vom Steine fährt ... +Wort ist in mich gefahren, wie das Feuer vom Steine fährt ... er darf mich nicht anklagen ... ich ... ich wollte zu ihm ... -nicht ich ... Gott hat mich zum Lügner gemacht ... ich habe +nicht ich ... Gott hat mich zum Lügner gemacht ... ich habe mich seiner erwehret ... es ist nicht wahr ... nicht ich habe es getan ...</p> @@ -7327,29 +7290,29 @@ getan ...</p> <p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Ein Rasender ist er.</p> -<p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Nein ... er hat es gesagt ... er hat alles gewußt ... +<p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Nein ... er hat es gesagt ... er hat alles gewußt ... ein Weiser ist er ... ein Profet ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Er darf nicht ... er darf nicht ... er darf mich nicht anklagen ... mein Wort ist mein Wille nicht ... Macht -ist über mir ... Er ... Er ... Der Furchtbare ... Der Mitleidslose +ist über mir ... Er ... Er ... Der Furchtbare ... Der Mitleidslose ... Sein Werkzeug bin ich nur ... sein Hauch ... -seiner Bosheit Knecht ... Er hat mich beredet, und ich ließ mich -bereden ... denn übermächtig war er, und sein Knecht bin +seiner Bosheit Knecht ... Er hat mich beredet, und ich ließ mich +bereden ... denn übermächtig war er, und sein Knecht bin ich geworden... Fluch hat er in meinen Atem getan ... Er ...<span class="pagenum">170</span> Er ... der Furchtbare ... die Galle in meine Rede ... und das -Bittere in meinen Speichel ... Oh, wehe über die Gottesfaust -... wen er faßt, der Furchtbare, den läßt er nicht wieder ... -oh, daß er mich freigäbe, den Verfluchten seines Worts ... ich ... +Bittere in meinen Speichel ... Oh, wehe über die Gottesfaust +... wen er faßt, der Furchtbare, den läßt er nicht wieder ... +oh, daß er mich freigäbe, den Verfluchten seines Worts ... ich ... ich ... ich will nicht mehr reden seine Rede ... schweigen will ich ... schweigen ... ich ... ich ... ich will nicht mehr, Gott ... ich will nicht mehr ... ich fluch deinem Fluche ... -laß deine Hand von mir, tu das Feuer von meinem Mund ... +laß deine Hand von mir, tu das Feuer von meinem Mund ... ich ... ich ... ich kann nicht mehr ... ich will nicht mehr ...</p> -<p><span class="character">DIE STIMMEN</span>:</p><p>Tobsucht hat ihn überkommen ... die Krämpfe -... die Krämpfe ... wie eine Gebärerin windet er sich ... -weichet von ihm ... hört ihn nicht an ... Gott hat ihn gestraft ...</p> +<p><span class="character">DIE STIMMEN</span>:</p><p>Tobsucht hat ihn überkommen ... die Krämpfe +... die Krämpfe ... wie eine Gebärerin windet er sich ... +weichet von ihm ... hört ihn nicht an ... Gott hat ihn gestraft ...</p> <p class="direction">(JEREMIAS bricht wie zerschmettert in sich zusammen.)</p> @@ -7357,12 +7320,12 @@ weichet von ihm ... hört ihn nicht an ... Gott hat ihn gestraft ...</p> ihn getroffen ... Wahnsinn hat ihn geschlagen ... weichet von ihm ... weichet von ihm ...</p> -<p class="direction">(ALLE haben sich zusammengeschart und drängen sich von Jeremias fort, -der auf der Erde liegt, wie ein gefällter Baum. Einige Augenblicke herrscht -bestürztes, ratloses Schweigen. Dann plötzlich von außen ein Hörnerschall -aus großer Ferne.)</p> +<p class="direction">(ALLE haben sich zusammengeschart und drängen sich von Jeremias fort, +der auf der Erde liegt, wie ein gefällter Baum. Einige Augenblicke herrscht +bestürztes, ratloses Schweigen. Dann plötzlich von außen ein Hörnerschall +aus großer Ferne.)</p> -<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Wehe, sie nahen schon, die Verkünder, die Herolde +<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Wehe, sie nahen schon, die Verkünder, die Herolde des Unheils!</p> <p><span class="character">ALLE</span> <span class="direction">(um ihn)</span>:</p><p>Was ist ... was ist geschehen ... was bedeutet @@ -7372,82 +7335,82 @@ Botschaft ...</p> <p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Botschaft Nabukadnezars an die Restlinge des Volkes.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe ... was haben sie vor ... sollen wir gehen, -sie zu hören ... dürfen wirs wagen ... sprich, Zefanja ...</p> +sie zu hören ... dürfen wirs wagen ... sprich, Zefanja ...</p> -<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Nicht eilet euch, böse Botschaft ist immer zu früh +<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Nicht eilet euch, böse Botschaft ist immer zu früh noch vernommen.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nein ... sprich ... erzähle ... sprich ... was -ist uns verhängt ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nein ... sprich ... erzähle ... sprich ... was +ist uns verhängt ...</p> -<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Es ist Nabukadnezars Wille, daß die Stadt nicht mehr +<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Es ist Nabukadnezars Wille, daß die Stadt nicht mehr lebe auf Erden.</p> <p class="direction">(STIMMEN in Schreckensschreien.)</p> <p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Zum Denkmal der Schrecknis hat der Verruchte<span class="pagenum">171</span> -Gottes Stadt bestimmt! Von der Erde reißt er uns weg, wandern -müssen wir, Brüder, wie einst in die Knechtschaft. Eine Nacht -nur wird uns Restlingen gegeben zur Rast, daß wir die Toten begraben, -dann muß ein jeder, Greis und Kind, fort von hier in -der Chaldäer Land. Fremden Acker sollen wir bauen, fremde +Gottes Stadt bestimmt! Von der Erde reißt er uns weg, wandern +müssen wir, Brüder, wie einst in die Knechtschaft. Eine Nacht +nur wird uns Restlingen gegeben zur Rast, daß wir die Toten begraben, +dann muß ein jeder, Greis und Kind, fort von hier in +der Chaldäer Land. Fremden Acker sollen wir bauen, fremde Reben aufpflanzen und fremd uns selber werden und unserm Gott. Zum letzten Male halten wir Jerusalems Erde an unserm -Fuß, zum letzten glänzt heimatlich Gestirn ob unsern Häupten. -Das ist jener Botschaft. Weh, wen es lüstet, sie zu vernehmen!</p> +Fuß, zum letzten glänzt heimatlich Gestirn ob unsern Häupten. +Das ist jener Botschaft. Weh, wen es lüstet, sie zu vernehmen!</p> -<p class="direction">(DER POSAUNENSCHALL tönt wieder von näher.)</p> +<p class="direction">(DER POSAUNENSCHALL tönt wieder von näher.)</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wir sollen hinaus ... fort von Zion ... fort von Jerusalem ...</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Ich gehe nicht ... ich bleibe ... ich bleibe ...</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Ich gehe nicht ... ich bleibe ... ich bleibe ...</p> -<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Wer sich weigert der Wandrung, den fällt das -Schwert. Jeder soll sich rüsten zur Reise und sich sammeln auf -dem Markte. Dreimal wird die Posaune tönen vor dem Morgenrot. -Wer dann noch betroffen wird in der Mauern Geviert, der verfällt +<p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Wer sich weigert der Wandrung, den fällt das +Schwert. Jeder soll sich rüsten zur Reise und sich sammeln auf +dem Markte. Dreimal wird die Posaune tönen vor dem Morgenrot. +Wer dann noch betroffen wird in der Mauern Geviert, der verfällt ihrem Schwert.</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Möge es mich fällen, ich bleibe, ich bleibe! +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Möge es mich fällen, ich bleibe, ich bleibe! Ich will nicht leben ohne Jerusalem. Im Sarge lieber, denn in fremdem Geviert!</p> <p><span class="character">EIN WEIB</span>:</p><p>Mein Bruder ist gefallen, meines Bruders Sohn und -mein Gemahl. Gräber sind mein Erbe, ich will es behüten.</p> +mein Gemahl. Gräber sind mein Erbe, ich will es behüten.</p> <p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Ich bleibe! Ich bleibe! Hier ist meine Wurzel -und meine Kraft. Lahm würde mein Arm, sollte ich den Pflug -stoßen in fremde Erde, und blind meine Lider in fremder Welt.</p> +und meine Kraft. Lahm würde mein Arm, sollte ich den Pflug +stoßen in fremde Erde, und blind meine Lider in fremder Welt.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(begeistert)</span>:</p><p>Wir bleiben ... wir wollen sterben ... lieber den Tod, als das Diensthaus ... nicht in die Verbannung ... -sterben für Gott ... sterben ... lieber sterben ...</p> +sterben für Gott ... sterben ... lieber sterben ...</p> -<p><span class="character">DER KRANKE</span> <span class="direction">(von seinem Lager rückwärts sich fiebernd aufrichtend)</span>:</p><p> +<p><span class="character">DER KRANKE</span> <span class="direction">(von seinem Lager rückwärts sich fiebernd aufrichtend)</span>:</p><p> Nein ... nein ... ich will nicht sterben ... nicht sterben ... leben will ich, leben ... ich will fort ... fort ... nur nicht -sterben ... wer wird mich tragen ... verlaßt mich nicht ... +sterben ... wer wird mich tragen ... verlaßt mich nicht ... nicht ... nicht sterben ... leben, leben, leben!...</p> -<p><span class="character">DIE FRAU</span> <span class="direction">(zu ihm hinstürzend)</span>:</p><p>Beruhige dich ... ich trage dich.</p> +<p><span class="character">DIE FRAU</span> <span class="direction">(zu ihm hinstürzend)</span>:</p><p>Beruhige dich ... ich trage dich.</p> <p><span class="character">DER KRANKE</span> <span class="direction">(fiebernd)</span>:</p><p>Ja ... fort ... fort von den Wahnwitzigen<span class="pagenum">172</span> ... nur nicht sterben ... nur nicht sterben ...</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Er spricht wirr ... sein Leib ist verbrannt, -sein Arm zerschmettert ... er weiß nicht, was er redet ...</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Er spricht wirr ... sein Leib ist verbrannt, +sein Arm zerschmettert ... er weiß nicht, was er redet ...</p> -<p><span class="character">DER KRANKE</span> <span class="direction">(in fiebriger Wut)</span>:</p><p>Ich weiß ... ich weiß ... ich -habe den Tod gespürt ... nur nicht sterben ... Lieber verbrennen, -lieber leiden ... aber doch Leben noch fühlen, Leben +<p><span class="character">DER KRANKE</span> <span class="direction">(in fiebriger Wut)</span>:</p><p>Ich weiß ... ich weiß ... ich +habe den Tod gespürt ... nur nicht sterben ... Lieber verbrennen, +lieber leiden ... aber doch Leben noch fühlen, Leben ist Hoffnung, und Totsein ist nichts ... nur nicht sterben ... leben ... leben ...</p> <p><span class="character">EINE JUNGE FRAU</span>:</p><p>Ja, auch ich will leben ... ich habe -noch nichts geschaut, nichts gefühlt ... meine Glieder blühn -noch ... ich spüre mich ... ich will nicht ins Kalte ... ich -will nicht ... ich gehe mit dir ... überallhin ... überallhin ...</p> +noch nichts geschaut, nichts gefühlt ... meine Glieder blühn +noch ... ich spüre mich ... ich will nicht ins Kalte ... ich +will nicht ... ich gehe mit dir ... überallhin ... überallhin ...</p> <p><span class="character">EIN ANDERES WEIB</span>:</p><p>Metze du ... Buhlerin ... willst du Kebse werden der Fremden?</p> @@ -7461,163 +7424,163 @@ leben ...</p> Jerusalem ...</p> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>Lieber sterben ... lieber -sterben ... nur nicht zurück ins Diensthaus ... nicht Sklave +sterben ... nur nicht zurück ins Diensthaus ... nicht Sklave sein ... nicht sterben, nur nicht sterben ...</p> -<p class="direction">(DER POSAUNENRUF der Herolde tönt nun von ganz nahe.)</p> +<p class="direction">(DER POSAUNENRUF der Herolde tönt nun von ganz nahe.)</p> -<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Laßt sie rufen, ich höre sie nicht. Die Stimme des -Todes tönt in mir stark wie Gotteswort! Sterben wir, sterben +<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Laßt sie rufen, ich höre sie nicht. Die Stimme des +Todes tönt in mir stark wie Gotteswort! Sterben wir, sterben wir, lassen wir uns nicht locken! Sterben wir mit Jerusalem!</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Ich halte dich, Jerusalem, heilige Stadt, mit -meinen welken Händen klammre ich mich dir an, mein Leben -warst du, so sei auch mein Tod! Wie könnte ich atmen ohne +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Ich halte dich, Jerusalem, heilige Stadt, mit +meinen welken Händen klammre ich mich dir an, mein Leben +warst du, so sei auch mein Tod! Wie könnte ich atmen ohne dich, wie auftun das Auge des Morgens, ohne zu schauen Salomos Haus und Gottes irdische Rast? Lieber in deine Erde versargt -sein, als hingehen über andere Scholle, lieber ein Toter mit -meinen Vätern, denn ein Knecht unter Fremden. Jerusalem, +sein, als hingehen über andere Scholle, lieber ein Toter mit +meinen Vätern, denn ein Knecht unter Fremden. Jerusalem, Jerusalem, Jerusalem, nimm mich in deine Erde, mein Leben warst du, sei auch mein Tod!</p> <p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Ich scheide mich von dir. Ich will nicht sterben!<span class="pagenum">173</span> -Zu viel der Toten habe ich gesehn in den Straßen, ihre Augen -standen starr in den Himmel der Stadt, ihre Fäuste waren gekrampft +Zu viel der Toten habe ich gesehn in den Straßen, ihre Augen +standen starr in den Himmel der Stadt, ihre Fäuste waren gekrampft in Israels Erde, aber es war kein Friede in ihrem Gesicht. -Ich will leiden ohne Maß, aber ich will leben. Mögen sie mich -hämmern in die Bergwerke von Tyr, wo das Wasser tropft, daß -der Bart fault und die Augen blinden, mögen sie mich schmieden -mit krummem Rücken in den Ring ihrer Ruderschiffe, mögen -sie mich verschneiden ihren Göttern und verstümmeln, jedes +Ich will leiden ohne Maß, aber ich will leben. Mögen sie mich +hämmern in die Bergwerke von Tyr, wo das Wasser tropft, daß +der Bart fault und die Augen blinden, mögen sie mich schmieden +mit krummem Rücken in den Ring ihrer Ruderschiffe, mögen +sie mich verschneiden ihren Göttern und verstümmeln, jedes Glied in mir schreit noch um Leben zu Gott. Jeden Tag will ich segnen aus Ketten und Qual, oh, nur nicht tot sein, nicht tot sein!</p> <p><span class="character">DER KRANKE</span> <span class="direction">(sich aufrichtend)</span>:</p><p>Ja, nur leben, nur ein Sandkorn -Zeit noch zwischen den Fingern fühlen! Nur noch sehn -die kleinen Blüten der Mandeln, die sich weiß auftun über Nacht, +Zeit noch zwischen den Fingern fühlen! Nur noch sehn +die kleinen Blüten der Mandeln, die sich weiß auftun über Nacht, und den Mond, wie er schmilzt und sich rundet unter den Sternen. -Oh, nichts genießen mehr, verkrümmt sein und vertaubt, aber +Oh, nichts genießen mehr, verkrümmt sein und vertaubt, aber noch schauen die seligen Dinge der Welt und die Luft einziehen -im Munde. Nur sein eigen Herz spüren, wie es schlägt und die -Ader warm läuft an den Händen! Leben, oh, leben, nur leben!</p> +im Munde. Nur sein eigen Herz spüren, wie es schlägt und die +Ader warm läuft an den Händen! Leben, oh, leben, nur leben!</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Schmach über euch, Weichlinge! Wollt ihr -leben ohne Gott? Wollt ihr ihn rücklings lassen in Schutt und +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Schmach über euch, Weichlinge! Wollt ihr +leben ohne Gott? Wollt ihr ihn rücklings lassen in Schutt und Schande?</p> -<p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Er geht mit uns, wie er ging durch die Wüste.</p> +<p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Er geht mit uns, wie er ging durch die Wüste.</p> <p><span class="character">EINE FRAU</span>:</p><p>Wir wollen seiner gedenken im Gebet.</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Wo wollt ihr beten, wenn nicht an seinem -Altar? Abtrünnige seid ihr und Verräter. Wollt ihr knien vor +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Wo wollt ihr beten, wenn nicht an seinem +Altar? Abtrünnige seid ihr und Verräter. Wollt ihr knien vor Bel und opfern vor Astaroth? Lebe, wer leben will ohne ihn. Ich bleibe ihm getreu.</p> <p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Ein neues Haus wollen wir ihm bauen.</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Dieses hat er gewählt. Hier ist er allein.</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Dieses hat er gewählt. Hier ist er allein.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er wandert mit uns ... überall spricht er zu uns -... auch aus dem Golus wird er uns hören ... auch dort werden -wir gläubig sein ... unter allen Himmeln ist sein Wort, sein -Antlitz überschattet alle Wege ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er wandert mit uns ... überall spricht er zu uns +... auch aus dem Golus wird er uns hören ... auch dort werden +wir gläubig sein ... unter allen Himmeln ist sein Wort, sein +Antlitz überschattet alle Wege ...</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Nein, wer Jerusalem lässet, verläßt auch Gott. -Hier ist Jahwes Haus, hier ist er allein. Götzendienst ist jedes<span class="pagenum">174</span> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Nein, wer Jerusalem lässet, verläßt auch Gott. +Hier ist Jahwes Haus, hier ist er allein. Götzendienst ist jedes<span class="pagenum">174</span> Opfer als an seinem Altar.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(widerstreitend)</span>:</p><p>Nein ... überall ist er ... hier ist -er allein ... überall ... allerorts ist er ... er wird sich uns -weisen an jeder Stätte ... nur im Tempel ist sein Haus ... -überall ist er ... überall ... nur hier ist sein Antlitz ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(widerstreitend)</span>:</p><p>Nein ... überall ist er ... hier ist +er allein ... überall ... allerorts ist er ... er wird sich uns +weisen an jeder Stätte ... nur im Tempel ist sein Haus ... +überall ist er ... überall ... nur hier ist sein Antlitz ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(plötzlich sich aufraffend, mit furchtbarem Ausbruch)</span>:</p><p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(plötzlich sich aufraffend, mit furchtbarem Ausbruch)</span>:</p><p> Nirgends ist er! Nirgends! Wer hat ihn gesehn von den Lebendigen, -wer gehört seine Stimme? Nirgends ist er! Nirgends! Ins -Leere starren, die ihn suchen, und die ihn bezeugten, sind Lügner +wer gehört seine Stimme? Nirgends ist er! Nirgends! Ins +Leere starren, die ihn suchen, und die ihn bezeugten, sind Lügner geworden vor der Menschheit Gesicht. Nirgends ist Gott, in den Himmeln nicht und auf der Erde und in den Seelen der Menschen nicht! Nirgends, nirgends ist er!</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(ganz erstarrt mit offenem Munde. Endlich mit den -Händen aufzuckend zum Himmel fahrend)</span>:</p><p>Lästerung! Lästerung! Fahre +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(ganz erstarrt mit offenem Munde. Endlich mit den +Händen aufzuckend zum Himmel fahrend)</span>:</p><p>Lästerung! Lästerung! Fahre nieder auf ihn mit deinen Blitzen!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(immer heißer)</span>:</p><p>Wer hat ihn gelästert, wenn nicht er -selbst? Zerbrochen hat er seinen Bund, verleugnet seine Schwüre, +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(immer heißer)</span>:</p><p>Wer hat ihn gelästert, wenn nicht er +selbst? Zerbrochen hat er seinen Bund, verleugnet seine Schwüre, zerschmissen seine Mauern und verbrannt sein eigen Haus. Er -selbst verneinet sich, er selbst ist Gottes Lästerer, er, nur er!</p> +selbst verneinet sich, er selbst ist Gottes Lästerer, er, nur er!</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Hört nicht auf ihn! Hört nicht auf ihn! Ein -Abgefallener ist er, ein Ausgestoßener, hört nicht auf ihn, ihr -Diener des Allmächtigen!</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Hört nicht auf ihn! Hört nicht auf ihn! Ein +Abgefallener ist er, ein Ausgestoßener, hört nicht auf ihn, ihr +Diener des Allmächtigen!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(immer mehr sich entzündend)</span>:</p><p>Wer hat ihm gedient +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(immer mehr sich entzündend)</span>:</p><p>Wer hat ihm gedient wie ich in Israel, wer war sein Knecht so treuselig wie ich in Jerusalems Mauern? Ich habe mein Haus gelassen um seinetwillen im Hasse und meine Mutter im Tode, Freunde habe ich -geopfert seiner Liebe und der Frauen Süße seiner Eifersucht! +geopfert seiner Liebe und der Frauen Süße seiner Eifersucht! Seinem Willen habe ich mich aufgetan wie ein Weib dem Manne. -Das Wort zwischen meinen Zähnen war sein, und das Blut in +Das Wort zwischen meinen Zähnen war sein, und das Blut in meinem Leibe, jeder Gedanke war seines Willens Kind und die -Träume hinter meinem Schlaf. Ich habe meinen Rücken geboten, +Träume hinter meinem Schlaf. Ich habe meinen Rücken geboten, die mich schlugen, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Hohn und Speichel. Und ich habe gedient, ich habe gedient, -weil ich meinte, daß er wenden werde das Unheil durch mich; +weil ich meinte, daß er wenden werde das Unheil durch mich; ich habe geflucht, weil ich meinte, er werde es zum Segen kehren; -ich habe gekündet, weil ich <ins title="original: meinete">meinte</ins>, er werde mich zum Lügner<span class="pagenum"><a name="page_175" id="page_175"></a>175</span> +ich habe gekündet, weil ich <ins title="original: meinete">meinte</ins>, er werde mich zum Lügner<span class="pagenum"><a name="page_175" id="page_175"></a>175</span> machen und werde retten Jerusalem! Aber Wahrheit habe ich -gekündet, und nur er ward Lügner an seinem Wort. Wehe, -wehe, daß ich so treu gedient dem Treulosen! Da meine Brüder -lachten, hat er mich entsendet, daß ich speie auf ihre Freude, und -nun, da sie sich ängstigen und sich winden im Krampf ihres -Elends, will er, daß ich ihrer lache! Aber ich lache nicht, Gott! -Ich lache nicht an meiner Brüder Qual, ich lache nicht! Nicht +gekündet, und nur er ward Lügner an seinem Wort. Wehe, +wehe, daß ich so treu gedient dem Treulosen! Da meine Brüder +lachten, hat er mich entsendet, daß ich speie auf ihre Freude, und +nun, da sie sich ängstigen und sich winden im Krampf ihres +Elends, will er, daß ich ihrer lache! Aber ich lache nicht, Gott! +Ich lache nicht an meiner Brüder Qual, ich lache nicht! Nicht vermag ich mich zu freuen wie du an dem Jammer der Verschreckten, und der Erschlagenen Geruch duftet mir nicht! Deine -Härte ist mir zu hart und zu schwer deine Hand! Ich diene +Härte ist mir zu hart und zu schwer deine Hand! Ich diene nicht mehr deiner rasenden Rache, ich dien dir nicht mehr. Ich -zerreiße den Bund zwischen dir und mir. Ich zerreiße ihn! Ich -zerreiße ihn!</p> +zerreiße den Bund zwischen dir und mir. Ich zerreiße ihn! Ich +zerreiße ihn!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>Er ist rasend ... er lästert Gott ... -fort von ihm ... Gott wütet in ihm ... Irrwitz hat ihn befallen.</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>Er ist rasend ... er lästert Gott ... +fort von ihm ... Gott wütet in ihm ... Irrwitz hat ihn befallen.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(über sie hinweg, in wilder Ekstase ins Leere sprechend)</span>:</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(über sie hinweg, in wilder Ekstase ins Leere sprechend)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich!<br /></span> <span class="i0">Wie ich wider dich zeuge, zeug du wider mich!<br /></span> <span class="i0">Sag an,<br /></span> -<span class="i0">Ob je ich meinem Gelöbnis mich wehrte,<br /></span> -<span class="i0">Ob je ich gemüdet und aufbegehrte?