diff options
Diffstat (limited to '40314-8.txt')
| -rw-r--r-- | 40314-8.txt | 8727 |
1 files changed, 0 insertions, 8727 deletions
diff --git a/40314-8.txt b/40314-8.txt deleted file mode 100644 index 47068e3..0000000 --- a/40314-8.txt +++ /dev/null @@ -1,8727 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Yester und Li, by Bernhard Kellermann - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Yester und Li - Die Geschichte einer Sehnsucht - -Author: Bernhard Kellermann - -Release Date: July 24, 2012 [EBook #40314] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK YESTER UND LI *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - -Bernhard Kellermann -Yester und Li. Roman - - - - -Meiner Schwester Erika - - - - -Bernhard Kellermann - -YESTER und LI - -Die Geschichte einer Sehnsucht - - -3. Auflage - - -BERLIN und LEIPZIG · 1905 -Magazin-Verlag Jaques Hegner - - - - -Alle Rechte vom Verleger vorbehalten -Gedruckt in der Spamerschen -Buchdruckerei zu Leipzig · · · - - - - - - - - - -I. - - -Ginstermann kam spät in der Nacht nach Hause. Es mochte zwei Uhr sein. -Vielleicht auch drei Uhr. Vielleicht noch später. Er wußte es nicht. -Langsam, ganz langsam war er durch die Straßen gewandert. - -Über den Boden seines Zimmers war ein Schleier von Licht ausgebreitet, der -leise zitterte, als er die Türe schloß. Der Mond schien durch die Vorhänge. -Auf den Blechgesimsen pochte es, dumpf, in unregelmäßigen Zwischenräumen, -wie ein Finger. Es sickerte, rieselte, die Tiefe schluckte. Der Schnee ging -weg. - -Ginstermann machte Licht. Es war ihm, als sei noch eben jemand im Zimmer -gewesen, als sei er jetzt noch nicht allein. Auf dem Tische lagen seine -Manuskripte verstreut, wie er sie am Abend verlassen hatte, die -Kleidungsstücke auf den Stühlen, das Kissen auf der Ottomane in der -gleichen Lage. - -Er blickte zum Fenster hinaus, in den dunklen Hof hinab, er übersah den -Kram seines Zimmers, die Skizzen an den Wänden. Alles erschien ihm -sonderbar, rätselhaft, wie von einem Finger berührt, der es veränderte. - -Draußen klopften die Tropfen, und es schien, als ob sie eine seltsame -Sprache redeten. Ein leiser Hauch drang durch die Vorhänge, und auch der -Hauch schien geheimnisvolle Worte mit sich zu führen. - -Wer spricht zu mir? dachte Ginstermann. - -Will mir diese Nacht alle Wunder der Welt und meiner Seele zeigen, um mich -zu verwirren? Alles schwankt und fällt, was eben noch feststand. Alle -Begriffe sind verworren. Ist es nicht, als sei ich aus langem Schlafe -erwacht, und folgten mir wunderbare Träume in mein Erwachen? - -Wer bin ich? Ich habe vergessen, wer ich bin, und weiß nur, daß ich ein -anderer bin, als der ich zu sein glaubte. - -Und welch geringen Anlasses bedurfte es, um meine Seele zu verwandeln? - -Wer aber bist du? daß du solche Macht über mich hast? - -Wer aber bist du, daß ich nicht an dir vorübergehen kann wie an anderen -Menschen . . . . . . - -Er sann und sann. - -Da wurde es Morgen. - - - - -II. - - -Diesen Abend ereignete sich etwas Außergewöhnliches: Ginstermann ging mit -zwei Damen über die Straße. Mit zwei jungen Damen in eleganten -Abendmänteln. - -Ginstermann, der wochenlang seine vier Wände nicht verließ, den man nie in -Begleitung sah, den noch niemand mit einer Dame hatte gehen sehen. - -Sie kamen von einer Abendunterhaltung, die Kapelli, der Bildhauer, seinen -Bekannten anläßlich seiner Hochzeit gab. Kapelli, der seit Jahren mit -seiner Geliebten zusammenlebte, war schließlich, da sie ein Kind -erwarteten, auf den Gedanken gekommen, sich trauen zu lassen. Ginstermann -wohnte im gleichen Hause und war mit den Bildhauersleuten befreundet. Die -Damen gehörten zu Kapellis Kundschaft und waren aus irgend einem Grunde -eingeladen worden. - -Kurz nach zehn Uhr brachen die Mädchen wieder auf. Sie waren kaum eine -Stunde dagewesen. - -Fräulein Martha Scholl hätte noch große Lust gehabt, länger zu bleiben. Sie -äußerte das in Worten und Mienen. Aber Fräulein Bianka Schuhmacher war -nicht dazu zu bewegen, trotzdem Kapelli und seine Frau alles aufboten. Sie -gab vor, sie werde zu Hause erwartet. Vielleicht langweilte sie die -Gesellschaft auch. - -Zur allgemeinen Verwunderung hatte sich Ginstermann erboten, die Damen nach -Hause zu begleiten. - -Sie gingen alle drei langsam, wie vornehme Leute. Die Mädchen dicht -nebeneinander, er links von ihnen. In gemessenem Abstand, als sei noch eine -vierte Person da, die unsichtbar zwischen ihm und den Mädchen schreite. - -Es sei nicht einmal kalt. - -Nein, sehr angenehm sogar. - -Und man habe doch erst März. Im März sei es für gewöhnlich noch sehr -unfreundlich. - -Ginstermann erwiderte nichts mehr darauf, und sie schwiegen wieder. - -Eine eigentümliche Unruhe erfüllte ihn. Die Ereignisse des Abends hatten -ihn verwirrt. - -Noch immer hörte er die Worte, mit denen er den Mädchen seine Begleitung -angeboten, in sich klingen. Das war gar nicht seine Stimme gewesen. Wieder -und wieder sah er sich aufstehen, den Stuhl unter den Tisch schieben und -Fräulein Bianka Schuhmacher in ihre klugen, durchsichtigen Augen hinein -fragen, ob es ihnen nicht unangenehm wäre, wenn er mit ihnen ginge. Das war -alles so unerklärlich rasch und ohne eigenen Willen geschehen. Er erinnerte -sich, daß seine Hand zitterte, als er ihr beim Anlegen des Abendmantels -behilflich war: der Stoff dieses Mantels hatte sich so sanft angefühlt wie -Schnee. - -Und dann dieses zufällige Wiedersehen . . . - -Da war wiederum Kapellis Atelier, ein Saal nahezu infolge des Meeres von -Zigarettenrauch und der drei feierlich verschleierten Lampen, mit den -abgetretenen Teppichen an den Wänden, die wie kostbare Gobelins aussahen, -den Oleanderstöcken und der Menge Gesichter, deren Augen glänzten. Und er -trat ein. Verwirrt durch den ungewöhnlichen Anblick, den Kopf noch erfüllt -von der Arbeit des Tages. Und all die glänzenden Augen richteten sich auf -ihn, Hände winkten, und man rief seinen Namen. »Bravo, der Einsiedler!« - -Da war Kapelli, im schwarzen Festrock, der ihn veränderte, mit dem -gutmütigen Philistergesicht und den genialen Augen; Frau Trud, lachend wie -immer, das goldblonde Köpfchen wiegend, eine zinnoberrote Schleife -vorgebunden; die Faunsmaske des Malers Ritt, das verschwimmende bleiche -Gesicht der Malerin von Sacken, ganz in Schwarz, eine Tragödie in ihrem -Lächeln; Knut Moderson, der Karikaturenzeichner, Maler Maurer, der Lyriker -Glimm, der blonde Goldschmitt und eine Menge anderer noch. - -Und da waren zwei junge Damen, die er nicht kannte, und bei denen man ihm -seinen Platz anwies. - -Zwei verdutzte, erstaunte, ihn anstaunende braune Augen, mit -Goldflitterchen darin, ein Puppengesichtchen, frisch, glänzend wie eine -Kirsche, Grübchen in den Wangen. - -Und daneben zwei kühle, fragende Augen, blaßgrün wie Wasser, die jeden Zug -seines Gesichtes mit einem Blick aufnahmen, ein feines, nervöses Antlitz, -gleichsam durchsichtig, wie es Brustleidende haben. Ein Legendenantlitz. -Und dieses Antlitz hatte er schon gesehen. Hatte er schon gesehen. - -Ah -- Kapelli hatte es modelliert. Es war die Büste die er »Seherin« -genannt hatte. Das waren diese schmalen, halbgeöffneten Lippen, die zögernd -den Duft von Blüten einzuschlürfen schienen. Und die markierten Schläfen, -die bebenden, elfenbeinernen Nasenflügel. Wenn sich dieses schmale Antlitz -zurückneigte, und die großen Augen sich auf ein Ziel in der Ferne hefteten, -so war es ganz genau die »Seherin«. - -Kapelli hatte nicht umsonst seine prächtigen Augen. - -Aber dieses Legendenantlitz hatte er früher schon gesehen. Irgendwo, vor -Jahren vielleicht. Er täuschte sich unmöglich. Und während sie rings von -Siry sprachen, dem Dichter Siry, der sich vor einigen Wochen erschoß, sann -er darüber nach, wo er dieses Gesicht schon gesehen hatte. - -Und da fiel es ihm ein. Wie ein Blitz durchfuhr es ihn. - -Welch ein Zufall! Nun wußte er es. - -Das war im Hoftheater, vorigen Winter. - -Und er sann . . . . . - -Der blonde Goldschmitt, der ewig Lebendige, erzählte irgend etwas. Von -seinen Fußwanderungen. Vorigen Sommer. Von mittelalterlichen Städtchen, die -in der Dämmerung versanken und von Kornfeldern, die in der Sonne kochten, -und vom Meer, das er in einer Sommernacht hatte leuchten sehen. Und vom -Walde -- ah, vom Walde. Goldschmitt, der Malerdichter. Er sprach nur in -Superlativen, ebenso seine Mienen. Und fortwährend strich er sich mit den -Fingern über das strähnige Haar, das von der Stirne bis in den Nacken lief, -eine einzige Welle. Und Dichter Glimm saß, ohne eine Silbe zu sprechen, die -Zigarette zwischen den Lippen, durch die Wimpern ins Licht blickend, und -ließ sich durch Goldschmitts Schilderungen Stimmungen suggerieren. - -Dieser Goldschmitt erzählte in der Tat gut. Er sah impressionistisch, immer -Licht, immer Farbe, ein roter Klecks auf dem Kirchturmdach, und das Bild -war fertig. - -Dazwischen kam Kapelli mit der Zigarettenschachtel und beugte sich über den -Tisch, so daß ein Büschel grauer Haare über seine Stirne fiel. Wenn er -sprach, so funkelten die Vokale gleich leuchtenden Steinen, und man -verspürte Lust, ihn zum Singen aufzufordern. - -An den Tischen lärmten und lachten sie, und ewig war Ritts nasale Stimme zu -hören. - -Und Fräulein Scholl hing mit den Blicken an Goldschmitts Lippen und hielt -die Zigarette mit steifen, ungewohnten Fingern, hier und da Tabak von den -Lippen nehmend. Sie schüttelte den Kopf, wenn sie lachte, und die Wellen -ihrer Haare wippten. Diese Haare waren von genau der gleichen Farbe wie -ihre Augen. Ihre Zähne waren schneeweiß, klein, Puppenzähne, und zuweilen -blitzte eine goldene Plombe auf. Manchmal unterbrach sie den Erzählenden -und begann eine ähnliche Schilderung, um mitten darin abzubrechen, da ihr -der Ausdruck fehlte. Dann blies sie stets eine dünne Rauchwolke in die -Luft. - -Daneben ihre Freundin, reserviert im Wesen. Sie lächelte liebenswürdig. Sie -rauchte nicht. Sie hielt die Augen auf Goldschmitt gerichtet und brachte -ihn einigemal in Verwirrung, als er sich ungeschickt ausdrückte. Es war, -als beobachte sie genau, was um sie vorging, und bilde sich über alles ein -Urteil. Dazwischen wieder lachte sie herzlich, wie ein Kind, als sei sie -für einen Augenblick eine andere geworden. Wenn sie sprach, so sprach sie -schön und ohne Hast. Ihre Stimme erinnerte an die Töne einer Geige, sie war -weich und gedämpft. Diese Stimme drang tiefer als in die Ohren und erweckte -das Bedürfnis, sie bei geschlossenen Lidern zu hören. Gleichzeitig klang -der kühle Stolz einer sich abschließenden Seele aus ihr. - -Und er saß und sann. - -Wie seltsam es doch ist, dachte er, das Schicksal hat die Menschen an Fäden -und führt sie zusammen und auseinander und wieder zusammen, je nach seiner -Laune. - -Hier also traf er sie wieder. - -Schon angesichts der Büste hatten seine Gedanken hartnäckig eine Erinnerung -in ihm auszulösen gesucht. Er entsann sich dessen noch deutlich. - -Aber nun stand sie klar vor seinen Augen, wie an jenem Abend. - -In leuchtend weißem Kleide sah er sie vor sich, auf Marmorstufen stehend, -mitten im Licht. Und sie hielt die großen Augen auf ihn geheftet, gleichsam -erstarrt vor Freude. Als sei er ihr Geliebter und nach langer Fahrt über -ferne Meere unerwartet zurückgekehrt. Er stieg die Stufen zum Foyer hinauf -und hielt unwillkürlich den Schritt an, betroffen durch den Ausdruck dieses -Blickes. Und sah sie an. - -Das alles währte nicht länger als eine Sekunde. Es war sonderbar, wie ein -Rätsel. - -Sie hatte ihn heute nicht einmal wieder erkannt. Trotzdem war es ihm, als -ob ihr Blick zuweilen über seine Züge tastete und etwas suchte. - -Dann erhoben sich die Damen, und auch er stand auf. Und ohne eigentlich -daran gedacht zu haben, bot er ihnen seine Begleitung an. - -Und nun ging er neben ihnen her. - -Und war noch so verwirrt durch die Eindrücke des Abends, daß er kein Wort -zu sprechen vermochte. - -All die vielen Gesichter schwebten ihm noch vor Augen, lächelnd, lachend, -mit den Augen zwinkernd, er hörte immer noch das Gewirr von Stimmen, und da -war wieder die verschleierte Lampe, das mit Zigarettenasche bestreute -Tischtuch, Goldschmitt, Glimm, Fräulein Scholl und daneben Fräulein -Schuhmacher. - -Er sah sie ganz deutlich vor sich. Ihre hellen Augen, ihre schmalen Lippen, -die leise und vornehm lächelten, ihre Hand. Er hatte noch nie eine solche -Hand gesehen. Sie erschien ihm wie ein denkendes, selbständiges Wesen. - -Und wieder empfand er jenen undefinierbaren Schrecken wie in jenem Moment, -da er in seinem Gegenüber jene Dame vom Hoftheater entdeckte. - -Ah -- das war auch zu sonderbar. Das mochte jetzt über ein Jahr her sein. - -Wiederum aber war es ihm unerklärlich, wie ihn dieser alltägliche Zufall in -derartige Aufregung versetzen konnte. War ihm diese Spannung rätselhaft, -mit der er jeder Bewegung dieses Mädchens gefolgt war, jeder noch so -unmerklichen Veränderung dieses durchsichtigen Antlitzes. - -Das war absolut nicht mehr die Objektivität, mit der er sonst seine Modelle -studierte. - -Wurde er nicht komisch vor sich selbst, daß er mit den jungen Damen lange -Straßen entlang ging? Wenn er aber ehrlich sein wollte, so mußte er sich -gestehen, daß es ihm auf der anderen Seite unangenehm gewesen wäre, hätte -ein anderer diese Rolle übernommen. Daß es ihm gleichzeitig eine physische -Befriedigung bereitete, neben dem schlanken Mädchen einherzugehen. - -Er dachte an sein verlassenes, dunkles Zimmer, das er liebte nahezu wie -einen Menschen. Er sah sich bei der Lampe sitzen und schreiben, wie er es -Tag für Tag, seit zwei Jahren gewohnt war. Er sah seine Manuskripte auf dem -Tische liegen, mit der großen Rede Rammahs, die er in der Mitte abgebrochen -hatte, um zu Kapelli hinunterzusteigen. Es erschien ihm töricht, daß er -seine Arbeit im Stiche gelassen hatte. Kapelli hätte es ihm gewiß nicht -übel genommen, wenn ihm auch Frau Trud einige Zeit böse gewesen wäre. Nun -würde er die große Rede, die Rammah, der Gefangene, an die Königin Lehéhe -zu richten hatte, beendigt haben. Rammah, der seinen Kopf aufs Spiel -setzte, um noch einmal das Antlitz seiner Geliebten zu sehen. - -Und er dachte an Rammah und Lehéhe, die Königin. Und wiederholte sich im -Geiste die Szene und die Worte, die der Gefangene zuletzt sprach. - -Rammah sagte: Gib dem Gefangenen eine Hand voll Ton, er wird das Bildnis -seines Weibes formen, bei Tag, bei Nacht, in jeder Miene -- so formt ich -Euer Bildnis, Königin, bei Tag, bei Nacht, aus Wolken, Steinen, Wasser, -Bäumen, Wind, in jeder Mime, stolz und milde, lächelnd, strahlend, wie ich -es sah. - -Und nun sollte er erzählen, daß ihn seine Qual zu den Mönchen getrieben. - -Aber seine Rede verwirrte sich. - -Eine unerklärliche Erregung erschütterte Ginstermanns Wesen. - -Während er sich diese Worte wiederholte, erschien es ihm, als empfände er -sie inniger als am Abend, als kämen sie aus dem Tiefsten seines Wesens. Und -Lehéhe, die Königin, hatte sich verändert. Nicht mehr die orientalischen -Züge, die schmale gebogene Nase, das blauschwarze glatte Haar, nun trug sie -die Züge des Mädchens, das ihm zur Seite schritt . . . . . - -Ginstermann hüllte sich dichter in den Mantel und gab sich Mühe, auf andere -Gedanken zu kommen. - -Die Gewänder der Mädchen rauschten sanft. Es war ihm, als gingen sie sehr -rasch. Diese Vorstellung wurde dadurch verstärkt, daß man ihre Schritte -nicht hörte. Es war frischer Schnee gefallen. - -Die Straßen erschienen breiter und öder. Dunkle, unnatürlich große -Fußspuren liefen über die Trottoire. Die Bogenlampen leuchteten trüb, -umflimmert von feinem Schneestaub, den ein großes Sieb über sie zu -schütteln schien. Dunkle Gestalten tauchten lautlos auf, verschwanden -lautlos. Irgendwohin. Schatten gleich, die die Straßen einer toten Stadt -durchwandern. - -Und sie selbst glichen solchen Schatten. - -Ginstermann hatte das peinliche Gefühl, daß die Mädchen auf eine Anrede -seinerseits warteten. Ja, vielleicht belustigten sie sich über ihn, der -nichts wußte, als vor sich hinzugrübeln. Es war nicht ausgeschlossen, daß -Fräulein Scholl ihre Freundin in den Arm kniff und in sich hineinkicherte. - -Aber ein Seitenblick überzeugte ihn, daß sie beide in Gedanken versunken -waren, die nicht in direktem Zusammenhang mit dieser Wanderung standen. - -Beide lächelten. Aber dieses Lächeln war grundverschieden. Bei Fräulein -Schuhmacher hauchte es aus den halbgeöffneten Lippen, bei Fräulein Scholl -sprühte es in den Wangengrübchen. - -Es schien, als denke die eine über etwas Hübsches nach, das in der -Vergangenheit ruhte, die andere über etwas Hübsches, das aus der Zukunft -schimmerte. - -Fräulein Schuhmacher ging mit geöffneten Augen und blickte zu Boden, als -beobachte sie das Spiel ihres Schattens, der bald vorauseilte, bald unter -ihren Schritten durchschlüpfte. Ihr Profil war von vornehmer, reiner Linie. -Die Stirne gedrückt und eigensinnig. Der Mund der eines Menschen, der wenig -gelacht und viel gelitten hat. - -Fräulein Scholl hielt die Augen geschlossen, und diese geschlossenen Augen -lächelten. - -Während ihre Freundin leicht vornübergebeugt schritt, das Wippen der -Libelle im Gang, ging sie aufrecht, mit steifem Stolze. Den Kopf etwas auf -die Brust gesenkt. - -Man konnte sie sich gut als würdevolle Dame vorstellen. - -Ginstermann sann darüber nach, was er den Damen sagen könne. - -Der Wunsch erwachte in ihm, ihnen durch irgend eine Bemerkung aufzufallen. - -Er war oftmals nahe daran zu beginnen, aber stets fand er die Bemerkung -deplaziert oder banal. Die einleitende Bemerkung, einleitende Frage -forderten sein Lächeln heraus infolge ihrer Ähnlichkeit mit den -Ballgesprächen in den Witzblättern. Mit nervöser Hast suchte er in seinem -Kopfe nach einem Gedanken, den er hätte anbringen können. Er hätte sich -gern geistreich, witzig gezeigt. Er hätte den Mädchen gern etwas mit nach -Hause gegeben, ein kleines souvenir de Ginstermann, etwas, das sie noch -beschäftigte, während sie sich entkleideten. Etwas Frappierendes, das sie -kopfschüttelnd zu fassen suchten, ein schönes Wort, das noch auf der -Schwelle ihres Schlafes vor ihnen schimmerte. - -Aber seine Gedanken schleppten altes Zeug herbei, das einem jeder von den -Lippen ablas, wenn man es aussprechen wollte. Oder Einfälle, die er früher -irgendwo geäußert, und suchten ihn zur Kolportage seiner eigenen Gedanken -zu verführen. - -Was sollte er diesen Mädchen sagen? - -Sollte er ihnen einen Vortrag halten über die Schuld im modernen Drama, -über die Phonetik des Dialogs? - -Über die seelische Armut eines Mädchens aus guter Familie? Über Bücher, -Theater, Musik? - -Sollte er ihnen die Grimasse der modernen Gesellschaft mit höhnenden -Strichen skizzieren? - -Sollte er ihnen sagen: Meine Damen, so kahl wie dieser Baum hier ist unsere -Zeit an Schönheit und dem Wunsche nach ihr. Aber es werden Generationen -kommen, deren Schönheitsdurst so gewaltig sein wird, daß man das -herrlichste Weib des Landes, nackt, auf geschmücktem Wagen durch die Stadt -führen wird. - -Was sollte er sagen? Sollte er sagen --? - -So sehr er sich bemühte, er fand nichts. - -Er hatte es verlernt, mit Menschen zu verkehren, mit jungen Damen angenehm -zu plaudern. Die Jahre seiner Einsamkeit hatten ihm die Lippen -verschlossen. - -Wußte er, was diese Mädchen interessieren konnte? - -»Ach, wie entzückend!« tief Fräulein Scholl plötzlich aus und blieb stehen. -»Ist es nicht herrlich?« - -Der Marmorpalast der Akademie lag vor ihnen. - -Vom bleichen Lichte des Mondes durchstrahlt, umgeben von dunklen -Häusermassen, stieg er empor aus wipfelkahlen Bäumen wie ein heiliges -Denkmal, durch eine Luftspiegelung aus einer herrlichen Welt -herübergetragen. In seiner mehr denn totenhaften Stille, die nicht mehr das -Ohr, nur die Phantasie faßte, in seiner sanften Schönheit stand er -außerhalb alles Irdischen, außerhalb der Zeit, bereit, jeden Augenblick zu -versinken und trivial-praktische Häuserklumpen zu enthüllen. - -Ginstermann wußte: Das ist der Palast eines gewaltigen Königs. Der König -ist gestorben und liegt aufgebahrt auf dunklem Sarkophage inmitten des -Palastes. Zu seinen Füßen kauert sein Weib. Pechpfannen umflammen das -Lager. Und morgen wird der Palast in Flammen stehen, und den Platz werden -Menschen erfüllen, tränenlos in ihrer Trauer, als ein starkes Volk. Und -Priester werden das Blut von tausend Kriegern in die rauchenden Trümmer -gießen, dem Geliebten zu opfern. - -»Ist es nicht überwältigend?« flüsterte Fräulein Scholl. - -»Es ist schön,« sagte Ginstermann. - -Fräulein Schuhmacher streifte ihn mit einem Blicke, wie um die Gedanken zu -erraten, die er ihnen vorenthielt. - -Fräulein Scholl wohnte in der Schackstraße. Sie begleiteten sie bis zur -Türe, dann gingen sie weiter. Die Leopoldstraße hinunter. - - * * * * * - -Sie gingen nun allein. - -Mit der Entfernung der Freundin war die Last auf Ginstermanns Seele um das -Doppelte gewachsen. - -Seine Verwirrung steigerte sich, und er fühlte, wie er die Herrschaft über -seine Gedanken verlor. Vergebens strengte er sich an, seine Gefühle zu -entwirren. Er empfand wiederum den schwindelartigen Zustand, der ihn -ergriff, als er aufstand, um den Damen seine Begleitung anzubieten. -Gewohnt, immer Herr der Situation und seiner selbst zu sein, empfand er ihn -als eine demütigende Peinigung. Es war ihm, als habe man ihn in eine -Narkose versetzt, gegen die sich seine halbbetäubten Sinne erfolglos -sträubten. - -Gleichsam ohne selbständigen Willen schritt er neben diesem Weibe einher. -Einem Trabanten ähnlich, der in die Bahn eines mächtigen Sternes geriet. -Die Seele dieses Weibes hatte sich der seinigen bemächtigt und lockte ihn -mit der Gewalt ihres Rätsels. - -Diese Situation, das Schweigen, aus dem man heraushören konnte, was man -wollte, wurde ihm unerträglich. - -Er richtete sich auf, steckte die Hände in die Manteltaschen, bemüht, sich -vor sich selbst das Aussehen eines gleichgültigen Menschen zu geben. - -Er hörte ihre Schritte über den Boden gleiten, ihre Kleider rauschen, er -bemerkte jede Bewegung ihres Kopfes, ihrer Hand, ohne jedoch sein volles -Bewußtsein zurückfinden. - -Die Straße war schnurgerade, wie ein Lineal. Blendend weiß in der Nähe, von -düsterem Rauch erfüllt in der Ferne. Beschneite Pappeln flankierten sie, -die ihnen in langsamem Zuge entgegenpilgerten. - -Dann und wann krauchte ein Schatten heran. Die Helmspitze eines -Schutzmannes blitzte auf. Eine Katze überschritt geschmeidig die Straße, -behutsam Pfote um Pfote in den Schnee setzend. - -Jeder, der an ihnen vorüberkam, blickte sie an. War es ein Herr, so -musterte er zuerst seine Begleiterin, dann ihn; war es eine Dame, so galt -ihm der erste Blick. Alle dachten sich etwas. Sie dachten, es sind -Liebesleute, die sich gezankt haben und nun still, voneinander entfernt -ihre Straße gehen. Oder sie dachten, es sind Leute, denen die aufkeimende -Liebe die Lippen verschließt und schwermütige Gedanken eingibt. - -Während seine Sinne dies mechanisch beobachteten, rang seine Seele mit der -fremden Gewalt, die auf ihn eindrang. - -Er wollte froh sein, wenn er wieder allein war. Auf der andern Seite jedoch -fürchtete er diesen Moment und suchte er nach Möglichkeiten, ihn -hinauszuschieben. Mit ärgerlichem Schrecken dachte er daran, daß er zum -ersten und voraussichtlich zum letzten Male neben diesem Weibe ging, das -seiner Seele nicht gleichgültig war. Und daß er es nicht verstanden hatte, -diese günstige Lage auszunützen, das Wesen dieses Mädchens zu ergründen, -und dadurch seine Gedanken vor der peinigenden Gier zu behüten, mit der sie -ein ungelöstes Rätsel zu umkreisen pflegten. - -Da vernahm er plötzlich ihre Stimme. - -Er verstand ihre Worte nicht und mußte sich erst ihren Klang ins Gedächtnis -zurückrufen, bevor er sie erfaßte. - -»Kennen Sie denn meine Gedichte?« antwortete er lächelnd, erfreut, daß das -Stillschweigen gebrochen war. - -Sie hatte gesagt: Ich kenne ein Gedicht von Ihnen, Herr Ginstermann, das -sehr schön ist. - -»Ja,« erwiderte sie, »ich habe sie gelesen. Ein Herr machte mich darauf -aufmerksam. Viele sind mir zu herb, zu bitter, aber dieses eine ist sehr -schön, und ich empfand das Bedürfnis, Ihnen das zu sagen, bevor wir uns -trennen. Es heißt: Martyrium.« - -»Das war mein erstes, Fräulein Schuhmacher.« - -»Ihr erstes?« - -»Ja. Ich trottete meine Straße. Da kam es. Ganz von selbst, ich hatte -früher nie Verse geschrieben.« - -Sie schwieg und blickte sinnend zu Boden. - -Da erschrak Ginstermann. Diese wenigen Worte erlaubten ihr, eine Menge -Schlüsse auf sein damaliges Innenleben zu ziehen. - -»Der Gedanke ist schön, und das Bild ist schön,« fuhr sie leise fort, »es -hat einen tiefen Sinn. Ich kenne kein Gedicht, das einen so tiefen Eindruck -in mir hinterlassen hätte.« - -Er wußte, daß dieses Gedicht gut war, zu seinen besten gehörte. Aber keine -einzige Besprechung hatte es besonders hervorgehoben. Um so seltsamer -erschien es ihm, daß sie darauf gekommen war. - -Das Gedicht war sehr einfach. Ein Mann, der vor einem Weibe in unverhüllter -Schönheit kniet, bittet es, ihm den Dornenkranz der Liebe, mit dem es ihn -krönt, tief, tief ins Haupt zu drücken. - -»Hier bin ich nun zu Hause,« sagte Fräulein Schuhmacher und blieb stehen. - -Sie standen vor einer Villa in modernem Stile, deren originelle Architektur -Ginstermann schon früher aufgefallen war. Zwei Fenster der ersten Etage -waren matt erhellt, als läge ein Kranker im Zimmer. - -Ginstermann griff an den Hut, da es sich nicht schickt, eine Dame vor der -Türe noch zu verhalten. - -Aber sie schien es nicht zu bemerken. - -Ihr Blick ruhte auf seinem Antlitz, und wieder gewann er die Vorstellung, -als suche sie nach irgend etwas. - -»Wir sahen uns übrigens schon einmal,« begann sie von neuem, und ihr Blick -traf voll den seinigen. - -An diesem Blicke erkannte er sie. - -Hier ist ein Mensch! dachte er, freudig erschreckend. Er fühlte, wie die -Erregung in langer Welle durch seinen Körper lief. - -Diese Augen waren hell und durchsichtig, als brenne ein Licht hinter ihnen. -Er wußte, hinter diesen Augen wohnt jemand. - -»Ja, im Hoftheater,« erwiderte er, und er lächelte und blickte ihr in die -Augen. Es erschien ihm, als seien sie langjährige Bekannte. - -»Ich verwechselte Sie damals mit jemandem,« fuhr sie fort, und ihre Lippen -zuckten sonderbar, als unterdrückte sie ein Lächeln. - -Er habe das sofort bemerkt. - -Fräulein Schuhmacher blickte zum Himmel empor, aus dem große nasse Flocken -fielen. - -»Es taut,« sagte sie, »ich glaube, es wird nun wirklich Frühling.« - -Das klang einfach, aber eine krankhafte Sehnsucht nach dem Frühling lag in -dem Tone ihrer Stimme und den Blicken, mit denen sie die großen Flocken -verfolgte. - -Dann bot sie ihm die Hand, indem sie ihm für die Begleitung dankte. Sie sah -ihn dabei an, aber es schien, als blickte sie durch ihn hindurch. - -Ginstermann entgegnete: »Ich danke, Fräulein Schuhmacher.« Das »Ich« -betonend. - -Sie blickte ihn mit leichter Verwunderung an. - -Er aber wiederholte: »Ich danke.« In der gleichen Betonung. - -Da drückte sie ihm die Hand, jedoch ohne eine andere Sprache als die der -Höflichkeit einer modern denkenden Dame. - -»Adieu,« sagte sie, »auf Wiedersehn.« - -»Adieu,« sagte er. - -Sie nickte und ging. Im Augenblick war sie verschwunden. - -Ein dunkles, schweres Tor glitt lautlos hinter ihr ins Schloß, lautlos, -unaufhaltsam. - -Ginstermann stand allein auf der Straße. Plötzlich fühlte er, daß es düster -und kalt war. - -Er stand noch eine Weile, dann wandte er sich und machte einige zögernde -Schritte. Etwas hielt ihn zurück. Und nun blitzte es auf. Sie hatte gesagt: -auf Wiedersehen. Sie hatte gesagt: auf Wiedersehen. Er hörte ganz deutlich -ihre geschmeidige, leicht verschleierte Stimme. Aber das allein war es -nicht. - -Er ging wieder auf die Stelle zurück, wo er sich von ihr verabschiedet -hatte, gleichsam als höre er hier ihre Stimme mit größerer Deutlichkeit in -seinem Gedächtnis wiederklingen. - -Sie hatte das »Wieder« betont. Das war es. - -Es war keine Höflichkeitsformel, mechanisch gesprochen. In dieser Betonung -lag der Wunsch, ihn wiederzusehen und zugleich eine gewisse Freude, ihn -kennen gelernt zu haben. - -Nun erst ging er seiner Wege. - -Nach geraumer Zeit bemerkte er, daß er die verkehrte Richtung eingeschlagen -hatte. - -Er machte Kehrt und überschritt, als er sich der Villa näherte, die Straße, -um nicht gesehen zu werden. - -Im Eckzimmer der ersten Etage war Licht. Rötliches, sanftes Licht, das -durch das geöffnete Fenster wie feiner Dunst in die Straße hauchte. - -Er erschrack, ohne zu wissen weshalb, als er es bemerkte. - -Da wanderte die Flamme einer Kerze an den dunklen Fenstern der anstoßenden -Zimmer vorbei und verschwand in dem Zimmer, das matt erleuchtet war. - -Ginstermann stand, verborgen im Schatten einer Pappel, und wartete. Er -wartete lange und in sonderbarer Erregung, als spiele sich in dem Zimmer da -droben etwas ab, was entscheidend für sein Leben sei. Und doch war es nur -der Besuch eines Kindes bei seiner Mutter, vor dem Schlafengehen. - -Die großen, weißen Flocken fielen langsam auf ihn herab, ihn gleichsam -durch ihr geheimnisvolles, sanftes Abwärtsgleiten in einen Zustand der -Betäubung versetzend. - -Das Licht erschien wieder und wanderte an den Gardinen vorüber. Aus seinem -Auf und Ab erkannte er ihren Schritt. Er bildete sich ein, das Schließen -einer Türe zu vernehmen. - -Und nun erschrak er, daß er unwillkürlich tiefer in den Schatten -zurücktrat. - -Sie war ans Fenster gekommen. Und sie blickte genau auf den Baum, der ihn -verbarg. - -Etwas wie eine tödliche Angst packte ihn, sie könne ihn durch den dicken -Baum hindurch bemerken. - -Zum ersten Male sah er, wie schlank sie war! - -Endlich wandte sie den Kopf, und er atmete auf. - -Sie trat zurück und schloß das Fenster. Er hörte es, als stände er dicht -darunter, über ihre Hand, die den Knopf drehte, flossen die Vorhänge -zusammen, und fingen den Schatten ihrer Gestalt auf. - -Das Verlangen erfaßte ihn, irgend etwas zu unternehmen, zu rufen, irgend -etwas zu rufen, nur um sie noch eine Sekunde zurückzuhalten. - -Da wurden die Vorhänge licht. - -Er ging nach Hause. - - - - -III. - - -Ginstermann verlebte die folgenden Wochen in gewohnter Zurückgezogenheit. - -Wie früher ließ er sich des Mittags seine Mahlzeit auf das Zimmer bringen, -um nicht genötigt zu sein, in einem lärmenden Lokal zu speisen und mit -gleichgiltigen Leuten ein Gespräch führen zu müssen. Nur des Abends, wenn -die Dämmerung herabsank, und es dunkler war, als wenn alle Lampen in den -Straßen brannten, verließ er zuweilen das Haus, um einen kurzen Spaziergang -zu unternehmen. Diese Spaziergänge benutzte er dazu, sich in Gedanken auf -die Arbeit des Abends vorzubereiten. - -Die Ereignisse jenes Abends hatten ihm zu denken gegeben. - -Zu nüchterner Vernunft zurückgekehrt, hatte er mit Erstaunen wahrgenommen, -mit welcher Schnelligkeit er die Herrschaft über seine Seele verloren. Wenn -er sich daran erinnerte, wie er hinter der Pappel stand und auf das -schlanke Mädchen am Fenster blickte, so sah er gleichsam einen Fremden vor -sich, dessen Gebaren er kopfschüttelnd und mitleidig lächelnd beobachtete. - -Er erklärte sich diese Erregung als eine Reaktion seines Gehirns, das sich -seit Jahren in rastloser Tätigkeit befand, immer auf der Flucht vor alten -und der Jagd nach neuen Gedanken, sich kaum die notdürftigste Ruhe und -Zerstreuung gönnend. - -Jenes unscheinbare Erlebnis war für ihn das gewesen, was für den Nüchternen -ein Schluck Wein ist, es hatte ihn berauscht. -- - -Ginstermann hatte früher ein Leben ohne Maß und Ziel gelebt, teils von -seinen lebendigen Sinnen getrieben, teils von dem Wunsche, den Hunger -seiner Seele an möglichst vielen Eindrücken zu stillen. Erst seine reisende -Erkenntnis gebot ihm eine Regulierung seiner Lebensweise, wenn er seine -Seele nicht durch Erinnerungen überlasten wollte. - -Sie riet ihm zur Vorsicht angesichts der Empfindsamkeit seiner Seele, die -eine Leidenschaft in jungen Jahren noch gesteigert hatte. - -Jahre der Einsamkeit und Verinnerlichung ließen Erkenntnisse in ihm reifen, -die ihm Welt und Menschen in neuem Lichte zeigten. - -Er erkannte, daß das, was man im allgemeinen Leben nannte, ärmlich und -nüchtern war gegen ein Leben in der Phantasie, gegen die Beschäftigung mit -den ewigen Ideen, die geheimnisvoll die Jahrtausende regieren, das Tun der -Menschen bestimmen. - -Nach und nach war er zur gänzlichen Unfähigkeit gelangt, mit den Menschen -zu verkehren. - -Er verachtete, er bemitleidete sie. - -Sie waren ihm zu wenig Luxuswesen, zu wenig Dichter, ohne freie Gefühle, -ohne den Wunsch nach Flügeln. Ihre Ziele waren klein und kläglich und -reichten nicht über den Tag hinaus. Die gesicherte Existenz im Himmel hatte -sie vergessen lassen, daß der Mensch auch auf der Erde etwas zu vollbringen -hatte. - -Seine Geschlechtsgenossen waren ihm nicht sympathisch. Ihre rohen Sinne, -ihre Lüsternheit, ihre vergiftete Phantasie stießen ihn ab. Die -Widerstandslosigkeit, mit der sie sich den von der Masse diktierten -Gesetzen und ihren Trieben unterwarfen, machte sie ihm erbärmlich. - -Das Weib schien ihm erst auf einer Durchgangsstufe zum Menschen angelangt -zu sein. Das Unklare, Vorurteilsvolle, das Spekulierende, das wenig -Schöpferische, seine Freude an glitzernden Dingen ließen es ihm als ein -Wesen erscheinen, das um tausend Jahre hinter dem Manne zurück war und sich -nicht Mühe gab, diesen Vorsprung einzuholen. Es lebte von den Erkenntnissen -des Mannes, ohne dies einzugestehen und ihm Dank zu wissen, es lebte von -seiner Seele, ohne ihm etwas dagegen zu geben. - -Auf die Suche zu gehen nach einem Gefährten, einer Gefährtin, hatte er -schon lange aufgegeben, da ihn die Erfahrung lehrte, daß in jedem neuen -Menschen wieder der alte steckte, dem er mißmutig und gelangweilt den -Rücken gedreht hatte. - -Nicht als ob er in Zeiten geistiger Ebbe nicht unter seiner Vereinsamung -gelitten hätte. Es geschah manchmal, daß er des Nachts mit fiebernden Augen -in die wogenden Visionen seiner Phantasie starrte, und gleichzeitig sein -Herz in ihm vor Hunger und Sehnsucht pochte. - -Er war entstanden aus Mann und Weib und deshalb zerklüftet. Er hatte das -empfindsame, lebensfrohe Gemüt seiner Mutter geerbt und den hochmütigen -Verstand seines Vaters. Diese beiden, Gemüt und Verstand, lebten in -ungleicher Ehe. Er pflegte über seine weichen Empfindungen spöttisch zu -lächeln. Er stand skeptisch jeder Erscheinung gegenüber und entkleidete sie -des Tandes, mit dem gutmütige Dummköpfe sie geschmückt. Im Grunde seiner -Natur aber lebte das Bestreben, alle Dinge wiederum zu verklären und mit -einem Schmucke zu versehen, wie ihn seine Seele liebte. - -In den folgenden einsamen Abenden, die ihm eine ruhige Sammlung seiner -Gedanken erlaubten, gelang es ihm, die Fremdkörper wiederum auszuscheiden, -die seiner Seele gefährlich zu werden gedroht hatten. - -Er machte Nachträge in sein Tagebuch, revidierte seine Aufzeichnungen, -blätterte in alten Manuskripten, ließ wieder und wieder die ewigen Fragen -Revue passieren, nach neuen Gesichtspunkten, neuen Perspektiven suchend. - -Indem er die Entwicklung seines inneren Menschen überblickte, erkannte er -mit Deutlichkeit, daß sein Weg in die Höhe führte. Abgründe lagen zwischen -ihm und der Welt. Und alle Brücken waren gefallen. Er hatte ihre Irrtümer -und Götzen überwunden. - -Mit Genugtuung bemerkte er, daß er gewachsen war, seit er sich das letzte -Mal sah, daß seine Seele fortfuhr, ihr Licht in die Finsternis zu -schleudern. - -Und mit dieser Erkenntnis kam frischer Mut über ihn und neuer Stolz. Ein -ungestümer Schaffensdrang erfüllte sein Wesen. Fiebernd vor Schaffensfreude -und Finderglück verbrachte er seine Tage und Nächte. - -Draußen schneite und stürmte es. Es war ihm gleichgültig, ob das Jahr -vorwärts oder rückwärts ging. - -Der Vorfall von neulich entwich in weite Fernen und verlor an Leben und -Bedeutung. Das schlanke Mädchen tauchte nur dazwischen in seinen Gedanken -auf und versuchte ihn mit großen, schimmernden Augen zu bannen. Aber sie -brachten ihm keine Gefahr mehr. Blick und Farbe erloschen, sobald er es -wollte. - -Und nur, wenn sein Gehirn müde war von langer Arbeit, stieg der Wunsch in -ihm auf, das Mädchen wiederzusehen, sich zu erfreuen am Klange dieser -Stimme, der Klarheit dieser Augen. Aber des Morgens erwachte er stets -heiter, sorglos und ohne Wünsche. - -Der Wert jenes Weibes verringerte sich keineswegs in seiner Vorstellung. Er -war überzeugt, daß sie einen reiferen, höheren Typus repräsentierte, als -ihre Schwestern, die er kannte. - -»In seinem Herzen jedoch wohnte die Sehnsucht nach einem Weibe hinter den -Sternen. Singe hieß sie, das ist: ich bin nicht.« - -Seine Gefühle gehörten den Gestalten, die er schuf, seine Gedanken gehörten -ihnen. - -Seine Seele gehörte seiner Arbeit, seinem Ziele. - - - - -IV. - - -Es war nun wirklich Frühling geworden. - -Finsternis und Rauch des Winters waren verschwunden, und die Kälte vorüber, -die einem wie eine Katze ins Genick sprang, wenn man das Haus verließ. - -Über den Häusern wölbte sich ein wolkenloser Himmel gleich einer ungeheuren -Flagge von blaßblauer Seide. Weiche, laue Luft hauchte durch die Straßen. -Die Stadt erschien wie aus einem klaren, duftenden Bade gestiegen. - -Die Trottoire waren reingefegt von Sand und Schlacke, erfüllt von -Spaziergängern. Jeder, dem es möglich war, ging zu Fuß, um die herrliche -Luft und die wärmende Sonne zu genießen. Man trug Kleider von hellerer -Farbe, und aus den Herzen der Menschen war der Mißmut entwichen, den der zu -Ende gehende Winter erzeugt. Aus ihren Augen spiegelte der junge blaue -Himmel. Wagen, besetzt mit Frauen und Kindern in schmucken -Frühlingsgewändern, flogen an den Spaziergängern vorüber, und aus den -Gesichtern der Insassen strahlte die Freude, bald den Wald und die Wiesen -zu sehen. - -Ginstermann hatte den Entwurf seines Dramas beendigt und benutzte das -verlockende Wetter, um sich zu erholen, neue Kraft und neuen Blick für die -Ausarbeitung zu gewinnen. Er wanderte stundenlang in den Straßen umher, mit -wachen Augen und Ohren für alles, was um ihn vorging. - -Er trug einen hellen Sommeranzug, der ihn ganz veränderte. Mit seinen -schwarzen Augen und Haaren, dem elfenbeingelben Teint seines schmalen -Gesichtes erschien er wie ein Südländer. Die ewige Zigarette im Munde, -schlenderte er einher, wie einer, der den ganzen Tag nichts zu tun hat, als -spazieren zu gehen und Zigaretten zu rauchen. - -Auf einer dieser Promenaden -- es war gegen Abend -- sah er sie. Fräulein -Bianka Schuhmacher. - -Und ein eigentümliches Erschrecken durchlief ihn, als er sie gewahrte. - -Eine schlanke Dame ging mit einem Herrn über den Odeonsplatz. Gestalt und -Gang dieser Dame riefen augenblicklich das Bild von Fräulein Schuhmacher in -ihm wach. - -Voller Spannung sah er sie näherkommen. - -Sie trug ein graues Jackett, das ihr bis an die Knie reichte, einen kleinen -schwarzen Hut mit silbergrauem Schleier herum. - -Sie bemerkte ihn nicht, sie plauderte eifrig und vergnügt mit ihrem -Begleiter. Dieser war schlank, schmalbrüstig, größer noch als sie, mit -hübschem, für einen Mann zu hübschem Gesicht, dessen Teint an den eines -Kindes erinnerte. Er trug einen dünnen blonden Schnurrbart, und über seine -Wange lief ein haarfeiner Schmiß. - -Kleidung und Bewegungen verrieten den Mann der feinen Gesellschaft, dem der -Sinn für das Korrekte, Tadellose angeboren ist. - -Sie gingen nun gegenüber von ihm, eine Straßenbreite entfernt. - -Der blonde hübsche Herr schüttelte leicht den Kopf voller Vergnügen über -eine Bemerkung seiner Dame. - -Er hörte das Mädchen sprechen und den Herrn antworten. Er verstand nichts, -nur, daß er »Du« zu ihr sagte. - -Da hielt sie plötzlich im Plaudern inne, und ihr Blick traf unvermittelt -den seinigen. Groß, ruhig, mit einem verborgenen Lächeln in den Augen sah -sie ihn an. - -Er zog den Hut. - -Sie dankte, aber mehr mit den Augen als dem Neigen des Kopfes, das kaum -wahrnehmbar war. - -Der blonde hübsche Herr grüßte hastig und tief, ja mit einem gewissen -Respekte, wie um durch die Achtung, die er einem Bekannten seiner -Begleiterin zeigte, ihr seine eigene Ehrerbietung auszudrücken. - -Ginstermann überschritt unwillkürlich die Straße, um den beiden unauffällig -nachsehen zu können. - -Sie waren bei einer Kunsthandlung stehen geblieben, und er bemerkte, wie -Fräulein Schuhmacher den Kopf nach ihm wandte, während sie plauderte. Er -blickte aber im selben Moment weg und tat, als habe er es nicht bemerkt. - -Das Merkwürdige war, daß ihre Blicke ihn nicht auf der anderen Seite der -Straße gesucht hatten. - -Eine Weile kämpfte er mit der Versuchung, den beiden zu folgen und ihnen -nach geraumer Zeit wie zufällig wieder zu begegnen. Allein es kam ihm -schülerhaft, seiner unwürdig vor, und er setzte seinen Weg fort. Er blickte -sich auch nicht mehr um, obschon es ihm eine förmliche Anstrengung kostete, -seinen Kopf gerade zu halten, den eine unsichtbare Hand zu drehen -versuchte. - -Aber seine Gedanken, die eben noch wie wohlerzogene Kinder gefolgt hatten, -vermochte er nicht mehr zu lenken. - -Sie gingen mit den beiden durch die Straßen, blieben mit ihnen bei den -Auslagefenstern der Magazine stehen, lauschten auf ihre Gespräche und das -vertrauliche »Du« des hübschen Herrn. - -Zu Hause angelangt, versenkte er sich in sein Manuskript, überzeugt, daß er -sich dadurch zur Ordnung zwinge. Er sah sich getäuscht. - -Seine Gedanken fuhren fort, neben den beiden einherzugehen, sie traten mit -ihnen in die Geschäfte, beteiligten sich an der Auswahl des Gegenstandes -und schlüpften zwischen ihnen und der Verbeugung des Kommis zur Türe -hinaus. Sie stiegen mit ihnen in eine Droschke, sahen zu, wie sie an einem -tadellos gedeckten Tisch, an dem noch einige andere Leute saßen, dinierten. -Sie hörten sie plaudern, mit den Bestecken klappern, beobachteten, wie die -Tafel aufgehoben wurde, und man sich zur Ruhe in Sessel niederließ. Das -alles, während er Worte vor sich las, die nur zögernd blasse und -unzusammenhängende Eindrücke erweckten. - -Ärgerlich über sich sprang er endlich auf und nahm den Hut. Aber mitten auf -der Treppe wandte er wieder um und kehrte in sein Zimmer zurück. - -Er lächelte über sein Betragen. - -Weshalb sollte er eigentlich fortlaufen, fragte er sich. - -Was kümmerte ihn dieses Mädchen? Was kümmerte ihn ihr Verlobter? - -Daß jener hübsche blonde Herr mit seinem rosigen Teint der Verlobte von -Fräulein Schuhmacher war, erschien ihm außer Zweifel. Die respektvolle -Vertraulichkeit, mit der er mit ihr plauderte und lachte, die ihr geltende -Achtung, mit der er vor ihm den Hut gezogen, bewiesen ihm das zur Genüge. - -Aber was kümmerte ihn das? - -Sollte ihm das Mädchen deshalb begehrenswerter erscheinen, weil ein anderer -seine Seele besaß? - -Zudem hatte sie ihn ja kaum gegrüßt, als scheue sie sich, ihrem Verlobten -merken zu lassen, daß dieser Mensch in seinem lächerlichen Sommeranzug sie -kenne. - -Unerklärt blieb allerdings, weshalb sie sich nach ihm umgewendet hatte. - -Aber das war nicht von weiterer Bedeutung. - -Vielleicht in Gedanken, vielleicht um zu sehen, ob er ihr und ihrem -hübschen Kavalier nachgaffe. Vielleicht hatte sie zu ihm gesagt: Du guck, -das ist der, der das Gedicht »Martyrium« geschrieben hat. - -Und der Blonde hatte geantwortet: Der mit den niedergetretenen Absätzen? - -Und sie hatten gelacht. - -Hatte er nicht deutlich ein Lächeln in ihren Zügen aufsteigen sehen, das -sie Mühe hatte, so lange zu unterdrücken, als er herblickte? - -Auf- und abgehend, erfand er einen Dialog, in dem die beiden über ihn -witzelten. Dadurch geriet er allmählich in eine heitere Stimmung, die ihm -über den Vorfall hinweghalf. - -Er setzte sich an seine Arbeit, und nun hatten die Repliken plötzlich Klang -und Sinn. Er arbeitete bis spät in die Nacht hinein und legte sich -zufrieden mit sich nieder, noch während des Einschlafens mit dem Schicksale -seiner Gestalten beschäftigt. -- - -Am anderen Morgen fand er ein Billett im Briefkasten. Es hatte folgenden -Inhalt: Weshalb sah man Sie denn solange nicht mehr? Ich vermutete, Sie -seien erkrankt. Gruß, auf Wiedersehen, Bianka Schuhmacher. - - - - -V. - - -Die Leopoldstraße ist eine schöne Straße. - -Jeder, der sie kennt, wird das zugeben müssen. - -Zu beiden Seiten stehen Paläste und Villen in endloser Reihe, von Gärten -umgeben, die ein geschulter Gärtner pflegt. Die Portale sind massiv, von -kunstvoller Schmiedearbeit, vergoldet, jedes in seiner Art ein vollendetes -Werk. Die Fassaden verraten das verfeinerte Auge des Architekten in -Proportionen und Schmuck. - -Das sind nicht Häuser, in denen die Menschen schlafen, kochen und sich vor -Kälte und Nässe schützen, das sind Heime, in denen die Menschen leben. - -Hier gibt es