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-The Project Gutenberg EBook of Rübezahl, by Rudolf Reichhardt
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
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-Title: Rübezahl
- Deutsche Volksmärchen vom Berggeist und Herrn des Riesengebirges
-
-Author: Rudolf Reichhardt
-
-Illustrator: Eugen Siegert
-
-Release Date: July 25, 2012 [EBook #40327]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RÜBEZAHL ***
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-Produced by Jens Sadowski
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-Rübezahl
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-Deutsche Volksmärchen
-vom Berggeist und Herrn
-des Riesengebirges
-
-Für die Jugend bearbeitet von
-Rudolf Reichardt
-Mit Illustrationen in Farbendruck
-nach Originalen von Eugen Siegert
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-Meidinger's Jugendschriften Verlag G. m. b. H.
-Berlin
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-Inhaltsverzeichnis.
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- 1. Rübezahl, der Berggeist und Herr des Riesengebirges
- 2. Rübezahls erste Bekanntschaft mit den Menschen
- 3. Wie Rübezahl zu seinem Namen kam
- 4. Rübezahl und der Schneider Benedix
- 5. Rübezahl und der Bauer Veit
- 6. Der kleine Peter
- 7. Glaser Steffen und sein Weib Ilse
- 8. Susi und der Kräutermann
- 9. Der geizige Bäcker
-10. Das sonderbare Wirtshaus
-11. Der Hexenstab
-12. Der arme Weberlieb
-13. Wünsche nicht zuviel
-14. Fischbach
-15. Meister Meckerling
-16. Gräfin Cäcilie
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-1. Rübezahl, der Berggeist und Herr des Riesengebirges.
-
-
-Im Südosten unseres lieben deutschen Vaterlandes breitet sich ein Gebirge
-aus, das man seiner großartigen Naturbeschaffenheit und seiner Ausdehnung
-halber das Riesengebirge nennt. Es bildet einen Teil der Sudeten und
-scheidet Schlesien von Böhmen und Mähren. Mächtige Berge, wie die Riesen-
-oder Schneekoppe, das Hohe Rad und die Sturmhaube, ragen weit in die Wolken
-hinein, und zwischen den felsigen Höhen haben starke Flüsse, z. B. die Elbe
-und der Bober, ihren Ursprung. In diesem Gebirge haust, wie sich das Volk
-erzählt, ein Gnom oder Geist, der sich selbst als den »Herrn oder Berggeist
-des Gebirges« bezeichnet, vom neckenden Volksmunde aber »Rübezahl« genannt
-wird.
-
-Der Fürst der Berggeister besitzt zwar auf der Oberfläche der Erde nur ein
-kleines Gebiet von wenig Meilen im Umfang, mit einer Kette von Bergen
-umschlossen; aber wenige Klafter unter der urbaren Erdrinde hebt seine
-Alleinherrschaft an, die ihm niemand schmälern kann, und erstreckt sich auf
-achthundertsechzig Meilen in die Tiefe bis zum Mittelpunkt der Erde.
-Zuweilen gefällt es dem unterirdischen Herrscher, seine weitgedehnten
-Gebiete der Unterwelt zu durchkreuzen, die unerschöpflichen Schatzkammern
-edler Metalle und Flötze zu beschauen, die Knappschaft der gnomenhaften
-Bergleute zu mustern und in Arbeit zu setzen, teils um die Gewalt der
-Feuerströme durch feste Dämme aufzuhalten, teils um taubes Gestein in edles
-umzuwandeln. Zuweilen entschlägt er sich aller unterirdischen
-Regierungssorgen, erhebt sich zur Erholung auf die Grenzfeste seines
-Gebietes und hat sein Wesen auf dem Riesengebirge. Dann treibt er in frohem
-Übermute sein Spiel und Spott mit den Menschenkindern; denn Freund
-Rübezahl, müßt ihr wissen, hat eine sonderbare Natur. Er ist bald launisch,
-ungestüm, unbescheiden; bald stolz, eitel, wankelmütig, heute der wärmste
-Freund, morgen fremd und kalt; zuzeiten gutmütig, edel und empfindsam, aber
-mit sich selbst in stetem Widerspruch, töricht und weise, oft weich und
-hart in zwei Augenblicken, wie ein Ei, das in siedendes Wasser fällt;
-schalkhaft und bieder, störrisch und beugsam, je nach der Stimmung, welche
-ihn gerade beherrscht.
-
-Vor uralten Zeiten schon toste Rübezahl im wilden Gebirge, hetzte Bären und
-Auerochsen aufeinander, daß sie zusammen kämpften, oder scheuchte mit
-unheimlichem Getöse das scheue Wild vor sich her und stürzte es von den
-steilen Felsenklippen hinab ins tiefe Tal. Dieser Jagden müde, zog er
-wieder seine Straße durch die weiten Gebiete der Unterwelt und weilte da
-Jahrhunderte, bis ihn von neuem die Lust anwandelte, sich an die Sonne zu
-legen und sich des Anblicks der äußeren Schöpfung zu erfreuen. Wie nahm's
-ihn wunder, als er einst bei seiner Rückkehr auf die Oberwelt, von dem
-beschneiten Gipfel des Riesengebirges umherschauend, die Gegend ganz
-verändert fand! Die düsteren, undurchdringlichen Wälder waren ausgerodet
-und in fruchtbare Ackerfelder verwandelt, wo reiche Ernten reiften.
-Zwischen den Pflanzungen blühender Obstbäume ragten die Strohdächer
-geselliger Dörfer hervor, aus deren Schornsteinen friedlicher Hausrauch in
-die Luft wirbelte; hier und da stand eine einsame Warte auf dem Abhange
-eines Berges zu Schutz und Schirm des Landes; in den blumenreichen Auen
-weideten Schaf- und Kuhherden und aus den lichtgrünen Wäldern tönten
-melodische Schalmeien.
-
-
-
-
-2. Rübezahls erste Bekanntschaft mit den Menschen.
-
-
-Die Neuheit der Sache und die Annehmlichkeiten des ersten Anblicks
-ergötzten den verwunderten Landesherrn so sehr, daß er über die
-eigenmächtigen Ackerbauer, die ohne seine Erlaubnis und Einwilligung hier
-wirtschafteten, nicht unwillig ward, auch nicht in ihrem Tun und Treiben
-sie zu stören begehrte, sondern sie so ruhig im Besitz ihres angemaßten
-Eigentums ließ, wie ein gutmütiger Hausvater der geselligen Schwalbe oder
-selbst dem überlästigen Spatz unter seinem Obdach Aufenthalt gestattet. Er
-ward sogar willens, mit den Menschen Bekanntschaft zu machen, ihre Art und
-Natur zu erforschen und mit ihnen Umgang zu pflegen. Daher nahm er die
-Gestalt eines rüstigen Ackerknechtes an und verdingte sich bei dem ersten
-besten Landwirt in Arbeit. Alles, was er unternahm, gedieh wohl unter
-seiner Hand und Rips, der Ackerknecht, war für den besten Arbeiter im Dorfe
-bekannt. Aber sein Brotherr war ein Prasser und Schlemmer, der den Erwerb
-des treuen Knechtes verschwendete und für seine Mühe und Arbeit wenig Dank
-wußte; darum schied er von ihm und kam zu dessen Nachbar, der ihm seine
-Schafherde anvertraute; er wartete dieser fleißig, trieb sie in Einöden und
-auf steile Berge, wo gesunde Kräuter wuchsen. Die Herde gedieh gleichfalls
-unter seiner Hand, kein Schaf stürzte vom Felsen herab und keins zerriß der
-Wolf. Aber sein Brotherr war ein karger Filz, der seinen treuen Knecht
-nicht lohnte, wie er sollte; denn er stahl den besten Widder aus der Heide
-und kürzte dafür den Hirtenlohn. Darum entlief er dem Geizhals und diente
-dem Dorfrichter. Hier bewährte er sich bei Ergreifung der Diebe und
-Überwachung der Gesetze. Aber der Richter war ein ungerechter Mann,
-richtete nach Gunst und spottete der Gesetze. Weil Rips nun nicht das
-Werkzeug der Ungerechtigkeit sein wollte, kündigte er dem Richter den
-Dienst auf und ward in den Kerker geworfen, aus welchem er jedoch auf dem
-gewöhnlichen Wege der Geister, durchs Schlüsselloch, leicht einen Ausgang
-fand.
-
-Dieser erste Versuch, die Menschen kennen zu lernen, konnte ihn unmöglich
-zur Menschenliebe erwärmen; er kehrte mit Verdruß auf seine Felsenzinne im
-Gebirge zurück, überschaute da die lachenden Gefilde, welche menschlicher
-Fleiß verschönert hatte, und wunderte sich, daß die Mutter Natur ihre
-Spenden an solche undankbaren Geschöpfe verlieh. Demungeachtet wagte er
-noch einen Versuch, die Menschen zu beobachten, schlich unsichtbar herab
-ins Tal und näherte sich den menschlichen Wohnstätten.
-
-
-
-
-3. Wie Rübezahl zu seinem Namen kam.
-
-
-So lauschte eines Tages Rübezahl, hinter Busch und Hecken verborgen, als
-plötzlich die Gestalt eines anmutigen Mädchens vor ihm stand. Rings um sie
-hatten sich ihre Gespielinnen ins Gras gelagert an einen Wasserfall, der
-seine Silberflut in ein kunstloses Becken goß, und scherzten mit ihrer
-Gebieterin in unschuldvoller Fröhlichkeit. Dieser Anblick wirkte so
-wundersam auf den lauschenden Berggeist, daß er seiner geistigen Natur und
-Eigenschaft vergaß und das Los der Sterblichen wünschte, um nach Art der
-Menschen zu empfinden. Deshalb verwandelte er sich in einen schwarzen
-Kolkraben und schwang sich auf einen hohen Eschenbaum, der das Wasserbecken
-überschattete, um das anmutsvolle Schauspiel zu genießen. Doch dieser Plan
-war nicht zum besten ausgedacht; er sah alles mit Rabenaugen und empfand
-als Rabe; ein Nest Waldmäuse hatte jetzt für ihn mehr Anziehendes als das
-Mädchen, denn die Seele wirkt in ihrem Denken und Wollen nie anders als in
-Gemäßheit des Körpers, der sie umgibt.
-
-Diese Bemerkung war ebenso schnell gemacht, als der Fehler auch verbessert
-war; der Rabe flog ins Gebüsch und verwandelte sich in einen blühenden
-Jüngling. Das war der rechte Weg.
-
-Die schöne Maid war die Tochter des schlesischen Fürsten, der in der Gegend
-des Riesengebirges damals herrschte. Sie pflegte oft mit den Jungfrauen
-ihres Hofes in den Hainen und Gebüschen des Gebirges zu lustwandeln, Blumen
-und duftende Kräuter zu sammeln oder für die Tafel ihres Vaters ein
-Körbchen Waldkirschen oder Erdbeeren zu pflücken und, wenn der Tag heiß
-war, sich bei der Felsenquelle am Wasserfalle zu erfrischen und darin zu
-baden. Von diesem Augenblick an war der Berggeist an diesen Ort wie gebannt
-und täglich harrte er der Wiederkehr der fröhlichen Gesellschaft.
-
-In der Mittagsstunde eines schwülen Sommertages besuchte sie wieder mit
-ihrem Gefolge die kühlen Schatten am Wasserfalle. Ihre Verwunderung war
-groß, als sie den Ort ganz verändert fand; die rohen Felsen waren mit
-Marmor und Alabaster bekleidet, das Wasser stürzte nicht mehr in einem
-wilden Strom von der steilen Bergwand, sondern rauschte, durch viele
-Abstufungen gebrochen, mit sanftem Gemurmel in ein weites Marmorbecken
-herunter, aus dessen Mitte ein rascher Wasserstrahl emporschoß und, in
-einen dichten Platzregen verwandelt, den ein laues Lüftchen bald auf diese,
-bald auf jene Seite warf, in den Wasserbehälter zurückplätscherte.
-Sternblumen, Lilien und Vergißmeinnicht blühten an dessen Rande,
-Rosenhecken, mit Jasmin und Silberblüten durchwunden, zogen sich in einiger
-Entfernung durch den Raum dahin. Rechts und links des Springbrunnens
-öffnete sich der doppelte Eingang einer prächtigen Grotte, deren Wände und
-Bogengewölbe in buntfarbiger Bekleidung prangten, von Bergkristall und
-Frauenglas, alles funkelnd und flimmernd, daß der Abglanz davon das Auge
-blendete. In verschiedenen Nischen waren die mannigfaltigsten Erfrischungen
-aufgetischt, deren Anblick zum Genuß einlud.
-
-Die Prinzessin stand lange in stummer Verwunderung da und wußte nicht, ob
-sie ihren Augen trauen, diesen bezauberten Ort betreten oder fliehen
-sollte. Aber sie konnte der Begierde nicht widerstehen, alles zu beschauen
-und von den herrlichen Früchten zu kosten, die für sie aufgetragen zu sein
-schienen. Nachdem sie sich mit ihrem Gefolge genug belustigt und alles
-fleißig durchmustert hatte, kam sie Lust an, in dem Wasserbecken zu baden.
-
-Kaum aber war die liebliche Prinzessin über den glatten Rand des Beckens
-hinabgeschlüpft, so sank sie in eine endlose Tiefe, obgleich der
-betrügliche Silberkies, der aus dem seichten Grund hervorschien, keine
-Gefahr vermuten ließ. Schneller als die herzueilenden Jungfrauen das
-goldgelbe Haar der blonden Gebieterin erfassen konnten, hatte die gierige
-Flut sie schon in die Tiefe gezogen. Laut klagte die bange Schar der
-erschrockenen Mädchen, als die Herrin vor ihren sichtlichen Augen
-dahinschwand; sie rangen und wanden die schneeweißen Hände und liefen
-ängstlich am marmornen Gestade hin und her, indes der Springbrunnen sie
-recht geflissentlich mit einem Platzregen nach dem andern übergoß. Doch
-wagte es keine, der Entschwundenen nachzuspringen, außer Brünhild, ihrer
-liebsten Gespielin, die nicht säumte, sich in den grundlosen Wirbelstrom zu
-stürzen, gleiches Schicksal mit ihrer geliebten Gebieterin erwartend. Aber
-sie schwamm wie ein leichter Kork auf dem Wasser und trotz aller Versuche
-war sie nicht imstande, unterzutauchen.
-
-Hier war kein anderer Rat, als dem König das Unglück seiner Tochter
-mitzuteilen. Wehklagend begegneten ihm die zagenden Mädchen, als er eben
-mit seinem Jagdgefolge in den Wald zog. Der König zerriß sein Kleid vor
-Betrübnis und Entsetzen, nahm die goldene Krone vom Haupte, verhüllte sein
-Angesicht mit dem Purpurmantel und beklagte laut den Verlust seiner schönen
-Tochter Emma.
-
-Nachdem er der Vaterliebe den ersten Tränenzoll entrichtet hatte, stärkte
-er seinen Mut und machte sich auf, um den wunderbaren Wasserfall selbst zu
-beschauen. Aber der Zauber war verschwunden, die rohe Natur stand wieder da
-in ihrer vorherigen Wildheit; da war keine Grotte, kein Marmorbad, kein
-Rosengehege, keine Jasminlaube. Der gute König ahnte zum Glück nicht eine
-Verführung seiner Tochter, sondern er nahm den Bericht der Mädchen auf Treu
-und Glauben an und meinte, einer der Götter sei bei dieser wunderbaren
-Begebenheit mit im Spiel gewesen, setzte darauf die Jagd fort und tröstete
-sich bald über seinen Verlust. Unterdessen befand sich die liebreizende
-Emma in des Berggeistes Schlosse nicht übel. Er hatte sie durch eine
-geschickte Versenkung nur den Augen ihres Gefolges entzogen und führte sie
-durch einen unterirdischen Weg in einen prächtigen Palast, zu welchem die
-väterliche Residenz in keinem Vergleich stand. Als sich die Lebensgeister
-der Prinzessin wieder erholt hatten, befand sie sich auf einem gewöhnlichen
-Sofa, angetan mit einem Gewand von rosenfarbener Seide und einem glänzenden
-lichtblauen Gürtel. Ein Jüngling mit hübschem Antlitz lag zu ihren Füßen
-und gestand ihr seine Liebe. Der Berggeist -- denn er war es --
-unterrichtete sie hierauf von seinem Stand und seiner Herkunft, von den
-unterirdischen Staaten, die er beherrschte, führte sie durch die Zimmer und
-Säle des Schlosses und zeigte ihr dessen Pracht und Reichtum. Ein
-herrlicher Lustgarten, der mit seinen Blumenanlagen und Rasenplätzen dem
-Fräulein ganz besonders zu behagen schien, umgab das Schloß von drei
-Seiten. Alle Obstbäume trugen purpurrote, mit Gold gesprenkelte oder zur
-Hälfte übergoldete Apfel, wie sie kein Gärtner zu ziehen vermag. Das
-Gebüsch war mit Singvögeln angefüllt, die ihre hundertstimmigen Lieder
-munter erschallen ließen. In den traulichen Bogengängen lustwandelte das
-Paar; sein Blick hing an ihren Lippen und mit Freuden hörte er ihre
-lieblichen Worte.
-
-Nicht gleiche Wonne empfand die reizende Emma; ein gewisser Trübsinn lag
-auf ihrer Stirn und offenbarte genugsam, daß geheime Wünsche in ihrem
-Herzen verborgen lagen, die mit den seinigen nicht übereinstimmten. Er
-machte gar bald diese Entdeckung und bestrebte sich, durch tausend
-Liebesbeweise diese Wolken zu zerstreuen und die Prinzessin aufzuheitern;
-doch vergebens. Der Mensch -- so dachte er bei sich selbst -- ist gesellig
-wie die Biene und die Ameise, der schönen Sterblichen gebricht's an
-Unterhaltung. Wem soll sich das Mädchen mitteilen? Für wen ihren Putz
-ordnen, mit wem darüber zu Rate gehen? Da kam ihm ein glücklicher Einfall.
-Flugs ging er hinaus auf das Feld, zog auf einem Acker ein Dutzend Rüben
-aus, legte sie in einen zierlich geflochtenen Korb und brachte diesen der
-schönen Emma, welche einsam in der schattigen Laube eine Rose entblätterte.
-
-»Schönste der Erdentöchter,« redete sie der Berggeist an, »verbanne allen
-Trübsinn aus deiner Seele und öffne dein Herz der geselligen Freude, du
-sollst nicht mehr in meinem Heim einsam trauern. In diesem Korbe ist alles,
-was du bedarfst, diesen Aufenthalt dir angenehm zu machen. Nimm den kleinen
-buntgeschälten Stab und gib durch die Berührung mit ihm den Gewächsen im
-Korbe die Gestalten, welche dir gefallen.«
-
-Hierauf verließ er die Prinzessin und sie zögerte nicht einen Augenblick,
-mit dem Zauberstabe nach Vorschrift zu verfahren, nachdem sie den Korb
-geöffnet hatte. »Brünhilde,« rief sie, »liebe Brünhilde, erscheine!« Und
-Brünhilde lag zu ihren Füßen, umfaßte die Knie ihrer Gebieterin, benetzte
-ihren Schoß mit Freudentränen und liebkoste sie freundlich, wie sie sonst
-zu tun pflegte. Die Täuschung war so vollkommen, daß Emma selbst nicht
-wußte, was sie von ihrer Schöpfung halten sollte; ob sie die wahre
-Brünhilde hingezaubert hatte, oder ob ein Blendwerk das Auge betrog. Sie
-überließ sich indessen ganz den Empfindungen der Freude, ihre liebste
-Gespielin um sich zu haben, lustwandelte mit ihr Hand in Hand im Garten,
-ließ sie dessen herrliche Anlagen bewundern und pflückte ihr
-goldgesprenkelte Äpfel von den Bäumen. Hierauf führte sie ihre Gespielin
-durch alle Zimmer im Palast, bis in die Kleiderkammer, wo sie soviel
-Unterhaltung fanden, daß sie bis zum Abend darin verweilten. Alle Schleier,
-Gürtel, Spangen wurden gemustert und anprobiert. Brünhilde wußte sich dabei
-so gut zu benehmen und zeigte so viel Geschmack in der Wahl und Anordnung
-des weiblichen Putzes, daß, wenn sie ihrer Natur und Wesen nach nichts als
-eine Rübe war, ihr niemand den Ruhm absprechen konnte, die Krone ihres
-Geschlechts zu sein.
-
-Der spähende Berggeist war entzückt über den tiefen Blick, den er in das
-weibliche Herz getan hatte, und freute sich über den glücklichen Fortgang
-in der Menschenkenntnis. Die Prinzessin dünkte ihm jetzt schöner,
-freundlicher und heiterer zu sein als jemals. Sie unterließ nicht, ihren
-ganzen Rübenvorrat mit dem Zauberstabe zu beleben, gab ihnen die Gestalt
-der Jungfrauen, die ihr vordem aufzuwarten pflegten, und weil noch zwei
-Rüben übrig waren, so verwandelte sie die eine in eine Cyperkatze und aus
-der anderen schuf sie ein niedliches Hündchen.
-
-Sie richtete nun ihren Hofstaat wieder ein, teilte einer jeden der
-aufwartenden Dienerinnen ein gewisses Geschäft zu und nie wurde eine
-Herrschaft besser bedient. Die Mädchen kamen ihren Wünschen zuvor,
-gehorchten auf den Wink und vollstreckten ihre Befehle ohne den mindesten
-Widerspruch. Einige Wochen genoß sie die Wonne des gesellschaftlichen
-Vergnügens ungestört; Reihentänze, Sang und Saitenspiel wechselten in dem
-Schlosse des Berggeistes vom Morgen bis zum Abend; nur merkte die
-Prinzessin nach Verlauf einiger Zeit, daß die frische Gesichtsfarbe ihrer
-Gesellschafterinnen etwas abbleichte. Der Spiegel im Marmorsaal ließ sie
-zuerst bemerken, daß sie allein wie eine Rose aus der Knospe hervorblühte,
-während die geliebte Brünhild und die übrigen Jungfrauen welkenden Blumen
-glichen; gleichwohl versicherten alle, daß sie sich wohl befänden, und der
-freigebige Berggeist ließ sie an seiner Tafel auch keinen Mangel leiden.
-Dennoch zehrten sie sichtbar ab, Leben und Tätigkeit schwand von Tag zu Tag
-mehr dahin und alles Jugendfeuer erlosch.
-
-Als die Prinzessin an einem heiteren Morgen, durch gesunden Schlaf
-gestärkt, fröhlich ins Gesellschaftszimmer trat, wie schauderte sie zurück,
-als ihr ein Haufen eingeschrumpfter Matronen an Stäben und Krücken
-entgegenzitterte, mit Keuchhusten beladen, unvermögend, sich aufrecht zu
-erhalten. Das schäkernde Hündchen hatte alle viere von sich gestreckt und
-der schmeichelnde Cyper konnte sich vor Kraftlosigkeit kaum noch bewegen.
-Bestürzt eilte die Prinzessin aus dem Zimmer, der schaudervollen
-Gesellschaft zu entfliehen, trat hinaus auf den Söller und rief laut den
-Berggeist, welcher alsbald in demütiger Stellung auf ihr Geheiß erschien.
-
-»Boshafter Geist,« redete sie ihn zornig an, »warum mißgönnst du mir die
-einzige Freude meines harmlosen Lebens, die Gesellschaft meiner ehemaligen
-Gespielinnen? Ist die Einöde nicht genug, mich zu quälen, willst du sie
-noch in ein Krankenhaus verwandeln? Augenblicklich gib meinen Mädchen
-Jugend und Wohlgestalt wieder, oder Haß und Verachtung soll deinen Frevel
-rächen.« »Schönste der Erdentöchter,« erwiderte der Berggeist, »zürne nicht
-über die Gebühr. Alles, was in meiner Gewalt ist, steht in deiner Hand,
-aber das Unmögliche fordere nicht von mir. Die Kräfte der Natur gehorchen
-mir, doch vermag ich nichts gegen ihre unwandelbaren Gesetze. Solange Saft
-und Kraft in den Rüben war, konnte der Zauberstab ihr Pflanzenleben nach
-deinem Gefallen verwandeln; aber ihre Säfte sind nun vertrocknet und ihr
-Wesen neigt sich nach der Zerstörung hin, denn der belebende Geist ist
-verraucht. Jedoch das soll dich nicht kümmern: ein frisch gefüllter Korb
-kann den Schaden leicht ersetzen; du wirst daraus alle die Gestalten wieder
-hervorrufen, die du begehrst. Gib jetzt der Mutter Natur ihre Geschenke
-zurück, die dich so angenehm unterhalten haben, auf dem großen Rasenplatz
-im Garten wirst du bessere Gesellschaft finden.« Der Berggeist entfernte
-sich darauf und Prinzessin Emma nahm ihren buntgeschälten Stab zur Hand,
-berührte damit die gerunzelten Weiber, las die eingeschrumpften Rüben
-zusammen und tat damit, was Kinder, die eines Spielzeuges müde sind, zu tun
-pflegen: sie warf den Plunder in den Kehricht und dachte nicht mehr daran.
-Leichtfüßig hüpfte sie über die grünen Matten dahin, den frisch gefüllten
-Korb in Empfang zu nehmen, den sie aber nirgends fand. Sie ging in dem
-Garten auf und nieder und spähte umher, aber es wollte kein Korb zum
-Vorschein kommen. Am Traubengeländer kam ihr der Berggeist entgegen mit so
-sichtbarer Verlegenheit, daß sie seine Bestürzung schon von ferne wahrnahm.
-
-»Du hast mich getäuscht,« sprach sie, »wo ist der Korb geblieben? Ich suche
-ihn schon seit einer Stunde vergebens.«
-
-»Holde Gebieterin meines Herzens,« antwortete der Geist, »wirst du mir
-meinen Unbedacht verzeihen? Ich versprach mehr, als ich geben konnte, ich
-habe das Land durchzogen, Rüben aufzusuchen, aber sie sind längst geerntet
-und welken in dumpfigen Kellern. Die Fluren trauern, unten im Tal ist's
-Winter, nur deine Gegenwart hat den Frühling an diesen Felsen gefesselt und
-unter deinem Fußtritte sprossen Blumen hervor. Harre nur drei Monate in
-Geduld aus, dann soll dir's nie an Gelegenheit gebrechen, mit deinen Puppen
-zu spielen.«
-
-Ehe noch der Berggeist mit dieser Rede zu Ende war, drehte ihm Prinzessin
-Emma den Rücken zu und begab sich in ihr Zimmer, ohne ihn einer Antwort zu
-würdigen. Er aber hob sich von dannen in die nächste Marktstadt innerhalb
-seines Gebietes, kaufte, als ein Pachter gestaltet, einen Esel, den er mit
-schweren Säcken Sämereien belud, und besäte damit einen ganzen Morgen
-Landes. Dabei bestellte er einen seiner dienstbaren Geister als Hüter, dem
-er aufgab, ein unterirdisches Feuer anzuschüren, um die Saat von unten
-herauf mit linder Wärme zu treiben, wie Ananaspflanzen in einem Treibhause.
-
-Die Rübensaat schoß lustig auf und versprach in kurzer Zeit eine reiche
-Ernte; Fräulein Emma ging täglich hinaus auf ihr Ackerfeld, welches zu
-besehen sie mehr lüstete als die goldenen Äpfel in ihrem Garten. Aber
-Mißmut trübte ihre Augen. Sie weilte am liebsten in einem düsteren
-Tannenwäldchen am Rande eines Quellbaches, der sein silberhelles Gewässer
-ins Tal rauschen ließ, und warf Blumen hinein, die in den Odergrund
-hinabflossen.
-
-Der Berggeist sah wohl, daß bei allem Bestreben, durch tausend kleine
-Gefälligkeiten der schönen Emma Herz zu gewinnen, kein Erfolg zu erwarten
-war. Trotzdem ermüdete seine hartnäckige Geduld nicht, ihren spröden Sinn
-zu überwinden. Er war zu unerfahren in der Menschenkenntnis, daß er sich
-keine Vorstellung von der wahren Ursache der Widerspenstigkeit der
-Prinzessin machen konnte. Er war der Meinung, sie gehöre nach allen Rechten
-ihm als dem ersten Besitznehmer.
-
-Doch das war ein großer Irrtum. Ein junger Grenznachbar an den Gestaden der
-Oder, Fürst Ratibor, hatte bereits das Herz der holden Emma gewonnen. Schon
-sah das glückliche Paar dem Tage seiner Hochzeit entgegen, als die Braut
-mit einmal verschwand. Diese Nachricht versetzte den jungen Fürsten in
-große Aufregung. Er verließ seine Residenz, zog menschenscheu in einsamen
-Wäldern umher und klagte den Felsen sein Unglück. Die treue Emma seufzte
-unterdessen ihren geheimen Gram in dem anmutigen Gefängnis aus; sie bezwang
-aber ihre Gefühle im Herzen so, daß der spähende Geist nicht enträtseln
-konnte, was für Empfindungen sich darin regten. Lange schon hatte sie
-darauf gesonnen, wie sie ihn überlisten und aus der lästigen Gefangenschaft
-entfliehen möchte. Nach mancher durchwachten Nacht sann sie endlich einen
-Plan aus, der des Versuchs würdig schien, ihn auszuführen.
-
-Der Lenz kehrte in die Gebirgstäler zurück, der Berggeist ließ das
-unterirdische Feuer in seinem Treibhaus ausgehen und die Rüben, welche
-durch die Einflüsse des Winters in ihrem Wachstum nicht gehindert worden
-waren, gediehen zur Reife. Die schlaue Emma zog täglich einige davon aus
-und machte damit Versuche, ihnen allerlei beliebige Gestalten zu geben, dem
-Anschein nach, um sich damit zu belustigen; aber ihre Absicht ging weiter.
-Sie ließ eines Tages eine kleine Rübe zur Biene werden, um sie
-abzuschicken, Kundschaft von ihrem Verlobten einzuziehen. »Flieg', liebes
-Bienchen,« sprach sie, »gegen Sonnenaufgang zu Ratibor, dem Fürsten des
-Landes, und summe ihm sanft ins Ohr, daß Emma noch für ihn lebt, aber eine
-Sklavin ist des Geistes vom Gebirge, verlier' kein Wort von diesem Gruße
-und bring' mir Botschaft von seiner Liebe.« Die Biene flog alsbald vom
-Finger ihrer Gebieterin, wohin sie beordert war; aber kaum hatte sie ihren
-Flug begonnen, so schoß eine gierige Schwalbe auf sie herab und verschlang
-zum großen Leidwesen der Prinzessin die Botschafterin der Liebe. Darauf
-formte sie vermöge des wunderbaren Stabes eine Grille und gab ihr denselben
-Auftrag. »Hüpfe, kleine Grille, über das Gebirge zu Ratibor, dem Fürsten
-des Landes, und zirpe ihm ins Ohr, die getreue Emma begehre Lösung ihrer
-Bande durch seinen starken Arm.« Die Grille flog und hüpfte so schnell als
-sie konnte, auszurichten, was ihr befohlen war, aber ein langbeiniger
-Storch promenierte eben an dem Wege, welchen die Grille zog, erfaßte sie
-mit seinem langen Schnabel und versenkte sie in das Verlies seines weiten
-Kropfes.
-
-Diese mißlungenen Versuche schreckten die entschlossene Emma nicht ab,
-einen neuen zu wagen; sie gab der dritten Rübe die Gestalt einer Elster.
-»Flieg' hin, beredsamer Vogel,« sprach sie, »von Baum zu Baum, bis du
-gelangst zu Ratibor, meinem Verlobten, erzähle ihm von meiner
-Gefangenschaft und gib ihm Bescheid, daß er meiner harre mit Rossen und
-Mannen, den dritten Tag von heute, an der Grenze des Gebirges, im Maiental,
-bereit, den Flüchtling aufzunehmen, der seine Ketten zu zerbrechen wagt und
-Schutz von ihm begehrt.« Die Elster gehorchte, flatterte von einem
-Ruheplatz zum andern und die sorgsame Emma begleitete ihren Flug, soweit
-das Auge trug. Der harmvolle Ratibor irrte noch immer trüben Sinnes in den
-Wäldern herum; die Rückkehr des Lenzes und die wiederauflebende Natur
-hatten seinen Kummer nur gemehrt. Er saß unter einer schattigen Eiche,
-dachte an seine Prinzessin und seufzte laut: Emma! Alsbald gab das
-vielstimmige Echo ihm diesen geliebten Namen schmeichelnd zurück; aber
-zugleich rief auch eine unbekannte Stimme den seinigen aus. Er horchte hoch
-auf, sah niemand, wähnte eine Täuschung und hörte den nämlichen Ruf
-wiederholen. Kurz darauf erblickte er eine Elster, die auf den Zweigen hin-
-und herflog, und vernahm, daß der geschwätzige Vogel ihn beim Namen rief.
-»Armer Schwätzer,« sprach er, »wer hat dich gelehrt, diesen Namen
-auszusprechen, der einem Unglücklichen zugehört, welcher wünscht, von der
-Erde vertilgt zu sein wie sein Gedächtnis?« Hierauf faßte er erregt einen
-Stein und wollte ihn nach dem Vogel schleudern, als dieser den Namen Emma
-hören ließ. Dies Zauberwort entkräftete den Arm des Prinzen; frohes
-Entzücken durchschauerte alle seine Glieder und in seiner Seele bebte es
-leise nach: Emma! Aber der Sprecher auf dem Baume begann mit der dem
-Elsterngeschlecht eigenen Beredsamkeit den Spruch, den man ihm anvertraut.
-Fürst Ratibor vernahm kaum die fröhliche Botschaft, da ward's hell in
-seiner Seele; der tödliche Gram, der die Sinne gefangen hatte, verschwand;
-er kam wieder zu Gefühl und Besinnung und forschte mit Fleiß von der
-Glücksverkünderin nach dem Schicksal seiner Braut; aber die gesprächige
-Elster konnte nur ihr Sprüchlein ohne Aufhören wiederholen und flatterte
-davon. Schnellen Fußes eilte Ratibor zu seinem Hoflager zurück, rüstete
-eilig das Geschwader der Reisigen, bestieg sein Roß und zog mit ihnen
-hoffnungsfreudig zum Maientale, um das Abenteuer zu bestehen.