<br /></span> +<span class="i0">Ob je ich meinem Gelöbnis mich wehrte,<br /></span> +<span class="i0">Ob je ich gemüdet und aufbegehrte?<br /></span> <span class="i0">So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich,<br /></span> <span class="i0">Raff dich auf vor diesen und sprich wider mich!<br /></span> <span class="i0">Du hast mich gesucht und hast mich gefunden,<br /></span> -<span class="i0">Mit Ahnung verschreckt und mit Träumen entzunden,<br /></span> +<span class="i0">Mit Ahnung verschreckt und mit Träumen entzunden,<br /></span> <span class="i0">Und da meine Seele in Flammen stand,<br /></span> <span class="i0">Als Feuerbrand wider mein Volk entsandt;<br /></span> <span class="i0">Was wars, als dein rasender Wille nur,<br /></span> -<span class="i0">Daß wie ein Feind ich wider sie fuhr?<br /></span> +<span class="i0">Daß wie ein Feind ich wider sie fuhr?<br /></span> <span class="i0">Ich war die Drossel, die sie umkrampfte,<br /></span> <span class="i0">Der Huf, der ihren Frieden zerstampfte,<br /></span> -<span class="i0">Ich war die Säge, die sie zerkreischte,<br /></span> +<span class="i0">Ich war die Säge, die sie zerkreischte,<br /></span> <span class="i0">Der Stachel, der sie lebendig entfleischte,<br /></span> <span class="i0">Ich war die Schrecknis, die sie erschreckte,<br /></span> -<span class="i0">Der Angsttraum, der sie allnächtens erweckte,<br /></span> -<span class="i0">Der Brand, der an ihren Knochen fraß,<br /></span><span class="pagenum">176</span> -<span class="i0">Der Dorn, der in ihrem Fleische saß,<br /></span> -<span class="i0">Ich war der Zänker, der sie schmähte und schmälte,<br /></span> -<span class="i0">Der Henker, der sie zerpfählte und quälte,<br /></span> +<span class="i0">Der Angsttraum, der sie allnächtens erweckte,<br /></span> +<span class="i0">Der Brand, der an ihren Knochen fraß,<br /></span><span class="pagenum">176</span> +<span class="i0">Der Dorn, der in ihrem Fleische saß,<br /></span> +<span class="i0">Ich war der Zänker, der sie schmähte und schmälte,<br /></span> +<span class="i0">Der Henker, der sie zerpfählte und quälte,<br /></span> <span class="i0">Und war noch der Hohn, der dann sie verlachte verlachte –<br /></span> <span class="i0">Oh, alles war ich, was dein Irrwitz mich machte,<br /></span> -<span class="i0">Denn fühllos wie Feuer und dumpf wie ein Tier,<br /></span> +<span class="i0">Denn fühllos wie Feuer und dumpf wie ein Tier,<br /></span> <span class="i0">So diente ich dir! So diente ich dir!<br /></span> -<span class="i0">Ich fühlte die Brüder, deren Seele mich suchte,<br /></span> -<span class="i0">Und doch! Ich verschloß mich und fluchte und fluchte,<br /></span> -<span class="i0">Und ob auch mein Herz sich bäumte und schrie,<br /></span> -<span class="i0">Ich zäumte es nieder und züchtigte sie.</span></div></div> +<span class="i0">Ich fühlte die Brüder, deren Seele mich suchte,<br /></span> +<span class="i0">Und doch! Ich verschloß mich und fluchte und fluchte,<br /></span> +<span class="i0">Und ob auch mein Herz sich bäumte und schrie,<br /></span> +<span class="i0">Ich zäumte es nieder und züchtigte sie.</span></div></div> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Im Fieber redet er ... zu wem spricht er ... er ist rasend ... sein Hirn verbrennt ... Irrwitz redet er ...</p> @@ -7625,136 +7588,136 @@ ist rasend ... sein Hirn verbrennt ... Irrwitz redet er ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Aber ich sage mich los!<br /></span> -<span class="i0">Ich tu nicht länger nach deinem Begehr,<br /></span> +<span class="i0">Ich tu nicht länger nach deinem Begehr,<br /></span> <span class="i0">Ich rechte nicht mehr und knechte nicht mehr!<br /></span> -<span class="i0">Mein Herz ist nicht länger dir Heimstatt und Haus,<br /></span> -<span class="i0">Ich stürz dich aus deinen Himmeln hinaus!<br /></span> -<span class="i0">Wie du dein Volk, so hab ich dich verstoßen,<br /></span> +<span class="i0">Mein Herz ist nicht länger dir Heimstatt und Haus,<br /></span> +<span class="i0">Ich stürz dich aus deinen Himmeln hinaus!<br /></span> +<span class="i0">Wie du dein Volk, so hab ich dich verstoßen,<br /></span> <span class="i0">Den harten Hasser, den Mitleidslosen,<br /></span> <span class="i0">Denn ein Gott, der Hohn anstatt Hilfe gibt,<br /></span> -<span class="i0">Ist nicht wert mehr, daß man ihn kündet und liebt!<br /></span> +<span class="i0">Ist nicht wert mehr, daß man ihn kündet und liebt!<br /></span> <span class="i0">Nur wer das Leiden wendet, ist Gott allein,<br /></span> <span class="i0">Nur wer Trost ausspendet, darf Allmacht sein!<br /></span> -<span class="i0">Oh, ich weiß es, ich weiß es, nur der ist Profet,<br /></span> -<span class="i0">Dessen Hand die ewige Liebe aussäet,<br /></span> -<span class="i0">Dessen Seele Flut ist von großem Erbarmen,<br /></span> +<span class="i0">Oh, ich weiß es, ich weiß es, nur der ist Profet,<br /></span> +<span class="i0">Dessen Hand die ewige Liebe aussäet,<br /></span> +<span class="i0">Dessen Seele Flut ist von großem Erbarmen,<br /></span> <span class="i0">Dessen Seele Glut ist von allem warmen<br /></span> -<span class="i0">Strömenden Blut, das unschuldig versprengt ist,<br /></span> +<span class="i0">Strömenden Blut, das unschuldig versprengt ist,<br /></span> <span class="i0">Und dessen Herz von unendlicher Liebe versengt ist!<br /></span> -<span class="i0">Oh, und ich fühl es, ich fühl es, ich kann einer sein,<br /></span> -<span class="i0">Denn die Stimmen, die ungehört auf zu dir schrein,<br /></span> +<span class="i0">Oh, und ich fühl es, ich fühl es, ich kann einer sein,<br /></span> +<span class="i0">Denn die Stimmen, die ungehört auf zu dir schrein,<br /></span> <span class="i0">Sie schlagen wie Flammen in mich hinein!<br /></span> -<span class="i0">Mich ruft die Stadt, die du zürnend verbrannt hast,<br /></span> +<span class="i0">Mich ruft die Stadt, die du zürnend verbrannt hast,<br /></span> <span class="i0">Mich ruft dein Volk, das du hassend verbannt hast,<br /></span> <span class="i0">Mich rufen die Witwen, die du gezeugt hast,<br /></span><span class="pagenum">177</span> -<span class="i0">Mich rufen die Mütter, die du gebeugt hast,<br /></span> -<span class="i0">Mich ruft der König, den du geblendet,<br /></span> -<span class="i0">Dein Altar, den du dir selber geschändet:<br /></span> -<span class="i0">Aus Grüften und Lüften sind klingende Boten<br /></span> -<span class="i0">Urmächtigen Leidens mir zugesendet,<br /></span> +<span class="i0">Mich rufen die Mütter, die du gebeugt hast,<br /></span> +<span class="i0">Mich ruft der König, den du geblendet,<br /></span> +<span class="i0">Dein Altar, den du dir selber geschändet:<br /></span> +<span class="i0">Aus Grüften und Lüften sind klingende Boten<br /></span> +<span class="i0">Urmächtigen Leidens mir zugesendet,<br /></span> <span class="i0">Die Lebenden rufen, mich rufen die Toten,<br /></span> -<span class="i0">Und mein Herz erhört sie – es hat sich gewendet:<br /></span> +<span class="i0">Und mein Herz erhört sie – es hat sich gewendet:<br /></span> <span class="i0">Gewendet von dir, der du hassend und hart bist<br /></span> -<span class="i0">Und zum Götzenstein deines Stolzes erstarrt bist,<br /></span> -<span class="i0">Zu ihnen, den Schwestern, zu ihnen, den Brüdern,<br /></span> +<span class="i0">Und zum Götzenstein deines Stolzes erstarrt bist,<br /></span> +<span class="i0">Zu ihnen, den Schwestern, zu ihnen, den Brüdern,<br /></span> <span class="i0">Die Leiden umkleiden, die Qualen erniedern!<br /></span> <span class="i0">Nur ihnen, nur ihnen<br /></span> -<span class="i0">Tut auf sich mein Herz, blühn auf meine Arme,<br /></span> +<span class="i0">Tut auf sich mein Herz, blühn auf meine Arme,<br /></span> <span class="i0">Und ich beug ihrem Leid mich, ihm beug ich die Knie –<br /></span> <span class="i0">Denn ich hasse dich, Gott, und ich liebe nur sie!</span></div></div> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Er hat Gott verflucht ... Schlagt ihn +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Er hat Gott verflucht ... Schlagt ihn nieder ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Er rast ... er ist toll ... Irrwitz ist seine Rede ... -Wachen Auges träumt er ... es ist Gefahr, ihn zu hören ... +Wachen Auges träumt er ... es ist Gefahr, ihn zu hören ... bringt ihn zum Schweigen ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(plötzlich in die Knie brechend, gegen die andern gewandt)</span>:</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(plötzlich in die Knie brechend, gegen die andern gewandt)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Oh, meine Brüder, verzeiht mir, verzeiht,<br /></span> +<span class="i0">Oh, meine Brüder, verzeiht mir, verzeiht,<br /></span> <span class="i0">Verzeiht meiner ruchlosen Eitelkeit!<br /></span> -<span class="i0">Er, er nur hat mich mit Träumen verblendet,<br /></span> +<span class="i0">Er, er nur hat mich mit Träumen verblendet,<br /></span> <span class="i0">Mit Worten gelockt und mit Zeichen versucht,<br /></span> -<span class="i0">Daß ich meinte im Trotz meiner Eigensucht,<br /></span> +<span class="i0">Daß ich meinte im Trotz meiner Eigensucht,<br /></span> <span class="i0">Ich sei als ein Mahner gen euch gesendet.<br /></span> -<span class="i0">Ich meinte, daß ich der Große bin,<br /></span> +<span class="i0">Ich meinte, daß ich der Große bin,<br /></span> <span class="i0">Wenn seinen Namen ich wider euch reckte<br /></span> -<span class="i0">Und die Zähne mit seinen Flüchen ausbleckte, –<br /></span> -<span class="i0">Doch ich reiße mich los und verstoße ihn!<br /></span> -<span class="i0">Und ob ich hoffärtig an euch getan,<br /></span> -<span class="i0">Ihr Brüder, hört mich erbarmungsvoll an!<br /></span> +<span class="i0">Und die Zähne mit seinen Flüchen ausbleckte, –<br /></span> +<span class="i0">Doch ich reiße mich los und verstoße ihn!<br /></span> +<span class="i0">Und ob ich hoffärtig an euch getan,<br /></span> +<span class="i0">Ihr Brüder, hört mich erbarmungsvoll an!<br /></span> <span class="i0">Weil ich euch fluchte, erbost euch nicht,<br /></span> -<span class="i0">Weil er mich versuchte, verstoßt mich nicht,<br /></span> -<span class="i0">Zu euren Füßen werf ich mich hin,<br /></span><span class="pagenum">178</span> -<span class="i0">Fühlt, fühlt es, daß ich voll Buße bin!</span></div></div> +<span class="i0">Weil er mich versuchte, verstoßt mich nicht,<br /></span> +<span class="i0">Zu euren Füßen werf ich mich hin,<br /></span><span class="pagenum">178</span> +<span class="i0">Fühlt, fühlt es, daß ich voll Buße bin!</span></div></div> -<p class="direction">(DIE MÄNNER UND FRAUEN weichen entsetzt zurück.)</p> +<p class="direction">(DIE MÄNNER UND FRAUEN weichen entsetzt zurück.)</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ihnen nachkriechend auf den Knien)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ihr Brüder, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht,<br /></span> -<span class="i0">Oh, wie fühl ichs jetzt, daß ihr mir Brüder seid<br /></span> -<span class="i0">Und ich der jüngste, geringste von allen!<br /></span> -<span class="i0">Oh, laßt mich, ihr Lieben, nun Liebe nur sprechen<br /></span> +<span class="i0">Ihr Brüder, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht,<br /></span> +<span class="i0">Oh, wie fühl ichs jetzt, daß ihr mir Brüder seid<br /></span> +<span class="i0">Und ich der jüngste, geringste von allen!<br /></span> +<span class="i0">Oh, laßt mich, ihr Lieben, nun Liebe nur sprechen<br /></span> <span class="i0">Und selig das Brot eures Leidens mitbrechen,<br /></span> -<span class="i0">Oh, laßt es, ihr Brüder, euch gütig gefallen,<br /></span> -<span class="i0">Daß ich euch liebe, daß ich euch gehöre,<br /></span> -<span class="i0">Nie soll mein Wort mehr, ich schwöre, ich schwöre,<br /></span> +<span class="i0">Oh, laßt es, ihr Brüder, euch gütig gefallen,<br /></span> +<span class="i0">Daß ich euch liebe, daß ich euch gehöre,<br /></span> +<span class="i0">Nie soll mein Wort mehr, ich schwöre, ich schwöre,<br /></span> <span class="i0">Sich frech und mahnend wider euch kehren.<br /></span> <span class="i0">Das Letzte, das Niederste will ich euch tun,<br /></span> -<span class="i0">Das ihr mir auflegt als Buße und Pein,<br /></span> -<span class="i0">Den Staub will ich küssen von euren Schuhn<br /></span> -<span class="i0">Und der klägliche Knecht eurer Knechte sein.<br /></span> -<span class="i0">Oh, ihr Brüder im Dunkel, ihr Brüder im Leid,<br /></span> -<span class="i0">Meine Reue fühlt, meine Demütigkeit,<br /></span> -<span class="i0">Und vergebt mir, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht!</span></div></div> - -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Tod über den, der ihn berührt! Gott hat ihn +<span class="i0">Das ihr mir auflegt als Buße und Pein,<br /></span> +<span class="i0">Den Staub will ich küssen von euren Schuhn<br /></span> +<span class="i0">Und der klägliche Knecht eurer Knechte sein.<br /></span> +<span class="i0">Oh, ihr Brüder im Dunkel, ihr Brüder im Leid,<br /></span> +<span class="i0">Meine Reue fühlt, meine Demütigkeit,<br /></span> +<span class="i0">Und vergebt mir, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht!</span></div></div> + +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Tod über den, der ihn berührt! Gott hat ihn gerichtet.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Gottverfluchter ... fort mit dir ... fort ... weg von uns ... weg aus unserer Mitte ... verpeste uns nicht ... Gottesleugner ... fort ... fort ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(zurückgestoßen, mit einem dumpfen Aufschrei)</span>:</p><p>Aussatz -über mich! Aussatz über mich und Tod! <span class="direction">(Er bricht in sich zusammen.)</span></p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(zurückgestoßen, mit einem dumpfen Aufschrei)</span>:</p><p>Aussatz +über mich! Aussatz über mich und Tod! <span class="direction">(Er bricht in sich zusammen.)</span></p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Man muß ihn hinausschaffen wie ein Aas ... er -verpestet mit seiner Nähe den Atem ... Wahnsinn ist über ihm -... hinaus mit ihm ... tötet ihn ... schlagt ihn nieder ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Man muß ihn hinausschaffen wie ein Aas ... er +verpestet mit seiner Nähe den Atem ... Wahnsinn ist über ihm +... hinaus mit ihm ... tötet ihn ... schlagt ihn nieder ...</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Rührt ihn nicht an! Gottes Hand ist über -ihm, und sie ist stärker, denn die unsere.</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Rührt ihn nicht an! Gottes Hand ist über +ihm, und sie ist stärker, denn die unsere.</p> -<p class="direction">(EIN POCHEN, heftig und herrisch, an der Türe.)</p> +<p class="direction">(EIN POCHEN, heftig und herrisch, an der Türe.)</p> -<p><span class="character">ALLE</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>Die Herolde ... die Chaldäer ... es pocht +<p><span class="character">ALLE</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>Die Herolde ... die Chaldäer ... es pocht wie die Hand eines Gebieters ... es ist keiner der unsern ...</p> <p class="direction">(DAS POCHEN, heftiger und eiliger.)</p> -<p><span class="character">ALLE</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>Wie er drängt ... er ist ungeduldig ...<span class="pagenum">179</span> -man darf ihn nicht erzürnen ... laßt verschlossen, Räuber sind -es, Chaldäer ... man muß auftun ... er erzürnt sonst.</p> +<p><span class="character">ALLE</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>Wie er drängt ... er ist ungeduldig ...<span class="pagenum">179</span> +man darf ihn nicht erzürnen ... laßt verschlossen, Räuber sind +es, Chaldäer ... man muß auftun ... er erzürnt sonst.</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Ich tue ihm auf. Sind wir denn des Todes +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Ich tue ihm auf. Sind wir denn des Todes nicht zu jeder Stunde?</p> -<p class="direction">(DER ÄLTESTE öffnet zaghaft einen Spalt der großen Türe. Sie wird -hastig aufgestoßen und herein stürzt)</p> +<p class="direction">(DER ÄLTESTE öffnet zaghaft einen Spalt der großen Türe. Sie wird +hastig aufgestoßen und herein stürzt)</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(verstörten Gesichts)</span>:</p><p>Brüder, ist Jeremias hier?</p> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(verstörten Gesichts)</span>:</p><p>Brüder, ist Jeremias hier?</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Nenn seinen Namen nicht, sprich ihn nicht aus!</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Nenn seinen Namen nicht, sprich ihn nicht aus!</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Ist er hier? Man hat mirs gesagt.</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Daß er doch anderwärts wäre, im Schlund der +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Daß er doch anderwärts wäre, im Schlund der Gehenna und zerrissenen Gebeins im Schlachthaus der Feinde! Hier liegt er, getroffen von Gottes Hand.</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(hinstürzend)</span>:</p><p>Jeremias! Jeremias!</p> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(hinstürzend)</span>:</p><p>Jeremias! Jeremias!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich aus seiner Hingesunkenheit langsam erhebend, ganz fremd ihn anstarrend)</span>:</p><p>Wer sucht mich noch, wer versucht mich @@ -7763,40 +7726,40 @@ noch?</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Meister, mein Meister, kennst du mein Antlitz nicht mehr, ward dir fremd meine Stimme?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich will nichts schauen mehr und nichts hören. -Weg du, der du noch Atem im Maule hast! Laß mich liegen +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich will nichts schauen mehr und nichts hören. +Weg du, der du noch Atem im Maule hast! Laß mich liegen und faulen!</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Jeremias, gütigster Meister du! Ich beschwöre dich, +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Jeremias, gütigster Meister du! Ich beschwöre dich, raffe dich auf, sie fahnden nach dir, sie sind nah, sie kommen!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wer sucht mich noch auf dieser Welt?</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Du bist verraten, man weiß deine Hausung. Nabukadnezar +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Du bist verraten, man weiß deine Hausung. Nabukadnezar sandte Schergen nach dir, sie suchen dich, und rasch nur flog ich voraus.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Mögen sie kommen. Selig die Schlächter, selig der +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Mögen sie kommen. Selig die Schlächter, selig der Tod!</p> <p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Jeremias, fasse deine Sinne. Der Letzte bist du von den Edlen der Stadt; alle sind sie gefallen und geschlachtet, nur -um dich fahnden sie noch, daß alles ausgerottet sei, was edel +um dich fahnden sie noch, daß alles ausgerottet sei, was edel war in Israel.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Mögen sie kommen! Selig die Schlächter, selig der +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Mögen sie kommen! Selig die Schlächter, selig der Tod!</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(in Verzweiflung ihn aufrüttelnd)</span>:</p><p>Jeremias! Jeremias!<span class="pagenum">180</span> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(in Verzweiflung ihn aufrüttelnd)</span>:</p><p>Jeremias! Jeremias!<span class="pagenum">180</span> Wach auf aus deinem Traum! Furchtbar ist Nabukadnezars Zorn -und entsetzlich seine grausame Lust. Noch den Tod schärft er +und entsetzlich seine grausame Lust. Noch den Tod schärft er durch Qualen, und seine Knechte wissen zu martern wie keiner.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Meinst du das, Knabe? Oh, du kennst Ihn nicht, -den Fürchterlichen, der Qualen hat und Martern, die kein Irdischer -weiß. Wes lebendige Seele in Gottes Marter gefallen, -der fürchtet nicht mehr des Leibes Pein und die Schrecknis der -Knechte. Mögen sie kommen, mögen sie kommen und sich versuchen +den Fürchterlichen, der Qualen hat und Martern, die kein Irdischer +weiß. Wes lebendige Seele in Gottes Marter gefallen, +der fürchtet nicht mehr des Leibes Pein und die Schrecknis der +Knechte. Mögen sie kommen, mögen sie kommen und sich versuchen an mir, dem Gott in die Eingeweide griff, und ich spotte ihrer. Denn ich habe die Gottesqual gekannt, und Seligkeit ist die Marter des Tods gegen die Marter des Lebens, eine Wollust @@ -7810,116 +7773,116 @@ ich lasse dein Leben nicht, ich lasse es nicht!</p> <p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(ihn umschlingend)</span>:</p><p>Nein, Meister, mein Blut eher, denn deines. Ich sterbe mit dir.</p> -<p class="direction">(HEFTIGE SCHLÄGE von ehernen Lanzen an der Tür.)</p> +<p class="direction">(HEFTIGE SCHLÄGE von ehernen Lanzen an der Tür.)</p> -<p><span class="character">ALLE</span> <span class="direction">(stürzen in die Winkel)</span>:</p><p>Wehe ... wehe ... die Chaldäer ... -unsere Stunde ist gekommen ... er hat das Unheil über uns gebracht +<p><span class="character">ALLE</span> <span class="direction">(stürzen in die Winkel)</span>:</p><p>Wehe ... wehe ... die Chaldäer ... +unsere Stunde ist gekommen ... er hat das Unheil über uns gebracht ... Wehe ... er ... er ... liefern wir ihn aus ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(entsetzt)</span>:</p><p>Es ist zu spät ... sie sind da ...</p> +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(entsetzt)</span>:</p><p>Es ist zu spät ... sie sind da ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Tu ihnen auf, Baruch!</p> -<p class="direction">(BARUCH zögert.)</p> +<p class="direction">(BARUCH zögert.)</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(aufstehend, stark, mit großer, klingender, fast jauchzender -Stimme)</span>:</p><p>Tu ihnen auf, daß ich aufrecht sie empfange, denn -dürstig ward meine Seele des Todes. Oh, erster Erfüller meines -Wortes, sei gegrüßet, gegrüßet das Ende! Tu auf, Baruch! Tu -ihm auf, dem Erlöser!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(aufstehend, stark, mit großer, klingender, fast jauchzender +Stimme)</span>:</p><p>Tu ihnen auf, daß ich aufrecht sie empfange, denn +dürstig ward meine Seele des Todes. Oh, erster Erfüller meines +Wortes, sei gegrüßet, gegrüßet das Ende! Tu auf, Baruch! Tu +ihm auf, dem Erlöser!</p> -<p class="direction">(BARUCH schreitet gegen die Tür, zögert wieder.)</p> +<p class="direction">(BARUCH schreitet gegen die Tür, zögert wieder.)</p> -<p class="direction">(NEUE HEFTIGE SCHLÄGE von außen.)</p> +<p class="direction">(NEUE HEFTIGE SCHLÄGE von außen.)</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(mächtig)</span>:</p><p>Tu auf, Baruch, wenn du mich liebst. Ich +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(mächtig)</span>:</p><p>Tu auf, Baruch, wenn du mich liebst. Ich befehle es dir. Tu ihm auf!</p> -<p class="direction">(BARUCH verhüllt sein Gesicht und schiebt den Riegel zur Seite.)