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-The Project Gutenberg EBook of Yester und Li, by Bernhard Kellermann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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-
-Title: Yester und Li
- Die Geschichte einer Sehnsucht
-
-Author: Bernhard Kellermann
-
-Release Date: July 24, 2012 [EBook #40314]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK YESTER UND LI ***
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-Produced by Jens Sadowski
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-Bernhard Kellermann
-Yester und Li. Roman
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-Meiner Schwester Erika
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-Bernhard Kellermann
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-YESTER und LI
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-Die Geschichte einer Sehnsucht
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-
-3. Auflage
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-BERLIN und LEIPZIG · 1905
-Magazin-Verlag Jaques Hegner
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-Alle Rechte vom Verleger vorbehalten
-Gedruckt in der Spamerschen
-Buchdruckerei zu Leipzig · · ·
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-I.
-
-
-Ginstermann kam spät in der Nacht nach Hause. Es mochte zwei Uhr sein.
-Vielleicht auch drei Uhr. Vielleicht noch später. Er wußte es nicht.
-Langsam, ganz langsam war er durch die Straßen gewandert.
-
-Über den Boden seines Zimmers war ein Schleier von Licht ausgebreitet, der
-leise zitterte, als er die Türe schloß. Der Mond schien durch die Vorhänge.
-Auf den Blechgesimsen pochte es, dumpf, in unregelmäßigen Zwischenräumen,
-wie ein Finger. Es sickerte, rieselte, die Tiefe schluckte. Der Schnee ging
-weg.
-
-Ginstermann machte Licht. Es war ihm, als sei noch eben jemand im Zimmer
-gewesen, als sei er jetzt noch nicht allein. Auf dem Tische lagen seine
-Manuskripte verstreut, wie er sie am Abend verlassen hatte, die
-Kleidungsstücke auf den Stühlen, das Kissen auf der Ottomane in der
-gleichen Lage.
-
-Er blickte zum Fenster hinaus, in den dunklen Hof hinab, er übersah den
-Kram seines Zimmers, die Skizzen an den Wänden. Alles erschien ihm
-sonderbar, rätselhaft, wie von einem Finger berührt, der es veränderte.
-
-Draußen klopften die Tropfen, und es schien, als ob sie eine seltsame
-Sprache redeten. Ein leiser Hauch drang durch die Vorhänge, und auch der
-Hauch schien geheimnisvolle Worte mit sich zu führen.
-
-Wer spricht zu mir? dachte Ginstermann.
-
-Will mir diese Nacht alle Wunder der Welt und meiner Seele zeigen, um mich
-zu verwirren? Alles schwankt und fällt, was eben noch feststand. Alle
-Begriffe sind verworren. Ist es nicht, als sei ich aus langem Schlafe
-erwacht, und folgten mir wunderbare Träume in mein Erwachen?
-
-Wer bin ich? Ich habe vergessen, wer ich bin, und weiß nur, daß ich ein
-anderer bin, als der ich zu sein glaubte.
-
-Und welch geringen Anlasses bedurfte es, um meine Seele zu verwandeln?
-
-Wer aber bist du? daß du solche Macht über mich hast?
-
-Wer aber bist du, daß ich nicht an dir vorübergehen kann wie an anderen
-Menschen . . . . . .
-
-Er sann und sann.
-
-Da wurde es Morgen.
-
-
-
-
-II.
-
-
-Diesen Abend ereignete sich etwas Außergewöhnliches: Ginstermann ging mit
-zwei Damen über die Straße. Mit zwei jungen Damen in eleganten
-Abendmänteln.
-
-Ginstermann, der wochenlang seine vier Wände nicht verließ, den man nie in
-Begleitung sah, den noch niemand mit einer Dame hatte gehen sehen.
-
-Sie kamen von einer Abendunterhaltung, die Kapelli, der Bildhauer, seinen
-Bekannten anläßlich seiner Hochzeit gab. Kapelli, der seit Jahren mit
-seiner Geliebten zusammenlebte, war schließlich, da sie ein Kind
-erwarteten, auf den Gedanken gekommen, sich trauen zu lassen. Ginstermann
-wohnte im gleichen Hause und war mit den Bildhauersleuten befreundet. Die
-Damen gehörten zu Kapellis Kundschaft und waren aus irgend einem Grunde
-eingeladen worden.
-
-Kurz nach zehn Uhr brachen die Mädchen wieder auf. Sie waren kaum eine
-Stunde dagewesen.
-
-Fräulein Martha Scholl hätte noch große Lust gehabt, länger zu bleiben. Sie
-äußerte das in Worten und Mienen. Aber Fräulein Bianka Schuhmacher war
-nicht dazu zu bewegen, trotzdem Kapelli und seine Frau alles aufboten. Sie
-gab vor, sie werde zu Hause erwartet. Vielleicht langweilte sie die
-Gesellschaft auch.
-
-Zur allgemeinen Verwunderung hatte sich Ginstermann erboten, die Damen nach
-Hause zu begleiten.
-
-Sie gingen alle drei langsam, wie vornehme Leute. Die Mädchen dicht
-nebeneinander, er links von ihnen. In gemessenem Abstand, als sei noch eine
-vierte Person da, die unsichtbar zwischen ihm und den Mädchen schreite.
-
-Es sei nicht einmal kalt.
-
-Nein, sehr angenehm sogar.
-
-Und man habe doch erst März. Im März sei es für gewöhnlich noch sehr
-unfreundlich.
-
-Ginstermann erwiderte nichts mehr darauf, und sie schwiegen wieder.
-
-Eine eigentümliche Unruhe erfüllte ihn. Die Ereignisse des Abends hatten
-ihn verwirrt.
-
-Noch immer hörte er die Worte, mit denen er den Mädchen seine Begleitung
-angeboten, in sich klingen. Das war gar nicht seine Stimme gewesen. Wieder
-und wieder sah er sich aufstehen, den Stuhl unter den Tisch schieben und
-Fräulein Bianka Schuhmacher in ihre klugen, durchsichtigen Augen hinein
-fragen, ob es ihnen nicht unangenehm wäre, wenn er mit ihnen ginge. Das war
-alles so unerklärlich rasch und ohne eigenen Willen geschehen. Er erinnerte
-sich, daß seine Hand zitterte, als er ihr beim Anlegen des Abendmantels
-behilflich war: der Stoff dieses Mantels hatte sich so sanft angefühlt wie
-Schnee.
-
-Und dann dieses zufällige Wiedersehen . . .
-
-Da war wiederum Kapellis Atelier, ein Saal nahezu infolge des Meeres von
-Zigarettenrauch und der drei feierlich verschleierten Lampen, mit den
-abgetretenen Teppichen an den Wänden, die wie kostbare Gobelins aussahen,
-den Oleanderstöcken und der Menge Gesichter, deren Augen glänzten. Und er
-trat ein. Verwirrt durch den ungewöhnlichen Anblick, den Kopf noch erfüllt
-von der Arbeit des Tages. Und all die glänzenden Augen richteten sich auf
-ihn, Hände winkten, und man rief seinen Namen. »Bravo, der Einsiedler!«
-
-Da war Kapelli, im schwarzen Festrock, der ihn veränderte, mit dem
-gutmütigen Philistergesicht und den genialen Augen; Frau Trud, lachend wie
-immer, das goldblonde Köpfchen wiegend, eine zinnoberrote Schleife
-vorgebunden; die Faunsmaske des Malers Ritt, das verschwimmende bleiche
-Gesicht der Malerin von Sacken, ganz in Schwarz, eine Tragödie in ihrem
-Lächeln; Knut Moderson, der Karikaturenzeichner, Maler Maurer, der Lyriker
-Glimm, der blonde Goldschmitt und eine Menge anderer noch.
-
-Und da waren zwei junge Damen, die er nicht kannte, und bei denen man ihm
-seinen Platz anwies.
-
-Zwei verdutzte, erstaunte, ihn anstaunende braune Augen, mit
-Goldflitterchen darin, ein Puppengesichtchen, frisch, glänzend wie eine
-Kirsche, Grübchen in den Wangen.
-
-Und daneben zwei kühle, fragende Augen, blaßgrün wie Wasser, die jeden Zug
-seines Gesichtes mit einem Blick aufnahmen, ein feines, nervöses Antlitz,
-gleichsam durchsichtig, wie es Brustleidende haben. Ein Legendenantlitz.
-Und dieses Antlitz hatte er schon gesehen. Hatte er schon gesehen.
-
-Ah -- Kapelli hatte es modelliert. Es war die Büste die er »Seherin«
-genannt hatte. Das waren diese schmalen, halbgeöffneten Lippen, die zögernd
-den Duft von Blüten einzuschlürfen schienen. Und die markierten Schläfen,
-die bebenden, elfenbeinernen Nasenflügel. Wenn sich dieses schmale Antlitz
-zurückneigte, und die großen Augen sich auf ein Ziel in der Ferne hefteten,
-so war es ganz genau die »Seherin«.
-
-Kapelli hatte nicht umsonst seine prächtigen Augen.
-
-Aber dieses Legendenantlitz hatte er früher schon gesehen. Irgendwo, vor
-Jahren vielleicht. Er täuschte sich unmöglich. Und während sie rings von
-Siry sprachen, dem Dichter Siry, der sich vor einigen Wochen erschoß, sann
-er darüber nach, wo er dieses Gesicht schon gesehen hatte.
-
-Und da fiel es ihm ein. Wie ein Blitz durchfuhr es ihn.
-
-Welch ein Zufall! Nun wußte er es.
-
-Das war im Hoftheater, vorigen Winter.
-
-Und er sann . . . . .
-
-Der blonde Goldschmitt, der ewig Lebendige, erzählte irgend etwas. Von
-seinen Fußwanderungen. Vorigen Sommer. Von mittelalterlichen Städtchen, die
-in der Dämmerung versanken und von Kornfeldern, die in der Sonne kochten,
-und vom Meer, das er in einer Sommernacht hatte leuchten sehen. Und vom
-Walde -- ah, vom Walde. Goldschmitt, der Malerdichter. Er sprach nur in
-Superlativen, ebenso seine Mienen. Und fortwährend strich er sich mit den
-Fingern über das strähnige Haar, das von der Stirne bis in den Nacken lief,
-eine einzige Welle. Und Dichter Glimm saß, ohne eine Silbe zu sprechen, die
-Zigarette zwischen den Lippen, durch die Wimpern ins Licht blickend, und
-ließ sich durch Goldschmitts Schilderungen Stimmungen suggerieren.
-
-Dieser Goldschmitt erzählte in der Tat gut. Er sah impressionistisch, immer
-Licht, immer Farbe, ein roter Klecks auf dem Kirchturmdach, und das Bild
-war fertig.
-
-Dazwischen kam Kapelli mit der Zigarettenschachtel und beugte sich über den
-Tisch, so daß ein Büschel grauer Haare über seine Stirne fiel. Wenn er
-sprach, so funkelten die Vokale gleich leuchtenden Steinen, und man
-verspürte Lust, ihn zum Singen aufzufordern.
-
-An den Tischen lärmten und lachten sie, und ewig war Ritts nasale Stimme zu
-hören.
-
-Und Fräulein Scholl hing mit den Blicken an Goldschmitts Lippen und hielt
-die Zigarette mit steifen, ungewohnten Fingern, hier und da Tabak von den
-Lippen nehmend. Sie schüttelte den Kopf, wenn sie lachte, und die Wellen
-ihrer Haare wippten. Diese Haare waren von genau der gleichen Farbe wie
-ihre Augen. Ihre Zähne waren schneeweiß, klein, Puppenzähne, und zuweilen
-blitzte eine goldene Plombe auf. Manchmal unterbrach sie den Erzählenden
-und begann eine ähnliche Schilderung, um mitten darin abzubrechen, da ihr
-der Ausdruck fehlte. Dann blies sie stets eine dünne Rauchwolke in die
-Luft.
-
-Daneben ihre Freundin, reserviert im Wesen. Sie lächelte liebenswürdig. Sie
-rauchte nicht. Sie hielt die Augen auf Goldschmitt gerichtet und brachte
-ihn einigemal in Verwirrung, als er sich ungeschickt ausdrückte. Es war,
-als beobachte sie genau, was um sie vorging, und bilde sich über alles ein
-Urteil. Dazwischen wieder lachte sie herzlich, wie ein Kind, als sei sie
-für einen Augenblick eine andere geworden. Wenn sie sprach, so sprach sie
-schön und ohne Hast. Ihre Stimme erinnerte an die Töne einer Geige, sie war
-weich und gedämpft. Diese Stimme drang tiefer als in die Ohren und erweckte
-das Bedürfnis, sie bei geschlossenen Lidern zu hören. Gleichzeitig klang
-der kühle Stolz einer sich abschließenden Seele aus ihr.
-
-Und er saß und sann.
-
-Wie seltsam es doch ist, dachte er, das Schicksal hat die Menschen an Fäden
-und führt sie zusammen und auseinander und wieder zusammen, je nach seiner
-Laune.
-
-Hier also traf er sie wieder.
-
-Schon angesichts der Büste hatten seine Gedanken hartnäckig eine Erinnerung
-in ihm auszulösen gesucht. Er entsann sich dessen noch deutlich.
-
-Aber nun stand sie klar vor seinen Augen, wie an jenem Abend.
-
-In leuchtend weißem Kleide sah er sie vor sich, auf Marmorstufen stehend,
-mitten im Licht. Und sie hielt die großen Augen auf ihn geheftet, gleichsam
-erstarrt vor Freude. Als sei er ihr Geliebter und nach langer Fahrt über
-ferne Meere unerwartet zurückgekehrt. Er stieg die Stufen zum Foyer hinauf
-und hielt unwillkürlich den Schritt an, betroffen durch den Ausdruck dieses
-Blickes. Und sah sie an.
-
-Das alles währte nicht länger als eine Sekunde. Es war sonderbar, wie ein
-Rätsel.
-
-Sie hatte ihn heute nicht einmal wieder erkannt. Trotzdem war es ihm, als
-ob ihr Blick zuweilen über seine Züge tastete und etwas suchte.
-
-Dann erhoben sich die Damen, und auch er stand auf. Und ohne eigentlich
-daran gedacht zu haben, bot er ihnen seine Begleitung an.
-
-Und nun ging er neben ihnen her.
-
-Und war noch so verwirrt durch die Eindrücke des Abends, daß er kein Wort
-zu sprechen vermochte.
-
-All die vielen Gesichter schwebten ihm noch vor Augen, lächelnd, lachend,
-mit den Augen zwinkernd, er hörte immer noch das Gewirr von Stimmen, und da
-war wieder die verschleierte Lampe, das mit Zigarettenasche bestreute
-Tischtuch, Goldschmitt, Glimm, Fräulein Scholl und daneben Fräulein
-Schuhmacher.
-
-Er sah sie ganz deutlich vor sich. Ihre hellen Augen, ihre schmalen Lippen,
-die leise und vornehm lächelten, ihre Hand. Er hatte noch nie eine solche
-Hand gesehen. Sie erschien ihm wie ein denkendes, selbständiges Wesen.
-
-Und wieder empfand er jenen undefinierbaren Schrecken wie in jenem Moment,
-da er in seinem Gegenüber jene Dame vom Hoftheater entdeckte.
-
-Ah -- das war auch zu sonderbar. Das mochte jetzt über ein Jahr her sein.
-
-Wiederum aber war es ihm unerklärlich, wie ihn dieser alltägliche Zufall in
-derartige Aufregung versetzen konnte. War ihm diese Spannung rätselhaft,
-mit der er jeder Bewegung dieses Mädchens gefolgt war, jeder noch so
-unmerklichen Veränderung dieses durchsichtigen Antlitzes.
-
-Das war absolut nicht mehr die Objektivität, mit der er sonst seine Modelle
-studierte.
-
-Wurde er nicht komisch vor sich selbst, daß er mit den jungen Damen lange
-Straßen entlang ging? Wenn er aber ehrlich sein wollte, so mußte er sich
-gestehen, daß es ihm auf der anderen Seite unangenehm gewesen wäre, hätte
-ein anderer diese Rolle übernommen. Daß es ihm gleichzeitig eine physische
-Befriedigung bereitete, neben dem schlanken Mädchen einherzugehen.
-
-Er dachte an sein verlassenes, dunkles Zimmer, das er liebte nahezu wie
-einen Menschen. Er sah sich bei der Lampe sitzen und schreiben, wie er es
-Tag für Tag, seit zwei Jahren gewohnt war. Er sah seine Manuskripte auf dem
-Tische liegen, mit der großen Rede Rammahs, die er in der Mitte abgebrochen
-hatte, um zu Kapelli hinunterzusteigen. Es erschien ihm töricht, daß er
-seine Arbeit im Stiche gelassen hatte. Kapelli hätte es ihm gewiß nicht
-übel genommen, wenn ihm auch Frau Trud einige Zeit böse gewesen wäre. Nun
-würde er die große Rede, die Rammah, der Gefangene, an die Königin Lehéhe
-zu richten hatte, beendigt haben. Rammah, der seinen Kopf aufs Spiel
-setzte, um noch einmal das Antlitz seiner Geliebten zu sehen.
-
-Und er dachte an Rammah und Lehéhe, die Königin. Und wiederholte sich im
-Geiste die Szene und die Worte, die der Gefangene zuletzt sprach.
-
-Rammah sagte: Gib dem Gefangenen eine Hand voll Ton, er wird das Bildnis
-seines Weibes formen, bei Tag, bei Nacht, in jeder Miene -- so formt ich
-Euer Bildnis, Königin, bei Tag, bei Nacht, aus Wolken, Steinen, Wasser,
-Bäumen, Wind, in jeder Mime, stolz und milde, lächelnd, strahlend, wie ich
-es sah.
-
-Und nun sollte er erzählen, daß ihn seine Qual zu den Mönchen getrieben.
-
-Aber seine Rede verwirrte sich.
-
-Eine unerklärliche Erregung erschütterte Ginstermanns Wesen.
-
-Während er sich diese Worte wiederholte, erschien es ihm, als empfände er
-sie inniger als am Abend, als kämen sie aus dem Tiefsten seines Wesens. Und
-Lehéhe, die Königin, hatte sich verändert. Nicht mehr die orientalischen
-Züge, die schmale gebogene Nase, das blauschwarze glatte Haar, nun trug sie
-die Züge des Mädchens, das ihm zur Seite schritt . . . . .
-
-Ginstermann hüllte sich dichter in den Mantel und gab sich Mühe, auf andere
-Gedanken zu kommen.
-
-Die Gewänder der Mädchen rauschten sanft. Es war ihm, als gingen sie sehr
-rasch. Diese Vorstellung wurde dadurch verstärkt, daß man ihre Schritte
-nicht hörte. Es war frischer Schnee gefallen.
-
-Die Straßen erschienen breiter und öder. Dunkle, unnatürlich große
-Fußspuren liefen über die Trottoire. Die Bogenlampen leuchteten trüb,
-umflimmert von feinem Schneestaub, den ein großes Sieb über sie zu
-schütteln schien. Dunkle Gestalten tauchten lautlos auf, verschwanden
-lautlos. Irgendwohin. Schatten gleich, die die Straßen einer toten Stadt
-durchwandern.
-
-Und sie selbst glichen solchen Schatten.
-
-Ginstermann hatte das peinliche Gefühl, daß die Mädchen auf eine Anrede
-seinerseits warteten. Ja, vielleicht belustigten sie sich über ihn, der
-nichts wußte, als vor sich hinzugrübeln. Es war nicht ausgeschlossen, daß
-Fräulein Scholl ihre Freundin in den Arm kniff und in sich hineinkicherte.
-
-Aber ein Seitenblick überzeugte ihn, daß sie beide in Gedanken versunken
-waren, die nicht in direktem Zusammenhang mit dieser Wanderung standen.
-
-Beide lächelten. Aber dieses Lächeln war grundverschieden. Bei Fräulein
-Schuhmacher hauchte es aus den halbgeöffneten Lippen, bei Fräulein Scholl
-sprühte es in den Wangengrübchen.
-
-Es schien, als denke die eine über etwas Hübsches nach, das in der
-Vergangenheit ruhte, die andere über etwas Hübsches, das aus der Zukunft
-schimmerte.
-
-Fräulein Schuhmacher ging mit geöffneten Augen und blickte zu Boden, als
-beobachte sie das Spiel ihres Schattens, der bald vorauseilte, bald unter
-ihren Schritten durchschlüpfte. Ihr Profil war von vornehmer, reiner Linie.
-Die Stirne gedrückt und eigensinnig. Der Mund der eines Menschen, der wenig
-gelacht und viel gelitten hat.
-
-Fräulein Scholl hielt die Augen geschlossen, und diese geschlossenen Augen
-lächelten.
-
-Während ihre Freundin leicht vornübergebeugt schritt, das Wippen der
-Libelle im Gang, ging sie aufrecht, mit steifem Stolze. Den Kopf etwas auf
-die Brust gesenkt.
-
-Man konnte sie sich gut als würdevolle Dame vorstellen.
-
-Ginstermann sann darüber nach, was er den Damen sagen könne.
-
-Der Wunsch erwachte in ihm, ihnen durch irgend eine Bemerkung aufzufallen.
-
-Er war oftmals nahe daran zu beginnen, aber stets fand er die Bemerkung
-deplaziert oder banal. Die einleitende Bemerkung, einleitende Frage
-forderten sein Lächeln heraus infolge ihrer Ähnlichkeit mit den
-Ballgesprächen in den Witzblättern. Mit nervöser Hast suchte er in seinem
-Kopfe nach einem Gedanken, den er hätte anbringen können. Er hätte sich
-gern geistreich, witzig gezeigt. Er hätte den Mädchen gern etwas mit nach
-Hause gegeben, ein kleines souvenir de Ginstermann, etwas, das sie noch
-beschäftigte, während sie sich entkleideten. Etwas Frappierendes, das sie
-kopfschüttelnd zu fassen suchten, ein schönes Wort, das noch auf der
-Schwelle ihres Schlafes vor ihnen schimmerte.
-
-Aber seine Gedanken schleppten altes Zeug herbei, das einem jeder von den
-Lippen ablas, wenn man es aussprechen wollte. Oder Einfälle, die er früher
-irgendwo geäußert, und suchten ihn zur Kolportage seiner eigenen Gedanken
-zu verführen.
-
-Was sollte er diesen Mädchen sagen?
-
-Sollte er ihnen einen Vortrag halten über die Schuld im modernen Drama,
-über die Phonetik des Dialogs?
-
-Über die seelische Armut eines Mädchens aus guter Familie? Über Bücher,
-Theater, Musik?
-
-Sollte er ihnen die Grimasse der modernen Gesellschaft mit höhnenden
-Strichen skizzieren?
-
-Sollte er ihnen sagen: Meine Damen, so kahl wie dieser Baum hier ist unsere
-Zeit an Schönheit und dem Wunsche nach ihr. Aber es werden Generationen
-kommen, deren Schönheitsdurst so gewaltig sein wird, daß man das
-herrlichste Weib des Landes, nackt, auf geschmücktem Wagen durch die Stadt
-führen wird.
-
-Was sollte er sagen? Sollte er sagen --?
-
-So sehr er sich bemühte, er fand nichts.
-
-Er hatte es verlernt, mit Menschen zu verkehren, mit jungen Damen angenehm
-zu plaudern. Die Jahre seiner Einsamkeit hatten ihm die Lippen
-verschlossen.
-
-Wußte er, was diese Mädchen interessieren konnte?
-
-»Ach, wie entzückend!« tief Fräulein Scholl plötzlich aus und blieb stehen.
-»Ist es nicht herrlich?«
-
-Der Marmorpalast der Akademie lag vor ihnen.
-
-Vom bleichen Lichte des Mondes durchstrahlt, umgeben von dunklen
-Häusermassen, stieg er empor aus wipfelkahlen Bäumen wie ein heiliges
-Denkmal, durch eine Luftspiegelung aus einer herrlichen Welt
-herübergetragen. In seiner mehr denn totenhaften Stille, die nicht mehr das
-Ohr, nur die Phantasie faßte, in seiner sanften Schönheit stand er
-außerhalb alles Irdischen, außerhalb der Zeit, bereit, jeden Augenblick zu
-versinken und trivial-praktische Häuserklumpen zu enthüllen.
-
-Ginstermann wußte: Das ist der Palast eines gewaltigen Königs. Der König
-ist gestorben und liegt aufgebahrt auf dunklem Sarkophage inmitten des
-Palastes. Zu seinen Füßen kauert sein Weib. Pechpfannen umflammen das
-Lager. Und morgen wird der Palast in Flammen stehen, und den Platz werden
-Menschen erfüllen, tränenlos in ihrer Trauer, als ein starkes Volk. Und
-Priester werden das Blut von tausend Kriegern in die rauchenden Trümmer
-gießen, dem Geliebten zu opfern.
-
-»Ist es nicht überwältigend?« flüsterte Fräulein Scholl.
-
-»Es ist schön,« sagte Ginstermann.
-
-Fräulein Schuhmacher streifte ihn mit einem Blicke, wie um die Gedanken zu
-erraten, die er ihnen vorenthielt.
-
-Fräulein Scholl wohnte in der Schackstraße. Sie begleiteten sie bis zur
-Türe, dann gingen sie weiter. Die Leopoldstraße hinunter.
-
- * * * * *
-
-Sie gingen nun allein.
-
-Mit der Entfernung der Freundin war die Last auf Ginstermanns Seele um das
-Doppelte gewachsen.
-
-Seine Verwirrung steigerte sich, und er fühlte, wie er die Herrschaft über
-seine Gedanken verlor. Vergebens strengte er sich an, seine Gefühle zu
-entwirren. Er empfand wiederum den schwindelartigen Zustand, der ihn
-ergriff, als er aufstand, um den Damen seine Begleitung anzubieten.
-Gewohnt, immer Herr der Situation und seiner selbst zu sein, empfand er ihn
-als eine demütigende Peinigung. Es war ihm, als habe man ihn in eine
-Narkose versetzt, gegen die sich seine halbbetäubten Sinne erfolglos
-sträubten.
-
-Gleichsam ohne selbständigen Willen schritt er neben diesem Weibe einher.
-Einem Trabanten ähnlich, der in die Bahn eines mächtigen Sternes geriet.
-Die Seele dieses Weibes hatte sich der seinigen bemächtigt und lockte ihn
-mit der Gewalt ihres Rätsels.
-
-Diese Situation, das Schweigen, aus dem man heraushören konnte, was man
-wollte, wurde ihm unerträglich.
-
-Er richtete sich auf, steckte die Hände in die Manteltaschen, bemüht, sich
-vor sich selbst das Aussehen eines gleichgültigen Menschen zu geben.
-
-Er hörte ihre Schritte über den Boden gleiten, ihre Kleider rauschen, er
-bemerkte jede Bewegung ihres Kopfes, ihrer Hand, ohne jedoch sein volles
-Bewußtsein zurückfinden.
-
-Die Straße war schnurgerade, wie ein Lineal. Blendend weiß in der Nähe, von
-düsterem Rauch erfüllt in der Ferne. Beschneite Pappeln flankierten sie,
-die ihnen in langsamem Zuge entgegenpilgerten.
-
-Dann und wann krauchte ein Schatten heran. Die Helmspitze eines
-Schutzmannes blitzte auf. Eine Katze überschritt geschmeidig die Straße,
-behutsam Pfote um Pfote in den Schnee setzend.
-
-Jeder, der an ihnen vorüberkam, blickte sie an. War es ein Herr, so
-musterte er zuerst seine Begleiterin, dann ihn; war es eine Dame, so galt
-ihm der erste Blick. Alle dachten sich etwas. Sie dachten, es sind
-Liebesleute, die sich gezankt haben und nun still, voneinander entfernt
-ihre Straße gehen. Oder sie dachten, es sind Leute, denen die aufkeimende
-Liebe die Lippen verschließt und schwermütige Gedanken eingibt.
-
-Während seine Sinne dies mechanisch beobachteten, rang seine Seele mit der
-fremden Gewalt, die auf ihn eindrang.
-
-Er wollte froh sein, wenn er wieder allein war. Auf der andern Seite jedoch
-fürchtete er diesen Moment und suchte er nach Möglichkeiten, ihn
-hinauszuschieben. Mit ärgerlichem Schrecken dachte er daran, daß er zum
-ersten und voraussichtlich zum letzten Male neben diesem Weibe ging, das
-seiner Seele nicht gleichgültig war. Und daß er es nicht verstanden hatte,
-diese günstige Lage auszunützen, das Wesen dieses Mädchens zu ergründen,
-und dadurch seine Gedanken vor der peinigenden Gier zu behüten, mit der sie
-ein ungelöstes Rätsel zu umkreisen pflegten.
-
-Da vernahm er plötzlich ihre Stimme.
-
-Er verstand ihre Worte nicht und mußte sich erst ihren Klang ins Gedächtnis
-zurückrufen, bevor er sie erfaßte.
-
-»Kennen Sie denn meine Gedichte?« antwortete er lächelnd, erfreut, daß das
-Stillschweigen gebrochen war.
-
-Sie hatte gesagt: Ich kenne ein Gedicht von Ihnen, Herr Ginstermann, das
-sehr schön ist.
-
-»Ja,« erwiderte sie, »ich habe sie gelesen. Ein Herr machte mich darauf
-aufmerksam. Viele sind mir zu herb, zu bitter, aber dieses eine ist sehr
-schön, und ich empfand das Bedürfnis, Ihnen das zu sagen, bevor wir uns
-trennen. Es heißt: Martyrium.«
-
-»Das war mein erstes, Fräulein Schuhmacher.«
-
-»Ihr erstes?«
-
-»Ja. Ich trottete meine Straße. Da kam es. Ganz von selbst, ich hatte
-früher nie Verse geschrieben.«
-
-Sie schwieg und blickte sinnend zu Boden.
-
-Da erschrak Ginstermann. Diese wenigen Worte erlaubten ihr, eine Menge
-Schlüsse auf sein damaliges Innenleben zu ziehen.
-
-»Der Gedanke ist schön, und das Bild ist schön,« fuhr sie leise fort, »es
-hat einen tiefen Sinn. Ich kenne kein Gedicht, das einen so tiefen Eindruck
-in mir hinterlassen hätte.«
-
-Er wußte, daß dieses Gedicht gut war, zu seinen besten gehörte. Aber keine
-einzige Besprechung hatte es besonders hervorgehoben. Um so seltsamer
-erschien es ihm, daß sie darauf gekommen war.
-
-Das Gedicht war sehr einfach. Ein Mann, der vor einem Weibe in unverhüllter
-Schönheit kniet, bittet es, ihm den Dornenkranz der Liebe, mit dem es ihn
-krönt, tief, tief ins Haupt zu drücken.
-
-»Hier bin ich nun zu Hause,« sagte Fräulein Schuhmacher und blieb stehen.
-
-Sie standen vor einer Villa in modernem Stile, deren originelle Architektur
-Ginstermann schon früher aufgefallen war. Zwei Fenster der ersten Etage
-waren matt erhellt, als läge ein Kranker im Zimmer.
-
-Ginstermann griff an den Hut, da es sich nicht schickt, eine Dame vor der
-Türe noch zu verhalten.
-
-Aber sie schien es nicht zu bemerken.
-
-Ihr Blick ruhte auf seinem Antlitz, und wieder gewann er die Vorstellung,
-als suche sie nach irgend etwas.
-
-»Wir sahen uns übrigens schon einmal,« begann sie von neuem, und ihr Blick
-traf voll den seinigen.
-
-An diesem Blicke erkannte er sie.
-
-Hier ist ein Mensch! dachte er, freudig erschreckend. Er fühlte, wie die
-Erregung in langer Welle durch seinen Körper lief.
-
-Diese Augen waren hell und durchsichtig, als brenne ein Licht hinter ihnen.
-Er wußte, hinter diesen Augen wohnt jemand.
-
-»Ja, im Hoftheater,« erwiderte er, und er lächelte und blickte ihr in die
-Augen. Es erschien ihm, als seien sie langjährige Bekannte.
-
-»Ich verwechselte Sie damals mit jemandem,« fuhr sie fort, und ihre Lippen
-zuckten sonderbar, als unterdrückte sie ein Lächeln.
-
-Er habe das sofort bemerkt.
-
-Fräulein Schuhmacher blickte zum Himmel empor, aus dem große nasse Flocken
-fielen.
-
-»Es taut,« sagte sie, »ich glaube, es wird nun wirklich Frühling.«
-
-Das klang einfach, aber eine krankhafte Sehnsucht nach dem Frühling lag in
-dem Tone ihrer Stimme und den Blicken, mit denen sie die großen Flocken
-verfolgte.
-
-Dann bot sie ihm die Hand, indem sie ihm für die Begleitung dankte. Sie sah
-ihn dabei an, aber es schien, als blickte sie durch ihn hindurch.
-
-Ginstermann entgegnete: »Ich danke, Fräulein Schuhmacher.« Das »Ich«
-betonend.
-
-Sie blickte ihn mit leichter Verwunderung an.
-
-Er aber wiederholte: »Ich danke.« In der gleichen Betonung.
-
-Da drückte sie ihm die Hand, jedoch ohne eine andere Sprache als die der
-Höflichkeit einer modern denkenden Dame.
-
-»Adieu,« sagte sie, »auf Wiedersehn.«
-
-»Adieu,« sagte er.
-
-Sie nickte und ging. Im Augenblick war sie verschwunden.
-
-Ein dunkles, schweres Tor glitt lautlos hinter ihr ins Schloß, lautlos,
-unaufhaltsam.
-
-Ginstermann stand allein auf der Straße. Plötzlich fühlte er, daß es düster
-und kalt war.
-
-Er stand noch eine Weile, dann wandte er sich und machte einige zögernde
-Schritte. Etwas hielt ihn zurück. Und nun blitzte es auf. Sie hatte gesagt:
-auf Wiedersehen. Sie hatte gesagt: auf Wiedersehen. Er hörte ganz deutlich
-ihre geschmeidige, leicht verschleierte Stimme. Aber das allein war es
-nicht.
-
-Er ging wieder auf die Stelle zurück, wo er sich von ihr verabschiedet
-hatte, gleichsam als höre er hier ihre Stimme mit größerer Deutlichkeit in
-seinem Gedächtnis wiederklingen.
-
-Sie hatte das »Wieder« betont. Das war es.
-
-Es war keine Höflichkeitsformel, mechanisch gesprochen. In dieser Betonung
-lag der Wunsch, ihn wiederzusehen und zugleich eine gewisse Freude, ihn
-kennen gelernt zu haben.
-
-Nun erst ging er seiner Wege.
-
-Nach geraumer Zeit bemerkte er, daß er die verkehrte Richtung eingeschlagen
-hatte.
-
-Er machte Kehrt und überschritt, als er sich der Villa näherte, die Straße,
-um nicht gesehen zu werden.
-
-Im Eckzimmer der ersten Etage war Licht. Rötliches, sanftes Licht, das
-durch das geöffnete Fenster wie feiner Dunst in die Straße hauchte.
-
-Er erschrack, ohne zu wissen weshalb, als er es bemerkte.
-
-Da wanderte die Flamme einer Kerze an den dunklen Fenstern der anstoßenden
-Zimmer vorbei und verschwand in dem Zimmer, das matt erleuchtet war.
-
-Ginstermann stand, verborgen im Schatten einer Pappel, und wartete. Er
-wartete lange und in sonderbarer Erregung, als spiele sich in dem Zimmer da
-droben etwas ab, was entscheidend für sein Leben sei. Und doch war es nur
-der Besuch eines Kindes bei seiner Mutter, vor dem Schlafengehen.
-
-Die großen, weißen Flocken fielen langsam auf ihn herab, ihn gleichsam
-durch ihr geheimnisvolles, sanftes Abwärtsgleiten in einen Zustand der
-Betäubung versetzend.
-
-Das Licht erschien wieder und wanderte an den Gardinen vorüber. Aus seinem
-Auf und Ab erkannte er ihren Schritt. Er bildete sich ein, das Schließen
-einer Türe zu vernehmen.
-
-Und nun erschrak er, daß er unwillkürlich tiefer in den Schatten
-zurücktrat.
-
-Sie war ans Fenster gekommen. Und sie blickte genau auf den Baum, der ihn
-verbarg.
-
-Etwas wie eine tödliche Angst packte ihn, sie könne ihn durch den dicken
-Baum hindurch bemerken.
-
-Zum ersten Male sah er, wie schlank sie war!
-
-Endlich wandte sie den Kopf, und er atmete auf.
-
-Sie trat zurück und schloß das Fenster. Er hörte es, als stände er dicht
-darunter, über ihre Hand, die den Knopf drehte, flossen die Vorhänge
-zusammen, und fingen den Schatten ihrer Gestalt auf.
-
-Das Verlangen erfaßte ihn, irgend etwas zu unternehmen, zu rufen, irgend
-etwas zu rufen, nur um sie noch eine Sekunde zurückzuhalten.
-
-Da wurden die Vorhänge licht.
-
-Er ging nach Hause.
-
-
-
-
-III.
-
-
-Ginstermann verlebte die folgenden Wochen in gewohnter Zurückgezogenheit.
-
-Wie früher ließ er sich des Mittags seine Mahlzeit auf das Zimmer bringen,
-um nicht genötigt zu sein, in einem lärmenden Lokal zu speisen und mit
-gleichgiltigen Leuten ein Gespräch führen zu müssen. Nur des Abends, wenn
-die Dämmerung herabsank, und es dunkler war, als wenn alle Lampen in den
-Straßen brannten, verließ er zuweilen das Haus, um einen kurzen Spaziergang
-zu unternehmen. Diese Spaziergänge benutzte er dazu, sich in Gedanken auf
-die Arbeit des Abends vorzubereiten.
-
-Die Ereignisse jenes Abends hatten ihm zu denken gegeben.
-
-Zu nüchterner Vernunft zurückgekehrt, hatte er mit Erstaunen wahrgenommen,
-mit welcher Schnelligkeit er die Herrschaft über seine Seele verloren. Wenn
-er sich daran erinnerte, wie er hinter der Pappel stand und auf das
-schlanke Mädchen am Fenster blickte, so sah er gleichsam einen Fremden vor
-sich, dessen Gebaren er kopfschüttelnd und mitleidig lächelnd beobachtete.
-
-Er erklärte sich diese Erregung als eine Reaktion seines Gehirns, das sich
-seit Jahren in rastloser Tätigkeit befand, immer auf der Flucht vor alten
-und der Jagd nach neuen Gedanken, sich kaum die notdürftigste Ruhe und
-Zerstreuung gönnend.
-
-Jenes unscheinbare Erlebnis war für ihn das gewesen, was für den Nüchternen
-ein Schluck Wein ist, es hatte ihn berauscht. --
-
-Ginstermann hatte früher ein Leben ohne Maß und Ziel gelebt, teils von
-seinen lebendigen Sinnen getrieben, teils von dem Wunsche, den Hunger
-seiner Seele an möglichst vielen Eindrücken zu stillen. Erst seine reisende
-Erkenntnis gebot ihm eine Regulierung seiner Lebensweise, wenn er seine
-Seele nicht durch Erinnerungen überlasten wollte.
-
-Sie riet ihm zur Vorsicht angesichts der Empfindsamkeit seiner Seele, die
-eine Leidenschaft in jungen Jahren noch gesteigert hatte.
-
-Jahre der Einsamkeit und Verinnerlichung ließen Erkenntnisse in ihm reifen,
-die ihm Welt und Menschen in neuem Lichte zeigten.
-
-Er erkannte, daß das, was man im allgemeinen Leben nannte, ärmlich und
-nüchtern war gegen ein Leben in der Phantasie, gegen die Beschäftigung mit
-den ewigen Ideen, die geheimnisvoll die Jahrtausende regieren, das Tun der
-Menschen bestimmen.
-
-Nach und nach war er zur gänzlichen Unfähigkeit gelangt, mit den Menschen
-zu verkehren.
-
-Er verachtete, er bemitleidete sie.
-
-Sie waren ihm zu wenig Luxuswesen, zu wenig Dichter, ohne freie Gefühle,
-ohne den Wunsch nach Flügeln. Ihre Ziele waren klein und kläglich und
-reichten nicht über den Tag hinaus. Die gesicherte Existenz im Himmel hatte
-sie vergessen lassen, daß der Mensch auch auf der Erde etwas zu vollbringen
-hatte.
-
-Seine Geschlechtsgenossen waren ihm nicht sympathisch. Ihre rohen Sinne,
-ihre Lüsternheit, ihre vergiftete Phantasie stießen ihn ab. Die
-Widerstandslosigkeit, mit der sie sich den von der Masse diktierten
-Gesetzen und ihren Trieben unterwarfen, machte sie ihm erbärmlich.
-
-Das Weib schien ihm erst auf einer Durchgangsstufe zum Menschen angelangt
-zu sein. Das Unklare, Vorurteilsvolle, das Spekulierende, das wenig
-Schöpferische, seine Freude an glitzernden Dingen ließen es ihm als ein
-Wesen erscheinen, das um tausend Jahre hinter dem Manne zurück war und sich
-nicht Mühe gab, diesen Vorsprung einzuholen. Es lebte von den Erkenntnissen
-des Mannes, ohne dies einzugestehen und ihm Dank zu wissen, es lebte von
-seiner Seele, ohne ihm etwas dagegen zu geben.
-
-Auf die Suche zu gehen nach einem Gefährten, einer Gefährtin, hatte er
-schon lange aufgegeben, da ihn die Erfahrung lehrte, daß in jedem neuen
-Menschen wieder der alte steckte, dem er mißmutig und gelangweilt den
-Rücken gedreht hatte.
-
-Nicht als ob er in Zeiten geistiger Ebbe nicht unter seiner Vereinsamung
-gelitten hätte. Es geschah manchmal, daß er des Nachts mit fiebernden Augen
-in die wogenden Visionen seiner Phantasie starrte, und gleichzeitig sein
-Herz in ihm vor Hunger und Sehnsucht pochte.
-
-Er war entstanden aus Mann und Weib und deshalb zerklüftet. Er hatte das
-empfindsame, lebensfrohe Gemüt seiner Mutter geerbt und den hochmütigen
-Verstand seines Vaters. Diese beiden, Gemüt und Verstand, lebten in
-ungleicher Ehe. Er pflegte über seine weichen Empfindungen spöttisch zu
-lächeln. Er stand skeptisch jeder Erscheinung gegenüber und entkleidete sie
-des Tandes, mit dem gutmütige Dummköpfe sie geschmückt. Im Grunde seiner
-Natur aber lebte das Bestreben, alle Dinge wiederum zu verklären und mit
-einem Schmucke zu versehen, wie ihn seine Seele liebte.
-
-In den folgenden einsamen Abenden, die ihm eine ruhige Sammlung seiner
-Gedanken erlaubten, gelang es ihm, die Fremdkörper wiederum auszuscheiden,
-die seiner Seele gefährlich zu werden gedroht hatten.
-
-Er machte Nachträge in sein Tagebuch, revidierte seine Aufzeichnungen,
-blätterte in alten Manuskripten, ließ wieder und wieder die ewigen Fragen
-Revue passieren, nach neuen Gesichtspunkten, neuen Perspektiven suchend.
-
-Indem er die Entwicklung seines inneren Menschen überblickte, erkannte er
-mit Deutlichkeit, daß sein Weg in die Höhe führte. Abgründe lagen zwischen
-ihm und der Welt. Und alle Brücken waren gefallen. Er hatte ihre Irrtümer
-und Götzen überwunden.
-
-Mit Genugtuung bemerkte er, daß er gewachsen war, seit er sich das letzte
-Mal sah, daß seine Seele fortfuhr, ihr Licht in die Finsternis zu
-schleudern.
-
-Und mit dieser Erkenntnis kam frischer Mut über ihn und neuer Stolz. Ein
-ungestümer Schaffensdrang erfüllte sein Wesen. Fiebernd vor Schaffensfreude
-und Finderglück verbrachte er seine Tage und Nächte.
-
-Draußen schneite und stürmte es. Es war ihm gleichgültig, ob das Jahr
-vorwärts oder rückwärts ging.
-
-Der Vorfall von neulich entwich in weite Fernen und verlor an Leben und
-Bedeutung. Das schlanke Mädchen tauchte nur dazwischen in seinen Gedanken
-auf und versuchte ihn mit großen, schimmernden Augen zu bannen. Aber sie
-brachten ihm keine Gefahr mehr. Blick und Farbe erloschen, sobald er es
-wollte.
-
-Und nur, wenn sein Gehirn müde war von langer Arbeit, stieg der Wunsch in
-ihm auf, das Mädchen wiederzusehen, sich zu erfreuen am Klange dieser
-Stimme, der Klarheit dieser Augen. Aber des Morgens erwachte er stets
-heiter, sorglos und ohne Wünsche.
-
-Der Wert jenes Weibes verringerte sich keineswegs in seiner Vorstellung. Er
-war überzeugt, daß sie einen reiferen, höheren Typus repräsentierte, als
-ihre Schwestern, die er kannte.
-
-»In seinem Herzen jedoch wohnte die Sehnsucht nach einem Weibe hinter den
-Sternen. Singe hieß sie, das ist: ich bin nicht.«
-
-Seine Gefühle gehörten den Gestalten, die er schuf, seine Gedanken gehörten
-ihnen.
-
-Seine Seele gehörte seiner Arbeit, seinem Ziele.
-
-
-
-
-IV.
-
-
-Es war nun wirklich Frühling geworden.
-
-Finsternis und Rauch des Winters waren verschwunden, und die Kälte vorüber,
-die einem wie eine Katze ins Genick sprang, wenn man das Haus verließ.
-
-Über den Häusern wölbte sich ein wolkenloser Himmel gleich einer ungeheuren
-Flagge von blaßblauer Seide. Weiche, laue Luft hauchte durch die Straßen.
-Die Stadt erschien wie aus einem klaren, duftenden Bade gestiegen.
-
-Die Trottoire waren reingefegt von Sand und Schlacke, erfüllt von
-Spaziergängern. Jeder, dem es möglich war, ging zu Fuß, um die herrliche
-Luft und die wärmende Sonne zu genießen. Man trug Kleider von hellerer
-Farbe, und aus den Herzen der Menschen war der Mißmut entwichen, den der zu
-Ende gehende Winter erzeugt. Aus ihren Augen spiegelte der junge blaue
-Himmel. Wagen, besetzt mit Frauen und Kindern in schmucken
-Frühlingsgewändern, flogen an den Spaziergängern vorüber, und aus den
-Gesichtern der Insassen strahlte die Freude, bald den Wald und die Wiesen
-zu sehen.
-
-Ginstermann hatte den Entwurf seines Dramas beendigt und benutzte das
-verlockende Wetter, um sich zu erholen, neue Kraft und neuen Blick für die
-Ausarbeitung zu gewinnen. Er wanderte stundenlang in den Straßen umher, mit
-wachen Augen und Ohren für alles, was um ihn vorging.
-
-Er trug einen hellen Sommeranzug, der ihn ganz veränderte. Mit seinen
-schwarzen Augen und Haaren, dem elfenbeingelben Teint seines schmalen
-Gesichtes erschien er wie ein Südländer. Die ewige Zigarette im Munde,
-schlenderte er einher, wie einer, der den ganzen Tag nichts zu tun hat, als
-spazieren zu gehen und Zigaretten zu rauchen.
-
-Auf einer dieser Promenaden -- es war gegen Abend -- sah er sie. Fräulein
-Bianka Schuhmacher.
-
-Und ein eigentümliches Erschrecken durchlief ihn, als er sie gewahrte.
-
-Eine schlanke Dame ging mit einem Herrn über den Odeonsplatz. Gestalt und
-Gang dieser Dame riefen augenblicklich das Bild von Fräulein Schuhmacher in
-ihm wach.
-
-Voller Spannung sah er sie näherkommen.
-
-Sie trug ein graues Jackett, das ihr bis an die Knie reichte, einen kleinen
-schwarzen Hut mit silbergrauem Schleier herum.
-
-Sie bemerkte ihn nicht, sie plauderte eifrig und vergnügt mit ihrem
-Begleiter. Dieser war schlank, schmalbrüstig, größer noch als sie, mit
-hübschem, für einen Mann zu hübschem Gesicht, dessen Teint an den eines
-Kindes erinnerte. Er trug einen dünnen blonden Schnurrbart, und über seine
-Wange lief ein haarfeiner Schmiß.
-
-Kleidung und Bewegungen verrieten den Mann der feinen Gesellschaft, dem der
-Sinn für das Korrekte, Tadellose angeboren ist.
-
-Sie gingen nun gegenüber von ihm, eine Straßenbreite entfernt.
-
-Der blonde hübsche Herr schüttelte leicht den Kopf voller Vergnügen über
-eine Bemerkung seiner Dame.
-
-Er hörte das Mädchen sprechen und den Herrn antworten. Er verstand nichts,
-nur, daß er »Du« zu ihr sagte.
-
-Da hielt sie plötzlich im Plaudern inne, und ihr Blick traf unvermittelt
-den seinigen. Groß, ruhig, mit einem verborgenen Lächeln in den Augen sah
-sie ihn an.
-
-Er zog den Hut.
-
-Sie dankte, aber mehr mit den Augen als dem Neigen des Kopfes, das kaum
-wahrnehmbar war.
-
-Der blonde hübsche Herr grüßte hastig und tief, ja mit einem gewissen
-Respekte, wie um durch die Achtung, die er einem Bekannten seiner
-Begleiterin zeigte, ihr seine eigene Ehrerbietung auszudrücken.
-
-Ginstermann überschritt unwillkürlich die Straße, um den beiden unauffällig
-nachsehen zu können.
-
-Sie waren bei einer Kunsthandlung stehen geblieben, und er bemerkte, wie
-Fräulein Schuhmacher den Kopf nach ihm wandte, während sie plauderte. Er
-blickte aber im selben Moment weg und tat, als habe er es nicht bemerkt.
-
-Das Merkwürdige war, daß ihre Blicke ihn nicht auf der anderen Seite der
-Straße gesucht hatten.
-
-Eine Weile kämpfte er mit der Versuchung, den beiden zu folgen und ihnen
-nach geraumer Zeit wie zufällig wieder zu begegnen. Allein es kam ihm
-schülerhaft, seiner unwürdig vor, und er setzte seinen Weg fort. Er blickte
-sich auch nicht mehr um, obschon es ihm eine förmliche Anstrengung kostete,
-seinen Kopf gerade zu halten, den eine unsichtbare Hand zu drehen
-versuchte.
-
-Aber seine Gedanken, die eben noch wie wohlerzogene Kinder gefolgt hatten,
-vermochte er nicht mehr zu lenken.
-
-Sie gingen mit den beiden durch die Straßen, blieben mit ihnen bei den
-Auslagefenstern der Magazine stehen, lauschten auf ihre Gespräche und das
-vertrauliche »Du« des hübschen Herrn.
-
-Zu Hause angelangt, versenkte er sich in sein Manuskript, überzeugt, daß er
-sich dadurch zur Ordnung zwinge. Er sah sich getäuscht.
-
-Seine Gedanken fuhren fort, neben den beiden einherzugehen, sie traten mit
-ihnen in die Geschäfte, beteiligten sich an der Auswahl des Gegenstandes
-und schlüpften zwischen ihnen und der Verbeugung des Kommis zur Türe
-hinaus. Sie stiegen mit ihnen in eine Droschke, sahen zu, wie sie an einem
-tadellos gedeckten Tisch, an dem noch einige andere Leute saßen, dinierten.
-Sie hörten sie plaudern, mit den Bestecken klappern, beobachteten, wie die
-Tafel aufgehoben wurde, und man sich zur Ruhe in Sessel niederließ. Das
-alles, während er Worte vor sich las, die nur zögernd blasse und
-unzusammenhängende Eindrücke erweckten.
-
-Ärgerlich über sich sprang er endlich auf und nahm den Hut. Aber mitten auf
-der Treppe wandte er wieder um und kehrte in sein Zimmer zurück.
-
-Er lächelte über sein Betragen.
-
-Weshalb sollte er eigentlich fortlaufen, fragte er sich.
-
-Was kümmerte ihn dieses Mädchen? Was kümmerte ihn ihr Verlobter?
-
-Daß jener hübsche blonde Herr mit seinem rosigen Teint der Verlobte von
-Fräulein Schuhmacher war, erschien ihm außer Zweifel. Die respektvolle
-Vertraulichkeit, mit der er mit ihr plauderte und lachte, die ihr geltende
-Achtung, mit der er vor ihm den Hut gezogen, bewiesen ihm das zur Genüge.
-
-Aber was kümmerte ihn das?
-
-Sollte ihm das Mädchen deshalb begehrenswerter erscheinen, weil ein anderer
-seine Seele besaß?
-
-Zudem hatte sie ihn ja kaum gegrüßt, als scheue sie sich, ihrem Verlobten
-merken zu lassen, daß dieser Mensch in seinem lächerlichen Sommeranzug sie
-kenne.
-
-Unerklärt blieb allerdings, weshalb sie sich nach ihm umgewendet hatte.
-
-Aber das war nicht von weiterer Bedeutung.
-
-Vielleicht in Gedanken, vielleicht um zu sehen, ob er ihr und ihrem
-hübschen Kavalier nachgaffe. Vielleicht hatte sie zu ihm gesagt: Du guck,
-das ist der, der das Gedicht »Martyrium« geschrieben hat.
-
-Und der Blonde hatte geantwortet: Der mit den niedergetretenen Absätzen?
-
-Und sie hatten gelacht.
-
-Hatte er nicht deutlich ein Lächeln in ihren Zügen aufsteigen sehen, das
-sie Mühe hatte, so lange zu unterdrücken, als er herblickte?
-
-Auf- und abgehend, erfand er einen Dialog, in dem die beiden über ihn
-witzelten. Dadurch geriet er allmählich in eine heitere Stimmung, die ihm
-über den Vorfall hinweghalf.
-
-Er setzte sich an seine Arbeit, und nun hatten die Repliken plötzlich Klang
-und Sinn. Er arbeitete bis spät in die Nacht hinein und legte sich
-zufrieden mit sich nieder, noch während des Einschlafens mit dem Schicksale
-seiner Gestalten beschäftigt. --
-
-Am anderen Morgen fand er ein Billett im Briefkasten. Es hatte folgenden
-Inhalt: Weshalb sah man Sie denn solange nicht mehr? Ich vermutete, Sie
-seien erkrankt. Gruß, auf Wiedersehen, Bianka Schuhmacher.
-
-
-
-
-V.
-
-
-Die Leopoldstraße ist eine schöne Straße.
-
-Jeder, der sie kennt, wird das zugeben müssen.
-
-Zu beiden Seiten stehen Paläste und Villen in endloser Reihe, von Gärten
-umgeben, die ein geschulter Gärtner pflegt. Die Portale sind massiv, von
-kunstvoller Schmiedearbeit, vergoldet, jedes in seiner Art ein vollendetes
-Werk. Die Fassaden verraten das verfeinerte Auge des Architekten in
-Proportionen und Schmuck.
-
-Das sind nicht Häuser, in denen die Menschen schlafen, kochen und sich vor
-Kälte und Nässe schützen, das sind Heime, in denen die Menschen leben.
-
-Hier gibt es kostbare Gardinen mit verschwenderischen Falten, hier blickt
-das Auge in stilvoll eingerichtete Zimmer mit schimmernden Rahmen an den
-Wänden.
