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Oeffinger + +Release Date: May 22, 2012 [EBook #39763] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINHEIMISCHE FISCHE *** + + + + +Produced by Bernd Meyer and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from BioLib (www.biolib.de) and the edocs server of +University Frankfurt/Main Germany / Biology collection +(ViFaBio)) + + + + + +[Transcriber's Note: =Bold= text is shown by =equal= signs, _letter +spacing_ by _underscores_. Original spelling variations have not been +been standardized.] + +[Zur Transkription: =Gleichheitszeichen= bedeuten =fett= gedruckten +Text, _gesperrt_ gedruckter Text wird mit _Unterstrichen_ dargestellt. +Originalschreibweisen wurden soweit möglich beibehalten.] + + + +Einheimische Fische + +Die Süßwasserfische unsrer Heimat + +Von + +Dr. Kurt Floericke + +Mit zahlreichen Abbildungen nach Originalaufnahmen u. Zeichnungen von +Dr. E. Bade, Oberlehrer W. Koehler, R. Oeffinger u. a. und einem +Umschlagbild von R. Oeffinger + +Stuttgart + +Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde Geschäftsstelle: Franckh'sche +Verlagshandlung Copyright 1913 by Franckh'sche Verlagshandlung +Stuttgart + +Stuttgarter Setzmaschinen-Druckerei Holzinger & Co. + + + + +Einheimische Fische + + + »Ach, wüßtest du, wie's Fischlein ist + So wohlig auf dem Grund, + Du stiegst herunter wie du bist + Und würdest erst gesund! + +Ob Altmeister Goethe, der ja bekanntlich auch einen recht tiefen +Einblick in das weite Reich der Natur getan hat, recht hat, wenn er in +einem seiner formvollendetsten Gedichte, in dem fast italienischen +Wohlklang atmenden »Fischer«, von dem Wohligsein der Fische spricht und +den Menschen sie darum beneiden läßt? Der Naturforscher wird entschieden +antworten, daß hier die Phantasie mit dem Dichter durchgegangen sei. Die +Natur ist ja durchaus nicht die allgütige und allsorgende Mutter, als +die eine sentimentale Weltauffassung sie hinzustellen beliebt, sondern +vielmehr eine recht rauhe Erzieherin, die eine gar strenge und +nachsichtslose, oft geradezu zu raffinierter Grausamkeit gesteigerte +Auslese unter ihren »Kindern« hält, der das Schicksal des Individuums +gleichgültig ist, wenn sich nur Aussicht bietet, den Bestand der Art zu +erhalten. Und wenn aus diesen Gründen schon auf dem Festlande ein +rücksichtsloser Kampf aller gegen alle tobt, so herrscht ein solcher in +tausendfach vergrößerter und verbitterter Form im scheinbar so +friedlichen Wasser, und besonders unter dessen höchst entwickelten +Bewohnern, den Fischen, unter denen ja ausschließliche Pflanzenfresser +eine Seltenheit sind, während grimmige Räuber in Unzahl das feuchte +Element bevölkern. Das ganze Dasein der »wohligen« Fische ist ein fast +ununterbrochenes Hetzen und Jagen, Verfolgen und Verfolgtwerden, alles +dreht sich bei ihnen ums Fressen oder Gefressenwerden, solange nicht für +mehr oder minder kurze Zeit der allmächtige Fortpflanzungsinstinkt alles +andere in den Hintergrund drängt, die sonst Unersättlichen zu wochen- +und monatelangem Fasten verurteilt und ganze Millionenheere zu weiten +Wanderungen veranlaßt, die in der rücksichtslosen, fast brutalen Art +ihrer Ausführung etwas geradezu Fanatisches und Hypnotisierendes an +sich haben. Da also der Kampf ums Dasein in den Gewässern noch +unerbittlicher tobt als auf dem Festlande, wird es ohne weiteres +begreiflich erscheinen, wenn die einzelnen Arten ihm nach dieser oder +jener Richtung hin in weitgehender Weise angepaßt wurden, und wir werden +ja im folgenden verschiedentlich Gelegenheit haben, solche +Anpassungserscheinungen und ihre tiefgehende Bedeutung und Wirksamkeit +für die Biologie der Fische kennen zu lernen. + +Selbst dem Laien, der öfters vor einem Aquarium gestanden hat, wird bald +auffallen, daß er die Fische eigentlich jedesmal und zu jeder Tages- +oder Nachtzeit in mehr oder minder lebhafter Bewegung, jedenfalls fast +nie ganz ohne solche vorfindet. Bei einigem Nachdenken muß er sich +schließlich ganz von selbst fragen, ob denn diese unermüdlichen Tiere +eigentlich überhaupt nicht schlafen. Diese Frage ist keineswegs so naiv, +wie sie auf den ersten Anblick erscheinen mag, denn bis in die neueste +Zeit hinein haben auch angesehene Fachgelehrte der Meinung zugeneigt, +daß die Fische tatsächlich überhaupt keines Schlafes bedürfen. Daß diese +Anschauung so lange Zeit hindurch sich behaupten konnte, wird +erklärlicher, wenn wir bedenken, daß das Hauptzeichen echten Schlafes, +das geschlossene Auge, bei der Mehrzahl der Fische in Wegfall kommt, +indem sie keine Augenlider haben. Das sonst so bewegliche Fischauge +bleibt aber im Schlafe starr und ruhig, ohne jedoch seine Funktion +völlig auszusetzen. Und das ist auch nötig, denn da das Gehör bei der +großen Mehrzahl der Fische fast völlig versagt, muß das offene Auge +ihren Schlaf behüten, wohingegen bei dem schlafenden Menschen das Gehör +nicht gänzlich außer Funktion tritt und ihm eine herannahende Gefahr oft +noch rechtzeitig genug verrät. Doch gibt es auch Fische, die Augenlider +haben, wie z. B. die _Haie_ und _Rochen_, und diese schließen im Schlafe +auch das Auge fast völlig, während sich gleichzeitig die Pupille ganz +wie bei uns Menschen verengt. Nur die ungemein schwierige Beobachtung +solcher großen Meeresfische ist schuld daran, daß diese Tatsache so +lange übersehen wurde, die man erst neuerdings an dem kleinen +_Katzenhai_, der zu den gewöhnlichen Bewohnern der Schauaquarien gehört, +festgestellt hat. Wir müssen übrigens zweierlei Arten von Schlaf bei den +Fischen unterscheiden, nämlich einerseits den lethargischen +Erstarrungszustand, in den gewisse Fische während der Winterkälte oder +Sommerdürre für längere Zeit verfallen, der also ganz dem _Winter-_ +oder _Sommerschlaf_ gewisser Säuger, Kriechtiere und Lurche entspricht, +und andrerseits den eigentlichen Nacht-, bezüglich Tagesschlaf. Der +erstere ist ja schon seit längerer Zeit bekannt. Wir wissen, daß alle +Fische, die bekanntlich zu den Kaltblütern gehören, nur innerhalb +bestimmter Temperaturgrenzen zu existieren und nur bei einem gewissen +Temperaturoptimum ihre volle Lebenstätigkeit zu entfalten vermögen. +Freilich sind diese Temperaturzonen bei den einzelnen Arten +außerordentlich verschieden, was ja nicht weiter Wunder nehmen kann, +wenn wir bedenken, daß manche Fische zwischen den Eisschollen der +Nordmeere sich tummeln, andere dagegen in den lauwarmen Wassern der +tropischen Riesenströme oder gar in heißen Quellen wohnen, die wie +diejenigen von Aix eine Wärme von 45 Grad Celsius aufweisen. Wenn auch +die widerstandsfähigeren Fische sich im Aquarium allmählich an eine +nicht unbeträchtlich kältere oder auch wärmere Temperatur gewöhnen +lassen, als sie im Freileben gewohnt sind, so weiß doch jeder +Aquarienbesitzer, wie überraschend empfindlich seine Pfleglinge sich +gegen plötzliche Temperaturschwankungen selbst geringfügiger Art zu +zeigen pflegen. So erklärt sich auch die merkwürdige Tatsache, daß +Aquarienfische sich sehr leicht erkälten, obwohl sie doch im Wasser +selbst leben, und vereinzelte Ausnahmefälle, wo Tropenfische bei einer +Temperatur von nur wenigen Graden völlig erstarrten und schon für tot +gehalten wurden, dann aber beim Erwärmen zu neuem Leben erwachten, +bestätigen nur die Regel. In freier Natur dagegen dürften +Erkältungserscheinungen bei Fischen nur äußerst selten vorkommen, da ja +die natürlichen Gewässer sich nur ganz langsam erwärmen oder abkühlen. +Wird aber dabei eine gewisse Grenze überschritten, so erleidet die +aktive Lebenstätigkeit der Fische eine immer weiter gehende +Herabminderung, die schließlich in unserem Klima zur Erscheinung des +lethargischen Winterschlafes führt. Unsere Weißfische und _Karpfen_ z. +B. fallen in einen solchen bei einer Wassertemperatur von + 4-6°_C_, +nachdem sie sich vorher scharenweise im Schlamm eingewühlt und sich hier +oft so dicht aneinander gedrängt haben, wie Pökelheringe in einer +vollgepfropften Tonne. Während dieses Winterschlafes wird ganz wie bei +Hamstern oder Fledermäusen die Tätigkeit des Herzens und sonstiger +Muskeln, sowie die der Atmungs- und Ausscheidungsorgane auf ein Minimum +herabgesetzt (bei _Weißfischen_ z. B. sinkt nach Haempel die Zahl der +Herzschläge von 20-30 auf 1-2 in der Minute), und der Körper zehrt +während dieser ganzen Zeit lediglich von seinem eigenen, vorher nach +Möglichkeit aufgespeicherten Fett, so daß er während des Winterschlafes +einen Gewichtsverlust von 5 v. H. und mehr erleidet. Die Wärme des +Frühjahrs erweckt dann die schlafenden Fische zu neuem Leben, falls +nicht die Temperatur zu tief unter den Gefrierpunkt gesunken war und +dadurch den zeitlichen Schlaf in einen ewigen verwandelt hat. Es ist +übrigens erstaunlich, was die Fische gerade in dieser Beziehung +auszuhalten vermögen. So sind verbürgte Fälle bekannt, daß Karpfen bei +einer Temperatur von -15 bis -20°_C_ vollständig in einen Eisblock +eingefroren waren und sich dann bei ganz allmählichem und genügend +vorsichtigem Auftauen doch völlig erholten. Während viele unserer +Fische, wie der _Hecht_, auch während der rauhen Jahreszeit in Tätigkeit +bleiben, bietet andrerseits unsre Fischwelt sogar manches bemerkenswerte +Gegenstück zu dem Sommerschlaf der Tropenfische, der bei den in +wissenschaftlicher Hinsicht so bemerkenswerten Lungenfischen seine +höchste Vollendung erreicht und den Zweck verfolgt, beim Austrocknen der +Wohngewässer die sommerliche Dürre ohne Schaden überdauern zu können. So +erzählt Antipa aus dem Donaugebiete, daß er den _Schlammpeitzker_ +wiederholt in durchaus lebensfähigem Zustande tief im Schlamm vergraben +angetroffen habe, während seine Wohntümpel so scharf ausgetrocknet +waren, daß man mit beladenen Wagen darüber hinwegfahren konnte. Das wird +erklärlich, wenn wir an die später noch näher zu besprechende Darmatmung +dieses merkwürdigen Fisches denken. + +Viel weniger zahlreich sind aus dem schon erwähnten Grunde sichere +Beobachtungen über den eigentlichen Schlaf der Fische, aber sie mehren +sich in neuerer Zeit auffallend, so daß wir wohl annehmen dürfen, daß +die Mehrzahl der Fische der süßen Wohltat des Schlafes nicht zu +entbehren braucht, was ja auch physiologisch kaum denkbar wäre. Doch +scheint soviel festzustehen, daß das Schlafbedürfnis der Fische ein +ungleich geringeres ist, als das der übrigen Wirbeltiere und daß es sich +noch am ehesten bei drückender Hitze und sauerstoffarmem Wasser geltend +macht, bei den einzelnen Arten sehr verschieden stark ausgeprägt ist und +auch individuelle Abweichungen nicht vermissen läßt. Insbesondere +scheinen bestimmte _Schlafstellungen_ für die einzelnen Arten +kennzeichnend zu sein. Viele Fische schlafen in der gewöhnlichen +Schwimmstellung freischwebend im Wasser, andere begeben sich zum Boden +herab, drehen hier den Kopf der Strömung entgegen und stützen sich auf +Brust- und Bauch-, sowie auf den unteren Rand der Schwanzflosse. Der +_Katzenhai_ steht senkrecht auf dieser, während er zugleich den Kopf an +einen Stein oder an die Glaswand des Aquariums anlehnt, die _Lippfische_ +legen sich auf die Seite, nehmen also im Schlafen eine ähnliche Stellung +ein wie der Mensch, und die _Panzerwelse_ des Nil legen sich nach den +Beobachtungen Werners sogar auf den Rücken und treiben mit nach oben +gekehrtem Bauche an der Oberfläche einher, so daß man sie unbedingt für +abgestorbene Fische hält. Der von den Aquarienfreunden wegen seiner +interessanten Brutpflege hochgeschätzte _Maulbrüter_ (das Weibchen +schleppt den befruchteten Laich bis zu seiner völligen Entwicklung im +Maule mit sich, das auch den Jungen während ihrer ersten Lebenstage noch +als Zufluchtsstätte dient) schiebt sich zum Ausruhen flach auf ein +geeignetes, oft nur wenig vom Wasser überspültes Pflanzenblatt, und die +hübschen _Zwergwelse_ Nordamerikas hängen in halbmondförmig gekrümmter +Stellung, wie wir sie von den gekocht auf unsere Tafel kommenden +Schleien her kennen, dicht an der Wasseroberfläche. Eine ähnliche +Schlafstellung nimmt nicht selten auch unser _Schlammpeitzker_ ein, +indem er Kopf und Schwanz nach unten biegt, den schmiegsamen Leib aber +nach oben krümmt. Auch den nahe verwandten _Steinbeißer_ kann man +bisweilen in dieser merkwürdigen Lage überraschen. Vielleicht ist sie +auch auf das bei den Schlafstellungen der höheren Wirbeltiere so +deutlich ausgeprägte Bestreben des Organismus zurückzuführen, während +des wehrlosen Schlummers nach Möglichkeit zur primitiven, die geringste +Angriffsfläche bietenden Kugelform zurückzukehren, was den Fischen bei +ihrem meist starren Leibe allerdings nur andeutungsweise möglich ist. +Während des Schlafes erscheint die Reizempfänglichkeit der Fische stark +herabgemindert. Man muß ihnen schon ziemlich grob kommen, um sie +aufzustören. So reagieren sie auf Steinwürfe in der Regel erst dann, +wenn sie unmittelbar getroffen werden. Versuche Schmids haben gezeigt, +daß sich Fische durch Zusätze von Veronal oder Trional (beide Stoffe +gelten ja auch beim Menschen als Schlafmittel) zum Wasser auch künstlich +einschläfern lassen, wobei sie ihre Bewegungen ganz allmählich +verlangsamen und schließlich selbst gegen unmittelbare Berührungsreize +unempfindlich werden. Schleien nahmen dabei eine im Winkel von 45° +schräg nach unten gerichtete Stellung ein. Auch die Vorstufe des +Schlafes, das charakteristische Ermüdungszeichen des _Gähnens_, ist im +Fischreiche keine unbekannte Erscheinung, so sonderbar uns das auch +anmuten mag. Namentlich in warmem und sauerstoffarmem Wasser kann man +die Fische häufig gähnen sehen, gerade wie auch bei uns Menschen +weichliches Wetter leicht Ermüdungszustände hervorruft. Beim Gähnen +öffnet der Fisch sein Maul sehr weit, spreizt die Kiemen, hebt seine +Bauchflossen und stößt dann mit großer Geschwindigkeit das eingesogene +Wasser teils durchs Maul, teils durch die Kiemen wieder aus. Die +Stellung der Flossen während des Schlafes ist am eingehendsten beim +Schlammpeitzker beobachtet worden; gewöhnlich werden sie dem Körper +glatt angelegt, die Brustflossen nicht selten aber auch flach +ausgespreizt. + +Bei dieser Gelegenheit sei gleich noch einiges über den +_Schlammpeitzker_ oder _Schlammbeißer_ (_Cobítis fossílis_) gesagt, +diesen wegen seiner leichten Erreichbarkeit bei der Jugend so beliebten, +wegen seiner vielen merkwürdigen Eigenarten aber auch für den Forscher +und Aquarienfreund hochinteressanten Bewohner unserer kleinen stehenden +Gewässer mit schlammigem Untergrunde. Er lebt hier als ein echter +Bodenfisch und als ein ausgesprochenes Nachttier, das tagsüber untätig +dem schlammigen Untergrunde aufliegt und erst mit Einbruch der Dämmerung +zu regerem Leben erwacht, um den Schlamm nach allerlei Gewürm, Schnecken +und jungen Muscheln zu durchwühlen, nebenbei wohl auch vermodernde +Pflanzenteile zu sich zu nehmen. Bekannt geworden ist der Schlammbeißer +in weiteren Kreisen namentlich als Wetterprophet, weshalb er auch im +Volksmunde vielfach den Namen Wetterfisch führt, und er verdient diesen +Ruf sicher in höherem Grade als der zu Unrecht gepriesene Laubfrosch. Es +ist Tatsache, daß der Schlammbeißer wenigstens gegen elektrische +Veränderungen in der Atmosphäre sich überaus empfindlich erweist und +namentlich das Herannahen von Gewitterbildungen viele Stunden vorher +(angeblich sogar 24 Stunden vorher) mit fast untrüglicher Sicherheit +anzeigt. Der sonst so träge Geselle gerät dann in lebhafte Unruhe und +schwimmt rastlos unter kräftig schlängelnden Bewegungen hin und her, +kommt auch mit sichtbarer Ängstlichkeit häufig an die Oberfläche, um +Luft zu schnappen. Es erscheint daher zweifellos, daß er für Fluida +elektrischer oder magnetischer oder vielleicht gar radioaktiver +Herkunft besonders empfänglich ist, ohne daß wir jedoch bisher diese +auffallende Erscheinung irgendwie befriedigend aufzuklären vermöchten. +Diese Eigenschaft des Schlammbeißers bringt es mit sich, daß man ihn in +manchen Gegenden als geschätzten Wetterpropheten in einfachen Fisch- +oder Einmachegläsern mit Sandbelag hält, was für den sonst sehr +widerstandsfähigen Fisch freilich nur einen langsamen und qualvollen Tod +bedeutet. Da er ebenso wie der Steinbeißer sich von einer geschickten +Hand im Wasser ohne allzu große Schwierigkeiten ergreifen läßt, muß er +ferner in der Regel für die ersten Aquarienversuche der lieben Jugend +herhalten. Das ist sehr zu bedauern, und es erscheint nachgerade +angezeigt, auch in bezug auf unsere Fischfauna den Naturschutz in +höherem Grade zu berücksichtigen, als es bisher geschah, denn auch die +Fauna unserer Binnengewässer und namentlich der kleinen Tümpel und +Teiche droht infolge rücksichtsloser Nachstellungen mehr und mehr zu +veröden und zu verarmen. Dagegen sei den modernen Aquarienfreunden, +deren praktische Kenntnisse in der Tierpflege groß genug sind, um jede +Tierquälerei auszuschließen, bei dieser Gelegenheit die sachgemäße +Haltung und Beobachtung unserer so anziehenden einheimischen Fische, die +über der Sucht nach ausländischen Neueinführungen und -züchtungen nur +allzu sehr vernachlässigt worden sind, wieder einmal dringend ans Herz +gelegt. Gibt es doch gerade an unseren so charakteristischen +einheimischen Formen, von denen nicht wenige ebenso schön und zierlich +sind, wie die berühmtesten Exoten, biologisch noch ungeheuer viel und +Hochinteressantes genug zu erforschen, wobei auch der bloße Liebhaber +tüchtig mithelfen kann. Übrigens ist der Schlammbeißer durchaus nicht +der einzige Wetterfisch, vielmehr scheint zahlreichen Arten eine mehr +oder minder große Empfindlichkeit gegenüber den elektrischen Zuständen +der Luft eigen zu sein, und sie zeigen sich deshalb beim Herannahen +eines Gewitters vielfach beängstigt und unruhig, wenn sie es auch nicht +auf so lange Zeit vorauszuempfinden vermögen wie der Schlammbeißer. Im +Zusammenhang damit mag es stehen, daß Fische bei Gewittern so leicht +absterben, was man auf die durch die starke Temperaturerhöhung bewirkte +Verminderung des Sauerstoffs im Wasser und auf die durch die plötzliche +Erniedrigung des Luftdrucks hervorgerufene Übersättigung des Wassers mit +schädlichen Gasen aus dem Untergrunde zurückgeführt hat, ohne jedoch +bisher völlig über diese rätselhafte Erscheinung und über die Rolle, die +die Elektrizität selbst dabei spielt, sich klar geworden zu sein. Als +sehr weitblickende Wetterpropheten gelten in gewissen Gegenden z. B. +auch die _Forellen_. So unwahrscheinlich es auch klingt, so schwören +doch viele alterfahrene Fischer darauf, daß man aus dem Verhalten dieser +Fische beim Laichgeschäft sichere Schlüsse auf die Gestaltung des +kommenden Winters ziehen könne. Wenn die Forellen ihre Eier an den +tiefsten, starker Abkühlung des Wassers weniger ausgesetzten Stellen +ablegen, soll ein harter und strenger Winter zu erwarten sein, der ja +immer auch einen beträchtlichen Rückgang des Wasserstandes mit sich +bringt. Laichen die Forellen aber an seichten Stellen nahe am Ufer, wo +die Strömung weniger stark ist, so soll ein milder und regenreicher +Winter bevorstehen. + + [Illustration: Steinbeißer (Naturaufnahme von Oberlehrer W. + Koehler).] + +Der etwa 30 _cm_ lang werdende _Schlammbeißer_, um auf diesen +zurückzukommen, kennzeichnet sich durch seinen langgestreckten +zylindrischen Leib mit kleiner und spärlicher Beschuppung, die gut +entwickelte, abgerundete Schwanzflosse, die zehn kurzen Bartfäden an dem +kleinen, aber sehr beweglichen Maul und durch die eigenartige Färbung: +oberseits schwärzlich mit fünf gelben und braunen Längsstreifen, +unterseits orangegelb mit schwarzen Tüpfeln. Der beträchtlich kleinere +_Steinbeißer_ (_Cobítis taénia_) hat nur sechs Bartfäden und auf +ledergelbem Grunde großfleckige braune Binden an den Seiten und auf der +Rückenmitte. Bei der dritten im Bunde, der zierlichen _Schmerle_ oder +_Bartgrundel_ (_Cobítis barbátula_), die ebenfalls mit sechs Barteln +ausgerüstet ist und nur wenig größer wird als der Steinbeißer, ist die +Färbung viel unbestimmter, meist aber oben dunkelbraungrün mit +regelloser Schwarzstreifung, unten hellgrau oder graugelblich. Während +der Schlammbeißer hinsichtlich des Wohnsitzes seinem Namen alle Ehre +macht, liebt der Steinbeißer klare Bäche und Wiesengräben mit sandigem +Untergrund, und die Schmerle ist ein Kind des reinen, flachen, schnell +über festen und steinigen Boden hinströmenden Wassers. Bei allen drei +Arten dient also die buntfarbige Beschuppung zugleich als Schutzfärbung. +Wenn die Frühjahrsregen Tümpel und Bäche neu aufgefüllt haben, schreiten +die Cobitis-Formen zur Fortpflanzung an ruhigen und geschützten Stellen +ihrer Wohngewässer, und zwar legt jedes Weibchen an Pflanzen oder +Steinen 100-150000 Eierchen ab, von denen aber nur ein geringer +Prozentsatz zur Entwicklung kommt. Die große Mehrzahl der Jungen fällt +überdies den Raubfischen zur Beute, denen die Bartgrundeln vermöge ihrer +mundgerechten Gestalt überhaupt ein besonders willkommener Bissen sind. +Deshalb bleibt ihre Zahl allenthalben eine ziemlich beschränkte. Von +einer Brutpflege durch das Männchen, die Leunis wahrgenommen haben will, +wissen spätere Beobachter nichts mehr zu berichten. Der Steinbeißer +besitzt wenigstens noch eine eigenartige Waffe gegen seine zahllosen +Feinde, die bei den beiden anderen Arten nur in rudimentärem Zustande +vorhanden ist. Es handelt sich um einen dem Suborbitalknochen +aufsitzenden, frei beweglichen und feststellbaren Augendorn. Ergreift +man den Fisch, so biegt er den Kopf nach der Hand herum und bohrt den +aufgerichteten Dorn mit beträchtlichem Kraftaufwand in deren Fleisch +ein. Giftig ist dieser Dorn aber nicht, wie man wohl gefabelt hat. +Wirtschaftlich sind die Cobitis-Arten schon wegen ihrer Kleinheit ohne +sonderliche Bedeutung, und das Fleisch des Steinbeißers ist überdies +mager und zähe. Dagegen wird die Schmerle von ausgepichten +Feinschmeckern als ein gar köstlicher Bissen hoch geschätzt, und schon +der alte Gesner singt begeistert ihr Lob. Doch stehen diese Fischchen +ungemein rasch ab und dürfen deshalb nur in ganz frischem Zustande +Verwendung finden, wenn sie ihren vollen Wohlgeschmack entfalten sollen. +Am besten behandelt man sie wie Neunaugen, brät sie also auf dem Rost +oder mariniert sie ein. + +Auf gleiche Weise behandelte Schlammbeißer, die ein grätenarmes und +nicht sehr fettes Fleisch haben, schmecken auch nicht übel, wenn man nur +die Vorsicht gebraucht, sie erst einige Tage in klarem, fließendem +Wasser zu halten, damit der ihnen sonst anhaftende Modergeruch und +-geschmack sich verliert. Heutzutage führt man den vielen Fischen +anhaftenden und ihre Verwendung für die Küche erschwerenden +_Schlammgeschmack_ nicht mehr auf die Einwirkung der Armleuchtergewächse +zurück, sondern vielmehr auf gewisse niedere Algen, die Oszillarien. Wo +sie in großer Menge vorhanden sind, haftet dem Fischfleische auch mehr +oder minder der fatale Schlammgeschmack an, der schließlich selbst bei +Regenbogenforellen so stark werden kann, daß er sie fast ungenießbar +macht. Wo die Oszillarien völlig fehlen, gibt es auch keinen +Schlammgeschmack. Fische, deren Haut reichlich mit Schleimdrüsen +versehen ist, wie es z. B. bei Aalen und Schleien der Fall ist, nehmen +den Schlammgeschmack immer rascher und stärker an, aber völlig verschont +bleibt unter gegebenen Verhältnissen keiner, selbst nicht die delikate +Bachforelle. + +Daß der Schlammbeißer in seinen oft kleinen Wohntümpeln bei heißem und +trockenem Wetter nicht massenhaft zugrunde geht, hat er der ihm eigenen +und wissenschaftlich hochinteressanten Fähigkeit der _Darmatmung_ zu +verdanken. Schon im Aquarium kann man häufig sehen, wie die +Schlammbeißer von Zeit zu Zeit fast nach Art der Molche zur Oberfläche +emporsteigen, hier einen tüchtigen Schluck voll Luft nehmen und dann +langsam wieder zum Boden herabsinken, wie sie ja überhaupt keine Freunde +überflüssiger Bewegung sind, sondern bei Gefahr immer nur rasch von +einem Versteck nach dem andern schießen. Die mit dem Maul aufgenommene +Luft preßt der Schlammbeißer unter krampfhaftem Schließen der +Kiemendeckel durch seinen kurzen und fast gerade verlaufenden +Verdauungsschlauch, wo der von feinsten Blutgefäßchen umsponnene +Mitteldarm gewissermaßen als Lunge wirkt und der Luft gut die Hälfte +ihres Sauerstoffes entzieht, um sie dann unter hörbar glucksendem +Geräusch verbraucht durch den After wieder auszustoßen. Ein völliger +Ersatz für die Kiemenatmung freilich ist mit alledem doch nicht gegeben, +da nur durch diese die Ausscheidung der giftigen Kohlensäure bewirkt +werden kann und deshalb ein lediglich auf die Darmatmung angewiesener +Fisch doch zugrunde gehen muß. Diese Darmatmung, die sich ja auch bei +der am tiefsten stehenden Fischform, bei dem Lanzettfischchen findet, +ist wohl die ursprüngliche im Reich der Fische gewesen, und man kann +deutlich eine Entwicklungsreihe verfolgen, die von da über die einfachen +Kiemen der Rundmäuler, Haie und Rochen bis zu dem verwickelten +_Kiemenapparat_ der Knochenfische hinführt. + +Der Fähigkeit der Darmatmung verdankt nun aber der Schlammbeißer noch +eine weitere und in den Kreisen der heimischen Fischfauna höchst seltene +Eigenschaft, indem er nämlich auch imstande ist, deutlich wahrnehmbare +_Töne_ von sich zu geben. Nimmt man ihn nämlich aus dem Wasser heraus, +so hört man ein Geräusch, das nach Johannes Müller die Mitte hält +zwischen dem »Quieken einer Maus und dem Schall eines breiten Kusses.« +Verursacht wird es offenbar durch das plötzliche und krampfhafte +Ausstoßen der im Darm befindlichen Atemluft. Es ist also nicht eine +freiwillige Lautäußerung, sondern vom Willen des Tieres völlig +unabhängig, demnach nicht etwa ein Balz- oder Liebeslaut, sondern so +ziemlich das gerade Gegenteil und eher mit dem Angstschrei der Vögel und +Säuger zu vergleichen oder mit dem Vorgang, durch den sich nach einem +derbdeutschen Sprichwort die »bleiche Furcht« bei Feiglingen zu erkennen +gibt. + + [Illustration: Groppe (_Cottus gobio_). (Naturaufnahme von Dr. E. + Bade.) (Aus: Bade, Die mitteleuropäischen Süßwasserfische.)] + +Wesentlich stimmbegabter ist der Knurrhahn unserer Meere, und dieser hat +auch im Süßwasser eine allerdings stumme Verwandte in der allbekannten +_Groppe_ (_Cóttus góbio_), der gefräßigen und unerwünschten Begleiterin +der Forelle. Das sind zwei, die sich im wahrsten Sinne des Wortes »zum +Fressen gern haben«. Freilich nicht gerade zur Freude des +Forellenzüchters, der deshalb dem von ihm verfolgten buntschimmernden +Eisvogel dankbar sein sollte, der neben Schmerlen hauptsächlich junge +Groppen verzehrt, wenn sie sich mal aus ihrem Schlupfwinkel hervorwagen. +Namentlich zur Laichzeit der Forellen entwickelt die Groppe eine recht +fatale Tätigkeit. Durch das Plätschern der laichenden Forellen +aufmerksam gemacht, erscheint sie alsbald auf dem Schauplatze und hält +hier unbekümmert einen reichlichen Kaviarschmaus, weil Liebe auch die +sonst so vorsichtige und wehrhafte Forelle blind macht. »Senkrecht im +Wasser stehend, den Kopf zu unterst und den Schwanz nach oben, wirbelt +sie mit den Brustflossen die leicht flottierenden Eier auf, um eines +nach dem anderen zu verschlingen. Es ist keine Seltenheit, in dem Magen +einer fingerlangen Groppe bis zu 30 Stück der erbsengroßen Forelleneier +zu finden« (Jäger). Auch die ausgeschlüpften Jungforellen haben in der +tückisch unter Steinen auf sie lauernden Groppe, die auch sonst alles zu +überwältigende Getier und mit besonderer Vorliebe Libellenlarven gierig +verschlingt, ihren schlimmsten Feind. Der Spieß wird aber umgedreht, und +die Stunde der Rache erscheint, sobald die Groppe selbst im zeitigen +Frühjahr zur Fortpflanzung schreitet. Dann ist es die raublustige +Forelle, die hinter den jungen Groppen und dem Groppenlaich her ist und +unnachsichtlich Vergeltung übt. Die Begegnung mit der alten Forelle hat +auch die ausgewachsene Groppe zu scheuen, obwohl sie in solchen Fällen +eine besondere Schreckstellung annimmt und den Kopf durch Aufsperren der +Kiemenstrahlen drohend aufbläht. Von den in festen Klumpen von 100 bis +300 Stück abgesetzten rötlichgelben Groppeneiern würden wahrscheinlich +wenige übrig bleiben, wenn nicht das Männchen in der tapfersten Weise +Brutpflege ausübte. Es verteidigt den zur Laichablage zwischen den +Steinen ausgewählten Platz aufs heldenmütigste und ausdauerndste gegen +jeden nahenden Feind, namentlich aber auch gegen die eigenen +Geschlechtsgenossen, wobei es zu so erbitterten Kämpfen kommt, daß die +Gegner sich bisweilen vollständig ineinander verbeißen und in diesem +wehrlosen Zustande, der an den verkämpfter Hirsche erinnert, mit +Leichtigkeit gefangen werden. Ohne selbst Nahrung zu sich zu nehmen, +hält so das Männchen 4 bis 5 Wochen lang treulich Wacht. Um so +schutzloser sind aber dann die ausgeschwärmten jungen Groppen ihren +Feinden preisgegeben, zu denen außer den Eisvögeln und Forellen +namentlich auch die alten Groppen selbst zählen, die bei ihrer +unersättlichen Freßgier in ausgesprochenem Maße dem Kannibalismus +huldigen. Gleich der Forelle bevorzugt die Groppe klares, schnell +fließendes Wasser und einen mit Steinen und Kiesgeröll bedeckten +Untergrund. Deshalb ist sie auch in Gebirgsgegenden häufig, ja in +manchen hochgelegenen Gewässern der einzige vorkommende Fisch. Sie hält +sich hier tagsüber unter Steinen verborgen und schießt aufgescheucht mit +großer Schnelligkeit durchs Wasser, aber immer nur auf kurze Strecken +und geradlinig, da ihr die Schwimmblase fehlt. Zu verkennen ist sie +nicht, denn der spindelförmig zulaufende, platt gedrückte Leib, der +mächtige Dickkopf mit dem Riesenmaul, die auffallend großen Brustflossen +und die schuppenlose, schleimige Haut sind untrügliche Merkmale. Die im +allgemeinen dunkle, mit Braun und Grau schattierte Färbung wechselt nach +Wohnort, Untergrund und Individuum ganz außerordentlich, und es +erscheint sicher, daß auch der Groppe das bei den Schollen so +ausgeprägte und noch näher zu besprechende Farbwechselvermögen zukommt. +Bei ihrer Lebensweise muß das ein großer Vorteil für sie sein. In der +Tat gehört schon ein sehr gut geschultes Auge dazu, um eine auf kiesigem +Untergrund ruhende und sich dabei regungslos verhaltende Groppe aus +einiger Entfernung zu erkennen. Daß die Groppe trotz ihrer versteckten +Lebensweise ein recht volkstümlicher Fisch ist, beweist die große Zahl +ihrer Trivialnamen, deren manche recht drastisch anmuten. »Rotzkober« +nannten wir Thüringer Jungen sie, wenn wir stolz zum Fischfang auszogen; +Mühlkoppe, Breitschädel, Kaulquappe, Grotzfisch, Dick- und Kautzenkopf, +Kaulhäuptlein, Kulheet und sogar Papst heißt sie in anderen Gegenden. +Wirtschaftlich hat sie höchstens als Köderfisch einige Bedeutung, +obschon sie gar nicht übel mundet. Wendet man die Steine im Bach +vorsichtig um, so kann man bei einiger Übung den schlüpfrigen und +großmäuligen Burschen ganz gut mit der Hand ergreifen und hat sich dabei +nur vor Verletzungen durch die spitzen Flossenstrahlen zu hüten. + +Da oben von der vorzüglichen Schutzfärbung der Groppe und von ihrem +ausgeprägten Farbwechselvermögen die Rede war, seien hier gleich noch +einige allgemeine Betrachtungen über die _Färbung_ der Fische +eingeschaltet. Es liegt auf der Hand, daß bei dem schonungslosen und +ununterbrochenen Kampfe ums Dasein, der sich im Wasser abspielt, +Schutzfärbungen fast noch wichtiger erscheinen und daher noch häufiger +anzutreffen sein werden, als auf dem Festlande. Und in der Tat fehlen +sie kaum einem unserer heimischen Fische, wenn sie uns auch nicht immer +gleich als solche erscheinen wollen. Aber wir müssen bei der Beurteilung +solcher Erscheinungen eben immer die eigentümlichen Beleuchtungs- und +Färbungsverhältnisse im Wasser berücksichtigen. Dann werden wir es +sofort verstehen, warum alle unsere Oberflächenfische eine dunkle +Rückenfärbung und eine helle Bauchfärbung mit lebhaftem Silber- oder +auch Goldglanz haben, der an den Seiten besonders lebhaft hervortritt. +Beides ist eine ausgeprägte Schutzfärbung, die gerade diese Fische um so +nötiger haben, als sie sich für gewöhnlich ja nicht in Schlupfwinkeln +verstecken oder auf dem Boden liegen, sondern im freien Wasser nahe der +Oberfläche ihr anziehendes Spiel treiben. Die dunkle Rückenfärbung +schützt sie vor dem scharfen Auge solcher Feinde, die aus der Luft auf +sie herabspähen, also der fischfressenden Vögel. Ein jeder von uns weiß +ja aus eigener Erfahrung, wie schwer es hält, einen im Wasser stehenden +Fisch von oben her zu erkennen. Umgekehrt schützt der Silberglanz des +Bauches, der nach oberflächlicher Auffassung so leicht zum Verräter +werden könnte, in vortrefflicher Weise vor den lüsternen Blicken der +Raubfische, die ja gewöhnlich tiefer im Wasser stehen oder dem Boden +aufliegend auf Beute lauern, diese also schräg von unten zu Gesicht +bekommen werden. Von da aus erscheint aber der ganze Wasserspiegel +selbst bei bedecktem Himmel in lebhaft metallischem Lichtglanz, und wenn +gar funkelnde Sonnenstrahlen die Oberfläche treffen, zucken leuchtende +Lichtbündel, die sich von dem Aufblitzen der hin und her schwimmenden +Fische kaum unterscheiden lassen, allenthalben auf, wovon sich jeder +leicht beim Baden überzeugen kann. Schon vor mehr als 40 Jahren hat +Gustav Jäger diese Entdeckung gemacht, die dann aber in Vergessenheit +geraten war und erst neuerdings ohne Namensnennung wieder ausgegraben +wurde. Daß der nahe der Oberfläche befindliche Beutefisch auf silbrigem +Grunde silbern erscheint, somit nur sehr schwer sichtbar ist, wird nach +den Untersuchungen von Popoff und Kapelkin physikalisch dadurch erklärt, +daß die Fische infolge der eigentümlichen Lage ihrer Augen die +Wasseroberfläche höchstens unter einem Winkel von etwa 45° sehen, die +in einem solchen Winkel auf die Wasserfläche fallenden Lichtstrahlen +aber diese niemals durchdringen können, sondern völlig zurückgeworfen +werden. Etwas abweichender Ansicht ist in neuester Zeit Franz, indem er +glaubt, daß die silberne Bauchseite, wie sie bei Hering und Makrele +besonders schön ausgebildet ist, als Spiegel wirke, wenn auch mit dem +Unterschiede, daß sie das Licht meist nur sehr diffus (zerstreut) +zurückwirft. Demgemäß würde also ein solcher Silberspiegel lediglich die +Farbe des Wohngewässers selbst wiedergeben, gleichviel ob diese ins +Bläuliche, Grünliche oder Bräunliche fällt, und die Natur hätte mit +dieser automatischen Farbenanpassung durch Spiegelwirkung eine +verblüffend einfache und doch äußerst wirkungsvolle Leistung vollbracht. +Daß die uns Menschen so auffallende Silberfärbung aber zum mindesten als +Schutzfärbung aufzufassen ist, geht schon daraus hervor, daß sie allen +Bodenfischen, wie auch den Tiefseefischen als zwecklos völlig fehlt. +Denn im Ozean verschwinden schon bei 500 _m_ Tiefe die Silberbäuche +völlig, und Rot ist nun zur überwiegenden Schutzfarbe geworden, während +mit 1000 _m_ Meerestiefe ein mehr oder minder tiefes oder getrübtes +Schwarz diese Rolle fast ausschließlich übernimmt, da ja Schwarz in den +schauerlich finsteren Tiefen des Weltmeers naturgemäß den besten Schutz +gewährt, auch gegenüber den _Leuchtorganen_, mit denen viele Raubfische +zum Aufsuchen oder Anlocken ihrer Beute ausgerüstet sind. + +Ganz besonders schön ausgeprägt ist die _Schutzfärbung_ bei den in +erwachsenem Zustande auf dem Meeresgrunde lebenden _Plattfischen_, zu +denen einige der schmackhaftesten Bewohner von Nord- und Ostsee zählen, +und von denen die _Flunder_ (_Pleuronéctes flésus_) gelegentlich auch im +Süßwasser vorkommt. Und sie wird hier noch in ganz großartiger Weise +unterstützt durch das diesen merkwürdigen Fischen eigene +_Farbwechselvermögen_, das in so überraschender Weise in Tätigkeit +tritt, daß darob selbst das in dieser Hinsicht doch weltberühmt +gewordene Chamäleon erröten müßte, wenn anders Rot auf seiner +Farbenskala verzeichnet wäre. Ganz wie beim Chamäleon wird auch bei den +Plattfischen die sich dem Untergrund anpassende Farbänderung +hervorgerufen durch die Tätigkeit der unter der Oberhaut liegenden und +mit verschiedenartigen Farbstoffen angefüllten Farbzellen oder +Chromatophoren, die leicht und rasch zusammengezogen oder ausgedehnt +werden können und dadurch eine Auflichtung oder ein Dunklerwerden der +Gesamtfärbung sowie eine Vergrößerung oder Verkleinerung, ein Verblassen +oder ein Hervortreten, wenn auch keine Verschiebung der Fleckung und +Zeichnung bewirken. Danach wird ein auf gelblichem Sande ruhender +Plattfisch ganz anders aussehen als ein auf dunklem Untergrunde +liegender, ein auf grobem Kiesgeröll befindlicher ganz anders als ein +auf feinem Gries gelagerter. So weit geht diese Anpassung, daß für das +menschliche Auge oft förmliche Vexierbilder entstehen und das +Herausfinden eines sich regungslos verhaltenden Plattfisches selbst im +beschränkten Raume des Aquariums seine nicht geringen Schwierigkeiten +hat. Besonders deutlich konnte Sumner in Neapel die Erscheinung dann +verfolgen, wenn er den Fischen einen künstlichen Untergrund aus +verschiedenartig karriertem oder geflecktem Papier gab, dem sie sich in +überraschend kurzer Frist in weitgehender Weise anzupassen suchten. Bei +alledem steht soviel unzweifelhaft fest, daß diese Farbanpassung vom +Willen des Tieres völlig unabhängig und als ein rein reflektorischer Akt +zu deuten ist, als dessen Ausgangspunkt wir die durch die Netzhaut des +Auges wahrgenommenen Lichteindrücke anzusehen haben. Sumner hat dies +auch durch Versuche nachgewiesen, indem die von ihm geblendeten +Plattfische andauernd dunkel blieben und unter keinen Umständen mehr +einen Farbwechsel vorzunehmen vermochten. Auf eine ungleich hübschere, +weniger grausame und dabei eigentlich noch viel überzeugendere Weise ist +Ward zu dem gleichen Ergebnis gelangt. Er teilte einen Wasserbehälter in +zwei Hälften durch ein Stück Linoleum, in das er ein Loch hineinschnitt, +gerade groß genug, um einen kleinen Hecht darin festzuhalten. Die eine +Hälfte des Behälters war weiß und die andere schwarz austapeziert. Wurde +nun der Hecht so hineingesetzt, daß sein Kopf sich in der dunklen +Hälfte, Körper und Schwanz dagegen in der hellen Hälfte befanden, so +blieben die Pigmentstellen entspannt, der ganze Fisch somit dunkel. +Sobald man den Versuchsfisch aber herumdrehte und den Kopf in die helle +Hälfte versetzte, so war schon nach drei Minuten der ganze Fischkörper +bleich, weil sich die dunklen Pigmentzellen zusammengezogen hatten. Das +die Färbung beeinflussende Licht wirkt also nicht unmittelbar, sondern +durch die Vermittlung des Fischauges. + +Häufiger als aktive Giftwaffen (Petermännchen) ist in unserer Fischfauna +eine oft nur zeitweise Giftigkeit gewisser Fischteile beim Genuß, +selbst wenn wir von dem Fleisch erkrankter oder bereits in Fäulnis +übergegangener Fische absehen. So entwickelt das Blut des _Aals_, sobald +es in fremde Blutbahnen gebracht wird, stark giftige Eigenschaften, die +allerdings schon durch gelindes Kochen völlig zum Verschwinden gebracht +werden. Bei der schmackhaften und sonst so bekömmlichen _Barbe_ hat zur +Laichzeit der Genuß des Rogens und (entgegen der Auffassung Blochs, nach +einem aus neuester Zeit stammenden Bericht der Pariser _Société +Zoologique_) auch des diesen umgebenden Fleisches bedenkliche +Vergiftungserscheinungen im Gefolge, die sich namentlich in heftigem +Durchfall und Erbrechen äußern. In noch verstärktem Maße finden wir die +gleiche Erscheinung bei den merkwürdigen _Kugelfischen_ (_Tétrodon_) der +japanischen Gewässer, weshalb auch deren Verkauf auf den Fischmärkten +streng verboten ist, während andrerseits Kugelfischkaviar eine beliebte +Delikatesse der dort aus den verschiedensten Gründen so häufigen +Selbstmordkandidaten sein soll. Unsere, eine Länge von 70 _cm_ und ein +Gewicht von 10 _kg_ und mehr erreichende _Flußbarbe_ (_Bárbus +fluviátilis_) -- der verwandte, in Siebenbürgen und Ungarn heimische, +aber auch schon im Oder- und Weichselgebiet vorkommende _Semling_ +(_Bárbus petényi_) bleibt stets beträchtlich kleiner -- verdient ihren +Namen, denn sie fehlt den stehenden Gewässern ebenso wie dem Meere, +während sie zu den charakteristischsten und häufigsten Bewohnern unserer +Flüsse und Ströme zählt, soweit diese steinigen oder kiesigen oder +wenigstens sandigen Untergrund haben, dem sie sich in ihrer Färbung +ebenfalls in weitgehender Weise anzupassen vermag. Während die jungen, +erst im vierten Jahre fortpflanzungsfähig werdenden Barben, die sich +überhaupt durch eine reizvolle Beweglichkeit und große Spiellust +auszeichnen, beständig unter zuckenden Flossenbewegungen umherschwimmen, +werden die Alten mehr und mehr zu Nachttieren und Bodenfischen und +schließlich zu richtigen Faulpelzen. Erst nach Einbruch der Dunkelheit +ziehen sie auf Nahrung aus, indem sie ganz nach Schweineart mit ihrer +rüsselförmig verlängerten Schnauze den Boden nach allerlei Genießbarem +durchwühlen. Da der nach Karpfenart gebaute, nur wesentlich schlankere +Fisch dabei in der Aufnahme von Nahrung ebensowenig wählerisch und +ebenso vielseitig ist, wie der grunzende Borstenträger, wird er in +manchen Gegenden vom Volke gar nicht übel als »Sauchen« bezeichnet. Auch +an Aas und selbst an menschliche Leichname geht die Barbe recht gern, +und für Kot aller Art hat sie sogar eine ausgesprochene Vorliebe, mästet +sich deshalb am besten da, wo Aborte und Kanäle ihren Inhalt in die +Fluten entleeren, und wird aus ähnlichen Gründen auch in der Nähe von +Badeanstalten nicht leicht vermißt. Indessen hat diese wenig +appetitliche Ernährungsweise ebenso wenig wie der Grätenreichtum ihres +sonst vorzüglichen Fleisches oder die Giftigkeit ihres Rogens zu +verhindern vermocht, daß sie als Tafelfisch sich einer nicht geringen +Wertschätzung erfreut. Der Angler weiß, daß sie am sichersten auf ein +Stückchen Schweizerkäse anbeißt. Namentlich als »Bierfische« werden die +Barben in manchen Gegenden sehr geschätzt, so daß man sie wegen ihrer +verhältnismäßig geringen Vermehrungsfähigkeit sogar schon künstlich zu +züchten versucht, dabei aber wegen der großen Klebrigkeit der Eier, die +im Freien während der Frühlingsmonate an Steinen abgesetzt werden, keine +sonderlich ermutigenden Erfolge erzielt hat. Zur Laichzeit sieht man die +Barbenmännchen oft in langen Zügen wie im »Gänsemarsche« hinter den +laichfähigen alten Weibchen einherziehen. Gerade die Barben erkranken +sehr leicht an der Beulenpest, die durch einen einzelligen Schmarotzer +aus der Klasse der Sporentierchen (_Nyxobólus pfeífferi_) verursacht +wird und zu erbsen- bis nußgroßen Geschwülsten auf der Haut der +befallenen Tiere führt. Die aus den eiternden Beulen austretenden Keime +befallen auch Fische anderer Art, sind vielleicht auch für den badenden +Menschen nicht ungefährlich und vermögen so ganze Gewässer zu verpesten. +Die Barbenbestände selbst sterben dann fast völlig ab, wie es in den +Jahren 1885 und 1886 in der Maas und Mosel der Fall war, wo man allein +in Mézières täglich bis zu 2 Zentnern abgestandener Barben auffischen +konnte. Ebenso sind krankhafte Farbenabweichungen gerade bei Barben +keine besondere Seltenheit; selbst Stücke mit lebhaft goldgelben +Schuppen, die stark an Goldfische erinnern, kommen gelegentlich vor. + + [Illustration: Barsch (nach Naturaufnahmen von Fr. Ward [_Marvels + of fish life_] gezeichnet von R. Oeffinger).] + +Als ein gutes Beispiel für die Farbenanpassung an die Pflanzenwelt des +Süßwassers wollen wir hier endlich noch den _Flußbarsch_ (_Pérca +fluviátilis_) herausgreifen, dessen Name mit dem Begriff »Borste« +zusammenhängen soll, und ein recht borstiger Bursche ist ja dieser +stachelbewehrte Räuber tatsächlich in jeder Hinsicht, der im Fischreiche +biologisch etwa dieselbe Rolle spielt wie der Sperber in der Vogelwelt. +Von Schutzfärbung ist freilich bei ihm zunächst wenig zu merken, denn +der Oberkörper ist messingglänzend, und diese Farbe geht auf den Seiten +mehr ins Grünliche, auf dem Bauche ins Weißliche über, während quer über +den Leib 5-9 mehr oder minder dunkle Zebrabinden verlaufen. Wir müssen +aber berücksichtigen, daß der Barsch in der Regel unter einer +überhängenden Uferstelle im ruhigen Wasser zwischen Rohrhalmen auf Beute +lauert, und hier kommt ihm die den Rohr- und Pflanzenstengeln gleichende +Körperzeichnung doch sehr zustatten, zumal sie sich den Belichtungs- und +Schattierungsverhältnissen ebenfalls in wundersamer Weise anzupassen +vermag. Je klarer und durchsichtiger das Wasser, in desto lebhafterer +Färbung pflegt der Barsch zu prahlen. Nun kommt aber noch hinzu, daß +auch sein jeweiliger Gemütszustand die Färbung ganz erheblich zu +beeinflussen pflegt, wie ja die Fische trotz ihres kalten Bluts +überhaupt keineswegs die leidenschaftslosen und »kaltblütigen« Geschöpfe +sind, als die sie bei oberflächlicher Betrachtung erscheinen. Ganz im +Gegenteil feiern glühende Liebe, brennender Haß und ungestümer +Wanderdrang, kurz, rücksichtslose Leidenschaften aller Art gerade im +Fischreiche wahre Orgien, und das kommt auch in der jeweiligen Färbung +oft deutlich genug zum Ausdruck. So beweisen die einwandfreien +Photographien des schon erwähnten englischen Forschers Ward, daß +namentlich der Barsch nicht nur ein durch die verschiedene +Flossenstellung vermitteltes, sehr ausdrucksvolles Mienen- und +Geberdenspiel hat, sondern daß er auch aus Angst und Furcht oder bei +plötzlichem Schreck die Farbe zu verändern, insbesondere bis zur +Leichenblässe zu erbleichen vermag. Eben noch liegt der Fisch in +behaglicher Ruhe auf dem Grunde, den Körper gestützt auf Schwanz- und +Beckenflossen, während die übrigen Flossen sich ihm anschmiegen und die +Zebrastreifen fast gar nicht sichtbar sind. Da -- eine leise +Erschütterung des Glasbehälters, und der Barsch richtet sofort als +Zeichen der Beunruhigung die zweite Rückenflosse steil auf. Eine zweite +und dritte stärkere Erschütterung -- und der nun vollends erschreckte +Barsch erhebt sich vom Boden, richtet auch die übrigen Flossen auf, +spreizt die Kiemendeckel und -- erbleicht plötzlich vor Furcht, so daß +die Zebrastreifen scharf und deutlich hervortreten. »Drei Minuten lang +verharrte er in dieser Stellung und schwamm dann fort, andauernd seine +großen Augen rollend, als ob er nach Gefahr ausschaute.« Gleichzeitig +mit dem Erbleichen wird eine besondere Verteidigungsstellung +eingenommen, und dabei werden namentlich die scharfen Stacheln der +Rückenflossen gespreizt, denn sie sind die natürlichen Abwehrwaffen des +Barsches. Doch stehen sie nicht wie beim Stichling in besonderen +Sperrgelenken, und deshalb gewähren sie auch nicht einen so weitgehenden +Schutz, obschon die größeren Raubfische in der Regel nur bei besonderem +Hunger sich an den stacheligen Gesellen machen. Der Hecht z. B. packt +den sich nach Kräften Sträubenden mit einer gewissen Vorsicht am Maul +und läßt ihn sich nun erst so weit abmatten, bis die dräuend erhobenen +Stacheln von selbst herabsinken und so das Opfer verschlungen werden +kann. Seinerseits ist aber auch der Barsch ein gar grimmer Räuber, der +blindgierig auf alles losschnappt, was er halbwegs bewältigen zu können +glaubt, und dabei nicht selten üble Erfahrungen machen muß. In der +Jugend zwar begnügt er sich mit Gewürm und Schnecken, im Alter aber wird +er zum fast ausschließlichen Fischfresser. Lauernd lugt er dann aus +seinem Versteck, und wie ein Sperber stößt er urplötzlich hervor unter +das harmlos spielende Proletenvolk der Weißfischchen, die erschreckt +auseinander stieben, wohl gar aus dem Wasser hervorschnellen, aber von +dem Raubritter in schnellen, ruckweisen Schwimmstößen so lange verfolgt +werden, bis einer erhascht ist, falls dies nicht schon auf den ersten +Anhieb geschah. Auch der Fischbrut und den kleineren Krebsen tut der +Barsch viel Schaden. So las ich erst unlängst, daß ein nur 16 _cm_ +langer Barsch nicht weniger als 3 noch frische, weichhäutige Krebse von +5 bis 7-1/2 _cm_ Länge im Magen hatte, der dadurch ganz unförmlich +aufgetrieben war. Selbst an kleineren Sängern und Vögeln vergreift sich +dieser gierige Räuber, wenn sich ihm Gelegenheit dazu bietet. Da er +blind nach allem Genießbaren schnappt, bildet er die Freude des +angehenden Anglers, dessen Unerfahrenheit er oft mit einem unverhofften +und wegen seines wohlschmeckenden Fleisches hochwillkommenen Erfolge +krönt, der allerdings nicht selten mit einer schmerzhaften Verletzung +der Hand durch die spitzigen Rückenstacheln bezahlt werden muß. Das gilt +freilich nur von jungen und unerfahrenen Barschen, denn die alten sind +recht scheu und mißtrauisch, und der Angler darf sich solchen gegenüber +keineswegs unvorsichtig benehmen. Wer irgendwelche Barscharten längere +Zeit hindurch im Aquarium gepflegt hat, wird mir beipflichten, wenn ich +mich erkühne, diese Fische geradezu als nervöse Geschöpfe zu bezeichnen. +An Heißblütigkeit und Ungestüm des Temperaments geben sie ihrem +würdigen Vertreter in der Vogelwelt, dem Sperber, sicherlich nicht das +geringste nach. Ja, ihre Erregung vermag sich wie beim Vogel derart zu +steigern, daß sie in krampfhafte Zustände verfallen oder gar plötzlich +tot zu Boden sinken. Auch mancher Exotenzüchter vermag von dieser noch +wenig bekannten und erforschten Eigenschaft der als kaltblütig +verschrieenen Fische ein Lied zu singen. So sind Fälle bekannt, wo +Makropoden aus Erregung über die Zerstörung ihres Schaumnestes sofort +verendeten; der Pfauenaugenbarsch wechselt aus Angst oder Schreck alle +Farben, oder verfällt in Starrkrampf, der Diamantbarsch geberdet sich im +Ärger genau so sinnlos wie ein Habicht oder Sperber und sucht sich mit +weit abstehenden Kiemen in den Sand einzubohren. Unser Fluß- oder +Rohrbarsch, der gewöhnlich 35-40 _cm_ lang und 1 _kg_ schwer wird +(kürzlich wurde bei Zürich ein Exemplar von 2-1/4 _kg_ Gewicht +gefangen), bewohnt sowohl stehende wie fließende Gewässer, bevorzugt in +diesen jedoch die langsam fließenden Stellen mit sandigem, mergeligem +oder lehmigem Grunde und gibt immer einem möglichst klaren Wasser den +Vorzug. Die Laichzeit fällt in die Frühlingsmonate, und zwar werden die +mohnkorngroßen Eier in mehr als meterlangen, schlauchartigen Schnüren +netzartig um allerlei feste Gegenstände im Wasser geschlungen. Das +Weibchen kriecht bei der Laichabgabe förmlich wie eine Schnecke über die +Unterlage und unterstützt durch scharfes Anpressen des Bauches, also +durch eine Art Selbstmassage das Austreten der zwar kleinen, aber sehr +klebrigen und spezifisch auffallend schweren Eier. Künstliche +Besamungsversuche in der Biologischen Versuchsanstalt zu Wien haben +gezeigt, daß es sich bei einer bisher rätselhaften Barschform aus dem +Donaugebiet um Bastarde zwischen Rohr- und Kaulbarsch handelt, die +demgemäß auch in freier Natur vorkommen. Diese Mischlinge sind im +allgemeinen mehr kaulbarschähnlich, aber hochrückiger und seitlich +stärker zusammengedrückt, während die Zebrabinden nur dann hervortreten, +wenn der Rohrbarsch die Mutter war; sie sind träger, aber zählebiger und +schnellwüchsiger als beide Stammarten. + +Größere wirtschaftliche Bedeutung als der Flußbarsch besitzt +sein äußerst wohlschmeckender und dabei grätenarmer größerer +Vetter, der _Zander_ oder _Schill_ (_Luciopérca sándra_), dessen +wisschenschaftlicher Name »Hechtbarsch« vortrefflich gewählt erscheint, +denn in der Tat vereinigt dieser Fisch äußerlich wie biologisch die +Eigenarten beider Familien in sich. Mehr noch als der Flußbarsch ist er +auf recht sauerstoffreiches Wasser angewiesen, worauf schon der ungemein +zarte Bau seiner Kiemen hindeutet. So findet er sich besonders zahlreich +in weiten, aber flachen Wasserbecken, die durch stürmische Winde ab und +zu gründlich aufgewühlt und dadurch mit dem Sauerstoff der Luft +gesättigt werden, wie dies z. B. beim Kurischen Haff der Fall ist, wo +deshalb auch ein sehr lohnender Zanderfang noch heute betrieben wird, +wenn auch die Zeiten, wo man die massenhaft erbeuteten wertvollen Zander +lediglich zum Trankochen benutzte, dort längst vorüber sind. Ebenso ist +der Zander als »Fogosch« ein Charakterfisch des Plattensees und bildet, +auf dem Rost gebraten, eine beliebte ungarische Nationalspeise. Die so +zahlreich in die Berliner Markthallen gelangenden Zander dagegen +entstammen größtenteils dem Wolgagebiet, wo eine besondere Art, der +_Berschik_ (_Luciopérca volgénsis_) auftritt, die neuerdings auch durch +das Schwarze Meer ins Donaugebiet einzuwandern beginnt. Auch der Zander +ist ein ausgesprochener, überaus freßgieriger Raubfisch, der aber seines +engen Schlundes und Magens wegen doch nur kleinere Fische zu bewältigen +vermag. Der Angler wird ihm gegenüber nur dann Erfolg haben, wenn er +einen lebenden Köder verwendet und auf die große Furchtsamkeit und +Leckerhaftigkeit dieses Fisches genügend Rücksicht nimmt. Dann aber +bietet gerade das Zanderangeln viel Anregung und hohen sportlichen +Genuß. Gleich dem Flußbarsch treibt sich der Zander gern in kleinen +Trupps umher, und es ist merkwürdig, wie diese im Wasser oft förmlich +exerzieren und wie auf Kommando gemeinsame Schwenkungen vollführen. Die +ganz jungen Zander fressen außer tierischen Substanzen auch massenhaft +schwebende Algen, und selbst die Alten scheinen Pflanzenkost nicht +völlig zu verschmähen. Jedenfalls ist es auffallend, daß die in +Zandermägen vorgefundenen Fische fast immer in allerlei Pflanzengrün +eingehüllt sind, wobei es einstweilen dahingestellt bleiben muß, ob +dieses etwa zur Beförderung der Verdauung mit verschluckt wurde. Von +anderweitigen Angehörigen der Barschfamilie, die sich durch das +Vorhandensein von zwei selbständigen, stacheligen Rückenflossen +kennzeichnet, seien hier noch kurz erwähnt der schlank gebaute _Streber_ +(_Aspro stréber_), der bei uns gleich dem _Zingel_ (_Aspro zíngel_) auf +das Donaugebiet beschränkt ist, und der bisher nur in fließendem Wasser +gefundene _Schrätzer_ (_Acerína schráetser_). Alle diese Arten sind zu +klein und treten zu vereinzelt auf, als daß sie wirtschaftliche +Bedeutung gewinnen könnten, obschon ihr Fleisch recht gut mundet. Beim +Zingel hat Kammerer interessanterweise einen ganz verwickelten Nestbau +beobachtet, indem das Tier eine kreisförmige Grube im Sande auswirft, in +der Grubenmitte mit der Schnauze Steine zusammenschiebt, und zwischen +die Steine mühselig herbeigeholte Algenwatte einklemmt. Durch +Hineinarbeiten und Drehen des Körpers gewann diese Algenmasse +mützenförmige Gestalt, die durch quergesteckte Reiser klaffend erhalten +wurde. Der Schrätzerlaich erscheint zwar ebenfalls wie beim Flußbarsch +zu Schnüren angeordnet, aber die Eier liegen nicht in einem gemeinsamen +Schlauch, sondern sind nur reihenweise dicht nebeneinander auf dem Boden +festgeklebt. Dieser stachelige Fisch, der dem etwas Besseres erhoffenden +Angler manche Enttäuschung bereitet und ihm beim Auslösen manchen +blutigen Stich beibringt, gilt bei den Donaufischern als ein arger +Schädling der Fischbrut, während Streber und Zingel, die man in kleinen +Geschwadern ruckweise durchs Wasser schießen sieht, völlig harmlos sind +und sich lediglich von Mückenlarven, Wasserasseln, Flohkrebsen und +Erbsenmuscheln, namentlich aber von Würmern ernähren. Sie schaufeln +diese förmlich aus dem Boden hervor und drehen sich von großen +Exemplaren maulgerechte Stücke ab, indem sie sich wie die Molche hin und +her werfen und um die eigene Achse wälzen. Neuerdings sind auch zwei +nordamerikanische Barscharten ihrer Schnellwüchsigkeit halber mit Erfolg +in Deutschland eingebürgert worden, der _Schwarzbarsch_ und der +_Forellenbarsch_, die sich namentlich in kleinen Teichen mit festem +Untergrunde recht gut entwickeln und hier die Rolle des Hechts vertreten +können. Wichtiger aber als sie alle ist trotz seiner Kleinheit (er +bringt es höchstens auf 1/2 _kg_ Körpergewicht) der _Kaulbarsch_ +(_Acerína cvernua_), ein gelbbrauner oder olivengrüner Bursche mit +feinen Pünktchen, die das Volk in Süddeutschland für Läuse hält und +deshalb den Fisch, der von jeher gern in den Klöstern verspeist wurde, +»Pfaffenlaus« getauft hat. Noch furchtbarer als andere Barscharten ist +diese mit Stacheln bewehrt, so daß die Fischer von ihr sagen, man dürfe +sie nur mit blechernen Handschuhen anfassen, und kenntlich wird der +gedrungen gebaute Kaulbarsch sofort daran, daß die beiden Rückenflossen +nicht scharf getrennt sind, sondern ineinander übergehen. Er führt eine +zigeunerartige und nomadenhafte Lebensweise, erscheint aber zu +bestimmten Jahreszeiten in gewissen Gegenden in ganz fabelhafter Menge. +Als ich vor einer Reihe von Jahren am Kurischen Haff wohnte, wurden dort +nicht selten solche Unmengen von Kaulbarschen gefangen, daß man mit dem +Überfluß bisweilen nichts anderes anzufangen wußte, als ihn als Dung auf +die Felder zu fahren. Heute wird das wohl auch anders geworden sein, +denn Kaulbarsch gibt die leckerste Fischsuppe, die sich nur denken läßt. +In den langen und harten Wintern lernte ich damals dort auch eine ganz +eigentümliche Fangweise kennen, die besonders dem Kaulbarsch galt. Wenn +das weite Kurische Haff zugefroren war, schoben die Fischer mit Stangen +nebeneinander 12-15 Stecknetze von je 30 bis 50 _m_ Länge und 1/2 bis +3/4 _m_ Höhe unter das Eis und ließen sie eine Weile stehen, unter +Umständen tagelang. Dann wurde in der Nähe eine lange, bis auf den Grund +reichende Stange, die an einem Gestelle mehrere eiserne Ringe trug, +durch das Eis gestoßen und mit ihr ein möglichst großer Lärm vollführt. +Die Folge war, daß sich die Netze dicht mit Kaulbarschen füllten, die +nach den Behauptungen der Fischer durch das erzeugte Geräusch angelockt, +richtiger vielleicht dadurch zu sinnloser Flucht aufgescheucht wurden. + +Dies führt uns zu der interessanten und neuerdings viel erörterten +Frage, ob überhaupt und bis zu welchem Grade Fische zu _hören_ vermögen. +Um über diese vielumstrittene Frage ins klare zu kommen, soweit dies der +heutige Stand der Wissenschaft erlaubt, ist es nötig, daß wir uns +zunächst den Bau des _Gehörorgans_ der Fische vergegenwärtigen. +Bekanntlich besitzen diese kein äußeres Ohr, und auch von den inneren +Teilen fehlt ihnen die sogenannte Schnecke, der Träger des Cortischen +Organs, das wir seit Helmholtz als den eigentlichen Sitz des Gehörsinnes +kennen. Wohl ist das sogenannte Labyrinth vorhanden und in ihm ein +großer und zwei kleine Gehörknöchelchen oder Otolithen, die von kalkiger +Struktur sind und deutlich ein Jahreswachstum erkennen lassen, aber +diese Gebilde haben mit dem eigentlichen Gehörvermögen nichts mehr zu +tun, sondern unterrichten, eingebettet in eine gallertige Masse und in +Zusammenhang stehend mit seinen, in Nervenzellen endigenden Härchen, den +Fisch lediglich über seine Lage, dienen insbesondere auch zur Erhaltung +des so nötigen Gleichgewichts, sind also ein ausgesprochen statisches +Organ, weshalb man die Otolithen auch besser und richtiger _Statolithen_ +nennen sollte. Fische, die dieses Organs beraubt sind, verlieren das +Gleichgewicht und das Orientierungsvermögen und schwimmen auf der Seite +oder auf dem Rücken sinnlos im Kreise herum. Um es kurz +zusammenzufassen: während das Ohr der höheren Wirbeltiere zugleich als +statisches und als Gehörorgan dient, kann seinem ganzen anatomischen und +histologischen Bau nach bei den Fischen ausschließlich nur die erstere +Funktion in Betracht kommen. Die Fische können also wegen des Fehlens +eines vermittelnden Organs nicht hören, d. h. sie sind für +Schallwirkungen an sich unempfänglich. Dem wird freilich der in der +Praxis geschulte Fischer mit überlegenem Lächeln entgegenhalten, daß die +meisten Fische doch sehr wohl auf starke Geräusche reagieren, der +Tierfreund wird uns erzählen, daß er bei diesem oder jenem alten +Klosterteiche gesehen habe, wie die fetten Mooskarpfen auf ein gegebenes +Glockenzeichen, an das sie seit vielen Jahren gewöhnt seien, zur +Fütterung herbeigeschwommen kamen, der Weltreisende wird uns versichern, +daß das in Japan jedes Kind wisse, weil man in den Gartenteichen die +Goldfische durch Pfeifen oder Glockensignale zur Fütterung herbeirufe. +Auch der erfahrene Aquarienliebhaber wird uns mit bedenklicher Miene +darauf aufmerksam machen, daß die trommelnden Laute der Guramis doch +offenbar die Rolle eines geschlechtlichen Reizmittels spielten und +demnach auch von dem anderen Teile vernommen werden müßten, wenn sie +überhaupt einen Zweck haben sollten. Das ist alles ganz richtig, und +doch liegen überall Trugschlüsse vor. Die hungrigen Karpfen hören nicht +das Glockenläuten, wohl aber empfinden sie die durch die Schritte des +nahenden Futterspenders der Erde mitgeteilte und sich im Wasser +fortpflanzende Erschütterung, sehen und kennen vielleicht sogar die +Gestalt ihres Wohltäters. Wartet dieser aber erst ruhig ein Stündchen +und stellt er sich dann so auf, daß er beim Glockenläuten nicht gesehen +werden kann, so kann er noch so lange und noch so schön bimmeln, keiner +der faulen Karpfen wird sich die Mühe nehmen, lediglich des Glockentones +wegen herbeizuschwimmen. Besonders bezeichnend ist es, daß Fische auf +schwache Geräusche außerhalb des Wassers niemals achten, daß sie aber +erschreckt zusammenfahren, wenn man unmittelbar neben einem Tümpel einen +Gewehrschuß abfeuert oder wenn man über dem Aquarium stark in die Hände +klatscht. Daraus dürfen wir ruhig schließen, daß sie nur für solche Töne +sich empfänglich zeigen, die stark genug sind, um sich im Wasser als +Erschütterungswellen fortzupflanzen, und damit haben wir zugleich des +Rätsels Lösung. Nicht die Schallwellen sind es, die der Fisch wahrnimmt, +sondern die durch sie im Wasser erzeugten Erschütterungswellen, und +nicht oder doch nicht ausschließlich mit dem Ohre nimmt er sie auf, +sondern mit seiner gesamten Körperoberfläche, in erster Linie mit der +sogenannten _Seitenlinie_, diesem noch so geheimnisvollen sechsten +Sinn. Wir dürfen also diese Art der Wahrnehmung nicht als Gehörsinn +bezeichnen, sondern könnten sie etwa Erzitterungs- oder +Erschütterungssinn nennen. Gewiß werden die umworbenen Weibchen +bestimmter Fischarten die balzenden Knurr- oder Trommeltöne ihrer +Verehrer zu würdigen wissen, aber mitgeteilt werden sie ihrem verliebten +Hirn nicht durch das lediglich als statisches Organ dienende Ohr, +sondern durch die hochempfindlichen Sinnesbecher, die durch die Löcher +der Seitenlinie mit der Außenwelt in Verbindung stehen. Im Wasser selbst +und bei ganz kurzer Entfernung, wie sie ja in allen solchen Fällen +allein in Betracht kommt, brauchen die Töne natürlich durchaus nicht +sonderlich laut zu sein, um verstanden zu werden. Nun gibt es allerdings +bekanntlich keine Regel ohne Ausnahme, und so will es in der Tat fast +scheinen, als ob doch einige wenige Fische den Anfang zu einem echten +Hörvermögen besäßen und wenigstens für ganz bestimmte Töne einigermaßen +empfänglich wären. So hat Maier von dem nordamerikanischen Zwergwels +neuerdings in einer anscheinend einwandfreien Weise festgestellt, daß er +recht lebhaft auf Pfiffe reagierte. Seine Versuche sind von zuständiger +Seite nachgeprüft und bestätigt worden. Und was dem Zwergwels recht ist, +das sollte auch unserem Weller billig sein. Vielleicht haben wir also in +der Gruppe der Welse den Beginn des Gehörvermögens bei den Fischen zu +suchen. Immerhin könnten bei dieser höchst auffallenden Beobachtung doch +Fehlerquellen