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diff --git a/40138-0.txt b/40138-0.txt new file mode 100644 index 0000000..1b17a78 --- /dev/null +++ b/40138-0.txt @@ -0,0 +1,4519 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40138 *** + +Anmerkungen zur Transkription + +Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt. Offensichtliche +Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + +Der Hirtenknabe Nikolas. + +Motto: + + Der Phantasie gehört der Mensch; das Kind, + Vom Ammenmärchen auf; und jeder Thorheit + Und jedes höchsten Opfers ist er fähig, + Wenn er, entbrannt, durch seine Glut verbrennt. + Denn wiederum gewährt die Phantasie + Die Welt ihm! Alles Schönste ist ihr Traum, + _Wer_ in der Phantasie lebt, lebt im Himmel; + _Was_ aus der Phantasie fällt, das ist todt; + Und stand des Nachts ein Engel da in Glanz -- + Am Tage ward er -- eine hohle Weide, + Und wird nie mehr ein Engel; eine Höhle + Aus Diamant im Traum geschaut, ist, drauf + Verschwunden, kaum noch eine Erdengrube. + + + + +Der +Hirtenknabe Nikolas, + +oder + +der deutsche Kinderkreuzzug +im Jahre 1212. + + +Nach den Chroniken erzählt +von +Leopold Schefer. + + +Leipzig: +F. A. Brockhaus. +1857. + + + + + + +Erstes Capitel. Zwei Flüchtlinge und ein Verfolger. + + +Es ritten drei Reiter nach Köln, am linken Ufer des Rheins »zu Thal«. Das +waren keine gemeinen Leute. Schon ihre Pferde waren nobel, schöne +dauerhafte Limousins, und wenn auch deutlich angegriffen von einer langen +Reise, doch lebhaft, ja heiter und vergnügt, als Franzosen. Der kräftige +unverkennbare Deutsche auf dem Schimmel, im Mantel und Reise- und +Wetterhut, nannte den sehr edel aussehenden Reiter auf dem Rappen, in +spanischem Mantel und Barret -- unverkennbar ein Jude -- nur Doctor, wie er +sich ihm genannt, und der Doctor nannte ihn wieder nur wie er sich ihm +selber lächelnd genannt: »Herr Großhändler«, ob er gleich ein +Patricierssohn aus Köln war, der zu seinem Bruder aus Frankreich nach Hause +reiste, welcher Bruder also noch lebte, wenn es in diesen gefährlichen +Zeiten noch wahr war. Der dritte Reiter auf einer Isabelle von +neapolitanischem Gebäude schien ein junger fahrender Ritter in Waffen, der, +seit er sich ihnen in Basel angeschlossen, nur wenige Worte gesprochen, +weil ihn ein Schmerz in den schönen Zügen stand, die manchmal zu einer +ersehnten Rache aufblitzten. + +Der Reitknecht mit dem Packpferde mußte, um nichts von ihren Gesprächen zu +hören, immer über dem Winde reiten -- bei Nordwind voraus, bei Mittagswind +hinterher. + +Jetzt sprengte von Köln her ein schöner, sehr schöner junger Mann mit +goldenen fliegenden Locken, in Putz, auf einem arabischen Pferde an ihnen +in fröhlichem Sturme vorüber. Der Italiener hielt, so lang er ihn +daherkommen sah, dann wandte er sein Pferd und jagte ihm nach, lange nach; +aber er holte ihn nicht ein; er sah ihm mit Ingrimm nach, und kam dann +verdrossen zurück zu den beiden Gefährten. + +War er es nicht? frug ihn der Kölner ins Blaue. + +O, er war es! erwiderte der Erhitzte. Ich weiß ihn da drinnen! Da wohnt er +nun greifbar! Das war nur ein Spazierritt! Und wenn auch heute nicht +. . . wenn auch das hundertste mal erst, gewiß, kommt ihm die Rache so gut +wie dem Kaiser,[A] der unser schönes Mailand verbrannt und »von der Erde +weggetilgt« --. So mag er glauben. Auch ein schöner Glaube! + +Nichts Böses ohne Gutes! sprach der Handelsherr dazu; -- ich will es vor +den Thoren der Stadt nur gestehen: ich bin ein geborener Kölner, und meine +liebe, liebe schöne Vaterstadt bekommt aus Mailand nun die heiligen Drei +Könige in ihren Schreinen oder Särgen; und Köln wird noch heiliger als es +schon ist durch seine todten 11,000 Jungfrauen; es wird ein zweites +Neu-Rom, wie es einst schon ein altes heidnisches Neu-Rom war, was es gar +sehr der lieben Agrippina zu danken; und wie der Vesuv im heißen +Unteritalien mit dem Hekla droben im kalten Norden unterirdisch geheim +zusammenhängt, und beide als ein Paar Brüder abwechselnd reden und sich +antworten mit Donner und Blitz und das Land umher segnen mit heiliger Wärme +und Fruchtbarkeit, so die beiden theuern Städte, die auch ihre Würde +erkennen und ihren Werth für sich und im Lande zu schätzen wissen, meine +ich. + +[Fußnote A: Friedrich I.] + +Das Ding von dem unterirdischen und überirdischen Feuer ist wirklich wahr +und sichtbar, sprach der spanische Jude, der Doctor. Als ich aus Cordova +ausritt nach meiner lieben Vaterstadt Amsterdam, da stand die Gerste schon +hoch; ja man konnte schon die ersten kleinen grünen Feigen zur Noth essen, +und die immer gelüsternen Weiber aßen schon als Leckerbissen die grünen +rauchen Mandeln, wo Kern und Schale noch eins sind; in der Provence blühten +die Rosen und Lilien; der Oelbaum strotzte von Blüten, umschwärmt von +Bienen; in Avignon gab es schon Melonen im Felde; der Mont-Ventoux stand +wie eine grüne Pyramide in der blauen Luft -- wie ein begrabener Riese, nur +droben eine weiße Kappe von Schnee auf; die Rhone hinauf verloren sich aber +allmälig die Wunder der südlichen Kraft, bis man vor den Eisbergen der +Schweiz, der unüberwindlichen Burg der Freiheit, erstarrte. Aber den Rhein +hinab zog uns der Frühling nach, als lichte prächtige Wolken droben, +verleiblicht als wilde Gänse und Enten und Staare und Lerchen, und drunten +als smaragdene Saaten auf dem Acker und Gras auf den Fluren und Blumen im +Grase, angrünende Bäume und vollschwellende Knospen mit schon weißen +Spitzen der Blüten. Das Alles ist mir und uns Juden allen nur ein fremdes +Land, eine verfluchte Fremde, in die wir _hinaus_ gestoßen sind in immer +längere Verbannung -- aber ich weiß nicht: mich rührt doch die Erde und der +Himmel droben, und wir sind dennoch _gleichsam_ noch Menschen mit Augen und +Ohren und Menschenherzen mit Liebe für ein schönes gutes Weib und junges +liebes Kind, und der alte Gott lebt noch, uns noch, und wird uns leben, +solange die Erde bleibt und der Himmel bleibt -- und gewiß noch drei Tage +länger, wenn nicht viere! + +So schloß er fast lachend -- aber wischte sich die Thränen aus den großen +schwarzen Augen und von den gesunden gebräunten Backen und strich sich den +Bart; und die Gefährten hielten ihre Pferde und sahen sich den schönen +kräftigen, verständigen Mann an, als sei er ein Erdwunder oder eine Art +vierter heiliger Drei König, der hier in der Irre ritt. + +Sie waren jetzt aus dem Walde, der sich nun nach rechts am Ufer des Rheins +hinzog und vorn die Stadt noch verdeckte; aber links that sich ihnen das +grüne abendsonnige Gefild mit Dörfern und Schlössern und spiegelnden +kleinen Seen auf. Die Sonnenscheibe, vom Himmel gesunken, berührte und +küßte wie ein silbernes Menschenhaupt die Erde -- das Zeichen für alle +Schulmeisterjungen auf den Dörfern zum Abendgeläut; und der ursprünglich +chinesische Wohllaut aus den hin und her gebaumelten Glocken floß von den +Thürmen hier so gut wie dort rings im Gefilde, verschmolz sich in der Luft +und goß zauberischen Frieden über die Menschen, die, in der ewigen +Weltwehmuth und Erdtrauer befangen, den Tag zu Grabe läuteten, als sei da +wieder eine Blüte vom unsichtbaren Baume des Himmels gefallen. Das war ein +Friedenvolles für die Ohren. Aber da war auch ein Wunderbares für die +Augen, ein Rührendes für die Herzen zu sehen -- eine leisschleichende bunte +Schnecke; nicht nur wie ein langer schimmernder Heerwurm, sondern wie der +gefildgroße Schild einer bunten mehr als riesengroßen Landschildkröte; und +die Schildkröte _weinte_ -- sie _sang_ -- sie _klagte_ -- sie _betete_ mit +tausend Kinderstimmen, zu Einer bangen Kinderstimme verschmolzen, zu Gott +-- und aus dem Schilde ragten Kreuzlein auf Stangen, und wehten und +wedelten Fahnen im Winde. Der Anblick war unbeschreiblich, die Stimme +umfaßlich. + +Und der jüdische Doctor sprach tief gerührt: O Herr, ist denn auch hier die +_Krankheit_ ausgebrochen? Dergleichen ist doch kaum in der Zeit gewesen, da +das Alte Testament neu gewesen! und hier ist sie nun in Deutschland aus +Frankreich eingeschleppt! Es sollte eine Mauer zwischen beiden Reichen +sein, mit nur einer kleinen Thür, zu der man nur die Gesunden an Leib und +Geist hereinließe. Aber die Luft! die Luft! Das liegt in der Luft! und in +den aufschlagenden Dünsten, die sich bei jedem Fußtritt jedes Menschen aus +der Erde in ihn entladen! Wir sind nicht Menschen so so, und nicht verrückt +oder klug ohne Grund und Boden! Aber ich muß doch sehen: die Augen! die +Zunge! den Puls muß ich fühlen, und ob die Herren Jungen, die da Fahnen und +Kreuze tragen, und Kreuze hinten auf dem Rücken, ob sie dicke Bäuche haben, +harte? + +Er bat um kleine Geduld, stieg vom Pferde, gab es dem Reitknecht zu halten +und ging brennend vor wissenschaftlicher Begier, wie zu der ganzen +Menschheit Nutzen und Heil ereifert -- aber vorsichtig nur langsam unter +den nächsten Zug der singenden und weinenden Knaben und Mädchen die sich +hier zu Tausenden zum Kreuzzug nach Jerusalem einübten und vorbereiteten, +wie die Schwalben im Herbst zum Fortzug über das Meer und die Lande mit +ihren Jungen auf dem Anger im großen Kreise sich üben; dann wieder ruhen +und zwitschern; dann sich wieder erheben und schwirren, nicht nur wie ohne +Führer, sondern wirklich ohne Führer; dann nicht nur sie, die Schwalben, +sondern auch die Heerden Kraniche, Störche und wilden Gänse und +schnatternden Enten. Diese »Jungen« aber hatten Führer, fast lauter +Hirtenknaben, die ihre Schafe mit Wolle im Stiche gelassen. + +Näher gekommen verstand er auch die Worte, die sie sangen, gerade nur die +Uebersetzung derselben, wie er von den französischen Kindern gehört: + + Herr, gib uns das wahre Kreuz zurück! + Und nebenbei all' all' alles Glück, + +Die Ansteckung schien ihm richtig. Sich an die ebenso unwissenden jungen +Herren Führer, meist Hirtenknaben, zu wenden, schien ihm überflüssig. »Alle +sind wie Einer und Einer wie Alle«, sah er. Er beschenkte einige von ihnen +nach und nach in der Reihe des Zugs, besonders die kleinern, mit Stücken +erst neuerfundenen Krystallzuckers; er lobte sie; beklopfte sie an den ihm +gewünschten Orten mit der Hand; er sang den Vers ein Weilchen mit ihnen, ja +er weinte wirklich nüchterne gesunde Thränen mit ihnen -- mußte sie endlich +ziehen lassen, und kam nachdenklich und schweigsam wieder, lächelte die +Gefährten bejahend an, und sie ritten wieder die letzte Strecke des Wegs +auf einen Hügel zu, der »der todte Jud'« oder »der Judentod« beim Volke +heißt, wie der Großhändler sagte, von wo man ganz Köln überschauen kann, +worauf er sich kindisch freute und ganz roth im Gesicht glühte. Der +jüdische Doctor konnte es aber nicht auf dem Herzen behalten, noch zu +sagen: So etwas von Kinderraserei, wie wir da zu schauen und mit Händen zu +greifen haben, ist wol noch nicht auf Erden gewesen -- wenn wir auch andern +Gestirnen am Himmel rings jeden möglichen Unsinn aus schuldiger Verehrung +gern reichlich vorbehalten wollen. Nur hab' ich gelesen, daß die Athener +Bürger und Bürgerinnen in ihrer aufgeklärtesten Zeit von einem ernsten +Spaßvogel gehört: »Am nahen Berge Hymettus sind große goldene Pferdeameisen +und Ameisenhaufen mit goldenen großen Ameiseneiern entdeckt worden«; -- +worauf sie an hellem Tage als Narren mit Hacken und Schaufeln und Sieben +und Säcken hinausgezogen, aber mit leeren Händen zurückgekommen; aber den +Spaßvogel _für den lustigen Tag_ mit lachendem Muthe reichlich belohnten. +Und sichtbar ist: das Gelobte Land muß uns nur auf Zeit gelobt worden sein, +denn sonst hätten _wir's_ ja noch! Wer wagt das zu leugnen? Und froh kann +ich sagen: wie vieles Verwirrende haben _wir_ nicht! Wie Vieles sind wir +los! Ja, wir und unsere Kinder wetzten kein Taschenmesser, um es uns wieder +zu erobern. -- Aber auf dem Hügel ist ja ein Hochgericht! Und sie rammen +frische Pfähle ein -- Brandpfähle! Nur etwa für keinen von unsern Leuten! +Der Herr erbarm' sich! + +Aber das sah und hörte der Handelsherr nicht. Denn seine Vaterstadt, die er +18 Jahre jung vor 18 Jahren geflohen, lag vor ihm, wie einst, im +unverblichenen Abendsonnengolde, mit dem Himmel aus Purpur bedeckt. Die +Mauern glänzten; ihre Thürme leuchteten wie dicke mächtige Kerzen; die +Kuppeln der Kirchen und Klöster brannten und ihre hohen Thürme schossen wie +Flammen empor _in den Himmel_ und zeigten ihm ihr Kreuz von der Erde; die +hohen Fenster glitzerten silbern und funkelten und blendeten die Augen bis +hier heraus, daß er sie davor mit den Händen bedecken mußte. Dann streckte +er sie aus, nach seinen Lieben darin verlangend und rief aus erschüttertem +Herzen: O meine Vaterstadt! O mein liebes Köln! Und die Glocken schlugen +darin umher. Dann riefen sie zur Vesper, und rührende Töne und blühende +Farben überwältigten ihn, daß er weinte. -- Und der junge Rittersmann, ja +selbst der Arzt -- ein Fremder in jeder Heimat -- war doch gerührt. Auch +ich bin angesteckt, seufzte er mit einem Lächeln in seinem Angesicht voll +schweren Ernst der Welt. + +Darauf schweifte der kölner Herr mit Blicken umher, nach seiner Väter Burg, +mit dem schönen See und dem schönen Garten. Ach, das ist nur die +Kilschburg, rief er ungeduldig, das Schloß der alten reichen Schaafhausen, +-- und dort nur das Schloß der edeln Hompesche -- dort brennen schon die +vielen Töpferofen in Effern, erst ganz blaß und wie der noch in der +Abendröthe schon aufgegangene Vollmond scheinlos -- dort das ist das Schloß +der kunstliebenden Herren, wie kann man den Namen vergessen -- der Delius, +auf Klettenberg -- ach! und dort aus den Linden ragt meiner Väter Schloß, +die Lindenburg, und sein See blinkt! und der einstige Römer-Aufwurf, »der +Zug«, grünt weit herum schon an vom Frühling. Ach, wenn nur nicht alle +meine Väter, Mütter und ihre Freunde dort wie im Bann auf dem großen +Kirchhofe da zu Melaten lägen, und sie erwarteten mich jetzt in ihrem +Staat, das sollte eine sehenswürdige Gesellschaft sein, und gar erst welche +hörenswürdige! Sie hatten die Vorliebe für alle Dörfer auf »Ich«, die sie +nacheinander besaßen, als da sind: Fischen-Ich, Kenden-Ich, Mischen-Ich, +Mergen-Ich, Leichen-Ich, Mettern-Ich, groß und klein Virn-Ich und zuletzt +gar Ichen-Dorf. + +Sie sprengten auf den Hügel. + +Und einer der berühmten furchtbaren Stadtmiliz, der sogenannten »_Funken_«, +ein alter Funke, der hier auf dem Hügel mit andern über die Arbeiten mit +Pickelhaube und Spieß Aufsicht hatte, sah ihn lange und immer wieder an und +frug ihn endlich doch: Gestrenger Herr, sind Sie nicht Herr Sinzenich? +_Das_ ist blos ein Gesicht eines Sinzenich, das ich viel tausend mal, früh +und abends, ja die Nacht im Traume gesehen. Ich war Knappe bei Euerm +Großvater. Der alte Elias war Schäfer derzeit, und ist richtig auch in +Himmel gefahren. Sein Sohn Elias der Zweite ist aus einem tüchtigen Schäfer +nun berufener Scharfrichter geworden, sitzt auf seiner schönen +Scharfrichterei wie ein Rathsherr, und sein Enkel, der Nikolas, noch ein +junges kluges Blut, hütet wieder die Schafe um Eure Lindenburg. Ich bin der +alte Bertram -- und Sie, _sind Sie nicht Herr Sinzenich?_ + +Die umstehenden angestochenen Arbeiter lachten und sangen und tanzten das +Wort um ihn herum: »Sind Sie nicht Herr Sinzenich? . . . Sind Sie nicht +Herr Sinzenich?« . . . und selbst der Doctor lachte. + +Da sah ihn _der Funke_ scheel an und frug: und du, bist du nicht ein Jude? +und trägst Waffen! und was hat denn ein Jude zu hauen und zu stechen? Her +mit dem Schwert! + +Dabei stieß ihn der Funke mit der Faust ins Gesicht und riß ihm das Schwert +aus der Scheide; der Jude stellte sich herz- und ehrentodt und reichte ihm +auch noch die Scheide sammt der Kette. + +So ist's recht, du Lump! lobte ihn der Funke. Der Kaufherr aber beschenkte +ihn klüglich und sagte: Ja, ich bin _der Raimund_, und frug ihn: Bertram, +alter guter Bertram, mein Bruder lebt doch noch? Und die höfliche Antwort +fiel: Bis vor einer halben Stunde; kann ich versichern. Er war hier. Er hat +hier draußen misliche Geschäfte -- auch wegen Juden! Er wird sie Euch schon +offenbaren! Kommt nur erst heim! + +Ritt er nach der Lindenburg? oder in die Stadt? + +In die Stadt, war die Antwort. Und so sprengten sie fort von dem Judentod +oder dem todten Juden. Auf der kurzen Strecke bis zum Thore bot der +Kaufherr dem Doctor, den er als ehrlichen, braven, überall hülfreichen Mann +erkannt hatte, Wohnung mit in ihrem Hause an. Der Jude nahm es mit +dankenden Worten, leise sprechend an: Ich starre schwer von Gold -- ich +floh aus Spanien, vor . . . + +Und ich aus Frankreich, entgegnete Raimund; auch vor demselben Feinde; mein +Geld aber habe ich durch treue Hände auf sicherm Wege vorausgesandt. + +Dem jungen Ritter gab er Straße und Haus an, und erfuhr dagegen von ihm, wo +er wohnen würde. + +Sie ritten in das Thor, das Severinthor. Der Jude bezahlte für sich seinen +Viehzoll, im Betrage, aus Verachtung, nur so hoch als für einen Ochsen; und +sein Gesicht trug wieder die Todtenmaske. Die dämmerige Stadt hatte das +Ansehen einer einzigen großen Schneiderwerkstatt; überall in den Läden der +Straße hingen Kinder-Pilgermäntel, sogenannte Sklawinen; Pilgerhüte mit +breitem Rande gegen Regen, Sturm und Sonne; Pilgertaschen; allerhand Fahnen +und Fähnlein steckten aus; Schuhe und Gürtel hingen -- Alles zu vielen +Hunderten, an ausgespannten Schnuren; tuchene Kreuze, sie sich auf den +Rücken zu heften, als bindendes Ehrenzeichen: »der Inhaber habe gelobt: ins +Gelobte Land zu pilgern«; wovon ihn kein weltlicher König, kein Erzbischof +lossprechen konnte, allein der Knecht der Knechte Gottes. + +Köln selbst ist, wie eine ungeheure Kirche selbst, auf ein großes +lateinisches Kreuz gebaut, welches die beiden Hauptstraßen, die schöne +Hochstraße und die nach dem Rheine führende Schildergasse bilden, sodaß die +Stadt in vier disparate -- damals oft desperate Theile zerfiel; und wo sie +sich kreuzen, da trennten sich die Reiter. Der junge Ritter ritt langsam +nach dem alten Gürzenich zu; und Herr Sinzenich mit dem jüdischen Arzt nach +seines Bruders großem schönen, palastgleichem verschattetem Hause, in +dessen Halle schon eine Lampe brannte. + +Sie stiegen ab, und während der Reitknecht die Klingel nach dem Hauswart +zog, daß er das Thor aufthue, lehnte sich der heimgekehrte Bruder mit dem +Arm an die geschnitzte Thür, ja er küßte das kalte eherne Löwengesicht +daran. + + + + +Zweites Capitel. Die Frau Rath. + + +Darauf eingelassen, erkannte er sogleich den vorigen nun altgewordenen +Hauswart und rief vor Freuden den Namen »_Hagebald_«, alter Hagebald! Er +eilte die breite eichene Treppe hinauf, deren wie indeß noch glätter +gewordenes Geländer die heiße Hand ihm kühlte, und ihn selbst durch und +durch erquickte. Alte Treppe, seufzte er leise, was ist Alles seitdem über +dich ergangen, seit ich vom Hochzeitstische meines Bruders hinweg in die +Welt laufen mußte, weil er die schönste Jungfrau von Köln, die einzige +Tochter des steinreichen _Wollenwebers_, die liebe _Irmentrud_, als +Patricier den Andern allen ehrenrührig zur Edelfrau genommen, und ich wegen +meiner losen Reden, als leidiger, kecker, vermutheter Bauchredner-Jüngling, +schon vor das geistliche Gericht abgeholt werden sollte, als wäre ich schon +eine _Katharer-Brut_, oder ein junger _Petrobrusianer_, die in der Stadt +schon damals übermächtig zu werden drohten. Ich floh; aber gerade in die +Heimat dieser freien rechtschaffenen Gemeinde. Ich _ging_ natürlich ohne +Frau und Kinder, und _kehre_ unnatürlich von unsern Feinden beraubt, ohne +Frau und Kinder wieder. + +Er stand und weinte bitterlich; und der Hauswart, der ihn weinen sah, ließ +ihn ungehindert hinaufgehen, indem er dachte: »_Wer da weint, ist kein +Feind_«, und kam ihm nur nachgeschlichen. Er ließ sich von ihm für den +Doctor ein Zimmer anweisen, worein dieser ging, und trat selbst in das ihm +bekannte Wohnzimmer, in welchem ihm seine Schwägerin, die Frau Rath, +entgegentrat und die Anrede erwartete. Denn sie war es, seit den 18 Jahren +stark und völlig geworden in tausend Freuden- und Gnügetagen -- aber +_jetzt_ wie durch eine Krankheit um das Feuer ihrer großen Augen gekommen, +um die Röthe ihrer vollen Wangen; aber dafür mit Wehmuth in den Zügen, mit +verweinten Augen und blassen zuckenden Lippen, wie eine Bestrafte oder ihre +Strafe Erwartende. + +Er streckte ihr die Hand entgegen und sprach nur seinen Taufnamen +»_Raimund_« aus. + +Da fiel sie ihm um den Hals und weinte, während er sie an die Brust +drückte. + +Nach langer Zeit sprach er erst: _Mein Bruder_ lebt, hörte ich draußen +soeben erst vor der Stadt; du trauerst nicht, liebe Irmentrud; deine beiden +Töchter leben also auch, die ich noch nie gesehen -- die zeige mir doch! +Deine Aelteste, die nach unserer Großmutter _Frederune_ getaufte -- sie muß +schon 18 Jahre sein, und deine Jüngste, die _Irmengard_, wol auch schon 13! +Aber vor allem: Wo ist mein Bruder? der gute _Aldewin_, oder »alter Wein« +-- wie ich ihn immer aus Neckerei nannte. + +Er sitzt nur hier nebenan in seinem Zimmer. Schweres Leid ist über unser +Haus gekommen! Er hat soeben den letzten Bescheid aus dem Rathe auf seine +dringende Eingabe erhalten; das Urtheil erwägt er vor seiner Lampe am +Tische sitzend. Ich brenne, ich vergehe danach vor Neugier, als Mutter! O +daß wir -- nicht etwa wieder glücklich werden, denn das ist uns auf Erden +nicht mehr möglich; aber daß unsere gute Tochter Frederune nicht ganz in +Verzweiflung vergeht, nur den Wunsch gilt es noch. Ich will die Thür ein +Schlitzchen öffnen und sehen, ob er fertig gelesen? und ob er mir winkt? + +Sie ging leis und kam leis, und bedeutete ihn mit der Hand zu Geduld. Aber +du, lieber Schwager, sprach die Frau Rath, hast uns geschrieben, du würdest +zu uns kommen und triffst auf den Tag ein -- und auch deine angezeigten +drei kleinen Fäßchen . . . Rosinen -- in jedem ein _kleines_ Tönnchen Gold +-- sind schon zur See über Amsterdam richtig eingegangen und liegen dir +drunten zum Schein nur wie ganz leicht bewahrt in den Kellern. Sei also um +dein Vermögen nicht in den geringsten Sorgen, wie es scheint, weil du so +nacheilst! Aber wo sind deine wahren größten lebendigen Schätze: dein Weib +Gabriele und deine Kinder? Wir haben ihnen schon draußen in unserm Schlosse +die schönsten Zimmer hergerichtet, und manches ihnen vielleicht erst recht +Liebe ist noch unterwegs. Ich hoffe, sie sollen sich herzlich darüber +freuen! + +Sie! sich freuen? sprach Raimund halblaut zur Erde starrend. Sie, nie mehr! +-- Es ist jammervoll für einen Nachgebliebenen, wenn nach kurzer oder +langer Zeit _noch ein Brief an einen Todten kommt_, der nicht mehr zu +bestellen ist! . . . wenn ein Armer, in Noth und Elend Begrabener noch, o +nun erst eine große Erbschaft macht . . . oder wenn ein selbst unterdessen +gestorbener Doctor einem Sterbenskranken rasch, rasch ja die Nacht noch +Hülfe bringen soll! + +Wozu ist das die ahnungsschwere bestürzende Einleitung? frug die Frau Rath, +indem sie auf ihn zutrat, und ihm die zitternde Hand auf die Schultern +legte und liegen ließ. + +Auf nichts, erwiderte er bitter und tonlos, als auf Das, was man den Tod +nennt, oder das Schicksal, das nichts ist als böse, rasende, abergläubische +Menschen, welche die Weltdinge in die grausame Hand nehmen -- aus Furcht zu +bleiben und zu bestehen, und nicht selbst von ihren Feinden in die Hand +genommen zu werden! Ja, die Meinen sind todt, mein Weib auf eine Weise, die +einem schamvollen Weibe die schmachvollste ist, weil sie die willenloseste +ist für ein treues Herz; -- und die Kinder mit Schwertern zu Tode gehauen +in der Wiege, und das in der angezündeten, brennenden, erstürmten Stadt, +die unsere Zuflucht sein sollte, und es gewesen wäre -- ohne den Verrath +und den Misbrauch, ein wüthendes _Kreuzheer in der Heimat_ wüthen zu +lassen! + +O weh, weh! Armer Mann! rief sie und frug: und wie heißt die Stadt? + +Sie hat geheißen »_Beziers_«. -- _Beziers_! sprach er, stellte sich +stammhaft und aufrecht fest, und fuhr in ruhig gelassenem, aber feierlichem +Tone fort: Sieh, liebes Weib, wer einen Streit gewinnen will, wer einen +Feind hat, der muß ihn kennen am besten durch und durch, und dazu muß er +sich _in ihn versetzen_, und gleichsam aus seinem Herzen und Sinn +herausfühlen, was er will und was er kann; er muß _aus des Feindes Augen_ +sich selbst betrachten; und wenn er eine Seele hat, so muß er billig und +gerecht sein gegen den Feind, der _sich selber_ nur der beste, zärtlichste +Freund ist, und darum nur des Andern Feind, der zufällig oder unvermeidlich +ihm in die Parade fällt . . . in die Perücke . . . oder in die Krone. Da +ist nun ein bunter Schatten in Italien hereingeschwebt, aus dem +Morgenlande, _in die Stadt_, die sonst -- wie man das abscheulich +_kleinlich_ und albern nennt -- »der Welt« gebot, die aber erbärmlich und +abscheulich in tausenderlei Schutt zerfallen und nur ihre alten Knochen +noch aus der Erde streckt. Ihre Macht aber scheint den Thoren nicht +versunken, sondern aus dem Todtenreich, ja aus der Luft noch wieder auf- +und herzustellen in die Luft. Und das ist, von einer Seite betrachtet, dem +Volk und den nächsten Völkern umher recht heilsam, um die hier rohen, ja +grausamen, dort losen, dort tyrannischen oder habsüchtigen zeitlichen +Herren derselben doch einigermaßen durch allerhand Künste und +Vorspiegelungen in Furcht zu halten, und sie doch an _einen Schein_ des +Rechts, des Verstandes und des Guten wie an eine unsichtbare Kette zu +legen. + +Da sieht nun der redlichste _Dülpner_ ein, es braucht noch gar kein kluger +Kölner zu sein: daß wir dem neuen Pontifex maximus -- oder den größten +Brückenbauer über die Zeit weg in den Himmel -- ein Dorn im Auge sind, ein +Wurm im Gehirn, ein Polyp am Herzen. Denn wenn jeder noch so lumpige +Schacher und Schacherjude durch seine bloße Erscheinung in der Sonne der +Nachwelt ihn und alle sein Reich geradezu vernichtet, alle Kirchen geradezu +-- ohne nur zu hauchen -- in die Luft bläst, sodaß er ihr Todfeind sein muß +-- so _mußte_ er es auch _uns_ sein, _um nicht etwa schon uns_ -- sonst +ganz unschuldigen Reinen, uns Katharer in Südfrankreich, Piemont und ganz +Oberitalien -- die wir jede Todesstrafe für ungöttlich und darum für +höllisch und ganz abscheulich halten -- _für Menschen zu erklären_. Und +_ohne_ Todesstrafe durch Feuer und Schwert ist er unrettbar verloren, da +auch diese kaum mehr abschreckt, höchstens nur angestaunte _neue Märtyrer_ +macht in neuer Welt; und nur der _Geistertod_, die Geisterunwissenheit und +Dummheit vermöchte noch einige Zeit hinzuhalten, bis das größte Wunder +geschehen wird: »Die Sonne geht aus finsterer Mitternacht auf.« Und wo +befinden sich, umringen ihn seine Feinde und schränken ihn ein? Etwa über +der See? Nein, in Italien! Jenseit Roms, in Sicilien die Araber. Diesseit, +die vielnamigen, aber Eines Herzens und Sinnes zusammen ein Volk +ausmachenden Katharer, von denen Tausende schweigend und redlich selbst +hier in unserm Köln ihre Zeit erwartend leben -- und an denen ich selbst +getreue, Alles aufopfernde Freunde habe, meine liebe Frau Rath. Da er dort +am fürchterlichsten und entschiedensten hart in der Nähe bedrängt ist -- +_denn der brennende Rock ist der wärmste_ -- sodaß er zuletzt nur mit einem +Sprunge in den Vesuv sein Leben rettet -- oder aus dem Lande flieht, was +ganz gewiß noch wird geschehen, wer es erlebt, da er die _Sarazenen_ aus +_Morgen_ und die _Mauren_ aus _Abend_ zu fürchten hat, so hat er die +Kreuzzüge unterbrochen, und einen Rettungskrieg vor den _nahen_ Feinden +_für einen Kreuzzug erklärt -- und Er mit Recht!_ Cardinäle haben diese +mordbrennenden Kreuzträger geführt -- darauf hat der Simon von Montfort die +Stadt Beziers belagert, erobert und Alles über die Klinge _springen_ +lassen, selbst die alten Weiber, die auf keinem Bein mehr stehen konnten, +und die Kinder, die es noch nicht können. Mich, mich hat nach der +Vertheidigung bis auf den letzten Mann die bekreuzte Pilgerkutte eines +erschlagenen Wüthrichs errettet. So sind die Schuldigen mit den +Unschuldigen ohne Schonung hingerichtet, weil -- wie der Legat Allen zum +Trost und sich zur Entschuldigung gesagt: »_Gott_ wird schon die Seinen +kennen!« Das eroberte Land gehört nun seinem Eroberer, sammt den nun mit +Schutt und Asche begrabenen Gebeinen meines Weibes, ach! meiner Gabriele +und unserer kleinen Kinder. + +Armer Mann! stöhnte die Frau Rath. + +Ich floh, unermordet, sprach er fast lächelnd. Ich freue mich ernst; denn +aus unbegreiflicher Kurzsichtigkeit schonte man die Auswanderer, die nun +über die Grenze geworfenen Feuerbrände; die aber voll im Herzen +zusammengeschossener Glut sich auswärts sammeln, vereinigen, stärken, um +Vernunft und Muth in den Landen auszubreiten. Das tröstet mich hoch! +Unmenschliche Thoren müssen sich selber alle zugrunde richten. + +Wenn sie uns, uns hier im Hause, und rettungslos erst noch zugrunde +gerichtet; klagte jetzt die Frau Rath, und rang die Hände. Mag dir mein +Mann unser Geschick erzählen. _Stumm_ duldet eine Mutter noch im +zerrissenen Herzen ihr Leid; aber laut es sagen, gleichsam es gestehen, es +beichten wie eine Anklage des Himmels, das, das kann ich nicht! + +Sie ging wieder die Thür leis öffnen. Sie sah lang erstarrt hinein, dann +winkte sie blaß wie der Tod den Bruder herbei; doch ehe er kam, stürzte sie +schreiend zu ihrem Manne und rief: Er ist todt! Er stirbt! + +Er eilte hinein. Die Lampe brannte hell auf dem mit einem niederländischen +Teppich bedeckten Tische. »Der Mann und Bruder und Vater« saß daran auf +seinem geschnitzten Großvaterstuhle und hielt mit seinen beiden +ausgestreckten Händen steif und starr ein offenes Pergament. Sein Bruder +Raimund, der nur kaum eine einzige Viertelstunde zu spät aus der Fremde +zurückgekehrt war, um ihn wiederzusehen, rang die Hände über sein Haupt. +Denn sein Gesicht bedeckte schon Todesblässe; er fing sich schon an zu +strecken, daß der Tisch knisterte und der alte Stuhl sich rückte und +lebendig zu werden schien; ein Zittern durchrieselte ihn, daß das Pergament +in seinen Händen bebte. Er hatte die starren Augen noch groß und weit +offen, und sie glänzten weiß und schauerlich. Sie wollten ihm eben brechen, +als er des Bruders ihn anrufende, ja anschreiende Summe doch noch zu +vernehmen schien, das Haupt noch zu ihm wenden zu wollen rang, aber kaum +regte, ihn anstarrte, ihn anlächeln wollte, aber starb. Die Augen brachen +ihm; der Tisch und der Stuhl knistern jetzt zum Fürchten geisterhaft; +geisterhaft erhob sich seine Gestalt, von seinem letzten Willen +geheimnißvoll mächtig, aber ohnmächtig emporgerissen, um ihn zu umarmen. So +mit ausgebreiteten Armen brach er zusammen und war, was die Leute so +nennen, ein Seliger. + +Der Bruder sprang hinaus und fort nach dem neuen Freunde, dem Doctor, nach +Hülfe, wenn man den Todten noch helfen kann. + +Sein Weib hielt ihn treu und thränenlos in den Armen, ihre Stirn an seine +Stirn gelegt, und empfand sich nicht, und die Welt nicht, nur ein +namenloses Weh. + +Der Arzt kam, den sie nie gesehen, und der weltfremde, ernste, gelassene +Mann war ihr der ersehnteste, theuerste Freund. Er prüfte den Todten und +den Tod. Doch als er zuletzt mit Achselzucken mit der rechten Hand, wie +höflich, nach unten zu wies, wie um ihn der Erde zu befehlen, da sprach sie +leise: Er ist an Verzweiflung über die Menschen gestorben. Ach, unsere +bittersten Feinde wohnen uns am nächsten! Was thut uns der Mann im Monde? +der gute Kerl! + +Der Bruder drückte ihm sanft die Augen zu, dann band sie ihm schonend den +Mund zu, daß er mit offenem Munde im Sarge nicht noch über die Welt +schreien zu wollen scheine. + +Die Todten haben vieles zu vergeben, ja Alles, sich sich selbst, das Leben +und die Welt, die ganze lange, lange Welt; sprach der weinende Bruder. Denn +was man auch dagegen zu sagen sich unterstehen möchte: wäre die Welt nicht, +dann wäre auch nie nur _ein_ böser Mensch gewesen und noch, oder würde je +sein -- nie wäre _eine_ Thräne geflossen! nie würde in Ewigkeit ein Tropfen +Blut fließen. _Eine schöne Sache!