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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40138 ***
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. Offensichtliche
+Druckfehler wurden korrigiert.
+
+
+
+
+
+Der Hirtenknabe Nikolas.
+
+Motto:
+
+ Der Phantasie gehört der Mensch; das Kind,
+ Vom Ammenmärchen auf; und jeder Thorheit
+ Und jedes höchsten Opfers ist er fähig,
+ Wenn er, entbrannt, durch seine Glut verbrennt.
+ Denn wiederum gewährt die Phantasie
+ Die Welt ihm! Alles Schönste ist ihr Traum,
+ _Wer_ in der Phantasie lebt, lebt im Himmel;
+ _Was_ aus der Phantasie fällt, das ist todt;
+ Und stand des Nachts ein Engel da in Glanz --
+ Am Tage ward er -- eine hohle Weide,
+ Und wird nie mehr ein Engel; eine Höhle
+ Aus Diamant im Traum geschaut, ist, drauf
+ Verschwunden, kaum noch eine Erdengrube.
+
+
+
+
+Der
+Hirtenknabe Nikolas,
+
+oder
+
+der deutsche Kinderkreuzzug
+im Jahre 1212.
+
+
+Nach den Chroniken erzählt
+von
+Leopold Schefer.
+
+
+Leipzig:
+F. A. Brockhaus.
+1857.
+
+
+
+
+
+
+Erstes Capitel. Zwei Flüchtlinge und ein Verfolger.
+
+
+Es ritten drei Reiter nach Köln, am linken Ufer des Rheins »zu Thal«. Das
+waren keine gemeinen Leute. Schon ihre Pferde waren nobel, schöne
+dauerhafte Limousins, und wenn auch deutlich angegriffen von einer langen
+Reise, doch lebhaft, ja heiter und vergnügt, als Franzosen. Der kräftige
+unverkennbare Deutsche auf dem Schimmel, im Mantel und Reise- und
+Wetterhut, nannte den sehr edel aussehenden Reiter auf dem Rappen, in
+spanischem Mantel und Barret -- unverkennbar ein Jude -- nur Doctor, wie er
+sich ihm genannt, und der Doctor nannte ihn wieder nur wie er sich ihm
+selber lächelnd genannt: »Herr Großhändler«, ob er gleich ein
+Patricierssohn aus Köln war, der zu seinem Bruder aus Frankreich nach Hause
+reiste, welcher Bruder also noch lebte, wenn es in diesen gefährlichen
+Zeiten noch wahr war. Der dritte Reiter auf einer Isabelle von
+neapolitanischem Gebäude schien ein junger fahrender Ritter in Waffen, der,
+seit er sich ihnen in Basel angeschlossen, nur wenige Worte gesprochen,
+weil ihn ein Schmerz in den schönen Zügen stand, die manchmal zu einer
+ersehnten Rache aufblitzten.
+
+Der Reitknecht mit dem Packpferde mußte, um nichts von ihren Gesprächen zu
+hören, immer über dem Winde reiten -- bei Nordwind voraus, bei Mittagswind
+hinterher.
+
+Jetzt sprengte von Köln her ein schöner, sehr schöner junger Mann mit
+goldenen fliegenden Locken, in Putz, auf einem arabischen Pferde an ihnen
+in fröhlichem Sturme vorüber. Der Italiener hielt, so lang er ihn
+daherkommen sah, dann wandte er sein Pferd und jagte ihm nach, lange nach;
+aber er holte ihn nicht ein; er sah ihm mit Ingrimm nach, und kam dann
+verdrossen zurück zu den beiden Gefährten.
+
+War er es nicht? frug ihn der Kölner ins Blaue.
+
+O, er war es! erwiderte der Erhitzte. Ich weiß ihn da drinnen! Da wohnt er
+nun greifbar! Das war nur ein Spazierritt! Und wenn auch heute nicht
+. . . wenn auch das hundertste mal erst, gewiß, kommt ihm die Rache so gut
+wie dem Kaiser,[A] der unser schönes Mailand verbrannt und »von der Erde
+weggetilgt« --. So mag er glauben. Auch ein schöner Glaube!
+
+Nichts Böses ohne Gutes! sprach der Handelsherr dazu; -- ich will es vor
+den Thoren der Stadt nur gestehen: ich bin ein geborener Kölner, und meine
+liebe, liebe schöne Vaterstadt bekommt aus Mailand nun die heiligen Drei
+Könige in ihren Schreinen oder Särgen; und Köln wird noch heiliger als es
+schon ist durch seine todten 11,000 Jungfrauen; es wird ein zweites
+Neu-Rom, wie es einst schon ein altes heidnisches Neu-Rom war, was es gar
+sehr der lieben Agrippina zu danken; und wie der Vesuv im heißen
+Unteritalien mit dem Hekla droben im kalten Norden unterirdisch geheim
+zusammenhängt, und beide als ein Paar Brüder abwechselnd reden und sich
+antworten mit Donner und Blitz und das Land umher segnen mit heiliger Wärme
+und Fruchtbarkeit, so die beiden theuern Städte, die auch ihre Würde
+erkennen und ihren Werth für sich und im Lande zu schätzen wissen, meine
+ich.
+
+[Fußnote A: Friedrich I.]
+
+Das Ding von dem unterirdischen und überirdischen Feuer ist wirklich wahr
+und sichtbar, sprach der spanische Jude, der Doctor. Als ich aus Cordova
+ausritt nach meiner lieben Vaterstadt Amsterdam, da stand die Gerste schon
+hoch; ja man konnte schon die ersten kleinen grünen Feigen zur Noth essen,
+und die immer gelüsternen Weiber aßen schon als Leckerbissen die grünen
+rauchen Mandeln, wo Kern und Schale noch eins sind; in der Provence blühten
+die Rosen und Lilien; der Oelbaum strotzte von Blüten, umschwärmt von
+Bienen; in Avignon gab es schon Melonen im Felde; der Mont-Ventoux stand
+wie eine grüne Pyramide in der blauen Luft -- wie ein begrabener Riese, nur
+droben eine weiße Kappe von Schnee auf; die Rhone hinauf verloren sich aber
+allmälig die Wunder der südlichen Kraft, bis man vor den Eisbergen der
+Schweiz, der unüberwindlichen Burg der Freiheit, erstarrte. Aber den Rhein
+hinab zog uns der Frühling nach, als lichte prächtige Wolken droben,
+verleiblicht als wilde Gänse und Enten und Staare und Lerchen, und drunten
+als smaragdene Saaten auf dem Acker und Gras auf den Fluren und Blumen im
+Grase, angrünende Bäume und vollschwellende Knospen mit schon weißen
+Spitzen der Blüten. Das Alles ist mir und uns Juden allen nur ein fremdes
+Land, eine verfluchte Fremde, in die wir _hinaus_ gestoßen sind in immer
+längere Verbannung -- aber ich weiß nicht: mich rührt doch die Erde und der
+Himmel droben, und wir sind dennoch _gleichsam_ noch Menschen mit Augen und
+Ohren und Menschenherzen mit Liebe für ein schönes gutes Weib und junges
+liebes Kind, und der alte Gott lebt noch, uns noch, und wird uns leben,
+solange die Erde bleibt und der Himmel bleibt -- und gewiß noch drei Tage
+länger, wenn nicht viere!
+
+So schloß er fast lachend -- aber wischte sich die Thränen aus den großen
+schwarzen Augen und von den gesunden gebräunten Backen und strich sich den
+Bart; und die Gefährten hielten ihre Pferde und sahen sich den schönen
+kräftigen, verständigen Mann an, als sei er ein Erdwunder oder eine Art
+vierter heiliger Drei König, der hier in der Irre ritt.
+
+Sie waren jetzt aus dem Walde, der sich nun nach rechts am Ufer des Rheins
+hinzog und vorn die Stadt noch verdeckte; aber links that sich ihnen das
+grüne abendsonnige Gefild mit Dörfern und Schlössern und spiegelnden
+kleinen Seen auf. Die Sonnenscheibe, vom Himmel gesunken, berührte und
+küßte wie ein silbernes Menschenhaupt die Erde -- das Zeichen für alle
+Schulmeisterjungen auf den Dörfern zum Abendgeläut; und der ursprünglich
+chinesische Wohllaut aus den hin und her gebaumelten Glocken floß von den
+Thürmen hier so gut wie dort rings im Gefilde, verschmolz sich in der Luft
+und goß zauberischen Frieden über die Menschen, die, in der ewigen
+Weltwehmuth und Erdtrauer befangen, den Tag zu Grabe läuteten, als sei da
+wieder eine Blüte vom unsichtbaren Baume des Himmels gefallen. Das war ein
+Friedenvolles für die Ohren. Aber da war auch ein Wunderbares für die
+Augen, ein Rührendes für die Herzen zu sehen -- eine leisschleichende bunte
+Schnecke; nicht nur wie ein langer schimmernder Heerwurm, sondern wie der
+gefildgroße Schild einer bunten mehr als riesengroßen Landschildkröte; und
+die Schildkröte _weinte_ -- sie _sang_ -- sie _klagte_ -- sie _betete_ mit
+tausend Kinderstimmen, zu Einer bangen Kinderstimme verschmolzen, zu Gott
+-- und aus dem Schilde ragten Kreuzlein auf Stangen, und wehten und
+wedelten Fahnen im Winde. Der Anblick war unbeschreiblich, die Stimme
+umfaßlich.
+
+Und der jüdische Doctor sprach tief gerührt: O Herr, ist denn auch hier die
+_Krankheit_ ausgebrochen? Dergleichen ist doch kaum in der Zeit gewesen, da
+das Alte Testament neu gewesen! und hier ist sie nun in Deutschland aus
+Frankreich eingeschleppt! Es sollte eine Mauer zwischen beiden Reichen
+sein, mit nur einer kleinen Thür, zu der man nur die Gesunden an Leib und
+Geist hereinließe. Aber die Luft! die Luft! Das liegt in der Luft! und in
+den aufschlagenden Dünsten, die sich bei jedem Fußtritt jedes Menschen aus
+der Erde in ihn entladen! Wir sind nicht Menschen so so, und nicht verrückt
+oder klug ohne Grund und Boden! Aber ich muß doch sehen: die Augen! die
+Zunge! den Puls muß ich fühlen, und ob die Herren Jungen, die da Fahnen und
+Kreuze tragen, und Kreuze hinten auf dem Rücken, ob sie dicke Bäuche haben,
+harte?
+
+Er bat um kleine Geduld, stieg vom Pferde, gab es dem Reitknecht zu halten
+und ging brennend vor wissenschaftlicher Begier, wie zu der ganzen
+Menschheit Nutzen und Heil ereifert -- aber vorsichtig nur langsam unter
+den nächsten Zug der singenden und weinenden Knaben und Mädchen die sich
+hier zu Tausenden zum Kreuzzug nach Jerusalem einübten und vorbereiteten,
+wie die Schwalben im Herbst zum Fortzug über das Meer und die Lande mit
+ihren Jungen auf dem Anger im großen Kreise sich üben; dann wieder ruhen
+und zwitschern; dann sich wieder erheben und schwirren, nicht nur wie ohne
+Führer, sondern wirklich ohne Führer; dann nicht nur sie, die Schwalben,
+sondern auch die Heerden Kraniche, Störche und wilden Gänse und
+schnatternden Enten. Diese »Jungen« aber hatten Führer, fast lauter
+Hirtenknaben, die ihre Schafe mit Wolle im Stiche gelassen.
+
+Näher gekommen verstand er auch die Worte, die sie sangen, gerade nur die
+Uebersetzung derselben, wie er von den französischen Kindern gehört:
+
+ Herr, gib uns das wahre Kreuz zurück!
+ Und nebenbei all' all' alles Glück,
+
+Die Ansteckung schien ihm richtig. Sich an die ebenso unwissenden jungen
+Herren Führer, meist Hirtenknaben, zu wenden, schien ihm überflüssig. »Alle
+sind wie Einer und Einer wie Alle«, sah er. Er beschenkte einige von ihnen
+nach und nach in der Reihe des Zugs, besonders die kleinern, mit Stücken
+erst neuerfundenen Krystallzuckers; er lobte sie; beklopfte sie an den ihm
+gewünschten Orten mit der Hand; er sang den Vers ein Weilchen mit ihnen, ja
+er weinte wirklich nüchterne gesunde Thränen mit ihnen -- mußte sie endlich
+ziehen lassen, und kam nachdenklich und schweigsam wieder, lächelte die
+Gefährten bejahend an, und sie ritten wieder die letzte Strecke des Wegs
+auf einen Hügel zu, der »der todte Jud'« oder »der Judentod« beim Volke
+heißt, wie der Großhändler sagte, von wo man ganz Köln überschauen kann,
+worauf er sich kindisch freute und ganz roth im Gesicht glühte. Der
+jüdische Doctor konnte es aber nicht auf dem Herzen behalten, noch zu
+sagen: So etwas von Kinderraserei, wie wir da zu schauen und mit Händen zu
+greifen haben, ist wol noch nicht auf Erden gewesen -- wenn wir auch andern
+Gestirnen am Himmel rings jeden möglichen Unsinn aus schuldiger Verehrung
+gern reichlich vorbehalten wollen. Nur hab' ich gelesen, daß die Athener
+Bürger und Bürgerinnen in ihrer aufgeklärtesten Zeit von einem ernsten
+Spaßvogel gehört: »Am nahen Berge Hymettus sind große goldene Pferdeameisen
+und Ameisenhaufen mit goldenen großen Ameiseneiern entdeckt worden«; --
+worauf sie an hellem Tage als Narren mit Hacken und Schaufeln und Sieben
+und Säcken hinausgezogen, aber mit leeren Händen zurückgekommen; aber den
+Spaßvogel _für den lustigen Tag_ mit lachendem Muthe reichlich belohnten.
+Und sichtbar ist: das Gelobte Land muß uns nur auf Zeit gelobt worden sein,
+denn sonst hätten _wir's_ ja noch! Wer wagt das zu leugnen? Und froh kann
+ich sagen: wie vieles Verwirrende haben _wir_ nicht! Wie Vieles sind wir
+los! Ja, wir und unsere Kinder wetzten kein Taschenmesser, um es uns wieder
+zu erobern. -- Aber auf dem Hügel ist ja ein Hochgericht! Und sie rammen
+frische Pfähle ein -- Brandpfähle! Nur etwa für keinen von unsern Leuten!
+Der Herr erbarm' sich!
+
+Aber das sah und hörte der Handelsherr nicht. Denn seine Vaterstadt, die er
+18 Jahre jung vor 18 Jahren geflohen, lag vor ihm, wie einst, im
+unverblichenen Abendsonnengolde, mit dem Himmel aus Purpur bedeckt. Die
+Mauern glänzten; ihre Thürme leuchteten wie dicke mächtige Kerzen; die
+Kuppeln der Kirchen und Klöster brannten und ihre hohen Thürme schossen wie
+Flammen empor _in den Himmel_ und zeigten ihm ihr Kreuz von der Erde; die
+hohen Fenster glitzerten silbern und funkelten und blendeten die Augen bis
+hier heraus, daß er sie davor mit den Händen bedecken mußte. Dann streckte
+er sie aus, nach seinen Lieben darin verlangend und rief aus erschüttertem
+Herzen: O meine Vaterstadt! O mein liebes Köln! Und die Glocken schlugen
+darin umher. Dann riefen sie zur Vesper, und rührende Töne und blühende
+Farben überwältigten ihn, daß er weinte. -- Und der junge Rittersmann, ja
+selbst der Arzt -- ein Fremder in jeder Heimat -- war doch gerührt. Auch
+ich bin angesteckt, seufzte er mit einem Lächeln in seinem Angesicht voll
+schweren Ernst der Welt.
+
+Darauf schweifte der kölner Herr mit Blicken umher, nach seiner Väter Burg,
+mit dem schönen See und dem schönen Garten. Ach, das ist nur die
+Kilschburg, rief er ungeduldig, das Schloß der alten reichen Schaafhausen,
+-- und dort nur das Schloß der edeln Hompesche -- dort brennen schon die
+vielen Töpferofen in Effern, erst ganz blaß und wie der noch in der
+Abendröthe schon aufgegangene Vollmond scheinlos -- dort das ist das Schloß
+der kunstliebenden Herren, wie kann man den Namen vergessen -- der Delius,
+auf Klettenberg -- ach! und dort aus den Linden ragt meiner Väter Schloß,
+die Lindenburg, und sein See blinkt! und der einstige Römer-Aufwurf, »der
+Zug«, grünt weit herum schon an vom Frühling. Ach, wenn nur nicht alle
+meine Väter, Mütter und ihre Freunde dort wie im Bann auf dem großen
+Kirchhofe da zu Melaten lägen, und sie erwarteten mich jetzt in ihrem
+Staat, das sollte eine sehenswürdige Gesellschaft sein, und gar erst welche
+hörenswürdige! Sie hatten die Vorliebe für alle Dörfer auf »Ich«, die sie
+nacheinander besaßen, als da sind: Fischen-Ich, Kenden-Ich, Mischen-Ich,
+Mergen-Ich, Leichen-Ich, Mettern-Ich, groß und klein Virn-Ich und zuletzt
+gar Ichen-Dorf.
+
+Sie sprengten auf den Hügel.
+
+Und einer der berühmten furchtbaren Stadtmiliz, der sogenannten »_Funken_«,
+ein alter Funke, der hier auf dem Hügel mit andern über die Arbeiten mit
+Pickelhaube und Spieß Aufsicht hatte, sah ihn lange und immer wieder an und
+frug ihn endlich doch: Gestrenger Herr, sind Sie nicht Herr Sinzenich?
+_Das_ ist blos ein Gesicht eines Sinzenich, das ich viel tausend mal, früh
+und abends, ja die Nacht im Traume gesehen. Ich war Knappe bei Euerm
+Großvater. Der alte Elias war Schäfer derzeit, und ist richtig auch in
+Himmel gefahren. Sein Sohn Elias der Zweite ist aus einem tüchtigen Schäfer
+nun berufener Scharfrichter geworden, sitzt auf seiner schönen
+Scharfrichterei wie ein Rathsherr, und sein Enkel, der Nikolas, noch ein
+junges kluges Blut, hütet wieder die Schafe um Eure Lindenburg. Ich bin der
+alte Bertram -- und Sie, _sind Sie nicht Herr Sinzenich?_
+
+Die umstehenden angestochenen Arbeiter lachten und sangen und tanzten das
+Wort um ihn herum: »Sind Sie nicht Herr Sinzenich? . . . Sind Sie nicht
+Herr Sinzenich?« . . . und selbst der Doctor lachte.
+
+Da sah ihn _der Funke_ scheel an und frug: und du, bist du nicht ein Jude?
+und trägst Waffen! und was hat denn ein Jude zu hauen und zu stechen? Her
+mit dem Schwert!
+
+Dabei stieß ihn der Funke mit der Faust ins Gesicht und riß ihm das Schwert
+aus der Scheide; der Jude stellte sich herz- und ehrentodt und reichte ihm
+auch noch die Scheide sammt der Kette.
+
+So ist's recht, du Lump! lobte ihn der Funke. Der Kaufherr aber beschenkte
+ihn klüglich und sagte: Ja, ich bin _der Raimund_, und frug ihn: Bertram,
+alter guter Bertram, mein Bruder lebt doch noch? Und die höfliche Antwort
+fiel: Bis vor einer halben Stunde; kann ich versichern. Er war hier. Er hat
+hier draußen misliche Geschäfte -- auch wegen Juden! Er wird sie Euch schon
+offenbaren! Kommt nur erst heim!
+
+Ritt er nach der Lindenburg? oder in die Stadt?
+
+In die Stadt, war die Antwort. Und so sprengten sie fort von dem Judentod
+oder dem todten Juden. Auf der kurzen Strecke bis zum Thore bot der
+Kaufherr dem Doctor, den er als ehrlichen, braven, überall hülfreichen Mann
+erkannt hatte, Wohnung mit in ihrem Hause an. Der Jude nahm es mit
+dankenden Worten, leise sprechend an: Ich starre schwer von Gold -- ich
+floh aus Spanien, vor . . .
+
+Und ich aus Frankreich, entgegnete Raimund; auch vor demselben Feinde; mein
+Geld aber habe ich durch treue Hände auf sicherm Wege vorausgesandt.
+
+Dem jungen Ritter gab er Straße und Haus an, und erfuhr dagegen von ihm, wo
+er wohnen würde.
+
+Sie ritten in das Thor, das Severinthor. Der Jude bezahlte für sich seinen
+Viehzoll, im Betrage, aus Verachtung, nur so hoch als für einen Ochsen; und
+sein Gesicht trug wieder die Todtenmaske. Die dämmerige Stadt hatte das
+Ansehen einer einzigen großen Schneiderwerkstatt; überall in den Läden der
+Straße hingen Kinder-Pilgermäntel, sogenannte Sklawinen; Pilgerhüte mit
+breitem Rande gegen Regen, Sturm und Sonne; Pilgertaschen; allerhand Fahnen
+und Fähnlein steckten aus; Schuhe und Gürtel hingen -- Alles zu vielen
+Hunderten, an ausgespannten Schnuren; tuchene Kreuze, sie sich auf den
+Rücken zu heften, als bindendes Ehrenzeichen: »der Inhaber habe gelobt: ins
+Gelobte Land zu pilgern«; wovon ihn kein weltlicher König, kein Erzbischof
+lossprechen konnte, allein der Knecht der Knechte Gottes.
+
+Köln selbst ist, wie eine ungeheure Kirche selbst, auf ein großes
+lateinisches Kreuz gebaut, welches die beiden Hauptstraßen, die schöne
+Hochstraße und die nach dem Rheine führende Schildergasse bilden, sodaß die
+Stadt in vier disparate -- damals oft desperate Theile zerfiel; und wo sie
+sich kreuzen, da trennten sich die Reiter. Der junge Ritter ritt langsam
+nach dem alten Gürzenich zu; und Herr Sinzenich mit dem jüdischen Arzt nach
+seines Bruders großem schönen, palastgleichem verschattetem Hause, in
+dessen Halle schon eine Lampe brannte.
+
+Sie stiegen ab, und während der Reitknecht die Klingel nach dem Hauswart
+zog, daß er das Thor aufthue, lehnte sich der heimgekehrte Bruder mit dem
+Arm an die geschnitzte Thür, ja er küßte das kalte eherne Löwengesicht
+daran.
+
+
+
+
+Zweites Capitel. Die Frau Rath.
+
+
+Darauf eingelassen, erkannte er sogleich den vorigen nun altgewordenen
+Hauswart und rief vor Freuden den Namen »_Hagebald_«, alter Hagebald! Er
+eilte die breite eichene Treppe hinauf, deren wie indeß noch glätter
+gewordenes Geländer die heiße Hand ihm kühlte, und ihn selbst durch und
+durch erquickte. Alte Treppe, seufzte er leise, was ist Alles seitdem über
+dich ergangen, seit ich vom Hochzeitstische meines Bruders hinweg in die
+Welt laufen mußte, weil er die schönste Jungfrau von Köln, die einzige
+Tochter des steinreichen _Wollenwebers_, die liebe _Irmentrud_, als
+Patricier den Andern allen ehrenrührig zur Edelfrau genommen, und ich wegen
+meiner losen Reden, als leidiger, kecker, vermutheter Bauchredner-Jüngling,
+schon vor das geistliche Gericht abgeholt werden sollte, als wäre ich schon
+eine _Katharer-Brut_, oder ein junger _Petrobrusianer_, die in der Stadt
+schon damals übermächtig zu werden drohten. Ich floh; aber gerade in die
+Heimat dieser freien rechtschaffenen Gemeinde. Ich _ging_ natürlich ohne
+Frau und Kinder, und _kehre_ unnatürlich von unsern Feinden beraubt, ohne
+Frau und Kinder wieder.
+
+Er stand und weinte bitterlich; und der Hauswart, der ihn weinen sah, ließ
+ihn ungehindert hinaufgehen, indem er dachte: »_Wer da weint, ist kein
+Feind_«, und kam ihm nur nachgeschlichen. Er ließ sich von ihm für den
+Doctor ein Zimmer anweisen, worein dieser ging, und trat selbst in das ihm
+bekannte Wohnzimmer, in welchem ihm seine Schwägerin, die Frau Rath,
+entgegentrat und die Anrede erwartete. Denn sie war es, seit den 18 Jahren
+stark und völlig geworden in tausend Freuden- und Gnügetagen -- aber
+_jetzt_ wie durch eine Krankheit um das Feuer ihrer großen Augen gekommen,
+um die Röthe ihrer vollen Wangen; aber dafür mit Wehmuth in den Zügen, mit
+verweinten Augen und blassen zuckenden Lippen, wie eine Bestrafte oder ihre
+Strafe Erwartende.
+
+Er streckte ihr die Hand entgegen und sprach nur seinen Taufnamen
+»_Raimund_« aus.
+
+Da fiel sie ihm um den Hals und weinte, während er sie an die Brust
+drückte.
+
+Nach langer Zeit sprach er erst: _Mein Bruder_ lebt, hörte ich draußen
+soeben erst vor der Stadt; du trauerst nicht, liebe Irmentrud; deine beiden
+Töchter leben also auch, die ich noch nie gesehen -- die zeige mir doch!
+Deine Aelteste, die nach unserer Großmutter _Frederune_ getaufte -- sie muß
+schon 18 Jahre sein, und deine Jüngste, die _Irmengard_, wol auch schon 13!
+Aber vor allem: Wo ist mein Bruder? der gute _Aldewin_, oder »alter Wein«
+-- wie ich ihn immer aus Neckerei nannte.
+
+Er sitzt nur hier nebenan in seinem Zimmer. Schweres Leid ist über unser
+Haus gekommen! Er hat soeben den letzten Bescheid aus dem Rathe auf seine
+dringende Eingabe erhalten; das Urtheil erwägt er vor seiner Lampe am
+Tische sitzend. Ich brenne, ich vergehe danach vor Neugier, als Mutter! O
+daß wir -- nicht etwa wieder glücklich werden, denn das ist uns auf Erden
+nicht mehr möglich; aber daß unsere gute Tochter Frederune nicht ganz in
+Verzweiflung vergeht, nur den Wunsch gilt es noch. Ich will die Thür ein
+Schlitzchen öffnen und sehen, ob er fertig gelesen? und ob er mir winkt?
+
+Sie ging leis und kam leis, und bedeutete ihn mit der Hand zu Geduld. Aber
+du, lieber Schwager, sprach die Frau Rath, hast uns geschrieben, du würdest
+zu uns kommen und triffst auf den Tag ein -- und auch deine angezeigten
+drei kleinen Fäßchen . . . Rosinen -- in jedem ein _kleines_ Tönnchen Gold
+-- sind schon zur See über Amsterdam richtig eingegangen und liegen dir
+drunten zum Schein nur wie ganz leicht bewahrt in den Kellern. Sei also um
+dein Vermögen nicht in den geringsten Sorgen, wie es scheint, weil du so
+nacheilst! Aber wo sind deine wahren größten lebendigen Schätze: dein Weib
+Gabriele und deine Kinder? Wir haben ihnen schon draußen in unserm Schlosse
+die schönsten Zimmer hergerichtet, und manches ihnen vielleicht erst recht
+Liebe ist noch unterwegs. Ich hoffe, sie sollen sich herzlich darüber
+freuen!
+
+Sie! sich freuen? sprach Raimund halblaut zur Erde starrend. Sie, nie mehr!
+-- Es ist jammervoll für einen Nachgebliebenen, wenn nach kurzer oder
+langer Zeit _noch ein Brief an einen Todten kommt_, der nicht mehr zu
+bestellen ist! . . . wenn ein Armer, in Noth und Elend Begrabener noch, o
+nun erst eine große Erbschaft macht . . . oder wenn ein selbst unterdessen
+gestorbener Doctor einem Sterbenskranken rasch, rasch ja die Nacht noch
+Hülfe bringen soll!
+
+Wozu ist das die ahnungsschwere bestürzende Einleitung? frug die Frau Rath,
+indem sie auf ihn zutrat, und ihm die zitternde Hand auf die Schultern
+legte und liegen ließ.
+
+Auf nichts, erwiderte er bitter und tonlos, als auf Das, was man den Tod
+nennt, oder das Schicksal, das nichts ist als böse, rasende, abergläubische
+Menschen, welche die Weltdinge in die grausame Hand nehmen -- aus Furcht zu
+bleiben und zu bestehen, und nicht selbst von ihren Feinden in die Hand
+genommen zu werden! Ja, die Meinen sind todt, mein Weib auf eine Weise, die
+einem schamvollen Weibe die schmachvollste ist, weil sie die willenloseste
+ist für ein treues Herz; -- und die Kinder mit Schwertern zu Tode gehauen
+in der Wiege, und das in der angezündeten, brennenden, erstürmten Stadt,
+die unsere Zuflucht sein sollte, und es gewesen wäre -- ohne den Verrath
+und den Misbrauch, ein wüthendes _Kreuzheer in der Heimat_ wüthen zu
+lassen!
+
+O weh, weh! Armer Mann! rief sie und frug: und wie heißt die Stadt?
+
+Sie hat geheißen »_Beziers_«. -- _Beziers_! sprach er, stellte sich
+stammhaft und aufrecht fest, und fuhr in ruhig gelassenem, aber feierlichem
+Tone fort: Sieh, liebes Weib, wer einen Streit gewinnen will, wer einen
+Feind hat, der muß ihn kennen am besten durch und durch, und dazu muß er
+sich _in ihn versetzen_, und gleichsam aus seinem Herzen und Sinn
+herausfühlen, was er will und was er kann; er muß _aus des Feindes Augen_
+sich selbst betrachten; und wenn er eine Seele hat, so muß er billig und
+gerecht sein gegen den Feind, der _sich selber_ nur der beste, zärtlichste
+Freund ist, und darum nur des Andern Feind, der zufällig oder unvermeidlich
+ihm in die Parade fällt . . . in die Perücke . . . oder in die Krone. Da
+ist nun ein bunter Schatten in Italien hereingeschwebt, aus dem
+Morgenlande, _in die Stadt_, die sonst -- wie man das abscheulich
+_kleinlich_ und albern nennt -- »der Welt« gebot, die aber erbärmlich und
+abscheulich in tausenderlei Schutt zerfallen und nur ihre alten Knochen
+noch aus der Erde streckt. Ihre Macht aber scheint den Thoren nicht
+versunken, sondern aus dem Todtenreich, ja aus der Luft noch wieder auf-
+und herzustellen in die Luft. Und das ist, von einer Seite betrachtet, dem
+Volk und den nächsten Völkern umher recht heilsam, um die hier rohen, ja
+grausamen, dort losen, dort tyrannischen oder habsüchtigen zeitlichen
+Herren derselben doch einigermaßen durch allerhand Künste und
+Vorspiegelungen in Furcht zu halten, und sie doch an _einen Schein_ des
+Rechts, des Verstandes und des Guten wie an eine unsichtbare Kette zu
+legen.
+
+Da sieht nun der redlichste _Dülpner_ ein, es braucht noch gar kein kluger
+Kölner zu sein: daß wir dem neuen Pontifex maximus -- oder den größten
+Brückenbauer über die Zeit weg in den Himmel -- ein Dorn im Auge sind, ein
+Wurm im Gehirn, ein Polyp am Herzen. Denn wenn jeder noch so lumpige
+Schacher und Schacherjude durch seine bloße Erscheinung in der Sonne der
+Nachwelt ihn und alle sein Reich geradezu vernichtet, alle Kirchen geradezu
+-- ohne nur zu hauchen -- in die Luft bläst, sodaß er ihr Todfeind sein muß
+-- so _mußte_ er es auch _uns_ sein, _um nicht etwa schon uns_ -- sonst
+ganz unschuldigen Reinen, uns Katharer in Südfrankreich, Piemont und ganz
+Oberitalien -- die wir jede Todesstrafe für ungöttlich und darum für
+höllisch und ganz abscheulich halten -- _für Menschen zu erklären_. Und
+_ohne_ Todesstrafe durch Feuer und Schwert ist er unrettbar verloren, da
+auch diese kaum mehr abschreckt, höchstens nur angestaunte _neue Märtyrer_
+macht in neuer Welt; und nur der _Geistertod_, die Geisterunwissenheit und
+Dummheit vermöchte noch einige Zeit hinzuhalten, bis das größte Wunder
+geschehen wird: »Die Sonne geht aus finsterer Mitternacht auf.« Und wo
+befinden sich, umringen ihn seine Feinde und schränken ihn ein? Etwa über
+der See? Nein, in Italien! Jenseit Roms, in Sicilien die Araber. Diesseit,
+die vielnamigen, aber Eines Herzens und Sinnes zusammen ein Volk
+ausmachenden Katharer, von denen Tausende schweigend und redlich selbst
+hier in unserm Köln ihre Zeit erwartend leben -- und an denen ich selbst
+getreue, Alles aufopfernde Freunde habe, meine liebe Frau Rath. Da er dort
+am fürchterlichsten und entschiedensten hart in der Nähe bedrängt ist --
+_denn der brennende Rock ist der wärmste_ -- sodaß er zuletzt nur mit einem
+Sprunge in den Vesuv sein Leben rettet -- oder aus dem Lande flieht, was
+ganz gewiß noch wird geschehen, wer es erlebt, da er die _Sarazenen_ aus
+_Morgen_ und die _Mauren_ aus _Abend_ zu fürchten hat, so hat er die
+Kreuzzüge unterbrochen, und einen Rettungskrieg vor den _nahen_ Feinden
+_für einen Kreuzzug erklärt -- und Er mit Recht!_ Cardinäle haben diese
+mordbrennenden Kreuzträger geführt -- darauf hat der Simon von Montfort die
+Stadt Beziers belagert, erobert und Alles über die Klinge _springen_
+lassen, selbst die alten Weiber, die auf keinem Bein mehr stehen konnten,
+und die Kinder, die es noch nicht können. Mich, mich hat nach der
+Vertheidigung bis auf den letzten Mann die bekreuzte Pilgerkutte eines
+erschlagenen Wüthrichs errettet. So sind die Schuldigen mit den
+Unschuldigen ohne Schonung hingerichtet, weil -- wie der Legat Allen zum
+Trost und sich zur Entschuldigung gesagt: »_Gott_ wird schon die Seinen
+kennen!« Das eroberte Land gehört nun seinem Eroberer, sammt den nun mit
+Schutt und Asche begrabenen Gebeinen meines Weibes, ach! meiner Gabriele
+und unserer kleinen Kinder.
+
+Armer Mann! stöhnte die Frau Rath.
+
+Ich floh, unermordet, sprach er fast lächelnd. Ich freue mich ernst; denn
+aus unbegreiflicher Kurzsichtigkeit schonte man die Auswanderer, die nun
+über die Grenze geworfenen Feuerbrände; die aber voll im Herzen
+zusammengeschossener Glut sich auswärts sammeln, vereinigen, stärken, um
+Vernunft und Muth in den Landen auszubreiten. Das tröstet mich hoch!
+Unmenschliche Thoren müssen sich selber alle zugrunde richten.
+
+Wenn sie uns, uns hier im Hause, und rettungslos erst noch zugrunde
+gerichtet; klagte jetzt die Frau Rath, und rang die Hände. Mag dir mein
+Mann unser Geschick erzählen. _Stumm_ duldet eine Mutter noch im
+zerrissenen Herzen ihr Leid; aber laut es sagen, gleichsam es gestehen, es
+beichten wie eine Anklage des Himmels, das, das kann ich nicht!
+
+Sie ging wieder die Thür leis öffnen. Sie sah lang erstarrt hinein, dann
+winkte sie blaß wie der Tod den Bruder herbei; doch ehe er kam, stürzte sie
+schreiend zu ihrem Manne und rief: Er ist todt! Er stirbt!
+
+Er eilte hinein. Die Lampe brannte hell auf dem mit einem niederländischen
+Teppich bedeckten Tische. »Der Mann und Bruder und Vater« saß daran auf
+seinem geschnitzten Großvaterstuhle und hielt mit seinen beiden
+ausgestreckten Händen steif und starr ein offenes Pergament. Sein Bruder
+Raimund, der nur kaum eine einzige Viertelstunde zu spät aus der Fremde
+zurückgekehrt war, um ihn wiederzusehen, rang die Hände über sein Haupt.
+Denn sein Gesicht bedeckte schon Todesblässe; er fing sich schon an zu
+strecken, daß der Tisch knisterte und der alte Stuhl sich rückte und
+lebendig zu werden schien; ein Zittern durchrieselte ihn, daß das Pergament
+in seinen Händen bebte. Er hatte die starren Augen noch groß und weit
+offen, und sie glänzten weiß und schauerlich. Sie wollten ihm eben brechen,
+als er des Bruders ihn anrufende, ja anschreiende Summe doch noch zu
+vernehmen schien, das Haupt noch zu ihm wenden zu wollen rang, aber kaum
+regte, ihn anstarrte, ihn anlächeln wollte, aber starb. Die Augen brachen
+ihm; der Tisch und der Stuhl knistern jetzt zum Fürchten geisterhaft;
+geisterhaft erhob sich seine Gestalt, von seinem letzten Willen
+geheimnißvoll mächtig, aber ohnmächtig emporgerissen, um ihn zu umarmen. So
+mit ausgebreiteten Armen brach er zusammen und war, was die Leute so
+nennen, ein Seliger.
+
+Der Bruder sprang hinaus und fort nach dem neuen Freunde, dem Doctor, nach
+Hülfe, wenn man den Todten noch helfen kann.
+
+Sein Weib hielt ihn treu und thränenlos in den Armen, ihre Stirn an seine
+Stirn gelegt, und empfand sich nicht, und die Welt nicht, nur ein
+namenloses Weh.
+
+Der Arzt kam, den sie nie gesehen, und der weltfremde, ernste, gelassene
+Mann war ihr der ersehnteste, theuerste Freund. Er prüfte den Todten und
+den Tod. Doch als er zuletzt mit Achselzucken mit der rechten Hand, wie
+höflich, nach unten zu wies, wie um ihn der Erde zu befehlen, da sprach sie
+leise: Er ist an Verzweiflung über die Menschen gestorben. Ach, unsere
+bittersten Feinde wohnen uns am nächsten! Was thut uns der Mann im Monde?
+der gute Kerl!
+
+Der Bruder drückte ihm sanft die Augen zu, dann band sie ihm schonend den
+Mund zu, daß er mit offenem Munde im Sarge nicht noch über die Welt
+schreien zu wollen scheine.
+
+Die Todten haben vieles zu vergeben, ja Alles, sich sich selbst, das Leben
+und die Welt, die ganze lange, lange Welt; sprach der weinende Bruder. Denn
+was man auch dagegen zu sagen sich unterstehen möchte: wäre die Welt nicht,
+dann wäre auch nie nur _ein_ böser Mensch gewesen und noch, oder würde je
+sein -- nie wäre _eine_ Thräne geflossen! nie würde in Ewigkeit ein Tropfen
+Blut fließen. _Eine schöne Sache!_ -- aber doch eine namenlos-tolle. Drum
+wollen wir doch lieber vernünftig bleiben -- oder ganz es werden, und Allen
+dazu rathen, Hohen und Niedern!
+
+Sie ließen den Todten sitzen und ihn gleichsam zuhören, da er über alle
+Welt erhaben war; sie setzten erschöpft sich an die andere, die leere Seite
+des Tisches, und das nunmehrige Haupt der Familie ergriff getrost das
+gefährliche Blatt, und mit dem derben Vorsatze: kein Narr der Welt oder
+irgend Jemandes darin zu sein, überflog er es erst mit feindlichen
+abstoßenden Blicken, um ihm seine ansteckende oder betäubende Kraft zu
+benehmen, und las dann, erst leis und sätzeweise, dann immer lauter und
+verbitterter -- _der neuen Witwe_ und dem feuerfesten neuen Freunde die
+Antwort der Behörde auf des Gestorbenen Eingabe.
+
+Sie hatten aber eine stille Zuhörerin bekommen, die in das Haus gehörte.
+Denn die jüngste Tochter des gestorbenen Vaters, welche ohne Einwilligung
+der Aeltern _das Kreuz genommen_, die dreizehnjährige _Irmengard_, war mit
+ihrer Kammerjungfer _Gaiette_ -- einem französischen tüchtigen Mädchen, das
+hier im deutschen Lande _Frohgemuth_ oder Frohmuthe hieß -- von der großen
+Procession der jungen Kreuzfahrer oder Kreuzfahrtjungen und Mädchen, die
+sie auf den Feldern vor der Stadt gehalten hatten, jetzt Abends nach Hause
+zurückgekehrt und in ihrem langen Pilgerkleide, ihrer _Sklawine_, durch das
+dunkle Zimmer der Mutter in des Vaters Zimmer getreten und auf dem weichen
+Teppich hingeschlichen sich auf einen bequemen Lehnstuhl gesetzt, die Hände
+zum Beten gefaltet. Aber die Neugier: wer die fremden Männer seien, war
+stärker als Alles, und vom Vater hatte sie den falschen Glauben, er sitze
+nur so mit verbundenem Munde da, weil er Zahnschmerzen habe.
+
+Sie hielt ihren breitrandigen Pilgerhut auf dem Schoose, und noch erhitzt
+im Gesicht von dem Uebungszuge, dem Singen und dem Weinen mit der zahllosen
+Heerde von Knaben und Mädchen ermüdet, saß sie in ihren Locken, zum
+Verwundern zugleich und zum Kopfschütteln sonderbar und doch hübsch, wie
+eine aufbrechende Blume des Himmels in Menschengestalt mit Armen und Beinen
+und Nase und Augen und Ohren auf Erden, wie eine Novize der Heiligkeit da,
+der die Locken noch nicht abgeschnitten sind und deren Lippen noch Keinem
+einen Kuß gegeben haben, aber dem Kusse entgegen brennen mit aller
+Menschen- und Mädchenglut.