mit unterlaufen sein, und völlige Gewißheit werden wir +über sie erst dann gewinnen, wenn das Gehörvermögen der Welse mit +Seziermesser und Mikroskop eingehend untersucht sein wird, was meines +Wissens bisher noch nicht geschehen ist. Im Einklang mit den +vorausgehenden Ausführungen stehen dagegen die Untersuchungen, die +Edinger über das Fischhirn gemacht hat, und aus denen wir wissen, daß +bei diesen Tieren das sogenannte Neenkephalon höchstens andeutungsweise +zur Entwicklung gelangen kann, während sie im übrigen auf das lediglich +Reflexe ermöglichende Paläenkephalon angewiesen sind. Sodann wollen wir +nicht vergessen, daß ein Hören von außerhalb des Wassers verursachten +Geräuschen für die Fische eigentlich wenig Sinn und Zweck hätte, und daß +die schaffende Natur überflüssige Einrichtungen nicht liebt, sondern +sich in weiser Sparsamkeit auf das Notwendige beschränkt, dieses aber +dafür um so vollkommener auszubilden sucht. + +Es dürfte angebracht sein, bei dieser Gelegenheit auch noch der schon +erwähnten _Seitenlinie_ der Fische einige Worte zu widmen. Daß sie ein +Sinnesorgan ist und ihrem ganzen Bau nach nichts anderes sein kann, +wissen wir, aber über die Art und Weise ihrer Wirksamkeit können wir uns +eigentlich nur mehr oder minder gut begründeten Mutmaßungen hingeben. +Schon Leydig erkannte 1851 die Seitenlinie als Sitz eines sechsten +Sinnes, aber erst durch Hofers eingehende Untersuchungen sind wir über +dessen Funktion einigermaßen klar geworden. Bald glaubte man, daß die +Seitenlinie dem Fischkörper die Wellenbewegungen des Wassers mitteile, +bald sollte sie ihm den Wasserdruck angeben oder ihn über die jeweilige +Höhe und Tiefe orientieren, bald sah man in ihr ein Gleichgewichtsorgan, +bald einen Wahrnehmungsapparat für leichte Erschütterungen, bald +einen Regulator für die Gasproduktion, und sogar mit dem +Fortpflanzungsgeschäft hat man sie in Beziehungen bringen wollen. +Jedenfalls ist sie kein eigentlicher _Gefühls-_ oder Tastsinn, der beim +Fische vielmehr durch die ganze Hautoberfläche und insbesondere durch +die wulstigen Lippen sowie die oft vorhandenen Bartfäden oder sonstige +Anhängsel vermittelt wird, übrigens in sehr verschieden hohem Grade +ausgebildet ist. Soviel scheint jedoch festzustehen, daß die Fische eine +auffallend geringe Schmerzempfindung besitzen, was ja auch mit den beim +Angelsport gemachten Erfahrungen übereinstimmt, indem oft ein eben erst +auf das empfindlichste durch den Angelhaken verletzter Fisch sofort +wieder anbeißt, als ob nichts geschehen wäre. Die von tierschützerischer +Seite so oft gegen das Angeln erhobenen Vorwürfe entbehren daher der +physiologischen Begründung. Am wahrscheinlichsten und teilweise auch +schon auf experimentellem Wege erwiesen ist es wohl, daß der Seitenlinie +die Aufgabe zufällt, den Fisch über die jeweiligen Strömungen des +Wassers und damit indirekt auch über seinem Weg entgegenstehende +Hindernisse zu unterrichten. Diese Aufgabe ist wichtig genug, denn ohne +ein derartiges Organ würde namentlich der in dunkler Tiefe lebende Fisch +sich überhaupt nicht zurechtfinden können (deshalb ist auch die +Seitenlinie bei Tiefseefischen besonders gut entwickelt), der +Süßwasserfisch würde unweigerlich ins Meer geschwemmt werden, weil er +sich nicht über die Strömung unterrichten könnte, er vermöchte auch +nicht die einmündenden Bäche und Flüsse aufzufinden, auf seinen +Wanderungen nicht die zu überwindenden Hindernisse wahrzunehmen und +abzuschätzen. Gewöhnlich verläuft die Seitenlinie unter der +Hautoberfläche und steht nur durch die durchbohrten Schuppen mit der +Außenwelt in Verbindung, bisweilen (so bei den Seekatzen) liegt sie aber +auch frei in einem häutigen, tief eingesenkten Kanal. Die +knospenförmigen, eigentlichen Sinneszellen in ihr wechseln mit stark +entwickelten Schleimzellen ab, weshalb man vor dem Auftreten Leydigs die +ganze Anlage lediglich für ein Schleim absonderndes Organ hielt. Meist +ist die Seitenlinie schon äußerlich gut zu erkennen, und zwar verläuft +sie in der Regel in gerader oder sanft geschwungener Linie von den +Kiemen über die ganze Körperseite bis zur Schwanzflosse. Indessen +erleidet diese Regel viele Ausnahmen, und in solchen Fällen gibt +die abweichende Gestaltung der Seitenlinie oft ein gutes +Unterscheidungsmerkmal für nahestehende Arten ab. So ist das Organ nicht +selten nur teilweise ausgebildet, wie z. B. beim _Moderlieschen_ +(_Leucáspius delineátus_), das von allen ähnlichen Fischchen sich sofort +dadurch unterscheidet, daß die Seitenlinie schon dicht hinter dem Kopfe +endigt. + + [Illustration: Moderlieschen. (Nach einer Naturaufnahme von Dr. E. + Bade.) (Aus: Bade, Die mitteleuropäischen Süßwasserfische.)] + +Das gestreckt gebaute, aber in der Gestalt sehr wandelbare niedliche +Tierchen mit dem steil nach oben gerichteten Mäulchen, der tief +ausgeschnittenen Schwanzflosse, den großen Augen und den stark +silberglänzenden Seiten, über dessen Verbreitungsbezirk wir noch +keineswegs hinreichend unterrichtet sind, das aber im Osten entschieden +häufiger ist, als im Westen, gehört zu unseren anspruchslosesten +Fischen. Es findet sich nicht nur in Flüssen aller Art, sondern gar +nicht selten in Torfausschachtungen und lehmigen Heidetümpeln. +Interessant ist die Brutpflege des Moderlieschens. Das Männchen bewacht +und verteidigt nämlich eifrig den Laich, der vom Weibchen +manschettenförmig um die Stengel des Froschlöffels herumgelegt wird. +Zugleich bemüht sich das wackere Männchen auch, die Eier dadurch vor +Verpilzung zu schützen, daß es durch fortwährende Schwanzschläge den sie +tragenden Pflanzenstengel in Bewegung erhält. Einen ganz eigenartigen, +in unserer Fischwelt einzig dastehenden Verlauf nimmt die Seitenlinie +bei dem durch stark zusammengedrückten Leibesbau, hervorgewölbten Bauch +und lebhaften Silberglanz ausgezeichneten _Sichling_ (_Pélecus +cultrátus_), auch Messerkarpfen, Zicke und Dünnbauch genannt. Sie biegt +bei ihm gleich am Kopfe in flachem Bogen nach unten, geht dann fast +senkrecht bis nahe zur Bauchkante, schwingt sich von hier in mäßigem +Bogen bis zum unteren Körperdrittel empor, senkt sich hierauf zwischen +Bauch- und Afterflosse wieder nach unten und steigt zuletzt in flachem +Bogen aufwärts, um am Schwanz in der Körpermitte zu endigen. Dieser +Fisch hat auch sonst mancherlei Merkwürdiges an sich. So ist schon seine +Verbreitung auffallend genug, denn er findet sich einerseits in der +Ostsee mit allen ihren Verzweigungen und Zuflüssen und andrerseits +ebenso im Gebiete des Schwarzen Meeres, ohne doch irgendwo sonderlich +häufig zu sein. Ja, im Donaugebiet erscheint er nach der Meinung der +Fischer nur alle sieben Jahre, weshalb sie ihn als Unglücksfisch und +Pestbringer betrachten, ähnlich wie die Vogelkundigen früherer Zeiten +den Seidenschwanz. Von seiner Lebensweise wissen wir eigentlich nicht +viel mehr, als daß er ein gesellig lebender Oberflächenfisch ist und +zwischen Salz-, Brack- und Süßwasser kaum irgendwelchen Unterschied +macht, sondern sich allenthalben gleich wohl zu fühlen scheint. Obgleich +man ihm hier und da (so im Kurischen Haff) mit Netzen nachstellt und er +immerhin bis zu 1 _kg_ schwer wird, hat er doch kaum irgendwelche +wirtschaftliche Bedeutung, da er nirgends in Massen auftritt und +überdies sein weichliches Fleisch sehr grätig ist. + +Es dürfte angezeigt sein, im Anschluß an die Betrachtung der Seitenlinie +gleich auch noch den sonstigen Sinnesfähigkeiten der Fische einige Worte +zu widmen. Über Geschmacks- und _Geruchssinn_ war man insofern lange im +Unklaren, als man beide nicht recht auseinanderzuhalten vermochte. Lange +Zeit hat man fast allgemein geglaubt, daß die Fische überhaupt nicht zu +wittern vermögen, sondern daß bei ihnen der Geruch durch den stark +entwickelten Geschmack ersetzt werde, obschon das Witterungsvermögen +nicht von vornherein ausgeschlossen schien, da ja Gase bekanntlich auch +im Wasser löslich sind und die meisten Fische paarige Nasenlöcher haben +(nur das tiefstehende Lanzettfischchen und die Rundmäuler haben ein +einziges Nasenloch), die mit einer strahlenförmig gefalteten und durch +besondere Nerven mit dem Gehirn verbundenen Schleimhaut ausgekleidet +sind. Bei den Haien und Rochen liegen diese Geruchsorgane +merkwürdigerweise auf der Unterseite des Kopfes. Zur vorderen Öffnung +strömt das Wasser herein, zur hinteren heraus, nachdem es mit den in der +Schleimhaut enthaltenen Sinneszellen in Berührung gekommen ist, und es +liegt auf der Hand, daß diese Strömung beim schwimmenden Fisch ungleich +lebhafter sein muß, als beim ruhenden, daß demgemäß jener auch weit +besser wittert, falls er dazu überhaupt imstande ist. Und dies ist nach +den Untersuchungen des amerikanischen Zoologen Parker am Katzenwels wohl +unzweifelhaft der Fall. Hängte der Genannte undurchsichtige +Leinwandbeutel ins Aquarium, die teils leer, teils mit zerschnittenen +Regenwürmern gefüllt waren, so kamen die Fische schon aus ziemlicher +Entfernung auf letztere zugeschwommen, während erstere völlig unbeachtet +blieben. Wurde dann auf experimentellem Wege das Geruchsorgan +ausgeschaltet, so fanden auch die gefüllten Beutelchen keine Beachtung +mehr. Der Einwand, daß dieses Geruchsvermögen vielleicht nur auf den +Katzenwels oder auf die ja überhaupt manche Besonderheiten aufweisende +Gruppe der Welse beschränkt sei, ist auch schon zum Teil hinfällig +geworden, indem man bei Zahnkarpfen und anderen Fischen ganz dieselben +Versuche mit dem gleichen Erfolge wiederholt hat. Im Einklange damit +stehen ja auch die praktischen Erfahrungen der Seeleute, die +übereinstimmend versichern, daß Haie ins Wasser geworfene Fleischbrocken +auf große Entfernung hin zu wittern vermögen. Natürlich wird der +Geruchssinn bei den einzelnen Fischgruppen in sehr verschieden hohem +Maße entwickelt sein, worüber nähere Untersuchungen noch ausstehen, und +das gleiche gilt auch von dem _Geschmackssinn_. Raubfische, die ihre +Beute unzerkleinert verschlingen, werden einen weit geringeren +Geschmackssinn haben als pflanzenfressende Fische, die ihre Nahrung +ordentlich kauen. Wir können ja an jedem fressenden Karpfen sehen, wie +er ihm nicht Zusagendes sofort wieder ausspuckt. Bei diesen Fischen ist +der Geschmack anscheinend in einem am Gaumen sitzenden Paket von +Sinneszellen konzentriert, während die harte und gewöhnlich mit Zähnen +besetzte Zunge sich nur wenig zum Träger von Geschmacksempfindungen +eignet. Wohl aber finden wir recht empfindliche Geschmackszellen an den +wulstigen Lippen, an den Barteln und sonstigen Anhängseln, ja an +Flossenstrahlen und überhaupt am ganzen Körper, namentlich auch an +dessen Seiten. So erklärt es sich auch, daß ein Fisch begierig auch dann +nach dem Köder schnappt, wenn dieser nicht seinen Mund, sondern nur +seine seitliche Körperfläche berührt. Interessant ist es ferner, daß +Maulbrüter, denen ihr Pfleger einmal einen ihnen unbekannten Wurm +verfüttern wollte, zunächst freßlustig darauf zuschwammen, aber in 2 +_cm_ Entfernung blitzschnell umdrehten und dem Bissen mit allen Zeichen +des Abscheus den Rücken kehrten, ohne daß genau festgestellt werden +konnte, ob hier der Geruch- oder der Geschmacksinn der maßgebende Faktor +war. Andere Versuche haben gezeigt, daß Fische gegen salzige, süße oder +saure Flüssigkeiten sehr deutlich mit der gesamten Körperfläche +reagierten. + +Das mehr ellipsoid wie kugelig gestaltete _Fischauge_ ist in hohem Grade +kurzsichtig und etwa auf eine Entfernung von nur 1 _m_ eingestellt. +Durch die Akkommodation vermittels »Sichelfortsatz« und »Glöckchen« kann +aber die Linse derart verschoben werden, daß der Fisch noch auf +Entfernungen von 10-12 _m_ einigermaßen deutlich zu sehen vermag. Eine +noch weitergehende Fernsichtigkeit aber hätte für ihn keinen Zweck, da +ja auch das klarste und reinste Wasser durch treibende Organismen und +Stoffe immer derart getrübt ist, daß ein Sehen über 15 _m_ hinaus +überhaupt kaum möglich ist. Alles über einen solchen Umkreis +Hinausreichende wird also dem Fisch wie in tiefe Dunkelheit gehüllt +erscheinen. Dagegen ist nicht einzusehen, warum es dem nahe der +Oberfläche schwimmenden Fisch nicht möglich sein sollte, auch einen +Blick in die Welt jenseits der Wasserfläche zu werfen, obschon diese +Möglichkeit von guten Fischkennern oft bestritten worden ist. Freilich +wird diese Welt sich im Fischauge in einer uns recht ungewohnt und +seltsam anmutenden Weise widerspiegeln. Sehr hinderlich beim Sehen vom +Wasser in die Luft ist nämlich der Umstand, daß jeder Lichtstrahl, der +den Wasserspiegel in einem Winkel von mehr als etwa 48-1/2° trifft, +nicht in die Luft übergehen kann, sondern ins Wasser zurückgeworfen, +also »total reflektiert« wird. Infolgedessen wird der Fisch immer nur +einen beschränkten, kreisförmigen Ausschnitt aus der Luftwelt +überblicken können, dessen Grundfläche der eines Kegels von zweimal 48° +entspricht und an Größe zu-, aber an Deutlichkeit abnimmt mit der Tiefe, +in der sich das Fischauge befindet. Wood hat in sehr sinnreicher Weise +auf photographischem Wege zu zeigen versucht, wie sich so wohl die Welt +in einem Fischauge gestalten mag, wobei natürlich immer eine ruhige und +spiegelglatte Wasserfläche vorausgesetzt wird, da schon eine geringe +Wellenkräuselung die entstandenen Bilder bis zur Unkenntlichkeit zu +verzerren vermag. So erhielt Wood mit seiner »Wasserkamera« an der +Kreuzung von 3 Straßen, die sich in rechtem Winkel trafen, eine Ansicht +längs jeder der drei Straßen, und gleichzeitig hatten sich der Boden und +der Himmel vom Horizont bis zum Zenith abgebildet. In einem Zimmer wurde +ein Bild gewonnen, auf dem drei Wände, die ganze Decke und der Fußboden +sichtbar waren. Eine gerade Reihe von neun Männern auf einem geraden +Gartenweg erschien im Halbkreis gebogen. Solche wunderbare Bilder von +der Außenwelt muß also in ruhigem und klarem Wasser auch das Fischauge +auf seiner Netzhaut empfangen. Im allgemeinen dürfen wir wohl annehmen, +daß der Fisch von der Oberwelt den Eindruck hat, als ob die ganze +Wasserfläche oben mit einem undurchsichtigen Dach verdeckt wäre, in das +ein rundes Fenster eingeschnitten ist. Auch werden ihm die einzelnen +Gegenstände stets etwas höher erscheinen, ein auf dem Erdboden gehender +Mensch also etwa so, als ob er in der Luft schwebte. Es gibt sogar eine +Zahnkarpfenart (_Anableps tetrophthálmus_), die es zu richtigen +Doppelaugen gebracht hat, indem Hornhaut und Sehlöcher durch Zweiteilung +je ein Luft- und ein Wasserauge entwickelten. Der Fisch schwimmt +unmittelbar an der Oberfläche so, daß die Luftaugen aus dem Wasser +heraussehen und ihrer Aufgabe ebensogut gerecht werden können, wie die +tiefer liegenden Wasseraugen im feuchten Elemente selbst. + + [Illustration: Bitterling mit Malermuschel. (Nach einer Zeichnung + von R. Oeffinger.)] + +Besonders gut entwickelte Augen gehen in der Regel parallel mit wenig +entwickelten Tastorganen oder Seitenlinien, so daß wir bei den Fischen +ähnlich unterscheiden können wie bei den Säugern, wo wir mit einer +gewissen Berechtigung von Augen- und Nasentieren sprechen. Solche +Fische, die in größeren Tiefen leben, in denen nur mattes +Dämmerungslicht herrscht, haben oft ganz riesenhaft entwickelte Augen, +um die wenigen sich nach dort verirrenden Lichtstrahlen sicher auffangen +zu können. Dies ist auch die Region, in der man Fische mit Teleskop- +oder beweglichen Stielaugen antrifft, und überhaupt hat gerade hier die +Natur ihre ganze Erfindungsgabe und Schöpferkraft aufgeboten, um auch +unter den ungünstigsten Bedingungen noch ein gewisses Sehen zu +verschaffen, scheinbar Unmögliches möglich zu machen. So haben gewisse +Teleskopfische in dem über den Kopf hervorragenden Abschnitt der +Augenröhre ein Fenster in der Farbstoffschicht, das die Rolle eines +»Spion«-Spiegels spielt und das Gesichtsfeld des Tieres nicht +unwesentlich erweitert. Noch raffinierter ist die Art und Weise, wie bei +manchen Tiefseefischen Leuchtorgane und Augen zusammenwirken. So wirft +bei der Gattung _Argyropélecus_ ein neben dem Teleskopauge sitzendes +Leuchtorgan sein Licht unmittelbar ins Auge hinein, während es nach +außen durch eine Farbstoffschicht abgeblendet ist. In noch größerer +Tiefe, wo ewige Dunkelheit herrscht, werden die Augen schließlich +überflüssig und verkümmern deshalb mehr und mehr. Ähnliche Verhältnisse +treffen wir bei den Höhlenfischen an, und wir können sie in geringerem +Maße auch künstlich erzielen, wenn wir Fische jahrelang im Dunkeln +halten. Ebenso haben Fischlarven oft nur rudimentäre Augen. Viel +umstritten worden ist auch die Frage, ob die Fische farbenempfindlich +sind oder nicht. Heß ist bei seinen Untersuchungen mit dem Spektrum zu +der Überzeugung gelangt, daß die Fische vollständig _farbenblind_ sind, +daß sie also nicht verschiedene Farben, sondern lediglich verschiedene +Helligkeitsgrade ein und derselben grauen Grundfarbe zu unterscheiden +vermögen. Wenn sich das bewahrheiten würde, wäre es auch für die +Fischerei von der größten Bedeutung. Aber wie so oft, steht auch hier +wieder einmal die praktische Erfahrung den Ergebnissen des +Laboratoriumsversuches schnurstracks entgegen. Obwohl die Versuche des +berühmten Würzburger Ophtalmologen selbstverständlich in einer +Fehlerquellen nach menschlichem Ermessen ausschließenden Weise +ausgeführt sind, vermag ich mich mit dem Ergebnis doch nicht zu +befreunden, da es feststeht, daß beim Angeln mit der künstlichen Fliege +deren Färbung eine recht wesentliche Rolle spielt, und da sonst auch +das prächtig schimmernde Hochzeitskleid so vieler Fischarten, das doch +ersichtlich einen erregenden Reiz auf die Weibchen ausübt, gar keinen +Sinn und Zweck hätte. Und die Geschichte der Zoologie hat ja schon recht +häufig gezeigt, daß solche praktische Erfahrungen sich als zuverlässiger +erwiesen haben als das gekünstelte Experiment und früher oder später +auch in einer wissenschaftlich einwandfreien Weise begründet werden +konnten. Jedenfalls möchte ich keinem Sportangler raten, nun auf Grund +der Heßschen Untersuchungen etwa sein Petriheil lediglich mit hell- oder +dunkelgrauen Kunstfliegen versuchen zu wollen, obschon solche Fangarten +wissenschaftlich recht interessant wären. Auch ist der Heßschen +Hypothese gegenüber zu bedenken, daß ja dann die so überraschenden und +zahlreichen Fälle von Farbanpassung bei den Fischen jeder Erklärung +entbehren würden, und daß bei anderen Versuchen z. B. Raubfische sehr +wohl zu unterscheiden verstanden, wenn man ihre Beutetiere in +verschiedener Weise färbte. Mir scheint aus den Spektrumsversuchen +lediglich hervorzugehen, daß die verwendeten Fische sich am liebsten in +den am besten belichteten Wasserschichten aufhalten, nicht aber, daß sie +gänzlich farbenblind sind. + + [Illustration: Der Stichling und sein Nest. (Nach der Natur + gezeichnet von R. Oeffinger.)] + +Daß, wie eben erwähnt wurde, manche Fische zur Laichzeit ein +farbenschimmerndes _Hochzeitskleid_ anlegen, wird uns nicht weiter in +Erstaunen setzen, nachdem wir bereits am Rohrbarsch gesehen haben, wie +stark seelische Erregung die Färbung der Fische zu beeinflussen vermag, +und nachdem wir wissen, daß die Allgewalt der Liebe auch bei den +kaltblütigen Fischen nichts von ihrer Macht eingebüßt hat, sie vielmehr +zu gewissen Zeiten mit einer so rückhaltlosen Leidenschaft beherrscht, +daß ihr gegenüber selbst die Forderungen des ewig heißhungrigen Magens +wochenlang völlig in den Hintergrund treten. Es ist nicht poetische +Übertreibung, sondern es ist nackte Wahrheit, wenn man sagt: die Fische +erglühen während der Fortpflanzungsperiode unter dem heißen Hauch der +Liebe. Ein prächtiges Beispiel dafür bietet unser kleinster +Karpfenfisch, der nur 6-7 _cm_ (in der Nahe fand Geysenheimer eine +Riesenform von 10 _cm_ Länge) lang werdende, flinke und anmutige, ewig +spiel- und necklustige _Bitterling_ (_Rhodéus amárus_) oder +Schneiderkarpfen, der den Namen nach seinem bitteren und ungenießbaren +Fleische hat. Außerhalb der Laichzeit weicht das zierliche Fischlein, +das sich am liebsten scharenweise in toten, üppig bewachsenen Flußarmen +aufhält und hier schlecht und recht von Gewürm und Pflanzenkost allerlei +Art ernährt, nicht sonderlich von der üblichen Färbung anderer +Kleinfische ab: blaugrün auf dem Rücken, silberglänzend an den Seiten, +ein tiefgrüner Streif von der Körpermitte bis zur Schwanzwurzel. Aber +mit Beginn der Laichzeit erstrahlt das sich dann sehr aufgeregt +geberdende Männchen, das dann auch einen eigenartigen kreideweißen +Warzenwulst an der Oberlippe bekommt, in herrlich schimmernden +Regenbogenfarben. Prachtvoll smaragdgrün schillert dann der Streifen, +glühend orangerot die Bauchseite, wunderbar stahlblau und violett der +Rücken, während schwarze Säume das prächtige Rot der After- und +Rückenflosse noch schärfer hervorheben, so daß das Tierchen in seiner +feurigen Farbenglut der schönsten Goldfische und der buntesten Exoten +spotten kann. Namentlich in Augenblicken geschlechtlicher Erregung +scheint es förmlich aufzuleuchten, während unmittelbar nach der +Milchabgabe die schönen Farben wieder für einige Zeit verblassen. Das +Weibchen behält zwar seine schlichte Färbung bei, entwickelt aber dafür +am After eine mehrere Zentimeter lange Legeröhre von rotgelber Färbung, +die trotz ihrer Auffälligkeit erst 1857 durch Krauß beschrieben wurde, +während ihre Bedeutung und Funktion erst 1869 durch Noll richtig erkannt +wurde. Der Bitterling lebt nämlich in einer hochinteressanten +Symbiose[1] mit der Malermuschel und benötigt die Legeröhre dazu, seine +gelblichen Eierchen durch deren Ausfuhröffnung in das Innere der Muschel +einzuführen, worauf dann das vor Erregung zitternd im Wasser stehende +Männchen seine Milch über dem Atemschlitz der Muschel ergießt. Da die +Samenfäden eine starke Eigenbewegung besitzen, werden sie nicht wie +Nahrungspartikelchen zum Munde der Muschel fortgestrudelt, sondern +bohren sich zwischen ihren Flimmerhärchen hindurch, bis sie in den +inneren Kiemenfächern mit den inzwischen gleichfalls dorthin gelangten +Eiern zusammentreffen, um sie hier zu befruchten. Hat ein +Bitterlingspärchen erst einmal eine geeignete Muschel ausfindig gemacht, +so sucht es sie wiederholt heim, um ihr seine Liebesbürde anzuvertrauen, +da das Weibchen jedesmal nur 1-2 Eier austreten läßt, wobei sich die +Legeröhre gewaltig steift, um gleich danach wieder zusammenzufallen und +am Schluß der Laichperiode gänzlich einzuschrumpfen. Die Fischchen sind +in ihrem Fortpflanzungsgeschäft gänzlich auf die Muschel angewiesen, +denn die Jungen entschlüpfen den Eiern in einem so unreifen Zustande, +daß sie außerhalb der schützenden und stets einen frischen Wasserstrom +unterhaltenden Kiemen gar nicht zu leben vermöchten. Sie nähren sich +aber nicht etwa von den Körpersäften ihres Wirtstieres, sondern sind +vielmehr lediglich Raumparasiten, die der Muschel weiter keinen Schaden +zufügen. Trotzdem mögen die ungebetenen Gäste dieser unbequem genug +sein, und sie versucht auch, sich ihrer durch krampfhafte Bewegungen zu +entledigen, was aber in der Regel nur großen und alten Muscheln gelingt. +Erschwert wird das noch dadurch, daß sich bei den Jungfischen hinter dem +Kopfe ein Querwulst mit zwei kegelförmigen Fortsätzen entwickelt, der es +ihnen erlaubt, sich in der Kiemenkammer sehr solid zu verankern. +Übrigens sind die Fischchen schon nach 14 Tagen so weit, durch den +Kloakensipho ihrer Stiefmutter in ihr eigentliches Element auswandern zu +können. Und die Muschel vergilt später Gleiches mit Gleichem. Die von +ihr ausgestoßenen Larven sinken nämlich zu Boden, lassen aber ihren +langen klebrigen Byssusfaden nach oben spielen, bis sich Gelegenheit +bietet, ihn einem vorüberschwimmenden Fisch anzuheften (und das ist +meist wieder ein Bitterling), worauf die Jungmuschel ihre mit Haken +versehene Schale in die Haut des Fisches einschlägt. Dies gibt zu einer +starken Wucherung Veranlassung, innerhalb derer die Muschellarve +gemächlich und sicher 2-10 Wochen lang von den Säften des Fisches lebt, +um erst als ausgebildete, wenn auch kaum größer gewordene Muschel die +gastliche Stätte zu verlassen. Wahrlich, eine der wechselvollsten und +anziehendsten Symbiosen, die die einheimische Natur uns zu bieten vermag +und deren Beobachtung im Aquarium viel Freude bereitet. + + [1] So nennt man das engere »Zusammenleben« von Lebewesen + verschiedener Art, die einander wechselseitig nützen. + +Mit dem Bitterling wetteifert der _Stichling_ (_Gasterósteus aculeátus_) +in der Farbenpracht des Hochzeitskleides, und auch bei ihm kommt ein +eigenartiger und hochinteressanter Brutverlauf hinzu. Die gewöhnliche +Farbe ist olivgrünlich auf der Ober- und silberweiß auf der Unterseite. +Aber zur Laichzeit im Frühjahr wird das Männchen zu einem wahren +Prachtkerl, der mit den schönsten Exoten erfolgreich zu wetteifern +vermag. Vom satten Schiefergrau über Grün zum tiefsten Blau erstrahlt +sein Rücken, während die Bauchseite wie mit Blut übergossen aussieht und +das Auge im feurigsten Smaragdgrün schimmert. Mehr noch als bei Barsch +und Bitterling wirkt die jeweilige Erregung fördernd auf diese +Farbenpracht ein, die geradezu als ein Gradmesser für den Seelenzustand +des Fischchens angesehen werden kann. Namentlich bei Zorn und Kampflust +leuchtet das Tierchen auf im feurigsten Rot und erscheint in solchen +Augenblicken wie mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Denn unser +Stechbüttel, wie er vom Volke gewöhnlich genannt wird, ist ein gar +zornmütiger Gesell, dessen Raufsucht aller Beschreibung spottet. Die +metallisch glänzenden Stacheln, von denen er drei auf dem Rücken und je +einen an jeder Bauchseite trägt, bewähren sich selbst weit überlegenen +Feinden gegenüber als eine gefährliche Waffe, und das Fischchen ist sich +ihrer Furchtbarkeit auch wohl bewußt, scheut deshalb so leicht keinen +Gegner, sondern greift jeden, namentlich zur Paarungszeit, mit wahrer +Berserkerwut und bewundernswerter Tapferkeit an, wobei ihm seine große +Schwimmgewandtheit auch nicht wenig zustatten kommt. Selbst die größeren +Raubfische vergreifen sich nicht leicht an dem borstigen Gesellen, +dessen Stacheln mit besonderen Sperrgelenken versehen und durch diese +ebenso einfache wie sinnreiche und wirkungsvolle Einrichtung denen des +Barsches weit über sind. Der Fisch hat also keine Muskelkraft nötig, um +die Stacheln aufrecht zu erhalten, was ihn rasch ermüden müßte, sondern +er braucht nur die Sperrvorrichtung am Gelenkkopf des Stachels +einzuschalten, worauf dieser unverrückbar feststeht, so daß er selbst +von einem Menschen nur unter Anwendung erheblicher Kraft und durch +Zerbrechen des Sperrgelenkes niedergedrückt werden kann. Dagegen besorgt +der Stichling selbst dieses Niederlegen der Stacheln mit Leichtigkeit +durch einen einzigen Muskelzug, durch den der Gelenkkopf aus seiner Lage +herausgehoben wird. Der russische Fischkundige Thilo ist übrigens der +Ansicht, daß namentlich der Bauchstachel nicht nur als Waffe diene, +sondern daß sich der Stechbüttel mit ihm durch Einstoßen in den +Untergrund auch im reißenden Strome oder in der tosenden Brandung +verankern könne und dadurch gleichfalls viel Muskelkraft erspare. +Vielleicht halte das Tier auch in ähnlicher Stellung einen Winterschlaf. +Die dem Stechbüttel von Natur aus schon jederzeit eigene Unruhe, +Rastlosigkeit und Händelsucht steigert sich mit Beginn der Laichperiode +zu einer wahrhaft heillosen Nervosität, die sich nicht selten in +brutalen Mißhandlungen der schwächeren Weibchen durch ihre gestrengen +Eheherren Luft macht. Aber gerade jetzt wird die Beobachtung der +jähzornigen Zwerge (nur ausnahmsweise wird der Stichling über 8 _cm_ +lang) doppelt unterhaltend, denn der Stichling gehört ja zu denjenigen +Fischen, die im Wasser richtige Nester bauen, wie die Vögel im grünen +Gezweig. Zunächst höhlt das Männchen in einem recht stillen und +traulichen Winkel und am liebsten in Anlehnung an einen stärkeren +Wasserpflanzenstengel eine Grube im sandigen Boden aus, die etwa Form +und Größe eines halben Hühnereies hat und durch eifriges Fächeln mit den +Flossen sauber gereinigt und geglättet wird. Dann geht es mit geradezu +rührendem Fleiße an das Herbeischleppen von allerlei Baumaterial, wie es +sich im Wasser treibend findet oder mit großer Kraftanstrengung von den +Pflanzen abgerissen wird. Hälmchen, Würzelchen, Blätter, Stengel aller +Art und selbst Steinchen müssen dazu dienen. Zuerst wird eine solide +Unterlage geschaffen und fest zusammengekittet, indem der darüber +stehende Fisch aus seiner Afteröffnung tropfenweise ein äußerst +klebriges Nierensekret austreten läßt, das ihm also als Mörtel dienen +muß. Dann führt der kleine Baukünstler die Seitenwände und schließlich +mit besonderer Sorgfalt die obere Wölbung auf, so daß das Ganze Form und +Größe einer mäßigen, länglichen Kartoffel erhält. Nach Schaffung der +Eingänge erinnert das Gebilde sehr an einen kleinen Muff. Zuletzt wird +durch wiederholtes Einbohren mit der Schnauze eine nett gerundete +Eingangsöffnung geschaffen. Gar nicht hübsch genug kann der um diese +Zeit selbst die Suche nach Nahrung vergessende Stechbüttel seine +Hochzeitskammer bekommen. Immer hat er noch daran zu bessern und zu +runden und zu glätten, hier ein widerspenstiges Hälmchen +zurechtzubiegen, dort noch ein besonders gefallendes Würzelchen +einzubauen. Während der ganzen, etwa 2-3 Tage umfassenden Bauzeit +befindet sich der kleine Kerl in der leidenschaftlichsten Erregung, vor +allem beim Erscheinen eines männlichen Artgenossen, mit dem sofort ein +ingrimmiges Duell ausgefochten wird. Auch die Weibchen, die sich etwa +neugierig und voreilig dem geheimnisvollen Wasserschloß nähern, werden +rücksichtslos weggebissen, solange dieses nicht völlig vollendet ist. +Sobald aber das fertige Werk endlich zu seiner Zufriedenheit ausgefallen +ist, wird aus dem unverträglichen Neidhammel mit einem Schlage ein +galanter, wenn auch sehr stürmischer und leidenschaftlicher Liebhaber. +Fast tänzelnd nähert sich das farbenglühende Männchen den verschüchtert +in irgendeinem Winkel des Wasserpflanzenwustes zusammengedrängten +Weibchen und sucht vor diesen seine Reize unter Aufbietung aller +Schwimmkünste zu entfalten, wodurch er ihr Wohlgefallen in solchem Maße +erregt, daß schließlich ein Exemplar mit reifem Laich seinen +liebenswürdigen Werbungen und Einladungen nicht widerstehen kann, +sondern ihm langsam und zögernd unter oftmaligem Ausreißen und +Wiedergeholtwerden zu der so schön und sorgsam bereiteten +Hochzeitskammer folgt. Zögert es, das kleine Heiligtum durch den engen +Eingang zu betreten, so wird von dem seine Herrennatur auch jetzt nicht +ganz verleugnenden Männchen durch Schläge mit der Schwanzflosse oder +Stoßen mit dem Maule, im Notfalle selbst durch einen scharfen +Sporenstich mit dem langen Mittelstachel gehörig nachgeholfen, und wenn +die spröde Schöne erst einmal den Kopf ins Innere des Nestes gesteckt +hat, legt sich das Männchen trotzig quer vor den Eingang und läßt seine +Auserkorene nicht wieder heraus. Sie legt daher einige Eier ab, die eine +Minute später von dem nachschwimmenden Männchen befruchtet werden, und +bahnt sich dann mit der Schnauze auf der entgegengesetzten Seite einen +Ausweg durch die Wandung, so daß also das Nest von diesem Augenblicke an +zwei Öffnungen aufzuweisen hat. Nach einer Erholungspause begibt sich +das Männchen abermals auf die Brautschau und wiederholt dieses Spiel so +lange, bis ihm die Zahl der im Neste aufgespeicherten glashellen und +mohnkorngroßen Eier genügend erscheint. Hat es so seinen Zweck erreicht, +so wird es sofort wieder zum brutalen Tyrannen und verfolgt jedes sich +nähernde Weibchen mit solcher Roheit, daß es nicht selten an den Folgen +der erlittenen Mißhandlungen eingeht. Freilich hat der kleine Bosnickel +dazu auch einen gewichtigen Grund, denn das Hochzeitsbett hat sich ja +jetzt zur Kinderwiege gewandelt, und nun heißt es, Vaterpflichten zu +erfüllen. Und die sind gerade im Stechbüttelleben wahrlich nicht leicht, +erfordern vielmehr eine beispiellose Aufopferung und Selbstverleugnung. +Fortwährend steht der Herr Papa vor seiner Kinderstube auf der Lauer und +schießt wie ein schimmernder Pfeil auf jedes Lebewesen los, dem nur +irgendwie Appetit auf Kaviar zuzutrauen wäre. Am meisten versessen auf +die Eier sind die kannibalischen Stichlingsweibchen selbst, und so +erklärt es sich wenigstens, daß der heißblütige Gemahl ihnen gegenüber +so rauhe Saiten aufziehen muß. Ist er nicht gerade im Kampfe mit einem +wirklichen oder vermeintlichen Feinde oder auf dessen Verfolgung +begriffen, so steht er steil über der Eingangsöffnung und erzeugt in +dieser durch beständiges Fächeln mit den Flossen und mit einer Ausdauer +und Unermüdlichkeit, die uns die größte Achtung abnötigen müssen, einen +frischen Wasserstrom kräftigster Art, so daß den Eiern immer genügend +Sauerstoff zugeführt wird und sie nicht der Verpilzung anheimfallen +können. Sind ihnen nach etwa 5-6 Tagen die winzigen Jungen entschlüpft, +so beginnt für den vielgeplagten Vater erst recht eine schwere Zeit, +denn er muß sich bemühen, dieses kribbelige hundertköpfige +Kindergewimmel in Ordnung zu halten und die unbeholfenen und wehrlosen +Kleinen vor einem vorzeitigen Verlassen des schützenden Nestes zu +bewahren. Aber das fällt schwer genug, denn schon in diesen Liliputanern +kreist das unruhige Stichlingsblut. Hier erwischt der Papa gerade noch +einen der leichtsinnigen Ausreißer, verschluckt ihn und speit ihn dann +behutsam wieder in das auch fortwährende Ausbesserungen nötig machende +Nest zurück, und dort sind dafür schon wieder zwei andere in die fremde +Welt hinausgestürmt. Erst wenn die Jungen nach etwa 14 Tagen +einigermaßen selbständig geworden sind, erkaltet allmählich die +treubesorgte Liebe des Stichlingsmännchens, und bald darauf kümmert es +sich gar nicht mehr um seine Nachkommenschaft. Aber seine aufopfernde +Brutpflege hat es doch fertig gebracht, daß die meisten Eier zu +lebensfähigen Jungen wurden, und so erklärt es sich auch, daß der +Stichling mit einer Eierzahl von nur 60-80 pro Jahr und Weibchen sein +Auslangen findet, die doch dem Eierreichtum anderer Fische gegenüber +verschwindend gering erscheint. Ja, die Vermehrung der Stichlinge ist +bisweilen so stark, daß in ihren Wohngewässern Übervölkerung eintritt +und dann ein großes Massensterben anhebt, so daß die verwesenden Kadaver +von Hunderttausenden von Stechbütteln weithin die Gewässer verpesten. +Auch unter Schmarotzern hat der Stichling vielfach zu leiden, und +namentlich finden sich in seinem Leibe oft Eingeweidewürmer +(_Schistocéphalus_) von solcher Größe und in solcher Zahl, daß sie ihm +den Bauch unförmlich auftreiben und schließlich zum Platzen bringen. +Wenn man den Stichling seinem Benehmen nach mit dem Kampfhahn unter den +Vögeln vergleichen könnte, so hinsichtlich seiner Ernährungsweise +sicherlich mit der Spitzmaus unter den Säugetieren. Mit unersättlicher +Raubgier stürzt sich der stachlige Heißsporn auf alles, was er +bewältigen zu können glaubt, und er hat ja von seinen eigenen Kräften +keine geringe Vorstellung. Besäße er die Größe und Kraft eines Wellers, +er würde in wenigen Jahren alle Gewässer der Erde entvölkern. Namentlich +in Nord- und Ostdeutschland fehlt er keinem pflanzenreichen Teich, toten +Flußarm oder auch nur Wassergraben, aber im ganzen Donaugebiet ist er +eine unbekannte Erscheinung. Er gewöhnt sich auch an das Leben im +Meerwasser und bildet dann die Panzerplatten an seinen Körperseiten noch +stärker aus. Die Systematiker haben aus solchen Abänderungen eigne Arten +machen wollen, sind aber dabei entschieden im Unrecht, wie die +biologischen Forschungen erwiesen haben, da sich in einem Neste oft +verschiedene dieser angeblichen Arten vereinigt finden. So hervorragend +interessant und intelligent unser Fischchen dem Auge des Naturfreundes +erscheint, so wenig will doch in der Regel der Berufsfischer von ihm +wissen, der ihm nachsagt, daß er ein böser Feind des Fischlaiches und +der Fischbrut, sowie ein arger und kaum aus dem Felde zu schlagender +Nahrungswettbewerber für die wertvollen Speisefische sei. Auch in +gesundheitlicher Beziehung bringe sein häufiges Massensterben nicht zu +unterschätzende Gefahren mit sich. Das mag alles bis zu einem gewissen +Grade seine Richtigkeit haben, aber wir wollen gerade in letzterer +Beziehung nicht vergessen, daß eben der Stichling einer der wirksamsten +Vertilger der Stechmückenlarven ist, also der Anópheles, die als +Trägerin und Verbreiterin der gefürchteten Malaria-Blutparasiten gilt. +Als Braten kann der Stechbüttel schon wegen seiner Kleinheit nicht in +Betracht kommen, aber er wird doch bisweilen so massenhaft gefangen, daß +man ihn als wertvollen Dung auf die Felder hinausfährt oder zum +Tranauskochen benutzt. So wird allein im Pillauer Tief und den +angrenzenden Gewässern aus Stichlingen alljährlich durchschnittlich für +22000 Mark Tran gewonnen, in manchen Jahren sogar mehr als das +Dreifache. Ein Vetter des Stechbüttels, der 7-11 Rückenstacheln führende +_Zwergstichling_ (_Gasterósteus pungítius_) ist unser kleinster Fisch, +da er 6 _cm_ Gesamtlänge kaum überschreitet (als winzigster Fisch der +Erde gilt der nur 1-1/2 _cm_ lang werdende Luzonfisch der Philippinen). +Sein Hochzeitsgewand ist nicht so farbenprächtig wie bei der größeren +Art, wirkt aber dafür vornehmer: ein tiefes, gesättigtes Sammetschwarz, +aus dem sich die smaragdgrün funkelnden Augen ganz wundersam +herausheben. In der Nestanlage unterscheidet er sich insofern, als er +seinen Bau stets schwebend an Wasserpflanzen frei befestigt. + +Weitaus nicht von der bestechenden Farbenschönheit wie bei Stechbüttel +und Bitterling, aber dafür um so merkwürdiger und eigenartiger, +jedenfalls viel dauerhafter und nicht fortwährenden Schwankungen und +Gemütsaufwallungen unterworfen ist das hochzeitliche Gewand bei der +Karpfengruppe. Hier erhalten nämlich die Männchen zu Beginn der +Laichzeit am Vorderkörper einen weiß glänzenden Perlausschlag, der +später gelblich wird und schließlich von selbst wieder abfällt. Der uns +vertrauteste Fisch, der _Karpfen_ (_Cyprínus cárpio_), darf +gewissermaßen als das Urbild der Fischgestalt gelten, sozusagen als der +Fisch an sich, und doch ist es gar nicht so leicht, diese zur +Weihnachtstafel so hochwillkommene Erscheinung naturgeschichtlich +einigermaßen richtig zu kennzeichnen. Das hängt vor allem damit +zusammen, daß der Karpfen wie jedes vom Menschen gezüchtete Haustier -- +und wenigstens als ein halbes Haustier muß er heute wohl bezeichnet +werden -- im Laufe der Jahrhunderte eine Menge Varietäten ausgebildet +hat, die ihrerseits wieder vielfach ineinander übergehen oder +miteinander verbastardiert werden. Da gibt es z. B. die hochrückigen und +schnellwüchsigen, durch delikates Fleisch ausgezeichneten, aber in der +Nahrung wählerischen und auch sonst ziemlich empfindlichen Galizier, +als Gegenstück zu ihnen die Lausitzer mit breitem und niedrigem +Rücken, geringerem Fleisch, aber besonders stark entwickelten +Geschlechtsprodukten, von langsamerem Wachstum, aber anspruchslos und +unempfindlich, wie es nur ein Fisch sein kann, und so hat fast jede +Karpfengegend ihre besonderen Eigenheiten aufzuweisen, die das geschulte +Auge des Kundigen sofort erkennt und danach die Herkunft des Fisches mit +erstaunlicher Sicherheit zu bestimmen vermag. In bezug auf die +Beschuppung seien als bekannte Rassen genannt der schuppenlose +Lederkarpfen und der hochgeschätzte Spiegelkarpfen, bei dem zwar auch +größere Teile des Leibes nackt sind, während sich über andere +streifenförmig angeordnete plattenförmige Schuppen von außerordentlicher +Größe hinziehen, die ersichtlich aus der Verschmelzung mehrerer kleiner +Einzelschuppen hervorgegangen sind. Diese Rassen lassen sich aber weder +bisher rein durchzüchten, noch sind sie besonderen Gegenden +eigentümlich. Auch an krankhaften Abnormitäten fehlt es gerade beim +Karpfen keineswegs. So gibt es Zwitter, Gistlinge, Mopsmäuler, +Albinismen mit Goldschuppen, schwanzlose Exemplare usw. Der behäbige +Karpfen, der so viel sattes Behagen und eine so spießbürgerliche +Selbstzufriedenheit zur Schau trägt, hat oft als der deutscheste Fisch +gegolten, und doch ist er wahrscheinlich ebensogut ein Fremdling in +unseren Gewässern, wie Fasan und Kaninchen in unseren Wäldern und +Fluren, wenn er sich auch das Bürgerrecht schon längere Zeit ersessen +hat. Zwar will Nehring in jungen, jedoch immerhin vormenschlichen +norddeutschen Erdablagerungen versteinerte Karpfenreste gefunden haben, +wonach also der Fisch von jeher bei uns ansässig gewesen sein müßte, +aber ich möchte doch Marshall beipflichten, wenn er meint, daß hier wohl +eine Verwechslung mit der Karausche vorliege, denn die Schuppen, Gräten +und Kopfknöchelchen dieser beiden so ähnlichen und sich oft fruchtbar +miteinander vermischenden Fische wird wohl auch der scharfsinnigste +Gelehrte kaum mit Sicherheit voneinander zu unterscheiden vermögen, noch +dazu in versteinertem Zustande. Wahrscheinlicher ist wohl, daß die +Urheimat des Karpfens im fernen Orient zu suchen ist, von wo er durch +die Römer, die übrigens gerade an diesem Fisch keinen besonderen +Geschmack fanden, so lüsterne Fischesser sie sonst auch waren, zuerst +nach Südeuropa und erst in karolingischer Zeit nach Deutschland gebracht +wurde, während er heute fast in der ganzen Kulturwelt zu finden ist. +Viererlei verlangt der Karpfen stets und überall von seinem +Aufenthaltsorte, wenn er gedeihen und sich ordentlich fortpflanzen soll: +schlammigen Untergrund, intensive Besonnung, weiches und ruhiges Wasser +mit genügender Vegetation und zum Laichen geschützte und seichte +Stellen. Rasch fließende Gebirgswasser mit sandigem oder kiesigem +Untergrund meidet dieser Fisch durchaus. Er gehört zu den sogenannten +Friedfischen, ist also kein grimmiger Räuber, sondern ein gemütlicher +Allesfresser, der namentlich allerlei kleines Gewürm, aber auch +Pflanzenteile verzehrt. Seinen endständigen, mit 4 Barteln versehenen, +dicklippigen und sehr beweglichen Mund benutzt der Karpfen zwar nicht +zum Küssen, wie Marshall launig bemerkt, obwohl er sich dazu wegen +seines großen Nervenreichtums ganz hervorragend eignen würde, wohl aber +zum fleißigen Durchwühlen des Bodenschlamms, dem er seine meiste und +zusagendste Nahrung entnimmt. Bei seiner faulen Lebensweise schlägt sie +ihm auch recht gut an, und so wird der Fisch als »bemoostes Haupt« ein +großer Phlegmatiker, dem so leicht nichts seine beschauliche Lebensweise +stört. Der Studentenausdruck »bemoostes Haupt« stammt übrigens gerade +vom Karpfen her und ist bis zu einem gewissen Grade sogar wörtlich zu +nehmen, wenn es auch nicht gerade Moos ist, das den ehrwürdigen Kopf +eines solchen Methusalem, dem oft vor Altersschwäche sämtliche Schuppen +ausgefallen sind, mit einem grünen Schleier überzieht, sondern lediglich +gewisse, an ihm schmarotzende Parasiten. Solche alte Karpfen haben, +obschon sie zuletzt kaum noch wachsen, natürlich auch eine entsprechende +Länge und ein recht ansehnliches Gewicht, obschon im allgemeinen bereits +40pfündige Karpfen zu den Seltenheiten gehören. Am schmackhaftesten sind +sie bei Eintritt der Geschlechtsreife, also im dritten Lebensjahr, +weshalb auch drei- und viersömmerige Karpfen im Gewicht von 1-1/2 bis 2 +_kg_ die gesuchteste und am besten bezahlte Marktware bilden. In einer +Beziehung ist der gern gesellig lebende Karpfen den farbenschönen +Fischarten, die vorher geschildert wurden, entschieden über, nämlich in +bezug auf Fruchtbarkeit, worauf ja schon sein wissenschaftlicher Name +(auch der deutsche dürfte auf eine Verstümmelung desselben +zurückzuführen sein) hinweist, der an die zyprische Liebesgöttin als +Beschützerin der Fruchtbarkeit erinnert. Es ist in der Tat erstaunlich, +welche Unmenge von Eiern so ein Karpfenleib zu produzieren vermag. +Während man früher auf 3-600000 Eier beim Rogner schloß, haben +neuerdings genaue Schätzungen durch Staff ergeben, daß selbst diese +ungeheuerlichen Zahlen noch weitaus zu niedrig gegriffen waren. Es +kommen vielmehr auf jedes Kilo Fleischgewicht nahezu 400000 Eier, also +auf einen halbwegs erwachsenen Mutterfisch etwa 1,6 bis 1,7 Millionen! +Auf einer bayrischen Fischereiausstellung wurden kürzlich einem Karpfen, +bei dem infolge Laichverhaltung eine Verflüssigung der Eierstöcke +eingetreten war, nicht weniger als 1700 _ccm_ Flüssigkeit abgezapft. Es +können also ungezählte Massen davon als Eier oder Jungfischchen zugrunde +gehen, ohne den Bestand der Art im geringsten zu gefährden, denn es +genügt vollkommen, wenn nur je 10000 Eier einen Fisch liefern. Die +stecknadelkopfgroßen Eier werden an Wasserpflanzen angeklebt, und das +Laichgeschäft vollzieht sich unter vielem Geplätscher an ganz seichten +Stellen. Bei der Beliebtheit, deren sich das zarte Karpfenfleisch +heutzutage allenthalben erfreut, und bei der großen Lebenszähigkeit +dieses Fisches, die seine Versendung auf weite Entfernungen hin +gestattet, wird Karpfenzucht in allen dazu geeigneten Gegenden mit viel +Eifer und Erfolg betrieben, und der Karpfen ist der wichtigste Bewohner +unserer Fischteiche geworden. Hauptbedingung für eine erfolgreiche +Karpfenzucht im großen ist, daß man über verschiedene Arten von Teichen +verfügt: kleine, sonnige, pflanzenreiche, flache Zuchtteiche, die erst +unmittelbar vor der Laichperiode bespannt werden, um keine Parasiten +aufkommen zu lassen, größere Zuwachsteiche mit reichlichem Naturfutter, +die in der Mitte eine vertiefte, nie ausfrierende Mulde zum Überwintern +der Fische haben müssen, und endlich Kaufgutteiche, in denen die Karpfen +vollends die marktfähige Größe erreichen sollen. Um das zu +beschleunigen, wird auch noch besonders gefüttert, und es kommt darauf +an, Futtermittel zu wählen, die das in ihnen angelegte Geld möglichst +rasch in möglichst viel gutes und wertvolles Fischfleisch verwandeln. +Namentlich in Schlesien, Böhmen und Galizien befinden sich großartige +Karpfenzuchtanstalten dieser Art. Gewonnen wird der weitaus größte Teil +des auf den Markt gelangenden Karpfenfleisches durch Ablassen der +Teiche, da der träge und alles Verschluckbare vorher vorsichtig +betastende Fisch nur schlecht nach der Angel geht und auch seiner +bodenständigen Lebensweise halber nicht gut in größerer Menge mit dem +Netz zu fangen ist. Vor Weihnachten ist Hochsaison auf dem Karpfenmarkt. +Dann tragen ganze, besonders dazu eingerichtete Eisenbahnzüge die +schmackhaften Schuppenträger aus Galizien und Schlesien nach Norden, +oder eigens für diesen Zweck zusammengestellte Flöße mit eingebauten +Fischkästen bringen sie auf der Moldau und Elbe nach unserer +Reichshauptstadt. Blau gesotten, gebacken, als Bierfisch oder mit +Paprikatunke -- kurz, in jeder Form bildet dieser nützliche Fisch eine +gesunde und fast allgemein beliebte Speise. Nur ist zwischen Karpfen und +Karpfen ein großer Unterschied. Vor allem muß der Fisch ganz frisch +sein, was die Hausfrau an den blanken und klaren Augen und daran +erkennen kann, daß ein Fingerdruck auf das Rückenfleisch sofort wieder +verschwindet. »Frische Fische -- gute Fische« sagt sehr richtig das +Sprichwort. Leider hat sich bei uns die Karpfenzucht nachgerade fast zu +einem Privileg des Großgrundbesitzes herausgebildet. Und doch läßt sich +der Fisch selbst in den elendesten Dorfteichen mit großem Erfolg, wenn +auch nicht züchten, so doch mästen. In dieser Beziehung geschieht noch +viel zu wenig, denn so können sonst fast ertragslose Wasserflächen noch +eine schöne Rente abwerfen. + +Gerade bei dem langsam durch die Fluten ziehenden Karpfen lassen sich +sehr gut die _Schwimmbewegungen_ des Fisches beobachten und studieren. +Bei aufmerksamer Betrachtung werden wir sehen, daß es nicht eigentlich +die Flossen, oder diese doch nur in geringem Grade sind, die den Fisch +fortbewegen. Das hauptsächliche Fortbewegungsorgan ist vielmehr der +Schwanz, überhaupt die ganze hintere Körperhälfte. Sie ist mit zwei +Reihen starker Muskelzüge ausgestattet, durch deren Zusammenziehen +kräftige Schläge gegen das Wasser geführt werden, und zwar in einer +derartigen Richtung, daß sie den Fisch vorwärts treiben müssen. +Abwechselnde Biegungen der Schwanzflossenzipfel können allerdings auch +nach Art einer Schiffsschraube wirken und den Fisch langsam vorwärts +bringen. Die paarigen Flossen aber wirken lediglich regulierend und +steuernd, während After- und Rückenflosse die Körperfläche vergrößern +und ein Hin- und Hergeworfenwerden des Fisches bei den heftigen und +wechselnden Schwanzschlägen verhindern. Experimentatoren haben +nachgewiesen, daß ein der Rückenflosse beraubter Fisch im Zickzack +schwimmt, daß er sich bei einseitiger Entfernung der das Gleichgewicht +haltenden Brust- und Bauchflossen auf die Seite legt, daß bei Entfernung +beider Brustflossen das Vorderende tief sinkt und daß nach Abschneiden +sämtlicher paariger Flossen der Fisch auf dem Rücken schwimmt. Ein +Vorwärtsschlagen der Brustflossen ermöglicht ein langsames +Rückwärtsschwimmen. Der französische Gelehrte Houssay hat übrigens durch +vergleichende Experimente mit einer großen Zahl künstlicher Modelle +festgestellt, daß der Fischkörper, der ja auch für die menschliche +Schiffstechnik vorbildlich und maßgebend gewesen ist, gerade in bezug +auf die leichte Überwindung des Wasserwiderstandes heute von unseren +Schiffsmodellen bereits überholt ist, daß er aber in bezug auf +Stabilität, also das Vermögen, die richtige Lage im Wasser +beizubehalten, noch unerreicht dasteht. In dieser Beziehung sind +namentlich die paarigen Fischflossen ein ganz unübertreffliches +Werkzeug. Weitere Versuche von Alliaud und Vles mit elektrisierten +Fischen haben gezeigt, daß die Fische eine stete Muskelanstrengung +aufwenden müssen, um sich in den Fluten ihre gewöhnliche Lage zu +erhalten. Setzt man diese Muskelkraft durch den elektrischen Strom außer +Tätigkeit, so dreht sich der Fisch sofort um und treibt hilflos auf dem +Rücken. Er gleicht also nicht einem Schiff, sondern einem Radfahrer, der +sich ja auch mit fortwährender Muskelarbeit im Gleichgewicht erhalten +muß. Ein anderer französischer Gelehrter, Regnard, hat auf sinnreiche +Weise Untersuchungen über die _Schnelligkeit_ der schwimmenden Fische +angestellt. Er ließ kreisförmige Wasserrinnen herstellen, die durch +einen elektrischen Motor gedreht wurden, worauf die eingesetzten +Versuchsfische gegen den Strom zu schwimmen suchten. Wenn sie dann trotz +aller Anstrengungen auf der gleichen Stelle stehen blieben, mußte ihre +Geschwindigkeit gleich der Drehungsgeschwindigkeit des Apparates sein. +Es ergab sich, daß die Schwimmgeschwindigkeit von Karpfen und +Weißfischen etwa das Zehnfache ihrer Körperlänge in der Sekunde beträgt, +daß aber ihre Ausdauer bei solch höchster Kraftanspannung nur gering +ist, und bald Ermüdung eintritt. Die Schwimmgeschwindigkeit verminderte +sich sofort auf ein Drittel, wenn man die Schwanzflosse abschnitt, +während die Entfernung von Brust- oder Bauchflossen nur dann einen +größeren Einfluß ausübte, wenn sie lediglich auf einer Seite geschah. +Von der so ermittelten Schnelligkeit ist natürlich diejenige +verschieden, die die Fische beim Rauben oder auf ihren Wanderungen +entwickeln. Den Rekord soll die Forelle mit 35 _km_ in der Stunde +halten; der Hecht soll 23-27, die Barbe 18, Karpfen, Schleie und Aal 12 +_km_ in der Stunde zurücklegen können. In Siam veranstaltet man in +langen Aquarien sogar besondere Wettrennen zwischen verschiedenen +Fischarten, und der auch in Europa wohlbekannte verstorbene König +Chulalongkorn soll bei einem solchen Rennen einmal eine seiner Frauen +verwettet haben. + +Im Zusammenhange mit diesen Betrachtungen seien auch gleich noch der für +die Fische vielfach so kennzeichnenden _Schwimmblase_ und ihrer +biologischen Bedeutung einige Worte gewidmet. Sie fehlt als zwecklos den +echten Grundfischen, die keinen Druckschwankungen ausgesetzt sind, aber +auch manchen guten Schwimmern, wie dem Hai und der Makrele, ohne daß wir +bisher wissen, warum, und wodurch sie ihnen ersetzt wird. Sie ist ein +aus luftdichten Häuten bestehender Sack zwischen Darm und Nieren, der +sich oft durch die ganze Leibeshöhle erstreckt, aber nach Form und +Ausdehnung sehr verschieden gestaltet ist. Beim Karpfen ist sie durch +eine Einschnürung in zwei Teile zerlegt, die Flughähne haben zwei +nebeneinander liegende Blasen, der Schlammbeißer eine in eine +Knochenkapsel eingehüllte. + + [Illustration: Karausche (_Carássius carássius_). (Naturaufnahme + von Oberlehrer W. Koehler.)] + +Im embryonalen Zustande hat die auf eine Darmausstülpung +zurückzuführende Schwimmblase stets einen zu ihrer Füllung dienenden +Luftgang, der z. B. den Ganoidfischen auch im Alter verbleibt, während +er bei der Mehrzahl der erwachsenen Fische verschwunden ist. Das Organ +dient einmal dazu, das spezifische Gewicht des Fisches durch Ausdehnung +oder Zusammenziehung zu regeln und ihm damit ein leichtes Auf- oder +Niedersteigen zu ermöglichen. Diese Zusammenziehungen geschehen in der +Hauptsache passiv durch den Wasserdruck und nur zum geringen Teile aktiv +durch die ziemlich schwach entwickelte Blasenmuskulatur, die mehr zur +Verlegung des Schwerpunktes dient und besonders bei plötzlichem +Höhenwechsel in Tätigkeit tritt. Die endgültige und für längere Zeit +wirksame Einstellung der Schwimmblase auf ein bestimmtes Höhenniveau +aber erfolgt unter Ersparung von Muskelkraft lediglich durch Abscheidung +von Sauerstoff in ihren leeren Raum oder durch das Einsaugen von solchem +aus ihm. Schon Moreau hat 1876 erkannt, daß das die Schwimmblase +füllende Gas in der Hauptsache reiner Sauerstoff ist, aber erst 1903 hat +uns Jäger-Gießen darüber aufgeklärt, wo und wie dessen Abscheidung +geschieht. Er entdeckte an der unteren Wand der Schwimmblase eine sehr +verschieden starke (bei Süßwasserfischen nur 2-4, bei Seewasserfischen +20 und mehr Schichten) Anhäufung eigentümlicher Drüsenzellen, die durch +eine vergiftende Tätigkeit die roten Blutkörperchen vernichten, wodurch +der Sauerstoff frei wird, sich verdichtet und in das Innere der +Schwimmblase strömt. Er nannte dieses Organ den »roten Körper«. Will der +Fisch sich in einem höheren Niveau aufhalten, so muß das Gegenteil +geschehen, der Sauerstoff muß wieder aus der Blase entweichen können. +Diese Zurückleitung des Sauerstoffes in das Blut besorgt das im oberen +Teile der Schwimmblase gelegene, durch Muskelwirkung zu öffnende oder zu +schließende »Oval«, das auffallenderweise allen denjenigen Fischen +fehlt, die einen Luftgang besitzen. Eingeleitet werden alle diese +Vorgänge durch Nervenreizungen, und Thilo hat nachgewiesen, daß ein +Druck auf die Schwimmblase Hebel in Bewegung setzt, die auf eine Platte +im Rückenmark wirken, so daß Druckschwankungen den Fischen unmittelbar +zum Bewußtsein gelangen. Man könnte also die Schwimmblase fast auch als +ein Sinnesorgan ansehen, und jedenfalls erspart sie dem Fische sehr viel +Muskelarbeit. -- Obwohl die Fische bei ihrem ständigen Aufenthalt in +einem flüssigen Medium ein wirkliches _Durstgefühl_ kaum kennen werden, +verschlucken sie doch schon rein zufällig eine Menge Wasser, und es ist +auch kaum anzunehmen, daß dieses für den Aufbau ihres Körpers entbehrt +werden könnte. Wenigstens haben Versuche mit gefärbtem Wasser, die die +biologische Anstalt in Friedrichshafen anstellte, unzweifelhaft ergeben, +daß die Fische Wasser auch in den Magen aufnehmen. Dadurch erklärt es +sich auch, daß man bisweilen sogar betrunkene Fische findet, die die +tollsten Kapriolen vollführen, nämlich da, wo Hefenfabriken den als +Nebenprodukt bei der Hefenfabrikation gewonnenen Spiritus der +Steuerersparnis halber einfach ins Wasser laufen lassen. Dann gibt es +billige Hefe, aber dafür betrunkene Fische. + + [Illustration: Gründling (_Góbio góbio_). (Nach einer Aufnahme von + Oberlehrer W. Koehler.)] + +Ein großer Teil unserer heimischen Fische gehört zur Verwandtschaft des +Karpfens. Da ist zunächst die kleinköpfige und dünnlippige, selten mehr +als 3/4 _kg_ schwer werdende _Karausche_ (_Carássius carássius_), die +oft von Aquarienfreunden, die schon Hunderte wertvoller Exoten gezüchtet +haben, mit dem Karpfen verwechselt wird, obschon bei aller Ähnlichkeit +des Körperbaus ein einziger Blick auf den kleinen Mund genügt zur +sofortigen Unterscheidung, indem der Karpfen stets Barteln besitzt, die +Karausche aber niemals. Sie vermischt sich auch fruchtbar mit dem +Karpfen und wird deshalb in Zuchtteichen nicht gern gesehen, da sie mit +ihrem minderwertigen, grätigen Fleisch die ganze Nachzucht zu verderben +vermag. Auch im schmutzigsten und modrigsten Wasser hält dieser zähe und +anspruchslose Fisch aus, denn überall findet er seine unreinliche +Nahrung. Die ältesten Tierzüchter der Welt, Chinesen und Japaner, haben +aus der Karausche schon vor uralten Zeiten einen farbenschönen +Sportfisch herangezüchtet, der fast eine ähnliche Rolle spielt, wie der +allverbreitete Kanarienvogel, und der als _Goldfisch_ einen einzig +dastehenden Siegeszug auch durch ganz Europa angetreten hat. Mancherlei +absonderliche Spielarten, wie Teleskopfische und Schleierschwänze, sind +dann weiter aus ihm hervorgegangen. Was den Goldfisch dem Laien so sehr +empfiehlt, ist außer seiner bestechenden Farbenschönheit namentlich +seine geradezu rührende Anspruchslosigkeit, die auch die ärgste +Vernachlässigung und die naturwidrigste Behandlung geduldig hinnimmt, +aber der echte Tierfreund wird an diesem Kunstprodukt doch nur wenig +Gefallen finden; dazu ist der Goldfisch zu langweilig und zu +stumpfsinnig. Ein ganz ausgesprochener Bodenfisch, der sich bei Gefahr +geradezu in den Schlamm einzuwühlen pflegt und dadurch vielen +Nachstellungen entgeht, ist die grünliche _Schleie_ (_Tínca tínca_). +Ihre unglaubliche Genügsamkeit und sehr geringes Sauerstoffbedürfnis +ermöglichen ihr das Dasein selbst in den verjauchtesten Tümpeln. Ihr +fettes und zartes Fleisch gereicht der vornehmsten Tafel zur Zierde, +wenn man nur die Vorsicht übte, den Fisch vor dem Schlachten einige +Wochen in fließendem Wasser zu halten, damit er den ihm meist +anhaftenden Modergeschmack verlieren konnte. Um die Teichwirtschaft +macht sich der träge Fisch durch fleißiges Vertilgen der schädlichen +Fischegel verdient, wenn er auch andrerseits als Wettbewerber um die +Nahrung der wertvolleren Karpfen von den Fischzüchtern nur widerwillig +in den Teichen geduldet wird. Auch von dieser Form ist eine prachtvolle +Spielart als Goldschleie bekannt. Interessanter als diese langweiligen +Gesellen ist der kleinere, gestreckter gebaute und mit zwei Bartfäden +versehene _Gründling_ oder Greßling (_Góbio góbio_). Dieser sehr +gesellige Fisch, dem man eine besondere Vorliebe für das Aas nachsagt, +bevorzugt klares, fließendes Wasser mit sandigem oder kiesigem +Untergrunde, findet sich aber auch an anderen Örtlichkeiten, selbst in +unterirdischen Gewässern, so in der berühmten Adelsberger Grotte. Die +bläulichen Eier werden im Kiesgeröll ganz seichter Bäche abgesetzt, +worauf dann die Greßlinge wieder in ihre tieferen Wohngewässer +zurückkehren. Beim Ablaichen reibt das vom Männchen an eine +entsprechende Stelle getriebene Weibchen seine Bauchfläche am Kiese, +wobei der Kopf und der ganze Rücken für 1/2-3/4 Minuten aus dem Wasser +hervorsehen. Die Jungen schlüpfen bei genügender Wärme schon nach drei +Tagen aus und hängen dann noch mehrere Tage wie kleine graue Kommas an +Steinen und Pflanzen umher, ehe sie die ersten unbeholfenen +Schwimmversuche beginnen. Auch im Aquarium, für das sich dieser +bescheidene Fisch überhaupt gut eignet, ist er schon gezüchtet worden, +und soll dabei, wie ein russischer Beobachter mitteilt, sich zum Laichen +eine besondere Grube hergerichtet haben. Trotz seiner geringen Größe +findet der Gründling auch für die Küche gern Verwendung, da sein zartes +Fleisch von hervorragendem Wohlgeschmack ist. Im Donaugebiet wird unsere +Art durch den _Steingreßling_ (_Góbio uranóscopus_) mit spitzerem Kopfe +und längeren Bartfäden vertreten. Beide Fische, die gewöhnlich am Boden +auf Beute lauern, bewegen sich zwar ruckweise, aber nicht mit +übermäßiger Schnelligkeit fort. Da ist die niedliche und anmutige, stets +zum Jagen und Spielen aufgelegte _Elritze_ (_Phoxínus laévis_) ein weit +flinker Ding. Sie ist äußerst beweglich, namentlich sehr springfähig, +aber dabei im Freien schüchtern und schreckhaft. Wenn sich im Sommer das +Wasser zu sehr erwärmt, wandern die Elritzen oft in dichtgedrängten +Scharen in die kühleren Gebirgswässer aus und überspringen dabei +Hindernisse, die in gar keinem Verhältnis zu ihrer winzigen Körpergröße +stehen. Bei solchen Gelegenheiten werden viele von ihnen gefangen und +mariniert als »Pfrillen« oder »Rümpchen« trotz ihres etwas bitterlichen +Geschmacks in manchen Gegenden sehr gern gegessen. Leider müssen bei +dieser Fangart auch zahlreiche Junge der wertvollsten Speisefische mit +dran glauben und sich als Rümpchen verzehren lassen. Der rundliche, +unverhältnismäßig großköpfige _Döbel_ (_Leucíscus céphalus_), mit dem +breiten Maule und dem blaßrot schimmernden Bauch hält sich in seiner +Jugend massenhaft in kleinen kiesigen Bächen auf, während er im Alter +mehr in die Flüsse und Seen der Ebene hinabzieht. Er ist pfeilschnell +und räuberischer veranlagt als andere Karpfenfische. Selbst Mäusen soll +er nachstellen und deshalb in manchen Gegenden geradezu »Mäusefresser« +genannt werden. Bei solch reichlicher Kost erreicht er denn auch ein +Gewicht von 4 _kg_ und darüber. Diesen Angaben stehen nun freilich die +Magenuntersuchungen Sustas schnurstracks gegenüber, der den Döbel für +einen echten und sich hauptsächlich an grobes Gras haltenden +Grünweidefisch erklärt. Dieser Widerspruch erscheint noch völlig +ungeklärt, denn es ist doch kaum denkbar, daß ein und dieselbe Art +vielleicht an verschiedenen Örtlichkeiten so grundverschiedene +Ernährungsweisen zeigen könnte. Eher möchte ich glauben, daß die +betreffenden Fische von diesem oder jenem Forscher falsch bestimmt +wurden. Auffallend ist die Vorliebe des Döbels für Stromschnellen, +Mühlwehre, Brückenpfeiler und ähnliche Örtlichkeiten. Seiner vielen +Gräten wegen ist er höchstens als Backfisch und auch dies nur in ganz +frischem Zustande zu verwerten. Angler versichern, daß der Döbel auch an +Beeren und süße Früchte geht, und im Aquarium sah man jüngere Exemplare +sowohl animalische wie vegetabilische Kost zu sich nehmen. Die Angler +haben von jeher eine gewisse Vorliebe für diesen jetzt sichtlich +seltener werdenden Fisch gehabt, weil er auf alles anbeißt, so daß die +Köderwahl geradezu zur Qual werden kann, und weil sich mit seiner +stattlichen Größe prahlen läßt. Die süd- und ostdeutschen Angler +bezeichnen den ziemlich proletenhaft anmutenden Fisch als Räuber, und +die Rhein- und Elbefischer erklären ihn für den friedfertigsten Gesellen +der Welt. Das Wahrscheinlichste ist wohl, daß Genosse Dickkopf +Allesfresser geworden ist und seine Speisekarte um eine Reihe von +Gerichten bereichert hat, die er früher nicht kannte und verschmähte. +Ein unzweifelhafter Grünweidefisch ist dagegen der durch die kleine und +schief aufwärts gerichtete Mundöffnung gekennzeichnete _Aland_ +(_Leucíscus ídus_), auch Silberorfe genannt. Eine