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- In Dingsda
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost
-no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
-under the terms of the Project Gutenberg License included with this
-eBook or online at http://www.gutenberg.org/license.
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-
-Title: In Dingsda
-
-Author: Johannes Schlaf
-
-Release Date: May 12, 2012 [EBook #39678]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN DINGSDA ***
-
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-
-Produced by Norbert H. Langkau, Jens Pönisch, and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net.
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-Transcriber's Note
-
-
-Table of Contents was added.
-
-French and Latin phrases are in italics (underscores in text version).
-
-Gesperrt phrases are marked with underscores in the text version.
-
-Spelling, hyphenation, punctuation, and accented word inconsistencies
-were silently corrected.
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- In Dingsda
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- von
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- Johannes Schlaf
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- Im Insel-Verlag zu Leipzig
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-Inhalt
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- Vorwort
- Abseits
- Rendezvous
- Die Rezension
- Einsamkeit
- Lektüre
- Feierabend
- Siesta
- Kirchgang
- Helle Nacht
- Dämmerstunde
- Zwischen Papieren
- Nach einem Begräbnis
- Im Wind
- Abschied
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-Vorwort
-
-
-Dies ist die dritte Auflage, die mein »Dingsda«-Büchlein erlebt. Sie mag
-bekunden, daß es im Laufe der Jahre seine Wirkung getan hat und daß es
-noch immer munter weiterlebt. Im stillen hat es gewirkt. Aber das
-entspricht seiner Art. Doch eindringlich. Schon oft wurde darauf
-aufmerksam gemacht, wie man an mehr als einer Stelle auch den Spuren
-seiner Einwirkung auf die Entwicklung unserer neuesten deutschen
-Novellistik seit zwanzig Jahren begegnen kann.
-
-Doch lieber als das ist mir der Umstand, daß es nach wie vor seine
-unmittelbar lebendige Wirkung auf den Leser übt. Daß es mit der Sonne,
-dem freundlichen Stilleben und Einleben in die schlichten Freuden, mit
-denen die Natur gütig unsere Herzen heilt, auch anderen wohltut; daß es
-im Laufe der Jahre immer neue Freunde gewonnen hat; abseits von all den
-anderen, lauteren, aber oft auch wohl vergänglicheren Erfolgen unseres
-literarischen Lebens ... Ich habe dieser neuen Auflage nichts hinzugetan
-und nichts genommen. Das Büchlein hatte damals eine ganz bestimmte
-Notwendigkeit seines Entstehens. Es ist ein aus sich selbst gewordenes
-Stück Leben und Seele. Das erfordert auch die Pietät seines »Schöpfers«.
-Da darf nichts verändert und beschnitten werden. Das ist in solchen
-Fällen nichts als Verschlimmbesserung ...
-
-Möge diese schöne Bücherei meine stille »Dingsda«-Welt von damals noch
-recht vielen Freunden ans Herz tragen!...
-
- _Weimar_, Sommer 1912.
-
- _Johannes Schlaf_.
-
-
-
-
-Abseits
-
-
-Zwischen vier und fünf Uhr bummelte ich, meine Zigarre zwischen die
-Zähne geklemmt, fröstelnd in der Morgenkühle die Linden entlang. Eine
-Droschke rumpelte vorbei über den Fahrdamm. Ein paar Nachtschwärmer
-drückten sich mit vorgebeugten Schultern und hochgeklapptem Rockkragen
-an mir vorüber, und die elektrischen Monde warfen mir ihr weißes
-Glühlicht ins Gesicht.
-
-Ich summte so vor mir hin. Eine schöne alte Melodie.
-
- »Die Sonn erwacht;
- Mit ihrer Pracht
- Erfüllt sie die Berge, das Tal!
- O Morgenluft!
- O Waldesduft!
- O güldener Sonnenstrahl!«
-
-Und so weiter. Mit Grazie _in infinitum_. Quer durch den Tiergarten.
-
-An der Potsdamer Brücke blieb ich stehen.
-
-Die Laternen schoben eine Reihe goldener, strahlender Balken in den
-Kanal hinunter. Sie bauten einen blinkenden Märchenpalast in das träge,
-schwarze Wasser hinein. Goldene Lichtspäne schaukelten weit über die
-Wasserfläche an den dunklen Kähnen hin, und es wehte ein scharfer,
-kühler Wind.
-
-Fern das dumpfe, rastlose Rauschen des Verkehrs. Immer in demselben
-gleichmäßigen Tonfall. Berlin kennt keinen Schlummer ...
-
-... Hm! Zum Beispiel! Die vielen Streiks jetzt! Und wenn nun hier das
-schöne, saubere Straßenpflaster aufgerissen würde und ...
-
- »O Morgenluft!
- O Waldesduft!«
-
-Und da überrieselte mich eine brennende Sehnsucht.
-
-Diese Melodie! Seit ein paar Stunden konnte ich sie nicht loswerden. Und
-auf einmal kam es mir voll, hell und klar zum Bewußtsein: sie war das
-erste, unbewußte Regen eines unwiderstehlichen Wunsches.
-
-Einmal fort von diesem verfluchten Schreibtisch, an den mich der
-verwünschte Trieb anschmiedet, dieses unheimlich komplizierte Leben hier
-überall um mich herum zu erfassen, festzuhalten und formend zu
-gestalten. Einmal fort aus diesem literarischen Getratsch, das einem die
-Ohren mit dummen Redensarten wundreibt. Einmal fort aus diesem
-verzweifelt wirren Getriebe, das einem Tag und Nacht keine Ruhe läßt,
-einen zum Schreibtisch zieht, vom Schreibtisch treibt; das so rätselhaft
-unsinnig ist, einen mit bunten Ahnungen betrunken macht und in quälende
-Zweifel reißt. Fort aus diesem endlosen, dummen Wechsel von Halten und
-Verlieren ...
-
- »O Morgenluft!
- O ...«
-
-Bon! Abgemacht! - Ich will mich ein paar Wochen lang »einer geregelten
-Lebensweise befleißigen«, Philister sein unter Philistern, eine
-ländliche Pfeife rauchen, will mich abends mit den Hühnern zu Bett legen
-und morgens mit der Sonne aufstehen, über die grünen Hügel laufen, durch
-die taunassen Felder; will im Grase liegen, in den blauen Himmel starren
-und die Sonne mir auf den Pelz scheinen lassen; will vegetieren wie die
-roten Feldnelken und nichts denken; nichts, nichts denken ...
-
-Ich werfe die Zigarre weg und schlage den Rockkragen in die Höhe, weil
-mich mit einem Male der Gedanke ängstigt, ich könnte mich erkälten. -
-Die Hände in den Überrock und nach Hause. Und morgen: fort, fort!...
-
- »O Morgenluft!
- O Waldesduft!
- O güldener Sonnenstrahl!« ...
-
- ----
-
-Nun ja! Alles ganz schön! Als mir aber der Bart einen Zoll lang aus dem
-Kinn geschossen war, weil es dem Ortsbarbier beliebte, zwar nicht zu
-streiken - in diesem empörenden Neste wurde nur konservativ gewählt -,
-aber am _Delirium tremens_ zu leiden, und als ich an ein paar sternlosen
-Abenden nach einem Besuch bei dem Herrn Pastor, sonst einem
-liebenswürdigen alten Herrn, beinahe auf dem hochwohllöblichen
-Stadtpflaster ein paar Beinbrüche davongetragen hätte, da war mir die
-Sache über, gründlichst über ...
-
-Der Mensch muß ja nun heutzutage einmal Abwechslung haben ...
-
-Also weiter, weiter ...
-
-Zunächst aber beschloß ich, eine Sekundärbahn zu benutzen und meinem
-Heimatsorte, der in der Nähe lag, einen Besuch abzustatten.
-
-Das war eine halbwegs sentimentale Anwandlung. Aber, lieber Gott! so ein
-Stückener fünfzehn Jahre mochte es her sein, daß ich das Nest nicht
-gesehen hatte. -
-
-Am Vormittag kam ich an. Der Zug - halb Güter-, halb Personenzug -
-entlud sich seiner sechs Passagiere; der Bahnhofsinspektor kroch aus
-seinem Bureau hervor, preßte sich die rote Mütze auf den Kopf und trug
-langsam seinen dicken Bauch am Zuge entlang. Ein paar italienische
-Hühner, die vor dem kleinen, neuen Backsteingebäude umherpickten, stoben
-gackernd auseinander. Die beiden Schaffner traten zusammen und staunten
-meinen Hut und Überrock an, der ihnen vielleicht außergewöhnlich
-neumodisch vorkam. -
-
-Kaum hab ich ein paar Schritte getan, da regt sich mein
-Lokalpatriotismus. Nun haben wir hier auch eine Bahn!...
-
-Aber ein Wetter? Köstlich!
-
-Da liegt das Nest. Die roten Dächer im Gartengrün den Berghang hinauf
-übereinander aufgestapelt, übereinander hinweglugend. Vögel drüber in
-der blauen, goldigen Luft. Die drei Kirchtürme, die hohen grauen
-Schloßtürme vom höchsten Gipfel herab und die kerzengeraden Rauchsäulen
-in der blendenden Sonne.
-
-Alles genau so wie früher. Nur nach dem Bahnhof zu ein paar Bauplätze
-und ein paar neue Häuser. Nur da, ganz neu: ein paar längliche rote
-Backsteingebäude und ein weißblendender »Palast«. Ein Großhändler. Ein
-wirklicher, richtiger Großhändler. Ich lese das Firmenschild:
-H. Windesheim & Co. Glückauf! -
-
-Und nun trat ich durch das Tor, durch das »damals« noch der gelbe
-Postkutschkasten abends zwischen den blühenden Fliederbüschen auf der
-staubgrauen Chaussee gemütlich hereinhumpelte. Wie schön der
-Postkutscher immer geblasen hatte, wenn wir so neben der alten Karre
-hersprangen!...
-
-Da sind die Gartenmauern mit dem übernickenden Grün, und da ist der
-»Goldene Bär« und der »Schwarze Adler«. Herrgott! Fünfzehn Jahre?
-Wirklich fünfzehn Jahre?
-
-Ich ... Hm! Kann man sich hier nicht irgendwo ein paar Zigarren
-kaufen?...
-
-So! Freilich: ländlich, schändlich! Aber ... Ja! Warum man nur
-heutzutage so über den Tabak räsoniert?...
-
-So! - Der schöne blaue Rauch! Und nun um Gottes willen nicht sentimental
-werden! Denn »das hat gar keinen Zweck«! -
-
-Ich stolpere, mit schweifenden Blicken, rauchend über das bucklige
-Pflaster mitten über den Fahrweg. Immer weiter und weiter.
-
-Wenn mir jetzt ein alter Freund, ein Jugendbekannter, ein ehemaliger
-Schulkamerad, nun biederer Schuster, Zimmermeister oder Schlosser,
-begegnete und mich fragte, was ich für ein »Metier ergriffen« hätte? Das
-Herz klopft mir ein wenig.
-
-Hm! Peinlicher Gedanke! Wie sollte ich mich ihm, unbeschadet meiner
-Reputation, verständlich machen?
-
-Nein, ich will ganz allein so ein Stündchen, sozusagen inkognito, hier
-umherbummeln, ganz mutterseelenallein, mir still alles ansehen und mich
-dann wieder fortschleichen, hinaus zum Bahnhof.
-
-Ich lese die Firmenschilder. Ja, nun merke ich doch: die Generationen
-haben sich ein wenig verschoben. Es kann aber auch sein, daß ich viele
-Namen vergessen habe.
-
-Ein paar Leute gehen an mir vorüber. Ob Bekannte darunter sind? Niemand
-redet mich an, nur fremde Gesichter.
-
-Wie lächerlich klein die Häuser geworden sind! Richtig eingeschrumpft
-sind sie.
-
-Ach, die kleinen Straßen! Hinauf und hinunter! Die Schwalben schießen
-zwitschernd an den grauen, gelben, weißen und blauen Häuserchen hin. Ein
-paar gelbflaumige Gänseküchelchen piepen auf dem Pflaster umher. Dort
-drüben sehen die weiten grünen Felder und Gärten in die Stadt herein;
-über die Dächer hinweg die blaue, sonnendunstige Ferne.
-
-Ach, und so still! Wie still hier die Welt geblieben ist! Nur fernher
-rattert langsam, schläfrig ein Lastwagen. Unten schwatzen ein paar
-Nachbarn über die Gasse hinüber. Ich höre ganz deutlich, was sie
-sprechen; Wort für Wort.
-
-Weiter. -
-
-Hier haben wir Ball gespielt. Hier hab ich einmal einen Silbergroschen
-gefunden und ihn sträflich in Johannisbrot und Kirschen vergeudet. Hier
-haben wir gewohnt, und hier; und hier wurde ich geboren ... Ach, ach,
-ach - In dem kleinen Häuschen da noch der alte Buchbinderladen mit der
-schön waschblau gestrichenen Tür. Hier habe ich mir Neuruppiner
-Bilderbogen und Bleistifte gekauft. Ich trete ein. Eine alte Frau. Ich
-kenne sie sofort wieder. Ordentlich Herzklopfen bekomm ich. Ich mache
-einen kleinen Einkauf. Sie kennt mich nicht mehr. Natürlich ... Nein,
-anreden will ich sie nicht. Still weiter! -
-
-Und nun den alten Marktplatz hinauf. Da, der mittelalterliche
-Rathausturm mit der blauen Sonnenuhr. Dort oben wohnt noch der Türmer,
-der die entsetzliche Brandglocke läutete, wenn Feuer ausgebrochen war.
-Der Türmer, der abends immer so schöne Choräle über die stillen roten
-Dächer beruhigend in den schönen Feierabend hineinblies. Die Falken
-schrillten dazwischen, und die Schwalben schossen in langen, weiten
-Bogen um das spitze Schieferdach des Turmes, auf dem die Abendsonne lag.
-
-Hier auf dem Markt versammelten sich in ihren grünen Röcken und steifen
-Tschakos mit den schwarzen Hahnfederbüschen - nur die Musik hatte rote -
-die Stadtschützen, wenn draußen vor der Stadt im Schützengarten hinter
-dem alten Schloß Mannschießen war. Das dauerte immer acht Tage. Jeden
-Tag zogen sie hinaus, und es war ein schönes, aufregendes Fest.
-
-Wie spät? Was! In einem kleinen Stündchen hab ich das ganze Nest
-durchstreift und stehe vor dem anderen Tor. Da ist die alte
-Grabenbrücke. Durch Brennesseln und Scherben krochen wir Jungens
-hindurch in ein enges altes Gewölbe, das wir unter einem Garten
-aufgestöbert hatten. Hinten konnten sich gerade noch ein paar
-Sonnenstrahlen durch eine vergitterte Luke zwängen, die ein bläuliches
-Dämmerlicht gaben. Wir machten hier Rauchversuche mit Pfennigzigarren,
-lasen grellbunt illustrierte Räuber- und Indianergeschichten und
-unternahmen, von ihnen begeistert, allerlei Raubzüge in die Gärten und
-Schotenfelder der Umgegend. -
-
-Und jetzt steh ich draußen auf den grünen Bergen. Die Wolfsmilch blüht
-wie früher zwischen den Kalksteinen, und die frische Luft weht immer
-noch über die Gräserchen und Hungerblümchen, die sich zwischen dem
-Geröll hervorzwängen. Immer noch taumeln die weißen und gelben
-Schmetterlinge drüberhin, und unten im Tale fließt der Bach zwischen
-Wiesen und Gärten und stürzt über die brausenden Mühlwehre.
-
-Und dort auf der Anhöhe das Schloß. Der Marterturm, der alte, riesige
-graue Wachtturm, die hohe Schloßkirche. Die dicken, ungeheuren,
-unverwüstlichen Wallmauern, zwischen denen Ebereschen und Vogelbeeren
-hervorbrechen. Weit, weit dehnen sie sich in die Runde. Tief der alte
-Wallgraben mit Gras und Gebüsch, hier und da voll Geröll und
-Mauerstücken. Die tiefen schwarzen Schießscharten. Die Brücke und das
-Tor mit den Wappen und Kruzifixen und den steinernen, knienden Rittern
-davor.
-
-Da oben zwischen dem alten Mauerwerk kletterten und spielten wir umher.
-Hab ich keinen Bekannten, keinen Freund mehr hier? Nein, nicht einen
-einzigen. Nur Erinnerungen und ein paar Gräber. -
-
-Und wieder streif ich durch das Nest, bis ich zu einem Gäßchen komme.
-Zwischen alten Scheunen und halbzerfallenen, gelbbraunen Lehmhütten mit
-verwitterten Strohdächern schlendere ich hinauf, auf die
-Friedhofskapelle zu. Oben im Dachstuhl, frei in der Frühlingsluft, die
-alte grünspanige Friedhofsglocke, umspielt von Sonnenschein und
-Schmetterlingen im Gebälk. Und unten davor die uralte mächtige Linde,
-die mit ihrem zerklüfteten Wipfel das Ziegeldach überragt. -
-
-Jetzt bin ich oben. Rechts und links zweigt sich die Scheunengasse
-weiter, und rechts und links von der Kapelle aus auf der anderen Seite,
-lang, weit die hohe Friedhofsmauer.
