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diff --git a/40524-0.txt b/40524-0.txt new file mode 100644 index 0000000..abe0e78 --- /dev/null +++ b/40524-0.txt @@ -0,0 +1,4807 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40524 *** + +Leopold Schefer + + + + +Die Osternacht + + + + +Die Osternacht. + + +Zweite Abtheilung. + + + + +Sinnwort: + + Soldatenfreuden + Sind Menschenleiden. + + + + + +I. + + +Nun wird die gute Zeit wohl aus sein! sprach Christel, mit gesenktem +Köpfchen zur Erde sehend und ihre Hände gefaltet. + +Vater, die Straße brennt! rief Daniel, durch das Thor in den Hof springend. + +Ach, daß _die_ nur brennte, nicht auch unser liebes Zahlbach, und Häuser, +Gehöfte, Dörfer und Kirchen im Lande! erwiederte ihm Johannes und nahm ihn +an die Hand. Wo erst die Pferde Rauch machen, da machen die Menschen dann +Feuer und Elend. + +Was für Menschen? frug Wecker, fast erhaben darein sehend, und mit dem Ohre +wie vom Himmel auf eine Antwort horchend. Aber, mein Daniel, fuhr er mit +belehrender Geberde fort, die da kommen, _das_ sind gar wundersame +Menschen, Cento- oder Milletauren aus Taurien, mit vier Pferdebeinen und +Pferdeschwänzen, und mit zwei Köpfen -- einem Pferdekopf, der sehr klug +ist, und Hafer frißt, auch grüne Saat und Dachschoben von den Strohhütten +und liebes Brod von den Tischen -- und einem Menschenkopf mit einem Bart +wie ein Ziegenbock, und mit zwei Händen, wovon die eine so lang ist, wie +ein Spieß, und von Holze, und ganz vorn der eine Finger daran von Eisen! -- +Cavallerie, von Cavallo, nicht von Cavalier! wie euer alter Vater Frommholz +sagt, Johannes! + +Ach, scherzt doch nicht, Wecker! bat Christel. Mir ist wie vor einem +Gewitter, das still heraufzieht. + +-- Und vorüber! meinte Wecker. Ist am Himmel nur Eine Wolke von heute früh +nur, oder von gestern, von vor dem Jahre, von vor hundert oder tausend +Jahren zu sehen! -- seht hinauf, mit euren lieben feuchten Aeuglein, liebe +Christel: Alle sind weg! Verflogen, verregnet, verdonnert, verstoben -- und +der alte Himmel ist hell! Und kommen auch neue Wolken, so wird der Schwarm, +so groß und barbarisch er ist, auch vorüberziehen, und die Erde wird wieder +rein sein -- wie nach der Sündfluth, Der arme Noah! Der litt einmal! Es ist +auch ein Elend, viele, viele, ja alle andere Menschen umkommen zu sehen, +und selbst feuer- und wasserfest und wohlverpicht in seiner Arche zu +sitzen, und Tauben und Raben hinaus zu lassen, um zu wissen, ob die Erde +wieder gangbar ist? -- Und hätte ich nachher den Regenbogen gesehen, so +hätte ich gesagt: Verzeih' mir's Gott! er gefreut mich nicht; -- es sind +gar zu viel Menschen ersoffen, denen er -- Frieden bedeutet! Das sind nur +die Thränen von allen den Leuten, die zum Himmel geweint haben, aller der +desperaten Sünder! Darum lieber selbst etwas mitleiden, etwas mitweinen, +ein paar Glieder von den Seinigen oder von seinem Leibe miteinbüßen, wenn +ganze Korporationen in und am corpore -- dem corpus delicti -- leiden, das +ist in bösen Zeiten ein wahrer Trost! Das macht uns zu Mitmenschen, +Mitkönigen und Mitbauern, je nachdem wir nun dies oder das sind, liebe +Christel. Die Kinder Gottes _leiden!_ Von jeher, und noch wie lange, weiß +Niemand! Und _die Herren_ denken: haben sie _so_ lange gelitten, mögen die +paar Millionen auch noch ein paar tausend Unglücke weiter leiden. Denn +_sie_ bleiben es doch. Aber -- Wecker bleibt Wecker! + +Ach, Ihr meint es rechtschaffen, mit uns und der ganzen Welt! sprach +Christel. + +Das wollt' ich nur wissen! erwiederte er weich, da sich oben am Himmel ein +Regenbogen aufbaute. Glaubt nur, Kinder, für einen _Rechtschaffenen_ ist +das ganze Himmelszelt, so groß es ist, nur eine Hütte! _Er_ ist viel +größer, viel leichter als die Bläue, viel fester in seinem Kerne, und lebt +und schwebt mitten darin und doch hoch darüber -- wie euer alter Vater, +Johannes, da droben als Zimmermann an dem Kirchthurme hängt, wie ein +Grünspecht mit seiner grünen Jacke, und hackt! Seht nur, jetzt hackt er die +Axt fest, und sieht sich um über die Gegend nach _Britzenheim_ zu, und +sieht den Schwarm der Feinde kommen, davon wir nur erst noch den Staub +erblicken, nicht die Herren Staubmacher, zu Staubmacher und zu Staubwerder +selbst! + +Jetzt blieben alle eine Weile still, denn es fiel ein Kanonenschuß von der +_Klubbistenschanze_ vor der, nur eine Viertelstunde von Zahlbach entfernten +Festung Mainz; und als er verdonnert, und in den Thälern verhallt war, +sahen sie sich an, Wecker aber fuhr fort: Kinder, das war seit langer Zeit +der erste! Die blauröckigen Kinder drin werden wach, und schau . . . sie +haben den Staub auch gesehen! Aber um hinauf zu dem alten Großvater +Frommholz auf den Thurm zu kommen, seht nur, er läßt die Axt eingehackt und +kriecht zum Loche hinein! Er wird herunter kommen, und uns _berichten_ +. . . oder kommt er bloß zum Abendessen? Das wäre besser! Aber dabei bleibe +ich: Jetzt in der allgemeinen Noth marschirte ich mit keinem lieben Vieh, +je einem Männlein oder Fräulein, und mit meiner seligen Frau, mit Söhnen +und Töchtern und sündlosen Anverwandten, auch wenn ich welche hätte, doch +nicht in die aufgethane Arche, und lebte darin in Freuden, und +wohlverpicht! Denn das erlebe ich, daß auch mein Sohn _Friedrich Wecker_, +der wohlgerathene Tambour, aber mißrathene Schulmeister, ohne Arme oder +ohne Beine -- ad lubitum der Herren Feinde, aus Rußland oder aus +Deutschland angewackelt kommt -- oder nur von _Hanau_, wo man unserem +Hochverehrten den Weg verlegt hat, die Breite und nicht die Länge. +Verkehrt! Denn von der Seite reitet man ein Pferd um. Aber mag er kommen +ohne Trommel, ohne Arm, ohne Zehrpfennig -- er soll mein lieber Sohn sein! +Ich will mich im Geiste seiner Mutter, als meiner lieben Ehehälfte im +Grabe, wovon die andere Hälfte, als nämlich ich, noch über dem Grabe vagirt +-- freuen, und wieder einmal weinen, als ein einsamer Mensch, der gar +Niemanden mehr schelten kann; denn ihr alle, der alte Großvater Frommholz, +Ihr Johannes, Christel und eure Kindlein, ihr seid doch Alle gar zu gut, +und ich habe nichts, als im Herzen euch Dank zu sagen! Aber Mann und Weib +ist _ein_ Leib. Aber was ist ein Wittwer und eine Verklärte? nämlich meine +Ehehälfte. Es ist doch ein närrisches Leben, wenn Einer halb im Grabe liegt +mit schwarz bombasinenem Kleide und cannevassener Haube -- und zugleich +auch halb draußen steht, wie Ich, und als Ich, ganz, gesund, alt, mager und +sechs Fuß hoch, wie ein Weinstock -- ohne eine einzige Rebe, vor dem Winter +eingepackt in einen alten Rock, grob wie eine Matte, und einen Stock im +Leibe, damit die ganze Vogelscheuche nicht einfällt! Darum mein großer +_Friedrich_, komme Du heim, komme _mir_ nur heim, ob ich gleich keine +Heimath habe! Aber ich habe eine Brust und ein Herz, da sollst Du Schlingel +zu Hause sein, weil Du doch einmal darin immer zu Hause gewesen bist -- +auch so lange Du entlaufen warst, oder wohlgerathener Landstreicher und +Tambour -- vielleicht . . . Major! + +Nun, sprach Christel, das Unglück der Großen ist oft, wenn nicht immer, der +Kleinen Glück; wenn ein Sack -- wie Napoleon, reißt, fallen viel Körner +heraus; und so kommt vielleicht auch mein Bruder, der _Stephan_, wieder, +der mit Gewalt mit angeworben wurde, weil er kein Weib, keine Kinder, +sondern nur . . . + +-- -- nur Haus und Hof, Kühe und Kälber, Pferde und Ochsen hatte, fiel +Wecker ein. Freilich, um die war's nicht Schade, ob sie ihn gleich +vielleicht auch gut gekannt und lieb gehabt haben! Aber wer kann alle +Herzensangelegenheiten schonen! + +Daniel winkte zu hören, und sprach nach einer langen Pause: Wie sie +gesungen kommen -- + +-- daß einem das Herz im Leibe lacht und der Magen, meinte Wecker. So in +Fugen singen sie; Einer fällt nach dem Andern ein, der Dritte, der Vierte, +und Alle aus vollem Halse. Und wie es fromm klingt! Das sind gewiß gute +Menschen! Wer singt, ist gut, nämlich so lange er singt, und den Mund +_dazu_ braucht. + +-- Horcht! nun pfeifen sie gar! rief Daniel, freute sich, und wollte zum +Thor gehen, um aus dem Gehöfte auf den Weg das Dorf hinauf zu sehen. + +Ach, seufzte Christel, was sollen wir thun? Was ist jetzt gut, oder was ist +schlimm von dem, was wir Leute gewohnt sind? Jetzt ist kein Schritt recht +oder gleichgültig, kein Fleisch recht gekocht, kein Huhn gut gebraten, +keine Suppe recht gesalzen! Da lob' ich meinen Johannes und euch Alle! -- +Ihr wart immer mit mir zufrieden. Aber _darum_ vernachläßigte ich nichts, +in dem guten Zutrauen auf eure Geduld; sondern je begnügter ihr wart, je +sorgsamer strengte ich mich an, und lauschte und merkte mir gern, was der +Kleinste gern hatte. Nun werde ich nichts recht machen; und ich möchte +wahrhaftig mein _Sophiechen_ oder meine _Clementine_ sein! Heut nur in +unserm Zahlbach! Denn . . . seht nur, wie glücklich sind doch die Kinder! +Wie leben sie überall und immer im Paradiese! Ohne Sorge und Furcht, +glücklich, wenn nur die Mutter lächelt und spricht: Du bist mein liebes +Kind! Seht nur, mein kleines Osternachtkind, die kleine _Clementine_, die +ich der guten gnädigen Frau zum Andenken so genannt -- sie versprach mir +gestern Nacht: ohne mich ganz allein einzuschlafen, wenn ich ihr ein +Brodchen mitbüke; und so konnte ich ungestört backen; jetzt hat sie es dort +bei sich; und da _ihr_ das Schaukeln so gefällt, so denkt sie: dem lieben +Brodchen soll es auch gefallen, und so hat sie es auf den Sitz der Schaukel +_gesetzt_, und schaukelt es mit ihren kleinen Aermchen! Ach mag doch Alles +verloren gehen . . . + +. . . Also hübsch langsam! schaltete Wecker ein. Verloren _gehen_, nicht +verloren rennen! + +Auch das! fuhr Christel fort; mag heut, schnell, gleich Alles verloren +werden, und hin sein, selber das tägliche Brod, sogar wie es Luther +auslegt, nur nicht . . . nur nicht: Mann und Kinder! Nicht Ein Kind! Weiter +bitte ich Gott um nichts . . . + +. . . Um nichts weiter! Ei, meine bescheidene Christel, da bittet Ihr recht +viel, recht grob den lieben Gott! sprach Wecker. Denn, wie ich Euch kenne, +habt Ihr eben nichts weiter, nichts Anderes in Euren Gedanken, in Eurem +Herzen, als den Mann und die Kinder. Ihr wollt also nur geradezu Alles +behalten, was Ihr habt und besitzt; denn die Tausend Gulden von Eurem +Vater, die der alte Herr von Borromäus für Euch am Kaufgelde hat fahren +lassen müssen, und die Ihr ausgeborgt habt für die Kinder, die kümmern Euch +nicht; auch nicht die dreihundert Gulden Lotteriegewinn vom Gevatter Pathen +Leineweber Krieg, die Euch Dorothee wiederbezahlt, weil sie nun mehr hat, +und nichts schuldig sein wollte, das protzige Mädchen, das nicht aus +Fleisch und Blut zu bestehen scheint, sondern aus lauter Ehre +zusammengebacken, und mit Mädchenstolz gesäuert. + +Ihr habt nicht ganz Unrecht, . . . _Meister_ Wecker, wie Ihr ohne Schule +nun einmal wollt genannt sein, damit Ihr doch noch etwas wäret oder hießet; +sprach Johannes dazu. Selbst die saubern Geräthschaften, Tische, Stühle, +Schränke, Betten, Gebetten, Kisten und Kasten mit Wäsche und sächsischer +Leinwand, und was wir Alles aus Herrn Paschalis Schiffchen packten, freute +meine gute Christel nur um der Kinder willen; die freuten sich! Aber doch +Sonntags, wenn Alles fein sauber aufgeräumt war, die liebe Sonne in die +blanke Stube schien, und Christel selbst auch sonntäglich in dem lieben +Sonnenschein stand, da gewann ihr die neue Heimath denn doch ein heimliches +Lächeln ab. Das Geld haben wir nicht zum Bauen gebraucht; denn als meinem +Vater seine zweite Frau gestorben war, mit welcher er Alles erheirathet +hatte, da ward ich wieder sein Sohn, da durfte ich wieder zu ihm kommen, da +mußte ich sogar Haus und Garten und Feld von ihm nehmen, zum Zeichen, daß +er heimlich immer mein guter Vater gewesen. + +Jetzt kam der alte Frommholz vom Thurme. Die Kinder liefen ihm entgegen, +auch die Kleinste mit ihrem Brodchen, und er mußte sie auf den Arm nehmen. +Der alte Mann nahte und trat zu ihnen. Seine Gestalt war hoch, sein Gesicht +ernst geworden von dem langen Zuschauen der wechselnden Erde, die ihre +schönsten und besten Kinder, die Menschen, wenig zu achten scheint; dennoch +war seine Stellung fest, sein Auge getrost, aber seine Hand vom Alter +mager, von der Sonne braun; und das Kind hatte sein kleines, weißes +Händchen darauf gelegt, wie ein Blüthenästchen auf einen trockenen Ast; und +-- wie eine Rose an ein altes Gemäuer -- lehnte es sein kleines Gesicht +weiß und rosig an das gleichsam wettergraue Gesicht des Alten; und die +_noch nicht_ gefärbten weißlichen Haare der Kleinen mischten sich mit den +_schon wieder_ entfärbten, und nun auch weißen Haaren des Großvaters, die +ihm voll bis auf die Schultern hingen, und er hieß bei Menschen ein +_ehrwürdiger_ alter Mann, entweder weil er die Sonne lange gesehen hatte, +oder sie nicht mehr lange schauen sollte. -- Da will ich die Wahl haben! +meinte der lebenssatte Wecker, wenn die Leute demselben Glück zu dem +schönen Alter wünschten und ihn bewunderten -- wie den eingefallenen Thurm +zu Babel, und die vornehme Nase, die nach Damaskus -- geschaut hat, in +ihrer Jugend. + +Nun, Großvater, sagte jetzt Christel, Ihr stellt Euch so ruhig und +schweigsam zu uns! Erzählt uns doch! Rathet uns doch! + +Wer kommt denn eigentlich? frug Johannes; unsere große, ganz klein +gewordene Armee? + +-- Unser Friedensstifter, Vermittler, Bundruthe unseres Rheinbundes, unser +allergroßmächtigster Kaiser und allezeit Mehrer des Reiches, auch wenn er +ein Stück von seinem Kaisermantel nach dem andern verliert? fragte Wecker. + +Was sollen wir thun? frug Johannes; sollen wir hier bleiben, draußen? oder +hineingehen? Kochen, braten oder backen? Und was? Oder sollen wir Alles +stehen und liegen lassen, und ein ruhiges Land aufsuchen? + +Kinder, sagte der Alte, heut zu Tage kann man immer auf das +Entgegengesetzte von dem gefaßt sein, was alle Menschen vermuthen und +glauben, selbst die Herren Potentaten. Alles kommt anders und besser, als +selbst der Freiestgesinnte und Beste denkt, und ganz etwas Neues! So kommen +auch jetzt unsere Feinde, die Kosaken, _vor_ unserer Armee, als ihre +Vorreiter, Voresser und Vortrinker. Aber, was Ihr thun sollt, meine Kinder? +-- Nichts! Wenn böse, gefährliche Zeiten kommen, muß Jeder schon das Seine +gethan haben: gelebt, gebaut, geheirathet, gesorgt, verdient und gespart. +Die böse Zeit tritt zum Menschengeschlecht als sein Richter, und spricht: +So wie du gelebt _hast_, so wird dir geschehen; mein Buch ist geschlossen, +deine Rechnung gezogen. Die sieben fetten Kühe müssen die sieben magern +übertragen. Wer die sieben fetten in's Haus geschlachtet hat, der kommt um! +-- Aber, sprach er mit Lächeln, ein ruhiges Land aufsuchen? -- Wo denn? +Jetzt nirgend. Wenn Erndte ist, ist überall Erndte, ein Paar Tage, ein Paar +Wochen später; aber Erndte ist gewiß, gute oder schlechte, wie und was +Jeder gesäet hat. Vielleicht hätten wir sollen mit den verständigen, freien +Würtembergern, den Rhein hinunter, nach Amerika ziehen. Wenn in einem Lande +Herbst wird, ziehen die Lerchen, die Schwalben und Störche von dannen, und +sind unverständige Vögel. Sie nisten über dem Meere nicht, aber der Mensch +baut sich an, und gedeiht überall wohl, wo nur die Erde ist, und nur die +Erde ist sein Vaterhaus und seine gute gleichnährende Mutter überall. Die +große Lehre hat uns Schmach und Schande gelehrt. Uns aber ließ man doch die +vorzüglichste Freiheit -- wegzuziehen, wenn es uns nicht unter dem neuen +Herrn des Landes gefiel; und nur die Freiheit des freien Abzugs mit Weib +und Kindern, kleinen und großen, zu jeder Zeit muß den Menschen bleiben, +wenn sie so durcheinander gewürfelt und hinüber und herüber verspielt und +gewonnen werden, wie bis jetzt anno 1813, als wenn die Unterthanen liebes +Vieh wären, und kein Herz hätten, und zu _Niemand ein Herz haben sollten_. +So wollte man, und _so_ ist den ihr Wille geschehen. Amen! + +Amen! Amen! _In Ewigkeit!_ sprach Wecker fromm und gläubig dazu. Der Bauer +Adam Müller hat doch Recht gehabt! Es ist Krieg geworden, 1812, wie in dem +Briefe an den seligen Herrn von Borromäus stand! Vielleicht gehen nun auch +die unschätzbaren schlechten Zeiten an, die er verheißen, und worüber sich +das Landesväterchen so gefreut! + +Die Unsrigen rücken aus Mainz dem Feinde entgegen, und wahrscheinlich +begegnen sie hier sich im Dorfe; sagte der Alte erst jetzt. Es kommt darauf +an, wer schneller reitet. + +Mein Gott! stöhnte Christel. Wer hätte gedacht, daß man unter einer Festung +Napoleons nicht sicher wohnte! + +Sogar er selber nicht mehr, sprach der Alte. Aber wenn Er sogar nicht mehr +sicher ist, so können alle Andern, die nicht solche Männer wie Er sind, +nicht ihren festen Sitz auf hundert Jahre verpachten, ohne daß der Pächter +nicht vor Ablauf der Pachtzeit -- stirbt. + +Wecker schüttelte sich und sprach: Mir ist ordentlich als ginge Jemand mit +Geisterschritt in den Wolken, und warnte herab mit dem Finger, und spräche +große Lehren herab; und auf Erden liefen Teufel umher, und hielten den +großen Menschen die Ohren zu, und sprächen: Das da oben ist bloßes +Luftgebrause! Unsinn am Himmel! Wer nicht gehört hat, der darf nicht +folgen. Erlauben Sie also gnädigst, Ihre hochgeehrten Ohren mit dem +weichsten schadlosesten Wachs zu verkleben; es ist gelbes natürliches +Wachs, ohne allen Arsenik! Sehen Sie, ich verschlinge ein Stück davon. -- +Und bei den Worten brach Wecker einen Krumen von Clementinens Brodchen, und +verschlang ihn im Eifer. + +Der Lärm ist im Dorfe! sprach Christel bestürzt. Riegelt das Thor zu! + +Da sprengen sie es ein! und werden erst wüthende Gäste! versetzte der +Greis. + +-- Verbergt Euch! + +Da holen sie uns hervor mit Flintenkolben und flachen Klingen. + +-- Fliehen wir! + +Da zünden sie das Haus an, oder richten uns Alles zu Grunde. + +-- Kommt in das Haus! + +Da kommen sie nach, und erbitterter! Das weiß ich als alter Soldat. Thut, +als kämt Ihr, sie zu begrüßen. Sagt, Ihr wartet auf sie. Laßt Alles offen! +Bleibt, wo Ihr seid; wir sind überall in Gottes Händen! Wer da denkt: Gott +hat ihn nur im Mutterleibe gebildet, und da das Leben gegeben; und nicht +glaubt, daß Gott ihn jeden Augenblick so wunderbar fort bildet, und seinen +Odem ihm leiht, der ist ein Blinder. + +Das wollt' ich nur wissen! meinte Wecker. + +Wißt, denkt, glaubt es doch auch, Ihr alle meine Lieben; fuhr der Alte +fort, während man kaum vor Geräusch und Geschrei und Geklirr und Gestampf +seine Stimme recht hörte. Wißt Ihr es auch. Die Rosse hat Er geschaffen, +die eisernen Spitzen sind aus seiner Erde, die Menschen sind aus seinem +Paradiese. -- + +Die Wuth aber ist vom Teufel! schloß Wecker. + +Denn von den Feinden, die sich eben im Dorfe einnisten wollten, aber schon +wieder ihre Feinde: französische Infanterie, begegneten, kam ein Kosak in +den Hof gesprengt, der einen Franzosen verfolgte. Der Franzose lief in +einem Zickzack um die schönen Linden, die jetzt schon gelbe Blätter +verstreuten, auf das Haus zu. Alle sprangen nach dem Hause; Wecker mit +Gotthelf, Christel mit Sophiechen, Johannes mit Daniel, und der alte +Großvater Frommholz war mit dem kleinen Osternachtkinde, mit Clementinen, +die er auf dem Arme trug, der Letzte. Das Kind sah über die Achsel des +Großvaters nach dem weißen Pferde, und hielt sein Brodchen hoch und bereit, +es dem fremden Manne zu geben -- da verfehlte der Kosak mit der langen, +rothen, eschenen Lanze seinen Feind, der eine schnelle Wendung machte, und +sich platt mit seinem Gewehr auf die Erde warf, und die eiserne lange +Spitze der rothen Stange fuhr dicht über der Schulter des Großvaters mitten +in die kleine Brust des Kindes, und durch und durch, daß der alte Mann die +Spitze mit seinem rechten Auge erblickte; und er stand wie angewurzelt, wie +mit Feuer begossen von dem Gedanken, was da geschehen sei; und ohne Kraft, +das Schicksal der leichten, aber unglücksschweren Last zu tragen, sank er +auf seine Kniee; vor seinen Augen war gänzliche Nacht, und in der Nacht war +gänzliche Wüste; aber das Kind hielt er noch fest. + + + + +II. + + +Nur der Kosak schrie auf -- _menschlicher_ Weise gedenkbar: selbst in der +eigenen Wuth noch erschrocken über das -- Kriegsglück, daß er statt des +Feindes, das Kind durchbohrt. Aber es war ein Schuß gefallen; denn der +bedachte, absichtlich handelnde Franzose hatte sich gleich wieder auf ein +Knie gerafft, richtig den Augenblick ergriffen, sicher gezielt und sicher +getroffen, und der Kosak lag am Boden. Niemand konnte erkennen, daß er ein +alter Mann mit silberweißem Barte war, kaum daß er ein Mensch sei, wenn es +nicht die übrige Gestalt noch hätte schließen lassen; denn über Augen und +Gesicht floß lichtrothes Blut von der Stirn, unter der rothen vierlappigen +Mütze hervor, und überfloß den breiten Bart, als sei er aus blühendem +Fuchsschwanz künstlich gemacht; und die gerötheten Zähne im Munde +klapperten vor Schmerz oder Wuth; denn er war gleichsam nur ein +blautuchener Schlauch voll deutscher Beute. + +Die indeß genahten Franzosen hatten mit einer Salve der reitenden +Artillerie die Kosaken wie sechsbeinige Hasen aus dem Dorfe gebürschet. Man +hörte in der Ferne nur schreien und reiten, und sah wieder die Straße +brennen. Im Dorfe aber und in Johannes Hofe war es still. Der Franzose +hatte den Schimmel am Zaume aufgegriffen, und an der Linde angehangen, +stand ruhig, putzte seine Flinte rein, und ladete sie wieder, während er +mit finstern Seitenblicken zu dem Kosaken auf die Erde zwischen den Zähnen +murmelte: Moskowiter! Ismaeliter! Esauwiter! -- Da liegst Du -- und Ich +nicht! -- Du bist mein -- und Ich nicht Dein! + +Wecker war in heiliger Entrüstung indeß bei dem alten Frommholz vorüber, +herausgeschritten, und in Bezug auf den in seinem Blute schwimmenden +Asiaten sprach er mit innigem Bedauern und herzlichem Wohlmeinen zu dem +Franzosen: Kain! Kain! Kain! o fliehe! fliehe! -- Du hast Deinen Bruder +erschlagen! Wir wollen unsere Augen indeß zudrücken, daß wir nicht wissen, +wohin Du geflohen! + +Und so drückte er seine Augen zu, und stand mit geröthetem Angesicht +harrend. Da er aber nur ein verwundertes Lachen hörte, schlug er die Augen +wieder auf, sah den Lachenden mit Erstaunen an, und frug ihn, ganz irr' an +sich und der Welt: Nun so sagt: Wer hat Euch das Recht gegeben, den Mann zu +erschlagen? + +Ihr seid verrückt! entgegnete der Franzose. + +Das habe ich schon von Andern gehört! entgegnete Wecker; aber, mein Freund +-- -- denn auch Ihr seid noch mein Freund -- aber auch so ein Ungeheurer, +wie ich, kann fragen; also ernstliche Antwort: Wer hat Euch das Recht +gegeben, geliehen, geschenkt oder vermeint zu geben, zu leihen, zu +schenken! + +Das Beispiel! närrischer Mensch. Die Trommel, der Feldwebel, der erste +Kanonenschuß, das Wort »Marsch!« Kein Mensch hat es uns eigentlich laut +gesagt. + +An der verschämten Art haben sie wohl gethan! sprach Wecker mit einiger +Freude; aber _gemeint_ haben sie es doch! + +Und das recht redlich! Die Hohen befehlen, die Kleinen thun, die Alten thun +es vor, die Jungen nach. + +O Volk, du heiliger Affe! »sacra simia,« wie auch Horaz den verfluchten +Hunger nennt; aber kennt Ihr nicht aus dem Vorschreibe-Versbüchlein das +Symbolum? Daniel! Wo bist Du? Bete doch dem Herrn Todtschläger den Vers +vor: »_Flieh, wenn Du -- --_« Da er aber den Daniel nicht gewahrte, +dictirte er gleichsam die Zeilen dem Manne in die Feder oder _in die +Flinte_ -- wie er bemerkte -- und sprach laut und warnend: + + Flieh, wenn Du Böses siehst, + Und thu' es niemals nach! + Du bist so strafbar sonst, + Als der es erst verbrach! + +Der Franzose aber hatte einen _großen_ russischen Hund, Peter, oder der +große Peter gerufen, mitgebracht; und der Hund nun beroch den Kosaken; und +hungrig, wie Peter sein mochte, leckte er ihm endlich das warme Blut vom +Gesicht und aus den Augenhöhlen -- und der Kosak stöhnte, schlug die Augen +auf und erblickte seinen Schimmel, der sich von der Linde los gemacht, und +mit gesenktem Kopfe neben seinem gefallenen Herrn, Freund und Vater stand. +Und der Kosak schloß die Augen wieder. + +Der kleine Gotthelf aber frug Weckern: Meister Wecker! Ist das ein +Centaure? + +Ja, mein Söhnchen, mein Gotthelfchen! erwiederte er. Gott helfe ihm! Es ist +ein solcher guter, armer Teufel, wie einst ein gewisser Pferde- und +Menschendoctor, Chiron benannt! Ist dieser hier nicht so lange todt wie +Jener, so wird er es doch bald so lange werden. Aber die Todten holen sich +wohl nicht ein? Indeß, so weit her sind sie Beide, und unser Gast wohl noch +weiter her, der daher gekommen, um unsere Erde zu kosten, und statt um ein +drei Ellen hohes Federbett, nur um ein drei Ellen tiefes Wurmlager bittet, +ja nicht einmal bittet -- so gut ist der liebe, alte Mensch; mein Gotthelf, +mein Gotthelf. O, helfe doch Gott allen Menschen! + +So sprach er in heißer Entrüstung und mit zum Himmel gestreckten Händen, +und er schickte sich an, dem armen Alten beizustehen, und wo möglich noch +Hülfe zu leisten, da er doch noch ein Lebenszeichen von sich gegeben -- als +Christel laut aufschrie. + +Jetzt erst war sie herausgetreten; jetzt erst hatte die Mutter ihr Kind +gesehen. Es lag auf dem Rasen neben der Thüre, und als es die Mutter +erblickte, streckte es beide Händchen nach ihr. Der alte Mann hätte sein +Enkeltöchterchen vielleicht sogleich hineingetragen, wenn er nicht +befürchtet, dem Kinde durch eine Wendung oder durch das Nachschleppen der +langen, schweren Lanze, an der es steckte, weh oder weher in seiner Brust +zu thun; und so hatte er es nur ruhig hingelegt, und sich selbst auf die +Bank gesetzt, wo er kraftlos und athemlos saß. Die Mutter bedeckte die +Augen vor ihrem Kinde mit ihren Händen. Sie hatte gesehen . . . Alles mit +einem Blick . . : es lebte noch! Es blutete nicht! Denn der Speer verschloß +seine Wunde zugleich! Aber das holde Gesicht des Kindes war blaß, und die +rosenrothen Wangen auf Zeit der Erde oder des Himmels dahin! Der Blick aus +den schönen blauen, Hülfe bittenden Augen in ihre Mutterseele hatte ihr +schweigend gesagt: sie sei des Kindes Mutter nicht mehr! Die liebe Kleine +sei ihr auf einmal vom Herzen gefallen, so fremd geworden, und werde ihr +bald so unkenntlich und so unergründlich sein, wie -- Erde, und immer +ferner, weit, fern, unerreichlich fern, und doch so nahe, so fest, so recht +innig im Herzen, wie der durchbohrende, schmerzliche Speer in der kleinen +Brust des Kindes. Ihre volle Mutterliebe stand auf einmal an einem grausen +Abgrund still, wie ein gefrorner Wasserfall -- und nur in der Tiefe schlich +noch ein kleiner, zusammengedrängter, warmer Quell unter der eisigen Decke, +das ewige schöne Gefühl: sie liebe noch! und jetzt erst unaussprechlich, +unausweinbar, und zerflöße sie selber zu Thränen. Der blaue Himmel war ihr +sonst nur die herrliche, gleichsam unsichtbare Decke über die Erde gewesen; +die Erde selbst aber nur das weite, breite Haus für die Menschen, und die +Sonne das stille Geleucht zu den Geschäften und Sorgen und Mühen aller +solcher treuen Mütter wie sie, solcher redlichen Väter wie ihr Johannes, +und solcher von Liebe der Aeltern gedeihender Kinder wie ihre! Jetzt war +ihr die Erde kein fester Boden mehr; denn er schwand unter ihren Füßen +hinweg, _als habe sie auf falschem, nichtigem Gewölk gestanden; sie +taumelte_ und hielt sich an die Pfosten der Thür. Und so war auch der +Regenbogen über ihr nur ein Schatten; und die Sonne -- dem Regenbogen +gegenüber -- war ihr nur ein grauses Gespenst, ein Gesicht ohne Augen, ein +kahler, liebloser, lebloser Scheitel ohne Haar -- sie hatte vergessen, daß +es eine Welt gab, und ein Leben; denn _dieses_ ihr Kind war hin! Und ihr +Mutterherz empfand in dieser ihrer Noth keine andern Kinder mehr, sie waren +ihr alle gestorben -- und _sie schrie laut und durchdringend._ Dadurch +hatte sie sich selbst aufgeweckt; sie blickte schüchtern und ängstlich und +neugierig umher, ob es wahr sei, was sie geträumt -- und als sie nun +wiederum sah, es ist wahr . . . . es bleibt und bleibt wahr . . . . da +strömte Eifer zu retten über sie; sie kniete hin und wollte dem Kinde den +Speer aus der Brust reißen mit schneller, schonungsloser und schonender +Hand. + +Der französische Soldat aber sprang hastig hinzu, und wehrte ihr mit den +Worten: Junge Frau, thut das nicht! Sonst verblutet sich erst das Kind. Es +kann noch leben, bis ein verständiger Arzt kommt, der das vernünftig macht! + +_Johannes_ lief auf das Wort sogleich in das Dorf nach dem Dorfbarbier. + +Seht, sprach der Soldat weiter, und riß seine breite, weiße, mit Haaren +männlich geschmückte, schöne, hohe Brust auf, ich bin mitten hindurch +geschossen, und lebe und kann schreien wie Einer: »Es lebe der Kaiser!« -- +Mein Gehirn ist abgedeckt worden durch einen mich dumm zu machen meinenden +Säbelhieb eines albernen Russen, aber, Gott sei Dank, ich bin noch so klug +-- wie ein Franzose! -- Eine Kanonenkugel ist mir quer an den Augen vorüber +gesauset, und hat sich unterstanden mir das Nasenbein verstellen zu wollen +-- aber seht, meine Nase ist noch musterhaft und der feinste Riecher! Und +so schwach ich sehe, so sehe ich doch -- aus Uebung den Feind, er sei +_blau, grün, weiß_ oder _roth_, wenn Ihr das versteht, liebe junge Frau! +Ich muß denken -- es ist Herbst auf immer für mich geworden, oder +Abenddämmerung zwischen Hund und Wolf, oder die Frau Erde hat ihr +Schleierkleid für mich angezogen -- also sie hat mich ausgezeichnet durch +ihre besondere Gunst. + +Er sah sie bei diesen Worten an, und mußte zu ihr mitleidig lächeln, so +freundlich sprach ihn das schöne, blasse, ängstliche Muttergesicht der +Christel an, und er war eigen sanft und mild gegen sie, wie gegen eine +frühere liebe Bekannte. Und das war sie auch wirklich. _Christel war seine +Schwester._ Aber als er aus dem Vaterhause gezogen, war sie noch ein ganz +kleines Jüngferchen gewesen; und er erkannte sie nicht, weil sie groß, +ausgebildet, verändert durch ihre Reife, und verwandelt in ihrem Wesen +durch ihr schreckliches Leid jetzt vor ihm stand; und nicht im Vaterhause, +sondern im Hause eines fremden, ihm unbekannten Mannes, und als Mutter von +erd- und weltfremden Kindern. _Christel_ aber erkannte ihren Bruder +_Stephan_ nicht, weil sie sich nur seiner angehenden Jünglingsgestalt und +obendrein nur dunkel erinnerte, er aber jetzt ein gebräuntes, +bartverwachsenes Gesicht hatte, dem wohlgeheilte Wunden dennoch eine +Entfremdung für sie gegeben; und der Mann schien ihr Bruder nicht, _der aus +einem sanften Knaben_ jetzt kriegverwildert vor ihr stand, auf die frühere +Gutmüthigkeit jetzt rauh, roh und hart erschien, groß und älter geworden, +wie sie ihn nie gesehen. Hätte er sie erkannt, dann hätte sie das Bild +ihrer Erinnerung von ihm mit seiner gegenwärtigen kriegerischen Gestalt +vertauschen müssen; aber ihn hinderte vorzüglich die Unwahrscheinlichkeit: +sie könne es seyn, daran; und in ihrer reinen, liebenden Seele wurde jede +mögliche Ahnung durch den Gedanken niedergedrückt: _Das_ ist ein Mörder -- +_der_ hat einen Mann erschlagen -- _der_ kann dein Bruder nicht sein! Und +dennoch sah sie ihm in die mild auf sie gerichteten Augen, und frug nach +seinem Namen. + +_St. Etienne_ heiße ich, antwortete er nicht ganz unbefangen, weil er sich +durch und durch französisch gemacht hatte; und darauf schlug sie die Augen +nieder und seufzte tief, als habe sie keine Ursache dazu, die sie wüßte; +und ihr Anblick war wunderbar, bis sie sich über ihr Kind hinbeugte, und +ihre Gedanken vergingen in heiligem Mutterschmerz. Aber sie hatte in +Wahrheit ihren Bruder doch wiedergesehen. _Und so hatte sie das Geschick +auf eine zwar unverstandene, doch heilige Weise geheim und zart getröstet_ +-- und sie konnte weinen! Und das Kind hielt sich fest an dem Hals der +weinenden Mutter geklammert. + +Wecker aber hatte sich herzugekehrt, seine Augen waren immer größer +geworden, sein Mund offener, sein langes, blasses Gesicht immer länger, +seine Hände immer krampfhafter von ihm gestreckt, und zitternd gehalten, +bis er nun die beiden stillen, theuern Wesen sah, seinen Nacken beugte und +leise zu dem Kinde sprach: + + Wie freundlich thust du dich doch zu, + Und greifst mit beiden Armen + Nach aller Welt, in Lieb' und Ruh + Uns ewig zu umarmen! + +Denn ich war Dir auch gut, Clementine, ob Du gleich noch nicht _schulfähig_ +warst! Nur _Aepfel-_ und _Birnenfähig_, die ich Dir brachte. O, mein Kind! +-- + +Der Kosak hatte sich mühsam aufgesetzt, und starrte vor sich ihn, als ob er +zusähe. Und so gab Wecker ihm gleichfalls seinen Vers: »Hast Du noch etwas +einzuwenden, Du armer Teufel! Ei komm' her, versuch' es ob Du was kannst +enden; laß hören, was ist Dein Begehr? Doch Trotz Dir, Du verfluchter +Geist, daß Du mich von dem Kreuze reißst!« -- »Pfeif, pfeif, Du tückische +Sirene, und locke, Du vertrackte Welt! Ja, mach' es noch einmal so schöne, +und preise, was Dir wohl gefällt: bei einem, der sich hier befindet, da +kommst Du Narre viel zu blind!« -- Er schämte sich aber, da der alte Mann, +auf der That bestraft, wieder umsank; beugte sich zu Christeln, rührte sie +an der Schulter an, und sagte ihr, während Thränen aus seinen Augen +tropften: + + »Wer hätte bei den Mördern + Die Unschuld doch gesucht? + Den Segen zu befördern + Wirst du von Gott verflucht. + Die _Dich_ zu Boden treten, + Woher _Dir_ weh geschieht. + Für diese willst Du beten; + Mehr Rache weißt Du nicht.« + +Diese Worte erweichten Christel vollends. Und nun wußte sie nicht, was sie +dem Kinde vor seinem Tode _noch schleunig sagen, Liebes thun, vorsprechen +oder versprechen sollte,_ um es über die böse Stunde hinweg zu bringen, +oder nur die Augenblicke noch zu benutzen. + +Kennst Du mich denn? mein liebes Kind! frug sie leise und hold, so hold sie +es vermochte. Und die kleine Clementine lächelte nur, und drohte ihr mit +dem Finger. Und dennoch frug sie, um es noch einmal zu hören: Nun wer bin +ich denn? + +»Nun meine liebe Mutter!« + +Nun so habe mich einmal recht lieb! einmal (_»nur noch einmal«_ vermochte +sie nicht zu sagen). Und das Kind drückte sie, daß es zitterte, und küßte +sie wieder und frug dann: »Mutter, aber was weinst Du denn gar so sehr!« + +Und die Mutter antwortete ihr, sich bezwingend: Darum, daß Du nicht +aufstehen kannst, nicht herumspringen, daß Dir die Brust wohl weh thut? + +»Ach, es ist nur so wenig Luft geworden, und gar so heiß ist es, Mutter. +Gieb mir nur mein Brodchen -- ich will auch heute wieder ohne Dich +einschlafen!« + +Die Mutter schloß die Augen über das Wort, und gab ihr das Brodchen und +sagte ihr dann: Sei nur noch ruhig und gelassen, bis der Vater wieder +kommt. Wenn Du hübsch fromm bist, sollst Du auch ein ganz neues weißes +Kleid kriegen, neue grüne Schuhe, und in Deine Härchen einen Kranz von den +schönen Astern, die Du nicht hast pflücken sollen, und auch nicht angerührt +hast, mein folgsames Kind! + +Da sie aber den Todtenkranz gemeint, so konnte sie nicht weiter sprechen, +wandte sich ab, und schüttete schnell ihre Thränen aus. + +»Mutter, lachst Du? Ja, ich freue mich auch!« Und das Kind lachte, klaschte +in die Hände, und die Mutter lachte mit ihr, unaussprechliches, sanftes und +heiliges Lachen. + +Das Kind hatte aber bei der Erschütterung der kleinen Brust große Schmerzen +empfunden, und sagte auf einmal: »Mutter, ich werde sterben. Lebe wohl, und +grüße den Vater. Sage dem heiligen Christkind, es soll mir bei Euch nicht +bescheren, sondern gleich oben -- Du weißt schon: wo!« + +Der Mutter war fast unerträglich im Herzen, und es kam jener Ernst über +sie, _wo der Schmerz ein freundlicher Wahn wird,_ und die Gedanken die +Pforten der Heimath der Menschen aufthun, _und die Welt zum schönen +Mährchen wird._ Und so sprach sie mit verschlossenen Augen: Nun so gehe in +Gottes Namen von uns, mein liebes, liebes Kind! Sage dem großen Vater: wir +hätten Dich in seinem Namen lieb gehabt, beinahe wie er selber Dich lieb +hat; oder beinahe wie wir ihn lieben -- ich hätte Dich immer sanft am +Morgen mit einem Kusse geweckt, mit einem Kusse seist Du eingeschlafen im +Mondschein oder wenn draußen die Sterne standen -- -- -- sage ihm: ich +hätte Dich immer sauber und warm gekleidet, Dich auf meinem Schooße +getränkt und gespeiset, und Dir von seinem Sohne erzählt, und von ihm +selbst, der die schönen Blumen Dir gemacht hat, an jedem Morgen neue! Sage +ihm, wir würden Dich sanft in seine Erde senken, und er möchte Dich mir da +bewahren, wie einen großen Schatz -- und darinnen schlafe Du ruhig, bis ich +komme, und mich zu Dir lege. -- + +»Du kommst doch gewiß?« frug die Kleine. + +-- Gewiß, Gewiß! Das dauert nicht lange! antwortete die Mutter. + +»Aber in die Erde!« + +-- Habe ich Dir denn nicht gesagt, daß der liebe Gott auch _in_ der Erde +ist! Denn Du weißt ja, die andern Sträucher und Blumen können die Blumen +nicht machen, und machen sie nicht -- und doch hast Du immer welche am +Morgen gefunden, die er verborgen Dir aus der Erde heraus gesteckt: frisch, +fertig und voller Geruch! Also kommst Du da zu ihm, Du liebe Blume, Du mein +Herz! + +»Aber der Vater soll auch nachkommen zu Bett, und Brüder und Schwestern!