besonders schöne Abart +wird als _Goldorfe_ gern in warmen Teichen gezogen, und sie eignet sich +als Zierfisch namentlich auch insofern gut, als sie sich beim Schwimmen +beständig an der Oberfläche hält und so ihre Schönheit auch zur Geltung +zu bringen weiß. Die wilde Stammform beansprucht reines, kaltes, tiefes, +und schnellfließendes Wasser, ist auch selbst ein recht flinker +Schwimmer. Der etwas dickköpfig aussehende Fisch, der bis 3 _kg_ schwer +wird, hat ein zwar grätiges, aber doch recht wohlschmeckendes, rötlich +aussehendes Fleisch, und wird deshalb gern geangelt. Unter dem +Sammelnamen »Weißfisch« faßt der Naturfreund eine Anzahl +karpfenähnlicher Fische zusammen, deren Jugendformen oft selbst der +Fachmann nur schwer auseinanderhalten kann, und deren erwachsene Stücke +wenigstens der Laie sehr häufig verwechselt. Es sind die Proleten +unserer Fischwelt, die nach Handwerksburschenmanier in zahlreichen +Trupps alle Wasserstraßen bevölkern. Hierher gehören z. B. zwei durch +hübsch rote Flossenfarbe ausgezeichnete Fische, die _Plötze_ +(_Leucíscus rútilus_) und das _Rotauge_. Will man sie mit voller +Sicherheit bestimmen, so muß man schon zu den ein untrügliches +Unterscheidungsmerkmal abgebenden Schlundzähnen seine Zuflucht nehmen, +die bei der Plötze in einfacher Reihe stehen, links 6 oder 5, rechts +stets 5, während sie beim Rotauge in zwei Reihen zu 3 und 5 angeordnet +sind. Die Plötze ist wohl der gemeinste deutsche Fisch und wird deshalb +auch vielfach gefangen, obwohl ihr stark mit Gräten durchsetztes Fleisch +eigentlich nicht viel wert ist. Immerhin gibt sie frisch noch einen +leidlichen Backfisch ab. Während sie bei uns kaum schwerer als 1-1/2 +_kg_ wird, werden im Kaspischen Meere noch heute bisweilen wahre +Riesenplötzen gefangen. Beide Arten sind lebhafte und scheue, aber nicht +eben sonderlich kluge Grünweidefische und laichen unter vielem +Geplätscher gesellig, nachdem sie in dichtgedrängten Scharen hierzu +geeignete Plätze aufgesucht haben. Beim _Rotauge_ (_Leucíscus +erythrophthálmus_), auch Rotfeder genannt, fällt außer dem roten Auge +namentlich die ungewöhnlich harte und scharfe Beschuppung der +Bauchgegend auf. Der stark messingglänzende Fisch, der seine beiden +deutschen Namen vollauf rechtfertigt, ist eigentlich eine recht schöne +Erscheinung und verdiente es, daß ihm die Aquarianer größere Beachtung +als bisher zuwenden würden. Zwischen beiden Arten kommen auch Mischlinge +vor, wie ja überhaupt bei dem geselligen Laichgeschäft der Karpfenfische +oft genug ein zwar unbeabsichtigtes, aber fruchtbares Durcheinander +entsteht, das der systematischen Forschung schon manche Schwierigkeiten +in den Weg gestellt hat. Für die Küche taugt das Rotauge noch weniger +als sein Vetter, und man verwertet sie deshalb am besten als +Schweinefutter. Wichtiger für den menschlichen Haushalt ist der +hochgebaute _Blei_ oder Brassen (_Abramis bráma_), da er ein Gewicht bis +zu 6 _kg_ erreicht und sein Fleisch zwar auch ziemlich grätig, aber doch +recht wohlschmeckend ist. Zur Laichzeit, bei der es sehr lebhaft zugeht, +die großen Fische oft weit aus dem Wasser herausspringen und sich auch +durch Beobachtung in unmittelbarer Nähe nicht stören lassen, nimmt der +Blei eine fast hochgelbe Farbe an, und die Männchen sehen infolge des +starken Hautausschlages wie zerkratzt und blutig zerschunden aus. Der +stattliche Fisch mit dem schiefgestellten Mund bewohnt größere Ströme +und tiefere Seen mit lehmigem Grund, den er beim geselligen Grasen oft +derart aufwühlt, daß er weithin das Wasser trübt. Bei dieser +schweineartigen Tätigkeit kommt ihm seine rüsselförmig ausgebildete +Schnauze sehr zustatten. Die _Blikke_ oder der Güster (_Blícca björkna_) +hat einen ähnlich hochrückigen Leibesbau wie die Abramisarten, und ein +solcher darf in gewissem Sinne auch als eine Schutzmaßregel gelten, da +die Raubfische sich nur ungern an so unbequem zu verschluckende Beute +machen. Der Name dieses Fisches dürfte mit »blinken« zusammenhängen, +ebenso wie »Pleinzen«[2] mit »blinzeln«. Die höchstens 1 _kg_ schwer +werdende Blikke ist einer unserer gemeinsten Fische und bevorzugt +langsam fließendes Wasser mit sandigem Untergrund. Sonst scheu und +vorsichtig, gibt sie sich doch dem Laichgeschäft im Spätfrühling mit so +rückhaltloser Inbrunst hin, daß man sie dabei geradezu mit Händen +greifen kann. Auch sie ist ein ausgesprochener Friedfisch, aber dabei so +gefräßig, daß sie sich leicht angeln läßt, was allerdings ihres +schlechten und grätenreichen Fleisches halber kaum der Mühe verlohnt. +Als ein halber Raubfisch muß dagegen der schon durch sein großes Maul +gekennzeichnete _Rapfen_ (_Aspius áspius_) bezeichnet werden. Den +kleinen Weißfischen stellt er mit solcher Gier nach, daß er dabei +öfters versehentlich auf den Strand schießt und dann elend umkommen muß. +In stillen Nächten betreibt er seine Jagden mit weithin vernehmbarem +Geräusch, indem sowohl Verfolgte wie Verfolger dabei öfters hoch aus dem +Wasser herausspringen. Trotzdem verrät der Rapfen immer eine gewisse +Ungeschicklichkeit in der Ausübung seines räuberischen Handwerks und +stößt viel öfters fehl als die echten Raubfische. Er ist ein +Oberflächenfisch und bewohnt am liebsten langsam fließendes, aber reines +Wasser. Da er 6 _kg_ schwer wird, könnte er für die Küche eine Rolle +spielen, wenn sein an sich fettes und wohlschmeckendes Fleisch nicht so +grätig wäre und beim Kochen nicht so leicht zerfiele. Wenn auch das +Fleisch des niedlichen _Uckelei_ (_Albúrnus albúrnus_) ganz ähnliche +Eigenschaften aufweist und dieses glitzernde Fischchen schon wegen +seiner geringen Größe (es wird nur 15-20 _cm_ lang) noch weniger für die +Küche in Betracht kommen kann, so beschäftigt es doch in anderer +Beziehung eine ganze Industrie und wird deshalb in gewissen Gegenden +Norddeutschlands, so namentlich am Frischen Haff, während der +Wintermonate in großen Zugnetzen massenhaft gefangen. Aus seinen stark +silberglänzenden, gegen jede unsanfte Berührung sehr empfindlichen +Schuppen, gewinnt man nämlich die sogenannte Perlenessenz (_Essence de +l'Orient_, deren Zusammensetzung und Herkunft früher ängstlich geheim +gehalten wurde und die von einem französischen Rosenkranzfabrikanten +entdeckt worden sein soll) zur Herstellung künstlicher Perlen. Die +gefangenen und ans Land gebrachten Fische werden sofort geschuppt, und +die gereinigten Schuppen in Kisten nach Paris oder Wien, neuerdings aber +auch vielfach nach Thüringen verschickt. In der Fabrik werden die +Schuppen zunächst 24 Stunden lang in Salzwasser gewässert, mit leinenen +Lappen abgerieben, schwach gepreßt, für ein Stündchen in Alkohol gebadet +und wieder getrocknet. Hierauf kommen sie in Ammoniak, in dem sich die +anderen Bestandteile leicht lösen, während die den herrlichen +Silberschimmer bedingenden Plättchen als kleine Kristalle sich am Boden +niederschlagen. Nach einigen Stunden kann die wässerige Lösung behutsam +abgegossen werden, und es bleibt nur ein silberiges, dickes Öl übrig +-- die Perlenessenz. Sie wird in hohle und dann mit Wachs zu +verschließende Glasperlen gefüllt, die dadurch einen prachtvollen, +matten Perlenglanz erhalten. Die besten Sorten dieser künstlichen Perlen +sind den echten derart ähnlich, daß nur eine genaue Prüfung durch einen +Sachverständigen die Imitation nachzuweisen vermag. Übermäßig billig +sind sie freilich auch nicht gerade, was erklärlich wird, wenn wir uns +vergegenwärtigen, daß etwa 20000 Fischlein nötig sind, um nur 1/2 _kg_ +Perlenessenz anzufertigen. Man gewinnt aus den Uckeleischuppen wie aus +denen verwandter Arten weiter auch noch die in der Malerei eine große +Rolle spielende und ebenfalls teuer bezahlte Silbertinktur. Aber auch im +Leben ist der sich hauptsächlich von Insekten und deren Larven +ernährende Uckelei ein höchst anziehender und unterhaltender Fisch, der +sich dem am Flußufer lustwandelnden Spaziergänger mehr bemerkbar macht, +als irgendein anderer, da er häufig seinen silberglitzernden Leib aus +dem Wasser herausschnellt, um eine über diesem tanzende Mücke oder +Eintagsfliege zu erhaschen, und da er sich überhaupt gewöhnlich +scharenweise dicht unter der Oberfläche herumtreibt und hier seine +lustigen Spiele vollführt, überhaupt viel Frohsinn und Lebenslust +bekundet, obgleich gerade er nicht nur den Raubfischen, sondern auch den +Wasservögeln besonders häufig zur Beute fällt. Ängstliche Schüchternheit +einerseits und eine unbezähmbare Neugier andrerseits sind seine +hervorstechendsten Charaktereigenschaften. Gleich dem Uckelei gehören +zur Gruppe der durch das schief nach oben gerichtete Maul +ausgezeichneten _Lauben_ noch die bei uns auf die klaren und tiefen +Gebirgsseen Oberbayerns beschränkte _Mairenke_ (_Albúrnus ménto_) und +die fließendes Wasser bevorzugende _Alandblecke_ (_Albúrnus +bipunctátus_). Letztere heißt im Volksmunde gewöhnlich »Schneider«, da +ein zu beiden Seiten der Seitenlinie verlaufender Streifen schwarzer +Pigmentpunkte wie eine Naht aussieht. Im Aquarium gemachten +Beobachtungen zufolge soll sie eine Art Brutpflege ausüben, indem eines +der Elterntiere den Laich bis kurz vor dem Ausschlüpfen bewacht und +verteidigt und durch beständiges Flossenfächeln mit frischem, +sauerstoffreichem Wasser umspült. An der sonderbar knorpeligen Schnauze, +dem überragenden Oberkiefer und den harten, schneidenden Lippen ist die +höchstens 1/2 _m_ lang werdende _Nase_ (_Chondóstroma násus_) sofort von +anderen Süßwasserfischen zu unterscheiden. Auch biologisch hat sie +mancherlei Eigentümlichkeiten aufzuweisen. Ihre scharfen Kiefernränder +dienen dazu, den Algenüberzug von Steinen und dergleichen abzuweiden. +Charakteristisch für sie ist, daß sie sich im seichten Wasser gern um +sich selbst wälzt, so daß für Augenblicke die lichte Unterseite zum +Vorschein kommt. Zur Laichzeit gewinnt ihr dunkler Rücken ein streifiges +Ansehen, und an den Mundwinkeln zeigt sich ein lebhaftes Orangerot. + + [2] Es ist dies der _Zobel_ (_Abramis sáha_) des Donaugebiets. + +Außer der Verfärbung zum Hochzeitskleid tritt mit Beginn der +Laichfähigkeit bei vielen Fischen noch eine andere wunderbare +Erscheinung auf: ihre mehr oder minder mit dem Fortpflanzungsgeschäft in +Zusammenhang stehenden, durch rücksichtslose Kühnheit und erstaunliche +Zähigkeit ausgezeichneten _Wanderungen_, die an geheimnisvollen Rätseln +dem Vogelzug kaum nachstehen. Sehr oft sind ja die besten und sichersten +Nährgründe nicht auch zugleich zum Absetzen des Laiches geeignet, und +der Fisch ist deshalb gezwungen, eine weitgehende Ortsveränderung +vorzunehmen, wenn er sich seiner Bürde entledigen und den Weiterbestand +seiner Art sicher stellen will. Häufig kommt es vor, daß gewöhnlich im +Meer lebende Fische zum Laichen hoch in die Flüsse hinaufsteigen oder +umgekehrt das Süßwasser zum Laichen mit dem Meer vertauschen. Zu diesen +gehört beispielsweise der Aal, zu jenen der Lachs. Wenn wir diese echten +Wanderer etwa mit den Zugvögeln vergleichen können, so gibt es +andrerseits auch noch eine Reihe beschränkter Wanderer, die den +Strichvögeln entsprechen und nur im gleichen Stromsystem oder Meere hin +und her ziehen, wobei Wärme- und Ernährungsverhältnisse, Salzgehalt des +Wassers und Laichgelegenheiten als die maßgebenden Faktoren anzusehen +sind. Hierher gehören z. B. von Süßwasserfischen die Forelle und von +Seefischen die Flunder, die zwar Hunderte von Kilometern weit reist, +nicht aber aus der Nordsee in die Ostsee zieht oder umgekehrt. Während +man früher sich um die Fischwanderungen wenig gekümmert hat, ist ihnen +in neuerer Zeit eine sehr eingehende und sorgfältige Beachtung +zugewendet worden, und zwar nicht nur aus rein wissenschaftlichen, +sondern namentlich auch aus praktischen und volkswirtschaftlichen +Gründen. Nirgends und zu keiner Zeit drängen sich ja die Fische in +solchen Massen zusammen wie auf ihren Wanderungen von und zu den +Laichplätzen, und niemals sind sie so mühelos und in so lohnender Menge +zu fangen wie bei solchen Gelegenheiten. Mit Sehnsucht warten ganze +Dörfer und Städte auf das seit Jahrhunderten gewohnte Erscheinen der +riesigen Fischheere, die reichen Verdienst mit sich bringen, und die +Trauer und die Enttäuschung sind groß, wenn die geschuppten Geschwader +einmal aus irgendwelchen Gründen ausbleiben, denn das bedeutet Elend +und Verarmung. Da aber plötzliche Verlegungen der altbekannten +Heeresstraßen gerade in den letzten Jahrzehnten öfters vorgekommen sind +und dadurch mehrfach wirtschaftliche Katastrophen hervorgerufen wurden, +während andrerseits unvermutet unendliche Fischzüge an ungewohnten +Plätzen erschienen, wo sie nicht genügend verwertet werden konnten, und +oft genug als Dung auf die Felder gefahren werden mußten, so liegt es +auf der Hand, welch hohe praktische Bedeutung der Erforschung solcher +Erscheinungen und dem Studium der Fischwanderungen überhaupt zukommt. So +ist es zunächst sehr wichtig, zu wissen, was wohl die Fische auf ihren +Wanderungen leitet. Da man in wissenschaftlichen Kreisen dem +»stumpfsinnigen« Fisch irgendwelche an geistige Fähigkeiten anstreifende +Handlungsweise nicht zutraute, so sollte auch die Wanderung ein rein +reflektorischer Vorgang sein, der natürlich durch gewisse Reize +ausgelöst werden mußte. Man dachte da namentlich an die sogenannte +Phototaxis, d. h. an das Reagieren des Organismus gegen veränderte +Belichtungs- und Bestrahlungsverhältnisse. Nun hat aber jüngst erst +Franz in einer Reihe sehr eingehender Studien nachgewiesen, daß die +durch gekünstelte Experimente gewonnene Vorstellung von der Phototaxis +lediglich ein reiner Laboratoriumsbegriff ist, wenigstens soweit die +Fische in Betracht kommen. Sie ist in Wirklichkeit nichts als ein unter +ungünstigen Daseinsveränderungen und insbesondere bei anscheinender +Gefahr ausgelöster Fluchtreflex, der bei Oberflächenfischen sich als +»positiv«, bei Grundfischen dagegen als »negativ« erweisen wird, da +diese bei Bedrohung ja instinktmäßig ins Dunkel flüchten. Will man von +dem durch den Wechsel zwischen Tag und Nacht bedingten Aufsteigen und +Niedersinken gewisser Meeresfische und ihrer Larven absehen, so gibt es +eine Phototaxis bei erwachsenen Fischen in freier Natur überhaupt nicht, +bei ihren Larven nur in ganz beschränktem, kaum angedeutetem Umfang. +Deshalb kann die Phototaxis auch auf die Wanderungen der Fische nicht +den allergeringsten Einfluß ausüben, sondern es müssen andere Faktoren +zu ihrer Erklärung herangezogen werden. Einen solchen glaubt Franz +zunächst einmal in dem _Ortssinn_ und in dem _Ortsgedächtnis_ der Fische +gefunden zu haben, die er sorgsam auf ihre Leistungsfähigkeit hin +geprüft und weit höher entwickelt gefunden hat, als sich dies unsere +Schulweisheit bisher träumen ließ. Danach scheinen doch auch schon die +Fische teilweise wenigstens keine absoluten Reflexmaschinen mehr zu +sein, vielmehr bei ihnen schon wenigstens schüchterne Ansätze sich +geltend zu machen zum Verwerten erlebter Erfahrungen und zum Verknüpfen +von Assoziationen, so sehr man sich andrerseits vor Vermenschlichungen +bei dieser immerhin tiefstehenden Tierklasse hüten muß, deren +Lebensäußerungen zumeist durch mehr oder minder verwickelte und sich +kreuzende Instinkte und Reflexe unschwer sich werden erklären lassen. +Wie immer dem sei, jedenfalls beweisen schon die einfachsten +Experimente, daß die Fische tatsächlich einigermaßen gemachte +Erfahrungen zu ihrem Besten zu verwerten wissen. So stutzten Barsche, +denen man als Futterfische Sardinen gab, als man einige derselben rot +färbte, machten aber schließlich einen Versuch und verzehrten dann +gefärbte und ungefärbte ohne Unterschied. Ähnlich ging es, als man noch +einige blau gefärbte Sardinen dazu setzte. Als dann aber kleine Stücke +von Seenesseln an den blauen Sardinen befestigt wurden und die Barsche +sich beim Zugreifen tüchtig stachen, fuhren sie erschrocken zurück und +mieden von da ab die blauen Sardinen. Freilich hielt in diesem Falle ihr +Gedächtnis nur bis zum nächsten Tage vor; dann scheinen aber die +Barsche besonders vergeßliche Bursche zu sein, denn vom Karpfen +ist nachgewiesen, daß er mindestens vier Monate lang für +Örtlichkeitsverhältnisse Gedächtnis hat, und bei anderen Fischen verhält +es sich ähnlich. Dieser Auffassung steht nun allerdings die Tatsache +entgegen, daß geangelte und dabei entkommene oder wieder ausgesetzte +Fische oft schon nach kurzer Zeit sich zum zweiten oder dritten Male +fangen lassen, also die gemachte böse Erfahrung anscheinend sehr rasch +vergessen haben. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß einerseits die +dem Fische beim Angeln zugefügte Schmerzempfindung aller +Wahrscheinlichkeit nach eine nach menschlichem Maßstabe überraschend +geringe, und daß andrerseits der Zuschnappreflex, wenn der Ausdruck +statthaft ist, ein sehr stark entwickelter ist und eben in solchen +Fällen den Sieg über die geringe Lernfähigkeit davonträgt. Edinger kommt +auf Grund umfassender Untersuchungen geradezu zu dem Schlusse, daß der +Fisch nicht zubeißt, weil er zubeißen will, sondern weil er zubeißen +muß. Er schaltet also einen selbständigen Willen des Tieres dabei +vollständig aus, und die praktischen Erfahrungen der Angler, die in +England das Sprichwort haben »Wenn du der Forelle die rechte Fliege zur +rechten Zeit gibst, fängst du sie sicher«, scheinen ihm darin nicht +unrecht zu geben. Edinger glaubt demnach, daß infolge sich gegenseitig +auslösender Reflexe ein hungriger Fisch unter bestimmten Umständen +anbeißen _muß_, wenn die Nahrung ihm genau in der Weise zukommt, wie die +naturgemäße, und störende Nebenumstände (Sichtbarkeit der Schnur, +Schatten des Anglers usw.) vermieden werden. Die ganze Geschicklichkeit +des Anglers bestehe deshalb lediglich darin, diesen richtigen Augenblick +ausfindig zu machen. Übrigens gehen intelligentere Fische wie der Schill +doch nicht leicht zum zweiten Male an die Angel, wenn sie schwer gereizt +wurden. Wenn nun auch die Lernfähigkeit der Fische jedenfalls nur eine +geringe ist, so ist das Ortsgedächtnis doch in nicht unerheblichem, wenn +auch sehr verschieden hohem Grade vorhanden, und am besten ist es +jedenfalls bei den Wanderfischen entwickelt. So hat man festgestellt, +daß zwar Stichlinge ihr Nest nur auf 10 m Entfernung wieder fanden, +Forellen dagegen trotz zwischengelegter Hindernisse aus 6 km Entfernung +zu ihrem Standplatze zurückfanden. Ein derart gutes Ortsgedächtnis muß +den Fischen natürlich auch auf ihren Wanderungen in hohem Maße zustatten +kommen, und man könnte sich auch recht wohl vorstellen, daß die Kenntnis +bestimmter Heeresstraßen sich ähnlich wie bei den Vögeln durch Tausende +von Generationen vererbt habe, dadurch fixiert und zu einem bloßen +Instinkt geworden sei. Aber dann hat ja der Fisch auch noch eine +Seitenlinie, die ihn so genau über den jeweiligen Verlauf der Strömung +unterrichtet, und es muß deshalb für ihn eine Kleinigkeit sein, sich in +Strömen oder Flüssen zurechtzufinden, sei es nun, daß er abwärts ins +Meer oder aufwärts ins Quellgebiet zu gelangen wünscht. Diese Faktoren +reichen also wohl aus, um reine Süßwasserwanderungen zu erklären, aber +ganz anders und viel geheimnisvoller gestaltet sich das Bild, wenn wir +etwa an die Einwanderung der jungen Aale aus dem Meere in die Ströme +denken. Man denke sich diese Fischchen, die noch nie eine Reise gemacht +haben, in der unendlich einförmigen, in ewige Finsternis gehüllten +Wassermasse, wo das Fischauge keine festen Anhaltspunkte gewinnen kann, +sondern eine unbestimmte nebelige Ferne vor sich hat. Hier kann +natürlich von irgendwelchem Ortsgedächtnis keine Rede sein. Franz ist +der Meinung, daß es der abweichende Salzgehalt der verschiedenen +Wasserschichten und Meeresteile ist, der den Tieren als Führer aus +dieser Wüstenei dient. Wasserschichten verschiedenen Salzgehalts zeigen +ja auch abweichende Temperaturen, und diese wiederum zeitigen +Strömungserscheinungen. Freilich werden solche ganz gering sein und erst +nach Zurücklegung weiterer Strecken sich deutlich bemerkbar machen, aber +es ist wohl mit Recht anzunehmen, daß die gesteigerte nervöse +Erregbarkeit der Fische zur Brunst- oder Wanderungszeit auch die +Feinfühligkeit ihrer Sinnesorgane und namentlich der Seitenlinie erhöht. +Und so ließe sich auch hier schließlich folgern, daß die Wanderung der +Meeresfische mehr eine Art Zwangsbewegung darstellt. Vielleicht bringen +die Markierungsversuche, die seit einigen Jahren von zahlreichen +biologischen Stationen gemacht werden, allmählich mehr Licht in diese +einstweilen noch ziemlich dunkle Seite des Fischlebens. + + [Illustration: Aal. (Nach einer Aufnahme von Jacques Boyer.)] + + [Illustration: Die Entwicklung des Aales. (Nach Grassi u. + Calandruiccio.)] + +Betrachten wir nun zunächst einmal als Beispiel für die ersterwähnte Art +der Wanderung den _Aal_ (_Anguílla vulgáris_), bei dem ja gerade +seine ausgedehnten Reisen sein ganzes Leben mit einem schier +undurchdringlichen Schleier des Rätselhaften und Geheimnisvollen umhüllt +haben, den zu lüften emsiger Forschung erst in jüngster Zeit gelungen +ist. Fortpflanzung und Wanderung sind hier nicht nur in der innigsten, +sondern auch in der seltsamsten Weise miteinander verknüpft. Lange +tappte man diesbezüglich im dunkeln und erzählte sich mehr oder minder +unsinnige Märchen nach, und daß die Forschung das große Aalproblem jetzt +in seinen Hauptzügen, wenn freilich auch noch lange nicht erschöpfend +gelöst hat, darf als einer der glänzendsten Triumphe der biologischen +Wissenschaft angesehen werden. Viel hat zu der jahrhundertelangen +Verwirrung der Umstand beigetragen, daß es lange nicht gelingen wollte, +Geschlechtsorgane bei unseren Süßwasseraalen aufzufinden, so unzählige +man auch dieserhalb untersuchte. Da kann es nicht Wunder nehmen, daß das +uralte Märchen von der Urzeugung gerade beim Aal überraschend lange in +Geltung blieb, um später durch die ebenso falsche Auffassung abgelöst zu +werden, daß der Aal lebendige Junge gebäre. Wahrscheinlich wurde sie +hervorgerufen durch die Auffindung von massenhaft im Leibe des Aals +schmarotzenden Spulwürmern (Ascaris), die bei oberflächlicher +Betrachtung wohl als Jungaale gelten konnten. Noch in den 70er Jahren +ist ein strebsamer Naturgeschichtsprofessor auf eine ihm von einem +Fischer gebrachte »Aalmutter« hereingefallen (es ist dies ein ganz +anderer Fisch, _Zoarces vivipara_, der schon seit Jahrhunderten als +lebendig gebärend bekannt ist) und hat einen sehr langen, sehr +gelehrten und schön illustrierten Aufsatz darüber in der »Gartenlaube« +veröffentlicht, um dadurch das Lebendgebären beim Aale zu beweisen. Auch +über einen vermutlichen Generationswechsel bei diesem merkwürdigen +Fische hat man viel gefabelt. In Wirklichkeit verhält sich aber die +Sache so, daß alle in unseren Süßwassern lebenden Aale überhaupt noch +nicht geschlechtsreif sind. Denn als man endlich mit Hilfe der +gesteigerten Mikroskoptechnik die Geschlechtsorgane auffand, die in +Fettmassen verborgen liegen, da stellte es sich heraus, daß sie noch +völlig unentwickelt waren. Hatten doch die Eier in den weiblichen +Geschlechtsteilen kaum einen Durchmesser von 0,1 _mm_, waren also mit +bloßem Auge gar nicht sichtbar. Da man schon längst wußte, daß ein Teil +unserer Aale im Herbst ins Meer wandert, lag die Folgerung nahe, daß die +Tiere erst dort ihre volle Geschlechtsreife erlangen und zum Laichen +schreiten. Von da an befand sich die Forschung auf dem richtigen Weg, +und es ist namentlich das Verdienst des Italieners Grassi und des Dänen +Schmidt, daß heute das Aalproblem den Nimbus des Unerklärlichen verloren +hat. Weitere Untersuchungen haben gezeigt, daß fast alle die großen Aale +unserer Binnengewässer Weibchen, also Aaljungfern sind und sich durch +silbergrauen Bauch auszeichnen, während die viel kleineren, gelb- oder +braunbäuchigen Aale an den Strommündungen und Haffen fast nur aus +Männchen bestehen. Im Alter von 3-7 Jahren -- je nach dem +Ernährungszustand -- wird die Aaljungfrau, deren ganzes Dasein bis dahin +lediglich aus Fressen und Schlafen bestand, von einer unüberwindlichen +Sehnsucht nach dem fernen Meere gepackt, in dessen tiefsten Gründen +einst ihre Kinderwiege stand. Sie begibt sich auf die Reise und findet +unterwegs eine sich ständig vermehrende Zahl von Gefährtinnen, die die +gleiche Sehnsucht vorwärts treibt. Die Wanderung vollzieht sich +namentlich in recht dunklen, stürmischen und unfreundlichen Nächten, in +denen etwa je 15 _km_ zurückgelegt werden, wird aber öfters durch Rast- +und Erholungstage unterbrochen, so daß es geraume Zeit dauert, bis man +am Ziele angelangt ist. Unzählige gehen unterwegs an der Tücke des +Menschen oder an anderen Unbilden zugrunde, aber dafür treffen die +Überlebenden in den Strommündungen mit den Männchen zusammen, so daß nun +beide Geschlechter in traulichem Verein die Reise fortsetzen können, die +noch gar weit ins Innere des Weltenmeeres hineinführt. Inzwischen haben +die Eierchen, deren jedes Weibchen 1 bis 1-1/2 Millionen bergen soll, +schon um das 2 bis 2-1/2fache an Größe zugenommen, aber erst durch die +Berührung mit dem fruchtbringenden Meer entwickeln sich nun beider +Geschlechter Organe zu derjenigen Vollkommenheit, die zur Ausübung des +Laichaktes notwendig ist. Gleichzeitig wird der Aal zum Tiefseefisch, +von Farbe dunkler und metallglänzend, mit spitzerem Kopf und weit +größeren, 1 _cm_ im Durchmesser haltenden Augen. An seine Laichplätze +stellt er ganz besondere, sehr spezifizierte Forderungen. Sie sollen in +ungefähr 1000 _m_ Meerestiefe liegen, einen Salzgehalt von 3,52 Proz. +und eine Durchschnittstemperatur von etwa 9° haben, was bei solch +erheblicher Meerestiefe von vornherein nur in der Nähe des wärmenden +Golfstroms möglich ist. Der Aal findet derartige Plätze erst weit +draußen im offenen Atlantik, in einem halbmondförmigen Gebiet, das sich +von den Faröern zur Küste Spaniens erstreckt. Hier wird also Hochzeit +gefeiert in für das menschliche Auge undurchdringlichen Tiefen: die +Binnengewässer sind des jungen Aales Tummelplatz, die Meerfahrt ist +seine Brautfahrt, die Tiefe des Atlantik sein Hochzeitsbette und +wahrscheinlich auch sein Grab. Wenigstens hat man keinen der so +stürmisch zu den Freuden der Minne nach dem Meere strebenden Aale jemals +wieder in die Ströme zurückkehren sehen. Vielleicht führen sie nach der +Laichzeit noch ein unbeachtetes Dasein im grenzenlosen Ozean, +wahrscheinlicher aber gehören sie zum Stamme jener Asra, »die da +sterben, wenn sie lieben,« ähnlich wie die Neunaugen, deren Lebenslauf +ja überhaupt manche Ähnlichkeit mit dem des Aales aufweist. Ihr Dasein +hat ja auch keinen rechten Zweck mehr, denn für die Erhaltung ihrer Art +haben sie überreichlich gesorgt. Die Myriaden kleiner Krebstierchen in +der Tiefsee werden sich gierig über die Leichname herstürzen und diese +nicht nur gründlich, sondern auch so rasch vertilgen, daß sie erst gar +keine Zeit haben, durch Leichengase aufzuschwellen und an die Oberfläche +emporzukommen. Da sich also die wichtigsten Lebensvorgänge des Aales im +Meere abspielen, muß er unbedingt als ein Meeresfisch bezeichnet werden, +der erst in zweiter Linie und nebenbei auch zum Süßwasserbewohner +geworden ist. Beim Lachs verhält es sich gerade umgekehrt. Auch die +abgelegten, auffällig kleinen Eier bleiben in der Tiefe, da ihnen ein +flottierendes Element in Gestalt von beigegebenen Öltröpfchen, wie es +viele andre Fischeier haben, fehlt, und dies ist ein Grund mehr dafür, +daß sie so schwer und so selten aufgefunden werden. Ihnen entschlüpfen +nun aber keineswegs fertige Jungaale, sondern gar seltsame Wesen, die +eine Larvenform darstellen und wenigstens äußerlich so stark vom +Aaltypus abweichen, daß man sie früher unter dem Namen Leptocéphalus +breviróstris als eine eigene Art beschrieb, ohne ihren nahen +Zusammenhang mit der heiß umstrittenen Fortpflanzungsgeschichte des +Aales zu ahnen. Diese Wesen sind 6-8 _cm_ lang, haben die flache Form +eines Weidenblatts, dazu einen winzigen Kopf und eine kleine +Schwanzflosse und bestehen im übrigen fast ganz aus mächtigen +Muskelzügen. Ihr Blut ist farblos, das ganze Geschöpf wasserhell und +durchsichtig wie Glas, so daß man durch seinen Leib hindurch sogar lesen +kann. Die Tierchen kommen später bei Nacht an die Oberfläche des Meeres, +während sie sich bei Tage in Tiefen von 100-150 _m_ aufhalten. +Allmählich wandeln sie sich zum Aal, wobei verschiedene Zwischenstadien +durchlaufen werden. Der Leib wird dicker und runder, die Flossen bilden +sich aus, und schließlich ist ein Geschöpf von echtem Aaltypus fertig, +das aber etwas kürzer erscheint als die Larve (da diese zuletzt keine +Nahrung zu sich nimmt) und zunächst auch noch glashell ist. Diese +»Glasaale« begeben sich nun auf die Wanderschaft und suchen in dicht +gedrängten Zügen Strommündungen zu erreichen. Zu Milliarden finden sie +sich an geeigneten Plätzen ein, eine Erscheinung, die die Franzosen als +»_montée_«, die Italiener als »_montada_« bezeichnen. Der Bristolkanal, +der Ärmelkanal und der Busen von Biskaya sind ihre bevorzugten +Einfallspforten. Wie riesenhafte Schlangen von 1-3 _m_ Breite und +entsprechender Dicke wälzen sich diese Züge dicht an den Ufern der +Ströme entlang, getreulich alle Windungen und Krümmungen des Flußbettes +mitmachend. Hier machen sie zum ersten Male unwillkommene Bekanntschaft +mit dem Menschen, der nur mit dem Kätscher aus diesem lebenden Strome zu +schöpfen braucht, um Millionen junger Fischleben zu vernichten und sich +selbst einen flüchtigen Gaumenkitzel zu bereiten, indem er die zarten +Dinger mit Eiern zu recht wohlschmeckenden Omeletten verbäckt. Von der +fabelhaften Menge, in der die Glasaale bei solchen Gelegenheiten +auftreten, kann man sich einen ungefähren Begriff machen, wenn man hört, +daß z. B. im Severnfluß pro Fischer und Nacht nicht selten 500 Pfund +und mehr gefangen werden, wobei man etwa 1000 Jungaale auf das Pfund +rechnen kann. Die Tierchen haben sich während der langen Reise auch +schon etwas weiter entwickelt und sind jetzt namentlich stärker +pigmentiert, und bald nach dem Eintritt in die Flüsse schwindet die +Glasfarbe ganz. Der Entwicklungszustand, in dem die ihren Namen jetzt +kaum noch verdienenden Glasaale in die Flüsse eintreten, ist naturgemäß +ein sehr verschiedener, je nach der Entfernung, die sie vom +Geburtsplatze aus bis dahin zurücklegen mußten und je nach der darüber +vergangenen Zeit. Die zur Ostsee und deren Zuflüssen wandernden Jungaale +sind naturgemäß schon sehr viel weiter in ihrer Entwicklung +vorgeschritten. Meist treffen die Jungaale im Frühjahr an den Küsten +ein, nachdem ihre Verwandlung aus dem _Leptocéphalus_ zum Glasaal etwa +ein Jahr beansprucht hat. Die große Mehrzahl der Männchen bleibt in den +Brackwässern und Strommündungen zurück, während die Weibchen weiter +ziehen. Vielleicht verhält sich die Sache aber auch so, daß die +Geschlechter bei den Glasaalen überhaupt noch nicht differenziert sind, +sondern sich erst infolge der verschiedenen Ernährungsverhältnisse +später herausbilden, wonach also die größeren Weibchen auf bessere +Nahrungsverhältnisse hindeuten würden. In den Flüssen strebt die ganze +Masse geschlossen vorwärts, aber bei jedem einmündenden Nebengewässer +zweigt sich ein Teil ab, so daß die Hauptschar immer geringer wird und +schließlich das ganze Heer sich verteilt wie der Blutstrom in den Adern +eines Körpers. Entgegenstehende Hindernisse in Form von Wasserfällen +oder Wehren überwinden die kaum bindfadendicken, schwächlichen Fischchen +mit staunenswerter Rücksichtslosigkeit und Tatkraft. Mögen Tausende und +Zehntausende dabei zugrunde gehen -- ihre feuchten und schlüpfrigen +Leiber bilden dafür die Brücke, die den andern den Übergang ermöglicht. +Selbst der gewaltige Rheinfall von Schaffhausen, den die muskelstarken +Lachse nicht zu nehmen vermögen, wird von diesen zähen Fischchen +überwunden, und so erklärt es sich, daß auch im Bodensee Aale vorkommen. +Da die Anwohner der Flüsse und Binnenseen die Einwanderung der +geschätzten Fische natürlich sehr gern sehen, bemüht man sich vielfach, +den Aalen entgegenzukommen und ihnen den Aufstieg über schwer zu +überwindende Hindernisse zu erleichtern, indem man sogenannte Aalleitern +anbringt. Es sind dies im Zickzack verlaufende, feucht zu haltende +Holzrinnen, die durch Moos- oder Sandbelag Halt gewähren, oft auch mit +Rippen und Querwänden versehen sind. Auf diese Weise hat man es den +Aalen z. B. neuerdings möglich gemacht, die großen schwedischen Gewässer +oberhalb der Trollhättafälle zu besiedeln, über die sie früher nicht +hinwegzukommen vermochten. In besonders raffinierter und geschickter +Weise aber haben schon seit alten Zeiten italienische Fischer in dem im +südlichen Podelta gelegenen Lagunenstädtchen Comacchio die eigenartige +Naturgeschichte des Aales praktisch zu nutzen verstanden, sozusagen +instinktiv, ohne doch jene zu kennen. Man hat dort in den ausgedehnten +Lagunen ein großartiges System von Schleusen und Kanälen angelegt, +derart, daß die eintretende »_montada_« durch Beeinflussung mit Licht +usw. in die Becken gelockt wird, worauf man den Rückweg absperrt. Die +jungen Aale entwickeln sich nun unter sorgfältiger Hege während der +nächsten Jahre, aber wenn sie dann der Wandertrieb ergreift und sie zum +Meere herabziehen wollen, geraten sie in die Sammelbecken, wo sie +herausgenommen und geschlachtet werden. 500 Beamte beansprucht die +Verwaltung dieses berühmten Aalstaates von Comacchio, liefert dafür aber +auch jahraus jahrein durchschnittlich 5 Millionen Pfund vorzüglichsten +Aalfleisches. Nicht nur die italienischen Großstädte werden von hier aus +versorgt, sondern ein guter Teil der gefangenen Aale wandert sogar in +die Räuchereien Norddeutschlands. Denn hier wird der schmackhafte Fisch +leider immer seltener, besonders im Ostseegebiet, was ja erklärlich +erscheint, wenn man berücksichtigt, welch unzählige Fährlichkeiten die +vielverfolgten Aale auf den weiten Reisen von und nach den entlegenen +Brutplätzen zu bestehen haben. Überdies ist man gerade in Westpreußen +vielfach so töricht gewesen, die Abflüsse der Seen durch Dämme zu +sperren und so den Aalen die Rückwanderung unmöglich zu machen, und sie +sind dann dort natürlich ausgestorben. Unter diesen Umständen ist es mit +großer Freude zu begrüßen, daß die preußische Regierung neuerdings +Millionen von Glasaalen aus dem Bristolkanal lebend nach norddeutschen +Gewässern überführen ließ, wobei freilich anfangs tüchtig Lehrgeld +gezählt werden mußte. Nach all dem Gesagten ist es wohl klar, daß +eingeborene Aale nur in solchen Gewässern vorkommen können, die in einer +wenn auch noch so weitläufigen und verzweigten Verbindung mit dem Meere +stehen. Der oft gehörte Einwand, daß auch in völlig abgeschlossenen +Teichen Aale gefunden wurden, läßt sich leicht entkräften durch die +Erfahrungstatsache, daß häufig junge Fischchen durch Wasservögel im +Gefieder oder an den Rudern in fremde Gewässer verschleppt werden. Sie +müssen dort aber ebenso wie künstlicher Einsatz wieder aussterben, falls +nicht rechtzeitig für frische Zufuhr gesorgt wird. Die in solchen +Gewässern eingesperrten oder auf der Reise verirrten Aale werden +schließlich zu alten Jungfern mit verkümmerten Geschlechtsorganen, +erreichen dafür aber eine riesenhafte Größe und ein Gewicht von 15 und +mehr Kilogramm, während es sonst bei 3/4-1-1/2 _m_ Körperlänge nicht +leicht über 5 _kg_ beträgt und die Männchen kaum länger als 45 _cm_ +werden, also für Küchenzwecke wenig in Betracht kommen. Das weiße +Fleisch des Aals ist zwar nicht leicht verdaulich, aber sehr fett und +äußerst wohlschmeckend, und wird sowohl in frischem Zustande wie +geräuchert oder mariniert allenthalben hoch geschätzt. An seinen +Wohnplätzen im Binnenlande führt der Aal ein recht beschauliches Leben +und nimmt bei seiner Gefräßigkeit rasch zu. Am liebsten sind ihm etwas +tiefere Gewässer mit weichem Untergrund, in den er sich bei Tage tief +einwühlt. Doch kommt er auch an allen möglichen anderen Örtlichkeiten +vor. So fand ich ihn auf Teneriffa in ganz kleinen Rinnsalen zwischen +felsigem Gestein, wo man ihn mit der Hand greifen konnte, nachdem der +Hund sein Versteck gemeldet hatte. Auch am Bristolkanal jagt man bei +Ebbe die im Meeresschlick zurückbleibenden Aale mit Hilfe von besonders +darauf dressierten Terriers. Bei uns ist die üblichste und ergiebigste +Fangart für Aale diejenige mit Reusen. Der Aal ist ein ausgesprochenes +Nachttier, verläßt also erst mit Einbruch der Dunkelheit seinen +Schlupfwinkel, um Nahrung aufzusuchen. Wegen seines kleinen Maules kann +er zwar große Bissen nicht bewältigen, hält sich aber dafür durch die +Menge des Verzehrten schadlos. Auf Fischlaich ist er sehr erpicht und +pfropft sich damit, wenn er ihn haben kann, bis zum Platzen voll, ist +deshalb in Zuchtteichen ein sehr ungern gesehener Gast. Ebenso haben die +frisch gehäuteten, also weichen Krebse in ihm einen bösen Feind, und er +vermag die schmackhaften Kruster durch fortgesetzte Verfolgung noch +gründlicher auszurotten als die gefürchtete Krebspest, zumal er sich mit +seinem geschmeidigen Schlangenleib durch unglaublich enge Spalten und +Ritzen hindurchzuzwängen, ja gewissermaßen hindurchzubohren vermag. +Seine ungemein schlüpfrige und schleimige Haut, in der die kleinen +Schuppen ganz versteckt sitzen, und die ihm bei Gefahr manchmal das +Leben retten mag, kommt ihm dabei auch sehr zustatten. Daß er eine +erstaunliche Lebenszähigkeit besitzt, hat wohl schon jede Köchin zu +ihrem Leidwesen erfahren. Recht gern geht er auch an Aas. Immer und +immer wieder liest oder hört man, daß die Aale in feuchten Nächten +Spaziergänge auf die den Teichen benachbarten Felder unternehmen sollen, +um sich an den Erbsen gütlich zu tun. Die moderne Wissenschaft erklärt +das kurzweg für ein Märchen, aber es ist insofern etwas Richtiges daran, +als der Aal in der Tat infolge besonderer Schutzvorrichtungen an den +Kiemen (sie stehen nur durch 1-2 schmale Seitenspalten mit der Außenwelt +in Verbindung, sind also nicht so leicht dem Austrocknen preisgegeben) +ziemlich lange außerhalb des Wassers auszuhalten vermag, und dieses auch +manchmal freiwillig verläßt, wenn ihm der Aufenthalt in dem feuchten +Elemente aus irgendwelchen Gründen ungemütlich wird. Dies ist z. B. bei +elektrischen Entladungen der Fall, gegen die alle niedrig stehenden +Fische eine außerordentlich große Empfindlichkeit an den Tag legen. +Merkwürdig ist weiter die große Lichtscheu des Aales. Durch grelle +Beleuchtung kann man ihn an jeden beliebigen Platz scheuchen, und +hierauf beruht auch der Vorschlag des genannten dänischen Forschers +Schmidt, alle zum Meer wandernden Aale in den Ostseeländern mit Hilfe +von Scheinwerfern abzufangen und dafür alljährlich frische Glasaale +einzusetzen, ein Vorschlag, der glücklicherweise selbst der beteiligten +Fischereibevölkerung zu radikal erschienen ist. Interessant wie alles am +Aale ist endlich auch noch seine Verbreitung. Sie ist eine sehr große, +aber in allen zum Kaspi oder zum Schwarzen Meere abwälzenden +Stromsystemen (Donau!) fehlt er völlig. Es ist das auch ohne weiteres +erklärlich, da der isolierte Kaspi viel zu seicht ist, als daß er den +Aalen geeignete Laichplätze bieten könnte, und da das Schwarze Meer +schon in einer Tiefe von 2-300 _m_ derart mit Schwefelwasserstoffgas +gesättigt ist, daß die Larven darin gar nicht zu leben vermöchten. +Allerdings hat man Jungaale mit Erfolg in der Donau eingebürgert, und es +mögen auch einige durch die künstlichen Wasserstraßen vom Maingebiet her +einwandern oder vom Mittelländischen Meere aus durch den Bosporus in die +Donaumündung gelangen. + + [Illustration: Kopf eines Rheinlachses mit schwach ausgebildeten + Haken. (Naturaufnahme von _Dr._ E. Bade.)] + +Ein gutes Gegenstück zum Aale in bezug auf Wanderung und Laichgeschäft +ist der gleichfalls so hoch geschätzte _Lachs_ (_Sálmo sálar_). Wenn im +zeitigen Frühjahr unsere Küsten eisfrei werden, erscheinen daselbst aus +tieferen und mehr nördlich gelegenen Meeresteilen fortpflanzungsfähige +Lachse in Trupps zu 30-40 und halten sich zunächst noch längere Zeit an +den Strommündungen und in den Haffen, überhaupt möglichst im Brackwasser +auf, um sich an den Übergang aus dem Salz- ins Süßwasser allmählich zu +gewöhnen, da ein zu plötzlicher Wechsel ihrem Organismus nicht +zuträglich ist, vielmehr oft ihren Tod zur Folge hat, wie auch durch +Versuche nachgewiesen wurde. Nach dieser Übergangszeit aber steigen sie +in den Flüssen selbst aufwärts als wohlgenährte, kraftstrotzende und +lebensfrohe Tiere mit schiefergrauem Rücken, silberigen Seiten und weiß +schimmerndem Bauch. In diesem Zustande heißen sie bei den Fischern Salme +und werden besonders geschätzt, deshalb auch eifrig weggefangen. Manche +bleiben auch ein ganzes Jahr im unteren Teil der Ströme, überspringen +also eine Laichperiode und bekommen dann als sogenannte Winterlachse ein +besonders zartes, schön rot gefärbtes Fleisch. Die große Mehrzahl aber +wandert gleich weiter und legt nun unterwegs das Hochzeitskleid an, das +bei ganz alten Milchnern in den herrlichsten Farben prangt: der Rücken +wird tief schwarz mit Sammetglanz, die Flanken erscheinen übersät mit +lose hingetupften, brennendroten, bisweilen zu Zickzacklinien +verfließenden Flecken, der Bauch prangt in lebhaftem Orangerot, über die +Seiten huschen grünliche Lichter, und die Flossen werden teilweise +wunderbar chromgelb. Übrigens ändert die Gesamtfärbung bei allen +lachsartigen Fischen ganz außerordentlich ab, wodurch ihre genaue +Beschreibung sehr erschwert wird und dem Systematiker viele +Verdrießlichkeiten erwachsen, zumal auch schon in freier Natur +zahlreiche Verbastardierungen vorkommen, so daß bezüglich einer strengen +Scheidung der einzelnen Arten auch heute noch vielfach Unklarheiten +herrschen. Alter, Geschlecht, Jahreszeit, Ernährungsverhältnisse, Klima, +Beschaffenheit des Wassers und des Untergrundes scheinen die dabei +maßgebenden Faktoren zu sein. Selbst Skelett, Flossenstrahlen und +Bezahnung, also Körperteile, die bei anderen Fischen als unverrückbar +feststehend gelten, und deshalb sichere Artkennzeichen abgeben, sind +mannigfachen Veränderungen unterworfen. Gleichzeitig mit dem Auftreten +der prangenden Hochzeitsfarben verdickt sich beim männlichen Lachse die +Oberkopf- und Nackenhaut schwartenartig, so daß die kleinen Schuppen +völlig darin verschwinden, die Schnauze streckt sich, und der +Unterkiefer wächst sich zu einem eberzahnartig nach oben gebogenen Haken +aus, der 6 _cm_ lang werden und dann das Schließen des Maules unmöglich +machen kann (Hakenlachs). Die bedeutsamsten Veränderungen gehen aber im +Inneren des Körpers selbst vor, indem nach und nach die +Geschlechtsorgane zu einer fabelhaften Mächtigkeit entwickelt werden. +Machten sie vorher nur 1/2 Proz. des Körpergewichtes aus, so jetzt 25 +Proz. und mehr! Diese einseitige Bereicherung erfolgt ganz auf Kosten +der feisten Rumpf- und namentlich Seitenmuskulatur, die förmlich +zusammenschrumpft, und so wird aus dem wohlgenährten Salm in kurzer Zeit +ein zwar bunter, aber klapperdürrer Geselle. Während bisher die Reise +nur langsam und zögernd, im gemächlichen Bummeltempo vor sich ging, +ergreift nun die von reifen Geschlechtsprodukten strotzenden Fische ein +schier unbändiger Wandertrieb, der sie alle Hindernisse überwinden und +rücksichtslos das Leben aufs Spiel setzen läßt, um das Ziel ihrer +Sehnsucht baldmöglichst zu erreichen. Zur leichteren Überwindung des +Wasserwiderstandes ordnen sie sich wie Kraniche oder Wildgänse zu +keilförmigem Zuge, wobei das älteste und stärkste Exemplar die Spitze +nimmt. Stellt sich ein Wehr oder Wasserfall entgegen, so schwimmen die +Fische bis unmittelbar an seinen Fuß heran, stützen sich mit der +Schwanzflosse auf einen Stein und schnellen sich dann durch einen +gewaltigen Muskeldruck mit halbmondförmig gekrümmtem Körper aus dem +Wasser heraus und über das Hindernis hinweg, wobei sie Sprünge von 3-4 +_m_ Höhe und 5-6 _m_ Weite im Bogen vollführen. Mißlingt der erste, so +wird er unzählige Male wiederholt, bis das Wagnis endlich doch glückt +oder der Lachs mit zerschundenem Leibe sterbend auf dem trockenen Felsen +liegt. Nur sehr bedeutende Wasserfälle, wie der Schaffhausener, können +vom Lachse nicht überwunden werden, der deshalb auch dem Bodensee fehlt. +Das Allermerkwürdigste bei dieser harten und entbehrungsreichen +Brautfahrt ist aber der Umstand, daß die Lachse während ihrer ganzen, +sich über 4-6, ja selbst 10-12 Monate erstreckenden Dauer anscheinend +keinerlei Nahrung zu sich nehmen, sich also förmlich als Hungerkünstler +produzieren. Wenigstens hat man in ihrem Leibe noch niemals +Nahrungsreste irgendwelcher Art gefunden, vielmehr die Beobachtung +gemacht, daß Magen und Darm eintrocknen, keine Ausscheidungen mehr +liefern und selbst das Gebiß durch Nichtgebrauch verkümmert. Und daß +Lachse tatsächlich ein volles Jahr zu fasten vermögen, beweist ein von +Paton 12 Monate lang gefangen gehaltenes, nur 5pfündiges Exemplar, das +in dieser Zeit niemals gefüttert, wohl aber zweimal zum Befruchten von +Rogen abgestrichen wurde. Unser Wanderfisch ohnegleichen, der sich allen +Hindernissen zum Trotz im Kampf gegen Wehre, Schleusen und +Stromschnellen den Weg vom Meer zum Fels bahnt, ist also auch ein +Hungerkünstler, der Succi und Genossen weit übertrifft. Es handelt sich +hier um eines der größten und interessantesten Fastenexperimente, das +die Physiologie kennt. Bis in die kleinsten Gebirgsbäche hinauf wird die +Reise ausgedehnt, und nicht selten erreicht der Lachs dabei Meereshöhen +von 1000 _m_ und mehr. Wo reines, sauerstoffreiches Wasser flach über +kiesigen Untergrund strömt, da erscheint den weitgereisten Wanderern +endlich die Gelegenheit günstig, sich ihrer sie belastenden +Geschlechtsprodukte zu entledigen. In der Regel steht ein Rogner mit +einem alten und mehreren jungen Milchnern zusammen. Durch energisches +Fegen mit der Schwanzflosse schafft sich das Weibchen eine Laichgrube +und setzt in diese nach und nach seine 10-30000 rotbraunen Eier ab, die +von dem daneben liegenden oder etwas oberhalb im Wasser stehenden +Männchen sofort besamt und dann mit Sand oder Kies oberflächlich wieder +verdeckt werden. Die Tiere gehen in ihrer Buhlschaft, die sich 8-14 Tage +hinziehen kann, völlig auf, haben für nichts anderes mehr Sinn und +lassen sich an seichten Plätzen sogar mit Händen greifen. Das alte +Lachsmännchen ist während dieser Zeit eifersüchtig wie ein Türke, nimmt +jede Störung furchtbar übel und schießt wie ein böser Bullenbeißer auf +alles los, das seinen Unwillen erregt. Mit Geschlechtsgenossen der +eigenen Art setzt es dann erbitterte Kämpfe ab, bei denen das Blut +fließt und nicht selten einer der beiden Duellanten tot auf dem Platze +bleibt, während die jungen »Spetzker« die günstige Gelegenheit benutzen, +auch von den Freuden der Minne zu kosten, so daß wir hier ähnliche +Verhältnisse vor uns haben, wie zwischen Platzhirsch und Spießer. Bei +solchen Raufereien kommen dann Schwartenpanzer und Eberzahn zu ihrem +Recht. Das anstrengende Laichgeschäft erschöpft die letzten Kräfte der +vielgeprüften Fische. Zum Skelett abgemagert, todesmatt, mißfarbig +treten sie den Rückweg zum fernen Meere an, lassen sich vielmehr fast +ohne eigenes Zutun von der Strömung dorthin treiben, und nicht wenige +gehen dabei vor Erschöpfung zugrunde. Das Fleisch solcher Lachse ist fad +und weichlich geworden und durchaus kein Leckerbissen mehr, gilt +vielmehr als nahezu ungenießbar. Wieder im nahrungsreichen Meere +angekommen, erholen sie sich aber rasch, fressen nun tüchtig und nehmen +dadurch in einer Weise zu, die selbst im Reich der Fische einzig +dasteht. So wurde ein im Februar 1908 in England gefangener 8pfündiger +Lachs gezeichnet, und nach genau einem Jahre als fetter 20pfündiger +Bursche wieder gefangen. Der in den Gebirgswassern abgesetzte Laich +braucht geraume Zeit bis zum Ausschlüpfen, nämlich je nach den +Temperaturverhältnissen des Wassers 3-5 Monate. Die jungen Lachse leben +dann im allgemeinen etwa zwei Jahre an ihrem Geburtsorte oder in dessen +Nähe, bis sie gegen 40 _cm_ lang geworden sind und den schönen +Silberglanz bekommen, worauf sie langsam die Wanderung nach dem Meere +antreten, um sich hier tüchtig an Krebstieren, Gewürm, Muscheln und +kleinen Fischen zu mästen und die Geschlechtsreife zu erhalten, worauf +sie sich dann zum ersten Male auf die beschwerliche Brautfahrt begeben. +Unbedingt notwendig ist übrigens für die Lachse der hier geschilderte +fortwährende Wechsel zwischen Salz- und Süßwasser nicht, denn es gibt +auch Lachse in völlig abgeschlossenen Wasserbecken, wo sie dann +lediglich die seichte Uferzone zum Laichen aufsuchen. Über verschiedene +andere mit der Wanderung zusammenhängende Fragen gibt am besten der +Fisch selbst Auskunft, und zwar durch das Tagebuch, das er auf seine +Schuppen schreibt. Wir wissen ja, daß die Schuppen der Fische sogenannte +_Jahresringe_ aufweisen, nämlich regelmäßig abwechselnde Zonen +schnelleren und langsameren Wachstums, die reichlichen oder spärlichen +Ernährungsperioden entsprechen und sich mit den bekannteren Jahresringen +der Bäume vergleichen lassen, wie man auch nach ihnen gerade wie bei +diesen das Alter der Fische mit annähernder Sicherheit bestimmen kann. +Hutton hat nun herausgefunden, daß der frisch ins Meer eingewanderte +Junglachs auf der Schuppe deutlich zwei Zonen mit eng zusammengedrängten +konzentrischen Linien erkennen läßt. Sie entsprechen je einem +Winteraufenthalt im Süßwasser mit seiner knappen Ernährung. Später +schließt sich dann eine Zone an, in der die Linien ganz auffallend weit +auseinander stehen: der Fisch ist sehr rasch gewachsen, denn das Meer +bot ihm seinen Nahrungsreichtum dar. Aber auch dieser wird im Winter +spärlicher oder nicht in gleichem Maße ausgenutzt, und so markiert sich +jeder im Meer zugebrachte Winter wieder durch eine Zone eng beisammen +liegender Linien. Dadurch wird es ermöglicht, genau festzustellen, wie +viel Winter, bzw. Jahre der Lachs im Meere verbringt, ehe er erstmals +zum Laichen in die Flüsse emporsteigt, und es hat sich herausgestellt, +daß die in die Flußmündungen eintretenden kleinsten Lachse 1-3 +Winterringe auf den Schuppen tragen. Die lange Fastenzeit im Süßwasser +wird dadurch zum Ausdruck gebracht, daß die Schuppen sich auffasern und +aussehen, als seien sie schadhaft geworden. Diese abgeriebene Zone +bleibt stets erkennbar, auch wenn sich wieder neue Linien angesetzt +haben, und es hat sich so ergeben, daß der Lachs seine entbehrungsreiche +Brautfahrt nicht alljährlich unternimmt, sondern sich bisweilen ein Jahr +der Ruhe und Kräftigung im Meere vergönnt. Zu seinem Wohlbefinden +beansprucht der Lachs vor allem eins: reines, ungetrübtes Wasser, und er +ist deshalb aus unseren durch die Industrie verseuchten Gewässern leider +so leicht zu vertreiben wie kaum ein anderer Fisch. Fast wie eine Sage +mutet es uns an, daß einst in Hamburg, Pommern, West- und Ostpreußen die +Dienstboten sich verbaten, mehr als zweimal wöchentlich Lachsfleisch +vorgesetzt zu erhalten, denn inzwischen ist der Lachsfang bei uns ganz +gewaltig zurückgegangen und auch das Aussetzen künstlich erzielter Brut +hat das köstliche Lachsfleisch, das in nordischen Ländern noch heute +vielfach Volksnahrungsmittel ist, noch nicht wieder verbilligen können. +Immerhin liefert der Lachsfang an der ostpreußischen Küste und der +Salmfang am Niederrhein auch jetzt noch recht schöne Erträge. Im Norden +ist der wertvolle Fisch, dessen Verbreitungsgebiet auch nach der Neuen +Welt hinübergreift, weit zahlreicher als bei uns, fehlt dagegen südlich +der Alpen, kommt also in allen sich ins Mittelmeer ergießenden Strömen +nicht vor. Es ist wohl anzunehmen, daß die heutige Verbreitung der +lachsartigen Fische auf die Einflüsse der letzten Eiszeit zurückzuführen +ist. Ursprünglich im hohen Norden heimisch und an ein kaltes Klima +gewöhnt, wanderten die Salmoniden mit den vorrückenden Gletschern nach +Mitteleuropa, und als die Gletscher wieder wichen, blieb ein Teil der +Einwanderer in den kühleren Gewässern zurück, und die dadurch +entstehende Isolierung begünstigte die Entwicklung zahlreicher nahe +verwandter Formen, während andere zu Wanderfischen wurden. So ist der +Lachs und seine Sippschaft ein köstliches Geschenk, das uns die Eiszeit +beschert hat. Der Fang des Lachses wird auf die verschiedenste Weise +betrieben. Besonders aufregend und unterhaltend ist das Speeren bei +Fackelschein. In England hat sich das Lachsangeln zu einem +aristokratischen Sport herausgebildet, der geradezu fanatische, vor +keinem Opfer zurückschreckende Anhänger zählt. Allenthalben in der +nordischen Welt trifft man diese englischen Lachsangler an. »Hoch oben +in der Nähe des Nordkaps habe ich sie sitzen sehen, diese +unverwüstlichen Fischer, mit einem aus Mücken gebildeten Heiligenschein +umgeben, eingehüllt in dichte Schleier, um sich vor den blutgierigen +Kerfen wenigstens einigermaßen zu schützen. In der Nähe ansprechender +Stromschnellen hatten sie Zelte aufgeschlagen, inmitten der +Birkenwaldungen auf Wochen mit den notwendigsten Lebensbedürfnissen sich +versehen, und standhaft wie Helden ertrugen sie Wind und Wetter, +Einsamkeit und Mücken, schmale Kost und Mangel an Gesellschaft, zahlten +auch ohne Widerrede den Besitzern eine Pacht von Tausenden von Mark für +das Recht, sechs Wochen lang hier fischen zu dürfen, und gaben außerdem +noch den größten Teil ihrer Beute unentgeltlich den Besitzern der +benachbarten Höfe ab.« (Brehm.) + +Eine nahe Verwandte des Lachses ist das wertvollste Kleinod unserer +Gebirgswässer, die vielgerühmte _Forelle_ (_Trútta fário_). Sie ist aber +im Gegensatz zu ihm Standfisch oder wandert doch nur zur Laichzeit ein +wenig flußaufwärts, wobei sich beide Geschlechter getrennt halten, sich +schließlich aber doch wieder mit Sicherheit zusammenfinden. Erfahrene +Fischer wollen sogar eine gewisse Zuneigung der einzelnen Individuen zu +ganz bestimmten Artgenossen festgestellt haben und behaupten, daß die +Paare innig zusammenhalten und die Laichgrube gegen fremde Eindringlinge +gemeinsam auf das wütendste verteidigen. Bei diesen Eifersuchtskämpfen, +die mit dem scharfen Gebiß ausgefochten werden, gibt es Wunden und +Schrammen genug, und man findet deshalb nach Beendigung der Laichzeit +selten eine ganz unverletzte Forelle. Eingeleitet wird der Laichakt +durch reizende Schwimmspiele, wobei sich die Tiere in eleganten +Wendungen gegenseitig umschwimmen, zart aneinander reiben und durch die +gewagtesten Drehungen ihre schöne Färbung zur Geltung zu bringen suchen. +Der Laichakt selbst vollzieht sich in ganz ähnlicher Weise wie beim +Hecht. Das Weibchen bereitet das Laichbett, indem es sich rasch von +einer Seite auf die andere wirft, durch kräftige Schwanzbewegungen die +Kiesel beiseite fegt oder solche wohl auch mit dem Maule entfernt. Sind +die orangefarbenen Eier abgelegt und befruchtet, so werden von beiden +Gatten gemeinsam mit aller Kraft Kieselsteinchen auf das Laichbett +geschleudert, die sich oft zu einem kleinen Hügel auftürmen. Die +Gesamtzahl der Eier beträgt nur etwa 1000, und sie werden in größeren +Zwischenräumen abgelegt, so daß sich das Laichgeschäft, das meist in die +Wintermonate fällt, über eine volle Woche hinzieht. Erst nach frühestens +zwei Monaten entschlüpfen die anfangs recht unbehilflichen und durch den +großen Dottersack in ihren Bewegungen sehr behinderten Jungen. Da, wo +klares, sauerstoffreiches Wasser über Moos, Kiesel und Felstrümmer rasch +dahinströmt, dazwischen ruhigere Stellen mit tieferem Wasser sich +finden, überhängende Uferränder gute Schlupfwinkel abgeben und am Rande +stehende Bäume die Oberfläche beschatten, fühlt sich die Forelle am +wohlsten, und sie steigt an solchen Örtlichkeiten selbst bis zur +Schneegrenze aufwärts, bleibt dann allerdings wegen der knappen Nahrung +stets auffällig klein. Doch vermag sie sich auch allen möglichen anderen +Verhältnissen anzupassen, wenn nur durch lebhaften Wellenschlag für eine +genügende Anreicherung des Wassers mit Sauerstoff gesorgt ist. So +gedeiht sie recht gut in entsprechenden Teichen, die von kalten Quellen +gespeist werden. Unsere Forellenbestände sind durch schonungslose +Überfischerei und durch Vergiftung der Bäche mit Fabrikabwässern leider +schon so stark zurückgegangen, daß der wohlschmeckende Fisch, für den +namentlich in »modernen« Touristengegenden oft ganz märchenhafte Preise +bezahlt werden müssen, heute nur noch die Tafel der Reichen schmückt. +Ehemals war das ganz anders, und im östlichen Montenegro z. B. lernte +ich die Forelle auch jetzt noch als ein billiges Volksnahrungsmittel +kennen. Nebenbei gesagt, war in den betreffenden Gegenden auch die +Wasseramsel überaus häufig, die von unseren Fischzüchtern so vielfach +als die schlimmste Feindin der Forelle hingestellt wird. Wenige Fische +sind so menschenscheu und vorsichtig wie die Forelle. Nur wenn ringsum +alles ganz ruhig ist, kommt sie aus ihrem Versteck zwischen Baumwurzeln +oder Steinen heraus und stellt sich mit dem Kopfe gegen die Strömung, +indem sie sich durch richtig abgemessene Schläge der Brustflossen und +schraubenartige Bewegungen der Schwanzflosse stundenlang auf der +gleichen Stelle erhält und geduldig darauf lauert, ob nicht ein +günstiger Zufall ein Beutetier vorüberführen oder ein Insekt ins Wasser +wehen wird. Nach über dem Wasser tanzenden Mücken oder Eintagsfliegen +springt der Fisch auch aus seinem Elemente heraus und erhascht die +Ahnungslosen mit geschickter Wendung. Bei dem geringsten Anzeichen von +Gefahr aber schießt die Forelle pfeilschnell ihrem Schlupfwinkel zu, +tauscht diesen gleich darauf mit einem anderen und ist so gar nicht +leicht ausfindig zu machen, obgleich sie als ein überaus zäher +Standfisch bei Tage aus einem Gebiet von etwa 20 _m_ Bachlänge kaum +herausgeht. Bei Nacht schweift sie auf der Nahrungssuche weiter umher +und zeigt sich dann als ein tüchtiger Räuber, der selbst der eigenen +Nachkommenschaft nicht schont. Wie gefräßig die Forellen sind, geht +daraus hervor, daß man schon Stücke gefangen hat, denen noch das +Schwanzende einer erst halb verdauten Ringelnatter zum Maule heraushing, +da die verzehrte Schlange doppelt so lang war als der Fisch. Im +allgemeinen gelten bei uns mehr als halbmeterlange Forellen als eine +Seltenheit. Doch sind auch schon mehr als meterlange Exemplare mit +entsprechendem Gewicht vorgekommen. Der Feinschmecker wird ihnen stets +die kleinen Portionsforellen vorziehen. Die ansprechende Färbung mit der +hübschen Tüpfelzeichnung wechselt fast in noch höherem Maße als beim +Lachs, und diese Verschiedenheit erstreckt sich sogar auf das Aussehen +des Fleisches, das alle Zwischenstufen vom reinsten Weiß bis zum schönen +Lachsrot durchlaufen kann. Die englischen Sportfischer behaupten, daß +das Fleisch um so röter werde, je mehr phosphorhaltige Nahrungsmittel +der Fisch vertilge. Auch sollen die am schönsten gefärbten und am +lebhaftesten gefleckten Forellen das weißeste Fleisch haben und +umgekehrt, Teichforellen ein röteres als die in steinigen Bächen +lebenden. In Torfgewässern trifft man fast schwarze Forellen, in +unterirdischen Wasserläufen, so in von einem Bach durchströmten +Tunneldurchschlägen, nicht eben selten Albinos oder auch blinde +Exemplare, in kleinen Gebirgsbächen die am hübschesten gezeichneten. In +seiner Jugend hat unser Fisch, dessen Farbstoffe auch in die Flossen +eintreten, Bänderzeichnung aufzuweisen. Nach den Untersuchungen Wagners +unterscheiden sich diese Jugendbänder ihrer Pigmentierung nach nicht +quantitativ, sondern nur qualitativ von den übrigen Partien der +Oberhaut; sie sind also nicht aus einer größeren Anzahl von +Chromatophoren (Farbstoffzellen in der Haut) zusammengesetzt, sondern +diese befinden sich in einem anderen Zustande der Ausdehnung, können +unabhängig von denjenigen des übrigen Körpers tätig sein und werden auf +besondere Art mit Nervenfasern versorgt. Das Plasma der orangeroten +Zellen ist von einer ölartigen Masse erfüllt, die dem Dottersacköl der +Embryonen sehr nahe steht, vielleicht sogar mit ihm gleichbedeutend +ist. Sie bilden in ihrem Inneren die später außenzelligen +Liptochromtröpfchen, die die roten Tupfen der älteren Forellen +zusammensetzen. Zur Laichzeit werden diese auf dem Bauch mehr oder +minder schwärzlich und besitzen jederzeit ein ziemlich starkes +Farbanpassungsvermögen. Bei uns darf die Forelle (sie hieß früher +»Fohre«, im Bayrischen jetzt noch »Föhrchen«, und in Mitteldeutschland +wird ihr moderner Name vielfach noch auf der ersten Silbe betont) wohl +als der beliebteste Angelfisch gelten, da sie in ihrer Raubgier gut auf +den Insektenköder oder auf die künstliche Fliege geht. Ihr zartes, von +den Alten merkwürdigerweise nicht gewürdigtes, fein nußartig +schmeckendes Fleisch wird in Deutschland in der Regel blau gesotten, in +Oesterreich dagegen meist gebacken --in meinen Augen eine Barbarei. In +jüngster Zeit sind die Forellenbestände mancher Gegenden durch die +eigenartige Taumelkrankheit arg mitgenommen und gefährdet worden. +Verursacht wird diese Seuche durch einen in den inneren Geweben, +besonders aber im Gehirn schmarotzenden, winzigen Algenpilz, den +_Ichthyophonus hoferi_, wie er zu Ehren Hofers heißt, der die +Taumelkrankheit 1893 erstmalig beschrieb. Merkwürdig ist, daß die Fische +immer nur in einem gewissen Lebensalter von der sich zuerst durch +Dunkelfärbung des Schwanzendes kenntlich machenden Krankheit ergriffen +werden. + +Glücklicherweise ist gerade die Forelle in hohem Maße für die +_künstliche Fischzucht_ geeignet. Hat diese auch nicht all die +überschwenglichen Hoffnungen erfüllt, die man in der ersten Begeisterung +auf sie gründete, so darf sie doch schon heute als ein +volkswirtschaftlich nicht unbedeutender Faktor und als ein geeignetes +und wirksames Mittel gelten, der drohenden Verödung unserer Gewässer +entgegenzuwirken. Obwohl bereits zur Zeit des 7jährigen Krieges der +Mathematiker, Landwirt und Landeshauptmann Jacobi im Lippeschen die +Grundzüge der künstlichen Fischzucht und ihre Bedeutung richtig +erkannte, geriet seine Entdeckung doch wieder in Vergessenheit, da die +Zeiten zu bewegt, eine Presse zur raschen und allgemeinen Verbreitung +gemeinnütziger Ideen kaum vorhanden war, und da es vor allem noch keinen +Mangel an Fischen gab. Erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kamen +zwei einfache französische Fischer, Remy und Gehin, erneut auf den guten +Gedanken, der nun in dem Pariser Professor Coste einen begeisterten +Propheten und in Napoleon _III._ einen verständnisvollen Förderer fand. +Sein etwas voreiliges Versprechen, in wenigen Jahren ganz Frankreich mit +Edelfischen zu bevölkern und jedem Franzosen eine stattliche Forelle auf +den Sonntagstisch zu zaubern, vermochte Coste freilich nicht einzulösen, +wie überhaupt die ganze Sache in Deutschland bald kräftiger und +praktischer entwickelt wurde. In sehr hoher Blüte steht sie heute in der +Schweiz, wo 180 Brutanstalten in Betrieb sind und jährlich einige 50 +Millionen Jungfische verschiedener Art liefern. Früher brachte man Rogen +und Milch, die durch sanftes Streichen an der Bauchseite der Tiere +gewonnen werden, im Wasser