</p> +<p class="direction">(BARUCH verhüllt sein Gesicht und schiebt den Riegel zur Seite.)</p> -<p class="direction">(DIE TÜRE wird mächtig mit ihren beiden Flügeln aufgestoßen, ein Schimmer -vom letzten abendlichen Licht glüht in das verdunkelte Gemach herein. -Die drei Abgesandten des Königs treten reich geschmückt herein, hinter<span class="pagenum">181</span> -ihnen steht feurige Helle des sinkenden Tages. Die Flüchtigen scheuen vor -ihnen in die dämmerigen Winkel zurück, nur Jeremias bleibt aufrecht ihnen -gegenüber.)</p> +<p class="direction">(DIE TÜRE wird mächtig mit ihren beiden Flügeln aufgestoßen, ein Schimmer +vom letzten abendlichen Licht glüht in das verdunkelte Gemach herein. +Die drei Abgesandten des Königs treten reich geschmückt herein, hinter<span class="pagenum">181</span> +ihnen steht feurige Helle des sinkenden Tages. Die Flüchtigen scheuen vor +ihnen in die dämmerigen Winkel zurück, nur Jeremias bleibt aufrecht ihnen +gegenüber.)</p> <p><span class="character">DER GESANDTE</span> <span class="direction">(den beiden andern voraustretend)</span>:</p><p>Ist unter euch der, den sie Jeremias nennen, den Sohn Hilkias von Anathoth?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich bin, den du suchst. Tu an mir nach deinem -Geheiß.</p> +Geheiß.</p> -<p class="direction">(DER GESANDTE wirft sich seiner ganzen Länge nach vor Jeremias nieder -und berührt dreimal mit seinem Haupte die Erde. Die beiden anderen tun +<p class="direction">(DER GESANDTE wirft sich seiner ganzen Länge nach vor Jeremias nieder +und berührt dreimal mit seinem Haupte die Erde. Die beiden anderen tun desgleichen.)</p> -<p class="direction">(JEREMIAS tritt erschreckt einen Schritt zurück.)</p> +<p class="direction">(JEREMIAS tritt erschreckt einen Schritt zurück.)</p> -<p><span class="character">DER GESANDTE</span> <span class="direction">(sich aufrichtend)</span>:</p><p>Gruß und Ehrfurcht dem -Deuter der Zeichen! Ehre und Ruhm dem Verkünder des Geschehens, -dem Erschauer des Verhüllten! <span class="direction">(Er neigt sich wieder dreimal +<p><span class="character">DER GESANDTE</span> <span class="direction">(sich aufrichtend)</span>:</p><p>Gruß und Ehrfurcht dem +Deuter der Zeichen! Ehre und Ruhm dem Verkünder des Geschehens, +dem Erschauer des Verhüllten! <span class="direction">(Er neigt sich wieder dreimal zur Erde, dann steht er auf, die beiden andern folgen seinem Gehaben.)</span></p> -<p class="direction">(JEREMIAS hat sich wieder gefaßt und sieht ihn finster an.)</p> +<p class="direction">(JEREMIAS hat sich wieder gefaßt und sieht ihn finster an.)</p> <p><span class="character">DER GESANDTE</span>:</p><p>Auftrag ist dir und Botschaft gesandt durch meinen knechtischen Mund von Nabukadnezar, meinem Herrn, -dem König der Könige, dem Umpflüger des Lands. Also ergeht -an dich das Wort des Gewaltigen. Gekündet ward Nabukadnezarn, -daß du der einzige warst deines Volkes, der Untergang kündete -den Empörern und Schande den Schwätzern. Wie Blei sind geschmolzen -die Worte der Priester, die wider seine Stärke sprachen, -aber das deine der Warnung ward bewähret wie Gold. Nabukadnezar +dem König der Könige, dem Umpflüger des Lands. Also ergeht +an dich das Wort des Gewaltigen. Gekündet ward Nabukadnezarn, +daß du der einzige warst deines Volkes, der Untergang kündete +den Empörern und Schande den Schwätzern. Wie Blei sind geschmolzen +die Worte der Priester, die wider seine Stärke sprachen, +aber das deine der Warnung ward bewähret wie Gold. Nabukadnezar hat deinen Ruhm vernommen, sein Ohr hat deinen -Namen getrunken, und nun dürstet sein Auge, dich zu schauen.</p> +Namen getrunken, und nun dürstet sein Auge, dich zu schauen.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Mögen die Feinde meine Weisheit rühmen, ich +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Mögen die Feinde meine Weisheit rühmen, ich fluche meinem Wort!</p> -<p><span class="character">DER GESANDTE</span>:</p><p>Also aber ergehet des Allkönigs Ruf an dich: +<p><span class="character">DER GESANDTE</span>:</p><p>Also aber ergehet des Allkönigs Ruf an dich: „Ich habe geblendet, die verblendet waren. Ich habe die Kinnbacken -gebrochen den Empörern und die Zunge ausgerissen +gebrochen den Empörern und die Zunge ausgerissen denen, die sprachen wider mich. Aber die meine Macht ehrten, -die will ich ehren, und Macht geben, die meine zu fürchten gewußt.“ -Ein Gewand sendet er dir, wie es die Fürsten Chaldäas +die will ich ehren, und Macht geben, die meine zu fürchten gewußt.“ +Ein Gewand sendet er dir, wie es die Fürsten Chaldäas tragen, und du sollst der Oberste seiner Diener sein an seinem Tisch.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich diene keinem mehr im Himmel und auf Erden,<span class="pagenum">182</span> -seit ich Gott gedient und müde ward an ihm. Ich weigere mich +seit ich Gott gedient und müde ward an ihm. Ich weigere mich dem Dienst.</p> <p><span class="character">DER GESANDTE</span>:</p><p>Falsch deutest du das Wort. Nicht zu geringem -Dienste bist du begehrt, sondern über alle gestellt, die -dem Könige dienen. Der Oberste sollst du seiner Magier werden, -Schicksal sollst du ihm deuten und die Sterne zählen, die seine -Jahre sind. Es soll keiner sein über dir, frei dein Ausgang und +Dienste bist du begehrt, sondern über alle gestellt, die +dem Könige dienen. Der Oberste sollst du seiner Magier werden, +Schicksal sollst du ihm deuten und die Sterne zählen, die seine +Jahre sind. Es soll keiner sein über dir, frei dein Ausgang und Eingang in seinem Palast.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich höre dein Wort, ich höre des Königs Wort aus -deinen Worten und wäge es flach in den Händen. Groß ist der -Ruf, den Nabukadnezar mir sendet, doch größer des Volkes Not, -dem ich zu eigen bin. Darum höre! Ich mag nicht eingehen in -den Palast, des Stufen die Töchter meines Herren scheuern als -Mägde. Ich mag nicht das Brot brechen bei Tische als jener Gesell, -deren Hände den Vorhang von Gottes Verborgenheit rissen +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich höre dein Wort, ich höre des Königs Wort aus +deinen Worten und wäge es flach in den Händen. Groß ist der +Ruf, den Nabukadnezar mir sendet, doch größer des Volkes Not, +dem ich zu eigen bin. Darum höre! Ich mag nicht eingehen in +den Palast, des Stufen die Töchter meines Herren scheuern als +Mägde. Ich mag nicht das Brot brechen bei Tische als jener Gesell, +deren Hände den Vorhang von Gottes Verborgenheit rissen zu Zion. Ich mag Gunst nicht von dem Grausamen und die Gnade nicht von dem Gnadelosen, ich mag sie nicht.</p> <p><span class="character">DER GESANDTE</span>:</p><p>Botschaft habe ich dir gebracht, du hast sie -vernommen, und eines Königs Botschaft will Gehorsam.</p> +vernommen, und eines Königs Botschaft will Gehorsam.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Klar ist deine Rede, klar sei auch die meine. Geh hin zu dem, von dem du gekommen, und sage ihm, wie ich dir sage: „Also spricht Jeremias zu Nabukadnezar. Meine Bitternis -hat keine Süße für dich und meine Lippen keine Verheißung für +hat keine Süße für dich und meine Lippen keine Verheißung für deinen Stolz. Und wenn du riefest mit aller Engel Stimme, mein -Herz wird dich nicht hören, und wägtest du alle Steine Jerusalems -mir mit Gold, so spricht dir nicht zur Süße mein Mund. +Herz wird dich nicht hören, und wägtest du alle Steine Jerusalems +mir mit Gold, so spricht dir nicht zur Süße mein Mund. Ob du mich gleich ehrest, ich ehre dich nicht, und ob du mich suchest, ich will dich nicht finden.“</p> -<p><span class="character">DER GESANDTE</span>:</p><p>Besinne dich, der Könige König ist es, der +<p><span class="character">DER GESANDTE</span>:</p><p>Besinne dich, der Könige König ist es, der dich vor sein Antlitz fordert!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich weigere mich ihm! Ich weigere mich!</p> @@ -7927,319 +7890,319 @@ dich vor sein Antlitz fordert!</p> <p><span class="character">DER GESANDTE</span>:</p><p>Noch nie ward Weigerung ihm geboten.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich biete sie ihm, ich, der Letzte Israels. Wer ist -er, daß ich ihn fürchten soll? Ein Strohhalm ist seine Macht und +er, daß ich ihn fürchten soll? Ein Strohhalm ist seine Macht und ein Windhauch sein Zorn.</p> -<p><span class="character">DER GESANDTE</span>:</p><p>Verwegener, wen lästerst du? Des Herren<span class="pagenum">183</span> -geheiligten Namen sprichst du liederlich aus. Hüte deine Zunge, -hüte dein Leben!</p> +<p><span class="character">DER GESANDTE</span>:</p><p>Verwegener, wen lästerst du? Des Herren<span class="pagenum">183</span> +geheiligten Namen sprichst du liederlich aus. Hüte deine Zunge, +hüte dein Leben!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(entbrennend)</span>:</p><p>Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(entbrennend)</span>:</p><p>Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? Viele waren, die einst solch Stirnband trugen von Gold und sich Pharao nannten, und ist doch keiner mehr, der ihnen nachfragte -und einen Stift faßt, ihr Gedächtnis zu schreiben in die Bücher -der Zeit. Mächtigere waren denn er, und die Geschlechter der -Erde vergaßen ihrer, ehe die Bäume morschten, die sie gepflanzt. -Wer ist Nabukadnezar unter den Sternen, daß ich ihn fürchten +und einen Stift faßt, ihr Gedächtnis zu schreiben in die Bücher +der Zeit. Mächtigere waren denn er, und die Geschlechter der +Erde vergaßen ihrer, ehe die Bäume morschten, die sie gepflanzt. +Wer ist Nabukadnezar unter den Sternen, daß ich ihn fürchten soll? Ist er ein Menschwurm nicht und wartet nicht Tod hinter -seinem Schlaf und Fäulnis in seinem Leibe? Ist er dem Wandel +seinem Schlaf und Fäulnis in seinem Leibe? Ist er dem Wandel enteilt schon und dem Umschwung der Stunde? Meinst du, er -halte schon, was er habe, und mag sich des Ausgangs berühmen +halte schon, was er habe, und mag sich des Ausgangs berühmen inmitten des Wegs?</p> -<p><span class="character">DER GESANDTE</span>:</p><p>Ewig währet Nabukadnezars Macht, ewig -hält er den Sieg.</p> +<p><span class="character">DER GESANDTE</span>:</p><p>Ewig währet Nabukadnezars Macht, ewig +hält er den Sieg.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Hast du es gelesen im Buche des Schicksals, haben -die Magier ihm die Siegel gelöst vom Zukünftigen und die Sterngucker -es bedeutet? Weiß er seinen Ausgang schon, daß ihr ein -Prahlen um ihn anhebt, und kennet er sein Los, daß er sich erfrechet? -Ich aber, Jeremias, sage dir: gebrochen ist der Stab über +die Magier ihm die Siegel gelöst vom Zukünftigen und die Sterngucker +es bedeutet? Weiß er seinen Ausgang schon, daß ihr ein +Prahlen um ihn anhebt, und kennet er sein Los, daß er sich erfrechet? +Ich aber, Jeremias, sage dir: gebrochen ist der Stab über Nabukadnezar und zerrissen das Kleid seiner Macht. Tief hat er Israel geknechtet, aber siebenmal tiefer wird er geknechtet werden. Schon keimet sein Sturz, und seine Stunde, sie ist nah, -sie ist da, schon erstanden ist der Rächer für Israel, erstanden -der Rächer für Jerusalem!</p> +sie ist da, schon erstanden ist der Rächer für Israel, erstanden +der Rächer für Jerusalem!</p> -<p class="direction">(DER GESANDTE schrickt zurück.)</p> +<p class="direction">(DER GESANDTE schrickt zurück.)</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(aus dem Dunkel ist plötzlich aufgestanden und schreit -begeistert)</span>:</p><p>Erfülle, erfülle sein Wort! Erhöre es, Gott, erhöre es!</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(aus dem Dunkel ist plötzlich aufgestanden und schreit +begeistert)</span>:</p><p>Erfülle, erfülle sein Wort! Erhöre es, Gott, erhöre es!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ganz in Glut)</span>:</p><p>Geh hin zum Könige, geh hin! Hat -er doch gesendet um Botschaft und gefordert das Verhüllte, geh -hin, geh hin, sage ihm Verkündigung, daß die Ohren ihm gellen, +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ganz in Glut)</span>:</p><p>Geh hin zum Könige, geh hin! Hat +er doch gesendet um Botschaft und gefordert das Verhüllte, geh +hin, geh hin, sage ihm Verkündigung, daß die Ohren ihm gellen, geh hin, du Gesandter, geh hin und sage, wie ich es ihm sage: -„Weh dem Verstörer, denn er wird verstöret werden, und weh -dem Räuber, denn er wird beraubet werden! Der Blut getrunken -in Scheffeln, wird darin ersaufen; und der sich gemästet vom<span class="pagenum">184</span> -Fleische der Völker, bald wird er Fraß sein der Würmer! Horch! +„Weh dem Verstörer, denn er wird verstöret werden, und weh +dem Räuber, denn er wird beraubet werden! Der Blut getrunken +in Scheffeln, wird darin ersaufen; und der sich gemästet vom<span class="pagenum">184</span> +Fleische der Völker, bald wird er Fraß sein der Würmer! Horch! Ein scharfer Wind wacht auf wider Babel und ein Sturmwind -gen Ninive! Gezählt sind die Tage Assurs und gezückt das +gen Ninive! Gezählt sind die Tage Assurs und gezückt das Schwert – Schwert wider Babel, Schwert wider dich, Schwert -über deine Männer, Schwert über Volk und Gefild! Gezückt, -gezückt ist das Schwert, Blut will es trinken, es ist gezückt, es -ist gezückt! Wisse es, du Neugieriger, erfahr es, du Vorwitziger, +über deine Männer, Schwert über Volk und Gefild! Gezückt, +gezückt ist das Schwert, Blut will es trinken, es ist gezückt, es +ist gezückt! Wisse es, du Neugieriger, erfahr es, du Vorwitziger, reif ist dein Assur zur Grube, voll sind die Kelter deiner Missetaten und die Kufen deines Frevels, Nabukadnezar.“</p> -<p class="direction">(DIE GESANDTEN haben sich scheu vor dem Ausbruch geflüchtet und -halten die Hände abwehrend vor sich.)</p> +<p class="direction">(DIE GESANDTEN haben sich scheu vor dem Ausbruch geflüchtet und +halten die Hände abwehrend vor sich.)</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(in Ekstase)</span>:</p><p>Erhöre ihn, Herr! Erhöre ihn! +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(in Ekstase)</span>:</p><p>Erhöre ihn, Herr! Erhöre ihn! Mache wahr seine Rede, mache wahr seine Zunge! Sei du, der es sendet, sein Wort!</p> -<p><span class="character">EINIGE DER FRAUEN UND MÄNNER</span> <span class="direction">(haben sich aus dem -Dunkel gewagt und um ihn gesammelt. Flehentlich)</span>:</p><p>Erhöre ihn, erhöre -ihn, Gott Zebaoth! Erhöre ihn!</p> +<p><span class="character">EINIGE DER FRAUEN UND MÄNNER</span> <span class="direction">(haben sich aus dem +Dunkel gewagt und um ihn gesammelt. Flehentlich)</span>:</p><p>Erhöre ihn, erhöre +ihn, Gott Zebaoth! Erhöre ihn!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Schon ist er wach, der Rächer, er ist wach, denn -der Herr des Tempels hat ihn erweckt und mit Stärke geschienet! -Und er kommt, er naht, er ist da, gewaltig sind seine Fäuste, sie -werden Babel zerdrücken wie ein Vogelnest und sein Volk jagen -wie Spreu! Setze nur Wächter auf die Türme, daß sie warnen, -rüste geharnischte Männer, daß sie ihm wehren, schärfe die Speere; +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Schon ist er wach, der Rächer, er ist wach, denn +der Herr des Tempels hat ihn erweckt und mit Stärke geschienet! +Und er kommt, er naht, er ist da, gewaltig sind seine Fäuste, sie +werden Babel zerdrücken wie ein Vogelnest und sein Volk jagen +wie Spreu! Setze nur Wächter auf die Türme, daß sie warnen, +rüste geharnischte Männer, daß sie ihm wehren, schärfe die Speere; doch so wenig du die Wolke kannst scheuchen am Himmel mit deinem Hauche, kannst du scheuchen seinen Sturm, denn als -ein Rächer kommt er gefahren, und ein Segen ist auf seinem +ein Rächer kommt er gefahren, und ein Segen ist auf seinem trunkenen Schwert.</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(ekstatisch)</span>:</p><p>So lasse es geschehen, Gott! Lasse +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(ekstatisch)</span>:</p><p>So lasse es geschehen, Gott! Lasse es geschehen!</p> <p><span class="character">DIE ANDERN</span> <span class="direction">(um ihn haben sich gesammelt, auch sie ergreift die Begeisterung)</span>:</p><p> -Stürze nieder auf sie, wie er gesprochen ... erfülle, -erfülle sein Wort ... oh, Verheißung ... sende den Rächer ... -sende den Rächer ... fälle Babel, wie er gekündet ... erhöre ihn, -Gott ... erhöre ihn ...</p> +Stürze nieder auf sie, wie er gesprochen ... erfülle, +erfülle sein Wort ... oh, Verheißung ... sende den Rächer ... +sende den Rächer ... fälle Babel, wie er gekündet ... erhöre ihn, +Gott ... erhöre ihn ...</p> -<p class="direction">(DIE GESANDTEN weichen verstört zum Ausgange.)</p> +<p class="direction">(DIE GESANDTEN weichen verstört zum Ausgange.)</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(in einem wilden Gemenge von Jubel und Ekstase)</span>:</p><p>Oh, du<span class="pagenum"><a name="page_185" id="page_185"></a>185</span> Irrwitziger der Irrwitzigen, hast du wahrhaft gemeint, uns zu -knechten, hast du gemeint, Gott vergäße unser, Gott vergäße +knechten, hast du gemeint, Gott vergäße unser, Gott vergäße Jerusalem? Sind wir denn sein Kind nicht und seines Namens -Vermächtnis, seine Erstgeburt und Erbe, ist sein Geist nicht auf -uns und sein Segen auf Abrahams Scheitel? Er hat uns gezüchtigt -in unsern Sünden, doch er wird unser sich erbarmen, er hat -zerstört, doch er wird wieder aufbauen, er hat uns zerstreut, doch -seine Liebe wird uns wieder sammeln, und wären wir zerstreut +Vermächtnis, seine Erstgeburt und Erbe, ist sein Geist nicht auf +uns und sein Segen auf Abrahams Scheitel? Er hat uns gezüchtigt +in unsern Sünden, doch er wird unser sich erbarmen, er hat +zerstört, doch er wird wieder aufbauen, er hat uns zerstreut, doch +seine Liebe wird uns wieder sammeln, und wären wir zerstreut bis an die Enden der Erde. Was seine Linke genommen, wird -die Rechte uns heimgeben tausendfach, denn, ihr Brüder, ihr -Brüder, eher mögen Berge stürzen und aufwärts fließen die -Flüsse und verdunkeln des Himmels Gezelt, als daß Gott vergäße -seines Bundes, daß er vergäße Israel, daß er versäumte +die Rechte uns heimgeben tausendfach, denn, ihr Brüder, ihr +Brüder, eher mögen Berge stürzen und aufwärts fließen die +Flüsse und verdunkeln des Himmels Gezelt, als daß Gott vergäße +seines Bundes, daß er vergäße Israel, daß er versäumte Jerusalem!</p> -<p class="direction">(DIE GESANDTEN sind mit ratlosen Gebärden entschwunden.)</p> +<p class="direction">(DIE GESANDTEN sind mit ratlosen Gebärden entschwunden.)</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE UND DIE ANDERN</span> <span class="direction">(umdrängen Jeremias von +<p><span class="character">DER ÄLTESTE UND DIE ANDERN</span> <span class="direction">(umdrängen Jeremias von nah und begleiten seine Rede mit hymnischem Zuruf)</span>:</p><p>Segen auf dein -Wort ... Segen über dein Haupt ... Gott vergißt nicht Jerusalem -... Oh, Verkündigung, selige Botschaft ... Segen auf -dein Wort ... Segen über dich!</p> +Wort ... Segen über dein Haupt ... Gott vergißt nicht Jerusalem +... Oh, Verkündigung, selige Botschaft ... Segen auf +dein Wort ... Segen über dich!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(immer jauchzender, ohne ihrer zu achten)</span>:</p><p>Oh, wie -dunkel doch waren die Tage der Erde, da dräuend die Brauen -Gottes sich ballten und sein Antlitz sich hüllte seinem <ins title="original: Kinde">Kindern</ins>! +dunkel doch waren die Tage der Erde, da dräuend die Brauen +Gottes sich ballten und sein Antlitz sich hüllte seinem <ins title="original: Kinde">Kindern</ins>! In Finsternis waren wir zergangen, schon meinten wir zu ersterben -in den Kerkern der Ängste. Aber, meine Brüder, seines Ingrimms +in den Kerkern der Ängste. Aber, meine Brüder, seines Ingrimms Ende war seiner Liebe Anfang schon. Ein Wetter ist er hingefahren -über unsern Häupten und hat uns zerschlagen, wie -Rohr brach er die Kraft unseres Leibes, aber neu glänzt bald die -Sonne seiner Gnade. Er wirft die Blitze aus den Händen, er -heißt seine Donner schweigen, und im sanften Säuseln klingt -seine Stimme. Oh, sie klingt, sie hebt an, süß zu vernehmen -über Länder und Meere, mildiglich hebt sie an, und sie wird +über unsern Häupten und hat uns zerschlagen, wie +Rohr brach er die Kraft unseres Leibes, aber neu glänzt bald die +Sonne seiner Gnade. Er wirft die Blitze aus den Händen, er +heißt seine Donner schweigen, und im sanften Säuseln klingt +seine Stimme. Oh, sie klingt, sie hebt an, süß zu vernehmen +über Länder und Meere, mildiglich hebt sie an, und sie wird sprechen zu ihrer Stunde:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i2">Stehe auf, Jerusalem,<br /></span> -<span class="i2">Stehe auf, du Gekränkte,<br /></span> -<span class="i2">Und fürchte dich nicht,<br /></span><span class="pagenum">186</span> +<span class="i2">Stehe auf, du Gekränkte,<br /></span> +<span class="i2">Und fürchte dich nicht,<br /></span><span class="pagenum">186</span> <span class="i2">Denn ich erbarmte mich dein.<br /></span> -<span class="i2">Ich habe dir gezürnet<br /></span> +<span class="i2">Ich habe dir gezürnet<br /></span> <span class="i2">Und dich einen kleinen Augenblick verlassen,<br /></span> <span class="i2">Aber nicht immerdar will ich mit dir hadern,<br /></span> -<span class="i2">Und ich zürne nicht ewiglich.<br /></span> -<span class="i2">Und darum, daß du die Verlassene gewesen bist<br /></span> -<span class="i2">Und die Verstoßene einen Tag,<br /></span> -<span class="i2">Sollst du die Prächtige sein für und für<br /></span> +<span class="i2">Und ich zürne nicht ewiglich.<br /></span> +<span class="i2">Und darum, daß du die Verlassene gewesen bist<br /></span> +<span class="i2">Und die Verstoßene einen Tag,<br /></span> +<span class="i2">Sollst du die Prächtige sein für und für<br /></span> <span class="i2">Und die Erhobene in aller Ewigkeit.<br /></span> -<span class="i2">Ich will dich schmücken mit meiner Liebe<br /></span> -<span class="i2">Und gürten mit meinem Frieden,<br /></span> +<span class="i2">Ich will dich schmücken mit meiner Liebe<br /></span> +<span class="i2">Und gürten mit meinem Frieden,<br /></span> <span class="i2">Mein Antlitz hat sich dir zugewendet,<br /></span> <span class="i2">Und mein Segen ist deinem Scheitel gesenkt.<br /></span> <span class="i2">So stehe auf, Jerusalem,<br /></span> <span class="i2">Stehe auf,<br /></span> -<span class="i2">Denn ich hab dich erlöset!</span></div></div> +<span class="i2">Denn ich hab dich erlöset!</span></div></div> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Segen über dein Wort und Erfüllung!</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Segen über dein Wort und Erfüllung!</p> -<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Erhöre ihn, Gott ... tue nach seinen Worten -... erhöre uns ... erlöse Jerusalem ... erlöse Jerusalem ...