kostbare Gardinen mit verschwenderischen Falten, hier blickt -das Auge in stilvoll eingerichtete Zimmer mit schimmernden Rahmen an den -Wänden. - -Feine Leute erscheinen an den Fenstern, feine Leute kommen die Stufen -herab. Die Herren in Uniform, mit Seidenhüten, die Damen in süßfarbenen -Toiletten mit geschmeidigen, wohltuenden Bewegungen, den Abglanz der -Sorglosigkeit auf dem gepflegten Antlitze. - -Die Pappeln stehen in geordneten Reihen, ehrwürdig, ein hundertjähriges -Geschlecht, bilden sie Spalier, gleichsam um die Fußgänger vor den -vorbeirollenden Wagen zu schützen und vor dem Anblick der rohen, -schwitzenden Arbeit zu bewahren. Es ist, als ob die freie Natur, der Wald, -das Feld hereingepilgert kämen. Sie sind der Anfang eines Weges, der auf -die Wiesen führt, und man fühlt sich gleichsam entfernter von der -fauchenden, surrenden, stauberfüllten Stadt. - -Im beginnenden Frühjahr bot die Straße ein berückendes Bild. Die Bäume, die -Sträucher schlangen ihre frischgrünen Zweige in zierlichen Tanzgesten um -die harten Ecken der Häuser, so daß Paläste und Villen den Eindruck -erweckten, als hätten die Maler sie ersonnen, nicht die Architekten gebaut. -Die Pappeln begannen zu knospen, und ab und zu schlüpfte ein kleiner Vogel -aus ihrem Geäste. - -Ginstermann hatte an all dem Gefallen. - -Schon früher war er gerne diese vornehme Straße hinabgegangen, in der -letzten Zeit kam er öfter heraus. Wenn er gerade Zeit hatte. Des Mittags, -um sich in der Sonne zu wärmen, des Abends, um die süße Luft zu schlürfen, -die schon gewürzt war von dem Duft der Blumen und Sträucher, die noch gar -nicht blühten. Und hier außen war die Luft auch klarer als in den Straßen -der Stadt, die nach dem Dunste und Schweiße des Tages rochen. - -Auch war es angenehm, hier zu gehen, wo man nicht von Vorbeieilenden -angerannt wurde, wo nicht das ununterbrochene Rufen, Pfeifen und Klingeln -jede Melodie ertötete, die leise aus dem Innersten des Empfindens sang. - -Er wollte sich etwas erholen, sein Blut von den schädlichen Stoffen -reinigen, die der dumpfe Winter und das ewige Zimmersitzen in ihm -erzeugten. Deshalb gönnte er sich diese Spaziergänge. Zudem arbeitete er, -während er ging. Er trug stets ein Notizbuch bei sich, in das er alles, was -ihm bemerkenswert schien, verzeichnete. Und vielleicht würde er auch -Fräulein Bianka Schuhmacher treffen. Ein Paar Worte mit ihr wechseln -können, oder sie würde am Fenster stehen, und er konnte zu ihr -hinaufgrüßen. - -Jedesmal, wenn er sich ihrem Hause näherte, überschritt er die Straße und -setzte auf der anderen Seite ebenso gemächlich seine Wanderung fort, als -sei er ganz zufällig über die Straße gegangen, und stände dort drüben nicht -eine Villa, deren Fenster man von hier aus unauffällig überfliegen konnte. - -Dabei erfüllte ihn stets eine prickelnde Angst, der gefürchtete und -ersehnte Moment könne eintreten. So sehr er sich freute, sie zu sehen, so -unangenehm wäre es ihm auf der anderen Seite gewesen, von ihr gesehen zu -werden. - -Hie und da unternahm er auch noch des nachts einen Spaziergang hier heraus, -um nachzusehen, ob das Eckzimmer beleuchtet war. Brannte Licht, so war er -befriedigt. Er wußte, sie ist da droben, liest, schreibt oder träumt, -verspotteten ihn aber die weißen Gardinen der dunklen Fenster, so wurde er -unruhig und machte sich alle möglichen Gedanken. - -Dazwischen wiederum vergingen Tage, ohne daß er sein Zimmer verließ. -Hartnäckig blieb er zu Hause. Sein Betragen erschien ihm albern und -kindisch. Sein Stolz erwachte. Sein wahnwitziger Stolz, der es für -entwürdigend hielt, sich mit einer anderen Person zu beschäftigen als der -eigenen. - -Dieser Stolz rief ihm zu: Bist du es, Ginstermann? Bist du des Alleinseins -schon müde? - -Dann vergrub er sich wieder in seine Arbeit, grübelte er über seinen -Problemen und wandelte er auf der freien, selbstherrlichen Höhe seiner -Vernunft. - -Aber da war eine Sehnsucht in ihm, die zuerst leise nagte, pickte, dann -pochte, brauste, um endlich wie ein Sturm durch ihn zu fahren, der ihn vor -sich hertrieb. - -Er erschien wieder in der Nähe der Villa, morgens, mittags, nachts. - -Er schrieb in Gedanken tausend Billette, um sich ihr zu nähern. - -In trockenem, sachlichen Tone dankte er ihr darin für ihren Gruß und grüßte -er sie wieder. - -Hätte er nicht das Recht dazu? Hatte sie ihm nicht ebenfalls geschrieben? - -Aber er zerriß sie auch alle wieder in Gedanken und warf die Schnitzel -sorgfältig in den Ofen. Er, jener Ginstermann, der die dünkelhafte -Flachheit des Weibes, sein halbtierisches Wesen in Aphorismen und Zynismen -gegeißelt hatte, die die Runde in der Bohême machten, sollte ein Billet an -eine junge Dame schreiben? Und wenn auch diese junge Dame zehnmal besser -war als ihre Schwestern, lauerte nicht das Weib in ihr? - -Was trieb ihn zu ihr? Weshalb hatte sie ihm geschrieben? Wer war sie? - -Es waren stets die gleichen Gedanken, die in seinen Reflexionen -wiederkehrten wie die Figuren eines mechanischen Theaters. - -Seine Überzeugung ging dahin, daß es das beste sei, sich von diesen Ideen -zu befreien, wenn er sich Klarheit über das Mädchen verschaffte. Würde er -sie einigemal gesprochen haben, so konnte er sich ein sicheres Urteil -bilden und demgemäß handeln. - -Aber er vermochte sie nirgends zu finden. Vermutlich saß sie in einer Laube -des Gartens, der über die Villa blickte, mit Büchern und Zeitschriften ihre -Tage verbringend. - -Zu Kapelli kam sie schon lange nicht mehr, die Büste war längst fertig. Ein -paarmal hatte sie die Bildhauersleute besucht, aber stets zu einer Zeit, wo -er abwesend war. - -Endlich löste sich das Rätsel. - -Er hatte eine halbe Nacht im Café zugebracht, um mittels Lektüre diese wie -Schildwachen in seinem Kopfe hin- und hergehenden Gedanken zu verscheuchen, -und wollte vor dem Nachhausegehen sich -- wie er es nannte -- nach ihrem -Befinden erkundigen. - -Da bemerkte er noch Licht in ihrem Zimmer. Aber es war kein Licht, bei dem -man liest oder schreibt, es war gedämpftes, sorgfältig gedämpftes Licht, -wie es in Krankenzimmern brennt. - -Er erschrak bei dieser Wahrnehmung, als sei etwas Übernatürliches -geschehen. - -Nun wußte er es: sie war krank. - -Der Schmerz übermannte ihn augenblicklich. Er nahm den Hut ab, stand starr -wie eine Säule und flüsterte: Sie ist krank. - -Er trottete nach Hause, immer wieder stehen bleibend und wiederholend: Sie -ist krank. - -In seinem kahlen, trostlos toten Zimmer angekommen, nahm er einen Blaustift -und schrieb mit großen, stumm-wehklagenden Lettern an die Wand: Sie ist -krank. - -Er blies das Licht aus. Ach, wozu brauchte er Licht. - -Er schritt in seinem Zimmer auf und ab, immerzu. - -Seine Schritte sagten: Sie ist krank. Seine Uhr sagte: Sie ist krank. -Krank, krank, knarrte eine lockere Diele. - -Draußen sang der Südwind. Der Tag graute. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Zwei Herren kommen die Granittreppe herab, gehen durch den Vorgarten -hindurch. - -Der eine ist alt, lächelt das Lächeln des Stoikers in seinen weißen Bart, -der andere ist jung, hübsch und schmalbrüstig. Er hat die rosigen Wangen -eines Kindes. - -Ginstermann steht hinter einer Litfaßsäule und beobachtet sie. Er will aus -ihren Mienen lesen, was in den Gehirnen dieser beiden vorgeht. Aber das -Gesicht des Alten ist verschlossen und verbirgt alles hinter diesem -stoischen Lächeln, das Gesicht des Jungen ist zu hübsch, um Gedanken -verraten zu können. - -Sie gehen an ihm vorüber. Der Alte sagt, mit dem Kopfe nickend, als sei er -mit einer Stahlfeder am Rückgrat befestigt: Jawohl, jawohl, jawohl. Sein -Handschuh entfällt ihm. Der Junge bückt sich rasch und gelenkig und hebt -ihn auf. - -Danke, sagt der Alte, -- jawohl. - -Sonst vernimmt er nichts. - -Er folgt den beiden. Im Abstand von zwanzig Schritten. Aber ihre -Gestikulationen sind korrekt und beherrscht, auch sie verraten nichts. - -Hinter dem Siegestor ist der Junge plötzlich verschwunden, spurlos, als sei -er in die Luft zerstoben. Der Alte aber geht langsam mit steifen -Schrittchen die Straße hinauf. Er tritt in ein Haus, verläßt es nach einer -Viertelstunde wieder. Er biegt in eine Seitenstraße, tritt abermals in ein -Haus, verläßt es nach einer Viertelstunde wieder. Das wiederholt sich -einigemal. - -Endlich verschwindet er hinter einem Portale. Er kehrt nicht zurück. Ein -großes Emailschild ist an dem Portale angebracht, darauf steht: Wirkl. -Geheimrat Prof. Dr. von Gagstetter. - -Ginstermann begibt sich in das nächstbeste Zigarrengeschäft. - -»Pardon,« sagt er, »ich will nichts kaufen, ich möchte Sie um eine -Gefälligkeit ersuchen. Das Adreßbuch, bitte sehr. Es ist da etwas -vorgekommen, man braucht einen Arzt, einen Spezialisten.« - -Eine Dame überreichte ihm das Buch. »Bitte schön,« sagt sie höflich, ihn -mit dem Interesse der Teilnahme betrachtend. - -G, g -- g -- a b c d -- g - -Gagstetter -- Spezialist für Krankheiten der Atmungsorgane. - -»Danke, vielen Dank!« - -»Bitte schön.« - - - - -VI. - - -Das gedämpfte Licht im Eckzimmer brannte nun elf Tage. - -Ginstermann ging hinaus ins Freie und machte ein Sträußchen zusammen aus -Primeln, Veilchen, Weidenkätzchen und sprossenden Buchenreisern, und was er -sonst noch auffinden konnte, Gräsern und Halmen. Auch ein winziges -Johanniskäferchen, mit kleinen schwarzen Pünktchen auf dem roten Schild, -packte er mit hinein. Diesen Strauß sandte er der Kranken. Er legte keine -Karte bei. - -Sie sollte nicht wissen, von wem er sei. Er freute sich in dem Bewußtsein, -daß sie diese Frühlingskinder in die Hände nahm, ihren Duft einsog und vom -Frühling und der Genesung träumte. Auch glaubte er ihre Gedanken angenehm -zu beschäftigen, dadurch, daß er ihnen freien Spielraum ließ, nach dem -Geber zu suchen. - -Das Licht brannte nun siebzehn, es brannte nun achtzehn Nächte. Stets -gleich gedämpft, stets gleich ruhig, es schien nicht mehr verlöschen zu -wollen. - -Aber eines Tages würde es doch verlöschen, das wußte Ginstermann. Einmal da -würden diese Fenster da droben schwarz sein, und am Tage darauf würden -Wagen vorfahren, aus denen Leute in schwarzen Kleidern stiegen. Er wußte es -ganz genau. Und während seines ganzen Lebens würden ihn zwei Gedanken -beschäftigen. Sie war das Weib, das die Natur für dich schuf, hieß der -eine, sie war es doch nicht, der andere. - -Ginstermann war Tag und Nacht auf den Beinen. Er bemühte sich, Fräulein -Scholl aufzufinden, aber es war vergebens. Er hatte vor, ein Dienstmädchen -zu bestechen, aber das wäre unfein gewesen. Hundertmal stand er vor dem -Portale mit dem Emailschild: Wirkl. Geheimrat Prof. Dr. v. Gagstetter, mit -dem Vorsatze, bei dem Arzte Erkundigungen einzuziehen. - -Was aber hätte der Arzt denken sollen? Er hätte ihm die Hand auf die -Schulter gelegt und sein kluges Philosophenlächeln gelächelt. Konnte er -seine Liebe fremde Augen sehen lassen? Im übrigen, was hätte all das -genützt? Er konnte nichts tun, als auszuharren, geduldig auszuharren. - -Manches Mal dachte er, ja schien ihm eine untrügliche Ahnung zu sagen: -Dieses Licht da droben, hörst du, mein Freund, brennt am Lager einer Toten. -Er verbrachte dann eine schwere Nacht und war glücklich, am andern Tage -nicht die Wagen mit den schwarzgekleideten Leuten vor dem Hause halten zu -sehen. - -Das Licht brannte nun einundzwanzig Nächte. - -In der zweiundzwanzigsten waren die Fenster dunkel. - -Ginstermann vermochte es nicht sofort zu fassen. Er strengte die Augen an, -ob nicht doch, ganz leise, ganz leise das Licht da droben noch schimmere. -Er wartete, er wartete. - -Die Fenster waren und blieben dunkel. Sie blieben, Gott weiß es, sie -blieben dunkel. Dunkel! Er konnte es gar nicht begreifen. - -Noch im Laufe des Abends war er hier außen gewesen. Nicht der kleinste -Umstand deutete darauf hin, daß das Unausdenkbare eingetreten sei. Heute -morgen hatte das Zimmermädchen die Fenster geputzt und dabei gesungen. - -Ginstermann fühlte sich wie befreit. Das Gespenst, das ihn eingehüllt -hatte, lange Tage hindurch, löste sich von ihm. Er atmete auf, lange und -tief. - -Langsam ging er die Straße hinab, das Glück der Erlösung genießend und die -Freude, daß es besser mit ihr ging. - -Plötzlich hörte, sah, fühlte er wieder wie früher. Der ausgeschaltete Strom -seiner Empfindungen kam wieder in Bewegung. - -Er trat in ein Café, dessen erleuchtete Fenster vor ihm lagen. Er brauchte -Licht, Menschen! Sein Glück drehte ihn im Wirbel. - -Hier war es hell, ungewohnt hell, es gab Menschen, wenn auch nicht viele. -Mit der Befriedigung eines, der eine schwere Zeit hinter sich hat, ließ er -sich auf ein Plüschsofa nieder. - -Das Café war in modernem, sympathischen Stile gehalten. Polster von -karmoisinrotem Plüsch mit schwarzen, senkrechten Streifen, Tische und -Stühle rot gelackt wie Gartenmöbel. Ein Fries nackter, einander -nachlaufender Männer mit den gleichen Bewegungen an den Wänden. Das Ganze -machte den Eindruck feierlichen Pompes. - -Das ist ein Raum für die still Glücklichen, dachte Ginstermann. - -Das Lokal war schlecht besetzt. In der Ecke, Ginstermann gegenüber, saßen -zwei junge Leute. Der eine lag phlegmatisch in seinem Sessel, die Beine -ausgestreckt, die Hände in den Hosentaschen, und lachte, wobei sich sein -Zigarrenstumpen auf und ab bewegte zwischen den Zähnen. Der andere sprach -aufgeregt, immerzu, mit der Begeisterung der ersten geistigen Gärung, er -sprach mit Händen und Füßen und warf jedesmal die Streichhölzer um, wenn er -seine Zigarette anzünden wollte. Sein Zuhörer lachte nur. - -»Ihr Menschen seid so wesenlos und schemenhaft wie die Moose auf dem -Meeresgrund,« rief der Erregte aus, »und wiederum seid ihr so dick und -unverschämt stumpf wie ein Balken!« - -Etwas im Hintergrunde saß eine Dame vor geleertem Glase, den Hut ins -Gesicht gesetzt, mit der Lektüre der Wiener Karikaturen beschäftigt. Man -sah die nackten Beine nur so strampeln. - -In einer Nische hatten ein Herr und eine Dame Platz genommen. Das Gesicht -des Herrn fiel durch leichenhafte Blässe und Bewegungslosigkeit auf und -eine Falte über der Nasenwurzel, scharf wie der Schnitt eines Messers. Die -Dame sah Ginstermann nicht, er erblickte nur den in einem enganliegenden, -stahlgrauen Ärmel steckenden Arm, wenn sie gewohnheitsmäßig in die Höhe -griff, um die Frisur zu richten. Er hörte sie dazwischen kurze Fragen -stellen und schloß aus ihrer Stimme und Betonung, daß sie geistreich war. - -Im Seitenkabinett spielten zwei Herren stillschweigend Billard. Der eine -war der Cafetier, seinem Wesen und seiner Kleidung nach. - -Ein junges, hübsches Mädchen bediente. Ihre Kollegin saß auf einem Stuhle -und war eingenickt. Sie hob nur dazwischen die schlafschweren Augenlider, -als habe sie im Schlummer das ungeduldige Klopfen des Löffels an eine Tasse -gehört. - -Es machte Ginstermann Vergnügen, all das zu beobachten, während ein Teil -seiner Gedanken unausgesetzt das glückliche Ereignis des Abends umkreiste. - -Er fühlte sich behaglich hier und brach sogar in Lachen aus, als der -Lebhafte ihm gegenüber in lachendem Zorn ausrief: »Dann nehme ich mein -Rückgrat heraus und schlage es an dir ab, mein Lieber!« - -Das hübsche Mädchen brachte ihm den Kaffee und blieb ein Weilchen bei ihm -stehen. Es war ein blutjunges Ding mit mandelförmigen Augen, aus denen die -Schwermut der Keuschheit blickte. Niemand hätte sie in dieser Stellung -vermutet. - -»Sagen Sie, Fräulein,« begann Ginstermann, »kann man nicht zu Ihrer Taufe -eingeladen werden?« - -Das Mädchen lachte und blickte ihn verdutzt an, halb argwöhnisch, eine -Keckheit hinter dieser Frage vermutend. - -Nun, sie sei doch noch so jung, daß sie unmöglich schon getauft sein könne. - -Sie brach in Lachen aus und wandte sich halb ab, nach den Gästen sehend. -Dabei klimperte sie mit dem Gelde in der Tasche ihrer schneeweißen Schürze. - -»Wir werden Sie >Rehäuglein< taufen,« fuhr Ginstermann fort -- da berührte -jemand seine Schulter. - -Es war der Akademiker Goldschmitt. »Uff, Ginstermann?« rief er aus. - -Der Maler war verblüfft, Ginstermann hier im Café zu treffen, mehr noch, -ihn bei einer Unterhaltung mit einer Kellnerin zu ertappen. Seine -Verblüffung steigerte sich aber noch, als er Ginstermanns Aufgeräumtheit -bemerkte. Er war nur gewöhnt, ihn als einen verschlossenen, düsteren -Menschen, der sein geistiges und seelisches Leben hinter einer -regungslosen, hochmütigen Miene verbarg, zu sehen. - -Ginstermann für seine Person war froh, nun jemanden zur Unterhaltung zu -haben. Er sprach und lachte immerzu. -- Er begann von den Bildern des -jungen Malers zu sprechen und lobte sie. Er gab seiner Meinung über -zeitgenössische Größen Ausdruck, die er sich erst während des Sprechens -bildete. Er legte dem Akademiker seine Anschauungen über Zweck und Ziel der -bildenden Kunst klar. Er warf ihm Händevoll Gedanken hin, die er verwerten -könne. - -Dabei dachte er an ganz andere Dinge. - -Es ging besser mit ihr, also war alles gut. - -Goldschmitt hörte aufmerksam zu und wartete auf den zündenden Funken. Er -breitete seine Pläne und Ideen vor ihm aus, ob er sie für gut finde. - -Ginstermann fand alle für gut, sogar für sehr gut. - -»Sie werden Ihren Weg machen,« sagte er und stieß mit ihm an. - -Der Maler konnte sich nicht enthalten, nach der Ursache von Ginstermanns -Lustigkeit zu fragen. - -»Ich feiere heute Geburtstag,« erwiderte ihm Ginstermann, den wahren Sinn -dieser Antwort selbst erst herausfindend, nachdem er gesprochen. - -Einige Gäste traten geräuschvoll ins Lokal, und wie auf ein Zeichen wurde -es lauter, kaffeehausmäßiger. Die verschlafene Kellnerin stand auf und ging -langsam mit schwerfälligem Wiegen der Hüften zwischen Büfett und Tischen -hin und her. Die einzeln sitzende Dame legte das Blatt aus der Hand und -begann mit unmerklich lächelnden Blicken unter dem Hute hervorzusehen. - -Der Lebhafte in der Ecke hatte ein Glas umgeworfen, das ganze Tischtuch -triefte. Er plauderte weiter, während das Rehäuglein den Schaden gut -machte. Sein Freund lachte, daß sich alle Gäste umwandten und mitlachten. -Sein Mund war rund wie ein Taler. - -»Betrachten Sie mal diesen Menschen,« sagte Ginstermann. - -Goldschmitt entgegnete: »Das ist Spiegel, er hat dieses Café hier -entworfen.« - -Das wollte Ginstermann nicht glauben. - -»Sie, Spiegel,« rief Goldschmitt über das Lokal, »haben Sie dieses Café -entworfen oder nicht?« - -Der Angerufene drehte schnell den Kopf, rief: »Jawohl!« und setzte seine -Disputation fort, ehe Ginstermann sein Gesicht sehen konnte, das ihn -nunmehr interessierte. - -Um zwölf Uhr brachen sie auf. Ginstermann war in sehr aufgeräumter Stimmung -und lachte immerzu. Er drückte dem Rehäuglein ein Zweimarkstück in die Hand -und sagte: - -»Morgen um zehn, da bin ich wieder da, und Sie werden mir dann -herausgeben.« Goldschmitt, der Knicker, gab keinen Pfennig Trinkgeld, er -sah dem Mädchen nur mit einem kurzen, warmen Blick in die Augen, den -niemand bemerkte, der nicht Ginstermanns scharfe Beobachtung besaß. - -»Bleiben Sie recht brav, Rehäuglein,« scherzte Ginstermann und schüttelte -ihr wie ein alter Bekannter die Hand. - -An der Nische vorbeigehend, in der der Herr mit seinem leichenblassen -Gesicht saß, blickte sich Ginstermann um. Zwei helle Augen, die -Ähnlichkeiten hatten mit denen von Fräulein Schuhmacher, waren auf ihn -gerichtet. Sie erblickten nicht den Mann in ihm, sie suchten nach dem -Menschen in ihm. Zu diesen Augen gehörte ein Gesicht von seltener -Häßlichkeit. - -Goldschmitt protestierte anfangs dagegen, daß Ginstermann ihn nach Hause -begleite, aber er mußte nachgeben. - -Arm in Arm gingen sie die Straße hinunter, und Ginstermann unterbrach -plötzlich das Gespräch und sagte: »Wissen Sie was, Goldschmitt, dieses Sie -ist zu fade, nennen wir uns du.« - -»Also du, wie du meinst,« versetzte der Maler. - -Vor dessen Wohnung angelangt, versuchte ihn Ginstermann, noch durch eine -neuaufgeworfene Frage zu halten. Aber Goldschmitt wollte schlafen gehen, er -müsse morgen zeitig heraus. - -»Eines will ich dir noch sagen, Ginstermann, wenn du wieder ins Café -kommst, so gieb dem Mädchen kein Trinkgeld. Du sollst ihr kein Trinkgeld -geben. Das Mädchen ist meine Braut. Aber -- notabene -- nicht daß du meinst --- -- gute Nacht.« -- - -Ginstermann wanderte langsam nach Hause. - -Es war eine herrliche Nacht, die tausend süße Geheimnisse barg. Im Himmel -hatten sie alle Kerzen zur großen Mette angezündet. Die Erde lag gebettet -in feuchtwarme Luft und dem Geruche frischer Wiesen, von Liebe und -Fruchtbarkeit träumend gleich einem Weibe. - -Ginstermann hatte nicht die mindeste Lust, schlafen zu gehen, aber er war -müde. Die Haustüre öffnend, sah er Maler Ritt, die Zigarette im Mund, in -jeder Hand eine Flasche tragend, über den Vorplatz gehen. - -Die Türe seines Ateliers war angelehnt, und der Lichtschein, der daraus -strömte, erhellte Ritts boshaft-gutmütiges, verlebtes Faungesicht. Im -Atelier pfiff jemand »La Paloma«. - -»Nanu?« sagte der Maler, »hä-hä!« und zog erstaunt die Brauen in die Höhe. - -Ob er nicht ein wenig eintreten wolle? Auf eine Zigarette? Nicht? - -Ginstermann war auf den Maler nicht sonderlich gut zu sprechen, aber er -trat ein. Er hatte so gar keine Lust zum Schlafengehen, und dann war Ritt -doch nicht schlechter und nicht besser als jeder andere Mensch. Und heute, -wo ein besonderer Tag war . . . - -Es ging besser mit ihr, folglich war alles gut. - -Er trat in eine Wolke bläulichen Zigarettenrauches. Der Schirm der Lampe -schwebte einer rotglühenden Kugel gleich darin. Die Wolke kam infolge ihres -Eintritts in Bewegung, und um die rotglühende Kugel schaukelten -phantastische Figuren. Im gleichen Moment bemerkte er ein mattschimmerndes -Gesicht, dessen glänzende Augen auf ihn gerichtet waren, den weißen Saum -eines Unterrockes, und nach links blickend abermals ein blasses Gesicht, -aus dem eine senkrechte Rauchsäule emporstieg. - -Zwei Damen in eleganten Kostümen lagen auf Ottomanen, halb in Kissen und -Puffs versunken. Sie blickten ihn beide an, und obschon ihre Augen von -verschiedenem Schnitt und ungleicher Farbe waren, lag doch der nämliche -Ausdruck in ihnen, lüsterner Glanz. Sie rührten sich nicht und blieben -ruhig liegen, als Ritt Ginstermann mit ostentativer Pose und einer Menge -Bemerkungen, wie ein Tierbändiger ein seltenes Exemplar, vorstellte. - -»Dieser Mann hat den sanften Blick der Taube, aber die scharfen Krallen des -Geiers, meine Damen,« schloß er. - -Sie lachten alle, und Ginstermann gab ihnen die Hand. - -Die eine erwiderte mit einem zögernden Druck, die andere reichte ihm die -Rechte mit müder Grazie und ließ sie sofort wieder auf das Kissen -zurückfallen. - -Wo er nur immer diese hübschen Frauen auftreibt, dachte Ginstermann. - -Ritt ging umher und füllte die Gläser, die auf niedrigen Taburetts standen, -so daß sie bequem zur Hand waren. Dabei strich er der einen der Damen leise -über die Haare, als ob er eine Mücke verscheuche. Ihre Augen folgten ihm, -und weiße Zähne schimmerten hinter lächelnden Lippen. - -Es war nicht die, die Ginstermann die Hand gedrückt hatte. - -Der Maler legte sich auf zwei Stühle und forderte Ginstermann auf, ein -Gleiches zu tun. - -»Bei mir können Sie lernen, wie man angenehm lebt,« rief er aus. »Die Leute -amüsieren sich in den Pausen ihrer Arbeit, ich arbeite in den Pausen meiner -Vergnügungen, die Leute wollen sich schonen, ich will mich auf angenehme -Art zugrunde richten -- hähä. Darin beruht der Unterschied meiner -Lebensauffassung und der der Welt. Wir leben nur eines Atemzuges Länge, -laßt uns atmen, Freunde! Prosit!« - -Man stieß an. Ginstermann dachte an das Mädchen in der Leopoldstraße und -trank sein Glas bis zum Boden leer. - -Ritt fuhr fort, in seiner näselnden, dünnen Stimme die Freude zu preisen, -die den Menschen über sein tierisches Ahnentum erhebe. - -Der Maler vermochte nicht eine Minute zu schweigen. Er befand sich -unausgesetzt in nervös lustiger Erregung. - -Ein Genie von Geburt, hatte ihn sein ausschweifendes Leben frühzeitig zu -einer totalen Erschlaffung seines Willens geführt, so daß er zum Spielball -seiner Triebe geworden war. Von Zeit zu Zeit schloß er sich vollständig von -der Welt ab, um sich wiederum die nötige Achtung vor sich selbst zu geben, -und da schuf er ein Bild, von dem jeder einzelne Pinselstrich den Eindruck -der Inspirativen erweckte. Seine Schöpfungen hatten ihn berühmt gemacht. -Aber allen haftete etwas an, was an einen verzweifelten Sieg erinnerte, als -seien sie einem vorbeisausenden Augenblick entrissen. Er hatte keine Zeit -zur Sammlung, seine Seele war zerrüttet. - -Niemand hätte das Alter des Malers genau zu bestimmen vermocht. Am Tage sah -er vierzig, bei Lampenlicht dreißig Jahre alt aus. Sah man ihn aus einiger -Entfernung, so erweckte seine schlanke, elegante Figur den Eindruck eines -Zwanzigjährigen. - -Sein Gesicht war welk, ausgetrocknet, mit matten Augen, die nahezu -wimpernlos waren. Er trug einen dünnen, langen Spitzbart, der einige -Dutzend Haare hatte, über seine Züge lag etwas Täppisches, Kindisches -ausgebreitet, das zeitweise verdrängt wurde durch den Ausdruck mühsam -verborgenen Grauens vor etwas Entsetzlichem, das er selbst nicht kannte, -vor dem Wahnsinn. - -Ginstermann suchte Ritt deshalb zu meiden, weil er in ihm ein Stadium -entdeckte, aus dem er sich glücklich emporgearbeitet hatte. Diese nervöse -Lustigkeit des Malers, seine Gier, sich fortwährend zu betäuben, seine -Freude an Orgien, sein bramarbasierendes Reden, das alles erinnerte ihn an -seinen früheren Zustand. - -Er empfand Mitleid mit ihm, sah aber auf der anderen Seite ein, daß der -Versuch, den Abwärtsgleitenden zu retten, vergebens gewesen wäre. Ritt -würde ihm ins Gesicht gelacht haben, weil er sich gescheut hätte, den -Zusammenbruch seines Inneren einzugestehen. - -Eine der Damen sang, als Ritt geendet, ein französisches Chanson, dessen -Refrain lautete: Achète moi un homme, maman, if you please, maman. - -Die beiden anderen sangen den Refrain mit, und schließlich fiel auch -Ginstermann ein. - -Nach jedem Vers brachte Ritt einen Trinkspruch aus, einen paradoxer als den -andern. - -Ginstermann saß vergnügt in seinem niederen Sessel, er war zu müde, um -aufzustehen. Es gefiel ihm auch gut. Zur Abwechslung konnte sogar ein -Einsiedler mal seine Höhle verlassen. - -Die eine der Damen betrachtete ihn durch ihre Lider hindurch mit -schillernden Augen, während sie sang. - -Man stieß wieder an. Aber Ginstermann war zu müde, nach einem Glase zu -greifen. - -Zur vollständigen Genesung braucht man immerhin vierzehn Tage, dachte er, -je nachdem, je nachdem. Da fühlte er, wie jemand ihm mit der Hand über das -Gesicht strich, und er schlief ein. Hinter der Wand hörte er noch Gelächter -und Ritts näselndes »Bravo, bravo!« -- - -Da stieß ein Vogel mit großen Fittichen gegen seine Stirne, und er öffnete -die Augen. - -Vor ihm saß eine Dame mit schillernden Augen und lächelte. In ihrer Hand -hielt sie ein Kissen mit einer Geste, als wolle sie es nach ihm werfen. - -Nun fiel es ihm erst ein, wo er war. - -Das war Ritts pompöses Studio, dort stand sein neuestes Bild -»Mädchenreigen« und hier die rotglühende Lampe, und richtig, diese Dame -hatte ihm beim Eintreten die Hand gedrückt. Die anderen aber waren nicht zu -sehen. - -Er war noch voller Schlaf und bewegte die Lippen, um zu sprechen. - -»Sie holen Wein,« sagte das Mädchen, das auf der Ottomane saß, und blies -sonderbar lächelnd gegen die Glut ihrer Zigarette. - -Er stand auf und gab ihr die Hand, um sich zu verabschieden. - -»Sie kommen nicht sogleich wieder«, flüsterte das Weib und blickte ihn an. -Ihre Hand bebte. - -In seinem Kopfe schwindelte es. Er sagte, sich herabbeugend und lächelnd: -»Ich bin müde.« Ihre Augen waren dicht vor den seinen. Funken tanzten -darin. Diese Augen waren wie Magnete, die ihn festhielten. Nun entfernten -sie sich, und zwei Reihen weißer Zähne unter roten Lippen kamen näher. Er -stand noch immer und hielt diese heiße, zitternde Hand in der seinigen. Da -fühlte er eine Hand an seinem Nacken, und ein warmer Hauch traf sein -Gesicht. - -Dieser Hauch stieß ihn ab. Er richtete sich auf und kam zum Bewußtsein. - -»Adieu«, sagte er und ging hinaus. - -Ihn schwindelte. Die kühle Luft hier außen tat wohl. Ein paar tiefe -Atemzüge, und sein Kopf war klar. - -Er stieg die Treppe hinauf. Es war vier Uhr. - -An der Tür der Malerin von Sacken, seiner Nachbarin, flimmerte ein kleines -Sternchen. Auch sie hatte noch Licht. Alle Leute waren noch wach und waren -guter Dinge. - -Es war heute ein ganz besonderer Tag! - -Er freute sich nun auf die Ruhe und den Moment, wo er sich in seine Decke -wickelte mit dem Gedanken, daß nunmehr keine Wagen mit schwarzgekleideten -Leuten zu befürchten seien. - -Plötzlich lauschte er. Hier hatte jemand geschluchzt! - -Es war so stille, daß er das Rollen eines Wagens von der Straße her hörte. -Und nun vernahm er wiederum unterdrücktes Schluchzen. - -Da drinnen hielt der Gram einen Menschen wach. - -Diese Laute nach all dem Lachen des Abends wirkten auf ihn wie eine -niederschmetternde Anklage, als trüge er an dem Schmerze jenes Weibes -Schuld. - -Fräulein von Sacken klopfte eines Abends bei ihm an, um ihn nach der Zeit -zu fragen, da sie nicht schlafen könne, wenn ihre Uhr stehe. Aber sie kam -nicht deswegen. Sie kam, um mit einem Menschen ein paar Worte wechseln zu -können, da die Einsamkeit sie peinigte. Ginstermann erriet das. Und nach -kurzem Gespräche fragte sie ihn, ob er wisse, was die drei schrecklichsten -Dinge im Leben seien. Sie beantwortete ihre Fragen selbst, indem sie sagte: -Die Einsamkeit, die Gestaltungssehnsucht und der Ehrgeiz. - -Daran dachte er jetzt. Er sah sie noch deutlich an der Türe stehen und jene -drei Worte sprechen, deren jedes einzelne eine Tragödie birgt. Sie waren -ihm erschienen wie drei hohe, finstere Tore, hinter denen er nackte -Menschenleiber in wortloser Qual sich winden sah. - -Heute war sie im Kampfe mit den drei Bestien unterlegen. Er aber wollte ihr -helfen. In seiner glücklichen Stimmung konnte er den Schmerz dieses Weibes -um so tiefer begreifen. - -Er begann an seiner Türe zu rütteln, mit dem Fuß dagegenzustoßen. - -Das Schluchzen hörte augenblicklich auf. - -Eine Weile wartete er, dann ging er an die Türe der Malerin und pochte -behutsam. - -»Wer da?« fragte eine jähe, ängstliche Stimme. - -Er, Ginstermann, er bitte um Verzeihung, aber -- - -Fräulein von Sacken öffnete. - -»Herr Ginstermann?« sagte sie mit leiser, vom Weinen noch unsicherer Stimme -und lächelte verwundert. - -Ob das nicht zum Verrücktwerden sei: nun habe er seinen Schlüssel verloren -und könne nicht in sein Zimmer. Er habe noch Licht gesehen und sich -erlaubt, anzuklopfen. Vielleicht habe sie einen Schlüssel oder Haken oder -sonst ein Instrument zum Öffnen. Wenn er sie aber im Arbeiten störe -- - -Ach nein -- das sei allerdings unangenehm. - -»Treten Sie ein bißchen ein, es findet sich vielleicht etwas.« - -Er wäre so frei. Wenn er aber störe, so müsse sie es ruhig sagen. - -Im Zimmer brannte eine Lampe ohne Sturz. Auf dem Tische lagen Briefe -umhergestreut, von denen einige auseinander geschlagen waren. - -Der Anblick der mit allerlei billigem Tand maskierten Ärmlichkeit dieses -Mädchenzimmers schmerzte ihn um so mehr, als er noch Ritts vornehmes -Atelier mit gedämpftem Lichte, Teppichen und den in Zigarettenrauch -gebetteten zwei schönen Frauen in der Erinnerung trug. - -Hier roch es nach Terpentinöl und welken Blumen. Die Möbelstücke warfen -harte, zackige Schatten im unmittelbaren Lichte der kahlen Lampe. - -Der mächtige, abenteuerliche Schatten der Malerin bewegte sich über Wände -und Decke. - -Fräulein von Sacken war eine große, üppige Erscheinung. In ihrem schwarzen -Kleide, mit dem nervösen, bleichen, leicht zerfließenden Gesicht, das von -früherer Schönheit zeugte, erschien sie Ginstermann wie die Maitresse eines -Fürsten, die den Abschied bekommen hat, da ihre Schönheit verging, und ihr -üppiger Körper anfing, seine reinen Formen zu verlieren. Eine sanfte -Schwermut erfüllte ihre Züge, als trauere sie über ein verfehltes Leben. -Sie hatte große Augen von matter Schwärze mit langen, strahlenförmigen -Wimpern. Diese Augen flehten um etwas, das niemand erriet. - -Man gewann den Eindruck, daß sie die Nächte in einem Sessel verbringe und -vor sich hingrüble, während Tränen ihren dunklen Augen entfielen. - -Ginstermann kannte ihre Geschichte. Sie war die Tochter eines höheren -Offiziers, und ihre Angehörigen hatten sich aus irgendeinem Grunde von ihr -losgesagt und ihr eine knappe Rente ausgesetzt. Sie sprach mit mühsam -verhaltener Bitterkeit von ihnen, und ihr Streben ging dahin, einmal ein -gutes Bild zu malen, das ihren Namen bekanntmachte, und die Rezension des -Werkes ihren Verwandten zuzuschicken. Aber sie sah diese Hoffnung von Jahr -zu Jahr mehr verblassen. Man wies jedes ihrer Bilder zurück. Sie hatte mit -dem Stilleben begonnen, war dann zum Porträt, vom Porträt zum Genre, zur -Landschaft, übergegangen, um schließlich wieder beim Stilleben anzukommen, -fest überzeugt, daß sie nur hierin etwas leisten könne. - -Das bißchen Talent, das sie mitgebracht, hatte sich längst zerrieben und im -verzweifelten Studium alter Meister verloren. Wie es mit allen kleinen -Talenten geht, die angesichts einer großen Schöpfung kläglich absterben. - -Das Grauen vor der künstlerischen Unfruchtbarkeit war ihr größtes Leiden. - -Die Malerin kramte in der Kommode und brachte einige Schlüssel herbei. - -»Vielleicht passen die«, sagte sie. - -Ginstermann prüfte die Bärte und legte sie kopfschüttelnd beiseite. - -»So geht es, wenn der Mensch Unglück hat«, sagte er. »Nun ging ich heute -mal aus, seit einem Jahre ist es das erste Mal wieder. Der Mensch sollte -nicht so schwach sein, aber ich war heute in einer Stimmung, in einer -Stimmung, in der die Leute Selbstmord begehen.« - -Er schwieg und sah mit finsterer Miene zu Boden, auf ihre Gegenrede -wartend. - -»Ich habe Sie stets um Ihre gleichmäßige Ruhe beneidet, Herr Ginstermann.« - -»Ein Mensch kann lächeln, während in seinem Innern die Hölle tobt, Fräulein -Sacken«, fuhr Ginstermann fort, vor sich hinbrütend. »So einer bin ich. -Aber wir tragen ja alle unsere Tragödie in uns herum, ich und Sie und -Kapelli und Ritt, alle. Unsere entwickeltere Empfindungsfähigkeit ist -schuld daran. Und wir Schaffenden haben neben all den menschlichen Sorgen -auch noch die um unsere Arbeit. Gegen diese sind alle anderen nichtig. Weiß -man aber, ob all unser Kämpfen einen Sieg vorbereitet? Daß wir das nicht -wissen, daran leiden wir. Die einen haben mit Erfolg begonnen und mit -Niederlagen geendet. Die anderen fielen aus einer Enttäuschung in die -andere und sprengten plötzlich die Schlacke, die sie einhüllte. Solange wir -nur das Bewußtsein haben, etwas zu leisten, einmal, gleich wann, so können -wir glücklich sein. In unseren schwachen Stunden verläßt es uns, und um uns -heult das Elend. Ein Erfolg läßt sich eben nicht vom Himmel reißen, man muß -Geduld haben.« - -»Viel Geduld!« - -»Viel Geduld. Aber nehmen wir an, man hat nie Erfolg, nie Erfolg.« - -»Niemand erträgt das.« - -»Ich aber sage Ihnen, trotzdem müßte man es ertragen, trotzdem müßte man -sich noch glücklich schätzen, stolz sein. Ich frage, kann es uns nicht -gleichgültig sein, ob ein verblödetes Publikum uns zujubelt oder uns -verlacht? Für wen schaffen wir? Für uns, sonst für niemanden. Wir sollten -uns genügen lassen an der Erkenntnis, daß wir überhaupt entwickeltere Wesen -sind, feiner, selbständiger empfinden als jene Erbarmungswürdigen, blind, -taub und seelenlos Geborenen da draußen. Die Gabe, originelle Eindrücke -aufnehmen zu können, des vermittelnden Kunstwerkes entbehren zu können, die -sollte uns stolz machen, wenn wir auch nicht die Kraft besitzen, diese -gesammelten Eindrücke zum Kunstwerk zu verdichten. Und dieser Stolz sollte -uns über alles hinwegtragen, über die Misere des Daseins, über das Gespötte -der Welt, das Achselzucken unserer Angehörigen. Man prostituiert sich vor -sich selbst, wenn man nur einen Gedanken daran verschwendet. Man sollte, -man sollte -- aber dazu ist man immer noch zu klein, zu beengt im Blicke.« - -Er schwieg. - -Die Malerin lehnte am Tische, den Blick zu Boden gerichtet und lächelte. -Aber das war nicht ihr stereotypes, wehmütig-liebenswürdiges Lächeln, es -war das Lächeln des Befreiten, des Aufatmenden. - -Nach einer Weile stand Ginstermann auf. In verändertem Tone sagte er: »Nun -sehen Sie, nun habe ich meinen Schlüssel gefunden. Ist das nicht kostbar! -Im Futter meiner Westentasche hat er gesteckt.« - -»Haben Sie ihn gefunden?« fragte sie mechanisch. - -»Ja,« entgegnete er, »und nun gute Nacht, und nehmen Sie es mir, bitte, -nicht übel, daß ich Ihnen mit meinem Lamento gekommen bin. Es ist -menschlich, sich dazwischen Luft machen zu müssen. Morgen bin ich wieder -jener, den Sie um seine göttliche Ruhe beneiden.« - -Sie nahm seine Hand, sie legte die Linke noch darauf und preßte sie. Ihre -Augen waren feucht, ihre Brust wogte. Mit einem Blick, den er sein Leben -nicht vergessen würde, sagte sie: - -»Es muß doch einen Gott geben!« - -»Wieso?« fragte Ginstermann verdutzt. - - - - -VII. - - -Das waren schlimme Tage. - -Und mehr noch schlimme Nächte. - -Des Tags wurde Ginstermann von einer unsinnigen Sehnsucht, Fräulein -Schuhmacher zu treffen, in den Straßen herumgetrieben, des Nachts marterte -er sein Gehirn mit Plänen, wie dies herbeizuführen sei. - -Jeden Morgen harrte er voller Ungeduld auf den Schritt des Postboten auf -der Treppe. Meistens ging er an seiner Türe vorbei, pochte er aber, so -eilte er, schwindlig vor Erregung, um zu öffnen. Allein es war stets eine -nichtssagende Mitteilung von seinem Verleger, seinem Agenten, eine Offerte, -ein Mahnbrief, ein Zeitungsausschnitt. - -Sobald es recht Tag war, verließ er das Haus, um auf die Suche zu gehen. Er -spähte in alle frequentierten Geschäfte, er ließ keine Droschke vorbei, -ohne sich die Insassen anzusehen. Er bestieg eine Straßenbahn und fuhr -kreuz und quer in der Stadt herum, eifrig die Trottoire absuchend. - -Manchmal, in der Meinung, sie entdeckt zu haben, verfolgte er eine Dame, -die in Gestalt und Gang etwas Ähnliches mit ihr hatte. Nach kurzer Zeit -bemerkte er jedoch immer, daß ihn irgend eine Nebensächlichkeit genarrt -hatte. Bald war es die Fasson des Hutes, die Farbe des Gürtels, die Art den -Schirm zu tragen, das Kleid aufzuraffen, bald war es die Form der Hand, des -Ohres, des Kinnes. Dann stand er still, keuchend vom Lauf, zornig und -betrübt darüber, daß er so gar kein Glück hatte, um bald darauf in die -nächste Straße zu verschwinden, von einer Ahnung, sie hier zu treffen, -angetrieben. - -Stundenlang belagerte er in möglichst unauffälliger Weise die Villa in der -Leopoldstraße. Er studierte die Plakatsäule, bis er alle Annoncen auswendig -wußte, das eine Auge stets auf das dunkle Portal und auf das Eckzimmer im -ersten Stock gerichtet. Darin hatte er es bis zu einer gewissen Genialität -gebracht. Er kannte bereits den Bäcker, der das Brot brachte, den -Fleischer, der das Fleisch brachte, das Dienstmädchen, die Köchin und einen -alten Mann, der täglich Punkt 1 Uhr eintrat, um das Haus nach einer knappen -halben Stunde wieder zu verlassen. - -Er begriff nicht, was mit ihr sein könne. Daß sie vollständig genesen war, -schloß er daraus, daß jeden Abend bis zwölf, ja bis ein Uhr Licht in ihrem -Zimmer brannte. - -Verreist konnte sie also auch nicht gut sein, oder kam ihr Geist jeden -Abend und zündete sich die Lampe an, Romane zu lesen, wie? - -Zudem sah er dann und wann auch ihren Schatten auftauchen und verschwinden. -Einmal sah er sogar ihre Hand, das war ein Ereignis. - -Wenn man gegenüber auf die Staffel trat und sich auf die Fußspitzen -stellte, so konnte man den Lüster aus Orchideenblüten wahrnehmen, deren -Kelche das Licht ausströmten. Und weit hinten etwas Blinkendes, wie der Arm -einer Statuette. - -Als Knabe hatte er sich einmal mit der Erfindung eines Spiegels -beschäftigt, mit Hülfe dessen man um die Ecke sehen könnte. An diesen -Spiegel mußte er immer denken. Er hätte ihn auch benützt, ein einziges Mal -wenigstens. Auch mit dem Telemikrophon ohne Draht wäre etwas zu machen -gewesen. - -Seinen Ahnungen schenkte er schon lange keinen Glauben mehr. -Nichtsdestoweniger war er doch enttäuscht, sie nicht auftauchen zu sehen, -wenn ihm seine Gedanken eingeflüstert hatten, du wirst sie am Siegestor -treffen. Oftmals dacht er: Zähle bis tausend, und sie tritt aus der Türe. -Er zählte, bei neunhundert erfaßte es ihn wie ein Schwindel, bei tausend -öffnete sich auch die Türe, aber es war nur eine Täuschung seiner erregten -Sinne. - -Spät in der Nacht kehrte er stets erst zurück, todmüde vom Wandern, Warten -und Zermartern, mit einer Sehnsucht, die wie Wogen gegen die Wände seiner -Brust schlug. - -Er warf sich aufs Bett, aber der Schlaf schien ihn vergessen zu haben. Es -war, als ob sein Gehirn all die nichtigen Eindrücke des Tages -aufgespeichert habe. Wie in einem Kaleidoskop zuckten Bilder vor ihm auf, -um wie auf ein unmerkliches Rütteln zu versinken und andere entstehen zu -lassen. Leute grüßten, Posten präsentierten, Menschen liefen zusammen, ein -Zug elektrischer Wagen staute sich. Hier entkam eine Frau mit knapper Not -einer sausenden Kutsche, dort fuhren zwei junge Mädchen auf blitzenden -Bicycles hintereinander, Gesichter gingen an ihm vorüber, bald unnatürlich -groß und nah, als wollten sie durch ihn hindurchgehen, bald klein, scharf, -wie durch ein Verkleinerungsglas gesehen. Der ganze wirre Lärm der Straße -war in ihm, Pfeifen, Schreien, Worte, Gelächter kam zu seinen Ohren wieder -heraus. Hier sagte jemand: Ei der Tausend -- ah, recht sehr! Hier fiel ein -Stock klappernd aufs Pflaster. - -Nachdem diese infolge des plötzlichen Abgeschlossenseins von der Außenwelt -hervorgerufene Reaktion seiner Sinne nachgelassen, trat sie in seine -Gedanken. In Hunderten von Situationen. Sie ging an der Seite des -schmalbrüstigen Herrn über die Straße, sie saß in einem Wagen und verneigte -sich grüßend, sie stand am Fenster und warf Apfelsinenschalen in den -Vorgarten, sie betrat die Loge im Theater, sie saß bei der Lampe über eine -Mappe gebeugt. - -Endlich war er soweit, seinen Gedanken eine bestimmte Richtung geben zu -können. Er dachte an den kommenden Tag, er dachte an die kommenden Tage. Er -entwarf tausend Bilder des plötzlichen Wiedersehens. Er schmiedete tausend -Pläne. - -Denn, so sagte er sich, wenn es nicht so gehe, so wolle er List anwenden. - -Er hielt sich für einen geriebenen Burschen, der sich in den Himmel -einschlich, wenn es ihm darum zu tun wäre. Es waren verwegene, verblüffende -Pläne, wie sie im Gehirn eines Einbrechers und Intriganten entstehen. Oft -brach er in lautes Lachen aus, so burlesk, so genial erschienen sie ihm. - -Besonders gelungene arbeitete er bis ins kleinste Detail aus, und häufig -brach er in der Mitte ab, um von vorn zu beginnen, da ihm seine -Vorstellungen immer noch lückenhaft erschienen. - -Seht ihr dieses alte Männchen die Ludwigsstraße hinabtrippeln? Jedermann -wettet, es ist ein kleiner Rentner, ein pensionierter Galerieaufseher. Seht -wie behutsam er die Straße überschreitet, wie er seine Kinnbacken bewegt, -wie er mit dem Rohrstock nach Papierknäueln stochert. Seht seinen weißen -Bart, sein kluges, pfiffiges Gesicht, ein Studienkopf, der einer jungen -Malerin recht in die Augen stechen kann. Ha, Schauspieler Ling ist ein -Meister in der Maske, alle Kritiker sagen das. Achtung! ein Tandem schnurrt -hinter dir her . . . - -Was ist hier geschehen? Die Brücke ist vollgepfropft von Menschen und -Wagen, daß sie sich biegt. Da drunten -- seht, dort! Weshalb jammert dieses -Weib so und liegt auf den Knien? - -Platz da -- Platz gemacht! Ein Körper durchschneidet die Luft, über ihm -schlägt das Wasser zusammen. Es ist eine Turmlänge bis da hinunter. Dort, -dort! Seht! -- Hoch! Hoch! Das Wasser läuft nur so herunter an ihm, er hat -den ganzen Fluß in den Kleidern. Ach, keinen Dank, Frau, machen Sie doch -keine Geschichten. Der Schlag eines Wagens öffnet sich: Herr Ginstermann -darf ich Ihnen den Wagen anbieten? . . . - -Man müßte den alten Herrn, ihren Vater, im Kaffeehaus zu treffen suchen, -mit ihm über Politik und Münzensammlungen, über den unentdeckten Vulkan in -Hinterindien, über sonst etwas sprechen. Irgendwo ist ein alter Herr stets -zu packen . . . - -Vergessen wir unsern kleinen Rentner nicht. Nun klingelt er. Ein -Dienstmädchen. »Das gnädige Fräulein besaßen die große Liebenswürdigkeit, -mich zu bestellen.« Ein Kleid rauscht. Eine schlanke, blasse Dame. Das -Männlein blinzelt, schüttelt den Kopf. - -»Nein -- nein -- ich muß irr gegangen sein. Ich möchte eine Dame namens Won --- Wonderneß sprechen.« - -»Ich bedaure.« - -»Leopoldstraße 12?« - -»Allerdings.