zur Berührung, wobei sich eine Befruchtung +von etwa 50 Proz. ergab, immerhin ein großer Fortschritt gegen die +natürlichen Verhältnisse, wo nicht viel mehr als 10 Proz. der Eier +wirklich befruchtet werden. Seit man aber dazu übergegangen ist, die +Geschlechtsprodukte ohne Wasserzusatz trocken mit einer Gänsefeder zu +verrühren und die Eier zunächst in ein Sieb zu entleeren, aus dem der +mit ausfließende und sie schädigende Harn abfließen kann, hat man das +sehr befriedigende Ergebnis von 90 Proz. Befruchtung erzielt. Die Eier +quellen nämlich im Wasser rasch auf und sind dann für die Samenfäden +nicht mehr zugänglich. Bei der ganzen Manipulation muß man fix +verfahren, denn die Samenfäden der Fische haben nur eine sehr kurze +Lebensdauer und Bewegungsfähigkeit. Sie soll bei der Forelle nur 40, +beim Lachs nur 45 Sekunden betragen, beim Karpfen und Barsch größer sein +und beim Hecht sich gar über vier Minuten erstrecken. Nachdem die Eier +mit Wasser übergossen wurden (unbefruchtet gebliebene verraten sich bald +durch weiße Farbe), kommen sie in die Brutkästen, die fortwährend von +frischem, schlammfreiem und sauerstoffreichem Wasser durchspült werden, +das ständig auf gleicher Temperatur zu halten ist. Vor Erschütterungen +sind die Eier sorgsam zu bewahren, auch ab und zu abzubrausen, um eine +Verschleimung zu verhüten, und täglich müssen abgestorbene oder +verpilzte Eier ausgelesen und entfernt werden. Sobald dann erst die +Augenpunkte der Embryonen sichtbar werden, sind die Eier weniger +empfindlich. Die Milch eines Männchens genügt, um die Eier mehrerer +Rogner zu befruchten. Trotzdem scheinen in freier Natur, wie überhaupt +bei den meisten Fischen, mehr Männchen als Weibchen vorhanden zu sein, +und man hat daraus schließen wollen, daß die Fische in Polyandrie +(Vielmännerei) leben, soweit von einer solchen bei einer nur äußerlichen +Vereinigung der Geschlechtsprodukte überhaupt die Rede sein kann. +Bezüglich des Geschlechts der Nachzucht soll nach den Erfahrungen der +Aquarienfreunde an ausländischen Zierfischen die Temperatur maßgebend +sein, in der die Elterntiere gehalten wurden. Bei warmer Temperatur soll +der Laich mehr Weibchen liefern, bei kalter mehr Männchen. Von der +gerade bei Fischen leicht durchzuführenden Bastardzucht, von der man +sich vor einigen Jahrzehnten wahre Wunder versprach, ist man jetzt so +ziemlich wieder abgekommen. Sie hat im allgemeinen mehr geschadet als +genützt, und in der Regel hat die freie Natur die Produkte allzu +eifriger Züchter bald wieder fortgefegt. Ebenso sind die Gefahren der +Inzucht bei der Fischzucht nicht gering anzuschlagen. Mit dem Schwanze +voran, entschlüpfen die jungen Forellen nun endlich der Eihülle und +müssen nach Aufzehrung ihres umfangreichen Dottersackes mit Daphnien, +Mückenlarven, Eigelb, Quark, Kalbshirn und dergl. ernährt werden, worauf +sie in die Streckteiche kommen, wo sie bei Fütterung mit +Schellfischfleisch, Leber, mit Mehl oder Kleie verknetetem Blut rasch +wachsen. Einjährig werden sie endlich in die freien Teiche oder +Bachläufe eingesetzt und können dann schon nach 6-8 Monaten das +Marktgewicht erreichen, ohne noch viel von ihren natürlichen Feinden, +die ihnen ja im zarten Alter am gefährlichsten sind, leiden zu müssen. +Gerade in Forellenbrutanstalten kann man sehr gut die _Entwicklung_ des +Fisches im Ei beobachten. Die Furchung ist eine partielle, indem nur der +Bildungsdotter eine Teilung erfährt, und die von der Seite her +erfolgende Einstülpung bleibt unvollkommen: der dem Nahrungsdotter dann +scheibenförmig aufliegende Keim wird zur zweischichtigen +»Scheibengastrula«. Im weiteren Verlauf der Entwicklung bildet sich die +Körperform immer deutlicher aus, indem die Keimscheibe durch Einrollung +nach unten die Form eines umgekehrten Kahnes annimmt. Das Vorderende mit +den stark hervortretenden Augen charakterisiert sich durch seine Dicke +bald als Kopf, das Hinterende durch seine Schlankheit als Schwanz. Das +Ganze umwächst den Nahrungsdotter, streckt sich in die Länge und hebt +sich von seiner Unterlage ab. Augen und Schwanz vollführen zuckende +Bewegungen, und letzterer bereitet dadurch das Ausschlüpfen vor. Die +zwei ursprünglichen Keimhäute bilden nach unten offene Röhren, das Haut- +und das Darmrohr, und als drittes kommt das Nervenrohr hinzu, das durch +Einstülpung vom Rücken her mit nachfolgender Abschnürung entsteht und +das spätere Rückenmark vorstellt. Von der inneren Keimhaut aus bildet +sich die Grundlage der späteren Wirbelsäule, und ein sich neu +einschiebendes drittes Keimblatt liefert die Stoffe zum Aufbau der +Knochen und Muskeln. Sehr früh macht sich das mit roten Blutkörperchen +erfüllte Herz bemerkbar. Am Halse zeigen sich Kiemenspalten und +dazwischen Kiemenbögen, und außen setzen sich als einfache Stümpfe die +Flossen an. + + [Illustration: Embryonalentwicklung eines Knochenfisches. (Nach + Kennel gez. von Dr. E. Bade.) + + _I._ Ei mit Keimscheibe, _k_ fixierte Randstelle derselben, + Hinterende des Embryo. _II._ Ausbreitung der Keimscheibe mit + Embryonal- oder Primitivwulst, _k_ fixierte Stelle. _III._ Stadium + mit stark nach vorn verlängerter und vortretender Embryonalanlage + der Rückenteile. _IV._ und _V._ Weitere Stadien, der Dotter ist + ganz von den Keimscheiben umwachsen, Kopf und Schwanz heben sich + ab, letzterer wächst nach hinten in die Länge. _VI._ Junger Fisch + mit Dottersack, in diesem die Blutgefäße und Fetttropfen.] + +Die Gruppe der lachsartigen Fische, die sich durch edlen Körperbau, das +Vorhandensein einer kleinen, strahlenlosen Fettflosse zwischen Schwanz- +und Rückenflosse, kleine Beschuppung und grätenarmes Fleisch +auszeichnet, umfaßt noch eine ganze Reihe wirtschaftlich wichtiger +Speisefische. Der _Huchen_ oder Donaulachs (_Sálmo húcho_) war früher +wohl auch Wanderer, ist aber notgedrungen zum Standfisch geworden, da +das Schwarze Meer, auf das er angewiesen wäre, wegen seines +Schwefelwasserstoffgehaltes keine geeigneten Tiefen bietet. Er bummelt +aber doch gerne -- schon der Ernährungsverhältnisse wegen -- ein wenig +in der Welt herum, indem er sich im Hauptstrome oder in den Nebenflüssen +sachte und allmählich nach aufwärts schiebt. Doch herrscht über die +Wanderungen dieses stattlichen, 2 _m_ lang und 25 _kg_ schwer werdenden +Fisches noch viel Unklarheit, was auch im wirtschaftlichen Interesse +sehr zu bedauern ist, da er ein besonders wohlschmeckendes weißes +Fleisch hat und die Ausübung des Angelsports auf ihn mancherlei +interessante Momente und Erlebnisse zu zeitigen pflegt. Seiner Größe +entsprechend ist der Huchen ein gewaltiger Räuber, der oft wie ein +Windhund hinter seiner Beute dreinjagt und sich dabei als ein sehr +gewandter Schwimmer zeigt, und der selbst Wasserratten und +Wassergeflügel nicht verschont. Gewöhnlich steht er im tiefen, stark +strömenden Wasser, und nur zur Laichzeit sucht er flache und kiesige +Stellen auf. Diese fällt übrigens bei ihm im Gegensatz zu anderen +Salmoniden in die Frühjahrsmonate. Ein Charaktertier der stillen und +kalten Gebirgsseen unserer Alpen ist der _Saibling_ (_Sálmo +salvelínus_), der von allen unsren Fischen das köstlichste Fleisch +liefern soll und deshalb sehr teuer bezahlt wird, obschon sein +durchschnittliches Gewicht nur 1/2 _kg_ beträgt. Da er willig +künstliches Futter annimmt und sich überhaupt recht widerstandsfähig +zeigt, eignet er sich auch gut zur Mast. Gewöhnlich hält sich dieser +ausgesprochene Standfisch scharenweise in größeren Tiefen seiner +Wohngewässer auf und steigt nur abends zum Mückenfang an die Oberfläche +empor. Den in den Seen des Salzkammergutes und namentlich im Gosausee +lebenden _Schwarzreiter_ möchte ich für eine Kümmerform des Saiblings +halten. Die _Meer-_ oder _Lachsforelle_ (_Sálmo trútta_) verbringt den +größten Teil ihres Daseins im Salzwasser unserer Küsten und vollführt +von da aus des Laichgeschäftes halber ähnliche Wanderungen wie der +Lachs, wird aber nicht so hoch geschätzt wie dieser. Als eine durch +ständigen Aufenthalt im Süßwasser seßhaft gewordene Abart von ihr ist +die _Schwebe-_ oder _Seeforelle_ (_Sálmo lacústris_) aufzufassen, die +eine ähnliche Verbreitung hat, wie der Saibling, aber in etwas +abgeänderter Form auch in den Seen Skandinaviens und Schottlands +vorkommt. Zum Laichen steigt der stattliche, sich sonst in +beträchtlicher Tiefe aufhaltende und hier fleißig auf Lauben und Renken +jagende Fisch in den einmündenden Flüssen während des Winters aufwärts. +Die von den alten Weibchen angelegten Laichgruben sind so umfangreich, +daß sie bequem einen liegenden Mann aufnehmen können. Interessant ist, +daß dieser wirtschaftlich wichtige Fisch in zwei verschiedenen Formen +auftritt, die namentlich im Bodensee scharf differenziert sind. Es ist +ja eine bekannte Tatsache, daß bei allen Salmoniden gewisse Individuen +sich geschlechtlich nicht zur Reife entwickeln und auch äußerlich +zeitlebens von den normalen Exemplaren verschieden bleiben. Wenigstens +ist der berühmte Fischforscher v. Siebold der Ansicht, daß diese +Unfruchtbarkeit für das ganze Leben anhalte und in den meisten Fällen +auf die Abgeschlossenheit in zuflußlosen Seen zurückzuführen sei, +während Widegren die Sterilität nur für eine vorübergehende Erscheinung +hält, da die Fische in einer späteren oder auch sehr viel späteren +Periode doch noch geschlechtlich vollreif würden. Vielleicht bringen die +seit 1907 angestellten Markierungsversuche Klarheit in diese einstweilen +noch recht dunkle Frage. Jedenfalls ist im Bodensee die behäbige, +stumpfschnauzige, dunkle, geschlechtsreif werdende Form als +»Grundforelle« ganz verschieden von der schlanken, spitzschnauzigen, +silberigen, nur sehr spärlich gefleckten und stets kleiner bleibenden +»Mai-«, »Silber-« oder »Schwebeforelle«, so daß der den ansässigen +Fischern längst bekannte Unterschied beider auch dem Laien sofort +auffällt. Ihrer Schnellwüchsigkeit und des dadurch bedingten +wirtschaftlichen Wertes halber sind aus Nordamerika der _Bachsaibling_ +(_Sálmo fontinális_) und die _Regenbogenforelle_ (_Sálmo iridéus_) bei +uns eingebürgert worden. Ein nur 15-30 _cm_ lang werdendes, stark +silberglänzendes Fischchen mit tief gespaltenem Maul ist der sehr +variable _Stint_ (_Osmérus eperlánus_), seines üblen Geruches halber +auch »Stinkfisch« benannt. Namentlich in den Haffen der Ostsee tritt er +zu gewissen Jahreszeiten in wahren Unmassen auf, so daß ein sehr +lohnender Fang betrieben wird. Hat man sich einmal an den zum mindesten +recht eigenartigen Geruch gewöhnt, so wird man das Stintfleisch und +besonders die aus ihm bereitete delikate Suppe hoch zu schätzen wissen. +Gewöhnlich wissen die Fischer mit dem übergroßen Stintsegen allerdings +nichts anderes anzufangen, als ihn in die Schweinetröge zu schütten oder +als Dung auf die Felder zu fahren, bestenfalls ihn zur Tranbereitung +einzukochen. Die flüchtige, ungemein bewegliche, höchstens 1-1/2 _kg_ +schwer werdende _Äsche_ (_Thymállus vulgáris_) mit der prachtvoll +purpurroten, durch schwarze Fleckenbinden noch gehobenen Rückenflosse +darf wohl als einer der schönsten und anmutigsten deutschen Fische +bezeichnet werden. Sie bevorzugt ähnliche Örtlichkeiten wie die +Forelle, siedelt sich jedoch in der Regel etwas unterhalb der +Forellenregion an. In bezug auf Reinheit und Sauerstoffgehalt des +Wassers ist die Äsche noch anspruchsvoller als die Forelle, schweift +auch mehr herum als diese und lebt geselliger. Neben Insekten verzehrt +sie hauptsächlich Schnecken und kleine Muscheln und produziert ein das +Entzücken aller Feinschmecker bildendes Fleisch, das angeblich nach +Thymian riechen soll, wovon ich allerdings noch nichts wahrzunehmen +vermochte. Die nur kleine oder mittelgroße Arten umfassende Gattung +Coregonus zeichnet sich durch größere Schuppen und mehr weißfischartigen +Körperbau vor den echten Lachsen aus. Zu ihr gehört die _große Maräne_ +(_Coregónus lavarétus_), die gleich ihren Verwandten in beträchtlichen +Tiefen ein lichtscheues Dasein führt und nur zur Laichzeit in flacheres +Wasser kommt. Ihre teilweise Isolierung in abgeschlossenen Binnenseen +hat die Bildung zahlreicher Lokalformen begünstigt, von denen hier +Wander-, Madü- und Edelmaräne genannt seien, denen sich die in alpinen +Seen lebende Bodenrenke zugesellt. Alle Maränen, die für den Fang +allerdings fast nur zur Laichzeit zugänglich sind, gelten ebenso wie die +übrigen Angehörigen dieser Gruppe für äußerst wohlschmeckend. Besonders +wichtig sind alle verschiedenen Renkenformen für die Stromfischerei +Sibiriens, wo der Fang auf sie im großartigsten Maßstabe betrieben wird. +Die in den Seen Norddeutschlands heimische _Zwergmaräne_ (_Coregónus +álbula_), die nicht leicht über 35 _cm_ lang wird, nährt sich +hauptsächlich von kleinen Krustern und zeigt sich in warmen +Sommernächten unter vielem Geplätscher auch an der Oberfläche. In +geräuchertem Zustande bildet sie eine hochgeschätzte Delikatesse und +geht als solche in alle Welt hinaus. Das _Blaufelchen_ (_Coregónus +wartmánni_) ist der bekannteste Speisefisch des Bodensees und kommt in +etwas abgeänderter Form (Traunseemaräne, Pfäffikonmaräne usw.) auch in +anderen Alpenseen vor. In tiefen und kühlen Wasserschichten führen diese +sehr geselligen Fische ein unstetes Wanderleben, indem sie den frei im +Wasser schwebenden Kleintieren folgen. Zur Laichzeit drängen sie sich an +geeigneten Stellen derart zusammen, daß sie sich gegenseitig den das +Hochzeitskleid bildenden Körnerausschlag abreiben, der dann weithin den +Wasserspiegel bedeckt. Nach dem Zeugnisse Vogts sollen sie beim Laichakt +paarweise meterhoch aus dem Wasser herausspringen und dabei, Bauch gegen +Bauch gekehrt, gleichzeitig Milch und Rogen fahren lassen. Der sehr +lohnende Fang der Blaufelchen, die 1886 mit Erfolg auch im Laacher See +eingebürgert wurden und sich dort schon stark umgebildet haben, erfolgt +zur Laichzeit in großen Zugnetzen, sonst mit tiefgehenden Angelschnüren. +In der Hauptsache auf Boden- und Ammersee beschränkt ist das kleinere, +durch kurzen Leibesbau und deutlich gebogenen Rücken ausgezeichnete +_Kropffelchen_ (_Coregónus hiemális_) oder der _Kilch_. Von allen Renken +ist diese Art der ausgesprochenste Tiefenfisch, so daß er bei raschem +Heraufholen »trommelsüchtig« wird, indem die Schwimmblase sich infolge +des plötzlich verminderten Atmosphärendrucks jäh ausdehnt, dadurch den +Leib unförmlich auftreibt, die Eingeweide verschiebt und schließlich +wohl gar den Leib mit lautem Knall zum Platzen bringt. Da der Kilch nur +zur Laichzeit für wenige Tage in die Ufergewässer kommt, wissen wir über +seine Naturgeschichte noch recht wenig, und auch sein Fang ist aus dem +gleichen Grunde schwierig und wenig lohnend. Ganz das Gegenteil gilt vom +_Schnäpel_ (_Coregónus oxyrhynchus_), einem sehr wanderlustigen +Gesellen, der wie der Lachs zum Laichen aus der Nord- und Ostsee +truppweise in die Flüsse steigt, hier allerdings seine Wanderungen nicht +so weit ausdehnt, wie jener. Dafür beginnt die junge Schnäpelbrut schon +dem Meere zuzustreben, wenn sie kaum erst den Dottersack aufgezehrt hat. + +Als den Wolf in unserer heimischen Fischwelt könnte man den _Hecht_ +(_Esox lúcius_) bezeichnen. Wie jenes grimmige Säugetier ist auch er von +einer unbändigen Raublust beseelt, wie jener erscheint er beständig vom +Hunger geplagt und wagt sich dann an größere Geschöpfe, wie jener ist er +der Schrecken aller friedliebenden Tiere in seiner Umgebung. Der +langgestreckte, walzenförmige Leib mit der weit nach hinten gestellten, +der Afterflosse gerade gegenüber befindlichen Rückenflosse, der +charakteristische Alligatorkopf mit der entenschnabelähnlichen Schnauze +und den niederträchtig blickenden, starren Augen, das Überwiegen der +grünen Farbe auf dem Oberkörper, das ungewöhnlich scharf abgesetzte +Schwanzende mit der tief gegabelten Flosse machen den Hecht sofort +kenntlich. Während die große Mehrzahl der Hechte bei uns nur meterlang +wird, werden doch nicht allzu selten auch Stücke von doppelter Länge und +bis zu 35 _kg_ Gewicht gefangen. Ja, es scheinen gerade bei diesem +Fische wahre Goliaths vorzukommen. So berichteten die Tageszeitungen, +daß im Juni 1908 im Ammersee durch den Wellenschlag eines Dampfers ein +Hecht an den Strand geworfen worden sei, der nicht weniger als 60 _kg_ +gewogen habe und ganz von Moos überzogen gewesen sei. Eine freilich +nicht genügend verbürgte Überlieferung erzählt, daß ein im Jahre 1250 +von Kaiser Friedrich _II._ eigenhändig bei Kaiserslautern ausgesetzter +und gezeichneter Hecht im Alter von 267 Jahren wieder gefangen worden +sei und dann 175 _kg_ (?!) gewogen habe. Jedenfalls steht soviel fest, +daß Wachstum und Gewicht beim Hechte außerordentlich verschieden sind, +je nach der Ergiebigkeit seiner Jagdgründe. Erscheinen ihm diese nicht +reichhaltig genug, so entschließt er sich oft zur Auswanderung und +scheut sich dabei nicht, kleinere Hindernisse nach Lachsart zu +überspringen. Seine Raubgier ist unermeßlich, sein Heißhunger +unersättlich, seine Tollkühnheit verblüffend, seine Kraft und +Schnelligkeit bewundernswert, seinem ganzen Wesen haftet etwas von der +brutalen Gewalt verschollener Zeiten an. Man hat berechnet, daß er zu +seiner Erhaltung wöchentlich so viel Fischfleisch benötigt, als er +selbst wiegt, und daß er, um 1 _kg_ Gewichtszunahme zu erzielen, 25 _kg_ +Fische verzehren muß. Wer selbst einmal Junghechte im Aquarium gehalten +hat, dem werden diese Zahlen eher noch zu niedrig gegriffen erscheinen. +So verzehrte ein nur 30 _cm_ langer Hecht im Aquarium täglich 15 +Weißfischchen. Die Jagdweise des Hechtes ist ein heimliches +Heranschleichen und plötzliches Losschnellen. Oder er liegt stundenlang +fast bewegungslos auf der Lauer. Dabei gewährt sein gleichzeitig kühner +und hinterlistiger Gesichtsausdruck dem Beobachter einen hohen Reiz. +Jede Gemütsregung des Fisches verrät sich in seinen Stellungen, seinem +Augen- und Flossenspiel. Sehr hübsche Beobachtungen hierüber hat der +mehrfach erwähnte Ward gemacht. Bewegungslos liegt der Hecht im +Rohrbett, mit dem Körper gerade auf dem Boden, gestützt auf die Flossen, +alle Muskeln sind schlaff, nur die Rückenlinie zeigt schwache Bewegung, +aber die flach anliegende Rückenflosse offenbart die seelische Ruhe des +Tieres. Nur der gierige Blick des Auges verrät, daß der Hecht trotz +alledem ständig auf dem Posten ist. Plötzlich, als ein sicheres Zeichen +von Erregung, richtet sich die Rückenflosse auf und entfaltet sich, ohne +daß jedoch die übrigen Flossen und der Rumpf in Tätigkeit treten. +Augenscheinlich hat der Fisch in einiger Entfernung einen Lichtstreif +entdeckt, als ein Weißfisch sich zur Seite wandte und so seine Gegenwart +verriet. In dem Maße, wie er sich nähert, wächst die Erregung des +Hechtes, was sich deutlich an weiteren Bewegungen der Rückenflosse +erkennen läßt, die herüber und hinüber schwankt, sich öffnet und +schließt wie ein Fächer. Endlich entschließt sich der Hecht zum Angriff +und nimmt sogleich eine Haltung an, die deutlich seine Absicht erkennen +läßt: er erhebt sich auf den Flossen, alle Muskeln spannen sich, und die +Rückenlinie wird infolgedessen gerade wie ein Pfeil. Diese +Angriffsstellung ist im Augenblicke unveränderlich, kann aber nur einige +Sekunden oder höchstens Minuten beibehalten werden. Verschwindet nun der +Weißfisch wieder, so entspannen sich des Hechtes Muskeln, und die +Rückenflosse sinkt allmählich herab. Wenn aber das Opfer auch noch +weiterhin sich nähert, so schnellt der Hecht, durch eine schraubenartige +Bewegung seiner Schwanzflosse getrieben, hervor und gleitet nun langsam +vorwärts, indem er hinterlistig jeder Bewegung des Beutefisches folgt. +Schöpft der Weißfisch Argwohn, so hält der Hecht inne, und »hängt« +bewegungslos im Wasser, zitternd vor Unruhe. Ist aber endlich die +richtige Entfernung erreicht, so schnellt der Hecht plötzlich vor und +packt den Weißfisch in der Mitte des Körpers. Nur ein kleiner Wirbel auf +dem Wasserspiegel gibt der Außenwelt Kunde von dem Drama, das sich +soeben abgespielt hat. Mit einer ruckweisen Bewegung der Kinnbacken +wirft der Räuber sein Opfer herum und verspeist es mit dem Kopfe voran. +Manchmal sieht der Hecht beim Belauern oder Nachschleichen aber etwas, +das ihm mißfällt. Dann überkommt ihn der Zweifel: seine Muskeln werden +schlaff, der Rücken biegt sich, und der Fisch hängt bewegungslos im +Wasser, unausgesetzt den Gegenstand seines Argwohns betrachtend. Fühlt +er sich wieder sicher, so wird er abermals steif und schnellt zum +Angriff vor, will sich aber sein Argwohn nicht zerstreuen, so schleicht +er sich sachte fort. Ist der Angriff etwa fehlgeschlagen, so verändert +sich das Bild abermals völlig: mit gebogenem Rücken und zornig +schnappendem Rachen sinkt der Hecht enttäuscht zu Boden. Was er einmal +mit seinen nach hinten gerichteten Hechelzähnen (der aus Westdeutschland +stammende Name Hecht dürfte mit dem Zeitwort »hecheln« zusammenhängen) +gepackt hat, das läßt er so leicht nicht wieder aus. Manchmal kann ihm +aber gerade die Art seiner Bezahnung zum Verhängnis werden, indem er +einen in der Gier gefaßten, allzu großen Bissen nicht loszuwerden vermag +und nun elend ersticken muß. Raublustig ist er auch bei vollem Magen, +und selbst wenn ihm das Schwanzende des zuletzt verschluckten Fisches +noch unverdaut aus dem Maule ragt, schnappt er schon wieder nach neuer +Beute, wie die Erfahrungen der Angler sattsam beweisen. Alles ist ihm +recht, nur vor dem Stichling hat er einigen Respekt, aber sonst schont +er nicht einmal jüngere und kleinere Angehörige der eigenen Art, ist +vielmehr ein ausgesprochener Kannibale. Bilden auch Fische der +verschiedensten Art seine Hauptnahrung, so erjagt er doch auch im Wasser +sich tummelnde Säuger, Frösche, sich badende oder trinkende Vögel, junge +Enten und Wasserhühner, wo immer sich ihm Gelegenheit bietet. Nagender +Heißhunger verleitet ihn bisweilen zu den unglaublichsten Taten und zu +ganz zwecklosen Angriffen. So berichtet Wagener aus Irland, daß ein am +Flusse trinkendes Kalb plötzlich laut aufschrie, und als man hinzueilte, +fand sichs, daß ihm ein größerer Hecht an der Nase hing, den das +erschreckte Tier 50 Schritte weit mit forttrug, worauf ein wohlgezielter +Steinwurf den Räuber zur Strecke brachte. Verbürgte Fälle sind bekannt, +daß Schwäne von Hechten am Halse gepackt, unter Wasser gezogen und +ertränkt wurden. Am Badestrand zu Rossatz in der Wachau verspürte +unlängst ein junges Mädchen einen heftigen und schmerzhaften Anprall an +der Hüfte. Es zeigte sich, daß sie einen tief eindringenden Biß +davongetragen hatte, der aus einer ziemlichen Anzahl nadelstichartiger, +im Halbkreis angeordneter Wunden bestand, so daß kaum ein Zweifel +obwalten konnte, daß ein gewaltiger Donauhecht der Angreifer gewesen +war. Dieses Exemplar scheint also eine Vorliebe für »Backfische« +besessen zu haben. Über einen ganz unglaublichen Vorfall berichtete +kürzlich die Wiesbadener Zeitung: aus einem See bei Wollstein suchte ein +neunjähriger Knabe Hechte zu fangen, wozu er ein Loch in die Eisdecke +schlug. In demselben Augenblicke schnellte ein 16pfündiger Hecht empor +und verbiß sich in dem Arm des Knaben. Dieser wurde später samt dem +Hecht erfroren auf dem Eise aufgefunden (?). Fischzüchter pflegen Hechte +in die mit älteren Karpfen bevölkerten Teichen einzusetzen, damit +sie Leben in diese faule Gesellschaft bringen und die als +Nahrungsmitbewerber auftretenden Weißfische wegfangen sollen. Doch ist +dabei immer eine gewisse Vorsicht am Platze, und man darf die Hechte +keinesfalls zu groß werden lassen, damit sie sich nicht als »Wolf im +Schafstall« entpuppen. Seine schrankenlose Freßgier verurteilt den Hecht +zur Einsamkeit, und nur zur Laichzeit sucht er seinesgleichen auf. Schon +ganz zeitig im Frühjahr, wenn noch Eisstücke auf den Wassern schwimmen, +schreitet er zur Fortpflanzung und begibt sich dann an die seichtesten +Stellen, selbst in kleine Gräben und auf überschwemmte Wiesen, wobei er +nicht selten seine Lust mit dem Leben büßen muß. Hier kann er sogar mit +Pfeil und Bogen oder mit der Schrotflinte erlegt oder mit der Hechtgabel +gestochen werden, was namentlich nachts bei Fackelschein recht lohnend +ist, und wobei nicht selten beide Gatten gleichzeitig durchbohrt werden. +Eigentlich ist diese Fangart verpönt, wird aber doch in Norddeutschland +vielfach ausgeübt. Auch der Angler hat am Hecht seine Freude, da er in +seiner blinden Raubgier fast jeden Köder annimmt. Obgleich das +Hechtfleisch etwas trocken und ziemlich grätig ist, findet es doch viele +Liebhaber, ja begeisterte Lobredner. Aus eigener Erfahrung kann ich +versichern, daß die jungen »Grashechte«, wenn man sie oberflächlich in +der glimmenden Asche des Lagerfeuers röstet, eine treffliche Mahlzeit +abgeben, aber bezüglich der Riesenhechte halte ich es mit Marshall, der +den Genuß eines solchen mit demjenigen eines wohlgespickten Nadelkissens +vergleicht. Mittelgroße Hechte munden am besten, wenn sie wie +Hasenbraten gespickt und gebraten und mit saurer Sahnensauce begossen +werden. + +Der Riese unter unseren Süßwasserfischen ist der massige, ungeschlachte, +dickköpfige, breitmäulige, mit zwei langen und zwei kurzen Barteln +versehene _Wels_ (_Silúrus glánis_) oder Waller, dessen Rückenflosse +auffallend kurz, dessen Afterflosse dagegen ungewöhnlich umfangreich ist +und dessen glatter und schlüpfriger Haut die Schuppen vollständig +fehlen. Während der Bauch weißlich ist, hat der Rücken eine düstere +Schlammfarbe, die in Anpassung an die Verstecke des mächtigen Tieres +zwischen dem Wurzelwerk überhängender Ufer öfters in eigentümlich +zerrissener Weise marmoriert erscheint. Hier liegt der Wels, der sich am +liebsten in langsam fließendem Wasser mit reichem Pflanzenwuchs und +morastigem Untergrunde aufhält, tagsüber in träger Ruhe und läßt +lediglich seine Bartfäden spielen, um nach den dadurch angelockten +Fischen zu schnappen. Er ist überwiegend Nachttier und ein ganz +gewaltiger Räuber dazu. Bei seiner Größe (er wird über 3 _m_ lang und +bis zu 250 _kg_ schwer) vermag er recht umfangreiche Bissen, wie Gänse, +hinunterzuwürgen, und es ist durchaus keine Fabel, wenn man behauptet, +daß sogar badende Kinder ernstlich durch ihn gefährdet werden können. +Bei uns in Deutschland sind so große Welse freilich eine Seltenheit, +zahlreich aber habe ich sie am Kaspi gesehen. Dort kamen die Fische +Anfang April (alle mir zugänglichen Lehrbücher geben fälschlich Mai und +Juni an) massenhaft zum Laichen in die flachen, rohrbewachsenen +Uferbuchten, wo die Rogner ihre verhältnismäßig sehr kleinen und auch +nicht übermäßig zahlreichen (etwa 20000) Eier, aus denen ein +minderwertiger Kaviar gewonnen wird, an den Rohrstengeln abstrichen. Die +fast wie Kaulquappen aussehenden Jungen schlüpfen schon nach acht Tagen +aus. Während ich von dem für den Kaspi überall angegebenen +Grundangelbetrieb nirgends etwas gesehen habe, sperrten die Fischer +solche Buchten und Flußmündungen nach dem Eintreten der Welse mit großen +und starken Netzen ab und trieben die Tiere durch Vorrücken derselben +schließlich in einem Winkel zusammen. Auf kleinem Raum waren dann viele +Tausende der mächtigen Fischleiber zusammengedrängt, und zwischen diesem +wallenden Gewimmel fuhren die Tataren wagehalsig auf kleinen, schwanken +Booten herum und harpunierten mit großen Stoßlanzen einen der +gewichtigen Fische nach dem anderen heraus, um ihn dann mit gewaltigem +Schwung an Bord des von Armeniern besetzten Fischkutters zu werfen. Oft +mußten zwei oder drei Mann zugreifen, um die schweren Fische zu heben, +und nicht selten geschah es dabei, daß sie trotzdem insgesamt das +Übergewicht bekamen und in das aufspritzende Wasser mitten zwischen die +geängstigten Fischriesen stürzten. Dazu der glührote Fackelschein, das +Geschrei der aufgeregten Männer, das betäubende Gekreisch der unzähligen +großen Möwen, die sich um die fortgeworfenen Eingeweide zankten, der +gespenstige Anblick, den die auf dem Meer schaukelnden, abgeschnittenen +und im unsicheren Mondeslicht wie Menschenhäupter aussehenden Welsköpfe +boten -- das alles vereinigte sich zu einem so eigenartigen Bilde, daß +ich es nie vergessen kann. Einmal habe ich auch selbst am lichten Tage +einen in der Nähe des Ufers schwimmenden Wels mit Vogeldunst erlegt, der +auf den Schuß hin sofort die weiße Bauchseite nach oben kehrte. Das +weiße, fette Welsfleisch, auf das ich dort vielfach zu meiner Ernährung +angewiesen war, habe ich besser befunden, als seinen Ruf, und nur bei +sehr alten Stücken schmeckt es etwas tranig, ist dann auch für einen +verwöhnten Gaumen zu zäh. Eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit dem Wels +besitzt die freilich nur 60 _cm_ lang und höchstens 8 _kg_ schwer +werdende, äußerst räuberisch veranlagte _Quappe_ (_Lóta lóta_), auch +Aalraupe oder Trüsche genannt. Walzenförmiger Leib, dicker Kopf, kleine +Beschuppung und kurze Kinnbarteln bilden ihre hervorstechendsten +Merkmale. Mit dem Wels hat sie an und für sich nichts zu tun, gehört +vielmehr in die Verwandtschaft der weichstrahligen Schellfische, hat +aber doch in der Lebensweise viel Gemeinsames mit dem Waller. Wie dieser +ist sie ein ausgesprochener Nacht- und Bodenfisch, hält auch ähnliche +Standorte ein, obschon sie mehr Wert auf reine Beschaffenheit des +Wassers legt und deshalb hoch in den Gebirgsflüssen emporsteigt, wo dann +Forellenbrut ihre Lieblingsnahrung bildet. Den geschmeidigen Leib +schiebt sie mehr kriechend als schwimmend über den Boden hin, schießt +aber blitzschnell durchs Wasser, wenn man sie durch Aufheben eines +Steines aus ihrem Schlupfwinkel aufstöberte. Sonst sehr ungeselliger +Natur vereinigt sie sich doch während der in die kälteste Jahreszeit +fallenden Laichperiode zu wahren Knäueln. Steinbuch will beobachtet +haben, daß während des Laichaktes eine innige Vereinigung beider +Geschlechter stattfinde, die dabei durch ein von ausgeschiedenem +Milchsaft gebildetes Band fest zusammengehalten würden, doch hat diese +höchst auffällige Entdeckung eine spätere und einwandsfreie Bestätigung +von anderer Seite meines Wissens bisher nicht erfahren. Die Quappenleber +fand früher in der Arzneikunde Verwendung, und aus der Haut der +zählebigen Tiere bereitet man in Sibirien nicht nur Kleidungsstücke, +sondern sogar -- Fensterscheiben. Das Fleisch wird sehr verschieden +beurteilt, im allgemeinen aber wenig gewürdigt. Mit Unrecht! Es ist +zart, fett, grätenarm und von eigenartigem Wohlgeschmack. Wer es richtig +schätzen lernen will, der lasse sich von seiner Eheliebsten einmal die +Nationalspeise der ostpreußischen Haffischer »bunte Fische«, bereiten. +Verschiedene Lagen zerschnittener Kartoffeln wechseln mit ebensoviel +Schichten Fischfleisch ab. Je mehr, desto besser! Wichtig ist, daß die +unterste Schicht durch einen recht fetten Fisch gebildet wird, und dazu +eignet sich die Quappe mehr als jeder andere, wenn sie auch im Notfall +durch Aal ersetzt werden kann. Nach Beigabe des nötigen Wassers und +unter Zufügung der üblichen Gewürze, schraubt man dann den Topf zu und +läßt das Ganze nach Art des Pichelsteiner Fleisches dünsten, wobei sich +der köstliche Fischgeschmack in die zerfallenden Kartoffeln zieht. +_Probatum est!_ Ab und zu wird in unseren Gewässern auch einmal ein +Angehöriger der zu den Schmelzschuppern gehörigen Familie der _Störe_ +(_Acipénser_) gefangen, die durch ihren köstlichen Kaviar weltberühmt +geworden sind, indessen betrachten wir diese eigenartige, mehr im Osten +beheimatete Gruppe wohl besser erst im nächstjährigen Kosmosbändchen, +das von den ausländischen Fischen handeln soll. + + [Illustration: Mundscheibe des Neunauges.] + +Sehr tiefstehende, aber in mehr als einer Beziehung hochinteressante +Fische -- wenn man sie überhaupt noch zu den Fischen zählen darf -- sind +die wurmförmig gestalteten, als »Rundmäuler« eine besondere Ordnung +bildenden _Neunaugen_. Ihren Namen haben sie davon, daß man die sieben +Kiemenspalten jederseits und das unpaare Nasenloch als »Augen« +mitgezählt hat. Das Auffallendste an diesen, der paarigen Flossen +entbehrenden Geschöpfen ist der rüsselförmig vorgestreckte Mund mit +seiner kreisrunden Saugscheibe, von deren Gestaltung unsere Abbildung +eine gute Vorstellung gibt. Will sich das Tier damit irgendwo ansaugen, +so braucht es bloß den Zungenstöpsel zu heben, dadurch einen luft- +bezgl. wasserleeren Raum zu schaffen und die Saugscheibe fest gegen den +erwählten Gegenstand zu drücken. Es haftet dann so fest, daß man z. B. +eine dreipfündige Makrele samt einem zehnpfündigen Stein, an den sie +sich angesogen hat, aus dem Wasser heben kann. Die Neunaugen machen von +dieser Fähigkeit namentlich auch während des Laichgeschäftes Gebrauch, +indem sie oberhalb der Laichstelle ziemlich große Steine ansaugen, sich +mühsam mit ihnen erheben und sich dann langsam und absatzweise von der +Strömung bis zu dem Hochzeitslager treiben lassen. Beide Geschlechter +beteiligen sich fleißig an dieser beschwerlichen Arbeit, und unsere +größte Art, die _Lamprete_ (_Petromyzon marínus_) schleppt dabei +mehrpfündige Steine mit der Geschicklichkeit eines Ingenieurs fort, um +sie schließlich zu einem Haufen von Armeslänge und 60 bis 80 _cm_ Höhe +aufzutürmen, in den dann das Weibchen seine Eier hineinlegt, während die +ausschlüpfenden Jungen in den engen Zwischenräumen zwischen den Steinen +und in deren Spalten selbst geeignete Schlupfwinkel finden. Beim +Bachneunauge oder der _Zwergbricke_ (_Petromyzon pláneri_) hat ein +Aquarienfreund auch gesehen, daß sie sich im Bodensand aus Steinen +förmliche Wohnröhren baute, in denen das lichtscheue Geschöpf tagsüber +verborgen lag. Weiter dient die Saugscheibe den Neunaugen aber auch noch +zum Nahrungserwerb. Bei der Lamprete und bei dem Flußneunauge oder der +_Pricke_ (_Petromyzon fluviátilis_) wenigstens ist es zweifellos +festgestellt, daß sie eine teilweise parasitäre Lebensweise führen, +indem sie größere Fische ansaugen, ihnen mit den Raspelzähnen ihrer +Zunge Haut und Fleisch durchsägen und sich den Nahrungsbrei einpumpen, +während bezüglich der kleineren und harmloseren Zwergbricke die +Untersuchungen über diesen Punkt noch nicht abgeschlossen sind. Man hat +schon Fische gefunden, die von Neunaugen buchstäblich in zwei Stücke +zersägt waren. So vermögen sie zu furchtbaren Quälern und Feinden +anderer Fische zu werden, zumal sie auch viel Fischlaich verzehren, der +neben allerlei Gewürm ihre bevorzugte Speise auszumachen scheint. Gar +nicht unwahrscheinlich ist es, daß sie sich von ihren beschuppten +Reitpferden auch auf ihren Wanderungen gern ein Stück Weges tragen +lassen, da sie selbst mit ihren schlängelnden Bewegungen nur mühsam +größere Strecken zurücklegen können. Auf diese Weise dürfte auch das +vereinzelte Vorkommen von Lampreten in Gegenden zu erklären sein, die +sie sonst nicht aufsuchen, so im Oberrhein, wohin sie wahrscheinlich +durch Lachse verschleppt wurden. Interessant ist die Entwicklung der +Neunaugen, die ein Gegenstück zu derjenigen des Aales darstellt. Denn +wie bei diesem entschlüpft dem Ei nicht das fertige Tier, sondern eine +unfertige Zwischenform, eine Art Larve, die unter dem Namen »Querder« +schon lange bekannt ist, aber früher für eine besondere Fischart +gehalten wurde. Zeitweise findet man nur solche Querder in den +Gewässern, da die alten Neunaugen bald nach Beendigung des +Laichgeschäftes absterben. Der wurmförmige Querder ist blind, von +schmutzig gelblicher Farbe, ohne Metallglanz, ohne getrennte Flossen, +ohne richtige Saugscheibe und ohne Geschlechtsorgane. Im Schlamm und +Moder, den er freiwillig kaum verläßt und von dessen verwesenden +Bestandteilen er sich nährt, führt er ein höchst stumpfsinniges Dasein. +Nur ganz allmählich und langsam geht die tiefgreifende, mehrere Jahre +beanspruchende Verwandlung zum geschlechtsreifen Neunauge vor sich. +Während die Zwergbricke das Süßwasser zeitlebens nicht verläßt, sucht es +die sonst im Meer hausende Lamprete nur zur Laichzeit auf, und die +Pricke pendelt zwischen beiden hin und her, scheint sich aber am +liebsten im Brackwasser aufzuhalten. Sicherlich sind alle drei Formen +aus einem gemeinsamen Grundtypus in Anpassung an diese verschiedenen +Wohnorte hervorgegangen. Am zahlreichsten treten die beiden größeren +Formen an unserem Ostseestrande und in den dort einmündenden Strömen +auf, so namentlich bei Elbing, bei Memel und in den sich ins Kurische +Haff ergießenden Strömen, und nur in diesen Gegenden hat ihr Fang in +besonderen Brickensäcken wirtschaftliche Bedeutung zu erlangen vermocht. +Die Feinschmecker in den genannten Städten warten aber mit großer +Sehnsucht auf das Eintreffen der ersten Brickenfänger im Frühherbst. Ich +erinnere mich, daß in Memel dieses frohe Ereignis durch einen +Böllerschuß und das Aufziehen einer roten Flagge auf einer kleinen +Strandkneipe _urbi et orbi_ verkündigt wurde. Dann eilten alle +Leckermäuler dorthin und ließen sich die im eigenen Fett frisch auf dem +Rost gebratenen Neunaugen trefflich schmecken. Man darf aber des Guten +nicht zu viel tun, da sie schwer verdaulich sind, und handelt weise, +wenn man einen Kümmel draufsetzt. Leider lassen sich so geröstete +Bricken nicht verschicken, und der Binnenländer, der sie nur als +marinierte Fische kennt, hat keine Ahnung von ihrem köstlichen +Wohlgeschmack. Leider nehmen diese Schmarotzerfische rasch ab, und ihre +ganze Organisation weist ja schon darauf hin, daß sie eigentlich in ein +früheres Zeitalter hineingehören. Gegenwärtig sollen jährlich nur noch +etwa 5-6000 Schock in Ost- und Westpreußen gefangen werden, und demgemäß +ist auch der Preis gestiegen. Leider ist es noch nicht gelungen, +Neunaugen zu züchten und uns so vielleicht einen Weg zu zeigen, auf dem +wir unseren Feinschmeckern diesen sonderbaren »Fisch«, dieses Wirbeltier +ohne Wirbelsäule, wenigstens künstlich erhalten könnten. Hier läge eine +ebenso lohnende wie wissenschaftlich interessante Aufgabe für +biologische Versuchsanstalten vor. + +Der _Maifisch_ oder die Alse (_Clúpea alósa_) mit dem tief gespaltenen +Maul und den beiden merkwürdigen Flügelschuppen vor der Schwanzflosse +kann uns zu der wirtschaftlich so hochwichtigen Gruppe der Heringe +hinüberleiten, denn er läßt sich recht gut als der Hering des Süßwassers +charakterisieren, und auch seine kleinere und etwas später erscheinende +Abart, die Finte, verrät selbst dem Laien sofort ihre Zugehörigkeit zur +großen Heringsfamilie. Auch der Maifisch verbringt den größten Teil +seines Daseins im Meer und wandert nur zur Laichzeit in den Flüssen +aufwärts, indem er sich mit seltener Pünktlichkeit an ihren Mündungen +einstellt und dann in großen Scharen dicht unter der Oberfläche und mit +vielem Gelärm, das durch fortwährende Schwanzschläge verursacht wird, +sich aber wie Schweinegrunzen anhören soll, flußaufwärts zieht. So +werden seine Wanderungen sehr auffällig und sind denn auch von jeher von +den Fischern weidlich ausgenutzt worden. Zum Überspringen von +Hindernissen entschließt sich dieser behäbige und phlegmatische Fisch +aber nicht leicht, macht deshalb auch nur selten von den angelegten +Fischleitern Gebrauch und fehlt daher heute schon vielfach wegen der +vielen Wehre in Gewässern, wo er früher eine regelmäßige und gern +gesehene Erscheinung war, wie im Main. Man sagt auch ihm nach, daß er +während der ganzen Reise fasten soll, und jedenfalls sind die wenigen +Maifische, die den Zähnen der Raubfische und den Netzen der Menschen +entgingen und nach beendigtem Laichgeschäft wieder zum Meere +zurückkehren, jämmerlich abgemagert und völlig erschöpft, so daß auch +der sie mit Verachtung straft, dem im Frühjahr der feiste Fisch trotz +seiner vielen Gräten als ein köstlicher Leckerbissen erschien. Dagegen +soll der im Meere lebende Maifisch auch nichts wert sein, und es +scheint, daß er erst eine Zeitlang Süßwasser kneipen müsse, um der +menschlichen Tafel würdig zu werden. Bei der Rückkehr, die nach dem +stolzen und geräuschvollen Frühlingseinzug anmutet wie die Rückkehr der +großen Armee aus den Schneefeldern Rußlands, sterben viele vor +Ermattung, und man sieht dann ihre Leichname oft massenhaft stromabwärts +treiben. Leider wird auch dieser Fisch, der einst bei Speyer zu +Tausenden mit Schaufeln dem Rhein entnommen werden konnte, bei uns immer +seltener, wozu namentlich die Raubfischerei der Holländer beitragen mag, +die die Rheinarme mit einer mehrfachen Netzwand ihrer ganzen Breite nach +abzusperren pflegen, so daß der weitaus größte Teil der wandernden +Fische schon hier ein frühzeitiges Ende findet. + +In richtiger Erkenntnis von der steigenden wirtschaftlichen Bedeutung +unserer Süßwasserfischerei, die durch die Verunreinigung der Gewässer +vielfach zurückgegangen war, sich neuerdings aber mit Hilfe der +künstlichen Fischzucht wieder gehoben hat, haben die Regierungen während +der letzten Jahre die gesetzlichen Vorschriften zu ihrer Erhaltung +beträchtlich ausgebaut und erweitert, die auf Fischfrevel gesetzten +Strafen bedeutend verschärft. So begrüßenswert das ist, muß doch der +Naturfreund bedauern, daß man dabei im Übereifer vielfach über das Ziel +hinausgeschossen ist und insbesondere der systematischen Vernichtung der +Fischfeinde eine ganz übertriebene Bedeutung beigelegt hat. Wohin soll +es z. B. führen, wenn, wie der neue preußische Fischereigesetzentwurf +vorsieht, künftig der Fischer das Recht haben soll, ohne Rücksicht auf +den Jagdinhaber fischfressende Vögel zu vertilgen und sogar ihre Nester +zu zerstören? Dann wären wir auch die letzten Reste von Reiherkolonien +u. dgl. bald los, für Eisvogel und Wasseramsel hätte die Todesstunde +geschlagen, und die traurige Verödung unserer einst so reichen Natur +wäre wieder um einen Riesenschritt weiter. Nein, gerade der Fischer, der +den unerschöpflichen Reichtum des Wassers kennt, wie kein anderer, +sollte auch die Wahrheit des alten Spruches erkennen: Raum für alle hat +die Erde! + + + + +Register + + +Die mit einem Sternchen (*) bezeichneten Ziffern verweisen auf eine +Abbildung im Text + + Aal 21, 67, *69 + Aalleiter 72 + Aalmutter 67 + Aalraupe 97 + _Abramis brama_ 60 + _Acerina cernua_ 28 + _Acerina schraetser_ 27 + _Acipenser_ 98 + Aland 59 + Alandblecke 62 + _Alburnus alburnus_ 61 + _Alburnus bipunctatus_ 62 + _Alburnus mento_ 62 + Alse 101 + _Anableps tetrophthalmus_ 37 + _Anguilla vulgaris_ 67 + Äsche 90 + _Aspius aspius_ 60 + _Aspro streber_ 27 + _Aspro zingel_ 27 + + + Bachneunauge 99 + Bachsaibling 90 + Barbe 21 + _Barbus fluviatilis_ 21 + _Barbus petenyl_ 21 + Barsch 65 + Bartgrundel 13 + Berschik 27 + Bitterling 39, 40 + Blaufelchen 91 + Blei 60 + _Blicca björkna_ 60 + Blikke 60 + Brassen 60 + Breitschädel 17 + + + _Carassius carassius_ *55 + _Chondostroma nasus_ 62 + _Clupea alosa_ 101 + _Cobitis barbatula_ 13 + _Cobitis fossilis_ 10 + _Cobitis taenia_ *12 + _Coregonus albula_ 91 + _Coregonus hiemalis_ 92 + _Coregonus lavaretus_ 91 + _Coregonus oxyrhynchus_ 92 + _Coregonus wartmanni_ 91 + _Cottus gobio_ 15, *16 + _Cyprinus carpio_ 48 + + + Darmatmung 14 + Dickkopf 17 + Döbel 58 + Donaulachs 88 + Dünnbauch 34 + Durstgefühl 54 + + + Elritze 57 + Entwicklung des Eis 86, *87 + _Esox lucius_ 92 + + + Farbenblindheit 38 + Färbung 17 + Farbwechselvermögen 19 + Finte 101 + Fischauge 36 + Fischzucht, künstliche 85 + Flußbarbe 21 + Flußbarsch 22, *23 + Föhrchen 84 + Forelle 12, 15, 66, 81 + Forellenbarsch 28 + + + Gähnen 10 + _Gasterosteus aculeatus_ 42 + _Gasterosteus pungitius_ 47 + Gefühlssinn 32 + Gehörorgan 29 + Geruchssinn 35 + Geschmackssinn 35, 36 + Giftwaffen 20 + Glasaal 71 + Glöckchen 36 + _Gobio gobio_ 56 + _Gobio uranoscopus_ 57 + Goldfisch 56 + Goldorfe 59 + Greßling 56 + Groppe 15, *16 + Grotzfisch 17 + Grundforelle 90 + Gründling 56, *57 + Güster 60 + + + Hai 6 + Hakenlachs *77 + Hecht 92 + Hochzeitskleid 39 + Huchen 88 + + + Jahresringe 80 + _Ichthyophonus hoferi_ 84 + + + Karausche *55 + Karpfen 7, 8, 48, 65 + Katzenhai 6, 9 + Katzenwels 35 + Kaulbarsch 28 + Kaulhäuptlein 17 + Kaulquappe 17 + Kautzenkopf 17 + Kiemenapparate 15 + Kiemenatmung 14 + Kilch 92 + Körper, »roter« 54 + Kropffelchen 92 + Kulheet 17 + + + Lachs 70, 75 + Lachsforelle 89 + Lamprete 99 + Lauben 62 + Lederkarpfen 48 + Legeröhre 40 + _Leptocephalus brevirostris_ 70 + Lernfähigkeit 66 + _Leucaspius delineatus_ 33 + Leuchtorgane 19 + _Leuciscus cephalus_ 58 + _Leuciscus erythrophthalmus_ 59 + _Leuciscus idus_ 59 + _Leuciscus rutilus_ 59 + Lippfisch 9 + _Lota lota_ 97 + _Lucioperca sandra_ 26 + _Lucioperca volgensis_ 27 + + + Maifisch 101 + Maiforelle 90 + Mairenke 62 + Makrele 99 + Malermuschel *40, 41 + Maräne, große 91 + Maulbrüter 9 + Mäusefresser 58 + Meerforelle 89 + Messerkarpfen 34 + Moderlieschen *33 + Mühlkoppe 17 + + + Nase 62 + Neunauge 99 + + + _Osmerus eperlanus_ 90 + Otolith 29 + Oval 54 + + + Panzerwels 9 + Papst 17 + _Pelecus cultratus_ 34 + _Perca fluviatilis_ 22 + _Petromyzon fluviatilis_ 100 + _Petromyzon marinus_ 99 + _Petromyzon planeri_ 99 + Pfaffenlaus 28 + Pfäffikonmaräne 91 + Pfrillen 58 + Phototaxis 64 + _Phoxinus laevis_ 57 + Plötze 59 + Pricke 100 + + + Quappe 97 + Querder 100 + + + Rapfen 60 + Regenbogenforelle 90 + _Rhodeus amarus_ 39 + Roche 6 + Rotauge 59 + Rotzkober 17 + Rümpchen 58 + + + Saibling 89 + Salm 76 + _Salmo fontinalis_ 90 + _Salmo hucho_ 88 + _Salmo irideus_ 90 + _Salmo lacustris_ 89 + _Salmo salar_ 75, 76 + _Salmo salvelinus_ 89 + _Salmo trutta_ 89 + Schill 26 + Schlafstellung 8 + Schlammbeißer 10, 12, 14 + Schlammgeschmack 14 + Schlammpeitzker 8, 9, 10, 12 + Schleie 56 + Schmerle 13 + Schnäpel 92 + Schneider 62 + Schneiderkarpfen 39 + Schnelligkeit 52 + Schrätzer 27 + Schutzfärbung 19 + Schwarzbarsch 28 + Schwarzreiter 89 + Schwebeforelle 89 + Schwimmbewegung 52 + Schwimmblase 53 + Seeforelle 89 + Seitenlinie 31, 32 + Semling 21 + Sichelfortsatz 36 + Sichling 34 + Silberforelle 90 + _Silurus glanis_ 96 + Sommerschlaf 7 + Spiegelkarpfen 48 + Statolith 29 + Stechbüttel 43 + Steinbeißer 9, *12 + Steingreßling 57 + Stichling 42, 66 + Stint 90 + Stör 98 + Streber 27 + Symbiose 41 + + + Taumelkrankheit 84 + Tastsinn 32 + _Thymallus vulgaris_ 90 + _Tinca tinca_ 56 + Töne 15 + Traunseemaräne 91 + Trüsche 97 + _Trutta fario_ 81 + + + Uckelei 61 + + + Waller 96 + Wanderung 63 + Weißfisch 7 + Wels 96 + Winterschlaf 7 + + + Zahnkarpfen 37 + Zander 26 + Zicke 34 + Zingel 27 + _Zoarces vivipara_ 67 + Zwergbricke 99 + Zwergmaräne 91 + Zwergstichling 47 + Zwergwels 9 + + + + +Naturwissenschaftliche Bildung ist die Forderung des Tages! + + Zum Beitritt in den »Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde«, laden + wir + + alle Naturfreunde + + jeden Standes, sowie alle _Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw._ + ein. -- Außer dem geringen + + _Jahresbeitrag von nur M 4.80_ + + (Beim Bezug durch den Buchhandel 20 Pf. 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Dieses Ziel sucht die Gesellschaft zu erreichen: durch die + Herausgabe eines den Mitgliedern kostenlos zur Verfügung + gestellten naturwissenschaftlichen Handweisers (§ 5); durch + Herausgabe neuer, von hervorragenden Autoren verfaßter, im guten + Sinne gemeinverständlicher Werke naturwissenschaftlichen Inhalts, + die sie ihren Mitgliedern unentgeltlich oder zu einem besonders + billigen Preise zugänglich macht, usw. + + § 3. Die Gründer der Gesellschaft bilden den geschäftsführenden + Ausschuß, den Vorstand usw. + + § 4. Mitglied kann jeder werden, der sich zu einem Jahresbeitrag + von M 4.80 = K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 (exkl. Porto) verpflichtet. + Andere Verpflichtungen und Rechte, als in dieser Satzung angegeben + sind, erwachsen den Mitgliedern nicht. Der Eintritt kann jederzeit + erfolgen; bereits Erschienenes wird nachgeliefert. Der Austritt + ist gegebenenfalls bis 1. Oktober des Jahres anzuzeigen, womit + alle weiteren Ansprüche an die Gesellschaft erlöschen. + + § 5. Siehe vorige Seite. + + § 6. Die Geschäftsstelle befindet sich bei der =Franckh'schen + Verlagshandlung=, Stuttgart, Pfizerstraße 5. Alle Zuschriften, + Sendungen und Zahlungen (vgl. § 5) sind, soweit sie nicht durch + eine Buchhandlung Erledigung finden konnten, dahin zu richten. + + +Kosmos + + Handweiser für Naturfreunde + + Erscheint jährlich zwölfmal -- 2 bis 3 Bogen stark -- + + und enthält: + + =Originalaufsätze= von allgemeinem Interesse aus sämtlichen + Gebieten der Naturwissenschaften. Reich illustriert. + + =Regelmäßig orientierende Berichte= über Fortschritte und neue + Forschungen auf allen Gebieten der Naturwissenschaft. + + =Auskunftsstelle= -- Interessante kleine Mitteilungen. + + =Mitteilungen über Naturbeobachtungen=, Vorschläge und Anfragen + aus dem Leserkreise. + + =Bibliographische Notizen= über bemerkenswerte neue Erscheinungen + der deutschen naturwissenschaftlichen Literatur. + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Einheimische Fische, by Kurt Floericke + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINHEIMISCHE FISCHE *** + +***** This file should be named 39763-8.txt or 39763-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/7/6/39763/ + +Produced by Bernd Meyer and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from BioLib (www.biolib.de) and the edocs server of +University Frankfurt/Main Germany / Biology collection +(ViFaBio)) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation information page at www.gutenberg.org + + +Section 3. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/39763-8.zip b/39763-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d37e6d6 --- /dev/null +++ b/39763-8.zip diff --git a/39763-h.zip b/39763-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..19c98d6 --- /dev/null +++ b/39763-h.zip diff --git a/39763-h/39763-h.htm b/39763-h/39763-h.htm new file mode 100644 index 0000000..73b66b3 --- /dev/null +++ b/39763-h/39763-h.htm @@ -0,0 +1,4823 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + +<title>The Project Gutenberg eBook of Einheimische Fische: Die Süßwasserfische unsrer Heimat, By Floericke, Kurt</title> +<link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> + +<style type="text/css"> +body { font-size:1em;text-align:justify;margin-left:10%;margin-right:10%; 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Einheimische Fische + Die Süßwasserfische unsrer Heimat + +Author: Kurt Floericke + +Illustrator: E. Bade + W. Koehler + R. Oeffinger + +Release Date: May 22, 2012 [EBook #39763] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINHEIMISCHE FISCHE *** + + + + +Produced by Bernd Meyer and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from BioLib (www.biolib.de) and the edocs server of +University Frankfurt/Main Germany / Biology collection +(ViFaBio)) + + + + + + +</pre> + + + + + + +<div class="tnbox"> + +<p class="noindent">Zur Transkription: Variationen der Schreibweise und Interpunktion des Originals wurden nicht angeglichen.</p> +<p class="noindent">Transcriber's Note: Original spelling and punctuation variations have not been been standardized.</p> + + + +</div> + +<hr /> + +<p class="center"> + +<img src="images/image01.jpg" width="379" height="450" alt="Titelbild" /> </p> + + +<h1> + +<span id="id1">Einheimische Fische</span> + +<span id="id2">Die Süßwasserfische unsrer Heimat</span> + +<span id="id3">Von</span> + +<span id="id4">Dr. Kurt Floericke</span> + +</h1> + + +<p class="center1 smaller">Mit zahlreichen Abbildungen nach Originalaufnahmen u. Zeichnungen von +Dr. E. Bade, Oberlehrer W. Koehler, R. Oeffinger u. a. und einem +Umschlagbild von R. Oeffinger</p> + +<p class="center"> + +<img src="images/image02.jpg" width="200" height="200" alt="Dekoration" /> </p> + +<p class="noindent center strong1">Stuttgart</p> + +<p class="noindent center x-small">Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde</p> + +<p class="noindent center"> Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung </p> + + +<p class="noindent center x-small">Copyright 1913 by<br /> + Franckh'sche Verlagshandlung Stuttgart</p> + +<p class="noindent center xx-small">Stuttgarter Setzmaschinen-Druckerei Holzinger & Co.</p> + + +<div class="box"> + +<p class="center"> + +<img src="images/imagedeco.jpg" width="450" height="61" alt="Dekoration" /> </p> + +</div> + +<h2><span class="larger">Einheimische Fische</span></h2> + +<div class="boxright"> + + <p> »Ach, wüßtest du, wie's Fischlein ist</p> + <p> So wohlig auf dem Grund,</p> + <p> Du stiegst herunter wie du bist</p> + <p> Und würdest erst gesund!«</p> + +</div> + + +<p>Ob Altmeister Goethe, der ja bekanntlich auch einen recht tiefen +Einblick in das weite Reich der Natur getan hat, recht hat, wenn er in +einem seiner formvollendetsten Gedichte, in dem fast italienischen +Wohlklang atmenden »Fischer«, von dem Wohligsein der Fische spricht und +den Menschen sie darum beneiden läßt? Der Naturforscher wird entschieden +antworten, daß hier die Phantasie mit dem Dichter durchgegangen sei. Die +Natur ist ja durchaus nicht die allgütige und allsorgende Mutter, als +die eine sentimentale Weltauffassung sie hinzustellen beliebt, sondern +vielmehr eine recht rauhe Erzieherin, die eine gar strenge und +nachsichtslose, oft geradezu zu raffinierter Grausamkeit gesteigerte +Auslese unter ihren »Kindern« hält, der das Schicksal des Individuums +gleichgültig ist, wenn sich nur Aussicht bietet, den Bestand der Art zu +erhalten. Und wenn aus diesen Gründen schon auf dem Festlande ein +rücksichtsloser Kampf aller gegen alle tobt, so herrscht ein solcher in +tausendfach vergrößerter und verbitterter Form im scheinbar so +friedlichen Wasser, und besonders unter dessen höchst entwickelten +Bewohnern, den Fischen, unter denen ja ausschließliche Pflanzenfresser +eine Seltenheit sind, während grimmige Räuber in Unzahl das feuchte +Element bevölkern. Das ganze Dasein der »wohligen« Fische ist ein fast +ununterbrochenes Hetzen und Jagen, Verfolgen und Verfolgtwerden, alles +dreht sich bei ihnen ums Fressen oder Gefressenwerden, solange nicht für +mehr oder minder kurze Zeit der allmächtige Fortpflanzungsinstinkt alles +andere in den Hintergrund drängt, die sonst Unersättlichen zu wochen- +und monatelangem Fasten verurteilt und ganze Millionenheere zu weiten +Wanderungen veranlaßt, die in der rücksichtslosen, fast brutalen Art +ihrer Ausführung etwas geradezu Fanatisches und<a id="Page_6"></a> + <span class="pagenum">[6]</span> + Hypnotisierendes an +sich haben. Da also der Kampf ums Dasein in den Gewässern noch +unerbittlicher tobt als auf dem Festlande, wird es ohne weiteres +begreiflich erscheinen, wenn die einzelnen Arten ihm nach dieser oder +jener Richtung hin in weitgehender Weise angepaßt wurden, und wir werden +ja im folgenden verschiedentlich Gelegenheit haben, solche +Anpassungserscheinungen und ihre tiefgehende Bedeutung und Wirksamkeit +für die Biologie der Fische kennen zu lernen.</p> + +<p>Selbst dem Laien, der öfters vor einem Aquarium gestanden hat, wird bald +auffallen, daß er die Fische eigentlich jedesmal und zu jeder Tages- +oder Nachtzeit in mehr oder minder lebhafter Bewegung, jedenfalls fast +nie ganz ohne solche vorfindet. Bei einigem Nachdenken muß er sich +schließlich ganz von selbst fragen, ob denn diese unermüdlichen Tiere +eigentlich überhaupt nicht schlafen. Diese Frage ist keineswegs so naiv, +wie sie auf den ersten Anblick erscheinen mag, denn bis in die neueste +Zeit hinein haben auch angesehene Fachgelehrte der Meinung zugeneigt, +daß die Fische tatsächlich überhaupt keines Schlafes bedürfen. Daß diese +Anschauung so lange Zeit hindurch sich behaupten konnte, wird +erklärlicher, wenn wir bedenken, daß das Hauptzeichen echten Schlafes, +das geschlossene Auge, bei der Mehrzahl der Fische in Wegfall kommt, +indem sie keine Augenlider haben. Das sonst so bewegliche Fischauge +bleibt aber im Schlafe starr und ruhig, ohne jedoch seine Funktion +völlig auszusetzen. Und das ist auch nötig, denn da das Gehör bei der +großen Mehrzahl der Fische fast völlig versagt, muß das offene Auge +ihren Schlaf behüten, wohingegen bei dem schlafenden Menschen das Gehör +nicht gänzlich außer Funktion tritt und ihm eine herannahende Gefahr oft +noch rechtzeitig genug verrät. Doch gibt es auch Fische, die Augenlider +haben, wie z. B. die <strong>Haie</strong> und <strong>Rochen</strong>, und diese schließen im Schlafe +auch das Auge fast völlig, während sich gleichzeitig die Pupille ganz +wie bei uns Menschen verengt. Nur die ungemein schwierige Beobachtung +solcher großen Meeresfische ist schuld daran, daß diese Tatsache so +lange übersehen wurde, die man erst neuerdings an dem kleinen <strong>Katzenhai</strong>, +der zu den gewöhnlichen Bewohnern der Schauaquarien gehört, festgestellt +hat. Wir müssen übrigens zweierlei Arten von Schlaf bei den Fischen +unterscheiden, nämlich einerseits den lethargischen Erstarrungszustand, +in den gewisse Fische während der Winterkälte oder Sommerdürre für<a id="Page_7"></a> + <span class="pagenum">[7]</span> +längere Zeit verfallen, der also ganz dem <strong>Winter-</strong> oder <strong>Sommerschlaf</strong> +gewisser Säuger, Kriechtiere und Lurche entspricht, und andrerseits den +eigentlichen Nacht-, bezüglich Tagesschlaf. Der erstere ist ja schon +seit längerer Zeit bekannt. Wir wissen, daß alle Fische, die bekanntlich +zu den Kaltblütern gehören, nur innerhalb bestimmter Temperaturgrenzen +zu existieren und nur bei einem gewissen Temperaturoptimum ihre volle +Lebenstätigkeit zu entfalten vermögen. Freilich sind diese +Temperaturzonen bei den einzelnen Arten außerordentlich verschieden, was +ja nicht weiter Wunder nehmen kann, wenn wir bedenken, daß manche Fische +zwischen den Eisschollen der Nordmeere sich tummeln, andere dagegen in +den lauwarmen Wassern der tropischen Riesenströme oder gar in heißen +Quellen wohnen, die wie diejenigen von Aix eine Wärme von 45 Grad +Celsius aufweisen. Wenn auch die widerstandsfähigeren Fische sich im +Aquarium allmählich an eine nicht unbeträchtlich kältere oder auch +wärmere Temperatur gewöhnen lassen, als sie im Freileben gewohnt sind, +so weiß doch jeder Aquarienbesitzer, wie überraschend empfindlich seine +Pfleglinge sich gegen plötzliche Temperaturschwankungen selbst +geringfügiger Art zu zeigen pflegen. So erklärt sich auch die +merkwürdige Tatsache, daß Aquarienfische sich sehr leicht erkälten, +obwohl sie doch im Wasser selbst leben, und vereinzelte Ausnahmefälle, +wo Tropenfische bei einer Temperatur von nur wenigen Graden völlig +erstarrten und schon für tot gehalten wurden, dann aber beim Erwärmen zu +neuem Leben erwachten, bestätigen nur die Regel. In freier Natur dagegen +dürften Erkältungserscheinungen bei Fischen nur äußerst selten +vorkommen, da ja die natürlichen Gewässer sich nur ganz langsam erwärmen +oder abkühlen. Wird aber dabei eine gewisse Grenze überschritten, so +erleidet die aktive Lebenstätigkeit der Fische eine immer weiter gehende +Herabminderung, die schließlich in unserem Klima zur Erscheinung des +lethargischen Winterschlafes führt. Unsere Weißfische und <strong>Karpfen</strong> z. B. +fallen in einen solchen bei einer Wassertemperatur von + 4-6°<i>C</i>, +nachdem sie sich vorher scharenweise im Schlamm eingewühlt und sich hier +oft so dicht aneinander gedrängt haben, wie Pökelheringe in einer +vollgepfropften Tonne. Während dieses Winterschlafes wird ganz wie bei +Hamstern oder Fledermäusen die Tätigkeit des Herzens und sonstiger +Muskeln, sowie die der Atmungs- und Ausscheidungsorgane auf ein Minimum +herabgesetzt (bei <strong>Weißfischen</strong> z. B. sinkt nach<a id="Page_8"></a> + <span class="pagenum">[8]</span> Haempel die Zahl der +Herzschläge von 20-30 auf 1-2 in der Minute), und der Körper zehrt +während dieser ganzen Zeit lediglich von seinem eigenen, vorher nach +Möglichkeit aufgespeicherten Fett, so daß er während des Winterschlafes +einen Gewichtsverlust von 5 v. H. und mehr erleidet. Die Wärme des +Frühjahrs erweckt dann die schlafenden Fische zu neuem Leben, falls +nicht die Temperatur zu tief unter den Gefrierpunkt gesunken war und +dadurch den zeitlichen Schlaf in einen ewigen verwandelt hat. Es ist +übrigens erstaunlich, was die Fische gerade in dieser Beziehung +auszuhalten vermögen. So sind verbürgte Fälle bekannt, daß Karpfen bei +einer Temperatur von -15 bis -20°<i>C</i> vollständig in einen Eisblock +eingefroren waren und sich dann bei ganz allmählichem und genügend +vorsichtigem Auftauen doch völlig erholten. Während viele unserer +Fische, wie der <strong>Hecht</strong>, auch während der rauhen Jahreszeit in Tätigkeit +bleiben, bietet andrerseits unsre Fischwelt sogar manches bemerkenswerte +Gegenstück zu dem Sommerschlaf der Tropenfische, der bei den in +wissenschaftlicher Hinsicht so bemerkenswerten Lungenfischen seine +höchste Vollendung erreicht und den Zweck verfolgt, beim Austrocknen der +Wohngewässer die sommerliche Dürre ohne Schaden überdauern zu können. So +erzählt Antipa aus dem Donaugebiete, daß er den <strong>Schlammpeitzker</strong> +wiederholt in durchaus lebensfähigem Zustande tief im Schlamm vergraben +angetroffen habe, während seine Wohntümpel so scharf ausgetrocknet +waren, daß man mit beladenen Wagen darüber hinwegfahren konnte. Das wird +erklärlich, wenn wir an die später noch näher zu besprechende Darmatmung +dieses merkwürdigen Fisches denken.