« + +-- Wir kommen! Wir kommen! sprachen sie alle, und reichten ihr die Hände, +daß sie sie nicht alle fassen konnte. Und so schloß sie die Augen und +lächelte sehr. Die Mutter beugte sich über sie und schwieg, so, lange, +während die Abendglocke geläutet ward vom Thurme, weil die Sonne zu Rüste +ging und zu Golde ward, und zerschmolz. + +Indeß war das Kind gestorben. Und als die Mutter merkte, daß es +ausgezittert hatte an ihrem Halse, da entfloh sie und warf sich im Garten +in das Gras unter die Bäume -- aber durch das so eben geschehende Wunder +der Natur war es der armen Mutter: ein weiches smaragdenes Bett, und der +Schirm des Baumes über ihr: ein von der untergehenden Sonne purpurn und +golden leuchtender Baldachin; und der Herbstwind fuhr eilig, doch sanft, +von der Abendröthe daher und streute falbe Blätter leis über sie nieder, +und breitete den Hall der Abendglocke wie himmlischen Duft weit über ihr +Gefild aus, und bewegte die blauen Astern, die zum Todtenkranz für das Kind +bereit standen -- und diese schauerten und nickten mit ihren schönen +Engelsgesichtern. + +Wecker aber sagte langsam zum alten Frommholz: Vater! Großvater! noch immer +kaum glaublicher Großvater von einer kleinen Todten! Beweiset nun Eure +Zimmermannskunst an dem Kinde; faßt Euch ein Herz; nehmt den Fuchsschwanz +und sägt die Länge des unschuldigen Spießes von beiden Seiten ab, sonst muß +der Todtengräber ein unmöglich tiefes oder langes Loch machen! Geht, alter +Vater, geht! Braucht Euer _rechtschaffenes_ Handwerkszeug einmal _dazu!_ +Die schönen grünen sonnigen Hügel auf Erden dienen ja auch zu kleinen +grünen Hügeln für Todte! Der Herr hat die schöne Erde also _auch dazu_ +bestimmt! Seid nicht dagegen, Großvater! und laßt die Sachen sein, was sie +sind, weil sie Gott dazu bestimmt; ob ich Euch gleich sage, daß ich es +nicht begreife, wenn so ein Acker schöner weißumblühter und mit gelben +Blumen geschmückter Frühlingserde zu solchem Jammer dienen soll! Aber ich +mag hinsehen wie ich will: die großen Hügel bleiben grün unter dem blauen +Himmel, und die kleinen Todten-Hügel bleiben bunt von gelben und rothen +Blumen, die duften und wehen; und die liebe, _wahrscheinlich unverständige_ +Sonne wärmt sogar darauf und beleuchtet sie recht. _Närrisch, aber wahr!_ +Alter _Frommholz_ -- seid einmal von Holze und fromm dabei, so wird es sich +sägen mit Gottes Hülfe! Und dann seid hübsch _ehrlich_ -- gebt die eiserne +Spitze und den rothen Schaft seinem Herrn wieder! Die 5 Zoll Holz aber die +dazwischen fehlen, die wird sich das Kind schon verdient und bezahlt haben +-- durch seine zwei schönen, blauen, zugemachten Aeuglein. Zwei Augen +zumachen, ist das schwerste Werk der armen Menschen, geschweige der +Reichen! Selbst der kleinen Kinder, geschweige der Großen! + +Zu den Kindern aber sprach er: Mein Daniel! geh und setze Dich still dort +neben die Mutter! Denn damals als Du aus Mangel an Holz erfroren warst, da +bekam sie gleichsam statt Deiner die kleine Osternachttochter Clementine; +jetzt, da das Kind durch ganz überflüssiges Holz umgekommen, nun geh Du +wieder hin, daß sie Dich habe statt jener, besonders da ich Dich erweckt +habe mit einem Strohwisch, als so viel ich Apotheker-Spezerei zur Hand +hatte. Und wenn sie Dich ansieht, dann sage nur, Wecker hat mich erweckt, +und ist ein bloßer Schulmeister! Jener ist aber der hohe Patron der Schule +der großen Menschenkinder, der hat gar andere Mittel die Kinder +aufzuwecken, als bloße Strohwische; und alle Apotheken sind bloße +Mördergruben gegen seine Offizin mit Lebensbalsam, der alle Frühjahre schon +die todten Blumen erweckt, daß sie riechen, daß wir sie riechen und +kostbar! Gehe, geh. -- Sophiechen, geh Du auch hin; Du bist ein Mädchen, +die Mutter muß also sehen, wenn hinter ihrem Mutterauge die Mutterseele +nicht am trauerschwarzen Staar leidet, daß sie noch ein Töchterchen hat! +Und willst Du, so magst Du auch den Kern-Vers von _Johann Menzer_ beten und +sprechen: »Nun ist nur noch der Tod zurücke; jedoch er hat mir wenig an: +mein Jesus bricht ihm das Genicke, so ist's um seine Macht gethan: weil er +mir Christum nur nicht frißt, so weiß ich gar wohl wie mir ist.« Gehe, geh. +-- Und Du, Gotthelf, gehe auch, und setze Dich hin, und sprich weiter +nichts, als: Liebe Mutter, _Gotthelf_ ist da! Und, liebe Mutter, Du hast +mir sonst immer gesagt: »Wenn Du _der Mutter_ folgst und das thust und das +annimmst von ihr, was _sie_ will, so ist _Dir_ gleich wohl, mein Kind; nun, +liebe Mutter, nimm Du auch einmal das an, was _der Vater_ will -- so wird +Dir auch gleich wohl sein! Gehe, geh.« + +Und als Wecker sah, daß die Kinder langsam zur Mutter schlichen, da ging er +selbst aus dem Gehöft auf den Kirchthurm -- um frische Luft zu schöpfen. +St. Etienne aber machte sich an das Aussuchen und Ausplündern des Kosaken, +des Don Tauro, wie er ihn nannte, oder an das Beutemachen. Aber das erste +Wort des Aufgerüttelten, sich wieder Besinnenden und Hülfe Flehenden war: +-- -- »Mutter! -- -- Schnaps!« -- + + + + +III. + + +Unterwegs traf Wecker seinen Schutz- und Brodherrn Johannes außer Athem. -- + +»Er war nicht da, er war nicht dort, er war nirgends!« sprach er zu Wecker. + +Wer denn? frug Wecker. -- Nun, der Sonntagsbarbier, der wochentags sechs +Handwerke treibt. -- + +Geht nur heim, Johannes, tröstete ihn Wecker, »der Herr hat schon +geholfen!« + +Und so eilte Johannes fröhlich nach Hause. + +»Aber der Christel steht bei!« rief ihm Wecker nach, und sprach dann zu +sich: »Jetzt ist es in deinem kleinen Oberstübchen nicht richtig, mein +lieber Meister, darum gehe du in dein großes Oberstübchen! auf den Thurm! +der hilft! Ein Thurm ist ein gewaltiger Freund in der Noth; aber das +alberne Volk läuft drunten hinweg, und kennt nicht die Kraft der tausend +Riesen, die bloß im Lande umher als dumme Jungen stehen!« + +In der Halle begegnete er dem Chirurgus, den er herzlich bat, den Kosaken +in seine Cur zu nehmen. Der aber entschuldigte sich mit dem Wort: er sei +ein bloßer Civilchirurgus, und als solcher habe er keine solche +wallfischmaulgroße Wunden von Pferden, Kanonenkugeln, ja von Kanonen +selber, zu verbinden oder wohl gar zu heilen -- übrigens zahle die +Soldateska nichts, es geschehe Alles auf Regiments-Unkosten, und das +Regiment -- marschire weiter . . . mit klingendem Spiel! Kurz er gehe +nicht, und werde lieber seine Pfeifen curiren und purgiren; denn sein Herr +Bruder komme zu ihm, der Herr Licentiat! mit Frau Licentiatin! + +Wecker fielen alle dessen Sünden, selbst das Schweinchen, aufs Herz, und so +ergriff er den in der Halle stehenden schwarzen, rußigen Besen, und trillte +den störrischen Menschenfreund zum Tempel hinaus, und ein Stück auf dem Weg +zu Johannes fort; dann warf er »das chirurgische Operationsinstrument« in +den Winkel, und begegnete auf der Thurmtreppe -- dem Teufel -- _den er +herabwünschte, um Deutschland rein zu kehren,_ und anfing ihn zu +beschwören; aber der brummte: noch nicht; doch bald; -- und er erkannte den +Schornsteinfeger, der sich nach den brennenden Dörfern umgesehen, und +reichte ihm die Hand, um ihm seinen frommen Irrthum abzubitten. + +»Euer _Breitenthal_ brennt auch!« sagte ihm der Schwarze. »Auf _dem_ +Striche, der droben auf der Dorf-Rose gerade nach dem Feuer weiset, steht +richtig Breitenthal; es kann auch ein Dorf dahinter sein. Bei Tag scheint +das Feuer zu weit, bei Nacht zu nah. Aber ehrlicher Freund, stürmt nicht +erst mit der Glocke! Welch Dorf soll jetzt dem andern helfen? Jedes braucht +seine Beine, Arme, Augen und Ohren zu Hause; und obendrein alles voll +Soldaten!« + +Wecker aber sah droben von der Zinne des Thurmes den Erdspectakel, den +Krieg, wie er laut sagte, wodurch die Menschen zu Vieh ohne Mitleid zu +werden -- gezwungen waren -- so offenbar und hell, wie der Himmel feuerroth +zu werden gezwungen war. Und als er einige Zeit hinüber gestarrt und ganz +geblendet und wüthend war -- stand plötzlich der Teufel neben ihm. Wecker +starrte ihn an, indem er die Hände mit ausgespreiteten Fingern gegen das +Ungethüm, wie zur Abwehr, hielt; und er hörte es sprechen: »Denkst du, ich +bin gestorben? Närrisches Haus! der Teufel -- et le Roi -- stirbt nicht, +als aufgehoben zum letzten Gericht. Und wenn ich mit allen Gestirnen im +Abgrund der Welt verschüttet läge, also nicht mit Pfeffernüssen -- die +kleinste Sünde der _letzten_ Zeit erweckt den Teufel in seiner _ersten_ +Kraft wieder auf -- und jetzt geschehen tausend Große, nun geht mein Reich +wieder an, diesmal nur ein kurzes, aber Höllefüllendes: _das Reich der +Unterlassungssünden!_ Wie lange habe ich mit meinen vorzüglichsten Geistern +gearbeitet: die Welt klug zu machen, und das wahre, ächte, erste +Christenthum auszubreiten! Erschrick nicht ungläubig, Schulmeisterlein, +sondern höre mich aus. _Erfahren und weise_ muß die große Welt, oder auf +französisch (denn das ist meine Sprache): le grand monde werden, _damit sie +doppelt strafbar werde,_ damit doppelt so viel Große und Kleine zur Höllen +fahren -- und nicht wieder auferstehen. Wenn ein verlorenes Lämmchen +zurückekehrt, wird ein Kalb geschlachtet, wenn sich ein Hoher verkehrt, +dann brate ich einen Leviathan ganz, als Rost-beef. Wie jener fromme -- +Kreuzzug mit leckern Ziegen und Gänsen und glattzöpfigen Kuttenträgern an +der Spitze nach einem heiligen Grabe, das, wie sie wußten, doch nirgends +vorhanden war und keinen Leichnam enthält, -- so beginnt nun ein neuer +Kreuzzug blutdürstend _nach einem lebendigen Leichnam._ Und nun sie so +erfahren und so weise sind, nun erst will ich alles alte Unrecht, allen +alten Unsinn, ich will den Papst und seine -- oder meine Schaaren -- wieder +auf die Beine bringen und sein Regiment durch ein Regiment zu meinem +Regiment wieder einsetzen lassen. -- Kann ich frömmer und christlicher +handeln? Mir ist Niemand auf Erden schätzbarer als Christus. Denn seit das +Licht in die Welt gekommen, und die sogenannten Menschen _dennoch_ in +Finsterniß wandeln, Werke der Finsterniß fördern und thun, sich im Namen +des Lichtes dazu vereinigen, die Finsterniß auszusäen wie Ruß und Mohn; +seitdem ist Gedräng in den Pforten der Hölle, und ich habe neue erbliche +Pairs müssen creiren, um neue unsterbliche Strafen zu stiften! Es lebe +Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Aber Wecker, mein närrisches Haus +-- denn alle Narren sind mein -- beruhige Du Dich! Für jeden Einen, der in +den Kreuzzügen hochlöblicher Maaßen umgekommen, sind schon Millionen -- +Aepfel und Birnen gewachsen; Pflaumen und Kirschen (aus Kerasus +mitgebracht) gar nicht gerechnet! Und wie viele St. Lampertsnüsse werden +noch wachsen! O schmackhafter Profit der Kreuzzüge, großer, kindlicher +Gewinn! Hat Clementinchen Dir nicht nach dem -- Kreuzzuge die Taschen oft +ausgesucht: Und was hätte sie sonst gefunden, als ächtdeutsche Plunschken +und schöne, blaue, abscheuliche Schlehen? So werden auch künftige Kinder +die Früchte _dieses_ Kreuzzuges aus den Taschen der Verrückten suchen. Ist +das kein Gewinn für die _schöne, die große_ Welt, wenn Weiber, Kinder und +Sperlinge etwas zu naschen haben in Ewigkeit! Sage: »Ich bin Wecker, bin +verrückt, und ich sage Ja!« Und nun sei ruhig über das Surren und Stechen +des Schwarmes, der nur einen Leichnam -- meinen großen Sohn in das Grab +schaffen wird, und Kindern -- wenn nicht Enkeln -- und Sperlingen -- wenn +nicht Adlern nutzen wird, und gewißlich doch mir; durch Weisheit, die +Dummheit wird; durch Wahrheit, die Lüge wird; durch Versprechungen, die +Wortbrüchigkeit wird. O, meine Sperber freuen sich auch, und ich lasse die +Hölle neu dielen, und die Dielen um des Pilzes Stamm in der Mitte voll von +den Herren Musicis -- mit Blumengewinden malen zum Festball. -- Mit der +Bande bin ich nun fertig; nun noch ein Wort an Dich, Schulhauptmann! Höre +einen großen Vorschlag: Ich gebe Dir alle Reiche der Herrlichkeit, nicht +etwa, wenn Du niederkniest und mich anbetest -- das ist abgedroschen; nein, +wenn Du nur heute das kleine Mädchen willst mit dem Speere durchstoßen +haben; -- eine pure Kriegslappalie, eine Kinderei gegen die hunderttausend +Todten, die Millionen Wunden und Billionen Thränen, die daheim Wittwen und +Waisen, Väter und Mütter und Brüder und Schwestern um sie weinen werden. +_Was_ ist also ein solches albernes Kind, und _was_ sind alle Reiche der +Herrlichkeit, Wecker? Wach' auf! Schlag ein! Und Du sollst sie ganz +monarchisch, ja türkisch oder autokratorisch besitzen, ohne Constitution, +ohne gebundene Hände, ohne gebundenes Maul, oder irgend eine gebundene +Gliedmaaße; ja ich gestehe Dir viel zu -- ohne Papst und Jesuiten! Schlag' +ein, nimm das Kind auf Deine Seele, und sei legitimer Herr Aller.« + +»Hebe Dich von mir, Satan!« rief Wecker in äußerster Empörung. »Was hülfe +es mir, wenn ich die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an meiner +Seele.« + +_»Das wollt' ich nur wissen!«_ rief _sein_ Satan lachend. »Sie -- sie +werden Schaden an ihrer Seele nehmen durch Selbstsucht, Habsucht und elende +Seelenkratzerei -- und doch nicht die Welt gewinnen, noch sich arrondiren; +denn wie können alle Bienenzellen rund werden, Du Esel! Oder wie sollen +alle Menschen Hörner bekommen, Du Schaaf!« + +Wecker führte einen gewaltigen Streich mit der Faust nach dem Lügengeist. +_Aber der stürzte sich jäh vom Geländer hinab,_ und zerfloß drunten wie +Wasser in eines alten katholischen Bischofs Grabe, und Leichenduft kam +herauf. Aber wie eine wispernde Eidechse, kroch auch noch am Thurme die +vergessene Einladung herauf: . . . »Wecker, komm' wieder! Ich komme auch +wieder. Verstanden?« + +-- Fahre zum Teufel, also zu Dir selber! Lügengeist! sprach Wecker, von +wirbelnder Angst erlöst. Was will der Mensch -- oder verzeihe mir Gott, der +Extract des Bösen der Menschen, bei Dir? Sollst Du seine Meinung +ausposaunen? Bist Du eine Posaune, Wecker! -- dann müßte Dich Jemand +blasen! und das wollte er! Aber das wären abscheuliche deutsche Herzen, die +nicht zufrieden wären mit der Arbeit und Frucht von 30 Jahren der Erde, +wenn _Diese_ auch nichts gethan hätten, _als_ den Veruneiner, Hetzer und +Schandesäer von Deutschland zu Grabe zu tragen! Und wenn sie auch 15, ja 30 +Jahre auf solch eine Höllenarbeit ruhten -- und ein _langes Leichenessen_ +feierten -- ich gönnte ihnen den Sabbath! Wer das gethan, hat auf +Jahrtausende gethan, o Du Schänder, Spötter, Lügengeist -- Teufel! -- Eine +neue Volksbewegung mag Neues erstreiten! Und Deine -- des Teufels Lobrede +auf Christum -- und Dein Vivat! -- mir stehen noch die Haare zu Berge! -- + +Indem er so sprach, und sich, aber bedächtiger und menschlicher als der +Teufel über -- _Stufe für Stufe_ -- die Treppe hinab vom Thurme stürzen +wollte, um unter Menschen zu kommen, da trat eine weibliche, schwarz +gekleidete, tief verschleierte Gestalt heraus auf den Gang, die ihn nicht +wahrnahm, niederkniete, den Lockenkopf beugte, die weißen Hände vor die +Stirn gefaltet oder gewunden hielt, noch einmal beten wollte, aber nur +verworrene Worte murmelte, sich hastig auflöste, sich wild umsah, bebend +sich auf das Geländer schwang, und wahrscheinlich sich -- gerade an des +Teufels Stelle hinunter stürzen wollte. + +»Du weiblicher Teufel!« schrie Wecker. »Hier geht's in die Hölle. Halt! in +aller Engel Namen, ich fasse Dich an den Haaren!« Und so hatte er sie schon +ergriffen, mit beiden Armen um die Kniekehlen gefaßt, und hob sie herab, +und setzte sie derb nieder auf ihre Füße. Aber sie setzte sich auf den +Boden, und als er sehen wollte, wer sie sei, schrie sie laut, und hielt +sich den Schleier fest über Haupt und Gesicht. Wecker aber nahte ihr ganz, +und beim Scheine der Abendröthe sah er -- wie er meinte -- durch den +angezogenen Schleier ein Gesicht, das er kannte -- und er fuhr zurück, wie +ein redliches Herz vor einem solchen Gedanken. + +Und als er sich gefaßt hatte, trat er wieder näher, legte der weinenden +Gestalt seine Hand sehr sanft auf das Haupt und sprach vorsichtig-allmählig +zu ihr, so mild er nur konnte: -- »D . . . Do . . . Doro . . . Dorothea, ja +ganze, leibhafte _Dorothea_, Gott weiß es ja doch, wer Ihr seid -- das war +albern! Ich weiß, Breitenthal ist abgebrannt -- oder brennt noch da drüben +-- aber wegen Breitenthal, und wenn es Langenthal -- Goldenthal dazu wäre +-- so kenne ich Euch nicht, brave Jungfrau!« + +-- Sie schauderte. -- + +»Oder, oder -- ich weiß -- Ihr seid _Braut_ mit dem gar lieben, jungen +Herrn von Ellenroth -- ist Euch _der_ etwa untreu geworden? Dann weinen +gewöhnlich treue Mädchen, die Gott danken sollten, daß sie _vorher_ klug +werden, nicht _nachher!_« + +-- Die Gestalt lehnte sich kraftlos an. -- + +»Oder ist er Soldat geworden, und _kann_ erschossen werden? Oder ist er +schon Soldat _und_ zerhauen worden?« + +Die Verschleierte stöhnte tief, aber das Stöhnen klang Weckern wie Freude. + +»Oder . . . wenn nur Euer Vater, der ehrbare Herr Paschalis nicht gestorben +ist,« sprach er, »so wird sich Alles geben. Ihr lebt ja! Aus Euch ist noch +Alles zu machen, die schönste, beste Frau im Lande! Und für allen Dank +erbitte ich mir nur _auf Eurer Hochzeit_ erscheinen zu dürfen -- ein +Hochzeit- oder Kindtaufenschmaus ist das beste Regal der geplagten +Schulmeister! Und da ich nicht mehr geplagt bin, wird es mir desto besser +schmecken, und gar erst _auf dem Kindtaufenschmaus_ . . .« + +-- Die Gestalt beugte ihr Haupt, und drückte die Ballen der Hände in die +Augen. -- + +». . . Da wird sich Wecker freuen, wie der Großvater Paschalis!« fuhr er +unwissend fort, gutgemeinte, aber der unerhört Gefallenen oder gewaltsam +Herabgerissenen, entsetzliche, unerhörte Worte zu sagen: »Denn wenn der +_gemeinste Schuft Vater_, ach, _Vater_ und endlich gar _Großvater_ wird, +und noch so verwerflich gelebt hat, wird er eine _Respectsperson_, und so +betrachtet, so behandelt; und der himmlische Vater stößt Jeden selbst mit +der Nase auf seine Würde, und aller Firlefanz fällt nun weg -- es geht ihm +Niemand mehr darauf ein, wer da weiß, was er ist und vorstellt auf Erden +bei Menschen und bei den Seinen. So sicher und herrlich sorgt Gott für +Jeden, der nur jemals Eine seiner lieben Jungfrauen recht angesehen hat; +denn dann muß er heirathen; über sein, ihm von Gott hingesetztes Kind +erschrecken, erstaunen, das Wunder bewundern, das Mysterium der Kindtaufe +ausrichten, sich Vater von seinem Weibe rufen lassen, und ein neues, +seliges Leben anfangen, er mag wollen oder nicht.« + +-- Die Verschleierte schrie laut. -- + +Wecker schwieg betroffen, aber in seiner Freude setzte er hinzu: »Ihr seid +verschämt, und ein keusches Kind, das wissen wir, darum vergebt! Denn ich +habe große Freude. Wäre die arme Clementine der armen Christel nicht +umgekommen, so rannte ich nicht auf den Thurm! Wollte mich der Teufel nicht +zu einem Teufel machen, so wäre ich nicht Euer Engel geworden und hätte +Euch nicht gerettet -- denn ich war fort! Oder gar nicht da! Furchtbar! +Entsetzlich! Ja _nun_ freu' ich mich ordentlich, daß ich so alt geworden, +so lange gnädiges Brod -- _sogenanntes_ Gnadenbrod, aber von der guten +Christel: _wirkliches_ -- gegessen, und ich möchte bald rufen wie Satan: Es +lebe Christus, der Sohn . . . . aber heut kann ich nicht, vielleicht morgen +-- wenn ich ihn vergessen. Aber wollt Ihr nicht mit hinunterkommen zu der +armen Christel? _Ihr könnt ihr helfen das Kinderzeug machen, das letzte +weiße Kleid, das nicht mehr gewaschen wird!_ Kommt!« + +-- Sie wollte aufstehen und reichte ihm matt die Hand. -- + +»Haha!« lachte Wecker und rieb sich die Hände, »haha! Das wollt' ich nur +wissen! _Ihr seid es_ . . . Ihr liebe Person seid Dorothea -- die Gabe +Gottes -- sonst wolltet Ihr nicht zu _Christel_ kommen! Ja, ja, _Mitleid +läßt gute Menschen nicht sterben_, und sie richten sich vom Sterbekissen +noch einmal auf . . . und leben wieder lange. _Weiß Gott, was in der Welt +steckt; ich glaube: der liebe Gott!_« + +Da sprang die Gestalt so plötzlich auf, daß Wecker erschrak und zurückfuhr. + +»Nun gut,« sprach sie, und riß ihren Schleier empor und hielt ihn so mit +der rechten Hand; »ich bin Dorothea -- . . . oder -- ich war sie! -- Aber +Eure Hand darauf -- schweigt, schweigt, schweigt . . . daß Ihr mich hier +gesehen . . .« + +». . . und was ich gesehen!« setzte er hinzu. »Wecker bleibt Wecker. Ich +bin ein alter Mann und keine alte Frau. Und sollt ich mich selber rühmen, +daß ich nicht der Teufel war, sondern bei einem guten Engel zugriff! Und +wollt Ihr nicht mit mir kommen, kommt nach! Auf der Treppe ist's lange +schon dunkel. Euer Vater ist wohl auch da? . . oder kommt doch?« + +Und da sie leise nickte, sprach er: »_nun so seid ihr gebunden_ -- da kommt +Ihr schon; denn Ihr scheint nun wieder so vernünftig wie ich!« + +Und so ging er. Und sie seufzte tief. + + + + +IV. + + +In Johannes Hause leuchtete der Kamin hell zu den hellen Scheiben hinaus, +und von draußen sah die Wohnung sich so ruhig und erdglücklich an wie je. +In Christels Stübchen nach Morgen war auch Licht. Rauch stieg aus der Esse +gerade und ein wenig mondbeleuchtet von der Sichel des Neumonds zu dem +dunkelblauen herbstlichen Himmel empor, und er hatte seinen alten weißen +nächtlichen Friedensbogen sich umgegürtet und die Gestirne schienen still +so fort, und jeder Stern brannte ruhig und unbewegt so fort, ohne zu +flackern und Strahlen zu schießen, wie in einer heilig dunkeln Todtenkammer +-- der Lebendigen. + +Auf Johannes Hofe aber stand ein -- bei Tage und von Prunkthoren +sogenannter prächtiger englischer Reisewagen, aber diesmal, statt der +geraubten, braunen vier -- National-Engländer mit sechs schwarz und weiß +großgescheckten holländischen Kühen bespannt, und hinten, statt der +Bedienten mit zwei angebundenen Mastochsen. Auf dem Bocke aber saß neben +dem englischen Kutscher die Kuhmagd, die besser als er ihr liebes Vieh zu +bereden und zu _regieren_ wußte. Die Kühe sollten für Herrn _Paschalis_ und +seine Tochter Milch geben; die Mastochsen aber frisches Fleisch, wenn sie +in der Festung Mainz vor dem doppelten Feinde, den Russen und der Krankheit +sich eingeschlossen hätten, wie in dieser Nacht noch geschehen sollte; und +die Viehmagd trug schon die unsichtbare Bestimmung an sich, dann +Kammerjungfer zu sein, wozu sie schon jetzt so treu als hübsch genug war. +Der englische Kutscher war dann ein nothwendiges Uebel und Ueberlei, und +ward bloß auf bessere Zeiten aufgehoben, wie ein leeres gutes Weinfaß von +einem Winzer auf bessere Weinlesen. + +_Paschalis_ war ausgestiegen und that kaum einen Blick nach der Gluth am +Himmel zurück; ein schwerer, ja der allerschwereste Seelenschmerz schien +ihn zu bedrücken, ja niederzubeugen; denn er hielt ein weißes Schnupftuch +in der Hand, und wie er in dem Düster der Nacht unbemerkt zu sein glaubte, +hielt er es plötzlich vor die Augen, als wenn er eine Fluth von Thränen +darein ausgießen wollte, ob gleich kein Tropfen darein floß und sein Gehirn +wie ausgetrocknet war, und doch wollte er nur -- wenn ihn ja Jemand bemerkt +-- das Ansehen tragen: als habe er genieset; und er nahm wieder Tabak aus +seiner goldenen Dose; aber er steckte ihn in den Mund -- denn es war +schwarzbraunes egyptisches Opium. + +_Johannes_ hatte das schöne Vieh brüllen gehört, sich hinaus getraut, +seinen dankbaren Freund Paschalis gefunden, sich gewundert, und voll wie +sein Herz war -- demselben in einfachen Worten das Schicksal mitgetheilt, +das sein Haus betroffen, aber keinen Trost erhalten, als einen langen +Händedruck und keine Antwort als: »_Dankt Gott für dieses reine Leid_, mein +lieber Johannes!« und auf die Frage, wo Dorothea sei, erhielt er nur den +Bescheid: »sie ist auf Euren Thurm gestiegen, um den Rauch von Breitenthal +noch einmal zu sehen.« + +Während nun Johannes für die Leute und das Vieh sorgte, schlich Paschalis +sacht an die lichten Fenster, lehnte leis die Stirn an und sahe hinein, und +er sahe: In der großen Wohnstube, ihm gegenüber an der Wand, hatte der alte +Frommholz seine Hobelbank, und er arbeitete mit Daniel an einem kleinen +Sarge; denn es waren schon sechs Brettchen zugeschnitten, und der Knabe und +der Alte sägten eben an den vier kleineren. + +»Ach, _Ihr_ seyd glücklich!« sagte Paschalis und schlich vorüber, an +Christels Stübchen. Seine Angst, als _Vater_ Dorotheas, war groß; seine +Ungewißheit war halbe Verzweiflung. Denn während in seinem Schlosse sieben +Feinde, _Kosaken_, gelegen, schien _seiner_ Tochter ein unmenschliches +Unglück zugestoßen zu sein. Er vermuthete es nur, er wußte es nicht. Er +hatte sie nicht gefragt vor Entsetzen und Scham; sie hatte also auch nicht +geredet, vor Entsetzen und Scham, Aber in dieser Meinung hatte er _ein +siebenfaches Verbrechen_ begangen, und das marterte ihn. Aber auch Dorothea +schien ein siebenfaches Verbrechen begangen zu haben, so gut oder so +schlimm wie er, nur auf andere Weise. Er vermuthete das gleichfalls nur, +und er wußte auch das nicht. Aber Dies _zugleich_ -- oder Jenes _allein_, +schien sie zu foltern; und er war kein Vater und kaum ein Mensch mehr, nur +sein eigener körperlicher runder Schatten; und seine Seele war nur noch wie +der schrillende Klang einer geborstenen Glocke, die er nicht wagte +anzurühren mit dem leisesten Gedanken, aus Furcht, sie verrathe den +schmählichen Riß -- ihm selber. Und noch unglücklicher hätte er sich +gefühlt, wenn er nur hätte ahnen können, mit welchen seligen tröstenden +Worten von Brautstand und Ehestand Meister Wecker seiner Tochter Dorothea +die leidende unschuldig-schuldige Seele zerrissen. + +Jetzt sah er in _Christels_ Fenster. Da drinnen aber sah es anders aus. +Denn Christel hatte es unmöglich über das Herz bringen können, den Gebrauch +noch vieler Deutschen nachzuahmen, welche die Gestorbenen sogleich aus +ihrem Bette reißen, und mit kaum zugedrückten Augen und kaum verbundenem +Munde nackend auf ein Brett legen, darauf schon die halbe Stadt oder das +halbe Dorf gelegen hat, und dann die Aermsten, zur Dauer für die Würmer, wo +möglich in ein finsteres kaltes Gemach stellen, bis zum Tage ihrer +Einkleidung für die Gruft. Die herzige Mutter hatte dagegen ihr Kind, nach +schicklicher Ruhe, sogleich schön gewaschen und angezogen, ihm über die +Bettchen seiner Wiege -- worin es noch geschlafen -- ihr feinstes weißes +Tuch gebreitet, und das liebe Mädchen darauf gelegt. Selbst der Kranz von +rothen und blauen Astern schmiegte sich schon wehmüthig-schön um das theure +kleine Haupt. Und wie es die Mutter so ansah, that ihr sonderbar genug +recht eigen leid, daß die Kleine _mit einer gefallenen und noch ungeheilten +Wunde auf der Stirn in das Grab gelegt werden sollte_; wie ein Maler sein +eben vollendetes Werk gern recht sauber und ohne Stäubchen aus seinen +Händen giebt, es noch einmal zurückverlangt aus den Händen des Empfängers, +es genau überblickt, _noch ein Sonnenstäubchen vorsichtig von dem goldenen +Rahmen haucht_, und dann lächelnd und zufrieden es auf immer dahin läßt und +spricht: »_Nun, so!_« -- Christel aber, welche die Wunde nicht hatte +weghauchen oder wegküssen, noch mit Thränen wegwaschen können, hatte sie +unter eine Blume versteckt -- _schüchtern sich umgesehen, als ob ihre +redliche Seele Jemanden getäuscht habe,_ und leise gesagt: »_Nun, so!_« + +Zu den Kindern aber hatte sie gesagt: »Meine Kinder, seht euch noch an +eurem Schwesterchen satt! Ihr habt sie nur noch, bis zweimal die Sonne +untergeht -- dann seht ihr sie lange nicht wieder!« -- Und so hatten die +Kinder ihre Weihnachtswachsstöckchen aus ihren Schränkchen hervorgeholt, +sie in lauter kleine Lichter zerschnitten, sie zu Häupten der Wiege an den +Tischrand geklebt, angezündet -- alle auf einmal -- und nun waren die +goldgeschmückten Lichtlein in Kurzem alle auf einmal niedergebrannt, und +sie weinten nun, daß es würde finster sein, und sie ihr Schwesterchen nicht +mehr sähen. Die Mutter hatte den Schaden gut gemacht durch angezündete +Lichter. Aber Sophiechen war über das Weinen eingeschlafen; und Gotthelf +war müde und hungrig eingeschlafen und hatte sich nicht getraut, heut von +der Mutter ein Abendbrod zu bitten. Und so lagen die lieblichen Kinder +_alle drei_ wie vom Schlafe gelöst, noch mit den Gesichtern zusammen; +_zweien_ davon blühten die Wangen rosig und sie athmeten leis, aber ihre +Haare waren unbekränzt -- dem _dritten_ aber blühten die Wangen von einem +tiefern Schlafe _weiß_ und _rein_, und es bedurfte die Erde zu keinem +Athemzuge mehr; aber seine Härchen waren bekränzt. Christel aber hatte dem +Mörder des Kindes, nachdem er nothdürftig verbunden worden, ihr eigenes +Bett eingeräumt; er lag auf demselben; und wie sie jetzt vor ihm stand und +ihn ansah, seufzte sie schwer darüber, wie sehr er sie beraubt habe, und +sprach, nun ihn deswegen aus tiefer Seele bedauernd: »Armer, armer Mann! +Armer _Sebast-Janow_!« Denn St. _Etienne_ hatte seinen Namen in seinen +Sachen aufgezeichnet gefunden und ihr ihn gesagt. St. Etienne hatte ihr +aber auch zum Abschied und zum Troste ein Bildniß dagelassen, welches er +dem Sebastianow, als dessen Raub und nun seine Beute, mit abgenommen, und +welches Christel hatte annehmen müssen, aber noch nicht angesehen, ja nur +hingelegt; er aber hatte es ihr an dem goldenen venetianischen Kettchen +hingehangen. Denn das Bildniß hatte unläugbare Aehnlichkeit mit der kleinen +Tochter Clementine. Christel drehte das funkelnde Geschmeide jetzt kaum +neugierig um -- aber sie sahe die Brillanten daran nicht vor Ueberraschung: +denn das Bild stellte ihre Schwester _Martha_ dar . . . . Niemand anders +hatte es _getragen_, als ihre _Dorothea_, welcher es der Vater _Paschalis_ +geschenkt . . . Dorothea hätte es lebend Niemandem von ihrem Herzen gegeben +. . . es war ihr also nur _gewaltsam geraubt_ . . . und Christel trat +hastig drei Schritt nach der Thüre zu. Aber wo wollte sie hin? Was konnte +sie ändern? Sie war in der Stimmung, worin sie aus Noth und Tod, aus +Vertrauen und Liebe _von aller Welt_ das Beste hoffte. Und mit ganz anderem +Sinn stellte sie sich wieder vor den verwundeten Sebastianow und sprach +jetzt mit Thränen: »Armer, armer Mann!« -- Aber die Worte zerschnitten ihr +Herz. Sie blickte auf ihr Kind; sie küßte alle drei schlummernde Häupter; +sie setzte sich zu ihnen, und eines davon schlang in halbem Schlafe -- die +Mutter ahnend -- sein Aermchen um ihren Nacken und wandte sich um, ohne +aufzuwachen. + +Dem weinenden Paschalis aber war zu Muth, als sähe er in die seligen +Gefilde eines Mährchens: oder als sei ihm jetzt erst die Welt zu einer +großen heiligen Wundergrotte geworden; oder die Welt sei schon lange, lange +undenkliche Zeit _der Zaubersaal des Gottes_, in der That und unläugbar; +und es bedürfe nur Augen der Seele dazu, es zu sehen, daß er das sei; und +nun dachte er, daß sich der himmlische Vater freuen müßte, _wenn auch Er +das Alles sähe:_ -- Eine gute Menschenmutter in ihrem heiligen Schmerz! Ein +Weib, das freilich keine Unsterbliche sei, und bald selbst auch von der +Erde verschwinden werde; aber daß hier ja keine Unsterbliche zu sein +brauche, um alles Menschliche richtig zu thun und zu leiden, und das als +Sterbliche eben noch wunderbarer daliege, wie in einem Mährchen, mit dem +Haupt neben den kleinen Häuptern der drei schlummernden Kinder! Und wenn Er +sähe: _Gute Kinder_ voll Liebe, Leid und Mitleid -- welche schöne Gefühle +alle in ihrem engen Geiste nur Traum seien . . . . und _einen guten Vater_, +der um alle still und schweigsam besorgt war; vor allem aber: _den +Großvater_, der alle um ihrer Liebe willen liebte und um ihrer Schmerzen +willen litt, aber auch für alle gefaßt war und thätig -- denn sein eigenes +Leben hatte er überstanden und gleichsam zugemacht wie einen schönen +Bildersaal, und ihn kümmerte nur noch das Leben und Glück der Seinen. +_Paschalis_ aber dachte nicht nur, er glaubte, er empfand, daß der +himmlische Vater _zugleich mit ihm_, und doch ganz anders, in das Stübchen +sähe; und er kehrte sich vor unerträglicher Seligkeit des reinen +Menschenlebens ab; denn Verzweiflung ergriff ihn, und er -- niesete wieder! + +»Ei, meine allerbeste Gesundheit! und zugleich meinen allerschönsten guten +Abend, theuerster Abgebrannter und Herr Paschalis!« sagte Wecker, der still +gekommen. »Nicht wahr . . . ein himmlischer Guckkasten, worein Sie +beliebten zu sehen! Ein trauliches stilles Hirtenhäuschen -- das eben ruht; +nur die Papierwände freilich _etwas groß von himmelblauem Himmelspapier!_ +Aber still . . . da kommt ihre Tochter, unsere Dorothee -- was ein wahres +Glück ist! Denn gewisse Leute können sogar mit allen zerschmetterten +Gliedmaaßen -- nicht -- füglich -- mehr -- wandeln -- -- am wenigsten +anhero!« -- Und, um seinem Wohlthäter auf eine _unverständliche_ Weise zu +verstehen zu geben, wie er ihm heut vergolten habe, setzte er hinzu: »Denn +heute habe ich alter Mann -- wie Sie mich hier sehen -- eine gleich große +schöne Jungfrau geschaffen! Mit diesen dürren Meisterhänden! Ja ihr auch +_eine neue Seele_ in ihre eigene Rippe geblasen -- denn Eva war eine Rippe +-- aber _Adam's_, wissen Sie -- _wie ich weiß_ -- können Sie denken! Der +Mann bin ich.« + +O Wecker, wenn Ihr das könntet! sprach Paschalis leise, und zog ihn still +um die Ecke des Hauses in's Düstre; und _Dorothee_ ging darauf langsam +hinein zu _Christel_. + +Johannes aber, von einer andern Seite kommend, brachte schon wieder etwas +Neues: die Ansagung von zwanzig Mann Einquartirung auf ihr Haus, und schon +diese Nacht! Beide wurden dadurch gehindert zu sehen, wie Dorothea sich bei +Christel bezeigen würde, und zu hören, durch welch ein Wort sie sich +vielleicht errathen lasse. Denn auch ihrem Vater war ihre plötzliche +Verwandlung in's Tiefe, Abgeschlossene, Finstre, Verschwiegene, Qualvolle +und Weltverachtende selbst ein Räthsel, wenn er auch ohngefähr vermuthen +konnte: was sie gethan. Denn auch _gethan_ hatte sie etwas, ja ein +Grausames und Schreckliches. Aber das behielt er als Vater für sich, und +niesete nur auch jetzt wieder auf diese neue Nachricht, Wecker wünschte +aber diesmal sein höflichstes: »_Gotthelf!_« wozu Paschalis nur leise +verneinend den Kopf bewegte. + +Hoho! sagte Wecker, kann auch der nicht mehr helfen! + +Johannes aber hatte eine große Bitte auf dem Herzen und sprach: Ich getraue +mich kaum es zu sagen, wenn Ihr es nicht wäret -- unser lieber Herr +Paschalis, der an uns schon so viel gethan. _Darum_ habe ich auch jetzt +mein Vertrauen auf Euch gesetzt, und bitte Euch: nehmet unsere Kinder mit! +Nach der Stadt ins Sichere! Wir sind gewarnt auf Zeitlebens! Und hat der +Großvater aus zu großem Vertrauen _die Vorsicht_ uns versäumen lassen, möge +Gott nicht auch _mein Mißtrauen_ gegen unsere Lage, im Dorfe hier einsam +und unter der Schanze, mit Unglück bestrafen! Aber wie es auch komme -- ich +nehme es auf mich; denn ich meine es gut; und so wird es gewiß auch der +himmlische Vater meinen -- meinet Ihr es auch gut mit den Kindern, mit +Christel und mir! Nur der Großvater wird in der Sicherung der Kinder einen +stillen Vorwurf gewahren, und nur deswegen möcht' ich kaum bitten . . . . +aber ich bitte doch! + +Wenn das nur Christel zufrieden ist; meinte Paschalis; die Kinder wird +Dorothea schon wohl besorgen; und -- liebe Sorge thut dem Herzen wohl, und +trägt uns furchtlos über grause Wogen! + +Lieber Herr Paschalis, sagte Johannes, was einem Manne so recht wohlgemeint +in die Gedanken kommt, das will seine Frau gewiß auch, sonst käme es ihm +gar nicht ein, oder er bliebe nicht lange dabei! Ich rede aber aus ihrer +Seele, wie sie immer aus meiner; denn wir sind Eheleute -- Ihr wißt das +nicht; nehmt das nicht übel; aber Ihr werdet meine Rede bestätiget finden! +-- + +Als sie nun alle hineingegangen in die Wohnstube, wo Frommholz und Daniel +arbeiteten, kam Christel herüber, grüßte Paschalis, und -- als könne sie es +vor Angst nicht länger ertragen, bat sie unverweilt: er möchte sie selber +mit nach Mainz nehmen! + +Paschalis lächelte niedergeschlagen darüber, als habe Dorothea ihr das +gerathen, und sagte dagegen: _Die Kinder!_ liebe Christel. So meinte +Johannes. + +Ja, ja, die Kinder! rief sie bestimmt. + +Und Johannes sagte zu Paschalis: Sie hat nicht, wie ich, gewußt, daß sie 20 +Mann Einquartirung bekommt. + +»Zwanzig Mann, nicht Männer!« erklärte Wecker. + +O Gott, scherzt nicht! verwies ihm Christel und eilte Anstalt zu treffen +für die »Mann« und die Kinder. »Dorothea schläft!« hatte sie Paschalis noch +gesagt. + +»Ungegessen? oder: ohne gegessen zu haben -- wie ich die Schulkinder +verbesserte; eine sonderbare Braut!« sprach Wecker. + +»Die schlafende Clementine hat sie angesteckt!« meinte Paschalis, zu +welchem Daniel jetzt bescheiden trat und ihn frug, was für einen Text aus +der Bibel, die er ihm hinhielt, er auf dem Kreuze der kleinen Schwester +zitiren solle? + +Und Paschalis nahm das Buch, setzte sich an das Kaminfeuer, blätterte, +seufzete, las, blätterte wieder und sagte ihm endlich: »Lieber Daniel, +hier! Zitire Deinen Namens-Vater Daniel oder das _sechste Capitel aus dem +Buche der Weisheit_, das paßt jetzt auf alle Welt. Denn die Schrift ist für +alle Zeiten geschrieben, und jeder Mensch und jedes Jahrhundert findet +seine Lehre, und sein Urtheil darin. Gebe nur endlich Gott, daß die ganze +Welt zusammen nur Einen Vers daraus hält, als etwa gleich diesen!« -- Er +wollte Einen sagen, aber seine Leiden verwandelten ihm die Worte im Munde +und er sprach, zu aller Verwunderung diese: »Ach, daß ich wüßte, wie ich +ihn finden, und zu seinem Stuhl kommen möchte, und das Recht vor ihm sollte +vorlegen, und den Mund voll Strafe fassen, und erfahren die Rede, die er +mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde!« + +Und Wecker sprach leise zu den Andern: Stille, stille! Er meint den lieben +Gott! Er ist jetzt Hiob! Laßt ihn schlafen; er senkt schon sein Haupt auf +die Brust. Setze Dich neben ihn, Daniel, und nimm ihm nachher die Bibel +leise aus seiner Hand, damit er nicht aufweckt, wenn sie zu Boden fällt! +Ich aber übernehme das diesmal leichte Colfactoramt am Kamin, und will -- +_nicht_ mehr anlegen! So wird ihm der Kopf nicht noch heißer vom Feuer! +Lasset ihn schlafen, und ruhet Ihr auch! + +Und so setzte er sich hin. Das Feuer erlosch nach und nach, und es ward +trauliches Dunkel und heimliche Stille im warmen Zimmer, und die Sterne +schienen herein zu den Schlummernden. + + + + +V. + + +Als aber der Mond purpurhell aufgegangen, und alles zu der kurzen Reise +besorgt war, trug Johannes seine schlafenden drei Kinder in Paschalis Wagen +-- nicht ahnend: daß er Keines mehr wiedersehen würde. Und so war er froh, +als er den _Daniel_ aufgehoben, ohne daß er aufgewacht war, und ihm und +sich nicht den Abschied erschwert, oder das Scheiden wohl gar unmöglich +gemacht, wenn er gar so sehr gebeten hätte: bei Vater und Mutter zu bleiben +und versprochen, Alles zu thun und zu dulden, was über sie käme. Daniel +aber war doch halb wach, und redete im Schlafe, weil er während des Tragens +doch merkte, daß etwas mit ihm vorging, und erzählte seinen Geschwistern im +Traume, ohne die Augen zu öffnen, das Mährchen: »_Die sieben Raben_,« und +fuhr jetzt laut darin fort: »Nun ging das Schwesterchen immerzu, weit, bis +an der Welt Ende, um seine sieben Brüder zu finden. Da kam es zur Sonne; +aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen Kinder; eilig +lief es weg, und hin zum Mond; aber der war gar zu kalt und auch grausig +und bös; und als er das Kind merkte, sprach er: »ich rieche +Menschenfleisch! ich rieche Menschenfleisch!« -- Diese Worte klangen aus +eines Traumredenden Munde, in der Mondnacht und in der Nähe des todten +Schwesterchens zauberhaft-ängstlich, und Johannes war herzlich froh, als er +seinen Knaben glücklich hingelegt, und Daniel sagte nur noch: »da machte es +sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und +gut. Der Morgenstern aber stand auf . . .« + +Damit schwieg er. Die jüngern Kindern aber, _Sophiechen_ und _Gotthelf_ +ängsteten den Vater nicht so, da sie fester schliefen; und nur Sophiechen +hatte ihn fest um den Hals gefaßt und wollte die Arme nicht wieder +wegnehmen. Johannes aber löste sie ihr langsam und legte sie ihr in den +Schooß, und die Hand des Brüderchens darein, als sei es die Mutter. Und so, +vom Mondlicht beschienen, sahe er seine Lieben noch einmal an, und Freude +durchwallte sein Herz, sie in Sicherheit zu schicken, und empfand schon, +wenn nicht ihr Glück, doch ihr Leben in der nächsten Zukunft, welche für +ihn selbst, seine Kinder und ihrer Kinder und Kindeskinder fernste Zukunft +war. So täuschte ihn sein Gefühl, und Ahnung künftiger sicherer Tage +beglückte ihn. + +Obgleich Paschalis gern versprochen hatte, für alles zu sorgen und es neu +und gefällig anzuschaffen, was die Kinder bedürfen könnten, so brachte doch +Christel zuletzt noch ein Körbchen mit den bekannten Spielsachen der +kleinen Kinder, »damit sie doch gleich in der neuen Stadt ihre alten lieben +Bekannten sähen und fänden, und glaubten zu Hause zu sein, wenn sie in +ihren Spielen Vater und Mutter vergessen hätten; so gut wie die Kinder ja +oft auch daheim lieber ihre Bilder, ihre kleinen Teller und Schüsseln und +Becher und Fläschchen und ihre Hochzeiten und Kindtaufen, _selbst Vater und +Mutter stundenlang vergessen_. Und sagt nur immer: »ich komme Morgen!« +sprach sie zuletzt zu Paschalis; und ich komme heimlich so bald ich kann. +Da soll Freude sein in Mainz!« -- + +Als aber die Wagen langsam fortgefahren und nicht mehr zu sehen waren, fiel +Christel ihrem Johannes um den Hals und weinte. Und er sprach: Ja, meine +Christel, das ist eine schreckliche Zeit, die die Menschen am Leben +hindert, an Arbeit und redlicher Sorge für die Seinen. Aber sie sind in +guten Händen; die Stadt ist nicht weit -- und wir haben ja noch ein Kind -- +das auch in guten Händen ist! Komm hinein! + +Und während jetzt, beim Einmarsch der Soldaten ins Dorf, die Trommeln +wirbelten, gingen sie ruhiger Hand in Hand hinein; denn sie waren bei +einander voll Unschuld und Muth und Vertrauen und Schmerz, und glaubten dem +allgemeinen Elend ihr Opfer gebracht zu haben, und zwar ihr Liebstes. Was +sollte noch Schlimmeres kommen, was Theuerers von ihnen gefordert werden? +-- sie fühlten das nicht, denn sie hatten sich, und rechneten sich beide +für Eins. + +_St. Etienne_, Christels unerkannter Bruder, trat jetzt bei ihnen als +Sergeant mit 20 Mann ein, und meldete sich mit kurzen Worten diesmal als -- +_Werber_. Er hatte Vollmacht, aus jedem Hause alle gangbaren schießfähigen +und erschießensfähigen Mannspersonen zu nehmen -- ausgenommen den einzigen +Wirth oder Stamm des Hauses. Selber _Weckern_ hatte er gedroht in den +Soldatenrock zu stecken, da er keine Wirthschaft, keine Schule, keinen Kix +noch Kegel habe. _Und wenn er nicht recht bei Verstande scheine, das sei +eben recht! Selbstdenker brauche sein Herr nicht zu Soldaten;_ die Dummen +raisonnirten so gut wie gar nicht, oder nur Dummes; und ein Verrückter +werde, wenn er auch noch so Wahres fasele, billig für verrückt gehalten, +und dürfe frei reden, was er wolle, weil ihm die Natur das Patent dazu +gegeben. Eine Million Wecker, hatte er gesagt, und der Kaiser ist durch! +Die Raisonneurs aber, die Besserwisser und die Anderswoller würden ihn als +Vogelscheuche allein im Felde stehen lassen mit einer Flinte aus einem +Stocke und einem Säbel von Span. So hatte St. Etienne sich zornig geredet +und sich gelobt, Keinen zu schonen, sondern jeden Brauchbaren aus dem ja so +bald von dem Feinde besetzten Lande herauszuziehen und dem Kaiser hinüber +zur Hülfe zu schleudern, damit der Geschonte nicht sein Feind werden könne. +Denn das unterstehe sich jetzt jeder Hasenfuß. -- + +Wecker kam über die Rede ergrimmt und erschrocken in die Küche zu Christel, +die ihn seinetwegen tröstete, aber selbst erschrak, als sie darauf +hineinkam mit dem Frühstück, das sie ihren Gästen freundlich brachte, denen +sie alles, für die Ihren Gesparte, ohne Entgeld oder Dank dafür, hinzugeben +verbunden war -- denn »der Herr bedarf sein,« wie Wecker dem Rechte den +Titel gab. Sie erschrak, lächelte aber gefaßt und blickte St. Etienne +endlich gar lachend an, als sie ihren Johannes im Soldatenrock und einem +Chacot mit hohem rothen Stutze zugleich mit am Tische sitzen sah. + +So gefällt mir mein Mann! sprach sie zu St. Etienne. Aber ich bitte Euch, +zum Scherz sei's genug! Gott sei Dank, daß die Kinder nicht da sind! Die +schrien sich todt, und Daniel fiel Euch zu Füßen, wenn er in seines Vaters +Hand »ein Pasquill auf das fünfte Gebot« sähe, wie unser Wecker einen Säbel +oder eine Flinte nennt! Eine Kanone aber nennt er gar den letzten +_Verstand_[A] der Menschheit. Pfui Johannes, ziehe Dich aus! + +[Fußnote A: ultima ratio.] + +Und Wecker trat auch herzu und fragte St. Etienne: »Weß ist der Rock und +das Bandelier?« + +»Des Kaisers!« sprach der Sergeant. + +»Nun so gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist!« +verlangte Wecker. + +Christel wollte ihrem Johannes nun helfen, die im Scherz ihm aufgeredete +Soldatenmaskerade wieder abzuthun. Der Sergeant wehrte ihr aber und sprach: +Es ist nicht leerer Scherz; es ist voller Ernst, des Kaisers Ernst und +meiner. Ihr habt noch den alten Frommholz zum Wirth -- und euern Wecker zum +Voigt in dem Bischen Wirthschaft: der Daniel wächst auch heran -- und wie +_Ihr_ weint, mein junges hübsches Weib, so haben schon Viele geweint in +aller Welt, und Viele _schon aufgehört_ in aller Welt, und so fügt Euch +darein in dieser Welt. Gebet dem Landesherrn, was des Landesherrn ist -- +und Er hat gesagt: »Der letzte Thaler und der letzte Mann ist mein!« + +-- Es ist Etwas Majestätisches um Einen großen Mann, sprach Wecker. »Denn +_die Erde ist des Herrn_ und alles, was darinnen ist. Er sitzet über dem +Kreis der Erden, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken! Der die +Fürsten zu nichte machet, und die Richter auf Erden eitel machet: als hätte +ihr Stamm weder Pflanzen, noch Saamen, noch Wurzel in der Erden; daß sie, +wo ein Wind unter sie wehet, verdorren, und sie ein Windwirbel wie Stoppeln +wegführt.« + +St. Etienne hatte das betroffen angehört, denn es klang gewaltig, und er +sprach lächelnd: Das kann kommen! Den König von Westphalen hat schon der +Wirbelwind fortgeführt. + +Die Wirbelwinde haben immer verschiedene Namen, je nach dem Ort, wo sie +einherblasen, und werden sie immer haben, sprach Wecker; wie hieß denn also +der Wirbelwind Hieronymi? + +Tzschernitschef; hört' ich, antwortete St. Etienne. + +So ist das schöne Land ohne König! sprach Christel. So hört doch, St. +Etienne! Das geht weiter! Was werbt Ihr also! + +Johannes aber klagte aufrichtig aus seinem treuherzigen Sinne: Mein Gott, +ein Land ohne König, wie soll das gehen? Das ist das größte Unglück. Mir +däucht ordentlich als könne da keine Saat mehr keimen, kein Baum blühen und +kein Weinstock tragen! Wenn ein Land auch Alles verloren, Menschen, Häuser, +Habe, Vieh, Getreide, Geld und Wohlsein, wenn alle Uebel drin hausen und +alle Krankheiten darin sich satt fressen, und es hat nur noch einen König, +wie ein Bienenstock einen Weisel, so erholt sich der Stock wieder, setzt +Brut, höselt Wachs, baut Zellen, schleppt Honig, und das ganze Land hat +wieder ein süßes Maul. Wer wird nun die Steuern empfangen? Wer wird +befehlen? Denn ohne Befehlen hört der Gehorsam auf. O schlimme +amerikanische Zeit! -- + +Wir wollen Gott bitten, sprach Wecker, daß er sich wieder erbarmt und das +Herz eines Andern regiert, der sich wieder des verwaiseten Thrones erbarmt! + +Bittet nur bald, sonst bittet Ihr guten Leute zu spät; sprach St. Etienne. +Ich bin glücklich! Wir sind glücklich! -- Wir haben noch einen Kaiser; und +der braucht Soldaten, nachdem er Sechsmalhunderttausend in Rußland -- +_angeführt_ hat! Tüchtig _angeführt!_ Also werbe ich! Denn ohne Soldaten +bleibt Er sogar nicht vier Wochen auf dem Throne, geschweige ein Anderer +fünfzehn Tage. Darum werden wir Soldaten auch beinahe auf Händen getragen, +wenigstens, wenn's Noth thut, auf Wagen gefahren zur Schlacht. -- + +»-- Bank!« setzte Wecker hinzu. + +Also zur Schlachtbank -- meinen Johannes! meinen einzigen Sohn, den +_einzigen Vater_ der Kinder, den _einzigen Mann_ unsrer Christel! sagte der +alte Frommholz betäubt: »Das ist der Kaiser nicht werth. Viel Hunde sind +des Hasen Tod, und er wird es nicht lange mehr bleiben -- aber jetzt +freilich bin ich noch hier in dieser eurer Gewalt.« + +»_Ihr_ nicht! alter Mann!« belehrte ihn St. Etienne, noch lachend. + +Ja wohl ich, nur ich; stöhnte der Alte verworren und schwieg. + +Ihr bleibt wo und wer Ihr seid, erklärte St. Etienne. Aber, freilich, wäret +Ihr nicht, so wäre _Johannes_ der Einzige auf der Bude, die zu +_Einquartirungen_ und _Lieferungen_ und _Abgaben_ und _zur Zucht_ von neuen +Soldaten gebraucht wird, und Johannes wäre frei. + +»Frei!« rief Wecker wie ein Echo aus jener Welt. + +Warum hab' ich so lange gelebt! seufzte der Alte. O, die Verheißung Gottes: +ein langes Leben und graue Haare, sind nun ein Fluch und eine Strafe +geworden! Aber meine Christel, sei ohne Kummer! Ich weiß ein . . . ja ich +bin ein sicheres Mittel! + +Wecker aber merkte, daß der Herr Sergeant erbittert worden und fragte +darein: Aber Johannes, wie seid Ihr denn erst zu dem Rocke gekommen? -- Und +Johannes antwortete: -- Der Herr Sergeant wollte seinen Rock ausbürsten, da +sollte ich der ausgestopfte Mann dazu sein, oder der Nothnagel. + +Dankt Gott, daß ich ihn Euch nicht am Leibe _ausklopfe_ versetzte St. +Etienne. Nachmittags 2 Uhr Exerciren, hier im Hofe! Alles, was noch gesund +ist bei Euch im Dorfe, und werth auf dem Felde der Ehre zu sterben, wird +auch hieher kommen. Der Tod darf keine alten Krüppel auf dem Schlachtfelde +finden, sondern _lauter nagelneue, brühwarme_. Sollen wir Andere mit Lahmen +und Blinden, mit Einäugigen und Buckligen -- fallen, welcher brave Soldat +wohl vertrüge die Schmach. -- Also, Johannes, um zwei! -- + +Der alte Frommholz aber schlich sich fort in seine Kammer, setzte sich auf +sein Bett, blieb erst lange schwermuthsvoll, dann gedankenvoll, und sprach +endlich laut mit sich selbst: »Frommholz, altes mürbes Holz, Du hast Dir +immer im Leben Rath gewußt; nun rathe Dir auch; oder nimm meinen Rath +gleich lieber an, damit _Christel_ keine Wittwe wird, _die Kinder_ keine +Waisen, und _Du_ kein Bettelmann mit Weckern! Kein Mensch kann eines andern +Treppe brauchen, das weißt Du als Zimmermann; und so hat auch jeder seine +eigene passende Leiter zum Himmel. Zum Himmel? Ach, Frommholz! Doch, wer +anklopft, dem wird aufgethan; und wer so anklopft wie ich, _nicht um selbst +hinein zu kommen_, sondern um aus stürmischem kaltem Regenwetter gute +verlorene Kinder hineinzusichern, den läßt man vielleicht mit einlaufen, +wie auf der St. Bernhardsstraße den armen guten Hund, der verirrte Menschen +in die warme Stube bringt! Ich wenigstens stieße das gute verständige, vor +Kälte stumme Thier nicht wieder mit dem Fuße über die Schwelle zurück in +den Schnee und die Kälte, in das Heulen und Zähnklappern hinaus -- _in die +Hölle!_ Doch Frommholz, Frommholz! Du thust mir recht leid! -- Wehe denen, +die durch alle Jahre bis in ihr Alter richtig und glücklich gewandelt, und +erst im letzten Jahre einen Stein im Wege finden, worüber sie Hals und +Beine brechen! -- Hals und Beine!« -- + +Der alte Mann sprang erschrocken auf, und besah sich seine noch ganzen +Gliedmaßen, und versuchte den Kopf auf dem Halse zu drehen, und er war auch +noch ganz, -- »Nun,« sprach er, »so ist es doch schlimm, daß es Dich +trifft, denn kein anderer kann helfen! Siehe aber, Du weißt ja, manches +Holz macht dem Menschen wenig Plage -- einige Mal den Stamm querdurch +gesägt, die Himpel mit dem Keile gespalten, einige Schläge darauf, dann die +Kloben in Scheite gespalten -- so ist es verbrannt und Asche. Ein anderes +bloßes Stück Holz aber soll eine Säule zu einer Wendeltreppe werden, oder +ein geschnitztes Altarbild, und macht eine lange, saure Plage! Doch Deine +ist kurz. Und gestehe nur, Soldat Frommholz, der Du in Deinen vierziger +Jahren statt Späne von Balken, _Arme vom Leibe, und Köpfe vom Rumpfe +hiebst_, gestehe nur, _Du mein halbvergessener_ Vorfahr, daß Du die Strafe +wohl verdient! Hiebst Du nicht bei Ankona, wo der _Papst_ zur Veränderung +auch einmal _der Türken_ Bundesgenosse war, einen bildhübschen jungen Mann +zusammen, weil »Erschlagen« befohlen war, und derjenige ein Ehrenzeichen +bekam, der es darin am weitesten gebracht! Und kamst Du dann nicht ins +Quartier zu der jungen, schönen Gräfin, die ihr Knäbchen wiegte! Hörtest Du +sie nicht laut aufschreien, als sie ihren geliebten Mann in _der_ Gestalt +herein trugen, in welche Du ihn verhunzt! -- Hei! das war ein schönes +Ebenbild Gottes! -- Frommholz! Sahst Du nicht, wie sie ihr Kind aus der +Wiege riß, es hoch empor hielt, und es des Vaters unsichtbarem Todtschläger +zeigte -- daß _Dir_ die Haare zu Berge standen -- und wie sie es Gott dem +unsichtbaren Vater zeigte, daß _Du_ vor Furcht Dich bücktest, -- und die +silberne Klapper aufhobst, die dem kleinen Waisenkinde vor Angst vor der +Mutter aus dem Händchen gefallen war! Hörtest Du nicht, wie sie Rache +schwur, wenn nicht der Welt, wenn nicht dem guten, schönen +Menschengeschlecht, wenn nicht den Frevlern, die den Krieg herauf +beschworen und ihn wüthen geheißen, _bloß um selbst länger ihr Volk zu +beglücken_ -- denn doch Rache dem, der ihn erschlagen und sein schönes +Gesicht entstellt, daß sie ihn kaum erkannten. Und Du, Soldat Frommholz, Du +mußtest schweigen, und aßest still von ihrem weißen Brode und trankest +ihren rothen, süßen Wein! Und mit heiler Haut gingst Du selber heim, +legtest den Soldatenrock und die Höllenwaffen ab, und griffst zum +Zimmerbeil wie nach einem Kleinod. Aber vergessen habe ich, ich grau +werdender Zimmermann, nicht Dich Fleischer, Menschenjäger und Brandstifter +auf anderer Leute Gewissen hin! Und ich Zimmermann sage Dir jetzt: Mensch, +Du sollst Deinem Gotte mehr gehorchen, als den Menschen! Denn Menschen sind +alle, wie sie auch heißen, ob sie Kronen tragen oder Pelzmützen, Sterne +oder Knöpfe. Und kein Mensch kann das fünfte Gebot aus der Bibel kratzen, +oder das »nicht« aus demselben vertilgen und Gott zum Trotze mit seinem +Kain-Finger in die Gesetzestafel schreiben: »Du sollst tödten!« ohne daß +ihn der Donner des Herrn erschlüge! -- »Aber,« warf ihm der _Soldat_ +Frommholz ein: »Sie thun ja doch so -- und der Herr läßt regnen über +Gerechte und Ungerechte, und seine Sonne scheinen über Gute und Böse.« -- +»Das ist eben entsetzlich! Die sanfte, liebevolle, schweigende, himmlische +Mahnung!« entgegnete ihm der alte Zimmermann Frommholz. Manchmal, wenn ich +in Frankfurt war, habe ich mich gewundert, warum denn die Juden nicht +Christen werden! -- Oder doch die Türken! -- Da sagte mir ein vornehmer +Mann, der meine _laute_ Verwunderung hörte: »Ich würde die Juden und die +Türken verabscheuen, wenn sie _das_ werden wollten: was wir _sind_ oder +heißen, alter Mann! Und als Mahomed erschien, hatte seine Lehre reißenden +Fortgang, weil es schon 300 Jahre vor ihm keine wahren Christen mehr gab. +-- Ich muß in die Sitzung! Lebt wohl!« So schied er. Und jetzt da Einer 300 +Meilen weit hergeritten kommt, um meine kleine, liebe Sohnestochter +aufzuspießen, und ich sie nicht einmal _vor_ dem Wirrwar hineingetragen -- +nun will ich, der Zimmermann, Deine Sünden wieder gut machen, Soldat, +gottloser Frommholz! Aber weiche von mir auf Erden, und erscheine mir einst +nicht im Himmel! Wir sind geschiedene Leute!« + +»Und nun, mein Alter, sprach seine Seele weiter, Deine Sache ist leicht! Du +zimmerst am Thurme ja, wie das ganze Dorf weiß; . . . Du legst nun das +Brett auf einer Seite hohl; . . . Du haust fehl -- es schwankt; . . . Du +schwankst -- es fällt; Du fällst . . . und _Johannes ist kein Soldat_, so +wahr meine alten Gebeine nicht von Eisen sind! Und nur ein Scrupel bleibt: +daß sie Dich ehrlich begraben! Johannes beweint mich redlich! Christel geht +schwarz in Trauer um mich, und die Kinder pflanzen ihre paar Blumen auf +mein Grab, und kommen zu mir, sie an schönen Sommerabenden frisch zu +begießen. Und der Mond geht auf, und die Linden duften, und »zum +Wahrzeichen« hänge ich angenagelt und aus Holz geschnitzt und mit Oelfarbe +bunt gemalt, an der Ecke des Thurmes -- und die thörichten Kinder im Dorfe +sprechen: »Das ist der alte Frommholz!« Aber der Wahre hat die Seinen aus +der Gewalt der erbärmlichen Zeit errettet. Denn was ein Mensch kann, das +wissen die Millionen nicht!« + + + + +VI. + + +Johannes mußte nun auf Christels Fürbitte für den armen _Sebastianow_ und +auf des Sergeanten Befehl den Sonntagsbarbier holen. Dieser aber lag -- +krank, weil ihm schon Wecker im Thurme gedroht hatte: er müsse zu einem +Russen kommen, der also wahrscheinlich die _ansteckende gefährliche_ +Krankheit an sich haben und ihm mittheilen konnte. Darum lag der +vorsichtige Mann gleich lieber selbst gesund im Bette krank, und pflegte +sich ganz im Geheim endlich einmal recht aus. Aber sein Bruder, der +Licentiat war gekommen, um sich gleichfalls nach Mainz ins Sichere zu +begeben, und hatte bei seinen Kunden umher, auf die Furcht vor der +grassirenden Krankheit sich -- das Reisegeld und die Aufenthaltskosten +geborgt, und von den furchtsamen Leuten, die alle Hülfe vom Arzte erwarten, +es auch gern, gefällig und richtig geliehen erhalten -- und ohne +Schuldschein. Starben sie also während der Abwesenheit seines Leibes -- +denn Geistesgegenwart besaß er nirgend -- so waren sie bezahlt; oder er +bezahlte die Familie durch neue Liquidationen, die gerade die Summe +erreichten oder um einige Gulden oder Kreuzer noch überstiegen, damit die +Rechnung nicht studirt schien. Der Licentiat nun konnte seinem alten +Freunde Johannes nicht ausweichen, der mit _Holenlassen_ zu drohen +beauftragt war, und erwiederte: »Lieben Leute, Ihr thut wahrhaftig den +Aerzten zu viel Ehre an, in dieser letzt betrübten Zeit, wo ich wenigstens +meinen Bankrott gestehe. Wir sind so gewöhnlich gut, wo nichts ist; aber +jetzt, wo diese Krankheit herrscht, da beweisen wir der Welt, daß Jeder +selbst sein bester Arzt ist, wenn er sich _vor ihr_ und _vor uns_ sein in +Acht nimmt -- wie ich, und meine liebe Frau! Denn wir wissen das sicherste +Mittel selbst gegen die Pest: -- »_Pest fliehe bald! Fliehe weit! Und spät +erst kehre zurücke!_« -- Und Jetzt kann man bei jedem Leidenden das Leiden +vermuthen! O Gott, wann werden wir wieder drei Monate Zeit haben eine +Krankheit zu curiren! Denn diese läßt sich nicht _spinnen!_ Und Ein Thaler +bei Tag für den ersten Besuch ist auch der letzte! Wie soll das werden?« -- +Doch als die Frau Licentiatin gratulirend und lächelnd gefragt und gehört +hatte, daß die vorher so preßhafte _ganze Familie_ sich nun in gesegneten +Umständen befinde, nicht bloß mehr die liebe Hausfrau _Christel_, also +bezahlen konnte und gut bezahlen mußte, so legte sie bei ihrem Manne ein +bittendes Fürwort ein, das aber wie er wußte, ein unweigerlicher Befehl +war. Und so versprach er zu kommen -- doch in der Dämmerung, aus besondern +Gründen. Frau Licentiatin räucherte, daß Alle husten mußten; selbst der +Kranke im Bett in dem Alkoven; und als Johannes schied, sagte sie ihm noch +zum Troste in der Thür: »Vertraut nur der Christel . . .« + +Das thue ich immer in Allem; versetzte Johannes. + +». . . Nein vertraut ihr nur das: »ihr Schweinchen hatte Finnen! So vergißt +sie es leichter.« + +Johannes aber schied stumm. Aber wie erschracken sie Alle, als am Abend -- +ein Elephant die Thür aufmachte, und seine lange, bis auf die Erde +reichende und riechende Nase, oder den Rüssel, vorsichtig über die Schwelle +zog -- und »Guten Abend!« sagte, hinter einer Larve mit Glasaugen hervor. +Denn es kam nur der Anfang, das Vordertheil eines jungen Elephanten herein, +dem der Körper fehle; denn die glanzleinewandene Erscheinung sagte gleich +selbst: »Ich bin der Licentiat, der seine Sicherheitsnase, die nur etwas +reine Luft an der Erde holt, nicht zu fürchten bittet!« + +_Sebastianow_ aber sprang von dem Bette; man hielt ihn, bedeutete ihn +schwer, daß die Gestalt sein Doctor sei, und er ließ sich endlich zum +Niedersitzen bewegen; schloß aber die Augen, als Christel Licht brachte, +damit er verbunden werden könne, und bat unter nachlassendem Zittern um +etwas Niederschlagendes für ihn, und rief: »Mutter, Schnaps!« + +Entweder dieses niederschlagende Getränk, der Schreck, der Verband, die +Hoffnung, oder Alle zugleich, stärkten Sebastianow, daß er dann aufblieb, +und seines Glaubens eingedenk war, sobald er sich wieder allein befand mit +der kleinen Todten. Er suchte sich aus den Bildern an der Wand Jemand aus, +der seinem Schutzheiligen am ähnlichsten sah; zündete Lichter an, und las, +nach seinen Gebräuchen, aus seinem Büchlein nun unaufhörlich Gebete, bald +leise, bald laut, bald still, um auszuruhen. Das that er dem Kinde zum +Nutzen im Himmel, und sich zum Vortheil auf Erden, weil auf die Beerdigung +dann, seiner Meinung nach, ein prächtiges Abendessen zu hoffen stand, oder +weil er sich dadurch Christels Gunst erwerben wollte, der die einfache +Feier gefiel, die aber von selbst schon Alles an ihm that, um nicht zu +ihrem Schmerz noch Rache zu fühlen, _und sich nicht die heiligsten Tage +einer Mutter zu verderben._ + +Als nun das Särglein fertig war, und grün und weiß gemalt mit der Farbe der +Unschuld und Hoffnung, und Wecker den Text auf das Kreuz geschrieben, da +schritten sie zu dem Begräbniß. Und Wecker las _latent_, wie er es nannte, +erst selbst _als Schuljunge_ oder Custos, an der Hausthüre mit +nachgemachter Knabenstimme, die schöne Verkündigung von den Todten; dann +las er wiederum selbst mit Baßstimme drinnen an der offenen Stubenthür die +Trostworte des Engels, als _geistlicher Herr_, mit viel mehr innerer Würde; +und wer ihn sah, der wußte, was er las, und weinte _latent_ mit, wie er; +denn das Haus war voll fremder, unbekümmerter Menschen. -- Darauf sprach +Wecker als bloßer angemaßter Schulmeister und treue Hausseele: »Nun sind +wir so weit! Liebe Christel! Wenn nur Jemand Todtes da ist, so kann man +immer begraben, nämlich einmal, nicht alle Abende, wie die Kinder den +Staar. Wir warten vergebens auf einen ruhigern Tag, und Johannes steht +schon seit Mittag im Hofe exerciren mit einem Prügel statt einer Flinte, +wie ein Bär; und der abgewachsene Mensch und Ehemann lernt nun auf _einem_ +Beine stehen, wie eine Gans -- ganz prachtvoll! und lernt den Kopf drehen, +wie ein Wendehals, ganz wunderbar! Hört nur das Commando: Köpfe -- -- -- +links! Köpfe -- -- -- rechts! und so fliegen ihnen die Köpfe, als wären sie +nun jemand Anderm! -- Prachtvoll! Und jetzt treten sie gar den Gänsemarsch +an -- Einer hinter dem Andern! Prachtvoll! Und nun Köpfe links! und Köpfe +rechts dazu -- schwer! doch nun ganz erstaunend! Hei, nun schwenken sie! +sie defiliren hierher, wie Enten, Alle an einem Faden Zwirn, und der +Hinterste hat den Speck im Leibe; und die Arme haben sie Alle ohne +Windelschnur fest am Leibe, wie Wickelkinder -- und schreien, ja mucken +auch nicht, sondern sehen ganz jämmerlich-ehrwürdig aus! Soll ein Mensch +nicht erstaunen, was aus einem vernünftigen Menschen werden kann, sogar +eine Maschine! Also _die_ Kunst ist nicht gelungen: eine Maschine zum +Menschen zu machen, wie man schon einen Trompeter hat. Aber die Kunst +florirt: Menschen zu Einer Maschine von Einem zu machen. Und die _stille +Musik_ dazu! Nein, ich bin außer mir vor Freuden! _Laßt uns begraben, daß +ich weinen kann!_ Denn ehe die Rekruten -- schon ein ganz himmlischer Name +-- ein Rekrut -- ehe nicht zwanzig Stück halb todt umgefallen vor Müdigkeit +und Gänsestehen und Entenmarschiren, jetzt _hier_ niedrig, jetzt _drüben_, +ehe läßt man sie nicht aufhören zu exerciren. Johannes kommt also vor Nacht +nicht in sein Haus, und marschirt wie ein Betrunkener vor seiner eigenen +Thüre herum und vorbei! _Laßt ihm die Freude!_ Uns aber laßt allein zu dem +Werke schreiten; da die lieben, kleinen, weißen Mädchen des Dorfes nicht +mittrippeln mit ihren Kränzen, so schreite ich mit. Denn Alte gehen nur mit +Alten, Weiber mit Weibern, Jungfrauen mit Jungfrauen, und Männer mit +Männern zu Grabe, nach unserem schönen Gebrauche in Zahlbach. Jetzt aber +lassen die Aeltern, wie keine Gans und keine Henne noch Ente, auch die +lieben Kindlein nicht heraus aus dem Wirrwar in allen Häusern in den +Wirrwar vor allen Häusern; Sr. Auchwohlerwürden der Herr Schulmeister, kann +auch nicht mit schreien, noch mit schreiten, denn er hat »_vom Volke_« -- +wie wir mit Recht den Ausschuß desselben nennen -- mit Unrecht Schläge +bekommen, weil er die Suppe zu heiß ausgethan und die Herren sich die +Schnäbel verbrannt, und ist _ausgetreten_. Sr. Hochehrwürden, der Herr +Pfarrer Lademann aber kann nicht mit einherschlendern, weil er erst ein +junges Weib, einen schönen, lustigen Finken aus Bockenheim, genommen; ist +also noch eifersüchtig und ganz verschämt oder confus, besonders da sich +der gnädige Gottlieb, nunmehriger Lieutenant bei den Cohorten, im +Pfarrhause dermaaßen einquartiert, daß er jämmerlich schiert, um sich +vorerst Furcht zu machen. Darum schreitet der Herr Pfarrer nicht dreißig +Schritt geradeaus mit dem Rücken vom Hause, für dreißig Ducaten; aber +zweihundert Schritt um die Ecke der Kirche, nicht um zweihundert Louisd'or. +Da ziehen ihn Eure sechszehn Kreuzer denn diesmal nicht. Auch geht man +jetzt nicht _auf_ der Straße, sondern bei dem Wetter _in_ der Straße bis an +die Waden. -- Ich muß also schon mit schreiten oder waten, das seht Ihr +ein! Seid nur so gut!« -- + +Und so fuhr denn der alte Frommholz das liebe Kind auf dem Gras-Schiebbock +zu dem ausgeworfenen Grabe, und des Kindes Mutter ging allein still hinter +ihm als Leidträgerin; Wecker aber vorn, als Schulmeister, Schule und Custos +mit dem Kinderkreuz, und sang -- stumm, oder latent, mit sehr beweglichem +und bewegtem Gesicht, wie Jemand, der mit vollem Munde kauet; er aber hatte +Seelenspeise auf der Zunge, und labte sich recht. + +Als sie bei dem Hofthore auf dem rechten Flügel der »Rotte« vorüber kamen, +hätte Johannes, der mitten im langen Gliede stand, seelensgern _rechts_ +gesehen, um wenigstens seines Kindes kleinen, bunten Sarg noch einmal ins +Auge und in die Seele zu fassen; aber die Köpfe waren _links_ commandirt, +und er hatte im rechten Auge nur einen mattblendenden Schein von dem +sonnebeschienenen Särglein. Es zog ihn unwiderstehlich, doch hinzublicken; +er wandte allein von der ganzen Rotte den Kopf _rechts_; und der _gnädige +Gottlieb_, der als Lieutenant inspiciren gekommen, sprang zu, und rückte +ihm denselben bei den Ohren gewaltsam in das heilige Commandowort »Links,« +und hielt ihn dann zornig am Kinn mit der Faust. + +Und Johannes alter Vater, der das vorüberfahrend mit angesehen, sprach nur +halblaut vor sich: »_Es ist schon gut!_« -- Johannes aber sah sogar die +große soldatenbunte Gestalt des gnädigen Gottlieb nicht, die ihm nahe in +die Augen grollte; sondern vom Scheidegefühl und dem stillen Lebewohl ganz +anders ergriffen, sprach er nur, im Herzen _still_, die Worte seinem Kinde +nach: »Der Herr behütet Dich, der Herr ist Dein Schatten . . . daß Dich des +Tages die Sonne nicht steche, und der Mond des Nachts. Der Herr behüte Dich +vor allem Uebel, er behüte Deine Seele. Der Herr behüte Deinen Ausgang und +Eingang, von nun an bis in Ewigkeit.« -- »_Amen!_« sprach er laut; und der +Lieutenant lachte, und das Glied, und er ließ ihm das Kinn los. + +Nahe bei der Kirche, wo die Wege sich kreuzen, ward aber Wecker von einer +Schaar betrunkener Reiter überritten, deren jeder eine Koppel wilder +Handpferde zur Armee führte; und ein, von den betrunkenen Menschen +gleichsam mit wie betrunken gemachtes Pferd sprang über das Särglein, riß +es dem Alten vom Schubkarren herab und auf, daß der Deckel weit hinflog; +ein anderes schlug scheu aus, und traf das Kind, während Christel sich +verhüllte, und mit gewundenen Händen darauf nach Hause lief wie vom Feuer +verfolgt. -- »Es ist Krieg!« riefen die rohen Gesellen. Und Einer, an +dessen Stimme Wecker _seinen Sohn_ zu erkennen glaubte, sprach lachend: +»Was führt Euer Weg über unseren Weg? Kronengut geht vor Bauerngut! Und +wenn wir die Pest am Leibe hätten, wir zögen frei durch alle Lande, und +schliefen in Eurem Bett! Fort aus dem Wege!« + +»Es ist schon gut!« stöhnte der alte Vater wieder. »Mein Sarg steht schon +lange auf unserem Boden.« Und so las Wecker das liebliche, wie vor Schreck +blaß gewordene Kind wieder von der Straße in das Särglein, auch den kleinen +frischen Asternkranz von heut, und das kleine Brodchen, damit es ohne die +Mutter gut schlafe, und deckte den Deckel wieder leise und schonend darauf, +daß er dem Kinde ja kein Fingerchen quetsche. -- Und während der alte +Frommholz stumm es darauf unter einzelnen fallenden Thränen versenkte, und +zuwarf mit der immergleichen, unverweslichen Erde, sah Wecker zum Himmel +und auch zum Thurme -- und sah den Teufel auf der Spitze stehen, der ihn +herunter angrinsete unter unhörbarem Hohngelächter, während er die schwere +eiserne Fahne mit dem vergoldeten Adler um seinen Kopf schwenkte, so daß +ein Kreis von Fahnen mit Adlern sich um den Knopf des Thurmes bildete, wie +Schwalben sich an einander hängen. Und die Raben kamen zur Nachtruh in das +alte Gemäuer geflogen, und krächzten ihr Lied. Wecker aber riß das neue +schon gepflanzte Kreuz wieder aus, und hielt es -- seiner Erscheinung +empor, und sie verschwand. Zu den Raben aber sprach er empor, indem er +seine Hände vor dem Munde zu einem kurzen Schallstück höhlte und rundete: +»Ihr wißt nicht, wer ihr seid? Ihr seid Engel gegen die Adler, ja Engel +gewiß, die ihr eurem kleinen Gespielen entgegen singt. Es klingt aber +schlecht! Ich -- ich kann nicht singen -- mir ist die Kehle wie +zugeschnürt: Der Mann bin ich! . . . Wollt' ich sagen: _Der_ Vater!« + + + + +VII. + + +Am Morgen leuchtete in Johannes und Christels Schlafkammer die purpurne +Morgenröthe flammend herein, Christel setzte sich auf im Bett, und glühte +geblendet von dem schmückenden Scheine. -- + +Wo ist denn das Kind? -- Bei Dir Johannes? frug sie, sich umsehend. Da +gewahrte sie durch das Fenster, daß Berge und Bäume und Garten und Gefilde +verschneit waren vom reinsten Schnee. -- Ach, seufzte sie, nachdem sie +unter bewundernder Betrachtung sich besonnen: Ach, das Kind schläft unter +einem andern Tuche! Es ist nicht ohne mich, denn -- o mein Gott -- es hat +mich vielleicht vergessen; aber ich bin ohne seine frühe leise weckende +Stimme: »Mutter, mache die Augen auf! . . . mach' doch die Augen auf!« und +ohne seine Umhalsung und seine spielende Morgenfreude im Bett, und ohne +sein Morgengebet, und das fromme Gesichtchen, das Falten der kleinen +Händchen! Ach, ich bin um die kleinen Hemdchen und Röckchen, die Schüchel +und die Schürzchen -- ich bin um Alles -- da hängt es, und liegt es, und +sieht ganz erschrecklich aus, so still . . . und möchte doch reden! so bunt +-- und möchte doch schwarz sein, wie mein Band um die Haare. Und erst die +letzte Schmach an ihm! -- -- + +Es war die letzte! sagte Johannes; es ruht. + +An ihm, die letzte! klagte Christel. Aber, mein Johannes, nun ist mir erst +erschrecklich zu Muth! Denn so wie uns, ist es wenigstens Tausenden +gegangen! Tausenden wird es gewiß noch so gehen -- und ärger! Und was hilft +das Unglück eines Menschen den andern? Was mir -- das fremde? Und was den +lieben fremden Menschen das meine -- oder das unsere, wollte ich sagen, +Johannes; sei nicht böse! Jeder leidet doch das eigene, das seine. Und ein +Guter leidet noch das Leid des Andern mit, wie mein Kind mir schwer wird, +als sollte ich tausend Kinder auf meinen Armen tragen. Aber, mein Johannes, +ich habe nun auch das Mitleid erkauft, Du hast es schwer erkauft, aber wir +haben es doch! Und Mitleid ist in traurigen Zeiten der heiligste Schatz. +Aber ich habe es nun auch mit Dir! Denn Du, Johannes, sollst nun gar ein +solcher Mensch werden, der alles Menschliche vergessen, ja mit Füßen treten +muß! Das ist das Aergste, und schlimmer, als meine und Deine Einsamkeit, ja +schlimmer, als wenn Du nicht wieder kämest, und Du mich verlörest, und ich +Dich! Darum hat auch der Teufel die Fahne mit den Adlern geschwenkt -- +vertraute mir heimlich Wecker, besonders aber, weil der Pferdeknecht, der +ihm bei der Pferdethat an dem Kinde so gräßliche Worte gesagt von Kronengut +und Soldatenfreiheit -- weil der Abscheuliche -- sein großer Friedrich, +sein lieber Sohn gewesen ist, der ihn nicht vermuthet hat; Wecker aber hat +ihn erkannt -- als ihn der Teufel gefragt hat: -- »Wecker! war das nicht +Dein Sohn, der da reitet nach _Britzenheim!_« -- Siehe, und so ist der +alte, gute Vater Wecker fort, schon die Nacht, seinem Sohne nach; aber, was +er bei ihm und mit ihm will -- weiß Gott! Er hat ein Messer mitgenommen +. . . . + +»Ein Messer?« frug Johannes erstaunt. + +Ja! Aber um eine ungeheure Ruthe zu machen; denn er sagte: »Kein Vater darf +sich das Recht über seine Kinder nehmen lassen -- ausgenommen sie werden +besser und klüger als er, und es werden ihnen vernünftigere und +menschlichere Vorschriften gegeben, und heilsamere Handlungen +vorgeschrieben, als bei ihm zu Hause! _Sonst_ muß der Vater aufstehen! und +lehren und strafen und rathen, wenigstens fortzulaufen und die schreckliche +Bande im Stiche zu lassen, worein ihn der Kerl vom Thurme gemengt. Wecker, +bleibt Wecker! Aber es ist doch entsetzlich, wenn so ein curioser Mann, wie +ich, soll gescheidter sein, als viele _ganz_ curiose Leute; und so ein +armer Sünder, wie ich, soll besser sein, als die ruhmgekrönte, geschlossene +Gesellschaft von christlichen Türkenhäuptern! Wozu sie noch der Corse, _der +Corsar zu Lande_, macht, -- und _meinen Sohn!_ . . .« -- So sprach er +stöhnend und jammernd, riß mir das verweigerte Messer geschwind aus der +Hand, und ließ sich nicht halten! + +Laß den guten Wecker mit seiner Ruthe ziehen! sagte ihr Johannes +betrübt-lächelnd. Alles zu dulden bin ich auch nicht gemeint! Zum Ackern +lassen sich selber die Ochsen geduldig anspannen, und ziehen im Schweiße +ihres Angesichtes bis die heilige Sonne zu Rüste geht, und der Acker in +Schatten und Dunkel liegt; aber wunderlich ausgeputzt mit goldenen +Klapperblechen, werden sie rasend bei der Stierhetze, wie der Großvater von +Rom uns erzählt hat. Wir Völker, mit uns allein, ohne Hetzer, sagte er, +würden alle in Frieden leben, wenn man diejenigen ruhig beisammen ließe, +die einerlei Sprache reden; höchstens würde einmal ein Viehstreit oder ein +Hutungsstreit ein paar Stunden dauern. Aber, da sind Andere, die glauben, +die Erde zu besitzen und verschenken zu können, wie einen großen grünen +Schweizer Schabsickerkäse mit Kräutern und Maden und Milben -- als nämlich +mit uns Erwachsenen und Kindern, wie der Papst; -- und Andere, die glauben: +die Länder eigenthümlich, wie ein Müller seine Mühle oder die Mahlsteine zu +besitzen, sie rund machen zu müssen, sie Mehl für sich mahlen zu lassen, +sie verkaufen, vererben, ja entzweireißen und theilen zu können, als wären +es wirklich bloß Steine . . . und nun kommt dazu: daß Viele das wollen, +oder wie der Großvater eben behauptet: nur Einige; -- und so mahlen sich +die Steine zu Schanden, von einem dampfenden Menschenblut-Strome getrieben, +und von fühllosen Rädern aus Eichenholz; und statt Mehl kommt Menschenasche +und Knochenkleie herunter, die auf zum Himmel riecht, und die Müller selber +werden elend von dem Elend, schleichen schlaflos auf den Gängen umher, +hören mit Angst die Glocken rufen: »neue Menschenknochen aufzuschütten!