-
-Feine Leute erscheinen an den Fenstern, feine Leute kommen die Stufen
-herab. Die Herren in Uniform, mit Seidenhüten, die Damen in süßfarbenen
-Toiletten mit geschmeidigen, wohltuenden Bewegungen, den Abglanz der
-Sorglosigkeit auf dem gepflegten Antlitze.
-
-Die Pappeln stehen in geordneten Reihen, ehrwürdig, ein hundertjähriges
-Geschlecht, bilden sie Spalier, gleichsam um die Fußgänger vor den
-vorbeirollenden Wagen zu schützen und vor dem Anblick der rohen,
-schwitzenden Arbeit zu bewahren. Es ist, als ob die freie Natur, der Wald,
-das Feld hereingepilgert kämen. Sie sind der Anfang eines Weges, der auf
-die Wiesen führt, und man fühlt sich gleichsam entfernter von der
-fauchenden, surrenden, stauberfüllten Stadt.
-
-Im beginnenden Frühjahr bot die Straße ein berückendes Bild. Die Bäume, die
-Sträucher schlangen ihre frischgrünen Zweige in zierlichen Tanzgesten um
-die harten Ecken der Häuser, so daß Paläste und Villen den Eindruck
-erweckten, als hätten die Maler sie ersonnen, nicht die Architekten gebaut.
-Die Pappeln begannen zu knospen, und ab und zu schlüpfte ein kleiner Vogel
-aus ihrem Geäste.
-
-Ginstermann hatte an all dem Gefallen.
-
-Schon früher war er gerne diese vornehme Straße hinabgegangen, in der
-letzten Zeit kam er öfter heraus. Wenn er gerade Zeit hatte. Des Mittags,
-um sich in der Sonne zu wärmen, des Abends, um die süße Luft zu schlürfen,
-die schon gewürzt war von dem Duft der Blumen und Sträucher, die noch gar
-nicht blühten. Und hier außen war die Luft auch klarer als in den Straßen
-der Stadt, die nach dem Dunste und Schweiße des Tages rochen.
-
-Auch war es angenehm, hier zu gehen, wo man nicht von Vorbeieilenden
-angerannt wurde, wo nicht das ununterbrochene Rufen, Pfeifen und Klingeln
-jede Melodie ertötete, die leise aus dem Innersten des Empfindens sang.
-
-Er wollte sich etwas erholen, sein Blut von den schädlichen Stoffen
-reinigen, die der dumpfe Winter und das ewige Zimmersitzen in ihm
-erzeugten. Deshalb gönnte er sich diese Spaziergänge. Zudem arbeitete er,
-während er ging. Er trug stets ein Notizbuch bei sich, in das er alles, was
-ihm bemerkenswert schien, verzeichnete. Und vielleicht würde er auch
-Fräulein Bianka Schuhmacher treffen. Ein Paar Worte mit ihr wechseln
-können, oder sie würde am Fenster stehen, und er konnte zu ihr
-hinaufgrüßen.
-
-Jedesmal, wenn er sich ihrem Hause näherte, überschritt er die Straße und
-setzte auf der anderen Seite ebenso gemächlich seine Wanderung fort, als
-sei er ganz zufällig über die Straße gegangen, und stände dort drüben nicht
-eine Villa, deren Fenster man von hier aus unauffällig überfliegen konnte.
-
-Dabei erfüllte ihn stets eine prickelnde Angst, der gefürchtete und
-ersehnte Moment könne eintreten. So sehr er sich freute, sie zu sehen, so
-unangenehm wäre es ihm auf der anderen Seite gewesen, von ihr gesehen zu
-werden.
-
-Hie und da unternahm er auch noch des nachts einen Spaziergang hier heraus,
-um nachzusehen, ob das Eckzimmer beleuchtet war. Brannte Licht, so war er
-befriedigt. Er wußte, sie ist da droben, liest, schreibt oder träumt,
-verspotteten ihn aber die weißen Gardinen der dunklen Fenster, so wurde er
-unruhig und machte sich alle möglichen Gedanken.
-
-Dazwischen wiederum vergingen Tage, ohne daß er sein Zimmer verließ.
-Hartnäckig blieb er zu Hause. Sein Betragen erschien ihm albern und
-kindisch. Sein Stolz erwachte. Sein wahnwitziger Stolz, der es für
-entwürdigend hielt, sich mit einer anderen Person zu beschäftigen als der
-eigenen.
-
-Dieser Stolz rief ihm zu: Bist du es, Ginstermann? Bist du des Alleinseins
-schon müde?
-
-Dann vergrub er sich wieder in seine Arbeit, grübelte er über seinen
-Problemen und wandelte er auf der freien, selbstherrlichen Höhe seiner
-Vernunft.
-
-Aber da war eine Sehnsucht in ihm, die zuerst leise nagte, pickte, dann
-pochte, brauste, um endlich wie ein Sturm durch ihn zu fahren, der ihn vor
-sich hertrieb.
-
-Er erschien wieder in der Nähe der Villa, morgens, mittags, nachts.
-
-Er schrieb in Gedanken tausend Billette, um sich ihr zu nähern.
-
-In trockenem, sachlichen Tone dankte er ihr darin für ihren Gruß und grüßte
-er sie wieder.
-
-Hätte er nicht das Recht dazu? Hatte sie ihm nicht ebenfalls geschrieben?
-
-Aber er zerriß sie auch alle wieder in Gedanken und warf die Schnitzel
-sorgfältig in den Ofen. Er, jener Ginstermann, der die dünkelhafte
-Flachheit des Weibes, sein halbtierisches Wesen in Aphorismen und Zynismen
-gegeißelt hatte, die die Runde in der Bohême machten, sollte ein Billet an
-eine junge Dame schreiben? Und wenn auch diese junge Dame zehnmal besser
-war als ihre Schwestern, lauerte nicht das Weib in ihr?
-
-Was trieb ihn zu ihr? Weshalb hatte sie ihm geschrieben? Wer war sie?
-
-Es waren stets die gleichen Gedanken, die in seinen Reflexionen
-wiederkehrten wie die Figuren eines mechanischen Theaters.
-
-Seine Überzeugung ging dahin, daß es das beste sei, sich von diesen Ideen
-zu befreien, wenn er sich Klarheit über das Mädchen verschaffte. Würde er
-sie einigemal gesprochen haben, so konnte er sich ein sicheres Urteil
-bilden und demgemäß handeln.
-
-Aber er vermochte sie nirgends zu finden. Vermutlich saß sie in einer Laube
-des Gartens, der über die Villa blickte, mit Büchern und Zeitschriften ihre
-Tage verbringend.
-
-Zu Kapelli kam sie schon lange nicht mehr, die Büste war längst fertig. Ein
-paarmal hatte sie die Bildhauersleute besucht, aber stets zu einer Zeit, wo
-er abwesend war.
-
-Endlich löste sich das Rätsel.
-
-Er hatte eine halbe Nacht im Café zugebracht, um mittels Lektüre diese wie
-Schildwachen in seinem Kopfe hin- und hergehenden Gedanken zu verscheuchen,
-und wollte vor dem Nachhausegehen sich -- wie er es nannte -- nach ihrem
-Befinden erkundigen.
-
-Da bemerkte er noch Licht in ihrem Zimmer. Aber es war kein Licht, bei dem
-man liest oder schreibt, es war gedämpftes, sorgfältig gedämpftes Licht,
-wie es in Krankenzimmern brennt.
-
-Er erschrak bei dieser Wahrnehmung, als sei etwas Übernatürliches
-geschehen.
-
-Nun wußte er es: sie war krank.
-
-Der Schmerz übermannte ihn augenblicklich. Er nahm den Hut ab, stand starr
-wie eine Säule und flüsterte: Sie ist krank.
-
-Er trottete nach Hause, immer wieder stehen bleibend und wiederholend: Sie
-ist krank.
-
-In seinem kahlen, trostlos toten Zimmer angekommen, nahm er einen Blaustift
-und schrieb mit großen, stumm-wehklagenden Lettern an die Wand: Sie ist
-krank.
-
-Er blies das Licht aus. Ach, wozu brauchte er Licht.
-
-Er schritt in seinem Zimmer auf und ab, immerzu.
-
-Seine Schritte sagten: Sie ist krank. Seine Uhr sagte: Sie ist krank.
-Krank, krank, knarrte eine lockere Diele.
-
-Draußen sang der Südwind. Der Tag graute. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Zwei Herren kommen die Granittreppe herab, gehen durch den Vorgarten
-hindurch.
-
-Der eine ist alt, lächelt das Lächeln des Stoikers in seinen weißen Bart,
-der andere ist jung, hübsch und schmalbrüstig. Er hat die rosigen Wangen
-eines Kindes.
-
-Ginstermann steht hinter einer Litfaßsäule und beobachtet sie. Er will aus
-ihren Mienen lesen, was in den Gehirnen dieser beiden vorgeht. Aber das
-Gesicht des Alten ist verschlossen und verbirgt alles hinter diesem
-stoischen Lächeln, das Gesicht des Jungen ist zu hübsch, um Gedanken
-verraten zu können.
-
-Sie gehen an ihm vorüber. Der Alte sagt, mit dem Kopfe nickend, als sei er
-mit einer Stahlfeder am Rückgrat befestigt: Jawohl, jawohl, jawohl. Sein
-Handschuh entfällt ihm. Der Junge bückt sich rasch und gelenkig und hebt
-ihn auf.
-
-Danke, sagt der Alte, -- jawohl.
-
-Sonst vernimmt er nichts.
-
-Er folgt den beiden. Im Abstand von zwanzig Schritten. Aber ihre
-Gestikulationen sind korrekt und beherrscht, auch sie verraten nichts.
-
-Hinter dem Siegestor ist der Junge plötzlich verschwunden, spurlos, als sei
-er in die Luft zerstoben. Der Alte aber geht langsam mit steifen
-Schrittchen die Straße hinauf. Er tritt in ein Haus, verläßt es nach einer
-Viertelstunde wieder. Er biegt in eine Seitenstraße, tritt abermals in ein
-Haus, verläßt es nach einer Viertelstunde wieder. Das wiederholt sich
-einigemal.
-
-Endlich verschwindet er hinter einem Portale. Er kehrt nicht zurück. Ein
-großes Emailschild ist an dem Portale angebracht, darauf steht: Wirkl.
-Geheimrat Prof. Dr. von Gagstetter.
-
-Ginstermann begibt sich in das nächstbeste Zigarrengeschäft.
-
-»Pardon,« sagt er, »ich will nichts kaufen, ich möchte Sie um eine
-Gefälligkeit ersuchen. Das Adreßbuch, bitte sehr. Es ist da etwas
-vorgekommen, man braucht einen Arzt, einen Spezialisten.«
-
-Eine Dame überreichte ihm das Buch. »Bitte schön,« sagt sie höflich, ihn
-mit dem Interesse der Teilnahme betrachtend.
-
-G, g -- g -- a b c d -- g
-
-Gagstetter -- Spezialist für Krankheiten der Atmungsorgane.
-
-»Danke, vielen Dank!«
-
-»Bitte schön.«
-
-
-
-
-VI.
-
-
-Das gedämpfte Licht im Eckzimmer brannte nun elf Tage.
-
-Ginstermann ging hinaus ins Freie und machte ein Sträußchen zusammen aus
-Primeln, Veilchen, Weidenkätzchen und sprossenden Buchenreisern, und was er
-sonst noch auffinden konnte, Gräsern und Halmen. Auch ein winziges
-Johanniskäferchen, mit kleinen schwarzen Pünktchen auf dem roten Schild,
-packte er mit hinein. Diesen Strauß sandte er der Kranken. Er legte keine
-Karte bei.
-
-Sie sollte nicht wissen, von wem er sei. Er freute sich in dem Bewußtsein,
-daß sie diese Frühlingskinder in die Hände nahm, ihren Duft einsog und vom
-Frühling und der Genesung träumte. Auch glaubte er ihre Gedanken angenehm
-zu beschäftigen, dadurch, daß er ihnen freien Spielraum ließ, nach dem
-Geber zu suchen.
-
-Das Licht brannte nun siebzehn, es brannte nun achtzehn Nächte. Stets
-gleich gedämpft, stets gleich ruhig, es schien nicht mehr verlöschen zu
-wollen.
-
-Aber eines Tages würde es doch verlöschen, das wußte Ginstermann. Einmal da
-würden diese Fenster da droben schwarz sein, und am Tage darauf würden
-Wagen vorfahren, aus denen Leute in schwarzen Kleidern stiegen. Er wußte es
-ganz genau. Und während seines ganzen Lebens würden ihn zwei Gedanken
-beschäftigen. Sie war das Weib, das die Natur für dich schuf, hieß der
-eine, sie war es doch nicht, der andere.
-
-Ginstermann war Tag und Nacht auf den Beinen. Er bemühte sich, Fräulein
-Scholl aufzufinden, aber es war vergebens. Er hatte vor, ein Dienstmädchen
-zu bestechen, aber das wäre unfein gewesen. Hundertmal stand er vor dem
-Portale mit dem Emailschild: Wirkl. Geheimrat Prof. Dr. v. Gagstetter, mit
-dem Vorsatze, bei dem Arzte Erkundigungen einzuziehen.
-
-Was aber hätte der Arzt denken sollen? Er hätte ihm die Hand auf die
-Schulter gelegt und sein kluges Philosophenlächeln gelächelt. Konnte er
-seine Liebe fremde Augen sehen lassen? Im übrigen, was hätte all das
-genützt? Er konnte nichts tun, als auszuharren, geduldig auszuharren.
-
-Manches Mal dachte er, ja schien ihm eine untrügliche Ahnung zu sagen:
-Dieses Licht da droben, hörst du, mein Freund, brennt am Lager einer Toten.
-Er verbrachte dann eine schwere Nacht und war glücklich, am andern Tage
-nicht die Wagen mit den schwarzgekleideten Leuten vor dem Hause halten zu
-sehen.
-
-Das Licht brannte nun einundzwanzig Nächte.
-
-In der zweiundzwanzigsten waren die Fenster dunkel.
-
-Ginstermann vermochte es nicht sofort zu fassen. Er strengte die Augen an,
-ob nicht doch, ganz leise, ganz leise das Licht da droben noch schimmere.
-Er wartete, er wartete.
-
-Die Fenster waren und blieben dunkel. Sie blieben, Gott weiß es, sie
-blieben dunkel. Dunkel! Er konnte es gar nicht begreifen.
-
-Noch im Laufe des Abends war er hier außen gewesen. Nicht der kleinste
-Umstand deutete darauf hin, daß das Unausdenkbare eingetreten sei. Heute
-morgen hatte das Zimmermädchen die Fenster geputzt und dabei gesungen.
-
-Ginstermann fühlte sich wie befreit. Das Gespenst, das ihn eingehüllt
-hatte, lange Tage hindurch, löste sich von ihm. Er atmete auf, lange und
-tief.
-
-Langsam ging er die Straße hinab, das Glück der Erlösung genießend und die
-Freude, daß es besser mit ihr ging.
-
-Plötzlich hörte, sah, fühlte er wieder wie früher. Der ausgeschaltete Strom
-seiner Empfindungen kam wieder in Bewegung.
-
-Er trat in ein Café, dessen erleuchtete Fenster vor ihm lagen. Er brauchte
-Licht, Menschen! Sein Glück drehte ihn im Wirbel.
-
-Hier war es hell, ungewohnt hell, es gab Menschen, wenn auch nicht viele.
-Mit der Befriedigung eines, der eine schwere Zeit hinter sich hat, ließ er
-sich auf ein Plüschsofa nieder.
-
-Das Café war in modernem, sympathischen Stile gehalten. Polster von
-karmoisinrotem Plüsch mit schwarzen, senkrechten Streifen, Tische und
-Stühle rot gelackt wie Gartenmöbel. Ein Fries nackter, einander
-nachlaufender Männer mit den gleichen Bewegungen an den Wänden. Das Ganze
-machte den Eindruck feierlichen Pompes.
-
-Das ist ein Raum für die still Glücklichen, dachte Ginstermann.
-
-Das Lokal war schlecht besetzt. In der Ecke, Ginstermann gegenüber, saßen
-zwei junge Leute. Der eine lag phlegmatisch in seinem Sessel, die Beine
-ausgestreckt, die Hände in den Hosentaschen, und lachte, wobei sich sein
-Zigarrenstumpen auf und ab bewegte zwischen den Zähnen. Der andere sprach
-aufgeregt, immerzu, mit der Begeisterung der ersten geistigen Gärung, er
-sprach mit Händen und Füßen und warf jedesmal die Streichhölzer um, wenn er
-seine Zigarette anzünden wollte. Sein Zuhörer lachte nur.
-
-»Ihr Menschen seid so wesenlos und schemenhaft wie die Moose auf dem
-Meeresgrund,« rief der Erregte aus, »und wiederum seid ihr so dick und
-unverschämt stumpf wie ein Balken!«
-
-Etwas im Hintergrunde saß eine Dame vor geleertem Glase, den Hut ins
-Gesicht gesetzt, mit der Lektüre der Wiener Karikaturen beschäftigt. Man
-sah die nackten Beine nur so strampeln.
-
-In einer Nische hatten ein Herr und eine Dame Platz genommen. Das Gesicht
-des Herrn fiel durch leichenhafte Blässe und Bewegungslosigkeit auf und
-eine Falte über der Nasenwurzel, scharf wie der Schnitt eines Messers. Die
-Dame sah Ginstermann nicht, er erblickte nur den in einem enganliegenden,
-stahlgrauen Ärmel steckenden Arm, wenn sie gewohnheitsmäßig in die Höhe
-griff, um die Frisur zu richten. Er hörte sie dazwischen kurze Fragen
-stellen und schloß aus ihrer Stimme und Betonung, daß sie geistreich war.
-
-Im Seitenkabinett spielten zwei Herren stillschweigend Billard. Der eine
-war der Cafetier, seinem Wesen und seiner Kleidung nach.
-
-Ein junges, hübsches Mädchen bediente. Ihre Kollegin saß auf einem Stuhle
-und war eingenickt. Sie hob nur dazwischen die schlafschweren Augenlider,
-als habe sie im Schlummer das ungeduldige Klopfen des Löffels an eine Tasse
-gehört.
-
-Es machte Ginstermann Vergnügen, all das zu beobachten, während ein Teil
-seiner Gedanken unausgesetzt das glückliche Ereignis des Abends umkreiste.
-
-Er fühlte sich behaglich hier und brach sogar in Lachen aus, als der
-Lebhafte ihm gegenüber in lachendem Zorn ausrief: »Dann nehme ich mein
-Rückgrat heraus und schlage es an dir ab, mein Lieber!«
-
-Das hübsche Mädchen brachte ihm den Kaffee und blieb ein Weilchen bei ihm
-stehen. Es war ein blutjunges Ding mit mandelförmigen Augen, aus denen die
-Schwermut der Keuschheit blickte. Niemand hätte sie in dieser Stellung
-vermutet.
-
-»Sagen Sie, Fräulein,« begann Ginstermann, »kann man nicht zu Ihrer Taufe
-eingeladen werden?«
-
-Das Mädchen lachte und blickte ihn verdutzt an, halb argwöhnisch, eine
-Keckheit hinter dieser Frage vermutend.
-
-Nun, sie sei doch noch so jung, daß sie unmöglich schon getauft sein könne.
-
-Sie brach in Lachen aus und wandte sich halb ab, nach den Gästen sehend.
-Dabei klimperte sie mit dem Gelde in der Tasche ihrer schneeweißen Schürze.
-
-»Wir werden Sie >Rehäuglein< taufen,« fuhr Ginstermann fort -- da berührte
-jemand seine Schulter.
-
-Es war der Akademiker Goldschmitt. »Uff, Ginstermann?« rief er aus.
-
-Der Maler war verblüfft, Ginstermann hier im Café zu treffen, mehr noch,
-ihn bei einer Unterhaltung mit einer Kellnerin zu ertappen. Seine
-Verblüffung steigerte sich aber noch, als er Ginstermanns Aufgeräumtheit
-bemerkte. Er war nur gewöhnt, ihn als einen verschlossenen, düsteren
-Menschen, der sein geistiges und seelisches Leben hinter einer
-regungslosen, hochmütigen Miene verbarg, zu sehen.
-
-Ginstermann für seine Person war froh, nun jemanden zur Unterhaltung zu
-haben. Er sprach und lachte immerzu. -- Er begann von den Bildern des
-jungen Malers zu sprechen und lobte sie. Er gab seiner Meinung über
-zeitgenössische Größen Ausdruck, die er sich erst während des Sprechens
-bildete. Er legte dem Akademiker seine Anschauungen über Zweck und Ziel der
-bildenden Kunst klar. Er warf ihm Händevoll Gedanken hin, die er verwerten
-könne.
-
-Dabei dachte er an ganz andere Dinge.
-
-Es ging besser mit ihr, also war alles gut.
-
-Goldschmitt hörte aufmerksam zu und wartete auf den zündenden Funken. Er
-breitete seine Pläne und Ideen vor ihm aus, ob er sie für gut finde.
-
-Ginstermann fand alle für gut, sogar für sehr gut.
-
-»Sie werden Ihren Weg machen,« sagte er und stieß mit ihm an.
-
-Der Maler konnte sich nicht enthalten, nach der Ursache von Ginstermanns
-Lustigkeit zu fragen.
-
-»Ich feiere heute Geburtstag,« erwiderte ihm Ginstermann, den wahren Sinn
-dieser Antwort selbst erst herausfindend, nachdem er gesprochen.
-
-Einige Gäste traten geräuschvoll ins Lokal, und wie auf ein Zeichen wurde
-es lauter, kaffeehausmäßiger. Die verschlafene Kellnerin stand auf und ging
-langsam mit schwerfälligem Wiegen der Hüften zwischen Büfett und Tischen
-hin und her. Die einzeln sitzende Dame legte das Blatt aus der Hand und
-begann mit unmerklich lächelnden Blicken unter dem Hute hervorzusehen.
-
-Der Lebhafte in der Ecke hatte ein Glas umgeworfen, das ganze Tischtuch
-triefte. Er plauderte weiter, während das Rehäuglein den Schaden gut
-machte. Sein Freund lachte, daß sich alle Gäste umwandten und mitlachten.
-Sein Mund war rund wie ein Taler.
-
-»Betrachten Sie mal diesen Menschen,« sagte Ginstermann.
-
-Goldschmitt entgegnete: »Das ist Spiegel, er hat dieses Café hier
-entworfen.«
-
-Das wollte Ginstermann nicht glauben.
-
-»Sie, Spiegel,« rief Goldschmitt über das Lokal, »haben Sie dieses Café
-entworfen oder nicht?«
-
-Der Angerufene drehte schnell den Kopf, rief: »Jawohl!« und setzte seine
-Disputation fort, ehe Ginstermann sein Gesicht sehen konnte, das ihn
-nunmehr interessierte.
-
-Um zwölf Uhr brachen sie auf. Ginstermann war in sehr aufgeräumter Stimmung
-und lachte immerzu. Er drückte dem Rehäuglein ein Zweimarkstück in die Hand
-und sagte:
-
-»Morgen um zehn, da bin ich wieder da, und Sie werden mir dann
-herausgeben.« Goldschmitt, der Knicker, gab keinen Pfennig Trinkgeld, er
-sah dem Mädchen nur mit einem kurzen, warmen Blick in die Augen, den
-niemand bemerkte, der nicht Ginstermanns scharfe Beobachtung besaß.
-
-»Bleiben Sie recht brav, Rehäuglein,« scherzte Ginstermann und schüttelte
-ihr wie ein alter Bekannter die Hand.
-
-An der Nische vorbeigehend, in der der Herr mit seinem leichenblassen
-Gesicht saß, blickte sich Ginstermann um. Zwei helle Augen, die
-Ähnlichkeiten hatten mit denen von Fräulein Schuhmacher, waren auf ihn
-gerichtet. Sie erblickten nicht den Mann in ihm, sie suchten nach dem
-Menschen in ihm. Zu diesen Augen gehörte ein Gesicht von seltener
-Häßlichkeit.
-
-Goldschmitt protestierte anfangs dagegen, daß Ginstermann ihn nach Hause
-begleite, aber er mußte nachgeben.
-
-Arm in Arm gingen sie die Straße hinunter, und Ginstermann unterbrach
-plötzlich das Gespräch und sagte: »Wissen Sie was, Goldschmitt, dieses Sie
-ist zu fade, nennen wir uns du.«
-
-»Also du, wie du meinst,« versetzte der Maler.
-
-Vor dessen Wohnung angelangt, versuchte ihn Ginstermann, noch durch eine
-neuaufgeworfene Frage zu halten. Aber Goldschmitt wollte schlafen gehen, er
-müsse morgen zeitig heraus.
-
-»Eines will ich dir noch sagen, Ginstermann, wenn du wieder ins Café
-kommst, so gieb dem Mädchen kein Trinkgeld. Du sollst ihr kein Trinkgeld
-geben. Das Mädchen ist meine Braut. Aber -- notabene -- nicht daß du meinst
--- -- gute Nacht.« --
-
-Ginstermann wanderte langsam nach Hause.
-
-Es war eine herrliche Nacht, die tausend süße Geheimnisse barg. Im Himmel
-hatten sie alle Kerzen zur großen Mette angezündet. Die Erde lag gebettet
-in feuchtwarme Luft und dem Geruche frischer Wiesen, von Liebe und
-Fruchtbarkeit träumend gleich einem Weibe.
-
-Ginstermann hatte nicht die mindeste Lust, schlafen zu gehen, aber er war
-müde. Die Haustüre öffnend, sah er Maler Ritt, die Zigarette im Mund, in
-jeder Hand eine Flasche tragend, über den Vorplatz gehen.
-
-Die Türe seines Ateliers war angelehnt, und der Lichtschein, der daraus
-strömte, erhellte Ritts boshaft-gutmütiges, verlebtes Faungesicht. Im
-Atelier pfiff jemand »La Paloma«.
-
-»Nanu?« sagte der Maler, »hä-hä!« und zog erstaunt die Brauen in die Höhe.
-
-Ob er nicht ein wenig eintreten wolle? Auf eine Zigarette? Nicht?
-
-Ginstermann war auf den Maler nicht sonderlich gut zu sprechen, aber er
-trat ein. Er hatte so gar keine Lust zum Schlafengehen, und dann war Ritt
-doch nicht schlechter und nicht besser als jeder andere Mensch. Und heute,
-wo ein besonderer Tag war . . .
-
-Es ging besser mit ihr, folglich war alles gut.
-
-Er trat in eine Wolke bläulichen Zigarettenrauches. Der Schirm der Lampe
-schwebte einer rotglühenden Kugel gleich darin. Die Wolke kam infolge ihres
-Eintritts in Bewegung, und um die rotglühende Kugel schaukelten
-phantastische Figuren. Im gleichen Moment bemerkte er ein mattschimmerndes
-Gesicht, dessen glänzende Augen auf ihn gerichtet waren, den weißen Saum
-eines Unterrockes, und nach links blickend abermals ein blasses Gesicht,
-aus dem eine senkrechte Rauchsäule emporstieg.
-
-Zwei Damen in eleganten Kostümen lagen auf Ottomanen, halb in Kissen und
-Puffs versunken. Sie blickten ihn beide an, und obschon ihre Augen von
-verschiedenem Schnitt und ungleicher Farbe waren, lag doch der nämliche
-Ausdruck in ihnen, lüsterner Glanz. Sie rührten sich nicht und blieben
-ruhig liegen, als Ritt Ginstermann mit ostentativer Pose und einer Menge
-Bemerkungen, wie ein Tierbändiger ein seltenes Exemplar, vorstellte.
-
-»Dieser Mann hat den sanften Blick der Taube, aber die scharfen Krallen des
-Geiers, meine Damen,« schloß er.
-
-Sie lachten alle, und Ginstermann gab ihnen die Hand.
-
-Die eine erwiderte mit einem zögernden Druck, die andere reichte ihm die
-Rechte mit müder Grazie und ließ sie sofort wieder auf das Kissen
-zurückfallen.
-
-Wo er nur immer diese hübschen Frauen auftreibt, dachte Ginstermann.
-
-Ritt ging umher und füllte die Gläser, die auf niedrigen Taburetts standen,
-so daß sie bequem zur Hand waren. Dabei strich er der einen der Damen leise
-über die Haare, als ob er eine Mücke verscheuche. Ihre Augen folgten ihm,
-und weiße Zähne schimmerten hinter lächelnden Lippen.
-
-Es war nicht die, die Ginstermann die Hand gedrückt hatte.
-
-Der Maler legte sich auf zwei Stühle und forderte Ginstermann auf, ein
-Gleiches zu tun.
-
-»Bei mir können Sie lernen, wie man angenehm lebt,« rief er aus. »Die Leute
-amüsieren sich in den Pausen ihrer Arbeit, ich arbeite in den Pausen meiner
-Vergnügungen, die Leute wollen sich schonen, ich will mich auf angenehme
-Art zugrunde richten -- hähä. Darin beruht der Unterschied meiner
-Lebensauffassung und der der Welt. Wir leben nur eines Atemzuges Länge,
-laßt uns atmen, Freunde! Prosit!«
-
-Man stieß an. Ginstermann dachte an das Mädchen in der Leopoldstraße und
-trank sein Glas bis zum Boden leer.
-
-Ritt fuhr fort, in seiner näselnden, dünnen Stimme die Freude zu preisen,
-die den Menschen über sein tierisches Ahnentum erhebe.
-
-Der Maler vermochte nicht eine Minute zu schweigen. Er befand sich
-unausgesetzt in nervös lustiger Erregung.
-
-Ein Genie von Geburt, hatte ihn sein ausschweifendes Leben frühzeitig zu
-einer totalen Erschlaffung seines Willens geführt, so daß er zum Spielball
-seiner Triebe geworden war. Von Zeit zu Zeit schloß er sich vollständig von
-der Welt ab, um sich wiederum die nötige Achtung vor sich selbst zu geben,
-und da schuf er ein Bild, von dem jeder einzelne Pinselstrich den Eindruck
-der Inspirativen erweckte. Seine Schöpfungen hatten ihn berühmt gemacht.
-Aber allen haftete etwas an, was an einen verzweifelten Sieg erinnerte, als
-seien sie einem vorbeisausenden Augenblick entrissen. Er hatte keine Zeit
-zur Sammlung, seine Seele war zerrüttet.
-
-Niemand hätte das Alter des Malers genau zu bestimmen vermocht. Am Tage sah
-er vierzig, bei Lampenlicht dreißig Jahre alt aus. Sah man ihn aus einiger
-Entfernung, so erweckte seine schlanke, elegante Figur den Eindruck eines
-Zwanzigjährigen.
-
-Sein Gesicht war welk, ausgetrocknet, mit matten Augen, die nahezu
-wimpernlos waren. Er trug einen dünnen, langen Spitzbart, der einige
-Dutzend Haare hatte, über seine Züge lag etwas Täppisches, Kindisches
-ausgebreitet, das zeitweise verdrängt wurde durch den Ausdruck mühsam
-verborgenen Grauens vor etwas Entsetzlichem, das er selbst nicht kannte,
-vor dem Wahnsinn.
-
-Ginstermann suchte Ritt deshalb zu meiden, weil er in ihm ein Stadium
-entdeckte, aus dem er sich glücklich emporgearbeitet hatte. Diese nervöse
-Lustigkeit des Malers, seine Gier, sich fortwährend zu betäuben, seine
-Freude an Orgien, sein bramarbasierendes Reden, das alles erinnerte ihn an
-seinen früheren Zustand.
-
-Er empfand Mitleid mit ihm, sah aber auf der anderen Seite ein, daß der
-Versuch, den Abwärtsgleitenden zu retten, vergebens gewesen wäre. Ritt
-würde ihm ins Gesicht gelacht haben, weil er sich gescheut hätte, den
-Zusammenbruch seines Inneren einzugestehen.
-
-Eine der Damen sang, als Ritt geendet, ein französisches Chanson, dessen
-Refrain lautete: Achète moi un homme, maman, if you please, maman.
-
-Die beiden anderen sangen den Refrain mit, und schließlich fiel auch
-Ginstermann ein.
-
-Nach jedem Vers brachte Ritt einen Trinkspruch aus, einen paradoxer als den
-andern.
-
-Ginstermann saß vergnügt in seinem niederen Sessel, er war zu müde, um
-aufzustehen. Es gefiel ihm auch gut. Zur Abwechslung konnte sogar ein
-Einsiedler mal seine Höhle verlassen.
-
-Die eine der Damen betrachtete ihn durch ihre Lider hindurch mit
-schillernden Augen, während sie sang.
-
-Man stieß wieder an. Aber Ginstermann war zu müde, nach einem Glase zu
-greifen.
-
-Zur vollständigen Genesung braucht man immerhin vierzehn Tage, dachte er,
-je nachdem, je nachdem. Da fühlte er, wie jemand ihm mit der Hand über das
-Gesicht strich, und er schlief ein. Hinter der Wand hörte er noch Gelächter
-und Ritts näselndes »Bravo, bravo!« --
-
-Da stieß ein Vogel mit großen Fittichen gegen seine Stirne, und er öffnete
-die Augen.
-
-Vor ihm saß eine Dame mit schillernden Augen und lächelte. In ihrer Hand
-hielt sie ein Kissen mit einer Geste, als wolle sie es nach ihm werfen.
-
-Nun fiel es ihm erst ein, wo er war.
-
-Das war Ritts pompöses Studio, dort stand sein neuestes Bild
-»Mädchenreigen« und hier die rotglühende Lampe, und richtig, diese Dame
-hatte ihm beim Eintreten die Hand gedrückt. Die anderen aber waren nicht zu
-sehen.
-
-Er war noch voller Schlaf und bewegte die Lippen, um zu sprechen.
-
-»Sie holen Wein,« sagte das Mädchen, das auf der Ottomane saß, und blies
-sonderbar lächelnd gegen die Glut ihrer Zigarette.
-
-Er stand auf und gab ihr die Hand, um sich zu verabschieden.
-
-»Sie kommen nicht sogleich wieder«, flüsterte das Weib und blickte ihn an.
-Ihre Hand bebte.
-
-In seinem Kopfe schwindelte es. Er sagte, sich herabbeugend und lächelnd:
-»Ich bin müde.« Ihre Augen waren dicht vor den seinen. Funken tanzten
-darin. Diese Augen waren wie Magnete, die ihn festhielten. Nun entfernten
-sie sich, und zwei Reihen weißer Zähne unter roten Lippen kamen näher. Er
-stand noch immer und hielt diese heiße, zitternde Hand in der seinigen. Da
-fühlte er eine Hand an seinem Nacken, und ein warmer Hauch traf sein
-Gesicht.
-
-Dieser Hauch stieß ihn ab. Er richtete sich auf und kam zum Bewußtsein.
-
-»Adieu«, sagte er und ging hinaus.
-
-Ihn schwindelte. Die kühle Luft hier außen tat wohl. Ein paar tiefe
-Atemzüge, und sein Kopf war klar.
-
-Er stieg die Treppe hinauf. Es war vier Uhr.
-
-An der Tür der Malerin von Sacken, seiner Nachbarin, flimmerte ein kleines
-Sternchen. Auch sie hatte noch Licht. Alle Leute waren noch wach und waren
-guter Dinge.
-
-Es war heute ein ganz besonderer Tag!
-
-Er freute sich nun auf die Ruhe und den Moment, wo er sich in seine Decke
-wickelte mit dem Gedanken, daß nunmehr keine Wagen mit schwarzgekleideten
-Leuten zu befürchten seien.
-
-Plötzlich lauschte er. Hier hatte jemand geschluchzt!
-
-Es war so stille, daß er das Rollen eines Wagens von der Straße her hörte.
-Und nun vernahm er wiederum unterdrücktes Schluchzen.
-
-Da drinnen hielt der Gram einen Menschen wach.
-
-Diese Laute nach all dem Lachen des Abends wirkten auf ihn wie eine
-niederschmetternde Anklage, als trüge er an dem Schmerze jenes Weibes
-Schuld.
-
-Fräulein von Sacken klopfte eines Abends bei ihm an, um ihn nach der Zeit
-zu fragen, da sie nicht schlafen könne, wenn ihre Uhr stehe. Aber sie kam
-nicht deswegen. Sie kam, um mit einem Menschen ein paar Worte wechseln zu
-können, da die Einsamkeit sie peinigte. Ginstermann erriet das. Und nach
-kurzem Gespräche fragte sie ihn, ob er wisse, was die drei schrecklichsten
-Dinge im Leben seien. Sie beantwortete ihre Fragen selbst, indem sie sagte:
-Die Einsamkeit, die Gestaltungssehnsucht und der Ehrgeiz.
-
-Daran dachte er jetzt. Er sah sie noch deutlich an der Türe stehen und jene
-drei Worte sprechen, deren jedes einzelne eine Tragödie birgt. Sie waren
-ihm erschienen wie drei hohe, finstere Tore, hinter denen er nackte
-Menschenleiber in wortloser Qual sich winden sah.
-
-Heute war sie im Kampfe mit den drei Bestien unterlegen. Er aber wollte ihr
-helfen. In seiner glücklichen Stimmung konnte er den Schmerz dieses Weibes
-um so tiefer begreifen.
-
-Er begann an seiner Türe zu rütteln, mit dem Fuß dagegenzustoßen.
-
-Das Schluchzen hörte augenblicklich auf.
-
-Eine Weile wartete er, dann ging er an die Türe der Malerin und pochte
-behutsam.
-
-»Wer da?« fragte eine jähe, ängstliche Stimme.
-
-Er, Ginstermann, er bitte um Verzeihung, aber --
-
-Fräulein von Sacken öffnete.
-
-»Herr Ginstermann?« sagte sie mit leiser, vom Weinen noch unsicherer Stimme
-und lächelte verwundert.
-
-Ob das nicht zum Verrücktwerden sei: nun habe er seinen Schlüssel verloren
-und könne nicht in sein Zimmer. Er habe noch Licht gesehen und sich
-erlaubt, anzuklopfen. Vielleicht habe sie einen Schlüssel oder Haken oder
-sonst ein Instrument zum Öffnen. Wenn er sie aber im Arbeiten störe --
-
-Ach nein -- das sei allerdings unangenehm.
-
-»Treten Sie ein bißchen ein, es findet sich vielleicht etwas.«
-
-Er wäre so frei. Wenn er aber störe, so müsse sie es ruhig sagen.
-
-Im Zimmer brannte eine Lampe ohne Sturz. Auf dem Tische lagen Briefe
-umhergestreut, von denen einige auseinander geschlagen waren.
-
-Der Anblick der mit allerlei billigem Tand maskierten Ärmlichkeit dieses
-Mädchenzimmers schmerzte ihn um so mehr, als er noch Ritts vornehmes
-Atelier mit gedämpftem Lichte, Teppichen und den in Zigarettenrauch
-gebetteten zwei schönen Frauen in der Erinnerung trug.
-
-Hier roch es nach Terpentinöl und welken Blumen. Die Möbelstücke warfen
-harte, zackige Schatten im unmittelbaren Lichte der kahlen Lampe.
-
-Der mächtige, abenteuerliche Schatten der Malerin bewegte sich über Wände
-und Decke.
-
-Fräulein von Sacken war eine große, üppige Erscheinung. In ihrem schwarzen
-Kleide, mit dem nervösen, bleichen, leicht zerfließenden Gesicht, das von
-früherer Schönheit zeugte, erschien sie Ginstermann wie die Maitresse eines
-Fürsten, die den Abschied bekommen hat, da ihre Schönheit verging, und ihr
-üppiger Körper anfing, seine reinen Formen zu verlieren. Eine sanfte
-Schwermut erfüllte ihre Züge, als trauere sie über ein verfehltes Leben.
-Sie hatte große Augen von matter Schwärze mit langen, strahlenförmigen
-Wimpern. Diese Augen flehten um etwas, das niemand erriet.
-
-Man gewann den Eindruck, daß sie die Nächte in einem Sessel verbringe und
-vor sich hingrüble, während Tränen ihren dunklen Augen entfielen.
-
-Ginstermann kannte ihre Geschichte. Sie war die Tochter eines höheren
-Offiziers, und ihre Angehörigen hatten sich aus irgendeinem Grunde von ihr
-losgesagt und ihr eine knappe Rente ausgesetzt. Sie sprach mit mühsam
-verhaltener Bitterkeit von ihnen, und ihr Streben ging dahin, einmal ein
-gutes Bild zu malen, das ihren Namen bekanntmachte, und die Rezension des
-Werkes ihren Verwandten zuzuschicken. Aber sie sah diese Hoffnung von Jahr
-zu Jahr mehr verblassen. Man wies jedes ihrer Bilder zurück. Sie hatte mit
-dem Stilleben begonnen, war dann zum Porträt, vom Porträt zum Genre, zur
-Landschaft, übergegangen, um schließlich wieder beim Stilleben anzukommen,
-fest überzeugt, daß sie nur hierin etwas leisten könne.
-
-Das bißchen Talent, das sie mitgebracht, hatte sich längst zerrieben und im
-verzweifelten Studium alter Meister verloren. Wie es mit allen kleinen
-Talenten geht, die angesichts einer großen Schöpfung kläglich absterben.
-
-Das Grauen vor der künstlerischen Unfruchtbarkeit war ihr größtes Leiden.
-
-Die Malerin kramte in der Kommode und brachte einige Schlüssel herbei.
-
-»Vielleicht passen die«, sagte sie.
-
-Ginstermann prüfte die Bärte und legte sie kopfschüttelnd beiseite.
-
-»So geht es, wenn der Mensch Unglück hat«, sagte er. »Nun ging ich heute
-mal aus, seit einem Jahre ist es das erste Mal wieder. Der Mensch sollte
-nicht so schwach sein, aber ich war heute in einer Stimmung, in einer
-Stimmung, in der die Leute Selbstmord begehen.«
-
-Er schwieg und sah mit finsterer Miene zu Boden, auf ihre Gegenrede
-wartend.
-
-»Ich habe Sie stets um Ihre gleichmäßige Ruhe beneidet, Herr Ginstermann.«
-
-»Ein Mensch kann lächeln, während in seinem Innern die Hölle tobt, Fräulein
-Sacken«, fuhr Ginstermann fort, vor sich hinbrütend. »So einer bin ich.
-Aber wir tragen ja alle unsere Tragödie in uns herum, ich und Sie und
-Kapelli und Ritt, alle. Unsere entwickeltere Empfindungsfähigkeit ist
-schuld daran. Und wir Schaffenden haben neben all den menschlichen Sorgen
-auch noch die um unsere Arbeit. Gegen diese sind alle anderen nichtig. Weiß
-man aber, ob all unser Kämpfen einen Sieg vorbereitet? Daß wir das nicht
-wissen, daran leiden wir. Die einen haben mit Erfolg begonnen und mit
-Niederlagen geendet. Die anderen fielen aus einer Enttäuschung in die
-andere und sprengten plötzlich die Schlacke, die sie einhüllte. Solange wir
-nur das Bewußtsein haben, etwas zu leisten, einmal, gleich wann, so können
-wir glücklich sein. In unseren schwachen Stunden verläßt es uns, und um uns
-heult das Elend. Ein Erfolg läßt sich eben nicht vom Himmel reißen, man muß
-Geduld haben.«
-
-»Viel Geduld!«
-
-»Viel Geduld. Aber nehmen wir an, man hat nie Erfolg, nie Erfolg.«
-
-»Niemand erträgt das.«
-
-»Ich aber sage Ihnen, trotzdem müßte man es ertragen, trotzdem müßte man
-sich noch glücklich schätzen, stolz sein. Ich frage, kann es uns nicht
-gleichgültig sein, ob ein verblödetes Publikum uns zujubelt oder uns
-verlacht? Für wen schaffen wir? Für uns, sonst für niemanden. Wir sollten
-uns genügen lassen an der Erkenntnis, daß wir überhaupt entwickeltere Wesen
-sind, feiner, selbständiger empfinden als jene Erbarmungswürdigen, blind,
-taub und seelenlos Geborenen da draußen. Die Gabe, originelle Eindrücke
-aufnehmen zu können, des vermittelnden Kunstwerkes entbehren zu können, die
-sollte uns stolz machen, wenn wir auch nicht die Kraft besitzen, diese
-gesammelten Eindrücke zum Kunstwerk zu verdichten. Und dieser Stolz sollte
-uns über alles hinwegtragen, über die Misere des Daseins, über das Gespötte
-der Welt, das Achselzucken unserer Angehörigen. Man prostituiert sich vor
-sich selbst, wenn man nur einen Gedanken daran verschwendet. Man sollte,
-man sollte -- aber dazu ist man immer noch zu klein, zu beengt im Blicke.«
-
-Er schwieg.
-
-Die Malerin lehnte am Tische, den Blick zu Boden gerichtet und lächelte.
-Aber das war nicht ihr stereotypes, wehmütig-liebenswürdiges Lächeln, es
-war das Lächeln des Befreiten, des Aufatmenden.
-
-Nach einer Weile stand Ginstermann auf. In verändertem Tone sagte er: »Nun
-sehen Sie, nun habe ich meinen Schlüssel gefunden. Ist das nicht kostbar!
-Im Futter meiner Westentasche hat er gesteckt.«
-
-»Haben Sie ihn gefunden?« fragte sie mechanisch.
-
-»Ja,« entgegnete er, »und nun gute Nacht, und nehmen Sie es mir, bitte,
-nicht übel, daß ich Ihnen mit meinem Lamento gekommen bin. Es ist
-menschlich, sich dazwischen Luft machen zu müssen. Morgen bin ich wieder
-jener, den Sie um seine göttliche Ruhe beneiden.«
-
-Sie nahm seine Hand, sie legte die Linke noch darauf und preßte sie. Ihre
-Augen waren feucht, ihre Brust wogte. Mit einem Blick, den er sein Leben
-nicht vergessen würde, sagte sie:
-
-»Es muß doch einen Gott geben!«
-
-»Wieso?« fragte Ginstermann verdutzt.
-
-
-
-
-VII.
-
-
-Das waren schlimme Tage.
-
-Und mehr noch schlimme Nächte.
-
-Des Tags wurde Ginstermann von einer unsinnigen Sehnsucht, Fräulein
-Schuhmacher zu treffen, in den Straßen herumgetrieben, des Nachts marterte
-er sein Gehirn mit Plänen, wie dies herbeizuführen sei.
-
-Jeden Morgen harrte er voller Ungeduld auf den Schritt des Postboten auf
-der Treppe. Meistens ging er an seiner Türe vorbei, pochte er aber, so
-eilte er, schwindlig vor Erregung, um zu öffnen. Allein es war stets eine
-nichtssagende Mitteilung von seinem Verleger, seinem Agenten, eine Offerte,
-ein Mahnbrief, ein Zeitungsausschnitt.
-
-Sobald es recht Tag war, verließ er das Haus, um auf die Suche zu gehen. Er
-spähte in alle frequentierten Geschäfte, er ließ keine Droschke vorbei,
-ohne sich die Insassen anzusehen. Er bestieg eine Straßenbahn und fuhr
-kreuz und quer in der Stadt herum, eifrig die Trottoire absuchend.
-
-Manchmal, in der Meinung, sie entdeckt zu haben, verfolgte er eine Dame,
-die in Gestalt und Gang etwas Ähnliches mit ihr hatte. Nach kurzer Zeit
-bemerkte er jedoch immer, daß ihn irgend eine Nebensächlichkeit genarrt
-hatte. Bald war es die Fasson des Hutes, die Farbe des Gürtels, die Art den
-Schirm zu tragen, das Kleid aufzuraffen, bald war es die Form der Hand, des
-Ohres, des Kinnes. Dann stand er still, keuchend vom Lauf, zornig und
-betrübt darüber, daß er so gar kein Glück hatte, um bald darauf in die
-nächste Straße zu verschwinden, von einer Ahnung, sie hier zu treffen,
-angetrieben.
-
-Stundenlang belagerte er in möglichst unauffälliger Weise die Villa in der
-Leopoldstraße. Er studierte die Plakatsäule, bis er alle Annoncen auswendig
-wußte, das eine Auge stets auf das dunkle Portal und auf das Eckzimmer im
-ersten Stock gerichtet. Darin hatte er es bis zu einer gewissen Genialität
-gebracht. Er kannte bereits den Bäcker, der das Brot brachte, den
-Fleischer, der das Fleisch brachte, das Dienstmädchen, die Köchin und einen
-alten Mann, der täglich Punkt 1 Uhr eintrat, um das Haus nach einer knappen
-halben Stunde wieder zu verlassen.
-
-Er begriff nicht, was mit ihr sein könne. Daß sie vollständig genesen war,
-schloß er daraus, daß jeden Abend bis zwölf, ja bis ein Uhr Licht in ihrem
-Zimmer brannte.
-
-Verreist konnte sie also auch nicht gut sein, oder kam ihr Geist jeden
-Abend und zündete sich die Lampe an, Romane zu lesen, wie?
-
-Zudem sah er dann und wann auch ihren Schatten auftauchen und verschwinden.
-Einmal sah er sogar ihre Hand, das war ein Ereignis.
-
-Wenn man gegenüber auf die Staffel trat und sich auf die Fußspitzen
-stellte, so konnte man den Lüster aus Orchideenblüten wahrnehmen, deren
-Kelche das Licht ausströmten. Und weit hinten etwas Blinkendes, wie der Arm
-einer Statuette.
-
-Als Knabe hatte er sich einmal mit der Erfindung eines Spiegels
-beschäftigt, mit Hülfe dessen man um die Ecke sehen könnte. An diesen
-Spiegel mußte er immer denken. Er hätte ihn auch benützt, ein einziges Mal
-wenigstens. Auch mit dem Telemikrophon ohne Draht wäre etwas zu machen
-gewesen.
-
-Seinen Ahnungen schenkte er schon lange keinen Glauben mehr.
-Nichtsdestoweniger war er doch enttäuscht, sie nicht auftauchen zu sehen,
-wenn ihm seine Gedanken eingeflüstert hatten, du wirst sie am Siegestor
-treffen. Oftmals dacht er: Zähle bis tausend, und sie tritt aus der Türe.
-Er zählte, bei neunhundert erfaßte es ihn wie ein Schwindel, bei tausend
-öffnete sich auch die Türe, aber es war nur eine Täuschung seiner erregten
-Sinne.
-
-Spät in der Nacht kehrte er stets erst zurück, todmüde vom Wandern, Warten
-und Zermartern, mit einer Sehnsucht, die wie Wogen gegen die Wände seiner
-Brust schlug.
-
-Er warf sich aufs Bett, aber der Schlaf schien ihn vergessen zu haben. Es
-war, als ob sein Gehirn all die nichtigen Eindrücke des Tages
-aufgespeichert habe. Wie in einem Kaleidoskop zuckten Bilder vor ihm auf,
-um wie auf ein unmerkliches Rütteln zu versinken und andere entstehen zu
-lassen. Leute grüßten, Posten präsentierten, Menschen liefen zusammen, ein
-Zug elektrischer Wagen staute sich. Hier entkam eine Frau mit knapper Not
-einer sausenden Kutsche, dort fuhren zwei junge Mädchen auf blitzenden
-Bicycles hintereinander, Gesichter gingen an ihm vorüber, bald unnatürlich
-groß und nah, als wollten sie durch ihn hindurchgehen, bald klein, scharf,
-wie durch ein Verkleinerungsglas gesehen. Der ganze wirre Lärm der Straße
-war in ihm, Pfeifen, Schreien, Worte, Gelächter kam zu seinen Ohren wieder
-heraus. Hier sagte jemand: Ei der Tausend -- ah, recht sehr! Hier fiel ein
-Stock klappernd aufs Pflaster.
-
-Nachdem diese infolge des plötzlichen Abgeschlossenseins von der Außenwelt
-hervorgerufene Reaktion seiner Sinne nachgelassen, trat sie in seine
-Gedanken. In Hunderten von Situationen. Sie ging an der Seite des
-schmalbrüstigen Herrn über die Straße, sie saß in einem Wagen und verneigte
-sich grüßend, sie stand am Fenster und warf Apfelsinenschalen in den
-Vorgarten, sie betrat die Loge im Theater, sie saß bei der Lampe über eine
-Mappe gebeugt.
-
-Endlich war er soweit, seinen Gedanken eine bestimmte Richtung geben zu
-können. Er dachte an den kommenden Tag, er dachte an die kommenden Tage. Er
-entwarf tausend Bilder des plötzlichen Wiedersehens. Er schmiedete tausend
-Pläne.
-
-Denn, so sagte er sich, wenn es nicht so gehe, so wolle er List anwenden.
-
-Er hielt sich für einen geriebenen Burschen, der sich in den Himmel
-einschlich, wenn es ihm darum zu tun wäre. Es waren verwegene, verblüffende
-Pläne, wie sie im Gehirn eines Einbrechers und Intriganten entstehen. Oft
-brach er in lautes Lachen aus, so burlesk, so genial erschienen sie ihm.
-
-Besonders gelungene arbeitete er bis ins kleinste Detail aus, und häufig
-brach er in der Mitte ab, um von vorn zu beginnen, da ihm seine
-Vorstellungen immer noch lückenhaft erschienen.
-
-Seht ihr dieses alte Männchen die Ludwigsstraße hinabtrippeln? Jedermann
-wettet, es ist ein kleiner Rentner, ein pensionierter Galerieaufseher. Seht
-wie behutsam er die Straße überschreitet, wie er seine Kinnbacken bewegt,
-wie er mit dem Rohrstock nach Papierknäueln stochert. Seht seinen weißen
-Bart, sein kluges, pfiffiges Gesicht, ein Studienkopf, der einer jungen
-Malerin recht in die Augen stechen kann. Ha, Schauspieler Ling ist ein
-Meister in der Maske, alle Kritiker sagen das. Achtung! ein Tandem schnurrt
-hinter dir her . . .
-
-Was ist hier geschehen? Die Brücke ist vollgepfropft von Menschen und
-Wagen, daß sie sich biegt. Da drunten -- seht, dort! Weshalb jammert dieses
-Weib so und liegt auf den Knien?
-
-Platz da -- Platz gemacht! Ein Körper durchschneidet die Luft, über ihm
-schlägt das Wasser zusammen. Es ist eine Turmlänge bis da hinunter. Dort,
-dort! Seht! -- Hoch! Hoch! Das Wasser läuft nur so herunter an ihm, er hat
-den ganzen Fluß in den Kleidern. Ach, keinen Dank, Frau, machen Sie doch
-keine Geschichten. Der Schlag eines Wagens öffnet sich: Herr Ginstermann
-darf ich Ihnen den Wagen anbieten? . . .
-
-Man müßte den alten Herrn, ihren Vater, im Kaffeehaus zu treffen suchen,
-mit ihm über Politik und Münzensammlungen, über den unentdeckten Vulkan in
-Hinterindien, über sonst etwas sprechen. Irgendwo ist ein alter Herr stets
-zu packen . . .
-
-Vergessen wir unsern kleinen Rentner nicht. Nun klingelt er. Ein
-Dienstmädchen. »Das gnädige Fräulein besaßen die große Liebenswürdigkeit,
-mich zu bestellen.« Ein Kleid rauscht. Eine schlanke, blasse Dame. Das
-Männlein blinzelt, schüttelt den Kopf.
-
-»Nein -- nein -- ich muß irr gegangen sein. Ich möchte eine Dame namens Won
--- Wonderneß sprechen.«
-
-»Ich bedaure.«
-
-»Leopoldstraße 12?«
-
-»Allerdings.«
-
-»Diese Dame ist Malerin, sie bestellte mich bis drei Uhr, Leopoldstraße
-12.«
-
-»Ich kenne niemanden dieses Namens. Aber fragen Sie mal nebenan nach, bei
-Major von Hörmann. Es ist da eine Dame zu Besuch --«
-
-»Zu Besuch -- richtig, zu Besuch! Ich danke vielmals, ich bitte um
-Entschuldigung. Ein alter Mann --.« Das Männlein macht einen Kratzfuß und
-steigt vorsichtig die Treppe hinunter.