</p> + +<p>Viel weniger zahlreich sind aus dem schon erwähnten Grunde sichere +Beobachtungen über den eigentlichen Schlaf der Fische, aber sie mehren +sich in neuerer Zeit auffallend, so daß wir wohl annehmen dürfen, daß +die Mehrzahl der Fische der süßen Wohltat des Schlafes nicht zu +entbehren braucht, was ja auch physiologisch kaum denkbar wäre. Doch +scheint soviel festzustehen, daß das Schlafbedürfnis der Fische ein +ungleich geringeres ist, als das der übrigen Wirbeltiere und daß es sich +noch am ehesten bei drückender Hitze und sauerstoffarmem Wasser geltend +macht, bei den einzelnen Arten sehr verschieden stark ausgeprägt ist und +auch individuelle Abweichungen nicht vermissen läßt. Insbesondere +scheinen bestimmte <strong>Schlafstellungen</strong> für die einzelnen Arten +kennzeichnend zu sein. Viele<a id="Page_9"></a> + <span class="pagenum">[9]</span> Fische schlafen in der gewöhnlichen +Schwimmstellung freischwebend im Wasser, andere begeben sich zum Boden +herab, drehen hier den Kopf der Strömung entgegen und stützen sich auf +Brust- und Bauch-, sowie auf den unteren Rand der Schwanzflosse. Der +<strong>Katzenhai</strong> steht senkrecht auf dieser, während er zugleich den Kopf an +einen Stein oder an die Glaswand des Aquariums anlehnt, die <strong>Lippfische</strong> +legen sich auf die Seite, nehmen also im Schlafen eine ähnliche Stellung +ein wie der Mensch, und die <strong>Panzerwelse</strong> des Nil legen sich nach den +Beobachtungen Werners sogar auf den Rücken und treiben mit nach oben +gekehrtem Bauche an der Oberfläche einher, so daß man sie unbedingt für +abgestorbene Fische hält. Der von den Aquarienfreunden wegen seiner +interessanten Brutpflege hochgeschätzte <strong>Maulbrüter</strong> (das Weibchen +schleppt den befruchteten Laich bis zu seiner völligen Entwicklung im +Maule mit sich, das auch den Jungen während ihrer ersten Lebenstage noch +als Zufluchtsstätte dient) schiebt sich zum Ausruhen flach auf ein +geeignetes, oft nur wenig vom Wasser überspültes Pflanzenblatt, und die +hübschen <strong>Zwergwelse</strong> Nordamerikas hängen in halbmondförmig gekrümmter +Stellung, wie wir sie von den gekocht auf unsere Tafel kommenden +Schleien her kennen, dicht an der Wasseroberfläche. Eine ähnliche +Schlafstellung nimmt nicht selten auch unser <strong>Schlammpeitzker</strong> ein, indem +er Kopf und Schwanz nach unten biegt, den schmiegsamen Leib aber nach +oben krümmt. Auch den nahe verwandten <strong>Steinbeißer</strong> kann man bisweilen in +dieser merkwürdigen Lage überraschen. Vielleicht ist sie auch auf das +bei den Schlafstellungen der höheren Wirbeltiere so deutlich ausgeprägte +Bestreben des Organismus zurückzuführen, während des wehrlosen +Schlummers nach Möglichkeit zur primitiven, die geringste Angriffsfläche +bietenden Kugelform zurückzukehren, was den Fischen bei ihrem meist +starren Leibe allerdings nur andeutungsweise möglich ist. Während des +Schlafes erscheint die Reizempfänglichkeit der Fische stark +herabgemindert. Man muß ihnen schon ziemlich grob kommen, um sie +aufzustören. So reagieren sie auf Steinwürfe in der Regel erst dann, +wenn sie unmittelbar getroffen werden. Versuche Schmids haben gezeigt, +daß sich Fische durch Zusätze von Veronal oder Trional (beide Stoffe +gelten ja auch beim Menschen als Schlafmittel) zum Wasser auch künstlich +einschläfern lassen, wobei sie ihre Bewegungen ganz allmählich +verlangsamen und schließlich selbst gegen unmittelbare +Berührungsreize<a id="Page_10"></a> + <span class="pagenum">[10]</span> unempfindlich werden. Schleien nahmen dabei eine +im Winkel von 45° schräg nach unten gerichtete Stellung ein. Auch die +Vorstufe des Schlafes, das charakteristische Ermüdungszeichen des +<strong>Gähnens</strong>, ist im Fischreiche keine unbekannte Erscheinung, so sonderbar +uns das auch anmuten mag. Namentlich in warmem und sauerstoffarmem +Wasser kann man die Fische häufig gähnen sehen, gerade wie auch bei uns +Menschen weichliches Wetter leicht Ermüdungszustände hervorruft. Beim +Gähnen öffnet der Fisch sein Maul sehr weit, spreizt die Kiemen, hebt +seine Bauchflossen und stößt dann mit großer Geschwindigkeit das +eingesogene Wasser teils durchs Maul, teils durch die Kiemen wieder aus. +Die Stellung der Flossen während des Schlafes ist am eingehendsten beim +Schlammpeitzker beobachtet worden; gewöhnlich werden sie dem Körper +glatt angelegt, die Brustflossen nicht selten aber auch flach +ausgespreizt.</p> + +<p>Bei dieser Gelegenheit sei gleich noch einiges über den <strong>Schlammpeitzker</strong> +oder <strong>Schlammbeißer</strong> (<i>Cobítis fossílis</i>) gesagt, diesen wegen seiner +leichten Erreichbarkeit bei der Jugend so beliebten, wegen seiner vielen +merkwürdigen Eigenarten aber auch für den Forscher und Aquarienfreund +hochinteressanten Bewohner unserer kleinen stehenden Gewässer mit +schlammigem Untergrunde. Er lebt hier als ein echter Bodenfisch und als +ein ausgesprochenes Nachttier, das tagsüber untätig dem schlammigen +Untergrunde aufliegt und erst mit Einbruch der Dämmerung zu regerem +Leben erwacht, um den Schlamm nach allerlei Gewürm, Schnecken und jungen +Muscheln zu durchwühlen, nebenbei wohl auch vermodernde Pflanzenteile zu +sich zu nehmen. Bekannt geworden ist der Schlammbeißer in weiteren +Kreisen namentlich als Wetterprophet, weshalb er auch im Volksmunde +vielfach den Namen Wetterfisch führt, und er verdient diesen Ruf sicher +in höherem Grade als der zu Unrecht gepriesene Laubfrosch. Es ist +Tatsache, daß der Schlammbeißer wenigstens gegen elektrische +Veränderungen in der Atmosphäre sich überaus empfindlich erweist und +namentlich das Herannahen von Gewitterbildungen viele Stunden vorher +(angeblich sogar 24 Stunden vorher) mit fast untrüglicher Sicherheit +anzeigt. Der sonst so träge Geselle gerät dann in lebhafte Unruhe und +schwimmt rastlos unter kräftig schlängelnden Bewegungen hin und her, +kommt auch mit sichtbarer Ängstlichkeit häufig an die Oberfläche, um +Luft zu schnappen. Es erscheint daher zweifellos, daß er für Fluida +elektrischer<a id="Page_11"></a> + <span class="pagenum">[11]</span> oder magnetischer oder vielleicht gar radioaktiver +Herkunft besonders empfänglich ist, ohne daß wir jedoch bisher diese +auffallende Erscheinung irgendwie befriedigend aufzuklären vermöchten. +Diese Eigenschaft des Schlammbeißers bringt es mit sich, daß man ihn in +manchen Gegenden als geschätzten Wetterpropheten in einfachen Fisch- +oder Einmachegläsern mit Sandbelag hält, was für den sonst sehr +widerstandsfähigen Fisch freilich nur einen langsamen und qualvollen Tod +bedeutet. Da er ebenso wie der Steinbeißer sich von einer geschickten +Hand im Wasser ohne allzu große Schwierigkeiten ergreifen läßt, muß er +ferner in der Regel für die ersten Aquarienversuche der lieben Jugend +herhalten. Das ist sehr zu bedauern, und es erscheint nachgerade +angezeigt, auch in bezug auf unsere Fischfauna den Naturschutz in +höherem Grade zu berücksichtigen, als es bisher geschah, denn auch die +Fauna unserer Binnengewässer und namentlich der kleinen Tümpel und +Teiche droht infolge rücksichtsloser Nachstellungen mehr und mehr zu +veröden und zu verarmen. Dagegen sei den modernen Aquarienfreunden, +deren praktische Kenntnisse in der Tierpflege groß genug sind, um jede +Tierquälerei auszuschließen, bei dieser Gelegenheit die sachgemäße +Haltung und Beobachtung unserer so anziehenden einheimischen Fische, die +über der Sucht nach ausländischen Neueinführungen und -züchtungen nur +allzu sehr vernachlässigt worden sind, wieder einmal dringend ans Herz +gelegt. Gibt es doch gerade an unseren so charakteristischen +einheimischen Formen, von denen nicht wenige ebenso schön und zierlich +sind, wie die berühmtesten Exoten, biologisch noch ungeheuer viel und +Hochinteressantes genug zu erforschen, wobei auch der bloße Liebhaber +tüchtig mithelfen kann. Übrigens ist der Schlammbeißer durchaus nicht +der einzige Wetterfisch, vielmehr scheint zahlreichen Arten eine mehr +oder minder große Empfindlichkeit gegenüber den elektrischen Zuständen +der Luft eigen zu sein, und sie zeigen sich deshalb beim Herannahen +eines Gewitters vielfach beängstigt und unruhig, wenn sie es auch nicht +auf so lange Zeit vorauszuempfinden vermögen wie der Schlammbeißer. Im +Zusammenhang damit mag es stehen, daß Fische bei Gewittern so leicht +absterben, was man auf die durch die starke Temperaturerhöhung bewirkte +Verminderung des Sauerstoffs im Wasser und auf die durch die plötzliche +Erniedrigung des Luftdrucks hervorgerufene Übersättigung des Wassers mit +schädlichen Gasen aus dem<a id="Page_12"></a> + <span class="pagenum">[12]</span> Untergrunde zurückgeführt hat, ohne +jedoch bisher völlig über diese rätselhafte Erscheinung und über die +Rolle, die die Elektrizität selbst dabei spielt, sich klar geworden zu +sein. Als sehr weitblickende Wetterpropheten gelten in gewissen Gegenden +z. B. auch die <strong>Forellen</strong>. So unwahrscheinlich es auch klingt, so schwören +doch viele alterfahrene Fischer darauf, daß man aus dem Verhalten dieser +Fische beim Laichgeschäft sichere Schlüsse auf die Gestaltung des +kommenden Winters ziehen könne. Wenn die Forellen ihre Eier an den +tiefsten, starker Abkühlung des Wassers weniger ausgesetzten Stellen +ablegen, soll ein harter und strenger Winter zu erwarten sein, der ja +immer auch einen beträchtlichen Rückgang des Wasserstandes mit sich +bringt. Laichen die Forellen aber an seichten Stellen nahe am Ufer, wo +die Strömung weniger stark ist, so soll ein milder und regenreicher +Winter bevorstehen.</p> + +<div class="box1"> + +<p class="center"> + +<img src="images/image03.jpg" width="450" height="202" alt="" /> <a id="Steinbeisser"></a> </p> + +<p class="caption">Steinbeißer (Naturaufnahme von Oberlehrer W. Koehler).</p> + +</div> + +<p>Der etwa 30 <i>cm</i> lang werdende <strong>Schlammbeißer</strong>, um auf diesen +zurückzukommen, kennzeichnet sich durch seinen langgestreckten +zylindrischen Leib mit kleiner und spärlicher Beschuppung, die gut +entwickelte, abgerundete Schwanzflosse, die zehn kurzen Bartfäden an dem +kleinen, aber sehr beweglichen Maul und durch die eigenartige Färbung: +oberseits schwärzlich mit fünf gelben und braunen Längsstreifen, +unterseits orangegelb mit schwarzen Tüpfeln. Der beträchtlich kleinere +<strong>Steinbeißer</strong> (<i>Cobítis taénia</i>) hat nur sechs Bartfäden und auf +ledergelbem Grunde großfleckige braune Binden an den Seiten und auf der +Rückenmitte. Bei der dritten<a id="Page_13"></a> + <span class="pagenum">[13]</span> im Bunde, der zierlichen <strong>Schmerle</strong> +oder <strong>Bartgrundel</strong> (<i>Cobítis barbátula</i>), die ebenfalls mit sechs Barteln +ausgerüstet ist und nur wenig größer wird als der Steinbeißer, ist die +Färbung viel unbestimmter, meist aber oben dunkelbraungrün mit +regelloser Schwarzstreifung, unten hellgrau oder graugelblich. Während +der Schlammbeißer hinsichtlich des Wohnsitzes seinem Namen alle Ehre +macht, liebt der Steinbeißer klare Bäche und Wiesengräben mit sandigem +Untergrund, und die Schmerle ist ein Kind des reinen, flachen, schnell +über festen und steinigen Boden hinströmenden Wassers. Bei allen drei +Arten dient also die buntfarbige Beschuppung zugleich als Schutzfärbung. +Wenn die Frühjahrsregen Tümpel und Bäche neu aufgefüllt haben, schreiten +die Cobitis-Formen zur Fortpflanzung an ruhigen und geschützten Stellen +ihrer Wohngewässer, und zwar legt jedes Weibchen an Pflanzen oder +Steinen 100-150_000 Eierchen ab, von denen aber nur ein geringer +Prozentsatz zur Entwicklung kommt. Die große Mehrzahl der Jungen fällt +überdies den Raubfischen zur Beute, denen die Bartgrundeln vermöge ihrer +mundgerechten Gestalt überhaupt ein besonders willkommener Bissen sind. +Deshalb bleibt ihre Zahl allenthalben eine ziemlich beschränkte. Von +einer Brutpflege durch das Männchen, die Leunis wahrgenommen haben will, +wissen spätere Beobachter nichts mehr zu berichten. Der Steinbeißer +besitzt wenigstens noch eine eigenartige Waffe gegen seine zahllosen +Feinde, die bei den beiden anderen Arten nur in rudimentärem Zustande +vorhanden ist. Es handelt sich um einen dem Suborbitalknochen +aufsitzenden, frei beweglichen und feststellbaren Augendorn. Ergreift +man den Fisch, so biegt er den Kopf nach der Hand herum und bohrt den +aufgerichteten Dorn mit beträchtlichem Kraftaufwand in deren Fleisch +ein. Giftig ist dieser Dorn aber nicht, wie man wohl gefabelt hat. +Wirtschaftlich sind die Cobitis-Arten schon wegen ihrer Kleinheit ohne +sonderliche Bedeutung, und das Fleisch des Steinbeißers ist überdies +mager und zähe. Dagegen wird die Schmerle von ausgepichten +Feinschmeckern als ein gar köstlicher Bissen hoch geschätzt, und schon +der alte Gesner singt begeistert ihr Lob. Doch stehen diese Fischchen +ungemein rasch ab und dürfen deshalb nur in ganz frischem Zustande +Verwendung finden, wenn sie ihren vollen Wohlgeschmack entfalten sollen. +Am besten behandelt man sie wie Neunaugen, brät sie also auf dem Rost +oder mariniert sie ein.<a id="Page_14"></a> + <span class="pagenum">[14]</span></p> + +<p>Auf gleiche Weise behandelte Schlammbeißer, die ein grätenarmes und +nicht sehr fettes Fleisch haben, schmecken auch nicht übel, wenn man nur +die Vorsicht gebraucht, sie erst einige Tage in klarem, fließendem +Wasser zu halten, damit der ihnen sonst anhaftende Modergeruch und +-geschmack sich verliert. Heutzutage führt man den vielen Fischen +anhaftenden und ihre Verwendung für die Küche erschwerenden +<strong>Schlammgeschmack</strong> nicht mehr auf die Einwirkung der Armleuchtergewächse +zurück, sondern vielmehr auf gewisse niedere Algen, die Oszillarien. Wo +sie in großer Menge vorhanden sind, haftet dem Fischfleische auch mehr +oder minder der fatale Schlammgeschmack an, der schließlich selbst bei +Regenbogenforellen so stark werden kann, daß er sie fast ungenießbar +macht. Wo die Oszillarien völlig fehlen, gibt es auch keinen +Schlammgeschmack. Fische, deren Haut reichlich mit Schleimdrüsen +versehen ist, wie es z. B. bei Aalen und Schleien der Fall ist, nehmen +den Schlammgeschmack immer rascher und stärker an, aber völlig verschont +bleibt unter gegebenen Verhältnissen keiner, selbst nicht die delikate +Bachforelle.</p> + +<p>Daß der Schlammbeißer in seinen oft kleinen Wohntümpeln bei heißem und +trockenem Wetter nicht massenhaft zugrunde geht, hat er der ihm eigenen +und wissenschaftlich hochinteressanten Fähigkeit der <strong>Darmatmung</strong> zu +verdanken. Schon im Aquarium kann man häufig sehen, wie die +Schlammbeißer von Zeit zu Zeit fast nach Art der Molche zur Oberfläche +emporsteigen, hier einen tüchtigen Schluck voll Luft nehmen und dann +langsam wieder zum Boden herabsinken, wie sie ja überhaupt keine Freunde +überflüssiger Bewegung sind, sondern bei Gefahr immer nur rasch von +einem Versteck nach dem andern schießen. Die mit dem Maul aufgenommene +Luft preßt der Schlammbeißer unter krampfhaftem Schließen der +Kiemendeckel durch seinen kurzen und fast gerade verlaufenden +Verdauungsschlauch, wo der von feinsten Blutgefäßchen umsponnene +Mitteldarm gewissermaßen als Lunge wirkt und der Luft gut die Hälfte +ihres Sauerstoffes entzieht, um sie dann unter hörbar glucksendem +Geräusch verbraucht durch den After wieder auszustoßen. Ein völliger +Ersatz für die Kiemenatmung freilich ist mit alledem doch nicht gegeben, +da nur durch diese die Ausscheidung der giftigen Kohlensäure bewirkt +werden kann und deshalb ein lediglich auf die Darmatmung angewiesener +Fisch doch zugrunde gehen muß. Diese<a id="Page_15"></a> + <span class="pagenum">[15]</span> Darmatmung, die sich ja auch +bei der am tiefsten stehenden Fischform, bei dem Lanzettfischchen +findet, ist wohl die ursprüngliche im Reich der Fische gewesen, und man +kann deutlich eine Entwicklungsreihe verfolgen, die von da über die +einfachen Kiemen der Rundmäuler, Haie und Rochen bis zu dem verwickelten +<strong>Kiemenapparat</strong> der Knochenfische hinführt.</p> + +<p>Der Fähigkeit der Darmatmung verdankt nun aber der Schlammbeißer noch +eine weitere und in den Kreisen der heimischen Fischfauna höchst seltene +Eigenschaft, indem er nämlich auch imstande ist, deutlich wahrnehmbare +<strong>Töne</strong> von sich zu geben. Nimmt man ihn nämlich aus dem Wasser heraus, so +hört man ein Geräusch, das nach Johannes Müller die Mitte hält zwischen +dem »Quieken einer Maus und dem Schall eines breiten Kusses.« Verursacht +wird es offenbar durch das plötzliche und krampfhafte Ausstoßen der im +Darm befindlichen Atemluft. Es ist also nicht eine freiwillige +Lautäußerung, sondern vom Willen des Tieres völlig unabhängig, demnach +nicht etwa ein Balz- oder Liebeslaut, sondern so ziemlich das gerade +Gegenteil und eher mit dem Angstschrei der Vögel und Säuger zu +vergleichen oder mit dem Vorgang, durch den sich nach einem +derbdeutschen Sprichwort die »bleiche Furcht« bei Feiglingen zu erkennen +gibt.</p> + +<div class="box1"> + +<p class="center"> + +<img src="images/image04.jpg" width="450" height="228" alt="" /> <a id="Groppe"></a></p> + +<p class="caption"> Groppe (<i>Cottus gobio</i>). (Naturaufnahme von Dr. E. Bade.) (Aus: Bade, Die + mitteleuropäischen Süßwasserfische.)</p> + +</div> + +<p>Wesentlich stimmbegabter ist der Knurrhahn unserer Meere, und dieser hat +auch im Süßwasser eine allerdings stumme Verwandte in der allbekannten +<strong>Groppe</strong> (<i>Cóttus góbio</i>), der gefräßigen und unerwünschten Begleiterin +der Forelle. Das sind zwei, die sich im wahrsten Sinne des Wortes »zum +Fressen gern haben«. Freilich nicht gerade zur Freude des +Forellenzüchters, der deshalb dem von ihm verfolgten buntschimmernden +Eisvogel dankbar sein sollte, der neben Schmerlen hauptsächlich junge +Groppen verzehrt, wenn sie sich mal aus ihrem Schlupfwinkel hervorwagen. +Namentlich zur Laichzeit der Forellen entwickelt die Groppe eine recht +fatale Tätigkeit. Durch das Plätschern der laichenden Forellen +aufmerksam gemacht, erscheint sie alsbald auf dem Schauplatze und hält +hier unbekümmert einen reichlichen Kaviarschmaus, weil Liebe auch die +sonst so vorsichtige und wehrhafte Forelle blind macht. »Senkrecht im +Wasser stehend, den Kopf zu unterst und den Schwanz nach oben, wirbelt +sie mit den Brustflossen die leicht flottierenden Eier auf, um eines +nach dem anderen zu verschlingen. Es ist keine Seltenheit, in dem +Magen<a id="Page_16"></a> + <span class="pagenum">[16]</span> einer fingerlangen Groppe bis zu 30 Stück der erbsengroßen Forelleneier +zu finden« (Jäger). Auch die ausgeschlüpften Jungforellen haben in der +tückisch unter Steinen auf sie lauernden Groppe, die auch sonst alles zu +überwältigende Getier und mit besonderer Vorliebe Libellenlarven gierig +verschlingt, ihren schlimmsten Feind. Der Spieß wird aber umgedreht, und +die Stunde der Rache erscheint, sobald die Groppe selbst im zeitigen +Frühjahr zur Fortpflanzung schreitet. Dann ist es die raublustige +Forelle, die hinter den jungen Groppen und dem Groppenlaich her ist und +unnachsichtlich Vergeltung übt. Die Begegnung mit der alten Forelle hat +auch die ausgewachsene Groppe zu scheuen, obwohl sie in solchen Fällen +eine besondere Schreckstellung annimmt und den Kopf durch Aufsperren der +Kiemenstrahlen drohend aufbläht. Von den in festen Klumpen von 100 bis +300 Stück abgesetzten rötlichgelben Groppeneiern würden wahrscheinlich +wenige übrig bleiben, wenn nicht das Männchen in der tapfersten Weise +Brutpflege ausübte. Es verteidigt den zur Laichablage zwischen den +Steinen ausgewählten Platz aufs heldenmütigste und ausdauerndste gegen +jeden nahenden Feind, namentlich aber auch gegen die eigenen +Geschlechtsgenossen, wobei es zu so erbitterten Kämpfen kommt, daß die +Gegner sich bisweilen vollständig ineinander verbeißen und in diesem +wehrlosen Zustande, der an den verkämpfter Hirsche erinnert, mit +Leichtigkeit gefangen werden. Ohne selbst Nahrung zu sich zu nehmen, +hält so das Männchen 4 bis 5<a id="Page_17"></a> + <span class="pagenum">[17]</span> Wochen lang treulich Wacht. Um so +schutzloser sind aber dann die ausgeschwärmten jungen Groppen ihren +Feinden preisgegeben, zu denen außer den Eisvögeln und Forellen +namentlich auch die alten Groppen selbst zählen, die bei ihrer +unersättlichen Freßgier in ausgesprochenem Maße dem Kannibalismus +huldigen. Gleich der Forelle bevorzugt die Groppe klares, schnell +fließendes Wasser und einen mit Steinen und Kiesgeröll bedeckten +Untergrund. Deshalb ist sie auch in Gebirgsgegenden häufig, ja in +manchen hochgelegenen Gewässern der einzige vorkommende Fisch. Sie hält +sich hier tagsüber unter Steinen verborgen und schießt aufgescheucht mit +großer Schnelligkeit durchs Wasser, aber immer nur auf kurze Strecken +und geradlinig, da ihr die Schwimmblase fehlt. Zu verkennen ist sie +nicht, denn der spindelförmig zulaufende, platt gedrückte Leib, der +mächtige Dickkopf mit dem Riesenmaul, die auffallend großen Brustflossen +und die schuppenlose, schleimige Haut sind untrügliche Merkmale. Die im +allgemeinen dunkle, mit Braun und Grau schattierte Färbung wechselt nach +Wohnort, Untergrund und Individuum ganz außerordentlich, und es +erscheint sicher, daß auch der Groppe das bei den Schollen so +ausgeprägte und noch näher zu besprechende Farbwechselvermögen zukommt. +Bei ihrer Lebensweise muß das ein großer Vorteil für sie sein. In der +Tat gehört schon ein sehr gut geschultes Auge dazu, um eine auf kiesigem +Untergrund ruhende und sich dabei regungslos verhaltende Groppe aus +einiger Entfernung zu erkennen. Daß die Groppe trotz ihrer versteckten +Lebensweise ein recht volkstümlicher Fisch ist, beweist die große Zahl +ihrer Trivialnamen, deren manche recht drastisch anmuten. »Rotzkober« +nannten wir Thüringer Jungen sie, wenn wir stolz zum Fischfang auszogen; +Mühlkoppe, Breitschädel, Kaulquappe, Grotzfisch, Dick- und Kautzenkopf, +Kaulhäuptlein, Kulheet und sogar Papst heißt sie in anderen Gegenden. +Wirtschaftlich hat sie höchstens als Köderfisch einige Bedeutung, +obschon sie gar nicht übel mundet. Wendet man die Steine im Bach +vorsichtig um, so kann man bei einiger Übung den schlüpfrigen und +großmäuligen Burschen ganz gut mit der Hand ergreifen und hat sich dabei +nur vor Verletzungen durch die spitzen Flossenstrahlen zu hüten.</p> + +<p>Da oben von der vorzüglichen Schutzfärbung der Groppe und von ihrem +ausgeprägten Farbwechselvermögen die Rede war, seien hier gleich noch +einige allgemeine Betrachtungen über die <strong>Färbung</strong><a id="Page_18"></a> + <span class="pagenum">[18]</span> der Fische +eingeschaltet. Es liegt auf der Hand, daß bei dem schonungslosen und +ununterbrochenen Kampfe ums Dasein, der sich im Wasser abspielt, +Schutzfärbungen fast noch wichtiger erscheinen und daher noch häufiger +anzutreffen sein werden, als auf dem Festlande. Und in der Tat fehlen +sie kaum einem unserer heimischen Fische, wenn sie uns auch nicht immer +gleich als solche erscheinen wollen. Aber wir müssen bei der Beurteilung +solcher Erscheinungen eben immer die eigentümlichen Beleuchtungs- und +Färbungsverhältnisse im Wasser berücksichtigen. Dann werden wir es +sofort verstehen, warum alle unsere Oberflächenfische eine dunkle +Rückenfärbung und eine helle Bauchfärbung mit lebhaftem Silber- oder +auch Goldglanz haben, der an den Seiten besonders lebhaft hervortritt. +Beides ist eine ausgeprägte Schutzfärbung, die gerade diese Fische um so +nötiger haben, als sie sich für gewöhnlich ja nicht in Schlupfwinkeln +verstecken oder auf dem Boden liegen, sondern im freien Wasser nahe der +Oberfläche ihr anziehendes Spiel treiben. Die dunkle Rückenfärbung +schützt sie vor dem scharfen Auge solcher Feinde, die aus der Luft auf +sie herabspähen, also der fischfressenden Vögel. Ein jeder von uns weiß +ja aus eigener Erfahrung, wie schwer es hält, einen im Wasser stehenden +Fisch von oben her zu erkennen. Umgekehrt schützt der Silberglanz des +Bauches, der nach oberflächlicher Auffassung so leicht zum Verräter +werden könnte, in vortrefflicher Weise vor den lüsternen Blicken der +Raubfische, die ja gewöhnlich tiefer im Wasser stehen oder dem Boden +aufliegend auf Beute lauern, diese also schräg von unten zu Gesicht +bekommen werden. Von da aus erscheint aber der ganze Wasserspiegel +selbst bei bedecktem Himmel in lebhaft metallischem Lichtglanz, und wenn +gar funkelnde Sonnenstrahlen die Oberfläche treffen, zucken leuchtende +Lichtbündel, die sich von dem Aufblitzen der hin und her schwimmenden +Fische kaum unterscheiden lassen, allenthalben auf, wovon sich jeder +leicht beim Baden überzeugen kann. Schon vor mehr als 40 Jahren hat +Gustav Jäger diese Entdeckung gemacht, die dann aber in Vergessenheit +geraten war und erst neuerdings ohne Namensnennung wieder ausgegraben +wurde. Daß der nahe der Oberfläche befindliche Beutefisch auf silbrigem +Grunde silbern erscheint, somit nur sehr schwer sichtbar ist, wird nach +den Untersuchungen von Popoff und Kapelkin physikalisch dadurch erklärt, +daß die Fische infolge der eigentümlichen Lage ihrer Augen die +Wasseroberfläche höchstens unter einem<a id="Page_19"></a> + <span class="pagenum">[19]</span> Winkel von etwa 45° sehen, +die in einem solchen Winkel auf die Wasserfläche fallenden Lichtstrahlen +aber diese niemals durchdringen können, sondern völlig zurückgeworfen +werden. Etwas abweichender Ansicht ist in neuester Zeit Franz, indem er +glaubt, daß die silberne Bauchseite, wie sie bei Hering und Makrele +besonders schön ausgebildet ist, als Spiegel wirke, wenn auch mit dem +Unterschiede, daß sie das Licht meist nur sehr diffus (zerstreut) +zurückwirft. Demgemäß würde also ein solcher Silberspiegel lediglich die +Farbe des Wohngewässers selbst wiedergeben, gleichviel ob diese ins +Bläuliche, Grünliche oder Bräunliche fällt, und die Natur hätte mit +dieser automatischen Farbenanpassung durch Spiegelwirkung eine +verblüffend einfache und doch äußerst wirkungsvolle Leistung vollbracht. +Daß die uns Menschen so auffallende Silberfärbung aber zum mindesten als +Schutzfärbung aufzufassen ist, geht schon daraus hervor, daß sie allen +Bodenfischen, wie auch den Tiefseefischen als zwecklos völlig fehlt. +Denn im Ozean verschwinden schon bei 500 <i>m</i> Tiefe die Silberbäuche +völlig, und Rot ist nun zur überwiegenden Schutzfarbe geworden, während +mit 1000 <i>m</i> Meerestiefe ein mehr oder minder tiefes oder getrübtes +Schwarz diese Rolle fast ausschließlich übernimmt, da ja Schwarz in den +schauerlich finsteren Tiefen des Weltmeers naturgemäß den besten Schutz +gewährt, auch gegenüber den <strong>Leuchtorganen</strong>, mit denen viele Raubfische +zum Aufsuchen oder Anlocken ihrer Beute ausgerüstet sind.</p> + +<p>Ganz besonders schön ausgeprägt ist die <strong>Schutzfärbung</strong> bei den in +erwachsenem Zustande auf dem Meeresgrunde lebenden <strong>Plattfischen</strong>, zu +denen einige der schmackhaftesten Bewohner von Nord- und Ostsee zählen, +und von denen die <strong>Flunder</strong> (<i>Pleuronéctes flésus</i>) gelegentlich auch im +Süßwasser vorkommt. Und sie wird hier noch in ganz großartiger Weise +unterstützt durch das diesen merkwürdigen Fischen eigene +<strong>Farbwechselvermögen</strong>, das in so überraschender Weise in Tätigkeit tritt, +daß darob selbst das in dieser Hinsicht doch weltberühmt gewordene +Chamäleon erröten müßte, wenn anders Rot auf seiner Farbenskala +verzeichnet wäre. Ganz wie beim Chamäleon wird auch bei den Plattfischen +die sich dem Untergrund anpassende Farbänderung hervorgerufen durch die +Tätigkeit der unter der Oberhaut liegenden und mit verschiedenartigen +Farbstoffen angefüllten Farbzellen oder Chromatophoren, die leicht und +rasch zusammengezogen oder ausgedehnt werden können und<a id="Page_20"></a> + <span class="pagenum">[20]</span> dadurch +eine Auflichtung oder ein Dunklerwerden der Gesamtfärbung sowie eine +Vergrößerung oder Verkleinerung, ein Verblassen oder ein Hervortreten, +wenn auch keine Verschiebung der Fleckung und Zeichnung bewirken. Danach +wird ein auf gelblichem Sande ruhender Plattfisch ganz anders aussehen +als ein auf dunklem Untergrunde liegender, ein auf grobem Kiesgeröll +befindlicher ganz anders als ein auf feinem Gries gelagerter. So weit +geht diese Anpassung, daß für das menschliche Auge oft förmliche +Vexierbilder entstehen und das Herausfinden eines sich regungslos +verhaltenden Plattfisches selbst im beschränkten Raume des Aquariums +seine nicht geringen Schwierigkeiten hat. Besonders deutlich konnte +Sumner in Neapel die Erscheinung dann verfolgen, wenn er den Fischen +einen künstlichen Untergrund aus verschiedenartig karriertem oder +geflecktem Papier gab, dem sie sich in überraschend kurzer Frist in +weitgehender Weise anzupassen suchten. Bei alledem steht soviel +unzweifelhaft fest, daß diese Farbanpassung vom Willen des Tieres völlig +unabhängig und als ein rein reflektorischer Akt zu deuten ist, als +dessen Ausgangspunkt wir die durch die Netzhaut des Auges wahrgenommenen +Lichteindrücke anzusehen haben. Sumner hat dies auch durch Versuche +nachgewiesen, indem die von ihm geblendeten Plattfische andauernd dunkel +blieben und unter keinen Umständen mehr einen Farbwechsel vorzunehmen +vermochten. Auf eine ungleich hübschere, weniger grausame und dabei +eigentlich noch viel überzeugendere Weise ist Ward zu dem gleichen +Ergebnis gelangt. Er teilte einen Wasserbehälter in zwei Hälften durch +ein Stück Linoleum, in das er ein Loch hineinschnitt, gerade groß genug, +um einen kleinen Hecht darin festzuhalten. Die eine Hälfte des Behälters +war weiß und die andere schwarz austapeziert. Wurde nun der Hecht so +hineingesetzt, daß sein Kopf sich in der dunklen Hälfte, Körper und +Schwanz dagegen in der hellen Hälfte befanden, so blieben die +Pigmentstellen entspannt, der ganze Fisch somit dunkel. Sobald man den +Versuchsfisch aber herumdrehte und den Kopf in die helle Hälfte +versetzte, so war schon nach drei Minuten der ganze Fischkörper bleich, +weil sich die dunklen Pigmentzellen zusammengezogen hatten. Das die +Färbung beeinflussende Licht wirkt also nicht unmittelbar, sondern durch +die Vermittlung des Fischauges.</p> + +<p>Häufiger als aktive Giftwaffen (Petermännchen) ist in unserer Fischfauna +eine oft nur zeitweise Giftigkeit gewisser Fischteile beim<a id="Page_21"></a> + <span class="pagenum">[21]</span> Genuß, +selbst wenn wir von dem Fleisch erkrankter oder bereits in Fäulnis +übergegangener Fische absehen. So entwickelt das Blut des <strong>Aals</strong>, sobald +es in fremde Blutbahnen gebracht wird, stark giftige Eigenschaften, die +allerdings schon durch gelindes Kochen völlig zum Verschwinden gebracht +werden. Bei der schmackhaften und sonst so bekömmlichen <strong>Barbe</strong> hat zur +Laichzeit der Genuß des Rogens und (entgegen der Auffassung Blochs, nach +einem aus neuester Zeit stammenden Bericht der Pariser <i>Société +Zoologique</i>) auch des diesen umgebenden Fleisches bedenkliche +Vergiftungserscheinungen im Gefolge, die sich namentlich in heftigem +Durchfall und Erbrechen äußern. In noch verstärktem Maße finden wir die +gleiche Erscheinung bei den merkwürdigen <strong>Kugelfischen</strong> (<i>Tétrodon</i>) der +japanischen Gewässer, weshalb auch deren Verkauf auf den Fischmärkten +streng verboten ist, während andrerseits Kugelfischkaviar eine beliebte +Delikatesse der dort aus den verschiedensten Gründen so häufigen +Selbstmordkandidaten sein soll. Unsere, eine Länge von 70 <i>cm</i> und ein +Gewicht von 10 <i>kg</i> und mehr erreichende <strong>Flußbarbe</strong> (<i>Bárbus +fluviátilis</i>) — der verwandte, in Siebenbürgen und Ungarn heimische, +aber auch schon im Oder- und Weichselgebiet vorkommende <strong>Semling</strong> (<i>Bárbus +petényi</i>) bleibt stets beträchtlich kleiner — verdient ihren Namen, +denn sie fehlt den stehenden Gewässern ebenso wie dem Meere, während sie +zu den charakteristischsten und häufigsten Bewohnern unserer Flüsse und +Ströme zählt, soweit diese steinigen oder kiesigen oder wenigstens +sandigen Untergrund haben, dem sie sich in ihrer Färbung ebenfalls in +weitgehender Weise anzupassen vermag. Während die jungen, erst im +vierten Jahre fortpflanzungsfähig werdenden Barben, die sich überhaupt +durch eine reizvolle Beweglichkeit und große Spiellust auszeichnen, +beständig unter zuckenden Flossenbewegungen umherschwimmen, werden die +Alten mehr und mehr zu Nachttieren und Bodenfischen und schließlich zu +richtigen Faulpelzen. Erst nach Einbruch der Dunkelheit ziehen sie auf +Nahrung aus, indem sie ganz nach Schweineart mit ihrer rüsselförmig +verlängerten Schnauze den Boden nach allerlei Genießbarem durchwühlen. +Da der nach Karpfenart gebaute, nur wesentlich schlankere Fisch dabei in +der Aufnahme von Nahrung ebensowenig wählerisch und ebenso vielseitig +ist, wie der grunzende Borstenträger, wird er in manchen Gegenden vom +Volke gar nicht übel als »Sauchen« bezeichnet. Auch an Aas und selbst an +menschliche<a id="Page_22"></a> + <span class="pagenum">[22]</span> Leichname geht die Barbe recht gern, und für Kot aller +Art hat sie sogar eine ausgesprochene Vorliebe, mästet sich deshalb am +besten da, wo Aborte und Kanäle ihren Inhalt in die Fluten entleeren, +und wird aus ähnlichen Gründen auch in der Nähe von Badeanstalten nicht +leicht vermißt. Indessen hat diese wenig appetitliche Ernährungsweise +ebenso wenig wie der Grätenreichtum ihres sonst vorzüglichen Fleisches +oder die Giftigkeit ihres Rogens zu verhindern vermocht, daß sie als +Tafelfisch sich einer nicht geringen Wertschätzung erfreut. Der Angler +weiß, daß sie am sichersten auf ein Stückchen Schweizerkäse anbeißt. +Namentlich als »Bierfische« werden die Barben in manchen Gegenden sehr +geschätzt, so daß man sie wegen ihrer verhältnismäßig geringen +Vermehrungsfähigkeit sogar schon künstlich zu züchten versucht, dabei +aber wegen der großen Klebrigkeit der Eier, die im Freien während der +Frühlingsmonate an Steinen abgesetzt werden, keine sonderlich +ermutigenden Erfolge erzielt hat. Zur Laichzeit sieht man die +Barbenmännchen oft in langen Zügen wie im »Gänsemarsche« hinter den +laichfähigen alten Weibchen einherziehen. Gerade die Barben erkranken +sehr leicht an der Beulenpest, die durch einen einzelligen Schmarotzer +aus der Klasse der Sporentierchen (<i>Nyxobólus pfeífferi</i>) verursacht +wird und zu erbsen- bis nußgroßen Geschwülsten auf der Haut der +befallenen Tiere führt. Die aus den eiternden Beulen austretenden Keime +befallen auch Fische anderer Art, sind vielleicht auch für den badenden +Menschen nicht ungefährlich und vermögen so ganze Gewässer zu verpesten. +Die Barbenbestände selbst sterben dann fast völlig ab, wie es in den +Jahren 1885 und 1886 in der Maas und Mosel der Fall war, wo man allein +in Mézières täglich bis zu 2 Zentnern abgestandener Barben auffischen +konnte. Ebenso sind krankhafte Farbenabweichungen gerade bei Barben +keine besondere Seltenheit; selbst Stücke mit lebhaft goldgelben +Schuppen, die stark an Goldfische erinnern, kommen gelegentlich vor.<a id="Page_23"></a> + <span class="pagenum">[23]</span> </p> + +<div class="box1"> + +<p class="center"> + +<img src="images/image05.jpg" width="436" height="665" alt="" /> <a id="Barsch"></a></p> + +<p class="caption"> Barsch (nach Naturaufnahmen von Fr. Ward [<i>Marvels of fish life</i>] gezeichnet von + R. Oeffinger).</p> + +</div> + +<p>Als ein gutes Beispiel für die Farbenanpassung an die Pflanzenwelt des +Süßwassers wollen wir hier endlich noch den <strong>Flußbarsch</strong> (<i>Pérca +fluviátilis</i>) herausgreifen, dessen Name mit dem Begriff »Borste« +zusammenhängen soll, und ein recht borstiger Bursche ist ja dieser +stachelbewehrte Räuber tatsächlich in jeder Hinsicht, der im Fischreiche +biologisch etwa dieselbe Rolle spielt wie der Sperber in der Vogelwelt. +Von Schutzfärbung ist freilich bei ihm zunächst<a id="Page_24"></a> + <span class="pagenum">[24]</span> +wenig zu merken, denn der Oberkörper ist messingglänzend, und diese +Farbe geht auf den Seiten mehr ins Grünliche, auf dem Bauche ins +Weißliche über, während quer über den Leib 5-9 mehr oder minder dunkle +Zebrabinden verlaufen. Wir müssen aber berücksichtigen, daß der Barsch +in der Regel unter einer überhängenden Uferstelle im ruhigen Wasser +zwischen Rohrhalmen auf Beute lauert, und hier kommt ihm die den Rohr- +und Pflanzenstengeln gleichende Körperzeichnung doch sehr zustatten, +zumal sie sich den Belichtungs-und Schattierungsverhältnissen ebenfalls +in wundersamer Weise anzupassen vermag. Je klarer und durchsichtiger das +Wasser, in desto lebhafterer Färbung pflegt der Barsch zu prahlen. Nun +kommt aber noch hinzu, daß auch sein jeweiliger Gemütszustand die +Färbung ganz erheblich zu beeinflussen pflegt, wie ja die Fische trotz +ihres kalten Bluts überhaupt keineswegs die leidenschaftslosen und +»kaltblütigen« Geschöpfe sind, als die sie bei oberflächlicher +Betrachtung erscheinen. Ganz im Gegenteil feiern glühende Liebe, +brennender Haß und ungestümer Wanderdrang, kurz, rücksichtslose +Leidenschaften aller Art gerade im Fischreiche wahre Orgien, und das +kommt auch in der jeweiligen Färbung oft deutlich genug zum Ausdruck. So +beweisen die einwandfreien Photographien des schon erwähnten englischen +Forschers Ward, daß namentlich der Barsch nicht nur ein durch die +verschiedene Flossenstellung vermitteltes, sehr ausdrucksvolles Mienen- +und Geberdenspiel hat, sondern daß er auch aus Angst und Furcht oder bei +plötzlichem Schreck die Farbe zu verändern, insbesondere bis zur +Leichenblässe zu erbleichen vermag. Eben noch liegt der Fisch in +behaglicher Ruhe auf dem Grunde, den Körper gestützt auf Schwanz- und +Beckenflossen, während die übrigen Flossen sich ihm anschmiegen und die +Zebrastreifen fast gar nicht sichtbar sind. Da — eine leise +Erschütterung des Glasbehälters, und der Barsch richtet sofort als +Zeichen der Beunruhigung die zweite Rückenflosse steil auf. Eine zweite +und dritte stärkere Erschütterung — und der nun vollends erschreckte +Barsch erhebt sich vom Boden, richtet auch die übrigen Flossen auf, +spreizt die Kiemendeckel und — erbleicht plötzlich vor Furcht, so daß +die Zebrastreifen scharf und deutlich hervortreten. »Drei Minuten lang +verharrte er in dieser Stellung und schwamm dann fort, andauernd seine +großen Augen rollend, als ob er nach Gefahr ausschaute.« Gleichzeitig +mit dem Erbleichen wird eine besondere Verteidigungsstellung +eingenommen, +<a id="Page_25"></a> + <span class="pagenum">[25]</span> und dabei werden namentlich die scharfen Stacheln der +Rückenflossen gespreizt, denn sie sind die natürlichen Abwehrwaffen des +Barsches. Doch stehen sie nicht wie beim Stichling in besonderen +Sperrgelenken, und deshalb gewähren sie auch nicht einen so weitgehenden +Schutz, obschon die größeren Raubfische in der Regel nur bei besonderem +Hunger sich an den stacheligen Gesellen machen. Der Hecht z. B. packt +den sich nach Kräften Sträubenden mit einer gewissen Vorsicht am Maul +und läßt ihn sich nun erst so weit abmatten, bis die dräuend erhobenen +Stacheln von selbst herabsinken und so das Opfer verschlungen werden +kann. Seinerseits ist aber auch der Barsch ein gar grimmer Räuber, der +blindgierig auf alles losschnappt, was er halbwegs bewältigen zu können +glaubt, und dabei nicht selten üble Erfahrungen machen muß. In der +Jugend zwar begnügt er sich mit Gewürm und Schnecken, im Alter aber wird +er zum fast ausschließlichen Fischfresser. Lauernd lugt er dann aus +seinem Versteck, und wie ein Sperber stößt er urplötzlich hervor unter +das harmlos spielende Proletenvolk der Weißfischchen, die erschreckt +auseinander stieben, wohl gar aus dem Wasser hervorschnellen, aber von +dem Raubritter in schnellen, ruckweisen Schwimmstößen so lange verfolgt +werden, bis einer erhascht ist, falls dies nicht schon auf den ersten +Anhieb geschah. Auch der Fischbrut und den kleineren Krebsen tut der +Barsch viel Schaden. So las ich erst unlängst, daß ein nur 16 <i>cm</i> +langer Barsch nicht weniger als 3 noch frische, weichhäutige Krebse von +5 bis 7-1/2 <i>cm</i> Länge im Magen hatte, der dadurch ganz unförmlich +aufgetrieben war. Selbst an kleineren Sängern und Vögeln vergreift sich +dieser gierige Räuber, wenn sich ihm Gelegenheit dazu bietet. Da er +blind nach allem Genießbaren schnappt, bildet er die Freude des +angehenden Anglers, dessen Unerfahrenheit er oft mit einem unverhofften +und wegen seines wohlschmeckenden Fleisches hochwillkommenen Erfolge +krönt, der allerdings nicht selten mit einer schmerzhaften Verletzung +der Hand durch die spitzigen Rückenstacheln bezahlt werden muß. Das gilt +freilich nur von jungen und unerfahrenen Barschen, denn die alten sind +recht scheu und mißtrauisch, und der Angler darf sich solchen gegenüber +keineswegs unvorsichtig benehmen. Wer irgendwelche Barscharten längere +Zeit hindurch im Aquarium gepflegt hat, wird mir beipflichten, wenn ich +mich erkühne, diese Fische geradezu als nervöse Geschöpfe zu bezeichnen. +An Heißblütigkeit und Ungestüm des Temperaments<a id="Page_26"></a> + <span class="pagenum">[26]</span> geben sie ihrem +würdigen Vertreter in der Vogelwelt, dem Sperber, sicherlich nicht das +geringste nach. Ja, ihre Erregung vermag sich wie beim Vogel derart zu +steigern, daß sie in krampfhafte Zustände verfallen oder gar plötzlich +tot zu Boden sinken. Auch mancher Exotenzüchter vermag von dieser noch +wenig bekannten und erforschten Eigenschaft der als kaltblütig +verschrieenen Fische ein Lied zu singen. So sind Fälle bekannt, wo +Makropoden aus Erregung über die Zerstörung ihres Schaumnestes sofort +verendeten; der Pfauenaugenbarsch wechselt aus Angst oder Schreck alle +Farben, oder verfällt in Starrkrampf, der Diamantbarsch geberdet sich im +Ärger genau so sinnlos wie ein Habicht oder Sperber und sucht sich mit +weit abstehenden Kiemen in den Sand einzubohren. Unser Fluß-oder +Rohrbarsch, der gewöhnlich 35-40 <i>cm</i> lang und 1 <i>kg</i> schwer wird +(kürzlich wurde bei Zürich ein Exemplar von 2-1/4 <i>kg</i> Gewicht +gefangen), bewohnt sowohl stehende wie fließende Gewässer, bevorzugt in +diesen jedoch die langsam fließenden Stellen mit sandigem, mergeligem +oder lehmigem Grunde und gibt immer einem möglichst klaren Wasser den +Vorzug. Die Laichzeit fällt in die Frühlingsmonate, und zwar werden die +mohnkorngroßen Eier in mehr als meterlangen, schlauchartigen Schnüren +netzartig um allerlei feste Gegenstände im Wasser geschlungen. Das +Weibchen kriecht bei der Laichabgabe förmlich wie eine Schnecke über die +Unterlage und unterstützt durch scharfes Anpressen des Bauches, also +durch eine Art Selbstmassage das Austreten der zwar kleinen, aber sehr +klebrigen und spezifisch auffallend schweren Eier. Künstliche +Besamungsversuche in der Biologischen Versuchsanstalt zu Wien haben +gezeigt, daß es sich bei einer bisher rätselhaften Barschform aus dem +Donaugebiet um Bastarde zwischen Rohr- und Kaulbarsch handelt, die +demgemäß auch in freier Natur vorkommen. Diese Mischlinge sind im +allgemeinen mehr kaulbarschähnlich, aber hochrückiger und seitlich +stärker zusammengedrückt, während die Zebrabinden nur dann hervortreten, +wenn der Rohrbarsch die Mutter war; sie sind träger, aber zählebiger und +schnellwüchsiger als beide Stammarten.</p> + +<p>Größere wirtschaftliche Bedeutung als der Flußbarsch besitzt sein +äußerst wohlschmeckender und dabei grätenarmer größerer Vetter, der +<strong>Zander</strong> oder <strong>Schill</strong> (<i>Luciopérca sándra</i>), dessen wisschenschaftlicher +Name »Hechtbarsch« vortrefflich gewählt erscheint, denn in der Tat +vereinigt dieser Fisch äußerlich wie biologisch die Eigenarten<a id="Page_27"></a> + <span class="pagenum">[27]</span> +beider Familien in sich. Mehr noch als der Flußbarsch ist er auf recht +sauerstoffreiches Wasser angewiesen, worauf schon der ungemein zarte Bau +seiner Kiemen hindeutet. So findet er sich besonders zahlreich in +weiten, aber flachen Wasserbecken, die durch stürmische Winde ab und zu +gründlich aufgewühlt und dadurch mit dem Sauerstoff der Luft gesättigt +werden, wie dies z. B. beim Kurischen Haff der Fall ist, wo deshalb auch +ein sehr lohnender Zanderfang noch heute betrieben wird, wenn auch die +Zeiten, wo man die massenhaft erbeuteten wertvollen Zander lediglich zum +Trankochen benutzte, dort längst vorüber sind. Ebenso ist der Zander als +»Fogosch« ein Charakterfisch des Plattensees und bildet, auf dem Rost +gebraten, eine beliebte ungarische Nationalspeise. Die so zahlreich in +die Berliner Markthallen gelangenden Zander dagegen entstammen +größtenteils dem Wolgagebiet, wo eine besondere Art, der <strong>Berschik</strong> +(<i>Luciopérca volgénsis</i>) auftritt, die neuerdings auch durch das +Schwarze Meer ins Donaugebiet einzuwandern beginnt. Auch der Zander ist +ein ausgesprochener, überaus freßgieriger Raubfisch, der aber seines +engen Schlundes und Magens wegen doch nur kleinere Fische zu bewältigen +vermag. Der Angler wird ihm gegenüber nur dann Erfolg haben, wenn er +einen lebenden Köder verwendet und auf die große Furchtsamkeit und +Leckerhaftigkeit dieses Fisches genügend Rücksicht nimmt. Dann aber +bietet gerade das Zanderangeln viel Anregung und hohen sportlichen +Genuß. Gleich dem Flußbarsch treibt sich der Zander gern in kleinen +Trupps umher, und es ist merkwürdig, wie diese im Wasser oft förmlich +exerzieren und wie auf Kommando gemeinsame Schwenkungen vollführen. Die +ganz jungen Zander fressen außer tierischen Substanzen auch massenhaft +schwebende Algen, und selbst die Alten scheinen Pflanzenkost nicht +völlig zu verschmähen. Jedenfalls ist es auffallend, daß die in +Zandermägen vorgefundenen Fische fast immer in allerlei Pflanzengrün +eingehüllt sind, wobei es einstweilen dahingestellt bleiben muß, ob +dieses etwa zur Beförderung der Verdauung mit verschluckt wurde. Von +anderweitigen Angehörigen der Barschfamilie, die sich durch das +Vorhandensein von zwei selbständigen, stacheligen Rückenflossen +kennzeichnet, seien hier noch kurz erwähnt der schlank gebaute <strong>Streber</strong> +(<i>Aspro stréber</i>), der bei uns gleich dem <strong>Zingel</strong> (<i>Aspro zíngel</i>) auf +das Donaugebiet beschränkt ist, und der bisher nur in fließendem Wasser +gefundene <strong>Schrätzer</strong> (<i>Acerína schráetser</i>). Alle diese<a id="Page_28"></a> + <span class="pagenum">[28]</span> Arten sind +zu klein und treten zu vereinzelt auf, als daß sie wirtschaftliche +Bedeutung gewinnen könnten, obschon ihr Fleisch recht gut mundet. Beim +Zingel hat Kammerer interessanterweise einen ganz verwickelten Nestbau +beobachtet, indem das Tier eine kreisförmige Grube im Sande auswirft, in +der Grubenmitte mit der Schnauze Steine zusammenschiebt, und zwischen +die Steine mühselig herbeigeholte Algenwatte einklemmt. Durch +Hineinarbeiten und Drehen des Körpers gewann diese Algenmasse +mützenförmige Gestalt, die durch quergesteckte Reiser klaffend erhalten +wurde. Der Schrätzerlaich erscheint zwar ebenfalls wie beim Flußbarsch +zu Schnüren angeordnet, aber die Eier liegen nicht in einem gemeinsamen +Schlauch, sondern sind nur reihenweise dicht nebeneinander auf dem Boden +festgeklebt. Dieser stachelige Fisch, der dem etwas Besseres erhoffenden +Angler manche Enttäuschung bereitet und ihm beim Auslösen manchen +blutigen Stich beibringt, gilt bei den Donaufischern als ein arger +Schädling der Fischbrut, während Streber und Zingel, die man in kleinen +Geschwadern ruckweise durchs Wasser schießen sieht, völlig harmlos sind +und sich lediglich von Mückenlarven, Wasserasseln, Flohkrebsen und +Erbsenmuscheln, namentlich aber von Würmern ernähren. Sie schaufeln +diese förmlich aus dem Boden hervor und drehen sich von großen +Exemplaren maulgerechte Stücke ab, indem sie sich wie die Molche hin und +her werfen und um die eigene Achse wälzen. Neuerdings sind auch zwei +nordamerikanische Barscharten ihrer Schnellwüchsigkeit halber mit Erfolg +in Deutschland eingebürgert worden, der <strong>Schwarzbarsch</strong> und der +<strong>Forellenbarsch</strong>, die sich namentlich in kleinen Teichen mit festem +Untergrunde recht gut entwickeln und hier die Rolle des Hechts vertreten +können. Wichtiger aber als sie alle ist trotz seiner Kleinheit (er +bringt es höchstens auf 1/2 <i>kg</i> Körpergewicht) der <strong>Kaulbarsch</strong> (<i>Acerína +cvernua</i>), ein gelbbrauner oder olivengrüner Bursche mit feinen +Pünktchen, die das Volk in Süddeutschland für Läuse hält und deshalb den +Fisch, der von jeher gern in den Klöstern verspeist wurde, »Pfaffenlaus« +getauft hat. Noch furchtbarer als andere Barscharten ist diese mit +Stacheln bewehrt, so daß die Fischer von ihr sagen, man dürfe sie nur +mit blechernen Handschuhen anfassen, und kenntlich wird der gedrungen +gebaute Kaulbarsch sofort daran, daß die beiden Rückenflossen nicht +scharf getrennt sind, sondern ineinander übergehen. Er führt eine +zigeunerartige und nomadenhafte Lebensweise,<a id="Page_29"></a> + <span class="pagenum">[29]</span> erscheint aber zu +bestimmten Jahreszeiten in gewissen Gegenden in ganz fabelhafter Menge. +Als ich vor einer Reihe von Jahren am Kurischen Haff wohnte, wurden dort +nicht selten solche Unmengen von Kaulbarschen gefangen, daß man mit dem +Überfluß bisweilen nichts anderes anzufangen wußte, als ihn als Dung auf +die Felder zu fahren. Heute wird das wohl auch anders geworden sein, +denn Kaulbarsch gibt die leckerste Fischsuppe, die sich nur denken läßt. +In den langen und harten Wintern lernte ich damals dort auch eine ganz +eigentümliche Fangweise kennen, die besonders dem Kaulbarsch galt. Wenn +das weite Kurische Haff zugefroren war, schoben die Fischer mit Stangen +nebeneinander 12-15 Stecknetze von je 30 bis 50 <i>m</i> Länge und 1/2 bis +3/4 <i>m</i> Höhe unter das Eis und ließen sie eine Weile stehen, unter +Umständen tagelang. Dann wurde in der Nähe eine lange, bis auf den Grund +reichende Stange, die an einem Gestelle mehrere eiserne Ringe trug, +durch das Eis gestoßen und mit ihr ein möglichst großer Lärm vollführt. +Die Folge war, daß sich die Netze dicht mit Kaulbarschen füllten, die +nach den Behauptungen der Fischer durch das erzeugte Geräusch angelockt, +richtiger vielleicht dadurch zu sinnloser Flucht aufgescheucht wurden.</p> + +<p>Dies führt uns zu der interessanten und neuerdings viel erörterten +Frage, ob überhaupt und bis zu welchem Grade Fische zu <strong>hören</strong> vermögen. +Um über diese vielumstrittene Frage ins klare zu kommen, soweit dies der +heutige Stand der Wissenschaft erlaubt, ist es nötig, daß wir uns +zunächst den Bau des <strong>Gehörorgans</strong> der Fische vergegenwärtigen. +Bekanntlich besitzen diese kein äußeres Ohr, und auch von den inneren +Teilen fehlt ihnen die sogenannte Schnecke, der Träger des Cortischen +Organs, das wir seit Helmholtz als den eigentlichen Sitz des Gehörsinnes +kennen. Wohl ist das sogenannte Labyrinth vorhanden und in ihm ein +großer und zwei kleine Gehörknöchelchen oder Otolithen, die von kalkiger +Struktur sind und deutlich ein Jahreswachstum erkennen lassen, aber +diese Gebilde haben mit dem eigentlichen Gehörvermögen nichts mehr zu +tun, sondern unterrichten, eingebettet in eine gallertige Masse und in +Zusammenhang stehend mit seinen, in Nervenzellen endigenden Härchen, den +Fisch lediglich über seine Lage, dienen insbesondere auch zur Erhaltung +des so nötigen Gleichgewichts, sind also ein ausgesprochen statisches +Organ, weshalb man die Otolithen auch besser und richtiger <strong>Statolithen</strong> +nennen sollte. Fische, die dieses Organs<a id="Page_30"></a> + <span class="pagenum">[30]</span> beraubt sind, verlieren +das Gleichgewicht und das Orientierungsvermögen und schwimmen auf der +Seite oder auf dem Rücken sinnlos im Kreise herum. Um es kurz +zusammenzufassen: während das Ohr der höheren Wirbeltiere zugleich als +statisches und als Gehörorgan dient, kann seinem ganzen anatomischen und +histologischen Bau nach bei den Fischen ausschließlich nur die erstere +Funktion in Betracht kommen. Die Fische können also wegen des Fehlens +eines vermittelnden Organs nicht hören, d. h. sie sind für +Schallwirkungen an sich unempfänglich. Dem wird freilich der in der +Praxis geschulte Fischer mit überlegenem Lächeln entgegenhalten, daß die +meisten Fische doch sehr wohl auf starke Geräusche reagieren, der +Tierfreund wird uns erzählen, daß er bei diesem oder jenem alten +Klosterteiche gesehen habe, wie die fetten Mooskarpfen auf ein gegebenes +Glockenzeichen, an das sie seit vielen Jahren gewöhnt seien, zur +Fütterung herbeigeschwommen kamen, der Weltreisende wird uns versichern, +daß das in Japan jedes Kind wisse, weil man in den Gartenteichen die +Goldfische durch Pfeifen oder Glockensignale zur Fütterung herbeirufe. +Auch der erfahrene Aquarienliebhaber wird uns mit bedenklicher Miene +darauf aufmerksam machen, daß die trommelnden Laute der Guramis doch +offenbar die Rolle eines geschlechtlichen Reizmittels spielten und +demnach auch von dem anderen Teile vernommen werden müßten, wenn sie +überhaupt einen Zweck haben sollten. Das ist alles ganz richtig, und +doch liegen überall Trugschlüsse vor. Die hungrigen Karpfen hören nicht +das Glockenläuten, wohl aber empfinden sie die durch die Schritte des +nahenden Futterspenders der Erde mitgeteilte und sich im Wasser +fortpflanzende Erschütterung, sehen und kennen vielleicht sogar die +Gestalt ihres Wohltäters. Wartet dieser aber erst ruhig ein Stündchen +und stellt er sich dann so auf, daß er beim Glockenläuten nicht gesehen +werden kann, so kann er noch so lange und noch so schön bimmeln, keiner +der faulen Karpfen wird sich die Mühe nehmen, lediglich des Glockentones +wegen herbeizuschwimmen. Besonders bezeichnend ist es, daß Fische auf +schwache Geräusche außerhalb des Wassers niemals achten, daß sie aber +erschreckt zusammenfahren, wenn man unmittelbar neben einem Tümpel einen +Gewehrschuß abfeuert oder wenn man über dem Aquarium stark in die Hände +klatscht. Daraus dürfen wir ruhig schließen, daß sie nur für solche Töne +sich empfänglich zeigen, die stark genug sind, um sich im Wasser als +Erschütterungswellen<a id="Page_31"></a> + <span class="pagenum">[31]</span> fortzupflanzen, und damit haben wir zugleich +des Rätsels Lösung. Nicht die Schallwellen sind es, die der Fisch +wahrnimmt, sondern die durch sie im Wasser erzeugten +Erschütterungswellen, und nicht oder doch nicht ausschließlich mit dem +Ohre nimmt er sie auf, sondern mit seiner gesamten Körperoberfläche, in +erster Linie mit der sogenannten <strong>Seitenlinie</strong>, diesem noch so +geheimnisvollen sechsten Sinn. Wir dürfen also diese Art der Wahrnehmung +nicht als Gehörsinn bezeichnen, sondern könnten sie etwa Erzitterungs- +oder Erschütterungssinn nennen. Gewiß werden die umworbenen Weibchen +bestimmter Fischarten die balzenden Knurr- oder Trommeltöne ihrer +Verehrer zu würdigen wissen, aber mitgeteilt werden sie ihrem verliebten +Hirn nicht durch das lediglich als statisches Organ dienende Ohr, +sondern durch die hochempfindlichen Sinnesbecher, die durch die Löcher +der Seitenlinie mit der Außenwelt in Verbindung stehen. Im Wasser selbst +und bei ganz kurzer Entfernung, wie sie ja in allen solchen Fällen +allein in Betracht kommt, brauchen die Töne natürlich durchaus nicht +sonderlich laut zu sein, um verstanden zu werden. Nun gibt es allerdings +bekanntlich keine Regel ohne Ausnahme, und so will es in der Tat fast +scheinen, als ob doch einige wenige Fische den Anfang zu einem echten +Hörvermögen besäßen und wenigstens für ganz bestimmte Töne einigermaßen +empfänglich wären. So hat Maier von dem nordamerikanischen Zwergwels +neuerdings in einer anscheinend einwandfreien Weise festgestellt, daß er +recht lebhaft auf Pfiffe reagierte. Seine Versuche sind von zuständiger +Seite nachgeprüft und bestätigt worden. Und was dem Zwergwels recht ist, +das sollte auch unserem Weller billig sein. Vielleicht haben wir also in +der Gruppe der Welse den Beginn des Gehörvermögens bei den Fischen zu +suchen. Immerhin könnten bei dieser höchst auffallenden Beobachtung doch +Fehlerquellen mit unterlaufen sein, und völlige Gewißheit werden wir +über sie erst dann gewinnen, wenn das Gehörvermögen der Welse mit +Seziermesser und Mikroskop eingehend untersucht sein wird, was meines +Wissens bisher noch nicht geschehen ist. Im Einklang mit den +vorausgehenden Ausführungen stehen dagegen die Untersuchungen, die +Edinger über das Fischhirn gemacht hat, und aus denen wir wissen, daß +bei diesen Tieren das sogenannte Neenkephalon höchstens andeutungsweise +zur Entwicklung gelangen kann, während sie im übrigen auf das lediglich +Reflexe ermöglichende Paläenkephalon angewiesen sind. Sodann wollen +wir<a id="Page_32"></a> + <span class="pagenum">[32]</span> nicht vergessen, daß ein Hören von außerhalb des Wassers +verursachten Geräuschen für die Fische eigentlich wenig Sinn und Zweck +hätte, und daß die schaffende Natur überflüssige Einrichtungen nicht +liebt, sondern sich in weiser Sparsamkeit auf das Notwendige beschränkt, +dieses aber dafür um so vollkommener auszubilden sucht.</p> + +<p>Es dürfte angebracht sein, bei dieser Gelegenheit auch noch der schon +erwähnten <strong>Seitenlinie</strong> der Fische einige Worte zu widmen. Daß sie ein +Sinnesorgan ist und ihrem ganzen Bau nach nichts anderes sein kann, +wissen wir, aber über die Art und Weise ihrer Wirksamkeit können wir uns +eigentlich nur mehr oder minder gut begründeten Mutmaßungen hingeben. +Schon Leydig erkannte 1851 die Seitenlinie als Sitz eines sechsten +Sinnes, aber erst durch Hofers eingehende Untersuchungen sind wir über +dessen Funktion einigermaßen klar geworden. Bald glaubte man, daß die +Seitenlinie dem Fischkörper die Wellenbewegungen des Wassers mitteile, +bald sollte sie ihm den Wasserdruck angeben oder ihn über die jeweilige +Höhe und Tiefe orientieren, bald sah man in ihr ein Gleichgewichtsorgan, +bald einen Wahrnehmungsapparat für leichte Erschütterungen, bald einen +Regulator für die Gasproduktion, und sogar mit dem +Fortpflanzungsgeschäft hat man sie in Beziehungen bringen wollen. +Jedenfalls ist sie kein eigentlicher <strong>Gefühls-</strong> oder Tastsinn, der beim +Fische vielmehr durch die ganze Hautoberfläche und insbesondere durch +die wulstigen Lippen sowie die oft vorhandenen Bartfäden oder sonstige +Anhängsel vermittelt wird, übrigens in sehr verschieden hohem Grade +ausgebildet ist. Soviel scheint jedoch festzustehen, daß die Fische eine +auffallend geringe Schmerzempfindung besitzen, was ja auch mit den beim +Angelsport gemachten Erfahrungen übereinstimmt, indem oft ein eben erst +auf das empfindlichste durch den Angelhaken verletzter Fisch sofort +wieder anbeißt, als ob nichts geschehen wäre. Die von tierschützerischer +Seite so oft gegen das Angeln erhobenen Vorwürfe entbehren daher der +physiologischen Begründung. Am wahrscheinlichsten und teilweise auch +schon auf experimentellem Wege erwiesen ist es wohl, daß der Seitenlinie +die Aufgabe zufällt, den Fisch über die jeweiligen Strömungen des +Wassers und damit indirekt auch über seinem Weg entgegenstehende +Hindernisse zu unterrichten. Diese Aufgabe ist wichtig genug, denn ohne +ein derartiges Organ würde namentlich der in dunkler Tiefe lebende Fisch +sich überhaupt nicht zurechtfinden können (deshalb ist auch die<a id="Page_33"></a> + <span class="pagenum">[33]</span> +Seitenlinie bei Tiefseefischen besonders gut entwickelt), der +Süßwasserfisch würde unweigerlich ins Meer geschwemmt werden, weil er +sich nicht über die Strömung unterrichten könnte, er vermöchte auch +nicht die einmündenden Bäche und Flüsse aufzufinden, auf seinen +Wanderungen nicht die zu überwindenden Hindernisse wahrzunehmen und +abzuschätzen. Gewöhnlich verläuft die Seitenlinie unter der +Hautoberfläche und steht nur durch die durchbohrten Schuppen mit der +Außenwelt in Verbindung, bisweilen (so bei den Seekatzen) liegt sie aber +auch frei in einem häutigen, tief eingesenkten Kanal. Die +knospenförmigen, eigentlichen Sinneszellen in ihr wechseln mit stark +entwickelten Schleimzellen ab, weshalb man vor dem Auftreten Leydigs die +ganze Anlage lediglich für ein Schleim absonderndes Organ hielt. Meist +ist die Seitenlinie schon äußerlich gut zu erkennen, und zwar verläuft +sie in der Regel in gerader oder sanft geschwungener Linie von den +Kiemen über die ganze Körperseite bis zur Schwanzflosse. Indessen +erleidet diese Regel viele Ausnahmen, und in solchen Fällen gibt die +abweichende Gestaltung der Seitenlinie oft ein gutes +Unterscheidungsmerkmal für nahestehende Arten ab. So ist das Organ nicht +selten nur teilweise ausgebildet, wie z. B. beim <strong>Moderlieschen</strong> +(<i>Leucáspius delineátus</i>), das von allen ähnlichen Fischchen sich sofort +dadurch unterscheidet, daß die Seitenlinie schon dicht hinter dem Kopfe +endigt.</p> + +<div class="box1"> + +<p class="center"> + +<img src="images/image06.jpg" width="450" height="209" alt="" /> <a id="Moderlieschen"></a> </p> + +<p class="caption"> Moderlieschen. (Nach einer Naturaufnahme von Dr. E. Bade.) (Aus: Bade, Die + mitteleuropäischen Süßwasserfische.)</p> + +</div> + +<p>Das gestreckt gebaute, aber in der Gestalt sehr wandelbare niedliche +Tierchen mit dem steil nach oben gerichteten Mäulchen, der<a id="Page_34"></a> + <span class="pagenum">[34]</span> tief +ausgeschnittenen Schwanzflosse, den großen Augen und den stark +silberglänzenden Seiten, über dessen Verbreitungsbezirk wir noch +keineswegs hinreichend unterrichtet sind, das aber im Osten entschieden +häufiger ist, als im Westen, gehört zu unseren anspruchslosesten +Fischen. Es findet sich nicht nur in Flüssen aller Art, sondern gar +nicht selten in Torfausschachtungen und lehmigen Heidetümpeln. +Interessant ist die Brutpflege des Moderlieschens. Das Männchen bewacht +und verteidigt nämlich eifrig den Laich, der vom Weibchen +manschettenförmig um die Stengel des Froschlöffels herumgelegt wird. +Zugleich bemüht sich das wackere Männchen auch, die Eier dadurch vor +Verpilzung zu schützen, daß es durch fortwährende Schwanzschläge den sie +tragenden Pflanzenstengel in Bewegung erhält. Einen ganz eigenartigen, +in unserer Fischwelt einzig dastehenden Verlauf nimmt die Seitenlinie +bei dem durch stark zusammengedrückten Leibesbau, hervorgewölbten Bauch +und lebhaften Silberglanz ausgezeichneten <strong>Sichling</strong> (<i>Pélecus +cultrátus</i>), auch Messerkarpfen, Zicke und Dünnbauch genannt. Sie biegt +bei ihm gleich am Kopfe in flachem Bogen nach unten, geht dann fast +senkrecht bis nahe zur Bauchkante, schwingt sich von hier in mäßigem +Bogen bis zum unteren Körperdrittel empor, senkt sich hierauf zwischen +Bauch- und Afterflosse wieder nach unten und steigt zuletzt in flachem +Bogen aufwärts, um am Schwanz in der Körpermitte zu endigen. Dieser +Fisch hat auch sonst mancherlei Merkwürdiges an sich. So ist schon seine +Verbreitung auffallend genug, denn er findet sich einerseits in der +Ostsee mit allen ihren Verzweigungen und Zuflüssen und andrerseits +ebenso im Gebiete des Schwarzen Meeres, ohne doch irgendwo sonderlich +häufig zu sein. Ja, im Donaugebiet erscheint er nach der Meinung der +Fischer nur alle sieben Jahre, weshalb sie ihn als Unglücksfisch und +Pestbringer betrachten, ähnlich wie die Vogelkundigen früherer Zeiten +den Seidenschwanz. Von seiner Lebensweise wissen wir eigentlich nicht +viel mehr, als daß er ein gesellig lebender Oberflächenfisch ist und +zwischen Salz-, Brack- und Süßwasser kaum irgendwelchen Unterschied +macht, sondern sich allenthalben gleich wohl zu fühlen scheint. Obgleich +man ihm hier und da (so im Kurischen Haff) mit Netzen nachstellt und er +immerhin bis zu 1 <i>kg</i> schwer wird, hat er doch kaum irgendwelche +wirtschaftliche Bedeutung, da er nirgends in Massen auftritt und +überdies sein weichliches Fleisch sehr grätig ist.