-
-Ich stehe vor der Kapelle. Unter den vier Bogenfenstern an den beiden
-Seiten des breiten Tores - »Eingang zur Ruhe« haben sie darüber gemalt -
-stehen in altfränkischer Schrift Sprüche eingegraben. Ich suche sie zu
-entziffern.
-
- »Hier seynd viel dausend neingeschiegt
- und warden auf das Jüngste Gericht«
-
-heißt der eine. -
-
-Es ist so still und so einsam, so totenstill hier. Nur die Linde raunt
-ununterbrochen, und die Bienen summen leise dazwischen umher. Die
-sonnige Luft, so warm und schläfrig. Mücken und große stahlblaue
-Schmeißfliegen darin hin und her. Ein schimmlig modriger Geruch von dem
-Müll und Schutt an den Scheunen hin.
-
-Ich starre auf die dunklen Fenster, und mir ist, wie damals immer, als
-müßte auf einmal von drinnen heraus aus der grabesstillen, feuchtkühlen
-Finsternis ein weißer Totenschädel durch die blinden,
-spinnwebüberzogenen Scheiben grinsen. Ich schreite auf das massive
-Eisengittertor zu. Wie oft, mit einer, war ich da hindurchgeschritten. -
-Es ist recht rostig geworden. Wie ich auf die Klinke drücke, kreischt
-ein Ton schrill und scharf in die sonnenheiße Mittagstille. Es ist
-zugeschlossen. Hier ist kein Eingang mehr. Ich gehe ein Stück die Mauer
-hin und finde ein neues, sauberes Tor neben einem neuen Leichenhause.
-
-Ich schreite hindurch, und da merk ich erst, daß ich noch immer diese
-dumme Zigarre im Munde habe. Schnell laß ich sie hinter meinem Rücken zu
-Boden gleiten. Ein unerklärliches Gefühl von Scham, Angst und Sehnsucht
-überkommt mich, und zitternd, mit klopfendem Herzen tret ich ein. Mir
-ist, als sollt ich in den nächsten Augenblicken von jemand, von einer
-verhört werden, als sollt ich Rechenschaft ablegen über all die Jahre. -
-
-Kein Mensch da. Ich bin ganz allein auf dem weiten, stillen, sonnigen
-Friedhof.
-
-An dem halbversunkenen, regenverwaschenen Kapellentor schleich ich
-vorbei, unwillkürlich einen Augenblick auf den Zehen. Es ist hier
-schattig von Bäumen, und das alte Gemäuer haucht einen kühlen Moderduft
-aus.
-
-Ich sehe rechts hinüber. Der alte Ahorn. Da ist das Erbbegräbnis. -
-
-Nein! Ich kann noch nicht gleich so hingehen. Es würgt mir in der Kehle,
-und es ist, als ob mir die Augen feucht würden. Ein so dummes,
-sonderbares Gefühl. Die ganzen Jahre her: nein, wohl kaum ein einziges
-Mal ist mir so zumute gewesen. -
-
-Ich gehe vorbei und schreite zwischen den Gräbern entlang die
-gelbsandigen, buchsbaumumfaßten Wege hin. Die Sonne blinkert auf der
-Goldschrift eines Marmorsteins. Überall Grabmäler. Hohe, niedrige,
-breite, schmale. Uralte, sargähnliche; grünübermoost. Eine Säule mit
-einem goldumfransten, steinernen Mantel drüber. Zwei verschlungene
-Hände. Zwei umgekehrte Fackeln, gekreuzt. Eine vergoldete Schlange, die
-sich in den Schwanz beißt. »Das Symbol der Ewigkeit«, hatte sie mich
-damals belehrt, als sie mich fast täglich mit hierher nahm und ich über
-die grünen Gräber weg nach den bunten Schmetterlingen haschte, den
-Admirals, den Trauermänteln, Totenköpfen und den gelben Buttervögeln ...
-Dort eine wetterverwaschene Grabschrift. Naive Verse, die mit dem
-»Wiedersehen da drüben« trösten. Die alten, dunkelgrünen Lebensbäume und
-die hellgrünen Trauerweiden. Birken und Tannen. Goldlack und fliegendes
-Herz. Rosen und Nelken und Jelängerjelieber. Dazwischen verblichener,
-silbergrauer Flor um einen welken Kranz. Blumen und Grün, überall Blumen
-und Grün in der bienensummenden, duftschweren Mittagschwüle. -
-
-Hier standen die alte Mauer und die Pflaumenbäume. Wie oft hatte ich in
-den Ästen gehockt, während sie da drüben auf der grüngestrichenen,
-sauberen Lattenbank unter dem Ahorn vor einem Grabe saß ...
-
-Und hier, an dieser Stelle, muß es gewesen sein, wo einmal eine kleine
-Schar Leute im Kreise um etwas herumstand. Es war ein Mann, lang und
-starr über ein Grab hin. In der Hand hatte er eine Pistole, und da, wo
-der Kopf sein mußte, hatten sie ihm eine blaue, verwaschene Schürze
-übergedeckt ... Es fällt mir wieder ein. - Hier die Mauer, an der er
-dann eingescharrt wurde. Drüberhin kann man weit über die Felder und
-Hügel hinsehen. - Alles streicht an mir vorbei wie im Traume; und
-endlich steh ich unter dem Ahorn und sinke auf einer alten,
-regenverwaschenen Bank nieder. Sie ist wacklig und hier und da
-ausgebessert.
-
-Vor mir drei efeuüberwucherte Gräber und ein schlichter Sandstein in
-Form einer aufgeklappten Bibel. Auf dem einen Blatte ein Bibelspruch,
-auf dem anderen ein Name und ein paar Daten. Und da drunter liegen ein
-paar morsche, braungraue, schmutzige Knochen und ein goldenes
-Ringelchen ... Weiter nichts! -
-
-Du?... Das bist du?...
-
-Und doch - Was, »und doch«? - Ja, und doch ist etwas so lebendig in mir:
-all diese Erinnerungen.
-
-Wie wunderlich das ist!
-
-Alle die Erinnerungen von dem, damals, da unten zwischen den grünen
-Bäumen und roten Dächern; und von dem hier oben, wenn ich hier neben ihr
-saß in meinem blauen Kittelchen und an ihrem guten Gesicht hing. -
-
-Eine kommt nach der anderen, und ... allmählich werd ich so wunderbar
-müde von dem einschläfernden Bienengesumme ringsum und der warmen Sonne
-und dem Blumenduft und dem leisen, wispernden Rauschen über den ganzen
-Friedhof hin, so wunderbar müde ...
-
-Als ich nachher wieder draußen vor der Kapelle stand, fühlt ich mich
-sehr frisch und heiter. Ich summte sogar vor mich hin. So entschlossen
-war ich, beinahe übermütig. - Zwei Männer kamen mir entgegen, die
-Friedhofgasse herauf. Sie bogen um die Ecke und gingen an den Scheunen
-hinunter. Der eine kam mir so bekannt vor.
-
-Donnerwetter! War das nicht der »lange Hirsch«?!
-
-Jawohl! Aber er hatte recht gemischtes Haar bekommen. So die Couleur
-»Kümmel und Salz« ... Er schlenkerte immer noch so mit den Armen, wenn
-er sprach.
-
-Ich sah ihm nach und lachte.
-
-Der einzige Bekannte, den ich wiedergetroffen hatte.
-
-Er war ein Allerweltsmacher. Sozusagen der Spaßmacher der ganzen Stadt,
-mit bei allen dummen Streichen. Oft hatte er schönes Geld; aber dann
-vertrank er's bis auf den letzten Pfennig, denn er konnte kein Geld
-leiden.
-
-Einmal hatte ich ihn, hoch zu Pferde, in einer kakelbunten,
-phantastischen Uniform, einen dreieckigen Hut mit einem riesigen
-Federbüschel auf dem Kopfe, vor einer aufgeputzten Schar unter Trommel-
-und Pfeifengetön über den Markt zum Tore hinaus in die Berge reiten
-sehen. Es war irgend so ein Frühlingsspiel.
-
-Der lange Hirsch hatte mich damals immer sehr interessiert.
-
- ----
-
-Gegen Abend saß ich wieder auf der Bahn. Vor mir, in der Richtung, in
-welcher der Zug fuhr, lag bereits das Abendrot am Horizont hin über den
-Feldern.
-
-Ich saß ganz allein im Coupé. Ich lehnte mich zurück, drückte mich in
-die Ecke und kniff die Lippen und Augen zusammen, um die Empfindungen im
-Zaum zu halten, die in mir umherrumorten.
-
-Ich sah ein anderes Abendrot. Breit, qualmig von Kohlendunst, sich in
-den blaßblauen Himmel verlierend, und hohe blaugraue Häusermassen
-schieben und zacken sich breit hinein, und ich höre ein Rauschen und
-Brausen, rastlos lockend wie Meeresbrandung. Weiße elektrische Monde seh
-ich, breite Straßen mit der Pracht zahlloser Schauläden, wie aus Licht
-gewebt, rollende Wagen und alle die Menschen, diese sonderbaren,
-unruhigen, hastenden, hoffenden Menschen ...
-
-Noch eine Weile will ich mich hier draußen im Lande herumtreiben, wo die
-Welt so still und langsam geht.
-
-Wie lange aber wird es dauern und ich muß wieder hin. Ich muß, und sollt
-ich ersticken in diesem rastlosen, unbarmherzig vorwärtstreibenden
-Strudel. Ich muß. - Die Sehnsucht wird mich treiben. Die Sehnsucht?
-Wonach?...
-
-
-
-
-Rendezvous
-
-
-Ein wenig blasiert, ein wenig müde, kam ich hierher in dieses Nest.
-
-Ein ganz gewöhnlicher Marktflecken, mehr Dorf als Stadt, einen Talkessel
-in die Höhe liegend, zwischen Gartengrün und Wald, bei einem See.
-
-Ein ganz simples Nest. Aber ich begegne hier keinem Menschen, denn für
-regelrechte Touristen ist es doch ein wenig zu langweilig. Gott sei
-Dank! Ich meinerseits habe hier Luft, Licht, Sonne. Das ist für mich die
-Hauptsache. Und dann macht sich der sterntropfende Nachthimmel hier über
-diesen winzigen Baracken und bemoosten Scheunendächern ebenso schön wie
-anderswo.
-
-Aber eins nötigt mir zuweilen ein resigniertes Lächeln ab. Ich genieße
-hier. Ja! Ich genieße alles. Bis zum Kleinsten. Einen Buchenwipfel, vom
-Sonnenlicht durchzittert; die lärmenden Spatzen auf der ungepflasterten
-Gasse; ein Huhn, das im Grase pickt; die Bienen, die in den
-Kirchenlinden summen; einen Schmetterling über die Blumen am Feldrain
-hin. Aber ich genieße das alles als Kontrast, als etwas Heiteres,
-Niedliches, Lichtes, Sonniges gegen einen gewaltigen, düsteren
-Hintergrund. Es ist noch so etwas wie Raffinement in meinem Genuß; er
-ist nicht unbefangen. Ich genieße wie einer, der einer Krankheit
-entronnen ist, wie ein Genesender. Nun immerhin: wie ein Genesender ...
-
-Ob das wohl jemals anders sein kann? Ich meine: ob man wohl noch einmal
-ganz, ohne Rest, im Leben, in einem großen Glück aufgehen kann?
-Besinnungslos? Fortgerissen? - Ganz Kraft, ganz Leben, ohne des
-»Gedankens Blässe«?
-
-Wenn ich mich recht zurückbesinnen kann, so war das wohl früher einmal.
-Es ist aber nun schon recht lange her. Ein einziges großes Fest war
-damals das Leben und ließ kein Reflektieren aufkommen; kein
-Reflektieren ...
-
-Ach was!
-
-Wie herrlich der Mond dort voll über den Bäumen steht!
-
-Zudem: heute hab ich ja ein Rendezvous. Ein nächtliches Rendezvous ...
-
- ----
-
-Wie spät? Gegen zehn. -
-
-Es ist so hell, daß ich's hier, beim offnen Fenster, erkennen kann.
-
-So! - Und nun schnell das Jackett über, den Hut. Zum Fenster hinaus.
-Leise durch den schönen, hellen Garten. Über den Zaun, mit einem Satz.
-
-Die Ungeduld! - Und sie wird mich doch noch ein Weilchen warten
-lassen. -
-
-Aber wenn ich hier langsam so an den Gärten hinbummle?
-
-Alles schon tot. Nirgends ein einziges rotes Licht zwischen den
-schwarzen Bäumen durch. Wie das Mondlicht drin flimmert! Wie sie sich in
-den weiten klaren Himmel zacken!
-
-Fern, fern vom anderen Ende der Stadt kläfft hell ein Hund in die
-mondglimmende Nachtluft hinein. Rein und klar jeder Ton. In einem fort.
-Aus dem Inneren, vom Markt her, schläfrig, behaglich das Kuhhorn des
-Nachtwächters. Von Zeit zu Zeit, immer wieder. Jetzt hier, jetzt da. -
-Das Kirchglöckchen: zehn zitternde, silberhelle, friedliche Töne.
-
-Die wunderfrische, schöne Nachtluft! - Ah! Man kann aufatmen, aufatmen,
-aufatmen! -
-
-Dort, weit am Horizont, verschimmern die graugrünen, wogenden
-Felderflächen in den Mondglast. Die Sterne tropfen drüberhin. Unzählig!
-Unzählig! - Schwarz kraust sich die Waldung drüben den Berg hinan mit
-breiten, langen, mattsilbernen Lichtflecken drüber und silbernem
-Gekräusel. Und der Bach rauscht den Hang herunter; rätselhaft, wie
-raunend. Verschwimmende, ungewisse Töne. Wie Stimmengewirr, bänglich. -
-Unruhig bleibt man stehen und lauscht, als könnte man Worte hören,
-irgendwelche Worte. Aber aus den dichten Gärten schluchzt eine
-Nachtigall; weithin, lang, süß. Beruhigend, traulich. - Lächelndes
-Sinnen überkommt einen.
-
-Husch, husch! - Eine Eule! Weich, samten über den mondlichten, staubigen
-Grasweg hin. Zwischen den Gärten kreischen Katzen. Von Zeit zu Zeit ein
-flinkes, zierliches, sich entfernendes Rascheln in den Zäunen hin, wie
-in Windungen. Blumen glimmen von den hellen Beeten her. Und hier stehen
-sie am Weg entlang; wild, in breiten bunten Flecken; regungslos ...
-
-Weiter! Immer hier an den Zäunen entlang.
-
-Hier der Kirchberg.
-
-Weiß, schneeweiß die Kalkwände. Und der Turm, mit den schmalen schwarzen
-Luken. Das Glockengebälk. Die Glocken und die Balken silbern beleuchtet
-nach dem Mond zu, auf der anderen Seite tiefschwarz. In dem einen
-Fenster fängt sich das Mondlicht. Es sieht aus, als wären drin, in dem
-kahlen stillen Kirchenraum, Lichter angezündet zu irgendeinem
-mystischen, gespenstigen Gottesdienst.
-
-Ein steiler Hang mit Kalkgeröll. Drüber, einsäumend, Gras, und schwarze
-Lebensbäume und mondbeschienene Kreuze und weiße Leichensteine
-dazwischen. Alles so still, so still ...
-
-Ob jetzt wohl unten vor über den abschüssigen Weg hin das gespenstige
-Gespann kommt? Es ist ganz feurig. Der Wagen, der Lenker drauf, die
-wilden Rosse: alles von rotem, glühendem Feuer. So lodert, flammt es
-über den Weg hin und unten in den umbuschten, laichgrünen Entenpfuhl
-hinein. Da findet es seine Ruhe.
-
-Nein! Es ist ja noch nicht zwölf.
-
-Und dann ist das auch nur in ganz schwarzen Nächten, in denen man die
-Hand nicht vor den Augen sieht, und da auch nur für Sonntagskinder.
-
-Aber wie sonderbar! Es war mir doch wirklich zwei Sekunden so, als
-könnte das möglich sein. Ich habe, ein wenig zitternd, sogar darauf
-gewartet.
-
-Man verlernt in einem so kleinen, dummen Neste doch all seine kluge,
-gute, verständige Großstadtweisheit. Man fühlt und glaubt das
-Ungereimteste wie ein Kind.
-
-Ach, was ist der Verstand! - Der Verstand? Ach was! Der Verstand ist ein
-spargellang aufgeschossener, engbrüstiger, bläßlicher Lümmel, einen
-Kneifer auf spitzer Nase, vor kalten grauen Augen, mit schmalen mokanten
-Lippen und dünnem, glattgescheiteltem Haar von einem charakterlosen
-Blond. Das ist der Verstand. - Ein Lokalprodukt von elektrischem Licht,
-guten Fahrverbindungen, breiten, klaren, sauberen Straßen, modisch
-geputzten Menschen, Fabrikschornsteinen, Palästen und Telephonen ...
-
-Da geht alles so leicht und gut und bequem zu. Das Leben wird klar,
-plan, systematisch wie ein Rechenexempel, und selbst Geschwindigkeit ist
-keine Hexerei. Bis einem gelegentlich ein mondbeschienener Kirchberg
-einen Strich durch die saubere, zierliche Rechnung macht und das Leben
-einen wieder einmal in einer stillen, nachdenklichen Stunde als Problem
-mit seinen geheimnistiefen, rätselhaft unergründlichen Nachtaugen
-ansieht ...