-
-Emma hatte unterdessen mit weiblicher Schlauheit alles vorbereitet, ihr
-Vorhaben auszuführen. Sie ließ ab, den geduldigen Berggeist mit kränkender
-Kälte zu behandeln, ihr Auge sprach Hoffnung und ihr spröder Sinn schien
-beugsamer zu werden. Solche glücklichen Anzeichen ließ der Berggeist nicht
-ungenützt. Er erneuerte seine Werbung und wurde nicht zurückgewiesen. Den
-folgenden Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, trat die schöne Emma, geschmückt
-wie eine Braut, hervor, mit allem Geschmeide beladen, das sich in ihrem
-Schmuckkästlein gefunden hatte. Ihr blondes Haar war in einen Knoten
-geschlungen, welchen eine Myrtenkrone überschattete, von welcher ein
-Schleier lang herabwallte; der Besatz ihres Kleides funkelte von Juwelen
-und als der harrende Berggeist auf der großen Terrasse im Lustgarten ihr
-entgegenwandelte, freute er sich dieses Anblickes.
-
-»Himmlisches Mädchen,« stammelte er ihr entgegen, »verweigere mir nicht
-länger den bejahenden Blick, der mich zum glücklichsten Wesen macht, das
-jemals die Sonne bestrahlt hat.«
-
-Die Prinzessin hüllte sich dichter in ihren Schleier und antwortete:
-»Vermag eine Sterbliche dir zu widerstehen, mein Gebieter? Deine
-Standhaftigkeit hat den Sieg davongetragen. Nimm dieses Geständnis von
-meinen Lippen, aber laß meine Tränen diesen Schleier verhüllen.«
-
-»Warum Tränen, o Geliebte?« entgegnete ihr der beunruhigte Geist, »jede
-deiner Tränen fällt wie ein brennender Tropfen auf mein Herz, ich will nur
-deine Liebe, nicht aber Aufopferung.«
-
-»Ach,« erwiderte Emma, »warum mißdeutest du meine Tränen? Mein Herz lohnt
-deine Freundschaft, aber bange Ahnung zerreißt meine Seele. Du alterst
-nimmer, aber irdische Schönheit ist eine Blume, die bald dahinwelkt. Woran
-soll ich erkennen, daß du ein liebevoller, gefälliger, duldsamer Gemahl
-sein werdest?«
-
-Er antwortete: »Fordere einen Beweis meiner Treue oder des Gehorsams in
-Ausrichtung deiner Befehle, oder stelle meine Geduld auf die Probe und
-beurteile alsdann die Stärke meiner unwandelbaren Liebe.«
-
-»Es sei also!« antwortete die schlaue Emma, »ich fordere nur einen Beweis
-deiner Gefälligkeit. Gehe hin und zähle die Rüben alle auf dem Acker; mein
-Hochzeitstag soll nicht ohne Zeugen sein, ich will sie beleben, damit sie
-mir zu Brautjungfrauen dienen; aber hüte dich, mich zu täuschen und
-verzähle dich nicht um eine, denn das ist die Probe, woran ich deine Treue
-prüfen will.«
-
-So ungern sich der Berggeist in diesem Augenblicke von seiner lieblichen
-Braut trennte, so gehorchte er doch ohne Säumen, machte sich rasch an die
-Arbeit und hüpfte hurtig wie ein Star unter den Rüben herum. Er kam durch
-diese Geschäftigkeit mit seiner Zählung bald zustande; doch um der Sache
-recht gewiß zu sein, wiederholte er seine Rechnung nochmals und fand zu
-seinem Verdruß eine Abweichung bei Feststellung der Summen, welche ihn
-nötigte, zum dritten Male die Rübenhäupter durchzumustern. Aber diesmal
-ergab sich eine andere Summe.
-
-Die schlaue Emma hatte nicht sobald den Berggeist aus den Augen verloren,
-als sie zur Flucht Anstalt machte. Sie hielt eine saftige, wohlgenährte
-Rübe in Bereitschaft, welche sie flugs in ein mutiges Roß mit Sattel und
-Zeug verwandelte. Rasch schwang sie sich in den Sattel, flog über die
-Heiden und Steppen des Gebirges dahin und das flüchtige Roß brachte sie,
-ohne zu straucheln, auf seinem sanften Rücken hinab ins Maiental, wo sie
-dem geliebten Ratibor, welcher der Kommenden ängstlich entgegenharrte, sich
-fröhlich in die Arme warf.
-
-Der geschäftige Berggeist hatte sich indessen so in seine Zahlen vertieft,
-daß er nichts von dem, was um ihn und neben ihm geschah, wußte. Nach langer
-Mühe und Anstrengung war's ihm endlich gelungen, die wahre Zahl der Rüben
-auf dem Ackerfelde, klein und groß mit eingerechnet, zu finden. Er eilte
-nun froh zurück, sie seiner Herzensgebieterin gewissenhaft zu berichten und
-durch die pünktliche Erfüllung ihrer Pläne sie zu überzeugen, daß er ihr
-ein gefälliger Gemahl sein werde.
-
-Mit Selbstzufriedenheit trat er auf den Rasenplatz, aber da fand er nicht,
-was er suchte; er lief durch die bedeckten Lauben und Gänge, aber auch da
-war nicht, was er begehrte; er kam in den Palast, durchspähte alle seine
-Winkel, rief den teuren Namen Emma aus, den ihm die einsamen Hallen
-zurücktönten, begehrte einen Laut von dem geliebten Munde zu hören; doch da
-war weder Stimme noch Rede. Das fiel ihm auf, er merkte Unrat, flugs warf
-er die schwerfällige Verkörperung ab, schwang sich hoch in die Luft und sah
-die fliehende Emma in der Ferne, als eben das schnellfüßige Roß über die
-Grenze setzte. Wütend ballte der ergrimmte Geist ein paar friedlich
-vorüberziehende Wolken zusammen und schleuderte einen kräftigen Blitz der
-Fliehenden nach, der eine tausendjährige Grenzeiche zersplitterte; aber
-darüber hinaus war seine Rache kraftlos und die Donnerwolke zerfloß in
-einen sanften Heiderauch. Nachdem er die oberen Luftregionen
-verzweiflungsvoll durchkreuzt und seine stürmende Leidenschaft ausgetobt
-hatte, kehrte er trübsinnig in den Palast zurück, schlich durch alle
-Gemächer und erfüllte sie mit Seufzen und Stöhnen. Nachher besuchte er noch
-einmal den Lustgarten, doch diese ganze Zauberschöpfung hatte keinen Reiz
-mehr für ihn. Der Gedanke an die Tage, welche hier die Ungetreue verlebt
-hatte, beschäftigte ihn mehr als die goldenen Äpfel und prächtigen Blumen.
-Die Erinnerung an sie erwachte wieder an jedem Platze, wo sie vormals ging
-und stand, wo sie Blumen gepflückt, wo er sie oft unsichtbar belauscht, oft
-trauliche Unterredungen mit ihr gepflogen hatte. Alles das bedrückte ihn so
-sehr, daß er unter der Last seiner Gefühle in dumpfes Hinbrüten versank.
-Bald darauf brach sein Unmut in gräßliche Verwünschungen aus und er vermaß
-sich hoch und teuer, der Menschenkenntnis ganz zu entsagen und von diesem
-argen, betrüglichen Geschlechte fernerhin keine weitere Kenntnis zu nehmen.
-In dieser Entschließung stampfte er dreimal auf die Erde und der ganze
-Zauberpalast mit all seiner Herrlichkeit kehrte in sein ursprüngliches
-Nichts zurück. Der Abgrund aber sperrte seinen weiten Rachen auf und der
-Berggeist fuhr hinab in die Tiefe bis in die entgegengesetzte Grenze seines
-Gebietes, in den Mittelpunkt der Erde, und nahm Bitterkeit und Menschenhaß
-mit dahin.
-
-Während dieses Vorganges im Gebirge war Fürst Ratibor geschäftig, seine
-Braut in Sicherheit zu bringen, und führte sie mit fürstlichem Gepränge an
-den Hof ihres Vaters zurück. Daselbst wurde ihre Vermählung gefeiert. Er
-teilte mit seiner Gattin den Thron seines Erbes und erbaute die Stadt
-Ratibor, die noch seinen Namen trägt bis auf diesen Tag. Das sonderbare
-Abenteuer der Prinzessin, welches ihr auf dem Riesengebirge begegnet war,
-insbesondere ihre kühne Flucht, wurde das Märchen des Landes, pflanzte sich
-von Geschlecht zu Geschlecht fort bis in die entferntesten Zeiten. Die
-Bewohner der umliegenden Gegenden, die den Nachbar Berggeist bei seinem
-Geisternamen nicht zu nennen wußten, legten ihm einen Spottnamen bei und
-riefen ihn fortan »Rübezähler« oder kurzweg »Rübezahl«.
-
-
-
-
-4. Rübezahl und der Schneider Benedix.
-
-
-Der unmutsvolle Berggeist verließ die Oberwelt mit dem Entschluß, nie
-wieder das Tageslicht zu schauen; doch die wohltätige Zeit verwischte nach
-und nach die Eindrücke seines Grams; gleichwohl war ein Zeitraum von
-neunhundertneunundneunzig Jahren erforderlich, ehe die alte Wunde
-ausheilte. Endlich, da ihn die Beschwerde der Langeweile drückte und er
-einstmals sehr übel aufgeräumt war, brachte sein Liebling und
-Hofschalksnarr in der Unterwelt, ein drolliger Kobold, eine Lustpartie aufs
-Riesengebirge in Vorschlag, welchem Rübezahl gern zustimmte. Es war nur
-eine Minute nötig, so war die weite Reise vollendet und er befand sich
-mitten auf dem großen Rasenplatz seines ehemaligen Lustgartens, dem er
-nebst dem übrigen Zubehör die vorige Gestalt gab; doch blieb alles für
-menschliche Augen verborgen; die Wanderer, die übers Gebirge zogen, sahen
-nichts als eine fürchterliche Wildnis.
-
-Der Anblick dieser Gegenstände erneuerte alle Erinnerungen an die schöne
-Emma, ihr Bild schwebte ihm noch so deutlich vor, als stünde sie neben ihm.
-Aber die Vorstellung, wie sie ihn überlistet und hintergangen hatte, machte
-seinen Groll gegen die ganze Menschheit wieder rege. »Unseliges
-Erdengewürm,« rief er aus, indem er aufschaute und vom hohen Gebirge die
-Türme der Kirchen und Klöster in Städten und Flecken erblickte, »du
-treibst, sehe ich, dein Wesen noch immer unten im Tale. Hast mich geäfft
-durch Tücke und Ränke, sollst mir nun büßen; will dich auch hetzen und
-plagen, daß dir soll bange werden vor dem Treiben des Geistes im Gebirge.«
-
-Kaum hatte er dies Wort gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen.
-Drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge und der keckste unter ihnen
-rief ohne Unterlaß: »Rübezahl, komm herab! Rübezahl, Mädchendieb!« Von
-undenklichen Jahren her hatte der Volksmund die Entführungsgeschichte des
-Berggeistes getreulich aufbewahrt, sie wie gewöhnlich mit lügenhaften
-Zusätzen vermehrt und jeder Reisende, der das Riesengebirge betrat,
-unterhielt sich mit seinen Gefährten von den Abenteuern desselben. Man trug
-sich mit unzähligen Spukgeschichten, die sich niemals begeben hatten,
-machte damit zaghafte Wanderer fürchten und die starken Geister und
-Witzlinge, die an keine Gespenster glaubten, machten sich darüber lustig,
-pflegten aus Übermut oder um ihre Herzhaftigkeit zu beweisen, den Geist oft
-zu rufen, aus Schäkerei bei seinem Spottnamen zu nennen und auf ihn zu
-schimpfen. Man hat nie gehört, daß dergleichen Beleidigungen von dem
-friedsamen Berggeiste wären gerügt worden; denn in den Tiefen des Abgrundes
-erfuhr er von diesem mutwilligen Hohn kein Wort. Desto mehr war er
-betroffen, da er sein ganzes Abenteuer mit der Prinzessin jetzt so kurz und
-bündig ausrufen hörte. Wie der Sturmwind raste er durch den düsteren
-Fichtenwald und war schon im Begriff, den armen Tropf, der sich ohne
-Absicht über ihn lustig gemacht hatte, zu erdrosseln, als er in dem
-Augenblick bedachte, daß eine so empfindliche Rache großes Geschrei im
-Lande erregen, alle Wanderer aus dem Gebirge wegbannen und ihm die
-Gelegenheit rauben würde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Darum
-ließ er ihn und seine Gefährten ruhig ihre Straße ziehen, mit dem
-Vorbehalt, seinen verübten Mutwillen ihm doch nicht ungestraft hingehen zu
-lassen.
-
-Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen
-Kameraden und gelangte diesmal mit heiler Haut in Hirschberg, seiner
-Heimat, an. Aber als unsichtbarer Geleitsmann war ihm Rübezahl bis zur
-Herberge gefolgt, um ihn zu gelegener Zeit dort zu finden. Jetzt trat er
-seinen Rückweg ins Gebirge an und sann auf ein Mittel, sich zu rächen. Da
-begegnete ihm auf der Landstraße ein reicher alter Handelsmann, der nach
-Hirschberg wollte; da kam ihm in den Sinn, diesen zum Werkzeug seiner Rache
-zu gebrauchen. Er gesellte sich also zu ihm in Gestalt des losen Gesellen,
-der ihn gefoppt hatte, und plauderte freundlich mit ihm, führte ihn
-unbemerkt seitab von der Straße und da sie ins Gebüsch kamen, fiel er dem
-Händler mörderisch in den Bart, zauste ihn weidlich, riß ihn zu Boden,
-knebelte ihn und raubte ihm seinen Säckel, worin er viel Geld und
-Geschmeide trug. Nachdem er ihn mit Faustschlägen und Fußtritten zum
-Abschied noch gar übel zugerichtet hatte, ging er davon und ließ den armen
-geplünderten Mann halbtot im Busche liegen.
-
-Als sich der Händler von seinem Schrecken erholt hatte und wieder Leben in
-ihm war, fing er an zu wimmern und laut um Hilfe zu rufen; denn er
-fürchtete in der grausenvollen Einöde zu verschmachten. Da trat ein feiner,
-ehrbarer Mann zu ihm, dem Ansehen nach ein Bürger aus einer der umliegenden
-Städte, fragte, warum er so stöhne, und als er ihn geknebelt fand, löste er
-ihm die Bande von Händen und Füßen und leistete ihm alles das, was der
-barmherzige Samariter im Evangelium dem Manne tat, der unter die Mörder
-gefallen war. Nachher labte er ihn mit einem kräftigen Schluck
-Lebenswasser, das er bei sich trug, führte ihn wieder auf die Landstraße
-und geleitete ihn freundlich bis nach Hirschberg an die Tür der Herberge;
-dort reichte er ihm einen Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der
-Händler, als er beim Eintritt in den Krug seinen Räuber am Zechtisch
-erblickte, so frei und unbefangen als ein Mensch sein kann, der sich keiner
-Übeltat bewußt ist! Er saß hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und
-gute Schwänke mit anderen lustigen Zechbrüdern und neben ihm lag der
-nämliche Rucksack, in welchen er den geraubten Säckel geborgen hatte. Der
-bestürzte Händler wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, schlich
-sich in einen Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu
-seinem Eigentum gelangen möchte. Es schien ihm unmöglich, sich in der
-Person geirrt zu haben; darum schlich er sich unbemerkt zur Tür hinaus,
-ging zum Richter und machte ihm Mitteilung von dem räuberischen Überfall.
-
-Das Hirschberger Gericht stand damals in dem Rufe, daß es schnell und tätig
-sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben. Häscher bewaffneten sich mit
-Spießen und Stangen, umringten das Schenkhaus, griffen den unschuldigen
-Verbrecher und führten ihn vor die Schranken der Ratsstube, wo sich die
-weisen Väter indes versammelt hatten.
-
-»Wer bist du?« fragte der ernsthafte Stadtrichter, als der Angeklagte
-hereintrat, »und von wannen kommst du?« Er antwortete freimütig und
-unerschrocken: »Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks, Benedix
-genannt, komme von Liebenau und stehe hier in Arbeit bei meinem Meister.«
-
-»Hast du nicht diesen Mann im Walde mörderisch überfallen, übel geschlagen,
-gebunden und seines Säckels beraubt?«
-
-»Ich habe diesen Mann nie mit Augen gesehen, hab' ihn auch weder
-geschlagen, noch gebunden, noch seines Säckels beraubt. Ich bin ein
-ehrlicher Zünftler und kein Straßenräuber.«
-
-»Womit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen?«
-
-»Mit dem Ausweis über meine Kundschaft und dem Zeugnis meines guten
-Gewissens.«
-
-»Weis' auf deine Kundschaft.«
-
-Benedix öffnete getrost den Rucksack; denn er wußte wohl, daß er nichts als
-sein wohlerworbenes Eigentum darin verwahrte. Doch wie er ihn ausleerte,
-sieh da! da klingelt's unter dem herausstürzenden Plunder wie Geld. Die
-Häscher griffen hurtig zu, breiteten den Kram auseinander und zogen den
-schweren Säckel hervor, welchen der erfreute Handelsmann alsbald als sein
-Eigentum nach Feststellung des Tatbestandes zurückforderte. Der arme
-Schneider stand da wie vom Donner gerührt, wollte vor Schrecken umsinken,
-ward bleich, die Lippen bebten, die Knie wankten, er verstummte und sprach
-kein Wort. Des Richters Stirn verfinsterte sich und eine drohende Gebärde
-weissagte einen strengen Bescheid.
-
-»Wie nun, Bösewicht!« donnerte der Stadtvogt. »Erfrechst du dich noch, den
-Raub zu leugnen?«
-
-»Erbarmung, gestrenger Herr Richter!« winselte der Angeklagte auf den
-Knien, mit hochaufgehobenen Händen. »Alle Heiligen im Himmel ruf' ich zu
-Zeugen an, daß ich unschuldig bin an dem Raube; ich weiß nicht, wie des
-Händlers Säckel in meinen Rucksack gekommen ist, Gott weiß es.«
-
-»Du bist überwiesen,« fuhr der Richter fort, »der Säckel beweist genugsam
-das Verbrechen, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre, und bekenne
-freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Geständnis der Wahrheit
-abzufoltern.«
-
-Der geängstigte Benedix konnte nichts, als sich auf seine Unschuld berufen;
-aber er predigte tauben Ohren: man hielt ihn für einen hartnäckigen
-Gaudieb, der sich nur aus der Halsschlinge herausleugnen wollte. Meister
-Hämmerling, der Foltermeister, wurde herbeigerufen, durch die stählernen
-Gründe seiner Beredsamkeit ihn zu veranlassen, Gott und der Obrigkeit die
-volle Wahrheit zu bekennen. Jetzt verließ den armen Wicht die standhafte
-Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zurück vor den Qualen, die
-seiner warteten. Da der Folterer im Begriff war, ihm die Daumenschrauben
-anzulegen, bedachte er, daß dies ihn untüchtig machen würde, jemals wieder
-mit Ehren die Nadel zu führen, und ehe er wollte ein verdorbener Kerl
-bleiben sein Leben lang, meinte er, es sei besser, der Marter mit einem
-Male ledig zu werden, und gestand das Bubenstück ein, von welchem sein Herz
-nichts wußte. Die Verhandlung wurde nun kurzerhand abgetan und der
-Angeklagte, ohne daß sich das Gericht teilte, von Richtern und Schöppen zum
-Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch zur Ersparung der
-Verpflegungskosten gleich tags darauf bei frühem Morgen vollzogen werden
-sollte.
-
-Alle Zuschauer, welche das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt
-hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch
-keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu, als der barmherzige
-Samariter, der mit in die Gerichtsstube eingedrungen war und nicht satt
-werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu
-erheben; und in der Tat hatte auch niemand näheren Anteil an der Sache als
-eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Händlers Säckel
-in des Schneiders Rucksack verborgen hatte und kein anderer als Rübezahl
-selbst war.
-
-Schon am frühen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den
-Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, und es regte
-sich bereits in ihm der Rabenhunger, dem neuen Ankömmling die Augen
-auszuhacken; aber diesmal harrte er vergebens. Ein frommer Ordensbruder,
-der es sich angelegen sein ließ, die zum Tode Verurteilten zur
-Sinnesänderung und Buße zu bekehren, fand den Schneidergesellen so
-unwissend im Christenglauben, daß er den Magistrat um einen dreitägigen
-Aufschub der Hinrichtung bat. Als Rübezahl davon hörte, flog er ins
-Gebirge, die Vollstreckung des Urteils daselbst zu erwarten.
-
-In diesem Zeitraume durchstrich er nach seiner Gewohnheit die Wälder und
-erblickte auf dieser Streiferei eine junge Dirne, die sich unter einem
-schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihr Haupt sank schwermütig auf die
-Brust hinab, ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich und der
-Zuschnitt daran bürgerlich. Von Zeit zu Zeit verwischte sie mit der Hand
-eine herabrollende Zähre von den Wangen und schwere Seufzer entrangen sich
-ihrer Brust. Schon ehemals hatte der Berggeist die mächtigen Eindrücke
-jungfräulicher Tränen empfunden; auch jetzt war er so gerührt davon, daß er
-von dem Vorsatz, welchen er sich auferlegt hatte, alle Menschenkinder, die
-durchs Gebirge ziehen würden, zu tücken und zu quälen, zum ersten Male
-abging, die Empfindung des Mitleids sogar als ein wohltuendes Gefühl
-erkannte und Verlangen trug, das Mädchen zu trösten. Er verwandelte sich
-wieder in einen ehrbaren Bürger, trat freundlich zu der jungen Dirne und
-sprach: »Mägdlein, was trauerst du hier in der Wüste so einsam? Verhehle
-mir nicht deinen Kummer, daß ich zusehe, wie dir zu helfen sei.«
-
-Das Mädchen, das ganz in Schwermut versunken war, schreckte auf, da sie
-diese Stimme hörte, und erhob ihr gesenktes Haupt. Zwei helle Tränen
-glänzten in ihren Augen und das holde, jungfräuliche Antlitz war mit dem
-Ausdruck banger Schmerzensgefühle übergossen. Da sie den ehrsamen Mann vor
-sich stehen sah, sprach sie: »Was kümmert Euch mein Schmerz, guter Mann, da
-Ihr nicht helfen könnt? Ich bin eine Unglückliche, eine Mörderin, habe den
-Mann meines Herzens gemordet und will abbüßen meine Schuld mit Jammer und
-Tränen, bis mir der Tod das Herz bricht.«
-
-Der ehrbare Mann staunte. »Du eine Mörderin?« rief er, »bei diesem
-freundlichen, lieben Gesicht trügst du die Hölle im Herzen? Unmöglich! --
-Zwar die Menschen sind aller Ränke und Bosheit fähig, das weiß ich;
-gleichwohl ist mir's hier ein Rätsel.«
-
-»So will ich's Euch lösen,« erwiderte die trübsinnige Jungfrau, »wenn Ihr
-es zu wissen begehrt.«
-
-Er sprach: »Sag' an!«
-
-»Ich hatte einen Gespielen von Jugend an, den Sohn meiner Nachbarin. Er war
-so lieb und gut, so treu und bieder, liebte mich so standhaft und herzig,
-daß ich ihm ewige Treue gelobte. Ach, das Herz des braven Menschen habe ich
-vergiftet, hab' ihn der Tugendlehren seiner frommen Mutter vergessen
-gemacht und ihn zu einer Übeltat verleitet, wofür er sein Leben verwirkt
-hat!«
-
-Der Berggeist rief erstaunt: »Du?«
-
-»Ja, Herr,« sprach sie, »ich bin seine Mörderin, hab' ihn gereizt, einen
-Straßenraub zu begehen und einen Handelsmann zu plündern; da haben ihn die
-Herren von Hirschberg gegriffen, Halsgericht über ihn gehalten und, o
-Herzeleid! morgen wird er abgetan!«
-
-»Und was hast du verschuldet?« fragte verwundert Rübezahl.
-
-»Ja, Herr! Ich habe sein junges Leben auf meinem Gewissen.«
-
-»Wie das?«
-
-»Er zog auf die Wanderschaft übers Gebirge und als es zum Abschied ging,
-sprach er: >Feins Liebchen, bleib mir treu. Wenn der Apfelbaum zum dritten
-Male blüht und die Schwalbe zum Nest trägt, kehr' ich von der Wanderschaft
-zurück, dich heimzuholen als mein junges Weib;< und das gelobte ich ihm zu
-werden durch einen teuren Eid. Nun blühte der Apfelbaum zum dritten Male
-und die Schwalbe nistete, da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner
-Zusage und wollte mich zur Trauung führen. Ich aber neckte und höhnte ihn
-und sprach: >Dein Weib kann ich nicht werden, du hast weder Herd noch
-Obdach. Schaff' dir erst blanke Taler an, dann frage wieder.< Der arme
-Junge wurde durch diese Rede sehr betrübt. >Ach, Klärchen,< seufzte er
-tief, mit einer Träne im Auge, >steht dir dein Sinn nach Geld und Gut, so
-bist du nicht das biedere Mädchen mehr, das du vormals warst! Schlugst du
-nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue schwurest? Und was hatte ich
-mehr als diese Hand, dich einst damit zu ernähren? Woher dein Stolz und
-spröder Sinn? Ach, Klärchen, ich verstehe dich; ein reicher Freier hat mir
-dein Herz entwendet; lohnst du mir also, Ungetreue? Drei Jahre habe ich mit
-Sehnsucht und Harren traurig verlebt, habe jede Stunde gezählt bis auf
-diesen Tag, da ich kam, dich heimzuführen. Wie leicht und rasch machte
-meinem Fuß Hoffnung und Freude, da ich übers Gebirge wandelte, und nun
-verschmähst du mich!< Er bat und flehte, doch ich blieb fest auf meinem
-Sinn: >Mein Herz verschmäht dich nicht, o Benedix!< antwortete ich, >nur
-meine Hand versag' ich dir für jetzt; zieh hin, erwirb dir Gut und Geld,
-und hast du das, so komm, dann will ich dich gern zum Mann nehmen.<
->Wohlan,< sprach er mit Unmut, >du willst es so, ich gehe in die Welt, will
-laufen, will rennen, will betteln, stehlen, sparen, sorgen und eher sollst
-du mich nicht wiedersehen, bis ich erlange den schnöden Preis, um den ich
-dich erwerben muß. Leb' wohl, ich fahre hin, Ade!< -- So hab' ich ihn
-betört, den armen Benedix; er ging ergrimmt davon; da verließ ihn sein
-guter Engel, daß er tat, was nicht recht war und was sein Herz gewiß
-verabscheute.«
-
-Der ehrsame Mann schüttelte den Kopf über diese Rede und rief nach einer
-Pause mit nachdenklicher Miene: »Wunderbar!« Hierauf wendete er sich zu der
-Dirne: »Warum,« fragte er, »erfüllst du aber hier den leeren Wald mit
-deinen Wehklagen, die dir und deinem Bräutigam nichts nützen und frommen
-können?«
-
-»Lieber Herr,« fiel sie ihm ein, »ich war auf dem Wege nach Hirschberg, da
-wollte mir der Jammer das Herz abdrücken, darum weilte ich unter diesem
-Baume.«
-
-»Und was willst du in Hirschberg tun?«
-
-»Ich will dem Blutrichter zu Fuße fallen, will mit meinem Klagegeschrei die
-Stadt erfüllen und die Töchter der Stadt sollen mir wehklagen helfen, ob
-das die Herren erbarmen möchte, dem unschuldigen Blut das Leben zu
-schenken; und so mir's nicht gelingt, meinen Benedix dem schmählichen Tode
-zu entreißen, will ich freudig mit ihm sterben.«
-
-Rübezahl wurde durch diese Rede so bewegt, daß er von Stund' an seiner
-Rache ganz vergaß und der Trostlosen ihren Bräutigam wiederzugeben
-beschloß. »Trockne ab deine Tränen,« sprach er mit teilnehmender Gebärde,
-»und laß deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zur Rüste geht, soll dein
-Benedix frank und frei sein. Morgen um den ersten Hahnenschrei sei wach und
-aufmerksam und wenn ein Finger ans Fenster klopft, so tu auf die Tür deines
-Hauses; denn es ist dein Benedix, der davor stehet. Hüte dich, ihn wieder
-wild zu machen durch deinen spröden Sinn. -- Du sollst auch wissen, daß er
-das Bubenstück nicht begangen hat, dessen du ihn zeihest, und du hast
-gleichfalls keine Schuld; denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner
-bösen Tat reizen lassen.«
-
-Das Mädchen, verwundert über diese Rede, sah ihm starr und steif ins
-Gesicht und weil darin keine Schalkheit oder Trug sich zeigte, gewann sie
-Zutrauen, ihre trübe Stirn klärte sich auf und sie sprach voll froher
-Zuversicht: »Lieber Herr, wenn Ihr mein nicht spottet und es also ist, wie
-Ihr sagt, so müßt Ihr ein Seher oder der gute Engel meines Benedix sein,
-daß Ihr das alles so wißt.«
-
-»Sein guter Engel?« versetzte Rübezahl betroffen, »nein, der bin ich
-wahrlich nicht; aber ich kann's werden und du sollst's erfahren! Ich bin
-ein Bürger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen, als der arme Sünder
-verurteilt wurde; aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht, fürchte
-nichts für sein Leben. Ich will hin, ihn seiner Bande zu entledigen, denn
-ich vermag viel in der Stadt. Sei guten Muts und kehre heim in Frieden.«
-Das Mädchen machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich Furcht und
-Hoffnung in ihrer Seele kämpften.
-
-Der ehrwürdige Pater Graurock hatte sich's die drei Tage des Aufschubs
-inzwischen blutsauer werden lassen, den Verurteilten gehörig zum Tode
-vorzubereiten. Als er dem trostlosen Benedix zum letztem Male gute Nacht
-gewünscht hatte, begegnete ihm Rübezahl unsichtbarerweise beim Eingange,
-noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den armen Schneider in Freiheit
-zu setzen, auszuführen vermöchte. In dem Augenblick geriet er auf den
-Einfall, der recht nach seinem Sinn war. Er schlich dem Mönche ins Kloster
-nach, stahl aus der Kleiderkammer ein Ordenskleid, fuhr hinein und begab
-sich in Gestalt des Bruders Graurock ins Gefängnis, welches ihm der
-Kerkermeister ehrerbietig öffnete.
-
-»Das Heil deiner Seele,« redete er den Gefangenen an, »treibt mich nochmals
-hierher, da ich dich kaum verlassen habe. Doch hatte ich vorher vergessen,
-dich nach etwas zu fragen. Sag' an, denkst du auch noch an Klärchen? Liebst
-du sie noch als deine Braut? Hast du ihr etwas vor deiner Hinfahrt zu
-sagen, so vertraue es mir.« Benedix staunte bei diesem Namen noch mehr; der
-Gedanke an sie, den er mit großer Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu
-ersticken bemüht gewesen war, wurde auf einmal wieder so heftig angefacht,
-besonders da vom Abschiedsgruße die Rede war, daß er überlaut anfing zu
-weinen und zu schluchzen und kein Wort vorzubringen vermochte. Diese
-herzbrechende Gebärdung jammerte den mitleidigen Mönch also, daß er
-beschloß, dem Spiel ein Ende zu machen.
-
-»Armer Benedix,« sprach er, »gib dich zufrieden und sei getrost und
-unverzagt, du sollst nicht sterben. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß du
-unschuldig bist an dem Raube und deine Hand mit keinem Laster befleckt
-hast, darum bin ich gekommen, dich aus dem Kerker zu entführen und der
-Bande zu entledigen.« Er zog einen Schlüssel aus der Tasche. »Laß sehen,«
-fuhr er fort, »ob er schließe.« Der Versuch gelang, der Entfesselte stand
-da, frank und frei, die Ketten fielen ab von Händen und Füßen. Hierauf
-wechselte der gutmütige Ordensbruder mit ihm die Kleider und sprach: »Gehe
-gemachsam wie ein frommer Mönch durch die Schar der Wächter vor der Tür des
-Gefängnisses und durch die Straßen, bis du der Stadt Weichbild hinter dir
-hast; dann schürze dich hurtig und schreite rüstig zu, daß du gelangst ins
-Gebirge, und raste nicht, bis du in Liebenau vor Klärchens Tür stehst,
-klopfe leise an, dein Liebchen harret deiner mit ängstlichem Verlangen.«
-
-Der gute Benedix wähnte, das alles sei nur ein Traum, rieb sich die Augen,
-zwickte sich in die Arme, um zu versuchen, ob er wache oder schlafe, und da
-er inne ward, daß sich alles so verhalte, fiel er seinem Befreier zu Füßen
-und umfing seine Knie, wollte eine Danksagung stammeln und lag da in
-stummer Freude, denn die Worte versagten ihm. Der liebreiche Mönch trieb
-ihn endlich fort und reichte ihm noch ein Laib Brot und eine Knackwurst zur
-Zehrung auf den Weg. Mit wankendem Knie schritt Benedix über die Schwelle
-des traurigen Kerkers und fürchtete immer, erkannt zu werden. Aber sein
-ehrwürdiges Gewand gab ihm die Gewähr, daß keiner der Wächter in ihm einen
-Verbrecher vermutete.