-
-»Bei Major von Hörmann, gleich nebenan.«
-
-»O, ich danke, vielen Dank, Euer Gnaden« . . .
-
-Wo brennt es? Es brennt noch nicht, Herr Schutzmann, aus dem Keller schlägt
-Rauch. Wenn man schnell alarmiert. -- Ja, wo denn? Leopoldstraße, diese
-moderne Villa . . . Sein Gehirn arbeitete mit der Schnelligkeit eines
-Motors, über den der Maschinist die Herrschaft verloren. Er versuchte alles
-nur Denkbare, um einschlafen zu können. Während sein Körper wie tot lag,
-befand sich sein Gehirn in hellster Aufregung. Er zählte bis hundert und
-zurück, er lauschte auf das Ticktack seiner Taschenuhr, er dachte: Sommer,
-du liegst im Gras, Hitze schwingt, Bienen brummeln; alles war umsonst.
-
-Bald kletterte er auf eine Pappel, um sie zu sehen, bald zechte er mit dem
-alten Mann, der täglich um ein Uhr die Villa betrat, um etwas aus ihm
-herauszulocken, bald schlug er eine tollwütende Dogge zu Boden, die sich
-auf den schlanken hübschen Herrn mit seinem Kindergesicht stürzen wollte.
-
-Gegen Morgen erst versank er in einen schweren, traumlosen Schlaf, und er
-wußte sich nie zu besinnen, bei welcher Gelegenheit er eingeschlafen war.
-
-Er erwachte meist mit dem jähen Schrecken, er höre ihre Stimme unten in
-Kapellis Ateliers.
-
-So vergingen einige Wochen.
-
-
-
-
-VIII.
-
-
-Ginstermann erzählt:
-
-Heute aber, nachdem ein fortgesetztes Mißgeschick mich gänzlich mutlos
-gemacht hatte, heute aber -- meine Herrschaften, verzeihen Sie diese Phrase
--- lächelte mir endlich Fortuna!
-
-Ja, Fortuna lächelte mir!
-
-Holdrio!
-
-Meine Damen, meine verehrten Damen und Herrn. Ich wandere zurück an den
-»Wällen Jerusalems, des ewigen«, ich bin weit draußen in der Vorstadt
-gewesen. Es wird Abend, ein trüber, trauriger Abend, als hätte ihn mein
-Herz geboren. Ein feiner Regen rieselt herab.
-
-Ein niederträchtiger, unverschämter Regen, der meine Zigarette näßt, daß
-sie zu kohlen beginnt. Dieser Umstand allein würde bei normalen
-Verhältnissen genügt haben, mich mißmutig zu machen. Jetzt schlug er dem
-Faß den Boden aus.
-
-Es ist zuviel, es ist zuviel, alles was recht und billig ist.
-
-Ich werde geradezu wütend. Aber plötzlich, durch all meine Misere hindurch
-lächelte mir der holde Sonnenblick Fortunas.
-
-Nur Geduld. Bei großen Momenten halte ich große Reden der Einleitung, wie
-ein Gourmand die Delikatessen einer sorgfältigen Betrachtung unterzieht, um
-seinen Genuß zu steigern.
-
-Also es regnet, und das Pflaster ist naß. Meine Zigarette ist erloschen,
-und ich schreite mit düsteren Blicken meine Straße. Das bewußte Haus kommt
-näher.
-
-Ein geschmackloses, ein lächerliches Haus, das Experiment eines
-Architekten, der in modernem Stil macht. Macht ist gut gesagt.
-
-Wie gesagt und überhaupt -- betrachten Sie, bitte dieses Haus!
-
-Ich hätte Lust, Ihnen jetzt einen kleinen Vortrag zu halten über moderne
-Architektur im speziellen, über moderne Kunst im allgemeinen. Eventuell mit
-Ihnen ein kleines Exkursiönchen durch die Baustile aller Zeiten und Völker
-zu unternehmen, über die phrygische, lykische, syrische Kunst hinweg,
-hinein in die babylonisch-assyrische, mit Ihnen den Palast des Königs
-Sargon zu Chorsabad zu besichtigen und den Tempel des Chunsu zu Karnak zu
-durchwandern. Hier im Schatten des Säulenwaldes würde es mir ein besonderes
-Vergnügen sein, Ihnen, wenn Sie wünschen, meine Ansichten über die
-rituellen Gebräuche dieser Völker auseinanderzusetzen.
-
-Aber zur Sache! Ich sehe, die Damen langweilen sich.
-
-Ich gehe an diesem Hause vorüber, empört über seine Geschmacklosigkeit,
-über die höhnisch lächelnde Verschlossenheit, mit der mich seine
-vierundzwanzig Augen verfolgen -- da höre ich meinen Namen rufen.
-
-Ganz leise, als äffe mich ein Spuk.
-
-Meine Herrschaften!!
-
-Ich wende den Kopf, von vornherein überzeugt, daß ich mich täuschte, da
-erblicke ich eine weibliche Gestalt unter der Türe.
-
-Ich rege mich nicht von der Stelle, ich starre sie nur an, über mir sausen
-Flammen.
-
-»Guten Abend,« sagt sie und lächelt mir zu.
-
-Endlich gehe ich näher. »Guten Abend, Fräulein Schuhmacher.«
-
-Sie hat ein Tuch umgeschlagen, und aus einem in der Dämmerung leuchtend
-blassen Gesichtchen blicken ihre glänzenden, großen Augen. Geschmeidig wie
-eine Katze huscht sie die Stufen herunter.
-
-Ruhig, ohne die geringste Erregtheit, sage ich: »Ich konnte mir gar nicht
-denken, wer mich anrufen könne.«
-
-Sie gibt mir ihre schmale Hand, und ihre Finger sagen: Grüß Gott.
-
-»Ich sah Sie vor einer Stunde die Straße hinuntergehen.«
-
-»In Schwabing ist ein Neubau eingestürzt.«
-
-»Ach ja, ich vernahm davon. Wie traurig, sechs Tote, sagt man.«
-
-»Ja, sechs Tote. Ich wollte mir das ansehen. Nicht aus kleinlicher
-Neugierde natürlich, studiumhalber. So ein Unglücksfall enthüllt die
-Herzen, man sieht sie wahr.«
-
-»Sprechen wir nicht von so traurigen Dingen,« unterbricht sie mich, und,
-indem sie mir einen Brief zeigt, sagt sie: »Ich will ihn in den Kasten
-stecken.«
-
-Auch ihre Hand leuchtet, so blaß ist sie.
-
-Ihre Stimme ist leise, teilweise klanglos, mit singendem Tonfall. Dann und
-wann funkelt es wie mattleuchtende Steine darin. Ich vermute, daß sie das
-Englische gut ausspricht. Lautlos geht sie neben mir, mit der Linken das
-Kleid aufraffend, mit der ihr eigenen Biegung des Handgelenkes, auf den
-Fußspitzen schleichend, wenn besonders nasse Stellen kommen. Ihre Schultern
-sind schmal, zart, sie heben und senken sich unmerklich beim Atmen wie die
-Flügel eines Falters, der aus einer Blüte trinkt. Ihr Gesicht blickt wie
-eine Knospe aus dem seidenen Tuche, durchsichtig, ihre Seele ausstrahlend.
-Jetzt erst erkenne ich, wie ähnlich das Porträt ist, das Kapelli
-geschaffen.
-
-Ein feiner Duft strömt aus dem Tuche, auf ihren Stirnlöckchen sprühen die
-Regentropfen wie Tau.
-
-Wir sprechen nur weniges. Sie erzählt mir, daß sie krank war, nicht
-sonderlich, Schlaflosigkeit. Ich danke ihr für ihr Billett von damals.
-
-Wir stehen wieder vor dem hohen, dunklen Tore.
-
-»Wir werden demnächst abreisen,« sagt sie, mit der Fußspitze vorsichtig in
-den Rand einer kleinen Pfütze tippend.
-
-»Mama ist leidend. Der Arzt rät uns, nach Italien zu geben. Aber Mama ist
-nun wieder kränker geworden, so daß wir die weite Reise vorläufig nicht
-wagen können.«
-
-Sie tippt noch immer mit der Fußspitze in die kleine Pfütze und blickt zu
-Boden.
-
-»Ach, Ihre Frau Mama ist leidend?«
-
-»Ja, leider.« Sie sieht auf und blickt mich an.
-
-»Vielleicht sehen wir uns noch einmal, Herr Ginstermann?«
-
-»Mit Vergnügen, allein --«
-
-Ob ich gerne in den Englischen Garten ginge.
-
-»Sehr häufig sogar.«
-
-»Vielleicht treffen wir uns dort. Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, so
-würde ich vorschlagen, uns am Samstag um 3 Uhr dort zu treffen. Ein bißchen
-plaudern, nicht?«
-
-»Sehr gerne, sehr gerne.«
-
-»Können Sie Samstag?«
-
-»Haha -- ja --,« ich besinne mich etwas, »o ja, Samstag sehr gut. Gewiß,
-gewiß, sehr angenehm.«
-
-»Ja, aber der Garten ist groß.«
-
-Am Monopteros vielleicht, wenn ihr das recht sei.
-
-»Natürlich, es ist ja egal. Also Monopteros, nicht? Gute Nacht, Herr
-Ginstermann.«
-
-»Guten Abend, Fräulein Schuhmacher.«
-
-Sie nickt mir nochmals zu und schlüpft ins Haus.
-
-Meine Brüder, meine Brüder!
-
-Die Leopoldstraße hinauf geht ein Mann, die Augen zusammengekniffen, um
-nicht herauszulachen. Die Hände in die Rocktaschen vergraben, um nicht die
-Leute am Rock zu fassen und zu schütteln, die Zehen verkrampft in den
-Schuhen, um nicht zu tanzen.
-
-So gehen die Menschen, denen das Glück ins Herz fiel.
-
-Das bin ich.
-
-Er läuft in die aufgespannten Schirme hinein, zieht den Hut, entschuldigt
-sich mit einem Schwall von Worten. Jemand tritt ihn auf den Fuß und sagt:
-Pardon. Er wendet sich um und ruft lachend: Bitte sehr, bitte sehr, hat gar
-nichts zu sagen. Er geht auf einen Schutzmann zu und fragt, wo es nach der
-Feldherrnhalle gehe. Immer geradeaus. -- Ob man sich nicht verlaufen könne?
-Nicht? Herzlichen Dank.
-
-Er deutet auf eine Plakatsäule und sagt: Eine Villa am Chiemsee ist gegen
-Blauplätze zu vertauschen. Offerten unter »Chiemsee«. Vermittler verbeten.
-
-Das bin ich.
-
-Er bleibt stehen und spricht: Geehrte Dame, ich wünsche Ihnen eine hübsche,
-langwierige Krankheit. Eine Krankheit, die Ihnen erlaubt zu essen, zu
-trinken, was Sie bevorzugen, zu tanzen, wenn Sie Lust haben, die Sie aber
-wie Millionen Nadeln durchfährt, wenn Sie abreisen wollen. Diese hübsche
-Krankheit wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, o geehrte Dame.
-
-Das bin ich, liebe Brüder, das bin ich!
-
-
-
-
-IX.
-
-
-Nachdem die ersten Wogen des Glückes zurückgeebbt waren, fand Ginstermann
-die Kraft, sich zu fassen. Das vibrierende Wonnegefühl, das sein ganzes
-Wesen durchzitterte, löste eine still-übermütige Stimmung in ihm aus.
-
-Seine Seele hielt inne in dem ekstatischen Tanz und versank in einen
-Zustand köstlicher Ruhe, durch die die Zuversicht auf etwas Herrliches
-schimmerte.
-
-Er kam sich vor wie einer, der nach einer wahnsinnigen Jagd, gepeitscht von
-der Furcht, sein Ziel zu verfehlen und in grausigen Wäldern zu verkommen,
-die Zinnen der ersehnten Stadt in der Abendsonne zu seinen Füßen leuchten
-sieht.
-
-Gemächlich ließ er sich vom Strom der Menschen treiben.
-
-Es schien ihm, als sehe er mit neuen Augen, hörte er mit neuen Ohren, seien
-alle seine Sinne verändert, wie die Sinne eines, der lange Zeit in einem
-stillen Zimmer krank gelegen. Gewohnt täglich, in jeder Minute Nahrung zu
-sich zu nehmen, stürzten sie sich heißhungrig auf alles, was sie umgab.
-Aber unterhalb dieser Flucht von Eindrücken zogen unaufhörlich stille,
-sanftfarbene Bilder durch sein Inneres, halb unbeachtet, und es kam vor,
-daß Menschen und Häuser plötzlich ihre Körperhaftigkeit verloren, und er
-durch sie hindurch in ein Traumland blickte.
-
-Der Regen hatte mit einem Male aufgehört, nachdem er die Menschen den
-ganzen Tag über gelangweilt hatte, und die Sonne schüttete noch im Sinken
-Hände voll blitzender Funken über die Stadt. Eine ungewöhnlich
-gespenstische Beleuchtung herrschte, gleich dem Leuchten auf dem Antlitze
-eines Sterbenden.
-
-Die Leute gingen alle mit gelb-durchscheinenden Gesichtern, deren Wimpern
-sprühten, einher, wie Wesen, die ein Zauber für einige Stunden dem Dasein
-zurückgibt. Diese magische Lichterscheinung schien auf ihre Bewegungen, auf
-ihre Stimmen zu wirken, und nur die stumpfen Nerven der Arbeiter und Greise
-blieben unberührt von diesem Einflusse, dem sich selbst Pferde und Hunde
-nicht entziehen konnten, mit ihrem alltäglichen Gebaren den Zauberspiegel
-in Stücke schlagend.
-
-In den Hauptstraßen gab es nahezu ein Gedränge, so viele Leute hatte das
-Verlangen herausgetrieben, noch einen Schluck dieser kristallklaren,
-kräftigen Luft zu erhaschen.
-
-Die Wagen glitten pfeilschnell vorüber, und das Prasseln der Pferde, die
-stramm in den Zäumen gingen, verschwand ebenso unvermittelt, als es
-auftauchte. Als wären sie auf Wiesengrund eingebogen. Die elektrischen Cars
-schossen wie die losgekoppelten Wagen eines Zuges in Abständen
-hintereinander her, den Strom des Verkehrs für Augenblicke in zwei Arme
-teilend. In den Magazinen brannten die Lampen und zogen unwillkürlich den
-Blick der Passanten auf die ausgebreiteten Herrlichkeiten. Blasse Gesichter
-mit verblasenen Schatten unter den glänzenden Augen wanderten durch den
-Lichtschein.
-
-Aus dem Panoptikum tönte das atemlose Tschin-tschin des Automaten, laut,
-seelenlos und jäh abbrechend, als habe man für einen Moment die Türe eines
-Vergnügungslokales geöffnet.
-
-Ginstermann lächelte in der Erinnerung daran, daß er vor drei Jahren an
-dieser mit Plakaten beklebten Türe gestanden und den Vorbeieilenden mit
-verbindlichem Lächeln die grellbunten Zettel in die Hand gedrückt habe.
-
-Er trat in einen Laden, um sich eine Tüte Datteln zu kaufen. Das Fleisch
-der süßen Früchte zwischen den Zähnen zerreibend, die Steine aufs Pflaster
-schnellend, nahm er promenierend sein Abendbrot ein.
-
-Plötzlich entstand über den Häuptern der Menschen ein kurzes Knistern und
-Prasseln, die Bogenlampen sprühten auf. Eine ungeheuere Reihe leuchtender
-Perlen hing aus dem düsterblauen Himmel herab, ein glitzerndes Gewebe von
-Licht über Häuser und Menschen werfend.
-
-Die Szenerie veränderte sich dadurch mit einem Schlage.
-
-Die Gebäude schienen gewachsen zu sein, einige glichen Ruinen mit mächtigen
-Breschen darin, andere wieder erweckten den Eindruck, als seien sie aus
-ihrer Starrheit erwacht und machten Miene, die Straße hinabzuwandern.
-
-Die Menschen, infolge des phantastischen Abendleuchtens in stille
-Schwärmerei versunken, sprühten nun laute Fröhlichkeit. Sie lächelten alle,
-selbst dann, wenn sie nicht lächelten. Sie gingen zu Paaren, in Gruppen,
-einig in dem Vorsatze, den Abend lustig zu verbringen. Herren und Damen
-gingen Arm in Arm einher, eifrig plaudernd. Sie sprachen zumeist von
-nichtigen Dingen, aber es war ja wohl mehr die Freude des Sprechenden, zu
-diesen Ohren sprechen zu können, und mehr die Freude des Lauschenden, diese
-geliebte Stimme zu hören, als die nichtssagenden Dinge selbst, was diese
-Einmütigkeit hervorrief. Sicherlich stand ihnen allen noch ein besonderes
-Glück in Aussicht, ein Kuß im Hausflur, ein abendliches Zusammensein.
-
-Die Leute sahen ganz anders aus als vor wenigen Minuten. Es war, als seien
-sie rasch zu Hause gewesen, Toilette zu machen. Man sah überall frisch
-gewaschene Gesichter, schneeweiße Kragen und Lackschuhe. Die Bewegungen
-erschienen vornehmer, theatralisch nahezu bei aller Unbefangenheit.
-
-Der Lärm der Wagen wurde sonderbar, Rufe, Schreie, Gepfeife geheimnisvoll.
-Man bezog alles auf sich, wenngleich es weitab hörbar war.
-
-Dazwischen bemerkte Ginstermann ein Gesicht, das ihn interessierte. Ein
-originelles, stolzes Antlitz, in dem ein intensiver Denkprozeß, ein tiefes
-Seelenleben so lange gearbeitet hatten, bis Vater und Mutter darin
-zurücktraten, und ein neuer Mensch hervorkam, ein Adam sozusagen. Solche
-Leute hätte er gerne angesprochen.
-
-Eine Frau ging am Arme ihres Mannes vorüber, mit einem transparenten
-Gesichtchen, blauen, hellgewaschenen Augen voll träumerischen Sinnens. Sie
-war guter Hoffnung. Der Blick der beiden begegnete sich, und Ginstermann
-erkannte, daß es wunderbar feine Menschen waren. Er wähnte ihre Seelen
-klingen zu hören, als sie sich ansahen.
-
-Heute hatte er die Fähigkeit, die Herzen der Menschen unter den Kleidern zu
-sehen. Traum war es und Sehnsucht, Kampf und Liebe, was er darinnen sah. Er
-erblickte sich selbst in ihnen. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erfüllte
-ihn, wie nie zuvor. Wie ein Stückchen Holz unter anderen Spänen die
-Bewegung der Welle, die sie trägt, mitmacht, schien er alle Bewegungen
-dieser tausend Seelen mitzumachen. In der Einsamkeit seines Zimmers, der
-Abgeschiedenheit seiner Gedankenwelt war dieser Kontakt gelockert worden
-und nun, da ein Erlebnis sein einigermaßen vernachlässigtes Gefühlsleben
-befruchtet hatte, verstand er die Sprache wieder, die dieser Spiegel zu ihm
-redete.
-
-Im Begriffe, seiner Behausung zuzusteuern, bemerkte er ein kleines
-Hündchen, dessen possierliche Art zu laufen ihm auffiel. Es lief wie ein
-kleines Maschinchen, und man hätte glauben können, es bewege sich in
-drolliger Absicht nicht schneller vom Platze, während es die Beinchen wie
-verrückt bewegte.
-
-Eine Dame ging neben ihm her. Es war Fräulein Scholl.
-
-Ginstermann überschritt die Straße und rief sie an. Sie wandte sich mit
-einer drehenden Bewegung um, als befände sie sich auf dem Eise. Sie
-entdeckte ihn nicht sofort.
-
-»Ach, Sie!« rief sie dann mit vergnügtem Lachen, ihm die Hand
-entgegenstreckend, viel höher, als es nötig gewesen wäre.
-
-Ihr Puppengesichtchen strahlte, und sie schüttelte Ginstermanns Hand, als
-seien sie langjährige Bekannte. Sie war braun in braun gekleidet. Brauner
-Hut, braunes Kostüm, dazu kamen noch ihre mattbraunen Haare und ihre Augen
-von altgoldener Farbe. Das sensitive Auge eines Malers schien diese Nüancen
-zusammengestimmt zu haben.
-
-Ginstermann erkundigte sich, wo sie denn die letzten Wochen gesteckt habe.
-
-»Ich bin in Berlin gewesen,« sagte sie, den Berliner Jargon nachahmend.
-
-Das gab sofort Stoff zur Unterhaltung. Sie erzählte ihm von der Hin- und
-Rückfahrt, von all den harmlosen Abenteuern und Erlebnissen eines jungen
-Mädchens. Häufig lachte sie in der Erinnerung an diese Begebenheiten,
-Ginstermann im Unklaren lassend, was ihre Heiterkeit derart erregte.
-
-Er hörte ihr gerne zu. Ihre unvollständigen Sätze, ihr Lachen, die
-dazwischen geworfenen Berliner Redensarten belustigten ihn. Es war komisch
-zu beobachten, wie sie, mitten in ihrer Heiterkeit sich an die Würde
-erinnernd, die eine junge Dame zu bewahren hat, plötzlich ihr Lachen
-dämpfte, ihre Bewegungen überwachte und in korrekten Sätzen sprach.
-
-Ihr Wesen war voll kindlicher Anmut und jener am Tage liegenden
-Fröhlichkeit, wie sie Menschen besitzen, die das Leben nur von der sonnigen
-Seite kennen und infolge ihrer optimistischen und wenig polemischen
-Veranlagung auch nie dazu kommen, seine dunklen Seiten zu erfassen.
-
-Allmählich verstand es Ginstermann, das Gesprächsthema auf ihn mehr
-interessierende Gegenstände zu lenken.
-
-Er fragte, ob sie ihre Freundin schon besucht habe.
-
-»Natürlich doch,« entgegnete sie, »gleich am Montag.« Und ihn anblickend,
-setzte sie hastig dazu: »Bei dieser Gelegenheit habe ich auch Sie gesehen,
-Herr Ginstermann.«
-
-»Mich?«
-
-»Ja, Sie standen am Siegestor und studierten die Skulpturen.«
-
-»Nein, niemals. Montag? Da bin ich gar nicht hier gewesen, Fräulein.«
-
-Sie lachte ungläubig und sagte, sie könne ihren Kopf wetten. Sie habe auch
-geklingelt -- sie war zu Rad -- aber er habe nichts gehört.
-
-Es wäre wirklich schade um ihren Kopf.
-
-Aber, sie würde ihn auf keinen Fall verlieren.
-
-Eine Weile stritten sie sich wie die Kinder.
-
-Sie gingen die Ludwigsstraße hinunter, die noch länger aussah als am Tage.
-Die elektrischen Lampen hingen in endloser Reihe, riesigen glühenden
-Tropfen gleich, die an den Drähten entlang rollten.
-
-Ginstermann brachte alles mögliche aufs Tapet, wofür sich seine Dame
-interessieren konnte. Sie sprachen von Kleidern, Theater, Literatur. So gut
-er konnte, paßte er sich ihrem Gedankengang an und vermied es, sie auf
-irgendwelche Irrtümer aufmerksam zu machen, so unangenehm sie ihn auch
-berühren mochten. Es wäre ihm als ein Verbrechen erschienen, diese
-Mädchenseele durch Aufklärungen in Unruhe zu versetzen. In früheren Zeiten
-hielt er dies für seine Pflicht. Sie fand alles wunderbar und entzückend,
-und nur das wirklich Wertvolle, das fand sie langweilig und verrückt.
-Dazwischen äußerte sie wiederum Anschauungen, die zu ihren früheren in
-direktem Widersprüche standen, Splitter aus dem Geistesleben anderer, die
-an der Oberfläche ihres Geistes haften geblieben waren.
-
-Hin und wieder warf er eine Frage ein, die sich auf Fräulein Schuhmacher
-bezog. Er erhielt stets bereitwillig Auskunft. Schließlich machte er einen
-wahren Sport daraus, von jedem nur immer geeigneten Punkte des Gespräches
-auf die Freundin überzuspringen, sich und seiner Begleiterin ein wenig
-Komödie vorspielend. Auf diese Weise erfuhr er, daß sich die Mädchen in
-Berlin kennen gelernt hatten, daß Fräulein Schuhmacher aus Hamburg stammte,
-wo ihr Vater eine große Möbelfabrik besaß, daß ihr Bruder Offizier in
-Berlin sei, daß sie bei schönem Wetter alle Morgen nach Schleißheim
-radelten, und eine Menge anderer Dinge. Es machte ihm Freude, von der
-Geliebten zu hören, andererseits bereitete es ihm Vergnügen, zu sehen, daß
-die Harmlosigkeit seiner Begleiterin seine Absicht nicht bemerkte, obschon
-er in seiner übermütigen Laune so weit ging, jede Frage mit den Worten: was
-ich noch fragen wollte, einzuleiten.
-
-Am Ziele angelangt, plauderten sie noch eine Weile im Hausflur.
-
-Ihre Stimmen hallten leicht, als sprächen die Wände mit, und wenn Fräulein
-Scholl in ihr herzliches Lachen ausbrach, so schien dieses Lachen nach
-geraumer Zeit wieder durchs Stiegenhaus herabzukommen. Am Treppenpfosten
-brannte eine elektrische Lampe, eine Laterne vorstellend, an der der
-bekannte Savoyardenknabe lehnte, dieser Fratz mit seinem Glimmstengel im
-Munde. Die Wände schmückten Stuckkartuschen, ausgefüllt mit Amoretten, die
-Blumengirlanden hielten. Eine Putte in so unglücklicher Lage, daß man
-befürchtete, sie könne jederzeit aus dem Rahmen fallen und sich den Kopf an
-der Kante des Gesimses entzweischlagen.
-
-»Zum Abschied«, sagte Ginstermann, »sollten Sie mich eigentlich noch Ihrem
-Hündchen vorstellen, Fräulein Scholl.«
-
-Sofort einverstanden damit, machte sie die Herrschaften mit tänzelnder
-Grazie bekannt: »Herr Ginstermann -- Fräulein Bijou.«
-
-Ginstermann lüftete den Hut und machte seine Verbeugung.
-
-Fräulein Bijou kläffte: wä! und machte Miene, auf Ginstermann loszufahren,
-eifersüchtig und wütend über die lange Vernachlässigung.
-
-Darüber lachten beide, daß das ganze Treppenhaus mitlachte.
-
-Fräulein Bijou kläffte und umkreiste, auf drei Beinen hüpfend und mit dem
-Schweife wedelnd, die Lachenden.
-
-Seine Herrin nahm es auf den Arm und drückte es zärtlich gegen die Wange.
-
-»Eine gescheite Dame«, sagte Ginstermann, »sehen Sie nur das Gesichtchen.
-Ja, ein wirkliches Gesicht! Moderner Hund, neurasthenisch, das Geschlecht
-gehört seit Jahrhunderten zur Aristokratie.«
-
-Er nahm den Hut ab, um sich zu verabschieden.
-
-»Ach, Sie wollen schon gehen?«
-
-»Ich kompromittiere Sie ja.«
-
-»Sie kompromittieren mich nicht im mindesten. Tante ist verreist, und mein
-Bruder kommt nie vor 1 Uhr nach Hause. Er kneipt immer. Es würde ihm rasend
-Spaß machen, Sie kennen zu lernen. Wollen Sie Ihren Tee bei mir nehmen,
-Herr Ginstermann, ja?«
-
-Dabei sah sie ihn bittend an.
-
-In diesem Augenblick liebte er sie wirklich. Den Ausdruck des Erstaunens
-über diese Einladung verbergend, erwiderte er: »Ich muß leider ablehnen.
-Danke. Ich muß an meine Arbeit. Zu Hause bei mir sitzt einer, der es nicht
-erwarten kann, seinen Kopf zu verlieren im dritten Akt.«
-
-Sie setzte das Hündchen ab und reichte ihm die Hand.
-
-»Nun denken Sie wohl schlimm von mir, weil ich Sie einlud, mit
-heraufzukommen?«
-
-»Da müßte ich in erster Linie schlimm von mir selbst denken.«
-
-Sie verstand nicht sofort, dann sagte sie:
-
-»Nun ja, wenn Sie arbeiten wollen --«
-
-Sie blieb noch immer stehen, drehte den rechten Fuß auf dem Absatze und
-stichelte mit der Schirmspitze nach der Fußspitze.
-
-»Adieu,« sagte sie dann schnell, in dem Wunsche, heiter zu erscheinen wie
-vordem, und gab ihm nochmals die Hand, die er herzlich drückte.
-
-Sie war rund und kurz, heiß.
-
-»Adieu, Fräulein Scholl und nochmals Dank für Ihre liebe Einladung.«
-
-Fräulein Scholl sprang rasch die Treppe hinauf.
-
-Bijou rannte aus der Türe und kläffte Ginstermann nach. -- -- -- -- -- --
--- -- -- -- -- --
-
-Ginstermann ging nach Hause, setzte sich an den Tisch und schrieb:
-
-Das Herz.
-
-Da war ein Mann, vor langer Zeit. Habuck hieß er, das ist: der Gestorbene.
-Er war bleich, weiß wie Zucker sein Gesicht, seine Hände. Seine Augen waren
-dunkel wie Kohlen, seine Lippen schmal, von bläulicher Farbe. Ein Lächeln
-umkräuselte sie, scharf wie Gift. Sah er Kinder an, so begannen sie zu
-schreien, blickte er junge lachende Mädchen an, so weinten sie und
-trauerten ihr ganzes Leben. Er ging durch die Straßen und lächelte. Da
-wurden alle Menschen stumm, als sei ihr Herz entzweigesprungen.
-
-Sein Lächeln, das sagte: Weshalb lacht ihr?
-
-Einmal kam er durch ein Dorf, da tanzten sie unter der Linde. Er ritt auf
-einem mageren, starken Pferde und ritt ganz langsam. Die Fiedel verstummte,
-und die Paare standen erschrocken still. Niemand lachte mehr, niemand regte
-sich mehr, sie standen wie gelähmt. Der Spielmann versuchte ein Liedchen
-anzustimmen, da rissen die Saiten wie Zunder.
-
-»Es ist Habuck!« flüsterten die Mädchen und hüllten das Gesicht in die
-Schürze.
-
-Der Spielmann wackelte mit dem Kopfe und streckte die Zunge heraus. Man
-kann ihn noch heute so sehen.
-
-Habuck war ein Tyrann. Habuck wollte die Menschen knechten, wahnsinnige
-Herrschsucht raste in seinem Gehirn. Seine Gesetze hingen gleich
-zweischneidigen Schwertern zu Häupten des Volkes. Sein Stolz war so groß,
-daß er sagte: Erdengöttlein, meine Schultern reichen bis an deinen Bart.
-
-Er verbrachte die Nächte beim Wein und brütete, wie er das Lachen töten
-könne, auf der ganzen Erde. Er schlief nie, er starb nie, er lebte ewig.
-
-Oftmals raste er gegen sich selbst und nannte Gott einen Feigling, da er
-unsichtbar mit ihm kämpfte. Dann warf er sich auf sein Pferd und durchritt
-die Welt. Ohne Rast, ohne inne zu halten.
-
-»Habuck kommt übers Feld,« riefen die Leute und stürzten in ihre Häuser.
-Sie krochen in die Betten und verstopften sich die Ohren, denn wer den
-Hufschlag seines Pferdes hörte, in dem klang er fort, bis er irrsinnig
-wurde.
-
-Eines Abends ritt Habuck über eine große Heide. Violett das Kraut, violett
-der Himmel. Sturm ringsum und rasendes Wetter.
-
-Am Waldesrand stand ein Weib, das auf ihn wartete.
-
-Es stand mitten im Wege und wich nicht.
-
-Habuck blickte es an, aber es wich nicht. Und sonderbar, sein Pferd blieb
-stehen, als er über das Weib wegreiten wollte.
-
-»Ich habe dir etwas zu geben,« sagte das Weib.
-
-Habuck fragte: »Was willst du?«
-
-»Ich habe dir etwas zu geben,« wiederholte das Weib und trat nahe an ihn
-heran.
-
-»Nimm es,« sagte es, »ich habe es gefunden und bringe es dir. Du hast es
-verloren, als du ein Knabe warst.«
-
-Und als Habuck zögerte, warf sie es ihm in den Schoß und verschwand.
-
-Er fand nichts in seinem Sattel und ritt weiter.
-
-Der Sturm schwieg, das Wetter schwieg. Die Vögel begannen zu trillern im
-Walde, es war spät in der Nacht.
-
-Er kam an eine Schenke, stieg ab und trat ein.
-
-»Wer bist du?« fragten die Leute.
-
-Niemand kannte Habuck mehr. --
-
-Das schrieb Ginstermann. Es fiel ihm vorläufig nichts Besseres ein.
-
-
-
-
-X.
-
-
-Samstag.
-
-Ginstermann sprang aus dem Bette, mit beiden Füßen zu gleicher Zeit, und
-sagte: »Samstag.«
-
-Er hatte lange und tief geschlafen und fühlte sich in erwartungsvoll
-heiterer Stimmung angesichts dieses Tages, aus dessen Dämmerung das große
-Glück wetterleuchtete.
-
-Es war noch sehr zeitig. Die Kamine, die auf den Dachfirsten ritten, warfen
-noch nicht den mindesten Schatten. Der Tag kam mit sanftem Blau am Himmel
-herauf. Die Dämmerung vor sich hertreibend, in deren niedersinkenden
-Schleiern die Sonne in Tausenden von unsichtbaren Funken sprühte.
-
-Durch die geöffneten Fenster strömte frische, würzige Luft, gesättigt mit
-dem Geruche der Wälder und dem kühlen Atem der Quellen, noch nicht
-verdorben vom Staub der Teppiche und den Küchendünsten. Der Hof lag noch
-ruhig. Es war ein richtiger Feiertagmorgen.
-
-Sein Zimmer war hell und freundlich, wie zum Empfang eines Gastes
-hergerichtet, aus Möbeln und Wänden schien die Sonne der letzten Wochen zu
-strahlen. Er gewann es lieb, wie einen treuen Freund, den man einige Zeit
-hindurch vernachlässigt hat. Tisch und Stühle, Bücher und Skizzen an den
-Wänden waren ihm alte Bekannte, die treu bei ihm aushielten ohne Dank zu
-heischen.
-
-Er erinnerte sich an jene Morgen, da er erwachte, verpackt in einen Block
-von Kälte und Finsternis, in wüster Betäubung von der Arbeit der Nacht und
-lächelte. Das war nun vorbei. Ein Traum hatte ihn auf einen anderen
-Planeten getragen. Hier gab es nur Sonne und Gesang. Das gütige große Leben
-winkte ihm wiederum und lud ihn ein, im Reigen mitzutanzen.
-
-Ginstermann schritt nackt in seinem Zimmer auf und ab. Es gehörte dies zu
-seinen Liebhabereien.
-
-Das Gefühl von Kraft und Gesundheit erfüllte ihn in einem Maße, wie er es
-nie zuvor empfunden. Es schien ihm, als ob er gewachsen wäre. Seine Brust
-war gleichsam breiter geworden, den Lungen mehr Raum zum Atem erlaubend,
-seine Sehnen straffer. Die Müdigkeit war weg, der gebeugte Rücken, die
-bleischweren Füße. Als hätte er einen wüsten Rausch ausgeschlafen.
-
-Er wettete, mit der Faust Löcher in die Wand schlagen zu können, die Decke
-zu sprengen, wenn er sich streckte.
-
-Köstlicher aber als all das, war die Stille, der Friede seiner Seele, die
-einer Wiedergeburt entgegensah.
-
-Eine übermütige Melodie summend, die ihm der junge Tag als Morgengeschenk
-gegeben, trat er vor den Spiegel, ließ die Muskeln seiner Arme spielen,
-reckte die Brust, beugte den Kopf zurück, sich erfreuend an dem Schnellen
-der Sehnen, der Überschneidung der Schulter, der energischen Linie seines
-Armes, als studiere er einen fremden Körper.
-
-Man sollte nicht versäumen, dachte er, jede freie Stunde nackt zu gehen.
-Was für Bewegungen würde man bekommen, welche Elastizität, welche Genüsse
-von Schönheit könnte man sich verschaffen, abgesehen von der Bereicherung
-seiner anatomischen Kenntnisse. Nackt müßten die Menschen in Gärten
-wandeln, voll Ehrfurcht vor der Schönheit ihrer Schwestern und Brüder, und
-die Welt nähme von neuem ihren Anfang, Schönheit und Erkenntnis ihr
-zweifaltiger Gott.
-
-Endlich ging er an die Toilette. Er überschwemmte seinen Körper mit Wasser
-und lief fröstelnd und pustend im Zimmer umher, eine solche Menge Fußspuren
-hinterlassend, als habe ein Rudel Wilder hier getanzt. Er hatte sich einen
-netten Anzug angeschafft, denn es erschien ihm unmöglich, in seinem
-geschossenen blaugrauen Sommeranzug mit einer vornehmen Dame im Englischen
-Garten zu promenieren. Allerdings hatte er nahezu seine ganzen Ersparnisse
-hinlegen müssen, aber das war ja vorläufig einerlei. Fix und fertig trat er
-vor den Spiegel. Der Anzug saß außerordentlich gut, als sei er für seine
-Figur geschnitten. Er machte in seiner dunkelgrauen Farbe einen
-ruhig-vornehmen Eindruck.
-
-Zur Vervollständigung setzte er auch seinen netten Strohhut auf, dessen
-verräterischen Glanz er mittels Wasser abgeschwächt hatte, und erblickte
-nun im Spiegel einen elegant, nahezu geckenhaft gekleideten jungen Mann,
-der sonderbarerweise sein Gesicht hatte.
-
-Er lüftete grüßend den Hut und sagte: »Guten Tag, wie geht es Ihnen?« dabei
-lächelnd mit freudigen Augen. Seine Wangen überzog ein Hauch von Röte, und
-diese Erscheinung machte ihn verblüfft wie ein Wunder. Gemächlich nahm er
-seinen Tee, rauchte er seine Zigarette. Er hatte Zeit. Unendlich viel Zeit,
-die mit den raffiniertesten Kunstkniffen vertrieben sein wollte.
-
-»Gehen die Lahmen zu Tanze, Antonio?« sagte er zu sich. Er lachte und
-erwiderte sich selbst: »Wenn die Toten neugierig werden, Pietro, weshalb
-sollen die Lahmen nicht tanzen?«
-
-»Ein Toter wird wieder lebendig, mein Sohn, wenn er sieht, wie sein
-Waffenbruder die Flucht ergreift.«
-
-»Man merkt, daß du schon lange gelegen bist, tapfrer Held, selbst dein Witz
-ist nicht mehr frisch.«
-
-»So frisch noch, um das Faule deiner Ausflüchte zu spüren, Antonio. Ein
-Antonio, der beim Junggesellenmahl des Colonna den Degen in den Tisch stieß
-und rief --«
-
-»Man merkt, daß du selbst wenig Gedanken besitzt, da du Raum im Kopfe hast,
-die Gedanken anderer Leute aufzubewahren.«
-
-»Donna Claudia --«
-
-»Nun muß deine Zunge ein Loch haben, da sie einen Weibernamen aussprach.«
-
-»Die Schnelligkeit deiner Einwürfe beweist mir, was mir gar nicht mehr
-bewiesen zu werden brauchte. Donna Claudia läd zum Tanze, und das ganze
-männliche Venedig schläft nicht mehr vor Aufregung, wie eine Jungfrau vor
-der Hochzeit. Wenn man euch hört, so glaubt man, ihr speistet sechs Teufel
-an einer Gabel, aber das Lächeln einer Frau macht euch zu tänzelnden
-Pudeln. Don Luigi, dessen Zunge scharf war wie ein Rasiermesser, um dessen
-Degen die Leute einen Halbkreis beschrieben, ertrank in den Wangengrübchen
-eines rosigen Mädchens, Freund Fabio, der noch mit halbem Schädel kämpfte
-und mit dem Satan in persönlicher Korrespondenz stand, gab seine Narben für
-den Kuß eines zierlichen Frauenknöchels. Und Antonio --«
-
-»Antonio ist nach Palermo abgereist.«
-
-»Antonio, der beim Festmahl des Colonna sagte: Wenn mein Herz Langeweile
-hat, so frage ich es: Hast du Langeweile, mio bambino? Sollst eine Puppe
-haben, eine feine Puppe, die Mama und Papa sagt, wenn man sie auf den Bauch
-drückt -- dieser nämliche Antonio, ihr Herren, so hört doch! schlüpft in
-den Balg eines Papageis, wenn Donna Claudia zum Tanze läd.«
-
-»Ein Fisch könnte sich ertränken.«
-
-»Ein Weib könnte die Wahrheit sagen.«
-
-»Ich wünschte nur, Pietro, die Marchesa Colombi könnte Zeugin deiner
-mannhaften Entrüstung sein.«
-
-»Die Marchesa Colombi? Der Mond falle dir auf den Bauch, Freundchen!« --
-
-Er erfand einen Dialog, in dem sich zwei blasierte Schlingel gegenseitig
-den Rest ihrer Gefühle zum Vorwurf machten. Daran reihte sich eine Szene
-bei Donna Claudia, Antonio--Claudia, und ein Zwiegespräch der Marchesa
-Colombi mit einer Maske in einer Fensternische, die mit einer klatschenden
-Ohrfeige endigte. Pietro, dieser freche Patron, mußte unbedingt seinen Lohn
-haben.
-
-Da begann Kapelli in seinem Atelier einen Heidenspektakel zu vollführen, er
-trieb Nägel in ein Brett, und die Gäste der Donna Claudia gingen nach
-Hause.
-
-Von der Straße her drang das Lärmen des erwachten Verkehrs. Die
-Gemüseweiber riefen mit singender Stimme ihre Waren aus, die Glocke des
-Kehrichtwagens zeterte.
-
-Ginstermann ging auf und ab, dann trat er ans Fenster und blickte hinaus,
-um sich die Zeit zu vertreiben.
-
-Aus dem Fenster gegenüber lehnte sich eine Magd, die plumpen Brüste
-breitgedrückt auf dem Gesims, und warf mit schwingender Bewegung des
-fleischigen Armes Kartoffelschalen in den Hof. Darauf zog sie sich
-schleunigst zurück, den Mund aufsperrend, um das Lachen zu verhalten. Sie
-sah aus wie eine Schießscheibe. Im Hofe wurde eine gutmütig-kreischende
-Weiberstimme laut, die augenblicklich eine Menge Gesichter an die
-Küchenfenster lockte.
-
-Eine Zeitlang beobachtete er das Treiben des Hofes, das an die
-Daseinsäußerungen von harmlosen Tieren erinnerte, dann erwachte wiederum
-die Melodie von vorhin in ihm, in bestimmterem Rhythmus, mit halbgehörtem
-Texte, und plötzlich, ohne sich eigentlich über diesen Vorgang klar zu
-werden, trällerte er vor sich hin:
-
- Juhei, juhei, der Tag ist da,
- er tanzt als wie ein Narr herum,
- mit heija--halleluija
- tanzt er die alten Häuser --
- ja alten Häuser um. Juhei!
-
- Juhei, juhei, der Tag ist da,
- ein wilder, kecker Bengel,
- mit heija--juhaheirassa
- hält er mich untern Pumpen --
- ja untern Pumpenschwengel. Juhei!
-
- Juhei, juhei, der Tag ist da,
- mit einem Strauß von Düften,
- dann hängt er mich mit juhaha
- an einen hohen Kirchenturm --
- ja Kirchenturm zum Lüften. Juhei, Juheirassassassa!
-
-Er wiederholte den Singsang, veränderte die Melodie, dichtete ein paar
-Strophen dazu, bis er endlich des Spaßes überdrüssig wurde.
-
-Er sah auf die Uhr.
-
-Es war sieben, noch nicht sieben.
-
- * * * * *
-
-Der Wind trug das Singen des Glockenspiels von St. Anna herüber in den
-Park. Ginstermann stand und lauschte. Bei den einundzwanzig Wunden des
-Cäsar! es war schon wieder eine Stunde um.
-
-Heute schlief Phöbus auf seinem Kutschenbock, wie seinerzeit am Tage von
-Gilgal. Jede Minute ging so gemütlich als möglich und trank eine Tasse
-Schokolade, bevor sie die Parole an die folgende abgab.
-
-Ginstermann promenierte seit Mittag im Englischen Garten, um nicht zu spät
-zu kommen, wie er sagte. Er hatte hastig und ohne jeglichen Appetit, als
-habe er das Reisefieber, sein Mittagsbrot eingenommen und war, ohne recht
-zu wissen wie, in den Park gekommen. Den Vormittag über hatte er sich in
-den Straßen, auf dem Bahnhofe herumgetrieben, eine solche Menge
-beobachtend, erlebend, erfindend, daß es geschrieben einen Folianten gäbe,
-ohne aber seine Ungeduld, seine Langweile nur eine kleine Weile bannen zu
-können. Eine Zeitlang hatte er bei dem Auslagefenster eines Reisebureaus
-gestanden, wo die kleinen Zinnschiffe auf gemalten Ozeanen wimmeln, und
-einen kurzen Ausflug nach Südamerika, Australien und Japan unternommen, mit
-einigen Zusammenstößen, Seeräuberüberfällen und einer kleiner Robinsonade
-auf einer niedlichen Koralleninsel in der Südsee.
-
-Es war angenehm, hier zu gehen, auf den gepflegten, reingekehrten Wegen.
-Durch die halbhohen Wiesen hindurch, deren Gräser und Blumen der Wind leise
-wiegte, oder unter den hohen Bäumen mit den in der Sonne flitternden
-Blättern.
-
-Das war ein Tag, von einem Gotte, der ein Dichter und ein Maler war,
-geschaffen. Duftende Blüten, bunte verliebte Falter, ein blauer Himmel, der
-der Sonne das Feuer in einem einzigen Kusse zurückgab, ein Tag, der einen
-Engel auf die Erdenkinder hätte neidisch machen können.
-
-Zur Mittagszeit gab es nur wenig Leute. Ab und zu eine Bonne mit Kindern,
-ein Reiter, der auf den Sandsteigen vorbeistampfte, ein Wagen, ein Mann,
-der vor sich hinsann. Hinter den Bäumen blinkten die Villen wie eine Reihe
-weißer, lächelnder Zähne. Die Stadt surrte in der Ferne, eine atemlose,
-keine Sekunde stillestehende Maschine.
-
-Mit jeder Viertelstunde wuchs in Ginstermann eine sonderbare Angst, die ihn
-wie ein Schwindel im Kreise drehte. Als ob man zu einem sagte: Noch eine
-kleine Weile, und die Türe springt auf, und du stehst vor dem Schicksal,
-das dir deinen Platz im Leben anweisen wird. Es war das nämliche Gefühl,
-das er empfand, als bei der Premiere seines ersten Dramas der Vorhang in
-die Höhe stieg, und er das gefüllte Haus in der Dämmerung liegen sah, das
-gekommen war, ihn zu richten. Und doch war es nichts als ein harmloses
-Rendezvous mit einer jungen Dame.
-
-Als es zwei Uhr schlug, stieg er zum dutzendsten Male den Hügel hinauf, auf
-dem der Monopteros, ein schlanker Rundtempel aus weißem Marmor, errichtet
-war.
-
-Hier würde er sie treffen. In einer Stunde würde sie hier oben stehen
-. . .
-
-Er blickte über die Wiesen, die Baumwipfel, die Stadt.
-
-All das war ihm wohlbekannt. Jeder Weg, jeder Baum, jeder Turm. Er hatte
-vorigen Sommer hier oben zu Mittag gegessen, als es ihm nicht sonderlich
-gut ging, zwei Monate lang.
-
-Er ging unter den Säulen umher und las Namen und Monogramme, die von einem
-Herzen eingeschlossen waren. Erinnerungen an verliebte Leute. Er bemerkte
-ein häßliches Wort und rieb es mit einem Steinchen weg, damit nicht ihre
-Augen zufällig darauf fallen konnten.
-
-Dann stieg er wieder herab und ließ sich auf einer Bank in der Nähe nieder,
-die ihm erlaubte, den Tempel im Auge zu behalten, ohne daß er den Ausgang
-sah. Er wollte sie nicht kommen sehen, sondern plötzlich sollte ihre
-Gestalt ihm aus den schlanken, weißen Säulen heraustreten.
-
-Hier war es sehr still, und er träumte, wie sie aussehen würde, was sie
-spräche. Vor ihm standen die hohen, ernsten Bäume mit schweren,
-schattensatten Wipfeln, Büsche zwischen ihren Stämmen, Blumen und allerlei
-Kraut unter diesen Büschen. Drei Wälder, verschieden an Größe und um so
-üppiger und farbenprächtiger, je mehr sie sich dem Erdboden näherten. Es
-hämmerte, es klopfte, knackte da und dort, Fliegen mit schillernden Flügeln
-summten über den Weg, Vögel schwankten von Ast zu Ast. Das war so
-eigentümlich, so märchenhaft, daß man wähnte, jede Minute müsse sich das
-Gebüsch teilen und etwas Sonderbares hervorkommen.
-
-Ginstermann spann sich in diese Märchenstimmung hinein, bis ihn das
-glucksende Lallen eines kleinen, wie eine Puppe herausgeputzten Mädchens
-weckte. Das Kind blieb vor ihm stehen, mühsam das Gleichgewicht haltend,
-und lief plötzlich auf ihn zu und fiel ihm mit jauchzendem Lachen nahezu in
-den Schoß. Es legte die Fäustchen auf seine Knie und blickte ihn zutraulich
-mit großen, wasserblauen Augen an, aus denen das wunderliche Traumland
-seiner Seele schimmerte.
-
-Die Mutter, eine schmale, kleine Frau in Trauerkleidern, eilte mit
-mädchenhaft flüchtigen Schritten herbei und versuchte die Kleine
-wegzuziehen.
-
-»Aber bitte, lassen Sie die Kleine doch,« sagte Ginstermann, »ich fühle
-mich sehr geschmeichelt, daß sie Zutrauen zu mir hat.«
-
-»Sie belästigt Sie. Herzchen, Du belästigst den Herrn!«
-
-»Nein, nein, aber keineswegs. So hübsche Kinder belästigen mich nie.«
-
-Die junge Mutter nahm neben ihm Platz, sich nochmals entschuldigend. Ihr
-Wesen hatte etwas Gedrücktes, Hoffnungsloses an sich, als sei sie mühsam
-der Verzweiflung entronnen. Ihr schwarzes Kleid war abgetragen und spielte
-an den Armen und der Brust ins Grünliche. Mit krankhafter Schamhaftigkeit
-versuchte sie die Schuhe unter dem Rocksaum zu verbergen, da sie rissig
-waren.
-
-Ginstermann nahm das Kind auf die Knie und schaukelte es, dabei trällernd:
-
-Die Schweden sind kommen -- habn's Pulver mitg'nommen . . .
-
-Die Kleine lachte und klatschte vor Vergnügen mit den Patschhändchen.
-
-»Sie wird ihnen lästig fallen,« hub die Mutter wieder an, ihm mit einem
-Blicke ihrer traurigen, verschleierten Augen dankend.
-
-»Sie sehen ja, daß das Vergnügen ganz auf meiner Seite ist. Was verlangen
-Sie für das Kind? Ich kaufe es Ihnen ab. Drei, fünf Millionen?«
-
-Aber das Weib lächelte nicht. Sie blickte den Weg hinunter zu einem kleinen
-Manne in komisch kurzem Gehrocke, der heftig hustete.
-
-»Es läuft auf jeden Herrn zu, denn es hat keinen Vater.«
-
-Sie sagte das mit einer Stimme, die ihren ganzen Schmerz ausdrückte.
-
-Denn es hat keinen Vater, wiederholte Ginstermann innerlich.
-
-Er fuhr fort, das Kind zu schaukeln, dann sagte er:
-
-»Wer ein solches Kind hat, darf eigentlich nicht traurig sein.«
-
-Sie blickte immer noch zu dem hustenden Männlein hinunter.
-
-»Ach,« sagte sie, »er hätte mich ja sicher geheiratet. Er ist gestorben. Er
-war drei Tage krank, dann ist er gestorben. Nun ist er tot.«
-
-Das Mädchen jauchzte und fuhr mit gespreizten Fingerchen nach Ginstermanns
-Gesicht.
-
-»Fällt es Ihnen noch nicht lästig?«
-
-»Ach nein. Hören Sie doch diese Stimme! Wie eine Glocke. Und dieses Haar,
-das sie hat, feiner wie Seide.«
-
-»Darf ich Sie etwas fragen, ja? Und Sie werden mir Ihrer Überzeugung gemäß
-antworten?«
-
-»Bitte, bitte.«
-
-Ob er an ein Wiedersehen im Himmel glaube!
-
-Dabei sah sie ihm direkt in die Augen.
-
-»Nun auf jeden Fall doch! Da gibt es doch einfach keinen Zweifel.«
-
-Auf ihrem Gange wohne einer, ein Doktor, ein Schriftsteller, der sage, nur
-die Dummen glaubten es noch. Seine Hausfrau habe es ihr erzählt.
-
-»Ja, ein Schriftsteller,« entgegnete Ginstermann, »die glauben alle nichts.
-Ich kann Ihnen aber etwas sagen, Sie brauchen gar nicht so lange zu
-warten.«
-
-Das verstünde sie nicht.
-
-Sehr einfach. In ein paar Jahren hätte sich ihr Kind entwickelt, und aus
-dem Kinde würde alsdann der Vater heraustreten. Zum Beispiel an der Bildung
-der Stirne, an einer Bewegung, in der Stimme würde sie ihn erkennen. Und
-somit in ihrem Kinde auch dessen Vater erblicken.
-
-Sie sann vor sich hin, beglückt von dieser Eröffnung und sah im Geiste das
-Kind heranwachsen und seinem Vater gleichen.
-
-Dann erzählte sie Ginstermann leise, in unvollständigen Sätzen, die
-Geschichte ihrer Liebe, um sich das Herz dadurch zu erleichtern. Sie war
-Telephonistin und ihr Bräutigam Zeichner in einer Möbelfabrik. Er war sehr
-geschickt. Sie hatten sich durchs Telephon kennen gelernt. Schon als sie
-das erste Mal seine Stimme gehört, habe sie ihn lieb gewonnen. Und eines
-Abends war er hinter ihr hergekommen und hatte gerufen: 23--75. Das war die
-Nummer seines Geschäfts. Sie sei auf den Tod erschrocken. Und dann hätten
-sie einander geliebt. Aber dann sei er krank geworden, nur drei Tage krank
-gelegen und gestorben. Und sie habe ihre Stellung verloren, als das Kind
-kam und sei nun Kontoristin. Gegenwärtig habe sie Urlaub, drei Tage.
-
-Ginstermann hörte ihr von Mitleid ergriffen zu. Er schmiedete Pläne, auf
-welche Weise man das arme Weib erfreuen könne. Hätte er Geld gehabt, so
-würde er ihr soviel als möglich zugestellt haben: Ein Freund ihres
-Bräutigams, der Möbelzeichner K. habe diese Schuld abzuzahlen. Er bitte
-wegen der Verzögerung um Entschuldigung. Auch beschäftigte ihn der Gedanke,
-auf die Direktion zu gehen und dem Beamten die Nichtswürdigkeit seiner
-Handlungsweise vorzuhalten, ein junges Mädchen deshalb zu entlassen, weil
-es der Stimme seiner Natur gefolgt war.