« - -»Diese Dame ist Malerin, sie bestellte mich bis drei Uhr, Leopoldstraße -12.« - -»Ich kenne niemanden dieses Namens. Aber fragen Sie mal nebenan nach, bei -Major von Hörmann. Es ist da eine Dame zu Besuch --« - -»Zu Besuch -- richtig, zu Besuch! Ich danke vielmals, ich bitte um -Entschuldigung. Ein alter Mann --.« Das Männlein macht einen Kratzfuß und -steigt vorsichtig die Treppe hinunter. - -»Bei Major von Hörmann, gleich nebenan.« - -»O, ich danke, vielen Dank, Euer Gnaden« . . . - -Wo brennt es? Es brennt noch nicht, Herr Schutzmann, aus dem Keller schlägt -Rauch. Wenn man schnell alarmiert. -- Ja, wo denn? Leopoldstraße, diese -moderne Villa . . . Sein Gehirn arbeitete mit der Schnelligkeit eines -Motors, über den der Maschinist die Herrschaft verloren. Er versuchte alles -nur Denkbare, um einschlafen zu können. Während sein Körper wie tot lag, -befand sich sein Gehirn in hellster Aufregung. Er zählte bis hundert und -zurück, er lauschte auf das Ticktack seiner Taschenuhr, er dachte: Sommer, -du liegst im Gras, Hitze schwingt, Bienen brummeln; alles war umsonst. - -Bald kletterte er auf eine Pappel, um sie zu sehen, bald zechte er mit dem -alten Mann, der täglich um ein Uhr die Villa betrat, um etwas aus ihm -herauszulocken, bald schlug er eine tollwütende Dogge zu Boden, die sich -auf den schlanken hübschen Herrn mit seinem Kindergesicht stürzen wollte. - -Gegen Morgen erst versank er in einen schweren, traumlosen Schlaf, und er -wußte sich nie zu besinnen, bei welcher Gelegenheit er eingeschlafen war. - -Er erwachte meist mit dem jähen Schrecken, er höre ihre Stimme unten in -Kapellis Ateliers. - -So vergingen einige Wochen. - - - - -VIII. - - -Ginstermann erzählt: - -Heute aber, nachdem ein fortgesetztes Mißgeschick mich gänzlich mutlos -gemacht hatte, heute aber -- meine Herrschaften, verzeihen Sie diese Phrase --- lächelte mir endlich Fortuna! - -Ja, Fortuna lächelte mir! - -Holdrio! - -Meine Damen, meine verehrten Damen und Herrn. Ich wandere zurück an den -»Wällen Jerusalems, des ewigen«, ich bin weit draußen in der Vorstadt -gewesen. Es wird Abend, ein trüber, trauriger Abend, als hätte ihn mein -Herz geboren. Ein feiner Regen rieselt herab. - -Ein niederträchtiger, unverschämter Regen, der meine Zigarette näßt, daß -sie zu kohlen beginnt. Dieser Umstand allein würde bei normalen -Verhältnissen genügt haben, mich mißmutig zu machen. Jetzt schlug er dem -Faß den Boden aus. - -Es ist zuviel, es ist zuviel, alles was recht und billig ist. - -Ich werde geradezu wütend. Aber plötzlich, durch all meine Misere hindurch -lächelte mir der holde Sonnenblick Fortunas. - -Nur Geduld. Bei großen Momenten halte ich große Reden der Einleitung, wie -ein Gourmand die Delikatessen einer sorgfältigen Betrachtung unterzieht, um -seinen Genuß zu steigern. - -Also es regnet, und das Pflaster ist naß. Meine Zigarette ist erloschen, -und ich schreite mit düsteren Blicken meine Straße. Das bewußte Haus kommt -näher. - -Ein geschmackloses, ein lächerliches Haus, das Experiment eines -Architekten, der in modernem Stil macht. Macht ist gut gesagt. - -Wie gesagt und überhaupt -- betrachten Sie, bitte dieses Haus! - -Ich hätte Lust, Ihnen jetzt einen kleinen Vortrag zu halten über moderne -Architektur im speziellen, über moderne Kunst im allgemeinen. Eventuell mit -Ihnen ein kleines Exkursiönchen durch die Baustile aller Zeiten und Völker -zu unternehmen, über die phrygische, lykische, syrische Kunst hinweg, -hinein in die babylonisch-assyrische, mit Ihnen den Palast des Königs -Sargon zu Chorsabad zu besichtigen und den Tempel des Chunsu zu Karnak zu -durchwandern. Hier im Schatten des Säulenwaldes würde es mir ein besonderes -Vergnügen sein, Ihnen, wenn Sie wünschen, meine Ansichten über die -rituellen Gebräuche dieser Völker auseinanderzusetzen. - -Aber zur Sache! Ich sehe, die Damen langweilen sich. - -Ich gehe an diesem Hause vorüber, empört über seine Geschmacklosigkeit, -über die höhnisch lächelnde Verschlossenheit, mit der mich seine -vierundzwanzig Augen verfolgen -- da höre ich meinen Namen rufen. - -Ganz leise, als äffe mich ein Spuk. - -Meine Herrschaften!! - -Ich wende den Kopf, von vornherein überzeugt, daß ich mich täuschte, da -erblicke ich eine weibliche Gestalt unter der Türe. - -Ich rege mich nicht von der Stelle, ich starre sie nur an, über mir sausen -Flammen. - -»Guten Abend,« sagt sie und lächelt mir zu. - -Endlich gehe ich näher. »Guten Abend, Fräulein Schuhmacher.« - -Sie hat ein Tuch umgeschlagen, und aus einem in der Dämmerung leuchtend -blassen Gesichtchen blicken ihre glänzenden, großen Augen. Geschmeidig wie -eine Katze huscht sie die Stufen herunter. - -Ruhig, ohne die geringste Erregtheit, sage ich: »Ich konnte mir gar nicht -denken, wer mich anrufen könne.« - -Sie gibt mir ihre schmale Hand, und ihre Finger sagen: Grüß Gott. - -»Ich sah Sie vor einer Stunde die Straße hinuntergehen.« - -»In Schwabing ist ein Neubau eingestürzt.« - -»Ach ja, ich vernahm davon. Wie traurig, sechs Tote, sagt man.« - -»Ja, sechs Tote. Ich wollte mir das ansehen. Nicht aus kleinlicher -Neugierde natürlich, studiumhalber. So ein Unglücksfall enthüllt die -Herzen, man sieht sie wahr.« - -»Sprechen wir nicht von so traurigen Dingen,« unterbricht sie mich, und, -indem sie mir einen Brief zeigt, sagt sie: »Ich will ihn in den Kasten -stecken.« - -Auch ihre Hand leuchtet, so blaß ist sie. - -Ihre Stimme ist leise, teilweise klanglos, mit singendem Tonfall. Dann und -wann funkelt es wie mattleuchtende Steine darin. Ich vermute, daß sie das -Englische gut ausspricht. Lautlos geht sie neben mir, mit der Linken das -Kleid aufraffend, mit der ihr eigenen Biegung des Handgelenkes, auf den -Fußspitzen schleichend, wenn besonders nasse Stellen kommen. Ihre Schultern -sind schmal, zart, sie heben und senken sich unmerklich beim Atmen wie die -Flügel eines Falters, der aus einer Blüte trinkt. Ihr Gesicht blickt wie -eine Knospe aus dem seidenen Tuche, durchsichtig, ihre Seele ausstrahlend. -Jetzt erst erkenne ich, wie ähnlich das Porträt ist, das Kapelli -geschaffen. - -Ein feiner Duft strömt aus dem Tuche, auf ihren Stirnlöckchen sprühen die -Regentropfen wie Tau. - -Wir sprechen nur weniges. Sie erzählt mir, daß sie krank war, nicht -sonderlich, Schlaflosigkeit. Ich danke ihr für ihr Billett von damals. - -Wir stehen wieder vor dem hohen, dunklen Tore. - -»Wir werden demnächst abreisen,« sagt sie, mit der Fußspitze vorsichtig in -den Rand einer kleinen Pfütze tippend. - -»Mama ist leidend. Der Arzt rät uns, nach Italien zu geben. Aber Mama ist -nun wieder kränker geworden, so daß wir die weite Reise vorläufig nicht -wagen können.« - -Sie tippt noch immer mit der Fußspitze in die kleine Pfütze und blickt zu -Boden. - -»Ach, Ihre Frau Mama ist leidend?« - -»Ja, leider.« Sie sieht auf und blickt mich an. - -»Vielleicht sehen wir uns noch einmal, Herr Ginstermann?« - -»Mit Vergnügen, allein --« - -Ob ich gerne in den Englischen Garten ginge. - -»Sehr häufig sogar.« - -»Vielleicht treffen wir uns dort. Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, so -würde ich vorschlagen, uns am Samstag um 3 Uhr dort zu treffen. Ein bißchen -plaudern, nicht?« - -»Sehr gerne, sehr gerne.« - -»Können Sie Samstag?« - -»Haha -- ja --,« ich besinne mich etwas, »o ja, Samstag sehr gut. Gewiß, -gewiß, sehr angenehm.« - -»Ja, aber der Garten ist groß.« - -Am Monopteros vielleicht, wenn ihr das recht sei. - -»Natürlich, es ist ja egal. Also Monopteros, nicht? Gute Nacht, Herr -Ginstermann.« - -»Guten Abend, Fräulein Schuhmacher.« - -Sie nickt mir nochmals zu und schlüpft ins Haus. - -Meine Brüder, meine Brüder! - -Die Leopoldstraße hinauf geht ein Mann, die Augen zusammengekniffen, um -nicht herauszulachen. Die Hände in die Rocktaschen vergraben, um nicht die -Leute am Rock zu fassen und zu schütteln, die Zehen verkrampft in den -Schuhen, um nicht zu tanzen. - -So gehen die Menschen, denen das Glück ins Herz fiel. - -Das bin ich. - -Er läuft in die aufgespannten Schirme hinein, zieht den Hut, entschuldigt -sich mit einem Schwall von Worten. Jemand tritt ihn auf den Fuß und sagt: -Pardon. Er wendet sich um und ruft lachend: Bitte sehr, bitte sehr, hat gar -nichts zu sagen. Er geht auf einen Schutzmann zu und fragt, wo es nach der -Feldherrnhalle gehe. Immer geradeaus. -- Ob man sich nicht verlaufen könne? -Nicht? Herzlichen Dank. - -Er deutet auf eine Plakatsäule und sagt: Eine Villa am Chiemsee ist gegen -Blauplätze zu vertauschen. Offerten unter »Chiemsee«. Vermittler verbeten. - -Das bin ich. - -Er bleibt stehen und spricht: Geehrte Dame, ich wünsche Ihnen eine hübsche, -langwierige Krankheit. Eine Krankheit, die Ihnen erlaubt zu essen, zu -trinken, was Sie bevorzugen, zu tanzen, wenn Sie Lust haben, die Sie aber -wie Millionen Nadeln durchfährt, wenn Sie abreisen wollen. Diese hübsche -Krankheit wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, o geehrte Dame. - -Das bin ich, liebe Brüder, das bin ich! - - - - -IX. - - -Nachdem die ersten Wogen des Glückes zurückgeebbt waren, fand Ginstermann -die Kraft, sich zu fassen. Das vibrierende Wonnegefühl, das sein ganzes -Wesen durchzitterte, löste eine still-übermütige Stimmung in ihm aus. - -Seine Seele hielt inne in dem ekstatischen Tanz und versank in einen -Zustand köstlicher Ruhe, durch die die Zuversicht auf etwas Herrliches -schimmerte. - -Er kam sich vor wie einer, der nach einer wahnsinnigen Jagd, gepeitscht von -der Furcht, sein Ziel zu verfehlen und in grausigen Wäldern zu verkommen, -die Zinnen der ersehnten Stadt in der Abendsonne zu seinen Füßen leuchten -sieht. - -Gemächlich ließ er sich vom Strom der Menschen treiben. - -Es schien ihm, als sehe er mit neuen Augen, hörte er mit neuen Ohren, seien -alle seine Sinne verändert, wie die Sinne eines, der lange Zeit in einem -stillen Zimmer krank gelegen. Gewohnt täglich, in jeder Minute Nahrung zu -sich zu nehmen, stürzten sie sich heißhungrig auf alles, was sie umgab. -Aber unterhalb dieser Flucht von Eindrücken zogen unaufhörlich stille, -sanftfarbene Bilder durch sein Inneres, halb unbeachtet, und es kam vor, -daß Menschen und Häuser plötzlich ihre Körperhaftigkeit verloren, und er -durch sie hindurch in ein Traumland blickte. - -Der Regen hatte mit einem Male aufgehört, nachdem er die Menschen den -ganzen Tag über gelangweilt hatte, und die Sonne schüttete noch im Sinken -Hände voll blitzender Funken über die Stadt. Eine ungewöhnlich -gespenstische Beleuchtung herrschte, gleich dem Leuchten auf dem Antlitze -eines Sterbenden. - -Die Leute gingen alle mit gelb-durchscheinenden Gesichtern, deren Wimpern -sprühten, einher, wie Wesen, die ein Zauber für einige Stunden dem Dasein -zurückgibt. Diese magische Lichterscheinung schien auf ihre Bewegungen, auf -ihre Stimmen zu wirken, und nur die stumpfen Nerven der Arbeiter und Greise -blieben unberührt von diesem Einflusse, dem sich selbst Pferde und Hunde -nicht entziehen konnten, mit ihrem alltäglichen Gebaren den Zauberspiegel -in Stücke schlagend. - -In den Hauptstraßen gab es nahezu ein Gedränge, so viele Leute hatte das -Verlangen herausgetrieben, noch einen Schluck dieser kristallklaren, -kräftigen Luft zu erhaschen. - -Die Wagen glitten pfeilschnell vorüber, und das Prasseln der Pferde, die -stramm in den Zäumen gingen, verschwand ebenso unvermittelt, als es -auftauchte. Als wären sie auf Wiesengrund eingebogen. Die elektrischen Cars -schossen wie die losgekoppelten Wagen eines Zuges in Abständen -hintereinander her, den Strom des Verkehrs für Augenblicke in zwei Arme -teilend. In den Magazinen brannten die Lampen und zogen unwillkürlich den -Blick der Passanten auf die ausgebreiteten Herrlichkeiten. Blasse Gesichter -mit verblasenen Schatten unter den glänzenden Augen wanderten durch den -Lichtschein. - -Aus dem Panoptikum tönte das atemlose Tschin-tschin des Automaten, laut, -seelenlos und jäh abbrechend, als habe man für einen Moment die Türe eines -Vergnügungslokales geöffnet. - -Ginstermann lächelte in der Erinnerung daran, daß er vor drei Jahren an -dieser mit Plakaten beklebten Türe gestanden und den Vorbeieilenden mit -verbindlichem Lächeln die grellbunten Zettel in die Hand gedrückt habe. - -Er trat in einen Laden, um sich eine Tüte Datteln zu kaufen. Das Fleisch -der süßen Früchte zwischen den Zähnen zerreibend, die Steine aufs Pflaster -schnellend, nahm er promenierend sein Abendbrot ein. - -Plötzlich entstand über den Häuptern der Menschen ein kurzes Knistern und -Prasseln, die Bogenlampen sprühten auf. Eine ungeheuere Reihe leuchtender -Perlen hing aus dem düsterblauen Himmel herab, ein glitzerndes Gewebe von -Licht über Häuser und Menschen werfend. - -Die Szenerie veränderte sich dadurch mit einem Schlage. - -Die Gebäude schienen gewachsen zu sein, einige glichen Ruinen mit mächtigen -Breschen darin, andere wieder erweckten den Eindruck, als seien sie aus -ihrer Starrheit erwacht und machten Miene, die Straße hinabzuwandern. - -Die Menschen, infolge des phantastischen Abendleuchtens in stille -Schwärmerei versunken, sprühten nun laute Fröhlichkeit. Sie lächelten alle, -selbst dann, wenn sie nicht lächelten. Sie gingen zu Paaren, in Gruppen, -einig in dem Vorsatze, den Abend lustig zu verbringen. Herren und Damen -gingen Arm in Arm einher, eifrig plaudernd. Sie sprachen zumeist von -nichtigen Dingen, aber es war ja wohl mehr die Freude des Sprechenden, zu -diesen Ohren sprechen zu können, und mehr die Freude des Lauschenden, diese -geliebte Stimme zu hören, als die nichtssagenden Dinge selbst, was diese -Einmütigkeit hervorrief. Sicherlich stand ihnen allen noch ein besonderes -Glück in Aussicht, ein Kuß im Hausflur, ein abendliches Zusammensein. - -Die Leute sahen ganz anders aus als vor wenigen Minuten. Es war, als seien -sie rasch zu Hause gewesen, Toilette zu machen. Man sah überall frisch -gewaschene Gesichter, schneeweiße Kragen und Lackschuhe. Die Bewegungen -erschienen vornehmer, theatralisch nahezu bei aller Unbefangenheit. - -Der Lärm der Wagen wurde sonderbar, Rufe, Schreie, Gepfeife geheimnisvoll. -Man bezog alles auf sich, wenngleich es weitab hörbar war. - -Dazwischen bemerkte Ginstermann ein Gesicht, das ihn interessierte. Ein -originelles, stolzes Antlitz, in dem ein intensiver Denkprozeß, ein tiefes -Seelenleben so lange gearbeitet hatten, bis Vater und Mutter darin -zurücktraten, und ein neuer Mensch hervorkam, ein Adam sozusagen. Solche -Leute hätte er gerne angesprochen. - -Eine Frau ging am Arme ihres Mannes vorüber, mit einem transparenten -Gesichtchen, blauen, hellgewaschenen Augen voll träumerischen Sinnens. Sie -war guter Hoffnung. Der Blick der beiden begegnete sich, und Ginstermann -erkannte, daß es wunderbar feine Menschen waren. Er wähnte ihre Seelen -klingen zu hören, als sie sich ansahen. - -Heute hatte er die Fähigkeit, die Herzen der Menschen unter den Kleidern zu -sehen. Traum war es und Sehnsucht, Kampf und Liebe, was er darinnen sah. Er -erblickte sich selbst in ihnen. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit erfüllte -ihn, wie nie zuvor. Wie ein Stückchen Holz unter anderen Spänen die -Bewegung der Welle, die sie trägt, mitmacht, schien er alle Bewegungen -dieser tausend Seelen mitzumachen. In der Einsamkeit seines Zimmers, der -Abgeschiedenheit seiner Gedankenwelt war dieser Kontakt gelockert worden -und nun, da ein Erlebnis sein einigermaßen vernachlässigtes Gefühlsleben -befruchtet hatte, verstand er die Sprache wieder, die dieser Spiegel zu ihm -redete. - -Im Begriffe, seiner Behausung zuzusteuern, bemerkte er ein kleines -Hündchen, dessen possierliche Art zu laufen ihm auffiel. Es lief wie ein -kleines Maschinchen, und man hätte glauben können, es bewege sich in -drolliger Absicht nicht schneller vom Platze, während es die Beinchen wie -verrückt bewegte. - -Eine Dame ging neben ihm her. Es war Fräulein Scholl. - -Ginstermann überschritt die Straße und rief sie an. Sie wandte sich mit -einer drehenden Bewegung um, als befände sie sich auf dem Eise. Sie -entdeckte ihn nicht sofort. - -»Ach, Sie!« rief sie dann mit vergnügtem Lachen, ihm die Hand -entgegenstreckend, viel höher, als es nötig gewesen wäre. - -Ihr Puppengesichtchen strahlte, und sie schüttelte Ginstermanns Hand, als -seien sie langjährige Bekannte. Sie war braun in braun gekleidet. Brauner -Hut, braunes Kostüm, dazu kamen noch ihre mattbraunen Haare und ihre Augen -von altgoldener Farbe. Das sensitive Auge eines Malers schien diese Nüancen -zusammengestimmt zu haben. - -Ginstermann erkundigte sich, wo sie denn die letzten Wochen gesteckt habe. - -»Ich bin in Berlin gewesen,« sagte sie, den Berliner Jargon nachahmend. - -Das gab sofort Stoff zur Unterhaltung. Sie erzählte ihm von der Hin- und -Rückfahrt, von all den harmlosen Abenteuern und Erlebnissen eines jungen -Mädchens. Häufig lachte sie in der Erinnerung an diese Begebenheiten, -Ginstermann im Unklaren lassend, was ihre Heiterkeit derart erregte. - -Er hörte ihr gerne zu. Ihre unvollständigen Sätze, ihr Lachen, die -dazwischen geworfenen Berliner Redensarten belustigten ihn. Es war komisch -zu beobachten, wie sie, mitten in ihrer Heiterkeit sich an die Würde -erinnernd, die eine junge Dame zu bewahren hat, plötzlich ihr Lachen -dämpfte, ihre Bewegungen überwachte und in korrekten Sätzen sprach. - -Ihr Wesen war voll kindlicher Anmut und jener am Tage liegenden -Fröhlichkeit, wie sie Menschen besitzen, die das Leben nur von der sonnigen -Seite kennen und infolge ihrer optimistischen und wenig polemischen -Veranlagung auch nie dazu kommen, seine dunklen Seiten zu erfassen. - -Allmählich verstand es Ginstermann, das Gesprächsthema auf ihn mehr -interessierende Gegenstände zu lenken. - -Er fragte, ob sie ihre Freundin schon besucht habe. - -»Natürlich doch,« entgegnete sie, »gleich am Montag.« Und ihn anblickend, -setzte sie hastig dazu: »Bei dieser Gelegenheit habe ich auch Sie gesehen, -Herr Ginstermann.« - -»Mich?« - -»Ja, Sie standen am Siegestor und studierten die Skulpturen.« - -»Nein, niemals. Montag? Da bin ich gar nicht hier gewesen, Fräulein.« - -Sie lachte ungläubig und sagte, sie könne ihren Kopf wetten. Sie habe auch -geklingelt -- sie war zu Rad -- aber er habe nichts gehört. - -Es wäre wirklich schade um ihren Kopf. - -Aber, sie würde ihn auf keinen Fall verlieren. - -Eine Weile stritten sie sich wie die Kinder. - -Sie gingen die Ludwigsstraße hinunter, die noch länger aussah als am Tage. -Die elektrischen Lampen hingen in endloser Reihe, riesigen glühenden -Tropfen gleich, die an den Drähten entlang rollten. - -Ginstermann brachte alles mögliche aufs Tapet, wofür sich seine Dame -interessieren konnte. Sie sprachen von Kleidern, Theater, Literatur. So gut -er konnte, paßte er sich ihrem Gedankengang an und vermied es, sie auf -irgendwelche Irrtümer aufmerksam zu machen, so unangenehm sie ihn auch -berühren mochten. Es wäre ihm als ein Verbrechen erschienen, diese -Mädchenseele durch Aufklärungen in Unruhe zu versetzen. In früheren Zeiten -hielt er dies für seine Pflicht. Sie fand alles wunderbar und entzückend, -und nur das wirklich Wertvolle, das fand sie langweilig und verrückt. -Dazwischen äußerte sie wiederum Anschauungen, die zu ihren früheren in -direktem Widersprüche standen, Splitter aus dem Geistesleben anderer, die -an der Oberfläche ihres Geistes haften geblieben waren. - -Hin und wieder warf er eine Frage ein, die sich auf Fräulein Schuhmacher -bezog. Er erhielt stets bereitwillig Auskunft. Schließlich machte er einen -wahren Sport daraus, von jedem nur immer geeigneten Punkte des Gespräches -auf die Freundin überzuspringen, sich und seiner Begleiterin ein wenig -Komödie vorspielend. Auf diese Weise erfuhr er, daß sich die Mädchen in -Berlin kennen gelernt hatten, daß Fräulein Schuhmacher aus Hamburg stammte, -wo ihr Vater eine große Möbelfabrik besaß, daß ihr Bruder Offizier in -Berlin sei, daß sie bei schönem Wetter alle Morgen nach Schleißheim -radelten, und eine Menge anderer Dinge. Es machte ihm Freude, von der -Geliebten zu hören, andererseits bereitete es ihm Vergnügen, zu sehen, daß -die Harmlosigkeit seiner Begleiterin seine Absicht nicht bemerkte, obschon -er in seiner übermütigen Laune so weit ging, jede Frage mit den Worten: was -ich noch fragen wollte, einzuleiten. - -Am Ziele angelangt, plauderten sie noch eine Weile im Hausflur. - -Ihre Stimmen hallten leicht, als sprächen die Wände mit, und wenn Fräulein -Scholl in ihr herzliches Lachen ausbrach, so schien dieses Lachen nach -geraumer Zeit wieder durchs Stiegenhaus herabzukommen. Am Treppenpfosten -brannte eine elektrische Lampe, eine Laterne vorstellend, an der der -bekannte Savoyardenknabe lehnte, dieser Fratz mit seinem Glimmstengel im -Munde. Die Wände schmückten Stuckkartuschen, ausgefüllt mit Amoretten, die -Blumengirlanden hielten. Eine Putte in so unglücklicher Lage, daß man -befürchtete, sie könne jederzeit aus dem Rahmen fallen und sich den Kopf an -der Kante des Gesimses entzweischlagen. - -»Zum Abschied«, sagte Ginstermann, »sollten Sie mich eigentlich noch Ihrem -Hündchen vorstellen, Fräulein Scholl.« - -Sofort einverstanden damit, machte sie die Herrschaften mit tänzelnder -Grazie bekannt: »Herr Ginstermann -- Fräulein Bijou.« - -Ginstermann lüftete den Hut und machte seine Verbeugung. - -Fräulein Bijou kläffte: wä! und machte Miene, auf Ginstermann loszufahren, -eifersüchtig und wütend über die lange Vernachlässigung. - -Darüber lachten beide, daß das ganze Treppenhaus mitlachte. - -Fräulein Bijou kläffte und umkreiste, auf drei Beinen hüpfend und mit dem -Schweife wedelnd, die Lachenden. - -Seine Herrin nahm es auf den Arm und drückte es zärtlich gegen die Wange. - -»Eine gescheite Dame«, sagte Ginstermann, »sehen Sie nur das Gesichtchen. -Ja, ein wirkliches Gesicht! Moderner Hund, neurasthenisch, das Geschlecht -gehört seit Jahrhunderten zur Aristokratie.« - -Er nahm den Hut ab, um sich zu verabschieden. - -»Ach, Sie wollen schon gehen?« - -»Ich kompromittiere Sie ja.« - -»Sie kompromittieren mich nicht im mindesten. Tante ist verreist, und mein -Bruder kommt nie vor 1 Uhr nach Hause. Er kneipt immer. Es würde ihm rasend -Spaß machen, Sie kennen zu lernen. Wollen Sie Ihren Tee bei mir nehmen, -Herr Ginstermann, ja?« - -Dabei sah sie ihn bittend an. - -In diesem Augenblick liebte er sie wirklich. Den Ausdruck des Erstaunens -über diese Einladung verbergend, erwiderte er: »Ich muß leider ablehnen. -Danke. Ich muß an meine Arbeit. Zu Hause bei mir sitzt einer, der es nicht -erwarten kann, seinen Kopf zu verlieren im dritten Akt.« - -Sie setzte das Hündchen ab und reichte ihm die Hand. - -»Nun denken Sie wohl schlimm von mir, weil ich Sie einlud, mit -heraufzukommen?« - -»Da müßte ich in erster Linie schlimm von mir selbst denken.« - -Sie verstand nicht sofort, dann sagte sie: - -»Nun ja, wenn Sie arbeiten wollen --« - -Sie blieb noch immer stehen, drehte den rechten Fuß auf dem Absatze und -stichelte mit der Schirmspitze nach der Fußspitze. - -»Adieu,« sagte sie dann schnell, in dem Wunsche, heiter zu erscheinen wie -vordem, und gab ihm nochmals die Hand, die er herzlich drückte. - -Sie war rund und kurz, heiß. - -»Adieu, Fräulein Scholl und nochmals Dank für Ihre liebe Einladung.« - -Fräulein Scholl sprang rasch die Treppe hinauf. - -Bijou rannte aus der Türe und kläffte Ginstermann nach. -- -- -- -- -- -- --- -- -- -- -- -- - -Ginstermann ging nach Hause, setzte sich an den Tisch und schrieb: - -Das Herz. - -Da war ein Mann, vor langer Zeit. Habuck hieß er, das ist: der Gestorbene. -Er war bleich, weiß wie Zucker sein Gesicht, seine Hände. Seine Augen waren -dunkel wie Kohlen, seine Lippen schmal, von bläulicher Farbe. Ein Lächeln -umkräuselte sie, scharf wie Gift. Sah er Kinder an, so begannen sie zu -schreien, blickte er junge lachende Mädchen an, so weinten sie und -trauerten ihr ganzes Leben. Er ging durch die Straßen und lächelte. Da -wurden alle Menschen stumm, als sei ihr Herz entzweigesprungen. - -Sein Lächeln, das sagte: Weshalb lacht ihr? - -Einmal kam er durch ein Dorf, da tanzten sie unter der Linde. Er ritt auf -einem mageren, starken Pferde und ritt ganz langsam. Die Fiedel verstummte, -und die Paare standen erschrocken still. Niemand lachte mehr, niemand regte -sich mehr, sie standen wie gelähmt. Der Spielmann versuchte ein Liedchen -anzustimmen, da rissen die Saiten wie Zunder. - -»Es ist Habuck!« flüsterten die Mädchen und hüllten das Gesicht in die -Schürze. - -Der Spielmann wackelte mit dem Kopfe und streckte die Zunge heraus. Man -kann ihn noch heute so sehen. - -Habuck war ein Tyrann. Habuck wollte die Menschen knechten, wahnsinnige -Herrschsucht raste in seinem Gehirn. Seine Gesetze hingen gleich -zweischneidigen Schwertern zu Häupten des Volkes. Sein Stolz war so groß, -daß er sagte: Erdengöttlein, meine Schultern reichen bis an deinen Bart. - -Er verbrachte die Nächte beim Wein und brütete, wie er das Lachen töten -könne, auf der ganzen Erde. Er schlief nie, er starb nie, er lebte ewig. - -Oftmals raste er gegen sich selbst und nannte Gott einen Feigling, da er -unsichtbar mit ihm kämpfte. Dann warf er sich auf sein Pferd und durchritt -die Welt. Ohne Rast, ohne inne zu halten. - -»Habuck kommt übers Feld,« riefen die Leute und stürzten in ihre Häuser. -Sie krochen in die Betten und verstopften sich die Ohren, denn wer den -Hufschlag seines Pferdes hörte, in dem klang er fort, bis er irrsinnig -wurde. - -Eines Abends ritt Habuck über eine große Heide. Violett das Kraut, violett -der Himmel. Sturm ringsum und rasendes Wetter. - -Am Waldesrand stand ein Weib, das auf ihn wartete. - -Es stand mitten im Wege und wich nicht. - -Habuck blickte es an, aber es wich nicht. Und sonderbar, sein Pferd blieb -stehen, als er über das Weib wegreiten wollte. - -»Ich habe dir etwas zu geben,« sagte das Weib. - -Habuck fragte: »Was willst du?« - -»Ich habe dir etwas zu geben,« wiederholte das Weib und trat nahe an ihn -heran. - -»Nimm es,« sagte es, »ich habe es gefunden und bringe es dir. Du hast es -verloren, als du ein Knabe warst.« - -Und als Habuck zögerte, warf sie es ihm in den Schoß und verschwand. - -Er fand nichts in seinem Sattel und ritt weiter. - -Der Sturm schwieg, das Wetter schwieg. Die Vögel begannen zu trillern im -Walde, es war spät in der Nacht. - -Er kam an eine Schenke, stieg ab und trat ein. - -»Wer bist du?« fragten die Leute. - -Niemand kannte Habuck mehr. -- - -Das schrieb Ginstermann. Es fiel ihm vorläufig nichts Besseres ein. - - - - -X. - - -Samstag. - -Ginstermann sprang aus dem Bette, mit beiden Füßen zu gleicher Zeit, und -sagte: »Samstag.« - -Er hatte lange und tief geschlafen und fühlte sich in erwartungsvoll -heiterer Stimmung angesichts dieses Tages, aus dessen Dämmerung das große -Glück wetterleuchtete. - -Es war noch sehr zeitig. Die Kamine, die auf den Dachfirsten ritten, warfen -noch nicht den mindesten Schatten. Der Tag kam mit sanftem Blau am Himmel -herauf. Die Dämmerung vor sich hertreibend, in deren niedersinkenden -Schleiern die Sonne in Tausenden von unsichtbaren Funken sprühte. - -Durch die geöffneten Fenster strömte frische, würzige Luft, gesättigt mit -dem Geruche der Wälder und dem kühlen Atem der Quellen, noch nicht -verdorben vom Staub der Teppiche und den Küchendünsten. Der Hof lag noch -ruhig. Es war ein richtiger Feiertagmorgen. - -Sein Zimmer war hell und freundlich, wie zum Empfang eines Gastes -hergerichtet, aus Möbeln und Wänden schien die Sonne der letzten Wochen zu -strahlen. Er gewann es lieb, wie einen treuen Freund, den man einige Zeit -hindurch vernachlässigt hat. Tisch und Stühle, Bücher und Skizzen an den -Wänden waren ihm alte Bekannte, die treu bei ihm aushielten ohne Dank zu -heischen. - -Er erinnerte sich an jene Morgen, da er erwachte, verpackt in einen Block -von Kälte und Finsternis, in wüster Betäubung von der Arbeit der Nacht und -lächelte. Das war nun vorbei. Ein Traum hatte ihn auf einen anderen -Planeten getragen. Hier gab es nur Sonne und Gesang. Das gütige große Leben -winkte ihm wiederum und lud ihn ein, im Reigen mitzutanzen. - -Ginstermann schritt nackt in seinem Zimmer auf und ab. Es gehörte dies zu -seinen Liebhabereien. - -Das Gefühl von Kraft und Gesundheit erfüllte ihn in einem Maße, wie er es -nie zuvor empfunden. Es schien ihm, als ob er gewachsen wäre. Seine Brust -war gleichsam breiter geworden, den Lungen mehr Raum zum Atem erlaubend, -seine Sehnen straffer. Die Müdigkeit war weg, der gebeugte Rücken, die -bleischweren Füße. Als hätte er einen wüsten Rausch ausgeschlafen. - -Er wettete, mit der Faust Löcher in die Wand schlagen zu können, die Decke -zu sprengen, wenn er sich streckte. - -Köstlicher aber als all das, war die Stille, der Friede seiner Seele, die -einer Wiedergeburt entgegensah. - -Eine übermütige Melodie summend, die ihm der junge Tag als Morgengeschenk -gegeben, trat er vor den Spiegel, ließ die Muskeln seiner Arme spielen, -reckte die Brust, beugte den Kopf zurück, sich erfreuend an dem Schnellen -der Sehnen, der Überschneidung der Schulter, der energischen Linie seines -Armes, als studiere er einen fremden Körper. - -Man sollte nicht versäumen, dachte er, jede freie Stunde nackt zu gehen. -Was für Bewegungen würde man bekommen, welche Elastizität, welche Genüsse -von Schönheit könnte man sich verschaffen, abgesehen von der Bereicherung -seiner anatomischen Kenntnisse. Nackt müßten die Menschen in Gärten -wandeln, voll Ehrfurcht vor der Schönheit ihrer Schwestern und Brüder, und -die Welt nähme von neuem ihren Anfang, Schönheit und Erkenntnis ihr -zweifaltiger Gott. - -Endlich ging er an die Toilette. Er überschwemmte seinen Körper mit Wasser -und lief fröstelnd und pustend im Zimmer umher, eine solche Menge Fußspuren -hinterlassend, als habe ein Rudel Wilder hier getanzt. Er hatte sich einen -netten Anzug angeschafft, denn es erschien ihm unmöglich, in seinem -geschossenen blaugrauen Sommeranzug mit einer vornehmen Dame im Englischen -Garten zu promenieren. Allerdings hatte er nahezu seine ganzen Ersparnisse -hinlegen müssen, aber das war ja vorläufig einerlei. Fix und fertig trat er -vor den Spiegel. Der Anzug saß außerordentlich gut, als sei er für seine -Figur geschnitten. Er machte in seiner dunkelgrauen Farbe einen -ruhig-vornehmen Eindruck. - -Zur Vervollständigung setzte er auch seinen netten Strohhut auf, dessen -verräterischen Glanz er mittels Wasser abgeschwächt hatte, und erblickte -nun im Spiegel einen elegant, nahezu geckenhaft gekleideten jungen Mann, -der sonderbarerweise sein Gesicht hatte. - -Er lüftete grüßend den Hut und sagte: »Guten Tag, wie geht es Ihnen?« dabei -lächelnd mit freudigen Augen. Seine Wangen überzog ein Hauch von Röte, und -diese Erscheinung machte ihn verblüfft wie ein Wunder. Gemächlich nahm er -seinen Tee, rauchte er seine Zigarette. Er hatte Zeit. Unendlich viel Zeit, -die mit den raffiniertesten Kunstkniffen vertrieben sein wollte. - -»Gehen die Lahmen zu Tanze, Antonio?« sagte er zu sich. Er lachte und -erwiderte sich selbst: »Wenn die Toten neugierig werden, Pietro, weshalb -sollen die Lahmen nicht tanzen?« - -»Ein Toter wird wieder lebendig, mein Sohn, wenn er sieht, wie sein -Waffenbruder die Flucht ergreift.« - -»Man merkt, daß du schon lange gelegen bist, tapfrer Held, selbst dein Witz -ist nicht mehr frisch.« - -»So frisch noch, um das Faule deiner Ausflüchte zu spüren, Antonio. Ein -Antonio, der beim Junggesellenmahl des Colonna den Degen in den Tisch stieß -und rief --« - -»Man merkt, daß du selbst wenig Gedanken besitzt, da du Raum im Kopfe hast, -die Gedanken anderer Leute aufzubewahren.« - -»Donna Claudia --« - -»Nun muß deine Zunge ein Loch haben, da sie einen Weibernamen aussprach.« - -»Die Schnelligkeit deiner Einwürfe beweist mir, was mir gar nicht mehr -bewiesen zu werden brauchte. Donna Claudia läd zum Tanze, und das ganze -männliche Venedig schläft nicht mehr vor Aufregung, wie eine Jungfrau vor -der Hochzeit. Wenn man euch hört, so glaubt man, ihr speistet sechs Teufel -an einer Gabel, aber das Lächeln einer Frau macht euch zu tänzelnden -Pudeln. Don Luigi, dessen Zunge scharf war wie ein Rasiermesser, um dessen -Degen die Leute einen Halbkreis beschrieben, ertrank in den Wangengrübchen -eines rosigen Mädchens, Freund Fabio, der noch mit halbem Schädel kämpfte -und mit dem Satan in persönlicher Korrespondenz stand, gab seine Narben für -den Kuß eines zierlichen Frauenknöchels. Und Antonio --« - -»Antonio ist nach Palermo abgereist.« - -»Antonio, der beim Festmahl des Colonna sagte: Wenn mein Herz Langeweile -hat, so frage ich es: Hast du Langeweile, mio bambino? Sollst eine Puppe -haben, eine feine Puppe, die Mama und Papa sagt, wenn man sie auf den Bauch -drückt -- dieser nämliche Antonio, ihr Herren, so hört doch! schlüpft in -den Balg eines Papageis, wenn Donna Claudia zum Tanze läd.« - -»Ein Fisch könnte sich ertränken.« - -»Ein Weib könnte die Wahrheit sagen.« - -»Ich wünschte nur, Pietro, die Marchesa Colombi könnte Zeugin deiner -mannhaften Entrüstung sein.« - -»Die Marchesa Colombi? Der Mond falle dir auf den Bauch, Freundchen!« -- - -Er erfand einen Dialog, in dem sich zwei blasierte Schlingel gegenseitig -den Rest ihrer Gefühle zum Vorwurf machten. Daran reihte sich eine Szene -bei Donna Claudia, Antonio--Claudia, und ein Zwiegespräch der Marchesa -Colombi mit einer Maske in einer Fensternische, die mit einer klatschenden -Ohrfeige endigte. Pietro, dieser freche Patron, mußte unbedingt seinen Lohn -haben. - -Da begann Kapelli in seinem Atelier einen Heidenspektakel zu vollführen, er -trieb Nägel in ein Brett, und die Gäste der Donna Claudia gingen nach -Hause. - -Von der Straße her drang das Lärmen des erwachten Verkehrs. Die -Gemüseweiber riefen mit singender Stimme ihre Waren aus, die Glocke des -Kehrichtwagens zeterte. - -Ginstermann ging auf und ab, dann trat er ans Fenster und blickte hinaus, -um sich die Zeit zu vertreiben. - -Aus dem Fenster gegenüber lehnte sich eine Magd, die plumpen Brüste -breitgedrückt auf dem Gesims, und warf mit schwingender Bewegung des -fleischigen Armes Kartoffelschalen in den Hof. Darauf zog sie sich -schleunigst zurück, den Mund aufsperrend, um das Lachen zu verhalten. Sie -sah aus wie eine Schießscheibe. Im Hofe wurde eine gutmütig-kreischende -Weiberstimme laut, die augenblicklich eine Menge Gesichter an die -Küchenfenster lockte. - -Eine Zeitlang beobachtete er das Treiben des Hofes, das an die -Daseinsäußerungen von harmlosen Tieren erinnerte, dann erwachte wiederum -die Melodie von vorhin in ihm, in bestimmterem Rhythmus, mit halbgehörtem -Texte, und plötzlich, ohne sich eigentlich über diesen Vorgang klar zu -werden, trällerte er vor sich hin: - - Juhei, juhei, der Tag ist da, - er tanzt als wie ein Narr herum, - mit heija--halleluija - tanzt er die alten Häuser -- - ja alten Häuser um. Juhei! - - Juhei, juhei, der Tag ist da, - ein wilder, kecker Bengel, - mit heija--juhaheirassa - hält er mich untern Pumpen -- - ja untern Pumpenschwengel. Juhei! - - Juhei, juhei, der Tag ist da, - mit einem Strauß von Düften, - dann hängt er mich mit juhaha - an einen hohen Kirchenturm -- - ja Kirchenturm zum Lüften. Juhei, Juheirassassassa! - -Er wiederholte den Singsang, veränderte die Melodie, dichtete ein paar -Strophen dazu, bis er endlich des Spaßes überdrüssig wurde. - -Er sah auf die Uhr. - -Es war sieben, noch nicht sieben. - - * * * * * - -Der Wind trug das Singen des Glockenspiels von St. Anna herüber in den -Park. Ginstermann stand und lauschte. Bei den einundzwanzig Wunden des -Cäsar! es war schon wieder eine Stunde um. - -Heute schlief Phöbus auf seinem Kutschenbock, wie seinerzeit am Tage von -Gilgal. Jede Minute ging so gemütlich als möglich und trank eine Tasse -Schokolade, bevor sie die Parole an die folgende abgab. - -Ginstermann promenierte seit Mittag im Englischen Garten, um nicht zu spät -zu kommen, wie er sagte. Er hatte hastig und ohne jeglichen Appetit, als -habe er das Reisefieber, sein Mittagsbrot eingenommen und war, ohne recht -zu wissen wie, in den Park gekommen. Den Vormittag über hatte er sich in -den Straßen, auf dem Bahnhofe herumgetrieben, eine solche Menge -beobachtend, erlebend, erfindend, daß es geschrieben einen Folianten gäbe, -ohne aber seine Ungeduld, seine Langweile nur eine kleine Weile bannen zu -können. Eine Zeitlang hatte er bei dem Auslagefenster eines Reisebureaus -gestanden, wo die kleinen Zinnschiffe auf gemalten Ozeanen wimmeln, und -einen kurzen Ausflug nach Südamerika, Australien und Japan unternommen, mit -einigen Zusammenstößen, Seeräuberüberfällen und einer kleiner Robinsonade -auf einer niedlichen Koralleninsel in der Südsee. - -Es war angenehm, hier zu gehen, auf den gepflegten, reingekehrten Wegen. -Durch die halbhohen Wiesen hindurch, deren Gräser und Blumen der Wind leise -wiegte, oder unter den hohen Bäumen mit den in der Sonne flitternden -Blättern. - -Das war ein Tag, von einem Gotte, der ein Dichter und ein Maler war, -geschaffen. Duftende Blüten, bunte verliebte Falter, ein blauer Himmel, der -der Sonne das Feuer in einem einzigen Kusse zurückgab, ein Tag, der einen -Engel auf die Erdenkinder hätte neidisch machen können. - -Zur Mittagszeit gab es nur wenig Leute. Ab und zu eine Bonne mit Kindern, -ein Reiter, der auf den Sandsteigen vorbeistampfte, ein Wagen, ein Mann, -der vor sich hinsann. Hinter den Bäumen blinkten die Villen wie eine Reihe -weißer, lächelnder Zähne. Die Stadt surrte in der Ferne, eine atemlose, -keine Sekunde stillestehende Maschine. - -Mit jeder Viertelstunde wuchs in Ginstermann eine sonderbare Angst, die ihn -wie ein Schwindel im Kreise drehte. Als ob man zu einem sagte: Noch eine -kleine Weile, und die Türe springt auf, und du stehst vor dem Schicksal, -das dir deinen Platz im Leben anweisen wird. Es war das nämliche Gefühl, -das er empfand, als bei der Premiere seines ersten Dramas der Vorhang in -die Höhe stieg, und er das gefüllte Haus in der Dämmerung liegen sah, das -gekommen war, ihn zu richten. Und doch war es nichts als ein harmloses -Rendezvous mit einer jungen Dame. - -Als es zwei Uhr schlug, stieg er zum dutzendsten Male den Hügel hinauf, auf -dem der Monopteros, ein schlanker Rundtempel aus weißem Marmor, errichtet -war. - -Hier würde er sie treffen. In einer Stunde würde sie hier oben stehen -. . . - -Er blickte über die Wiesen, die Baumwipfel, die Stadt. - -All das war ihm wohlbekannt. Jeder Weg, jeder Baum, jeder Turm. Er hatte -vorigen Sommer hier oben zu Mittag gegessen, als es ihm nicht sonderlich -gut ging, zwei Monate lang. - -Er ging unter den Säulen umher und las Namen und Monogramme, die von einem -Herzen eingeschlossen waren. Erinnerungen an verliebte Leute. Er bemerkte -ein häßliches Wort und rieb es mit einem Steinchen weg, damit nicht ihre -Augen zufällig darauf fallen konnten. - -Dann stieg er wieder herab und ließ sich auf einer Bank in der Nähe nieder, -die ihm erlaubte, den Tempel im Auge zu behalten, ohne daß er den Ausgang -sah. Er wollte sie nicht kommen sehen, sondern plötzlich sollte ihre -Gestalt ihm aus den schlanken, weißen Säulen heraustreten. - -Hier war es sehr still, und er träumte, wie sie aussehen würde, was sie -spräche. Vor ihm standen die hohen, ernsten Bäume mit schweren, -schattensatten Wipfeln, Büsche zwischen ihren Stämmen, Blumen und allerlei -Kraut unter diesen Büschen. Drei Wälder, verschieden an Größe und um so -üppiger und farbenprächtiger, je mehr sie sich dem Erdboden näherten. Es -hämmerte, es klopfte, knackte da und dort, Fliegen mit schillernden Flügeln -summten über den Weg, Vögel schwankten von Ast zu Ast. Das war so -eigentümlich, so märchenhaft, daß man wähnte, jede Minute müsse sich das -Gebüsch teilen und etwas Sonderbares hervorkommen. - -Ginstermann spann sich in diese Märchenstimmung hinein, bis ihn das -glucksende Lallen eines kleinen, wie eine Puppe herausgeputzten Mädchens -weckte. Das Kind blieb vor ihm stehen, mühsam das Gleichgewicht haltend, -und lief plötzlich auf ihn zu und fiel ihm mit jauchzendem Lachen nahezu in -den Schoß. Es legte die Fäustchen auf seine Knie und blickte ihn zutraulich -mit großen, wasserblauen Augen an, aus denen das wunderliche Traumland -seiner Seele schimmerte. - -Die Mutter, eine schmale, kleine Frau in Trauerkleidern, eilte mit -mädchenhaft flüchtigen Schritten herbei und versuchte die Kleine -wegzuziehen. - -»Aber bitte, lassen Sie die Kleine doch,« sagte Ginstermann, »ich fühle -mich sehr geschmeichelt, daß sie Zutrauen zu mir hat.« - -»Sie belästigt Sie. Herzchen, Du belästigst den Herrn!« - -»Nein, nein, aber keineswegs. So hübsche Kinder belästigen mich nie.« - -Die junge Mutter nahm neben ihm Platz, sich nochmals entschuldigend. Ihr -Wesen hatte etwas Gedrücktes, Hoffnungsloses an sich, als sei sie mühsam -der Verzweiflung entronnen. Ihr schwarzes Kleid war abgetragen und spielte -an den Armen und der Brust ins Grünliche. Mit krankhafter Schamhaftigkeit -versuchte sie die Schuhe unter dem Rocksaum zu verbergen, da sie rissig -waren. - -Ginstermann nahm das Kind auf die Knie und schaukelte es, dabei trällernd: - -Die Schweden sind kommen -- habn's Pulver mitg'nommen . . . - -Die Kleine lachte und klatschte vor Vergnügen mit den Patschhändchen. - -»Sie wird ihnen lästig fallen,« hub die Mutter wieder an, ihm mit einem -Blicke ihrer traurigen, verschleierten Augen dankend. - -»Sie sehen ja, daß das Vergnügen ganz auf meiner Seite ist. Was verlangen -Sie für das Kind? Ich kaufe es Ihnen ab. Drei, fünf Millionen?« - -Aber das Weib lächelte nicht. Sie blickte den Weg hinunter zu einem kleinen -Manne in komisch kurzem Gehrocke, der heftig hustete. - -»Es läuft auf jeden Herrn zu, denn es hat keinen Vater.« - -Sie sagte das mit einer Stimme, die ihren ganzen Schmerz ausdrückte. - -Denn es hat keinen Vater, wiederholte Ginstermann innerlich. - -Er fuhr fort, das Kind zu schaukeln, dann sagte er: - -»Wer ein solches Kind hat, darf eigentlich nicht traurig sein.« - -Sie blickte immer noch zu dem hustenden Männlein hinunter. - -»Ach,« sagte sie, »er hätte mich ja sicher geheiratet. Er ist gestorben. Er -war drei Tage krank, dann ist er gestorben. Nun ist er tot.« - -Das Mädchen jauchzte und fuhr mit gespreizten Fingerchen nach Ginstermanns -Gesicht. - -»Fällt es Ihnen noch nicht lästig?« - -»Ach nein. Hören Sie doch diese Stimme! Wie eine Glocke. Und dieses Haar, -das sie hat, feiner wie Seide.« - -»Darf ich Sie etwas fragen, ja? Und Sie werden mir Ihrer Überzeugung gemäß -antworten?« - -»Bitte, bitte.« - -Ob er an ein Wiedersehen im Himmel glaube! - -Dabei sah sie ihm direkt in die Augen. - -»Nun auf jeden Fall doch! Da gibt es doch einfach keinen Zweifel.« - -Auf ihrem Gange wohne einer, ein Doktor, ein Schriftsteller, der sage, nur -die Dummen glaubten es noch. Seine Hausfrau habe es ihr erzählt. - -»Ja, ein Schriftsteller,« entgegnete Ginstermann, »die glauben alle nichts. -Ich kann Ihnen aber etwas sagen, Sie brauchen gar nicht so lange zu -warten.« - -Das verstünde sie nicht. - -Sehr einfach. In ein paar Jahren hätte sich ihr Kind entwickelt, und aus -dem Kinde würde alsdann der Vater heraustreten. Zum Beispiel an der Bildung -der Stirne, an einer Bewegung, in der Stimme würde sie ihn erkennen. Und -somit in ihrem Kinde auch dessen Vater erblicken. - -Sie sann vor sich hin, beglückt von dieser Eröffnung und sah im Geiste das -Kind heranwachsen und seinem Vater gleichen. - -Dann erzählte sie Ginstermann leise, in unvollständigen Sätzen, die -Geschichte ihrer Liebe, um sich das Herz dadurch zu erleichtern. Sie war -Telephonistin und ihr Bräutigam Zeichner in einer Möbelfabrik. Er war sehr -geschickt. Sie hatten sich durchs Telephon kennen gelernt. Schon als sie -das erste Mal seine Stimme gehört, habe sie ihn lieb gewonnen. Und eines -Abends war er hinter ihr hergekommen und hatte gerufen: 23--75. Das war die -Nummer seines Geschäfts. Sie sei auf den Tod erschrocken. Und dann hätten -sie einander geliebt. Aber dann sei er krank geworden, nur drei Tage krank -gelegen und gestorben. Und sie habe ihre Stellung verloren, als das Kind -kam und sei nun Kontoristin. Gegenwärtig habe sie Urlaub, drei Tage. - -Ginstermann hörte ihr von Mitleid ergriffen zu. Er schmiedete Pläne, auf -welche Weise man das arme Weib erfreuen könne. Hätte er Geld gehabt, so -würde er ihr soviel als möglich zugestellt haben: Ein Freund ihres -Bräutigams, der Möbelzeichner K. habe diese Schuld abzuzahlen. Er bitte -wegen der Verzögerung um Entschuldigung. Auch beschäftigte ihn der Gedanke, -auf die Direktion zu gehen und dem Beamten die Nichtswürdigkeit seiner -Handlungsweise vorzuhalten, ein junges Mädchen deshalb zu entlassen, weil -es der Stimme seiner Natur gefolgt war. - -»Wenn Ihnen die Kleine aber lästig wird --? -- -- Es regnete ein wenig und -ich hatte den Schirm aufgespannt, an jenem Abend. Da kam er hinter mir her -und sagte: 23--75. Ach, ich bin auf den Tod erschrocken --« - -In diesem Momente schlugen die Uhren drei. - -Ginstermann erschrack, die Töne durchliefen seinen ganzen Körper. - -Er stand hastig auf und sagte, bebend vor Erregung: - -»Entschuldigung, ich muß gehen. Es ist drei Uhr. Um drei Uhr muß ich gehen. -Auf Wiedersehen.