_ -- aber doch eine namenlos-tolle. Drum +wollen wir doch lieber vernünftig bleiben -- oder ganz es werden, und Allen +dazu rathen, Hohen und Niedern! + +Sie ließen den Todten sitzen und ihn gleichsam zuhören, da er über alle +Welt erhaben war; sie setzten erschöpft sich an die andere, die leere Seite +des Tisches, und das nunmehrige Haupt der Familie ergriff getrost das +gefährliche Blatt, und mit dem derben Vorsatze: kein Narr der Welt oder +irgend Jemandes darin zu sein, überflog er es erst mit feindlichen +abstoßenden Blicken, um ihm seine ansteckende oder betäubende Kraft zu +benehmen, und las dann, erst leis und sätzeweise, dann immer lauter und +verbitterter -- _der neuen Witwe_ und dem feuerfesten neuen Freunde die +Antwort der Behörde auf des Gestorbenen Eingabe. + +Sie hatten aber eine stille Zuhörerin bekommen, die in das Haus gehörte. +Denn die jüngste Tochter des gestorbenen Vaters, welche ohne Einwilligung +der Aeltern _das Kreuz genommen_, die dreizehnjährige _Irmengard_, war mit +ihrer Kammerjungfer _Gaiette_ -- einem französischen tüchtigen Mädchen, das +hier im deutschen Lande _Frohgemuth_ oder Frohmuthe hieß -- von der großen +Procession der jungen Kreuzfahrer oder Kreuzfahrtjungen und Mädchen, die +sie auf den Feldern vor der Stadt gehalten hatten, jetzt Abends nach Hause +zurückgekehrt und in ihrem langen Pilgerkleide, ihrer _Sklawine_, durch das +dunkle Zimmer der Mutter in des Vaters Zimmer getreten und auf dem weichen +Teppich hingeschlichen sich auf einen bequemen Lehnstuhl gesetzt, die Hände +zum Beten gefaltet. Aber die Neugier: wer die fremden Männer seien, war +stärker als Alles, und vom Vater hatte sie den falschen Glauben, er sitze +nur so mit verbundenem Munde da, weil er Zahnschmerzen habe. + +Sie hielt ihren breitrandigen Pilgerhut auf dem Schoose, und noch erhitzt +im Gesicht von dem Uebungszuge, dem Singen und dem Weinen mit der zahllosen +Heerde von Knaben und Mädchen ermüdet, saß sie in ihren Locken, zum +Verwundern zugleich und zum Kopfschütteln sonderbar und doch hübsch, wie +eine aufbrechende Blume des Himmels in Menschengestalt mit Armen und Beinen +und Nase und Augen und Ohren auf Erden, wie eine Novize der Heiligkeit da, +der die Locken noch nicht abgeschnitten sind und deren Lippen noch Keinem +einen Kuß gegeben haben, aber dem Kusse entgegen brennen mit aller +Menschen- und Mädchenglut. + +Und so hörte die junge Irmengard, was ihr noch nie gesehener Oheim Raimund +mit erschütterter Seele erst selbst erfuhr, indem er las, und zögernd Das +aussprach, was überhaupt erst dadurch wahr zu werden schien, daß er es +aussprach: + + -- -- -- »Bescheid des Rathes der Hohen + Zehner hiesiger freien Reichs- und Hansestadt, &c. + + -- »Leider und abermals leider ist das Unglück, + wie der leidige Satanas, eine so freche + Person, die sich erdreistet, mir nichts dir nichts + höchsten und hohen Personen wie Allergemeinsten + und Aermsten an ihr Habe und Gut, ja + an ihr Herz zu greifen und unser pflichtmäßigstes + Bedauern, daß das in unsern Zeiten allerschmählichst + und redlich geschmähte Unglück auch + Euch, Ihr biederer Herr Rath und unser ehrbarstes + Mitglied selbst, in Eurer Tochter das + Herz uns gebrochen und im Leibe zerrissen, ja + zermalmet hat. Weswegen wir Euch gebührendermaßen + bedauern, da wir Euch nicht helfen + können, ja nicht wollen, weil wir nicht wollen + dürfen; _ausgenommen wir leugneten die + Schöpfung der Welt, Sündenfall und + Erlösung, und hätten wenig, ja keine + Furcht vor einem Weltgericht,_ das Gott + uns Allen gnädig gebe! Amen. + + »Weswegen wir Euch denn unsere gerechte + Freude bezeigen und Euch hochbeloben, daß Ihr + in Eurer -- hoffentlich letzten Eingabe bescheidentlichst + gar nicht mehr «_um das Leben_» + Eurer verlorenen, ja schon vorläufig verfluchten + _Tochter_ Frederune bittet, sondern blos, zugleich + als menschlich oder teuflisch nicht ganz zu + leugnender _Großvater_ von mütterlicher Seite, + nun ihren leider nicht ganz zu leugnenden Mutterwunsch + gottergebenst uns vor Ohren bringt, + daß an dem zu Gottes Ehre angesetzten heiligen + Tage der _Hurd_: ihr armes Würmlein, ein + Knäblein oder ein Fräulein, oder so Gott so + gewollt: gar Zwillinge noch im Mutterleibe noch + und schon mit verbrennen müssen, ohne noch + schreien zu können; ihr aber zur unnatürlichsten + oder natürlichsten Qual, ja Verzweiflung, indeß + _wir zu unserm Heil nichts mit der Natur + zu thun noch zu schaffen haben_, also + nicht zugeben können noch wollen, weil wir, + wie besagt, nicht wollen dürfen, auch wenn wir + wollten, und unsere Weiber daheim uns mit + Thränen gefleht, ja bedroht haben aus weiblicher + Schwachheit; weil ja Eure Tochter _alsdann_ + sogleich auf der Stelle verbrannt sein wolle + mit ihrem Galan, _wenn und sobald sie nur + das Kind geboren, gesehen, zum Himmel + gehoben und redlich, ja über die Maßen + beweint_; ja auch stillschweigend erdulden wolle + und müsse, daß es _nach seiner Geburt_ auf den + Armen seines Vaters im Rauch ersticke und die + kleinen Gebeine des armen Würmleins, des armen + Ururenkels der naschhaften Eva mit zu Asche + verbrannt werde, weil ihm die böse sündige Welt + seinen Tod sogleich zugleich an den Anfang seines + Lebelchens gesetzet. + + »Diese entsetzliche Bitte ist aber die allerungewährbarste + und wird der Mutter hierdurch ehrenfest + abgeschlagen, welches Ihr derselben in + Person zu verkünden und zu ihr in Kerker zu + gehen, hierdurch Vergunst haben sollt, um sie + von der Sündhaftigkeit solcher Bitte zu überführen + und wo möglich ihre Seele zu retten, + _wenn der Glaube die alberne Natur von + ihr austreibt_. Darum überwindet Euch zu + dem Gange eines rechtschaffenen Vaters und + _halb nicht zu leugnenden Großvaters_ + und Rathes! + + »Denn wäre das Kind _nicht_ eines, wenn + auch noch so schönen, reichen und ehrlichen, wenn + man so zu sagen sich herausnehmen dürfte: -- + aber doch _Juden_ Kind, so hätte das Mal + nichts mehr, als tausend andere Mal zu bedeuten: + es wäre ein richtig eingeschriebener Himmelsbürger + oder Bürgerin, und sie nur eine + voreilige Mutter, die gegen Buße und Reue + noch ein »vergebenes« Weib sein könnte. Aber + ein Judenkind von einer Christin ist die allergrößeste + Blasphemie, eine geistige Unnatur, ein + Kobold der Hölle, ein ver- und behextes Meisterstücklein + des Teufels, ein sichtbarer Misbrauch + der Kräfte Gottes mit Händen und Beinen, + wogegen sogar ein pures Judenkind noch ein + pures Engelein ist, verzeih' uns die heilige Mutter + Gottes! + + »Drum muß diese Misgeburt mit verbrennen, + und muß ihr im Leibe noch lebendig mit verbrennen, + damit Natur und Mutterherz durch + unbeschreibliche Angst sie zur Erkenntniß ihrer + unverzeihlichen Sünde zur gnadenerwerbendsten + Reue bringt, und aus den Flammen sie rein in + den Himmel eingeht -- _wenn noch!_ + + »Wir haben zwar hier wie in allen Städten + am Rhein seit schon lange niemals ermangeln + lassen, Hurde zu feiern, zu unserer Bezeigung; + wie die vielen alten schwarzen Kohlen auf unserer + Schädelstätte beweisen; aber in diesen neuesten + und letzten Zeiten bedarf die Religion, wie + eigentlich immer, einer tief und sichtbar eindringenden + Erfrischung! Denn was die Augen sehen, + das glaubt das Herz. Und so bleibt die + Hurd festgestellt auf den Tag vor Carneval, + zur Erfrischung der Seelen; und erfrischet auch + Ihr Euch daran, wie wir Alle. + + »Gegeben den 10. Hornung im Jahr seit + Erschaffung der Welt im 5,161sten, oder nach + der neu eingeführten Jahreszahl seit Geburt + unsers Herrn im Jahre 1212.« + +Wie die Mutter so über den Tisch gebeugt lag mit dem Gesicht auf den Armen, +ohne vor Schrecken und Jammer nur eine Thräne vergießen zu können -- wie +Raimund, der Bruder des Todten -- wenn ein Todter noch Bruder, Schwester, +Vater und Mutter und Kinder hat und gehabt hat und noch haben kann anders +als dereinst einmal vorher im wachen Leben gehabte Träume -- als der Todte +mit blassem Gesicht und vor der erbärmlichen Welt geschlossenen Augen starr +dasaß -- und indem der jüdische Arzt halb ingrimmig, halb lachend über die +kindische Erde erhoben, durchdringend sann: wie da noch zu helfen sei, ja +selbst durch die äußersten Mittel; indeß hatte sich die junge Tochter +Irmengard, die sich zum Kreuzzuge der Kinder geweiht, erhoben, war wie eine +junge Dämonin -- um für die besondere Sache ein besonderes Wort zu +gebrauchen -- bis an den Tisch getreten, legte jetzt ihre Hand auf den Kopf +ihrer Mutter und sprach erzürnt: Also Mutter, du hast mich belogen! Meine +Schwester ist nicht nach Aachen gereist, sondern sitzt -- und weswegen! -- +im Kerker der schwersten Todsünde schuldig, und unrettbar . . . das freut +mich im erleichterten Herzen -- denn sie ist meine Schwester nicht. Denn: +wer ist meine Schwester? Und du bist meine Mutter nicht, wenn du eine +Thräne über sie weinst! Denn: wer ist meine Mutter? Und der Mann da, der +seine solche schuldige Tochter der so gnadenvollen seelenheilsorgenden, ja +doch blos zeitlichen Strafe der heiligen Kirche entziehen will, also die +Schuld und die Strafe, sich empörend, nicht anerkennt, der ist mein Vater +nicht! Denn: wer ist mein Vater? Was ist er? + +Er ist todt, ein heiliger Todter! ein Vater! ihm thut kein Zahn mehr weh! +riefen Alle voll Grausen zugleich sie an. + +Die begeisterte Irmengard schwieg plötzlich, schien gerührt zu werden, da +sie den guten Mann anstarrte, und dennoch aus innerm grauenvollen Trotz ihr +Wort wiederholen zu wollen die Lippen öffnete, indem sie die Hand mit der +Geberde des Abscheus gegen den Todten ausstreckte. + +Alle sprangen auf. Raimund faßte sie mit beiden Händen in den Haaren, hielt +sie starr fest, die ihn ruhig und lächelnd ansah, als er nach treffenden +Worten im Geiste suchte und endlich nur hervorstürmen konnte: Du +vertauschtes Teufelskind! Du auch kein Kind! keine Tochter! Du Molch aus +der Hölle! Drauf riß er sie an den Haaren nieder auf die Knie vor die +Mutter, und dann auf die Knie vor dem todten Vater, dessen kalte Hand er +ihr auf das Haupt legte, zum Zeichen: er habe ihr vergeben. Dann riß er sie +fort und stieß sie hinaus, und schloß die Thür hinter ihr zu. Aber sie +donnerte mit den Fäusten daran, daß Allen der Athem verging, sie stumm sich +ansahen, dann schamvoll über sie zur Erde und falteten die Hände. + +Da trat Raimund an die Thür und rief ihr zu: O du rasendes armes Kind; o +wisse: Niemand lebt, der nicht in jede Schuld verfallen kann . . . hüte du +dich nur, daß dich nicht ein Anderer verführt, -- ja daß du dann dein Kind +nicht ermordest aus verzweifelnder Ehre: unschuldig zu scheinen! Du alberne +junge, noch pipende Gans, du weißt es nicht: _wer etwas verwünscht, der +steht dem Verwünschten näher als Alle, die es gelassen empfinden._ Haß und +Verwünschung richten nichts aus, als sich selbst nur zugrunde. Doch was +weißt du armes verdreht gemachtes Schaf, und sehr richtig und tüchtig +verdreht, das muß man mit Thränen in Augen gestehen! -- Doch dies mein Wort +das soll dir keine Prophezeiung sein, nur eine Bitte um Schwester- und +Mutterliebe. + +Der jüdische Doctor aber sprach: Da ist doch Moses ein anderer Mann; und +sein Gebot: »Du sollst deinen Vater und deine Mutter lieben und ehren«, ist +das erste und letzte allen natürlichen Menschen, und wird die Welt +ausdauern selber bei wilden Thieren, Bären und Löwen, und Kühen und +Kälbern. -- Und wenn, was Gott verhüten möge und zu verhüten versprochen +hat, daß die Welt noch einmal losginge, so würde das Gebot als das Erste +aus der Erde wieder aufwachsen in Schlangen und Geier und Alles was kreucht +und fleugt. -- Ihr armen Leute! _Der Lichtwerth unserer Erde ist noch wenig +werth_; sag' ich dazu als Astrolog. + +Die Mutter aber ging zu ihrem gestorbenen Manne, beklopfte ihm Haupt und +Schulter mit der Hand, küßte ihm die Stirn und sprach dann: Wie gut haben +es doch die Todten! Hier den Vater rührt solch Grauses nicht einmal zu +einem Seufzer! Und über den ich nicht Thränen fand, den muß ich schon +segnen -- den Todten! Und wie viel wird er noch verschlafen! O, es ist auch +ein Großes todt zu sein und sich nicht zu empfinden oder die Welt; denn +fühlten wir Menschen die Welt noch, wären wir da selig? O Zeit, zu welchen +bittern Qualen und unnöthigen Worten zwingt uns das liebe leidige Leben. +Wann habe ich glückliches, ruhiges, einfaches, ja albernes Weib, wie mein +weiser Mann und Rath mich oft nannte, je solche Dinge überhaupt oder nur +für Andere erträumt, die ich erlebt und noch erst recht erleben soll! O +meine arme Frederune! und gar erst meine arme Irmengard! . . . Mir hat +einmal ein unglücklicher alter Mann gesagt, den ich trösten und beschenken +wollte: »Mein gutes Kind, sagte er, da sagen sie, ohne daß es Einer gesehen +hat: Gott hat die Welt geschaffen -- glaube es, wer es will und kann, ich +weiß und sage: _Gott hat die Welt geweint!_ und die Sterne sind dir +schimmernden Thränen aus seinen Augen, und so unzählige -- er muß lange und +viel geweint haben, oder er weint noch schweigend immer fort.« Den Mann +versteh' ich erst heut, und glaub' ihm noch morgen. + +Die Mutter war darauf ihrer Tochter, die darum immer ihr Kind noch war, +weinend nachgegangen. Die Tochter war ihr zu Füßen gefallen, und hatte ihr +geschworen, sie werde im Heiligen Grabe zu Jerusalem für den armen Vater +beten! Und die Mutter hatte das angenommen, um sie zu schonen; denn sie +fühlte ihr an, daß sie krank war, sehr krank im Kopf und darum auch im +Herzen, und beruhigte sie in der Hoffnung, daß _sie_, als ihr letztes Kind, +sie nun doch nicht verlassen und hingehen wollen werde -- wo sie nicht +hinkommen, nur umkommen werde. + +Aber Irmengard frug sie dagegen nur: Kann ich und du nun in der Schande mit +Ehren hier bleiben? Komme du selber auch mit! Denn wie viele arme Weiber +haben auch das Kreuz genommen! Und selber alte, die sich getrauen doch mit +uns Kindern fortzuwatscheln und zu humpeln. -- Und die Mutter schwieg. Aber +sie bestellte durch den Hauswart die Brüderschaft, die das Begräbniß +besorgen, aber sogleich _den Sarg_ herbringen sollte, um den Todten, den +das Volk aus Mitgefühl für einen Selbstmörder halten könnte, wenn auch +gerade für einen redlichen Vater -- die Nacht noch hinaus auf ihr Schloß +nach der Lindenburg zu tragen oder zu fahren; sie werde ihn begleiten. +Irmengard komme mit. Von dort aus wollten sie ihn still in ihre +Familiengruft nach Melaten begraben. + + + + +Drittes Capitel. Der Rath. + + +Raimund hatte seinen neuen Freund mit auf sein Zimmer genommen, und die +flinke Gaiette hatte ihnen Rheinwein, grüne Becher und einen Teller +Carnevalgebäck dazu hingestellt. + +Sie gingen Beide gegeneinander auf und ab und blieben zu Zeiten in der +Mitte stehen, noch ohne zu reden, nur zu trinken vor erduldeter +Tageserhitzung und der Erregung des Abends, während das Carneval +eingelauten ward, und das lustige Volk durch die Straßen schwärmte und +sang. Dem hörten sie so eine Weile zu -- als sei das die Welt. + +Endlich sprach der Arzt zum Kaufherrn: Wir sind Zwei, und Ihr habt zwei +Aufgaben zu lösen, schwere, schwere: Eure zwei Mädchen da zu erlösen, die +ältere vom Tode geradezu, und von welchem? . . . die andere vom Kreuzzug, +also so gut auch wie vom gewissen Tode. _Aber die Kinder sind angesteckt._ +Es ist nur Feuer in sie angelegt. Sie sind _krank_ -- weiter nichts als +_krank_. Uebernehmt Ihr die ältere zu _retten_, ich will die jüngste +übernehmen zu _heilen_, und mit der stärksten Hoffnung nicht nur, sondern +mit Zuversicht. Denn sagt nur kurz: seit wann sind erst Menschen nach +Jerusalem gezogen? Immerfort seit Erschaffung der Welt? Oder meint Ihr, +ohne rasend zu sein, daß Menschen alle Jahrtausende noch hinziehen werden +-- bis, wie Eure Frau Schwägerin von dem armen Lebensleider gehört: die +Welt _ausgeweint hat_ und die Augen zugeschlossen. Das ist nur ein +»raptus«, eine geistige Witterungskrankheit, eine Ausbildungskrankheit des +Menschen, wie die Kinder am Zahnen leiden und sterben. Die selbst in der +Ausbildung begriffene Erde hat bekanntlich die ihr angestammte Pest -- den +Tod. Die Erde ist immer so still krank und hat ihre Krankheiten, die ihr +aus dem Bauche kommen; sie hat die Wassersucht und die Feuersucht, wie die +Sündfluten und die Erdbeben, Fieber und Erbrechen von Steinen und +entzündetem Lavablut, uns höhern Aerzten bewiesen. So leiden die Menschen +hier und da Alles mit der Erde, jetzt _Dies_, zu andern Zeiten _Das_, bis +sie platzt. Für die Menschen aber besonders theile ich die Krankheiten ein +in Kopf-, Oberleibs- und Unterleibskrankheiten; und der Bauch, _aus dem die +Träume kommen_, spielt gerade die größte Rolle. Darum muß dem Bauche +geholfen werden, damit sie nicht zu Kopfe steigen. Wie viel plötzlich +ausbrechenden Wahnsinn, wie viel Versetzungen der Menschen in sinnlose +Dinge haben alle Aerzte schon leicht im ersten Anfall gehoben, sodaß sie +mit Recht und zum Heile verworrener Köpfe jetzt den Muth haben, Menschen zu +heilen von irgendwelchem Glauben, wie mir ein anderer jüdischer Arzt in +Spanien beschworen hat, daß er unzählige Sarazenen, Mauren, die vor +Sehnsucht, ja Wuth nach dem Heiligen Grabe wiederum _ihres_ Propheten zu +pilgern . . . und von Mekka auf zeitlebens -- und _nach ihrem Tode_ also +damit zugleich -- _ohne Rückfall_ glücklich curirt hat. Und da, wie ich +höre, Ihr alsbald nach der Lindenburg hinauszieht -- so laßt mich mit; ich +will Euch die kranke Irmengard heilen, und am liebsten mit mehren Kindern +zugleich in Gesellschaft; und will heimlich mir kranke Kinder werben gehen, +deren Aeltern den Tod derselben sonst vor Augen sehen, und ihr ganzes +Vermögen darum gäben, sie zu Hause behalten zu können, und sie nicht halten +dürfen! Die ganze Geschichte ist nur eine Krankheit, die mit _Thränen_ über +Andere beginnt -- und wenn die Kranken erwachen, mit Thränen über sich +selber erlischt und in Reue und Beschämung erstickt -- und doch sind die +Kranken unschuldige Leute, wie alle Kinder unschuldig an ihrer Geburt. + +Sein Freund lächelte und sagte ihm: Thut Das, was Ihr um unsere Irmengard +thun wollt; denn Euere Rede ist nicht ohne Grund der Erfahrung. Aber wie +helfe ich der andern Schwester? Das letzte Mittel wäre -- Gift. + +Die arabischen Aerzte, jetzt fast allein noch erst die vernünftigen auf der +Erde, sprach der jüdische Doctor, haben ein Gift, wenn man es mit dem +widersinnigen ungerechten Namen beschimpfen darf, das _fühllos_ macht, +selbst wenn man die Hand, das Gesicht, oder die Nase nur, in Feuer steckt +-- das würde sie also schmerzlos in Flammen sterben lassen oder zuvor im +Kerker; aber eben »_sterben_«, das will sie weder jetzt im Kerker, in +welchen Ihr laut des christlichen Decrets freien Zutritt habt, noch in der +Hurd auf dem Hügel da draußen, _bis_ sie ihr Kind geboren, um welches sie +als heilige Mutter des Himmels und der Erde ihr Leben gibt -- sie will nur +mit dem Menschenkinde _an ihrem Theil die Welt mit geschaffen_ und mit +_geweint_ haben -- dann hat _sie ihren_ Evatheil erfüllt, und will dahin, +begraben und vergessen sein wie Eva, und Der, der sie und ihren Namen +erdacht hat. Denn kein Mensch hat damals oder jemals gesehen, wie Gott der +Herr, oder die Elohim die Welt, die Erde und das liebe Paradies erschaffen +und den Baum des Lebens, aber auch den Apfelbaum und die Schlange darein +gesetzt. Darum versucht Ihr die Erlösung _mit Gold!_ Die Gelegenheit für +Gold ist immer, Tag und Nacht, und jetzt in der tausendjährigen Nacht, zu +jeder Stunde. + +Ich will mit Freuden ein Faß große Rosinen daran setzen, rief der Kaufherr +freudig; das heißt, erklärte er leiser dem Freunde: ein Fäßchen Gold, ja +das zweite; mit dem dritten bin ich noch zwei reiche Männer. Der Handel hat +mich gesegnet und ich habe noch ein Schiff in See. Auf! Gleich fort! Man +kann nichts Nötiges Zeit genug thun; oft eine Stunde zu spät bekommt man +nicht mehr, was man bedürfte . . . ist der Mann nicht mehr da, der uns +hülfe! -- Da steht man bestraft für die Saumseligkeit, die Mutter der +Versäumniß. Darum gleich fort in den Hansesaal unserer reichen Stadt Köln, +der mächtigen Stadt, einer alten Stadt, in Wahrheit schon vorher herrlich, +ehe man noch _Anno Eins_ schrieb, welche Einführung alle Chroniken erst +recht verworren und finster macht, und vor der Hand und noch lange alle +Contracte. Und mein Köln -- sammt seinem ganzen Weichbild mit _Städterecht_ +-- es baut jetzt 300 Schiffe und ist Stapelort der weit mächtigen, innig +verbundenen Hanse. In ihrem Saale hören wir von Fremden aus allen Landen +und von den einheimischen Männern -- Ihr von Euern reichen klugen Juden, +und ich von meinen ehrenwerthen Unglaubensgenossen, alles uns Nützliche -- +den Stand oder die Lage der Dinge. Dem Kaufmann, dem ist die Welt mit allen +geistlichen und weltlichen Dingen nur ein Handelsartikel, nur eine +Kaufhalle vom alten heidnischen Gott Mercurius, der aber selbst _kein_ +Heide war, da er ein Gott war. Und obendrein heut', als am Sabbath, ist +alter Versammlungsabend; die Sonne ist unter, und der Mond erleuchtet die +Straßen. + + + + +Viertes Capitel. Der Saal der Hanse. + + +Als sie nun hinaustraten, mußten sie vor Ueberraschung stehen bleiben und +hören. Ein dumpfes Getrampel ließ sich vernehmen, ein dumpfes Gerufe, ein +Gesumm und Gesaus und Gebraus; viel tausend Stimmen durch- und ineinander, +aber alle als ein einziger Hall, wie von gedämpften Instrumenten, ein +kicherndes Lachen von Fröhlichen, die sich den Mund zuhalten. + +Das sind Masken! sprach Raimund zu seinem Begleiter; das hört sich an wie +ein verschlossener Hühnerstall. Das erinnert uns, in einem Laden auch +Masken vor unser Gesicht zu kaufen. + +Sie drehten und wandten sich langsam durch das fröhliche Volk, fanden bald +einen Laden, bemasketen sich und gackerten sich auch einen Augenblick an, +von der Lachkrankheit angesteckt, wie der Doctor sagte, und um sich an +ihren ganz anders klingenden Stimmen wiederum zu erkennen. In einem +Spezereiladen kaufte er dann zu der morgen des Tages gleich vorzunehmenden +Cur ein kleines Paket von seinem Hauptmittel, der Basis, das er zu sich +steckte, und einen halben Centner »Adjuvans«, das er bezahlte und +versprach, Morgens Sonntags früh gleich abholen zu lassen. Er kaufte zur +Verwunderung so viel, weil viel tausend Patienten waren, von denen er sich +zahlreiche Kunden versprechen durfte. + +Wieder auf der Gasse, hörten sie in der Ferne mit Erstaunen die Glocken auf +den Thürmen schlagen, aber ohne Maß und Takt, wie von mächtigen +Schmiedehämmern oder Posseckeln, . . . die Glocken schlugen nicht, sondern +sie wurden geschlagen -- zerschlagen. Näher hinzugeeilt, hörten sie an der +nächsten Kirche die hohen Fenster mit Steinen einwerfen, mit Pfeilen und +Bolzen von Armbrüsten und Rüstungen einschießen, daß sie droben gellten und +die zerschmetterten Scheiben drunten auf den Steinen zerklirrten; und nach +jeder solchen Salve scholl ein Gesammtlaut auf, wieder wie aus einem +ungeheuer großen Hühnerstall, was deutlich anzeigte, die dumpfen greulichen +Schreier schrien und lachten und krähten aus Masken. + +Das ist Meute! Das ist nicht Lust, das ist Schadenfreude! sagten die +Freunde zueinander. »Das sind die furchtbaren Wollenweber!« sagte eine +Stimme eines Vorüber- und zu dem Aufruhr Eilenden. + +Ein anderer kam, schon weislich entflohen, von dem gefährlichen Orte +zurück, und sagte zu den furchtsam und müßig Dastehenden: Sie sind mit +Waffen maskirt; Helme quirlen sich unter der Menge, Spieße erheben sich und +Hellebarden -- da sind denn auch unsere »_Funken_« dabei, die die Stadt und +was drinnen ist beschützen sollen. Aber andere Funken wehren auch wieder +selbst den Andern. Das verspricht dem Dinge ein baldiges Ende, wenn auch +durch erbärmliche Schläge und Beulen und Wunden. + +Ein Carnevalspaß muß sein! riefen Andere, aber nicht muthig, sondern mit +Angst. + +Und unter weiterwährendem Toben und Brausen, dem Fensterzerschmettern und +Klirren und dem Glockenzerschlagen auf den Thürmen, eilten der Kaufherr und +der jüdische Doctor mit seinem Heilgift aus dem Gedränge, das je ferner je +dünner ward, nach dem großen, über tausend Menschen fassenden Hansesaal im +Rathhaus. + +Sie gelangten mit Mühe nur schon vor den Saal, dessen Thüren weit offen +standen, und der große Raum stand vollgedrängt von Menschen. Vor ihnen +drängte sich ein starker vierschrötiger Weinkärrner hinein, der rief: Hoho, +hier kann ja kein Apfel zur Erde, geschweige ein Kürbis, und wenn +eintausend von der Decke fielen, da wären wol dreitausend Kürbisköpfe +darin. Hier kommt man nicht mit Füßen, nur mit Elnbogen hinein. + +Und diese setzte er sogleich an, und hinter ihm in der Lücke gelangten sie +mit hinein bis in die Mitte. Sie stellten sich auf die Zehen und sahen bei +dem Scheine der vielen Kronleuchter an der Decke und der blitzenden +Wandleuchter, daß an mehren Tischen dahinten doch Männer saßen, dicke und +wohlhäbige, die ganz gewiß schon vorher bequem hineingegangen sein mußten. +Alle waren in lebhaftem Streit. Einer erzählte, was draußen geschehen, noch +geschehe, und gar erst die Nacht geschehen könne oder würde. Ein Anderer +schaltete Nachrichten oder Ergänzungen ein. Viele widersprachen auf ein mal +zugleich, und noch Andere erklärten den bloßen -- so Gott will -- »Pfutsch« +-- sich viel oberflächlicher, dagegen dort ganz Weise und Tiefsinnige die +Sache sich weiser und tiefer. Darauf schwiegen durch Zufall Alle zusammen +zugleich, und die Pause ward durch ein schallendes Gelächter erfüllt. +Danach versicherte ein Judenfreund oder -Feind: das Ende vom Liede werde +sein, daß man einige, gewiß bei Allem neugierige Juden scheinbar bei der +That ertappen, ergreifen und einstecken würde, für deren Freistellung ihre +Leute die Kirchenfenster würden machen lassen und die Glocken umgießen +müssen. + +Gut, daß das nicht alberne prasselnde Schloßen gethan haben oder die +himmlischen Blitze! Was würde man mit denen allerhöchsten Personen thun? -- +Da ist es mit dem Einstecken nicht recht richtig und mit dem Bezahlen so +eine Sache! rief eine stämmige Maske zu allgemeinem Gelächter darein, +soweit man ihn gehört. + +Du, vergreif dich nicht an Kirchensachen und an unschuldigen Kindern! sowie +jetzt unsere Herren Kanzelredner seit Sonntag die ganze Woche in den +Morgen- und Abendpredigten sich aus Menschenverstand und wahrer Seelen- und +Leibes- und Lebensvorsorge an den _jungen Kreuzfahrern_, oder +Kreuzfahrjungen und -Mädchen vergreifen, und an den _alten_ armen Weibern, +die unterwegs sich _besser_ Brot erwarten, oder überhaupt nur welches, und +wo möglich hoffen, gerade im Heiligen Grabe zu sterben. So rief ein +Anderer, dem ein anderer Narr mit der Pritsche »auf das lose Maul« schlug, +sodaß er schweigen mußte vor Lippenblutspucken, während ihn ganz anders +Gekleidete in weißen Masken kichernd und bellend und miauend auslachten, +von denen Einer nachher nur halblaut sprach: Der »Dülpner« hat es +getroffen! Dasmal geht es _gegen_ die Vernunft der Geistlichen, die Recht +haben, _wider_ den Kinderkreuzzug zu predigen. Was man alles erlebt: brecht +ab! laßt das Wort fallen und zerstreut Euch im Saale! + +Und sie folgten langsam und unauffällig. + +Da brachten vier bewaffnete »Funken« einen verwundeten Mann in den Saal +getragen, »englisch«, wie man es nennt, auf Händen. Der Mann in +prachtvoller Narrenkleidung hatte keine Maske vor, sowie die Meisten im +Saale keine, aber sein Gesicht sah doch wie eine Larve aus mit der dicken +zerschlagenen Nase, geschwollenen Lippen und übel zerzausetem Bart. Alle +erkannten ihn dennoch sogleich und schon an dem Wappen der Familie seines +Herrn, Sr. Gnaden des Erzbischofs, in dessen Palast man vor Gedränge den +armen Mann nicht hatte bringen können. Wo er vorübergetragen wurde, machten +sie ihm eine Gasse bis an die hintersten Tische, woran die Herren saßen, +und alle erkannten ihn und riefen ihm im Vorübergetragenwerden zu: Ach, du +unser redlicher lieber Justus Jost! da bist du einmal »stultus in partibus +Insanorum« gewesen! Du hilfst gern Allen; das ist auch eine Thorheit. »Die +Klugen haben am meisten zu lernen; die Dummen brauchen nichts zu wissen.« + +Die beiden Freunde gelangten hinter dem armen Mann her, und Raimund mit +besonderm Interesse und aufsteigender guter Hoffnung. Denn der Jost, und +richtig auch _Justus Jost_, war sein treuer lustiger Kamerad in der +lustigen Jugend bei allen klugen und dummen Streichen gewesen, und hatte, +wie er sah, sein vortreffliches Brot und das ehrenvollste wichtigste Amt +durch seine höhere eigenthümliche Ausbildung gefunden, was Andern mit allem +Ernst und aller Ernsthaftigkeit nur schwer oder selten und erbärmlich +gelingt. + +Einige der Herren standen sogar auf vor ihm, bedauerten und fragten ihn, +was ihm fehle -- und er zischte: O, ich _habe_ es noch! Alles! und zeigte +ihnen ein paar ausgeschlagene Zähne, und betupfte die Nase, und legte die +Hand auf die Brust und sagte: ein folgsamer unschuldiger Stein traf sie mir +nur! was will ich da sagen, als: memento mori! Und er lächelte mit dem +entstellten Gesicht sehr freundlich und setzte noch hinzu: Auch die Welt +sprech' ich schuldlos, und gar erst nun _den Willen der Dummen_ kann ich +nicht schuldig finden vor tiefstem Mitleid. Dummheit verdient nur die +grausame Strafe, klug zu werden. + +Diese Narrengesinnung rührte seinen Jugendfreund Raimund, daß er zu ihm +kniete, seine Hände faßte und drückte, ihm klar und hell in das Gesicht +sah, und ihn frug: Mein Jost, mein Justus Jost, kennst du mich noch? + +Ach du! Du! du kommst noch zur rechten Zeit -- noch vor Morgen! sprach +Jost. + +Morgen will ich ja zu dir kommen und zu wann vergönnst du es mir? Ich habe +dich Schweres zu bitten, sagte ihm Raimund leiser. + +Ich weiß, ich weiß, antwortete ihm Jost. Aber da muß ich dich bitten: komme +früh! das hat so seine _sterblichen_ Ursachen! Nun habe ich dich doch +wiedergesehen -- dich losen guten Schelm! Ein Jeder hat seine letzte +Freude. + +Darauf hielten sie sich an den Händen stumm. + +Der jüdische Doctor aber rieth, wenn er sich erholt und die Straße ohne +Gefahr worden, ihn in den erzbischöftichen Palast zu bringen, daß ihm Hülfe +geschehe. + +Die vier bewaffneten »Funken«, die ihn hergetragen, und Andere, die ihnen +gefolgt waren, sperrten indeß durch ihre Stellung den Kreis, wo die Herren +saßen, und wo es nun stiller ward, indeß es ferner im Saal noch Gewirr gab. + +Nun was meint Ihr, lieber von Hompesch, zu dem Angriff auf die Kirche? da +das Volk damit den Geistlichen glaubt an die Seele zu greifen; denn ohne +Kirchen keine Kirche, ohne Hausrath kein Haus, ohne Geschäfte darin kein +Leben, »das« ist keine ganz alberne Meinung; was meint Ihr, da Ihr gerecht +und billig seid gegen Freund und Feind? So fragte ihn ein anderer vornehmer +Patricier. + +Ich meine, lieber Riedesel, erwiderte der stattliche gediegene Mann, unsere +Geistlichen hier zur Stadt wie umher zu Lande sind mir bewundernswürdige +redliche Leute, die ihre Pflicht, dem Volk zu helfen und zu allem Guten +seine Diener zu sein, selbst mit Gefahr, dafür Leiden zu ernten, unverzagt +erfüllen. Das zeigen sie klar daran, daß sie jetzt in den Häusern von dem +Kinderkreuzzug abreden, in den Kirchen davon mit Thränen abpredigen, und +wagen damit selbst ihr Verbleiben in der Stadt -- damit nicht die wol +zwanzigtausend Kinder[A] aus dem Rheinland und drüben aus dem nächsten +Deutschland, -- den Vätern und Müttern zum Gram in weiter nichts als +unermeßliches Elend rennen! + +[Fußnote A: _Sicardi Chronicon._] + +Da sind aber Andere, die obschon gläubigen, zahlreichen, mächtigen +Wollenweber oder Tuchmacher und Tuchknappen, die klüglich und vernünftig +selber ihre Kinder zu Vernunft prügeln, die sie einsperren, um sie nicht zu +den Umzügen und Processionen der Kinder laufen zu lassen, die sie zu fernen +Anverwandten und Freunden, selbst bis nach Holland, bis Nürnberg und noch +weiter heimlich fortführen, bis der alberne Sturmwind vorübergebraust; und +was thun erst Alles die verschlossenen, unkennbaren »Reinen« oder Ketzer, +von denen unsere Stadt halb voll ist -- was thun sie? Sie ergreifen jetzt, +für jetzt und für die Folge, die Gelegenheit, die so vernünftige +Geistlichkeit überhaupt bei dem gläubigen Volke verhaßt zu machen, weil sie +vernünftig sind. Ist so Etwas schon vorgekommen? Was meint Ihr dazu, unser +alter Hardenberg. + +Und der gelassene Alte sprach, aber leise: Ja! und wie verehrungswürdig und +väterlich gegen alle seine Kinder, die ihm vom Himmel zur Erziehung +anvertraut sind, erscheint da erst unser Heiliger Vater, der seinen Namen +»der Unschuldige« mit dreifachem Recht führt. Unschuldig war er am +Kreuzzug. Hätte er ihn _verboten_, so hätte das Volk ihn für einen Türken +gehalten, wol abgesetzt. Er dürfte noch keine Kirchthür an dem alten +einfallenden Peter an einem Heiligentage verschließen, das Volk sprengte +sie auf . . . nicht einer gemalten Muttergottes die Lichter vor ihrem Bilde +an einer Straßenecke auslöschen lassen . . . nicht einem Büßenden sagen: +»Lieber Freund, oder liebe Freundin, kein Mensch kann eine Sünde vergeben, +und Priester sind Menschen. Geh' reuig nach Hause und bessere _dich_ -- und +_Gott_ vergibt die Sünden unerforschlicherweise.« Seine Vorfahren wurden +und waren nur mit aller Menschengewalt bekleidet, weil sie das Alles +leiblich und zeitlich, und örtlich und hörbar, und sichtbar und fühlbar +vor- und darstellten, was _das Volk_ wollte, daß sie wären, und was es zu +bedürfen schien, ja so wie es war, es wirklich bedurfte _in seinem rohen +unbeholfenen Leben voll tausend Mängeln in tausend Angst und Noth_. Einem +solchen armen Volke die Priester nehmen, die heilige Messe austilgen, daß +nicht Gottes lieber Sohn täglich für dasselbe geopfert würde und der Welt +Sünden auf sich nehme, damit sie wieder fröhlich von frischem strebten, wie +neugeborene Kinder, _das_ war unmöglich. Ohne letzte Oelung gab es keinen +getrosten Tod, keinen Himmel; sie hätten gemeint in das Fegefeuer zu +stürzen, unerlösbar ohne Fürbitten, und sterbend auf ewig vom Teufel +geplagt in der Hölle zu schmachten unerlösbar. Wie wohlthätig ist solchen +armen Seelen, so lange sie solche sind, ein göttlicher allmächtiger +Stellvertreter Petri mit den Schlüsseln des Himmels auf Erden -- und wie +wohlthätig ein mächtiger Pfarrherr auf jedem Dorfe, ja nur eine Kapelle, +weit umher zu sehen auf ihrem Berge ins Land hinaus -- _nur ein Glöcklein, +das Abends Frieden ausduftet über das Land_ -- und ein Kreuz am Wege, Tags +im Sonnenschein, beglaubigt vom blauen Himmel droben, und des Nachts im +Walde im Mondenschein, den verirrten Wanderer anleuchtend wie mit Gottes +Auge, das getreu ihm zublinkt: »Sei getrost -- ich bin da!« + +Das ist wol wahr und hört sich recht lieb, ja schön an; sprach ein anderer +Herr noch leiser, ein Rathsherr, an seiner Kette mit dem Stadtwappen in +Gold geprägt erkennbar; das Volk will Alles, was ihm in der Wiege der Erde +_inwendig_ einkommt in seinem Schlafe, auch auswendig in der Welt sehen, es +will es greifen; es will in eine trauliche Kammer vernagelt sein; es will +für die unendliche Zukunft ein Ende der Welt, ein Weltgericht, da es nichts +ohne Ende begreifen kann -- es will für _alle_ Sünden _einen_ Vergeber, für +_alle_ Uebel nur Einen Erlöser -- für alle Begebenheiten, ja Träume, eine +Zeit und einen Ort -- für alle Heiligen je ein besonderes Bild -- für alle +besondere Noth einen besondern anrufbaren Namen -- und für sein enges Herz +die ganze Welt in der Nuß, in der _Erdenpilgertasche_ -- in der Scarsella. +Aber Eins ist noch wahrer, _noch entsetzlicher_ wahr: das ist die Trägheit, +die Faulheit, die willige Versunkenheit, wie ein früh Erwachter _wieder_ +aus der blendenden Morgensonne unwiderstehlich in den seligen Schlaf sich +begräbt. -- Ein gewisses faules Leben gefällt Allen! Wozu sich übermäßig +plagen? . . . + +Die Welt hat Zeit! . . . und die Plage hat kein Ende. Darum plagen wir uns +im Schatten, auf dem Bauche liegend, und rufen wie die vormalige +faulgewordene römische Jugend: »Ach wäre das doch arbeiten!