-
-»Wenn Ihnen die Kleine aber lästig wird --? -- -- Es regnete ein wenig und
-ich hatte den Schirm aufgespannt, an jenem Abend. Da kam er hinter mir her
-und sagte: 23--75. Ach, ich bin auf den Tod erschrocken --«
-
-In diesem Momente schlugen die Uhren drei.
-
-Ginstermann erschrack, die Töne durchliefen seinen ganzen Körper.
-
-Er stand hastig auf und sagte, bebend vor Erregung:
-
-»Entschuldigung, ich muß gehen. Es ist drei Uhr. Um drei Uhr muß ich gehen.
-Auf Wiedersehen.«
-
-Zwischen den Säulen auf dem Hügel war noch nichts zu sehen. Kein Schatten,
-nicht der Verdacht eines Schattens.
-
-Drei Uhr und nichts zu sehen. Ginstermann wurde von einer lähmenden Angst
-befallen und hielt den Schritt an.
-
-Wie ein Blitz fuhren ihm hundert Möglichkeiten durch den Kopf, die sie
-abgehalten haben mochten, und die eine verblieb hartnäckig als die
-wahrscheinlichste: Sie wollte nicht, sie hatte es sich anders überlegt. Was
-sollte sie mit ihm?
-
-Nun hatte er drei Tage gefiebert, und seine Sehnsucht hatte sich die Flügel
-lahm geflogen nach diesem Moment -- und sie kam nicht.
-
-Er stand und blickte mit bitterem Lächeln zu Boden.
-
-»Gut! Es war vorbei. Das Leben hatte ihn genarrt!«
-
-Aber plötzlich schrak er zusammen. In dem Bilde, das unbewußt seine
-Netzhaut spiegelte, hatte sich etwas geändert.
-
-Sie stand oben.
-
-Sie stand wirklich und wahrhaftig oben.
-
-Schlank und weiß stand sie zwischen den schlanken, weißen Säulen und
-blickte über die Wiese.
-
-Es fiel Ginstermann nicht ein, hinauf zu eilen. Er blieb ruhig hinter
-seinem Busche stehen und beobachtete sie.
-
-Sie ging langsam im Kreise umher, dann blieb sie stehen und schrieb mit dem
-Sonnenschirm auf den Boden. Sie wartete.
-
-Ist es nicht köstlich, dachte Ginstermann, sie wartet! So steht jemand, der
-wartet! Oder schreibt man sonst mit dem Schirm auf den Boden? Oder steht
-man sonst in solch nachdenklicher, nachlässiger Haltung?
-
-Er götzte sich eine Weile an diesem Gedanken, dann eilte er, was er konnte
-und langte ganz außer Atem oben an.
-
-»Da sind Sie ja!« sagte sie und lächelte.
-
-Ihre Stimme klang klarer und voller als neulich, da sie krank gewesen. Mit
-einem kurzen verstohlenen Blick überflog sie sein verändertes Äußere.
-
-Er schämte sich nun, es kam ihm vor, als beleidige er sie durch diese
-spießbürgerliche Rücksichtnahme, und er verwünschte Anzug und Hut.
-
-»Ja, da bin ich«, sagte er, indem er ihr die Hand gab. Es fiel ihm sonst
-nichts ein, all die hundert Anreden, die er sich zurecht gelegt hatte,
-waren in seinem Kopfe verschwunden wie durch ein Loch.
-
-Sie habe schon gedacht, er sei irgendwie verhindert.
-
-Dies sagte sie leichthin, in verletzend gleichgültigem Tone, der
-Ginstermann augenblicklich die Fassung zurückgab.
-
-»Ich würde nicht verfehlt haben, Sie das wissen zu lassen,« entgegnete er.
-
-Sie gingen den Hügel hinab und blieben an der Wegkreuzung stehen,
-unwillkürlich.
-
-»O, das ist ja gleich«, sagte Fräulein Schuhmacher und schlug den Fahrweg
-ein.
-
-Sie begannen zu plaudern. Anfangs tasteten sie unsicher nach einem
-Gesprächsthema, das Interesse für jeden besaß und jedem gestattete, etwas
-dazu zu geben, und huschten sie über die Oberfläche einer Menge von Fragen
-hinweg, bis sie schließlich in glattes Geleise kamen.
-
-Ginstermann war nicht vollständig bei der Sache. Ein Chaos von Gefühlen
-wirbelte in ihm. Ist es nicht herrlich, neben ihr zu gehen, dachte er.
-
-Ein Mann macht eine Reise um die Erde und spricht nach seiner Rückkehr zum
-erstenmal wieder mit seiner Geliebten. So kam es ihm vor.
-
-Nachlässig schlenderte er neben ihr her, den Hut in den Nacken gerückt, die
-Hände in den Hosentaschen, wie er es bei guter Laune zu tun pflegte. Er war
-nicht bedrückt durch ihre Nähe, wie früher, er fühlte sich befreit, ohne
-die peinigende Unruhe, unter der er zu leiden hatte, wenn er fern von ihr
-war. Er schlürfte sein Glück mit dem lachenden Leichtsinn eines, der nicht
-daran denkt, daß der Becher einen Boden hat.
-
-Es war ihm auch gar nicht darum zu tun, die Seele dieses Mädchens
-auszuhorchen. Wozu sollte sein Verstand das ergründen, was sein Herz längst
-wußte. Er war ihr Freund, mochte sie seine Gefühle erwidern oder nicht, und
-er war selig in dem Gedanken, einen Menschen zu wissen, dem er sich ohne
-die Scham des Schenkenden geben konnte, wie er war.
-
-Sein Inneres glich jenem Fleckchen Land, durch das sie schritten,
-erschauernd unter der gütigen Sonne, Leben und Blüten quellend.
-
-Kommst du nach Hause, Wanderer, so sage, du habest einen gesehen, den das
-Leben mitten auf den Mund küßte, dachte er, als jemand an ihnen
-vorüberging.
-
-Emanzipation? Welches seine Meinung über die Emanzipation des Weibes sei?
-
-Er nahm dieser Frage gegenüber seine feste Stellung ein. Diese Stellung
-suchte er ihr zu charakterisieren. Er vertrat die Frauenbewegung in ihrer
-radikalsten Form, wenngleich er da und dort seine Bedenken hegte. Die
-soziale Stellung des Weibes hielt er für einen Punkt sekundärer Bedeutung,
-mehr war es ihm um die Erweiterung des Erkenntnisvermögens der Frau zu tun.
-Die Frau müsse es vor allem lernen, ihre Kinder zu erziehen. Sie müsse
-begreifen lernen, daß das seelische Wohl des Kindes vor sein leibliches
-Wohl gehe.
-
-»Die Tatsache ist betrübend«, sagte er, »daß der seelische Zusammenhang des
-erwachsenen Kindes und seiner Mutter ein lediglich auf natürlichen Gesetzen
-basierter ist; ein gezwungener also, kein aus einem freien Bedürfnis heraus
-entstandener.«
-
-Dann sprach er von dem Verhältnis des Weibes zum Manne, das kein von der
-Natur vorgeschriebenes, in seelischem Sinne natürlich, sondern von der
-Kultur erwünschtes sei.
-
-Das waren für ihn alte Dinge, über die er Bücher geschrieben hatte, und er
-dachte vieles andere, während er sprach.
-
-Wie schön die Nachdenklichkeit sie macht, dachte er. Es ist nicht Schönheit
-im Sinne der Welt, es ist eine neue Art von Schönheit, für die man
-besonders entwickelte Augen haben muß. Und man weiß nicht, liegt sie in der
-Linie ihres Profils, liegt sie in der durchsichtigen Tiefe ihrer Augen,
-darüber die Wimpern sprühen. Man braucht es auch nicht zu wissen. Wie ist
-es, dachte er, findet ein Mann in einem Weibe, dessen Seele er liebt, seine
-Schönheit heraus, er, sonst kein anderer, oder liebt ein Mann nur das Weib,
-das seinen unbewußtesten Schönheitsgesetzen nach schön ist?
-
-Ist es nicht unglaublich, dachte er, wie gut Breite und Höhe und die Farbe
-des Hutes mit der Form ihres Kopfes, dem Teint ihres Antlitzes harmonieren?
-
-»Allgemein gesprochen«, schloß er seine Ausführungen, »freut es mich, daß
-das Weib strebt, weil ich hoffe, daß der Mann dann um so mehr streben
-wird.«
-
-»Wie oft gab es das«, ergriff Fräulein Schuhmacher das Thema wieder, »daß
-ein Mann wirklich und wahrhaftig als Freund, als Kamerad mit einer Frau
-lebte? Ich befürchte, nicht oft. Sprechen Sie heute als Weib mit einem
-Manne, und Sie werden fühlen, daß er Ihnen etwas verbirgt, daß er Ihnen
-etwas vorenthält von seiner Meinung, irgend etwas, das ich nicht sagen
-kann, ja, daß er sie gar nicht für ernst nimmt, Ihre Bemerkungen erst
-ausbaut, zur Höhe führt, und Ihnen dadurch beweist, wie wenig Sie
-berechtigt sind, sich an so etwas heranzuwagen. Ich empfinde das und bin
-betrübt deshalb. Und ich glaube, alle Frauen empfinden es. Dieses Lächeln
-der Überlegenheit hassen wir, weil wir merken, wie berechtigt es ist.
-Deshalb arbeiten wir, nur deshalb, wir wollen uns eine Gleichstellung mit
-dem Manne in jeder Hinsicht erringen.«
-
-Dieses Zugeständnis aus dem Munde eines jungen Mädchens zu hören, machte
-Ginstermann einigermaßen verwundert. Hier war wirklich ein Weib, das den
-grundlosen Dünkel seines Geschlechts, sich für etwas Höheres zu halten,
-überwunden hatte.
-
-Fräulein Schuhmacher blickte einem Falter nach, der über die Wiese
-gaukelte, dann fuhr sie fort: »Und die Gelehrten wollen wissen, daß das
-Weib nie konkurrenzfähig mit dem Manne werden könne. Welches Weib soll da
-nicht verzagen?«
-
-O wozu sprechen, dachte Ginstermann. Wozu sprechen? Er war gekommen,
-lediglich, um neben ihr einherzugehen, das süße Gefühl ihrer Nähe zu
-empfinden, die Blumen am Wege anzusehen, die Schwalben in der Luft zu
-verfolgen. Wenn sie nun sprach, so hörte er nicht ihre Worte, nur ihre
-Stimme. Nie hatte er noch eine solche Stimme gehört. Das koste, ohne kosen
-zu wollen. Das war wie ein weicher, weicher Arm, der sich um den Nacken
-schlingt. Ihre Worte waren wie Teppiche, so weich, so sanft. Sie hat
-Elfenbein in ihrer Stimme, Elfenbein, sagte er jubelnd zu sich, als er das
-gefunden.
-
-Andererseits aber war er ärgerlich, sich so passiv zu verhalten. Er, der
-sich nichts Herrlicheres wußte, als ein lebendiges Gespräch, er, der ewige
-Kampflustige, er, der um sich zu unterhalten, die Stühle seines Zimmer
-rings um sich stellte und mit ihnen konversierte.
-
-Welch herrlicher Tag doch heute war! Wie? und welche Mühe es gekostet
-hatte, die Stunden zu vertreiben. Seit fünf Uhr morgens.
-
-Ich werde mich bei ihr bis auf die Knochen blamieren, dachte er, und
-gleichzeitig, wie er sie neben sich gehen sah, die Harmonie ihrer Seele in
-den Augen, dem Antlitze, dem Gange, wenn man doch ihre Hand fassen könnte
-und ihr sagen: Sehen Sie es denn nicht?
-
-Aber wozu das wiederum? Man mußte stets daran denken, daß man Proletarier
-und sie eine vornehme Dame war. Wozu also?
-
-Sie konnten ihn mit glühenden Zangen zwicken, er würde doch nicht reden.
-»Vergessen Sie nicht, Fräulein Schuhmacher«, antwortete er ihr, »daß es
-sich in erster Linie absolut nicht um eine intellektuelle Ausbildung
-handelt, nicht darum auch, Kunstwerke zu schaffen, sondern um eine
-Steigerung und eine Verfeinerung der Empfindung. Wo bleiben da ihre famosen
-Gelehrten?«
-
-Ein Lächeln strahlte aus ihren Augen. »O, ich weiß«, sagte sie, »man müßte
-ja sonst verzweifeln. Hierin sind unsere Fähigkeiten denen des Mannes
-gleich. Ja, vielleicht -- ja vielleicht . . .« Sie brach einen Zweig und
-roch an den Blättern.
-
-Der Park war nun belebt. Zwischen den Büschen leuchteten die hellen
-Gewänder der Damen. Wagen und Radfahrer glitten die Straße dahin, als zöge
-sie ein rascher Strom. Man vernahm Plaudern und Lachen, gedämpft durch das
-Laub und die warme Luft, bald nah, bald ferne, bald schien es aus der Luft
-zu kommen, bald aus der Erde.
-
-Ein Reiter überholte sie in flinkem Tempo. Es war Maler Ritt. Er wandte
-ihnen, indem er den Hut lüftete, sein Gesicht zu und verzog es zu einer
-indiskret lächelnden Grimasse. Es schien, als sei der Teufel in elegantem
-Reitdreß, geschniegelt und gebügelt an ihnen vorbeigeritten. Um ihnen seine
-Geschicklichkeit im Reiten zu zeigen, gab er dem Pferde die Sporen, so daß
-es unvermittelt in Galopp überging.
-
-Eine Weile sprachen sie von ihm. Fräulein Schuhmacher gestand, wie ganz
-anders dieser Mann, dessen Bilder sie bewunderte, ja verehrte, in ihrer
-Vorstellung lebte, bevor sie ihn persönlich kennen lernte.
-
-»Er ist mir sehr unsympathisch,« urteilte sie, »ja er widert mich an. Ich
-kenne ihn nicht, aber es steht fest, daß ich mich nicht in ihm täusche. Ich
-glaube nicht, daß er Charakter besitzt. Es gibt so wenig Menschen mit
-Charakter, finde ich, Frauen wie Männer. Die meisten haben die Seele einer
-Dirne, bei der es aus- und eingeht.«
-
-Ginstermann dachte nicht mehr an die bunten Falter und Blumen, an die
-Schwalben da droben, er hörte zu.
-
-»Ich kenne überhaupt nur einen Mann«, fuhr sie fort und blickte Ginstermann
-an: »Das ist mein Bruder.«
-
-Und sie begann von ihrem Bruder zu erzählen, dessen Vorzüge im hellsten
-Lichte ihrer abgöttischen Schwesterliebe strahlten. Sie wurde nicht müde,
-ihn zu loben und schien gar nicht zu bemerken, daß ein Teil dieses Lobes
-auf sie selbst zurückfiel.
-
-Ginstermann freute sich über diesen Beweis ihres Vertrauens und wußte sie
-durch Fragen zu veranlassen, fortzufahren. Der Ton, in dem sie seine
-Verdienste rühmte, war voll von aufrichtigster Verehrung, so daß er, eine
-kleinliche Eifersucht überwindend, schließlich dahin kam, diesen
-Beneidenswerten selbst zu verehren und zu lieben.
-
-Nicht nur, daß er sich bis zu dem, was sie Charakter nannte, durchgerungen
-hatte, da war noch etwas anderes:
-
-»Wenn ich ihm in die Augen sehe«, sagte sie, »so brauche ich nicht in Angst
-zu sein, seine Vergangenheit darin zu entdecken, dann er hat keine
-Vergangenheit.«
-
-Das durchfuhr Ginstermann wie ein Stich. Er mußte an die Zeit denken, wo er
-sich betäubte, um nicht zu verzweifeln.
-
-Seine Fröhlichkeit war wie fortgeblasen. -- Er fühlte zwischen sich und dem
-Mädchen eine Mauer emporwachsen, die sie für alle Zeiten trennen würde.
-
-Er war nahe daran, ihr zu sagen: Sehen Sie her! Sehen Sie mir in die Augen.
-Graut es Ihnen? O, wenn sie es nicht sehen, so will ich Ihnen sprechen
-davon, sprechen!
-
-Und doch fand er nicht den Mut dazu, er war zu feige.
-
-Der Himmel verdüsterte sich, und wie ein riesiges Schattenbild zog seine
-Vergangenheit langsam darüber.
-
-Stumm schritten sie nebeneinander her. Sie mit Gedanken an ihren Bruder, er
-mit Gedanken an sich beschäftigt. Sie gingen voneinander entfernt.
-
-Im Hintergrunde stampfte die große Maschine, die wippenden Zweige streuten
-Goldstaub auf den Weg.
-
-Es war Ginstermann als peitschten sie seinen Rücken. -- --
-
-Nach einiger Zeit bat Fräulein Schuhmacher Ginstermann, dessen plötzliche
-Mißstimmung ihr auffallen mußte, ihr einiges über seine Arbeiten zu
-verraten.
-
-»Es ist ihr gleichgültig, wer ich bin«, dachte dieser bitter, »sie geht nur
-mit mir, weil die Zeitungen von mir schreiben.«
-
-»Was arbeiten Sie gegenwärtig. Ich interessiere mich dafür, es ist nicht
-Neugierde.«
-
-Ginstermann blickte sie an und lächelte. Nein, es war nicht Neugierde. Das
-versöhnte ihn einigermaßen mit sich. Einerseits fühlte er sich in seiner
-Eitelkeit dadurch geschmeichelt, auf der anderen Seite tat es ihm
-ordentlich wohl, daß jemand von ihm wissen wollte.
-
-Er fuhr fort zu lächeln und sagte: »O, das ist nicht so einfach zu sagen.
-Das ist sehr kompliziert alles. Jemandem das auseinandersetzen zu wollen
---« Er räusperte sich.
-
-Eine heiße Welle überflutete ihn. Nein, war das nicht sonderbar? Jemand
-wollte wissen, was er schrieb?
-
-Sollte er ihr die Hände küssen?
-
-Er dachte gar nicht mehr an vorhin. Er dachte nur das eine: Jemand
-intressiert sich für dich, Freundchen. Das tut einem armen Hunde ordentlich
-wohl, wenn jemand kommt und mit der Hand über ihn streicht, wie? Haha.
-
-Und er begann zögernd Gedanken und Pläne auszukramen. Seine Hände bebten,
-er suchte ungeschickt nach den deckenden Ausdrücken, seine Lippen
-zitterten.
-
-Es war auch das erste Mal, es war auch das erste Mal!
-
-Schamhaftigkeit durchschauerte ihn, während er sie sachte in das Innerste
-seiner Seele führte und ihr all die Dinge zeigte, die noch keines Menschen
-Auge erblickt. Da gewahrte er wie reich er war, und Stolz erfüllte ihn.
-
-Anfangs hing er allen Ideen einen Schleier über, der sie verallgemeinerte,
-dann ließ er, seine letzte Scham überwindend, die Schleier sinken und ließ
-ihr sein Innerstes nackt sehen, so bitter, so süß, so albern und verrückt
-es ihr auch erscheinen mochte.
-
-Heiße Blutwellen durchliefen seinen Körper, er zitterte vor Erregung. Sein
-Antlitz, das er sonst beherrschte oder verstellte, lebte auf, Zug um Zug
-löste sich und diente zum Ausdruck. Es war, als sei er aus langjährigem
-Schlafe erwacht.
-
-Er sprach mit leiser, eindringlicher Stimme, durch die Tränen fielen. Seine
-Seele pulsierte in feinen Worten.
-
-Zum erstenmal vernahm er seine eigene, wirkliche Stimme!
-
-Er nahm dazwischen den Hut ab, strich sich durch die Haare, er blieb stehen
-und zündete sich mechanisch eine Zigarette an. Oft hielt er den Schritt an
-und sah dem Mädchen in die Augen, immerzu sprechend. Seine Augen fieberten,
-er lachte und von all dem wußte er nichts.
-
-Sie gingen denselben Weg immer hin und her. Wohl ein dutzendmal. Wie auf
-Kommando drehten sie am Ende immer um.
-
-Fluten stiegen in ihm, quollen in ihm, brausten heraus. Er hatte tausend
-Hoffnungen, tausend Pläne.
-
-»Ich will nicht auf den Trümmern kauern und schluchzen, wie die anderen
-alle, ich will aufbauen, neu aufbauen! Hier ist euer Weg, hier ist euer
-Ziel! Wacht auf, wacht auf, um der Menschheit willen! Fort mit Schlaf, fort
-mit Lüge!«
-
-Er fand nicht Ende, nicht Anfang. Von jedem Gedanken liefen tausend Gänge
-zu tausend anderen. Alles was unbewußt in ihm geschlummert, brach ans
-Licht, reiste in dieser Stunde blitzschnell heran. Ein ungeheures Rad mit
-blitzenden Speichen schwang in ihm, angetrieben von einer unbekannten
-Kraft.
-
-Eine Blüte fiel herab und blieb auf ihrer Schulter liegen, er nahm sie weg,
-ohne jeden Gedanken.
-
-Und er baute weiter, immerzu, der Höhe entgegen. Alles, was ihm sonst
-unfaßbar gewesen, rückte in das Sehfeld seiner Erkenntnis. Mit beiden
-Händen konnte er wegwerfen, seiner Schätze wurden nicht weniger, es war wie
-ein Zauber.
-
-Zuweilen fragte er sich zwischen all diesen Strömungen: wie kommt das? Wie
-ist das möglich? Bin ich sehend geworden? Und weshalb sage ich ihr das,
-gerade ihr? Weshalb reißt es mich hin, ihr den Fanatiker der Idee zu
-zeigen, der ich bin, nachdem sie mich jahrelang in Schweigen gehüllt?
-
-Endlich hielt er inne. Seine Worte gehorchten nicht mehr, er brach in
-nervöses Lachen aus.
-
-Fräulein Schuhmacher faste nach seiner Hand und drückte sie.
-
-Sie gingen still nebeneinander her. Die Gedanken, die er gesprochen,
-umgaben sie wie eine sie begleitende Atmosphäre.
-
-Sie kamen am Wasserfall vorüber und blieben stehen, das Bild und den toten
-Rhythmus des Tosens mit halben Sinnen genießend.
-
-Auf einen Felsblock saß eine Dame und zeichnete. Sie hatte eine spitze
-abgeknickte Feder auf dem Hute und der übergeschlagene Fuß wippte
-unmerklich auf und ab. Ginstermann bemerkte das, so sonderbar es ihm auch
-erschien. Und während die Wellen in ihm noch weiterrauschten, dachte er:
-Hier sitzt immer jemand, der zeichnet, oder jemand der liest, oder einer,
-der verzweifelt nach einem Verse sucht.
-
-Sie gingen weiter, und Fräulein Schuhmacher sagte nach langem Sinnen:
-»Wollen Sie mir nicht etwas aus Ihrem Leben erzählen, Herr Ginstermann?«
-
-Das klang wie eine Bitte, die sie schüchtern vortrug und am liebsten wieder
-zurückgenommen hätte. Eine leise Röte stieg in ihre Wangen, sie beugte den
-Kopf in den Nacken und sah zum Himmel empor, den ihre Augen hell
-spiegelten.
-
-»Von meinem Leben?« erwiderte Ginstermann und lachte kurz auf.
-
-»Von Ihren Eltern, Ihren Geschwistern. Haben Sie Geschwister?«
-
-»Ich habe weder Geschwister noch Eltern, Fräulein Schuhmacher.«
-
-Sie blickte ihn an und war erstaunt, daß er heiter lächelte.
-
-»Wie das?«
-
-»Ich war noch nicht achtzehn Jahre, als man mir Urlaub für mein ganzes
-Leben gab. Ich hatte so etwas wie eine Dummheit begangen.«
-
-Er lachte wieder, ganz vergnügt.
-
-»Ich begreife das nicht.«
-
-»Ich bin glücklich, wenn ich daran denke. Der Haß macht glücklich, Fräulein
-Schuhmacher.«
-
-Pause.
-
-Dann fuhr Ginstermann ganz von selbst fort:
-
-»Ich komme einen dunklen Weg. Niemand könnte das fassen, selbst wenn man es
-ihm erzählen könnte. Niemanden kann man es erzählen. Man müßte keine Scham
-mehr haben. Ich habe das Bewußtsein, daß Tausende in dem schwarzen Sack
-stecken geblieben und nicht mehr ans Licht gekommen wären. Ich kann Ihnen
-nichts sagen. Nehmen wir an, ich sollte erzählen, ich schlich mich in die
-Ställe und stahl den Kühen die Rüben aus den Barren -- so könnte ich
-höchstens sagen: dann und wann hat es mich auch gehungert. -- -- Hunger und
-Durst ist das wenigste. Mit dem Stolze eines Königs geboren zu sein und die
-Demütigung eines Bettlers ertragen zu müssen, ist schon schwerer. Aber bei
-all der Misere, Sehnsucht nach Glück und Licht und Liebe und all das
-Ungegorene mit sich schleppen zu müssen, das ist keine Kleinigkeit. Ich
-kann Ihnen nichts sagen, niemand sagt das. Es ist vorbei und heute lache
-ich darüber. Sie ahnen ja nicht, was alles an Herrlichem und Leuchtendem
-auf dem dunklen Sumpfe schwimmt. Im allgemeinen ist auch nichts dahinter.
-Es ist eine Vergünstigung des Schicksals. Was ist dabei, Tausende erleben
-dasselbe, es ist keine Tat. Man blickt ein bißchen ins Leben, sieht dem
-Schicksal etwas bei der Arbeit zu. Man lernt das eher begreifen, was andere
-später begreifen müssen. Der Mensch ist nichts, wird nichts. Mysterien
-walten über uns, wir nennen sie Schicksal. Schicksal ist alles. Das
-Schicksal hockt und lauert. Irgendwo hockt es und lauert.
-
-Einer geht seine Straße und denkt, ich bin gefeit. Er geht sorglos. Andere
-sieht er fallen, er ist gefeit. Er geht sorglos. Aber hinter dem 121.
-Kilometerstein hockt sein Schicksal und lauert. Es haut ihn zusammen. -- O,
-der Mensch ist ohnmächtig, das lernt man. Und für diese Ohnmacht möchte er
-sich rächen und deshalb ist er schlecht. Wir nennen es so. Aber das kümmert
-das Schicksal nicht.
-
-Es zieht Furchen in den Sand, wie die Kinder, die spielen, und setzt die
-Menschen hinein: hier mußt du laufen, hier du. Es drückt ihm die Hirnschale
-ein, es reißt ihm einen Fuß aus. Er krabbelt weiter. Aber da kommt einer
-daher, dessen Weg den seinen kreuzt, der hat die Kunst gelernt, Hirnschalen
-zu flicken, Beine einzusetzen. Das nennt man Glück. Aber dieser
-Wunderdoktor kommt selten. -- Und dabei all unsere Sehnsucht, unsere
-kindische, göttliche Sehnsucht -- --! Glauben Sie nicht, daß das alles
-Unsinn ist, es ist manche Wahrheit darin.«
-
-Er nahm eine neue Zigarette aus dem Etui und sagte lachend:
-
-»Nun will ich Ihnen mal etwas Lustiges erzählen. Einmal war ich Erdarbeiter
-bei einem Bahnbau im Gebirge. Die Arbeit tat meinem Körper sehr gut, den
-Feierabend benutzte ich dazu, zu schreiben. Ich setzte mich in den Wald und
-schrieb. Oft schrieb ich in der Mittagspause, in glühender Sonne, während
-die anderen auf dem Gesichte lagen und schliefen. Des Nachts schrieb ich in
-der Baracke, in der über fünfzig Leute schliefen, bei einem Stumpen Licht.
-Ich mußte mich in acht nehmen, denn sonst setzte es Spott und Prügel. Es
-waren gute Kerle, trotzdem sie roh waren. Sie litten an Elend. Sie litten
-auch noch an etwas anderem. Deshalb betranken sie sich, deshalb fluchten
-sie, sie wußten es aber nicht. Sie hatten ein zottiges, irrsinniges Tier in
-sich, das immerzu im Kreise ging. Das war ihre Seele, ihre geschändete
-Seele. Einmal nun erwischten sie mein Buch. Es war ein dickes Notizbuch.
-Einer, ein dicker, runder Bursche mit dem Gesichte eines Metzgerhundes las
-es vor. Bei jedem Worte wieherte die Bande. In der Ecke da saß ein
-Schwindsüchtiger mit herabhängendem Chinesenbart, der machte aus jedem
-Worte eine Zote. Da kam nun einer im Buche vor, der denselben Vornamen
-hatte wie einer meiner Kollegen. Das gab Hallo. Und als etwas Abfälliges
-über ihn gesagt wurde, schrieen alle: Schlage ihn tot! Der, ein bärenhafter
-Kerl stieg über eine Kiste und schlug mich auf den Kopf, daß ich umfiel. Es
-war nur Scherz. Die anderen stießen mich herum wie einen Fußball. Natürlich
-nur Scherz. Schließlich wollten sie mein Buch zerreißen und es mir zum
-»Fressen« geben. Aber ein alter Arbeiter stand auf und sagte: Nein! Sonst
-nichts. Da warfen sie es mir ins Gesicht -- ich habe noch heute die
-Schrammen unter dem Auge -- und ich hatte es wieder. -- Ist das nicht
-kostbar? Ich könnte Ihnen eine Menge solcher Geschichten erzählen.«
-
-»Nein, bitte, nein, ich habe an dieser einen genug.«
-
-Ginstermann erwiderte: »Sie haben recht, wozu auch immer schwätzen.«
-
-»Ich höre Sie gerne erzählen, aber so bittere Geschichten machen mir keine
-Freude. Und von solchen Leuten --«
-
-»Nein, sagen Sie nichts über diese Leute, Sie sollten sie kennen. Später da
-dichtete ich ihnen Lieder. Revolutionäre, sehnsüchtige. O, Sie hätten sie
-sehen und hören müssen, wenn sie sangen. Eine Seele waren sie, ein Haß,
-eine Klage. Es war, um in den Wald zu gehen und zu weinen.«
-
-Er lächelte und fuhr in anderem Tone fort: »Nun habe ich noch eine
-Geschichte für Sie gefunden. Das war in Ungarn. Ich schrieb da in einem
-kleinen Bureau. Da lernte ich ein Mädchen kennen. Sie hatte so gute Augen,
-daß ich es wagte, sie anzusprechen, als es niemand bemerken konnte. Dann
-mußte ich fort und sie erlaubte mir an dem und dem Tage an das Gitter ihres
-Gartens zu kommen, um ihr Adieu zu sagen. Ich kam. Es war bitter kalt. Sie
-hatte noch zwei Schwestern dabei, die ihr so ähnlich sahen, daß man sie für
-Abzüge einer gleichen photographischen Platte hätte halten mögen. Sie gab
-mir die Hand zum Gitter heraus. Dann ging sie zu den Schwestern zurück. Sie
-standen in einer Reihe auf einem Hügel. Und plötzlich zogen sie etwas aus
-der Tasche und drei goldene Bälle flogen durch die Luft. Orangen. Sie taten
-es mit der gleichen Bewegung und riefen dabei ein und dasselbe ungarische
-Wort. Ich verstand es nicht. Ich habe es auch vergessen und nur, wenn ich
-sehr heiter bin, so klingt es mir in den Ohren. Dieses ist mein schönstes
-Erlebnis.«
-
-Fräulein Schuhmacher lächelte. »Es ist schön, so wie Sie es erlebten,«
-sagte sie. »Vielleicht finden Sie noch eines?«
-
-»Nein, nein. Es ist genug. Wieviel habe ich heute nur gesprochen. Ich
-sprach in drei Jahren nicht soviel. Tatsache. Und das ist nicht richtig.
-Wir sollten stumm gehen und lauschen und sehen, sehen und lauschen, und uns
-über das herrliche Dasein freuen.«
-
-»Finden Sie es so herrlich?«
-
-»O ja, sehr.«
-
-Sie schüttelte den Kopf. »Ich verstehe Sie nun nicht.«
-
-»Wenn ich Ihnen erklären sollte, weshalb ich das Leben herrlich finde, so
-müßte ich Ihnen wiederum eine lange Rede halten, und das wollen wir nicht.«
-
-»Ich bitte Sie darum.«
-
-»Schön, wenn Sie es wollen. Nun ich meine, es gibt doch unzählige Freuden
-und Herrlichkeiten. Da gibt es schon ganz einfache Dinge. Z. B. ich stelle
-mir rot vor. Rot. Das ist herrlich. Oder ich mache die Augen auf und sehe
-irgend etwas. Diese Baumgruppe, dieses Kind dort auf dem Wege, eine Fliege.
-Ist das nicht schön? Man zirpt an eine Saite, und das ist schön. Ich
-spreche noch gar nicht von Musik, von Kunst! Man kann tausendfältig
-genießen, wenn man seine Sinne nicht verschließt. Alles wird Erlebnis, das
-Kleinste. Hier ist es ein schön gesprochenes Wort, da ein kluges
-Vogelköpfchen, und so fort. Und nun kommen erst die eigentlich seelischen,
-die aus den Beziehungen von Mensch zu Mensch entstehen. Sie gehen über die
-Straße -- wozu Worte! Und dann ist es der Schmerz, die Sehnsucht, die
-Arbeit, die Freude und das Erwarten eines besonderen Glückes, ohne das
-niemand leben würde . . .« -- --
-
-Der »große Tag« neigte sich seinem Ende zu.
-
-Sie gingen nach Hause, durch die treibende, bunte Menge hindurch, die die
-Wege überflutete.
-
-Sie sprachen nur noch weniges und hingen ihren Gedanken nach.
-
-Ginstermann hätte gerne noch um ein Viertelstündchen gebeten, aber er
-befürchtete, ihre Güte zu mißbrauchen.
-
-Auf der Straße zwischen den öden Häusern, inmitten des brutalen Lärmens des
-Verkehres, verwandelten sie sich beide in andere Menschen, als sie im Park,
-in der Sonne gewesen.
-
-Fräulein Schuhmacher war wiederum die kühle, vornehme Dame, als die er sie
-kennen gelernt hatte.
-
-Aber beim Abschiednehmen war sie liebenswürdig und herzlich wie während des
-Spazierganges.
-
-»Ich werde Ihnen schreiben, wenn ich wieder kommen kann, nicht? Ist es
-Ihnen angenehm? Adieu, und seien Sie recht fleißig. Auf Wiedersehen!«
-
-Sie schüttelte ihm die Hand und ging.
-
-Ginstermann schritt langsam die Leopoldstraße hinauf, ganz langsam.
-
-Was für einen Monat haben wir, meine Brüder? sagte er.
-
-Wir haben Mai!!
-
- * * * * *
-
-Ginstermann ging nicht sogleich nach Hause.
-
-Er kehrte in den Englischen Garten zurück und schritt langsam, den Hut in
-der Hand, dieselben Wege, die er mit ihr gegangen.
-
-Die Sonne blitzte hinter der Stadt, die Wipfel der Bäume streckten sich
-ihrem erlöschenden Lichte entgegen. Dämmerung kam und schob die Leute den
-Ausgängen zu.
-
-Jene auffallende Sicherheit und Ruhe, die Ginstermann während des
-Nachmittages erfüllte, fiel in dem Moment, wo er allein war, gleich einer
-Schleuse, und die Flut seiner Empfindungen ergoß sich mit dreifacher Wucht.
-Er saß inmitten der Stunden dieses Tages, und jede einzelne breitete ihre
-Herrlichkeiten vor ihm aus.
-
-Er durchlebte nochmals jede einzelne Minute und das Erlebnis gewann an
-Schönheit und Tiefe, da seine Phantasie es verklärte und durchleuchtete.
-Jedes Wort, das Fräulein Schuhmacher gesprochen, klang in ihm wieder, so
-deutlich und lebendig, als spreche sie neben ihm. Ihre kurze Frage: wie
-das? wolle ihn nicht mehr verlassen. Sie ging neben ihm her. Schloß er die
-Augen, so leuchtete ihm ihr Gesicht entgegen, in jedem Ausdruck, den er zu
-sehen wünschte. Sie wandte ihm sachte die Augen zu, wenn er redete, sie
-lächelte, wenn er scherzte, sie kräuselte die Stirne, wenn er ein Paradoxon
-aussprach. Er entdeckte abermals, wie wesenhaft ihre Hände waren, wie
-schmal und gewölbt ihre rosigen Fingernägel, die kaum merkbare Asymetrie
-ihrer Stirne.
-
-Als er den Wiesenweg entlang schritt, den sie während seines Vortrages hin-
-und hergegangen, fand er Spuren ihrer Schirmspitze. Dies mutete ihn an wie
-eine reale Hinterlassenschaft.
-
-Hier sagte sie dies und jenes, ein gelber Falter schaukelte über die Wiese,
-ein roter Sonnenschirm wanderte dort hinter den Büschen. Er wußte jede
-Einzelheit ganz genau.
-
-Heute war der Tag seiner Wiedergeburt. Er hatte einen Menschen kennen
-gelernt, er hatte sich einem Menschen zu erkennen gegeben, das war das
-große Ereignis.
-
-Eines nur war bitter. Jene Erkenntnis, daß ein Abgrund sie trennte.
-
-»Wenn ich ihm in die Augen sehe, so brauche ich nicht zu befürchten, seine
-Vergangenheit darin zu entdecken, denn er hat keine Vergangenheit.«
-
-Welch unerschütterlich herrlicher Glaube lag in ihrem Tone und welch
-grausige Abneigung vor dem Menschen, bei dem sie dies zu befürchten hatte.
-
-Ein Schleier war gesunken, und er hatte eine Sekunde ihre Seele gesehen.
-Mit Furcht und Bangen. --
-
-Müde vom Laufen und Sinnen, steuerte er endlich seiner Wohnung zu.
-
-Durch die Straßen hauchte ein schwüler lautlos böser Wind, Bangen in den
-Herzen der Menschen erweckend. Die Sterne flackerten wie Kerzen, über die
-ein Luftzug streicht. Eine dunkle Wolkendecke schob sich über die Residenz,
-die Erde darunter zu ersticken.
-
-Bei Bildhauer Kapelli war noch Licht.
-
-Ginstermann schob den Kopf zur Türspalte hinein und sagte guten Abend.
-
-Die beiden Leutchen saßen aneinandergeschmiegt auf dem Sofa, eine
-niedergebrannte Kerze vor sich auf dem Tische.
-
-»Kommen Sie doch herein,« sagten sie mit vom Glücke schwermütiger Stimme.
-
-Er trat ein und saß eine Weile, den Hut im Nacken, bei ihnen und scherzte
-mit gedämpfter Stimme, obschon kein eigentlicher Grund zum Leisesprechen da
-war.
-
-Die Augen von Frau Trud erschienen wie blaue Flämmchen, die hinter Gaze
-brennen.
-
-»Mai, Juni, Juli,« sagte sie, ungewöhnlich lächelnd. Sie sann vor sich hin,
-dann warf sie den Kopf zurück, damit ihr nicht die Tränen aus den Augen
-fielen, und lächelte wieder.
-
-Ihr Gesichtchen war verklärt durch mädchenhafte Schamhaftigkeit und das
-Mysterium, das sich in ihrem Schoße vollzog, durchschauerte ihr ganzes
-Wesen.
-
-Sie hatte ihren blonden kleinen Kopf, um den goldene Funken sprangen, an
-den ihres Gatten gelehnt und Kapellis grauer Haarbüschel hing über ihre
-Schläfe. Ihre Lippen waren rot, wie geschminkt, und Ginstermann fiel es
-auf, daß sie eine Schleife von genau der gleichen Farbe trug.
-
-Sie atmeten alle beide in gleichen Zügen.
-
-Ginstermann hörte auf zu scherzen und mit der Andacht vor dem Gefühle, das
-diese beiden Menschen zu einem gewandelt, zog eine schmerzlich-süße
-Sehnsucht nach einem Zustande in sein Herz, dem er keinen Namen zu geben
-vermochte.
-
-Er schwieg schließlich ganz und nur sein Mund lächelte noch.
-
-Alle drei sahen sie in die Flamme auf dem Tische, als sähen sie die Bilder
-ihrer Träume darin.
-
-An den Fenstern knisterte es wie von feinem Sande, den eine Hand dagegen
-warf.
-
-Ginstermann flüsterte.
-
-»Bianka,« flüsterte er.
-
-Er erschrak und sah auf. Aber die beiden hatten nichts gehört.
-
-Er ging.
-
-Aus dem Zimmer der Malerin von Sacken drang lautes Sprechen und Lachen. Er
-erkannte Maler Ritts Stimme. Etwas verwundert über die neue sonderbare
-Freundschaft trat er in sein Zimmer.
-
-Der Wind lag auf dem Boden und sprang an ihm empor, als er die Türe
-öffnete.
-
-Da begann es in der Ferne zu grollen, und dumpf rollte der Donner über die
-aufhorchende Stadt.
-
-Ginstermann sagte: »Das ist mein Schicksal!«
-
-Er sagte es mit unterdrücktem Jauchzen in der Stimme.
-
-Er lehnte sich gegen die Türe, den Kopf in den Nacken gebeugt, immer noch
-das Lächeln von vorhin auf den Lippen.
-
-
-
-
-XI.
-
-
-Ginstermann hatte es aufgegeben, gegen das Geschick zu kämpfen, das auf ihn
-einbrauste.
-
-Noch war es nicht soweit gekommen, daß er sich ihm als Sklave ergeben
-mußte, noch konnte er sich verschenken.
-
-Und so verschenkte er sich.
-
-Er hatte sich gegen das Leben abgeschlossen, alle Fugen seiner Seele
-verstopft. Nun war es doch gekommen, heimtückisch in seiner Güte, furchtbar
-in seiner Liebe. Wie ein glühender Sturmwind fuhr es daher. Mit tausend
-Stimmen, mit Posaunen rief es ihn.
-
-Die Posaunen des Lebens riefen ihn!
-
-Nicht ohne Grauen folgte er dieser Stimme, aber er folgte mit der
-versteckten Sicherheit eines Menschen, der weiß, daß er sich zuletzt, ganz
-zuletzt, wenn es ihn an seiner Brust zerdrücken möchte, durch einen Sprung
-retten kann.
-
-Und wenn nicht -- nun dann sollte er untergehen.
-
-Er hatte solange geherrscht über sich und andere, er hatte Sehnsucht,
-einmal zu dienen, er hatte immer geschenkt, verschwendet, er wollte nun
-nehmen, gierig nehmen.
-
-Der Kampf gegen sein Schicksal war das Wahnsinnige, Erschöpfende gewesen,
-nun, da es sein Freund war, nahm er Geschenke und Hiebe ohne Trotz und
-Schmerz entgegen.
-
-Blank und frisch, reingescheuert lag die Erde. Der Himmel lockte, die Sonne
-sang und sang, er blieb eigensinnig zwischen seinen vier Wänden.
-
-Er wußte, wenn du nach Schleißheim gehst, zwischen acht und neun Uhr
-morgens, so kannst du sie sehen, wie sie mit der kleinen Scholl auf dem Rad
-vorbeiklirrt, aber er ging nicht. Er wollte sich keine Freude mehr stehlen.
-Selbst mußte sie zu ihm kommen, ganz von selbst.
-
-Sie würde ihm ja schreiben. Ich schreibe Ihnen, wenn ich wieder kann, hatte
-sie ja gesagt.
-
-Oder hatte sie es nicht gesagt? Sie hatte es gesagt, natürlich!
-
-Und noch hatte er ja zu zehren von dem großen Glücke von neulich.
-
-Es war entzückend, nichts, gar nichts zu tun, auf der Ottomane zu liegen
-und Zigaretten zu rauchen. Die Wirklichkeit versank und herrliche Träume
-wuchsen aus ihr empor wie mattleuchtende Tulpen, deren Kelche sich leise
-neigten.
-
-Dazwischen dachte er daran, etwas zu schreiben. Er war voll von Liedern.
-
-Doch ließ er sie singen, klingen in sich, wozu sollte alles Papier werden?
-Er wollte seiner Seele diese Lieder nicht rauben, sie sollten diese zarten
-langstieligen Blumenkelche umschweben.
-
-Bekam er Langeweile, so sprach er bei den Bildhauersleuten vor.
-
-Er fühlte eine seelische Zusammengehörigkeit mit ihnen und es fiel ihm
-nicht im Schlafe ein, sich daran zu erinnern, daß er sie früher verliebte
-Tierchen genannt, die in den Stall gehörten.
-
-Er las in einem Buche, während Kapelli arbeitete, er spielte Karten mit
-ihnen, wenn es Feierstunde gab, er sah Frau Trud beim Nähen zu.
-
-Sein Aussehen hatte sich geändert. Er sah frischer denn sonst aus, blühend
-gleichsam, nahezu wie ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren. In seinen
-Augen, die sonst düster brannten, sprühte das helle Feuer der Lebenslust.
-
-Eines Morgens standen zwei Büsten auf dem Tische, als er bei Kapelli
-eintrat. Es war Biankas Porträt. Er erschrak vor Freude.
-
-Diese beiden ganz gleichen Köpfe wirkten, länger betrachtet, verwirrend
-schmerzhaft auf ihn. Er sah im Geiste eine unendliche Reihe desselben
-Kopfes vor sich und wurde nervös bei dieser Vorstellung.
-
-Kapelli lachte über dieses Gefühl. Seine Sinne waren abgestumpft, dadurch,
-daß er wochenlang dieses Gesicht studiert hatte. Für ihn war es ein Kopf,
-ein beliebiger Kopf, ein Geschöpf von ihm.
-
-»Ich würde ihnen eine Büste schenken, Ginstermann,« sagte er. »Wenn Sie
-wollen.«
-
-Ginstermann überflog, überglücklich durch dieses Geschenk, das zu erbitten
-ihm sein Zartgefühl verboten hätte, des Bildhauers Gesicht, ob er nicht
-einen schelmischen Zug darin entdecke. Aber Kapelli war vollständig von
-seiner Arbeit eingenommen und knetete mit nervösem Ernste an seiner Skizze
-herum, jene argwöhnisch-forschende Härte in den Augen, die das
-unausgesetzte gewissenhafte Vergleichen zwischen Modell und Arbeit erzeugt.
-
-Also konnte er annehmen.
-
-»Ich danke, Kapelli,« sagte er, »diese Büste gehört zum Besten, was Sie
-geschaffen haben -- haha.«
-
-Er legte das Taschentuch um sie und trug sie behutsam in sein Zimmer
-hinauf, sehr behutsam.
-
-Nun stand sie auf seinem schmalbrüstigen, hohen Bücherregal.
-
-Anfangs beunruhigte in dieser Gast. Er war nicht mehr allein. Gleichzeitig
-ein Gefühl der Scham, ohne ihr Wissen etwas von ihr zu besitzen. Aber sein
-Egoismus brachte gar bald sein Gewissen zur Ruhe, und schließlich wurde ihm
-die Büste eine wonnige Erlösung.
-
-Er mochte sich noch so sehr in Träumereien verlieren, immer wieder gelangte
-er auf irgend einem Wege zu diesem Bildnis. Seine Gedanken, ja seine
-Bewegungen wurden dadurch beeinflußt. Etwas Weltfernes, etwas Reines,
-Heiliges erfüllte ihn, ohne daß er sich erst dazu hätte erziehen müssen.
-
-Sein Zimmer wurde zu einem Tempel, dessen Gottheit Bianka war. Die Vorhänge
-waren stets zugezogen, so daß feierlich gedämpftes Licht herrschte. Schien
-die Sonne gegen die Scheiben, so erfüllte eine schwärmerisch-gelbe,
-verheißende Beleuchtung das Gemach, dunkelte es draußen, so versank der
-Raum in Schwermut und scheues Wünschen.
-
-Oft stand er dicht vor der Büste und verharrte lange in der Betrachtung.
-Dann waren nur Bianka und er im Zimmer, sonst nichts, weder Stuhl noch
-Tisch.
-
-Eigentlich konnte man nicht gut Büste sagen. Es war ein Mittelding zwischen
-Büste und Maske. Der Hinterkopf war weggeschnitten, wodurch das Edle,
-Durchgeistigte des Antlitzes noch hervorgehoben wurde.
-
-Es war ein Antlitz, wie es Kranke haben, so zart, so durchscheinend,
-gleichsam überstrahlt von einem Lichte, das aus dem fernen Lande glänzte,
-wohin diese großen sehnsüchtigen Augen blickten. Die Nasenflügel schienen
-zu beben, der Mund zu zittern unter diesem Lächeln, diesem schmerzlich
-verlangenden, dürstenden Lächeln jener Menschen, die das Schicksal auf
-diese Welt verschlug.
-
-Ich leide, sagte dieses Lächeln, aber ich möchte es euch verbergen, denn
-ihr würdet mein Leiden nur mißverstehen.
-
-Die Spitzen der Finger schmiegten sich, als wollten sie das pochende Herz
-beruhigen, an die Brust, während die übrige Hand in den Block überging.
-
-Er verbrachte die Tage hinter verschlossener Türe, mit dem Egoismus des
-Glücklichen, der Scheu des Verbrechers, der Scham des Liebenden.
-
-Er nannte sie »Bianka«, wenn er zu ihr redete. Wenn seine Gedanken zu ihr
-redeten, von denen er nicht einmal wußte, was sie sprachen. Ach, alles war
-Keim in ihm, Knospe, er hätte keine Worte gefunden, als solche, die die
-Lippen vieler bereits profanierten. Er wünschte es auch nicht. Alles war
-Musik in ihm und schwebender Klang. Selbst Bianka sagte er nicht, nur seine
-Lippen bewegten sich, als liebkosten sie diesen Namen.
-
-Feiertage waren das. Was er, der Gottlose, nie kannte, das lernte er jetzt
-kennen in seiner ganzen Süße: Andacht, himmlische, inbrünstige Andacht.
-
-Oft war es ihm, als wäre er gar nicht, als ginge er als Traum eines höheren
-Wesens einher.
-
-Aufs neue erschloß sich ihm Mensch und Menschentun, da er die Liebe kennen
-lernte, die ledig aller Leidenschaft war. O, wie glatt und kalt waren doch
-die Speere der Vernunft! Sie mordeten. Die Liebe, die so weich ist wie
-Mutterlippen, die heilte. Nun wurde ihm der große Prediger lebendig, der
-diese armen Menschen alle an seine Brust nahm und die Tränen seiner
-unendlichen Liebe in ihre bitteren Herzen träufelte.
-
-Gelobet seist du!
-
-Und die armen Menschen hatten dies Erbe verloren. Sie lebten auf dem
-Kerichthaufen des Tages und scharrten schwatzend und zeternd ekle Klumpen
-und bunte Fetzen. Sie waren Schlacke, die kein Hauch mehr erwärmte, kein
-Feuer mehr glühend machte. Der Mensch war ja tot! Seinen Gott hatte er
-verloren und nicht mehr soviel Seele in sich, in schüchterner
-Kinderinbrunst zum Menschen zu beten. --
-
-Eines Abends verließ Ginstermann das Haus -- die Beleuchtung in seinem
-Zimmer war so schal und müde -- und kehrte mit einem Paketchen in
-Fließpapier zurück.
-
-Er hatte Blüten eingekauft, mit denen er sein Heiligstes schmückte.
-
-Es waren zartfarbene exotische Blüten von märchenhafter Gestalt, lange
-geschweifte Kelche, die einen süßen Duft ausatmeten. Er wußte nicht, wie
-man sie nannte. Verwunschene Prinzessinnen waren es, höchst einfach.
-
-Er lag auf der Ottomane und betrachtete das Bildnis, während sich seine
-unklaren Gefühle zu einem Zuge stummjauchzender Verse ordneten, die in
-seiner Seele hin- und herzogen, eine feierliche Prozession in Weiß und
-Gold.
-
-Alle Tage ersetzte er die Blüten durch neue.
-
-Der Tag versank um ihn, er dachte häufig gar nicht mehr daran, daß jenes
-Weib, das er hier anbetete, wirklich existierte.
-
-Ohne die geringste Ungeduld wartete er auf ihr versprochenes Billett.
-
-Auf einem seiner Einkäufe begegnete ihm Fräulein Scholl. Die kleine
-reizende Scholl sagte: »Fräulein Schuhmacher reist demnächst ab.«
-
-Er hörte es ohne Schmerz und dachte: »Sie wird dir schreiben, wenn sie
-wieder kommen kann.«
-
-Es eilte ja gar nicht, es eilte ja gar nicht.
-
-Einmal entstand das Verlangen in ihm, ihr ein Fest zu geben.
-
-Er nahm seine ganze Barschaft und handelte weiße Rosen dafür ein. Sie waren
-klein wie ein Taubenei, und jede hatte hundert zarte Blätter. Es war eine
-ungeheure Menge und doch waren es noch lange nicht genug.
-
-Er arbeitete fiebernd vor Festesfreude an der Ausschmückung. Er rannte fort
-und besorgte Draht, er rannte fort und besorgte Seidenpapier für die Lampe,
-er rannte fort und besorgte duftende Kräuter.
-
-Die Büste stand nun in einer Laube weißer Rosen, bleicher, keuscher,
-sehnsüchtiger als diese. Rosen lagen auf der Schulter, vor ihr auf dem
-Teppiche, aus einer kleinen Schale stieg der Rauch duftender Kräuter empor,
-ein dünner Faden, der oben einen sich drehenden Kelch bildete. Die Lampe
-war in gelbes Seidenpapier gehüllt und sah aus wie ein Stern, der werden
-will.
-
-Es war schön! Ach, ihr hättet es sehen müssen!
-
-»Bianka!« jubelte Ginstermann. »Bianka!«
-
-Allerdings hätte man es sich noch viel, viel herrlicher denken können. Eine
-Laube aus weißen Rosen mit goldenem Himmel zwischen den Ranken, wie auf den
-Gemälden der alten Meister. Und ganz aus der Ferne die Stimme einer Geige.
-Einer einzigen Geige, leise und süß, eine Melodie, die er in sich hatte,
-schüchtern anbetend, verschämt sehnsüchtig.
-
-Und in den Pausen dieser ewigen Melodie hätten die Stimmen von Jungfrauen
-jauchzen müssen, so unendlich ferne und verweht vom Schwingen grüner
-Palmzweige.
-
-Ergriffenheit bemächtigte sich seiner, er breitete die Hand über die Augen,
-als ob er weinen müsse.
-
-Bianka blickte ihn an. Ihre Augen bekamen Farbe und Ausdruck, während das
-Gesicht bleich und still blieb. Sie zürnten ihm nicht wegen des Frevels, zu
-dem ihn seine Liebe verleitete. Sie blickten mild und gut.
-
-Dieser Abend war eine einzige Köstlichkeit.
-
-Seine Träume in dieser Nacht waren noch erfüllt davon. Bianka schwebte
-durch sie, bald mild lächelnd, bald stolz fliehend.
-
-Er saß auf einem Sterne, weit ab von der Sonne, die Sonne erschien wie ein
-winziger Funke. Bläuliches Licht um ihn. Er hatte aus den anderen Sternen
-Biankas Namen gebildet, der sich flimmernd durch den Raum spannte, wie eine
-silberne Brücke. Er saß und schluchzte. Weshalb schluchzte er? Er wußte es
-nicht. Da strich etwas über seine Haare, ein Gewand flüsterte, das war
-Bianka. Er sah sie nicht, aber er wußte, daß sie es gewesen.