</p> +<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Erhöre ihn, Gott ... tue nach seinen Worten +... erhöre uns ... erlöse Jerusalem ... erlöse Jerusalem ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Und siehe, sie ist aufgestanden, die Verstörte, da -sie hörte den wonnigen Ruf, und es löset der Herr die Fesseln +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Und siehe, sie ist aufgestanden, die Verstörte, da +sie hörte den wonnigen Ruf, und es löset der Herr die Fesseln ihres Halses und das Joch ihrem Nacken. Er hebt auf die Geknickte -von den Knien, er wischt ihr die Tränen von den -Wangen, die Witwe und Waise erkürt er zur Braut. Und es -lächelt die Gekränkte, es blüht die Verdorrte, es wird fruchtbar -die Verschlossene und verlangt ihrer Söhne, daß sie möchten -sie schauen in ihrem Glücke und frohlocken ihrer Erneuung. +von den Knien, er wischt ihr die Tränen von den +Wangen, die Witwe und Waise erkürt er zur Braut. Und es +lächelt die Gekränkte, es blüht die Verdorrte, es wird fruchtbar +die Verschlossene und verlangt ihrer Söhne, daß sie möchten +sie schauen in ihrem Glücke und frohlocken ihrer Erneuung. Aber schon haben Israels Kinder vernommen den Ruf des Herrn, -und so weit sie verstoßen von den Enden der Erde und den Eilanden +und so weit sie verstoßen von den Enden der Erde und den Eilanden des Meeres, kommen sie heimgezogen gen Zion. Von Morgen und Mittag, von Abend und Mitternacht, selige Pilger -kommen sie gezogen, über Gileads Gebirge eilen ihre Schritte, -über Basan und Karmel ihre Ungeduld, daß sie schauen die Stadt +kommen sie gezogen, über Gileads Gebirge eilen ihre Schritte, +über Basan und Karmel ihre Ungeduld, daß sie schauen die Stadt unserer Liebe, die Stadt unseres Leidens, Zions heilige Burg. Und -es glänzet Jerusalem, es jubelt Zions Tochter, da sie schauet ihre +es glänzet Jerusalem, es jubelt Zions Tochter, da sie schauet ihre Kinder, zahllos gekommen aus den Kerkern der Verbannung, es<span class="pagenum">187</span> -blühet die Verdorrte, es glänzt die Verdunkelte, es jauchzt die +blühet die Verdorrte, es glänzt die Verdunkelte, es jauchzt die Verstummte, auferstanden ist die Versargte, sie ist auferstanden! -Und die Hügel winken ihr zu wie einst, und es schatten sie die -Berge, und wie der Tau auf den Feldern, so glänzet der Friede -über ihr, Friede des Herrn, Friede Israels, der Friede, Friede +Und die Hügel winken ihr zu wie einst, und es schatten sie die +Berge, und wie der Tau auf den Feldern, so glänzet der Friede +über ihr, Friede des Herrn, Friede Israels, der Friede, Friede Jerusalems!</p> -<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Oh, lasse es geschehen, wie er kündet, Herr ... -tue also, wie er gesagt ... Friede über Israel ... lasse auferstehen -Jerusalem ... laß uns auferstehen ... laß uns auferstehen ...</p> +<p><span class="character">DIE ANDERN</span>:</p><p>Oh, lasse es geschehen, wie er kündet, Herr ... +tue also, wie er gesagt ... Friede über Israel ... lasse auferstehen +Jerusalem ... laß uns auferstehen ... laß uns auferstehen ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Und des Tags, da wir wieder um Zion uns scharen,<br /></span> <span class="i0">Die wir so lange die klagenden Knechte<br /></span> -<span class="i0">Im düsteren Zinshaus der Fremde waren,<br /></span> -<span class="i0">Da werden wir gläubig zusammentreten,<br /></span> +<span class="i0">Im düsteren Zinshaus der Fremde waren,<br /></span> +<span class="i0">Da werden wir gläubig zusammentreten,<br /></span> <span class="i0">Da werden wir sprechen, da werden wir beten:<br /></span> <span class="i0">„Gesegnet seist du, Herr Zebaoth,<br /></span> -<span class="i0">Der du groß und gnädig an uns hast getan!<br /></span> -<span class="i0">An den Wassern von Babel saßen wir bangend<br /></span> +<span class="i0">Der du groß und gnädig an uns hast getan!<br /></span> +<span class="i0">An den Wassern von Babel saßen wir bangend<br /></span> <span class="i0">Und brachen der Knechtschaft bitteres Brot,<br /></span> -<span class="i0">Wir mengten mit Tränen den Wein in den Krügen,<br /></span> +<span class="i0">Wir mengten mit Tränen den Wein in den Krügen,<br /></span> <span class="i0">Denn unsere Seele war heimverlangend<br /></span> -<span class="i0">Und unsere Dienstschaft ein täglicher Tod.<br /></span> -<span class="i0">Da riefen wir heiß, wir riefen aus Tiefen<br /></span> -<span class="i0">Des brennenden Sehnens dich, Gütigen, an,<br /></span> +<span class="i0">Und unsere Dienstschaft ein täglicher Tod.<br /></span> +<span class="i0">Da riefen wir heiß, wir riefen aus Tiefen<br /></span> +<span class="i0">Des brennenden Sehnens dich, Gütigen, an,<br /></span> <span class="i0">Wir riefen dich an, und es war nicht vergebens,<br /></span> <span class="i0">Denn du hast unsere Fesseln, die harten, gesprengt,<br /></span> -<span class="i0">Mit dem Tau deiner Güte, mit den Wassern des Lebens<br /></span> -<span class="i0">Den Brand unserer dürstigen Seelen getränkt,<br /></span> +<span class="i0">Mit dem Tau deiner Güte, mit den Wassern des Lebens<br /></span> +<span class="i0">Den Brand unserer dürstigen Seelen getränkt,<br /></span> <span class="i0">Du hast unsere Hoffnung, die schon versiegte,<br /></span> -<span class="i0">Mit dem heiligen Stab deines Namens berührt,<br /></span> +<span class="i0">Mit dem heiligen Stab deines Namens berührt,<br /></span> <span class="i0">Du hast die Verirrten, du hast uns Besiegte<br /></span> -<span class="i0">Aus der Tiefe geholt und uns heimgeführt.<br /></span> +<span class="i0">Aus der Tiefe geholt und uns heimgeführt.<br /></span> <span class="i0">Oh, seht<br /></span> <span class="i0">Es, ihr Berge, oh, seht es, ihr Lande,<br /></span> <span class="i0">Wir sind heimgekehrt, wir sind auferstanden!<br /></span> -<span class="i0">Oh, beugt euch, ihr Berge, oh, beugt euch, ihr Hügel,<br /></span> -<span class="i0">Oh, Ströme, rauscht auf in unser Gebet,<br /></span><span class="pagenum">188</span> -<span class="i0">Umgrünt uns, ihr Felder, empfanget, ihr Gärten,<br /></span> -<span class="i0">Mit Blütenfackeln die Heimgekehrten!<br /></span> -<span class="i0">Bekränzt uns, ihr Wälder, mit jubelndem Ton,<br /></span> +<span class="i0">Oh, beugt euch, ihr Berge, oh, beugt euch, ihr Hügel,<br /></span> +<span class="i0">Oh, Ströme, rauscht auf in unser Gebet,<br /></span><span class="pagenum">188</span> +<span class="i0">Umgrünt uns, ihr Felder, empfanget, ihr Gärten,<br /></span> +<span class="i0">Mit Blütenfackeln die Heimgekehrten!<br /></span> +<span class="i0">Bekränzt uns, ihr Wälder, mit jubelndem Ton,<br /></span> <span class="i0">Streu Rosen uns, Saron, zum andern Male,<br /></span> <span class="i0">Umschatte uns, Karmel und Libanon,<br /></span> <span class="i0">Wir sind heimgekehrt, wir sind heimgekehrt!<br /></span> <span class="i0">Und du,<br /></span> <span class="i0">Du selige Stadt, geliebt und verloren,<br /></span> -<span class="i0">Im Wachen erträumt, in Träumen beschworen,<br /></span> +<span class="i0">Im Wachen erträumt, in Träumen beschworen,<br /></span> <span class="i0">Du Braut unsrer Liebe, du Mutter uns allen,<br /></span> -<span class="i0">Mit Zimbeln erfüll dich und Flötengetön,<br /></span> -<span class="i0">Wach auf und laß deinen Jubel erschallen,<br /></span> +<span class="i0">Mit Zimbeln erfüll dich und Flötengetön,<br /></span> +<span class="i0">Wach auf und laß deinen Jubel erschallen,<br /></span> <span class="i0">Denn heimgekehrt sind wir, Jerusalem!“</span></div></div> -<p><span class="character">DIE ANDERN</span> <span class="direction">(ihn jauchzend umdrängend, zu seinen Füßen hinstürzend, +<p><span class="character">DIE ANDERN</span> <span class="direction">(ihn jauchzend umdrängend, zu seinen Füßen hinstürzend, seine Knie umfassend in wilder Hingerissenheit)</span>:</p><p>Heimgekehrt ... auferstanden -... oh, Verheißung ... Jerusalem ... Jerusalem ...</p> +... oh, Verheißung ... Jerusalem ... Jerusalem ...</p> <p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(zu seinen Knien)</span>:</p><p>Oh, mein Meister, mein Lehrer, wie -ist deine Lehre süß meinem Herzen, wie selig deine Erleuchtung!</p> +ist deine Lehre süß meinem Herzen, wie selig deine Erleuchtung!</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Gebenedeit sei, wer die Verheißung bringt in -den Stunden der Not. Segen über deine Tröstung! Erfüllung, -oh, Erfüllung!</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Gebenedeit sei, wer die Verheißung bringt in +den Stunden der Not. Segen über deine Tröstung! Erfüllung, +oh, Erfüllung!</p> <p><span class="character">EINE FRAU</span>:</p><p>Sein Antlitz seht, wie es leuchtet! Wie zwei Sterne -glühn die Augen ihm auf und hellen den Raum.</p> +glühn die Augen ihm auf und hellen den Raum.</p> <p><span class="character">EINE ANDERE</span>:</p><p>Gottes Geist hat sich auf ihn gesenkt!</p> <p><span class="character">DER KRANKE</span>:</p><p>Aufgerichtet hat mich sein Wort ... aufrecht -bin ich ... ich lebe, ich lebe wieder ... oh, daß ich heimkehrte +bin ich ... ich lebe, ich lebe wieder ... oh, daß ich heimkehrte mit euch.</p> <p><span class="character">ZEFANJA</span>:</p><p>Mein Herz ist erstanden und klingt dir zu, Jeremias.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ohne sie zu hören, ganz allmählich aus seiner Ekstase erwachend +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ohne sie zu hören, ganz allmählich aus seiner Ekstase erwachend und erschreckt um sich blickend)</span>:</p><p>Wo sind sie hin, zu denen -ich sprach? Wo sind sie hin?... Waren nicht Boten da des Königs -Nabukadnezar? Habe ich geträumet ... mir dünkte, drei Männer -kamen und redeten ... prächtig waren sie gewandet ... wo sind +ich sprach? Wo sind sie hin?... Waren nicht Boten da des Königs +Nabukadnezar? Habe ich geträumet ... mir dünkte, drei Männer +kamen und redeten ... prächtig waren sie gewandet ... wo sind sie hin ...</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Der Blitz deines Blickes hat sie gescheucht.</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Der Blitz deines Blickes hat sie gescheucht.</p> <p><span class="character">ANDERE</span>:</p><p>Deine Worte haben sie gejagt ... wie ein Schwert<span class="pagenum">189</span> -fuhr dein Zorn über sie.</p> +fuhr dein Zorn über sie.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(immer verwirrter)</span>:</p><p>Was habe ich gesagt? Ein Dunkles -liegt um mich, und doch glänzt michs von innen an ... Was habe +liegt um mich, und doch glänzt michs von innen an ... Was habe ich gesagt ... Oh, und warum, warum blickt ihr mit einmal auf zu mir wie die Durstigen ... was seid ihr geschart um mich ... -es war doch Dunkel auf euren Stirnen, und nun glänzt ihr mich +es war doch Dunkel auf euren Stirnen, und nun glänzt ihr mich an mit den Blicken ... Was ist geschehen mit mir, was ist geschehen mit euch?</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Du brennendes Herz der Herzen, in das Gott +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Du brennendes Herz der Herzen, in das Gott seine Flamme geworfen, von dir strahlt dieses Licht! Oh, welche -Verheißung hast du uns gekündet, welche Verheißung!</p> +Verheißung hast du uns gekündet, welche Verheißung!</p> <p><span class="character">EIN MANN</span>:</p><p>Aufgetan hast du mir die Seele, du Guter!</p> <p><span class="character">EIN WEIB</span>:</p><p>Mein Herz mir mit Manna gespeist.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Oh, wie süß waren deine Worte, du Lieber ... -genesen sind wir an deiner Verheißung ... nun ist die Fremde +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Oh, wie süß waren deine Worte, du Lieber ... +genesen sind wir an deiner Verheißung ... nun ist die Fremde nicht mehr Bitternis ... heimkehren werden wir, oh, seliges Wort ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ergriffen)</span>:</p><p>Meine Brüder, meine Brüder, was ist mit mir +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(ergriffen)</span>:</p><p>Meine Brüder, meine Brüder, was ist mit mir geschehen? War nicht Groll zwischen uns und Fluch auf meinen -Lippen, da ich redete zu euch? Ein Sturmwind hat mich gefaßt -und getragen, wohin ich nicht weiß, und nun ich stürze, sehen -eure Augen mich liebend an, ihr Brüder, eure Hand spüre ich +Lippen, da ich redete zu euch? Ein Sturmwind hat mich gefaßt +und getragen, wohin ich nicht weiß, und nun ich stürze, sehen +eure Augen mich liebend an, ihr Brüder, eure Hand spüre ich an meinen Knien, und eure Seele zittert wie ein Falter mir zu! Was ist mir geschehen, was ist mir geschehen?</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Oh, Jeremias, der du bitter warst unserer -Freude, wie süß ist deine Rede nun unserm Leiden! Du hast uns -getröstet, du hast uns erlöset wie keiner vordem!</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Oh, Jeremias, der du bitter warst unserer +Freude, wie süß ist deine Rede nun unserm Leiden! Du hast uns +getröstet, du hast uns erlöset wie keiner vordem!</p> -<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Aus der Nacht hast du meine Seele gehoben, beglückt +<p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Aus der Nacht hast du meine Seele gehoben, beglückt hast du mich, Gebenedeiter!</p> <p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Die Zweifel hast du gerodet aus meiner Brust und Gottes ewige Heimstatt bereitet.</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Oh, du Tröster der Tröster! Möge nun Leid +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Oh, du Tröster der Tröster! Möge nun Leid auf mich fallen, meine Seele wird ihm nicht mehr erliegen.</p> <p><span class="character">EINE FRAU</span>:</p><p>Im Tode war mein Herz und ist auferstanden durch dich.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ihr Lieben, ihr Lieben, was ihr sprechet, ist es wahr?<span class="pagenum">190</span> -Von meiner Lippe, der fluchverbrannten, ist Tröstung gekommen, -aus meiner Seele, der nächtigsten aller, ein liebendes Wort!</p> +Von meiner Lippe, der fluchverbrannten, ist Tröstung gekommen, +aus meiner Seele, der nächtigsten aller, ein liebendes Wort!</p> -<p><span class="character">EIN WEIB</span>:</p><p>Oh, wie es dir sagen? Meine Hände fühl an, die wie -Früchte sich heben! Uns alle, uns alle sieh, du Gebenedeiter, Beseligte +<p><span class="character">EIN WEIB</span>:</p><p>Oh, wie es dir sagen? Meine Hände fühl an, die wie +Früchte sich heben! Uns alle, uns alle sieh, du Gebenedeiter, Beseligte deines Worts!</p> <p><span class="character">DER KRANKE</span>:</p><p>Seht her ... seht her ... ich schreite, ich gehe -... ich spüre die Qualen nicht mehr ... aus dem Tode hat dein +... ich spüre die Qualen nicht mehr ... aus dem Tode hat dein Wort mich erweckt ... wie Elia ... ein Wunder hast du an mir getan.</p> @@ -8250,65 +8213,65 @@ getan ...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(ekstatisch)</span>:</p><p>Ein Wunder ... ein Wunder wie Elia ... ein Wunder hat er getan ... Erweckung ... beugt euch dem Gottgesandten ... ein Wunder ... ein Wunder ... beugt -euch vor ihm, dem Wundertäter!...</p> +euch vor ihm, dem Wundertäter!...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(hat sich aufgerichtet vor ihnen, ganz leise)</span>:</p><p>Schweiget, -ihr Brüder ... nicht rühmet mich ... beschämet mich nicht ... +ihr Brüder ... nicht rühmet mich ... beschämet mich nicht ... ich habe nicht Anteil daran. Wohl ist ein Wunder geschehen, -doch nicht ich habe es vollbracht – an mir, ihr Brüder, ist es -geschehen. Ihr Brüder, ihr Brüder, ich sage euch, ein Großes +doch nicht ich habe es vollbracht – an mir, ihr Brüder, ist es +geschehen. Ihr Brüder, ihr Brüder, ich sage euch, ein Großes hat Gott in dieser Stunde an mir getan. Ich habe gefluchet -meinem Gotte und ihn getötet in meiner Seele. Doch, meine -Brüder, meine Brüder, ehe der Atem noch kalt war in meinem -Munde, ist er mir auferstanden. Er riß mir das Herz aus dem -Leibe, daß ich meinte zu vergehen vor seinem grimmigen Stoß, -aber ein steinernes Herz war es, das er von mir riß, und ein -fleischernes hat er mir nun eingetan, daß ich fühle alles Leiden -und alles Leidens Sinn. Oh, ihr Brüder, ihr Brüder, schauet das +meinem Gotte und ihn getötet in meiner Seele. Doch, meine +Brüder, meine Brüder, ehe der Atem noch kalt war in meinem +Munde, ist er mir auferstanden. Er riß mir das Herz aus dem +Leibe, daß ich meinte zu vergehen vor seinem grimmigen Stoß, +aber ein steinernes Herz war es, das er von mir riß, und ein +fleischernes hat er mir nun eingetan, daß ich fühle alles Leiden +und alles Leidens Sinn. Oh, ihr Brüder, ihr Brüder, schauet das Wunder, das an mir geschehen: ich habe Gott gefluchet, und er hat mich gesegnet, ich habe ihn geflohen, und er hat mich gefunden, ich wollte ihm entweichen, und er hat mich erreichet. Denn es ist kein Entweichen vor seiner Liebe und kein Obsiegen -wider seine Kraft. Er hat mich besiegt, meine Brüder, und nichts -ist süßer, als von ihm besiegt zu sein.</p> +wider seine Kraft. Er hat mich besiegt, meine Brüder, und nichts +ist süßer, als von ihm besiegt zu sein.</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(ekstatisch)</span>:</p><p>Jeremias ... oh, Jeremias ... uns<span class="pagenum">191</span> -allen möge er tuen wie dir!</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span> <span class="direction">(ekstatisch)</span>:</p><p>Jeremias ... oh, Jeremias ... uns<span class="pagenum">191</span> +allen möge er tuen wie dir!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Oh, daß ich so spät ihn erkannte, so spät euch -fand, meine Brüder! Doch ich will nicht klagen mehr. Ich will +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Oh, daß ich so spät ihn erkannte, so spät euch +fand, meine Brüder! Doch ich will nicht klagen mehr. Ich will nur mehr danken, ich will nicht fluchen mehr, ich will nur mehr segnen. Dunkel liegt vor uns die Stadt, dunkel unser -Schicksal, aber, meine Brüder, vertrauen wir, denn wunderbar +Schicksal, aber, meine Brüder, vertrauen wir, denn wunderbar ist das Leben, heilig die irdische Erde. In Liebe will ich umfassen, die ich im Zorne getreten, und die ich bespien mit meinem -Fluche, will ich tränken mit meinen Tränen. Nimm, Erde, du -geschmähte, gütig meine demütigen Knie; nimm, Gott, du verkannter, -gnädig mein gläubiges Wort!</p> +Fluche, will ich tränken mit meinen Tränen. Nimm, Erde, du +geschmähte, gütig meine demütigen Knie; nimm, Gott, du verkannter, +gnädig mein gläubiges Wort!</p> <p class="direction">(Er kniet nieder und spricht wie ein Gebet:)</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i2">Ich danke dir, Herr, daß du so lind mir begegnet,<br /></span> +<span class="i2">Ich danke dir, Herr, daß du so lind mir begegnet,<br /></span> <span class="i2">Als ich mich wehrte und von dir gekehrt,<br /></span> <span class="i2">Ich hab dir geflucht, und du hast mich gesegnet,<br /></span> -<span class="i2">So segn ich, solang mir mein Leben währt.<br /></span> -<span class="i2">Ich segne dich, daß du das würzige Brot<br /></span> +<span class="i2">So segn ich, solang mir mein Leben währt.<br /></span> +<span class="i2">Ich segne dich, daß du das würzige Brot<br /></span> <span class="i2">Des Wortes in meine Lippen getan,<br /></span> <span class="i2">Damit ich dich preise in Leben und Tod,<br /></span> -<span class="i2">Ich segne dich, daß du mir wecktest den Geist,<br /></span> -<span class="i2">Der die Welten mit Liebe durchgütet und speist.<br /></span> -<span class="i2">Ich segne dich, daß du so hart mich gefaßt<br /></span> +<span class="i2">Ich segne dich, daß du mir wecktest den Geist,<br /></span> +<span class="i2">Der die Welten mit Liebe durchgütet und speist.<br /></span> +<span class="i2">Ich segne dich, daß du so hart mich gefaßt<br /></span> <span class="i2">Und im Zorn vor dein Antlitz getrieben hast,<br /></span> <span class="i2">Und ich segne dich, Gottes Gabe, dich Leid,<br /></span> -<span class="i2">Daß du läuternd die Seelen der Menschen durchdringst<br /></span> -<span class="i2">Und flammend mit deiner Allfältigkeit<br /></span> +<span class="i2">Daß du läuternd die Seelen der Menschen durchdringst<br /></span> +<span class="i2">Und flammend mit deiner Allfältigkeit<br /></span> <span class="i2">Ihre Einsamkeit einst, ihre Fremde bezwingst,<br /></span> <span class="i2">Und ich segne dich, Gott, der es im Sturm uns gesendet,<br /></span> <span class="i2">Der du mit Qualen beginnst und mit Seligkeit endest,<br /></span> -<span class="i2">Der die Suchenden führt und die Fliehenden findet,<br /></span> +<span class="i2">Der die Suchenden führt und die Fliehenden findet,<br /></span> <span class="i2">Dem jeder entweicht und dem sich keiner entwindet,<br /></span> -<span class="i2">Der dem Niedersten sich als der Gnädigste gibt<br /></span> -<span class="i2">Und den Sündigsten um seiner Sünden liebt,<br /></span> +<span class="i2">Der dem Niedersten sich als der Gnädigste gibt<br /></span> +<span class="i2">Und den Sündigsten um seiner Sünden liebt,<br /></span> <span class="i2">Selig, der sich an dich verloren,<br /></span> <span class="i2">Selig, den du dir auserkoren,<br /></span> <span class="i2">Selig der Himmel, der dich rauschend umstellt,<br /></span><span class="pagenum">192</span> @@ -8316,304 +8279,304 @@ gnädig mein gläubiges Wort!</p> <span class="i2">Selig die Sterne, die sie strahlend umschweben,<br /></span> <span class="i2">Selig der Tod und selig das Leben!</span></div></div> -<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(auf die Knie zu dem Knienden stürzend)</span>:</p><p>Jeremias, mein +<p><span class="character">BARUCH</span> <span class="direction">(auf die Knie zu dem Knienden stürzend)</span>:</p><p>Jeremias, mein Meister, Jeremias! Nicht uns allein lasse leuchten dein Wort. -Auf dem Markte harret das Volk, und sie vergehen in Ängsten, +Auf dem Markte harret das Volk, und sie vergehen in Ängsten, ihre Seele lischt in Zagen und Klagen. Sie wollen sterben und vergehen um Jerusalems willen. Meister, mein Meister, gib -ihnen Leben, gib ihnen Gott zurück! Richte auf die Verzagten, -und die Durstigen tränke mit den Wassern des Lebens!</p> +ihnen Leben, gib ihnen Gott zurück! Richte auf die Verzagten, +und die Durstigen tränke mit den Wassern des Lebens!</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Ja, richte auf der Wankenden Knie, belebe -die zagenden Herzen! Gieß aus dein Wort über die Schmachtenden, -gieß es aus!</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Ja, richte auf der Wankenden Knie, belebe +die zagenden Herzen! Gieß aus dein Wort über die Schmachtenden, +gieß es aus!</p> -<p><span class="character">STIMME</span>:</p><p>Auf ... zu den Brüdern ... zu unsern Brüdern ... +<p><span class="character">STIMME</span>:</p><p>Auf ... zu den Brüdern ... zu unsern Brüdern ... erwecke sie ... gib ihnen Trost, wie du uns gegeben ... gib -Verkündigung ... gib Verheißung ...</p> +Verkündigung ... gib Verheißung ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich aufrichtend)</span>:</p><p>Wohlan, meine Brüder, führet -mich zu ihnen! Der Getröstete Gottes bin ich gewesen, nunab -will ich ein Tröster sein! Laßt uns gehen, meine Brüder, vielleicht -ist der Verworfene gewählet, laßt uns gehen zu den Brüdern, -den verzagten, daß wir den Tempel in ihren Herzen aufrichten, -daß wir ihnen bauen das ewige Jerusalem!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich aufrichtend)</span>:</p><p>Wohlan, meine Brüder, führet +mich zu ihnen! Der Getröstete Gottes bin ich gewesen, nunab +will ich ein Tröster sein! Laßt uns gehen, meine Brüder, vielleicht +ist der Verworfene gewählet, laßt uns gehen zu den Brüdern, +den verzagten, daß wir den Tempel in ihren Herzen aufrichten, +daß wir ihnen bauen das ewige Jerusalem!