« +und wollen doch Müller heißen und bleiben; denn anders haben sie nichts +gelernt. Wenn sie aber _Christen_ wären -- ließen sie den lieben Gott seine +Gaben auf seine Mühle schütten, ließen _ihn_ das Mühlhaus beglücken, und +hätten Freude und Schlaf und Dank. Und wenn der Müller nicht ein Christ +wird, so kann es Gott selbst nicht anders bessern, als wenn die _Menschen_ +Christen werden, nämlich wir, wir Alle, und nichts mehr thun und leiden, +als was Christus der Herr oder die zwölf Jünger gethan oder gelitten +hätten. Darum muß sich das Volk nicht unterweisen lassen im Aberglauben, es +muß keine Zauber- und Hexereistückchen-Fabrik mehr in Italien geben; das +Volk muß nach der _wahren_ Lehre Christi fragen, und darum fleißig das Wort +Gottes lesen, um des Teufels Worte auszurotten! + +»_Nichts weiter!_« sagte Christel zum Morgengebet. »Nichts weiter;« ich +habe es gestern im Stillen weinend mit angehört, wie Dir Dein Vater das +Alles gestern im Dunkeln gesagt hat. Ich war ja in der Stube. Doch _indeß_ +-- indeß -- bis dahin: wer will Dich retten. Soldat zu werden, mein +Johannes, und von der Schmach: Deinem deutschen Vaterlande neue Ketten +schmieden zu helfen mit Deinem christlichen Seitengewehr! Denn der Kaiser +wird nicht klug! Ein anderer Vater wird menschlich, wenn er einen Sohn +erhält; aber nun _der_ seinen kleinen König von Rom hat, nun will er ihm +erst das große Reich recht groß machen, wenigstens sicher und fest -- aber +Du weißt, was der Adam Müller prophezeiet hat! Das klingt ganz anders! Wenn +ich den Mann nur einmal sehen sollte, der ein Bauer sein soll, doch was für +ein Bauer -- ein Prophet wie Daniel! -- Ach, was wird _mein_ Daniel machen? +-- »Ich muß fort, ich muß hin!« sprach sie, von dem Namen des Propheten an +ihren Knaben erinnert. + +Gehe in Gottes Namen! hieß ihr Johannes. Ich aber habe Muth zu thun und zu +leiden . . . . Jedes aber nur, so lange sich jedes mit meinem Gewissen +verträgt. »Ich will ein Schaaf scheinen, wenn ich nur keines bin; und ich +will ein Tiger scheinen, wenn ich nur keiner bin. Aber ich werde keiner, +das fürchte nicht! Nur habe ich durch des Großvaters Worte eine große +Hoffnung gefaßt! Wenn nur die Menschen alle _die_ Hoffnung haben und die +Aussicht, die das Wort Gottes verheißt, das nicht lügt -- eben weil das +Wort sich in jedem Menschen selbst wahr macht, und der Mensch selber ist -- +so sehen sie es eine Weile noch an, wie die Welt läuft, oder wie die Mühle +geht; und wenn nicht gut, dann schützen sie selber den Blutstrom ein, und +die Müller mögen ihre _eigenen_ Kinder mahlen, nicht unsere! Denn wir, wir +legen Alle, ein Jeder die Hand auf das Herz und sagen: Du sollst nicht +länger bluten als dafür: -- daß wir nicht länger bluten, und daß wir nicht +länger zu Staube gemahlen werden, und unsere Kinder! -- so sagt der Vater.« + +Christel tröstete indeß ihren redlichen Mann, mit allen holden Tröstungen, +die ein junges schönes liebendes Weib im Ueberfluß hat; und sie saßen in +süßer stiller Betrachtung noch einige Zeit neben einander, indem sie sich +still an den Händen hielten. »Deines Vaters Geburtstag ist heut,« sprach +sie endlich; »heut ist er siebzig Jahr.« Gott erhalte ihn uns noch lange! +besonders nur _mir_; denn was er mir thut, das thut er Dir und Deinen +Kindern. Jedoch wenn er auch nur noch ist, lebendig und gegenwärtig; wenn +er ißt, und es ihm schmeckt, und er sein Gutes empfängt von uns in seinen +letzten Tagen, so ist ein Alter schon unersetzlich im Hause, ein wahrer +Hausschatz, den kein _anderes_ Gut mehr aufwiegt. Denn jedes ist schon ein +eigenes, und ein alter Vater auch ein eigenes. Darum wollen wir den Tag +still feiern, und kochen etwas Besseres für Alle, oder braten von den +Gänsen; und so mögen es heut Alle bei uns gut haben, wenn sie auch nicht +wissen: warum? selber der alte _Sebastianow_ und der große Peter, der Hund. +Ich aber gehe nach Mittags den kurzen Weg zu den Kindern in die Stadt, und +zur armen Dorothea, die einmal nicht glücklich werden soll, das junge +Mädchen. Auch bringe ich vielleicht von ihr heraus, was ihr ist, geschehen +ist, oder Gott verzeihe mir, was sie vielleicht gefehlt hat! In _diesen_ +Zeiten ist Niemand vor großen Fehlern sicher, ja nicht vor Verbrechen; die +Angst, die Furcht, die Entrüstung, die Rache sind los, und ergreifen Einen +um den Andern, den Schuldigen und den Unschuldigen -- und nichts ist +länger, selbst die Gerichtsbank nicht, als Gottes Langmuth -- spricht +Wecker; aber in _der_ Länge ist Muth und Gewißheit. Und erhasche ich nur +ein Wort von Dorothea, verschweigt sie auch nur eine Antwort, so sehe ich +durch ihr Wesen, wie durch einen Schleier, und kann ihr dann rathen und +helfen! Nur ein Weib löst einem Weibe die Zunge, und weiß sie recht aus dem +Grunde zu verstehen, recht aus der Seele Theil an ihr zu nehmen und es mit +ihr gut zu meinen als wie mit sich; denn beide sind Weiber, und aus +demselben weichen Stoffe -- aus Liebe und Thränen! -- + +Christel brach ab; denn sie sahe durch's Thor einen vornehmen Reiter herein +in den Hof gesprengt kommen und halten. Als Johannes hinabgeeilt, kam er +wieder und schickte Christel in den Hof. Der fremde, schöne, junge Herr +rief sie nahe an sein Pferd und ritt dann an einer einsamen Stelle des +Gehöftes, immer im Kreise langsam umher, während er hochglühend im edlen +Gesicht, und doch sehr niedergeschlagen sagte: »Ich heiße _Ellenroth_ und +bin . . . oder war, oder heiße noch der Bräutigam Euerer Dorothea.« Er +holte schwer Athem, dann fuhr er mit einem Seitenblicke zu Christel geneigt +fort: »Und so glaube ich Euch schon ganz bekannt zu sein; denn von einem +Bräutigam wissen die Verwandten der Braut schon Alles; und wißt: ich bin +ein junger Mann, der ein Mensch werden will durch ein Weib. Denn durch ein +Weib wird man ein Mensch, nicht erst ein Mann; der muß man dazu ja gewesen +sein. Auch bin ich Euch durch meine Liebe zu einer Verwandten von Euch +gewiß schon lieb und vertraut -- wie ein Anverwandter -- wenigstens habe +ich herzliches Vertrauen zu Euch, und bedarf Euern Rath und Euere Hülfe, +denn _Ihr_ seid jetzt gleichsam die Mutter der Dorothea, da Euere Schwester +_Martha_ dahin ist -- dahin, wo . . . fürchte ich . . auch Dorothea bald +folgen wird, oder zu folgen glaubt. Denn nehmt nur den Brief hier von ihr! +»Sie will nicht die Meine werden« -- _weil_ sie mich liebe und ehre; aber +auch keines Andern -- weil sie mich herzlich bemitleide und beklage. Ja, +sie meint: »Gott erhalte mir nur meinen Verstand, damit ich nicht +katholisch werde, weil ich dann in ein Kloster gehen könnte.« Leset! +Erkläret mir, helft! Ich bin unschuldig und rein wie der gefallene Schnee! +Und auch Sie ist gewiß so leicht über die Erde gewandelt, wie über Schnee, +ohne eine Fußtapfe zu beflecken! Da, nehmt!« + +Christel nahm den Brief, blieb stehen und las, während Ellenroth in großem +Kreise langsam umherritt. Darauf ging ihm Christel entgegen und sagte ihm +traurig: »Was ein Mädchen, wie Dorothea sagt, so sagt, und schreibt, das +hält sie gewiß, dabei bleibt es. Armer, junger Herr!« + +»Geht zu ihr!« bat er; »redet noch einmal zu ihr! Ich bin so thörig wie +alle Menschen, die das Theuerste entbehren, das Aeußerste dulden, wenn sie +nur klar wissen, warum? und wie es gekommen! Und diese Thorheit beweiset, +_daß es ein größer Glück giebt als alles Glück oder alles Unglück_ -- und +das ist: _die Wahrheit_, ist die Vernunft! Ach, daß die Liebe zu dem Weibe +mir nur nicht höher wäre, liebe Christel! Denn erfahre ich auch den Grund +der Zurückweisung und Verweisung meines Herzens auf sich selbst, so ist es +doch leer, halb, zerrissen _ohne Sie_ -- und der Tod ist jetzt leicht zu +finden: ich werde Soldat! oder erlöse durch meine freiwillige Gestellung +vielleicht und gern noch einen gezwungenen Vater von Kindern! Vielleicht +sollte das nur so kommen, _das_ sollte ich im Leben vielleicht nur thun! +Wer weiß, wozu ein jeder bestimmt ist auf Erden. Doch _die Tage_ erst +lichten _das Leben_ auf -- und die finstern: ein helles! Nur verdenkt mir +nicht, daß mir die Augen tröpfeln! Vor Euch will ich es nicht verbergen.« + +Christel meinte in diesen Worten auch eine Schickung Gottes zu sehen, ward +durch und durch froh, und über und über roth, und wollte den verlorenen +oder nicht erst erworbenen Freund inständigst bitten . . . wenn er denn +wollte, was er müßte, oder müßte was er wollte . . . diesen Dienst dann +_ihrem Johannes_ zu leisten . . . den Vater ihrer Kinder frei zu machen von +den Soldaten, durch sich! Aber sie erröthete bei dem Tröpfeln seiner Augen +ganz anders. Denn Thränen rühren ein Weib am meisten, und unter allen +Thränen, die Thränen eines Mannes, der schön und edel und _muthvoll_ ist; +ja diese solche Thränen erheben sie über sich selbst, und geben ihr alle +ihren weiblichen Adel wieder und eine Himmelsseele dazu, oder erwecken sie +nur in ihr, wenn sie schlummerte. Und so erwiederte Christel: »Armer Herr! +Ich weiß gewiß, es ist vergeblich -- aber ich gehe zu Euerer Dorothea. +Bleibt bis zum Abend hier . . . und kann ich Euch nicht helfen . . . so +helfet Ihr uns! Und Ihr . . . Ihr könnt es, und wollt es gewiß . . . schon +um Dorothea's willen! -- Die wird sich doch freuen über Euch!« + +»Sagt es dann gleich lieber jetzt!« bat er. Aber sie beruhigte ihn damit, +daß sie gleich nach Mittag in die Stadt gehen werde, nahm ihm das +heißgerittene braune Pferd ab, und als er hineingegangen, sahe er bald +darauf -- den Johannes exerciren, und faßte im Stillen selbst den +Entschluß: den redlichen, einfachen, aber den Seinen so kostbaren Freund zu +erlösen . . . oder verstand er jetzt erst Christels Worte. Denn manche +Worte werden erst spät verstanden, oft Jahre und Jahrhunderte nachdem sie +verhallt sind, »wie die ächten wenigen Worte Christi,« wie Wecker sagte. + +Der alte Frommholz aber wußte von dieser fast gewissen Hülfe nichts, und +auch von keiner andern irgend woher. Aber er wußte heimlich aus einem +andern Hause den noch verborgen gehaltenen Befehl: »daß übermorgen, oder +schon morgen, die Neugeworbenen, Alte und Junge, selbst halbe Greise und +halbe Kinder, die nur verwüstet wurden, über den Rhein auf jene linke Seite +geführt werden sollten.« Darum hatte er beim Schlafengehen große Sehnsucht +nach dem Tage. Der untergehende, prachtvoll schillernde Mond, der vor +einigen Tagen schon voll gewesen, täuschte ihn: sehr früh aufzustehen, und +zwang ihn gleichsam, die wechselnden aber immer wiederkehrenden Wunder der +Nacht noch einmal recht zu genießen; bis er sich in seinen geschnitzten +Lehnstuhl setzte, und mit stiller Freude endlich die Tritte seines Johannes +über sich hörte. Da löschte er im Kalender, schon in der heiligen +Morgenfrühe den Tag aus -- den Montag -- wie er sonst immer erst nach dem +Abendsegen that; dann zog er die stehengebliebene Wanduhr auf; ließ den +Kukuk die Stunden nachrufen -- und schrieb noch einmal seinen Namen auf das +mit Schiefer belegte Tischblatt, sahe ihn an, und löschte ihn lächelnd weg. +Dann betete er aus seinem _Kubach_ das sonderbare, doch ächte »Gebet eines +Schieferdeckers, so er vom Thurme fällt,« welches zwei Seiten lang ist, +also einen wolkenhohen Thurm voraussetzt, wenn der dabei besonnene +Unglückliche nicht eher auf Erden anlangen soll, als er es ausgebetet hat. +Er merkte das, und lächelte die geringe Höhe _seines_ Thurmes und seinen +Fall, wie ein Kinderspiel, dadurch hinweg -- und das Gebet bekräftigte ihn +und machte ihn stark! Dann öffnete er die Stubenthür einen Fingerbreit, um +noch einmal zu sehen: wie Alles darin morgen stehen würde! . . . . Wie in +fünfzig Jahren . . . . in hundert Jahren die liebe Sonne so hereinscheinen +würde! + +Der stille Herr Ellenroth machte das Frühstück still. Doch sagte Christel +dem Großvater, daß sie zu den Kindern hineingehen würde, und er ließ sie +alle grüßen und bitten: »sie sollten ihn nicht vergessen!« Das durfte er +sagen. Aber Johannes durfte ihm nicht sagen, daß sie seinen Geburtstag +begehen würden; um ihn beim Mittagsessen zu überraschen. + +Als der Alte aber an die Arbeit gehen wollte, bat ihn Johannes: »Vater, +bleibt doch zu Hause! nur heute zu Hause!« Das Wort traf den alten Vater, +als sei er verrathen. Doch als der Sohn hinzu setzte: »macht wenigstens +Mittags bei Zeiten Feierabend; die paar Schläge an dem Thurme werden ja +noch vor dem Winter gethan werden« -- da versprach er zu Mittag bei Zeiten +bei ihnen zu Hause zu sein -- und sähe sich jetzt um, wie es dann in der +Stube unruhig aussehen würde, wie er daliegen würde todt und zerschmettert; +aber auch, wie er des Sergeanten, ja des Kaisers grausame Befehle zu bloßem +Wasser gemacht; und freute sich, daß so Jeder, der stark etwas Gutes will, +frei ist von allen über den Ländern liegenden eisernen Gittern; und nur das +Eine that ihm in seiner redlichen Seele leid, das ehrliche Begräbniß, das +sie ihm würden angedeihen lassen; und das Bedauern, als sei er unglücklich +gewesen in seinem Tode; da er doch grade sich säen wollte in Gottes Erde +als einen Keim des Glücks für die Seinen. Und so sagte er nur zu Johannes: +»Du bist mein lieber, mein einziger Sohn! Und Du meinst es gut mit mir -- +das merke ich heimlich! Merke nur auch heimlich: Ich meine es auch gut mit +Dir -- so gut wie ein alter Vater noch kann! -- Lebe wohl -- indeß!« + +So ging er. + +Aber auch Christel ging kurz vor Essen noch eilig in die Stadt; denn +Paschalis Magd, die Einiges zu holen gekommen, hatte ihr gesagt: daß das +kleine Mädchen sehr nach ihr geweint -- und mit gewollt! Das war nun schon +Stunden vorbei, aber das hielt sie nicht aus, obgleich das Kind gewiß jetzt +längst schon wieder ruhig war. + + + + +VIII. + + +Von den Kindern zurückgehalten, ging Christel erst am anderen Vormittage +von Mainz nach Hause. So wußte sie nichts aus Zahlbach -- und so gewährt +der Himmel den guten Menschen das Glück ihrer Treue und Liebe; und wo das +Glück ist, kann nicht zugleich Schreck und Pein sein; und so sind sie nicht +nur nicht elend, sondern oben darein beseligt. Wie viel Ursache aber Alle, +ja alle Völker haben: tagtäglich zu bitten, daß auch ihre _Nachbarn_ und +alle die Ihrigen auf unschädlicher, ja wohltätiger Bahn wandeln mögen, +damit sie nicht durch ihren Verkehr mit ihnen und grade durch ihre Neigung +und Freundschaft und Liebe recht Bitteres von ihnen leiden -- das erfuhr +sie heute. + +Daniel begleitete sie in Mainz bis an das Thor. Unter dem hohen dunklen +langen Gewölbe wandelnd umfingen sie gleichsam die alten Zeiten sichtbar +und doch so wunderlich. Denn wenn draußen auf Markt und Straßen neue +Sonnenhelle und neues Leben sich regte, so hingen hier drinnen still, wie +Fledermäuse, an den schattigen Mauern, die Spuren vieler hundert +verflogener Jahre; und Alles, was sich hier Fröhliches und Trauriges herein +oder hinaus bewegt, herein oder hinaus geschollen war, das hatte sich +gleichsam nur -- als Rauch an die Bogen gehangen, und ihnen die +wettergraue, alterbraune Farbe -- der vergänglichen Welt gegeben. Die +Gewölbe aber hallten nur wieder, selber stumm; und so sagten ihr die Steine +nicht, daß so eben die Rekruten aus Zahlbach hier durch geschleppt worden +waren, während die armen Teufel ihre Angst in lustigen Liedern zum Himmel +gesungen. + +»Aber Mutter!« sprach Daniel, »sind das nicht unsere Kühe dort? und unsere +vier neuen Räder am Wagen?« + +Sie drängten sich hin vor die Wache, vor welcher der Wagen mit einem im +Strohe liegenden Manne hielt; aber nahe hinan konnten sie nicht, denn +Soldaten und Menschen umstanden ihn. Und ein Bürger sprach zu dem andern: +»Das ist ein böses Zeichen! Die Welt hat den Krieg satt; und damit nun +grade der Kaiser und seine Brüder, seine Herrn Vetter und Frau Muhmen, +Töchter und Schwäger auf den mit Braten gepolsterten und mit Wein +besprengten Thronen sitzen, und Niemand Anders, oder Niemand, _deswegen_ +wollen sich nun die dummen Bauern nicht mehr selber todt schlagen lassen, +noch ihre Söhne als frische Schemmelbeine unter den Thron zerzimmern +lassen!« -- + +»Sie sagten, es wäre ein Zimmermann;« versetzte ein Anderer. + +»Ja,« bestätigte ein Dritter. »Er ist vom Thurme gefallen; und nun hat der +Lieutenant in Zahlbach gesagt: er habe sich hinunter gestürzt -- weil er +ihn habe früh morgens am Altare knien und beten sehen -- weil er einen +einzigen Sohn mit Weib und drei Kindern zu Hause habe.« + +Ach Gott! der Großvater ist todt! sagte Christel zu Daniel. + +»Der alte Mann gefällt mir!« sagte der Erste. »Erstlich, weil er ein Mann +auf seine Hand ist, der uns Allen vorleuchten sollte; zweitens, weil er +soll den Arzt gefragt haben: ob er auch wirklich ein Krüppel wäre, nun er +beide Beine zweimal gebrochen habe . . .« + +Mutter! rief Daniel fast zu laut vor Freuden: der Großvater lebt ja! Er hat +nur beide Beine zweimal gebrochen . . . . + +». . . und als ihm das ist bestätigt worden, hat er mit Freuden +eingestanden: er sei _nicht gefallen!_ Auf dieses sein Geständniß, daß er +seinen Sohn dem forcirten Vaterlande habe vorenthalten wollen, ist er nun +hier in Ketten hereingebracht und soll ins Gefängniß geworfen werden und, +als Zimmermann am richtigsten in den Holzthurm -- sie wissen nur noch nicht +in welches, denn alle -- Holzthürme sind voll: -- Verräther, das heißt nur +voll Freunde ihres alten wahren Vaterlandes, das da Deutschland heißt.« + +»Schwager!« versetzte der Dritte: »das ist das größte Elend auf der Erde, +daß grade das wahre Herz der Völker jetzt ein Scorpion sein soll! und die +alte ächte redlichste Treue -- Verrath; weil sie nicht mehr paßt, und nicht +höflich und artig ist, wenn ein Andrer das Vaterland zerrissen, erbeutet +und unterjocht hat, und doch so gut wie ein alter treuer, lieber guter +Vater nun Kindesdienste, ja die Kinder selber verlangt! Der gute liebe +Mann! Und wenn ich hunderttausend Jahre alt würde -- ich würde kein +Franzose! Und wenn ich Millionen Jahre alt würde, so würde ich nie _ein_ +Russe, geschweige zehn oder tausend Russen mit meinen Kind und +Kindeskindern -- und wenn ich alle Tage 1000 Napoleons, oder alle Stunden +5000 heilige Andreaskreuze mit Brillanten -- geschweige die Knute bekäme; +-- -- denn so _Etwas_ ist nicht möglich, wider den Mann und wider den +Menschen, und das sollte _man_ einsehen, besonders: -- »Man, der Teufel!« + +Darauf sahen sie einen schönen Knaben auf ein Rad des Wagens steigen, und +jetzt nur erblaßt und ängstlich nach dem braven Manne darin spähen . . . +dann langsam und vorsichtig über die Leiter steigen und sich zu ihm setzen; +und der Alte hob sein Haupt auf, sahe ihn wieder an, und rief: »Daniel!« +und Daniel rief: »Mein Großvater!« + +Darauf war es umher still vor Mitleid und Verwunderung; selbst die Soldaten +wehrten dem Knaben nicht; und so überwand auch Christel die Scheu, aber nur +durch eine starke innere Aufwallung, sich vor so vielen Augen zu zeigen; +und so ließ sie die Menschen die Menschen sein, unbekümmert, ob sie solche +heilige Kleinode unter der Stirn besäßen, die da zu sehen vermöchten, was +unter der Sonne vorgeht; oder ob solche kleine Hämmer in ihren Ohren ihnen +verkündigten, was aus einer Menschenbrust herauf und heraus getönt in die +himmlische Luft -- -- sie drückte dem Vater die Hand, und hielt sie fest, +während ihre thränengefüllten Augen über ihm schwebten. Denn sie bedachte +mit staunendem Bedauern, wie nahe ihm die Hülfe des Himmels durch den +entschlossenen Ellenroth gewesen sei, und welche That er aus Mangel an +Vertrauen gethan -- und sie drohte ihm mild mit dem Zeigefinger; -- er +kehrte sein Gesicht ab -- und sie hatte nun eisernes Antlitz -- vor aller +Welt zu weinen! Dann erblaßte sie über und über vor Scham vor der Welt der +Großen, und erröthete wieder über ihre eigene Schuld der Verschweigung +gegen den Schwiegervater: _welchen_ Trost ihr der Herr von Ellenroth +gegeben! Aber »soll ein Weib denn alle Augenblicke Alles sagen? und +gleichsam vom Herzen abschlagen, was noch nicht reif ist, sondern erst eine +kleine grüne Frucht ansetzt, die noch abfallen kann?« So tröstete sie sich +selbst, faßte sich schwer aufathmend, und befahl ihrem Daniel leise, bei +dem Großvater zu bleiben und ihn zu pflegen und darum wohl zuzusehen, wohin +man ihn ins Gefängniß werfen werde, und dann Herrn Paschalis zu bitten, daß +er sich seiner erbarme. Darauf gab sie dem Daniel Geld, stieg rasch vom +Wagen und verlor sich unter der Menge. + +Und der eine Bürger sagte wieder: »Schwager! Wenn wir nicht alle _die_ +Hoffnung hätten, daß eigentlich Nichts lange besteht, was die Großen thun, +höchstens von einem Friedensschluß bis zum andern, und wenn es nicht ein +wahres Glück wäre, daß ein Friede nicht von Eichenholz ist, also nicht +versteinern kann, sondern der ewigste Friede nur etwa fünfzehn Jahr alt +wird -- so möchte ich kein Schuhflicker sein in Ewigkeit! Sela!« + +»Und ich kein Schneider! Schwager!« versetzte der Andre, »Aber wir hoffen, +das deutsche Reich, dieses viel zerrissene und von aller Welt behaltene +Gewand, das der liebe Gott am Schöpfungs-Sonntage selber abgelegt, das wird +nun endlich wieder auf seine alte rechte Seite neugewandt werden, und auf +eine beßre, ja hoffentlich gute Weise mit Cameelgarn und Seide wieder +zusammengenäht, daß es so lange hält wie ein Rock der Kinder Israel in der +Wüsten -- 40 Jahr! Sela!« + +»Wenn's nur noch Stich hält!« schloß der Dritte. »Menschenherzen sollten +sie können zusammen nähen! So einen Schneider gebe uns Gott! Desselben +Ziegenbock will ich sein in Ewigkeit!« + +»Ich auch!« sprach der Dritte. »Ich auch!« schrie der Erste. Und von ihrem +Gedanken gleich froh ergriffen, _meckerten_ alle drei Freunde laut, und +nunmehr erscholl unauslöschliches Lachen. Doch nun meckerten sie erst +recht. Und die Kinder umher meckerten, die Lehrjungen meckerten; die Kühe +brüllten; die Soldaten fluchten und schlugen ohne Auswahl und ohne Schonung +unter die Menge. Und die drei ursprünglichen Ziegenböcke fingen an zu reden +und sprachen: »Vergieb ihnen, Herr! denn Soldaten wissen ja nie, was sie +thun! -- nur was sie leiden!« + +Christel, auf den Heimweg fortgeschlichen, hielt öfter ihre -- mit den +Ellenbogen wie in die Luft gestützte Hand vor die Stirn, wollte eilen, und +ging, von Demuth ganz gebeugt, dennoch nur langsam. Denn sie betrachtete, +daß das alles um ihrer und ihrer Kinder willen geschehen sei, und erklärte +es sich aus gutem Herzen so: -- »Johannes liebte sie; das sahe der +Großvater; -- und dieser liebte als Vater seinen Sohn, der wiederum sie und +die Kinder liebte mit seiner Liebe.« So war es gekommen. Darum beschloß +sie, zu Hause nur wenige aber herzliche Worte zu reden, nicht aber zu +schweigen, damit Johannes nicht meinte: sie behalte das Schwere auf ihrem +Herzen. Und so ward dieses neue Unglück ein neues Band um sie und Johannes; +denn jeder Verlust und jeder Gewinn, jeder Segen und jedes Unheil zieht ein +gutes Weib nur fester ans Herz ihres Mannes, mit dem sie das Leben trägt, +und um dessen willen sich ihr nur Alles begiebt, das Traurige und das +Frohe. + +Johannes aber stand vor ihr, als sie eingetreten, und frug nur: »Weißt Du?« +-- Und sie antwortete nur: »ich weiß!« Und nach zeitlangem Schweigen setzte +er nur noch hinzu: »Deine schönen Kühe sind auch fort!« -- Sie aber +versetzte heiter lächelnd: »aber die Kinder -- die Kinder sind alle -- ach +nun alle die wir noch haben -- gesund und fröhlich -- bis auf den Daniel, +der mich begleitete, und ihn nun pflegt, Du kannst Dir denken: Wen!« + +Sie schwiegen darauf beide -- aber übereinstimmend -- und gingen an ihre +Geschäfte, diese wahre Wohlthat des Lebens, oder das Leben des Einfachen +selbst, der in ihren nöthigen Kreis unvermeidlich gebannt, nicht Zeit hat, +ein Gespinnst aus den Gedanken und Gefühlen _darüber_ zu machen, sondern +seine Leiden und Freuden in seine Geschäfte hinein arbeitet oder +hineinwirkt, wie ein Weber seinen Einschlag -- und das Gottgeheißene willig +und still vollendend, ein Mensch ist, ein ächter Träger der Zeit -- wenn er +bei Andern auch nur ein Handwerksmann, oder ein Bauer heißt. + +Der junge Herr von Ellenroth, der Christel entgegen gegangen war, und sie +verfehlt hatte, kam darauf; aber er erfuhr nur von ihr, und noch als ein +großes Geheimniß kaum verständlich zugeflüstert: Daß Dorothea nichts +gethan: -- _als eine Thüre zugemacht_, eine Gewölbthür im Unterstock des +Schlosses, -- Das Mädchen derselben aber habe ihr, auf ihre weitere +Erkundigung gesagt: »in dem Gewölbe habe ein großes Kohlenbecken mit +glühenden Kohlen gestanden.« -- Mit diesem unverständlichen Bescheid wollte +der verstoßene Bräutigam wieder nach Frankfurt reiten, aber -- er nahm +seinen Weg über Breitenthal, um zu erfahren: Wie »eine Thür zumachen« seine +Braut und ihn scheiden, und sie oder doch ihn so trostlos machen können. + +So war denn im Hause wieder Ruhe, oder doch von Ordnung beherrschte +Unordnung, und von Mühe und Sorge bezwungene Noth mit so vielen Gästen, die +sich müßig pflegten und schonten bis zum Lord- -- Todesschmause auf dem +großen grünen Schlachtfeldstische, wobei sie die Speise sein sollten, nicht +aber mitspeisen, höchstens ins Gras beißen, oder Erde kauen; -- »so wie +Bauern beim Schachspiel, welches morgenländische Herrscher mit lebendigen +Figuren spielten oder noch spielen, und den verlornen und gewonnenen, vom +Stehen müden Statisten die Köpfe abhieben oder noch hauen, abhauen lassen +oder es befehlen; ohne daß die armen Schelme ein Wort vom Spiele erfahren +als die Parole; oder einen Gewinn davon genossen, als -- den Braten +gerochen, den sie wie Jäger, noch grunzend im Walde für ihres gnädigen +Herrn Wildpretskammer geschossen, und der ihnen den Leib mit den Hauern +aufgerissen hat;« wie Wecker gesagt. + + + + +IX. + + +Das Weihnachtsfest kam während deß herbei, aber nicht als ein +dankbar-heiteres Fest der Geburt Christi, sondern als ein irdischer Lärm, +und als eine Gelegenheit: das wenige Wohlschmeckende noch zu verzehren, was +über den unfruchtbaren Winter hinaus bis zu den neuen Gaben der Erde hatte +langen sollen. Darum fehlten die Kinder nur Christel am meisten -- denen +sie _Freude_ machen konnte! Und doch bereute sie nicht ihre übereilte +Furcht, aus welcher sie dieselben in die sichere Stadt gebracht. Denn wenn +sie jetzt auch nicht am Leben gefährdet schienen, so war ihr kindliches +Herz und ihre junge Seele doch in Gefahr der Verwahrlosung durch die rohen +Gäste; und bei jedem frechen Worte und jeder frechen Geberde und That +derselben, welche die Kinder nicht sahen und nicht hörten, _dankte Christel +Gott, und empfand nur Freude, als fromme Mutter_, welche die Weise gefunden +hatte: die Welt sich immer gut zu deuten in dem ihr entgegengesetzten guten +Herzen. + +Sie wollte den Kindern selbst bescheren gehen, saß in stiller Nacht vor dem +Backofen und buck jedem sein Christbrod; und jedes gedieh sehr schön und +ward groß; -- selber das Christbrod, das sie für die kleine umgekommene +Tochter Clementine, voll guter Sachen und voll großer Rosinen mitgebacken, +ging hoch auf, und färbte sich lieblich braun; und Christel sah es mit +feuchten Augen und weinte und dachte: »es geht Dir also wohl im Himmel, +mein Kind, das seh' ich an diesem Zeichen! Deine Bescherung aber soll ein +armes Kind bekommen, das dagegen ohne Mutter ist, wie ich ohne Dich!« -- +Auch für den verschollenen alten Hausfreund Wecker soll sein Christbrod +groß und lockend daliegen, und der neue Rock dahängen -- bis er kommt! Und +zum Weihnachtsfest, oder doch zum Neujahr kehrt ein Jeder gerne heim. Sie +freute sich auf Weckern, sah ihn im Geist das liebe Gut verzehren und hörte +ihn wieder wie sonst dazu sprechen: »Daß wir durch des Christkindes Geburt +nicht mehr Sklaven der weltlichen und geistlichen Tyrannen sind, sondern +daß wir armen alten Schulmeister, ja jedermännig klüger sind, auch wohl +besser, als anderleuts Narren zu sein oder nur zu scheinen, das verdient +wohl, daß man ein paar Tage Christbrod ißt, oder wohl gar ein delikates +Stück Mohnstriezel, der einem im Munde zergeht!« + +-- »Oder auch _zwei_ Stück!« sprach Christel dann fast laut, und legte ihm +in Gedanken noch ein tüchtiges Stück hin; und Daniel legte ihm still das +Seine auch dazu -- und Wecker bedankte sich nicht bei ihr und dem Knaben, +sondern bei dem Herrn Christus, besonders aber bei dem fast ganz aus der +Acht gelassenen, ja wie in die Acht erklärten heiligen Geiste, dafür, als +welcher es eigentlich so weit gebracht, daß Christbrod in der Welt sei -- +und gute Menschen! + +Darauf weinte sie im Stillen vor alter Freude, und zuletzt vor neuem Leid. +Aber das künftige kannte sie nicht, und ahnete es kaum; wie Niemand an +bunten warmen Herbsttagen den Alles weiß bedeckenden Schnee. Und doch war +ihr Herz voll Angst und Furcht vor der Zukunft, die sie gern gewußt hätte, +nur ein Augenblickchen gern hinter den Vorhang der Jahre geguckt, oder nur +hinter die Nebelwand, die vor dem nächsten Jahre hängt, um zu sehn, was für +Gestalten dahinter standen; blutig, glänzend, wohlthätig, oder schrecklich +-- alle aber vom Himmel gesandt; -- oder schon auf Erden wandelnd, aber +ihre eigenen künftigen Thaten und Werke noch nicht kennend, und unerkannt +unter der Menge wandelnd; bis ein Engel mit seinem Finger vom Himmel herab +auf ihn deutet, laut seinen Namen nennt, ihn anruft und spricht: »Nun sei +du selbst! Werde und wirke!« + +Am Vorabend des Neujahrfestes 1814 trat da in der Dämmerung ein Mann in +Johannes Stubenthür und sprach: »Willkommen!« Sprich »Willkommen,« mein +liebes sogenanntes Pathchen, denn ich bringe Euch einen Gast mit! -- Ich +bin der sogenannte Leinweber _Krieg_ mit der Baßgeige; aber ich habe sie +heute nicht mit! Und der Fremde wird Euch gewiß lieber sein, denn er brummt +nicht so, und ist ein stiller Mann und alter guter Freund von mir -- und +wird nicht lange bei Euch verweilen -- sage ich Euch zum Troste. Nun tretet +nur ein, sogenannter Herr Prophet Adam! Hier wohnen treue verschwiegene +Leute. Das sei Gott geklagt! Nämlich: daß nicht in jedem Hause dergleichen +Adamskinder wohnen, mein Adam! Denkt, Ihr seid ihr Urvater, macht's Euch +bequem, und setzt Euch nieder, als wärt Ihr zu Hause im sogenannten +Paradiese. -- Marsch, hinein! nicht hinaus! denn ich bin kein sogenannter +Engel mit dem Schwert -- nur mit dem Stocke, der heut gewiß so müde ist als +ich -- ob ich gleich als Leinweber das Treten gewohnt bin, aber -- beim +Sitzen, nicht beim Laufen! Nun Christel, macht sogenanntes Licht; das +heißt: zündet es an, oder den Kamin! das heißt das Holz darauf, damit wir +uns sehen und kennen lernen, und Adam nicht glaubt, ich habe ihn in ein +sogenanntes Blindenhaus geführt, was jetzt die ganze Welt ist, nämlich +nicht für immer, sondern nur bis wieder die sogenannte liebe Sonne aufgeht, +das heißt: die Erde unter, das heißt: sich nur herumdreht mit den Betten +voll schlafender Halbtodter, das heißt: nur immer eine Nacht Todter. Also +nur Licht! Wärme, Brod, ein Schoppen Wein, und dann Stroh zu einem +sogenannten Bett, mein liebes Pathchen! Erschreckt nicht über meine lange +Eingangsrede; sie ist nicht der Eingang, sondern die Rede selbst, und ist +nun aus und heraus! Vorhin war mir das Maul von der Kälte zugefroren -- +jetzt ist es aufgethaut.« + +Christel schlug mit freudezitternden Händen Feuer und -- machte Licht. Dann +nahm sie dem lieben Pathen Leinweber den Pelz ab, und sahe mit sonderbarer +Scheu zum ersten Mal in ihrem Leben einen Propheten. Der Mann war schlank +und hager; seine großen schwarzen Augen funkelten sie an, und sie sahe +darin Gutmüthigkeit, Treuherzigkeit und viel mehr Demüthiges als Stolzes, +und vielmehr Offenheit als Schlauheit; wenn auch sein Mund nur freundlich +grüßte, aber zurückhaltend dann schwieg, oder nur die nöthigsten Worte +sprach. Denn er schien menschliches Wesen, den Lärm um das Heut und das +Jetzt immerfort zu belächeln, wie das brennende sich verzehrende Licht; und +doch beobachtete er alles Geschehende scharf, und schien es nicht recht +fassen oder sich damit vertragen zu können. Und so lag eine gewisse, schwer +zu verhüllende Hast und Ungeduld in seinen Geberden und Schritten, bis er +wieder in einer Ecke still stand und sah und zusah. Wie Jemand, der selbst +auf einer weitschauenden Höhe steht, und hinter den Bergen her viel fremde +wunderbare Gäste erwartet, die ihm haben zusagen lassen: »sie würden +kommen,« und die alle Augenblicke, aber auch in Jahren erst kommen können, +und die zu erwarten und zu begrüßen er auf die Höhe gestellt ist. Und so +lag auch Ueberdruß auf seinem blassen Gesicht, und seine Kleidung war nur +-- Kleidung, und schien nicht sorgfältig angezogen, sondern nur umgehangen. +Auch seine schweren langen schwarzen Haare hingen ihm grad und schlicht, +ohne zu glänzen, bis auf die Schultern herab. Seine Sprache aber drückte +selbst das Gewöhnliche so aus, als sei sie bloß für diese jetzige Sache von +ihm erschaffen worden, und solle in der Welt nichts anders mehr bedeuten; +und so erschien sie klar wie Wasser, das den Grund durchsehen läßt, doch +nicht wie geprägtes fertiges Gold, sondern wie solches, das eben geprägt +wird, das mühsam aber sauber und fehllos unter dem hörbar arbeitenden +Stempel hervorkommt. + +Sie hatten kaum zu Abend gegessen und sich ausgeruht, als ein furchtbarer +Lärm im Dorfe entstand. Alle Soldaten liefen bewaffnet hinaus, und auch die +Bewohner von Zahlbach standen eine Zeitlang betäubt in jenem allgemeinen +Erschrecken, in welchem alles Grause, das in der Natur ist, aufgeschrien, +wie Ungeheuer des Himmels, des Meers und der Erde drohend und schnappend +mit offenen Rachen die Menschen umlagert, und gegen welches das größte +Unglück nur Kinderei wird, wenn der Schreck seinen Namen durch die Taufe +der Zeit erhalten. Und so ward sogar allen leicht um das Herz, als sich ein +nahender Bote erbarmte und kund that: »Mainz brennt!« + +Nun eilten Viele auf die Clubbisten-Schanze. Aber es war nur dort ein +matter niedergehaltener Schein über der Stadt zu sehen; oder bisweilen +einige leuchtende Funken um die Thurmspitzen, und dumpfes Geräusch scholl +auf; dazwischen auch wohl ein Knall, hier einer und dort zwei, auch drei; +dann schwieg es wieder und rauschte und rief nur fort und blieb hell, +Johannes mit seiner Christel und der Leinweber Krieg mit seinem Propheten +Adam Müller stiegen also auf den noch höher liegenden Berg zur Seite. Krieg +prophezeihe Unglück -- denn die sogenannten Verbündeten gingen in dieser +Nacht über den Rhein! . . . + +»Friede! Friede! Es ist Friede!« scholl es von der Clubbistenschanze. + +»Friede?« rief Adam, aufglühend vor Zorn, »Friede! Der ist nicht! Der wäre +schrecklich! Das kann ein Kind begreifen! Die Völker sollen Eins werden -- +und im Kriege erkennt Jedes das Andre als ein eigenes Wesen mit eigenen +Rechten und Ansprüchen, und fühlt sein eigenes Unrecht und seine Sünden +. . . wie seine Wunden! und kann den Himmel mit Händen greifen . . . wie +seine Leichen. Friede? Entsetzlich! Wie würde da Frankreichs Licht +ausgegossen über Europa! Der Kosak sticht in ein französisches Herz mit der +Lanze, wie ein Hammerschmid in den hohen Ofen, und eine ganze Gans, ein +Strom Feuer fließet ihm zu! Deswegen sind die rohen unwissenden Völker so +kriegslustig -- um zu wissen, und sterben gern wie Ameisen; denn sie +wissen, ihre Nachkommenden erstürmen die Zuckerdose!« + +In Mainz flogen Leuchtkugeln auf, und die nächste Umgebung ward schwach +erhellt davon, wie von vielen kleinen zerplatzenden Monden. + +»Seht nur,« sprach der Leinweber; »das ist ein sogenannter alberner Spaß +für einen Propheten, der den Feldmarschall Blücher wieder besuchen und ihm +den Verlauf und den Ausgang des Krieges prophezeien will -- nämlich daß +alle sogenannten Schlachten jetzt so gut wie halb umsonst geschlagen +werden, und daß das viele junge Blut jetzt umsonst fließet, weil Napoleon +wiederkommt nach Jahresfrist -- und nun machen sie Friede in Mainz!« + +»In Mainz!« versetzte Adam. »Der Friedensjubel ist nur eine Maske, in +welche die endlich auch einmal schlau gewordenen Deutschen die Feinde +gesteckt, damit sie drin tanzen und nicht -- den Uebergang über den Rhein +sehen.« + +Also wird _der Kaiser_ vom Throne gestoßen werden? frug Johannes. Sagt uns +doch auch Etwas! + +»Das kann ein Kind begreifen!« sprach Adam; »freilich der Kaiser; denn ein +ganzes Volk läßt sich nicht absetzen von seiner Menschenwürde oder _auf den +Thron stoßen!