-
-Und wieder, da eilte er durch einen Lilienwald. Das weiße Gewand Biankas
-schimmerte vor ihm. Aber so sehr er eilte, er erreichte es nie. Er rief,
-aber der Wald verschluckte seinen Ruf, ohne ihn weiterzugeben. Plötzlich
-wurden die Lilien so dicht, daß er nicht mehr durchzukommen vermochte. Und
-Biankas Augen blickten ihm entgegen. Sie lächelten grausam und höhnisch. Da
-begann der ganze Wald zu wandern und voller Schrecken erwachte er.
-
-Wieder -- wieder -- da gingen sie durch eine Wiese von
-gläsern-durchsichtiger Farbe. Er und sie. Sie schritten Hand in Hand. Er
-war jung, schön war er. Sie war bald Kind, bald Jungfrau -- Sie gingen im
-gleichen Schritt, sonderbar pathetisch, als trüge sie eine Melodie.
-
-Da begann sie zu singen. Leise, flüsternd.
-
-»Als Kinder spielten wir auf blumiger Wiese«, sang sie.
-
-»In unseren Träumen spürten wir unsere Hände«, sang er.
-
-Ihre Schritte zogen eine leuchtende Spur durch die Flur.
-
-Sie blieben stehen, legten sich die Hände auf die Schultern und blickten
-einander an. Aus ihren Augen züngelte eine goldene Flamme.
-
-»Wohin gehen wir?«
-
-»Bis an die Pforte.«
-
-»Bis an die Pforte?«
-
-»Bis an die weiße Pforte.« -- --
-
-Die nächsten Tage verbrachte Ginstermann mit Arbeit. Es hieß, sich nun
-verzweifelt einzuschränken. Für die wenigen Gegenstände, die er verkaufen
-hatte können, war ihm lächerlich wenig geboten worden. Er war auf
-Viertelkost gesetzt. Aber das kümmerte ihn herzlich wenig. Die Not hatte
-für ihn nichts Furchterweckendes mehr; Gewohnheit und sein momentaner
-Gemütszustand ließen sie ihn als eine Freundin betrachten, eine alte
-Bekannte, mit der man Scherze treibt. Schmerzlich war nur der Umstand, daß
-er jetzt seine Blumenopfer unterlassen mußte, und wenn er nun arbeitete,
-geschah es weniger in der Absicht, Brot zu schaffen, als vielmehr Blüten
-erwerben zu können.
-
-In der ersten Zeit ging es nur langsam vorwärts, sein Geist war der
-Disziplin entwöhnt; aber dann hatte er eine Menge glücklicher Einfälle, und
-es gelang ihm noch in derselben Woche, eine satirische Plauderei
-loszubringen. Für die Hälfte des Honorars kaufte er Blumen, die er mit
-glückseligem Jauchzen über sein Heiligstes streute.
-
-Er war stets guten Mutes.
-
-In den Pausen seiner Arbeit stand er in Betrachtung der Büste versunken.
-Dann verfiel er auf den Gedanken, Briefe an Bianka zu schreiben, die er
-natürlich nicht absandte.
-
-Es waren Briefe, die nur er verstand, sonst niemand. Sie jauchzten und
-jubilierten, sie stammelten vor Glück. Hymnen nannte er sie, Hymnen an
-Bianka. Nie sollte ein Mensch sie zu lesen bekommen, er nahm sich vor, sie
-zu verbrennen -- bei Gelegenheit.
-
-Tage gingen. Regen kam.
-
-Regen. Unaufhörlich klopfte er an die Scheiben.
-
-Dieser kleine Umstand genügte, Ginstermanns Stimmung zu verändern.
-
-Sein Zimmer erschien ihm eng, ein Käfig, ein Kerker. Es war ihm, als habe
-die Zeit ihn vergessen, als lebe er allein auf dem Planeten, während alles
-schon schlief.
-
-Unruhe überfiel ihn und namenlose Sehnsucht.
-
-Oft, während er schrieb, sprang er auf und sagte laut: »Weshalb schreibt
-sie nicht?« Er mußte seine Arbeit stundenlang unterbrechen, da ihm die
-Sehnsucht keine Ruhe ließ.
-
-Er sah nach seinem Kalender. Heute war der siebzehnte Tag danach.
-
-Er ging des Nachts wieder in der Leopoldstraße auf und ab. Er lauerte auf
-der Schleißheimer Chaussee. Allein die Straßen waren wenig verlockend zum
-Radfahren. Und dann regnete es auch. Bei Regenwetter fahren junge Damen
-nicht Rad. Er lachte; den Weg hätte er sich ersparen können.
-
-Weshalb schrieb sie nicht?
-
-Sollte er schreiben? Nein, das hieße wenig Vertrauen zeigen.
-
-Also wartete er.
-
-Seine Arbeit bestand nun darin, von der Morgen- zur Mittagspost, von der
-Mittags- zur Abendpost zu warten.
-
-Eine Stunde hat sechzig Minuten und eine Minute sechzig Sekunden, meine
-Freunde!
-
-Wenn er grübelnd über den Papieren saß, so hörte er häufig Pochen an der
-Türe. Öffnete er, so fand er jedoch niemanden vor. Oder er vernahm das
-Rauschen von Frauenkleidern, hörte sie sprechen im Hofe drunten.
-
-Und dann diese Stille, diese Einsamkeit. Diese beängstigende Stille, die
-schwerer und schwerer wurde und ihn zu erdrücken drohte. Diese Einsamkeit,
-in die Rufe und Poltern der Straße wie Hohn drangen.
-
-Sah er die Büste stehen, die er nur geschmückt gewohnt war, so verursachte
-ihm dies ungeheure Qual. Er trat davor und sagte, schmerzlich lächelnd:
-
-»Das Schiff mit Gold muß jeden Tag eintreffen.«
-
-Wie alle Einsamen, sprach er viel laut vor sich hin. In letzter Zeit jedoch
-geschah es häufiger denn gewöhnlich, und er gefiel sich in den
-absonderlichsten Bildern.
-
-Eines Tages nun kam der Briefbote und brachte ihm einen Wertbrief mit
-fünfhundert Mark.
-
-Er riß, schwindelig vor Glück, das Kuvert auf und schlug auf den Tisch, um
-sich zu überzeugen, daß es keine Sinnentäuschung war. Es lagen fünf
-Hundertmarkscheine darin. Ein Brief seines Verlegers, er solle ihm das Geld
-übermitteln.
-
-Ginstermann warf die Scheine auf den Tisch und ging mit geballten Fäusten
-umher.
-
-»Welcher Schuft will mir eine moralische Schuld mit Geld bezahlen!« rief er
-aus. Irgend so etwas stak dahinter. Er witterte es. Oder wer sonst sollte
-ihm das Geld zuschicken? Er kannte niemanden. Er dachte an Bianka, schämte
-sich aber augenblicklich, er dachte an Fräulein Scholl, lachte aber
-darüber. Diese Dame lebte in dem holden Wahne, ein Dichter schwimme in
-Gold. Faktisch!
-
-Eine ungeheure Wut gegen den Unbekannten, der seinen Stolz bestechen
-wollte, packte ihn.
-
-Dann hielt er den Schritt an, und er fühlte, wie sein Herz stille stand und
-jeder Tropfen Blutes aus seinem Gesichte wich.
-
-»Nein, nein«, rief er, »das ist nicht denkbar!«
-
-Nun war er da, der Gedanke, und er brachte ihn nicht mehr los.
-
-Die Hand seiner Vergangenheit hatte nach ihm gegriffen.
-
-»Lieber Freund«, sagte er zu sich, auf der Ottomane kauernd, »du bringst
-deine Vergangenheit nicht mehr los, und wenn du dir das Gehirn aus dem
-Kopfe schlägst. Eine Schlinge liegt um deinen Fuß und zieht sich zu, wenn
-du ausschreiten willst. Du kannst nicht mehr gehen, wohin du willst.«
-
-In seinem Gehirn wirbelten die Gedanken wie die Flügel einer Turbine,
-seinen ganzen Körper durchzitternd.
-
-Nach einer Weile fand er seine Fassung zurück.
-
-»Was ist dabei«, sagte er sich und legte das Kuvert in ein Schubfach. »Ich
-werde es herausbringen. Im übrigen geht man nicht rückwärts in die Zukunft
-hinein, mein Freund.«
-
-Er nahm den Hut, um spazieren zu gehen. Es darf nicht so fortgehen, dachte
-er. Er kramte in seinen Papieren, zog ein dünnes Manuskript hervor und
-steckte es in die Tasche, um es auf die Redaktion zu tragen.
-
-Es waren Gedichte, Gedichte an Bianka. Das kam ihn hart an, aber es mußte
-sein. Das Leben erlaubte keine Zimperlichkeit. Er wollte sie unter fremdem
-Namen veröffentlichen, damit Bianka nicht etwa den Verrat entdecken konnte.
-
-»Du verzeihst«, sagte er, die Büste anblickend, und ging.
-
-Nun war er traurig, sehr traurig. Es half nichts, daß er sich zurief: Mut,
-Mut!
-
-Im Hausflur traf er Fräulein von Sacken, die glücklich lächelnd Ritts
-Atelier verließ.
-
-»Guten Tag«, sagte sie und bot ihm lächelnd die Hand.
-
-»Guten Tag«, erwiderte er und ging an ihr vorbei.
-
-Ritt sah zur Türe heraus und grinste.
-
-»Kommen Sie, Ginstermann!« rief er ihm zu.
-
-Ginstermann hatte keine Lust.
-
-»Nur eine Sekunde!«
-
-So trat er also ein. Ritt führte ihn zu einem Bilde, das auf der Staffelei
-stand. Es war ein Stillleben, Karpfen waren es.
-
-»Wie finden Sie es? Ich habe dem armen Weib ein bißchen geholfen.«
-
-Es war prächtig gemalt, aber Ginstermann sagte nichts.
-
-Für ihn gab es keine Farben mehr, kein Leben und Lachen. Eine dunkle
-Traurigkeit hüllte ihn ein.
-
-»Die Sacken ist doch eigentlich noch ein hübsches Weib, nicht?« lächelte
-Ritt.
-
-Ginstermann erwiderte mechanisch: »O, gewiß«, und ging.
-
-Es war ihm alles einerlei.
-
-Ob das Bild gut oder schlecht war, ob Fräulein Sacken hübsch oder nicht
-mehr hübsch war, das konnte ihm doch ganz gleichgiltig sein. -- -- --
-
- * * * * *
-
-Ginstermann schloß seine Türe auf, streckte den Kopf ins Zimmer und lachte.
-
-Er trug ein kleines Paketchen in Fließpapier, das er sorgfältig enthüllte.
-
-Dumpfe Luft und schwermütiges Licht erfüllten sein Zimmer. Er zog die
-Vorhänge auseinander und öffnete die Fenster. Die Sonne wirbelte ins Zimmer
-und überschüttete die Büste mit goldenen Küssen.
-
-»Im Tempel des Lebens ist die Sonne der Strahl der Kerzen und frische Luft
-Weihrauch!« jauchzte er pathetisch.
-
-Der Duft von Veilchen, die er mitgebracht, erfüllte das Gemach. Das ganze
-Haus stand gleichsam in einem blühenden Garten. Ein bescheidener Schmuck
-lagen sie auf der schneeweißen Schulter, ihr wunderholdes Blütenantlitz an
-Hals und Brust Biankas schmiegend.
-
-Weshalb hatte sie ihm nicht geschrieben?
-
-Nun wußte er es, und er wußte es doch nicht.
-
-Sie hatte gesagt: »Oft dachte ich daran, Sie zu einem kurzen Spaziergang
-aufzufordern, aber ich unterließ es stets. Ich weiß nicht, weshalb.«
-
-Sie wußte nicht, weshalb.
-
-Er war durch die Straßen gegangen, als er plötzlich seinen Namen hörte. Er
-sah sich um, er sah hinüber: Fräulein Schuhmacher stand drüben, und
-Fräulein Scholl und Fräulein Bijou waren auch dabei.
-
-Eine ganze Stunde hatten sie zusammen gebummelt. Sie hatten Einkäufe
-gemacht für die Reise. Die Mädchen waren in die Magazine getreten, und er
-hatte sich die Auslagen betrachtet und sie stets, wenn sie zurückkamen,
-gefragt, was sie Schönes gekauft hätten. Einmal war er sogar mit in das
-Geschäft eingetreten. Es sollte eine Aschenschale für den Bruder, den
-Offizier in Berlin, gekauft werden. Obgleich er Bianka ein feines
-Verständnis zutraute, hatten ihn doch ihre Sicherheit und ihr reifer
-Geschmack verblüfft. Sie prüfte Stück um Stück, und er sah stets an ihrem
-Blicke, was ihr an der Arbeit mißfiel. Endlich entschied sie sich für die
-einfachste Schale, die zu finden war. Keine Figur, keine augenfällige
-Originalität, eine vornehme Form, ein paar sprechende Linien. Er sah erst
-jetzt, wie schön die Schale tatsächlich war.
-
-Die kleine Scholl meinte allerdings, die Schale sei langweilig und
-geschmacklos.
-
-Bianka würde in vierzehn Tagen abreisen. Wenn es der Zustand der Mama
-erlaubte, vorausgesetzt. Einige Zeit würden sie in Montreux zubringen, dann
-für immer nach Nizza übersiedeln. Ihr Vater wollte in Nizza eine Villa
-kaufen.
-
-Es gab auf der Welt Leute, die eine Villa in Nizza kaufen konnten, es gab
-wiederum solche, die nicht ein Billett nach Nizza zu erschwingen
-vermochten. Es gab Leute, deren Seele in Sorglosigkeit erblühte, es gab
-solche, deren Seele von banalen Widerwertigkeiten zerfressen wurde, wie ein
-Stück Zucker von Ameisen.
-
-Aber sie würde doch wieder nach München kommen?
-
-Nein, voraussichtlich nicht.
-
-Nicht, nicht. Jawohl nicht.
-
-Nun gut, es waren ja noch vierzehn Tage, vier--zehn Tage.
-
-Und morgen würde er sie wieder im Englischen Garten treffen.
-
-Kann man mehr verlangen.
-
-Morgen, morgen, morgen -- --!
-
-Er nahm einen Briefbogen und schrieb. Den 21. Tag danach. Bianka, du sollst
-mich nicht töten. Herrliche, weißt du, nie liebte mich jemand, nun sterbe
-ich daran. Deine Güte, deine endlose Güte! Die Güte in deinen Augen, die
-Güte in deinem Lächeln, diese Güte in deinem Händedruck. Töte mich nicht,
-du Erlöserin zur neuen Qual . . . .
-
-
-
-
-XII.
-
-
-Der Nachmittag war vorüber.
-
-Bis man den Mund auf- und zumachte, war er schon vergangen.
-
-Ginstermann ging in der Dämmerung seines Zimmers auf und ab. Er wollte sich
-sammeln zur Arbeit. Da waren so sonderbare Gedanken in seinem Kopfe, die
-gegen die Gehirnwände pickten und ans Licht wollten.
-
-Es würde etwas Überraschendes werden, das fühlte er.
-
-Aber vorläufig kam er noch nicht dazu. Er war zu vergnügt, zu vergnügt. Er
-mußte ununterbrochen lachen, gerade als ob er Lachgas eingeatmet hätte.
-Schon heute Nachmittag hatte er diesen eigentümlichen Lachreiz verspürt.
-
-Eine Menge komischer Erlebnisse fielen ihm ein und beschäftigten ihn. Da
-war die kleine Sängerin di Ballo, die ihn an den Haaren zupfte und mit
-ihrer affektierten Stimme flötete: O, noch einmal laß mich in deine schönen
-Augen blicken, in deine tiefen schwarzen Funkelaugen! Und da war Sergeant
-Köderiz, den sie jeden Abend betrunken nach Hause fuhren. Dieses Lächeln,
-wenn er auf dem Karren lag! Er träumte von schönen Frauen, die ihm die
-nackten Arme um den Hals schlangen und seinen roten Schnurrbart zirpelten.
-
-Wenn der Mensch unglücklich ist, so denkt er an alle schlimme Stunden, ist
-er glücklich, an alle amüsanten Erlebnisse, das ist doch erklärlich.
-
-Und er, Ginstermann, war heute glücklich!
-
-Was war am Nachmittage alles geschehen? O, es waren Herrlichkeiten über
-Herrlichkeiten passiert.
-
-Bianka war sehr liebenswürdig gewesen und hatte ihn ausgezankt seines
-übernächtigen Aussehens wegen. Sie ahnte ja nicht, was ihn nicht schlafen
-ließ, das war das Großartige! Er hatte ihr das feierliche Versprechen
-ablegen müssen, nicht mehr soviel Tee zu trinken und Zigaretten zu rauchen.
-Drei wollte sie gestatten. Glücklich darüber, daß sie ihn ein wenig
-bemutterte, hatte er ihr es versprochen.
-
-Dann waren sie zusammen in den Chinesischen Turm gegangen und hatten Kaffee
-getrunken. Es hatte zu regnen begonnen. Ganz herrlich, während die Sonne
-schien. Wie geschliffene Brillanten fiel es durch die Sonnenstrahlen. In
-einem Regen glitzernder Steinchen waren sie geschritten.
-
-»Wollen wir nicht ins Restaurant treten?« hatte er gefragt.
-
-»O ja, es wird besser sein.«
-
-Und da war nun das Komische geschehen: er hatte sein Portemonnaie
-vergessen. Tatsächlich! Glaubt man es? Ein Mensch, der absolut nichts zu
-tun hat, vergißt sein Portemonnaie. Und er lud eine junge Dame zu einer
-Tasse Kaffee ein!
-
-Im übrigen freute es ihn, daß er sich so vortrefflich beherrschen konnte.
-Es lag am Tage, an ihm war ein großer Mime verloren gegangen. Er konnte in
-aller Ruhe über die gleichgültigsten Dinge sprechen, ja, er konnte Bianka
-durch sein Benehmen, seine Nonchalance sogar beweisen, wie wenig sie ihn im
-Grunde interessierte. Und das alles, während es in seinem Innern fieberte,
-daß er die Finger verkrampfen mußte, daß er die Augen schließen mußte,
-damit sie nicht die Flammen seines Herzens darin sähe.
-
-Sie durfte nichts erraten, nicht das mindeste, bei Gott, sie durfte nicht
-einmal Verdacht schöpfen.
-
-Was war noch geschehen? Was war noch geschehen?
-
-Ach, es war noch etwas Sonderbares geschehen. Das war, als sie Abschied
-nahmen.
-
-Bianka hatte gesagt: »Es ist ganz merkwürdig, wenn Sie den Kopf neigen, so
-sehen Sie einem Freunde von mir sprechend ähnlich.«
-
-Und ohne seine Gegenrede abzuwarten, war sie fortgefahren: »Er war ebenso
-alt wie Sie. Er war Komponist von starker Begabung. Man prophezeite ihm
-eine große Zukunft.«
-
-Was aus ihm geworden wäre?
-
-Es sei nichts aus ihm geworden. Er sei zugrunde gegangen. --
-
-Es war noch eine Menge geschehen; eine ungeheure Menge.
-
-Und auf dem Heimwege war er noch der kleinen Scholl begegnet.
-
-»Herr Ginstermann!«
-
-Aber er hatte keine Zeit gehabt, nicht eine Sekunde. Er gab ihr die rechte
-Hand, sagte: Guten Abend, wie geht es? dann reichte er ihr auch schon die
-Linke, und fort war er. »Verzeihung, ich will arbeiten«, rief er dem
-verdutzten Mädchen zu.
-
-Ja, nun wollte er auch arbeiten. Dieses Zerstreutsein mußte ein Ende
-nehmen. Er wollte die Geschichte zweier Auserwählten schreiben!
-
-Die Begierde zu schreiben erfaßte ihn so heftig, daß er kaum erwarten
-konnte, bis die Lampe in Ordnung war.
-
-Aber im gleichen Momente leuchtete die Büste auf, und nun konnte er den
-Blick nicht mehr von ihr wenden.
-
-Das war Bianka, Bianka! So war Bianka. Ebenso stolz, ebenso unnahbar. Sie,
-blickte ihn nicht an, sie sah durch ihn hindurch, irgendwohin in eine
-Ferne, die ihre Phantasie geschaffen. Genau wie die lebende Bianka, wenn
-sie ihn anblickte.
-
-Wie hatte Kapelli das fertig gebracht? War er ein Seelenseher?
-
-Ein Zweig granatroter Blüten lag vor der Büste. Er hatte sie heute morgen
-gekauft. Sie hatten ein Vermögen gekostet, ein Landgut sozusagen, eine
-Domäne, aber er kaufte sie. Es waren indische Blüten mit einem wunderbaren
-Namen. Der Zauberer, bei dem er sie erstand, hatte ihn genannt. Er war so
-weich, so duftend, alle Märchen aus Tausendundeiner Nacht barg dieser Name.
-
-Er stand auf und trat vor die Büste.
-
-Tränen traten in seine Augen. Es war, als schluchze es in ihm. Sein Herz
-quoll über. Er war nicht mehr eins, sein Wesen löste sich auf in tausend
-Teilchen, die ihr alle dienten, sie anbeteten. Tausend Lippen flüsterten
-lautlos ihren Namen.
-
-O, wie liebte er sie! O, was hatte er ihr alles zu danken!
-
-Er flüsterte etwas. Es war keine Sprache, die die Menschen reden. Es waren
-Laute, die aus seinem Innersten kamen.
-
-»Ava -- ava«, flüsterte er.
-
-Er wußte nicht, was es hieß, aber in die Sprache des Pöbels übertragen,
-bedeutete es vielleicht: ich liebe dich!
-
-Nach langer Weile erst ließ ihn dieser Bann los.
-
-»Adieu«, sagte er leise und begab sich wiederum an den Tisch zurück. --
-
-Am nächsten Tag trifft er sie wieder. Sie machen zusammen Einkäufe. Er
-trägt die Paketchen, alle Taschen hat er voll. Sie ist heute
-liebenswürdiger denn je. Das bringt ihn dazu, sich kleine Scherze zu
-erlauben. Zum Beispiel über die Art, wie sie die Augenbraue hochziehe, wenn
-jemand an sie stoße. Und über ihre Augen erlaubt er sich diesen Scherz:
-»Ihre Augen sind so klar, Fräulein Schuhmacher, daß ich mich nicht wundern
-würde, plötzlich Forellen drinnen schwimmen zu sehen.«
-
-Sie lächelt und sagt: »Sie sind ein Schelm! -- Warten Sie, ich will hier
-Handschuhe kaufen.«
-
-Er wartet geduldig und ungeduldig in einem, das Griffchen ihres
-Sonnenschirmes liebkosend, den sie ihm überlassen hat.
-
-So geht es fort. Am nächsten Tag, am übernächsten. Des Glückes Ewigkeit ist
-nun gekommen.
-
-Und heute hat sie ihn eingeladen, sie zu besuchen. Er nahm die Einladung
-mit ungeschickter Verblüffung entgegen.
-
-Sie lachte und sagte: »Kommt Ihnen das so wunderbar vor?«
-
-Und da lachte auch er.
-
-Noch etwas Herrliches, Sinnverwirrendes. Etwas, an das er nicht denken
-kann, ohne die Augen dabei zu schließen.
-
-»Adieu«, sagte sie und streckte ihm die Hand hin. Aber sie zog sie wieder
-zurück und streifte den Glacé ab. Und sie gab ihm ihre nackte, weiße Hand,
-deren feine Knochen er fühlte. Sie hat eine Hand, die in Versen spricht!
-
-Und nun befindet er sich in Biankas Tabernakel. Hier ist keine Farbe laut,
-kein Licht laut, kein Geräusch laut. Das Zimmer atmet leise, es ist ein
-Wesen. Auf der Konsole klingt das Ticken einer Uhr, und jedes Kling-kling
-siebt feinen Silberstaub auf den Teppich.
-
-Niemand würde es wagen, hier laut zu sprechen, nicht ein Barbar.
-
-Er befindet sich in einer Erregung, wie er sie noch nie empfand. Und er
-stand schon vor großen Männern, vor Theaterdirektoren und tausend Zuhörern.
-
-»Bitte«, läd sie ihn ein, Platz zu nehmen. Sie trägt ein Hauskleid mit
-weiten Ärmeln und Spitzenmanschetten.
-
-Ob er sich auf den Puff oder in den Schaukelstuhl setzen dürfe?
-
-Nach Belieben.
-
-So setzt er sich in den Schaukelstuhl.
-
-»Ich habe die Schaukelstühle so gerne«, sagt er, »schon als Kind war ich
-verliebt in sie. Da hatte ich eine Tante, Tante Anna. Die besaß einen
-Schaukelstuhl. Ich besuchte sie so häufig als möglich. Obschon sie Katzen
-hatte. Nebenbei, sie hatte so viele Katzen, daß keine Woche verging, ohne
-daß eine starb.«
-
-Sie zündet die Kaffeemaschine an.
-
-»Rauchen wir?« fragt sie.
-
-Er zappelt aus seinem Stuhl heraus und nimmt eine Zigarette.
-
-Sie rauchen und plaudern.
-
-Dann, während sie den Kaffee serviert, sagt sie: »Nun müssen sie lesen. Sie
-haben doch etwas mitgebracht!«
-
-Natürlich, er hatte die ganze Tasche voll.
-
-So liest er also. Kleinigkeiten, Stimmungen, Gedichte.
-
-Das eine gefällt ihr gut, das andere wieder weniger. Eines entzückt sie
-sogar.
-
-Es heißt: Der Sohn. Da ist eine Mutter, die nichts besitzt als einen Sohn.
-Er reist. Kommt er zurück, so küßt er sie. Erst heiß, dann innig, dann
-kühl. Zuletzt sind seine Lippen wie Eis, sie berühren kaum die ihrigen. Sie
-ahnt, er kommt nicht wieder. Ihre Angst, ihr Schmerz. Er kommt auch nicht
-wieder. Ein Telegramm aus fernem Lande.
-
-Diese Geschichte nimmt sie und trägt sie zu ihrer Mama hinaus.
-
-Ihre Mama habe es ergriffen.
-
-Er verneigt sich tief.
-
-Dann zeigt sie ihm das Bild ihres Bruders. »Sie müssen ihn kennen lernen«,
-sagt sie. Sie ist so gut.
-
-Und hierauf sehen sie eine Weile zum Fenster hinaus. Sie stehen so dicht,
-daß sich ihre Hände nahezu berühren. Er kämpft einen entsetzlichen Kampf,
-nicht ihre Hand leise zu liebkosen. Sollte er sie um die Erlaubnis bitten,
-ihr über die Hand streichen zu dürfen? Sie könne ihm dann seine Hand
-abschlagen lassen. Oder er würde ihr versprechen, morgen tot zu sein.
-
-Sie plaudern wieder, ja sie lachen zusammen. Er sitzt wieder in seinem
-Schaukelstuhl und fühlt sich behaglich. Er schaukelt sich leicht. Plötzlich
-bemerkt er es, erschrickt und sitzt still.
-
-Endlich muß er aufbrechen.
-
-Sie bittet ihn, noch zu bleiben, aber er geht. »Nein, nein, es ist so schon
-zu lange.«
-
-O, er wäre schon noch geblieben, lange bis zur Unverschämtheit. Aber es
-ging nicht -- er hatte zuviel von diesem starken Kaffee getrunken.
-
-Immer mußten so kleine, boshafte Teufelchen im Spiele sein -- --
-
-Wieder ein Festtag. Sie holen zusammen den Bruder vom Bahnhof ab. Er hatte
-depeschiert: Komme drei Uhr. Gruß Theo. Und nun holten sie ihn ab. --
-
-Ginstermann träumte noch eine Menge glücklicher Situationen durch, bis
-schließlich seine Sehnsucht ihn freiließ.
-
-Nun war die Zeit zur Arbeit gekommen. In ihm redete und klang es. Es stieg
-wie die Wasser eines Brunnens.
-
-Er nahm die Feder und schrieb:
-
-Das Haus im Hain.
-
- Yester und Li wohnten in dem Haus
- im Hain und waren noch nicht sechzehn
- Jahre alt.
-
- Sie wußten nicht, wann und wie sie
- in das Haus gekommen. Eines Morgens
- erwachten sie auf gemeinsamer Lagerstätte
- und lächelten einander zu. Sie hatten
- ihre Hände im Schlafe gefaßt.
-
- »Hörst du, Yester«, sagte Li und lauschte
- verzückt, »das ist Killi-hiwi!«
-
- »Killi-hiwi singt am schönsten von
- allen«, erwiderte Yester, den Atem verhaltend.
-
- Killi-hiwi saß jeden Morgen auf einem
- Rosenzweig vor dem Fenster und zwitscherte.
- Er war so klein wie ein Taubenei, seine
- Stimme war Silber. Er sang jeden
- Morgen zu ihrem Erwachen und war
- dann den ganzen Tag nicht zu erblicken.
-
- Das Haus stand in einem Hain weißer
- Birken, junger weißer Birken mit hellgrünem
- Laub. Es war klein und weiß,
- schneeweiß. Wie eine Flocke Schnee sah
- es von weitem aus. Es hatte blinkende
- Fenster, die Tag und Nacht offen standen,
- und blitzende Beschläge an der Türe. Die
- Türe war aus grünem Glase. Eine Treppe
- führte in den Garten, auch sie war aus
- grünem Glase. Rings um das Haus
- standen Beete von Hyazinthen, oder von
- Mohn, oder blauen Kuckucksblumen. Das
- ganze Jahr. Über Nacht wuchsen stets neue.
-
- Yester und Li wußten es nicht anders.
- Sie wunderten sich nicht darüber. Sie
- streiften den ganzen Tag umher. Der
- Hain war sehr groß, sie waren noch nie
- an sein Ende gekommen. Sie dachten
- auch gar nicht, daß er ein Ende haben
- müsse. Sie trugen weiße Schleiergewänder
- die von ihren Schultern herabfielen. Sie
- jagten einander und jauchzten von früh
- bis nachts. Immer hatten sie Sonne und
- einen Himmel, der funkelte wie ein blauer
- Edelstein. Des Nachts stand ein großer
- grüner Stern über ihrem Hause, und er
- wagte erst zu erlöschen, wenn die Sonne
- wiederkam.
-
- Vor dem Hause, da war eine tiefe
- runde Quelle mit einer Bank aus weißem
- Marmor herum. Sie sah aus wie ein
- tiefes klares Auge und Li meinte, der
- Himmel blicke aus dem Grunde. Man
- sah selbst am Tage die Sterne durch den
- Brunnen wandern, so tief war er.
-
- Li saß oft auf der Bank und warf
- Steinchen ins Wasser. Und jedesmal,
- wenn Li ein Steinchen warf, gurgelte es,
- und ein goldener Fisch mit kreisrundem
- Mäulchen und Edelsteinen auf dem Rücken
- tauchte auf und fragte: Was befiehlst du?
-
- Er mußte kommen, er mußte fragen.
-
- Li befahl nichts, sie freute sich an dem
- drolligen Kerlchen und ließ ihn oft hundertmal
- kommen. Er wurde nicht böse.
-
- Yester aber stand, während sie spielte,
- an eine Birke gelehnt und sah ihr zu.
- Sie erschien ihm selbst wie eine Blume.
- Ihre Hand zart und durchscheinend wie
- die Blüten der Hyazinthe. Ihr Haar
- spiegelte sich im Wasser, in der Quelle
- schien ein Feuer zu brennen, es zerrann
- in goldene Fäden, wenn der Fisch auftauchte,
- aus dem Grunde schien ein seltsamer
- flimmernder Blumenkelch zu wachsen.
- Ihre Augen blickten heller aus dem Wasser,
- als sie in Wirklichkeit waren. Sie erschienen
- grün wie die Blätter der Birken,
- durch die die Sonne scheint.
-
- Dann besann er sich jedesmal, was er
- ihr Liebes erweisen könne.
-
- Yester liebte Li über alle Maßen. Li
- liebte Yester über alle Maßen.
-
- Ihr Haus lag im endlosen Hain, und
- der endlose Hain lag am Morgenrot. --
-
- * * * * *
-
-Der Damm war gebrochen. Die Einfälle fielen über ihn her wie ein Rudel
-hungriger Tiere. Irgend jemand schien ihm die Geschichte zu diktieren und
-er schrieb, schrieb: fieberhaft schrieb er.
-
-Das große Glück der Inspiration war über ihn gekommen. Es durchschauerte
-ihn am ganzen Körper. Da gab es kein Zögern, keinen Zweifel, keine Pause.
-Alle Geheimtüren seiner Seele sprangen auf, alle Schönheiten, die er
-aufgespeichert, lagen funkelnd vor seinen Blicken, alle Stimmungen, die er
-empfunden, strömten aus ihm und hüllten ihn in ihren Duft. Während er noch
-am ersten Kapitel schrieb, arbeitete einer in ihm am letzten.
-
-Er saß inmitten eines Gartens, Blumen wuchsen vor seinen Augen empor,
-entfalteten ihre märchenhaften Kelche, aus den Kelchen stiegen Wunder,
-zerfielen, andere quollen heraus. Flammen stürzten von den Bergen ringsum
-und hüllten ihn ein, weiße Flammen. Aus ihnen rief es, aus ihnen klang es.
-Er war das Herz einer Welt, und alles strömte nach ihm.
-
-Das war der Hain, der in der Sonne zitterte, das waren die Blumenbeete,
-über die die Falten des Windes streiften. Das waren die bunten Vögel, die
-seltsame Worte sangen.
-
-Das war Li. So schritt Li, so sprang Li, so lachte, so weinte Li. Und das
-waren Yesters glückstrahlende Augen, das war seine Art, über die Bäche zu
-fliegen, wenn Li ihm rief, so umschlang, küßte er Li. So waren ihre
-Sonntage, so ihre keuschen Liebesnächte.
-
-So war ihr Glück, so war das Glück überhaupt, rein von aller Erde.
-
-Er fand kein Ende. Wie eine große Woge trug es ihn dahin.
-
-Wo ist Yester? Yester ist fort. Drei Tage fort. Li weint und läuft umher
-und ruft in alle Winde. Yester verfolgte einen Falter, den sie gerne gehabt
-hätte. Endlich schimmert sein Gewand im Hain. Er geht langsam, erschöpft
-von der Jagd. Den Falter trägt er zwischen den Fingern. Li schwenkt den
-Schleier und ruft: »Ye--ster -- Ye--ster --!!«
-
-Li! Li!!
-
-Und Yester saust wie ein Wind über die Wiese, er spürt keine Müdigkeit
-mehr.
-
-Bogen um Bogen füllte er.
-
-Und er schrieb immer nur über den ewigen Lenz, der jeden Tag neu und
-herrlich ist.
-
-Seine Lampe verlosch. Er brannte die Kerze an.
-
-Und nun war er fertig. Er jauchzte. »Fertig!« jauchzte er.
-
-Noch klang es in ihm weiter. Das war Lis Jubeln, Yesters Rufen, das war der
-Hufschlag des sonderbaren Reiters, das war das Jubilieren der Vögel, als
-ihnen ein Kind geboren ward, das war der krächzende Ruf der Geier, die,
-eine dunkle Wolke, nach dem Menschenlande flogen und riefen: Krieg --
-Krieg. -- --
-
-Er ging ans Fenster und zog die Gardinen auseinander.
-
-Allah ist groß -- es war Tag.
-
-Langsam mit wankenden Füßen ging er im Zimmer hin und her. Er blieb vor der
-Büste stehen und küßte ihre Schulter.
-
-Das war ja keine Sünde. Heute hatte er sich dieses Recht verdient.
-
-Aus Kapellis Atelier erscholl Gesang. Er mußte hinunter, nichts hätte ihn
-mehr zu halten vermocht. Er konnte keine Sekunde mehr allein sein.
-
-Er nahm Hut und Manuskript und ging die Treppe hinunter. Er hielt sich am
-Geländer fest, um nicht zu stürzen.
-
-Kapelli empfing ihn, als sei er ein Gespenst.
-
-»Mensch!« rief er. »Kommen sie als Ihr eigener Gipsabguß?«
-
-Nein, aber diese Nacht habe etwas wie ein kleines Feuerwerk in seinem Kopfe
-stattgefunden.
-
-»Ah!« Der Bildhauer betrachtete ihn mit gutmütiger Verachtung. Er liebte
-Erzesse nicht.
-
-»Gebummelt, Kapelli, gebummelt. Und zuletzt noch ein kleines Abenteuer mit
-einer Dame, die den reizenden Namen Li hatte.«
-
-Aber da kam Frau Trud, fix und fertig angekleidet bis auf die Schleife,
-lachend, und frisch, wie aus dem Ei gesprungen.
-
-»Guten Morgen«, sagte Ginstermann, in Sprache und Miene einen Betrunkenen
-kopierend.
-
-Sie wich erschrocken zurück. »Hu, was hat er denn?«
-
-Kapelli machte ihr ein Zeichen. Dann ging er auf ihn zu und richtete ihn
-energisch in die Höhe.
-
-»Ginstermann, heute abend kommen Sie zum Tee, nicht? Adieu, Sie schlechter
-Kerl!« sagte er halb ärgerlich.
-
-Aber da zog Ginstermann sein Manuskript aus der Tasche und schlug es auf
-den Tisch, daß es nur so krachte.
-
-»Sehen Sie her! Diese Nacht!«
-
-»Nanu?« Kapelli betrachtete das Manuskript und sagte lachend: »So ein
-Filou, er ist ganz nüchtern.«
-
-Frau Trud machte sich daran, die Bogen zu zählen, ungläubig den Kopf
-schüttelnd. In einer Nacht? Das sei ja unmöglich. Und das könne ja niemand
-lesen.
-
-Nein, kein Mensch könne das entziffern. Was zum Beispiel das da hieße?
-
-»Schwesterseele, holde!«
-
-O, das könne ebensogut Stiefelknecht heißen. -- Und das da?
-
-»Die silbernen Lerchen der Nacht steigen empor.«
-
-Hahahaha.
-
-Da seien die Sterne gemeint.
-
-Hahahaha.
-
-Ginstermann fiel in einen Stuhl, seine Knie zitterten.
-
-Er sah noch wie Frau Trud aus einer weißen Kanne Kaffee einschenkte und
-während er sich auf das heiße Getränk freute, versank er in einen
-senkrechten, bodenlosen Schacht, an dessen Wänden er sich vergebens
-festzuklammern suchte. Das Lachen Frau Truds flatterte über ihm wie ein
-Schwarm Vögel, der höher und höher stieg.
-
-Nach einem kleinen Jahrtausend hörte er im Halbschlafe eine gedämpfte
-Stimme. Es war Fräulein von Sacken, die sprach. Sie sagte, er sei hier
-gewesen und habe das Bild gesehen. Er habe sie beglückwünscht!
-
-Da erwachte er vollständig. Fräulein von Sacken ging eben zur Türe hinaus,
-elastischer, stolzer denn sonst. Eine Lampe brannte auf dem Tische, Kapelli
-saß bei der Zeitung, eine dicke Zigarre im Munde, aus der eine mächtige
-Wolke wirbelte.
-
-Er fand sich auf dem Sofa liegend, die Füße in eine Decke gehüllt, ein
-Kissen unter dem Kopfe. Ohne Kragen.
-
-Da kam Frau Trud durch die Portiere, machte einen Knix und rief, kindlich
-lachend: »Guten Morgen, Langschläfer!«
-
-
-
-
-XIII.
-
-
-Am Tage darauf trafen sie sich wieder, Bianka und Ginstermann.
-
-Sie trafen sich nun beinahe jeden Tag.
-
-Es waren herrliche Sonnentage. Der Vormittag noch frisch von der Kühle der
-Nacht, der Nachmittag von einer alles durchdringenden Wärme, gerade noch
-erträglich, der Abend von einer stillstehenden Schwüle, die der
-Nachtfrische wie ein Block trotzte. Der Himmel wie ein weiches
-blauflimmerndes Meer, durch das schneeweiße Wolken segelten, langsam, ohne
-Aufhören, rings um die Erde herum.
-
-Auf den Straßen war es leer, Pflaster und Gebäude warfen die Glut der Sonne
-verstärkt zurück. Die Menschen gingen ermattet, die Augen zusammengezogen;
-die Pferde setzten im Halbschlaf ihren müden Trab fort, wunderliche
-Schattenflecke unter ihren Schritten zerschlagend.
-
-Im Englischen Garten war es schön wie im Paradies. Alles blühte, was noch
-nicht ausgeblüht hatte, die Wipfel waren von strotzender Fülle, die Wiesen
-standen am höchsten, bunt wie ein Teppich, übersät von einem Heere Falter
-und Bienen. Die Hitze tanzte über den Wegen, die hellen Kleider der Frauen
-und Kinder leuchteten weithin, in der Vorstellung Jauchzen und helle Lieder
-erweckend.
-
-Bianka und Ginstermann gingen meist vereinsamte Wege. Sie mochten die
-vielen Leute nicht, die herumtollenden Kinder. Im Schatten der Büsche
-schritten sie, umsurrt von tausend Insekten, das Schwatzen des Tages in der
-Ferne. Waren sie müde, so suchten sie eine abgelegene Bank auf, die
-Ginstermann »Zum schlafenden Brahmanen« getauft hatte.
-
-Nachdem sie sich ausgesprochen hatten über das, was sie Probleme, Fragen,
-letzte Dinge nannten, drehten sich ihre Gespräche zumeist um ihre
-persönlichen Erlebnisse und Wünsche.
-
-Je mehr Ginstermann Bianka kennen lernte, um so mehr bewunderte er sie. Sie
-war so rein, so keusch, wie ein Weib nur sein kann, das Erziehung und
-Selbstüberwachung vor unreinen Dingen bewahrte. Ihre krankhafte Scheu
-vermied es, die Motive der menschlichen Handlungen bis an die Wurzeln zu
-verfolgen.
-
-Alles verklärte sich in ihren Augen, sie trug noch ein Ideal vom Menschen
-in sich. Die Menschen waren für sie gefallene Engel, die man bemitleiden
-müsse, nicht Tiere, die sich zum Menschen emporgerungen. Sie hatte noch
-wenig erlebt, wünschte auch nicht, viel zu erleben, in der Furcht, ihre
-Unberührtheit und Selbständigkeit zu gefährden. Sie gehörte nicht zur
-Klasse der Frauen, die mit ihren Eroberungen großtut, sie schien es sogar
-unangenehm zu empfinden, wenn einer sie tiefer, als die Höflichkeit es
-erheischt, grüßte, wenn einer sich nach ihr umwendete oder ihr folgte.
-
-Ihr Urteil war schüchtern, anspruchslos, ihre Verwirrung oft kindlich. Sie
-maßte sich nicht an, wie es Frauenart ist, mit einer Handbewegung das
-Resultat einer Kulturarbeit abzuurteilen, mit einem Lächeln zu verspotten.
-
-Ginstermann fühlte sich in ihrer Nähe ruhig, gleichsam geborgen. Er vergaß
-die Kämpfe der letzten Tage, die Jahre, die hinter ihm lagen. Seiner
-geistigen Überlegenheit war er sich wohl bewußt, ebenso aber auch seiner
-seelischen Verstümmelung und Zerrissenheit im Gegensatze zu ihrer Harmonie
-und zielbewußten Energie.
-
-Bianka schenkte ihm Vertrauen, behandelte ihn mit zurückhaltender
-Herzlichkeit, wie einen Freund, nahezu wie einen Freund. Ihr Benehmen tat
-ihm wohl. Es gab ihm seinen Glauben zurück, der da und dort wankend
-geworden war, ein neuer Stolz kam über ihn. Etwas von ihrem Wesen strömte
-in ihn über, glühte die Schlacke in ihm aus, er wurde rein, indem er
-Biankas Freundschaft genoß.
-
-Seine Anschauungen festeten sich, nachdem er den Maßstab reguliert hatte,
-der sich während seiner Einsiedlerzeit verzerrte. Es war wunderbar,
-zuweilen hatte er Augenblicke, die ihm alle Dinge in momentaner
-Bewegungslosigkeit zeigten, bis ins Innerste und Geheimste erkennbar. Und
-es hatte nur dieses kleinen Anstoßes bedurft. Gleichsam wie ein Gefäß
-eisigen Wassers, das schon die Kristalle birgt, ein unmerkliches Rütteln
-zur Erstarrung bringt.
-
-Ihr Benehmen war Tag für Tag das gleiche. Sie empfing ihn freundlich,
-entließ ihn mit einem freundlichen Wort, führte kleine Wortkriege mit ihm
-in ganz objektivem Tone, lachte und scherzte. Nie, daß sie ihn durch eine
-Bemerkung, eine Miene von sich gedrängt hätte, nie, daß eine Laune, ein
-Verletzttun in ihm die Ahnung hätte aufkeimen lassen, daß er Macht über sie
-besitze.
-
-Er bewegte sich in stets gleichem Abstande um sie. Es war, als habe sie
-einen Kreis um sich gezogen, den sie im Verkehr mit ihm nie überschritt und
-nie überschreiten ließ.
-
-Einmal allerdings ereignete sich etwas, das diese seine Anschauung für
-Minuten ins Wanken brachte.
-
-Sie promenierten im Park, Weg hin, Weg her, als sie einer kleinen schmalen
-Frau begegneten, die ein niedliches Mädchen in blendend weißem Kleide an
-der Hand führte. Die kleine, mädchenhafte Frau blickte sie erschrocken, ja
-entsetzt an mit blauen, blindglänzenden Augen und wandte nicht den Blick
-von ihnen. Das Mädchen streckte glucksend und lallend die Hände nach
-Ginstermann aus. Es war die Comptoiristin, die Witwe des Möbelzeichners.
-
-Ginstermann grüßte und ging, von einer Erregung gepackt, weiter. Da fühlte
-er den Blick Biankas auf sich gerichtet. Sie war totenbleich, und ihre
-Augen verrieten Schmerz und Angst. Aber nur einen Augenblick, dann
-beherrschte sie sich. Und als Ginstermann ihr die Geschichte dieses
-unglücklichen Weibes erzählt hatte, ergriff sie impulsiv seine Hand und
-sagte: »Verzeihen Sie mir, ich habe Sie in Gedanken beleidigt.« --
-
-In seinen freien Stunden trieb sich Ginstermann ruhelos umher, Bianka vor
-Augen, in Bianka lebend. Nahte die Zeit ihrer Zusammenkunft heran, so wurde
-er ruhiger, trennte er sich von ihr, so krochen aus allen Winkeln seiner
-Wesenheit die alten Gespenster hervor, um ihn zu martern.
-
-Einst war Bianka verhindert zu kommen. Das war ein schlimmer Tag, das war
-ein schlimmer Tag! Und das Billett, das er am nächsten Morgen erhielt,
-bedeckte er mit Tränen der Freude.
-
-Aber natürlich, wenn Sie Besuch haben, natürlich! -- rief er immerzu aus.
-
-Da war ein Mann, der schlich des Nachts scheu wie ein Verbrecher zu einem
-Hause da draußen. Wie auf einer Woge von Blüten thronte es. Und er koste
-die Klinke der Türe. Niemand darf es wissen, niemand!
-
-Da war ein Mann, der saß Nächte durch auf einem Hügel, drei Stunden
-entfernt von der Stadt. Und dieser Mann sprach: Dort über den Bergen bist
-Du nun, Geliebte! Meine Gedanken wandern zu dir über die Berge. Meine Seele
-breitet die Schwingen, siehe, in ihren hohlen Händen ist Blut, Geliebte!
-Das ist das Blut meines Herzens, Geliebte. Schläfst du? Hast du auf sie
-gewartet mit der bittren Last? Wachst du, Geliebte? Da, zwischen dir und
-mir, da ist eine Wiese, dort begegnen wir uns des Nachts und bringen
-einander Sehnen und Tränen des Tages, Geliebte --
-
-Niemand darf es wissen, niemand!
-
-Da ist ein Mann, der sitzt auf einer einsamen Bank im Park. Ein Vogel
-flötet im Gebüsch. Und dieser Mann spricht mit jemandem, der nicht da ist.
-Du hättest es sehen müssen, Beste, sahst du's mir nicht an den Augen an. O,
-was fieberte ich, nun ist es vorbei, Beste, nun ist ja alles gut.
-
-Niemand darf es wissen, niemand! --
-
-Zuweilen jedoch überfiel ihn ein Zustand vollkommenster Gleichgültigkeit.
-
-Es kam ihm unsinnig vor, daß er jenes Mädchen im Englischen Garten
-spazieren führte, daß er sich überhaupt durch sie aus dem Gleichgewichte
-hatte bringen lassen. Weshalb liebst du sie eigentlich, fragte er sich. Sie
-ist hübsch, ihre Sprache ist melodisch, ihr Gang ist aristokratisch, das
-alles hat dich bestochen. Ihre weißen Elfenbeinhände mit. Aber ist sie auch
-die, die du in ihr anbetest? Ist es nicht das Ideal des Weibes überhaupt,
-das du dir gebildet hast, was du in ihr anbetest? Sie ist es gar nicht.
-Deine Liebe gilt ihr gar nicht. Vielleicht einer in Australien, irgendwo.
-Und das, was du rein an ihr nennst, keusch, was ist das eigentlich? Es ist
-Indolenz, sonst nichts. Oder was sollte es sonst sein? Mit Fischblut in den
-Adern hat man es leicht, sich rein zu halten, mein Freund. Und dieses
-hübsche, elegante Mädchen hat dich bezwungen? Was bist du nun? Du bist zum
-Objekt geworden, o, Schmach über dich! Groß warst du einst und ein
-Herrlicher in deiner Einsamkeit. Lache doch über dich, wenn du nicht
-ehrlich genug bist, um über dich zu weinen. Was war dein Ziel? Herrschen
-will ich und sie alle zu meinen Füßen wissen. O, mein Held, mein tapfrer,
-kühner Held! Heil dir! --
-
-So dachte er auch einst, als er neben Bianka ging. Und diese Anschauung gab
-ihm ein Lachen, ein kurzes höhnisches Lachen. Da zuckte sie zusammen. Er
-war unglücklich, ihr wehe getan zu haben und maskierte sein Benehmen so gut
-als es ging. --
-
-Diese Stimmungen waren nur von kurzer Dauer. Dann überfiel ihn wieder jene
-namenlose Sehnsucht und Qual, die wie lohende Flammen über ihm
-zusammenschlug und ihn verbrannte.
-
-Er bat sie um etwas Liebe, nur etwas Liebe sollte sie ihm geben, für all
-seine Glut nur einen kleinen winzigen Tropfen.
-
-Keinen winzigen Tropfen? Keinen winzigen Tropfen?
-
-Es war hart für einen Mann seines Stolzes, so demütig zu lieben!
-
-Wieder und wieder träumte er von einem Glücke, das nie werden würde. Sie
-lebten in einem Hause abseits der Straße. Er kannte es ganz genau, dieses
-Haus, das Gärtchen davor, alles. O, in diesem Hause lebten glückliche
-Leute. Alle nichtssagenden Details, alle harmlosen Kleinigkeiten eines
-Lebens zu zweien durchlebte er. Er lag des Nachts neben ihr auf dem Lager
-und koste sachte die Haare der Schlafenden. Er schlich sich fort, um Mohn
-zu holen, den sie so sehr liebte, und legte ihn ihr auf die Decke, damit
-sie ihn beim Erwachen finde. Er löste ihr die Schuhe und küßte in Demut
-ihren Fuß. Er saß mit ihr auf dem Rasen und las vor, was er geschrieben
-hatte.
-
-So oft es anging, versuchte er Fräulein Scholl zu treffen. Sie hatte
-dreimal in der Woche Violinstunde, das war sehr günstig. Er wartete auf
-sie, schwätzte mit ihr, ausschließlich von dem Verlangen beseelt, irgend
-etwas von Bianka zu hören, einige Worte sprechen zu können über sie, ihren
-Namen von den Lippen der Freundin zu vernehmen.
-
-Einmal traf er im Hausflur ein Kind, ein Mädchen, schmächtig, zart, mit
-blonden Haaren und klaren Augen, die denen Biankas glichen.
-
-»Wie heißt Du?« fragte er die Kleine, bemüht, sie für sich zu stimmen.
-
-»Camilla.«
-
-Könntest du nicht Bianka sein, dachte er. Bianka ein Kind und ich ein Kind,
-und wir beide Gespielen. Unsere Gärten, die stießen zusammen und im Zaun da
-wäre ein Loch. Wir schlüpften hin und her, zwitscherten zusammen wie
-Vögelein.
-
-Und dann -- und dann -- --
-
-Weshalb war das Leben so grausam, so geizig mit seinen Freuden, so karg.
-All das dachte er, während er bei dem Kinde kniete.
-
-»Nun wollen wir uns etwas kaufen«, sagte er zu ihm und lächelte. »Komm!«
-
-Dieses Kind liebte er. Weil es Biankas klare Augen hatte, Augen ohne Grund,
-von einer Tiefe, aus der es flüsterte, die alles in sich hineinzog.
-
-Camilla wohnte in seinem Hause, das war gut. Er schmeichelte sich mit
-Süßigkeiten und Märchen ein bei dem Kinde, so daß es schließlich von selbst
-auf sein Zimmer kam.
-
-Sie nannte ihn »Onkel Ginster«.
-
-»Ich heiße Henri«, sagte er zu ihr. »Du sollst Henri sagen. Du sollst auch
-du zu mir sagen, ganz als ob ich ein kleiner Bub wäre.«
-
-»Ari«, sagte sie.
-
-»So sage Heiner. Ich heiße auch Heiner.«
-
-»Heiner, ach ja, Heiner!«
-
-Stundenlang hielt er die Kleine auf dem Schoß, dieses zarte, warme
-Körperchen an sich schmiegend. Er erzählte immerzu Geschichten.
-
-Das waren ganz einfache, drollige Kindergeschichten, aber für einen, der
-sie verstand, waren sie mehr, weit mehr.
-
-Er küßte die Kleine. »Du bist ein Dieb!« rief es in ihm. Aber er küßte sie
-doch. Einmal in der Dämmerung, als er in Träumen versunken war, sprach er
-vor sich hin, jedes Wort stellte sich von selbst ein: »Beide Hände wollte
-ich gierig voller Edelsteine halten und alle rieselten sie mir durch die
-Finger. Du als der schönste bist mir geblieben. Kind, Kind, wenn du
-wüßtest, wie ich deine Mutter liebte -- Kind --«
-
-Da wurde er sich der Worte bewußt, er sprang auf und stellte Camilla hart
-auf den Boden.
-
-»Bist du böse, Heiner?«
-
-Er lächelte. »Nein, Süße, Heiner ist nicht böse -- Heiner ist -- Heiner ist
--- o, geh heute, Schätzlein -- morgen, gelt. Heiner ist heute -- geh,
-Schätzlein« -- --
-
-Bianka ahnte von all dem nichts. Wie sollte sie auch? In ihrer Nähe war er
-ruhig, beherrscht. Und gesprochen hatte er noch keine Silbe, woraus sie es
-hätte entnehmen können.
-
-Er gehörte zur Klasse jener Menschen, die innerlich verbluten und doch
-lächelnd sagen: ich verspüre nichts.
-
-Er erinnerte sich daran, daß er als Knabe am längsten seinen Finger über
-eine brennende Kerze gehalten, wenn sie »Spartaner« spielten, oder daß er
-jeden im »indischen Duell«, wie sie die Austragung ihrer Ehrenhändel
-nannten, besiegte, weil keiner drei Tropfen glühenden Siegellacks ohne
-Zucken der Hand ertrug.