-
- ----
-
-Weiter. Hier am Bache entlang, zwischen Gras, Huflattich und Ranunkeln
-hin. Hier ist es dunkel und schaurig. Ein feuchter, kühler Wasserdunst.
-
-Von den Gärten hüben und drüben, dicht über die schiefen Lattenzäune
-weg, drängen sich buschige, schwarze Zweige über das Wasser hin. Sie
-berühren sich. Und das Mondlicht sickert und tropft hindurch und legt
-bebende Reflexe über das still plätschernde Wasser und die breiten
-Blätter auf den dicken, hohlen Stielen am Ufer hin.
-
-Hier und da eine Lücke in den Zäunen. Ich sehe auf silbergrüne Wiesen.
-Schweifende, wallende, wogende Nebel drüber und Silbergeriesel.
-
-Langsam, träge treibt da etwas mitten in der Strömung, zwischen weißen
-und gelben wankenden Wasserrosen hin. Etwas Längliches, Schwarzes,
-Rundes. Im Mondlicht Löcher drin, weiße Rippen: ein Kadaver. Ein toter
-Hund oder so etwas. - Da treibt es vorbei, weiter; entfernt sich mit den
-flinkernden, plätschernden Wellen hinein in den silbrigen Mondglast da
-hinten zwischen dem übergeneigten, sich mischenden Baumgrün.
-
- ----
-
-Angelangt!
-
-Die Lattentür ist angelehnt, halb offen; wie verabredet.
-
-Zwischen den Heckenbüschen durch seh ich in den Garten.
-
-Mit klopfendem Herzen.
-
-Nein, noch nichts.
-
-Ob sie sich versteckt hat, mich neckt?
-
-Hinein! Suchend zwischen dem Flieder, Schneeball, Goldregen, den
-Stachelbeerbüschen und Obstbäumen hin.
-
-Lächelnd, immer auf der Hut, daß es nicht unversehens weiß hinter einem
-Busch, hinter einem Baum hervorhuscht, mich zu erschrecken.
-
-Nein! Noch nicht da. Nirgends.
-
-Natürlich!...
-
-Hier auf die Bank, unter den Birnbaum.
-
-Vom Kirchberg her ein feiner, verzitternder Klang.
-
-Ein Viertel auf elf.
-
-Das helle Licht über die Beete und Blumen, über die gelben Kieswege hin!
-Wie am Tage. Hinter dem Zaune der plätschernde Bach. Und die schöne,
-milde, linde Luft, und der weite, weite, lichttropfende Himmel ...
-
-Und ...
-
-Sst! War das ...
-
-Nein, die Katze! Dort an den Büschen hin.
-
-Oben lugt das Haus über das Hofstaket empor, mit hellem Dach und weißen
-Gardinen zwischen dem Weinlaub vor. Kein Licht. Alles dunkel.
-
-Nein, noch nichts ...
-
-Ich lehne mich gegen den Baumstamm und seh in den Himmel hinein, weit
-oben über den Bäumen und träumenden Dächern, immer nur in den Himmel
-hinein. Es ist, als ob all das unendliche Licht herniedersinkt, immer
-tiefer, immer näher, wie ein goldiger Regen.
-
-Und in sehnendem Traume seh ich hinein in den goldigen schönen Trug;
-lange, lange ... Wunderbar beruhigt und doch sehnend, nun meine Gedanken
-schweifen: Wer weiß, wohin?...
-
-Da - alles fort! Ein jäher, minutenlanger Schreck. Aber es ist mir weich
-und warm über die Augen weg und ein linder, warmer Atem an den Schläfen
-hin und von hinten ein leises, silbernes Kichern ...
-
-»Du?!« - - -
-
-
-
-
-Die Rezension
-
-
-Eins verursacht mir zuweilen eine stille Freude: daß ich hier so gar
-nicht wählerisch bin.
-
-Es ist unglaublich, was für ein höllisches Beizkraut von Tabak ich
-nebenan beim Krämer bekomme. Es würde mich in der Stadt zur Verzweiflung
-gebracht haben. Und wie schön schmeckt mir hier im Garten bei einem Buch
-oder draußen zwischen den Feldern meine Pfeife _Paetum optimum supter
-solem_ ...
-
-Auf der Enveloppe ein Hahn auf einer Tabaksrolle, mit lang
-ausgespreizten, spießartigen Sonnenstrahlen herum, oder ein Reiter auf
-einem Pferd mit wahren Elefantenbeinen. Ein haarsträubend primitiver
-Holzschnitt ... Ich weiß nicht, ob ihr die Sorte kennt. Kaum.
-
-Das macht, ich lebe hier in so ganz anderen Dingen. Ich bin so
-gleichmäßig, so ruhig, so heiter-durchsättigt von all dem schönen,
-sonnigen, sommerlichen Leben hier.
-
-Jetzt seh ich erst, wie ich in der letzten Zeit meine Kraft, meine
-Gedanken und mein Empfinden in allerlei nebensächlichen Kleinigkeiten
-verkrümelt hatte. In den heikelsten Raffinements hatt ich mich verloren.
-Ach Gott, wer weiß, was alles! Immer von einem zum anderen. Alle
-möglichen Japanereien.
-
-Aber jetzt? Wie ausgetauscht bin ich!
-
- ----
-
-Ich stehe z. B. jeden Morgen um fünf Uhr auf. Sobald die Sonne über das
-Dach geklettert ist und zwischen der Lücke im Fenstervorhang hindurch
-kann und mir mit ihren goldenen Fingern übers Gesicht streichelt, muß
-ich heraus. Unten im Garten trink ich dann meinen Kaffee, unter einem
-weitüberhängenden Apfelbaum, zwischen Kohlbeeten, Stachelbeerbüschen,
-Stiefmütterchen, vis-a-vis einer rotaufgeblühten Nelke, die durch den
-ganzen Garten leuchtet, recht prätentiös über all die Rosen, die roten
-und gelben und weißen am Staket hin. Oben im Hofe piepsen die flaumigen
-Hühnerküchelchen um die Glucke herum, und der große weiße Hahn, Herr
-Meier, mit dem feuerroten, in der Sonne transparenten Kamm trompetet in
-den frischen Morgen hinein auf dem schönen, goldgelben und sammetbraunen
-Düngerhaufen. -
-
-Dann streif ich durch die Felder.
-
-Zuerst an einer Bergkante hin, unter mächtigen schattenden Buchen,
-Linden und Kastanien. Bläuliche Schattenflecke und goldiggelbe
-Lichtkringel zucken über den braunen Weg. Nach unten, den grünen Hang
-hinunter bis zur Chaussee, Kirschbäume und Rotdorn. Zwischen den Bäumen
-hindurch seh ich über weite, tauglitzernde Wiesen weg am Bache hin.
-Jenseits winden sich Felder kreuz und quer und bunt durcheinander die
-Hügelhänge hinauf. Und hier und da, zwischendurch, blitzt lang der See
-auf. Links liegt das Nest in dem Talwinkel in das Grün eingekuschelt,
-und die blauen Rauchsäulen steigen steilgerade in die Morgenluft hinein.
-
-Dann bieg ich rechts in einen steinigen Hohlweg ein. Von beiden Seiten
-hängt dichter, staubiggrüner Teufelszwirn über. Oben, zwischendurch, ein
-langgestrecktes, tiefblaues Bandstück vom Morgenhimmel; und in den
-Gärten die Finken und Meisen und die Bachstelzchen, die Wippschwänzchen,
-trippeln vor mir über den Weg.
-
-Und dann, auf einmal, bin ich im freien Felde.
-
- ----
-
-Sonne! Sonne!
-
-Die ganze Welt ist trunken von Sonne.
-
-Weit die Hänge hinunter, hinauf und wieder hinunter; in die Länge und
-Breite und Tiefe. Weit! Weit!
-
-Und oben: mächtig, mächtig der lerchenschmetternde Himmel mit dem
-großen, gleißenden Sonnenauge.
-
-Sonne! Sonne!
-
-Die Morgenluft wühlt in werdenden und verebbenden und wieder neuen
-silbrigen Wellen über die weitgedehnten Felder hin. Und jeder Gedanke
-ertrinkt mir in diesem goldigen, weitleuchtenden Lichtmeer.
-
-Aber über die Arme und den Körper rieselt es mir, heiß, belebend wie
-elektrische Ströme, und meine Brust hebt sich, und freier rühren sich
-die Füße. Und hinein in den sonnigen, frischen, gesunden Morgen; in die
-Luft, in die Sonne! Weiter, immer, immer weiter!
-
-Und meine Augen weiten sich, und meine Nüstern dehnen sich und schnaufen
-die Luft ein, und mir ist, als wollt ich mit jeder Fiber das alles in
-mich aufnehmen, die ganze lichte, singende, weite, herrliche Welt!
-
-Und ich stammle wunderliche, wahnselige Worte vor mich hin, die ich
-nicht höre. Es ist nur, als flute etwas aus meiner Seele heraus, hinaus
-wie überströmendes Leben, überwallende Kraft.
-
-Und alles liegt unter mir, weit unten in der Sonne.
-
-Die hohen Talbäume so klein, mit krausem, zitterndem Laub, und die
-Pflüger, wie Schnecken langsam die sattbraunen Feldbänder hinkriechend,
-und die kleinen Dächer und der Fluß.
-
-Nur hoch, hoch da oben, ewig über mir, das jubelnde, golddurchblitzte
-Blau; weißleuchtendes Gefieder drin, dort und dort.
-
-Und ich möchte aufschreien vor unbändiger Lust und quälender Ungeduld,
-und ich recke die Arme und verliere mich in Kraft und Leben.
-
-Bis ich taumlig werde von alledem, bis es mir über die Kräfte geht und
-ich hinsinke in das krause Weggras, und mein trunkenes Auge sich sammelt
-und beruhigt an den stillen, roten, nickenden Wegnelken und dem gelben
-Steinklee und dem violetten Thymian, den bunten Schmetterlingen und den
-leise, leise summenden Hummeln.
-
-Wie betäubt lieg ich und starre vor mich hin in das kurze Gras und wage
-nicht, seitwärts zu blicken ...
-
- ----
-
-Hier ein Grashalm, scharf an beiden Rändern von unzähligen Kristallen.
-Vorn an der zierlichen Spitze ein rundes, funkelndes Tautröpfchen. Das
-Hälmchen schwankt leise in der wehenden Luft hier oben. Und der Tropfen
-leuchtet. Jetzt orangen, jetzt goldig, jetzt bläulich, grün, violett,
-silberhell.
-
-Halme, dünn, schlank, mit krißligen Dolden.
-
-Wenn ich den Kopf in das kleine, krause Rasengewirr lege und die Augen
-etwas zusammenkneife, wanken sie wie sturmbewegte, hohe Baumkronen gegen
-den blauen Himmel hin und her, hin und her. Wie ein Wald von
-wunderlichen Fabelbäumen.
-
-Und die Hummeln mit dem schwarzsamtenen Leib und der braunsamtenen
-Verbrämung, eifrig von einem Kelch zum anderen. Und dann in die Luft
-hinein, in den sonnigen Morgen, hinunter in das Tal, taumelnd im
-zackigen Flug, in der Luft schwebend wie riesige Ungeheuer.
-
-Vor mir eine Feldnelke. Wie ich sie betrachte, ragt sie hoch, hoch über
-eine einsame Feldscheune weit draußen am hügeligen Horizont und taucht
-mit ihrer glutroten Krone in den Himmel.
-
- ----
-
-Und ich atme auf, tief, einmal, wieder und wieder.
-
-Ich stammle vor mir hin, alte, vertraute Laute. Und die fügen sich zu
-rhythmischem Tonfall, wie die Luft weht und stoßweise mir in die Ohren
-knattert, gleich flatterndem Seidenband; wie die Grashalme sich biegen
-und beugen, hin und her, hin und her; wie die Lerchen trillern in
-bestimmtem Rhythmus, der wiederkehrt und wiederkehrt, leiser, lauter,
-ferner, näher; wie der unaufhörliche Feldgesang der Insekten; wie die
-weiten Felder den Hang hinab fluten und fluten; immer, unersättlich in
-demselben Rhythmus. Und erstaunt lausch ich mir selbst.
-
-Ich glaubte, ich könnte das nicht mehr.
-
-Und wie ich lausche, ist es dieselbe alte, ewige Melodie. Immer
-dieselbe, unersättlich dieselbe. Fragend, sehnend, wild, beruhigt,
-angstvoll und glückgesättigt.
-
-Die alte Weise. Das alte Lied.
-
-In Ewigkeit wohl wird es gesungen werden ...
-
-Und so lieg ich und liege, in der Sonne, im Grün. Über mir die blaue
-Unendlichkeit, und unter und vor mir die weite, grüne, jubelnde Welt.
-Und die Gedanken schweifen, bis mich ein Grauen faßt, ein wonniges und
-drückendes Grauen, daß ich mit ihnen so allein bin, so allein hier oben
-in der stillen, rätselhaft raunenden Einsamkeit ...
-
-Und hinunter wieder, taumelnd, träumend, mit wankendem Fuß in die
-talfriedliche Enge der Menschen ...
-
- ----
-
-Das erste Haus, eine kleine weißgetünchte Kate, an einen laubigen Hügel
-gelehnt, sich duckend zwischen aufgeschichtetem Birkenholz und Dünger,
-flachsköpfige Kinder in bunten Kittelchen vor dem schwarzen Türloch,
-knallrote Geranien und Fuchsien auf den grünen Fensterbrettern, macht
-mich wieder zum verständigen Menschen.
-
-Ich bin sogar imstande, über die Gasse weg dem dicken Krämer einen
-»guten Morgen« zuzurufen, wie er in der Ladentür steht und in die
-Morgenluft hineinschnüffelt.
-
-Nein, er dankt mir ganz normal! Es ist unmöglich, daß man mir so etwas
-wie den verrückten Engländer anmerkt. In so einem kleinen Klatschnest
-wäre das auch in mancher Hinsicht fatal.
-
-Für alle Fälle ist es auskömmlicher, man merkt mir gar nichts an, gar
-nichts, so wenig wie möglich, wes Geistes Kind ich bin. Ganz kann ich
-mich sowieso nicht verleugnen, und ich weiß, daß mich dieser infame
-Tütchendreher mit Wonne bei meinen Einkäufen übervorteilt. Wer weiß, was
-für Lapsus ich mir sonst noch in meiner göttlichen Unbewußtheit
-zuschulden kommen lasse. -
-
-Fidel pfeif ich mich die Gasse hinab und habe dabei so meinen Spaß, wie
-sich allerlei Gedankenwerk in meinem Schädel zusammenkreiselt. Sicher
-werd ich heute noch was zusammenleimen, was die ganze Morgenherrlichkeit
-wiederholt, kindlich, kindisch stammelnd, trotz aller Mühe und zerkautem
-Federhalterende.
-
-Ach ja! -
-
-Und dann wieder die Rezensenten im Winter. Wie sie mir alle meine
-Gebresten vorfingern werden. Da merkt man erst wieder mal, was für ein
-kapitaler Ignorant man ist ... Ja, ja, die Rezensenten! -
-
- ----
-
-Mit dieser, allerdings etwas flüchtigen Berücksichtigung einer gewiß
-nützlichen Menschensorte tret ich in mein Zimmer ein.
-
-Ein lichtgrau tapezierter quadratischer Raum voll Sonne und Luft. Ein
-weißes Bett, ein Waschtisch, ein geblümtes Sofa mit einem weißen
-Hundefell davor, ein braun gebeiztes Regal mit ein paar Büchern und
-umständlichem Rauchutensil, ein paar Stühle, ein paar kolorierte Stiche
-_à la_ Neuruppin, ein einziges, breites Fenster mit weißen Gardinen.
-Davor gerückt ein großer Tisch. Viel weißes Papier darauf im wirren
-Durcheinander und dazwischen ein Tintenfläschchen. Die Sonnenstrahlen
-huschen drüberhin und schillern in dem Wasserglas mit den vier »_gloire
-de Dijon_«. Und draußen ein wippender, schaukelnder, sattgrüner
-Laubtumult. Dahinter bläulich die Hügel.
-
- ----
-
-Nun?
-
-Hier: feierlich, würdig, reserviert, mit einer gewissen Andacht
-hergelegt, ein Kreuzband. Richtig! Eine Zeitung! Na?
-
- »Allen, die sich Menschheit, Leben und Poesie von Grund aus
- verekeln lassen wollen, sei dieses Buch bestens empfohlen. Es
- häuft Häßliches, Schmutziges und Niedriges bergehoch. Nichts als
- Schmutz, Elend und Verkommenheit, körperlich wie geistig. Ebenso
- wie jener schönfärbende, falsche Idealismus, welcher alles in
- erborgten Schimmer kleidet, ist ein Todfeind aller Poesie jene
- sogenannte Wahrheit, die alle Krankheiten, seien sie des Leibes
- oder der Seele, auf die Gestalten häuft und die Augen schließt,
- um nichts Lichtes zu sehen. Nur der Wechsel von Licht, Halblicht
- und Dunkel gibt den Schein der Körperlichkeit in Kunst und
- Leben« usw. usw.
-
-»Schmutziges«? »Niedriges«? »Idealismus«? »Wahrheit?« »Halbdunkel«?