+
+Und so hörte die junge Irmengard, was ihr noch nie gesehener Oheim Raimund
+mit erschütterter Seele erst selbst erfuhr, indem er las, und zögernd Das
+aussprach, was überhaupt erst dadurch wahr zu werden schien, daß er es
+aussprach:
+
+ -- -- -- »Bescheid des Rathes der Hohen
+ Zehner hiesiger freien Reichs- und Hansestadt, &c.
+
+ -- »Leider und abermals leider ist das Unglück,
+ wie der leidige Satanas, eine so freche
+ Person, die sich erdreistet, mir nichts dir nichts
+ höchsten und hohen Personen wie Allergemeinsten
+ und Aermsten an ihr Habe und Gut, ja
+ an ihr Herz zu greifen und unser pflichtmäßigstes
+ Bedauern, daß das in unsern Zeiten allerschmählichst
+ und redlich geschmähte Unglück auch
+ Euch, Ihr biederer Herr Rath und unser ehrbarstes
+ Mitglied selbst, in Eurer Tochter das
+ Herz uns gebrochen und im Leibe zerrissen, ja
+ zermalmet hat. Weswegen wir Euch gebührendermaßen
+ bedauern, da wir Euch nicht helfen
+ können, ja nicht wollen, weil wir nicht wollen
+ dürfen; _ausgenommen wir leugneten die
+ Schöpfung der Welt, Sündenfall und
+ Erlösung, und hätten wenig, ja keine
+ Furcht vor einem Weltgericht,_ das Gott
+ uns Allen gnädig gebe! Amen.
+
+ »Weswegen wir Euch denn unsere gerechte
+ Freude bezeigen und Euch hochbeloben, daß Ihr
+ in Eurer -- hoffentlich letzten Eingabe bescheidentlichst
+ gar nicht mehr «_um das Leben_»
+ Eurer verlorenen, ja schon vorläufig verfluchten
+ _Tochter_ Frederune bittet, sondern blos, zugleich
+ als menschlich oder teuflisch nicht ganz zu
+ leugnender _Großvater_ von mütterlicher Seite,
+ nun ihren leider nicht ganz zu leugnenden Mutterwunsch
+ gottergebenst uns vor Ohren bringt,
+ daß an dem zu Gottes Ehre angesetzten heiligen
+ Tage der _Hurd_: ihr armes Würmlein, ein
+ Knäblein oder ein Fräulein, oder so Gott so
+ gewollt: gar Zwillinge noch im Mutterleibe noch
+ und schon mit verbrennen müssen, ohne noch
+ schreien zu können; ihr aber zur unnatürlichsten
+ oder natürlichsten Qual, ja Verzweiflung, indeß
+ _wir zu unserm Heil nichts mit der Natur
+ zu thun noch zu schaffen haben_, also
+ nicht zugeben können noch wollen, weil wir,
+ wie besagt, nicht wollen dürfen, auch wenn wir
+ wollten, und unsere Weiber daheim uns mit
+ Thränen gefleht, ja bedroht haben aus weiblicher
+ Schwachheit; weil ja Eure Tochter _alsdann_
+ sogleich auf der Stelle verbrannt sein wolle
+ mit ihrem Galan, _wenn und sobald sie nur
+ das Kind geboren, gesehen, zum Himmel
+ gehoben und redlich, ja über die Maßen
+ beweint_; ja auch stillschweigend erdulden wolle
+ und müsse, daß es _nach seiner Geburt_ auf den
+ Armen seines Vaters im Rauch ersticke und die
+ kleinen Gebeine des armen Würmleins, des armen
+ Ururenkels der naschhaften Eva mit zu Asche
+ verbrannt werde, weil ihm die böse sündige Welt
+ seinen Tod sogleich zugleich an den Anfang seines
+ Lebelchens gesetzet.
+
+ »Diese entsetzliche Bitte ist aber die allerungewährbarste
+ und wird der Mutter hierdurch ehrenfest
+ abgeschlagen, welches Ihr derselben in
+ Person zu verkünden und zu ihr in Kerker zu
+ gehen, hierdurch Vergunst haben sollt, um sie
+ von der Sündhaftigkeit solcher Bitte zu überführen
+ und wo möglich ihre Seele zu retten,
+ _wenn der Glaube die alberne Natur von
+ ihr austreibt_. Darum überwindet Euch zu
+ dem Gange eines rechtschaffenen Vaters und
+ _halb nicht zu leugnenden Großvaters_
+ und Rathes!
+
+ »Denn wäre das Kind _nicht_ eines, wenn
+ auch noch so schönen, reichen und ehrlichen, wenn
+ man so zu sagen sich herausnehmen dürfte: --
+ aber doch _Juden_ Kind, so hätte das Mal
+ nichts mehr, als tausend andere Mal zu bedeuten:
+ es wäre ein richtig eingeschriebener Himmelsbürger
+ oder Bürgerin, und sie nur eine
+ voreilige Mutter, die gegen Buße und Reue
+ noch ein »vergebenes« Weib sein könnte. Aber
+ ein Judenkind von einer Christin ist die allergrößeste
+ Blasphemie, eine geistige Unnatur, ein
+ Kobold der Hölle, ein ver- und behextes Meisterstücklein
+ des Teufels, ein sichtbarer Misbrauch
+ der Kräfte Gottes mit Händen und Beinen,
+ wogegen sogar ein pures Judenkind noch ein
+ pures Engelein ist, verzeih' uns die heilige Mutter
+ Gottes!
+
+ »Drum muß diese Misgeburt mit verbrennen,
+ und muß ihr im Leibe noch lebendig mit verbrennen,
+ damit Natur und Mutterherz durch
+ unbeschreibliche Angst sie zur Erkenntniß ihrer
+ unverzeihlichen Sünde zur gnadenerwerbendsten
+ Reue bringt, und aus den Flammen sie rein in
+ den Himmel eingeht -- _wenn noch!_
+
+ »Wir haben zwar hier wie in allen Städten
+ am Rhein seit schon lange niemals ermangeln
+ lassen, Hurde zu feiern, zu unserer Bezeigung;
+ wie die vielen alten schwarzen Kohlen auf unserer
+ Schädelstätte beweisen; aber in diesen neuesten
+ und letzten Zeiten bedarf die Religion, wie
+ eigentlich immer, einer tief und sichtbar eindringenden
+ Erfrischung! Denn was die Augen sehen,
+ das glaubt das Herz. Und so bleibt die
+ Hurd festgestellt auf den Tag vor Carneval,
+ zur Erfrischung der Seelen; und erfrischet auch
+ Ihr Euch daran, wie wir Alle.
+
+ »Gegeben den 10. Hornung im Jahr seit
+ Erschaffung der Welt im 5,161sten, oder nach
+ der neu eingeführten Jahreszahl seit Geburt
+ unsers Herrn im Jahre 1212.«
+
+Wie die Mutter so über den Tisch gebeugt lag mit dem Gesicht auf den Armen,
+ohne vor Schrecken und Jammer nur eine Thräne vergießen zu können -- wie
+Raimund, der Bruder des Todten -- wenn ein Todter noch Bruder, Schwester,
+Vater und Mutter und Kinder hat und gehabt hat und noch haben kann anders
+als dereinst einmal vorher im wachen Leben gehabte Träume -- als der Todte
+mit blassem Gesicht und vor der erbärmlichen Welt geschlossenen Augen starr
+dasaß -- und indem der jüdische Arzt halb ingrimmig, halb lachend über die
+kindische Erde erhoben, durchdringend sann: wie da noch zu helfen sei, ja
+selbst durch die äußersten Mittel; indeß hatte sich die junge Tochter
+Irmengard, die sich zum Kreuzzuge der Kinder geweiht, erhoben, war wie eine
+junge Dämonin -- um für die besondere Sache ein besonderes Wort zu
+gebrauchen -- bis an den Tisch getreten, legte jetzt ihre Hand auf den Kopf
+ihrer Mutter und sprach erzürnt: Also Mutter, du hast mich belogen! Meine
+Schwester ist nicht nach Aachen gereist, sondern sitzt -- und weswegen! --
+im Kerker der schwersten Todsünde schuldig, und unrettbar . . . das freut
+mich im erleichterten Herzen -- denn sie ist meine Schwester nicht. Denn:
+wer ist meine Schwester? Und du bist meine Mutter nicht, wenn du eine
+Thräne über sie weinst! Denn: wer ist meine Mutter? Und der Mann da, der
+seine solche schuldige Tochter der so gnadenvollen seelenheilsorgenden, ja
+doch blos zeitlichen Strafe der heiligen Kirche entziehen will, also die
+Schuld und die Strafe, sich empörend, nicht anerkennt, der ist mein Vater
+nicht! Denn: wer ist mein Vater? Was ist er?
+
+Er ist todt, ein heiliger Todter! ein Vater! ihm thut kein Zahn mehr weh!
+riefen Alle voll Grausen zugleich sie an.
+
+Die begeisterte Irmengard schwieg plötzlich, schien gerührt zu werden, da
+sie den guten Mann anstarrte, und dennoch aus innerm grauenvollen Trotz ihr
+Wort wiederholen zu wollen die Lippen öffnete, indem sie die Hand mit der
+Geberde des Abscheus gegen den Todten ausstreckte.
+
+Alle sprangen auf. Raimund faßte sie mit beiden Händen in den Haaren, hielt
+sie starr fest, die ihn ruhig und lächelnd ansah, als er nach treffenden
+Worten im Geiste suchte und endlich nur hervorstürmen konnte: Du
+vertauschtes Teufelskind! Du auch kein Kind! keine Tochter! Du Molch aus
+der Hölle! Drauf riß er sie an den Haaren nieder auf die Knie vor die
+Mutter, und dann auf die Knie vor dem todten Vater, dessen kalte Hand er
+ihr auf das Haupt legte, zum Zeichen: er habe ihr vergeben. Dann riß er sie
+fort und stieß sie hinaus, und schloß die Thür hinter ihr zu. Aber sie
+donnerte mit den Fäusten daran, daß Allen der Athem verging, sie stumm sich
+ansahen, dann schamvoll über sie zur Erde und falteten die Hände.
+
+Da trat Raimund an die Thür und rief ihr zu: O du rasendes armes Kind; o
+wisse: Niemand lebt, der nicht in jede Schuld verfallen kann . . . hüte du
+dich nur, daß dich nicht ein Anderer verführt, -- ja daß du dann dein Kind
+nicht ermordest aus verzweifelnder Ehre: unschuldig zu scheinen! Du alberne
+junge, noch pipende Gans, du weißt es nicht: _wer etwas verwünscht, der
+steht dem Verwünschten näher als Alle, die es gelassen empfinden._ Haß und
+Verwünschung richten nichts aus, als sich selbst nur zugrunde. Doch was
+weißt du armes verdreht gemachtes Schaf, und sehr richtig und tüchtig
+verdreht, das muß man mit Thränen in Augen gestehen! -- Doch dies mein Wort
+das soll dir keine Prophezeiung sein, nur eine Bitte um Schwester- und
+Mutterliebe.
+
+Der jüdische Doctor aber sprach: Da ist doch Moses ein anderer Mann; und
+sein Gebot: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter lieben und ehren«, ist
+das erste und letzte allen natürlichen Menschen, und wird die Welt
+ausdauern selber bei wilden Thieren, Bären und Löwen, und Kühen und
+Kälbern. -- Und wenn, was Gott verhüten möge und zu verhüten versprochen
+hat, daß die Welt noch einmal losginge, so würde das Gebot als das Erste
+aus der Erde wieder aufwachsen in Schlangen und Geier und Alles was kreucht
+und fleugt. -- Ihr armen Leute! _Der Lichtwerth unserer Erde ist noch wenig
+werth_; sag' ich dazu als Astrolog.
+
+Die Mutter aber ging zu ihrem gestorbenen Manne, beklopfte ihm Haupt und
+Schulter mit der Hand, küßte ihm die Stirn und sprach dann: Wie gut haben
+es doch die Todten! Hier den Vater rührt solch Grauses nicht einmal zu
+einem Seufzer! Und über den ich nicht Thränen fand, den muß ich schon
+segnen -- den Todten! Und wie viel wird er noch verschlafen! O, es ist auch
+ein Großes todt zu sein und sich nicht zu empfinden oder die Welt; denn
+fühlten wir Menschen die Welt noch, wären wir da selig? O Zeit, zu welchen
+bittern Qualen und unnöthigen Worten zwingt uns das liebe leidige Leben.
+Wann habe ich glückliches, ruhiges, einfaches, ja albernes Weib, wie mein
+weiser Mann und Rath mich oft nannte, je solche Dinge überhaupt oder nur
+für Andere erträumt, die ich erlebt und noch erst recht erleben soll! O
+meine arme Frederune! und gar erst meine arme Irmengard! . . . Mir hat
+einmal ein unglücklicher alter Mann gesagt, den ich trösten und beschenken
+wollte: »Mein gutes Kind, sagte er, da sagen sie, ohne daß es Einer gesehen
+hat: Gott hat die Welt geschaffen -- glaube es, wer es will und kann, ich
+weiß und sage: _Gott hat die Welt geweint!_ und die Sterne sind dir
+schimmernden Thränen aus seinen Augen, und so unzählige -- er muß lange und
+viel geweint haben, oder er weint noch schweigend immer fort.« Den Mann
+versteh' ich erst heut, und glaub' ihm noch morgen.
+
+Die Mutter war darauf ihrer Tochter, die darum immer ihr Kind noch war,
+weinend nachgegangen. Die Tochter war ihr zu Füßen gefallen, und hatte ihr
+geschworen, sie werde im Heiligen Grabe zu Jerusalem für den armen Vater
+beten! Und die Mutter hatte das angenommen, um sie zu schonen; denn sie
+fühlte ihr an, daß sie krank war, sehr krank im Kopf und darum auch im
+Herzen, und beruhigte sie in der Hoffnung, daß _sie_, als ihr letztes Kind,
+sie nun doch nicht verlassen und hingehen wollen werde -- wo sie nicht
+hinkommen, nur umkommen werde.
+
+Aber Irmengard frug sie dagegen nur: Kann ich und du nun in der Schande mit
+Ehren hier bleiben? Komme du selber auch mit! Denn wie viele arme Weiber
+haben auch das Kreuz genommen! Und selber alte, die sich getrauen doch mit
+uns Kindern fortzuwatscheln und zu humpeln. -- Und die Mutter schwieg. Aber
+sie bestellte durch den Hauswart die Brüderschaft, die das Begräbniß
+besorgen, aber sogleich _den Sarg_ herbringen sollte, um den Todten, den
+das Volk aus Mitgefühl für einen Selbstmörder halten könnte, wenn auch
+gerade für einen redlichen Vater -- die Nacht noch hinaus auf ihr Schloß
+nach der Lindenburg zu tragen oder zu fahren; sie werde ihn begleiten.
+Irmengard komme mit. Von dort aus wollten sie ihn still in ihre
+Familiengruft nach Melaten begraben.
+
+
+
+
+Drittes Capitel. Der Rath.
+
+
+Raimund hatte seinen neuen Freund mit auf sein Zimmer genommen, und die
+flinke Gaiette hatte ihnen Rheinwein, grüne Becher und einen Teller
+Carnevalgebäck dazu hingestellt.
+
+Sie gingen Beide gegeneinander auf und ab und blieben zu Zeiten in der
+Mitte stehen, noch ohne zu reden, nur zu trinken vor erduldeter
+Tageserhitzung und der Erregung des Abends, während das Carneval
+eingelauten ward, und das lustige Volk durch die Straßen schwärmte und
+sang. Dem hörten sie so eine Weile zu -- als sei das die Welt.
+
+Endlich sprach der Arzt zum Kaufherrn: Wir sind Zwei, und Ihr habt zwei
+Aufgaben zu lösen, schwere, schwere: Eure zwei Mädchen da zu erlösen, die
+ältere vom Tode geradezu, und von welchem? . . . die andere vom Kreuzzug,
+also so gut auch wie vom gewissen Tode. _Aber die Kinder sind angesteckt._
+Es ist nur Feuer in sie angelegt. Sie sind _krank_ -- weiter nichts als
+_krank_. Uebernehmt Ihr die ältere zu _retten_, ich will die jüngste
+übernehmen zu _heilen_, und mit der stärksten Hoffnung nicht nur, sondern
+mit Zuversicht. Denn sagt nur kurz: seit wann sind erst Menschen nach
+Jerusalem gezogen? Immerfort seit Erschaffung der Welt? Oder meint Ihr,
+ohne rasend zu sein, daß Menschen alle Jahrtausende noch hinziehen werden
+-- bis, wie Eure Frau Schwägerin von dem armen Lebensleider gehört: die
+Welt _ausgeweint hat_ und die Augen zugeschlossen. Das ist nur ein
+»raptus«, eine geistige Witterungskrankheit, eine Ausbildungskrankheit des
+Menschen, wie die Kinder am Zahnen leiden und sterben. Die selbst in der
+Ausbildung begriffene Erde hat bekanntlich die ihr angestammte Pest -- den
+Tod. Die Erde ist immer so still krank und hat ihre Krankheiten, die ihr
+aus dem Bauche kommen; sie hat die Wassersucht und die Feuersucht, wie die
+Sündfluten und die Erdbeben, Fieber und Erbrechen von Steinen und
+entzündetem Lavablut, uns höhern Aerzten bewiesen. So leiden die Menschen
+hier und da Alles mit der Erde, jetzt _Dies_, zu andern Zeiten _Das_, bis
+sie platzt. Für die Menschen aber besonders theile ich die Krankheiten ein
+in Kopf-, Oberleibs- und Unterleibskrankheiten; und der Bauch, _aus dem die
+Träume kommen_, spielt gerade die größte Rolle. Darum muß dem Bauche
+geholfen werden, damit sie nicht zu Kopfe steigen. Wie viel plötzlich
+ausbrechenden Wahnsinn, wie viel Versetzungen der Menschen in sinnlose
+Dinge haben alle Aerzte schon leicht im ersten Anfall gehoben, sodaß sie
+mit Recht und zum Heile verworrener Köpfe jetzt den Muth haben, Menschen zu
+heilen von irgendwelchem Glauben, wie mir ein anderer jüdischer Arzt in
+Spanien beschworen hat, daß er unzählige Sarazenen, Mauren, die vor
+Sehnsucht, ja Wuth nach dem Heiligen Grabe wiederum _ihres_ Propheten zu
+pilgern . . . und von Mekka auf zeitlebens -- und _nach ihrem Tode_ also
+damit zugleich -- _ohne Rückfall_ glücklich curirt hat. Und da, wie ich
+höre, Ihr alsbald nach der Lindenburg hinauszieht -- so laßt mich mit; ich
+will Euch die kranke Irmengard heilen, und am liebsten mit mehren Kindern
+zugleich in Gesellschaft; und will heimlich mir kranke Kinder werben gehen,
+deren Aeltern den Tod derselben sonst vor Augen sehen, und ihr ganzes
+Vermögen darum gäben, sie zu Hause behalten zu können, und sie nicht halten
+dürfen! Die ganze Geschichte ist nur eine Krankheit, die mit _Thränen_ über
+Andere beginnt -- und wenn die Kranken erwachen, mit Thränen über sich
+selber erlischt und in Reue und Beschämung erstickt -- und doch sind die
+Kranken unschuldige Leute, wie alle Kinder unschuldig an ihrer Geburt.
+
+Sein Freund lächelte und sagte ihm: Thut Das, was Ihr um unsere Irmengard
+thun wollt; denn Euere Rede ist nicht ohne Grund der Erfahrung. Aber wie
+helfe ich der andern Schwester? Das letzte Mittel wäre -- Gift.
+
+Die arabischen Aerzte, jetzt fast allein noch erst die vernünftigen auf der
+Erde, sprach der jüdische Doctor, haben ein Gift, wenn man es mit dem
+widersinnigen ungerechten Namen beschimpfen darf, das _fühllos_ macht,
+selbst wenn man die Hand, das Gesicht, oder die Nase nur, in Feuer steckt
+-- das würde sie also schmerzlos in Flammen sterben lassen oder zuvor im
+Kerker; aber eben »_sterben_«, das will sie weder jetzt im Kerker, in
+welchen Ihr laut des christlichen Decrets freien Zutritt habt, noch in der
+Hurd auf dem Hügel da draußen, _bis_ sie ihr Kind geboren, um welches sie
+als heilige Mutter des Himmels und der Erde ihr Leben gibt -- sie will nur
+mit dem Menschenkinde _an ihrem Theil die Welt mit geschaffen_ und mit
+_geweint_ haben -- dann hat _sie ihren_ Evatheil erfüllt, und will dahin,
+begraben und vergessen sein wie Eva, und Der, der sie und ihren Namen
+erdacht hat. Denn kein Mensch hat damals oder jemals gesehen, wie Gott der
+Herr, oder die Elohim die Welt, die Erde und das liebe Paradies erschaffen
+und den Baum des Lebens, aber auch den Apfelbaum und die Schlange darein
+gesetzt. Darum versucht Ihr die Erlösung _mit Gold!_ Die Gelegenheit für
+Gold ist immer, Tag und Nacht, und jetzt in der tausendjährigen Nacht, zu
+jeder Stunde.
+
+Ich will mit Freuden ein Faß große Rosinen daran setzen, rief der Kaufherr
+freudig; das heißt, erklärte er leiser dem Freunde: ein Fäßchen Gold, ja
+das zweite; mit dem dritten bin ich noch zwei reiche Männer. Der Handel hat
+mich gesegnet und ich habe noch ein Schiff in See. Auf! Gleich fort! Man
+kann nichts Nötiges Zeit genug thun; oft eine Stunde zu spät bekommt man
+nicht mehr, was man bedürfte . . . ist der Mann nicht mehr da, der uns
+hülfe! -- Da steht man bestraft für die Saumseligkeit, die Mutter der
+Versäumniß. Darum gleich fort in den Hansesaal unserer reichen Stadt Köln,
+der mächtigen Stadt, einer alten Stadt, in Wahrheit schon vorher herrlich,
+ehe man noch _Anno Eins_ schrieb, welche Einführung alle Chroniken erst
+recht verworren und finster macht, und vor der Hand und noch lange alle
+Contracte. Und mein Köln -- sammt seinem ganzen Weichbild mit _Städterecht_
+-- es baut jetzt 300 Schiffe und ist Stapelort der weit mächtigen, innig
+verbundenen Hanse. In ihrem Saale hören wir von Fremden aus allen Landen
+und von den einheimischen Männern -- Ihr von Euern reichen klugen Juden,
+und ich von meinen ehrenwerthen Unglaubensgenossen, alles uns Nützliche --
+den Stand oder die Lage der Dinge. Dem Kaufmann, dem ist die Welt mit allen
+geistlichen und weltlichen Dingen nur ein Handelsartikel, nur eine
+Kaufhalle vom alten heidnischen Gott Mercurius, der aber selbst _kein_
+Heide war, da er ein Gott war. Und obendrein heut', als am Sabbath, ist
+alter Versammlungsabend; die Sonne ist unter, und der Mond erleuchtet die
+Straßen.
+
+
+
+
+Viertes Capitel. Der Saal der Hanse.
+
+
+Als sie nun hinaustraten, mußten sie vor Ueberraschung stehen bleiben und
+hören. Ein dumpfes Getrampel ließ sich vernehmen, ein dumpfes Gerufe, ein
+Gesumm und Gesaus und Gebraus; viel tausend Stimmen durch- und ineinander,
+aber alle als ein einziger Hall, wie von gedämpften Instrumenten, ein
+kicherndes Lachen von Fröhlichen, die sich den Mund zuhalten.
+
+Das sind Masken! sprach Raimund zu seinem Begleiter; das hört sich an wie
+ein verschlossener Hühnerstall. Das erinnert uns, in einem Laden auch
+Masken vor unser Gesicht zu kaufen.
+
+Sie drehten und wandten sich langsam durch das fröhliche Volk, fanden bald
+einen Laden, bemasketen sich und gackerten sich auch einen Augenblick an,
+von der Lachkrankheit angesteckt, wie der Doctor sagte, und um sich an
+ihren ganz anders klingenden Stimmen wiederum zu erkennen. In einem
+Spezereiladen kaufte er dann zu der morgen des Tages gleich vorzunehmenden
+Cur ein kleines Paket von seinem Hauptmittel, der Basis, das er zu sich
+steckte, und einen halben Centner »Adjuvans«, das er bezahlte und
+versprach, Morgens Sonntags früh gleich abholen zu lassen. Er kaufte zur
+Verwunderung so viel, weil viel tausend Patienten waren, von denen er sich
+zahlreiche Kunden versprechen durfte.
+
+Wieder auf der Gasse, hörten sie in der Ferne mit Erstaunen die Glocken auf
+den Thürmen schlagen, aber ohne Maß und Takt, wie von mächtigen
+Schmiedehämmern oder Posseckeln, . . . die Glocken schlugen nicht, sondern
+sie wurden geschlagen -- zerschlagen. Näher hinzugeeilt, hörten sie an der
+nächsten Kirche die hohen Fenster mit Steinen einwerfen, mit Pfeilen und
+Bolzen von Armbrüsten und Rüstungen einschießen, daß sie droben gellten und
+die zerschmetterten Scheiben drunten auf den Steinen zerklirrten; und nach
+jeder solchen Salve scholl ein Gesammtlaut auf, wieder wie aus einem
+ungeheuer großen Hühnerstall, was deutlich anzeigte, die dumpfen greulichen
+Schreier schrien und lachten und krähten aus Masken.
+
+Das ist Meute! Das ist nicht Lust, das ist Schadenfreude! sagten die
+Freunde zueinander. »Das sind die furchtbaren Wollenweber!« sagte eine
+Stimme eines Vorüber- und zu dem Aufruhr Eilenden.
+
+Ein anderer kam, schon weislich entflohen, von dem gefährlichen Orte
+zurück, und sagte zu den furchtsam und müßig Dastehenden: Sie sind mit
+Waffen maskirt; Helme quirlen sich unter der Menge, Spieße erheben sich und
+Hellebarden -- da sind denn auch unsere »_Funken_« dabei, die die Stadt und
+was drinnen ist beschützen sollen. Aber andere Funken wehren auch wieder
+selbst den Andern. Das verspricht dem Dinge ein baldiges Ende, wenn auch
+durch erbärmliche Schläge und Beulen und Wunden.
+
+Ein Carnevalspaß muß sein! riefen Andere, aber nicht muthig, sondern mit
+Angst.
+
+Und unter weiterwährendem Toben und Brausen, dem Fensterzerschmettern und
+Klirren und dem Glockenzerschlagen auf den Thürmen, eilten der Kaufherr und
+der jüdische Doctor mit seinem Heilgift aus dem Gedränge, das je ferner je
+dünner ward, nach dem großen, über tausend Menschen fassenden Hansesaal im
+Rathhaus.
+
+Sie gelangten mit Mühe nur schon vor den Saal, dessen Thüren weit offen
+standen, und der große Raum stand vollgedrängt von Menschen. Vor ihnen
+drängte sich ein starker vierschrötiger Weinkärrner hinein, der rief: Hoho,
+hier kann ja kein Apfel zur Erde, geschweige ein Kürbis, und wenn
+eintausend von der Decke fielen, da wären wol dreitausend Kürbisköpfe
+darin. Hier kommt man nicht mit Füßen, nur mit Elnbogen hinein.
+
+Und diese setzte er sogleich an, und hinter ihm in der Lücke gelangten sie
+mit hinein bis in die Mitte. Sie stellten sich auf die Zehen und sahen bei
+dem Scheine der vielen Kronleuchter an der Decke und der blitzenden
+Wandleuchter, daß an mehren Tischen dahinten doch Männer saßen, dicke und
+wohlhäbige, die ganz gewiß schon vorher bequem hineingegangen sein mußten.
+Alle waren in lebhaftem Streit. Einer erzählte, was draußen geschehen, noch
+geschehe, und gar erst die Nacht geschehen könne oder würde. Ein Anderer
+schaltete Nachrichten oder Ergänzungen ein. Viele widersprachen auf ein mal
+zugleich, und noch Andere erklärten den bloßen -- so Gott will -- »Pfutsch«
+-- sich viel oberflächlicher, dagegen dort ganz Weise und Tiefsinnige die
+Sache sich weiser und tiefer. Darauf schwiegen durch Zufall Alle zusammen
+zugleich, und die Pause ward durch ein schallendes Gelächter erfüllt.
+Danach versicherte ein Judenfreund oder -Feind: das Ende vom Liede werde
+sein, daß man einige, gewiß bei Allem neugierige Juden scheinbar bei der
+That ertappen, ergreifen und einstecken würde, für deren Freistellung ihre
+Leute die Kirchenfenster würden machen lassen und die Glocken umgießen
+müssen.
+
+Gut, daß das nicht alberne prasselnde Schloßen gethan haben oder die
+himmlischen Blitze! Was würde man mit denen allerhöchsten Personen thun? --
+Da ist es mit dem Einstecken nicht recht richtig und mit dem Bezahlen so
+eine Sache! rief eine stämmige Maske zu allgemeinem Gelächter darein,
+soweit man ihn gehört.
+
+Du, vergreif dich nicht an Kirchensachen und an unschuldigen Kindern! sowie
+jetzt unsere Herren Kanzelredner seit Sonntag die ganze Woche in den
+Morgen- und Abendpredigten sich aus Menschenverstand und wahrer Seelen- und
+Leibes- und Lebensvorsorge an den _jungen Kreuzfahrern_, oder
+Kreuzfahrjungen und -Mädchen vergreifen, und an den _alten_ armen Weibern,
+die unterwegs sich _besser_ Brot erwarten, oder überhaupt nur welches, und
+wo möglich hoffen, gerade im Heiligen Grabe zu sterben. So rief ein
+Anderer, dem ein anderer Narr mit der Pritsche »auf das lose Maul« schlug,
+sodaß er schweigen mußte vor Lippenblutspucken, während ihn ganz anders
+Gekleidete in weißen Masken kichernd und bellend und miauend auslachten,
+von denen Einer nachher nur halblaut sprach: Der »Dülpner« hat es
+getroffen! Dasmal geht es _gegen_ die Vernunft der Geistlichen, die Recht
+haben, _wider_ den Kinderkreuzzug zu predigen. Was man alles erlebt: brecht
+ab! laßt das Wort fallen und zerstreut Euch im Saale!
+
+Und sie folgten langsam und unauffällig.
+
+Da brachten vier bewaffnete »Funken« einen verwundeten Mann in den Saal
+getragen, »englisch«, wie man es nennt, auf Händen. Der Mann in
+prachtvoller Narrenkleidung hatte keine Maske vor, sowie die Meisten im
+Saale keine, aber sein Gesicht sah doch wie eine Larve aus mit der dicken
+zerschlagenen Nase, geschwollenen Lippen und übel zerzausetem Bart. Alle
+erkannten ihn dennoch sogleich und schon an dem Wappen der Familie seines
+Herrn, Sr. Gnaden des Erzbischofs, in dessen Palast man vor Gedränge den
+armen Mann nicht hatte bringen können. Wo er vorübergetragen wurde, machten
+sie ihm eine Gasse bis an die hintersten Tische, woran die Herren saßen,
+und alle erkannten ihn und riefen ihm im Vorübergetragenwerden zu: Ach, du
+unser redlicher lieber Justus Jost! da bist du einmal »stultus in partibus
+Insanorum« gewesen! Du hilfst gern Allen; das ist auch eine Thorheit. »Die
+Klugen haben am meisten zu lernen; die Dummen brauchen nichts zu wissen.«
+
+Die beiden Freunde gelangten hinter dem armen Mann her, und Raimund mit
+besonderm Interesse und aufsteigender guter Hoffnung. Denn der Jost, und
+richtig auch _Justus Jost_, war sein treuer lustiger Kamerad in der
+lustigen Jugend bei allen klugen und dummen Streichen gewesen, und hatte,
+wie er sah, sein vortreffliches Brot und das ehrenvollste wichtigste Amt
+durch seine höhere eigenthümliche Ausbildung gefunden, was Andern mit allem
+Ernst und aller Ernsthaftigkeit nur schwer oder selten und erbärmlich
+gelingt.
+
+Einige der Herren standen sogar auf vor ihm, bedauerten und fragten ihn,
+was ihm fehle -- und er zischte: O, ich _habe_ es noch! Alles! und zeigte
+ihnen ein paar ausgeschlagene Zähne, und betupfte die Nase, und legte die
+Hand auf die Brust und sagte: ein folgsamer unschuldiger Stein traf sie mir
+nur! was will ich da sagen, als: memento mori! Und er lächelte mit dem
+entstellten Gesicht sehr freundlich und setzte noch hinzu: Auch die Welt
+sprech' ich schuldlos, und gar erst nun _den Willen der Dummen_ kann ich
+nicht schuldig finden vor tiefstem Mitleid. Dummheit verdient nur die
+grausame Strafe, klug zu werden.
+
+Diese Narrengesinnung rührte seinen Jugendfreund Raimund, daß er zu ihm
+kniete, seine Hände faßte und drückte, ihm klar und hell in das Gesicht
+sah, und ihn frug: Mein Jost, mein Justus Jost, kennst du mich noch?
+
+Ach du! Du! du kommst noch zur rechten Zeit -- noch vor Morgen! sprach
+Jost.
+
+Morgen will ich ja zu dir kommen und zu wann vergönnst du es mir? Ich habe
+dich Schweres zu bitten, sagte ihm Raimund leiser.
+
+Ich weiß, ich weiß, antwortete ihm Jost. Aber da muß ich dich bitten: komme
+früh! das hat so seine _sterblichen_ Ursachen! Nun habe ich dich doch
+wiedergesehen -- dich losen guten Schelm! Ein Jeder hat seine letzte
+Freude.
+
+Darauf hielten sie sich an den Händen stumm.
+
+Der jüdische Doctor aber rieth, wenn er sich erholt und die Straße ohne
+Gefahr worden, ihn in den erzbischöftichen Palast zu bringen, daß ihm Hülfe
+geschehe.
+
+Die vier bewaffneten »Funken«, die ihn hergetragen, und Andere, die ihnen
+gefolgt waren, sperrten indeß durch ihre Stellung den Kreis, wo die Herren
+saßen, und wo es nun stiller ward, indeß es ferner im Saal noch Gewirr gab.
+
+Nun was meint Ihr, lieber von Hompesch, zu dem Angriff auf die Kirche? da
+das Volk damit den Geistlichen glaubt an die Seele zu greifen; denn ohne
+Kirchen keine Kirche, ohne Hausrath kein Haus, ohne Geschäfte darin kein
+Leben, »das« ist keine ganz alberne Meinung; was meint Ihr, da Ihr gerecht
+und billig seid gegen Freund und Feind? So fragte ihn ein anderer vornehmer
+Patricier.
+
+Ich meine, lieber Riedesel, erwiderte der stattliche gediegene Mann, unsere
+Geistlichen hier zur Stadt wie umher zu Lande sind mir bewundernswürdige
+redliche Leute, die ihre Pflicht, dem Volk zu helfen und zu allem Guten
+seine Diener zu sein, selbst mit Gefahr, dafür Leiden zu ernten, unverzagt
+erfüllen. Das zeigen sie klar daran, daß sie jetzt in den Häusern von dem
+Kinderkreuzzug abreden, in den Kirchen davon mit Thränen abpredigen, und
+wagen damit selbst ihr Verbleiben in der Stadt -- damit nicht die wol
+zwanzigtausend Kinder[A] aus dem Rheinland und drüben aus dem nächsten
+Deutschland, -- den Vätern und Müttern zum Gram in weiter nichts als
+unermeßliches Elend rennen!
+
+[Fußnote A: _Sicardi Chronicon._]
+
+Da sind aber Andere, die obschon gläubigen, zahlreichen, mächtigen
+Wollenweber oder Tuchmacher und Tuchknappen, die klüglich und vernünftig
+selber ihre Kinder zu Vernunft prügeln, die sie einsperren, um sie nicht zu
+den Umzügen und Processionen der Kinder laufen zu lassen, die sie zu fernen
+Anverwandten und Freunden, selbst bis nach Holland, bis Nürnberg und noch
+weiter heimlich fortführen, bis der alberne Sturmwind vorübergebraust; und
+was thun erst Alles die verschlossenen, unkennbaren »Reinen« oder Ketzer,
+von denen unsere Stadt halb voll ist -- was thun sie? Sie ergreifen jetzt,
+für jetzt und für die Folge, die Gelegenheit, die so vernünftige
+Geistlichkeit überhaupt bei dem gläubigen Volke verhaßt zu machen, weil sie
+vernünftig sind. Ist so Etwas schon vorgekommen? Was meint Ihr dazu, unser
+alter Hardenberg.
+
+Und der gelassene Alte sprach, aber leise: Ja! und wie verehrungswürdig und
+väterlich gegen alle seine Kinder, die ihm vom Himmel zur Erziehung
+anvertraut sind, erscheint da erst unser Heiliger Vater, der seinen Namen
+»der Unschuldige« mit dreifachem Recht führt. Unschuldig war er am
+Kreuzzug. Hätte er ihn _verboten_, so hätte das Volk ihn für einen Türken
+gehalten, wol abgesetzt. Er dürfte noch keine Kirchthür an dem alten
+einfallenden Peter an einem Heiligentage verschließen, das Volk sprengte
+sie auf . . . nicht einer gemalten Muttergottes die Lichter vor ihrem Bilde
+an einer Straßenecke auslöschen lassen . . . nicht einem Büßenden sagen:
+»Lieber Freund, oder liebe Freundin, kein Mensch kann eine Sünde vergeben,
+und Priester sind Menschen. Geh' reuig nach Hause und bessere _dich_ -- und
+_Gott_ vergibt die Sünden unerforschlicherweise.« Seine Vorfahren wurden
+und waren nur mit aller Menschengewalt bekleidet, weil sie das Alles
+leiblich und zeitlich, und örtlich und hörbar, und sichtbar und fühlbar
+vor- und darstellten, was _das Volk_ wollte, daß sie wären, und was es zu
+bedürfen schien, ja so wie es war, es wirklich bedurfte _in seinem rohen
+unbeholfenen Leben voll tausend Mängeln in tausend Angst und Noth_. Einem
+solchen armen Volke die Priester nehmen, die heilige Messe austilgen, daß
+nicht Gottes lieber Sohn täglich für dasselbe geopfert würde und der Welt
+Sünden auf sich nehme, damit sie wieder fröhlich von frischem strebten, wie
+neugeborene Kinder, _das_ war unmöglich. Ohne letzte Oelung gab es keinen
+getrosten Tod, keinen Himmel; sie hätten gemeint in das Fegefeuer zu
+stürzen, unerlösbar ohne Fürbitten, und sterbend auf ewig vom Teufel
+geplagt in der Hölle zu schmachten unerlösbar. Wie wohlthätig ist solchen
+armen Seelen, so lange sie solche sind, ein göttlicher allmächtiger
+Stellvertreter Petri mit den Schlüsseln des Himmels auf Erden -- und wie
+wohlthätig ein mächtiger Pfarrherr auf jedem Dorfe, ja nur eine Kapelle,
+weit umher zu sehen auf ihrem Berge ins Land hinaus -- _nur ein Glöcklein,
+das Abends Frieden ausduftet über das Land_ -- und ein Kreuz am Wege, Tags
+im Sonnenschein, beglaubigt vom blauen Himmel droben, und des Nachts im
+Walde im Mondenschein, den verirrten Wanderer anleuchtend wie mit Gottes
+Auge, das getreu ihm zublinkt: »Sei getrost -- ich bin da!«
+
+Das ist wol wahr und hört sich recht lieb, ja schön an; sprach ein anderer
+Herr noch leiser, ein Rathsherr, an seiner Kette mit dem Stadtwappen in
+Gold geprägt erkennbar; das Volk will Alles, was ihm in der Wiege der Erde
+_inwendig_ einkommt in seinem Schlafe, auch auswendig in der Welt sehen, es
+will es greifen; es will in eine trauliche Kammer vernagelt sein; es will
+für die unendliche Zukunft ein Ende der Welt, ein Weltgericht, da es nichts
+ohne Ende begreifen kann -- es will für _alle_ Sünden _einen_ Vergeber, für
+_alle_ Uebel nur Einen Erlöser -- für alle Begebenheiten, ja Träume, eine
+Zeit und einen Ort -- für alle Heiligen je ein besonderes Bild -- für alle
+besondere Noth einen besondern anrufbaren Namen -- und für sein enges Herz
+die ganze Welt in der Nuß, in der _Erdenpilgertasche_ -- in der Scarsella.
+Aber Eins ist noch wahrer, _noch entsetzlicher_ wahr: das ist die Trägheit,
+die Faulheit, die willige Versunkenheit, wie ein früh Erwachter _wieder_
+aus der blendenden Morgensonne unwiderstehlich in den seligen Schlaf sich
+begräbt. -- Ein gewisses faules Leben gefällt Allen! Wozu sich übermäßig
+plagen? . . .