« + +Manche lachten und drohten ihm mit dem Finger. Und ein sehr klug +aussehender bürgerlicher Herr aus dem weitern Rathe mit der nur silbernen +Kette sprach: Draußen schon sagte mir unser alter kluger und schlauer +Metternich, Herr auf Metternich: »Da ist wol auch ein anderer Einwurf mit +in die Berathung aufzunehmen, warum die vorsorglichen frommen Herren den +Kinderkreuzzug erst recht nicht wünschen, ja fürchten: _denn reisen, weit +und lange reisen_, das macht _klug_ über Das, _was ist_, was sein kann, und +was nicht! Und nun gar unter _fremden_ Völkern sehen und sich überzeugen, +daß ein gewisser Gott sie segnet, daß sie Frau und Kinder haben, und +seelenruhig froh und glücklich leben voll Hab und Gut, Aecker und Vieh wie +andere Menschenkinder, und zuletzt alt und lebenssatt selig sterben auf +ihre Art, ohne je das Alles oder nur Etwas davon zu glauben, was der +Reisende für einzige Bedingung des Lebens gehalten hat . . . und bedenklich +wird, _sehr_ bedenklich, selbst über die Gräber, die so heilig im Scheine +der Sonne, von Rosen und Jasmin umblüht, in Frieden stehen, und zu denen +_sichtbarlich-fromme_ schöne Menschen, Frauen und Jungfrauen, Männer und +Kinder kommen, um diese ihm sonst entsetzlichen Todten, als menschliche +Teufel erschienene Todten, endlich zu beweinen. Da bricht wenigstens _die +Duldung_ aus dem rohesten Gemüth, _die Verwunderung_ aus dem unverdorbenen +. . . und _das Segnen_ aus dem für alles Schöne und Gute empfänglichen +Menschen. _Und nie kehrt ein Reisender unverwandelt wieder in seine +Heimat;_ und Pilger sind auch Reisende! -- und alle Heimgekehrten sollten +unter Clausur gestellt werden, verordnete ich, um meines hergeschlafenen +Lebens sicher zu sein, um keine Kirschen essen und keine morgenländischen +Märchen, _weitgläubig_ geworden, anhören und mich freuen zu müssen.« + +Sage mir Einer was er will, setzte der alte Herr draußen noch hinzu: Alles +ist Etwas für den Tag, und sehr viel für morgen und übermorgen. Die reife +Aehre ist voll Körner. Und immer gibt es vorschauende Männer, _die sich +wenigstens nach den Wegen in dem Walde der Zukunft umsehen_, und überhaupt +doch ahnen, was die Menschen mit ihrem leeren und schweren Herzen gern +hätten und wie sie gern lebten. Ich werde daher gleich in der +Montagssitzung beantragen: den Bau der 300 Schiffe zu beschließen, die wir +Stadt Köln, freie Reichs- und freie Hansestadt, zum Handel und zur +Kreuzfahrerverschiffung um Gibraltar herum ins Werk setzen, womit wir zwei +Fliegen zugleich schlagen: die geistlichen Herren in ihrem Werk +unterstützen, und die mächtigen Wollenweber beruhigen, die nur _mehr +Gewalt_ in der Stadt und darum _in den Rath_ wollen, um dann nur desto +erfolgreicher dem Erzbischofthume zu widerstehen -- blos weil es ihnen eine +nicht besonders günstige und grüne, sondern wiederum aus _seiner_ Pflicht +oft stachelige starre _Macht_ ist. Und ich sehe den Tag im Geiste voraus, +wo die himmlischen Mächte, nach einer Kreuzschlacht aus der Stadt +geschlagen, auswandern, oder wo die Wollenweber nach einer _Weberschlacht_ +mit zerbrochenen Weberbäumen und ihren ellenlangen, zerbrochenen, +stählernen furchtbaren Tuchscheeren auf ihren Schifflein hinausschiffen +müssen -- aber ich sehe auch den Tag, wo sie dennoch wieder zurückkehren, +die Stadt belagern und wenigstens sich die Aufnahme in den äußern Rath +durch Unentbehrlichkeit und Reichthum ertrotzen. Dabei möchten denn viele +Häupter des hohen Raths fallen![A] Wir leben also Alle in gar keiner +spaßhaften Zeit. + +Jetzt meldeten hereingekommene »Funken«, daß es nun möglich sei, auf +gewisse Weise den Freund _aller_ Kölner, den theuern Narren Jost, nach +Hause zu bringen, um verbunden und geheilt zu werden, oder doch ruhig in +seiner Kindesheimat, dem Bette, bei Frau und Kindern zu seiner traurigen +Freude entsetzlich beweint zu sterben. Die gewisse Weise bestand aber +darin: die Funken hatten auf der Straße einen vorübergetragenen Sarg +aufgefangen und brachten ihn herein. Männer Einer Brüderschaft in gleichen +Kappen und Masken ergriffen das Mittel, fütterten den Sarg mit Teppichen +aus, baten den Narren, sich gefälligst in den Sarg zu bemühen, hoben ihn +sanft, legten ihn sanft hinein, deckten ihn zu, erhoben ihn nur halb bis +durch die Pforte hinaus, erhoben dann den nach Gebrauch offenen Sarg ohne +Bahre auf die Schultern; einer der Ihren trug den Deckel nach; mehre Andere +bildeten sogleich einen Zug, dem zwei Fackeln vorleuchteten. Ein Sarg hat +selbst für einen _Betrunkenen_ eine gar wunderliche Einwirkung, schneller +wie ausgepreßter Kohlsaft. Sie begannen eine Lamentation zu singen; die +Masken auf der Straße machten Raum für den Zug, und begleiteten in +plötzlich fromm gewordener Weise den angeblich Todten, dem ein leiser +duftiger warmer Frühlingsregen in sein offenes Gesicht sprühte, und der +endlich selber in rührendem tiefen Baß seine Stimme erhob, das »Tuba mirum +spargens sonum« begann und das »Requiem aeternam« wundervoll sang. + +[Fußnote A: Wirklich geschah _die Weberschlacht_ und die Belagerung nicht +lange nachher.] + +Aber gute Seelen liefen voraus, um seiner Frau zu sagen, sie solle nicht +erschrecken! Der jüdische Doctor, als überall hülfreich, wo er durch +Beistand und guten Rath oder auch nur durch eine Warnung nützen konnte, und +immer ein kleines Besteck bei sich führte, hatte dem armen Narren das +Geleit hinauf gegeben, und sein Jugendfreund Raimund auch. Sie hatten eine +liebenswürdige gute Frau und liebe Kinder gefunden, zwei Knaben und ein +Mädchen, die von des Vaters heiterm, klugem und witzigem Gesichte belebt, +jetzt um desto mehr weinten und klagten, da es sein Leben galt. Beiden +Männern war der Narr ein unersetzlicher Schatz durch seinen Einfluß bei dem +als gut und lobens- und liebenswürdig bekannten alten Erzbischof. Dem Arzte +war der Narr theuer aus Glaubensverwandtschaft mit dem zum Feuertode +verdammten Juden; -- dem Kaufherrn und jetzt zum Patrizier und Vorsteher +der Familie gewordenen Raimund aber durch Blutsverwandtschaft mit der +verunglückten schönen _Frederune_. Die Träger und die Geleiter des klugen +Leichenzugs zogen mit dem Sarge, von der Frau bedankt und beschenkt, wieder +ab. Die Freunde aber blieben und schieden erst, als der Arzt Umschläge über +die Nase gemacht, eine Ableitung auf die Brust gelegt, ihm Ader geschlagen +und zuletzt ihm noch die beiden unversehrten Zähne auf frischer That wieder +eingesetzt, und den Kindern, die bei dem Vater wachen wollten, gesagt: +Kinder, sagt nur dem Vater immer: »Vater, beiße die Zähne zusammen!« Und +der arme Narr hatte den Freunden gesagt: Wer einem die Nase curirt, der hat +ihm mehr als den Thurm wieder aufgebaut, der gen Damascus schauet; und mit +den Zähnen hat er einen Stein, ja zwei Diamanten bei ihm im Brete -- das +heißt diesmal: im Munde. Uebrigens freue ich mich zuerst auf die blaue -- +dann auf die grüne -- dann auf die gelbe Nase durch alle Dur- und +Molltonarten der Maler, als Musikanten für die Augen. -- Es wäre meiner +Frau nicht lieb, wenn ich noch mit heutiger blutiger rother Nase im Sarge +paradiren müßte; denn ich habe heute die Reden noch nicht vergessen und die +Schläge von meinen weinenden Tanten nicht, daß ich meine alte Großmutter +unversehens in ihren allerletzten Tagen etwas furchtbar mit einem +spanischen Rohre über ihre große edle Nase geschlagen, die sie blau mit gen +Himmel genommen. -- Also morgen früh auf Wiedersehen, und hoffentlich +meinerseits nicht auf ein einseitiges, ein bloßes _Gesehenwerden_. + +Sie verbanden ihm noch den Mund, zu ruhigem Anwachsen der Zähne in ihren +Kapseln, und begaben sich wieder nach dem Hansesaal im Rathhause, wo es +räumlicher und stiller geworden und worin sehr Viele vor Hitze ihre +Carnevalmasken abgenommen hatten. Die beiden zurückgekehrten Männer +brachten Hoffnung und Trost über den theuern Jost wieder; aber wunderlich +genug: auch das schlug Mehren ihre Freude an einem Narrenbegräbnißzuge +nieder, den sie sich unterdeß ausgesonnen, ja schon zum Theil hingemalt, +und die Rollen den Personen zu- und ausgetheilt hatten. Das ward nun Alles +muthwillig sogleich untereinander gewirrt und verschoben, und mit neuer +Begeisterung sogleich ein Maskenzug zum Scheiterhaufen, zu _der Hurd_, im +Ganzen und in den Theilen festgestellt, damit das Ganze sehenswürdig sei +und ihnen Ehre mache, ja die tausend Zuschauer erheitere! Denn, sprachen +sie, unter der Maske ist nichts mehr wahr und ernsthaft, wie kein +Schauspieler mehr in keiner Rolle, nur ein sogar sich selbst bewußtes +Gespenst, und alles zum Spiel Erhobene ist Spiel -- ist Welt! + +Raimund fand von seinen alten Bekannten noch mehre, und diese hinwieder +machten ihn mit den andern bekannt, so viele der heimlichen Katharer, oder +von den Reinen da waren, die Niemandem gestatteten, Jemanden ums Leben zu +bringen, also auch dem Scharfrichter und Henker nicht. Alle Unterdrückte +haben von jeher eigene Zeichen, daran man sie erkennt; Unterdrückte zeigen +zur Erde hängende Köpft, zornige Gesichter, _zu Zeiten_ geballte Fäuste und +langes Wartenlassen auf Fragen. Andere haben Zeichen, um den Gleichen sich +erkennen _zu lassen_ und zu erkennen zu geben. Raimund's Glaubens- und +Lebensbrüder gaben sich zu erkennen und erkannten sich verdachtlos an einem +besondern Anblicken und an einem schnellen, Andern kaum bemerkbar, also +unverdächtigen Bewegen der Lippen. Und so war er bald von einer +entschlossenen Schar gleichgesinnter Männer umgeben, und fühlte sich froh +in ihrem Kreise wie in einer Mauer von Lebendigen. Der jüdische Doctor aber +war wiederum _seinen_ Leuten wie auf das Leben empfohlen, und sie +unterstützten die beiden Angekommenen redlich dabei, als die Klage darauf +gekommen, daß der Stadt und Umgebung und dem ganzen Lande weit und breit so +viele Kinder, Knaben und Mädchen der Vornehmen und Geringen, der Reichen +und Armen, auf dem für _sie_ unsinnigen Kreuzzuge umkommen, verdorben +werden und den Aeltern kaum zurückhaltbar verloren gehen sollten! Selbst +die Juden, die doch frei von dieser Kindersteuer sich fühlten, und deren +Kinder gesteinigt worden wären, wenn sie sich unterstanden hätten, sich +auch nur im Scherz ein Kreuz auf die Schulter zu heften, _sie_ auch lobten +die so menschenfreundlichen, väterlich gesinnten redlichen Geistlichen, die +sich so unschuldig die Rache nur herrschsüchtiger Menschen zugezogen. Die +andern Gläubigen aber gelobten Geld über Geld einem Doctor, der die +wahnsinnig gewordenen Kinder von ihrer Thränensucht und ihrer +Seelenkrankheit heilen könnte, aber noch schleunig in Zeiten! Raimund +deutete auf den Arzt und erbot sich gleich von morgen früh an auf sein +Schloß hinaus Alle für die Cur hinauszunehmen, so viele Mütter oder Väter +oder Schwestern und Brüder ihm solche geisteskranke Kinder bringen würden. + +Die hochwichtige Angelegenheit wurde dann unter ihnen vertrauensvoll und +geheim näher besprochen und Alle schieden von Hoffnung beseelt. Die beiden +Freunde kehrten nach ihrem Hause in der Stadt zurück, woraus Raimund's +todter Bruder, Aldewin, Irmentrud, seine Witwe, ihre Tochter Irmengard und +Frohmuthe hinaus auf die für den Sommer wohleingerichtete Lindenburg schon +fort waren. Und sie folgten ihnen um Mitternacht, nach diesem überraschend +schweren Tage voll kaum glaublichen, aber wahrhaften Leides. + + + + +Fünftes Capitel. + + +Dem alten treuen Hausmeister Hagebald war aufgetragen gewesen, auch die +drei Faß spanische Rosinen mit hinausbringen zu lassen, und Raimund ging +jetzt die Nacht noch mit ihm, eins aufzuschlagen, und aus dem darin +geborgenen kleinen Fäßchen sich reichlich mit Gold zu versehen, wobei er +den alten, fast wie zum Freund seines Bruders gewordenen Diener zugleich +mit nicht erst zählender Hand beschenkte. Der spanische Doctor hatte +indessen droben seine Medicin bereitet für die morgen erwarteten +Kreuzzugskinder, und dabei sich der Hülfe der schlauen Frohmuthe bedient, +der er erst kein Schweigen auferlegte, weil er wußte, daß so etwas gerade +erst recht bei Weibern und Mädchen vergeblich ist, der Sache eine +Wichtigkeit beilegt und gerade das Gegentheil wirkt; weswegen der Weiber +größte Angst ist um Das, was sie gesagt oder wiedergesagt haben oder haben +sollen. + +Mit _einem_ Verlaß auf Etwas schläft jeder ein, auf seine Kunst oder +Wissenschaft, oder doch auf sein Grabscheit, ja auf Anderer Bedarf und +Noth, und selbst dem zu Grabe Getragenen legen seine Begleiter noch einen +Verlaß unter. Die beiden hülfreichen Freunde verließen sich aber auf kranke +Kinder und einen berühmten Narren, einen Großnarren, weil er einem Großen +diente, und schliefen Jeder in seinem prächtigen Zimmer, bis die +Morgenröthe hineinflammte. Mit Sonnenaufgange standen sie fertig +angekleidet; der Doctor spanisch, Raimund französisch-provenzalisch. + +So gingen die beiden Herren die breite Treppe leise hinab, sahen rechts die +Thüre des großen Saales offen stehen, den Todten im Sarge, und an dem Sarge +mit gefaltenen Händen seine noch junge Witwe in weißem Kleide. Der Todte +war aber unaufgedeckt, sodaß sie noch vor Furcht oder Schmerz, oder +irgendeinem andern schweren Gefühl, die weiße breite Decke über seiner +Gestalt und seinem Antlitz unaufgehoben gelassen. + +Sie traten leise zu ihr; Raimund winkte ihr mit den Augen guten Morgen, +schlug die Decke zurück und sah sich den todten Bruder an, den die +aufgehende Sonne mit ihren über die grünende Erde daherschwimmenden, wie in +Blumen und Blüten watenden Strahlen beleuchtete. + +Armer _Bruder!_ stöhnte er; armer _Vater_, den die große Tochter so +betrogen hat! So unausstehlich, daß du es nicht ausgestanden doch +überstanden hast. + +Doch hat sie Gott nicht betrogen, und Gott sie nicht, nur eine Welt +fabelhafter Menschen! sprach der Doctor tief erschüttert, aber erhoben. Und +wie halb fluchend, halb betend, sprach er mit Sonnenglanz verklärtem +Antlitz: »Richte die Menschheit, die Erde zum Himmelreich an, herrsche auf +jedem Dorfe ein gütiger weiser König, besitze sie alle Weisheit und Kunst, +aber bleibe sie in einer Abscheulichkeit in der höchsten Sklaverei stecken: +«_Sei ihr die Liebe nicht frei, und die Ehe zwischen Liebenden nicht +frei_», dann hat sie noch mit aller Gewalt und allen Sinnen an dieser +einzigen, so leichten und so natürlichen, allen andern Wesen unter dem +Himmel und auf der Erde gegebenen Freiheit _zu bauen_, die die Lerche in +der Luft und den Goldkäfer in der Erde ihr zum Vorbild und zum Ziele schon +hat, und durch sich wie selig macht -- _denn die Ehe sich Liebender ist die +Seligkeit_. Und der heimliche Haß _zweier_ sich nicht von Herzen Liebender +ist das tiefste Elend, wenn die Liebe des Einen noch ihr Leben ertragbar +macht. Aber das Leben und die Welt soll nicht _ertragen_ werden, sondern +_gefeiert_ als schönstes blumiges Lauberhüttenfest!« Und der Vater verlor +die große Tochter durch den Unsinn und die Herzlosigkeit der Welt, indeß +die Tochter liebesweise war, und schrecklich dafür bestraft, wie das +gottgläubigste, frommste Kind _voraus_ in der gewiß erscheinenden, Allen +das Beste gönnenden Zukunft auf Erden lebte und liebte, ohne Ahnung einer +Unseligkeit; denn reine Liebe ist der höchste Glaube, ohne gleiches +Nebengut noch Nebenglück. + +O wie schön -- und o wie fabelhaft traurig für den Vater! sprach Raimund +dazu. Und nun soll er, oder doch die arme unglückliche Mutter hier, noch +ihre jüngste Tochter verlieren! Wollen wir sie doch ihr malen lassen! -- +und den Vater! + +Indessen stand Irmengard neben ihr und die Mutter bedeckte wie vor Scham +ihr Gesicht mir beiden Händen und weinte dahinter. + +In meinem Zimmer droben, sprach Raimund zu seiner Schwägerin, hängst du +gemalt von einem vortrefflichen Maler, der noch leben muß; denn deine +Frederune steht noch klein zwischen deinen Knien, und du flechtest ihr das +Haar; und ein Maler vermag schwerlich jemand Aeltern in seine Jugend oder +gar seine Kindheit zurückversetzt, als die heitere Unschuld, so treu und +schön zu malen; das Bild scheint also etwa dreizehn Jahre alt. Wie hieß +denn der Maler? + +Und -- sich bückend und dann wie davon röther geworden, antwortete sie +halblaut: Er heißt _van Graveland_. Er war eines hiesigen reichen +Wollenwebers Sohn, und webte selbst schon reizende Teppiche; ging aber nach +den Niederlanden, ich weiß nicht warum, und ward Maler; lebt aber jetzt +wieder hier, oder auch nur auf Besuch, und hat sogar vorige Woche höflich +sich ausgebeten, sein Bild, als nämlich mich mit dem Mädchen, wiedersehen +zu dürfen, um es zu prüfen und daraus zu lernen. + +Ach, dem laß ich mich gern malen! rief die Tochter. Dem mußte man gut sein, +und wie getreu und lieb er einem in die Augen sah! + +Die Männer, und der Arzt nicht ohne besondere, aber verschwiegene Gedanken, +versprachen den Maler aufzutreiben und herzubringen. + +Sie gingen darauf, mit kurzen klaren Worten ihre Absichten besprechend, in +die Stadt zu dem redlichen Narren im erzbischöflichen Palast. Er saß im +Bett auf, die Kinder um ihn, deren jedem Raimund eine Düte schenkte, mit +der sie zur Mutter liefen, die bald darauf selbst kam und ihrem Manne etwas +in die Ohren flüsterte; er schüttelte gegen Raimund den Kopf, der ihm die +Hand drückte und sagte: Es ist nichts schändlicher und despotischer, als +ganz allein aus Hoheitsrecht andern dankbaren Menschen zu wehren, Jemandem +oder mehren um ihn Verdienstlosen _zu danken_ oder einen ihnen Feindlichen +_zu tadeln_. Ich zerreiße dieses Garn, und bitte dich, Bruder Jost, auch +noch diese Düte mit 2000 Goldstücken deinem guten Herrn in meinem Namen zu +verehren, damit er der Stadt gewogen bleibe für gestern, und die schönen +Fenster und die zerhämmerten Glocken auf den Thürmen wieder herstellen zu +lassen -- weil mich der Herr in der Fremde gesegnet und wenigstens mich +gesund und lebendig hat heimkehren lassen. + +Jost dachte darauf bei sich im Stillen nach, während ihn der Arzt neu +verband und ihm ohne Nachwehen wieder seine Gesundheit mit kurzen Worten +versprach. + +Und wenn ich morgen stürbe, so würde heut' doch meine letzte Bitte _für +Eure Sache_ bei meinem Herrn und Gnaden erst recht an schlagen, sprach +Jost. Die _letzten_ Bitten sind die einschlagendsten in ein gutes Herz, wie +das meines Heiterkeit liebenden, Allen -- beinahe schon ganz vernünftig -- +wohlwollenden Herrn, _dem_ zu Liebe ich sogar meine Narrenkappe und +Pritsche dem Erzbischof _Siegfried_ zu Mainz überlassen, und dem zu Leide +ich nicht in die Dienste des Bischofs Friedrich zu Halberstadt und nicht zu +den Bischöfen von Lüttich, Bamberg, Strasburg und was weiß ich wohin +gegangen. Ja, ja, seht mich berühmten Mann nur an! Aber »Heiterkeit +bedürfen auch die Heiligen, und Wahrheit auch die Kaiser, und Freude die +Engel«; sagt mein guter Herr -- und nur gestern ist sie mir schlecht +bekommen, fast zu schlecht! In ihrer Begeisterung stört nur eben ein +_alberner_ Narr die Bienen, kein kluger; _nach_ der Begeisterung aber +lassen sich die wildesten Pferde als wahre Esel in den Stall führen, und +nachträglich durch eine Tracht Schläge und Hunger ganz zitternd vor +Liebenswürdigkeit machen. + +Darauf ging er gleich aufrichtig zur Sache über, und meinte . . . daß sich +der schöne redliche junge Mann die vor Liebe unbedachtsame übereilte +Jungfrau hat in der Fremde antrauen lassen gewollt, und deswegen mit allem +seinem großen Vermögen mit ihr freilich heimlich wegziehen -- das nutzt +_jetzt_ nichts mehr. Wenn der Herr Christ, der sich mit einer Türkin +vergangen, das ihn sogleich rettende, aber uns abscheuliche Wort ausruft: +»Es ist nur Ein Gott«, das ist hier nur fruchtlos. Daß er sich will taufen +lassen, das rettet _das Kind_ nicht; denn es ist noch aus früherm +_teuflischen_ Geist, und so die Mutter noch seine verteufelte Mutter. Die +Hurd, nach der alle brennen, um hinter allen den frommen Städten am Rhein +zu Berg und Thal nicht an Frömmigkeit zurückzubleiben, wäre nur +aufzuschieben durch Eingreifen und Einschreien und Einschreiten +barmherziger, außer sich gerathener »_Weiber_ voll guter Hoffnung«. Und +dann ist, was ich meine, das Beste, die Schuldigen zur Gnade oder +Bestrafung _nach Rom_ zu überweisen, was zu thun meinem gnädigen Herrn das +redliche Menschenherz erleichtert. Viel Geld in die leeren Kassen zu Rom +würde zuerst doch in den Kerker, und _noch mehr Geld_ auch endlich aus dem +Kerker bringen. Auf dem langen Transport zu Eseln nach Rom aber könnten +sich die Schuldigen ja -- vielleicht verirren! . . . von Räubern geraubt +und in ein ander Land transportirt werden, und selig bis an ihr seliges +Ende leben. Wirkt Ihr also auf der _solchen_ doppelmitleidigen _Weiber_ +Herz -- ich will eines braven _Mannes_ Herz erweichen. + +Raimund ging in Bekümmerniß auf den Altan hinaus und sahe die Schiffe +fahren und umher die Bäume blühen, als gäbe es keine unglücklichen, keine +bethörten Menschen, und das Wasser des Stroms floß so silberklar und die +Tauben girrten auf dem Dache des Palastes, und fielen vor Liebe fast +herunter; sie errafften aber in der Luft ihre Flügel und schwärmten um den +Thurm und flogen zu Nest. + +Indeß vertraute der Doctor dem Narren seine Weise, die Kinder zu heilen, +die der Narr ganz auf die Natur gegründet fand, und sich freute, sodaß er +wieder lachte. Er erkundigte sich dann, als des Auszurichtenden oder +Auszuführenden sich immer und überall bewußt, nach dem Maler, der in ihr +Haus kommen und die jüngste Tochter malen solle. Da schüttelte der Jost den +Kopf und sprach ihm leise zum Ohr: Aber auf Männerverschwiegenheit; der +schöne junge Mann war der Nachbarssohn der jetzigen jungen Witwe, die ihre +Aeltern aber dem vornehmen Patricier aus Streben nach Rang und Ansehen zum +Weibe gaben, worüber der verschmähte junge Mann in die Ferne ging -- aber +vor mehren Jahren, schön, reich und berühmt, und der ersten Liebe +unvergessen, wie die Weiber sie noch viel weniger vergessen -- +wiedergekommen ist, und seine erste _Geliebte_ und ihn zuerst _Liebende_ +wundervoll gemalt hat, wobei sie ihm so in die Augen gesehen, daß sie sich +so an ihm versehen -- doch Ihr werdet ihn ja sehen und sinnen, wo Ihr ihn +doch schon wo gesehen habt -- als irgend wen und was, ja den schönen Mann +mit vollem schwarzen Bart sogar als _Mädchen ohne Bart_ erkennen. + +Der Doctor schwieg verstummt, doch klug gemacht als ein erfahrener, tausend +Häuser kundiger Mann; und Jost sagte nur noch: Mich sollte es nur wundern, +wenn in Euerm Hause da keine Hochzeit würde, sobald nur die äußere Trauer +aus ist. Denn wer auch nichts Früheres zu _verehelichen_ hat, der sinnt +doch auf _Wiederverehelichen_. Denn die Welt ist eine verliebte Katze, +sagte mein Vater immer. Und hier erscheint den Wissenden sogar +nachträgliche _Redlichkeit_, und dem guten Raimund schadet es nicht und +beunruhigt ihn nicht, wenn er nur darüber unwissend bleibt, daß die jüngste +Tochter der Frau Rath aus innerer Liebe und stiller Treue das Kind des ihr +früher verweigerten Malers ist und nicht seines todten Bruders. + + + + +Sechstes Capitel. Die französischen Kreuzzugskinder. + + +Darauf hörten sie es auf weichen Pantoffeln geschlurft kommen. »Seiner und +meiner Gnaden!« sprach Jost. + +Und es war der alte liebe Erzbischof im Morgentalar, der schon kam, seinen +treuen Jost zu fragen, wie es ihm ergangen und gehe. + +Besser; antwortete ihm Jost. Da steht mein Doctor! und zeigte auf den +Spanier; aber Schmerzen sind über Narrheit, und Gesundheit geht über die +Weisheit, oder ist sie selber, aber gewiß ihre Tochter, weiß ich nun. + +Sr. Gnaden bekam einen gewissen Respect vor dem Titel Doctor; denn sein +_rechtes_ Auge besonders war ein Candidat des schwarzen Staars. Und der +freundliche Greis lud ihn mit einer Handbewegung ein, sich niederzulassen, +und gab dasselbe Zeichen der Huld dem Raimund, den sein Jost ihm soeben +seinen treuen Jugendfreund genannt; und so war ihm der fremde ernste Mann +sogleich empfohlen; denn was ihm geschehen und warum, und was er fühlte und +wie er dachte, das war ihm wie keinem andern Menschen glücklicherweise +nicht anzusehen. Er setzte sich selbst einen Stuhl zu Füßen des Bettes, und +der schwache alte gute Mann wäre mit dem schweren Stuhle beinahe selbst +umgefallen, und die beiden Freunde, die übereilt ihm dabei helfen wollten; +und er lachte, und Alle mußten und durften doch lächeln. + +Während er nun mit seinem Jost sprach, und mit der Linken dessen linke Hand +hielt, betrachteten ihn die Männer; das silberweiße Haar, das unter dem +veilchenblauseidenem Käppchen hervor die schöne glänzende Stirn umquoll +. . . die gleichsam gottgetreuen Augen . . . die in den heraufgezogenen +Muskeln der Backen gleichsam festgewordene lächelnde Menschengüte . . . und +die sanfte wohlwollende Stimme, die gewiß nie fluchen, nur segnen konnte +. . . und die schneeweißen Hände, die mit dem Rosenkranz scheinbar nur +spielend, ihm selbst aber ein inniges Zeichen waren, daß Alles, was er thue +und spreche, nur ein heimliches Gebet sei. Und doch liebte er die +Heiterkeit, ja die Freude; denn er liebte sichtbar seinen Narren, den Jost, +als Widerpart der Sorgen und Nöthe, der die Wahrheit angenehmlich hörbar +mit der Pritsche predigte und dazu mit Schellen an Mütze und Kappe läutete. + +Der seiner _goldenen_ Bitte schon immer durch Rührung bahnbrechende Jost +unterließ nicht, seinen Freund Raimund dem guten Greise zu bedauern, der, +nach langen Jahren aus Frankreich zurückgekehrt, nur um eines Hahnschreis +Länge zu spät seinen Bruder nicht wiedergefunden, der vor Erbeben über das +Schicksal seiner Tochter gestorben. + +Hm! Schicksal! sprach Sr. Gnaden dazu. Aber wenn Ihr aus Frankreich kommt, +mögt Ihr uns endlich gründlich von den Kindern berichten, die von da in das +Gelobte Land ziehen, um es zu erobern. Hm! Es sollen ihrer Dreißigtausend +das Kreuz genommen haben.[A] -- Hm! Und hier am Rhein zu Berg und Rhein zu +Thal und aus den Städten und Dörfern des reichen schönen Flußgebiets in +Deutschland sollen ihrer Zwanzigtausend sein. Hm! Und hier allein aus +unserm gottesfürchtigen Köln mit Deutz und Weichbild an Siebentausend.[B] +Hm! + +[Fußnote A: Matthias Paris.] + +[Fußnote B: Chronicon Sicardi.] + +Aber sie lassen sich nicht zählen, bemerkte Jost, sowie kein Fleischer die +Ochsen und kein Schäfer die Schafe zählt, aus Furcht der Strafe, die über +den König David »in drei Sorten« zur Wahl verhangen worden; so läßt auch +hier unser Herzog der jungen Kreuzfahrer, oder der Kreuzfahrjungen, der +stolze verwegene Hirtenknabe _Nikolas_, seine Schafe nicht zählen. +Vielleicht weil er nicht so selbstsüchtig ist, wie der vormalige +Hirtenknabe David, der kopf- und lebensscheu die _ihn nicht selbst_ +treffende Strafe gewählt, sodaß der Engel ihm 70,000 Juden in einer Nacht +erschlagen, welchem lieben Engel der Arm vor Müdigkeit fast abgefallen, +indeß der David fein sauber in seinem Bette geschlafen, wie ein um sein +Volk unbekümmerter, unbarmherziger König. _Zweifelhaften_ Menschen ist +nicht wohlgethan: _die Wahl zu lassen_ oder Alleinmacht dem selbstsüchtigen +kleinen David. + +Und der fromme Kirchenfürst wiederholte sein Sprich_wort_ oder seine +Sprich_silbe_: Hm! und drohte dem Jost mit dem Finger; frug darauf aber +Herrn Raimund auf seine Ehre und sein Gewissen, ob die ganze Geschichte +denn wahr sei? und ob er ein Heer Kreuzkinder, ja nur ein Kreuzkind mit +Augen gesehen? Denn die Sache sei Allen so schnell über den Kopf und +Glauben gekommen, der Winter habe solange gedauert, der übernatürlich +gefallene Schnee habe alle Wege und allen Verkehr verhindert, daß er selbst +sogar nur einen oder den andern Sendboten von dorther erhalten. + +Und der Arzt berichtete ihm nun bedächtig: Ich mußte in Lyon drei Tage +liegen bleiben, und als ich den ersten Zug dieser großen Wanderheuschrecken +der zischenden, weinenden, singenden Lemminge sah, da wußte ich nicht mehr, +wo ich hingerathen? was die grüne Erde für ein unsinniger Kopf geworden, +den ein Riese so in der blauen Luft schweigend fortrolle! Die Sonne schien +mir ein am Himmel ausgeschnittenes Loch, um in ein gewisses geräumiges Haus +zu sehen, worin die absonderlichsten Spectakelstücke und uralte Attalanen +aufgeführt würden. Aber das Einzelne, schaubare und hörbare Nahe, ja +Ergreifliche erklärt das Wunderbare und macht es gemein und alltäglich. +Eine Rose und ein Bienenstock erklären sich selbst am besten. Kurz also: es +kam auf einem mit Teppichen behangenen niedrigen Wagen der Herzog der +Kinder, sitzend oder thronend; _der Hirtenknabe St.-Etienne_, zu deutsch +_Stephan_, von einer Ehrenwache bewaffneter Knaben umgeben; und andere +Knaben zogen den Thron zum Thore hinein, durch die Straßen auf den Markt, +und Tausende von Kindern, Knaben und Mädchen, folgten in geordnetem Zuge +weinend und singend, und wieder weinend: »_Gott, gib uns das wahre Kreuz +zurück, und außerdem all all erdenkbares Glück_«; und das Volk sang, ja +schrie das barbarisch _aus tausend Lebensnoth mit_. Das war wol +herzbrechend, himmelstürmend! + +Hm! sprach Sr. Gnaden dazu; aber wer war denn der neue Heilige, der Knabe, +wenn wir durch des Heiligen Vaters Barmherzigkeit auch schon Cardinäle von +neun, ja von sieben Jahren gehabt haben? + +Von dem wurde nun Abends in den Weinhäusern erzählt: Der Marschall der +Kinder ist ein Hirtenknabe aus Vendôme.[A] Da es den Kreuzfahrern in dem, +nur den Juden und nicht den Christen von Gott gelobten Lande sehr schlecht +ging, und die Christen zu Hause sie als verloren aufgaben, so hielten die +alten Weiber und Priester Umzüge zur Auffoderung, das Heilige Grab zu +befreien, als wenn das Grab elend und krank und im Sterben läge. Sie haben +Bittfahrten gehalten, um die Hülfe Gottes zu erflehen. Denn, sagten Einige +in den Weinhäusern, wofür man betet oder beten soll anbefohlenermaßen, das +wird dem Volke wichtig gemacht, das soll ihm lieb und theuer sein, und +andere Seiten- oder Gegenwünsche ihm gotteslästerlich gemacht. Deswegen +sind falsche Fürbitten so gefährlich; setzten Andere hinzu. + +[Fußnote A: Genauer aus dem Dorfe »Cloies« an der Loire. _Matthias Paris_ +nennt ihn einen Knaben, aufgeregt durch Teufelsvorsorge, des Feindes des +Menschengeschlechts, an Alter einen wirklichen Knaben, aber _an Sitten_ +pervilis.] + +Bei den Worten überfiel Sr. Gnaden ein starker Husten, wogegen ihm der Arzt +ein Mittel aus seiner kleinen Büchse nahm: Stückchen krystallisirten weißen +Zucker, den auch die Sarazenen, die Mauren in Sicilien erfunden hatten, so +gut wie sie das Menschenauge kennend gesagt: die Engel und die Kreuze am +Himmel wären nichts als Gestaltungen des Auges der Menschen, das seiner +Beschaffenheit nach eine ganze Wand von niederträufelndem Regen nur als +einen Bogen, und erst als einen farbigen bunten Regenbogen sähe, und sich +begegnende Wolken als Kreuze und allerhand Wolkenbildungen als Heilige. + +Sr. Gnaden sagten nichts dazu, sondern zerkrachte den Zucker mit seinen +vortrefflichen Zähnen, lobte ihn, den heidnischen Zuckererfindern zum +Trotz, und bat um weitere Auskunft, Und der Arzt gab sie ihm in Folgendem, +wozu sein Freund Raimund, _zufolge seiner Bauchrednerkunst_, gern +Anmerkungen eingeschaltet hätte; aber es waren keine weitern Personen, +nicht einmal ein Bild da, dem die Hörer sie hätten aufbürden können. + +Jost's beide Knaben fingen an zu weinen, schmiegten sich zu beiden Seiten +an den gnädigen Herrn ihres Vaters, der sie mit seinen Armen umschloß, und +sie bedeutete, still zu sein und zu hören. Ihr Vater hatte Lust, sie an den +Haaren etwas zu zausen, aber er konnte nicht hinlangen und rollte sie nur +mit zornigen Augen an. Der Arzt erzählte jetzt weiter: Dem Knaben _Stephan_ +ist nun alle Noth und Schande des ganzen Abendlandes, das mit aller +furchtbaren, ja wüthigen Macht _Nichts_ ausgerichtet, auf sein Herz +gefallen. Er hat _eine Erfahrung_ aus seinem Traume gepredigt, daß der sehr +schöne und sehr traurige Heiland in Gestalt eines armen Pilgers sich ihm +offenbart, und ihn als Kreuzprediger für die unschuldigen Kinder +bevollmächtigt; ja, er habe ihm einen eigenhändigen Brief an den König von +Frankreich ausgehändigt an den noch lebenden Philipp August, den er den +Kindern gezeigt und unzählige Knaben damit zur Annahme des Kreuzes +gebracht. Vor den frommen König nach St.-Denis gefodert, und von ihm zur +Prüfung befragt: was ihm die Nacht geträumt? habe er es dem Könige nur +etwas leise ins Ohr geraunt, daß der König erblaßt sei. Auf die nunmehrige +Bitte des Königs, ihm den Brief auszuhändigen, habe er getrost danach in +seiner Hirtentasche gesucht, sich beklopft am ganzen Leibe und zuletzt mit +dem ehrlichsten Gesichte voll Erstaunen und Zorn gerufen: Den hat mir der +Teufel gestohlen! Und als der König die umstehenden Priester befragt: ob +Jesus erscheinen könne, Diesem und Jenem, und wenn er wolle . . . und ihm +schreiben, wie einst dem König Abgarius? . . . da haben sie über die +entsetzliche Frage geschrien und auch dem Teufel die ja nur geringfügige +Macht zu stehlen mit Ueberzeugung zugesprochen. Darauf hat der Stephan zu +St.-Denis vor der Königin noch größere Wunder verrichtet; er hat durch +Mauern gesehen, in die Ferne gesehen und gesagt, was die Leute da thun? ja +sogar wie es Gestorbenen gerade jetzt in der Hölle geht? und Antworten der +Kinder auf seine Fragen an sie im Himmel gehört, sodaß Alle erstaunt und +verstummt sind vor seinen Engelsgaben. + +Sein Gang und sein Bezeigen vor dem König und die Erzählung seiner Wunder +umher im Lande, welche _Erzählung_ eine wahre Thatsache geworden, haben dem +frommen Hirtenknaben darauf ein solches Ansehen und seinen Ermahnungen und +Feldpredigten eine solche Wirksamkeit gegeben, daß in kurzem sich eine +zahllose Menge von ja sichtbaren und handgreiflichen Knaben um ihn +versammelt, und nun drängend und treibend wieder _auf ihn_ gewirkt. Andere +Knaben sind in andern Gegenden als Kreuzprediger aufgetreten, die ihren +Beruf auch durch Wunder beweisen mußten, und auch bewiesen, worauf sie das +von Stephan begonnene Werk mit großem Erfolge gefördert. Alle lieben +begeisterten Kinder, die das Kreuz genommen, betrachteten, wie ich mit +meinen Augen gesehen, den _Stephan von Vendôme_ als ihren Herrn und Meister +über Leben und Tod, und waren fest überzeugt, daß sie unter seiner +Anführung den furchtbarsten Sieg über die Sarazenen erfechten würden mit +bloßen Händen . . . durch ihre bloße Erscheinung, oder höchstens obendrein +durch den gesegneten Pilgerstab. Sie verehrten ihn als einen hörbaren, +sichtbaren, zu ihnen redenden Heiligen, und jeder pries sich glücklich, der +von seinem _lebendigen_ Leibe schon eine Reliquie erwischen, erschleichen, +ja erkämpfen konnte. In Lyon hatte er sich seine zu vollen, ihm aus +gewissen kleinen Uebeln unangenehmen, wenn auch sehr schönen blonden Locken +kurz abschneiden lassen, und ich habe den Kampf mit angesehen, den Knaben +und Mädchen aus seinem Zuge um ihren Besitz mit wahrer Begeisterung +führten. Unter meinen Reisemerkwürdigkeiten habe ich einen kleinen +verworrenen Wusch Haare davon, die ich von einem kleinen dummen hungerigen +Knaben für eine Wurst mir eingetauscht. Andere waren glücklich, die sich +nur einen Faden von seinem Rocke verschafft hatten, oder schlugen sich um +den Krug mit Wasser, daraus er getrunken und schlürften andächtig mit zum +Himmel gekehrten Augen die Neige aus. + +Hm! Hm! erklang dazu wieder die Sprichsilbe. + +Und es machte dem Doctor innerliche Freude fortzuerzählen: Den folgenden +Tag rückte der Major domus oder Generaloberst St.