</p> <p class="direction">(JEREMIAS geht mit starken Schritten gegen den Ausgang.)</p> <p><span class="character">DIE ANDERN</span> <span class="direction">(umringen ihn jauchzend, einige eilen voraus, ihre Stimmen klingen ekstatisch durcheinander)</span>:</p><p>Jerusalem ... oh, das -ewige Jerusalem ... Verkündigung ... Auf, Bauherr Gottes ... -Ewig währet Jerusalem ...</p> +ewige Jerusalem ... Verkündigung ... Auf, Bauherr Gottes ... +Ewig währet Jerusalem ...</p> <hr class="l65" /> <h2><small>DAS NEUNTE BILD</small><br /> <a name="DER_EWIGE_WEG" id="DER_EWIGE_WEG"></a>DER EWIGE WEG</h2> -<div class="blockquot"><p>„Denn ich weiß wohl, was für Gedanken -ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken +<div class="blockquot"><p>„Denn ich weiß wohl, was für Gedanken +ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, -daß ich euch gebe das Ende, dessen ihr +daß ich euch gebe das Ende, dessen ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen, und -ich werde euch erhören. Denn so ihr mich +ich werde euch erhören. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden lassen, spricht -der Herr, und will euer Gefängnis wenden.“</p></div> +der Herr, und will euer Gefängnis wenden.“</p></div> <p class="citation"> Jer. <small>XIX</small>, 11–14.</p> <hr class="l65" /> -<p class="direction"><span class="dropcap">D</span>er gleiche große Platz vor dem Tempel wie im ersten Bilde, doch nun<span class="pagenum">194</span> -mit allen Zeichen der Vernichtung und Zerstörung.</p> +<p class="direction"><span class="dropcap">D</span>er gleiche große Platz vor dem Tempel wie im ersten Bilde, doch nun<span class="pagenum">194</span> +mit allen Zeichen der Vernichtung und Zerstörung.</p> <p class="direction">Auf dem Platze stauen sich in wirrem Geschiebe Karren mit Hausrat beladen, -aufgezäumte Tragtiere, Wagen und Gefährte, dazwischen der strömende -Schwarm der flüchtigen Menschen, die zum großen Aufbruch rüsten. Immer -neue Gruppen drängen aus den Gassen her, immer lauter wird das Geschwirre +aufgezäumte Tragtiere, Wagen und Gefährte, dazwischen der strömende +Schwarm der flüchtigen Menschen, die zum großen Aufbruch rüsten. Immer +neue Gruppen drängen aus den Gassen her, immer lauter wird das Geschwirre der Stimmen. Auf den Stufen hocken teilnahmlos Greise und -Frauen, indes die Männer die Maulesel zäumen; chaldäische Krieger in -voller Rüstung schreiten stolz und herrisch durch das Getümmel, sich Platz -mit den Speeren stoßend, und wachen über die Vertriebenen.</p> +Frauen, indes die Männer die Maulesel zäumen; chaldäische Krieger in +voller Rüstung schreiten stolz und herrisch durch das Getümmel, sich Platz +mit den Speeren stoßend, und wachen über die Vertriebenen.</p> -<p class="direction">Über dem wirr geschäftigen tragischen Treiben hängt das Dunkel einer mondverwölkten -Nacht, die allmählich in das Ungewiß der nahenden Dämmerung -übergeht. Manchmal löst sich ein Glanz von Licht weißlich aus den Wolken -los und erhellt das Bild der Verwirrung, indes von Osten schon als rötlicher -Rauch der Frühschein des Morgens sich kündet.</p> +<p class="direction">Über dem wirr geschäftigen tragischen Treiben hängt das Dunkel einer mondverwölkten +Nacht, die allmählich in das Ungewiß der nahenden Dämmerung +übergeht. Manchmal löst sich ein Glanz von Licht weißlich aus den Wolken +los und erhellt das Bild der Verwirrung, indes von Osten schon als rötlicher +Rauch der Frühschein des Morgens sich kündet.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Hier ist der Platz ... wie viele ihrer schon sind ... -haltet euch zusammen, Söhne Rubens ... wie es doch dunkel -ist ... hier voran, daß ihr die ersten seid ...</p> +haltet euch zusammen, Söhne Rubens ... wie es doch dunkel +ist ... hier voran, daß ihr die ersten seid ...</p> -<p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Was drängt ihr ... unser ist die Stelle ... -seit Abend stehen unsere Mäuler hier gegürtet ... Unser ist die +<p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Was drängt ihr ... unser ist die Stelle ... +seit Abend stehen unsere Mäuler hier gegürtet ... Unser ist die Stelle ... immer will Ruben voran sein ...</p> <p><span class="character">EIN ALTER</span>:</p><p>Nicht streitet ... lasset Ruben voran, so will es das Gesetz ...</p> <p><span class="character">DIE ANDERN STIMMEN</span>:</p><p>Es gibt kein Gesetz mehr ... verbrannt -ist die Schrift ... wer bist du, daß du uns gebieten willst +ist die Schrift ... wer bist du, daß du uns gebieten willst ... die Priester ruft, die Priester ... Es gibt keine Priester mehr ... alle raffte sie das Schwert ... Hananja ist entkommen ... -nein, am Pfahle verdarb er ... führerlos sind wir ... verlassen +nein, am Pfahle verdarb er ... führerlos sind wir ... verlassen von allen ... wer wird uns gebieten ... oh, Qual der Knechtschaft ... wer wird die Opfer empfangen zu Babel ... wer uns deuten das Wort ... ausgerottet ist Aarons Geschlecht ... weh -uns Verwaisten ... daß wir die Lade doch hätten und die Rolle +uns Verwaisten ... daß wir die Lade doch hätten und die Rolle des Gesetzes ... sie ist verbrannt ... nein, Gottes Wort verbrennt nicht ... selbst sah ich sie kohlen im Feuer, wie eine Schlange sprang sie hoch ... wehe, sie ist verbrannt ... verbrannt das Gesetz ... nein, es kann nicht wahr sein, Gottes Wort verbrennet -nicht ... ist sein Haus nicht verbrannt, sein Altar nicht gestürzt -... ließ er nicht sinken seine heilige Stadt ... Ja ... +nicht ... ist sein Haus nicht verbrannt, sein Altar nicht gestürzt +... ließ er nicht sinken seine heilige Stadt ... Ja ... ja ... hat er nicht uns in Knechtschaft gegeben ... ja ... ja ...<span class="pagenum">195</span> -gebrochen hat er den Bund, vernichtet die Verheißung ... -lästert nicht ... lästert nicht ... ich fürchte ihn nicht mehr -... lästert nicht ... wer gebietet mir ... führerlos sind wir -... daß doch Mose uns erstünde ... daß ein Richter unter uns -wäre ... der König, wo ist er ... der Geblendete ... blind ist -er immer gewesen ... er hat uns hinabgestoßen ... oh, Ende +gebrochen hat er den Bund, vernichtet die Verheißung ... +lästert nicht ... lästert nicht ... ich fürchte ihn nicht mehr +... lästert nicht ... wer gebietet mir ... führerlos sind wir +... daß doch Mose uns erstünde ... daß ein Richter unter uns +wäre ... der König, wo ist er ... der Geblendete ... blind ist +er immer gewesen ... er hat uns hinabgestoßen ... oh, Ende Israels, Ende Jerusalems ... was ziehen wir aus ohne Gott und -Gesetz, ohne Führer, der uns weise ... oh, Simson, Simson ... -warum kommt er nicht, der uns ausführet mit starker Hand ... -nie war größer die Not ... ach, er kommt nicht, verloren sind -wir ... Gott ist gesunken mit seinem Tempel ... lästere nicht ... -lästere nicht ... daß er doch käme, der Verkünder, der Befreier ...</p> +Gesetz, ohne Führer, der uns weise ... oh, Simson, Simson ... +warum kommt er nicht, der uns ausführet mit starker Hand ... +nie war größer die Not ... ach, er kommt nicht, verloren sind +wir ... Gott ist gesunken mit seinem Tempel ... lästere nicht ... +lästere nicht ... daß er doch käme, der Verkünder, der Befreier ...</p> <p><span class="character">EINE NEUE GRUPPE</span> <span class="direction">(aus dem Dunkel)</span>:</p><p>Hier ist des Marktes Mitte ... wer seid ihr ... Benjamin sind wir ... die Letzten, reihet euch an ... nein ... nein ... wir wollen nicht fressen von eurem Staube ... und wir nicht den euren ... fort mit den Tieren, -führt sie am Zaume ... ihr tretet die Frauen ... weichet aus ... -wehe, was stoßet ihr ... es ist so dunkel ... ach, daß es schon -Morgen würde, daß ausginge diese Nacht ... wehe, wie Arges -wünschest du, bete, daß ewig sie währte, denn die letzte ist sie +führt sie am Zaume ... ihr tretet die Frauen ... weichet aus ... +wehe, was stoßet ihr ... es ist so dunkel ... ach, daß es schon +Morgen würde, daß ausginge diese Nacht ... wehe, wie Arges +wünschest du, bete, daß ewig sie währte, denn die letzte ist sie auf Zions Berge ... ja ... ja ... segne die Nacht, sie birgt unsere -Tränen, sie hüllt unsere Schmach ... die Sonne von morgen -wird uns entblößen und unsere Scham den Heiden zeigen ... -wehe ... betet, daß der Morgen nie komme über unser beladen +Tränen, sie hüllt unsere Schmach ... die Sonne von morgen +wird uns entblößen und unsere Scham den Heiden zeigen ... +wehe ... betet, daß der Morgen nie komme über unser beladen Haupt ... ich kann nicht beten mehr ... meine Seele ist starr geworden in Schrecken und mein Herz steinern vor Grauen -... selig die unten liegen im Dunkel für ewig und Ruhe haben, -selig die Toten Israels, sie dürfen weilen im Schatten der Heimat -... ins Diensthaus müssen wir ziehen ... ach, bräche doch nie -dieser Tag über uns ... wehe uns, weh unsern Kindern, den +... selig die unten liegen im Dunkel für ewig und Ruhe haben, +selig die Toten Israels, sie dürfen weilen im Schatten der Heimat +... ins Diensthaus müssen wir ziehen ... ach, bräche doch nie +dieser Tag über uns ... wehe uns, weh unsern Kindern, den Knechten der Fremde ...</p> -<p class="direction">(GELÄCHTER UND TUMULT aus dem Palast. Heraus treten, beleuchtet -von Fackeln, die trunkenen chaldäischen Fürsten, grölend und lachend. In -ihrer Mitte haben sie einen, den sie fortstoßen, einer zum andern, daß er +<p class="direction">(GELÄCHTER UND TUMULT aus dem Palast. Heraus treten, beleuchtet +von Fackeln, die trunkenen chaldäischen Fürsten, grölend und lachend. In +ihrer Mitte haben sie einen, den sie fortstoßen, einer zum andern, daß er zwischen ihnen schwankt und immer zu fallen droht.)</p> -<p><span class="character">DIE CHALDÄISCHEN KRIEGER</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>So geh doch<span class="pagenum"><a name="page_196" id="page_196"></a>196</span> -wider Nabukadnezar ... Auf, Erstürmer Babels ... nicht falle, -du Säule Israels ... geh ... stoßt ihn weg ... er ödet uns ... nicht -kann er tanzen, wie David, der König ... nicht schlägt er die -Psalter ... lasset ihn ... kommt zurück zum Weine ... an seinen +<p><span class="character">DIE CHALDÄISCHEN KRIEGER</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>So geh doch<span class="pagenum"><a name="page_196" id="page_196"></a>196</span> +wider Nabukadnezar ... Auf, Erstürmer Babels ... nicht falle, +du Säule Israels ... geh ... stoßt ihn weg ... er ödet uns ... nicht +kann er tanzen, wie David, der König ... nicht schlägt er die +Psalter ... lasset ihn ... kommt zurück zum Weine ... an seinen Weibern erletz ich mich lieber ... lasset ihn Dunkel trinken, und -trinken wir Wein ... kommt ... kehret ... laßt ihn ...</p> +trinken wir Wein ... kommt ... kehret ... laßt ihn ...</p> -<p class="direction">(DIE KRIEGER kehren lachend und lärmend in den Palast zurück. Der -Verlassene bleibt unsicher im Dunkel über der Treppe stehen. Ein matter -Strich verwölkten Mondlichtes läßt seinen Schatten schwarz hinter ihm aufstehen, -daß er groß und gespenstig scheint.)</p> +<p class="direction">(DIE KRIEGER kehren lachend und lärmend in den Palast zurück. Der +Verlassene bleibt unsicher im Dunkel über der Treppe stehen. Ein matter +Strich verwölkten Mondlichtes läßt seinen Schatten schwarz hinter ihm aufstehen, +daß er groß und gespenstig scheint.)</p> -<p class="direction">(DIE MENGE, unten in Schrecken und Staunen wogend, leise flüsternd.)</p> +<p class="direction">(DIE MENGE, unten in Schrecken und Staunen wogend, leise flüsternd.)</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wer ist es ... warum haben sie ihn fortgestoßen +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wer ist es ... warum haben sie ihn fortgestoßen vom Mahle ... wer ist er ... wie ein Felsen steht er schwarz ... -warum spricht er nicht ... seine Blicke sind verschnürt ... wie -er die Hände hebt ... wer ist er ... nicht nahet ihm ... wer +warum spricht er nicht ... seine Blicke sind verschnürt ... wie +er die Hände hebt ... wer ist er ... nicht nahet ihm ... wer mag es sein ... ich will sehen ...</p> <p class="direction">(EINIGE der <ins title="original: Beherzteren">Beherzten</ins> sind die Stufen emporgeklommen.)</p> -<p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(plötzlich aufschreiend)</span>:</p><p>Zedekia!</p> +<p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(plötzlich aufschreiend)</span>:</p><p>Zedekia!</p> -<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>Der König ... der Geblendete ... +<p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(durcheinander)</span>:</p><p>Der König ... der Geblendete ... Gottes Gericht ... Zedekia ...</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(unsicher)</span>:</p><p>Wer ruft mich?...</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Keiner ruft dich ... Fluch ruft dich und Gottes -Gericht ... Wo sind die Ägypter ... wo ist Zion ...</p> +Gericht ... Wo sind die Ägypter ... wo ist Zion ...</p> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Schweiget!... Der Gesalbte ist er des Herrn ... geblendet haben ihn unsere Feinde ... Ehrfurcht -dem Könige ... ehret den Dulder ...</p> +dem Könige ... ehret den Dulder ...</p> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN</span>:</p><p>Nein, er soll nicht sitzen unter uns ... -wo sind meine Kinder ... gib sie mir wieder ... Fluch über den -Mörder Israels ... sein ist die Schuld ... fort mit ihm ... warum +wo sind meine Kinder ... gib sie mir wieder ... Fluch über den +Mörder Israels ... sein ist die Schuld ... fort mit ihm ... warum lebt er, da Bessere starben?</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zu einem, der emporgestiegen ist und ihn leitet)</span>:</p><p>Wer sind jene, die wider mich rufen? Ist es Israel, das mir feind ist?</p> -<p><span class="character">DER FÜHRENDE</span>:</p><p>Herr, Unglückliche sind es!</p> +<p><span class="character">DER FÜHRENDE</span>:</p><p>Herr, Unglückliche sind es!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nicht führe ihn her, gesondert sei unser Los von -dem seinen!... abseits möge er sitzen ... Gott hat ihn gestraft +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nicht führe ihn her, gesondert sei unser Los von +dem seinen!... abseits möge er sitzen ... Gott hat ihn gestraft ... Fluch liegt auf ihm ...</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Fort ... führe mich fort ... in den Tempel, daß er<span class="pagenum">197</span> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Fort ... führe mich fort ... in den Tempel, daß er<span class="pagenum">197</span> mich berge vor ihrem Hasse ... ich will ihre Stimmen nicht -hören ... ihr Haß brennt auf meine Wunden ... in den Tempel.</p> +hören ... ihr Haß brennt auf meine Wunden ... in den Tempel.</p> -<p><span class="character">DER FÜHRENDE</span>:</p><p>Herr, der Tempel ist nicht mehr.</p> +<p><span class="character">DER FÜHRENDE</span>:</p><p>Herr, der Tempel ist nicht mehr.</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Ist der Tempel gefallen ... dann falle auch ich ... -wehe, wer tötet mich, den Blinden ... geh ... sage ihnen, rufe -sie, die mich schmähen, daß sie ein Ende machen.</p> +wehe, wer tötet mich, den Blinden ... geh ... sage ihnen, rufe +sie, die mich schmähen, daß sie ein Ende machen.</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Was zerfleischet ihr einander, da der Feind -uns würget?</p> +uns würget?</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ein Fluchbringer ist er ... er hat Gottes Haus stürzen +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ein Fluchbringer ist er ... er hat Gottes Haus stürzen lassen ... er brach den Eid ... nein, lasset ihn ... man hat seine -Söhne geschlagen ... ein Blinder ist er ... aber er soll nicht mehr -König sein ... nein ... nein ... was soll uns ein Blinder ... eine -Last ist er ... nein, er soll nicht König sein ... nein ...</p> +Söhne geschlagen ... ein Blinder ist er ... aber er soll nicht mehr +König sein ... nein ... nein ... was soll uns ein Blinder ... eine +Last ist er ... nein, er soll nicht König sein ... nein ...</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(fast weinend in seiner Hilflosigkeit)</span>:</p><p>Führ mich fort ... -meine Augen sind mir genommen ... die Krone noch reißen sie +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(fast weinend in seiner Hilflosigkeit)</span>:</p><p>Führ mich fort ... +meine Augen sind mir genommen ... die Krone noch reißen sie mir ab ... birg mich ... verbirg mich vor ihnen.</p> -<p><span class="character">EINE FRAU</span>: Hier ruhe aus ... mein König, bette dich hin.</p> +<p><span class="character">EINE FRAU</span>: Hier ruhe aus ... mein König, bette dich hin.</p> -<p class="direction">(ZEDEKIA wird an der Treppe hingebettet, Neugierde drängt um ihn.)</p> +<p class="direction">(ZEDEKIA wird an der Treppe hingebettet, Neugierde drängt um ihn.)</p> -<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten -des Herrn! Unser Führer ist er von Gott.</p> +<p><span class="character">DER ÄLTESTE</span>:</p><p>Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten +des Herrn! Unser Führer ist er von Gott.</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nein ... ein Blinder ist kein Führer ... wie kann -er König sein in Jerusalem, da Zion fiel ... Knechte sind wir -alle, wir brauchen keine Führer ... oh, wir bedürfen eines Erretters -... oh, daß Mose uns erstünde ... ein Tröster wäre vonnöten, -kein Bedrückter ... ein Erleuchteter und kein Blinder ... -niemand kann uns helfen ... rüstet zur Reise ... sehet das Dämmern +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nein ... ein Blinder ist kein Führer ... wie kann +er König sein in Jerusalem, da Zion fiel ... Knechte sind wir +alle, wir brauchen keine Führer ... oh, wir bedürfen eines Erretters +... oh, daß Mose uns erstünde ... ein Tröster wäre vonnöten, +kein Bedrückter ... ein Erleuchteter und kein Blinder ... +niemand kann uns helfen ... rüstet zur Reise ... sehet das Dämmern ... wehe der Tag ... oh, Auszug ins Fremde ... wehe wir -Vertriebenen ... wehe uns Führerlosen ...</p> +Vertriebenen ... wehe uns Führerlosen ...</p> -<p class="direction">(EIN LAUTES KLINGENDES TÖNEN von ferne.)</p> +<p class="direction">(EIN LAUTES KLINGENDES TÖNEN von ferne.)</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe, die Posaune ... die Posaune ... hört ihr -sie tönen ... nein, es ist die Posaune nicht ... wie von Zimbeln -klingt es und Pauken ... Gesang, hört ihr Gesang ... es jauchzen +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wehe, die Posaune ... die Posaune ... hört ihr +sie tönen ... nein, es ist die Posaune nicht ... wie von Zimbeln +klingt es und Pauken ... Gesang, hört ihr Gesang ... es jauchzen unsere Feinde ... oh, Schmach ... oh, Qual ...</p> -<p class="direction">(DAS LAUTE KLINGENDE TÖNEN kommt näher.)</p> +<p class="direction">(DAS LAUTE KLINGENDE TÖNEN kommt näher.)</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Pauken und Zimbeln ... sie rufen ... sie jauchzen<span class="pagenum">198</span> ... sie kommen, uns fortzutreiben ... Gesang schwillt her ... wehe, wehe, wenn unsere Feinde jauchzen ... ihren Sieg jubeln -sie ... verschließet die Ohren ... weh, ihrer ist das Frohlocken -und unser die Trauer ... Schmach, es hören zu müssen ... wohin -flüchten vor ihrem Hohn ... sie danken ihrem Gotte ... wem +sie ... verschließet die Ohren ... weh, ihrer ist das Frohlocken +und unser die Trauer ... Schmach, es hören zu müssen ... wohin +flüchten vor ihrem Hohn ... sie danken ihrem Gotte ... wem sollen wir klagen?</p> -<p class="direction">(DAS TÖNEN ist ganz nah, man hört einzelne Rufe und Zimbelschläge. +<p class="direction">(DAS TÖNEN ist ganz nah, man hört einzelne Rufe und Zimbelschläge. Aus dem Dunkel sieht man eine Gruppe Menschen schreiten, die sich jubelnd -um eine hohe Gestalt drängen.)</p> +um eine hohe Gestalt drängen.)</p> <p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(aus der Menge)</span>:</p><p>Sehet ... sehet ... der Unseren welche sind es, die nahen ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Es ist nicht wahr ... wie könnten sie jauchzen +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Es ist nicht wahr ... wie könnten sie jauchzen ... Fluch dem Sohn Israels, der frohlockte an diesem Tag ... -Trunkene müssen es sein ... die Unsern sind es ... ich erkenne +Trunkene müssen es sein ... die Unsern sind es ... ich erkenne sie ... Wer ist es, den sie umschreiten ... was geschieht hier -... was jauchzen sie ... was schlägt die Zimbel das rasende +... was jauchzen sie ... was schlägt die Zimbel das rasende Weib ...</p> <p class="direction">(DIE GRUPPE der Nahenden, mit Jeremias in der Mitte, ist aus der Tiefe ins fahle Morgenlicht getreten. Sie schreiten wie die Trunkenen einher im Taumel, einige ekstatisch, andere wieder ernst und feierlich.)</p> -<p><span class="character">STIMMEN DER NAHENDEN</span>:</p><p>Hosianna ... Verkündigung -... ewig währet Jerusalem ... oh, selige Heimkehr, oh, ewige -Wiederkehr!... Gesegnet der Tröster, gesegnet die Tröstung ... -Hosianna ... ewig währet Jerusalem ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN DER NAHENDEN</span>:</p><p>Hosianna ... Verkündigung +... ewig währet Jerusalem ... oh, selige Heimkehr, oh, ewige +Wiederkehr!... Gesegnet der Tröster, gesegnet die Tröstung ... +Hosianna ... ewig währet Jerusalem ...</p> <p><span class="character">STIMMEN DER MENGE</span> <span class="direction">(in wilder Erregung)</span>:</p><p>Sie sind rasend -... was ist geschehen ... höret ... höret! Hosianna rufen sie ... +... was ist geschehen ... höret ... höret! Hosianna rufen sie ... was bringet er ... was ist seine Botschaft ... er rede auch zu -uns ... wer ist es ... auch zu uns sprich, Verkünder ... Oh, -Tröstung, wer gibt uns Tröstung ...</p> +uns ... wer ist es ... auch zu uns sprich, Verkünder ... Oh, +Tröstung, wer gibt uns Tröstung ...</p> <p><span class="character">EINER</span>:</p><p>Sehet, ist dies Jeremia nicht, den sie umschreiten?</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja ... nein ... dunkel war jenes Gesicht ... ein Leuchten ist aber um diesen ... doch, sehet, er ist es ... er ist es ... wie ist er gewandelt ... wehe der Flucher ... wie kann -Süßes kommen von dem Bittern ... was folget er uns, der uns +Süßes kommen von dem Bittern ... was folget er uns, der uns verfolgte ...</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Höret die Tröstung, Brüder, lasset euch speisen mit<span class="pagenum">199</span> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Höret die Tröstung, Brüder, lasset euch speisen mit<span class="pagenum">199</span> dem Worte Gottes, mit dem Brote des Lebens!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wie kann Tröstung kommen von dem Verfluchten -... wie die Geißel schlägt er zu ... er wird uns würgen mit +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wie kann Tröstung kommen von dem Verfluchten +... wie die Geißel schlägt er zu ... er wird uns würgen mit dem Wort ... genug der Profeten, sie haben uns verredet mit ihren Worten ... nein, dieser hat gewarnet ... hart ist sein Mund wie ein Schwert ... Salz streut er in unsere Wunden ... hebe dich fort, Unbarmherziger!</p> -<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nein, höret ihn! Das Herz hat er uns erhoben, oh, -lasset euch trösten, ihr Gottesbrüder!