<a id="Page_35"></a> + <span class="pagenum">[35]</span> </p> + +<p>Es dürfte angezeigt sein, im Anschluß an die Betrachtung der Seitenlinie +gleich auch noch den sonstigen Sinnesfähigkeiten der Fische einige Worte +zu widmen. Über Geschmacks- und <strong>Geruchssinn</strong> war man insofern lange im +Unklaren, als man beide nicht recht auseinanderzuhalten vermochte. Lange +Zeit hat man fast allgemein geglaubt, daß die Fische überhaupt nicht zu +wittern vermögen, sondern daß bei ihnen der Geruch durch den stark +entwickelten Geschmack ersetzt werde, obschon das Witterungsvermögen +nicht von vornherein ausgeschlossen schien, da ja Gase bekanntlich auch +im Wasser löslich sind und die meisten Fische paarige Nasenlöcher haben +(nur das tiefstehende Lanzettfischchen und die Rundmäuler haben ein +einziges Nasenloch), die mit einer strahlenförmig gefalteten und durch +besondere Nerven mit dem Gehirn verbundenen Schleimhaut ausgekleidet +sind. Bei den Haien und Rochen liegen diese Geruchsorgane +merkwürdigerweise auf der Unterseite des Kopfes. Zur vorderen Öffnung +strömt das Wasser herein, zur hinteren heraus, nachdem es mit den in der +Schleimhaut enthaltenen Sinneszellen in Berührung gekommen ist, und es +liegt auf der Hand, daß diese Strömung beim schwimmenden Fisch ungleich +lebhafter sein muß, als beim ruhenden, daß demgemäß jener auch weit +besser wittert, falls er dazu überhaupt imstande ist. Und dies ist nach +den Untersuchungen des amerikanischen Zoologen Parker am Katzenwels wohl +unzweifelhaft der Fall. Hängte der Genannte undurchsichtige +Leinwandbeutel ins Aquarium, die teils leer, teils mit zerschnittenen +Regenwürmern gefüllt waren, so kamen die Fische schon aus ziemlicher +Entfernung auf letztere zugeschwommen, während erstere völlig unbeachtet +blieben. Wurde dann auf experimentellem Wege das Geruchsorgan +ausgeschaltet, so fanden auch die gefüllten Beutelchen keine Beachtung +mehr. Der Einwand, daß dieses Geruchsvermögen vielleicht nur auf den +Katzenwels oder auf die ja überhaupt manche Besonderheiten aufweisende +Gruppe der Welse beschränkt sei, ist auch schon zum Teil hinfällig +geworden, indem man bei Zahnkarpfen und anderen Fischen ganz dieselben +Versuche mit dem gleichen Erfolge wiederholt hat. Im Einklange damit +stehen ja auch die praktischen Erfahrungen der Seeleute, die +übereinstimmend versichern, daß Haie ins Wasser geworfene Fleischbrocken +auf große Entfernung hin zu wittern vermögen. Natürlich wird der +Geruchssinn bei den einzelnen Fischgruppen in sehr verschieden hohem +Maße entwickelt sein, worüber nähere Untersuchungen<a id="Page_36"></a> + <span class="pagenum">[36]</span> noch +ausstehen, und das gleiche gilt auch von dem <strong>Geschmackssinn</strong>. Raubfische, +die ihre Beute unzerkleinert verschlingen, werden einen weit geringeren +Geschmackssinn haben als pflanzenfressende Fische, die ihre Nahrung +ordentlich kauen. Wir können ja an jedem fressenden Karpfen sehen, wie +er ihm nicht Zusagendes sofort wieder ausspuckt. Bei diesen Fischen ist +der Geschmack anscheinend in einem am Gaumen sitzenden Paket von +Sinneszellen konzentriert, während die harte und gewöhnlich mit Zähnen +besetzte Zunge sich nur wenig zum Träger von Geschmacksempfindungen +eignet. Wohl aber finden wir recht empfindliche Geschmackszellen an den +wulstigen Lippen, an den Barteln und sonstigen Anhängseln, ja an +Flossenstrahlen und überhaupt am ganzen Körper, namentlich auch an +dessen Seiten. So erklärt es sich auch, daß ein Fisch begierig auch dann +nach dem Köder schnappt, wenn dieser nicht seinen Mund, sondern nur +seine seitliche Körperfläche berührt. Interessant ist es ferner, daß +Maulbrüter, denen ihr Pfleger einmal einen ihnen unbekannten Wurm +verfüttern wollte, zunächst freßlustig darauf zuschwammen, aber in 2 +<i>cm</i> Entfernung blitzschnell umdrehten und dem Bissen mit allen Zeichen +des Abscheus den Rücken kehrten, ohne daß genau festgestellt werden +konnte, ob hier der Geruch- oder der Geschmacksinn der maßgebende Faktor +war. Andere Versuche haben gezeigt, daß Fische gegen salzige, süße oder +saure Flüssigkeiten sehr deutlich mit der gesamten Körperfläche +reagierten.</p> + +<p>Das mehr ellipsoid wie kugelig gestaltete <strong>Fischauge</strong> ist in hohem Grade +kurzsichtig und etwa auf eine Entfernung von nur 1 <i>m</i> eingestellt. +Durch die Akkommodation vermittels »Sichelfortsatz« und »Glöckchen« kann +aber die Linse derart verschoben werden, daß der Fisch noch auf +Entfernungen von 10-12 <i>m</i> einigermaßen deutlich zu sehen vermag. Eine +noch weitergehende Fernsichtigkeit aber hätte für ihn keinen Zweck, da +ja auch das klarste und reinste Wasser durch treibende Organismen und +Stoffe immer derart getrübt ist, daß ein Sehen über 15 <i>m</i> hinaus +überhaupt kaum möglich ist. Alles über einen solchen Umkreis +Hinausreichende wird also dem Fisch wie in tiefe Dunkelheit gehüllt +erscheinen. Dagegen ist nicht einzusehen, warum es dem nahe der +Oberfläche schwimmenden Fisch nicht möglich sein sollte, auch einen +Blick in die Welt jenseits der Wasserfläche zu werfen, obschon diese +Möglichkeit von guten Fischkennern oft bestritten worden ist. Freilich +wird diese Welt sich im Fischauge in<a id="Page_37"></a> + <span class="pagenum">[37]</span> einer uns recht ungewohnt und +seltsam anmutenden Weise widerspiegeln. Sehr hinderlich beim Sehen vom +Wasser in die Luft ist nämlich der Umstand, daß jeder Lichtstrahl, der +den Wasserspiegel in einem Winkel von mehr als etwa 48-1/2° trifft, +nicht in die Luft übergehen kann, sondern ins Wasser zurückgeworfen, +also »total reflektiert« wird. Infolgedessen wird der Fisch immer nur +einen beschränkten, kreisförmigen Ausschnitt aus der Luftwelt +überblicken können, dessen Grundfläche der eines Kegels von zweimal 48° +entspricht und an Größe zu-, aber an Deutlichkeit abnimmt mit der Tiefe, +in der sich das Fischauge befindet. Wood hat in sehr sinnreicher Weise +auf photographischem Wege zu zeigen versucht, wie sich so wohl die Welt +in einem Fischauge gestalten mag, wobei natürlich immer eine ruhige und +spiegelglatte Wasserfläche vorausgesetzt wird, da schon eine geringe +Wellenkräuselung die entstandenen Bilder bis zur Unkenntlichkeit zu +verzerren vermag. So erhielt Wood mit seiner »Wasserkamera« an der +Kreuzung von 3 Straßen, die sich in rechtem Winkel trafen, eine Ansicht +längs jeder der drei Straßen, und gleichzeitig hatten sich der Boden und +der Himmel vom Horizont bis zum Zenith abgebildet. In einem Zimmer wurde +ein Bild gewonnen, auf dem drei Wände, die ganze Decke und der Fußboden +sichtbar waren. Eine gerade Reihe von neun Männern auf einem geraden +Gartenweg erschien im Halbkreis gebogen. Solche wunderbare Bilder von +der Außenwelt muß also in ruhigem und klarem Wasser auch das Fischauge +auf seiner Netzhaut empfangen. Im allgemeinen dürfen wir wohl annehmen, +daß der Fisch von der Oberwelt den Eindruck hat, als ob die ganze +Wasserfläche oben mit einem undurchsichtigen Dach verdeckt wäre, in das +ein rundes Fenster eingeschnitten ist. Auch werden ihm die einzelnen +Gegenstände stets etwas höher erscheinen, ein auf dem Erdboden gehender +Mensch also etwa so, als ob er in der Luft schwebte. Es gibt sogar eine +Zahnkarpfenart (<i>Anableps tetrophthálmus</i>), die es zu richtigen +Doppelaugen gebracht hat, indem Hornhaut und Sehlöcher durch Zweiteilung +je ein Luft- und ein Wasserauge entwickelten. Der Fisch schwimmt +unmittelbar an der Oberfläche so, daß die Luftaugen aus dem Wasser +heraussehen und ihrer Aufgabe ebensogut gerecht werden können, wie die +tiefer liegenden Wasseraugen im feuchten Elemente selbst.</p> + +<p>Besonders gut entwickelte Augen gehen in der Regel parallel mit wenig +entwickelten Tastorganen oder Seitenlinien, so daß wir bei<a id="Page_38"></a> + <span class="pagenum">[38]</span> den +Fischen ähnlich unterscheiden können wie bei den Säugern, wo wir mit +einer gewissen Berechtigung von Augen- und Nasentieren sprechen. Solche +Fische, die in größeren Tiefen leben, in denen nur mattes +Dämmerungslicht herrscht, haben oft ganz riesenhaft entwickelte Augen, +um die wenigen sich nach dort verirrenden Lichtstrahlen sicher auffangen +zu können. Dies ist auch die Region, in der man Fische mit Teleskop- +oder beweglichen Stielaugen antrifft, und überhaupt hat gerade hier die +Natur ihre ganze Erfindungsgabe und Schöpferkraft aufgeboten, um auch +unter den ungünstigsten Bedingungen noch ein gewisses Sehen zu +verschaffen, scheinbar Unmögliches möglich zu machen. So haben gewisse +Teleskopfische in dem über den Kopf hervorragenden Abschnitt der +Augenröhre ein Fenster in der Farbstoffschicht, das die Rolle eines +»Spion«-Spiegels spielt und das Gesichtsfeld des Tieres nicht +unwesentlich erweitert. Noch raffinierter ist die Art und Weise, wie bei +manchen Tiefseefischen Leuchtorgane und Augen zusammenwirken. So wirft +bei der Gattung <i>Argyropélecus</i> ein neben dem Teleskopauge sitzendes +Leuchtorgan sein Licht unmittelbar ins Auge hinein, während es nach +außen durch eine Farbstoffschicht abgeblendet ist. In noch größerer +Tiefe, wo ewige Dunkelheit herrscht, werden die Augen schließlich +überflüssig und verkümmern deshalb mehr und mehr. Ähnliche Verhältnisse +treffen wir bei den Höhlenfischen an, und wir können sie in geringerem +Maße auch künstlich erzielen, wenn wir Fische jahrelang im Dunkeln +halten. Ebenso haben Fischlarven oft nur rudimentäre Augen. Viel +umstritten worden ist auch die Frage, ob die Fische farbenempfindlich +sind oder nicht. Heß ist bei seinen Untersuchungen mit dem Spektrum zu +der Überzeugung gelangt, daß die Fische vollständig <strong>farbenblind</strong> sind, +daß sie also nicht verschiedene Farben, sondern lediglich verschiedene +Helligkeitsgrade ein und derselben grauen Grundfarbe zu unterscheiden +vermögen. Wenn sich das bewahrheiten würde, wäre es auch für die +Fischerei von der größten Bedeutung. Aber wie so oft, steht auch hier +wieder einmal die praktische Erfahrung den Ergebnissen des +Laboratoriumsversuches schnurstracks entgegen. Obwohl die Versuche des +berühmten Würzburger Ophtalmologen selbstverständlich in einer +Fehlerquellen nach menschlichem Ermessen ausschließenden Weise +ausgeführt sind, vermag ich mich mit dem Ergebnis doch nicht zu +befreunden, da es feststeht, daß beim Angeln mit der künstlichen Fliege +deren<a id="Page_39"></a> + <span class="pagenum">[39]</span> Färbung eine recht wesentliche Rolle spielt, und da sonst +auch das prächtig schimmernde Hochzeitskleid so vieler Fischarten, das +doch ersichtlich einen erregenden Reiz auf die Weibchen ausübt, gar +keinen Sinn und Zweck hätte. Und die Geschichte der Zoologie hat ja +schon recht häufig gezeigt, daß solche praktische Erfahrungen sich als +zuverlässiger erwiesen haben als das gekünstelte Experiment und früher +oder später auch in einer wissenschaftlich einwandfreien Weise begründet +werden konnten. Jedenfalls möchte ich keinem Sportangler raten, nun auf +Grund der Heßschen Untersuchungen etwa sein Petriheil lediglich mit +hell- oder dunkelgrauen Kunstfliegen versuchen zu wollen, obschon solche +Fangarten wissenschaftlich recht interessant wären. Auch ist der +Heßschen Hypothese gegenüber zu bedenken, daß ja dann die so +überraschenden und zahlreichen Fälle von Farbanpassung bei den Fischen +jeder Erklärung entbehren würden, und daß bei anderen Versuchen z. B. +Raubfische sehr wohl zu unterscheiden verstanden, wenn man ihre +Beutetiere in verschiedener Weise färbte. Mir scheint aus den +Spektrumsversuchen lediglich hervorzugehen, daß die verwendeten Fische +sich am liebsten in den am besten belichteten Wasserschichten aufhalten, +nicht aber, daß sie gänzlich farbenblind sind.</p> + +<div class="box1"> + +<p class="center"> + +<img src="images/image07.jpg" width="450" height="242" alt="" /> <a id="Malermuschel"></a></p> + +<p class="caption"> Bitterling mit Malermuschel. (Nach einer Zeichnung von R. + Oeffinger.)</p> + +</div> + +<p>Daß, wie eben erwähnt wurde, manche Fische zur Laichzeit ein +farbenschimmerndes <strong>Hochzeitskleid</strong> anlegen, wird uns nicht weiter in +Erstaunen setzen, nachdem wir bereits am Rohrbarsch gesehen haben, wie +stark seelische Erregung die Färbung der Fische zu beeinflussen vermag, +und nachdem wir wissen, daß die Allgewalt der Liebe auch bei den +kaltblütigen Fischen nichts von ihrer Macht eingebüßt hat, sie vielmehr +zu gewissen Zeiten mit einer so rückhaltlosen Leidenschaft beherrscht, +daß ihr gegenüber selbst die Forderungen des ewig heißhungrigen Magens +wochenlang völlig in den Hintergrund treten. Es ist nicht poetische +Übertreibung, sondern es ist nackte Wahrheit, wenn man sagt: die Fische +erglühen während der Fortpflanzungsperiode unter dem heißen Hauch der +Liebe. Ein prächtiges Beispiel dafür bietet unser kleinster +Karpfenfisch, der nur 6-7 <i>cm</i> (in der Nahe fand Geysenheimer eine +Riesenform von 10 <i>cm</i> Länge) lang werdende, flinke und anmutige, ewig +spiel-und necklustige <strong>Bitterling</strong> (<i>Rhodéus amárus</i>) oder +Schneiderkarpfen, der den Namen nach seinem bitteren und ungenießbaren +Fleische hat. Außerhalb der Laichzeit weicht das zierliche +Fischlein,<a id="Page_40"></a> + <span class="pagenum">[40]</span> das sich am liebsten scharenweise in toten, üppig +bewachsenen Flußarmen aufhält und hier schlecht und recht von Gewürm und +Pflanzenkost allerlei Art ernährt, nicht sonderlich von der üblichen +Färbung anderer Kleinfische ab: blaugrün auf dem Rücken, silberglänzend +an den Seiten, ein tiefgrüner Streif von der Körpermitte bis zur +Schwanzwurzel. Aber mit Beginn der Laichzeit erstrahlt das sich dann +sehr aufgeregt geberdende Männchen, das dann auch einen eigenartigen +kreideweißen Warzenwulst an der Oberlippe bekommt, in herrlich +schimmernden Regenbogenfarben. Prachtvoll smaragdgrün schillert dann der +Streifen, glühend orangerot die Bauchseite, wunderbar stahlblau und +violett der Rücken, während schwarze Säume das prächtige Rot der After- +und Rückenflosse noch schärfer hervorheben, so daß das Tierchen in +seiner feurigen Farbenglut der schönsten Goldfische und der buntesten +Exoten spotten kann. Namentlich in Augenblicken geschlechtlicher +Erregung scheint es förmlich aufzuleuchten, während unmittelbar nach der +Milchabgabe die schönen Farben wieder für einige Zeit verblassen. Das +Weibchen behält zwar seine schlichte Färbung bei, entwickelt aber dafür +am After eine mehrere Zentimeter lange Legeröhre von rotgelber Färbung, +die trotz ihrer Auffälligkeit erst 1857 durch Krauß beschrieben wurde, +während ihre Bedeutung und Funktion erst 1869 durch Noll richtig erkannt +wurde. Der Bitterling lebt nämlich in einer hochinteressanten<a id="Page_41"></a> + <span class="pagenum">[41]</span> +Symbiose<a id="Sym1"></a><a title="Go to footnote 1." href="#fn1" class="fnanchor">[1]</a> mit der Malermuschel und benötigt die Legeröhre dazu, seine +gelblichen Eierchen durch deren Ausfuhröffnung in das Innere der Muschel +einzuführen, worauf dann das vor Erregung zitternd im Wasser stehende +Männchen seine Milch über dem Atemschlitz der Muschel ergießt. Da die +Samenfäden eine starke Eigenbewegung besitzen, werden sie nicht wie +Nahrungspartikelchen zum Munde der Muschel fortgestrudelt, sondern +bohren sich zwischen ihren Flimmerhärchen hindurch, bis sie in den +inneren Kiemenfächern mit den inzwischen gleichfalls dorthin gelangten +Eiern zusammentreffen, um sie hier zu befruchten. Hat ein +Bitterlingspärchen erst einmal eine geeignete Muschel ausfindig gemacht, +so sucht es sie wiederholt heim, um ihr seine Liebesbürde anzuvertrauen, +da das Weibchen jedesmal nur 1-2 Eier austreten läßt, wobei sich die +Legeröhre gewaltig steift, um gleich danach wieder zusammenzufallen und +am Schluß der Laichperiode gänzlich einzuschrumpfen. Die Fischchen sind +in ihrem Fortpflanzungsgeschäft gänzlich auf die Muschel angewiesen, +denn die Jungen entschlüpfen den Eiern in einem so unreifen Zustande, +daß sie außerhalb der schützenden und stets einen frischen Wasserstrom +unterhaltenden Kiemen gar nicht zu leben vermöchten. Sie nähren sich +aber nicht etwa von den Körpersäften ihres Wirtstieres, sondern sind +vielmehr lediglich Raumparasiten, die der Muschel weiter keinen Schaden +zufügen. Trotzdem mögen die ungebetenen Gäste dieser unbequem genug +sein, und sie versucht auch, sich ihrer durch krampfhafte Bewegungen zu +entledigen, was aber in der Regel nur großen und alten Muscheln gelingt. +Erschwert wird das noch dadurch, daß sich bei den Jungfischen hinter dem +Kopfe ein Querwulst mit zwei kegelförmigen Fortsätzen entwickelt, der es +ihnen erlaubt, sich in der Kiemenkammer sehr solid zu verankern. +Übrigens sind die Fischchen schon nach 14 Tagen so weit, durch den +Kloakensipho ihrer Stiefmutter in ihr eigentliches Element auswandern zu +können. Und die Muschel vergilt später Gleiches mit Gleichem. Die von +ihr ausgestoßenen Larven sinken nämlich zu Boden, lassen aber ihren +langen klebrigen Byssusfaden nach oben spielen, bis sich Gelegenheit +bietet, ihn einem vorüberschwimmenden Fisch anzuheften (und das ist +meist wieder ein Bitterling), worauf die Jungmuschel ihre mit Haken +versehene<a id="Page_42"></a> + <span class="pagenum">[42]</span> Schale in die Haut des Fisches einschlägt. Dies gibt zu +einer starken Wucherung Veranlassung, innerhalb derer die Muschellarve +gemächlich und sicher 2-10 Wochen lang von den Säften des Fisches lebt, +um erst als ausgebildete, wenn auch kaum größer gewordene Muschel die +gastliche Stätte zu verlassen. Wahrlich, eine der wechselvollsten und +anziehendsten Symbiosen, die die einheimische Natur uns zu bieten vermag +und deren Beobachtung im Aquarium viel Freude bereitet.</p> + +<p class="footnote"><a id="fn1"></a><a title="Return to text." href="#Sym1" class="label">[1]</a> So nennt man das engere »Zusammenleben« von Lebewesen verschiedener +Art, die einander wechselseitig nützen.</p> + +<div class="box1"> + +<p class="center"> + +<img src="images/image08.jpg" width="450" height="328" alt="" /> </p> + +<p class="caption">Der Stichling und sein Nest. (Nach der Natur gezeichnet + von R. Oeffinger.)</p> + +</div> + +<p>Mit dem Bitterling wetteifert der <strong>Stichling</strong> (<i>Gasterósteus aculeátus</i>) +in der Farbenpracht des Hochzeitskleides, und auch bei ihm kommt ein +eigenartiger und hochinteressanter Brutverlauf hinzu. Die gewöhnliche +Farbe ist olivgrünlich auf der Ober- und silberweiß auf der Unterseite. +Aber zur Laichzeit im Frühjahr wird das Männchen zu einem wahren +Prachtkerl, der mit den schönsten Exoten erfolgreich zu wetteifern +vermag. Vom satten Schiefergrau über Grün zum tiefsten Blau erstrahlt +sein Rücken, während die Bauchseite wie mit Blut übergossen aussieht und +das Auge im feurigsten Smaragdgrün schimmert. Mehr noch als bei Barsch +und<a id="Page_43"></a> + <span class="pagenum">[43]</span> Bitterling wirkt die jeweilige Erregung fördernd auf diese +Farbenpracht ein, die geradezu als ein Gradmesser für den Seelenzustand +des Fischchens angesehen werden kann. Namentlich bei Zorn und Kampflust +leuchtet das Tierchen auf im feurigsten Rot und erscheint in solchen +Augenblicken wie mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Denn unser +Stechbüttel, wie er vom Volke gewöhnlich genannt wird, ist ein gar +zornmütiger Gesell, dessen Raufsucht aller Beschreibung spottet. Die +metallisch glänzenden Stacheln, von denen er drei auf dem Rücken und je +einen an jeder Bauchseite trägt, bewähren sich selbst weit überlegenen +Feinden gegenüber als eine gefährliche Waffe, und das Fischchen ist sich +ihrer Furchtbarkeit auch wohl bewußt, scheut deshalb so leicht keinen +Gegner, sondern greift jeden, namentlich zur Paarungszeit, mit wahrer +Berserkerwut und bewundernswerter Tapferkeit an, wobei ihm seine große +Schwimmgewandtheit auch nicht wenig zustatten kommt. Selbst die größeren +Raubfische vergreifen sich nicht leicht an dem borstigen Gesellen, +dessen Stacheln mit besonderen Sperrgelenken versehen und durch diese +ebenso einfache wie sinnreiche und wirkungsvolle Einrichtung denen des +Barsches weit über sind. Der Fisch hat also keine Muskelkraft nötig, um +die Stacheln aufrecht zu erhalten, was ihn rasch ermüden müßte, sondern +er braucht nur die Sperrvorrichtung am Gelenkkopf des Stachels +einzuschalten, worauf dieser unverrückbar feststeht, so daß er selbst +von einem Menschen nur unter Anwendung erheblicher Kraft und durch +Zerbrechen des Sperrgelenkes niedergedrückt werden kann. Dagegen besorgt +der Stichling selbst dieses Niederlegen der Stacheln mit Leichtigkeit +durch einen einzigen Muskelzug, durch den der Gelenkkopf aus seiner Lage +herausgehoben wird. Der russische Fischkundige Thilo ist übrigens der +Ansicht, daß namentlich der Bauchstachel nicht nur als Waffe diene, +sondern daß sich der Stechbüttel mit ihm durch Einstoßen in den +Untergrund auch im reißenden Strome oder in der tosenden Brandung +verankern könne und dadurch gleichfalls viel Muskelkraft erspare. +Vielleicht halte das Tier auch in ähnlicher Stellung einen Winterschlaf. +Die dem Stechbüttel von Natur aus schon jederzeit eigene Unruhe, +Rastlosigkeit und Händelsucht steigert sich mit Beginn der Laichperiode +zu einer wahrhaft heillosen Nervosität, die sich nicht selten in +brutalen Mißhandlungen der schwächeren Weibchen durch ihre gestrengen +Eheherren Luft macht. Aber gerade jetzt wird die Beobachtung<a id="Page_44"></a> + <span class="pagenum">[44]</span> der +jähzornigen Zwerge (nur ausnahmsweise wird der Stichling über 8 <i>cm</i> +lang) doppelt unterhaltend, denn der Stichling gehört ja zu denjenigen +Fischen, die im Wasser richtige Nester bauen, wie die Vögel im grünen +Gezweig. Zunächst höhlt das Männchen in einem recht stillen und +traulichen Winkel und am liebsten in Anlehnung an einen stärkeren +Wasserpflanzenstengel eine Grube im sandigen Boden aus, die etwa Form +und Größe eines halben Hühnereies hat und durch eifriges Fächeln mit den +Flossen sauber gereinigt und geglättet wird. Dann geht es mit geradezu +rührendem Fleiße an das Herbeischleppen von allerlei Baumaterial, wie es +sich im Wasser treibend findet oder mit großer Kraftanstrengung von den +Pflanzen abgerissen wird. Hälmchen, Würzelchen, Blätter, Stengel aller +Art und selbst Steinchen müssen dazu dienen. Zuerst wird eine solide +Unterlage geschaffen und fest zusammengekittet, indem der darüber +stehende Fisch aus seiner Afteröffnung tropfenweise ein äußerst +klebriges Nierensekret austreten läßt, das ihm also als Mörtel dienen +muß. Dann führt der kleine Baukünstler die Seitenwände und schließlich +mit besonderer Sorgfalt die obere Wölbung auf, so daß das Ganze Form und +Größe einer mäßigen, länglichen Kartoffel erhält. Nach Schaffung der +Eingänge erinnert das Gebilde sehr an einen kleinen Muff. Zuletzt wird +durch wiederholtes Einbohren mit der Schnauze eine nett gerundete +Eingangsöffnung geschaffen. Gar nicht hübsch genug kann der um diese +Zeit selbst die Suche nach Nahrung vergessende Stechbüttel seine +Hochzeitskammer bekommen. Immer hat er noch daran zu bessern und zu +runden und zu glätten, hier ein widerspenstiges Hälmchen +zurechtzubiegen, dort noch ein besonders gefallendes Würzelchen +einzubauen. Während der ganzen, etwa 2-3 Tage umfassenden Bauzeit +befindet sich der kleine Kerl in der leidenschaftlichsten Erregung, vor +allem beim Erscheinen eines männlichen Artgenossen, mit dem sofort ein +ingrimmiges Duell ausgefochten wird. Auch die Weibchen, die sich etwa +neugierig und voreilig dem geheimnisvollen Wasserschloß nähern, werden +rücksichtslos weggebissen, solange dieses nicht völlig vollendet ist. +Sobald aber das fertige Werk endlich zu seiner Zufriedenheit ausgefallen +ist, wird aus dem unverträglichen Neidhammel mit einem Schlage ein +galanter, wenn auch sehr stürmischer und leidenschaftlicher Liebhaber. +Fast tänzelnd nähert sich das farbenglühende Männchen den verschüchtert +in irgendeinem Winkel des Wasserpflanzenwustes zusammengedrängten<a id="Page_45"></a> + <span class="pagenum">[45]</span> +Weibchen und sucht vor diesen seine Reize unter Aufbietung aller +Schwimmkünste zu entfalten, wodurch er ihr Wohlgefallen in solchem Maße +erregt, daß schließlich ein Exemplar mit reifem Laich seinen +liebenswürdigen Werbungen und Einladungen nicht widerstehen kann, +sondern ihm langsam und zögernd unter oftmaligem Ausreißen und +Wiedergeholtwerden zu der so schön und sorgsam bereiteten +Hochzeitskammer folgt. Zögert es, das kleine Heiligtum durch den engen +Eingang zu betreten, so wird von dem seine Herrennatur auch jetzt nicht +ganz verleugnenden Männchen durch Schläge mit der Schwanzflosse oder +Stoßen mit dem Maule, im Notfalle selbst durch einen scharfen +Sporenstich mit dem langen Mittelstachel gehörig nachgeholfen, und wenn +die spröde Schöne erst einmal den Kopf ins Innere des Nestes gesteckt +hat, legt sich das Männchen trotzig quer vor den Eingang und läßt seine +Auserkorene nicht wieder heraus. Sie legt daher einige Eier ab, die eine +Minute später von dem nachschwimmenden Männchen befruchtet werden, und +bahnt sich dann mit der Schnauze auf der entgegengesetzten Seite einen +Ausweg durch die Wandung, so daß also das Nest von diesem Augenblicke an +zwei Öffnungen aufzuweisen hat. Nach einer Erholungspause begibt sich +das Männchen abermals auf die Brautschau und wiederholt dieses Spiel so +lange, bis ihm die Zahl der im Neste aufgespeicherten glashellen und +mohnkorngroßen Eier genügend erscheint. Hat es so seinen Zweck erreicht, +so wird es sofort wieder zum brutalen Tyrannen und verfolgt jedes sich +nähernde Weibchen mit solcher Roheit, daß es nicht selten an den Folgen +der erlittenen Mißhandlungen eingeht. Freilich hat der kleine Bosnickel +dazu auch einen gewichtigen Grund, denn das Hochzeitsbett hat sich ja +jetzt zur Kinderwiege gewandelt, und nun heißt es, Vaterpflichten zu +erfüllen. Und die sind gerade im Stechbüttelleben wahrlich nicht leicht, +erfordern vielmehr eine beispiellose Aufopferung und Selbstverleugnung. +Fortwährend steht der Herr Papa vor seiner Kinderstube auf der Lauer und +schießt wie ein schimmernder Pfeil auf jedes Lebewesen los, dem nur +irgendwie Appetit auf Kaviar zuzutrauen wäre. Am meisten versessen auf +die Eier sind die kannibalischen Stichlingsweibchen selbst, und so +erklärt es sich wenigstens, daß der heißblütige Gemahl ihnen gegenüber +so rauhe Saiten aufziehen muß. Ist er nicht gerade im Kampfe mit einem +wirklichen oder vermeintlichen Feinde oder auf dessen Verfolgung +begriffen, so steht er steil<a id="Page_46"></a> + <span class="pagenum">[46]</span> über der Eingangsöffnung und erzeugt +in dieser durch beständiges Fächeln mit den Flossen und mit einer +Ausdauer und Unermüdlichkeit, die uns die größte Achtung abnötigen +müssen, einen frischen Wasserstrom kräftigster Art, so daß den Eiern +immer genügend Sauerstoff zugeführt wird und sie nicht der Verpilzung +anheimfallen können. Sind ihnen nach etwa 5-6 Tagen die winzigen Jungen +entschlüpft, so beginnt für den vielgeplagten Vater erst recht eine +schwere Zeit, denn er muß sich bemühen, dieses kribbelige hundertköpfige +Kindergewimmel in Ordnung zu halten und die unbeholfenen und wehrlosen +Kleinen vor einem vorzeitigen Verlassen des schützenden Nestes zu +bewahren. Aber das fällt schwer genug, denn schon in diesen Liliputanern +kreist das unruhige Stichlingsblut. Hier erwischt der Papa gerade noch +einen der leichtsinnigen Ausreißer, verschluckt ihn und speit ihn dann +behutsam wieder in das auch fortwährende Ausbesserungen nötig machende +Nest zurück, und dort sind dafür schon wieder zwei andere in die fremde +Welt hinausgestürmt. Erst wenn die Jungen nach etwa 14 Tagen +einigermaßen selbständig geworden sind, erkaltet allmählich die +treubesorgte Liebe des Stichlingsmännchens, und bald darauf kümmert es +sich gar nicht mehr um seine Nachkommenschaft. Aber seine aufopfernde +Brutpflege hat es doch fertig gebracht, daß die meisten Eier zu +lebensfähigen Jungen wurden, und so erklärt es sich auch, daß der +Stichling mit einer Eierzahl von nur 60-80 pro Jahr und Weibchen sein +Auslangen findet, die doch dem Eierreichtum anderer Fische gegenüber +verschwindend gering erscheint. Ja, die Vermehrung der Stichlinge ist +bisweilen so stark, daß in ihren Wohngewässern Übervölkerung eintritt +und dann ein großes Massensterben anhebt, so daß die verwesenden Kadaver +von Hunderttausenden von Stechbütteln weithin die Gewässer verpesten. +Auch unter Schmarotzern hat der Stichling vielfach zu leiden, und +namentlich finden sich in seinem Leibe oft Eingeweidewürmer +(<i>Schistocéphalus</i>) von solcher Größe und in solcher Zahl, daß sie ihm +den Bauch unförmlich auftreiben und schließlich zum Platzen bringen. +Wenn man den Stichling seinem Benehmen nach mit dem Kampfhahn unter den +Vögeln vergleichen könnte, so hinsichtlich seiner Ernährungsweise +sicherlich mit der Spitzmaus unter den Säugetieren. Mit unersättlicher +Raubgier stürzt sich der stachlige Heißsporn auf alles, was er +bewältigen zu können glaubt, und er hat ja von seinen eigenen Kräften +keine<a id="Page_47"></a> + <span class="pagenum">[47]</span> geringe Vorstellung. Besäße er die Größe und Kraft eines +Wellers, er würde in wenigen Jahren alle Gewässer der Erde entvölkern. +Namentlich in Nord- und Ostdeutschland fehlt er keinem pflanzenreichen +Teich, toten Flußarm oder auch nur Wassergraben, aber im ganzen +Donaugebiet ist er eine unbekannte Erscheinung. Er gewöhnt sich auch an +das Leben im Meerwasser und bildet dann die Panzerplatten an seinen +Körperseiten noch stärker aus. Die Systematiker haben aus solchen +Abänderungen eigne Arten machen wollen, sind aber dabei entschieden im +Unrecht, wie die biologischen Forschungen erwiesen haben, da sich in +einem Neste oft verschiedene dieser angeblichen Arten vereinigt finden. +So hervorragend interessant und intelligent unser Fischchen dem Auge des +Naturfreundes erscheint, so wenig will doch in der Regel der +Berufsfischer von ihm wissen, der ihm nachsagt, daß er ein böser Feind +des Fischlaiches und der Fischbrut, sowie ein arger und kaum aus dem +Felde zu schlagender Nahrungswettbewerber für die wertvollen +Speisefische sei. Auch in gesundheitlicher Beziehung bringe sein +häufiges Massensterben nicht zu unterschätzende Gefahren mit sich. Das +mag alles bis zu einem gewissen Grade seine Richtigkeit haben, aber wir +wollen gerade in letzterer Beziehung nicht vergessen, daß eben der +Stichling einer der wirksamsten Vertilger der Stechmückenlarven ist, +also der Anópheles, die als Trägerin und Verbreiterin der gefürchteten +Malaria-Blutparasiten gilt. Als Braten kann der Stechbüttel schon wegen +seiner Kleinheit nicht in Betracht kommen, aber er wird doch bisweilen +so massenhaft gefangen, daß man ihn als wertvollen Dung auf die Felder +hinausfährt oder zum Tranauskochen benutzt. So wird allein im Pillauer +Tief und den angrenzenden Gewässern aus Stichlingen alljährlich +durchschnittlich für 22000 Mark Tran gewonnen, in manchen Jahren sogar +mehr als das Dreifache. Ein Vetter des Stechbüttels, der 7-11 +Rückenstacheln führende <strong>Zwergstichling</strong> (<i>Gasterósteus pungítius</i>) ist +unser kleinster Fisch, da er 6 <i>cm</i> Gesamtlänge kaum überschreitet (als +winzigster Fisch der Erde gilt der nur 1-1/2 <i>cm</i> lang werdende +Luzonfisch der Philippinen). Sein Hochzeitsgewand ist nicht so +farbenprächtig wie bei der größeren Art, wirkt aber dafür vornehmer: ein +tiefes, gesättigtes Sammetschwarz, aus dem sich die smaragdgrün +funkelnden Augen ganz wundersam herausheben. In der Nestanlage +unterscheidet er sich insofern, als er seinen Bau stets schwebend an +Wasserpflanzen frei befestigt.<a id="Page_48"></a> + <span class="pagenum">[48]</span></p> + +<p>Weitaus nicht von der bestechenden Farbenschönheit wie bei Stechbüttel +und Bitterling, aber dafür um so merkwürdiger und eigenartiger, +jedenfalls viel dauerhafter und nicht fortwährenden Schwankungen und +Gemütsaufwallungen unterworfen ist das hochzeitliche Gewand bei der +Karpfengruppe. Hier erhalten nämlich die Männchen zu Beginn der +Laichzeit am Vorderkörper einen weiß glänzenden Perlausschlag, der +später gelblich wird und schließlich von selbst wieder abfällt. Der uns +vertrauteste Fisch, der <strong>Karpfen</strong> (<i>Cyprínus cárpio</i>), darf gewissermaßen +als das Urbild der Fischgestalt gelten, sozusagen als der Fisch an sich, +und doch ist es gar nicht so leicht, diese zur Weihnachtstafel so +hochwillkommene Erscheinung naturgeschichtlich einigermaßen richtig zu +kennzeichnen. Das hängt vor allem damit zusammen, daß der Karpfen wie +jedes vom Menschen gezüchtete Haustier — und wenigstens als ein halbes +Haustier muß er heute wohl bezeichnet werden — im Laufe der +Jahrhunderte eine Menge Varietäten ausgebildet hat, die ihrerseits +wieder vielfach ineinander übergehen oder miteinander verbastardiert +werden. Da gibt es z. B. die hochrückigen und schnellwüchsigen, durch +delikates Fleisch ausgezeichneten, aber in der Nahrung wählerischen und +auch sonst ziemlich empfindlichen Galizier, als Gegenstück zu ihnen die +Lausitzer mit breitem und niedrigem Rücken, geringerem Fleisch, aber +besonders stark entwickelten Geschlechtsprodukten, von langsamerem +Wachstum, aber anspruchslos und unempfindlich, wie es nur ein Fisch sein +kann, und so hat fast jede Karpfengegend ihre besonderen Eigenheiten +aufzuweisen, die das geschulte Auge des Kundigen sofort erkennt und +danach die Herkunft des Fisches mit erstaunlicher Sicherheit zu +bestimmen vermag. In bezug auf die Beschuppung seien als bekannte Rassen +genannt der schuppenlose Lederkarpfen und der hochgeschätzte +Spiegelkarpfen, bei dem zwar auch größere Teile des Leibes nackt sind, +während sich über andere streifenförmig angeordnete plattenförmige +Schuppen von außerordentlicher Größe hinziehen, die ersichtlich aus der +Verschmelzung mehrerer kleiner Einzelschuppen hervorgegangen sind. Diese +Rassen lassen sich aber weder bisher rein durchzüchten, noch sind sie +besonderen Gegenden eigentümlich. Auch an krankhaften Abnormitäten fehlt +es gerade beim Karpfen keineswegs. So gibt es Zwitter, Gistlinge, +Mopsmäuler, Albinismen mit Goldschuppen, schwanzlose Exemplare usw. Der +behäbige Karpfen, der so viel sattes Behagen und eine so +spießbürgerliche<a id="Page_49"></a> + <span class="pagenum">[49]</span> Selbstzufriedenheit zur Schau trägt, hat oft als +der deutscheste Fisch gegolten, und doch ist er wahrscheinlich ebensogut +ein Fremdling in unseren Gewässern, wie Fasan und Kaninchen in unseren +Wäldern und Fluren, wenn er sich auch das Bürgerrecht schon längere Zeit +ersessen hat. Zwar will Nehring in jungen, jedoch immerhin +vormenschlichen norddeutschen Erdablagerungen versteinerte Karpfenreste +gefunden haben, wonach also der Fisch von jeher bei uns ansässig gewesen +sein müßte, aber ich möchte doch Marshall beipflichten, wenn er meint, +daß hier wohl eine Verwechslung mit der Karausche vorliege, denn die +Schuppen, Gräten und Kopfknöchelchen dieser beiden so ähnlichen und sich +oft fruchtbar miteinander vermischenden Fische wird wohl auch der +scharfsinnigste Gelehrte kaum mit Sicherheit voneinander zu +unterscheiden vermögen, noch dazu in versteinertem Zustande. +Wahrscheinlicher ist wohl, daß die Urheimat des Karpfens im fernen +Orient zu suchen ist, von wo er durch die Römer, die übrigens gerade an +diesem Fisch keinen besonderen Geschmack fanden, so lüsterne Fischesser +sie sonst auch waren, zuerst nach Südeuropa und erst in karolingischer +Zeit nach Deutschland gebracht wurde, während er heute fast in der +ganzen Kulturwelt zu finden ist. Viererlei verlangt der Karpfen stets +und überall von seinem Aufenthaltsorte, wenn er gedeihen und sich +ordentlich fortpflanzen soll: schlammigen Untergrund, intensive +Besonnung, weiches und ruhiges Wasser mit genügender Vegetation und zum +Laichen geschützte und seichte Stellen. Rasch fließende Gebirgswasser +mit sandigem oder kiesigem Untergrund meidet dieser Fisch durchaus. Er +gehört zu den sogenannten Friedfischen, ist also kein grimmiger Räuber, +sondern ein gemütlicher Allesfresser, der namentlich allerlei kleines +Gewürm, aber auch Pflanzenteile verzehrt. Seinen endständigen, mit 4 +Barteln versehenen, dicklippigen und sehr beweglichen Mund benutzt der +Karpfen zwar nicht zum Küssen, wie Marshall launig bemerkt, obwohl er +sich dazu wegen seines großen Nervenreichtums ganz hervorragend eignen +würde, wohl aber zum fleißigen Durchwühlen des Bodenschlamms, dem er +seine meiste und zusagendste Nahrung entnimmt. Bei seiner faulen +Lebensweise schlägt sie ihm auch recht gut an, und so wird der Fisch als +»bemoostes Haupt« ein großer Phlegmatiker, dem so leicht nichts seine +beschauliche Lebensweise stört. Der Studentenausdruck »bemoostes Haupt« +stammt übrigens gerade vom Karpfen her und ist<a id="Page_50"></a> + <span class="pagenum">[50]</span> bis zu einem +gewissen Grade sogar wörtlich zu nehmen, wenn es auch nicht gerade Moos +ist, das den ehrwürdigen Kopf eines solchen Methusalem, dem oft vor +Altersschwäche sämtliche Schuppen ausgefallen sind, mit einem grünen +Schleier überzieht, sondern lediglich gewisse, an ihm schmarotzende +Parasiten. Solche alte Karpfen haben, obschon sie zuletzt kaum noch +wachsen, natürlich auch eine entsprechende Länge und ein recht +ansehnliches Gewicht, obschon im allgemeinen bereits 40pfündige Karpfen +zu den Seltenheiten gehören. Am schmackhaftesten sind sie bei Eintritt +der Geschlechtsreife, also im dritten Lebensjahr, weshalb auch drei- und +viersömmerige Karpfen im Gewicht von 1-1/2 bis 2 <i>kg</i> die gesuchteste +und am besten bezahlte Marktware bilden. In einer Beziehung ist der gern +gesellig lebende Karpfen den farbenschönen Fischarten, die vorher +geschildert wurden, entschieden über, nämlich in bezug auf +Fruchtbarkeit, worauf ja schon sein wissenschaftlicher Name (auch der +deutsche dürfte auf eine Verstümmelung desselben zurückzuführen sein) +hinweist, der an die zyprische Liebesgöttin als Beschützerin der +Fruchtbarkeit erinnert. Es ist in der Tat erstaunlich, welche Unmenge +von Eiern so ein Karpfenleib zu produzieren vermag. Während man früher +auf 3-600000 Eier beim Rogner schloß, haben neuerdings genaue +Schätzungen durch Staff ergeben, daß selbst diese ungeheuerlichen Zahlen +noch weitaus zu niedrig gegriffen waren. Es kommen vielmehr auf jedes +Kilo Fleischgewicht nahezu 400000 Eier, also auf einen halbwegs +erwachsenen Mutterfisch etwa 1,6 bis 1,7 Millionen! Auf einer bayrischen +Fischereiausstellung wurden kürzlich einem Karpfen, bei dem infolge +Laichverhaltung eine Verflüssigung der Eierstöcke eingetreten war, nicht +weniger als 1700 <i>ccm</i> Flüssigkeit abgezapft. Es können also ungezählte +Massen davon als Eier oder Jungfischchen zugrunde gehen, ohne den +Bestand der Art im geringsten zu gefährden, denn es genügt vollkommen, +wenn nur je 10000 Eier einen Fisch liefern. Die stecknadelkopfgroßen +Eier werden an Wasserpflanzen angeklebt, und das Laichgeschäft vollzieht +sich unter vielem Geplätscher an ganz seichten Stellen. Bei der +Beliebtheit, deren sich das zarte Karpfenfleisch heutzutage allenthalben +erfreut, und bei der großen Lebenszähigkeit dieses Fisches, die seine +Versendung auf weite Entfernungen hin gestattet, wird Karpfenzucht in +allen dazu geeigneten Gegenden mit viel Eifer und Erfolg betrieben, und +der Karpfen ist der wichtigste Bewohner<a id="Page_51"></a> + <span class="pagenum">[51]</span> unserer Fischteiche +geworden. Hauptbedingung für eine erfolgreiche Karpfenzucht im großen +ist, daß man über verschiedene Arten von Teichen verfügt: kleine, +sonnige, pflanzenreiche, flache Zuchtteiche, die erst unmittelbar vor +der Laichperiode bespannt werden, um keine Parasiten aufkommen zu +lassen, größere Zuwachsteiche mit reichlichem Naturfutter, die in der +Mitte eine vertiefte, nie ausfrierende Mulde zum Überwintern der Fische +haben müssen, und endlich Kaufgutteiche, in denen die Karpfen vollends +die marktfähige Größe erreichen sollen. Um das zu beschleunigen, wird +auch noch besonders gefüttert, und es kommt darauf an, Futtermittel zu +wählen, die das in ihnen angelegte Geld möglichst rasch in möglichst +viel gutes und wertvolles Fischfleisch verwandeln. Namentlich in +Schlesien, Böhmen und Galizien befinden sich großartige +Karpfenzuchtanstalten dieser Art. Gewonnen wird der weitaus größte Teil +des auf den Markt gelangenden Karpfenfleisches durch Ablassen der +Teiche, da der träge und alles Verschluckbare vorher vorsichtig +betastende Fisch nur schlecht nach der Angel geht und auch seiner +bodenständigen Lebensweise halber nicht gut in größerer Menge mit dem +Netz zu fangen ist. Vor Weihnachten ist Hochsaison auf dem Karpfenmarkt. +Dann tragen ganze, besonders dazu eingerichtete Eisenbahnzüge die +schmackhaften Schuppenträger aus Galizien und Schlesien nach Norden, +oder eigens für diesen Zweck zusammengestellte Flöße mit eingebauten +Fischkästen bringen sie auf der Moldau und Elbe nach unserer +Reichshauptstadt. Blau gesotten, gebacken, als Bierfisch oder mit +Paprikatunke — kurz, in jeder Form bildet dieser nützliche Fisch eine +gesunde und fast allgemein beliebte Speise. Nur ist zwischen Karpfen und +Karpfen ein großer Unterschied. Vor allem muß der Fisch ganz frisch +sein, was die Hausfrau an den blanken und klaren Augen und daran +erkennen kann, daß ein Fingerdruck auf das Rückenfleisch sofort wieder +verschwindet. »Frische Fische — gute Fische« sagt sehr richtig das +Sprichwort. Leider hat sich bei uns die Karpfenzucht nachgerade fast zu +einem Privileg des Großgrundbesitzes herausgebildet. Und doch läßt sich +der Fisch selbst in den elendesten Dorfteichen mit großem Erfolg, wenn +auch nicht züchten, so doch mästen. In dieser Beziehung geschieht noch +viel zu wenig, denn so können sonst fast ertragslose Wasserflächen noch +eine schöne Rente abwerfen.</p> + +<p>Gerade bei dem langsam durch die Fluten ziehenden Karpfen<a id="Page_52"></a> + <span class="pagenum">[52]</span> lassen +sich sehr gut die <strong>Schwimmbewegungen</strong> des Fisches beobachten und +studieren. Bei aufmerksamer Betrachtung werden wir sehen, daß es nicht +eigentlich die Flossen, oder diese doch nur in geringem Grade sind, die +den Fisch fortbewegen. Das hauptsächliche Fortbewegungsorgan ist +vielmehr der Schwanz, überhaupt die ganze hintere Körperhälfte. Sie ist +mit zwei Reihen starker Muskelzüge ausgestattet, durch deren +Zusammenziehen kräftige Schläge gegen das Wasser geführt werden, und +zwar in einer derartigen Richtung, daß sie den Fisch vorwärts treiben +müssen. Abwechselnde Biegungen der Schwanzflossenzipfel können +allerdings auch nach Art einer Schiffsschraube wirken und den Fisch +langsam vorwärts bringen. Die paarigen Flossen aber wirken lediglich +regulierend und steuernd, während After- und Rückenflosse die +Körperfläche vergrößern und ein Hin- und Hergeworfenwerden des Fisches +bei den heftigen und wechselnden Schwanzschlägen verhindern. +Experimentatoren haben nachgewiesen, daß ein der Rückenflosse beraubter +Fisch im Zickzack schwimmt, daß er sich bei einseitiger Entfernung der +das Gleichgewicht haltenden Brust- und Bauchflossen auf die Seite legt, +daß bei Entfernung beider Brustflossen das Vorderende tief sinkt und daß +nach Abschneiden sämtlicher paariger Flossen der Fisch auf dem Rücken +schwimmt. Ein Vorwärtsschlagen der Brustflossen ermöglicht ein langsames +Rückwärtsschwimmen. Der französische Gelehrte Houssay hat übrigens durch +vergleichende Experimente mit einer großen Zahl künstlicher Modelle +festgestellt, daß der Fischkörper, der ja auch für die menschliche +Schiffstechnik vorbildlich und maßgebend gewesen ist, gerade in bezug +auf die leichte Überwindung des Wasserwiderstandes heute von unseren +Schiffsmodellen bereits überholt ist, daß er aber in bezug auf +Stabilität, also das Vermögen, die richtige Lage im Wasser +beizubehalten, noch unerreicht dasteht. In dieser Beziehung sind +namentlich die paarigen Fischflossen ein ganz unübertreffliches +Werkzeug. Weitere Versuche von Alliaud und Vles mit elektrisierten +Fischen haben gezeigt, daß die Fische eine stete Muskelanstrengung +aufwenden müssen, um sich in den Fluten ihre gewöhnliche Lage zu +erhalten. Setzt man diese Muskelkraft durch den elektrischen Strom außer +Tätigkeit, so dreht sich der Fisch sofort um und treibt hilflos auf dem +Rücken. Er gleicht also nicht einem Schiff, sondern einem Radfahrer, der +sich ja auch mit fortwährender Muskelarbeit im Gleichgewicht erhalten +muß. Ein anderer französischer<a id="Page_53"></a> + <span class="pagenum">[53]</span> Gelehrter, Regnard, hat auf +sinnreiche Weise Untersuchungen über die <strong>Schnelligkeit</strong> der schwimmenden +Fische angestellt. Er ließ kreisförmige Wasserrinnen herstellen, die +durch einen elektrischen Motor gedreht wurden, worauf die eingesetzten +Versuchsfische gegen den Strom zu schwimmen suchten. Wenn sie dann trotz +aller Anstrengungen auf der gleichen Stelle stehen blieben, mußte ihre +Geschwindigkeit gleich der Drehungsgeschwindigkeit des Apparates sein. +Es ergab sich, daß die Schwimmgeschwindigkeit von Karpfen und +Weißfischen etwa das Zehnfache ihrer Körperlänge in der Sekunde beträgt, +daß aber ihre Ausdauer bei solch höchster Kraftanspannung nur gering +ist, und bald Ermüdung eintritt. Die Schwimmgeschwindigkeit verminderte +sich sofort auf ein Drittel, wenn man die Schwanzflosse abschnitt, +während die Entfernung von Brust- oder Bauchflossen nur dann einen +größeren Einfluß ausübte, wenn sie lediglich auf einer Seite geschah. +Von der so ermittelten Schnelligkeit ist natürlich diejenige +verschieden, die die Fische beim Rauben oder auf ihren Wanderungen +entwickeln. Den Rekord soll die Forelle mit 35 <i>km</i> in der Stunde +halten; der Hecht soll 23-27, die Barbe 18, Karpfen, Schleie und Aal 12 +<i>km</i> in der Stunde zurücklegen können. In Siam veranstaltet man in +langen Aquarien sogar besondere Wettrennen zwischen verschiedenen +Fischarten, und der auch in Europa wohlbekannte verstorbene König +Chulalongkorn soll bei einem solchen Rennen einmal eine seiner Frauen +verwettet haben.</p> + +<p>Im Zusammenhange mit diesen Betrachtungen seien auch gleich noch der für +die Fische vielfach so kennzeichnenden <strong>Schwimmblase</strong> und ihrer +biologischen Bedeutung einige Worte gewidmet. Sie fehlt als zwecklos den +echten Grundfischen, die keinen Druckschwankungen ausgesetzt sind, aber +auch manchen guten Schwimmern, wie dem Hai und der Makrele, ohne daß wir +bisher wissen, warum, und wodurch sie ihnen ersetzt wird. Sie ist ein +aus luftdichten Häuten bestehender Sack zwischen Darm und Nieren, der +sich oft durch die ganze Leibeshöhle erstreckt, aber nach Form und +Ausdehnung sehr verschieden gestaltet ist. Beim Karpfen ist sie durch +eine Einschnürung in zwei Teile zerlegt, die Flughähne haben zwei +nebeneinander liegende Blasen, der Schlammbeißer eine in eine +Knochenkapsel eingehüllte.</p> + +<p>Im embryonalen Zustande hat die auf eine Darmausstülpung +zurückzuführende Schwimmblase stets einen zu ihrer Füllung +dienenden<a id="Page_54"></a> + <span class="pagenum">[54]</span> Luftgang, der z. B. den Ganoidfischen auch im Alter +verbleibt, während er bei der Mehrzahl der erwachsenen Fische +verschwunden ist. Das Organ dient einmal dazu, das spezifische Gewicht +des Fisches durch Ausdehnung oder Zusammenziehung zu regeln und ihm +damit ein leichtes Auf- oder Niedersteigen zu ermöglichen. Diese +Zusammenziehungen geschehen in der Hauptsache passiv durch den +Wasserdruck und nur zum geringen Teile aktiv durch die ziemlich schwach +entwickelte Blasenmuskulatur, die mehr zur Verlegung des Schwerpunktes +dient und besonders bei plötzlichem Höhenwechsel in Tätigkeit tritt. Die +endgültige und für längere Zeit wirksame Einstellung der Schwimmblase +auf ein bestimmtes Höhenniveau aber erfolgt unter Ersparung von +Muskelkraft lediglich durch Abscheidung von Sauerstoff in ihren leeren +Raum oder durch das Einsaugen von solchem aus ihm. Schon Moreau hat 1876 +erkannt, daß das die Schwimmblase füllende Gas in der Hauptsache reiner +Sauerstoff ist, aber erst 1903 hat uns Jäger-Gießen darüber aufgeklärt, +wo und wie dessen Abscheidung geschieht. Er entdeckte an der unteren +Wand der Schwimmblase eine sehr verschieden starke (bei Süßwasserfischen +nur 2-4, bei Seewasserfischen 20 und mehr Schichten) Anhäufung +eigentümlicher Drüsenzellen, die durch eine vergiftende Tätigkeit die +roten Blutkörperchen vernichten, wodurch der Sauerstoff frei wird, sich +verdichtet und in das Innere der Schwimmblase strömt. Er nannte dieses +Organ den »roten Körper«. Will der Fisch sich in einem höheren Niveau +aufhalten, so muß das Gegenteil geschehen, der Sauerstoff muß wieder aus +der Blase entweichen können. Diese Zurückleitung des Sauerstoffes in das +Blut besorgt das im oberen Teile der Schwimmblase gelegene, durch +Muskelwirkung zu öffnende oder zu schließende »Oval«, das +auffallenderweise allen denjenigen Fischen fehlt, die einen Luftgang +besitzen. Eingeleitet werden alle diese Vorgänge durch Nervenreizungen, +und Thilo hat nachgewiesen, daß ein Druck auf die Schwimmblase Hebel in +Bewegung setzt, die auf eine Platte im Rückenmark wirken, so daß +Druckschwankungen den Fischen unmittelbar zum Bewußtsein gelangen. Man +könnte also die Schwimmblase fast auch als ein Sinnesorgan ansehen, und +jedenfalls erspart sie dem Fische sehr viel Muskelarbeit. — Obwohl die +Fische bei ihrem ständigen Aufenthalt in einem flüssigen Medium ein +wirkliches <strong>Durstgefühl</strong> kaum kennen werden, verschlucken sie doch schon +rein zufällig eine Menge Wasser, und es ist auch kaum<a id="Page_55"></a> + <span class="pagenum">[55]</span> anzunehmen, +daß dieses für den Aufbau ihres Körpers entbehrt werden könnte. +Wenigstens haben Versuche mit gefärbtem Wasser, die die biologische +Anstalt in Friedrichshafen anstellte, unzweifelhaft ergeben, daß die +Fische Wasser auch in den Magen aufnehmen. Dadurch erklärt es sich auch, +daß man bisweilen sogar betrunkene Fische findet, die die tollsten +Kapriolen vollführen, nämlich da, wo Hefenfabriken den als Nebenprodukt +bei der Hefenfabrikation gewonnenen Spiritus der Steuerersparnis halber +einfach ins Wasser laufen lassen. Dann gibt es billige Hefe, aber dafür +betrunkene Fische.</p> + +<div class="box1"> + +<p class="center"> + +<img src="images/image09.jpg" width="450" height="296" alt="" /> <a id="Karausche"></a></p> + +<p class="caption"> Karausche (<i>Carássius carássius</i>). (Naturaufnahme von + Oberlehrer W. Koehler.)</p> + +<p class="center"> + +<img src="images/image10.jpg" width="450" height="236" alt="" /> <a id="Grundling"></a> </p> + +<p class="caption"> Gründling (<i>Góbio góbio</i>). (Nach einer Aufnahme von + Oberlehrer W. Koehler.)</p> + +</div> + +<p>Ein großer Teil unserer heimischen Fische gehört zur Verwandtschaft des +Karpfens. Da ist zunächst die kleinköpfige und dünnlippige, selten mehr +als 3/4 <i>kg</i> schwer werdende <strong>Karausche</strong> (<i>Carássius carássius</i>), die oft +von Aquarienfreunden, die schon Hunderte wertvoller Exoten gezüchtet +haben, mit dem Karpfen verwechselt wird, obschon bei aller Ähnlichkeit +des Körperbaus ein einziger Blick auf den kleinen Mund genügt zur +sofortigen Unterscheidung, indem der Karpfen stets Barteln besitzt, die +Karausche aber niemals. Sie vermischt sich auch fruchtbar mit dem +Karpfen<a id="Page_56"></a> + <span class="pagenum">[56]</span> und wird deshalb in Zuchtteichen nicht gern gesehen, da +sie mit ihrem minderwertigen, grätigen Fleisch die ganze Nachzucht zu +verderben vermag. Auch im schmutzigsten und modrigsten Wasser hält +dieser zähe und anspruchslose Fisch aus, denn überall findet er seine +unreinliche Nahrung. Die ältesten Tierzüchter der Welt, Chinesen und +Japaner, haben aus der Karausche schon vor uralten Zeiten einen +farbenschönen Sportfisch herangezüchtet, der fast eine ähnliche Rolle +spielt, wie der allverbreitete Kanarienvogel, und der als <strong>Goldfisch</strong> +einen einzig dastehenden Siegeszug auch durch ganz Europa angetreten +hat. Mancherlei absonderliche Spielarten, wie Teleskopfische und +Schleierschwänze, sind dann weiter aus ihm hervorgegangen. Was den +Goldfisch dem Laien so sehr empfiehlt, ist außer seiner bestechenden +Farbenschönheit namentlich seine geradezu rührende Anspruchslosigkeit, +die auch die ärgste Vernachlässigung und die naturwidrigste Behandlung +geduldig hinnimmt, aber der echte Tierfreund wird an diesem Kunstprodukt +doch nur wenig Gefallen finden; dazu ist der Goldfisch zu langweilig und +zu stumpfsinnig. Ein ganz ausgesprochener Bodenfisch, der sich bei +Gefahr geradezu in den Schlamm einzuwühlen pflegt und dadurch vielen +Nachstellungen entgeht, ist die grünliche <strong>Schleie</strong> (<i>Tínca tínca</i>). Ihre +unglaubliche Genügsamkeit und sehr geringes Sauerstoffbedürfnis +ermöglichen ihr das Dasein selbst in den verjauchtesten Tümpeln. Ihr +fettes und zartes Fleisch gereicht der vornehmsten Tafel zur Zierde, +wenn man nur die Vorsicht übte, den Fisch vor dem Schlachten einige +Wochen in fließendem Wasser zu halten, damit er den ihm meist +anhaftenden Modergeschmack verlieren konnte. Um die Teichwirtschaft +macht sich der träge Fisch durch fleißiges Vertilgen der schädlichen +Fischegel verdient, wenn er auch andrerseits als Wettbewerber um die +Nahrung der wertvolleren Karpfen von den Fischzüchtern nur widerwillig +in den Teichen geduldet wird. Auch von dieser Form ist eine prachtvolle +Spielart als Goldschleie bekannt. Interessanter als diese langweiligen +Gesellen ist der kleinere, gestreckter gebaute und mit zwei Bartfäden +versehene <strong>Gründling</strong> oder Greßling (<i>Góbio góbio</i>). Dieser sehr gesellige +Fisch, dem man eine besondere Vorliebe für das Aas nachsagt, bevorzugt +klares, fließendes Wasser mit sandigem oder kiesigem Untergrunde, findet +sich aber auch an anderen Örtlichkeiten, selbst in unterirdischen +Gewässern, so in der berühmten Adelsberger Grotte. Die bläulichen Eier +werden im Kiesgeröll ganz seichter Bäche<a id="Page_57"></a> + <span class="pagenum">[57]</span> abgesetzt, worauf dann +die Greßlinge wieder in ihre tieferen Wohngewässer zurückkehren. Beim +Ablaichen reibt das vom Männchen an eine entsprechende Stelle getriebene +Weibchen seine Bauchfläche am Kiese, wobei der Kopf und der ganze Rücken +für 1/2-3/4 Minuten aus dem Wasser hervorsehen. Die Jungen schlüpfen bei +genügender Wärme schon nach drei Tagen aus und hängen dann noch mehrere +Tage wie kleine graue Kommas an Steinen und Pflanzen umher, ehe sie die +ersten unbeholfenen Schwimmversuche beginnen. Auch im Aquarium, für das +sich dieser bescheidene Fisch überhaupt gut eignet, ist er schon +gezüchtet worden, und soll dabei, wie ein russischer Beobachter +mitteilt, sich zum Laichen eine besondere Grube hergerichtet haben. +Trotz seiner geringen Größe findet der Gründling auch für die Küche gern +Verwendung, da sein zartes Fleisch von hervorragendem Wohlgeschmack ist. +Im Donaugebiet wird unsere Art durch den <strong>Steingreßling</strong> (<i>Góbio +uranóscopus</i>) mit spitzerem Kopfe und längeren Bartfäden vertreten. +Beide Fische, die gewöhnlich am Boden auf Beute lauern, bewegen sich +zwar ruckweise, aber nicht mit übermäßiger Schnelligkeit fort. Da ist +die niedliche und anmutige, stets zum Jagen und Spielen aufgelegte +<strong>Elritze</strong> (<i>Phoxínus laévis</i>) ein weit flinker Ding. Sie ist äußerst +beweglich, namentlich sehr springfähig, aber dabei im Freien schüchtern +und schreckhaft. Wenn sich im Sommer das Wasser zu sehr erwärmt, wandern +die<a id="Page_58"></a> + <span class="pagenum">[58]</span> Elritzen oft in dichtgedrängten Scharen in die kühleren +Gebirgswässer aus und überspringen dabei Hindernisse, die in gar keinem +Verhältnis zu ihrer winzigen Körpergröße stehen. Bei solchen +Gelegenheiten werden viele von ihnen gefangen und mariniert als +»Pfrillen« oder »Rümpchen« trotz ihres etwas bitterlichen Geschmacks in +manchen Gegenden sehr gern gegessen. Leider müssen bei dieser Fangart +auch zahlreiche Junge der wertvollsten Speisefische mit dran glauben und +sich als Rümpchen verzehren lassen. Der rundliche, unverhältnismäßig +großköpfige <strong>Döbel</strong> (<i>Leucíscus céphalus</i>), mit dem breiten Maule und dem +blaßrot schimmernden Bauch hält sich in seiner Jugend massenhaft in +kleinen kiesigen Bächen auf, während er im Alter mehr in die Flüsse und +Seen der Ebene hinabzieht. Er ist pfeilschnell und räuberischer +veranlagt als andere Karpfenfische. Selbst Mäusen soll er nachstellen +und deshalb in manchen Gegenden geradezu »Mäusefresser« genannt werden. +Bei solch reichlicher Kost erreicht er denn auch ein Gewicht von 4 <i>kg</i> +und darüber. Diesen Angaben stehen nun freilich die Magenuntersuchungen +Sustas schnurstracks gegenüber, der den Döbel für einen echten und sich +hauptsächlich an grobes Gras haltenden Grünweidefisch erklärt. Dieser +Widerspruch erscheint noch völlig ungeklärt, denn es ist doch kaum +denkbar, daß ein und dieselbe Art vielleicht an verschiedenen +Örtlichkeiten so grundverschiedene Ernährungsweisen zeigen könnte. Eher +möchte ich glauben, daß die betreffenden Fische von diesem oder jenem +Forscher falsch bestimmt wurden. Auffallend ist die Vorliebe des Döbels +für Stromschnellen, Mühlwehre, Brückenpfeiler und ähnliche +Örtlichkeiten. Seiner vielen Gräten wegen ist er höchstens als Backfisch +und auch dies nur in ganz frischem Zustande zu verwerten. Angler +versichern, daß der Döbel auch an Beeren und süße Früchte geht, und im +Aquarium sah man jüngere Exemplare sowohl animalische wie vegetabilische +Kost zu sich nehmen. Die Angler haben von jeher eine gewisse Vorliebe +für diesen jetzt sichtlich seltener werdenden Fisch gehabt, weil er auf +alles anbeißt, so daß die Köderwahl geradezu zur Qual werden kann, und +weil sich mit seiner stattlichen Größe prahlen läßt. Die süd- und +ostdeutschen Angler bezeichnen den ziemlich proletenhaft anmutenden +Fisch als Räuber, und die Rhein- und Elbefischer erklären ihn für den +friedfertigsten Gesellen der Welt. Das Wahrscheinlichste ist wohl, daß +Genosse Dickkopf Allesfresser geworden ist und seine Speisekarte um eine +Reihe von<a id="Page_59"></a> + <span class="pagenum">[59]</span> Gerichten bereichert hat, die er früher nicht kannte und +verschmähte. Ein unzweifelhafter Grünweidefisch ist dagegen der durch +die kleine und schief aufwärts gerichtete Mundöffnung gekennzeichnete +<strong>Aland</strong> (<i>Leucíscus ídus</i>), auch Silberorfe genannt. Eine besonders schöne +Abart wird als <strong>Goldorfe</strong> gern in warmen Teichen gezogen, und sie eignet +sich als Zierfisch namentlich auch insofern gut, als sie sich beim +Schwimmen beständig an der Oberfläche hält und so ihre Schönheit auch +zur Geltung zu bringen weiß. Die wilde Stammform beansprucht reines, +kaltes, tiefes, und schnellfließendes Wasser, ist auch selbst ein recht +flinker Schwimmer. Der etwas dickköpfig aussehende Fisch, der bis 3 <i>kg</i> +schwer wird, hat ein zwar grätiges, aber doch recht wohlschmeckendes, +rötlich aussehendes Fleisch, und wird deshalb gern geangelt. Unter dem +Sammelnamen »Weißfisch« faßt der Naturfreund eine Anzahl +karpfenähnlicher Fische zusammen, deren Jugendformen oft selbst der +Fachmann nur schwer auseinanderhalten kann, und deren erwachsene Stücke +wenigstens der Laie sehr häufig verwechselt. Es sind die Proleten +unserer Fischwelt, die nach Handwerksburschenmanier in zahlreichen +Trupps alle Wasserstraßen bevölkern. Hierher gehören z. B. zwei durch +hübsch rote Flossenfarbe ausgezeichnete Fische, die <strong>Plötze</strong> (<i>Leucíscus +rútilus</i>) und das <strong>Rotauge</strong>. Will man sie mit voller Sicherheit bestimmen, +so muß man schon zu den ein untrügliches Unterscheidungsmerkmal +abgebenden Schlundzähnen seine Zuflucht nehmen, die bei der Plötze in +einfacher Reihe stehen, links 6 oder 5, rechts stets 5, während sie beim +Rotauge in zwei Reihen zu 3 und 5 angeordnet sind. Die Plötze ist wohl +der gemeinste deutsche Fisch und wird deshalb auch vielfach gefangen, +obwohl ihr stark mit Gräten durchsetztes Fleisch eigentlich nicht viel +wert ist. Immerhin gibt sie frisch noch einen leidlichen Backfisch ab. +Während sie bei uns kaum schwerer als 1-1/2 <i>kg</i> wird, werden im +Kaspischen Meere noch heute bisweilen wahre Riesenplötzen gefangen. +Beide Arten sind lebhafte und scheue, aber nicht eben sonderlich kluge +Grünweidefische und laichen unter vielem Geplätscher gesellig, nachdem +sie in dichtgedrängten Scharen hierzu geeignete Plätze aufgesucht haben. +Beim <strong>Rotauge</strong> (<i>Leucíscus erythrophthálmus</i>), auch Rotfeder genannt, +fällt außer dem roten Auge namentlich die ungewöhnlich harte und scharfe +Beschuppung der Bauchgegend auf. Der stark messingglänzende Fisch, der +seine beiden deutschen Namen vollauf rechtfertigt, ist eigentlich eine +recht schöne Erscheinung und verdiente<a id="Page_60"></a> + <span class="pagenum">[60]</span> es, daß ihm die Aquarianer +größere Beachtung als bisher zuwenden würden. Zwischen beiden Arten +kommen auch Mischlinge vor, wie ja überhaupt bei dem geselligen +Laichgeschäft der Karpfenfische oft genug ein zwar unbeabsichtigtes, +aber fruchtbares Durcheinander entsteht, das der systematischen +Forschung schon manche Schwierigkeiten in den Weg gestellt hat. Für die +Küche taugt das Rotauge noch weniger als sein Vetter, und man verwertet +sie deshalb am besten als Schweinefutter. Wichtiger für den menschlichen +Haushalt ist der hochgebaute <strong>Blei</strong> oder Brassen (<i>Abramis bráma</i>), da er +ein Gewicht bis zu 6 <i>kg</i> erreicht und sein Fleisch zwar auch ziemlich +grätig, aber doch recht wohlschmeckend ist. Zur Laichzeit, bei der es +sehr lebhaft zugeht, die großen Fische oft weit aus dem Wasser +herausspringen und sich auch durch Beobachtung in unmittelbarer Nähe +nicht stören lassen, nimmt der Blei eine fast hochgelbe Farbe an, und +die Männchen sehen infolge des starken Hautausschlages wie zerkratzt und +blutig zerschunden aus. Der stattliche Fisch mit dem schiefgestellten +Mund bewohnt größere Ströme und tiefere Seen mit lehmigem Grund, den er +beim geselligen Grasen oft derart aufwühlt, daß er weithin das Wasser +trübt. Bei dieser schweineartigen Tätigkeit kommt ihm seine rüsselförmig +ausgebildete Schnauze sehr zustatten. Die <strong>Blikke</strong> oder der Güster +(<i>Blícca björkna</i>) hat einen ähnlich hochrückigen Leibesbau wie die +Abramisarten, und ein solcher darf in gewissem Sinne auch als eine +Schutzmaßregel gelten, da die Raubfische sich nur ungern an so unbequem +zu verschluckende Beute machen. Der Name dieses Fisches dürfte mit +»blinken« zusammenhängen, ebenso wie »Pleinzen«<a id="Ple2"></a><a title="Go to footnote 2." href="#fn2" class="fnanchor">[2]</a> mit »blinzeln«. Die +höchstens 1 <i>kg</i> schwer werdende Blikke ist einer unserer gemeinsten +Fische und bevorzugt langsam fließendes Wasser mit sandigem Untergrund. +Sonst scheu und vorsichtig, gibt sie sich doch dem Laichgeschäft im +Spätfrühling mit so rückhaltloser Inbrunst hin, daß man sie dabei +geradezu mit Händen greifen kann. Auch sie ist ein ausgesprochener +Friedfisch, aber dabei so gefräßig, daß sie sich leicht angeln läßt, was +allerdings ihres schlechten und grätenreichen Fleisches halber kaum der +Mühe verlohnt. Als ein halber Raubfisch muß dagegen der schon durch sein +großes Maul gekennzeichnete <strong>Rapfen</strong> (<i>Aspius áspius</i>) bezeichnet werden. +Den kleinen Weißfischen stellt er mit<a id="Page_61"></a> + <span class="pagenum">[61]</span> solcher Gier nach, daß er +dabei öfters versehentlich auf den Strand schießt und dann elend +umkommen muß. In stillen Nächten betreibt er seine Jagden mit weithin +vernehmbarem Geräusch, indem sowohl Verfolgte wie Verfolger dabei öfters +hoch aus dem Wasser herausspringen. Trotzdem verrät der Rapfen immer +eine gewisse Ungeschicklichkeit in der Ausübung seines räuberischen +Handwerks und stößt viel öfters fehl als die echten Raubfische. Er ist +ein Oberflächenfisch und bewohnt am liebsten langsam fließendes, aber +reines Wasser. Da er 6 <i>kg</i> schwer wird, könnte er für die Küche eine +Rolle spielen, wenn sein an sich fettes und wohlschmeckendes Fleisch +nicht so grätig wäre und beim Kochen nicht so leicht zerfiele. Wenn auch +das Fleisch des niedlichen <strong>Uckelei</strong> (<i>Albúrnus albúrnus</i>) ganz ähnliche +Eigenschaften aufweist und dieses glitzernde Fischchen schon wegen +seiner geringen Größe (es wird nur 15-20 <i>cm</i> lang) noch weniger für die +Küche in Betracht kommen kann, so beschäftigt es doch in anderer +Beziehung eine ganze Industrie und wird deshalb in gewissen Gegenden +Norddeutschlands, so namentlich am Frischen Haff, während der +Wintermonate in großen Zugnetzen massenhaft gefangen. Aus seinen stark +silberglänzenden, gegen jede unsanfte Berührung sehr empfindlichen +Schuppen, gewinnt man nämlich die sogenannte Perlenessenz (<i>Essence de +l'Orient</i>, deren Zusammensetzung und Herkunft früher ängstlich geheim +gehalten wurde und die von einem französischen Rosenkranzfabrikanten +entdeckt worden sein soll) zur Herstellung künstlicher Perlen. Die +gefangenen und ans Land gebrachten Fische werden sofort geschuppt, und +die gereinigten Schuppen in Kisten nach Paris oder Wien, neuerdings aber +auch vielfach nach Thüringen verschickt. In der Fabrik werden die +Schuppen zunächst 24 Stunden lang in Salzwasser gewässert, mit leinenen +Lappen abgerieben, schwach gepreßt, für ein Stündchen in Alkohol gebadet +und wieder getrocknet. Hierauf kommen sie in Ammoniak, in dem sich die +anderen Bestandteile leicht lösen, während die den herrlichen +Silberschimmer bedingenden Plättchen als kleine Kristalle sich am Boden +niederschlagen. Nach einigen Stunden kann die wässerige Lösung behutsam +abgegossen werden, und es bleibt nur ein silberiges, dickes Öl übrig — +die Perlenessenz. Sie wird in hohle und dann mit Wachs zu verschließende +Glasperlen gefüllt, die dadurch einen prachtvollen, matten Perlenglanz +erhalten. Die besten Sorten dieser künstlichen Perlen sind den echten +derart ähnlich,<a id="Page_62"></a> + <span class="pagenum">[62]</span> daß nur eine genaue Prüfung durch einen +Sachverständigen die Imitation nachzuweisen vermag. Übermäßig billig +sind sie freilich auch nicht gerade, was erklärlich wird, wenn wir uns +vergegenwärtigen, daß etwa 20000 Fischlein nötig sind, um nur 1/2 <i>kg</i> +Perlenessenz anzufertigen. Man gewinnt aus den Uckeleischuppen wie aus +denen verwandter Arten weiter auch noch die in der Malerei eine große +Rolle spielende und ebenfalls teuer bezahlte Silbertinktur. Aber auch im +Leben ist der sich hauptsächlich von Insekten und deren Larven +ernährende Uckelei ein höchst anziehender und unterhaltender Fisch, der +sich dem am Flußufer lustwandelnden Spaziergänger mehr bemerkbar macht, +als irgendein anderer, da er häufig seinen silberglitzernden Leib aus +dem Wasser herausschnellt, um eine über diesem tanzende Mücke oder +Eintagsfliege zu erhaschen, und da er sich überhaupt gewöhnlich +scharenweise dicht unter der Oberfläche herumtreibt und hier seine +lustigen Spiele vollführt, überhaupt viel Frohsinn und Lebenslust +bekundet, obgleich gerade er nicht nur den Raubfischen, sondern auch den +Wasservögeln besonders häufig zur Beute fällt. Ängstliche Schüchternheit +einerseits und eine unbezähmbare Neugier andrerseits sind seine +hervorstechendsten Charaktereigenschaften. Gleich dem Uckelei gehören +zur Gruppe der durch das schief nach oben gerichtete Maul +ausgezeichneten <strong>Lauben</strong> noch die bei uns auf die klaren und tiefen +Gebirgsseen Oberbayerns beschränkte <strong>Mairenke</strong> (<i>Albúrnus ménto</i>) und die +fließendes Wasser bevorzugende <strong>Alandblecke</strong> (<i>Albúrnus bipunctátus</i>). +Letztere heißt im Volksmunde gewöhnlich »Schneider«, da ein zu beiden +Seiten der Seitenlinie verlaufender Streifen schwarzer Pigmentpunkte wie +eine Naht aussieht. Im Aquarium gemachten Beobachtungen zufolge soll sie +eine Art Brutpflege ausüben, indem eines der Elterntiere den Laich bis +kurz vor dem Ausschlüpfen bewacht und verteidigt und durch beständiges +Flossenfächeln mit frischem, sauerstoffreichem Wasser umspült. An der +sonderbar knorpeligen Schnauze, dem überragenden Oberkiefer und den +harten, schneidenden Lippen ist die höchstens 1/2 <i>m</i> lang werdende <strong>Nase</strong> +(<i>Chondóstroma násus</i>) sofort von anderen Süßwasserfischen zu +unterscheiden. Auch biologisch hat sie mancherlei Eigentümlichkeiten +aufzuweisen. Ihre scharfen Kiefernränder dienen dazu, den Algenüberzug +von Steinen und dergleichen abzuweiden. Charakteristisch für sie ist, +daß sie sich im seichten Wasser gern um sich selbst wälzt, so daß für +Augenblicke die lichte<a id="Page_63"></a> + <span class="pagenum">[63]</span> Unterseite zum Vorschein kommt. Zur +Laichzeit gewinnt ihr dunkler Rücken ein streifiges Ansehen, und an den +Mundwinkeln zeigt sich ein lebhaftes Orangerot.