-Etienne's, _der +Hirtenknabe von Chartres_, in die Stadt. Von diesem erzählte man Abends +dann neue Dinge.[A] Als er von einer Uebungsprocession zurückgekommen, auf +welcher seine Schar um die Gnade Gottes für die Gläubigen gebetet, gesungen +und gekniet, also um Gottes Ungnade gegen die -- Ungläubigen gefleht, da +habe er gesehen, daß seine Heerde Schafe die Saatfelder indessen verwüstet, +von welchen er sie verjagen und mit seinem getreuen Hunde Tiras forthetzen +wollen; da habe sein _Tiras_ geheult und nicht gehorcht, sondern mit dem +Schwanze gewedelt; die Schafe selbst aber seien alle vor ihm auf die Knie +niedergefallen und haben zu ihm um Gnade geblökt. Auf dieses Wunder hin sei +er in den eigenthümlichen Geruch eines Heiligen gekommen, und aus allen +Gegenden sind Hunderte von Kindern ihm zugeströmt, wirkliche +_Menschenkinder_, die wirklich gegessen, getrunken, geschlafen und +französisch gesprochen haben; nicht nur hohle Gespenster und gezauberte und +bezauberte Puppen böser Geister. + +[Fußnote A: Chronik des Johannes Iperius.] + +Darauf haben sie mit großem Gepränge und mit vielerlei eigenthümlichen +willkürlichen Gebräuchen in den Städten, Burgen und Weilern von Frankreich +ungestört, ja bestaunt und beschenkt, feierliche und Bettelaufzüge unter +Thränen gehalten, indem sie Paniere, Rauchgefäße, Wachskerzen und Kreuze +unter Gesängen umhergetragen. Selbst junge Mädchen, Jünglinge, Weiber und +Greise schlossen sich an diese Processionen an; die Arbeiter auf den Gassen +der Städte und Dörfer oder auf den Aeckern und Wiesen verließen, wenn ein +solcher Zug vorüberkam, die Ochsen am Pfluge und folgten den Knaben. _Denn +sie weinten entsetzlich!_ Und überall wurden dem Kinderzuge vom Volke +Lebensmittel, Erfrischungen und andere Almosen gespendet, und _sie aßen +desgleichen entsetzlich_. + +Viele Bürger von Lyon stritten miteinander; diese meinten: weil die Kinder +alle wie mit Einem Munde auf die Frage: wohin sie denn eigentlich wollten? +»zu Gott!« antworteten, könne man doch wol der Hoffnung Raum geben, daß +also Gott durch die Jugend große Dinge auf der Erde vollbringen werde, wie +denn immer nur durch neue Kinder alles Neue auf die Welt komme, nach dem +Worte: »Kommt wieder Menschenkinder!« Auch wären sie ja so vernünftig, sich +nur für das Heilige Grab zu waffnen, darin Gott als sein Sohn geruht; denn +sie sähen ja selbst mit ihrem Kinderverstande ein, daß es für den Heiland +im Himmel weder nöthig noch möglich sei. -- Andere behaupteten: nur +ruchlose Betrüger hätten sie aufgeregt.[A] + +So in Zweifel, was er glauben und was er thun solle, denn das sei ganz +verschieden, habe der erste Sohn der christlichen Kirche, der König Philipp +August, der sich selbst solange als möglich von einem Kreuzzuge zurückhalte +-- erst _das Gutachten_ der gelehrten Meister der hohen Schule zu Paris +gefodert, in welchem der größte Theil der Geistlichkeit und manche Laien +die Begeisterung der Jugend als das Werk boshafter Zauberer verurtheilt, +worauf er -- und noch erst, nachdem die Kreuzkinder schon aus- und +fortmarschirt -- »geeignete Maßregeln« verfügt, um die Knaben von +Ausführung ihres Vorhabens abzuhalten.[B] -- _Wie klug, etwas zu spät +thun!_ + +»Der Herr sei gelobt!« rief jetzt Sr. Gnaden dazu, daß _wir dort_ einen +solchen Vormann an dem Könige haben, uns Klerisei hier zum Schutz vor +Rache, daß wir die Kinder von ihrem Zuge haben abpredigen wollen! + +Der fromme menschenfreundliche Erzbischof reichte ihm die Hand zum Danke +für seine ihm tröstliche Nachricht mit den Worten: Wer sähe nicht, daß Ihr +ein Jude seid; aber auch ein menschennützlicher Mann, ja Mensch; und _die +Juden sollen bis an das Ende der Welt bleiben -- was schadet da Einer +mehr!_ das wäre lächerlich! Also: meine Hand von Rache für Unglauben, oder +irgendeinen andern Glauben. Ein billiger Mensch erwartet ruhig den Sieg des +Guten, _ohne Schuld auf sich zu laden!_ Man kann Alles umgehen durch festen +getreuen Sinn. -- Und zu noch mehrer Sicherheit unserer guten Gesinnung +fällt mir ein: daß ja der Patriarch von Aquileja _sogar die erwachsenen_ +Kreuzfahrer zurückhält, und sogar das Interdict nicht fürchtet, laut +welchem den Städten und Dörfern jeder Geistliche, jede Messe, jede +Vergebung der Sünden, jede letzte Oelung und jede Einsegnung im Grabe +vorenthalten wird. Aber es ist bedenklich-gefährlich, die Menschen ohne +_Das_ leben zu lassen, indeß sie doch merken, daß Gott ihnen auch ohne +_Das_ gnädig zu bleiben scheint, indem und weil die Sonne ihnen frühe so +fort so herrlich aufgeht . . . und Weib und Kinder so fort sie so lieben +. . . und sie glücklich sind. Das ist gefährlich sie inne werden zu lassen. +-- Nur die Sachsen, das treue Volk, höre ich, sind fortgezogen nach dem +Gelobten Lande, aber in der Fremde dahinten wo sitzen geblieben; auch die +Kreuzfahrer sind in dem Konstantinopel so sitzen geblieben, wo diese unsere +Römischen die Griechischen nunmehr als _unsere Todfeinde_ nach und nach +auszurotten oder zu bekehren brennen, nachdem sie mit ihrer verhaßten +Hauptstadt das ganze griechische Reich und das starre Volk besiegt und klug +gemacht zu haben -- glauben; das heißt diesmal: wähnen. Und selbst der +Heilige Vater, der an allem Unschuldige, seufzt nur: »Indeß wir Alle +schlafen, rühren sich nur die Kinder!« und will sie ziehen lassen, weil -- +er muß. So lassen auch wir sie denn ziehen! Gott segnet den Verstand und +ist dem Unverstande noch gnädig. Es mag ein Schweres sein, die Kirche zu +regieren, und gar erst die gespaltene wieder zu vereinen; und dem lieben +Volke -- seine immer neuen tausendfachen und tausendfältigen Fehler immer +barmherzig vergebend, unermüdet lehrend, und aus seinen Irrthümern +schonend, wie Kindern rathend und helfend, mit ungeschwächtem Vertrauen und +neuem Muth auf den rechten Weg zum Himmel zu bringen! + +[Fußnote A: »Spiritu deceptionis arrepti«, sagt Roger Bacon, »currebant +post quendam malignum puerum.«] + +[Fußnote B: H. Chronik: Coenobii Mortui maris. I. c.] + +Der redliche Greis ließ jetzt ein langgedehntes Hm! vernehmen, und betete +dann still einen Psalm, wovon sie nur die Worte: »Ehe denn die Berge +. . .« und: »Tausend Jahre sind vor dir wie ein Tag . . .« -- vernahmen. + +Darüber schlief er in Gedanken gar ein, und die beiden tiefgerührten +Freunde schieden still von dem Narren, der dem jüdischen Arzt mit Hand und +Lippen stillen Dank zollte, und dem Raimund stille Versicherungen und +Versprechungen mit den Augen zuwinkte. + + + + +Siebentes Capitel. Der Kinderherzog Nikolas. + + +Herr Raimund ging mit Ramon, dem Arzt, mit Aussicht auf Rettung aus dem +Palast, die aber noch große Umsicht, Leid und kecke Thaten erfoderte. Ramon +verlangte durch das Judenquartier und durch das erbärmliche enge +Bechergäßchen zu gehen, wo »seine Leute« viele in verborgenem Reichthum, +aber als verachtete Sklaven zusammen und übereinander geschichtet, aber im +Herzen voll trotzig schweigenden Muthes lebten, wenn das den erlauchten und +weltberühmten Namen »leben« verdiente. Hier ward aber nur der Becher des +Elends getrunken, worein die Propheten Kraft, ja Süßigkeit getröpfelt. +Raimund führte ihn dann, um ihm seine heute sonntäglich stille schöne +Vaterstadt zu zeigen, und dabei seine Jugend wie von den Todten aufstehen +zu lassen, über die Plätze: den Johnsplatz, den Domplatz, und allmälig +schlendernd über den Heu-, Alt- und Waidmarkt. Darauf ging er in das +Quartier der Wollenweber, wo, wie er auf vieles Fragen endlich sicher +vernommen, der berühmte Maler _van Graveland_ in seines Vaters Hause bei +seiner verwitweten Mutter wohnte. + +Sie fanden ihn in seinem nobeln Morgenpelz, und als ihm Raimund seinen +Namen genannt, ihm gesagt, daß er komme ihn zu bitten: seinen _gestern +gestorbenen Bruder Aldewin_ todt im Sarge zu malen; da bemerkte der Arzt, +auf des klugen Narren Jost vertrautes Wort hin, doppelt aufmerksam und +gespannt auf den schönen Mann mit edlem Gesicht, worin eine stille Wehmuth +sich niedergelassen hatte -- _daß er erschrak_, überrascht stand und vor +sich hin sann, es dann _abschlug_, und höchstens vor vieler Arbeit das Bild +nach vier Wochen zu malen vermöchte; wozu Raimund bemerkte: Mit Todten, die +selbst ewig Zeit haben, ist es unmöglich, lange Zeit zu verlieren -- oder +ihnen mit der Staffelei in die Unterwelt nachzuwandern. + +Der Maler zuckte die Achseln. + +Da setzte Ramon hinzu: _seine Witwe_ läßt Euch besonders darum sehnsüchtig +bitten, auch zugleich _ihre jüngste Tochter Irmengard_ zu malen; zum +Andenken, da sie das schöne liebe Mädchen wahrscheinlich auf immer +verliert; denn sie pilgert wie so viele Knaben und Mädchen der Vornehmen +mit nach dem Heiligen Grabe. Es wäre am besten ein _wirkliches_ Kniestück, +wie seine Tochter vor dem Vater kniet und von ihm Abschied nimmt und er +sein armes Kind segnet. Wie gesagt, die Mutter bittet innigst, es könne sie +gewiß Niemand so lieb und herrlich machen. + +Und Raimund bemerkte: Wir wohnen ja ganz nahe da draußen auf unserer +Lindenburg. + +Der Maler starrte vor sich hin, indem er mit der Linken sich das Kinn an +dem Barte hielt, und den beiden Freunden fast lächerlich auch nur Hm! +sagte; worauf _Ramon_ nur bemerkte: Todte malen ist freilich eine schwere +Sache; aber auch doppelt einträglich, und mein Freund hier bezahlt Euch +jeden Preis, und die Mutter dazu. Dabei dachte er: es wird ihm schwer --; +es ist richtig! und als armen Teufel mit Hörnern kann er ihn doch nicht vor +Leuten malen. Aber der Mann, der Maler ist ja doch _ein Beraubter!_ Schäme +dich, Ramon! Und um was beraubt: um glückliche Liebe, Liebesglück und +Schönheit und rechtes Leben, und wodurch: durch den albernen Stolz und den +Hochmuth und die Ehrsucht der im Unterstock der Erde wohnenden Menschen, +besonders der Weiber. Und welcher Vater sieht nicht gern einmal, gleich +groß und lieb, sein Kind! und läßt sich von der in der Seele verworrenen, +sich in ihrer _eingeborenen_ Neigung gefangenen Tochter sehen! Das ist und +bleibt trotz aller Verirrung doch schön und hold und eine Belohnung für +Schmerzen der Schuld und des Betrugs. Und welche neue, unmöglich zu +erfüllen geschienene Hoffnung thut sich ihm unerwartet auf! Die Menschen +wollen und wenn auch spät erst -- und er steht gesund und frisch erst in +den dreißiger Jahren -- doch immer noch ihr sehnlich gehofftes Glück +erlangen und doch von nun an auf dem rechten Lebenswege wandeln. Wem ist +_diese edle_ That zu verdenken? _Er kommt! er malt!_ Ich brauche ihm mit +Raimund's geheimer Stimme der Wahrheit erst keine Stimmung zu geben; da +würde er sich schämen, und um vor Andern nicht schlecht zu scheinen, mit +Trotz unglücklich oder doch unerquickt bleiben. Das Leben hat manchmal +später Rath und Hülfe durch seine Weiterentfaltung, aber _selten_; darum +verlassen die Menschen sich klug auf die Stunde, und thun ihr Gewalt an in +frühern Tagen! + +Ebenso lange als der Arzt dies dachte, hatte sich der Maler bedacht, und +sagte jetzt zu. Ja, er wollte den Umständen, also dem Todten nach, alsbald +hinauskommen, und seine Staffelei und seine Farbentöpfe und Pinsel sogleich +fortsenden. Und jetzt empfahl er sich ihnen der Vorbereitung wegen. + +Und der Arzt wandelte stumm mit seinem Freunde, dem als Unwissenden kein +Weh bei alledem geschehen war, sondern erst künftig dadurch geschehen +sollte; und eilte vor der Stadt eifrig, um seine Heilung fast mit Gewalt an +den Kindern zu betreiben, welche er, diese von Müttern, jene von Vätern, +auf dem Wege zur Lindenburg hinausgeleiten sah. + +Laut zurückgelassenem Befehl hatte der Hausmeister Hagebald die guten Leute +mit den Kindern in den Saal im Oberstock gewiesen, und sie waren _schon +über ein in Vorrath eingerührtes Frühstück her_, dem nichts anzuschmecken +war von gefährlicher Vernunft, die in dem beigemischten einfachen Mittel +lag. Die Aeltern weinten den Arzt an und beschworen ihn leise um seinen +Beistand, da sie zu arm oder zu beschäftigt seien in ihren Gewerken, um, +wie andere Aeltern, die Kinder in fremde »gesunde« Städte oder Dörfer, nach +Franken, Würtemberg, oder nach dem immer gar nüchternen glücklichen Holland +zu bringen; indeß andere, hier zu bleiben Gezwungene ihre Kinder auf +künstliche Weise lahm gemacht, ja durch gewisse Mittel _blöd_ auf die +Augen, ja _krank_ auf den Leib, _furchtsam_ vor Räubern und Riesen und +Ottern und Bären und Wölfen, ja sehr viele vor Abscheu vor dem Verhungern, +dem Gras- und Krautessen, vor den Nächten ohne Bett und Nachtlampe, vor dem +Alp und dem Teufel, der ihnen entsetzliche Gesichter und Faxen vormache und +sie auf schaudernde Abwege verlocke, durch redende Kühe auf den +Bergeshalden, und geschwänzte feuerbrüllende Drachen mit Krallen und +Flügeln, und zuletzt vor ihrem eigenen Grabe voll Kröten und Basilisken und +zwickenden Krebsen. Viele trotzige Knaben säßen mit Gewalt eingesperrt in +den Kellern im Finstern, und weislich ohne Taschenmesser und Strick, +Schnure, ja nur Bindfaden. + +So gestanden sie ihm, und lachten und weinten dazu. Und als er die Mädchen +alle in Ein Zimmer, und die Knaben alle in ein anderes hatte führen lassen, +tröstete er sie auf ihren Zweifel: »daß es nur, ach, nicht möchte zu spät +sein, ihnen zu helfen«, und sprach: _Mit der Vernunft ist es niemals zu +spät, und niemals zu früh_, sogar nicht schon in der Wiege, wo sie dem +Kinde leuchtet aus der Mutter Augen. Nur daß kein neuer Zünder, Raptus, +oder neue Wuth sie überfällt! Denn die Vernunft, sie, die allgemeine +Gesundheit der Seele und also des Leibes, will auch befestigt sein und ins +Herz gebannt als der beste Geist, den Niemand bannt noch verbannt. + +Er vergönnte ihnen nicht nur, wer wolle, dazubleiben, sondern bat sie +ausdrücklich, wiederzukommen, damit die Kinder doch sahen und einsähen: sie +hätten Aeltern, und durch Scheiden und Wiedersehen ihnen wieder in +Erinnerung zu kommen, als ihnen unentbehrlich und theuer als ferne Nebel +und Nebelbilder. Denn wer seine Aeltern liebt, recht liebt, meinte er, kann +niemals verloren gehen, ja kann nie verrückt werden, es sei um was es +wolle. Redliche liebevolle Aeltern sind den Kindern die angeborenen +Heiligen und Engel; ja, wenn auch als Schuster verkleidet mit Schurzfell +und Pfriemen und Pechdrath, oder als Schneider mit Scheere und Bügeleisen, +oder als Tuchscheerer mit der gefährlichen Scheere mit beinahe +windmühlflügelgroßen stählernen Flügeln. Das seien alles nur Narrenspossen +und Carnevalsmasken auf Erden; denn der _Kern_ sei die Nuß, und die Traube +der Most und der Wein. + +_Frohmuthe_ bediente die kleinen und großen Gäste lebhaft und heiter, und +es war ihnen so wohl, als wären sie aus der ängstlichen Welt hoch in den +friedlichen Himmel versetzt; _den Kindern aber graute künstlich und +gründlich übel vor der ganzen Welt_. + +Raimund hatte unten im Saale, wo der Todte im Sarge stand, gesehen, wie die +alte gekommene Mutter Wollenweberin in Trauerkleidern und voll unmäßiges +Mitleid, das auf eine Reue deutete, ihrer Tochter, der verwitweten Frau +Rath, um den Hals gefallen, und er hatte Mutter und Tochter allein +gelassen. Dagegen hatte ihn eine Schar Dorfkinder, die in den Hof gekommen, +aufmerksam auf einen Knaben in gebräuchlichen Sonntagskleidern gemacht. +Aber der Knabe schien doch ganz besonders, sodaß Raimund ihn ohne Frage aus +seiner Vorstellung als _den Hirtenknaben Nikolas_ gleichsam erkannte. Er +kam barhaupt, die Haare auf der Stirn gescheitelt, in bloßem Halse; eine +prächtige hohe Brust, ein starker Bau und doch feine Glieder; barfuß, einen +abgebrochenen Blütenzweig in der Hand; aus großen dunkeln Augen träumte er +nur die Frühlingswelt an, und hörte mit reizendem Lächeln die singenden +Lerchen in blauer Luft und segnete gleichsam mit zwei Fingern der Hand die +bunten Bilder der Wolken im See, die wunderbar oben und unten zugleich ganz +leise zogen, und das Bild der Sonne blitzte ihn aus dem Wasser in sein +ernstes, schönes, von der Frühlingswärme schon leicht gebräuntes Gesicht. +Der Schritt seiner Füße war nur schwebend, und eine Ruhe umfloß und +umglänzte ihn, daß die Leute reglos und lautlos vor ihm stehen blieben, +während er vorüberging, die Augen vor ihm niederschlugen, und erst lange +nachdem er vorüber war, sich schüchtern nach ihm umsahen. Sein Hündchen, +sein _Phylax_, begleitete ihn, und er begleitete einen großen langbeinigen +Mann, noch nicht alt und nicht mehr jung, mit fabelhaft langen magern +Beinen, mit einem muntern getrosten Gesicht unter seinem sehr breitrandigen +Pilgerhut und einem sehr langen, fast schleppenden Pilgerrocke, mit hohem +Pilgerstabe, sodaß er einem alten heidnischen Sänger, einem Aoiden, am +meisten ähnlich gesehen haben möchte in seinem ehrwürdigen Bart. Seine +kleinen Augen funkelten auf Alles um ihn aufmerksam und neugierig umher; +seine langen hohen Beine machten fast Riesenschritte, und die Morgensonne +hinter ihm warf vor ihm her einen an den Rändern aufglänzenden +verwunderlichen Schatten, als stiege ein Bewohner der Unterwelt aus alter +Zeit in dem heutigen Tage in das Menschenschloß. Seine Seele schien, wie +ihre festen wie angreifenden Blicke verkündeten, _mit allen gestalteten +Dingen und allen Elementen sehr wenig Umstände machen zu wollen_, die Welt +für einen Frühlingsnebel auf blauer Wiese zu halten, und ohne alles +Bedenken durch Feuer und Wasser zu schreiten bereit zu sein, ohne +Fußsohlen, Haare und Bart zu bedenken, oder wenn sie doch anbrennten, +nachher eben nicht besonders zu bedauern. + +Der Knabe Nikolas führte ihn desgleichen geradeaus in das Schloß seiner +Herren und in den offenen Saal mit dem Todten, über welchem das große Bild +des Erzengel Michael hing, der den gekrümmten Teufel auf tausend Jahr in +den Abgrund stößt. Alle Bewohner des Schlosses eilten leis in den Saal: +Raimund und Ramon, die Diener, die Mägde; aber die junge Irmengard stand +erst wie gebannt, mit gefalteten Händen den Blick zu Boden. Dann kam sie +nur so wie geflogen, wandte sich plötzlich zurück, fiel ihrem Mädchen um +den Hals und rief ihr freudig erschrocken zu: _Er ist da! Er ist da!_ + +Wer denn? frug Frohmuthe sie schelmisch; -- der lange Mann? + +Ach wer denn anders als Nikolas! erwiderte sie bös, und zitterte ganz. Aber +dabei blieb es auch, und sie ward wieder still, blickte hin, blickte weg, +und blieb halb gleichgültig und halb gereizt und wie unwillig über sich +selbst, von Ferne stehen. + +Soll der Hahn krähen? frug Frohmuthe sie mit anspielendem Vorwurf. Und es +klang wirklich peinigend, als draußen ein wirklicher Hahn krähte. + +Ramon hatte die Irmengard durchdringend beobachtet, und erstaunte selbst +über die Wirkung nur schon der _einen_ Gabe von seinem Mittel; aber sie +schien vorüberzugehen, wie Schein des Mondes die dunkeln Wolken wieder +überziehen. Doch lehnte sie sich blaß an die Wand, Der lange hochbeinige +Mann setzte sich ohne weiteres in einen Stuhl, der beiseite im Winkel +stand; entschuldigte sich nicht, sondern sagte nur: _Ich bin müde_, und +habe einen weiten Weg zu schleichen. Der Knabe Nikolas aber stellte sich +drei Schritt nahe vor die Hausfrau hin, sah sie fest an und sprach zu ihr +mit seiner wohllautenden fesselnden Stimme, die nicht nur wie aus dem Munde +oder der Brust, sondern aus seinem ganzen Körper, oder durch ihn aus der +ganzen Welt umher herauf- und herauszutönen schien: Theure Mutter, die +unsere Irmengard geboren, ich bringe dir den heiligen Boten, den Gott uns +zum Führer gesendet. In unserer Hütte hat er nicht Ruhe, nicht Raum; denn +mein irdischer Großvater Elias, der bei Menschen geehrte und berühmte +Scharfrichter, der nur aus Eifer für die Ehre Gottes und aus Haß gegen den +Satan sein ernsthaftes, blutiges, feuriges Amt bekleidet, und _zu der nahe +bevorstehenden brennenden Hurd_ einberufen worden, liegt mir und der Mutter +zu Hause krank. Der gottgesendete Bote und Führer aber ist mir von der +Vorsehung zugekommen, auch wenn er meint, er sei nur von seinem eigenen +Geiste getrieben. Denn höre nur.[A] Er kommt aus Brabant, wo er schon lange +in großer Heiligkeit gelebt und schon lange Gott hat nach dem Gelobten +Lande wallfahren gewollt, aber immer unentschlossen, sein Beten und Fasten +durch die weite Pilgerreise durch die südlichen Völker auf der elenden Erde +zu unterbrechen. _Jetzt_ ist ihm ein Engel in seinem festverschlossenen +Gemache erschienen, das sollte man gar nicht glauben -- -- und Raimund +sprach mit seiner geheimen Stimme, die er jetzt von dem Teufel aus dem +Bilde an der Wand her vernehmlich herabertönen ließ, indeß er mit eisernem +Gesicht dem Knaben Nikolas in sein Gesicht sah: _Ja, das sollte man gar +nicht glauben!_ Aber -- du sagst es! + +[Fußnote A: Thomas Champré, Ap., II., 39.] + +Aber Nikolas fuhr fort: Er hat gerade in der Nacht vor Petri Kettenfeier, +als helles Licht ihn umflossen, die Stimme des Engels vernommen, die da +sprach: Der Herr hat deine Sehnsucht, das Gelobte Land zu schauen, +wahrgenommen, und mich gesandt, deinen Wunsch zu erfüllen. Darauf hat ihn +der Engel ergriffen und ihn _in der einen Nacht_ zu allen Orten der +heiligen Lande geführt, sodaß er diese Lande, Jerusalem und Bethlehem, und +auf dem Wege hin und auf einem andern Wege zurück, alle merkwürdigen Städte +von Burgund, der Lombardei und Italien leibhaftig, leibhaft gesehen.-- + +Und Raimund's Stimme erscholl wieder aus dem Teufel: _Das sollte man gar +nicht glauben!_ + +Der Knabe Nikolas sprang auf das Bild los, und zerhieb und zergeißelte den +Teufel, dazu aber nur lachte, mit seinem blühenden Apfelbaumzweige, daß die +Blüten umherflogen, indem er betreten und demüthig leise dazu sprach: Ja! +auf tausend Jahr ihn verschließen, war zu kurze Zeit -- denn er erhebt sich +wieder wie vor, und abscheulicher -- verzeihe Gott mir die Sünde! Ach, er +ist gegen uns alle arme Sünder zu gnädig! + +Er weinte dazu unter den mit der Hand zugehaltenen Augen, indem er seine +Hitze bereute, und der heilige Mann und der Engel kam ihm wieder ein, und +er beschloß seinen Bericht von den Beiden nur noch eilig mit den Worten: +Und der Engel brachte ihn noch in derselbigen Nacht wieder in sein Bett! + +Und der Teufel vom Bilde sprach wieder deutlich dazu: _Das sollte man +glauben._ + +Die Andern im Saale standen wie verrathen und verkauft; Raimund aber +bemerkte, daß dem Hirtenknaben nicht sein Verstand, sondern diesmal _sein +Unverstand stille stand_. Er hatte das Ansehen eines Erwachenden, schnippte +mit den Fingern seinen Hund herbei, als wolle er hinaus und fortgehen. Da +sah er Irmengard hinter der Mutter hervortreten; er sah ihr in die Augen, +sie ihm, und sein Sinn hatte sich wieder gestärkt und er sagte getroster: +Nun haben Viele gebetet, auch so bequem von Engeln dahin getragen zu +werden, wohin wir Schritt vor Schritt pilgern werden; aber nicht immer den +dritten zurück, denn wir büßen ja keine Todsünde ab. Der theure Mann hat +sich aber von heimgekehrten Pilgern erbitten lassen, uns ein erfahrener +Wegweiser zu sein. Darum bewirthet uns Allen und mir ihn wohl! + +Darauf faßte er Irmengard an beiden Händen und befahl ihr: diesen Abend in +der heiligen Ursulinerkirche _den Kindern eine Predigt_ zu halten. Die +Kirche werde erleuchtet sein; sie werde außer den Knaben und Mädchen und +ihren Müttern viel Hundert andächtige Zuhörer haben, und von den hohen +Fenstern herab die viel Tausend Jungfrauen. Der Geistliche werde sie auf +die Kanzel führen und sie werde mit Engelflügeln geschmückt sein, mit einem +Narcissenkranz auf dem Haupt und einem Palmenzweig in der Hand. + +Und als Herzog der Kinder all nahm er sie, ohne Billigung noch Widerrede +weder ihrer Mutter noch ihres überraschten Oheims, an der Hand, um sie in +den Garten zu führen, und ihr die Gegenstände zu sagen, von denen sie +predigen solle, und über die sie sich im Gebet Erleuchtung und Begeisterung +und Muth und Kraft vom Himmel erflehen solle. Er küßte sie drei mal auf die +Stirn und war im Begriff, sie an den Fingerspitzen sich hinaus- und +fortzuführen. + +Aber indessen hatten Leute aus der Stadt die Staffelei des Malers, +Malertuch und Töpfe, und Scherben und Flaschen, und Farben und Pinsel +gebracht, die sie an den ihnen angewiesenen Ort unter den Engel und Teufel +ruhig und vorsichtig abgesetzt. Kurze Zeit darauf, ehe die Witwe des Tobten +-- _wenn Todte noch Witwen haben_ -- sich ruhig geathmet hatte, trat der +Maler leise, bescheiden und schüchtern, ja wie furchtsam vor dem +zugedeckten Todten, ein. Er nahte der Hausfrau; er bedauerte sie über ihren +unersetzlichen Verlust und sah mit dem glühroth gebückten Gesicht zur Erde. +Beide und Alle standen _so_, lange stumm. Aber er war ja gekommen, den +Todten zu malen, und so mußte er doch sich ihn ansehen. Die treulose Witwe +Rath selbst mußte das Gesicht ihm aufdecken, und er sah sich ihn lange an +-- aber er selbst hatte die Augen dabei zu. Endlich, um vorläufig auch die +Farbe der Augen des Verblichenen zu erkunden, that er ihm mit Daumen und +Zeigefinger der Linken ein Auge auf, hielt das Lid lange offen, und der +jüdische Arzt sagte: Könnte ich doch Euch selbst so malen, wie Ihr dasteht +und der arme Todte Euch ansieht! Das wäre eine neue Art Bild. + +Da wandte der Maler sich davon, der sehr sorgfältig gekleidet und +geschmückt mit der goldenen Ehrenkette, die er vom Grafen Wilhelm von +Holland empfangen; auch seine Finger funkelten von Ringen, und er strich +sich die schönen Haare aus der heißen Stirn. + +Jetzt fragte er ganz gelassen und gleichgültig nach der Tochter, die er +auch malen solle; wie groß sie wol sei? damit er in Gedanken das Bild schon +immer ordnen könne. Raimund ergriff das schöne, edle, gewiß engelgleiche +Mädchen und stellte sie ihm vor. Irmengard schlug die Augen vor ihm nieder, +und er unterdrückte ein inneres Entzücken, eine heilige Ueberraschung kaum +mit Mühe; ja, er mußte aus seinem Herzen hinaus eine Frage thun, die zu +keinem Bilde für keinen bloßen Maler als nur geistigen Vater eines Bildes +gehört; er frug ihre Mutter: _Wie heißt_ denn Eure Tochter? + +Die Blicke des männlich schönen Malers auf die aufblühende schöne Irmengard +verdrossen den gewissenhaften Don Ramon, ob sie ihn gleich rührten, als +treue Sprache der Natur, die immer allweise und offen in ihren unverhüllten +Geheimnissen und Offenbarungen ist; sie verdrossen den Raimund +unwissenderweise; sie verdrossen den Hirtenknaben Nikolas, den Herzog des +Kinderheers. Er ergriff sie wieder an der Hand, führte sie hinaus und fort +in den blumigen blühenden Garten; und Raimund stieß heimlich die schlaue +Frohmuthe an, ihnen in schicklichem Zwischenraum zu folgen, damit sie nicht +den Entwurf zu der Kinderpredigt störe. + +Den Kinderkreuzzugsboten geleitete Hagebald in ein Zimmer hinauf, eine +Dachkammer, und um dem alten Hausmeister seine Kraft zu zeigen, machte der +langbeinige Herr immer Schritte über zwei, drei Stufen zugleich. + + + + +Achtes Capitel. Die Kinderpredigt. + + +Nach einiger Zeit, die dem Raimund in einer gewissen Herzensängstlichkeit +verschlichen, holte er den schönen, in seinem begeisterten und +begeisternden Wesen, auch widerwillig von dem nüchternsten Manne fast +_erhaben_ zu nennenden Hirtenknaben, und die ihm wie schaf- oder gar +leithammelmäßig folgende Irmengard, die ihn wunderbar rührte, und doppelt, +weil sie so schön war, aus dem Garten; während er, tief durchbebt, doch +vergebens nachsann, wo er sie je gesehen, oder wem sie _bis zum Weinen_ +ähnlich gesehen, oder vielleicht gar wer sie wäre oder wer sie gewesen sei, +ja wer sie noch werden könnte -- oder wirklich würde. Er war wie bezaubert. +Doch was half das. Er führte Beide hinauf in das Zimmer des geistgesendeten +langbeinigen Boten, der sich nur den bescheidenen Namen »Angelus« gegeben, +bei dem er schon seinen neuen Freund, den Doctor Ramon, fand, welchen er, +um ihm einigen irdischen Menschenrespect zu geben, jetzt immer auch _Don_ +Ramon nannte. Sie setzten sich alle vier um den müdegelaufenen Angelus, und +es wurde von der verhalten lächelnden Frohmuthe »Liebfrauenmilch« kredenzt, +in welche Don Ramon aber von seinem nüchternmachenden, unschädlichen +geheimen Heilmittel getröpfelt hatte. Und sie tranken, vom Doctor im +Stillen sehr ernst und genau beobachtet. + +Sie tranken. Sie nippten. Sie tranken wieder. Und nach längerer Zeit +verwandelten sich ihre Augen zuerst, die aus schwärmerischer Begeisterung +und wetterleuchtendem Funkeln matt und matter, ihre Stirn kühler, ihre +Wangen blässer, ja blaß, ihr Laut gemäßigter und ihre Sprache langsamer und +ruhiger wurden, und sie saßen zuletzt da, die Hände müßig im Schoos. Eines +wollte weinen, das Andere lachen; aber ward gleich wieder ernst und saß +jetzt erst recht wie in einem Zaubergarten, aber verworren. Um sich zu +beleben, trank Irmengard am meisten, füllte neu und trank dem Nikolas, der +zürnend und erglühend dasaß, das Glas zu. Er hatte wie mit den +allerfeinsten Sinnen begabt -- und als wäre er wirklich, wie das Volk von +ihm rühmte, mit höhern, ja mit Wundergaben begabt -- nur von Zeit zu Zeit +den Arzt mistrauisch angesehen, schlug jetzt der Irmengard das Glas aus der +Hand, zeigte mit dem Finger der ausgestreckten Hand auf Don Ramon und rief: +Das ist ein Feind, ein Verräther, ein Ungläubiger! Fort von ihm! -- Er ist +betrunken! + +Und während Don Ramon selbst überrascht stand, sprach sein Freund Raimund +in seiner Bauchsprache, die er von dem Angelus mit den langen Gebeinen +tönen ließ: Knabe, _du_ bist betrunken! Die Trunkenen halten die Nüchternen +für _perfect_, wie sie das nennen, und halten die ganze Welt, die Sonne und +den Mond für _perfect_; ja Häuser, Kirchen und Thürme, die Glocken darauf, +und ihren eigenen würdigen Großvater, der mausstill im Sarge liegt, für +besoffen, und sich nur für nüchtern. So ist das Ding! Du Glaubensherzog. + +Der entflammte Knabe, zugleich von einem _widerwilligen Grauen wie in zwei +unsichtbare Geister zertheilt_, aber faßte und hielt das Mädchen an ihren +beiden Händen, küßte die Duldende fromm auf die Stirn und sprach: Meine +Irmengard, du predigst als wahrer Engel den Kindern heut _zu Nacht!_ + +Raimund konnte sich nicht enthalten, darein zu sagen: »_Heut zu Tag_« -- +das gibt es nicht mehr -- bis Weiteres. + +Als Nikolas entrüstet fortgegangen, und wunderbarlich sogar sein +Schäferhund _Phylax_ den Don Ramon angeknurrt hatte, wollte sich Irmengard +vor Unwohlsein zu Bette legen, denn sie sah eben nicht sehr malerisch aus, +aber sie mußte gezwungen hinunter in den Saal, dem Maler als Modell zu +knien. + +Ramon und Raimund aber gingen in die Zimmer der Kinder, bei denen zwei arme +Witwen geblieben waren. + +Sie besprachen sich leise; Raimund war auf das Mittel gespannt, und Ramon +sagte es ihm in kurzen Worten, und erläuterte es ebenso kurz, überzeugend +und bündig, und sprach: Ihr seid doch wol einmal, also ein erstes Mal _zu +Schiffe gefahren, also seekrank gewesen_ -- also ist Euch ganz erbärmlich +zu Muthe gewesen, vollkommen gleichgültig gegen Himmel und Erde, Vater und +Mutter, und hättet die ganze Welt um einen Batzen verkauft. Nicht wahr? + +Ja wahr! antwortete Raimund lachend; für einen Kreuzer! + +Also errege ich _Abscheu, Widerdei_, zuerst gegen Alles, dann in Tagen: +Gleichgültigkeit gegen Vieles, zuletzt nur Begehren nach Hülfe in der +Seele, und mache die Kräfte _des Leibes_ schwach durch ein zweites +»ausführliches« Mittel. Kann man _Verliebte_ so heilen und mäßigen, eben +denn so auch _Verglaubte_, welche hier vorliegen; so denn auch +Steckenpferde und Steckenesel, ja Katzen. _Das ist nicht Scherz!_ Denn +stellt einen Blumennapf mit einem Busch »Marum verum« vor das Fenster, da +sehet wie die Katzen und Kater kommen, nach dem Kraute springen, den Napf +herunterhäkeln, und dann am Boden sich auf dem duftigen Kraut vor Entzücken +wälzen und vor Wonne miauen, sodaß sie gar keine irdischen Katzen mehr +scheinen, sondern unaussprechlich liebe und gute Wesen, nur noch mit +irdischen Schwänzen und etwas höllischen Stimmen; die sich willig _fangen_, +ja _martern_ und _todtschlagen_ lassen. Und welcher Katze der Pelz mit dem +Geruche durchzogen ist, dieser laufen alle andern Katzen und Kater -- denn +ein Kater ist auch eine Katze -- und Kätzchen _nach_ durch Wasser und +Feuer. + +Das wäre eine Rede für meinen Bauch! sprach Raimund lachend. + +So hat jeder Mensch, fuhr Ramon fort, und _jedes Volk_ eine Zeitlang sein +wahres »Marum verum«, das zu seinem Glücke es behext, und ihm _über alle +andern Uebel seiner Zeit hilft_. Aber begießest du es mit Lauge, dann ist +es den Katzen »Marum _falsum_«, ja sie verunehren sogar es dann auf ihre +Art, vor Scham über sich selbst, und vor Rache an sich selbst. + +Seid fest überzeugt, ich rede nur von Uebertreibung und möchte nur ein +vieltausendfaches absehbar-unabsehbares Unglück verringern, da eine +Verhinderung über der Macht aller Päpste, Kaiser und Könige liegt. Die +_Gedanken_, _Gefühle_ und _Wünsche_ der Aeltern in einer Zeit stehen im +nächsten Geschlechte auf, in die Welt, die nur eine große +Carnevalsgarderobe erscheint, und werden in ihren Kindern geboren, und ihre +Kinder _sind_ die Aeltern mit frischen Händen und Füßen. Denn was wären +sonst Kinder? und was wären sonst Aeltern? Und so werden die Knaben und +Mädchen im leidenschaftlichen Frankreich und am feurigen Rhein hier jetzt +Kreuzfahrerchen und nähen oder kleben einander Kreuze auf den Rücken, und +selbst die kleinen Kinder im Hemde treten vor ihre Mütter und wollen schon +ein recht schönes Kreuz von ihr aufgeklebt haben! _Und sind wir Beide +besser?