</p> +<p><span class="character">BARUCH</span>:</p><p>Nein, höret ihn! Das Herz hat er uns erhoben, oh, +lasset euch trösten, ihr Gottesbrüder!</p> -<p><span class="character">DER KRANKE</span>:</p><p>Ich zeuge für ihn, ich bezeuge ihn! Im Brand +<p><span class="character">DER KRANKE</span>:</p><p>Ich zeuge für ihn, ich bezeuge ihn! Im Brand meiner Wunde lag ich, ein Siecher, und er hat mich erhoben. -Ich zeuge für ihn, ich zeuge ...</p> +Ich zeuge für ihn, ich zeuge ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wer ist dieser ... höret ihn an ... Wunder verheißet -er, und wir bedürfen der Wunder ... Tröstung will mein -Herz ... mich trösten einzig Zions Tale ... wie kann er trösten +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wer ist dieser ... höret ihn an ... Wunder verheißet +er, und wir bedürfen der Wunder ... Tröstung will mein +Herz ... mich trösten einzig Zions Tale ... wie kann er trösten ... kann er wecken die Toten, kann er aufbaun die zederne Burg -... nein, höret ihn ... wehe uns ...</p> +... nein, höret ihn ... wehe uns ...</p> <p><span class="character">DAS WEIB</span>:</p><p>Bileam! Bileam! Bileam! Heil dir, der du kamest zu fluchen Israel, und dreimal hast du uns gesegnet.</p> @@ -8622,18 +8585,18 @@ zu fluchen Israel, und dreimal hast du uns gesegnet.</p> mache fruchtbar ihre Seelen, hebe auf, hebe auf zu Gott ihre Trauer!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(aus dem Kreise vortretend an die höchste der Stufen)</span>:</p><p>Meine Brüder, im Dunkel fühle ich eure Nähe und des Dunkels -voll eure Seelen. Aber, meine Brüder, warum verzaget ihr, warum +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(aus dem Kreise vortretend an die höchste der Stufen)</span>:</p><p>Meine Brüder, im Dunkel fühle ich eure Nähe und des Dunkels +voll eure Seelen. Aber, meine Brüder, warum verzaget ihr, warum klaget ihr?</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Hört ihr den Lästerer ... ich habe gewarnt vor ihm -... er höhnt uns ... er fragt, warum wir klagen ... Salz streut +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Hört ihr den Lästerer ... ich habe gewarnt vor ihm +... er höhnt uns ... er fragt, warum wir klagen ... Salz streut er in unsere Wunden ... sollen wir jauchzen am Tage unseres Ausgangs ... sollen wir vergessen der Toten ... er spottet unserer -Tränen ... schweige ... nein, höret ihn ... lasset ihn reden ...</p> +Tränen ... schweige ... nein, höret ihn ... lasset ihn reden ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Oh, höret mich, ihr Brüder, höret mich an! Ist -denn alles verloren, daß ihr klaget? Sehet und fühlt es mit den +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Oh, höret mich, ihr Brüder, höret mich an! Ist +denn alles verloren, daß ihr klaget? Sehet und fühlt es mit den Sinnen: das Leben ist euch geschenkt ...</p> <p><span class="character">EINE STIMME</span>:</p><p>Wehe, welch ein Leben!</p> @@ -8641,167 +8604,167 @@ Sinnen: das Leben ist euch geschenkt ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Und ich sage euch, wes das Leben ist, dessen ist<span class="pagenum">200</span> auch Gott. Nur der Toten ist es, zu schweigen und zu klagen derer, die zur Grube fahren, doch der Lebendigen ist es, zu hoffen. -Oh, meine Brüder, nicht klaget und verzaget, solange euch Atem -vom Munde fließt, nicht tut auf euren Mund der Empörung und -nicht schließet euer Ohr der Tröstung!</p> +Oh, meine Brüder, nicht klaget und verzaget, solange euch Atem +vom Munde fließt, nicht tut auf euren Mund der Empörung und +nicht schließet euer Ohr der Tröstung!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ach, Trost der Worte, er wärmet nicht ... willst +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ach, Trost der Worte, er wärmet nicht ... willst du uns aufrichten, so richte auf die Mauern Jerusalems ... baue Zions Burg ... wehe, er sieht unsere Not nicht ... er erkennet unsere Leiden nicht ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich schaue, meine Brüder, in euer Leiden wie in -ein geöffnet Buch, und eurer Schmerzen Schrift ist mir aufgetan; -doch, meine Brüder, auch unseres Leidens Sinn sehe ich: ich sehe -den Gott darin. Seine Prüfung nur ist diese Stunde, so lasset sie +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich schaue, meine Brüder, in euer Leiden wie in +ein geöffnet Buch, und eurer Schmerzen Schrift ist mir aufgetan; +doch, meine Brüder, auch unseres Leidens Sinn sehe ich: ich sehe +den Gott darin. Seine Prüfung nur ist diese Stunde, so lasset sie uns bestehen!</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Warum prüfet uns Gott ... Warum gerade uns, -seine Auserwählten ... warum ist so hart diese Prüfung ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Warum prüfet uns Gott ... Warum gerade uns, +seine Auserwählten ... warum ist so hart diese Prüfung ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Damit wir ihn erkennen, sendet Gott uns die Prüfung. -Andern Völkern ist klein Zeichen und gering Erkennen gegeben, -in Hölzern und Steinen meinen sie des Ewigen Gesicht -zu erschauen. Doch unser Gott, unserer Väter Gott, ein verborgener +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Damit wir ihn erkennen, sendet Gott uns die Prüfung. +Andern Völkern ist klein Zeichen und gering Erkennen gegeben, +in Hölzern und Steinen meinen sie des Ewigen Gesicht +zu erschauen. Doch unser Gott, unserer Väter Gott, ein verborgener Gott ist er, und erst in der Tiefe des Leidens werden -wir seiner gewahr, nur in der Prüfung tut er sich auf seinen Erwählten. -Segen, wem sie begegnet, denn was wäre Israel unter -den Völkern, prüfte es nicht ewig sein Gott? Wen er liebet, den -stößt er hinab in die Tiefe des Lebens, daß er ihn erprobe, und, -ihr Brüder, immer hat Gott sein Volk geliebt, immer hat er es -hinabgestoßen.</p> - -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja, er redet recht ... nein, gütig ist Gott ... verstehet +wir seiner gewahr, nur in der Prüfung tut er sich auf seinen Erwählten. +Segen, wem sie begegnet, denn was wäre Israel unter +den Völkern, prüfte es nicht ewig sein Gott? Wen er liebet, den +stößt er hinab in die Tiefe des Lebens, daß er ihn erprobe, und, +ihr Brüder, immer hat Gott sein Volk geliebt, immer hat er es +hinabgestoßen.</p> + +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja, er redet recht ... nein, gütig ist Gott ... verstehet ihn recht ... ja, es steht geschrieben: „Selig der Mensch, den -Gott strafet, darum weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen -nicht“ ... Ja, ja ... so steht es geschrieben ... nur die Sünder +Gott strafet, darum weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen +nicht“ ... Ja, ja ... so steht es geschrieben ... nur die Sünder strafet er ... was haben wir getan ... Vergessen haben wir seiner in Hoffart ... nie rief ich ihn an wie jetzt in der Not ... wahr -redet er ... Tröstung ist in seinen Worten ...</p> +redet er ... Tröstung ist in seinen Worten ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nur die Geprüften hat er erwählet, und nur den -Leidenden gilt seine Liebe. So lasset uns die Geprüften sein und<span class="pagenum">201</span> -lieben sein Leid, ihr Brüder! Er hat uns brüchig gemacht, daß +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Nur die Geprüften hat er erwählet, und nur den +Leidenden gilt seine Liebe. So lasset uns die Geprüften sein und<span class="pagenum">201</span> +lieben sein Leid, ihr Brüder! Er hat uns brüchig gemacht, daß er tiefer sich senke in unseres Herzens Scholle und wir fruchtend -würden seines Samens, er hat uns geschwächet am Leibe, daß er -uns stärkte in der Seele. Oh, willig lasset uns eingehen in die -Schmelzfeuer seines Willens um der Läuterung willen. Tut, wie -eure Väter taten, und weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen +würden seines Samens, er hat uns geschwächet am Leibe, daß er +uns stärkte in der Seele. Oh, willig lasset uns eingehen in die +Schmelzfeuer seines Willens um der Läuterung willen. Tut, wie +eure Väter taten, und weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen nicht!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Geben wir uns hin seinem Willen ... gepriesen die -Prüfung ... ich will die Klage zerschlagen in meinem Munde ... -ja ... auch sie waren in Knechtschaft, und er hat sie erlöset ... auch -uns wird er hören ... ja ... ja ... oh, daß er unser sich erbarmte ... -sage, du Verkünder, wird er uns wieder aufnehmen ... gibt er uns -Erhebung ... erlöst er uns von Babel ... laß es uns glauben ...</p> - -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Glaubet an die Erstehung, ihr Brüder, und ihr seid -schon erstanden. Denn wer sind wir, wenn wir nicht gläubig -sind? Nicht ward uns wie andern Völkern Scholle gegeben, daran +Prüfung ... ich will die Klage zerschlagen in meinem Munde ... +ja ... auch sie waren in Knechtschaft, und er hat sie erlöset ... auch +uns wird er hören ... ja ... ja ... oh, daß er unser sich erbarmte ... +sage, du Verkünder, wird er uns wieder aufnehmen ... gibt er uns +Erhebung ... erlöst er uns von Babel ... laß es uns glauben ...</p> + +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Glaubet an die Erstehung, ihr Brüder, und ihr seid +schon erstanden. Denn wer sind wir, wenn wir nicht gläubig +sind? Nicht ward uns wie andern Völkern Scholle gegeben, daran zu kleben, Heimat, darin zu verharren, nicht die Rast, darin unser -Herz fett werde! Nicht zum Frieden sind wir erwählet unter den -Völkern: Weltwanderschaft ist unser Zelt, Mühsal unser Acker +Herz fett werde! Nicht zum Frieden sind wir erwählet unter den +Völkern: Weltwanderschaft ist unser Zelt, Mühsal unser Acker und Gott unsere Heimat in der Zeit. Aber nicht neidet sie darob, -nicht klaget! Lasset den andern ihr Glück und den Stolz, lasset -ihnen Haus und die Heimstatt der Erde, du aber lasse dich prüfen, +nicht klaget! Lasset den andern ihr Glück und den Stolz, lasset +ihnen Haus und die Heimstatt der Erde, du aber lasse dich prüfen, du Leidensvolk, und glaube, du Gottesvolk, denn das Leid ist dein -heilig Erbe, und ihm einzig bist du erwählet um deiner Ewigkeit +heilig Erbe, und ihm einzig bist du erwählet um deiner Ewigkeit willen.</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Oh, Wahrheit des Wortes ... unser Erbe ist das Leid ... ich will es auf mich nehmen ... ich glaube an seine -Barmherzigkeit ... er wird uns ausführen, wie er uns führte aus -Mizraim ... Segen auf dein Wort ... Gott wird uns erlösen, wie -er erlöste unsere Väter ...</p> +Barmherzigkeit ... er wird uns ausführen, wie er uns führte aus +Mizraim ... Segen auf dein Wort ... Gott wird uns erlösen, wie +er erlöste unsere Väter ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>So steh auf, du Volk, aus deiner Klage; wie einen Stab nimm deinen Glauben, und du wirst schreiten aus deinen -Nöten, wie du geschritten tausend und tausend Jahre! Selig die +Nöten, wie du geschritten tausend und tausend Jahre! Selig die Besiegten, die wir sind um seinetwillen, selig unsere Vertriebenheit! -Selig, daß wir alles verlieren, um ihn zu finden, selig unser -hart Schicksal, selig unsere Plage und Prüfung! Denn zur Dauer<span class="pagenum">202</span> -sind wir erwählt durch das Leid und zur Ewigkeit durch die Erneuung! -Könige, die uns Herren waren, sind vergangen wie -Rauch; Völker, die uns geknechtet, zerstreut und zertreten ihr -Samen; Städte, darin wir dieneten, geborsten und der Schakale +Selig, daß wir alles verlieren, um ihn zu finden, selig unser +hart Schicksal, selig unsere Plage und Prüfung! Denn zur Dauer<span class="pagenum">202</span> +sind wir erwählt durch das Leid und zur Ewigkeit durch die Erneuung! +Könige, die uns Herren waren, sind vergangen wie +Rauch; Völker, die uns geknechtet, zerstreut und zertreten ihr +Samen; Städte, darin wir dieneten, geborsten und der Schakale Hausung; doch Israel lebt und veraltet nicht an den Zeiten, ist doch das Leid seine Kraft und der Sturz seine Stufe. Durch Leiden haben wir die Zeit bestanden, immer war Untergang unser Anbeginn, doch aus allen Tiefen hub er uns immer an sein heilig -Herz! Gedenket, gedenket der einstigen Mühsal und gedenket, +Herz! Gedenket, gedenket der einstigen Mühsal und gedenket, wie wir sie bestanden; gedenket, gedenket Mizraims, des Diensthauses, -der ersten Prüfung! Rühmet die Plage, ihr Geplagten, -rühmet die Prüfung, ihr Geprüften, rühmet den Gott, der uns -ihr erwählte in alle Ewigkeit!</p> +der ersten Prüfung! Rühmet die Plage, ihr Geplagten, +rühmet die Prüfung, ihr Geprüften, rühmet den Gott, der uns +ihr erwählte in alle Ewigkeit!</p> -<p class="direction">(DAS VOLK gerät in mächtige Erregung. Aus den einzelnen Stimmen heben -sich rhythmisch die Chöre.)</p> +<p class="direction">(DAS VOLK gerät in mächtige Erregung. Aus den einzelnen Stimmen heben +sich rhythmisch die Chöre.)</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Knechte Mizraims<br /></span> -<span class="i0">Waren die Väter,<br /></span> -<span class="i0">Eiserne Zäume<br /></span> -<span class="i0">Preßten und banden<br /></span> +<span class="i0">Waren die Väter,<br /></span> +<span class="i0">Eiserne Zäume<br /></span> +<span class="i0">Preßten und banden<br /></span> <span class="i0">Israels Stirn.<br /></span> -<span class="i0">Knechte und Vögte<br /></span> +<span class="i0">Knechte und Vögte<br /></span> <span class="i0">Schlugen die Klage<br /></span> -<span class="i0">Auf dienendem Rücken<br /></span> +<span class="i0">Auf dienendem Rücken<br /></span> <span class="i0">Mit Peitschen entzwei,<br /></span> <span class="i0">Schlugen die Kinder<br /></span> -<span class="i0">Mit tödlichem Erz.</span></div></div> +<span class="i0">Mit tödlichem Erz.</span></div></div> <p><span class="character">HELLERE STIMMEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Doch in dem Dunkel, das uns umwölkte,<br /></span> +<span class="i0">Doch in dem Dunkel, das uns umwölkte,<br /></span> <span class="i0">Fand uns Gottes erbarmender Blick,<br /></span> -<span class="i0">Einen Befreier in niederem Schoße<br /></span> +<span class="i0">Einen Befreier in niederem Schoße<br /></span> <span class="i0">Weckt' er dem Volke, eh es zerbrach.<br /></span> -<span class="i0">In seine Zunge ergoß er die Rede<br /></span> -<span class="i0">Und in seine Hände der Zeichen Gewalt.<br /></span> -<span class="i0">Aufhub Mose das Volk, das bedrückte,<br /></span> -<span class="i0">Aus seiner Rede glänzte uns Heimat,<br /></span> -<span class="i0">Und wir ließen das bittere Land.</span></div></div> +<span class="i0">In seine Zunge ergoß er die Rede<br /></span> +<span class="i0">Und in seine Hände der Zeichen Gewalt.<br /></span> +<span class="i0">Aufhub Mose das Volk, das bedrückte,<br /></span> +<span class="i0">Aus seiner Rede glänzte uns Heimat,<br /></span> +<span class="i0">Und wir ließen das bittere Land.</span></div></div> <p><span class="character">JUBELNDE STIMMEN</span>:<span class="pagenum">203</span></p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Und die Siebzig dereinstens gekommen,<br /></span> <span class="i0">Tausend und Tausend kehrten darwider,<br /></span> -<span class="i0">Gehäufeter Habe mit Knechten und Tieren,<br /></span> +<span class="i0">Gehäufeter Habe mit Knechten und Tieren,<br /></span> <span class="i0">Ein starkes Geschlechte zogen wir aus.<br /></span> -<span class="i0">Säule des Rauchs und Säule des Feuers<br /></span> +<span class="i0">Säule des Rauchs und Säule des Feuers<br /></span> <span class="i0">Zogen voran den seligen Blicken,<br /></span> <span class="i0">Engel des Herrn flogen hell vor uns her.<br /></span> -<span class="i0">Oh, erster Auszug! Oh, Anhub des Glückes!<br /></span> +<span class="i0">Oh, erster Auszug! Oh, Anhub des Glückes!<br /></span> <span class="i0">Oh, erste Einkehr und Wiederkehr!</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Doch neue Nöte waren Israel bereitet, Prüfung um -Prüfung!<br /></span> +<span class="i0">Doch neue Nöte waren Israel bereitet, Prüfung um +Prüfung!<br /></span> <span class="i0">Entsinnet sie, entsinnet die brennenden Tage der Bitternis! Entsinnet sie!</span></div></div> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Hinter uns jagten,<br /></span> -<span class="i0">Schäumender Nüster,<br /></span> +<span class="i0">Schäumender Nüster,<br /></span> <span class="i0">Rosse und Wagen<br /></span> <span class="i0">Pharaos Heer.<br /></span> -<span class="i0">Über uns schollen<br /></span> +<span class="i0">Über uns schollen<br /></span> <span class="i0">Schon Schreie der Rache,<br /></span> <span class="i0">Vor uns war Meerflut<br /></span> <span class="i0">Und hinter uns Tod.</span></div></div> <p><span class="character">HELLERE STIMMEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Da aber ging Sturm von Gott aus der Höhe,<br /></span> -<span class="i0">Weit voneinander riß er die Fluten,<br /></span> +<span class="i0">Da aber ging Sturm von Gott aus der Höhe,<br /></span> +<span class="i0">Weit voneinander riß er die Fluten,<br /></span> <span class="i0">Wasser ward Mauer, die Tiefe ward Gang,<br /></span> <span class="i0">Hausung der Fische, sie ward uns zum Pfade,<br /></span> -<span class="i0">Und wir wandelten trockenen Fußes<br /></span> -<span class="i0">Zwischen der Wasser getürmeter Schlucht.</span></div></div> +<span class="i0">Und wir wandelten trockenen Fußes<br /></span> +<span class="i0">Zwischen der Wasser getürmeter Schlucht.</span></div></div> <p><span class="character">JAUCHZENDE STIMMEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> @@ -8809,27 +8772,27 @@ sie!</span></div></div> <span class="i0">Prasselnd jagten sie hin durch die Gasse<br /></span> <span class="i0">Wartender Wasser, schon fing uns ihr Schrei,<br /></span> <span class="i0">Da aber fiel Sturmwind des Herren hernieder,<br /></span> -<span class="i0">Brandend zerschäumten die wassernen Mauern,<br /></span> -<span class="i0">Über sie stürmte das blaue Verhängnis,<br /></span> -<span class="i0">Rosse und Wagen erwürgte das Meer!</span></div></div> +<span class="i0">Brandend zerschäumten die wassernen Mauern,<br /></span> +<span class="i0">Über sie stürmte das blaue Verhängnis,<br /></span> +<span class="i0">Rosse und Wagen erwürgte das Meer!</span></div></div> <p><span class="character">ERNSTE STIMMEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">So zerbrach der Herr die Gefahren,<br /></span> -<span class="i0">Heil entriß er das Volk seiner Haft.<br /></span><span class="pagenum">204</span> -<span class="i0">Oh, großer Anhub der wunderbaren,<br /></span> +<span class="i0">Heil entriß er das Volk seiner Haft.<br /></span><span class="pagenum">204</span> +<span class="i0">Oh, großer Anhub der wunderbaren,<br /></span> <span class="i0">Selig unseligen Wanderschaft!</span></div></div> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Doch nochmals und nochmals goß er des Todes -Bitternis über uns und der Prüfung Kelch, damit wir geneseten -auf immerdar! Besinnet sie! Besinnet sie, die heißen Tage der -Wüste, die vierzig Jahre Mühsal vor dem Gottesland!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Doch nochmals und nochmals goß er des Todes +Bitternis über uns und der Prüfung Kelch, damit wir geneseten +auf immerdar! Besinnet sie! Besinnet sie, die heißen Tage der +Wüste, die vierzig Jahre Mühsal vor dem Gottesland!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Brach die Kehle,<br /></span> <span class="i0">Leer die Lippen,<br /></span> -<span class="i0">Ausgedürstet<br /></span> +<span class="i0">Ausgedürstet<br /></span> <span class="i0">Und verschmachtet<br /></span> <span class="i0">Wankten wir<br /></span> <span class="i0">Im leeren Land.</span></div></div> @@ -8840,17 +8803,17 @@ Wüste, die vierzig Jahre Mühsal vor dem Gottesland!</p> <span class="i0">Den Stab und schmetterte ihn wider den Stein.<br /></span> <span class="i0">Aufbrachen der Felsen marmorne Flanken,<br /></span> <span class="i0">Wasser netzte die lechzende Lippe,<br /></span> -<span class="i0">Kühlung umspülte den staubigen Fuß.</span></div></div> +<span class="i0">Kühlung umspülte den staubigen Fuß.</span></div></div> <p><span class="character">HELLERE STIMMEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Wann wir müdeten, wurde uns Tröstung,<br /></span> +<span class="i0">Wann wir müdeten, wurde uns Tröstung,<br /></span> <span class="i0">Wunder durchrauschten den brennenden Tag,<br /></span> -<span class="i0">Bittere Bronnen wurden zu süßen,<br /></span> -<span class="i0">Würzige Wachteln herblies der Wind,<br /></span> +<span class="i0">Bittere Bronnen wurden zu süßen,<br /></span> +<span class="i0">Würzige Wachteln herblies der Wind,<br /></span> <span class="i0">Und als Hunger feurigen Eisens<br /></span> -<span class="i0">Unsere Eingeweide zerriß,<br /></span> -<span class="i0">Brach aus dem Morgen blendende Weiße:<br /></span> +<span class="i0">Unsere Eingeweide zerriß,<br /></span> +<span class="i0">Brach aus dem Morgen blendende Weiße:<br /></span> <span class="i0">Manna fiel nieder, das himmlische Brot!</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Niemalens aber war Sicherheit uns gegeben. Ewig @@ -8859,214 +8822,214 @@ die Gefahren seinem Volke! Besinnet sie! Besinnet sie!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Völker standen<br /></span> +<span class="i0">Völker standen<br /></span> <span class="i0">Auf in Waffen,<br /></span> <span class="i0">Neid und Habsucht<br /></span> <span class="i0">Sperrten Wege<br /></span> <span class="i0">Unsrer Fahrt,<br /></span> -<span class="i0">Städte schlossen<br /></span> +<span class="i0">Städte schlossen<br /></span> <span class="i0">Turm und Tore,<br /></span><span class="pagenum">205</span> <span class="i0">Speere starrten<br /></span> <span class="i0">Trotz und Tod.</span></div></div> <p><span class="character">HELLERE STIMMEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Da gab uns Gott Gewaffen zu Händen<br /></span> -<span class="i0">Und in die Herzen die Schärfe des Schwerts,<br /></span> -<span class="i0">Wider Tausend gab er uns Stärke,<br /></span> +<span class="i0">Da gab uns Gott Gewaffen zu Händen<br /></span> +<span class="i0">Und in die Herzen die Schärfe des Schwerts,<br /></span> +<span class="i0">Wider Tausend gab er uns Stärke,<br /></span> <span class="i0">Wider Zehntausend gab er uns Sieg.</span></div></div> <p><span class="character">JAUCHZENDE STIMMEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Posaunen bliesen, es stürzten die Mauern,<br /></span> +<span class="i0">Posaunen bliesen, es stürzten die Mauern,<br /></span> <span class="i0">Moab zerknickte, Amalek verging.<br /></span> <span class="i0">Mit dem Schwerte schlugen wir Wege<br /></span> -<span class="i0">Durch den Zorn der Völker und Zeiten,<br /></span> -<span class="i0">Bis unser Herz die Prüfung bestand,<br /></span> +<span class="i0">Durch den Zorn der Völker und Zeiten,<br /></span> +<span class="i0">Bis unser Herz die Prüfung bestand,<br /></span> <span class="i0">Bis wir ihn fanden, den Acker der Ruhe,<br /></span> -<span class="i0">Kanaan, unser verheißenes Land.<br /></span> +<span class="i0">Kanaan, unser verheißenes Land.<br /></span> <span class="i0">Heimat durften die Schweifenden haben,<br /></span> -<span class="i0">Segnend lösten wir Gürtel und Schuhe,<br /></span> -<span class="i0">Rebe entgrünte dem Wanderstabe,<br /></span> -<span class="i0">Israel blühte, und Zion erstand.