« - -Zwischen den Säulen auf dem Hügel war noch nichts zu sehen. Kein Schatten, -nicht der Verdacht eines Schattens. - -Drei Uhr und nichts zu sehen. Ginstermann wurde von einer lähmenden Angst -befallen und hielt den Schritt an. - -Wie ein Blitz fuhren ihm hundert Möglichkeiten durch den Kopf, die sie -abgehalten haben mochten, und die eine verblieb hartnäckig als die -wahrscheinlichste: Sie wollte nicht, sie hatte es sich anders überlegt. Was -sollte sie mit ihm? - -Nun hatte er drei Tage gefiebert, und seine Sehnsucht hatte sich die Flügel -lahm geflogen nach diesem Moment -- und sie kam nicht. - -Er stand und blickte mit bitterem Lächeln zu Boden. - -»Gut! Es war vorbei. Das Leben hatte ihn genarrt!« - -Aber plötzlich schrak er zusammen. In dem Bilde, das unbewußt seine -Netzhaut spiegelte, hatte sich etwas geändert. - -Sie stand oben. - -Sie stand wirklich und wahrhaftig oben. - -Schlank und weiß stand sie zwischen den schlanken, weißen Säulen und -blickte über die Wiese. - -Es fiel Ginstermann nicht ein, hinauf zu eilen. Er blieb ruhig hinter -seinem Busche stehen und beobachtete sie. - -Sie ging langsam im Kreise umher, dann blieb sie stehen und schrieb mit dem -Sonnenschirm auf den Boden. Sie wartete. - -Ist es nicht köstlich, dachte Ginstermann, sie wartet! So steht jemand, der -wartet! Oder schreibt man sonst mit dem Schirm auf den Boden? Oder steht -man sonst in solch nachdenklicher, nachlässiger Haltung? - -Er götzte sich eine Weile an diesem Gedanken, dann eilte er, was er konnte -und langte ganz außer Atem oben an. - -»Da sind Sie ja!« sagte sie und lächelte. - -Ihre Stimme klang klarer und voller als neulich, da sie krank gewesen. Mit -einem kurzen verstohlenen Blick überflog sie sein verändertes Äußere. - -Er schämte sich nun, es kam ihm vor, als beleidige er sie durch diese -spießbürgerliche Rücksichtnahme, und er verwünschte Anzug und Hut. - -»Ja, da bin ich«, sagte er, indem er ihr die Hand gab. Es fiel ihm sonst -nichts ein, all die hundert Anreden, die er sich zurecht gelegt hatte, -waren in seinem Kopfe verschwunden wie durch ein Loch. - -Sie habe schon gedacht, er sei irgendwie verhindert. - -Dies sagte sie leichthin, in verletzend gleichgültigem Tone, der -Ginstermann augenblicklich die Fassung zurückgab. - -»Ich würde nicht verfehlt haben, Sie das wissen zu lassen,« entgegnete er. - -Sie gingen den Hügel hinab und blieben an der Wegkreuzung stehen, -unwillkürlich. - -»O, das ist ja gleich«, sagte Fräulein Schuhmacher und schlug den Fahrweg -ein. - -Sie begannen zu plaudern. Anfangs tasteten sie unsicher nach einem -Gesprächsthema, das Interesse für jeden besaß und jedem gestattete, etwas -dazu zu geben, und huschten sie über die Oberfläche einer Menge von Fragen -hinweg, bis sie schließlich in glattes Geleise kamen. - -Ginstermann war nicht vollständig bei der Sache. Ein Chaos von Gefühlen -wirbelte in ihm. Ist es nicht herrlich, neben ihr zu gehen, dachte er. - -Ein Mann macht eine Reise um die Erde und spricht nach seiner Rückkehr zum -erstenmal wieder mit seiner Geliebten. So kam es ihm vor. - -Nachlässig schlenderte er neben ihr her, den Hut in den Nacken gerückt, die -Hände in den Hosentaschen, wie er es bei guter Laune zu tun pflegte. Er war -nicht bedrückt durch ihre Nähe, wie früher, er fühlte sich befreit, ohne -die peinigende Unruhe, unter der er zu leiden hatte, wenn er fern von ihr -war. Er schlürfte sein Glück mit dem lachenden Leichtsinn eines, der nicht -daran denkt, daß der Becher einen Boden hat. - -Es war ihm auch gar nicht darum zu tun, die Seele dieses Mädchens -auszuhorchen. Wozu sollte sein Verstand das ergründen, was sein Herz längst -wußte. Er war ihr Freund, mochte sie seine Gefühle erwidern oder nicht, und -er war selig in dem Gedanken, einen Menschen zu wissen, dem er sich ohne -die Scham des Schenkenden geben konnte, wie er war. - -Sein Inneres glich jenem Fleckchen Land, durch das sie schritten, -erschauernd unter der gütigen Sonne, Leben und Blüten quellend. - -Kommst du nach Hause, Wanderer, so sage, du habest einen gesehen, den das -Leben mitten auf den Mund küßte, dachte er, als jemand an ihnen -vorüberging. - -Emanzipation? Welches seine Meinung über die Emanzipation des Weibes sei? - -Er nahm dieser Frage gegenüber seine feste Stellung ein. Diese Stellung -suchte er ihr zu charakterisieren. Er vertrat die Frauenbewegung in ihrer -radikalsten Form, wenngleich er da und dort seine Bedenken hegte. Die -soziale Stellung des Weibes hielt er für einen Punkt sekundärer Bedeutung, -mehr war es ihm um die Erweiterung des Erkenntnisvermögens der Frau zu tun. -Die Frau müsse es vor allem lernen, ihre Kinder zu erziehen. Sie müsse -begreifen lernen, daß das seelische Wohl des Kindes vor sein leibliches -Wohl gehe. - -»Die Tatsache ist betrübend«, sagte er, »daß der seelische Zusammenhang des -erwachsenen Kindes und seiner Mutter ein lediglich auf natürlichen Gesetzen -basierter ist; ein gezwungener also, kein aus einem freien Bedürfnis heraus -entstandener.« - -Dann sprach er von dem Verhältnis des Weibes zum Manne, das kein von der -Natur vorgeschriebenes, in seelischem Sinne natürlich, sondern von der -Kultur erwünschtes sei. - -Das waren für ihn alte Dinge, über die er Bücher geschrieben hatte, und er -dachte vieles andere, während er sprach. - -Wie schön die Nachdenklichkeit sie macht, dachte er. Es ist nicht Schönheit -im Sinne der Welt, es ist eine neue Art von Schönheit, für die man -besonders entwickelte Augen haben muß. Und man weiß nicht, liegt sie in der -Linie ihres Profils, liegt sie in der durchsichtigen Tiefe ihrer Augen, -darüber die Wimpern sprühen. Man braucht es auch nicht zu wissen. Wie ist -es, dachte er, findet ein Mann in einem Weibe, dessen Seele er liebt, seine -Schönheit heraus, er, sonst kein anderer, oder liebt ein Mann nur das Weib, -das seinen unbewußtesten Schönheitsgesetzen nach schön ist? - -Ist es nicht unglaublich, dachte er, wie gut Breite und Höhe und die Farbe -des Hutes mit der Form ihres Kopfes, dem Teint ihres Antlitzes harmonieren? - -»Allgemein gesprochen«, schloß er seine Ausführungen, »freut es mich, daß -das Weib strebt, weil ich hoffe, daß der Mann dann um so mehr streben -wird.« - -»Wie oft gab es das«, ergriff Fräulein Schuhmacher das Thema wieder, »daß -ein Mann wirklich und wahrhaftig als Freund, als Kamerad mit einer Frau -lebte? Ich befürchte, nicht oft. Sprechen Sie heute als Weib mit einem -Manne, und Sie werden fühlen, daß er Ihnen etwas verbirgt, daß er Ihnen -etwas vorenthält von seiner Meinung, irgend etwas, das ich nicht sagen -kann, ja, daß er sie gar nicht für ernst nimmt, Ihre Bemerkungen erst -ausbaut, zur Höhe führt, und Ihnen dadurch beweist, wie wenig Sie -berechtigt sind, sich an so etwas heranzuwagen. Ich empfinde das und bin -betrübt deshalb. Und ich glaube, alle Frauen empfinden es. Dieses Lächeln -der Überlegenheit hassen wir, weil wir merken, wie berechtigt es ist. -Deshalb arbeiten wir, nur deshalb, wir wollen uns eine Gleichstellung mit -dem Manne in jeder Hinsicht erringen.« - -Dieses Zugeständnis aus dem Munde eines jungen Mädchens zu hören, machte -Ginstermann einigermaßen verwundert. Hier war wirklich ein Weib, das den -grundlosen Dünkel seines Geschlechts, sich für etwas Höheres zu halten, -überwunden hatte. - -Fräulein Schuhmacher blickte einem Falter nach, der über die Wiese -gaukelte, dann fuhr sie fort: »Und die Gelehrten wollen wissen, daß das -Weib nie konkurrenzfähig mit dem Manne werden könne. Welches Weib soll da -nicht verzagen?« - -O wozu sprechen, dachte Ginstermann. Wozu sprechen? Er war gekommen, -lediglich, um neben ihr einherzugehen, das süße Gefühl ihrer Nähe zu -empfinden, die Blumen am Wege anzusehen, die Schwalben in der Luft zu -verfolgen. Wenn sie nun sprach, so hörte er nicht ihre Worte, nur ihre -Stimme. Nie hatte er noch eine solche Stimme gehört. Das koste, ohne kosen -zu wollen. Das war wie ein weicher, weicher Arm, der sich um den Nacken -schlingt. Ihre Worte waren wie Teppiche, so weich, so sanft. Sie hat -Elfenbein in ihrer Stimme, Elfenbein, sagte er jubelnd zu sich, als er das -gefunden. - -Andererseits aber war er ärgerlich, sich so passiv zu verhalten. Er, der -sich nichts Herrlicheres wußte, als ein lebendiges Gespräch, er, der ewige -Kampflustige, er, der um sich zu unterhalten, die Stühle seines Zimmer -rings um sich stellte und mit ihnen konversierte. - -Welch herrlicher Tag doch heute war! Wie? und welche Mühe es gekostet -hatte, die Stunden zu vertreiben. Seit fünf Uhr morgens. - -Ich werde mich bei ihr bis auf die Knochen blamieren, dachte er, und -gleichzeitig, wie er sie neben sich gehen sah, die Harmonie ihrer Seele in -den Augen, dem Antlitze, dem Gange, wenn man doch ihre Hand fassen könnte -und ihr sagen: Sehen Sie es denn nicht? - -Aber wozu das wiederum? Man mußte stets daran denken, daß man Proletarier -und sie eine vornehme Dame war. Wozu also? - -Sie konnten ihn mit glühenden Zangen zwicken, er würde doch nicht reden. -»Vergessen Sie nicht, Fräulein Schuhmacher«, antwortete er ihr, »daß es -sich in erster Linie absolut nicht um eine intellektuelle Ausbildung -handelt, nicht darum auch, Kunstwerke zu schaffen, sondern um eine -Steigerung und eine Verfeinerung der Empfindung. Wo bleiben da ihre famosen -Gelehrten?« - -Ein Lächeln strahlte aus ihren Augen. »O, ich weiß«, sagte sie, »man müßte -ja sonst verzweifeln. Hierin sind unsere Fähigkeiten denen des Mannes -gleich. Ja, vielleicht -- ja vielleicht . . .« Sie brach einen Zweig und -roch an den Blättern. - -Der Park war nun belebt. Zwischen den Büschen leuchteten die hellen -Gewänder der Damen. Wagen und Radfahrer glitten die Straße dahin, als zöge -sie ein rascher Strom. Man vernahm Plaudern und Lachen, gedämpft durch das -Laub und die warme Luft, bald nah, bald ferne, bald schien es aus der Luft -zu kommen, bald aus der Erde. - -Ein Reiter überholte sie in flinkem Tempo. Es war Maler Ritt. Er wandte -ihnen, indem er den Hut lüftete, sein Gesicht zu und verzog es zu einer -indiskret lächelnden Grimasse. Es schien, als sei der Teufel in elegantem -Reitdreß, geschniegelt und gebügelt an ihnen vorbeigeritten. Um ihnen seine -Geschicklichkeit im Reiten zu zeigen, gab er dem Pferde die Sporen, so daß -es unvermittelt in Galopp überging. - -Eine Weile sprachen sie von ihm. Fräulein Schuhmacher gestand, wie ganz -anders dieser Mann, dessen Bilder sie bewunderte, ja verehrte, in ihrer -Vorstellung lebte, bevor sie ihn persönlich kennen lernte. - -»Er ist mir sehr unsympathisch,« urteilte sie, »ja er widert mich an. Ich -kenne ihn nicht, aber es steht fest, daß ich mich nicht in ihm täusche. Ich -glaube nicht, daß er Charakter besitzt. Es gibt so wenig Menschen mit -Charakter, finde ich, Frauen wie Männer. Die meisten haben die Seele einer -Dirne, bei der es aus- und eingeht.« - -Ginstermann dachte nicht mehr an die bunten Falter und Blumen, an die -Schwalben da droben, er hörte zu. - -»Ich kenne überhaupt nur einen Mann«, fuhr sie fort und blickte Ginstermann -an: »Das ist mein Bruder.« - -Und sie begann von ihrem Bruder zu erzählen, dessen Vorzüge im hellsten -Lichte ihrer abgöttischen Schwesterliebe strahlten. Sie wurde nicht müde, -ihn zu loben und schien gar nicht zu bemerken, daß ein Teil dieses Lobes -auf sie selbst zurückfiel. - -Ginstermann freute sich über diesen Beweis ihres Vertrauens und wußte sie -durch Fragen zu veranlassen, fortzufahren. Der Ton, in dem sie seine -Verdienste rühmte, war voll von aufrichtigster Verehrung, so daß er, eine -kleinliche Eifersucht überwindend, schließlich dahin kam, diesen -Beneidenswerten selbst zu verehren und zu lieben. - -Nicht nur, daß er sich bis zu dem, was sie Charakter nannte, durchgerungen -hatte, da war noch etwas anderes: - -»Wenn ich ihm in die Augen sehe«, sagte sie, »so brauche ich nicht in Angst -zu sein, seine Vergangenheit darin zu entdecken, dann er hat keine -Vergangenheit.« - -Das durchfuhr Ginstermann wie ein Stich. Er mußte an die Zeit denken, wo er -sich betäubte, um nicht zu verzweifeln. - -Seine Fröhlichkeit war wie fortgeblasen. -- Er fühlte zwischen sich und dem -Mädchen eine Mauer emporwachsen, die sie für alle Zeiten trennen würde. - -Er war nahe daran, ihr zu sagen: Sehen Sie her! Sehen Sie mir in die Augen. -Graut es Ihnen? O, wenn sie es nicht sehen, so will ich Ihnen sprechen -davon, sprechen! - -Und doch fand er nicht den Mut dazu, er war zu feige. - -Der Himmel verdüsterte sich, und wie ein riesiges Schattenbild zog seine -Vergangenheit langsam darüber. - -Stumm schritten sie nebeneinander her. Sie mit Gedanken an ihren Bruder, er -mit Gedanken an sich beschäftigt. Sie gingen voneinander entfernt. - -Im Hintergrunde stampfte die große Maschine, die wippenden Zweige streuten -Goldstaub auf den Weg. - -Es war Ginstermann als peitschten sie seinen Rücken. -- -- - -Nach einiger Zeit bat Fräulein Schuhmacher Ginstermann, dessen plötzliche -Mißstimmung ihr auffallen mußte, ihr einiges über seine Arbeiten zu -verraten. - -»Es ist ihr gleichgültig, wer ich bin«, dachte dieser bitter, »sie geht nur -mit mir, weil die Zeitungen von mir schreiben.« - -»Was arbeiten Sie gegenwärtig. Ich interessiere mich dafür, es ist nicht -Neugierde.« - -Ginstermann blickte sie an und lächelte. Nein, es war nicht Neugierde. Das -versöhnte ihn einigermaßen mit sich. Einerseits fühlte er sich in seiner -Eitelkeit dadurch geschmeichelt, auf der anderen Seite tat es ihm -ordentlich wohl, daß jemand von ihm wissen wollte. - -Er fuhr fort zu lächeln und sagte: »O, das ist nicht so einfach zu sagen. -Das ist sehr kompliziert alles. Jemandem das auseinandersetzen zu wollen ---« Er räusperte sich. - -Eine heiße Welle überflutete ihn. Nein, war das nicht sonderbar? Jemand -wollte wissen, was er schrieb? - -Sollte er ihr die Hände küssen? - -Er dachte gar nicht mehr an vorhin. Er dachte nur das eine: Jemand -intressiert sich für dich, Freundchen. Das tut einem armen Hunde ordentlich -wohl, wenn jemand kommt und mit der Hand über ihn streicht, wie? Haha. - -Und er begann zögernd Gedanken und Pläne auszukramen. Seine Hände bebten, -er suchte ungeschickt nach den deckenden Ausdrücken, seine Lippen -zitterten. - -Es war auch das erste Mal, es war auch das erste Mal! - -Schamhaftigkeit durchschauerte ihn, während er sie sachte in das Innerste -seiner Seele führte und ihr all die Dinge zeigte, die noch keines Menschen -Auge erblickt. Da gewahrte er wie reich er war, und Stolz erfüllte ihn. - -Anfangs hing er allen Ideen einen Schleier über, der sie verallgemeinerte, -dann ließ er, seine letzte Scham überwindend, die Schleier sinken und ließ -ihr sein Innerstes nackt sehen, so bitter, so süß, so albern und verrückt -es ihr auch erscheinen mochte. - -Heiße Blutwellen durchliefen seinen Körper, er zitterte vor Erregung. Sein -Antlitz, das er sonst beherrschte oder verstellte, lebte auf, Zug um Zug -löste sich und diente zum Ausdruck. Es war, als sei er aus langjährigem -Schlafe erwacht. - -Er sprach mit leiser, eindringlicher Stimme, durch die Tränen fielen. Seine -Seele pulsierte in feinen Worten. - -Zum erstenmal vernahm er seine eigene, wirkliche Stimme! - -Er nahm dazwischen den Hut ab, strich sich durch die Haare, er blieb stehen -und zündete sich mechanisch eine Zigarette an. Oft hielt er den Schritt an -und sah dem Mädchen in die Augen, immerzu sprechend. Seine Augen fieberten, -er lachte und von all dem wußte er nichts. - -Sie gingen denselben Weg immer hin und her. Wohl ein dutzendmal. Wie auf -Kommando drehten sie am Ende immer um. - -Fluten stiegen in ihm, quollen in ihm, brausten heraus. Er hatte tausend -Hoffnungen, tausend Pläne. - -»Ich will nicht auf den Trümmern kauern und schluchzen, wie die anderen -alle, ich will aufbauen, neu aufbauen! Hier ist euer Weg, hier ist euer -Ziel! Wacht auf, wacht auf, um der Menschheit willen! Fort mit Schlaf, fort -mit Lüge!« - -Er fand nicht Ende, nicht Anfang. Von jedem Gedanken liefen tausend Gänge -zu tausend anderen. Alles was unbewußt in ihm geschlummert, brach ans -Licht, reiste in dieser Stunde blitzschnell heran. Ein ungeheures Rad mit -blitzenden Speichen schwang in ihm, angetrieben von einer unbekannten -Kraft. - -Eine Blüte fiel herab und blieb auf ihrer Schulter liegen, er nahm sie weg, -ohne jeden Gedanken. - -Und er baute weiter, immerzu, der Höhe entgegen. Alles, was ihm sonst -unfaßbar gewesen, rückte in das Sehfeld seiner Erkenntnis. Mit beiden -Händen konnte er wegwerfen, seiner Schätze wurden nicht weniger, es war wie -ein Zauber. - -Zuweilen fragte er sich zwischen all diesen Strömungen: wie kommt das? Wie -ist das möglich? Bin ich sehend geworden? Und weshalb sage ich ihr das, -gerade ihr? Weshalb reißt es mich hin, ihr den Fanatiker der Idee zu -zeigen, der ich bin, nachdem sie mich jahrelang in Schweigen gehüllt? - -Endlich hielt er inne. Seine Worte gehorchten nicht mehr, er brach in -nervöses Lachen aus. - -Fräulein Schuhmacher faste nach seiner Hand und drückte sie. - -Sie gingen still nebeneinander her. Die Gedanken, die er gesprochen, -umgaben sie wie eine sie begleitende Atmosphäre. - -Sie kamen am Wasserfall vorüber und blieben stehen, das Bild und den toten -Rhythmus des Tosens mit halben Sinnen genießend. - -Auf einen Felsblock saß eine Dame und zeichnete. Sie hatte eine spitze -abgeknickte Feder auf dem Hute und der übergeschlagene Fuß wippte -unmerklich auf und ab. Ginstermann bemerkte das, so sonderbar es ihm auch -erschien. Und während die Wellen in ihm noch weiterrauschten, dachte er: -Hier sitzt immer jemand, der zeichnet, oder jemand der liest, oder einer, -der verzweifelt nach einem Verse sucht. - -Sie gingen weiter, und Fräulein Schuhmacher sagte nach langem Sinnen: -»Wollen Sie mir nicht etwas aus Ihrem Leben erzählen, Herr Ginstermann?« - -Das klang wie eine Bitte, die sie schüchtern vortrug und am liebsten wieder -zurückgenommen hätte. Eine leise Röte stieg in ihre Wangen, sie beugte den -Kopf in den Nacken und sah zum Himmel empor, den ihre Augen hell -spiegelten. - -»Von meinem Leben?« erwiderte Ginstermann und lachte kurz auf. - -»Von Ihren Eltern, Ihren Geschwistern. Haben Sie Geschwister?« - -»Ich habe weder Geschwister noch Eltern, Fräulein Schuhmacher.« - -Sie blickte ihn an und war erstaunt, daß er heiter lächelte. - -»Wie das?« - -»Ich war noch nicht achtzehn Jahre, als man mir Urlaub für mein ganzes -Leben gab. Ich hatte so etwas wie eine Dummheit begangen.« - -Er lachte wieder, ganz vergnügt. - -»Ich begreife das nicht.« - -»Ich bin glücklich, wenn ich daran denke. Der Haß macht glücklich, Fräulein -Schuhmacher.« - -Pause. - -Dann fuhr Ginstermann ganz von selbst fort: - -»Ich komme einen dunklen Weg. Niemand könnte das fassen, selbst wenn man es -ihm erzählen könnte. Niemanden kann man es erzählen. Man müßte keine Scham -mehr haben. Ich habe das Bewußtsein, daß Tausende in dem schwarzen Sack -stecken geblieben und nicht mehr ans Licht gekommen wären. Ich kann Ihnen -nichts sagen. Nehmen wir an, ich sollte erzählen, ich schlich mich in die -Ställe und stahl den Kühen die Rüben aus den Barren -- so könnte ich -höchstens sagen: dann und wann hat es mich auch gehungert. -- -- Hunger und -Durst ist das wenigste. Mit dem Stolze eines Königs geboren zu sein und die -Demütigung eines Bettlers ertragen zu müssen, ist schon schwerer. Aber bei -all der Misere, Sehnsucht nach Glück und Licht und Liebe und all das -Ungegorene mit sich schleppen zu müssen, das ist keine Kleinigkeit. Ich -kann Ihnen nichts sagen, niemand sagt das. Es ist vorbei und heute lache -ich darüber. Sie ahnen ja nicht, was alles an Herrlichem und Leuchtendem -auf dem dunklen Sumpfe schwimmt. Im allgemeinen ist auch nichts dahinter. -Es ist eine Vergünstigung des Schicksals. Was ist dabei, Tausende erleben -dasselbe, es ist keine Tat. Man blickt ein bißchen ins Leben, sieht dem -Schicksal etwas bei der Arbeit zu. Man lernt das eher begreifen, was andere -später begreifen müssen. Der Mensch ist nichts, wird nichts. Mysterien -walten über uns, wir nennen sie Schicksal. Schicksal ist alles. Das -Schicksal hockt und lauert. Irgendwo hockt es und lauert. - -Einer geht seine Straße und denkt, ich bin gefeit. Er geht sorglos. Andere -sieht er fallen, er ist gefeit. Er geht sorglos. Aber hinter dem 121. -Kilometerstein hockt sein Schicksal und lauert. Es haut ihn zusammen. -- O, -der Mensch ist ohnmächtig, das lernt man. Und für diese Ohnmacht möchte er -sich rächen und deshalb ist er schlecht. Wir nennen es so. Aber das kümmert -das Schicksal nicht. - -Es zieht Furchen in den Sand, wie die Kinder, die spielen, und setzt die -Menschen hinein: hier mußt du laufen, hier du. Es drückt ihm die Hirnschale -ein, es reißt ihm einen Fuß aus. Er krabbelt weiter. Aber da kommt einer -daher, dessen Weg den seinen kreuzt, der hat die Kunst gelernt, Hirnschalen -zu flicken, Beine einzusetzen. Das nennt man Glück. Aber dieser -Wunderdoktor kommt selten. -- Und dabei all unsere Sehnsucht, unsere -kindische, göttliche Sehnsucht -- --! Glauben Sie nicht, daß das alles -Unsinn ist, es ist manche Wahrheit darin.« - -Er nahm eine neue Zigarette aus dem Etui und sagte lachend: - -»Nun will ich Ihnen mal etwas Lustiges erzählen. Einmal war ich Erdarbeiter -bei einem Bahnbau im Gebirge. Die Arbeit tat meinem Körper sehr gut, den -Feierabend benutzte ich dazu, zu schreiben. Ich setzte mich in den Wald und -schrieb. Oft schrieb ich in der Mittagspause, in glühender Sonne, während -die anderen auf dem Gesichte lagen und schliefen. Des Nachts schrieb ich in -der Baracke, in der über fünfzig Leute schliefen, bei einem Stumpen Licht. -Ich mußte mich in acht nehmen, denn sonst setzte es Spott und Prügel. Es -waren gute Kerle, trotzdem sie roh waren. Sie litten an Elend. Sie litten -auch noch an etwas anderem. Deshalb betranken sie sich, deshalb fluchten -sie, sie wußten es aber nicht. Sie hatten ein zottiges, irrsinniges Tier in -sich, das immerzu im Kreise ging. Das war ihre Seele, ihre geschändete -Seele. Einmal nun erwischten sie mein Buch. Es war ein dickes Notizbuch. -Einer, ein dicker, runder Bursche mit dem Gesichte eines Metzgerhundes las -es vor. Bei jedem Worte wieherte die Bande. In der Ecke da saß ein -Schwindsüchtiger mit herabhängendem Chinesenbart, der machte aus jedem -Worte eine Zote. Da kam nun einer im Buche vor, der denselben Vornamen -hatte wie einer meiner Kollegen. Das gab Hallo. Und als etwas Abfälliges -über ihn gesagt wurde, schrieen alle: Schlage ihn tot! Der, ein bärenhafter -Kerl stieg über eine Kiste und schlug mich auf den Kopf, daß ich umfiel. Es -war nur Scherz. Die anderen stießen mich herum wie einen Fußball. Natürlich -nur Scherz. Schließlich wollten sie mein Buch zerreißen und es mir zum -»Fressen« geben. Aber ein alter Arbeiter stand auf und sagte: Nein! Sonst -nichts. Da warfen sie es mir ins Gesicht -- ich habe noch heute die -Schrammen unter dem Auge -- und ich hatte es wieder. -- Ist das nicht -kostbar? Ich könnte Ihnen eine Menge solcher Geschichten erzählen.« - -»Nein, bitte, nein, ich habe an dieser einen genug.« - -Ginstermann erwiderte: »Sie haben recht, wozu auch immer schwätzen.« - -»Ich höre Sie gerne erzählen, aber so bittere Geschichten machen mir keine -Freude. Und von solchen Leuten --« - -»Nein, sagen Sie nichts über diese Leute, Sie sollten sie kennen. Später da -dichtete ich ihnen Lieder. Revolutionäre, sehnsüchtige. O, Sie hätten sie -sehen und hören müssen, wenn sie sangen. Eine Seele waren sie, ein Haß, -eine Klage. Es war, um in den Wald zu gehen und zu weinen.« - -Er lächelte und fuhr in anderem Tone fort: »Nun habe ich noch eine -Geschichte für Sie gefunden. Das war in Ungarn. Ich schrieb da in einem -kleinen Bureau. Da lernte ich ein Mädchen kennen. Sie hatte so gute Augen, -daß ich es wagte, sie anzusprechen, als es niemand bemerken konnte. Dann -mußte ich fort und sie erlaubte mir an dem und dem Tage an das Gitter ihres -Gartens zu kommen, um ihr Adieu zu sagen. Ich kam. Es war bitter kalt. Sie -hatte noch zwei Schwestern dabei, die ihr so ähnlich sahen, daß man sie für -Abzüge einer gleichen photographischen Platte hätte halten mögen. Sie gab -mir die Hand zum Gitter heraus. Dann ging sie zu den Schwestern zurück. Sie -standen in einer Reihe auf einem Hügel. Und plötzlich zogen sie etwas aus -der Tasche und drei goldene Bälle flogen durch die Luft. Orangen. Sie taten -es mit der gleichen Bewegung und riefen dabei ein und dasselbe ungarische -Wort. Ich verstand es nicht. Ich habe es auch vergessen und nur, wenn ich -sehr heiter bin, so klingt es mir in den Ohren. Dieses ist mein schönstes -Erlebnis.« - -Fräulein Schuhmacher lächelte. »Es ist schön, so wie Sie es erlebten,« -sagte sie. »Vielleicht finden Sie noch eines?« - -»Nein, nein. Es ist genug. Wieviel habe ich heute nur gesprochen. Ich -sprach in drei Jahren nicht soviel. Tatsache. Und das ist nicht richtig. -Wir sollten stumm gehen und lauschen und sehen, sehen und lauschen, und uns -über das herrliche Dasein freuen.« - -»Finden Sie es so herrlich?« - -»O ja, sehr.« - -Sie schüttelte den Kopf. »Ich verstehe Sie nun nicht.« - -»Wenn ich Ihnen erklären sollte, weshalb ich das Leben herrlich finde, so -müßte ich Ihnen wiederum eine lange Rede halten, und das wollen wir nicht.« - -»Ich bitte Sie darum.« - -»Schön, wenn Sie es wollen. Nun ich meine, es gibt doch unzählige Freuden -und Herrlichkeiten. Da gibt es schon ganz einfache Dinge. Z. B. ich stelle -mir rot vor. Rot. Das ist herrlich. Oder ich mache die Augen auf und sehe -irgend etwas. Diese Baumgruppe, dieses Kind dort auf dem Wege, eine Fliege. -Ist das nicht schön? Man zirpt an eine Saite, und das ist schön. Ich -spreche noch gar nicht von Musik, von Kunst! Man kann tausendfältig -genießen, wenn man seine Sinne nicht verschließt. Alles wird Erlebnis, das -Kleinste. Hier ist es ein schön gesprochenes Wort, da ein kluges -Vogelköpfchen, und so fort. Und nun kommen erst die eigentlich seelischen, -die aus den Beziehungen von Mensch zu Mensch entstehen. Sie gehen über die -Straße -- wozu Worte! Und dann ist es der Schmerz, die Sehnsucht, die -Arbeit, die Freude und das Erwarten eines besonderen Glückes, ohne das -niemand leben würde . . .« -- -- - -Der »große Tag« neigte sich seinem Ende zu. - -Sie gingen nach Hause, durch die treibende, bunte Menge hindurch, die die -Wege überflutete. - -Sie sprachen nur noch weniges und hingen ihren Gedanken nach. - -Ginstermann hätte gerne noch um ein Viertelstündchen gebeten, aber er -befürchtete, ihre Güte zu mißbrauchen. - -Auf der Straße zwischen den öden Häusern, inmitten des brutalen Lärmens des -Verkehres, verwandelten sie sich beide in andere Menschen, als sie im Park, -in der Sonne gewesen. - -Fräulein Schuhmacher war wiederum die kühle, vornehme Dame, als die er sie -kennen gelernt hatte. - -Aber beim Abschiednehmen war sie liebenswürdig und herzlich wie während des -Spazierganges. - -»Ich werde Ihnen schreiben, wenn ich wieder kommen kann, nicht? Ist es -Ihnen angenehm? Adieu, und seien Sie recht fleißig. Auf Wiedersehen!« - -Sie schüttelte ihm die Hand und ging. - -Ginstermann schritt langsam die Leopoldstraße hinauf, ganz langsam. - -Was für einen Monat haben wir, meine Brüder? sagte er. - -Wir haben Mai!! - - * * * * * - -Ginstermann ging nicht sogleich nach Hause. - -Er kehrte in den Englischen Garten zurück und schritt langsam, den Hut in -der Hand, dieselben Wege, die er mit ihr gegangen. - -Die Sonne blitzte hinter der Stadt, die Wipfel der Bäume streckten sich -ihrem erlöschenden Lichte entgegen. Dämmerung kam und schob die Leute den -Ausgängen zu. - -Jene auffallende Sicherheit und Ruhe, die Ginstermann während des -Nachmittages erfüllte, fiel in dem Moment, wo er allein war, gleich einer -Schleuse, und die Flut seiner Empfindungen ergoß sich mit dreifacher Wucht. -Er saß inmitten der Stunden dieses Tages, und jede einzelne breitete ihre -Herrlichkeiten vor ihm aus. - -Er durchlebte nochmals jede einzelne Minute und das Erlebnis gewann an -Schönheit und Tiefe, da seine Phantasie es verklärte und durchleuchtete. -Jedes Wort, das Fräulein Schuhmacher gesprochen, klang in ihm wieder, so -deutlich und lebendig, als spreche sie neben ihm. Ihre kurze Frage: wie -das? wolle ihn nicht mehr verlassen. Sie ging neben ihm her. Schloß er die -Augen, so leuchtete ihm ihr Gesicht entgegen, in jedem Ausdruck, den er zu -sehen wünschte. Sie wandte ihm sachte die Augen zu, wenn er redete, sie -lächelte, wenn er scherzte, sie kräuselte die Stirne, wenn er ein Paradoxon -aussprach. Er entdeckte abermals, wie wesenhaft ihre Hände waren, wie -schmal und gewölbt ihre rosigen Fingernägel, die kaum merkbare Asymetrie -ihrer Stirne. - -Als er den Wiesenweg entlang schritt, den sie während seines Vortrages hin- -und hergegangen, fand er Spuren ihrer Schirmspitze. Dies mutete ihn an wie -eine reale Hinterlassenschaft. - -Hier sagte sie dies und jenes, ein gelber Falter schaukelte über die Wiese, -ein roter Sonnenschirm wanderte dort hinter den Büschen. Er wußte jede -Einzelheit ganz genau. - -Heute war der Tag seiner Wiedergeburt. Er hatte einen Menschen kennen -gelernt, er hatte sich einem Menschen zu erkennen gegeben, das war das -große Ereignis. - -Eines nur war bitter. Jene Erkenntnis, daß ein Abgrund sie trennte. - -»Wenn ich ihm in die Augen sehe, so brauche ich nicht zu befürchten, seine -Vergangenheit darin zu entdecken, denn er hat keine Vergangenheit.« - -Welch unerschütterlich herrlicher Glaube lag in ihrem Tone und welch -grausige Abneigung vor dem Menschen, bei dem sie dies zu befürchten hatte. - -Ein Schleier war gesunken, und er hatte eine Sekunde ihre Seele gesehen. -Mit Furcht und Bangen. -- - -Müde vom Laufen und Sinnen, steuerte er endlich seiner Wohnung zu. - -Durch die Straßen hauchte ein schwüler lautlos böser Wind, Bangen in den -Herzen der Menschen erweckend. Die Sterne flackerten wie Kerzen, über die -ein Luftzug streicht. Eine dunkle Wolkendecke schob sich über die Residenz, -die Erde darunter zu ersticken. - -Bei Bildhauer Kapelli war noch Licht. - -Ginstermann schob den Kopf zur Türspalte hinein und sagte guten Abend. - -Die beiden Leutchen saßen aneinandergeschmiegt auf dem Sofa, eine -niedergebrannte Kerze vor sich auf dem Tische. - -»Kommen Sie doch herein,« sagten sie mit vom Glücke schwermütiger Stimme. - -Er trat ein und saß eine Weile, den Hut im Nacken, bei ihnen und scherzte -mit gedämpfter Stimme, obschon kein eigentlicher Grund zum Leisesprechen da -war. - -Die Augen von Frau Trud erschienen wie blaue Flämmchen, die hinter Gaze -brennen. - -»Mai, Juni, Juli,« sagte sie, ungewöhnlich lächelnd. Sie sann vor sich hin, -dann warf sie den Kopf zurück, damit ihr nicht die Tränen aus den Augen -fielen, und lächelte wieder. - -Ihr Gesichtchen war verklärt durch mädchenhafte Schamhaftigkeit und das -Mysterium, das sich in ihrem Schoße vollzog, durchschauerte ihr ganzes -Wesen. - -Sie hatte ihren blonden kleinen Kopf, um den goldene Funken sprangen, an -den ihres Gatten gelehnt und Kapellis grauer Haarbüschel hing über ihre -Schläfe. Ihre Lippen waren rot, wie geschminkt, und Ginstermann fiel es -auf, daß sie eine Schleife von genau der gleichen Farbe trug. - -Sie atmeten alle beide in gleichen Zügen. - -Ginstermann hörte auf zu scherzen und mit der Andacht vor dem Gefühle, das -diese beiden Menschen zu einem gewandelt, zog eine schmerzlich-süße -Sehnsucht nach einem Zustande in sein Herz, dem er keinen Namen zu geben -vermochte. - -Er schwieg schließlich ganz und nur sein Mund lächelte noch. - -Alle drei sahen sie in die Flamme auf dem Tische, als sähen sie die Bilder -ihrer Träume darin. - -An den Fenstern knisterte es wie von feinem Sande, den eine Hand dagegen -warf. - -Ginstermann flüsterte. - -»Bianka,« flüsterte er. - -Er erschrak und sah auf. Aber die beiden hatten nichts gehört. - -Er ging. - -Aus dem Zimmer der Malerin von Sacken drang lautes Sprechen und Lachen. Er -erkannte Maler Ritts Stimme. Etwas verwundert über die neue sonderbare -Freundschaft trat er in sein Zimmer. - -Der Wind lag auf dem Boden und sprang an ihm empor, als er die Türe -öffnete. - -Da begann es in der Ferne zu grollen, und dumpf rollte der Donner über die -aufhorchende Stadt. - -Ginstermann sagte: »Das ist mein Schicksal!« - -Er sagte es mit unterdrücktem Jauchzen in der Stimme. - -Er lehnte sich gegen die Türe, den Kopf in den Nacken gebeugt, immer noch -das Lächeln von vorhin auf den Lippen. - - - - -XI. - - -Ginstermann hatte es aufgegeben, gegen das Geschick zu kämpfen, das auf ihn -einbrauste. - -Noch war es nicht soweit gekommen, daß er sich ihm als Sklave ergeben -mußte, noch konnte er sich verschenken. - -Und so verschenkte er sich. - -Er hatte sich gegen das Leben abgeschlossen, alle Fugen seiner Seele -verstopft. Nun war es doch gekommen, heimtückisch in seiner Güte, furchtbar -in seiner Liebe. Wie ein glühender Sturmwind fuhr es daher. Mit tausend -Stimmen, mit Posaunen rief es ihn. - -Die Posaunen des Lebens riefen ihn! - -Nicht ohne Grauen folgte er dieser Stimme, aber er folgte mit der -versteckten Sicherheit eines Menschen, der weiß, daß er sich zuletzt, ganz -zuletzt, wenn es ihn an seiner Brust zerdrücken möchte, durch einen Sprung -retten kann. - -Und wenn nicht -- nun dann sollte er untergehen. - -Er hatte solange geherrscht über sich und andere, er hatte Sehnsucht, -einmal zu dienen, er hatte immer geschenkt, verschwendet, er wollte nun -nehmen, gierig nehmen. - -Der Kampf gegen sein Schicksal war das Wahnsinnige, Erschöpfende gewesen, -nun, da es sein Freund war, nahm er Geschenke und Hiebe ohne Trotz und -Schmerz entgegen. - -Blank und frisch, reingescheuert lag die Erde. Der Himmel lockte, die Sonne -sang und sang, er blieb eigensinnig zwischen seinen vier Wänden. - -Er wußte, wenn du nach Schleißheim gehst, zwischen acht und neun Uhr -morgens, so kannst du sie sehen, wie sie mit der kleinen Scholl auf dem Rad -vorbeiklirrt, aber er ging nicht. Er wollte sich keine Freude mehr stehlen. -Selbst mußte sie zu ihm kommen, ganz von selbst. - -Sie würde ihm ja schreiben. Ich schreibe Ihnen, wenn ich wieder kann, hatte -sie ja gesagt. - -Oder hatte sie es nicht gesagt? Sie hatte es gesagt, natürlich! - -Und noch hatte er ja zu zehren von dem großen Glücke von neulich. - -Es war entzückend, nichts, gar nichts zu tun, auf der Ottomane zu liegen -und Zigaretten zu rauchen. Die Wirklichkeit versank und herrliche Träume -wuchsen aus ihr empor wie mattleuchtende Tulpen, deren Kelche sich leise -neigten. - -Dazwischen dachte er daran, etwas zu schreiben. Er war voll von Liedern. - -Doch ließ er sie singen, klingen in sich, wozu sollte alles Papier werden? -Er wollte seiner Seele diese Lieder nicht rauben, sie sollten diese zarten -langstieligen Blumenkelche umschweben. - -Bekam er Langeweile, so sprach er bei den Bildhauersleuten vor. - -Er fühlte eine seelische Zusammengehörigkeit mit ihnen und es fiel ihm -nicht im Schlafe ein, sich daran zu erinnern, daß er sie früher verliebte -Tierchen genannt, die in den Stall gehörten. - -Er las in einem Buche, während Kapelli arbeitete, er spielte Karten mit -ihnen, wenn es Feierstunde gab, er sah Frau Trud beim Nähen zu. - -Sein Aussehen hatte sich geändert. Er sah frischer denn sonst aus, blühend -gleichsam, nahezu wie ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren. In seinen -Augen, die sonst düster brannten, sprühte das helle Feuer der Lebenslust. - -Eines Morgens standen zwei Büsten auf dem Tische, als er bei Kapelli -eintrat. Es war Biankas Porträt. Er erschrak vor Freude. - -Diese beiden ganz gleichen Köpfe wirkten, länger betrachtet, verwirrend -schmerzhaft auf ihn. Er sah im Geiste eine unendliche Reihe desselben -Kopfes vor sich und wurde nervös bei dieser Vorstellung. - -Kapelli lachte über dieses Gefühl. Seine Sinne waren abgestumpft, dadurch, -daß er wochenlang dieses Gesicht studiert hatte. Für ihn war es ein Kopf, -ein beliebiger Kopf, ein Geschöpf von ihm. - -»Ich würde ihnen eine Büste schenken, Ginstermann,« sagte er. »Wenn Sie -wollen.« - -Ginstermann überflog, überglücklich durch dieses Geschenk, das zu erbitten -ihm sein Zartgefühl verboten hätte, des Bildhauers Gesicht, ob er nicht -einen schelmischen Zug darin entdecke. Aber Kapelli war vollständig von -seiner Arbeit eingenommen und knetete mit nervösem Ernste an seiner Skizze -herum, jene argwöhnisch-forschende Härte in den Augen, die das -unausgesetzte gewissenhafte Vergleichen zwischen Modell und Arbeit erzeugt. - -Also konnte er annehmen. - -»Ich danke, Kapelli,« sagte er, »diese Büste gehört zum Besten, was Sie -geschaffen haben -- haha.« - -Er legte das Taschentuch um sie und trug sie behutsam in sein Zimmer -hinauf, sehr behutsam. - -Nun stand sie auf seinem schmalbrüstigen, hohen Bücherregal. - -Anfangs beunruhigte in dieser Gast. Er war nicht mehr allein. Gleichzeitig -ein Gefühl der Scham, ohne ihr Wissen etwas von ihr zu besitzen. Aber sein -Egoismus brachte gar bald sein Gewissen zur Ruhe, und schließlich wurde ihm -die Büste eine wonnige Erlösung. - -Er mochte sich noch so sehr in Träumereien verlieren, immer wieder gelangte -er auf irgend einem Wege zu diesem Bildnis. Seine Gedanken, ja seine -Bewegungen wurden dadurch beeinflußt. Etwas Weltfernes, etwas Reines, -Heiliges erfüllte ihn, ohne daß er sich erst dazu hätte erziehen müssen. - -Sein Zimmer wurde zu einem Tempel, dessen Gottheit Bianka war. Die Vorhänge -waren stets zugezogen, so daß feierlich gedämpftes Licht herrschte. Schien -die Sonne gegen die Scheiben, so erfüllte eine schwärmerisch-gelbe, -verheißende Beleuchtung das Gemach, dunkelte es draußen, so versank der -Raum in Schwermut und scheues Wünschen. - -Oft stand er dicht vor der Büste und verharrte lange in der Betrachtung. -Dann waren nur Bianka und er im Zimmer, sonst nichts, weder Stuhl noch -Tisch. - -Eigentlich konnte man nicht gut Büste sagen. Es war ein Mittelding zwischen -Büste und Maske. Der Hinterkopf war weggeschnitten, wodurch das Edle, -Durchgeistigte des Antlitzes noch hervorgehoben wurde. - -Es war ein Antlitz, wie es Kranke haben, so zart, so durchscheinend, -gleichsam überstrahlt von einem Lichte, das aus dem fernen Lande glänzte, -wohin diese großen sehnsüchtigen Augen blickten. Die Nasenflügel schienen -zu beben, der Mund zu zittern unter diesem Lächeln, diesem schmerzlich -verlangenden, dürstenden Lächeln jener Menschen, die das Schicksal auf -diese Welt verschlug. - -Ich leide, sagte dieses Lächeln, aber ich möchte es euch verbergen, denn -ihr würdet mein Leiden nur mißverstehen. - -Die Spitzen der Finger schmiegten sich, als wollten sie das pochende Herz -beruhigen, an die Brust, während die übrige Hand in den Block überging. - -Er verbrachte die Tage hinter verschlossener Türe, mit dem Egoismus des -Glücklichen, der Scheu des Verbrechers, der Scham des Liebenden. - -Er nannte sie »Bianka«, wenn er zu ihr redete. Wenn seine Gedanken zu ihr -redeten, von denen er nicht einmal wußte, was sie sprachen. Ach, alles war -Keim in ihm, Knospe, er hätte keine Worte gefunden, als solche, die die -Lippen vieler bereits profanierten. Er wünschte es auch nicht. Alles war -Musik in ihm und schwebender Klang. Selbst Bianka sagte er nicht, nur seine -Lippen bewegten sich, als liebkosten sie diesen Namen. - -Feiertage waren das. Was er, der Gottlose, nie kannte, das lernte er jetzt -kennen in seiner ganzen Süße: Andacht, himmlische, inbrünstige Andacht. - -Oft war es ihm, als wäre er gar nicht, als ginge er als Traum eines höheren -Wesens einher. - -Aufs neue erschloß sich ihm Mensch und Menschentun, da er die Liebe kennen -lernte, die ledig aller Leidenschaft war. O, wie glatt und kalt waren doch -die Speere der Vernunft! Sie mordeten. Die Liebe, die so weich ist wie -Mutterlippen, die heilte. Nun wurde ihm der große Prediger lebendig, der -diese armen Menschen alle an seine Brust nahm und die Tränen seiner -unendlichen Liebe in ihre bitteren Herzen träufelte. - -Gelobet seist du! - -Und die armen Menschen hatten dies Erbe verloren. Sie lebten auf dem -Kerichthaufen des Tages und scharrten schwatzend und zeternd ekle Klumpen -und bunte Fetzen. Sie waren Schlacke, die kein Hauch mehr erwärmte, kein -Feuer mehr glühend machte. Der Mensch war ja tot! Seinen Gott hatte er -verloren und nicht mehr soviel Seele in sich, in schüchterner -Kinderinbrunst zum Menschen zu beten. -- - -Eines Abends verließ Ginstermann das Haus -- die Beleuchtung in seinem -Zimmer war so schal und müde -- und kehrte mit einem Paketchen in -Fließpapier zurück. - -Er hatte Blüten eingekauft, mit denen er sein Heiligstes schmückte. - -Es waren zartfarbene exotische Blüten von märchenhafter Gestalt, lange -geschweifte Kelche, die einen süßen Duft ausatmeten. Er wußte nicht, wie -man sie nannte. Verwunschene Prinzessinnen waren es, höchst einfach. - -Er lag auf der Ottomane und betrachtete das Bildnis, während sich seine -unklaren Gefühle zu einem Zuge stummjauchzender Verse ordneten, die in -seiner Seele hin- und herzogen, eine feierliche Prozession in Weiß und -Gold. - -Alle Tage ersetzte er die Blüten durch neue. - -Der Tag versank um ihn, er dachte häufig gar nicht mehr daran, daß jenes -Weib, das er hier anbetete, wirklich existierte. - -Ohne die geringste Ungeduld wartete er auf ihr versprochenes Billett. - -Auf einem seiner Einkäufe begegnete ihm Fräulein Scholl. Die kleine -reizende Scholl sagte: »Fräulein Schuhmacher reist demnächst ab.« - -Er hörte es ohne Schmerz und dachte: »Sie wird dir schreiben, wenn sie -wieder kommen kann.« - -Es eilte ja gar nicht, es eilte ja gar nicht. - -Einmal entstand das Verlangen in ihm, ihr ein Fest zu geben. - -Er nahm seine ganze Barschaft und handelte weiße Rosen dafür ein. Sie waren -klein wie ein Taubenei, und jede hatte hundert zarte Blätter. Es war eine -ungeheure Menge und doch waren es noch lange nicht genug. - -Er arbeitete fiebernd vor Festesfreude an der Ausschmückung. Er rannte fort -und besorgte Draht, er rannte fort und besorgte Seidenpapier für die Lampe, -er rannte fort und besorgte duftende Kräuter. - -Die Büste stand nun in einer Laube weißer Rosen, bleicher, keuscher, -sehnsüchtiger als diese. Rosen lagen auf der Schulter, vor ihr auf dem -Teppiche, aus einer kleinen Schale stieg der Rauch duftender Kräuter empor, -ein dünner Faden, der oben einen sich drehenden Kelch bildete. Die Lampe -war in gelbes Seidenpapier gehüllt und sah aus wie ein Stern, der werden -will. - -Es war schön! Ach, ihr hättet es sehen müssen! - -»Bianka!« jubelte Ginstermann. »Bianka!« - -Allerdings hätte man es sich noch viel, viel herrlicher denken können. Eine -Laube aus weißen Rosen mit goldenem Himmel zwischen den Ranken, wie auf den -Gemälden der alten Meister. Und ganz aus der Ferne die Stimme einer Geige. -Einer einzigen Geige, leise und süß, eine Melodie, die er in sich hatte, -schüchtern anbetend, verschämt sehnsüchtig. - -Und in den Pausen dieser ewigen Melodie hätten die Stimmen von Jungfrauen -jauchzen müssen, so unendlich ferne und verweht vom Schwingen grüner -Palmzweige. - -Ergriffenheit bemächtigte sich seiner, er breitete die Hand über die Augen, -als ob er weinen müsse. - -Bianka blickte ihn an. Ihre Augen bekamen Farbe und Ausdruck, während das -Gesicht bleich und still blieb. Sie zürnten ihm nicht wegen des Frevels, zu -dem ihn seine Liebe verleitete. Sie blickten mild und gut. - -Dieser Abend war eine einzige Köstlichkeit. - -Seine Träume in dieser Nacht waren noch erfüllt davon. Bianka schwebte -durch sie, bald mild lächelnd, bald stolz fliehend. - -Er saß auf einem Sterne, weit ab von der Sonne, die Sonne erschien wie ein -winziger Funke. Bläuliches Licht um ihn. Er hatte aus den anderen Sternen -Biankas Namen gebildet, der sich flimmernd durch den Raum spannte, wie eine -silberne Brücke. Er saß und schluchzte. Weshalb schluchzte er? Er wußte es -nicht. Da strich etwas über seine Haare, ein Gewand flüsterte, das war -Bianka. Er sah sie nicht, aber er wußte, daß sie es gewesen. - -Und wieder, da eilte er durch einen Lilienwald. Das weiße Gewand Biankas -schimmerte vor ihm. Aber so sehr er eilte, er erreichte es nie. Er rief, -aber der Wald verschluckte seinen Ruf, ohne ihn weiterzugeben. Plötzlich -wurden die Lilien so dicht, daß er nicht mehr durchzukommen vermochte. Und -Biankas Augen blickten ihm entgegen. Sie lächelten grausam und höhnisch. Da -begann der ganze Wald zu wandern und voller Schrecken erwachte er. - -Wieder -- wieder -- da gingen sie durch eine Wiese von -gläsern-durchsichtiger Farbe. Er und sie. Sie schritten Hand in Hand. Er -war jung, schön war er. Sie war bald Kind, bald Jungfrau -- Sie gingen im -gleichen Schritt, sonderbar pathetisch, als trüge sie eine Melodie. - -Da begann sie zu singen. Leise, flüsternd. - -»Als Kinder spielten wir auf blumiger Wiese«, sang sie. - -»In unseren Träumen spürten wir unsere Hände«, sang er. - -Ihre Schritte zogen eine leuchtende Spur durch die Flur. - -Sie blieben stehen, legten sich die Hände auf die Schultern und blickten -einander an. Aus ihren Augen züngelte eine goldene Flamme. - -»Wohin gehen wir?