_ Ich bin der Extract meiner Aeltern, und Ihr seid der der Euren -- +nur mit _der_ Gefahr, eingekerkert, ja verbrannt zu werden, welcher wir +Beide nur mit knapper Noth glücklich entritten sind! Diese Priester und +Leviten hier, die so brav und gescheit sind wie wir, und im Grunde so gut +wie alle andern vernünftigen Menschen, sie müssen aber diese berauschten +Kinder segnen; drum möchte sogar ich, blos als ein Mensch, den bedrängten +Geistlichen helfen vor Schimpf und Schaden, durch Hülfe an den Kindern; und +Euch, mein theurer Raimund, sehe ich noch _mit_ den Kindern ziehen, um +ihnen zu helfen, zu rathen, oder nöthigenfalls unfehlbar mit ihnen zu +weinen und ein armseliges Häuflein davon nach Hause zu bringen! Und nur Ein +Kind Einer Mutter erhalten ist eine _doch nicht strafbare_ That. + +Der Tag verschlich darauf Jedem nach seiner Weise und der armen Irmengard +in banger Unentschlossenheit. Und dennoch, auf bessere Stimmung hin, begab +sie sich mit ihrer Frohmuthe bei der Abendröthe, wenigstens auf jeden Fall +bereit, in das Haus in der Stadt und ließ sich von ihr schmücken. Raimund +kam nach, auch Ramon. Als die Glocken darauf von dem Thurm zu der Vesper +der Kinder bei den Ursulinerinnen erschollen und hallten, als aus allen +Gassen Tritte von andächtig Schweigenden dröhnten, da befiel es sie wieder +aus dem Glockenhall wie Himmelsruf; sie fuhr auf und reichte dem Raimund +die Hand, sie in die Sacristei zu führen. Es erging ihr, wie dem zu einem +Rehchen verzauberten Brüderchen -- in dem Märchen »_Brüderchen und +Schwesterchen_« -- das zwar still und getreu bei dem Schwesterchen blieb; +aber wenn draußen im Walde die Hörner lustig zur Jagd erschallten, dann +hinaus mußte zu den Rehen, und sollte es zerrissen werden von den +Jagdhunden oder erschossen von dem Pfeil des jagenden Königs -- und sollte +sich sein Schwesterchen darüber zu Tode weinen, oder indeß doch tausend +Angst ausstehen. Jetzt war sie das arme Rehchen. + +Die hohen breiten Fenster der Kirche waren von außen beleuchtet; aber als +sie zu Thor und Halle hineingetreten, sahen sie erst mit Bewunderung, daß +sie _erleuchtet_ waren, und wie bezaubernd! Die bunten purpurnen und +smaragdnen Scheiben glühten und sprühten; die heiligen Schädel der +Jungfrauen, als große Juwelen in Gold und Perlen gefaßt, sprachen aus ihrem +Glanze von göttlichen Dingen eine stille bezaubernde Sprache, die Jedem, +auch dem Kinderherzen verständlich war, wie den Blumen im Garten die +Sonnenstrahlen. Alles saß und stand unter dem hellen Gewölbe unten voll +Kinder, Mädchen und Knaben, und Mütter und Väter, und alte Muhmen und +Vettern -- himmlisch angefunkelt! + +Der leise Gesang begann. Raimund übergab seine zitternde Irmengard dem +Geistlichen in der Sacristei, und begab sich mit Ramon auf ein Chor der +Kanzel gegenüber. Silberne, im Strahle der Kerzen blitzende Leuchter +standen zu beiden Seiten auf ihrer Brüstung. Endlich schwieg der Gesang, +und das heilige Mädchen, die im Antlitz marmorweiße Irmengard erschien, +heute viel größer, mit den goldenen, wie mondscheinhell leuchtenden +Flügeln, den grünen Palmenzweig in der Hand, während der Geistliche etwa +drei bis vier Stufen niedriger auf der Kanzeltreppe stehen geblieben war +und nur mit Haupt und Schulter erschien. + +Lange war kein Wort von der Kinderkreuzpredigerin zu verstehen, nur +tauchten jetzt ein: »Lasset die Kindlein zu mir kommen« auf -- ein: »Ihnen +ist das Reich«; und Alle weinten und schluchzten schon. Darauf ergoß sich +mit ergreifender Rührung gleichsam ein _brennender Fluß_: Laßt alle Könige, +selbst den König Andreas, zu Hause sitzen -- uns Kindern ist das Heilige +Grab gegeben! Wir Kinder werden das Herz des Sultan Malek in Aleppo rühren, +daß er ein Christ wird. Ihm wird ein Licht aufgehen, wenn Kinder schon so +verwogen sind, so weit hinzuziehen in den Kampf, und ihn bitten, selig zu +werden! Das wird ihn doch überwinden, wenn er noch so tapfer sich gegen +Harnisch und Schwerter wehrt! Und _uns Kindern_ ist der Entschluß so ganz +nicht schwer, so ganz nicht kühn, der Sache ein Ende zu machen! Unter +glänzendem Himmel werden wir hinwandern, in schönen Gärten unter milden +Lüften, über blumigen Rasen. Goldene Früchte werden uns zu Seiten des Wegs +hangen; Feigen, Weintrauben an Reben, gehangen von Pappel zu Pappel -- wir +werden _Thränen Christi_ trinken! Ganz gewiß und ganz unmerklich werden wir +jede Nacht eines Rosenblattes Dicke größer wachsen, und also dort groß und +stark ankommen; keine Schuhsohle wird uns reißen, kein Aermel nur ein Loch +bekommen, wie ihre Gewänder den Juden nicht in der Wüste, die 40 Jahre +gehalten -- und wie weit wären wir in 40 Jahren! Engel werden uns die +Steine vom Wege lesen; das Meer wird zurückfliehen, wenn wir an seine Ufer +treten, daß wir trocken hindurchgehen. Schwalben und wilde Gänse werden +Befehl erhalten, uns am Himmel den Weg auf Erden zu zeigen. Und daß jedes +Bedenken in euch erstickt, so wisset: Unser Heiliger Vater in Rom,[A] der +nie irrt, hat aus der Offenbarung offenbart und verkündet: Das Thier, der +Mohammed, der Lügenprophet soll überhaupt nur 666 Jahre leben, und jetzt, +heute sind _die Hunderte_ davon, und von morgen an liegt er nur noch die +ihm gezählten Tage im Sterben.[B] + +Jubelruf unterbrach sie, sodaß sie erst nach langer Zeit noch rufen konnte: +Und die Kinder der Franzosen sind schon fort uns voraus nach Massilia und +dort eingeschifft auf sieben großen Schiffen, und brauchen keinen Fuß zu +setzen; -- gewiß will man uns nur schrecken mit der Kunde: Zwei Schiffe, +voll ihrer, sind untergegangen . . . und alle die Dreißigtausend sind von +einem Seelenverkäufer an die Sarazenen zu Sklaven verkauft! -- Das, das +glaubt nicht! Wie kann das der Herr, wie kann das ein Engel nur zulassen? +Kommen sie uns braven _deutschen_ Kindern nicht zuvor! Oder wäre ihr Tod +und ihr Unglück wahr -- dann, _nicht desto besser_, sondern desto höher +unser Ruhm auf Erden und unser Lohn im Himmel! Und so sage ich und verkünde +ich euch: Unsere Ausfahrt ist auf heute über acht Tage bestimmt von +Nikolas, der seine Boten überall hin ausgesendet. Und ganz überflüssig für +euch, setz' ich hinzu: _Todsünde_ hat der Heilige Vater darauf gesetzt, wer +nicht zur rechten Stunde seinen gelobten Zug antritt! + +[Fußnote A: Innocent III. in Adhortat.] + +[Fußnote B: Im Oratorio des kaum vergleichlich guten Kinderwohlthäters, +_Philippo Neri_ zu Rom, finden noch jetzt alle Advente Abends bei Licht +rührende _Predigten eines Kindes vor Kindern_ statt. Es kann nichts +Holderes geben.] + +Und nach dem neuen Begeisterungsstürme fing sie nun an in _Aller Namen den +Müttern und Vätern der Kinder zu danken_; dann für sie und für sich zu +beten; dann großen feierlichen Abschied zu nehmen auf kurze Lebenszeit oder +auf seliges Wiedersehen und selige Ewigkeit im Himmel. + +Das war über die Kräfte aller Kinder und Aeltern. Da wurden viel Tausend +Thränen geweint; denn wer hatte zu irgendeiner Zeit je solches gehört und +empfunden. Irmengard war ganz starr und steif geworden; sie sank dem +Geistlichen in die Arme, und die Freunde führten gleichsam eine Selige in +ihr Vaterhaus, während Raimund bei sich sprach: »_Nun ziehe ich mit!_« und +Ramon beinahe sich schämte: »Wie schön ein Wahn sei, wenn er nur dauerte!« +_Aber es fiel ein Stern wunderschön_ vom Himmel. Und er war wieder ein +Mann, ein Bewohner der unermeßlichen Hallen der Welt, worin die Erde nur +ein Fünkchen ist. + + + + +Neuntes Capitel. Das Carneval. + + +Die Carnevalswoche war nun eben nicht verdorben, sondern die Verkleidungen, +Masken und Maskenzüge, das Schneidern und Nähen, und Pappen und Kleistern, +und Färben und Malen, Versuchen und Rüsten, das andere Jahre nach den +_verschiedenen_ Absichten kleiner und großer Gesellschaften sich richtete, +hatte dieses merkwürdigste Jahr der Stadt Alles nur auf Einen Gegenstand +Bezug -- auf den _Kinderkreuzzug_; oder, als das Zweite: auf die brennende +_Hurd_, die den Tag vor dem Jammer des Abschieds angesetzt war. Die Boten +waren in die Städte und das Land weit und breit ausgesandt, und es ließ +sich schon den Tag vor der Hurd eine große Menge Thränen- und +Klagesüchtiger bis zur Ueberfüllung der Stadt erwarten, schon ohne die +Scharen von Kreuzkindern und ihren Geleitgebern von weit und breit herum. + +Auf der Lindenburg wurde Irmengard zu der langen Reise doch mit dem +Nächsten, Nöthigen reichlich versorgt. Denn der Maler van Graveland hatte +ihr eine prächtige goldene Halskette geschenkt, die Anverwandten hatten ihr +alle Finger voll theuerer Ringe gesteckt, um in Mangel und Noth eine Zubuße +zu haben. Uebrigens hatte sie sich wieder in vollen Glauben gepredigt. Sie +nahm gar keine Speise und keinen Trank, als solche, die aus der Stadt oder +aus dem Dorfe ihr von ihrer getreuen Frohmuthe besorgt ward; da das schlaue +Mädchen des Doctors Medicinbrauerei bemerkt, belauscht, in ihren Wirkungen +klar und deutlich an den vielen andern Kindern, und besonders an dem Don +Angelus wahrgenommen und ohne Zweifel ihrer Irmengard verrathen hatte. Denn +die Kinder verloren wirklich allen Appetit, selbst nach dem +Unentbehrlichsten; am meisten schmachteten sie nach Ruhe und Schlaf, und +ihre kaum zähmbare fromme Aufregung war zur Gelassenheit, Gleichgültigkeit, +ja zu Lächeln geworden. Das war am meisten an dem langbeinigen guten +Viaductor Angelus zu sehen, der sich es wohl sein ließ, und _in Wahrheit_ +nicht einmal den Weg von Köln nach Bonn wußte, oder nur zu welchem Thore +man hinausgehen müßte. Er hatte der Eingebung vertraut, auch darauf, daß er +zu Jedermann in der Fremde gleich in der Sprache desselben werde reden +können wie Wasser. _Des Nachts_, so rühmte er sich, _könne er alle +Sprachen_ und unterhalte sich geläufig darin mit allen verschieden +gekleideten Ausländern. Nur früh noch trete in ihm eine Stockung ein; es +falle in ihm wie eine Thür oder Klappe zu; doch hoffe er mit Zuversicht, +daß die wie sonnenscheuen Sprachen auch am _Tage_ herausbrechen würden, und +nicht blos wie Eulen des Nachts in ihm schlurfen; denn _reden_ brauche man +ja doch nur am Tage! So hatte er sich weder vor Italienisch, Griechisch +oder vor Türkisch gefürchtet. Jetzt war er ganz still und gewissermaßen +froh. + +Der Maler war auf der Burg draußen geblieben, sodaß der todte stille Herr +Rath bald fertig gemalt war. Nur um Irmengard predigen zu hören, war +Raimund auch zu den Ursulinerinnen gegangen -- aber er hatte sie gesehen, +und als Engel gemalt mit Flügeln und Palmenzweig, und er sagte von dem +Bilde, obgleich schnell gemacht, sei die Irmengard doch gewiß sein bestes, +schönstes und seelenvollstes, wie lebendiges Werk; zu welchen so obenhin +gesagten Worten der Jude dem Maler eine verbindliche Verneigung machte. +Raimund aber war entzückt davon in reinem Herzen, besuchte wieder sein +Goldtönnchen, versandte davon der Sicherheit wegen und auf die Reise für +alle Fälle mehr als hinlänglich an sichere Häuser und treue Handelsfreunde +in einige Städte des Südens, und stattete seine Börse damit reichlich aus. +Den hier bleibenden Schatz befahl er dem alten Hagebald zugleich mit dem +neuen Freunde Ramon, der sein Gold mit dazuthat. In der Stadt und in allen +Häusern sah es aus und ging es zu, als wenn in einigen Tagen und endlich +diesmal gewiß der Jüngste Tag hereinbrechen sollte; ja manche Kinder sangen +wirklich den Vers! + + Wenn der Jüngste Tag soll werden, + Fallen die Sternlein auf die Erden, + Kommt der liebe Gott gezogen + Auf einem schönen Regenbogen, + Neigen sich die Bäumelein, + Singen die lieben Engelein: + »Ihr Todten, ihr Todten sollt auferstehn! + Ihr sollt vor Gottes Gerichte gehn: + Wohlan, wohlan, auf diesen Plan + Der liebe Gott will uns Alle han.« + +Alles Befehlen und alles Gehorchen war aufgehoben. Alles ging in den +Häusern ganz ehrbar, ja feierlich zu, vom Aufstehen bis zum Zubettegehen. +Die Suppe ward mit Andacht gegessen, als vielleicht die letzte Suppe; und +wer am gerührtesten war, der legte zuerst den Löffel hin, oder ging gar vom +Tische weg hinter den Ofen, und wer ihn am liebsten hatte, der ging ihm +nach, und sie herzten und küßten da einander. Die Kinder thaten den Aeltern +und den Geschwistern Alles zu Liebe, und die Aeltern ihnen. Jedem kleinen +Kreuzfahrer ward noch sein Leibessen gekocht, gebraten oder gebacken; und +eine alte Mutter oder ein alter Vater sprach wol zu dem Frieden und der +Zufriedenheit: Könnte es bei uns nicht immer so sein? Ach, und wie bei uns, +so lieb und treu ist es gewiß jetzt in allen hundert Städten und Dörfern +umher im Lande! Schon deswegen, als Beispiel und Vorbild: _wie_ schön unser +deutsches Reich sein kann und kaum wol jemals werden wird, ist euer +Kreuzzug gar nicht mit Geld zu bezahlen, ihr Kinder -- ja, wenn auch hier +und da eins von euch nicht wiederkäme, sondern unterwegs oder dort von +Engeln zum Himmel getragen würde, Und doch sprach wol eine Mutter darüber +zu ihm: »Vater, versündige dich nicht!« und er zuckte die Achseln. + +Der Rath Aldewin, der gute Vater seiner wahrhaft mütterlichen Tochter im +Kerker, war ganz im Stillen in die Familiengruft beigesetzt, und er hatte +durch sein Beispiel und seinen Tod den Vätern und Müttern aller Welt nur +eine und zwar diese höchste Bitte verlassen: Steh' deinen Kindern _immer_ +redlich bei, den glücklichen, und den unglücklichen noch mehr, in _aller_ +ihrer Noth, und erst recht in Menschenschande und in Sünde vor den +Menschen. _Wer weiß, was in der Sonne Schande ist? und was erst gar im +Himmel keine Sünde ist_ vor Dem, der Alles vergibt und vergab; sonst käme +der Heiligste selbst nicht in den Himmel. _Er hatte sich geschämt, ihr erst +zu vergeben._ + +Diese Worte hatte er zu seinem Weibe Irmentrud gesagt, und dann noch leise +vor sich hin gesprochen: _Auch mit den Weibern muß man es so halten._ -- +Das war verständlich jetzt für Don Ramon. + +Am Freitag, als am Tage vor der Hurd, war die Frau Rath mit Raimund nun zu +ihrer Tochter in der Abenddämmerung in den Kerker gegangen, wo sie auf +überraschende milde Weise auch ihren _natürlichen_ Schwiegersohn bei ihr +gefunden. Raimund lernte das sanfte, schöne, _natürliche_ Weib da kennen +und ehren, und er flüsterte ihr leise zu, was morgen durch die Weiber in +guter Hoffnung und durch die Weiber der Katharer, die jede Todesstrafe +verabscheuten, und durch die Weiber _der Juden_ im Chor zu ihren Gunsten +geschehen würde. Der Jost, einzig der Narr wußte noch Rath, sprach er. Er +ist mein Jugendfreund, und der Erzbischof ist der Freund meines Freundes +Ramon, des Juden, der fest bei ihm steht in Gunst; denn seiner staarblinden +Augen wegen bedarf er ihn mehr als alle andere unwissende Christen. + +Zum Abschiede fiel der zum Feuertode verdammte junge Menschenjude, als +_natürlicher_ Schwiegersohn, seiner armen Schwiegermutter zu Füßen, und +voll Angedenken an ihren edeln gestorbenen Mann sagte sie ihm jetzt nur +desgleichen das Wort: _Auch mit der Tochter Manne muß man es so halten!_ -- +Ach! ich müßte mich schämen, dir nicht zu vergeben! Lebt oder sterbet Beide +wohl -- nur wohl! -- Ohne Tod kein Wiedersehen, und Wiedersehen vergilt das +Scheiden und ist eine neue überschwängliche Freude, ein Himmelsanfang. + +Wenigstens auf Erden; da ist es probat, das heißt: bewiesen. Das dachte nur +Raimund, herzlich gerührt und weinend, dazu. + + + + +Zehntes Capitel. Die Hurd. + + + Motto: Am Himmelsgewölbe sind viel Haken eingemauert, daran das +Menschenvolk seine Thorheiten hängt, und woran sie verwittern. Das neue +Geschlecht reißt die alten herunter und hängt dafür seine neuen daran, die +wieder verstocken und heruntergerissen werden, und wieder ersetzt. _Die +Haken halten._ + +Zur gesetzten Stunde brach unter einem sanften Sprühregen der Zug nach dem +Gericht auf. Wie angenehme oder düstere Farben der Wolken am Himmel die +Erde _tonlos_ schmücken, so gaben die Glocken der Thürme mit ihrem +wallenden Klange der Stadt ein unsichtbares -- ein gleichsam frommes Dach, +eine wie vom Himmel herab- und hereinklingende Weihe des Festes: zur +Darlegung des Abscheus vor solchem höllischen Wesen, wo der Teufel einen +Engel geliebt und der Engel sich dem Teufel ergeben mit Leib und Seele, +sodaß sie Beide zu Einem, zu etwas Unnennbarem geworden. + +Voran kamen »Funken«; darauf das schuldige Paar, nicht in Bußkleidern, die +ihnen nicht zugestanden, denn ihre Schuld war nicht auf Erden abzubüßen, +noch zu vergeben; sondern der erfinderische Geist des Karnevals hatte sie +in Masken gesteckt, die noch nie gesehen und erhört waren. Und so folgte +ihnen unmittelbar nicht ein geistlicher Orden, oder ein Beichtvater, +sondern wieder erst hinter einem Zuge Funken sangen und beteten sie das Ora +pro nobis, nur wie für sich und das Volk. Denn hinter ihnen kamen die +Frauen und Jungfrauen, Väter und Mütter; hinter ihnen ein Zug zur Warnung +gezwungen dazu befohlener Juden, Greise, Männer und Weiber und Jungfrauen, +und alle _ohne Maske_, in schwarzen langen Sabbathröcken. Hinter ihnen kam +nun der wahre große Carnevalzug. An der Spitze desselben zuerst in +wunderlicher Maske _der Ewige Jude_, der die erhabensten Männer seines +Volks führte: eine Reihe Könige, unter denen der kleine David mit dem +Riesen Goliath; Salomo mit der Königin von Saba, und Absolon mit einer +ehrfurchtgebietenden Perücke, die vor allen den Kindern am meisten gefiel. +Zum Schluß kam Judas Ischarioth, den Beutel mit Silberlingen schüttelnd und +seinen berühmten Strick um den Hals, und hinter ihm ein _wirklicher Dieb_, +der heiliges Kreuzzugsgut gestohlen hatte, und zwar nur wenig Pfennige den +Kindern aus der Tasche -- _doch jede Zeit hat ihre Hauptverbrechen_, wie +jedes Land sie -- ihre zeitlang hat. + +Sehr viele Männer und noch mehr Weiber aus allen Ständen und von allen +Handwerken, die neben dem Zuge und hinter dem Zuge langsam ihre Augen und +Ohren herausgetragen, stellten sich, endlich angekommen, um den Hügel mit +dem Scheiterhaufen und zwei Pfählen, zu welchen die beiden Schuldigen +hinaufgeführt und jeder an seinen Pfahl gebunden ward, mit den Händen hoch +über den Kopf. Der Scharfrichter Elias in großem Staat, befahl da oben den +Knechten. Und sie entkleideten die Verurtheilte so weit, daß ihr ganzer +weißer Rücken erschien, und geißelten, ja zergeißelten sie, daß den Weibern +allen, die sich am nächsten hinzugedrängt, die Augen vergingen, sie sich +jammernd wegwandten oder mit dem Kopfe sich unter die Menschen bückten. Die +Gegeißelte ertrug die Pein und den Schmerz ohne auch nur einen Laut. Sie +schrie aber einen Gall, als die Knechte ihren Freund nun noch ärger +geißelten. Der aber warf mit lauter Stimme entsetzliche Worte aus der Alten +Schrift über die Menge, und rief Prophezeiungen aus wie zerschmetternde +Blitze, worüber die gläubigen Hörer ihn verlachten -- um nicht zu zeigen: +sie wären dadurch zermalmt. Als aber zuletzt die Knechte das Feuer an die +Scheiterhaufen legten und Rauch aufquoll und Glut, und das Feuer ihre Haare +ergriff, daß sie aufloderten, da schrie sie entsetzlich zum Himmel empor, +und entsetzlicher zu den Frauen hinab und rief: _Und das leidet ihr +Frauen?_ Ihr, die ihr Kinder geboren! und ihr Jungfrauen, die ihr Frauen +werden wollt! Das leidet ihr, daß eine Mutter lebendig das Grab ihres +Kindes wird? _Das_ ist über alle Sünden und über alle Strafen. Wehe euch! +wehe! wehe! + +Da erwachten die Weiber wie aus einem Traume. Sie sahen sich an mit +rollenden Augen, mit wüthenden Blicken; sie faßten sich an, an den +Schultern, sie schüttelten einander, und ohne ein Wort zu verlauten, mit +einem einzigen Schrei stürmten sie den Hügel, befreiten die wie rasend +Gewordene, aber Stille, und geleiteten sie schonend und küssend, sanft und +sorglich hinab und führten sie auf dem Wege zurück nach der Stadt. + +Die Funken wagten nicht, sich an den Frauen zu vergreifen, denn sie hörten +mit drohenden Fäusten selbst der Vornehmsten Weiber rufen: Verbrennt die +Mutter, _wann_ sie Gott ihre Schuldigkeit gethan. Dann, dann verbrennt ihr +sogar ihr Kind vor Augen oder auf den Armen des Vaters. Aber ein Weib +greift nicht an dem Weibe an, denn das Leben ist nicht die _Mutterliebe_, +die _himmlische_ Mutterangst. + +Selbst ohne Waffen hätten sie die Bewaffneten zerrissen, und es blieb +nichts übrig, als den schönen erbleichten Jüngling auch loszubinden, und +mit dem siegreichen Weibe unter den siegreichen Weibern heimzuführen, +langsam von fernen, von rohen Priestern begleitet und von dem Zuge der +jüdischen Könige, und der _Ewige Jude_ jubelte und tanzte voraus. + +Raimund aber sprach leise zu Ramon: Der Narr hat gut gewirkt! und die +Weiber mit Menschengefühl immer. Nun werden die Armen gewiß auch nach Rom +gebracht! Nun muß ich fort. Du wirst ja hören, vielleicht noch heute, wenn +du hinaufgehst zu den Augen- und Nasenpatienten. Wie froh bin ich. -- Sie +drückten sich die Hände. + +Das lustige Volk aber lief wieder zurück zu dem Galgen, denn es hörte und +sah: ihm zu einigem Ersatze wurde der Pfennigdieb gehangen,[A] der ärmste +und lustigste Vogel in Köln seit vielen Jahren und Carnevalen. -- »Fleisch +lebe wohl!« hatte er, schon den Strick um den Hals, noch gerufen. Nun seht +und versteht: Ich werde euch zur letzten Freude ganz ausgelassen mit meinen +zwei Beinen zappeln -- mehre habe ich nicht für den Augenblick -- und dabei +wißt nur: da tanz' ich mit _Lilith_, der alten Großmutter -- ihr wißt schon +von wem! + +[Fußnote A: Laut Godofred. Mon. I. c.] + +Und das Volk lachte unter den Masken hervor schauerlich, und sang dazu -- +denn es war ja Carneval, und ein Spaß mußte doch sein. + + + + +Elftes Capitel. Raimund's erster Bericht aus Koblenz. + + +So sind wir denn fort -- »man sollte es gar nicht glauben!« wie du immer +sagst, guter Ramon. Ich bin ganz nüchtern, und doch wie betrunken; denn du +hast Recht: Alles steckt an; man wird blind unter Blinden, und taub unter +Tauben; ein Kind ist auf Erden auch nur ein angesteckter Mensch, und unter +lauter Amseln wird er zuletzt nur pfeifen, und unter lauter Glocken zuletzt +nichts als: »bim-baum! -- bim-baum!« summen. So singe ich schon zuweilen +mit den Kindern, und das Weinen wird auch noch kommen! Vor der Hand halte +ich manchmal und lache den Zug unserer Kinder Israel an. Wenn wir doch eine +Wüste hätten, um drinnen nur zehn Jahre größer zu wachsen, so würden wir +zusammen mit den fränkischen Kindern ein schöner Stamm kluger Abendländer +im Morgenlande werden, der _aus seiner Erinnerung_ gar kein dummes Leben +herstellen würde. Denn die ganze Menschheit muß wirklich vorher in einem +sehr vernünftigen, stillen, geheimen Lande gewohnt haben, daß sie immer ein +Vernünftigeres, Besseres -- oder Ewigaltes zutage fördert, wie eine Art +Bergleute oder Berggeister. + +Also zum Nagelneuem! + +Den Auszug aus Köln[A] habt Ihr selbst mit Augen gesehen, und die Nachwelt +wird Euch darum beneiden. Denn auf gewisse Weise ist das Geschlecht +glücklich, das etwas Großes, Ungeheueres, Schönes, Lächerliches und fast +immer ein Einziges, Einmaliges mit angesehen, mit gefühlt und mit +überstanden hat, vom Trojanischen Pferde an bis etwa zu der schändlichen +lateinischen Eroberung von Konstantinopel, heute vor acht Jahren. Ihr habt +den _Zuzug_ der Kreuzkinder aus den andern Städten, aus Aachen, Wesel, +Düsseldorf, Lüttich, ja bis von Münster singen und weinen gehört, ihr Lager +auf den freien großen Plätzen gesehen . . . wie die, in den Häusern guter +Leute nicht schon aufgenommenen und gespeiseten in den Hallen der Kirchen +und den Gängen der Klöster die Nacht verbracht . . . wie bei Sonnenaufgang +alle Glocken die Kinder erweckt . . . wie sie eingesegnet unter dem +Severinthor, aus einem Wirrwar ohne Gleichen sich allmälig zu einer Art +Leichenzug ohne Ende gestaltet, an dessen Spitze der Hirtenknabe Nikolas, +von sechs starken Knaben gezogen, fuhr, in einer niedrigen, vierrädrigen, +vergoldeten Karrete mit seidenem Baldachin gegen Sonne und Wetter; denn +auch Herrschen und Herrscherpracht steckt an, und er wollte und sein Wagen +sollte nicht schlechter sein als die französische Kindercarrosse seines +Herrn Bruders _St.-Etienne_. Und das Alles mußte man mit frommen Gesichte, +und gefalteten Händen ansehen, sonst bekam man die schönsten Ohrfeigen. +Meine Gesichter Hab' ich im Leibe geschnitten, und mein Bauchredner hat +seine Reden andere Leute halten lassen. Von den Thürmen habt Ihr uns +nachgesehen, wie den Knaben die Hunde nachliefen; wie manche gute Mutter +ihren Kindern noch allerhand brachte; da Eine ein kleines Päckchen mit +Hirschtalg, wenn sie sich die Füße wund, oder, was man so nennt, sich gar +einen Wolf gelaufen. Ja, eine Mutter brachte ihrem guten Käthchen bis auf +das erste Dorf, bis nach _Rothenkirchen_, eine Düte mit Fliederthee nach, +wenn sie sich erkältet hätte! -- Da kamen mir die Thränen schon in die +Augen, Als aber ein armer guter Vater seinem Knaben noch _sein Bette_ +nachbrachte -- nämlich einen grobleinwandenen Scheffelsack, darein er zu +Nacht kriechen und die Bändel desselben unter dem Kinn zubinden sollte, und +der liebe Sohn dem lieben Vater dafür um den Hals fiel -- da brachen die +Thränen mir auch wirklich aus. Die Reihe der Völker kann in nichts so +Absonderliches verfallen, daß _dem Herzen_ nicht viel Gutes zu thun und der +Seele viel Besseres zu ahnen übrig bliebe! Vor der Hand habe ich bemerkt, +daß die Kinder in ihrem Glaubensstolz und aus Würdegefühl ihres Zugs sich +unterwegs _nichts erbitten_, sondern, ganz als wenn Alles ihnen gehörte, es +geradezu _nehmen_ und ohne Dank damit davongehen! Das erscheint als etwas +Erhabenes. Ueberhaupt halten sie kaum etwas Anderes für Sünde als -- _ich +weiß nicht was!_ und kaum etwas Anderes für herrlich als ihr Thun und ihren +heiligen Pilgerzug. Und viele Menschen halten ihren ganzen Wandel auf Erden +für einen solchen Zug und leben danach wie himmlisch vogelfrei! Da haben +wir unsern Pilgerzug, den Adam und Eva schon derb und tüchtig angetreten! + +[Fußnote A: Chronik des Bischofs Sicard, und der Mönch Gottfried.] + +Zu gutem Glück ist noch nichts auf den Feldern, noch auf den Bäumen; keine +Kirsche, keine Birne, keine Kastanie, keine Nuß -- denn sonst -- +_wohldenenselben_! Aber sie hatten sich im vorletzten Dorfe über einen Korb +mit Ziegenkäsen _erbarmt_ (denn ihnen ist das ein Erbarmen, ein +Herablassen). Meinem Inquilinen, meinem Naturalisten mit nicht erst +angeglaubtem strengem Gewissen im Leibe, konnte ich aber den Mund da nicht +stopfen und die Lust, in den im Hofe stehenden Ziegenbock, in das Kalb und +den bellenden Kettenhund zu fahren; und der Bock sprach: Engel wollt ihr +sein, und Diebe seid ihr! und »Diebe« bellte der Hund, und »Diebe« blökte +das Kalb. Aber das Reden der Thiere nahmen sie _unverwundert_ so hin, als +lebten sie im Alten Testamente zu Bileam's Zeiten, und sie würden noch der +Anrede von Thieren gewürdigt! Aber sie meckerten nur den Bock an, bellten +den Hund nach und jagten das Kalb umher. + +Wie ich so stand, fassen von hinten mich weiche Hände an den Schultern, +kehren mich um, und wer lacht mir mit dem bildschönen Gesichte in die Augen +-- Gaiette, die eine alte französische Theorbe, oder was für ein Ding, an +einem Bande umhängen hatte. Das sehr schön gewachsene lustige Mädchen frug +mich mit verstellter klagender Sorge: Lieber Herr Raimund, wo soll man +diese Nacht wieder schlafen? + +Ich rieth ihr kurz und ernst: Nun zur Seite unserer Irmengard, der du zum +Schutz und zur Wache ja mitgegangen bist. + +O, hier draußen in der Welt ist Alles ganz anders, sprach sie +achselzuckend. Wir Frauenzimmer, ja nur wir Mädchenkammern sind alle +überall immer ehrgeizig, hochnäsig. Auch unser neuer Herzog aus dem +Schafstall. Wie ein neugebackener Fürst gleich sein neues Wappen und seinen +Namen an alle Thore und Tafeln und Stallthüren malen läßt und als Fahne vom +Wartthurm flackern, um das Verwundern und Erstaunen auf einmal abzumachen; +so setzt sich der Nikolas auch sogleich über alle Verwunderung hinaus. +Gestern ließ er die Irmengard in seinem Ehrenwagen fahren und er ging zu +Fuße, und sah sie immer so ehrerbietig an -- freilich als seiner Herrschaft +geliebte Tochter! Freilich ich führe selbst auch gern, oder setzte mich zum +vornehmsten Herrn, und wenn er ein Türke wäre, auf seinen Thron! Wir armen +Mädchen müssen uns was versuchen! + +Ihr Schatz, ein Webergehülfe, hatte sie begleitet, wie viele andere junge +Menschen ihre Liebsten; ja sie hatten sich zum Abschied vor den Leuten +geküßt, unverwundert, und keines hatte vor eigenem Leide gelacht. Sie +erzählte, daß ganze Scharen Dienstmädchen, bedenkliche Waschweiber und +armes lockeres Gesindel mitgekommen und noch nachkomme, und allerhand +verwahrloste, geschäftslose, vertrunkene Bursche, denen man nicht gern +allein im Walde begegne, oder Geld aufzuheben geben möchte. Wie werden +_die_ Jerusalem plündern! Doch will ich voraus nicht in Angst sein um jene +armen reichen Leute dort, die noch ruhig schlafen vor uns! Der Weg ist +weit. Nun, glückliche Reise! Auf Morgen hat der Alles -- selbst die Haare +der Kinder -- durchschauende Herzog allgemeine Schafschur aller Haare vom +Kopfe anbefohlen; befohlen? bewahre! nur einen Wink fallen lassen, und +Alles wird gehorchen wie blind -- nur ich nicht. Meine Haare sind mein +Schönstes. Aber die demüthig gehorsame Irmengard wird sich scheeren lassen. +So sprach das muthige Mädchen. + +Nächstens mehr. Aber kurz, doch bündig. + +Ich sende Euch dieses Schreiben mit meinem Reitknecht, der uns Schnecken +bald wieder einholen wird, um sichere Nachricht von Euch zu erhalten: +_Wann_ Irmengards tapfere Schwester mit ihrem getreuen Mitleider nach Rom +eingeliefert werden soll? Welche Art der Reise etwa von Kloster zu Kloster +vorgeschrieben . . . und welche und wie starke Begleitung beigegeben sein +wird? -- Ich, ich habe schon einige verwegene, gediente und verjagte +Ritterknappen mir immer in Vorrath, noch ohne ihr Wissen ausgesucht aus dem +Schwarme. + + + + +Zwölftes Capitel. Zweiter Bericht aus Speier. + + +Ich weiß also alles Nöthige, und freue mich. Haltet den Narren nur warm, +diesen in aller Stille mächtigen Herrn, der tausend Gutes durch Späße wirkt +und es _zu thun_ keinen Finger zu netzen braucht. Das ist die Geistermacht +und auch der Geist steckt an, fange ich an zu glauben, nicht blos das Herz. +Es freut mich für dich, mein Ramon, daß du auch dem alten braven Herrn das +Licht seines Leibes erhalten kannst und wirst. _Können_ ist eine schöne +Sache, ein Absenker der Allmacht, und Wissen ist sein Vater. Hier sind so +viel Grabmäler von _gestorbenen_ Kaisern, daß Einem ordentlich frei und +hoffnungsreich und groß zu Muthe wird. Doch das beiseite. + +Unsere Heeresmacht, die beim Auszug, ohne die geistlichen Herren, nur etwa +7000 Mädchen und Knaben betrug, hat sich bis jetzt durch Aufnahme und +Mitnahme von andern auf unserm Wege und durch Zuzüge aus dem breiten +Flußgebiete bis über die Hälfte vermehrt, und durch weitere Verstärkung +werden wir mit 20,000 jungen Kreuzzüglern die Alpen übersteigen, wobei die +Kinder durchaus darauf bestehen, den Pilatusberg zu betreten oder aus der +Ferne zu beaugen. Sie werden dann -- denn wahrscheinlich werde ich wegen +meines Seiten- und doch Hauptgeschäfts nicht mit dabei sein -- ihren Weg +von Basel über Zürich, den St.-Gotthard, Bellenz, Mailand und Pavia nach +_Genua_ nehmen. Aber welchen Weg! Einen Heuschreckenweg! Denn ich will Euch +zum Andenken nur Einen Tag beschreiben. + +Früh knien Alle nieder und beten, das Gesicht nach Morgen gewandt. Dann +gibt jeder Hauswirth einer zu Nacht bei ihm eingefallenen Kinderschar aus +allen seinen Leibeskräften ein Frühstück, und sie packen sich die +Pilgertaschen noch voll. Alles was Beine hat, begleitet dann mit der +singenden Geistlichkeit den Zug zum Dorfe oder der Stadt hinaus, und, von +Boten geführt, vereinigen sie sich vorwärts und den Ortschaften zur Seite +auf der angenommenen Hauptstraße. Für unterwegs haben wir _Reise_gebete, +wie die Geistlichen welche haben, nur den Umständen angepaßt, weggelassen +oder zugesetzt von dem wirklich bewundernswerthen klugen, wie allwissenden +Nikolas. Kreuze am Wege, Kirchen, Kapellen in der Ferne werden mitgenommen +-- das heißt begrüßt mit Kniefall. Bienenkörbe auszunaschen ist verboten, +weil es Vielen sehr schlecht bekommen. Ein sonniger Wald voll rother +Erdbeeren ist eine köstliche Labung, auch eine Ruhezeit. Aus den Orten +kommen uns Processionen entgegen und wir singen uns einander an; da wird +auch wol wieder Eins geweint. In den Orten, wo uns Nikolas weislich voraus +ankündigen lassen, werden wir zum Mittagsessen eingeladen und von Weibern +und Kindern in die Häuser geführt, wo bald Alles von den Tischen +verschwindet; denn die armen Hungrigen essen (mit einem »fr« davor) wie +Heuschrecken, nur wie riesenhafte zweibeinige. Darauf wird gedankt im Namen +des Herrn. Darauf wird gewaschen und satt getrunken, und der Stab +weitergesetzt unter Kinderbegleitung, von denen die größern uns den Weg +weisen auf die Seitenwege, da wir dann _in der Breite_ marschiren, und weil +ein Strich Dörfer auf einer Straße uns nicht ernähren und Nachts +beherbergen könnte. Die meisten gehen barfuß und lernen es recht gut. Viele +haben sich einander die Haare vom Kopf geschoren, um gewisse Kümmernisse +loszuwerden, und lagen wie Lämmchen den Andern im Schoose. Das war eine +große Wollschur der armen geduldigen Schafköpfchen. Fromme alte Weiber +nahmen sich ganze Schürzen voll mit nach Hause zu ewigem Andenken. Die +Kinder können unmöglich immer weinen und beten und singen -- das verzieht +sich so vor den tausend kleinen Wandersorgen. Denn in der Nachmittagszeit +laufen die Knaben wol nach Eichhörnchen, kriechen nach Vogelnestern, und +die Mädchen, schon große Trullen dabei, spielen Ball mit den Knaben und +necken und werfen sie -- aus lieber Natur! Oder sie spielen _Leinwand_, und +die Katze, die Wächterin, miaut erbärmlich, wenn dem Herrn wieder eine Elle +Leinwand vom Diebe gestohlen ist. Aber plötzlich stehen sie, wie heim auf +ihre Spielplätze gezaubert, und fangen an bitterlich zu weinen. In der +Abendstunde baden Knaben und Mädchen, weit genug durch Gebüsche voneinander +geschieden, in den Bächen, und krebsen wol auch darin. Indeß sitzen Andere +und flicken sich ihre Sachen. Oder die mitgekommenen Weiber und +Weibspersonen waschen an den Ruhetagen ihre Lümpchen und Läppchen und +Tüchel, und flicken die zerlaufenen Strümpfe, oder machen aus den nicht +mehr fadenhaltigen Bälle, -- und die kleinen erschöpften Wandersleutchen +pflegen sich und werden gepflegt. Die schlimmste Krankheit ist das Heimweh, +wobei die Kleinen _untröstlich_ weinen und immer rufen: »Ich will heim! +. . . Ich will heimgehen . . . Ich will zu meiner Mutter!