-»Schatten«? »Poesie«?
-
-Ja, da haben wir ja wieder mal die Jacke gründlichst vollgekriegt!
-
-Und wie viel kluge Worte der Mann hat! Daß doch der liebe Gott für so
-viele schöne, saubere Redensarten gesorgt hat!
-
-O du heilige, böse Natur! Du meine glückliche, unglückselige Liebe!
-Warum läßt du mich die Worte und klugen Maßstäbe vergessen? Weshalb bist
-du mir im »Kleinen« wie im »Großen«, im »Geringen« wie im »Bedeutenden«
-immer dieselbe, immer die gleiche, immer und überall und vor allem das
-große, süße, schauerliche, erhabene und lockende Problem? Längst bist du
-ja in säuberliche Grade und Werte verrubriziert. Daß du doch immer und
-überall so wunderbar bist und es mich vergessen läßt!
-
-Dir ist es gleich: für mich ist es kein Spaß. Denn ich muß in der
-»talfriedlichen Enge der Menschen« wohnen. Ja, wenn man so vergeßliche
-Triebe hat!
-
-O du lachendes, freudiges Morgenlicht!...
-
-Und ich lache in die schöne Welt hinein und lache und lache ...
-
-Gut! Weg damit!
-
-Die niedliche Hand aber, die mir mit so unschuldiger Andacht diese
-prätentiöse, mürrisch-mißvergnügte Zeitungsmißgeburt auf meinen Tisch
-gelegt hat, wird heut abend warm in meiner liegen. Heut abend. -
-
-Und alles bleibt beim alten.
-
-Trotz alledem und alledem ...
-
-
-
-
-Einsamkeit
-
-
-Eine Stelle fand ich heut in meinem Notizheft, die ich mir neulich
-einmal aus irgendeinem Drama ausgezogen hatte.
-
-»Auf allgemeines Verlangen: es wäre ungeheuer angenehm,« sagte da einer,
-»wenn all dies Gewäsch von Freiheit und Ehre und Selbständigkeit und
-Sittlichkeit und Verantwortung und Berufensein und Wahrheit bald ein
-Ende hätte. Sehen Sie, wir werden ganz verrückt davon! - All die dicken
-Worte und feisten Redensarten!«
-
-O ja! - Nun, ich lache auch über »all die dicken Worte und feisten
-Redensarten«. Denn hier bin ich gut im Sichern.
-
-Das Kreisblättchen, das alle Wochen dreimal hierherkommt, ist
-ungefährlich. Und sonst ...
-
- »Weit! Weit
- Liegt die Welt hinab,
- Ein fernes Grab.
- O holde Einsamkeit!
- O süße Herzensfreudigkeit!«
-
-Einsamkeit! Einsamkeit!
-
-Ach, ich könnt es nur so herausjauchzen!
-
-Nun leb ich erst! Das war's, was ich brauchte, als ich hierherging!
-Nicht mich zerstreuen, nicht »erholen«: zu mir selbst kommen wollt ich.
-
-Jahre überblick ich. Das Neue des Tages, der Zeit stürzte auf mich ein,
-von allen Seiten.
-
-Es hat mich begeistert: es hat mich geängstigt und müd gemacht.
-
-Ich habe mich an ihm bereichert: das war meine Begeisterung, mein
-gieriges Aufnehmen, all die Wonne dieser Jahre.
-
-Ich hab es von mir abgeschieden: Ach! all die schlimmen Stunden, wo es
-mich fast verrückt machte, wo ich in Ermattung und Stumpfheit, in
-Verwirrungen und fiebernden Erregungen mich verlor!
-
-Und nun! Nun find ich mich wieder. Nun werd ich mir bewußt, was das
-alles zu bedeuten hatte.
-
-Man kann sich nicht verlieren. Man kommt immer zu sich selbst zurück.
-Und ich? Bereichert. O ja! Bereichert!...
-
- »O holde Einsamkeit!
- O süße Herzensfreudigkeit!«
-
-Aber nicht die »blaue Blume« will ich hier suchen gehen, alter Tieck!
-hier in walddämmernder Einsamkeit: mich selbst will ich fühlen und
-entfalten. Ich brauche keinen romantischen Hexenspuk und keine »blaue
-Blume«, die mir die Herrlichkeiten der Welt auftut! Ich bin ein Kind
-meiner Zeit! - Frei will ich sein, was ich geworden bin, hier - und
-dort, wo ich es geworden bin, wo dieselben Kräfte spielen wie hier.
-Nicht das »Hier« ist besser als das »Dort«, und nicht das »Dort« als das
-»Hier«. Überall ist die Welt wunderbar. Überall die gleiche, eine ...
-Ich brauche keine »blaue Blume«. Die blaue Blume ist mein fühlendes,
-lebendiges Herz.
-
-In Luft und Licht will ich mich baden, das tausendfältige Leben der
-Natur hier in der Einsamkeit fühlend mitleben, wie ich es - »dort« nun
-mitleben werde. Nicht nach Wundern will ich suchen, die mich erlösen
-sollen von dem, was täglich mich umgibt, sondern fühlen, bis in mein
-tiefstes Herz hinein erschauernd fühlen, wie das und alles ein Wunder,
-ein unaussprechliches Wunder ist!...
-
-Nicht mit Metaphern und Hyperbeln will ich die schöne Wunderwelt
-verrenken und mir darauf etwas zugute tun und anderen zumuten, daß sie
-sich dabei etwas zugute tun sollen: die Welt ist nicht zu verschönen!
-Sie ist schön, so wie sie ist. Und wenn ich »Licht« sage oder »Mücke«,
-»Blume« oder »Baum«, »Werden« oder »Vergehen«, so bebt mein Herz von
-unerhörten Wundern ...
-
-Das ist meine ganze Weisheit, in schlimmen Tagen erkämpft, in der
-Einsamkeit erkannt ...
-
-
-
-
-Lektüre
-
-
-Die wunderbaren Stunden, wenn ich nachmittags mit meinem Buche
-hinaufschlendre in die Waldeskühle! Denn einige Lektüre hab ich mir doch
-mit hierhergebracht. Wenigstens so _pro forma_. Man ist doch nun einmal
-ein zivilisierter Mensch.
-
-Aber gleich gesagt: Dostojewski, Zola, Ibsen, Tolstoi usw. hab ich zu
-Hause gelassen. Ein paar Bände Goethe, das »Wunderhorn«, den
-»Simplicissimus«, den »Jobst Sackmann« und noch einiges Deutsche der Art
-hatte ich mir diesmal in meinen Reisekoffer gesteckt. Alte Liebe rostet
-nicht ...
-
-Ich weiß nicht: aber es geht mir immer wieder das Herz auf über alledem,
-wenn ich mich in den Sackgassen der Fremde so recht abgemüht und
-herumgeschunden habe. Und wenn ich so in den alten Büchern lese, in
-dieser Umgebung und jetzt, wird mir gleich wohler.
-
-Muttersprache! - Alt, veraltet: ja! Meinetwegen!
-
-Aber doch: der Geist ist derselbe; er trägt auch mich. Auch heute noch!
-- Und es ist mir, als wolle das alles weiterwachsen, neue Triebe
-treiben, neu sich offenbaren.
-
-Es bleibt am Ende doch so: man fühlt nur seine Gefühle, spricht nur
-seine Sprache. Das ist Pflicht. Das ist Notwendigkeit.
-
- ----
-
-Die wunderbaren Stunden!
-
-Die Gassen liegen still und öde. Die Leute sind draußen auf den Feldern
-oder drin in ihren Werkstätten. Ein paar Fliegen, ein paar Schwalben,
-die Luft in feinen Wellenlinien an den Häuserchen und über dem stillen
-Laub der kleinen Vorgärten hinflirrend in dem heißen, hellen
-Nachmittagslicht: das ist alles. Drüber der Himmel mit schneeweißen, in
-einem feinen Silberduft verschwimmenden Flockenwölkchen. Ab und zu, von
-dem Hügelland oben schräg vor dem Ausgang der Gasse her, ein kühlendes
-Lüftchen.
-
-Noch ein halbes Stündchen Weg über die grünwelligen Hügelhöhen hin, und
-ich stehe zwischen dem Vorgestrüpp an den alten, stillen Eichen hin ...
-
-Hoch oben in den mächtigen Wipfeln spielt die Sonne. An den dicken,
-grauborkigen Stämmen liegt es in goldigen, saftiggrünen, lila und
-violetten Lichtern.
-
-Tief aus dem blaudämmernden Grunde, fern, weithin verhallend in der
-nachmittagsstillen Einsamkeit, der gelle Schrei eines Vogels.
-
-Morsches Geäst und Reisig knickt unter meinen Schritten in das weiche
-Waldmoos hinein, und die Dornen der wilden Rosen zupfen an meinen
-Kleidern.
-
-Ein Getier, das durch Farne, Moos und hohes, wogendes Waldgras
-hinraschelt. Wuchtende, leise sausende Schwingen über mir hin. Eine
-Krähe, ein mächtiges schwarzes Tier, die schräg über das Gestrüpp zu dem
-Vorlande hinstrebt.
-
-Und nun verlier ich mich zwischen den alten Stämmen, hinein in das
-kühle, bläuliche Dämmern ...
-
-O hier! Hier!...
-
-O Einsamkeit! Waldeinsamkeit!
-
- ----
-
-Mein Ruheplätzchen!
-
-Tief im Walde drin haben die Eichen ein Stück grünen Hang frei gelassen.
-Im Kreise stehen sie herum, hoch und still, mit ihren breiten,
-wetterzerklüfteten Wipfeln. Zwischen den Stämmen das wunderliche
-Dämmern. Zitternde Sonnenlichter lassen hier und da ein Stück Stamm
-draus hervorleuchten und fallen in goldigen, magischen Tropfen auf die
-Haselnußblätter drunter. Alles andere verschwimmt, nach hinten, in
-ungewissen nebeligen Konturen. Unten an den Stämmen Haselnußgebüsch und
-wilde Rosen. Hohes, lichtgrünes Gras über die ganze Lichtung. Bunte
-Waldblumen leuchten in der Sonne draus vor. Ein fortwährendes, leises,
-metallisches Gesumme von Waldbienen, Hummeln und Käfern. Bald laut, bald
-leise. Ferner, näher. Oben über allem, als eine freie Flucht aus dieser
-walddämmernden, rätselhaften Beengtheit, die blaue Himmelstiefe.
-
-Hier unter dem Haselbusch ist das Gras noch niedergedrückt. Das ist mein
-Plätzchen.
-
-Ich lasse mich nieder.
-
-Das Schrillen eines Raubvogels. Das Pochen eines Spechtes. Aus dem
-tiefen Grund, rieselnd, ein Waldwässerchen. Hin und wieder ein Luftzug,
-der ein Laubgewisper unvermutet weckt.
-
-Ich klappe mein Buch auf und fange an zu lesen.
-
- ----
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-Ja, nun ist es doch wieder so ein gelbbroschierter Franzose, der heute
-früh unversehens auf meinem Tische lag.
-
-_P. Bourget: Le Disciple._
-
-Eine Einleitung. Ich überfliege sie. Eine Litanei gegen die Dekadenz.
-Der »_jeune homme de 1889_« wird vor zwei Zeittypen gewarnt: dem »_homme
-cynique et volontiers jovial_«, dessen »_religion tient dans un seul
-mot: jouir_«, und vor dem anderen, »_qui a toutes les aristocraties des
-nerfs, toutes celles de l'esprit, et qui est un épicurien intellectuel
-et raffiné_«.
-
-Aber da ist auch schon die erste Störung.
-
-Eine Eintagsfliege kribbelt mit analphabetischer Respektlosigkeit über
-die sauberen schwarzen Zeilen.
-
-Jetzt macht sie Halt. Mit ihren spinnwebfeinen Füßchen trippelt sie auf
-einem »_nihiliste délicat_« herum.
-
-Ich sehe ihre feinen Flügelchen mit dem zarten Perlmutterglanz. Ihr
-dünnes, lichtgrünes Körperchen krümmt und windet sich zierlich auf und
-nieder. Die Äugelchen: wie goldene Stecknadelknöpfchen. Ihre zarten,
-langen Fühlfädchen vibrieren hin und her, nach oben, nach unten, nach
-den Seiten.
-
-Mit aufgestütztem Ellbogen lieg ich lang im Grase vor dem Buche und
-betrachte das Tierchen, minutenlang, und fange an zu träumen und so vor
-mich hinzudämmern.
-
-Ach was, lesen!
-
-Ich wälze mich einen Schritt von P. Bourget, dem Warner, fort, lege mich
-auf den Rücken, die Hände unterm Genick, und sehe geradeaus in den
-Himmel hinein.
-
- ----
-
-Diese herrliche Stille!
-
-Ich kann hören, wie mir das Blut in den Ohren rollt.
-
-Sie wiegt mir jeden Gedanken ein.
-
-Ein paar Schmetterlinge, sich umtaumelnd, flattern in das blendende Blau
-hinein. Um ihre schwarzsamtenen Flügel zieht es sich wie ein
-goldglühender, feiner Saum. Manchmal blitzt das tiefrote Tupfchen oben
-auf den Schwingen.
-
-Ein Flügelklatschen und Sausen. Ein Flug Waldtauben in zierlichen,
-langen Spiralen über die Lichtung hin ins Gehölz hinein.
-
-O Einsamkeit!
-
-O, ich werde wieder fromm! Wie ich es damals war, als meine Mutter mich
-einen freundlichen alten Mann kennen lernte mit einem Gefolge von Engeln
-und Elfen, Königen, Rittern, Märchenprinzessinnen, weisen Frauen, Feen
-und Fabeltieren, welcher der »liebe Gott« hieß.
-
-Ihm gehörte die ganze Welt. Tief, tief unten die blaudämmernden Gründe
-mit rauschenden Unterweltswassern, mit rotglühendem und smaragdenem
-Gestein, mit unermeßlichen Schätzen, die weithin durch die nächtigen
-Schlüfte blinken, von den Erdgeistern bewacht. Die ganze Welt konnte man
-mit ihnen gewinnen. Und ihm gehörte die weite, lichtfrohe Erde mit
-Städten und Dörfern und Burgen, Feldern und Strömen, Wäldern und
-rieselnden Quellen. Und auch die Wunderquellen, zu denen nur die
-Sonntagskinder gelangen. Unter vieler Gefahr für Leib und Seele. Aber
-wenn man von ihnen getrunken hat, wird man sein Lebtag nicht krank und
-weiß alles in der Welt. Die Sonne oben war sein Auge, und das helle,
-goldige Licht über die Erde, über Bäume und Bäche, Blumen und Gräser
-hin: so lachte er.
-
-Wieder fromm! Wie damals; und doch anders ...
-
- ----
-
-Und nun kommt diese unerklärliche Stimmung über mich. Ganz Lauschen bin
-ich, ganz Sehen, ganz Fühlen. Sonnenschein, wehende Luft, rieselnder
-Quell, Laubgeflüster, Bienensummen. Nichts bleibt von mir übrig als ein
-unaussprechliches Lust- und Kraftgefühl ...
-
-Ich springe auf und stopfe meinen Franzosen in die Tasche. Hier durchs
-Gebüsch und vorwärts auf den wildesten Pfaden, immer vorwärts in die
-schöne, grüne, lebendige Welt hinein.
-
-Die Zweige rascheln an mir hin, an meinen Kleidern, an meinem Gesicht,
-meinen Händen. Es ist mir wie eine Liebkosung.
-
-Zwischen den alten Stämmen ruf ich mir jauchzend das Echo wach.
-
-O eine Bitte! Eine dringende Bitte!
-
-Man hat's doch heute überall »so herrlich weit gebracht«. Möchte nicht
-einer von unseren gewiß höchst ehrenwerten Grüblern, Wissenschaftlern,
-Lumpensammlern der Weltgeschichte und bestpatentierten Erfindern
-irgendeine Botanisiertrommel zusammenmathematisieren, in der man ein
-bißchen, ach! nur ein winziges bißchen von dieser freien, fröhlichen,
-schaffenskräftigen Waldstimmung einigermaßen wohlkonserviert
-heruntertransportieren könnte in die so gescheite und, ach! so enge,
-enge Welt?
-
-Na?! Sämtlichen Humanitätsdusel und sämtliches neunmalkluge Gebildetsein
-wollten wir freudig dafür dreingeben, o heiliger Homunkulus!...
-
-Ach ja, wenn man nur Zeit hätte, auf individuelle Wünsche Rücksicht zu
-nehmen!...
-
-Man wird mich günstigstenfalls vertrösten und die Petition einstweilen
-_ad acta_ legen ...
-
- ----
-
-Ein paar Stunden sind hin. Und nun ist es gegen Abend, und ich stehe
-wieder draußen auf den Hügeln.
-
-Und da steh ich und freue mich wie ein Kind, wie schön das Abendrot da
-oben über dem dunkelnden Wald hinleuchtet.
-
-Hat man nun wohl bei so widerborstigen Sympathien das Zeug zu einem
-»_décadent_«, zu einem »_homme fin de siècle_«?
-
-Ich glaube, ich werde mein Lebtag beim besten Willen nicht gescheit
-genug dazu sein ...