_ Darum sind alle Kanonen nur auf Ihn gerichtet, welche +freilich den armen Franzosen Arme und Beine zerschmettern oder den Leib +aufreißen, weil ein Potentat nur aus anderleuts Gliedmaaßen besteht. Aber +nur ein schwangerer Mann wird ihn überwinden; denn mit einem solchen +Elephanten-Unternehmen trächtig gehen, ist kein platter Spaß, sondern ein +höherer Ernst, ihr Leutchen! Sein Sieger muß glauben, einen Elephanten +gebären zu sollen. Nur wie man das einmal auf's Theater bringen will, oder +malen, ist meine Sache nicht; aber auch eingebildete Dinge sind wahr, und +wär' es ein junger Elephant. Das Blut muß aber doch vergossen werden.« + +Und dann wird Friede? frug Christel fröhlich und getrost. + +»Das kann ein Kind begreifen!« sagte ihr Adam. »Aber, meine Frau Christel: +ein Donnerwetter im Frühjahr ist nur eine sichtbare, hörbare und wandelnde +Schaffung der Blüthenzeit auf der Erde. So soll und wird der bekannte +gemeine Krieg nicht aufhören, damit der bekannte gemeine Friede wird, +sondern damit der reine _große ewige_ Krieg wieder anheben kann, welchen +die Menschheit unter sich tagtäglich kämpft. Denn Leben ist der Streit und +das Ringen nach Weisheit, Recht und Freiheit; und in diesem soll bewährt +werden die Liebe und die Tugend; denn die Thränen und Wunden, die Schmerzen +und Tode in dem _stillen Kriege_ der Menschen, der da Frieden heißt, sind +unaussprechlich tiefer, schwerer und tödtlicher, und millionenfacher -- als +in dem lauten Kriege. Darum bete ich um Frieden, auf daß der wahre Krieg +wieder seinen großen Verlauf beginne; und der leibliche Krieg muß nicht +mehr geduldet werden von keinem Volke, weil er den Welt- und Geisterkrieg +nur unterbricht. Und da müßte Einer oder Mehrere blind, stock -- blind +sein, wenn sie nicht sehen, daß das deutsche Volk nun aufsteht die +Auferstehung, die mit dem nie dahin begrabenen Kaiser im Kyffhäuser +gleichsam begraben liegt, seine große, ganze Auferstehung! Nicht dafür, daß +Jeder wieder seine vorher so beglückten Leute wieder so wie bisher +beglücken soll; denn das kann ein Kind begreifen: das Volk steht nicht +begeistert auf für Andere, sondern für sich, von einer großen Ahnung voll: +das große gemeinsame Vaterland soll leben und dastehn, nicht Heinze oder +Kunze, die als Sterbliche doch bald umfallen. Für Heinzen und Kunzen opfert +es also scheinbar auch sein Blut; deutlicher aber schon: um die Schande los +zu werden, daß es ein fremder Tyrann nach seinem eignen Gefallen +beherrscht. Und Deutschland wird durch seinen Sturz sich emporrichten; _den +ihm Niemand abgewehrt_, den im Gegentheil ihm Viele lange herbeigeführt +haben durch Habsucht und Uneinigkeit; und Deutschland wird durch seine +Erniedrigung erhöhet werden, wozu ihm nur Gott der Herr hilft. Und das weiß +das Volk -- und Gott! Und das Volk wird siegen mit Gott!« + +Jetzt erdonnerten hundert Kanonenschüsse rund um die Stadt, aus feurigen +freudigen Schlünden, wie Triumphhall; die deutsche Erde bebte, und die +deutschen Augen weinten auf dem Berge. Aber Adam setzte sich traurig +nieder, sahe auf Mainz hin und weinte auch, aber ingrimmig; und der Mann +schien eine feurige Flamme, die aus der Erde gefahren, und aus der Flamme +sprach es: »Ja, jubele nur Du unschuldige Stadt, Neu-Bethlehem, Du Stadt +des Unheils der unschuldigen Kinder, um _das Wort der Weisen_ zu Schanden +zu machen: daß die Erlösung nun da sei und das Licht geboren! In Dir wird +man hören aus thörigen Kindern, was -- die Erde will, und um dieser Kinder +willen wird man ein Netz über alle Lande legen, ein eisernes Netz, das +zehntausend Millionen Goldstücke kosten wird, und in _einer Sommernacht_ +zerreissen wird wie von Spinnenfäden, und dann keinen Kreuzer mehr werth +sein wird, wie ein zerrissenes Kreuzspinnennetz! Denn die Kreuzspinnen +werden es spinnen, und eine große Kreuzspinne mitten darin still sitzen und +Spinnen brüten, und hineilen, wo nur ein Fädchen sich lösen möchte. Aber +das Netz hat der Spinne letzte Lebenskraft gekostet; sie kann es nicht +wieder verschlingen, nicht mehr verdauen, um es neu zu weben, so lange der +Himmel bleibt.« -- + +Da erscholl mit erschütternder Wirkung vom Thurme des Domes Posaunenhall +durch die Nacht, und himmlische Luft trug unter den heiligen Sternen und +über der heiligen Erde die Worte her: »_Herr Gott, Dich loben wir!« -- +»Herr Gott, wir danken Dir!_« -- + +»Er hat schon geholfen!« schrach der Leineweber. »Mir ist, als spielte ich +das Lied mit meinem Basse mit, und striche furchtbar dazu, daß es die +adligen vornehmen Todten in den Grüften beim Altare hörten, und die +gemeinen Bauern-Todten draußen in schlechter Erde auf dem Gottesacker! +Blaset nicht mehr! Ich halte es nicht aus -- ohne meine Baßgeige! Hört auf, +ihr Menschen!« + +Und gleich auf der Stelle trifft das ein, was Ihr voraussagt, Herr! sagte +Christel. »Das Netz soll zerreißen« -- und gleich danken sie Gott dafür in +Mainz! + +»Nicht nur in Mainz, meine Christel!« sprach Johannes. »Aber besinne Dich +nur! Denn Du vermischest seine wahre Rede mit ihrer falschen Freude; -- +eigentlich posaunen sie Unsinn! Sie sind nur zum Narren gehabt!« + +»Aber nicht Narren! -- Hilf Deinem Volke, wirklicher, nicht nur sogenannter +_Herr_ und Gott! _Das_ trifft gewißlich ein;« meinte der Leinweber. + +»Alles Gute trifft ein. Denn das Gute ist Gott! Und Gott ist nicht todt zu +machen, _und Gott bleibt nicht aus!_ Er ist immer da und nah! Gebt acht!« +-- sagte Adam Müller. -- + +Und eine ungeheure Nachteule, groß wie der Vultur papa, oder auf Deutsch: +der Papst der Geier, rauschte niedrig am Boden vor ihnen vorüber, und +krächzte schauerlich-furchtbar und furchtsam wieder heran. Denn sie war +geblendet, und wahrscheinlich aus dem alten, dunkelrothen Dome der Stadt +verblasen und verschossen worden. Sie setzte sich nahe vor ihnen hin; ihre +Augen funkelten; ihre Federn standen ihr zu Berge; sie war aufgehuschert, +wie zum Schlafe. Und Peter, der Hund, der ihnen nachgekommen war, stürzte +sich auf sie, und zerfederte sie; aber die Eule klammerte sich über seinem +Maule fest, und hackte nach seinen Augen; und der Hund heulte, von ihren +Krallen zerkratzt, durch die Zähne; schnaufte, boll dumpf, wälzte sich, biß +sie endlich todt, und schüttelte das schändliche Schloß mit Schmerzen und +Qual vom Munde, und kam dann blutend und doch fröhlich zu den Menschen. + +Allen war grauenvoll zu Muth. + +Ist das auch ein Zeichen heut in der Neujahrsnacht? frug Christel. + +»Die Natur verstehe ich nicht auszulegen;« erwiederte der Prophet, »ich +sehe nur _Gesichte_. Aber etwas Aehnliches kann kommen. Denn das deutsche +Volk nimmt jetzt einen ungeheuren Anlauf zum Hohen und Großen, wie nie +zuvor; und unfehlbar auf immer; und wenn es Eines wird in Sinn und Geist, +würde es furchtbar allen Blinden und Taubstummen -- _wenn_ es nicht ein +treuer Hund wäre, der eher wacht und schützt, als raubt und verschlingt, +wie ein Wolf. Deswegen werden die vergrößerungssüchtigen, falschen -- +Türken seinen Herren falsche Angst machen; daß der Hund nun ein Ungeheuer +werden könnte, und bitten und rathen, und _befehlen_, daß ihm ein Schloß +vor den Mund gelegt werde, damit er nicht . . . reden lerne wie Bileams +Esel, und kaum klagen könne seine Nothdurft, aber nur dumpf, aber nicht +bellen noch beißen -- das treue arme gute Thier! Seht nur, wie Peter +blutet! heißt er nicht so? Denn was jetzt geschehen wird, das kann ein Kind +begreifen . . . aber in den dreißiger Jahren, wenn der Komet kommen wird +. . . da wird die Erde Angstschweiß schwitzen, wie ein Roß vor dem Kameel! +Und wie die Fliegen, die auf dem Rosse sitzen, von dem Angstschweiß +sterben; so werden die Menschen, die Fliegen und Würmer der Erde -- +sterben. Denn heut ist es ein Jahr, da klopfte es um Mitternacht an mein +Fenster. Ich horchte; aber ich las still fort in den großen Propheten. Da +klopfte es wieder. Ich sah hin -- es schwieg -- ich las fort. Aber -- ich +weiß nicht auf welche Weise, ich schlich leise zur Hausthür, und harrte. +Und als es zum dritten Mal pochte, riß ich die Thüre auf, um zu sehen, wer +. . . doch ich sah -- laßt mich schweigen -- ich sah _Jemand_ in einem +weißen langen Gewande, weiß, wie der Schnee . . und es blickte mich an mit +hohlen Augen . . . und es winkte mir fort -- und als ob ich von ihm an +einer Kette geführt würde, mußte ich folgen, und wir schritten durch das +mondhelle todtenstille Dorf auf den mondhellen todtenstillen Gottesacker -- +-- und die Pforten der Kirche standen offen, und es zog mich hinein, und +die Pforten fielen hinter uns zu, und die Schlösser verriegelten sich -- +die Gestalt deutete nach dem Altar, und versank vor meinen Füßen in die +Steine des Bodens, wie Wasser zerrinnt; und ich stand allein in der +mondhellen todtenstillen Kirche. Aber sie war heller als von einem bloßen +Monde, und so still, daß ich das Blut vor meinen Ohren sausen hörte, wie +Rauschen des Meeres. Und aus Furcht schritt ich zu dem Altar hin, wo es +heller war, und die Gestalten von Engeln wenigstens aus Stein gehauen um +mich waren. Aber da kamen vor meinen Augen -- wie drei goldene Kähne still +aus einem Wasser tauchen -- drei Särge aus dem Boden herauf, und an jedem +stand eine Jahrzahl, wie von einem inwendigen Feuer glühend und licht. Und +mich zog es wider meinen Willen hinzu, und ich mußte den Deckel des ersten +Sarges abheben -- und der Sarg war voll von warmem noch dampfendem +Menschenblut -- aber das Blut schrie leis und unaussprechlich bang zum +Himmel, wie ein neugebornes Kind schreit in seinen Windeln. Das Blut aber +wimmerte in drei Sprachen zum Himmel . . . und nannte drei Namen, und rief +über jeden Namen dreimal Wehe! -- und die Engel neben mir riefen: »Wehe!« +-- Und ich konnte es nicht ertragen. Und um Grausen mit Grausen zu +vertilgen, riß ich den Deckel vom zweiten Sarge . . . und ich sah . . . er +lag voll Menschengebeine . . . und die Gebeine regten sich und klapperten, +und dürre Hände falteten sich wie zu beten, und wollten sich aufstellen und +konnten nicht, und fielen immer wieder in die Asche zusammen, wie +Kartenhäuser den Kindern . . . . Und der tiefste Ton in der Orgel fing an +zu sausen und mit dem Tremulanten zu zittern, daß die steinernen Glieder +der Engel zitterten und klapperten; und die Steine der Kirche zitterten und +klapperten mit, und die Fenster klirrten; der Mond von draußen und das +Licht von drinnen erlosch, und ich stand in schwarzer Nacht. Und vom +Orgelchor sang eine einsame Stimme eines Knaben -- vom Tremulanten in einem +Tone begleitet, die Worte: »Und dann, wenn kein Elend mehr laut genug +ächzen kann, dann wird ein Schaafsterben kommen und die Hirten erschrecken. +Endlich muß Jeder dadurch einsehen: »Jeder sorgt zugleich für sich am +besten, wenn er für die Andern sorgt: für die Armen, die Hungernden und +Nackten, und die _zugleich_ arm, hungernd und nackt sind! Endlich soll nach +den sechstausend Jahren seit der Schöpfung im Paradiese, Gottes Ebenbild +und alle seine tausend kleine Bilder, nicht mehr tausendmal schlechter sein +als das Vieh, das sein Fell -- seine Kleidung, sein Gras -- seine Nahrung +hat für den Leib. Denn selbst das Vieh bleibt nur gesund und giebt Nutz, +wenn es sein Futter bekommt zu rechter Zeit. Aber demüthig, ohne Fell und +ohne Futter stehen noch Millionen Kinder Gottes und beten: »O Pest! Stecke +nicht durch uns die Reichen an, sondern eröffne die Augen derer, die Zungen +haben, daß der ungerechte Ueberfluß aufhört, und die überflüssigen Rechte, +daß nicht länger Unbarmherzigkeit sei auf Erden! Darum soll dein Name, o +Menschenvertilgerin, genannt werden: »Die endlich barmherzige Mutter der +Menschheit!« -- Da erklang ein ungeheurer Lärm von lauter verstimmten +Instrumenten, Geigen und Bässen, Fagotten und Hörnern und Trompeten und +Pauken; die Orgel aber spielte noch obendarein einen halben Ton tiefer +dazu, und ein _Gelächter_ erscholl, wie von hundert brüllenden Löwen. Ich +sah mich um, und alle Orgelpfeifen waren gleissende dicke Schlangen und +hatten Teufelsköpfe, und die Köpfe lachten alle; und eine große Schlange +zischte und gebot dem Gelächter Stille, und die Stimme sprach dann herab: +_Niemand ist barmherzig als Gott!_ Kein Teufel läßt einen Kreuzer aus +seinem Sacke Gold fahren; kein Gewaltiger läßt ein Haar nach von seinen +geerbten Rechten, als höchstens gezwungen ein Paar, um die übrigen sich zu +erhalten! Niemand ist barmherzig als Gott! Kein Teufel!« -- Und die Köpfe +verfielen wieder in ihr Gelächter, und lachten sie aus die Barmherzigkeit +der Menschen. -- Und wie mir da grauenvoll zu Muthe war -- siehe da +springen die Pforten der Kirche auf, und blendendes Licht bricht herein; +und die Halle bricht oben aus einander, und die Gewölbe und das Schiff der +Kirche bersten oben auseinander, und als wären die Mauern und Pfeiler und +Säulen von blauem Weihrauchduft, werden sie lichter und lichter, +durchsichtig und leicht, und duften nach und nach hinweg; und der tiefe +blaue Himmel ist droben und drunten und um mich. Und ein Stern, groß wie +zwölf Scheiben des Mondes, und weiß wie Schlehenblüthe, nahet da langsam +wie ein Mensch, kommt herein in den Raum, und ich weiche vor ihm bis an den +Altar, und er nahet und bleibt ruhig schwebend, wie die Sonne am Untergange +anschaubar stehen vor den drei Särgen. Und der Stern war -- ein großes +himmlisch-schönes Antlitz, und es blickte mit thränenfeuchten Augen auf die +Gebeine im zweiten Sarge, und das Blut aus dem ersten Sarge sprach wieder, +aber leise: Das ist _das leidende Gesicht der Menschheit!_ Sieh es an! -- +Und ich schaute es nun getroster an, und das Blut sprach: Siehst Du das +leidende Gesicht der Menschheit von solchem Nebel umblasen, daß es wie +blind ist und nicht gern die Augen aufmacht, weil ihm die Augen übergehen! +Verwegene Buben haben ihm Nießwurz unter die Nase gestrichen, und es muß +niesen, und schlägt mit dem Kinn auf das vor ihm zugemachte in Eisen +eingebundene harte Buch, worin es gern lesen möchte . . . die +Weltgeschichte. Das Haupt ist wie ein Engelshaupt, ohne Leib, ohne Hände +und Füße, und rückt nur höher wie die Sonne; aber in tausend Jahren nur +eine Spanne hoch, und sieht noch kaum die Erde vor Nebel und Glanz. Aber +ach, es hat auch nicht Flügel wie Engel, und es muß auf Erden bleiben, es +mag ihm gehen wie es will. Andere Dämonen wollten ihm die Augenlieder +abschneiden, wie griechisch-gläubige Kaiser ihrem Vorgänger, damit es +niemals schlafen könne, sondern nur, unschädlich, in einem irrigen Traume +dahin starre! Sieh nur; das kindlich fromme Gesicht hat Wunden über und +über aus tausend Kriegen, und Pestspuren, und sieht hungersatt, arbeitsmatt +und kummervoll aus, und trägt einen Ausdruck in seinen götterschönen Zügen, +der selbst dem härtesten Menschen das Herz im Leibe erweichen müßte, wenn +er eins hätte -- und ihm das leidende Gesicht der Menschheit einmal +erschiene. Du aber bist gewürdigt worden es zu sehen, und sage es nur, sage +nur die Wahrheit: das erbarmungswürdigste, ehrwürdigste, leidendste und +doch das schönste, was es geben kann, ist das leidende Gesicht der +Menschheit! -- -- Ich selbst nun wollte ihm einen frommen Trostspruch aus +Gotteswort in das Ohr rufen -- aber das Ohr war taub! und ich hatte zu viel +Ehrfurcht, um zu schreien; aber das Haupt neigte sich, wie ein +stillwahnsinniges Kind, und seine frommen großen milden Augen sahen +freundlich auf mich; über das Antlitz flog einmal -- ein trauriges Lächeln, +und die schönen Lippen zuckten, als wollten sie sprechen. Aber es bedeckte +seine Augen wie blaue Glockenblumen, mit den schöngewölbten, +langbewimperten Augenliedern -- und schwieg. Und ich rief außer mir: +»Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht; mit Gott im Himmel hadre nicht!« +und es war, als hätte das Haupt sein Herz in der Erde, und das Herz +desselben schlug laut unter mir, und hämmerte wie ein tiefes unterirdisches +Werk in stiller weithörender Nacht. -- Und der Chorknabe stand jetzt +drunten neben mir in himmelblauem Gewande und frug, und Thränen rannen ihm +dabei über seine reinen Wangen, er frug: »Ist es möglich, giebt es wohl so +harte selbstsüchtige Herzen, dies Himmelsantlitz so tief zu kränken! Ist es +möglich, ihm nicht alles Liebe und Holde zu thun, ihm selbst sein Herz zu +opfern -- nicht wie dem Abgott Fitzliputzli -- denn das Antlitz ist Gottes +Ebenbild und Gottes des Sohnes Ebenbild -- und was ihr ihm thut, das habt +ihr _ihm_ gethan -- _oder ihm »nicht« gethan_. Aber hast Du Muth zu sterben +und nur eine Viertelstunde todt zu sein (wenn Du, der schändlichen Welt +entrissen, nicht immer unter den Seligen bleiben willst), so will ich Dich +schauen lassen, welche Strafen und Qualen alle die leiden, die diesen +Himmelsaugen nur eine Thräne ausgepreßt, über die das in der Erde +schlagende Herz nur einmal verborgen geseufzet!« -- Und er sank hin vor +meinen Augen und starb und war todt -- und eine geheimnißvolle innere Macht +hielt mein Herz an, wie eine Uhr, nahm den Hauch aus meiner Brust und +schloß mir leicht und süß die Augen zu, und ich war gestorben und todt -- +aber ich wunderte mich, daß ich noch lebte, als der Knabe mir an einem +fremden Orte leuchtend entgegentrat, daß ich sah; aber Alles klarer, so daß +ich zugleich es einsah; und daß ich hörte, aber aus ungemessenen Fernen, +und doch Alles deutlich unterscheidbar und unterschieden. Und wir standen +auf einem Berge, mitten in grüner, großer Ebene, groß, wie dem Schiffer die +offenbare See um ihn her; doch die Ebene schien wie die Erde voll +Saatfelder, Bäche, Flüsse mit Bäumen besäumt, mit Hügeln und Felsen und +wunderlichen Gebäuden und altem Gemäuer besetzt, und sonderbare Gestalten +regten sich emsig im ganzen Gefilde. In der Mitte desselben stand ein +riesengroßer Kandelaber, und erleuchtete den ganzen Raum mit hellem +Purpurlicht; denn keine Sonne, kein Mond und kein Stern war hier zu sehen; +denn diese hatten noch alle ihre göttliche Arbeit in der lebendigen Welt. +Auf dem Kandelaber aber stand als rubinrothe Lampe -- ein Menschenherz. Es +war durchsichtig, und man sah das Blut in den Adern desselben umlaufen, und +zu den Ohren des Herzens lüfteten sich von Zeit zu Zeit lichte Flämmchen +heraus, wie wenn man Stahl in Lebensluft verbrennt; und in dem Kandelaber +liefen Röhren, wie Adern, hinauf, die dem leuchtenden Menschenherzen sein +Oel -- das vergossene Blut aus der Erde überall zusammensaugten und +heraufführten. _Wärme_ aber gab ein ungeheures Felsenthor in einem Gebirge +zur Seite, worin man Flammen brennen sah -- »das Feuer, das bereitet ist +vom Anbeginn« -- sagte mein Führer. Am Himmel waren keine Wolken zu sehen, +nur reine azurne Wand, aber in den vier Himmelsgegenden: vier himmelhohe +Bilder, nicht gemalt, sondern nur in Umrissen, ausgelegt mit +buntschimmernden falschen Edelsteinen. Ein Anblick, wie ihn selbst so groß +und erstaunend der gestirnte Himmel nicht zeigt, der dagegen nur aussieht, +wie eine -- blaue Wiese, oder eine blaue Höhe mit gelben Schmergelblumen. +Aber hier war Arbeit! Gegen Morgen ragte das Bild der _Herrschsucht_ empor, +und die Gestalt hatte ein Kind mit einer eisernen Spindel statt des +Rückgrates auf ihren Armen -- den _Stolz_, der eine barbarische verachtende +Unterlippe hatte, an welcher drei schwere Ordenskreuze hingen. Gegen Mittag +aber stand die _Habsucht_, mager und lauschend, mit gierig umhergreifenden +Händen wie Polypen, die jappend und schnappend im Leeren sich selber faßten +und ansaugten und fraßen; weil der Himmel umher, wie eine Wand mit +Eisenspitzen bewaffnet war, daß sie sich blutig ritzten. Gegen Norden aber +stand die _Furcht_, wie auf dem Sprunge zu entfliehen, aber zu schwer +gepanzert, als daß sie entfliehen konnte; und sie trug an ihrem Gürtel +viele Arten Waffen. Ihr Mund aber war mit Schlangenzähnen besetzt, und +statt des Herzens, sah man durch die Gestalt -- trug sie einen grünen +Beutel voll Scorpionen, und auf dem Beutel stand: »Das böse Gewissen.« +Gegen Abend aber stand die _Religion_, aber sonderbarer Weise nur als ein +großer Deckmantel abgebildet, mit wunderlichen Zeichen, Mützen, Ketten, +Bullen und Bullenbeißern und Fackeln farbig gestickt. Wie eine große +Gallerie aber lief, über den Köpfen der vier Riesenbilder, horizontal unter +der Kuppel des Himmels umher, ein breiter schwefelgelber Streif mit einer +schwarzen Umschrift, die aber nicht still harrte, wie eine andere Schrift, +bis sie Jemand läse; sondern sie rief immerfort selbst ihre eigenen Worte +laut umher aus: _Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Land._ Denn, +sagte mein Engel: Gott hat zwar gesagt im neunten Gebot: Du -- also +Jedermann, wer es sei, denn Gott redet jeden Erdenwurm aus +Machtvollkommenheit mit »Du« an: Du sollst nicht begehren Deines Nächsten +Haus; und im zehnten Gebote hat er gesagt: Du sollst nicht begehren Deines +Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh oder Alles, was sein ist. Aber weil der +gute Vater der Menschen nicht erst die Vermessenheit eines sterblichen +Sünders für möglich gehalten, daß Einer hunderttausend Häuser, nebst +Millionen Weibern, Millionen _Knechten_, Mägden, unzählbares Schaaf- auch +Rindvieh und Alles, was ihr ist, _begehren_, ja sogar _nehmen_, ja sogar +_behalten_ würde; darum steht nun hier deutlich ausgedrückt: Du sollst +nicht begehren Deines Nächsten Land! Auch hatte er jene Gebote nur mit dem +Finger auf stumme Steine geschrieben; darum spricht sich nun sein +erläutertes Gebot ohne Rast und Ruhe Tag und Nacht, wie von Gott gerufen, +selbst ganz laut aus, und Niemand kann die göttliche Stimme hemmen oder zum +Schweigen bringen, noch in sich und in Andern betäuben; denn sie übertönt +Alles, und nach ihr wird an jenem großen Tage ein Jeder unerbittlich +gerichtet werden. Denn wie soll der gerechte, ja der barmherzige Gott +Jemandem seine tausend Pfund, oder so etwas Heiliges wie sein Weib und +seine Kinder, seinen Vater und seine Mutter wiedergeben, und die Seligkeit +dazu, wenn ein Mensch so etwas Sorgenvolles und kurz Besessenes wie ein +Land, seinem Nächsten auf Erden nicht wiedergegeben? Die zehn Pfund! -- +Mitten in dem Aetherdome aber hing ein erstaunend und furchtbar großes +Kreuz, ganz einsam und allein, an einer langen, langen Wurzel des +Lebensbaumes herab; doch Christus hing nicht an dem Kreuze, sondern es war +nur verhüllt und umwunden mit schwarzem Trauerflor, und statt der +Inschrift: I. N. R. I., an der Stelle wo sein Haupt für die Menschheit +gestorben, glühten rubinroth die Worte: _Bis heute vergebens!_ Aber sie +riefen sich nicht selber laut aus über die Welt, wie des Gebotes Erfüllung: +Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Land, sondern sie schwiegen +unbeschreiblich wehmüthig anzublicken, und weinten immerfort, wie ein still +rinnender lebendiger Quell in Tropfen herab, die verblinkten wie Thau und +verdufteten wie Himmelsthau. Hoch droben aber, über dem Kreuze hing im +Schlusse der Kuppel des Alles umfangenden Aetherdomes die große Posaune zum +Weltgericht an Spinnenfäden; und ein Engel schwebte Wache um sie, mit einem +silbernen Mundstück in der immer bereiten Hand. -- Gerade unter dem +trauerumflorten gewaltigen Kreuze aber war ein Chor erbaut, auf welchem +sechshundert auf Erden ermordete Tyrannen und Herrscher, in Bärenhäute +gekleidet, saßen, mit ihren Weibern und Kindern und Brüdern und Schwestern +und Vätern und Müttern. Und ich hörte sie singen, und frug; und der Engel +antwortete mir: Höre nur, wie befangen, widerwillig und immer trotzig sie +singen; denn sie singen die Marseiller Hymne immer durch, und vom Ende +wieder zum Anfang in einem ewigen da Capo, bis der, wie ein feuriger Stahl +und Strahl auf die Erde gefallene Gesang, dessen gleichen seit Paulus +Worten nicht erscheinen, und seit welchem für die Menschheit das neue Reich +anhebt, bis er in ihr Haupt gestiegen, und wo möglich in ihr Herz, damit +ihre Seelen nicht verloren gehen. Denn das will der große Vater nicht! Sie +singen ihn aber zugleich zur Ermunterung der Millionen Arbeiter in diesem +großen Fabrikgefilde. Denn siehe, für alle Verbrechen muß erst +_Wiederersatz_ geleistet werden; und das konnten sie Alle nicht im Leben, +im immer gedrängtvollen, breit mit Werken besetzten Hause der Menschen; +darum müssen sie Schadenersatz und Genugthuung leisten im Tode. Und hier in +diesen Räumen -- dem Orte des Wiederersatzes -- hier ist unendlicher +unbehinderter Raum dazu, und unendliche unbehinderte Zeit. -- Denn ehe +nicht Jeder und Alle: Jedes und Alles wieder in den Stand gebracht, in +welchem es war, ehe er es verdorben, verwüstet oder zerstört, ehe kann ja +nicht _das Weltgericht_ beginnen, wo erst _die Sünde_ jeder That gewogen +und vergolten wird! Hier also ist die bloße Vorbereitung zum Weltgericht, +zum Gericht der Seelen, wo Herz und Nieren geprüft werden. Und der Engel +rief einen alten Griechen, der Gesanglehrer bei dieser Singacademie war, +und frug: Dionysius! Wer kann die Hymne? -- Sie singen und brummen alle die +Weise, die wir wissen: Du einem Menschen eingegeben hast; aber . . . aber +. . . ich will fragen! und nun frug er: -- He! Cäsar! -- Und mit Mühe und +Noth sang Cäsar -- der vor Lange unsern Calender verbessert -- den ersten +Vers:[A] »Sei uns gegrüßt du holde Freiheit! Zu dir ertönt froh der Gesang! +Du zerschlägst das Joch der Bezwinger, Du erhebst zu Tugend und Heil. Uns +zu erneu'n kehrst Du vom Himmel, längst deinen Geweihten ersehnt. Was hemmt +ihr Bezwinger, noch in verschworener Wuth die Erneuung? Mit Waffen in den +Kampf! für Freiheit und Recht!« -- und Alle fielen ein: »Wir nah'n, wir +nah'n! Beb' Miethlingsschwarm, entfliehe und stirb!« -- -- »Ja die +Chorworte wissen sie Alle!« sprach Dionysius lächelnd. »Aber, Richard der +Dritte! wie heißt der zweite Vers?« -- Und Richard wußte den Anfang nicht, +und stammelte die zweite Hälfte. »Ihr, die zum Vieh Menschen entwürdigt, +Unmenschen, ihr trotzt noch jetzt? Ihr straft, wo ein Gedank' ertönt, und +erzwingt fühllosen Gehorsam . . .« »Und der sechste Vers . . . Landvoigt +Geßler! wie lautet der?« -- Und Geßler stand auf wie ein großer Schulknabe +und brummte: »Und es erträgt zahllose Heere, die wie der Feind lasten und +drohen, nur genährt zum Dienste der Willkür, dem Gewerb' und Pfluge +geraubt! Und es erträgt Kriege des Throns, Arglisten und Launen ein Spiel! +und Jammer!« -- -- -- Da erscholl eine dumpfe gesprungene eiserne Glocke, +und läutete Mittag; und plötzliche Ruhe und tiefes Schweigen ward überall. +Vom Himmel aber regnete es Mannakörner, aber nicht zur Speise, nur statt +derselben. Denn ich kostete ein Korn, und es war bitter mit Galle gewürzt +-- damit _die Genugthuenden_ immerwährend nur einen bittern Geschmack im +Munde hätten, wie mein Führer sagte; und Becher mit Thränen gefüllt, welche +Menschen einst über sie geweint, gingen herum; aber nur die sonst am +durstigsten Gewesenen, setzten sie kaum an die Lippen, und gaben sie +weiter. Und während die Ersatzleistenden von ihrer Arbeit feierten, ging +ich in ihren Werkstätten umher, und sah und besah, was sie geleistet oder +noch zu leisten hatten; und ich erstaunte und sah vor Verwunderung empor -- +da zog am Himmel sich ein Augenlied von einem Auge weg, das ich nicht +bemerkt hatte, und ein Donnerschlag erklang durch das ganze Gefild. Und +mein Führer sprach: »Entsetze Dich nicht! Lilith, des Teufels Großmutter, +schlägt ihr Wächterauge auf, um zu sehen, ob die Genugthuenden diesen +halben Tag genug gethan? Denn ein teuflisches Weib sieht am meisten, und +sieht am eh'sten, was fehlt; denn sie weiß am besten, was sie selber +unterlassen und verbrechen würde. Darum ist sie die Wächterin, und so oft +sie ihr Auge aufthut, fällt ein Donnerschlag, und die Trägen erschrecken +und fallen mit Hast auf ihr Werk. Aber hörst Du? Sie lacht! Hohngelächter! +Denn Nichts ist vollendet. Und Alles ist schwer zu thun, aber Ersatz zu +leisten am schwersten.« Und das sah ich nun selbst. Denn nicht weit von uns +stand die unbeschreiblich schöne Charlotte Corday; vor ihr lag der todte +frischerhaltene Marat mit noch bluttriefender Brust, und sie sollte die +Wunde des Dolches heilen; um sie standen alle köstlichen Salben, lagen +Geräthe und Binden -- aber sie saß nur, das Werk bedenkend, in tieferem +Schweigen, und düsterer Verdruß stand auf ihrem schönen ängstlichen +Gesicht. Weiterhin stand _Napoleon_ und hatte dem erschossenen _Palm_ die +Kugel aus dem Herzen gezogen, und hoffte ihn wieder lebendig zu seiner +Wittwe und seinen Kindern nach Erlangen zuschicken. Und ich sprach +verwundert: _Napoleon lebt ja noch auf der Erde_, und er steht doch auch +schon hier unten und leistet Ersatz! -- Ja, sprach mein Führer: »Der Leib +ist nicht der Mensch, sondern seine Seele, sein Wille. Der Mensch besteht +aus so vielen Thaten als er gethan hat, guten und bösen -- und mit jeder +That stirbt er einmal und stellt sich fest in ihren Reichen, in dem seligen +oder dem unseligen Werke; und so siehst Du Napoleon dort eben wieder; aber +einen andern seines Gepräges -- wie er dreimal hundert tausend Franzosen, +die erfroren sind, durch seinen Trotz und sein blindes Gottvertrauen auf +linden Winter, wieder durch Schnee, oder durch was er sonst meint und dazu +begehrt, lebendig machen soll, und so, daß Keinem mehr eine Zehe schmerzt, +oder eine Nase roth wird, wenn Nordwind streicht. Eher kommt er nicht von +hinnen. Und dort steht noch ein Napoleon, der den _Schill_ in der heiligen +Arbeit hat. Denn jeder Mensch muß selbst das entgelten, was er Andern +befohlen hat, die gehorchen mußten; und die da schlechte unmenschliche +Befehle vollzogen, müssen eben noch selbst auch dasselbe entgelten; denn +dort arbeiten noch zehn Andere an dem Herzog von Enghien, die ihn +erschossen haben, und jeder Einzelne hat seinen eigenen Herzog vor sich und +für sich. Darum siehst Du auch hier im Gefilde so wenige Könige und +Fürsten; meist nur die erbärmlichen Handlanger, Rathgeber und heimlichen +Regenten der Leidenschaften und Leiden der Regierenden: -- ihre Frauen, +Geliebte, Leibärzte, Kammerhusaren, Beichtväter, ja oft auch nur ihren Koch +oder Hofnarren in mannigfach angezogener Person. Denn die Fürsten sind gut, +und thäten gewiß lauter Königliches, wenn sie lauter edle Könige zu +Freunden hätten, nicht unzähliges Volk dazu wählen müßten, das sich in +Respect vor ihnen verhüllt, wie in eine Nebelkappe, so daß sie nie einen +Menschen sehen; denn ein ächter Mensch ist wahr und frei, weil er gut ist, +und gut, weil er frei ist, und nur das Gute, die Freiheit will und die +Wahrheit.« -- Und so erstaunt' ich nicht mehr so stark, als ich eine +verwüstete und verbrannte Stadt sah, die ich an ihrem schönen Dome als +Magdeburg erkannte, und keine Seele war darin -- als _Tilly_, der +Mutter-Seelen allein eine Kirche wieder aufbaute, die er zerstört. In den +einigen Jahrhunderten hatte er nun Ziegel gestrichen, Grund gegraben, und +war fast mit dem Sockel heraus; aber indem er hier mauerte, war dort ein +Theil vom Wetter schon wieder verwaschen und aufgelöset -- und er sah mich +wüthend an, als ich ihn lachend ansah. Eben so gewahrte ich _Suwarow_ im +Hemde arbeitend, wie er Warschau wieder baute -- und ich sah ihn auch +wieder vor einer dabei liegenden Festung -- Ismael -- wo er dreißigtausend +Menschen wieder Athem einblasen sollte. »So geht's dem treuen Diener der +Mutter!« sprach er; einem Throne dienen, und Gott, oder nur den schofeln +Menschen, ist ein Unterschied wie Suwarow oben und Suwarow drunten! Und er +sah mich wüthend an, als ich ihn lachend ansah. Weiterhin aber gewahrte ich +_wahre_ Kriegsräthe, die unübersehbares Elend gut zu machen hatten hier +unten, ob es gleich Gott der Herr wieder droben gut gemacht, so weit das +selbst der Allmacht möglich ist in der Zeit. Sie fingen aber ihr Werk +gründlicher an, als Charlotte Corday mit Marat -- sie studirten die Natur, +und Einzelne versuchten Einzelnes nachzumachen, Diese: Augen; Andere: Adern +und Nerven, wozu ihnen alle Zuthat unentgeldlich geliefert ward. Aber +Manche saßen schon Jahrtausende und sahen ganz schimmlig und ganz zerdacht +aus, und waren noch nicht mit der Bildung eines Auges zu Stande gekommen, +das nicht sah! geschweige mit einem Ohre, das nicht hörte! Andere hatten +zwar Zungen fertig liegen, aber sie _schmeckten_ nichts; denn es fehlte der +Jemand, der Geist dazu, den sie aus dem Tode nicht wieder in den beinahe +vollendeten künstlichen Leib herauf beschwören noch beten konnten, und +studirten nun: erst nur einen Geist zu machen. Kurz, ihre Arbeit war +schwer, und mehrere, selbst alte deutsche Minister und Kriegsräthe hatten +siebzig bis achtzig tausend Menschen herzustellen, die Pferde und Ochsen +ungerechnet -- die sie nachher machen wollten, oder sich an ihre Stelle +gestellen; und zum Trocknen der Thränen und Aufwaschen des Blutes wollten +sie sich Weiberkleider anziehen, wenn sie bis zu der letzten Arbeit gelangt +wären. Einige theuer bezahlte Engländer aber bauten türkische Flotten in +griechischen Häfen, und waren fast damit -- bis auf die Türken selber -- +fertig, und fluchten ein God dam nach dem andern, daß ich entsetzt mich +entfernte. -- »Du wunderst Dich, über diese unerlassenen +Wiederherstellungen,« sprach mein Begleiter. »Und eure Könige fordern für +einen elenden Hirsch oder einen jämmerlichen Hasen erschrecklichen Ersatz +und Strafen, wenn Jemand eines dieser unvernünftigen Thiere in ihren +Thiergärten gebürscht. Aber in _Gottes Garten_ soll Alles frei stehen zu +verwüsten und zu zerschlagen, selber der Mensch! Aber seid ihr nicht besser +als viele Sperlinge? Und sind nicht alle eure Haare auf euren Häuptern +gezählt, geschweige eure Adern und Gebeine, eure Thränen und Kinder! Du +guter Narr! Und wisse: Auch Tyrannei, Gräuel und Mord darf kein Mensch +tyrannisch, graunvoll und mörderisch wieder gut machen, noch Unrecht auf +ungerechte Art. Glaube ja nicht, daß die Herrscher Alles thun, weder alles +Gute noch alles Böse; sie thun in Wahrheit sehr wenig in dem großen +Erdenleben, sondern bewachen das Volk bloß wie ein Nachtigallfreund die +Ameisen, welche die Eier ihm dahin tragen, wo er ihnen ein Grübchen gemacht +und mit Laub bedeckt. Das Volk thut Alles sich selbst, das Meiste aber +durch sein Leiden, und alle eigene Hülfe soll bloß die sein, daß Alle +besser werden, und wo möglich gut sind; dann fällt Unvernunft und +Gewaltthat nimmer es an, wie keine Leichenwürmer und Asseln den Leichnam +Christi, geschweige seinen lebendigen Leib, noch gar seinen verklärten, zu +welchem die Menschen ja werden sollen!« -- Ich schwieg tief betroffen und +überzeugt, ging beschämt von ihm -- und sprach mit Andern aus verschiedenen +Völkern; und Alle verstanden mich, und ich verstand Alle; denn hier galt +der Sinn der Rede wie Blumenduft, und die Worte waren nur wie erschütterte +Luft, die ihn fort- und hinführte. Aber auch hohle Gebilde sah ich reglos +liegen, denn ihr Geist war jetzt -- wo Nacht auf Erden war -- hinauf +geschwebt als Träume, damit sie ihre Söhne oder Freunde bewegten: das zu +halten für sie, was sie einmal versprochen und nicht gehalten. Und ich +rührte die entgeisterten Gebilde an, und sie zuckten wie Chrysaliden und +ihr Gesicht war in blutigem Angstschweiß gebadet und sah unbeschreiblich +flehentlich aus -- so flehentlich wahrscheinlich, wie ihre Seele jetzt bat: +ihr gegebenes heiliges Wort zu lösen! Und Grauen und Mitleid erfaßte mich +um die Elenden -- und ich sah mich selbst -- meine eigene hohle Gestalt, +die durch mein Nahen beseelt, wie rasend über mich herfiel, -- und vor +Schreck -- erwachte ich . . . in der Kirche, und als ich zu mir gekommen +war, faßte ich mir zum Troste meinen Begleiter an der Hand. Und als ich +mich in dem leeren Raume umsah, sprach er: »Du wirst das leidende Gesicht +der Menschheit wiedersehen . . im Kleinen abgedrückt auf allen +Menschengesichtern in dieser Zeit; aber groß und erschütternd zu schauen, +wird _es selber_ lebendig wiederkommen am Himmel . . . und _es wird der +Komet sein!_ Der Komet, der in zwanzig Jahren erscheinen wird, um ihnen +Frist zu lassen. Das Antlitz wird stumm fragen, tief in alle Augen und +Herzen blicken, und Schrecken über alle Bösen und Säumigen bringen, +Schrecken über Alle, die sich vor dem Volke fürchten mehr als vor Gott; die +da aus Selbsterhaltung fürchten ihm Gutes zu thun und sein göttliches Recht +und seine göttlichen Gaben ihm auszuhändigen, -- als sei Gottes Ebenbild +des Teufels Ebenbild, und die Menschen lauter Teufel! nicht: arme Kinder +der Erde, leicht froh zu machen und durch eine kleine Gabe herzlich +dankbar, und schwer weinend vor Schmerz und leicht schluchzend vor Freude! +-- Du aber verschweige nicht dies Gesicht; denn alle Engel Gottes schützen +den mit übergewaltigen Händen, der selber schuldlos und arglos im Herzen, +nur will: daß Keinem ein Uebles geschehe, selbst einem Wurme nicht, und der +durch himmlische Gesichte und Gottes unfehlbare Gerichte die Zweifelnden +warnt: nicht darein zu verfallen, sondern durch jede ihrer Thaten sich +täglich hinauf in das selige Reich zu stellen _und tausend Engel zu werden +aus einem Menschen_, und zu leuchten wie die Sterne; denn die Gerechten +sollen leuchten wie die Sterne; aber diejenigen, die da wissen, daß die +Gerechtigkeit nur göttliche Milde und feurige Liebe sei, und _Liebe_ üben, +die sollen leuchten wie die _Sonnen_ -- und Sonnen _sein!