-
-Er wußte, er würde schweigen und wenn er sich die Energie an den
-Gehirnwänden abschaben müßte.
-
-Er hatte nicht das Recht, ihr von seiner Liebe zu reden, weil er nicht mehr
-rein war.
-
-Diese fortwährenden Seelenkämpfe drückten seinem Gesicht ihre Spuren auf.
-Er war bleich, um seinen Mund zuckte ein krampfhaft schmerzliches Lächeln.
-Seine Augen waren größer geworden -- so schien es ihm -- ein düsteres Feuer
-brannte auf ihrem Grunde. Sah er sich im Spiegel, so war es ihm, als blicke
-ihn ein Fremder an, einer, der unheimliche Dinge in seinen Augen hatte.
-
-Die Menschen mit den heißen Herzen, schrieb er in sein Tagebuch, sind nicht
-gut daran. Alle Menschen wollen sie lieben und von allen Menschen geliebt
-werden. Wer aber liebt sie?
-
-
-
-
-XIV.
-
-
-Eines Nachmittags, gegen sechs Uhr, empfing Ginstermann den Besuch einer
-Dame, die er schon irgendwo gesehen hatte.
-
-Sie trug ein Kleid von weißer durchsichtiger Seide mit kleinen rosa Röschen
-darauf, einen goldenen Gürtel, einen hellen Hut mit kleinen rosa Röschen,
-sie trug einen Schleier.
-
-Ginstermann stand auf und sein Herz pochte, daß er es fühlte.
-
-Er hatte ganz in Gedanken herein gesagt, und nun trat eine Dame ein in
-weißem Seidenkleid mit kleinen rosa Röschen darauf, und goldenem Gürtel,
-eine Dame, die er kannte. Ihre Haare waren so sonderbar weißblond, wie
-Stroh, das lange in der Sonne gelegen hat.
-
-Die Dame stand schweigend an der Türe und hob mit zierlicher Handbewegung
-den Schleier. Da erkannte er sie mit den Augen, er hatte seinem Herzen
-nicht glauben wollen.
-
-Er stand wie gelähmt. Seine Augen waren ohne Blick, als zerflössen sie.
-
-Die Dame trat auf ihn zu und gab ihm die Hand. Ohne jeden Willen hatte er
-ihr die Hand gegeben, ohne Druck.
-
-»Mein Gott, Henri!« sagte sie bewegt, verwirrt, nahezu wie er selbst.
-
-Sie hatte noch dieselbe Stimme.
-
-Und er entgegnete: »Guten Tag, gnädige Frau.«
-
-Sie lächelte voller Scham, voller Verwirrung und sah sich nach einem Stuhle
-um, ihre Erregung zu verbergen.
-
-»Bitte«, sagte Ginstermann und schob ihr seinen Arbeitssessel hin.
-
-Sie nahm Platz, setzte den linken Fuß über den rechten, dann den rechten
-auf die Fußspitze des linken und bewegte ihn leicht hin und her. Ihre Hände
-strichen über die Lehnenrundung des Sessels, immer auf und ab.
-
-Nach geraumer Zeit sagte sie, ganz leise: »Ich habe dich gesucht, überall
-gesucht, aber ich fand dich nirgends. Du warst wie von der Erde
-verschwunden.«
-
-Er saß ihr gegenüber und lächelte erstarrt. Sie bemerkte es nicht, sie sah
-zu Boden, dem Spiel ihres Fußes zu.
-
-»Dann las ich von dir und hörte, du seist Dichter geworden. Ich wußte es ja
-damals schon, daß du ein Dichter bist.«
-
-Sie blickte auf, zu ihm hin, voll Vertrauen auf die Wirkung ihrer letzten
-Worte. Sie war schön, ihre blaßgrauen Augen tief, erfüllt von verborgener
-Leidenschaft. Hellbraune Pünktchen schwebten darin wie gefangene
-Luftbläschen.
-
-»Du wirst mich verurteilen, Henri, ich weiß es. Aber ich versichere dich --
-glaube es mir -- ich konnte damals nicht anders handeln. Glaube es mir. Ich
-erzähle dir einmal alles. Ich hatte Sehnsucht, Sehnsucht, dich
-wiederzusehen, ich hatte auch den Mut dazu. Ich bin da, siehst du. Es steht
-bei dir, ob du meinen Besuch erwidern willst oder nicht. -- Ich wohne in
-Starnberg. Mein Gatte ist gestorben, verunglückt bei einer Segelpartie in
-Nizza --.«
-
-»Nizza«, sagte ein Echo in Ginstermann.
-
-»Ich wohne in Starnberg. -- Willst du nichts sprechen? Wie ging es dir
-denn?«
-
-»Danke, es ging.«
-
-»Vielleicht bin ich dir noch soviel, daß du mich Freundin nennen kannst,
-Henri?«
-
-Ginstermann stand auf und sagte, ebenso leise wie sie, ebenso kühl, als sie
-herzlich sprach: »Nein, gnädige Frau.«
-
-Die Dame erhob sich und blickte ihn an. Ihre hellgrauen Augen überzog ein
-Schleier.
-
-»Glaube es mir, ich konnte damals nicht anders. Mein Gatte -- du sollst
-alles hören. Ich hatte so große, große Sehnsucht nach dir -- -- willst du
-mir nicht die Hand geben, Henri?«
-
-»Doch, gnädige Frau. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.«
-
-»Willst du mich nicht anders nennen. Hast du meinen Namen vergessen?«
-
-»Ja, gnädige Frau.«
-
-»Adieu, Henri. Ich sage trotzdem Henri zu dir.«
-
-Ginstermann zog ein Schubfach auf und nahm ein Kuvert heraus.
-
-»Ich habe Ihnen dieses Kuvert zurückzugeben, danke.«
-
-Sie sagte: »O«, blickte ihn zusammenzuckend an und nahm das Kuvert.
-»Besuche mich doch«, bat sie wieder, »nur einmal, einen Augenblick! Als --
-Feind, wenn du willst. Du weißt ja nicht, was die Liebe ist.«
-
-Nein, er wußte nicht, was die Liebe ist.
-
-Sie stand eine Weile, ließ das Kuvert in den Sessel gleiten und wandte sich
-zur Türe. Da fiel ihr Blick auf Biankas Büste, wie ein Blitz, so kurz
-zuckte er darüber.
-
-Ginstermann nahm abermals das Kuvert und sagte: »Sie haben dies vergessen,
-gnädige Frau.«
-
-Sie nahm es, zerknüllte es langsam, dann wandte sie sich nochmals um. Sie
-lächelte.
-
-»Vielleicht besuchst du mich doch einmal, Henri?« sagte sie. Sie wollte ihm
-ihre Niederlage nicht eingestehen.
-
-Ihr Antlitz war weiß wie ihr Kleid, und die rosa Röschen darauf schienen
-röter zu sein.
-
-Sie ging.
-
-Langsam glitt ihr Schritt die Treppe hinab. --
-
-Ginstermann goß sich ein Glas Wasser ein und trank es auf einen Zug
-hinunter. Das Glas stellte er auf einen Stuhl, da es zum Tisch zu weit war.
-
-Er kauerte sich auf die Ottomane und blieb sitzen bis es dunkel wurde.
-
- * * * * *
-
-An der Decke entstand ein gelber trüber Fleck, den eine Petroleumlampe aus
-dem Küchenfenster gegenüber hereinwarf. Es war furchtbar still. In der
-Ferne wurde mit Bestecken geklappert. Ein Wagen rasselte auf der Straße.
-Dann war es wieder still, furchtbar still. Der schmutziggelbe Flecken an
-der Decke schwankte, glitt zum Fenster hinaus, erschien wieder an einer
-anderen Stelle.
-
-Ginstermann saß immer noch auf der Ottomane.
-
-Die Stille spannte sich über ihn wie eine Glocke von Glas.
-
-Ein Pfiff schrillte und lief gleich einem Risse über diese Glocke. Schritte
-kamen, die Huppe eines Automobils ertönte, und Surren erschütterte die
-Luft. Fräulein von Sacken rief draußen über das Geländer, und eine Menge
-schwatzender, lachender Damen trampelte die Treppe herauf.
-
-Ginstermann stand auf und machte Licht.
-
-Nun war es überwunden.
-
-Er zog das unterste Fach seiner Kommode auf und kramte darin. Bündel von
-Zeitschriften Manuskripten, Briefen warf er auf den Boden. Ein Päckchen
-Briefe in dunkelroten Enveloppen trug er an den Tisch. Sie waren abgenutzt
-vom vielen Herumtragen und die Schrift verwischt vom Regen.
-
-Diese Briefe las einer vor Jahren jeden Morgen und jeden Abend. Diese
-Briefe waren einst für einen das, was Gebete für Leute sind, die die
-Verzweiflung beschwören.
-
-Er nahm den obersten und hielt ihn über die Lampe. Das Papier begann zu
-kohlen, zu knistern, eine kleine blaue Flamme sprang von oben herab und
-fraß sich am Rande wie eine feurige Schlange entlang. Das Kuvert bog sich
-auf und der glühende Saum kroch auf die Anrede: mon petit coeur zu,
-verschlang sie, und gleichsam als ihr Gespenst tauchten die Worte in
-bronzegrüner Tinte auf der dunklen Asche auf.
-
-Er warf den Brief in den Ofen und die anderen dazu. Verbaffende Rauchwolken
-quollen aus den Fugen, die Flamme brauste auf und nun bog sich ein Stück
-Pappe in der Glut hin und her. Das Bildnis einer Frau tauchte einen Moment
-auf, neigte sich vor und zurück wie in entsetzlicher Qual und stürzte
-endlich als weiße Asche in das Häufchen Glut, das aussah wie ein klippiges,
-winziges Gebirge, das in der Sonne glüht.
-
-Ginstermann stand, den roten Widerschein der Glut in den Augen, und
-lächelte.
-
-Nun war es überwunden.
-
-Er holte jene Päcke Manuskripte und Zeitschriften herbei und warf sie in
-die verglimmende Asche. Ein Fanatismus, alles zu zerstören, was ihn an
-seine früheren Jahre erinnerte, erfaßte ihn.
-
-Hier und da warf er einen Blick in die Blätter. Es waren die Aufzeichnungen
-eines verbitterten, höhnischen Menschen, dessen Seele ein Erlebnis zerstört
-hatte. Ungeheure Zynismen, Verwünschungen, Flüche.
-
-Da war auch ein Kapitel über das Weib darunter. Ginstermann lachte, als er
-es überflog, er las es nicht zu Ende.
-
-Der wüste Lärm von Kneipen, das Lachen eines Wahnsinnigen, der Geruch von
-Branntwein, das Gekreische von Dirnen stieg aus diesen Blättern.
-
-Er las all das nicht ohne jenen Schrecken, den einer empfindet, der einer
-Gefahr entronnen ist, in der er ohne sein Wissen schwebte.
-
-Sein Blick fiel auf ein Blatt, das die Überschrift trug: Der letzte Stern.
-
-Es war eine eigentümliche Geschichte. Sie lautete:
-
-Eines Morgens fanden die Leute bei ihrem Erwachen die ganze Erde mit
-Sternen bedeckt. Alle Sterne waren des Nachts vom Himmel gefallen. Sie
-erschraken gewaltig und blickten bleich und höhnisch zu gleicher Zeit auf
-die Propheten, die sie gelehrt hatten, die Sterne anzubeten. Haha! schrien
-sie, die Sterne sind heruntergekommen diese Nacht!
-
-Einige Vorwitzige hatten sich aufs Feld gemacht und sich den Sternen
-genähert. Kommt! schrien sie, kommt! Und sie wälzten sich vor Lachen.
-
-O, ihr Lügner von Propheten, ihr Diebe von Propheten, so seht doch, seht
-doch -- hahaha! Das also sind eure heiligen Sterne, das!
-
-Und sie spien den Propheten ins Gesicht.
-
-Das nämlich hatte sich herausgestellt: Die Sterne waren Pappe, bronzierte
-Pappe, nichts als bronzierte Pappe.
-
-Hahaha, ihr Hunde! Seht ihr, Pappe, bronzierte Pappe!
-
-Den ganzen Tag zeterten und höhnten sie. Die Sterne schlugen sie in Fetzen,
-dieselben Sterne, vor denen sie früher die Stirnen beugten.
-
-Die Propheten standen gesenkten Hauptes, das Gesicht trauernd und grübelnd
-in die langen Bärte gedrückt. Gegen Abend begannen sie, den andern bei der
-Zerstörung der Sterne zu helfen, dieser Sterne aus bronzierter Pappe.
-
-Bis auf einen, einen alten, ganz alten mit schneeweißen Haaren. Der stand
-wie aus Stein.
-
-Es wurde Nacht. Da geriet der Greis in Verzückung und deutete gen Osten.
-»Seht!« rief er, »seht!«
-
-Alle sahen hin. Es war ein Wunder. Dort oben blinkte ein Stern, ein
-winziger Stern mit grünem Lichte.
-
-Hoho, schrien sie, hoho?
-
-»Seht! Seht!«
-
-Sie aber schüttelten die Köpfe und lachten. »O, du eisgrauer Narr«, höhnten
-sie, »du hast den Verstand eines neugeborenen Kalbes! Begreifst du -- ha!
-Alle Sterne waren nichts als bronzierte Pappe, so wird auch dieser
-bronzierte Pappe sein!«
-
-»Weshalb fiel er nicht? Seht ihr nicht, wie er leuchtet und sprüht! Der ist
-aus reinstem Golde!«
-
-»Alle Sterne -- siehst du nicht -- Narr! Bronzierte Pappe! -- O, Narr, uns
-betrügst du kein zweites Mal!«
-
-»Weshalb aber fiel er nicht?« Und der Greis deutete mit erhabenem Triumphe
-zu dem letzten Stern empor.
-
-Da gab es einige wenige, die zu lachen aufhörten -- -- --
-
-Dieses Blatt wanderte nicht in die Flammen.
-
-Die Papiere hatten eine starke Hitze verursacht. Ein dichter Qualm zog die
-Decke entlang und wirbelte lustig zum Fenster hinaus. Er hatte alle Mücken,
-die an der Decke gesessen, in Aufregung versetzt, und sie summten wie
-verrückt umher.
-
-Ginstermann saß und blickte in die Glut. Er lächelte. Seine Irrjahre waren
-vorbei, da drinnen sanken sie in Asche. Nichts verband ihn mehr mit ihnen.
-Er fühlte, daß sich seine Seele erneuert hatte.
-
-Lange saß er bis alles kalt und tot war da drinnen. -- --
-
-Wenn aber die Vergangenheit vergangen ist, Bianka? flüsterte er . . .
-
-
-
-
-XV.
-
-
- Die Würfel sind gefallen.
-
- Alles ist verloren. --
-
- Bianka lächelt und sagt: »Es war sehr
- töricht von mir. Wie hübsch hätten wir den
- Nachmittag bei mir verplaudern können.«
-
- Ginstermann entgegnet: »Aber bitte. Nein,
- das wäre zuviel der Liebenswürdigkeit gewesen.
- Sie waren ohnedies so gütig gegen
- mich.«
-
- Er verbeugt sich einigemal und lächelt.
- Er verbeugt sich linkisch und lächelt erstarrt.
- Da sind einige Muskeln um seinen Mund,
- die sich verzerrt haben.
-
- Bianka merkt das nicht. Sie sieht nicht,
- daß seine Augen wie ausgetrocknet sind, seine
- Haare vom Schweiße an die Stirne kleben,
- daß er bleich ist wie eine Wand.
-
-Es ist gut, daß es dämmert.
-
-Sie stehen wieder in dem Vorgärtchen vor der dunklen schweren Türe und
-morgen geht die Reise. Adieu! Morgen geht die Reise. Um 11 Uhr.
-
-Ein Mann muß sich beherrschen können, er muß stehen, bis er tot hinschlägt.
-War er nicht ein ganzer Kerl, ein ganzer Kerl! Das Messer war ihm bis ans
-Heft ins Herz gefahren, mitten ins Herz und er hatte nicht gezuckt. Er
-hatte gelächelt und geplaudert, als habe sie ihm etwas Schönes geschenkt.
-Sie sollte nicht wissen, daß sie ihn heute nachmittag getötet hatte.
-
-Jetzt sei es allerdings zu spät. Es gäbe auch noch eine Menge Besorgungen
-für die Reise.
-
-Aber selbstverständlich. Wann sie fahre?
-
-Sie lächelt, da er schon einigemal gefragt hat, und erwidert: »Um 1/2 11.
-In Bellinzona machen wir die erste Station. Mamas halber.«
-
-Sie sieht an den Fenstern hinauf, eine unbegreiflich lange Zeit, dann tritt
-sie näher und blickt ihn an. Noch einmal schwebt dieses zarte, rätselhafte
-Antlitz vor ihm, und diese klaren graugrünen Augen locken zum letzten Mal
-tote Wünsche.
-
-Aber sie bleiben tot, nicht einer regt sich mehr.
-
-»Sie werden mir doch dann und wann schreiben, Herr Ginstermann?«
-
-»O gewiß, wenn sie es erlauben. Ein paar Zeilen --«
-
-»Erinnern Sie sich stets daran, daß Sie da unten im Süden eine Freundin
-haben, die Ihnen für alle Zeiten und Fälle eine Freundin sein möchte,
-wollen Sie das?«
-
-Er dankt ihr, indem er sich verbeugt.
-
-Er werde sich stets daran errinnern. Für alle Zeiten. Er danke ihr, ja er
-danke ihr tausendmal für all ihre Güte. Er wisse, daß auch Sie sich oft an
-den herrlichen Sommer errinnern werde.
-
-Fließend, ohne einen Fehler in der Betonung, spricht er. Es ist ihm, als
-sei da ein Zweiter neben ihm, dem er voll Bewunderung und Erstaunen zuhöre.
-
-Dann schüttelt sie ihm die Hand.
-
-»Adieu. Morgen um 1/2 11, bestimmt! Am Bahnhof. Adieu. 1/2 11 Uhr, nicht?
-Adieu!«
-
-Das sagt sie leicht hin, etwas hastig und steigt die Treppen hinauf.
-
-Ginstermann wendet sich augenblicklich und geht zur Gartentüre hinaus. Er
-geht stolz und aufgerichtet. Der Wind wirft ihm boshaft lachend eine Hand
-voll Staub ins Gesicht.
-
-Da ruft sie ihn nochmals. Sie steht auf der obersten Treppe, mit einer
-Geste als wolle sie herabsteigen, um ihm noch etwas zu sagen. Aber sie
-steigt nicht herab, sie spricht nichts, sie hebt nur die Hand, um zu
-winken. Aber sie winkt auch nicht.
-
-»Adieu, Fräulein Schuhmacher!«
-
-Die Türe fällt ins Schloß, mit jenem eigentümlichen, dumpfen Laut einer
-Türe, die sich für immer geschlossen hat. Er sieht sie noch da oben stehen,
-die Hand erhoben. Und nun sieht er nur noch die Hand.
-
-Er sieht die Türe an und lächelt, er blickt am Haus entlang und lächelt.
-
-Dann geht er. --
-
-Die Sache Henri Ginstermann -- Bianka Schuhmacher ist erledigt: Ginstermann
-ist geschlagen!
-
-Nun war es vorbei.
-
-Ein tränenloses Schluchzen erschütterte seine Brust und gleichzeitig lachte
-er.
-
-Weshalb ereignete sich nichts? Weshalb fiel kein Haus ein, kam nicht ein
-Stück vom Himmel da droben herunter?
-
-Aber er hatte es ja nicht anders verdient. Nein, wenn er einem Menschen
-einen Vorwurf machen konnte, so war er dieser Mensch selbst. Weshalb war er
-so verblendet gewesen, abermals an einen Menschen zu glauben? Sein Herz
-einem jungen Mädchen zu Füßen zu legen, das achtlos und blind darüber
-hinwegschritt? Noch immer war er jener Tor, der sein Herz auf den Händen
-durch die Straßen trug und die Leute fragte, ob sie es nicht haben wollten,
-da es zu schwer von Liebe sei für ihn. Er hatte es als Kind seinen Eltern
-schenken wollen, sie hatten es nicht angenommen, er hatte es später Frauen
-und Freunden schenken wollen, sie hatten es verspottet und mißhandelt, und
-wieder, wieder --? O, er war ein Tor! Die Menschen waren zersprungene
-Geigen, die keinen Ton mehr gaben, die Menschen waren zu arm an Liebe, um
-einen Hund damit ernähren zu können. Die Menschen waren ein Pack von
-Krämern, Kirchgängern, Wucherern, Handwerkern und Barbaren. Aber die
-Menschen waren keine Menschen. Diesen Titel hatten sie einigen Großen
-gestohlen und sich umgehängt wie einen Orden.
-
-Das war ja des Hades Maskengarderobe, was da ging und stieg und sich
-brüstete nach Pfauenart, Ekel verbreitend und üblen Geruch. Als geputzte
-Bälge kamen sie daher, stupid und leer ihre Augen, aus denen ihr Magen
-blickte.
-
-Er spie aus, er spie ihnen seine ganze Verachtung vor die Füße.
-
-Hoho! Einer der Leichname fand diese Grabrede für zu bündig. Wohl Psalme,
-du Schuft?
-
-Ginstermann erwiderte kein Wort. Er stand still, die Fäuste in den
-Rocktaschen und maß ihn mit messerscharfen Blicken, den Kopf kampfbereit
-gesenkt. Ein ganzer Kreis von Leuten bildete sich um ihn. Einen nach dem
-andern fixierte er und einer nach dem andern stahl sich fort.
-
-Sie hatten alle Angst, diese Feiglinge. Es war sonderbar, niemand lächelte,
-niemand erwiderte eine Silbe. Diese Leute hatten Furcht vor ihm. Es war
-eine Wonne, seine Macht zu fühlen.
-
-»Wäre doch wenigstens noch etwas vom Kain, vom Tiger in euch!« sagte er,
-verächtlich die Lippen zuckend.
-
-Er wandte sich voller Abscheu und ging. Mit herausfordernden Blicken, den
-Kopf scharf nach jedem wendend, der ihn anblickte, schritt er die Straße
-entlang. Einigemal blieb er stehen, lachte, hustete, um einen Kampf zu
-provozieren.
-
-Sie hatten Angst, alle. So ein feiges Gesindel waren diese Kreaturen!
-
-Der Wind blies ihm entgegen in heftigen Stößen, mit seinen riesigen
-Fittigen bald die Straße fegend, bald die Wipfel der Pappeln beugend. Die
-Straße herauf flogen Karossen in Wirbeln von Staub, eine hinter der
-anderen. Kamen sie aber vorbei, so waren gar keine Karossen darin, nur der
-Wind. Der sprang lachend heraus. Plötzlich war das Trottoir mit schwarzen
-Sternchen übersät und eine dunkle Wolke senkte sich bis nahe an den
-Erdboden herab, Finsternis verbreitend. Der Wind stand, ein jammerndes
-Gespenst, in wirbelnde Lappen gehüllt, inmitten der Straße und drehte sich
-im Kreise. Durch eine Wolke von Staub hindurch sah man Leute, die betend
-die beiden Hände gen Himmel streckten. Die Häuser wankten, die Wagen
-neigten sich, die Erde drehte sich schneller unter den Füßen -- da erhielt
-sie einen Stoß und stand still, die Leute taumelten.
-
-Ginstermann spürte einen heftigen Schmerz an der linken Schläfe. Er war
-gegen eine Staffel gefallen. Er wollte sich erheben, aber es ging nicht.
-Ein paar Leute standen um ihn herum, die Augenbrauen in die Höhe gezogen.
-Ein Student, die Mensurmütze über dem glatten Schädel, näselte ein
-lateinisches Wort.
-
-Da stand Ginstermann augenblicklich auf und ging weiter. Seine Füße waren
-wie mit Blei ausgegossen. Um ihn rauschte es, es regnete.
-
-Seine Schläfe schmerzte, in die Augenbraue sickerte es.
-
-»So geht es, wenn man sich aufregt, mein Freund«, sagte er zu sich und
-lächelte, als wolle er einem hübschen Mädchen gefallen.
-
-Die Häuser standen wieder aufrecht, die Leute hörten auf zu tanzen und zu
-taumeln.
-
-Er bog links ab und ging in den Englischen Garten.
-
-Das aufziehende Regenwetter hatte die Leute vertrieben. Der Park lag still
-und traurig, die Bäume verschleiert, als erwarte er einen Leichenzug. Man
-betrat ihn nicht ohne Bangen und Grauen.
-
-Ginstermann blieb stehen und lauschte. Unzählige Spechte klopften an den
-Bäumen. Endlich entdeckte er, daß es das pochende Blut in seinen Ohren war.
-Die Baumgruppen erschienen ihm wie zusammengeduckte Ungeheuer, denen einer,
-der das nicht bemerkte, unfehlbar in den Rachen lief. Aber er war nicht so
-töricht. Im übrigen wußte er auch recht gut, daß es ganz gewöhnliche Bäume
-waren, nichts weiter. Dort oben stand der Monopteros.
-
-Sonnentempel, Tempel der Seligkeit! Haha!
-
-Er sah aus wie die Arbeit eines Zuckerbäckers, die nun im Regen elend
-zerweichen mußte.
-
-Hahaha, gerade so. Er war Teig, weicher Teig war er.
-
-Er blieb stehen.
-
-»Zur Sache«, sprach er, »wir wollen es kurz machen. Hier war es, gerade
-hier.« Oder war es nicht hier? Er mußte -- wo war es? Er mußte -- bei allen
-Heiligen -- doch die Stelle finden, wo er begraben lag! Haha, das wäre noch
-hübscher! Zur Ruhe, zur Ordnung! Was hatte sie gesagt? Ein Dutzend Worte.
-Hier war es angegangen, also mußte es hier neben diesem kleinen Bäumchen
-sein.
-
-Er kniete nieder und machte ein winziges Kreuz in den Sand.
-
-»Henri Ginstermann, gestorben am Herzeleid. Bete ein Vaterunser, o Christ!«
-
-Aber vielleicht war es doch nicht hier? War das nicht dumm, nicht dumm,
-messieurs? Man mußte ins reine kommen.
-
-Er lief den Weg hinab und setzte sich auf eine Bank. Dann stand er auf und
-sagte: »Sie haben recht, die Sonne sticht hier unerträglich. Man sitzt wie
-im Brennpunkt einer Lupe.« Langsam schritt er, als ginge er neben Bianka
-einher.
-
-Ah, nun wußte er alles, jede Einzelheit. Hier ging Bianka, hier er. Ihre
-Schatten liefen wie folgsame Pudel links von ihnen.
-
-Er wußte alles ganz genau. Plötzlich war eine Jalousie in seinem Kopfe in
-die Höhe gegangen.
-
-Sie sprachen von der Reise, sie sprachen von der Reise. Und sie sprachen
-auch vom mutmaßlichen Wetter. Jawohl. Und sie sprachen auch davon, wie
-schön der Sommer gewesen wäre. Auch vom Sommer. Gut. Reise, Wetter, Sommer.
-Gut. Es stimmt. Bianka -- ja, nun kam es. Wie kamen sie nur darauf? Ach,
-richtig, sie sprachen ja vom Sommer. Wie schön er gewesen wäre. Bianka --
-nur Vorsicht -- bis zu dem Büschel Löwenzahn dort ungefähr von der Reise,
-bis zur Wegkreuzung vom Sommer, wie schön er gewesen wäre -- von hier an --
-jawohl. Alles in Ordnung. Hier ging ein alter Herr mit einem glatten
-Elfenbeinknopf am Spazierstock an ihnen vorüber, so daß er näher zu Bianka
-hinüber mußte. Bianka spielte mit den Quasten ihres Sonnenschirmes, und er
-bemerkte, daß die Naht des Handschuhes am Ballen etwas geplatzt war. Haha,
-er entsann sich sogar auf Dinge, die er kaum recht beobachtet hatte. Und
-Bianka sagte:
-
-»Eigentlich ist es doch recht selten --« Oder begann sie nicht so? Es war
-da etwas wie ein helles A am Anfang ihres Satz es. »Das passiert nicht oft,
-daß man einem Menschen begegnet. Mir passierte es sehr selten. Und deshalb
-freut es mich, daß ich Sie kennen gelernt habe.« Nun blieb sie stehen, sah
-ihn an und fuhr fort, indem sie lächelte: »Wie sonderbar es begann, da im
-Theater, da bei Kapelli, nicht? Und dieser Sommer -- es war alles hübsch.«
-Sie stockte, besann sich, ging weiter.
-
-Er entgegnete nichts darauf. Von einer freudigen Ahnung durchschauert,
-wartete er auf das, was sie nun sprechen würde. Sie hatte gleichgültig
-gesprochen, wie einer, der etwas Besonderes folgen lassen wird. Es war wie
-eine Einleitung und hinter ihrem letzten Wort stand etwas wie ein großer
-Doppelpunkt.
-
-Nun wird sie es sagen, dachte er und es flimmerte ihm vor den Augen vor
-Erregung.
-
-Aber sie setzte ihre Rede nicht fort. Sie schwieg.
-
-Er wartete noch immer, noch immer. Da begann sie über Nizza zu sprechen.
-
-Sie sprach nichts weiter, nichts sonst, keine Silbe. »Es war hübsch, hörst
-du, Ginstermann? -- hübsch war es.«
-
-Und hier war es, hier.
-
-O, es war in der Tat hübsch, außerordentlich hübsch. Sie können sich nicht
-vorstellen, wie hübsch es war, Herr Ginstermann. Wir gingen einige Wochen
-zusammen, wir unterhielten uns, Sie eröffneten mir ihre Ideen, Herr
-Ginstermann, ja vielleicht liebten sie mich auch ein bißchen. Addieren Sie,
-bitte, addieren Sie. Summa: hübsch.
-
-Er umschritt das kleine Kreuzchen im Sande und lachte.
-
-»Hier liegen die Träume eines Toren«, begann er in pastoralem Tone, »hier
-liegt die Sehnsucht eines Narren -- hahaha. Sie ertranken in der Tiefe
-einer Mädchenseele. Ich will mein Senkblei in deine Seele werfen, sagte der
-Narr, ob sie tief sei, ich will es gegen ihre Wände schlagen lassen, ob sie
-Ton wiederhallen, ob sie Silber singen. Da ertranken seine liebsten Kinder
-in der bodenlosen Tiefe -- hahaha --!«
-
-Plötzlich hielt er inne und richtete sich auf. Ein unheimlicher Gedanke
-stieg in seinem Kopfe empor, riesengroß, ein graues Gespenst ohne Form und
-Ausdruck.
-
-»Du bist wahnsinnig«, sagte er leise zu sich, damit es niemand höre außer
-ihm.
-
-Das Gespenst sank wie ein Schatten auf ihn herab und hüllte ihn ein. Sein
-Herz ging in langsamen Stößen, er stand wie gelähmt. Eine Ewigkeit.
-
-Rings um ihn rieselte der Regen, der Park lag wie ein Leichnam, starr und
-still. Die Stille flüsterte, sie flüsterte unverständliche, grauenhafte
-Dinge. Der Wind stieß wie die Flügel eines Schwarmes von Vögeln an seinen
-Kopf.
-
-In seinem Kopfe da ging ein schweres Pendel hin und her, das alle Gedanken,
-die aufstehen wollten, niederschlug. Und er lauschte auf das, was diese
-Stille flüsterte.
-
-In der Ferne schlug eine Uhr.
-
-Das war eine Uhr, dachte er. Jawohl, eine Uhr. Und das hier ist ein Weg,
-und das da bin ich, Henri Ginstermann, dem sie in der Jugend einen
-schlimmen Untergang prophezeiten. Und das hier ist meine Hand. So nennt man
-das Ding. Ich kann es bewegen.
-
-Was ist geschehen, was ist geschehen mit mir, dachte er.
-
-Nun haben sie mich in die Luft eingemauert, wie ein Luftbläschen in Glas
-eingemauert ist. Angst lähmte ihn.
-
-Drüben am Wege ging eine Gestalt, in einen sonderbaren Mantel gehüllt.
-
-Nun kommt er, dachte er, den großen Holzhammer unterm Mantel, um dir auf
-den Kopf damit zu schlagen.
-
-Aber nein, was war mit ihm geschehen?
-
-Plötzlich bewegte er die Füße und ging. Fort, fort aus diesem Garten,
-dessen tausend graue erloschene Augen dich anblicken, fort, fort.
-
-Er lief hastig, quer durch die Wiesen, um die Gebüsche zu vermeiden.
-
-Endlich war er auf der Straße. Er wurde ruhiger. Hier gab es Menschen und
-Schutzleute, er war geborgen.
-
-Nach und nach kehrte die Reaktion seiner Sinne zurück. Langsam, mit dumpfem
-Kopfe schlich er an den Häusern entlang. Es war noch nicht spät, es
-dämmerte. Der Himmel war düster und erschien wie ein unendlich tiefer Sack,
-aus dem flimmernde Fäden hingen. Die Bogenlampen brannten, die
-Telephondrähte schimmerten und liefen rasch in die Dämmerung hinein, als
-hätten sie es sehr eilig, an den Leitungsdrähten der Straßenbahn sprühten
-zornige, grüne Flammen auf.
-
-Die Cafés waren erleuchtet, die Türen gingen auf und zu. Durch einen
-Vorhang sah er ein grünes Billard, über das sich ein Herr mit langen weißen
-Manschetten beugte. Der Kopf einer Kellnerin ging hinter der Scheibe
-vorüber und verdeckte für einen Moment das ganze Billard.
-
-Er war fähig, diese Eindrücke aufzunehmen, ohne aber sonst Kraft zum Denken
-zu besitzen. Man hat alle Drähte in meinem Kopfe durchschnitten, dachte er.
-
-Seine Schläfe brannte. Das Bedürfnis, sie mit kaltem Wasser zu netzen,
-trieb ihn über die Brücke, in die Anlagen. Dort stieg er zum Fluß hinunter.
-Die Böschung war gepflastert, er mußte vorsichtig sein. Der Fluß rauschte
-vorüber, blitzschnell, mit hundert Zungen nach ihm leckend. Schon daran,
-die Hand nach dem Wasser auszustrecken, hörte er über sich rufen. Er wandte
-erschrocken den Kopf und glitt aus. In Todesangst klammerte er sich an den
-Steinen fest.
-
-Es war ihm, als habe ihn der Fluß schon in seine brausende Tiefe
-hinabgezogen. Ohne sein Vorhaben auszuführen, kroch er wieder in die Höhe;
-kalter Schweiß bedeckte seine Stirne. Er schleppte sich weiter, müde ging
-er wie ein alter Gaul.
-
-Er ging lange, bis die Häuser klein und niedrig wurden. Trüb leuchteten
-ihre Augen, einige hatten viele, wiederum welche waren blind von oben bis
-unten.
-
-Auf der Straße spielten Kinder. Es waren kleine Mädchen. Sie hatten einen
-Kreis gebildet und schritten um ein Mädchen herum, das in der Mitte saß,
-die Hände vor dem Gesicht. Dabei summten sie ein Lied. Es war ein weicher
-flüsternder Gesang, wehmütig durch die Dämmerung schwebend.
-
-Ginstermann stand und lauschte. Aus diesem Summen der Mädchen da sprach es
-zu ihm, wie aus dem Flüstern der Stille im Park.
-
-Und nun verstand er.
-
-Sterben, sprach es.
-
-Er ging und lächelte vor sich hin, von diesem weichen, kosenden Sang
-gefolgt, der: sterben sagte. Wie die weichen Arme eines Unsichtbaren
-umschlang es ihn und küßte ihm dies Wort auf den Mund.
-
-Die Häuser hatten ein Ende. Frei lag das Feld vor ihm.
-
-Über die Ebene lief hurtig ein kühler Wind. Er nahm den Hut ab und ließ
-sich die Stirn von ihm kühlen. Das war sanft und wohltuend, er mußte an die
-schmalen kühlen Lippen seiner Mutter denken, wenn sie ihm die Wangen küßte.
-
-Es regnete nicht mehr. Im Westen glomm ein schmaler, düsterroter Saum, die
-Nacht schlug wie das ungeheure schwermütige Lid eines Vogelauges über der
-Erde zusammen.
-
-Die Luft war gewürzt vom Geruche des triefenden Waldes, der Wiesen. Er roch
-die Nacht heraus.
-
-Er kniete nieder und küßte die Erde.
-
-Adieu, sagte er. Er stand noch eine Weile: Das war der Wald, hier das Feld,
-dort oben der Himmel. Adieu.
-
-Dann wandte er sich der Stadt zu. Er wollte nach Hause.
-
-Nun konnte er plötzlich wieder denken. Aber all seine Gedanken liefen
-diesem einen Ziele zu, -- ruhig, ohne Schmerz, erfüllt von Weihe, die
-dieses Ziel über sie hauchte.
-
-Die ganze Stadt war Licht, Lärm, Lachen. Menschen fluteten, Menschen, die
-dieses Licht, diesen Lärm, dieses Lachen liebten, die die kleinen süßen
-Abenteuer liebten. Es brauste nah, in der Ferne. Es läutete, klingelte.
-
-Aber lauter und klingender wie der Lärm des Verkehrs ging hoch oben ein
-Brausen über die Stadt. Es lief durch die Straßen, riß die Fenster auf,
-fuhr durch die Häuser, fuhr in die Brust der Menschen, und blies die Glut
-ihrer Herzen zu Flammen: Das Leben!
-
-Nun lag es hinter ihm. War es nicht schön gewesen? O, es war köstlich
-gewesen. Es hatte ihm die große Freude, den großen Schmerz gegeben. Was
-sollte es mehr? Er hatte sich satt getrunken an seinen Schönheiten, er
-hatte seinen Rätseln gelauscht.
-
-Er war müde, er sehnte sich nach der großen Ruhe, nach der Rückkehr in das
-Nichts, wo die atemlose Flucht der Erscheinungen ein Ende hatte.
-
-Bei einem Waffenladen blieb er stehen. Die Läufe blitzten, die runden
-hohlen Augen blickten ihn wie etwas Bekanntes an. Wie unschuldige Wichtchen
-schlummerten die Kugeln in den Schachteln, plump und dick ein Schädel in
-Stücke reißend, klein, nur den Stich einer Nadel an der Schläfe
-hinterlassend.
-
-Aber er ging weiter. Er hatte zu Hause ein scharfes, scharfes Rasiermesser.
-Damit wollte er sich die Adern durchschneiden, und während das Blut in
-langsamen Stößen seinem Körper entwich, noch an all das Herrliche denken,
-das ihm das Leben schenkte. --
-
-Als er seine Treppe emporstieg, sah er Frau Trud vor der Tür des Ateliers
-stehen. Es schien als warte sie auf jemanden.
-
-»Ach, Sie sind es«, sagte sie. Sie sah angegriffen aus und hatte gelbe
-Ringe um die Augen.
-
-Ginstermann erschrak, als er sie erblickte, es war ihm, als errate sie
-seine Absicht. Sie betrachtete ihn auch so sonderbar, versteckt
-argwöhnisch. Sie ließ ihn sicher nicht ohne weiteres vorbei.
-
-»Was ist mit Ihnen, Herr Ginstermann?« fragte sie mit jäher, erschrockener
-Stimme.
-
-»Mit mir, wieso denn nur?«
-
-»Wie sehen sie nur aus. Ist Ihnen etwas zugestoßen?«
-
-Diese Besorgnis, diese mütterliche Anteilnahme machte ihn bewegt.
-
-»Ach nein«, erwiderte er. »Gute Nacht, Frau Trud.«
-
-Er gab ihr die Hand und sah ihr mit einem tiefen Blick in die Augen.
-
-Oben wandte er sich nochmals um und rief: »Grüßen Sie Kapelli, ich werde
-ihn demnächst wieder mal besuchen.«
-
-Er zitterte noch, als er in seinem Zimmer angelangt war.
-
-Hatte sie etwas gemerkt? Wie konnte sie das?
-
-Nachdem er abgeschlossen hatte, zündete er die Lampe an. Dann spähte er
-unter das Bett, ob niemand drunter versteckt sei, der ihn beobachten
-konnte. Die Vorhänge zog er zu.
-
-Er ging zur Büste, blickte sie eine Weile düster lächelnd an und hob sie
-herab.
-
-Er preßte sie an die Brust und küßte sie auf den Mund.
-
-»Bianka«, sagte er, »leb wohl. Wer du auch seist, ich danke dir. Du warst
-das Schönste, das Leuchtendste in meinem Leben. Du gabst mir ein tiefes
-Erlebnis. Nie hat ein Mensch Schönres erlebt. Dafür danke ich dir. Weißt
-du, wie ich dich liebe? Sieh, ich bin irrsinnig geworden, so liebe ich
-dich. Irrsinnig, du meine Bianka. Vielleicht hätte ich dich glücklich
-gemacht. Wir wissen es ja nicht. Leb wohl. Wenn du von meinem Tode hörst,
-so härme dich nicht. Verzeih!«
-
-Tränen rollten über seine Wangen, während er sie lächelnd betrachtete. Er
-öffnete den Schrank und stellte die Büste behutsam hinein. Sie sollte es
-nicht sehen.
-
-Da pochte es an seiner Türe.
-
-Er erschrak heftig und fragte stockend: »Wer da?«
-
-»Kapelli.« Ob er nicht Lust habe, den Abend mit ihnen zu verbringen.
-Bißchen Karten spielen.
-
-»Nein, danke schön.«
-
-»So machen Sie doch mal auf!«
-
-Ginstermann ging an die Türe, unschlüssig ob er öffnen sollte.
-
-Dann rief er: »Ich will arbeiten, Kapelli. Stören Sie mich nicht länger.«
-Aber Kapelli pochte nochmals.
-
-Ginstermann beugte sich herab und blies durchs Schlüsselloch.
-
-»Ich werde Sie die Treppe hinunterblasen«, rief er, sich zum Lachen
-zwingend.
-
-»Na, dann also gute Nacht.«
-
-Kapelli stieg die Treppe hinab, hielt inne, kam wieder ein paar Stufen
-herauf, stieg abermals hinunter und schloß endlich die Türe seines Ateliers
-hinter sich.
-
-Was wollen sie nur, dachte Ginstermann. Diese beiden guten Leutchen, sie
-ahnen wohl etwas? Morgen wird Kapelli sagen: Armer Kerl, der Ginstermann.
-Und des Nachts werden sie stumm in ihren Betten liegen und an mich denken.
-
-Und Kapelli wird hinter dem Sarg hergehen, seinen engen schwarzen Rock über
-dem Bauche zugeknöpft, einen Zylinder auf dem Kopf. Und er wird im Sarge
-liegen und Grimassen schneiden. Aber nein, er wird hübsch ruhig bleiben. Im
-übrigen wußte es man nicht. Niemand weiß, was ein Toter tut, wenn der
-Deckel aufgeschraubt ist. Noch besaß niemand soviel Mut sich neben einen
-Toten in den Kasten zu legen und zu beobachten, was er tut. Einer seiner
-Bekannten wird ein paar Worte am Grabe sprechen: Bläh -- bläh -- Henri
-Ginstermann ist tot. Er hat »Das Ebenbild Gottes« geschrieben -- bläh --
-bläh -- er hat auch Verse geschrieben -- man weiß nicht, woran er gestorben
-ist, vielleicht ist er am Leben gestorben -- bläh -- bläh --
-
-Ginstermann setzte sich auf die Ottomane und sann vor sich hin. Seine Hände
-zitterten, die Pulse hüpften in seiner Schläfe; in seinem Kopfe da rauschte
-es, rings herum.
-
-Da gab es noch jemanden, den die Nachricht stutzig machen wird. Dieser
-jemand wird sagen: Henri Ginstermann? das ist ja mein Sohn. Seine Mutter
-hatte ihn doch ein bißchen gerne, früher. Nun ja, bei jenem Skandal -- kann
-eine anständige Dame da anders handeln. Ein Schüler, ein Junge von siebzehn
-Jahren, der sich mit einer verheirateten Frau einläßt! Puh, puh! Aber nein,
-früher. Als er noch zwölf Jahre alt war. Bis er den Ring stahl. Stahl, das
-ist ja nicht richtig. Er legte ihn ja abends wieder auf den Toilettetisch.
-Er hatte ihn nur in der Sonne funkeln lassen, weil das seine Augen
-entzückte. Sie hatten ihn allerdings Dieb genannt. Dieb zischten sie alle.
-Und er wurde in eine dunkle Kammer gesperrt, die ganze Nacht. Da kam der
-Teufel mit seiner ganzen Verwandtschaft. Die Holzwürmer schlugen mit den
-dicken Köpfen auf die Dielen. Die Mäuse nagten die Balken ab, um ihn in
-einen tiefen Schacht hinabzustürzen. Eine Uhr rasselte wie ein Sterbender.
-O, das war schon mehr als Geisterspuk. Des Morgens kam ein graubleicher
-Bursch zur Türe heraus, dem diese Nacht mit ihrem Schrecken wie ein Frost
-auf die Seele gefallen. Seitdem haßte er sie, seine Eltern und Geschwister,
-seine Mitschüler und Lehrer, alle Menschen. Und er schlief trotzig in der
-Geisterkammer, ohne Furcht, da er sich dem Teufel verschrieben hatte, der
-ihm jetzt nichts mehr tat. Ja, selbst die Mörder fürchtete er nicht mehr.
-Sollten sie ruhig zum Fenster hereinsteigen und ihn erdolchen. O, es war
-nur ein Spaß! -- Hoho, aber plötzlich da wurde es anders. Niemand liebte
-ihn, bis er eine junge hübsche Frau kennen lernte.
-
-Weshalb sieht man so finster in die Welt, lieber Henri? -- Wollen wir Musik
-zusammen machen, wie? -- Wollen wir in den Garten gehen und die Blumen
-ansehen? -- Armer Bub wie haben sie dich hergerichtet? -- Nein, nicht
-küssen, nicht küssen, Schlingel!
-
-O juhei, o juhei -- wie herrlich ist das Leben! -- Wie, abgereist? Gnädige
-Frau ist abgereist? So so. Er lebt acht Tage als Waldmensch, frißt Moos und
-Schnecken und heult wie ein Irrer durch die Nächte. -- Hinaus! sagt der
-Vater, hinaus! Sein Finger deutet gegen die Türe. Er biegt ihn im Gelenk
-ab, damit es recht theatralisch aussieht. Haha, welche Großartigkeit. Wie
-ein Feldherr: alle Fünftausend. Hinaus, hinaus! Alle Türen zu. Einer dreht
-sich im Kreise, ein ganzer Kreis von Fingern deutet: Hinaus! -- Ein Zug
-braust durch die Nacht. Hahaha, Freundchen, es ist nicht so einfach, sich
-unter einen rasenden Zug zu werfen, dazu gehört die Gewandtheit eines
-Seiltänzers. Wie, die Hand haben sie sich blutig geschlagen, Mylord? O, das
-schadet nichts. Ein bißchen Blut, wir sind doch kein kleines Mädchen, wie?
--- Die Bauern sind ein mitleidig Volk, sie geben Brot, sie hetzen auch ihre
-Hunde. Nur Scherz. Es schläft sich gut im Wald, bei den vielen Mücken und
-Ameisen. Man träumt von Gendarmen, das ist nur angenehm. Denn wenn man
-erwacht, so sieht man nichts um sich als Büsche und Kräuter, und der Mond
-spannt silberne Saiten zwischen den Stämmen. Drauf greifen Elfenfinger ihre
-Lieder. Ist das nicht herrlich? -- -- In Böhmen liegt ein Bauernhof. War es
-nicht ein hübscher Bauernhof? Die Bäume herum, die Tannen dahinter auf dem
-Hügel wie finstere Borsten auf einem Ungeheuer. Und Segtschin, der
-Wahnsinnige, wie er mit den Zähnen fletscht. Er kann die Deutschen nicht
-leiden. »Ich renne ihm die Mistgabel durch den Leib!« Ach, eine Mistgabel,
-ich bitte Sie, Verehrtester, Sie werden doch so ein Ding nicht fürchten.
-Und da ist Hesse, der defraudierte Bahnbeamte aus Baden. Er hat eine Kneipe
-in Rumänien. »Willst du das Weib da küssen, du Kleiner! Ha! Ein Patron, ißt
-und trinkt drei Wochen bei mir und will das Weib da nicht küssen, wenn ich
-es befehle. Hund, marsch -- oder -- ah -- sie ist ja ein kleines
-Schweinchen, die Sonja -- aber -- hahaha!« Sein betrunkenes Gesicht mit dem
-Ausdruck eines Metzgerhundes schwillt auf vor Wut, als ob es zerplatzen
-wollte. Ach, nun ist es gar nicht mehr Hesse, nun ist es Herr Trutt, der
-Kaufmann Trutt mit seinem Doppelkinn, seinem Fettnacken, seinen schielenden
-Augen, seiner fettrasselnden Stimme. Dieser Halunke, der will, daß man sich
-für ein paar Gulden kaput arbeitet. Aber was will nur Hesse mit dem Bohrer.
-Nein, es ist kein Bohrer, es ist ein Spazierstock. Und doch ist es ein
-Bohrer, ein Bohrer so lang wie ein Spazierstock. Mit diesem Bohrer kommt er
-auf ihn zu, den Bohrer schwingend. Aber so groß seine Schritte auch sind,
-er kommt nicht näher. Er baumelt wie an den Hüften festgeschraubt, schlägt
-mit Armen und Füßen, den Bohrer schwingend. »Ich will dir den Kopf
-anzapfen, Kleiner, gib acht. Sonja, schlage ihn, du sollst dich betrinken,
-bis du platzt, Schweinchen!«
-
-Was wollen denn diese vielen Leute? Sie stehen um Hesse herum und deuten
-auf ihn, alle auf ihn. Und sie schielen alle und haben viereckige und
-verschrobene Köpfe. Es ist eine ganze Mauer von Leuten, es sind tausend
-Köpfe. Lauter Köpfe; unter ihrer Verzerrtheit verbirgt sich ein bekanntes
-Gesicht. Segtschin fletscht mit den Zähnen -- und da ist auch Kapelli! He,
-Kapelli! Zum obersten Stockwerke dieses lebendigen Gebäudes sieht er
-heraus. Er spuckt herunter. Ah, nun ist er über ihm. Hoho, über ihm sind
-auch Köpfe! Überall, rings um ihn Köpfe, die sich unaufhörlich verzerren zu
-entsetzlichen Grimassen, bald den, bald jenen darstellend. Da ist ja auch
-jenes Weib, Ritts Freundin mit den weißen Händen. Sie wirft ihm Sofakissen
-an den Kopf. Ich schlage dich doch noch tot, du Kleiner, flüsterte Hesse
-plötzlich dicht neben ihm und schwingt einen Weinheber über seinem Kopfe.
-Seine Augen sind blutunterlaufen und aus seinem roten Schnurrbart strömt
-der Geruch von Branntwein. »Sie leugnen also jede höhere Bestimmung des
-Menschen, mein Herr, wie, wie? Sie gestatten, mein Name ist Spi.« »Ja, zum
-Teufel, mein Herr --« »Spi ist mein Name, gestatten -- Sie leugnen also
-jede höhere Bestimmung des Menschen, mein Herr? Hier stehe ich, Spi.« »Die
-Bestimmung des Menschen kann nicht hoch genug sein. Ich sage mir, sie ist
-keine göttliche, sondern eine vom Menschen selbst gegebene, deshalb nicht
-minder hoch. Der große Mensch und Gott fließen in eins zusammen, -- ja, zum
-Henker, mein Herr, wer sind Sie eigentlich?« »Spi, gestatten.« »Speien Sie
-mir doch nicht immer ins Gesicht, wenn Sie Ihren verfluchten Namen
-aussprechen! Meine Behauptung gleicht also -- ja, wo stecken Sie denn?«
-»Hier, Spi --« »Teufel --!« »Spi, ich bin unsichtbar, gestatten, Spi ist
-mein Name.« »Lassen Sie mich doch -- lassen Sie mich doch --!« »Aber was
-wollt ihr denn, was wollt ihr denn, ihr hängt ja Camilla auf!« »Hier
-hinauf, geehrter Bruder im Herrn, auf den hohen Baum, sie will die Welt
-sehen, und deshalb hängen wir sie so hoch hinauf, seht, wie niedlich sie
-ist, wie des Jairi Töchterlein -- --«
-
-Da erscholl ein mächtiger Schlag.
-
-Ginstermann stand inmitten des Zimmers, er taumelte, er stolperte über
-einen Stuhl, der am Boden lag.
-
-Er starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen.
-
-Ein Gedanke rang in seinem Kopfe, aber er kam nicht zur Klarheit.
-
-Er suchte sich auf etwas zu besinnen. Was war denn eigentlich? Was war das
-alles? Was wollte der phosphoreszierende Schädel dort? Ein Gespenst, hu?
-Oder -- nein, eine Lampe. Seine Lampe. Sehen so die Lampen aus?
-
-Ja, es konnte auch eine Lampe sein.
-
-Er fand für einige Augenblicke die Besinnung zurück. Das war sein Zimmer,
-hier stand sein Tisch, dort das Bücherregal, auf dem Biankas Büste
-gestanden. Diese Büste hatte er in den Schrank getan.
-
-Er ging an den Schrank, um nachzusehen. Aber er wagte ihn nicht zu öffnen.
-Er wußte, etwas unsagbar Gräßliches hockte darin. Da entdeckte er ein
-Gesicht an der Wand. Dieses Gesicht bewegte sich nach derselben Richtung,
-nach der er sich bewegte. Es war ein Kreidefleck mit Augen darin, die wie
-Tiger heraussprangen. Ah, das war ein Spiegel und das Gesicht darin war das
-seinige.
-
-»Ich komme gleich nach«, rief er aus und ging an den Waschtisch.
-
-Was wollte er nur? Er hatte doch etwas aus dem Waschtisch nehmen wollen.
-Sollte er beten, daß Gott ihm aus seiner Wirrnis herausführe. Haha,
-vielleicht durch einen hübschen Engel mit bleichen, lilienzarten Händen?
-Gott? Was war Gott?
-
-»Sie wissen nichts!« sagte ihm jemand ins Ohr. Das war Dichter Glimms
-Stimme. Er zeigte die Zähne wie ein Eichhörnchen. Aber er war gar nicht zu
-sehen.
-
-»Sie wissen nichts!« wiederholte er. O, dieser Heuchler. Die ganze Zeit
-hatte er sich als Atheist aufgespielt.
-
-»Wer setzte die Urzelle in die Welt, mein Lieber? Weshalb haben alle
-Völker, alle Völker den Drang nach Gott, he? Antworten, antworten!« »Ist
-die Welt?« »Geflunker -- Geflunker! Antwort? Wer ist Gott? Ich lasse Sie
-nicht los. Sie -- Dummkopf, Sie.« »Ich bin Gott, Gott ist in uns. Jeder hat
-sein Mekka in sich.« »So sagten Sie in Ihrem Drama, Freund -- in Ihrem
-traurigen Machwerk, das Sie Drama nennen -- hahaha!«
-
-Nein, was wollte er nur! Was erhielt er für Besucher?
-
-Er stand und starrte an die Wand. Da zappelte etwas. Auf hohen
-Spinnenbeinen kroch es daher, den gequollenen Körper vorwärtsschiebend.
-Unsinn, es war ein Tintenfleck! Jemand hat ein Tintenglas einmal gegen die
-Wand geschleudert -- glaubt es, ihr Leute! Spinne? Es sah aus wie Pinien.