-
-Klärchen saß indessen bänglich einsam in ihrem Kämmerlein, horchte auf
-jedes Rauschen des Windes und spähete nach jedem Fußtritt der
-Vorübergehenden. Oft dünkte ihr, es rege sich was am Fensterladen, oder es
-klinge der Pfortenring; sie schreckte auf mit Herzklopfen, sah durch die
-Luke und es war Täuschung. Schon schüttelten die Hähne in der Nachbarschaft
-die Flügel und verkündeten durch ihr Krähen den kommenden Tag; das
-Glöcklein im Kloster läutete zur Frühmette, das ihr wie Totenruf und
-Grabesklang tönte; der Wächter stieß zum letzten Male ins Horn und weckte
-die schnarchenden Bäckermägde zu ihrem frühen Tagewerk. Klärchens Lampe
-fing an, dunkel zu brennen, weil's ihm an Öl gebrach, ihre Unruhe mehrte
-sich mit jedem Augenblick. Sie saß auf ihrer Bettlade, weinte bitterlich
-und seufzte: »Benedix, Benedix! Was für ein banger Tag für dich und mich
-dämmert jetzt heran!« Sie lief ans Fenster, ach! blutrot war der Himmel
-nach Hirschberg hin und schwarze Nebelwolken webten wie Trauerflor und
-Leichentücher hin und wieder am Horizonte. Ihre Seele bebte vor diesem
-ahnungsvollen Anblick zurück, sie sank in dumpfes Hinbrüten und Totenstille
-war um sie her.
-
-Da pocht's dreimal leise an das Fenster, als ob sich etwas rührte. Ein
-froher Schauder durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten
-Schrei; denn eine Stimme flüsterte durch die Luke: »Feins Liebchen, bist du
-wach?« -- Husch war sie an der Tür. -- »Ach, Benedix, bist du's oder ist's
-dein Geist?« Wie sie aber den Bruder Graurock erblickte, fiel sie zurück
-und sank vor Entsetzen hin. Da umschlang sie sanft sein treuer Arm und der
-Kuß der Liebe brachte sie bald wieder ins Leben.
-
-Nachdem Erstaunen und die Ergießungen der ersten freudigen Herzensgefühle
-vorüber waren, erzählte ihr Benedix seine wunderbare Errettung aus dem
-peinlichen Kerker; doch die Zunge klebte ihm am Gaumen vor großem Durst und
-Ermattung. Klärchen ging, ihm einen Trunk frisches Wasser zu holen, und
-nachdem er sich damit gelabt hatte, fühlte er Hunger; aber sie hatte nichts
-zum Imbiß als Salz und Brot. Da gedachte Benedix an seine Knackwurst, zog
-sie aus der Tasche und wunderte sich, daß sie schwerer als ein Hufeisen,
-brach sie voneinander, sieh! da fielen eitel Goldstücke heraus, worüber
-Klärchen nicht wenig erschrak; sie meinte, das Gold sei ein Rest von dem
-Raube des Händlers und Benedix sei nicht so unschuldig, als ihn der ehrsame
-Mann gemacht habe, der ihr im Gebirge erschienen war. Allein der truglose
-Geselle beteuerte höchlich, daß der fromme Ordensmann ihm diesen
-verborgenen Schatz vermutlich als eine Hochzeitssteuer verliehen habe, und
-sie glaubte seinen Worten. Darauf segneten beide mit dankbarem Herzen den
-edelmütigen Wohltäter, verließen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo
-Meister Benedix mit Klärchen, seinem Weibe, lange Jahre als ein ehrsamer
-Bürger und wohlhabender Mann in friedlicher Ehe lebte.
-
-In der frühen Morgenstunde, da Klärchen mit schauervoller Freude den Finger
-ihres Benedix am Fenster vermerkte, klopfte auch in Hirschberg ein Finger
-an die Tür des Gefängnisses. Das war der Bruder Graurock, der, von frommem
-Eifer aufgeweckt, den Anbruch des Tages kaum erwarten konnte, die Bekehrung
-des armen Sünders zu vollenden. Rübezahl hatte die Rolle des Verurteilten
-übernommen und war entschlossen, sie auszuspielen. Er schien wohlgefaßt zum
-Sterben zu sein und der fromme Mönch freute sich darüber und erkannte diese
-Standhaftigkeit alsbald für die gesegnete Frucht seiner Zusprache an; darum
-ermangelte er nicht, ihn in dieser Gemütsverfassung zu erhalten, und
-beschloß seine Rede mit den Trostesworten: »So viel Menschen du bei deiner
-Ausführung erblicken wirst, die dich an die Gerichtsstätte geleiten, sieh,
-so viel Engel stehen schon bereit, deine Seele einzuführen ins schöne
-Paradies.« Darauf ließ er ihn der Fesseln entledigen, hörte seine Beichte
-und sprach ihn los von seinen Sünden.
-
-Die Zeit war darüber verlaufen, das peinliche Gericht hielt dafür, daß es
-nun an der Stunde sei, den Leib zu töten. Auf dem Platze der Hinrichtung
-verlas der Richter noch einmal das Urteil und brach zum Zeichen dessen, daß
-er dem Tode verfallen sei, einen Stab über dem Kopfe des Verurteilten
-entzwei. Danach führten ihn die Henker auf die Leiter am Galgen und legten
-ihm die Schlinge des Strickes um den Hals. Als er nun von der Leiter
-gestoßen wurde, zappelte er am Strange nach Herzenslust und trieb das Spiel
-so arg, daß dem Henker dabei übel zumute ward; denn es erhob sich ein
-plötzliches Getöse im Volk und einige schrien, man solle den Henker
-steinigen, weil er den armen Sünder über die Gebühr martere. Um also
-Unglück zu verhüten, streckte sich Rübezahl lang aus und stellte sich an,
-als sei er tot. Da sich aber das Volk verlaufen hatte und nachher einige
-Leute in der Gegend des Hochgerichts hin- und herwandelten, aus Vorwitz
-hinzutraten und den Leichnam beschauen wollten, fing Rübezahl am Galgen
-sein Spiel von neuem an und erschreckte die Beschauer durch fürchterliche
-Grimassen. Daher lief gegen Abendzeit in der Stadt das Gerücht um, der
-Gehangene könne nicht ersterben und tanze noch immer am Hochgericht. Das
-bewog die Stadtbehörde, des Morgens in aller Frühe durch einige Abgeordnete
-die Sache untersuchen zu lassen. Wie sie nun dahin kamen, fanden sie nichts
-als einen Strohmann am Galgen, mit alten Lumpen bedeckt, wie man pflegt in
-Erbsen zu stellen, die genäschigen Spatzen damit zu verscheuchen. Darüber
-wunderten sich die Herren von Hirschberg gar sehr, ließen in aller Stille
-den Strohmann abnehmen und breiteten aus, der große Wind habe zur Nachtzeit
-den leichten Schneider vom Galgen über die Grenze geweht.
-
-
-
-
-5. Rübezahl und der Bauer Veit.
-
-
-Einen Bauer in der Amtspflege Reichenberg hatte ein böser Nachbar durch
-einen Prozeß um Hab und Gut gebracht, und nachdem sich das Gericht seiner
-letzten Kuh bemächtigt hatte, blieb ihm nichts übrig als ein abgehärmtes
-Weib und ein halbes Dutzend Kinder. Zwar hatte er noch ein paar rüstige,
-gesunde Arme, aber sie waren nicht hinreichend, sich und die Seinigen damit
-zu ernähren. Es schnitt ihm durchs Herz, wenn die jungen Raben nach Brot
-schrien und er nichts hatte, ihren quälenden Hunger zu stillen.
-
-»Mit hundert Talern,« sprach er zu dem kummervollen Weibe, »wäre uns
-geholfen, unsern zerfallenen Haushalt wieder einzurichten und fern von dem
-streitsüchtigen Nachbar ein neues Eigentum zu gewinnen. Du hast reiche
-Vettern jenseits des Gebirges, ich will hin und ihnen unsere Not klagen;
-vielleicht, daß sich einer erbarmet und aus gutem Herzen von seinem
-Überfluß uns auf Zinsen leiht, so viel wir bedürfen.«
-
-Das niedergedrückte Weib willigte mit schwacher Hoffnung eines glücklichen
-Erfolges in diesen Vorschlag, weil sie keinen besseren wußte. Der Mann aber
-gürtete frühe seine Lenden und, indem er Weib und Kind verließ, sprach er
-ihnen Trost ein: »Weinet nicht! Mein Herz sagt es mir, ich werde einen
-Wohltäter finden, der uns helfen wird.« Hierauf steckte er eine harte
-Brotrinde zur Zehrung in die Tasche und ging davon.
-
-Müde und matt von der Hitze des Tages und dem weiten Wege, gelangte er zur
-Abendzeit in dem Dorfe an, wo die reichen Vettern wohnten; aber keiner
-wollte ihn kennen, keiner wollte ihn beherbergen. Mit heißen Tränen klagte
-er ihnen sein Elend; aber die hartherzigen Filze achteten nicht darauf,
-kränkten den armen Mann mit Vorwürfen und beleidigenden Sprichwörtern.
-Einer sprach: »Junges Blut, spar' dein Gut«; der andere: »Hoffart kommt vor
-dem Fall«; der dritte: »Wie du's treibst, so geht's«; der vierte: »Jeder
-ist seines Glückes Schmied.« So höhnten und spotteten sie seiner, nannten
-ihn einen Prasser und Faulenzer und endlich stießen sie ihn sogar zur Tür
-hinaus. Einer solchen Aufnahme hatte sich der arme Vetter von der reichen
-Sippschaft seines Weibes nicht versehen, stumm und traurig schlich er von
-dannen und weil er nichts hatte, um das Schlafgeld der Herberge zu
-bezahlen, mußte er auf einem Heuschober im Felde übernachten. Hier wartete
-er schlaflos des zögernden Tages, um sich auf den Heimweg zu begeben.
-
-Da er nun wieder ins Gebirge kam, überkam ihn Harm und Bekümmernis so sehr,
-daß er der Verzweiflung nahe war. »Zwei Tage Arbeitslohn verloren,« dachte
-er bei sich selber, matt und entkräftet von Gram und Hunger, ohne Trost,
-ohne Hoffnung! Wenn du nun heimkehrst und die sechs Würmer dir
-entgegenschmachten, ihre Hände aufheben, von dir Labsal zu begehren und du
-für einen Bissen Brot ihnen einen Stein bieten mußt, Vaterherz! Vaterherz!
-Wie kannst du's tragen! Brich entzwei, armes Herz, ehe du diesen Jammer
-fühlst! Hierauf warf er sich unter einen Schlehenbusch, seinen
-schwermütigen Gedanken weiter nachzuhängen.
-
-Wie aber am Rande des Verderbens die Seele noch die letzten Kräfte
-anstrengt, ein Rettungsmittel auszukundschaften, Schutz oder Frist für den
-hereinbrechenden Untergang zu suchen; gleich einem Bootsmann, der sein
-Schiff sinken sieht, schnell die Strickleiter hinaufrennt, sich in den
-Mastkorb zu bergen, oder wenn er unter Verdeck ist, aus der Luke springt,
-in der Hoffnung, ein Brett oder eine ledige Tonne zu erhaschen, um sich
-über Wasser zu halten: so verfiel unter tausend Anschlägen und Einfällen
-der trostlose Veit auf den Gedanken, sich an den Geist des Gebirges in
-seinem Anliegen zu wenden. Er hatte viel abenteuerliche Geschichten von ihm
-gehört, wie er zuweilen die Reisenden geneckt und gefoppt, ihnen manchen
-Streich und Schabernack gespielt, doch auch mitunter Gutes erwiesen habe.
-Es war ihm nicht unbekannt, daß er sich bei seinem Spottnamen nicht
-ungestraft rufen lasse; dennoch wußte er ihm auf keine andere Weise
-beizukommen; also wagte er es auf eine Prügelei und rief so sehr er konnte:
-»Rübezahl! Rübezahl!«
-
-Auf diesen Ruf erschien alsbald eine Gestalt gleich einem rußigen Köhler
-mit einem fuchsroten Bart, der bis an den Gürtel reichte, feurigen, stieren
-Augen und mit einer Schürstange bewaffnet, gleich einem Weberbaum, die er
-mit Grimm erhob, den frechen Spötter zu erschlagen.
-
-»Mit Gunst, Herr Rübezahl,« sprach Veit ganz unerschrocken, »verzeiht, wenn
-ich Euch nicht mit dem rechten Namen bezeichne, hört mich nur an, dann tut,
-was Euch gefällt.«
-
-Diese dreiste Rede und die kummervolle Miene des Mannes, die weder auf
-Mutwillen noch Vorwitz deutete, besänftigten den Zorn des Geistes etwas:
-
-»Erdenwurm,« sprach er, »was treibt dich, mich zu beunruhigen? Weißt du
-auch, daß du mir mit Hals und Haut für deinen Frevel büßen mußt?«
-
-»Herr,« antwortete Veit, »die Not treibt mich zu Euch, habe eine Bitte, die
-Ihr mir leicht gewähren könnt. Ihr sollt mir hundert Taler leihen, ich
-zahle sie Euch mit landesüblichen Zinsen in drei Jahren wieder, so wahr ich
-ehrlich bin!«
-
-»Tor,« sprach der Geist, »bin ich ein Wucherer, der auf Zinsen leiht? Gehe
-hin zu deinen Menschenbrüdern und borge da so viel dir not tut, mich aber
-laß in Ruhe.«
-
-»Ach!« erwiderte Veit, »mit der Menschenbrüderschaft ist's aus! Auf Mein
-und Dein gilt keine Brüderschaft.«
-
-Hierauf erzählte er ihm seine Geschichte nach der Länge und schilderte ihm
-sein drückendes Elend so rührend, daß ihm Rübezahl seine Bitte nicht
-versagen konnte; und wenn der arme Tropf auch weniger Mitleid verdient
-hätte, so schien doch dem Geist das Unterfangen, von ihm ein Kapital zu
-leihen, so neu und sonderbar, daß er um des guten Zutrauens willen geneigt
-war, des Mannes Bitte zu gewähren.
-
-»Komm, folge mir,« sprach er und führte ihn darauf waldeinwärts, in ein
-abgelegenes Tal zu einem schroffen Felsen, dessen Fuß ein dichter Busch
-bedeckte.
-
-Nachdem sich Veit neben seinem Begleiter mit Mühe durchs Gesträuch
-gearbeitet hatte, gelangten sie zum Eingang einer finsteren Höhle. Dem
-guten Veit war nicht wohl dabei zumute, da er so im Dunkeln tappen mußte;
-es lief ihm ein kalter Schauer nach dem andern den Rücken herab und seine
-Haare sträubten sich empor. Rübezahl hat schon manchen betrogen, dachte er,
-wer weiß, was für ein Abgrund mir vor den Füßen liegt, in welchen ich beim
-nächsten Schritt hinabstürze. Dabei hörte er ein fürchterliches Brausen als
-eines Tagwassers, das sich in den tiefen Schacht ergoß. Je weiter er
-fortschritt, je mehr engten ihm Furcht und Grausen das Herz ein. Doch bald
-sah er zu seinem Trost in der Ferne ein blaues Flämmchen hüpfen, das
-Berggewölbe erweiterte sich zu einem großen Saal, das Flämmchen brannte
-hell und schwebte als ein Hängeleuchter in der Mitte der Felsenhalle. Auf
-dem Pflaster fiel ihm eine kupferne Braupfanne in die Augen, mit lauter
-harten Talern bis an den Rand gefüllt.
-
-Als Veit den Geldschatz erblickte, schwand alle seine Furcht dahin und das
-Herz hüpfte ihm vor Freuden.
-
-»Nimm,« sprach der Geist, »was du bedarfst, es sei wenig oder viel, nur
-stelle mir einen Schuldschein aus, wenn du überhaupt schreiben kannst.«
-
-Der Schuldner bejahte das und zählte sich gewissenhaft die hundert Taler
-zu, nicht einen mehr und keinen weniger. Der Geist schien auf das
-Zählungsgeschäft gar nicht zu achten, drehte sich weg und suchte indes
-Feder und Tinte hervor. Veit schrieb den Schuldschein so bündig als ihm
-möglich war; der Berggeist schloß ihn in einen eisernen Schatzkasten und
-sagte zum Abschied:
-
-»Sieh hin, mein Freund, und nütze dein Geld mit arbeitsamer Hand. Vergiß
-nicht, daß du mein Schuldner bist, und merke dir den Eingang ins Tal und
-diese Felsenkluft genau! Sobald das dritte Jahr verflossen ist, zahlst du
-mir Kapital und Zins zurück; ich bin ein strenger Gläubiger, hältst du
-nicht ein, so fordere ich es mit Ungestüm.«
-
-Der ehrliche Veit versprach, auf den Tag richtig Zahlung zu leisten,
-versprach's mit seiner biederen Hand, doch ohne Schwur; verpfändete nicht
-seine Seele und Seligkeit, wie lose Bezahler zu tun pflegen, und schied mit
-dankbarem Herzen von seinem Schuldherrn in der Felsenhöhle, aus der er
-leicht den Ausgang fand. --
-
-Die hundert Taler wirkten bei ihm mächtig auf Seele und Leib, daß ihm nicht
-anders zumut war, als er das Tageslicht wieder erblickte, als ob er Balsam
-des Lebens in der Felsenkluft eingesogen habe. Freudig und gestärkt an
-allen Gliedern, schritt er nun seiner Wohnung zu und trat in die elende
-Hütte, indem sich der Tag zu neigen begann. Sobald ihn die abgezehrten
-Kinder erblickten, schrien sie ihm wie aus einem Munde entgegen: »Brot,
-Vater, einen Bissen Brot! Hast uns lange darben lassen.« Das abgehärmte
-Weib saß in einem Winkel und weinte, fürchtete verzagt und kleinmütig das
-Schlimmste und vermutete, daß der Angekommene wieder das alte traurige Lied
-anstimmen werde. Er aber bot ihr freundlich die Hand, hieß sie Feuer
-anschüren auf dem Herde; denn er trug Grütze und Hirse aus Reichenberg im
-Zwerchsack, wovon die Hausmutter einen steifen Brei kochen mußte, daß der
-Löffel darin stand. Nachher berichtete er von dem guten Erfolg seines
-Geschäfts.
-
-»Deine Vettern,« sprach er, »sind gar rechtliche Leute; sie haben mir nicht
-meine Armut vorgerückt, haben mich nicht verkannt oder mich schimpflich vor
-der Tür abgewiesen, sondern mich freundlich beherbergt, Herz und Hand mir
-geöffnet und hundert bare Taler vorschußweise auf den Tisch gezählt.«
-
-Da fiel dem guten Weibe ein schwerer Stein vom Herzen, der sie lange
-gedrückt hatte.
-
-»Wären wir,« sagte sie, »eher vor die rechte Schmiede gegangen, so hätten
-wir uns manchen Kummer ersparen können.« Hierauf rühmte sie ihre
-Freundschaft, von welcher sie vorher so wenig Gutes erwartet hatte, und tat
-recht stolz auf die reichen Vettern.
-
-Der Mann ließ ihr nach so vielen Drangsalen gern die Freude, die ihrer
-Eitelkeit so schmeichelhaft war. Da sie aber nicht aufhörte, von den
-reichen Vettern zu sprechen, und das viele Tage so forttrieb, wurde Veit
-des Lobposaunens der Geizdrachen satt und müde und sprach zum Weibe: »Als
-ich vor der rechten Schmiede war, weißt du, was mir der Meister Schmied für
-eine weise Lehre gab?«
-
-Sie sprach: »Welche?«
-
-»Jeder, sagte er, sei seines Glückes Schmied, und man müsse das Eisen
-schmieden, so lange es heiß sei; drum laß' uns nun die Hände rühren und
-unserm Beruf fleißig obliegen, daß wir was vor uns bringen, in drei Jahren
-den Vorschuß nebst Zinsen abzahlen können und aller Schuld quitt und ledig
-seien.«
-
-Darauf kaufte er einen Acker und eine Wiese, dann wieder einen und noch
-einen, dann eine ganze Hufe; es war Segen in Rübezahls Gelde, als wenn ein
-Hecktaler darunter wäre. Veit säete und erntete, wurde schon für einen
-wohlhabenden Mann im Dorfe gehalten, und sein Säckel besaß noch immer ein
-kleines Kapital zur Erweiterung seines Eigentums. Im dritten Sommer hatte
-er schon zu seiner Hufe ein Herrengut gepachtet, das ihm reichen Ertrag
-brachte; kurz, er war ein Mann, dem alles, was er tat, zu gutem Glück
-gedieh.
-
-Der Zahlungstag kam nun heran und Veit hatte so viel erübrigt, daß er ohne
-Beschwerde seine Schuld abtragen konnte; er legte das Geld zurecht und an
-dem bestimmten Tage war er früh auf, weckte das Weib und alle seine Kinder,
-hieß sie waschen und kämmen und ihre Sonntagskleider anziehen, auch die
-neuen Schuhe und die scharlachenen Mieder und Brusttücher, die sie noch
-nicht auf den Leib gebracht hatten. Er selbst holte seinen Feiertagsrock
-herbei und rief zum Fenster hinaus: »Hans, spann' an!«
-
-»Mann, was hast du vor?« fragte die Frau, »es ist heute weder Feiertag noch
-Kirchweihfest, was macht dich so guten Mutes, daß du uns ein Wohlleben
-bereitet hast, und wo gedenkst du uns hinzuführen?«
-
-Er antwortete: »Ich will mit euch die reichen Vettern jenseits des Gebirges
-heimsuchen und dem Gläubiger, der mir durch seinen Vorschub wieder
-aufgeholfen hat, Schuld und Zins bezahlen, denn heute ist der Zahltag.«
-
-Das gefiel der Frau wohl; sie putzte sich und die Kinder stattlich heraus,
-und damit die reichen Vettern eine gute Meinung von ihrem Wohlstande
-bekämen und sich ihrer nicht schämen dürften, band sie eine Schnur
-gekrümmter Dukaten um den Hals. Veit rüttelte den schweren Geldsack
-zusammen, nahm ihn zu sich, und da alles in Bereitschaft war, saß er auf
-mit Frau und Kind. Hans peitschte die vier Hengste an und sie trabten mutig
-über das Blachfeld nach dem Riesengebirge zu.
-
-Vor einem steilen Hohlwege ließ Veit den Rollwagen halten, stieg ab und
-ließ die anderen ein Gleiches tun, dann gebot er dem Knechte: »Hans, fahr'
-gemachsam den Berg hinan, oben bei den drei Linden sollst du unser warten,
-und ob's auch ein wenig lange dauert, so laß dich's nicht anfechten, laß
-die Pferde verschnaufen und einstweilen grasen; ich weiß hier einen
-Fußpfad, er ist etwas um, doch lustig zu wandeln!«
-
-Darauf schlug er sich in Geleitschaft des Weibes und der Kinder waldein
-durch dicht verwachsenes Gebüsch und spähte hin und her, die Frau meinte,
-ihr Mann habe sich verirrt; sie ermahnte ihn darum, zurückzukehren und der
-Landstraße zu folgen.
-
-Veit aber hielt plötzlich still, versammelte seine sechs Kinder um sich her
-und redete also: »Du wähnst, liebes Weib, daß wir zu deiner Freundschaft
-ziehen; dahin steht jetzt nicht mein Sinn. Deine reichen Vettern sind
-Knauser und Schurken, die, als ich damals in meiner Armut Trost und
-Zuflucht bei ihnen suchte, mich gefoppt, gehöhnet und mit Übermut von sich
-gestoßen haben. -- Hier wohnt der reiche Vetter, dem wir unsern Wohlstand
-verdanken, der mir aufs Wort das Geld geliehen, das in den drei Jahren in
-meiner Hand so wohl gewuchert hat. Auf heute hat er mich herbeschieden,
-Zins und Kapital ihm wieder zu erstatten. Wißt ihr nun, wer unser
-Schuldherr ist? Der Herr vom Berge, Rübezahl genannt!«
-
-Das Weib entsetzte sich heftig über diese Rede, schlug ein Kreuz vor sich,
-und die Kinder bebten und gebärdeten sich ängstlich vor Furcht und
-Schrecken, daß sie der Vater vor Rübezahl führen wollte. Sie hatten viel in
-den Spinnstuben von ihm gehört, daß er ein scheußlicher Riese und
-Menschenfresser sei. Veit erzählte ihnen sein ganzes Abenteuer, wie ihm der
-Berggeist in Gestalt eines Köhlers auf sein Rufen erschienen sei, und was
-er mit ihm verhandelt in der Höhle habe, pries seine Mildtätigkeit mit
-dankbarem Herzen und so inniger Rührung, daß ihm die warmen Tränen über die
-Backen herabträufelten.
-
-»Wartet hier,« fuhr er fort, »jetzt geh' ich hin in die Höhle, mein
-Geschäft auszurichten. Fürchtet nichts, ich werde nicht lange ausbleiben
-und wenn ich's vom Gebirgsherrn erlangen kann, so bring' ich ihn zu euch.
-Scheuet euch nicht, eurem Wohltäter treuherzig die Hand zu schütteln, ob
-sie gleich schwarz und rußig ist; er tut euch nichts zuleide und freut sich
-seiner guten Tat und unsers Danks gewiß! Seid nur beherzt, er wird euch
-goldene Äpfel und Pfeffernüsse austeilen.«
-
-Ob nun gleich das bängliche Weib viel gegen die Wallfahrt in die
-Felsenhöhle einzuwenden hatte und auch die Kinder jammerten und weinten,
-sich um den Vater herlagerten und, da er sie auf die Seite schob, ihn an
-den Rockfalten zurückzuziehen sich abmühten, so riß er sich doch mit Gewalt
-von ihnen, drang in den dicht verwachsenen Busch und gelangte zu dem
-wohlbekannten Felsen. Er fand alle Merkzeichen der Gegend wieder, die er
-sich wohl ins Gedächtnis geprägt hatte; die alte halberstorbene Eiche, an
-deren Wurzel die Kluft sich öffnete, stand noch, wie sie vor drei Jahren
-gestanden hatte, doch von einer Höhle war keine Spur mehr vorhanden. Veit
-versuchte auf alle Weise, sich den Eingang in den Berg zu eröffnen, er nahm
-einen Stein, klopfte an den Felsen; er sollte, meinte er, sich auftun; er
-zog den schweren Geldsack hervor, klingelte mit den harten Talern und rief,
-so laut er nur konnte: »Geist des Gebirges, nimm hin, was dein ist!« Doch
-der Geist ließ sich weder hören noch sehen. Also mußte sich der ehrliche
-Schuldner entschließen, mit seinem Säckel wieder umzukehren.
-
-Sobald ihn das Weib und die Kinder von ferne erblickten, eilten sie ihm
-freudevoll entgegen; er war mißmutig und sehr bekümmert, daß er seine
-Zahlung nicht an seinen Gläubiger abliefern konnte, setzte sich zu den
-Seinen auf einen Rasenrain und überlegte, was nun zu tun sei.
-
-Da fiel ihm sein altes Wagestück wieder ein. »Ich will,« sprach er, »den
-Geist bei seinem Spottnamen rufen; wenn's ihn auch verdrießt, mag er mich
-bläuen und zupfen, wie er Lust hat, wenigstens hört er auf diesen Ruf
-gewiß.« Darauf schrie er aus Leibeskräften: »Rübezahl! Rübezahl!« Das
-angstvolle Weib bat ihn, zu schweigen, und wollte ihm den Mund zuhalten; er
-ließ sich aber nicht wehren und trieb's immer ärger. Plötzlich drängte sich
-jetzt der jüngste Bube an die Mutter an und schrie bänglich: »Ach, der
-schwarze Mann!« Getrost fragte Veit: »Wo?« »Dort lauscht er hinter jenem
-Baume hervor.« Und alle Kinder krochen in einen Haufen zusammen, bebten vor
-Furcht und schrien jämmerlich. Der Vater blickte hin und sah nichts; es war
-Täuschung, nur ein leerer Schatten; kurz Rübezahl kam nicht zum Vorschein
-und alles Rufen war umsonst.
-
-
-
-Die Familie trat nun den Rückweg an und Vater Veit ging ganz betrübt und
-schwermütig auf der breiten Landstraße vor sich hin. Da erhob sich vom
-Walde her ein sanftes Rauschen in den Bäumen, die schlanken Birken neigten
-ihre Wipfel, das bewegliche Laub der Espen zitterte, das Brausen kam näher
-und der Wind schüttelte die weitausgestreckten Äste der Steineichen, trieb
-dürres Laub und Grashalme vor sich her, kräuselte im Weg kleine Staubwolken
-empor. An diesem lustigen Spiel vergnügten sich die Kinder, die nicht mehr
-an Rübezahl dachten, und haschten nach den Blättern, mit welchen der
-Wirbelwind spielte. Unter dem dürren Laube wurde auch ein Blatt Papier über
-den Weg geweht, auf welches einer der Knaben Jagd machte; doch wenn er
-danach griff, hob es der Wind auf und führte es weiter, daß er's nicht
-erlangen konnte. Darum warf er seinen Hut danach, der's endlich bedeckte;
-weil's nun ein schöner, weißer Bogen war und der sparsame Vater jede
-Kleinigkeit in seinem Haushalte zu nutzen pflegte, so brachte ihm der Knabe
-den Fund, um sich ein kleines Lob zu verdienen. Als dieser das
-zusammengerollte Papier aufschlug, um zu sehen, was es wäre, fand er, daß
-es der Schuldbrief war, den er an den Berggeist ausgestellt hatte; er war
-von oben herein zerrissen und unten stand geschrieben: »Zu Dank bezahlt.«
-
-Wie das Veit las, rührte es ihn tief in der Seele und er rief mit freudigem
-Entzücken: »Freue dich, liebes Weib und ihr Kinder allesamt, freuet euch;
-er hat uns gesehen, hat unsern Dank gehört, unser guter Wohltäter, der uns
-unsichtbar umschwebte, weiß, daß Veit ein ehrlicher Mann ist. Ich bin
-meiner Zusage quitt und ledig, nun laßt uns mit frohem Herzen heimkehren!«
-
-Eltern und Kinder weinten noch viele Tränen der Freude und des Dankes, bis
-sie wieder zu ihrem Fuhrwerk gelangten, und weil die Frau groß Verlangen
-trug, ihre Freundschaft heimzusuchen, um durch ihren Wohlstand die filzigen
-Vettern zu beschämen, so rollten sie frisch den Berg hinab, gelangten in
-der Abendstunde in das Dorf und hielten bei dem nämlichen Bauernhofe an,
-aus welchem Veit vor drei Jahren hinausgestoßen worden war. Er pochte
-diesmal ganz herzhaft und fragte nach dem Wirte. Es kam ein unbekannter
-Mann zum Vorschein, der gar nicht zur Freundschaft gehörte; von diesem
-erfuhr Veit, daß die reichen Vettern ausgewirtschaftet hatten. Der eine war
-gestorben, der andere verdorben, der dritte davongegangen und ihre Stätte
-ward nicht mehr gefunden in der Gemeinde. Veit übernachtete mit seiner
-Familie bei dem gastfreien Hauswirt, der ihm und seinem Weibe das alles
-weitläufiger erzählte. Tags darauf kehrte er in seine Heimat und an seine
-Berufsgeschäfte zurück, nahm zu an Reichtum und Gütern und blieb ein
-rechtlicher, wohlhabender Mann sein lebelang.
-
-
-
-
-6. Der kleine Peter.
-
-
-In dem Dorfe Krumhübel, welches im Riesengebirge unweit der Schneekoppe
-liegt, wohnte ein armer Holzhacker. Er nährte sich und seine Familie,
-bestehend in seiner Frau und seinem kleinen Knaben Peter, nur kümmerlich.
-Da starb ihm eines Tages seine Frau. Da er beim Holzhacken im Walde sein
-Brot verdienen mußte, so hätte er sich der Erziehung und Pflege seines
-Knaben nicht widmen können, wenn nicht eine Anverwandte von ihm, die Muhme
-aus Fischbach, sich bereit erklärt hätte, ihm die Wirtschaft zu führen und
-den Knaben in Aufsicht zu nehmen. Peter war ein kleiner aufgeweckter,
-allezeit fröhlicher Bursche, der immer vergnügt sein Liedchen trällerte und
-wohlgemut auf- und absprang. Die Muhme aber war durch mancherlei schwere
-Lebenserfahrungen verbittert, sah mürrisch und scheel auf das aufgeweckte
-Treiben des Knaben herab und setzte ihm, so oft sie ihn erblickte, mit
-Zanken, Keifen und harten Worten zu.
-
-Sie schwärzte Peter auch bei dem Vater an, wenn er am Abend aus dem Walde
-zurückkam, und dann tanzte der Haselstock oft auf Peterchens Rücken und die
-Beteuerungen der Unschuld halfen dem armen kleinen Schelm nichts.
-
-Die Folge davon war, daß Peter den Tag über möglichst das Haus floh und am
-liebsten auf dem Felde draußen sich aufhielt, wo er im Sommer die bunten
-Blumen im Getreide pflückte oder dem Gesange der Vögel lauschte. Wie
-lieblich klang das in seinen Ohren; ganz anders als das mürrische Gezänk
-der Alten im engen Hause. Im Winter freilich mußte er im Stübchen bleiben,
-dann ging's ihm schlecht. Dann war seine einzige Freude, hinaus vor die
-Haustür zu treten und den zirpenden Sperlingen und Meisen Krumen von seinem
-Stück trockenen Schwarzbrotes zu streuen. Denn Peter hatte ein mildes Herz,
-er erbarmte sich, wie alle Kinder im Winter tun sollten, der frierenden,
-hungernden Vögel; und obwohl er sich selbst etwas von seinem Frühstück
-entzog, hatte er doch seine helle Freude an den gefiederten Gästen, wenn
-sie, ehe er vor die Tür trat, ihn ungeduldig lockten, als ob sie sein
-Kommen erwarteten.
-
-Eines Abends kündete der Vater der Muhme an, daß am nächsten Sonntage ein
-Bruder von ihm zum Besuch kommen werde. Die Muhme kaufte am nächsten Tage
-einen großen Hecht und setzte ihn einstweilen in einem kleinen Fischkasten
-in das Wasser, damit er nicht stürbe, ehe sie ihn schlachtete.
-
-»Du armes Tier,« sagte Peter, als er an dem Kasten vorüberkam, »in diesem
-kleinen Raume sollst du leben und atmen, du wirst sterben, wenn dir die
-Freiheit nicht bald wiedergegeben wird.« Von diesem Gedanken geleitet,
-entnahm er dem Kasten den zappelnden Fisch und warf ihn in den Dorfbach.