« - -»Bis an die Pforte.« - -»Bis an die Pforte?« - -»Bis an die weiße Pforte.« -- -- - -Die nächsten Tage verbrachte Ginstermann mit Arbeit. Es hieß, sich nun -verzweifelt einzuschränken. Für die wenigen Gegenstände, die er verkaufen -hatte können, war ihm lächerlich wenig geboten worden. Er war auf -Viertelkost gesetzt. Aber das kümmerte ihn herzlich wenig. Die Not hatte -für ihn nichts Furchterweckendes mehr; Gewohnheit und sein momentaner -Gemütszustand ließen sie ihn als eine Freundin betrachten, eine alte -Bekannte, mit der man Scherze treibt. Schmerzlich war nur der Umstand, daß -er jetzt seine Blumenopfer unterlassen mußte, und wenn er nun arbeitete, -geschah es weniger in der Absicht, Brot zu schaffen, als vielmehr Blüten -erwerben zu können. - -In der ersten Zeit ging es nur langsam vorwärts, sein Geist war der -Disziplin entwöhnt; aber dann hatte er eine Menge glücklicher Einfälle, und -es gelang ihm noch in derselben Woche, eine satirische Plauderei -loszubringen. Für die Hälfte des Honorars kaufte er Blumen, die er mit -glückseligem Jauchzen über sein Heiligstes streute. - -Er war stets guten Mutes. - -In den Pausen seiner Arbeit stand er in Betrachtung der Büste versunken. -Dann verfiel er auf den Gedanken, Briefe an Bianka zu schreiben, die er -natürlich nicht absandte. - -Es waren Briefe, die nur er verstand, sonst niemand. Sie jauchzten und -jubilierten, sie stammelten vor Glück. Hymnen nannte er sie, Hymnen an -Bianka. Nie sollte ein Mensch sie zu lesen bekommen, er nahm sich vor, sie -zu verbrennen -- bei Gelegenheit. - -Tage gingen. Regen kam. - -Regen. Unaufhörlich klopfte er an die Scheiben. - -Dieser kleine Umstand genügte, Ginstermanns Stimmung zu verändern. - -Sein Zimmer erschien ihm eng, ein Käfig, ein Kerker. Es war ihm, als habe -die Zeit ihn vergessen, als lebe er allein auf dem Planeten, während alles -schon schlief. - -Unruhe überfiel ihn und namenlose Sehnsucht. - -Oft, während er schrieb, sprang er auf und sagte laut: »Weshalb schreibt -sie nicht?« Er mußte seine Arbeit stundenlang unterbrechen, da ihm die -Sehnsucht keine Ruhe ließ. - -Er sah nach seinem Kalender. Heute war der siebzehnte Tag danach. - -Er ging des Nachts wieder in der Leopoldstraße auf und ab. Er lauerte auf -der Schleißheimer Chaussee. Allein die Straßen waren wenig verlockend zum -Radfahren. Und dann regnete es auch. Bei Regenwetter fahren junge Damen -nicht Rad. Er lachte; den Weg hätte er sich ersparen können. - -Weshalb schrieb sie nicht? - -Sollte er schreiben? Nein, das hieße wenig Vertrauen zeigen. - -Also wartete er. - -Seine Arbeit bestand nun darin, von der Morgen- zur Mittagspost, von der -Mittags- zur Abendpost zu warten. - -Eine Stunde hat sechzig Minuten und eine Minute sechzig Sekunden, meine -Freunde! - -Wenn er grübelnd über den Papieren saß, so hörte er häufig Pochen an der -Türe. Öffnete er, so fand er jedoch niemanden vor. Oder er vernahm das -Rauschen von Frauenkleidern, hörte sie sprechen im Hofe drunten. - -Und dann diese Stille, diese Einsamkeit. Diese beängstigende Stille, die -schwerer und schwerer wurde und ihn zu erdrücken drohte. Diese Einsamkeit, -in die Rufe und Poltern der Straße wie Hohn drangen. - -Sah er die Büste stehen, die er nur geschmückt gewohnt war, so verursachte -ihm dies ungeheure Qual. Er trat davor und sagte, schmerzlich lächelnd: - -»Das Schiff mit Gold muß jeden Tag eintreffen.« - -Wie alle Einsamen, sprach er viel laut vor sich hin. In letzter Zeit jedoch -geschah es häufiger denn gewöhnlich, und er gefiel sich in den -absonderlichsten Bildern. - -Eines Tages nun kam der Briefbote und brachte ihm einen Wertbrief mit -fünfhundert Mark. - -Er riß, schwindelig vor Glück, das Kuvert auf und schlug auf den Tisch, um -sich zu überzeugen, daß es keine Sinnentäuschung war. Es lagen fünf -Hundertmarkscheine darin. Ein Brief seines Verlegers, er solle ihm das Geld -übermitteln. - -Ginstermann warf die Scheine auf den Tisch und ging mit geballten Fäusten -umher. - -»Welcher Schuft will mir eine moralische Schuld mit Geld bezahlen!« rief er -aus. Irgend so etwas stak dahinter. Er witterte es. Oder wer sonst sollte -ihm das Geld zuschicken? Er kannte niemanden. Er dachte an Bianka, schämte -sich aber augenblicklich, er dachte an Fräulein Scholl, lachte aber -darüber. Diese Dame lebte in dem holden Wahne, ein Dichter schwimme in -Gold. Faktisch! - -Eine ungeheure Wut gegen den Unbekannten, der seinen Stolz bestechen -wollte, packte ihn. - -Dann hielt er den Schritt an, und er fühlte, wie sein Herz stille stand und -jeder Tropfen Blutes aus seinem Gesichte wich. - -»Nein, nein«, rief er, »das ist nicht denkbar!« - -Nun war er da, der Gedanke, und er brachte ihn nicht mehr los. - -Die Hand seiner Vergangenheit hatte nach ihm gegriffen. - -»Lieber Freund«, sagte er zu sich, auf der Ottomane kauernd, »du bringst -deine Vergangenheit nicht mehr los, und wenn du dir das Gehirn aus dem -Kopfe schlägst. Eine Schlinge liegt um deinen Fuß und zieht sich zu, wenn -du ausschreiten willst. Du kannst nicht mehr gehen, wohin du willst.« - -In seinem Gehirn wirbelten die Gedanken wie die Flügel einer Turbine, -seinen ganzen Körper durchzitternd. - -Nach einer Weile fand er seine Fassung zurück. - -»Was ist dabei«, sagte er sich und legte das Kuvert in ein Schubfach. »Ich -werde es herausbringen. Im übrigen geht man nicht rückwärts in die Zukunft -hinein, mein Freund.« - -Er nahm den Hut, um spazieren zu gehen. Es darf nicht so fortgehen, dachte -er. Er kramte in seinen Papieren, zog ein dünnes Manuskript hervor und -steckte es in die Tasche, um es auf die Redaktion zu tragen. - -Es waren Gedichte, Gedichte an Bianka. Das kam ihn hart an, aber es mußte -sein. Das Leben erlaubte keine Zimperlichkeit. Er wollte sie unter fremdem -Namen veröffentlichen, damit Bianka nicht etwa den Verrat entdecken konnte. - -»Du verzeihst«, sagte er, die Büste anblickend, und ging. - -Nun war er traurig, sehr traurig. Es half nichts, daß er sich zurief: Mut, -Mut! - -Im Hausflur traf er Fräulein von Sacken, die glücklich lächelnd Ritts -Atelier verließ. - -»Guten Tag«, sagte sie und bot ihm lächelnd die Hand. - -»Guten Tag«, erwiderte er und ging an ihr vorbei. - -Ritt sah zur Türe heraus und grinste. - -»Kommen Sie, Ginstermann!« rief er ihm zu. - -Ginstermann hatte keine Lust. - -»Nur eine Sekunde!« - -So trat er also ein. Ritt führte ihn zu einem Bilde, das auf der Staffelei -stand. Es war ein Stillleben, Karpfen waren es. - -»Wie finden Sie es? Ich habe dem armen Weib ein bißchen geholfen.« - -Es war prächtig gemalt, aber Ginstermann sagte nichts. - -Für ihn gab es keine Farben mehr, kein Leben und Lachen. Eine dunkle -Traurigkeit hüllte ihn ein. - -»Die Sacken ist doch eigentlich noch ein hübsches Weib, nicht?« lächelte -Ritt. - -Ginstermann erwiderte mechanisch: »O, gewiß«, und ging. - -Es war ihm alles einerlei. - -Ob das Bild gut oder schlecht war, ob Fräulein Sacken hübsch oder nicht -mehr hübsch war, das konnte ihm doch ganz gleichgiltig sein. -- -- -- - - * * * * * - -Ginstermann schloß seine Türe auf, streckte den Kopf ins Zimmer und lachte. - -Er trug ein kleines Paketchen in Fließpapier, das er sorgfältig enthüllte. - -Dumpfe Luft und schwermütiges Licht erfüllten sein Zimmer. Er zog die -Vorhänge auseinander und öffnete die Fenster. Die Sonne wirbelte ins Zimmer -und überschüttete die Büste mit goldenen Küssen. - -»Im Tempel des Lebens ist die Sonne der Strahl der Kerzen und frische Luft -Weihrauch!« jauchzte er pathetisch. - -Der Duft von Veilchen, die er mitgebracht, erfüllte das Gemach. Das ganze -Haus stand gleichsam in einem blühenden Garten. Ein bescheidener Schmuck -lagen sie auf der schneeweißen Schulter, ihr wunderholdes Blütenantlitz an -Hals und Brust Biankas schmiegend. - -Weshalb hatte sie ihm nicht geschrieben? - -Nun wußte er es, und er wußte es doch nicht. - -Sie hatte gesagt: »Oft dachte ich daran, Sie zu einem kurzen Spaziergang -aufzufordern, aber ich unterließ es stets. Ich weiß nicht, weshalb.« - -Sie wußte nicht, weshalb. - -Er war durch die Straßen gegangen, als er plötzlich seinen Namen hörte. Er -sah sich um, er sah hinüber: Fräulein Schuhmacher stand drüben, und -Fräulein Scholl und Fräulein Bijou waren auch dabei. - -Eine ganze Stunde hatten sie zusammen gebummelt. Sie hatten Einkäufe -gemacht für die Reise. Die Mädchen waren in die Magazine getreten, und er -hatte sich die Auslagen betrachtet und sie stets, wenn sie zurückkamen, -gefragt, was sie Schönes gekauft hätten. Einmal war er sogar mit in das -Geschäft eingetreten. Es sollte eine Aschenschale für den Bruder, den -Offizier in Berlin, gekauft werden. Obgleich er Bianka ein feines -Verständnis zutraute, hatten ihn doch ihre Sicherheit und ihr reifer -Geschmack verblüfft. Sie prüfte Stück um Stück, und er sah stets an ihrem -Blicke, was ihr an der Arbeit mißfiel. Endlich entschied sie sich für die -einfachste Schale, die zu finden war. Keine Figur, keine augenfällige -Originalität, eine vornehme Form, ein paar sprechende Linien. Er sah erst -jetzt, wie schön die Schale tatsächlich war. - -Die kleine Scholl meinte allerdings, die Schale sei langweilig und -geschmacklos. - -Bianka würde in vierzehn Tagen abreisen. Wenn es der Zustand der Mama -erlaubte, vorausgesetzt. Einige Zeit würden sie in Montreux zubringen, dann -für immer nach Nizza übersiedeln. Ihr Vater wollte in Nizza eine Villa -kaufen. - -Es gab auf der Welt Leute, die eine Villa in Nizza kaufen konnten, es gab -wiederum solche, die nicht ein Billett nach Nizza zu erschwingen -vermochten. Es gab Leute, deren Seele in Sorglosigkeit erblühte, es gab -solche, deren Seele von banalen Widerwertigkeiten zerfressen wurde, wie ein -Stück Zucker von Ameisen. - -Aber sie würde doch wieder nach München kommen? - -Nein, voraussichtlich nicht. - -Nicht, nicht. Jawohl nicht. - -Nun gut, es waren ja noch vierzehn Tage, vier--zehn Tage. - -Und morgen würde er sie wieder im Englischen Garten treffen. - -Kann man mehr verlangen. - -Morgen, morgen, morgen -- --! - -Er nahm einen Briefbogen und schrieb. Den 21. Tag danach. Bianka, du sollst -mich nicht töten. Herrliche, weißt du, nie liebte mich jemand, nun sterbe -ich daran. Deine Güte, deine endlose Güte! Die Güte in deinen Augen, die -Güte in deinem Lächeln, diese Güte in deinem Händedruck. Töte mich nicht, -du Erlöserin zur neuen Qual . . . . - - - - -XII. - - -Der Nachmittag war vorüber. - -Bis man den Mund auf- und zumachte, war er schon vergangen. - -Ginstermann ging in der Dämmerung seines Zimmers auf und ab. Er wollte sich -sammeln zur Arbeit. Da waren so sonderbare Gedanken in seinem Kopfe, die -gegen die Gehirnwände pickten und ans Licht wollten. - -Es würde etwas Überraschendes werden, das fühlte er. - -Aber vorläufig kam er noch nicht dazu. Er war zu vergnügt, zu vergnügt. Er -mußte ununterbrochen lachen, gerade als ob er Lachgas eingeatmet hätte. -Schon heute Nachmittag hatte er diesen eigentümlichen Lachreiz verspürt. - -Eine Menge komischer Erlebnisse fielen ihm ein und beschäftigten ihn. Da -war die kleine Sängerin di Ballo, die ihn an den Haaren zupfte und mit -ihrer affektierten Stimme flötete: O, noch einmal laß mich in deine schönen -Augen blicken, in deine tiefen schwarzen Funkelaugen! Und da war Sergeant -Köderiz, den sie jeden Abend betrunken nach Hause fuhren. Dieses Lächeln, -wenn er auf dem Karren lag! Er träumte von schönen Frauen, die ihm die -nackten Arme um den Hals schlangen und seinen roten Schnurrbart zirpelten. - -Wenn der Mensch unglücklich ist, so denkt er an alle schlimme Stunden, ist -er glücklich, an alle amüsanten Erlebnisse, das ist doch erklärlich. - -Und er, Ginstermann, war heute glücklich! - -Was war am Nachmittage alles geschehen? O, es waren Herrlichkeiten über -Herrlichkeiten passiert. - -Bianka war sehr liebenswürdig gewesen und hatte ihn ausgezankt seines -übernächtigen Aussehens wegen. Sie ahnte ja nicht, was ihn nicht schlafen -ließ, das war das Großartige! Er hatte ihr das feierliche Versprechen -ablegen müssen, nicht mehr soviel Tee zu trinken und Zigaretten zu rauchen. -Drei wollte sie gestatten. Glücklich darüber, daß sie ihn ein wenig -bemutterte, hatte er ihr es versprochen. - -Dann waren sie zusammen in den Chinesischen Turm gegangen und hatten Kaffee -getrunken. Es hatte zu regnen begonnen. Ganz herrlich, während die Sonne -schien. Wie geschliffene Brillanten fiel es durch die Sonnenstrahlen. In -einem Regen glitzernder Steinchen waren sie geschritten. - -»Wollen wir nicht ins Restaurant treten?« hatte er gefragt. - -»O ja, es wird besser sein.« - -Und da war nun das Komische geschehen: er hatte sein Portemonnaie -vergessen. Tatsächlich! Glaubt man es? Ein Mensch, der absolut nichts zu -tun hat, vergißt sein Portemonnaie. Und er lud eine junge Dame zu einer -Tasse Kaffee ein! - -Im übrigen freute es ihn, daß er sich so vortrefflich beherrschen konnte. -Es lag am Tage, an ihm war ein großer Mime verloren gegangen. Er konnte in -aller Ruhe über die gleichgültigsten Dinge sprechen, ja, er konnte Bianka -durch sein Benehmen, seine Nonchalance sogar beweisen, wie wenig sie ihn im -Grunde interessierte. Und das alles, während es in seinem Innern fieberte, -daß er die Finger verkrampfen mußte, daß er die Augen schließen mußte, -damit sie nicht die Flammen seines Herzens darin sähe. - -Sie durfte nichts erraten, nicht das mindeste, bei Gott, sie durfte nicht -einmal Verdacht schöpfen. - -Was war noch geschehen? Was war noch geschehen? - -Ach, es war noch etwas Sonderbares geschehen. Das war, als sie Abschied -nahmen. - -Bianka hatte gesagt: »Es ist ganz merkwürdig, wenn Sie den Kopf neigen, so -sehen Sie einem Freunde von mir sprechend ähnlich.« - -Und ohne seine Gegenrede abzuwarten, war sie fortgefahren: »Er war ebenso -alt wie Sie. Er war Komponist von starker Begabung. Man prophezeite ihm -eine große Zukunft.« - -Was aus ihm geworden wäre? - -Es sei nichts aus ihm geworden. Er sei zugrunde gegangen. -- - -Es war noch eine Menge geschehen; eine ungeheure Menge. - -Und auf dem Heimwege war er noch der kleinen Scholl begegnet. - -»Herr Ginstermann!« - -Aber er hatte keine Zeit gehabt, nicht eine Sekunde. Er gab ihr die rechte -Hand, sagte: Guten Abend, wie geht es? dann reichte er ihr auch schon die -Linke, und fort war er. »Verzeihung, ich will arbeiten«, rief er dem -verdutzten Mädchen zu. - -Ja, nun wollte er auch arbeiten. Dieses Zerstreutsein mußte ein Ende -nehmen. Er wollte die Geschichte zweier Auserwählten schreiben! - -Die Begierde zu schreiben erfaßte ihn so heftig, daß er kaum erwarten -konnte, bis die Lampe in Ordnung war. - -Aber im gleichen Momente leuchtete die Büste auf, und nun konnte er den -Blick nicht mehr von ihr wenden. - -Das war Bianka, Bianka! So war Bianka. Ebenso stolz, ebenso unnahbar. Sie, -blickte ihn nicht an, sie sah durch ihn hindurch, irgendwohin in eine -Ferne, die ihre Phantasie geschaffen. Genau wie die lebende Bianka, wenn -sie ihn anblickte. - -Wie hatte Kapelli das fertig gebracht? War er ein Seelenseher? - -Ein Zweig granatroter Blüten lag vor der Büste. Er hatte sie heute morgen -gekauft. Sie hatten ein Vermögen gekostet, ein Landgut sozusagen, eine -Domäne, aber er kaufte sie. Es waren indische Blüten mit einem wunderbaren -Namen. Der Zauberer, bei dem er sie erstand, hatte ihn genannt. Er war so -weich, so duftend, alle Märchen aus Tausendundeiner Nacht barg dieser Name. - -Er stand auf und trat vor die Büste. - -Tränen traten in seine Augen. Es war, als schluchze es in ihm. Sein Herz -quoll über. Er war nicht mehr eins, sein Wesen löste sich auf in tausend -Teilchen, die ihr alle dienten, sie anbeteten. Tausend Lippen flüsterten -lautlos ihren Namen. - -O, wie liebte er sie! O, was hatte er ihr alles zu danken! - -Er flüsterte etwas. Es war keine Sprache, die die Menschen reden. Es waren -Laute, die aus seinem Innersten kamen. - -»Ava -- ava«, flüsterte er. - -Er wußte nicht, was es hieß, aber in die Sprache des Pöbels übertragen, -bedeutete es vielleicht: ich liebe dich! - -Nach langer Weile erst ließ ihn dieser Bann los. - -»Adieu«, sagte er leise und begab sich wiederum an den Tisch zurück. -- - -Am nächsten Tag trifft er sie wieder. Sie machen zusammen Einkäufe. Er -trägt die Paketchen, alle Taschen hat er voll. Sie ist heute -liebenswürdiger denn je. Das bringt ihn dazu, sich kleine Scherze zu -erlauben. Zum Beispiel über die Art, wie sie die Augenbraue hochziehe, wenn -jemand an sie stoße. Und über ihre Augen erlaubt er sich diesen Scherz: -»Ihre Augen sind so klar, Fräulein Schuhmacher, daß ich mich nicht wundern -würde, plötzlich Forellen drinnen schwimmen zu sehen.« - -Sie lächelt und sagt: »Sie sind ein Schelm! -- Warten Sie, ich will hier -Handschuhe kaufen.« - -Er wartet geduldig und ungeduldig in einem, das Griffchen ihres -Sonnenschirmes liebkosend, den sie ihm überlassen hat. - -So geht es fort. Am nächsten Tag, am übernächsten. Des Glückes Ewigkeit ist -nun gekommen. - -Und heute hat sie ihn eingeladen, sie zu besuchen. Er nahm die Einladung -mit ungeschickter Verblüffung entgegen. - -Sie lachte und sagte: »Kommt Ihnen das so wunderbar vor?« - -Und da lachte auch er. - -Noch etwas Herrliches, Sinnverwirrendes. Etwas, an das er nicht denken -kann, ohne die Augen dabei zu schließen. - -»Adieu«, sagte sie und streckte ihm die Hand hin. Aber sie zog sie wieder -zurück und streifte den Glacé ab. Und sie gab ihm ihre nackte, weiße Hand, -deren feine Knochen er fühlte. Sie hat eine Hand, die in Versen spricht! - -Und nun befindet er sich in Biankas Tabernakel. Hier ist keine Farbe laut, -kein Licht laut, kein Geräusch laut. Das Zimmer atmet leise, es ist ein -Wesen. Auf der Konsole klingt das Ticken einer Uhr, und jedes Kling-kling -siebt feinen Silberstaub auf den Teppich. - -Niemand würde es wagen, hier laut zu sprechen, nicht ein Barbar. - -Er befindet sich in einer Erregung, wie er sie noch nie empfand. Und er -stand schon vor großen Männern, vor Theaterdirektoren und tausend Zuhörern. - -»Bitte«, läd sie ihn ein, Platz zu nehmen. Sie trägt ein Hauskleid mit -weiten Ärmeln und Spitzenmanschetten. - -Ob er sich auf den Puff oder in den Schaukelstuhl setzen dürfe? - -Nach Belieben. - -So setzt er sich in den Schaukelstuhl. - -»Ich habe die Schaukelstühle so gerne«, sagt er, »schon als Kind war ich -verliebt in sie. Da hatte ich eine Tante, Tante Anna. Die besaß einen -Schaukelstuhl. Ich besuchte sie so häufig als möglich. Obschon sie Katzen -hatte. Nebenbei, sie hatte so viele Katzen, daß keine Woche verging, ohne -daß eine starb.« - -Sie zündet die Kaffeemaschine an. - -»Rauchen wir?« fragt sie. - -Er zappelt aus seinem Stuhl heraus und nimmt eine Zigarette. - -Sie rauchen und plaudern. - -Dann, während sie den Kaffee serviert, sagt sie: »Nun müssen sie lesen. Sie -haben doch etwas mitgebracht!« - -Natürlich, er hatte die ganze Tasche voll. - -So liest er also. Kleinigkeiten, Stimmungen, Gedichte. - -Das eine gefällt ihr gut, das andere wieder weniger. Eines entzückt sie -sogar. - -Es heißt: Der Sohn. Da ist eine Mutter, die nichts besitzt als einen Sohn. -Er reist. Kommt er zurück, so küßt er sie. Erst heiß, dann innig, dann -kühl. Zuletzt sind seine Lippen wie Eis, sie berühren kaum die ihrigen. Sie -ahnt, er kommt nicht wieder. Ihre Angst, ihr Schmerz. Er kommt auch nicht -wieder. Ein Telegramm aus fernem Lande. - -Diese Geschichte nimmt sie und trägt sie zu ihrer Mama hinaus. - -Ihre Mama habe es ergriffen. - -Er verneigt sich tief. - -Dann zeigt sie ihm das Bild ihres Bruders. »Sie müssen ihn kennen lernen«, -sagt sie. Sie ist so gut. - -Und hierauf sehen sie eine Weile zum Fenster hinaus. Sie stehen so dicht, -daß sich ihre Hände nahezu berühren. Er kämpft einen entsetzlichen Kampf, -nicht ihre Hand leise zu liebkosen. Sollte er sie um die Erlaubnis bitten, -ihr über die Hand streichen zu dürfen? Sie könne ihm dann seine Hand -abschlagen lassen. Oder er würde ihr versprechen, morgen tot zu sein. - -Sie plaudern wieder, ja sie lachen zusammen. Er sitzt wieder in seinem -Schaukelstuhl und fühlt sich behaglich. Er schaukelt sich leicht. Plötzlich -bemerkt er es, erschrickt und sitzt still. - -Endlich muß er aufbrechen. - -Sie bittet ihn, noch zu bleiben, aber er geht. »Nein, nein, es ist so schon -zu lange.« - -O, er wäre schon noch geblieben, lange bis zur Unverschämtheit. Aber es -ging nicht -- er hatte zuviel von diesem starken Kaffee getrunken. - -Immer mußten so kleine, boshafte Teufelchen im Spiele sein -- -- - -Wieder ein Festtag. Sie holen zusammen den Bruder vom Bahnhof ab. Er hatte -depeschiert: Komme drei Uhr. Gruß Theo. Und nun holten sie ihn ab. -- - -Ginstermann träumte noch eine Menge glücklicher Situationen durch, bis -schließlich seine Sehnsucht ihn freiließ. - -Nun war die Zeit zur Arbeit gekommen. In ihm redete und klang es. Es stieg -wie die Wasser eines Brunnens. - -Er nahm die Feder und schrieb: - -Das Haus im Hain. - - Yester und Li wohnten in dem Haus - im Hain und waren noch nicht sechzehn - Jahre alt. - - Sie wußten nicht, wann und wie sie - in das Haus gekommen. Eines Morgens - erwachten sie auf gemeinsamer Lagerstätte - und lächelten einander zu. Sie hatten - ihre Hände im Schlafe gefaßt. - - »Hörst du, Yester«, sagte Li und lauschte - verzückt, »das ist Killi-hiwi!« - - »Killi-hiwi singt am schönsten von - allen«, erwiderte Yester, den Atem verhaltend. - - Killi-hiwi saß jeden Morgen auf einem - Rosenzweig vor dem Fenster und zwitscherte. - Er war so klein wie ein Taubenei, seine - Stimme war Silber. Er sang jeden - Morgen zu ihrem Erwachen und war - dann den ganzen Tag nicht zu erblicken. - - Das Haus stand in einem Hain weißer - Birken, junger weißer Birken mit hellgrünem - Laub. Es war klein und weiß, - schneeweiß. Wie eine Flocke Schnee sah - es von weitem aus. Es hatte blinkende - Fenster, die Tag und Nacht offen standen, - und blitzende Beschläge an der Türe. Die - Türe war aus grünem Glase. Eine Treppe - führte in den Garten, auch sie war aus - grünem Glase. Rings um das Haus - standen Beete von Hyazinthen, oder von - Mohn, oder blauen Kuckucksblumen. Das - ganze Jahr. Über Nacht wuchsen stets neue. - - Yester und Li wußten es nicht anders. - Sie wunderten sich nicht darüber. Sie - streiften den ganzen Tag umher. Der - Hain war sehr groß, sie waren noch nie - an sein Ende gekommen. Sie dachten - auch gar nicht, daß er ein Ende haben - müsse. Sie trugen weiße Schleiergewänder - die von ihren Schultern herabfielen. Sie - jagten einander und jauchzten von früh - bis nachts. Immer hatten sie Sonne und - einen Himmel, der funkelte wie ein blauer - Edelstein. Des Nachts stand ein großer - grüner Stern über ihrem Hause, und er - wagte erst zu erlöschen, wenn die Sonne - wiederkam. - - Vor dem Hause, da war eine tiefe - runde Quelle mit einer Bank aus weißem - Marmor herum. Sie sah aus wie ein - tiefes klares Auge und Li meinte, der - Himmel blicke aus dem Grunde. Man - sah selbst am Tage die Sterne durch den - Brunnen wandern, so tief war er. - - Li saß oft auf der Bank und warf - Steinchen ins Wasser. Und jedesmal, - wenn Li ein Steinchen warf, gurgelte es, - und ein goldener Fisch mit kreisrundem - Mäulchen und Edelsteinen auf dem Rücken - tauchte auf und fragte: Was befiehlst du? - - Er mußte kommen, er mußte fragen. - - Li befahl nichts, sie freute sich an dem - drolligen Kerlchen und ließ ihn oft hundertmal - kommen. Er wurde nicht böse. - - Yester aber stand, während sie spielte, - an eine Birke gelehnt und sah ihr zu. - Sie erschien ihm selbst wie eine Blume. - Ihre Hand zart und durchscheinend wie - die Blüten der Hyazinthe. Ihr Haar - spiegelte sich im Wasser, in der Quelle - schien ein Feuer zu brennen, es zerrann - in goldene Fäden, wenn der Fisch auftauchte, - aus dem Grunde schien ein seltsamer - flimmernder Blumenkelch zu wachsen. - Ihre Augen blickten heller aus dem Wasser, - als sie in Wirklichkeit waren. Sie erschienen - grün wie die Blätter der Birken, - durch die die Sonne scheint. - - Dann besann er sich jedesmal, was er - ihr Liebes erweisen könne. - - Yester liebte Li über alle Maßen. Li - liebte Yester über alle Maßen. - - Ihr Haus lag im endlosen Hain, und - der endlose Hain lag am Morgenrot. -- - - * * * * * - -Der Damm war gebrochen. Die Einfälle fielen über ihn her wie ein Rudel -hungriger Tiere. Irgend jemand schien ihm die Geschichte zu diktieren und -er schrieb, schrieb: fieberhaft schrieb er. - -Das große Glück der Inspiration war über ihn gekommen. Es durchschauerte -ihn am ganzen Körper. Da gab es kein Zögern, keinen Zweifel, keine Pause. -Alle Geheimtüren seiner Seele sprangen auf, alle Schönheiten, die er -aufgespeichert, lagen funkelnd vor seinen Blicken, alle Stimmungen, die er -empfunden, strömten aus ihm und hüllten ihn in ihren Duft. Während er noch -am ersten Kapitel schrieb, arbeitete einer in ihm am letzten. - -Er saß inmitten eines Gartens, Blumen wuchsen vor seinen Augen empor, -entfalteten ihre märchenhaften Kelche, aus den Kelchen stiegen Wunder, -zerfielen, andere quollen heraus. Flammen stürzten von den Bergen ringsum -und hüllten ihn ein, weiße Flammen. Aus ihnen rief es, aus ihnen klang es. -Er war das Herz einer Welt, und alles strömte nach ihm. - -Das war der Hain, der in der Sonne zitterte, das waren die Blumenbeete, -über die die Falten des Windes streiften. Das waren die bunten Vögel, die -seltsame Worte sangen. - -Das war Li. So schritt Li, so sprang Li, so lachte, so weinte Li. Und das -waren Yesters glückstrahlende Augen, das war seine Art, über die Bäche zu -fliegen, wenn Li ihm rief, so umschlang, küßte er Li. So waren ihre -Sonntage, so ihre keuschen Liebesnächte. - -So war ihr Glück, so war das Glück überhaupt, rein von aller Erde. - -Er fand kein Ende. Wie eine große Woge trug es ihn dahin. - -Wo ist Yester? Yester ist fort. Drei Tage fort. Li weint und läuft umher -und ruft in alle Winde. Yester verfolgte einen Falter, den sie gerne gehabt -hätte. Endlich schimmert sein Gewand im Hain. Er geht langsam, erschöpft -von der Jagd. Den Falter trägt er zwischen den Fingern. Li schwenkt den -Schleier und ruft: »Ye--ster -- Ye--ster --!!« - -Li! Li!! - -Und Yester saust wie ein Wind über die Wiese, er spürt keine Müdigkeit -mehr. - -Bogen um Bogen füllte er. - -Und er schrieb immer nur über den ewigen Lenz, der jeden Tag neu und -herrlich ist. - -Seine Lampe verlosch. Er brannte die Kerze an. - -Und nun war er fertig. Er jauchzte. »Fertig!« jauchzte er. - -Noch klang es in ihm weiter. Das war Lis Jubeln, Yesters Rufen, das war der -Hufschlag des sonderbaren Reiters, das war das Jubilieren der Vögel, als -ihnen ein Kind geboren ward, das war der krächzende Ruf der Geier, die, -eine dunkle Wolke, nach dem Menschenlande flogen und riefen: Krieg -- -Krieg. -- -- - -Er ging ans Fenster und zog die Gardinen auseinander. - -Allah ist groß -- es war Tag. - -Langsam mit wankenden Füßen ging er im Zimmer hin und her. Er blieb vor der -Büste stehen und küßte ihre Schulter. - -Das war ja keine Sünde. Heute hatte er sich dieses Recht verdient. - -Aus Kapellis Atelier erscholl Gesang. Er mußte hinunter, nichts hätte ihn -mehr zu halten vermocht. Er konnte keine Sekunde mehr allein sein. - -Er nahm Hut und Manuskript und ging die Treppe hinunter. Er hielt sich am -Geländer fest, um nicht zu stürzen. - -Kapelli empfing ihn, als sei er ein Gespenst. - -»Mensch!« rief er. »Kommen sie als Ihr eigener Gipsabguß?« - -Nein, aber diese Nacht habe etwas wie ein kleines Feuerwerk in seinem Kopfe -stattgefunden. - -»Ah!« Der Bildhauer betrachtete ihn mit gutmütiger Verachtung. Er liebte -Erzesse nicht. - -»Gebummelt, Kapelli, gebummelt. Und zuletzt noch ein kleines Abenteuer mit -einer Dame, die den reizenden Namen Li hatte.« - -Aber da kam Frau Trud, fix und fertig angekleidet bis auf die Schleife, -lachend, und frisch, wie aus dem Ei gesprungen. - -»Guten Morgen«, sagte Ginstermann, in Sprache und Miene einen Betrunkenen -kopierend. - -Sie wich erschrocken zurück. »Hu, was hat er denn?« - -Kapelli machte ihr ein Zeichen. Dann ging er auf ihn zu und richtete ihn -energisch in die Höhe. - -»Ginstermann, heute abend kommen Sie zum Tee, nicht? Adieu, Sie schlechter -Kerl!« sagte er halb ärgerlich. - -Aber da zog Ginstermann sein Manuskript aus der Tasche und schlug es auf -den Tisch, daß es nur so krachte. - -»Sehen Sie her! Diese Nacht!« - -»Nanu?« Kapelli betrachtete das Manuskript und sagte lachend: »So ein -Filou, er ist ganz nüchtern.« - -Frau Trud machte sich daran, die Bogen zu zählen, ungläubig den Kopf -schüttelnd. In einer Nacht? Das sei ja unmöglich. Und das könne ja niemand -lesen. - -Nein, kein Mensch könne das entziffern. Was zum Beispiel das da hieße? - -»Schwesterseele, holde!« - -O, das könne ebensogut Stiefelknecht heißen. -- Und das da? - -»Die silbernen Lerchen der Nacht steigen empor.« - -Hahahaha. - -Da seien die Sterne gemeint. - -Hahahaha. - -Ginstermann fiel in einen Stuhl, seine Knie zitterten. - -Er sah noch wie Frau Trud aus einer weißen Kanne Kaffee einschenkte und -während er sich auf das heiße Getränk freute, versank er in einen -senkrechten, bodenlosen Schacht, an dessen Wänden er sich vergebens -festzuklammern suchte. Das Lachen Frau Truds flatterte über ihm wie ein -Schwarm Vögel, der höher und höher stieg. - -Nach einem kleinen Jahrtausend hörte er im Halbschlafe eine gedämpfte -Stimme. Es war Fräulein von Sacken, die sprach. Sie sagte, er sei hier -gewesen und habe das Bild gesehen. Er habe sie beglückwünscht! - -Da erwachte er vollständig. Fräulein von Sacken ging eben zur Türe hinaus, -elastischer, stolzer denn sonst. Eine Lampe brannte auf dem Tische, Kapelli -saß bei der Zeitung, eine dicke Zigarre im Munde, aus der eine mächtige -Wolke wirbelte. - -Er fand sich auf dem Sofa liegend, die Füße in eine Decke gehüllt, ein -Kissen unter dem Kopfe. Ohne Kragen. - -Da kam Frau Trud durch die Portiere, machte einen Knix und rief, kindlich -lachend: »Guten Morgen, Langschläfer!« - - - - -XIII. - - -Am Tage darauf trafen sie sich wieder, Bianka und Ginstermann. - -Sie trafen sich nun beinahe jeden Tag. - -Es waren herrliche Sonnentage. Der Vormittag noch frisch von der Kühle der -Nacht, der Nachmittag von einer alles durchdringenden Wärme, gerade noch -erträglich, der Abend von einer stillstehenden Schwüle, die der -Nachtfrische wie ein Block trotzte. Der Himmel wie ein weiches -blauflimmerndes Meer, durch das schneeweiße Wolken segelten, langsam, ohne -Aufhören, rings um die Erde herum. - -Auf den Straßen war es leer, Pflaster und Gebäude warfen die Glut der Sonne -verstärkt zurück. Die Menschen gingen ermattet, die Augen zusammengezogen; -die Pferde setzten im Halbschlaf ihren müden Trab fort, wunderliche -Schattenflecke unter ihren Schritten zerschlagend. - -Im Englischen Garten war es schön wie im Paradies. Alles blühte, was noch -nicht ausgeblüht hatte, die Wipfel waren von strotzender Fülle, die Wiesen -standen am höchsten, bunt wie ein Teppich, übersät von einem Heere Falter -und Bienen. Die Hitze tanzte über den Wegen, die hellen Kleider der Frauen -und Kinder leuchteten weithin, in der Vorstellung Jauchzen und helle Lieder -erweckend. - -Bianka und Ginstermann gingen meist vereinsamte Wege. Sie mochten die -vielen Leute nicht, die herumtollenden Kinder. Im Schatten der Büsche -schritten sie, umsurrt von tausend Insekten, das Schwatzen des Tages in der -Ferne. Waren sie müde, so suchten sie eine abgelegene Bank auf, die -Ginstermann »Zum schlafenden Brahmanen« getauft hatte. - -Nachdem sie sich ausgesprochen hatten über das, was sie Probleme, Fragen, -letzte Dinge nannten, drehten sich ihre Gespräche zumeist um ihre -persönlichen Erlebnisse und Wünsche. - -Je mehr Ginstermann Bianka kennen lernte, um so mehr bewunderte er sie. Sie -war so rein, so keusch, wie ein Weib nur sein kann, das Erziehung und -Selbstüberwachung vor unreinen Dingen bewahrte. Ihre krankhafte Scheu -vermied es, die Motive der menschlichen Handlungen bis an die Wurzeln zu -verfolgen. - -Alles verklärte sich in ihren Augen, sie trug noch ein Ideal vom Menschen -in sich. Die Menschen waren für sie gefallene Engel, die man bemitleiden -müsse, nicht Tiere, die sich zum Menschen emporgerungen. Sie hatte noch -wenig erlebt, wünschte auch nicht, viel zu erleben, in der Furcht, ihre -Unberührtheit und Selbständigkeit zu gefährden. Sie gehörte nicht zur -Klasse der Frauen, die mit ihren Eroberungen großtut, sie schien es sogar -unangenehm zu empfinden, wenn einer sie tiefer, als die Höflichkeit es -erheischt, grüßte, wenn einer sich nach ihr umwendete oder ihr folgte. - -Ihr Urteil war schüchtern, anspruchslos, ihre Verwirrung oft kindlich. Sie -maßte sich nicht an, wie es Frauenart ist, mit einer Handbewegung das -Resultat einer Kulturarbeit abzuurteilen, mit einem Lächeln zu verspotten. - -Ginstermann fühlte sich in ihrer Nähe ruhig, gleichsam geborgen. Er vergaß -die Kämpfe der letzten Tage, die Jahre, die hinter ihm lagen. Seiner -geistigen Überlegenheit war er sich wohl bewußt, ebenso aber auch seiner -seelischen Verstümmelung und Zerrissenheit im Gegensatze zu ihrer Harmonie -und zielbewußten Energie. - -Bianka schenkte ihm Vertrauen, behandelte ihn mit zurückhaltender -Herzlichkeit, wie einen Freund, nahezu wie einen Freund. Ihr Benehmen tat -ihm wohl. Es gab ihm seinen Glauben zurück, der da und dort wankend -geworden war, ein neuer Stolz kam über ihn. Etwas von ihrem Wesen strömte -in ihn über, glühte die Schlacke in ihm aus, er wurde rein, indem er -Biankas Freundschaft genoß. - -Seine Anschauungen festeten sich, nachdem er den Maßstab reguliert hatte, -der sich während seiner Einsiedlerzeit verzerrte. Es war wunderbar, -zuweilen hatte er Augenblicke, die ihm alle Dinge in momentaner -Bewegungslosigkeit zeigten, bis ins Innerste und Geheimste erkennbar. Und -es hatte nur dieses kleinen Anstoßes bedurft. Gleichsam wie ein Gefäß -eisigen Wassers, das schon die Kristalle birgt, ein unmerkliches Rütteln -zur Erstarrung bringt. - -Ihr Benehmen war Tag für Tag das gleiche. Sie empfing ihn freundlich, -entließ ihn mit einem freundlichen Wort, führte kleine Wortkriege mit ihm -in ganz objektivem Tone, lachte und scherzte. Nie, daß sie ihn durch eine -Bemerkung, eine Miene von sich gedrängt hätte, nie, daß eine Laune, ein -Verletzttun in ihm die Ahnung hätte aufkeimen lassen, daß er Macht über sie -besitze. - -Er bewegte sich in stets gleichem Abstande um sie. Es war, als habe sie -einen Kreis um sich gezogen, den sie im Verkehr mit ihm nie überschritt und -nie überschreiten ließ. - -Einmal allerdings ereignete sich etwas, das diese seine Anschauung für -Minuten ins Wanken brachte. - -Sie promenierten im Park, Weg hin, Weg her, als sie einer kleinen schmalen -Frau begegneten, die ein niedliches Mädchen in blendend weißem Kleide an -der Hand führte. Die kleine, mädchenhafte Frau blickte sie erschrocken, ja -entsetzt an mit blauen, blindglänzenden Augen und wandte nicht den Blick -von ihnen. Das Mädchen streckte glucksend und lallend die Hände nach -Ginstermann aus. Es war die Comptoiristin, die Witwe des Möbelzeichners. - -Ginstermann grüßte und ging, von einer Erregung gepackt, weiter. Da fühlte -er den Blick Biankas auf sich gerichtet. Sie war totenbleich, und ihre -Augen verrieten Schmerz und Angst. Aber nur einen Augenblick, dann -beherrschte sie sich. Und als Ginstermann ihr die Geschichte dieses -unglücklichen Weibes erzählt hatte, ergriff sie impulsiv seine Hand und -sagte: »Verzeihen Sie mir, ich habe Sie in Gedanken beleidigt.« -- - -In seinen freien Stunden trieb sich Ginstermann ruhelos umher, Bianka vor -Augen, in Bianka lebend. Nahte die Zeit ihrer Zusammenkunft heran, so wurde -er ruhiger, trennte er sich von ihr, so krochen aus allen Winkeln seiner -Wesenheit die alten Gespenster hervor, um ihn zu martern. - -Einst war Bianka verhindert zu kommen. Das war ein schlimmer Tag, das war -ein schlimmer Tag! Und das Billett, das er am nächsten Morgen erhielt, -bedeckte er mit Tränen der Freude. - -Aber natürlich, wenn Sie Besuch haben, natürlich! -- rief er immerzu aus. - -Da war ein Mann, der schlich des Nachts scheu wie ein Verbrecher zu einem -Hause da draußen. Wie auf einer Woge von Blüten thronte es. Und er koste -die Klinke der Türe. Niemand darf es wissen, niemand! - -Da war ein Mann, der saß Nächte durch auf einem Hügel, drei Stunden -entfernt von der Stadt. Und dieser Mann sprach: Dort über den Bergen bist -Du nun, Geliebte! Meine Gedanken wandern zu dir über die Berge. Meine Seele -breitet die Schwingen, siehe, in ihren hohlen Händen ist Blut, Geliebte! -Das ist das Blut meines Herzens, Geliebte. Schläfst du? Hast du auf sie -gewartet mit der bittren Last? Wachst du, Geliebte? Da, zwischen dir und -mir, da ist eine Wiese, dort begegnen wir uns des Nachts und bringen -einander Sehnen und Tränen des Tages, Geliebte -- - -Niemand darf es wissen, niemand! - -Da ist ein Mann, der sitzt auf einer einsamen Bank im Park. Ein Vogel -flötet im Gebüsch. Und dieser Mann spricht mit jemandem, der nicht da ist. -Du hättest es sehen müssen, Beste, sahst du's mir nicht an den Augen an. O, -was fieberte ich, nun ist es vorbei, Beste, nun ist ja alles gut. - -Niemand darf es wissen, niemand! -- - -Zuweilen jedoch überfiel ihn ein Zustand vollkommenster Gleichgültigkeit. - -Es kam ihm unsinnig vor, daß er jenes Mädchen im Englischen Garten -spazieren führte, daß er sich überhaupt durch sie aus dem Gleichgewichte -hatte bringen lassen. Weshalb liebst du sie eigentlich, fragte er sich. Sie -ist hübsch, ihre Sprache ist melodisch, ihr Gang ist aristokratisch, das -alles hat dich bestochen. Ihre weißen Elfenbeinhände mit. Aber ist sie auch -die, die du in ihr anbetest? Ist es nicht das Ideal des Weibes überhaupt, -das du dir gebildet hast, was du in ihr anbetest? Sie ist es gar nicht. -Deine Liebe gilt ihr gar nicht. Vielleicht einer in Australien, irgendwo. -Und das, was du rein an ihr nennst, keusch, was ist das eigentlich? Es ist -Indolenz, sonst nichts. Oder was sollte es sonst sein? Mit Fischblut in den -Adern hat man es leicht, sich rein zu halten, mein Freund. Und dieses -hübsche, elegante Mädchen hat dich bezwungen? Was bist du nun? Du bist zum -Objekt geworden, o, Schmach über dich! Groß warst du einst und ein -Herrlicher in deiner Einsamkeit. Lache doch über dich, wenn du nicht -ehrlich genug bist, um über dich zu weinen. Was war dein Ziel? Herrschen -will ich und sie alle zu meinen Füßen wissen. O, mein Held, mein tapfrer, -kühner Held! Heil dir! -- - -So dachte er auch einst, als er neben Bianka ging. Und diese Anschauung gab -ihm ein Lachen, ein kurzes höhnisches Lachen. Da zuckte sie zusammen. Er -war unglücklich, ihr wehe getan zu haben und maskierte sein Benehmen so gut -als es ging. -- - -Diese Stimmungen waren nur von kurzer Dauer. Dann überfiel ihn wieder jene -namenlose Sehnsucht und Qual, die wie lohende Flammen über ihm -zusammenschlug und ihn verbrannte. - -Er bat sie um etwas Liebe, nur etwas Liebe sollte sie ihm geben, für all -seine Glut nur einen kleinen winzigen Tropfen. - -Keinen winzigen Tropfen? Keinen winzigen Tropfen? - -Es war hart für einen Mann seines Stolzes, so demütig zu lieben! - -Wieder und wieder träumte er von einem Glücke, das nie werden würde. Sie -lebten in einem Hause abseits der Straße. Er kannte es ganz genau, dieses -Haus, das Gärtchen davor, alles. O, in diesem Hause lebten glückliche -Leute. Alle nichtssagenden Details, alle harmlosen Kleinigkeiten eines -Lebens zu zweien durchlebte er. Er lag des Nachts neben ihr auf dem Lager -und koste sachte die Haare der Schlafenden. Er schlich sich fort, um Mohn -zu holen, den sie so sehr liebte, und legte ihn ihr auf die Decke, damit -sie ihn beim Erwachen finde. Er löste ihr die Schuhe und küßte in Demut -ihren Fuß. Er saß mit ihr auf dem Rasen und las vor, was er geschrieben -hatte. - -So oft es anging, versuchte er Fräulein Scholl zu treffen. Sie hatte -dreimal in der Woche Violinstunde, das war sehr günstig. Er wartete auf -sie, schwätzte mit ihr, ausschließlich von dem Verlangen beseelt, irgend -etwas von Bianka zu hören, einige Worte sprechen zu können über sie, ihren -Namen von den Lippen der Freundin zu vernehmen. - -Einmal traf er im Hausflur ein Kind, ein Mädchen, schmächtig, zart, mit -blonden Haaren und klaren Augen, die denen Biankas glichen. - -»Wie heißt Du?« fragte er die Kleine, bemüht, sie für sich zu stimmen. - -»Camilla.« - -Könntest du nicht Bianka sein, dachte er. Bianka ein Kind und ich ein Kind, -und wir beide Gespielen. Unsere Gärten, die stießen zusammen und im Zaun da -wäre ein Loch. Wir schlüpften hin und her, zwitscherten zusammen wie -Vögelein. - -Und dann -- und dann -- -- - -Weshalb war das Leben so grausam, so geizig mit seinen Freuden, so karg. -All das dachte er, während er bei dem Kinde kniete. - -»Nun wollen wir uns etwas kaufen«, sagte er zu ihm und lächelte. »Komm!« - -Dieses Kind liebte er. Weil es Biankas klare Augen hatte, Augen ohne Grund, -von einer Tiefe, aus der es flüsterte, die alles in sich hineinzog. - -Camilla wohnte in seinem Hause, das war gut. Er schmeichelte sich mit -Süßigkeiten und Märchen ein bei dem Kinde, so daß es schließlich von selbst -auf sein Zimmer kam. - -Sie nannte ihn »Onkel Ginster«. - -»Ich heiße Henri«, sagte er zu ihr. »Du sollst Henri sagen. Du sollst auch -du zu mir sagen, ganz als ob ich ein kleiner Bub wäre.« - -»Ari«, sagte sie. - -»So sage Heiner. Ich heiße auch Heiner.« - -»Heiner, ach ja, Heiner!« - -Stundenlang hielt er die Kleine auf dem Schoß, dieses zarte, warme -Körperchen an sich schmiegend. Er erzählte immerzu Geschichten. - -Das waren ganz einfache, drollige Kindergeschichten, aber für einen, der -sie verstand, waren sie mehr, weit mehr. - -Er küßte die Kleine. »Du bist ein Dieb!« rief es in ihm. Aber er küßte sie -doch. Einmal in der Dämmerung, als er in Träumen versunken war, sprach er -vor sich hin, jedes Wort stellte sich von selbst ein: »Beide Hände wollte -ich gierig voller Edelsteine halten und alle rieselten sie mir durch die -Finger. Du als der schönste bist mir geblieben. Kind, Kind, wenn du -wüßtest, wie ich deine Mutter liebte -- Kind --« - -Da wurde er sich der Worte bewußt, er sprang auf und stellte Camilla hart -auf den Boden. - -»Bist du böse, Heiner?« - -Er lächelte. »Nein, Süße, Heiner ist nicht böse -- Heiner ist -- Heiner ist --- o, geh heute, Schätzlein -- morgen, gelt. Heiner ist heute -- geh, -Schätzlein« -- -- - -Bianka ahnte von all dem nichts. Wie sollte sie auch? In ihrer Nähe war er -ruhig, beherrscht. Und gesprochen hatte er noch keine Silbe, woraus sie es -hätte entnehmen können. - -Er gehörte zur Klasse jener Menschen, die innerlich verbluten und doch -lächelnd sagen: ich verspüre nichts. - -Er erinnerte sich daran, daß er als Knabe am längsten seinen Finger über -eine brennende Kerze gehalten, wenn sie »Spartaner« spielten, oder daß er -jeden im »indischen Duell«, wie sie die Austragung ihrer Ehrenhändel -nannten, besiegte, weil keiner drei Tropfen glühenden Siegellacks ohne -Zucken der Hand ertrug. - -Er wußte, er würde schweigen und wenn er sich die Energie an den -Gehirnwänden abschaben müßte. - -Er hatte nicht das Recht, ihr von seiner Liebe zu reden, weil er nicht mehr -rein war. - -Diese fortwährenden Seelenkämpfe drückten seinem Gesicht ihre Spuren auf. -Er war bleich, um seinen Mund zuckte ein krampfhaft schmerzliches Lächeln. -Seine Augen waren größer geworden -- so schien es ihm -- ein düsteres Feuer -brannte auf ihrem Grunde. Sah er sich im Spiegel, so war es ihm, als blicke -ihn ein Fremder an, einer, der unheimliche Dinge in seinen Augen hatte. - -Die Menschen mit den heißen Herzen, schrieb er in sein Tagebuch, sind nicht -gut daran. Alle Menschen wollen sie lieben und von allen Menschen geliebt -werden. Wer aber liebt sie? - - - - -XIV. - - -Eines Nachmittags, gegen sechs Uhr, empfing Ginstermann den Besuch einer -Dame, die er schon irgendwo gesehen hatte. - -Sie trug ein Kleid von weißer durchsichtiger Seide mit kleinen rosa Röschen -darauf, einen goldenen Gürtel, einen hellen Hut mit kleinen rosa Röschen, -sie trug einen Schleier. - -Ginstermann stand auf und sein Herz pochte, daß er es fühlte. - -Er hatte ganz in Gedanken herein gesagt, und nun trat eine Dame ein in -weißem Seidenkleid mit kleinen rosa Röschen darauf, und goldenem Gürtel, -eine Dame, die er kannte. Ihre Haare waren so sonderbar weißblond, wie -Stroh, das lange in der Sonne gelegen hat. - -Die Dame stand schweigend an der Türe und hob mit zierlicher Handbewegung -den Schleier. Da erkannte er sie mit den Augen, er hatte seinem Herzen -nicht glauben wollen. - -Er stand wie gelähmt. Seine Augen waren ohne Blick, als zerflössen sie. - -Die Dame trat auf ihn zu und gab ihm die Hand. Ohne jeden Willen hatte er -ihr die Hand gegeben, ohne Druck. - -»Mein Gott, Henri!