-
-
-
-
-Feierabend
-
-
-Den ganzen Nachmittag über grub ich heute hinten im Garten, und nun hab
-ich gegessen, in der Laube, der vollbrachten Arbeit gegenüber, zwischen
-flüsterndem Weingerank, an weiß gedecktem Tisch. Milch, Eier, Landkäse,
-Schinken und braunes Brot. Mit einem Appetit wie ein Scheunendrescher.
-
-Nun ist es gegen Sonnenuntergang, und vorm Schlafengehn mach ich noch
-meine Runde durch die Felder.
-
-Auf der Dorfgasse schreiende Kinder. Leute vor den Häuserchen, die ihre
-arbeitsmüden Glieder in der Abendfrische kühlen. Auf den Höfen bellen
-die Hunde. Das Brüllen einer Kuh. Dumpfes Pferdegestampf und
-Stallgeruch.
-
-Drüben das letzte Gehöft. Mit einem langen, windschiefen Staket streckt
-es sich spitz in das freie Land hinein, das sanft ansteigt. Eine
-Gänseschar, weiß, an der äußersten Spitze des Gartens, kreischt in die
-tiefe, milde Abendruhe.
-
-Bis Mittag war heute eine drückende Hitze gewesen, dann war ein kleines
-Gewitter vorübergerauscht und hatte Kühlung geschaffen. Davon ist der
-Himmel jetzt noch mit einem dünnen, gleichmäßigen Dunst überzogen. Am
-Horizont über den Feldern hin verdichtet er sich zu einer breiten,
-blaugrauen Schicht. Dazwischen hängt die Sonne, ein mächtiger,
-dunkelroter Nebelball. Nach rechts und links ist eine breite, schmutzige
-Röte über den Himmel hingewischt.
-
-Ein ungewisses Licht. Ein Abendsonnenschein, mehr zu fühlen als zu
-sehen. Nirgends ein Schatten. Und doch liegt es über dem Wegstaub wie
-ein zartes, lila Lichtdämmern, und in den Lüften webt es wie ein feiner
-Lichtdunst.
-
-Ferner, immer ferner verklingt hinter mir das Kreischen der Gänse, das
-Gekläff der Hunde. Lauter und immer vernehmlicher jetzt das Schrillen
-der Heimchen im Weggras und überall zwischen den leise knisternden,
-überreifen, bronzefarbenen Getreidehalmen das Schnarren der Rebhühner
-aus dem weiten Dämmern. Die mild schmeichelnde Abendkühle; das scharfe,
-würzige Duften von den Kartoffelfeldern her, und dieses geahnte
-Sonnenlicht in der ganzen abendlichen Landschaft.
-
-Die dicken Ähren nicken und beugen sich, und leise wühlt es in matten,
-rotgoldigen Lichtern über eine Haferbreite hin. Drüben rutscht die
-Sonnenscheibe zwischen den Dunstschichten hinunter. Jetzt nur noch die
-Hälfte, jetzt nur noch ein rotes Tupfchen - und nun ist auch das weg.
-Nun ganz das heimische, trauliche Dämmern über den weiten, weiten
-Feldern, und im Westen, schräg über den Himmel hin, die matte Röte ...
-
- ----
-
-Allein. Mitten zwischen den Feldern. Ganz allein.
-
-Ein so eigenes Gefühl, immer vorwärts, vorwärts, ziellos in das
-zunehmende Dämmern hineinzuschlendern mit seinen hundert geheimen
-Lauten.
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-Ab und zu zuckt es mir in den Armmuskeln von der getanen Arbeit. Über
-den ganzen Körper eine süße, wohlige Müdigkeit. Frei und ruhig geht mein
-Atem.
-
-Allmählich nimmt es den Horizont weg, und die Nähe wird lebendig. Eine
-Feldmaus, raschelnd in eine Furche hinein. Das leise, flüsternde
-Rauschen in den schwarzen Wipfeln der Kirschbäume zu beiden Seiten des
-Weges.
-
-Ein leises, metallisches Surren vor meinem Ohr, und an meine Backe weht
-ein feiner, leichter, ganz leichter Lufthauch.
-
-Ich bleibe stehen. Fast erschrocken, was es ist. - Ein Mückenschwarm.
-Gegen das verblassende Abendrot kann ich ihn noch erkennen, wie er
-durcheinanderwirbelt in regelmäßigen, zuckenden Spiralen.
-
-Und dunkler wird die Welt, und dunkler, und verschwimmt in Dämmerungen.
-Und weiter und weiter zieht es einen ins Einsame. Jeder Wille ist
-umsponnen, süß gelähmt von einem heimischen Grauen.
-
-Fern, weit von allen Menschen!
-
-Nur die dunkelnden Felder in der Runde.
-
- ----
-
-Dort schiebt es sich über den Horizont in die Höhe, ein roter
-Kreisabschnitt. Breit, riesig, daß es einen erschreckt. Und immer höher
-und immer runder wächst es herauf und wird ein mächtiger Halbkreis. Und
-nun steht eine ungeheure Scheibe rot auf dem Horizont. Wie ein nie
-gesehenes, rätselhaftes, plötzlich an das Firmament gezaubertes neues
-Gestirn.
-
-Der volle Mond.
-
-Zwischen zergehendem Dunst hebt er sich und steigt langsam empor in das
-freiere Blau, und sein Licht fängt an, mit silbrigem Glast sich
-hinzuweben über die weiten, stillen Felder.
-
- ----
-
-Hier, auf kühler Höhe, schwarz mit seinen dunkelroten Fensterlöchern,
-mitten im einsamen Land, ein Schachthaus. Drinnen, dumpf, das Stöhnen
-und Keuchen einer Maschine. Hier oben der freie Nachtfrieden, und da
-unten, tief unter meinen Füßen, mühen sich Menschen in enger, dunstiger
-Finsternis.
-
-Ein paar hundert Schritt weiter ein Tagesschacht. Steil, mit schwarzen,
-riesigen Wandflächen senkt er sich in die dunkle Tiefe. Fern aus dem
-stillen Grunde kommt es herauf wie ein Rieseln und Kluckern von
-verborgenen Gewässern. Dies und das ewige Schrillen der Heimchen sind
-hier die einzigen Laute. Drüben, auf der anderen Seite, mir gegenüber,
-ein Stück Staket, das sich schwarz gegen den Himmel abzeichnet, und ein
-paar kümmerliche Bäumchen, und hintereinander drei niedrige Wagen, mit
-denen am Tage allerlei Schutt aus dem Schachte heraufgefördert wird.
-
-Überall dick schwarzbrauner, von unzähligen Radspuren durchfurchter
-Kohlenstaub. Drüberhin wird es jetzt lebendig von einem feinen Glanz,
-und neugierige Lichter dringen mit breiten Streifen hinein in die
-schwarze Tiefe.
-
-Am Tage ist hier oben und da unten ein lautes Leben von hundert
-fleißigen Menschen, Peitschen knallen, die schwergeladenen Wagen knarren
-in ihren Achsen, die Fuhrknechte brüllen und fluchen. Die Kohlenwagen
-rollen und klirren über die Schienenstränge.
-
-Und jetzt das öde, lastende Schweigen.
-
- ----
-
-Der Dunst hoch oben am Himmel ist zergangen vor dem aufsteigenden Mond
-her, der nun goldig leuchtend über den hellen Feldern steht. Es ballt
-sich da oben zu weißen Wölkchen und dehnt sich hin zu milchigen, dünnen
-Streifen, zwischen denen Sterne flimmern.
-
-Dort ein umgekippter Kohlenkarren, die eisernen Räder schief nach oben;
-das Mondlicht drauf mit stilleuchtenden Reflexen. Ich schreite hin und
-setze mich und blicke von hier über das mondlichte Land hin.
-
-Und alles, was ich dachte und je gedacht habe, und alles, was ich litt
-und was mich freute: es wird ein einziges Empfinden, es verdichtet sich
-zu einem unaussprechlichen Gefühl, zu einer unsagbaren, stillheiteren,
-wonnigen Sehnsucht: einer wollüstigen Sehnsucht zu sterben ...
-
-Ich kenne sie. Ich kenne sie ganz genau. Willenlos nimmt sie mich hin.
-
-Ein wunderbares Träumen und Sehnen, wer weiß wohin? Mir ist, als ob es
-mich hinnähme in rätselhafte Weiten.
-
-Was ist es? Rausch? Lebendigstes Leben?
-
-Glück! Glück! - Zuviel Glück! Ein böses, gefährliches Glück!...
-
-Zuviel Glück: denn das Unsagbare benennen, es festzuhalten, es auskosten
-in flüchtigen Symbolen, ist allein erträgliches Glück und erträgliches
-Leid. Darin leben wir alle, wie wir sind, was wir sind ...
-
-Stimmen. Dunkle Gestalten gegen den hellen Himmel hin. Eine Schar
-Bergleute vom Schachthause her. Es ist mir wie eine Befreiung.
-Talabwärts geh ich ihnen nach zum Dorf hinunter.
-
-Vor den ersten Häuserchen unten singen sie zu einer Ziehharmonika. Die
-dünnen Klänge verklingen über die Felder, über die nun weit, weit der
-Mond leuchtet.
-
-Ah! Ich bin müde zum Umfallen!
-
-Werd ich schlafen!...
-
-
-
-
-Siesta
-
-
-Ein Nichtstun ist mein Leben hier. So recht ein göttliches Nichtstun
-ohne Reue über verlorene, tote Stunden. Ich träume so hin, in innerster,
-stiller, unbewußter Fülle. So fühl ich, wie ich gedeihe; gedeihe wie der
-Baum in freier Luft, in der heiteren Sonne. Und nichts mag ich kennen,
-nichts außer diesem Gefühl.
-
-Nachmittag ists. Ich sitze am Fenster und rauche meine Pfeife zu einer
-Tasse Kaffee. Beim Umrühren wirbelt sich das flinkernde Braun zusammen
-in unzähligen, perlmutterfarbenen Perlchen.
-
-Der Goldrand der Tasse glitzert in der Sonne. Ein zarter Brodem zieht
-sich gegen das Fenster hin, an dem eine Fliege summt. Der Tabaksrauch
-verliert sich hinten in dem lichtdunstigen Zimmer. Vorm Fenster rankt
-sich das helle Weinlaub.
-
-Zwei Kinder. Im blauen und roten Kleidchen, in safrangelben Strümpfen
-kommen sie die Gasse herab. Hand in Hand stolpern sie über das Pflaster.
-Sie haben die Stumpfnäschen in die Höhe gereckt und schwatzen laut ihren
-süßen Unsinn so vor sich hin in das goldige Mittagslicht hinein.
-Allmählich wiegt es mich ein. Ich dämmere so hinüber ...
-
-
-
-
-Kirchgang
-
-
-Sonntag. Die liebe helle Sonne spielt hinten im Garten. Alles ist so
-blank. Der Hof unten sauber gefegt. Nirgends auch nur ein Strohhälmchen.
-Auf den blankgescheuerten Steinplatten vor der Hoftür ist weißer Sand
-gestreut. Die Hühner gackeln still auf dem hellen Pflaster umher.
-
-Aus dem Dorfe kein Laut. Nur das zweite Kirchläuten tönt durch die
-blaue, klare Luft herüber.
-
-Ich habe mich in meinen schwarzen Gehrock geworfen und in jeder
-Beziehung _grande toilette_ gemacht. Denn ich muß heute schon mal mit
-zur Kirche. Schon um mich freizuhalten gegen alle möglichen
-temperamentvollen Katechisationen über Gott den Vater, Gott den Sohn und
-Gott den Heiligen Geist. Dergleichen kann einem sehr peinlich sein, wenn
-man seinen Katechismus nicht mehr so recht am Schnürchen hat. Recht
-qualifizierbar bin ich in dieser Beziehung meiner Umgebung hier sowieso
-nicht, und es ist gut, dem Mißtrauen keine weitere Nahrung zu geben.
-Denn warum in guten Menschen inquisitorische Instinkte wecken? Warum? -
-Überdies: Gott! Wie lange bin ich in keine Kirche gekommen!...
-
-»Sind Sie parat?!«
-
-Hinter mir hat die Tür geknarrt. Die Frau Wirtin. Ihr adrettes, rundes
-Figürchen glänzt von schwarzer Seide. In der Hand hält sie über dem
-schneeweißen, gezackten Taschentuch das Gesangbuch, mit Goldschnitt und
-einem goldenen Abendmahlkelch auf dem schwarzledernen Deckel. Unter der
-breiten Strohhutkrempe vor fragend die grauen Augen. Ich glaube, ein
-wenig mißtrauisch, ob ich innerlich auch so recht auf den Kirchgang
-vorbereitet bin und ob es mich auch ja nicht so etwas wie eine sehr zu
-mißbilligende Überwindung kostet, mitzukommen.
-
-Nein! Ich bin ganz frei und unbefangen.
-
-Hinter ihr, auf dem Flur, rosig das Töchterchen im Sonntagsstaat, sauber
-wie ein Teeröschen. Ich mache den Damen ein Kompliment über ihre
-Toiletten, das wohlwollend entgegengenommen wird.
-
-Ob ich auch einen Zweier habe für den Klingelbeutel?
-
-Alles in Ordnung, und nun können wir gehen.
-
- ----
-
-Die Gasse hinauf ist's still und sauber. Überall ist gefegt und vor den
-Häuserchen weißer Sand gestreut. Hier und da blitzt eine blankgeputzte
-Messingklinke in der Sonne, und vor den gescheuerten Fensterkreuzen
-glühen die Geranien und Fuchsienblüten. Ein Mann steht breitbeinig, in
-dunklen Sonntagskleidern, mit blendend weißen Hemdsärmeln vor einer
-offenen Haustür und hat die Fingerspitzen in den Hosentaschen. Kinder,
-bereits im Sonntagsstaat, die Haare noch straff und starr von Wasser,
-sitzen in der Sonne und mühen sich behaglich mit ihren
-Frühstücksstullen.
-
-Die liebe, schmutznäsige Unschuld, die noch in keine Kirche zu gehen
-braucht!
-
-Das heißt, küssen möcht ich sie deshalb doch nicht, wie weiland Werther
-des Amtmanns Gören ...
-
-Eine Frau, aus einem niedrigen Fensterchen heraus oder über eine
-regenverwaschene Halbtür hinweg, die Kirchgänger zu mustern.
-
-Zu drei gehen wir, mitten in der Gasse, andächtigen Schrittes hinauf.
-
-Da ist die Frau Ortsvorsteher. Da das Fräulein vom Gute. Sie trägt sich
-ein wenig zu auffällig nach der neusten Mode. Sie besitzt ein sehr
-verwöhntes Spitzhündchen, ist sehr in der Marlitt und Werner belesen,
-und ihr Lieblingsbuch sind Geroks »Palmblätter«. Im übrigen ist sie
-hübsch und, wie man sich im Vertrauen mitteilt, vom »Herrn«, dessen Frau
-zurzeit in Karlsbad ist, viel zu sehr verwöhnt ...
-
-Da ist die Frau Gutsbesitzer Soundso. Ah! Und die Frau Amtmann mit ihren
-beiden Töchtern und dem Herrn Sohn, der in den Ferien da ist! Man hebt
-die Blicke und grüßt. So geht's dem Geläute entgegen, das immer
-deutlicher wird. Nun den Kirchberg hinauf. Die Frau Wirtin keucht ein
-wenig und bleibt ab und zu stehen, uns auf die schöne Aussicht
-aufmerksam zu machen, die man nach beiden Seiten über die hellen Hügel
-und Felder hin hat. Zwischen den grünen Gräbern, zwischen denen
-ökonomisch Kantors Hühner nach Käferlarven und Würmern picken, drängen
-sich die dörflich bunten Sommertoiletten.
-
-Die Kirchtür. Zu beiden Seiten, in Schneeballbüschen halb versunken,
-schief, zwei steinerne Ritter, über welche die Sonne ein Netzwerk von
-bläulichen Schattenflecken schaukeln läßt. Aus dem niedrigen,
-weißgetünchten Torgang weht es einem kühl entgegen. Oben versummt der
-letzte Glockenton. Drinnen setzt mit einem scharfen Ruck die Orgel ein.
-
-Die Kirche dehnt sich in einem sonnigen Dunst. Querdurch, von den
-Fenstern schräg über die weißen Kirchstühle hin, legen sich drei breite,
-sonnige Lichtbalken.
-
-Die Frau Pastor mit ihren sämtlichen Töchtern.
-
-»O bitte! Nach Ihnen!«
-
- ----
-
-»Eins ist not, ach Herr, dies ei-neee ...«
-
-Die Schuljungen oben auf dem hellblau gestrichenen Orgelchor schreien
-aus vollem Halse, daß es einem mit Messerschärfe durch alle Nerven
-fährt, und dazwischen macht sich der Tenor des Herrn Kantor vernehmbar.
-Über die Kirchstühle in sanftem, schwebendem Säuseln der Diskant der
-Gemeinde, hier und da übertönt von einem altväterlichen Tremolo oder
-einem ungefügen Grundbaß. Bei den Fermaten das Fauchen und Arbeiten der
-Orgel.
-
-Einen Augenblick stehen wir nebeneinander im Kirchstuhl über all den
-bunten Hüten und krummen Rücken. Die Damen verrichten sehr andächtig ihr
-Gebet. Aber ich merke, wie zwei Blicke meine Hände streifen: ein
-scharfer und ein erschreckter. Ich muß still in mich hineinlachen, lege
-die Fingerspitzen ineinander und senke den Kopf.