-Als nun tags darauf die Alte den Hecht schlachten wollte, da war er längst
-von dannen geschwommen. Da sauste denn eine tüchtige Tracht Prügel auf
-Peter hernieder und seine Freude über seine gute Tat sollte ihm bald
-gründlich vergällt werden.
-
-»Habe ich dich denn, du nichtsnutziger Bursche, wieder einmal bei einem
-Schabernack abgefaßt; nun warte nur, du Taugenichts, bis der Vater nach
-Hause kommt, der soll dir den verlorenen Hecht mit dem Stocke wieder suchen
-helfen.« Da gab's am Abend wieder hageldicke Hiebe und mit Weinen und
-Schluchzen mußte Peter sein Lager aufsuchen.
-
-Als der Knabe am andern Morgen hinaus zum Spiel in den Wald gehen wollte,
-rief ihm die Muhme kreischend nach: »Du Faulenzer, brauchst draußen nicht
-umherzugaffen und dir die Sonne in den Mund scheinen zu lassen. Flugs nimm
-den Sack hier, gehe hinaus auf die Getreidefelder und lies Ähren. Wage dich
-aber nicht eher nach Hause, als bis du den Sack damit gefüllt hast.« --
-
-Niedergeschlagen ging der Knabe auf das erste Kornfeld und suchte fleißig
-Ähren auf, aber der Boden des Sackes war nach zwei Stunden kaum bedeckt.
-Die fleißigen Ortsbewohner hatten auf dem Feld bereits Nachlese gehalten
-und nur wenige Halme liegen gelassen. Auch auf den andern Feldern hatte er
-denselben Erfolg und am Abend war der Sack noch nicht bis zur Hälfte
-gefüllt.
-
-Die Sonne ging unter. Da traten dem kleinen Peter die Tränen in die Augen
-und er wußte keinen Ausweg in seiner Not.
-
-»Warum weinst du, mein Sohn,« ließ sich plötzlich eine Stimme vernehmen und
-ein alter Jägersmann stand an seiner Seite.
-
-Peter erzählte unter Tränen treuherzig sein Leid, wie die böse Muhme ihn
-tagtäglich peinige und ihm das Leben sauer mache.
-
-»Dann müßte sie eine tüchtige Strafe erhalten, denn es ist grausam, dir
-solche Aufträge zu erteilen, deren Ausführung unmöglich ist.«
-
-»Nein,« entgegnete der Knabe, »ich möchte nur, daß die Muhme einmal
-fröhlich würde, den ganzen Tag lachte und vor Freude in die Luft spränge.«
-
-»Dann soll dir und ihr geholfen werden, mein Sohn,« war die Antwort des
-Jägers. Er zog darauf ein kleines Pfeifchen hervor und pfiff so laut, daß
-es in den Ohren gellte. Im Nu rauschte ein großer Schwarm Sperlinge
-hernieder. Sie lasen die Halme mit ihren Schnäbeln auf, trugen sie auf ein
-Häufchen zusammen und der Jäger wies darauf hin und sagte: »Hier, mein
-Sohn, fülle den Sack damit an.«
-
-Peter gehorchte voller Freude und der Jäger legte hierauf den vollen Sack
-auf seine Schulter, doch er war so leicht, als wenn gar nichts darin wäre.
-Als er sich umwandte, seinem Wohltäter zu danken, war dieser verschwunden;
-die Sperlinge aber begleiteten ihn bis ins Dorf und an ihrem Zwitschern
-erkannte er, daß es seine Freunde vom Winter her waren.
-
-Die Muhme empfing ihn wieder mit mürrischem Gesicht, aber als sie ihm keine
-Vorwürfe machte, meinte Peter, er habe sie versöhnt.
-
-Seine Annahme aber war ein Irrtum. Kaum graute der Morgen, so erschien die
-Alte vor seinem Bett und rief laut: »Stehe fix auf und fang' ein Gericht
-Fische im Teiche, daß ich sie deinem Vater, der krank geworden ist, kochen
-kann. Kommst du mit leeren Händen zurück, so kann ich ihm nichts zu essen
-geben und die Krankheit verschlimmert sich.«
-
-Peter nahm sein kleines Fischnetz und ging hinaus zum Teiche. Die Krankheit
-des Vaters hatte ihn traurig gestimmt und er nahm sich vor, fleißig zu
-fischen, um dem kranken Vater ein Gericht zu seiner Stärkung zu
-verschaffen. Aber Stunde um Stunde verging, der Mittag kam und das Netz
-blieb leer. Vor Angst weinend schaute er nach dem alten Jäger aus und
-richtig! -- da stand er wieder am Bachesrand, der alte freundliche Mann.
-
-»Schon wieder Kummer, Peterchen, und Tränen im Auge, scheinst nahe ans
-Wasser gebaut zu haben, oder hat dir die hartherzige Muhme wieder einen
-Auftrag gegeben, der dir mißfällt,« begann der Jäger.
-
-»So ist's,« entgegnete der Knabe, »dies Netz voll Fische nach Hause zu
-bringen, ist diesmal ihr Begehr.«
-
-Da pfiff der Jäger wieder auf seinem Pfeifchen. Da kam ein großer Hecht
-herangeschwommen und trieb eine Menge kleiner Fische vor sich her, die
-schlüpften alle in das Netz und Peter mußte es mehrmals ausleeren. Helle
-Freude ging über sein Gesicht und mit inniger Freude dankte er seinem
-Wohltäter.
-
-»Kennst du aber dort den großen Fisch nicht mehr? Es ist derselbe, den du
-aus dem Fischkasten genommen und in den Bach getragen hast.«
-
-Verwundert schaute Peter dem Fische so lange als möglich nach, der jetzt
-langsam im Teiche hinschwamm. Wieder war der rätselhafte Jägersmann
-verschwunden und Peter lief glücklich und hocherfreut nach Hause; von dem
-Fange konnte sich der Vater viele Tage lang satt essen.
-
-Als der Knabe die Aufträge der Muhme pünktlich ausgeführt hatte, beschlich
-sie tödlicher Haß auf den Knaben und schon am andern Morgen hatte sie eine
-neue Bosheit ersonnen. Sie wollte den Knaben gar zu gern los sein. Darum
-herrschte sie ihn an: »Flugs, eile dich, deines Vaters Krankheit ist
-ernster geworden, hier kann nur noch eine Pflanze, das Wurzelmännchen
-genannt, helfen. Aber es wächst nur auf jenem Teil des Gebirges, wo der
-Herr des Gebirges, Rübezahl, haust. Ruf' ihn und wenn er erscheint, so
-bitte ihn um das Wurzelmännchen für deinen kranken Vater. Bleib aber so
-lange im Gebirge und ruf ihn, bis er deine Bitte gewährt.« Dabei dachte sie
-in ihrem arglistigen Herzen: »Nun bin ich den verwünschten Jungen los, denn
-Rübezahl wird ihm den Hals umdrehen, wenn er ihn bei seinem Spottnamen
-ruft.«
-
-Peter ergriff seinen Stab, pfiff sich ein lustiges Liedlein und trabte
-wohlgemut dem Gebirge zu. Wohl hatte er von seinen Schulkameraden allerlei
-Schauergeschichten von »Herrn Johannes«, wie sich Rübezahl selbst
-bezeichnete, gehört, doch tröstete er sich mit der Überzeugung, daß auch
-der Berggeist ihn nicht mehr Leides antun könne als die böse Muhme daheim.
-
-Eben wollte er, auf einer Anhöhe des Gebirges angekommen, seinen Mund zu
-einem kräftigen »Rübezahl, Rübezahl!« öffnen, als eine Stimme hinter ihm
-rief: »Nun, mein Peterchen, willst wohl verreisen? Oder hat dir die Muhme
-den Laufpaß gegeben; willst du den alten kranken Vater verlassen?«
-
-»Nein,« antwortete der Knabe dem freundlichen Jäger -- denn dieser war es
---, »denkt Euch, ich soll Rübezahl aufsuchen und von ihm ein Wurzelmännchen
-holen, davon wird der Vater gesund werden, sagt die Muhme.«
-
-»Aber fürchtest du dich nicht vor dem mächtigen Berggeist?«
-
-»Bewahre, wie wird er wohl! Der straft Leute, die ihn verhöhnen, ich aber
-komme, daß er meinem kranken Vater helfen soll. Und wenn dabei ein paar
-Püffe und Schläge abfallen, so sind sie mir nichts Neues, denn sie sitzen
-in der Hand der Muhme immer gewaltig locker.«
-
-Belustigt entgegnete der fremde Jägersmann. »Du bist ein Prachtkerl,
-kleiner Peter, aber vielleicht wird dir dein Rufen nichts helfen, der
-Berggeist ist zuweilen verreist. Wir Forstleute bringen unsere Zeit meist
-im Walde zu und kennen alle Kräuter und Wurzeln und sind wohlvertraut mit
-ihren heilenden Wirkungen. Hier hast du ein Wurzelmännchen, hänge es deinem
-Vater um den Hals, so wird er gesund werden.«
-
-Der Fremde verschwand vor Peters Augen. Dieser aber eilte, das
-Wurzelmännchen fest in der Hand haltend, in seine väterliche Behausung.
-
-Die Muhme kam ihm schon in der Tür entgegen mit einem gar grimmigen Gesicht
-und murmelte: »Unkraut vergeht nicht.« Da hielt ihr Peter den Wurzelmann
-grade vor die Nase. Es war ein wunderliches Geschöpf mit dickem, boshaft
-grinsendem Kopf und einem daran hängenden langen Zopf, dessen Länge
-diejenige des ganzen Männchens bei weitem übertraf. In demselben
-Augenblick, als der Knabe der Alten den Wurzelmann zeigt, ging mit dieser
-eine wunderbare Wandlung vor, sie lachte und sprang hoch in die Luft vor
-ausgelassener Freude den ganzen Tag über, so daß sie am Abend müde und
-zerschlagen war von allem Toben und Tanzen. Aus Angst, daß sich diese
-Vorgänge wiederholen würden, schnürte sie ihr Bündel und verschwand aus dem
-Dorfe.
-
-Da fiel es dem kleinen Peter wieder ein, wie er gegen den Jägersmann, als
-er ihm das erstemal begegnete, geäußert hatte, er wünsche, daß die Muhme
-einen ganzen Tag lachen und springen müsse, und nun kam ihm die Erkenntnis,
-daß Rübezahl selbst ihm unter jener Gestalt erschienen sei und dieser ihm
-die Ähren, die Fische und das Wurzelmännchen geschenkt habe.
-
-Peter hatte nun gute Tage, denn der Vater wurde wieder gesund. Er ging mit
-ihm fleißig auf die Arbeit und half ihm mit Rat und Tat, so daß sie bald
-rüstig vorwärts kamen und der Vater viel Freude an seinem Sohn erlebte. Die
-Muhme aber soll vor Neid und Mißgunst gestorben sein.
-
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-
-
-7. Glaser Steffen und sein Weib Ilse.
-
-
-So sehr sich's auch der Bauer Veit, dessen Erlebnis wir früher behandelten,
-hatte angelegen sein lassen, den wahren Ursprung seines Glückes zu
-verhehlen, um nicht ungestüme Bittsteller anzureizen, den Berggeist um
-ähnliche Spenden mit dreister Zudringlichkeit zu überlaufen, so wurde die
-Sache doch endlich ruchbar; denn wenn das Geheimnis des Mannes der Frau
-zwischen den Lippen schwebt, weht es das kleinste Lüftchen fort, wie eine
-Seifenblase vom Strohhalm. Veits Frau vertraut's einer verschwiegenen
-Nachbarin, diese ihrer Gevatterin, diese ihrem Herrn Paten, dem
-Dorfbarbier, dieser allen seinen Bartkunden; so kam's im Dorfe und hernach
-im ganzen Kirchspiele herum. Da spitzten die verdorbenen Hauswirte, die
-Lungerer und Müßiggänger das Ohr, zogen scharenweise ins Gebirge, reizten
-den Berggeist durch Zurufe und beschworen ihn, zu erscheinen. Zu ihnen
-gesellten sich Schatzgräber und Landstreicher, die das Gebirge
-durchkreuzten, allenthalben in die Erde gruben und den Schatz in der
-Braupfanne zu heben vermeinten. Rübezahl ließ sie eine Zeitlang ihr Wesen
-treiben, wie sie Lust hatten, achtete es der Mühe nicht wert, sich über die
-Kerle zu erzürnen, trieb nur seinen Spott mit ihnen, ließ zur Nachtzeit da
-und dort ein blaues Flämmchen auflodern und wenn die Laurer kamen, ihre
-Hüte und Mützen darauf warfen, ließ er sie manchen schweren Geldtopf
-ausgraben, den sie mit Freude heimtrugen, neun Tage lang stillschweigend
-verwahrten, und wenn sie nun hinkamen, den Schatz zu besehen, fanden sie
-Unrat im Topf oder Scherben und Steine. Gleichwohl ermüdeten sie nicht, das
-alte Spiel wieder anzufangen und neuen Unfug zu treiben. Darüber wurde der
-Geist endlich unwillig, stäupte das lose Gesindel durch einen kräftigen
-Steinhagel aus seinem Gebiete hinaus und wurde gegen alle Wanderer so
-barsch und ärgerlich, daß keiner ohne Furcht das Gebirge betrat, auch
-selten ohne Staupe entrann und der Name Rübezahl wurde nicht mehr gehört im
-Gebirge seit Menschengedenken.
-
-Eines Tages sonnte sich der Berggeist an der Hecke seines Gartens; da kam
-ein Weib ihres Weges daher in großer Unbefangenheit, die durch ihren
-sonderbaren Aufzug seine Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie hatte ein Kind an
-der Brust liegen, eines trug sie auf dem Rücken, eines leitete sie an der
-Hand und ein etwas größerer Knabe trug einen leeren Korb nebst einem
-Rechen; denn sie wollte eine Last Laub fürs Vieh laden. Eine Mutter, dachte
-Rübezahl, ist doch wahrlich ein gutes Geschöpf, schleppt sich mit vier
-Kindern, wartet dabei ihres Berufs ohne Murren und wird sich noch mit der
-Bürde des Korbes belasten müssen.
-
-Diese Betrachtung versetzte ihn in eine gutmütige Stimmung, die ihn geneigt
-machte, sich mit der Frau in Unterredung einzulassen. Sie setzte ihre
-Kinder auf den Rasen und streifte Laub von den Büschen; indes wurde den
-Kleinen die Zeit lang und sie fingen an, heftig zu schreien. Alsbald
-verließ die Mutter ihre Geschäfte, spielte und tändelte mit den Kindern,
-nahm sie auf, hüpfte mit ihnen singend und scherzend herum, wiegte sie in
-Schlaf und ging wieder an ihre Arbeit.
-
-Bald darauf stachen die Mücken die kleinen Schläfer, sie fingen ihre
-Schreierei von neuem an; die Mutter wurde darüber nicht ungeduldig, sie
-lief ins Holz, pflückte Erdbeeren und Himbeeren und legte das kleinste Kind
-an die Brust. Diese mütterliche Behandlung gefiel Rübezahl ungemein wohl.
-Allein der Schreier, der vorher auf der Mutter Rücken ritt, wollte sich
-durch nichts beruhigen lassen, er war ein störrischer, eigensinniger Junge,
-der die Erdbeeren, die ihm die liebreiche Mutter darreichte, von sich warf
-und dazu schrie, als wenn er am Spieß stäke. Darüber riß ihr doch endlich
-die Geduld: »Rübezahl,« rief sie, »komm' und friß mir den Schreier!«
-
-Sofort stand der Berggeist in der Gestalt eines Köhlers vor dem Weibe und
-sprach: »Hier bin ich, was ist dein Begehr?« Die Frau geriet über diese
-Erscheinung in großen Schrecken; da sie aber ein frisches, herzhaftes Weib
-war, sammelte sie sich bald und faßte Mut. »Ich rief dich nur,« sprach die
-Mutter Ilse, »meine Kinder schweigsam zu machen; nun sie ruhig sind, bedarf
-ich deiner nicht, sei bedankt für deinen guten Willen.« »Weißt du auch,«
-entgegnete der Geist, »daß man mich hier nicht ungestraft ruft? Ich halte
-dich beim Worte, gib mir deinen Schreier, daß ich ihn fresse; so ein
-leckerer Bissen ist mir lange nicht vorgekommen.«
-
-Darauf streckte er die rußige Hand aus, den Knaben in Empfang zu nehmen.
-
-Wie eine Gluckhenne, wenn der Hühnerhabicht hoch über dem Dache in den
-Lüften schwebt oder der schäkerhafte Spitz auf dem Hofe hetzt, mit
-ängstlichem Glucksen vorerst ihre Küchlein in den sichern Hühnerkorb lockt,
-dann ihr Gefieder emporsträubt, die Flügel ausbreitet und mit dem stärkeren
-Feinde einen ungleichen Kampf beginnt, so fiel das Weib dem schwarzen
-Köhler wütig in den Bart, ballte die kräftige Faust und rief: »Ungetüm, das
-Mutterherz mußt du mir erst aus dem Leibe reißen, eh' du mir mein Kind
-raubst.«
-
-Eines so mutvollen Angriffs hatte sich Rübezahl nicht versehen, er wich
-gleichsam schüchtern zurück; dergleichen handfeste Erfahrung in der
-Menschenkunde war ihm noch nie vorgekommen. Er lächelte das Weib freundlich
-an: »Entrüste dich nicht! Ich bin kein Menschenfresser, wie du wähntest,
-will dir und deinen Kindern auch kein Leides tun; aber laß mir den Knaben;
-der Schreier gefällt mir, ich will ihn halten wie einen Junker, will ihn in
-Samt und Seide kleiden und einen wackern Kerl aus ihm ziehen, der Vater und
-Brüder einst nähren soll. Fordere hundert Schreckenberger,[A] ich zahle sie
-dir.«
-
-[Fußnote A: Eine alte sächsische Silbermünze, nach heutigem Gelde etwa 25
-Pfennige im Werte.]
-
-»Ha!« lachte das rasche Weib, »gefällt Euch der Junge? Ja, das ist ein
-Junge wie'n Daus, der wäre mir nicht um aller Welt Schätze feil.«
-
-»Törin!« versetzte Rübezahl, »hast du nicht noch drei Kinder, die dir Last
-und Überdruß machen! Mußt sie kümmerlich nähren und dich mit ihnen plagen
-Tag und Nacht.«
-
-»Wohl wahr, aber dafür bin ich Mutter und muß tun, was meines Berufes ist.
-Kinder machen Überlast, aber auch manche Freude.«
-
-»Schöne Freude, sich mit den Bälgen tagtäglich zu schleppen, sie zu
-gängeln, zu säubern, ihre Unart und ihr Geschrei zu ertragen!«
-
-»Wahrlich, Herr, Ihr kennt die Mutterfreuden wenig. Alle Arbeit und Mühe
-versüßt ein einziger freundlicher Anblick, das holde Lächeln und Lallen der
-kleinen unschuldigen Würmer. -- Seht mir nur den Goldjungen da, wie er an
-mir hängt, der kleine Schmeichler! Nun ist er's nicht gewesen, der
-geschrien hat. -- Ach, hätte ich doch hundert Hände, die euch heben und
-tragen und für euch arbeiten könnten, ihr lieben Kleinen!«
-
-»So! Hat denn dein Mann keine Hände, die arbeiten können?«
-
-»O ja, die hat er! Er rührt sie auch, und ich fühl's zuweilen.«
-
-»Wie? Dein Mann erkühnt sich, die Hand gegen dich aufzuheben? Gegen solch
-ein Weib? Das Genick will ich ihm brechen, dem Mörder!«
-
-»Da hättet Ihr traun viel Hälse zu brechen, wenn alle Männer mit dem Halse
-büßen sollten, die sich an der Frau vergreifen. Die Männer sind eine
-schlimme Nation; drum heißt's: Eh'stand, Weh'stand; muß mich drein ergeben,
-warum hab' ich gefreit.«
-
-»Nun ja, wenn du wußtest, daß die Männer eine schlimme Nation sind, so
-war's auch ein dummer Streich, daß du freitest.«
-
-»Möglich! Aber Steffen war ein flinker Kerl, der guten Erwerb hatte und ich
-eine arme Dirne ohne Heiratsgut. Da kam er zu mir, begehrte mich zur Eh',
-gab mir einen Wildemannstaler auf den Kauf und der Handel war gemacht.
-Nachher hat er mir den Taler wieder abgenommen, aber den wilden Mann hab'
-ich noch.«
-
-Der Geist lächelte: »Vielleicht hast du ihn wild gemacht durch deinen
-Starrsinn.«
-
-»Oh, den hat er mir schon ausgetrieben! Aber Steffen ist ein Knauser; wenn
-ich ihm einen Groschen abfordere, so rasaunt er im Hause ärger als Ihr zu
-Zeiten im Gebirge, wirft mir meine Armut vor und da muß ich schweigen. Wenn
-ich ihm eine Aussteuer zugebracht hätte, wollt' ich ihm schon den Daumen
-aufs Auge halten.«
-
-»Was treibt dein Mann für ein Gewerbe?«
-
-»Er ist Glashändler, muß sich seinen Erwerb auch lassen sauer werden;
-schleppt da der arme Tropf die schwere Bürde aus Böhmen herüber jahraus,
-jahrein; wenn ihm nun unterwegs ein Glas zerbricht, muß ich's und die armen
-Kinder freilich entgelten; aber ich ertrag's.«
-
-»Du kannst den Mann noch lieben, der dir so übel mitspielt?«
-
-»Warum nicht lieben? Ist er nicht der Vater meiner Kinder? Die werden alles
-gut machen und uns wohl lohnen, wenn sie groß sind.«
-
-»Leidiger Trost! Die Kinder danken auch der Eltern Müh' und Sorgen! Die
-Jungen werden dir noch den letzten Heller auspressen, wenn sie der Kaiser
-zum Heere schickt ins ferne Ungarland, daß die Türken sie erschlagen.«
-
-»Ei nun, das kümmert mich auch nicht; werden sie erschlagen, so sterben sie
-für den Kaiser und fürs Vaterland in ihrem Beruf; können aber auch Beute
-machen und die armen Eltern pflegen.«
-
-Hierauf erneuerte der Geist den Knabenhandel nochmals; doch das Weib
-würdigte ihn keiner Antwort, raffte das Laub in den Korb, band oben drauf
-den kleinen Schreier mit der Leibschnur fest und Rübezahl wandte sich, als
-wollte er weitergehen. Weil aber die Bürde zu schwer war, daß das Weib
-nicht aufkommen konnte, rief sie ihn zurück: »Ich hab' Euch einmal
-gerufen,« sprach sie, »helft mir nun auch auf, und wenn Ihr ein übriges tun
-wollt, so schenkt dem Knaben, der Euch gefallen hat, ein
-Gutfreitagsgröschel[A] zu einem Paar Semmeln; morgen kommt der Vater heim,
-der wird uns Weißbrot aus Böhmen mitbringen.« Der Geist antwortete:
-»Aufhelfen will ich dir wohl; aber gibst du mir den Knaben nicht, so soll
-er auch keine Spende haben.« »Auch gut!« versetzte die Frau und ging ihres
-Weges.
-
-[Fußnote A: Eine schlesische Münze, einen Dreier an Wert, welche ehedem die
-Fürsten von Liegnitz prägen und auf den Karfreitag an die Armen zum Almosen
-verteilen ließen.]
-
-Je weiter sie ging, je schwerer wurde der Korb, daß sie unter der Last
-schier erlag und alle zehn Schritte verschnaufen mußte. Das schien ihr
-nicht mit rechten Dingen zuzugehen; sie wähnte, Rübezahl habe ihr einen
-Possen gespielt und eine Last Steine unter das Laub geschmuggelt; darum
-setzte sie den Korb ab auf dem nächsten Rande und stürzte ihn um. Doch es
-fielen eitel Laubblätter heraus und keine Steine. Also füllte sie ihn
-wieder zur Hälfte und raffte noch so viel Laub in die Schürze, als sie
-darein fassen konnte; aber bald war ihr die Last von neuem zu schwer und
-sie mußte nochmals ausleeren, welches die rüstige Frau groß wunder nahm;
-denn sie hatte gar oft hochgeschichtete Graslasten heimgetragen und solche
-Mattigkeit noch nie gefühlt. Demungeachtet beschickte sie bei ihrer
-Heimkunft den Haushalt, warf den Ziegen und den jungen Zicklein das Laub
-vor, gab den Kindern das Abendbrot, brachte sie in Schlaf, betete ihren
-Abendsegen und schlief flugs und fröhlich ein.
-
-Die frühe Morgenröte und der wache Säugling, der mit lauter Stimme sein
-Frühstück verlangte, weckten das geschäftige Weib zu ihrem Tagewerk aus dem
-gesunden Schlaf. Sie ging zuerst mit dem Melkeimer ihrer Gewohnheit nach
-zum Ziegenstalle. Welch schreckensvoller Anblick! Das gute, nahrhafte
-Haustier, die alte Ziege, lag da hart und steif, hatte alle viere von sich
-gestreckt und war verschieden; die Zicklein aber verdrehten die Augen
-gräßlich im Kopfe, steckten die Zunge von sich und gewaltsame Zuckungen
-verrieten, daß sie der Tod ebenfalls schüttele. So ein Unglücksfall war der
-guten Frau noch nicht begegnet, seitdem sie wirtschaftete; ganz betäubt von
-Schreck sank sie auf ein Bündlein Stroh hin, hielt die Schürze vor die
-Augen, denn sie konnte den Jammer der sterbenden Tiere nicht ansehen und
-seufzte tief: »Ich unglückliches Weib, was fang' ich an! Und was wird mein
-harter Mann beginnen, wenn er nach Hause kommt? Ach, hin ist mein ganzer
-Gottessegen auf dieser Welt!« --
-
-Augenblicklich strafte sie das Herz dieses Gedankens wegen. »Wenn das liebe
-Vieh dein ganzer Gottessegen ist auf dieser Welt, was ist denn Steffen und
-was sind deine Kinder?« Sie schämte sich ihrer Übereilung; laß fahren dahin
-aller Welt Reichtum, dachte sie, hast du doch noch deinen Mann und deine
-vier Kinder. Wenn's auch einen Strauß mit Steffen setzt und er mich übel
-schlägt, was ist's mehr als ein böses Stündlein? Habe ich doch nichts
-verwahrlost. Die Ernte steht bevor, da kann ich schneiden gehen und auf den
-Winter will ich spinnen bis in die tiefe Mitternacht; eine Ziege wird ja
-wohl wieder zu erwerben sein und habe ich die, so wird's auch nicht an
-Zicklein fehlen.
-
-Indem sie das bei sich dachte, ward sie wieder frohen Mutes, trocknete ihre
-Tränen ab und wie sie die Augen aufhob, lag da vor ihren Füßen ein
-Blättlein, das flitterte und blinkte so hell, so hochgelb wie gediegen
-Gold. Sie hob es auf, besah's und es war schwer wie Gold. Rasch sprang sie
-auf, lief damit zu ihrer Nachbarin, der Trödlersfrau, zeigte ihr den Fund
-mit großer Freude und diese erkannte es für reines Gold, handelte es ihr ab
-und zählte ihr dafür zwei Dicktaler bar auf den Tisch. Vergessen war nun
-all ihr Herzeleid. Solchen Schatz an Barschaft hatte das arme Weib noch nie
-im Besitz gehabt. Sie lief zum Bäcker, kaufte Stietzel und Butterkringel
-und eine Hammelkeule für Steffen, die sie zurichten wollte, wenn er müde
-und hungrig auf den Abend von der Reise käme. Wie zappelten die Kleinen der
-fröhlichen Mutter entgegen, da sie hereintrat und ihnen ein so ungewohntes
-Frühstück austeilte! Sie überließ sich ganz der mütterlichen Freude, die
-hungrige Kinderschar satt zu machen und nun war ihre erste Sorge, das ihrer
-Meinung nach von einer Hexe verzauberte Vieh beiseite zu schaffen und
-dieses häusliche Unglück vor dem Manne so lange als möglich zu
-verheimlichen. Aber ihr Erstaunen ging über alles, als sie von ungefähr in
-den Futtertrog sah und einen ganzen Haufen goldener Blätter darin
-erblickte. Da schärfte sie geschwind das Küchenmesser, öffnete den Leib der
-Ziege und fand im Magen einen Klumpen Gold, so groß als ein großer Apfel
-und so auch nach Verhältnis in den Magen der Zicklein.
-
-Jetzt wußte sie ihres Reichtums kein Ende; doch damit empfand sie auch die
-drückenden Sorgen desselben; sie wurde unruhig, scheu, fühlte Herzklopfen,
-wußte nicht, ob sie den Schatz in die Lade verschließen oder in die Erde
-vergraben sollte, fürchtete Diebe und Schatzgräber, wollte auch den Knauser
-Steffen nicht gleich alles wissen lassen aus gerechter Besorgnis, daß er,
-vom Wuchergeist angetrieben, den Mammon an sich nehmen und sie dennoch
-nebst den Kindern darben lassen möchte. Sie sann lange, wie sie's klug
-damit anstellen könnte und fand keinen Rat.
-
-Der Pfarrer im Dorfe nahm sich aller Bedrängten gern an und stand seinen
-Pfarrkindern mit Rat und Tat zur Seite. Ungerechtigkeiten duldete er nicht
-in der Gemeinde und auch den mürrischen Steffen hatte er schon wiederholt
-zur Rede gestellt. Zu ihm nahm das Weib ihre Zuflucht, berichtete ihm
-unverhohlen das Abenteuer mit Rübezahl, wie er ihr zu großem Reichtum
-verholfen und was sie dabei für Anliegen habe und bezeugte auch die
-Wahrheit der Sache mit dem ganzen Schatze, den sie bei sich trug. Der
-Pfarrer wunderte sich aufs höchste über die Begebenheit, freute sich aber
-zugleich über das Glück des armen Weibes und rückte darauf sein Käpplein
-hin und her, für sie guten Rat zu suchen, um ohne Spuk und Aufsehen sie im
-ruhigen Besitz ihres Reichtums zu erhalten und auch Mittel aufzufinden, daß
-der zähe Steffen sich desselben nicht bemächtigen könnte.
-
-Nachdem er lange überlegt hatte, redete er also: »Hör' an, meine Tochter,
-ich weiß guten Rat für alles. Wäge mir das Gold zu, daß ich dir's treulich
-aufbewahre; dann will ich einen Brief schreiben in welscher Sprache, der
-soll dahin lauten: Dein Bruder, der vor Jahren in die Fremde ging, sei in
-der Venediger Dienst nach Indien geschifft und daselbst gestorben und habe
-all sein Gut dir im Testament vermacht, mit dem Beding, daß der Pfarrer des
-Kirchspiels dich bevormunde, damit es dir allein und keinem andern zunutze
-komme. Ich begehre weder Lohn noch Dank von dir; nur gedenke, daß du der
-heiligen Kirche einen Dank schuldig bist für den Segen, den dir der Himmel
-beschert hat, und gelobe ein reiches Meßgewand in die Sakristei.« Dieser
-Rat behagte dem Weibe herrlich; sie gelobte dem Pfarrer das Meßgewand; er
-wog in ihrem Beisein das Gold gewissenhaft bis auf ein Quentchen aus, legte
-es in den Kirchenschatz und das Weib schied mit frohem und leichtem Herzen
-von ihm.
-
-Rübezahl haßte das ganze Geschlecht um eines Mädchens willen, das ihn
-überlistet hatte, ob ihn gleich seine Laune zuweilen auf den milden Ton
-stimmten, ein einzelnes Weiblein in Schutz zu nehmen und ihr gefällig zu
-sein. So sehr die wackere Frau des Glasers mit ihren Gesinnungen und
-Benehmen seine Gewogenheit erworben hatte, so ungehalten war er auf den
-barschen Steffen und trug großes Verlangen, das biedere Weib an ihm zu
-rächen, ihm einen Possen zu spielen, daß ihm angst und weh dabei würde, und
-ihn dadurch so zahm zu machen, daß er der Frau untertan würde und sie ihm
-nach Wunsche den Daumen aufs Auge halten könne. Zu diesem Behufe sattelte
-er den raschen Morgenwind, saß auf und galoppierte über Berg und Tal,
-spionierte wie ein Kundschafter auf allen Landstraßen und Kreuzwegen von
-Böhmen umher und wo er einen Wanderer erblickte, der eine Bürde trug, war
-er hinter ihm her und forschte nach seiner Ladung. Zum Glück führte kein
-Wanderer, der diese Straße zog, Glaswaren, sonst hätte er für Schaden und
-Spott nicht sorgen dürfen, ohne einen Ersatz zu hoffen, wenn er auch gleich
-der Mann nicht gewesen wäre, den Rübezahl suchte.
-
-Bei diesen Anstalten konnte ihm der schwer beladene Steffen allerdings
-nicht entgehen. Um die Vesperzeit kam ein rüstiger, frischer Mann
-angeschritten, mit einer großen Bürde auf dem Rücken. Unter seinem festen,
-sicheren Tritt ertönte jedesmal die Last, die er trug. Rübezahl freute
-sich, sobald er ihn von der Ferne witterte, daß ihm nun seine Beute gewiß
-war und rüstete sich, seinen Meisterstreich auszuführen. Der keuchende
-Steffen hatte beinahe das Gebirge erstiegen; nur die letzte Anhöhe war noch
-zu gewinnen, so ging es bergab nach der Heimat zu, darum sputete er sich,
-den Gipfel zu erklimmen; aber der Berg war steil und die Last war schwer.
-Er mußte mehr als einmal ruhen, stützte den knotigen Stab unter den Korb,
-um das drückende Gewicht zu mindern, und trocknete den Schweiß, der ihm in
-großen Tropfen vor der Stirn stand. Mit Anstrengung der letzten Kräfte
-erreichte er endlich die Zinne des Berges und ein schöner gerader Pfad
-führte zu dessen Abhang.