« sagte sie bewegt, verwirrt, nahezu wie er selbst. - -Sie hatte noch dieselbe Stimme. - -Und er entgegnete: »Guten Tag, gnädige Frau.« - -Sie lächelte voller Scham, voller Verwirrung und sah sich nach einem Stuhle -um, ihre Erregung zu verbergen. - -»Bitte«, sagte Ginstermann und schob ihr seinen Arbeitssessel hin. - -Sie nahm Platz, setzte den linken Fuß über den rechten, dann den rechten -auf die Fußspitze des linken und bewegte ihn leicht hin und her. Ihre Hände -strichen über die Lehnenrundung des Sessels, immer auf und ab. - -Nach geraumer Zeit sagte sie, ganz leise: »Ich habe dich gesucht, überall -gesucht, aber ich fand dich nirgends. Du warst wie von der Erde -verschwunden.« - -Er saß ihr gegenüber und lächelte erstarrt. Sie bemerkte es nicht, sie sah -zu Boden, dem Spiel ihres Fußes zu. - -»Dann las ich von dir und hörte, du seist Dichter geworden. Ich wußte es ja -damals schon, daß du ein Dichter bist.« - -Sie blickte auf, zu ihm hin, voll Vertrauen auf die Wirkung ihrer letzten -Worte. Sie war schön, ihre blaßgrauen Augen tief, erfüllt von verborgener -Leidenschaft. Hellbraune Pünktchen schwebten darin wie gefangene -Luftbläschen. - -»Du wirst mich verurteilen, Henri, ich weiß es. Aber ich versichere dich -- -glaube es mir -- ich konnte damals nicht anders handeln. Glaube es mir. Ich -erzähle dir einmal alles. Ich hatte Sehnsucht, Sehnsucht, dich -wiederzusehen, ich hatte auch den Mut dazu. Ich bin da, siehst du. Es steht -bei dir, ob du meinen Besuch erwidern willst oder nicht. -- Ich wohne in -Starnberg. Mein Gatte ist gestorben, verunglückt bei einer Segelpartie in -Nizza --.« - -»Nizza«, sagte ein Echo in Ginstermann. - -»Ich wohne in Starnberg. -- Willst du nichts sprechen? Wie ging es dir -denn?« - -»Danke, es ging.« - -»Vielleicht bin ich dir noch soviel, daß du mich Freundin nennen kannst, -Henri?« - -Ginstermann stand auf und sagte, ebenso leise wie sie, ebenso kühl, als sie -herzlich sprach: »Nein, gnädige Frau.« - -Die Dame erhob sich und blickte ihn an. Ihre hellgrauen Augen überzog ein -Schleier. - -»Glaube es mir, ich konnte damals nicht anders. Mein Gatte -- du sollst -alles hören. Ich hatte so große, große Sehnsucht nach dir -- -- willst du -mir nicht die Hand geben, Henri?« - -»Doch, gnädige Frau. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch.« - -»Willst du mich nicht anders nennen. Hast du meinen Namen vergessen?« - -»Ja, gnädige Frau.« - -»Adieu, Henri. Ich sage trotzdem Henri zu dir.« - -Ginstermann zog ein Schubfach auf und nahm ein Kuvert heraus. - -»Ich habe Ihnen dieses Kuvert zurückzugeben, danke.« - -Sie sagte: »O«, blickte ihn zusammenzuckend an und nahm das Kuvert. -»Besuche mich doch«, bat sie wieder, »nur einmal, einen Augenblick! Als -- -Feind, wenn du willst. Du weißt ja nicht, was die Liebe ist.« - -Nein, er wußte nicht, was die Liebe ist. - -Sie stand eine Weile, ließ das Kuvert in den Sessel gleiten und wandte sich -zur Türe. Da fiel ihr Blick auf Biankas Büste, wie ein Blitz, so kurz -zuckte er darüber. - -Ginstermann nahm abermals das Kuvert und sagte: »Sie haben dies vergessen, -gnädige Frau.« - -Sie nahm es, zerknüllte es langsam, dann wandte sie sich nochmals um. Sie -lächelte. - -»Vielleicht besuchst du mich doch einmal, Henri?« sagte sie. Sie wollte ihm -ihre Niederlage nicht eingestehen. - -Ihr Antlitz war weiß wie ihr Kleid, und die rosa Röschen darauf schienen -röter zu sein. - -Sie ging. - -Langsam glitt ihr Schritt die Treppe hinab. -- - -Ginstermann goß sich ein Glas Wasser ein und trank es auf einen Zug -hinunter. Das Glas stellte er auf einen Stuhl, da es zum Tisch zu weit war. - -Er kauerte sich auf die Ottomane und blieb sitzen bis es dunkel wurde. - - * * * * * - -An der Decke entstand ein gelber trüber Fleck, den eine Petroleumlampe aus -dem Küchenfenster gegenüber hereinwarf. Es war furchtbar still. In der -Ferne wurde mit Bestecken geklappert. Ein Wagen rasselte auf der Straße. -Dann war es wieder still, furchtbar still. Der schmutziggelbe Flecken an -der Decke schwankte, glitt zum Fenster hinaus, erschien wieder an einer -anderen Stelle. - -Ginstermann saß immer noch auf der Ottomane. - -Die Stille spannte sich über ihn wie eine Glocke von Glas. - -Ein Pfiff schrillte und lief gleich einem Risse über diese Glocke. Schritte -kamen, die Huppe eines Automobils ertönte, und Surren erschütterte die -Luft. Fräulein von Sacken rief draußen über das Geländer, und eine Menge -schwatzender, lachender Damen trampelte die Treppe herauf. - -Ginstermann stand auf und machte Licht. - -Nun war es überwunden. - -Er zog das unterste Fach seiner Kommode auf und kramte darin. Bündel von -Zeitschriften Manuskripten, Briefen warf er auf den Boden. Ein Päckchen -Briefe in dunkelroten Enveloppen trug er an den Tisch. Sie waren abgenutzt -vom vielen Herumtragen und die Schrift verwischt vom Regen. - -Diese Briefe las einer vor Jahren jeden Morgen und jeden Abend. Diese -Briefe waren einst für einen das, was Gebete für Leute sind, die die -Verzweiflung beschwören. - -Er nahm den obersten und hielt ihn über die Lampe. Das Papier begann zu -kohlen, zu knistern, eine kleine blaue Flamme sprang von oben herab und -fraß sich am Rande wie eine feurige Schlange entlang. Das Kuvert bog sich -auf und der glühende Saum kroch auf die Anrede: mon petit coeur zu, -verschlang sie, und gleichsam als ihr Gespenst tauchten die Worte in -bronzegrüner Tinte auf der dunklen Asche auf. - -Er warf den Brief in den Ofen und die anderen dazu. Verbaffende Rauchwolken -quollen aus den Fugen, die Flamme brauste auf und nun bog sich ein Stück -Pappe in der Glut hin und her. Das Bildnis einer Frau tauchte einen Moment -auf, neigte sich vor und zurück wie in entsetzlicher Qual und stürzte -endlich als weiße Asche in das Häufchen Glut, das aussah wie ein klippiges, -winziges Gebirge, das in der Sonne glüht. - -Ginstermann stand, den roten Widerschein der Glut in den Augen, und -lächelte. - -Nun war es überwunden. - -Er holte jene Päcke Manuskripte und Zeitschriften herbei und warf sie in -die verglimmende Asche. Ein Fanatismus, alles zu zerstören, was ihn an -seine früheren Jahre erinnerte, erfaßte ihn. - -Hier und da warf er einen Blick in die Blätter. Es waren die Aufzeichnungen -eines verbitterten, höhnischen Menschen, dessen Seele ein Erlebnis zerstört -hatte. Ungeheure Zynismen, Verwünschungen, Flüche. - -Da war auch ein Kapitel über das Weib darunter. Ginstermann lachte, als er -es überflog, er las es nicht zu Ende. - -Der wüste Lärm von Kneipen, das Lachen eines Wahnsinnigen, der Geruch von -Branntwein, das Gekreische von Dirnen stieg aus diesen Blättern. - -Er las all das nicht ohne jenen Schrecken, den einer empfindet, der einer -Gefahr entronnen ist, in der er ohne sein Wissen schwebte. - -Sein Blick fiel auf ein Blatt, das die Überschrift trug: Der letzte Stern. - -Es war eine eigentümliche Geschichte. Sie lautete: - -Eines Morgens fanden die Leute bei ihrem Erwachen die ganze Erde mit -Sternen bedeckt. Alle Sterne waren des Nachts vom Himmel gefallen. Sie -erschraken gewaltig und blickten bleich und höhnisch zu gleicher Zeit auf -die Propheten, die sie gelehrt hatten, die Sterne anzubeten. Haha! schrien -sie, die Sterne sind heruntergekommen diese Nacht! - -Einige Vorwitzige hatten sich aufs Feld gemacht und sich den Sternen -genähert. Kommt! schrien sie, kommt! Und sie wälzten sich vor Lachen. - -O, ihr Lügner von Propheten, ihr Diebe von Propheten, so seht doch, seht -doch -- hahaha! Das also sind eure heiligen Sterne, das! - -Und sie spien den Propheten ins Gesicht. - -Das nämlich hatte sich herausgestellt: Die Sterne waren Pappe, bronzierte -Pappe, nichts als bronzierte Pappe. - -Hahaha, ihr Hunde! Seht ihr, Pappe, bronzierte Pappe! - -Den ganzen Tag zeterten und höhnten sie. Die Sterne schlugen sie in Fetzen, -dieselben Sterne, vor denen sie früher die Stirnen beugten. - -Die Propheten standen gesenkten Hauptes, das Gesicht trauernd und grübelnd -in die langen Bärte gedrückt. Gegen Abend begannen sie, den andern bei der -Zerstörung der Sterne zu helfen, dieser Sterne aus bronzierter Pappe. - -Bis auf einen, einen alten, ganz alten mit schneeweißen Haaren. Der stand -wie aus Stein. - -Es wurde Nacht. Da geriet der Greis in Verzückung und deutete gen Osten. -»Seht!« rief er, »seht!« - -Alle sahen hin. Es war ein Wunder. Dort oben blinkte ein Stern, ein -winziger Stern mit grünem Lichte. - -Hoho, schrien sie, hoho? - -»Seht! Seht!« - -Sie aber schüttelten die Köpfe und lachten. »O, du eisgrauer Narr«, höhnten -sie, »du hast den Verstand eines neugeborenen Kalbes! Begreifst du -- ha! -Alle Sterne waren nichts als bronzierte Pappe, so wird auch dieser -bronzierte Pappe sein!« - -»Weshalb fiel er nicht? Seht ihr nicht, wie er leuchtet und sprüht! Der ist -aus reinstem Golde!« - -»Alle Sterne -- siehst du nicht -- Narr! Bronzierte Pappe! -- O, Narr, uns -betrügst du kein zweites Mal!« - -»Weshalb aber fiel er nicht?« Und der Greis deutete mit erhabenem Triumphe -zu dem letzten Stern empor. - -Da gab es einige wenige, die zu lachen aufhörten -- -- -- - -Dieses Blatt wanderte nicht in die Flammen. - -Die Papiere hatten eine starke Hitze verursacht. Ein dichter Qualm zog die -Decke entlang und wirbelte lustig zum Fenster hinaus. Er hatte alle Mücken, -die an der Decke gesessen, in Aufregung versetzt, und sie summten wie -verrückt umher. - -Ginstermann saß und blickte in die Glut. Er lächelte. Seine Irrjahre waren -vorbei, da drinnen sanken sie in Asche. Nichts verband ihn mehr mit ihnen. -Er fühlte, daß sich seine Seele erneuert hatte. - -Lange saß er bis alles kalt und tot war da drinnen. -- -- - -Wenn aber die Vergangenheit vergangen ist, Bianka? flüsterte er . . . - - - - -XV. - - - Die Würfel sind gefallen. - - Alles ist verloren. -- - - Bianka lächelt und sagt: »Es war sehr - töricht von mir. Wie hübsch hätten wir den - Nachmittag bei mir verplaudern können.« - - Ginstermann entgegnet: »Aber bitte. Nein, - das wäre zuviel der Liebenswürdigkeit gewesen. - Sie waren ohnedies so gütig gegen - mich.« - - Er verbeugt sich einigemal und lächelt. - Er verbeugt sich linkisch und lächelt erstarrt. - Da sind einige Muskeln um seinen Mund, - die sich verzerrt haben. - - Bianka merkt das nicht. Sie sieht nicht, - daß seine Augen wie ausgetrocknet sind, seine - Haare vom Schweiße an die Stirne kleben, - daß er bleich ist wie eine Wand. - -Es ist gut, daß es dämmert. - -Sie stehen wieder in dem Vorgärtchen vor der dunklen schweren Türe und -morgen geht die Reise. Adieu! Morgen geht die Reise. Um 11 Uhr. - -Ein Mann muß sich beherrschen können, er muß stehen, bis er tot hinschlägt. -War er nicht ein ganzer Kerl, ein ganzer Kerl! Das Messer war ihm bis ans -Heft ins Herz gefahren, mitten ins Herz und er hatte nicht gezuckt. Er -hatte gelächelt und geplaudert, als habe sie ihm etwas Schönes geschenkt. -Sie sollte nicht wissen, daß sie ihn heute nachmittag getötet hatte. - -Jetzt sei es allerdings zu spät. Es gäbe auch noch eine Menge Besorgungen -für die Reise. - -Aber selbstverständlich. Wann sie fahre? - -Sie lächelt, da er schon einigemal gefragt hat, und erwidert: »Um 1/2 11. -In Bellinzona machen wir die erste Station. Mamas halber.« - -Sie sieht an den Fenstern hinauf, eine unbegreiflich lange Zeit, dann tritt -sie näher und blickt ihn an. Noch einmal schwebt dieses zarte, rätselhafte -Antlitz vor ihm, und diese klaren graugrünen Augen locken zum letzten Mal -tote Wünsche. - -Aber sie bleiben tot, nicht einer regt sich mehr. - -»Sie werden mir doch dann und wann schreiben, Herr Ginstermann?« - -»O gewiß, wenn sie es erlauben. Ein paar Zeilen --« - -»Erinnern Sie sich stets daran, daß Sie da unten im Süden eine Freundin -haben, die Ihnen für alle Zeiten und Fälle eine Freundin sein möchte, -wollen Sie das?« - -Er dankt ihr, indem er sich verbeugt. - -Er werde sich stets daran errinnern. Für alle Zeiten. Er danke ihr, ja er -danke ihr tausendmal für all ihre Güte. Er wisse, daß auch Sie sich oft an -den herrlichen Sommer errinnern werde. - -Fließend, ohne einen Fehler in der Betonung, spricht er. Es ist ihm, als -sei da ein Zweiter neben ihm, dem er voll Bewunderung und Erstaunen zuhöre. - -Dann schüttelt sie ihm die Hand. - -»Adieu. Morgen um 1/2 11, bestimmt! Am Bahnhof. Adieu. 1/2 11 Uhr, nicht? -Adieu!« - -Das sagt sie leicht hin, etwas hastig und steigt die Treppen hinauf. - -Ginstermann wendet sich augenblicklich und geht zur Gartentüre hinaus. Er -geht stolz und aufgerichtet. Der Wind wirft ihm boshaft lachend eine Hand -voll Staub ins Gesicht. - -Da ruft sie ihn nochmals. Sie steht auf der obersten Treppe, mit einer -Geste als wolle sie herabsteigen, um ihm noch etwas zu sagen. Aber sie -steigt nicht herab, sie spricht nichts, sie hebt nur die Hand, um zu -winken. Aber sie winkt auch nicht. - -»Adieu, Fräulein Schuhmacher!« - -Die Türe fällt ins Schloß, mit jenem eigentümlichen, dumpfen Laut einer -Türe, die sich für immer geschlossen hat. Er sieht sie noch da oben stehen, -die Hand erhoben. Und nun sieht er nur noch die Hand. - -Er sieht die Türe an und lächelt, er blickt am Haus entlang und lächelt. - -Dann geht er. -- - -Die Sache Henri Ginstermann -- Bianka Schuhmacher ist erledigt: Ginstermann -ist geschlagen! - -Nun war es vorbei. - -Ein tränenloses Schluchzen erschütterte seine Brust und gleichzeitig lachte -er. - -Weshalb ereignete sich nichts? Weshalb fiel kein Haus ein, kam nicht ein -Stück vom Himmel da droben herunter? - -Aber er hatte es ja nicht anders verdient. Nein, wenn er einem Menschen -einen Vorwurf machen konnte, so war er dieser Mensch selbst. Weshalb war er -so verblendet gewesen, abermals an einen Menschen zu glauben? Sein Herz -einem jungen Mädchen zu Füßen zu legen, das achtlos und blind darüber -hinwegschritt? Noch immer war er jener Tor, der sein Herz auf den Händen -durch die Straßen trug und die Leute fragte, ob sie es nicht haben wollten, -da es zu schwer von Liebe sei für ihn. Er hatte es als Kind seinen Eltern -schenken wollen, sie hatten es nicht angenommen, er hatte es später Frauen -und Freunden schenken wollen, sie hatten es verspottet und mißhandelt, und -wieder, wieder --? O, er war ein Tor! Die Menschen waren zersprungene -Geigen, die keinen Ton mehr gaben, die Menschen waren zu arm an Liebe, um -einen Hund damit ernähren zu können. Die Menschen waren ein Pack von -Krämern, Kirchgängern, Wucherern, Handwerkern und Barbaren. Aber die -Menschen waren keine Menschen. Diesen Titel hatten sie einigen Großen -gestohlen und sich umgehängt wie einen Orden. - -Das war ja des Hades Maskengarderobe, was da ging und stieg und sich -brüstete nach Pfauenart, Ekel verbreitend und üblen Geruch. Als geputzte -Bälge kamen sie daher, stupid und leer ihre Augen, aus denen ihr Magen -blickte. - -Er spie aus, er spie ihnen seine ganze Verachtung vor die Füße. - -Hoho! Einer der Leichname fand diese Grabrede für zu bündig. Wohl Psalme, -du Schuft? - -Ginstermann erwiderte kein Wort. Er stand still, die Fäuste in den -Rocktaschen und maß ihn mit messerscharfen Blicken, den Kopf kampfbereit -gesenkt. Ein ganzer Kreis von Leuten bildete sich um ihn. Einen nach dem -andern fixierte er und einer nach dem andern stahl sich fort. - -Sie hatten alle Angst, diese Feiglinge. Es war sonderbar, niemand lächelte, -niemand erwiderte eine Silbe. Diese Leute hatten Furcht vor ihm. Es war -eine Wonne, seine Macht zu fühlen. - -»Wäre doch wenigstens noch etwas vom Kain, vom Tiger in euch!« sagte er, -verächtlich die Lippen zuckend. - -Er wandte sich voller Abscheu und ging. Mit herausfordernden Blicken, den -Kopf scharf nach jedem wendend, der ihn anblickte, schritt er die Straße -entlang. Einigemal blieb er stehen, lachte, hustete, um einen Kampf zu -provozieren. - -Sie hatten Angst, alle. So ein feiges Gesindel waren diese Kreaturen! - -Der Wind blies ihm entgegen in heftigen Stößen, mit seinen riesigen -Fittigen bald die Straße fegend, bald die Wipfel der Pappeln beugend. Die -Straße herauf flogen Karossen in Wirbeln von Staub, eine hinter der -anderen. Kamen sie aber vorbei, so waren gar keine Karossen darin, nur der -Wind. Der sprang lachend heraus. Plötzlich war das Trottoir mit schwarzen -Sternchen übersät und eine dunkle Wolke senkte sich bis nahe an den -Erdboden herab, Finsternis verbreitend. Der Wind stand, ein jammerndes -Gespenst, in wirbelnde Lappen gehüllt, inmitten der Straße und drehte sich -im Kreise. Durch eine Wolke von Staub hindurch sah man Leute, die betend -die beiden Hände gen Himmel streckten. Die Häuser wankten, die Wagen -neigten sich, die Erde drehte sich schneller unter den Füßen -- da erhielt -sie einen Stoß und stand still, die Leute taumelten. - -Ginstermann spürte einen heftigen Schmerz an der linken Schläfe. Er war -gegen eine Staffel gefallen. Er wollte sich erheben, aber es ging nicht. -Ein paar Leute standen um ihn herum, die Augenbrauen in die Höhe gezogen. -Ein Student, die Mensurmütze über dem glatten Schädel, näselte ein -lateinisches Wort. - -Da stand Ginstermann augenblicklich auf und ging weiter. Seine Füße waren -wie mit Blei ausgegossen. Um ihn rauschte es, es regnete. - -Seine Schläfe schmerzte, in die Augenbraue sickerte es. - -»So geht es, wenn man sich aufregt, mein Freund«, sagte er zu sich und -lächelte, als wolle er einem hübschen Mädchen gefallen. - -Die Häuser standen wieder aufrecht, die Leute hörten auf zu tanzen und zu -taumeln. - -Er bog links ab und ging in den Englischen Garten. - -Das aufziehende Regenwetter hatte die Leute vertrieben. Der Park lag still -und traurig, die Bäume verschleiert, als erwarte er einen Leichenzug. Man -betrat ihn nicht ohne Bangen und Grauen. - -Ginstermann blieb stehen und lauschte. Unzählige Spechte klopften an den -Bäumen. Endlich entdeckte er, daß es das pochende Blut in seinen Ohren war. -Die Baumgruppen erschienen ihm wie zusammengeduckte Ungeheuer, denen einer, -der das nicht bemerkte, unfehlbar in den Rachen lief. Aber er war nicht so -töricht. Im übrigen wußte er auch recht gut, daß es ganz gewöhnliche Bäume -waren, nichts weiter. Dort oben stand der Monopteros. - -Sonnentempel, Tempel der Seligkeit! Haha! - -Er sah aus wie die Arbeit eines Zuckerbäckers, die nun im Regen elend -zerweichen mußte. - -Hahaha, gerade so. Er war Teig, weicher Teig war er. - -Er blieb stehen. - -»Zur Sache«, sprach er, »wir wollen es kurz machen. Hier war es, gerade -hier.« Oder war es nicht hier? Er mußte -- wo war es? Er mußte -- bei allen -Heiligen -- doch die Stelle finden, wo er begraben lag! Haha, das wäre noch -hübscher! Zur Ruhe, zur Ordnung! Was hatte sie gesagt? Ein Dutzend Worte. -Hier war es angegangen, also mußte es hier neben diesem kleinen Bäumchen -sein. - -Er kniete nieder und machte ein winziges Kreuz in den Sand. - -»Henri Ginstermann, gestorben am Herzeleid. Bete ein Vaterunser, o Christ!« - -Aber vielleicht war es doch nicht hier? War das nicht dumm, nicht dumm, -messieurs? Man mußte ins reine kommen. - -Er lief den Weg hinab und setzte sich auf eine Bank. Dann stand er auf und -sagte: »Sie haben recht, die Sonne sticht hier unerträglich. Man sitzt wie -im Brennpunkt einer Lupe.« Langsam schritt er, als ginge er neben Bianka -einher. - -Ah, nun wußte er alles, jede Einzelheit. Hier ging Bianka, hier er. Ihre -Schatten liefen wie folgsame Pudel links von ihnen. - -Er wußte alles ganz genau. Plötzlich war eine Jalousie in seinem Kopfe in -die Höhe gegangen. - -Sie sprachen von der Reise, sie sprachen von der Reise. Und sie sprachen -auch vom mutmaßlichen Wetter. Jawohl. Und sie sprachen auch davon, wie -schön der Sommer gewesen wäre. Auch vom Sommer. Gut. Reise, Wetter, Sommer. -Gut. Es stimmt. Bianka -- ja, nun kam es. Wie kamen sie nur darauf? Ach, -richtig, sie sprachen ja vom Sommer. Wie schön er gewesen wäre. Bianka -- -nur Vorsicht -- bis zu dem Büschel Löwenzahn dort ungefähr von der Reise, -bis zur Wegkreuzung vom Sommer, wie schön er gewesen wäre -- von hier an -- -jawohl. Alles in Ordnung. Hier ging ein alter Herr mit einem glatten -Elfenbeinknopf am Spazierstock an ihnen vorüber, so daß er näher zu Bianka -hinüber mußte. Bianka spielte mit den Quasten ihres Sonnenschirmes, und er -bemerkte, daß die Naht des Handschuhes am Ballen etwas geplatzt war. Haha, -er entsann sich sogar auf Dinge, die er kaum recht beobachtet hatte. Und -Bianka sagte: - -»Eigentlich ist es doch recht selten --« Oder begann sie nicht so? Es war -da etwas wie ein helles A am Anfang ihres Satz es. »Das passiert nicht oft, -daß man einem Menschen begegnet. Mir passierte es sehr selten. Und deshalb -freut es mich, daß ich Sie kennen gelernt habe.« Nun blieb sie stehen, sah -ihn an und fuhr fort, indem sie lächelte: »Wie sonderbar es begann, da im -Theater, da bei Kapelli, nicht? Und dieser Sommer -- es war alles hübsch.« -Sie stockte, besann sich, ging weiter. - -Er entgegnete nichts darauf. Von einer freudigen Ahnung durchschauert, -wartete er auf das, was sie nun sprechen würde. Sie hatte gleichgültig -gesprochen, wie einer, der etwas Besonderes folgen lassen wird. Es war wie -eine Einleitung und hinter ihrem letzten Wort stand etwas wie ein großer -Doppelpunkt. - -Nun wird sie es sagen, dachte er und es flimmerte ihm vor den Augen vor -Erregung. - -Aber sie setzte ihre Rede nicht fort. Sie schwieg. - -Er wartete noch immer, noch immer. Da begann sie über Nizza zu sprechen. - -Sie sprach nichts weiter, nichts sonst, keine Silbe. »Es war hübsch, hörst -du, Ginstermann? -- hübsch war es.« - -Und hier war es, hier. - -O, es war in der Tat hübsch, außerordentlich hübsch. Sie können sich nicht -vorstellen, wie hübsch es war, Herr Ginstermann. Wir gingen einige Wochen -zusammen, wir unterhielten uns, Sie eröffneten mir ihre Ideen, Herr -Ginstermann, ja vielleicht liebten sie mich auch ein bißchen. Addieren Sie, -bitte, addieren Sie. Summa: hübsch. - -Er umschritt das kleine Kreuzchen im Sande und lachte. - -»Hier liegen die Träume eines Toren«, begann er in pastoralem Tone, »hier -liegt die Sehnsucht eines Narren -- hahaha. Sie ertranken in der Tiefe -einer Mädchenseele. Ich will mein Senkblei in deine Seele werfen, sagte der -Narr, ob sie tief sei, ich will es gegen ihre Wände schlagen lassen, ob sie -Ton wiederhallen, ob sie Silber singen. Da ertranken seine liebsten Kinder -in der bodenlosen Tiefe -- hahaha --!« - -Plötzlich hielt er inne und richtete sich auf. Ein unheimlicher Gedanke -stieg in seinem Kopfe empor, riesengroß, ein graues Gespenst ohne Form und -Ausdruck. - -»Du bist wahnsinnig«, sagte er leise zu sich, damit es niemand höre außer -ihm. - -Das Gespenst sank wie ein Schatten auf ihn herab und hüllte ihn ein. Sein -Herz ging in langsamen Stößen, er stand wie gelähmt. Eine Ewigkeit. - -Rings um ihn rieselte der Regen, der Park lag wie ein Leichnam, starr und -still. Die Stille flüsterte, sie flüsterte unverständliche, grauenhafte -Dinge. Der Wind stieß wie die Flügel eines Schwarmes von Vögeln an seinen -Kopf. - -In seinem Kopfe da ging ein schweres Pendel hin und her, das alle Gedanken, -die aufstehen wollten, niederschlug. Und er lauschte auf das, was diese -Stille flüsterte. - -In der Ferne schlug eine Uhr. - -Das war eine Uhr, dachte er. Jawohl, eine Uhr. Und das hier ist ein Weg, -und das da bin ich, Henri Ginstermann, dem sie in der Jugend einen -schlimmen Untergang prophezeiten. Und das hier ist meine Hand. So nennt man -das Ding. Ich kann es bewegen. - -Was ist geschehen, was ist geschehen mit mir, dachte er. - -Nun haben sie mich in die Luft eingemauert, wie ein Luftbläschen in Glas -eingemauert ist. Angst lähmte ihn. - -Drüben am Wege ging eine Gestalt, in einen sonderbaren Mantel gehüllt. - -Nun kommt er, dachte er, den großen Holzhammer unterm Mantel, um dir auf -den Kopf damit zu schlagen. - -Aber nein, was war mit ihm geschehen? - -Plötzlich bewegte er die Füße und ging. Fort, fort aus diesem Garten, -dessen tausend graue erloschene Augen dich anblicken, fort, fort. - -Er lief hastig, quer durch die Wiesen, um die Gebüsche zu vermeiden. - -Endlich war er auf der Straße. Er wurde ruhiger. Hier gab es Menschen und -Schutzleute, er war geborgen. - -Nach und nach kehrte die Reaktion seiner Sinne zurück. Langsam, mit dumpfem -Kopfe schlich er an den Häusern entlang. Es war noch nicht spät, es -dämmerte. Der Himmel war düster und erschien wie ein unendlich tiefer Sack, -aus dem flimmernde Fäden hingen. Die Bogenlampen brannten, die -Telephondrähte schimmerten und liefen rasch in die Dämmerung hinein, als -hätten sie es sehr eilig, an den Leitungsdrähten der Straßenbahn sprühten -zornige, grüne Flammen auf. - -Die Cafés waren erleuchtet, die Türen gingen auf und zu. Durch einen -Vorhang sah er ein grünes Billard, über das sich ein Herr mit langen weißen -Manschetten beugte. Der Kopf einer Kellnerin ging hinter der Scheibe -vorüber und verdeckte für einen Moment das ganze Billard. - -Er war fähig, diese Eindrücke aufzunehmen, ohne aber sonst Kraft zum Denken -zu besitzen. Man hat alle Drähte in meinem Kopfe durchschnitten, dachte er. - -Seine Schläfe brannte. Das Bedürfnis, sie mit kaltem Wasser zu netzen, -trieb ihn über die Brücke, in die Anlagen. Dort stieg er zum Fluß hinunter. -Die Böschung war gepflastert, er mußte vorsichtig sein. Der Fluß rauschte -vorüber, blitzschnell, mit hundert Zungen nach ihm leckend. Schon daran, -die Hand nach dem Wasser auszustrecken, hörte er über sich rufen. Er wandte -erschrocken den Kopf und glitt aus. In Todesangst klammerte er sich an den -Steinen fest. - -Es war ihm, als habe ihn der Fluß schon in seine brausende Tiefe -hinabgezogen. Ohne sein Vorhaben auszuführen, kroch er wieder in die Höhe; -kalter Schweiß bedeckte seine Stirne. Er schleppte sich weiter, müde ging -er wie ein alter Gaul. - -Er ging lange, bis die Häuser klein und niedrig wurden. Trüb leuchteten -ihre Augen, einige hatten viele, wiederum welche waren blind von oben bis -unten. - -Auf der Straße spielten Kinder. Es waren kleine Mädchen. Sie hatten einen -Kreis gebildet und schritten um ein Mädchen herum, das in der Mitte saß, -die Hände vor dem Gesicht. Dabei summten sie ein Lied. Es war ein weicher -flüsternder Gesang, wehmütig durch die Dämmerung schwebend. - -Ginstermann stand und lauschte. Aus diesem Summen der Mädchen da sprach es -zu ihm, wie aus dem Flüstern der Stille im Park. - -Und nun verstand er. - -Sterben, sprach es. - -Er ging und lächelte vor sich hin, von diesem weichen, kosenden Sang -gefolgt, der: sterben sagte. Wie die weichen Arme eines Unsichtbaren -umschlang es ihn und küßte ihm dies Wort auf den Mund. - -Die Häuser hatten ein Ende. Frei lag das Feld vor ihm. - -Über die Ebene lief hurtig ein kühler Wind. Er nahm den Hut ab und ließ -sich die Stirn von ihm kühlen. Das war sanft und wohltuend, er mußte an die -schmalen kühlen Lippen seiner Mutter denken, wenn sie ihm die Wangen küßte. - -Es regnete nicht mehr. Im Westen glomm ein schmaler, düsterroter Saum, die -Nacht schlug wie das ungeheure schwermütige Lid eines Vogelauges über der -Erde zusammen. - -Die Luft war gewürzt vom Geruche des triefenden Waldes, der Wiesen. Er roch -die Nacht heraus. - -Er kniete nieder und küßte die Erde. - -Adieu, sagte er. Er stand noch eine Weile: Das war der Wald, hier das Feld, -dort oben der Himmel. Adieu. - -Dann wandte er sich der Stadt zu. Er wollte nach Hause. - -Nun konnte er plötzlich wieder denken. Aber all seine Gedanken liefen -diesem einen Ziele zu, -- ruhig, ohne Schmerz, erfüllt von Weihe, die -dieses Ziel über sie hauchte. - -Die ganze Stadt war Licht, Lärm, Lachen. Menschen fluteten, Menschen, die -dieses Licht, diesen Lärm, dieses Lachen liebten, die die kleinen süßen -Abenteuer liebten. Es brauste nah, in der Ferne. Es läutete, klingelte. - -Aber lauter und klingender wie der Lärm des Verkehrs ging hoch oben ein -Brausen über die Stadt. Es lief durch die Straßen, riß die Fenster auf, -fuhr durch die Häuser, fuhr in die Brust der Menschen, und blies die Glut -ihrer Herzen zu Flammen: Das Leben! - -Nun lag es hinter ihm. War es nicht schön gewesen? O, es war köstlich -gewesen. Es hatte ihm die große Freude, den großen Schmerz gegeben. Was -sollte es mehr? Er hatte sich satt getrunken an seinen Schönheiten, er -hatte seinen Rätseln gelauscht. - -Er war müde, er sehnte sich nach der großen Ruhe, nach der Rückkehr in das -Nichts, wo die atemlose Flucht der Erscheinungen ein Ende hatte. - -Bei einem Waffenladen blieb er stehen. Die Läufe blitzten, die runden -hohlen Augen blickten ihn wie etwas Bekanntes an. Wie unschuldige Wichtchen -schlummerten die Kugeln in den Schachteln, plump und dick ein Schädel in -Stücke reißend, klein, nur den Stich einer Nadel an der Schläfe -hinterlassend. - -Aber er ging weiter. Er hatte zu Hause ein scharfes, scharfes Rasiermesser. -Damit wollte er sich die Adern durchschneiden, und während das Blut in -langsamen Stößen seinem Körper entwich, noch an all das Herrliche denken, -das ihm das Leben schenkte. -- - -Als er seine Treppe emporstieg, sah er Frau Trud vor der Tür des Ateliers -stehen. Es schien als warte sie auf jemanden. - -»Ach, Sie sind es«, sagte sie. Sie sah angegriffen aus und hatte gelbe -Ringe um die Augen. - -Ginstermann erschrak, als er sie erblickte, es war ihm, als errate sie -seine Absicht. Sie betrachtete ihn auch so sonderbar, versteckt -argwöhnisch. Sie ließ ihn sicher nicht ohne weiteres vorbei. - -»Was ist mit Ihnen, Herr Ginstermann?« fragte sie mit jäher, erschrockener -Stimme. - -»Mit mir, wieso denn nur?« - -»Wie sehen sie nur aus. Ist Ihnen etwas zugestoßen?« - -Diese Besorgnis, diese mütterliche Anteilnahme machte ihn bewegt. - -»Ach nein«, erwiderte er. »Gute Nacht, Frau Trud.« - -Er gab ihr die Hand und sah ihr mit einem tiefen Blick in die Augen. - -Oben wandte er sich nochmals um und rief: »Grüßen Sie Kapelli, ich werde -ihn demnächst wieder mal besuchen.« - -Er zitterte noch, als er in seinem Zimmer angelangt war. - -Hatte sie etwas gemerkt? Wie konnte sie das? - -Nachdem er abgeschlossen hatte, zündete er die Lampe an. Dann spähte er -unter das Bett, ob niemand drunter versteckt sei, der ihn beobachten -konnte. Die Vorhänge zog er zu. - -Er ging zur Büste, blickte sie eine Weile düster lächelnd an und hob sie -herab. - -Er preßte sie an die Brust und küßte sie auf den Mund. - -»Bianka«, sagte er, »leb wohl. Wer du auch seist, ich danke dir. Du warst -das Schönste, das Leuchtendste in meinem Leben. Du gabst mir ein tiefes -Erlebnis. Nie hat ein Mensch Schönres erlebt. Dafür danke ich dir. Weißt -du, wie ich dich liebe? Sieh, ich bin irrsinnig geworden, so liebe ich -dich. Irrsinnig, du meine Bianka. Vielleicht hätte ich dich glücklich -gemacht. Wir wissen es ja nicht. Leb wohl. Wenn du von meinem Tode hörst, -so härme dich nicht. Verzeih!« - -Tränen rollten über seine Wangen, während er sie lächelnd betrachtete. Er -öffnete den Schrank und stellte die Büste behutsam hinein. Sie sollte es -nicht sehen. - -Da pochte es an seiner Türe. - -Er erschrak heftig und fragte stockend: »Wer da?« - -»Kapelli.« Ob er nicht Lust habe, den Abend mit ihnen zu verbringen. -Bißchen Karten spielen. - -»Nein, danke schön.« - -»So machen Sie doch mal auf!« - -Ginstermann ging an die Türe, unschlüssig ob er öffnen sollte. - -Dann rief er: »Ich will arbeiten, Kapelli. Stören Sie mich nicht länger.« -Aber Kapelli pochte nochmals. - -Ginstermann beugte sich herab und blies durchs Schlüsselloch. - -»Ich werde Sie die Treppe hinunterblasen«, rief er, sich zum Lachen -zwingend. - -»Na, dann also gute Nacht.« - -Kapelli stieg die Treppe hinab, hielt inne, kam wieder ein paar Stufen -herauf, stieg abermals hinunter und schloß endlich die Türe seines Ateliers -hinter sich. - -Was wollen sie nur, dachte Ginstermann. Diese beiden guten Leutchen, sie -ahnen wohl etwas? Morgen wird Kapelli sagen: Armer Kerl, der Ginstermann. -Und des Nachts werden sie stumm in ihren Betten liegen und an mich denken. - -Und Kapelli wird hinter dem Sarg hergehen, seinen engen schwarzen Rock über -dem Bauche zugeknöpft, einen Zylinder auf dem Kopf. Und er wird im Sarge -liegen und Grimassen schneiden. Aber nein, er wird hübsch ruhig bleiben. Im -übrigen wußte es man nicht. Niemand weiß, was ein Toter tut, wenn der -Deckel aufgeschraubt ist. Noch besaß niemand soviel Mut sich neben einen -Toten in den Kasten zu legen und zu beobachten, was er tut. Einer seiner -Bekannten wird ein paar Worte am Grabe sprechen: Bläh -- bläh -- Henri -Ginstermann ist tot. Er hat »Das Ebenbild Gottes« geschrieben -- bläh -- -bläh -- er hat auch Verse geschrieben -- man weiß nicht, woran er gestorben -ist, vielleicht ist er am Leben gestorben -- bläh -- bläh -- - -Ginstermann setzte sich auf die Ottomane und sann vor sich hin. Seine Hände -zitterten, die Pulse hüpften in seiner Schläfe; in seinem Kopfe da rauschte -es, rings herum. - -Da gab es noch jemanden, den die Nachricht stutzig machen wird. Dieser -jemand wird sagen: Henri Ginstermann? das ist ja mein Sohn. Seine Mutter -hatte ihn doch ein bißchen gerne, früher. Nun ja, bei jenem Skandal -- kann -eine anständige Dame da anders handeln. Ein Schüler, ein Junge von siebzehn -Jahren, der sich mit einer verheirateten Frau einläßt! Puh, puh! Aber nein, -früher. Als er noch zwölf Jahre alt war. Bis er den Ring stahl. Stahl, das -ist ja nicht richtig. Er legte ihn ja abends wieder auf den Toilettetisch. -Er hatte ihn nur in der Sonne funkeln lassen, weil das seine Augen -entzückte. Sie hatten ihn allerdings Dieb genannt. Dieb zischten sie alle. -Und er wurde in eine dunkle Kammer gesperrt, die ganze Nacht. Da kam der -Teufel mit seiner ganzen Verwandtschaft. Die Holzwürmer schlugen mit den -dicken Köpfen auf die Dielen. Die Mäuse nagten die Balken ab, um ihn in -einen tiefen Schacht hinabzustürzen. Eine Uhr rasselte wie ein Sterbender. -O, das war schon mehr als Geisterspuk. Des Morgens kam ein graubleicher -Bursch zur Türe heraus, dem diese Nacht mit ihrem Schrecken wie ein Frost -auf die Seele gefallen. Seitdem haßte er sie, seine Eltern und Geschwister, -seine Mitschüler und Lehrer, alle Menschen. Und er schlief trotzig in der -Geisterkammer, ohne Furcht, da er sich dem Teufel verschrieben hatte, der -ihm jetzt nichts mehr tat. Ja, selbst die Mörder fürchtete er nicht mehr. -Sollten sie ruhig zum Fenster hereinsteigen und ihn erdolchen. O, es war -nur ein Spaß! -- Hoho, aber plötzlich da wurde es anders. Niemand liebte -ihn, bis er eine junge hübsche Frau kennen lernte. - -Weshalb sieht man so finster in die Welt, lieber Henri? -- Wollen wir Musik -zusammen machen, wie? -- Wollen wir in den Garten gehen und die Blumen -ansehen? -- Armer Bub wie haben sie dich hergerichtet? -- Nein, nicht -küssen, nicht küssen, Schlingel! - -O juhei, o juhei -- wie herrlich ist das Leben! -- Wie, abgereist? Gnädige -Frau ist abgereist? So so. Er lebt acht Tage als Waldmensch, frißt Moos und -Schnecken und heult wie ein Irrer durch die Nächte. -- Hinaus! sagt der -Vater, hinaus! Sein Finger deutet gegen die Türe. Er biegt ihn im Gelenk -ab, damit es recht theatralisch aussieht. Haha, welche Großartigkeit. Wie -ein Feldherr: alle Fünftausend. Hinaus, hinaus! Alle Türen zu. Einer dreht -sich im Kreise, ein ganzer Kreis von Fingern deutet: Hinaus! -- Ein Zug -braust durch die Nacht. Hahaha, Freundchen, es ist nicht so einfach, sich -unter einen rasenden Zug zu werfen, dazu gehört die Gewandtheit eines -Seiltänzers. Wie, die Hand haben sie sich blutig geschlagen, Mylord? O, das -schadet nichts. Ein bißchen Blut, wir sind doch kein kleines Mädchen, wie? --- Die Bauern sind ein mitleidig Volk, sie geben Brot, sie hetzen auch ihre -Hunde. Nur Scherz. Es schläft sich gut im Wald, bei den vielen Mücken und -Ameisen. Man träumt von Gendarmen, das ist nur angenehm. Denn wenn man -erwacht, so sieht man nichts um sich als Büsche und Kräuter, und der Mond -spannt silberne Saiten zwischen den Stämmen. Drauf greifen Elfenfinger ihre -Lieder. Ist das nicht herrlich? -- -- In Böhmen liegt ein Bauernhof. War es -nicht ein hübscher Bauernhof? Die Bäume herum, die Tannen dahinter auf dem -Hügel wie finstere Borsten auf einem Ungeheuer. Und Segtschin, der -Wahnsinnige, wie er mit den Zähnen fletscht. Er kann die Deutschen nicht -leiden. »Ich renne ihm die Mistgabel durch den Leib!« Ach, eine Mistgabel, -ich bitte Sie, Verehrtester, Sie werden doch so ein Ding nicht fürchten. -Und da ist Hesse, der defraudierte Bahnbeamte aus Baden. Er hat eine Kneipe -in Rumänien. »Willst du das Weib da küssen, du Kleiner! Ha! Ein Patron, ißt -und trinkt drei Wochen bei mir und will das Weib da nicht küssen, wenn ich -es befehle. Hund, marsch -- oder -- ah -- sie ist ja ein kleines -Schweinchen, die Sonja -- aber -- hahaha!« Sein betrunkenes Gesicht mit dem -Ausdruck eines Metzgerhundes schwillt auf vor Wut, als ob es zerplatzen -wollte. Ach, nun ist es gar nicht mehr Hesse, nun ist es Herr Trutt, der -Kaufmann Trutt mit seinem Doppelkinn, seinem Fettnacken, seinen schielenden -Augen, seiner fettrasselnden Stimme. Dieser Halunke, der will, daß man sich -für ein paar Gulden kaput arbeitet. Aber was will nur Hesse mit dem Bohrer. -Nein, es ist kein Bohrer, es ist ein Spazierstock. Und doch ist es ein -Bohrer, ein Bohrer so lang wie ein Spazierstock. Mit diesem Bohrer kommt er -auf ihn zu, den Bohrer schwingend. Aber so groß seine Schritte auch sind, -er kommt nicht näher. Er baumelt wie an den Hüften festgeschraubt, schlägt -mit Armen und Füßen, den Bohrer schwingend. »Ich will dir den Kopf -anzapfen, Kleiner, gib acht. Sonja, schlage ihn, du sollst dich betrinken, -bis du platzt, Schweinchen!« - -Was wollen denn diese vielen Leute? Sie stehen um Hesse herum und deuten -auf ihn, alle auf ihn. Und sie schielen alle und haben viereckige und -verschrobene Köpfe. Es ist eine ganze Mauer von Leuten, es sind tausend -Köpfe. Lauter Köpfe; unter ihrer Verzerrtheit verbirgt sich ein bekanntes -Gesicht. Segtschin fletscht mit den Zähnen -- und da ist auch Kapelli! He, -Kapelli! Zum obersten Stockwerke dieses lebendigen Gebäudes sieht er -heraus. Er spuckt herunter. Ah, nun ist er über ihm. Hoho, über ihm sind -auch Köpfe! Überall, rings um ihn Köpfe, die sich unaufhörlich verzerren zu -entsetzlichen Grimassen, bald den, bald jenen darstellend. Da ist ja auch -jenes Weib, Ritts Freundin mit den weißen Händen. Sie wirft ihm Sofakissen -an den Kopf. Ich schlage dich doch noch tot, du Kleiner, flüsterte Hesse -plötzlich dicht neben ihm und schwingt einen Weinheber über seinem Kopfe. -Seine Augen sind blutunterlaufen und aus seinem roten Schnurrbart strömt -der Geruch von Branntwein. »Sie leugnen also jede höhere Bestimmung des -Menschen, mein Herr, wie, wie? Sie gestatten, mein Name ist Spi.« »Ja, zum -Teufel, mein Herr --« »Spi ist mein Name, gestatten -- Sie leugnen also -jede höhere Bestimmung des Menschen, mein Herr? Hier stehe ich, Spi.« »Die -Bestimmung des Menschen kann nicht hoch genug sein. Ich sage mir, sie ist -keine göttliche, sondern eine vom Menschen selbst gegebene, deshalb nicht -minder hoch. Der große Mensch und Gott fließen in eins zusammen, -- ja, zum -Henker, mein Herr, wer sind Sie eigentlich?« »Spi, gestatten.« »Speien Sie -mir doch nicht immer ins Gesicht, wenn Sie Ihren verfluchten Namen -aussprechen! Meine Behauptung gleicht also -- ja, wo stecken Sie denn?« -»Hier, Spi --« »Teufel --!« »Spi, ich bin unsichtbar, gestatten, Spi ist -mein Name.« »Lassen Sie mich doch -- lassen Sie mich doch --!« »Aber was -wollt ihr denn, was wollt ihr denn, ihr hängt ja Camilla auf!« »Hier -hinauf, geehrter Bruder im Herrn, auf den hohen Baum, sie will die Welt -sehen, und deshalb hängen wir sie so hoch hinauf, seht, wie niedlich sie -ist, wie des Jairi Töchterlein -- --« - -Da erscholl ein mächtiger Schlag. - -Ginstermann stand inmitten des Zimmers, er taumelte, er stolperte über -einen Stuhl, der am Boden lag. - -Er starrte vor sich hin, ohne etwas zu sehen. - -Ein Gedanke rang in seinem Kopfe, aber er kam nicht zur Klarheit. - -Er suchte sich auf etwas zu besinnen. Was war denn eigentlich? Was war das -alles? Was wollte der phosphoreszierende Schädel dort? Ein Gespenst, hu? -Oder -- nein, eine Lampe. Seine Lampe. Sehen so die Lampen aus? - -Ja, es konnte auch eine Lampe sein. - -Er fand für einige Augenblicke die Besinnung zurück. Das war sein Zimmer, -hier stand sein Tisch, dort das Bücherregal, auf dem Biankas Büste -gestanden. Diese Büste hatte er in den Schrank getan. - -Er ging an den Schrank, um nachzusehen. Aber er wagte ihn nicht zu öffnen. -Er wußte, etwas unsagbar Gräßliches hockte darin. Da entdeckte er ein -Gesicht an der Wand. Dieses Gesicht bewegte sich nach derselben Richtung, -nach der er sich bewegte. Es war ein Kreidefleck mit Augen darin, die wie -Tiger heraussprangen. Ah, das war ein Spiegel und das Gesicht darin war das -seinige. - -»Ich komme gleich nach«, rief er aus und ging an den Waschtisch. - -Was wollte er nur? Er hatte doch etwas aus dem Waschtisch nehmen wollen. -Sollte er beten, daß Gott ihm aus seiner Wirrnis herausführe. Haha, -vielleicht durch einen hübschen Engel mit bleichen, lilienzarten Händen? -Gott? Was war Gott? - -»Sie wissen nichts!« sagte ihm jemand ins Ohr. Das war Dichter Glimms -Stimme. Er zeigte die Zähne wie ein Eichhörnchen. Aber er war gar nicht zu -sehen. - -»Sie wissen nichts!« wiederholte er. O, dieser Heuchler. Die ganze Zeit -hatte er sich als Atheist aufgespielt. - -»Wer setzte die Urzelle in die Welt, mein Lieber? Weshalb haben alle -Völker, alle Völker den Drang nach Gott, he? Antworten, antworten!« »Ist -die Welt?« »Geflunker -- Geflunker! Antwort? Wer ist Gott? Ich lasse Sie -nicht los. Sie -- Dummkopf, Sie.« »Ich bin Gott, Gott ist in uns. Jeder hat -sein Mekka in sich.« »So sagten Sie in Ihrem Drama, Freund -- in Ihrem -traurigen Machwerk, das Sie Drama nennen -- hahaha!« - -Nein, was wollte er nur! Was erhielt er für Besucher? - -Er stand und starrte an die Wand. Da zappelte etwas. Auf hohen -Spinnenbeinen kroch es daher, den gequollenen Körper vorwärtsschiebend. -Unsinn, es war ein Tintenfleck! Jemand hat ein Tintenglas einmal gegen die -Wand geschleudert -- glaubt es, ihr Leute! Spinne? Es sah aus wie Pinien. -Er hatte, seit er hier wohnte, stets an Pinien gedacht. - -Nun löste es sich von der Wand und zappelte durch die Luft. - -Er wich zurück und schrie. Ein dumpfer Schlag und Klirren. - -Er verschwand in ein Loch und sank in tiefe, tiefe Nacht. - -Ach, wie gut tat die Finsternis! Und wie herrlich war es zu sinken, immerzu -zu sinken. - -Hatte er es doch dabei? Ja, natürlich. Das Rasiermesser! Es tat nicht weh, -nein, nein. Die Adern werden schlaff und die große selige Müdigkeit kommt. -Muß man tiefer schneiden? Er mochte nicht mehr. Er war müde. Und auf seinem -Kopfe saß einer, so schwer wie ein Zentner. - -»Guten Tag, ihr Herren, guten Tag, ihr Frauen.« - -He! was ist das. Was sind das für Leute? Graue Gesichter. Es sind die -Selbstmörder der letzten Woche. Hahaha, der Tod verliert seine ganze -Kundschaft. Und wer ist der dort? Hehe? Mit seinem purpurnen Schlips. Siry! -Siry! Siehst du, hier an der Schläfe habe ich ein winziges Loch. Ich kämme -das Haar darüber, immer elegant! -- - -Was wollt ihr denn mit der Decke? So, bin ich nackt? Danke. - -Die große selige Müdigkeit . . . - -Ich höre nichts mehr, weshalb pocht ihr mir? Weshalb ruft ihr mir? - -Möchten sie pochen -- ruhig pochen -- mochten sie rufen, ruhig rufen -. . . . . - - - - -XVI. - - -Eines Tages hörte Ginstermann im Halbschlafe Sankta Lucia singen. - -Er wußte, daß er schlief und vernahm seinen Atem. Er wußte auch, daß er -träumte und ihm der Traum das Lied sang. Es schien ihm, als schwebe er auf -einer weißen flaumigen Wolke dahin. Er lag in heißer Sonne, die auf seiner -Stirne wie Sternchen knisterte. Die Wolke trug ihn über ein herrliches -paradiesisches Land. Orangenhaine tief unten, glitzernde Flüsse, ein blauer -Golf, über den die weißen Segel streichen. Eine Stadt mit funkelnden Zinnen -und geschmückten Straßen. Alles eigentümlich und märchenhaft, in satten, -leuchtenden Farben, von Gesang durchzittert. - -Sankta Lucia -- Sankta Lucia . . . Ganz leise, aus der Tiefe herauf. Es war -eine weibliche Stimme. - -Nun brach das Lied ab und jemand lachte, ganz nah. Eine Frauenstimme, -dieselbe, die eben gesungen, rief laut ein seltsames Wort. Da ertönte die -Melodie eines Leierkastens, die sich entfernte. - -Er schlief wieder vollständig ein, um durch die Melodie des Leierkastens -abermals geweckt zu werden. Sie klang von weit herüber. Wieder begann die -Stimme von vorhin das gleiche Lied zu singen. Es war eine herbe bäurische -Stimme, deren Alt blechern zitterte. Und nun hörte er ein Geräusch, als -schnitte jemand ein Buch auf. - -Er versuchte die Lider zu öffnen, die wie angeklebt waren. Plötzlich -sprangen sie auf, ein blauer Schleier zog an seinen Augen vorbei. Er wurde -dünn, durchsichtig, und das Bild eines Herrn, der an einem Tisch saß und -las, erschien. Der Herr las eine Broschüre in grünem Umschlag. Es war ein -blonder, schlanker Herr, mit rosigem Teint und einem feinen Schmiß auf der -linken Wange. - -Dort stand sein Bücherregal und dort hing ein Strohhut, unter dem er sich -unwillkürlich sein Gesicht vorstellte. Nun wandte der Herr ein Blatt um, -ein feines Geräusch verursachend. Seine Finger waren außerordentlich lang -und braun. - -Das war doch Traum, doch Traum. Er schloß wieder die Augen. - -Da, nach einer Ewigkeit, sagte jemand -- und er empfand, daß der -Betreffende beim Sprechen lächelte -- dicht neben ihm: »Wie fühlen Sie -sich?