_ + +[Fußnote A: Von Johann Heinrich Voß.] + + + + +X. + + +Der redliche Mann hatte sich selbst ganz erweicht durch seine Worte. Die +ganze Angst, die er für alle Andern in seinem reinen besorgten Herzen +fühlte, stand sichtbar auf seinem glühenden Gesicht. Er trieb nach Hause, +und dort griff er sogleich nach dem Stabe, um diese Nacht noch weiter zu +gehn; Krieg, der ihn kannte, machte keine Einwendungen, sondern erklärte +bloß: er selber bleibe da. Auch Christel bat nicht; sondern von seinen +Bildern und Worten fromm ergriffen, segnete sie seinen Weg. Ihr war, als +müsse seinem klaren Auge die Nacht helle sein und der Weg licht; die Steine +müßten vor seinem Fuße wegrollen, und die Kinder aus den Dörfern kommen und +seine Hände küssen, weil er es gar so wohl, gar so herzlich meinte -- und +sie küßte ihm selber die Hände zum Abschied, worüber er sie lächelnd ansah. +-- »Ihr wollt noch etwas wissen?« frug er als Menschenkenner . . . »Was in +dem _dritten_ Sarge war? Meint Ihr, Goldstücke, die daraus emporflogen wie +flügge Vögeleier, und die sich im Fluge verwandelten in bunte Spielsachen +der großen und kleinen Kinder, in Pferde, Häuser, Kirchen, Schäfereien, +kurz in die goldene Zeit! -- Ja wohl. Aber nicht so. Es lagen darin die +Urkunden der Nachwelt; Landkarten mit den neuen Grenzen; blutig +unterstrichene Städte und Dörfer mit den zwei Schwertern dabei, zum Zeichen +der bei denselben zu liefernden Schlacht. -- Dann Volkslieder, und wie soll +ich es ausdrücken: gedämpfte Kronen; mattgoldene Scepter mit +Pergamentrollen umwunden, und kleine geschnitzte Modelle zu Thronen, alle +mit eines gewissen Rousseau Bildniß in Brillanten. Dazu aber die Namen +derer, die in fünfzig Jahren darauf sitzen werden; denn das kann ein Kind +begreifen, daß alle jetzigen Daraufsitzer alsdann zu Staube sein werden, so +herzhaft sie jetzt auch noch reiten, befehlen und unterschreiben. Wie es +aber dann sein wird; und wie die von ihrem Anführer zehn Jahr angeführten +oder betrogenen Franzosen dann im _Geiste_ wiederkommen werden, also +mächtig unschlagbar und gar nicht todt zu machen, und wie sie für ihre +Erlösung dann dankbar sein werden, nämlich ein bloßes Licht, das will ich +meinem lieben Vorkämpfer des deutschen Volkes getreulich, aber geheim +berichten! Denn Wissen ist dem Guten gut!« -- + +»Ach nein!« sagte Christel, »das kümmert uns nicht, und Gott Vater auch +nicht, denn der wird alles ohne Sorge und Mühe gewißlich thun; und wie +Wecker sagt, weiß Er gewiß auch so viel von der heiligen Rechnenkunst: ob +fünfzig Familien oder fünfzig Millionen Familien mehr sind; ich wollte nur +wissen, wie es _uns_ ergehen wird in dieser Zeit?« -- »Euch?« frug der +Prophet sich verwundernd, »Euch, meine liebe Frau Christel, und Eurem +ganzen Hause wird es immer wohl, ganz wohl gehen! denn also seht Ihr mir +aus! Wie der Mensch lebt, so geschieht ihm. Wie er ist, so ist ihm! Das +kann ein Kind begreifen. Drum ist es mir auch immer wohl ergangen, und wird +mir immer wohl gehn, so lange ich weiß -- daß ich bin. Länger braucht es +nicht. Lebt wohl!« + +So ging der alte Mann allein fort in der Nacht, von einem innern Drange +unaufhaltsam hingezogen. _Krieg_ hatte nicht geglaubt, daß er ohne ihn, +ohne Ausruhe, gleich wirklich jetzt um Mitternacht sich aufmachen werde, +und er that ihm leid, schon als er hundert Schritt auf dem Wege nicht mehr +zu sehen war. Er wollte ihm nachrufen, auf ihn zu warten; aber sein guter +-- Verstand hielt ihn davon ab. Und sie waren kaum hineingetreten, als sie +hörten, daß doppelte Wache vor Haus- und Hofthür angestellt ward. Sie +schliefen aber ruhig; bis am Morgen St. Etienne herüber kam und erstaunte +und frug, wo der fremde Wahrsager sei? Er erfuhr die Wahrheit und sandte +ihm Flüche nach, weil ein wenig Sauerteig von einem Narren, ein ganzes +landgroßes Backfaß zu Narren machen könnte; wenn auch solche neue Mähren +nur schädlich würden, wenn sie Jemand glaubte und wahr machen wollte! Oder +wahr machte . . . was möglich sei -- wie das Türkenthum oder die +Peterskirche. Und der Unglücklichen wären jetzt sehr viel, und der +Hoffenden noch mehr -- und die wollten alle einen Kern in ihre hohlen +Nüsse, und ein Bild in den leeren Rahmen ihres Gehirns. Und zum Beweise +seiner Rede setzte er zornig hinzu: »Bei uns hat man Länder -- das ganze +große Reich -- nach dem Spiel Karten einer Mamsell aus der Normandie +regiert und wird nach ihren Karten verspielen, ja sterben! Nun, laßt ihn, +laßt ihn laufen; wer weiß, wem er mit seinem Hirngespinnst die Augen blind +macht, daß er die Zeit nicht sieht, und ihm ein Brett vor die Stirn hängt, +das zehn Tischler nicht durchschroppen können -- weil es unsichtbar ist! Ja +das Herz kann er damit versteinern und Männer zu furchtsamen Hasen machen +-- laßt den Hasenfuß laufen! Doch zwei Husaren . . .« + +Der Leinweber Krieg sprach aber beherzt den Vers darein: »Er ließ keinen +Menschen ihnen Schaden thun, und strafte Könige um ihretwillen. Tastet +meine Gesalbten nicht an, und thut meinen Propheten kein Leid!« -- St. +Etienne aber sagte: »Weil Ihr unserer Frau Christel Pathe seid . . . +versteht Ihr mich! . .« + +Christel schwieg. Denn so geneigt sie ihr Herz dem unbekannten Bruder +fühlte, so gefürchtet und widerlich waren ihr seine freundlichen Blicke, +und seine zutraulichen Reden mit ihr; und ihr war nur freier zu Muth, wenn +er zürnte und grob war, oder wenn er recht log oder großsprach; dann war +dem guten Weibe das Herz leicht; denn an der Stelle der Neigung quoll dann +das Blut feindselig in ihrem Herzen. Und mit ihm war ja das Unglück ins +Haus gekommen. Mit ihm hatte sie das Zutrauen zur Welt und den Verlaß auf +sich selbst verloren. Er war an allem Unglücke Schuld, oder hatte seine +Hände dabei mit im Spiel, was ihren lieben Johannes betroffen, ja was der +Großvater gethan hatte und deswegen jetzt noch litt. Und dennoch _weinte_ +sie im Geheimen nur über Alles -- auch über den verhaßten Etienne! Als sie +sich aber eines Abends Zeit genommen bei Licht zu spinnen, und er erst +heimlich nur mit dem Schatten ihrer schönen, an der Wand sich bewegenden +Haare gespielt; dann als er sich sogar geneigt und das liebliche schwarze +Bild ihres sich auf den Faden neigenden Gesichtes geküßt hatte, worauf sie, +wie aus Versehn, den Rocken angezündet, um eine halblächerliche und +halbgefährliche Beschäftigung auf die Bahn zu bringen, um alle Fenster +aufzumachen, ihn in dem Rauch und der Kälte stehen zu lassen, und selbst zu +Johannes hinüber zu gehen oder zu flüchten; -- als er angefangen von seinem +Golde für den schweren Bedarf in ihrem Hause einzukaufen und mit zu sorgen; +-- -- als er sie eines Morgens an den Stall geführt, die Thüre aufgestoßen, +und ihr ihre beiden schönen Kühe wieder gezeigt, und als sie ihn darauf +sogar an der Hand gehalten, oder sie gar gedrückt hatte, sie wußte das +nicht gewiß, da sprach sie nur zu sich; »Ich weiß nicht wie mir ist! Aber +Zeit ist es, daß . . . daß . . . .« Und sie wußte nicht, was geschehen +sollte oder möchte. + +Darum war es ihr willkommen -- ein gutes Werk zu thun, und in die Stadt zu +_Dorothea_ zu gehn, deren Namen nennen zu hören sie jedoch erschütterte, +aber mit Muth: unter tausend Feinden, ja unter hunderttausend Freunden: +_Christel_ zu sein und zu bleiben. Paschalis schrieb ihr nämlich ein Blatt +voll -- »_Hauszeitungen_.« Dorothea hatte einen Frauenverein gestiftet, die +Verwundeten und Kranken zu pflegen. Sie hatte aber nicht nur Geld und +Leinwand gegeben, wie viele Andere, sondern sich selbst als Pflegerin +gestellt, vielleicht als Opfer. Doch mit eigensinniger Auswahl hatte sie +nur solche Opfer ihres Vaterlandes übernommen, deren Wunden an Kopf oder +Brust -- Lanzenwunden, also wahrscheinlich Kosakenwunden waren. Jetzt lag +sie an der mitgebrachten Krankheit darnieder, und begehrte herzlich nach +Christel. Und wie die Tochter bat, flehte auch der Vater nach ihr -- »nur +auf kurze Zeit! Denn die Zeit der Kranken rinnt durch eine zerbrochene +Sanduhr; ihr Leben ist Sand und ihr Leib ist Glas und der Mensch überhaupt +nur Vexier -- _Erde_ -- nur durch Einschmelzen in das ewige läuternde Feuer +wieder aus Staube zu einem Gefäß zu blasen, und bleibt Blase, worin sich +die Welt nur schimmernd spiegelt, hier die Erde oder dort die Sonne, der +Himmel oder die Hölle!« -- + +Der Brief war vom 20. Februar 1814. In der Nachschrift stand: »Kann ein +Selbst- oder Andere-Beherrscher in ein gesundes feindliches Land +pestbehaftete Soldaten schicken, oder kranke angesteckte Soldaten in alle +gesunden Dörfer ihrer eigenen Heimath -- nach Hause schicken; so darf ein +Mensch, ein wahrer Vater wohl einmal die Pflegemutter seiner Tochter +bitten: in ihrer letzten Krankheit zu ihr zu kommen. »Völkerrecht -- +Hausrecht!« Ich habe gebeten, -- das Kommen nun steht bei Euch. Ich sage +Euch aber aufrichtig: Eure _Kinder_ bitten: Ihr sollt nicht kommen! Daniel +aber gesteht doch: der _Großvater_ wundere sich, daß er Euch noch mit +keinem Auge in seinem Kerker gesehen habe, und meine: er habe das +verdient.« -- + +Der Christel war der Sinn der Worte des Briefes zu hoch, und sie verstand +nicht: _durch_ dieselben das zerrissene Gemüth des Vaters zu sehen, der, um +seine Leiden nicht ewig fühlen zu müssen, lieber gewünscht hätte -- neu +eingeschmolzen zu werden und überall -- auch in der Sonne . . . . im Himmel +. . . . oder in der Hölle schmelzbar oder zerbrechlich zu sein. Aber die +Weiber werden von dem Unverständlichen oder Unverstandenen am tiefsten +ergriffen, und leben und bewegen sich darum so sicher und froh in der Welt, +weil sie ihre Gefühle und Gedanken ganz unbehindert hineinlegen können, und +unbeschränkt darinnen verbreiten. Und so erschütterte der Brief ihre Seele. +Die Nachschrift aber erinnerte sie an Anderer Grausamkeit; -- an die guten, +für sie fürchtenden Kinder; -- an den Großvater, der seine Leiden meinte zu +verdienen, indeß sie den durch ihn erlösten Johannes besaß und genoß; und +so war sie weiblich wunderlich, grade entschieden, diesen ihren Johannes zu +verlassen und grade zu den _sie liebenden_ Kindern hinzueilen! Und ihr Herz +war doppelt froh. + +Die Ereignisse erleichterten ihr aber auch den Gang. Die Verbündeten hatten +an demselben Tage Mainz berannt. Die Soldaten, die noch draußen auf den +Dörfern sich genährt, und gesund erhalten hatten, waren alle, bis auf +hundert Mann, aus Zahlbach fort, hineingezogen -- und in ihrem Hause lag +nur noch St. Etienne allein. Dagegen war nun der Leineweber Krieg bei +Johannes, bei welchem er bleiben mußte: denn er war durch eine +Vorpostenkette rund abgesperrt, und konnte nirgends hinaus nach der nahen +Heimath. Die Feinde standen sogar in _Britzenheim_ nur eine Viertelstunde +von Zahlbach. Dieses ihres schönen freundlichen Dorfes Schicksal war voraus +zu sehen, und Johannes trieb seine liebe Christel nicht allein zu dem Gange +nach Mainz, sondern er bat sie auch dort zu bleiben. Denn die Einwohner von +Zahlbach vergalten jetzt den braven Mainzern ihre tagtäglichen Spaziergänge +zu ihnen heraus, die Sonntagsfeste und Morgen- und Abendbesuche unter ihren +grünen Weinlauben, Kastanienbäumen und Wallnußbäumen, und flüchtete, jetzt +ihr -- Vieh in die Häuser der Stadt, ihre Habe und Gut, ja Weiber und +Kinder; denn das Dorf war kein Dorf mehr, sondern nur eine Caserne. Die +Clubbistenschanze stand mit Kanonen bespickt und mit Soldaten besetzt, +deren Vorhut im Dorfe stand, das nun der Belagerungsschauplatz werden +mußte. Und so hatte Christel nur eine Bitte: daß Johannes mit ihr in die +sichere Festung Mainz käme! Er aber wollte sein Erbe nicht Preis geben, und +Alles zu Grunde gehen lassen, ohne es so lange wie möglich geschützt -- und +dann seinen Untergang wenigstens selbst mit angesehen zu haben. Und so +zeigte er jetzt den Muth des Landmanns, den Muth, den er seiner Christel +unlängst mit kurzen aber wahren Worten versichert; und er wollte nicht sich +selber, was sie besaßen, für sich bewahren, sondern eben für seine Christel +und ihre Kinder. Und so gut er ihr war, so fest blieb er bei seinem +Vorsatz, wenn er ihn auch nur in halblauten milden Worten mehr andeutete +als vertheidigte. »Thut es Noth,« sprach er, sie bei der Hand fassend, +»dann bist Du bei mir, oder ich bei Dir -- wie der Herr trifft. Denn die +Soldaten laden und feuern nur los -- auf Gottes Gnade und in Gottes blauen +Himmel.« + +Da nun auch ihr Pathe Leinweber Krieg dablieb, der als vieljähriger Wittwer +sein Hauswesen und selbst Küche und Heerd und Töpfe zu seiner eigenen +Zufriedenheit wohl bestellt, ja wie er sagte, sich sogar nie eine +sogenannte Suppe versalzen habe, die -- er nicht habe essen können oder +müssen; so brachte Christel ihr Haus in enge, leicht übersehliche Ordnung, +führte die beiden Männer in Stall, in Keller, in Hausgewölbe bedächtig und +belehrend umher, und deckte alles auf, und wieder zu, damit sie wüßten, wo, +wieviel und in wie gutem Zustande alles vorhanden sei; klopfte mit dem +Knöchel des Fingers an die ganzen Töpfe, und stellte die wenigen bei Seite, +die einen Riß hatten, aber doch noch gute trockene Dienste leisteten; wobei +der Pathe versprach, einen sogenannten Ring von Draht um dieselben zu +legen, oder nach Verdienst und Würdigkeit dieser alten stillen Freunde und +Hausgenossen, sie über und über in Ketten und Banden zu legen, oder zu +überstricken. Als sie dann auch beide, Einer nach dem Andern, in die +Rauchkammer hatten gucken müssen, was sie, des Rauches wegen, mit +zugemachten Augen gethan, und als der Gevatter Pathe die prächtig gefärbten +starken wohlriechenden Schinken, Speckseiten und Würste -- aus Liebe und +Zutrauen zu Christel -- mit Verwunderung über das sogenannte quale et +quantum aufrichtig gelobt hatte, so war die Uebergabe geschehen; und +Christel stand im Hause als sei sie überflüssig, verborgt, verschenkt oder +verkauft, und ihr war zu Muthe, sie wußte nicht wie. Sie legte an die +Bestellung des Abendessens keine Hand an, schlich nur einmal heimlich +nachsehen, schürete das Feuer, legte, wie ein kleines Mädchen, spielend ein +Scheitchen mit zu, nahm es aber aus Rechtschaffenheit wieder weg und +löschte es in der Asche aus -- und legte es doch wieder ins Feuer, weil es +einmal angebrannt war und verrathen hätte, daß sie die Küchenmeisterin +gemacht. Dann setzte sie sich an den Tisch wie ein Gast beim +Kirchweihfeste, ließ lächelnd decken und auftragen und Jedem und sich +selber austhun und aß -- ob ihr gleich vor Bangigkeit kein Bissen schmeckte +-- von allem recht viel, und lobte die Speisen und die zwei Köche, die +dasmal nichts versalzen noch verdorben, und vermahnte sie scherzhaft so +fortzufahren! St. Etienne war über Nacht auf dem Posten; und Johannes ließ +in der Ferne der ruhigen Zeiten dem Gevatter Pathen, zur Dankbarkeit für +seinen Beistand, wieder die Aussicht auf einen fröhlichen Kindtaufenschmauß +erblicken, bei einer kleinen _neuen_ Clementine, oder am liebsten: der +alten vorigen -- wenn der Herr seiner Christel _dieselbe_ wieder in +ähnlicher Gestalt in die Wiege legen wolle. Ihre in Thränen schwimmenden +Augen aber verlöschten die Aussicht wieder, und sie saßen still, dankten +still, und standen still vom Tische auf, nachdem sie ihrem Johannes noch +einmal die Hand über das weiße Tuch hinüber gereicht, um seines Lebens +Wärme zu empfinden und von seinem Dasein recht handgreiflich überzeugt zu +werden. Dann aber sprach sie als gute Wirthin nur leicht: »Aber ihr alten +Kinder, das ist ein _gutes_ Tischtuch! Jetzt verrichten es die mittlen. Und +ihr kleckt nicht wie die Kleinen -- zur großen Wäsche bin ich wieder zu +Hause.« + +Dann gingen sie ruhen. Am Morgen aber stand sie allein schon lange vor Tage +auf. Ihr Johannes schlief zu fest; so ließ sie ihn schlafen. Aber wie sie +an die Thür trat, hatte er ihr im gelben Morgenscheine, eine fahle +todtenähnliche Farbe auf Gesicht und Händen. Sie trat hastig hinzu, und sah +-- aber er athmete leis und schlief so ruhig -- und ruhig ging sie weg, +während Daniels Monats-Täuberich, schon früh auf im Taubenschlage, über +ihnen im Giebelfelde zu Neste heulte und trommelte. Wenn aber ein +zukunftskundiger Mann oder ein Geist, der das kleine Leben der Menschen +überschaut, sie gesehen hätte so ruhig hinweggehen, der hätte gesagt: + + So schlummert der Wandrer + Voll sicherer Gnüge + Im eigenen Hause + Noch einmal, auf lange, + Der sorglos und trauend + Am blühenden Morgen + Von Weib und von Kindern + Dann scheidet, kaum einmal + Sich umsieht -- und hingeht, + Wo jählings am Abend + Der Tod ihn ereilet, + Ihn schweigend die Fremde + Verschlingt und zurückhält; + Und Heimath und Hütte + Mit Bäumen und Blumen + Sie bleiben auf immer + Still hinter ihm stehen, + Und ruhig bescheint sie + Die leuchtende Sonne! + + + + +XI. + + +Nun traf es sich, daß an diesem Tage St. Etienne's Geburtstag fiel. Da er +aus so vielen Landen und Schlachten glücklich wieder bis in die Gegend +seiner Heimath gelangt, so war er nicht ohne Schadenfreude, nämlich über +seine geheilten Wunden; und wenn der Soldat keinen Sonntag hat, als wenn +die Sonne scheint, und keinen Feiertag, als wenn er im Feuer steht, so war +ihm in alle dem wüsten Leben nur noch der Tag, durch den er da war, im +Herzen geblieben, und zwar ihm nicht mehr werth, als eben sein unvergnügtes +Dasein jetzt selber, aber doch so viel, und in dem heutigen Tage lag die +Erinnerung alle der frühern -- glücklichen -- mit. Auch machte ihn wohl der +Verdruß ernst, daß Christel fehlte und ferner nicht da sein sollte. Und so +setzte er sich bei drei Flaschen vaterländischen Rheinwein hin -- und +begehrte die Bibel; und Johannes brachte die große Bibel von Christels +Vater und Seinem, und ließ ihn allein zur Andacht. + +St. Etienne besah den gepreßten Deckel, schlug ihn um -- und fand von +seines Vaters treubekannter Hand: »seine liebe Tochter _Christel_« darinnen +verzeichnet, und seine Schwester _Martha_ und die andern Geschwister und +sich selbst. Und er las das: + +»Mein lieber Sohn _Steffen_, den Gott gedeihen lasse, ward mir geboren +während der unsichtbaren Sonnenfinsterniß, den« -- -- + +Aber die Augen gingen ihm über. Und er trank hastig ein Glas Wein nach dem +andern, schlug dann das wohlbekannte Buch zu, legte sich zugleich mit den +Lippen darauf, als wenn er Vater, Mutter, Geschwister und Schwester +Christel darin küssen wollte, blieb dann lang mit dem Gesicht darauf +liegen, bis er Alles durchgedacht; dann richtete er sich auf, legte die +gefalteten Hände auf die Bibel, und blieb so sitzen. Er war heim. Denn er +hatte keine andere Heimath mehr, und wußte nicht welcher Stein diese Nacht +noch sein Ruhekissen werden könnte, und welcher Rasen sein Deckbette. -- +»Welches Unglück! Wenn nun meine Schwester nicht ein Weib -- wie Christel +war, sondern ein Weib, wie -- ich weiß nicht wie viel!« dachte er. »Aber +wenn die andern zu albern-guten Dinger auch nicht _meines_ Vaters Töchter +sind -- haben sie nicht alle einen Vater: _Einen!_« -- Dabei schlug er mit +der Hand noch auf gut soldatisch auf die Bibel; aber die Hand kam, von +Scheu gemäßigt, nur sanft darauf hernieder. »Heute möchte ich Feldprediger +sein! wenn wir welche hätten! Aber das sieht der Kaiser ein, daß _Der_, +dessen Wort er lehrt, und die, die ihm alle Augenblicke Hohn sprechen, sich +nicht wohl passen. _Der_, -- warum nicht einmal wieder den Namen nennen -- +Jesus weinte über seine Vaterstadt, die sein Vaterland war; aber König +darüber mochte er nicht sein, noch weniger: sich durch hunderttausend +Umbringungen von seinen Brüdern als Herrscher erhalten -- und _herrscht +doch_, aber _inwendig_ in den Menschen allein. Das Inwendigherrschen ist +andern nicht respektabel genug! Das macht ihm kein Teufel nach, selbst +unser Allergnädigster nicht. Es ist aus mit Ihm! Ich bin auch nichts mehr! +Wir Alle sind nichts! Und zu erkennen geben kann ich mich nicht. Als wir im +Siege waren, da redeten unsere Thaten. Nun im Verluste . . . mußte ich +nicht ruhmredig werden, aufthauen wie ein altes Weib, das von ihrer +Schönheit spricht, die einmal über ihr Gesicht gefahren, wie die Hand über +. . . »den Verräther der Menschheit.« Mußte ich nicht beschönigen und +lügen! Großthun! Aufschneiden, um nur vor den Leuten bei Ansehen zu +bleiben; und selber bei mir nicht vor Scham zu vergehn! Plagte mich nicht +der deutsche Ahnen- und Titel-Teufel: mich für eines großen Mannes Sohn +auszugeben, für eines Generalpächters Sohn, der wahrscheinlich eines +Prinzen Sohn gewesen -- weil er mit der ganzen noblen Gesellschaft das +Hasenpanier ergriffen, anno: anno! Dies Jahr! wo es wieder andre Noble +ergreifen werden! O Hasenpanier! Du bist allgegenwärtig! Und ich, ich +möchte dich auch ergreifen, wenn ich nicht Sergeant wäre! Und _den großen +Unglücklichen_ verlasse ich nicht! Und mich auch nicht! Sitze, mein +Stephan, und thue Gutes! Vielleicht lernst Du noch wieder beten -- wenn das +die Noth lehrt! Wir sind aber gelehrt: eher auf die Nase zu fallen, als auf +die Kniee. Doch Unglück schickt sich! Und nun sang er, halbberauscht, gar +den neuen Vers: + + Soll Unglück sich schicken. + Stößt man sich am Grase, + Und fällt auf den Rücken + Und bricht sich -- die Nase! + +sang aber noch ärger dafür: + + Man fällt auf die Nase + Und bricht sich -- den Rücken! + +Dabei sank er selbst auf den Rücken, dämmerte ein, schloß die Augen und +redete dann halbschlafend, halbträumend: »Sacre: wenn meine Kinder in +Rußland jetzt vielleicht die Knute kriegen, das sollte mich doch +verdrießen! Oder wenn Einer von meinen Buben in Italien sollte Horas +singen, oder, was Gott verhüten möge, in Rom einmal gar Papst werden; oder +ein Schlingel wie der Mufti; oder in Spanien endlich ein Großinquisitor; +alles und jedes möglich . . . denn was ist, oder das türkische Verhängniß +beriefe mein Söhnlein aus Aegypten, und er würde ein Großthier -- wie der +Groß . . . das sollte mich doch verdrießen! Oder wenn gar eine oder die +andere von meinen unbekannten lieben Töchtern -- gewiß jetzt schon recht +hübsche Mädchen! -- das werden sollten, was ihre Mütter waren, +Ehebrecherinnen, oder erlöste Nonnen und Contessinnen -- --« + +Er ward wüthend und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß sie blutete, +und schwere Bibel und Weinflasche wie vor Schreck in die Höh' sprangen. +Aber sich erinnernd, setzte er leiser nur grimmiger noch hinzu: + +Doch Unglück schickt sich! + +Schickt sich . . . . schickt sich . . . . murrt' er und murmelt' er. +Unglück schickt sich nicht! Nicht einmal der Teufel schickt es. Wir machen +es selber. Unglück -- Ungeschick! Unglücklich -- unschicklich . . . . . . +Na! das _dortige_ Unglück! Die Schönheit macht alles ausstehbar! . . . _Das +hiesige_ aber hat sich nicht geschickt, und hätte sich nicht geschickt. +»Steffen! mein Steffen!« würde der Vater sagen . . und die Mutter -- -- +ach, es ist doch nichts besser als eine Mutter! -- Rief sie nicht? -- + +»Mutter, hie bin ich!« rief er, erweckte sich selbst, sprang auf -- und +_Johannes_ stand vor ihm. + +Und Stephan war verwandelt, und sah ihn mit großen Augen an, ergriff das +Glas, setzte es aber derb nieder, um nicht zu verrathen, daß er sich +schäme. Und Johannes wischte die Bibel vom Wein ab. + +»Haltet das Buch in Ehren, Johannes!« sprach Stephan; »es macht gute +Freunde!« + +Und so war es auch von nun an. Stephan schob auf den Soldaten, als einen +mit Willen und Geheiß bewaffnet »losgelassenen Mordläufer«[A], oder Subject +aus einer Menagerie, was er auf den Menschen nehmen sollte, der in dem +rasenden Tiger steckt oder gesteckt wird, und meinte: »mit Hunderttausenden +dergleichen Subjecten losgelassen zu werden, vermehre die Wuth +hunderttausendfach, und aller alten todten Soldaten Geist, ja aller +heidnischen alten Armeen Dämon -- denn bloß die christlichen Völker haben +den Teufel -- fahre in _einen_ neuen Soldaten; und mit dem angezogenen +Rocke ziehe der vernünftigste Mensch seinen Menschen aus, wie der frömmste +Mönch, der des Papstes Kleider auf seine paar öffentlichen Jahre anziehe. +Das sei Kastengeist, und die ganze Welt stecke separirt in tausend +dergleichen Kasten, wie in Tollhauskammern und werde gleich wieder +gescheid, wenn sie herauskomme, und wieder dumm und toll, so wie sie wieder +hineinfahre, Berlicke! Berlocke! Berlicke! Berlocke! Wenn ein Mensch im +Kriege seinen Feind auf Händen tragen und füttern wolle, wie sein kleines +Kind -- das wäre gegen Ordre, und ginge nicht! Und wenn ein Mensch zu Hause +-- nicht anderleuts Vater und Bruder, sondern bloß _seinen_ Vater, _seine_ +Geschwister und seine Kinder so mit Bajonetten zerfleischen und mit Kugeln +zerfetzen wolle, und Haus und Hof sich selber über dem Kopfe anstecken +wolle . . . das ginge nicht! Johannes möge das glauben!« + +[Fußnote A: In Indien geht Jeder einem solchen weit aus dem Wege.] + +Und Johannes glaubte das redlich, und der Leinweber Krieg, der da meinte: +es wundre ihn nur, daß Alle, oder ein Paar nur, was schon genug wäre, nicht +glaubten: daß _Alle Gottes_ Kinder wären! -- Stephan sprach erst nur so, +weil der Ruhm der Seinen jetzt vom Sturme aus Deutschland zerblasen ward, +wie eine reife Distel -- »_gefressen!_« sprach er satyrisch im Stillen; da +er jedoch sich zu Hause bei den Seinen fühlte, so ward diese seine gute +Gesinnung allgemach redlich, und er sagte laut zu Johannes, daß er für sie +alle -- und meinte Christel -- einmal in eine _verlorene_ Schlacht gehen +wolle, geschweige alles andere thun. -- Mehr könne ein ehrliebender Soldat +sich nicht erbieten! Er trieb Johannes, daß er ginge und Christel holte, +weil er ihr etwas gar Wunderschönes zu sagen habe von ihm und von ihr! + +Christel aber schickte von selbst nach Johannes, aber mit sehr gelassenen +Worten, weil sie wußte, daß solche bei ihm stets hinreichten, ihr alles zu +thun, und schon eine Bitte ihn verlegen machte vor Rührung, so daß er oft +darüber sie bittend angesehen, als bitte er um Schonung. Und um vielleicht +ihm jetzt einen Schreck zu ersparen, hatte sie diesmal so spät, vielleicht +zu spät geschickt. + +Er eilte also bloß mit der Lust und Hoffnung: sie wieder zu sehn, nach der +Stadt. Es dämmerte schon. Die letzten Dohlen flogen zu Rüste. Der Himmel +war schwarz umwölkt -- denn aus schwarzen Wolken fällt der weiße Schnee -- +und der Wind wehte mit den Flocken, wie Kinder Flaumfedern vor sich her +blasen, um sie nicht auf die Erde zu lassen; -- und wirklich: er hörte im +Felde _Kinder_ rufen . . . aber so weit rechts ab, daß er im Winde seine +eigenen Kinder _nicht erkannte_. Und doch stand er und horchte, ob sie +nicht riefen, vor Angst sich zu verirren? oder nach Hülfe? Und sein Herz +klopfte laut, und er stand auf dem Sprunge hinüber zu eilen. Aber er freute +sich; denn die Kinder riefen nur: »Mutter! Mutter!« -- Und wie ein +Traumbild sah er auch ein Weib -- sein eigenes Weib, seine Christel, stehen +bleiben, und etwas Dunkles, wahrscheinlich ein kleines Kind, auf den Arm +nehmen -- das sein kleines Sophiechen war. Und er freute sich wie das Kind, +daß es die Mutter hatte, und daß das Weinen still ward, und die Mutter +wieder den beiden andern größeren Kindern voranschritt oder sprang! -- kam +es ihm vor. Und das Weib hatte in dem Nebelflor des Schneegeflirres ein +gespenstisches Ansehen; und wenn er scharf genug sahe, so war sie nur halb +bekleidet, und die Haare flatterten ihr in dem Winde voraus. Nun that ihm +die arme Frau leid, die jetzt in den Thalweg nach Britzenheim zu verschwand +. . und die Kinder verschwanden ihm hinter ihr -- und alles war weg! Er +lehnte sich an das hohe rothe Kreuz am Scheidewege, das im Winter ein +Wegweiser war, und starrte noch eine Weile hin; aber es blieb still; und er +hörte nur den Schnee säuseln; in der Ferne den Wind pfeifen; und wie der +Wind herstrich, hörte er auch die Mühle von Zahlbach gehen; und die Mühle +von Britzenheim; und dort in dem Dorfe ward Licht, und ein langer Schein +strahlte davon bis zu ihm her, und weiter hinaus in den Himmel. Ihm +grauste. Er schritt hastig zu, nur von dem Gedanken getröstet: Das Dorf sei +nicht weit, und ehe er in Mainz sei, seien die Kinderchen und das arme Weib +in Britzenheim! + +Er eilte nun durch die wohlbekannten Straßen der Stadt nach Paschalis +Wohnung. Er durfte an keine Thüre klopfen, denn sie standen offen; aber in +allen Zimmern -- Niemand! Keine Christel! Kein Daniel! Kein Sophiechen! +Kein Gotthelf! Kein froher Kinderruf: »Vater!« kein »Willkommen!« schallte +ihm wo entgegen. Ueberall Niemand. Bis er durch das Wohnzimmer hindurch +ging, worin nach hinten hinaus noch eine Thür war, und vielleicht Menschen +dahinter. Vielleicht dachte er, sind sie alle bei Dorothea! Die Thüre war, +wie ein Schrank, nur mit dem Schlüssel aufzumachen; er merkte also nicht, +daß sie verschlossen gewesen. + +Beim Dämmer einer an drei vergoldeten Ketten hängenden rubinrothen Lampe +erkannte er aber nur an ihrer Kleidung das treue Mädchen, das an jenem +Abende neben dem englischen Kutscher die vier Kühe vom Bocke gefahren. Mit +dem Gesicht lag sie, wie eingeschlafen, auf einem Gebetbuch mit goldenem +Schnitt. Medizinflaschen und Gläser und Tassen und Schächtelchen auf dem +Tische, waren alle beiseite an die Wand geschoben; und auf dem weißen +Bette, mit zurückgezogenen grünseidenen Vorhängen, lag Dorothea, wie er +meinte, sehr leise schlafend, und hatte gewiß gebetet; denn ihre Hände +waren ausgestreckt und gefaltet. Jetzt fuhr das Mädchen in die Höhe, als +habe sie Dorothea gerufen. Sie sprang zu ihr; sah nach ihr; besann sich +aber, seufzte ein tiefes Ach; und kehrte sich leise von ihr um; und +erschrack vor Johannes, daß er selber erschrack, und beide sich fragend +anstarrten. -- + +». . . Schläft sie?« frug er leise. + +»Sie schläft;« antwortete das Mädchen; »aber Ihr könnt laut reden, +Johannes; sie schläft fest.« Und doch sagte sie das auch nur halblaut vor +Furcht oder Ehrfurcht. + +». . . Also ist ihr wohl und besser?« frug er zutrauensvoller. + +»Wohl. Und besser. So bleibt ihr nun gewiß;« erwiederte sie. + +». . . Nun ich gönne das Glück unserem Herrn Paschalis! Der wird sich +freuen!« sagte Johannes mit Augen, die vor Mitfreude glänzten. »Die liebe +ehrenwerthe Tochter war seine Lust und sein Leben!« -- + +»Und kann nun sein Tod sein!« sprach das Mädchen. Und die Worte schnitten +Johannes und ihr in das Herz, und sie schluchzte vor Thränen. Und als +Johannes einen Schritt näher zum Bette gethan, und forschender hingesehen, +trat er zurück, sank auf den Stuhl, und lag nun mit seinem Gesicht über dem +Buche, wo vorhin des Mädchens Gesicht gelegen, und die Blätter waren noch +naß. Aber er fühlte es nicht, sondern weinte frische, warme Thränen zu +ihren kalten. + +»Gönnt ihr die Ruhe!« sprach das Mädchen, »Ihr war zu schrecklich zu Muth. +Sie hat viel Gutes gethan, aber ich denke, ich denke, warum! Es war so kein +rechtes Gutes, denn sie war in Eifer, ja öfter in Wuth dabei. Und wenn sie +sich auch die Krankheit geholt, und zum Tode krank daran danieder gelegen, +so ist sie doch nicht daran gestorben -- spricht der Licentiat, sondern an +einer gewissen _Furcht_, die aber _gewiß_ wäre, an einer Furcht vor einer +sogar guten Hoffnung; sagte er einmal dem Vater, der sich über das Wort vor +die Stirn schlug, als gehörte sein Kopf einem Andern von Holze. Eure liebe +Frau Christel hat es mit angesehen und mit angehört, noch in der letzten +Nacht, wie Dorothea in weißen Nachtkleidern aufsprang, uns ansah, ohne uns +zu sehen, und so recht herzlich Jemanden frug: »Sage mir nur: Wer an dem +ganzen Unheile Schuld ist? Kann der Morgen herkommen mit seinen Seuchen und +Teufeln, wenn der Abend nicht hingeht und ihn holt? Und saß der Abendstern +auf dem Thron, wenn noch die alte Nacht darauf saß mit ihren Gespenstern! +Ist also Jemand Schuld an der neuen Zeit, als die alte tyrannische, elende +Zeit, als das alte Glück an dem neuen Unglück? Die Könige des vorigen +Jahrhunderts an den Königen des jetzt laufenden! O, daß alles Unheil liefe, +verliefe wie Wasser aus Thränen und Blut, und ich mit darauf hinschwämme zu +der großen Pforte hinein, schön und hoch und golden und purpurn wie das +Abendroth! Aber sage mir auch, ob sich noch heute Teufel in Menschengestalt +verwandeln können, und _ein_ Teufel in sieben Gestalten, eine teuflisch wie +die Andere; in der einen -- siebenarmigen -- Hand sieben blitzende Säbel, +und in der andern siebenarmigen Hand sieben Flaschen alten Rhein! -- Und +sage mir nur: giebt es auch sieben Tode? -- -- Und sieben Gewissen -- und +sieben Schlangen in Jedem! -- Ah!« -- -- So phantasirte die arme Dorothee. +Dann sank sie vor Schreck um, schrie Hülfe, rang sich mit Jemand wild +umher, ächzte, und lag dann lange wie todt -- dann sprang sie wüthend auf, +starrte umher, daß uns die Haare zu Berge stiegen, zerschlug den Spiegel, +oder ihr Bild darin, daß die Stücken umher flogen, und zertrat das letzte, +aus dem sie noch ihr eigenes Auge ansah. »Aber,« frug sie dann höhnisch +lachend: »wäre es _für die Welt_ nicht besser: Ich wäre sieben +Kaiserstöchter! Oder nur sieben Königstöchter! Aber mein Vater ist auch ein +König, und ein ganz Anderer, und das ist besser für den Himmel; besonders +wenn er seine arme Tochter in den Himmel nimmt, und die sieben Teufel in +die Hölle stößt. Aber Gott auf Erden thut nur Alles mittelbar. Und ich muß +auch so thun? Nicht wahr!« -- -- Und dann lachte sie recht heimlich aber +seelenfroh, und versicherte den, mit welchem sie sprach: . . . »Ich habe +gethan! Das Gewölbe hat gethan; der Wein hat gethan; und -- die Thür hat +gethan! und das Letzte das Beste! Aber meinst Du nicht, mir wäre doch +besser jetzt und in der abscheulichen Zukunft; selber im Himmel wäre mir +und dem sündigen Herrn Paschalis besser, wenn Er . . . nein, wollte ich +sagen, wenn die sieben Teufel alle andere Gebote nicht gehalten hätten, +alle nicht: Das Erste, das Zweite, das Dritte, Vierte, Fünfte -- -- +Siebente, Achte, das Neunte, das Zehnte nicht -- aber nur Eines, das Eine, +ein einziges Mal!« Und dann weinte sie aus geschlossenen Augen, und zählte +dann wieder die Teufel: Einer, Zwei, Drei, Vier, Fünf -- -- -- dann +erwachte sie aus ihren Gedanken, und fuhr, erschrocken vor uns, daß wir da +gewesen, und fuhr in das Bett, wie ein Gespenst, zog die Tücher über sich, +und wir hörten sie darunter dumpf mit den Zähnen klappen, und dazwischen +noch aus ihrem Traume die behaltenen wieder auftauchenden Worte murmeln: +»Es wäre doch gut für die Welt: ich wäre Sieben Königstöchter; denn die +Sieben Kaiserstöchter hätten Sieben Väter, und die Sieben Väter hätten +Sieben Herzen und Sieben Steuer solchen Unglücks« -- -- -- -- + +Das Mädchen deckte jetzt den weißen Schleier von Dorotheas Gesicht und +Brust; und wie sie so schön und ruhig lag, und ganz unverstehlich und +unausforschlich lächelte, sprach ihre Pflegerin zu Johannes: »Seht nur, ob +Sieben Königstöchter schöner sein können! Seht nur getrost hin: Sie ist nun +eine Königstochter! Und eines ganz andern Königs Tochter, der ein ganz +anderes Herz hat.« + +Sie schwieg; denn die Thüre ging auf, und ein französischer Soldat, in +feiner Uniform mit dem Orden der Ehrenlegion geschmückt, trat herein; +Johannes erkannte den jungen Herrn von Ellenroth, der als Soldat noch +einmal so männlich, und in seinem Schmerz noch einmal so schön, ihn mild +begrüßte. Er wollte leis aber gerade zu Dorothea hingehen, als wenn sie +noch lebte; aber er blieb vor ihr stehen, wandte sein Gesicht zurück, und +sagte: »Wie kann man das so bald vergessen, daß Du todt bist! Ach nur, weil +ich es nicht glauben kann, daß Du todt sein sollst; weil Du in mir so fort +lebendig mir da bist, wie je, und aus mir, und mit mir schaltest, wie Du +willst, und _wolltest!_« -- Er nahm den Orden von der Brust, und sagte +leis: »Doch . . . hier ist der Orden der Ehre, für die Sieben Kosaken, die +ich Dir zum Opfer gebracht in diesen Tagen, die diesen Deinen Sterbetag +mich erwarten ließen. Mit Erlaubniß der Obern wurden sie mein, und so viel +ich erlegen kann oder will. Aber Sieben sind genug -- und nun falle ich +Andern zum Opfer, ohne mich zu wehren. Der _Achte_ aber liegt schon +_verwundet_ bei Johannes, und ist heilig; und da er ein Prophet unter +seinem Volke ist, wie sie sagen, so ziehe der _Unglücksvogel_ heim und +prophezeie! Und noch aus seinem Grabe dringe seine Stimme, wenn er da +hinunter gestiegen! -- Das waren schwere Tage, mein Johannes!« sprach er +jetzt noch milder. »Wir sind Leidensgefährten! Denn Eure Christel, von +derselben Krankheit befallen, sehr krank, irr, und immer noch hülfreich +auch in ihrem Wahn -- ob sie gleich wirklich gehört, daß Wecker in +Britzenheim als Spion sitzt, und morgen, ich weiß nicht wie: abgethan +werden soll -- Eure Christel ist entsprungen! Und Daniel und die anderen +Kinder hinter der Mutter! Ihr nach, nach Ihr; kein Winkel ist im Hause +undurchsucht -- und in den Straßen hat man sie nicht gesehen; denn jetzt +hat Jeder seine eigene Noth; aber im Thore, das nach Zahlbach führt, meinte +eine Kastanienfrau, es wäre ihr wohl so, als wenn ein halbgekleidetes Weib +hindurch geschlichen wäre, und bald nachher drei Kinder, wovon das kleinste +nach warmen Kästen (Kastanien) verlangt. -- Ihr müßt sie begegnet haben -- +sonst ist Paschalis umsonst ihr nach. Ich verließ ihn im Thore; und daher +komm' ich, noch naß von den Flocken.