-
-Mitten am Wege lag ein abgesägter Fichtenbaum und der Überrest des Stammes
-stand daneben, kerzengerade und aufrecht, oben geebnet wie ein Tischblatt.
-Ringsumher grünten in großen Mengen Gräser und Kräuter. Dieser Anblick war
-dem ermüdeten Lastträger so anlockend und zu einem Ruheplatz so bequem, daß
-er alsbald den schweren Korb auf den Klotz absetzte und sich gegenüber im
-Schatten auf das weiche Gras streckte. Hier übersann er, wieviel reinen
-Gewinn ihm seine Ware diesmal einbringen würde und fand nach genauem
-Überschlag, daß, wenn er keinen Groschen ins Haus verwendete und die
-fleißige Hand seines Weibes für Nahrung und Kleidung sorgen ließe, er
-gerade so viel lösen würde, um auf dem Markte zu Schmiedeberg sich einen
-Esel zu kaufen und zu befrachten. Der Gedanke, wie er in Zukunft dem
-Grauschimmel die Last aufbürden und gemächlich nebenher gehen würde, war
-ihm zu der Zeit, wo seine Schultern eben wund gedrückt waren, so
-herzerquickend, daß er ihm, wie es bei frohen Zukunftsbildern sehr
-natürlich ist, weiter nachging. Ist einmal der Esel da, dachte er, so soll
-mir bald ein Pferd draus werden, und hab' ich nun den Rappen im Stalle, so
-wird sich auch ein Acker dazu finden, darauf sein Hafer wächst. Aus einem
-Acker werden dann leicht zwei, aus zweien vier, mit der Zeit eine Hufe und
-endlich ein Bauerngut und dann soll Ilse auch einen neuen Rock haben.
-
-Er war mit seinen Plänen beinahe so weit fertig, da tummelte Rübezahl
-seinen Wirbelwind um den Holzklotz herum und stürzte mit einemmal den
-Glaskorb herunter, daß der zerbrechliche Kram in tausend Stücke zerfiel.
-Das war ein Donnerschlag in Steffens Herz; zugleich vernahm er in der Ferne
-ein lautes Gelächter, wenn's anders nicht Täuschung war und das Echo den
-Laut der zerschellten Gläser nur wiedergab. Er nahm's für Schadenfreude,
-und weil ihm der unmäßige Windstoß unnatürlich schien, auch, da er recht
-zusah, Klotz und Baum verschwunden waren, so riet er leicht auf den
-Unglücksstifter. »Oh!« wehklagte er, »Rübezahl, du Schadenfroh, was habe
-ich dir getan, daß du mein Stückchen Brot mir nimmst, meinen sauren Schweiß
-und Blut! Ach, ich geschlagener Mann auf Lebenszeit!« Hierauf geriet er in
-eine Art von Wut, stieß alle erdenklichen Schmähreden gegen den Berggeist
-aus, um ihn zum Zorn zu reizen. »Halunke,« rief er, »komm und erwürge mich,
-nachdem du mir mein alles auf der Welt genommen hast!« In der Tat war ihm
-auch das Leben in dem Augenblick nicht mehr wert als ein zerbrochen Glas;
-Rübezahl ließ indessen weiter nichts von sich sehen noch hören.
-
-
-
-Der verarmte Steffen mußte sich entschließen, wenn er nicht den leeren Korb
-nach Hause tragen wollte, die Bruchstücke zusammenzulesen, um auf der
-Glashütte wenigstens ein paar Spitzgläser zum Anfang eines neuen Gewerbes
-dafür einzutauschen. Tiefsinnig wie ein Schiffsherr, dessen Schiff der
-gefräßige Ozean mit Mann und Maus verschlungen hat, ging er das Gebirge
-hinab, schlug sich mit tausend schwermütigen Gedanken, machte zwischendrein
-dennoch auch allerlei Pläne, wie er den Schaden ersetzen und seinem Handel
-wieder aufhelfen könne. Da fielen ihm die Ziegen ein, die seine Frau im
-Stalle hatte; doch sie liebte sie schier wie ihre Kinder und im Guten,
-wußte er, waren sie ihr nicht abzugewinnen. Darum erdachte er diesen Kniff,
-sich seinen Verlust zu Hause gar nicht merken zu lassen, auch nicht bei
-Tage in seine Wohnung zurückzukehren, sondern um Mitternacht sich ins Haus
-zu schleichen, die Ziegen nach Schmiedeberg auf den Markt zu treiben und
-das daraus gelöste Geld zum Ankauf neuer Ware zu verwenden, bei seiner
-Zurückkunft aber mit dem Weibe zu hadern und sich ungebärdig zu stellen,
-als habe sie durch Unachtsamkeit das Vieh in seiner Abwesenheit stehlen
-lassen.
-
-Mit diesem wohlersonnenen Vorhaben schlich der unglückliche Scherbensammler
-nahe beim Dorfe in einen Busch und wartete mit sehnlichem Verlangen die
-Mitternachtsstunde, um sich selbst zu bestehlen. Mit dem Schlag zwölf
-machte er sich auf den Diebsweg, kletterte über die niedrige Hoftür,
-öffnete sie von innen und schlich mit Herzpochen zum Ziegenstalle; er hatte
-doch Scheu und Furcht, vor seinem Weibe, auf einer unrechten Tat sich
-ertappen zu lassen. Wider Gewohnheit war der Stall unverschlossen, was ihn
-wunder nahm, ob's ihn gleich freute; denn er fand in dieser Fahrlässigkeit
-einen Schein Rechtens, sein Vornehmen damit zu beschönigen. Aber im Stalle
-fand er alles öde und wüste; da war nichts, was Leben und Odem hatte, weder
-Ziege noch Böcklein. Im ersten Schrecken vermeinte er, es habe ihm bereits
-ein Diebesgesell vorgegriffen, dem das Stehlen geläufiger sei als ihm; denn
-ein Unglück kommt selten allein. Bestürzt sank er auf die Streu und
-überließ sich, da ihm auch der letzte Versuch, seinen Handel wieder in Gang
-zu bringen, mißlungen war, einer dumpfen Traurigkeit.
-
-Seitdem die geschäftige Ilse vom Pfarrer wieder zurück war, hatte sie mit
-frohem Mute alles fleißig zugeschickt, ihren Mann mit einer guten Mahlzeit
-zu empfangen, wozu sie den Pfarrer auch eingeladen hatte, welcher verhieß,
-ein Kännlein Speisewein mitzubringen, um beim fröhlichen Gelag dem
-aufgemunterten Steffen von der reichen Erbschaft des Weibes Bericht zu
-geben und unter welcherlei Bedingungen er daran Genuß und Anteil haben
-solle. Sie sah gegen Abend fleißig zum Fenster hinaus, ob Steffen käme,
-lief aus Ungeduld hinaus vors Dorf, blickte mit ihren schwarzen Augen gegen
-die Landstraße hin, war bekümmert, warum er so lange weile, und da die
-Nacht hereinbrach, folgten ihr bange Sorgen und Ahnungen in die
-Schlafkammer, ohne daß sie ans Abendbrot dachte. Lange kam ihr kein Schlaf
-in die ausgeweinten Augen, bis sie gegen Morgen in einen unruhigen, matten
-Schlummer fiel.
-
-Den armen Steffen quälten Verdruß und Langeweile im Ziegenstall nicht
-minder; er war niedergedrückt und kleinlaut, daß er sich nicht getraute, an
-die Tür zu klopfen. Endlich kam er doch hervor, pochte ganz verzagt an und
-rief mit wehmütiger Stimme: »Liebes Weib, erwache und tu auf deinem Manne!«
-Sobald Ilse seine Stimme vernahm, sprang sie flink vom Lager wie ein
-munteres Reh, lief an die Tür und umhalste ihren Mann mit Freuden; er aber
-erwiderte diese herzigen Liebkosungen gar kalt und frostig, setzte seinen
-Korb ab und warf sich mißmutig auf die Ofenbank. Wie das fröhliche Weib das
-Jammerbild sah, ging's ihr ans Herz. »Was fehlt dir, lieber Mann,« sprach
-sie bestürzt, »was hast du?« Er antwortete nur durch Stöhnen und Seufzen;
-dennoch fragte sie ihm bald die Ursache des Kummers ab und weil ihm das
-Herz zu voll war, konnte er sein erlittenes Unglück dem trauten Weibe nicht
-länger verhehlen. Da sie vernahm, daß Rübezahl den Schabernack verübt
-hatte, erriet sie leicht die wohltätige Absicht des Geistes und konnte sich
-des Lachens nicht erwehren, welches Steffen bei erregterer Gemütsverfassung
-ihr übel würde gelohnt haben. Jetzt rügte er den scheinbaren Leichtsinn
-nicht weiter und fragte nur ängstlich nach dem Ziegenvieh. Das reizte noch
-mehr des Weibes Lachen, da sie bemerkte, daß der Hausvogt schon
-allenthalben umherspioniert hatte. »Was kümmert dich mein Vieh?« sprach
-sie, »hast du doch noch nicht nach den Kindern gefragt; das Vieh ist wohl
-aufgehoben draußen auf der Weide. Laß dich auch den Tück von Rübezahl nicht
-anfechten und gräme dich nicht; wer weiß, wo er oder ein anderer uns
-reichen Ersatz dafür gibt.« »Da kannst du lange warten,« sprach der
-Hoffnungslose. »Ei nun,« versetzte das Weib, »unverhofft kommt oft. Sei
-unverzagt, Steffen! Hast du gleich keine Gläser und ich keine Ziegen mehr,
-so haben wir doch vier gesunde Kinder und vier gesunde Arme, sie und uns zu
-ernähren; das ist unser ganzer Reichtum.« »Ach, daß es Gott erbarme!« rief
-der bedrängte Mann, »sind die Ziegen fort, so trage die vier Bälge nur
-gleich ins Wasser, nähren kann ich sie nicht.« »Nun, so kann ich's,« sprach
-Ilse.
-
-Bei diesen Worten trat der freundliche Pfarrer herein, hatte vor der Tür
-schon die ganze Unterredung abgelauscht, nahm das Wort, hielt Steffen eine
-lange Predigt über den Text, daß der Geiz eine Wurzel alles Übels sei; und
-nachdem er ihm das Gesetz genugsam geschärft hatte, verkündigte er ihm nun
-auch die frohe Botschaft von der reichen Erbschaft des Weibes, zog den
-welschen Brief heraus und übersetzte ihm darauf, daß der zeitige Pfarrherr
-in Kirsdorf zum Vollstrecker des Testaments bestellt sei und die
-Hinterlassenschaft des abgeschiedenen Schwagers zu sicherer Hand bereits
-empfangen habe.
-
-Steffen stand, da wie ein stummer Ölgötz, konnte nichts als sich dann und
-wann verneigen, wenn bei Erwähnung der durchlauchten Republik Venedig der
-Pfarrer ehrerbietig ans Käpplein griff. Nachdem er wieder ein wenig zur
-Besinnung gelangt war, fiel er dem trauten Weibe herzig in die Arme und
-versprach ihr, von jetzt ab sie nicht mehr rauh zu behandeln, sondern sie
-in Ehre und Liebe zu halten. Steffen wurde der geschmeidigste, gefälligste
-Ehemann, ein liebevoller Vater seiner Kinder und dabei ein fleißiger,
-ordentlicher Wirt; denn Müßiggang war nicht seine Sache.
-
-Der redliche Pfarrer verwandelte nach und nach das Gold in klingende Münze
-und kaufte davon ein großes Bauerngut, worauf Steffen und Ilse
-wirtschafteten ihr Leben lang. Den Überschuß lieh er auf Zins und
-verwaltete das Kapital so gewissenhaft wie den Kirchenschatz und nahm
-keinen andern Lohn dafür als ein Meßgewand, das Ilse so prächtig machen
-ließ, daß kein Erzbischof sich desselben hätte schämen dürfen.
-
-Die zärtliche, treue Mutter erlebte noch im Alter große Freude an ihren
-Kindern und Rübezahls Günstling wurde gar ein wackerer Mann, diente im Heer
-des Kaisers lange Zeit unter Wallenstein im Dreißigjährigen Kriege.
-
-
-
-
-8. Susi und der Kräutermann.
-
-
-Der alte Köhler Christoph saß mit seinem Weibe Else an einem lauen
-Sommermorgen vor seinem Hüttchen. Vor ihnen führten Kinder ihren
-Ringelreigen auf, aber die Alten achteten nicht auf das Kinderspiel,
-sondern schienen einen schweren Kummer auf dem Herzen zu tragen. Vater
-Christophs Glieder waren seit Jahren gelähmt, so daß es wenig Verdienst gab
-und Armut und Entbehrung waren die ständigen Gäste in der armen,
-baufälligen Hütte. Oft konnte die Frau tagelang nicht arbeiten und für den
-Haushalt Geld schaffen, weil sie sich der Pflege ihres Mannes widmen mußte.
-Auch ihre kleinen Einnahmen aus dem gesponnenen Garn waren ausgeblieben, da
-Mutter Else bei ihrer Armut nicht imstande war, Flachs zu kaufen.
-
-Vater Christoph stöhnte ob all des Kreuzes und Tränen rannen ihm über die
-Wangen.
-
-»Vater,« hob da Else an, »laß deinen Mut und deine Freudigkeit nicht
-sinken. Kennst du nicht den herrlichen Liedervers aus dem Gesangbuche, der
-mit den Worten beginnt:
-
- Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
- Daß du von Gott verlassen seist.
-
-Siehe, der Dichter des Liedes, aus welchem jener Vers stammt: >Wer nur den
-lieben Gott läßt walten<, Georg Neumark, war, wie mir neulich unser lieber
-Herr Pfarrer, der dich so oft in deiner Krankheit besucht und tröstet,
-erzählte, in so bittere Not geraten, daß er seine liebe Geige versetzen
-mußte. Da fand er in seiner Herzensangst, wie von Gott gesandt, einen
-reichen Gönner, der ihm half. Aus Freude darüber sang er sein Lied: >Wer
-nur den lieben Gott läßt walten<. Das hat seither schon manche Träne
-getrocknet und manchen Kreuzesträger gestärkt.« Vater Christoph wurde ruhig
-und in frommer Ergebung sprachen seine zitternden Lippen:
-
- »Denn welcher seine Zuversicht
- Auf Gott setzt, den verläßt er nicht.«
-
-Da schritt auf der Landstraße ein hübsches Mädchen einher, dem Dorfe zu. Es
-mußte einen weiten Weg zurückgelegt haben und schien ermüdet zu sein. Unter
-dem Arme trug die Kleine ein Bündel Kleider.
-
-Als sie sich der Hütte näherte, rief sie den beiden Alten zu: »Grüß Gott!
-Könnt ihr mir wohl sagen, wo in diesem Dorfe der alte Köhler Christoph
-wohnt?«
-
-»Der bin ich selbst,« antwortete der Alte und im nächsten Augenblicke lag
-das Mädchen an seinem Halse und schluchzte: »Ihr seid mein Oheim. Ich bin
-Eure Nichte, die Mutter ist vor einer Woche gestorben, ihr letzter Gruß
-galt Euch.«
-
-Da trat Mutter Else herbei, streichelte dem Kinde die Wangen und sprach:
-»Sei uns herzlich willkommen, armes Kind, du bleibst von nun an bei uns.
-Wir wollen dich hegen und pflegen und lieben als unser eigenes Kind.«
-Christoph gab dem Kinde treuherzig die Hand und sprach: »Gott segne dich.«
-
-Nun mußte Susi -- so war ihr Name -- in die Hütte eintreten, daß sie sich
-ausruhe und erfrische. Else bereitete ihr ein Lager von Heu und Blättern
-und auf ihrem ärmlichen Lager ruhte Suschen so süß wie auf weichem Flaum
-und liebliche Träume umgaukelten sie während der Nacht.
-
-Seit Susis Ankunft war es im Hause lebhafter geworden. Frühmorgens schon
-sang sie mit silberheller Stimme ihre Lieder und begleitete sie am Abend
-mit der Zither, fröhliche Geschichten erzählte sie dem Oheim, so daß ihm
-zuweilen ein Lächeln ankam; aber Mutter Else blieb still und gedrückt. Sie
-sann immer darüber nach, wie sie dem Mädchen Kleidungsstücke und ein
-besseres Lager schaffen könnte, zumal der Winter im Anzuge war. Doch das
-gute Mütterchen fand trotz allen Grübelns keinen Ausweg.
-
-So war sie denn eines Morgens in den Wald gegangen, um dürres Holz zum
-Feuermachen zu sammeln, als sie plötzlich eine Männerstimme hinter sich
-vernahm. Es war ein Kräutersammler, welcher einen Kasten mit Salben und
-Kräutern für Kranke auf der Schulter trug. Er grüßte Else und bot ihr seine
-Waren an.
-
-»Ach,« erwiderte diese, »das Kräutlein, dessen ich bedarf, habt Ihr gewiß
-nicht in Eurem Kasten. Mein Mann ist schon jahrelang von der Gicht geplagt;
-ich würde für das Kraut, das ihm helfen könnte, mein liebstes Andenken,
-eine große Silbermünze, die mir mein Pate zur Einsegnung schenkte, mit
-Freuden daran geben.«
-
-Der Fremde ging mit ihr zur Hütte. Dort hatte Susi schon fleißig
-gewirtschaftet, das Bett des Kranken gemacht, die Stube gefegt und die
-Fenster geöffnet. Der Kräutermann verwandte kein Auge von dem schmucken,
-flinken Mädchen.
-
-»Ist das Eure Tochter?« fragte er Else.
-
-»Nein, lieber Herr,« antwortete diese, »sie ist meiner Schwägerin Kind aus
-dem Böhmerlande, eine Waise, und erst seit kurzer Zeit bei uns.«
-
-Nun wandte sich der Kräutermann dem Kranken zu, fragte nach der Art seines
-Leidens und nahm aus seiner Kräuterbüchse einen Büschel grünen, stark
-riechenden Krautes. Das mußte Else kochen und mit dem Wasser die lahmen
-Glieder des Kranken waschen. Eine Bezahlung wies der freundliche Mann
-zurück und erklärte, er wolle nur ein Stündchen in der Hütte ausruhen.
-
-Inzwischen war Susi mit ihren Morgenarbeiten fertig geworden und fragte die
-Base, was sie nun schaffen solle.
-
-»Kannst du spinnen, mein Kind?« erwiderte diese. Susi schüttelte den Kopf.
-
-»Nun, so will ich es dich lehren. Siehe, mit der einen Hand ziehe ich den
-Faden, während die andere die Spindel dreht.«
-
-Der Fremde aber trat dazwischen und sprach: »Ich habe ein neues Spinngerät
-zu Hause. Damit geht's weit flinker und geschickter, ich will es holen und
-wette, daß Susi in kürzerer Zeit ihre Weife bezieht als Ihr, Mutter Else.«
-
-Schon wenige Stunden später kam der Kräutermann mit einem Spinnrade zurück,
-dessen Gebrauch den alten Köhlersleuten noch ganz unbekannt war. Es war ein
-zierlich gedrechseltes Gerät, oben stak auf dem Wockenstock ein Bündel
-Flachs, welches von einem Wockenbrief gehalten wurde, auf welchem ein
-sinniger Spruch stand. Flink drehte der Fremde das Rädchen, daß es summte
-und brummte, und Susi sah aufmerksam zu, wie er mit den Füßen trat, den
-Faden zog, befeuchtete, bis sich die Spindel mit Garn füllte.
-
-»Das Spinnrad schenke ich dir, Susi,« sagte der Kräutermann, »du wirst viel
-Freude daran haben und mancher Gewinn wird deine Arbeit lohnen. Auch werde
-ich dir einen Garnhändler zuschicken, der dir deine Arbeit gut bezahlt.«
-
-Nun spann das fröhliche Mädchen vom Morgen bis zum Abend, sang lustige
-Liedchen dazu und drehte das Rädchen so flink, daß Oheim und Base ihre
-helle Freude daran hatten. Der fremde Garnhändler kam jeden Sonnabend, um
-das Gespinst zu kaufen. Er lobte die feine, gleichmäßige Arbeit und zahlte
-reichlichen Lohn.
-
-Auch mit dem kranken Christoph wurde es von Tag zu Tag besser, bald wurden
-die Glieder wieder gesund und kräftig und im nächsten Frühjahr hatte er
-seine völlige Gesundheit wiedererlangt.
-
-Da versuchte er es, ein Spinnrad zu schnitzen, wie es Susi in Gebrauch
-hatte und siehe da! In wenigen Tagen war das Werk gelungen und Else konnte
-nun mit Susi um die Wette spinnen. Christophs Kunst wurde im Dorfe bekannt
-und in kurzer Zeit wollten die Frauen nur noch mit der »neuen Erfindung«,
-wie sie die Spinnräder nannten, spinnen. Durch die Anfertigung der Räder
-verdiente Christoph so viel Geld, daß schon ein gewisser Wohlstand in die
-arme kleine Hütte einkehrte.
-
-Der Gedanke, daß ihr liebes Pflegekind noch immer auf Stroh und Heu
-schlafen müsse, beunruhigte Mutter Else indessen so, daß sie beschloß, auf
-dem Jahrmarkt in der Stadt ein Federbett zu kaufen. Bald hatte sie eins
-gefunden, das ihr gefiel, aber die kleine Summe, die sie dafür bestimmt
-hatte, reichte nicht aus, so daß sie von dem Kaufe Abstand nehmen mußte.
-
-Gar traurig ging sie von dannen. Plötzlich stand der gute Kräutermann vor
-ihr, überrascht erfaßte sie seine Hand, erzählte ihm, daß ihr Mann gesund
-geworden sei und dankte ihm für seine Hilfe. Der Fremde aber antwortete
-nicht, sondern drückte ihr ein Geldstück in die Hand, welches so viel galt,
-daß sie das Federbett als Eigentum erwerben konnte.
-
-Mit fröhlichem Herzen kaufte die gute Else noch mancherlei Gerätschaften
-und Bedürfnisse für den Haushalt ein und trug alle in ihre Herberge, von
-welcher aus ein junger Bauer aus ihrem Dorfe sie und ihre Einkäufe auf
-seinem Wagen nach Hause fuhr. Am offenen Fenster saß Susi, drehte ihr
-flinkes Rädchen und sang ein munteres Liedchen, als der junge Bauer vor dem
-Häuschen hielt. Verwundert hörte er dem Gesange der fleißigen Spinnerin zu.
-Als sie die Base bemerkte, sprang sie fröhlich aus dem Hause und schickte
-sich an, das Bett in das Haus zu tragen.
-
-Da ging dem jungen Landmann der Gedanke auf, wie glücklich er sein würde,
-wenn einmal das liebevolle, muntere und fleißige Mädchen sein Weib würde.
-Dem Gedanken folgte die Tat. Eines Sonntags kehrte er im Feiertagsgewand in
-der Hütte des alten Christoph ein und bat ihn und sein Weib um die Hand
-Susis. Er war ein guter, ordentlicher Bursche und darum erhielt er ihre
-freudige Zustimmung. Susi knüpfte an ihr Jawort nur die eine Bedingung, daß
-ihre lieben Pflegeeltern mit ihr zogen, um in ihrem neuen Heim einen
-sorgenfreien Lebensabend zu verbringen. Darin willigte der junge Bauer mit
-Freuden und die Hochzeit ward auf das Osterfest festgesetzt.
-
-Nur ein Gedanke trübte Susis Freude über ihr Glück; sie brachte keinen
-Heller Geld, kein Heiratsgut, ja nicht einmal eine Webe Leinwand in die
-neue Wirtschaft ein. Alles, was sie durch Spinnen verdient hatte, war für
-die leibliche Pflege der alten Leute aufgewandt worden.
-
-So saß sie eines Tages in Nachdenken versunken am Fenster, als es leise an
-die Scheiben pochte und draußen der Garnhändler stand, welcher ihr
-freundlich zunickte. Eben wollte sie ihn einladen, einzutreten und mit ihr
-die künftige Wirtschaft im Dorfe zu besichtigen, da war er verschwunden.
-
-Draußen aber im Hausflur lagen sechs Ballen feiner Leinwand und obenauf ein
-Zettel, worauf geschrieben stand: »Der fleißigen Susi zum Brautschatz.«
-Unter Lachen und Weinen zugleich zeigte Susi den Pflegeeltern das reiche
-Hochzeitsgeschenk des Garnhändlers. Vor Freude fiel sie ihnen um den Hals
-und jubelte wie ein Kind.
-
-So war der Hochzeitstag herangekommen. Es war ein lieblicher, sonniger
-Ostertag. Wie die Erde draußen im sonnigen, jungfräulichen Frühlingskleide
-prangte, so anmutig und überraschend lieblich war die Erscheinung der
-jugendlichen Braut. Auf ihrem kunstvoll geflochtenen Haar lag ein blühender
-Myrtenkranz, zur Seite ging der stattliche Bräutigam und ein stilles
-Wohlgefallen ging über seine Züge, wenn er auf seine liebliche Braut
-herabsah.
-
-Als die Trauung vorüber war und das Paar seinen Weg rückwärts nahm, da
-stand plötzlich der alte gute Kräutermann vor ihnen und reichte Susi einen
-frischen, blühenden Strauß, indem er sprach: »Die schönsten Tugenden eines
-Weibes sind Fleiß, Gottvertrauen und Demut. Sie sind köstlicher und
-wertvoller als alle Schätze der Welt. Sie bilden die beste Aussteuer, die
-du deinem Mann in dein neues Heim einbringen kannst. So lange du dir die
-Beobachtung dieser Tugenden angelegen sein lässest, wird dieser Strauß nie
-welken und dein Glück wird stets vollkommen sein.« --
-
-Nach diesen Worten zerfloß die Gestalt des Kräutermannes in Luft und
-»Rübezahl« erscholl es durch die Reihen der Hochzeitsleute. Denn der
-Berggeist war es gewesen, der in wechselnden Gestalten Kummer und Sorgen
-armer Menschen in Glück und Freude verwandelt hatte.
-
-
-
-
-9. Der geizige Bäcker.
-
-
-Noch mehr als den Hochmut haßte Rübezahl den Geiz. Denn der Hochmut ist
-vielfach erst die Folge des Geizes, wie denn das Schriftwort zu allen
-Zeiten recht behalten wird: »Der Geiz ist eine Wurzel alles Übels.«
-
-In der Stadt Hirschberg lebte ein reicher Bäcker. Bei der Bürgerschaft
-stand er in hohem Ansehen und mancherlei Ämter der Stadt vereinigte er in
-seiner Person. Bei den Beratungen der Stadtbehörde gab seine Stimme oft den
-Ausschlag, und wenn er im Ratskeller an dem großen, runden Bürgertische
-saß, dann führte er das große Wort. Aber an seinem Gelde hing sein ganzes
-Herz; es war ihm gleichgültig, wenn die Handwerker, welche für ihn
-arbeiteten, oft empört auf ihn schalten, wenn er ihnen Abzüge von ihrem
-Tagelohn machte. Zum Heizen seines Backofens gebrauchte er viel Holz,
-welches die Bauern aus den benachbarten Dörfern lieferten. Von diesen
-suchte er sich immer die ärmsten aus, machte ihnen einige Vorschüsse und
-forderte dann das Geld zurück. Konnten sie dann nicht zahlen, dann stellte
-er den Preis für das Holz möglichst niedrig und schädigte so die armen
-Leute mit solch schändlichem Handel.
-
-Einst brachte ihm ein Bauer ein Fuder Holz, das er bei ihm bestellt hatte.
-Es wurde im Hof abgeladen und der Bäcker zog ihm, wie das oft geschah,
-einen Taler ab.
-
-»Lieber Herr,« bat da der arme Bauer, »zieht mir diesmal nichts ab. Der
-Holzhandel bringt heuer so wenig ein. Ich bin arm und jeder Groschen ist zu
-Ausgaben bestimmt. Meine Gläubiger warten schon auf die Zinsen und ich kann
-den Verlust unmöglich tragen.«
-
-Was tat der Geizhals? In aller Ruhe erklärte er dem Bauer, er möge sein
-Holz auf dem Hofe aufladen und wieder nach Hause fahren. Was tun? Ging der
-Bauer darauf ein, dann hatten er und die Pferde einen Tag Arbeit verloren,
-auch brauchte er das Geld zur Zinszahlung, deren Termin nahe bevorstand. So
-blieb ihm nichts anderes übrig, als sich den Abzug gefallen zu lassen.
-Traurig fuhr er aus der Stadt zurück. Unterwegs holte er einen
-Handwerksburschen ein, der ermüdet seines Weges zog. Er ließ ihn aufsitzen
-und nun hatte er jemand gefunden, dem er seinen Ärger erzählen konnte. Der
-Handwerksbursche war kein anderer als der Berggeist. Aufmerksam hörte er
-die Geschichte an und beschloß in seinem Innern, dem herzlosen Geizkragen
-einen gründlichen Denkzettel zu verabfolgen. »Wenn er nur einmal in mein
-Gehege käme,« dachte er bei sich, »ich wollte ihm schon beikommen, daß er
-Zeit seines Lebens daran denken sollte.« Bald darauf stieg der Fremde ab,
-dankte dem Bauer und schenkte ihm einen Taler.
-
-Am andern Morgen saß unser Bäcker behaglich in seinem Polsterstuhl, rauchte
-sein Pfeifchen und blickte zufrieden und behäbig durch die Fensterscheiben
-auf das geschäftige Treiben des Marktes. Da klopfte es an die Tür und auf
-sein »Herein« erschien ein großer, kräftiger Mann vor ihm und sagte:
-
-»Ich habe gehört, Ihr habt Holz, das klein gehackt werden soll. Ich biete
-Euch meine Dienste an. Zwar bin ich kein Holzhacker, der sein Handwerk
-geschäftsmäßig betreibt, sondern ein Bürger aus Schweidnitz. Mir liegt
-nicht am Geldverdienen, sondern daran, daß mir das Holzhacken meine
-Gesundheit wiederbringen soll. Ich leide an der Leber und der Arzt hat mir
-tüchtige Bewegung verordnet. Ich will kein Geld für die Arbeit von Euch,
-wenn Ihr mir erlaubt, so viel gespaltenes Holz mit heimzunehmen, als ich in
-einer Hocke forttragen kann.«
-
-»Das muß ein närrischer Kauz sein,« dachte der Bäcker im stillen und freute
-sich schon, solch billigen Kaufs davonzukommen. Großmütig lud er den
-Fremden ein, mit ihm ein Glas Wein zu trinken. Dieser bewunderte die
-Ausschmückung der Stube und war besonders voller Erstaunens über die
-prächtige Decke.
-
-»Dazu habt Ihr gewiß einen auswärtigen Maler kommen lassen, Meister,«
-meinte er, was der Bäcker schmunzelnd bejahte. Dabei schlug er auf seine
-geldgeschwollene Tasche, daß die Silber- und Goldmünzen darin Polka
-tanzten.
-
-Am andern Morgen versprach der angebliche Schweidnitzer Bürger seine Arbeit
-zu beginnen.
-
-Der Meister lag noch in den Federn, da hörte er es schon im Hofe klappern
-und krachen, splittern und sausen, daß er erschreckt seinen Schlafrock
-anzog und in den Hof ging, um zu sehen, was der Mann denn mit seinem Getöse
-treibe. Ein solches Krachen und Dröhnen hatte er bei den andern Holzhackern
-noch nicht vernommen. Aber mit weit offenem Munde blieb er in der Hoftür
-stehen und sah mit Entsetzen, wie der Holzmacher sein linkes Bein aus der
-Hüfte gezogen hatte und damit auf die Scheite einhackte, daß die Späne nur
-so flogen und sich ein Donnern und Poltern erhob, daß das ganze Haus in
-allen Fugen krachte.
-
-Dem Bäcker wurde es angst und bange und er rief dem Fremden zu, er möge
-doch aufhören und sich fortscheren. Der aber tat, als hörte er es nicht und
-hieb immer unbarmherzig darauf los und ehe eine Viertelstunde verging, war
-das ganze Holz gespalten. Dann steckte er sein Bein wieder in die Hüfte,
-als ob nichts geschehen wäre, und begann alles gespaltene Holz
-zusammenzulesen und zu einer ungeheuren Hocke aufzuhäufen. Diese umschnürte
-er mit einem langen Seil, hob sie wie einen Spielball auf den Rücken und
-ging gleichgültig grüßend zum Tore hinaus.
-
-Da stand nun der dicke Bäcker und schrie Angst und Wehe, ballte die Faust
-und stieß laute Verwünschungen hinter dem Abziehenden aus. Dieser
-Denkzettel hatte aber bei ihm gefruchtet. Er war seit jener Zeit wie
-umgewandelt, wurde mildherziger und entzog niemand mehr den verdienten
-Lohn. Zeigte sich aber hin und wieder einmal die alte Neigung, so mußte er
-stets an den merkwürdigen Holzhacker denken. Denn es war in ihm längst die
-Ahnung aufgegangen, daß ihm kein anderer als Rübezahl den Streich gespielt
-habe.
-
-Dieser aber hatte seine Hocke vor dem Hause des armen Bauern abgesetzt, der
-höchst erstaunt war, als er plötzlich den Holzhaufen und noch dazu in
-zerkleinertem Zustande wiedersah. So hatte er sein Geld und Holz wieder. Er
-konnte sich auf lange Zeit eine warme Stube machen und seine Suppe dabei
-kochen; ja er gab sogar seinem armen Nachbarn noch einen Teil von dem
-reichlichen Holzvorrat.
-
-
-
-
-10. Das sonderbare Wirtshaus.
-
-
-Auf der Straße durch das Gebirge zogen drei muntere Studenten. Aus voller
-Kehle und frischer Brust ließen sie das alte Studentenlied erschallen:
-
- Ich lobe mir das Burschenleben,
- Ein jeder lobt sich seinen Stand,
- Der Freiheit hab' ich mich ergeben,
- Sie bleibt mein bestes Unterpfand.
