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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40313 ***
+
+Die Brücke
+
+
+Von Alfred Holland.
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+
+
+Von unsern Wünschen zu ihrer Erfüllung führt eine Brücke, die Brücke der
+Schmerzen. Ihre Bogen schnellt sie über den ewigen Fluß des Geschehens und
+ihre Pfeiler wurzeln in den abgründigen Tiefen des Flusses. Die Menschen
+wandern über die Brücke mit dunkeln, kummervollen Augen, sie ächzen und
+schwanken unter der Last der Erfüllung. Sie tragen die Ernte des Lebens.
+Und bei den Pfeilern sitzen Kinder mit hellen Gesichtern und alte Männer
+mit grauen Bärten und hohen Stirnen. Sie werfen kleine Steine und Bücher in
+die Fluten und beraten sich, wie man den Fluß wohl dämmen könnte. Von Zeit
+zu Zeit halten sie ein in ihrem Werfen und schauen mit hoffnungslosen
+großen Augen dem Lauf der Wellen nach, bis dahin, wo der Fluß sich weit
+draußen in den Himmel ergießt. Dann seufzen sie und werfen von neuem kleine
+Steine und Bücher in die Fluten.
+
+Ein Mensch tritt auf die Brücke. Er ist in weiße Gewänder gekleidet und
+sein goldbraunes Haar leuchtet glutvoll auf in der Sonne. Seine Augen sind
+tief und voll von Wundern wie das letzte Gericht. Er schreitet langsam auf
+die Kinder und Greise zu. Sein Mund umspielt das Lächeln eines Gottes.
+
+»Was treibt ihr da?« redet er die Alten an.
+
+»Herr, wir wollen den Fluß des Geschehens dämmen,« antwortete einer.
+
+»Wozu das?«
+
+»Er soll sich stauen und die Brücke der Schmerzen stürzen und begraben,«
+entgegnete ein anderer.
+
+»Und wißt ihr auch wie tief dieser Fluß ist?«
+
+»Nein Herr, unser Blei reicht nicht auf den Grund, aber es steht
+geschrieben: seine Tiefe ist nicht unermeßlich.«
+
+»So will ich es euch sagen: seine seichteste Stelle ist tiefer als das
+Geheimnis der Nacht.«
+
+Da murrten die Alten und die Kinder und sagten: »Herr, du willst uns mutlos
+und verzagt machen; seit tausend Jahren sitzen wir hier bei der Brücke der
+Schmerzen und wollen den Fluß dämmen für einen Augenblick, daß er die
+Brücke zerreiße und vernichte. Du aber kommst! und spottest unserer
+Arbeit.«
+
+Der Mann mit den Augen des jüngsten Tages streckte seine Hand gegen die
+Vorüberschwankenden aus. »Und warum helfet ihr nicht diesen, ihre Schmerzen
+zu tragen, warum nehmet ihr nicht die Hälfte ihrer Lasten auf Eure
+Schultern?«
+
+»Herr, wir sorgen seit tausend Jahren für das kommende Geschlecht . . .
+wenn es heraufkommt soll es keine Schmerzen mehr geben in der Welt. Und die
+späteren Geschlechter werden unsere Namen preisen.«
+
+Des Fremdlings Augen wurden dunkel in unsäglichem Kummer. Er deutet auf die
+gewaltigen, wimmelnden Massen, die von Osten her gegen die Brücke
+heraufzogen. »Sie alle werden in Schmerzen und Qualen ihr Leben wandeln
+müssen, und -- -- er wandte sich wieder an die Alten -- ihr und alle, die
+je einer Mutter Schoß umschlossen . . . helfet ihnen ihre Lasten tragen, so
+wird auch euch geholfen werden.«
+
+Da ergrimmten die Alten, daß dieser Mensch ihrer spottete. Und sie warfen
+ihn über die Brücke in den ewigen Fluß des Geschehens. »So sollst du helfen
+den Fluß zu füllen und die Schmerzen der Menschen tragen,« riefen sie ihm
+höhnend nach.
+
+Aber der Mann verschwand nicht in den Fluten. Seine weißen Kleider blähten
+sich wie Schwanenflügel und trugen ihn auf den dunkeln Wellen.
+
+Die Menschen, die über die Brücke wandelten, sahen ihm nach, wie er langsam
+den Fluß hinuntertrieb, mit aufgehobenen Händen und leuchtenden Haaren. Und
+einige küßten sich und verteilten gleichmäßig ihre Lasten.
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+Die Alten und die Kinder aber sitzen immer noch bei den Pfeilern und werfen
+Steine und Bücher in die Flut.
+
+Sie wollen den Fluß des Geschehens aufhalten . . . .
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+Quelle: Die Aktion, 1911, Sp. 341-342.
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+End of the Project Gutenberg EBook of Die Brücke, by Alfred Holland
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40313 ***