« + +Johannes hörte ihn kaum aus, und eilte von hinnen. Ihm war Alles im Innern +klar. Nun hatte er sein Weib gesehen! Das waren seine Kinder gewesen! Doch +er verirrte sich noch erst in Paschalis Hause, in den Zimmern, kam in die +Kinderstube und sah seiner Kinder weggehangene Kleidchen und die +Spielsachen, und Christels Bett, und die kleinen Bettchen; drunten an der +Hausthür aber erwartete ihn sitzend der Hund Peter, der ihm als seinem +Brodherrn nachgelaufen war, und jetzt fröhlich an ihm emporsprang. Dann +eilte er durch die Gasse voll Menschen und Kinder, die dem Zapfenstreich +mit türkischer Musik nachliefen, durch das Thor ganz geblendet ins Freie, +und auf der Straße in Sturm und Wetter dahin; und wie er sein Weib und die +Kinder vorher wie Gespenster gesehen, so schwebten sie jetzt in der dunkeln +Nacht ihm wieder vor seinen Augen, luftig, und unerreichlich, immer voraus; +und an dem hohen Kreuze stolperte er und fiel mit dem Gesicht in den +Schnee. Er besann sich, wo er war; und während ihn der Hund mit der Pfote +scharrte und um ihn herum boll, betete er an diesem Zeichen der +angefangenen Erlösung in der Angst um Rettung den Vers: »Nun danket Alle +Gott!« Und aus der verhallten Neujahrsnacht erklangen ihm wieder die +Posaunen vom Dome dazu, und die Freudenschüsse fielen, und die Eule kam, +und der Hund erinnerte ihn an den Hund, und sein Gebell an seinen Gang. Und +er sprang auf, schlug nun den Thalweg nach Britzenheim ein, sah schon das +Licht in der Mühle -- aber da sah ihn auch der Posten der Vorhut, und +donnerte ihm sein: »Zurück,« entgegen. + +Denn das Wort war ein Donnerkeil, und spaltete sein Herz. Seine Fragen +waren umsonst, denn die Wache war eben erst abgelöst; seine Bitten waren +umsonst, denn der von seiner Erzählung nicht ungerührte Soldat aus dem +Elsaß, fragte ihn nur: »Ob er wolle, daß er erschossen werde? Denn seine +Bitte begehre seinen Kopf. Und wenn er auch kein Spion sei -- so könne er +durch einige fünfzig Stockschläge einer werden, indem er in aller Unschuld +nur Alles treulich sage, wie es in Mainz aussehe? und wo die Wache stehe? +und so könne er vielleicht hundert Mann um ihr Leben bringen, durch hundert +Schritte vorwärts. -- Wenn Euer Weib hierzu gekommen ist, so hat sie sich +vielleicht in dem Schneewetter, ungesehen, glücklich zwischen den Posten +durchgeschlichen nach Britzenheim.« -- + +Der redliche Johannes war traurig überzeugt, blieb aber doch noch lange +Zeit neben dem Manne sitzen, bis er vor Gedanken fast einschlief, und das +Kommen der neuen Wache ihn weckte, und er still nach Hause schlich, den +Pathen im Bette weckte, und ihm sein Herz ausschüttete, und seine Thränen +still in sein Kissen. + +Vom frühesten Morgen des, auf die betrübte Nacht schön anbrechenden +Sonntags durchstrich und durchmusterte Johannes bei Sonnenlicht mit noch +brennenden Augen, nebst Petern als Hauptperson, und dem Pathen Leinweber +und einem gutwilligen Nachbar die ganze engbeschlossene Gegend, so weit er +es durfte. Zuerst stellte er sich auf den Ort, wo ihm Christel und die +Kinder verschwunden waren; ging der Richtung nach, suchte Fußtapfen auf, +ließ Petern auf die Fährte -- aber die Tritte waren vom eingefallenen +Schnee verweht und verschüttet, und der Hund sah ihm rathlos in die Augen. +Johannes starrte betrübt in die stille, sonnenblitzende Ferne, die ein +schweres Geheimniß für ihn bedeckte, indeß es doch gewiß an seinem Orte ein +offenbares war, und er weinte die lächelnde Sonne an. Darauf ging er -- als +Gottesdienst -- den Vater besuchen, den er gestern vergessen hatte, wie +Jemanden, den er im Sichern wußte. Der Leinweber Krieg aber ging in den +Krug, um vor Mißmuth und Trauer den Baß zum Tanze zu streichen; im Grunde +aber, um von irgend Jemand aus der Menge ein Wort zu hören, da das Volk +Alles erfährt, Alles weiß; weil Alles sich meist auf unentdeckte und oft +auf unbegreifliche Weise viel schneller hinaus und umher verbreitet, als +schnaufende Pferde mit Schnellreitern und ledernen Täschchen die Kunde +berichten. Er traf aber hier nur Soldaten; denn selber die Tanzjungfern +waren Soldaten, die sich zierlich verkleidet hatten, damit doch wenigstens +Weiberkleider zu sehen und zu fassen wären. Steffen hatte den Kummer im +Hause gemerkt, fragte ihn jetzt weit leichter dem Bassisten ab, erschrack, +bedachte, gebot ihm Schweigen, und versprach ihm Hülfe. + +Und nicht ganz vergebens. Denn schon am Morgen hatte er einen »Blauspecht« +gefangen, wie er sich ausdrückte, der in Britzenheim gestanden, und nun die +gewöhnliche Soldatenbeichte ablegen mußte. Und so ließ sich der +heimgekehrte Johannes nun selber erzählen, daß ein Weib in das Dorf +gekommen, und drei Kinder; und der Wirth hätte sie wohl gekannt und wohl +aufgenommen in diesen schweren Tagen, »wo die Menschen wunderlich +durcheinander geworfen würden, damit das Volk desto mehr Gelegenheit hätte, +sein Herz zu beweisen;« wie ein alter närrischer Kerl gesagt, den man als +Spion eingebracht mit einer großen Ruthe. Das Weib aber sei schwer krank, +die Kinder aber gar wohl, bis auf den Gram um die Mutter. + +Der Gefangene ward in die Stadt geführt, und Johannes begleitete ihn ein +Stück, um Alles noch einmal zuhören, oder nur noch einen kleinen neuen +Umstand. Aber die wiederholten Worte brannten in Johannes Herz nur +schmerzlich und tief das Verlangen ein: um jeden Preis zu seiner Christel +hindurch zu dringen, und zu seinen Kindern -- da sie nicht zu ihm nach +Hause konnten. Er wäre gern auf den Thurm gestiegen, um nur nach +Britzenheim zu sehen; aber des alten Vaters Frommholz wegen war er sogar +nicht mehr in die Kirche gekommen, weil da der Altar stand, woran _sein_ +Erlöser vom Kriege gekniet und gebetet hatte; und er sah keinen Pfarrer +darauf, nur immer den alten Zimmerman; und er war ihm theurer, und erschien +ihm eben so liebend und fürsorgend, als der alte gute weißbärtige +Zimmermann Joseph, der auf dem Altarblatte den Esel mit seiner +_anbefohlenen_ Maria mit ihrem Kinde, am Strick nach Egypten zog, aber seit +mehr als hundert Jahren noch keinen Schritt weiter gekommen war; und der +Esel hatte noch immer die Distel am Wege nicht erschnappt; und die Distel +war nicht verblüht, und der alte Joseph zerrte unermüdlich noch immer an +dem morgenländischen vierbeinigen Wagen mit dünnhaarigem Schwanze; und sein +Gesicht sah nur staubig aus, aber nicht von egyptischem Sande, sondern vom +Kirchenstaube. So unverändert kniete in seiner blauen Jacke, die Axt zur +Seite, ihm auch der eigene wahre alte fromme Vater Frommholz; und so war +der arme Johannes denn auch um den Trost von Gottes Worte aus des Magisters +Lademann Munde. Außer der Vermuthung: daß sich die Seinen wahrscheinlich +bei dem Richter befänden, der in Krieges- und Friedenszeiten Vieles umsonst +zu tragen und Alles im Dorfe zu verantworten hat; daß sie, als im +Nachbardorfe, dort bekannt oder doch nicht fremd, und jedenfalls bei +Menschen, und unter dem alten treuen Himmel wären, von welchem klarer als +die Sonne, aber noch stiller und ganz verborgen ein Auge herabblicken und +aller Menschen Geschick bewachen soll -- außer dieser Vermuthung tröstete +ihn nur sein Entschluß, zu ihr durch die Vorpostenkette zu dringen, und +hielt ihn hin, wie die Menschen sind, von Tage zu Tage, von Nacht zu Nacht +mit dem Bewußtsein, er könne ihn ausführen, in welcher Nacht er wolle -- +und auch in der Nacht schlummre und schlafe das Auge nicht, und sei nicht +untergegangen, wie die eigentlich doch treulose Sonne; und das Eine Auge +sei dann tausend Augen, und schieße zu Zeiten goldene Blicke, wie Gestrahl +eines fallenden Sternes. + +Johannes theilte sein Vorhaben dem Pathen Gevatter mit, -- + +»Ich gehe zwar mit, wenn Ihr geht,« sprach dieser; »denn ich habe den +sogenannten Propheten im Stiche gelassen, und das treibt mich aus Reue mit +Euch. Aber ich rathe uns Beiden: nicht zu gehen! Die sogenannten Feinde +können näher heranrücken, Zahlbach nehmen, und sich vor die Schanze legen +-- dann kann _Christel_ herein -- oder noch her begraben werden, wenn sie +gestorben ist; oder wir, das heißt, unsere sogenannten Freunde, können +einen Ausfall machen, und Britzenheim _nehmen_, wie man so einen Jammer +kurz umschreibt, da er kein sogenannter Diebstahl noch Raubmord ist; und +dann könnt _Ihr_ zu Christel und den Kindern hinaus. Ich rathe Euch zu +Geduld! Denn mit Geduld kommt der Mensch sehr weit, unglaublich weit, und +ist aller Verhältnisse gelassener Herr, besonders weil die Welt _keine_ +Geduld hat, am wenigsten aber mein hungriger Namensvetter, der Krieg, die +große Lappenpuppe, die aus lauter Magen und Geldbeuteln besteht! Und nichts +ist für den Menschen erschrecklicher, als wenn Gott _morgen_ einen sichern +glücklichen Weg für uns macht, und wir, wir machen einen unsichern +unglücklichen -- _heute_. Etwa heute die Nacht! Selber einen alten +Handwerksburschen, einen sogenannten Steuerbruder, der gewiß niemals mehr +zu einem dreibeinigen Sitze kam, oder gar zu seinem eigenen sogenannten +Werstbänkel, den lumpigen lebensmatten Gesellen hörte ich lustig einmal in +die Morgenluft singen: »Es bleibt dabei: Wer warten kann, Der trifft sein +Glück bei Zeiten an!« + +Johannes aber schob, als Antwort, seinem Freunde nur den neuen Kalender auf +1814 hin, worin unter andern freigesagten Lehren der Freiheit, auch auf +Jahrhunderte nachhaltende Sprüche über Menschenrechte standen, auf deren +ersten Johannes ihm mit dem Finger wies, und dann die geballte Faust ganz +ruhig auf dem Tische hielt, so lange Krieg las: + + Drei Dinge stehen jedem Menschen zu, + Die Niemand niemals ihm verkümmern darf: + Die Gaben Gottes, daß er sei, und froh sei; + Die Hülfe seiner Lebensmitgenossen; + Das Dritte aber macht ihn erst zum Menschen, + Das Recht: den Gott zu ehren und die Seinen + In Noth und Tod zu lieben. Ohne Liebe + Fällt dieses große Haus der Welt zusammen, + Ein jedes kleine Haus, und jedes Herz. + D'rum ohne dies Recht, muß er lieber sterben, + Dies Recht zu üben, froh den Tod nicht scheuen. + +»Wie gesagt,« erwiederte der Pathe Leinweber hierauf: »Ich gehe mit -- denn +meine Baßgeige wird nicht zur Wittwe, und meine paar Geigen nicht zu +Waisen! Die kann Jeder streichen, und den Webstuhl Jeder treten, außer +Einem oder Tausenden, denen die Beine weggeschossen worden oder werden. +Aber Eure Frau ist keine Baßgeige, und die Kinder keine Armgeigen oder +sogenannte Bratschen -- die schon jämmerlich genug klingen. Doch, ich will +Euch nicht wehren . . . . .« + +». . . _Niemand! Niemals!_« schloß Johannes; »denn da steht auch: »Die +Gottes Wege gehn, schützt Gott mit seiner Macht.« -- + +Und doch ließ der bedenkliche Vater noch Tag nach Tag, noch Woche nach +Woche verstreichen. Denn die Vergleichung seiner Christel mit einer, und +gar noch verwittweten Baßgeige, gefiel ihm auf keine Weise. Noch die Waisen +-- + +In dieser Zeit wurde seine Spannung und Angst immer größer, und St. +Etienne's Freundschaft zu ihm deswegen immer vertrauter. Auch Johannes +wollte ihm wohl, recht wohl. Darum dauerte ihn der arme Schelm, als er ihm +eines Abends sein Soldaten- und Beutegeld aus allen Nähten ausgetrennt und +in einen kleinen Beutel versammelt, brachte, ihm aushändigte, ungezählt, +denn ein lachender oder . . . _vielleicht_ auch weinender Erbe nehme Alles +ungezählt, und zähle dann schon selber nach, oder sich und den Seinen vor: +wie viel es sei, was sich der gute Narr abgedarbt und aufgespart, und +tränke allen Geizhälsen ein Vivat. »Doch ernstlich,« sprach St. Etienne: +»Die Posten werden jetzt weggeputzt wie Krauthäupter; und da zwanzig +Lieutenants auf einen Gemeinen aus Rußland und Deutschland wiedergekehrt +sind, so haben wir Sergeanten sogar die Ehre tagtäglich Wache zu thun; »wie +ein Kronprinz einmal im Leben, bei vollem Magen den vollen Ranzen trägt, um +zu wissen, wie schwer es den Soldaten Allen zeitlebens, besonders auf +Hundertmeilenmärschen bei leeren Ranzen wird.« Wir haben die Ehre! Sag' +ich, und wahrlich, das ist die größte Ehre -- vor Schusse zu stehen! Als +gemeiner Soldat bin Ich im Grunde der König des Krieges, der Gott des +Schlachtwogenmeeres, des Dampfes und Donners! Der Oberwelt und der +Unterwelt! Im Pulverdampfe athme ich Lebenslust! Wenn die Schlacht brüllt, +wenn die Batterien rasen, da genieße ich meines Lebens, da bin ich mir +aller meiner Kraft bewußt, und bin bis an die schlagenden Halsadern, voll +von dem, im Schwanken und Schweben erst sicheren Gefühl: Ich bin da! Ich +bin in der Welt! Was kümmert mich, wer siegt? _Mein_ Sieg, mein Triumph ist +mit dem ersten Schritte entschieden; Ich siege gewiß über Furcht und Elend +des Lebens! Mein Muth ist unzweifelhaft -- Ich bin unbesiegbar im Kampfe +mit einer halben Million Feinde; denn ich stelle ihnen Allen: den Einen, +einzigen -- _meinen_ Mann gegenüber, mein Alles, meine Habe, mein Gut, +meine Erde und meinen Himmel. Ich bin ein Kern der Saat, die da wächst +gegen die Rasereien der Menschen! Ich bin ein Vermittler und +Friedensstifter! Der Kaiser kann geschlagen werden -- Ich? -- Nie! Er sitzt +auf seinem Teppich und brockt Todesbrocken ein -- Ich esse sie aus! Ich bin +ein Soldat -- Er ist ein bloßer Kaiser und König -- von Gottes Gnaden! Und +Gottes Gnade wendet sich überall stets von den Alleinklugen, den Blinden, +den Tauben und Taubblinden. -- Da nimm den Bettel!« + +Und als Johannes das Gold nicht nehmen, selbst nicht ungezählt in +Verwahrung behalten wollte, sagte er ihm: »Siehe mich, so lange ich noch +sichtbar bin! Und siehe mich recht an! Wir haben uns wenigstens zweimal +hunderttausend Jahre nicht gesehen, und können uns dreimal hunderttausend +Jahre nicht wiedersehen, und das Wiederkennen ist schwer zwischen Masken +und Masken . . . auf einem weltbreiten und weltlangen Corso! oder +himmlischen Großthustraße! _Jetzt_ aber wirst Du mich zu erkennen glauben, +Johannes (denn so dumm und gläubig ist der Mensch); wenn ich Dir sage, +_Deine_ Christel ist _meine_ Schwester! Und ich bin also ihr Bruder! So +nennen die Menschen solch kleines Geschmeiß aus einem Mutterschooße! Und Du +bist mein Schwager. Oder ist sie so gut, und ich so schlecht, so bin ich +ein Soldat, ein unbegreifliches Ding und künftiges Unding; wenn die Todten +nicht noch Dinge sind, oder nur Dünger, Bautzner Dünger, Leipziger Dünger +und dergleichen, und Christel ist eine Mutter! Und eine Mutter ist das +beste Thier unter den Cherubim und Seraphim! Meine auch! Geh', bringe die +Bibel! Die Bibel macht Freunde -- Bluts- und Herzensfreunde und +Seelenfreude! -- Das war noch einmal ein Spaß, Steffen, daß Dir die Augen +überlaufen! Nun mag man sagen: Schach dem -- Kaiser! -- der weidlich: +»Schach den Königen,« gesagt, und manchen matt gesetzt! Ja meinetwegen +mögen selbst die schachmatten, durch die Völker -- die Bauern -- entsetzten +Könige nun einmal zum Danke sagen: Schach den Völkern! und die Völker mögen +sagen: Schach den Königen! oder mag ein Tölpel von Kometen gar das +Schachbret umstoßen -- der Spaß bleibt! Der Spaß war herrlich!« + +Auf diese Freude, besonders auf dieses _Zutrauen_, das Johannes zu _diesem_ +Soldaten, der ihm ganz fremd und herb gewesen, und durch ihn nun zu allen +Soldaten bekam, fehlte nichts: seinen Entschluß fröhlich sogleich +auszuführen, als daß noch ein Handwerksbursche, ein Waffenschmied, im Dorfe +und auch bei ihm fechten -- Brod erfechten -- umherging, der glücklich +durch die Vorposten durchgeschlichen, nur ein weißes Hemd über seine +Kleider angezogen, um in dem Schnee einem Schneemann ähnlich zu sehen, oder +weiß auf weiß gar nicht gesehen zu werden, und der über den Gang nur Scherz +trieb, den er aus der -- für Johannes zu leicht wiegenden -- Ursache +unternommen, um in seinem Vaterlande, dem Elsaß, Waffen gegen die +Deutschen, auch Russen zu schmieden. »Hundert!« sagte er; »und mit jeder +Spitze kann man hundertmal stechen, wie eine Wespe und nicht daran sterben. +Denn der Waffenschmied selbst bleibt gesund und frisch dabei, und freut +sich am Feuer, und schlägt nur mit Bosheit aufs Eisen. Wir Waffenschmiede +sind unsichtbare Geister, und sollten alle wenigstens _Geheime_ Kriegsräthe +heißen! Ohne Geld keine Schweiz. Ohne Waffen, kein Polen! kein Frankreich! +Häuser ins Wasser baut man auf Rost -- von Holze; aber alle Reiche ruhen +auf frischem oder doch auf altem verrosteten Eisen, Darum ist Vulcanus +unser Patron, weil er hinkt, und weil er hinkt, hinken die armen Reiche +auch alle, und haben auch keine Kinder, wie der Gott der Maulesel, und +müssen sie darum rauben, wie Amazonen, aus väterlicher Kinderliebe!« -- So +sprach er. Und für ein warmes Frühstück sang er viel lustige Lieder, und +zeigte ihnen Schmachbilder auf Malaparte; denn wer sein Theil erwähle und +behaupte, der habe _nunmehr_ das schlechte Theil erwählt. Aber Gott schützt +Frankreich. + +Die Marterwoche, der Charfreitag zog nun Johannes unwiderstehlich zu +Christel. Vor zwei Jahren hatten sie an dem Tage den Tremulanten gehört, +und das ängstliche, ja abscheuliche blinde gotteslästerliche alte unsinnige +Lied: + + »O große Noth: + Gott selbst ist todt.« + +und sie hatte darauf vom Tode Gottes geträumt, um zu merken: er lebe; sie +hatte die Wassersuppe aus Bettelbrod vom Daniel mit Danke gegessen; und das +Andenken an das arme gute Weib durchzuckte ihn, während er zwei weiße +Ueberhemden und zwei weiße Nachmützen für sich und den Pathen aus der +einsam stehenden Lade nahm; und der auf den Deckel gemalte Vogel sah ihn +mit seinem großen Auge recht wunderlich an, und die gemalten Blumen selbst +thaten ihm leid um Christel, geschweige sein Weib selbst, seiner Kinder +Mutter, und selber die Kinder! + +Als nun Stephan zur Nacht auf Wachposten gezogen, stellte er ihm noch zu +Morgen den Schinken bereit auf den Tisch, und schrieb mit Kreide dazu: +»Morgen komme ich wieder --« fütterte Petern; _vergaß aber ihn +einzusperren_; überließ dem schwachen russischen Unglückspropheten und +Mitverbrecher an Dorotheen, dem in seiner armseligen Seele sich ohne alles +Unrecht fühlenden, übrigens pudelguten Kosaken Sebastianow das Haus, wollte +die morgende Nacht wieder zurück sein, nur einen Tag mit den Seinen +verleben, wissen, wie es ihnen gehe, sie pflegen, ihnen rathen, helfen! + +Und in der Nacht, noch ehe der Vollmond aufzugehen drohte, stand Johannes +bereit zu dem kalten Gange, in das weiße Hemd gekleidet; und der Pathe +Leinweber im weißen Hemde; und Einer setzte dem Andern vergnügt die weiße +Nachtmütze auf; und in der dunkeln Stube, worein nur das Schneelicht durch +die Fenster fiel, kamen sie sich vor wie Gespenster und gaben sich seufzend +die Hände, und die Pelzhandschuhe gaben einen dumpfen Laut. Und als der +Leinweber noch also von seinem Freunde Abschied genommen -- weil er selbst +gern der Noth entkommen, nicht das Letzte mit aufzehren zu helfen und nach +so lange auch wieder nach Hause wollte -- traten sie Beide die +Viertelstunde Weges an, der wie eine Kettenbrücke, über eine gefährliche +Kluft führte, die sie bisher unerträglich getrennt hatte. Aber sie wären +lieber durch die Luft geschritten, als auf der Erde einen knisternden +Schritt nach dem andern dahin. + +Sie traten heraus; und linksher erklang ihnen ein glückliches Zeichen in +himmlischer Luft. Denn der alte Psalm des alten Heerführers Moses erfüllte, +wie heiliger Erdduft aus umgeackerter Erde die Räume der heitern glänzenden +Nacht voll derselben alten Gestirne, und die alten Worte flossen zum +Herzen, wie Blut der Welt. Und sie standen betroffen und hörten. »Ehe denn +die Berge worden, und die Erde, und die Welt geschaffen worden, bist du, +Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. _Der du die Menschen lässest sterben_, und +sprichst: Kommet wieder Menschenkinder!« -- + +»Die Menschenkinder sind die Franken auf der Schanze!« sprach der +Leineweber leise, während sie weiter gingen. »Die Psalmen haben sie aus +ihrer Kinderzeit noch behalten, sonst nichts. Und wie der Herbst den Hirten +ein Lied abzwingt, so preßt ihnen die stille Gewalt der Winternacht auch +wieder ein Lied aus, Lebensmost! und wir trinken ihn mit den -- Ohren! Ich +möchte auch aus mir was herauspressen! Aber alles, was seine Zeit hat, hat +auch seine sogenannte Unzeit!« + +Johannes schwieg. + +Sie kamen nun vor dem Dorfe ins Freie. Unten Alles ein unübersehliches +weißes Gefild. Es war, als wenn die weiße silberfunkelnde innere Domdecke +vom Himmel ab, auf die Erde gefallen, und nur von dem breiten Gurt des +Gewölbes _nicht_; denn die Milchstraße war breit und weiß, wie stiller +wolkiger Flor da droben hangen geblieben; aber sie schimmerte nicht +silbern, sondern funkelte golden; und daneben -- da überall, wo die Decke +herabgestürzt und wo nun ein unergründlicher Bau durchsichtig sich +aufgethan hatte, da funkelten klare Gestirne golden, wie große Ampeln in +fernen, fernen Gemächern und Sälen, nur klein, und ruhig. Und während +Johannes, der voran ging, den Himmel vor Angesicht hatte, fiel ein Stern +aus dem dunkeln Blau, entzündete sich wie ein feuriger Komet, und schoß mit +langem Schweife, Strahlen und Funken versendend, vorüber. + +Sie blieben einen Augenblick stehn -- und Peter der Hund war bei ihnen. + +Denn in Daniel war die Sehnsucht der Mutter zur Reife gekommen, wie Saft +und Kraft und Wärme der Erde hinaufgesogen wird in ein junges +Fruchtbäumchen; und statt ihrer und seiner Geschwister war _er_ glücklich +in seines Vaters Haus gelangt, ein Bündel mit frischbackenem Kuchen, +wohlgeschichtet und vorsichtig getragen, im reinen Tuch, und tausend Grüße +auf seiner Zunge. So saß er daheim auf der Ofenbank, und harrte des Vaters, +nachdem er in der dunklen Schlafstube leise auf sein Bette gefühlt und +davor gefragt: »Lieber Vater! schlaft Ihr schon? Die Mutter ist wieder +gesund!« Und beim zweiten Bett hatte er gesagt: »Lieber Vater! Ich bin da! +Seid aber ja nicht böse; Ihr konntet mir's nicht erlauben, und die Mutter +weiß es nicht. Nur Wecker. Aber ich bringe Euch Kuchen, den sie gebacken +hat; denn sie hilft dort im Hause und macht die Wirthin.« So hatte er +gestanden, bis er gefühlt, daß das zweite Bett auch unberührt war, und in +allen Winkeln Niemand; und so saß er denn still im Dunkeln am Ofen, und +neben ihm schnarchte der ihm verhaßte, weißbärtige Sebastianow, während der +Vater und Krieg in der Nacht hinschritten. + +Der Hund aber schlug jetzt einmal zu bellen an, da das Feldgeschrei der +nahen Vorposten umher scholl; denn er hörte seines Herrn, St. Etienne's +Stimme heraus, der nicht mehr entfernt, auf dem letzten Posten stand, wo +Johannes mit seinem Gefährten vorüber mußte, Johannes rief Petern; und sie +knüpften zwei Tücher zusammen, das eine Ende derselben fest an den Ring +seines Halsbandes, das andere fest an einen Zaunpfahl im Felde, und +bedrohten ihn stumm und streichelten ihn, damit er schwiege und bliebe. +Ihre Angst erwachte. Denn der tiefe Hohlweg, der sie bis zu der Zahlbacher +Mühle gedeckt hatte, gab sie nun auf und frei; und nachdem sie die Mühle +umschlichen, deren Geklapper ihr Ohr erfüllt, standen sie eine Weile mit +Herzklopfen nach der zweiten, der Britzenheimer Mühle spähend und horchend, +nach welcher sie nun links über das offene Feld sich schleichen mußten. Und +hier in der Stille hörten sie wieder, aber schwächer den von vielen +deutsch-französischen Männerstimmen gesungenen Psalm: »Meine Seele ist +stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Hort, meine Hülfe, mein +Schutz, daß mich kein Fall stürzen wird, so groß er ist. Wie lange stellet +ihr Alle Einem nach, daß ihr ihn erwürget, als eine hangende Wand und +zerrissene Mauer? Sie denken nur wie sie ihn dämpfen, befleißigen sich der +Lügen, geben gute Worte, aber im Herzen fluchen sie. Sela.« -- Die Luft +strich ein Weilchen, und bog den, schwach ihnen nachfließenden Gesangstrom +seitwärts, und wandte ihnen erst wieder die Worte zu: »Meine Zuversicht ist +auf Gott. Hoffet auf ihn allezeit, lieben Leute, schüttet euer Herz vor ihm +aus. Gott ist unsere Zuversicht. Sela. Aber Menschen sind doch ja nichts, +große Leute fehlen auch; sie wägen weniger denn nichts, so viel ihrer ist.« +-- + +»Wenn der knisternde Schnee jetzt fünf Minuten lang nur Flaumenfedern wäre! +oder heute schon: künftiges Wasser, daß er nicht knarrte!« flüsterte der +Leinweber dem Pathen zum Ohr. »Jetzt, Johannes, denkt, ihr seid wieder ein +Knabe; und daß Euch der Vater nicht sieht, sollt ihr unter den niedrigen +Fenstern wegkriechen, zu den andern Kindern, zum Spiele. Also gebückt! Und +glaubt mir in aller Stille, daß mir der Buckel dabei weit weher thut, als +Euch -- denn ich bin kein Schneider! Wir Leineweber sitzen kerzengrade; und +wir Baßstreicher stehen wie Lichter -- aber ein Wurm krümmt sich -- denn +dort dämmert der letzte Posten, bei dem wir, Schneckenpost, vorüber müssen. +Nun, Glück zur höflichen Reise!« + +Und während sie jetzt so wunderlich wie zwei weiße Eisbären -- vom +losgekommenen Hunde gefolgt, schweigend und mit verhaltenem Stöhnen, dem +Posten sich nahten, und ihn umschleichen wollten, auf welchem grade in +dieser Nacht St. Etienne stand, wurden sie die Nähe von dem ersehnten +Britzenheim und der Feinde, in der stillen Nacht deutlich aus dem fröhlich +gesungenen Liede (von Theodor Körner) inne: »Die Hölle braust auf in neuer +Gluth, umsonst ist geflossen viel edles Blut, noch triumphiren die Bösen. +Doch nicht an der Rache des Himmels verzagt, es hat nicht vergebens blutig +getagt, roth muß ja der Morgen sich lösen.« + +Jetzt trat plötzlich ein blutrother Mond aus dem Himmel; aber er blieb +nicht stehen, sondern er flog über dem Himmel, wie ein purpurner Ball von +einem Riesen geworfen, erhellte die Gegend -- und fiel entfernt, wie es +schien, in die schwarzgrünen Fichten der Berge. Und um nicht aufzustehen, +setzten sich vor Verwunderung die Freunde einen Augenblick, und sahen sich +nahe in die Gesichter, um sich einander schweigend zu fragen: welch Zeichen +das sei? Und wieder floß deutscher Gesang jetzt näher und stärker daher: +»Und noch regt sich mit Adlerschwung der vaterländische Geist! Und noch +lebt die Begeisterung, die alle Ketten reißt! Und wie wir hier +zusammenstehn, in Lieb' und Luft getaucht, so wollen wir uns wiedersehn, +wenn's von den Bergen raucht. Drum frisch, Gesellen, Kraft und Muth! Der +Tag der Rache kömmt! Bis wir sie mit dem eignen Blut, vom Boden +weggeschwemmt. Und _Du_, im freien Morgenroth, zu dem dies Hochlied stieg, +du führ' uns, Gott wär's auch zum Tod! Führ' uns das Volk zum Sieg!« -- + +Jetzt sahe Johannes den letzten französischen Posten, und auch der spürende +Hund sah ihn und boll. Der Pathe hielt ihm die Schnauze zu. -- -- + +»Wer da?«[A] rief St. Etienne. + +[Fußnote A: Qui vit?] + +Krieg drehte sich hinter Johannes um, und nahm eine andere Richtung in +seinem Krebsgang; aber seine jetzt grade ungewogneren Tritte knisterten +lauter im Schnee. Johannes blieb todtenstill, hatte die Augen fest +geschlossen und war sich selbst wie verschwunden. Peter winselte freundlich +und wedelte mit dem Schwanze. + +»_Wer da?_« scholl es lauter. + +Und Johannes warf sich auf die Erde und kroch auf Händen und Füßen weiter, +während von einer andern Seite die Worte ihn mit Schneegeflirr vermischt +überrieselten: »Nicht leichten Kampfes siegt der Glaube, solch Gut will +schwer errungen sein. Freiwillig tränkt uns keine Traube, die Kelter nur +erpreßt den Wein; und will ein Engel himmelwärts, erst bricht im Tod ein +Menschenherz.« + +»Wer da?« rief St. Etienne jetzt zum dritten Male in gespannter Entrüstung, + +Der Hund lief hin. Johannes wollte behend wie ein Pfeil entrinnen; er +wollte hinzu, und mit dem Manne mit männlicher Gewalt kämpfen -- und +zuletzt glaubte er, zwischen den schnellen Entschlüssen schwebend, er +glaubte Stephans Stimme erkannt zu haben . . . und vor Freude und Hoffnung +versagte ihm die Sprache. -- Da sank er schon; und den Schuß selber hörte +er nicht in den Schluchten verhallen. + +Die Wache tritt ins Gewehr. Der gnädige Gottlieb hört von St. Etienne, daß +er Etwas erschossen, was sich durch die Posten schleichen wollen. Der Hund +springt an ihm herauf. Herr von Ellenroth eilt mit der Laterne zum Ort. Der +gnädige Gottlieb folgt mit den Andern, und St. Etienne findet die +sonderbare Gestalt, wendet sie um, leuchtet ihr in das Gesicht, und erkennt +seinen Wirth, seinen Freund, der noch athmet, der ihm kein Wort mehr sagen +kann, nur schwach die Hand noch reichen. Und als St. Etienne seine noch +übrigen paar Thränen, kurz aber heiß über den armen Freund geweint, sprach +er: »Hättest du nur deinen Namen genannt! Oder ein Anderer nur deinen -- +ich hätte nicht geschossen; und ich begreife beinah: wie ein Mensch +Jemandem mehr sein kann, als ein Kaiser und König. Aber waren nicht Alle +die vielen Andern auch Menschen . . . die ich . . . . -- Ach! . . . . +Meiner Schwester wollte ich Freude machen; und ach, ich habe nicht ihm in +die Brust geschossen, sondern mit ihm -- _Ihr_ grade ins Herz! Sie selber +läge hier besser! Und ich am besten!« + +Der sausende Mond aber war ein Zeichen zum Ueberfall gewesen; -- ein im +Dunkeln durchblitztes, durchklirrtes, durchschrieenes Getöse wie von +Geistern -- und in einer Viertelstunde war kein Feind mehr in Britzenheim +und weiter hinaus. Die Wege waren frei, und Christel war frei, die ruhig +schlief, während der wahre Mond wie eine goldene Scheibe im Feuer glühend, +doch kühl über den Horizont heraufstieg, und mit göttlicher Ruhe das +heiligruhende, purpurschimmernde Schneegefild beschien -- und Johannes +entlaubte Bäume, und Johannes auf immer verlassenes Haus. So still! So +göttlich! + + + + +XII. + + +Inhaltvolle besorgte Eil schien nun Stephan zu drängen. Nach der +getümmelverworrenen Nacht erst suchte er seinen todten Freund wieder auf, +und ließ ihn nach Zahlbach tragen in sein Stübchen; nicht nach Britzenheim, +wohin doch der Lebende -- vor sein Leben gern begehrt. Dem Todten aber +meinte er keinen Willen mehr zu brechen, noch einen zu erfüllen; und statt +Freude bei Christel zu bringen, hätte er ihr nur plötzlichen Schreck +gebracht. Als aber die Sonne aufgegangen, machte er sich dafür selbst auf +den Weg zu seiner Schwester, die schon unglücklich genug, noch auf +vielfache Weise unglücklicher hätte werden können, und jetzt noch, ja erst +werden konnte, je nachdem in ihrer Seele die Ereignisse sich nun reiheten, +und _in welcher Folge_ sie über ihre Brust fielen, wie Tiger. Und so ging +sein größter Kummer, wie ein unsichtbares Gespenst, unempfunden an ihm +vorüber, weil er nicht wußte, daß der Leinweber treulich mit Johannes +gegangen und treulos entflohen war. Diese Kenntniß würde ihn rathlos +gemacht haben auf seinem Gange zu Christel; denn der hohlsausende Thauwind, +der plötzlich grau gewordene verwesende Schnee auf den Feldern; der +herabrieselnde Regen; ja selbst die neugrün hervortauchenden Raine und +Kämme der Saatfelderbeeten, die wie aus einer seligen, seligen Zukunft +erschienen waren, die er nicht fröhlich mehr sehen sollte; selbst ein, wie +aus dem Winter geretteter Vogel, der, einige Töne zwitschernd, die Kehle +probirte zum Frühlingsfeste, keine Ruh auf den Zweigen hatte, zwischen +hangendem Schnee und braunen Frühlingsknospen, und eifrig von Baum zu Baum +flog, weil ihm keiner gefiel, und doch die rechten grünbelaubten, mit +Blüthen ihn verbergenden, säuselnden »Häuser auf einem Stamme« noch nicht +da waren; und vollends erst das Geräusch der sich sammelnden Wasser . . . +und das ferne süße heilige Rauschen auf Berg und Wald -- das Alles stimmte +ihn weich, wie er als Knabe gewesen voll Hoffnung; aber jetzt weicher, denn +alle seine Hoffnung war hin, und aller Schmerz war da, und das Vorgefühl +des größten und des letzten. Doch auch die letzte Freude war nah; und sie +austräumend, und ausspinnend, ging er mit gesenktem Haupte, aber lächelnd, +und sahe seine Christel gleichsam unter der Schneedecke des Weges immer mit +ihm schweben: wie sie jetzt roth ward; jetzt blaß; jetzt weinte; und ihm +war, als schiffe er, übergebeugt im leisen Kahne, oder als ginge er auf dem +blühenden Ufer eines tiefen, klaren Wassers, und Christels klare Gestalt +unter ihm war sein eigenes Bild in dem Wasser! + +Plötzlich stand ein Mann vor ihm, der ihm erstaunt ins Gesicht sah. + +»Wecker! Todtenwecker!« rief St. Etienne, und reichte ihm die Hand. + +»Ein Ungehangener darf sie schon nehmen und geben!« sprach Wecker, der viel +von seiner saubern Tracht verloren, und den kleinen Gotthelf auf dem Rücken +-- reiten hatte. »Gut, daß Ihr Britzenheim gefangen habt! denn leider +Niemand, das heißt kein Mann, kam aus Zahlbach, der mich kannte und +anerkannte! Lieber will ich, ehrlich erschossen, auf einem bockenden Pferde +in aller Welt herumgaloppiren, als auf den Tod sitzen, den Strick in der +Hand, und aqua toffana schwitzend vor Bosheit! Ich habe es gestern durch +den Daniel dem Johannes sagen lassen, denn meine -- wollte ich sagen: +Christels Angst war groß!« + +»Wo ist mein Daniel! Ist er bei Euch?« rief jetzt Christel, ihr Kleinstes +auf dem Arme, über den Weg; und ihr Mutterherz trieb sie getrost, sogar dem +gemiedenen Sergeanten unter die Augen zu treten, herüber durch den +Schneewasser-Bach auf dem Wege. Stephan ergriff ihre Hand, um sie auf den +Fußweg zu ziehen und sprach: »Euer Johannes schickt Euch gewiß den +Händedruck: und ihm ist wohl, so wie wir Menschen davon wissen! Seid nicht +böse. Aber Daniel ist bei uns zu Hause?« frug er bedenklich. + +»Nicht! Nicht?« tönte aus der Mutter Brust, wie aus einer zerrissenen Welt; +und ihre großgeöffneten flehenden Augen gossen einen heiligen Strom von +Wehmuth -- in seine Augen voll Wehmuth. + +»Wo wird er denn sonst sein!« rief Wecker, barsch vor Angst. + +»Christel,« sprach Stephan gedrängt, »was soll ich es Dir verhehlen liebes, +liebes, gutes Weib -- ich komme Abschied von Dir zu nehmen -- ich ziehe +nach Hause zum Vater, denn ich bin schwer verwundet -- -- --« + +Christel erröthete und erblaßte. + +Stephan nahm ihr das Kind vom Arm, liebkosete es, und sagte: »Also lebe +wohl! und reiche mir zum letzten Male Deine Hand!« + +Sie gab sie. Er aber hielt sie fest, sahe ihr tief und nah in die schönen +schwarzen Augen, und flüsterte ihr leise zu: »Weißt Du noch, als der Vater +das Haus baute, und Du ein Lamm hattest als kleines Mädchen; und das Lamm +Dich umstieß; und wie Du aus den Blumen aufstehen wolltest, und wie es Dich +immer wieder hinstieß -- wer erlösete Dich denn aus den Blumen? Christel! +»Brodchristel,« wie wir Geschwister Dich nannten!« + +»Mein Bruder!« rief Christel; »Steffen!« + +»St. Etienne!« sprach Stephan, mit dem Finger auf seine Brust deutend. Aber +wie sie vorgebeugt, und mit offenen Lippen und irren Augen ihm in das +Gesicht sah, sank er langsam um, und mit einem Schrei ergriff sie das Kind. +So blieb sie wie aus einem Traume erwachend stehen, und aus ihren Zügen +entstieg gleichsam, wie rauchender Hauch aus Wasser im Winter, die +ausgestandene Angst, und Schreck legte sich wie Reif über ihr blaß +gewordenes Antlitz; und wie sie so reglos stand, erhob sich Etienne wieder, +küßte sie auf die schöne geneigte Stirn -- schrie laut, wandte sich ab und +schritt von hinnen. Denn er sah von weitem Daniel gelaufen kommen, der ja +nun wußte . . . daß er, ihr Bruder, ihr den Mann erschossen . . . . und +vielleicht auch mehr erzählte, als Christel jetzt erfahren sollte -- bis er +dahin geschieden. + +»Bruder!« rief sie ihm nach, »mein Bruder!« + +»Zum Teufel! Gott sei bei uns . . .« rief Wecker, »so bleibt doch!« + +»Schwester! -- Schwester, leb wohl,« rief er zurück, und sprang in den +Hohlweg, wie ein Seliger froh; denn seine Schwester hatte _ihren Bruder_ +wieder gesehen, rein den _Reinen_, ohne Schuld und Fehl; und nun sollte sie +ihn nur auch noch rein und redlich -- den Redlichen beweinen, wenn auch +nicht den Reinen; _dann_ mochte sie Alles erfahren; _denn keine spätere_ +_Schuld kann frühere Unschuld rückwärts im Herzen ermorden; kein späterer +Schmerz kann einmal genossenes Glück zu Unglück verwandeln_ -- nur färben! +»und wie oft habe ich nach durchwachten Nächten gesehen,« sprach er: »wie +die Morgendämmerung selbst schwarze Gegenstände herrlich blau färbt, selbst +Todtenkreuze! Und vielleicht auch thut es _die Abenddämmerung_ . . . in +welcher das neue junge Weib von sieben und zwanzig Jahren nun leben wird, +bis ihr das Alter oder der Tod die Zahl zwei und siebenzig dafür ganz leise +auf das Kreuz ihres grünen Hügels schreibt!« + +Und doch stand Stephan hinter einer hohlen Eiche, und harrte, und lauschte, +und brannte zu hören, wie Daniel seiner Mutter erzählen würde, wie er sich +allein bei dem Vater gefürchtet, den sie ihm in das Haus getragen in weißem +langem Hemde. + +Und siehe, da richtete sich _Johannes_ in weißem, langem Hemde vor Stephan +auf, der ihn aus der Eiche, wie aus der Erde hervorkommen sah. Und ob er es +gleich nicht begriff -- so durchzuckte ihn Freude, daß er gelähmt stehen +blieb, und dann laut seiner Schwester rief. Doch sich besinnend erkannte er +den Pathen Leinweber, der im ungewohnten Lauf und der blendenden Nacht sich +an einem Pfahl gestoßen hatte und liegen geblieben war, durchnäßt, von +Furcht, vom Krampfe, und endlich vom Schlafe gefesselt. + +Krieg frug ihn, belebt, nach Johannes. + +»Ich weiß nichts von ihm;« antwortete Stephan, froh, daß jener nichts +wußte, und deutete ihm auf Daniel, und Wecker und Christel, die dem Knaben +entgegen eilten. + +Krieg schlich auf sie zu. Und auch Stephan faßte den äußersten Muth: stehen +zu bleiben. Und selbst in der geringen Entfernung war er jetzt am hellen +lichten Tage wie unsichtbar, weil Christel ihn jetzt nicht vermißte, an ihn +nicht dachte, vor Freuden über Daniel. Aber . . . er hörte die Stimme des +Knaben, die der Wind zerriß; und das Weinen; und ihren Ausruf über die +Gestalt des Leinwebers . . . und die Wörter . . . »Baßgeige,« und +»Armgeigen,« und Weckers lautes Wort: »so muß er begraben werden -- am +Auferstehungstage! Auf den Fall giebt es noch kein Lied! . . . Schade, daß +der alte Vater Frommholz nicht mitkommen kann! Wir zwei begraben +rechtschaffen! Das kleine Ding, Clementinchen, rückt zu; das ist ein gutes +Kind! Und mein großer Friedrich ein großer Schlingel!