« . . . oder +Andere, schon etwas von kindischer Vernunft wie Angebrannte, klagen: »Ach, +wäre ich doch zu Hause geblieben! Wie gern wollt' ich folgen! Wie wird +meine Mutter weinen!« + +Und was würden die Mütter, die Väter und Geschwister sagen, wenn sie das +sähen! -- Und ich sehe es gleichsam für Alle, und fühle es für Alle, denn +ein Mensch fühlt wie Tausende, und keiner mehr noch anders. Solche Kleine +behalten gütige Mütter bei sich und versprechen ihnen, sie nach Hause +führen zu lassen, oder auf Kähnen, auf Frachtwagen mit. Da lachen sie +himmelsfroh! Andere sind wirklich krank und werden untergebracht in +Klöstern oder Hospitien von Begharden oder Beguinen -- wo welche sind! Sie +sollen mit den andern Reconvalescenten und mit den Lahmen nachhumpeln und +nachhinken! Die Kreuzknaben sind von Allen geehrt. Füllen sie Sonntags die +Kirche, dann müssen sie sich setzen und die Gemeinde steht. Die dann zu +Hause bewanderten Knaben dürfen als Chorknaben ministriren, und die +Einheimischen ziehen ihnen ihre Amtskleider sie bewundernd an; ja, die +Kinder der Einwohner lassen ihnen den Vorrang, auf den Thürmen die Glocken +zu läuten, und freuen sich, daß sie an den Stricken und Strängen sich +gerade wie sie selbst von der zuletzt ausschwingenden Glocke mit dem Kopfe +bis an die Decke _hinaufreißen_ lassen -- was uns einen Todten gekostet, +mit dem alle Einwohner zu Grabe gingen. Unser Nikolas, jetzt mit dem +Anstande eines vornehmen Edelknaben oder Grafensohns, läßt manchmal seine +Irmengard fahren, und wenn er sie zu Hause als Hirtenknabe kaum Sonntags +von Ferne sehen und grüßen durfte, so hat er sie hier draußen in Gottes +freier Welt, unter Blütenbäumen sitzend, oder an Quellen im Walde, und sie +macht einen Kranz, den er zuletzt immer bekommt, aber ihr hold auf das +geneigte Köpfchen setzt. Seit unsere Irmengard als Engel gepredigt, hat sie +mich durch Schönheit und Begeisterung zu sich bekehrt. Natürlich ohne +Eifersucht, fühle ich Neid gegen ihren Seelenbeherrscher. Fast kann auch +kein Mädchen _meinem verlorenen jungen schönen Weibe_, meiner Gabriele, in +ihren Mädchenjahren, _wo ich sie lieb gewann_, ähnlicher sehen, als +Irmengard. Und daß sie in seinem Wagen fährt, den immer sich abwechselnde, +sehr rüstige Knaben mit Herzenslust ziehen, daß die Räder bald zerbrechen, +hat auch irdische Ursachen: denn in der wie heiligen Karrete ist immer ein +wohlschmeckender Vorrath an Trank und Speise -- Schinken, Rheinlachs, +allerhand Klostergebäck und Flaschen vortrefflichen Rhein- und Neckarweins, +die ihm die Frommen verehrt, und den er ihr kredenzt aus dem einzigen Glase +des ganzen Heerzugs. + +Der langbeinige Wegweiser ist also geheilt -- denn er ist nicht +nachgekommen; auch nicht die Kinder aus der Lindenburg. Aber andere in der +Stadt, die von den Aeltern in Keller und Kammern schon vor dem Auszug +eingesperrt gewesen, aber von dem Lauten und Rufen und alle der, als +Geräusch nur vernommenen Begeisterung des Auszugs so ergriffen -- sind so +hinterlistig gewesen, erst einige Tage nachher, nicht mehr bewacht, theils +zu Fuß zu entlaufen, theils in Schiffchen, Rhein zu Berg, uns nachzufahren. +Da war Freude! + + + + +Dreizehntes Capitel. Der Mädchenbezauberer. + + +Heut' berichte ich Euch ein Neues, das die Verbindung von Morgenland und +Abendland mitgeführt hat und welches noch viel Anderes, Schlimmeres und +Besseres, mit sich bringen wird. Unausbleiblich. Die Sarazenen werden uns +in Europa den Gegenbesuch machen und die Tataren sich bis in das Herz von +Deutschland wälzen, Konstantinopel sich erobern und Rom zu vertilgen +drohen, als den Krater von alle dem Unheil, die Lavaströme. Gewiß! + +Also! Ich sitze in unserm lieben deutschen Strasburg, auf der Rheinbrücke +von Kehl, darauf gegangen. Die Abendsonne schien prächtig den aus der Stadt +wandelnden oder reitenden Menschen in das Gesicht. Kommt gerade ziemlich +einzeln ein Reiter geritten. Sein Pferd glaubte ich gesehen zu haben und es +zu kennen; zuletzt selbst ihn -- und ich besann mich: von jenem Abend her, +da wir nach Köln einritten, wo er plötzlich einem uns begegnenden jungen +Reiter in auffallend schönen, reichen, wie goldenen Locken auf der Straße +zurück nachsprengte, erhitzt wiederkam, von uns schied, und der uns, in den +nur acht Tagen darauf, nicht aufgesucht und uns nicht vor Augen und Ohren +gekommen. + +Er war's; auch schon wieder auf Reisen, wie ich. Als er mich sah und +wiedererkannte, hielt er, stieg ab, ließ das Pferd seinem Knechte, nahm +mich unter dem Arm, und wir gingen stumm von der Brücke rechts am gerade +menschenleeren Strand hinunter. Sein erstes Wort war: Ich reise nach +Alexandrien. Ja, sprach er, als ich überrascht ihm ins Gesicht sah. Hört +eine wahre, noch unerhörte Geschichte. + +Ich unterbrach ihn nicht, und er erzählte, oft sich selbst nur mit Ausrufen +des Schmerzes, der Wuth, der Trauer und der Hoffnung das Herz erleichternd, +mir folgende Jammergeschichte: + +»Vor drei Jahren um diese Zeit kam ein junger Mann zu uns in unser Landhaus +am Genfersee. Wie er sich eingeführt, das weiß ich nicht; denn ich war +auswärts gewesen und kam erst zurück, als ich meine Schwester schon als +seine Braut fand, die sterblich -- leider sterblich -- in ihn verliebt war. +Und sie wäre unzweifelhaft lieber gestorben, als ihn nicht zu besitzen, ihn +zu verlieren oder je zu verlassen. _Was kann ein Bruder dazu sagen_, dazu +oder davon thun! Die Brüder sehen das so mit an, als eine natürliche, wenn +auch neue und überraschende Entfaltung ihres Haus- und Familienlebens, und +machen Brüderschaft mit dem Schwager und er mit den Schwestern der Braut. +Wird doch selbst ein neuhinzugekommener Sperling unter einem Flug Sperlinge +aufgenommen und fliegt mit dem zusammensichhaltenden Volke. Er gab sich +nicht nur für einen Griechen aus, sondern seine Thaten werden Euch zeigen, +daß er wirklich einer war von jenem unglücklichen Volke, das jetzt seinen +Kaiser, seine Hauptstadt und Alles verloren: Ehren, Würden, hohe +einträgliche Aemter und Handel und Wandel. Und _wo die Rache ins Unglück +fällt_, wie Gift in Milch, da ist Alles möglich, und wenn nicht +verzeihlich, doch erklärlich. Doch ich überstürze mich. Aeltern mußte er +doch gehabt haben, und so war es auch glaublich, daß sie in Kreta wohnten, +und daß sie von ihrem großen Vermögen noch Einiges gerettet, was er nicht +übertrieben groß angab. Er erzählte auch (in Vorrath, sage ich wieder +voraus) von seinem Bruder _Endy_, der ihm als Zwillingsbruder zum +Verwechseln ähnlich sähe, der aber ein so leichtes Leben führe, daß er ihn +selbst, um sich seiner nicht schämen zu müssen, lieber verleugne. Er selbst +nannte sich mit seinem Taufnamen _Mion_; denn der Vater habe den Namen +_Endymion_ in sie beide vertheilt. Ein Bruder hat nun keinen rechten +Begriff von der Schönheit oder gar Engelhaftigkeit seiner Schwester; doch +sah ich, wie die meinige allen jungen Männern ein Wunder, ein +angstmachendes Wesen war. So glaubte ich auch an die Liebe des Griechen, +der jahrelang in Paris den Wissenschaften obgelegen, so gut wie, unter +angenommenem Namen, der Sohn des Sultans Saladin in jener weltberühmten +Stadt viele Jahre lang das Wissen und Können der Abendländer erforscht und +sich eigen gemacht, um ihnen an Geist vollständig die Wage zu halten. Mein +Schwager wollte sich auch nun ein verständiges edles Weib mit nach Hause +nehmen, frug nie nach Vermögen, nach einer Mit- oder Nachgift, oder gar +einem Erbe -- und nur die Mutter stand endlich dagegen auf, ihre Tochter +einem _Griechischgläubigen_ zum Weibe zu geben . . . _und so weit weg!_ -- +Da war meine Schwester eines Morgens entführt, sammt der ihr bereitgelegten +Mitgift an Gold und Schmuck. Er hatte aber, wie wir erfuhren, im nächsten +Orte schon redlich sie sich antrauen lassen, und sein Diener, ein +finsterer, verschlossener Ragusaner, hatte für sich auch ein ganz armes, +aber bezauberndes Mädchen mit entführt, als leise Gott, zur Kammerfrau +seiner Herrin, damit sie in der Fremde doch mit Jemandem von der Heimat +reden könne. + +Meine Schwester schrieb einen rührenden Brief an die Aeltern, und was +wollen Aeltern mehr als das Glück ihrer Kinder, wenn es auch ihnen im Alter +eine Einbildung ist. Aber sie hatte versprochen, alle Jahre nach Venedig zu +kommen -- und sie war drei Jahre nicht gekommen und hatte auch nie +geschrieben! -- Da traf ich in Genua auf meinen Schwager oder seinen +Bruder; der erstaunte über meine heftige Anrede; er gestand zu, er sei der +Bruder desselben, und wollte endlich nur gehört haben, die Frau sei +gestorben, und sein Bruder habe es deswegen verschwiegen, _damit sie in der +Seele ihrer Verwandten leben bliebe!_ Er nahm kurzen Abschied. Ich fing +Verdacht irgendeiner Art. Ich schiffte nach dem angegebenen Wohnort meiner +Schwester. Welch ein Schreck! Dort kannte kein Mensch einen solchen jungen +Mann! Vielleicht sind die jungen Leute von _christlichen_ Seeräubern +geraubt, fortgeführt und verkauft worden, sagte mir nur ein verständiger +Alter. Und nach Monaten begegnete ich meinem Schwager, dem Goldlockenkopf, +in Nizza wieder. Ich faßte ihn an der Brust. Ich wollte ihn festhalten, mir +Rede zu stehen! Er entriß sich mir. Das machte ihn mir verdächtig, +_schuldig_. Ich habe ihn wiedergetroffen und dann grimmig verfolgt. _Ihn +plattweg_ «_erstechen_» hätte ich zweimal gekonnt; aber was half das mir? +_Er mußte mir Rede stehen_, mir Rechenschaft, mir Auskunft geben! In diesem +Aufruhr des jetzigen Menschengeschlechts, in diesem Gekreuz und Gewirr von +unzähligen Fahrern und Reitern aller Art, worin sich Tausende verbergen +könnten, irrte ich verkleidet auf gut Glück mit Euch, bis zu Euch. Er hat +da eine junge, reizend schöne, wohlerzogene Französin, die, verarmt, sich +bei ihren Anverwandten aufhält, geheirathet, sich mit _ihr trauen_ lassen, +und war mit ihr verschwunden, als ich glücklich noch _seinen Diener_ +ertappte, den Ragusaner. Ich verschaffte mir handfeste, schlaue, für Geld +gewissenlose Gehülfen, die ihn Abends von der Straße wegfingen, ihn +knebelten und in ein einsames Gewölbe schleppten. Ich verschaffte mir +gerade müßige, bärbeißige und mitleidslose Diener bei der Inquisition der +Dominicaner, welche die Folter aus dem Grunde verstanden. Ich war grausam +aus Liebe gegen meine Schwester, aus Angst für unsere trostlose Mutter +. . . mir schaudert zu sagen: er gestand erst die dritte Nacht -- und was? +. . . Meine Schwester war schon die _dritte -- Frau_, um so zu sagen, die +er ihrer Schönheit wegen um einen Ungeheuern Preis an reiche Türken +verkauft, die fabelhafte Summen für eine fabelhaft schöne Jungfrau mit +Freuden geben. Er hatte sich mit ihr _trauen_ lassen, um sie sicher zu +machen und zu beruhigen! So waren sie, meine Schwester _Isidore_ und er, +nach Alexandrien -- geflohen; er hatte durch den gewandten Diener die +Ankunft einer frischen Schönen dem Statthalter _Maschemuch_ zu wissen +gethan, die von ihrem Manne rein und unberührt wie ein Engel geblieben und +bleiben mußte. _Er hatte sich bis dahin krank und leidend gestellt!_ Sie +hatte er gereizt, _ein Harem_ sehen zu wollen. Sie war verschleiert mit ihm +gegangen. Sie hatte gesehen. Sie war gesehen worden. Sie hatte gefallen -- +und _nicht mehr hinausgehen dürfen_. Welche Ueberraschung für ein +liebendes, treues Weib! Sie hatte geweint. Sie war verzweifelt. Er war mit +dem Golde fortgegangen. Der Diener hatte ihr in dem Harem -- worein, wie in +alle Häuser, alle Neuigkeiten dringen -- die Nachricht hineinschwärzen +müssen: ihr Mann sei ermordet. _Das sollte ihr Trost sein!_ + +Darauf seien sie wieder nach neuem Raube ins Abendland gezogen, wo er seine +bezaubernde _Schönheit_ zum Köder von jungen Schönen gemacht, die noch +Alles glauben, weil sie lieben, und Alles thun, weil sie wähnen, mit sich +zu entzücken. + +Ich habe mir Alles lassen genau angeben, und den Diener auf ein Schiff auf +den Walfischfang -- _besorgt!_ Er _könnte_ sobald und würde sich kaum +rächen; denn ich habe ihm so viel gegeben, als er mit zehn Reisen von dem +goldlockigen Apollo bekommen hätte. Lebt meine Schwester noch, so ist sie +vor Gram -- über ihren angeblich gestorbenen Gemahl abgemagert, blaß und +elend geworden -- schlimmer wie alt. Und so darf ich hoffen, sie von ihrem +Herrn zurückzukaufen, wenn es sein muß, um sein doppeltes . . . dreifaches +Kaufgeld. Ja, ich wäre so niederträchtig, jedoch aus heiligen Ursachen, ihm +ein wunderschönes Mädchen für sie zu geben, wenn ich mich nicht schämte, +eine dazu _Willige_ zu suchen oder zu finden. Der Wille macht Alles gut und +Zwang macht Alles entsetzlich. Die Jungfrauen und Frauen wollen _lieben_; +das steht bei Allen fest. Dann zerfallen die Liebenden in +_Geliebtseinwollende_, geliebt von Mehren, geliebt von Einem, geliebt +zuerst, geliebt einzig und geliebt zuletzt! Aus diesen Geblütsarten mischt +das Herz und das Glück und das Unglück _ihnen das Leben_.« + + * * * * * + +Der junge Ritter, der _Heinrich von Savern_ hieß, begleitete seinen frühern +Reisegenossen Raimund in sein kleines Stübchen bei ärmlichen Leuten, in +deren eigener Stube gegenüber zugleich Irmengard und Gaiette wohnten, denen +mit einem querüber gezogenen Bindfaden in der Ecke ein Stübchen im Stübchen +abgegrenzt war. Raimund vertraute ihm dort auch sein Geheimniß, daß die zur +Hurd Verurtheilten nach Rom geliefert seien; daß er die von ihnen +einzuhaltende _Straße_ wisse; die _Zahl_ ihrer Begleiter -- nur zwei --; +die _Farbe_ ihrer Maulthiere; die _Woche_, in der sie an einem ihm +genannten _Orte_ in _Sänften_ mit schwarzen Kreuzen und Fähnlein +vorüberziehen würden; und daß er sich schon immer mit zuverlässigen Männern +versehen und bereit halte, die Unglücklichen aufzuheben und dann weit vom +Wege ab an einen sichern Ort zu bringen und zu verbergen. Und in einer +Woche ginge die Woche an, sich seitwärts in Wald oder Schlünden wo in +Hinterhalt zu legen. Bei dem langsamen beschwerlichen Ueberklettern des +Kinderkreuzzugs über die Alpen und den noch weiten Weg durch die Lombardei +bis Genua, hoffte er noch vor ihm am Meere einzutreffen, um dann wieder +ihrer Irmengard weiter beizustehen in der Raserei unter offenem Himmel, dem +Tagwandeln so vieler mond- oder kreuzsüchtiger armer Kranken, welche Noth +und Tod erst bei ihren Namen rufen müsse und _werde_, um entsetzt und +beschämt zu erwachen und zu sehen, »wo sie wären«. Aber wohin, frug er, +rathet Ihr mir, Savern, unsere Frederune mit ihrem, ich glaube »Salomon«, +zu bringen? + +Und Savern sprach: Zu meinen Aeltern nach Genf! Sie haben über den See weg, +und dann noch hinter Bevay, jenseit der Berge, eine kleine Meierei, _die +außer allen Wegen liegt_. + +Raimund konnte ihm nur mit Freuden dafür danken, und Savern schrieb ihm in +Hast einen Brief an die Seinen, und bat ihn, ihnen von sich zu erzählen, +und daß er hoffe, in zwölf Wochen zurück zu sein nach Genua. + +Jetzt kam Gaiette, die den Fremden hatte kommen sehen, mit ihrer Zither +herüber, und Raimund sagte zu ihr in froher Stimmung, ja im Scherz, der +widerwillig auch zu Zeiten den Unglücklichen befällt: Siehe, Gaiette, da +ist ein Herr, der fährt mit Engelsflügeln nach dem Gelobten Lande, oder +dicht daneben, der nimmt dich geschwind wie der Wind mit. + +Also auf, fort noch die Nacht! sprach Savern zu ihr und ergriff ihre Hand. +Schöne Pagenkleider für dich sind geschwind in der Stadt noch zu haben. Ich +habe ein feines, kleines, rehfarbenes corsisches Pferdchen für dich. _Dort_ +bist du dem Sultan Amalrich von Jerusalem selbst nicht zu schlecht, ja ein +Schatz; hier bleibst du ungekauft, als von einem Schneider, Schuster oder +Tuchknappen; denn du hast kein Geld, dir einen bessern Mann zu kaufen! +Also! + +Sie ließ ihm die Hand und war nur roth geworden. Und mit bittern Gefühlen +im Innern frug er sie: Kannst du Zither spielen? + +Und das morgenlandsüchtige Mädchen rauschte ihm was in den Saiten. + +Kannst du singen? + +Und das gute Mädchen sang, daß ihr die Thränen in die Augen traten. + +Kannst du Türkisch reden? + +Und das begeisterte Mädchen redete Worte _aus ihrem Glauben: »wie Türkisch +klingen müsse!«_ redete, und befahl ihm mit ausgestrecktem Finger: »Ili, +kutsch Ili! Ili, kutsch Ili!« sodaß Alle lachen mußten und sie selbst. + +Nun Alles sehr gut! belobte sie Savern. Aber nun noch die Hauptsache: +Kannst du tanzen? + +Und nun tanzte das mond- und türkenmondsüchtige Mädchen, reizend mit +liebenswürdigem Gesicht und funkelnden Augen. Aber vor Lachen taumelte sie +und warf sich auf das Bett. Und Savern besah ihre Finger und steckte ihr +einen schönen Ring an, in dessen Glanz und Schein sie lange hineinsah -- +wie in das Morgenland. + +Raimund ward zum Nikolas in einen »Rath der Hirtenknaben« fort aus dem +Hause berufen, und die beiden Männer, jeder für die Seinen zu jedem Opfer +bereit, schieden auf Tod und Leben, ungewiß, ob sie sich wiedersähen. + +Savern blieb in Gedanken sitzen. + +Am Morgen kam Irmengard zu Raimund herübergestürmt und erzählte ihm ihren +Schreck, daß im Morgengrauen sie ein schöner junger Page im Bette +überfallen, ans Herz gedrückt und unter heißen Küssen ihr Gesicht und Brust +naßgeweint habe, und frug ihn, wo Frohmuthe wol sei? + +Er erröthete über das kecke entflohene Mädchen und über Savern, der sie +_als letztes Mittel_, seine Schwester zurückzukaufen, mitgelassen, +mitgenommen. Wollte auch er selbst ja, wie Jener, sogar sein Leben daran +setzen, warum sollte Savern nicht nur eines Andern Wunsch erfüllen? Und +»des Menschen Wille ist sein Himmelreich«, sprach er, »nur ein verrückter +Wille: ein Verrücktes«. + + + + +Vierzehntes Capitel. + + +Darauf zog er noch mit bis nach Basel. Dort war große Heerschau zum Zuge +durch, ja über die Schweiz, nach Zürich, Zug, Altdorf und über den +beschwerlichen und gefährlichen _St.-Gotthard_, nach Bellinzona. Schon +jetzt waren Wunderdinge passirt; ein Seitenzug des Heers, mehre Tausend, +die die Sarazenen schlagen wollten, hatten nicht gewagt, durch einen Wald +zu ziehen, worin neun bis zehn Räuber hausen sollten, und schleunig um +Schutzwache und Geleit von großen Männern gebeten. Es waren große Gewitter +und in der That furchtbare Regenschauer gewesen; die Kinder hatten im +Freien übernachten und naß am Morgen wieder hungrig weiterziehen müssen. So +hatten Hunderte das Fieber bekommen und vor Angst doch eilend sich die Füße +wund und blutig gelaufen unter entsetzlichem Weinen und Singen. Manche +hatten sich Beine gebrochen, und so war ein meilenlanges Lazareth am Wege +her entstanden. Dazu wurden sie von den fast unzähligen, nur auf Raub und +liederliches Leben mit ausgezogenen Spitzbuben und Spitzbübinnen um ihre +noch etwa übriggebliebene, für die äußerste Noth erst aufgesparte, an sich +schon kleine Habe von ihrer Mitgift und ihrer Reiseausstattung gebracht, +und die unter diesen Umständen mehr als grausamen Heuchler und Diebe und +Diebinnen, die zu desto größerm Vertrauen gerade in Beguinen- und +Beghardenkleidern mit dem Kreuz auf dem Rücken mitgepilgert waren, verzogen +sich nun und entliefen aus gerechter Furcht vor dem Schicksale des Zugs so +vieler Tausend auf einem meist häuserlosen Wege durch die Schweiz und über +die Schneegebirge. + +Raimund stand und übersah von einem Hügel das große weite wimmelnde Lager +der Kinder, die im schönen warmen Sonnenschein wieder froh waren, und jedem +besonders hohen Berge, als dem Berge des Pilatus, ein Zetergeschrei +brachten. Er wollte morgen bei Tagesanbruch scheiden und die Scheidenden +sehen klar und wahr. Neben ihm standen auch zwei Männer, ein Ritter und ein +Priester, die das Leben unter dem Schwarme auch nicht mehr ertragen +konnten, und den Zug verlassen wollten. Und der Ritter sprach verwundert: +Wenn einem Heere von Rittern hätte ein Zug vorbereitet, geleitet, versorgt, +ernährt und ausgeführt werden sollen, wie viel Millionen an Geld und viele +nacheinander eintretende Tausende von sorgfältigen unermüdlichen +Schaffnern, Aufsehern und Auf- und Nachräumern, und Heerden von Ochsen und +Schafen und Pferden würde Das bedurft und gekostet haben -- was hier blos +aus _Leichtsinn_ und auf _Mildthätigkeit_ unternommen, und auch, wie bei +uns Erwachsenen, zu nichts, als _zu einem ebenso jämmerlichen_ Ausgange +gebracht wird. + +Und Raimund sagte bewundernd: Wie leicht und süß sterben doch Kinder! Ich +habe da ein Mädchen sterben sehen -- dagegen ist aller Rittermuth +lächerlich! Da ist kein Glaube; da ist nichts als _Kinderherz_, noch nicht +ängstlich gemachte, reine schuldlose Kinderseele! Sie schwebt auf und fort, +wie ein ausgehauchtes Flämmchen! wie der unsichtbare Duft einer Blume! Und +wenn diese Kinder alle die Teufelsbrücke hinunterstürzten oder gestürzt +würden, sie fielen alle selig in den Himmel in ihrem Kopfe, in ihrem +Herzen. + +Ich muß es sagen, die Kinder ertrugen unzählige kleine und für sie große +Beschwerden -- _mit gar keiner Geduld_, nur mit fröhlichem Sinn aus Eifer, +und weil ihrer Tausende das Gleiche ertrugen. _Wie viel schwerer könnte der +ganzen Menschheit das Leben sein, und es würde auch noch gelebt und zu Ende +getragen!_ + +Und der Priester hielt schon lange seine Hände gefaltet und sprach jetzt +betrübt: Da seht nur unten den Wirrwarr! Die Messe wie vor den Kirchthüren! +Alle stehen da untereinander, kaum die einigen hundert Priester und +Geistlichen, alle unter gleichem Gewande, der Sklawine der Kreuzfahrer. +Dort nur haben dir Weiber sie abgelegt und waschen sie. Mädchen waschen +ihre Läppchen und Lümpchen und hängen sie zum Trocknen auf Sträuche und +Zäune -- wie den Engeln hin. Andere nähen die Löcher und Schlitze zu, +schneiden die Fetzen und Zumpel von ihren Röcken und stopfen noch einmal +die letzten Strümpfe, oder schleudern sie fort. Da ist kein Schrank, keine +Truhe, keine Vorrathskammer, woraus die Mutter den Schaden ersetzen könne +und etwas Neues geben, und das Alte geht zugrunde. Und nun erst innerlich +den Schaden zu besehen, _um ihn zu verschweigen_; -- Ihr wißt wol, daß alle +Welt, die Augen und Ohren hat, weiß . . . wie es schon auf Processionen zu +einem heiligen Bilde hergeht; am liebsten auf einer, wo ein Nachtlager +_hin_ und ein Nachtlager _heim_ sehr angenehm ist, in schöner Sommernacht, +selbst unter freiem Himmel; oder in Schuppen und Scheunen und Bansen, auf +Stroh- und Heuböden, wo natürlich kein Licht geduldet werden darf. Ihr habt +wol gehört, wie sich die Züge _erwachsener_ Pilger und Kreuzfahrer +gewöhnlich nicht durch _besondere_ Heiligkeit auszeichnen, da sie blos mit +dem Glauben und dem beschwerlichen und gefährlichen Kreuzzuge allein schon +allen andern Ansprüchen an Menschenglauben genug zu thun und dabei _keine_ +andern Pflichten und Gebote für Menschen mehr besonders genau zu beobachten +hätten, weil sie im _Voraus_ schon Vergebung aller Sünden auf ihre Zugzeit +erhalten haben, -- ebenso verdient die Aufführung unserer jungen +Kreuzfahrer und Kreuzfahrerjungen und -Mädchen -- vermischt mit so vielem +Gesindel, das nur, _weil es nichts taugt_, mit ihnen gezogen ist -- wol +keineswegs der Hülfe Gottes, oder der Maria und Magdalena zu ihrem Leben. +Wie viele Aergernisse hat es schon gegeben, die alle vertuscht werden, um +die Heiligkeit zu bewahren! Und wohin werden sie nun kommen? So Gott will +nach Italien, in die warmen italienischen Nächte, in Haine bei Mondenschein +und Nachtigallengesang! + +Raimund sah den Priester an und mit dem gewissen Blick in die Augen, und +dieser »Reine« sah ihn wieder _so_ an, und Beide erkannten sich als +Genossen _eines_ Glaubens. + +Sie hatten schon lange viele Rheinkähne von Hüningen herauf- und von +Schaffhausen herabkommen, anlegen und ausladen gesehen. Als sie darauf bei +Sonnenuntergang in das Lager hinabstiegen, sahen sie die kleinern Knaben +warme Jacken und Hosen, zum Unterziehen unter die leinenen kalten +Sklawinen, sich nach Hause tragen; die größern und größten Mädchen aber +trugen sich Säcke heim, die inwendig und auswendig mit Wachs bestrichen +waren, und die Säcke sollten über die Berge auf der dorflosen Straße ihre +Betten sein, in die sie zur Nacht hineinkriechen und die sie mit den +Bändern unter dem Kinn sich fest zubinden _sollten_. Damit schien ein +doppelter Nutzen beabsichtigt zu sein von den geheimen Rathgebern des +Nikolas, der einen besondern und wirklichen Hirtenbrief an die andern +Hirtenknaben erlassen. Ein frommer Priester hatte aus frühern Jahren an die +_muthigen Schwestern_, die »_Syn-ei-Sactas_«, erinnert, die das oft +gelungene, oft mislungene Kunststück gewagt, unter Jünglingen und Männern +muthig und getrost zu schlafen, und sich zu bewähren; aber aus den +»_Sacktes_« hatten sie hier übelverstandene »_Säcke_« gemacht, die +herbeigeschafft worden, und in welche zu fahren die redlichen Mädchen sich +freuten und sie schon probirten. + +Sie hatten dann ruhig und selig darin die Nacht geschlafen, aber es war +gegen Morgen durch Fahrlässigkeit Feuer ausgebrochen; die Säcke hatten +geschrien, sich fortgewälzt, sich selbst nicht erlösen können, und Keines +hatte das Andere, vor zitternden Händen, aufknötern können -- und so waren +sie fortgehüpft, niedergefallen, wieder mühsam aufgestanden, und bei dem +Feuerscheine hatte es ausgesehen wie eine ganz eigene Auferstehung von den +Todten, oder von großen graugelben Ameiseneiern mit menschlich schreienden +Köpfen. + +Verbrannt, nicht einmal angesengt, war glücklicherweise kein Mädchen. + +Das war das letzte Bild, das Raimund, bei seinem Aufbruch zu seinem +Wagstück, von den armen Kindern in seiner Seele mitnahm. + + + + +Fünfzehntes Capitel. Die mehr als tödtliche Wunde. + + +Raimund, der treue Bruder, hatte einen sichern Ort im Walde unfern der +Straße gefunden, seinen Diener auf dem Wege zurückgeschickt, um voraus +berichten zu können, wenn die Tochter des gleichsam für sie gestorbenen +Vaters käme. Da sie aber gewiß nicht die Nacht, noch bis Spätabend reisten, +so mußte er die Aufhebung am _Tage_, also gleichsam im Fluge vollbringen, +und seine redliche Seele befahl ihm obendrein: Niemand dabei zu tödten. +Endlich erst den letzten Tag der Woche berichtete der Diener eilig +herbeifliegend: Sie kommen! Sie sind es! + +Er erblickte sie gegen Abend. Er und seine Leute ritten _mit ihnen_, als +von einem Seitenwege kommend; sie grüßten sie und unterhielten sich +zutraulich lange mit den zwei Reitern. Endlich war die Straße weit hinauf +und hinab frei von Menschen. Und es kostete dem guten Raimund eine +menschenunwürdige Ueberwindung: die getrostgemachten Reiter auf einmal zu +überfallen und als Feinde -- ja von ihrem Widerstande gezwungen -- als +Todfeinde gegen sie aufzutreten; ja sein redlicher, wahrheitredender Geist +im Leibe wollte sie sogar warnen, und er bannte ihn nur mit Gewalt, da er +Frederune aus der Sänfte rufen hörte. Sie hatte ihn also erkannt. Er +foderte kurz mit blankem Schwert, daß sich die Führer ergäben, indem er, +abgestiegen vom Pferde, auf den vordersten eindrang. Und sichtbar übermannt +von den Andern ergab er sich. Wie aber Raimund ihn binden wollte, stolperte +er, fiel auf das Gesicht und der andere Führer stach ihn mit seiner Lanze +in den Nacken, in den Sitz des Lebens, bis auf das Mark. Er blieb ohne +Verstand liegen; aber seine Leute banden den Führer und dessen gefangenen +Gefährten mit Stricken, knebelten sie, führten sie hinter die vordersten +Bäume des Waldes und banden sie fest, jeden an einen besondern Stamm, daß +keiner den andern losbinden, aber sich später Hülfe erschreien könnte. +Drauf schlossen sie die Sänften mit den den Wächtern vom Halse abgenommenen +Schlüsseln auf, sahen hinein, und bedrohten die von Rom Erlösten, drinnen +zu bleiben; schlugen die schwarzen Kreuze und Todtenfahnen vor den Sänften, +banden den haltlosen verwundeten Ritter Raimund auf eins der Pferde, und so +eilten sie schnell von der Straße rechts hinein auf die zuvor gewählte +Straße im Thale der Aar hinauf. + +Raimund kam erst am andern Morgen im ersten Nachtlager in einer einsamen +Mühle zu deutlicher Besinnung. Er hatte wenig Blut verloren, und die Freude +des Wiedersehens mit der erretteten Tochter seines Bruders, und ihr und +ihres Geliebten Dank für die Errettung war unaussprechlich und wurde nur +geweint. Die Befreiten ließen ihre entsetzlichen Kleider in die Aar werfen +und vertauschten sie mit Kleidern von Bäuerin und Bauer. Sie fuhren dann, +zu schwach zum Gehen, auf einem Schweizerwägelchen weiter, und an nächster +einsamer Stelle verbrannten sie die Sänften und verschenkten die Maulthiere +an arme Leute. So gelangten sie nach Lausanne und fuhren im Schiffchen über +den See nach Genf, von den selbst Unglücklichen, Vater und Mutter Savern, +mit Thränen und mit der Hoffnung aufgenommen, daß ihrem guten Sohn auch +seine Rettung -- aber einer gewiß auf zeitlebens unglücklichen Tochter -- +gelingen werde. Das gerettete Paar aber war noch und blieb so furchtsam, +daß sie vor jedem Kreuze schauderten und die Augen zudrückten, vor Glocken +sich die Ohren zuhielten und schon darum nach der Meierei übersiedelten, +weil an ihr kein Weg hin oder her, noch vorüberführte; wo kein Thurm, keine +Kapelle rundum sich sehen ließ, noch ein Kreuz nur -- wie aus Schonung +ihrer gepeinigten Seelen -- es wagte, wo im Walde zu stehen oder von einem +Berge in das ihnen heilige Thal zu blicken. + +_Hier_ war kein Feiertag, kein Sonntag; sie hörten keine Glocke, als eine +selige Schafglocke oder eine wie himmlische Kuhglocke. Sie lebten hier +unbeneidet in wahrer treuer Liebe als bloße _natürliche_ Menschen in +Hirtenkleidern -- _und machten Käse_. So hoch hatten sie sich sogar noch +über die Katharer da draußen, über die _Reinen_ erhoben und unter dem +treuen, blauen, stillen, klaren Himmel verklärt. + +Raimund, wieder leidlich bei Kräften, meldete der Mutter der geretteten +Tochter, in nur ihr verständlichen Worten, nach Köln die Ursache zu größter +Freude; gab den jungen glücklichen Leuten einen Schatz an Golde, der auf +Lebenszeit für sie langte; sehnte sich nach dem zerstörten Beziers, wollte +auch seine noch außenstehenden Gelder einziehen und reiste über Lyon, die +Rhone hinab, und pilgerte, als sicherer Kreuzfahrer verkleidet, von +Montpellier nach der schaudervollen Stätte der Asche seiner Gabriele und +seiner Kinder. + +Das ist das große allgemeine Glück, die sicher und froh machende Naturgabe, +daß sich Alles, was lebt, für klug und verständig hält: die Menschen, die +Männer und Weiber alle, die Blinden und Tauben, die Kinder wie die Alten, +sogar Bär und Schlange, Spinne und Biene, ja, daß selbst die Irrsinnigen +gar nicht wissen, daß sie nicht bei Verstande sind. _Und das wußte Raimund +auch nicht._ Sein eigenes Schicksal, das grause Geschick der Seinen in der +Fremde, der Tod seines Bruders, und die Ursache, warum er gestorben, und +zuletzt der Stich mit dem Schwert in den Sitz seines Lebens _hatten ihm +gleichsam die Erlaubniß erwirkt, nicht mehr bei richtigem Verstande zu +sein_; also Unvernünftiges -- _jedoch immer noch mit angeborener +Rechtschaffenheit und Gewissenhaftigkeit_ zu thun; aber _Unmögliches_ zu +wünschen und _Vergangenes_ mit _Zukünftigem_ oder _Gegenwärtigem zu +verwechseln_. Er saß ganze Nächte bei Mondenschein in den Trümmern seines +Hauses, er sah sein junges Weib wieder wie sonst darin wandeln; sie vor ihm +stehen bleiben, ihm die Hand auf das Haupt legen; ja, sein geheimer Geist +sprach als ihre Gestalt zu ihm, und er zerschmolz in Thränen. Es war ihm +einst, als wenn ein _Licht in ihn falle_, und da in der That _sein Weib_ +oder Mädchen _der Irmengard_ sehr ähnlich gesehen, so war Irmengard nun +sein Weib geworden oder gewesen, und sein Weib, sein zu Kohlen verbranntes +Weib, war nur Irmengard; was ihn mit frohem Schauder durchzuckte und mit +betrübter Sehnsucht nach dem Engel durchglühte, der den Kindern gepredigt +hatte und jetzt ihm verloren war. Aber er hoffte auf ihre Wiedererscheinung +und unbestimmtes Glück und Leid. Er fand in den Kohlen seiner Kinder +schwarze Knöchel -- er fand seines Weibes braune Hand und noch ihren Ring +daran, den sie ihm zu schenken schien und den er ansteckte. Ihm war heilig +und gewiß: _diese Gestalt konnte nicht verloren sein!_ sie mußte _wo_ sein! +_wer_ sein! sie konnte Irmengard sein, die vielleicht vorher nicht gewesen, +es erst geworden, oder von den Todten herauf- oder vom Himmel +herabgestiegen, als er sie zuerst gesehen und leider sie so geschmäht und +gescholten! Und er konnte es nicht mehr in der verkohlten schwarzen Stadt +aushalten. Aber diesen ihm tröstlichen Wahnsinn _glaubte er nun_, und er +zog mit ihm fort. + +In Marseille vernahm er von tausend Augenzeugen die Einschiffung des +Hirtenknaben St.