</p> + +<p class="footnote"><a id="fn2"></a><a title="Return to text." href="#Ple2" class="label">[2]</a> Es ist dies + der <strong>Zobel</strong> (<i>Abramis sáha</i>) des Donaugebiets.</p> + +<p>Außer der Verfärbung zum Hochzeitskleid tritt mit Beginn der +Laichfähigkeit bei vielen Fischen noch eine andere wunderbare +Erscheinung auf: ihre mehr oder minder mit dem Fortpflanzungsgeschäft in +Zusammenhang stehenden, durch rücksichtslose Kühnheit und erstaunliche +Zähigkeit ausgezeichneten <strong>Wanderungen</strong>, die an geheimnisvollen Rätseln +dem Vogelzug kaum nachstehen. Sehr oft sind ja die besten und sichersten +Nährgründe nicht auch zugleich zum Absetzen des Laiches geeignet, und +der Fisch ist deshalb gezwungen, eine weitgehende Ortsveränderung +vorzunehmen, wenn er sich seiner Bürde entledigen und den Weiterbestand +seiner Art sicher stellen will. Häufig kommt es vor, daß gewöhnlich im +Meer lebende Fische zum Laichen hoch in die Flüsse hinaufsteigen oder +umgekehrt das Süßwasser zum Laichen mit dem Meer vertauschen. Zu diesen +gehört beispielsweise der Aal, zu jenen der Lachs. Wenn wir diese echten +Wanderer etwa mit den Zugvögeln vergleichen können, so gibt es +andrerseits auch noch eine Reihe beschränkter Wanderer, die den +Strichvögeln entsprechen und nur im gleichen Stromsystem oder Meere hin +und her ziehen, wobei Wärme- und Ernährungsverhältnisse, Salzgehalt des +Wassers und Laichgelegenheiten als die maßgebenden Faktoren anzusehen +sind. Hierher gehören z. B. von Süßwasserfischen die Forelle und von +Seefischen die Flunder, die zwar Hunderte von Kilometern weit reist, +nicht aber aus der Nordsee in die Ostsee zieht oder umgekehrt. Während +man früher sich um die Fischwanderungen wenig gekümmert hat, ist ihnen +in neuerer Zeit eine sehr eingehende und sorgfältige Beachtung +zugewendet worden, und zwar nicht nur aus rein wissenschaftlichen, +sondern namentlich auch aus praktischen und volkswirtschaftlichen +Gründen. Nirgends und zu keiner Zeit drängen sich ja die Fische in +solchen Massen zusammen wie auf ihren Wanderungen von und zu den +Laichplätzen, und niemals sind sie so mühelos und in so lohnender Menge +zu fangen wie bei solchen Gelegenheiten. Mit Sehnsucht warten ganze +Dörfer und Städte auf das seit Jahrhunderten gewohnte Erscheinen der +riesigen Fischheere, die reichen Verdienst mit sich bringen, und die +Trauer und die Enttäuschung sind groß, wenn die geschuppten Geschwader +einmal aus irgendwelchen Gründen ausbleiben, denn das<a id="Page_64"></a> + <span class="pagenum">[64]</span> bedeutet +Elend und Verarmung. Da aber plötzliche Verlegungen der altbekannten +Heeresstraßen gerade in den letzten Jahrzehnten öfters vorgekommen sind +und dadurch mehrfach wirtschaftliche Katastrophen hervorgerufen wurden, +während andrerseits unvermutet unendliche Fischzüge an ungewohnten +Plätzen erschienen, wo sie nicht genügend verwertet werden konnten, und +oft genug als Dung auf die Felder gefahren werden mußten, so liegt es +auf der Hand, welch hohe praktische Bedeutung der Erforschung solcher +Erscheinungen und dem Studium der Fischwanderungen überhaupt zukommt. So +ist es zunächst sehr wichtig, zu wissen, was wohl die Fische auf ihren +Wanderungen leitet. Da man in wissenschaftlichen Kreisen dem +»stumpfsinnigen« Fisch irgendwelche an geistige Fähigkeiten anstreifende +Handlungsweise nicht zutraute, so sollte auch die Wanderung ein rein +reflektorischer Vorgang sein, der natürlich durch gewisse Reize +ausgelöst werden mußte. Man dachte da namentlich an die sogenannte +Phototaxis, d. h. an das Reagieren des Organismus gegen veränderte +Belichtungs- und Bestrahlungsverhältnisse. Nun hat aber jüngst erst +Franz in einer Reihe sehr eingehender Studien nachgewiesen, daß die +durch gekünstelte Experimente gewonnene Vorstellung von der Phototaxis +lediglich ein reiner Laboratoriumsbegriff ist, wenigstens soweit die +Fische in Betracht kommen. Sie ist in Wirklichkeit nichts als ein unter +ungünstigen Daseinsveränderungen und insbesondere bei anscheinender +Gefahr ausgelöster Fluchtreflex, der bei Oberflächenfischen sich als +»positiv«, bei Grundfischen dagegen als »negativ« erweisen wird, da +diese bei Bedrohung ja instinktmäßig ins Dunkel flüchten. Will man von +dem durch den Wechsel zwischen Tag und Nacht bedingten Aufsteigen und +Niedersinken gewisser Meeresfische und ihrer Larven absehen, so gibt es +eine Phototaxis bei erwachsenen Fischen in freier Natur überhaupt nicht, +bei ihren Larven nur in ganz beschränktem, kaum angedeutetem Umfang. +Deshalb kann die Phototaxis auch auf die Wanderungen der Fische nicht +den allergeringsten Einfluß ausüben, sondern es müssen andere Faktoren +zu ihrer Erklärung herangezogen werden. Einen solchen glaubt Franz +zunächst einmal in dem <strong>Ortssinn</strong> und in dem <strong>Ortsgedächtnis</strong> der Fische +gefunden zu haben, die er sorgsam auf ihre Leistungsfähigkeit hin +geprüft und weit höher entwickelt gefunden hat, als sich dies unsere +Schulweisheit bisher träumen ließ. Danach scheinen doch auch schon die +Fische teilweise<a id="Page_65"></a> + <span class="pagenum">[65]</span> wenigstens keine absoluten Reflexmaschinen mehr +zu sein, vielmehr bei ihnen schon wenigstens schüchterne Ansätze sich +geltend zu machen zum Verwerten erlebter Erfahrungen und zum Verknüpfen +von Assoziationen, so sehr man sich andrerseits vor Vermenschlichungen +bei dieser immerhin tiefstehenden Tierklasse hüten muß, deren +Lebensäußerungen zumeist durch mehr oder minder verwickelte und sich +kreuzende Instinkte und Reflexe unschwer sich werden erklären lassen. +Wie immer dem sei, jedenfalls beweisen schon die einfachsten +Experimente, daß die Fische tatsächlich einigermaßen gemachte +Erfahrungen zu ihrem Besten zu verwerten wissen. So stutzten Barsche, +denen man als Futterfische Sardinen gab, als man einige derselben rot +färbte, machten aber schließlich einen Versuch und verzehrten dann +gefärbte und ungefärbte ohne Unterschied. Ähnlich ging es, als man noch +einige blau gefärbte Sardinen dazu setzte. Als dann aber kleine Stücke +von Seenesseln an den blauen Sardinen befestigt wurden und die Barsche +sich beim Zugreifen tüchtig stachen, fuhren sie erschrocken zurück und +mieden von da ab die blauen Sardinen. Freilich hielt in diesem Falle ihr +Gedächtnis nur bis zum nächsten Tage vor; dann scheinen aber die Barsche +besonders vergeßliche Bursche zu sein, denn vom Karpfen ist +nachgewiesen, daß er mindestens vier Monate lang für +Örtlichkeitsverhältnisse Gedächtnis hat, und bei anderen Fischen verhält +es sich ähnlich. Dieser Auffassung steht nun allerdings die Tatsache +entgegen, daß geangelte und dabei entkommene oder wieder ausgesetzte +Fische oft schon nach kurzer Zeit sich zum zweiten oder dritten Male +fangen lassen, also die gemachte böse Erfahrung anscheinend sehr rasch +vergessen haben. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß einerseits die +dem Fische beim Angeln zugefügte Schmerzempfindung aller +Wahrscheinlichkeit nach eine nach menschlichem Maßstabe überraschend +geringe, und daß andrerseits der Zuschnappreflex, wenn der Ausdruck +statthaft ist, ein sehr stark entwickelter ist und eben in solchen +Fällen den Sieg über die geringe Lernfähigkeit davonträgt. Edinger kommt +auf Grund umfassender Untersuchungen geradezu zu dem Schlusse, daß der +Fisch nicht zubeißt, weil er zubeißen will, sondern weil er zubeißen +muß. Er schaltet also einen selbständigen Willen des Tieres dabei +vollständig aus, und die praktischen Erfahrungen der Angler, die in +England das Sprichwort haben »Wenn du der Forelle die rechte Fliege zur +rechten Zeit gibst, fängst du sie<a id="Page_66"></a> + <span class="pagenum">[66]</span> sicher«, scheinen ihm darin +nicht unrecht zu geben. Edinger glaubt demnach, daß infolge sich +gegenseitig auslösender Reflexe ein hungriger Fisch unter bestimmten +Umständen anbeißen <strong>muß</strong>, wenn die Nahrung ihm genau in der Weise zukommt, +wie die naturgemäße, und störende Nebenumstände (Sichtbarkeit der +Schnur, Schatten des Anglers usw.) vermieden werden. Die ganze +Geschicklichkeit des Anglers bestehe deshalb lediglich darin, diesen +richtigen Augenblick ausfindig zu machen. Übrigens gehen intelligentere +Fische wie der Schill doch nicht leicht zum zweiten Male an die Angel, +wenn sie schwer gereizt wurden. Wenn nun auch die Lernfähigkeit der +Fische jedenfalls nur eine geringe ist, so ist das Ortsgedächtnis doch +in nicht unerheblichem, wenn auch sehr verschieden hohem Grade +vorhanden, und am besten ist es jedenfalls bei den Wanderfischen +entwickelt. So hat man festgestellt, daß zwar Stichlinge ihr Nest nur +auf 10 m Entfernung wieder fanden, Forellen dagegen trotz +zwischengelegter Hindernisse aus 6 km Entfernung zu ihrem Standplatze +zurückfanden. Ein derart gutes Ortsgedächtnis muß den Fischen natürlich +auch auf ihren Wanderungen in hohem Maße zustatten kommen, und man +könnte sich auch recht wohl vorstellen, daß die Kenntnis bestimmter +Heeresstraßen sich ähnlich wie bei den Vögeln durch Tausende von +Generationen vererbt habe, dadurch fixiert und zu einem bloßen Instinkt +geworden sei. Aber dann hat ja der Fisch auch noch eine Seitenlinie, die +ihn so genau über den jeweiligen Verlauf der Strömung unterrichtet, und +es muß deshalb für ihn eine Kleinigkeit sein, sich in Strömen oder +Flüssen zurechtzufinden, sei es nun, daß er abwärts ins Meer oder +aufwärts ins Quellgebiet zu gelangen wünscht. Diese Faktoren reichen +also wohl aus, um reine Süßwasserwanderungen zu erklären, aber ganz +anders und viel geheimnisvoller gestaltet sich das Bild, wenn wir etwa +an die Einwanderung der jungen Aale aus dem Meere in die Ströme denken. +Man denke sich diese Fischchen, die noch nie eine Reise gemacht haben, +in der unendlich einförmigen, in ewige Finsternis gehüllten Wassermasse, +wo das Fischauge keine festen Anhaltspunkte gewinnen kann, sondern eine +unbestimmte nebelige Ferne vor sich hat. Hier kann natürlich von +irgendwelchem Ortsgedächtnis keine Rede sein. Franz ist der Meinung, daß +es der abweichende Salzgehalt der verschiedenen Wasserschichten und +Meeresteile ist, der den Tieren als Führer aus dieser Wüstenei dient. +Wasserschichten verschiedenen<a id="Page_67"></a> + <span class="pagenum">[67]</span> Salzgehalts zeigen ja auch +abweichende Temperaturen, und diese wiederum zeitigen +Strömungserscheinungen. Freilich werden solche ganz gering sein und erst +nach Zurücklegung weiterer Strecken sich deutlich bemerkbar machen, aber +es ist wohl mit Recht anzunehmen, daß die gesteigerte nervöse +Erregbarkeit der Fische zur Brunst- oder Wanderungszeit auch die +Feinfühligkeit ihrer Sinnesorgane und namentlich der Seitenlinie erhöht. +Und so ließe sich auch hier schließlich folgern, daß die Wanderung der +Meeresfische mehr eine Art Zwangsbewegung darstellt. Vielleicht bringen +die Markierungsversuche, die seit einigen Jahren von zahlreichen +biologischen Stationen gemacht werden, allmählich mehr Licht in diese +einstweilen noch ziemlich dunkle Seite des Fischlebens.</p> + +<div class="box1"> + +<p class="center"> + +<img src="images/image11.jpg" width="450" height="355" alt="" /> <a id="Aal"></a></p> + +<p class="caption">Aal. (Nach einer Aufnahme von Jacques Boyer.)</p> + + +<p class="center"> + +<img src="images/image12.jpg" width="450" height="289" alt="" /> </p> + +<p class="caption"> Die Entwicklung des Aales. (Nach Grassi u. Calandruiccio.)</p> + +</div> + +<p>Betrachten wir nun zunächst einmal als Beispiel für die ersterwähnte Art +der Wanderung den <strong>Aal</strong> (<i>Anguílla vulgáris</i>), bei dem ja gerade seine +ausgedehnten Reisen sein ganzes Leben mit einem schier +undurchdringlichen Schleier des Rätselhaften und Geheimnisvollen umhüllt +haben, den zu lüften emsiger Forschung erst in jüngster Zeit gelungen +ist. Fortpflanzung und Wanderung sind hier nicht nur in der innigsten, +sondern auch in der seltsamsten Weise miteinander verknüpft. Lange +tappte man diesbezüglich im dunkeln und erzählte sich mehr oder minder +unsinnige Märchen nach, und daß die Forschung das große Aalproblem jetzt +in seinen Hauptzügen, wenn freilich auch noch lange nicht erschöpfend +gelöst hat, darf als einer der glänzendsten Triumphe der biologischen +Wissenschaft angesehen werden. Viel hat zu der jahrhundertelangen +Verwirrung der Umstand beigetragen, daß es lange nicht gelingen wollte, +Geschlechtsorgane bei unseren Süßwasseraalen aufzufinden, so unzählige +man auch dieserhalb untersuchte. Da kann es nicht Wunder nehmen, daß das +uralte Märchen von der Urzeugung gerade beim Aal überraschend lange in +Geltung blieb, um später durch die ebenso falsche Auffassung abgelöst zu +werden, daß der Aal lebendige Junge gebäre. Wahrscheinlich wurde sie +hervorgerufen durch die Auffindung von massenhaft im Leibe des Aals +schmarotzenden Spulwürmern (Ascaris), die bei oberflächlicher +Betrachtung wohl als Jungaale gelten konnten. Noch in den 70er Jahren +ist ein strebsamer Naturgeschichtsprofessor auf eine ihm von einem +Fischer gebrachte »Aalmutter« hereingefallen (es ist dies ein ganz +anderer Fisch, <i>Zoarces vivipara</i>, der schon seit Jahrhunderten als +lebendig gebärend bekannt ist) und<a id="Page_68"></a> + <span class="pagenum">[68]</span> hat einen sehr langen, sehr +gelehrten und schön illustrierten Aufsatz darüber in der »Gartenlaube« +veröffentlicht, um dadurch das Lebendgebären beim Aale zu beweisen. Auch +über einen vermutlichen Generationswechsel bei diesem merkwürdigen +Fische hat man viel gefabelt. In Wirklichkeit verhält sich aber die +Sache so, daß alle in unseren Süßwassern lebenden Aale überhaupt noch +nicht geschlechtsreif sind. Denn als man endlich mit Hilfe der +gesteigerten Mikroskoptechnik die Geschlechtsorgane auffand, die in +Fettmassen verborgen liegen, da stellte es sich heraus, daß sie noch +völlig unentwickelt waren. Hatten doch die Eier in den weiblichen +Geschlechtsteilen kaum einen Durchmesser von 0,1 <i>mm</i>, waren also mit +bloßem Auge gar nicht sichtbar. Da man schon längst wußte, daß ein Teil +unserer Aale im Herbst ins Meer wandert, lag die Folgerung nahe, daß die +Tiere erst dort ihre volle Geschlechtsreife erlangen und zum Laichen +schreiten. Von da an befand sich die Forschung auf dem richtigen Weg, +und es ist namentlich das Verdienst des Italieners Grassi und des Dänen +Schmidt, daß heute das Aalproblem den Nimbus des Unerklärlichen verloren +hat. Weitere Untersuchungen haben gezeigt, daß fast alle die großen Aale +unserer Binnengewässer Weibchen, also Aaljungfern sind und sich durch +silbergrauen Bauch auszeichnen, während die viel kleineren, gelb- oder +braunbäuchigen Aale an den Strommündungen und Haffen fast nur aus +Männchen bestehen. Im Alter von 3-7 Jahren — je nach dem +Ernährungszustand — wird die Aaljungfrau, deren ganzes Dasein bis dahin +lediglich aus Fressen und Schlafen bestand, von einer unüberwindlichen +Sehnsucht nach dem fernen Meere gepackt, in dessen tiefsten Gründen +einst ihre Kinderwiege stand. Sie begibt sich auf die Reise und findet +unterwegs eine sich ständig vermehrende Zahl von Gefährtinnen, die die +gleiche Sehnsucht vorwärts treibt. Die Wanderung vollzieht sich +namentlich in recht dunklen, stürmischen und unfreundlichen Nächten, in +denen etwa je 15 <i>km</i> zurückgelegt werden, wird aber öfters durch Rast- +und Erholungstage unterbrochen, so daß es geraume Zeit dauert, bis man +am Ziele angelangt ist. Unzählige gehen unterwegs an der Tücke des +Menschen oder an anderen Unbilden zugrunde, aber dafür treffen die +Überlebenden in den Strommündungen mit den Männchen zusammen, so daß nun +beide Geschlechter in traulichem Verein die Reise fortsetzen können, die +noch gar weit ins Innere des Weltenmeeres hineinführt. Inzwischen haben +die Eierchen, deren<a id="Page_69"></a> + <span class="pagenum">[69]</span> jedes Weibchen 1 bis 1-1/2 Millionen bergen +soll, schon um das 2 bis 2-1/2fache an Größe zugenommen, aber erst durch +die Berührung mit dem fruchtbringenden Meer entwickeln sich nun beider +Geschlechter Organe zu derjenigen Vollkommenheit, die zur Ausübung des +Laichaktes notwendig ist. Gleichzeitig wird der Aal zum Tiefseefisch, +von Farbe dunkler und metallglänzend, mit spitzerem Kopf und weit +größeren, 1 <i>cm</i> im Durchmesser haltenden Augen. An seine Laichplätze +stellt er ganz besondere, sehr spezifizierte Forderungen. Sie sollen in +ungefähr 1000 <i>m</i> Meerestiefe liegen, einen Salzgehalt von 3,52 Proz. +und eine Durchschnittstemperatur von etwa 9° haben, was bei solch +erheblicher Meerestiefe von vornherein nur in der Nähe des wärmenden +Golfstroms möglich ist. Der Aal findet derartige Plätze erst weit +draußen im offenen Atlantik, in einem halbmondförmigen Gebiet, das sich +von den Faröern zur Küste Spaniens erstreckt. Hier wird also Hochzeit +gefeiert in für das menschliche Auge undurchdringlichen Tiefen: die +Binnengewässer sind<a id="Page_70"></a> + <span class="pagenum">[70]</span> des jungen Aales Tummelplatz, die Meerfahrt +ist seine Brautfahrt, die Tiefe des Atlantik sein Hochzeitsbette und +wahrscheinlich auch sein Grab. Wenigstens hat man keinen der so +stürmisch zu den Freuden der Minne nach dem Meere strebenden Aale jemals +wieder in die Ströme zurückkehren sehen. Vielleicht führen sie nach der +Laichzeit noch ein unbeachtetes Dasein im grenzenlosen Ozean, +wahrscheinlicher aber gehören sie zum Stamme jener Asra, »die da +sterben, wenn sie lieben,« ähnlich wie die Neunaugen, deren Lebenslauf +ja überhaupt manche Ähnlichkeit mit dem des Aales aufweist. Ihr Dasein +hat ja auch keinen rechten Zweck mehr, denn für die Erhaltung ihrer Art +haben sie überreichlich gesorgt. Die Myriaden kleiner Krebstierchen in +der Tiefsee werden sich gierig über die Leichname herstürzen und diese +nicht nur gründlich, sondern auch so rasch vertilgen, daß sie erst gar +keine Zeit haben, durch Leichengase aufzuschwellen und an die Oberfläche +emporzukommen. Da sich also die wichtigsten Lebensvorgänge des Aales im +Meere abspielen, muß er unbedingt als ein Meeresfisch bezeichnet werden, +der erst in zweiter Linie und nebenbei auch zum Süßwasserbewohner +geworden ist. Beim Lachs verhält es sich gerade umgekehrt. Auch die +abgelegten, auffällig kleinen Eier bleiben in der Tiefe, da ihnen ein +flottierendes Element in Gestalt von beigegebenen Öltröpfchen, wie es +viele andre Fischeier haben, fehlt, und dies ist ein Grund mehr dafür, +daß sie so schwer und so selten aufgefunden werden. Ihnen entschlüpfen +nun aber keineswegs fertige Jungaale, sondern gar seltsame Wesen, die +eine Larvenform darstellen und wenigstens äußerlich so stark vom +Aaltypus abweichen, daß man sie früher unter dem Namen Leptocéphalus +breviróstris als eine eigene Art beschrieb, ohne ihren nahen +Zusammenhang mit der heiß umstrittenen Fortpflanzungsgeschichte des +Aales zu ahnen. Diese Wesen sind 6-8 <i>cm</i> lang, haben die flache Form +eines Weidenblatts, dazu einen winzigen Kopf und eine kleine +Schwanzflosse und bestehen im übrigen fast ganz aus mächtigen +Muskelzügen. Ihr Blut ist farblos, das ganze Geschöpf wasserhell und +durchsichtig wie Glas, so daß man durch seinen Leib hindurch sogar lesen +kann. Die Tierchen kommen später bei Nacht an die Oberfläche des Meeres, +während sie sich bei Tage in Tiefen von 100-150 <i>m</i> aufhalten. +Allmählich wandeln sie sich zum Aal, wobei verschiedene Zwischenstadien +durchlaufen werden. Der Leib wird dicker und runder, die Flossen bilden +sich aus, und schließlich<a id="Page_71"></a> + <span class="pagenum">[71]</span> ist ein Geschöpf von echtem Aaltypus +fertig, das aber etwas kürzer erscheint als die Larve (da diese zuletzt +keine Nahrung zu sich nimmt) und zunächst auch noch glashell ist. Diese +»Glasaale« begeben sich nun auf die Wanderschaft und suchen in dicht +gedrängten Zügen Strommündungen zu erreichen. Zu Milliarden finden sie +sich an geeigneten Plätzen ein, eine Erscheinung, die die Franzosen als +»<i>montée</i>«, die Italiener als »<i>montada</i>« bezeichnen. Der Bristolkanal, +der Ärmelkanal und der Busen von Biskaya sind ihre bevorzugten +Einfallspforten. Wie riesenhafte Schlangen von 1-3 <i>m</i> Breite und +entsprechender Dicke wälzen sich diese Züge dicht an den Ufern der +Ströme entlang, getreulich alle Windungen und Krümmungen des Flußbettes +mitmachend. Hier machen sie zum ersten Male unwillkommene Bekanntschaft +mit dem Menschen, der nur mit dem Kätscher aus diesem lebenden Strome zu +schöpfen braucht, um Millionen junger Fischleben zu vernichten und sich +selbst einen flüchtigen Gaumenkitzel zu bereiten, indem er die zarten +Dinger mit Eiern zu recht wohlschmeckenden Omeletten verbäckt. Von der +fabelhaften Menge, in der die Glasaale bei solchen Gelegenheiten +auftreten, kann man sich einen ungefähren Begriff machen, wenn man hört, +daß z. B. im Severnfluß pro Fischer und Nacht nicht selten<a id="Page_72"></a> + <span class="pagenum">[72]</span> 500 +Pfund und mehr gefangen werden, wobei man etwa 1000 Jungaale auf das +Pfund rechnen kann. Die Tierchen haben sich während der langen Reise +auch schon etwas weiter entwickelt und sind jetzt namentlich stärker +pigmentiert, und bald nach dem Eintritt in die Flüsse schwindet die +Glasfarbe ganz. Der Entwicklungszustand, in dem die ihren Namen jetzt +kaum noch verdienenden Glasaale in die Flüsse eintreten, ist naturgemäß +ein sehr verschiedener, je nach der Entfernung, die sie vom +Geburtsplatze aus bis dahin zurücklegen mußten und je nach der darüber +vergangenen Zeit. Die zur Ostsee und deren Zuflüssen wandernden Jungaale +sind naturgemäß schon sehr viel weiter in ihrer Entwicklung +vorgeschritten. Meist treffen die Jungaale im Frühjahr an den Küsten +ein, nachdem ihre Verwandlung aus dem <i>Leptocéphalus</i> zum Glasaal etwa +ein Jahr beansprucht hat. Die große Mehrzahl der Männchen bleibt in den +Brackwässern und Strommündungen zurück, während die Weibchen weiter +ziehen. Vielleicht verhält sich die Sache aber auch so, daß die +Geschlechter bei den Glasaalen überhaupt noch nicht differenziert sind, +sondern sich erst infolge der verschiedenen Ernährungsverhältnisse +später herausbilden, wonach also die größeren Weibchen auf bessere +Nahrungsverhältnisse hindeuten würden. In den Flüssen strebt die ganze +Masse geschlossen vorwärts, aber bei jedem einmündenden Nebengewässer +zweigt sich ein Teil ab, so daß die Hauptschar immer geringer wird und +schließlich das ganze Heer sich verteilt wie der Blutstrom in den Adern +eines Körpers. Entgegenstehende Hindernisse in Form von Wasserfällen +oder Wehren überwinden die kaum bindfadendicken, schwächlichen Fischchen +mit staunenswerter Rücksichtslosigkeit und Tatkraft. Mögen Tausende und +Zehntausende dabei zugrunde gehen — ihre feuchten und schlüpfrigen +Leiber bilden dafür die Brücke, die den andern den Übergang ermöglicht. +Selbst der gewaltige Rheinfall von Schaffhausen, den die muskelstarken +Lachse nicht zu nehmen vermögen, wird von diesen zähen Fischchen +überwunden, und so erklärt es sich, daß auch im Bodensee Aale vorkommen. +Da die Anwohner der Flüsse und Binnenseen die Einwanderung der +geschätzten Fische natürlich sehr gern sehen, bemüht man sich vielfach, +den Aalen entgegenzukommen und ihnen den Aufstieg über schwer zu +überwindende Hindernisse zu erleichtern, indem man sogenannte Aalleitern +anbringt. Es sind dies im Zickzack verlaufende, feucht zu haltende +Holzrinnen, die durch Moos- oder Sandbelag<a id="Page_73"></a> + <span class="pagenum">[73]</span> Halt gewähren, oft auch +mit Rippen und Querwänden versehen sind. Auf diese Weise hat man es den +Aalen z. B. neuerdings möglich gemacht, die großen schwedischen Gewässer +oberhalb der Trollhättafälle zu besiedeln, über die sie früher nicht +hinwegzukommen vermochten. In besonders raffinierter und geschickter +Weise aber haben schon seit alten Zeiten italienische Fischer in dem im +südlichen Podelta gelegenen Lagunenstädtchen Comacchio die eigenartige +Naturgeschichte des Aales praktisch zu nutzen verstanden, sozusagen +instinktiv, ohne doch jene zu kennen. Man hat dort in den ausgedehnten +Lagunen ein großartiges System von Schleusen und Kanälen angelegt, +derart, daß die eintretende »<i>montada</i>« durch Beeinflussung mit Licht +usw. in die Becken gelockt wird, worauf man den Rückweg absperrt. Die +jungen Aale entwickeln sich nun unter sorgfältiger Hege während der +nächsten Jahre, aber wenn sie dann der Wandertrieb ergreift und sie zum +Meere herabziehen wollen, geraten sie in die Sammelbecken, wo sie +herausgenommen und geschlachtet werden. 500 Beamte beansprucht die +Verwaltung dieses berühmten Aalstaates von Comacchio, liefert dafür aber +auch jahraus jahrein durchschnittlich 5 Millionen Pfund vorzüglichsten +Aalfleisches. Nicht nur die italienischen Großstädte werden von hier aus +versorgt, sondern ein guter Teil der gefangenen Aale wandert sogar in +die Räuchereien Norddeutschlands. Denn hier wird der schmackhafte Fisch +leider immer seltener, besonders im Ostseegebiet, was ja erklärlich +erscheint, wenn man berücksichtigt, welch unzählige Fährlichkeiten die +vielverfolgten Aale auf den weiten Reisen von und nach den entlegenen +Brutplätzen zu bestehen haben. Überdies ist man gerade in Westpreußen +vielfach so töricht gewesen, die Abflüsse der Seen durch Dämme zu +sperren und so den Aalen die Rückwanderung unmöglich zu machen, und sie +sind dann dort natürlich ausgestorben. Unter diesen Umständen ist es mit +großer Freude zu begrüßen, daß die preußische Regierung neuerdings +Millionen von Glasaalen aus dem Bristolkanal lebend nach norddeutschen +Gewässern überführen ließ, wobei freilich anfangs tüchtig Lehrgeld +gezählt werden mußte. Nach all dem Gesagten ist es wohl klar, daß +eingeborene Aale nur in solchen Gewässern vorkommen können, die in einer +wenn auch noch so weitläufigen und verzweigten Verbindung mit dem Meere +stehen. Der oft gehörte Einwand, daß auch in völlig abgeschlossenen +Teichen Aale gefunden wurden, läßt sich leicht entkräften<a id="Page_74"></a> + <span class="pagenum">[74]</span> durch +die Erfahrungstatsache, daß häufig junge Fischchen durch Wasservögel im +Gefieder oder an den Rudern in fremde Gewässer verschleppt werden. Sie +müssen dort aber ebenso wie künstlicher Einsatz wieder aussterben, falls +nicht rechtzeitig für frische Zufuhr gesorgt wird. Die in solchen +Gewässern eingesperrten oder auf der Reise verirrten Aale werden +schließlich zu alten Jungfern mit verkümmerten Geschlechtsorganen, +erreichen dafür aber eine riesenhafte Größe und ein Gewicht von 15 und +mehr Kilogramm, während es sonst bei 3/4-1-1/2 <i>m</i> Körperlänge nicht +leicht über 5 <i>kg</i> beträgt und die Männchen kaum länger als 45 <i>cm</i> +werden, also für Küchenzwecke wenig in Betracht kommen. Das weiße +Fleisch des Aals ist zwar nicht leicht verdaulich, aber sehr fett und +äußerst wohlschmeckend, und wird sowohl in frischem Zustande wie +geräuchert oder mariniert allenthalben hoch geschätzt. An seinen +Wohnplätzen im Binnenlande führt der Aal ein recht beschauliches Leben +und nimmt bei seiner Gefräßigkeit rasch zu. Am liebsten sind ihm etwas +tiefere Gewässer mit weichem Untergrund, in den er sich bei Tage tief +einwühlt. Doch kommt er auch an allen möglichen anderen Örtlichkeiten +vor. So fand ich ihn auf Teneriffa in ganz kleinen Rinnsalen zwischen +felsigem Gestein, wo man ihn mit der Hand greifen konnte, nachdem der +Hund sein Versteck gemeldet hatte. Auch am Bristolkanal jagt man bei +Ebbe die im Meeresschlick zurückbleibenden Aale mit Hilfe von besonders +darauf dressierten Terriers. Bei uns ist die üblichste und ergiebigste +Fangart für Aale diejenige mit Reusen. Der Aal ist ein ausgesprochenes +Nachttier, verläßt also erst mit Einbruch der Dunkelheit seinen +Schlupfwinkel, um Nahrung aufzusuchen. Wegen seines kleinen Maules kann +er zwar große Bissen nicht bewältigen, hält sich aber dafür durch die +Menge des Verzehrten schadlos. Auf Fischlaich ist er sehr erpicht und +pfropft sich damit, wenn er ihn haben kann, bis zum Platzen voll, ist +deshalb in Zuchtteichen ein sehr ungern gesehener Gast. Ebenso haben die +frisch gehäuteten, also weichen Krebse in ihm einen bösen Feind, und er +vermag die schmackhaften Kruster durch fortgesetzte Verfolgung noch +gründlicher auszurotten als die gefürchtete Krebspest, zumal er sich mit +seinem geschmeidigen Schlangenleib durch unglaublich enge Spalten und +Ritzen hindurchzuzwängen, ja gewissermaßen hindurchzubohren vermag. +Seine ungemein schlüpfrige und schleimige Haut, in der die kleinen +Schuppen ganz versteckt<a id="Page_75"></a> + <span class="pagenum">[75]</span> sitzen, und die ihm bei Gefahr manchmal +das Leben retten mag, kommt ihm dabei auch sehr zustatten. Daß er eine +erstaunliche Lebenszähigkeit besitzt, hat wohl schon jede Köchin zu +ihrem Leidwesen erfahren. Recht gern geht er auch an Aas. Immer und +immer wieder liest oder hört man, daß die Aale in feuchten Nächten +Spaziergänge auf die den Teichen benachbarten Felder unternehmen sollen, +um sich an den Erbsen gütlich zu tun. Die moderne Wissenschaft erklärt +das kurzweg für ein Märchen, aber es ist insofern etwas Richtiges daran, +als der Aal in der Tat infolge besonderer Schutzvorrichtungen an den +Kiemen (sie stehen nur durch 1-2 schmale Seitenspalten mit der Außenwelt +in Verbindung, sind also nicht so leicht dem Austrocknen preisgegeben) +ziemlich lange außerhalb des Wassers auszuhalten vermag, und dieses auch +manchmal freiwillig verläßt, wenn ihm der Aufenthalt in dem feuchten +Elemente aus irgendwelchen Gründen ungemütlich wird. Dies ist z. B. bei +elektrischen Entladungen der Fall, gegen die alle niedrig stehenden +Fische eine außerordentlich große Empfindlichkeit an den Tag legen. +Merkwürdig ist weiter die große Lichtscheu des Aales. Durch grelle +Beleuchtung kann man ihn an jeden beliebigen Platz scheuchen, und +hierauf beruht auch der Vorschlag des genannten dänischen Forschers +Schmidt, alle zum Meer wandernden Aale in den Ostseeländern mit Hilfe +von Scheinwerfern abzufangen und dafür alljährlich frische Glasaale +einzusetzen, ein Vorschlag, der glücklicherweise selbst der beteiligten +Fischereibevölkerung zu radikal erschienen ist. Interessant wie alles am +Aale ist endlich auch noch seine Verbreitung. Sie ist eine sehr große, +aber in allen zum Kaspi oder zum Schwarzen Meere abwälzenden +Stromsystemen (Donau!) fehlt er völlig. Es ist das auch ohne weiteres +erklärlich, da der isolierte Kaspi viel zu seicht ist, als daß er den +Aalen geeignete Laichplätze bieten könnte, und da das Schwarze Meer +schon in einer Tiefe von 2-300 <i>m</i> derart mit Schwefelwasserstoffgas +gesättigt ist, daß die Larven darin gar nicht zu leben vermöchten. +Allerdings hat man Jungaale mit Erfolg in der Donau eingebürgert, und es +mögen auch einige durch die künstlichen Wasserstraßen vom Maingebiet her +einwandern oder vom Mittelländischen Meere aus durch den Bosporus in die +Donaumündung gelangen.</p> + +<div class="box1"> + +<p class="center"> + +<img src="images/image13.jpg" width="450" height="257" alt="" /> <a id="Haken"></a></p> + +<p class="caption">Kopf eines Rheinlachses mit schwach ausgebildeten Haken. (Naturaufnahme von <i>Dr.</i> E. Bade.)</p> + +</div> + +<p>Ein gutes Gegenstück zum Aale in bezug auf Wanderung und Laichgeschäft +ist der gleichfalls so hoch geschätzte <strong>Lachs</strong> (<i>Sálmo sálar</i>).<a id="Page_76"></a> + <span class="pagenum">[76]</span> Wenn +im zeitigen Frühjahr unsere Küsten eisfrei werden, erscheinen daselbst +aus tieferen und mehr nördlich gelegenen Meeresteilen +fortpflanzungsfähige Lachse in Trupps zu 30-40 und halten sich zunächst +noch längere Zeit an den Strommündungen und in den Haffen, überhaupt +möglichst im Brackwasser auf, um sich an den Übergang aus dem Salz- ins +Süßwasser allmählich zu gewöhnen, da ein zu plötzlicher Wechsel ihrem +Organismus nicht zuträglich ist, vielmehr oft ihren Tod zur Folge hat, +wie auch durch Versuche nachgewiesen wurde. Nach dieser Übergangszeit +aber steigen sie in den Flüssen selbst aufwärts als wohlgenährte, +kraftstrotzende und lebensfrohe Tiere mit schiefergrauem Rücken, +silberigen Seiten und weiß schimmerndem Bauch. In diesem Zustande heißen +sie bei den Fischern Salme und werden besonders geschätzt, deshalb auch +eifrig weggefangen. Manche bleiben auch ein ganzes Jahr im unteren Teil +der Ströme, überspringen also eine Laichperiode und bekommen dann als +sogenannte Winterlachse ein besonders zartes, schön rot gefärbtes +Fleisch. Die große Mehrzahl aber wandert gleich weiter und legt nun +unterwegs das Hochzeitskleid an, das bei ganz alten Milchnern in den +herrlichsten Farben prangt: der Rücken wird tief schwarz mit +Sammetglanz, die Flanken erscheinen übersät mit lose hingetupften, +brennendroten, bisweilen zu Zickzacklinien verfließenden Flecken, der +Bauch prangt in lebhaftem Orangerot, über die Seiten huschen grünliche +Lichter, und die Flossen werden teilweise wunderbar chromgelb. Übrigens +ändert die Gesamtfärbung bei allen lachsartigen Fischen ganz +außerordentlich ab, wodurch ihre genaue Beschreibung sehr erschwert wird +und dem Systematiker viele Verdrießlichkeiten erwachsen, zumal auch +schon in freier Natur zahlreiche Verbastardierungen vorkommen, so daß +bezüglich einer strengen Scheidung der einzelnen Arten auch heute noch +vielfach Unklarheiten herrschen. Alter, Geschlecht, Jahreszeit, +Ernährungsverhältnisse, Klima, Beschaffenheit des Wassers und des +Untergrundes scheinen die dabei maßgebenden Faktoren zu sein. Selbst +Skelett, Flossenstrahlen und Bezahnung, also Körperteile, die bei +anderen Fischen als unverrückbar feststehend gelten, und deshalb sichere +Artkennzeichen abgeben, sind mannigfachen Veränderungen unterworfen. +Gleichzeitig mit dem Auftreten der prangenden Hochzeitsfarben verdickt +sich beim männlichen Lachse die Oberkopf- und Nackenhaut schwartenartig, +so daß die kleinen Schuppen völlig darin verschwinden,<a id="Page_77"></a> + <span class="pagenum">[77]</span> die +Schnauze streckt sich, und der Unterkiefer wächst sich zu einem +eberzahnartig nach oben gebogenen Haken aus, der 6 <i>cm</i> lang werden und +dann das Schließen des Maules unmöglich machen kann (Hakenlachs). Die +bedeutsamsten Veränderungen gehen aber im Inneren des Körpers selbst +vor, indem nach und nach die Geschlechtsorgane zu einer fabelhaften +Mächtigkeit entwickelt werden. Machten sie vorher nur 1/2 Proz. des +Körpergewichtes aus, so jetzt 25 Proz. und mehr! Diese einseitige +Bereicherung erfolgt ganz auf Kosten der feisten Rumpf- und namentlich +Seitenmuskulatur, die förmlich zusammenschrumpft, und so wird aus dem +wohlgenährten Salm in kurzer Zeit ein zwar bunter, aber klapperdürrer +Geselle. Während bisher die Reise nur langsam und zögernd, im +gemächlichen Bummeltempo vor sich ging, ergreift nun die von reifen +Geschlechtsprodukten strotzenden Fische ein schier unbändiger +Wandertrieb, der sie alle Hindernisse überwinden und rücksichtslos das +Leben aufs Spiel setzen läßt, um das Ziel ihrer Sehnsucht baldmöglichst +zu erreichen. Zur leichteren Überwindung des Wasserwiderstandes ordnen +sie sich wie Kraniche oder Wildgänse zu keilförmigem Zuge, wobei das +älteste und stärkste Exemplar die Spitze nimmt. Stellt sich ein Wehr +oder Wasserfall entgegen, so schwimmen die Fische bis unmittelbar an +seinen Fuß heran, stützen sich mit der Schwanzflosse auf einen Stein und +schnellen sich dann durch einen gewaltigen Muskeldruck<a id="Page_78"></a> + <span class="pagenum">[78]</span> mit +halbmondförmig gekrümmtem Körper aus dem Wasser heraus und über das +Hindernis hinweg, wobei sie Sprünge von 3-4 <i>m</i> Höhe und 5-6 <i>m</i> Weite +im Bogen vollführen. Mißlingt der erste, so wird er unzählige Male +wiederholt, bis das Wagnis endlich doch glückt oder der Lachs mit +zerschundenem Leibe sterbend auf dem trockenen Felsen liegt. Nur sehr +bedeutende Wasserfälle, wie der Schaffhausener, können vom Lachse nicht +überwunden werden, der deshalb auch dem Bodensee fehlt. Das +Allermerkwürdigste bei dieser harten und entbehrungsreichen Brautfahrt +ist aber der Umstand, daß die Lachse während ihrer ganzen, sich über +4-6, ja selbst 10-12 Monate erstreckenden Dauer anscheinend keinerlei +Nahrung zu sich nehmen, sich also förmlich als Hungerkünstler +produzieren. Wenigstens hat man in ihrem Leibe noch niemals +Nahrungsreste irgendwelcher Art gefunden, vielmehr die Beobachtung +gemacht, daß Magen und Darm eintrocknen, keine Ausscheidungen mehr +liefern und selbst das Gebiß durch Nichtgebrauch verkümmert. Und daß +Lachse tatsächlich ein volles Jahr zu fasten vermögen, beweist ein von +Paton 12 Monate lang gefangen gehaltenes, nur 5pfündiges Exemplar, das +in dieser Zeit niemals gefüttert, wohl aber zweimal zum Befruchten von +Rogen abgestrichen wurde. Unser Wanderfisch ohnegleichen, der sich allen +Hindernissen zum Trotz im Kampf gegen Wehre, Schleusen und +Stromschnellen den Weg vom Meer zum Fels bahnt, ist also auch ein +Hungerkünstler, der Succi und Genossen weit übertrifft. Es handelt sich +hier um eines der größten und interessantesten Fastenexperimente, das +die Physiologie kennt. Bis in die kleinsten Gebirgsbäche hinauf wird die +Reise ausgedehnt, und nicht selten erreicht der Lachs dabei Meereshöhen +von 1000 <i>m</i> und mehr. Wo reines, sauerstoffreiches Wasser flach über +kiesigen Untergrund strömt, da erscheint den weitgereisten Wanderern +endlich die Gelegenheit günstig, sich ihrer sie belastenden +Geschlechtsprodukte zu entledigen. In der Regel steht ein Rogner mit +einem alten und mehreren jungen Milchnern zusammen. Durch energisches +Fegen mit der Schwanzflosse schafft sich das Weibchen eine Laichgrube +und setzt in diese nach und nach seine 10-30000 rotbraunen Eier ab, die +von dem daneben liegenden oder etwas oberhalb im Wasser stehenden +Männchen sofort besamt und dann mit Sand oder Kies oberflächlich wieder +verdeckt werden. Die Tiere gehen in ihrer Buhlschaft, die sich 8-14 Tage +hinziehen kann, völlig auf, haben für<a id="Page_79"></a> + <span class="pagenum">[79]</span> nichts anderes mehr Sinn und +lassen sich an seichten Plätzen sogar mit Händen greifen. Das alte +Lachsmännchen ist während dieser Zeit eifersüchtig wie ein Türke, nimmt +jede Störung furchtbar übel und schießt wie ein böser Bullenbeißer auf +alles los, das seinen Unwillen erregt. Mit Geschlechtsgenossen der +eigenen Art setzt es dann erbitterte Kämpfe ab, bei denen das Blut +fließt und nicht selten einer der beiden Duellanten tot auf dem Platze +bleibt, während die jungen »Spetzker« die günstige Gelegenheit benutzen, +auch von den Freuden der Minne zu kosten, so daß wir hier ähnliche +Verhältnisse vor uns haben, wie zwischen Platzhirsch und Spießer. Bei +solchen Raufereien kommen dann Schwartenpanzer und Eberzahn zu ihrem +Recht. Das anstrengende Laichgeschäft erschöpft die letzten Kräfte der +vielgeprüften Fische. Zum Skelett abgemagert, todesmatt, mißfarbig +treten sie den Rückweg zum fernen Meere an, lassen sich vielmehr fast +ohne eigenes Zutun von der Strömung dorthin treiben, und nicht wenige +gehen dabei vor Erschöpfung zugrunde. Das Fleisch solcher Lachse ist fad +und weichlich geworden und durchaus kein Leckerbissen mehr, gilt +vielmehr als nahezu ungenießbar. Wieder im nahrungsreichen Meere +angekommen, erholen sie sich aber rasch, fressen nun tüchtig und nehmen +dadurch in einer Weise zu, die selbst im Reich der Fische einzig +dasteht. So wurde ein im Februar 1908 in England gefangener 8pfündiger +Lachs gezeichnet, und nach genau einem Jahre als fetter 20pfündiger +Bursche wieder gefangen. Der in den Gebirgswassern abgesetzte Laich +braucht geraume Zeit bis zum Ausschlüpfen, nämlich je nach den +Temperaturverhältnissen des Wassers 3-5 Monate. Die jungen Lachse leben +dann im allgemeinen etwa zwei Jahre an ihrem Geburtsorte oder in dessen +Nähe, bis sie gegen 40 <i>cm</i> lang geworden sind und den schönen +Silberglanz bekommen, worauf sie langsam die Wanderung nach dem Meere +antreten, um sich hier tüchtig an Krebstieren, Gewürm, Muscheln und +kleinen Fischen zu mästen und die Geschlechtsreife zu erhalten, worauf +sie sich dann zum ersten Male auf die beschwerliche Brautfahrt begeben. +Unbedingt notwendig ist übrigens für die Lachse der hier geschilderte +fortwährende Wechsel zwischen Salz- und Süßwasser nicht, denn es gibt +auch Lachse in völlig abgeschlossenen Wasserbecken, wo sie dann +lediglich die seichte Uferzone zum Laichen aufsuchen. Über verschiedene +andere mit der Wanderung zusammenhängende Fragen gibt am besten der +Fisch selbst Auskunft, und zwar durch das Tagebuch,<a id="Page_80"></a> + <span class="pagenum">[80]</span> das er auf +seine Schuppen schreibt. Wir wissen ja, daß die Schuppen der Fische +sogenannte <strong>Jahresringe</strong> aufweisen, nämlich regelmäßig abwechselnde Zonen +schnelleren und langsameren Wachstums, die reichlichen oder spärlichen +Ernährungsperioden entsprechen und sich mit den bekannteren Jahresringen +der Bäume vergleichen lassen, wie man auch nach ihnen gerade wie bei +diesen das Alter der Fische mit annähernder Sicherheit bestimmen kann. +Hutton hat nun herausgefunden, daß der frisch ins Meer eingewanderte +Junglachs auf der Schuppe deutlich zwei Zonen mit eng zusammengedrängten +konzentrischen Linien erkennen läßt. Sie entsprechen je einem +Winteraufenthalt im Süßwasser mit seiner knappen Ernährung. Später +schließt sich dann eine Zone an, in der die Linien ganz auffallend weit +auseinander stehen: der Fisch ist sehr rasch gewachsen, denn das Meer +bot ihm seinen Nahrungsreichtum dar. Aber auch dieser wird im Winter +spärlicher oder nicht in gleichem Maße ausgenutzt, und so markiert sich +jeder im Meer zugebrachte Winter wieder durch eine Zone eng beisammen +liegender Linien. Dadurch wird es ermöglicht, genau festzustellen, wie +viel Winter, bzw. Jahre der Lachs im Meere verbringt, ehe er erstmals +zum Laichen in die Flüsse emporsteigt, und es hat sich herausgestellt, +daß die in die Flußmündungen eintretenden kleinsten Lachse 1-3 +Winterringe auf den Schuppen tragen. Die lange Fastenzeit im Süßwasser +wird dadurch zum Ausdruck gebracht, daß die Schuppen sich auffasern und +aussehen, als seien sie schadhaft geworden. Diese abgeriebene Zone +bleibt stets erkennbar, auch wenn sich wieder neue Linien angesetzt +haben, und es hat sich so ergeben, daß der Lachs seine entbehrungsreiche +Brautfahrt nicht alljährlich unternimmt, sondern sich bisweilen ein Jahr +der Ruhe und Kräftigung im Meere vergönnt. Zu seinem Wohlbefinden +beansprucht der Lachs vor allem eins: reines, ungetrübtes Wasser, und er +ist deshalb aus unseren durch die Industrie verseuchten Gewässern leider +so leicht zu vertreiben wie kaum ein anderer Fisch. Fast wie eine Sage +mutet es uns an, daß einst in Hamburg, Pommern, West- und Ostpreußen die +Dienstboten sich verbaten, mehr als zweimal wöchentlich Lachsfleisch +vorgesetzt zu erhalten, denn inzwischen ist der Lachsfang bei uns ganz +gewaltig zurückgegangen und auch das Aussetzen künstlich erzielter Brut +hat das köstliche Lachsfleisch, das in nordischen Ländern noch heute +vielfach Volksnahrungsmittel ist, noch nicht wieder verbilligen +können.<a id="Page_81"></a> + <span class="pagenum">[81]</span> Immerhin liefert der Lachsfang an der ostpreußischen Küste +und der Salmfang am Niederrhein auch jetzt noch recht schöne Erträge. Im +Norden ist der wertvolle Fisch, dessen Verbreitungsgebiet auch nach der +Neuen Welt hinübergreift, weit zahlreicher als bei uns, fehlt dagegen +südlich der Alpen, kommt also in allen sich ins Mittelmeer ergießenden +Strömen nicht vor. Es ist wohl anzunehmen, daß die heutige Verbreitung +der lachsartigen Fische auf die Einflüsse der letzten Eiszeit +zurückzuführen ist. Ursprünglich im hohen Norden heimisch und an ein +kaltes Klima gewöhnt, wanderten die Salmoniden mit den vorrückenden +Gletschern nach Mitteleuropa, und als die Gletscher wieder wichen, blieb +ein Teil der Einwanderer in den kühleren Gewässern zurück, und die +dadurch entstehende Isolierung begünstigte die Entwicklung zahlreicher +nahe verwandter Formen, während andere zu Wanderfischen wurden. So ist +der Lachs und seine Sippschaft ein köstliches Geschenk, das uns die +Eiszeit beschert hat. Der Fang des Lachses wird auf die verschiedenste +Weise betrieben. Besonders aufregend und unterhaltend ist das Speeren +bei Fackelschein. In England hat sich das Lachsangeln zu einem +aristokratischen Sport herausgebildet, der geradezu fanatische, vor +keinem Opfer zurückschreckende Anhänger zählt. Allenthalben in der +nordischen Welt trifft man diese englischen Lachsangler an. »Hoch oben +in der Nähe des Nordkaps habe ich sie sitzen sehen, diese +unverwüstlichen Fischer, mit einem aus Mücken gebildeten Heiligenschein +umgeben, eingehüllt in dichte Schleier, um sich vor den blutgierigen +Kerfen wenigstens einigermaßen zu schützen. In der Nähe ansprechender +Stromschnellen hatten sie Zelte aufgeschlagen, inmitten der +Birkenwaldungen auf Wochen mit den notwendigsten Lebensbedürfnissen sich +versehen, und standhaft wie Helden ertrugen sie Wind und Wetter, +Einsamkeit und Mücken, schmale Kost und Mangel an Gesellschaft, zahlten +auch ohne Widerrede den Besitzern eine Pacht von Tausenden von Mark für +das Recht, sechs Wochen lang hier fischen zu dürfen, und gaben außerdem +noch den größten Teil ihrer Beute unentgeltlich den Besitzern der +benachbarten Höfe ab.« (Brehm.)</p> + +<p>Eine nahe Verwandte des Lachses ist das wertvollste Kleinod unserer +Gebirgswässer, die vielgerühmte <strong>Forelle</strong> (<i>Trútta fário</i>). Sie ist aber +im Gegensatz zu ihm Standfisch oder wandert doch nur zur Laichzeit ein +wenig flußaufwärts, wobei sich beide Geschlechter<a id="Page_82"></a> + <span class="pagenum">[82]</span> getrennt halten, +sich schließlich aber doch wieder mit Sicherheit zusammenfinden. +Erfahrene Fischer wollen sogar eine gewisse Zuneigung der einzelnen +Individuen zu ganz bestimmten Artgenossen festgestellt haben und +behaupten, daß die Paare innig zusammenhalten und die Laichgrube gegen +fremde Eindringlinge gemeinsam auf das wütendste verteidigen. Bei diesen +Eifersuchtskämpfen, die mit dem scharfen Gebiß ausgefochten werden, gibt +es Wunden und Schrammen genug, und man findet deshalb nach Beendigung +der Laichzeit selten eine ganz unverletzte Forelle. Eingeleitet wird der +Laichakt durch reizende Schwimmspiele, wobei sich die Tiere in eleganten +Wendungen gegenseitig umschwimmen, zart aneinander reiben und durch die +gewagtesten Drehungen ihre schöne Färbung zur Geltung zu bringen suchen. +Der Laichakt selbst vollzieht sich in ganz ähnlicher Weise wie beim +Hecht. Das Weibchen bereitet das Laichbett, indem es sich rasch von +einer Seite auf die andere wirft, durch kräftige Schwanzbewegungen die +Kiesel beiseite fegt oder solche wohl auch mit dem Maule entfernt. Sind +die orangefarbenen Eier abgelegt und befruchtet, so werden von beiden +Gatten gemeinsam mit aller Kraft Kieselsteinchen auf das Laichbett +geschleudert, die sich oft zu einem kleinen Hügel auftürmen. Die +Gesamtzahl der Eier beträgt nur etwa 1000, und sie werden in größeren +Zwischenräumen abgelegt, so daß sich das Laichgeschäft, das meist in die +Wintermonate fällt, über eine volle Woche hinzieht. Erst nach frühestens +zwei Monaten entschlüpfen die anfangs recht unbehilflichen und durch den +großen Dottersack in ihren Bewegungen sehr behinderten Jungen. Da, wo +klares, sauerstoffreiches Wasser über Moos, Kiesel und Felstrümmer rasch +dahinströmt, dazwischen ruhigere Stellen mit tieferem Wasser sich +finden, überhängende Uferränder gute Schlupfwinkel abgeben und am Rande +stehende Bäume die Oberfläche beschatten, fühlt sich die Forelle am +wohlsten, und sie steigt an solchen Örtlichkeiten selbst bis zur +Schneegrenze aufwärts, bleibt dann allerdings wegen der knappen Nahrung +stets auffällig klein. Doch vermag sie sich auch allen möglichen anderen +Verhältnissen anzupassen, wenn nur durch lebhaften Wellenschlag für eine +genügende Anreicherung des Wassers mit Sauerstoff gesorgt ist. So +gedeiht sie recht gut in entsprechenden Teichen, die von kalten Quellen +gespeist werden. Unsere Forellenbestände sind durch schonungslose +Überfischerei und durch Vergiftung der Bäche mit Fabrikabwässern<a id="Page_83"></a> + <span class="pagenum">[83]</span> +leider schon so stark zurückgegangen, daß der wohlschmeckende Fisch, für +den namentlich in »modernen« Touristengegenden oft ganz märchenhafte +Preise bezahlt werden müssen, heute nur noch die Tafel der Reichen +schmückt. Ehemals war das ganz anders, und im östlichen Montenegro z. B. +lernte ich die Forelle auch jetzt noch als ein billiges +Volksnahrungsmittel kennen. Nebenbei gesagt, war in den betreffenden +Gegenden auch die Wasseramsel überaus häufig, die von unseren +Fischzüchtern so vielfach als die schlimmste Feindin der Forelle +hingestellt wird. Wenige Fische sind so menschenscheu und vorsichtig wie +die Forelle. Nur wenn ringsum alles ganz ruhig ist, kommt sie aus ihrem +Versteck zwischen Baumwurzeln oder Steinen heraus und stellt sich mit +dem Kopfe gegen die Strömung, indem sie sich durch richtig abgemessene +Schläge der Brustflossen und schraubenartige Bewegungen der +Schwanzflosse stundenlang auf der gleichen Stelle erhält und geduldig +darauf lauert, ob nicht ein günstiger Zufall ein Beutetier vorüberführen +oder ein Insekt ins Wasser wehen wird. Nach über dem Wasser tanzenden +Mücken oder Eintagsfliegen springt der Fisch auch aus seinem Elemente +heraus und erhascht die Ahnungslosen mit geschickter Wendung. Bei dem +geringsten Anzeichen von Gefahr aber schießt die Forelle pfeilschnell +ihrem Schlupfwinkel zu, tauscht diesen gleich darauf mit einem anderen +und ist so gar nicht leicht ausfindig zu machen, obgleich sie als ein +überaus zäher Standfisch bei Tage aus einem Gebiet von etwa 20 <i>m</i> +Bachlänge kaum herausgeht. Bei Nacht schweift sie auf der Nahrungssuche +weiter umher und zeigt sich dann als ein tüchtiger Räuber, der selbst +der eigenen Nachkommenschaft nicht schont. Wie gefräßig die Forellen +sind, geht daraus hervor, daß man schon Stücke gefangen hat, denen noch +das Schwanzende einer erst halb verdauten Ringelnatter zum Maule +heraushing, da die verzehrte Schlange doppelt so lang war als der Fisch. +Im allgemeinen gelten bei uns mehr als halbmeterlange Forellen als eine +Seltenheit. Doch sind auch schon mehr als meterlange Exemplare mit +entsprechendem Gewicht vorgekommen. Der Feinschmecker wird ihnen stets +die kleinen Portionsforellen vorziehen. Die ansprechende Färbung mit der +hübschen Tüpfelzeichnung wechselt fast in noch höherem Maße als beim +Lachs, und diese Verschiedenheit erstreckt sich sogar auf das Aussehen +des Fleisches, das alle Zwischenstufen vom reinsten Weiß bis zum schönen +Lachsrot durchlaufen kann. Die englischen Sportfischer behaupten,<a id="Page_84"></a> + <span class="pagenum">[84]</span> +daß das Fleisch um so röter werde, je mehr phosphorhaltige +Nahrungsmittel der Fisch vertilge. Auch sollen die am schönsten +gefärbten und am lebhaftesten gefleckten Forellen das weißeste Fleisch +haben und umgekehrt, Teichforellen ein röteres als die in steinigen +Bächen lebenden. In Torfgewässern trifft man fast schwarze Forellen, in +unterirdischen Wasserläufen, so in von einem Bach durchströmten +Tunneldurchschlägen, nicht eben selten Albinos oder auch blinde +Exemplare, in kleinen Gebirgsbächen die am hübschesten gezeichneten. In +seiner Jugend hat unser Fisch, dessen Farbstoffe auch in die Flossen +eintreten, Bänderzeichnung aufzuweisen. Nach den Untersuchungen Wagners +unterscheiden sich diese Jugendbänder ihrer Pigmentierung nach nicht +quantitativ, sondern nur qualitativ von den übrigen Partien der +Oberhaut; sie sind also nicht aus einer größeren Anzahl von +Chromatophoren (Farbstoffzellen in der Haut) zusammengesetzt, sondern +diese befinden sich in einem anderen Zustande der Ausdehnung, können +unabhängig von denjenigen des übrigen Körpers tätig sein und werden auf +besondere Art mit Nervenfasern versorgt. Das Plasma der orangeroten +Zellen ist von einer ölartigen Masse erfüllt, die dem Dottersacköl der +Embryonen sehr nahe steht, vielleicht sogar mit ihm gleichbedeutend ist. +Sie bilden in ihrem Inneren die später außenzelligen +Liptochromtröpfchen, die die roten Tupfen der älteren Forellen +zusammensetzen. Zur Laichzeit werden diese auf dem Bauch mehr oder +minder schwärzlich und besitzen jederzeit ein ziemlich starkes +Farbanpassungsvermögen. Bei uns darf die Forelle (sie hieß früher +»Fohre«, im Bayrischen jetzt noch »Föhrchen«, und in Mitteldeutschland +wird ihr moderner Name vielfach noch auf der ersten Silbe betont) wohl +als der beliebteste Angelfisch gelten, da sie in ihrer Raubgier gut auf +den Insektenköder oder auf die künstliche Fliege geht. Ihr zartes, von +den Alten merkwürdigerweise nicht gewürdigtes, fein nußartig +schmeckendes Fleisch wird in Deutschland in der Regel blau gesotten, in +Oesterreich dagegen meist gebacken — in meinen Augen eine Barbarei. In +jüngster Zeit sind die Forellenbestände mancher Gegenden durch die +eigenartige Taumelkrankheit arg mitgenommen und gefährdet worden. +Verursacht wird diese Seuche durch einen in den inneren Geweben, +besonders aber im Gehirn schmarotzenden, winzigen Algenpilz, den +<i>Ichthyophonus hoferi</i>, wie er zu Ehren Hofers heißt, der die +Taumelkrankheit 1893 erstmalig beschrieb. Merkwürdig ist, daß die Fische +immer nur<a id="Page_85"></a> + <span class="pagenum">[85]</span> in einem gewissen Lebensalter von der sich zuerst durch +Dunkelfärbung des Schwanzendes kenntlich machenden Krankheit ergriffen +werden.</p> + +<p>Glücklicherweise ist gerade die Forelle in hohem Maße für die <strong>künstliche +Fischzucht</strong> geeignet. Hat diese auch nicht all die überschwenglichen +Hoffnungen erfüllt, die man in der ersten Begeisterung auf sie gründete, +so darf sie doch schon heute als ein volkswirtschaftlich nicht +unbedeutender Faktor und als ein geeignetes und wirksames Mittel gelten, +der drohenden Verödung unserer Gewässer entgegenzuwirken. Obwohl bereits +zur Zeit des 7jährigen Krieges der Mathematiker, Landwirt und +Landeshauptmann Jacobi im Lippeschen die Grundzüge der künstlichen +Fischzucht und ihre Bedeutung richtig erkannte, geriet seine Entdeckung +doch wieder in Vergessenheit, da die Zeiten zu bewegt, eine Presse zur +raschen und allgemeinen Verbreitung gemeinnütziger Ideen kaum vorhanden +war, und da es vor allem noch keinen Mangel an Fischen gab. Erst um die +Mitte des vorigen Jahrhunderts kamen zwei einfache französische Fischer, +Remy und Gehin, erneut auf den guten Gedanken, der nun in dem Pariser +Professor Coste einen begeisterten Propheten und in Napoleon <i>III.</i> +einen verständnisvollen Förderer fand. Sein etwas voreiliges +Versprechen, in wenigen Jahren ganz Frankreich mit Edelfischen zu +bevölkern und jedem Franzosen eine stattliche Forelle auf den +Sonntagstisch zu zaubern, vermochte Coste freilich nicht einzulösen, wie +überhaupt die ganze Sache in Deutschland bald kräftiger und praktischer +entwickelt wurde. In sehr hoher Blüte steht sie heute in der Schweiz, wo +180 Brutanstalten in Betrieb sind und jährlich einige 50 Millionen +Jungfische verschiedener Art liefern. Früher brachte man Rogen und +Milch, die durch sanftes Streichen an der Bauchseite der Tiere gewonnen +werden, im Wasser zur Berührung, wobei sich eine Befruchtung von etwa 50 +Proz. ergab, immerhin ein großer Fortschritt gegen die natürlichen +Verhältnisse, wo nicht viel mehr als 10 Proz. der Eier wirklich +befruchtet werden. Seit man aber dazu übergegangen ist, die +Geschlechtsprodukte ohne Wasserzusatz trocken mit einer Gänsefeder zu +verrühren und die Eier zunächst in ein Sieb zu entleeren, aus dem der +mit ausfließende und sie schädigende Harn abfließen kann, hat man das +sehr befriedigende Ergebnis von 90 Proz. Befruchtung erzielt. Die Eier +quellen nämlich im Wasser rasch<a id="Page_86"></a> + <span class="pagenum">[86]</span> auf und sind dann für die +Samenfäden nicht mehr zugänglich. Bei der ganzen Manipulation muß man +fix verfahren, denn die Samenfäden der Fische haben nur eine sehr kurze +Lebensdauer und Bewegungsfähigkeit. Sie soll bei der Forelle nur 40, +beim Lachs nur 45 Sekunden betragen, beim Karpfen und Barsch größer sein +und beim Hecht sich gar über vier Minuten erstrecken. Nachdem die Eier +mit Wasser übergossen wurden (unbefruchtet gebliebene verraten sich bald +durch weiße Farbe), kommen sie in die Brutkästen, die fortwährend von +frischem, schlammfreiem und sauerstoffreichem Wasser durchspült werden, +das ständig auf gleicher Temperatur zu halten ist. Vor Erschütterungen +sind die Eier sorgsam zu bewahren, auch ab und zu abzubrausen, um eine +Verschleimung zu verhüten, und täglich müssen abgestorbene oder +verpilzte Eier ausgelesen und entfernt werden. Sobald dann erst die +Augenpunkte der Embryonen sichtbar werden, sind die Eier weniger +empfindlich. Die Milch eines Männchens genügt, um die Eier mehrerer +Rogner zu befruchten. Trotzdem scheinen in freier Natur, wie überhaupt +bei den meisten Fischen, mehr Männchen als Weibchen vorhanden zu sein, +und man hat daraus schließen wollen, daß die Fische in Polyandrie +(Vielmännerei) leben, soweit von einer solchen bei einer nur äußerlichen +Vereinigung der Geschlechtsprodukte überhaupt die Rede sein kann. +Bezüglich des Geschlechts der Nachzucht soll nach den Erfahrungen der +Aquarienfreunde an ausländischen Zierfischen die Temperatur maßgebend +sein, in der die Elterntiere gehalten wurden. Bei warmer Temperatur soll +der Laich mehr Weibchen liefern, bei kalter mehr Männchen. Von der +gerade bei Fischen leicht durchzuführenden Bastardzucht, von der man +sich vor einigen Jahrzehnten wahre Wunder versprach, ist man jetzt so +ziemlich wieder abgekommen. Sie hat im allgemeinen mehr geschadet als +genützt, und in der Regel hat die freie Natur die Produkte allzu +eifriger Züchter bald wieder fortgefegt. Ebenso sind die Gefahren der +Inzucht bei der Fischzucht nicht gering anzuschlagen. Mit dem Schwanze +voran, entschlüpfen die jungen Forellen nun endlich der Eihülle und +müssen nach Aufzehrung ihres umfangreichen Dottersackes mit Daphnien, +Mückenlarven, Eigelb, Quark, Kalbshirn und dergl. ernährt werden, worauf +sie in die Streckteiche kommen, wo sie bei Fütterung mit +Schellfischfleisch, Leber,<a id="Page_87"></a> + <span class="pagenum">[87]</span> mit Mehl oder Kleie verknetetem Blut rasch +wachsen. Einjährig werden sie endlich in die freien Teiche oder +Bachläufe eingesetzt und können dann schon<a id="Page_88"></a> + <span class="pagenum">[88]</span> nach 6-8 Monaten das +Marktgewicht erreichen, ohne noch viel von ihren natürlichen Feinden, +die ihnen ja im zarten Alter am gefährlichsten sind, leiden zu müssen. +Gerade in Forellenbrutanstalten kann man sehr gut die <strong>Entwicklung</strong> des +Fisches im Ei beobachten. Die Furchung ist eine partielle, indem nur der +Bildungsdotter eine Teilung erfährt, und die von der Seite her +erfolgende Einstülpung bleibt unvollkommen: der dem Nahrungsdotter dann +scheibenförmig aufliegende Keim wird zur zweischichtigen +»Scheibengastrula«. Im weiteren Verlauf der Entwicklung bildet sich die +Körperform immer deutlicher aus, indem die Keimscheibe durch Einrollung +nach unten die Form eines umgekehrten Kahnes annimmt. Das Vorderende mit +den stark hervortretenden Augen charakterisiert sich durch seine Dicke +bald als Kopf, das Hinterende durch seine Schlankheit als Schwanz. Das +Ganze umwächst den Nahrungsdotter, streckt sich in die Länge und hebt +sich von seiner Unterlage ab. Augen und Schwanz vollführen zuckende +Bewegungen, und letzterer bereitet dadurch das Ausschlüpfen vor. Die +zwei ursprünglichen Keimhäute bilden nach unten offene Röhren, das Haut- +und das Darmrohr, und als drittes kommt das Nervenrohr hinzu, das durch +Einstülpung vom Rücken her mit nachfolgender Abschnürung entsteht und +das spätere Rückenmark vorstellt. Von der inneren Keimhaut aus bildet +sich die Grundlage der späteren Wirbelsäule, und ein sich neu +einschiebendes drittes Keimblatt liefert die Stoffe zum Aufbau der +Knochen und Muskeln. Sehr früh macht sich das mit roten Blutkörperchen +erfüllte Herz bemerkbar. Am Halse zeigen sich Kiemenspalten und +dazwischen Kiemenbögen, und außen setzen sich als einfache Stümpfe die +Flossen an.