+
+Die Welt hat Zeit! . . . und die Plage hat kein Ende. Darum plagen wir uns
+im Schatten, auf dem Bauche liegend, und rufen wie die vormalige
+faulgewordene römische Jugend: »Ach wäre das doch arbeiten!«
+
+Manche lachten und drohten ihm mit dem Finger. Und ein sehr klug
+aussehender bürgerlicher Herr aus dem weitern Rathe mit der nur silbernen
+Kette sprach: Draußen schon sagte mir unser alter kluger und schlauer
+Metternich, Herr auf Metternich: »Da ist wol auch ein anderer Einwurf mit
+in die Berathung aufzunehmen, warum die vorsorglichen frommen Herren den
+Kinderkreuzzug erst recht nicht wünschen, ja fürchten: _denn reisen, weit
+und lange reisen_, das macht _klug_ über Das, _was ist_, was sein kann, und
+was nicht! Und nun gar unter _fremden_ Völkern sehen und sich überzeugen,
+daß ein gewisser Gott sie segnet, daß sie Frau und Kinder haben, und
+seelenruhig froh und glücklich leben voll Hab und Gut, Aecker und Vieh wie
+andere Menschenkinder, und zuletzt alt und lebenssatt selig sterben auf
+ihre Art, ohne je das Alles oder nur Etwas davon zu glauben, was der
+Reisende für einzige Bedingung des Lebens gehalten hat . . . und bedenklich
+wird, _sehr_ bedenklich, selbst über die Gräber, die so heilig im Scheine
+der Sonne, von Rosen und Jasmin umblüht, in Frieden stehen, und zu denen
+_sichtbarlich-fromme_ schöne Menschen, Frauen und Jungfrauen, Männer und
+Kinder kommen, um diese ihm sonst entsetzlichen Todten, als menschliche
+Teufel erschienene Todten, endlich zu beweinen. Da bricht wenigstens _die
+Duldung_ aus dem rohesten Gemüth, _die Verwunderung_ aus dem unverdorbenen
+. . . und _das Segnen_ aus dem für alles Schöne und Gute empfänglichen
+Menschen. _Und nie kehrt ein Reisender unverwandelt wieder in seine
+Heimat;_ und Pilger sind auch Reisende! -- und alle Heimgekehrten sollten
+unter Clausur gestellt werden, verordnete ich, um meines hergeschlafenen
+Lebens sicher zu sein, um keine Kirschen essen und keine morgenländischen
+Märchen, _weitgläubig_ geworden, anhören und mich freuen zu müssen.«
+
+Sage mir Einer was er will, setzte der alte Herr draußen noch hinzu: Alles
+ist Etwas für den Tag, und sehr viel für morgen und übermorgen. Die reife
+Aehre ist voll Körner. Und immer gibt es vorschauende Männer, _die sich
+wenigstens nach den Wegen in dem Walde der Zukunft umsehen_, und überhaupt
+doch ahnen, was die Menschen mit ihrem leeren und schweren Herzen gern
+hätten und wie sie gern lebten. Ich werde daher gleich in der
+Montagssitzung beantragen: den Bau der 300 Schiffe zu beschließen, die wir
+Stadt Köln, freie Reichs- und freie Hansestadt, zum Handel und zur
+Kreuzfahrerverschiffung um Gibraltar herum ins Werk setzen, womit wir zwei
+Fliegen zugleich schlagen: die geistlichen Herren in ihrem Werk
+unterstützen, und die mächtigen Wollenweber beruhigen, die nur _mehr
+Gewalt_ in der Stadt und darum _in den Rath_ wollen, um dann nur desto
+erfolgreicher dem Erzbischofthume zu widerstehen -- blos weil es ihnen eine
+nicht besonders günstige und grüne, sondern wiederum aus _seiner_ Pflicht
+oft stachelige starre _Macht_ ist. Und ich sehe den Tag im Geiste voraus,
+wo die himmlischen Mächte, nach einer Kreuzschlacht aus der Stadt
+geschlagen, auswandern, oder wo die Wollenweber nach einer _Weberschlacht_
+mit zerbrochenen Weberbäumen und ihren ellenlangen, zerbrochenen,
+stählernen furchtbaren Tuchscheeren auf ihren Schifflein hinausschiffen
+müssen -- aber ich sehe auch den Tag, wo sie dennoch wieder zurückkehren,
+die Stadt belagern und wenigstens sich die Aufnahme in den äußern Rath
+durch Unentbehrlichkeit und Reichthum ertrotzen. Dabei möchten denn viele
+Häupter des hohen Raths fallen![A] Wir leben also Alle in gar keiner
+spaßhaften Zeit.
+
+Jetzt meldeten hereingekommene »Funken«, daß es nun möglich sei, auf
+gewisse Weise den Freund _aller_ Kölner, den theuern Narren Jost, nach
+Hause zu bringen, um verbunden und geheilt zu werden, oder doch ruhig in
+seiner Kindesheimat, dem Bette, bei Frau und Kindern zu seiner traurigen
+Freude entsetzlich beweint zu sterben. Die gewisse Weise bestand aber
+darin: die Funken hatten auf der Straße einen vorübergetragenen Sarg
+aufgefangen und brachten ihn herein. Männer Einer Brüderschaft in gleichen
+Kappen und Masken ergriffen das Mittel, fütterten den Sarg mit Teppichen
+aus, baten den Narren, sich gefälligst in den Sarg zu bemühen, hoben ihn
+sanft, legten ihn sanft hinein, deckten ihn zu, erhoben ihn nur halb bis
+durch die Pforte hinaus, erhoben dann den nach Gebrauch offenen Sarg ohne
+Bahre auf die Schultern; einer der Ihren trug den Deckel nach; mehre Andere
+bildeten sogleich einen Zug, dem zwei Fackeln vorleuchteten. Ein Sarg hat
+selbst für einen _Betrunkenen_ eine gar wunderliche Einwirkung, schneller
+wie ausgepreßter Kohlsaft. Sie begannen eine Lamentation zu singen; die
+Masken auf der Straße machten Raum für den Zug, und begleiteten in
+plötzlich fromm gewordener Weise den angeblich Todten, dem ein leiser
+duftiger warmer Frühlingsregen in sein offenes Gesicht sprühte, und der
+endlich selber in rührendem tiefen Baß seine Stimme erhob, das »Tuba mirum
+spargens sonum« begann und das »Requiem aeternam« wundervoll sang.
+
+[Fußnote A: Wirklich geschah _die Weberschlacht_ und die Belagerung nicht
+lange nachher.]
+
+Aber gute Seelen liefen voraus, um seiner Frau zu sagen, sie solle nicht
+erschrecken! Der jüdische Doctor, als überall hülfreich, wo er durch
+Beistand und guten Rath oder auch nur durch eine Warnung nützen konnte, und
+immer ein kleines Besteck bei sich führte, hatte dem armen Narren das
+Geleit hinauf gegeben, und sein Jugendfreund Raimund auch. Sie hatten eine
+liebenswürdige gute Frau und liebe Kinder gefunden, zwei Knaben und ein
+Mädchen, die von des Vaters heiterm, klugem und witzigem Gesichte belebt,
+jetzt um desto mehr weinten und klagten, da es sein Leben galt. Beiden
+Männern war der Narr ein unersetzlicher Schatz durch seinen Einfluß bei dem
+als gut und lobens- und liebenswürdig bekannten alten Erzbischof. Dem Arzte
+war der Narr theuer aus Glaubensverwandtschaft mit dem zum Feuertode
+verdammten Juden; -- dem Kaufherrn und jetzt zum Patrizier und Vorsteher
+der Familie gewordenen Raimund aber durch Blutsverwandtschaft mit der
+verunglückten schönen _Frederune_. Die Träger und die Geleiter des klugen
+Leichenzugs zogen mit dem Sarge, von der Frau bedankt und beschenkt, wieder
+ab. Die Freunde aber blieben und schieden erst, als der Arzt Umschläge über
+die Nase gemacht, eine Ableitung auf die Brust gelegt, ihm Ader geschlagen
+und zuletzt ihm noch die beiden unversehrten Zähne auf frischer That wieder
+eingesetzt, und den Kindern, die bei dem Vater wachen wollten, gesagt:
+Kinder, sagt nur dem Vater immer: »Vater, beiße die Zähne zusammen!« Und
+der arme Narr hatte den Freunden gesagt: Wer einem die Nase curirt, der hat
+ihm mehr als den Thurm wieder aufgebaut, der gen Damascus schauet; und mit
+den Zähnen hat er einen Stein, ja zwei Diamanten bei ihm im Brete -- das
+heißt diesmal: im Munde. Uebrigens freue ich mich zuerst auf die blaue --
+dann auf die grüne -- dann auf die gelbe Nase durch alle Dur- und
+Molltonarten der Maler, als Musikanten für die Augen. -- Es wäre meiner
+Frau nicht lieb, wenn ich noch mit heutiger blutiger rother Nase im Sarge
+paradiren müßte; denn ich habe heute die Reden noch nicht vergessen und die
+Schläge von meinen weinenden Tanten nicht, daß ich meine alte Großmutter
+unversehens in ihren allerletzten Tagen etwas furchtbar mit einem
+spanischen Rohre über ihre große edle Nase geschlagen, die sie blau mit gen
+Himmel genommen. -- Also morgen früh auf Wiedersehen, und hoffentlich
+meinerseits nicht auf ein einseitiges, ein bloßes _Gesehenwerden_.
+
+Sie verbanden ihm noch den Mund, zu ruhigem Anwachsen der Zähne in ihren
+Kapseln, und begaben sich wieder nach dem Hansesaal im Rathhause, wo es
+räumlicher und stiller geworden und worin sehr Viele vor Hitze ihre
+Carnevalmasken abgenommen hatten. Die beiden zurückgekehrten Männer
+brachten Hoffnung und Trost über den theuern Jost wieder; aber wunderlich
+genug: auch das schlug Mehren ihre Freude an einem Narrenbegräbnißzuge
+nieder, den sie sich unterdeß ausgesonnen, ja schon zum Theil hingemalt,
+und die Rollen den Personen zu- und ausgetheilt hatten. Das ward nun Alles
+muthwillig sogleich untereinander gewirrt und verschoben, und mit neuer
+Begeisterung sogleich ein Maskenzug zum Scheiterhaufen, zu _der Hurd_, im
+Ganzen und in den Theilen festgestellt, damit das Ganze sehenswürdig sei
+und ihnen Ehre mache, ja die tausend Zuschauer erheitere! Denn, sprachen
+sie, unter der Maske ist nichts mehr wahr und ernsthaft, wie kein
+Schauspieler mehr in keiner Rolle, nur ein sogar sich selbst bewußtes
+Gespenst, und alles zum Spiel Erhobene ist Spiel -- ist Welt!
+
+Raimund fand von seinen alten Bekannten noch mehre, und diese hinwieder
+machten ihn mit den andern bekannt, so viele der heimlichen Katharer, oder
+von den Reinen da waren, die Niemandem gestatteten, Jemanden ums Leben zu
+bringen, also auch dem Scharfrichter und Henker nicht. Alle Unterdrückte
+haben von jeher eigene Zeichen, daran man sie erkennt; Unterdrückte zeigen
+zur Erde hängende Köpft, zornige Gesichter, _zu Zeiten_ geballte Fäuste und
+langes Wartenlassen auf Fragen. Andere haben Zeichen, um den Gleichen sich
+erkennen _zu lassen_ und zu erkennen zu geben. Raimund's Glaubens- und
+Lebensbrüder gaben sich zu erkennen und erkannten sich verdachtlos an einem
+besondern Anblicken und an einem schnellen, Andern kaum bemerkbar, also
+unverdächtigen Bewegen der Lippen. Und so war er bald von einer
+entschlossenen Schar gleichgesinnter Männer umgeben, und fühlte sich froh
+in ihrem Kreise wie in einer Mauer von Lebendigen. Der jüdische Doctor aber
+war wiederum _seinen_ Leuten wie auf das Leben empfohlen, und sie
+unterstützten die beiden Angekommenen redlich dabei, als die Klage darauf
+gekommen, daß der Stadt und Umgebung und dem ganzen Lande weit und breit so
+viele Kinder, Knaben und Mädchen der Vornehmen und Geringen, der Reichen
+und Armen, auf dem für _sie_ unsinnigen Kreuzzuge umkommen, verdorben
+werden und den Aeltern kaum zurückhaltbar verloren gehen sollten! Selbst
+die Juden, die doch frei von dieser Kindersteuer sich fühlten, und deren
+Kinder gesteinigt worden wären, wenn sie sich unterstanden hätten, sich
+auch nur im Scherz ein Kreuz auf die Schulter zu heften, _sie_ auch lobten
+die so menschenfreundlichen, väterlich gesinnten redlichen Geistlichen, die
+sich so unschuldig die Rache nur herrschsüchtiger Menschen zugezogen. Die
+andern Gläubigen aber gelobten Geld über Geld einem Doctor, der die
+wahnsinnig gewordenen Kinder von ihrer Thränensucht und ihrer
+Seelenkrankheit heilen könnte, aber noch schleunig in Zeiten! Raimund
+deutete auf den Arzt und erbot sich gleich von morgen früh an auf sein
+Schloß hinaus Alle für die Cur hinauszunehmen, so viele Mütter oder Väter
+oder Schwestern und Brüder ihm solche geisteskranke Kinder bringen würden.
+
+Die hochwichtige Angelegenheit wurde dann unter ihnen vertrauensvoll und
+geheim näher besprochen und Alle schieden von Hoffnung beseelt. Die beiden
+Freunde kehrten nach ihrem Hause in der Stadt zurück, woraus Raimund's
+todter Bruder, Aldewin, Irmentrud, seine Witwe, ihre Tochter Irmengard und
+Frohmuthe hinaus auf die für den Sommer wohleingerichtete Lindenburg schon
+fort waren. Und sie folgten ihnen um Mitternacht, nach diesem überraschend
+schweren Tage voll kaum glaublichen, aber wahrhaften Leides.
+
+
+
+
+Fünftes Capitel.
+
+
+Dem alten treuen Hausmeister Hagebald war aufgetragen gewesen, auch die
+drei Faß spanische Rosinen mit hinausbringen zu lassen, und Raimund ging
+jetzt die Nacht noch mit ihm, eins aufzuschlagen, und aus dem darin
+geborgenen kleinen Fäßchen sich reichlich mit Gold zu versehen, wobei er
+den alten, fast wie zum Freund seines Bruders gewordenen Diener zugleich
+mit nicht erst zählender Hand beschenkte. Der spanische Doctor hatte
+indessen droben seine Medicin bereitet für die morgen erwarteten
+Kreuzzugskinder, und dabei sich der Hülfe der schlauen Frohmuthe bedient,
+der er erst kein Schweigen auferlegte, weil er wußte, daß so etwas gerade
+erst recht bei Weibern und Mädchen vergeblich ist, der Sache eine
+Wichtigkeit beilegt und gerade das Gegentheil wirkt; weswegen der Weiber
+größte Angst ist um Das, was sie gesagt oder wiedergesagt haben oder haben
+sollen.
+
+Mit _einem_ Verlaß auf Etwas schläft jeder ein, auf seine Kunst oder
+Wissenschaft, oder doch auf sein Grabscheit, ja auf Anderer Bedarf und
+Noth, und selbst dem zu Grabe Getragenen legen seine Begleiter noch einen
+Verlaß unter. Die beiden hülfreichen Freunde verließen sich aber auf kranke
+Kinder und einen berühmten Narren, einen Großnarren, weil er einem Großen
+diente, und schliefen Jeder in seinem prächtigen Zimmer, bis die
+Morgenröthe hineinflammte. Mit Sonnenaufgange standen sie fertig
+angekleidet; der Doctor spanisch, Raimund französisch-provenzalisch.
+
+So gingen die beiden Herren die breite Treppe leise hinab, sahen rechts die
+Thüre des großen Saales offen stehen, den Todten im Sarge, und an dem Sarge
+mit gefaltenen Händen seine noch junge Witwe in weißem Kleide. Der Todte
+war aber unaufgedeckt, sodaß sie noch vor Furcht oder Schmerz, oder
+irgendeinem andern schweren Gefühl, die weiße breite Decke über seiner
+Gestalt und seinem Antlitz unaufgehoben gelassen.
+
+Sie traten leise zu ihr; Raimund winkte ihr mit den Augen guten Morgen,
+schlug die Decke zurück und sah sich den todten Bruder an, den die
+aufgehende Sonne mit ihren über die grünende Erde daherschwimmenden, wie in
+Blumen und Blüten watenden Strahlen beleuchtete.
+
+Armer _Bruder!_ stöhnte er; armer _Vater_, den die große Tochter so
+betrogen hat! So unausstehlich, daß du es nicht ausgestanden doch
+überstanden hast.
+
+Doch hat sie Gott nicht betrogen, und Gott sie nicht, nur eine Welt
+fabelhafter Menschen! sprach der Doctor tief erschüttert, aber erhoben. Und
+wie halb fluchend, halb betend, sprach er mit Sonnenglanz verklärtem
+Antlitz: »Richte die Menschheit, die Erde zum Himmelreich an, herrsche auf
+jedem Dorfe ein gütiger weiser König, besitze sie alle Weisheit und Kunst,
+aber bleibe sie in einer Abscheulichkeit in der höchsten Sklaverei stecken:
+«_Sei ihr die Liebe nicht frei, und die Ehe zwischen Liebenden nicht
+frei_», dann hat sie noch mit aller Gewalt und allen Sinnen an dieser
+einzigen, so leichten und so natürlichen, allen andern Wesen unter dem
+Himmel und auf der Erde gegebenen Freiheit _zu bauen_, die die Lerche in
+der Luft und den Goldkäfer in der Erde ihr zum Vorbild und zum Ziele schon
+hat, und durch sich wie selig macht -- _denn die Ehe sich Liebender ist die
+Seligkeit_. Und der heimliche Haß _zweier_ sich nicht von Herzen Liebender
+ist das tiefste Elend, wenn die Liebe des Einen noch ihr Leben ertragbar
+macht. Aber das Leben und die Welt soll nicht _ertragen_ werden, sondern
+_gefeiert_ als schönstes blumiges Lauberhüttenfest!« Und der Vater verlor
+die große Tochter durch den Unsinn und die Herzlosigkeit der Welt, indeß
+die Tochter liebesweise war, und schrecklich dafür bestraft, wie das
+gottgläubigste, frommste Kind _voraus_ in der gewiß erscheinenden, Allen
+das Beste gönnenden Zukunft auf Erden lebte und liebte, ohne Ahnung einer
+Unseligkeit; denn reine Liebe ist der höchste Glaube, ohne gleiches
+Nebengut noch Nebenglück.
+
+O wie schön -- und o wie fabelhaft traurig für den Vater! sprach Raimund
+dazu. Und nun soll er, oder doch die arme unglückliche Mutter hier, noch
+ihre jüngste Tochter verlieren! Wollen wir sie doch ihr malen lassen! --
+und den Vater!
+
+Indessen stand Irmengard neben ihr und die Mutter bedeckte wie vor Scham
+ihr Gesicht mir beiden Händen und weinte dahinter.
+
+In meinem Zimmer droben, sprach Raimund zu seiner Schwägerin, hängst du
+gemalt von einem vortrefflichen Maler, der noch leben muß; denn deine
+Frederune steht noch klein zwischen deinen Knien, und du flechtest ihr das
+Haar; und ein Maler vermag schwerlich jemand Aeltern in seine Jugend oder
+gar seine Kindheit zurückversetzt, als die heitere Unschuld, so treu und
+schön zu malen; das Bild scheint also etwa dreizehn Jahre alt. Wie hieß
+denn der Maler?
+
+Und -- sich bückend und dann wie davon röther geworden, antwortete sie
+halblaut: Er heißt _van Graveland_. Er war eines hiesigen reichen
+Wollenwebers Sohn, und webte selbst schon reizende Teppiche; ging aber nach
+den Niederlanden, ich weiß nicht warum, und ward Maler; lebt aber jetzt
+wieder hier, oder auch nur auf Besuch, und hat sogar vorige Woche höflich
+sich ausgebeten, sein Bild, als nämlich mich mit dem Mädchen, wiedersehen
+zu dürfen, um es zu prüfen und daraus zu lernen.
+
+Ach, dem laß ich mich gern malen! rief die Tochter. Dem mußte man gut sein,
+und wie getreu und lieb er einem in die Augen sah!
+
+Die Männer, und der Arzt nicht ohne besondere, aber verschwiegene Gedanken,
+versprachen den Maler aufzutreiben und herzubringen.
+
+Sie gingen darauf, mit kurzen klaren Worten ihre Absichten besprechend, in
+die Stadt zu dem redlichen Narren im erzbischöflichen Palast. Er saß im
+Bett auf, die Kinder um ihn, deren jedem Raimund eine Düte schenkte, mit
+der sie zur Mutter liefen, die bald darauf selbst kam und ihrem Manne etwas
+in die Ohren flüsterte; er schüttelte gegen Raimund den Kopf, der ihm die
+Hand drückte und sagte: Es ist nichts schändlicher und despotischer, als
+ganz allein aus Hoheitsrecht andern dankbaren Menschen zu wehren, Jemandem
+oder mehren um ihn Verdienstlosen _zu danken_ oder einen ihnen Feindlichen
+_zu tadeln_. Ich zerreiße dieses Garn, und bitte dich, Bruder Jost, auch
+noch diese Düte mit 2000 Goldstücken deinem guten Herrn in meinem Namen zu
+verehren, damit er der Stadt gewogen bleibe für gestern, und die schönen
+Fenster und die zerhämmerten Glocken auf den Thürmen wieder herstellen zu
+lassen -- weil mich der Herr in der Fremde gesegnet und wenigstens mich
+gesund und lebendig hat heimkehren lassen.
+
+Jost dachte darauf bei sich im Stillen nach, während ihn der Arzt neu
+verband und ihm ohne Nachwehen wieder seine Gesundheit mit kurzen Worten
+versprach.
+
+Und wenn ich morgen stürbe, so würde heut' doch meine letzte Bitte _für
+Eure Sache_ bei meinem Herrn und Gnaden erst recht an schlagen, sprach
+Jost. Die _letzten_ Bitten sind die einschlagendsten in ein gutes Herz, wie
+das meines Heiterkeit liebenden, Allen -- beinahe schon ganz vernünftig --
+wohlwollenden Herrn, _dem_ zu Liebe ich sogar meine Narrenkappe und
+Pritsche dem Erzbischof _Siegfried_ zu Mainz überlassen, und dem zu Leide
+ich nicht in die Dienste des Bischofs Friedrich zu Halberstadt und nicht zu
+den Bischöfen von Lüttich, Bamberg, Strasburg und was weiß ich wohin
+gegangen. Ja, ja, seht mich berühmten Mann nur an! Aber »Heiterkeit
+bedürfen auch die Heiligen, und Wahrheit auch die Kaiser, und Freude die
+Engel«; sagt mein guter Herr -- und nur gestern ist sie mir schlecht
+bekommen, fast zu schlecht! In ihrer Begeisterung stört nur eben ein
+_alberner_ Narr die Bienen, kein kluger; _nach_ der Begeisterung aber
+lassen sich die wildesten Pferde als wahre Esel in den Stall führen, und
+nachträglich durch eine Tracht Schläge und Hunger ganz zitternd vor
+Liebenswürdigkeit machen.
+
+Darauf ging er gleich aufrichtig zur Sache über, und meinte . . . daß sich
+der schöne redliche junge Mann die vor Liebe unbedachtsame übereilte
+Jungfrau hat in der Fremde antrauen lassen gewollt, und deswegen mit allem
+seinem großen Vermögen mit ihr freilich heimlich wegziehen -- das nutzt
+_jetzt_ nichts mehr. Wenn der Herr Christ, der sich mit einer Türkin
+vergangen, das ihn sogleich rettende, aber uns abscheuliche Wort ausruft:
+»Es ist nur Ein Gott«, das ist hier nur fruchtlos. Daß er sich will taufen
+lassen, das rettet _das Kind_ nicht; denn es ist noch aus früherm
+_teuflischen_ Geist, und so die Mutter noch seine verteufelte Mutter. Die
+Hurd, nach der alle brennen, um hinter allen den frommen Städten am Rhein
+zu Berg und Thal nicht an Frömmigkeit zurückzubleiben, wäre nur
+aufzuschieben durch Eingreifen und Einschreien und Einschreiten
+barmherziger, außer sich gerathener »_Weiber_ voll guter Hoffnung«. Und
+dann ist, was ich meine, das Beste, die Schuldigen zur Gnade oder
+Bestrafung _nach Rom_ zu überweisen, was zu thun meinem gnädigen Herrn das
+redliche Menschenherz erleichtert. Viel Geld in die leeren Kassen zu Rom
+würde zuerst doch in den Kerker, und _noch mehr Geld_ auch endlich aus dem
+Kerker bringen. Auf dem langen Transport zu Eseln nach Rom aber könnten
+sich die Schuldigen ja -- vielleicht verirren! . . . von Räubern geraubt
+und in ein ander Land transportirt werden, und selig bis an ihr seliges
+Ende leben. Wirkt Ihr also auf der _solchen_ doppelmitleidigen _Weiber_
+Herz -- ich will eines braven _Mannes_ Herz erweichen.
+
+Raimund ging in Bekümmerniß auf den Altan hinaus und sahe die Schiffe
+fahren und umher die Bäume blühen, als gäbe es keine unglücklichen, keine
+bethörten Menschen, und das Wasser des Stroms floß so silberklar und die
+Tauben girrten auf dem Dache des Palastes, und fielen vor Liebe fast
+herunter; sie errafften aber in der Luft ihre Flügel und schwärmten um den
+Thurm und flogen zu Nest.
+
+Indeß vertraute der Doctor dem Narren seine Weise, die Kinder zu heilen,
+die der Narr ganz auf die Natur gegründet fand, und sich freute, sodaß er
+wieder lachte. Er erkundigte sich dann, als des Auszurichtenden oder
+Auszuführenden sich immer und überall bewußt, nach dem Maler, der in ihr
+Haus kommen und die jüngste Tochter malen solle. Da schüttelte der Jost den
+Kopf und sprach ihm leise zum Ohr: Aber auf Männerverschwiegenheit; der
+schöne junge Mann war der Nachbarssohn der jetzigen jungen Witwe, die ihre
+Aeltern aber dem vornehmen Patricier aus Streben nach Rang und Ansehen zum
+Weibe gaben, worüber der verschmähte junge Mann in die Ferne ging -- aber
+vor mehren Jahren, schön, reich und berühmt, und der ersten Liebe
+unvergessen, wie die Weiber sie noch viel weniger vergessen --
+wiedergekommen ist, und seine erste _Geliebte_ und ihn zuerst _Liebende_
+wundervoll gemalt hat, wobei sie ihm so in die Augen gesehen, daß sie sich
+so an ihm versehen -- doch Ihr werdet ihn ja sehen und sinnen, wo Ihr ihn
+doch schon wo gesehen habt -- als irgend wen und was, ja den schönen Mann
+mit vollem schwarzen Bart sogar als _Mädchen ohne Bart_ erkennen.
+
+Der Doctor schwieg verstummt, doch klug gemacht als ein erfahrener, tausend
+Häuser kundiger Mann; und Jost sagte nur noch: Mich sollte es nur wundern,
+wenn in Euerm Hause da keine Hochzeit würde, sobald nur die äußere Trauer
+aus ist. Denn wer auch nichts Früheres zu _verehelichen_ hat, der sinnt
+doch auf _Wiederverehelichen_. Denn die Welt ist eine verliebte Katze,
+sagte mein Vater immer. Und hier erscheint den Wissenden sogar
+nachträgliche _Redlichkeit_, und dem guten Raimund schadet es nicht und
+beunruhigt ihn nicht, wenn er nur darüber unwissend bleibt, daß die jüngste
+Tochter der Frau Rath aus innerer Liebe und stiller Treue das Kind des ihr
+früher verweigerten Malers ist und nicht seines todten Bruders.
+
+
+
+
+Sechstes Capitel. Die französischen Kreuzzugskinder.
+
+
+Darauf hörten sie es auf weichen Pantoffeln geschlurft kommen. »Seiner und
+meiner Gnaden!« sprach Jost.
+
+Und es war der alte liebe Erzbischof im Morgentalar, der schon kam, seinen
+treuen Jost zu fragen, wie es ihm ergangen und gehe.
+
+Besser; antwortete ihm Jost. Da steht mein Doctor! und zeigte auf den
+Spanier; aber Schmerzen sind über Narrheit, und Gesundheit geht über die
+Weisheit, oder ist sie selber, aber gewiß ihre Tochter, weiß ich nun.
+
+Sr. Gnaden bekam einen gewissen Respect vor dem Titel Doctor; denn sein
+_rechtes_ Auge besonders war ein Candidat des schwarzen Staars. Und der
+freundliche Greis lud ihn mit einer Handbewegung ein, sich niederzulassen,
+und gab dasselbe Zeichen der Huld dem Raimund, den sein Jost ihm soeben
+seinen treuen Jugendfreund genannt; und so war ihm der fremde ernste Mann
+sogleich empfohlen; denn was ihm geschehen und warum, und was er fühlte und
+wie er dachte, das war ihm wie keinem andern Menschen glücklicherweise
+nicht anzusehen. Er setzte sich selbst einen Stuhl zu Füßen des Bettes, und
+der schwache alte gute Mann wäre mit dem schweren Stuhle beinahe selbst
+umgefallen, und die beiden Freunde, die übereilt ihm dabei helfen wollten;
+und er lachte, und Alle mußten und durften doch lächeln.
+
+Während er nun mit seinem Jost sprach, und mit der Linken dessen linke Hand
+hielt, betrachteten ihn die Männer; das silberweiße Haar, das unter dem
+veilchenblauseidenem Käppchen hervor die schöne glänzende Stirn umquoll
+. . . die gleichsam gottgetreuen Augen . . . die in den heraufgezogenen
+Muskeln der Backen gleichsam festgewordene lächelnde Menschengüte . . . und
+die sanfte wohlwollende Stimme, die gewiß nie fluchen, nur segnen konnte
+. . . und die schneeweißen Hände, die mit dem Rosenkranz scheinbar nur
+spielend, ihm selbst aber ein inniges Zeichen waren, daß Alles, was er thue
+und spreche, nur ein heimliches Gebet sei. Und doch liebte er die
+Heiterkeit, ja die Freude; denn er liebte sichtbar seinen Narren, den Jost,
+als Widerpart der Sorgen und Nöthe, der die Wahrheit angenehmlich hörbar
+mit der Pritsche predigte und dazu mit Schellen an Mütze und Kappe läutete.
+
+Der seiner _goldenen_ Bitte schon immer durch Rührung bahnbrechende Jost
+unterließ nicht, seinen Freund Raimund dem guten Greise zu bedauern, der,
+nach langen Jahren aus Frankreich zurückgekehrt, nur um eines Hahnschreis
+Länge zu spät seinen Bruder nicht wiedergefunden, der vor Erbeben über das
+Schicksal seiner Tochter gestorben.
+
+Hm! Schicksal! sprach Sr. Gnaden dazu. Aber wenn Ihr aus Frankreich kommt,
+mögt Ihr uns endlich gründlich von den Kindern berichten, die von da in das
+Gelobte Land ziehen, um es zu erobern. Hm! Es sollen ihrer Dreißigtausend
+das Kreuz genommen haben.[A] -- Hm! Und hier am Rhein zu Berg und Rhein zu
+Thal und aus den Städten und Dörfern des reichen schönen Flußgebiets in
+Deutschland sollen ihrer Zwanzigtausend sein. Hm! Und hier allein aus
+unserm gottesfürchtigen Köln mit Deutz und Weichbild an Siebentausend.[B]
+Hm!
+
+[Fußnote A: Matthias Paris.]
+
+[Fußnote B: Chronicon Sicardi.]
+
+Aber sie lassen sich nicht zählen, bemerkte Jost, sowie kein Fleischer die
+Ochsen und kein Schäfer die Schafe zählt, aus Furcht der Strafe, die über
+den König David »in drei Sorten« zur Wahl verhangen worden; so läßt auch
+hier unser Herzog der jungen Kreuzfahrer, oder der Kreuzfahrjungen, der
+stolze verwegene Hirtenknabe _Nikolas_, seine Schafe nicht zählen.
+Vielleicht weil er nicht so selbstsüchtig ist, wie der vormalige
+Hirtenknabe David, der kopf- und lebensscheu die _ihn nicht selbst_
+treffende Strafe gewählt, sodaß der Engel ihm 70,000 Juden in einer Nacht
+erschlagen, welchem lieben Engel der Arm vor Müdigkeit fast abgefallen,
+indeß der David fein sauber in seinem Bette geschlafen, wie ein um sein
+Volk unbekümmerter, unbarmherziger König. _Zweifelhaften_ Menschen ist
+nicht wohlgethan: _die Wahl zu lassen_ oder Alleinmacht dem selbstsüchtigen
+kleinen David.
+
+Und der fromme Kirchenfürst wiederholte sein Sprich_wort_ oder seine
+Sprich_silbe_: Hm! und drohte dem Jost mit dem Finger; frug darauf aber
+Herrn Raimund auf seine Ehre und sein Gewissen, ob die ganze Geschichte
+denn wahr sei? und ob er ein Heer Kreuzkinder, ja nur ein Kreuzkind mit
+Augen gesehen? Denn die Sache sei Allen so schnell über den Kopf und
+Glauben gekommen, der Winter habe solange gedauert, der übernatürlich
+gefallene Schnee habe alle Wege und allen Verkehr verhindert, daß er selbst
+sogar nur einen oder den andern Sendboten von dorther erhalten.
+
+Und der Arzt berichtete ihm nun bedächtig: Ich mußte in Lyon drei Tage
+liegen bleiben, und als ich den ersten Zug dieser großen Wanderheuschrecken
+der zischenden, weinenden, singenden Lemminge sah, da wußte ich nicht mehr,
+wo ich hingerathen? was die grüne Erde für ein unsinniger Kopf geworden,
+den ein Riese so in der blauen Luft schweigend fortrolle! Die Sonne schien
+mir ein am Himmel ausgeschnittenes Loch, um in ein gewisses geräumiges Haus
+zu sehen, worin die absonderlichsten Spectakelstücke und uralte Attalanen
+aufgeführt würden. Aber das Einzelne, schaubare und hörbare Nahe, ja
+Ergreifliche erklärt das Wunderbare und macht es gemein und alltäglich.
+Eine Rose und ein Bienenstock erklären sich selbst am besten. Kurz also: es
+kam auf einem mit Teppichen behangenen niedrigen Wagen der Herzog der
+Kinder, sitzend oder thronend; _der Hirtenknabe St.-Etienne_, zu deutsch
+_Stephan_, von einer Ehrenwache bewaffneter Knaben umgeben; und andere
+Knaben zogen den Thron zum Thore hinein, durch die Straßen auf den Markt,
+und Tausende von Kindern, Knaben und Mädchen, folgten in geordnetem Zuge
+weinend und singend, und wieder weinend: »_Gott, gib uns das wahre Kreuz
+zurück, und außerdem all all erdenkbares Glück_«; und das Volk sang, ja
+schrie das barbarisch _aus tausend Lebensnoth mit_. Das war wol
+herzbrechend, himmelstürmend!
+
+Hm! sprach Sr. Gnaden dazu; aber wer war denn der neue Heilige, der Knabe,
+wenn wir durch des Heiligen Vaters Barmherzigkeit auch schon Cardinäle von
+neun, ja von sieben Jahren gehabt haben?
+
+Von dem wurde nun Abends in den Weinhäusern erzählt: Der Marschall der
+Kinder ist ein Hirtenknabe aus Vendôme.[A] Da es den Kreuzfahrern in dem,
+nur den Juden und nicht den Christen von Gott gelobten Lande sehr schlecht
+ging, und die Christen zu Hause sie als verloren aufgaben, so hielten die
+alten Weiber und Priester Umzüge zur Auffoderung, das Heilige Grab zu
+befreien, als wenn das Grab elend und krank und im Sterben läge. Sie haben
+Bittfahrten gehalten, um die Hülfe Gottes zu erflehen. Denn, sagten Einige
+in den Weinhäusern, wofür man betet oder beten soll anbefohlenermaßen, das
+wird dem Volke wichtig gemacht, das soll ihm lieb und theuer sein, und
+andere Seiten- oder Gegenwünsche ihm gotteslästerlich gemacht. Deswegen
+sind falsche Fürbitten so gefährlich; setzten Andere hinzu.
+
+[Fußnote A: Genauer aus dem Dorfe »Cloies« an der Loire. _Matthias Paris_
+nennt ihn einen Knaben, aufgeregt durch Teufelsvorsorge, des Feindes des
+Menschengeschlechts, an Alter einen wirklichen Knaben, aber _an Sitten_
+pervilis.]
+
+Bei den Worten überfiel Sr. Gnaden ein starker Husten, wogegen ihm der Arzt
+ein Mittel aus seiner kleinen Büchse nahm: Stückchen krystallisirten weißen
+Zucker, den auch die Sarazenen, die Mauren in Sicilien erfunden hatten, so
+gut wie sie das Menschenauge kennend gesagt: die Engel und die Kreuze am
+Himmel wären nichts als Gestaltungen des Auges der Menschen, das seiner
+Beschaffenheit nach eine ganze Wand von niederträufelndem Regen nur als
+einen Bogen, und erst als einen farbigen bunten Regenbogen sähe, und sich
+begegnende Wolken als Kreuze und allerhand Wolkenbildungen als Heilige.
+
+Sr. Gnaden sagten nichts dazu, sondern zerkrachte den Zucker mit seinen
+vortrefflichen Zähnen, lobte ihn, den heidnischen Zuckererfindern zum
+Trotz, und bat um weitere Auskunft, Und der Arzt gab sie ihm in Folgendem,
+wozu sein Freund Raimund, _zufolge seiner Bauchrednerkunst_, gern
+Anmerkungen eingeschaltet hätte; aber es waren keine weitern Personen,
+nicht einmal ein Bild da, dem die Hörer sie hätten aufbürden können.
+
+Jost's beide Knaben fingen an zu weinen, schmiegten sich zu beiden Seiten
+an den gnädigen Herrn ihres Vaters, der sie mit seinen Armen umschloß, und
+sie bedeutete, still zu sein und zu hören. Ihr Vater hatte Lust, sie an den
+Haaren etwas zu zausen, aber er konnte nicht hinlangen und rollte sie nur
+mit zornigen Augen an. Der Arzt erzählte jetzt weiter: Dem Knaben _Stephan_
+ist nun alle Noth und Schande des ganzen Abendlandes, das mit aller
+furchtbaren, ja wüthigen Macht _Nichts_ ausgerichtet, auf sein Herz
+gefallen. Er hat _eine Erfahrung_ aus seinem Traume gepredigt, daß der sehr
+schöne und sehr traurige Heiland in Gestalt eines armen Pilgers sich ihm
+offenbart, und ihn als Kreuzprediger für die unschuldigen Kinder
+bevollmächtigt; ja, er habe ihm einen eigenhändigen Brief an den König von
+Frankreich ausgehändigt an den noch lebenden Philipp August, den er den
+Kindern gezeigt und unzählige Knaben damit zur Annahme des Kreuzes
+gebracht. Vor den frommen König nach St.-Denis gefodert, und von ihm zur
+Prüfung befragt: was ihm die Nacht geträumt? habe er es dem Könige nur
+etwas leise ins Ohr geraunt, daß der König erblaßt sei. Auf die nunmehrige
+Bitte des Königs, ihm den Brief auszuhändigen, habe er getrost danach in
+seiner Hirtentasche gesucht, sich beklopft am ganzen Leibe und zuletzt mit
+dem ehrlichsten Gesichte voll Erstaunen und Zorn gerufen: Den hat mir der
+Teufel gestohlen! Und als der König die umstehenden Priester befragt: ob
+Jesus erscheinen könne, Diesem und Jenem, und wenn er wolle . . . und ihm
+schreiben, wie einst dem König Abgarius? . . . da haben sie über die
+entsetzliche Frage geschrien und auch dem Teufel die ja nur geringfügige
+Macht zu stehlen mit Ueberzeugung zugesprochen. Darauf hat der Stephan zu
+St.-Denis vor der Königin noch größere Wunder verrichtet; er hat durch
+Mauern gesehen, in die Ferne gesehen und gesagt, was die Leute da thun? ja
+sogar wie es Gestorbenen gerade jetzt in der Hölle geht? und Antworten der
+Kinder auf seine Fragen an sie im Himmel gehört, sodaß Alle erstaunt und
+verstummt sind vor seinen Engelsgaben.
+
+Sein Gang und sein Bezeigen vor dem König und die Erzählung seiner Wunder
+umher im Lande, welche _Erzählung_ eine wahre Thatsache geworden, haben dem
+frommen Hirtenknaben darauf ein solches Ansehen und seinen Ermahnungen und
+Feldpredigten eine solche Wirksamkeit gegeben, daß in kurzem sich eine
+zahllose Menge von ja sichtbaren und handgreiflichen Knaben um ihn
+versammelt, und nun drängend und treibend wieder _auf ihn_ gewirkt. Andere
+Knaben sind in andern Gegenden als Kreuzprediger aufgetreten, die ihren
+Beruf auch durch Wunder beweisen mußten, und auch bewiesen, worauf sie das
+von Stephan begonnene Werk mit großem Erfolge gefördert. Alle lieben
+begeisterten Kinder, die das Kreuz genommen, betrachteten, wie ich mit
+meinen Augen gesehen, den _Stephan von Vendôme_ als ihren Herrn und Meister
+über Leben und Tod, und waren fest überzeugt, daß sie unter seiner
+Anführung den furchtbarsten Sieg über die Sarazenen erfechten würden mit
+bloßen Händen . . . durch ihre bloße Erscheinung, oder höchstens obendrein
+durch den gesegneten Pilgerstab. Sie verehrten ihn als einen hörbaren,
+sichtbaren, zu ihnen redenden Heiligen, und jeder pries sich glücklich, der
+von seinem _lebendigen_ Leibe schon eine Reliquie erwischen, erschleichen,
+ja erkämpfen konnte. In Lyon hatte er sich seine zu vollen, ihm aus
+gewissen kleinen Uebeln unangenehmen, wenn auch sehr schönen blonden Locken
+kurz abschneiden lassen, und ich habe den Kampf mit angesehen, den Knaben
+und Mädchen aus seinem Zuge um ihren Besitz mit wahrer Begeisterung
+führten. Unter meinen Reisemerkwürdigkeiten habe ich einen kleinen
+verworrenen Wusch Haare davon, die ich von einem kleinen dummen hungerigen
+Knaben für eine Wurst mir eingetauscht. Andere waren glücklich, die sich
+nur einen Faden von seinem Rocke verschafft hatten, oder schlugen sich um
+den Krug mit Wasser, daraus er getrunken und schlürften andächtig mit zum
+Himmel gekehrten Augen die Neige aus.