- Studenten sind fidele Brüder,
- Kein Unfall schlägt sie ganz danieder. --
-
-»Was Unfall,« meinte der eine, »was könnte uns wohl passieren; uns gehört
-die Welt und wenn der Beutel auch in unserer alten Musenstadt Prag ein
-wenig schmal geworden ist, was verschlägt's? Sind wir erst über das Gebirge
-gelangt, dann lacht uns die Heimat entgegen und in den Ferien gibt's wieder
-Geld in Vaters Haus.«
-
-»Nun, so weit sind wir aber noch lange nicht,« meinte der zweite, ein
-hochgewachsener, blonder Jüngling, »der Weg über das Gebirge wird uns sauer
-werden, zumal meines Wissens kein Wirtshaus uns zur Erholung und Einkehr
-einlädt, wie uns in der letzten Herberge versichert wurde.«
-
-»Das hat,« so nahm Philipp, der dritte der Studenten, welcher in Prag
-Rechtswissenschaft studierte, das Wort, »darin seinen Grund, daß der Herr
-des Gebirges, Rübezahl, die Errichtung eines Wirtshauses auf seinem Gebiet
-verbietet.«
-
-»Tor,« erwiderte Hans, der erste der drei, »glaubst wohl noch an Spuken.
-Das sind Kindermärchen, die man sich in den Spinnstuben erzählt. Geh zu den
-alten Großmüttern und erzähle ihnen das, aber uns verschone mit solchem
-albernen Geschwätz.«
-
-»Gemach,« warf Philipp ein, »lieber Freund. Weißt du nicht, daß vor vier
-Jahren, also im Jahre 1607, auf dem Markte unserer Stadt vom Büchermann ein
-Buch feilgeboten wurde, das von einem gelehrten Manne, namens
-Schwenckfeldt, verfaßt war und reißenden Absatz fand? Es führt den Titel
->Hirschbergischen Warmen Bades in Schlesien unter dem Riesengebirge
-gelegenen kurtze und einfältige Beschreibung<. Darin habe ich mancherlei
-vom Rübezahl gelesen --«
-
-»Was nicht wahr ist« -- fiel ihm Georg, der blonde Jüngling, ins Wort --
-»denn Schwenckfeldt behauptet nirgends, daß er selbst den >Ribenzahl< oder
->Ribinzagel<, wie er ihn nennt, gesehen hat. Er gibt nur die Erzählungen
-des Volkes wieder.«
-
-»Mir wär's schon recht, daß es einen Rübezahl gäbe,« brach Hans das
-Gespräch ab, »wenn nur der alte Knabe schnell für uns hier oben ein
-Wirtshaus baute, denn es ist ein wahres Elend, hier unter den Strahlen der
-glühendsten Sonnenhitze einherstapfen zu müssen, ohne einen Trank oder
-einen Imbiß zu finden. Mir ist unbegreiflich, daß sich hier kein Wirt
-anbaut; er würde bei dem lebhaften Wanderverkehr sicherlich sein Geschäft
-machen.«
-
-»Weil,« sagte Philipp, »wie ich bereits erwähnte, die Leute Furcht vor dem
-Herrn des Gebirges haben.«
-
-»Nun höre mir aber endlich mit dem Popanz, dem Rübezahl, auf, lieber
-Freund,« rief Hans ärgerlich.
-
-»Na -- wer sagt's denn,« jubelte da plötzlich Georg auf, »dort steht ja das
-ersehnte Wirtshaus!«
-
-Die beiden andern Studenten trauten kaum ihren Augen, denn vor ihnen lag in
-der Tat ein stattliches Gebäude, aus dessen Schornstein der Rauch über die
-Tannen wirbelte. Vor dem Hause war ein Blumengarten angelegt, in welchem
-Rosen, Nelken, Rittersporn, Astern und Sonnenblumen blühten, und eine
-Kegelbahn lud zum Kegelspiel ein. Vor dem Hause stand der behäbige Wirt mit
-kurzem Rock, kurzen, schwarzen Samthosen, roten Strümpfen und glänzenden
-Schuhen. Ehrerbietig zog er sein Käppchen, verneigte sich vor den Studenten
-und erklärte ihnen, daß es ihm eine besondere Ehre sein würde, die
-Herrschaften in seinem bescheidenen Gasthof bewirten zu dürfen. Er würde
-alles aufbieten, um ihren Ansprüchen in jeder Weise gerecht zu werden.
-
-»Nun, allzu lang wird Euer Speisezettel wohl nicht sein,« meinte Hans, den
-die Anrede des Wirtes ein wenig übermütig gemacht hatte.
-
-»Befehlt nur, ihr Herren,« erwiderte der Wirt, »was Küche und Keller
-bieten, soll euch werden.«
-
-»Wohlan,« sagte Hans, »so bringt uns drei gebratene Feldhühner in
-Savoyerkohl, eine Schüssel schöngesottener Krebse und dazu eine Flasche des
-ältesten Landweins, je älter desto besser.«
-
-Hierauf traten die Studenten ins Herrenstübchen ein, legten ihr Ränzel ab
-und machten sich's bequem, während der Wirt in Küche und Keller eilte, das
-Bestellte zu besorgen.
-
-Nach Verlauf einer Viertelstunde kehrte er zurück, deckte den Tisch mit
-einem kostbaren Tischtuch, legte silberne Bestecke auf und tat so, als ob
-er fürstliche Herrschaften zu bedienen habe. Während er alles ordnete,
-meinte er: »Es hält jetzt schwer, Feldhühner zu bekommen und auch von den
-Krebsen bringe ich heute die ersten auf den Tisch. Aber für gutes Geld wird
-alles geschafft.« Er tat gar nicht, als ob er die Verlegenheit der jungen
-Herren bemerkte, sondern brachte außer dem Landwein noch eine Flasche
-Tokaier.
-
-Philipp wurde es unheimlich; ihm stieg eine Ahnung auf, daß das Wirtshaus
-ein bezaubertes und der Wirt kein anderer sei als Rübezahl.
-
-Als dieser auf einige Zeit das Zimmer verließ, teilte er seine
-Befürchtungen seinen Kommilitonen mit. Diese aber lachten ihn aus, der Wein
-machte ihre Zunge immer geläufiger und ihr Herz mutiger. Hans rief den Wirt
-und forderte ihn auf, für sich ein Glas mitzubringen, um mit ihnen anstoßen
-zu können. Das geschah und Georg erhob sein Glas und sprach: »Ich will eine
-Gesundheit ausbringen. Daß wir hier auf einsamer Höhe mit Speise und Trank
-so vortrefflich erquickt wurden, verdanken wir gewiß dem Herrn des Berges,
-er lebe hoch, hoch, hoch!« Der Wirt stieß mit den Studenten an. Aber sofort
-saß Georg wieder der Schalk im Nacken und er rief noch einmal: »Ja, der
-alte, gute Rübezahl soll leben, hoch!«
-
-Philipp stieß diesmal nicht mit seinen Gefährten an und auch der Wirt zog
-seine Stirne kraus, machte eine gar ernste Miene, stellte sein Glas auf den
-Tisch und sagte: »Wie Euer Genosse, so habe ich wohl auf die Gesundheit des
-Herrn vom Berge angestoßen, nicht aber in das Hoch auf Rübezahl
-eingestimmt, wie er auch tat, und zwar mit Recht. Ihr nennt ihn bei seinem
-Spottnamen, auf diesen stoße ich nicht an, denn ich weiß, daß er sich an
-denen rächt, die ihn damit an jene traurige Geschichte erinnern. Euer
-Genosse scheint auch darum zu wissen.«
-
-Lautes Gelächter war die Antwort der beiden angeheiterten Studenten auf die
-Mahnung des Wirtes.
-
-»Nun, Philipp,« meinte Hans, »da hast du ja einen Gesinnungsgenossen
-gefunden, zu glauben, jenen Ammenmärchen von einem neckenden Kobold, der
-auf dem Riesengebirge sein Unwesen treiben soll. Ich wünschte nichts
-sehnlicher, als ihm in höchsteigener Person zu begegnen. Das wird aber nie
-der Fall sein, weil es eben keinen Rübezahl gibt. Wir, mein lieber Herr
-Wirt, von der hohen Schule atmen eine freie Luft und belächeln jene
-Torheiten, die sich nur im Aberglauben des Volkes finden.«
-
-Der Wirt wollte antworten, aber es kam ihm ein besserer Gedanke in den Kopf
-und er trat vor die Studenten mit der freundlichen Aufforderung: »Wollen
-die Herren nicht vielleicht sich ein wenig im Freien Bewegung machen und
-einen Stamm kegeln? Den Kegeljungen will ich selbst machen.«
-
-Der Vorschlag fand freudige Zustimmung. Hans und Georg begannen zu
-schieben, aber merkwürdig: entweder kam ein »Sandhase« heraus, d. h. die
-Kugel ging an den Kegeln vorbei, oder sie trafen eine »Methode«, d. h. die
-zwei Gassenkegel. Besseren Erfolg hatte Philipp. Er warf dreimal
-hintereinander acht um den König, was für den besten Wurf galt. Ärgerlich
-brachen Hans und Georg das Spiel ab.
-
-Nun kam aber das Schlimmste, das Zahlen. Verlegen fragte Hans nach der
-Schuld. Der Wirt rechnete nach, dann sprach er zu Philipp:
-
-»Von Euch, junger Herr, nehme ich nichts. Ihr habt Euch frei gekegelt, da
-Ihr dreimal den König allein habt stehen lassen. Die Zeche der anderen
-Herren beträgt vier Taler, zwei Taler auf jeden.«
-
-Da wurde die Barschaft noch einmal überrechnet und die beiden Studenten
-brachten gerade noch die geforderte Summe zusammen.
-
-Als es zum Abschied ging, überreichte der höfliche Wirt Georg und Hans ein
-Päckchen und meinte: »Bis zum nächsten Gasthause ist's noch weit, darum
-habe ich den Herren einen kleinen Imbiß für den Weg eingewickelt. Euch
-aber, junger Herr, schenke ich, da Ihr so vortrefflich gekegelt habt, den
-Kegelkönig.«
-
-Dankend steckte Philipp den Kegel in die Tasche und die drei Burschen zogen
-weiter ihres Wegs. Unterwegs mußte Philipp noch manchen Spott seiner
-Kameraden hinnehmen, daß der Wirt ihm einen Kegel zur Zehrung auf den Weg
-gegeben habe.
-
-»Laßt's gut sein,« meinte er, »ich habe so meine Gedanken über das Geschenk
-und will es tragen als Andenken an unser Abenteuer im Gebirge.«
-
-»Der hat den Rübezahl immer noch im Kopf,« höhnte Hans. »Wir wollen uns
-lieber in das Gras setzen und unser Vesperbrot verzehren. Du, Philipp,
-magst ein Stück vom Kopfe deines Kegelkönigs abbeißen.« Als sie aber ihre
-Päckchen öffnen wollten, sprang aus dem einen ein Frosch, aus dem andern
-eine Eidechse heraus, so daß sie entsetzt zurückfuhren. So zogen sie
-hungrig weiter und jeglicher Spott und Zweifel an dem Dasein des
-Berggeistes verstummte. Philipps Kegel wurde immer schwerer und schwerer,
-er zog ihn aus seiner Tasche, sieh! da leuchtete er wunderbar im
-Mondschein. Er sah ihn näher an -- der Kegel war lauteres Gold, darum war
-er auch so schwer. Philipp verkaufte den Kegel, konnte nun ohne Not seine
-Studien vollenden und ist ein gelehrter Mann geworden.
-
-
-
-
-11. Der Hexenstab.
-
-
-Wer einmal jetzt im Riesengebirge reist, findet fast bei jedem
-bemerkenswerten Punkte auf den Bergen und in den Tälern, besonders wo
-gastliche Häuser den Wanderern zur Erholung und Erfrischung einladen,
-Verkaufsstände, welche Andenken an das Gebirge feilhalten. In großer
-Auswahl auf Bechern, Tassen, Karten, Bildern, Pfeifen und anderen Dingen
-wird besonders auch Rübezahls gedacht. Man findet da manche seiner
-Geschichten abgebildet und auf mancherlei Art seine äußere Erscheinung
-dargestellt. Mit Vorliebe kaufen die Reisenden lange Bergstöcke mit einer
-tüchtigen Spitze daran, die ihnen das Gehen erleichtern. Auf vielen steht
-der Name »Rübezahl« und man nennt sie deshalb »Rübezahlstöcke«. Diese
-Bezeichnung ist aber keine willkürliche, sondern steht im Zusammenhange mit
-vielen Rübezahlmärchen, in welchen Wanderstäbe eine gewisse Rolle spielen.
-Eins der schönsten will ich euch erzählen.
-
-In den Zeiten, wo die meisten unserer Geschichten spielen, gab es noch
-keine Briefträger, welche Briefe und Pakete aus der Stadt auf das Land
-trugen. Da hielt jedes Dorf seinen Botenmann, welcher in gewissen
-Zeiträumen den Verkehr zwischen Dorf und Stadt vermittelte. Als solcher war
-auch der alte Leopold aus Schreiberhau weit und breit im Gebirge bekannt.
-Es wurde ihm nicht leicht, jahraus, jahrein bei Wind und Wetter unter der
-Last des Gepäckes die gebirgigen Pfade zu gehen, aber die Herrschaften der
-Rittersitze und die Kaufleute in der Stadt bezahlten ihm seine Mühe so gut,
-daß er hätte zufrieden sein können. Aber das Pflänzlein Zufriedenheit ist
-rar und auch von Leopold konnte man sagen: »Je mehr er hat, je mehr er
-will.«
-
-Einst hatte er sich um die Mittagszeit in einer Baude niedergelassen und
-war vor Ermüdung eingenickt. Da erschien ihm Rübezahl im Traume und führte
-ihn zu seiner großen Braupfanne im Gestein, wo Gold- und Silberstücke ihm
-entgegenfunkelten. Eben wollte er auf des Berggeists Geheiß zugreifen, da
-war der Traum zu Ende -- und das Glück verflogen.
-
-»Rübezahl, Schabernacker,« rief er ärgerlich aus, »kannst du mir nicht
-einmal helfen, damit ich Ruhe habe und meine letzten Lebenstage nicht in
-Unruhe und den Beschwerden meiner Botenwege verbringen muß!« Damit ergriff
-er seinen langen Botenstock und verließ mürrisch die Baude.
-
-Keine zwanzig Schritte war er gegangen, als ihm sein Stock entglitt, gerade
-als er über einen kleinen Bach sich schwingen wollte. Da lag er, so lang er
-war, und es war ein Glück, daß er nicht in den Bach gefallen war. Sein Fall
-machte ihn noch verdrießlicher und unmutiger. Da flog ein Raubvogel vor ihm
-auf und als er ihm nachsah, stieß sein Fuß an einen Stein, sein Stab geriet
-ihm zwischen die Füße -- und pardauz! da machte er wieder mit dem Erdboden
-Bekanntschaft. Schließlich geriet er am Bergesabhang durch Abgleiten so ins
-Straucheln, daß er mit dem Kinn auf einen Stein aufschlug und ihm Wange und
-Lippen bluteten. Da nahm er wütend seinen Stab, der ein Stück abwärts
-gerollt war, und versuchte ihn am Felsen zu zerschmettern.
-
-Aber der Stab bog sich um, fuhr ihm zwischen die Beine und kaum war dies
-geschehen, so ging's auch flott durch die Luft über die Wipfel der Bäume
-hinweg im tollen Ritt, schneller wie der Wind.
-
-Leopold meinte, er sei der wilde Jäger geworden, welcher zur Strafe durch
-die Luft reiten und in wildem Horrido und Hussasa über Land und Meer
-dahinrasen muß; schauerlich gähnten die Abgründe unter ihm und von Minute
-zu Minute glaubte er abzustürzen und zerschmettert am Boden anzukommen. Als
-sich aber seine Befürchtungen als grundlos erwiesen, da wurde er mutiger,
-ja er schmiedete auf seinem sonderbaren Reittier bereits Pläne, wie
-vorteilhaft sich für die Zukunft auf diesem Wege seine Botengänge gestalten
-würden.
-
-Wie er so dahinfuhr, nahm sein Stab plötzlich die Richtung auf die Stadt
-Schmiedeberg. Dort war gerade Jahrmarkt. Als nun Roß und Reiter vom Himmel
-herab mitten zwischen die Buden, Käufer und Verkäufer zur Erde
-herniedersausten, da entsetzte sich die ganze Jahrmarktsgesellschaft. Die
-Stadtknechte aber nahmen kurzerhand, da man allgemein meinte, solche
-Luftfahrt ginge nicht mit rechten Dingen zu und Leopold sei ein
-Hexenmeister, sein Stab aber ein Hexenstab, den Botenmann gefangen und
-brachten ihn in sicheren Gewahrsam.
-
-Der Tag des hochnotpeinlichen Gerichtes kam heran, Leopold wurde als
-Hexenmeister angeklagt und zum Tode auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Da
-geschah ein Wunder. Der Stadtrichter wollte dem Stadtknecht eben den
-Hexenstab übergeben, als ihm dieser zwischen die Beine fuhr, ihn erhob,
-durch das offene Fenster des Rathaussaales schob und ihn über die Häuser
-der Stadt entführte. Da gab's eine große Aufregung unter den biederen
-Bürgern, als ihr hochgelahrter Stadtrichter hoch oben im Ornat in den
-Wolken schwebte -- aber sieh da! -- kurze Zeit später setzte der Hexenstab
-seinen Reiter wieder auf dem Marktplatz behaglich und unversehrt ab.
-
-Als man Leopold ausfragte, wie er in den Besitz des wunderbaren Stabes
-gekommen sei, und dieser sein Abenteuer erzählt hatte, da ließ ihn das
-Gericht frei. Das Volk aber jubelte fröhlich und ausgelassen auf den
-Straßen: »Ein Schelmenstreich von Rübezahl! Es lebe der Berggeist!« Mit den
-Schmiedebergern hat's auch Rübezahl immer gehalten, weil sie seine Macht
-fürchteten und ihn als Herrn des Gebirges anerkannten.
-
-Der alte Leopold hat aber von seinem Erlebnis keinen Vorteil gehabt, denn
-sein Stab wurde wieder der alte. Die Zauberkraft war von ihm gewichen.
-
-
-
-
-12. Der arme Weberlieb.
-
-
-Der Winter schien in diesem Jahre kein Ende zu nehmen. Wochenlang lag eine
-dichte Schneedecke auf der Erde und zwischen den Dörfern des Riesengebirges
-hörte jeglicher Verkehr auf. Da ging für die Weberfamilien eine große Not
-an und Entbehrung und Armut waren die beständigen Gäste des Hauses. Diese
-Notlage der Weber benutzten gewissenlose Kaufleute in den Städten, indem
-sie ihnen für die gelieferte Leinwand geringeren Lohn boten. Sie wußten
-genau, daß die armen Leute unter allen Umständen Geld brauchten und
-brachten so die Waren für einen Spottpreis an sich.
-
-»'s fast zum Verzweifeln,« so sprach eines Abends der Webergottfried zu
-seinem Weibe, »erst muß man in Schnee und Kälte den jetzt so gefahrvollen
-Weg zur Stadt machen und dann erhält man einen Hungerlohn, der kaum uns
-beide sättigen kann, während doch noch acht Kinder wie die Orgelpfeifen um
-den Tisch stehen und sehnsüchtig nach der spärlichen Mahlzeit ausschauen.«
-
-»Das wird ein trauriges Weihnachtsfest werden,« versetzte seufzend die
-Frau, »Gott gebe nur, daß die Krankheit, welche in einigen Häusern
-eingekehrt ist, nicht ansteckend ist und über alle Familien kommt.«
-
-Keinem gingen die Sorgen der Eltern mehr zu Herzen als dem ältesten Sohn,
-dem Gottlieb, oder wie er im Dorfe von andern Trägern seines Namens
-unterschieden wurde, dem Weberlieb. Das war ein braver, munterer Junge mit
-einem Herzen voll Mitleid, der sein Stückchen Brot mit dem armen Manne
-teilte, der hungrig und elend sich durchs Dorf schlich. Den Eltern ging er
-unermüdlich zur Hand. Im Sommer suchte er im Walde Beeren und Pilze, im
-Winter trug er trockenes Holz für den Ofen aus dem Walde herzu oder
-verdiente sich ein paar Pfennige durch kleine Botenwege. Aber wie sollte er
-nun bei diesem strengen, eiskalten Winter Arbeit sich verschaffen?
-
-Weihnachten stand vor der Tür, aber im Dorfe sah es nicht weihnachtlich
-aus, denn wo die Armut wohnt, muß die Festfreude weichen. Dazu kam, daß die
-Krankheit sich als die rote Ruhr entwickelt hatte, wohl als Folge des
-Genusses von unnatürlicher Nahrung. Da standen die Webstühle still und fast
-in jedem Hause lag ein Kranker.
-
-Auch den Weberfriedel hatte die Krankheit aufs Lager geworfen und eine
-entsetzliche Not herrschte im Hause. Hungernd und frierend saßen die Kinder
-um den Ofen herum. Das jammerte unsern Gottlieb so sehr, daß er vor seine
-Mutter trat und sprach:
-
-»Hat nicht der Vater noch fertige Leinwand übrig, Mutter, welche wir
-verkaufen könnten?«
-
-»Freilich, Lieb,« entgegnete diese, »dann hätten wir wohl auf einige Zeit
-Brot, aber wer will denn die schwere Webe vier Stunden weit über das
-verschneite Gebirge in die Stadt tragen?«
-
-Gottlieb war sogleich bereit.
-
-»Das geht nicht an,« antwortete die Mutter, »du bist schwach und
-ausgehungert, Zehrung kann ich dir nicht auf den Weg geben und in deinem
-dünnen Röckchen pfeift dir der kalte Wind bis auf die bloße Haut, daß du
-zitterst und bebst.«
-
-»Aber es wird uns allen geholfen, liebe Mutter, laß mich in Gottes Namen
-ziehen.«
-
-Gottlieb band sich ein Tuch über Kopf und Leib, legte den Reisesack mit der
-Leinwand auf die Schulter und sagte seiner Mutter herzlich Lebewohl. Hinaus
-ging's durch den schneidenden Nordwind; oft hatte der Schnee eine Bank über
-den Weg geweht und der Knabe mußte sie Schritt für Schritt durchqueren, oft
-glitt er am Rande mit Schnee bedeckter Gräben aus und sank tief ein, oft
-mußte er sich ermüdet auf einen Stein setzen, um Atem zu schöpfen. Endlich
-nach unsäglicher Mühe und Anstrengung schleppte er sich an sein Ziel und
-kam in das Haus des Kaufmanns. Der kam ihm eben mit einem Reisepelz
-entgegen und wies ihn aus seinem Hause.
-
-»Hat man nicht einmal am Heiligabend Ruhe vor dem Webergesindel. Marsch,
-daß du hinauskommst, ich kann dir deine Leinwand nicht abnehmen,« so
-klang's aus dem Munde des harten Mannes und dem armen Weberlieb liefen die
-Tränen über die Backen.
-
-»Ach, Herr,« flehte der arme Junge, »erbarmt Euch diesmal meines armen
-Vaters, er liegt an der Ruhr krank danieder. Nehmt mir die Leinwand, ich
-muß wieder heim.«
-
-»Was, ansteckende Krankheiten bringt mir die Brut noch ins Haus, hinaus,
-auf der Stelle!« schrie aufs höchste erregt der gefühllose Mann und befahl
-dem Diener, den Jungen hinauszuführen. Dann warf er sich in seinen
-Reisewagen und fuhr fort. Der Diener empfand Mitleid mit dem abgehärmten,
-erschöpften Kinde und reichte ihm ein Stück Brot und ein wenig Wein. Dann
-gab er ihm zwei Groschen, damit er auch für den Vater etwas Brot kaufen
-könne.
-
-Der Wein hatte den Knaben gestärkt und so unternahm er es, die schwere Last
-wieder auf den Rücken zu laden und den mühseligen Rückweg wieder
-anzutreten. Am Abend nahm die Kälte zu, kleine scharfe Eisnadeln trug der
-Wind über den Schnee; sie stachen dem kleinen Gottlieb in die Augen, daß er
-kaum zu sehen vermochte. Da wurden seine Füße matter, seine Kraft erlahmte,
-und stöhnend warf er sich auf einen beschneiten Baumstamm.
-
-»Hier werde ich sterben müssen,« murmelten seine Lippen. Da kam ihm
-plötzlich der Gedanke an die vielen wunderbaren Geschichten, die man sich
-von Rübezahls Freundlichkeit gegen die Kinder erzählte.
-
-Mag er mich umbringen oder mir helfen, ich wage es: »Rübezahl, Rübezahl!
-Hilf du mir, die Menschen haben mich verlassen.« So rief er laut mit
-Aufbietung aller Kräfte hinein in die beschneiten Bäume, Berge und Täler
-und schaurig gab das Echo seinen Ruf zurück.
-
-Im nächsten Augenblick erhob sich ein starker Schneesturm, dem der Knabe
-nicht standhalten konnte, er ward zurückgeworfen und vom Schnee
-überschüttet. Da ward er von einer behaglichen Wärme durchströmt und süße
-Träume gingen durch seine Gedanken. Es war Christabend. In der Dorfkirche
-hielt man Christvesper. Die Kirche war hell erleuchtet, aus den Augen der
-Kinder strahlte lichte Weihnachtsfreude. Der Pfarrer verkündigte der
-atemlos lauschenden Menge die alte liebliche Geschichte von der Geburt des
-Christkindleins auf Bethlehems Flur. Die Gemeinde sang: »Dies ist die
-Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit« und nun war
-Gottlieb an der Reihe, mit seinem hellen Stimmchen allein vor der Gemeinde
-zu singen. So nahm er das lange Wachslicht in die Hand, trat vor das
-Lesepult auf der Orgelbrüstung und begann erst leise, dann kräftiger und
-mutiger:
-
- O du fröhliche, o du selige,
- Gnadenbringende Weihnachtszeit.
- Welt ging verloren,
- Christ ist geboren,
- Freue dich, o Christenheit!
-
-In demselben Augenblicke trat aus den Bäumen ein wohlgekleideter,
-freundlich blickender Herr hervor, hüllte den armen Knaben liebevoll in
-seinen Pelz, nahm auch die Webe Leinwand auf und trug ihn eine kurze
-Wegstrecke zu seinem Schlitten.
-
-In einem hellerleuchteten Schloß angelangt, rief er seine Diener. Diese
-nahmen ihm die Last ab, trugen den Knaben auf seinen Befehl in ein Bett und
-legten ihn auf weiche, behaglich erwärmte Kissen nieder.
-
-Mittlerweile hatte der Herr die Webe Leinwand genommen und war damit auf
-die Straße zurückgeeilt. In diesem Augenblicke kam der vierspännige
-Reisewagen des hartherzigen Kaufmanns herangerollt.
-
-Plötzlich scheuten die vier Rosse, ein Ballen Leinwand wurde von oben unter
-sie geworfen und ein markerschütterndes, entsetzliches Hohngelächter
-erschallte. Wohl versuchte der Kutscher, die erschreckten Tiere im Zaume zu
-halten, aber er selbst wurde mit einem Ruck von seinem Sitze in die Höhe
-gehoben. Er flog ein Stück durch die Luft und wurde dann sanft vor einem
-Gasthause niedergesetzt. Vor seinen Füßen aber lag ein Beutel mit
-Goldstücken, auf welchem geschrieben stand: »Für die Angst!« Seine Pferde
-hatten mittlerweile den Leinwandballen auseinandergeworfen und um den
-ganzen Wagen gewickelt. Dadurch fielen sie zu Boden und der Wagen mit. Da
-rief aus aller Angst der Kaufmann um Hilfe, denn die Tür der Kutsche war so
-zugewickelt, daß ein Entweichen unmöglich war.
-
-Sofort tauchte eine furchtbare, riesengroße Gestalt vor seinen Augen auf,
-welche ihm zornig mit der Faust drohte und schrie:
-
-»Ha, verwünschter Geizhals, wenn du nicht sofort zu sühnen versprichst, was
-du mit deiner unmenschlichen Härte verschuldet hast, so mußt du sterben!«
-
-Da schlotterten dem Kaufmann die Knie und zitternd rief er aus:
-
-»Ich will alles geben und tun, wenn ich das Leben behalte.«
-
-»Erbärmlicher Erdenwurm,« entgegnete der Berggeist, »werde barmherzig und
-mild. Wenn jetzt der Tod in den armen Weberdörfern so viele Opfer grausam
-fordert und Wehklagen aus vielen Häusern erschallen, so sollten dir diese
-Jammertöne in deine hartherzige Seele dringen. Du trägst die Schuld auf
-deinem Gewissen, das sich kein Bedenken daraus macht, wenn jene armen,
-ehrlichen Menschen Hungers sterben.« Da gelobte der Kaufmann in seiner
-fürchterlichen Angst Besserung und gab dem Berggeiste -- denn dieser war es
--- alles Geld, das er bei sich hatte, zur Verteilung unter die Darbenden.
-Da nahm Rübezahl ihn beim Genick und setzte ihn unsanft vor seinem Hause
-nieder.
-
-Verwundert öffnete Gottlieb die Augen und wußte nicht, wie er an diesen Ort
-gekommen war. Die Diener brachten ihm Speise und Trank, aber er rührte
-nichts an. Da trat ein freundlicher Herr ein und redete ihm zu, er solle
-nur essen; er wolle ihn dann mit dem Schlitten nach Hause fahren.
-
-»Ich werde auch deinen Eltern und Geschwistern eine Labung bringen und --
-was dir sicherlich am meisten gefallen wird -- der Kaufmann ist anderes
-Sinnes geworden, er hat dir und allen Webern in eurem Dorfe die Leinwand zu
-gutem Preise abgekauft. Das Geld habe ich bereits in meiner Tasche.« Wer
-war da froher als unser Weberlieb! Vor Freude küßte er die Hände des guten
-Herrn.
-
-Nun ging's unter Peitschenknall und Schellengeläut zu Gottliebs Heimatsdorf
-zurück. Das war ein seliger Christabend im ärmlichen Weberhäuschen! Der
-Herr hatte Brot und Wein, Fleisch und Reis mitgebracht, außerdem Geld und
-für die Kranken des Dorfes eine Flasche voll Arznei, welche augenblicklich
-half. So war das Christfest in dem Weberdorfe zum Freudenfest geworden und
-alle Kümmernis hatte ein Ende. Da wurde es allen klar, daß hier kein
-anderer als Helfer in der Not erschienen war als Rübezahl, der mächtige
-Berggeist des Riesengebirges.
-
-
-
-
-13. Wünsche nicht zuviel.
-
-
-»Und hoffe auf ihn, er wird es wohl machen.« Damit schlug sie ihre Bibel
-zu, die vielgeplagte Mutter Bärbel und reichte sie ihrem Sohne Hans, der
-auf einer Fußbank zu ihren Füßen saß. Dürftig, aber sauber sah es in der
-Stube der kleinen Hütte aus. In einer Ecke stand eine Spindel, an welcher
-die Mutter zu spinnen pflegte; das ging aber nur langsam und mühsam
-vonstatten. Mutter Bärbel hatte viel zu leiden, weil sie in den Beinen von
-der Gicht heimgesucht wurde. Sie konnte nicht gehen und stehen und auch das
-surrende Spinnrad mußte zuletzt in die Ecke gestellt werden, so daß sie nur
-noch die veraltete Spindel drehen konnte und dementsprechend das Gepinst
-nur gering ausfiel. Als einziges Kind war ihr der Hans übrig geblieben, ein
-starker, kräftiger Bursche. Eben war er zu seiner Freude aus der Schule
-entlassen worden, denn dort hatte er nie sein Licht leuchten lassen können
-und das Lernen war ihm blutsauer geworden. Die Fibel mit dem großen
-Gockelhahn auf dem Titelblatte und die fünf Hauptstücke hatte er zur Not
-bewältigt, aber darüber hinaus reichten seine Kenntnisse nicht. Aber willig
-und brav war Hans und er machte sich darüber Gedanken, wie er wohl am
-besten für seine Mutter Geld verdienen könne.
-
-Eines Sonntags stand sein Entschluß fest. Er nahm Abschied von seiner
-Mutter und machte sich zum nächsten Dorfe auf. Im eigenen Orte wollte er
-nicht Stellung nehmen, weil man ihm hier unfreundlich begegnet war. Bei
-seinen Anfragen hatte er bald Glück, denn ein Bauer, welcher am Wege
-pflügte, nahm ihn sofort als Hütejungen für sein Vieh an. Er war froh,
-einen Fremden zu finden, weil einheimische Leute, Knechte und Mägde, das
-Haus des Bauern, der als Geizhals verschrien war, mieden, über den Lohn
-wurden sie bald einig: Hans sollte wöchentlich zwei Brote und einen Käse
-bekommen und zu Weihnachten einen abgelegten Anzug des Bauern. Von Geld war
-keine Rede.
-
-Als am nächsten Sonntag Hans vergnügt bei seiner Mutter einkehrte, meinte
-diese, es sei doch solch ein Lohn gar zu niedrig und stehe in keinem
-Verhältnis zu der Arbeit.
-
-»Von dem Bauer,« sprach sie, »bei welchem du in den Dienst gegangen bist,
-habe ich schon öfters gehört. Er ist als geiziger Filz verschrien und der
-abgelegte Anzug wird wohl kaum noch zu flicken sein.«
-
-»Laß mich, Mutter,« erwiderte der Knabe, »ich fange erst an zu verdienen;
-wenn ich meine Arbeit gut verrichte, dann wird mir mein Herr auch einiges
-Geld zulegen.«
-
-Hans mußte täglich die Kühe auf die Weide treiben. Hier war er den ganzen
-Tag über mit dem Hunde für sich allein. Dann sang und jubelte er nach
-Herzenslust und kein Mensch störte ihn in seiner fröhlichen Stimmung. Mit
-den Bergen und Wiesen, Felsen und Bächen wurde er so vertraut, daß er große
-Freude an seinem Berufe empfand. Jeden Sonnabend bekam er seine Brote und
-den Käse und Sonntags brachte er seiner Mutter die Hälfte.
-
-So vergingen einige Jahre; die Leute im Dorfe wunderten sich, daß der
-Hütejunge noch immer um solch kärglichen Lohn bei dem Bauer diene, da er
-als Knecht anderwärts um einen guten Geldlohn sein Fortkommen finden könne.