-Etienne mit seinem Kreuzzugsheere in sieben großen +Kauffahrteischiffen der beiden verdächtigen Männer, des _Hugo Ferreus_, +oder des eisernen Hugo, und des _Wilhelm Porcus_,[A] welche die Kinder für +Himmelsgesandte gehalten, weil sie ohne Fahr- und Kostgeld ins Gelobte +Land, und so bequem, ohne einen Schritt thun zu dürfen, großmüthig sie +aufgenommen. Er hörte auch, daß zwei überladene Schiffe voll Kinder bei der +Insel _San-Pietro_, an der Spitze von Sardinien, gescheitert und +untergegangen, und die See die kleinen jungen Leichen alle der Erde auf ihr +grünes Ufer geschwemmt. Es ging ein Schiff nach Cagliari, welches dort +ausladen und mit neuer Ladung von dort nach Genua steuern wollte, und er +ließ sich auf der kleinen Insel aussetzen, wo die Bauleute eine Kirche +»_der neuen unschuldigen Kinder_«[B] gründeten, wozu zwölf Präbenden kommen +sollten. Umher lagen über die Tausend Kinder begraben. Aber in einem +Gewölbe besonders lagen nur beigesetzt in steinernen Särgen einige Knaben +und Mädchen, die wie vom Tode nicht berührt _unverwandelt frisch und +wunderbar rührend dalagen_; vor Allen der prächtige Knabe _St.-Etienne_, an +dem kein Auge sich satt sehen konnte. Ohne an einen Heiligen zu glauben, +konnte Raimund sich nicht enthalten, dem vom Geiste geführten Seligen die +Hände zu küssen. _Kann ein Wahn so schön sein?_ Kann er solch Rührendes auf +der wahren Erde, unter der wahren Sonne, wie eine Himmelserscheinung für +die Sterblichen hervorbringen? fragte er sich. Er vertauschte heimlich +seinen Rosenkranz mit ihm -- und zum Erstaunen sprach sein Geist dazu: +»Schlag' ihm doch lieber einen Zahn aus! der ist etwas Wahreres, +Leibliches.« Aber des himmlischen Knaben todte Mutter, die Allen für eine +Heilige gegolten und jetzt gleichsam getreulich in der einfachen Kleidung +einer Hirtin von der Loire neben ihm _ebenso unverwandelt_ dalag, sprach +jetzt sehr sanft und anschauernd: »_Lasse den Todten ihr Todtes! Wir Todten +sind so schon bettelarm._« Und er gab ihrem Knaben seinen Rosenkranz wieder +in die Hände. + +[Fußnote A: Albericus.] + +[Fußnote B: Albericus.] + +Ueber alle die Trauer hatte er sein Gold und _seine Schuldner_ vergessen. + +Das Schiff holte ihn ab, und er stieg wie aus einem Traume in Genua ans +Land. + + + + +Sechzehntes Capitel. Trauer und Freude. + + +An der anfang- und endelosen Welt _hieß der Tag_, zur Erkennung und +Wiedererkennung -- wie ein Hirt seine Schafe zeichnet und zählt -- und +somit auch _war_ den Menschen der Tag wirklich: der 27. August; ein +sogenannter Mondtag, ja sogar »Mariä Himmelfahrt«; indeß kein Orangenbaum, +kein Sperling auf dem Dache, keine Glocke, ja alle Thürme und Kirchen das +Geringste davon wußten oder nur ahnten, sondern in der Sonne standen, +hallten, blühten, schrien und flogen im _ewigen Leben_. Und der _deutsche +Kinderkreuzzug_ war »_vorgestern_«, den 25. August, an einem sogenannten +Sabbath, in Genua eingezogen.[A] + +Raimund ging mit seinem treuen Diener nach der schönen Straße _Balbi_, nach +dem Palast seines reichen Handelsfreundes Vivaldi, welchen er auch seinem +Freunde _Savern_ zum Ort des Wiederfindens empfohlen hatte. Unterwegs sah +er nur einige abgerissene blasse Kreuzzugsknaben an den Thüren betteln; +auch Frauens_personen_ -- Frauen_zimmer_ war zu nobel für sie gesagt. Sie +sangen _deutsche_ Lieder, die ihm hier in der Fremde vor Unglück um Brot +gesungen -- die Seele zerschnitten. Er schämte sich zu fragen, sie +anzureden. »Hier muß was vorgegangen sein!« sprach sein leiblicher Geist. + +Er ward wohl aufgenommen und prachtvoll logirt und bewirthet, _denn_ der +Handelsfreund war ihm schuldig! Raimund frug geschwind, ob nicht sein +Freund, er heiße Savern, aus Aegypten angekommen sei, wolle Gott mit einem +Frauenzimmer? oder, wollte Gott nicht: allein, und ob er gleich wieder +weiter gereist? + +[Fußnote A: Ogerii annales Genuenses.] + +Aber er hörte ein besorgliches Nein; daß aber zwei Schiffe in Pisa dieser +Tage angekommen aus dem Morgenlande. Dagegen führte ihn sein Handelsfreund +in den geräumigen Hof, und in einen Schuppen mit allerhand Kisten und +Tonnen. Mitten darin stand eine gichtbrüchige Karrete, die ein Spötter +einen Hundestall auf vier Rädern genannt haben würde. Und wirklich lag ein +Hund darin, und wie die Vögel zum Schlafen oder zum Sterben, den Schnabel +unter den Flügel gesteckt, so lag er zusammengerollt, die Schnauze unter +das Hinterbein. Raimund schlug die Hände zusammen, und rief: Phylax! +Phylax! + +Phylax richtete den Kopf in die Höhe. + +Raimund streichelte ihn, und der Hund leckte ihm die Hand; aber abgehungert +und elend, konnte er nicht mehr aufstehen, und man sah nur, daß er mit dem +Schwanze wedeln _wollte_. Raimund, vor Wehmuth außer sich, sprach mit +tonloser Stimme: Nun, mein Phylax, erzähle mir Alles aufrichtig; denn es +ist vor deinem Tode! + +Und nun ließ er den Hund sprechen, und hörte andächtig den Worten zu: + +Ja, ja, mein lieber Herr Raimund, lebt wohl! Ich, ich muß nun hier in der +Fremde sterben, geschieden von meiner Heerde, die ich nie mehr wiedersehe +auf Erden, und im Himmel erst recht gewiß nicht, wenn Schafe nicht +auferstehen. Aber wir waren doch hier Schafe und Hunde, und gute! Grüßt mir +meine Frau Diane auf ewig, und unsere sieben Kinder, besonders das jüngste, +den geborenen Stutz; das wird ein Hund, _so gut wie ich!_ Ich muß mir meine +Leichenrede nur selbst halten! Nun sterbt Ihr auch einmal wohl! Einmal ist +genug! + +Darauf bellte Phylax wirklich selbst noch einmal, aber mit allen Kräften +nur schwach. + +Seine Wirthsleute mit ihren Kindern, Knaben und Mädchen, umstanden ihn, und +die Knaben ergriffen einen Wagbalken, den verhexten Hund zu erschlagen. +Aber Raimund wehrte ihnen und sprach: O, das ist noch gar nichts! Wie +prophezeieten da erst andere Menschenkinder jetzt bei uns und überall. Es +ist einmal eine Wunderzeit! Uebrigens ist das Erschlagen eines Todten +beinahe überflüssig, sowie die todten Juden zu taufen -- denn Phylax ist +todt. + +Er legte ihn sich zu Füßen, schob seine vor Schwachheit nicht angerührte +Speise, eine Salamiwurst, beiseite, und setzte sich selbst in den Wagen, +hielt auch dem todten Wagen die Leichenrede, und sprach: + +Wie es von allen alten Thronen aller alten Könige, Pharaonen und Kaiser der +Erde nicht Einen mehr gibt, sondern zuletzt bis auf den letzten +vermorschten sie alle zerhackt und verbrannt worden, so steht nun hier +todtenmüde im Gerümpelschuppen die ebenso heilige Karrete des Nikolas, in +Grund und Boden zerfahren und zerrädert, mit ihrem in Fetzen herumhängenden +Baldachin. Er war auch einmal in dem »1212« gescholtenen Jahre eine +flüchtige, nichtige _Erscheinung von Holz_ gewesen, wie Sesostris' von +Königen gezogenes Fuhrwerk. + +Er saß darauf ganz still. Die Thränen drangen ihm in die Augen, indem er an +seine liebe Irmengard dachte; aber er getraute sich nicht nach ihr zu +fragen, da er sich scheute, das Erbärmlichste, ihn Erbarmendste zu hören, +am liebsten noch ihren Tod. Aber seine Wirthsleute, der Mann, die Frau und +die Knaben umstanden ihn, und erzählten ihm den Aufruhr in ihrer Stadt +diese drei Tage her abwechselnd in den Wagen hinein. Und die bewegte Frau +sprach zuerst: + +Was wir diese drei Tage her ausgestanden, das kommt in unsere Chronik! +Schon lange summte es aus den Alpen: »ein unwiderstehlicher Kreuzzug +kommt!« Dann war er über den Gotthard! . . . Als er in Mailand sein sollte, +ward unsern Herren Angst; sie schickten Boten über Boten; denn Niemand +glaubte es, und der Schrecken habe sie nur Geister, und die Geister als +Kinder sehen lassen! Aber unsere Waffenröcke besetzten dennoch die Mauern, +und die Landthore wurden verrammelt. Unsere Herren hatten Ursache, sich vor +den Deutschen zu fürchten. Denn wir hatten es mit _dem Papst gegen den +Kaiser Otto_ gehalten, und die Rache dafür konnte zugleich durch den einen +Kreuzzug mit abgethan werden, wie in Konstantinopel; _denn so ein Herr hat +ein Gedächtniß_ für Jeden, der nur ein unangenehmes Wort gesprochen oder +nur eine Faust in und mit dem Schubsacke gegen ihn aufgehoben. Gott +bewahre! Aber was war es? Wer kam? + +Ja, Mutter, erzählte ein Knabe darein, wir liefen auf die Thürme und sahen +auf der Höhe, ganz nahe über der Stadt, ein Heer Kinder, Kinder alle auf +den Knien vor Freude weinend und Danklieder singend, daß sie das Meer +erblickten, das uns nur ein silbernes Waschbecken ist. Unser Rath bekam da +Muth, lachte und stieg selbst hinauf zur Höhe, und einige haben die Kinder +befühlt und endlich geglaubt, daß es wirkliche natürliche Kinder wären, nur +verhungert, zerlumpt, als wenn alle armen Deutschen ihre Bettelkinder in +die Fremde gejagt. + +Ja, sprach der Hausherr, so zogen sie dann _mit Erlaubniß der +Barmherzigkeit_ zum Thore hinein, füllten die Straßen und Märkte und +setzten sich; denn sie konnten nicht mehr auf den Beinen stehen. Und, du +lieber Gott, da ließ der Herr Petrus über sie regnen -- daß sie aus guten +Gründen aufstehen mußten. + +Ich hätte lieber Manna über sie regnen lassen, sprach eines der Mädchen, +und die Sonne über sie scheinen, so warm, so warm! + +Du gutes Kind, sprach der Vater, sie an sich ziehend. Aber wir weisen +Herren waren gnädig, sie in die Häuser einzuquartieren, damit sie sich +einmal nach lange wieder satt äßen mit warmen Speisen. Das war vorgestern, +Sonnabend, aber am andern Tage mußten sie gleich weiter ins Feld rücken, +als gestern, Sonntag. Und was konnten die armen Kinder anders, als +gehorchen, weinen und betteln. Sie betteln zwar _nur deutsch_ -- aber wer +versteht denn nicht: _Lumpen_, blasse magere Gesichter, tiefliegende Augen, +und Blicke daraus, die Einem das Herz im Leibe schmelzen. Wie froh wurden +da unsere guten Kinder und Weiber _durch Geben und danken Hören!_ Ganz +Genua war ein »Ora pro nobis« und ein »Benedictus qui venit in nomine +domini!« Aber fort mußten die Kinder! und sie fielen auf die Knie, als +unsere Herren durch Herolde mit Trompeten ihnen das verkündigen lassen +mußten.[A] + +Und da begab sich ein Schauderhaftes, so eine Art Heiliges, schaltete die +Mutter ein. Nämlich die Kinder liefen ans Meer, und wie Moses an den Felsen +geschlagen, damit Wasser herauskäme, so schlugen sie mit ihrem Pilgerstabe +auf das Meer, damit es verschwinden, vor ihnen zurückweichen sollte, um +trocken hindurchgehen zu können. Und wahrhaftig: das Meer wälzte sich +zurück! Wir hörten das unermeßliche Freudengeschrei in der ganzen Stadt bis +in die Keller. Aber was war es: es war nur _die Ebbe_ gewesen! Und als sie +bezaubert die Stunden daran gesessen, als die Flut zurückrauschte, und die +Wellen ihnen die Füße bespülten, sie gehoben und fortgeschwemmt hatte, da +sie wie verzweifelt, bis unter die Arme umwogt, drin sitzen geblieben und +gesungen und endlich unermeßlich geweint, wie unermeßlich betrogen -- o weh +doch, so ein Jammergeschrei wünsch' ich mir nicht mehr zu hören! Und sie +mußten sich dazu bereiten, zu Lande weiter zu ziehen in die Ferne, durch +Rom, bis nach Brindisi, oder nach Pisa, wo zwei große Schiffe bereit lagen, +sie nach Joppe umsonst und wohlversorgt überzuführen. -- Was essen nicht +schon die Kinder in einem Hause! Und _wir mußten in Genua eine Hungersnoth_ +befürchten, denn es war schon jetzt kein Bissen Brot mehr in der Stadt. Da +entschlossen sich Hunderte von Kindern, nach Hause, _in die Heimat, in das +wahre Gelobte Land_ zu pilgern, mit einem neuen, ihnen aus dem Herzen +gequollenen Liede: »Fahre wohl, du Friedensstadt! Wir sind Welt und Alles +satt!« Da wurden nun, wie auf einem Sklavenmarkt, Knaben, besonders +Hirtenknaben, auf die Meiereien um die Stadt herum _gemiethet_, denn ein +Schaf ist überall ein Schaf und ein Mensch ein Mensch. Andere wurden von +Handwerkern aufgenommen, die Kranken zur Pflege guten Leuten übergeben, die +von selbst sich willig dazu erboten. Das Kinderheer war entsetzlich +geschmolzen, da unzählige verhungert und umgekommen waren, krank auf dem +Wege zurückgeblieben, einsam verkommen und am Heimweh _gestorben_. Andere +schöne, feine, treuherzige Edelknaben wurden sogar in vornehmen, aber +söhnelosen, ja in den höchsten Familien an Kindesstatt aufgenommen.[B] Und +so mußten denn die andern gesunden Kinder, nach dem reichlichen einen +Sonntagsmittagsessen, alle wieder nothdürftig ausgeflickt und bekleidet, +von unsern guten Genuesenkindern weit hinaus auf die Straße nach Pisa +begleitet, wieder hinaus in die Welt auf die Eroberung des Gelobten Landes +-- mit neuen Pilgerhüten und Taschen voll Orangen! + +[Fußnote A: Desgleichen Ogerii annales etc.] + +[Fußnote B: Petri Bizari Senat. Popul. Gen. Histor.] + +Als Raimund so viel, für _ihn_ wie nichts erfahren, da er über Irmengard +nichts erfahren, sprangen die Kinder vor das Thorweg auf die Straße hinaus, +wo indeß schellende Kameele gehalten, von denen schon zwei Männer +abgestiegen und der eine schon in den Hof kam, der Niemand anders war als +_Savern_. + +Raimund erkannte ihn gleich, und hing noch an seinem Halse, als zwei von +ihren Kameelen abgestiegene Türkinnen in das Haus geschlüpft vor dem +neugierigen Volke, und in den Hof sich gleichsam retteten. Sie waren Beide +in weiten gelbseidenen langen Hosen, mit Gürteln gegürtet, in gelben +Pantoffeln, Beide in prächtigen Turbanen, die Stirn und den Mund mit +kostbaren Tüchern verbunden, das Gesicht weiß verschleiert. Die weiten +Mäntel mit viereckigen Kragen hatten sie draußen gelassen, und Raimund's +Wirthsleute schienen erstaunt, als die eine Türkin den Raimund umschlang +und im Schleier ihn küßte, als habe er im Morgenlande eine Freundin gehabt, +die ihn aufsuche. Aber die Verschleierte weinte nicht allein vor Freuden, +sondern sie lachte auch dazu. Raimund erkannte daran Gaiette und rief: Nun +Gott sei gedankt! Du bist wieder da! Und meine Irmengard wird auch noch +kommen. + +Die Hausfrau führte die neuen weiblichen Gäste in ihre besten obern Zimmer. +Raimund ließ abpacken und unter andern Sachen eine nur kleine, geschnitzte +und blumenbemalte Kiste zu den Frauen hinauftragen. Dann ging er mit seinem +Freunde Savern in sein eigenes Zimmer nach. Da warf er sich auf einen +Divan; Savern ging vor ihm auf und ab und erzählte ihm Alles kurz, aber aus +dem Kern, und sprach: + +Ich bin glücklich in Aegypten, an seiner flachen weißsandigen Küste +angekommen. Zu unserm Glück war der vielbeweinte Statthalter Maschemuch +_gestorben_, was auch im Morgenlande, ja im Gelobten Lande, in Jerusalem, +Bethlehem, und darum von jeher nirgend etwas Unerhörtes gewesen, noch jetzt +sein soll! Ich habe den Leichenzug mit den vielen heulenden, weinenden +Weibern gehört und gesehen, und seinen Sohn gesehen, dem als Sohn, wie +jedem Sohne, des Vaters Harem heilig ist, ausgenommen dem Absalon damals +auf dem Dache des Palastes David. Durch Vermittelung seines aufgesuchten +und gefundenen, und wohlbeschenkten und bestochenen schwarzen +Haremswächters konnte ich meine _ausgemerzte_ Schwester desto eher für ihr +doppeltes Kaufgeld, und ohne die leichte Gaiette opfern zu müssen, +wiederkaufen, besonders da meine arme Schwester die ganze Zeit bei seinem +Vater vor Traurigkeit, Kummer und Schmerz über ihren verlorenen, soi-disant +ermordeten Gatten zum Schatten geworden, krank gelegen, und elend, blaß und +mager ihm keinen Blick, kein Schnupftuch abgewonnen. Sie ward mir in meine +Wohnung getreulich zurückgeführt, ja »mit Bürgschaft«, die mich doch +erfreute, sodaß ich dem schwarzen Gebieter dafür einen Ring zu meinem +Andenken verehrte. Das Wiedersehen mit meiner erlösten Isidore war +herzentzückend und seelezerreißend. Sie lag ohnmächtig in meinen Armen und +doch wankend zum Umfallen, und die schwarzen Hände des Mohren hielten sie +mir mitleidig. + +Während dieser Verhandlung habe ich mit meinen Augen die schönen +französischen Knaben und Mädchen überall in der Stadt und auf den Märkten +zum Verkauf ausstehen sehen, die der christliche Seeräuber _Ferreus_ in den +fünf großen Schiffen von Marseille glücklich geraubt und davongebracht. Und +ich habe mir einen, einen jungen vornehmen Knaben aus Avignon, eines +Geistlichen Sohn, für deren Mutter im Hause er die _darauf gelegte +Haushälterinsteuer_ bezahlt, zu Zeugen meiner Aussage daheim losgekauft, +und einen schwarzen Knaben dazu, als sachverständigen Fütterer und Führer +meiner Kameele. Die andern, hier und in Bugia unverkauften, prächtigen und +noch beherzten lustigen Knaben -- die vor Uebermenge bis zum Preise eines +fetten Schöpfes gefallen waren -- sind für den Khalifen von Bagdad an +Wiederverkäufer an den Küsten von Kleinasien _ausgeladen_ worden. + +Ach, aber nun kommt das Gefährliche! das auch mir Entsetzliche! Ich hatte +meinem Diener und dem Mohrensklaven -- den ich schändlicherweise gekauft, +aber keinen Aeltern entführte -- den Auftrag gegeben, uns Alle zur Fahrt +nach dem Abendlande, nach Genua, auf dem nächsten dahin abgehenden Schiffe +einzukaufen, ohne zu handeln; denn es griff hier nach uns Allen. Meine +Schwester sehnte sich, jetzt vor Hoffnung weinend, nach Vater und Mutter, +nach der Heimat am schönen Genfersee! Die Diener hatten das besorgt. -- Wir +steigen zu Abend ein. Die Frauen verbergen sich unten. -- Früh gehe ich auf +dem Verdeck umher, um von der wundervollen, unvergleichlichen gelben und +grünen Morgenröthe und von der Sonne Aegyptens, der alten Jungfer mit ihrer +Lampe, und Sklavin des Landes, Abschied zu nehmen -- _wer_ steht da, hinaus +nach Abend gewandt? -- _der Goldlockenkopf!_ meiner Schwester angeblich +ermordeter Mann! Und _wer_ ist der Herr des Schiffes? Wie mir der +fränkische Knabe ins Ohr zischelt: dort der Mann am Steuerruder, _das ist +der Ferreus!_ . . . Wollen wir über Bord springen? oder soll ich ihm, wenn +er sich über Bord lehnt, die Füße aufheben und ihn ins Meer stürzen? + +Ich faßte mich und war gefaßt auf ein Aeußerstes; denn meine Schwester, die +er elend gemacht und die ihn, als angeblich Beklagenswerthen, noch liebte, +sie saß in Frieden unten. Die Lage war selten und schändlich, wie je eine +von Menschen auf Erden. + +Wie ich und der Goldlockenkopf gegeneinander gehend auf uns treffen, +bleiben wir Beide wie angewurzelt voreinander stehen. Er legt die Hand an +sein Messer im Gürtel. Ich, ich hatte mir gelobt, ihm den Kopf abzuhauen, +und sei's am Altare! . . . Aber ich legte ihm meine Hand auf die Schulter; +denn er sah erbarmenswerth blaß und krank aus, weil er _es war_, und seine +Augen ruhten gelassen auf mir, _so_, als _wenn Ich und Er Beide keine +Menschen mehr wären._ O Mitleid! o Unglück! Aber gar erst du, du Mitleid +der Unglücklichen mit den Unglücklichen! -- Er fürchtete seinen Verrath +durch mich nicht mehr. + +So weit hatte Savern mir erzählt, als im Nebenzimmer der Frauen ein +entsetzlicher Gall _geschah_. Denn wirklich, es war eine Herzensthat. Wir +eilen herum. -- Da hat meine Schwester die kleine Kiste aufgemacht, den vom +Rumpfe gehauenen Lockenkopf ihres geliebten Mannes gesehen, an den Locken +herausgerissen, und hält ihn hoch, wie allen Heiligen hin. Sie zittert und +bebt, ihre Zähne klappern. Und ich springe sie zu umfassen, zu halten. + +Endlich lange athmend fragt sie: Wer hat das gethan? + +Und ich sage ihr, wie man solche Worte nur sagen kann: Ich, ich hab' es +gethan! Ich, für dich! Höre und begreife: Du hast deinen armen Mann +beweint, edel! Nun beweine dafür deinen Räuber, deinen Verkäufer, und du +bist nebenbei blos die Dritte oder Vierte! Das stärke dich! Wenn nicht +heute, doch morgen, oder zu Jahre -- wenn der Verstand und der Haß die +Liebe besiegt hat. Oder, sollte dein Bruder dich nicht nach Hause holen, da +er wußte: du seist, für ein liebendes treues Weib, in der Hölle eines +Harems? + +Sie faltete die Hände und sank zu Boden, und Gaiette biß die Zähne zusammen +und stand ihr bei mit schamvoll geschlossenen Augen, aber ihre Wangen +glühten, sie küßte Savern die Hände und aller Uebermuth war ihr verstoben. + +Aber um auf das _Schiff_ zurückzukehren, erzählte Savern weiter: Der +Goldlockenkopf mußte zu Bett gebracht werden, denn er bekam _die Blattern_ +und lag von seiner -- Frau nur durch eine Bretwand geschieden, die seine +gestöhnten Worte sogar hörte, aber nicht verstand. Er lag auf Bunden mit +Straußfedern und Säcken voll Datteln, womit das Schiff beladen war. + +Vor seinem Tod -- denn auf den Kauffahrteischiffen sind nur die alten +Matrosen die verwegensten Doctoren, die mit den unsinnigsten Mitteln +curiren, die sie meist bedauern -- nicht zu haben, -- ließ mich der +Sterbende holen, sah mich weichmüthig an, übergab mir einen Beutel voll +Gold und bat mich, ja, er befahl mir, den Schatz seinen armen, fast +verhungernden Aeltern in Konstantinopel zu schicken, deren Wohnung, Namen +und hohen Stand er mir nannte. Ihnen zu Liebe habe er alles ihm Mögliche +gethan, wie blind und herzlos gegen die ganze Welt. Er segnete mich mit den +erschrecklichen herzdurchdringenden Worten: _Behüte Euch Gott Euer +Vaterland_ -- das mir und uns die Römlinge genommen -- denn ein Mensch ohne +Vaterland ist wie welt-vogelfrei _und zu allen Thaten fähig. Das merkt_ und +sagt überall. Ihr habt es erfahren, und beruhigt damit meine Frau -- Eure +Schwester, die Schweizerin, ja! Da wird sie mich redlich beweinen, wie +zuvor ihren -- ermordeten Mann. Ich habe Euch Alles gestanden -- nun ist +mir wohl. Viel seien Eurer Jahre ([Greek: polla ta etiasas]) und griff sich +dabei in der Todesangst in seine viel tausend Haare. + +Also, was war das Leid Alles gewesen? -- Kindesliebe! Kindesliebe! also +gewiß zu _guten_ Aeltern. Welch ein Blick in die Welt und die Herzen aller +Menschen! Ich lächelte mild zum Weltgericht. Als er gestorben war, und bald +darauf schon im bloßen Hemd auf sein Leichenbret gebunden lag, um ins Meer +für die Fische begraben zu werden, und auf seiner prächtigen Brust die +darein gestochene und mit blau und rother Farbe eingeriebene _Panagia_ +erschien, und der Wind seine Locken hob, fiel mir mein Schwur ein, ihm das +Haupt abzuhauen -- aber der Schwur erlosch in Wehmuth. Aber Porcus gab mir +ein Beil in die Hand und rieth mir: nehmt Euch ein Andenken mit! _und ich +nahm mir das Andenken!_ . . . Es geschah ganz kurz vorher, ehe Porcus +angebliche Erde aus dem Gelobten Lande -- auf der Ziegeninsel, der Capraja +-- für den großen Campo santo in Pisa betrüglich einladen ließ. Aber »_der +gemachte Mann_« sagte: Ihre Todten werden schon gut daraus aufgehen; sie +streuen die Erde schon gläubig auf Brot und essen sie zu Buße. + +So ward denn der ältern- und vaterlandsliebende Goldlockenkopf_leib_ +versenkt, den einzusegnen kein Geistlicher vorhanden war, und so erlaubte +sich der alles für Scherz haltende Porcus mit einigen Seemannsflüchen ihn +einzusegnen zu seiner Ruhe. + +Die rührende Folge der Hauptserfindung aber war, daß Savern und seine +Schwester noch Schmuck und Gold reichlich zulegten zu dem von Raimund noch +strotzendvoll gefüllten Beutel, und ihn dem Hauswirth übergaben, um ihn +durch ein sicheres genuesisches Haus an die Erben des Erblassers in +Konstantinopel zu übermachen. + +Savern hatte in Pisa, das viele hundert Kameele züchtete, sich sechs +gekauft zur Landreise nach Genua. Diese theilten sie jetzt. Die Geschwister +zogen mit dem Franzosenknaben nach Genf; Raimund und Gaiette aber nach +Hause, Sie freute sich, als armes christliches Dienstmädchen geschieden, +nun als Türkin auf einem läutenden Kameele, von einem Mohrenknaben geführt, +in dem lieben Köln, unter dem Schleier lachend und weinend, doch seelenfroh +einzuziehen -- und jetzt sogleich . . . dann den ganzen Winter und Zeit +ihres Lebens vollauf zu erzählen zu haben. + + + + +Siebzehntes Capitel. Heirathen. + + + Zuletzt verlieren alle Menschen Alles, + Und mit dem Balle fängt das Kind schon an, + Mit seinem Flachshaar und den ersten Zähnen. + Und grause Fragen kannst du dann an Arme + Und Reiche, Hohe, Groß' und Kleine thun, + Da an den Feldherrn, den geschlag'nen, sprich: + »Wo hast du denn dein Heer?« . . . und an das Weib: + »Wo hast du deinen Mann?« . . . und an die Tochter: + »Wo hast du, ach, dein Kind?« -- Und also kannst du + Jedweden schwer nach Etwas fragen; denn _die Welt_ + Verschonet Keinen mit der Wahrheit. Keinen + Verläßt sie aber auch mit Trost und Hülfe, + Soweit ihm noch zu helfen ist; und sicher + Zu Thränen doch, zu Duldung und -- zum Grabe. + Und endlich hat kaum Einiges die Ehre, + Ein Märchen für den Winterherd zu werden, + Woran _die ganze Welt_ mit Bär und Hund, + Wolf, Esel, Mönch, Hirt, Königekind und König + Dem klaren Zauberaug' der frohen Kinder + Als bunte Seifenblase nur erscheint. + + Dem größern Menschen wächst die Welt stets -- _kleiner!_ + +Der Ritter Savern war mit seiner Schwester _Isidore_ an einem und demselben +Tage aus Vivaldi's Palast nach der Schweiz geschieden, und _Raimund_ mit +_Gaiette_ nach dem Niederrhein. Savern hatte den französischen Edelknaben +. . . Raimund den Mohrenknaben mitgenommen; Isidore den Goldlockenkopf, den +ihr ein Speciale nach der Kunst einbalsamirt; Gaiette war gegangen und +hatte noch einmal zum ewigen Andenken in den Wagen des Nikolas gerochen, +der noch ganz nach Melonen roch, und hatte sehr hineingeweint um ihre +Irmengard. Auch der stolzbegeisterte Nikolas that ihr leid, der durch immer +ihm ausgesuchte Kost und frische Luft liebenswürdig gediehen. Es war ihr +unbegreiflich, wo Beide geblieben? Ob eins das andere Krankgewordene in +einer einsamen Hütte pflege? Ob sie vorausgeeilt? Ob sich vielleicht Beide +vor Schande und Unglück das Leben genommen? Also vor Verstande! Warum +Savern nicht gewarnt, ja sich nicht in des Porcus Schiffe ein- und verladen +zu lassen? Nur waren sie auf einem andern, weitern Wege gekommen, als die +Kreuzfahrer gezogen. Daß Raimund von der Hitze immer mehr bedrückt, fast +keines vernünftigen Gedankens, kaum einer folgerechten Sorge mehr fällig +war -- das war nicht mehr zu leugnen. Denn _einen_ Augenblick scheint jeder +Wahnsinnige sogar verständig. Und dies ward alle Tage schlimmer mit ihm, +und sie seufzte: _Ach, was muß sich der Mensch doch Alles gefallen lassen! +selbst närrisch zu werden! . . . oder der Narr wieder klug_ . . . wie +unsere Kinder, und ich selbst! -- Sie betrieb die Heimreise ängstlich für +ihn. + +Durch die brave Lombardei, wo die Meisten in ihrem Sinn und ihrem Herzen +verhüllte Katharer waren, ließ man den Zug mit den Kameelen ruhig +schweigend, aber mitleidig vorüber; denn von ihnen war nicht ein einziges +Kind mitgezogen, und die Kinder standen gesund und blühend, nur neugierig +am Wege. Anders ward es schon in der Schweiz, von Zug, Zürich und Basel an; +denn hier bemerkten sie, daß sich die Aeltern mehr um den Himmel als um +ihre Kinder kümmerten. Und so ward es immer schlimmer in den Städten am +Rheine zu Thal. Immer ging ihnen ein dumpfes Gerücht von Zurückkehrenden +vom Kinderkreuzzuge voraus. Die Leute standen an dem Wege, die Thränen in +den Augen, und wenn sie stumm vorüberreiten wollten, schrien die Weiber sie +an: Nun, habt ihr kein Mitleid? Wir wissen nicht -- ihr wißt; darum macht +uns ruhig, und überlaßt dann uns den Trost: Alles kann ja nicht Allen +geschehen! -- Dann antwortete Frohmuthe vom Kameel herab, während Raimund +wie versteinert auf dem seinigen sitzen blieb und sich die Welt ganz +verwundert ansah. Nun, sprach sie, Alle sind nun nicht geradezu todt, +verhungert, verloren, verkauft; doch wol über die Hälfte -- die Hälfte aber +freilich ganz! So kann noch ein Jedes von euch hoffen, gerade die Seinigen +wiederzusehen. + +In den Städten wurden sie im Nachtlager von den Rathsherren besucht, von +den Priestern und Mönchen sogar; ja, Frohmuthe ward in das Sprechzimmer der +Nonnen ins Kloster höflich eingeladen und kam meist ohne Athem um +Mitternacht erst wieder, und verzweifelte, daß ihre Lunge und Zunge bis +nach Köln ganz weg sein würden. Raimund aber ging unter den armen Aeltern +und Müttern umher, und beschenkte die Armen, die auch keine Kinder hatten +und nicht einmal zu weinen brauchten, und doch mit ihnen weinten, über die +Maßen reichlich, sodaß die Verwunderung über die Welt und gute Menschen +doch ein Weilchen ihre Wehmuth betäubte. Raimund aber hatte unterwegs +einige Hinrichtungen getroffen, mit angesehen, und wünschte, im Gegentheil +von Nero, nicht der ganzen Menschheit einen einzigen Kopf, um mit einem +Schwert und mit einem Streich sie Alle zu enthaupten, sondern er beneidete +die stolzen, vornehm in Sammet und Seide gekleideten Scharfrichter, weil +sie die Narren und Missethäter _abthun_ durften mit Ruhm und Ehren, wie +ohne Gewissen. + +Auf den Kameelen mußten sie oft eine Stunde unter den Menschen halten, die +alle durch Fragen sich alle Antworten selbst gleichsam ersäuften. Zuletzt +kam ihnen ein _Schwarm Menschen_ bis Bonn entgegen, und unter dem +Severinthor von Köln ward den Kameelen selbst bange, daß sie widerwärtig +schrien. Darunter waren auch viele rohe Bursche »_mit langen Nasen_« +gewesen, die ganz schwarz angestrichen waren. Denn von Herzlosen kann Alles +verspottet werden, und sie Verspotten es, um es gleichsam in eine höhere +Welt, in die der Fabeln und Märchen zu erheben -- und aus Honig und Essig +wird wirklich ein kühlender Balsam. + +Und so that denn der alte Hausmeister Hagebald ihnen wieder das alte +Hausthor auf, diesmal angelweit. Diesmal war die Frau Rath aber die Frau +van Graveland. Den Bräutigam kennend, wie die meisten Bräute ja nur +oberflächlich, hatte sie ihn sobald als schicklich geheirathet, als +Besitzerin von eigenem großen Vermögen, und ihre an ihrer ersten +Verheirathung aus Stolz und Ehrsucht schuldige Mutter, lebte nun ausgesöhnt +bei den jungen Eheleuten, die Beide zusammen nur erst 72 Jahre alt und +prächtige Leute waren. Nur was _Irmengard_, wenn sie ja wiederkäme, zu der +Heirath sagen würde, besorgten sie _ihretwegen_; aber heimlich lächelten +sie dazu. Gaiette schlief herzlich froh wieder im Bett ihres saubern +Stübchens. Der Mohrenknabe war ihr Edelpage. Da sie ganz liebenswürdig und +klüger und interessanter als ihre gnädige Frau geworden, so ward sie von +ihr zum Gesellschaftsfräulein erhoben; aber das vornehme Leben meist nur +für Spiel und Schein ansehend, brach sie bei schicklicher Gelegenheit noch +oft in kurzes Gelächter aus. Der redliche Jost kam völlig gesund mit +»unsichtbar geheilter Nase«, die er mit Recht seine »Märtyrerin« nannte; er +brachte Frau und Kinder mit, ohne auf Raimund's Besuch zu warten, da ihm +Don Ramon als _Verständiger auch des Unverstandes_ vertraut hatte, daß sein +redlicher Freund Raimund ein unrettbarer _Candidat des Unverstandes_, nicht +der Narrheit sei, und Beide konnten ihn kaum ohne Thränen ansehen, und voll +Wehmuth redeten sie gezwungen zuletzt nur wie mit Kindern mit ihm, und von +Kindersachen -- von Märchen, Sagen, Geistererscheinungen, _Verwandlungen_ +durch gute sowol wie durch böse Geister, und ihm am liebsten _vom +Wiederkommen der Todten_. Da war er ganz Feuer und Flamme. Dabei war er +nicht nur ganz unschädlich, sondern höchst wohlthätig, nützlich und hold +wie ein Vater oder Bruder gegen Alle. Er schenkte mit reichen Händen -- er +ging überall umher, überall willkommen, bedankt, ja gesegnet. Auch dem +liebenswürdigen menschlichen Erzbischofe schenkte er in _seine Sparbüchse_ +zum künftigen Bau eines Doms, seines Geistes- und Herzenskindes, alle +Monate an einem gewissen _Tage_ eine bedeutende Summe, wodurch er bei dem +verständigen geistlichen Herrn immer freien Zutritt hatte. Er wollte es +sogar einmal _bei Nacht_ versuchen ... oder _des Tags drei mal_, und +lächelte verschmitzt dabei, im voraus der huldreichsten Auf- und Annahme +gewiß. Vivaldi hatte ihm seine Schuld mitgegeben, und auch noch einige +seiner Foderungen eingetrieben und nachgesandt. In Aachen war die große +Scharfrichterei verkäuflich geworden und auch die ansehnliche, hoch in +Ehren stehende Stelle des Scharfrichters offen; ein Anverwandter von +Raimund hatte ihn um Geld dazu gebeten, und -- Raimund hatte sie gekauft +und dem Vetter zur Verwaltung und Vertretung übergeben, was erlaubt und +Rechtens war; ja, er war selbst mit nach Aachen gezogen mit seinem getreuen +Diener, hatte den Vetter gesehen starken Kälbern, ja wolligen Stähren die +Köpfe auf einen Hieb, ohne Unterlage in freier Luft, vom Rumpf abhauen, und +hatte es -- zum Scherz -- selbst versucht und prächtig gekonnt. Auch in +seinem Wahnsinne machte er Fortschritte; er hatte, als immer aufmerksam, +schon einige Töchter gefunden, die ihren Müttern, wie man sagt »lächerlich« +ähnlich sahen; nur den Unterschied der Frischheit _ab_gerechnet oder +_dazu_. Nur begriff er nicht, wie sie Beide zu gleicher Zeit nun da wären? +bis er die Mutter für die Tochter Chrysalide hielt, und den Doctor fragte, +ob man auch _Wiedergekommene, z. B. Weiber_, als doch im Grunde +_dieselben_, noch ein mal heirathen dürfe? _Laß sie nur erst wiederkommen!_ +Das Weitere wird sich schon machen; hatte ihm der Doctor, in Kummer um ihn, +gesagt, und ihm _zur Ruhe_ nur gewünscht, daß sein Wahn _Gestalt_ annehme +und ihm _freundliches_ Leben werde! Wie er wegen der frommen Gaben, stand +auch Don Ramon für die glücklich hergestellten Augen in so großer Gunst bei +dem Erzbischof, daß er ihm eine Freibitte im voraus zugestanden. Auch van +Graveland, der den schönen Greis prächtig in ein großes Altarbild des +heiligen Antonius gemalt, in dem er vor demselben in vollem Ornate kniet, +und dadurch selbst kirchen- und altarfähig worden, war wohl angesehen von +dem dankbaren Kirchenfürsten, der manches bewundernde »Hm!« vor dem nun +auch wie heiligen Bilde aus der Seele herauf zur Welt gebracht. Das ganze +Haus stand in Achtung und Ehren, und die nach Rom gelieferte Tochter war +vergessen, und auch von Rom aus war in dem großen Wirrwarr daselbst keine +Nachfrage nach ihr und nach ihrem mit dem Kirchenstempel zum Ungeheuer +gestempelten redlichen Seelenfreunde. Sr. Gnaden der Erzbischof hatte eine +große Todtenmesse für die Kreuzzugskinder befohlen, und Jost hatte dabei +sich nur ausbedungen, daß sie ganz unverfänglich für Diejenigen sein +sollte, welche lebendig zurückkehrten. Denn er hatte gestern in der +Abenddämmerung drei Knaben getroffen, die sich zum Abschied von der Reise +die Hände gegeben und in die Thüren dreier Nachbarhäuser geschlichen, +worauf darin unermeßlich frohes Geschrei geworden, und in den plötzlich +erleuchteten Zimmern die Umarmungen der Aeltern und Kinder gesehen und mit +geweint. + +Und so kamen denn in den nächsten Wochen viel Kinder, mehr Knaben als +Mädchen zurück. Zuerst die, welche auf dem Hinwege schon erkrankt waren; +dann die mit rüstigen Beinen, welche bis in die Lombardei gedrungen, aber +dort die arabischen Pocken bekommen und ganz entstellt waren, sodaß ihre +Aeltern sie nicht erkannten, nicht für die Ihren annehmen wollten und +klagten: _Ach, wo ist mein schmuckes Gretel hin!