« - -Er schlug erschrocken die Augen auf und gewahrte den Herrn, der am Tisch -gesessen, vor sich, ein Lächeln auf seinem dünnen Schnurrbart. - -Der verbeugte sich leicht und sagte: »Dr. Scholl.« - -Ginstermann sann eine Weile nach, dann kam ihm der Gedanke, daß dies wohl -der Bruder von Fräulein Scholl sein müsse, und daß er krank gewesen sei. - -Er stützte sich auf die Ellbogen und richtete sich etwas in die Höhe. - -»Erklären Sie mir, bitte --? Bin ich krank?« fragte er. - -Der blonde freundliche Herr ließ sich auf einen Stuhl neben dem Bette -nieder und entgegnete: - -»Sie hatten etwas Fieber, Herr Ginstermann. Nun ist es vorbei. Wie fühlen -Sie sich?« - -»O danke. Es ist mir, wie soll ich sagen -- wie als Kind, wenn ich lange -und tief geschlafen hatte.« - -»Sie werden sich wohl etwas wundern, wie ein Wildfremder zu Ihnen -hereinkommt?« - -Er hatte sich gar nicht darüber gewundert, aber jetzt war er erstaunt -darüber. - -Der Blonde lächelte, und Ginstermann bemerkte, daß es kein glückseliges -Kinderlächeln sei, wie es ihm vorhin geschienen, sondern ein sanftes, -seelenvolles Lächeln, wie er es noch nie gesehen. - -Und der Blonde sagte: »Mich haben zwei junge Damen zu Ihnen geschickt.« Er -hatte hellbraune Augen, die innen mit Gold ausgeschlagen zu sein schienen. - -Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt. Das Blut stieg ihm in den -Kopf, ganz langsam, so daß er die Bewegung der Welle verspürte. Er ließ -sich zurück in die Kissen fallen. - -»Also Fieber hatte ich? Das ist ja eine heitere Geschichte«, sagte er und -lächelte. Nein, er lachte. - -Zwei junge Damen hatten ihn hierhergeschickt! Zwei! - -Er blickte zum Fenster hinaus, das offenstand. Ein tiefblauer Himmel -leuchtete über den Dächern, wie frisch mit Lack überzogen. Es war also noch -Sommer. Plötzlich schien es ihm, als sei er lange Jahre krank gewesen. - -Er schloß die Augen, das satte Blau da draußen in der Erinnerung genießend. - -»Wie lange bin ich krank gewesen?« - -Er sei acht Tage krank gewesen. - -»Ich soll Ihnen die besten Grüße von meiner Schwester und Fräulein -Schuhmacher bestellen.« - -Ginstermann drückte die Augen zu und zog die Brauen in die Höhe, um seine -Erregung zu verbergen. - -»Das ist aber zu sonderbar. Acht Tage und ich weiß nichts davon?« - -»Nun müssen Sie sich allerdings etwas schonen. Sie dürfen nicht soviel -arbeiten. Sie haben ja ihre ganzen Nerven ruiniert.« - -Er durfte nicht so viel arbeiten. Jawohl. - -Er setzte sich aufrecht und drückte dem jungen Arzt die Hand. - -»Meinen Dank, Herr Doktor. Auch für die übermittelten Grüße. Ich lasse sie -erwidern. Fräulein Schuhmacher ist gesund in Nizza angekommen?« - -»Sie ist noch gar nicht abgereist.« - -»So, Fräulein Schuhmacher --« - -»Nein. Es gab ein Hindernis.« - -»Jawohl.« - -Ginstermann lag eine Weile still. Nun erfüllte ihn Friede, süßer Friede. In -den Höfen drunten lachten Kinder. Es war als seien es seine Gedanken, die -dort drunten herumsprangen und jauchzten. - -Diese unerwartete Mitteilung hatte ihn ganz munter gemacht. Alle -Gegenstände bekamen scharfe Linien, jede Kleinigkeit konnte er -unterscheiden. An seiner Türe war während seiner Krankheit eine neue Leiste -eingesetzt worden. In der Nähe des Schlosses. - -Diese Entdeckung machte ihn stutzig. Er versuchte, sich dies zu erklären, -aber seine Gedanken wurden bald müde und gerieten auf andere Wege. - -Wie kommt dieser Doktor zu dir, dachte er. Wieso wußten diese Leutchen, daß -du krank bist? Überhaupt, was hatte sich da alles ereignet? Zum Beispiel, -wie kommt diese Leiste an deine Türe? - -Das war vor acht Tagen und er hatte Fieber gehabt. Nun entsann er sich, daß -es am Tage vor Biankas beabsichtigter Abreise gewesen. Er hatte sich im -Englischen Garten herumgetrieben, dann wäre er nahezu in die Isar gefallen. -Was hatte er nur an der Isar zu suchen gehabt? Mädchen, die einen Reigen -tanzten -- waren nicht auch Mädchen, die einen Reigen tanzten, mit im -Spiele gewesen. - -Seine Gedanken verwirrten sich, nur unklare Erinnerungsbilder tauchten in -ihm auf. Aber schließlich, so sagte er sich, wird sich all das noch finden. -Die Hauptsache ist, daß Bianka noch nicht abgereist ist. - -Es war etwas dazwischen gekommen. - -Ah -- wie gesund er doch war! Eine wohltuende Mattigkeit floß durch seinen -Körper, bei jedem Atemzug fühlte er seine Gesundheit. Diese erquickende -Luft! Nur heiß war es, sehr heiß. - -Mücken schwirrten herum, durch ihr Summen in der Vorstellung die Hitze -vergrößernd. Andere wieder klebten an der Decke, den Rücken nach unten -gekehrt, ohne herunterzufallen. Eine Schwalbe wippte am Fenster in die Höhe -und zwitscherte. Sie hatte unter dem Dache ihr Nest. Nun hatte er die -Glocke der Straßenbahn vernommen, weit in der Ferne, gedämpft. - -Alles war weich und sonnig, zart wie lauwarmes Wasser. Er mußte an blühende -Apfelbäume denken. Einen ganzen Hain blühender Apfelbäume sah er vor sich. -Das Gras war hellgrün und zart wie Frühlingssaat. Um die Stämme der Bäume -herum stand ein Kranz von Veilchen, deren Duft er verspürte. - -Dr. Scholl hatte die Farben der Apfelblüte im Antlitz. Er war viel zu schön -für einen Mann und hätte gut als Frau gehen können. Selbst sein Schmiß war -weibisch. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und seiner Schwester war -augenfällig. Dieselben flaumigen, hellbraunen Haare, dieselben goldbraunen -warmen Augen. - -War das nicht eine wunderbare Verkettung? Wie kam er hierher? - -Zwei Damen hatten ihn geschickt. Also stak Bianka ihm Spiel. - -Bianka, Bianka . . . - -Wie gut es doch ist, wenn man zuweilen nicht stirbt, dachte er. Das -Bewußtsein, daß sie noch hier war, da draußen in der Leopoldstraße, -erfüllte ihn mit tiefinnerer Freude. - -Er liebte sie so sehr. Er liebte sie mit einer sanften, tiefen Liebe. - -Tränen traten ihm in die Augen, so daß er sie schließen mußte. - -»Sind Sie müde?« fragte der Arzt. - -Ach nein, er sei nicht ein bißchen müde. - -Das waren seltsame Dinge. Er hatte nun lauter Frühlingslandschaften im -Kopfe, sacht glitt ein Bild in das andere über. Das war Bianka, in Bildern -dargestellt. - -Dr. Scholl ging an den Tisch und brachte ihm einige Briefe. Es waren einige -Geschäftskuverte und zwei Billette von Biankas Hand. - -Ginstermann öffnete zuerst die geschäftlichen Mitteilungen. Eine Absage, -ein Brief von seinem Verleger, der ihm meldete, daß die erste Auflage -seiner Gedichte abgesetzt sei. - -»Nun habe ich in zwei Jahren 500 Exemplare meiner Gedichte verkauft, Herr -Doktor!« sagte er lachend. »Er schreibt es. Ist das nicht einfach enorm?« - -Dr. Scholl lachte ebenfalls. - -Dann nahm er Biankas Billette zur Hand. - -Ob er denn krank sei. Er solle ihr umgehend Mitteilung zukommen lassen. Das -andere: Weshalb er nicht auf den Bahnhof gekommen sei. Die Abreise sei -abermals verschoben worden, noch ganz zuletzt. - -War das nicht zuviel? Nicht doch ein wenig zuviel? Bedenkt! Für einen, der -acht Tage im Fieber gelegen. - -O, nun -- nun -- o, nun liefen ja plötzlich goldene Stege ins Land hinein. - -Er lag still, die Briefchen in seiner Hand drückend. Das Glück hatte ihn -berauscht, es rieselte durch seine Glieder. Ein Blutstropfen schien es dem -anderen zuzurufen. - -Er versank in Träumereien. Die Stille trug ihn hoch in den Äther hinauf, -wohin kein Vogel mehr fliegt. Dort schwebte er und Biankas Antlitz, -durchsichtig wie Kristall, schwebt vor ihm her. Sein Blick sank in den -ihrigen, und keine Macht der Welt konnte ihre Blicke trennen. - -Da tickte es. Wie ein rastloser, winziger Wanderer schritt es auf silbernen -Schuhen dahin. Die Uhr in der Tasche des Arztes tickte. - -Und der Arzt sprach etwas. Er sprach wohl schon lange? Was sagte er nur? - -». . . ich vermisse das Schicksal, den Kampf mit dem Schicksal, der den -Menschen zum Herren macht, um ihn zuletzt niederzuwerfen. Immer rechnet der -Mensch mit dem Menschen ab . . .« - -Ah, er sprach über moderne Literatur. - -»Und wie es im Drama ist, so ist es auch im Roman. Weder das moderne Drama -noch der moderne Roman ist bis jetzt geschaffen. Wir leben in keiner -schöpferischen Zeit.« - -Die Zeit sei allerdings unfruchtbar, leider, warf Ginstermann ein und -drehte den Kopf zur Wand. - -Ob ihn das Sprechen störe? - -»Aber nein, keineswegs. Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Doktor.« - -Er hörte nur halb, was der Doktor sagte. Titel und Namen klangen an sein -Ohr, ohne daß er sie recht vernahm. In ihm zogen des Traumes bunte Bilder, -sanft und unaufhörlich. - -». . . seine Darstellungskraft ist bewundernswürdig. Aber es ist alles zu -wenig von seiner Seele durchleuchtet, scheint mir, nie erwärmt von ihr. Der -Torso ist zu kolossal, als daß er ihn durchleuchten könnte. Die anderen -sind Pygmäen gegen ihn, allerdings. Man braucht nur an Germinal zu denken.« - -»Wie sie die Straße dahinziehen -- Brot -- Brot! Die ganze geknechtete -Menschheit schreit das mit, gleich einem Echo.« - -. . . Da schaukelte eine Rose über dem Abgrund. Das Mädchen wollte sie -haben. So stieg er hinab. Den Leuten da droben gerann das Blut in den -Adern. »Das ist die Rose«, sagte er und verbeugt sich. Sie antwortet: »Ihr -mußtet sie holen.« - -». . . Ich befürchte, daß der Import von Osten unserer Entwickelung -schadet. Für Rußland mag er ja Fortschritt bedeuten. Hier muß sich erst -eine Sozietät bilden. Diese Ideen haben wir ja schon längst überwunden. Ich -für meine Person muß bei seinen Büchern nahezu historisch denken. Nehmen -Sie >Auferstehung<, ich finde --« - -»Unser Ziel ist der Einzelne.« - -»Natürlich. Wir dürfen auch schon an die Ausbildung von Individualitäten -denken . . .« - -. . . Im ganzen Lande läuten die Glocken. Was ist geschehen? In den -Korridoren des Schlosses flüstern sie, Verwirrung in den bleichen -Gesichtern. Niemand will es tun. Wer könnte es auch. Sie wissen alle, wie -sehr sie den Bruder liebte. Wer soll ihr die Kunde bringen -- keiner will. -Das Los. Wer es zieht, der muß. Er muß. Er tut es nicht. Er geht hin und -stirbt . . . - -». . . Was für die Malerei der Impressionismus ist, der sie zur Konkurrenz -befähigt mit der Kunst der Renaissance, ist für die Literatur die -Psychologie. Komplikationen -- ach, was -- --« - -. . . kling -- klang -- klung -- o Skule, König Skule -- es heulen die -Hunde, sehn sie den Mond -- klung -- klung -- es weinen die Weiber, stirbt -ein Spatz -- o Skule, König Skule, du bist in deinen Bauch verliebt, in -deinen dicken Bauch verliebt, und härmst dich, du kannst ihn nicht küssen --- klung -- klung . . . »Schweig, Narr! Verstimmt ist deine Leier. Roselind -ist morgen tot.« -- Der Narr zieht ab. Was soll er hier bei König Skule -noch? Er schneidet seine drolligsten Grimassen, greift einen Mißakkord und -geht schellenklingelnd zur Tür hinaus. - -Klung -- klung -- je schöner ein Weibchen in der Welt -- je eher es dem Tod -gefällt -- klung -- -- kling -- klung -- - -König Skule sitzt und sinnt. Neben ihm der Page bietet umsonst den Pokal. -Da hinter dem golddurchwirkten Vorhang schluchzt es. Ein Mädchen schlüpft -heraus, das Gesicht in den Schleier gedrückt, und geht durch den Saal. - -Um die Burg murmelt das Volk: Roselind? - -Wieder öffnet sich der Vorhang, und ein Mädchen geht durch den Saal, das -Gesicht verhüllt wie das erste. - -König Skule greift nach dem Becher, ohne ihn zu nehmen. Er knirscht mit den -Zähnen, er muß an die heißen Schlachten denken. - -Und nun tritt ein dürrer, schwarzer Mann aus dem Vorhang. Sein Gesicht ist -wachsfahl und ohne Leben. - -König Skule fragt ihn mit den Augen. Der Arzt schüttelt langsam den spitzen -Kopf. - -»Wann?« fragt König Skule. Der Arzt antwortet ihm mit scharfen, ruhigen -Blicken. - -»Wenn das Gold in den Bergen glüht? Wenn der Abendstern aus den Tannen -kommt?« - -Der Arzt nimmt den Becher und schüttet den Wein auf den Boden. - -»Ehe dieser Wein verdampft, o Herr.« - -»So laß in die Posaunen stoßen.« - -Die Posaunen rufen. Was rufen sie? Wer sich das Herz bei lebendigem Leibe -aus der Brust schneiden lasse, fragen sie. Der Zauberer kündete, das würde -Roselinds Leben retten. - -Still wird's um die Burg. - -Die Posaunen rufen. - -»Nimm dies!« König Skule entblößt die Brust. - -»Es ist alt. Es muß ein junges sein.« - -Am Boden dampft der Wein. Der Flecken kriecht in sich zusammen. - -An der Wand geht eine Türe auf, die niemand je sah. Sechs Jungfrauen in -düstern Schleiern treten heraus, beugen sich und schreiben mit dem Finger -auf den Boden, heben die Arme, lüften den Schleier: bleiche Schädel -grinsen. Sie verschwinden. Ihre düstern Schleier schlüpfen durch den -Vorhang. - -Dort draußen weint es leise. Das ist die Königin. Zwei Söhne fielen ihr in -der Schlacht. - -Roselind -- -- --? - -Ein Pilger kommt. Sie führen ihn herein. Der Pilger kniet vor König Skules -Thron und spricht: »Ich bringe dir mein Herz.« - -Stille. Im Garten sticht ein Spaten Erde aus. - -Der Flecken am Boden ist so groß wie eine Hand. - -Kling -- klang -- klung -- klang -- macht des Narren Zither. Er hockt auf -dem Fensterbrett und grinst. »O Skule -- König Skule --« - -»Werft ihn in Ketten!« befiehlt der König. Ein Diener stutzt und geht. Gilt -das dem Narren, der singend in wilder Schlacht neben Skule ritt? - -»Ich bringe dir mein Herz.« - -Der König hebt die Hand. - -In einer wachsfahlen Hand zuckt ein dünnes Messer. Eine wachsfahle Hand -reißt einen blutigen Klumpen in die Höhe. - -Stille. - -Das Schluchzen hört auf. Ein Mädchen erscheint vor dem Vorhang und hebt -verzückt die Hände. - -Der Teppich schnurrt zurück: Da steht Roselind und lächelt. - -Die Fanfaren jauchzen, die Hörner lachen. - -Roselind! Roselind! jubelt tausendstimmig das Volk. - -Es tropft. Aus dem blutigen Klumpen tropft es auf den Boden. -Tipp--tapp--tipp--tipp . . . - -»Bringt mir den Narren! Füllt den Becher!« - -»Klung--klung--kling-- ich wäre dir nicht fortgelaufen, Skule . . .« -- - -Dr. Scholl hatte sich erhoben. Er nahm den Hut vom Tisch und trat, sein -Gespräch beendend, wieder ans Bett. - -»Man erlebt da Dramen, glauben Sie es mir.« - -Richtig, er hatte von seiner Praxis gesprochen. - -»Wir Ärzte lernen die Menschen kennen. Es gibt viele Qual in dieser Welt. -Wenn ich wiederkomme, so erzähle ich Ihnen noch mehr. Das muß Sie ja -interessieren.« - -»Natürlich. Ich lerne da ohne jede Mühe. Sie geben mir Extrakt.« - -»Besonders die Geschichte von dem Alten, der sich mit Fluchen und Fäusten -gegen den Tod wehrt, müssen sie mir nochmals erzählen.« - -»Adieu.« - -Eine Türe ging. Er schrak zusammen, als der Drücker ins Schloß schnappte. - -Wie still es doch war. Seine Kissen flüsterten bei jedem Atemzuge. Er lag -im heißen Dünensand, und das Meer plätscherte . . . - -Roselind -- Roselind . . . - -Roselind ist Hagewolfs, des schönsten und mutigsten Recken, ehelich Gemahl. - -Wie eine Krone, glitzernd von Steinen, flammend von Zinken, auf dunklen -Locken, liegt ihre Burg auf schwarzem ewigen Walde. Halali heißt der Wald. -In Skules Reichen ist nicht Schöneres. - -Hagewolf fuhr übers Meer, zum Siege. Schwert des Tor nennt ihn das Volk. - -Roselind ist schön. An allen Höfen flüstern die Saiten: Roselind ist schön. - -Nach Halali! Nach Halali! Noch in der Nacht werden die Pferde gesattelt. -- - -Am Tore vor Roselinds Schloß, da kauert ein Pilgrim. Die Nacht ist lang. -Zwölf Meere an Finsternis birgt diese Nacht. In den Büschen glühen die -Rosen. Es sind Menschenherzen, die Roselind in die Büsche warf. Auf dem -Tore stecken an Speeren zwei Köpfe. Königssöhne. Blut tropft ins Gras. Bei -jedem Tropfen hört man weit hinter den Bergen Frauen schluchzen. - -Der eine öffnet die blauen Lippen und spricht: »Weh dir! Weh dir!« Der -andere schlägt die schwarzen Lider in die Höhe und spricht: »Entfleuch! -Entfleuch!« - -Die Nacht ist lang! Die Nacht ist lang! - -Mein Sohn, mein Sohn, jammert es überm Meer. Liebster mein, Liebster mein, -schluchzt es weit hinter den Bergen. - -Nun faucht der Morgenwind aus dem schwarzen Walde und bläst die Herzen in -den Büschen aus. Ein Schwarm feuriger Vögel streicht über den Wald. - -Ein Mädchen steigt auf die Treppe, weiße Blütenbänder um den -perlmutterschillernden Leib, legt die Hände an den Mund und ruft: Über der -Herrin Land -- leuchtet der Son -- ne Brand -- --! -- leuchtet der Sonne -Brand! antwortet in der Ferne eine Stimme . . . . Der Sonne Brand . . . . - -Jauchzen. Rot glühen die Zinnen aus Granat. - -Die Köpfe am Tore sind steif und stumm. - -»Mach auf.« - -»Wen suchst du, Armer?« -- »Ich suche Roselind.« -- »O, weh dir!« - -Hörner lachen. Ein Tor springt auf: Roselind und das Gefolge reiten heraus. - -Roselind ist schön, flüstern die Saiten im ganzen Lande . . . - -Neben ihr auf schwarzem Hengste, ein dürrer, schwarzer Mann mit wachsfahlem -Antlitz. Sein Gewand starrt von bunten Steinen. - -»Kommst du übers Meer? Wen suchst du, Fremdling?« - -»Ich suche dich.« - -Roselind lächelt. Dieses Lächeln sagt: du stirbst. - -»Ich sterbe gern für dich.« - -Der Schwarze mit dem wachsfahlen Antlitz richtet die Augen scharf wie ein -Messer auf des Pilgrims Gesicht. Es ist weiß wie Schnee, blutleer das -Geäder. - -»Er ists,« sagt er. - -Roselind neigt sich im Sattel. »Du bists. König Skule suchte dich durchs -ganze Land. Dein Leben ist dir geschenkt. Erbitte dir eine Gnade.« - -Der Pilgrim beugt das Knie. - -Roselind wirft ihm ein Band Perlen hin. »Er soll hundert Pferde mit -Geschmeide haben!« - -»Ich will nicht dein Gold.« - -»König Skule gibt dir einen Thron.« - -»Was nützt mich König Skules Thron?« - -»Beeile dich!« - -»Ich will --« - -»Werde nicht kühn!!« - -»Ich möchte den Saum deines Gewandes küssen, Roselind!« - -Hahaha -- lacht das Gefolge -- hahaha . . . . Fort stürmts in den Wald. -Hahaha . . . . - -Halali heißt der Wald . . . . - -Hier versank Ginstermann wiederum in Schlaf. - - - - -XVII. - - -Es gab eine Menge Neuigkeiten. - -Frau Trud hatte einem Mädchen das Leben geschenkt. - -Kapelli erzählt es eben Ginstermann. Er saß auf der Bettkante bei ihm und -rauchte seine Zigarre. - -»Heute morgen um fünf Uhr«, sagte er und alle Vokale funkelten. »Es ist ein -Prachtwesen!« - -Er hatte die Blicke auf eine Skizze an der Wand gerichtet, und Ginstermann -sah es ihm an, daß er Mühe hatte, sein Glück zu ertragen. Während der -ganzen Nacht war er wohl in seinem Atelier auf und ab gegangen, -zusammenschreckend bei jedem Geräusch, jedem Schrei im Nebenzimmer, bebend -vor Angst, vielleicht hatte er auch ein wenig gebetet. Nun war er erlöst -und glücklich. In seinen Augen glänzte die Freude. Ein neuer Lebenstag -begann für ihn, über dem nicht mehr die beunruhigenden Schatten der letzten -Zeit schwebten. - -Ginstermann nahm an seinem Glück teil, denn sowohl Kapelli als Frau Trud -hatte er sehr gern, im Innersten seines Herzens aber nagte ein Gefühl, das -er nicht die Aufrichtigkeit besaß, Neid zu nennen. - -Es gab noch manches andere. - -Kapelli stand der Auftrag zu einem Brunnen in Aussicht. Wenn er ihn bekam --- er rechnete bestimmt darauf -- so hatte er Beschäftigung auf ein Jahr -- -da wollte er sich in der Nähe der Stadt ein Atelier mieten. So etwas wie -ein Haus im Freien, Bäume herum, ein Garten, in dem Frau Trud das -»Schnuckerl« spazieren fahren konnte, meinte er. - -Maler Ritt hatte auf sein letztes Bild hin eine Professur erhalten. Er -feierte seit fünf Tagen ein Fest in seinem Studio drunten und hatte Tag und -Nacht ein Rudel Herren und Damen zu Gaste. Mit einer Ziehharmonika machten -sie Musik, alle Anwesenden waren als Zigeuner kostümiert, und man konnte -nicht zum Hause hinausgehen, ohne über einen im Flur liegenden Bezechten -hinwegsteigen zu müssen. - -»Was aber sagen Sie zur Sacken, Ginstermann?« - -Fräulein von Sacken war in allen Besprechungen ganz hervorragend gelobt -worden. - -Unsere neueste Entdeckung heißt Sacken, schrieben sie. Und: Man sah nur -selten Fische so gemalt. Großes ist von dieser Künstlerin zu erwarten. - -»Es ist ihr zu gönnen, selbstverständlich. Nun ja, Ritt hat ihr ein bißchen -geholfen, aber das geht uns nichts an«, meinte Kapelli. - -Ginstermann kleidete sich an, um Frau Trud persönlich zu beglückwünschen. -Auf der Treppe begegnete ihm Fräulein von Sacken. Sie trug wie sonst ein -schwarzes Kleid, das die Fahlheit ihres leicht schwammigen Gesichtes -erhöhte. In ihren Augen wohnte der alte, unnennbare Kummer, und erst als -Ginstermann ihr die Hand zur Gratulation schüttelte, leuchtete helle Freude -darinnen auf, von der man übrigens nicht wußte, ob sie echt oder gemacht -war. Sie ließ ihn nicht vorüber, ohne daß er die Rezensionen gelesen hatte. - -»Jetzt können Sie ruhig sterben,« scherzte er, indem er ihr nochmals die -Hand drückte. - -»Ja«, entgegnete sie und blickte zu Boden, als suche sie irgend etwas; -»besondere Genugtuung bereitet es mir, meinen Angehörigen den Beweis -erbringen zu können, daß ihr Spott ungerecht war.« - -Sie blickte auf, und der Haß flackerte noch in ihren Augen. Ginstermann -hätte nie und nimmer solch wilden Stolz und elementare Leidenschaft in -diesem bescheidenen, schwermütigen Weibe vermutet. - -Sie lächelte und sagte: »Sie wissen ja, daß mich Herr Ritt bei der Arbeit -unterstützte.« - -Auf ein paar Pinselstriche käme es nicht an. - -»Ich habe meinen Lehrer für heute abend eingeladen. Wollen Sie mir nicht -auch das Vergnügen schenken, Herr Ginstermann?« - -Er müsse leider aus Gesundheitsrücksichten ablehnen. - -»Nicht? -- Sie sehen nicht gut aus, in der Tat. Ihr Gesicht ist noch um -etwas schmäler und blässer geworden.« »O, und graue Haare haben Sie auch -bekommen, eine ganze Menge«, setzte sie lächelnd dazu. -- - -Frau Trud war vergnügt und zu Scherzen aufgelegt wie sonst. Aber es schien, -als ob sie nur lache und scherze, um ihre Ergriffenheit dahinter zu -verbergen. Sie war außerordentlich blaß und geschwächt, und oft sprach sie -so leise, daß man sie nicht mehr verstand. Kapelli mußte sie fortwährend -ersuchen, den Mund zu halten. - -Ginstermann küßte sie, bewegt von dem anspruchslosen Heroismus, mit dem sie -ihr Martyrium ertrug, auf die Stirne. Das war sein Glückwunsch und -gleichzeitig sein Dank für »neulich«. Es kümmerte ihn nicht, daß Kapelli -dabei stand, und Kapelli kümmerte es auch nicht. Frau Trud dankte ihm mit -einem Blick voller Liebe, als sei er ihr Geliebter. - -Natürlich mußte er auch das Kind sehen. - -Mein Gott! es war ein runzeliges Tierchen mit schneeweißen Härchen auf dem -unförmigen Kopfe. Er konnte es nur mit Überwindung betrachten. - -»Es hat dieselben blauen Augen wie ich, sehen Sie?« sagte die Mutter. »Es -wird überhaupt ein hübsches Kind werden, nicht?« - -Er konnte das mit dem besten Willen nicht herausfinden. - -»Wenn es so fortfährt, sicherlich«, sagte er. - -Kapelli trug sich allen Ernstes mit dem Gedanken, diese »Skizze von Mensch« -in Gips abzugießen. Und zwar gleich morgen. - -»Die Lippen werde ich dann etwas retouchieren. Oder finden Sie nicht, diese -Unterlippe da ist etwas zu breit? Trud hat ja zwar --« - -Frau Trud machte ihm eine geballte Faust, die sich aber augenblicklich zu -einer verlangend ausgestreckten Hand löste. - -Kapelli küßte sie. - -»Du sollst nicht so viel reden«, sagte er. - -»Ich hab ja nun gar nichts gesagt«, Frau Trud darauf. - -Ginstermann wandte sich ab, um seine Bewegungen zu verbergen. - -Die Sehnsucht nach dem Weihe, mit dem man eins ist, die in jedem Manne -lebt, erwachte in ihm, die Sehnsucht nach dem Kinde, ohne die nie ein -Mensch groß ward, stand in ihm auf. - -Weder dies, noch das, sagte er sich. - -Das wußte er, nie sollte er ein Weib haben. Nach Bianka würde er nicht mehr -fähig sein, ein Weib zu lieben. Das wußte er, nie sollte er ein Kind haben. -Er würde nicht imstande sein, seine Seele mit der eines Weibes zu -vermischen, nachdem ihm das Schicksal Bianka gezeigt. - -Andere Sterne! Andere Sterne! - -Ach, da war ja noch die Erinnerung -- und die Arbeit! -- - -Er ging. - -Er stieg die Treppe hinunter, um im Hofe nach seiner kleinen Camilla zu -sehen. Er wollte ihr nur die Locken streicheln. - -Bei Maler Ritt wurde getanzt. Füße schlürften, und zuweilen stieß jemand -gegen die Türe. Eine Violine spielte einen berückenden, schwermütigen -Walzer, viel zu zart für das wüste Schleifen der Tanzenden. - -Hoi -- hoi! rief dazwischen Ritts scharfe Stimme. Die Rufe hörten sich an -wie das Knallen einer Peitsche, mit der er die Ermatteten antrieb. - -Camilla war nicht zu sehen. Er begab sich in das Vorderhaus, um in ihrer -Wohnung nachzufragen. Eine ausgetrocknete Alte mit in den Brillengläsern -zerfließenden, erschreckend großen Augen öffnete. Von ihr erfuhr er, daß -Camilla ausgezogen sei. Eine Weile besann er sich, ob er sie in ihrer -netten Wohnung aufsuchen sollte. Vielleicht würde er sie treffen, wenn er -am Hause auf und ab ging. - -Aber er war zu müde, und dann war ja all das unsinnig. - -Er legte sich wieder nieder und nahm ein halbfertiges Manuskript, das von -der »Religion der Gottlosen« handelte, zur Hand, um sich auf andere -Gedanken zu bringen. -- - -Noch einige Tage und er war gänzlich hergestellt. - -Dr. Scholl besuchte ihn jeden Nachmittag. Sie waren Freunde geworden. -Ginstermann liebte das offene, kluge Wesen des jungen Arztes. Dieser Mann -hatte die Eigentümlichkeit, die radikalsten Anschauungen wie etwas -Selbstverständliches zu äußern, und das tat wohl. Ein immenses Wissen -erlaubte ihm, spielend Unmengen von Material aus allen Gebieten -herbeizubringen, an der Hand desselben Schlüsse zu ziehen, zu begründen, zu -widerlegen. Es war eine Lust, mit ihm zu diskutieren. Man brauchte nicht -mehr im Jargon zu sprechen, nicht zu befürchten, mißverstanden zu werden, -keine noch so feine Nüance ging verloren, und selbst da, wo der Ausdruck -fehlte, sprach eine Gebärde, das Stocken selbst. Ihre Gespräche griffen wie -die Zähne zweier Räder ineinander. - -Noch nie hatte sich Ginstermann so sehr und so angenehm in der Beurteilung -des Wertes eines Menschen nach seinem Äußeren getäuscht. -- - -Ginstermann hatte Bianka ein Billet zugeschickt, worin er ihr für ihre -Grüße dankte und ihr seine Genesung mitteilte. - -Tags darauf erhielt er eine Einladung ihrerseits zu einem kurzen -Spaziergang. - -Werter Freund, schrieb sie, werter Freund. - - - - -XVIII. - - -Drei Uhr. - -Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie immer, und -steigt den Hügel zum Monopteros hinauf. Sie atmet auf, blickt die Wege -entlang, geht zwei-, dreimal im Kreise umher, schreibt mit dem Sonnenschirm -auf die Fliesen, sieht auf die Uhr und geht wieder hinab. Ganz langsam. An -der Wegkreuzung wartet sie noch ein Weilchen, dann geht sie wieder quer -durch die Wiese, weiß in weiß, den Körper leicht vornüber gebeugt. - -Ginstermann ist nicht hingegangen. - -Noch in letzter Minute besann er sich eines anderen. - -Er hatte dieses Wiedersehen, an das nicht mehr zu denken gewesen war, -während der Nacht in der Vorstellung vorausgelebt, mit allen Worten und -Mienen, dem Parke in der Sonne, den schießenden Schwalben im Äther. Er -hatte verzückten Auges in ihr strahlendes Antlitz geblickt, er hatte ihre -geschmeidige Hand in der seinigen gehalten, ihr Guten Tag und Adieu gesagt --- er hatte in die dunkle Nacht einen Teppich von Sonne und Wonne gewoben: -und er war nicht hingegangen. - -Das war nicht leicht, es war durchaus nicht leicht. - -Er wollte sie nicht wiedersehen, das war es. - -Nun saß er in seinem Sessel und lauschte auf das Schlagen der Uhren und -sprach: Jetzt kommt sie quer durch die Wiese, weiß in weiß gekleidet wie -immer, und steigt den Hügel zum Monopteros hinauf -- - -Adieu Bianka! - -Das war nicht leicht, das war durchaus nicht leicht. Er hatte sie ja doch -immerhin ein bißchen lieb, wie? - -Sein Entschluß lastete auf ihm wie ein Ungeheuer. Alles wirbelte in ihm -herum, seine Gedanken verwirrten sich, eisige Angst kroch an sein Herz. - -Noch war es möglich, ihr zu begegnen . . . - -Aber nein, er wollte nicht. Diesem letzten tapferen Gedanken wollte er -Treue bewahren. - -In großen, aufgeregten Schritten ging er in seinem Zimmer hin und her, -während die zwei Gegner in seinem Kopfe sich stritten. Heute wollte er sich -den Beweis liefern, daß er noch einen freien Willen besaß. - -Um seine Gedanken abzulenken, ging er bedächtig wie ein Galeriebesucher an -den Wänden entlang, seine Blicke auf die vergilbten Blätter bohrend. Da war -Knopfh, ein Frauenbildnis. Aufs Papier gehaucht, ein Schleier, der jeden -Augenblick zerfließen konnte. Von solchen Frauen wissen die Dichter. Bist -du eine Schwester von ihr? Ein Frans Hals: Die Hille Bobbe. Eine ehrwürdige -Matrone, haha. Böcklin. Böcklin! Balestrieri: Beethoven. Beethoven. Wer -schluchzt hier? Weshalb sind wir von Erde, o, weshalb? -- Und hier stand -ein Satz. Kurios. Ein Satz mit Blaustift an die Wand geschrieben. Wer ist -»sie«? Kennt ihr »sie«? Und dort dieser Tintenfleck. Wer hatte das -Tintenfaß geschleudert? Und weshalb? Einer, den die Launen eines Weibes zum -Jähzorn reizten, einer, den seine Ohnmacht zur Raserei brachte, der seine -Steine suchte und sie in Staub zerfallen fand? Hier hatte jemand an die -Wand gekritzelt: 22. März, und einen Lorbeerkranz herum. - -Wie viele hatten hier gelebt, gelitten, gelacht? Könnte man nicht ein -dickes Buch schreiben: Historie eines chambre garnie? - -Und zuletzt einer, dessen Gehirn in Flammen gestanden, einer der irre Worte -flüsterte und endlich sagte: Adieu. Einer namens Ginstermann. - -Da war ein Mädchen, das kannte einen jungen Mann, der Komponist war. Und -man prophezeite ihm eine große Zukunft. - -Und dieses Mädchen . . . - -Perlen steigen. Elfenbeinperlen, glitzernde Perlen. Eine Fontäne. Sie neigt -sich, beugt sich, wie der tanzende Leib eines schlanken Weibes, das mit -beiden Händen funkelnde Perlen auf den Rasen streut. Sie beugt sich und -küßt den Boden. Sie sinkt zusammen, murmelt, sie wächst, rauscht, jubelt. -Singende Vögel mit silbernen Flügeln steigen aus ihr und verschwinden im -Äther. Zarte, schmale Hände mit Ringen an den Fingern gleiten über die -Tasten des Flügels, Kinderhände. Und das Klavier wogt, die Decke wogt, der -Boden wogt. - -Und der dunkle Lockenkopf des Spielenden schwebt regungslos über den -elfenbeinernen Tasten. - -Hinter ihm sitzt ein Weib. Ein schlankes, junges Weib. Das schmale Haupt -geneigt; regungslos. Als sei es tot. Und die funkelnden Perlen regnen über -sie. Wie glühende Tropfen fallen sie ihm ins Herz, wie Lippen, kühle Lippen -berühren sie seinen Körper. Und der glitzernde Leib der Fontäne schlingt -seine Arme um das Weib und preßt es an sich und küßt es. Küßt es. Auf den -Mund. Und umhüllt es. Ein Name klingt, ein Name klingt. Und es spricht und -singt. Das sind die silbernen Vögel. Sie fliegen ihm ins Herz. - -Die zarten, schmalen Hände mit Ringen an den Fingern ruhen auf den -Elfenbeintasten. - -Und das dunkle Lockenhaupt des Spielenden schüttelt sich. Wendet sich. - -Der Spielende steht auf und lächelt. - -Das junge Weib aber hat Tränen in den Augen. - -Wissen Sie, wie das hieß? - -Weshalb fragen Sie mich das? - -Und das dunkle Lockenhaupt beugt sich herab. Beugt sich herab. Und zwei -Lippen berühren eine Stirne. Zwei Lippen berühren einen Mund. Sie sind -heiß. - -Das junge Weib regt sich nicht. - -Das junge Weib regt sich nicht. - -Es liebt ihn. - -Ah, wir dürfen keine Kinder sein, sagt der Mann und lächelt. Er lacht. -Seine Augen sind schwarz und blitzen. - -Es war ja nur eine Improvisation. - -Und wieder gleiten die schmalen zarten Hände mit Ringen an den Fingern über -die Elfenbeintasten. - -Und wieder lauscht das junge Weib. - -Die silbernen Vögel singen seinen Namen. - -Und wieder . . . . - -Und wieder . . . . - -Die schwarzen blitzenden Augen werden matt und trüb, die schmalen zarten -Hände zittern. - -Und er geht zugrunde . . . . er geht zugrunde. - -Und das Mädchen sieht einen Mann, der dem Komponisten ähnlich sieht. -Besonders wenn er den Kopf neigt. Und das Mädchen tastet mit seinen Blicken -über sein Gesicht und sucht. Und wenn er den Kopf neigt . . . . Werter -Freund . . . . - -Aber drinnen in dem Herzen des jungen Mädchens, da singen die silbernen -Vögel so süße Lieder. Immerzu. Sie sterben nimmer . . . . Martyrium! -Martyrium! - -Aber dieser andere, der dem Komponisten ähnlich sieht, dieser andere -. . . . - -Nun wollte er Bianka schreiben. - -»Verehrte Freundin!« begann er. - -Er lächelte und wiederholte: Verehrte Freundin. - -Er entschuldigte sich wegen seines Ausbleibens. Er sei ihr diese -Handlungsweise schuldig, glaube er. Sie müsse wissen, wer er sei, dann -könne sie ja entscheiden, ob sie ihn wiedersehen wolle oder nicht. - -Das sah aus wie eine Beichte, ohne eine solche zu sein. Er schrieb so -sachlich als möglich. Schrieb und schrieb, enthüllte ihr seine -Vergangenheit, ohne ihr etwas zu verbergen, ohne etwas dazuzutun, ohne zu -beschönigen, ohne zu verschlimmern. - -Als sei er ein gewissenhafter Biograph, der die Liebes- und -Leidensgeschichte eines Landfremden darzustellen habe. - -Er bereute nichts, was war, das war. Ach, es war das Schicksal eines jungen -Mannes von heute, von ehedem und morgen, was war es sonst. Freilich wäre es -für ihn, der sich Aristokrat fühlte, nicht nötig gewesen, den -Entwickelungsgang des Pöbels zu absolvieren. - -O, er hätte ihr gerne gebeichtet. Ungefähr seinen Kopf in ihren Schoß -gelegt und ihr erzählt, wie das kam und jenes kam, was er erduldete an Leib -und Seele, wie er sich freute, sie kennen zu lernen, wie er sie liebte. All -das. Aber das ging ja nicht. - -Er wollte ihr Urteil durch nichts beeinflussen. Aus diesen dürren Tatsachen -heraus sollte sie abwägen, ob er ihr Freund sein könne oder nicht. - -Was sollte ihm eine geschenkte Freundschaft, eine erschlichene -Freundschaft? - -Wahrheit sei unser erstes Gebot, Wahrheit unser zweites und drittes, unser -letztes Gebot. - -Zum Schlusse dankte er ihr nochmals, in feierlichen, ernsten Worten. - -Dabei ereignete es sich, daß er bewegter wurde, als er war. Die Versuchung -flüsterte ihm zu, irgend ein Wort, ein kleines, kleines Wort einzustreuen, -das ihr ein Schlüssel zu seinem Empfinden hätte sein können, ein -Verräterchen, wie unbemerkt der Feder entschlüpft. - -Er lächelte der Versuchung. -- - -Es war spät, als er den Brief zum Kasten trug. - -Schwüle Abenddämmerung brütete über den Häusern, über welchen der tiefblaue -Himmel zurückwich. Die Luft war schal, verbraucht von den Lungen der Stadt, -erfüllt von Staub, der sich langsam senkte. In der Ferne brodelte der -Kessel des Verkehrs, die Melancholie der sinkenden Nacht mit wirrem Murmeln -und Stöhnen begleitend. Die Laternen blitzten. Sie erschienen wie die -stechenden, frechen Augen von Dirnen, die an den Straßenecken warteten. -Irgendwo heulte ein Hund. - -Ginstermann ging mit den raschen, elastischen Schritten eines, der sich -selbst bezwang. - -Er schob den Brief in den Kasten. Ohne Laut fiel er auf. - -Nun ruhten seine lohenden Wünsche, seine irren Träume, seine fiebernde -Sehnsucht hinter diesen metallnen Zähnen. -- - -In dieser Nacht schloß er kein Auge. - -Die Sterne gingen über den hellen Himmel, schlüpften hinter den dunklen -Kamin, kamen wieder hervor und glitten vorbei. Neue kamen. Endlich -flimmerten sie schemenhaft hinter grauen Schleiern. Himmel und Erde -schliefen. Dann hauchte ein süßlich-grauer pastellner Ton über die Dächer, -Scheiben blinkten, ein müdes, verschlafenes Gesicht tauchte an den Fenstern -auf: der Tag. - -Es schlug sechs, sieben, acht. - -»Nun ist er dort,« sagt er, und die Augen fielen ihm zu. - - - - -XIX. - - -Sonne! - -Überall Sonne! Rote Sonne! - -Ginstermann und Bianka gingen wiederum im Englischen Gatten. Still -nebeneinander, ohne zu sprechen. Selbst als sie sich da droben am -Monopteros die Hand gaben, sprachen sie nichts. Nur der Druck ihrer Hände -redete, und sie verstanden sich. - -Es war ein heißer Tag; die Sonne in Milliarden funkelnde Körperchen -aufgelöst, vibrierte in der Luft, bis hinauf zum paradiesisch blauen -Himmel. Der Geruch von Heu und der Duft der Linden erfüllten den Park. -Überall glitzerte und leuchtete es. Hier blitzte das metallene Halsband -eines Hundes, dort blendete das Dach eines Kinderchaischens, die Speichen -der Herrschaftswagen glitzerten, grellfarbene Sonnenschirme flogen hinter -den in der Sonne sich ausdehnenden Büschen vorüber. Die Augen der Menschen -strahlten, als brenne ein Stern in ihrer Brust, die Kleider der Mädchen -leuchteten, die quer durch die Wiesen wandelten. - -Es war ein Tag des Lichtes. - -Im Chinesischen Turm war Konzert. Lustig und ungeniert bliesen die -Blechinstrumente durch den ganzen Garten, ebenso grell wie Sonne und -Farben. - -Bianka trug ein duftig weißes Kleid, das sie größer, blühender machte. -Einen weißen Ledergürtel, einen Sonnenschirm von derselben Farbe. Selbst -ihre Schuhe waren weiß. - -Sie ging in ihrer nachdenklichen, verträumten Art neben Ginstermann einher. -Ihr Haar flimmerte, wo die Sonne es traf. Den Mund hatte sie geschlossen, -um ihre Augen zogen Ringe. So erschien sie älter, gereifter denn sonst. - -Sie schritten ihre gewohnten Wege. Am Wasserfall blieben sie stehen, die -Kühle zu genießen. Das Wasser wirbelte, ein ewig bewegter Spiegel des -Laubes, des Himmels, in bunten Arabesken zwischen den lechzenden, üppigen -Ufern. Dazwischen sprühte feiner Wasserstaub bis zum Geländer herauf, den -die Haut, die Lippen gierig einsogen. Gegen die sonnige Wiese war es hier -dunkel; ein Sonnenstrahl tanzte auf dem Wasser, ein sprühendes, lustiges -Feuerchen, das hartnäckig Fuß zu fassen suchte, wie durch ein Brennglas auf -ein und dieselbe Stelle dirigiert. - -Sie gingen durch die Hauptallee, auf deren vom Sprengen dunkelen Boden -Streifen von Sonne lagen, die wie Schlangen eilig an den Kleidern der über -sie Schreitenden emporkletterten. Ein schillernder Laufkäfer eilte über den -Weg. Er lief, was er konnte, als sei die Angst vor dem Zertretenwerden bei -seinem Geschlechte, das Jahrhunderte in einem öffentlichen Garten lebte, -zum Instinkt geworden. - -»Sehen Sie, wie schön!« sagte Bianka. - -Das war das erste Wort heute. Sie schienen beide aufzuatmen und dem Zufall -dankbar zu sein, der ihre Lippen löste. - -Da kam ein Wagen und zerquetschte den Käfer. Seine schillernden Flügel -standen weit auseinander. - -»O«, rief Bianka aus, »sehen Sie nicht hin!« - -»Das war ein Stück Schicksal«, versetzte Ginstermann, das Bild des -zerquetschten Käfers vor Augen. - -Wiederum schwiegen sie, an das Schicksal denkend, das über den Menschen -waltet, jedes in seiner Art. - -Das Schicksal hält die Menschen in einem Sieb und rüttelt. Wer über einer -Masche ist, fällt durch, dachte Ginstermann. - -Bianka blieb stehen und blickte ihn an. - -Heute sei die Hitze unerträglich. - -Das sei ein kleines Italien. - -Ja. - -Dieses »ja« zitterte, weil sie es lächelnd aussprach. - -Wann geht nun die Reise? - -Bald, bald. - -Ob ihre Mama kränker geworden sei, weil man sie abermals verschob? - -»Nein.« Sie lächelte mit leiser Wehmut. »Dieses Mal ist es etwas anderes -gewesen«, sagte sie. - -Sie wandt den Kopf und sah durch die Bäume hindurch über die Wiese, wo -Männer und Frauen das Heu zusammenrafften. Eine Magd blickte direkt zu -ihnen her, als ob sie sie neugierig beobachte; aber sie konnte sie -natürlich gar nicht sehen. Ihr Gesicht war ein roter Klecks, sonst nichts. - -Dann blickte sie ihn wieder an, und er las in ihren Augen, daß sie nun über -den Brief sprechen würde. Er erschrak und suchte nervös in seiner Tasche -nach irgend etwas. - -Tschin--da--tschin--da--dadada -- macht die Musik in der Ferne. - -»Ich habe es Ihnen schon geschrieben, aber ich möchte es Ihnen -wiederholen«, sagte sie, »ich finde nicht die Worte, um Ihnen für dieses -Vertrauen zu danken!« - -Sonst sagte sie nichts. Sie gab ihm die Hand, die er bewegt drückte. - -Sie standen eine Weile beide beklommen. Bianka lächelte unmerklich, und -dieses Lächeln ging auf seine Lippen über. - -Tatatra--tatatra--bum -- machte die Musik. - -»Und nun wollen wir plaudern, mein Freund.« - -Es war das erste Mal, daß sie ihn »Freund« nannte. - -Sie gingen weiter und sprachen von allerlei Dingen, die die Welt eben -beschäftigten oder die Welt auch nicht beschäftigten. Aus irgend einem -Anlaß kam Bianka darauf, ihn zu fragen, ob er ein Bild von sich besitze. - -Nein, er besitze kein Bild von sich, erwiderte er. - -Sie erriet seine Gedanken und kam ihm zuvor: »Nein, nicht.« Und sie -schüttelte den Kopf und wiederholte: »Nein, nicht . . . Es ist ja Sitte -unter Freunden -- aber lieber nicht.« Das sagte sie ganz leise. - -Die Schatten der Bäume streckten sich, die Wiese wurde rot. - -Bianka mußte nach Hause. - -Wie stets dachte er: Soll ich sie bitten, noch ein Viertelstündchen zu -bleiben. Oder auch nur noch zehn Minuten? Mit Tränen in den Augen bitten? - -Nie liebte er sie mehr als heute. - -Sie ahnte ja nicht, wie allein er war, wenn sie gegangen. Wie einer, auf -einer öden einsamen Insel, vor dessen Augen ein Segel vorüberzog. -- - -Wieder kam der Abschied. - -Bianka sah auf ihre Hände. Der Mittelfinger ihrer Rechten trug einen weißen -Däumling. Sie bewegte ihn leicht und lächelte. - -»Ich habe mich geschnitten«, sagte sie. Dann riß sie mit einem Ruck den -Däumling herab und bot ihm die Hand. - -Ihre Augen waren groß und tief, voll von einem Ausdruck, den er sich nicht -zu deuten wußte. - -»Adieu!« - -Er lächelte ein verzerrtes Lächeln und wiederholte mechanisch mit den -Lippen: »Adieu«. -- - -Das war alles so schnell geschehen, daß er es nicht zu fassen vermochte. - -Nun wollte er einen recht gescheiten Menschen bitten, ihm dies zu erklären! - -Dann kam es wie Rausch über ihn. Er hatte ihr geschrieben, alles -geschrieben und trotzdem -- trotzdem --! - -Heil Bianka! Heil Ginstermann! - -Und: Heil Bianka! Heil Ginstermann! brauste es ringsum. - -War er nicht ein Tor gewesen, seine Wünsche, seine Hoffnung so schnell in -einen schwarzen Sarg zu sperren und tief in die Erde zu versenken? Ein -dunkler Vorhang mit Fragen und Schlangen darauf war gestiegen, und vor ihm -lag köstlicher Morgen mit klarer Frische und klingendem Äther! - -Er ging in den Park zurück, er ging einsame Wege. Er ging ganz langsam. - -Er legte sich unter einen Busch ins hohe Gras und breitete das Taschentuch -übers Gesicht. So sah es aus, als wolle er sich vor den Mücken schützen. - -Er weinte, still und leise. Das große Glück schluchzte in ihm. - -Lange lag er so. - -Da kamen Schritte, und eine tiefe Stimme sagte: »Das Betreten des Rasens -ist verboten.« - -Ein Schutzmann. - -Er stand auf und lächelte ihm unter Tränen zu. - -»Ich gehe schon. Ich danke Ihnen, mein Herr.« Grüßte und ging. - -Die Dämmerung füllte als blauer Dunst die Straßen, über die Stadt herauf -stieg jauchzend die Röte des Abends. Ein vereinzelter Stern flimmerte -mitten darin, wie ein winziges Loch, das einer in den Himmel gestochen -hatte, um herab auf die Erde blicken zu können. - -Die Menschen fluteten, plaudernd und lachend. Jeder trug sein Glück mit -sich. Der heiße Sommertag hatte sie in übermütige Stimmung versetzt. Schöne -Mädchen glitten durch die Menge, von der Liebe träumend. Die Herren ließen -keine Dame vorbei, ohne sich nach ihr umzublicken und Scherze über sie zu -machen, etwas lose Scherze. - -Ginstermann war allen gut. Er liebte sie, wie man Kinder liebt, und freute -sich ihres Tuns. - -Der Mensch war zur Freude auf der Welt, wenn er einen Zweck hatte. - -Man mußte es ihm lehren! Man müßte ein Evangelium der Freude schreiben! -Über die Freude führt der Weg zur Liebe, die Freude lacht all das -Kleinliche und Mißgünstige fort aus seiner Brust. - -Er schlenderte in den Straßen umher, bis es dunkel wurde. - -Dann überkam ihn der Wunsch, Bianka zu sehen. Er wollte ihr einen kurzen -Besuch abstatten und hierauf die Nacht im Freien zubringen, um seine Freude -auszukosten. Urplötzlich war diese Sehnsucht in ihm erwacht und trieb ihn -nun ungeduldig seiner Wohnung zu. - -Er wollte die sehen, deren Freund er war, die für ihn das Leben bedeutete, -das warme, große Leben, ohne das er tot war. - -In der Nähe seines Hauses ging er an einem Mädchen vorüber, das da, ein -Hündchen an der Leine, gemächlich promenierte. - -Es war Fräulein Scholl. Er blieb stehen und blickte sich um. - -Auch sie war stehen geblieben und wandte ihm den Blick zu. - -»So etwas!