-Hans aber dachte in seiner Harmlosigkeit gar nicht an einen Wechsel;
-draußen in den Bergen bei den Vögeln, die ihm ihre Lieder sangen, war sein
-Herz, was kümmerte ihn da Geld oder das Gerede der Leute!
-
-Eines Sonntags aber sprach die Mutter zu ihm allen Ernstes: »Du bist nun,
-mein Sohn, ein großer, starker Bursche geworden und dienst noch immer als
-Hütejunge. Die Kleider, die dir dein Brotherr schenkte, wanderten bald in
-die Lumpen. Bisher habe ich dich von den Gegenständen, die dein
-verstorbener Vater hinterließ, gekleidet. Davon ist aber nichts mehr
-vorhanden, Geld verdienst du nicht, von dem wir neue Kleider anschaffen
-können. So bist du genötigt, den Bauer anzugehen, daß er dich als Knecht
-mietet und dir einen ordentlichen Lohn gibt, wie er Burschen deines Alters
-zukommt.«
-
-Diese Worte gingen Hans zu Herzen und am nächsten Tage bat er den Bauer um
-einen besser bezahlten Dienst. Der aber wurde kirschrot vor Ärger, schlug
-die Hände über dem Kopf zusammen und schrie ihn an: »Schämst du dich nicht,
-an mich ein solches Verlangen zu stellen? Du hast mich bald arm gegessen;
-ich habe dich durchgefüttert und deine Mutter dazu. So ist aber die heutige
-Welt: wenig Arbeit und viel Lohn. Das ist also dein Dank, du habgieriger
-Bursche?«
-
-Hans meinte in seiner Gutmütigkeit, der Bauer sei in seinem Recht und er
-habe es doch eigentlich recht gut bei ihm. Verblüfft ging er wieder auf
-seinen Weideplatz zu seiner Herde. Aber um seine fröhliche Laune war es
-geschehen. Traurig saß er am Wiesenrain und grübelte und sann über sein
-Geschick nach. Da trat plötzlich ein alter Schäfer auf ihn zu und fragte
-ihn, warum er ein so trübseliges Gesicht mache. Ohne Scheu und Hinterhalt
-erzählte ihm Hans seine Geschichte, wie er sich besonders um seine arme
-gichtbrüchige Mutter sorge, deren Zustand immer bedenklicher würde. Da riet
-ihm der Alte, sein Heil einmal in der Stadt Hirschberg zu versuchen, dort
-brauche man stets kräftige und bescheidene Burschen und bezahle auch einen
-guten Lohn.
-
-Halb träumend, halb staunend hörte Hans zu und ehe er dem Alten ein Wort
-erwidern konnte, war dieser bereits dem Tannendickicht zugeeilt. Merkwürdig
-war es, was für lange Schritte er machen konnte; bis an die Wegecke war es
-eine gute Viertelstunde, jener war in einem Augenblick dort verschwunden.
-
-An demselben Abend trieb es ihn, seine Mutter aufzusuchen und ihr sein
-Erlebnis mitzuteilen.
-
-»Der Alte hat dir einen guten Rat gegeben, Hans,« meinte die Mutter, »tu,
-wie er dir anriet. Die Schäfer werden vielfach zu allerhand Wunderkuren
-allenthalben geholt und kennen Land und Leute. So mache dich sauber und
-ziehe deinen Weg. Gott geleite dich!«
-
-Es war der erste Gang des Burschen in eine Stadt. Darum pochte ihm das Herz
-ein wenig. Er dachte an alle die Beschreibungen, welche man ihm von dem
-städtischen Leben und Treiben gemacht hatte, aber als die Sonne ihre ersten
-Strahlen herniedersandte, und Wiesen und Felder, Berge und Täler im
-Morgenglanze strahlten und die Vögel ihre ersten Lieder anstimmten, da
-wurde er wieder fröhlich und wohlgemut. Da fielen ihm wieder seine
-Hirtenlieder ein und jubelnd sang er den Vers:
-
- Den lieben Gott laß ich nur walten,
- Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
- Und Erd' und Himmel will erhalten,
- Hat auch mein Sach' aufs best' bestellt.
-
-Plötzlich erscholl neben ihm ein lautes Gelächter, er drehte sich um, sah
-aber niemand. Nachdenklich senkte er den Kopf und erblickte am Boden einen
-rotseidenen gefüllten Geldbeutel.
-
-»Der Tausend,« entfuhr es da seinen Lippen, »der Anfang war gut; da scheint
-einer noch früher aufgestanden zu sein als ich. Da sind ja lauter Dukaten
-drin. Na, vielleicht finde ich den Pechvogel, der den Beutel verloren hat.«
-
-Er steckte die Börse ein und schritt fürbaß; da nahte auf einem Seitenwege
-ein vornehmer Herr, der seine Augen wie suchend auf den Boden heftete.
-
-»Hat der Herr vielleicht etwas verloren?« fragte Hans.
-
-»Ja, freilich,« war die Antwort, »meine rotseidene Börse mit Geld.«
-
-»Hier ist sie,« entgegnete Hans freundlich, »gut, daß ich sie gefunden
-habe.«
-
-»Du bist ein ehrlicher Bursche. Hier hast du eine Belohnung für den Fund.«
-
-Hans aber wehrte ab: »Das hat der Herr nicht nötig, ich habe die Börse ja
-kaum zehn Schritte getragen, dann konnte ich sie schon wieder abliefern.«
-
-Der Fremde plauderte mit Hans noch eine Weile und fragte ihn zuletzt, was
-er sich wohl wünschen würde, wenn ihm seine Wünsche erfüllt werden sollten.
-Dem Burschen schwebte noch immer der Dukatenbeutel vor und so antwortete er
-hastig:
-
-»I, so wollte ich, daß alles mein wäre, was mir heute auf dem Wege nach
-Hirschberg begegnete.«
-
-Da brach der Herr in ein solch schallendes Gelächter aus, daß es die Berge
-im Widerhall zurückgaben, dann rief er:
-
-»Sollst's haben, Hans, sollst's haben. Aber merke wohl: _Wünsche nicht zu
-viel_, sei genügsam!«
-
-Hiermit war der Fremde verschwunden und nun stieg in Hans die Ahnung auf,
-mit wem er gesprochen hatte. Er wandte sich den Bergen zu, zog seinen Hut
-ab und rief:
-
-»Danke schön, Herr Berggeist!«
-
-Wieder erschallte von den Bergen her das Echo eines Gelächters. Hans setzte
-seinen Weg fort. Da fiel plötzlich etwas vor seinen Füßen nieder; er hob es
-auf -- es war derselbe Beutel mit Dukaten, den er heute schon einmal
-gefunden hatte.
-
-»Hurra,« schrie Hans auf, »jetzt könnte ich eigentlich umkehren, für das
-viele Geld kann ich mir bequem ein kleines Ackergut kaufen.«
-
-Auf einem Strauche saß ein Fink und sang sein Morgenlied nach der Melodie,
-welcher das Volk den Text unterlegt: »Reit zu Schitzkebier«; er setzte sich
-sogleich auf Hansens Schulter und blieb dort sitzen. Hans freute sich über
-den munteren Gesellen, denn er hatte alle Tiere lieb.
-
-Aus einer Hecke kroch ein Kätzchen hervor, schmiegte sich schnurrend an
-seine Beine und ging ihm nach, während ein großer zottiger Hofhund ihn
-bellend umwedelte. Da kamen auf der Straße drei schwerbeladene Erntewagen
-herangefahren; auf der Höhe des letzten saßen die Schnitter und hielten auf
-einer Stange den Erntekranz, dessen bunte Bänder in der Luft flatterten.
-
-»Juchhei,« jubelte Hans, »nun bin ich ein reicher Mann, jetzt habe ich Geld
-zum Hauskauf, Hund und Katze und einen Vogel, der mir seine Lieder singt,
-und nun gar noch Pferde und Wagen und Getreide, das ich nicht einmal
-ausgesäet habe. Was wird die Mutter dazu sagen, wenn ich heimkomme!«
-
-Er hatte gerade ausgeredet, da kam von einer andern Straße her ein Wagen,
-hochbepackt mit Hausgeräten aller Art, und folgte dem Zuge, der immer
-länger wurde. Da kamen Knechte und Mägde, den neuen Herrn grüßend, ein Hirt
-trieb eine stattliche Herde Rinder, ein Schäfer einen großen Stamm fetter
-Schafe einher. Außerdem folgten ihm alle Hühner, Enten, Gänse und Tauben,
-welche sich auf seinem Wege befanden, einige Pfauhühner marschierten vor
-ihm und ein Pfauhahn schlug ihm zu Ehren sein schillerndes, stolzes Rad.
-
-Das war ein Blöken, Wiehern, Brüllen, Schnattern, Krähen, Singen, Zanken
-und Raufen, daß man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte.
-
-Jetzt wurde Hirschberg sichtbar, Hans ließ seinen Besitz an sich
-vorüberziehen; als blutarmer Bursche war er ausgezogen und als Großbauer
-und reicher Mann kehrte er in seine Heimat zurück. Wie das aber so oft im
-Menschenleben vorkommt, so erging es auch Hans: die Mahnung: »Wünsche nicht
-zuviel« war in seinen Ohren verklungen. Das gesättigte Herz begehrte den
-Überfluß. Nun wollte er erst vor den Toren Hirschbergs umkehren, um alles
-zu gewinnen, was ihm bis dahin begegnen würde.
-
-Unterwegs fand er noch einen funkelnden, goldenen Ring. Er steckte ihn an
-den Finger und blieb ein Weilchen vor dem Stadttore stehen, um zu sehen, ob
-nicht noch etwas käme. Da kam ein Mädchen auf ihn zu, häßlich wie die
-Nacht, alt, zahnlos, verwachsen, mit geröteten Augen und rief hell
-auflachend:
-
-»Juchhei, jetzt kommt mein langersehnter Bräutigam. Und den Trauring hast
-du auch schon am Finger. Beeile dich nur, der Herr Pfarrer erwartet uns
-schon zur Trauung in der Kirche.« Hans sträubte sich und dachte bei sich:
-»Wie kannst du ein Weib deiner Mutter zuführen, welches älter ist als
-diese?« -- Sie aber hielt seine Hand in der ihren, an der ein ganz
-ähnlicher Ring saß.
-
-»Lieber Hans,« sprach sie, »es ist gar nicht hübsch von dir, daß du so
-lange zögerst. Bin ich auch nicht hübsch, so bin ich doch eine tüchtige
-Wirtin. Du bist in den Besitz eines großen Hausrates gekommen und verstehst
-von der Bauernwirtschaft gar wenig. Deine kranke Mutter will ich hegen und
-pflegen und schaffen, daß unser Hausstand sich mehre.«
-
-Hans stand eine Weile stumm da. Durch seinen Kopf ging die warnende Mahnung
-Rübezahls: »Wünsche nicht zuviel!« Er hatte sie überhört und nun gab es
-kein Zurück mehr.
-
-Er kratzte sich hinter dem Ohr, machte gute Miene zum bösen Spiel, gab
-seiner Zukünftigen die Hand und sprach:
-
-»Wenn's denn durchaus sein muß, so wollen wir den Pfarrer nicht länger
-warten lassen.«
-
-Da sah sie ihn freundlich an und sprach: »Danke, lieber Hans, du sollst es
-nicht zu bereuen haben.«
-
-So wurden sie in der Kirche getraut und unter dem Jubel des Gesindes zogen
-sie mit ihren Wagen und Gerätschaften nach einem Dorfe, welches Hans noch
-unbekannt war. Dort kauften sie sich einen Bauernhof und brachten die
-mitgebrachte Habe unter der umsichtigen Leitung der Hausfrau in kurzer Zeit
-in Ordnung.
-
-Hans gewann sein Weib schon am ersten Tage lieb und an jedem andern noch
-lieber. Sie fuhren nun zu Hansens Mutter, um sie abzuholen. Diese wollte
-sich jedoch gar nicht daran gewöhnen, daß ihr schmucker Junge eine so alte,
-häßliche Frau bekommen hatte. Sie konnte daher der Schwiegertochter kein
-freundliches Gesicht machen. Diese nahm das nicht übel, da sie wußte, von
-Hans geliebt zu werden. Als Mutter Bärbel aber sah, daß ihre
-Schwiegertochter Liese fleißig und unermüdlich im Haushalte tätig war und
-ihr selbst in ihrer Krankheit mit Handreichungen zur Seite stand, so fand
-sie sich zuletzt darein.
-
-Ein Jahr später lag in der großen Holzwiege, deren Bretter mit allerhand
-Blumenverzierungen bemalt waren, ein prächtiger Junge, der aus
-Leibeskräften schrie. Mit ihm war die Freude im Hause vollkommen geworden
-und Bärbel schaukelte oft unter dem Gesange eines Schlummerliedchens die
-Wiege hin und her, um den kleinen schreienden Enkelsohn zu beruhigen und in
-süßen Schlummer zu wiegen.
-
-So war der Jahrestag der Hochzeit gekommen. Fröhlich saßen die drei
-beieinander, als Liese zu sprechen begann:
-
-»Ja, heut' vor einem Jahre habe ich etwas Seltsames erlebt, aber ich darf
-es nicht sagen, ehe es mir erlaubt wird.«
-
-Hans wurde neugierig und auch Bärbel wollte das Geheimnis wissen, aber
-Liese blieb fest.
-
-Da klopfte es plötzlich ans Fenster und draußen stand -- der fremde Herr
-vom vorigen Jahr und sprach:
-
-»Nun, Hans, siehst du nun, wie töricht es von dir war, zuviel zu wünschen?
-Hättest du meinen Worten Gehör geliehen, dann wärest du nicht zu einem
-solch häßlichen Weibe gekommen. Aber willst du sie nicht mehr, dann will
-ich dich von der Plage sogleich befreien.«
-
-»Um keinen Preis,« schrie Hans entsetzt, »wie bin ich froh, daß Ihr sie mir
-gabt. Sie hat uns erst das Glück und die rechte Zufriedenheit ins Haus
-gebracht. Und dann seht einmal unsern Prachtbuben an, bei dem müßt Ihr Pate
-stehen, ich bitte Euch recht sehr darum.«
-
-»Na, ihr Leutchen,« war die Antwort, »nun habe ich euch genug geneckt. Die
-Patenschaft nehme ich an. Du, Liese, kannst deine Geschichte vom vorigen
-Jahr erzählen.«
-
-Damit entschwand er. Dann schloß Hans das Fenster und drehte sich um, um
-mit seiner Frau zu sprechen, doch er prallte zurück. War die blitzsaubere
-Frau mit den rosigen Wangen und den treublickenden Augen, die den
-zappelnden Buben auf ihren Armen hielt, Liese? Als sie anfing zu sprechen,
-da war es ihre Stimme und nun erzählte sie ihre Geschichte.
-
-»Schau, Hans, vor einem Jahre sah ich gerade so aus, wie du mich jetzt
-siehst. Ich war ein eitles Ding, das sich auf seine Schönheit viel
-einbildete und alle Leute über die Schulter ansah. Meine Eltern waren mir
-zeitig gestorben, ich war wohlhabend und besaß dieses schöne Gut. An dem
-Sonntagmorgen, heute vor einem Jahre, ging ich auf die Wiese, um mir ein
-Sträußchen Wiesenblumen zum Vorstecken zu pflücken, denn die anderen
-Mädchen trugen Gartenblumen zu ihrem Kirchenstaat und ich mußte doch etwas
-Besonderes haben. Ich steckte mein Sträußchen ans Mieder, lief zu einem
-kleinen Teiche, welchen der Wiesenbach bildete, und betrachtete mich sehr
-wohlgefällig. Mein Bild gefiel mir über die Maßen, ich drehte und wandte
-mich nach allen Seiten und konnte mich gar nicht genug wundern über die
-Schönheit meiner Gestalt. Auf einmal erscholl hinter mir ein lautes
-Gelächter. Ich drehte mich um und erblickte einen Fremden und machte ihm
-ein gar böses Gesicht.
-
->Na, na, Jungfer,< rief er spöttisch, >entstelle sie doch ihr Lärvchen
-nicht so. Vorher sah die Narrheit in den Teich hinein, jetzt schaut die
-Bosheit aus dem Gesicht heraus.<
-
-Auf solche Grobheiten stemmte ich die Arme in die Seiten und schrie:
-
->Was fällt Euch ein, Ihr einfältiger Tropf? Was geht's Euch an, wenn ich
-mich im Wasser beschaue? Ich weiß, daß ich weit und breit im Gebirge als
-die >schöne Liese< bekannt bin. Was habt Ihr Euch um mich zu kümmern?<
-
-Plötzlich reckte sich vor mir eine riesengroße Gestalt auf mit langem,
-wehendem Haar und Bart und eine Donnerstimme ertönte:
-
->Du hoffärtiges Ding, nun wirst du wohl merken, mit wem du es zu tun hast.
-Von heute ab sollst du die Gestalt annehmen, welche deine Hoffart straft.
-Statt der >schönsten< sollst du als >die häßlichste Liese weit und breit im
-Gebirge bekannt< sein. Gehe hin an das Tor von Hirschberg. Wenn du dort
-einen Burschen deiner wartend findest, so soll er sofort dein Mann werden.
-Sagst du aber einem Menschen je ein Wörtchen von dem, was hier geschehen
-ist, dann erhältst du nie deine frühere Gestalt wieder. Bringst du es aber
-durch Demut, Fleiß und Geduld dahin, daß dich dein Mann behalten will trotz
-deiner Häßlichkeit, dann sollst du deine Schönheit wiedererlangen. Gelingt
-dir das nicht, so mag dich dein Mann fortschicken und ich werde dich
-mitnehmen.<
-
-Damit verschwand er. Ich war entsetzt bei dem Gedanken an mein Schicksal.
-Laut jammernd warf ich mich in das Gras, aber ich mußte gehorchen. Am Tore
-zu Hirschberg wartete ich auf dich. Was habe ich dich bedauert, Hans, daß
-du ein solches Schreckbild zur Frau nehmen solltest. Nun hat sich alles zum
-Besten gekehrt.«
-
-Niemand war froher über Liesens Verwandlung als ihre Schwiegermutter. Als
-Hans und Liese miteinander auf der Straße gingen, da riefen die Leute: »Die
-schöne Liese ist wieder da!« --
-
-Als nun der kleine Sohn getauft werden sollte, blieb der Taufpate Rübezahl
-aus. Hans öffnete das Fenster, um nach ihm zu sehen, denn nur wenige
-Minuten fehlten noch an der festgesetzten Zeit. Da erhob sich ein
-Wirbelwind und wehte ein Päckchen in die Stube, darauf stand: »Der Herr vom
-Berge sendet seinem lieben Patchen dies Taufgeschenk zum freundlichen
-Gedenken.« Den Inhalt bildeten lauter neue Dukaten.
-
-Hans und Liese haben Rübezahl nicht wiedergesehen, wohl aber der kleine
-Johannes. Ihm hat der Berggeist viel Gutes erwiesen sein Leben lang.
-
-
-
-
-14. Fischbach.
-
-
-Unweit des Riesengebirges liegt ein schönes Tal, auf dessen Höhenrändern
-sich zwei hohe Granitkegel erheben. Das Volk nennt sie Falkenberge und die
-geschwätzige Sage weiß zu erzählen, daß dort vor alten Zeiten eine Burg
-stand. Dort hauste einst der gefürchtetste Raubritter des Landes, Herr
-Wesso, genannt »der Falk vom Berge«. Nichts war vor seinen Falkenaugen
-verborgen. Wenn die Kaufleute mit ihren Wagen und Waren zu den Märkten
-zogen oder die Bauern ihr sauer erworbenes Getreide zur nächsten Stadt
-fuhren, dann machte der Wächter von hoher Warte durch ein Sprachrohr seine
-Meldung; im Nu waren Roß und Reisige zur Stelle und nun ging's im sausenden
-Galopp zu Tal. Schnell vollzog sich die Plünderung der Wagen und
-beutebeladen kehrten die räuberischen Spießgesellen auf ihre Burg zurück.
-Die Beute wurde wieder verkauft und von dem Erlöse schmausten und zechten
-Ritter und Mannen und führten bei Gesang und Würfelspiel ein lustiges
-Leben.
-
-Eines Abends saß der Ritter wieder beim Gelage. Aber seine Stimmung schien
-sehr getrübt zu sein. Gesenkten Blickes saß er in seinem Lehnstuhle und
-achtete nicht auf die Fröhlichkeit seiner zechenden Genossen. Diese
-spotteten darüber, aber er tat, als höre er sie nicht. Auch den vollen
-Humpen, den man ihm zum Trinken darreichte, verschmähte er. Als sich
-wiederum ein höhnendes Gelächter erhob, stand der Ritter auf und ein wilder
-Blick machte die Spötter stumm.
-
-Da trat eilig ein Knappe herein und meldete, daß auf der Straße von
-Schmiedeberg her ein schwer beladener Wagen in Sicht sei, der sicher eine
-wertvolle Ladung mit sich führe. Mit wildem Geschrei sprangen die
-Raubritter vom Gelage auf und griffen zu ihren Schwertern. Nur Wesso erhob
-sich nicht und sah wie teilnahmslos den dahinstürmenden, rauhen Gesellen
-nach. Nun war es still in dem weiten Gemach. Wesso blickte traurig vor sich
-hin. Heute war der Todestag seiner Mutter. Das Andenken an sie hatte ihn
-ernst gestimmt: darum kam heute kein Tropfen über seine Lippen, darum hatte
-er nicht mit einstimmen können in die Zechlieder seiner Genossen, darum
-hatte er nicht wie sie zu Schwert und Rüstung gegriffen. Das Bild seiner
-Mutter in ihrer Sanftmut und Milde trat vor seine Seele; wie oft hatte sie
-ihm die goldenen Worte der Schrift an das Herz gelegt: »Selig sind die
-Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen, selig sind die
-Sanftmütigen, die Friedfertigen.« Hatte er in seinem Leben sich an ihr Wort
-und ihren Wandel gehalten? Oh, wie oft war er über die Reisenden
-hergefallen, hatte sie um Hab und Gut und Leben gebracht und unsägliches
-Herzeleid ihren Familien angetan! War das Barmherzigkeit, Sanftmut,
-Friedfertigkeit!
-
-Mit raschem Schritt verließ er den Saal, befahl dem Knappen, schnell sein
-Roß zu satteln und griff nach seinem Schwerte. In wenigen Minuten stürmte
-er den Berg hinab zu der Schar seiner Ritter und Reisigen.
-
-»Gebt den Gefangenen frei!« rief er diesen laut entgegen, als er einen Mann
-gebunden zwischen den Pferden sah. »Laßt ihn ziehen, oder ihr sollt meinen
-Arm fühlen!«
-
-Die Raubritter murrten, aber Wesso stand in so hohem Ansehen bei ihnen, daß
-sie nicht zu widersprechen wagten und die Bande des gefesselten Kaufmanns
-lösten. Bleich und zitternd sank dieser zu Boden. Eine tiefe Wunde war am
-Halse sichtbar und Blut bedeckte seinen Körper.
-
-Mitleidsvoll beugte sich Wesso über das Gesicht des Unglücklichen und es
-war ihm so, als flüstere ihm eine sanfte Stimme in die Ohren: »Selig sind
-die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.« »Tragt den Mann
-auf euren Armen nach meiner Burg hinauf; dort soll er gepflegt und gewartet
-werden. Auch den Wagen bringt hinauf. Wer es aber wagt, Hand an sein
-Eigentum zu legen, der soll es mit mir zu tun haben.«
-
-Grollend und finsteren Antlitzes folgten ihm die Ritter. »Der Falke mausert
-sich,« höhnten einige. »Seit wann ist es denn Sitte geworden, die Feinde in
-die Burg einzuladen und die edlen Ritter rauh und hochmütig zu zwingen, daß
-sie ihren Gegnern Hilfe leisten?«
-
-Schweigend und ohne auf die übermütigen Worte der Raubritter zu achten,
-ritt Wesso in die Burg ein. Nun wurde dafür gesorgt, daß die Kisten mit den
-Waren des Kaufmanns sicher und wohl aufbewahrt wurden, der Verwundete aber
-erhielt eine gute Pflege in einem der Gemächer des Ritters. Oft überzeugte
-sich dieser selbst von dem Zustande des Kranken und behandelte seine Wunde
-wie im Gleichnis der barmherzige Samariter tat an dem Reisenden, der unter
-die Mörder gefallen war.
-
-Wochen vergingen, ehe der Kranke genas und seine Reise weiter fortsetzen
-konnte. Seine Waren ließ der Ritter auf einen Wagen laden und schenkte ihm
-obendrein noch zwei seiner kräftigsten Pferde, damit er schneller vorwärts
-käme und sein Ziel früher erreichte.
-
-Aber die Spießgesellen des Ritterz grollten ihm wegen seiner Großmut. Ihm
-hatten sie es zu verdanken, daß ihnen die reiche Beute entgangen war. Nun
-sannen sie auf Rache.
-
-Einer der Hauptgegner Wessos war der Herzog Bolko. Zu dessen Heerbann
-gingen sie über und veranlaßten ihn, die Falkenburg zu erstürmen und den
-Ritter gefangen zu nehmen. Das geschah. Eines Abends sah Wesso die Feinde,
-welche einige Tage seine Burg belagert hatten, die Mauer ersteigen und
-Feuerbrände in den Schloßhof werfen. Noch gab es einen Ausweg, einen
-unterirdischen Gang. Diesen betrat der Ritter, während die Flammen schon
-auf den Dächern der Schloßgebäude leuchteten.
-
-Verlassen und verraten von seinen Freunden, irrte der Flüchtige durch das
-Dunkel der Nacht. Da vernahm er Tritte; schon wollte er sich, in der
-Befürchtung auf seine Feinde zu stoßen, hinter einen Busch verstecken, als
-eine Stimme ihn anredete. Die Sprache kam ihm bekannt vor und bald erkannte
-er beim Scheine der Fackel, welche der Sprecher trug, den Kaufmann, welcher
-in Fischertracht vor ihm stand.
-
-»Kommt mit mir in meine arme Hütte, Herr Ritter.« begann er zu reden, »sie
-wird Euch sicher Schutz und Obdach gewähren. Seit jenem Tage, da Ihr mich
-aus Eurer Burg geheilt entließet, hat mich das Unglück verfolgt. Ich bin
-ein armer Mann geworden und lebe hier als Fischer. Kommt, bei mir seid Ihr
-sicher vor Verfolgungen.«
-
-Mit Freuden nahm Wesso das Anerbieten an. Nach einer kurzen Wanderung lag
-die Hütte vor ihren Augen. Der Fischer bereitete seinem Gaste ein kräftiges
-Abendessen und unterhielt sich eine Weile mit ihm, bis dem Ritter infolge
-der Aufregungen seiner Flucht die Augen zufielen. Auf ein weiches Lager
-gebettet, fiel er in einen langen, erquickenden Schlaf.
-
-Als Wesso am andern Morgen erwachte, war der Fischer verschwunden. Er
-suchte ihn in allen Winkeln und rief ihn bei seinem Namen, aber nirgends
-war er zu finden. Da begann der Ritter, um sich seinen Unterhalt zu
-verdienen, sich des Fischfanges zu befleißigen. Die Mannen des Herzogs
-hatten seine Burg zerstört und waren abgezogen. Nun durfte er sich mehr aus
-seinem Versteck wagen, um als Fischer seine Beute feilzubieten. Er konnte
-zeitweise bei der allgemeinen Nachfrage nicht genug Fische liefern, obwohl
-jeder Fang eine große Menge Fische einbrachte.
-
-So lebte er eine Zeitlang friedlich dahin, aber eine gewisse Sehnsucht nach
-seinem früheren Leben konnte er in seinem Herzen nie unterdrücken. Wie gern
-hätte er wieder sein streitbares Roß bestiegen, wie gern die Angelrute mit
-dem Schwerte vertauscht!
-
-Eben war wieder der Todestag seiner Mutter und schwere Gedanken bewegten
-Wessos Herz. Am Rande des Bächleins sitzend, senkte er traurig seine
-Angelrute in das Wasser. Da zuckte es plötzlich am Haken und ein Fisch von
-ungewöhnlicher Länge hing daran, den er nur mit der größten
-Kraftanstrengung ans Land zu ziehen vermochte. Er mußte tief in den Bach
-hineinwaten, um den Fang herauszuholen. Aber was für ein wunderbarer Fisch
-hing an dem Haken! Er war von gediegenem Golde und nun erst wurde es dem
-Ritter klar, daß jener Kaufmann, dem er einst das Leben gerettet hatte,
-niemand anders, als der Berggeist des Riesengebirges, Rübezahl, gewesen
-sei.
-
-Nun war er wieder reich. Er verließ die kleine Fischerhütte und baute ein
-schönes Schloß an derselben Stelle, wo sein Zufluchtsort, die kleine
-Fischerhütte, gestanden hatte. Mitten im Walde erhob sich bald die Burg des
-Ritters; er gab ihr einen hohen Turm und mächtige Wälle und nannte sie zur
-Erinnerung an den goldenen Fisch, den er im Bache gefangen hatte,
-Fischbach.
-
-Um die Burg bauten sich im Tale Ansiedler an und wer heute zur schönen
-Sommerszeit das Riesengebirge bereist, wird niemals verfehlen, auch das
-herrlich gelegene, berühmt gewordene Fischbach aufzusuchen.
-
-
-
-
-15. Meister Meckerling.
-
-
-In der Stadt Landshut in Schlesien lebte ein Schneidermeister, namens
-Samuel Meckerling. Sein Name war weit über das Weichbild der Stadt hinaus
-bekannt, denn er galt für einen der geschicktesten Meister weit und breit
-und es kam nicht selten vor, daß Edelleute, hohe Beamte und Gelehrte in
-seinem Hause abstiegen und die Anfertigung ihrer Kleider bestellten. Einen
-Fehler aber besaß der geschäftige Meister. Er pflegte von den kostbaren
-Stoffen, aus welchen er die Kleider zuschnitt und anfertigte, immer einige
-Stücken in die »Hölle« wandern zu lassen, das heißt für sich zu verwerten.
-Auch kam es wiederholt vor, daß er gröbere Stoffe an Stelle der ihm
-übergebenen feineren verarbeitete.
-
-Einst hielt ein herrschaftliches Geschirr vor seinem Hause und diesem
-entstieg ein vornehmer Herr. Meckerling sprang von seinem Schneidertisch,
-ging vor die Tür und begrüßte mit tiefer Verbeugung den Fremden.
-
-»Was verschafft mir, gnädiger Herr, die Ehre Eures Besuches?« redete er ihn
-mit gewandten Worten an.
-
-»Ich wünsche von Euch innerhalb drei Tagen von diesem Tuche einen Rock
-angefertigt zu haben. Gebt Euch rechte Mühe; er soll mein Staatsrock werden
-und es wird für Euch kein Schaden sein, wenn das Werk den Meister lobt.«
-
-Meister Meckerling betrachtete mit Wohlgefallen den kostbaren Stoff und
-machte sich daran, an der Gestalt des Fremden Maß zu nehmen. Da wiegte er
-seinen Kopf wie bedenklich hin und her und sagte:
-
-»Der Stoff wird nicht reichen, gnädiger Herr, aus solchem kurzen Stück kann
-ich den Rock, wie Ihr ihn wünscht, nicht anfertigen. Es fehlen noch fast
-zwei Ellen.«
-
-Der Fremde aber, welcher wußte, daß er zwei Ellen zu viel beim Tuchhändler
-gekauft hatte, antwortete nicht, sondern ging aus dem Hause. Als ihm
-Meckerling das Geleit gab, verabschiedete er sich mit den kurzen Worten:
-»In drei Tagen also wird mein Diener den fertigen Rock von Euch abholen.«
-
-So geschah es. Ein reichbetreßter Diener erschien, nahm den Rock in Empfang
-und bezahlte die Rechnung.
-
-Meckerling lachte sich ins Fäustchen, als er die blanken Taler einstrich.
-
-»Das war ein feines Geschäft,« murmelte er vor sich hin, »einen honetten
-Kunden mehr, eine reichliche Bezahlung und obendrein noch zwei Ellen des
-kostbaren Stoffes für die >Hölle<.«
-
-Es war Sommer geworden und Meister Meckerling beschloß, drüben im
-Böhmerlande seinen Bruder zu besuchen. Für die Schneiderei ist der Sommer
-die stillste Zeit, darum war es ihm möglich, einen Ausflug zu unternehmen.
-
-Frisch und fröhlich ging er seinen Weg über das Gebirge. Da stand plötzlich
-an einer engen Stelle der Straße ein Reiter vor ihm, der ihn am Weitergehen
-hinderte. Von Kopf bis zu den Füßen war er feuerrot gekleidet und auf
-seinem Hute prangte eine lange rote Feder. Sein Reittier bestand in einem
-riesigen schwarzen Ziegenbock mit zwei gewaltigen Hörnern.
-
-»Nun, ehrsamer Meister Meckerling, das trifft sich ja herrlich,« schrie der
-Rote, in welchem jener mit Schrecken seinen Kunden, den Edelmann, erkannte.
-»Liegen denn noch die zwei Ellen gestohlenen Stoffes von meinem Rock in
-Eurer Hölle? Ihr werdet mir gewiß davon mancherlei zu erzählen haben. Also
-kommt, schwingt Euch auf meinen Ziegenbock, ich habe wenig Zeit.«
-
-Da fiel der Schneider in die Knie und hob flehentlich seine Hände auf. »Ach
-Herr,« jammerte er, »macht keinen Ernst mit Euren Worten. Ich will Euch
-alles gern wieder ersetzen, was ich veruntreut habe.«
-
-»Aufsitzen!« befahl wütend der Reiter, der kein anderer als Rübezahl war,
-»oder ich schleudere dich den Abgrund hinunter, daß du kein Glied mehr
-fühlst.«
-
-Da faßte Meckerling in seiner Angst in das zottige Fell des Bockes, um sich
-auf seinen Rücken zu schwingen. Aber in demselben Augenblick erhob sich das
-Tier und nun schwebte der dürre Schneider angsterfüllt zwischen Himmel und
-Erde und flog sausend durch die Luft. Mit einem steinerweichenden Schrei
-bat er flehentlich den lachenden Reiter, ihn wieder zur Erde zu befördern.