+
+Hm! Hm! erklang dazu wieder die Sprichsilbe.
+
+Und es machte dem Doctor innerliche Freude fortzuerzählen: Den folgenden
+Tag rückte der Major domus oder Generaloberst St.-Etienne's, _der
+Hirtenknabe von Chartres_, in die Stadt. Von diesem erzählte man Abends
+dann neue Dinge.[A] Als er von einer Uebungsprocession zurückgekommen, auf
+welcher seine Schar um die Gnade Gottes für die Gläubigen gebetet, gesungen
+und gekniet, also um Gottes Ungnade gegen die -- Ungläubigen gefleht, da
+habe er gesehen, daß seine Heerde Schafe die Saatfelder indessen verwüstet,
+von welchen er sie verjagen und mit seinem getreuen Hunde Tiras forthetzen
+wollen; da habe sein _Tiras_ geheult und nicht gehorcht, sondern mit dem
+Schwanze gewedelt; die Schafe selbst aber seien alle vor ihm auf die Knie
+niedergefallen und haben zu ihm um Gnade geblökt. Auf dieses Wunder hin sei
+er in den eigenthümlichen Geruch eines Heiligen gekommen, und aus allen
+Gegenden sind Hunderte von Kindern ihm zugeströmt, wirkliche
+_Menschenkinder_, die wirklich gegessen, getrunken, geschlafen und
+französisch gesprochen haben; nicht nur hohle Gespenster und gezauberte und
+bezauberte Puppen böser Geister.
+
+[Fußnote A: Chronik des Johannes Iperius.]
+
+Darauf haben sie mit großem Gepränge und mit vielerlei eigenthümlichen
+willkürlichen Gebräuchen in den Städten, Burgen und Weilern von Frankreich
+ungestört, ja bestaunt und beschenkt, feierliche und Bettelaufzüge unter
+Thränen gehalten, indem sie Paniere, Rauchgefäße, Wachskerzen und Kreuze
+unter Gesängen umhergetragen. Selbst junge Mädchen, Jünglinge, Weiber und
+Greise schlossen sich an diese Processionen an; die Arbeiter auf den Gassen
+der Städte und Dörfer oder auf den Aeckern und Wiesen verließen, wenn ein
+solcher Zug vorüberkam, die Ochsen am Pfluge und folgten den Knaben. _Denn
+sie weinten entsetzlich!_ Und überall wurden dem Kinderzuge vom Volke
+Lebensmittel, Erfrischungen und andere Almosen gespendet, und _sie aßen
+desgleichen entsetzlich_.
+
+Viele Bürger von Lyon stritten miteinander; diese meinten: weil die Kinder
+alle wie mit Einem Munde auf die Frage: wohin sie denn eigentlich wollten?
+»zu Gott!« antworteten, könne man doch wol der Hoffnung Raum geben, daß
+also Gott durch die Jugend große Dinge auf der Erde vollbringen werde, wie
+denn immer nur durch neue Kinder alles Neue auf die Welt komme, nach dem
+Worte: »Kommt wieder Menschenkinder!« Auch wären sie ja so vernünftig, sich
+nur für das Heilige Grab zu waffnen, darin Gott als sein Sohn geruht; denn
+sie sähen ja selbst mit ihrem Kinderverstande ein, daß es für den Heiland
+im Himmel weder nöthig noch möglich sei. -- Andere behaupteten: nur
+ruchlose Betrüger hätten sie aufgeregt.[A]
+
+So in Zweifel, was er glauben und was er thun solle, denn das sei ganz
+verschieden, habe der erste Sohn der christlichen Kirche, der König Philipp
+August, der sich selbst solange als möglich von einem Kreuzzuge zurückhalte
+-- erst _das Gutachten_ der gelehrten Meister der hohen Schule zu Paris
+gefodert, in welchem der größte Theil der Geistlichkeit und manche Laien
+die Begeisterung der Jugend als das Werk boshafter Zauberer verurtheilt,
+worauf er -- und noch erst, nachdem die Kreuzkinder schon aus- und
+fortmarschirt -- »geeignete Maßregeln« verfügt, um die Knaben von
+Ausführung ihres Vorhabens abzuhalten.[B] -- _Wie klug, etwas zu spät
+thun!_
+
+»Der Herr sei gelobt!« rief jetzt Sr. Gnaden dazu, daß _wir dort_ einen
+solchen Vormann an dem Könige haben, uns Klerisei hier zum Schutz vor
+Rache, daß wir die Kinder von ihrem Zuge haben abpredigen wollen!
+
+Der fromme menschenfreundliche Erzbischof reichte ihm die Hand zum Danke
+für seine ihm tröstliche Nachricht mit den Worten: Wer sähe nicht, daß Ihr
+ein Jude seid; aber auch ein menschennützlicher Mann, ja Mensch; und _die
+Juden sollen bis an das Ende der Welt bleiben -- was schadet da Einer
+mehr!_ das wäre lächerlich! Also: meine Hand von Rache für Unglauben, oder
+irgendeinen andern Glauben. Ein billiger Mensch erwartet ruhig den Sieg des
+Guten, _ohne Schuld auf sich zu laden!_ Man kann Alles umgehen durch festen
+getreuen Sinn. -- Und zu noch mehrer Sicherheit unserer guten Gesinnung
+fällt mir ein: daß ja der Patriarch von Aquileja _sogar die erwachsenen_
+Kreuzfahrer zurückhält, und sogar das Interdict nicht fürchtet, laut
+welchem den Städten und Dörfern jeder Geistliche, jede Messe, jede
+Vergebung der Sünden, jede letzte Oelung und jede Einsegnung im Grabe
+vorenthalten wird. Aber es ist bedenklich-gefährlich, die Menschen ohne
+_Das_ leben zu lassen, indeß sie doch merken, daß Gott ihnen auch ohne
+_Das_ gnädig zu bleiben scheint, indem und weil die Sonne ihnen frühe so
+fort so herrlich aufgeht . . . und Weib und Kinder so fort sie so lieben
+. . . und sie glücklich sind. Das ist gefährlich sie inne werden zu lassen.
+-- Nur die Sachsen, das treue Volk, höre ich, sind fortgezogen nach dem
+Gelobten Lande, aber in der Fremde dahinten wo sitzen geblieben; auch die
+Kreuzfahrer sind in dem Konstantinopel so sitzen geblieben, wo diese unsere
+Römischen die Griechischen nunmehr als _unsere Todfeinde_ nach und nach
+auszurotten oder zu bekehren brennen, nachdem sie mit ihrer verhaßten
+Hauptstadt das ganze griechische Reich und das starre Volk besiegt und klug
+gemacht zu haben -- glauben; das heißt diesmal: wähnen. Und selbst der
+Heilige Vater, der an allem Unschuldige, seufzt nur: »Indeß wir Alle
+schlafen, rühren sich nur die Kinder!« und will sie ziehen lassen, weil --
+er muß. So lassen auch wir sie denn ziehen! Gott segnet den Verstand und
+ist dem Unverstande noch gnädig. Es mag ein Schweres sein, die Kirche zu
+regieren, und gar erst die gespaltene wieder zu vereinen; und dem lieben
+Volke -- seine immer neuen tausendfachen und tausendfältigen Fehler immer
+barmherzig vergebend, unermüdet lehrend, und aus seinen Irrthümern
+schonend, wie Kindern rathend und helfend, mit ungeschwächtem Vertrauen und
+neuem Muth auf den rechten Weg zum Himmel zu bringen!
+
+[Fußnote A: »Spiritu deceptionis arrepti«, sagt Roger Bacon, »currebant
+post quendam malignum puerum.«]
+
+[Fußnote B: H. Chronik: Coenobii Mortui maris. I. c.]
+
+Der redliche Greis ließ jetzt ein langgedehntes Hm! vernehmen, und betete
+dann still einen Psalm, wovon sie nur die Worte: »Ehe denn die Berge
+. . .« und: »Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag . . .« -- vernahmen.
+
+Darüber schlief er in Gedanken gar ein, und die beiden tiefgerührten
+Freunde schieden still von dem Narren, der dem jüdischen Arzt mit Hand und
+Lippen stillen Dank zollte, und dem Raimund stille Versicherungen und
+Versprechungen mit den Augen zuwinkte.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel. Der Kinderherzog Nikolas.
+
+
+Herr Raimund ging mit Ramon, dem Arzt, mit Aussicht auf Rettung aus dem
+Palast, die aber noch große Umsicht, Leid und kecke Thaten erfoderte. Ramon
+verlangte durch das Judenquartier und durch das erbärmliche enge
+Bechergäßchen zu gehen, wo »seine Leute« viele in verborgenem Reichthum,
+aber als verachtete Sklaven zusammen und übereinander geschichtet, aber im
+Herzen voll trotzig schweigenden Muthes lebten, wenn das den erlauchten und
+weltberühmten Namen »leben« verdiente. Hier ward aber nur der Becher des
+Elends getrunken, worein die Propheten Kraft, ja Süßigkeit getröpfelt.
+Raimund führte ihn dann, um ihm seine heute sonntäglich stille schöne
+Vaterstadt zu zeigen, und dabei seine Jugend wie von den Todten aufstehen
+zu lassen, über die Plätze: den Johnsplatz, den Domplatz, und allmälig
+schlendernd über den Heu-, Alt- und Waidmarkt. Darauf ging er in das
+Quartier der Wollenweber, wo, wie er auf vieles Fragen endlich sicher
+vernommen, der berühmte Maler _van Graveland_ in seines Vaters Hause bei
+seiner verwitweten Mutter wohnte.
+
+Sie fanden ihn in seinem nobeln Morgenpelz, und als ihm Raimund seinen
+Namen genannt, ihm gesagt, daß er komme ihn zu bitten: seinen _gestern
+gestorbenen Bruder Aldewin_ todt im Sarge zu malen; da bemerkte der Arzt,
+auf des klugen Narren Jost vertrautes Wort hin, doppelt aufmerksam und
+gespannt auf den schönen Mann mit edlem Gesicht, worin eine stille Wehmuth
+sich niedergelassen hatte -- _daß er erschrak_, überrascht stand und vor
+sich hin sann, es dann _abschlug_, und höchstens vor vieler Arbeit das Bild
+nach vier Wochen zu malen vermöchte; wozu Raimund bemerkte: Mit Todten, die
+selbst ewig Zeit haben, ist es unmöglich, lange Zeit zu verlieren -- oder
+ihnen mit der Staffelei in die Unterwelt nachzuwandern.
+
+Der Maler zuckte die Achseln.
+
+Da setzte Ramon hinzu: _seine Witwe_ läßt Euch besonders darum sehnsüchtig
+bitten, auch zugleich _ihre jüngste Tochter Irmengard_ zu malen; zum
+Andenken, da sie das schöne liebe Mädchen wahrscheinlich auf immer
+verliert; denn sie pilgert wie so viele Knaben und Mädchen der Vornehmen
+mit nach dem Heiligen Grabe. Es wäre am besten ein _wirkliches_ Kniestück,
+wie seine Tochter vor dem Vater kniet und von ihm Abschied nimmt und er
+sein armes Kind segnet. Wie gesagt, die Mutter bittet innigst, es könne sie
+gewiß Niemand so lieb und herrlich machen.
+
+Und Raimund bemerkte: Wir wohnen ja ganz nahe da draußen auf unserer
+Lindenburg.
+
+Der Maler starrte vor sich hin, indem er mit der Linken sich das Kinn an
+dem Barte hielt, und den beiden Freunden fast lächerlich auch nur Hm!
+sagte; worauf _Ramon_ nur bemerkte: Todte malen ist freilich eine schwere
+Sache; aber auch doppelt einträglich, und mein Freund hier bezahlt Euch
+jeden Preis, und die Mutter dazu. Dabei dachte er: es wird ihm schwer --;
+es ist richtig! und als armen Teufel mit Hörnern kann er ihn doch nicht vor
+Leuten malen. Aber der Mann, der Maler ist ja doch _ein Beraubter!_ Schäme
+dich, Ramon! Und um was beraubt: um glückliche Liebe, Liebesglück und
+Schönheit und rechtes Leben, und wodurch: durch den albernen Stolz und den
+Hochmuth und die Ehrsucht der im Unterstock der Erde wohnenden Menschen,
+besonders der Weiber. Und welcher Vater sieht nicht gern einmal, gleich
+groß und lieb, sein Kind! und läßt sich von der in der Seele verworrenen,
+sich in ihrer _eingeborenen_ Neigung gefangenen Tochter sehen! Das ist und
+bleibt trotz aller Verirrung doch schön und hold und eine Belohnung für
+Schmerzen der Schuld und des Betrugs. Und welche neue, unmöglich zu
+erfüllen geschienene Hoffnung thut sich ihm unerwartet auf! Die Menschen
+wollen und wenn auch spät erst -- und er steht gesund und frisch erst in
+den dreißiger Jahren -- doch immer noch ihr sehnlich gehofftes Glück
+erlangen und doch von nun an auf dem rechten Lebenswege wandeln. Wem ist
+_diese edle_ That zu verdenken? _Er kommt! er malt!_ Ich brauche ihm mit
+Raimund's geheimer Stimme der Wahrheit erst keine Stimmung zu geben; da
+würde er sich schämen, und um vor Andern nicht schlecht zu scheinen, mit
+Trotz unglücklich oder doch unerquickt bleiben. Das Leben hat manchmal
+später Rath und Hülfe durch seine Weiterentfaltung, aber _selten_; darum
+verlassen die Menschen sich klug auf die Stunde, und thun ihr Gewalt an in
+frühern Tagen!
+
+Ebenso lange als der Arzt dies dachte, hatte sich der Maler bedacht, und
+sagte jetzt zu. Ja, er wollte den Umständen, also dem Todten nach, alsbald
+hinauskommen, und seine Staffelei und seine Farbentöpfe und Pinsel sogleich
+fortsenden. Und jetzt empfahl er sich ihnen der Vorbereitung wegen.
+
+Und der Arzt wandelte stumm mit seinem Freunde, dem als Unwissenden kein
+Weh bei alledem geschehen war, sondern erst künftig dadurch geschehen
+sollte; und eilte vor der Stadt eifrig, um seine Heilung fast mit Gewalt an
+den Kindern zu betreiben, welche er, diese von Müttern, jene von Vätern,
+auf dem Wege zur Lindenburg hinausgeleiten sah.
+
+Laut zurückgelassenem Befehl hatte der Hausmeister Hagebald die guten Leute
+mit den Kindern in den Saal im Oberstock gewiesen, und sie waren _schon
+über ein in Vorrath eingerührtes Frühstück her_, dem nichts anzuschmecken
+war von gefährlicher Vernunft, die in dem beigemischten einfachen Mittel
+lag. Die Aeltern weinten den Arzt an und beschworen ihn leise um seinen
+Beistand, da sie zu arm oder zu beschäftigt seien in ihren Gewerken, um,
+wie andere Aeltern, die Kinder in fremde »gesunde« Städte oder Dörfer, nach
+Franken, Würtemberg, oder nach dem immer gar nüchternen glücklichen Holland
+zu bringen; indeß andere, hier zu bleiben Gezwungene ihre Kinder auf
+künstliche Weise lahm gemacht, ja durch gewisse Mittel _blöd_ auf die
+Augen, ja _krank_ auf den Leib, _furchtsam_ vor Räubern und Riesen und
+Ottern und Bären und Wölfen, ja sehr viele vor Abscheu vor dem Verhungern,
+dem Gras- und Krautessen, vor den Nächten ohne Bett und Nachtlampe, vor dem
+Alp und dem Teufel, der ihnen entsetzliche Gesichter und Faxen vormache und
+sie auf schaudernde Abwege verlocke, durch redende Kühe auf den
+Bergeshalden, und geschwänzte feuerbrüllende Drachen mit Krallen und
+Flügeln, und zuletzt vor ihrem eigenen Grabe voll Kröten und Basilisken und
+zwickenden Krebsen. Viele trotzige Knaben säßen mit Gewalt eingesperrt in
+den Kellern im Finstern, und weislich ohne Taschenmesser und Strick,
+Schnure, ja nur Bindfaden.
+
+So gestanden sie ihm, und lachten und weinten dazu. Und als er die Mädchen
+alle in Ein Zimmer, und die Knaben alle in ein anderes hatte führen lassen,
+tröstete er sie auf ihren Zweifel: »daß es nur, ach, nicht möchte zu spät
+sein, ihnen zu helfen«, und sprach: _Mit der Vernunft ist es niemals zu
+spät, und niemals zu früh_, sogar nicht schon in der Wiege, wo sie dem
+Kinde leuchtet aus der Mutter Augen. Nur daß kein neuer Zünder, Raptus,
+oder neue Wuth sie überfällt! Denn die Vernunft, sie, die allgemeine
+Gesundheit der Seele und also des Leibes, will auch befestigt sein und ins
+Herz gebannt als der beste Geist, den Niemand bannt noch verbannt.
+
+Er vergönnte ihnen nicht nur, wer wolle, dazubleiben, sondern bat sie
+ausdrücklich, wiederzukommen, damit die Kinder doch sahen und einsähen: sie
+hätten Aeltern, und durch Scheiden und Wiedersehen ihnen wieder in
+Erinnerung zu kommen, als ihnen unentbehrlich und theuer als ferne Nebel
+und Nebelbilder. Denn wer seine Aeltern liebt, recht liebt, meinte er, kann
+niemals verloren gehen, ja kann nie verrückt werden, es sei um was es
+wolle. Redliche liebevolle Aeltern sind den Kindern die angeborenen
+Heiligen und Engel; ja, wenn auch als Schuster verkleidet mit Schurzfell
+und Pfriemen und Pechdrath, oder als Schneider mit Scheere und Bügeleisen,
+oder als Tuchscheerer mit der gefährlichen Scheere mit beinahe
+windmühlflügelgroßen stählernen Flügeln. Das seien alles nur Narrenspossen
+und Carnevalsmasken auf Erden; denn der _Kern_ sei die Nuß, und die Traube
+der Most und der Wein.
+
+_Frohmuthe_ bediente die kleinen und großen Gäste lebhaft und heiter, und
+es war ihnen so wohl, als wären sie aus der ängstlichen Welt hoch in den
+friedlichen Himmel versetzt; _den Kindern aber graute künstlich und
+gründlich übel vor der ganzen Welt_.
+
+Raimund hatte unten im Saale, wo der Todte im Sarge stand, gesehen, wie die
+alte gekommene Mutter Wollenweberin in Trauerkleidern und voll unmäßiges
+Mitleid, das auf eine Reue deutete, ihrer Tochter, der verwitweten Frau
+Rath, um den Hals gefallen, und er hatte Mutter und Tochter allein
+gelassen. Dagegen hatte ihn eine Schar Dorfkinder, die in den Hof gekommen,
+aufmerksam auf einen Knaben in gebräuchlichen Sonntagskleidern gemacht.
+Aber der Knabe schien doch ganz besonders, sodaß Raimund ihn ohne Frage aus
+seiner Vorstellung als _den Hirtenknaben Nikolas_ gleichsam erkannte. Er
+kam barhaupt, die Haare auf der Stirn gescheitelt, in bloßem Halse; eine
+prächtige hohe Brust, ein starker Bau und doch feine Glieder; barfuß, einen
+abgebrochenen Blütenzweig in der Hand; aus großen dunkeln Augen träumte er
+nur die Frühlingswelt an, und hörte mit reizendem Lächeln die singenden
+Lerchen in blauer Luft und segnete gleichsam mit zwei Fingern der Hand die
+bunten Bilder der Wolken im See, die wunderbar oben und unten zugleich ganz
+leise zogen, und das Bild der Sonne blitzte ihn aus dem Wasser in sein
+ernstes, schönes, von der Frühlingswärme schon leicht gebräuntes Gesicht.
+Der Schritt seiner Füße war nur schwebend, und eine Ruhe umfloß und
+umglänzte ihn, daß die Leute reglos und lautlos vor ihm stehen blieben,
+während er vorüberging, die Augen vor ihm niederschlugen, und erst lange
+nachdem er vorüber war, sich schüchtern nach ihm umsahen. Sein Hündchen,
+sein _Phylax_, begleitete ihn, und er begleitete einen großen langbeinigen
+Mann, noch nicht alt und nicht mehr jung, mit fabelhaft langen magern
+Beinen, mit einem muntern getrosten Gesicht unter seinem sehr breitrandigen
+Pilgerhut und einem sehr langen, fast schleppenden Pilgerrocke, mit hohem
+Pilgerstabe, sodaß er einem alten heidnischen Sänger, einem Aoiden, am
+meisten ähnlich gesehen haben möchte in seinem ehrwürdigen Bart. Seine
+kleinen Augen funkelten auf Alles um ihn aufmerksam und neugierig umher;
+seine langen hohen Beine machten fast Riesenschritte, und die Morgensonne
+hinter ihm warf vor ihm her einen an den Rändern aufglänzenden
+verwunderlichen Schatten, als stiege ein Bewohner der Unterwelt aus alter
+Zeit in dem heutigen Tage in das Menschenschloß. Seine Seele schien, wie
+ihre festen wie angreifenden Blicke verkündeten, _mit allen gestalteten
+Dingen und allen Elementen sehr wenig Umstände machen zu wollen_, die Welt
+für einen Frühlingsnebel auf blauer Wiese zu halten, und ohne alles
+Bedenken durch Feuer und Wasser zu schreiten bereit zu sein, ohne
+Fußsohlen, Haare und Bart zu bedenken, oder wenn sie doch anbrennten,
+nachher eben nicht besonders zu bedauern.
+
+Der Knabe Nikolas führte ihn desgleichen geradeaus in das Schloß seiner
+Herren und in den offenen Saal mit dem Todten, über welchem das große Bild
+des Erzengel Michael hing, der den gekrümmten Teufel auf tausend Jahr in
+den Abgrund stößt. Alle Bewohner des Schlosses eilten leis in den Saal:
+Raimund und Ramon, die Diener, die Mägde; aber die junge Irmengard stand
+erst wie gebannt, mit gefalteten Händen den Blick zu Boden. Dann kam sie
+nur so wie geflogen, wandte sich plötzlich zurück, fiel ihrem Mädchen um
+den Hals und rief ihr freudig erschrocken zu: _Er ist da! Er ist da!_
+
+Wer denn? frug Frohmuthe sie schelmisch; -- der lange Mann?
+
+Ach wer denn anders als Nikolas! erwiderte sie bös, und zitterte ganz. Aber
+dabei blieb es auch, und sie ward wieder still, blickte hin, blickte weg,
+und blieb halb gleichgültig und halb gereizt und wie unwillig über sich
+selbst, von Ferne stehen.
+
+Soll der Hahn krähen? frug Frohmuthe sie mit anspielendem Vorwurf. Und es
+klang wirklich peinigend, als draußen ein wirklicher Hahn krähte.
+
+Ramon hatte die Irmengard durchdringend beobachtet, und erstaunte selbst
+über die Wirkung nur schon der _einen_ Gabe von seinem Mittel; aber sie
+schien vorüberzugehen, wie Schein des Mondes die dunkeln Wolken wieder
+überziehen. Doch lehnte sie sich blaß an die Wand, Der lange hochbeinige
+Mann setzte sich ohne weiteres in einen Stuhl, der beiseite im Winkel
+stand; entschuldigte sich nicht, sondern sagte nur: _Ich bin müde_, und
+habe einen weiten Weg zu schleichen. Der Knabe Nikolas aber stellte sich
+drei Schritt nahe vor die Hausfrau hin, sah sie fest an und sprach zu ihr
+mit seiner wohllautenden fesselnden Stimme, die nicht nur wie aus dem Munde
+oder der Brust, sondern aus seinem ganzen Körper, oder durch ihn aus der
+ganzen Welt umher herauf- und herauszutönen schien: Theure Mutter, die
+unsere Irmengard geboren, ich bringe dir den heiligen Boten, den Gott uns
+zum Führer gesendet. In unserer Hütte hat er nicht Ruhe, nicht Raum; denn
+mein irdischer Großvater Elias, der bei Menschen geehrte und berühmte
+Scharfrichter, der nur aus Eifer für die Ehre Gottes und aus Haß gegen den
+Satan sein ernsthaftes, blutiges, feuriges Amt bekleidet, und _zu der nahe
+bevorstehenden brennenden Hurd_ einberufen worden, liegt mir und der Mutter
+zu Hause krank. Der gottgesendete Bote und Führer aber ist mir von der
+Vorsehung zugekommen, auch wenn er meint, er sei nur von seinem eigenen
+Geiste getrieben. Denn höre nur.[A] Er kommt aus Brabant, wo er schon lange
+in großer Heiligkeit gelebt und schon lange Gott hat nach dem Gelobten
+Lande wallfahren gewollt, aber immer unentschlossen, sein Beten und Fasten
+durch die weite Pilgerreise durch die südlichen Völker auf der elenden Erde
+zu unterbrechen. _Jetzt_ ist ihm ein Engel in seinem festverschlossenen
+Gemache erschienen, das sollte man gar nicht glauben -- -- und Raimund
+sprach mit seiner geheimen Stimme, die er jetzt von dem Teufel aus dem
+Bilde an der Wand her vernehmlich herabertönen ließ, indeß er mit eisernem
+Gesicht dem Knaben Nikolas in sein Gesicht sah: _Ja, das sollte man gar
+nicht glauben!_ Aber -- du sagst es!
+
+[Fußnote A: Thomas Champré, Ap., II., 39.]
+
+Aber Nikolas fuhr fort: Er hat gerade in der Nacht vor Petri Kettenfeier,
+als helles Licht ihn umflossen, die Stimme des Engels vernommen, die da
+sprach: Der Herr hat deine Sehnsucht, das Gelobte Land zu schauen,
+wahrgenommen, und mich gesandt, deinen Wunsch zu erfüllen. Darauf hat ihn
+der Engel ergriffen und ihn _in der einen Nacht_ zu allen Orten der
+heiligen Lande geführt, sodaß er diese Lande, Jerusalem und Bethlehem, und
+auf dem Wege hin und auf einem andern Wege zurück, alle merkwürdigen Städte
+von Burgund, der Lombardei und Italien leibhaftig, leibhaft gesehen.--
+
+Und Raimund's Stimme erscholl wieder aus dem Teufel: _Das sollte man gar
+nicht glauben!_
+
+Der Knabe Nikolas sprang auf das Bild los, und zerhieb und zergeißelte den
+Teufel, dazu aber nur lachte, mit seinem blühenden Apfelbaumzweige, daß die
+Blüten umherflogen, indem er betreten und demüthig leise dazu sprach: Ja!
+auf tausend Jahr ihn verschließen, war zu kurze Zeit -- denn er erhebt sich
+wieder wie vor, und abscheulicher -- verzeihe Gott mir die Sünde! Ach, er
+ist gegen uns alle arme Sünder zu gnädig!
+
+Er weinte dazu unter den mit der Hand zugehaltenen Augen, indem er seine
+Hitze bereute, und der heilige Mann und der Engel kam ihm wieder ein, und
+er beschloß seinen Bericht von den Beiden nur noch eilig mit den Worten:
+Und der Engel brachte ihn noch in derselbigen Nacht wieder in sein Bett!
+
+Und der Teufel vom Bilde sprach wieder deutlich dazu: _Das sollte man
+glauben._
+
+Die Andern im Saale standen wie verrathen und verkauft; Raimund aber
+bemerkte, daß dem Hirtenknaben nicht sein Verstand, sondern diesmal _sein
+Unverstand stille stand_. Er hatte das Ansehen eines Erwachenden, schnippte
+mit den Fingern seinen Hund herbei, als wolle er hinaus und fortgehen. Da
+sah er Irmengard hinter der Mutter hervortreten; er sah ihr in die Augen,
+sie ihm, und sein Sinn hatte sich wieder gestärkt und er sagte getroster:
+Nun haben Viele gebetet, auch so bequem von Engeln dahin getragen zu
+werden, wohin wir Schritt vor Schritt pilgern werden; aber nicht immer den
+dritten zurück, denn wir büßen ja keine Todsünde ab. Der theure Mann hat
+sich aber von heimgekehrten Pilgern erbitten lassen, uns ein erfahrener
+Wegweiser zu sein. Darum bewirthet uns Allen und mir ihn wohl!
+
+Darauf faßte er Irmengard an beiden Händen und befahl ihr: diesen Abend in
+der heiligen Ursulinerkirche _den Kindern eine Predigt_ zu halten. Die
+Kirche werde erleuchtet sein; sie werde außer den Knaben und Mädchen und
+ihren Müttern viel Hundert andächtige Zuhörer haben, und von den hohen
+Fenstern herab die viel Tausend Jungfrauen. Der Geistliche werde sie auf
+die Kanzel führen und sie werde mit Engelflügeln geschmückt sein, mit einem
+Narcissenkranz auf dem Haupt und einem Palmenzweig in der Hand.
+
+Und als Herzog der Kinder all nahm er sie, ohne Billigung noch Widerrede
+weder ihrer Mutter noch ihres überraschten Oheims, an der Hand, um sie in
+den Garten zu führen, und ihr die Gegenstände zu sagen, von denen sie
+predigen solle, und über die sie sich im Gebet Erleuchtung und Begeisterung
+und Muth und Kraft vom Himmel erflehen solle. Er küßte sie drei mal auf die
+Stirn und war im Begriff, sie an den Fingerspitzen sich hinaus- und
+fortzuführen.
+
+Aber indessen hatten Leute aus der Stadt die Staffelei des Malers,
+Malertuch und Töpfe, und Scherben und Flaschen, und Farben und Pinsel
+gebracht, die sie an den ihnen angewiesenen Ort unter den Engel und Teufel
+ruhig und vorsichtig abgesetzt. Kurze Zeit darauf, ehe die Witwe des Tobten
+-- _wenn Todte noch Witwen haben_ -- sich ruhig geathmet hatte, trat der
+Maler leise, bescheiden und schüchtern, ja wie furchtsam vor dem
+zugedeckten Todten, ein. Er nahte der Hausfrau; er bedauerte sie über ihren
+unersetzlichen Verlust und sah mit dem glühroth gebückten Gesicht zur Erde.
+Beide und Alle standen _so_, lange stumm. Aber er war ja gekommen, den
+Todten zu malen, und so mußte er doch sich ihn ansehen. Die treulose Witwe
+Rath selbst mußte das Gesicht ihm aufdecken, und er sah sich ihn lange an
+-- aber er selbst hatte die Augen dabei zu. Endlich, um vorläufig auch die
+Farbe der Augen des Verblichenen zu erkunden, that er ihm mit Daumen und
+Zeigefinger der Linken ein Auge auf, hielt das Lid lange offen, und der
+jüdische Arzt sagte: Könnte ich doch Euch selbst so malen, wie Ihr dasteht
+und der arme Todte Euch ansieht! Das wäre eine neue Art Bild.
+
+Da wandte der Maler sich davon, der sehr sorgfältig gekleidet und
+geschmückt mit der goldenen Ehrenkette, die er vom Grafen Wilhelm von
+Holland empfangen; auch seine Finger funkelten von Ringen, und er strich
+sich die schönen Haare aus der heißen Stirn.
+
+Jetzt fragte er ganz gelassen und gleichgültig nach der Tochter, die er
+auch malen solle; wie groß sie wol sei? damit er in Gedanken das Bild schon
+immer ordnen könne. Raimund ergriff das schöne, edle, gewiß engelgleiche
+Mädchen und stellte sie ihm vor. Irmengard schlug die Augen vor ihm nieder,
+und er unterdrückte ein inneres Entzücken, eine heilige Ueberraschung kaum
+mit Mühe; ja, er mußte aus seinem Herzen hinaus eine Frage thun, die zu
+keinem Bilde für keinen bloßen Maler als nur geistigen Vater eines Bildes
+gehört; er frug ihre Mutter: _Wie heißt_ denn Eure Tochter?
+
+Die Blicke des männlich schönen Malers auf die aufblühende schöne Irmengard
+verdrossen den gewissenhaften Don Ramon, ob sie ihn gleich rührten, als
+treue Sprache der Natur, die immer allweise und offen in ihren unverhüllten
+Geheimnissen und Offenbarungen ist; sie verdrossen den Raimund
+unwissenderweise; sie verdrossen den Hirtenknaben Nikolas, den Herzog des
+Kinderheers. Er ergriff sie wieder an der Hand, führte sie hinaus und fort
+in den blumigen blühenden Garten; und Raimund stieß heimlich die schlaue
+Frohmuthe an, ihnen in schicklichem Zwischenraum zu folgen, damit sie nicht
+den Entwurf zu der Kinderpredigt störe.
+
+Den Kinderkreuzzugsboten geleitete Hagebald in ein Zimmer hinauf, eine
+Dachkammer, und um dem alten Hausmeister seine Kraft zu zeigen, machte der
+langbeinige Herr immer Schritte über zwei, drei Stufen zugleich.
+
+
+
+
+Achtes Capitel. Die Kinderpredigt.
+
+
+Nach einiger Zeit, die dem Raimund in einer gewissen Herzensängstlichkeit
+verschlichen, holte er den schönen, in seinem begeisterten und
+begeisternden Wesen, auch widerwillig von dem nüchternsten Manne fast
+_erhaben_ zu nennenden Hirtenknaben, und die ihm wie schaf- oder gar
+leithammelmäßig folgende Irmengard, die ihn wunderbar rührte, und doppelt,
+weil sie so schön war, aus dem Garten; während er, tief durchbebt, doch
+vergebens nachsann, wo er sie je gesehen, oder wem sie _bis zum Weinen_
+ähnlich gesehen, oder vielleicht gar wer sie wäre oder wer sie gewesen sei,
+ja wer sie noch werden könnte -- oder wirklich würde. Er war wie bezaubert.
+Doch was half das. Er führte Beide hinauf in das Zimmer des geistgesendeten
+langbeinigen Boten, der sich nur den bescheidenen Namen »Angelus« gegeben,
+bei dem er schon seinen neuen Freund, den Doctor Ramon, fand, welchen er,
+um ihm einigen irdischen Menschenrespect zu geben, jetzt immer auch _Don_
+Ramon nannte. Sie setzten sich alle vier um den müdegelaufenen Angelus, und
+es wurde von der verhalten lächelnden Frohmuthe »Liebfrauenmilch« kredenzt,
+in welche Don Ramon aber von seinem nüchternmachenden, unschädlichen
+geheimen Heilmittel getröpfelt hatte. Und sie tranken, vom Doctor im
+Stillen sehr ernst und genau beobachtet.
+
+Sie tranken. Sie nippten. Sie tranken wieder. Und nach längerer Zeit
+verwandelten sich ihre Augen zuerst, die aus schwärmerischer Begeisterung
+und wetterleuchtendem Funkeln matt und matter, ihre Stirn kühler, ihre
+Wangen blässer, ja blaß, ihr Laut gemäßigter und ihre Sprache langsamer und
+ruhiger wurden, und sie saßen zuletzt da, die Hände müßig im Schoos. Eines
+wollte weinen, das Andere lachen; aber ward gleich wieder ernst und saß
+jetzt erst recht wie in einem Zaubergarten, aber verworren. Um sich zu
+beleben, trank Irmengard am meisten, füllte neu und trank dem Nikolas, der
+zürnend und erglühend dasaß, das Glas zu. Er hatte wie mit den
+allerfeinsten Sinnen begabt -- und als wäre er wirklich, wie das Volk von
+ihm rühmte, mit höhern, ja mit Wundergaben begabt -- nur von Zeit zu Zeit
+den Arzt mistrauisch angesehen, schlug jetzt der Irmengard das Glas aus der
+Hand, zeigte mit dem Finger der ausgestreckten Hand auf Don Ramon und rief:
+Das ist ein Feind, ein Verräther, ein Ungläubiger! Fort von ihm! -- Er ist
+betrunken!
+
+Und während Don Ramon selbst überrascht stand, sprach sein Freund Raimund
+in seiner Bauchsprache, die er von dem Angelus mit den langen Gebeinen
+tönen ließ: Knabe, _du_ bist betrunken! Die Trunkenen halten die Nüchternen
+für _perfect_, wie sie das nennen, und halten die ganze Welt, die Sonne und
+den Mond für _perfect_; ja Häuser, Kirchen und Thürme, die Glocken darauf,
+und ihren eigenen würdigen Großvater, der mausstill im Sarge liegt, für
+besoffen, und sich nur für nüchtern. So ist das Ding! Du Glaubensherzog.
+
+Der entflammte Knabe, zugleich von einem _widerwilligen Grauen wie in zwei
+unsichtbare Geister zertheilt_, aber faßte und hielt das Mädchen an ihren
+beiden Händen, küßte die Duldende fromm auf die Stirn und sprach: Meine
+Irmengard, du predigst als wahrer Engel den Kindern heut _zu Nacht!_
+
+Raimund konnte sich nicht enthalten, darein zu sagen: »_Heut zu Tag_« --
+das gibt es nicht mehr -- bis Weiteres.
+
+Als Nikolas entrüstet fortgegangen, und wunderbarlich sogar sein
+Schäferhund _Phylax_ den Don Ramon angeknurrt hatte, wollte sich Irmengard
+vor Unwohlsein zu Bette legen, denn sie sah eben nicht sehr malerisch aus,
+aber sie mußte gezwungen hinunter in den Saal, dem Maler als Modell zu
+knien.
+
+Ramon und Raimund aber gingen in die Zimmer der Kinder, bei denen zwei arme
+Witwen geblieben waren.
+
+Sie besprachen sich leise; Raimund war auf das Mittel gespannt, und Ramon
+sagte es ihm in kurzen Worten, und erläuterte es ebenso kurz, überzeugend
+und bündig, und sprach: Ihr seid doch wol einmal, also ein erstes Mal _zu
+Schiffe gefahren, also seekrank gewesen_ -- also ist Euch ganz erbärmlich
+zu Muthe gewesen, vollkommen gleichgültig gegen Himmel und Erde, Vater und
+Mutter, und hättet die ganze Welt um einen Batzen verkauft. Nicht wahr?
+
+Ja wahr! antwortete Raimund lachend; für einen Kreuzer!
+
+Also errege ich _Abscheu, Widerdei_, zuerst gegen Alles, dann in Tagen:
+Gleichgültigkeit gegen Vieles, zuletzt nur Begehren nach Hülfe in der
+Seele, und mache die Kräfte _des Leibes_ schwach durch ein zweites
+»ausführliches« Mittel. Kann man _Verliebte_ so heilen und mäßigen, eben
+denn so auch _Verglaubte_, welche hier vorliegen; so denn auch
+Steckenpferde und Steckenesel, ja Katzen. _Das ist nicht Scherz!_ Denn
+stellt einen Blumennapf mit einem Busch »Marum verum« vor das Fenster, da
+sehet wie die Katzen und Kater kommen, nach dem Kraute springen, den Napf
+herunterhäkeln, und dann am Boden sich auf dem duftigen Kraut vor Entzücken
+wälzen und vor Wonne miauen, sodaß sie gar keine irdischen Katzen mehr
+scheinen, sondern unaussprechlich liebe und gute Wesen, nur noch mit
+irdischen Schwänzen und etwas höllischen Stimmen; die sich willig _fangen_,
+ja _martern_ und _todtschlagen_ lassen. Und welcher Katze der Pelz mit dem
+Geruche durchzogen ist, dieser laufen alle andern Katzen und Kater -- denn
+ein Kater ist auch eine Katze -- und Kätzchen _nach_ durch Wasser und
+Feuer.
+
+Das wäre eine Rede für meinen Bauch! sprach Raimund lachend.
+
+So hat jeder Mensch, fuhr Ramon fort, und _jedes Volk_ eine Zeitlang sein
+wahres »Marum verum«, das zu seinem Glücke es behext, und ihm _über alle
+andern Uebel seiner Zeit hilft_. Aber begießest du es mit Lauge, dann ist
+es den Katzen »Marum _falsum_«, ja sie verunehren sogar es dann auf ihre
+Art, vor Scham über sich selbst, und vor Rache an sich selbst.
+
+Seid fest überzeugt, ich rede nur von Uebertreibung und möchte nur ein
+vieltausendfaches absehbar-unabsehbares Unglück verringern, da eine
+Verhinderung über der Macht aller Päpste, Kaiser und Könige liegt. Die
+_Gedanken_, _Gefühle_ und _Wünsche_ der Aeltern in einer Zeit stehen im
+nächsten Geschlechte auf, in die Welt, die nur eine große
+Carnevalsgarderobe erscheint, und werden in ihren Kindern geboren, und ihre
+Kinder _sind_ die Aeltern mit frischen Händen und Füßen. Denn was wären
+sonst Kinder? und was wären sonst Aeltern? Und so werden die Knaben und
+Mädchen im leidenschaftlichen Frankreich und am feurigen Rhein hier jetzt
+Kreuzfahrerchen und nähen oder kleben einander Kreuze auf den Rücken, und
+selbst die kleinen Kinder im Hemde treten vor ihre Mütter und wollen schon
+ein recht schönes Kreuz von ihr aufgeklebt haben! _Und sind wir Beide
+besser?_ Ich bin der Extract meiner Aeltern, und Ihr seid der der Euren --
+nur mit _der_ Gefahr, eingekerkert, ja verbrannt zu werden, welcher wir
+Beide nur mit knapper Noth glücklich entritten sind! Diese Priester und
+Leviten hier, die so brav und gescheit sind wie wir, und im Grunde so gut
+wie alle andern vernünftigen Menschen, sie müssen aber diese berauschten
+Kinder segnen; drum möchte sogar ich, blos als ein Mensch, den bedrängten
+Geistlichen helfen vor Schimpf und Schaden, durch Hülfe an den Kindern; und
+Euch, mein theurer Raimund, sehe ich noch _mit_ den Kindern ziehen, um
+ihnen zu helfen, zu rathen, oder nöthigenfalls unfehlbar mit ihnen zu
+weinen und ein armseliges Häuflein davon nach Hause zu bringen! Und nur Ein
+Kind Einer Mutter erhalten ist eine _doch nicht strafbare_ That.