</span></div></div> +<span class="i0">Segnend lösten wir Gürtel und Schuhe,<br /></span> +<span class="i0">Rebe entgrünte dem Wanderstabe,<br /></span> +<span class="i0">Israel blühte, und Zion erstand.</span></div></div> <p><span class="character">ALLE STIMMEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Immer waren wir Pflüger im Joche,<br /></span> +<span class="i0">Immer waren wir Pflüger im Joche,<br /></span> <span class="i0">Immer gebeugt und in Dienstbarkeit,<br /></span> <span class="i0">Doch ewig hat er das Joch uns zerbrochen,<br /></span> <span class="i0">Aus allen Kerkern uns heimbefreit,<br /></span> -<span class="i0">Wo immer sie Not und Drängung uns schufen,<br /></span> +<span class="i0">Wo immer sie Not und Drängung uns schufen,<br /></span> <span class="i0">Immer hat er uns heimgerufen,<br /></span> -<span class="i0">Und unsern Samen zur Blüte erneut!</span></div></div> +<span class="i0">Und unsern Samen zur Blüte erneut!</span></div></div> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Und nie wird geschehn, daß er unser vergißt.<br /></span> +<span class="i0">Und nie wird geschehn, daß er unser vergißt.<br /></span> <span class="i0">Bedenket, bedenket,<br /></span> -<span class="i0">Daß, wenn er uns niedrigt, daß, wenn er uns kränket,<br /></span> +<span class="i0">Daß, wenn er uns niedrigt, daß, wenn er uns kränket,<br /></span> <span class="i0">Dies Leiden nur Brand seiner Liebe ist.<br /></span> -<span class="i0">So beugt euch, ihr Brüder, dem Joch in Ergebung,<br /></span> +<span class="i0">So beugt euch, ihr Brüder, dem Joch in Ergebung,<br /></span> <span class="i0">Segnet die Schickung, so uns geschah,<br /></span> -<span class="i0">Leiden ist Prüfung und Prüfung Erhebung,<br /></span> +<span class="i0">Leiden ist Prüfung und Prüfung Erhebung,<br /></span> <span class="i0">Erniedrigung macht uns nur gottesnah,<br /></span> -<span class="i0">Jeder Sturz führt höher in seine Reiche,<br /></span> +<span class="i0">Jeder Sturz führt höher in seine Reiche,<br /></span> <span class="i0">Denn nur die Besiegten wissen um ihn:<br /></span> -<span class="pagenum">206</span><span class="i0">Ihr Brüder, auf denn! Auf, ihn zu erreichen!<br /></span> -<span class="i0">Auf, Brüder, lasset uns gotteswärts ziehn!</span></div></div> +<span class="pagenum">206</span><span class="i0">Ihr Brüder, auf denn! Auf, ihn zu erreichen!<br /></span> +<span class="i0">Auf, Brüder, lasset uns gotteswärts ziehn!</span></div></div> -<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(ekstatisch)</span>:</p><p>Ja, auf, zur Wanderschaft ... führe uns -an ... wie die Väter wollen wir leiden ... oh, Auszug und +<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(ekstatisch)</span>:</p><p>Ja, auf, zur Wanderschaft ... führe uns +an ... wie die Väter wollen wir leiden ... oh, Auszug und ewige Wiederkehr ... auf ... auf ... hebet an ... es ist nahe gen Tag ... ziehen wir aus ... ziehen wir aus in die Knechtschaft -... Gott wird uns erlösen, wie er immer uns erlöset ... +... Gott wird uns erlösen, wie er immer uns erlöset ... Alle wollen wir gehen ... alle ... ja, wir alle ...</p> -<p><span class="character">DIE STIMME ZEDEKIAS</span>:</p><p>Wehe, wehe! Wer wird mich führen? -Nicht lasset mich zurück! Wehe, wehe, wer hebet mich auf?</p> +<p><span class="character">DIE STIMME ZEDEKIAS</span>:</p><p>Wehe, wehe! Wer wird mich führen? +Nicht lasset mich zurück! Wehe, wehe, wer hebet mich auf?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Wes Ruf ist dies?</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Laß ihn ... er bleibe ... Spreu ist er und verworfen ... -Du führe uns an, du, Gesegneter ... Du sei uns -Herr ... Laß den Verworfenen ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Laß ihn ... er bleibe ... Spreu ist er und verworfen ... +Du führe uns an, du, Gesegneter ... Du sei uns +Herr ... Laß den Verworfenen ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Keiner ist verworfen! Wer rufet, muß erhört werden +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Keiner ist verworfen! Wer rufet, muß erhört werden um unserer aller willen!</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Nicht er ... nicht er ... Aussatz ist er unseres -Volkes ... alles Unheils Quelle ... Laß den Verstoßenen -Gottes ... Laß den Verfluchten!</p> +Volkes ... alles Unheils Quelle ... Laß den Verstoßenen +Gottes ... Laß den Verfluchten!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Auch ich war ein Verstoßener Gottes, und er hat -mich erhört; auch ich war ein Verfluchter, und er hat mich gesegnet! -Wo ist er, der aufschrie aus seiner Not, daß ich ihn -tröste, wie ich selber getröstet ward?</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Auch ich war ein Verstoßener Gottes, und er hat +mich erhört; auch ich war ein Verfluchter, und er hat mich gesegnet! +Wo ist er, der aufschrie aus seiner Not, daß ich ihn +tröste, wie ich selber getröstet ward?</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Im Dunkel ist er ... auf den Stufen ... dort, -sieh den Gebückten ... Gottes Zorn ist auf seinen Hochmut +sieh den Gebückten ... Gottes Zorn ist auf seinen Hochmut gefallen.</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Warum naht er nicht? Warum weilet er abseits?</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Sieh doch ... seine Sterne sind erloschen ... seine -Schritte sind irr ... er weiß nicht seinen Weg mehr, blind ist er, +Schritte sind irr ... er weiß nicht seinen Weg mehr, blind ist er, der Verblendete ...</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(näher tretend, in heißem Erschrecken)</span>:</p><p>Zedekia! Mein -König!</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(näher tretend, in heißem Erschrecken)</span>:</p><p>Zedekia! Mein +König!</p> <p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Bist du es, Jeremias, der mir nahet?</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich bin es, mein König, dein Knecht und Diener -Jeremias! <span class="direction">(Er beugt sich in die Knie vor dem Könige.)</span></p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Ich bin es, mein König, dein Knecht und Diener +Jeremias! <span class="direction">(Er beugt sich in die Knie vor dem Könige.)</span></p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wehe, nicht höhne mich, nicht stoße mich fort, wie -ich dich von mir stieß! Zu Asche hat dein Wort mich gebrannt,<span class="pagenum">207</span> -du Gewaltiger, nun schone mein; nicht wirf mich fort, nicht laß +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wehe, nicht höhne mich, nicht stoße mich fort, wie +ich dich von mir stieß! Zu Asche hat dein Wort mich gebrannt,<span class="pagenum">207</span> +du Gewaltiger, nun schone mein; nicht wirf mich fort, nicht laß mich allein in der Stunde des Schreckens! Sei bei mir, wie du geschworen vor Gottes Antlitz in der Stunde, der letzten, die ich schaute auf Erden.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(zu seinen Füßen)</span>:</p><p>Ich bin bei dir ... mein König +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(zu seinen Füßen)</span>:</p><p>Ich bin bei dir ... mein König Zedekia.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(nach ihm ins Leere tastend)</span>:</p><p>Wo bist du? Ich fühle dich +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(nach ihm ins Leere tastend)</span>:</p><p>Wo bist du? Ich fühle dich nicht!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Zu deinen Füßen bin ich, dein Diener und dein +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Zu deinen Füßen bin ich, dein Diener und dein Knecht.</p> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zitternd)</span>:</p><p>Nicht höhne mich vor dem Volke, nicht -beuge dich dem Gebeugten! Das Salböl ward zu Blut auf meiner +<p><span class="character">ZEDEKIA</span> <span class="direction">(zitternd)</span>:</p><p>Nicht höhne mich vor dem Volke, nicht +beuge dich dem Gebeugten! Das Salböl ward zu Blut auf meiner Stirne und meine Krone zum Staube.</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Doch des Leidens König bist du geworden, und nie -warst du mehr königlich! Zedekia, mein Herr und König, starr -stand ich vor dir, da die Macht in dir war und die Stärke, doch +<p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p><p>Doch des Leidens König bist du geworden, und nie +warst du mehr königlich! Zedekia, mein Herr und König, starr +stand ich vor dir, da die Macht in dir war und die Stärke, doch dem Gebeugten Gottes beuge ich mich, des Leidens niederster Knecht. Der Erste hast du getrunken den Kelch unserer Bitternis, -der Erste wärest du des Duldens, so mögest du der Erste -sein unseres Volkes in alle Ewigkeit und seiner Erlösung Anbeginn. -Oh, du König der Leiden, Gesalbter der Prüfung, Israels -Herr, erheb deine Stirne, daß sie uns glänze, führe, der du Gott -nur schauest und nicht mehr die Erde, führe, führe dein Volk!</p> +der Erste wärest du des Duldens, so mögest du der Erste +sein unseres Volkes in alle Ewigkeit und seiner Erlösung Anbeginn. +Oh, du König der Leiden, Gesalbter der Prüfung, Israels +Herr, erheb deine Stirne, daß sie uns glänze, führe, der du Gott +nur schauest und nicht mehr die Erde, führe, führe dein Volk!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(aufstehend, zum Volke)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Sehet, sehet,<br /></span> <span class="i0">Leidensvolk, Gottesvolk,<br /></span> -<span class="i0">Gott erhörte euer Begehr,<br /></span> -<span class="i0">Er hat euch einen Führer gesandt!<br /></span> -<span class="i0">Der Schmerzengekrönte,<br /></span> -<span class="i0">Der Menschenverhöhnte,<br /></span> +<span class="i0">Gott erhörte euer Begehr,<br /></span> +<span class="i0">Er hat euch einen Führer gesandt!<br /></span> +<span class="i0">Der Schmerzengekrönte,<br /></span> +<span class="i0">Der Menschenverhöhnte,<br /></span> <span class="i0">Wer mag wie er,<br /></span> -<span class="i0">König der selig Besiegten sein?<br /></span> +<span class="i0">König der selig Besiegten sein?<br /></span> <span class="i0">Gott hat ihm den irdischen Blick verschlossen,<br /></span> -<span class="i0">Daß er besser schaue sein ewiges Reich,<br /></span> -<span class="i0">Oh, Brüder, wer war je von Davids Sprossen<br /></span> -<span class="i0">Diesem als König der Duldenden gleich?</span></div></div> +<span class="i0">Daß er besser schaue sein ewiges Reich,<br /></span> +<span class="i0">Oh, Brüder, wer war je von Davids Sprossen<br /></span> +<span class="i0">Diesem als König der Duldenden gleich?</span></div></div> -<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wohin führest du mich? Was geschieht mir?<span class="pagenum">208</span></p> +<p><span class="character">ZEDEKIA</span>:</p><p>Wohin führest du mich? Was geschieht mir?<span class="pagenum">208</span></p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Hebet ihn auf,<br /></span> <span class="i0">Den Hingesenkten,<br /></span> -<span class="i0">Ehrt den Gekränkten<br /></span> +<span class="i0">Ehrt den Gekränkten<br /></span> <span class="i0">Mit sorgender Liebe!<br /></span> -<span class="i0">Hüllet um ihn<br /></span> -<span class="i0">Königsgewande<br /></span> +<span class="i0">Hüllet um ihn<br /></span> +<span class="i0">Königsgewande<br /></span> <span class="i0">Und erneuet<br /></span> <span class="i0">Der Zeichen Gewalt,<br /></span> <span class="i0">Ehret, oh ehret<br /></span> <span class="i0">In ihm euer Leiden,<br /></span> <span class="i0">Als der Erste schreite er aus.<br /></span> -<span class="i0">Zäumet die Rosse,<br /></span> -<span class="i0">Rüstet die Sänfte,<br /></span> -<span class="i0">Fürchtigen Armes<br /></span> +<span class="i0">Zäumet die Rosse,<br /></span> +<span class="i0">Rüstet die Sänfte,<br /></span> +<span class="i0">Fürchtigen Armes<br /></span> <span class="i0">Hebet ihn hoch,<br /></span> <span class="i0">Denn er ist<br /></span> -<span class="i0">Heiligste Bürde,<br /></span> -<span class="i0">Israels Hort und königlich Haus.</span></div></div> +<span class="i0">Heiligste Bürde,<br /></span> +<span class="i0">Israels Hort und königlich Haus.</span></div></div> -<p class="direction">(EINIGE führen mit allen Zeichen der Ehrfurcht den König hinab und -betten den Blinden in eine Sänfte.)</p> +<p class="direction">(EINIGE führen mit allen Zeichen der Ehrfurcht den König hinab und +betten den Blinden in eine Sänfte.)</p> -<p class="direction">(EINE POSAUNE schallt mächtig aus der Ferne her als ungeheurer Ruf, -der gleichsam von der Stadt selbst auszutönen scheint. Der Tag ist inzwischen -angebrochen und überleuchtet mit rötlicher Glut die geschwärzten -Mauern. Eine große Helle geht, immer sich steigernd, vom +<p class="direction">(EINE POSAUNE schallt mächtig aus der Ferne her als ungeheurer Ruf, +der gleichsam von der Stadt selbst auszutönen scheint. Der Tag ist inzwischen +angebrochen und überleuchtet mit rötlicher Glut die geschwärzten +Mauern. Eine große Helle geht, immer sich steigernd, vom morgendlichen Himmel aus.)</p> -<p class="direction">(DIE MENGE in mächtigem Aufschwall beim Ruf der Posaune, die Hände +<p class="direction">(DIE MENGE in mächtigem Aufschwall beim Ruf der Posaune, die Hände gen Osten gereckt, flutet ekstatisch durcheinander.)</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Die Posaune ... die Posaune ... Gott ruft uns ... -der Tag ist angebrochen ... der Tag unserer Prüfung ... -die Sonne nahet Jerusalem ... rüstet die Tiere ... rüstet die +der Tag ist angebrochen ... der Tag unserer Prüfung ... +die Sonne nahet Jerusalem ... rüstet die Tiere ... rüstet die Herzen ... Gott ruft uns ... wir kommen, wir kommen ... Auszug ... Auszug ... oh Einkehr und Wiederkehr ... Jerusalem ... Jerusalem!</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(gewaltig auf der Höhe der Stufen aufgerichtet. Alle um ihn -sind zurückgetreten, so daß er, einsam auf der Höhe, noch gewaltiger -scheint. Seine Arme sind erhoben, seine Stimme bebend in Überraschung)</span>:</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(gewaltig auf der Höhe der Stufen aufgerichtet. Alle um ihn +sind zurückgetreten, so daß er, einsam auf der Höhe, noch gewaltiger +scheint. Seine Arme sind erhoben, seine Stimme bebend in Überraschung)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Auf, ihr Verstoßenen,</span><span class="pagenum">209</span><br /> +<span class="i0">Auf, ihr Verstoßenen,</span><span class="pagenum">209</span><br /> <span class="i0">Auf, ihr Besiegten,<br /></span> -<span class="i0">Rüstet zur Reise!<br /></span> -<span class="i0">Wandervolk, Gottesvolk, welterwähltes,<br /></span> +<span class="i0">Rüstet zur Reise!<br /></span> +<span class="i0">Wandervolk, Gottesvolk, welterwähltes,<br /></span> <span class="i0">Hebe dein Herz!</span></div></div> -<p class="direction">(DIE MENGE gerät in gewaltige Bewegung.)</p> +<p class="direction">(DIE MENGE gerät in gewaltige Bewegung.)</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(zur Stadt hingewandt)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Zum letztenmal glänzen<br /></span> +<span class="i0">Zum letztenmal glänzen<br /></span> <span class="i0">Jerusalems Zinnen<br /></span> -<span class="i0">In eure Tränen,<br /></span> -<span class="i0">Leuchtet euch Höhe<br /></span> +<span class="i0">In eure Tränen,<br /></span> +<span class="i0">Leuchtet euch Höhe<br /></span> <span class="i0">Des heiligen Bergs!<br /></span> <span class="i0">Einmal noch hebet<br /></span> <span class="i0">Brennende Blicke,<br /></span> @@ -9074,47 +9037,47 @@ scheint. Seine Arme sind erhoben, seine Stimme bebend in Überraschung)</span>:</ <span class="i0">Verlorenes Bild!<br /></span> <span class="i0">Trinket die Zinnen,<br /></span> <span class="i0">Trinket die Mauern,<br /></span> -<span class="i0">Trinket die Türme<br /></span> +<span class="i0">Trinket die Türme<br /></span> <span class="i0">Der ewigen Stadt,<br /></span> -<span class="i0">Trinket das Dürsten,<br /></span> +<span class="i0">Trinket das Dürsten,<br /></span> <span class="i0">Sie wieder zu schauen,<br /></span> <span class="i0">Trinket, oh trinket Jerusalem!</span></div></div> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Glüh ein in uns, daß wir entbrennen ... wie könnt -ich dich vergessen, Bild der Bilder ... möge darren meine Rechte, -wenn ich dein vergäße, Jerusalem ... oh, Heimat unserer Herzen +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Glüh ein in uns, daß wir entbrennen ... wie könnt +ich dich vergessen, Bild der Bilder ... möge darren meine Rechte, +wenn ich dein vergäße, Jerusalem ... oh, Heimat unserer Herzen ... Zion, Zion, du heilige Stadt!</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Einmal noch beuget<br /></span> <span class="i0">Fromm euch der Erde,<br /></span> -<span class="i0">Einmal noch rühret<br /></span> -<span class="i0">Die Grube der Väter<br /></span> -<span class="i0">Fürchtiger Hand!<br /></span> +<span class="i0">Einmal noch rühret<br /></span> +<span class="i0">Die Grube der Väter<br /></span> +<span class="i0">Fürchtiger Hand!<br /></span> <span class="i0">Erde, oh Erde, die ich verlasse,<br /></span> -<span class="i0">Du blutgetränkte,<br /></span> -<span class="i0">Du tränenversengte,<br /></span> +<span class="i0">Du blutgetränkte,<br /></span> +<span class="i0">Du tränenversengte,<br /></span> <span class="i0">Sehet, ich fasse<br /></span> -<span class="i0">Sie fromm mit liebenden Händen an.<br /></span> +<span class="i0">Sie fromm mit liebenden Händen an.<br /></span> <span class="i0">Erde, Erde, ich schlinge dich,<br /></span><span class="pagenum">210</span> <span class="i0">Erde, Erde, durchdringe mich!<br /></span> -<span class="i0">Bitteren Kloß<br /></span> -<span class="i0">Würg ich die schluchzende Kehle hinab,<br /></span> +<span class="i0">Bitteren Kloß<br /></span> +<span class="i0">Würg ich die schluchzende Kehle hinab,<br /></span> <span class="i0">Doch deine Bitternis innen im Leibe<br /></span> <span class="i0">Entbrenne mir Seele und Eingeweide,<br /></span> -<span class="i0">Daß ich ewig deiner gedenke,<br /></span> +<span class="i0">Daß ich ewig deiner gedenke,<br /></span> <span class="i0">Ewig deiner teilhaftig werde!<br /></span> -<span class="i0">Erde, du heilige Vätererde,<br /></span> +<span class="i0">Erde, du heilige Vätererde,<br /></span> <span class="i0">Schenke<br /></span> <span class="i0">Mir ewig Begehren und ewigen Brand,<br /></span> <span class="i0">Ewigen Hunger und Heimverlangen<br /></span> <span class="i0">Nach Zion, unserm verlorenen Land!</span></div></div> <p><span class="character">DIE MENGE</span> <span class="direction">(sich niederwerfend und wie Jeremias von der Erde einen -Kloß schlingend)</span>:</p><p>Oh, teure Erde, Scholle der Väter ... dring -ein in mich ... würg meine Seele, wie ich dich würge ... oh, -verloren Land ... Sarg meiner Väter ... oh, dich lassen ... +Kloß schlingend)</span>:</p><p>Oh, teure Erde, Scholle der Väter ... dring +ein in mich ... würg meine Seele, wie ich dich würge ... oh, +verloren Land ... Sarg meiner Väter ... oh, dich lassen ... Erde, Erde, du heilige Erde ...</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(sich erhebend)</span>:</p> @@ -9133,9 +9096,9 @@ Erde, Erde, du heilige Erde ...</p> <span class="i0">Aus deinen Tiefen<br /></span> <span class="i0">In deinem Gott.<br /></span> <span class="i0">Auf,<br /></span> -<span class="i0">Wandervolk, Gottesvolk, rüste zur Reise,<br /></span> +<span class="i0">Wandervolk, Gottesvolk, rüste zur Reise,<br /></span> <span class="i0">Blick in die Ferne,<br /></span> -<span class="i0">Blick nicht zurück!<br /></span> +<span class="i0">Blick nicht zurück!<br /></span> <span class="i0">Die verweilen,<br /></span> <span class="i0">Haben die Heimat,<br /></span><span class="pagenum">211</span> <span class="i0">Doch die wandern,<br /></span> @@ -9143,38 +9106,38 @@ Erde, Erde, du heilige Erde ...</p> <span class="i0">Auf, ihr Gebeugten,<br /></span> <span class="i0">Auf, ihr Besiegten,<br /></span> <span class="i0">Hebet die Stirnen<br /></span> -<span class="i0">Über die Nöte<br /></span> -<span class="i0">Wider die ewigen Morgenröten<br /></span> +<span class="i0">Über die Nöte<br /></span> +<span class="i0">Wider die ewigen Morgenröten<br /></span> <span class="i0">Und der Gestirne<br /></span> <span class="i0">Wanderndes Zelt.<br /></span> -<span class="i0">Gott hat die Straßen,<br /></span> +<span class="i0">Gott hat die Straßen,<br /></span> <span class="i0">Die ihr beschreitet,<br /></span> <span class="i0">Wissend bereitet,<br /></span> <span class="i0">Wandervolk, Gottesvolk, auf in die Welt!</span></div></div> -<p class="direction">(DIE MENGE rüstet ringsum zur Wanderung, Getümmel der Menschen und +<p class="direction">(DIE MENGE rüstet ringsum zur Wanderung, Getümmel der Menschen und Tragtiere, erregte, eifernde Bewegung.)</p> <p><span class="character">EINER</span> <span class="direction">(vortretend)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Doch sage, du Führer, dulde die zage +<span class="i0">Doch sage, du Führer, dulde die zage Klagende Frage,<br /></span> -<span class="i0">Werden die Tale uns wieder gehören,<br /></span> +<span class="i0">Werden die Tale uns wieder gehören,<br /></span> <span class="i0">Wird einstens Israel wiederkehren,<br /></span> <span class="i0">Sag, schauen wir wieder Jerusalem?</span></div></div> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p> Ja ... sage ... künde, verkünde ... schauen wir +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p> Ja ... sage ... künde, verkünde ... schauen wir wieder Jerusalem?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Ewig wird inwendig es schauen,<br /></span> <span class="i0">Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist,<br /></span> -<span class="i0">Und mit dem Maß seines Gottvertrauens<br /></span> -<span class="i0">Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt.<br /></span> -<span class="i0">Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde<br /></span> +<span class="i0">Und mit dem Maß seines Gottvertrauens<br /></span> +<span class="i0">Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt.<br /></span> +<span class="i0">Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde<br /></span> <span class="i0">Des Herzens Zion zu jeglicher Stunde,<br /></span> -<span class="i0">Schöner als wir es vordem gekannt,<br /></span> +<span class="i0">Schöner als wir es vordem gekannt,<br /></span> <span class="i0">Jede Fremde wird ihm das Gottesland!<br /></span> <span class="i0">Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet,<br /></span> <span class="i0">Wer glaubt, schaut immer Jerusalem!</span></div></div> @@ -9182,7 +9145,7 @@ wieder Jerusalem?</p> <p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Wir glauben ... wir glauben ... ewig werden wir es schauen ... Der Glaube ist unser Jerusalem!</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span> <span class="direction">(vortretend)</span>:</p><p>Doch sage, du Führer, wer wird<span class="pagenum">212</span> +<p><span class="character">EIN ANDERER</span> <span class="direction">(vortretend)</span>:</p><p>Doch sage, du Führer, wer wird<span class="pagenum">212</span> es uns bauen?