-
-Ein Rauschen, Räuspern und das Blättern der Gesangbücher.
-
-Und nun darf ich mich mit gutem Gewissen umsehen.
-
- ----
-
-Ich habe eine Anwandlung von Ironie, über die ich mich aber sofort
-ärgere. Und im nächsten Augenblick überschleicht es mich mit hundert
-heimlichen Erinnerungen, und nun vertraut sich mir das alles mit hundert
-Heimlichkeiten. Viel Umstände haben sie mit ihrem Gotteshaus nicht
-gemacht. Ein mäßig großer, weißgetünchter Raum wie eine große Scheune.
-
-Aber Sonne! Sonne! - Von allen Seiten Sonne, Licht und Luft, und über
-wippendem Laub draußen der blaue Himmel. Von der blättrigen Decke herab
-hängt an einer langen, gegliederten Eisenstange ein schwarzverstaubter
-Kronleuchter mitten über den Köpfen der Gemeinde. Unter den
-Holzbrüstungen der Chöre mit ihrem plumpen Schnitzwerk in Glaskästen
-vertrocknete Totenkränze mit weißen, moirierten Schleifen; und mit
-starren, staubigen Falten ein paar vergilbte, gänzlich zerfetzte Fahnen.
-Hinten, wo der Raum in einen lichtdunstigen Spitzbogen zusammenläuft,
-steht in ärmlicher Pracht der kleine Altar. Zwischen den beiden Kerzen
-das schwarze Kruzifix mit dem vergoldeten Christus dran. Ihre stillen
-Flammen verbleichen in dem grellen Sonnenlicht. Davor die mächtige
-Bibel, aufgeschlagen, mit leuchtendem Goldschnitt, und dahinter ein
-gänzlich verdunkeltes Gemälde, das die Kreuzigung darstellt. Nur ein
-paar Gewänder leuchten noch grellbunt aus dem Dunkel vor, und
-schwefelgelb in der Mitte die beiden Schächer mit immensem Muskelwerk,
-und zwischen ihnen der dürre, verrenkte Leib des Erlösers. Ein schwarzes
-Altartuch reicht mit schmalen Silberfransen bis auf die rissigen,
-verwaschenen Steinfliesen herab. Oben, in der Nähe des Altars, die
-hölzerne, graublau gestrichene, ganz schmucklose Kanzel, zu der von
-beiden Seiten Treppen mit grobgeschnitzten Geländern hinaufführen.
-Dahinter an den kahlen, weißen Wänden lange, dunkle Gemälde. Verdiente
-Pfarrherren aus früheren Zeiten. Aus all dem Schwarz leuchten nur ihre
-roten Gesichter, die Hände, die goldenen Schnallen ihrer Bibeln hervor
-und vor allem die weißen Beffchen.
-
-Ach! Mir ist zumute wie nach sämtlichen drei großen Festtagen des Jahres
-auf einmal! Zwischendurch aber ist es mir, als hört ich Rauschgold
-knittern und als röch ich angebrannte Wachskerzen, Fichtennadeln und
-buntlackiertes Spielzeug. Als ständ ich zur Christmette mit frostroter
-Nase oben auf dem Chor, vor mir, auf der Brüstung, in blecherner Tülle
-das brennende Wachsstöckchen, und jauchzte mit den anderen in den
-jubelnden Trompetenschall hinein, über all die roten, in einem
-Lichtglanz von tausend Kerzen strahlenden Gesichter, und als hört ich
-die Stimme des Pastors: »Freuet euch mit mir, denn euch ist heute der
-Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids!«
-
-Wie zutraulich nah einem das alles ist!
-
-Was man für eine wunderliche Wegstrecke zurückgelegt hat von da bis
-hierher!...
-
- ----
-
-Die Orgel lärmt ein frohlockendes Nachspiel herunter. Ein allgemeines
-Räuspern, Rauschen, Husten und Scharren. Die letzten Strophen hindurch
-hatte sich der Gesang eben noch so hingeschleppt, unter allerlei Püffen
-oben vom Orgelchor her.
-
-Man erhebt sich.
-
-Vorn steht schon der Herr Pastor mitten vor dem Altar, und über dem
-Goldschnitt seiner Bibel wölbt sich seine breite Brust. Schön von der
-Sonne beleuchtet sein rotwangiger Lutherkopf, die sauberen weißen
-Beffchen unter dem runden Unterkinn. Mit altgewohntem, zuverlässigem
-Pathos verliest er die Liturgie. Die Gemeinde und oben die Jungens
-antworten prompt nach jedem Satze, wenn sich seine runden, weißen Hände
-mit dem Buche senken und seine kleinen Augen mit dem unerschütterlichen
-Blick des Gottesmannes sich zum Chor erheben.
-
-Ein Zwitschern. Hell und fein geben es die Wände wieder. Ein
-Rotkehlchen, das sich hinten durch die offene Tür hereinverirrt hat und
-nun ängstlich an den sonnigen Fenstern hinflattert: erschreckt von dem
-Gesang und dem Orgellärm. In langen, ängstlichen Kreisen zirpt es jetzt
-um den Altar, und nun setzt es sich ermattet auf die vergoldete,
-blitzende Dornenkrone des Heilandes, mitten über dem ernsten, gesunden
-Antlitz des Herrn Pastor.
-
-Gestern abend hab ich ihm drüben einen Besuch gemacht. Er wohnt in einem
-großen, gelben Hause neben der Kirche mitten im Grünen. Weit im Kreise
-überblickt man die ganze Landschaft. Er hat mir seinen Obst- und
-Gemüsegarten gezeigt, seine Blumenbeete und seinen Hühnerhof mit dem
-großen, schattigen Nußbaum in der Mitte. In einem leeren, gefegten
-Ziegenstall hatten sich seine drei Jüngsten eine gute Stube
-eingerichtet. Die Öffnung über der Halbtür war mit einem alten
-Gardinenfetzen verhängt. Die Puppen und zwei zahme, weiße Hühner waren
-die Kinder. Nachher haben wir oben in der Pfeifenkrautlaube dicht an der
-Mauer bei Zigarren und Kaffee um die schlimmen, gottvergessenen Zeiten
-und die Nuditäten auf der Schloßbrücke zu Berlin herumgeplaudert. Die
-Sonne glitzerte in den weißen Tassen, auf der Zinnkanne und in dem
-braunen Trank, und der Rauch unserer Zigarren zog sich schräg in die
-Landschaft hinein ... Ein schöner, stiller, sonniger Winkel!
-
- »Heilig! Heilig! Heilig ist der Herr Gott Ze-ba-oth!
- Alle Lande, alle Lande, alle Lan-deee
- Sind seiner Ehre voll!«
-
-Oben schreien jetzt wieder die Jungens, und die ganze Gemeinde stimmt
-jauchzend ein, denn nun braucht man nicht mehr zu stehen, und es kommt
-die Predigt.
-
-Das Rotkehlchen hat sich wieder aufgemacht und schwirrt verzweifelt an
-einem der Fenster auf und nieder.
-
-Der Herr Kantor läßt den Jubel der Heerscharen sich noch ein paar Takte
-hindurch ausjauchzen, so daß man hinreichend Zeit findet, sich
-zurechtzusetzen, zu schneuzen, die Brillen zu rücken und das
-Zwischenlied aufzuschlagen, und dann lenkt er mit einem gewandten
-Schnörkel zu der neuen Melodie über. Drei Strophen, und nun steht der
-Herr Pastor wieder oben auf der Kanzel.
-
- ----
-
-Stehend wird der Text angehört und nun: »Im Herrn Geliebte!« ...
-
-Neben mir, ganz allein auf einer weißen Seitenbank unter dem Seitenchor,
-sitzt Kramers Knecht im bläulichen Halbschatten. Er sitzt
-vornübergebeugt mit seinem breiten, von der schweren Wochenarbeit
-niedergezwängten Rücken.
-
-Zwischen den knorrigen, rotbraunen Fingern hält er das dicke,
-altfränkische Gesangbuch andächtig vor sich auf den dicken, knochigen
-Knien. Aus der schwarzen Halsbinde heraus sein braunes, verrunzeltes,
-frisch rasiertes Gesicht, blau angelaufen um das Kinn herum, ein
-schwarzes Stück Schwamm auf die Backe geklebt, weil der Barbier ihn
-geschnitten hat. Seine strohblonden, graumelierten Haare sind mit Wasser
-glatt an den kleinen Spitzkopf angekämmt, in die niedrige Stirn hinein
-und an den Seiten, hinter den abstehenden, großen, biederen Ohren vor,
-über die Schläfe hinweg. Aus dem breiten, runzligen Munde blinken die
-Zähne hervor. Seine kleinen, wasserblauen Augen starren, unter den
-dicken, hellblonden Brauen vor, zu dem Pastor hinauf. Jetzt blinken
-seine weißen Wimpern, der Kopf nickt. Die Lider werden schwerer und
-schwerer. Jetzt fallen sie zu. Er ist eingeschlafen.
-
-Oben erzählt der Herr Pastor von Maria und Martha, die andachtbeflissen
-zu des Herrn Füßen saßen. Sein schöner, ruhiger Baß tönt in
-schmeichelnden Perioden über die Gemeinde hin. Warm und goldig liegt die
-Sonne zwischen den stillen Kirchstühlen. Meine Frau Wirtin hat ihr
-rundes Gesicht seitwärts geneigt und schnauft leise durch die Nase. Die
-Frau Amtmann, das Fräulein vom Gute: eins nach dem anderen riskiert sein
-Nickerchen; einen nach dem andern um mich her wiegt das gute Gotteswort
-in wohlverdienten Schlummer.
-
- ----
-
-»Amen!«
-
-Der Herr Pastor schneuzt sich vernehmbar. Dreimal hintereinander.
-
-Über die Kirchstühle hin geht ein Rauschen. Und nun: »Es hat dem Herrn
-über Leben und Tod gefallen, die Frau Rosine, Marie, Susanne Küntzel im
-56. Jahre ihres Alters hinwegzurufen aus diesem Jammertal« usw. Ein
-stummes Gebet. Der Segen über die stehende Gemeinde hin: »Der Herr segne
-euch und behüte euch! Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über euch
-und gebe euch seinen Frieden! Amen!« - Amen! Amen! Amen!... Das
-Kirchengebet. Der letzte Vers. Und nun strömt es hinaus in den warmen,
-sonnigen Mittag ...
-
-Zu Hause gibt es ein Süppchen »Hören Sie?«, den pp. Sonntagsbraten, ein
-deliziöses Kompott von frischen Kirschen, und zu allem ein goldiges,
-sanftmütiges Moselweinchen ...
-
-
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-
-Helle Nacht
-
-
-Ich lieg und liege und kann keinen Schlaf finden und mag keinen finden.
-
-Weit steht vor mir das Fenster offen, und die klare Nacht duftet herein.
-
-Das ganze Zimmer: so hell, so hell! Ein übernatürlich helles Zwielicht.
-Es hält mir die Lider weit auseinander. Ich liege ganz still. Kaum hab
-ich ein Gefühl von meinem Körper.
-
-Mir ist, als säh ich alles tief, tief in mich hinein; als säh ich in
-alles, alles tief hinein.
-
-Wie hingenommen bin ich in eine Offenbarung und wüßte doch nichts zu
-sagen, nichts zu nennen. Aber es quält mich nicht. Mir ist, als ob ich
-alles wüßte.
-
-Immer bin ich doch noch der alte Träumer. Wie ein Nachtwandler zwischen
-Schlaf und Wachen, den es zu den Höhen zieht, zu den Gestirnen. Mir ist,
-als verliefe mein Empfinden mit tausend Fäden in unerkennbaren
-Zusammenhängen, ein seliges Verwebtsein mit allem.
-
-Die Welt so vor sich hinzuträumen ...
-
- ----
-
-Wie eigen mir nur ist! -
-
-Der viele, viele Sonnenschein den ganzen Tag über; das Tollen, Lachen
-und Jauchzen, die weiten, hellen Wiesen und kühlen Schatten; die weißen
-Wölkchen am blauen Himmel hingeflockt; am Abend der Mond hoch oben am
-weiten Himmel, der seine weißen Lichter auf die stillen Wege legte; der
-endlose Abschied am Gartentor, bis sie dann aus meinen Armen war und
-weiß in den dunklen Hausflur hinein; und dann der Heimweg: ihre Wärme
-noch an meiner Brust, an meinem Halse, an meinem Gesicht, all die
-selbstvergessene Lust: ich muß es wohl noch im Blute haben ...
-
-Das muß es wohl sein.
-
-Weit drüben, dort über der schwarzen Linde, die den mondhellen Dachfirst
-überragt, im silbergrünen Nachthimmel flimmert ein Sternchen.
-
-Ihr Haus ...
-
- ----
-
-_Vanitas! Vanitatum vanitas!_
-
-Leise, leise klingt es in mein Ohr, anklagend, der Schmerzensruf vieler
-Tausende, meiner selbst. Aber fernher, ganz von fern. Verzitternd in dem
-milden, lichten Frieden. Ich muß lächeln in meinem großen Glück, daß mir
-diese Tage beschieden sind und diese Nächte.
-
-_Vanitas! Vanitatum vanitas!_
-
-Ich muß lächeln, daß ich es so gar nicht verstehe, daß es mir ist wie
-ein fremder, leerer Klang; und wie lange ist's her, da rief ich's selbst
-in meiner Bedrängnis!
-
-Alles hin. Alles vergessen.
-
-Vergessen? Könnt ich dann staunen in diesem ernsten Glück, staunen wie
-über etwas Unermeßliches, Unbegreifliches? Nein, auch der Akkord mischt
-sich hinein in mein Träumen.
-
-Nicht vergessen: überwunden ...
-
-Das ganze Leben ein quälendes Suchen und seliges Finden solcher
-Augenblicke. Die Welt ist so groß und weit und tief, so unergründbar
-tief, und doch darf der Tag sie einem verdunkeln ...
-
- ----
-
-Das schlummernde Dorf da draußen.
-
-So ärmlich, niedrig, gemein alles, wenn es der Tag ins Helle bringt. Die
-staubigen Wege, die rissigen, wetterverwaschenen Lehmmauern der Katen
-und Ställe; die Menschen: häßlich, schmutzig in ihrem groben
-Arbeitskleid, niedergedrückt von der Last ihrer Arbeit; die hundert
-Laute emsigen Lebens; aufdringlich, wirr, verwirrend alles in seiner
-dürftigen Enge. Und nun weitet sich's in großen, ruhigen Linien so
-wunderlich in die atmende Nacht hinein ...
-
-Wie es rauscht durch die lichte Stille und rauscht und rauscht!
-
-Als hörte man die goldenen Welten da oben auf ihren einsamen Bahnen
-durch die eisige Unendlichkeit des Raumes mit der Pracht und dem Grauen
-ungeahnter Tage und Nächte, mit den unerhörten Wundern all ihres Lebens,
-mit der grausigen Öde ihres Todes.
-
-Und hier, unter mir, mit ihnen die Erde mit all ihren geschauten und
-doch ebenso unergründlichen Wundern.
-
-Und dort, unter den niedrigen, mondhellen Dächern, spinnt sich das Leben
-weiter. Da ringt es, Raum gebend, mit Todesschauern; da müht es sich mit
-seinen großen und kleinen Sorgen; da schlummern die, die sich gerecht
-und ungerecht, gut und böse, gemein und edel, arm und reich, schön und
-häßlich nennen und alle doch unter dem Zwange unerforschter Gesetze
-stehen, da schlummern sie, die Schönheit des gleichen Friedens auf ihren
-Gesichtern. Da wächst es aus heimlichen Umarmungen auf zu unbekannten
-Schicksalen ...
-
- ----
-
-Weiter! Hin über das mondlichte Feld.
-
-Die weiten Ährenwogen nicken und knistern unter der Last ihrer Reife und
-verschwimmen in den Lichtglast hinein. Aus der braunen Erde falten sich
-Pflanzen und Kräuter mit stiller, wohliger Kraft hinauf, hinauf in das
-Licht, in die Luft. Nächtliches Getier geht auf seinen verborgenen
-Pfaden in Furchen und Feldern, über Wiesen, durch wispernde Sträucher,
-über dämmernde Wege, oder ruht im Frieden schwarzer Schlüfte. Und die
-einsamen Hügel draußen im Land: nur der lichte Himmel weit drüber hin,
-und der Nachtwind frisch über die Gräserchen und Blümchen, und aus dem
-Tal herauf rastlos das Rauschen der Mühlen. Die Wiesen, mit wallenden
-weißen Nebeln drüber und flinkerndem Tau. Die glitzernden Wässerchen
-rieseln hindurch zu den Bächen, zu den Flüssen, den Strömen, weiter,
-weiter in ferne, endlose, monddämmernde Meere. - Durch die Nacht der
-Wälder das Brausen unzähliger Wipfel und hundert heimliche Laute. Oben
-auf den ragenden Kronen der weiße Glanz, zwischen Ästen und Zweigen, am
-bebenden Laub, an den alten Stämmen hinspielend, nieder auf Gräser und
-taufunkelnde Blumen.