+
+Der Tag verschlich darauf Jedem nach seiner Weise und der armen Irmengard
+in banger Unentschlossenheit. Und dennoch, auf bessere Stimmung hin, begab
+sie sich mit ihrer Frohmuthe bei der Abendröthe, wenigstens auf jeden Fall
+bereit, in das Haus in der Stadt und ließ sich von ihr schmücken. Raimund
+kam nach, auch Ramon. Als die Glocken darauf von dem Thurm zu der Vesper
+der Kinder bei den Ursulinerinnen erschollen und hallten, als aus allen
+Gassen Tritte von andächtig Schweigenden dröhnten, da befiel es sie wieder
+aus dem Glockenhall wie Himmelsruf; sie fuhr auf und reichte dem Raimund
+die Hand, sie in die Sacristei zu führen. Es erging ihr, wie dem zu einem
+Rehchen verzauberten Brüderchen -- in dem Märchen »_Brüderchen und
+Schwesterchen_« -- das zwar still und getreu bei dem Schwesterchen blieb;
+aber wenn draußen im Walde die Hörner lustig zur Jagd erschallten, dann
+hinaus mußte zu den Rehen, und sollte es zerrissen werden von den
+Jagdhunden oder erschossen von dem Pfeil des jagenden Königs -- und sollte
+sich sein Schwesterchen darüber zu Tode weinen, oder indeß doch tausend
+Angst ausstehen. Jetzt war sie das arme Rehchen.
+
+Die hohen breiten Fenster der Kirche waren von außen beleuchtet; aber als
+sie zu Thor und Halle hineingetreten, sahen sie erst mit Bewunderung, daß
+sie _erleuchtet_ waren, und wie bezaubernd! Die bunten purpurnen und
+smaragdnen Scheiben glühten und sprühten; die heiligen Schädel der
+Jungfrauen, als große Juwelen in Gold und Perlen gefaßt, sprachen aus ihrem
+Glanze von göttlichen Dingen eine stille bezaubernde Sprache, die Jedem,
+auch dem Kinderherzen verständlich war, wie den Blumen im Garten die
+Sonnenstrahlen. Alles saß und stand unter dem hellen Gewölbe unten voll
+Kinder, Mädchen und Knaben, und Mütter und Väter, und alte Muhmen und
+Vettern -- himmlisch angefunkelt!
+
+Der leise Gesang begann. Raimund übergab seine zitternde Irmengard dem
+Geistlichen in der Sacristei, und begab sich mit Ramon auf ein Chor der
+Kanzel gegenüber. Silberne, im Strahle der Kerzen blitzende Leuchter
+standen zu beiden Seiten auf ihrer Brüstung. Endlich schwieg der Gesang,
+und das heilige Mädchen, die im Antlitz marmorweiße Irmengard erschien,
+heute viel größer, mit den goldenen, wie mondscheinhell leuchtenden
+Flügeln, den grünen Palmenzweig in der Hand, während der Geistliche etwa
+drei bis vier Stufen niedriger auf der Kanzeltreppe stehen geblieben war
+und nur mit Haupt und Schulter erschien.
+
+Lange war kein Wort von der Kinderkreuzpredigerin zu verstehen, nur
+tauchten jetzt ein: »Lasset die Kindlein zu mir kommen« auf -- ein: »Ihnen
+ist das Reich«; und Alle weinten und schluchzten schon. Darauf ergoß sich
+mit ergreifender Rührung gleichsam ein _brennender Fluß_: Laßt alle Könige,
+selbst den König Andreas, zu Hause sitzen -- uns Kindern ist das Heilige
+Grab gegeben! Wir Kinder werden das Herz des Sultan Malek in Aleppo rühren,
+daß er ein Christ wird. Ihm wird ein Licht aufgehen, wenn Kinder schon so
+verwogen sind, so weit hinzuziehen in den Kampf, und ihn bitten, selig zu
+werden! Das wird ihn doch überwinden, wenn er noch so tapfer sich gegen
+Harnisch und Schwerter wehrt! Und _uns Kindern_ ist der Entschluß so ganz
+nicht schwer, so ganz nicht kühn, der Sache ein Ende zu machen! Unter
+glänzendem Himmel werden wir hinwandern, in schönen Gärten unter milden
+Lüften, über blumigen Rasen. Goldene Früchte werden uns zu Seiten des Wegs
+hangen; Feigen, Weintrauben an Reben, gehangen von Pappel zu Pappel -- wir
+werden _Thränen Christi_ trinken! Ganz gewiß und ganz unmerklich werden wir
+jede Nacht eines Rosenblattes Dicke größer wachsen, und also dort groß und
+stark ankommen; keine Schuhsohle wird uns reißen, kein Aermel nur ein Loch
+bekommen, wie ihre Gewänder den Juden nicht in der Wüste, die 40 Jahre
+gehalten -- und wie weit wären wir in 40 Jahren! Engel werden uns die
+Steine vom Wege lesen; das Meer wird zurückfliehen, wenn wir an seine Ufer
+treten, daß wir trocken hindurchgehen. Schwalben und wilde Gänse werden
+Befehl erhalten, uns am Himmel den Weg auf Erden zu zeigen. Und daß jedes
+Bedenken in euch erstickt, so wisset: Unser Heiliger Vater in Rom,[A] der
+nie irrt, hat aus der Offenbarung offenbart und verkündet: Das Thier, der
+Mohammed, der Lügenprophet soll überhaupt nur 666 Jahre leben, und jetzt,
+heute sind _die Hunderte_ davon, und von morgen an liegt er nur noch die
+ihm gezählten Tage im Sterben.[B]
+
+Jubelruf unterbrach sie, sodaß sie erst nach langer Zeit noch rufen konnte:
+Und die Kinder der Franzosen sind schon fort uns voraus nach Massilia und
+dort eingeschifft auf sieben großen Schiffen, und brauchen keinen Fuß zu
+setzen; -- gewiß will man uns nur schrecken mit der Kunde: Zwei Schiffe,
+voll ihrer, sind untergegangen . . . und alle die Dreißigtausend sind von
+einem Seelenverkäufer an die Sarazenen zu Sklaven verkauft! -- Das, das
+glaubt nicht! Wie kann das der Herr, wie kann das ein Engel nur zulassen?
+Kommen sie uns braven _deutschen_ Kindern nicht zuvor! Oder wäre ihr Tod
+und ihr Unglück wahr -- dann, _nicht desto besser_, sondern desto höher
+unser Ruhm auf Erden und unser Lohn im Himmel! Und so sage ich und verkünde
+ich euch: Unsere Ausfahrt ist auf heute über acht Tage bestimmt von
+Nikolas, der seine Boten überall hin ausgesendet. Und ganz überflüssig für
+euch, setz' ich hinzu: _Todsünde_ hat der Heilige Vater darauf gesetzt, wer
+nicht zur rechten Stunde seinen gelobten Zug antritt!
+
+[Fußnote A: Innocent III. in Adhortat.]
+
+[Fußnote B: Im Oratorio des kaum vergleichlich guten Kinderwohlthäters,
+_Philippo Neri_ zu Rom, finden noch jetzt alle Advente Abends bei Licht
+rührende _Predigten eines Kindes vor Kindern_ statt. Es kann nichts
+Holderes geben.]
+
+Und nach dem neuen Begeisterungsstürme fing sie nun an in _Aller Namen den
+Müttern und Vätern der Kinder zu danken_; dann für sie und für sich zu
+beten; dann großen feierlichen Abschied zu nehmen auf kurze Lebenszeit oder
+auf seliges Wiedersehen und selige Ewigkeit im Himmel.
+
+Das war über die Kräfte aller Kinder und Aeltern. Da wurden viel Tausend
+Thränen geweint; denn wer hatte zu irgendeiner Zeit je solches gehört und
+empfunden. Irmengard war ganz starr und steif geworden; sie sank dem
+Geistlichen in die Arme, und die Freunde führten gleichsam eine Selige in
+ihr Vaterhaus, während Raimund bei sich sprach: »_Nun ziehe ich mit!_« und
+Ramon beinahe sich schämte: »Wie schön ein Wahn sei, wenn er nur dauerte!«
+_Aber es fiel ein Stern wunderschön_ vom Himmel. Und er war wieder ein
+Mann, ein Bewohner der unermeßlichen Hallen der Welt, worin die Erde nur
+ein Fünkchen ist.
+
+
+
+
+Neuntes Capitel. Das Carneval.
+
+
+Die Carnevalswoche war nun eben nicht verdorben, sondern die Verkleidungen,
+Masken und Maskenzüge, das Schneidern und Nähen, und Pappen und Kleistern,
+und Färben und Malen, Versuchen und Rüsten, das andere Jahre nach den
+_verschiedenen_ Absichten kleiner und großer Gesellschaften sich richtete,
+hatte dieses merkwürdigste Jahr der Stadt Alles nur auf Einen Gegenstand
+Bezug -- auf den _Kinderkreuzzug_; oder, als das Zweite: auf die brennende
+_Hurd_, die den Tag vor dem Jammer des Abschieds angesetzt war. Die Boten
+waren in die Städte und das Land weit und breit ausgesandt, und es ließ
+sich schon den Tag vor der Hurd eine große Menge Thränen- und
+Klagesüchtiger bis zur Ueberfüllung der Stadt erwarten, schon ohne die
+Scharen von Kreuzkindern und ihren Geleitgebern von weit und breit herum.
+
+Auf der Lindenburg wurde Irmengard zu der langen Reise doch mit dem
+Nächsten, Nöthigen reichlich versorgt. Denn der Maler van Graveland hatte
+ihr eine prächtige goldene Halskette geschenkt, die Anverwandten hatten ihr
+alle Finger voll theuerer Ringe gesteckt, um in Mangel und Noth eine Zubuße
+zu haben. Uebrigens hatte sie sich wieder in vollen Glauben gepredigt. Sie
+nahm gar keine Speise und keinen Trank, als solche, die aus der Stadt oder
+aus dem Dorfe ihr von ihrer getreuen Frohmuthe besorgt ward; da das schlaue
+Mädchen des Doctors Medicinbrauerei bemerkt, belauscht, in ihren Wirkungen
+klar und deutlich an den vielen andern Kindern, und besonders an dem Don
+Angelus wahrgenommen und ohne Zweifel ihrer Irmengard verrathen hatte. Denn
+die Kinder verloren wirklich allen Appetit, selbst nach dem
+Unentbehrlichsten; am meisten schmachteten sie nach Ruhe und Schlaf, und
+ihre kaum zähmbare fromme Aufregung war zur Gelassenheit, Gleichgültigkeit,
+ja zu Lächeln geworden. Das war am meisten an dem langbeinigen guten
+Viaductor Angelus zu sehen, der sich es wohl sein ließ, und _in Wahrheit_
+nicht einmal den Weg von Köln nach Bonn wußte, oder nur zu welchem Thore
+man hinausgehen müßte. Er hatte der Eingebung vertraut, auch darauf, daß er
+zu Jedermann in der Fremde gleich in der Sprache desselben werde reden
+können wie Wasser. _Des Nachts_, so rühmte er sich, _könne er alle
+Sprachen_ und unterhalte sich geläufig darin mit allen verschieden
+gekleideten Ausländern. Nur früh noch trete in ihm eine Stockung ein; es
+falle in ihm wie eine Thür oder Klappe zu; doch hoffe er mit Zuversicht,
+daß die wie sonnenscheuen Sprachen auch am _Tage_ herausbrechen würden, und
+nicht blos wie Eulen des Nachts in ihm schlurfen; denn _reden_ brauche man
+ja doch nur am Tage! So hatte er sich weder vor Italienisch, Griechisch
+oder vor Türkisch gefürchtet. Jetzt war er ganz still und gewissermaßen
+froh.
+
+Der Maler war auf der Burg draußen geblieben, sodaß der todte stille Herr
+Rath bald fertig gemalt war. Nur um Irmengard predigen zu hören, war
+Raimund auch zu den Ursulinerinnen gegangen -- aber er hatte sie gesehen,
+und als Engel gemalt mit Flügeln und Palmenzweig, und er sagte von dem
+Bilde, obgleich schnell gemacht, sei die Irmengard doch gewiß sein bestes,
+schönstes und seelenvollstes, wie lebendiges Werk; zu welchen so obenhin
+gesagten Worten der Jude dem Maler eine verbindliche Verneigung machte.
+Raimund aber war entzückt davon in reinem Herzen, besuchte wieder sein
+Goldtönnchen, versandte davon der Sicherheit wegen und auf die Reise für
+alle Fälle mehr als hinlänglich an sichere Häuser und treue Handelsfreunde
+in einige Städte des Südens, und stattete seine Börse damit reichlich aus.
+Den hier bleibenden Schatz befahl er dem alten Hagebald zugleich mit dem
+neuen Freunde Ramon, der sein Gold mit dazuthat. In der Stadt und in allen
+Häusern sah es aus und ging es zu, als wenn in einigen Tagen und endlich
+diesmal gewiß der Jüngste Tag hereinbrechen sollte; ja manche Kinder sangen
+wirklich den Vers!
+
+ Wenn der Jüngste Tag soll werden,
+ Fallen die Sternlein auf die Erden,
+ Kommt der liebe Gott gezogen
+ Auf einem schönen Regenbogen,
+ Neigen sich die Bäumelein,
+ Singen die lieben Engelein:
+ »Ihr Todten, ihr Todten sollt auferstehn!
+ Ihr sollt vor Gottes Gerichte gehn:
+ Wohlan, wohlan, auf diesen Plan
+ Der liebe Gott will uns Alle han.«
+
+Alles Befehlen und alles Gehorchen war aufgehoben. Alles ging in den
+Häusern ganz ehrbar, ja feierlich zu, vom Aufstehen bis zum Zubettegehen.
+Die Suppe ward mit Andacht gegessen, als vielleicht die letzte Suppe; und
+wer am gerührtesten war, der legte zuerst den Löffel hin, oder ging gar vom
+Tische weg hinter den Ofen, und wer ihn am liebsten hatte, der ging ihm
+nach, und sie herzten und küßten da einander. Die Kinder thaten den Aeltern
+und den Geschwistern Alles zu Liebe, und die Aeltern ihnen. Jedem kleinen
+Kreuzfahrer ward noch sein Leibessen gekocht, gebraten oder gebacken; und
+eine alte Mutter oder ein alter Vater sprach wol zu dem Frieden und der
+Zufriedenheit: Könnte es bei uns nicht immer so sein? Ach, und wie bei uns,
+so lieb und treu ist es gewiß jetzt in allen hundert Städten und Dörfern
+umher im Lande! Schon deswegen, als Beispiel und Vorbild: _wie_ schön unser
+deutsches Reich sein kann und kaum wol jemals werden wird, ist euer
+Kreuzzug gar nicht mit Geld zu bezahlen, ihr Kinder -- ja, wenn auch hier
+und da eins von euch nicht wiederkäme, sondern unterwegs oder dort von
+Engeln zum Himmel getragen würde, Und doch sprach wol eine Mutter darüber
+zu ihm: »Vater, versündige dich nicht!« und er zuckte die Achseln.
+
+Der Rath Aldewin, der gute Vater seiner wahrhaft mütterlichen Tochter im
+Kerker, war ganz im Stillen in die Familiengruft beigesetzt, und er hatte
+durch sein Beispiel und seinen Tod den Vätern und Müttern aller Welt nur
+eine und zwar diese höchste Bitte verlassen: Steh' deinen Kindern _immer_
+redlich bei, den glücklichen, und den unglücklichen noch mehr, in _aller_
+ihrer Noth, und erst recht in Menschenschande und in Sünde vor den
+Menschen. _Wer weiß, was in der Sonne Schande ist? und was erst gar im
+Himmel keine Sünde ist_ vor Dem, der Alles vergibt und vergab; sonst käme
+der Heiligste selbst nicht in den Himmel. _Er hatte sich geschämt, ihr erst
+zu vergeben._
+
+Diese Worte hatte er zu seinem Weibe Irmentrud gesagt, und dann noch leise
+vor sich hin gesprochen: _Auch mit den Weibern muß man es so halten._ --
+Das war verständlich jetzt für Don Ramon.
+
+Am Freitag, als am Tage vor der Hurd, war die Frau Rath mit Raimund nun zu
+ihrer Tochter in der Abenddämmerung in den Kerker gegangen, wo sie auf
+überraschende milde Weise auch ihren _natürlichen_ Schwiegersohn bei ihr
+gefunden. Raimund lernte das sanfte, schöne, _natürliche_ Weib da kennen
+und ehren, und er flüsterte ihr leise zu, was morgen durch die Weiber in
+guter Hoffnung und durch die Weiber der Katharer, die jede Todesstrafe
+verabscheuten, und durch die Weiber _der Juden_ im Chor zu ihren Gunsten
+geschehen würde. Der Jost, einzig der Narr wußte noch Rath, sprach er. Er
+ist mein Jugendfreund, und der Erzbischof ist der Freund meines Freundes
+Ramon, des Juden, der fest bei ihm steht in Gunst; denn seiner staarblinden
+Augen wegen bedarf er ihn mehr als alle andere unwissende Christen.
+
+Zum Abschiede fiel der zum Feuertode verdammte junge Menschenjude, als
+_natürlicher_ Schwiegersohn, seiner armen Schwiegermutter zu Füßen, und
+voll Angedenken an ihren edeln gestorbenen Mann sagte sie ihm jetzt nur
+desgleichen das Wort: _Auch mit der Tochter Manne muß man es so halten!_ --
+Ach! ich müßte mich schämen, dir nicht zu vergeben! Lebt oder sterbet Beide
+wohl -- nur wohl! -- Ohne Tod kein Wiedersehen, und Wiedersehen vergilt das
+Scheiden und ist eine neue überschwängliche Freude, ein Himmelsanfang.
+
+Wenigstens auf Erden; da ist es probat, das heißt: bewiesen. Das dachte nur
+Raimund, herzlich gerührt und weinend, dazu.
+
+
+
+
+Zehntes Capitel. Die Hurd.
+
+
+ Motto: Am Himmelsgewölbe sind viel Haken eingemauert, daran das
+Menschenvolk seine Thorheiten hängt, und woran sie verwittern. Das neue
+Geschlecht reißt die alten herunter und hängt dafür seine neuen daran, die
+wieder verstocken und heruntergerissen werden, und wieder ersetzt. _Die
+Haken halten._
+
+Zur gesetzten Stunde brach unter einem sanften Sprühregen der Zug nach dem
+Gericht auf. Wie angenehme oder düstere Farben der Wolken am Himmel die
+Erde _tonlos_ schmücken, so gaben die Glocken der Thürme mit ihrem
+wallenden Klange der Stadt ein unsichtbares -- ein gleichsam frommes Dach,
+eine wie vom Himmel herab- und hereinklingende Weihe des Festes: zur
+Darlegung des Abscheus vor solchem höllischen Wesen, wo der Teufel einen
+Engel geliebt und der Engel sich dem Teufel ergeben mit Leib und Seele,
+sodaß sie Beide zu Einem, zu etwas Unnennbarem geworden.
+
+Voran kamen »Funken«; darauf das schuldige Paar, nicht in Bußkleidern, die
+ihnen nicht zugestanden, denn ihre Schuld war nicht auf Erden abzubüßen,
+noch zu vergeben; sondern der erfinderische Geist des Karnevals hatte sie
+in Masken gesteckt, die noch nie gesehen und erhört waren. Und so folgte
+ihnen unmittelbar nicht ein geistlicher Orden, oder ein Beichtvater,
+sondern wieder erst hinter einem Zuge Funken sangen und beteten sie das Ora
+pro nobis, nur wie für sich und das Volk. Denn hinter ihnen kamen die
+Frauen und Jungfrauen, Väter und Mütter; hinter ihnen ein Zug zur Warnung
+gezwungen dazu befohlener Juden, Greise, Männer und Weiber und Jungfrauen,
+und alle _ohne Maske_, in schwarzen langen Sabbathröcken. Hinter ihnen kam
+nun der wahre große Carnevalzug. An der Spitze desselben zuerst in
+wunderlicher Maske _der Ewige Jude_, der die erhabensten Männer seines
+Volks führte: eine Reihe Könige, unter denen der kleine David mit dem
+Riesen Goliath; Salomo mit der Königin von Saba, und Absolon mit einer
+ehrfurchtgebietenden Perücke, die vor allen den Kindern am meisten gefiel.
+Zum Schluß kam Judas Ischarioth, den Beutel mit Silberlingen schüttelnd und
+seinen berühmten Strick um den Hals, und hinter ihm ein _wirklicher Dieb_,
+der heiliges Kreuzzugsgut gestohlen hatte, und zwar nur wenig Pfennige den
+Kindern aus der Tasche -- _doch jede Zeit hat ihre Hauptverbrechen_, wie
+jedes Land sie -- ihre zeitlang hat.
+
+Sehr viele Männer und noch mehr Weiber aus allen Ständen und von allen
+Handwerken, die neben dem Zuge und hinter dem Zuge langsam ihre Augen und
+Ohren herausgetragen, stellten sich, endlich angekommen, um den Hügel mit
+dem Scheiterhaufen und zwei Pfählen, zu welchen die beiden Schuldigen
+hinaufgeführt und jeder an seinen Pfahl gebunden ward, mit den Händen hoch
+über den Kopf. Der Scharfrichter Elias in großem Staat, befahl da oben den
+Knechten. Und sie entkleideten die Verurtheilte so weit, daß ihr ganzer
+weißer Rücken erschien, und geißelten, ja zergeißelten sie, daß den Weibern
+allen, die sich am nächsten hinzugedrängt, die Augen vergingen, sie sich
+jammernd wegwandten oder mit dem Kopfe sich unter die Menschen bückten. Die
+Gegeißelte ertrug die Pein und den Schmerz ohne auch nur einen Laut. Sie
+schrie aber einen Gall, als die Knechte ihren Freund nun noch ärger
+geißelten. Der aber warf mit lauter Stimme entsetzliche Worte aus der Alten
+Schrift über die Menge, und rief Prophezeiungen aus wie zerschmetternde
+Blitze, worüber die gläubigen Hörer ihn verlachten -- um nicht zu zeigen:
+sie wären dadurch zermalmt. Als aber zuletzt die Knechte das Feuer an die
+Scheiterhaufen legten und Rauch aufquoll und Glut, und das Feuer ihre Haare
+ergriff, daß sie aufloderten, da schrie sie entsetzlich zum Himmel empor,
+und entsetzlicher zu den Frauen hinab und rief: _Und das leidet ihr
+Frauen?_ Ihr, die ihr Kinder geboren! und ihr Jungfrauen, die ihr Frauen
+werden wollt! Das leidet ihr, daß eine Mutter lebendig das Grab ihres
+Kindes wird? _Das_ ist über alle Sünden und über alle Strafen. Wehe euch!
+wehe! wehe!
+
+Da erwachten die Weiber wie aus einem Traume. Sie sahen sich an mit
+rollenden Augen, mit wüthenden Blicken; sie faßten sich an, an den
+Schultern, sie schüttelten einander, und ohne ein Wort zu verlauten, mit
+einem einzigen Schrei stürmten sie den Hügel, befreiten die wie rasend
+Gewordene, aber Stille, und geleiteten sie schonend und küssend, sanft und
+sorglich hinab und führten sie auf dem Wege zurück nach der Stadt.
+
+Die Funken wagten nicht, sich an den Frauen zu vergreifen, denn sie hörten
+mit drohenden Fäusten selbst der Vornehmsten Weiber rufen: Verbrennt die
+Mutter, _wann_ sie Gott ihre Schuldigkeit gethan. Dann, dann verbrennt ihr
+sogar ihr Kind vor Augen oder auf den Armen des Vaters. Aber ein Weib
+greift nicht an dem Weibe an, denn das Leben ist nicht die _Mutterliebe_,
+die _himmlische_ Mutterangst.
+
+Selbst ohne Waffen hätten sie die Bewaffneten zerrissen, und es blieb
+nichts übrig, als den schönen erbleichten Jüngling auch loszubinden, und
+mit dem siegreichen Weibe unter den siegreichen Weibern heimzuführen,
+langsam von fernen, von rohen Priestern begleitet und von dem Zuge der
+jüdischen Könige, und der _Ewige Jude_ jubelte und tanzte voraus.
+
+Raimund aber sprach leise zu Ramon: Der Narr hat gut gewirkt! und die
+Weiber mit Menschengefühl immer. Nun werden die Armen gewiß auch nach Rom
+gebracht! Nun muß ich fort. Du wirst ja hören, vielleicht noch heute, wenn
+du hinaufgehst zu den Augen- und Nasenpatienten. Wie froh bin ich. -- Sie
+drückten sich die Hände.
+
+Das lustige Volk aber lief wieder zurück zu dem Galgen, denn es hörte und
+sah: ihm zu einigem Ersatze wurde der Pfennigdieb gehangen,[A] der ärmste
+und lustigste Vogel in Köln seit vielen Jahren und Carnevalen. -- »Fleisch
+lebe wohl!« hatte er, schon den Strick um den Hals, noch gerufen. Nun seht
+und versteht: Ich werde euch zur letzten Freude ganz ausgelassen mit meinen
+zwei Beinen zappeln -- mehre habe ich nicht für den Augenblick -- und dabei
+wißt nur: da tanz' ich mit _Lilith_, der alten Großmutter -- ihr wißt schon
+von wem!
+
+[Fußnote A: Laut Godofred. Mon. I. c.]
+
+Und das Volk lachte unter den Masken hervor schauerlich, und sang dazu --
+denn es war ja Carneval, und ein Spaß mußte doch sein.
+
+
+
+
+Elftes Capitel. Raimund's erster Bericht aus Koblenz.
+
+
+So sind wir denn fort -- »man sollte es gar nicht glauben!« wie du immer
+sagst, guter Ramon. Ich bin ganz nüchtern, und doch wie betrunken; denn du
+hast Recht: Alles steckt an; man wird blind unter Blinden, und taub unter
+Tauben; ein Kind ist auf Erden auch nur ein angesteckter Mensch, und unter
+lauter Amseln wird er zuletzt nur pfeifen, und unter lauter Glocken zuletzt
+nichts als: »bim-baum! -- bim-baum!« summen. So singe ich schon zuweilen
+mit den Kindern, und das Weinen wird auch noch kommen! Vor der Hand halte
+ich manchmal und lache den Zug unserer Kinder Israel an. Wenn wir doch eine
+Wüste hätten, um drinnen nur zehn Jahre größer zu wachsen, so würden wir
+zusammen mit den fränkischen Kindern ein schöner Stamm kluger Abendländer
+im Morgenlande werden, der _aus seiner Erinnerung_ gar kein dummes Leben
+herstellen würde. Denn die ganze Menschheit muß wirklich vorher in einem
+sehr vernünftigen, stillen, geheimen Lande gewohnt haben, daß sie immer ein
+Vernünftigeres, Besseres -- oder Ewigaltes zutage fördert, wie eine Art
+Bergleute oder Berggeister.
+
+Also zum Nagelneuem!
+
+Den Auszug aus Köln[A] habt Ihr selbst mit Augen gesehen, und die Nachwelt
+wird Euch darum beneiden. Denn auf gewisse Weise ist das Geschlecht
+glücklich, das etwas Großes, Ungeheueres, Schönes, Lächerliches und fast
+immer ein Einziges, Einmaliges mit angesehen, mit gefühlt und mit
+überstanden hat, vom Trojanischen Pferde an bis etwa zu der schändlichen
+lateinischen Eroberung von Konstantinopel, heute vor acht Jahren. Ihr habt
+den _Zuzug_ der Kreuzkinder aus den andern Städten, aus Aachen, Wesel,
+Düsseldorf, Lüttich, ja bis von Münster singen und weinen gehört, ihr Lager
+auf den freien großen Plätzen gesehen . . . wie die, in den Häusern guter
+Leute nicht schon aufgenommenen und gespeiseten in den Hallen der Kirchen
+und den Gängen der Klöster die Nacht verbracht . . . wie bei Sonnenaufgang
+alle Glocken die Kinder erweckt . . . wie sie eingesegnet unter dem
+Severinthor, aus einem Wirrwar ohne Gleichen sich allmälig zu einer Art
+Leichenzug ohne Ende gestaltet, an dessen Spitze der Hirtenknabe Nikolas,
+von sechs starken Knaben gezogen, fuhr, in einer niedrigen, vierrädrigen,
+vergoldeten Karrete mit seidenem Baldachin gegen Sonne und Wetter; denn
+auch Herrschen und Herrscherpracht steckt an, und er wollte und sein Wagen
+sollte nicht schlechter sein als die französische Kindercarrosse seines
+Herrn Bruders _St.-Etienne_. Und das Alles mußte man mit frommen Gesichte,
+und gefalteten Händen ansehen, sonst bekam man die schönsten Ohrfeigen.
+Meine Gesichter Hab' ich im Leibe geschnitten, und mein Bauchredner hat
+seine Reden andere Leute halten lassen. Von den Thürmen habt Ihr uns
+nachgesehen, wie den Knaben die Hunde nachliefen; wie manche gute Mutter
+ihren Kindern noch allerhand brachte; da Eine ein kleines Päckchen mit
+Hirschtalg, wenn sie sich die Füße wund, oder, was man so nennt, sich gar
+einen Wolf gelaufen. Ja, eine Mutter brachte ihrem guten Käthchen bis auf
+das erste Dorf, bis nach _Rothenkirchen_, eine Düte mit Fliederthee nach,
+wenn sie sich erkältet hätte! -- Da kamen mir die Thränen schon in die
+Augen, Als aber ein armer guter Vater seinem Knaben noch _sein Bette_
+nachbrachte -- nämlich einen grobleinwandenen Scheffelsack, darein er zu
+Nacht kriechen und die Bändel desselben unter dem Kinn zubinden sollte, und
+der liebe Sohn dem lieben Vater dafür um den Hals fiel -- da brachen die
+Thränen mir auch wirklich aus. Die Reihe der Völker kann in nichts so
+Absonderliches verfallen, daß _dem Herzen_ nicht viel Gutes zu thun und der
+Seele viel Besseres zu ahnen übrig bliebe! Vor der Hand habe ich bemerkt,
+daß die Kinder in ihrem Glaubensstolz und aus Würdegefühl ihres Zugs sich
+unterwegs _nichts erbitten_, sondern, ganz als wenn Alles ihnen gehörte, es
+geradezu _nehmen_ und ohne Dank damit davongehen! Das erscheint als etwas
+Erhabenes. Ueberhaupt halten sie kaum etwas Anderes für Sünde als -- _ich
+weiß nicht was!_ und kaum etwas Anderes für herrlich als ihr Thun und ihren
+heiligen Pilgerzug. Und viele Menschen halten ihren ganzen Wandel auf Erden
+für einen solchen Zug und leben danach wie himmlisch vogelfrei! Da haben
+wir unsern Pilgerzug, den Adam und Eva schon derb und tüchtig angetreten!
+
+[Fußnote A: Chronik des Bischofs Sicard, und der Mönch Gottfried.]
+
+Zu gutem Glück ist noch nichts auf den Feldern, noch auf den Bäumen; keine
+Kirsche, keine Birne, keine Kastanie, keine Nuß -- denn sonst --
+_wohldenenselben_! Aber sie hatten sich im vorletzten Dorfe über einen Korb
+mit Ziegenkäsen _erbarmt_ (denn ihnen ist das ein Erbarmen, ein
+Herablassen). Meinem Inquilinen, meinem Naturalisten mit nicht erst
+angeglaubtem strengem Gewissen im Leibe, konnte ich aber den Mund da nicht
+stopfen und die Lust, in den im Hofe stehenden Ziegenbock, in das Kalb und
+den bellenden Kettenhund zu fahren; und der Bock sprach: Engel wollt ihr
+sein, und Diebe seid ihr! und »Diebe« bellte der Hund, und »Diebe« blökte
+das Kalb. Aber das Reden der Thiere nahmen sie _unverwundert_ so hin, als
+lebten sie im Alten Testamente zu Bileam's Zeiten, und sie würden noch der
+Anrede von Thieren gewürdigt! Aber sie meckerten nur den Bock an, bellten
+den Hund nach und jagten das Kalb umher.
+
+Wie ich so stand, fassen von hinten mich weiche Hände an den Schultern,
+kehren mich um, und wer lacht mir mit dem bildschönen Gesichte in die Augen
+-- Gaiette, die eine alte französische Theorbe, oder was für ein Ding, an
+einem Bande umhängen hatte. Das sehr schön gewachsene lustige Mädchen frug
+mich mit verstellter klagender Sorge: Lieber Herr Raimund, wo soll man
+diese Nacht wieder schlafen?
+
+Ich rieth ihr kurz und ernst: Nun zur Seite unserer Irmengard, der du zum
+Schutz und zur Wache ja mitgegangen bist.
+
+O, hier draußen in der Welt ist Alles ganz anders, sprach sie
+achselzuckend. Wir Frauenzimmer, ja nur wir Mädchenkammern sind alle
+überall immer ehrgeizig, hochnäsig. Auch unser neuer Herzog aus dem
+Schafstall. Wie ein neugebackener Fürst gleich sein neues Wappen und seinen
+Namen an alle Thore und Tafeln und Stallthüren malen läßt und als Fahne vom
+Wartthurm flackern, um das Verwundern und Erstaunen auf einmal abzumachen;
+so setzt sich der Nikolas auch sogleich über alle Verwunderung hinaus.
+Gestern ließ er die Irmengard in seinem Ehrenwagen fahren und er ging zu
+Fuße, und sah sie immer so ehrerbietig an -- freilich als seiner Herrschaft
+geliebte Tochter! Freilich ich führe selbst auch gern, oder setzte mich zum
+vornehmsten Herrn, und wenn er ein Türke wäre, auf seinen Thron! Wir armen
+Mädchen müssen uns was versuchen!
+
+Ihr Schatz, ein Webergehülfe, hatte sie begleitet, wie viele andere junge
+Menschen ihre Liebsten; ja sie hatten sich zum Abschied vor den Leuten
+geküßt, unverwundert, und keines hatte vor eigenem Leide gelacht. Sie
+erzählte, daß ganze Scharen Dienstmädchen, bedenkliche Waschweiber und
+armes lockeres Gesindel mitgekommen und noch nachkomme, und allerhand
+verwahrloste, geschäftslose, vertrunkene Bursche, denen man nicht gern
+allein im Walde begegne, oder Geld aufzuheben geben möchte. Wie werden
+_die_ Jerusalem plündern! Doch will ich voraus nicht in Angst sein um jene
+armen reichen Leute dort, die noch ruhig schlafen vor uns! Der Weg ist
+weit. Nun, glückliche Reise! Auf Morgen hat der Alles -- selbst die Haare
+der Kinder -- durchschauende Herzog allgemeine Schafschur aller Haare vom
+Kopfe anbefohlen; befohlen? bewahre! nur einen Wink fallen lassen, und
+Alles wird gehorchen wie blind -- nur ich nicht. Meine Haare sind mein
+Schönstes. Aber die demüthig gehorsame Irmengard wird sich scheeren lassen.
+So sprach das muthige Mädchen.
+
+Nächstens mehr. Aber kurz, doch bündig.
+
+Ich sende Euch dieses Schreiben mit meinem Reitknecht, der uns Schnecken
+bald wieder einholen wird, um sichere Nachricht von Euch zu erhalten:
+_Wann_ Irmengards tapfere Schwester mit ihrem getreuen Mitleider nach Rom
+eingeliefert werden soll? Welche Art der Reise etwa von Kloster zu Kloster
+vorgeschrieben . . . und welche und wie starke Begleitung beigegeben sein
+wird? -- Ich, ich habe schon einige verwegene, gediente und verjagte
+Ritterknappen mir immer in Vorrath, noch ohne ihr Wissen ausgesucht aus dem
+Schwarme.
+
+
+
+
+Zwölftes Capitel. Zweiter Bericht aus Speier.
+
+
+Ich weiß also alles Nöthige, und freue mich. Haltet den Narren nur warm,
+diesen in aller Stille mächtigen Herrn, der tausend Gutes durch Späße wirkt
+und es _zu thun_ keinen Finger zu netzen braucht. Das ist die Geistermacht
+und auch der Geist steckt an, fange ich an zu glauben, nicht blos das Herz.
+Es freut mich für dich, mein Ramon, daß du auch dem alten braven Herrn das
+Licht seines Leibes erhalten kannst und wirst. _Können_ ist eine schöne
+Sache, ein Absenker der Allmacht, und Wissen ist sein Vater. Hier sind so
+viel Grabmäler von _gestorbenen_ Kaisern, daß Einem ordentlich frei und
+hoffnungsreich und groß zu Muthe wird. Doch das beiseite.
+
+Unsere Heeresmacht, die beim Auszug, ohne die geistlichen Herren, nur etwa
+7000 Mädchen und Knaben betrug, hat sich bis jetzt durch Aufnahme und
+Mitnahme von andern auf unserm Wege und durch Zuzüge aus dem breiten
+Flußgebiete bis über die Hälfte vermehrt, und durch weitere Verstärkung
+werden wir mit 20,000 jungen Kreuzzüglern die Alpen übersteigen, wobei die
+Kinder durchaus darauf bestehen, den Pilatusberg zu betreten oder aus der
+Ferne zu beaugen. Sie werden dann -- denn wahrscheinlich werde ich wegen
+meines Seiten- und doch Hauptgeschäfts nicht mit dabei sein -- ihren Weg
+von Basel über Zürich, den St.-Gotthard, Bellenz, Mailand und Pavia nach
+_Genua_ nehmen. Aber welchen Weg! Einen Heuschreckenweg! Denn ich will Euch
+zum Andenken nur Einen Tag beschreiben.
+
+Früh knien Alle nieder und beten, das Gesicht nach Morgen gewandt. Dann
+gibt jeder Hauswirth einer zu Nacht bei ihm eingefallenen Kinderschar aus
+allen seinen Leibeskräften ein Frühstück, und sie packen sich die
+Pilgertaschen noch voll. Alles was Beine hat, begleitet dann mit der
+singenden Geistlichkeit den Zug zum Dorfe oder der Stadt hinaus, und, von
+Boten geführt, vereinigen sie sich vorwärts und den Ortschaften zur Seite
+auf der angenommenen Hauptstraße. Für unterwegs haben wir _Reise_gebete,
+wie die Geistlichen welche haben, nur den Umständen angepaßt, weggelassen
+oder zugesetzt von dem wirklich bewundernswerthen klugen, wie allwissenden
+Nikolas. Kreuze am Wege, Kirchen, Kapellen in der Ferne werden mitgenommen
+-- das heißt begrüßt mit Kniefall. Bienenkörbe auszunaschen ist verboten,
+weil es Vielen sehr schlecht bekommen. Ein sonniger Wald voll rother
+Erdbeeren ist eine köstliche Labung, auch eine Ruhezeit. Aus den Orten
+kommen uns Processionen entgegen und wir singen uns einander an; da wird
+auch wol wieder Eins geweint. In den Orten, wo uns Nikolas weislich voraus
+ankündigen lassen, werden wir zum Mittagsessen eingeladen und von Weibern
+und Kindern in die Häuser geführt, wo bald Alles von den Tischen
+verschwindet; denn die armen Hungrigen essen (mit einem »fr« davor) wie
+Heuschrecken, nur wie riesenhafte zweibeinige. Darauf wird gedankt im Namen
+des Herrn. Darauf wird gewaschen und satt getrunken, und der Stab
+weitergesetzt unter Kinderbegleitung, von denen die größern uns den Weg
+weisen auf die Seitenwege, da wir dann _in der Breite_ marschiren, und weil
+ein Strich Dörfer auf einer Straße uns nicht ernähren und Nachts
+beherbergen könnte. Die meisten gehen barfuß und lernen es recht gut. Viele
+haben sich einander die Haare vom Kopf geschoren, um gewisse Kümmernisse
+loszuwerden, und lagen wie Lämmchen den Andern im Schoose. Das war eine
+große Wollschur der armen geduldigen Schafköpfchen. Fromme alte Weiber
+nahmen sich ganze Schürzen voll mit nach Hause zu ewigem Andenken. Die
+Kinder können unmöglich immer weinen und beten und singen -- das verzieht
+sich so vor den tausend kleinen Wandersorgen. Denn in der Nachmittagszeit
+laufen die Knaben wol nach Eichhörnchen, kriechen nach Vogelnestern, und
+die Mädchen, schon große Trullen dabei, spielen Ball mit den Knaben und
+necken und werfen sie -- aus lieber Natur! Oder sie spielen _Leinwand_, und
+die Katze, die Wächterin, miaut erbärmlich, wenn dem Herrn wieder eine Elle
+Leinwand vom Diebe gestohlen ist. Aber plötzlich stehen sie, wie heim auf
+ihre Spielplätze gezaubert, und fangen an bitterlich zu weinen. In der
+Abendstunde baden Knaben und Mädchen, weit genug durch Gebüsche voneinander
+geschieden, in den Bächen, und krebsen wol auch darin. Indeß sitzen Andere
+und flicken sich ihre Sachen. Oder die mitgekommenen Weiber und
+Weibspersonen waschen an den Ruhetagen ihre Lümpchen und Läppchen und
+Tüchel, und flicken die zerlaufenen Strümpfe, oder machen aus den nicht
+mehr fadenhaltigen Bälle, -- und die kleinen erschöpften Wandersleutchen
+pflegen sich und werden gepflegt. Die schlimmste Krankheit ist das Heimweh,
+wobei die Kleinen _untröstlich_ weinen und immer rufen: »Ich will heim!