</p> + +<div class="box1"> + +<p class="center"> + +<img src="images/image14.jpg" width="325" height="450" alt="" /> <a id="Ei"></a></p> + +<p class="caption"> Embryonalentwicklung eines Knochenfisches. (Nach Kennel + gez. von Dr. E. Bade.)</p> + +<p class="legend"><i>I.</i>Ei mit Keimscheibe, <i>k</i> fixierte Randstelle derselben, Hinterende + des Embryo. <i>II.</i> Ausbreitung der Keimscheibe mit Embryonal- oder + Primitivwulst, <i>k</i> fixierte Stelle. <i>III.</i> Stadium mit stark nach vorn + verlängerter und vortretender Embryonalanlage der Rückenteile. <i>IV.</i> und + <i>V.</i> Weitere Stadien, der Dotter ist ganz von den Keimscheiben + umwachsen, Kopf und Schwanz heben sich ab, letzterer wächst nach hinten + in die Länge. <i>VI.</i> Junger Fisch mit Dottersack, in diesem die + Blutgefäße und Fetttropfen.</p> + +</div> + +<p>Die Gruppe der lachsartigen Fische, die sich durch edlen Körperbau, das +Vorhandensein einer kleinen, strahlenlosen Fettflosse zwischen Schwanz- +und Rückenflosse, kleine Beschuppung und grätenarmes Fleisch +auszeichnet, umfaßt noch eine ganze Reihe wirtschaftlich wichtiger +Speisefische. Der <strong>Huchen</strong> oder Donaulachs (<i>Sálmo húcho</i>) war früher wohl +auch Wanderer, ist aber notgedrungen zum Standfisch geworden, da das +Schwarze Meer, auf das er angewiesen wäre, wegen seines +Schwefelwasserstoffgehaltes keine geeigneten Tiefen bietet. Er bummelt +aber doch gerne — schon der Ernährungsverhältnisse wegen — ein wenig +in der Welt herum, indem er sich im Hauptstrome oder in den Nebenflüssen +sachte und allmählich nach aufwärts<a id="Page_89"></a> + <span class="pagenum">[89]</span> schiebt. Doch herrscht über +die Wanderungen dieses stattlichen, 2 <i>m</i> lang und 25 <i>kg</i> schwer +werdenden Fisches noch viel Unklarheit, was auch im wirtschaftlichen +Interesse sehr zu bedauern ist, da er ein besonders wohlschmeckendes +weißes Fleisch hat und die Ausübung des Angelsports auf ihn mancherlei +interessante Momente und Erlebnisse zu zeitigen pflegt. Seiner Größe +entsprechend ist der Huchen ein gewaltiger Räuber, der oft wie ein +Windhund hinter seiner Beute dreinjagt und sich dabei als ein sehr +gewandter Schwimmer zeigt, und der selbst Wasserratten und +Wassergeflügel nicht verschont. Gewöhnlich steht er im tiefen, stark +strömenden Wasser, und nur zur Laichzeit sucht er flache und kiesige +Stellen auf. Diese fällt übrigens bei ihm im Gegensatz zu anderen +Salmoniden in die Frühjahrsmonate. Ein Charaktertier der stillen und +kalten Gebirgsseen unserer Alpen ist der <strong>Saibling</strong> (<i>Sálmo salvelínus</i>), +der von allen unsren Fischen das köstlichste Fleisch liefern soll und +deshalb sehr teuer bezahlt wird, obschon sein durchschnittliches Gewicht +nur 1/2 <i>kg</i> beträgt. Da er willig künstliches Futter annimmt und sich +überhaupt recht widerstandsfähig zeigt, eignet er sich auch gut zur +Mast. Gewöhnlich hält sich dieser ausgesprochene Standfisch scharenweise +in größeren Tiefen seiner Wohngewässer auf und steigt nur abends zum +Mückenfang an die Oberfläche empor. Den in den Seen des Salzkammergutes +und namentlich im Gosausee lebenden <strong>Schwarzreiter</strong> möchte ich für eine +Kümmerform des Saiblings halten. Die <strong>Meer-</strong> oder <strong>Lachsforelle</strong> (<i>Sálmo +trútta</i>) verbringt den größten Teil ihres Daseins im Salzwasser unserer +Küsten und vollführt von da aus des Laichgeschäftes halber ähnliche +Wanderungen wie der Lachs, wird aber nicht so hoch geschätzt wie dieser. +Als eine durch ständigen Aufenthalt im Süßwasser seßhaft gewordene Abart +von ihr ist die <strong>Schwebe-</strong> oder <strong>Seeforelle</strong> (<i>Sálmo lacústris</i>) +aufzufassen, die eine ähnliche Verbreitung hat, wie der Saibling, aber +in etwas abgeänderter Form auch in den Seen Skandinaviens und +Schottlands vorkommt. Zum Laichen steigt der stattliche, sich sonst in +beträchtlicher Tiefe aufhaltende und hier fleißig auf Lauben und Renken +jagende Fisch in den einmündenden Flüssen während des Winters aufwärts. +Die von den alten Weibchen angelegten Laichgruben sind so umfangreich, +daß sie bequem einen liegenden Mann aufnehmen können. Interessant ist, +daß dieser wirtschaftlich wichtige Fisch in zwei verschiedenen<a id="Page_90"></a> + <span class="pagenum">[90]</span> +Formen auftritt, die namentlich im Bodensee scharf differenziert sind. +Es ist ja eine bekannte Tatsache, daß bei allen Salmoniden gewisse +Individuen sich geschlechtlich nicht zur Reife entwickeln und auch +äußerlich zeitlebens von den normalen Exemplaren verschieden bleiben. +Wenigstens ist der berühmte Fischforscher v. Siebold der Ansicht, daß +diese Unfruchtbarkeit für das ganze Leben anhalte und in den meisten +Fällen auf die Abgeschlossenheit in zuflußlosen Seen zurückzuführen sei, +während Widegren die Sterilität nur für eine vorübergehende Erscheinung +hält, da die Fische in einer späteren oder auch sehr viel späteren +Periode doch noch geschlechtlich vollreif würden. Vielleicht bringen die +seit 1907 angestellten Markierungsversuche Klarheit in diese einstweilen +noch recht dunkle Frage. Jedenfalls ist im Bodensee die behäbige, +stumpfschnauzige, dunkle, geschlechtsreif werdende Form als +»Grundforelle« ganz verschieden von der schlanken, spitzschnauzigen, +silberigen, nur sehr spärlich gefleckten und stets kleiner bleibenden +»Mai-«, »Silber-« oder »Schwebeforelle«, so daß der den ansässigen +Fischern längst bekannte Unterschied beider auch dem Laien sofort +auffällt. Ihrer Schnellwüchsigkeit und des dadurch bedingten +wirtschaftlichen Wertes halber sind aus Nordamerika der <strong>Bachsaibling</strong> +(<i>Sálmo fontinális</i>) und die <strong>Regenbogenforelle</strong> (<i>Sálmo iridéus</i>) bei uns +eingebürgert worden. Ein nur 15-30 <i>cm</i> lang werdendes, stark +silberglänzendes Fischchen mit tief gespaltenem Maul ist der sehr +variable <strong>Stint</strong> (<i>Osmérus eperlánus</i>), seines üblen Geruches halber auch +»Stinkfisch« benannt. Namentlich in den Haffen der Ostsee tritt er zu +gewissen Jahreszeiten in wahren Unmassen auf, so daß ein sehr lohnender +Fang betrieben wird. Hat man sich einmal an den zum mindesten recht +eigenartigen Geruch gewöhnt, so wird man das Stintfleisch und besonders +die aus ihm bereitete delikate Suppe hoch zu schätzen wissen. Gewöhnlich +wissen die Fischer mit dem übergroßen Stintsegen allerdings nichts +anderes anzufangen, als ihn in die Schweinetröge zu schütten oder als +Dung auf die Felder zu fahren, bestenfalls ihn zur Tranbereitung +einzukochen. Die flüchtige, ungemein bewegliche, höchstens 1-1/2 <i>kg</i> +schwer werdende <strong>Äsche</strong> (<i>Thymállus vulgáris</i>) mit der prachtvoll +purpurroten, durch schwarze Fleckenbinden noch gehobenen Rückenflosse +darf wohl als einer der schönsten und anmutigsten deutschen Fische +bezeichnet werden. Sie bevorzugt ähnliche Örtlichkeiten wie die<a id="Page_91"></a> + <span class="pagenum">[91]</span> +Forelle, siedelt sich jedoch in der Regel etwas unterhalb der +Forellenregion an. In bezug auf Reinheit und Sauerstoffgehalt des +Wassers ist die Äsche noch anspruchsvoller als die Forelle, schweift +auch mehr herum als diese und lebt geselliger. Neben Insekten verzehrt +sie hauptsächlich Schnecken und kleine Muscheln und produziert ein das +Entzücken aller Feinschmecker bildendes Fleisch, das angeblich nach +Thymian riechen soll, wovon ich allerdings noch nichts wahrzunehmen +vermochte. Die nur kleine oder mittelgroße Arten umfassende Gattung +Coregonus zeichnet sich durch größere Schuppen und mehr weißfischartigen +Körperbau vor den echten Lachsen aus. Zu ihr gehört die <strong>große Maräne</strong> +(<i>Coregónus lavarétus</i>), die gleich ihren Verwandten in beträchtlichen +Tiefen ein lichtscheues Dasein führt und nur zur Laichzeit in flacheres +Wasser kommt. Ihre teilweise Isolierung in abgeschlossenen Binnenseen +hat die Bildung zahlreicher Lokalformen begünstigt, von denen hier +Wander-, Madü- und Edelmaräne genannt seien, denen sich die in alpinen +Seen lebende Bodenrenke zugesellt. Alle Maränen, die für den Fang +allerdings fast nur zur Laichzeit zugänglich sind, gelten ebenso wie die +übrigen Angehörigen dieser Gruppe für äußerst wohlschmeckend. Besonders +wichtig sind alle verschiedenen Renkenformen für die Stromfischerei +Sibiriens, wo der Fang auf sie im großartigsten Maßstabe betrieben wird. +Die in den Seen Norddeutschlands heimische <strong>Zwergmaräne</strong> (<i>Coregónus +álbula</i>), die nicht leicht über 35 <i>cm</i> lang wird, nährt sich +hauptsächlich von kleinen Krustern und zeigt sich in warmen +Sommernächten unter vielem Geplätscher auch an der Oberfläche. In +geräuchertem Zustande bildet sie eine hochgeschätzte Delikatesse und +geht als solche in alle Welt hinaus. Das <strong>Blaufelchen</strong> (<i>Coregónus +wartmánni</i>) ist der bekannteste Speisefisch des Bodensees und kommt in +etwas abgeänderter Form (Traunseemaräne, Pfäffikonmaräne usw.) auch in +anderen Alpenseen vor. In tiefen und kühlen Wasserschichten führen diese +sehr geselligen Fische ein unstetes Wanderleben, indem sie den frei im +Wasser schwebenden Kleintieren folgen. Zur Laichzeit drängen sie sich an +geeigneten Stellen derart zusammen, daß sie sich gegenseitig den das +Hochzeitskleid bildenden Körnerausschlag abreiben, der dann weithin den +Wasserspiegel bedeckt. Nach dem Zeugnisse Vogts sollen sie beim Laichakt +paarweise meterhoch aus dem Wasser herausspringen und dabei, Bauch gegen +Bauch gekehrt, gleichzeitig Milch und Rogen fahren lassen. Der sehr +lohnende Fang<a id="Page_92"></a> + <span class="pagenum">[92]</span> der Blaufelchen, die 1886 mit Erfolg auch im Laacher +See eingebürgert wurden und sich dort schon stark umgebildet haben, +erfolgt zur Laichzeit in großen Zugnetzen, sonst mit tiefgehenden +Angelschnüren. In der Hauptsache auf Boden- und Ammersee beschränkt ist +das kleinere, durch kurzen Leibesbau und deutlich gebogenen Rücken +ausgezeichnete <strong>Kropffelchen</strong> (<i>Coregónus hiemális</i>) oder der <strong>Kilch</strong>. Von +allen Renken ist diese Art der ausgesprochenste Tiefenfisch, so daß er +bei raschem Heraufholen »trommelsüchtig« wird, indem die Schwimmblase +sich infolge des plötzlich verminderten Atmosphärendrucks jäh ausdehnt, +dadurch den Leib unförmlich auftreibt, die Eingeweide verschiebt und +schließlich wohl gar den Leib mit lautem Knall zum Platzen bringt. Da +der Kilch nur zur Laichzeit für wenige Tage in die Ufergewässer kommt, +wissen wir über seine Naturgeschichte noch recht wenig, und auch sein +Fang ist aus dem gleichen Grunde schwierig und wenig lohnend. Ganz das +Gegenteil gilt vom <strong>Schnäpel</strong> (<i>Coregónus oxyrhynchus</i>), einem sehr +wanderlustigen Gesellen, der wie der Lachs zum Laichen aus der Nord- und +Ostsee truppweise in die Flüsse steigt, hier allerdings seine +Wanderungen nicht so weit ausdehnt, wie jener. Dafür beginnt die junge +Schnäpelbrut schon dem Meere zuzustreben, wenn sie kaum erst den +Dottersack aufgezehrt hat.</p> + +<p>Als den Wolf in unserer heimischen Fischwelt könnte man den <strong>Hecht</strong> (<i>Esox +lúcius</i>) bezeichnen. Wie jenes grimmige Säugetier ist auch er von einer +unbändigen Raublust beseelt, wie jener erscheint er beständig vom Hunger +geplagt und wagt sich dann an größere Geschöpfe, wie jener ist er der +Schrecken aller friedliebenden Tiere in seiner Umgebung. Der +langgestreckte, walzenförmige Leib mit der weit nach hinten gestellten, +der Afterflosse gerade gegenüber befindlichen Rückenflosse, der +charakteristische Alligatorkopf mit der entenschnabelähnlichen Schnauze +und den niederträchtig blickenden, starren Augen, das Überwiegen der +grünen Farbe auf dem Oberkörper, das ungewöhnlich scharf abgesetzte +Schwanzende mit der tief gegabelten Flosse machen den Hecht sofort +kenntlich. Während die große Mehrzahl der Hechte bei uns nur meterlang +wird, werden doch nicht allzu selten auch Stücke von doppelter Länge und +bis zu 35 <i>kg</i> Gewicht gefangen. Ja, es scheinen gerade bei diesem +Fische wahre Goliaths vorzukommen. So berichteten die Tageszeitungen, +daß im Juni 1908 im Ammersee durch den Wellenschlag eines Dampfers ein +Hecht an den Strand geworfen worden sei, der nicht weniger als<a id="Page_93"></a> + <span class="pagenum">[93]</span> 60 +<i>kg</i> gewogen habe und ganz von Moos überzogen gewesen sei. Eine freilich +nicht genügend verbürgte Überlieferung erzählt, daß ein im Jahre 1250 +von Kaiser Friedrich <i>II.</i> eigenhändig bei Kaiserslautern ausgesetzter +und gezeichneter Hecht im Alter von 267 Jahren wieder gefangen worden +sei und dann 175 <i>kg</i> (?!) gewogen habe. Jedenfalls steht soviel fest, +daß Wachstum und Gewicht beim Hechte außerordentlich verschieden sind, +je nach der Ergiebigkeit seiner Jagdgründe. Erscheinen ihm diese nicht +reichhaltig genug, so entschließt er sich oft zur Auswanderung und +scheut sich dabei nicht, kleinere Hindernisse nach Lachsart zu +überspringen. Seine Raubgier ist unermeßlich, sein Heißhunger +unersättlich, seine Tollkühnheit verblüffend, seine Kraft und +Schnelligkeit bewundernswert, seinem ganzen Wesen haftet etwas von der +brutalen Gewalt verschollener Zeiten an. Man hat berechnet, daß er zu +seiner Erhaltung wöchentlich so viel Fischfleisch benötigt, als er +selbst wiegt, und daß er, um 1 <i>kg</i> Gewichtszunahme zu erzielen, 25 <i>kg</i> +Fische verzehren muß. Wer selbst einmal Junghechte im Aquarium gehalten +hat, dem werden diese Zahlen eher noch zu niedrig gegriffen erscheinen. +So verzehrte ein nur 30 <i>cm</i> langer Hecht im Aquarium täglich 15 +Weißfischchen. Die Jagdweise des Hechtes ist ein heimliches +Heranschleichen und plötzliches Losschnellen. Oder er liegt stundenlang +fast bewegungslos auf der Lauer. Dabei gewährt sein gleichzeitig kühner +und hinterlistiger Gesichtsausdruck dem Beobachter einen hohen Reiz. +Jede Gemütsregung des Fisches verrät sich in seinen Stellungen, seinem +Augen- und Flossenspiel. Sehr hübsche Beobachtungen hierüber hat der +mehrfach erwähnte Ward gemacht. Bewegungslos liegt der Hecht im +Rohrbett, mit dem Körper gerade auf dem Boden, gestützt auf die Flossen, +alle Muskeln sind schlaff, nur die Rückenlinie zeigt schwache Bewegung, +aber die flach anliegende Rückenflosse offenbart die seelische Ruhe des +Tieres. Nur der gierige Blick des Auges verrät, daß der Hecht trotz +alledem ständig auf dem Posten ist. Plötzlich, als ein sicheres Zeichen +von Erregung, richtet sich die Rückenflosse auf und entfaltet sich, ohne +daß jedoch die übrigen Flossen und der Rumpf in Tätigkeit treten. +Augenscheinlich hat der Fisch in einiger Entfernung einen Lichtstreif +entdeckt, als ein Weißfisch sich zur Seite wandte und so seine Gegenwart +verriet. In dem Maße, wie er sich nähert, wächst die Erregung des +Hechtes, was sich deutlich an weiteren Bewegungen der Rückenflosse +erkennen läßt, die herüber<a id="Page_94"></a> + <span class="pagenum">[94]</span> und hinüber schwankt, sich öffnet und +schließt wie ein Fächer. Endlich entschließt sich der Hecht zum Angriff +und nimmt sogleich eine Haltung an, die deutlich seine Absicht erkennen +läßt: er erhebt sich auf den Flossen, alle Muskeln spannen sich, und die +Rückenlinie wird infolgedessen gerade wie ein Pfeil. Diese +Angriffsstellung ist im Augenblicke unveränderlich, kann aber nur einige +Sekunden oder höchstens Minuten beibehalten werden. Verschwindet nun der +Weißfisch wieder, so entspannen sich des Hechtes Muskeln, und die +Rückenflosse sinkt allmählich herab. Wenn aber das Opfer auch noch +weiterhin sich nähert, so schnellt der Hecht, durch eine schraubenartige +Bewegung seiner Schwanzflosse getrieben, hervor und gleitet nun langsam +vorwärts, indem er hinterlistig jeder Bewegung des Beutefisches folgt. +Schöpft der Weißfisch Argwohn, so hält der Hecht inne, und »hängt« +bewegungslos im Wasser, zitternd vor Unruhe. Ist aber endlich die +richtige Entfernung erreicht, so schnellt der Hecht plötzlich vor und +packt den Weißfisch in der Mitte des Körpers. Nur ein kleiner Wirbel auf +dem Wasserspiegel gibt der Außenwelt Kunde von dem Drama, das sich +soeben abgespielt hat. Mit einer ruckweisen Bewegung der Kinnbacken +wirft der Räuber sein Opfer herum und verspeist es mit dem Kopfe voran. +Manchmal sieht der Hecht beim Belauern oder Nachschleichen aber etwas, +das ihm mißfällt. Dann überkommt ihn der Zweifel: seine Muskeln werden +schlaff, der Rücken biegt sich, und der Fisch hängt bewegungslos im +Wasser, unausgesetzt den Gegenstand seines Argwohns betrachtend. Fühlt +er sich wieder sicher, so wird er abermals steif und schnellt zum +Angriff vor, will sich aber sein Argwohn nicht zerstreuen, so schleicht +er sich sachte fort. Ist der Angriff etwa fehlgeschlagen, so verändert +sich das Bild abermals völlig: mit gebogenem Rücken und zornig +schnappendem Rachen sinkt der Hecht enttäuscht zu Boden. Was er einmal +mit seinen nach hinten gerichteten Hechelzähnen (der aus Westdeutschland +stammende Name Hecht dürfte mit dem Zeitwort »hecheln« zusammenhängen) +gepackt hat, das läßt er so leicht nicht wieder aus. Manchmal kann ihm +aber gerade die Art seiner Bezahnung zum Verhängnis werden, indem er +einen in der Gier gefaßten, allzu großen Bissen nicht loszuwerden vermag +und nun elend ersticken muß. Raublustig ist er auch bei vollem Magen, +und selbst wenn ihm das Schwanzende des zuletzt verschluckten Fisches +noch unverdaut aus dem Maule ragt, schnappt er schon wieder nach<a id="Page_95"></a> + <span class="pagenum">[95]</span> +neuer Beute, wie die Erfahrungen der Angler sattsam beweisen. Alles ist +ihm recht, nur vor dem Stichling hat er einigen Respekt, aber sonst +schont er nicht einmal jüngere und kleinere Angehörige der eigenen Art, +ist vielmehr ein ausgesprochener Kannibale. Bilden auch Fische der +verschiedensten Art seine Hauptnahrung, so erjagt er doch auch im Wasser +sich tummelnde Säuger, Frösche, sich badende oder trinkende Vögel, junge +Enten und Wasserhühner, wo immer sich ihm Gelegenheit bietet. Nagender +Heißhunger verleitet ihn bisweilen zu den unglaublichsten Taten und zu +ganz zwecklosen Angriffen. So berichtet Wagener aus Irland, daß ein am +Flusse trinkendes Kalb plötzlich laut aufschrie, und als man hinzueilte, +fand sichs, daß ihm ein größerer Hecht an der Nase hing, den das +erschreckte Tier 50 Schritte weit mit forttrug, worauf ein wohlgezielter +Steinwurf den Räuber zur Strecke brachte. Verbürgte Fälle sind bekannt, +daß Schwäne von Hechten am Halse gepackt, unter Wasser gezogen und +ertränkt wurden. Am Badestrand zu Rossatz in der Wachau verspürte +unlängst ein junges Mädchen einen heftigen und schmerzhaften Anprall an +der Hüfte. Es zeigte sich, daß sie einen tief eindringenden Biß +davongetragen hatte, der aus einer ziemlichen Anzahl nadelstichartiger, +im Halbkreis angeordneter Wunden bestand, so daß kaum ein Zweifel +obwalten konnte, daß ein gewaltiger Donauhecht der Angreifer gewesen +war. Dieses Exemplar scheint also eine Vorliebe für »Backfische« +besessen zu haben. Über einen ganz unglaublichen Vorfall berichtete +kürzlich die Wiesbadener Zeitung: aus einem See bei Wollstein suchte ein +neunjähriger Knabe Hechte zu fangen, wozu er ein Loch in die Eisdecke +schlug. In demselben Augenblicke schnellte ein 16pfündiger Hecht empor +und verbiß sich in dem Arm des Knaben. Dieser wurde später samt dem +Hecht erfroren auf dem Eise aufgefunden (?). Fischzüchter pflegen Hechte +in die mit älteren Karpfen bevölkerten Teichen einzusetzen, damit sie +Leben in diese faule Gesellschaft bringen und die als +Nahrungsmitbewerber auftretenden Weißfische wegfangen sollen. Doch ist +dabei immer eine gewisse Vorsicht am Platze, und man darf die Hechte +keinesfalls zu groß werden lassen, damit sie sich nicht als »Wolf im +Schafstall« entpuppen. Seine schrankenlose Freßgier verurteilt den Hecht +zur Einsamkeit, und nur zur Laichzeit sucht er seinesgleichen auf. Schon +ganz zeitig im Frühjahr, wenn noch Eisstücke auf den Wassern schwimmen, +schreitet er zur Fortpflanzung und begibt sich<a id="Page_96"></a> + <span class="pagenum">[96]</span> dann an die +seichtesten Stellen, selbst in kleine Gräben und auf überschwemmte +Wiesen, wobei er nicht selten seine Lust mit dem Leben büßen muß. Hier +kann er sogar mit Pfeil und Bogen oder mit der Schrotflinte erlegt oder +mit der Hechtgabel gestochen werden, was namentlich nachts bei +Fackelschein recht lohnend ist, und wobei nicht selten beide Gatten +gleichzeitig durchbohrt werden. Eigentlich ist diese Fangart verpönt, +wird aber doch in Norddeutschland vielfach ausgeübt. Auch der Angler hat +am Hecht seine Freude, da er in seiner blinden Raubgier fast jeden Köder +annimmt. Obgleich das Hechtfleisch etwas trocken und ziemlich grätig +ist, findet es doch viele Liebhaber, ja begeisterte Lobredner. Aus +eigener Erfahrung kann ich versichern, daß die jungen »Grashechte«, wenn +man sie oberflächlich in der glimmenden Asche des Lagerfeuers röstet, +eine treffliche Mahlzeit abgeben, aber bezüglich der Riesenhechte halte +ich es mit Marshall, der den Genuß eines solchen mit demjenigen eines +wohlgespickten Nadelkissens vergleicht. Mittelgroße Hechte munden am +besten, wenn sie wie Hasenbraten gespickt und gebraten und mit saurer +Sahnensauce begossen werden.</p> + +<p>Der Riese unter unseren Süßwasserfischen ist der massige, ungeschlachte, +dickköpfige, breitmäulige, mit zwei langen und zwei kurzen Barteln +versehene <strong>Wels</strong> (<i>Silúrus glánis</i>) oder Waller, dessen Rückenflosse +auffallend kurz, dessen Afterflosse dagegen ungewöhnlich umfangreich ist +und dessen glatter und schlüpfriger Haut die Schuppen vollständig +fehlen. Während der Bauch weißlich ist, hat der Rücken eine düstere +Schlammfarbe, die in Anpassung an die Verstecke des mächtigen Tieres +zwischen dem Wurzelwerk überhängender Ufer öfters in eigentümlich +zerrissener Weise marmoriert erscheint. Hier liegt der Wels, der sich am +liebsten in langsam fließendem Wasser mit reichem Pflanzenwuchs und +morastigem Untergrunde aufhält, tagsüber in träger Ruhe und läßt +lediglich seine Bartfäden spielen, um nach den dadurch angelockten +Fischen zu schnappen. Er ist überwiegend Nachttier und ein ganz +gewaltiger Räuber dazu. Bei seiner Größe (er wird über 3 <i>m</i> lang und +bis zu 250 <i>kg</i> schwer) vermag er recht umfangreiche Bissen, wie Gänse, +hinunterzuwürgen, und es ist durchaus keine Fabel, wenn man behauptet, +daß sogar badende Kinder ernstlich durch ihn gefährdet werden können. +Bei uns in Deutschland sind so große Welse freilich eine Seltenheit, +zahlreich aber habe ich sie am Kaspi gesehen. Dort kamen die +Fische<a id="Page_97"></a> + <span class="pagenum">[97]</span> Anfang April (alle mir zugänglichen Lehrbücher geben +fälschlich Mai und Juni an) massenhaft zum Laichen in die flachen, +rohrbewachsenen Uferbuchten, wo die Rogner ihre verhältnismäßig sehr +kleinen und auch nicht übermäßig zahlreichen (etwa 20000) Eier, aus +denen ein minderwertiger Kaviar gewonnen wird, an den Rohrstengeln +abstrichen. Die fast wie Kaulquappen aussehenden Jungen schlüpfen schon +nach acht Tagen aus. Während ich von dem für den Kaspi überall +angegebenen Grundangelbetrieb nirgends etwas gesehen habe, sperrten die +Fischer solche Buchten und Flußmündungen nach dem Eintreten der Welse +mit großen und starken Netzen ab und trieben die Tiere durch Vorrücken +derselben schließlich in einem Winkel zusammen. Auf kleinem Raum waren +dann viele Tausende der mächtigen Fischleiber zusammengedrängt, und +zwischen diesem wallenden Gewimmel fuhren die Tataren wagehalsig auf +kleinen, schwanken Booten herum und harpunierten mit großen Stoßlanzen +einen der gewichtigen Fische nach dem anderen heraus, um ihn dann mit +gewaltigem Schwung an Bord des von Armeniern besetzten Fischkutters zu +werfen. Oft mußten zwei oder drei Mann zugreifen, um die schweren Fische +zu heben, und nicht selten geschah es dabei, daß sie trotzdem insgesamt +das Übergewicht bekamen und in das aufspritzende Wasser mitten zwischen +die geängstigten Fischriesen stürzten. Dazu der glührote Fackelschein, +das Geschrei der aufgeregten Männer, das betäubende Gekreisch der +unzähligen großen Möwen, die sich um die fortgeworfenen Eingeweide +zankten, der gespenstige Anblick, den die auf dem Meer schaukelnden, +abgeschnittenen und im unsicheren Mondeslicht wie Menschenhäupter +aussehenden Welsköpfe boten — das alles vereinigte sich zu einem so +eigenartigen Bilde, daß ich es nie vergessen kann. Einmal habe ich auch +selbst am lichten Tage einen in der Nähe des Ufers schwimmenden Wels mit +Vogeldunst erlegt, der auf den Schuß hin sofort die weiße Bauchseite +nach oben kehrte. Das weiße, fette Welsfleisch, auf das ich dort +vielfach zu meiner Ernährung angewiesen war, habe ich besser befunden, +als seinen Ruf, und nur bei sehr alten Stücken schmeckt es etwas tranig, +ist dann auch für einen verwöhnten Gaumen zu zäh. Eine gewisse äußere +Ähnlichkeit mit dem Wels besitzt die freilich nur 60 <i>cm</i> lang und +höchstens 8 <i>kg</i> schwer werdende, äußerst räuberisch veranlagte <strong>Quappe</strong> +(<i>Lóta lóta</i>), auch Aalraupe oder Trüsche genannt. Walzenförmiger Leib, +dicker Kopf, kleine Beschuppung und kurze Kinnbarteln<a id="Page_98"></a> + <span class="pagenum">[98]</span> bilden ihre +hervorstechendsten Merkmale. Mit dem Wels hat sie an und für sich nichts +zu tun, gehört vielmehr in die Verwandtschaft der weichstrahligen +Schellfische, hat aber doch in der Lebensweise viel Gemeinsames mit dem +Waller. Wie dieser ist sie ein ausgesprochener Nacht- und Bodenfisch, +hält auch ähnliche Standorte ein, obschon sie mehr Wert auf reine +Beschaffenheit des Wassers legt und deshalb hoch in den Gebirgsflüssen +emporsteigt, wo dann Forellenbrut ihre Lieblingsnahrung bildet. Den +geschmeidigen Leib schiebt sie mehr kriechend als schwimmend über den +Boden hin, schießt aber blitzschnell durchs Wasser, wenn man sie durch +Aufheben eines Steines aus ihrem Schlupfwinkel aufstöberte. Sonst sehr +ungeselliger Natur vereinigt sie sich doch während der in die kälteste +Jahreszeit fallenden Laichperiode zu wahren Knäueln. Steinbuch will +beobachtet haben, daß während des Laichaktes eine innige Vereinigung +beider Geschlechter stattfinde, die dabei durch ein von ausgeschiedenem +Milchsaft gebildetes Band fest zusammengehalten würden, doch hat diese +höchst auffällige Entdeckung eine spätere und einwandsfreie Bestätigung +von anderer Seite meines Wissens bisher nicht erfahren. Die Quappenleber +fand früher in der Arzneikunde Verwendung, und aus der Haut der +zählebigen Tiere bereitet man in Sibirien nicht nur Kleidungsstücke, +sondern sogar — Fensterscheiben. Das Fleisch wird sehr verschieden +beurteilt, im allgemeinen aber wenig gewürdigt. Mit Unrecht! Es ist +zart, fett, grätenarm und von eigenartigem Wohlgeschmack. Wer es richtig +schätzen lernen will, der lasse sich von seiner Eheliebsten einmal die +Nationalspeise der ostpreußischen Haffischer »bunte Fische«, bereiten. +Verschiedene Lagen zerschnittener Kartoffeln wechseln mit ebensoviel +Schichten Fischfleisch ab. Je mehr, desto besser! Wichtig ist, daß die +unterste Schicht durch einen recht fetten Fisch gebildet wird, und dazu +eignet sich die Quappe mehr als jeder andere, wenn sie auch im Notfall +durch Aal ersetzt werden kann. Nach Beigabe des nötigen Wassers und +unter Zufügung der üblichen Gewürze, schraubt man dann den Topf zu und +läßt das Ganze nach Art des Pichelsteiner Fleisches dünsten, wobei sich +der köstliche Fischgeschmack in die zerfallenden Kartoffeln zieht. +<i>Probatum est!</i> Ab und zu wird in unseren Gewässern auch einmal ein +Angehöriger der zu den Schmelzschuppern gehörigen Familie der <strong>Störe</strong> +(<i>Acipénser</i>) gefangen, die durch ihren köstlichen Kaviar weltberühmt +geworden sind, indessen betrachten wir diese<a id="Page_99"></a> + <span class="pagenum">[99]</span> eigenartige, mehr im +Osten beheimatete Gruppe wohl besser erst im nächstjährigen +Kosmosbändchen, das von den ausländischen Fischen handeln soll.</p> + +<div class="box1"> + +<p class="center"> + +<img src="images/image15.jpg" width="98" height="150" alt="" /> </p> + +<p class="caption"> Mundscheibe des Neunauges. </p> + +</div> + +<p>Sehr tiefstehende, aber in mehr als einer Beziehung hochinteressante +Fische — wenn man sie überhaupt noch zu den Fischen zählen darf — sind +die wurmförmig gestalteten, als »Rundmäuler« eine besondere Ordnung +bildenden <strong>Neunaugen</strong>. Ihren Namen haben sie davon, daß man die sieben +Kiemenspalten jederseits und das unpaare Nasenloch als »Augen« +mitgezählt hat. Das Auffallendste an diesen, der paarigen Flossen +entbehrenden Geschöpfen ist der rüsselförmig vorgestreckte Mund mit +seiner kreisrunden Saugscheibe, von deren Gestaltung unsere Abbildung +eine gute Vorstellung gibt. Will sich das Tier damit irgendwo ansaugen, +so braucht es bloß den Zungenstöpsel zu heben, dadurch einen luft- +bezgl. wasserleeren Raum zu schaffen und die Saugscheibe fest gegen den +erwählten Gegenstand zu drücken. Es haftet dann so fest, daß man z. B. +eine dreipfündige Makrele samt einem zehnpfündigen Stein, an den sie +sich angesogen hat, aus dem Wasser heben kann. Die Neunaugen machen von +dieser Fähigkeit namentlich auch während des Laichgeschäftes Gebrauch, +indem sie oberhalb der Laichstelle ziemlich große Steine ansaugen, sich +mühsam mit ihnen erheben und sich dann langsam und absatzweise von der +Strömung bis zu dem Hochzeitslager treiben lassen. Beide Geschlechter +beteiligen sich fleißig an dieser beschwerlichen Arbeit, und unsere +größte Art, die <strong>Lamprete</strong> (<i>Petromyzon marínus</i>) schleppt dabei +mehrpfündige Steine mit der Geschicklichkeit eines Ingenieurs fort, um +sie schließlich zu einem Haufen von Armeslänge und 60 bis 80 <i>cm</i> Höhe +aufzutürmen, in den dann das Weibchen seine Eier hineinlegt, während die +ausschlüpfenden Jungen in den engen Zwischenräumen zwischen den Steinen +und in deren Spalten selbst geeignete Schlupfwinkel finden. Beim +Bachneunauge oder der <strong>Zwergbricke</strong> (<i>Petromyzon pláneri</i>) hat ein +Aquarienfreund auch gesehen, daß sie sich im Bodensand aus Steinen +förmliche Wohnröhren baute, in denen das lichtscheue Geschöpf tagsüber +verborgen lag. Weiter dient die Saugscheibe den Neunaugen aber auch noch +zum Nahrungserwerb.<a id="Page_100"></a> + <span class="pagenum">[100]</span> Bei der Lamprete und bei dem Flußneunauge +oder der <strong>Pricke</strong> (<i>Petromyzon fluviátilis</i>) wenigstens ist es zweifellos +festgestellt, daß sie eine teilweise parasitäre Lebensweise führen, +indem sie größere Fische ansaugen, ihnen mit den Raspelzähnen ihrer +Zunge Haut und Fleisch durchsägen und sich den Nahrungsbrei einpumpen, +während bezüglich der kleineren und harmloseren Zwergbricke die +Untersuchungen über diesen Punkt noch nicht abgeschlossen sind. Man hat +schon Fische gefunden, die von Neunaugen buchstäblich in zwei Stücke +zersägt waren. So vermögen sie zu furchtbaren Quälern und Feinden +anderer Fische zu werden, zumal sie auch viel Fischlaich verzehren, der +neben allerlei Gewürm ihre bevorzugte Speise auszumachen scheint. Gar +nicht unwahrscheinlich ist es, daß sie sich von ihren beschuppten +Reitpferden auch auf ihren Wanderungen gern ein Stück Weges tragen +lassen, da sie selbst mit ihren schlängelnden Bewegungen nur mühsam +größere Strecken zurücklegen können. Auf diese Weise dürfte auch das +vereinzelte Vorkommen von Lampreten in Gegenden zu erklären sein, die +sie sonst nicht aufsuchen, so im Oberrhein, wohin sie wahrscheinlich +durch Lachse verschleppt wurden. Interessant ist die Entwicklung der +Neunaugen, die ein Gegenstück zu derjenigen des Aales darstellt. Denn +wie bei diesem entschlüpft dem Ei nicht das fertige Tier, sondern eine +unfertige Zwischenform, eine Art Larve, die unter dem Namen »Querder« +schon lange bekannt ist, aber früher für eine besondere Fischart +gehalten wurde. Zeitweise findet man nur solche Querder in den +Gewässern, da die alten Neunaugen bald nach Beendigung des +Laichgeschäftes absterben. Der wurmförmige Querder ist blind, von +schmutzig gelblicher Farbe, ohne Metallglanz, ohne getrennte Flossen, +ohne richtige Saugscheibe und ohne Geschlechtsorgane. Im Schlamm und +Moder, den er freiwillig kaum verläßt und von dessen verwesenden +Bestandteilen er sich nährt, führt er ein höchst stumpfsinniges Dasein. +Nur ganz allmählich und langsam geht die tiefgreifende, mehrere Jahre +beanspruchende Verwandlung zum geschlechtsreifen Neunauge vor sich. +Während die Zwergbricke das Süßwasser zeitlebens nicht verläßt, sucht es +die sonst im Meer hausende Lamprete nur zur Laichzeit auf, und die +Pricke pendelt zwischen beiden hin und her, scheint sich aber am +liebsten im Brackwasser aufzuhalten. Sicherlich sind alle drei Formen +aus einem gemeinsamen Grundtypus in Anpassung an diese verschiedenen +Wohnorte hervorgegangen. Am zahlreichsten treten die<a id="Page_101"></a> + <span class="pagenum">[101]</span> beiden +größeren Formen an unserem Ostseestrande und in den dort einmündenden +Strömen auf, so namentlich bei Elbing, bei Memel und in den sich ins +Kurische Haff ergießenden Strömen, und nur in diesen Gegenden hat ihr +Fang in besonderen Brickensäcken wirtschaftliche Bedeutung zu erlangen +vermocht. Die Feinschmecker in den genannten Städten warten aber mit +großer Sehnsucht auf das Eintreffen der ersten Brickenfänger im +Frühherbst. Ich erinnere mich, daß in Memel dieses frohe Ereignis durch +einen Böllerschuß und das Aufziehen einer roten Flagge auf einer kleinen +Strandkneipe <i>urbi et orbi</i> verkündigt wurde. Dann eilten alle +Leckermäuler dorthin und ließen sich die im eigenen Fett frisch auf dem +Rost gebratenen Neunaugen trefflich schmecken. Man darf aber des Guten +nicht zu viel tun, da sie schwer verdaulich sind, und handelt weise, +wenn man einen Kümmel draufsetzt. Leider lassen sich so geröstete +Bricken nicht verschicken, und der Binnenländer, der sie nur als +marinierte Fische kennt, hat keine Ahnung von ihrem köstlichen +Wohlgeschmack. Leider nehmen diese Schmarotzerfische rasch ab, und ihre +ganze Organisation weist ja schon darauf hin, daß sie eigentlich in ein +früheres Zeitalter hineingehören. Gegenwärtig sollen jährlich nur noch +etwa 5-6000 Schock in Ost- und Westpreußen gefangen werden, und demgemäß +ist auch der Preis gestiegen. Leider ist es noch nicht gelungen, +Neunaugen zu züchten und uns so vielleicht einen Weg zu zeigen, auf dem +wir unseren Feinschmeckern diesen sonderbaren »Fisch«, dieses Wirbeltier +ohne Wirbelsäule, wenigstens künstlich erhalten könnten. Hier läge eine +ebenso lohnende wie wissenschaftlich interessante Aufgabe für +biologische Versuchsanstalten vor.</p> + +<p>Der <strong>Maifisch</strong> oder die Alse (<i>Clúpea alósa</i>) mit dem tief gespaltenen +Maul und den beiden merkwürdigen Flügelschuppen vor der Schwanzflosse +kann uns zu der wirtschaftlich so hochwichtigen Gruppe der Heringe +hinüberleiten, denn er läßt sich recht gut als der Hering des Süßwassers +charakterisieren, und auch seine kleinere und etwas später erscheinende +Abart, die Finte, verrät selbst dem Laien sofort ihre Zugehörigkeit zur +großen Heringsfamilie. Auch der Maifisch verbringt den größten Teil +seines Daseins im Meer und wandert nur zur Laichzeit in den Flüssen +aufwärts, indem er sich mit seltener Pünktlichkeit an ihren Mündungen +einstellt und dann in großen Scharen dicht unter der Oberfläche und mit +vielem Gelärm, das durch fortwährende Schwanzschläge verursacht wird, +sich aber wie<a id="Page_102"></a> + <span class="pagenum">[102]</span> Schweinegrunzen anhören soll, flußaufwärts zieht. +So werden seine Wanderungen sehr auffällig und sind denn auch von jeher +von den Fischern weidlich ausgenutzt worden. Zum Überspringen von +Hindernissen entschließt sich dieser behäbige und phlegmatische Fisch +aber nicht leicht, macht deshalb auch nur selten von den angelegten +Fischleitern Gebrauch und fehlt daher heute schon vielfach wegen der +vielen Wehre in Gewässern, wo er früher eine regelmäßige und gern +gesehene Erscheinung war, wie im Main. Man sagt auch ihm nach, daß er +während der ganzen Reise fasten soll, und jedenfalls sind die wenigen +Maifische, die den Zähnen der Raubfische und den Netzen der Menschen +entgingen und nach beendigtem Laichgeschäft wieder zum Meere +zurückkehren, jämmerlich abgemagert und völlig erschöpft, so daß auch +der sie mit Verachtung straft, dem im Frühjahr der feiste Fisch trotz +seiner vielen Gräten als ein köstlicher Leckerbissen erschien. Dagegen +soll der im Meere lebende Maifisch auch nichts wert sein, und es +scheint, daß er erst eine Zeitlang Süßwasser kneipen müsse, um der +menschlichen Tafel würdig zu werden. Bei der Rückkehr, die nach dem +stolzen und geräuschvollen Frühlingseinzug anmutet wie die Rückkehr der +großen Armee aus den Schneefeldern Rußlands, sterben viele vor +Ermattung, und man sieht dann ihre Leichname oft massenhaft stromabwärts +treiben. Leider wird auch dieser Fisch, der einst bei Speyer zu +Tausenden mit Schaufeln dem Rhein entnommen werden konnte, bei uns immer +seltener, wozu namentlich die Raubfischerei der Holländer beitragen mag, +die die Rheinarme mit einer mehrfachen Netzwand ihrer ganzen Breite nach +abzusperren pflegen, so daß der weitaus größte Teil der wandernden +Fische schon hier ein frühzeitiges Ende findet.</p> + +<p>In richtiger Erkenntnis von der steigenden wirtschaftlichen Bedeutung +unserer Süßwasserfischerei, die durch die Verunreinigung der Gewässer +vielfach zurückgegangen war, sich neuerdings aber mit Hilfe der +künstlichen Fischzucht wieder gehoben hat, haben die Regierungen während +der letzten Jahre die gesetzlichen Vorschriften zu ihrer Erhaltung +beträchtlich ausgebaut und erweitert, die auf Fischfrevel gesetzten +Strafen bedeutend verschärft. So begrüßenswert das ist, muß doch der +Naturfreund bedauern, daß man dabei im Übereifer vielfach über das Ziel +hinausgeschossen ist und insbesondere der systematischen Vernichtung der +Fischfeinde eine ganz übertriebene Bedeutung beigelegt hat. Wohin soll +es z. B. führen,<a id="Page_103"></a> + <span class="pagenum">[103]</span> wenn, wie der neue preußische +Fischereigesetzentwurf vorsieht, künftig der Fischer das Recht haben +soll, ohne Rücksicht auf den Jagdinhaber fischfressende Vögel zu +vertilgen und sogar ihre Nester zu zerstören? Dann wären wir auch die +letzten Reste von Reiherkolonien u. dgl. bald los, für Eisvogel und +Wasseramsel hätte die Todesstunde geschlagen, und die traurige Verödung +unserer einst so reichen Natur wäre wieder um einen Riesenschritt +weiter. Nein, gerade der Fischer, der den unerschöpflichen Reichtum des +Wassers kennt, wie kein anderer, sollte auch die Wahrheit des alten +Spruches erkennen: Raum für alle hat die Erde!</p> +<hr /> + + + +<h2><span>Register</span></h2> + + +<p>Die mit einem Sternchen (*) bezeichneten Ziffern verweisen auf eine +Abbildung im Text</p> + +<ul> +<li>Aal <a href="#Page_21">21</a>, <a href="#Page_67">67</a>, *<a href="#Aal">69</a></li> + +<li>Aalleiter <a href="#Page_72">72</a></li> + +<li>Aalmutter <a href="#Page_67">67</a></li> + +<li>Aalraupe <a href="#Page_97">97</a></li> + +<li><i>Abramis brama</i> <a href="#Page_60">60</a></li> + +<li><i>Acerina cernua</i> <a href="#Page_28">28</a></li> + +<li><i>Acerina schraetser</i> <a href="#Page_27">27</a></li> + +<li><i>Acipenser</i> <a href="#Page_98">98</a></li> + +<li>Aland <a href="#Page_59">59</a></li> + +<li>Alandblecke <a href="#Page_62">62</a></li> + +<li><i>Alburnus alburnus</i> <a href="#Page_61">61</a></li> + +<li><i>Alburnus bipunctatus</i> <a href="#Page_62">62</a></li> + +<li><i>Alburnus mento</i> <a href="#Page_62">62</a></li> + +<li>Alse <a href="#Page_101">101</a></li> + +<li><i>Anableps tetrophthalmus</i> <a href="#Page_37">37</a></li> + +<li><i>Anguilla vulgaris</i> <a href="#Page_67">67</a></li> + +<li>Äsche <a href="#Page_90">90</a></li> + +<li><i>Aspius aspius</i> <a href="#Page_60">60</a></li> + +<li><i>Aspro streber</i> <a href="#Page_27">27</a></li> + +<li><i>Aspro zingel</i> <a href="#Page_27">27</a></li> +</ul> + + +<ul> +<li>Bachneunauge <a href="#Page_99">99</a></li> + +<li>Bachsaibling <a href="#Page_90">90</a></li> + +<li>Barbe <a href="#Page_21">21</a></li> + +<li><i>Barbus fluviatilis</i> <a href="#Page_21">21</a></li> + +<li><i>Barbus petenyl</i> <a href="#Page_21">21</a></li> + +<li>Barsch <a href="#Page_65">65</a></li> + +<li>Bartgrundel <a href="#Page_13">13</a></li> + +<li>Berschik <a href="#Page_27">27</a></li> + +<li>Bitterling <a href="#Page_39">39</a>, <a href="#Page_40">40</a></li> + +<li>Blaufelchen <a href="#Page_91">91</a></li> + +<li>Blei <a href="#Page_60">60</a></li> + +<li><i>Blicca björkna</i> <a href="#Page_60">60</a></li> + +<li>Blikke <a href="#Page_60">60</a></li> + +<li>Brassen <a href="#Page_60">60</a></li> + +<li>Breitschädel <a href="#Page_17">17</a></li> +</ul> + + +<ul> +<li><i>Carassius carassius</i> *<a href="#Karausche">55</a></li> + +<li><i>Chondostroma nasus</i> <a href="#Page_62">62</a></li> + +<li><i>Clupea alosa</i> <a href="#Page_101">101</a></li> + +<li><i>Cobitis barbatula</i> <a href="#Page_13">13</a></li> + +<li><i>Cobitis fossilis</i> <a href="#Page_10">10</a></li> + +<li><i>Cobitis taenia</i> *<a href="#Steinbeisser">12</a></li> + +<li><i>Coregonus albula</i> <a href="#Page_91">91</a></li> + +<li><i>Coregonus hiemalis</i> <a href="#Page_92">92</a></li> + +<li><i>Coregonus lavaretus</i> <a href="#Page_91">91</a></li> + +<li><i>Coregonus oxyrhynchus</i> <a href="#Page_92">92</a></li> + +<li><i>Coregonus wartmanni</i> <a href="#Page_91">91</a></li> + +<li><i>Cottus gobio</i> <a href="#Page_15">15</a>, *<a href="#Groppe">16</a></li> + +<li><i>Cyprinus carpio</i> <a href="#Page_48">48</a></li> +</ul> + + + +<ul> +<li>Darmatmung <a href="#Page_14">14</a></li> + +<li>Dickkopf <a href="#Page_17">17</a></li> + +<li>Döbel <a href="#Page_58">58</a></li> + +<li>Donaulachs <a href="#Page_88">88</a></li> + +<li>Dünnbauch <a href="#Page_34">34</a></li> + +<li>Durstgefühl <a href="#Page_54">54</a></li> +</ul> + + +<ul> +<li>Elritze <a href="#Page_57">57</a></li> + +<li>Entwicklung des Eis <a href="#Page_86">86</a>, *<a href="#Ei">87</a></li> + +<li><i>Esox lucius</i> <a href="#Page_92">92</a></li> +</ul> + + + +<ul><li>Farbenblindheit <a href="#Page_38">38</a></li> + +<li>Färbung <a href="#Page_17">17</a></li> + +<li>Farbwechselvermögen <a href="#Page_19">19</a></li> + +<li>Finte <a href="#Page_101">101</a></li> + +<li>Fischauge <a href="#Page_36">36</a></li> + +<li>Fischzucht, künstliche <a href="#Page_85">85</a></li> + +<li>Flußbarbe <a href="#Page_21">21</a></li> + +<li>Flußbarsch <a href="#Page_22">22</a>, *<a href="#Barsch">23</a></li> + +<li>Föhrchen <a href="#Page_84">84</a></li> + +<li>Forelle <a href="#Page_12">12</a>, <a href="#Page_15">15</a>, <a href="#Page_66">66</a>, <a href="#Page_81">81</a></li> + +<li>Forellenbarsch <a href="#Page_28">28</a></li> +</ul> + + + +<ul><li>Gähnen <a href="#Page_10">10</a></li> + +<li><i>Gasterosteus aculeatus</i> <a href="#Page_42">42</a></li> + +<li><i>Gasterosteus pungitius</i> <a href="#Page_47">47</a></li> + +<li>Gefühlssinn <a href="#Page_32">32</a></li> + +<li>Gehörorgan <a href="#Page_29">29</a></li> + +<li>Geruchssinn <a href="#Page_35">35</a></li> + +<li>Geschmackssinn <a href="#Page_35">35</a>, <a href="#Page_36">36</a></li> + +<li>Giftwaffen <a href="#Page_20">20</a></li> + +<li>Glasaal <a href="#Page_71">71</a></li> + +<li>Glöckchen <a href="#Page_36">36</a></li> + +<li><i>Gobio gobio</i> <a href="#Page_56">56</a></li> + +<li><i>Gobio uranoscopus</i> <a href="#Page_57">57</a></li> + +<li>Goldfisch <a href="#Page_56">56</a></li> + +<li>Goldorfe <a href="#Page_59">59</a></li> + +<li>Greßling <a href="#Page_56">56</a></li> + +<li>Groppe <a href="#Page_15">15</a>, *<a href="#Groppe">16</a></li> + +<li>Grotzfisch <a href="#Page_17">17</a></li> + +<li>Grundforelle <a href="#Page_90">90</a></li> + +<li>Gründling <a href="#Page_56">56</a>, *<a href="#Grundling">57</a></li> + +<li>Güster <a href="#Page_60">60</a></li> +</ul> + + +<ul> +<li>Hai <a href="#Page_6">6</a></li> + +<li>Hakenlachs *<a href="#Haken">77</a></li> + +<li>Hecht <a href="#Page_92">92</a></li> + +<li>Hochzeitskleid <a href="#Page_39">39</a></li> + +<li>Huchen <a href="#Page_88">88</a></li> + +</ul> + + +<ul> +<li>Jahresringe <a href="#Page_80">80</a></li> + +<li><i>Ichthyophonus hoferi</i> <a href="#Page_84">84</a></li> +</ul> + + +<ul> +<li>Karausche *<a href="#Karausche">55</a></li> + +<li>Karpfen <a href="#Page_7">7</a>, <a href="#Page_8">8</a>, <a href="#Page_48">48</a>, <a href="#Page_65">65</a></li> + +<li>Katzenhai <a href="#Page_6">6</a>, <a href="#Page_9">9</a></li> + +<li>Katzenwels <a href="#Page_35">35</a></li> + +<li>Kaulbarsch <a href="#Page_28">28</a></li> + +<li>Kaulhäuptlein <a href="#Page_17">17</a></li> + +<li>Kaulquappe <a href="#Page_17">17</a></li> + +<li>Kautzenkopf <a href="#Page_17">17</a></li> + +<li>Kiemenapparate <a href="#Page_15">15</a></li> + +<li>Kiemenatmung <a href="#Page_14">14</a></li> + +<li>Kilch <a href="#Page_92">92</a></li> + +<li>Körper, »roter« <a href="#Page_54">54</a></li> + +<li>Kropffelchen <a href="#Page_92">92</a></li> + +<li>Kulheet <a href="#Page_17">17</a></li> +</ul> + + + +<ul> +<li>Lachs <a href="#Page_70">70</a>, <a href="#Page_75">75</a></li> + +<li>Lachsforelle <a href="#Page_89">89</a></li> + +<li>Lamprete <a href="#Page_99">99</a></li> + +<li>Lauben <a href="#Page_62">62</a></li> + +<li>Lederkarpfen <a href="#Page_48">48</a></li> + +<li>Legeröhre <a href="#Page_40">40</a></li> + +<li><i>Leptocephalus brevirostris</i> <a href="#Page_70">70</a></li> + +<li>Lernfähigkeit <a href="#Page_66">66</a></li> + +<li><i>Leucaspius delineatus</i> <a href="#Page_33">33</a></li> + +<li>Leuchtorgane <a href="#Page_19">19</a></li> + +<li><i>Leuciscus cephalus</i> <a href="#Page_58">58</a></li> + +<li><i>Leuciscus erythrophthalmus</i> <a href="#Page_59">59</a></li> + +<li><i>Leuciscus idus</i> <a href="#Page_59">59</a></li> + +<li><i>Leuciscus rutilus</i> <a href="#Page_59">59</a></li> + +<li>Lippfisch <a href="#Page_9">9</a></li> + +<li><i>Lota lota</i> <a href="#Page_97">97</a></li> + +<li><i>Lucioperca sandra</i> <a href="#Page_26">26</a></li> + +<li><i>Lucioperca volgensis</i> <a href="#Page_27">27</a></li> + +</ul> + + + +<ul> + +<li>Maifisch <a href="#Page_101">101</a></li> + +<li>Maiforelle <a href="#Page_90">90</a></li> + +<li>Mairenke <a href="#Page_62">62</a></li> + +<li>Makrele <a href="#Page_99">99</a></li> + +<li>Malermuschel *<a href="#Malermuschel">40</a>, <a href="#Page_41">41</a></li> + +<li>Maräne, große <a href="#Page_91">91</a></li> + +<li>Maulbrüter <a href="#Page_9">9</a></li> + +<li>Mäusefresser <a href="#Page_58">58</a></li> + +<li>Meerforelle <a href="#Page_89">89</a></li> + +<li>Messerkarpfen <a href="#Page_34">34</a></li> + +<li>Moderlieschen *<a href="#Moderlieschen">33</a></li> + +<li>Mühlkoppe <a href="#Page_17">17</a></li> +</ul> + + + +<ul> +<li>Nase <a href="#Page_62">62</a></li> + +<li>Neunauge <a href="#Page_99">99</a></li> +</ul> + + + +<ul><li><i>Osmerus eperlanus</i> <a href="#Page_90">90</a></li> + +<li>Otolith <a href="#Page_29">29</a></li> + +<li>Oval <a href="#Page_54">54</a></li> +</ul> + + + + +<ul> +<li>Panzerwels <a href="#Page_9">9</a></li> + +<li>Papst <a href="#Page_17">17</a></li> + +<li><i>Pelecus cultratus</i> <a href="#Page_34">34</a></li> + +<li><i>Perca fluviatilis</i> <a href="#Page_22">22</a></li> + +<li><i>Petromyzon fluviatilis</i> <a href="#Page_100">100</a></li> + +<li><i>Petromyzon marinus</i> <a href="#Page_99">99</a></li> + +<li><i>Petromyzon planeri</i> <a href="#Page_99">99</a></li> + +<li>Pfaffenlaus <a href="#Page_28">28</a></li> + +<li>Pfäffikonmaräne <a href="#Page_91">91</a></li> + +<li>Pfrillen <a href="#Page_58">58</a></li> + +<li>Phototaxis <a href="#Page_64">64</a></li> + +<li><i>Phoxinus laevis</i> <a href="#Page_57">57</a></li> + +<li>Plötze <a href="#Page_59">59</a></li> + +<li>Pricke <a href="#Page_100">100</a></li> +</ul> + + +<ul> +<li>Quappe <a href="#Page_97">97</a></li> + +<li>Querder <a href="#Page_100">100</a></li> +</ul> + + +<ul> +<li>Rapfen <a href="#Page_60">60</a></li> + +<li>Regenbogenforelle <a href="#Page_90">90</a></li> + +<li><i>Rhodeus amarus</i> <a href="#Page_39">39</a></li> + +<li>Roche <a href="#Page_6">6</a></li> + +<li>Rotauge <a href="#Page_59">59</a></li> + +<li>Rotzkober <a href="#Page_17">17</a></li> + +<li>Rümpchen <a href="#Page_58">58</a></li> +</ul> + + +<ul><li>Saibling <a href="#Page_89">89</a></li> + +<li>Salm <a href="#Page_76">76</a></li> + +<li><i>Salmo fontinalis</i> <a href="#Page_90">90</a></li> + +<li><i>Salmo hucho</i> <a href="#Page_88">88</a></li> + +<li><i>Salmo irideus</i> <a href="#Page_90">90</a></li> + +<li><i>Salmo lacustris</i> <a href="#Page_89">89</a></li> + +<li><i>Salmo salar</i> <a href="#Page_75">75</a>, <a href="#Page_76">76</a></li> + +<li><i>Salmo salvelinus</i> <a href="#Page_89">89</a></li> + +<li><i>Salmo trutta</i> <a href="#Page_89">89</a></li> + +<li>Schill <a href="#Page_26">26</a></li> + +<li>Schlafstellung <a href="#Page_8">8</a></li> + +<li>Schlammbeißer <a href="#Page_10">10</a>, <a href="#Page_12">12</a>, <a href="#Page_14">14</a></li> + +<li>Schlammgeschmack <a href="#Page_14">14</a></li> + +<li>Schlammpeitzker <a href="#Page_8">8</a>, <a href="#Page_9">9</a>, <a href="#Page_10">10</a>, <a href="#Page_12">12</a></li> + +<li>Schleie <a href="#Page_56">56</a></li> + +<li>Schmerle <a href="#Page_13">13</a></li> + +<li>Schnäpel <a href="#Page_92">92</a></li> + +<li>Schneider <a href="#Page_62">62</a></li> + +<li>Schneiderkarpfen <a href="#Page_39">39</a></li> + +<li>Schnelligkeit <a href="#Page_52">52</a></li> + +<li>Schrätzer <a href="#Page_27">27</a></li> + +<li>Schutzfärbung <a href="#Page_19">19</a></li> + +<li>Schwarzbarsch <a href="#Page_28">28</a></li> + +<li>Schwarzreiter <a href="#Page_89">89</a></li> + +<li>Schwebeforelle <a href="#Page_89">89</a></li> + +<li>Schwimmbewegung <a href="#Page_52">52</a></li> + +<li>Schwimmblase <a href="#Page_53">53</a></li> + +<li>Seeforelle <a href="#Page_89">89</a></li> + +<li>Seitenlinie <a href="#Page_31">31</a>, <a href="#Page_32">32</a></li> + +<li>Semling <a href="#Page_21">21</a></li> + +<li>Sichelfortsatz <a href="#Page_36">36</a></li> + +<li>Sichling <a href="#Page_34">34</a></li> + +<li>Silberforelle <a href="#Page_90">90</a></li> + +<li><i>Silurus glanis</i> <a href="#Page_96">96</a></li> + +<li>Sommerschlaf <a href="#Page_7">7</a></li> + +<li>Spiegelkarpfen <a href="#Page_48">48</a></li> + +<li>Statolith <a href="#Page_29">29</a></li> + +<li>Stechbüttel <a href="#Page_43">43</a></li> + +<li>Steinbeißer <a href="#Page_9">9</a>, *<a href="#Steinbeisser">12</a></li> + +<li>Steingreßling <a href="#Page_57">57</a></li> + +<li>Stichling <a href="#Page_42">42</a>, <a href="#Page_66">66</a></li> + +<li>Stint <a href="#Page_90">90</a></li> + +<li>Stör <a href="#Page_98">98</a></li> + +<li>Streber <a href="#Page_27">27</a></li> + +<li>Symbiose <a href="#Page_41">41</a></li> +</ul> + + +<ul><li>Taumelkrankheit <a href="#Page_84">84</a></li> + +<li>Tastsinn <a href="#Page_32">32</a></li> + +<li><i>Thymallus vulgaris</i> <a href="#Page_90">90</a></li> + +<li><i>Tinca tinca</i> <a href="#Page_56">56</a></li> + +<li>Töne <a href="#Page_15">15</a></li> + +<li>Traunseemaräne <a href="#Page_91">91</a></li> + +<li>Trüsche <a href="#Page_97">97</a></li> + +<li><i>Trutta fario</i> <a href="#Page_81">81</a></li> +</ul> + + +<ul> +<li>Uckelei <a href="#Page_61">61</a></li> +</ul> + + + +<ul><li>Waller <a href="#Page_96">96</a></li> + +<li>Wanderung <a href="#Page_63">63</a></li> + +<li>Weißfisch <a href="#Page_7">7</a></li> + +<li>Wels <a href="#Page_96">96</a></li> + +<li>Winterschlaf <a href="#Page_7">7</a></li> +</ul> + + +<ul><li>Zahnkarpfen <a href="#Page_37">37</a></li> + +<li>Zander <a href="#Page_26">26</a></li> + +<li>Zicke <a href="#Page_34">34</a></li> + +<li>Zingel <a href="#Page_27">27</a></li> + +<li><i>Zoarces vivipara</i> <a href="#Page_67">67</a></li> + +<li>Zwergbricke <a href="#Page_99">99</a></li> + +<li>Zwergmaräne <a href="#Page_91">91</a></li> + +<li>Zwergstichling <a href="#Page_47">47</a></li> + +<li>Zwergwels <a href="#Page_9">9</a></li> +</ul> + + + + + + +<div class="boxad"> + + +<p class="noindent x-large cap">Naturwissenschaftliche Bildung ist die Forderung des Tages!</p> + +<p>Zum Beitritt in den »Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde«, laden wir</p> + +<p class="center2 xx-large"> alle Naturfreunde</p> + +<p>jeden Standes, sowie alle <i>Schulen, Volksbüchereien, Vereine usw.</i> ein. + — Außer dem geringen</p> + +<p class="center x-large"><i>Jahresbeitrag von nur M 4.80</i></p> + +<p class="center">(Beim Bezug durch den Buchhandel 20 Pf. Bestellgeld, durch die Post +Porto besonders.)</p> + +<p>= K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 erwachsen dem Mitglied keinerlei +Verpflichtungen, dagegen werden ihm folgende <i>große Vorteile geboten: </i></p> + +<p class="smaller">Die Mitglieder erhalten laut § 5 als Gegenleistung für ihren +Jahresbeitrag im Jahre 1913 <span class="strong1">kostenlos:</span></p> + +<p><span class="strong1">I. Die Monatschrift Kosmos, Handweiser für Naturfreunde. </span><span class="x-small"><i>Reich illustr. +Mit mehreren Beiblättern (siehe S. 3 des Prospektes).</i></span></p> + +<p class="center x-small">Preis für Nichtmitglieder M 2.80.</p> + + +<p class="strong1">II. Die ordentlichen Veröffentlichungen.</p> + +<p class="center x-small">Nichtmitglieder zahlen den Einzelpreis von M 1. — pro Band.</p> + +<p class="indh4">Dr. H. Dekker, Vom sieghaften Zellenstaat.</p> + +<p class="indh4">Dr. Ad. Koelsch, Der blühende See.</p> + +<p class="indh4">W. Boelsche, Festländer und Meere.</p> + +<p class="indh4">Dr. K. Floericke, Einheimische Fische.</p> + +<p class="indh4">Dr. A. Zart, Atome, Moleküle und andere naturwissenschaftliche +Hypothesen.</p> + +<p class="center x-small">Änderungen vorbehalten. (Näheres wird im Kosmos-Handweiser +bekanntgegeben.)</p> + + +<p> <span class="strong1">III. Vergünstigungen beim Bezuge von hervorragenden +naturwissenschaftlichen Werken</span> <span class="x-small"><i>(siehe Seite 6 des Prospektes)</i></span>.</p> + + +<p><span class="xx-large">☛</span><span class="x-small"><strong>Jede Buchhandlung</strong> nimmt Beitrittserklärungen entgegen und +besorgt die Zusendung. Gegebenenfalls wende man sich an die Geschäftsstelle des Kosmos in Stuttgart.</span></p> + + +<p class="center strong1"> Jedermann kann jederzeit Mitglied werden.</p> + +<p class="center strong1">Bereits Erschienenes wird nachgeliefert.</p> + +</div> + + +<div class="boxad"> + +<p class="center x-large"> ═ Satzung ═ </p> + +<ul> + +<li class="smaller">§ 1. Die Gesellschaft Kosmos (eine freie Vereinigung der Naturfreunde auf geschäftlicher Grundlage) will + in erster Linie die Kenntnis der Naturwissenschaften und damit die Freude an der Natur und das Verständnis ihrer + Erscheinungen in den weitesten Kreisen unseres Volkes verbreiten.</li> + +<li class="smaller">§ 2. Dieses Ziel sucht die Gesellschaft zu erreichen: durch die + Herausgabe eines den Mitgliedern kostenlos zur Verfügung gestellten + naturwissenschaftlichen Handweisers (§ 5); durch Herausgabe neuer, von + hervorragenden Autoren verfaßter, im guten Sinne gemeinverständlicher + Werke naturwissenschaftlichen Inhalts, die sie ihren Mitgliedern + unentgeltlich oder zu einem besonders billigen Preise zugänglich macht, + usw.</li> + +<li class="smaller">§ 3. Die Gründer der Gesellschaft bilden den geschäftsführenden Ausschuß, den Vorstand usw.</li> + +<li class="smaller">§ 4. Mitglied kann jeder werden, der sich zu einem Jahresbeitrag von M + 4.80 = K 5.80 h ö. W. = Frs 6.40 (exkl. Porto) verpflichtet. Andere + Verpflichtungen und Rechte, als in dieser Satzung angegeben sind, + erwachsen den Mitgliedern nicht. Der Eintritt kann jederzeit erfolgen; + bereits Erschienenes wird nachgeliefert. Der Austritt ist gegebenenfalls + bis 1. Oktober des Jahres anzuzeigen, womit alle weiteren Ansprüche an + die Gesellschaft erlöschen.</li> + +<li class="smaller">§ 5. Siehe vorige Seite.</li> + +<li class="smaller">§ 6. Die Geschäftsstelle befindet sich bei der <span class="strong1">Franckh'schen + Verlagshandlung</span>, Stuttgart, Pfizerstraße 5. Alle Zuschriften, Sendungen + und Zahlungen (vgl. § 5) sind, soweit sie nicht durch eine Buchhandlung + Erledigung finden konnten, dahin zu richten.</li> + +</ul> + +</div> + + +<div class="boxad"> + +<p class="center"> <span class="x-large strong1">Kosmos</span> </p> + +<p class="center x-large">Handweiser für Naturfreunde</p> + +<p class="center">Erscheint jährlich zwölfmal — 2 bis 3 Bogen stark — +und enthält:</p> + +<ul> + +<li><span class="strong1">Originalaufsätze</span> von allgemeinem Interesse aus sämtlichen Gebieten der Naturwissenschaften. Reich illustriert.</li> +</ul> +<ul> +<li><span class="strong1">Regelmäßig orientierende Berichte</span> über Fortschritte und neue Forschungen auf allen Gebieten der Naturwissenschaft.</li> +</ul> +<ul> +<li><span class="strong1">Auskunftsstelle — Interessante kleine Mitteilungen.</span></li> +</ul> +<ul> +<li><span class="strong1">Mitteilungen über Naturbeobachtungen</span>, Vorschläge und Anfragen aus dem Leserkreise.</li> +</ul> +<ul> +<li><span class="strong1">Bibliographische Notizen</span> über bemerkenswerte neue Erscheinungen der deutschen naturwissenschaftlichen Literatur.</li> + +</ul> + +</div> + + + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Einheimische Fische, by Kurt Floericke + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINHEIMISCHE FISCHE *** + +***** This file should be named 39763-h.htm or 39763-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/7/6/39763/ + +Produced by Bernd Meyer and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from BioLib (www.biolib.de) and the edocs server of +University Frankfurt/Main Germany / Biology collection +(ViFaBio)) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation information page at www.gutenberg.org + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 +North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email +contact links and up to date contact information can be found at the +Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + + +</pre> + +</body> + +</html> diff --git a/39763-h/images/cover.jpg b/39763-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a8abb52 --- /dev/null +++ b/39763-h/images/cover.jpg diff --git a/39763-h/images/image01.jpg b/39763-h/images/image01.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..05b3b59 --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image01.jpg diff --git a/39763-h/images/image02.jpg b/39763-h/images/image02.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c9d309f --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image02.jpg diff --git a/39763-h/images/image03.jpg b/39763-h/images/image03.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fc4a3a8 --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image03.jpg diff --git a/39763-h/images/image04.jpg b/39763-h/images/image04.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a788ccd --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image04.jpg diff --git a/39763-h/images/image05.jpg b/39763-h/images/image05.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3e6b8c5 --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image05.jpg diff --git a/39763-h/images/image06.jpg b/39763-h/images/image06.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fe55b28 --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image06.jpg diff --git a/39763-h/images/image07.jpg b/39763-h/images/image07.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..dc59561 --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image07.jpg diff --git a/39763-h/images/image08.jpg b/39763-h/images/image08.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b665b46 --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image08.jpg diff --git a/39763-h/images/image09.jpg b/39763-h/images/image09.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6861c82 --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image09.jpg diff --git a/39763-h/images/image10.jpg b/39763-h/images/image10.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6d98081 --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image10.jpg diff --git a/39763-h/images/image11.jpg b/39763-h/images/image11.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4d71b2e --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image11.jpg diff --git a/39763-h/images/image12.jpg b/39763-h/images/image12.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..81bbfdf --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image12.jpg diff --git a/39763-h/images/image13.jpg b/39763-h/images/image13.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3bbe638 --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image13.jpg diff --git a/39763-h/images/image14.jpg b/39763-h/images/image14.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9ef34b7 --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image14.jpg diff --git a/39763-h/images/image15.jpg b/39763-h/images/image15.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..033d027 --- /dev/null +++ b/39763-h/images/image15.jpg diff --git a/39763-h/images/imagedeco.jpg b/39763-h/images/imagedeco.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e40a509 --- /dev/null +++ b/39763-h/images/imagedeco.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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