-Er hatte, seit er hier wohnte, stets an Pinien gedacht.
-
-Nun löste es sich von der Wand und zappelte durch die Luft.
-
-Er wich zurück und schrie. Ein dumpfer Schlag und Klirren.
-
-Er verschwand in ein Loch und sank in tiefe, tiefe Nacht.
-
-Ach, wie gut tat die Finsternis! Und wie herrlich war es zu sinken, immerzu
-zu sinken.
-
-Hatte er es doch dabei? Ja, natürlich. Das Rasiermesser! Es tat nicht weh,
-nein, nein. Die Adern werden schlaff und die große selige Müdigkeit kommt.
-Muß man tiefer schneiden? Er mochte nicht mehr. Er war müde. Und auf seinem
-Kopfe saß einer, so schwer wie ein Zentner.
-
-»Guten Tag, ihr Herren, guten Tag, ihr Frauen.«
-
-He! was ist das. Was sind das für Leute? Graue Gesichter. Es sind die
-Selbstmörder der letzten Woche. Hahaha, der Tod verliert seine ganze
-Kundschaft. Und wer ist der dort? Hehe? Mit seinem purpurnen Schlips. Siry!
-Siry! Siehst du, hier an der Schläfe habe ich ein winziges Loch. Ich kämme
-das Haar darüber, immer elegant! --
-
-Was wollt ihr denn mit der Decke? So, bin ich nackt? Danke.
-
-Die große selige Müdigkeit . . .
-
-Ich höre nichts mehr, weshalb pocht ihr mir? Weshalb ruft ihr mir?
-
-Möchten sie pochen -- ruhig pochen -- mochten sie rufen, ruhig rufen
-. . . . .
-
-
-
-
-XVI.
-
-
-Eines Tages hörte Ginstermann im Halbschlafe Sankta Lucia singen.
-
-Er wußte, daß er schlief und vernahm seinen Atem. Er wußte auch, daß er
-träumte und ihm der Traum das Lied sang. Es schien ihm, als schwebe er auf
-einer weißen flaumigen Wolke dahin. Er lag in heißer Sonne, die auf seiner
-Stirne wie Sternchen knisterte. Die Wolke trug ihn über ein herrliches
-paradiesisches Land. Orangenhaine tief unten, glitzernde Flüsse, ein blauer
-Golf, über den die weißen Segel streichen. Eine Stadt mit funkelnden Zinnen
-und geschmückten Straßen. Alles eigentümlich und märchenhaft, in satten,
-leuchtenden Farben, von Gesang durchzittert.
-
-Sankta Lucia -- Sankta Lucia . . . Ganz leise, aus der Tiefe herauf. Es war
-eine weibliche Stimme.
-
-Nun brach das Lied ab und jemand lachte, ganz nah. Eine Frauenstimme,
-dieselbe, die eben gesungen, rief laut ein seltsames Wort. Da ertönte die
-Melodie eines Leierkastens, die sich entfernte.
-
-Er schlief wieder vollständig ein, um durch die Melodie des Leierkastens
-abermals geweckt zu werden. Sie klang von weit herüber. Wieder begann die
-Stimme von vorhin das gleiche Lied zu singen. Es war eine herbe bäurische
-Stimme, deren Alt blechern zitterte. Und nun hörte er ein Geräusch, als
-schnitte jemand ein Buch auf.
-
-Er versuchte die Lider zu öffnen, die wie angeklebt waren. Plötzlich
-sprangen sie auf, ein blauer Schleier zog an seinen Augen vorbei. Er wurde
-dünn, durchsichtig, und das Bild eines Herrn, der an einem Tisch saß und
-las, erschien. Der Herr las eine Broschüre in grünem Umschlag. Es war ein
-blonder, schlanker Herr, mit rosigem Teint und einem feinen Schmiß auf der
-linken Wange.
-
-Dort stand sein Bücherregal und dort hing ein Strohhut, unter dem er sich
-unwillkürlich sein Gesicht vorstellte. Nun wandte der Herr ein Blatt um,
-ein feines Geräusch verursachend. Seine Finger waren außerordentlich lang
-und braun.
-
-Das war doch Traum, doch Traum. Er schloß wieder die Augen.
-
-Da, nach einer Ewigkeit, sagte jemand -- und er empfand, daß der
-Betreffende beim Sprechen lächelte -- dicht neben ihm: »Wie fühlen Sie
-sich?«
-
-Er schlug erschrocken die Augen auf und gewahrte den Herrn, der am Tisch
-gesessen, vor sich, ein Lächeln auf seinem dünnen Schnurrbart.
-
-Der verbeugte sich leicht und sagte: »Dr. Scholl.«
-
-Ginstermann sann eine Weile nach, dann kam ihm der Gedanke, daß dies wohl
-der Bruder von Fräulein Scholl sein müsse, und daß er krank gewesen sei.
-
-Er stützte sich auf die Ellbogen und richtete sich etwas in die Höhe.
-
-»Erklären Sie mir, bitte --? Bin ich krank?« fragte er.
-
-Der blonde freundliche Herr ließ sich auf einen Stuhl neben dem Bette
-nieder und entgegnete:
-
-»Sie hatten etwas Fieber, Herr Ginstermann. Nun ist es vorbei. Wie fühlen
-Sie sich?«
-
-»O danke. Es ist mir, wie soll ich sagen -- wie als Kind, wenn ich lange
-und tief geschlafen hatte.«
-
-»Sie werden sich wohl etwas wundern, wie ein Wildfremder zu Ihnen
-hereinkommt?«
-
-Er hatte sich gar nicht darüber gewundert, aber jetzt war er erstaunt
-darüber.
-
-Der Blonde lächelte, und Ginstermann bemerkte, daß es kein glückseliges
-Kinderlächeln sei, wie es ihm vorhin geschienen, sondern ein sanftes,
-seelenvolles Lächeln, wie er es noch nie gesehen.
-
-Und der Blonde sagte: »Mich haben zwei junge Damen zu Ihnen geschickt.« Er
-hatte hellbraune Augen, die innen mit Gold ausgeschlagen zu sein schienen.
-
-Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt. Das Blut stieg ihm in den
-Kopf, ganz langsam, so daß er die Bewegung der Welle verspürte. Er ließ
-sich zurück in die Kissen fallen.
-
-»Also Fieber hatte ich? Das ist ja eine heitere Geschichte«, sagte er und
-lächelte. Nein, er lachte.
-
-Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt! Zwei!
-
-Er blickte zum Fenster hinaus, das offenstand. Ein tiefblauer Himmel
-leuchtete über den Dächern, wie frisch mit Lack überzogen. Es war also noch
-Sommer. Plötzlich schien es ihm, als sei er lange Jahre krank gewesen.
-
-Er schloß die Augen, das satte Blau da draußen in der Erinnerung genießend.
-
-»Wie lange bin ich krank gewesen?«
-
-Er sei acht Tage krank gewesen.
-
-»Ich soll Ihnen die besten Grüße von meiner Schwester und Fräulein
-Schuhmacher bestellen.«
-
-Ginstermann drückte die Augen zu und zog die Brauen in die Höhe, um seine
-Erregung zu verbergen.
-
-»Das ist aber zu sonderbar. Acht Tage und ich weiß nichts davon?«
-
-»Nun müssen Sie sich allerdings etwas schonen. Sie dürfen nicht soviel
-arbeiten. Sie haben ja ihre ganzen Nerven ruiniert.«
-
-Er durfte nicht so viel arbeiten. Jawohl.
-
-Er setzte sich aufrecht und drückte dem jungen Arzt die Hand.
-
-»Meinen Dank, Herr Doktor. Auch für die übermittelten Grüße. Ich lasse sie
-erwidern. Fräulein Schuhmacher ist gesund in Nizza angekommen?«
-
-»Sie ist noch gar nicht abgereist.«
-
-»So, Fräulein Schuhmacher --«
-
-»Nein. Es gab ein Hindernis.«
-
-»Jawohl.«
-
-Ginstermann lag eine Weile still. Nun erfüllte ihn Friede, süßer Friede. In
-den Höfen drunten lachten Kinder. Es war als seien es seine Gedanken, die
-dort drunten herumsprangen und jauchzten.
-
-Diese unerwartete Mitteilung hatte ihn ganz munter gemacht. Alle
-Gegenstände bekamen scharfe Linien, jede Kleinigkeit konnte er
-unterscheiden. An seiner Türe war während seiner Krankheit eine neue Leiste
-eingesetzt worden. In der Nähe des Schlosses.
-
-Diese Entdeckung machte ihn stutzig. Er versuchte, sich dies zu erklären,
-aber seine Gedanken wurden bald müde und gerieten auf andere Wege.
-
-Wie kommt dieser Doktor zu dir, dachte er. Wieso wußten diese Leutchen, daß
-du krank bist? Überhaupt, was hatte sich da alles ereignet? Zum Beispiel,
-wie kommt diese Leiste an deine Türe?
-
-Das war vor acht Tagen und er hatte Fieber gehabt. Nun entsann er sich, daß
-es am Tage vor Biankas beabsichtigter Abreise gewesen. Er hatte sich im
-Englischen Garten herumgetrieben, dann wäre er nahezu in die Isar gefallen.
-Was hatte er nur an der Isar zu suchen gehabt? Mädchen, die einen Reigen
-tanzten -- waren nicht auch Mädchen, die einen Reigen tanzten, mit im
-Spiele gewesen.
-
-Seine Gedanken verwirrten sich, nur unklare Erinnerungsbilder tauchten in
-ihm auf. Aber schließlich, so sagte er sich, wird sich all das noch finden.
-Die Hauptsache ist, daß Bianka noch nicht abgereist ist.
-
-Es war etwas dazwischen gekommen.
-
-Ah -- wie gesund er doch war! Eine wohltuende Mattigkeit floß durch seinen
-Körper, bei jedem Atemzug fühlte er seine Gesundheit. Diese erquickende
-Luft! Nur heiß war es, sehr heiß.
-
-Mücken schwirrten herum, durch ihr Summen in der Vorstellung die Hitze
-vergrößernd. Andere wieder klebten an der Decke, den Rücken nach unten
-gekehrt, ohne herunterzufallen. Eine Schwalbe wippte am Fenster in die Höhe
-und zwitscherte. Sie hatte unter dem Dache ihr Nest. Nun hatte er die
-Glocke der Straßenbahn vernommen, weit in der Ferne, gedämpft.
-
-Alles war weich und sonnig, zart wie lauwarmes Wasser. Er mußte an blühende
-Apfelbäume denken. Einen ganzen Hain blühender Apfelbäume sah er vor sich.
-Das Gras war hellgrün und zart wie Frühlingssaat. Um die Stämme der Bäume
-herum stand ein Kranz von Veilchen, deren Duft er verspürte.
-
-Dr. Scholl hatte die Farben der Apfelblüte im Antlitz. Er war viel zu schön
-für einen Mann und hätte gut als Frau gehen können. Selbst sein Schmiß war
-weibisch. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und seiner Schwester war
-augenfällig. Dieselben flaumigen, hellbraunen Haare, dieselben goldbraunen
-warmen Augen.
-
-War das nicht eine wunderbare Verkettung? Wie kam er hierher?
-
-Zwei Damen hatten ihn geschickt. Also stak Bianka ihm Spiel.
-
-Bianka, Bianka . . .
-
-Wie gut es doch ist, wenn man zuweilen nicht stirbt, dachte er. Das
-Bewußtsein, daß sie noch hier war, da draußen in der Leopoldstraße,
-erfüllte ihn mit tiefinnerer Freude.
-
-Er liebte sie so sehr. Er liebte sie mit einer sanften, tiefen Liebe.
-
-Tränen traten ihm in die Augen, so daß er sie schließen mußte.
-
-»Sind Sie müde?« fragte der Arzt.
-
-Ach nein, er sei nicht ein bißchen müde.
-
-Das waren seltsame Dinge. Er hatte nun lauter Frühlingslandschaften im
-Kopfe, sacht glitt ein Bild in das andere über. Das war Bianka, in Bildern
-dargestellt.
-
-Dr. Scholl ging an den Tisch und brachte ihm einige Briefe. Es waren einige
-Geschäftskuverte und zwei Billette von Biankas Hand.
-
-Ginstermann öffnete zuerst die geschäftlichen Mitteilungen. Eine Absage,
-ein Brief von seinem Verleger, der ihm meldete, daß die erste Auflage
-seiner Gedichte abgesetzt sei.
-
-»Nun habe ich in zwei Jahren 500 Exemplare meiner Gedichte verkauft, Herr
-Doktor!« sagte er lachend. »Er schreibt es. Ist das nicht einfach enorm?«
-
-Dr. Scholl lachte ebenfalls.
-
-Dann nahm er Biankas Billette zur Hand.
-
-Ob er denn krank sei. Er solle ihr umgehend Mitteilung zukommen lassen. Das
-andere: Weshalb er nicht auf den Bahnhof gekommen sei. Die Abreise sei
-abermals verschoben worden, noch ganz zuletzt.
-
-War das nicht zuviel? Nicht doch ein wenig zuviel? Bedenkt! Für einen, der
-acht Tage im Fieber gelegen.
-
-O, nun -- nun -- o, nun liefen ja plötzlich goldene Stege ins Land hinein.
-
-Er lag still, die Briefchen in seiner Hand drückend. Das Glück hatte ihn
-berauscht, es rieselte durch seine Glieder. Ein Blutstropfen schien es dem
-anderen zuzurufen.
-
-Er versank in Träumereien. Die Stille trug ihn hoch in den Äther hinauf,
-wohin kein Vogel mehr fliegt. Dort schwebte er und Biankas Antlitz,
-durchsichtig wie Kristall, schwebt vor ihm her. Sein Blick sank in den
-ihrigen, und keine Macht der Welt konnte ihre Blicke trennen.
-
-Da tickte es. Wie ein rastloser, winziger Wanderer schritt es auf silbernen
-Schuhen dahin. Die Uhr in der Tasche des Arztes tickte.
-
-Und der Arzt sprach etwas. Er sprach wohl schon lange? Was sagte er nur?
-
-». . . ich vermisse das Schicksal, den Kampf mit dem Schicksal, der den
-Menschen zum Herren macht, um ihn zuletzt niederzuwerfen. Immer rechnet der
-Mensch mit dem Menschen ab . . .«
-
-Ah, er sprach über moderne Literatur.
-
-»Und wie es im Drama ist, so ist es auch im Roman. Weder das moderne Drama
-noch der moderne Roman ist bis jetzt geschaffen. Wir leben in keiner
-schöpferischen Zeit.«
-
-Die Zeit sei allerdings unfruchtbar, leider, warf Ginstermann ein und
-drehte den Kopf zur Wand.
-
-Ob ihn das Sprechen störe?
-
-»Aber nein, keineswegs. Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Doktor.«
-
-Er hörte nur halb, was der Doktor sagte. Titel und Namen klangen an sein
-Ohr, ohne daß er sie recht vernahm. In ihm zogen des Traumes bunte Bilder,
-sanft und unaufhörlich.
-
-». . . seine Darstellungskraft ist bewundernswürdig. Aber es ist alles zu
-wenig von seiner Seele durchleuchtet, scheint mir, nie erwärmt von ihr. Der
-Torso ist zu kolossal, als daß er ihn durchleuchten könnte. Die anderen
-sind Pygmäen gegen ihn, allerdings. Man braucht nur an Germinal zu denken.«
-
-»Wie sie die Straße dahinziehen -- Brot -- Brot! Die ganze geknechtete
-Menschheit schreit das mit, gleich einem Echo.«
-
-. . . Da schaukelte eine Rose über dem Abgrund. Das Mädchen wollte sie
-haben. So stieg er hinab. Den Leuten da droben gerann das Blut in den
-Adern. »Das ist die Rose«, sagte er und verbeugt sich. Sie antwortet: »Ihr
-mußtet sie holen.«
-
-». . . Ich befürchte, daß der Import von Osten unserer Entwickelung
-schadet. Für Rußland mag er ja Fortschritt bedeuten. Hier muß sich erst
-eine Sozietät bilden. Diese Ideen haben wir ja schon längst überwunden. Ich
-für meine Person muß bei seinen Büchern nahezu historisch denken. Nehmen
-Sie >Auferstehung<, ich finde --«
-
-»Unser Ziel ist der Einzelne.«
-
-»Natürlich. Wir dürfen auch schon an die Ausbildung von Individualitäten
-denken . . .«
-
-. . . Im ganzen Lande läuten die Glocken. Was ist geschehen? In den
-Korridoren des Schlosses flüstern sie, Verwirrung in den bleichen
-Gesichtern. Niemand will es tun. Wer könnte es auch. Sie wissen alle, wie
-sehr sie den Bruder liebte. Wer soll ihr die Kunde bringen -- keiner will.
-Das Los. Wer es zieht, der muß. Er muß. Er tut es nicht. Er geht hin und
-stirbt . . .
-
-». . . Was für die Malerei der Impressionismus ist, der sie zur Konkurrenz
-befähigt mit der Kunst der Renaissance, ist für die Literatur die
-Psychologie. Komplikationen -- ach, was -- --«
-
-. . . kling -- klang -- klung -- o Skule, König Skule -- es heulen die
-Hunde, sehn sie den Mond -- klung -- klung -- es weinen die Weiber, stirbt
-ein Spatz -- o Skule, König Skule, du bist in deinen Bauch verliebt, in
-deinen dicken Bauch verliebt, und härmst dich, du kannst ihn nicht küssen
--- klung -- klung . . . »Schweig, Narr! Verstimmt ist deine Leier. Roselind
-ist morgen tot.« -- Der Narr zieht ab. Was soll er hier bei König Skule
-noch? Er schneidet seine drolligsten Grimassen, greift einen Mißakkord und
-geht schellenklingelnd zur Tür hinaus.
-
-Klung -- klung -- je schöner ein Weibchen in der Welt -- je eher es dem Tod
-gefällt -- klung -- -- kling -- klung --
-
-König Skule sitzt und sinnt. Neben ihm der Page bietet umsonst den Pokal.
-Da hinter dem golddurchwirkten Vorhang schluchzt es. Ein Mädchen schlüpft
-heraus, das Gesicht in den Schleier gedrückt, und geht durch den Saal.
-
-Um die Burg murmelt das Volk: Roselind?
-
-Wieder öffnet sich der Vorhang, und ein Mädchen geht durch den Saal, das
-Gesicht verhüllt wie das erste.
-
-König Skule greift nach dem Becher, ohne ihn zu nehmen. Er knirscht mit den
-Zähnen, er muß an die heißen Schlachten denken.
-
-Und nun tritt ein dürrer, schwarzer Mann aus dem Vorhang. Sein Gesicht ist
-wachsfahl und ohne Leben.
-
-König Skule fragt ihn mit den Augen. Der Arzt schüttelt langsam den spitzen
-Kopf.
-
-»Wann?« fragt König Skule. Der Arzt antwortet ihm mit scharfen, ruhigen
-Blicken.
-
-»Wenn das Gold in den Bergen glüht? Wenn der Abendstern aus den Tannen
-kommt?«
-
-Der Arzt nimmt den Becher und schüttet den Wein auf den Boden.
-
-»Ehe dieser Wein verdampft, o Herr.«
-
-»So laß in die Posaunen stoßen.«
-
-Die Posaunen rufen. Was rufen sie? Wer sich das Herz bei lebendigem Leibe
-aus der Brust schneiden lasse, fragen sie. Der Zauberer kündete, das würde
-Roselinds Leben retten.
-
-Still wird's um die Burg.
-
-Die Posaunen rufen.
-
-»Nimm dies!« König Skule entblößt die Brust.
-
-»Es ist alt. Es muß ein junges sein.«
-
-Am Boden dampft der Wein. Der Flecken kriecht in sich zusammen.
-
-An der Wand geht eine Türe auf, die niemand je sah. Sechs Jungfrauen in
-düstern Schleiern treten heraus, beugen sich und schreiben mit dem Finger
-auf den Boden, heben die Arme, lüften den Schleier: bleiche Schädel
-grinsen. Sie verschwinden. Ihre düstern Schleier schlüpfen durch den
-Vorhang.
-
-Dort draußen weint es leise. Das ist die Königin. Zwei Söhne fielen ihr in
-der Schlacht.
-
-Roselind -- -- --?
-
-Ein Pilger kommt. Sie führen ihn herein. Der Pilger kniet vor König Skules
-Thron und spricht: »Ich bringe dir mein Herz.«
-
-Stille. Im Garten sticht ein Spaten Erde aus.
-
-Der Flecken am Boden ist so groß wie eine Hand.
-
-Kling -- klang -- klung -- klang -- macht des Narren Zither. Er hockt auf
-dem Fensterbrett und grinst. »O Skule -- König Skule --«
-
-»Werft ihn in Ketten!« befiehlt der König. Ein Diener stutzt und geht. Gilt
-das dem Narren, der singend in wilder Schlacht neben Skule ritt?
-
-»Ich bringe dir mein Herz.«
-
-Der König hebt die Hand.
-
-In einer wachsfahlen Hand zuckt ein dünnes Messer. Eine wachsfahle Hand
-reißt einen blutigen Klumpen in die Höhe.
-
-Stille.
-
-Das Schluchzen hört auf. Ein Mädchen erscheint vor dem Vorhang und hebt
-verzückt die Hände.
-
-Der Teppich schnurrt zurück: Da steht Roselind und lächelt.
-
-Die Fanfaren jauchzen, die Hörner lachen.
-
-Roselind! Roselind! jubelt tausendstimmig das Volk.
-
-Es tropft. Aus dem blutigen Klumpen tropft es auf den Boden.
-Tipp--tapp--tipp--tipp . . .
-
-»Bringt mir den Narren! Füllt den Becher!«
-
-»Klung--klung--kling-- ich wäre dir nicht fortgelaufen, Skule . . .« --
-
-Dr. Scholl hatte sich erhoben. Er nahm den Hut vom Tisch und trat, sein
-Gespräch beendend, wieder ans Bett.
-
-»Man erlebt da Dramen, glauben Sie es mir.«
-
-Richtig, er hatte von seiner Praxis gesprochen.
-
-»Wir Ärzte lernen die Menschen kennen. Es gibt viele Qual in dieser Welt.
-Wenn ich wiederkomme, so erzähle ich Ihnen noch mehr. Das muß Sie ja
-interessieren.«
-
-»Natürlich. Ich lerne da ohne jede Mühe. Sie geben mir Extrakt.«
-
-»Besonders die Geschichte von dem Alten, der sich mit Fluchen und Fäusten
-gegen den Tod wehrt, müssen sie mir nochmals erzählen.«
-
-»Adieu.«
-
-Eine Türe ging. Er schrak zusammen, als der Drücker ins Schloß schnappte.
-
-Wie still es doch war. Seine Kissen flüsterten bei jedem Atemzuge. Er lag
-im heißen Dünensand, und das Meer plätscherte . . .
-
-Roselind -- Roselind . . .
-
-Roselind ist Hagewolfs, des schönsten und mutigsten Recken, ehelich Gemahl.
-
-Wie eine Krone, glitzernd von Steinen, flammend von Zinken, auf dunklen
-Locken, liegt ihre Burg auf schwarzem ewigen Walde. Halali heißt der Wald.
-In Skules Reichen ist nicht Schöneres.
-
-Hagewolf fuhr übers Meer, zum Siege. Schwert des Tor nennt ihn das Volk.
-
-Roselind ist schön. An allen Höfen flüstern die Saiten: Roselind ist schön.
-
-Nach Halali! Nach Halali! Noch in der Nacht werden die Pferde gesattelt. --
-
-Am Tore vor Roselinds Schloß, da kauert ein Pilgrim. Die Nacht ist lang.
-Zwölf Meere an Finsternis birgt diese Nacht. In den Büschen glühen die
-Rosen. Es sind Menschenherzen, die Roselind in die Büsche warf. Auf dem
-Tore stecken an Speeren zwei Köpfe. Königssöhne. Blut tropft ins Gras. Bei
-jedem Tropfen hört man weit hinter den Bergen Frauen schluchzen.
-
-Der eine öffnet die blauen Lippen und spricht: »Weh dir! Weh dir!« Der
-andere schlägt die schwarzen Lider in die Höhe und spricht: »Entfleuch!
-Entfleuch!«
-
-Die Nacht ist lang! Die Nacht ist lang!
-
-Mein Sohn, mein Sohn, jammert es überm Meer. Liebster mein, Liebster mein,
-schluchzt es weit hinter den Bergen.
-
-Nun faucht der Morgenwind aus dem schwarzen Walde und bläst die Herzen in
-den Büschen aus. Ein Schwarm feuriger Vögel streicht über den Wald.
-
-Ein Mädchen steigt auf die Treppe, weiße Blütenbänder um den
-perlmutterschillernden Leib, legt die Hände an den Mund und ruft: Über der
-Herrin Land -- leuchtet der Son -- ne Brand -- --! -- leuchtet der Sonne
-Brand! antwortet in der Ferne eine Stimme . . . . Der Sonne Brand . . . .
-
-Jauchzen. Rot glühen die Zinnen aus Granat.
-
-Die Köpfe am Tore sind steif und stumm.
-
-»Mach auf.«
-
-»Wen suchst du, Armer?« -- »Ich suche Roselind.« -- »O, weh dir!«
-
-Hörner lachen. Ein Tor springt auf: Roselind und das Gefolge reiten heraus.
-
-Roselind ist schön, flüstern die Saiten im ganzen Lande . . .
-
-Neben ihr auf schwarzem Hengste, ein dürrer, schwarzer Mann mit wachsfahlem
-Antlitz. Sein Gewand starrt von bunten Steinen.
-
-»Kommst du übers Meer? Wen suchst du, Fremdling?«
-
-»Ich suche dich.«
-
-Roselind lächelt. Dieses Lächeln sagt: du stirbst.
-
-»Ich sterbe gern für dich.«
-
-Der Schwarze mit dem wachsfahlen Antlitz richtet die Augen scharf wie ein
-Messer auf des Pilgrims Gesicht. Es ist weiß wie Schnee, blutleer das
-Geäder.
-
-»Er ists,« sagt er.
-
-Roselind neigt sich im Sattel. »Du bists. König Skule suchte dich durchs
-ganze Land. Dein Leben ist dir geschenkt. Erbitte dir eine Gnade.«
-
-Der Pilgrim beugt das Knie.
-
-Roselind wirft ihm ein Band Perlen hin. »Er soll hundert Pferde mit
-Geschmeide haben!«
-
-»Ich will nicht dein Gold.«
-
-»König Skule gibt dir einen Thron.«
-
-»Was nützt mich König Skules Thron?«
-
-»Beeile dich!«
-
-»Ich will --«
-
-»Werde nicht kühn!!«
-
-»Ich möchte den Saum deines Gewandes küssen, Roselind!«
-
-Hahaha -- lacht das Gefolge -- hahaha . . . . Fort stürmts in den Wald.
-Hahaha . . . .
-
-Halali heißt der Wald . . . .
-
-Hier versank Ginstermann wiederum in Schlaf.
-
-
-
-
-XVII.
-
-
-Es gab eine Menge Neuigkeiten.
-
-Frau Trud hatte einem Mädchen das Leben geschenkt.
-
-Kapelli erzählt es eben Ginstermann. Er saß auf der Bettkante bei ihm und
-rauchte seine Zigarre.
-
-»Heute morgen um fünf Uhr«, sagte er und alle Vokale funkelten. »Es ist ein
-Prachtwesen!«
-
-Er hatte die Blicke auf eine Skizze an der Wand gerichtet, und Ginstermann
-sah es ihm an, daß er Mühe hatte, sein Glück zu ertragen. Während der
-ganzen Nacht war er wohl in seinem Atelier auf und ab gegangen,
-zusammenschreckend bei jedem Geräusch, jedem Schrei im Nebenzimmer, bebend
-vor Angst, vielleicht hatte er auch ein wenig gebetet. Nun war er erlöst
-und glücklich. In seinen Augen glänzte die Freude. Ein neuer Lebenstag
-begann für ihn, über dem nicht mehr die beunruhigenden Schatten der letzten
-Zeit schwebten.
-
-Ginstermann nahm an seinem Glück teil, denn sowohl Kapelli als Frau Trud
-hatte er sehr gern, im Innersten seines Herzens aber nagte ein Gefühl, das
-er nicht die Aufrichtigkeit besaß, Neid zu nennen.
-
-Es gab noch manches andere.
-
-Kapelli stand der Auftrag zu einem Brunnen in Aussicht. Wenn er ihn bekam
--- er rechnete bestimmt darauf -- so hatte er Beschäftigung auf ein Jahr --
-da wollte er sich in der Nähe der Stadt ein Atelier mieten. So etwas wie
-ein Haus im Freien, Bäume herum, ein Garten, in dem Frau Trud das
-»Schnuckerl« spazieren fahren konnte, meinte er.
-
-Maler Ritt hatte auf sein letztes Bild hin eine Professur erhalten. Er
-feierte seit fünf Tagen ein Fest in seinem Studio drunten und hatte Tag und
-Nacht ein Rudel Herren und Damen zu Gaste. Mit einer Ziehharmonika machten
-sie Musik, alle Anwesenden waren als Zigeuner kostümiert, und man konnte
-nicht zum Hause hinausgehen, ohne über einen im Flur liegenden Bezechten
-hinwegsteigen zu müssen.
-
-»Was aber sagen Sie zur Sacken, Ginstermann?«
-
-Fräulein von Sacken war in allen Besprechungen ganz hervorragend gelobt
-worden.
-
-Unsere neueste Entdeckung heißt Sacken, schrieben sie. Und: Man sah nur
-selten Fische so gemalt. Großes ist von dieser Künstlerin zu erwarten.
-
-»Es ist ihr zu gönnen, selbstverständlich. Nun ja, Ritt hat ihr ein bißchen
-geholfen, aber das geht uns nichts an«, meinte Kapelli.
-
-Ginstermann kleidete sich an, um Frau Trud persönlich zu beglückwünschen.
-Auf der Treppe begegnete ihm Fräulein von Sacken. Sie trug wie sonst ein
-schwarzes Kleid, das die Fahlheit ihres leicht schwammigen Gesichtes
-erhöhte. In ihren Augen wohnte der alte, unnennbare Kummer, und erst als
-Ginstermann ihr die Hand zur Gratulation schüttelte, leuchtete helle Freude
-darinnen auf, von der man übrigens nicht wußte, ob sie echt oder gemacht
-war. Sie ließ ihn nicht vorüber, ohne daß er die Rezensionen gelesen hatte.
-
-»Jetzt können Sie ruhig sterben,« scherzte er, indem er ihr nochmals die
-Hand drückte.
-
-»Ja«, entgegnete sie und blickte zu Boden, als suche sie irgend etwas;
-»besondere Genugtuung bereitet es mir, meinen Angehörigen den Beweis
-erbringen zu können, daß ihr Spott ungerecht war.«
-
-Sie blickte auf, und der Haß flackerte noch in ihren Augen. Ginstermann
-hätte nie und nimmer solch wilden Stolz und elementare Leidenschaft in
-diesem bescheidenen, schwermütigen Weibe vermutet.
-
-Sie lächelte und sagte: »Sie wissen ja, daß mich Herr Ritt bei der Arbeit
-unterstützte.«
-
-Auf ein paar Pinselstriche käme es nicht an.
-
-»Ich habe meinen Lehrer für heute abend eingeladen. Wollen Sie mir nicht
-auch das Vergnügen schenken, Herr Ginstermann?«
-
-Er müsse leider aus Gesundheitsrücksichten ablehnen.
-
-»Nicht? -- Sie sehen nicht gut aus, in der Tat. Ihr Gesicht ist noch um
-etwas schmäler und blässer geworden.« »O, und graue Haare haben Sie auch
-bekommen, eine ganze Menge«, setzte sie lächelnd dazu. --
-
-Frau Trud war vergnügt und zu Scherzen aufgelegt wie sonst. Aber es schien,
-als ob sie nur lache und scherze, um ihre Ergriffenheit dahinter zu
-verbergen. Sie war außerordentlich blaß und geschwächt, und oft sprach sie
-so leise, daß man sie nicht mehr verstand. Kapelli mußte sie fortwährend
-ersuchen, den Mund zu halten.
-
-Ginstermann küßte sie, bewegt von dem anspruchslosen Heroismus, mit dem sie
-ihr Martyrium ertrug, auf die Stirne. Das war sein Glückwunsch und
-gleichzeitig sein Dank für »neulich«. Es kümmerte ihn nicht, daß Kapelli
-dabei stand, und Kapelli kümmerte es auch nicht. Frau Trud dankte ihm mit
-einem Blick voller Liebe, als sei er ihr Geliebter.
-
-Natürlich mußte er auch das Kind sehen.
-
-Mein Gott! es war ein runzeliges Tierchen mit schneeweißen Härchen auf dem
-unförmigen Kopfe. Er konnte es nur mit Überwindung betrachten.
-
-»Es hat dieselben blauen Augen wie ich, sehen Sie?« sagte die Mutter. »Es
-wird überhaupt ein hübsches Kind werden, nicht?«
-
-Er konnte das mit dem besten Willen nicht herausfinden.
-
-»Wenn es so fortfährt, sicherlich«, sagte er.
-
-Kapelli trug sich allen Ernstes mit dem Gedanken, diese »Skizze von Mensch«
-in Gips abzugießen. Und zwar gleich morgen.
-
-»Die Lippen werde ich dann etwas retouchieren. Oder finden Sie nicht, diese
-Unterlippe da ist etwas zu breit? Trud hat ja zwar --«
-
-Frau Trud machte ihm eine geballte Faust, die sich aber augenblicklich zu
-einer verlangend ausgestreckten Hand löste.
-
-Kapelli küßte sie.
-
-»Du sollst nicht so viel reden«, sagte er.
-
-»Ich hab ja nun gar nichts gesagt«, Frau Trud darauf.
-
-Ginstermann wandte sich ab, um seine Bewegungen zu verbergen.
-
-Die Sehnsucht nach dem Weihe, mit dem man eins ist, die in jedem Manne
-lebt, erwachte in ihm, die Sehnsucht nach dem Kinde, ohne die nie ein
-Mensch groß ward, stand in ihm auf.
-
-Weder dies, noch das, sagte er sich.
-
-Das wußte er, nie sollte er ein Weib haben. Nach Bianka würde er nicht mehr
-fähig sein, ein Weib zu lieben. Das wußte er, nie sollte er ein Kind haben.
-Er würde nicht imstande sein, seine Seele mit der eines Weibes zu
-vermischen, nachdem ihm das Schicksal Bianka gezeigt.
-
-Andere Sterne! Andere Sterne!
-
-Ach, da war ja noch die Erinnerung -- und die Arbeit! --
-
-Er ging.
-
-Er stieg die Treppe hinunter, um im Hofe nach seiner kleinen Camilla zu
-sehen. Er wollte ihr nur die Locken streicheln.
-
-Bei Maler Ritt wurde getanzt. Füße schlürften, und zuweilen stieß jemand
-gegen die Türe. Eine Violine spielte einen berückenden, schwermütigen
-Walzer, viel zu zart für das wüste Schleifen der Tanzenden.
-
-Hoi -- hoi! rief dazwischen Ritts scharfe Stimme. Die Rufe hörten sich an
-wie das Knallen einer Peitsche, mit der er die Ermatteten antrieb.
-
-Camilla war nicht zu sehen. Er begab sich in das Vorderhaus, um in ihrer
-Wohnung nachzufragen. Eine ausgetrocknete Alte mit in den Brillengläsern
-zerfließenden, erschreckend großen Augen öffnete. Von ihr erfuhr er, daß
-Camilla ausgezogen sei. Eine Weile besann er sich, ob er sie in ihrer
-netten Wohnung aufsuchen sollte. Vielleicht würde er sie treffen, wenn er
-am Hause auf und ab ging.
-
-Aber er war zu müde, und dann war ja all das unsinnig.
-
-Er legte sich wieder nieder und nahm ein halbfertiges Manuskript, das von
-der »Religion der Gottlosen« handelte, zur Hand, um sich auf andere
-Gedanken zu bringen. --
-
-Noch einige Tage und er war gänzlich hergestellt.
-
-Dr. Scholl besuchte ihn jeden Nachmittag. Sie waren Freunde geworden.
-Ginstermann liebte das offene, kluge Wesen des jungen Arztes. Dieser Mann
-hatte die Eigentümlichkeit, die radikalsten Anschauungen wie etwas
-Selbstverständliches zu äußern, und das tat wohl. Ein immenses Wissen
-erlaubte ihm, spielend Unmengen von Material aus allen Gebieten
-herbeizubringen, an der Hand desselben Schlüsse zu ziehen, zu begründen, zu
-widerlegen. Es war eine Lust, mit ihm zu diskutieren. Man brauchte nicht
-mehr im Jargon zu sprechen, nicht zu befürchten, mißverstanden zu werden,
-keine noch so feine Nüance ging verloren, und selbst da, wo der Ausdruck
-fehlte, sprach eine Gebärde, das Stocken selbst. Ihre Gespräche griffen wie
-die Zähne zweier Räder ineinander.
-
-Noch nie hatte sich Ginstermann so sehr und so angenehm in der Beurteilung
-des Wertes eines Menschen nach seinem Äußeren getäuscht. --
-
-Ginstermann hatte Bianka ein Billet zugeschickt, worin er ihr für ihre
-Grüße dankte und ihr seine Genesung mitteilte.
-
-Tags darauf erhielt er eine Einladung ihrerseits zu einem kurzen
-Spaziergang.
-
-Werter Freund, schrieb sie, werter Freund.
-
-
-
-
-XVIII.
-
-
-Drei Uhr.
-
-Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie immer, und
-steigt den Hügel zum Monopteros hinauf. Sie atmet auf, blickt die Wege
-entlang, geht zwei-, dreimal im Kreise umher, schreibt mit dem Sonnenschirm
-auf die Fliesen, sieht auf die Uhr und geht wieder hinab. Ganz langsam. An
-der Wegkreuzung wartet sie noch ein Weilchen, dann geht sie wieder quer
-durch die Wiese, weiß in weiß, den Körper leicht vornüber gebeugt.
-
-Ginstermann ist nicht hingegangen.
-
-Noch in letzter Minute besann er sich eines anderen.
-
-Er hatte dieses Wiedersehen, an das nicht mehr zu denken gewesen war,
-während der Nacht in der Vorstellung vorausgelebt, mit allen Worten und
-Mienen, dem Parke in der Sonne, den schießenden Schwalben im Äther. Er
-hatte verzückten Auges in ihr strahlendes Antlitz geblickt, er hatte ihre
-geschmeidige Hand in der seinigen gehalten, ihr Guten Tag und Adieu gesagt
--- er hatte in die dunkle Nacht einen Teppich von Sonne und Wonne gewoben:
-und er war nicht hingegangen.
-
-Das war nicht leicht, es war durchaus nicht leicht.
-
-Er wollte sie nicht wiedersehen, das war es.
-
-Nun saß er in seinem Sessel und lauschte auf das Schlagen der Uhren und
-sprach: Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie
-immer, und steigt den Hügel zum Monopteros hinauf --
-
-Adieu Bianka!
-
-Das war nicht leicht, das war durchaus nicht leicht. Er hatte sie ja doch
-immerhin ein bißchen lieb, wie?
-
-Sein Entschluß lastete auf ihm wie ein Ungeheuer. Alles wirbelte in ihm
-herum, seine Gedanken verwirrten sich, eisige Angst kroch an sein Herz.
-
-Noch war es möglich, ihr zu begegnen . . .
-
-Aber nein, er wollte nicht. Diesem letzten tapferen Gedanken wollte er
-Treue bewahren.
-
-In großen, aufgeregten Schritten ging er in seinem Zimmer hin und her,
-während die zwei Gegner in seinem Kopfe sich stritten. Heute wollte er sich
-den Beweis liefern, daß er noch einen freien Willen besaß.
-
-Um seine Gedanken abzulenken, ging er bedächtig wie ein Galeriebesucher an
-den Wänden entlang, seine Blicke auf die vergilbten Blätter bohrend. Da war
-Knopfh, ein Frauenbildnis. Aufs Papier gehaucht, ein Schleier, der jeden
-Augenblick zerfließen konnte. Von solchen Frauen wissen die Dichter. Bist
-du eine Schwester von ihr? Ein Frans Hals: Die Hille Bobbe. Eine ehrwürdige
-Matrone, haha. Böcklin. Böcklin! Balestrieri: Beethoven. Beethoven. Wer
-schluchzt hier? Weshalb sind wir von Erde, o, weshalb? -- Und hier stand
-ein Satz. Kurios. Ein Satz mit Blaustift an die Wand geschrieben. Wer ist
-»sie«? Kennt ihr »sie«? Und dort dieser Tintenfleck. Wer hatte das
-Tintenfaß geschleudert? Und weshalb? Einer, den die Launen eines Weibes zum
-Jähzorn reizten, einer, den seine Ohnmacht zur Raserei brachte, der seine
-Steine suchte und sie in Staub zerfallen fand? Hier hatte jemand an die
-Wand gekritzelt: 22. März, und einen Lorbeerkranz herum.
-
-Wie viele hatten hier gelebt, gelitten, gelacht? Könnte man nicht ein
-dickes Buch schreiben: Historie eines chambre garnie?
-
-Und zuletzt einer, dessen Gehirn in Flammen gestanden, einer der irre Worte
-flüsterte und endlich sagte: Adieu. Einer namens Ginstermann.
-
-Da war ein Mädchen, das kannte einen jungen Mann, der Komponist war. Und
-man prophezeite ihm eine große Zukunft.
-
-Und dieses Mädchen . . .
-
-Perlen steigen. Elfenbeinperlen, glitzernde Perlen. Eine Fontäne. Sie neigt
-sich, beugt sich, wie der tanzende Leib eines schlanken Weibes, das mit
-beiden Händen funkelnde Perlen auf den Rasen streut. Sie beugt sich und
-küßt den Boden. Sie sinkt zusammen, murmelt, sie wächst, rauscht, jubelt.
-Singende Vögel mit silbernen Flügeln steigen aus ihr und verschwinden im
-Äther. Zarte, schmale Hände mit Ringen an den Fingern gleiten über die
-Tasten des Flügels, Kinderhände. Und das Klavier wogt, die Decke wogt, der
-Boden wogt.
-
-Und der dunkle Lockenkopf des Spielenden schwebt regungslos über den
-elfenbeinernen Tasten.
-
-Hinter ihm sitzt ein Weib. Ein schlankes, junges Weib. Das schmale Haupt
-geneigt; regungslos. Als sei es tot. Und die funkelnden Perlen regnen über
-sie. Wie glühende Tropfen fallen sie ihm ins Herz, wie Lippen, kühle Lippen
-berühren sie seinen Körper. Und der glitzernde Leib der Fontäne schlingt
-seine Arme um das Weib und preßt es an sich und küßt es. Küßt es. Auf den
-Mund. Und umhüllt es. Ein Name klingt, ein Name klingt. Und es spricht und
-singt. Das sind die silbernen Vögel. Sie fliegen ihm ins Herz.
-
-Die zarten, schmalen Hände mit Ringen an den Fingern ruhen auf den
-Elfenbeintasten.
-
-Und das dunkle Lockenhaupt des Spielenden schüttelt sich. Wendet sich.
-
-Der Spielende steht auf und lächelt.
-
-Das junge Weib aber hat Tränen in den Augen.
-
-Wissen Sie, wie das hieß?
-
-Weshalb fragen Sie mich das?
-
-Und das dunkle Lockenhaupt beugt sich herab. Beugt sich herab. Und zwei
-Lippen berühren eine Stirne. Zwei Lippen berühren einen Mund. Sie sind
-heiß.
-
-Das junge Weib regt sich nicht.
-
-Das junge Weib regt sich nicht.
-
-Es liebt ihn.
-
-Ah, wir dürfen keine Kinder sein, sagt der Mann und lächelt. Er lacht.
-Seine Augen sind schwarz und blitzen.
-
-Es war ja nur eine Improvisation.
-
-Und wieder gleiten die schmalen zarten Hände mit Ringen an den Fingern über
-die Elfenbeintasten.
-
-Und wieder lauscht das junge Weib.
-
-Die silbernen Vögel singen seinen Namen.
-
-Und wieder . . . .
-
-Und wieder . . . .
-
-Die schwarzen blitzenden Augen werden matt und trüb, die schmalen zarten
-Hände zittern.
-
-Und er geht zugrunde . . . . er geht zugrunde.
-
-Und das Mädchen sieht einen Mann, der dem Komponisten ähnlich sieht.
-Besonders wenn er den Kopf neigt. Und das Mädchen tastet mit seinen Blicken
-über sein Gesicht und sucht. Und wenn er den Kopf neigt . . . . Werter
-Freund . . . .
-
-Aber drinnen in dem Herzen des jungen Mädchens, da singen die silbernen
-Vögel so süße Lieder. Immerzu. Sie sterben nimmer . . . . Martyrium!
-Martyrium!
-
-Aber dieser andere, der dem Komponisten ähnlich sieht, dieser andere
-. . . .
-
-Nun wollte er Bianka schreiben.
-
-»Verehrte Freundin!« begann er.
-
-Er lächelte und wiederholte: Verehrte Freundin.
-
-Er entschuldigte sich wegen seines Ausbleibens. Er sei ihr diese
-Handlungsweise schuldig, glaube er. Sie müsse wissen, wer er sei, dann
-könne sie ja entscheiden, ob sie ihn wiedersehen wolle oder nicht.
-
-Das sah aus wie eine Beichte, ohne eine solche zu sein. Er schrieb so
-sachlich als möglich. Schrieb und schrieb, enthüllte ihr seine
-Vergangenheit, ohne ihr etwas zu verbergen, ohne etwas dazuzutun, ohne zu
-beschönigen, ohne zu verschlimmern.
-
-Als sei er ein gewissenhafter Biograph, der die Liebes- und
-Leidensgeschichte eines Landfremden darzustellen habe.
-
-Er bereute nichts, was war, das war. Ach, es war das Schicksal eines jungen
-Mannes von heute, von ehedem und morgen, was war es sonst. Freilich wäre es
-für ihn, der sich Aristokrat fühlte, nicht nötig gewesen, den
-Entwickelungsgang des Pöbels zu absolvieren.
-
-O, er hätte ihr gerne gebeichtet. Ungefähr seinen Kopf in ihren Schoß
-gelegt und ihr erzählt, wie das kam und jenes kam, was er erduldete an Leib
-und Seele, wie er sich freute, sie kennen zu lernen, wie er sie liebte. All
-das. Aber das ging ja nicht.
-
-Er wollte ihr Urteil durch nichts beeinflussen. Aus diesen dürren Tatsachen
-heraus sollte sie abwägen, ob er ihr Freund sein könne oder nicht.
-
-Was sollte ihm eine geschenkte Freundschaft, eine erschlichene
-Freundschaft?
-
-Wahrheit sei unser erstes Gebot, Wahrheit unser zweites und drittes, unser
-letztes Gebot.
-
-Zum Schlusse dankte er ihr nochmals, in feierlichen, ernsten Worten.
-
-Dabei ereignete es sich, daß er bewegter wurde, als er war. Die Versuchung
-flüsterte ihm zu, irgend ein Wort, ein kleines, kleines Wort einzustreuen,
-das ihr ein Schlüssel zu seinem Empfinden hätte sein können, ein
-Verräterchen, wie unbemerkt der Feder entschlüpft.
-
-Er lächelte der Versuchung. --
-
-Es war spät, als er den Brief zum Kasten trug.
-
-Schwüle Abenddämmerung brütete über den Häusern, über welchen der tiefblaue
-Himmel zurückwich. Die Luft war schal, verbraucht von den Lungen der Stadt,
-erfüllt von Staub, der sich langsam senkte. In der Ferne brodelte der
-Kessel des Verkehrs, die Melancholie der sinkenden Nacht mit wirrem Murmeln
-und Stöhnen begleitend. Die Laternen blitzten. Sie erschienen wie die
-stechenden, frechen Augen von Dirnen, die an den Straßenecken warteten.
-Irgendwo heulte ein Hund.
-
-Ginstermann ging mit den raschen, elastischen Schritten eines, der sich
-selbst bezwang.
-
-Er schob den Brief in den Kasten. Ohne Laut fiel er auf.
-
-Nun ruhten seine lohenden Wünsche, seine irren Träume, seine fiebernde
-Sehnsucht hinter diesen metallnen Zähnen. --
-
-In dieser Nacht schloß er kein Auge.
-
-Die Sterne gingen über den hellen Himmel, schlüpften hinter den dunklen
-Kamin, kamen wieder hervor und glitten vorbei. Neue kamen. Endlich
-flimmerten sie schemenhaft hinter grauen Schleiern. Himmel und Erde
-schliefen. Dann hauchte ein süßlich-grauer pastellner Ton über die Dächer,
-Scheiben blinkten, ein müdes, verschlafenes Gesicht tauchte an den Fenstern
-auf: der Tag.
-
-Es schlug sechs, sieben, acht.
-
-»Nun ist er dort,« sagt er, und die Augen fielen ihm zu.
-
-
-
-
-XIX.
-
-
-Sonne!
-
-Überall Sonne! Rote Sonne!
-
-Ginstermann und Bianka gingen wiederum im Englischen Gatten. Still
-nebeneinander, ohne zu sprechen. Selbst als sie sich da droben am
-Monopteros die Hand gaben, sprachen sie nichts. Nur der Druck ihrer Hände
-redete, und sie verstanden sich.
-
-Es war ein heißer Tag; die Sonne in Milliarden funkelnde Körperchen
-aufgelöst, vibrierte in der Luft, bis hinauf zum paradiesisch blauen
-Himmel. Der Geruch von Heu und der Duft der Linden erfüllten den Park.
-Überall glitzerte und leuchtete es. Hier blitzte das metallene Halsband
-eines Hundes, dort blendete das Dach eines Kinderchaischens, die Speichen
-der Herrschaftswagen glitzerten, grellfarbene Sonnenschirme flogen hinter
-den in der Sonne sich ausdehnenden Büschen vorüber. Die Augen der Menschen
-strahlten, als brenne ein Stern in ihrer Brust, die Kleider der Mädchen
-leuchteten, die quer durch die Wiesen wandelten.
-
-Es war ein Tag des Lichtes.
-
-Im Chinesischen Turm war Konzert. Lustig und ungeniert bliesen die
-Blechinstrumente durch den ganzen Garten, ebenso grell wie Sonne und
-Farben.
-
-Bianka trug ein duftig weißes Kleid, das sie größer, blühender machte.
-Einen weißen Ledergürtel, einen Sonnenschirm von derselben Farbe. Selbst
-ihre Schuhe waren weiß.
-
-Sie ging in ihrer nachdenklichen, verträumten Art neben Ginstermann einher.
-Ihr Haar flimmerte, wo die Sonne es traf. Den Mund hatte sie geschlossen,
-um ihre Augen zogen Ringe. So erschien sie älter, gereifter denn sonst.
-
-Sie schritten ihre gewohnten Wege. Am Wasserfall blieben sie stehen, die
-Kühle zu genießen. Das Wasser wirbelte, ein ewig bewegter Spiegel des
-Laubes, des Himmels, in bunten Arabesken zwischen den lechzenden, üppigen
-Ufern. Dazwischen sprühte feiner Wasserstaub bis zum Geländer herauf, den
-die Haut, die Lippen gierig einsogen. Gegen die sonnige Wiese war es hier
-dunkel; ein Sonnenstrahl tanzte auf dem Wasser, ein sprühendes, lustiges
-Feuerchen, das hartnäckig Fuß zu fassen suchte, wie durch ein Brennglas auf
-ein und dieselbe Stelle dirigiert.
-
-Sie gingen durch die Hauptallee, auf deren vom Sprengen dunkelen Boden
-Streifen von Sonne lagen, die wie Schlangen eilig an den Kleidern der über
-sie Schreitenden emporkletterten. Ein schillernder Laufkäfer eilte über den
-Weg. Er lief, was er konnte, als sei die Angst vor dem Zertretenwerden bei
-seinem Geschlechte, das Jahrhunderte in einem öffentlichen Garten lebte,
-zum Instinkt geworden.
-
-»Sehen Sie, wie schön!« sagte Bianka.
-
-Das war das erste Wort heute. Sie schienen beide aufzuatmen und dem Zufall
-dankbar zu sein, der ihre Lippen löste.
-
-Da kam ein Wagen und zerquetschte den Käfer. Seine schillernden Flügel
-standen weit auseinander.
-
-»O«, rief Bianka aus, »sehen Sie nicht hin!«
-
-»Das war ein Stück Schicksal«, versetzte Ginstermann, das Bild des
-zerquetschten Käfers vor Augen.
-
-Wiederum schwiegen sie, an das Schicksal denkend, das über den Menschen
-waltet, jedes in seiner Art.
-
-Das Schicksal hält die Menschen in einem Sieb und rüttelt. Wer über einer
-Masche ist, fällt durch, dachte Ginstermann.
-
-Bianka blieb stehen und blickte ihn an.
-
-Heute sei die Hitze unerträglich.
-
-Das sei ein kleines Italien.
-
-Ja.
-
-Dieses »ja« zitterte, weil sie es lächelnd aussprach.
-
-Wann geht nun die Reise?
-
-Bald, bald.
-
-Ob ihre Mama kränker geworden sei, weil man sie abermals verschob?
-
-»Nein.« Sie lächelte mit leiser Wehmut. »Dieses Mal ist es etwas anderes
-gewesen«, sagte sie.
-
-Sie wandt den Kopf und sah durch die Bäume hindurch über die Wiese, wo
-Männer und Frauen das Heu zusammenrafften. Eine Magd blickte direkt zu
-ihnen her, als ob sie sie neugierig beobachte; aber sie konnte sie
-natürlich gar nicht sehen. Ihr Gesicht war ein roter Klecks, sonst nichts.
-
-Dann blickte sie ihn wieder an, und er las in ihren Augen, daß sie nun über
-den Brief sprechen würde. Er erschrak und suchte nervös in seiner Tasche
-nach irgend etwas.
-
-Tschin--da--tschin--da--dadada -- macht die Musik in der Ferne.
-
-»Ich habe es Ihnen schon geschrieben, aber ich möchte es Ihnen
-wiederholen«, sagte sie, »ich finde nicht die Worte, um Ihnen für dieses
-Vertrauen zu danken!«
-
-Sonst sagte sie nichts. Sie gab ihm die Hand, die er bewegt drückte.
-
-Sie standen eine Weile beide beklommen. Bianka lächelte unmerklich, und
-dieses Lächeln ging auf seine Lippen über.
-
-Tatatra--tatatra--bum -- machte die Musik.
-
-»Und nun wollen wir plaudern, mein Freund.«
-
-Es war das erste Mal, daß sie ihn »Freund« nannte.
-
-Sie gingen weiter und sprachen von allerlei Dingen, die die Welt eben
-beschäftigten oder die Welt auch nicht beschäftigten. Aus irgend einem
-Anlaß kam Bianka darauf, ihn zu fragen, ob er ein Bild von sich besitze.
-
-Nein, er besitze kein Bild von sich, erwiderte er.
-
-Sie erriet seine Gedanken und kam ihm zuvor: »Nein, nicht.« Und sie
-schüttelte den Kopf und wiederholte: »Nein, nicht . . . Es ist ja Sitte
-unter Freunden -- aber lieber nicht.« Das sagte sie ganz leise.
-
-Die Schatten der Bäume streckten sich, die Wiese wurde rot.