+. . . Ich will heimgehen . . . Ich will zu meiner Mutter!« . . . oder
+Andere, schon etwas von kindischer Vernunft wie Angebrannte, klagen: »Ach,
+wäre ich doch zu Hause geblieben! Wie gern wollt' ich folgen! Wie wird
+meine Mutter weinen!«
+
+Und was würden die Mütter, die Väter und Geschwister sagen, wenn sie das
+sähen! -- Und ich sehe es gleichsam für Alle, und fühle es für Alle, denn
+ein Mensch fühlt wie Tausende, und keiner mehr noch anders. Solche Kleine
+behalten gütige Mütter bei sich und versprechen ihnen, sie nach Hause
+führen zu lassen, oder auf Kähnen, auf Frachtwagen mit. Da lachen sie
+himmelsfroh! Andere sind wirklich krank und werden untergebracht in
+Klöstern oder Hospitien von Begharden oder Beguinen -- wo welche sind! Sie
+sollen mit den andern Reconvalescenten und mit den Lahmen nachhumpeln und
+nachhinken! Die Kreuzknaben sind von Allen geehrt. Füllen sie Sonntags die
+Kirche, dann müssen sie sich setzen und die Gemeinde steht. Die dann zu
+Hause bewanderten Knaben dürfen als Chorknaben ministriren, und die
+Einheimischen ziehen ihnen ihre Amtskleider sie bewundernd an; ja, die
+Kinder der Einwohner lassen ihnen den Vorrang, auf den Thürmen die Glocken
+zu läuten, und freuen sich, daß sie an den Stricken und Strängen sich
+gerade wie sie selbst von der zuletzt ausschwingenden Glocke mit dem Kopfe
+bis an die Decke _hinaufreißen_ lassen -- was uns einen Todten gekostet,
+mit dem alle Einwohner zu Grabe gingen. Unser Nikolas, jetzt mit dem
+Anstande eines vornehmen Edelknaben oder Grafensohns, läßt manchmal seine
+Irmengard fahren, und wenn er sie zu Hause als Hirtenknabe kaum Sonntags
+von Ferne sehen und grüßen durfte, so hat er sie hier draußen in Gottes
+freier Welt, unter Blütenbäumen sitzend, oder an Quellen im Walde, und sie
+macht einen Kranz, den er zuletzt immer bekommt, aber ihr hold auf das
+geneigte Köpfchen setzt. Seit unsere Irmengard als Engel gepredigt, hat sie
+mich durch Schönheit und Begeisterung zu sich bekehrt. Natürlich ohne
+Eifersucht, fühle ich Neid gegen ihren Seelenbeherrscher. Fast kann auch
+kein Mädchen _meinem verlorenen jungen schönen Weibe_, meiner Gabriele, in
+ihren Mädchenjahren, _wo ich sie lieb gewann_, ähnlicher sehen, als
+Irmengard. Und daß sie in seinem Wagen fährt, den immer sich abwechselnde,
+sehr rüstige Knaben mit Herzenslust ziehen, daß die Räder bald zerbrechen,
+hat auch irdische Ursachen: denn in der wie heiligen Karrete ist immer ein
+wohlschmeckender Vorrath an Trank und Speise -- Schinken, Rheinlachs,
+allerhand Klostergebäck und Flaschen vortrefflichen Rhein- und Neckarweins,
+die ihm die Frommen verehrt, und den er ihr kredenzt aus dem einzigen Glase
+des ganzen Heerzugs.
+
+Der langbeinige Wegweiser ist also geheilt -- denn er ist nicht
+nachgekommen; auch nicht die Kinder aus der Lindenburg. Aber andere in der
+Stadt, die von den Aeltern in Keller und Kammern schon vor dem Auszug
+eingesperrt gewesen, aber von dem Lauten und Rufen und alle der, als
+Geräusch nur vernommenen Begeisterung des Auszugs so ergriffen -- sind so
+hinterlistig gewesen, erst einige Tage nachher, nicht mehr bewacht, theils
+zu Fuß zu entlaufen, theils in Schiffchen, Rhein zu Berg, uns nachzufahren.
+Da war Freude!
+
+
+
+
+Dreizehntes Capitel. Der Mädchenbezauberer.
+
+
+Heut' berichte ich Euch ein Neues, das die Verbindung von Morgenland und
+Abendland mitgeführt hat und welches noch viel Anderes, Schlimmeres und
+Besseres, mit sich bringen wird. Unausbleiblich. Die Sarazenen werden uns
+in Europa den Gegenbesuch machen und die Tataren sich bis in das Herz von
+Deutschland wälzen, Konstantinopel sich erobern und Rom zu vertilgen
+drohen, als den Krater von alle dem Unheil, die Lavaströme. Gewiß!
+
+Also! Ich sitze in unserm lieben deutschen Strasburg, auf der Rheinbrücke
+von Kehl, darauf gegangen. Die Abendsonne schien prächtig den aus der Stadt
+wandelnden oder reitenden Menschen in das Gesicht. Kommt gerade ziemlich
+einzeln ein Reiter geritten. Sein Pferd glaubte ich gesehen zu haben und es
+zu kennen; zuletzt selbst ihn -- und ich besann mich: von jenem Abend her,
+da wir nach Köln einritten, wo er plötzlich einem uns begegnenden jungen
+Reiter in auffallend schönen, reichen, wie goldenen Locken auf der Straße
+zurück nachsprengte, erhitzt wiederkam, von uns schied, und der uns, in den
+nur acht Tagen darauf, nicht aufgesucht und uns nicht vor Augen und Ohren
+gekommen.
+
+Er war's; auch schon wieder auf Reisen, wie ich. Als er mich sah und
+wiedererkannte, hielt er, stieg ab, ließ das Pferd seinem Knechte, nahm
+mich unter dem Arm, und wir gingen stumm von der Brücke rechts am gerade
+menschenleeren Strand hinunter. Sein erstes Wort war: Ich reise nach
+Alexandrien. Ja, sprach er, als ich überrascht ihm ins Gesicht sah. Hört
+eine wahre, noch unerhörte Geschichte.
+
+Ich unterbrach ihn nicht, und er erzählte, oft sich selbst nur mit Ausrufen
+des Schmerzes, der Wuth, der Trauer und der Hoffnung das Herz erleichternd,
+mir folgende Jammergeschichte:
+
+»Vor drei Jahren um diese Zeit kam ein junger Mann zu uns in unser Landhaus
+am Genfersee. Wie er sich eingeführt, das weiß ich nicht; denn ich war
+auswärts gewesen und kam erst zurück, als ich meine Schwester schon als
+seine Braut fand, die sterblich -- leider sterblich -- in ihn verliebt war.
+Und sie wäre unzweifelhaft lieber gestorben, als ihn nicht zu besitzen, ihn
+zu verlieren oder je zu verlassen. _Was kann ein Bruder dazu sagen_, dazu
+oder davon thun! Die Brüder sehen das so mit an, als eine natürliche, wenn
+auch neue und überraschende Entfaltung ihres Haus- und Familienlebens, und
+machen Brüderschaft mit dem Schwager und er mit den Schwestern der Braut.
+Wird doch selbst ein neuhinzugekommener Sperling unter einem Flug Sperlinge
+aufgenommen und fliegt mit dem zusammensichhaltenden Volke. Er gab sich
+nicht nur für einen Griechen aus, sondern seine Thaten werden Euch zeigen,
+daß er wirklich einer war von jenem unglücklichen Volke, das jetzt seinen
+Kaiser, seine Hauptstadt und Alles verloren: Ehren, Würden, hohe
+einträgliche Aemter und Handel und Wandel. Und _wo die Rache ins Unglück
+fällt_, wie Gift in Milch, da ist Alles möglich, und wenn nicht
+verzeihlich, doch erklärlich. Doch ich überstürze mich. Aeltern mußte er
+doch gehabt haben, und so war es auch glaublich, daß sie in Kreta wohnten,
+und daß sie von ihrem großen Vermögen noch Einiges gerettet, was er nicht
+übertrieben groß angab. Er erzählte auch (in Vorrath, sage ich wieder
+voraus) von seinem Bruder _Endy_, der ihm als Zwillingsbruder zum
+Verwechseln ähnlich sähe, der aber ein so leichtes Leben führe, daß er ihn
+selbst, um sich seiner nicht schämen zu müssen, lieber verleugne. Er selbst
+nannte sich mit seinem Taufnamen _Mion_; denn der Vater habe den Namen
+_Endymion_ in sie beide vertheilt. Ein Bruder hat nun keinen rechten
+Begriff von der Schönheit oder gar Engelhaftigkeit seiner Schwester; doch
+sah ich, wie die meinige allen jungen Männern ein Wunder, ein
+angstmachendes Wesen war. So glaubte ich auch an die Liebe des Griechen,
+der jahrelang in Paris den Wissenschaften obgelegen, so gut wie, unter
+angenommenem Namen, der Sohn des Sultans Saladin in jener weltberühmten
+Stadt viele Jahre lang das Wissen und Können der Abendländer erforscht und
+sich eigen gemacht, um ihnen an Geist vollständig die Wage zu halten. Mein
+Schwager wollte sich auch nun ein verständiges edles Weib mit nach Hause
+nehmen, frug nie nach Vermögen, nach einer Mit- oder Nachgift, oder gar
+einem Erbe -- und nur die Mutter stand endlich dagegen auf, ihre Tochter
+einem _Griechischgläubigen_ zum Weibe zu geben . . . _und so weit weg!_ --
+Da war meine Schwester eines Morgens entführt, sammt der ihr bereitgelegten
+Mitgift an Gold und Schmuck. Er hatte aber, wie wir erfuhren, im nächsten
+Orte schon redlich sie sich antrauen lassen, und sein Diener, ein
+finsterer, verschlossener Ragusaner, hatte für sich auch ein ganz armes,
+aber bezauberndes Mädchen mit entführt, als leise Gott, zur Kammerfrau
+seiner Herrin, damit sie in der Fremde doch mit Jemandem von der Heimat
+reden könne.
+
+Meine Schwester schrieb einen rührenden Brief an die Aeltern, und was
+wollen Aeltern mehr als das Glück ihrer Kinder, wenn es auch ihnen im Alter
+eine Einbildung ist. Aber sie hatte versprochen, alle Jahre nach Venedig zu
+kommen -- und sie war drei Jahre nicht gekommen und hatte auch nie
+geschrieben! -- Da traf ich in Genua auf meinen Schwager oder seinen
+Bruder; der erstaunte über meine heftige Anrede; er gestand zu, er sei der
+Bruder desselben, und wollte endlich nur gehört haben, die Frau sei
+gestorben, und sein Bruder habe es deswegen verschwiegen, _damit sie in der
+Seele ihrer Verwandten leben bliebe!_ Er nahm kurzen Abschied. Ich fing
+Verdacht irgendeiner Art. Ich schiffte nach dem angegebenen Wohnort meiner
+Schwester. Welch ein Schreck! Dort kannte kein Mensch einen solchen jungen
+Mann! Vielleicht sind die jungen Leute von _christlichen_ Seeräubern
+geraubt, fortgeführt und verkauft worden, sagte mir nur ein verständiger
+Alter. Und nach Monaten begegnete ich meinem Schwager, dem Goldlockenkopf,
+in Nizza wieder. Ich faßte ihn an der Brust. Ich wollte ihn festhalten, mir
+Rede zu stehen! Er entriß sich mir. Das machte ihn mir verdächtig,
+_schuldig_. Ich habe ihn wiedergetroffen und dann grimmig verfolgt. _Ihn
+plattweg_ «_erstechen_» hätte ich zweimal gekonnt; aber was half das mir?
+_Er mußte mir Rede stehen_, mir Rechenschaft, mir Auskunft geben! In diesem
+Aufruhr des jetzigen Menschengeschlechts, in diesem Gekreuz und Gewirr von
+unzähligen Fahrern und Reitern aller Art, worin sich Tausende verbergen
+könnten, irrte ich verkleidet auf gut Glück mit Euch, bis zu Euch. Er hat
+da eine junge, reizend schöne, wohlerzogene Französin, die, verarmt, sich
+bei ihren Anverwandten aufhält, geheirathet, sich mit _ihr trauen_ lassen,
+und war mit ihr verschwunden, als ich glücklich noch _seinen Diener_
+ertappte, den Ragusaner. Ich verschaffte mir handfeste, schlaue, für Geld
+gewissenlose Gehülfen, die ihn Abends von der Straße wegfingen, ihn
+knebelten und in ein einsames Gewölbe schleppten. Ich verschaffte mir
+gerade müßige, bärbeißige und mitleidslose Diener bei der Inquisition der
+Dominicaner, welche die Folter aus dem Grunde verstanden. Ich war grausam
+aus Liebe gegen meine Schwester, aus Angst für unsere trostlose Mutter
+. . . mir schaudert zu sagen: er gestand erst die dritte Nacht -- und was?
+. . . Meine Schwester war schon die _dritte -- Frau_, um so zu sagen, die
+er ihrer Schönheit wegen um einen Ungeheuern Preis an reiche Türken
+verkauft, die fabelhafte Summen für eine fabelhaft schöne Jungfrau mit
+Freuden geben. Er hatte sich mit ihr _trauen_ lassen, um sie sicher zu
+machen und zu beruhigen! So waren sie, meine Schwester _Isidore_ und er,
+nach Alexandrien -- geflohen; er hatte durch den gewandten Diener die
+Ankunft einer frischen Schönen dem Statthalter _Maschemuch_ zu wissen
+gethan, die von ihrem Manne rein und unberührt wie ein Engel geblieben und
+bleiben mußte. _Er hatte sich bis dahin krank und leidend gestellt!_ Sie
+hatte er gereizt, _ein Harem_ sehen zu wollen. Sie war verschleiert mit ihm
+gegangen. Sie hatte gesehen. Sie war gesehen worden. Sie hatte gefallen --
+und _nicht mehr hinausgehen dürfen_. Welche Ueberraschung für ein
+liebendes, treues Weib! Sie hatte geweint. Sie war verzweifelt. Er war mit
+dem Golde fortgegangen. Der Diener hatte ihr in dem Harem -- worein, wie in
+alle Häuser, alle Neuigkeiten dringen -- die Nachricht hineinschwärzen
+müssen: ihr Mann sei ermordet. _Das sollte ihr Trost sein!_
+
+Darauf seien sie wieder nach neuem Raube ins Abendland gezogen, wo er seine
+bezaubernde _Schönheit_ zum Köder von jungen Schönen gemacht, die noch
+Alles glauben, weil sie lieben, und Alles thun, weil sie wähnen, mit sich
+zu entzücken.
+
+Ich habe mir Alles lassen genau angeben, und den Diener auf ein Schiff auf
+den Walfischfang -- _besorgt!_ Er _könnte_ sobald und würde sich kaum
+rächen; denn ich habe ihm so viel gegeben, als er mit zehn Reisen von dem
+goldlockigen Apollo bekommen hätte. Lebt meine Schwester noch, so ist sie
+vor Gram -- über ihren angeblich gestorbenen Gemahl abgemagert, blaß und
+elend geworden -- schlimmer wie alt. Und so darf ich hoffen, sie von ihrem
+Herrn zurückzukaufen, wenn es sein muß, um sein doppeltes . . . dreifaches
+Kaufgeld. Ja, ich wäre so niederträchtig, jedoch aus heiligen Ursachen, ihm
+ein wunderschönes Mädchen für sie zu geben, wenn ich mich nicht schämte,
+eine dazu _Willige_ zu suchen oder zu finden. Der Wille macht Alles gut und
+Zwang macht Alles entsetzlich. Die Jungfrauen und Frauen wollen _lieben_;
+das steht bei Allen fest. Dann zerfallen die Liebenden in
+_Geliebtseinwollende_, geliebt von Mehren, geliebt von Einem, geliebt
+zuerst, geliebt einzig und geliebt zuletzt! Aus diesen Geblütsarten mischt
+das Herz und das Glück und das Unglück _ihnen das Leben_.«
+
+ * * * * *
+
+Der junge Ritter, der _Heinrich von Savern_ hieß, begleitete seinen frühern
+Reisegenossen Raimund in sein kleines Stübchen bei ärmlichen Leuten, in
+deren eigener Stube gegenüber zugleich Irmengard und Gaiette wohnten, denen
+mit einem querüber gezogenen Bindfaden in der Ecke ein Stübchen im Stübchen
+abgegrenzt war. Raimund vertraute ihm dort auch sein Geheimniß, daß die zur
+Hurd Verurtheilten nach Rom geliefert seien; daß er die von ihnen
+einzuhaltende _Straße_ wisse; die _Zahl_ ihrer Begleiter -- nur zwei --;
+die _Farbe_ ihrer Maulthiere; die _Woche_, in der sie an einem ihm
+genannten _Orte_ in _Sänften_ mit schwarzen Kreuzen und Fähnlein
+vorüberziehen würden; und daß er sich schon immer mit zuverlässigen Männern
+versehen und bereit halte, die Unglücklichen aufzuheben und dann weit vom
+Wege ab an einen sichern Ort zu bringen und zu verbergen. Und in einer
+Woche ginge die Woche an, sich seitwärts in Wald oder Schlünden wo in
+Hinterhalt zu legen. Bei dem langsamen beschwerlichen Ueberklettern des
+Kinderkreuzzugs über die Alpen und den noch weiten Weg durch die Lombardei
+bis Genua, hoffte er noch vor ihm am Meere einzutreffen, um dann wieder
+ihrer Irmengard weiter beizustehen in der Raserei unter offenem Himmel, dem
+Tagwandeln so vieler mond- oder kreuzsüchtiger armer Kranken, welche Noth
+und Tod erst bei ihren Namen rufen müsse und _werde_, um entsetzt und
+beschämt zu erwachen und zu sehen, »wo sie wären«. Aber wohin, frug er,
+rathet Ihr mir, Savern, unsere Frederune mit ihrem, ich glaube »Salomon«,
+zu bringen?
+
+Und Savern sprach: Zu meinen Aeltern nach Genf! Sie haben über den See weg,
+und dann noch hinter Bevay, jenseit der Berge, eine kleine Meierei, _die
+außer allen Wegen liegt_.
+
+Raimund konnte ihm nur mit Freuden dafür danken, und Savern schrieb ihm in
+Hast einen Brief an die Seinen, und bat ihn, ihnen von sich zu erzählen,
+und daß er hoffe, in zwölf Wochen zurück zu sein nach Genua.
+
+Jetzt kam Gaiette, die den Fremden hatte kommen sehen, mit ihrer Zither
+herüber, und Raimund sagte zu ihr in froher Stimmung, ja im Scherz, der
+widerwillig auch zu Zeiten den Unglücklichen befällt: Siehe, Gaiette, da
+ist ein Herr, der fährt mit Engelsflügeln nach dem Gelobten Lande, oder
+dicht daneben, der nimmt dich geschwind wie der Wind mit.
+
+Also auf, fort noch die Nacht! sprach Savern zu ihr und ergriff ihre Hand.
+Schöne Pagenkleider für dich sind geschwind in der Stadt noch zu haben. Ich
+habe ein feines, kleines, rehfarbenes corsisches Pferdchen für dich. _Dort_
+bist du dem Sultan Amalrich von Jerusalem selbst nicht zu schlecht, ja ein
+Schatz; hier bleibst du ungekauft, als von einem Schneider, Schuster oder
+Tuchknappen; denn du hast kein Geld, dir einen bessern Mann zu kaufen!
+Also!
+
+Sie ließ ihm die Hand und war nur roth geworden. Und mit bittern Gefühlen
+im Innern frug er sie: Kannst du Zither spielen?
+
+Und das morgenlandsüchtige Mädchen rauschte ihm was in den Saiten.
+
+Kannst du singen?
+
+Und das gute Mädchen sang, daß ihr die Thränen in die Augen traten.
+
+Kannst du Türkisch reden?
+
+Und das begeisterte Mädchen redete Worte _aus ihrem Glauben: »wie Türkisch
+klingen müsse!«_ redete, und befahl ihm mit ausgestrecktem Finger: »Ili,
+kutsch Ili! Ili, kutsch Ili!« sodaß Alle lachen mußten und sie selbst.
+
+Nun Alles sehr gut! belobte sie Savern. Aber nun noch die Hauptsache:
+Kannst du tanzen?
+
+Und nun tanzte das mond- und türkenmondsüchtige Mädchen, reizend mit
+liebenswürdigem Gesicht und funkelnden Augen. Aber vor Lachen taumelte sie
+und warf sich auf das Bett. Und Savern besah ihre Finger und steckte ihr
+einen schönen Ring an, in dessen Glanz und Schein sie lange hineinsah --
+wie in das Morgenland.
+
+Raimund ward zum Nikolas in einen »Rath der Hirtenknaben« fort aus dem
+Hause berufen, und die beiden Männer, jeder für die Seinen zu jedem Opfer
+bereit, schieden auf Tod und Leben, ungewiß, ob sie sich wiedersähen.
+
+Savern blieb in Gedanken sitzen.
+
+Am Morgen kam Irmengard zu Raimund herübergestürmt und erzählte ihm ihren
+Schreck, daß im Morgengrauen sie ein schöner junger Page im Bette
+überfallen, ans Herz gedrückt und unter heißen Küssen ihr Gesicht und Brust
+naßgeweint habe, und frug ihn, wo Frohmuthe wol sei?
+
+Er erröthete über das kecke entflohene Mädchen und über Savern, der sie
+_als letztes Mittel_, seine Schwester zurückzukaufen, mitgelassen,
+mitgenommen. Wollte auch er selbst ja, wie Jener, sogar sein Leben daran
+setzen, warum sollte Savern nicht nur eines Andern Wunsch erfüllen? Und
+»des Menschen Wille ist sein Himmelreich«, sprach er, »nur ein verrückter
+Wille: ein Verrücktes«.
+
+
+
+
+Vierzehntes Capitel.
+
+
+Darauf zog er noch mit bis nach Basel. Dort war große Heerschau zum Zuge
+durch, ja über die Schweiz, nach Zürich, Zug, Altdorf und über den
+beschwerlichen und gefährlichen _St.-Gotthard_, nach Bellinzona. Schon
+jetzt waren Wunderdinge passirt; ein Seitenzug des Heers, mehre Tausend,
+die die Sarazenen schlagen wollten, hatten nicht gewagt, durch einen Wald
+zu ziehen, worin neun bis zehn Räuber hausen sollten, und schleunig um
+Schutzwache und Geleit von großen Männern gebeten. Es waren große Gewitter
+und in der That furchtbare Regenschauer gewesen; die Kinder hatten im
+Freien übernachten und naß am Morgen wieder hungrig weiterziehen müssen. So
+hatten Hunderte das Fieber bekommen und vor Angst doch eilend sich die Füße
+wund und blutig gelaufen unter entsetzlichem Weinen und Singen. Manche
+hatten sich Beine gebrochen, und so war ein meilenlanges Lazareth am Wege
+her entstanden. Dazu wurden sie von den fast unzähligen, nur auf Raub und
+liederliches Leben mit ausgezogenen Spitzbuben und Spitzbübinnen um ihre
+noch etwa übriggebliebene, für die äußerste Noth erst aufgesparte, an sich
+schon kleine Habe von ihrer Mitgift und ihrer Reiseausstattung gebracht,
+und die unter diesen Umständen mehr als grausamen Heuchler und Diebe und
+Diebinnen, die zu desto größerm Vertrauen gerade in Beguinen- und
+Beghardenkleidern mit dem Kreuz auf dem Rücken mitgepilgert waren, verzogen
+sich nun und entliefen aus gerechter Furcht vor dem Schicksale des Zugs so
+vieler Tausend auf einem meist häuserlosen Wege durch die Schweiz und über
+die Schneegebirge.
+
+Raimund stand und übersah von einem Hügel das große weite wimmelnde Lager
+der Kinder, die im schönen warmen Sonnenschein wieder froh waren, und jedem
+besonders hohen Berge, als dem Berge des Pilatus, ein Zetergeschrei
+brachten. Er wollte morgen bei Tagesanbruch scheiden und die Scheidenden
+sehen klar und wahr. Neben ihm standen auch zwei Männer, ein Ritter und ein
+Priester, die das Leben unter dem Schwarme auch nicht mehr ertragen
+konnten, und den Zug verlassen wollten. Und der Ritter sprach verwundert:
+Wenn einem Heere von Rittern hätte ein Zug vorbereitet, geleitet, versorgt,
+ernährt und ausgeführt werden sollen, wie viel Millionen an Geld und viele
+nacheinander eintretende Tausende von sorgfältigen unermüdlichen
+Schaffnern, Aufsehern und Auf- und Nachräumern, und Heerden von Ochsen und
+Schafen und Pferden würde Das bedurft und gekostet haben -- was hier blos
+aus _Leichtsinn_ und auf _Mildthätigkeit_ unternommen, und auch, wie bei
+uns Erwachsenen, zu nichts, als _zu einem ebenso jämmerlichen_ Ausgange
+gebracht wird.
+
+Und Raimund sagte bewundernd: Wie leicht und süß sterben doch Kinder! Ich
+habe da ein Mädchen sterben sehen -- dagegen ist aller Rittermuth
+lächerlich! Da ist kein Glaube; da ist nichts als _Kinderherz_, noch nicht
+ängstlich gemachte, reine schuldlose Kinderseele! Sie schwebt auf und fort,
+wie ein ausgehauchtes Flämmchen! wie der unsichtbare Duft einer Blume! Und
+wenn diese Kinder alle die Teufelsbrücke hinunterstürzten oder gestürzt
+würden, sie fielen alle selig in den Himmel in ihrem Kopfe, in ihrem
+Herzen.
+
+Ich muß es sagen, die Kinder ertrugen unzählige kleine und für sie große
+Beschwerden -- _mit gar keiner Geduld_, nur mit fröhlichem Sinn aus Eifer,
+und weil ihrer Tausende das Gleiche ertrugen. _Wie viel schwerer könnte der
+ganzen Menschheit das Leben sein, und es würde auch noch gelebt und zu Ende
+getragen!_
+
+Und der Priester hielt schon lange seine Hände gefaltet und sprach jetzt
+betrübt: Da seht nur unten den Wirrwarr! Die Messe wie vor den Kirchthüren!
+Alle stehen da untereinander, kaum die einigen hundert Priester und
+Geistlichen, alle unter gleichem Gewande, der Sklawine der Kreuzfahrer.
+Dort nur haben dir Weiber sie abgelegt und waschen sie. Mädchen waschen
+ihre Läppchen und Lümpchen und hängen sie zum Trocknen auf Sträuche und
+Zäune -- wie den Engeln hin. Andere nähen die Löcher und Schlitze zu,
+schneiden die Fetzen und Zumpel von ihren Röcken und stopfen noch einmal
+die letzten Strümpfe, oder schleudern sie fort. Da ist kein Schrank, keine
+Truhe, keine Vorrathskammer, woraus die Mutter den Schaden ersetzen könne
+und etwas Neues geben, und das Alte geht zugrunde. Und nun erst innerlich
+den Schaden zu besehen, _um ihn zu verschweigen_; -- Ihr wißt wol, daß alle
+Welt, die Augen und Ohren hat, weiß . . . wie es schon auf Processionen zu
+einem heiligen Bilde hergeht; am liebsten auf einer, wo ein Nachtlager
+_hin_ und ein Nachtlager _heim_ sehr angenehm ist, in schöner Sommernacht,
+selbst unter freiem Himmel; oder in Schuppen und Scheunen und Bansen, auf
+Stroh- und Heuböden, wo natürlich kein Licht geduldet werden darf. Ihr habt
+wol gehört, wie sich die Züge _erwachsener_ Pilger und Kreuzfahrer
+gewöhnlich nicht durch _besondere_ Heiligkeit auszeichnen, da sie blos mit
+dem Glauben und dem beschwerlichen und gefährlichen Kreuzzuge allein schon
+allen andern Ansprüchen an Menschenglauben genug zu thun und dabei _keine_
+andern Pflichten und Gebote für Menschen mehr besonders genau zu beobachten
+hätten, weil sie im _Voraus_ schon Vergebung aller Sünden auf ihre Zugzeit
+erhalten haben, -- ebenso verdient die Aufführung unserer jungen
+Kreuzfahrer und Kreuzfahrerjungen und -Mädchen -- vermischt mit so vielem
+Gesindel, das nur, _weil es nichts taugt_, mit ihnen gezogen ist -- wol
+keineswegs der Hülfe Gottes, oder der Maria und Magdalena zu ihrem Leben.
+Wie viele Aergernisse hat es schon gegeben, die alle vertuscht werden, um
+die Heiligkeit zu bewahren! Und wohin werden sie nun kommen? So Gott will
+nach Italien, in die warmen italienischen Nächte, in Haine bei Mondenschein
+und Nachtigallengesang!
+
+Raimund sah den Priester an und mit dem gewissen Blick in die Augen, und
+dieser »Reine« sah ihn wieder _so_ an, und Beide erkannten sich als
+Genossen _eines_ Glaubens.
+
+Sie hatten schon lange viele Rheinkähne von Hüningen herauf- und von
+Schaffhausen herabkommen, anlegen und ausladen gesehen. Als sie darauf bei
+Sonnenuntergang in das Lager hinabstiegen, sahen sie die kleinern Knaben
+warme Jacken und Hosen, zum Unterziehen unter die leinenen kalten
+Sklawinen, sich nach Hause tragen; die größern und größten Mädchen aber
+trugen sich Säcke heim, die inwendig und auswendig mit Wachs bestrichen
+waren, und die Säcke sollten über die Berge auf der dorflosen Straße ihre
+Betten sein, in die sie zur Nacht hineinkriechen und die sie mit den
+Bändern unter dem Kinn sich fest zubinden _sollten_. Damit schien ein
+doppelter Nutzen beabsichtigt zu sein von den geheimen Rathgebern des
+Nikolas, der einen besondern und wirklichen Hirtenbrief an die andern
+Hirtenknaben erlassen. Ein frommer Priester hatte aus frühern Jahren an die
+_muthigen Schwestern_, die »_Syn-ei-Sactas_«, erinnert, die das oft
+gelungene, oft mislungene Kunststück gewagt, unter Jünglingen und Männern
+muthig und getrost zu schlafen, und sich zu bewähren; aber aus den
+»_Sacktes_« hatten sie hier übelverstandene »_Säcke_« gemacht, die
+herbeigeschafft worden, und in welche zu fahren die redlichen Mädchen sich
+freuten und sie schon probirten.
+
+Sie hatten dann ruhig und selig darin die Nacht geschlafen, aber es war
+gegen Morgen durch Fahrlässigkeit Feuer ausgebrochen; die Säcke hatten
+geschrien, sich fortgewälzt, sich selbst nicht erlösen können, und Keines
+hatte das Andere, vor zitternden Händen, aufknötern können -- und so waren
+sie fortgehüpft, niedergefallen, wieder mühsam aufgestanden, und bei dem
+Feuerscheine hatte es ausgesehen wie eine ganz eigene Auferstehung von den
+Todten, oder von großen graugelben Ameiseneiern mit menschlich schreienden
+Köpfen.
+
+Verbrannt, nicht einmal angesengt, war glücklicherweise kein Mädchen.
+
+Das war das letzte Bild, das Raimund, bei seinem Aufbruch zu seinem
+Wagstück, von den armen Kindern in seiner Seele mitnahm.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Capitel. Die mehr als tödtliche Wunde.
+
+
+Raimund, der treue Bruder, hatte einen sichern Ort im Walde unfern der
+Straße gefunden, seinen Diener auf dem Wege zurückgeschickt, um voraus
+berichten zu können, wenn die Tochter des gleichsam für sie gestorbenen
+Vaters käme. Da sie aber gewiß nicht die Nacht, noch bis Spätabend reisten,
+so mußte er die Aufhebung am _Tage_, also gleichsam im Fluge vollbringen,
+und seine redliche Seele befahl ihm obendrein: Niemand dabei zu tödten.
+Endlich erst den letzten Tag der Woche berichtete der Diener eilig
+herbeifliegend: Sie kommen! Sie sind es!
+
+Er erblickte sie gegen Abend. Er und seine Leute ritten _mit ihnen_, als
+von einem Seitenwege kommend; sie grüßten sie und unterhielten sich
+zutraulich lange mit den zwei Reitern. Endlich war die Straße weit hinauf
+und hinab frei von Menschen. Und es kostete dem guten Raimund eine
+menschenunwürdige Ueberwindung: die getrostgemachten Reiter auf einmal zu
+überfallen und als Feinde -- ja von ihrem Widerstande gezwungen -- als
+Todfeinde gegen sie aufzutreten; ja sein redlicher, wahrheitredender Geist
+im Leibe wollte sie sogar warnen, und er bannte ihn nur mit Gewalt, da er
+Frederune aus der Sänfte rufen hörte. Sie hatte ihn also erkannt. Er
+foderte kurz mit blankem Schwert, daß sich die Führer ergäben, indem er,
+abgestiegen vom Pferde, auf den vordersten eindrang. Und sichtbar übermannt
+von den Andern ergab er sich. Wie aber Raimund ihn binden wollte, stolperte
+er, fiel auf das Gesicht und der andere Führer stach ihn mit seiner Lanze
+in den Nacken, in den Sitz des Lebens, bis auf das Mark. Er blieb ohne
+Verstand liegen; aber seine Leute banden den Führer und dessen gefangenen
+Gefährten mit Stricken, knebelten sie, führten sie hinter die vordersten
+Bäume des Waldes und banden sie fest, jeden an einen besondern Stamm, daß
+keiner den andern losbinden, aber sich später Hülfe erschreien könnte.
+Drauf schlossen sie die Sänften mit den den Wächtern vom Halse abgenommenen
+Schlüsseln auf, sahen hinein, und bedrohten die von Rom Erlösten, drinnen
+zu bleiben; schlugen die schwarzen Kreuze und Todtenfahnen vor den Sänften,
+banden den haltlosen verwundeten Ritter Raimund auf eins der Pferde, und so
+eilten sie schnell von der Straße rechts hinein auf die zuvor gewählte
+Straße im Thale der Aar hinauf.
+
+Raimund kam erst am andern Morgen im ersten Nachtlager in einer einsamen
+Mühle zu deutlicher Besinnung. Er hatte wenig Blut verloren, und die Freude
+des Wiedersehens mit der erretteten Tochter seines Bruders, und ihr und
+ihres Geliebten Dank für die Errettung war unaussprechlich und wurde nur
+geweint. Die Befreiten ließen ihre entsetzlichen Kleider in die Aar werfen
+und vertauschten sie mit Kleidern von Bäuerin und Bauer. Sie fuhren dann,
+zu schwach zum Gehen, auf einem Schweizerwägelchen weiter, und an nächster
+einsamer Stelle verbrannten sie die Sänften und verschenkten die Maulthiere
+an arme Leute. So gelangten sie nach Lausanne und fuhren im Schiffchen über
+den See nach Genf, von den selbst Unglücklichen, Vater und Mutter Savern,
+mit Thränen und mit der Hoffnung aufgenommen, daß ihrem guten Sohn auch
+seine Rettung -- aber einer gewiß auf zeitlebens unglücklichen Tochter --
+gelingen werde. Das gerettete Paar aber war noch und blieb so furchtsam,
+daß sie vor jedem Kreuze schauderten und die Augen zudrückten, vor Glocken
+sich die Ohren zuhielten und schon darum nach der Meierei übersiedelten,
+weil an ihr kein Weg hin oder her, noch vorüberführte; wo kein Thurm, keine
+Kapelle rundum sich sehen ließ, noch ein Kreuz nur -- wie aus Schonung
+ihrer gepeinigten Seelen -- es wagte, wo im Walde zu stehen oder von einem
+Berge in das ihnen heilige Thal zu blicken.
+
+_Hier_ war kein Feiertag, kein Sonntag; sie hörten keine Glocke, als eine
+selige Schafglocke oder eine wie himmlische Kuhglocke. Sie lebten hier
+unbeneidet in wahrer treuer Liebe als bloße _natürliche_ Menschen in
+Hirtenkleidern -- _und machten Käse_. So hoch hatten sie sich sogar noch
+über die Katharer da draußen, über die _Reinen_ erhoben und unter dem
+treuen, blauen, stillen, klaren Himmel verklärt.
+
+Raimund, wieder leidlich bei Kräften, meldete der Mutter der geretteten
+Tochter, in nur ihr verständlichen Worten, nach Köln die Ursache zu größter
+Freude; gab den jungen glücklichen Leuten einen Schatz an Golde, der auf
+Lebenszeit für sie langte; sehnte sich nach dem zerstörten Beziers, wollte
+auch seine noch außenstehenden Gelder einziehen und reiste über Lyon, die
+Rhone hinab, und pilgerte, als sicherer Kreuzfahrer verkleidet, von
+Montpellier nach der schaudervollen Stätte der Asche seiner Gabriele und
+seiner Kinder.
+
+Das ist das große allgemeine Glück, die sicher und froh machende Naturgabe,
+daß sich Alles, was lebt, für klug und verständig hält: die Menschen, die
+Männer und Weiber alle, die Blinden und Tauben, die Kinder wie die Alten,
+sogar Bär und Schlange, Spinne und Biene, ja, daß selbst die Irrsinnigen
+gar nicht wissen, daß sie nicht bei Verstande sind. _Und das wußte Raimund
+auch nicht._ Sein eigenes Schicksal, das grause Geschick der Seinen in der
+Fremde, der Tod seines Bruders, und die Ursache, warum er gestorben, und
+zuletzt der Stich mit dem Schwert in den Sitz seines Lebens _hatten ihm
+gleichsam die Erlaubniß erwirkt, nicht mehr bei richtigem Verstande zu
+sein_; also Unvernünftiges -- _jedoch immer noch mit angeborener
+Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit_ zu thun; aber _Unmögliches_ zu
+wünschen und _Vergangenes_ mit _Zukünftigem_ oder _Gegenwärtigem zu
+verwechseln_. Er saß ganze Nächte bei Mondenschein in den Trümmern seines
+Hauses, er sah sein junges Weib wieder wie sonst darin wandeln; sie vor ihm
+stehen bleiben, ihm die Hand auf das Haupt legen; ja, sein geheimer Geist
+sprach als ihre Gestalt zu ihm, und er zerschmolz in Thränen. Es war ihm
+einst, als wenn ein _Licht in ihn falle_, und da in der That _sein Weib_
+oder Mädchen _der Irmengard_ sehr ähnlich gesehen, so war Irmengard nun
+sein Weib geworden oder gewesen, und sein Weib, sein zu Kohlen verbranntes
+Weib, war nur Irmengard; was ihn mit frohem Schauder durchzuckte und mit
+betrübter Sehnsucht nach dem Engel durchglühte, der den Kindern gepredigt
+hatte und jetzt ihm verloren war. Aber er hoffte auf ihre Wiedererscheinung
+und unbestimmtes Glück und Leid. Er fand in den Kohlen seiner Kinder
+schwarze Knöchel -- er fand seines Weibes braune Hand und noch ihren Ring
+daran, den sie ihm zu schenken schien und den er ansteckte. Ihm war heilig
+und gewiß: _diese Gestalt konnte nicht verloren sein!_ sie mußte _wo_ sein!
+_wer_ sein! sie konnte Irmengard sein, die vielleicht vorher nicht gewesen,
+es erst geworden, oder von den Todten herauf- oder vom Himmel
+herabgestiegen, als er sie zuerst gesehen und leider sie so geschmäht und
+gescholten! Und er konnte es nicht mehr in der verkohlten schwarzen Stadt
+aushalten. Aber diesen ihm tröstlichen Wahnsinn _glaubte er nun_, und er
+zog mit ihm fort.