« -- Und er sahe +darauf, wie sie Krieg an die nahe Stelle führte, wo Johannes Blut den +Schnee befleckt hatte -- und sah seine Christel verschwinden . . . + +Und er zog seinen Weg. + +Endlich fuhr Christel empor und eilte mit Daniel, Hand in Hand, nach Hause. + +»Sie werden bloß zum bloßen Hause kommen, nicht mehr nach Hause! Wittwen +und Waisen haben keine rechte sogenannte Heimath mehr, und müssen erst +wieder von Grund aus, d. h. vom Tode des Vaters aus, ein neues Leben +anfangen;« sprach Krieg zu Weckern, indem sie beide langsam nachfolgten, +jeder Eins der Kinder auf dem Arm, die Wunderliches frugen, und von den +beiden Alten gar wunderliche Antworten erhielten. Sie kehrten vor Hunger in +der ersten -- wohlriechenden Mühle ein, ja selbst in der zweiten, obgleich +bei diesen erst der Backofen wohlroch, und -- wärmten die Kinder aus. Aber +es war zu viel zu malen, um Kuchen zu schneiden. »Verdammter Krieg!« sprach +Krieg. Zuletzt verweilte Wecker den alten Freund noch auf dem Kirchhofe, +»wegen eines drei Ellen tiefen und doch unergründlichen Loches,« in welches +er als Kind stundenlang hinabgesehen, um _die_ Grube auszugrübeln und +auszustudiren. -- Und so überzögerten sie »die erste wahrhaft traurige Zeit +eines Weibes, aber nicht die letzte -- und die Frist: daß eine wie vom +Himmel gefallene Wittwe sich nothdürftig ausweint, und den Thränenquell zum +Fließen bringt! Und ein Mann ist nicht Freund von Klagen ohne Hülfe, und +schenkt nicht gern den noch ungegohrenen trüben Most des Trostes ein, wobei +Zwei alte Menschen Ein Narr sind oder Ein Stummer« -- wie Wecker sagte. + +So fanden sie Christel mit ausgeweinten Augen, aber schon sehr sauber in +_weißem_ -- Trauerkleide, da sie kein schwarzes hatte. Aber das schwarze +Tuch um den Busen und Kopf erregte ihr bei den Kindern und selbst bei den +Alten: die uralte Scheu und Ehrfurcht vor der uralten Nacht und dem Tode, +die an Lebendigen, Liebenden und Geliebten so sichtbar schwarz und traurig +abgespiegelt, ganz wundersam, ja heilig erschienen. Die Kleinen aber +packten das Tuch mit dem Kuchen auf, langten Beide jeder Zwei Stück, je +Eines in jedes Händchen, und setzten sich schon hin in den Winkel, um ruhig +umzeche von beiden zu essen; als Daniel es ihnen verwies und sagte: »Wie +könnte ich nur den Kuchen essen, der für den Vater bestimmt ist! Ich wüßte +da nicht, ob Er ihn äße, oder Wer!« Und die Kleinen legten ihn hin. -- +»Ja,« sagte Wecker, »folgt nun Eurem Daniel! Er ist nun Euer kleiner +Vater.« Und so langte er selbst zu, und legte dem Pathen hin, und die Alten +aßen; und selbst der hingestellte Schinken ward von dem so lange hungernden +Weber angeschnitten. »Muth!« sagte Wecker; »was schadet Rauch und Fleisch +der Traurigkeit? Denn ein Schinken bleibt ewig ein Schinken -- oder leider +nur eine kurze Abschnittszeit -- Wecker bleibt Wecker! Und Johannes bleibt +Johannes in Ewigkeit und kommt nur nicht wieder.« + +Christel aber brachte ihnen die letzte Flasche Wein, goß in die Gläser, +kostete selbst -- weil ihn Johannes gepreßt hatte, und gab auch den Kindern +zu nippen von des Vaters -- Mühe und Wohlthat, die so golden im Glase +blinkte, wie sie still dabei empfand. Dann stellte sie das Glas hin und +erblickte die große mit Kreide deutlich geschriebene Schrift: + + »Morgen komme ich wieder, lieber Steffen. + Seid ja nicht böse auf mich! + + _Johannes_.« + +Sie las sie vor Schreck, unbewußt, laut; und ging vor Wehmuth dann hinüber +zu ihm, und legte sich schlummern. Daniel aber sah es durch das Fenster, +und setzte sich in das kalte Haus vor die Stubenthür Wache, daß Niemand die +Mutter störe, die von schwerer Krankheit unter Sorge und Kummer mühselig +genesen, schon lange so blaß aussah, daß er ihr sonst im Scherz, aber aus +innerer Angst, die Wangen roth rieb mit den warm gehauchten drei +Fingerspitzen; dann sahe sie wohl aus, dann war er froh! + +Sie aber träumte jetzt bis die Sonne unterging -- nicht von dem neuen +Unglück, welches der wohlthätige stilleste Freund der armen Menschen, der +Traum, erst wie eine nachreifende Frucht, _bis sie süß und lieb ist_, auf +spätere Nächte aufspart; sondern sie träumte von ihrem alten Glück. -- Sie +war ein kleines Mädchen; und das Lamm stieß sie in die Blumen; und Stephan +nahm sie auf und an seine Brust, und sie schluchzte vor Seligkeit. -- Sie +schlug grade die Augen auf, als die blitzende Sonne sank -- und ein +ungeheurer Donnerschlag fiel und riß sie empor von dem Bett; und das Haus +schütterte; selbst die Bäume zitterten; und die Erde unter ihren Füßen +bebte weit hin -- und die Thüre sprang auf, und sie sah den Knaben sitzen; +und eh' noch der Wiederhall rings umher den Wetterschlag ausposaunt, stand +sie, in irrigem Wahn, schon vor ihrem todten Johannes, was ihm geschehen +sei? Aber es quoll nur Blut aus seiner erschütterten Brust. + +Wecker und Krieg und selbst Daniel liefen hinaus. Sie erblickten nur noch +eine sanft sich verziehende Wolke von blauem Dampf, der die Abendröthe +durchschimmerte. Auf der nahen Klubbistenschanze standen aber mehrere +Soldaten um Etwas, das sie betrachteten; und so eilten sie mit einigen aus +dem Dorfe auch zu den Neugierigen, und drängten sich endlich Raum zum +Sehen, und sahen und hörten. Und Einer sprach zu den Andern! »Uff! der hat +kurzes Ende gemacht statt des langen! Er sah, Wir fallen alle, verlieren +den Ruhm und vergehn in Schande. Er starb noch in _vollem Monde der Ehre, +im großen Tage_ des Vaterlandes, in welchem bald -- einst -- und nie ein +Franzose mehr sterben kann!« Und ein Andrer sprach: »Die sechs Kanonen hat +er auf Einen Punkt gerichtet, da er jetzt Wache hier stand -- alle mit +Granaten geladen; dann durch einen mit Pulver eingeriebenen Faden, über +kurze Luntenstummel verbunden, hat er hier stehend sie alle zugleich +abgeprotzt.« -- »Ein Vorwand! _Ein Kind von zwei Müttern geboren!_« sagte +noch ein Andrer. »Er hat in letzter Nacht seine Schwester durch ihren Mann +erschossen. Durch und durch! Also zwei aufeinmal.« + +»Also das Wer da? Wer lebt? heut in der Nacht auf unserem Wege zu Christel +kam von _Stephan_?« sagte Krieg bestürzt. + +»Ist gekommen!« sprach Wecker. »Dein Reich komme!« + +»Und hier erschießt er sich nun!« + +»_Hat_ sich!« sprach Wecker wieder. »_Vergieb uns unsere Schuld!_ Es ist +kein tempus besser für Jeden, als das praeteritum! Und zum Glück ist unser +Aller Gegenwart kein Wartendes, sondern ein Gehendes, Laufendes, +Verschwindendes.« + +»Der Mann ist wie verschwunden!« sagte der gnädige Gottlieb. -- »Er liegt +in hundert Stücken;« sagten Mehrere, ohne seine Gebeine zu sammeln, und +besahen nur die Brocken des tapfern verwogenen Mannes -- zerrissene Stücke +von Tuch, von Leder, vom Seitengewehr, keines einen Handteller groß; und +weit verstreute einzelne Knöpfe. Nur ein Lustigmacher setzte sich den +weggeschleuderten Tschako auf. »Wen der Teufel holt, der braucht keinen +Sarg!« meinte der gnädige Gottlieb. Daniel aber sah etwas entfernt, Petern, +den Hund, an einem Strauche sitzen, ging hin, und wollte das verlassene +Thier mit zur Mutter nehmen. Er kam aber stumm wieder zu Wecker und Krieg +gelaufen, und zog sie nach; und sie sahen den Hund vor dem unversehrten +Kopfe St. Etienne's sitzen, und die Augen desselben sahen dreist in den +Abendhimmel. Und Wecker sprach: »Ein Hund weiß doch, wer der Mensch ist! Er +sitzt nicht bei einem Beine, oder Arme; nicht beim Seitengewehr, selbst +nicht beim Herzen -- er sitzt bei den Augen, bei dem Kopfe, beim Verstande! +Darum sollte Peter eigentlich nicht bei dem Unverstande sitzen!« Darauf kam +Herr von Ellenroth, hob den Kopf behutsam auf, verhüllte und bewahrte ihn, +und trug ihn fort; und der Hund lief nun mit ihm, wie gebannt. + +»Schweigt!« hatte der junge Freund ihnen noch geboten! Und sie nun wieder +empfahlen dem Daniel zu schweigen, der Mutter willen. »Siehe, mein Sohn,« +sagte Wecker, »so kann Jemand nichts gesehen haben in der Welt! So haben +wir Alle in Europa jetzt Nichts gesehen und gehört -- und schweigen, und +wissen doch, wer den Kopf nun hat, und wer keinen -- nämlich wir! nämlich +_nicht!_ Aber wir haben ein Herz! Und die Stunde zum Reden wird kommen, +mein Daniel, dann kannst Du der Mutter Alles sagen.« Da ihm Christel aber +auch des Propheten Gesicht von der Genugthuung, als Vorbereitung zum +jüngsten Gericht, erzählt hatte, so sprach er auch noch voll Verwunderung: +»Wie aber der Stephan einmal sich selber wieder herstellen wird, -- das ist +mir zu hoch!« + +So mit gedrücktem Herzen und scheuen Blicken traten sie wieder zu Christel +ein; aber nur Daniel fiel ihr um den Hals. Und die Mutter sagte ihm selber: +»Du guter Junge! Wir sind ja nicht ganz verlassen -- ich habe nun meinen +Bruder! Der wird mein Trost und Euer Vater sein. Nur heute morgen war er so +sonderbar -- Ihr wißt aber nicht _warum_, und danket Gott dafür!« + +»Ach, meine Mutter!« sprach Daniel, und wandte sich weinend weg. + +Eine geraume Zeit nach dem Sonnenuntergang, eben als der Kukuk neunmal in +der Kammer rief, als sehnte er sich nach dem alten Frommholz, trat der Herr +von Ellenroth langsam und leise ein -- und sagte aus gutem Herzen nicht: +»Guten Abend,« sondern: »Ich muß Euch doch besuchen, liebe Christel; ich +komme so gern, und muß. Denn hört Ihr nicht aus der Ferne die Schüsse? Man +wird uns die Vertreibung vertreiben, und uns Eingeschlossene noch enger +einschließen. Darum läßt Euch Herr Paschalis sagen und bitten: Ihr sollt so +bald als möglich mit den Euren in die Stadt zu ihm kommen. Am Hause kann +Euch nichts mehr gelegen sein, und er will Euch jede Stecknadel mit einem +ganzen Briefe vergüten, geschweige das Andere, was Ihr hier laßt, oder +lieber sogleich an die Aermsten im Dorfe verschenkt, wozu Paschalis Euch +rathen läßt. Ich habe den armen Vater Paschalis ganz verändert gefunden; +denn seit jenem Abend, wo vormals Euer -- nun wieder der Welt angehörige +Johannes meine Dorothea todt gesehen, war ich aus Schmerz und vergeblicher +Sehnsucht nicht mehr bei ihm im Hause gewesen. Heute zur Osternacht ließ er +mich zu sich entbieten. Er meint es auch gut mit Euch. Kommt! glaubt mir! +Denn . . . ich habe eine Todte, und Ihr einen Todten; wir leiden dasselbe, +und wir verstehen uns, nicht wahr, liebes Weib, so jung und schon so +verlassen. Denn wir Beide erwerben nichts weiter mehr in der Welt! Und zu +unserem möglichsten Glück! Wer immer wieder gewinnen, wer Alles ersetzen +kann, was er verloren, meine Christel . . . der hat Nichts besessen! Aber +wir haben gehabt, was die Seele begehrt und erfüllt -- wenn auch meine +Seele nur mit Hoffnung und Thränen -- und dieses Bewußtsein ist +immerwährend ein großes Glück -- oder für arme Menschen doch -- das +größte!« + +Christel schwieg. + +Da die Schüsse von Britzenheim her, aber jetzt deutlicher zu hören waren, +sprach Wecker: »_Die_ Christen feiern die Osternacht -- auf ihre +altgläubige Art! Wie Herodes die Weihnachtsnacht! Aber Herodes war noch +kein Christ! sondern hatte nur wüthenden Respect vor Christo. Aber den +Johannes können wir doch nicht todt zur Stadt fahren, wie einen gewissen +alten Hector, der auch in seinen besten Jahren umgekommen, und einen +kleinen Zweig, Ast-Anax, verlassen. Darum sage ich: Der Todte ist da, als +die Hauptperson zu jedem noch so schlechten Begräbniß. . . . Das auf der +elenden Erde berühmteste Loch, das Loch in die Welt, das Allerweltsloch, +wodurch alles Schöne heimlich herausläuft, wie aus einem See, so daß die +Welt nur eine löcherige Pauke ist, die ich nicht einmal pauken mag, weil +sie abscheulich dumpf und hohl und leer klingt -- als würfe man Erde auf +einen Sarg -- das Thränenloch ist bald abgetäuft . . . . zu der großen +Maskerade im Finstern ist Johannes bald proper genug angethan . . . . des +Vaters Bretterhaus wird des Sohnes unsterbliche Wohnung; denn Bäume sterben +zwar ab, aber Bretter verfaulen nur . . . und jetzt, zur heiligen +Osternacht ist es schön, einen Lieben zu begraben, während alle Dörfer +umher jetzt denken, denn singen dürfen sie's nicht: »Christ ist erstanden!« + +Christel war Alles zufrieden, wie den raschen Tod, so das schnelle +Begräbniß. + +Besser Eins wie Keins, sagte Wecker. Wer ein Kind verloren, und einen Mann; +das heißt: seinen Einen Einzigen, wie soll der nicht gelassen sein, und +verlassen ansehen, was sich etwa noch weiter Albernes in der Welt begiebt! +Ihr seid nicht ganz dumm, Frau Christel, eine Frau bleibt Ihr doch, und die +beste auf drei Quadrat -- Schuhe im Umkreis -- denn um die Lebendigen +stehen alle guten Todten! Weiber und Männer; gewiß auch Johannes! Denn, +sagt man, ein ganzes Jahr lang steht noch ein Vater bei seiner Wittwe und +seinen Kindern hinter der Thür!« + +Und Alle schwiegen bangselig, als die kleine Sophie die Thür vorsichtig +aufthat, weit offen stehen ließ, so daß Licht in das Haus fiel, und weit +vorgebogen mit dem Köpfchen hinter die Thür nach dem Vater sah. + +Aber Christel rief sie, band ihr und den beiden andern Kindern den Flor um +den Arm; und Daniel fiel dabei auf die Kniee und sprach in verworrenem +Schmerz, des Vaters und Stephans gedenkend mit gefalteten Händen wie +betend: »Ach, Mutter! ein Hund ist ein treues Thier, geschweige ein Kind! +Ich will den Vater zeitlebens vor Augen haben, wie . . . wie . . . und Euch +im Herzen wie Er!« + +Darauf beschickten die Männer, mit der nächsten Nachbarn Hülfe, den +sonntäglich angezogenen Johannes in die geweihte Erde; während Christel, +die einen kurzen getrosten Abschied genommen -- weil alle Wittwen ihren +Männern ja bald nachzufolgen glauben -- mit Daniel und den Kleinen zu Hause +geblieben, und zuletzt nur bis in den Hof trat, Sie hörte jetzt wirklich +die Marseiller Hymne singen, blickte zum Himmel -- und so sah sie nun auch +-- aus der Neujahrsnacht -- das leere Kreuz, das Zeichen der angefangenen +Erlösung vom Himmel herab hangen, und die Posaune des Weltgerichts, und die +Inschrift rund umher mit den großen Buchstaben; und in der Ferne regte es +sich arbeitsam-gespenstisch; und auch das Feuer der Hölle schien am +Horizont herein; ein naher Kanonenschuß war ihr nur der Donnerschlag aus +dem Wächterauge der Großmutter des Teufels »über die Arbeitenden im +Gefild;« über die im Gefecht stehenden Soldaten; und sie sah die vier +Riesenbilder an den Weltwänden -- aber es waren Wolkengestalten; und das +Feuer war der Schein des aufgehenden Mondes; und sie wußte es, und doch sah +sie das blasse Antlitz an als _das leidende Gesicht der Menschheit_ -- und +endlich ward das Antlitz _ihr eigenes_ _blasses Gesicht_; und sie selber +sah sich unaussprechlich leidend an, lange, lange. Und eine kalte Hand +berührte ihre Schulter . . . und es war Wecker, der fröhlich die kalten +Hände reibend sagte: »Vor der Hand ist das Loch in die Welt zu, und +Johannes hindurch in alle Welt! Die Welt ist groß und schön, meine +Christel; trotz des weltberühmten Allerweltsloches -- ja eben des Loches +wegen! Wenn ich nicht die Aussicht hätte, mich einmal vor mir selbst +_darein_ zu verkriechen und eine Einsicht und Aussicht und Ansicht darin zu +haben -- vielleicht: _das Antlitz_ Gottes, statt Eures lieben, schönen, +leidenden Mondscheingesichts -- so wollt' ich, wir gingen sogleich nach +Mainz!« Die Gedanken waren ihm vor Leid vergangen. + +Und so thaten sie. Und nichts nahm Christel mit, als ein kleines +Glasschränkchen mit den besten Angedenken: dem Osterei des Daniel; einem +kleinen, kleinen Strohwisch aus Weckers großem, womit er den Daniel erweckt +hatte; mit einem Span von dem Holze, das Christel entwendet; mit Johannes +ABC-Buch; und der eisernen Spitze, die ihr Clementinchen durchbohrt; und +zuletzt, mit dem Stück ausgeschnittenen Hemde, wodurch ihrem Johannes die +Kugel in die Brust gegangen war. Wecker trug dieses kleine Leidenhäuschen +»das Monstrandum, die Monstranz, oder das Monstrum« feierlich, als wollte +er es aller Welt zeigen; aber mit langen Schritten. »Denn,« sprach er, +»unser Geschichtschreiber wird sagen: »Sie eilten, von den nahenden +Schüssen gedrängt, durch die finstere Mitternacht, und gelangten, _froh_ +des eignen davon gebrachten Lebens, in die _sichere Stadt_ -- denn selbst +seine Schmerzen werden dem Menschen unabkaufbar-lieb; und um _sie_ fort zu +genießen, selbst das elende Leben; denn der Schmerz ist ein Zauberspiegel +mit allem genossenen Glücke klar und nah dahinter, statt Folie; und der +Spiegel ist so warm und _beredt_, als das Glück groß war, daß es nicht +ausgesprochen werden konnte -- wie das Leben.« + +Zu Paschalis Hause, das dem Dom gegenüber stand, wählten sie den Weg durch +die erleuchtete, offene, menschenerfüllte Kathedrale, worin so eben +Christus Auferstehung durch eine lebensgroße Puppe künstlich dargestellt +ward, und -- _der Kinder willen_ wählte Christel den Weg durch die Kirche; +obgleich Ellenroth sie so führte, daß sie an dem Grabmale des Churfürsten +Albrecht von Mainz zu stehen kamen, der vom Papst Leo X. den Ablaß für +Deutschland, wie ein Jude den Zoll, gepachtet hatte, so daß der geistliche +Pascha seine große Pachtsumme nebst doch einigen Procenten den Deutschen +ausängsten mußte -- damit das deutsche Volk sich selbst auf ewig davon +erlöste; wie der Wecker dem Schulmeister, und der Schulmeister dem Weber +jetzt an dem Grabmal desselben stehend, davon erzählte. + +Hier aber begrüßte sie leise _Paschalis_; und als er mit Christel allein +einmal um das Altar gegangen, frug er sie: »Darf ich Dir den Schmerz um +Johannes aus der Brust nehmen?« -- Und sie sagte: »Ich dächte nicht! Nicht +gern.« »Aber doch!« sagte er langsam. »Siehe Christus ist erstanden: -- -- +und _Dein Bruder Stephan ist umgekommen_.« + +Und Paschalis hatte wahr geredet. Denn das neue Leid erfüllte nun ganz ihre +Seele. Jetzt war der Mutter das Kind nicht begraben worden; Johannes war +nicht begraben worden; Alles lebte ihr in ewigem, heiligem, verborgenem +Sein -- und nur St. Etienne lag ihr als Leiche in der ganzen großen Welt, +und die ganze Welt war ihr nur: der schöne geliebte todte Bruder. Und +Paschalis ließ sie, still vor der Heiligkeit des Ortes, still ausweinen, +während sie in's Dunkel gekehrt ihre Stirn an einen kalten Engel legte, und +ihn fest an dem kalten Händchen hielt. + +Und als endlich Christel wieder Paschalis angesehen, und ihm eine Hand +gereicht, und als er wieder mit ihr um das Altar gegangen, fragte er sie +noch milder als zuvor: »Darf ich Dir wieder den Schmerz um den Bruder aus +der Seele nehmen?« Und sie sagte wieder: »Ich dächte nicht! Nicht gern!«-- +»Aber doch!« sagte er: »_Dein Bruder hat sich selber erschossen._« + +Und eine jubelnde Musik fiel ein, und jauchzende Sänger riefen vom Chor +über die Menschenhäupter durch den Kerzenglanz und den Weihrauchduft: +»Christ ist erstanden!« und die, das uralte, mächtige Wort zurückhallenden +mächtigen Pfeiler schienen es mitzusingen, wie versteinerte Riesen, denen +das Wort Sprache gegeben; und an den Bogen des Gewölbes wälzte es sich vor +Freuden dahin, und stieg herauf, und floß wieder herab . . wie ein +Schmerzensstrom in Christels Brust. Und sie rief die Kinder zu sich, setzte +sich in einen geschnitzten Stuhl und versank in die Tiefe ihrer Seele. + +Und als sie endlich aufsah, aber zürnend und doch niedergeschlagen, frug +sie Paschalis wieder: »Soll ich Dir auch diesen Schmerz verwandeln?« -- Und +sie sagte jetzt: »Gern! Aber unmöglich!« »Aber leicht!« sagte er: . . . +»_Dein Bruder hat Deinen Johannes erschossen._« + +Und Christel ward blaß, schloß die Augen, lehnte sich zurück, und über den +schlafenden Augen und den schlafenden Ohren und dem zugeschlossenen Herzen +verrauschte das Halleluja! so machtlos und freudlos und still, als würde es +tausend Klafter tief unter einem steinernen Bilde der schönsten Mater +dolorosa in der Erde von Erdgeistern gesungen; oder in tiefem Meeresgrunde +sängen es, in den verborgenen zauberisch schönen Meeresgärten, die +wundervollen Blumen mit Blumenlippen -- und hoch, hoch, hoch darüber +schiffte ein einsam verschlagenes Schiff auf den wüsten stürmenden Wogen +mit nur noch Einem Menschen, einem Todten! Und die Todte wäre Christel! +. . . Die Kinder wollten schreien, aber sie rüttelten nur an der Mutter, +die erwachte, die Augen wild aufschlug, umhersah, jäh auffuhr, die Kinder +vergaß und davon fliehen wollte, sie wußte nicht wohin. Paschalis hielt sie +sanft, aber sicher am Arme; und an ihn sich stützend, ward sie wieder +völlig munter, und war wieder aufgetaucht in die öde -- liebevolle Welt. + +»Denke doch, Christel,« sprach Paschalis, »das liebevolle Herz schlägt ja +eben in der Welt! Wäre die Welt nicht, nicht gewesen . . . Wen oder Was +hättest Du doch geliebt? Die Welt ist nicht öde, sie ist nur graunvoll -- +denn eben unser Licht wirft nur graunvolle Schatten und schafft sie erst! +Stirb, -- und die Welt wird ruhig und voll, voll, schwervoll sein, wie -- +ein Grab. Das kann ich mir Alles denken! Ich aber, ich weiß, ich empfinde +ganz Anderes. -- Ihr habt Euch nicht selbst geholfen -- Ihr leidet nur +selbst. Das ist Nichts! spreche ich, und kann ich sagen! Nun komme mit mir! +Jetzt glühst Du vielleicht so heiß in Gefühlen, und die Marterkammer der +Menschen ist Dir so nah vor den Füßen aufgeborsten, Du wandelst noch selbst +auf dem flammenerhitzten und durchzuckten Boden, um meiner Leiden Abgrund +zu ermessen! -- Kommt, Krieg! Wecker kommt; und komme auch Du -- Du, +Sebastianow! -- Ich kann alle Leiden heilen -- wie Moses selber sterbende +Schlangen! Kommt!« + +Und im Gehen sagte Wecker: »Ja! Seht, meine Christel, wie gut! Wir haben +Alle nicht freventlich in der Arche gesessen! Wir sind rechtschaffen mit +ersoffen! Deswegen verstehen wir nun recht die Sündfluth der gemachten +Leiden und die schlagenden Herzen der geschlagenen Menschen weit und breit +-- denn wie hier, wie Uns ist es Hunderttausenden gegangen. Wir verstehen +das Leid! Das Mitleid! das der Herr auf Erden wieder erwecken will, denn es +hat lange, zu lange eisern geschlafen! Wir verstehen den _Krieg_, und -- +und -- und werden nun auch erst recht die _Früchte_ mit Muth zu verlangen, +mit Kraft zu erlangen, zu schmecken und zu würdigen wissen, die uns der +Friede bringen wird, der Friede der Lebendigen und der Todten! Denn der +bloße nackte Friede selber, _ohne seine versprochenen Gaben_, ist bloß ein +dummer Junge -- ein wahrer »dummer Friede!« Eine Scheune voll leerer +Strohschütten nebst abgedroschenen Flegeln! Früchte wollen wir sehen und +mit Freuden erndten, die wir mit Thränen gesäet! Die sollen uns schmecken, +wie Nürnberger Pfefferkuchen! Nicht wahr Kinder?« + +Und die Kleinen sagten: »Ja!« + +»Armer hoffender Wecker,« sagte Paschalis; »Ihr hofft für Andre. Mäßigung +ist die beste Frucht der Unmäßigkeit.« + +»Die Todten gehen nicht auf;« seufzte Christel. + +»Ihr wißt,« erinnerte der Leinweber, »die Urheber müssen Alles gut machen, +ersetzen; _gut_ macht es dann der sogenannte Herr!« + +Paschalis führte Alle darauf in den Saal seines Hauses. In der Mitte über +der runden Tafel leuchtete nur ein uralter Kronleuchter, fast wie eine +dickbäuchige Kreuzspinne mit langen, dünnen Arm-Beinen, an jeder Fußspitze +ein Wachslicht. Er lud sie ein sich zu setzen, vertheilte Osternachts-Gaben +-- bunte Eier, ungesäuertes Brod und Honig, hatte aber wenig Geduld und +viel Hast dabei, und sagte: »Ich reise weit weg; auf lange; und fahre die +Nacht noch ab. Bleibt hier in meinem -- nun Eurem Hause, bis Ihr aus der +Arche gehen könnt. Ich lege meine Ehre und meine Schande in Eure Zunge. +Auch meine _Jungfrau Maria_ binde ich Euch mit Liebesstricken und +Unglücksbanden auf's Herz! Vielleicht, lieber Ellenroth, da Sie schon in +Griechenland waren, reisen Sie noch mit Ihr nach Italien -- nach Rom, -- +nach Loretto in die Casa santa!« + +Von Ellenroth und die Anderen sahen ihn an -- aber Paschalis fuhr fort: +»Meine Christel, -- Dich bitte ich, künftig in dem jetzt ausgebrannten +Schlosse von Breitenthal, wenn es wieder eingerichtet ist, eine wirklich +gnädige »gnädige Frau« zu spielen; den alten weinseligen Herrn von +Borromäus aus dem Vogelheerde zu erlösen, und ihm den Jäger Niklas zum +Diener zu geben. Das Gut bleibe dann den Kindern. Der Leinweber und Wecker +sollen Deine Amtleute und Rechnungsführer sein.« Zu dem Herrn von Ellenroth +meinte er: »Geld ist Ihnen lieber! Mein ganzes übriges Vermögen -- wirklich +nun ganz übrig -- möge Sie an meinen guten Willen erinnern, Ihnen meinen +edelsten Schatz auch gern anzuvertrauen, wenn der Schatz wollen durfte!« + +Er gab ihm dabei einige Papiere, die der Schwiegersohn in -- ewiger -- spe, +wie er ihn nannte, sogar aus Verlegenheit nahm und in Händen behielt. +Darauf ward Paschalis sehr ernst, indem er nach Etwas in seiner Brusttasche +zu fühlen schien, und sagte: »Dorothea ist todt! Meine und Ihre.« Aber +. . . sprach er verstummend, ging und that leise die Thüre zu einer mäßig +großen Halle zur Seite des Saales auf, welche ganz wie das heilige Haus, +die Casa santa in Loretto eingerichtet und hell erleuchtet war -- »seht! +Sehet recht hin! -- Dorothea lebt!« + +Christel sprang auf. Ellenroth wandte sich hin, und blieb wie bezaubert +stehen. + +»Dorothea lebt;« sprach Paschalis mit bebender Stimme; »sie lebt; so +scheint es. Ich weiß jedoch nicht, und nur _sie_ wird es wissen, ob es noch +_unser_ Leben ist, wenn Jemand Andres in uns und aus uns lebt, denkt, +empfindet und spricht . . . . wenn ein jetziger Mensch ein nunmehr gewiß +sehr altes, ja todtes Weib ist; nicht seine Gedanken, sondern ein Gedanke +der curiosen Welt, also für sich ein Wahn, ein Hirngespinnst, ein Gespenst +-- aber ein unerträglicher Geist für mich! Denn sie ist und bleibt meine +Tochter, nichts weiter. Sie aber -- -- so hat sich ihre Krankheit gelöst +. . . so hat sich ihre Seele wieder hergestellt, oder der Sache ein +Mäntelchen umgehangen -- denn sie -- sie ist sich: die _Jungfrau_ Maria. +Und also sind alle ihre Schmerzen verhallt, alle ihre vergeblichen Wünsche +auf Erden wieder in dem Himmel ihrer Seele erfüllt. Sie war hoffärtig! +Stolz! Sicher im Gefühl ihrer strengen Zucht und Ehre -- der Herr hat sie +gedemüthigt; aber die Niedergeworfene wieder aufgehoben, doch sie -- Wecker +geht hin und seht, -- sie hat das ABC stets vor sich auf dem Schooß, den +Lobgesang Mariä aufgeschlagen, und betet oft kniend laut daraus mit +_Freuden und Dank_, daß mir die Haut schauert . . . denn sie betet: »Er +übet Gewalt mit seinem Arm, und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres +Herzens Sinn. Er stößet die Gewaltigen vom Stuhl, und erhebet die Elenden!« +-- + +Und sie traten an die Thür und sahen das schöne blasse Mädchen, +eingeschlafen; aber auch schlafend noch in ihren morgenländischen Kleidern, +nur sonderbar mit dem Bande der Ehrenlegion geschmückt, auf alterthümlichem +Sessel sitzend, die Linke auf die Lehne gelegt, die Rechte auf dem +aufgeschlagenen Kinderbuche. Um ihren Kopf schimmerte ein ächtpersisches +buntes Tuch, und auf dem Wirbel schimmerte eine kleine silberne Krone. Im +Zimmer war wenig, aber gleichfalls alterthümliches Geräth; und an der Wand +hing eine Copie der _Verkündigung_ von der Angelika Kaufmann, die zur Seite +der Casa santa in der Kirche zu Loretto hängt. + +Und wie dort der willfährig empfangene Engel, kniete jetzt hier der +verstoßene Bräutigam vor sie hin, und beugte sich dann zu ihren Füßen +nieder. Wecker aber nahete leise, legte sehr sanft die alte zitternde Hand +auf ihr Haupt und sagte zu der Schlafenden: »Hätte ich Dich doch hinunter +stürzen lassen, wo ich den Teufel vom Thurme stürzte! Denn Du arme +Verrückte hast ja doch gethan, wovor Dich Gott, laut Deines Briefes, +bewahren sollte: -- Du bist katholisch geworden!« -- Dann zog er die Hand +zurück. + +»Wecker!« tadelte ihn der Leinweber: »die wahre Jungfrau Maria ist nie +katholisch gewesen! Selbst Christus war kein Katholik, höchstens rein +evangelisch, und das noch kaum: Er war nur Er selbst ganz allein, nicht ein +Christ, sondern Christus.« + +Die Kinder aber fürchteten sich hinein zu gehn, und die Kleine war schon +schlafend bei ihren Ostereiern am Tische sitzen geblieben. Christel stand +also entfernt mit Daniel und Gotthelf. Sebastianow, der Mitverwüster dieser +starken Seele, dieser schönen Jungfraugestalt, aber zitterte am ganzen +Leibe wie vor dem jüngsten Gericht, das so eben wie Wetter hereingebrochen, +und bebte nun seinen Namen zu hören. + +Paschalis aber sagte ihm mild auf Russisch: »Janow -- Zschartowitsch![A] +Gehe getrost hinein. Sie kennt selbst den Vater nicht, denn sie wohnt in +Nazareth, in alten, heiligen Tagen; und ich bin ihr nur ein fremder, +fremder Mann aus der Zukunft . . . und doch bekannt . . . wie aus dem +Paradiese! Hast Du aber vorhin in der Kirche, nach Eurer Sitte, vor jedem +Geistlichen dreimal ausgespuckt, so schlucke hier dein Gift hinunter.« -- +Dabei schenkte er ihm einen Beutel mit Golde, und der Mensch betete ihn +bald an. »Ziehe in Frieden!« sagte er ihm, sich von ihm wendend, ob er ihn +gleich mit keinem Auge angesehen. + +[Fußnote A: Teufels-Sohn.] + +»Nun, Christel.« frug er diese, »hast Du noch einen Dolch im Herzen, um +Dorothea! Auch den Schmerz will ich aus Deiner reinen Brust nehmen! Ja, +wenn Du auch um mich noch einen Stich empfinden solltest, so will ich +vorher dem Dolche die Spitze umbiegen. Ja, was Du auch gelitten hast, Du +sollst Dich darüber freuen und dem Herrn _dafür_ danken! Denn ich halte +noch ein kleines aber furchtbares Licht in meiner Hand, das mich brennt es +fallen zu lassen. Und doch bin ich innerlich schon dadurch verkohlt. Ich +bin todt, und darf nur die Augen noch zuthun. Doch das ist bald gethan.« + +Die Andern traten jetzt Alle um ihn, und Paschalis sprach ernst: »Nun wohl, +so mögt Ihr es wissen, besonders der Bräutigam. Wie der bessere Mensch nur +ein Wort ist, und die meisten nur ungesetzte Buchstaben im +Buchdruckerkasten, die der Geist der Welt setzt, so konnten die Menschen, +jeder eine Lehre aus seinem Leben ziehen: wieder das Wort. Klarer aber, als +da draußen aus der furchtbar wogenden Welt, springt aus unserem kleineren +Leben eine große Lehre heraus, und die will ich als Kaufmann noch ziehen! +Mäßigung, sagte ich angeklungen vorhin, Mäßigung ist die beste Frucht der +Unmäßigkeit. Auch Mäßigung in den Wünschen. Die Hoffnung war auch etwas +werth. Der Betrug wird auch klug machen. Ein Volk, das nur einmal wieder +tüchtig zugestutzt worden ist, selbst bis auf den Stamm und die Wurzel, das +hat wieder Lebenskraft erhalten, verjüngt sich wieder und geht nicht ein. +Am schrecklichsten aber bestraft sich Selbsthülfe? Wenn sich ein Mensch +helfen will, so thue er es bloß durch weise-, gelassen- und gut-sein. +Völker denken oft anders. Aber auch zu ihrem Schaden; denn wenn Alle klug +sind und fromm, kann Einer oder werden Mehrere nicht mehr gottlos und dumm +sein. Sela.« + +»Das wollt' ich nur wissen!« sprach Wecker. + +»Ich aber verabscheue die Selbsthülfe, wenn sie nur ein wenig mehr ist, als +Ertragung und Verwünschung der Uebel, selber der schwersten und +schmählichsten,« (Er sah wehmüthig nach Dorothea.) »Denn der Lastträger hat +Kraft; der Verwünschende hat weiseres Wissen und Zorn gegen das Böse, und +den Wunsch des Bessern, ja des Guten. Ich aber -- beweint mich nicht -- ich +habe mir selber so geholfen . . . daß ich mir nicht mehr zu helfen weiß. +_Meine Tochter_ hat sich geholfen . . . bis in den Scheintod, ja bis zur +Jungfrau Maria! Und ihr war doch schon geholfen durch mich. Der alte +Zimmermann _Frommholz_ hat sich geholfen . . . bis in den Kerker -- und +sein Helfer war schon bereit! -- _Johannes_ hat sich geholfen . . . bis in +den ewigen Kerker -- und die Kugeln rührten sich schon in den Läufen, die +ihm freie Bahn machten! _Stephan_ hat sich geholfen -- Alle haben sich +selber geholfen . . . und Niemand kann _ihnen_ mehr helfen, selbst ein Gott +nicht, der seine Welt nicht auf Selbsthülfe berechnet hat, sondern auf +seinen Rath und seine Führung und seine Kraft, der _Niemand_, Niemand +widersteht; und auf seine Liebe, die _Allen_ angedeiht; und auf das +_Zutrauen_ zu Rath, Führung, Kraft und Liebe des außerdem -- +Erschrecklichen! Zermalmenden! -- Gottes!« + +Paschalis ging einige Schritte bei Seite; stand, wandte sich ab; bog den +Kopf zurück, als starre er hinauf in den Himmel; aber er hatte dabei seine +Hand am Munde. Dann kam er zurück und sprach: »Kinder, Daniel und Gotthelf, +geht doch zu Euerem alten Großvater Frommholz! Keines von Euch hat ihn +bemerkt. Er sitzt schlafen hinter der offenen Thür, da ist sein warmes +Plätzchen. Ich hab' ihn erlöst; und als alter Zimmermann paßt er sich wohl +hieher.« Und die Kinder gingen und der Pathe. + +Darauf sprach Paschalis eilend und schneller, aber auch schwächer und doch +wie entzückt: »Sonderbar! Nun ich _weiß:_ Ich -- Ich habe sieben Menschen +umgebracht -- und weiß: nur gräßlich _Schuldige_, also Thiermenschen -- und +_Ich_ habe sie geschlachtet, nicht meine theuere Dorothea hat es gethan -- +nun ist mir leicht! Denn sie sind _eher_ an meinem mit Kirschlorbeerkraft +vergifteten Rheinwein gestorben, als sie erstickt _sind_, nicht _worden_. +Mein Kind hat es also nicht gethan -- _ob sie es gleich gethan hat_ -- +sondern doch nur gewollt. Todte kann man nicht tödten. Jeder Mensch, sieben +oder einer -- auch Ich -- können nur einmal sterben. Ich könnte den +sonderbarsten Prozeß mit meiner Tochter führen . . . und nur gewinnen! Denn +Ich bin der Rächer für ihre erlittene Schmach! Mein Kind, mein armes Kind +ist _unschuldig_ wie das Lamm Gottes, das -- der Welt Sünde trägt.« Er +taumelte. Und eilender sprach er: »Holt keinen Arzt! Ihr Thoren, sterben +werde ich nicht -- bis Gott stirbt.« + +Er zitterte; er holte heißeren Athem; sein Gesicht glühte; seine Augen +standen glotzend. Ihn erdrückte das Gewicht der Worte, die er gesprochen -- +daß sein Kind _unschuldig_ sei, während sie doch der Welt Sünde trug, und +schmachgebeugt, bis zur Unkenntlichkeit ihrer schönen Seele, vor ihm +vergangen war, und herabgesunken bis zum Gespenst der Jungfrau Maria. Und +zum Glück oder Unglück erhob sich jetzt die schöne stille Königin der +Trauer, Dorothea, und kam in ihren rauschenden, langen Gewanden, mit +schimmernder Silberkrone auf Paschalis zu. Und da sie so viele befreundete +Menschen sah, breitete sie ihre Arme mit getäuschter und gesammelter +Empfindung -- nach ihrem Vater aus. Und er sank in ihre Umarmung. + +So blieben sie lange. Bis Dorothea wankte, und sie ihr zu Hülfe kommen +mußten. Denn der Vater, vom Gewissensschlag gerührt, wie Ananias, von +Jammer zerrissen, und vom stillen schnellen Gift ausgelöscht wie ein Licht, +war in ihren Armen vergangen. + +Sie lehnten ihn hin. Und Dorothea verwunderte sich nicht, vergoß keine -- +Klage, ja ihre Augen wurden nicht feucht. + +Und Christel zog und drückte ihre Kinder an sich, und pries sich glücklich, +ja selig. »Der Prophet hat wahrgesagt! Mich würde kein Unglück treffen;« +dachte sie. Denn sie selber litt rein das unreine, schmähliche, aber nicht +beschmitzende Leid des Lebens. + +Nur Dorothea sah sie groß an, und lächelte spöttisch. Und Christel +erröthete vor dem Geiste St. Etienne's, der ihr erschien und verschwand. +Und sie seufzte tief aus befreiter, nicht schuldig gewordener Brust auf +. . . + +Paschalis aber hielt in seiner Hand noch ein kleines Blatt Papier, das er +vorhin, während er gesprochen, immer langsam um beide Zeigefinger spielend +gerollt hatte. Dorothea langte es geisterhaft daraus, und wog es. Dann +starrte sie lange hinein. + +Und als gälten die Worte sowohl dem Vater, als eben _so wohl_ auch ihr, las +sie erst halblaut . . . dann laut . . . dann begeistert, und wieder wie +entseelt, und Alle zu Thränen hinreißend: + + +»Meine Grabschrift.« + + »Es ist nur Eine Ruh' vorhanden.« Doch + Die _träge_ Ruh' im Grabe ist sie nicht! + Die stille Kraft des _Geistes_ ist sie, + Der in der Welt, doch _über_ aller Welt + Festschwebend, alles Uebel niederhält, + Nur voll vom Guten, nicht das Böse kennt, + Und rein die Liebe walten läßt! _Ihm_ ist + Das regste Leben: ungestörte Ruhe; + Der Kampf mit aller Welt: der tiefste Frieden! + Der allverbreiteten urstillen Kraft, + Die Ungemessenes unablässig wirkt, + Der willst Du Ruh' und Fried' und Seligkeit + Absprechen? Gott? -- Und Gott liegt nicht im Grabe! + Ich selber gehe durch das Grab zu ihm, + Und hoffe bei der Kraft und Liebe -- _Ruhe!_ + Gott ist nichts Besseres als Du . . . sein kannst. + +». . . Seine Tochter bin ich schon . . . seine Schwiegertochter!« sprach +Dorothea holdselig und begnügt. + + + + + + +Anmerkungen zur Transkription + +Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Siebenter Theil. Veit und +Comp., Berlin, 1845, pp. 1-178. + +Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben. + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40524 *** |