_ . . . + +. . . Mein Annelchen, bist du es denn? . . . + +. . . Ach, mein Magdelchen, das bist du gewiß nicht! sprich: auf welchem +Auge bin ich blind? . . . Wie heißt unser Hund? . . . Unsere Katze? . . . +Wie viel hast du Geschwister? . . . Wie lange ist der Vater todt? + +. . . Nun Pelz, hast du Aermel, so rede! sprach ein Vater in einem andern +Hause zu seinem Pantaleon; Kerl, du bist ja ein Riese geworden! + +Ihr Trudelchen fragten andere Geschwister: Nun, bist du denn nicht bis ins +Gelobte Land gekommen? Aber da sie im Meere bei Genua mit in der Ebbe +gesessen, antwortete sie treuherzig: Nur bis ins Gelobte Wasser. + +Und nun ward aufgetragen, was jede Mutter nur irgend Gutes hatte, geweint +und gelacht, Gott gedankt, zu Bett gegangen -- und die Nacht nicht +geschlafen. Das ganze Heer der deutschen Knaben und Mädchen hatte sich +aufgelöst, die Hälfte der letztern waren in Pisa in zwei Schiffe +verschwunden.[A] Die Trotzigsten aber auf dem Wege nach Rom fortgezogen, +ja, von einem gewissen Brindisi[B] aus hatten sie erst noch ihren Kopf +aufsetzen wollen. Die in das Land Heimgekehrten wurden überall verspottet +und verlacht; ja, vor Scham waren sie womöglich nur die Nacht, so barfuß, +abgehungert, abgerissen gewandert, und hatten nur stumm sich vor die Thüren +gestellt, aber keine Hand ausgestreckt, noch ein Wort gesagt, nur zur Erde +gesehen, daß es nicht hätte »gebettelt« heißen sollen. Die mitgezogenen +Weibspersonen und junge Dienstmädchen aber schlichen vor Scham nur im +Dunkeln in der Stadt und verbargen sich bei armen barmherzigen Bekannten +oder den Barmherzigen Schwestern selbst; denn bei Einigen hatte man +Kindchen aus ihren Armen, unter dem über den Kopf gedeckten Mantel schreien +gehört.[C] »Aber Alles lagert sich zuletzt wieder, selbst ein Erdbeben, und +ein wüthend übergeschwollener Strom tritt zurück und fließt, auf sein Maß +gebracht, wieder in seinem gewöhnlichen Bette -- wie ein sogenanntes +unschuldiges Kind. _Das kennt man schon!_« + +[Fußnote A: Chronicon Senoniensi.] + +[Fußnote B: Vincenz von Beauvais.] + +[Fußnote C: Fragm. apud Urstis: »Quia plurimae etc.«] + +So sprachen die vernünftigen, immer gutmüthigen Kölner bei ihrem Glase +Wein, der dies Jahr wie aus Vorsehung zur Beruhigung sehr lobenswerth +gerathen. + + + + +Achtzehntes Capitel. + + +Und so war denn wieder die Weihnacht still herbeigekommen, die erste der +_sogar Zwölf_ Heiligen Nächte dereinst des Volkes hier zu Lande. Es war +schon Abenddunkel. Die Essen rauchten; die Gassen rochen; heimlich ward +verdeckt eine Bescherung aus einem Hause ins andere getragen; als weiße +Engel gekleidete unerklärliche Christkinder mit feinen Glocken in der Hand +und einer Krone auf und goldenen Flügeln an den Achseln huschten und +schwebten umher, und Knecht Ruprechte mit Ruthen in der Hand traten in die +Häuser, wo die Kinder und die Aeltern um die Weihnachtsbäume mit brennenden +Kerzen und goldenen Sternen und silbernen Nüssen standen, und noch auf ein +Unaussprechliches zu warten schienen; und arme Kinder standen draußen an +den erleuchteten Fenstern, deren Glanz und Schein weit weg auf die Straße +fiel. Zu manchen Fenstern hinein sah man auch in den schweigenden Stuben +weinen -- denn zu Weihnachten kommt doch Jeder gern nach Hause -- _wenn er +kann_, um sich selbst den Seinen zu bescheren. Da sitzen sie wieder mit den +Ihrigen, wenn auch als Aeltern nun alt, oder als Kinder nun groß, wieder in +der ewigen Jugendzeit. Da sitzen sie! erzählen sich aus, essen was Gutes, +die Ihren vor Augen und von ihnen freundlich angeschaut, ohne Ahnung eines +möglichen Endes. + +So war auch Herr Raimund herübergekommen ins Vaterhaus und freute sich doch +über den prangenden Weihnachtsbaum, mit Geschenken behangen für Jeden, auch +für die Frau Jost eine goldene Kette und für ihre Kinder wirkliche goldene +Nüsse und silberne kleine Messer und Gabeln und Löffel. Raimund redete aber +mit dem grünen Bäumchen wie mit einem grünen stacheligen Geiste aus dem +Walde, hatte die Spitze eines Zweigs sich auf die innere flache Linke +gelegt, streichelte ihn mit der Rechten zärtlich und sagte ihm zum Troste: +Habe nur Geduld, mein Bäumchen! Du weißt, du warst sonst ein anderes; so +habe die Hoffnung, wieder erlöst, etwas Anderes zu werden. _Die Birke_ ist +besser daran -- die ist die Maie gewesen und die Maie geblieben. + +Dann stand er still, wie nicht da, in Sehnsucht versunken nach seinem +gestorbenen Weibe Gabriele. + +Aus der Schweiz war für den Abend ein Schreiben an die Mutter von der +Tochter eingegangen, und, darin lag ein Brief mit den rührenden Worten: + +»Herzliche Großmama! Ich melde dir, daß ich glücklich auf die Welt +gekommen! in aller Unschuld ohne Sünde. Ich habe mir ein Schwesterchen +mitgebracht, eine kleine, kleine Eva! so heißt sie. Sie schickt dir ein +Alpenveilchen! Mehr haben wir nicht. Habe uns lieb! + +Dein kleiner lieber Adam.« + +Sie las mit reinem Muttergefühl, und das duftende, langstielige stille +Veilchen erzählte Allen mehr von unaussprechlichem reinem Menschenglück. +Dem so unglücklich gewordenen Raimund war weinender Dank gesagt, und sie +ging und küßte ihm sein Haupt. + +Jetzt brachen die Glocken auf den Thürmen mit himmlischen Freuden aus und +bedeckten die Stadt mit wallendem Wohllaut. Die _vielen_ Christkinder +flatterten nach den Kirchen und haschten und neckten sich; Niemand wunderte +sich über so viele dergleichen, da ja doch nur Eins wäre, und nur Ein +Ruprecht, die jetzt auf den Gassen einander die Rücken mit den Ruthen +zerdraschen. Die Kinder eilten in die Kirchen mit Hirtenhäuschen, +Weltkugeln, Pyramiden, Schlangen und Kerzen. Dort zogen andere aufgeputzte +Esel an den Krippen mit dem Jesulein und seiner Mutter in den erleuchteten +Altären, wo das ferne Himmlische in treuherziger Unschuld den Menschen +nahegebracht und sichtbar und greifbar war, und die vielen Scharen Hirten +vertheilten sich in die Kirchspiele, wo sie das »Quem pastores« sangen, und +selbst ihre Hündchen waren in der heiligen Stunde nicht unheilig, sondern +fröhliche Zeugen einst lieblicher Wahrheit auf Erden -- wie geschrieben +stand, und sie freueten sich, es nun darzustellen, ja, es im Geiste zu +sein. Und wie zitternd vor Freude erdröhnte der Tremulant in den Orgeln, +daß die Gewölbe bebten, und die Posaunenstöße waren Engelsathemklang. + + * * * * * + +Da war es, als ob Jemand von draußen mit dem Kopfe gegen die Thür stoße. +Raimund that sie auf, einen Leuchter in der Hand Da sprang eine Gestalt wie +draußen von einem Ungeheuer verfolgt auf die Schwelle, und da stand sie +wieder erschrocken wie vor der himmlischen Heimlichkeit darin. Raimund aber +ließ vor Erstaunen und Entzücken den Leuchter fallen. Er hatte die schlank +aufgeschossene Gestalt gesehen: ein weißes Tuch um den Kopf; ihr Gesicht +hager und todtenblaß; die Augen glanzlos und doch rollend; die Arme +ausgestreckt und zitternd, und es ging ihm wie dem Sänger, der das Lied +gesungen: + + Dich _wieder_sehen . . . wieder dich _sehen_ nur + Im Thale wandeln, auf Bergen steh'n, + Nachts auf dem Vollmond, von der Sonne + Nieder mir lächeln -- da kniet' ich beten! + + Dich wieder_finden_, leuchtend im Sternensaal, + _Dich an die Brust mir drücken_ --da stürb' ich gleich! + Und was im Himmel nie geschaut ward: + Engel bewundern da einen Todten! + +Das junge Weib neigte sich vor, als würde sie zu Boden stürzen; er ergriff, +er umschlang sie, drückte, sie fest an die Brust, und rief nur: Mein Weib! +Meine Gabriele! O, darfst du kommen -- und kommst zu deinem armen Freund! + +Irmengard war so geistermäßig verwandelt, daß er eher sein erstandenes Weib +in ihr sah, als die Mutter ihre Tochter. Den glücklichen Raimund hatte, +statt des plötzlichen Todes, nur ein plötzlicher Schlaf befallen, und sie +trugen ihn in den Großvaterstuhl, worin er wie im Himmel saß. Irmengard +aber war ohnmächtig, und sie mußten ihr Luft machen um die Brust, wobei der +Doctor einen Schreck vor Vater und Mutter verbarg. + + * * * * * + +Am Morgen ließ sich Raimund erkundigen, ob seine Gabriele noch da sei, +wirklich, oder ob er geträumt? Van Graveland besuchte bei Gaiette mit der +Mutter und dem Arzt seine arme Tochter, die ihnen auf eine Pergamenttafel +schrieb, daß sie schon _seit einer gewissen Zeit_ sprachlos sei. Der Doctor +sagte dem Maler etwas ins Ohr -- der Vater erröthete über und über und +fragte dann heilig erzürnt, doch im heiligsten Ernste gelassen, die +unglückliche Tochter: Wo hast du dein Kind? + +Darüber faltete sie die Hände, brach in Thränen aus und schrieb auf die +Tafel: Vor Angst und Jammer, und Lieb' und Leid, und Scham und Schande -- +an meiner Brust _nur erdrückt_, es liegt in mein Brusttuch gewindelt in der +hohlen Eiche im Dorfe, wo der alte blinde Mann wohnt, der mich aufgenommen, +als ich nicht weiter konnte! + +Der Vater las das, die Mutter las es und sie versteinerten. + + * * * * * + +Irmengard saß des Tags über still, gewöhnlich die gefalteten Hände im +Schoos, in einfachen, weißen, ihr hingelegten Kleidern, gepflegt von +Gaiette. Raimund besuchte sie schüchtern alle Morgen, und hatte im Stillen +seine Freude an der Stillen. Der Mutter hatte sie auf ihre Fragen +geschrieben: sie wäre mit Nikolas gleich aus dem Elend in Genua auf ein +Schiffchen im Hafen geflohen, und sie hätten nach Ostia gewollt, um sich in +Rom ihr Vergehen vergeben zu lassen; aber Stürme hätten sie wieder zurück +ans Land gedrückt. Darauf wären sie Beide einsam zurückgekehrt; aber nicht +eben weit von hier habe eine rachsüchtige Gemeinde sie ausgehöhnt und ihn +eingesperrt. Da sitz' er wol noch. + +Sie lächelte nur vor sich hin, daß man sie wegen des todten Kindes +einkerkern, ja richten könne . . . nur die vielen unglücklichen verwaisten +Aeltern begehrten ein sichtbares Opfer. Sie sei von dem Nikolas wie +bezaubert gewesen . . . von seiner Gewalt, von seinem Ansehen wie eines +Heiligen, daß ihn das ganze Land und die Priester selbst in den Kirchen +geehrt. Sie wollte nicht fliehen, und Raimund begriff nicht, wie man seiner +_Gabriele_ ein Haar krümmen würde, oder . . . könne; obwol ihm Don Ramon +vorstellte: wie rheinauf, rheinab und im ganzen deutschen Lande viel, viel +Hexen verbrannt worden . . . und würden, _und ein von den Todten +wiedergekommenes Weib_ wäre ihnen noch viel, viel abscheulicher und +verdammlicher, weil es nur durch Teufels Macht und Willen heraufgefahren +sein könnte. Ja, noch nicht zu lange her haben die nachtwachenden betenden +Priester einen im Sarge erwachten, sich aufrichtenden wimmernden Papst mit +Fauststößen vor die Brust wieder zurückgedrängt in das Todtenreich, und vor +Angst und Schrecken dazu gebrüllt: _Was willst du wieder unter den +Lebendigen._[A] + +[Fußnote A: Bower.] + +Das sagte er ihm nur; denn das Volk wußte von seinem ihn seligmachenden +Glauben nichts. Ja, ihre Mutter und ihr Vater hatten nichts dagegen, ihm +die bewiesenermaßen verheirathbare Tochter zum Weibe zu geben, um da wo in +der Fremde in aller Stille und Ehrbarkeit zu leben. Und van Graveland +erzählte der Mutter und dem Arzt zum Beispiel und Vorbild die kleine +Geschichte: Einem niederländischen berühmten Maler stirbt seine Frau, +Margarethe geheißen. Er lebt zwar, aber er geht nur noch so verloren in +Gram und Träumen auf der Welt. Da erblickt er eine Jungfrau, die seinem +gestorbenen Weibe an Gestalt und Stimme und ganzem holden Wesen so ähnlich +ist, wie es sich selten trifft, daß Zwei etwa im Abenddämmer, ja in +vergoldendem Sonnenglanz sich ähnlich sehen. -- Und ein Liebender ist immer +wie geblendet von seinem eigenen Lichte. -- Seine Liebe ergreift sie. Sie +liebt den _von ihr begeisterten_ Mann. Sie wird sein Weib. Er sagt ihr Tag +und Nacht, daß er seine selige _Margarethe_ wieder habe durch Gnade des +Himmels. Und in Wahrheit haben alle Weiber sehr viel allgemein Aehnliches, +allen Zukommendes. Des streng Unterscheidenden einer Einzigen ist wenig, +des ganz Ausschließlichen nichts; nicht einmal ein Buckel, ja zwei. +_Margarethe_ nennt er sie; so kleidet er sie. Sie trägt von jener den +Schmuck. Sie schläft in demselben Bett . . . und die gute, bezauberte, +willige Seele ist mit äußerster Hingebung seine Margarethe -- da sie auch, +ihren Namen gewohnt, so hieß --, sie ist's bis zur Herzens- und +Verstandesverwirrung. Und so haben die Beiden ein noch nicht oder selten so +dagewesenes, heiteres, stilles, ja seliges Leben gelebt. Denn welcher Mann +würde seinem noch ein mal vom Tode erstandenen Weibe nicht freudig alles +Erdenkliche zu Liebe thun! -- So _kann_ es, so _wird_ es hier werden und +sein. Irmengard wird den Hirtenknaben vergessen, als nur eine Gestalt aus +dem jetzt verlachten Kreuztraum. Denn höre mich, Doctor. Wenn ich +heimgekehrte Kinder frage: Wo habt ihr denn eigentlich hingewollt? Was habt +ihr gedacht, ihr Rasenden? Was hat euch wie Mehlthau befallen, die ihr +Väter und Mütter in hundert Städten und tausend Weilern und Dörfern +unglücklich gemacht? -- Da stehen die Kinder, oder sitzen wie aus den +Wolken gefallene große Frösche, wie aufgewachte Nachtwandler, plötzlich +nüchtern, dumm und dottend da, kratzen sich hinter den Ohren und sprechen: +Wir _wissen es nicht!_ wenn Ihr es nicht wißt. -- Und der Doctor sagte: Das +war die Krankheit! und die hat sich gebrochen! und kommt nicht wieder, wie +Nichts in der Welt so jemals wiederkommt. + + * * * * * + +Als aber Irmengard, der Meinung des Volks zum Opfer, bei Nacht in denselben +Kerker geführt worden, worin ihre Schwester gesessen, und ihre Enthauptung +abzusehen war, zu welchem Urtheil ein kleines herbeigebrachtes Kästchen den +Ausschlag gegeben, und keiner Erklärung, keines Geständnisses weiter zu +bedürfen schien; da begab sich ihr Vater, wie schon oft, der Doctor und +selbst der unglückliche Raimund in den Palast zu ihrem Freunde, den weisen +Narren Jost, um einen letzten Rath zu halten, Raimund lachte im Bauche +recht innerlich, daß _ihm_ doch Niemand _die wahre Natur_ seiner +»wiedergekommenen Frau« beweisen könne, und _ihr_ gar nicht -- und sie +könne ja wol aus den Erdennarrenspossen von dem Block weg wieder +verschwinden. Aber er wollte sie doch lieber behalten, sie retten, als +einmal so glücklich, sie wieder zu haben! -- Und so war das Ende des Raths, +daß der kundige Jost seinem erst jetzt recht theuern Jugendfreunde eine +Schrift auf Pergament gab, die er fleißig und gründlich einsehen und sich +tapfer zunutze machen sollte! Es waren die schweren _Pflichten_ und großen +_Rechte_ eines hochbetrauten Scharfrichters, nach altem Gebrauch und +unbestrittener Geltung. -- Einen Cardinal haben wir hier nicht zum +Begegnen, sagte ihm Jost bei der Aushändigung; denn welchem zum Tode +geführten armen Sünder, generis masculini oder feminini, ein solcher +Rothmantel begegnet -- was zu Zeiten theuer bezahlt wird, soll oder muß -- +Den oder Diese hat er das Recht zu begnadigen. Ein Paragraph in der Urkunde +aber war vor allen mit einer eingebrochenen Ecke des Blatts bezeichnet. Und +der, wie meist alle Halb- oder Ganzwahnsinnigen, höchst schlaue Raimund -- +dem überdies sein voriger großer Verstand auch noch im Unverstande +zustatten kam -- begriff sogleich _seine Stellung_, als eine solche hohe +Person _selbst_, in die ihn seine Güte für einen armen Vetter gebracht. Und +der alte Elias war aus Gram über seinen Enkel Nikolas -- wie man ihm +berichtete -- »_auf einmal_« gestorben. Und Raimund sprach vor Freuden +darüber im Leibe vergnügt dazu: _Auf ein mal!_ Das gönn' ich dem armen +braven Scharfrichter von Herzen! Denn wäre er auf _ein paar mal_ gestorben, +so wochenweise, stückweise -- da sollte er mir leid gethan haben. So auf +ein mal sterben, ganz und ganz und gar, ist noch die vernünftigste Art! +Sonst taugte es gar nichts! + + + + +Neunzehntes Capitel. + + +An dem endlich angebrochenen Ehrentage der öffentlichen Gerechtigkeit, +gerade ein Jahr nach dem Kinderauszuge, schien eine helle freundliche Sonne +über das liebe, schöne, fruchtbare, lustige Rheinland, und die Lerchen +sangen wieder in der blendenden Bläue des Himmels unsichtbar verborgen, +fröhlich über den auf dem Hügel bereitstehenden Block und den Pfahl mit dem +Rade. + +Die dem Himmel in sonderbarer Erdensündertracht Heimzusendende stand von +tröstenden Geistlichen umgeben schon dabei. Eine immer, selbst bei jeder +Feuersbrunst, jedem Deichbruch schaulustige Menge, diesmal vielmehr Männer, +Jünglinge und heimgekehrte Kreuzfahrtknaben, als Weiber und Jungfrauen, +harrten gleichsam, ihre Herzogin »abthun« zu sehen. Selbst der gute +Erzbischof hielt in seinem Galawagen, seinen Beichtvater neben sich, +galonnirte Diener hinter sich, und seinen allbeliebten und sogar seinen +Herrn in der Noth schützenden Jost in der Staatsnarrenkappe vorn auf dem +hohen Bocke neben dem Kutscher, der seine vor fauler Zeit übermüthigen +sechs Schimmelhengste kaum bändigen konnte. Und der Erzbischof war gekommen +zur Unterdrückung aller Art Ausbruchs des Volks durch seine bloße +Autorität; wie alle kleinen Vögel schweigen, und selbst die Katzen sich +verkriechen, als gäb' es gar keine, wenn ein Adler oben über allen schwebt, +und selbst sein Schatten in den Gehöften unten macht, daß die Hühner +gackern. + +Da kam auf prachtvollem und prachtvoll gezäumtem höllenschwarzen Rosse der +Schauspieler des Tags, Don Raimund, in seiner edelmanngleichen Amtstracht +dahergebraust, in schwarzem Sammetkleid, kostbarem, weißen brabanter +Spitzenkoller, die goldene schwere Amtskette um den Hals, daran das Wappen +der freien Reichs- und Hansestadt blitzte, ein Ritterbarett auf dem Kopfe, +und wie eine finstere Wolke im Gesicht; _vor_ ihm -- natürlich -- ein +Vorreiter; hinter ihm seine Diener; einer mit einem mannshohen blitzblanken +Mauerschwert mit silbernem Griff, das er kaum aufrechthalten konnte; ein +zweiter mit dem nagelneuen funkelnden Beil, und noch zwei niedern Dienern, +genannt Knechten, zum Flechten auf das Rad, und mit dem Blutbesen -- Alle +in Masken, auch der Meister in der finstern Maske, als ob Menschen zu +solchen Werken ihr Menschenangesicht nicht dürften leuchten lassen. Er +stieg mit würdiger Haltung ab, verneigte sich gegen den Erzbischof, +eigentlich gegen den Narren, seinen Freund, dann gegen das Volk, als für +welches und in dessen Namen Alles geschehe; ließ sich das ungeheuere +Schwert reichen; mit dem wandelte er drei mal um die Niedergekniete; ließ +sie das Haupt auf den Block legen, dann kniete er nieder. Auf einmal sprang +er begeistert auf, warf das Schwert von sich hoch in die Luft, sprang auf +den Block, als auf seine Kanzel, und rief laut über das Volk die wie ein +gewaltiger Bann schallenden Worte aus: + +»Kraft meines uralten Rechts und unverkümmerten Gebrauchs schenke ich +diesem Weibe das Leben, und dadurch, _daß ich sie zu meinem Weibe nehme_, +und sie hiermit von diesem Augenblick an für meine wahre, _leibliche und +geistige_ Ehefrau erkläre, vor Gott und Menschen. So wahr mir Gott helfe, +der es sieht, und die Menschen es dulden und loben müssen, die es sehen.« + +Darauf erhob er sie von den Knien, hob sie zu sich auf und drückte die wie +Todte an sein Herz und flüsterte ihr ein geheimes Wort zu, ließ ihr seinen +schwarzen Sammetmantel umwerfen, behielt sie an der Hand, warf seine Maske +ab, rief noch zum Volk als zu seinen Zeugen, daß er seine Richterei seinem +Vetter schenke, nachdem er sein einziges erstes und letztes Werk verhoffe +zu des christlichen Gottes Billigung und zur Freude selbst der christlichen +Menschen vollbracht zu haben. + +»_Die Heirath vom Blocke weg_« war also die von Jost in das Pergamentblatt +eingekniffene Rettung gewesen. Und noch hob der beglückte Bräutigam ein +weißes, großes documentartiges Papier in die Höhe und erklärte dabei: das +ist der priesterliche Consens zu meiner Heirath. Denn ein Dispens war gar +nicht nöthig, da mein Weib keine Blutsverwandte von mir gewesen. Und so +lade ich Alle, Alle, die meine Gäste sein zu wollen mich beehren, zu heute +Mittag und Abend bis zum Morgensterne zu meiner Hochzeit gebührend ein, und +bitte: ihr Kommen mir durch ein lautes »Ja! Ja!«, gewißlich nicht »Nein« zu +bekunden. + +Da brach erst freilich ungeheuere Zustimmung vor Freuden auf einen gewiß +furchtbaren Schmauß aus, wobei _Masken_ allen Rang und Stand aufhoben. Und +da die vom Tode, als sonderbarem Schwiegervater Erheirathete immer noch und +noch mit gebücktem Haupte stand, riefen ihr Hunderte zu: Auf! auf! Nimm +ihn, wenn du klug bist! Und merke wohl: _du mußt! Denn kein Verurtheilter +darf sich den Tod ertrotzen._ Also fort! fort! Zu Bett, zu Bett! + +So riefen die Gutschnabel. Andere Klugschnabel aber sagten sich leise: Das +ist eine schlau abgekartete Sache! Sie haben um das Ding lange gewußt! +Deswegen haben ihre Aeltern vor ihrer Trauung gebeichtet, sich von ihrem -- +jetzt als Braut dastehenden Fehltritt -- absolviren lassen, und vor den +Kirchthüren bei schrecklichem Regenwetter, wo Niemand in die Kirche geht, +noch kniend gebückt und ihn noch dazu im Schleier abgebüßt -- weil sonst +»die junge Frau« da eine Blutsverwandte von ihrem jungen Manne gewesen, was +Gott nur nothgedrungen nur Adam's Kindern und Enkeln hat durch die Finger +sehen müssen, und zwischen Gottes Fingern ist eine breite Oeffnung zur +Durchsicht. + +Aber seht auch, sprachen andere scharfe Richter, seht, so gut auch sind die +Weiber: sie geben erst _die Treue_ um ein Kind _vom Geliebten_, und dann +gibt eine Mutter sogar ihre Ehre _um das Kind!_ So etwas ist sogar im +Paradiese nicht geschehen und _wir Menschen fangen an viel besser zu +werden_. Doch wir werden die Welt und die Weiber nicht ändern; denn Sünde +muß sein, wie wäre da sonst das süße Vergeben! -- Jetzt heißt es für uns: +Heida zur Hochzeit! Und denkt euch geschwind was aus! . . . und bring' ihn +ja Einer darauf, daß er uns läßt um Dukaten spielen! nämlich nur also: _er_ +langt sie heraus und setzt sie -- und _wir_ würfeln darum und stecken sie +ein! + +Raimund aber führte vom Tödten, also wie selbst vom Tode erlöst, seine Frau +heim in die schon heimlich immer mit Pracht geschmückte Lindenburg, wo die +Aeltern ihr Kind in die Arme schlossen -- _was er nicht recht begriff_ -- +anders als neue junge Frau Schwägerin -- und wo Gaiette sich auch einen so +reichen, braven, ja stattlich schönen Mann wünschte, und wenn er sogar auch +glaube: _sie sei Eva!_ Nur eins war ihr nicht recht, und sie verzog das +Gesicht dabei und lachte nur spöttisch. Als Raimund dem Gebrauche gemäß mit +seinem Weibe in die herzliebe Brautkammer geführt worden, da legte er in +das breit aufgedeckte, zweispännige Bett das mannsgroße Schwert die Länge +nach mitten hinein, zur ehernen heiligen Scheidewand zwischen sich und +ihr.[A] -- Gaiette bestaunte das und lispelte: Ich _Unschuldige_ würde mir +aber doch im Finstern einmal einen Kuß über die Grenze paschen, oder die +Lippen des Mannes darüber paschen lassen, ihn ertappen und schwere Strafe +bezahlen lassen! + +Und selbst Don Ramon, der von Allen als reinen treuen Herzens der +Gerührteste war, mußte lächeln, und schlug ihr mit Jostens Pritsche leicht +auf den Mund, und einmal in Aufregung, faßte ihn das lose Mädchen und küßte +ihn tüchtig ab zu allem Dank. + +[Fußnote A: Das Recht, ein Frauenzimmer dem Tode so wegzuheirathen, welches +wol darauf beruhte, ungerechte und zu harte Urtheile so zu kassiren, +schrieb aber gegen Misbrauch auch diesen Gebrauch als Gesetz wenigstens +vor. Anmerkung der Frau »Historia«.] + + + + +Zwanzigstes Capitel. + + +Bittere Erfahrungen und Hoffnungslosigkeit verleiden den Besten sogar auch +die Heimat. Das trieb sie zur Auswanderung. Sie beschlossen in einem +Familienrathe: den Palast in der Stadt und ihr Landgut mit schöner Burg und +prächtigem Garten und See zu verkaufen und in die Fremde zu ziehen. Und da +lockte die Mutter denn die Schweiz mit ihrer Tochter und den beiden lieben +kleinen Enkeln. Gaietten lockte der junge Ritter Savern; die um ihre +Einwilligung befragte _Irmengard-Gabriele_ schrieb ein großes Ja! auf die +Tafel und küßte sie. Die wiederbeginnenden grausamen Judenverfolgungen, +selbst in Amsterdam und in ganz Holland und Brabant, ließen auch Don Ramon +die Auswanderung aus dem scheinbar genug bestraften Land gar heilsam +erscheinen. Denn es ist nirgend stiller als auf einem verlassenen +Schlachtfelde. Selbst der Mohrenknabe freute sich -- obgleich stark sich +irrend, und Eisgletscherhauch und ewigen Schnee in der Luft nicht kennend +-- auf ein wärmeres Land. Nur der alte Hausmeister Hagebald war betrübt, +und ging, um nichts mehr als wahr und vorhanden anzusehen, mit +halbgeschlossenen Augen umher, oder sang in den leeren Sälen, ja unten in +den Kellergewölben, wenn er nach Wein ging, herzbrechende Kranken- und +Sterbelieder wie mit Geisterstimme, und er zerschlug vor Unmuth mit Willen +die Flaschen in der Hand, wenn Gaiette zu ihm in den Kellerhals +hinunterlachte, und nur den stark und prächtig hinaufduftenden Wein +bedauerte und rief: ein treuer »Hund« verläßt mit den Menschen das Haus; +die Katze nur bleibt getreu bei den Mäusen. Dann sprach sie ihm Muth ein, +streichelte ihm die Backen und wischte ihm die Thränen aus den Augen. Und +er lachte wieder. + +Sie meldeten ihr Kommen für immer an den Genfersee, damit die Ihren dort +Alles ihnen schmuck, bequem, übergenüglich, reich und kurz allerliebst +herrichteten. »Alles in der Welt -- nur keine Ersparniß!« Die besten +Sachen, künstlichen Geräthe und Bilder gingen schon immer zu Rheinkähnen +hinauf voraus bis Basel. Sonst Alles, Bewegliches und Unbewegliches, war, +wie _um es leichter zu vergessen_ und es gern in Anderer Besitz zu wissen, +an _»edle« Häuser_ verkauft. Raimund's Glaube an seine Gabriele bestand die +Probe auch dadurch, daß er seiner Nichte . . . oder doch seiner Frau +Schwägerin Tochter _Irmengard eine Todtenmesse stiftete_ und ein sehr +großes Vermögen dazu vermachte -- das durch Jostens Vermittelung _für die +Zukunft verstanden_ und in der Gegenwart gnädig angenommen ward. + +_Das war wahnsinnig von ihm -- aber Er war wahnsinnig._ Und so war es sogar +_ganz natürlich_, und bei ihm und von ihm ganz gut. + +Auch unterwegs trafen sie, als sie in Worms Ruhetage hielten und dabei auf +das nächste Dorf hinausgingen, auf den zu einem schmucken jungen Hirten +aufgeschossenen Hirtenknaben Nikolas, der auf einem Hügel saß und Schalmei +blies für seine Heerde. Aber die Lieder befielen mit Wehmuth die Fremden, +die den Hügel erstiegen -- denn es waren seine Lieder, die er um die +Lindenburg geblasen. Irmengard hatte sich schon ferner in den Schatten +niedergesetzt. Raimund erkannte oben den versunkenen armen Herzog -- blieb +aber stumm, wie die rothgewordene Gaiette, die Frau Rath Irmentrud, ihr +Mann, jetzt van Graveland, und Don Ramon. Dem Nikolas blieb auch der Athem +in der Brust stocken; aber er mußte aufstehen. Raimund gab ihm eine Hand, +bedauerte ihn, ließ sich sein kleines Beutelchen reichen, schenkte es ihm +voll von Gold -- und rieth ihm: ja in die Schweiz -- in das Paradies der +Hirten und Kühe, Ziegen und Schafe zu kommen, und ja ihn zu besuchen! Er +begleitete sie den Hügel hinab in Schweigen. Irmengard stand von ihrem +Felsstück auf, und auch _seine Gabriele_ mußte dem Nikolas eine Hand geben, +wobei sie aber zitternd und so zu sagen noch todtenblaß und starr dabei zur +Erde sah. Dann ging er weinend wieder den Hügel hinauf und blies ihnen alte +Lieder auf seiner Schalmei nach. Und Don Ramon sprach vor Allen laut: Er +sieht aus wie aus einem Narrenhause entsprungen, und Schalmei bläst er zum +Gotterbarmen! + +Das glaub' ich! meinte Gaiette. Sein Hund heißt wieder Phylax! Aber das ist +alles umsonst! Alte Zeiten stehen nicht auf! + +Bei Nacht aus dem letzten Orte abgereist, kamen sie am prachtvollsten Tage +in Genf an. _Frederune_ und ihr _Salomon_ brachten Jedes der Mutter ein +kleines Engelchen als Enkelchen auf dem Arme an ihr Herz und jedes ihr +einen Strauß Alpenveilchen. _Savern_ begrüßte _Gaiette_ als ihm auf der +ägyptischen Reise liebgewordene Freundin so liebreich, daß sie mit dem +Gesicht im Brusttuch sich freute. Um alle Schrecken zu ersparen, entdeckte +Don Ramon sogleich ihren Wirthen die sonderbare _Ehe einer Todten mit einem +Lebendigen_ -- des vortrefflichen Raimund mit Irmengard, deren +Sprachlosigkeit, also ihr Schweigen, das Verhältniß ungemein erleichterte. +Das große, in das Bett zu legende Schwert war als ein Heiligthum +mitgebracht und mußte sogleich an seinem Orte Wache liegen. + +Unter den ausgetauschten Neuigkeiten erfuhr Don Ramon die ihm als Arzt +hochwichtige Kunde von Savern, als den Schlüssel zu dem ganzen +Kinderkreuzzuge, nämlich: Es sind zwei Geistliche, zwei Brüder nach +Frankreich gekommen aus der Gefangenschaft des Assassinenfürsten, die er +entlassen unter dem Gelöbniß: für ihren noch als Geisel zurückbehaltenen +_Vater_ sechs schöne Frankenknaben zu bringen. Diese zwei Brüder haben, um +Vendôme an der Loire zu Hause, nun zwölf Knaben an sich gelockt, sie +beschenkt, ihnen das heilige Morgenland als das Paradies der Erde +geschildert, ihnen große Versprechungen gethan, ihnen Offenbarungen, +Schätze und Wunder vorgelogen, sie den Aeltern gestohlen, eingesperrt und +nun sie _geistlich exerciren_ lassen bis zum Verrücktwerden, durch Beten, +Singen, Knien, Weinen _auf Commando_, Beichten, Nachtwachen, +Teufelverwünschen und -Austreiben, bis sie durch das geistliche Exercitium +vollständig gerast. Dann haben sie sechs dieser armen Seelen wie ohne +Leiber dem Fürsten zum Lösegeld gebracht, der diese Wahnsinnigen nach Art +der Morgenländer geradezu für Heilige gehalten. Die in Frankreich +Gebliebenen sind aber ins Land entlaufen, die entsetzliche Krankheit in +Haupt und Gliedern; haben die Hirtenknaben zuerst, und die Hirtenknaben +dann die Dorfjugend damit angesteckt. So ist die Kinderwuth angegangen, wie +»Seelenpocken«, bis sie als Kinderkreuzzug ausgebrochen und ihren rasenden +und unseligen Verlauf genommen.[A] + +Der Doctor fiel ihm um den Hals und küßte ihm die Hände vor Dank, daß er +als Arzt recht gesehen. Aber auch vor edler Menschenfreude, daß dem ganzen +großen Wirrwarr nur die _Kindesliebe zu Vater und Mutter_, wenn auch in +ihrer Entartung zugrunde gelegen. + +[Fußnote A: Vincenz von Beauvais.] + +Mehr brauchten sie von der Welt nicht zu wissen, als ja sich untereinander +liebend. Sie verpaßten in Ruhe und Frieden den neuen Kreuzzug der 70,000 +geharnischten Ritter, der wie der Zug der Kinder jämmerlich endete. Sie +verpaßten die große fürchterliche _Weberschlacht_ der Wollenweber und +Tuchscheerer gegen die Patricier, die sie aus Köln vertrieben, aber der +Mittelstand in den _weitern_ Rath aufgenommen werden mußte. Sie verpaßten +den neuen Kampf _Aller_ gegen die Macht und _das_ Herrschen des neuen +Erzbischofs; die Belagerung der Stadt, die Eroberung; die Verjagung und die +Enthauptung der Herren vom Rathe; indeß sie selbst hier Alle doch mit dem +Leben, dem größten Schatz, und mit allen ihren goldenen Schätzen +davongekommen! + +Sie vernahmen nur noch wie ein Märchen, daß der Kaiser Friedrich II. die +christlichen Seeräuber und Kreuzkinderverkäufer, Hugo Ferreus und Wilhelm +Porcus, sammt dem sicilischen Emir und dessen Söhnen, denen sie hatten den +Kaiser ausliefern sollen -- alle Fünf an einen fünffingerigen Galgen hatte +hängen lassen. Ihr halb vergessenes, halb ausgeheiltes Uebel gab ihnen +keine besondere Freude _an der Vergeltung_. + + * * * * * + +So verging die Zeit. Der gute Don Raimund ward schwächer und träumerischer. +Endlich lag er unrettbar auf seinem letzten Lager, als ein Opfer der +Rettung der Tochter seines Bruders, die ihm die Wunde in den Nacken und den +Wahnsinn zugezogen. Er ließ seine Gabriele an das Bett kommen, hielt sie an +der Hand und dankte ihr, daß sie aus Liebe und Treue zu ihm den Himmel +verlassen. Aber, sagte er: Ich kehre zu dir nicht zurück! sondern komme du +lieber gleich mit, oder gesund mir nach -- _mir war es doch zu traurig_ -- +du erinnertest dennoch mich immer: _daß du gestorben!_ und das war eine +schlimme Zeit! _Die vergiß ja lieber!_ + +Sie beweinte den ihr wie heilig erschienenen Mann redlich und begrub ihn +wie einen Seligen, der ihrer nicht mehr bedürfe. + +Nach der Trauerzeit kam einst Nikolas mit seiner Schalmei in ihr Thal. Und +ihr schlug das Herz von den Jugendklängen, die in ihre Liebe gefallen, die +ihr damals nur Frömmigkeit und Glauben geschienen. _Savern_ und _Gaiette_ +gaben ihr ein reizendes Beispiel. Soll denn ein Unglücklicher, doch im +Herzen Unschuldiger, gar kein Mensch mehr sein und werden dürfen? -- Und +aus Erinnerung wurden sie Mann und Weib, und das mannesgroße silberblanke +Schwert mit dem mächtigen Griffe verschwand aus dem mit weißen Lilien +bekränzten Bett. + +Er fand bei ihr einst, aus Raimund's Nachlaß, das kleine Kästchen mit dem +Kinde, das vormals mit gegen sie hatte zeugen müssen. Ameisen in der Eiche +hatten das kleine Gerippe wie zärtlich und ganz unvergleichlich ab- und +reingenagt. + +Der Fund war sein Lohn! + +Und als Irmengard darauf ein Kind geboren, und entzückt es vor sich in die +Höhe gehalten, da war vor Erschütterung der Seele _die Sprache_ ihr wieder +in die Brust geschossen. Sie hatte laut geschrien -- aber die Erinnerung +hatte sie überwältigt und _todt_ zurückgestürzt. + +Sie ward an ihres _geistigen_ Mannes, des guten Raimund's Seite begraben -- +und einst ihr _leiblicher_ Mann an ihrer Seite. + +Das kleine neugeborene, wunderliebliche Kind ließ sich die alles vergeblich +gewesene Jungfrau, Gattin und Witwe, die arme _Isidore_, nicht nehmen. Sie +ward ihm Mutter, und es ward dafür ihr Trost und ihre Freude. _Ihr +Schönstes und Bestes müssen ja immer die Menschen sich träumen._ + + + + »Der Phantasie gehört der Mensch, das Kind!« + + + + +Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Der Hirtenknabe Nikolas, by Leopold Schefer + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40138 *** |