« lachte sie, ihm die Hand voller Vergnügen hinstreckend. »Das -sind Sie! Ich denke mir, wer sieht dich nur so an?« - -»Guten Abend, Fräulein Scholl! Welches Unglück führt Sie denn durch diese -Straße?« - -»Ich bin auf dem Heimwege begriffen, ich habe meine Freundin besucht. Die -Hanna Klett.« - -Jawohl, die kenne er. Das sei die mit den vielen Sommersprossen und den -unschuldigen Augen. - -Fräulein Scholl blickte ihn an und lächelte verlegen. - -»N--nein«, sagte sie. - -»Nicht?« Er lachte. »Seien Sie nicht böse. Ich kenne das Fräulein nicht.« - -Das wäre auch gar nicht möglich. - -Natürlich. - -Wieso natürlich? - -Naja -- haha -- es sei natürlich ebensogut möglich. - -Sie blieb stehen und wirbelte die Leine um Bijouchens Näschen. »Weshalb -sind Sie mir eigentlich böse, Herr Ginstermann?« Sie sah zu Boden. - -Er, ihr? - -Ihre Augenlider gingen schnell auf und ab. »Ich sehe Sie gar nicht mehr, -wenn ich in die Violinstunde gehe.« - -Ach so. Nun, sie wisse doch, daß er krank war. - -»Ja, aber --? Nun ja, Sie haben nichts gegen mich?« - -»Nicht das mindeste.« - -Sie lächelte: »Ich dachte, ich hätte Sie irgendwie gekränkt. -- Geht es -Ihnen nun wieder gut?« - -Sie gingen an einem Bäckerladen vorbei, und für einen Augenblick huschte -der Lichtschein über ihr Gesichtchen. Ginstermann bemerkte, daß sie an der -Unterlippe nagte. Das war nicht mehr jenes naive, lustige Mädchen, mit dem -man seine Scherze trieb, das war ein Weib, das empfand und litt. - -»Ja, danke. Ihr Bruder hat mich schnell kuriert.« - -»Er hat mir von Ihnen erzählt.« Sie blickte ihn an, und ein Lächeln -schimmerte in ihren dunkelgoldnen Augen. - -»Was sagte er? Hat er mich recht angeschwärzt.« - -»Ach nein -- er sagte -- er sagte: an Ihnen sei was.« - -»So, was ist denn an mir?« - -»Ach Gott!« Das war Martha Scholl von neulich. - -Sie waren an seiner Türe angelangt, und Ginstermann ersuchte sie, eine -Sekunde zu warten, er wolle nachsehen, ob die Post nichts gebracht habe. -Eilig stieg er in sein Zimmer hinauf. Er entzündete ein Streichholz und -flüsterte, als das marmorweiße Antlitz aufleuchtete: Bianka. Dann sprang er -wieder rasch die Treppe hinunter. - -Biankas Antlitz schwebte vor ihm, während des ganzen Weges, den er mit -Fräulein Scholl zurücklegte. Es war ihm unmöglich, seine Gedanken davon -loszulösen, und er unterhielt seine Dame herzlich schlecht. Ein paarmal -mußte er sie um Wiederholung ihrer Bemerkung ersuchen, da er nicht gehört -hatte. - -Ich will ja nichts als deine Freundschaft, Bianka, sie allein macht mich -unsäglich glücklich, dachte er, während er Fräulein Scholl antwortete: »In -Genf ist es prächtig, da haben Sie allerdings recht.« - -Glaube mir, nie soll ein Gedanke über die Grenze hinausgehen, die du mir -gesetzt hast, Bianka, Herrlichste -- und er sagte: »In so einer Pension muß -es recht lustig hergehen, stelle ich mit vor.« - -Sie hatten Biankas Namen noch nicht genannt, ganz zuletzt sprach Fräulein -Scholl von ihr. - -»Sind Sie nicht recht glücklich, daß Fräulein Schuhmacher noch hier ist?« -fragte Ginstermann. - -»Ja, o freilich. Ich darf gar nicht an den Abschied denken.« - -»Das begreife ich. Fräulein Schuhmacher ist ja Ihre Freundin. Ich denke, -auf diese Freundschaft können Sie stolz sein. Fräulein Schuhmacher ist sehr -exklusiv, wie ich weiß.« - -»Ja, Bianka ist sehr wählerisch.« - -»Fräulein Schuhmacher« -- - -Da unterbrach sie ihn. Sie müsse jetzt gehen. - -Aber sie ging gar nicht, obschon sie ihm hastig die Hand hingestreckt -hatte. Sie besann sich auf irgend etwas, dann rief sie mit einer -ungewöhnlichen Lebhaftigkeit: »Adieu, Herr Ginstermann«, und sprang in den -Hausflur hinein. - -Bijou galoppierte hinter ihr her. - -Ginstermann ging einigermaßen verwundert über ihr Benehmen weiter. Er -wanderte langsam die Leopoldstraße hinunter, an all die Qual denkend, die -er hier auf und ab geschleppt hatte. - -Bianka hatte Licht. Er blieb stehen und winkte mit der Hand zu dem -erleuchteten Fenster hinauf. - -Vielleicht denkt sie an mich, dachte er, freudig erschreckend bei dem -Gedanken. - -Eine Stunde darauf befand er sich wieder im Englischen Garten. - -Wie komme ich nur hierher, sagte er lächelnd zu sich. - -Die Nacht war ganz weiß. - -Übergossen vom Schein des Mondes, der allen Dingen das Körperhafte nahm, -erfüllt vom Geruch des Heus, der Linden, zitternd im Gezirpe eines Heeres -von Grillen, das die Stille zauberhaft erhöhte, lag der Garten da gleich -einem Schmuckkästchen, von einem mit Tausenden von blitzenden Steinen -übersäten Deckel abgeschlossen. - -Ah -- das war ein Hain, auf dessen Wiesenteppichen die Elfenreigen der -Maler schweben, aus dessen Schatten die Poeten ihre Spuk- und Traumgeister -springen lassen. - -Hier stand Yester und Lis Haus! - -Er nahm den Hut ab und schritt die kühlen Laubgänge entlang, die ihre -Blütenzweige wie liebende Arme um ihn schlangen, ergriffen von all den -Wundern der Welt um ihn her und seines Herzens. Geschichten fielen ihm ein, -hundert Geschichten zugleich, die ihm all dieser Garten erzählte. Und in -all diesen Geschichten, da liebte einer ein Mädchen mit einer innigen, -demütigen Liebe. So umgab er Bianka mit einem Kranz von Träumen, die sie -keusch kosend umhüllten, wie die weißen Rosen die Prinzessinnen im Märchen. - -Auf den Bänken im Schatten, da saßen Liebesleute, sich inbrünstig -umschlingend, sie flüsterten, sie stammelten, sie küßten sich, ja sie -schluchzten. Vögel zwitscherten im Traum, lautlos strichen Schatten über -die Wiese, dunklen Wipfeln zu. In den Bächen tanzten des Mondlichts -silberne Fische. - -Auch den Monopteros besuchte er, ihn mit heiliger Scheu betretend. Dieser -Tempel war heilig durch die Reinheit seiner Kunst, geheimnisvoll in der -weißen Pracht, dieser Tempel war geweiht durch Biankas Fuß. - -Er lehnte sich gegen eine der kühlen Säulen und blickte hinunter, hinüber. -Das Zirpen der Grillen, die Stille trug ihn empor, er erschien sich wie ein -Wesen, aus dem Äther herniedergestiegen. - -Die Wiesen schimmerten unter ihm mit dem Schatten der Heuhäuschen, die -Bäume zogen wie Rauch im Silberlichte, aus der Silhouette der Stadt stieg -der Lichtschein gleich weißem Opferrauche. - -Ferne, seltsame Laute ertönten, als ob die Stadt in unruhigem Schlafe rede. - -Er verbrachte die Nacht im Garten. Biankas Geist war ihm nahe, umgab ihn, -alle Worte, die sie zusammengesprochen, alle Gefühle, die sie hier -empfunden, schwebten um ihn. - -Leise singend ging er seine Wege. Er saß auf einer Bank und schrieb in den -Sand. Ava -- ava -- abala -- schrieb er. Er wußte nicht, was es hieß. - -Sein Wesen löste sich auf, der Zauber der Nacht war in ihm, er war ein -Hauch dieser Nacht selbst. - -Was ist der Mensch? Ist er eine Blume, die sich frei bewegt? Ist er ein -Hauch aus fernen Gärten, der Gestalt angenommen? - -Der Park erklang in silbernem Gesange. Eine Wolke trug ihn dahin, und über -ihm schwebten die Sterne, den glitzernden Perlen einer ungeheuren Fontäne -gleich. Im Geiste nahm er sein Herz aus der Brust und hob es hoch in den -Händen den Sternen entgegen und rief: Segnet es, segnet es . . . - -Früh am Morgen ging er nach Hause. Es war kühl geworden, und sein Blut floß -langsam durch den Körper -- - -Als er die Treppe hinaufstieg, knarrte oben ein Schritt. Er erschrak nicht, -er lebte noch zu sehr in seinen Träumen. Ein Mann stand in der Ecke, die -Hand am hinaufgeschlagenen Rockkragen, mit nassen, verquollenen Augen. Es -war Ritt. Er lächelte und huschte an ihm vorüber. - -Ginstermann dachte, was mag er gewollt haben, und legte sich nieder. - -Der Schlaf kam, er fühlte wie er, ein Hauch, über ihn strich. - -Zwischen Wachen und Schlaf vernahm er leisen Gesang und eine Sekunde lang -tauchte es vor ihm auf: Sommermorgen. Frische. Ein Hain blühender Akazien, -mitten drin ein weißes Haus. Vögel zwitschern, o, des Duftes! Und aus dem -Hause tönt eine weiche Frauenstimme. Aus dem fernsten Zimmer kommt ihr -Gesang. - -O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . . - -Blüten wirbeln, weiß in weiß, das Haus, der Hain verschwinden. - -Ferne noch: O tu mio carissimo -- o tu mio cuore . . . . - - - - -XX. - - -Am Tage darauf erhielt Ginstermann folgenden seltsamen Brief: - -Werter Herr Ginstermann! - -Sie werden gewiß verwundert sein über die Zeilen, aber es läßt mir keine -Ruhe. Ich habe gestern deutlich empfunden, daß sie eine andere lieben. - -Ich werde Ihnen nie zürnen, denn diese andere ist tausendmal besser und -klüger denn ich, ich werde Sie bis zum Tode lieben. - -Verzeihen Sie mir dies. Nun heirate ich den ersten Besten. Ihre X. X. - -PS. Antworten Sie mir, bitte, nichts darauf. Sprechen Sie mich auf der -Straße nicht mehr an, ich bitte Sie. D. O. - -Da fiel ihm dies ein: Einer kommt zu einem Weibe und sagt: Siehe, du -Herrlichste, was du verlangst, ist geschehen. Ich habe mir die linke Hand -abgeschlagen. Das Weib lacht: Es war ja nur Scherz, mein Freund. -- Ein -andrer kommt und spricht: Du bist häßlich wie eine Unke. Nun werde ich dich -schlagen! Ja, schlagen werde ich dich! Das Weib lächelt: Schlage mich, -schlage mich doch, Liebster! - -Dies fiel ihm ein. Er wußte nicht mal, ob er die Geschichte erfunden oder -gelesen habe. - - - - -XXI. - - -»Kann ich weiter lesen?« - -»Ja, lesen Sie weiter.« - -Sie saßen zusammen auf einer einsamen Bank aus Birkenstämmen, der -Ginstermann den Namen »zum schlafenden Brahmanen« gab. - -Über ihnen die grüne Flut der Wipfel, die sich schläfrig hin und her -wiegte. Ab und zu fiel ein Stückchen Sonne, ein Stückchen blauer Himmel zu -ihnen herunter. - -Sie waren ganz allein. - -Und Ginstermann fuhr fort: - -Yester kehrte spät in der Dämmerung zurück. - -Er trug einen Strauß blauer Glockenblumen und war so müde. Die Sonne, die -ihm noch in den Augen brannte, hatte ihn müde gemacht. Er war am Bache -gesessen und hatte dem Spiel der Fische zugesehen. Es war ihm so eigen -zumute. - -Fahl leuchtete das Haus zwischen den Birken, fahl leuchteten die -Hyazinthen, in denen es stand. - -Die Dämmerung machte alles bleich und bläulich dunstend. - -Da stand Li! Da stand Li! - -Sie hatte das Gewand abgestreift und stand durchsichtig wie Marmor und -regungslos. In der Hand hielt sie eine Hyazinthe, das Haupt geneigt, ohne -daran zu riechen. Sie stand schon lange so. - -Yester näherte sich ihr mit leisen, bebenden Schritten und glitt vor ihr in -die Knie. Da bemerkte sie ihn. Sie jauchzte, schlang ihre Arme um seinen -Nacken und küßte seine Haare. - -Er umschlang sie und küßte ihre Lippen. - -»Li! Li!« flüsterte er. - -Sie sah ihn an. »Deine Stimme ist ganz anders,« sagte sie. - -Er lächelte und bettete ihren Kopf an seine Brust. - -Lis Augen waren tief und voller Rätsel. Sie hatte den Wald in den Augen, -mit all seinen scheuen Tieren, seinen weißen Blumen, seinen purpurnen -Schatten. - -Ein schwüler Wind hauchte. Die Hyazinthen neigten ihr weißes Haupt und -atmeten schwermütig süßen Duft. - -Da fing Li plötzlich an zu weinen. - -Yester erschrak so sehr, daß er keine Worte fand, sie zu fragen, sie zu -beruhigen. - -»Li, Li,« flüsterte er in seiner Ratlosigkeit. - -Li preßte die Wange an seine Brust und weinte. - -Der Wind hauchte, und von den Bäumen fielen weiße Blüten auf ihre Haare, -ihre Schultern. Die Birken sangen. - -»O Li, o Li -- Li, o Li?« - -Li hielt im Weinen inne und lächelte zu ihm empor. - -»Ich sehne mich so, Liebster,« sagte sie leise, ganz leise. - -Immer noch fielen Blüten auf sie herab. Die Hyazinthen dufteten stärker, -sie litten mit Li. - -»Ist es nicht schön bei uns, Li?« - -Li nickte. - -»Ist der Wald nicht herrlich? Duften die Blumen nicht köstlich, glitzert -nicht der Tau an den Rosen des Morgens?« - -Li nickte. - -»Und lieb ich dich nicht?« - -»O Yester!« - -»Und doch -- und doch -- Li?« - -»Ich sehne mich so, Yester. Yester, ich sehne mich so . . .« - -Im Hain schlug süß ein Vogel. Bald nahe, bald ferne. Weit drinnen im Walde, -da antwortete es ihm. Im selben süßen Tone. Nun waren es zwei, nun drei, -nun waren es viele. Sie lockten sich mit schmelzender Stimme, sie -antworteten einander mit ihrem süßesten Liede. Es sang der ganze Hain. - -Da droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten. - -Der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Schatten glitten -durch die Büsche, jagten sich, fanden sich. Aus den Blüten sahen Augen, -schöne, sanfte Augen. - -In der Ferne schrie ein Pfau. - -Da verstand Yester die Sehnsucht in Lis Augen. - -»Li, Li,« schluchzte er. - -Der Hain sang, der Wald sandte seine Gerüche, die Wiesen, die Quellen. Da -droben gingen die Sterne, gingen langsam die Sterne und lauschten . . . - -Yester und Li wurde ein Knabe geboren. Es war zur Zeit, als blaue Tulpen -das Haus umstanden, und deshalb nannten sie ihn »Blaue Tulpe«. - -Alle Tiere des Waldes kamen, um ihn zu sehen. Die Hirsche, die Rehe, die -Rotkehlchen, die Eidechsen, die Bienen. Elfen brachten ihm ein Gewand, das -sie aus ihren Haaren gewoben, Erdmännlein golden Geschmeide und Spielzeug, -das sie gefertigt. - -»Blaue Tulpe« hatte die tiefen, klaren Augen Lis. Er hatte Lis Haare, Lis -Stimme, er hatte Lis leichte Füße, Lis Lachen, er hatte Lis gütiges, -goldenes Herz. - -Von Yester hatte er die tiefe Farbe der Lippen, von Yester hatte er -- die -Art, Li zu lieben . . . - -Weiter vermochte Ginstermann nicht zu lesen. Tränen kamen in seine Stimme. -Er mußte innehalten, um nicht in Weinen auszubrechen. - -Sie saßen beide und waren stille. - -Über ihnen rauschte die grüne Flut, die Stämme tönten. - -Bianka stand auf. Ohne Ginstermann anzublicken, sagte sie: »Wir sind so -allein.« - -Und sie ging. - -Ginstermann blieb noch eine Weile sitzen, die Hände vor die Augen gepreßt, -dann stand er auf, ihr zu folgen. - - - - -XXII. - - -Wie war es doch gewesen? - -Gestern hatte er bei Kapelli vorgesprochen, um ihm das Gedicht vorzulesen, -das am Feste der Taufe gesungen werden sollte. Sie hatten probiert und -probiert, und Kapelli auf seiner Laute nach einer Melodie gesucht, während -Frau Trud sich schüttelte vor Lachen. - -Da ging die Türe auf, ohne daß es zuvor gepocht hätte, und die Malerin von -Sacken trat ein. - -»Verzeihung«, sagte sie, »ich habe gar nicht geklopft,« und lachte. - -Kapelli erklärte ihr, daß das längst aus der Mode sei. - -Sie schüttelte Frau Trud, Kapelli und ihm die Hand und lachte. Dann blieb -sie stehen und atmete tief auf, auf ihren Wangen brannten rote Flecken: - -»Ich komme eben vom Sekretariat, Kinder!« - -»-- mit Kri -- kra -- kri -- kra -- krallen, mit Krallen an den Fingern,« -summte Kapelli und klimperte in den Saiten. - -»Vom Sekretariat?« - -»Ja!« Sie setzte sich, stand wieder auf. »Vom Sekretariat -- soeben bin ich -gerufen worden -- -- mein Bild ist von der Staatsgalerie angekauft!« - -Alle schüttelten ihr die Hände, teilnehmend an ihrer Freude, froh, sie -endlich glücklich zu sehen. - -»Ich gri -- gra -- gratuliere!« sang Kapelli mit hellem Tenor. - -Da veränderte Fräulein von Sacken plötzlich ihr Wesen und blickte sie mit -triumphierenden Augen an. »Nun noch das!« rief sie. »Erst die Rezensionen -und nun noch das! O, was wird sich diese feige Gesellschaft schämen, diese -nichtswürdige, erbärmliche Gesellschaft, was wird sie sich schämen!« - -Damit war sie zur Türe hinaus, ohne jeden Gruß. - -Die drei sahen einander an, eines verblüffter wie das andere, bis -schließlich Kapelli in lautes Lachen ausbrach. - -Und nun heute? - -Er kam spät nach Hause und fand das ganze Haus in Aufregung. Kapelli stand -unter der Türe und winkte ihn herein. - -»Kommen Sie schnell!« rief er. Er war erregt wie noch nie. - -Da war das Atelier finster, und da saß Frau Trud am Tisch und schluchzte. - -Als er eintrat, stand sie auf und schluchzte lauter. - -Kapelli umschlang sie und drückte sie sanft auf das Sofa zurück. - -»Wein nur, wein nur Trud,« sagte er, selbst dem Weinen nahe. - -Ja, was denn nur sei? - -Kapelli ging in eine Ecke, wie um etwas zu suchen. - -»Nun ja -- die Sacken --« - -Das war es, die Malerin hatte sich erschossen . . . - -»Warum nur? Warum nur?« stieß Frau Trud heraus. »Gerade jetzt --!« - -Ginstermann wußte es. - -Ganz plötzlich war ihm die Erleuchtung gekommen. Er wußte alles, die ganze -Tragödie des armen Weibes lag vor seinen Blicken enthüllt. - -Er ging hinunter zu Ritt und pochte. Keine Antwort. Er rüttelte an der -Türe. - -Dann begab er sich hinaus in den Hof und klopfte energisch gegen die -Scheiben. Nichts regte sich. - -»Schuft!« rief er. Er schlug die Scheibe ein und rief hinein in das -finstere Atelier. - -»Ah, öffnen Sie nur, Sie Wicht!« - -Seine Stimme hallte wieder. Er fühlte, daß niemand im Zimmer war. - -Er ging wieder an die Türe zurück und entzündete ein Streichholz. - -»Verreist.« - -»Der Schuft ist durch, der Schuft ist durch!« -- - -Am anderen Tage, in aller Frühe, vernahm Ginstermann vom Korridor herein -die Stimme eines alten Herrn, eine schnarrende, unangenehme Stimme, aus der -er aber doch die Stimme der Toten heraushörte. Es war ihr Vater. - -Schritte kamen und gingen. Ein Wagen fuhr in den Hof. An allen Fenstern -erschienen gefühllos-neugierige Gesichter. Ginstermann zog die Vorhänge -zusammen und wandte den Fenstern den Rücken zu. - -Schwere Schritte stampften die Treppe hinab, gedämpfte Rufe wurden hörbar. - -»Heben Sie höher!« befahl die schnarrende, unangenehme Stimme. - -Ginstermann öffnete die Türe. Ein dunkler großer Sarg schwankte auf den -Schultern schwarzgekleideter Männer um die Biegung der Treppe. - -Er erschien ihm wie einer, der sich im Starrkrampf befindet und winken -möchte und nicht kann. - -»Da drinnen liegt ein Mensch!« sagte er und begab sich zurück in sein -Zimmer. - -Er zog ein Schubfach auf und zählte seine Barschaft. Es waren knapp zwanzig -Mark. Das Geld nahm er und bestellte einen Kranz dafür. Einen Kranz aus -blutroten Rosen. Er wollte auch am Grabe der Sacken sprechen, er! - -Am Abend pochte es, und ein kleiner, stämmiger Herr mit weißem Schnauzbart, -kurzen Haaren und rotem Gesicht trat in sein Zimmer. - -»Major von Sacken«, sagte er, sich kühl verbeugend. - -Ginstermann lud ihn ein, Platz zu nehmen, und erkundigte sich nach seinen -Wünschen. - -»Ich möchte Sie fragen, mein Herr, ob Sie meiner Tochter irgendwie näher -standen?« - -Nein, er sei ihr nicht näher gestanden. - -»So? Ha, das ist sonderbar, mein Herr!« Er warf ein Päckchen Briefe auf den -Tisch und blickte Ginstermann höhnisch an. - -Ginstermann ließ sich dadurch nicht beirren. Er öffnete einen Brief, der -seine Adresse trug. Der Brief enthielt nur wenige Zeilen. Die Bitte, diese -Briefe zu verbrennen, da sie es nicht vermocht habe. Und dann noch etwas. - -Und dann noch etwas . . . - -Der Major starrte auf den Boden, vor sich hinblasend, als wolle er eine -kleine Windmühle in Gang halten. - -Ginstermann legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte, ihn -durchdringend anblickend: - -»Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr Major!« - -Der alte Herr stand auf und maß ihn. - -»Wie können Sie es wagen --!« - -Ginstermann wiederholte, seinen Blick erwidernd: »Sie haben ein Verbrechen -begangen, Herr!« - -Der alte Herr wurde dunkelrot im Gesicht und hob die Faust empor, seine -Augen waren stahlgrau. - -Ginstermann wich nicht vom Fleck, er sagte im gleichen Tone wie vorhin: - -»Sie haben ein Verbrechen begangen, Herr!« - -Da brach der Alte zusammen, wie durch einen Hieb. Er sank in den Stuhl und -krallte die Finger in seinen Kopf. - -»Wer konnte es denn wissen!« schrie er. - -Dann stand er auf und räusperte sich. - -»Was wollen Sie -- mit Ihrem Verbrechen -- das ist ja heller Unsinn. Nein, -sage ich, nein, Sie kennen die Verhältnisse nicht. Meine Tochter mag Ihnen -geschrieben haben, was sie will! Gut. Mein Herr, meine Tochter achtete Sie, -sie schrieb Ihnen ja noch zuletzt. Gut. Ich möchte nicht, daß wir als -Feinde scheiden. Meine Tochter achtete Sie -- gut -- adieu, mein Herr!« - -Er streckte Ginstermann die Hand hin. - -Aber Ginstermann blickte ihn abweisend an, ohne seine Hand zu nehmen. - -Da wurde der Alte kreidebleich. Er stand lange Zeit, dann wandte er sich -der Türe zu und stolperte über die Schwelle. Schon draußen, blickte er -nochmals um, noch ebenso blaß wie zuvor. - -»Adieu, mein Herr«, sagte er mit gebrochener, weicher Stimme. - - - - -XXIII. - - -Der Hymnus der Morgenröte. - -11. Hymnus an Bianka. - - -Stimme vom Berge: Gott ist groß! -- Licht gleißt sein Antlitz. - Sein Lächeln - Streut Rosen und Myrrhen - Auf das dunkle Haupt der Welt. - -Stimme in der Ferne: -- -- -- scheucht die Schatten - In ihr finstres Reich - Mit goldnen Pfeilen. -- Groß ist Gott! - -Chor der Betenden: Der das Licht aus dem Dunkel schlug, - Die Erde schöpfte aus der schwarzen Flut, - Ist unser Herr! - Gestalt gab dem Elefanten, dem Kamel, - Dem einhöckrigen, dem zweihöckrigen, - Dem Büffel, dem Krokodil, - Das Korn, die Lotos schuf, - Wind und Regen uns gibt und Weide unsrer Herde, - Ist unser Herr! - -Chor der Suchenden: Wir gehen rechts -- wir gehen links, - Wir gehen links -- wir gehen rechts, - Wissen wir's? - Wir gehen vorwärts -- wir gehen zurück, - Rund herum um das Glück. - Das finden wir nicht. - Uns trägt der Rücken eines Tiers. - Das kennen wir nicht. - Wir pochen an der dunklen Wand, - Ob nicht die Pforte einmal springt, - Die keiner fand. - Wir trinken Nächte, - Uns trinkt die Nacht. - Wir schleppen die Kette von Menschenleid, - Die endlose Kette von Menschenleid, - Die jedes Herz noch schwerer macht, - Durch die engen Dornentore der Zelt. - Und tragen sie ringsherum um die Welt, - Und immer ringsherum um die Welt, - Und harren der Stunde, da sie fällt. - Und suchen das Lachen. - Und suchen unsere Ewigkeit. - Und tasten weinend der Finsternis Pfade. - Rate! - Rate! - - * * * * * - -Eine Stimme singt: Mit Blüten bestreu ich euch, - Ihr Bittren! - Mit süßen, - Wohlriechend wie der Morgenwind, - Die in den ewigen Gärten sprießen, - Die ferne von der Erde sind . . . - - * * * * * - - Alles, was klingt, - Zerspringt. - Das tiefste Meer - Verrinnt. - Alles, was Staub ist, - Wird Wind. - Wird Wind! - Alle Zeit - Ist ein Flügelblinken der Ewigkeit. - Und denkst du an den letzten Tag - Gibt's keinen Tag! - Öffne dein Herz. - Schwester, Bruder, - Bruder, Schwester, - Öffne dein Herz! - Die Zeit der Saat -- naht! - Denke an mich: - Die Lebensgebärerin, - Die Lebensernährerin, - Die Lebenserweckerin, - Die Lebensvollstreckerin - Bin ich! - Denke an mich: - Was schläft, das muß reden. - Was tot ist, will ich töten. - Und keine Tiefe ist mit zu tief, - Die ich nicht rief. - Flügel schenk ich dir, die tragen - Dich über die Erde. - Wer über der Erde - Nicht lebt, - Lebt nicht - Auf der Erde, - Und nimmer ist's nötig, - Daß er begraben werde. - Denke an mich: - Die Lebensgebärerin, - Die Lebensernährerin, - Die Lebenserweckerin, - Die Lebensvollstreckerin - Bin ich! - Im Herzen des Alls, - Da quillt ein See, - Er hat nicht Grund. - Gott warf sein Herz hinein, - Daß ich entsteh! - Gott warf sein Herz hinein, - Warf seines Sohnes Herz hinein, - Warf aller Weisen und Guten - Herz in den See, - Daß ich entsteh! - Öffne dein Herz, - Schwester, Bruder, - Bruder, Schwester, - Öffne dein Herz. - O, öffne dein Herz! - Die Zeit der Saat -- naht! - Schmücke dich! - Den Blühenden trägt die weite Flut zur Ewigkeit, - Der Dorre sinkt! - Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht! - - * * * * * - -Chor der Erlösten, jubelnd: Liebe! Liebe!! - -Chor der Verlornen, schluchzend: Die Ewigkeit liebt wüste Gärten nicht . . . . . . - - - - - -XXIV. - - -Der letzte Tag. - -Ginstermann stand fröstelnd am Fenster und sah ihn grau über die Dächer -kommen. Und voller Bangen frug er ihn in sein verschlossenes Antlitz -hinein: Was bringst du mir? - -Er hatte versucht zu schlafen, umsonst. So war er wieder in seine Kleider -geschlüpft und auf und ab gegangen in seinem Zimmer, auf und ab, diese -dunkle, ewige Nacht voller seltsamer Rufe und gequälter Schreie hindurch. - -Was wird morgen sein, was wird morgen sein? frug seine Qual. - -Bianka war für ihn ein großes Feuer, durch das ihn das Geschick peitschte. -Wie würde er hervorkommen? Würde es ihn verbrennen? - -Liebe Freunde, er wollte sich ja zusammennehmen. Er wollte ja ringen, -soweit seine Kräfte reichten. Aber tief in seinem Innern, da lebte eine -verzweifelte Überzeugung: er sah einen schwanken und stürzen. Er wollte -kämpfen, so lange es ging. - -»Wer gab dir diese Macht, Bianka?« rief er aus. »Ein Lächeln von dir kann -mich selig machen, du kannst mich in ein Land schicken, von dem kein Schiff -mehr zurückkehrt. Mache meiner Qual ein Ende, so oder so, heute mache ihr -ein Ende. O Vernunft, wie ohnmächtig bist du!« - -Alle Kämpfe der letzten Monate tobten in ihm, alle zugleich, und diese -dunkle Einsamkeit stand vor ihm, starr, unerbittlich, riesengroß, wie sein -Schicksal selbst, zu dessen Füßen er lag. - -Dumpf schlugen die Uhren. »Hörst du«, rief er, »nun treiben sie die Nägel -in deinen Sarg. Das Schicksal hat seinen Pfeil auf dich abgedrückt, du -magst dich krümmen und winden, wie du willst, er wird dich erreichen.« - -Da draußen stöhnte die Nacht. Es waren die Todesschreie der Getroffenen, -die auf der unendlichen, dunklen Wahlstatt sanken, die Leben heißt. - -All die Kämpfe -- und zuletzt doch verzweifeln! Und doch verzweifeln! - -So war sein Leben: er ward und ging und geriet in ein Bordell. Er entkam -und ging und geriet in das Herz eines jungen Mädchens. Immer geriet er, -immer geriet er. Der Mensch geht nicht, er gerät! Das ist die letzte -Wahrheit. - -Und hier sollte er enden. Er, der noch vor kurzem über sein Leben gesehen -hatte wie über weite, weite Ebenen! - -Er sah seine gespenstisch flackernden Augen im Spiegel und nickte. »Jaja, -du bist gezeichnet!« - -Aber vielleicht, vielleicht würde sich die dunkle Wand doch teilen und ihm -einen schmalen Pfad zeigen, auf dem er entweichen konnte? - -Vielleicht, vielleicht würde er Bianka auch wiedersehen? Da sah er einen -vor sich, der von Dorf zu Dorf zog, in den Schenken sang und lustige Verse -deklamierte, um seine Schlafstätte zu verdienen. Er wanderte nach Süden, -immerzu nach Süden. - -Es gab wohl hundert Möglichkeiten, Hunderte und abermals Hunderte von -Zufällen. - -Da ist ein Theater, vollgepfropft von Menschen, Was spielt man? Man spielt: -Yesters Tod. Wißt ihr, was Liebe ist, ihr Leute? Nun tritt einer vor die -Rampe und verbeugt sich. Sein Lächeln ist traurig, seine Augen erstorben. -Ich habe mein Herzblut für dieses Stück gegeben, ihr da drunten, das ihr -applaudiert. In der ersten Sitzreihe -- er verbeugt sich tief und lächelt -. . . - -Da ist der Kurgarten eines Weltbades. Die elegante Welt promeniert, die -Kapelle spielt. Aus Tristan und Isolde. Sie spielt gut, sie spielt für -verfeinerte Ohren. Auf einer Bank am Wege sitzt ein Bettler. Er kam zu Fuß -hierher, seine Schuhe sind zerrissen. Grau und welk ist sein Gesicht, vom -Trunk verwüstet seine Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, er ging zugrunde. -Einst war er ein König. Die Allee herauf wandelt eine schlanke Frau am Arme -ihres Gatten. Sie sind glücklich, sie sind vornehm, hinter ihnen geht ein -Diener mit silbernen Knöpfen. Die schlanke Frau streift den Bettler mit -einem kurzen Blick. Sie ist reich, sie ist glücklich, was kümmert sie der -Bettler? Heute, morgen, jeden Tag. Die Kapelle spielt sanfte Weisen, die -vornehme Welt zieht vorbei. Die schlanke Frau sieht in des Bettlers -verwüstete Augen. Er hat sein Ziel verfehlt, einst war er König. Was -kümmert sie der Bettler? Und heute -- heute kommt ein Diener mit silbernen -Knöpfen an die Bank am Wege und spricht: »Jemand interessiert sich für Sie. -Man bittet Sie, Ihren Namen zu sagen.« Da erhebt sich der Bettler und geht. -Weit, weit, so weit ihn seine Füße tragen . . . . - -Endlich graute der Tag. - -Er wuchs, er wuchs, es wurde ganz helle. - -Ginstermann hätte sich gerne von irgend einem Gotte eine kleine Ewigkeit -erbeten, um sie zwischen Nacht und Tag zu schieben. Nur eine kleine -Ewigkeit. Aber unaufhaltsam flogen die Minuten. Keine Macht der Welt hielt -auch nur eine Sekunde auf. Ja, man mußte eilen, um mitzukommen. - -Es war ein trüber Tag. Zeitweise regnete es. - -Aber Bianka würde kommen, so konnte sie unmöglich von ihm gehen. - -Den Vormittag über saß Ginstermann auf den Treppen des Monopteros. Als die -Glocken zu Mittag läuteten, begab er sich in die Stadt, weit hinein, um die -Zeit zu verscheuchen, die ihm nun endlos deuchte. Er trieb sich auf dem -Bahnhof herum, sah Züge gehen, hereinbrausen, er ging zur Parade an der -Feldherrnhalle, hörte die Wache mit Rumtata und vielen Kommandorufen -aufziehen, betrachtete sich die Fremden, die auf den Staffeln herumsaßen -und lauschten. - -Kurz vor drei stieg er wieder den Hügel zum Monopteros hinauf. - -Bianka stand schon oben. - -»Ich bin etwas früher daran« sagte sie, sich gleichsam entschuldigend. - -Seit wann sie schon da sei? - -Ungefähr zehn Minuten. - -Wenn er es nur geahnt hätte! - -Bianka trug ein graues Kleid und graue Glacé, so grau wie der Himmel. - -Sie lächelte, aber ihr Lächeln war nicht wie früher. - -Der Park war wie ausgestorben, die Wege naß und aufgeweicht. Das Gras lag -am Boden, die Blätter hingen schlaff. Aus den grauen Tüchern da droben -fielen vereinzelte Tropfen, ein weißer Fleck, wie ein transparenter -Öltropfen auf grauem Papier, zeigte den Stand der Sonne. - -Bianka brach ein Zweigchen zwischen den Fingern. - -»Wir werden kein hübsches Reisewetter haben.« - -Aber es sei kühl. Wie qualvoll wäre doch die Hitze in den Waggons. - -»Ja, das ist allerdings ein Vorteil.« - -Nach und nach kamen sie in ein leidliches Gespräch. Sie sprachen von ihren -Zusammenkünften, bei Kapellis Fest angefangen. Sie ließen alle diese -herrlichen Tage an sich vorüberziehen, ergänzten ihre Erinnerungen und -lachten wohl auch über dies und jenes. Ja, sie lachten. Ginstermann kam in -die Laune, Scherze zu machen, die er stets einigemal wiederholte. Und -Bianka lachte mit. Eins wie das andere war bemüht, möglichste -Alltagsstimmung vorzugeben, ohne zu erwarten oder zu wünschen, daß der -andere sie für ernst nehme. - -Hier geschah das, hier sprachen Sie das, sagte Bianka, während sie die -bekannten Wege schritten. - -Auch die Stelle passierten sie, wo Ginstermann einst im Wahnsinn das -Kreuzchen eingegraben. Er schloß die Augen, um es nicht zu sehen. - -Was wird morgen sein, was wird morgen sein, dachte er, und jedesmal zerriß -sein Herz. Seine Lippen aber scherzten in gleichgültigem Tone. - -Es begann zu regnen. Rings um sie rauschte es. - -»Wollen Sie nicht Ihren Schirm aufspannen?« - -»Nein, nein.« - -»Wollen Sie nicht ins Restaurant treten?« - -»Nein, nein.« - -So schritten sie im Regen, der ihre Hüte zerweichte. - -»Ich reise gar nicht gerne«, sagte Bianka, »gar nicht gerne.« Dann lachte -sie nervös und fügte hinzu: »Morgen um diese Zeit bin ich in Mailand, im -schönen Mailand.« - -»Und übermorgen in Nizza?« - -»Voraussichtlich.« Sie blieb stehen und schüttelte den Kopf, um das Wasser -aus dem Hutrande zu schaffen. - -»Aber Sie bleiben doch nicht immer in Nizza?« - -»Nein, Papa trägt sich mit dem Gedanken, nach Kairo überzusiedeln.« - -»Nach Ka--iro!« - -Seine Zähne schlugen aufeinander, während er dieses Wort wiederholte. Er -biß sich in die Lippen und hieb mit dem Stocke Blätter vom Gebüsch. - -Dann lachte er heraus. - -»Das ist ein kleiner Katzensprung -- das ist ein kleiner Katzensprung!« -rief er aus. - -Bianka sah ihn an und bat ihn mit den Augen, sich zu fassen. - -»Das ist ja in Afrika!« lachte er. »In Afrika!« - -Tränen traten ihm in die Augen, so sehr er auch dagegen ankämpfte. - -Bianka nahm seine Hand und flüsterte: »Bitte.« - -»Bitte«, flüsterte sie. - -Er hatte sich auch sofort wieder und ging plaudernd neben ihr her. Aber -seine Gedanken waren nicht bei seinen Worten. Er dachte daran, daß Bianka -nach Kairo übersiedeln würde. Da gab es zwei Wege: einen übers Meer, einen -über Kleinasien. - -Heizer, Steward? - -Ah, es war ja vorbei. Er würde es nicht ertragen. Morgen würde er schon -verzweifeln. - -Da stand Bianka still und sagte: »Wir müssen nun Abschied nehmen.« - -»Ja«, sagte er rauh, »einmal muß der Teufel aus der Schachtel.« - -Bianka blickte zu Boden, sie war ganz bleich. - -Sie soll nur auch leiden, weshalb ließ sie mich nicht in Ruhe, dachte -Ginstermann und richtete sich straff auf, ein bitteres Lächeln auf den -Lippen. - -Dann ging sie weiter, um bald wieder stehen zu bleiben. - -»Wollen wir nicht noch einmal zu unserem Monopteros hinaufsteigen«, fragte -sie und lächelte. - -»Wie Sie wünschen.« - -Nun galt es, sich zusammenzunehmen. Seine Hände bebten bei jedem -Pulsschlag, in seinem Kopfe wimmelten verrückte Einfälle. Um keine -Torheiten zu begehen, fing er an, von seinen Plänen zu sprechen. - -»Nun werde ich arbeiten, arbeiten, viel arbeiten. Ich habe da so etwas im -Kopfe. Da kommt einer drinnen vor, der im Sterben liegt. Aber zuvor will er -sich noch den Spaß machen, seiner Umgebung die Wahrheit zu sagen. Er -zertrümmert alle Heiligtümer, macht ein halbes Dutzend Menschen -unglücklich. Nun empfehle ich meinen Geist in Gottes Hände, höhnt er und -ist tot. Punkt. Hoffentlich wird es nicht verboten . . .« - -Da tauchte der Monopteros vor ihren Blicken auf, und jäh brach er ab. - -Jetzt kommt der Abschied, jetzt kommt der Abschied, rief es in ihm. Zorn, -Wut, Schmerz schüttelten ihn, er hätte niederstürzen mögen und jammern wie -ein Kind. - -Sie waren oben. - -Bianka sah über den Park hinüber nach den Türmen der Stadt, deren Spitzen -blinkten. - -Die Sonne arbeitete sich durch die Wolken, und Milliarden Fünkchen fielen -durch ihre Strahlen. Irgendwo begann ein Fink zu rufen. Auf dem Wege drüben -gingen zwei Herren. Ein braungefleckter Hühnerhund sprang in großen Sätzen -über die Wiese. Irgend jemand pfiff, aber der Hund kümmerte sich den Teufel -um seinen Herrn. - -Bianka wandte ihm den Blick zu. - -Blässe bedeckte ihr Gesicht, ihr Haar sah ganz golden aus. Die schmalen, -durchsichtigen Lippen waren halb geöffnet, die Pupillen ihrer Augen groß. - -Da gewahrte er, daß sie litt, ja, daß dieses Leiden nicht von heute war. -Diese Stunde ließ es ihn erkennen. Vielleicht hatte sie ebenso gerungen wie -er. - -Aber das hielt kein Mensch länger aus, er wandte das Gesicht ab und sah dem -Hühnerhund auf der Wiese drunten zu. - -Bianka legte ihm die Hand auf die Schulter. Diese leichte Hand drückte ihn -fast zu Boden. Aber er war mutig und lächelte, obschon er ihr hätte zu -Füßen stürzen und ihre Knie umklammern mögen. - -»Wir müssen uns jetzt adieu -- sagen,« flüsterte sie. So leise. Es war nur -ein Hauch. - -»Ja«, sagte er, laut. - -»Wir müssen jetzt voneinander gehen«, flüsterte sie, so leise wie vorhin. -Ihre Augen wurden größer, ihr Lächeln erstarrte. - -Sie nahm die Hand von seiner Schulter und blickte in die Sonne. - -»Es ist so schön. Gerade jetzt.« - -Die Sonne hatte die Wolken durchbrochen und leuchtete aus einer -phantastischen, ungeheuren Grotte von blendendem Bernstein. - -»Ja, es ist schön«, wiederholte Ginstermann ohne Gedanken. - -In allernächster Nähe sagte jemand unvermittelt laut: Das ist ja nicht -möglich, das ist ja nicht möglich! Und ein anderer lachte und hustete. - -Das ist schon möglich, Sie Esel, dachte Ginstermann. - -Die Sonne überstrahlte Biankas Antlitz, so daß es durchgeistigter, -ätherischer erschien. Die Sonne tauchte bis auf den Grund ihrer Augen. - -Bianka streckte ihm die Hand hin, von der sie den Glacé gestreift hatte. - -Ginstermann lächelte schmerzlich, dann nahm er mit raschem Griffe ihre Hand -und sagte: - -»Adieu!« So tapfer als möglich sagte er es. Adieu! -- - -Bianka blickte ihn an, ein unnennbarer Ausdruck erfüllte ihr Gesicht, jede -Linie verändernd. - -Im nahen Laubgang pfiff jemand einen Gassenhauer. - -Bianka zog ihn sanft an die Brust und küßte ihn auf die Lippen. - -Ihr Herz pochte gegen das seine. - -Er gab ihr den Kuß zurück. - -»Liebster!« hauchte sie, und ihre Augen glänzten in Tränen. - -Dann wandte sie sich rasch, sprang die Stufen hinab und verschwand im -Laubgang. - -Ginstermann stand betäubt. Er stand ganz im Licht. - -Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese. - -Ein braungefleckter Hühnerhund springt über die Wiese . . . . - - - - -XXV. - - -Ginstermann ging nach Hause. Ginstermann setzte sich in einen Sessel. -Ginstermann dachte nichts. - -Er fühlte nur, daß er glücklich war, befreit, erlöst, gerettet! Er fühlte -nur, daß ihn neue Kraft durchströmte. - -Die Stunden gingen, er saß und dachte nichts. - -Am Abend pochte es, und er sagte herein. - -Bianka trat ins Zimmer. - -Er faßte es nicht sofort, und doch war er auch nicht überrascht. - -Sie blieb an der Türe stehen und sagte: »Bleib, bleib.« - -So blieb er auf derselben Stelle stehen. - -Sie blickten einander an, eine Ewigkeit. - -»Wollen Sie nicht Platz nehmen, Bianka?« fragte er endlich. - -Sie antwortete ihm mit einem langen Blick. - -»Sage doch du zu mir.« - -»Willst du nicht Platz nehmen, Bianka?« - -Nein, nein -- o, nur schnell -- sie wolle nicht Platz nehmen. Sie wolle -gleich wieder gehen. Der Wagen warte unten. Sie wolle -- sie sei nur -gekommen, um es ihm zu sagen . . . - -Aber sie setzte sich doch. Auf einen Stuhl nahe der Türe. - -Lange Zeit war es stille, dann begann sie mit leiser Stimme: - -»Weshalb ich nicht kann -- das will ich dir sagen, Liebster.« - -»Sag es, sag es, Bianka, Herrlichste.« - -Sie sann vor sich hin, sie blickte ihn an, sie blickte ihn voller Qual an. - -Dann schüttelte sie den Kopf und breitere die Hände vors Gesicht. - -Sie brach in Weinen aus. - -Erst nach geraumer Zeit wagte er es, näher zu treten. Er legte seine Hand -auf ihre Schulter, ganz sachte. - -»Bianka?« - -Da schluchzte sie laut auf und tastete nach seiner Hand, die Linke auf die -Augen pressend. - -Er führte ihre Hand an seine Lippen, ganz sachte. - -Plötzlich hörte sie auf zu weinen. Sie erhob sich. Ganz dicht kamen sie zu -stehen. Unwillkürlich rückte sie den Stuhl zurück. - -»Ich kann nicht«, flüsterte sie, ihn mit den Blicken beschwörend. Sie sah -zu Boden und schüttelte sonderbar den Kopf. - -»Härme dich nicht, Beste«, sagte er, - -Sie ging zur Türe, ging hinaus. Die Türe stand offen. - -Er wagte es nicht, ihr zu folgen, er blieb auf der gleichen Stelle stehen. -Er wußte . . . - -Da kam sie zurück. Sie nahm seine beiden Hände. - -»O du!« stammelte sie. - -Sie küßte ihn auf die Lippen, sie beugte sich herab und küßte ihn auf das -Herz. - -Sie lächelte verzückt. - -Dann ging sie . . . . . - - - - -XXVI. - - -Drei Uhr morgens. - -Auf dem Geleise, das nach Süden führt, geht ein Mann. Weit weg liegt die -Stadt. - -Er geht immerzu. - -Die Nacht ist klar und frisch, ringsum dampfen die Wiesen. Kein Laut. Der -Mond steht am Himmel und alle seine Sterne. - -Der Mann wandert immerzu, auf dem Geleise, das nach Süden führt. - -Zur Linken ein Garten. Schimmernde Wipfel, ein bleicher Giebel. Der Duft -von Rosen steigt in die Nacht. - -Der Mann klettert über den Zaun. Ein Hund schlägt an. - -Der Mann geht gemächlich von Stock zu Stock und reißt die Rosen ab. Ein -Hund zerrt an der Kette und kläfft. Das kümmert den Eindringling nicht. Er -plündert die Stöcke, dann steigt er wieder über den Zaun und setzt -gemächlich seinen Weg fort. - -Wo die Geleise in den Wald einmünden, macht er Halt. - -Er wirft die Rosen über die Schienen. - -Dann wartet er. - -Er steht und wartet. - -Eine Stunde. Ein Hahn kräht von weit her. - -In der nebligen Ferne erscheint ein dunkler Punkt. - -Es schnaubt, es rast, Eisen klingt in Eisen. - -Der Mann tritt zurück. - -Der Zug rast heran, der Zug rast vorbei. - -Er entblößt sein Haupt. - -Ende. - - - - - - -Anmerkungen zur Transkription - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Yester und Li, by Bernhard Kellermann - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK YESTER UND LI *** - -***** This file should be named 40314-8.txt or 40314-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/0/3/1/40314/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. Of course, we hope that you will support the Project -Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by -freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of -this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with -the work. You can easily comply with the terms of this agreement by -keeping this work in the same format with its attached full Project -Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in -a constant state of change. If you are outside the United States, check -the laws of your country in addition to the terms of this agreement -before downloading, copying, displaying, performing, distributing or -creating derivative works based on this work or any other Project -Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning -the copyright status of any work in any country outside the United -States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate -access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently -whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the -phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project -Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, -copied or distributed: - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. However, if you provide access to or -distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than -"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version -posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), -you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a -copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon -request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other -form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm -License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided -that - -- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is - owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he - has agreed to donate royalties under this paragraph to the - Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments - must be paid within 60 days following each date on which you - prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax - returns. Royalty payments should be clearly marked as such and - sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the - address specified in Section 4, "Information about donations to - the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." - -- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or - destroy all copies of the works possessed in a physical medium - and discontinue all use of and all access to other copies of - Project Gutenberg-tm works. - -- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any - money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days - of receipt of the work. - -- You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm -electronic work or group of works on different terms than are set -forth in this agreement, you must obtain permission in writing from -both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael -Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the -Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -public domain works in creating the Project Gutenberg-tm -collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic -works, and the medium on which they may be stored, may contain -"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or -corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual -property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a -computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by -your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium with -your written explanation. The person or entity that provided you with -the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a -refund. If you received the work electronically, the person or entity -providing it to you may choose to give you a second opportunity to -receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy -is also defective, you may demand a refund in writing without further -opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER -WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO -WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. -If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the -law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be -interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by -the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any -provision of this agreement shall not void the remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