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> @@ -9192,37 +9155,37 @@ es uns bauen?</p> <span class="i0">Ihr selber werdet die heiligen Werker,<br /></span> <span class="i0">Umschafft ihr die Seelen zur seligen Stadt.<br /></span> <span class="i0">Aus euern Trauern erhebet die Mauern,<br /></span> -<span class="i0">Und je tiefer die Völker euch niederbeugen,<br /></span> -<span class="i0">Um so höher werden sie gottwärts aufsteigen,<br /></span> -<span class="i0">Um so schöner erstehet Jerusalem!</span></div></div> +<span class="i0">Und je tiefer die Völker euch niederbeugen,<br /></span> +<span class="i0">Um so höher werden sie gottwärts aufsteigen,<br /></span> +<span class="i0">Um so schöner erstehet Jerusalem!</span></div></div> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja, laßt es uns bauen ... das Senkblei niederwerfen -in unsere Leiden ... laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ja, laßt es uns bauen ... das Senkblei niederwerfen +in unsere Leiden ... laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes ... zu Gott die Richtschnur erhoben ... bauen wir Jerusalem.</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p> Doch sage, du Führer, wird es dann dauern?</p> +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p> Doch sage, du Führer, wird es dann dauern?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Steine bröckeln, es stürzen die Mauern<br /></span> +<span class="i0">Steine bröckeln, es stürzen die Mauern<br /></span> <span class="i0">Irdischer Werke, die Reiche veralten,<br /></span> -<span class="i0">Städte verschwemmen im Strome der Zeit,<br /></span> +<span class="i0">Städte verschwemmen im Strome der Zeit,<br /></span> <span class="i0">Doch was die Seelen in Leiden gestalten,<br /></span> <span class="i0">Dauert in Gottes Allewigkeit.<br /></span> -<span class="i0">Wer kann sie zerstören,<br /></span> +<span class="i0">Wer kann sie zerstören,<br /></span> <span class="i0">Die unsichtbaren,<br /></span> <span class="i0">Innen geschauten,<br /></span> -<span class="i0">Tränenerbauten<br /></span> +<span class="i0">Tränenerbauten<br /></span> <span class="i0">Zinnen der heiligen Zuversicht,<br /></span> <span class="i0">Wer kann ihn uns rauben<br /></span> <span class="i0">Den seligen Glauben,<br /></span> -<span class="i0">Wer stürzet des Herzens Jerusalem?</span></div></div> +<span class="i0">Wer stürzet des Herzens Jerusalem?</span></div></div> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ewig währet Jerusalem ... wer kann es zerstören ... -heilig, heilig unsrer Herzen Haus ... heilig die Stätte unsrer -Not ... oh, Tröstung ... oh, Zuversicht ...</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Ewig währet Jerusalem ... wer kann es zerstören ... +heilig, heilig unsrer Herzen Haus ... heilig die Stätte unsrer +Not ... oh, Tröstung ... oh, Zuversicht ...</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Doch sage, du Führer, wo sollen wirs finden,<br /> +<p><span class="character">EIN ANDERER</span>:</p><p>Doch sage, du Führer, wo sollen wirs finden,<br /> Wo schauet die Seele Jerusalem?</p> <p><span class="character">JEREMIAS</span>:</p> @@ -9233,50 +9196,50 @@ Wo schauet die Seele Jerusalem?</p> <span class="i0">Da ist der Traum unseres Heimwehs erlebt,<br /></span> <span class="i0">An jeglichem Orte,<br /></span><span class="pagenum">213</span> <span class="i0">Wo euch Glaube inwohnet,<br /></span> -<span class="i0">Überwölbt euch hell seine mauerne Krone:<br /></span> -<span class="i0">Wer glüht, sieht ewig Jerusalem!</span></div></div> +<span class="i0">Überwölbt euch hell seine mauerne Krone:<br /></span> +<span class="i0">Wer glüht, sieht ewig Jerusalem!</span></div></div> -<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Oh, Tröstung des Glaubens ... Gottes selige Knechtschaft -... zerstört hat er die Stadt, daß sie uns ewig in den Herzen -erstehe ... überall wollen wir sie finden ... laßt sie uns aufbauen +<p><span class="character">STIMMEN</span>:</p><p>Oh, Tröstung des Glaubens ... Gottes selige Knechtschaft +... zerstört hat er die Stadt, daß sie uns ewig in den Herzen +erstehe ... überall wollen wir sie finden ... laßt sie uns aufbauen in den Herzen ... ewig ist unser Jerusalem ... Oh, ewiger Auszug und Wiederkehr ...</p> -<p class="direction">(DIE POSAUNE schallt mächtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell geworden, -offen regt sich der unübersehbare Tumult der wanderbereiten +<p class="direction">(DIE POSAUNE schallt mächtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell geworden, +offen regt sich der unübersehbare Tumult der wanderbereiten Massen, die mit einem gewaltigen Schrei der Ungeduld und der Erhebung -das Zeichen des Auszuges grüßen.)</p> +das Zeichen des Auszuges grüßen.)</p> -<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(hoch über ihnen)</span>:</p> +<p><span class="character">JEREMIAS</span> <span class="direction">(hoch über ihnen)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Wandervolk, Leidvolk – im heiligen Namen<br /></span> <span class="i0">Jakobs, der von Gott einst dir Segen entrang –<br /></span> <span class="i0">Hebe dich auf, in die Welt zu fahren,<br /></span> -<span class="i0">Rüste und schreite unendlichen Gang!<br /></span> +<span class="i0">Rüste und schreite unendlichen Gang!<br /></span> <span class="i0">Wirf deinen Samen<br /></span> -<span class="i0">Willig ins Dunkel der Völker und Jahre,<br /></span> +<span class="i0">Willig ins Dunkel der Völker und Jahre,<br /></span> <span class="i0">Wandre dein Wandern und leide dein Leid!<br /></span> <span class="i0">Auf, du Gottvolk! Beginn deine wunderbare<br /></span> <span class="i0">Heimkehr durch Welt in die Ewigkeit!</span></div></div> -<p class="direction">(DIE MENGE gerät in mächtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein -ungeheurer Zug. Voran tragen sie den König in einer Sänfte, dann schreiten +<p class="direction">(DIE MENGE gerät in mächtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein +ungeheurer Zug. Voran tragen sie den König in einer Sänfte, dann schreiten ernst und feierlich, Geschlecht um Geschlecht, die geordneten Gruppen den -Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwärts gerichtet, sie singen im +Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwärts gerichtet, sie singen im Schreiten, und ihr Ausziehen hat die ernste Feierlichkeit einer Opferhandlung. -Keiner drängt sich vor, keiner bleibt zurück, ohne Eile und Hast +Keiner drängt sich vor, keiner bleibt zurück, ohne Eile und Hast schreiten die Reihen dahin und schwinden im Vorbeigehen. Immer neue kommen ihnen nach, und es ist, als ginge eine Unendlichkeit hier aus dem Dunkel in die Ferne.)</p> <p><span class="character">STIMME DER SCHREITENDEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">In fremden Häusern werden wir wohnen<br /></span> -<span class="i0">Und brechen ein tränensalzenes Brot.<br /></span> +<span class="i0">In fremden Häusern werden wir wohnen<br /></span> +<span class="i0">Und brechen ein tränensalzenes Brot.<br /></span> <span class="i0">Auf Schemeln der Schande werden wir sitzen<br /></span> -<span class="i0">Und ängstend schlafen an feindlichem Herd.<br /></span> -<span class="i0">Dunkel der Jahre wird über uns fallen,<br /></span> -<span class="i0">Der Könige Fron und der Herrschenden Haft,<br /></span><span class="pagenum">214</span> +<span class="i0">Und ängstend schlafen an feindlichem Herd.<br /></span> +<span class="i0">Dunkel der Jahre wird über uns fallen,<br /></span> +<span class="i0">Der Könige Fron und der Herrschenden Haft,<br /></span><span class="pagenum">214</span> <span class="i0">Doch unsere Seelen entwandern der Fremde<br /></span> <span class="i0">Und ruhen allzeit in Jerusalem.</span></div> </div> @@ -9284,130 +9247,130 @@ Dunkel in die Ferne.)</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Aus weiten Wassern werden wir trinken,<br /></span> <span class="i0">Die bitter brennen dem sehnenden Mund,<br /></span> -<span class="i0">Mit Fremdnis werden uns Bäume umschatten<br /></span> -<span class="i0">Und Stimmen des Ängstens wehen der Wind,<br /></span> +<span class="i0">Mit Fremdnis werden uns Bäume umschatten<br /></span> +<span class="i0">Und Stimmen des Ängstens wehen der Wind,<br /></span> <span class="i0">Doch keine Fremde wird uns zur Ferne,<br /></span> -<span class="i0">Denn von den Sternen wehet uns Tröstung;<br /></span> -<span class="i0">Träume der Heimat enttauchen den Nächten,<br /></span> -<span class="i0">Und unsere Seele erstehet gekräftigt<br /></span> +<span class="i0">Denn von den Sternen wehet uns Tröstung;<br /></span> +<span class="i0">Träume der Heimat enttauchen den Nächten,<br /></span> +<span class="i0">Und unsere Seele erstehet gekräftigt<br /></span> <span class="i0">Von der heiligen Zehrung Jerusalem!</span></div></div> <p><span class="character">ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Auf fremden Straßen werden wir fahren,<br /></span> -<span class="i0">Durch Land und Länder stößt uns der Wind,<br /></span> -<span class="i0">Heimat um Heimat reißen die Völker<br /></span> +<span class="i0">Auf fremden Straßen werden wir fahren,<br /></span> +<span class="i0">Durch Land und Länder stößt uns der Wind,<br /></span> +<span class="i0">Heimat um Heimat reißen die Völker<br /></span> <span class="i0">Uns von den brennenden Sohlen fort,<br /></span> -<span class="i0">Nirgends ist Wurzel dem stürzenden Stamme,<br /></span> +<span class="i0">Nirgends ist Wurzel dem stürzenden Stamme,<br /></span> <span class="i0">Wanderschaft stets unsere wandelnde Welt,<br /></span> <span class="i0">Doch selig, selig wir Weltbesiegten,<br /></span> -<span class="i0">Denn sind wir auch nur Spreu aller Straßen,<br /></span> +<span class="i0">Denn sind wir auch nur Spreu aller Straßen,<br /></span> <span class="i0">Nirgends verschwistert und keinem genehm,<br /></span> <span class="i0">Ewig doch geht unser Zug durch die Zeiten<br /></span> <span class="i0">Zu unserer Seelen Jerusalem!</span></div></div> -<p class="direction">(EINIGE CHALDÄER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus -dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell über +<p class="direction">(EINIGE CHALDÄER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus +dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell über das dunkle Sprechen der Schreitenden hin.)</p> -<p><span class="character">DER HAUPTMANN DER CHALDÄER</span>:</p><p> Hört ihr sie murren? +<p><span class="character">DER HAUPTMANN DER CHALDÄER</span>:</p><p> Hört ihr sie murren? Sie wollen nicht ausziehen! Mit der Peitsche schlag unter sie, wenn sie trotzig sind!</p> -<p><span class="character">EIN CHALDÄER</span>:</p><p> Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Geheiß! +<p><span class="character">EIN CHALDÄER</span>:</p><p> Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Geheiß! Und sie murren nicht!</p> <p><span class="character">DER HAUPTMANN</span>:</p><p> Wenn sie klagen, schlag die Klage entzwei in ihrem Munde.</p> -<p><span class="character">DER CHALDÄER</span>:</p><p> Herr, sie klagen nicht.</p> +<p><span class="character">DER CHALDÄER</span>:</p><p> Herr, sie klagen nicht.</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER CHALDÄER</span>:</p><p> Siehe ... wie sie schreiten ...<span class="pagenum">215</span> +<p><span class="character">EIN ANDERER CHALDÄER</span>:</p><p> Siehe ... wie sie schreiten ...<span class="pagenum">215</span> wie die Sieger gehen sie einher ... es leuchtet in ihren Blicken.</p> -<p><span class="character">DIE CHALDÄER</span>:</p><p> Was ist mit diesem Volke ... sind sie die +<p><span class="character">DIE CHALDÄER</span>:</p><p> Was ist mit diesem Volke ... sind sie die Besiegten nicht ... hat sie einer genarrt mit falscher Botschaft -der Befreiung ... hört, was sagen sie ... was singen sie ... seltsam -ist dies Volk ... unverständlich in seinem Trotz und seiner Ergebung ... +der Befreiung ... hört, was sagen sie ... was singen sie ... seltsam +ist dies Volk ... unverständlich in seinem Trotz und seiner Ergebung ... wer begreifet dies Volk ... in dieser Milde ist eine Kraft, -die gefährlich ist ... ein Einzug ist dies eines Königs und nicht Auszug +die gefährlich ist ... ein Einzug ist dies eines Königs und nicht Auszug der Geknechteten ... nie sah die Welt ein Volk wie dieses ...</p> -<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(vereint sich ablösend, in immer neuen, weiterschreitenden -Zügen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist)</span>:</p> +<p><span class="character">STIMMEN</span> <span class="direction">(vereint sich ablösend, in immer neuen, weiterschreitenden +Zügen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Wir wandern durch Völker, wir wandern durch Zeiten<br /></span> -<span class="i0">Unendliche Straßen des Leidens entlang,<br /></span> +<span class="i0">Wir wandern durch Völker, wir wandern durch Zeiten<br /></span> +<span class="i0">Unendliche Straßen des Leidens entlang,<br /></span> <span class="i0">Ewig sind wir die ewig Besiegten,<br /></span> -<span class="i0">Hörig dem Herde, an dem wir ausrasten,<br /></span> +<span class="i0">Hörig dem Herde, an dem wir ausrasten,<br /></span> <span class="i0">Niedrige Knechte niedrigen Frons,<br /></span> -<span class="i0">Doch die Städte, sie sinken, es gleiten<br /></span> -<span class="i0">Völker ins Dunkel wie stürzende Sterne,<br /></span> -<span class="i0">Und die hart unsere Rücken zerschlugen,<br /></span> +<span class="i0">Doch die Städte, sie sinken, es gleiten<br /></span> +<span class="i0">Völker ins Dunkel wie stürzende Sterne,<br /></span> +<span class="i0">Und die hart unsere Rücken zerschlugen,<br /></span> <span class="i0">Werden zuschanden Geschlecht um Geschlecht.<br /></span> <span class="i0">Wir aber schreiten und schreiten und schreiten<br /></span> <span class="i0">Tiefer hinein in die eigene Kraft,<br /></span> <span class="i0">Die sich aus Erden die Ewigkeiten<br /></span> <span class="i0">Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft.</span></div></div> -<p><span class="character">DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN</span>:</p><p> Sieh ... sieh ... wie -die Tänzer schreiten sie her ... ein Taumel ist über sie gekommen ... +<p><span class="character">DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN</span>:</p><p> Sieh ... sieh ... wie +die Tänzer schreiten sie her ... ein Taumel ist über sie gekommen ... haben wir sie denn nicht besiegt ... sind sie nicht in Schande ... warum klagen sie nicht ...</p> -<p><span class="character">EIN CHALDÄER</span>:</p><p> Ein Geheimnis muß in ihnen sein, das sie -verwandelt, ein Unsichtbares, das sie verzückt ...</p> +<p><span class="character">EIN CHALDÄER</span>:</p><p> Ein Geheimnis muß in ihnen sein, das sie +verwandelt, ein Unsichtbares, das sie verzückt ...</p> -<p><span class="character">EIN ANDERER CHALDÄER</span>:</p><p> Ja ... sie glauben an das Unsichtbare ... +<p><span class="character">EIN ANDERER CHALDÄER</span>:</p><p> Ja ... sie glauben an das Unsichtbare ... das ist ihr Geheimnis ...</p> -<p><span class="character">DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN</span>:</p><p> Wie kann man das +<p><span class="character">DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN</span>:</p><p> Wie kann man das Unsichtbare schauen, wie glauben, was man nicht sieht ... ein -Geheimnis muß in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern ... -man müßte es lernen von ihnen ...</p> +Geheimnis muß in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern ... +man müßte es lernen von ihnen ...</p> -<p><span class="character">DER CHALDÄER</span>:</p><p>Man kann es nicht lernen. Man kann es<span class="pagenum">216</span> +<p><span class="character">DER CHALDÄER</span>:</p><p>Man kann es nicht lernen. Man kann es<span class="pagenum">216</span> nur glauben, und sie sagen, es sei ihr Gott.</p> -<p><span class="character">DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN</span> <span class="direction">(sich mächtig erhebend, +<p><span class="character">DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN</span> <span class="direction">(sich mächtig erhebend, da nun die Letzten unter ihnen auszuschreiten beginnen)</span>:</p> <div class="poem"><div class="stanza"> <span class="i0">Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden,<br /></span> -<span class="i0">Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung,<br /></span> +<span class="i0">Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung,<br /></span> <span class="i0">Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte,<br /></span> <span class="i0">Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite,<br /></span> -<span class="i0">Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute,<br /></span> -<span class="i0">Wir aller Völker Spielball und Spott,<br /></span> +<span class="i0">Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute,<br /></span> +<span class="i0">Wir aller Völker Spielball und Spott,<br /></span> <span class="i0">Wir einzig Heimatlosen der Erde,<br /></span> <span class="i0">Wir wandern in alle Ewigkeiten,<br /></span> <span class="i0">Die Letztgebliebnen<br /></span> <span class="i0">Unendlicher Schar<br /></span> -<span class="i0">Heimwärts zu Gott,<br /></span> +<span class="i0">Heimwärts zu Gott,<br /></span> <span class="i0">Der aller Anfang und Ausgang war,<br /></span> -<span class="i0">Bis daß er uns selber die Heimstatt werde,<br /></span> +<span class="i0">Bis daß er uns selber die Heimstatt werde,<br /></span> <span class="i0">Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren<br /></span> <span class="i0">Die Welt umwandert und leuchtend umkreist,<br /></span> <span class="i0">Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren:<br /></span> <span class="i0">Verlorenes Volk, unsterblicher Geist.</span></div></div> -<p><span class="character">DER CHALDÄER</span>:</p><p> Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! +<p><span class="character">DER CHALDÄER</span>:</p><p> Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren -Häupten. Mächtig muß ihr Gott sein.</p> +Häupten. Mächtig muß ihr Gott sein.</p> -<p><span class="character">DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN</span>:</p><p> Ihr Gott? Haben wir -nicht seine Altäre zerbrochen? Haben wir nicht gesiegt über ihn?</p> +<p><span class="character">DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN</span>:</p><p> Ihr Gott? Haben wir +nicht seine Altäre zerbrochen? Haben wir nicht gesiegt über ihn?</p> -<p><span class="character">DER CHALDÄER</span>:</p><p> Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! -Man kann Menschen töten, aber nicht den Gott, der in ihnen +<p><span class="character">DER CHALDÄER</span>:</p><p> Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! +Man kann Menschen töten, aber nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie seinen Geist.</p> -<p class="direction">(DIE POSAUNE schallt zum dritten Male. Die Sonne ist aufgegangen über -Jerusalem und strahlt über dem Auszug des Volkes, das aus der Stadt in die +<p class="direction">(DIE POSAUNE schallt zum dritten Male. Die Sonne ist aufgegangen über +Jerusalem und strahlt über dem Auszug des Volkes, das aus der Stadt in die Zeiten schreitet.)</p> <hr class="l65" /> <p class="center"> Alle Rechte vorbehalten. Das Recht der -Aufführung ist durch Felix Bloch Erben, +Aufführung ist durch Felix Bloch Erben, Berlin-Wilmersdorf, zu erwerben.<br /> Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig.</p> @@ -9417,7 +9380,7 @@ in Leipzig.</p> <hr class="l40" /> <p class="title">Dichtungen von Stefan Zweig</p> -<p>DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Zweite Auflage. In Pappband M. 3.50.</p> +<p>DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Zweite Auflage. In Pappband M. 3.50.</p> <p>ERSTES ERLEBNIS. Vier Geschichten aus Kinderland. Drittes und viertes Tausend. In Pappband M. 5.–.</p> @@ -9425,18 +9388,18 @@ in Leipzig.</p> <p>TERSITES. Ein Trauerspiel. In Halbpergament M. 5.–.</p> -<p>DER VERWANDELTE KOMÖDIANT. Ein Spiel aus dem deutschen Rokoko. In Halbpergament M. 3.50.</p> +<p>DER VERWANDELTE KOMÖDIANT. Ein Spiel aus dem deutschen Rokoko. In Halbpergament M. 3.50.</p> -<p>BRENNENDES GEHEIMNIS. Novelle. (Inselbücherei Nr. 122.) 21. bis 25. Tausend. In Pappband M. –.90.</p> +<p>BRENNENDES GEHEIMNIS. Novelle. (Inselbücherei Nr. 122.) 21. bis 25. Tausend. In Pappband M. –.90.</p> <hr class="l40" /> -<p class="center"><i>Von Stefan Zweig wurden übertragen:</i></p> +<p class="center"><i>Von Stefan Zweig wurden übertragen:</i></p> -<p>Emile Verhaeren: Ausgewählte Werke in drei Bänden. 2. Auflage.</p> +<p>Emile Verhaeren: Ausgewählte Werke in drei Bänden. 2. Auflage.</p> <div class="blockquot1"> <p>Band I. Stefan Zweig: Emile Verhaeren. Geheftet M. 3.50; gebunden M. 5.50.</p> -<p>Band II. Emile Verhaeren: Ausgewählte Gedichte. Geheftet M. 3.50; gebunden M. 5.50.</p> +<p>Band II. Emile Verhaeren: Ausgewählte Gedichte. Geheftet M. 3.50; gebunden M. 5.50.</p> <p>Band III. Emile Verhaeren: Drei Dramen. Geheftet M. 3.50; gebunden M. 5.50.</p> </div> @@ -9446,15 +9409,15 @@ In Halbleinen M. 5.–.</p> <p>Emile Verhaeren: Rembrandt. Mit 80 Vollbildern. 21. bis 25. Tausend. In Halbleinen M. 5.–.</p> -<p>Emile Verhaeren: Hymnen an das Leben. (Insel-Bücherei Nr. 5.) +<p>Emile Verhaeren: Hymnen an das Leben. (Insel-Bücherei Nr. 5.) 36. bis 40. Tausend. In Pappband M. – .90.</p> <hr class="l40" /> <p class="center"><i>Von Stefan Zweig wurden eingeleitet:</i></p> -<p>Charles Dickens: Ausgewählte Romane. – Arthur Rimbaud: +<p>Charles Dickens: Ausgewählte Romane. – Arthur Rimbaud: Leben und Dichtung. – Alexandre Mercereau: Worte vor dem Leben.</p> <div class="tnote"><h3><a name="Anmerkungen_zur_Transkription" id="Anmerkungen_zur_Transkription"></a>Anmerkungen zur Transkription:</h3> -<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.</p> +<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.</p> <p><a href="#page_79">Seite 79</a>:<br /> jedes Hand gehoben<br /> <span class="u">jede</span> Hand gehoben</p> @@ -9465,388 +9428,13 @@ wie ein Schuldiger <span class="u">schreckst</span> du</p> weil ich meinete<br /> weil ich <span class="u">meinte</span></p> <p><a href="#page_185">Seite 185</a>:<br /> -sein Antlitz sich hüllte seinem Kinde!<br /> -sein Antlitz sich hüllte seinem <span class="u">Kindern</span>!</p> +sein Antlitz sich hüllte seinem Kinde!<br /> +sein Antlitz sich hüllte seinem <span class="u">Kindern</span>!</p> <p><a href="#page_196">Seite 196</a>:<br /> EINIGE der Beherzteren<br /> EINIGE der <span class="u">Beherzten</span> </p></div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Jeremias, by Stefan Zweig - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JEREMIAS *** - -***** This file should be named 40564-h.htm or 40564-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/0/5/6/40564/ - -Produced by Jana Srna, Eleni Christofaki, Alexander Bauer -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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