-
-Hin über Länder und Meere, über Gefilde, Weiler und Dörfer, Städte, Seen
-und Berge. Hin über die weite Erde bis zu all den Tiefen und Höhen, die
-noch kein Mensch erreichte, die viel zu gewaltig sind für unser armes
-Gehirn, vor denen selbst unsere Träume zurückschrecken ...
-
- ----
-
-Flaches Land im Monddunst.
-
-Soweit man blicken kann, am Horizont hin mächtige Häusermassen in
-bläulichem Dämmer, wie ein Gebirge breit in den Himmel hinein. Häuser,
-Häuser und Häuser. Und es wächst und wächst und dehnt sich weiter und
-immer weiter, beängstigend weit in das Land hinein. Oben drüberhin ein
-roter Lichtdunst, der sich im breiten Halbkreis schmutzig und trüb in
-die sternfunkelnde Klarheit dehnt.
-
-Hier gibt es keine Nacht. Nimmermüde rauscht hier das Leben durch die
-breiten, hellen Straßen. Millionen und aber Millionen rastloser Kräfte:
-hier kreuzen sie sich in tausend und aber tausend Verfeinerungen.
-
-Das Elend der Vorstädte. Lange, endlos lange Straßen mit schnurgeraden,
-öden Fassaden, wie Mauern glatt und grau. Unzählige Fensterlöcher, viele
-rot die ganze Nacht hindurch. Wie viel Jammer, Verzweiflung, Elend,
-Müdigkeit, Erniedrigung dahinter! Wie viel Zukunft! Rächende Zukunft,
-großgezogen in Träumen und Hoffnungen, bis der Tag kommen wird, an dem
-aus unsäglichen Greueln eine neue Welt sich erhebt. Eine neue Welt!...
-
-Immer sicherer gestaltet sie sich heraus aus unseren Wünschen, aus
-unseren Visionen, aus unseren unabweislichen Bedürfnissen.
-
-Und wir? Wir sind die Verkündiger und Hindeuter. Das ist unser
-unausweichbares Schicksal! Verkündiger und Hindeuter, wenn wir den
-Todeskampf absterbender Generationen in uns erleben; deren Schuld ihre
-Schwäche ist, ihre Müdigkeit, ihre tausend Raffinements; Verkündiger und
-Hindeuter, wenn es in uns lebendig wird von Ahnungen der Zukunft ...
-
-Müde, leidend, hoffend, ahnend und besitzend arbeiten wir alle an der
-Zukunft und - sind Zukunft ...
-
- ----
-
-Du schöne, freudige Welt der Zukunft! Daß ich an dir nicht zu
-verzweifeln brauche! Daß meine Seele kräftig und gesund ist, dich zu
-hoffen, dich zu ahnen, durch die Greuel hindurch, aus denen du erstehen
-wirst!
-
-Du schöne, freudige Welt! Ein neues, adliges und selbstsicheres
-Geschlecht, das sich verwandt fühlt über die Erde hin, soweit Menschen
-leben! Das keine Kaste, kein Rassenhaß, keine Religion trennt! Das
-Taten, Erkenntnisse, Empfindungen kennt, nie geahnt!... Und dann?... Und
-dann?... Wieder neue Taten, Erkenntnisse, Empfindungen?... Und so fort
-bis zu unerforschlichen Vollendungen?...
-
-Sterben und Werden! Ewig! - Das ist alles! - Mehr ergründet kein
-Verstand. Doch unser Empfinden durchbebt es mit wunderbaren Schauern vor
-den unergründlichen Mächten ...
-
- ----
-
-Ich liege und liege und kann keinen Schlaf finden und mag keinen finden.
-Eine Stunde nach der anderen geht vorbei, vorbei.
-
-Ein frischer Luftzug rührt das Laub draußen und bebt in den Gardinen.
-Allmählich, leise wechselt das Licht. Und nun liegt es wie ein
-verlorenes Frühdämmern drüben über den Bäumen, auf dem Tisch vorm
-Fenster, an den Wänden hin. Oben verbleichen die Sterne am klaren
-Himmel. Von den Höfen her krähen die Hähne, und unten im Garten
-zwitschern die Stare ins Morgengrauen.
-
-Ich hör alles wie in einem schwindenden Traum. Und nun deutlicher,
-bestimmter, wie es rings um mich her erwacht in den hellen,
-aufsteigenden Morgen hinein. Und die frohe, kräftige Sicherheit des
-Tages kommt über mich. Eine süße Müdigkeit drückt mir die Augenlider.
-Noch ein paar Stunden Schlaf; dann wird mir mein Frühstück schmecken,
-und dann werd ich mich draußen der lieben Sonne freuen, offen den
-Freuden und Leiden des Tages, geschickt beide zu ertragen; und Stunden
-werden kommen, Stunden, da sie mir beide gering sind ...
-
-
-
-
-Dämmerstunde
-
-
-Dieses Nest und immer wieder nur dieses Nest! Jawohl!... Denn dieses
-Nest ist die Welt, ist alles in allem; ebensogut wie euer Berlin da oder
-sonst ein Erdenfleck!
-
-Herrgott! War ich denn wirklich so naiv? Glaubte ich, es gäbe hier nur
-Blumen, Berge, Getreidefelder und Wiesenwässerchen? Ich könnt es mir
-hier im Grün und in der Sonne wohl sein lassen? Mich »erholen« und - nur
-erholen?
-
-Da lag ich und wußte besser Bescheid.
-
-Aber es gab mich doch endlich ein wenig frei, das Entsetzliche,
-Abscheuliche, das ich heute erleben mußte. Endlich! - Bis hierher hatte
-es mich verfolgt, in diese stille Dämmerstunde.
-
-Wie wohltuend, wie beruhigend alles um mich her.
-
-Die Abendschatten wachsen. Dunkler und dunkler. An den Wänden schieben
-sie sich in die Höhe, oben über die Zimmerdecke und unten über die
-weißen Dielen. Verstohlene Lichter spielen wunderlich hinein.
-
-Eine Lehne glänzt aus dem Dunkel auf. Goldig schimmert ein Stück
-Bilderrahmen. Die Gardinenkanten werden wunderliche Gesichter, die sich
-dehnen und zusammenziehen. Aus Licht und Schatten wird um Schrank, Tisch
-und Stühle, überall um mich her, ein stillgeheimes Leben wach.
-
-In zarten, opalfarbenen Ringen windet sich der Rauch meiner Zigarette
-hier vom Sofa durch die stille Dämmerung gegen das offene Fenster hin.
-Auf dem Tisch davor knistert und wispert es in den Papieren.
-
-Müd verebbt das Leben um mich her in die stille Nacht hinein.
-
-Ein fernes Hundegebell. Ein paar verzitternde Glockenklänge. Ein Ruf.
-Eine Fledermaus, die schwarz am Fenster vorüberhuscht mit zittrigem,
-weichem Flug. Ein Nachtschmetterling, der gegen die Scheibe purrt. Ein
-Vogelruf. Das leise, leise Rauschen unten vom Garten her. Ein verloren
-hergewehter Blumenduft. Zwei Sternchen, silbern aufflimmernd in dem
-zartlila Stück Himmel, stet und still, oben zwischen den Gardinen.
-
-Und die köstliche, atmende Kühle ...
-
-Und die Schatten wachsen und wachsen. Und der Mond und die Sterne
-leuchten herein mit dem stillen Abglanz unbekannter Welten ...
-
-»O Trost der Welt, du stille Nacht!«
-
- ----
-
-Jetzt konnt ich's auch ertragen, wieder daran zu denken. Es war mir nun
-wie traumhaft.
-
-Gegen vier Uhr am Nachmittag war es gewesen, als es draußen Lärm gab.
-Wie ich hinaussehe, wälzt sich schreiend und gestikulierend ein Knäuel
-Menschen die Gasse herab. Vorweg wackelt neben dem Schulzen, der ein
-sehr verlegenes und ärgerliches Gesicht aufgesteckt hat, der alte
-Walleyser, der Dorfpolizist, in seiner verschossenen grünen Uniform, das
-Gewehr über die Schulter gehängt, mit seiner großen Schirmmütze und
-seinem gemütlichen dicken Bauch. Die hohe Obrigkeit sollte wohl wieder
-mal Rat schaffen ...
-
-Schnaufend stolpert er vorwärts mit seinen kurzen Beinchen, umdrängt von
-der aufgeregten Menschenmasse, ganz verwirrt von den vielen Armen, die
-vor seiner friedlichen Schnapsnase umherfuchteln.
-
-Und so quetschte sich der ganze Knäuel, bunt und wirr, nebenan zwischen
-den grellweiß gestrichenen Türpfosten durch in den Hof des Kossäten. Der
-Schweif Kinder hinterher, barfüßig und strubbelköpfig, blieb draußen und
-umlungerte die Tür.
-
-Ich warf schnell meine Feder zwischen die Papiere, griff nach meinem Hut
-und machte mich hinüber ... Nun! Auch aus Neugier ...
-
- ----
-
-Wie ich auf dem Hof ankam, drängte sich alles mit vorgerecktem Hals,
-dicht neben der Tür zum Wohnhaus, im Halbkreis um etwas herum. Bunte
-Weiberröcke; schmutzige, erdfarbene Mannskleider; Hemdärmel, blendend
-weiß in der Sonne; zerfurchte, bronzebraun gebrannte, knochige, breite
-Gesichter; geballte Fäuste und ausgereckte braune Arme; Geschrei,
-Heulen, Fluchen, Drohen, Schimpfen und Zetern.
-
-Ich zwängte mich durch bis in die vorderste Reihe, halb betäubt von dem
-Lärm, wie sie erklärend auf mich einschrien und losgestikulierten, halb
-erstickt von dem Schweißgeruch so vieler Menschen in der glühend heißen,
-drückenden Prallsonne.
-
-Und da sah ich's denn, das Furchtbare, Scheußliche, über alle
-Beschreibung Entsetzliche ...
-
-Dicht neben der Tür auf einer sauber gescheuerten Wassereimerbank lehnte
-ein Wesen gegen die gelbgestrichene Hauswand, ein Wesen ... O Herr mein
-Gott! Dieses mit fahlgelber, dreckstarrender Haut und stinkenden Lumpen
-umschlotterte Scheusal war nun ein Mensch, ein menschliches Wesen! - Im
-Schädel - ein mit Haut überzogener Totenschädel - tief in den dunklen,
-runzligen Höhlen ein Paar rote, triefende, gegen die Hundstagssonne
-zwinkernde Augenritzen. Ein tief eingesunkenes, zahnloses Maul. Auf dem
-halbkahlen Kopfe, der über und über von dickem Schmutz und schuppigem,
-blutigem Schorf starrt, ein paar weiße Haarsträhnen in die Stirn mit den
-tief eingesunkenen Schläfen. In den Kleidfetzen dicker Stallmist und
-fauliges Stroh. Der eine Ärmel ist ganz herausgerissen, so daß der
-runzlige, stockdürre Arm bloßliegt. Unten vor, kraftlos baumelnd, ein
-Paar entsetzlich abgemagerte, nackte, verkrüppelte Füße. Und das alles
-hell und grell in der erbarmungslosen Sonne, so daß sich jede Einzelheit
-aufdrängt ...
-
-Ich erfuhr: Das arme Wesen war die Mutter des Kossäten. Es war bekannt,
-daß es die arme Frau schlecht hatte. Sie war zu zäh und war doch,
-kindisch und blöde in ihrem hohen Alter, zu nichts mehr zu gebrauchen,
-überall im Wege. Sie wollte nicht früh genug sterben. Und sie hatte sich
-doch ihr ganzes mühseliges Leben hindurch gehörig abplagen müssen und
-Ruhe reichlich verdient, ein bißchen Ausruhen in ihrem Alter ...
-
-Seit langem hatte sie niemand mehr zu sehen bekommen. Das war weiter
-nicht aufgefallen, denn die paar Leute, die hier ein und aus gingen,
-hatten keine Zeit, sich nach ihr zu erkundigen, und auch kein Interesse.
-
-Da hatten aber vor kurzem eine Magd und ein Knecht im Nachbargarten, wo
-sie sich gegen die Nacht hin Stelldichein gaben, plötzlich ein
-merkwürdiges, unerklärliches Winseln und Wimmern gehört. Immer wieder
-und wieder. Mehrere Abende hintereinander.
-
-Zuerst hatten welche gemeint, es »spuke«, weil es mit dem alten Gehöft
-sowieso nicht »seine Richtigkeit« hatte. Aber schließlich waren doch
-Nachforschungen angestellt worden, und da hatten sie das arme Wesen in
-seinem dumpfen Kellerloch entdeckt.
-
-Und nun lag es da in der hellen Sonne ...
-
-Ich beobachtete den Kossäten und seine Frau. Er, leichenblaß bis unter
-die schwarzen Haare, mit breiten zuckenden Kinnladen und trotzigen
-kleinen Augen, die unstet hin und wider gingen; die wulstigen Lippen
-fest zusammengepreßt. Ab und zu zuckte er mit dem Kopf zurück, wenn ihm
-eine Faust zu nah gegen das Gesicht fuhr. - Sie, eine große, knochige
-Person, breitschultrig und breithüftig, ein wahres Arbeitstier,
-strotzend von Gesundheit und Kraft. Sie stierte mit vor Angst dummen
-quellenden Augen hin und her, bewegte lautlos die Lippen und zitterte
-über den ganzen Körper. Hin und wieder machte sie eine schützende
-Bewegung gegen ihren Mann hin, wenn die Leute zu nahe gegen ihn
-andrängten.
-
-In der Haustür die Kinder. Ein halberwachsener Junge und ein Mädchen in
-stummer, erstarrter Angst, und auf der sonnigen Türschwelle saß mit
-ausgespreizten, nackten Beinchen im roten Röckchen ein pausbackiges
-Krausköpfchen, ein Dreijähriger, der aus vollem Halse in den Lärm
-hineinschrie. Hinten, aus der Hoftorecke her, zu all dem Aufruhr das
-wütende, heisere Gekläff des Hofköters, der wie rasend an seiner Kette
-hin und her sprang.
-
-Es überlief mich. Zwischen den Kindern durch flüchtete ich mich über die
-stille, heiße Gasse hierher in mein Stübchen.
-
- ----
-
-Ja, und da lag ich nun: betäubt, verwirrt, wieder einmal ratlos
-erschauernd vor den »dunklen Abgründen menschlichen Leidens und
-Lebens« ... Wieder einmal lastete es auf mir, bleischwer mit Mißmut,
-Ekel und Verzweiflung, und zwischen meinen hämmernden Schläfen brannte
-die alte, böse Frage »Wozu?« Wie heißt es doch? »Ein Narr wartet auf
-Antwort« ...
-
-Schön! Aber vor allem: Was nun?
-
-Soll ich mich abwenden - so stellt sich für mich als Künstler die Frage
-- mich abwenden und mich in irgendein Idyllchen flüchten, das ich dem
-Leben abdestilliere aus Mondschein, Fliederduft und Gelbveigeleinliebe,
-und zeigen, wie »schön trotz alledem« die Welt ist und wieviel des
-»Erhebenden« sie »immerhin so nebenbei« noch biete? Daß auch _das_
-Wirklichkeit ist?
-
-Soll ich mir mühsam zu eigener und fremder »Beruhigung« eine superkluge
-Erklärung zurechtspintisieren aus rätselhafter Verkettung von »Schuld«
-und »Sühne« und an eine »wohlweise Weltordnung« verweisen?
-
-Soll ich mit Schwarz und Blut ein »soziales Nachtstück« zusammenbrauen,
-eine »moralische Forderung« draufetikettieren und einen pathetisch
-optimistischen Appell an die besser zu unterrichtende Menschheit
-erheben?
-
-Ach ja!
-
-Vor allen Dingen indessen eine frische Zigarette.
-
- ----
-
-Ja! Und da fiel mir auf einmal in meiner stummen Not ein alter Freund
-ein, der mir immer sehr merkwürdig gewesen war.
-
-Er war ein sehr sonderbares Menschenkind in Anbetracht dieser
-Zeitläufte.
-
-Er gehörte mit zu unserem Kreis.
-
-Warum hatten wir ihn eigentlich in unsere Bekanntschaft hineingezogen?
-Ja, warum? Es war uns allen später eine Zeitlang ein psychologisches
-Problem gewesen.
-
-Wir unsrerseits nämlich waren damals sehr, sehr klug. Wir hatten die
-Welt erkannt. Wir hatten einen Zukunftsstaat erbaut, gründlich überall
-aufgeräumt, sogar die Frauenfrage gelöst, na usw. Man weiß ja!
-
-Ja! Und die schönen Exempel waren alle glatt und ohne Rest aufgegangen.
-Wunderbar hatte alles geklappt ...
-
-Später kamen wir allerdings dahinter, daß es mit alledem doch noch so
-seine eigene Bewandtnis hatte, und nun staken wir, wie sich das
-heutzutage gehört, gründlich in allen möglichen Sackgassen und suchten
-uns mit Stoizismus, Ironie, Zynismus und anderen schönen Dingen leidlich
-durchzuschlagen ...
-
-Und er nun: er war so wunderbar - wie soll ich nur sagen? - dumm?
-
-Aber nein; dazu besaß er zuviel Mutterwitz. Nein! Nur ein bißchen
-»zurückgeblieben«, ein bißchen »altmodisch«. Aber im ganzen ein so
-prächtiger Kerl, urteilten wir. Bestimmt ließe sich aus dem was machen.