+
+In Marseille vernahm er von tausend Augenzeugen die Einschiffung des
+Hirtenknaben St.-Etienne mit seinem Kreuzzugsheere in sieben großen
+Kauffahrteischiffen der beiden verdächtigen Männer, des _Hugo Ferreus_,
+oder des eisernen Hugo, und des _Wilhelm Porcus_,[A] welche die Kinder für
+Himmelsgesandte gehalten, weil sie ohne Fahr- und Kostgeld ins Gelobte
+Land, und so bequem, ohne einen Schritt thun zu dürfen, großmüthig sie
+aufgenommen. Er hörte auch, daß zwei überladene Schiffe voll Kinder bei der
+Insel _San-Pietro_, an der Spitze von Sardinien, gescheitert und
+untergegangen, und die See die kleinen jungen Leichen alle der Erde auf ihr
+grünes Ufer geschwemmt. Es ging ein Schiff nach Cagliari, welches dort
+ausladen und mit neuer Ladung von dort nach Genua steuern wollte, und er
+ließ sich auf der kleinen Insel aussetzen, wo die Bauleute eine Kirche
+»_der neuen unschuldigen Kinder_«[B] gründeten, wozu zwölf Präbenden kommen
+sollten. Umher lagen über die Tausend Kinder begraben. Aber in einem
+Gewölbe besonders lagen nur beigesetzt in steinernen Särgen einige Knaben
+und Mädchen, die wie vom Tode nicht berührt _unverwandelt frisch und
+wunderbar rührend dalagen_; vor Allen der prächtige Knabe _St.-Etienne_, an
+dem kein Auge sich satt sehen konnte. Ohne an einen Heiligen zu glauben,
+konnte Raimund sich nicht enthalten, dem vom Geiste geführten Seligen die
+Hände zu küssen. _Kann ein Wahn so schön sein?_ Kann er solch Rührendes auf
+der wahren Erde, unter der wahren Sonne, wie eine Himmelserscheinung für
+die Sterblichen hervorbringen? fragte er sich. Er vertauschte heimlich
+seinen Rosenkranz mit ihm -- und zum Erstaunen sprach sein Geist dazu:
+»Schlag' ihm doch lieber einen Zahn aus! der ist etwas Wahreres,
+Leibliches.« Aber des himmlischen Knaben todte Mutter, die Allen für eine
+Heilige gegolten und jetzt gleichsam getreulich in der einfachen Kleidung
+einer Hirtin von der Loire neben ihm _ebenso unverwandelt_ dalag, sprach
+jetzt sehr sanft und anschauernd: »_Lasse den Todten ihr Todtes! Wir Todten
+sind so schon bettelarm._« Und er gab ihrem Knaben seinen Rosenkranz wieder
+in die Hände.
+
+[Fußnote A: Albericus.]
+
+[Fußnote B: Albericus.]
+
+Ueber alle die Trauer hatte er sein Gold und _seine Schuldner_ vergessen.
+
+Das Schiff holte ihn ab, und er stieg wie aus einem Traume in Genua ans
+Land.
+
+
+
+
+Sechzehntes Capitel. Trauer und Freude.
+
+
+An der anfang- und endelosen Welt _hieß der Tag_, zur Erkennung und
+Wiedererkennung -- wie ein Hirt seine Schafe zeichnet und zählt -- und
+somit auch _war_ den Menschen der Tag wirklich: der 27. August; ein
+sogenannter Mondtag, ja sogar »Mariä Himmelfahrt«; indeß kein Orangenbaum,
+kein Sperling auf dem Dache, keine Glocke, ja alle Thürme und Kirchen das
+Geringste davon wußten oder nur ahnten, sondern in der Sonne standen,
+hallten, blühten, schrien und flogen im _ewigen Leben_. Und der _deutsche
+Kinderkreuzzug_ war »_vorgestern_«, den 25. August, an einem sogenannten
+Sabbath, in Genua eingezogen.[A]
+
+Raimund ging mit seinem treuen Diener nach der schönen Straße _Balbi_, nach
+dem Palast seines reichen Handelsfreundes Vivaldi, welchen er auch seinem
+Freunde _Savern_ zum Ort des Wiederfindens empfohlen hatte. Unterwegs sah
+er nur einige abgerissene blasse Kreuzzugsknaben an den Thüren betteln;
+auch Frauens_personen_ -- Frauen_zimmer_ war zu nobel für sie gesagt. Sie
+sangen _deutsche_ Lieder, die ihm hier in der Fremde vor Unglück um Brot
+gesungen -- die Seele zerschnitten. Er schämte sich zu fragen, sie
+anzureden. »Hier muß was vorgegangen sein!« sprach sein leiblicher Geist.
+
+Er ward wohl aufgenommen und prachtvoll logirt und bewirthet, _denn_ der
+Handelsfreund war ihm schuldig! Raimund frug geschwind, ob nicht sein
+Freund, er heiße Savern, aus Aegypten angekommen sei, wolle Gott mit einem
+Frauenzimmer? oder, wollte Gott nicht: allein, und ob er gleich wieder
+weiter gereist?
+
+[Fußnote A: Ogerii annales Genuenses.]
+
+Aber er hörte ein besorgliches Nein; daß aber zwei Schiffe in Pisa dieser
+Tage angekommen aus dem Morgenlande. Dagegen führte ihn sein Handelsfreund
+in den geräumigen Hof, und in einen Schuppen mit allerhand Kisten und
+Tonnen. Mitten darin stand eine gichtbrüchige Karrete, die ein Spötter
+einen Hundestall auf vier Rädern genannt haben würde. Und wirklich lag ein
+Hund darin, und wie die Vögel zum Schlafen oder zum Sterben, den Schnabel
+unter den Flügel gesteckt, so lag er zusammengerollt, die Schnauze unter
+das Hinterbein. Raimund schlug die Hände zusammen, und rief: Phylax!
+Phylax!
+
+Phylax richtete den Kopf in die Höhe.
+
+Raimund streichelte ihn, und der Hund leckte ihm die Hand; aber abgehungert
+und elend, konnte er nicht mehr aufstehen, und man sah nur, daß er mit dem
+Schwanze wedeln _wollte_. Raimund, vor Wehmuth außer sich, sprach mit
+tonloser Stimme: Nun, mein Phylax, erzähle mir Alles aufrichtig; denn es
+ist vor deinem Tode!
+
+Und nun ließ er den Hund sprechen, und hörte andächtig den Worten zu:
+
+Ja, ja, mein lieber Herr Raimund, lebt wohl! Ich, ich muß nun hier in der
+Fremde sterben, geschieden von meiner Heerde, die ich nie mehr wiedersehe
+auf Erden, und im Himmel erst recht gewiß nicht, wenn Schafe nicht
+auferstehen. Aber wir waren doch hier Schafe und Hunde, und gute! Grüßt mir
+meine Frau Diane auf ewig, und unsere sieben Kinder, besonders das jüngste,
+den geborenen Stutz; das wird ein Hund, _so gut wie ich!_ Ich muß mir meine
+Leichenrede nur selbst halten! Nun sterbt Ihr auch einmal wohl! Einmal ist
+genug!
+
+Darauf bellte Phylax wirklich selbst noch einmal, aber mit allen Kräften
+nur schwach.
+
+Seine Wirthsleute mit ihren Kindern, Knaben und Mädchen, umstanden ihn, und
+die Knaben ergriffen einen Wagbalken, den verhexten Hund zu erschlagen.
+Aber Raimund wehrte ihnen und sprach: O, das ist noch gar nichts! Wie
+prophezeieten da erst andere Menschenkinder jetzt bei uns und überall. Es
+ist einmal eine Wunderzeit! Uebrigens ist das Erschlagen eines Todten
+beinahe überflüssig, sowie die todten Juden zu taufen -- denn Phylax ist
+todt.
+
+Er legte ihn sich zu Füßen, schob seine vor Schwachheit nicht angerührte
+Speise, eine Salamiwurst, beiseite, und setzte sich selbst in den Wagen,
+hielt auch dem todten Wagen die Leichenrede, und sprach:
+
+Wie es von allen alten Thronen aller alten Könige, Pharaonen und Kaiser der
+Erde nicht Einen mehr gibt, sondern zuletzt bis auf den letzten
+vermorschten sie alle zerhackt und verbrannt worden, so steht nun hier
+todtenmüde im Gerümpelschuppen die ebenso heilige Karrete des Nikolas, in
+Grund und Boden zerfahren und zerrädert, mit ihrem in Fetzen herumhängenden
+Baldachin. Er war auch einmal in dem »1212« gescholtenen Jahre eine
+flüchtige, nichtige _Erscheinung von Holz_ gewesen, wie Sesostris' von
+Königen gezogenes Fuhrwerk.
+
+Er saß darauf ganz still. Die Thränen drangen ihm in die Augen, indem er an
+seine liebe Irmengard dachte; aber er getraute sich nicht nach ihr zu
+fragen, da er sich scheute, das Erbärmlichste, ihn Erbarmendste zu hören,
+am liebsten noch ihren Tod. Aber seine Wirthsleute, der Mann, die Frau und
+die Knaben umstanden ihn, und erzählten ihm den Aufruhr in ihrer Stadt
+diese drei Tage her abwechselnd in den Wagen hinein. Und die bewegte Frau
+sprach zuerst:
+
+Was wir diese drei Tage her ausgestanden, das kommt in unsere Chronik!
+Schon lange summte es aus den Alpen: »ein unwiderstehlicher Kreuzzug
+kommt!« Dann war er über den Gotthard! . . . Als er in Mailand sein sollte,
+ward unsern Herren Angst; sie schickten Boten über Boten; denn Niemand
+glaubte es, und der Schrecken habe sie nur Geister, und die Geister als
+Kinder sehen lassen! Aber unsere Waffenröcke besetzten dennoch die Mauern,
+und die Landthore wurden verrammelt. Unsere Herren hatten Ursache, sich vor
+den Deutschen zu fürchten. Denn wir hatten es mit _dem Papst gegen den
+Kaiser Otto_ gehalten, und die Rache dafür konnte zugleich durch den einen
+Kreuzzug mit abgethan werden, wie in Konstantinopel; _denn so ein Herr hat
+ein Gedächtniß_ für Jeden, der nur ein unangenehmes Wort gesprochen oder
+nur eine Faust in und mit dem Schubsacke gegen ihn aufgehoben. Gott
+bewahre! Aber was war es? Wer kam?
+
+Ja, Mutter, erzählte ein Knabe darein, wir liefen auf die Thürme und sahen
+auf der Höhe, ganz nahe über der Stadt, ein Heer Kinder, Kinder alle auf
+den Knien vor Freude weinend und Danklieder singend, daß sie das Meer
+erblickten, das uns nur ein silbernes Waschbecken ist. Unser Rath bekam da
+Muth, lachte und stieg selbst hinauf zur Höhe, und einige haben die Kinder
+befühlt und endlich geglaubt, daß es wirkliche natürliche Kinder wären, nur
+verhungert, zerlumpt, als wenn alle armen Deutschen ihre Bettelkinder in
+die Fremde gejagt.
+
+Ja, sprach der Hausherr, so zogen sie dann _mit Erlaubniß der
+Barmherzigkeit_ zum Thore hinein, füllten die Straßen und Märkte und
+setzten sich; denn sie konnten nicht mehr auf den Beinen stehen. Und, du
+lieber Gott, da ließ der Herr Petrus über sie regnen -- daß sie aus guten
+Gründen aufstehen mußten.
+
+Ich hätte lieber Manna über sie regnen lassen, sprach eines der Mädchen,
+und die Sonne über sie scheinen, so warm, so warm!
+
+Du gutes Kind, sprach der Vater, sie an sich ziehend. Aber wir weisen
+Herren waren gnädig, sie in die Häuser einzuquartieren, damit sie sich
+einmal nach lange wieder satt äßen mit warmen Speisen. Das war vorgestern,
+Sonnabend, aber am andern Tage mußten sie gleich weiter ins Feld rücken,
+als gestern, Sonntag. Und was konnten die armen Kinder anders, als
+gehorchen, weinen und betteln. Sie betteln zwar _nur deutsch_ -- aber wer
+versteht denn nicht: _Lumpen_, blasse magere Gesichter, tiefliegende Augen,
+und Blicke daraus, die Einem das Herz im Leibe schmelzen. Wie froh wurden
+da unsere guten Kinder und Weiber _durch Geben und danken Hören!_ Ganz
+Genua war ein »Ora pro nobis« und ein »Benedictus qui venit in nomine
+domini!« Aber fort mußten die Kinder! und sie fielen auf die Knie, als
+unsere Herren durch Herolde mit Trompeten ihnen das verkündigen lassen
+mußten.[A]
+
+Und da begab sich ein Schauderhaftes, so eine Art Heiliges, schaltete die
+Mutter ein. Nämlich die Kinder liefen ans Meer, und wie Moses an den Felsen
+geschlagen, damit Wasser herauskäme, so schlugen sie mit ihrem Pilgerstabe
+auf das Meer, damit es verschwinden, vor ihnen zurückweichen sollte, um
+trocken hindurchgehen zu können. Und wahrhaftig: das Meer wälzte sich
+zurück! Wir hörten das unermeßliche Freudengeschrei in der ganzen Stadt bis
+in die Keller. Aber was war es: es war nur _die Ebbe_ gewesen! Und als sie
+bezaubert die Stunden daran gesessen, als die Flut zurückrauschte, und die
+Wellen ihnen die Füße bespülten, sie gehoben und fortgeschwemmt hatte, da
+sie wie verzweifelt, bis unter die Arme umwogt, drin sitzen geblieben und
+gesungen und endlich unermeßlich geweint, wie unermeßlich betrogen -- o weh
+doch, so ein Jammergeschrei wünsch' ich mir nicht mehr zu hören! Und sie
+mußten sich dazu bereiten, zu Lande weiter zu ziehen in die Ferne, durch
+Rom, bis nach Brindisi, oder nach Pisa, wo zwei große Schiffe bereit lagen,
+sie nach Joppe umsonst und wohlversorgt überzuführen. -- Was essen nicht
+schon die Kinder in einem Hause! Und _wir mußten in Genua eine Hungersnoth_
+befürchten, denn es war schon jetzt kein Bissen Brot mehr in der Stadt. Da
+entschlossen sich Hunderte von Kindern, nach Hause, _in die Heimat, in das
+wahre Gelobte Land_ zu pilgern, mit einem neuen, ihnen aus dem Herzen
+gequollenen Liede: »Fahre wohl, du Friedensstadt! Wir sind Welt und Alles
+satt!« Da wurden nun, wie auf einem Sklavenmarkt, Knaben, besonders
+Hirtenknaben, auf die Meiereien um die Stadt herum _gemiethet_, denn ein
+Schaf ist überall ein Schaf und ein Mensch ein Mensch. Andere wurden von
+Handwerkern aufgenommen, die Kranken zur Pflege guten Leuten übergeben, die
+von selbst sich willig dazu erboten. Das Kinderheer war entsetzlich
+geschmolzen, da unzählige verhungert und umgekommen waren, krank auf dem
+Wege zurückgeblieben, einsam verkommen und am Heimweh _gestorben_. Andere
+schöne, feine, treuherzige Edelknaben wurden sogar in vornehmen, aber
+söhnelosen, ja in den höchsten Familien an Kindesstatt aufgenommen.[B] Und
+so mußten denn die andern gesunden Kinder, nach dem reichlichen einen
+Sonntagsmittagsessen, alle wieder nothdürftig ausgeflickt und bekleidet,
+von unsern guten Genuesenkindern weit hinaus auf die Straße nach Pisa
+begleitet, wieder hinaus in die Welt auf die Eroberung des Gelobten Landes
+-- mit neuen Pilgerhüten und Taschen voll Orangen!
+
+[Fußnote A: Desgleichen Ogerii annales etc.]
+
+[Fußnote B: Petri Bizari Senat. Popul. Gen. Histor.]
+
+Als Raimund so viel, für _ihn_ wie nichts erfahren, da er über Irmengard
+nichts erfahren, sprangen die Kinder vor das Thorweg auf die Straße hinaus,
+wo indeß schellende Kameele gehalten, von denen schon zwei Männer
+abgestiegen und der eine schon in den Hof kam, der Niemand anders war als
+_Savern_.
+
+Raimund erkannte ihn gleich, und hing noch an seinem Halse, als zwei von
+ihren Kameelen abgestiegene Türkinnen in das Haus geschlüpft vor dem
+neugierigen Volke, und in den Hof sich gleichsam retteten. Sie waren Beide
+in weiten gelbseidenen langen Hosen, mit Gürteln gegürtet, in gelben
+Pantoffeln, Beide in prächtigen Turbanen, die Stirn und den Mund mit
+kostbaren Tüchern verbunden, das Gesicht weiß verschleiert. Die weiten
+Mäntel mit viereckigen Kragen hatten sie draußen gelassen, und Raimund's
+Wirthsleute schienen erstaunt, als die eine Türkin den Raimund umschlang
+und im Schleier ihn küßte, als habe er im Morgenlande eine Freundin gehabt,
+die ihn aufsuche. Aber die Verschleierte weinte nicht allein vor Freuden,
+sondern sie lachte auch dazu. Raimund erkannte daran Gaiette und rief: Nun
+Gott sei gedankt! Du bist wieder da! Und meine Irmengard wird auch noch
+kommen.
+
+Die Hausfrau führte die neuen weiblichen Gäste in ihre besten obern Zimmer.
+Raimund ließ abpacken und unter andern Sachen eine nur kleine, geschnitzte
+und blumenbemalte Kiste zu den Frauen hinauftragen. Dann ging er mit seinem
+Freunde Savern in sein eigenes Zimmer nach. Da warf er sich auf einen
+Divan; Savern ging vor ihm auf und ab und erzählte ihm Alles kurz, aber aus
+dem Kern, und sprach:
+
+Ich bin glücklich in Aegypten, an seiner flachen weißsandigen Küste
+angekommen. Zu unserm Glück war der vielbeweinte Statthalter Maschemuch
+_gestorben_, was auch im Morgenlande, ja im Gelobten Lande, in Jerusalem,
+Bethlehem, und darum von jeher nirgend etwas Unerhörtes gewesen, noch jetzt
+sein soll! Ich habe den Leichenzug mit den vielen heulenden, weinenden
+Weibern gehört und gesehen, und seinen Sohn gesehen, dem als Sohn, wie
+jedem Sohne, des Vaters Harem heilig ist, ausgenommen dem Absalon damals
+auf dem Dache des Palastes David. Durch Vermittelung seines aufgesuchten
+und gefundenen, und wohlbeschenkten und bestochenen schwarzen
+Haremswächters konnte ich meine _ausgemerzte_ Schwester desto eher für ihr
+doppeltes Kaufgeld, und ohne die leichte Gaiette opfern zu müssen,
+wiederkaufen, besonders da meine arme Schwester die ganze Zeit bei seinem
+Vater vor Traurigkeit, Kummer und Schmerz über ihren verlorenen, soi-disant
+ermordeten Gatten zum Schatten geworden, krank gelegen, und elend, blaß und
+mager ihm keinen Blick, kein Schnupftuch abgewonnen. Sie ward mir in meine
+Wohnung getreulich zurückgeführt, ja »mit Bürgschaft«, die mich doch
+erfreute, sodaß ich dem schwarzen Gebieter dafür einen Ring zu meinem
+Andenken verehrte. Das Wiedersehen mit meiner erlösten Isidore war
+herzentzückend und seelezerreißend. Sie lag ohnmächtig in meinen Armen und
+doch wankend zum Umfallen, und die schwarzen Hände des Mohren hielten sie
+mir mitleidig.
+
+Während dieser Verhandlung habe ich mit meinen Augen die schönen
+französischen Knaben und Mädchen überall in der Stadt und auf den Märkten
+zum Verkauf ausstehen sehen, die der christliche Seeräuber _Ferreus_ in den
+fünf großen Schiffen von Marseille glücklich geraubt und davongebracht. Und
+ich habe mir einen, einen jungen vornehmen Knaben aus Avignon, eines
+Geistlichen Sohn, für deren Mutter im Hause er die _darauf gelegte
+Haushälterinsteuer_ bezahlt, zu Zeugen meiner Aussage daheim losgekauft,
+und einen schwarzen Knaben dazu, als sachverständigen Fütterer und Führer
+meiner Kameele. Die andern, hier und in Bugia unverkauften, prächtigen und
+noch beherzten lustigen Knaben -- die vor Uebermenge bis zum Preise eines
+fetten Schöpfes gefallen waren -- sind für den Khalifen von Bagdad an
+Wiederverkäufer an den Küsten von Kleinasien _ausgeladen_ worden.
+
+Ach, aber nun kommt das Gefährliche! das auch mir Entsetzliche! Ich hatte
+meinem Diener und dem Mohrensklaven -- den ich schändlicherweise gekauft,
+aber keinen Aeltern entführte -- den Auftrag gegeben, uns Alle zur Fahrt
+nach dem Abendlande, nach Genua, auf dem nächsten dahin abgehenden Schiffe
+einzukaufen, ohne zu handeln; denn es griff hier nach uns Allen. Meine
+Schwester sehnte sich, jetzt vor Hoffnung weinend, nach Vater und Mutter,
+nach der Heimat am schönen Genfersee! Die Diener hatten das besorgt. -- Wir
+steigen zu Abend ein. Die Frauen verbergen sich unten. -- Früh gehe ich auf
+dem Verdeck umher, um von der wundervollen, unvergleichlichen gelben und
+grünen Morgenröthe und von der Sonne Aegyptens, der alten Jungfer mit ihrer
+Lampe, und Sklavin des Landes, Abschied zu nehmen -- _wer_ steht da, hinaus
+nach Abend gewandt? -- _der Goldlockenkopf!_ meiner Schwester angeblich
+ermordeter Mann! Und _wer_ ist der Herr des Schiffes? Wie mir der
+fränkische Knabe ins Ohr zischelt: dort der Mann am Steuerruder, _das ist
+der Ferreus!_ . . . Wollen wir über Bord springen? oder soll ich ihm, wenn
+er sich über Bord lehnt, die Füße aufheben und ihn ins Meer stürzen?
+
+Ich faßte mich und war gefaßt auf ein Aeußerstes; denn meine Schwester, die
+er elend gemacht und die ihn, als angeblich Beklagenswerthen, noch liebte,
+sie saß in Frieden unten. Die Lage war selten und schändlich, wie je eine
+von Menschen auf Erden.
+
+Wie ich und der Goldlockenkopf gegeneinander gehend auf uns treffen,
+bleiben wir Beide wie angewurzelt voreinander stehen. Er legt die Hand an
+sein Messer im Gürtel. Ich, ich hatte mir gelobt, ihm den Kopf abzuhauen,
+und sei's am Altare! . . . Aber ich legte ihm meine Hand auf die Schulter;
+denn er sah erbarmenswerth blaß und krank aus, weil er _es war_, und seine
+Augen ruhten gelassen auf mir, _so_, als _wenn Ich und Er Beide keine
+Menschen mehr wären._ O Mitleid! o Unglück! Aber gar erst du, du Mitleid
+der Unglücklichen mit den Unglücklichen! -- Er fürchtete seinen Verrath
+durch mich nicht mehr.
+
+So weit hatte Savern mir erzählt, als im Nebenzimmer der Frauen ein
+entsetzlicher Gall _geschah_. Denn wirklich, es war eine Herzensthat. Wir
+eilen herum. -- Da hat meine Schwester die kleine Kiste aufgemacht, den vom
+Rumpfe gehauenen Lockenkopf ihres geliebten Mannes gesehen, an den Locken
+herausgerissen, und hält ihn hoch, wie allen Heiligen hin. Sie zittert und
+bebt, ihre Zähne klappern. Und ich springe sie zu umfassen, zu halten.
+
+Endlich lange athmend fragt sie: Wer hat das gethan?
+
+Und ich sage ihr, wie man solche Worte nur sagen kann: Ich, ich hab' es
+gethan! Ich, für dich! Höre und begreife: Du hast deinen armen Mann
+beweint, edel! Nun beweine dafür deinen Räuber, deinen Verkäufer, und du
+bist nebenbei blos die Dritte oder Vierte! Das stärke dich! Wenn nicht
+heute, doch morgen, oder zu Jahre -- wenn der Verstand und der Haß die
+Liebe besiegt hat. Oder, sollte dein Bruder dich nicht nach Hause holen, da
+er wußte: du seist, für ein liebendes treues Weib, in der Hölle eines
+Harems?
+
+Sie faltete die Hände und sank zu Boden, und Gaiette biß die Zähne zusammen
+und stand ihr bei mit schamvoll geschlossenen Augen, aber ihre Wangen
+glühten, sie küßte Savern die Hände und aller Uebermuth war ihr verstoben.
+
+Aber um auf das _Schiff_ zurückzukehren, erzählte Savern weiter: Der
+Goldlockenkopf mußte zu Bett gebracht werden, denn er bekam _die Blattern_
+und lag von seiner -- Frau nur durch eine Bretwand geschieden, die seine
+gestöhnten Worte sogar hörte, aber nicht verstand. Er lag auf Bunden mit
+Straußfedern und Säcken voll Datteln, womit das Schiff beladen war.
+
+Vor seinem Tod -- denn auf den Kauffahrteischiffen sind nur die alten
+Matrosen die verwegensten Doctoren, die mit den unsinnigsten Mitteln
+curiren, die sie meist bedauern -- nicht zu haben, -- ließ mich der
+Sterbende holen, sah mich weichmüthig an, übergab mir einen Beutel voll
+Gold und bat mich, ja, er befahl mir, den Schatz seinen armen, fast
+verhungernden Aeltern in Konstantinopel zu schicken, deren Wohnung, Namen
+und hohen Stand er mir nannte. Ihnen zu Liebe habe er alles ihm Mögliche
+gethan, wie blind und herzlos gegen die ganze Welt. Er segnete mich mit den
+erschrecklichen herzdurchdringenden Worten: _Behüte Euch Gott Euer
+Vaterland_ -- das mir und uns die Römlinge genommen -- denn ein Mensch ohne
+Vaterland ist wie welt-vogelfrei _und zu allen Thaten fähig. Das merkt_ und
+sagt überall. Ihr habt es erfahren, und beruhigt damit meine Frau -- Eure
+Schwester, die Schweizerin, ja! Da wird sie mich redlich beweinen, wie
+zuvor ihren -- ermordeten Mann. Ich habe Euch Alles gestanden -- nun ist
+mir wohl. Viel seien Eurer Jahre ([Greek: polla ta etiasas]) und griff sich
+dabei in der Todesangst in seine viel tausend Haare.
+
+Also, was war das Leid Alles gewesen? -- Kindesliebe! Kindesliebe! also
+gewiß zu _guten_ Aeltern. Welch ein Blick in die Welt und die Herzen aller
+Menschen! Ich lächelte mild zum Weltgericht. Als er gestorben war, und bald
+darauf schon im bloßen Hemd auf sein Leichenbret gebunden lag, um ins Meer
+für die Fische begraben zu werden, und auf seiner prächtigen Brust die
+darein gestochene und mit blau und rother Farbe eingeriebene _Panagia_
+erschien, und der Wind seine Locken hob, fiel mir mein Schwur ein, ihm das
+Haupt abzuhauen -- aber der Schwur erlosch in Wehmuth. Aber Porcus gab mir
+ein Beil in die Hand und rieth mir: nehmt Euch ein Andenken mit! _und ich
+nahm mir das Andenken!_ . . . Es geschah ganz kurz vorher, ehe Porcus
+angebliche Erde aus dem Gelobten Lande -- auf der Ziegeninsel, der Capraja
+-- für den großen Campo santo in Pisa betrüglich einladen ließ. Aber »_der
+gemachte Mann_« sagte: Ihre Todten werden schon gut daraus aufgehen; sie
+streuen die Erde schon gläubig auf Brot und essen sie zu Buße.
+
+So ward denn der ältern- und vaterlandsliebende Goldlockenkopf_leib_
+versenkt, den einzusegnen kein Geistlicher vorhanden war, und so erlaubte
+sich der alles für Scherz haltende Porcus mit einigen Seemannsflüchen ihn
+einzusegnen zu seiner Ruhe.
+
+Die rührende Folge der Hauptserfindung aber war, daß Savern und seine
+Schwester noch Schmuck und Gold reichlich zulegten zu dem von Raimund noch
+strotzendvoll gefüllten Beutel, und ihn dem Hauswirth übergaben, um ihn
+durch ein sicheres genuesisches Haus an die Erben des Erblassers in
+Konstantinopel zu übermachen.
+
+Savern hatte in Pisa, das viele hundert Kameele züchtete, sich sechs
+gekauft zur Landreise nach Genua. Diese theilten sie jetzt. Die Geschwister
+zogen mit dem Franzosenknaben nach Genf; Raimund und Gaiette aber nach
+Hause, Sie freute sich, als armes christliches Dienstmädchen geschieden,
+nun als Türkin auf einem läutenden Kameele, von einem Mohrenknaben geführt,
+in dem lieben Köln, unter dem Schleier lachend und weinend, doch seelenfroh
+einzuziehen -- und jetzt sogleich . . . dann den ganzen Winter und Zeit
+ihres Lebens vollauf zu erzählen zu haben.
+
+
+
+
+Siebzehntes Capitel. Heirathen.
+
+
+ Zuletzt verlieren alle Menschen Alles,
+ Und mit dem Balle fängt das Kind schon an,
+ Mit seinem Flachshaar und den ersten Zähnen.
+ Und grause Fragen kannst du dann an Arme
+ Und Reiche, Hohe, Groß' und Kleine thun,
+ Da an den Feldherrn, den geschlag'nen, sprich:
+ »Wo hast du denn dein Heer?« . . . und an das Weib:
+ »Wo hast du deinen Mann?« . . . und an die Tochter:
+ »Wo hast du, ach, dein Kind?« -- Und also kannst du
+ Jedweden schwer nach Etwas fragen; denn _die Welt_
+ Verschonet Keinen mit der Wahrheit. Keinen
+ Verläßt sie aber auch mit Trost und Hülfe,
+ Soweit ihm noch zu helfen ist; und sicher
+ Zu Thränen doch, zu Duldung und -- zum Grabe.
+ Und endlich hat kaum Einiges die Ehre,
+ Ein Märchen für den Winterherd zu werden,
+ Woran _die ganze Welt_ mit Bär und Hund,
+ Wolf, Esel, Mönch, Hirt, Königekind und König
+ Dem klaren Zauberaug' der frohen Kinder
+ Als bunte Seifenblase nur erscheint.
+
+ Dem größern Menschen wächst die Welt stets -- _kleiner!_
+
+Der Ritter Savern war mit seiner Schwester _Isidore_ an einem und demselben
+Tage aus Vivaldi's Palast nach der Schweiz geschieden, und _Raimund_ mit
+_Gaiette_ nach dem Niederrhein. Savern hatte den französischen Edelknaben
+. . . Raimund den Mohrenknaben mitgenommen; Isidore den Goldlockenkopf, den
+ihr ein Speciale nach der Kunst einbalsamirt; Gaiette war gegangen und
+hatte noch einmal zum ewigen Andenken in den Wagen des Nikolas gerochen,
+der noch ganz nach Melonen roch, und hatte sehr hineingeweint um ihre
+Irmengard. Auch der stolzbegeisterte Nikolas that ihr leid, der durch immer
+ihm ausgesuchte Kost und frische Luft liebenswürdig gediehen. Es war ihr
+unbegreiflich, wo Beide geblieben? Ob eins das andere Krankgewordene in
+einer einsamen Hütte pflege? Ob sie vorausgeeilt? Ob sich vielleicht Beide
+vor Schande und Unglück das Leben genommen? Also vor Verstande! Warum
+Savern nicht gewarnt, ja sich nicht in des Porcus Schiffe ein- und verladen
+zu lassen? Nur waren sie auf einem andern, weitern Wege gekommen, als die
+Kreuzfahrer gezogen. Daß Raimund von der Hitze immer mehr bedrückt, fast
+keines vernünftigen Gedankens, kaum einer folgerechten Sorge mehr fällig
+war -- das war nicht mehr zu leugnen. Denn _einen_ Augenblick scheint jeder
+Wahnsinnige sogar verständig. Und dies ward alle Tage schlimmer mit ihm,
+und sie seufzte: _Ach, was muß sich der Mensch doch Alles gefallen lassen!
+selbst närrisch zu werden! . . . oder der Narr wieder klug_ . . . wie
+unsere Kinder, und ich selbst! -- Sie betrieb die Heimreise ängstlich für
+ihn.
+
+Durch die brave Lombardei, wo die Meisten in ihrem Sinn und ihrem Herzen
+verhüllte Katharer waren, ließ man den Zug mit den Kameelen ruhig
+schweigend, aber mitleidig vorüber; denn von ihnen war nicht ein einziges
+Kind mitgezogen, und die Kinder standen gesund und blühend, nur neugierig
+am Wege. Anders ward es schon in der Schweiz, von Zug, Zürich und Basel an;
+denn hier bemerkten sie, daß sich die Aeltern mehr um den Himmel als um
+ihre Kinder kümmerten. Und so ward es immer schlimmer in den Städten am
+Rheine zu Thal. Immer ging ihnen ein dumpfes Gerücht von Zurückkehrenden
+vom Kinderkreuzzuge voraus. Die Leute standen an dem Wege, die Thränen in
+den Augen, und wenn sie stumm vorüberreiten wollten, schrien die Weiber sie
+an: Nun, habt ihr kein Mitleid? Wir wissen nicht -- ihr wißt; darum macht
+uns ruhig, und überlaßt dann uns den Trost: Alles kann ja nicht Allen
+geschehen! -- Dann antwortete Frohmuthe vom Kameel herab, während Raimund
+wie versteinert auf dem seinigen sitzen blieb und sich die Welt ganz
+verwundert ansah. Nun, sprach sie, Alle sind nun nicht geradezu todt,
+verhungert, verloren, verkauft; doch wol über die Hälfte -- die Hälfte aber
+freilich ganz! So kann noch ein Jedes von euch hoffen, gerade die Seinigen
+wiederzusehen.
+
+In den Städten wurden sie im Nachtlager von den Rathsherren besucht, von
+den Priestern und Mönchen sogar; ja, Frohmuthe ward in das Sprechzimmer der
+Nonnen ins Kloster höflich eingeladen und kam meist ohne Athem um
+Mitternacht erst wieder, und verzweifelte, daß ihre Lunge und Zunge bis
+nach Köln ganz weg sein würden. Raimund aber ging unter den armen Aeltern
+und Müttern umher, und beschenkte die Armen, die auch keine Kinder hatten
+und nicht einmal zu weinen brauchten, und doch mit ihnen weinten, über die
+Maßen reichlich, sodaß die Verwunderung über die Welt und gute Menschen
+doch ein Weilchen ihre Wehmuth betäubte. Raimund aber hatte unterwegs
+einige Hinrichtungen getroffen, mit angesehen, und wünschte, im Gegentheil
+von Nero, nicht der ganzen Menschheit einen einzigen Kopf, um mit einem
+Schwert und mit einem Streich sie Alle zu enthaupten, sondern er beneidete
+die stolzen, vornehm in Sammet und Seide gekleideten Scharfrichter, weil
+sie die Narren und Missethäter _abthun_ durften mit Ruhm und Ehren, wie
+ohne Gewissen.
+
+Auf den Kameelen mußten sie oft eine Stunde unter den Menschen halten, die
+alle durch Fragen sich alle Antworten selbst gleichsam ersäuften. Zuletzt
+kam ihnen ein _Schwarm Menschen_ bis Bonn entgegen, und unter dem
+Severinthor von Köln ward den Kameelen selbst bange, daß sie widerwärtig
+schrien. Darunter waren auch viele rohe Bursche »_mit langen Nasen_«
+gewesen, die ganz schwarz angestrichen waren. Denn von Herzlosen kann Alles
+verspottet werden, und sie Verspotten es, um es gleichsam in eine höhere
+Welt, in die der Fabeln und Märchen zu erheben -- und aus Honig und Essig
+wird wirklich ein kühlender Balsam.
+
+Und so that denn der alte Hausmeister Hagebald ihnen wieder das alte
+Hausthor auf, diesmal angelweit. Diesmal war die Frau Rath aber die Frau
+van Graveland. Den Bräutigam kennend, wie die meisten Bräute ja nur
+oberflächlich, hatte sie ihn sobald als schicklich geheirathet, als
+Besitzerin von eigenem großen Vermögen, und ihre an ihrer ersten
+Verheirathung aus Stolz und Ehrsucht schuldige Mutter, lebte nun ausgesöhnt
+bei den jungen Eheleuten, die Beide zusammen nur erst 72 Jahre alt und
+prächtige Leute waren. Nur was _Irmengard_, wenn sie ja wiederkäme, zu der
+Heirath sagen würde, besorgten sie _ihretwegen_; aber heimlich lächelten
+sie dazu. Gaiette schlief herzlich froh wieder im Bett ihres saubern
+Stübchens. Der Mohrenknabe war ihr Edelpage. Da sie ganz liebenswürdig und
+klüger und interessanter als ihre gnädige Frau geworden, so ward sie von
+ihr zum Gesellschaftsfräulein erhoben; aber das vornehme Leben meist nur
+für Spiel und Schein ansehend, brach sie bei schicklicher Gelegenheit noch
+oft in kurzes Gelächter aus. Der redliche Jost kam völlig gesund mit
+»unsichtbar geheilter Nase«, die er mit Recht seine »Märtyrerin« nannte; er
+brachte Frau und Kinder mit, ohne auf Raimund's Besuch zu warten, da ihm
+Don Ramon als _Verständiger auch des Unverstandes_ vertraut hatte, daß sein
+redlicher Freund Raimund ein unrettbarer _Candidat des Unverstandes_, nicht
+der Narrheit sei, und Beide konnten ihn kaum ohne Thränen ansehen, und voll
+Wehmuth redeten sie gezwungen zuletzt nur wie mit Kindern mit ihm, und von
+Kindersachen -- von Märchen, Sagen, Geistererscheinungen, _Verwandlungen_
+durch gute sowol wie durch böse Geister, und ihm am liebsten _vom
+Wiederkommen der Todten_. Da war er ganz Feuer und Flamme. Dabei war er
+nicht nur ganz unschädlich, sondern höchst wohlthätig, nützlich und hold
+wie ein Vater oder Bruder gegen Alle. Er schenkte mit reichen Händen -- er
+ging überall umher, überall willkommen, bedankt, ja gesegnet. Auch dem
+liebenswürdigen menschlichen Erzbischofe schenkte er in _seine Sparbüchse_
+zum künftigen Bau eines Doms, seines Geistes- und Herzenskindes, alle
+Monate an einem gewissen _Tage_ eine bedeutende Summe, wodurch er bei dem
+verständigen geistlichen Herrn immer freien Zutritt hatte. Er wollte es
+sogar einmal _bei Nacht_ versuchen ... oder _des Tags drei mal_, und
+lächelte verschmitzt dabei, im voraus der huldreichsten Auf- und Annahme
+gewiß. Vivaldi hatte ihm seine Schuld mitgegeben, und auch noch einige
+seiner Foderungen eingetrieben und nachgesandt. In Aachen war die große
+Scharfrichterei verkäuflich geworden und auch die ansehnliche, hoch in
+Ehren stehende Stelle des Scharfrichters offen; ein Anverwandter von
+Raimund hatte ihn um Geld dazu gebeten, und -- Raimund hatte sie gekauft
+und dem Vetter zur Verwaltung und Vertretung übergeben, was erlaubt und
+Rechtens war; ja, er war selbst mit nach Aachen gezogen mit seinem getreuen
+Diener, hatte den Vetter gesehen starken Kälbern, ja wolligen Stähren die
+Köpfe auf einen Hieb, ohne Unterlage in freier Luft, vom Rumpf abhauen, und
+hatte es -- zum Scherz -- selbst versucht und prächtig gekonnt. Auch in
+seinem Wahnsinne machte er Fortschritte; er hatte, als immer aufmerksam,
+schon einige Töchter gefunden, die ihren Müttern, wie man sagt »lächerlich«
+ähnlich sahen; nur den Unterschied der Frischheit _ab_gerechnet oder
+_dazu_. Nur begriff er nicht, wie sie Beide zu gleicher Zeit nun da wären?
+bis er die Mutter für die Tochter Chrysalide hielt, und den Doctor fragte,
+ob man auch _Wiedergekommene, z. B. Weiber_, als doch im Grunde
+_dieselben_, noch ein mal heirathen dürfe? _Laß sie nur erst wiederkommen!_
+Das Weitere wird sich schon machen; hatte ihm der Doctor, in Kummer um ihn,
+gesagt, und ihm _zur Ruhe_ nur gewünscht, daß sein Wahn _Gestalt_ annehme
+und ihm _freundliches_ Leben werde! Wie er wegen der frommen Gaben, stand
+auch Don Ramon für die glücklich hergestellten Augen in so großer Gunst bei
+dem Erzbischof, daß er ihm eine Freibitte im voraus zugestanden. Auch van
+Graveland, der den schönen Greis prächtig in ein großes Altarbild des
+heiligen Antonius gemalt, in dem er vor demselben in vollem Ornate kniet,
+und dadurch selbst kirchen- und altarfähig worden, war wohl angesehen von
+dem dankbaren Kirchenfürsten, der manches bewundernde »Hm!« vor dem nun
+auch wie heiligen Bilde aus der Seele herauf zur Welt gebracht. Das ganze
+Haus stand in Achtung und Ehren, und die nach Rom gelieferte Tochter war
+vergessen, und auch von Rom aus war in dem großen Wirrwarr daselbst keine
+Nachfrage nach ihr und nach ihrem mit dem Kirchenstempel zum Ungeheuer
+gestempelten redlichen Seelenfreunde. Sr. Gnaden der Erzbischof hatte eine
+große Todtenmesse für die Kreuzzugskinder befohlen, und Jost hatte dabei
+sich nur ausbedungen, daß sie ganz unverfänglich für Diejenigen sein
+sollte, welche lebendig zurückkehrten. Denn er hatte gestern in der
+Abenddämmerung drei Knaben getroffen, die sich zum Abschied von der Reise
+die Hände gegeben und in die Thüren dreier Nachbarhäuser geschlichen,
+worauf darin unermeßlich frohes Geschrei geworden, und in den plötzlich
+erleuchteten Zimmern die Umarmungen der Aeltern und Kinder gesehen und mit
+geweint.
+
+Und so kamen denn in den nächsten Wochen viel Kinder, mehr Knaben als
+Mädchen zurück. Zuerst die, welche auf dem Hinwege schon erkrankt waren;
+dann die mit rüstigen Beinen, welche bis in die Lombardei gedrungen, aber
+dort die arabischen Pocken bekommen und ganz entstellt waren, sodaß ihre
+Aeltern sie nicht erkannten, nicht für die Ihren annehmen wollten und
+klagten: _Ach, wo ist mein schmuckes Gretel hin!_ . . .