-
-Endlich setzte ihn der Bock ab. Aber es war finster geworden und der arme
-Tropf befand sich in einer wildfremden Gegend. Über Stock und Stein, durch
-Dornen und Dickicht, durch Moor und Sumpf stapfte er dahin, bis er endlich
-erschöpft auf der breiten Fahrstraße anlangte. Mit zerrissenen Kleidern,
-ermatteten Gliedern und gedemütigtem Herzen traf er endlich wieder in
-seiner Behausung ein.
-
-Der Lustritt aber hatte den Schneider geheilt. Nun wurde er ehrlich und
-legte vor seiner Hölle für alle Zeiten ein Schloß. Das wurde allenthalben
-bekannt und Meister Meckerling ein wohlhabender Mann.
-
-
-
-
-16. Gräfin Cäcilie.
-
-
-Nach allen diesen Geschichten ließ der Berggeist lange Zeit nichts wieder
-von sich hören. Zwar trug sich das Volk mit allerlei Wundergeschichten,
-welche die Einbildung der Hausmütter in geselligen Winterabenden so lang
-und fein ausspann als den Faden am Rocken; es war eitel Fabelei, zur
-Kurzweil ausgedacht. Der Gräfin Cäcilie war die letzte Begegnung mit dem
-Berggeiste vorbehalten, bevor er seine letzte Hinabfahrt in die Unterwelt
-antrat.
-
-Diese Dame, mit allerlei Gicht und Gebrechen beladen, machte nebst zwei
-gesunden, blühenden Töchtern die Reise nach Karlsbad. Die Mutter verlangte
-so sehr nach der Badekur und die Fräuleins nach den Lustbarkeiten des
-Bades, daß sie sonder Rast Tag und Nacht reisten. Es traf sich, daß sie
-gerade mit Sonnenuntergang ins Riesengebirge gelangten. Es war ein
-wunderbar schöner, warmer Sommerabend, kein Lüftchen regte sich. Der
-nächtliche Himmel mit funkelnden Sternen besät, die goldene Mondsichel,
-deren milchfarbenes Licht die schwarzen Waldschatten der hohen Fichten
-milderte, und die beweglichen Funken unzähliger, leuchtender Johanniskäfer,
-die in den Gebüschen schwirrten, gaben die Beleuchtung zu einer der
-schönsten Naturbilder, wiewohl die Reisegesellschaft wenig davon wahrnahm;
-denn Mama war, da es gemächlich bergan ging, von der schaukelnden Bewegung
-des Wagens in sanften Schlummer gewiegt worden und die Töchter nebst der
-Zofe hatten sich jede in ein Eckchen gedrückt und schlummerten gleichfalls.
-Nur dem wachsamen Johann kam auf der hohen Warte des Kutscherbockes kein
-Schlaf in die Augen; alle Geschichten von Rübezahl, die er vor Zeiten so
-gespannt angehört hatte, kamen ihm jetzt auf dem Schauplatz dieser
-Abenteuer wieder in den Sinn und er hätte wohl gewünscht, nie etwas davon
-gehört zu haben. Ach, wie sehnte er sich nach dem sicheren Breslau zurück,
-wohin sich nicht leicht ein Gespenst wagte! Er sah schüchtern auf alle
-Seiten umher und durchlief mit den Augen oft alle zweiunddreißig Richtungen
-der Windrose in weniger als einer Minute, und wenn er etwas ansichtig
-wurde, das ihm bedenklich schien, so lief ihm ein kalter Schauer den Rücken
-herunter und die Haare stiegen ihm zu Berge. Zuweilen ließ er seine
-Besorgnisse den Schwager Postillion merken und forschte mit Fleiß von ihm,
-ob's auch geheuer sei im Gebirge. Wiewohl ihm dieser nun die heile Haut
-durch einen kräftigen Fuhrmannsschwur versicherte, bangte ihm doch das Herz
-unablässig.
-
-Nach einer langen Pause der Unterredung hielt der Postkutscher die Pferde
-an, murmelte etwas zwischen den Zähnen und fuhr weiter, hielt nochmals an
-und wechselte so verschiedentlich. Johann, der seine Augen fest geschlossen
-hatte, ahnte nichts Gutes, blickte schüchtern auf und sah mit Entsetzen in
-der Weite eines Steinwurfs vor dem Wagen eine pechrabenschwarze Gestalt
-daherwandeln von übermenschlicher Größe mit einem weißen spanischen
-Halskragen angetan, und das Bedenklichste bei der Sache war, daß der
-Schwarzmantel keinen Kopf hatte.
-
-Hielt der Wagen, so stand der Wanderer still und regte Wipprecht die Pferde
-an, so ging er auch weiter. »Schwager, siehst du was!« rief der zaghafte
-Tropf vom hohen Kutschbock herab mit berganstehendem Haar.
-
-»Freilich seh' ich was,« antwortete dieser ganz kleinlaut; »aber schweig'
-nur, daß es nichts merkt.«
-
-Johann waffnete sich mit allen Stoßgebetlein, die er wußte und schwitzte
-dabei vor Angst kalten Todesschweiß. Und wie ein Blitz, wenn's in der Nacht
-wetterleuchtet und der Donner noch in der Ferne rollt, schon das ganze Haus
-rege macht, um sich durch die Gemeinschaft mit den Hausbewohnern vor der
-gefürchteten Gefahr zu sichern, so suchte aus dem nämlichen Trieb der
-verzagte Diener Trost und Schutz bei seiner schlummernden Herrschaft und
-klopfte hastig ans Fenster. Die erwachende Gräfin, unwillig, daß sie aus
-ihrem sanften Schlummer gestört wurde, fragte: »Was gibt's?«
-
-»Ihro Gnaden, schaun Sie einmal aus,« rief Johann mit zagender Stimme,
-»dort geht ein Mann ohne Kopf.«
-
-»Dummkopf, der du bist,« antwortete die Gräfin, »was träumt deine Phantasie
-für Fratzen! Und wenn dem so wäre,« fuhr sie scherzhaft fort, »so ist ja
-ein Mann ohne Kopf keine Seltenheit, es gibt deren in Breslau und außerhalb
-genug.«
-
-Die Fräuleins konnten indessen den Witz der gnädigen Mama diesmal nicht
-schmackhaft finden, ihr Herz war beklommen vor Schrecken, sie schmiegten
-sich schüchtern an die Mutter an, bebten und jammerten: »Ach, das ist
-Rübezahl, der Bergmönch!«
-
-Die Dame aber, die an keine Geister glaubte, strafte die Fräuleins dieser
-spießbürgerlichen Vorurteile halber, bewies, daß alle Gespenster- und
-Spukgeschichten Ausgeburten einer kranken Einbildungskraft wären, und
-erklärte die Geistererscheinungen samt und sonders aus natürlichen
-Ursachen.
-
-Ihre Zunge war eben in vollem Gange, als der Schwarzmantel, der auf einige
-Augenblicke dem Gespensterspäher aus dem Auge geschwunden war, wieder aus
-dem Busch hervor auf den Weg trat. Da war nun deutlich wahrzunehmen, daß
-Johann falsch gesehen hatte; der Wandersmann hatte allerdings einen Kopf,
-nur daß er ihn nicht wie gewöhnlich zwischen den Schultern, sondern wie
-einen Schoßhund im Arme trug. Dieses Schreckbild in der Weite von drei
-Schritten erregte innerhalb und außerhalb des Wagens großes Entsetzen. Die
-holden Fräuleins und die Zofe, welche sonst nicht gewohnt war, mit
-einzureden, wenn ihre junge Herrschaft das Wort führte, taten aus einem
-Munde einen lauten Schrei, ließen den seidenen Vorhang herabrollen, um
-nichts zu sehen und verbargen ihr Angesicht wie der Vogel Strauß, wenn er
-dem Jäger nicht mehr entrinnen kann. Mama schlug mit stummem Schrecken die
-Hände zusammen. Johann, auf den der furchtbare Schwarzmantel es besonders
-abgesehen zu haben schien, erhob in der Angst des Herzens das gewöhnliche
-Feldgeschrei, womit die Gespenster begrüßt zu werden pflegen: »Alle guten
-Geister loben Gott den Herrn!« Doch ehe er ausgeredet hatte, schleuderte
-ihm das Ungetüm den abgehauenen Kopf gegen die Stirn, daß er von seinem
-hohen Sitz herabstürzte; in dem nämlichen Augenblicke lag auch der
-Postkutscher durch einen kräftigen Keulenschlag zu Boden gestreckt und die
-Erscheinung keuchte aus hohler Brust in dumpfen Ton diese Worte aus: »Nimm
-das von Rübezahl, dem Herrn des Gebirges, daß du ihm ins Gehege fuhrst!
-Verfallen ist mir Schiff, Geschirr und Ladung.« Hierauf schwang sich das
-Gespenst auf den Sattel, trieb die Pferde an und fuhr bergab, bergan, über
-Stock und Stein, daß vor dem Rasseln der Räder und dem Schnauben der Rosse
-von dem Angstgeschrei der Damen nichts hörbar war.
-
-Urplötzlich vermehrte sich die Gesellschaft um eine Person; ein Reiter
-trabte ganz unbefangen neben dem Fuhrmann vorbei und schien es gar nicht zu
-bemerken, daß diesem der Kopf fehle; er ritt vor dem Wagen her, als wenn er
-dazu gedungen wäre. Dem Schwarzmantel schien diese Gesellschaft eben nicht
-zu behagen, er lenkte nach einer andern Richtung um, der Reiter tat
-dasselbe und so oft auch jener aus dem Weg bog, so konnte er den lästigen
-Geleitsmann nicht los werden, der wie zum Wagen gebannt war. Das nahm den
-Fuhrmann groß wunder, besonders da er deutlich wahrnahm, daß der Schimmel
-des Reiters einen Fuß zu wenig hatte, obgleich die dreibeinige Rosinante
-übrigens ganz schulgerecht trabte. Dabei wurde dem schwarzen Wagenlenker
-auf dem Sattelgaule nicht wohl zumute und er fürchtete, seine
-Rübezahlsrolle dürfte bald ausgespielt sein, da der wahre Rübezahl sich ins
-Spiel zu mischen schien. --
-
-Nach Verlauf einiger Zeit drehte sich der Reiter um, so daß er dicht neben
-den Fuhrmann kam, und fragte ihn ganz traulich: »Landsmann ohne Kopf, wo
-geht die Reise hin?«
-
-»Wo wird's hingehen,« antwortete das Kutschergespenst mit furchtsamem
-Trotz, »wie Ihr seht, der Nase nach.«
-
-»Wohl!« sprach der Reiter, »laß sehen, Gesell, wo du die Nase hast!«
-
-Darauf fiel er den Pferden in die Zügel, packte den Schwarzmantel beim Leib
-und warf ihn so kräftig zur Erde, daß ihm alle Glieder dröhnten; denn das
-Gespenst hatte Fleisch und Bein, wie jeder Mensch. Behend war der Betrüger
-entkleidet; da kam ein wohlgeformter Krauskopf zum Vorschein, der gestaltet
-war wie ein gewöhnlicher Mensch. Weil sich nun der Schalk entdeckt sah und
-die schwere Hand seines Gegners fürchtete, auch nicht zweifelte, der Reiter
-sei der leibhaftige Rübezahl, den er nachzuäffen sich unterfangen hatte,
-ergab er sich auf Gnade und Ungnade und bat flehentlich um sein Leben.
-
-»Gestrenger Gebirgsherr,« sprach er, »habt Erbarmen mit einem
-Unglücklichen, der die Schläge des Schicksals von Jugend auf erfahren hat,
-der nie sein durfte, was er wollte, der jederzeit aus dem Stand mit Gewalt
-herausgestoßen wurde, in den er sich mit Mühe hineingearbeitet hatte, und
-nachdem sein Aufenthalt unter den Menschen vernichtet ist, auch nicht
-einmal Gespenst sein darf.«
-
-Diese Anrede war ein Wort zu seiner Zeit. Der Berggeist war gegen seinen
-Doppelgänger so ergrimmt, daß er ihn erdrosselt haben würde, wenn nicht
-seine Neugierde rege gemacht worden wäre, die Schicksale des Abenteurers zu
-vernehmen.
-
-»Sitz' auf, Gesell,« sprach er, »und tu, was dir geheißen wird.« Darauf zog
-er vorerst dem Schimmel den vierten Fuß zwischen den Rippen hervor, trat an
-den Schlag, öffnete diesen und wollte die Reisegesellschaft freundlich
-begrüßen.
-
-Aber drinnen war's stille wie in einer Totengruft; der übermäßige Schrecken
-hatte die Insassen so gewaltsam erschüttert, daß alle, von der gnädigen
-Frau bis auf die Zofe, in ohnmächtigem Hinbrüten dalagen. Der Reiter wußte
-indessen bald Rat zu schaffen; er schöpfte aus dem vorüberrieselnden
-Bächlein einer frischen Bergquelle seinen Hut voll Wasser, sprengte den
-Damen davon ins Gesicht, hielt ihnen das Riechfläschchen vor, rieb ihnen
-mit der duftenden Flüssigkeit die Schläfe und brachte sie wieder ins Leben.
-Sie schlugen eine nach der andern die Augen auf und erblickten einen
-wohlgestalteten Mann von unverdächtigem Aussehen, der durch seine
-Dienstbeflissenheit sich bald Zutrauen erwarb.
-
-»Es tut mir leid, meine Damen,« redete er sie an, »daß Sie in meinem
-Gerichtsbezirk von einem vermummten Bösewicht belästigt worden sind, der
-ohne Zweifel die Absicht hatte, Sie zu bestehlen; aber Sie sind in
-Sicherheit, ich bin der Oberst von Riesental. Erlauben Sie, daß ich Sie zu
-meiner Wohnung geleite, die nicht fern von hier ist.«
-
-Diese Einladung kam der Gräfin sehr gelegen, sie nahm solche mit Freuden
-an; der Krauskopf bekam Befehl, fortzufahren und gehorchte mit zagender
-Bereitwilligkeit. Um den Damen Zeit zu lassen, sich von ihrem Schrecken zu
-erholen, gesellte sich der Oberst wieder zum Fuhrmann, hieß ihn bald
-rechts, bald links wenden und dieser bemerkte ganz deutlich, daß der Ritter
-zuweilen eine von den herumschwirrenden Fledermäusen zu sich berief und ihr
-geheime Befehle erteilte, was sein Grausen noch vermehrte.
-
-In Zeit von einer Stunde blinkte in der Ferne ein Lichtlein, daraus wurden
-zwei und endlich vier; es kamen vier Jäger herangesprengt mit brennenden
-Fackeln, die ihren Herrn, wie sie sagten, ängstlich gesucht hatten und
-erfreut schienen, ihn zu finden. Die Gräfin war nun wieder in vollem
-Gleichmute und da sie sich außer Gefahr sah, dachte sie an den ehrlichen
-Johann und war um sein Schicksal bekümmert. Sie eröffnete ihrem Schutzherrn
-dieses Anliegen, der alsbald zwei von den Jägern fortschickte, die beiden
-Unglückskameraden aufzusuchen und ihnen benötigten Beistand zu leisten.
-Bald darauf rollte der Wagen durchs düstere Burgtor in einen geräumigen
-Vorhof hinein und hielt vor einem herrlichen Palast, der ganz erleuchtet
-war. Der Oberst bot der Gräfin den Arm und führte sie in die Prachtgemächer
-seines Hauses in eine große Gesellschaft ein, die daselbst versammelt war.
-Die Fräuleins befanden sich in keiner geringen Verlegenheit, daß sie in
-Reisekleidern in eine so glänzende Gesellschaft traten, ohne vorher die
-Kleider gewechselt zu haben.
-
-Nach den ersten Höflichkeitsbezeigungen gruppierte sich die Gesellschaft
-wieder in verschiedene kleine Kreise. Einige setzten sich zum Spiel, andere
-unterhielten sich durch Gespräche. Das Abenteuer wurde viel beredet und,
-wie es bei Erzählung überstandener Gefahren gewöhnlich der Fall ist, zu
-einem kleinen Heldengedicht ausgebildet, in welchem Mama sich gern die
-Rolle der Heldin zugeteilt hätte, wenn sich das Riechfläschchen des
-hilfreichen Ritters hätte beseitigen lassen. Bald darauf führte der
-aufmerksame Wirt einen Mann ein, der recht wie gerufen kam; es war ein
-Arzt, der nach dem Gesundheitszustande der Gräfin und ihrer schönen Töchter
-forschte, den Puls prüfte und mit bedeutender Miene mancherlei bedenkliche
-Anzeichen ahnte. Obwohl sich die Dame so wohl als möglich befand, so machte
-ihr doch die angedrohte Gefahr für das Leben bange; denn aller
-Leibesbeschwerden ungeachtet, war ihr der gebrechliche Körper noch so lieb
-wie ein langgewohntes Kleid, das man nicht gern entbehrt, ob es gleich
-abgetragen ist. Auf Verordnung des Arztes verschluckte sie Pulver und
-Tropfen, und die gesunden Töchter mußten wider Willen dem Beispiel der
-besorgten Mutter folgen.
-
-Allzu nachgiebige Patienten machen strenge Ärzte; die ärztlichen
-Verordnungen waren kaum befolgt, so begab man sich zur Tafel in den
-Speisesaal, wo ein königliches Mahl aufgetischt wurde. Die Schenktische
-waren mit Silberwerk aufgeputzt; es prangten da goldene und übergoldete
-Pokale und riesige Willkommen nebst den dazugehörigen Schalen von
-getriebener Arbeit. Eine herrliche Musik tönte aus den Nebenzimmern und
-flötete den leckerhaften Schmaus und die feinen Weine den Gästen lieblich
-hinunter. Nach Entfernung der Schüsseln ordnete der Speisemeister den
-bunten Nachtisch, der aus Bergen und Felsen von gefärbtem Zucker bestand.
-Das ganze Abenteuer der Gräfin war in niedlichen Figuren, wie sie auf den
-Tafeln der Großen zu prangen pflegen, abgebildet. Die Gräfin unterließ
-nicht, das alles in der Stille bei sich bewundernd zu beherzigen. Sie
-wendete sich an ihren Stuhlnachbar, seiner Angabe nach einen böhmischen
-Grafen, fragte neugierig, was für ein Festtag hier gefeiert werde, und
-erhielt zur Antwort, daß nichts Außerordentliches vorgehe, es sei nur eine
-freundschaftliche Begegnung von guten Bekannten, die hier zufälligerweise
-zusammenträfen. Es nahm sie wunder, von dem wohlhabenden, gastfreien
-Obersten von Riesental weder in noch außerhalb Breslau je ein Wort gehört
-zu haben, und so emsig sie auch die Namen durchlief, wovon ihr Gedächtnis
-einen reichen Vorrat aufbewahrte, konnte sie doch diesen Namen darunter
-nicht ausfindig machen. Sie gedachte das von dem Wirt selbst zu erforschen
-und begehrte von ihm Aufschluß und Belehrung; aber dieser wußte ihr so
-geschickt auszuweichen, daß sie nie mit ihm zum Zwecke kam. Geflissentlich
-riß er diesen Faden ab und zog die Unterredung in die lustigen Räume des
-Geisterreiches hinüber.
-
-Einer der Gäste wußte viel wundersame Geschichten von Rübezahl zu erzählen;
-man stritt für und wider die Wahrheit derselben; die Gräfin zog gegen das
-Dasein des Geistes sehr zu Felde.
-
-»Meine eigene Geschichte,« so sprach sie, »ist ein augenscheinlicher
-Beweis, daß alles, was man von dem erwähnten Berggeiste sagt, leere Träume
-sind. Wenn er hier im Gebirge sein Wesen hätte und die edlen Eigenschaften
-besäße, die ihm Fabler und müßige Köpfe zueignen, so würde er einem
-Schurken nicht gestattet haben, solchen Unfug auf seine Rechnung mit uns zu
-treiben. Aber das armselige Unding von Geist konnte seine Ehre nicht retten
-und ohne den edelmütigen Beistand des Herrn von Riesental hätte der freche
-Bube sein Spiel so weit mit uns treiben können, als er Lust hatte.«
-
-Der Herr vom Hause hatte an diesen Gesprächen bisher wenig Anteil genommen;
-jetzt aber mischte er sich ins Gespräch und nahm das Wort:
-
-»Sie haben, gnädige Frau, mit vielem Geschick versucht, das
-Nichtvorhandensein des Berggeistes mit mancherlei Gründen zu beweisen.
-Dennoch dünkt mich, ließen sich gegen Ihren letzten Beweis noch einige
-Einwürfe machen. Wie, wenn der fabelhafte Gebirgsgeist bei Ihrer Befreiung
-aus der Hand des entlarvten Räubers dennoch mit im Spiel gewesen wäre? Wie,
-wenn es ihm gefallen hätte, meine Gestalt anzunehmen, um Sie unter dieser
-unverdächtigen Maske in Sicherheit zu bringen, und wenn ich Ihnen sagte,
-daß ich von dieser Gesellschaft, als Wirt vom Hause, mich nicht einen Fuß
-breit entfernt habe, daß Sie durch einen Unbekannten in meine Wohnung
-eingeführt worden sind, der nicht mehr vorhanden ist? Sonach wär's doch
-möglich, daß der Berggeist seine Ehre gerettet hätte, und daraus würde
-folgen, daß er nicht ganz das Unding wäre, wofür Sie ihn halten.«
-
-Diese Rede brachte die Gräfin einigermaßen aus der Fassung und die schönen
-Fräuleins legten vor Erstaunen die Gabel aus der Hand und sahen dem
-Hausherrn starr ins Angesicht, um ihm aus den Augen zu lesen, ob das im
-Scherz oder im Ernst gesagt sei. Die weitere Erörterung unterbrach die
-Ankunft des wieder aufgefundenen Bedienten und des Postkutschers. Der
-letztere war ebenso beglückt beim Anblick seiner vier Rappen im Stalle, wie
-der erstere, als er frohlockend ins Tafelgemach eintrat und daselbst seine
-Herrschaft vergnügt und wohlbehalten antraf. Triumphierend trug er das
-ungeheure Riesenhaupt des Schwarzmantels einher, durch welches er wie von
-einer Bombe zu Boden geschmettert worden war. Das Haupt wurde dem Arzte
-übergeben, um es zu begutachten. Doch erkannte er es bald für einen
-ausgehöhlten Kürbis, der mit Sand und Steinen angefüllt und durch den
-Zusatz einer hölzernen Nase und eines langen Flachsbartes zu einem
-abschreckenden Menschenantlitz aufgestutzt war.
-
-Nach aufgehobener Tafel ging die Gesellschaft auseinander, da der Morgen
-bereits herandämmerte. Die Damen fanden ein köstlich zubereitetes
-Nachtlager in seidenen Prunkbetten, wo sie der Schlaf so geschwind
-überraschte, daß die Einbildungskraft nicht Zeit hatte, ihnen die
-Schreckbilder der Gespenstergeschichte wieder vorzugaukeln und ängstliche
-Träume anzuspinnen. Es war hoch am Tage, als Mama erwachte, der Zofe
-klingelte und die Fräuleins weckte, die gern noch einen Versuch gemacht
-hätten, in den weichen Federn auch auf dem andern Ohr zu schlafen. Allein
-die Gräfin verlangte so sehr, die Heilkräfte des Bades aufs baldigste zu
-versuchen, daß sie durch keine Einladung des gastfreien Hauswirtes zu
-bewegen war, einen Tag zu verweilen, so gern auch die Fräuleins dem Ball
-beigewohnt hätten, den er ihnen zu geben verhieß. Sobald das Frühstück
-eingenommen war, schickten sich die Damen zur Abreise an. Gerührt durch die
-freundschaftliche Aufnahme, die sie in dem Schlosse des Herrn von Riesental
-genossen hatten, der auf die höflichste Art bis an die Grenzen seines
-Gebietes ihnen das Geleite gab, beurlaubten sie sich mit der Verheißung,
-auf der Rückkehr wieder einzusprechen.
-
-Kaum war Rübezahl in seiner Burg angelangt, so wurde der Krauskopf ins
-Verhör geführt, der unter Furcht und Erwartung der Dinge, die da kommen
-würden, die Nacht in einem unterirdischen Keller zugebracht hatte.
-
-»Elender Erdenwurm,« redete ihn der Geist an, »was hält mich ab, daß ich
-dich nicht zertrete für die in meinem Eigentum mir zu Spott und Hohn
-verübte Gaukelei? Büßen sollst du mir mit Haut und Haar für diese
-Frechheit.«
-
-Der Krauskopf hielt eine lange Rede und suchte sein Verhalten mit seinen
-unglücklichen Lebensschicksalen zu beschönigen. Das stimmte den Berggeist
-milder und er sprach:
-
-»Geh, Schurke, so weit dich deine Füße tragen und ersteig den Gipfel deines
-Glücks am Galgen!« Hierauf verabschiedete er seinen Gefangenen mit einem
-kräftigen Fußtritte, und dieser war froh, daß er mit einer so gelinden
-Strafe abkam und pries seine Beredsamkeit, die seiner Meinung nach ihn
-diesmal aus einer sehr mißlichen Lage gezogen hatte. Er beeilte sich, dem
-gestrengen Gebirgsherrn aus den Augen zu kommen.
-
-Die Gräfin Cäcilie war indessen mit ihrer Begleitung glücklich und
-wohlbehalten in Karlsbad angelangt. Das erste, was sie tat, war, den
-Badearzt zu sich zu berufen und ihn, wie gewöhnlich, über ihren
-Gesundheitszustand und die Einrichtung der Kur zu befragen. Da trat herein
-der weiland hochberühmte Arzt Doktor Springsfeld aus Merseburg, für welchen
-das Bad eine Goldquelle war.
-
-»Seien Sie uns willkommen, lieber Doktor,« riefen Mama und die holden
-Fräuleins ihm traulich und freundlich entgegen.
-
-»Sie sind uns zuvorgekommen,« fügte erstere hinzu, »wir vermuteten Sie noch
-bei dem Herrn von Riesental; aber loser Mann, warum haben Sie uns dort
-verschwiegen, daß Sie der Badearzt sind?«
-
-Der Arzt stutzte, sann lange hin und her und erinnerte sich nicht, die
-Damen irgendwo gesehen zu haben.
-
-»Ihro Gnaden verwechseln ohne Zweifel mich mit einem andern,« sprach er,
-»ich habe vorher nicht die Ehre gehabt, Ihnen persönlich bekannt zu sein;
-der Herr von Riesental gehört auch nicht zu meiner Bekanntschaft, und
-während der Kurzeit pflege ich mich nie von hier zu entfernen.«
-
-Die Gräfin konnte keinen anderen Grund von dieser Verstellung, welche der
-Arzt so ernsthaft behauptete, sich geben, als daß er für die geleistete
-Dienste nicht wollte belohnt sein. Sie erwiderte lächelnd: »Ich verstehe
-Sie, lieber Doktor; Ihr Zartgefühl geht aber zu weit; es soll mich nicht
-abhalten, mich für Ihre Schuldnerin zu bekennen und für Ihren guten
-Beistand dankbar zu sein.«
-
-Sie nötigte ihm darauf eine goldene Dose mit Gewalt auf, die der Arzt
-jedoch nur als Vorausbezahlung annahm und, um die Dame als eine gute
-Kundschaft nicht unwillig zu machen, widersprach er ihr nicht weiter. Er
-erklärte sich übrigens das Rätsel ganz leicht durch die Annahme, daß die
-ganze gräfliche Familie von einer Art Kribbelkrankheit befallen sei, wobei
-seltsame und unbegreifliche Wirkungen der Einbildungskraft nichts
-Ungewöhnliches sind, und verordnete allerlei Mittel.
-
-Doktor Springsfeld suchte sich seinen Patienten lieb und angenehm zu
-machen; er wußte seine Kunden mit artigen Geschichtchen, Stadtneuigkeiten
-und kleinen Anekdoten wohl zu unterhalten und ihre Lebensgeister dadurch
-aufzumuntern. Da er vom Besuch der Gräfin seine Ronde ging, gab er die
-sonderbare Begegnung mit der neuen Kundschaft in jedem Krankenzimmer zum
-besten, ließ bei der oftmaligen Wiederholung die Sache unvermerkt wachsen
-und kündigte die Dame bald als eine Kranke, bald als Seherin an. Man war
-begierig, eine so außerordentliche Bekanntschaft zu machen, und die Gräfin
-Cäcilie wurde in Karlsbad das Märchen des Tages. Alles drängte sich zu ihr,
-da sie mit ihren schönen Töchtern zum erstenmal erschien. Es war ihr und
-den Fräuleins ein höchst überraschender Anblick, die ganze Gesellschaft
-hier anzutreffen, in welche sie vor einigen Tagen in dem Schlosse des Herrn
-von Riesental eingeführt worden waren. Der böhmische Graf fiel ihnen zuerst
-in die Augen. Sie waren der steifen Formen überhoben, gegen Unbekannte sich
-zu beknicksen; es war für sie kein fremdes Gesicht im Saale. Mit
-freimütiger Unbefangenheit wendete sich die gesprächige Dame bald zu dem,
-bald zu jenem von der Gesellschaft, nannte jeden bei seinem Namen und
-Titel, sprach viel vom Herrn von Riesental, bezog sich auf die bei diesem
-gastfreien Manne mit ihnen allerseits gepflogenen Unterredungen und wußte
-sich nicht zu erklären, was das fremde und kalte Betragen aller der Herren
-und Damen bedeuten sollte, die vor kurzem so viel Freundschaft und
-Vertraulichkeit gegen sie geäußert hatten. Natürlich geriet sie auf den
-Wahn, das sei eine abgeredete Sache, und der Herr von Riesental würde der
-Schäkerei dadurch ein Ende machen, daß er unvermutet selbst zum Vorschein
-käme.
-
-Alle diese Reden bewiesen nach der Meinung der Badegesellschaft so sehr
-eine überspannte Einbildung, daß sie samt und sonders die Gräfin
-bemitleideten, die nach dem Urteil aller Anwesenden eine sehr vernünftige
-Frau zu sein schien und in ihren Reden und dem Gange der Gedanken nichts
-Ausschweifendes verriet, wenn ihre Einbildung nicht den Weg über das
-Riesengebirge nahm. Die Gräfin ihrerseits erriet aus den bedeutsamen
-Gesichtszügen, Winken und Blicken der um sie her versammelten Herrschaften,
-daß man sie schief beurteilte und daß man wähnte, ihre Krankheit habe sich
-aus den Gliedern ins Hirn versetzt. Sie glaubte, die beste Wiederlegung
-dieses kränkenden Vorurteils sei die aufrichtige Erzählung ihres Abenteuers
-auf der schlesischen Grenze. Man hörte sie mit der Aufmerksamkeit, mit der
-man ein Märchen anhört, das auf einige Augenblicke angenehm unterhält,
-davon man aber kein Wort glaubt.
-
-»Wunderbar!« riefen alle Zuhörer aus einem Munde und sahen bedeutsam den
-Doktor Springsfeld an, der verstohlen die Achsel zuckte und sich gelobte,
-die Patientin nicht eher aus seiner Pflege zu entlassen, bis das heilende
-Wasser des Bades das abenteuerliche Riesengebirge aus ihrer Einbildung rein
-weggespült haben würde. Das Bad leistete indessen alles, was der Arzt und
-die Kranke davon erwartet hatten. Da die Gräfin sah, daß ihre Geschichte
-wenig Glauben fand und sogar ihren gesunden Menschenverstand verdächtig
-machte, so redete sie nicht mehr davon und Doktor Springsfeld unterließ
-nicht, dieses Schweigen den Heilkräften des Bades zuzuschreiben, das doch
-auf eine ganz andere Art gewirkt und die Gräfin aller Gichten und
-Gliederreißen entledigt hatte.
-
-Nachdem die Badekur beendigt war, die schönen Fräuleins sich genug hatten
-bewundern lassen, den lieblichen Weihrauch der Schmeichelei reichlich
-eingeatmet und sich satt und müde getanzt hatten, kehrten Mutter und
-Töchter nach Breslau zurück. Sie nahmen mit gutem Vorbedacht den Weg wieder
-durchs Riesengebirge, um dem gastfreien Obersten Wort zu halten und bei der
-Rückreise bei ihm vorzusprechen; denn von ihm hoffte die Gräfin Auflösung
-des ihr unbegreiflichen Rätsels, wie sie zur Bekanntschaft der
-Badegesellschaft gelangt sei, die sich so wildfremd gegen sie gebärdete.
-Aber niemand wußte den Weg nach dem Schlosse des Herrn von Riesental
-nachzuweisen, noch war der Besitzer zu erfragen, dessen Name sogar weder
-diesseits noch jenseits des Gebirges bekannt war. Dadurch wurde die
-verwunderte Dame endlich überzeugt, daß der Unbekannte, der sie in Schutz
-genommen und beherbergt hatte, kein anderer gewesen sei als Rübezahl, der
-Berggeist. Sie gestand, daß er das Gastrecht auf eine edelmütige Art an ihr
-ausgeübt hätte, verzieh ihm seine Neckerei mit der Badegesellschaft und
-glaubte nun von ganzem Herzen an das Dasein des Geistes, obgleich sie um
-der Spötter willen Bedenken trug, ihren Glauben vor der Welt offenbar
-werden zu lassen.
-
-Seit dieser Begegnung mit der Gräfin Cäcilie hat Rübezahl nichts mehr von
-sich hören lassen. Er kehrte in seine unterirdischen Staaten zurück, und da
-bald nach dieser Begebenheit der große Erdbrand ausbrach, der Lissabon und
-nachher Guatemala zerstörte, so fanden die Erdgeister so viel Arbeit in der
-Tiefe, den Fortgang der Feuerströme zu hemmen, daß sich seitdem keiner mehr
-auf der Oberfläche der Erde hat blicken lassen.
-
-
-
-
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