-
-Bianka mußte nach Hause.
-
-Wie stets dachte er: Soll ich sie bitten, noch ein Viertelstündchen zu
-bleiben. Oder auch nur noch zehn Minuten? Mit Tränen in den Augen bitten?
-
-Nie liebte er sie mehr als heute.
-
-Sie ahnte ja nicht, wie allein er war, wenn sie gegangen. Wie einer, auf
-einer öden einsamen Insel, vor dessen Augen ein Segel vorüberzog. --
-
-Wieder kam der Abschied.
-
-Bianka sah auf ihre Hände. Der Mittelfinger ihrer Rechten trug einen weißen
-Däumling. Sie bewegte ihn leicht und lächelte.
-
-»Ich habe mich geschnitten«, sagte sie. Dann riß sie mit einem Ruck den
-Däumling herab und bot ihm die Hand.
-
-Ihre Augen waren groß und tief, voll von einem Ausdruck, den er sich nicht
-zu deuten wußte.
-
-»Adieu!«
-
-Er lächelte ein verzerrtes Lächeln und wiederholte mechanisch mit den
-Lippen: »Adieu«. --
-
-Das war alles so schnell geschehen, daß er es nicht zu fassen vermochte.
-
-Nun wollte er einen recht gescheiten Menschen bitten, ihm dies zu erklären!
-
-Dann kam es wie Rausch über ihn. Er hatte ihr geschrieben, alles
-geschrieben und trotzdem -- trotzdem --!
-
-Heil Bianka! Heil Ginstermann!
-
-Und: Heil Bianka! Heil Ginstermann! brauste es ringsum.
-
-War er nicht ein Tor gewesen, seine Wünsche, seine Hoffnung so schnell in
-einen schwarzen Sarg zu sperren und tief in die Erde zu versenken? Ein
-dunkler Vorhang mit Fragen und Schlangen darauf war gestiegen, und vor ihm
-lag köstlicher Morgen mit klarer Frische und klingendem Äther!
-
-Er ging in den Park zurück, er ging einsame Wege. Er ging ganz langsam.
-
-Er legte sich unter einen Busch ins hohe Gras und breitete das Taschentuch
-übers Gesicht. So sah es aus, als wolle er sich vor den Mücken schützen.
-
-Er weinte, still und leise. Das große Glück schluchzte in ihm.
-
-Lange lag er so.
-
-Da kamen Schritte, und eine tiefe Stimme sagte: »Das Betreten des Rasens
-ist verboten.«
-
-Ein Schutzmann.
-
-Er stand auf und lächelte ihm unter Tränen zu.
-
-»Ich gehe schon. Ich danke Ihnen, mein Herr.« Grüßte und ging.
-
-Die Dämmerung füllte als blauer Dunst die Straßen, über die Stadt herauf
-stieg jauchzend die Röte des Abends. Ein vereinzelter Stern flimmerte
-mitten darin, wie ein winziges Loch, das einer in den Himmel gestochen
-hatte, um herab auf die Erde blicken zu können.
-
-Die Menschen fluteten, plaudernd und lachend. Jeder trug sein Glück mit
-sich. Der heiße Sommertag hatte sie in übermütige Stimmung versetzt. Schöne
-Mädchen glitten durch die Menge, von der Liebe träumend. Die Herren ließen
-keine Dame vorbei, ohne sich nach ihr umzublicken und Scherze über sie zu
-machen, etwas lose Scherze.
-
-Ginstermann war allen gut. Er liebte sie, wie man Kinder liebt, und freute
-sich ihres Tuns.
-
-Der Mensch war zur Freude auf der Welt, wenn er einen Zweck hatte.
-
-Man mußte es ihm lehren! Man müßte ein Evangelium der Freude schreiben!
-Über die Freude führt der Weg zur Liebe, die Freude lacht all das
-Kleinliche und Mißgünstige fort aus seiner Brust.
-
-Er schlenderte in den Straßen umher, bis es dunkel wurde.
-
-Dann überkam ihn der Wunsch, Bianka zu sehen. Er wollte ihr einen kurzen
-Besuch abstatten und hierauf die Nacht im Freien zubringen, um seine Freude
-auszukosten. Urplötzlich war diese Sehnsucht in ihm erwacht und trieb ihn
-nun ungeduldig seiner Wohnung zu.
-
-Er wollte die sehen, deren Freund er war, die für ihn das Leben bedeutete,
-das warme, große Leben, ohne das er tot war.
-
-In der Nähe seines Hauses ging er an einem Mädchen vorüber, das da, ein
-Hündchen an der Leine, gemächlich promenierte.
-
-Es war Fräulein Scholl. Er blieb stehen und blickte sich um.
-
-Auch sie war stehen geblieben und wandte ihm den Blick zu.
-
-»So etwas!« lachte sie, ihm die Hand voller Vergnügen hinstreckend. »Das
-sind Sie! Ich denke mir, wer sieht dich nur so an?«
-
-»Guten Abend, Fräulein Scholl! Welches Unglück führt Sie denn durch diese
-Straße?«
-
-»Ich bin auf dem Heimwege begriffen, ich habe meine Freundin besucht. Die
-Hanna Klett.«
-
-Jawohl, die kenne er. Das sei die mit den vielen Sommersprossen und den
-unschuldigen Augen.
-
-Fräulein Scholl blickte ihn an und lächelte verlegen.
-
-»N--nein«, sagte sie.
-
-»Nicht?« Er lachte. »Seien Sie nicht böse. Ich kenne das Fräulein nicht.«
-
-Das wäre auch gar nicht möglich.
-
-Natürlich.
-
-Wieso natürlich?
-
-Naja -- haha -- es sei natürlich ebensogut möglich.
-
-Sie blieb stehen und wirbelte die Leine um Bijouchens Näschen. »Weshalb
-sind Sie mir eigentlich böse, Herr Ginstermann?« Sie sah zu Boden.
-
-Er, ihr?
-
-Ihre Augenlider gingen schnell auf und ab. »Ich sehe Sie gar nicht mehr,
-wenn ich in die Violinstunde gehe.«
-
-Ach so. Nun, sie wisse doch, daß er krank war.
-
-»Ja, aber --? Nun ja, Sie haben nichts gegen mich?«
-
-»Nicht das mindeste.«
-
-Sie lächelte: »Ich dachte, ich hätte Sie irgendwie gekränkt. -- Geht es
-Ihnen nun wieder gut?«
-
-Sie gingen an einem Bäckerladen vorbei, und für einen Augenblick huschte
-der Lichtschein über ihr Gesichtchen. Ginstermann bemerkte, daß sie an der
-Unterlippe nagte. Das war nicht mehr jenes naive, lustige Mädchen, mit dem
-man seine Scherze trieb, das war ein Weib, das empfand und litt.
-
-»Ja, danke. Ihr Bruder hat mich schnell kuriert.«
-
-»Er hat mir von Ihnen erzählt.« Sie blickte ihn an, und ein Lächeln
-schimmerte in ihren dunkelgoldnen Augen.
-
-»Was sagte er? Hat er mich recht angeschwärzt.«
-
-»Ach nein -- er sagte -- er sagte: an Ihnen sei was.«
-
-»So, was ist denn an mir?«
-
-»Ach Gott!« Das war Martha Scholl von neulich.
-
-Sie waren an seiner Türe angelangt, und Ginstermann ersuchte sie, eine
-Sekunde zu warten, er wolle nachsehen, ob die Post nichts gebracht habe.
-Eilig stieg er in sein Zimmer hinauf. Er entzündete ein Streichholz und
-flüsterte, als das marmorweiße Antlitz aufleuchtete: Bianka. Dann sprang er
-wieder rasch die Treppe hinunter.
-
-Biankas Antlitz schwebte vor ihm, während des ganzen Weges, den er mit
-Fräulein Scholl zurücklegte. Es war ihm unmöglich, seine Gedanken davon
-loszulösen, und er unterhielt seine Dame herzlich schlecht. Ein paarmal
-mußte er sie um Wiederholung ihrer Bemerkung ersuchen, da er nicht gehört
-hatte.
-
-Ich will ja nichts als deine Freundschaft, Bianka, sie allein macht mich
-unsäglich glücklich, dachte er, während er Fräulein Scholl antwortete: »In
-Genf ist es prächtig, da haben Sie allerdings recht.«
-
-Glaube mir, nie soll ein Gedanke über die Grenze hinausgehen, die du mir
-gesetzt hast, Bianka, Herrlichste -- und er sagte: »In so einer Pension muß
-es recht lustig hergehen, stelle ich mit vor.«
-
-Sie hatten Biankas Namen noch nicht genannt, ganz zuletzt sprach Fräulein
-Scholl von ihr.
-
-»Sind Sie nicht recht glücklich, daß Fräulein Schuhmacher noch hier ist?«
-fragte Ginstermann.
-
-»Ja, o freilich. Ich darf gar nicht an den Abschied denken.«
-
-»Das begreife ich. Fräulein Schuhmacher ist ja Ihre Freundin. Ich denke,
-auf diese Freundschaft können Sie stolz sein. Fräulein Schuhmacher ist sehr
-exklusiv, wie ich weiß.«
-
-»Ja, Bianka ist sehr wählerisch.«
-
-»Fräulein Schuhmacher« --
-
-Da unterbrach sie ihn. Sie müsse jetzt gehen.
-
-Aber sie ging gar nicht, obschon sie ihm hastig die Hand hingestreckt
-hatte. Sie besann sich auf irgend etwas, dann rief sie mit einer
-ungewöhnlichen Lebhaftigkeit: »Adieu, Herr Ginstermann«, und sprang in den
-Hausflur hinein.
-
-Bijou galoppierte hinter ihr her.
-
-Ginstermann ging einigermaßen verwundert über ihr Benehmen weiter. Er
-wanderte langsam die Leopoldstraße hinunter, an all die Qual denkend, die
-er hier auf und ab geschleppt hatte.
-
-Bianka hatte Licht. Er blieb stehen und winkte mit der Hand zu dem
-erleuchteten Fenster hinauf.
-
-Vielleicht denkt sie an mich, dachte er, freudig erschreckend bei dem
-Gedanken.
-
-Eine Stunde darauf befand er sich wieder im Englischen Garten.
-
-Wie komme ich nur hierher, sagte er lächelnd zu sich.
-
-Die Nacht war ganz weiß.
-
-Übergossen vom Schein des Mondes, der allen Dingen das Körperhafte nahm,
-erfüllt vom Geruch des Heus, der Linden, zitternd im Gezirpe eines Heeres
-von Grillen, das die Stille zauberhaft erhöhte, lag der Garten da gleich
-einem Schmuckkästchen, von einem mit Tausenden von blitzenden Steinen
-übersäten Deckel abgeschlossen.
-
-Ah -- das war ein Hain, auf dessen Wiesenteppichen die Elfenreigen der
-Maler schweben, aus dessen Schatten die Poeten ihre Spuk- und Traumgeister
-springen lassen.
-
-Hier stand Yester und Lis Haus!
-
-Er nahm den Hut ab und schritt die kühlen Laubgänge entlang, die ihre
-Blütenzweige wie liebende Arme um ihn schlangen, ergriffen von all den
-Wundern der Welt um ihn her und seines Herzens. Geschichten fielen ihm ein,
-hundert Geschichten zugleich, die ihm all dieser Garten erzählte. Und in
-all diesen Geschichten, da liebte einer ein Mädchen mit einer innigen,
-demütigen Liebe. So umgab er Bianka mit einem Kranz von Träumen, die sie
-keusch kosend umhüllten, wie die weißen Rosen die Prinzessinnen im Märchen.
-
-Auf den Bänken im Schatten, da saßen Liebesleute, sich inbrünstig
-umschlingend, sie flüsterten, sie stammelten, sie küßten sich, ja sie
-schluchzten. Vögel zwitscherten im Traum, lautlos strichen Schatten über
-die Wiese, dunklen Wipfeln zu. In den Bächen tanzten des Mondlichts
-silberne Fische.
-
-Auch den Monopteros besuchte er, ihn mit heiliger Scheu betretend. Dieser
-Tempel war heilig durch die Reinheit seiner Kunst, geheimnisvoll in der
-weißen Pracht, dieser Tempel war geweiht durch Biankas Fuß.
-
-Er lehnte sich gegen eine der kühlen Säulen und blickte hinunter, hinüber.
-Das Zirpen der Grillen, die Stille trug ihn empor, er erschien sich wie ein
-Wesen, aus dem Äther herniedergestiegen.
-
-Die Wiesen schimmerten unter ihm mit dem Schatten der Heuhäuschen, die
-Bäume zogen wie Rauch im Silberlichte, aus der Silhouette der Stadt stieg
-der Lichtschein gleich weißem Opferrauche.
-
-Ferne, seltsame Laute ertönten, als ob die Stadt in unruhigem Schlafe rede.
-
-Er verbrachte die Nacht im Garten. Biankas Geist war ihm nahe, umgab ihn,
-alle Worte, die sie zusammengesprochen, alle Gefühle, die sie hier
-empfunden, schwebten um ihn.
-
-Leise singend ging er seine Wege. Er saß auf einer Bank und schrieb in den
-Sand. Ava -- ava -- abala -- schrieb er. Er wußte nicht, was es hieß.
-
-Sein Wesen löste sich auf, der Zauber der Nacht war in ihm, er war ein
-Hauch dieser Nacht selbst.
-
-Was ist der Mensch? Ist er eine Blume, die sich frei bewegt? Ist er ein
-Hauch aus fernen Gärten, der Gestalt angenommen?
-
-Der Park erklang in silbernem Gesange. Eine Wolke trug ihn dahin, und über
-ihm schwebten die Sterne, den glitzernden Perlen einer ungeheuren Fontäne
-gleich. Im Geiste nahm er sein Herz aus der Brust und hob es hoch in den
-Händen den Sternen entgegen und rief: Segnet es, segnet es . . .
-
-Früh am Morgen ging er nach Hause. Es war kühl geworden, und sein Blut floß
-langsam durch den Körper --
-
-Als er die Treppe hinaufstieg, knarrte oben ein Schritt. Er erschrak nicht,
-er lebte noch zu sehr in seinen Träumen. Ein Mann stand in der Ecke, die
-Hand am hinaufgeschlagenen Rockkragen, mit nassen, verquollenen Augen. Es
-war Ritt. Er lächelte und huschte an ihm vorüber.
-
-Ginstermann dachte, was mag er gewollt haben, und legte sich nieder.
-
-Der Schlaf kam, er fühlte wie er, ein Hauch, über ihn strich.
-
-Zwischen Wachen und Schlaf vernahm er leisen Gesang und eine Sekunde lang
-tauchte es vor ihm auf: Sommermorgen. Frische. Ein Hain blühender Akazien,
-mitten drin ein weißes Haus. Vögel zwitschern, o, des Duftes! Und aus dem
-Hause tönt eine weiche Frauenstimme. Aus dem fernsten Zimmer kommt ihr
-Gesang.
-
-O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . .
-
-Blüten wirbeln, weiß in weiß, das Haus, der Hain verschwinden.
-
-Ferne noch: O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . . .
-
-
-
-
-XX.
-
-
-Am Tage darauf erhielt Ginstermann folgenden seltsamen Brief:
-
-Werter Herr Ginstermann!
-
-Sie werden gewiß verwundert sein über die Zeilen, aber es läßt mir keine
-Ruhe. Ich habe gestern deutlich empfunden, daß sie eine andere lieben.
-
-Ich werde Ihnen nie zürnen, denn diese andere ist tausendmal besser und
-klüger denn ich, ich werde Sie bis zum Tode lieben.
-
-Verzeihen Sie mir dies. Nun heirate ich den ersten Besten. Ihre X. X.
-
-PS. Antworten Sie mir, bitte, nichts darauf. Sprechen Sie mich auf der
-Straße nicht mehr an, ich bitte Sie. D. O.
-
-Da fiel ihm dies ein: Einer kommt zu einem Weibe und sagt: Siehe, du
-Herrlichste, was du verlangst, ist geschehen. Ich habe mir die linke Hand
-abgeschlagen. Das Weib lacht: Es war ja nur Scherz, mein Freund. -- Ein
-andrer kommt und spricht: Du bist häßlich wie eine Unke. Nun werde ich dich
-schlagen! Ja, schlagen werde ich dich! Das Weib lächelt: Schlage mich,
-schlage mich doch, Liebster!
-
-Dies fiel ihm ein. Er wußte nicht mal, ob er die Geschichte erfunden oder
-gelesen habe.
-
-
-
-
-XXI.
-
-
-»Kann ich weiter lesen?«
-
-»Ja, lesen Sie weiter.«
-
-Sie saßen zusammen auf einer einsamen Bank aus Birkenstämmen, der
-Ginstermann den Namen »zum schlafenden Brahmanen« gab.
-
-Über ihnen die grüne Flut der Wipfel, die sich schläfrig hin und her
-wiegte. Ab und zu fiel ein Stückchen Sonne, ein Stückchen blauer Himmel zu
-ihnen herunter.
-
-Sie waren ganz allein.
-
-Und Ginstermann fuhr fort:
-
-Yester kehrte spät in der Dämmerung zurück.
-
-Er trug einen Strauß blauer Glockenblumen und war so müde. Die Sonne, die
-ihm noch in den Augen brannte, hatte ihn müde gemacht. Er war am Bache
-gesessen und hatte dem Spiel der Fische zugesehen. Es war ihm so eigen
-zumute.
-
-Fahl leuchtete das Haus zwischen den Birken, fahl leuchteten die
-Hyazinthen, in denen es stand.
-
-Die Dämmerung machte alles bleich und bläulich dunstend.
-
-Da stand Li! Da stand Li!
-
-Sie hatte das Gewand abgestreift und stand durchsichtig wie Marmor und
-regungslos. In der Hand hielt sie eine Hyazinthe, das Haupt geneigt, ohne
-daran zu riechen. Sie stand schon lange so.
-
-Yester näherte sich ihr mit leisen, bebenden Schritten und glitt vor ihr in
-die Knie. Da bemerkte sie ihn. Sie jauchzte, schlang ihre Arme um seinen
-Nacken und küßte seine Haare.
-
-Er umschlang sie und küßte ihre Lippen.
-
-»Li! Li!« flüsterte er.
-
-Sie sah ihn an. »Deine Stimme ist ganz anders,« sagte sie.
-
-Er lächelte und bettete ihren Kopf an seine Brust.
-
-Lis Augen waren tief und voller Rätsel. Sie hatte den Wald in den Augen,
-mit all seinen scheuen Tieren, seinen weißen Blumen, seinen purpurnen
-Schatten.
-
-Ein schwüler Wind hauchte. Die Hyazinthen neigten ihr weißes Haupt und
-atmeten schwermütig süßen Duft.
-
-Da fing Li plötzlich an zu weinen.
-
-Yester erschrak so sehr, daß er keine Worte fand, sie zu fragen, sie zu
-beruhigen.
-
-»Li, Li,« flüsterte er in seiner Ratlosigkeit.
-
-Li preßte die Wange an seine Brust und weinte.
-
-Der Wind hauchte, und von den Bäumen fielen weiße Blüten auf ihre Haare,
-ihre Schultern. Die Birken sangen.
-
-»O Li, o Li -- Li, o Li?«
-
-Li hielt im Weinen inne und lächelte zu ihm empor.
-
-»Ich sehne mich so, Liebster,« sagte sie leise, ganz leise.
-
-Immer noch fielen Blüten auf sie herab. Die Hyazinthen dufteten stärker,
-sie litten mit Li.
-
-»Ist es nicht schön bei uns, Li?«
-
-Li nickte.
-
-»Ist der Wald nicht herrlich? Duften die Blumen nicht köstlich, glitzert
-nicht der Tau an den Rosen des Morgens?«
-
-Li nickte.
-
-»Und lieb ich dich nicht?«
-
-»O Yester!«
-
-»Und doch -- und doch -- Li?«
-
-»Ich sehne mich so, Yester. Yester, ich sehne mich so . . .«
-
-Im Hain schlug süß ein Vogel. Bald nahe, bald ferne. Weit drinnen im Walde,
-da antwortete es ihm. Im selben süßen Tone. Nun waren es zwei, nun drei,
-nun waren es viele. Sie lockten sich mit schmelzender Stimme, sie
-antworteten einander mit ihrem süßesten Liede. Es sang der ganze Hain.
-
-Da droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten.
-
-Der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Schatten glitten
-durch die Büsche, jagten sich, fanden sich. Aus den Blüten sahen Augen,
-schöne, sanfte Augen.
-
-In der Ferne schrie ein Pfau.
-
-Da verstand Yester die Sehnsucht in Lis Augen.
-
-»Li, Li,« schluchzte er.
-
-Der Hain sang, der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Da
-droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten . . .
-
-Yester und Li wurde ein Knabe geboren. Es war zur Zeit, als blaue Tulpen
-das Haus umstanden, und deshalb nannten sie ihn »Blaue Tulpe«.
-
-Alle Tiere des Waldes kamen, um ihn zu sehen. Die Hirsche, die Rehe, die
-Rotkehlchen, die Eidechsen, die Bienen. Elfen brachten ihm ein Gewand, das
-sie aus ihren Haaren gewoben, Erdmännlein golden Geschmeide und Spielzeug,
-das sie gefertigt.
-
-»Blaue Tulpe« hatte die tiefen, klaren Augen Lis. Er hatte Lis Haare, Lis
-Stimme, er hatte Lis leichte Füße, Lis Lachen, er hatte Lis gütiges,
-goldenes Herz.
-
-Von Yester hatte er die tiefe Farbe der Lippen, von Yester hatte er -- die
-Art, Li zu lieben . . .
-
-Weiter vermochte Ginstermann nicht zu lesen. Tränen kamen in seine Stimme.
-Er mußte innehalten, um nicht in Weinen auszubrechen.
-
-Sie saßen beide und waren stille.
-
-Über ihnen rauschte die grüne Flut, die Stämme tönten.
-
-Bianka stand auf. Ohne Ginstermann anzublicken, sagte sie: »Wir sind so
-allein.«
-
-Und sie ging.
-
-Ginstermann blieb noch eine Weile sitzen, die Hände vor die Augen gepreßt,
-dann stand er auf, ihr zu folgen.
-
-
-
-
-XXII.
-
-
-Wie war es doch gewesen?
-
-Gestern hatte er bei Kapelli vorgesprochen, um ihm das Gedicht vorzulesen,
-das am Feste der Taufe gesungen werden sollte. Sie hatten probiert und
-probiert, und Kapelli auf seiner Laute nach einer Melodie gesucht, während
-Frau Trud sich schüttelte vor Lachen.
-
-Da ging die Türe auf, ohne daß es zuvor gepocht hätte, und die Malerin von
-Sacken trat ein.
-
-»Verzeihung«, sagte sie, »ich habe gar nicht geklopft,« und lachte.
-
-Kapelli erklärte ihr, daß das längst aus der Mode sei.
-
-Sie schüttelte Frau Trud, Kapelli und ihm die Hand und lachte. Dann blieb
-sie stehen und atmete tief auf, auf ihren Wangen brannten rote Flecken:
-
-»Ich komme eben vom Sekretariat, Kinder!«
-
-»-- mit Kri -- kra -- kri -- kra -- krallen, mit Krallen an den Fingern,«
-summte Kapelli und klimperte in den Saiten.
-
-»Vom Sekretariat?«
-
-»Ja!« Sie setzte sich, stand wieder auf. »Vom Sekretariat -- soeben bin ich
-gerufen worden -- -- mein Bild ist von der Staatsgalerie angekauft!«
-
-Alle schüttelten ihr die Hände, teilnehmend an ihrer Freude, froh, sie
-endlich glücklich zu sehen.
-
-»Ich gri -- gra -- gratuliere!« sang Kapelli mit hellem Tenor.
-
-Da veränderte Fräulein von Sacken plötzlich ihr Wesen und blickte sie mit
-triumphierenden Augen an. »Nun noch das!« rief sie. »Erst die Rezensionen
-und nun noch das! O, was wird sich diese feige Gesellschaft schämen, diese
-nichtswürdige, erbärmliche Gesellschaft, was wird sie sich schämen!«
-
-Damit war sie zur Türe hinaus, ohne jeden Gruß.
-
-Die drei sahen einander an, eines verblüffter wie das andere, bis
-schließlich Kapelli in lautes Lachen ausbrach.
-
-Und nun heute?
-
-Er kam spät nach Hause und fand das ganze Haus in Aufregung. Kapelli stand
-unter der Türe und winkte ihn herein.
-
-»Kommen Sie schnell!« rief er. Er war erregt wie noch nie.
-
-Da war das Atelier finster, und da saß Frau Trud am Tisch und schluchzte.
-
-Als er eintrat, stand sie auf und schluchzte lauter.
-
-Kapelli umschlang sie und drückte sie sanft auf das Sofa zurück.
-
-»Wein nur, wein nur Trud,« sagte er, selbst dem Weinen nahe.
-
-Ja, was denn nur sei?
-
-Kapelli ging in eine Ecke, wie um etwas zu suchen.
-
-»Nun ja -- die Sacken --«
-
-Das war es, die Malerin hatte sich erschossen . . .
-
-»Warum nur? Warum nur?« stieß Frau Trud heraus. »Gerade jetzt --!«
-
-Ginstermann wußte es.
-
-Ganz plötzlich war ihm die Erleuchtung gekommen. Er wußte alles, die ganze
-Tragödie des armen Weibes lag vor seinen Blicken enthüllt.
-
-Er ging hinunter zu Ritt und pochte. Keine Antwort. Er rüttelte an der
-Türe.
-
-Dann begab er sich hinaus in den Hof und klopfte energisch gegen die
-Scheiben. Nichts regte sich.
-
-»Schuft!« rief er. Er schlug die Scheibe ein und rief hinein in das
-finstere Atelier.
-
-»Ah, öffnen Sie nur, Sie Wicht!«
-
-Seine Stimme hallte wieder. Er fühlte, daß niemand im Zimmer war.
-
-Er ging wieder an die Türe zurück und entzündete ein Streichholz.
-
-»Verreist.«
-
-»Der Schuft ist durch, der Schuft ist durch!« --
-
-Am anderen Tage, in aller Frühe, vernahm Ginstermann vom Korridor herein
-die Stimme eines alten Herrn, eine schnarrende, unangenehme Stimme, aus der
-er aber doch die Stimme der Toten heraushörte. Es war ihr Vater.
-
-Schritte kamen und gingen. Ein Wagen fuhr in den Hof. An allen Fenstern
-erschienen gefühllos-neugierige Gesichter. Ginstermann zog die Vorhänge
-zusammen und wandte den Fenstern den Rücken zu.
-
-Schwere Schritte stampften die Treppe hinab, gedämpfte Rufe wurden hörbar.
-
-»Heben Sie höher!« befahl die schnarrende, unangenehme Stimme.
-
-Ginstermann öffnete die Türe. Ein dunkler großer Sarg schwankte auf den
-Schultern schwarzgekleideter Männer um die Biegung der Treppe.
-
-Er erschien ihm wie einer, der sich im Starrkrampf befindet und winken
-möchte und nicht kann.
-
-»Da drinnen liegt ein Mensch!« sagte er und begab sich zurück in sein
-Zimmer.
-
-Er zog ein Schubfach auf und zählte seine Barschaft. Es waren knapp zwanzig
-Mark. Das Geld nahm er und bestellte einen Kranz dafür. Einen Kranz aus
-blutroten Rosen. Er wollte auch am Grabe der Sacken sprechen, er!
-
-Am Abend pochte es, und ein kleiner, stämmiger Herr mit weißem Schnauzbart,
-kurzen Haaren und rotem Gesicht trat in sein Zimmer.
-
-»Major von Sacken«, sagte er, sich kühl verbeugend.
-
-Ginstermann lud ihn ein, Platz zu nehmen, und erkundigte sich nach seinen
-Wünschen.
-
-»Ich möchte Sie fragen, mein Herr, ob Sie meiner Tochter irgendwie näher
-standen?«
-
-Nein, er sei ihr nicht näher gestanden.
-
-»So? Ha, das ist sonderbar, mein Herr!« Er warf ein Päckchen Briefe auf den
-Tisch und blickte Ginstermann höhnisch an.
-
-Ginstermann ließ sich dadurch nicht beirren. Er öffnete einen Brief, der
-seine Adresse trug. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen. Die Bitte, diese
-Briefe zu verbrennen, da sie es nicht vermocht habe. Und dann noch etwas.
-
-Und dann noch etwas . . .
-
-Der Major starrte auf den Boden, vor sich hinblasend, als wolle er eine
-kleine Windmühle in Gang halten.
-
-Ginstermann legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, ihn
-durchdringend anblickend:
-
-»Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr Major!«
-
-Der alte Herr stand auf und maß ihn.
-
-»Wie können Sie es wagen --!«
-
-Ginstermann wiederholte, seinen Blick erwidernd: »Sie haben ein Verbrechen
-begangen, Herr!«
-
-Der alte Herr wurde dunkelrot im Gesicht und hob die Faust empor, seine
-Augen waren stahlgrau.
-
-Ginstermann wich nicht vom Fleck, er sagte im gleichen Tone wie vorhin:
-
-»Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr!«
-
-Da brach der Alte zusammen, wie durch einen Hieb. Er sank in den Stuhl und
-krallte die Finger in seinen Kopf.
-
-»Wer konnte es denn wissen!« schrie er.
-
-Dann stand er auf und räusperte sich.
-
-»Was wollen Sie -- mit Ihrem Verbrechen -- das ist ja heller Unsinn. Nein,
-sage ich, nein, Sie kennen die Verhältnisse nicht. Meine Tochter mag Ihnen
-geschrieben haben, was sie will! Gut. Mein Herr, meine Tochter achtete Sie,
-sie schrieb Ihnen ja noch zuletzt. Gut. Ich möchte nicht, daß wir als
-Feinde scheiden. Meine Tochter achtete Sie -- gut -- adieu, mein Herr!«
-
-Er streckte Ginstermann die Hand hin.
-
-Aber Ginstermann blickte ihn abweisend an, ohne seine Hand zu nehmen.
-
-Da wurde der Alte kreidebleich. Er stand lange Zeit, dann wandte er sich
-der Türe zu und stolperte über die Schwelle. Schon draußen, blickte er
-nochmals um, noch ebenso blaß wie zuvor.
-
-»Adieu, mein Herr«, sagte er mit gebrochener, weicher Stimme.
-
-
-
-
-XXIII.
-
-
-Der Hymnus der Morgenröte.
-
-11. Hymnus an Bianka.
-
-
-Stimme vom Berge: Gott ist groß! -- Licht gleißt sein Antlitz.
- Sein Lächeln
- Streut Rosen und Myrrhen
- Auf das dunkle Haupt der Welt.
-
-Stimme in der Ferne: -- -- -- scheucht die Schatten
- In ihr finstres Reich
- Mit goldnen Pfeilen. -- Groß ist Gott!
-
-Chor der Betenden: Der das Licht aus dem Dunkel schlug,
- Die Erde schöpfte aus der schwarzen Flut,
- Ist unser Herr!
- Gestalt gab dem Elefanten, dem Kamel,
- Dem einhöckrigen, dem zweihöckrigen,
- Dem Büffel, dem Krokodil,
- Das Korn, die Lotos schuf,
- Wind und Regen uns gibt und Weide unsrer Herde,
- Ist unser Herr!
-
-Chor der Suchenden: Wir gehen rechts -- wir gehen links,
- Wir gehen links -- wir gehen rechts,
- Wissen wir's?
- Wir gehen vorwärts -- wir gehen zurück,
- Rund herum um das Glück.
- Das finden wir nicht.
- Uns trägt der Rücken eines Tiers.
- Das kennen wir nicht.
- Wir pochen an der dunklen Wand,
- Ob nicht die Pforte einmal springt,
- Die keiner fand.
- Wir trinken Nächte,
- Uns trinkt die Nacht.
- Wir schleppen die Kette von Menschenleid,
- Die endlose Kette von Menschenleid,
- Die jedes Herz noch schwerer macht,
- Durch die engen Dornentore der Zelt.
- Und tragen sie ringsherum um die Welt,
- Und immer ringsherum um die Welt,
- Und harren der Stunde, da sie fällt.
- Und suchen das Lachen.
- Und suchen unsere Ewigkeit.
- Und tasten weinend der Finsternis Pfade.
- Rate!
- Rate!
-
- * * * * *
-
-Eine Stimme singt: Mit Blüten bestreu ich euch,
- Ihr Bittren!
- Mit süßen,
- Wohlriechend wie der Morgenwind,
- Die in den ewigen Gärten sprießen,
- Die ferne von der Erde sind . . .
-
- * * * * *
-
- Alles, was klingt,
- Zerspringt.
- Das tiefste Meer
- Verrinnt.
- Alles, was Staub ist,
- Wird Wind.
- Wird Wind!
- Alle Zeit
- Ist ein Flügelblinken der Ewigkeit.
- Und denkst du an den letzten Tag
- Gibt's keinen Tag!
- Öffne dein Herz.
- Schwester, Bruder,
- Bruder, Schwester,
- Öffne dein Herz!
- Die Zeit der Saat -- naht!
- Denke an mich:
- Die Lebensgebärerin,
- Die Lebensernährerin,
- Die Lebenserweckerin,
- Die Lebensvollstreckerin
- Bin ich!
- Denke an mich:
- Was schläft, das muß reden.
- Was tot ist, will ich töten.
- Und keine Tiefe ist mit zu tief,
- Die ich nicht rief.
- Flügel schenk ich dir, die tragen
- Dich über die Erde.
- Wer über der Erde
- Nicht lebt,
- Lebt nicht
- Auf der Erde,
- Und nimmer ist's nötig,
- Daß er begraben werde.
- Denke an mich:
- Die Lebensgebärerin,
- Die Lebensernährerin,
- Die Lebenserweckerin,
- Die Lebensvollstreckerin
- Bin ich!
- Im Herzen des Alls,
- Da quillt ein See,
- Er hat nicht Grund.
- Gott warf sein Herz hinein,
- Daß ich entsteh!
- Gott warf sein Herz hinein,
- Warf seines Sohnes Herz hinein,
- Warf aller Weisen und Guten
- Herz in den See,
- Daß ich entsteh!
- Öffne dein Herz,
- Schwester, Bruder,
- Bruder, Schwester,
- Öffne dein Herz.
- O, öffne dein Herz!
- Die Zeit der Saat -- naht!
- Schmücke dich!
- Den Blühenden trägt die weite Flut zur Ewigkeit,
- Der Dorre sinkt!
- Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht!
-
- * * * * *
-
-Chor der Erlösten, jubelnd: Liebe! Liebe!!
-
-Chor der Verlornen, schluchzend: Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht . . . . . .
-
-
-
-
-
-XXIV.
-
-
-Der letzte Tag.
-
-Ginstermann stand fröstelnd am Fenster und sah ihn grau über die Dächer
-kommen. Und voller Bangen frug er ihn in sein verschlossenes Antlitz
-hinein: Was bringst du mir?
-
-Er hatte versucht zu schlafen, umsonst. So war er wieder in seine Kleider
-geschlüpft und auf und ab gegangen in seinem Zimmer, auf und ab, diese
-dunkle, ewige Nacht voller seltsamer Rufe und gequälter Schreie hindurch.
-
-Was wird morgen sein, was wird morgen sein? frug seine Qual.
-
-Bianka war für ihn ein großes Feuer, durch das ihn das Geschick peitschte.
-Wie würde er hervorkommen? Würde es ihn verbrennen?
-
-Liebe Freunde, er wollte sich ja zusammennehmen. Er wollte ja ringen,
-soweit seine Kräfte reichten. Aber tief in seinem Innern, da lebte eine
-verzweifelte Überzeugung: er sah einen schwanken und stürzen. Er wollte
-kämpfen, so lange es ging.
-
-»Wer gab dir diese Macht, Bianka?« rief er aus. »Ein Lächeln von dir kann
-mich selig machen, du kannst mich in ein Land schicken, von dem kein Schiff
-mehr zurückkehrt. Mache meiner Qual ein Ende, so oder so, heute mache ihr
-ein Ende. O Vernunft, wie ohnmächtig bist du!«
-
-Alle Kämpfe der letzten Monate tobten in ihm, alle zugleich, und diese
-dunkle Einsamkeit stand vor ihm, starr, unerbittlich, riesengroß, wie sein
-Schicksal selbst, zu dessen Füßen er lag.
-
-Dumpf schlugen die Uhren. »Hörst du«, rief er, »nun treiben sie die Nägel
-in deinen Sarg. Das Schicksal hat seinen Pfeil auf dich abgedrückt, du
-magst dich krümmen und winden, wie du willst, er wird dich erreichen.«
-
-Da draußen stöhnte die Nacht. Es waren die Todesschreie der Getroffenen,
-die auf der unendlichen, dunklen Wahlstatt sanken, die Leben heißt.
-
-All die Kämpfe -- und zuletzt doch verzweifeln! Und doch verzweifeln!
-
-So war sein Leben: er ward und ging und geriet in ein Bordell. Er entkam
-und ging und geriet in das Herz eines jungen Mädchens. Immer geriet er,
-immer geriet er. Der Mensch geht nicht, er gerät! Das ist die letzte
-Wahrheit.
-
-Und hier sollte er enden. Er, der noch vor kurzem über sein Leben gesehen
-hatte wie über weite, weite Ebenen!
-
-Er sah seine gespenstisch flackernden Augen im Spiegel und nickte. »Jaja,
-du bist gezeichnet!«
-
-Aber vielleicht, vielleicht würde sich die dunkle Wand doch teilen und ihm
-einen schmalen Pfad zeigen, auf dem er entweichen konnte?
-
-Vielleicht, vielleicht würde er Bianka auch wiedersehen? Da sah er einen
-vor sich, der von Dorf zu Dorf zog, in den Schenken sang und lustige Verse
-deklamierte, um seine Schlafstätte zu verdienen. Er wanderte nach Süden,
-immerzu nach Süden.
-
-Es gab wohl hundert Möglichkeiten, Hunderte und abermals Hunderte von
-Zufällen.
-
-Da ist ein Theater, vollgepfropft von Menschen, Was spielt man? Man spielt:
-Yesters Tod. Wißt ihr, was Liebe ist, ihr Leute? Nun tritt einer vor die
-Rampe und verbeugt sich. Sein Lächeln ist traurig, seine Augen erstorben.
-Ich habe mein Herzblut für dieses Stück gegeben, ihr da drunten, das ihr
-applaudiert. In der ersten Sitzreihe -- er verbeugt sich tief und lächelt
-. . .
-
-Da ist der Kurgarten eines Weltbades. Die elegante Welt promeniert, die
-Kapelle spielt. Aus Tristan und Isolde. Sie spielt gut, sie spielt für
-verfeinerte Ohren. Auf einer Bank am Wege sitzt ein Bettler. Er kam zu Fuß
-hierher, seine Schuhe sind zerrissen. Grau und welk ist sein Gesicht, vom
-Trunk verwüstet seine Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, er ging zugrunde.
-Einst war er ein König. Die Allee herauf wandelt eine schlanke Frau am Arme
-ihres Gatten. Sie sind glücklich, sie sind vornehm, hinter ihnen geht ein
-Diener mit silbernen Knöpfen. Die schlanke Frau streift den Bettler mit
-einem kurzen Blick. Sie ist reich, sie ist glücklich, was kümmert sie der
-Bettler? Heute, morgen, jeden Tag. Die Kapelle spielt sanfte Weisen, die
-vornehme Welt zieht vorbei. Die schlanke Frau sieht in des Bettlers
-verwüstete Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, einst war er König. Was
-kümmert sie der Bettler? Und heute -- heute kommt ein Diener mit silbernen
-Knöpfen an die Bank am Wege und spricht: »Jemand interessiert sich für Sie.
-Man bittet Sie, Ihren Namen zu sagen.« Da erhebt sich der Bettler und geht.
-Weit, weit, so weit ihn seine Füße tragen . . . .
-
-Endlich graute der Tag.
-
-Er wuchs, er wuchs, es wurde ganz helle.
-
-Ginstermann hätte sich gerne von irgend einem Gotte eine kleine Ewigkeit
-erbeten, um sie zwischen Nacht und Tag zu schieben. Nur eine kleine
-Ewigkeit. Aber unaufhaltsam flogen die Minuten. Keine Macht der Welt hielt
-auch nur eine Sekunde auf. Ja, man mußte eilen, um mitzukommen.
-
-Es war ein trüber Tag. Zeitweise regnete es.
-
-Aber Bianka würde kommen, so konnte sie unmöglich von ihm gehen.
-
-Den Vormittag über saß Ginstermann auf den Treppen des Monopteros. Als die
-Glocken zu Mittag läuteten, begab er sich in die Stadt, weit hinein, um die
-Zeit zu verscheuchen, die ihm nun endlos deuchte. Er trieb sich auf dem
-Bahnhof herum, sah Züge gehen, hereinbrausen, er ging zur Parade an der
-Feldherrnhalle, hörte die Wache mit Rumtata und vielen Kommandorufen
-aufziehen, betrachtete sich die Fremden, die auf den Staffeln herumsaßen
-und lauschten.
-
-Kurz vor drei stieg er wieder den Hügel zum Monopteros hinauf.
-
-Bianka stand schon oben.
-
-»Ich bin etwas früher daran« sagte sie, sich gleichsam entschuldigend.
-
-Seit wann sie schon da sei?
-
-Ungefähr zehn Minuten.
-
-Wenn er es nur geahnt hätte!
-
-Bianka trug ein graues Kleid und graue Glacé, so grau wie der Himmel.
-
-Sie lächelte, aber ihr Lächeln war nicht wie früher.
-
-Der Park war wie ausgestorben, die Wege naß und aufgeweicht. Das Gras lag
-am Boden, die Blätter hingen schlaff. Aus den grauen Tüchern da droben
-fielen vereinzelte Tropfen, ein weißer Fleck, wie ein transparenter
-Öltropfen auf grauem Papier, zeigte den Stand der Sonne.
-
-Bianka brach ein Zweigchen zwischen den Fingern.
-
-»Wir werden kein hübsches Reisewetter haben.«
-
-Aber es sei kühl. Wie qualvoll wäre doch die Hitze in den Waggons.
-
-»Ja, das ist allerdings ein Vorteil.«
-
-Nach und nach kamen sie in ein leidliches Gespräch. Sie sprachen von ihren
-Zusammenkünften, bei Kapellis Fest angefangen. Sie ließen alle diese
-herrlichen Tage an sich vorüberziehen, ergänzten ihre Erinnerungen und
-lachten wohl auch über dies und jenes. Ja, sie lachten. Ginstermann kam in
-die Laune, Scherze zu machen, die er stets einigemal wiederholte. Und
-Bianka lachte mit. Eins wie das andere war bemüht, möglichste
-Alltagsstimmung vorzugeben, ohne zu erwarten oder zu wünschen, daß der
-andere sie für ernst nehme.
-
-Hier geschah das, hier sprachen Sie das, sagte Bianka, während sie die
-bekannten Wege schritten.
-
-Auch die Stelle passierten sie, wo Ginstermann einst im Wahnsinn das
-Kreuzchen eingegraben. Er schloß die Augen, um es nicht zu sehen.
-
-Was wird morgen sein, was wird morgen sein, dachte er, und jedesmal zerriß
-sein Herz. Seine Lippen aber scherzten in gleichgültigem Tone.
-
-Es begann zu regnen. Rings um sie rauschte es.
-
-»Wollen Sie nicht Ihren Schirm aufspannen?«
-
-»Nein, nein.«
-
-»Wollen Sie nicht ins Restaurant treten?«
-
-»Nein, nein.«
-
-So schritten sie im Regen, der ihre Hüte zerweichte.
-
-»Ich reise gar nicht gerne«, sagte Bianka, »gar nicht gerne.« Dann lachte
-sie nervös und fügte hinzu: »Morgen um diese Zeit bin ich in Mailand, im
-schönen Mailand.«
-
-»Und übermorgen in Nizza?«
-
-»Voraussichtlich.« Sie blieb stehen und schüttelte den Kopf, um das Wasser
-aus dem Hutrande zu schaffen.
-
-»Aber Sie bleiben doch nicht immer in Nizza?«
-
-»Nein, Papa trägt sich mit dem Gedanken, nach Kairo überzusiedeln.«
-
-»Nach Ka--iro!«
-
-Seine Zähne schlugen aufeinander, während er dieses Wort wiederholte. Er
-biß sich in die Lippen und hieb mit dem Stocke Blätter vom Gebüsch.
-
-Dann lachte er heraus.
-
-»Das ist ein kleiner Katzensprung -- das ist ein kleiner Katzensprung!«
-rief er aus.
-
-Bianka sah ihn an und bat ihn mit den Augen, sich zu fassen.
-
-»Das ist ja in Afrika!« lachte er. »In Afrika!«
-
-Tränen traten ihm in die Augen, so sehr er auch dagegen ankämpfte.
-
-Bianka nahm seine Hand und flüsterte: »Bitte.«
-
-»Bitte«, flüsterte sie.
-
-Er hatte sich auch sofort wieder und ging plaudernd neben ihr her. Aber
-seine Gedanken waren nicht bei seinen Worten. Er dachte daran, daß Bianka
-nach Kairo übersiedeln würde. Da gab es zwei Wege: einen übers Meer, einen
-über Kleinasien.
-
-Heizer, Steward?
-
-Ah, es war ja vorbei. Er würde es nicht ertragen. Morgen würde er schon
-verzweifeln.
-
-Da stand Bianka still und sagte: »Wir müssen nun Abschied nehmen.«
-
-»Ja«, sagte er rauh, »einmal muß der Teufel aus der Schachtel.«
-
-Bianka blickte zu Boden, sie war ganz bleich.
-
-Sie soll nur auch leiden, weshalb ließ sie mich nicht in Ruhe, dachte
-Ginstermann und richtete sich straff auf, ein bitteres Lächeln auf den
-Lippen.
-
-Dann ging sie weiter, um bald wieder stehen zu bleiben.
-
-»Wollen wir nicht noch einmal zu unserem Monopteros hinaufsteigen«, fragte
-sie und lächelte.
-
-»Wie Sie wünschen.«
-
-Nun galt es, sich zusammenzunehmen. Seine Hände bebten bei jedem
-Pulsschlag, in seinem Kopfe wimmelten verrückte Einfälle. Um keine
-Torheiten zu begehen, fing er an, von seinen Plänen zu sprechen.
-
-»Nun werde ich arbeiten, arbeiten, viel arbeiten. Ich habe da so etwas im
-Kopfe. Da kommt einer drinnen vor, der im Sterben liegt. Aber zuvor will er
-sich noch den Spaß machen, seiner Umgebung die Wahrheit zu sagen. Er
-zertrümmert alle Heiligtümer, macht ein halbes Dutzend Menschen
-unglücklich. Nun empfehle ich meinen Geist in Gottes Hände, höhnt er und
-ist tot. Punkt. Hoffentlich wird es nicht verboten . . .«
-
-Da tauchte der Monopteros vor ihren Blicken auf, und jäh brach er ab.
-
-Jetzt kommt der Abschied, jetzt kommt der Abschied, rief es in ihm. Zorn,
-Wut, Schmerz schüttelten ihn, er hätte niederstürzen mögen und jammern wie
-ein Kind.
-
-Sie waren oben.
-
-Bianka sah über den Park hinüber nach den Türmen der Stadt, deren Spitzen
-blinkten.
-
-Die Sonne arbeitete sich durch die Wolken, und Milliarden Fünkchen fielen
-durch ihre Strahlen. Irgendwo begann ein Fink zu rufen. Auf dem Wege drüben
-gingen zwei Herren. Ein braungefleckter Hühnerhund sprang in großen Sätzen
-über die Wiese. Irgend jemand pfiff, aber der Hund kümmerte sich den Teufel
-um seinen Herrn.
-
-Bianka wandte ihm den Blick zu.
-
-Blässe bedeckte ihr Gesicht, ihr Haar sah ganz golden aus. Die schmalen,
-durchsichtigen Lippen waren halb geöffnet, die Pupillen ihrer Augen groß.
-
-Da gewahrte er, daß sie litt, ja, daß dieses Leiden nicht von heute war.
-Diese Stunde ließ es ihn erkennen. Vielleicht hatte sie ebenso gerungen wie
-er.
-
-Aber das hielt kein Mensch länger aus, er wandte das Gesicht ab und sah dem
-Hühnerhund auf der Wiese drunten zu.
-
-Bianka legte ihm die Hand auf die Schulter. Diese leichte Hand drückte ihn
-fast zu Boden. Aber er war mutig und lächelte, obschon er ihr hätte zu
-Füßen stürzen und ihre Knie umklammern mögen.
-
-»Wir müssen uns jetzt adieu -- sagen,« flüsterte sie. So leise. Es war nur
-ein Hauch.
-
-»Ja«, sagte er, laut.
-
-»Wir müssen jetzt voneinander gehen«, flüsterte sie, so leise wie vorhin.
-Ihre Augen wurden größer, ihr Lächeln erstarrte.
-
-Sie nahm die Hand von seiner Schulter und blickte in die Sonne.
-
-»Es ist so schön. Gerade jetzt.«
-
-Die Sonne hatte die Wolken durchbrochen und leuchtete aus einer
-phantastischen, ungeheuren Grotte von blendendem Bernstein.
-
-»Ja, es ist schön«, wiederholte Ginstermann ohne Gedanken.
-
-In allernächster Nähe sagte jemand unvermittelt laut: Das ist ja nicht
-möglich, das ist ja nicht möglich! Und ein anderer lachte und hustete.
-
-Das ist schon möglich, Sie Esel, dachte Ginstermann.
-
-Die Sonne überstrahlte Biankas Antlitz, so daß es durchgeistigter,
-ätherischer erschien. Die Sonne tauchte bis auf den Grund ihrer Augen.
-
-Bianka streckte ihm die Hand hin, von der sie den Glacé gestreift hatte.
-
-Ginstermann lächelte schmerzlich, dann nahm er mit raschem Griffe ihre Hand
-und sagte:
-
-»Adieu!« So tapfer als möglich sagte er es. Adieu! --
-
-Bianka blickte ihn an, ein unnennbarer Ausdruck erfüllte ihr Gesicht, jede
-Linie verändernd.
-
-Im nahen Laubgang pfiff jemand einen Gassenhauer.
-
-Bianka zog ihn sanft an die Brust und küßte ihn auf die Lippen.
-
-Ihr Herz pochte gegen das seine.
-
-Er gab ihr den Kuß zurück.
-
-»Liebster!« hauchte sie, und ihre Augen glänzten in Tränen.
-
-Dann wandte sie sich rasch, sprang die Stufen hinab und verschwand im
-Laubgang.
-
-Ginstermann stand betäubt. Er stand ganz im Licht.
-
-Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese.
-
-Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese . . . .
-
-
-
-
-XXV.
-
-
-Ginstermann ging nach Hause. Ginstermann setzte sich in einen Sessel.
-Ginstermann dachte nichts.
-
-Er fühlte nur, daß er glücklich war, befreit, erlöst, gerettet! Er fühlte
-nur, daß ihn neue Kraft durchströmte.
-
-Die Stunden gingen, er saß und dachte nichts.
-
-Am Abend pochte es, und er sagte herein.
-
-Bianka trat ins Zimmer.
-
-Er faßte es nicht sofort, und doch war er auch nicht überrascht.
-
-Sie blieb an der Türe stehen und sagte: »Bleib, bleib.«
-
-So blieb er auf derselben Stelle stehen.
-
-Sie blickten einander an, eine Ewigkeit.
-
-»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Bianka?« fragte er endlich.
-
-Sie antwortete ihm mit einem langen Blick.
-
-»Sage doch du zu mir.«
-
-»Willst du nicht Platz nehmen, Bianka?«
-
-Nein, nein -- o, nur schnell -- sie wolle nicht Platz nehmen. Sie wolle
-gleich wieder gehen. Der Wagen warte unten. Sie wolle -- sie sei nur
-gekommen, um es ihm zu sagen . . .
-
-Aber sie setzte sich doch. Auf einen Stuhl nahe der Türe.
-
-Lange Zeit war es stille, dann begann sie mit leiser Stimme:
-
-»Weshalb ich nicht kann -- das will ich dir sagen, Liebster.«
-
-»Sag es, sag es, Bianka, Herrlichste.«
-
-Sie sann vor sich hin, sie blickte ihn an, sie blickte ihn voller Qual an.
-
-Dann schüttelte sie den Kopf und breitere die Hände vors Gesicht.
-
-Sie brach in Weinen aus.
-
-Erst nach geraumer Zeit wagte er es, näher zu treten. Er legte seine Hand
-auf ihre Schulter, ganz sachte.
-
-»Bianka?«
-
-Da schluchzte sie laut auf und tastete nach seiner Hand, die Linke auf die
-Augen pressend.
-
-Er führte ihre Hand an seine Lippen, ganz sachte.
-
-Plötzlich hörte sie auf zu weinen. Sie erhob sich. Ganz dicht kamen sie zu
-stehen. Unwillkürlich rückte sie den Stuhl zurück.
-
-»Ich kann nicht«, flüsterte sie, ihn mit den Blicken beschwörend. Sie sah
-zu Boden und schüttelte sonderbar den Kopf.
-
-»Härme dich nicht, Beste«, sagte er,
-
-Sie ging zur Türe, ging hinaus. Die Türe stand offen.
-
-Er wagte es nicht, ihr zu folgen, er blieb auf der gleichen Stelle stehen.
-Er wußte . . .
-
-Da kam sie zurück. Sie nahm seine beiden Hände.
-
-»O du!« stammelte sie.
-
-Sie küßte ihn auf die Lippen, sie beugte sich herab und küßte ihn auf das
-Herz.
-
-Sie lächelte verzückt.
-
-Dann ging sie . . . . .
-
-
-
-
-XXVI.
-
-
-Drei Uhr morgens.
-
-Auf dem Geleise, das nach Süden führt, geht ein Mann. Weit weg liegt die
-Stadt.
-
-Er geht immerzu.
-
-Die Nacht ist klar und frisch, ringsum dampfen die Wiesen. Kein Laut. Der
-Mond steht am Himmel und alle seine Sterne.
-
-Der Mann wandert immerzu, auf dem Geleise, das nach Süden führt.
-
-Zur Linken ein Garten. Schimmernde Wipfel, ein bleicher Giebel. Der Duft
-von Rosen steigt in die Nacht.
-
-Der Mann klettert über den Zaun. Ein Hund schlägt an.
-
-Der Mann geht gemächlich von Stock zu Stock und reißt die Rosen ab. Ein
-Hund zerrt an der Kette und kläfft. Das kümmert den Eindringling nicht. Er
-plündert die Stöcke, dann steigt er wieder über den Zaun und setzt
-gemächlich seinen Weg fort.
-
-Wo die Geleise in den Wald einmünden, macht er Halt.
-
-Er wirft die Rosen über die Schienen.
-
-Dann wartet er.
-
-Er steht und wartet.
-
-Eine Stunde. Ein Hahn kräht von weit her.
-
-In der nebligen Ferne erscheint ein dunkler Punkt.
-
-Es schnaubt, es rast, Eisen klingt in Eisen.
-
-Der Mann tritt zurück.
-
-Der Zug rast heran, der Zug rast vorbei.
-
-Er entblößt sein Haupt.
-
-Ende.
-
-
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Yester und Li, by Bernhard Kellermann
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK YESTER UND LI ***
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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-throughout numerous locations. Its business office is located at
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-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
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-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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