+
+. . . Mein Annelchen, bist du es denn? . . .
+
+. . . Ach, mein Magdelchen, das bist du gewiß nicht! sprich: auf welchem
+Auge bin ich blind? . . . Wie heißt unser Hund? . . . Unsere Katze? . . .
+Wie viel hast du Geschwister? . . . Wie lange ist der Vater todt?
+
+. . . Nun Pelz, hast du Aermel, so rede! sprach ein Vater in einem andern
+Hause zu seinem Pantaleon; Kerl, du bist ja ein Riese geworden!
+
+Ihr Trudelchen fragten andere Geschwister: Nun, bist du denn nicht bis ins
+Gelobte Land gekommen? Aber da sie im Meere bei Genua mit in der Ebbe
+gesessen, antwortete sie treuherzig: Nur bis ins Gelobte Wasser.
+
+Und nun ward aufgetragen, was jede Mutter nur irgend Gutes hatte, geweint
+und gelacht, Gott gedankt, zu Bett gegangen -- und die Nacht nicht
+geschlafen. Das ganze Heer der deutschen Knaben und Mädchen hatte sich
+aufgelöst, die Hälfte der letztern waren in Pisa in zwei Schiffe
+verschwunden.[A] Die Trotzigsten aber auf dem Wege nach Rom fortgezogen,
+ja, von einem gewissen Brindisi[B] aus hatten sie erst noch ihren Kopf
+aufsetzen wollen. Die in das Land Heimgekehrten wurden überall verspottet
+und verlacht; ja, vor Scham waren sie womöglich nur die Nacht, so barfuß,
+abgehungert, abgerissen gewandert, und hatten nur stumm sich vor die Thüren
+gestellt, aber keine Hand ausgestreckt, noch ein Wort gesagt, nur zur Erde
+gesehen, daß es nicht hätte »gebettelt« heißen sollen. Die mitgezogenen
+Weibspersonen und junge Dienstmädchen aber schlichen vor Scham nur im
+Dunkeln in der Stadt und verbargen sich bei armen barmherzigen Bekannten
+oder den Barmherzigen Schwestern selbst; denn bei Einigen hatte man
+Kindchen aus ihren Armen, unter dem über den Kopf gedeckten Mantel schreien
+gehört.[C] »Aber Alles lagert sich zuletzt wieder, selbst ein Erdbeben, und
+ein wüthend übergeschwollener Strom tritt zurück und fließt, auf sein Maß
+gebracht, wieder in seinem gewöhnlichen Bette -- wie ein sogenanntes
+unschuldiges Kind. _Das kennt man schon!_«
+
+[Fußnote A: Chronicon Senoniensi.]
+
+[Fußnote B: Vincenz von Beauvais.]
+
+[Fußnote C: Fragm. apud Urstis: »Quia plurimae etc.«]
+
+So sprachen die vernünftigen, immer gutmüthigen Kölner bei ihrem Glase
+Wein, der dies Jahr wie aus Vorsehung zur Beruhigung sehr lobenswerth
+gerathen.
+
+
+
+
+Achtzehntes Capitel.
+
+
+Und so war denn wieder die Weihnacht still herbeigekommen, die erste der
+_sogar Zwölf_ Heiligen Nächte dereinst des Volkes hier zu Lande. Es war
+schon Abenddunkel. Die Essen rauchten; die Gassen rochen; heimlich ward
+verdeckt eine Bescherung aus einem Hause ins andere getragen; als weiße
+Engel gekleidete unerklärliche Christkinder mit feinen Glocken in der Hand
+und einer Krone auf und goldenen Flügeln an den Achseln huschten und
+schwebten umher, und Knecht Ruprechte mit Ruthen in der Hand traten in die
+Häuser, wo die Kinder und die Aeltern um die Weihnachtsbäume mit brennenden
+Kerzen und goldenen Sternen und silbernen Nüssen standen, und noch auf ein
+Unaussprechliches zu warten schienen; und arme Kinder standen draußen an
+den erleuchteten Fenstern, deren Glanz und Schein weit weg auf die Straße
+fiel. Zu manchen Fenstern hinein sah man auch in den schweigenden Stuben
+weinen -- denn zu Weihnachten kommt doch Jeder gern nach Hause -- _wenn er
+kann_, um sich selbst den Seinen zu bescheren. Da sitzen sie wieder mit den
+Ihrigen, wenn auch als Aeltern nun alt, oder als Kinder nun groß, wieder in
+der ewigen Jugendzeit. Da sitzen sie! erzählen sich aus, essen was Gutes,
+die Ihren vor Augen und von ihnen freundlich angeschaut, ohne Ahnung eines
+möglichen Endes.
+
+So war auch Herr Raimund herübergekommen ins Vaterhaus und freute sich doch
+über den prangenden Weihnachtsbaum, mit Geschenken behangen für Jeden, auch
+für die Frau Jost eine goldene Kette und für ihre Kinder wirkliche goldene
+Nüsse und silberne kleine Messer und Gabeln und Löffel. Raimund redete aber
+mit dem grünen Bäumchen wie mit einem grünen stacheligen Geiste aus dem
+Walde, hatte die Spitze eines Zweigs sich auf die innere flache Linke
+gelegt, streichelte ihn mit der Rechten zärtlich und sagte ihm zum Troste:
+Habe nur Geduld, mein Bäumchen! Du weißt, du warst sonst ein anderes; so
+habe die Hoffnung, wieder erlöst, etwas Anderes zu werden. _Die Birke_ ist
+besser daran -- die ist die Maie gewesen und die Maie geblieben.
+
+Dann stand er still, wie nicht da, in Sehnsucht versunken nach seinem
+gestorbenen Weibe Gabriele.
+
+Aus der Schweiz war für den Abend ein Schreiben an die Mutter von der
+Tochter eingegangen, und, darin lag ein Brief mit den rührenden Worten:
+
+»Herzliche Großmama! Ich melde dir, daß ich glücklich auf die Welt
+gekommen! in aller Unschuld ohne Sünde. Ich habe mir ein Schwesterchen
+mitgebracht, eine kleine, kleine Eva! so heißt sie. Sie schickt dir ein
+Alpenveilchen! Mehr haben wir nicht. Habe uns lieb!
+
+Dein kleiner lieber Adam.«
+
+Sie las mit reinem Muttergefühl, und das duftende, langstielige stille
+Veilchen erzählte Allen mehr von unaussprechlichem reinem Menschenglück.
+Dem so unglücklich gewordenen Raimund war weinender Dank gesagt, und sie
+ging und küßte ihm sein Haupt.
+
+Jetzt brachen die Glocken auf den Thürmen mit himmlischen Freuden aus und
+bedeckten die Stadt mit wallendem Wohllaut. Die _vielen_ Christkinder
+flatterten nach den Kirchen und haschten und neckten sich; Niemand wunderte
+sich über so viele dergleichen, da ja doch nur Eins wäre, und nur Ein
+Ruprecht, die jetzt auf den Gassen einander die Rücken mit den Ruthen
+zerdraschen. Die Kinder eilten in die Kirchen mit Hirtenhäuschen,
+Weltkugeln, Pyramiden, Schlangen und Kerzen. Dort zogen andere aufgeputzte
+Esel an den Krippen mit dem Jesulein und seiner Mutter in den erleuchteten
+Altären, wo das ferne Himmlische in treuherziger Unschuld den Menschen
+nahegebracht und sichtbar und greifbar war, und die vielen Scharen Hirten
+vertheilten sich in die Kirchspiele, wo sie das »Quem pastores« sangen, und
+selbst ihre Hündchen waren in der heiligen Stunde nicht unheilig, sondern
+fröhliche Zeugen einst lieblicher Wahrheit auf Erden -- wie geschrieben
+stand, und sie freueten sich, es nun darzustellen, ja, es im Geiste zu
+sein. Und wie zitternd vor Freude erdröhnte der Tremulant in den Orgeln,
+daß die Gewölbe bebten, und die Posaunenstöße waren Engelsathemklang.
+
+ * * * * *
+
+Da war es, als ob Jemand von draußen mit dem Kopfe gegen die Thür stoße.
+Raimund that sie auf, einen Leuchter in der Hand Da sprang eine Gestalt wie
+draußen von einem Ungeheuer verfolgt auf die Schwelle, und da stand sie
+wieder erschrocken wie vor der himmlischen Heimlichkeit darin. Raimund aber
+ließ vor Erstaunen und Entzücken den Leuchter fallen. Er hatte die schlank
+aufgeschossene Gestalt gesehen: ein weißes Tuch um den Kopf; ihr Gesicht
+hager und todtenblaß; die Augen glanzlos und doch rollend; die Arme
+ausgestreckt und zitternd, und es ging ihm wie dem Sänger, der das Lied
+gesungen:
+
+ Dich _wieder_sehen . . . wieder dich _sehen_ nur
+ Im Thale wandeln, auf Bergen steh'n,
+ Nachts auf dem Vollmond, von der Sonne
+ Nieder mir lächeln -- da kniet' ich beten!
+
+ Dich wieder_finden_, leuchtend im Sternensaal,
+ _Dich an die Brust mir drücken_ --da stürb' ich gleich!
+ Und was im Himmel nie geschaut ward:
+ Engel bewundern da einen Todten!
+
+Das junge Weib neigte sich vor, als würde sie zu Boden stürzen; er ergriff,
+er umschlang sie, drückte, sie fest an die Brust, und rief nur: Mein Weib!
+Meine Gabriele! O, darfst du kommen -- und kommst zu deinem armen Freund!
+
+Irmengard war so geistermäßig verwandelt, daß er eher sein erstandenes Weib
+in ihr sah, als die Mutter ihre Tochter. Den glücklichen Raimund hatte,
+statt des plötzlichen Todes, nur ein plötzlicher Schlaf befallen, und sie
+trugen ihn in den Großvaterstuhl, worin er wie im Himmel saß. Irmengard
+aber war ohnmächtig, und sie mußten ihr Luft machen um die Brust, wobei der
+Doctor einen Schreck vor Vater und Mutter verbarg.
+
+ * * * * *
+
+Am Morgen ließ sich Raimund erkundigen, ob seine Gabriele noch da sei,
+wirklich, oder ob er geträumt? Van Graveland besuchte bei Gaiette mit der
+Mutter und dem Arzt seine arme Tochter, die ihnen auf eine Pergamenttafel
+schrieb, daß sie schon _seit einer gewissen Zeit_ sprachlos sei. Der Doctor
+sagte dem Maler etwas ins Ohr -- der Vater erröthete über und über und
+fragte dann heilig erzürnt, doch im heiligsten Ernste gelassen, die
+unglückliche Tochter: Wo hast du dein Kind?
+
+Darüber faltete sie die Hände, brach in Thränen aus und schrieb auf die
+Tafel: Vor Angst und Jammer, und Lieb' und Leid, und Scham und Schande --
+an meiner Brust _nur erdrückt_, es liegt in mein Brusttuch gewindelt in der
+hohlen Eiche im Dorfe, wo der alte blinde Mann wohnt, der mich aufgenommen,
+als ich nicht weiter konnte!
+
+Der Vater las das, die Mutter las es und sie versteinerten.
+
+ * * * * *
+
+Irmengard saß des Tags über still, gewöhnlich die gefalteten Hände im
+Schoos, in einfachen, weißen, ihr hingelegten Kleidern, gepflegt von
+Gaiette. Raimund besuchte sie schüchtern alle Morgen, und hatte im Stillen
+seine Freude an der Stillen. Der Mutter hatte sie auf ihre Fragen
+geschrieben: sie wäre mit Nikolas gleich aus dem Elend in Genua auf ein
+Schiffchen im Hafen geflohen, und sie hätten nach Ostia gewollt, um sich in
+Rom ihr Vergehen vergeben zu lassen; aber Stürme hätten sie wieder zurück
+ans Land gedrückt. Darauf wären sie Beide einsam zurückgekehrt; aber nicht
+eben weit von hier habe eine rachsüchtige Gemeinde sie ausgehöhnt und ihn
+eingesperrt. Da sitz' er wol noch.
+
+Sie lächelte nur vor sich hin, daß man sie wegen des todten Kindes
+einkerkern, ja richten könne . . . nur die vielen unglücklichen verwaisten
+Aeltern begehrten ein sichtbares Opfer. Sie sei von dem Nikolas wie
+bezaubert gewesen . . . von seiner Gewalt, von seinem Ansehen wie eines
+Heiligen, daß ihn das ganze Land und die Priester selbst in den Kirchen
+geehrt. Sie wollte nicht fliehen, und Raimund begriff nicht, wie man seiner
+_Gabriele_ ein Haar krümmen würde, oder . . . könne; obwol ihm Don Ramon
+vorstellte: wie rheinauf, rheinab und im ganzen deutschen Lande viel, viel
+Hexen verbrannt worden . . . und würden, _und ein von den Todten
+wiedergekommenes Weib_ wäre ihnen noch viel, viel abscheulicher und
+verdammlicher, weil es nur durch Teufels Macht und Willen heraufgefahren
+sein könnte. Ja, noch nicht zu lange her haben die nachtwachenden betenden
+Priester einen im Sarge erwachten, sich aufrichtenden wimmernden Papst mit
+Fauststößen vor die Brust wieder zurückgedrängt in das Todtenreich, und vor
+Angst und Schrecken dazu gebrüllt: _Was willst du wieder unter den
+Lebendigen._[A]
+
+[Fußnote A: Bower.]
+
+Das sagte er ihm nur; denn das Volk wußte von seinem ihn seligmachenden
+Glauben nichts. Ja, ihre Mutter und ihr Vater hatten nichts dagegen, ihm
+die bewiesenermaßen verheirathbare Tochter zum Weibe zu geben, um da wo in
+der Fremde in aller Stille und Ehrbarkeit zu leben. Und van Graveland
+erzählte der Mutter und dem Arzt zum Beispiel und Vorbild die kleine
+Geschichte: Einem niederländischen berühmten Maler stirbt seine Frau,
+Margarethe geheißen. Er lebt zwar, aber er geht nur noch so verloren in
+Gram und Träumen auf der Welt. Da erblickt er eine Jungfrau, die seinem
+gestorbenen Weibe an Gestalt und Stimme und ganzem holden Wesen so ähnlich
+ist, wie es sich selten trifft, daß Zwei etwa im Abenddämmer, ja in
+vergoldendem Sonnenglanz sich ähnlich sehen. -- Und ein Liebender ist immer
+wie geblendet von seinem eigenen Lichte. -- Seine Liebe ergreift sie. Sie
+liebt den _von ihr begeisterten_ Mann. Sie wird sein Weib. Er sagt ihr Tag
+und Nacht, daß er seine selige _Margarethe_ wieder habe durch Gnade des
+Himmels. Und in Wahrheit haben alle Weiber sehr viel allgemein Aehnliches,
+allen Zukommendes. Des streng Unterscheidenden einer Einzigen ist wenig,
+des ganz Ausschließlichen nichts; nicht einmal ein Buckel, ja zwei.
+_Margarethe_ nennt er sie; so kleidet er sie. Sie trägt von jener den
+Schmuck. Sie schläft in demselben Bett . . . und die gute, bezauberte,
+willige Seele ist mit äußerster Hingebung seine Margarethe -- da sie auch,
+ihren Namen gewohnt, so hieß --, sie ist's bis zur Herzens- und
+Verstandesverwirrung. Und so haben die Beiden ein noch nicht oder selten so
+dagewesenes, heiteres, stilles, ja seliges Leben gelebt. Denn welcher Mann
+würde seinem noch ein mal vom Tode erstandenen Weibe nicht freudig alles
+Erdenkliche zu Liebe thun! -- So _kann_ es, so _wird_ es hier werden und
+sein. Irmengard wird den Hirtenknaben vergessen, als nur eine Gestalt aus
+dem jetzt verlachten Kreuztraum. Denn höre mich, Doctor. Wenn ich
+heimgekehrte Kinder frage: Wo habt ihr denn eigentlich hingewollt? Was habt
+ihr gedacht, ihr Rasenden? Was hat euch wie Mehlthau befallen, die ihr
+Väter und Mütter in hundert Städten und tausend Weilern und Dörfern
+unglücklich gemacht? -- Da stehen die Kinder, oder sitzen wie aus den
+Wolken gefallene große Frösche, wie aufgewachte Nachtwandler, plötzlich
+nüchtern, dumm und dottend da, kratzen sich hinter den Ohren und sprechen:
+Wir _wissen es nicht!_ wenn Ihr es nicht wißt. -- Und der Doctor sagte: Das
+war die Krankheit! und die hat sich gebrochen! und kommt nicht wieder, wie
+Nichts in der Welt so jemals wiederkommt.
+
+ * * * * *
+
+Als aber Irmengard, der Meinung des Volks zum Opfer, bei Nacht in denselben
+Kerker geführt worden, worin ihre Schwester gesessen, und ihre Enthauptung
+abzusehen war, zu welchem Urtheil ein kleines herbeigebrachtes Kästchen den
+Ausschlag gegeben, und keiner Erklärung, keines Geständnisses weiter zu
+bedürfen schien; da begab sich ihr Vater, wie schon oft, der Doctor und
+selbst der unglückliche Raimund in den Palast zu ihrem Freunde, den weisen
+Narren Jost, um einen letzten Rath zu halten, Raimund lachte im Bauche
+recht innerlich, daß _ihm_ doch Niemand _die wahre Natur_ seiner
+»wiedergekommenen Frau« beweisen könne, und _ihr_ gar nicht -- und sie
+könne ja wol aus den Erdennarrenspossen von dem Block weg wieder
+verschwinden. Aber er wollte sie doch lieber behalten, sie retten, als
+einmal so glücklich, sie wieder zu haben! -- Und so war das Ende des Raths,
+daß der kundige Jost seinem erst jetzt recht theuern Jugendfreunde eine
+Schrift auf Pergament gab, die er fleißig und gründlich einsehen und sich
+tapfer zunutze machen sollte! Es waren die schweren _Pflichten_ und großen
+_Rechte_ eines hochbetrauten Scharfrichters, nach altem Gebrauch und
+unbestrittener Geltung. -- Einen Cardinal haben wir hier nicht zum
+Begegnen, sagte ihm Jost bei der Aushändigung; denn welchem zum Tode
+geführten armen Sünder, generis masculini oder feminini, ein solcher
+Rothmantel begegnet -- was zu Zeiten theuer bezahlt wird, soll oder muß --
+Den oder Diese hat er das Recht zu begnadigen. Ein Paragraph in der Urkunde
+aber war vor allen mit einer eingebrochenen Ecke des Blatts bezeichnet. Und
+der, wie meist alle Halb- oder Ganzwahnsinnigen, höchst schlaue Raimund --
+dem überdies sein voriger großer Verstand auch noch im Unverstande
+zustatten kam -- begriff sogleich _seine Stellung_, als eine solche hohe
+Person _selbst_, in die ihn seine Güte für einen armen Vetter gebracht. Und
+der alte Elias war aus Gram über seinen Enkel Nikolas -- wie man ihm
+berichtete -- »_auf einmal_« gestorben. Und Raimund sprach vor Freuden
+darüber im Leibe vergnügt dazu: _Auf ein mal!_ Das gönn' ich dem armen
+braven Scharfrichter von Herzen! Denn wäre er auf _ein paar mal_ gestorben,
+so wochenweise, stückweise -- da sollte er mir leid gethan haben. So auf
+ein mal sterben, ganz und ganz und gar, ist noch die vernünftigste Art!
+Sonst taugte es gar nichts!
+
+
+
+
+Neunzehntes Capitel.
+
+
+An dem endlich angebrochenen Ehrentage der öffentlichen Gerechtigkeit,
+gerade ein Jahr nach dem Kinderauszuge, schien eine helle freundliche Sonne
+über das liebe, schöne, fruchtbare, lustige Rheinland, und die Lerchen
+sangen wieder in der blendenden Bläue des Himmels unsichtbar verborgen,
+fröhlich über den auf dem Hügel bereitstehenden Block und den Pfahl mit dem
+Rade.
+
+Die dem Himmel in sonderbarer Erdensündertracht Heimzusendende stand von
+tröstenden Geistlichen umgeben schon dabei. Eine immer, selbst bei jeder
+Feuersbrunst, jedem Deichbruch schaulustige Menge, diesmal vielmehr Männer,
+Jünglinge und heimgekehrte Kreuzfahrtknaben, als Weiber und Jungfrauen,
+harrten gleichsam, ihre Herzogin »abthun« zu sehen. Selbst der gute
+Erzbischof hielt in seinem Galawagen, seinen Beichtvater neben sich,
+galonnirte Diener hinter sich, und seinen allbeliebten und sogar seinen
+Herrn in der Noth schützenden Jost in der Staatsnarrenkappe vorn auf dem
+hohen Bocke neben dem Kutscher, der seine vor fauler Zeit übermüthigen
+sechs Schimmelhengste kaum bändigen konnte. Und der Erzbischof war gekommen
+zur Unterdrückung aller Art Ausbruchs des Volks durch seine bloße
+Autorität; wie alle kleinen Vögel schweigen, und selbst die Katzen sich
+verkriechen, als gäb' es gar keine, wenn ein Adler oben über allen schwebt,
+und selbst sein Schatten in den Gehöften unten macht, daß die Hühner
+gackern.
+
+Da kam auf prachtvollem und prachtvoll gezäumtem höllenschwarzen Rosse der
+Schauspieler des Tags, Don Raimund, in seiner edelmanngleichen Amtstracht
+dahergebraust, in schwarzem Sammetkleid, kostbarem, weißen brabanter
+Spitzenkoller, die goldene schwere Amtskette um den Hals, daran das Wappen
+der freien Reichs- und Hansestadt blitzte, ein Ritterbarett auf dem Kopfe,
+und wie eine finstere Wolke im Gesicht; _vor_ ihm -- natürlich -- ein
+Vorreiter; hinter ihm seine Diener; einer mit einem mannshohen blitzblanken
+Mauerschwert mit silbernem Griff, das er kaum aufrechthalten konnte; ein
+zweiter mit dem nagelneuen funkelnden Beil, und noch zwei niedern Dienern,
+genannt Knechten, zum Flechten auf das Rad, und mit dem Blutbesen -- Alle
+in Masken, auch der Meister in der finstern Maske, als ob Menschen zu
+solchen Werken ihr Menschenangesicht nicht dürften leuchten lassen. Er
+stieg mit würdiger Haltung ab, verneigte sich gegen den Erzbischof,
+eigentlich gegen den Narren, seinen Freund, dann gegen das Volk, als für
+welches und in dessen Namen Alles geschehe; ließ sich das ungeheuere
+Schwert reichen; mit dem wandelte er drei mal um die Niedergekniete; ließ
+sie das Haupt auf den Block legen, dann kniete er nieder. Auf einmal sprang
+er begeistert auf, warf das Schwert von sich hoch in die Luft, sprang auf
+den Block, als auf seine Kanzel, und rief laut über das Volk die wie ein
+gewaltiger Bann schallenden Worte aus:
+
+»Kraft meines uralten Rechts und unverkümmerten Gebrauchs schenke ich
+diesem Weibe das Leben, und dadurch, _daß ich sie zu meinem Weibe nehme_,
+und sie hiermit von diesem Augenblick an für meine wahre, _leibliche und
+geistige_ Ehefrau erkläre, vor Gott und Menschen. So wahr mir Gott helfe,
+der es sieht, und die Menschen es dulden und loben müssen, die es sehen.«
+
+Darauf erhob er sie von den Knien, hob sie zu sich auf und drückte die wie
+Todte an sein Herz und flüsterte ihr ein geheimes Wort zu, ließ ihr seinen
+schwarzen Sammetmantel umwerfen, behielt sie an der Hand, warf seine Maske
+ab, rief noch zum Volk als zu seinen Zeugen, daß er seine Richterei seinem
+Vetter schenke, nachdem er sein einziges erstes und letztes Werk verhoffe
+zu des christlichen Gottes Billigung und zur Freude selbst der christlichen
+Menschen vollbracht zu haben.
+
+»_Die Heirath vom Blocke weg_« war also die von Jost in das Pergamentblatt
+eingekniffene Rettung gewesen. Und noch hob der beglückte Bräutigam ein
+weißes, großes documentartiges Papier in die Höhe und erklärte dabei: das
+ist der priesterliche Consens zu meiner Heirath. Denn ein Dispens war gar
+nicht nöthig, da mein Weib keine Blutsverwandte von mir gewesen. Und so
+lade ich Alle, Alle, die meine Gäste sein zu wollen mich beehren, zu heute
+Mittag und Abend bis zum Morgensterne zu meiner Hochzeit gebührend ein, und
+bitte: ihr Kommen mir durch ein lautes »Ja! Ja!«, gewißlich nicht »Nein« zu
+bekunden.
+
+Da brach erst freilich ungeheuere Zustimmung vor Freuden auf einen gewiß
+furchtbaren Schmauß aus, wobei _Masken_ allen Rang und Stand aufhoben. Und
+da die vom Tode, als sonderbarem Schwiegervater Erheirathete immer noch und
+noch mit gebücktem Haupte stand, riefen ihr Hunderte zu: Auf! auf! Nimm
+ihn, wenn du klug bist! Und merke wohl: _du mußt! Denn kein Verurtheilter
+darf sich den Tod ertrotzen._ Also fort! fort! Zu Bett, zu Bett!
+
+So riefen die Gutschnabel. Andere Klugschnabel aber sagten sich leise: Das
+ist eine schlau abgekartete Sache! Sie haben um das Ding lange gewußt!
+Deswegen haben ihre Aeltern vor ihrer Trauung gebeichtet, sich von ihrem --
+jetzt als Braut dastehenden Fehltritt -- absolviren lassen, und vor den
+Kirchthüren bei schrecklichem Regenwetter, wo Niemand in die Kirche geht,
+noch kniend gebückt und ihn noch dazu im Schleier abgebüßt -- weil sonst
+»die junge Frau« da eine Blutsverwandte von ihrem jungen Manne gewesen, was
+Gott nur nothgedrungen nur Adam's Kindern und Enkeln hat durch die Finger
+sehen müssen, und zwischen Gottes Fingern ist eine breite Oeffnung zur
+Durchsicht.
+
+Aber seht auch, sprachen andere scharfe Richter, seht, so gut auch sind die
+Weiber: sie geben erst _die Treue_ um ein Kind _vom Geliebten_, und dann
+gibt eine Mutter sogar ihre Ehre _um das Kind!_ So etwas ist sogar im
+Paradiese nicht geschehen und _wir Menschen fangen an viel besser zu
+werden_. Doch wir werden die Welt und die Weiber nicht ändern; denn Sünde
+muß sein, wie wäre da sonst das süße Vergeben! -- Jetzt heißt es für uns:
+Heida zur Hochzeit! Und denkt euch geschwind was aus! . . . und bring' ihn
+ja Einer darauf, daß er uns läßt um Dukaten spielen! nämlich nur also: _er_
+langt sie heraus und setzt sie -- und _wir_ würfeln darum und stecken sie
+ein!
+
+Raimund aber führte vom Tödten, also wie selbst vom Tode erlöst, seine Frau
+heim in die schon heimlich immer mit Pracht geschmückte Lindenburg, wo die
+Aeltern ihr Kind in die Arme schlossen -- _was er nicht recht begriff_ --
+anders als neue junge Frau Schwägerin -- und wo Gaiette sich auch einen so
+reichen, braven, ja stattlich schönen Mann wünschte, und wenn er sogar auch
+glaube: _sie sei Eva!_ Nur eins war ihr nicht recht, und sie verzog das
+Gesicht dabei und lachte nur spöttisch. Als Raimund dem Gebrauche gemäß mit
+seinem Weibe in die herzliebe Brautkammer geführt worden, da legte er in
+das breit aufgedeckte, zweispännige Bett das mannsgroße Schwert die Länge
+nach mitten hinein, zur ehernen heiligen Scheidewand zwischen sich und
+ihr.[A] -- Gaiette bestaunte das und lispelte: Ich _Unschuldige_ würde mir
+aber doch im Finstern einmal einen Kuß über die Grenze paschen, oder die
+Lippen des Mannes darüber paschen lassen, ihn ertappen und schwere Strafe
+bezahlen lassen!
+
+Und selbst Don Ramon, der von Allen als reinen treuen Herzens der
+Gerührteste war, mußte lächeln, und schlug ihr mit Jostens Pritsche leicht
+auf den Mund, und einmal in Aufregung, faßte ihn das lose Mädchen und küßte
+ihn tüchtig ab zu allem Dank.
+
+[Fußnote A: Das Recht, ein Frauenzimmer dem Tode so wegzuheirathen, welches
+wol darauf beruhte, ungerechte und zu harte Urtheile so zu kassiren,
+schrieb aber gegen Misbrauch auch diesen Gebrauch als Gesetz wenigstens
+vor. Anmerkung der Frau »Historia«.]
+
+
+
+
+Zwanzigstes Capitel.
+
+
+Bittere Erfahrungen und Hoffnungslosigkeit verleiden den Besten sogar auch
+die Heimat. Das trieb sie zur Auswanderung. Sie beschlossen in einem
+Familienrathe: den Palast in der Stadt und ihr Landgut mit schöner Burg und
+prächtigem Garten und See zu verkaufen und in die Fremde zu ziehen. Und da
+lockte die Mutter denn die Schweiz mit ihrer Tochter und den beiden lieben
+kleinen Enkeln. Gaietten lockte der junge Ritter Savern; die um ihre
+Einwilligung befragte _Irmengard-Gabriele_ schrieb ein großes Ja! auf die
+Tafel und küßte sie. Die wiederbeginnenden grausamen Judenverfolgungen,
+selbst in Amsterdam und in ganz Holland und Brabant, ließen auch Don Ramon
+die Auswanderung aus dem scheinbar genug bestraften Land gar heilsam
+erscheinen. Denn es ist nirgend stiller als auf einem verlassenen
+Schlachtfelde. Selbst der Mohrenknabe freute sich -- obgleich stark sich
+irrend, und Eisgletscherhauch und ewigen Schnee in der Luft nicht kennend
+-- auf ein wärmeres Land. Nur der alte Hausmeister Hagebald war betrübt,
+und ging, um nichts mehr als wahr und vorhanden anzusehen, mit
+halbgeschlossenen Augen umher, oder sang in den leeren Sälen, ja unten in
+den Kellergewölben, wenn er nach Wein ging, herzbrechende Kranken- und
+Sterbelieder wie mit Geisterstimme, und er zerschlug vor Unmuth mit Willen
+die Flaschen in der Hand, wenn Gaiette zu ihm in den Kellerhals
+hinunterlachte, und nur den stark und prächtig hinaufduftenden Wein
+bedauerte und rief: ein treuer »Hund« verläßt mit den Menschen das Haus;
+die Katze nur bleibt getreu bei den Mäusen. Dann sprach sie ihm Muth ein,
+streichelte ihm die Backen und wischte ihm die Thränen aus den Augen. Und
+er lachte wieder.
+
+Sie meldeten ihr Kommen für immer an den Genfersee, damit die Ihren dort
+Alles ihnen schmuck, bequem, übergenüglich, reich und kurz allerliebst
+herrichteten. »Alles in der Welt -- nur keine Ersparniß!« Die besten
+Sachen, künstlichen Geräthe und Bilder gingen schon immer zu Rheinkähnen
+hinauf voraus bis Basel. Sonst Alles, Bewegliches und Unbewegliches, war,
+wie _um es leichter zu vergessen_ und es gern in Anderer Besitz zu wissen,
+an _»edle« Häuser_ verkauft. Raimund's Glaube an seine Gabriele bestand die
+Probe auch dadurch, daß er seiner Nichte . . . oder doch seiner Frau
+Schwägerin Tochter _Irmengard eine Todtenmesse stiftete_ und ein sehr
+großes Vermögen dazu vermachte -- das durch Jostens Vermittelung _für die
+Zukunft verstanden_ und in der Gegenwart gnädig angenommen ward.
+
+_Das war wahnsinnig von ihm -- aber Er war wahnsinnig._ Und so war es sogar
+_ganz natürlich_, und bei ihm und von ihm ganz gut.
+
+Auch unterwegs trafen sie, als sie in Worms Ruhetage hielten und dabei auf
+das nächste Dorf hinausgingen, auf den zu einem schmucken jungen Hirten
+aufgeschossenen Hirtenknaben Nikolas, der auf einem Hügel saß und Schalmei
+blies für seine Heerde. Aber die Lieder befielen mit Wehmuth die Fremden,
+die den Hügel erstiegen -- denn es waren seine Lieder, die er um die
+Lindenburg geblasen. Irmengard hatte sich schon ferner in den Schatten
+niedergesetzt. Raimund erkannte oben den versunkenen armen Herzog -- blieb
+aber stumm, wie die rothgewordene Gaiette, die Frau Rath Irmentrud, ihr
+Mann, jetzt van Graveland, und Don Ramon. Dem Nikolas blieb auch der Athem
+in der Brust stocken; aber er mußte aufstehen. Raimund gab ihm eine Hand,
+bedauerte ihn, ließ sich sein kleines Beutelchen reichen, schenkte es ihm
+voll von Gold -- und rieth ihm: ja in die Schweiz -- in das Paradies der
+Hirten und Kühe, Ziegen und Schafe zu kommen, und ja ihn zu besuchen! Er
+begleitete sie den Hügel hinab in Schweigen. Irmengard stand von ihrem
+Felsstück auf, und auch _seine Gabriele_ mußte dem Nikolas eine Hand geben,
+wobei sie aber zitternd und so zu sagen noch todtenblaß und starr dabei zur
+Erde sah. Dann ging er weinend wieder den Hügel hinauf und blies ihnen alte
+Lieder auf seiner Schalmei nach. Und Don Ramon sprach vor Allen laut: Er
+sieht aus wie aus einem Narrenhause entsprungen, und Schalmei bläst er zum
+Gotterbarmen!
+
+Das glaub' ich! meinte Gaiette. Sein Hund heißt wieder Phylax! Aber das ist
+alles umsonst! Alte Zeiten stehen nicht auf!
+
+Bei Nacht aus dem letzten Orte abgereist, kamen sie am prachtvollsten Tage
+in Genf an. _Frederune_ und ihr _Salomon_ brachten Jedes der Mutter ein
+kleines Engelchen als Enkelchen auf dem Arme an ihr Herz und jedes ihr
+einen Strauß Alpenveilchen. _Savern_ begrüßte _Gaiette_ als ihm auf der
+ägyptischen Reise liebgewordene Freundin so liebreich, daß sie mit dem
+Gesicht im Brusttuch sich freute. Um alle Schrecken zu ersparen, entdeckte
+Don Ramon sogleich ihren Wirthen die sonderbare _Ehe einer Todten mit einem
+Lebendigen_ -- des vortrefflichen Raimund mit Irmengard, deren
+Sprachlosigkeit, also ihr Schweigen, das Verhältniß ungemein erleichterte.
+Das große, in das Bett zu legende Schwert war als ein Heiligthum
+mitgebracht und mußte sogleich an seinem Orte Wache liegen.
+
+Unter den ausgetauschten Neuigkeiten erfuhr Don Ramon die ihm als Arzt
+hochwichtige Kunde von Savern, als den Schlüssel zu dem ganzen
+Kinderkreuzzuge, nämlich: Es sind zwei Geistliche, zwei Brüder nach
+Frankreich gekommen aus der Gefangenschaft des Assassinenfürsten, die er
+entlassen unter dem Gelöbniß: für ihren noch als Geisel zurückbehaltenen
+_Vater_ sechs schöne Frankenknaben zu bringen. Diese zwei Brüder haben, um
+Vendôme an der Loire zu Hause, nun zwölf Knaben an sich gelockt, sie
+beschenkt, ihnen das heilige Morgenland als das Paradies der Erde
+geschildert, ihnen große Versprechungen gethan, ihnen Offenbarungen,
+Schätze und Wunder vorgelogen, sie den Aeltern gestohlen, eingesperrt und
+nun sie _geistlich exerciren_ lassen bis zum Verrücktwerden, durch Beten,
+Singen, Knien, Weinen _auf Commando_, Beichten, Nachtwachen,
+Teufelverwünschen und -Austreiben, bis sie durch das geistliche Exercitium
+vollständig gerast. Dann haben sie sechs dieser armen Seelen wie ohne
+Leiber dem Fürsten zum Lösegeld gebracht, der diese Wahnsinnigen nach Art
+der Morgenländer geradezu für Heilige gehalten. Die in Frankreich
+Gebliebenen sind aber ins Land entlaufen, die entsetzliche Krankheit in
+Haupt und Gliedern; haben die Hirtenknaben zuerst, und die Hirtenknaben
+dann die Dorfjugend damit angesteckt. So ist die Kinderwuth angegangen, wie
+»Seelenpocken«, bis sie als Kinderkreuzzug ausgebrochen und ihren rasenden
+und unseligen Verlauf genommen.[A]
+
+Der Doctor fiel ihm um den Hals und küßte ihm die Hände vor Dank, daß er
+als Arzt recht gesehen. Aber auch vor edler Menschenfreude, daß dem ganzen
+großen Wirrwarr nur die _Kindesliebe zu Vater und Mutter_, wenn auch in
+ihrer Entartung zugrunde gelegen.
+
+[Fußnote A: Vincenz von Beauvais.]
+
+Mehr brauchten sie von der Welt nicht zu wissen, als ja sich untereinander
+liebend. Sie verpaßten in Ruhe und Frieden den neuen Kreuzzug der 70,000
+geharnischten Ritter, der wie der Zug der Kinder jämmerlich endete. Sie
+verpaßten die große fürchterliche _Weberschlacht_ der Wollenweber und
+Tuchscheerer gegen die Patricier, die sie aus Köln vertrieben, aber der
+Mittelstand in den _weitern_ Rath aufgenommen werden mußte. Sie verpaßten
+den neuen Kampf _Aller_ gegen die Macht und _das_ Herrschen des neuen
+Erzbischofs; die Belagerung der Stadt, die Eroberung; die Verjagung und die
+Enthauptung der Herren vom Rathe; indeß sie selbst hier Alle doch mit dem
+Leben, dem größten Schatz, und mit allen ihren goldenen Schätzen
+davongekommen!
+
+Sie vernahmen nur noch wie ein Märchen, daß der Kaiser Friedrich II. die
+christlichen Seeräuber und Kreuzkinderverkäufer, Hugo Ferreus und Wilhelm
+Porcus, sammt dem sicilischen Emir und dessen Söhnen, denen sie hatten den
+Kaiser ausliefern sollen -- alle Fünf an einen fünffingerigen Galgen hatte
+hängen lassen. Ihr halb vergessenes, halb ausgeheiltes Uebel gab ihnen
+keine besondere Freude _an der Vergeltung_.
+
+ * * * * *
+
+So verging die Zeit. Der gute Don Raimund ward schwächer und träumerischer.
+Endlich lag er unrettbar auf seinem letzten Lager, als ein Opfer der
+Rettung der Tochter seines Bruders, die ihm die Wunde in den Nacken und den
+Wahnsinn zugezogen. Er ließ seine Gabriele an das Bett kommen, hielt sie an
+der Hand und dankte ihr, daß sie aus Liebe und Treue zu ihm den Himmel
+verlassen. Aber, sagte er: Ich kehre zu dir nicht zurück! sondern komme du
+lieber gleich mit, oder gesund mir nach -- _mir war es doch zu traurig_ --
+du erinnertest dennoch mich immer: _daß du gestorben!_ und das war eine
+schlimme Zeit! _Die vergiß ja lieber!_
+
+Sie beweinte den ihr wie heilig erschienenen Mann redlich und begrub ihn
+wie einen Seligen, der ihrer nicht mehr bedürfe.
+
+Nach der Trauerzeit kam einst Nikolas mit seiner Schalmei in ihr Thal. Und
+ihr schlug das Herz von den Jugendklängen, die in ihre Liebe gefallen, die
+ihr damals nur Frömmigkeit und Glauben geschienen. _Savern_ und _Gaiette_
+gaben ihr ein reizendes Beispiel. Soll denn ein Unglücklicher, doch im
+Herzen Unschuldiger, gar kein Mensch mehr sein und werden dürfen? -- Und
+aus Erinnerung wurden sie Mann und Weib, und das mannesgroße silberblanke
+Schwert mit dem mächtigen Griffe verschwand aus dem mit weißen Lilien
+bekränzten Bett.
+
+Er fand bei ihr einst, aus Raimund's Nachlaß, das kleine Kästchen mit dem
+Kinde, das vormals mit gegen sie hatte zeugen müssen. Ameisen in der Eiche
+hatten das kleine Gerippe wie zärtlich und ganz unvergleichlich ab- und
+reingenagt.
+
+Der Fund war sein Lohn!
+
+Und als Irmengard darauf ein Kind geboren, und entzückt es vor sich in die
+Höhe gehalten, da war vor Erschütterung der Seele _die Sprache_ ihr wieder
+in die Brust geschossen. Sie hatte laut geschrien -- aber die Erinnerung
+hatte sie überwältigt und _todt_ zurückgestürzt.
+
+Sie ward an ihres _geistigen_ Mannes, des guten Raimund's Seite begraben --
+und einst ihr _leiblicher_ Mann an ihrer Seite.
+
+Das kleine neugeborene, wunderliebliche Kind ließ sich die alles vergeblich
+gewesene Jungfrau, Gattin und Witwe, die arme _Isidore_, nicht nehmen. Sie
+ward ihm Mutter, und es ward dafür ihr Trost und ihre Freude. _Ihr
+Schönstes und Bestes müssen ja immer die Menschen sich träumen._
+
+
+
+ »Der Phantasie gehört der Mensch, das Kind!«
+
+
+
+
+Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Hirtenknabe Nikolas, by Leopold Schefer
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40138 ***