-Zwar, es würde ein Stück Arbeit kosten, denn von den heutigen
-Zeitläuften hatte er kaum eine dunkle Ahnung, und von unserem
-dekadenzierten Stadium war er nun gar noch himmelweit entfernt.
-
-Nein! Er war uns wirklich ein Rätsel! Wie kam es nur, daß er uns -
-anzog? Daß er uns so interessierte? Am Ende war es sein unverwüstlicher,
-leichter Sinn, seine überschäumende Fröhlichkeit oft? Eine Fröhlichkeit,
-so recht aus einem freien Herzen heraus?
-
-Ja, das vielleicht. Denn diese Fröhlichkeit war uns allen ein Rätsel.
-
-Und nun zertrümmerten wir ihm seine Ideale. Mit einer wahren Wollust. Es
-zog uns förmlich dazu. Wer weiß, was?... Keine Ruhe ließen wir ihm. Wir
-wollten ihn »aufrütteln«, zum »Bewußtsein seiner Lage« bringen, ihn zu
-einem »lebendigen Menschen« machen; lebendig: so nach unsrer Fasson.
-
-Und er schloß sich uns an. Mit einer innigen Wißbegier. Er las unsere
-Lektüre. Er nahm auf, rastlos. Er war einer der unseren, gab uns recht.
-Er hatte eine ungeheure Hochachtung vor uns und unsrer Klugheit ...
-
-Ja, und das war eigentlich das Endresultat unsrer Bemühungen, diese
-Hochachtung ...
-
-Und auf einmal kam es uns zur Klarheit, daß das doch ein recht
-spärliches Endresultat sei. Wir waren verblüfft. Denn wir merkten -
-vielleicht besser als er - was dahinterstak, daß er sich nämlich in
-unsrer Welt nicht wohlfühlte. Nun, das ging uns ja aber eigentlich auch
-so. Aber, aber ... Ja! Er war schweigsam, still, gedrückt. Er hielt sich
-einsam.
-
-Immerhin, das konnte ein Übergangsstadium sein. Es blieb am Ende noch
-abzuwarten, was dabei herauskam.
-
-Aber, nein! Es kam nichts heraus. Nicht ein bißchen Ironie, nicht ein
-bißchen Zynismus der Welt gegenüber; kein »Mark«, keine »Männlichkeit«.
-
-Wir waren nun wirklich ärgerlich, sehr ärgerlich. Er war einfach zu
-dumm. Wir hatten uns eben in ihm getäuscht.
-
-Eine Zeitlang gönnten wir ihm noch ein nachsichtiges, lächelndes
-Mitleid, wie einem Kinde. Dann aber fing er an, uns mit seinem Schweigen
-seltsam zu bedrücken. Nun, und schließlich »überließen« wir ihn einfach
-»seinem Schicksale«. -
-
-Später indessen lernte ich ihn verstehen, und da hatte ich im weiteren
-Verkehr mit ihm die Empfindung, daß er uns vollkommen verstanden und uns
-mit unserem Ideenkrimskrams still so in Bausch und Bogen in sich
-verarbeitet hatte.
-
-Er war ganz umgewandelt, und doch der alte, dasselbe große Kind.
-
-So war es mit ihm. Er war überhaupt nicht totzukriegen. Das Leben mochte
-sich alle mögliche Mühe geben, sich bei ihm in Mißkredit zu bringen: es
-gelang ihm nicht. Er war wie ... wie Gras war er. Man mag allen
-möglichen Schutt, Müll, Scherben und Steine draufschütten: es dauert
-nicht lange, so bricht es mit tausend fröhlichen Keimen ins Freie, wo
-die Schmetterlinge spielen, der Himmel lacht und die liebe Sonne
-scheint. Geradeso unverwüstlich war er auch ...
-
-Immer wieder und wieder, soviel er auch erfaßte und in sich aufnahm, und
-was er auch kennen lernte: immer wieder brach ein vertrauendes,
-erschauerndes Erstaunen vor der Welt bei ihm durch, der großen,
-herrlichen Welt, die man nie auskennt, nie!... Das war kennzeichnend für
-ihn. Er war der Welt gegenüber immer wie ein Kind, mit einer
-unverwüstlichen Lebensfreudigkeit, einem unverwüstlichen Respekt vor dem
-Leben. Er maß nicht nach Gut und Böse, Schön und Häßlich. Er maß das
-Leben überhaupt nicht: er lebte es.
-
-Er erfaßte alles und durchdrang alles mit einem warmen, lebendigen,
-starken Gefühl. Diese Gefühlskraft war wie ein frischer Lebenssaft in
-ihm, der ihn geistig immer wieder ausheilte ...
-
- ----
-
-Und wie ich ihn mir so recht vorstellte, da wurde es mir mit einem Mal
-wohler zumut. Ich merkte auf einmal: alles das, was ich heute erlebt
-hatte, war ja nicht bloß der eine Mißton, den ich zuerst vernahm,
-sondern ein wunderbares Zusammenklingen von unendlich vielen Tönen, die
-hinüber verlaufen ins Unendliche, in das große Unbekannte, das, wenn man
-es in sein Fühlen aufnimmt, Lust und Leid beruhigend zusammenrinnen läßt
-in ein wundersames, erschauerndes Erstaunen ...
-
-Meine Nerven, die es möglichst bequem haben wollten und mußten, hatten
-sich wieder mal chokiert gefühlt, das war im Grunde alles ...
-
-Ach du, mein lieber Junge! - Wir sind so geistreich heutzutage!... Ja,
-entsetzlich! - Aber mit der Galle, mit unserem dicken Blute, unseren
-zimperlichen Nerven.
-
-Wir wollen das Leben unter allerlei prätentiöse, philanthropische,
-psychologische und was weiß ich noch alles für Maßstäbe zwängen, wir
-»Künstler von heute«, und wir kriegen doch nicht einen Millimeter
-darunter, ohne daß es nach beiden Seiten weit überragt.
-
-Wir tun uns was zugute, wenn wir ein Stück Leben zu irgendeinem
-Rechenexempel sophistisch spitzfindig verzwickt haben.
-
-Wir schreien über »blöde Nachahmung«, wenn nicht geistreich aus- und
-untergedeutelt wird, wenn das quellende Leben nicht mit irgendwelchen
-»Fragen« malträtiert wird, sondern wenn einer sich begnügt, sein
-lebendiges Herz hinzuhalten und die tausend und aber tausend Stimmen,
-die das winzigste Stück Leben redet, widertönen zu lassen ohne weitere
-Neunmalklugheit und sonstiges Brimborium; wenn einer der »schweren Not
-der Zeit« gegenüber sich einen gottlos himmlischen Leichtsinn bewahrt
-hat.
-
-Und doch, wer doch so wäre wie du! Wer doch heute so sein könnte!
-Einfältig wie ein Kind und mitfühlend doch alles wissen, verstehen und
-widertönen lassen, von Herz zu Herzen reden könnte, wie du das
-konntest!...
-
-
-
-
-Zwischen Papieren
-
-
-Ein Gewitter, das sich während der Nacht um unseren Talkessel herum
-austobte, hat sich in einen Regen aufgelöst. Seit frühem Morgen schon
-raschelt er ununterbrochen in langen Fäden vom sackgrauen Himmel
-herunter und läßt mich nicht aus dem Zimmer.
-
-Ich sitze an meinem Schreibtisch und höre auf die stille, behagliche
-Musik draußen: das Rascheln der Blätter, das Plätschern der kleinen
-Gießbäche an beiden Seiten des Fahrwegs die Gasse hinunter in trüben,
-milchkaffeefarbenen Wirbeln. Dazwischen das Geschrei der Jungens, die
-sich, die Hosen bis zu den Hüften hinaufgekrempelt, in den breiten
-Lachen und Pfützen verlustieren, auf denen Hunderte von Blasen aufhüpfen
-und wieder verschwinden. Der Pudel meiner Wirtin hat sich neben mir auf
-dem Teppich zusammengekuschelt und schnarcht leise, und von der Wand her
-tackt die Uhr. Ich freue mich meiner Filzsocken, meines Hausrockes und
-meines Nasenwärmers.
-
-Lang reck ich die Beine unterm Tisch und gähne, weißt du, so in einer
-angenehmen Lässigkeit, in behaglicher Langenweile.
-
-Was nun gleich anfangen?
-
- ----
-
-Vielleicht schreiben? Wieder einmal irgend etwas schreiben? Ich ziehe
-mir ein Bündel Manuskripte vor, knote das bunte Fädchen drumherum auf
-und fange an zu suchen.
-
-Vielleicht dies oder jenes Angefangene weiterführen, zu Ende bringen?
-Aber _cui bono_? -
-
-Der Wahlspruch eines Freundes fällt mir ein, auch so eines glückseligen
-Faulpelzes, wie ich jetzt einer bin.
-
-_Cui bono?_ Daß Gewisse dann nachher wieder einmal Gelegenheit zu einer
-heilsamen Lungengymnastik bekommen?
-
-Oder _mir_ etwa zulieb? - Nein! - Ich find es wirklich gedeihlicher, in
-dieser friedsam eingezäunten Welt runde Backen zu bekommen. Man muß doch
-auch für den Winter wieder etwas zuzusetzen haben!
-
-Es macht mir aber doch Lust, so in dem papierenen Kram umherzublättern.
-Was liest man nicht alles zwischen den Zeilen! Aus dem Sicheren heraus
-einem da so zuzuschauen, wie er sich müht und abquält, mir selbst.
-
-Schreiben! _Cui bono?_ - Ja, du prächtiger, gescheiter alter Junge, der
-du so ein unübertrefflicher Lebenskünstler bist: bei einem guten Essen,
-bei einem klugen Weibe, auf deiner Chaiselongue unterm japanischen
-Schirm mitten zwischen allerlei lustigem Krimskrams bei einem
-vernünftigen Buch oder einer träumerischen Zigarre oder in unserem
-vertraulichen Kreise.
-
-_Cui bono?_ Die schöne Welt auf ein paar schändlichen Papierwischen
-schamlos zu verhunzen? Neunmal hast du recht! Ein Unsinn ist's, ein
-Fieber, ein Wahnsinn! Ich begreife mich selbst nicht ...
-
- ----
-
-Wie unschuldig sie dastehen, die perlenden, glatten Sätze in ihrer
-sauberen, reinlichen Schwärze! Als wäre nichts gewesen, gar nichts
-gewesen! Als wären sie das leichte, müßige Spiel müßiger Stunden!
-
-Ach, ich kenne ihre Geschichte, die Geschichte jeden Satzes, jeden
-Wortes!
-
-Mit welch neunmalverfluchtem, töricht vergossenem Schweiß sind diese
-paar lumpigen Zeilen da erkauft! Wie viel Anläufe, wie viel saueres
-Ringen, wie viel Verzweiflung und Entmutigung! Wie viel fiebernde, wilde
-Freude! Und wer dankt einem das alles? Wunderlicher Wahnsinn!...
-
-Wie viel Wonnen! So schmerzlich in ihrer Überfülle! Wenn ich ein Stück
-Leben endlich gefaßt hatte, wenn ich es selbst war und schrieb und
-schrieb, bis ich am Abend zusammenbrach wie ein übermüdetes Lasttier.
-Wenn es mir nachts den Schlaf raubte, mit bunten Träumen, mit lebendigen
-Gesichten, bis der erste Morgen rot über den grauen Mietkasernen
-aufdämmerte!...
-
-Wie viel Ermattungen! Zeiten, wo es bei vergeblichen Anläufen mich
-durchfuhr: du kannst nichts mehr, bist tot, abgeschmackter als der
-fadeste Ignorant, einfältiger als der blödeste Idiot! Zeiten, wo mich
-die vier Wände meines Zimmers engten wie ein Grab; wo es mich tagelang
-durch die Straßen trieb, daß ihr rauschender Lärm, ihr wirres,
-wunderliches Leben meine Verzweiflung übertäube, wo ich neidisch hinter
-einem jeden Philister herschlich, der im dumpfen Gewohnheitsgleis sein
-tägliches Pensum heruntergehaspelt hatte. Wie ich ihn achtete und mich
-so niedrig, so unnütz fühlte!... Bis dann wieder das andere kam! -
-
-Und so fort und fort!
-
-Ja ja! Die alte Geschichte! - Aber ich meine nur: keiner wird ja
-gescheit von uns, keiner! Von uns geistigen - Luxusmenschen ...
-
- ----
-
-Hier sind ein paar Dinger, die nach allerlei Rezepten riechen. Jetzt
-spür ich erst, wie? -
-
-Wie sie einen in die Irre führen können, diese stumpfnüstrigen
-Stichwortfabrikanten, die ihre blöde Freude und Befriedigung ihrer
-Eitelkeit finden, wenn sie jeden Sprößling, wie in einem botanischen
-Garten, gleich mit einem Täfelchen verschimpfieren!...
-
-Sehr lehrreich, ja! - Mit einem dumpfen Wust von Namen und Redensarten
-im Schädel geht man davon.
-
-Aber wer hat so recht seine warme Herzensfreude gehabt, wie ein jeder
-Schoß aus der nährenden Erde hervorgekeimt ist, wie er sich zweigte,
-seine Rinde sich bräunte, wie er in der Sonnenwärme, genährt von Luft,
-Licht, Wärme und Frühjahrsregen, saftige Knospen schwellen ließ,
-Blättchen und Blätter entfaltete und in rosiger Blüte stand? Wen
-kümmerts?
-
-Wenn sie sich nur zu Haufen scharen und ein rechtes Geschrei erheben
-können, hinüber und herüber.
-
-Und wenn nur nicht Hunderte dabei in die Brüche kämen, weil sie einer
-Redensart zulieb sich selbst und die liebe Natur verhunzen.
-
-Beiseite gehen und lachen! In der Einsamkeit sich selbst finden und
-stark werden!...
-
- ----
-
-Früher gab es eine Zeit, wo der Dichter der Seher war, Prophet,
-Priester.
-
-So nannten ihn die naiven Menschen eines naiven Zeitalters, und
-religiöse Weihe wohnte ihm bei.
-
-Wir lächeln darüber, wir, »_les soldats les plus convaincus du vrai_«,
-wir Arbeiter und Experimentatoren, Positivisten, Objektivisten und
-Dokumentensammler in unserer werktagstolzen Bescheidenheit.
-
-Es ist nicht zu deuteln: die Alten meinten's, wie sie's sagten. Unser
-Verstand aber ist klar und unsre Einsicht reifer. Wir sind so schlicht,
-und jedes Pathos macht uns lachen.
-
-Ach, ach! Ob man nicht aus seiner Not eine Tugend macht? Wie ist's mit
-dem Fuchs und den Trauben?
-
-Hier in meiner stillen Einsamkeit kommen mir so allerlei Gedanken.
-
-Wenn ich jetzt so in all dem Papierkram blättere, mich hier als
-kaltblütigen Positivisten finde und dort, wie ich ein gut Stück mit den
-Psychologen und Moralisten gegangen bin, merk ich erst so recht, wie ich
-doch getappt und getappt bin. Oft meint ich, ich hätte ein Ganzes,
-Rundes: und nun ist es Stückwerk.
-
-Ach wir, die wir prompt unsre Analyse vollziehen und selbstbewußt
-hinzufügen: keine Hexerei!
-
-Zwischendurch spür ich aber doch, wie ein Verborgenes, Niedergehaltenes
-sich regte und frei werden wollte und wohl auch hier ein Zweiglein trieb
-und da. Etwas, das keine Selbstzufriedenheit kennt gegenüber dem alten,
-wunderbaren Rätsel, das nur mit einem beseligt: mit einem frommen
-Staunen ...
-
-Und ich weiß nicht: das gibt mir jetzt einen Trost, als könnte ich damit
-noch eine große, schöne Zufriedenheit in der Zukunft finden.
-
-Etwas Ganzes, Rundes herausschaffen aus einem gesunden, kräftigen
-Empfinden, aus einer umfassenden, sicheren Stimmung herausgestalten, die
-einen trägt und treibt vom Beginn bis zum Ende. Die Welt wiederzugeben,
-wie sie Empfindung und treibendes, quellendes Leben in einem geworden,
-ohne zu deuteln und zu urteilen, zu verdammen und zu preisen. Kein
-kluges, kaltes Beobachten: mit seinem Empfinden aufgehen mitten im
-Leben, es selbst werden. Farbe sein, Ton, Licht, eigener und fremder
-Schmerz, eigene und fremde Lust, jede Leidenschaft, wie sie in
-schlichter, natürlicher Kraft sich äußert. Ganz selbst und doch seiner
-selbst entledigt sein: das ist das Pathos, mit dem einen die Welt
-erschüttert und sänftigt wie mit einem religiösen Schauer.
-
- ----
-
-Hier halt ich erste Versuche in den Händen, Gedichte. Wie unbehilflich
-die Form! Die Empfindung, die hervor will, sucht nach Halt und klammert
-sich an, da und dort, in ihrer rührenden Unfreiheit, wie sie noch im
-Leben umhertappt, ihrer selbst sicher zu werden.
-
-Und doch eine so schöne Zeit! Wie lebendig mir das alles war!
-
-Und da muß ich so denken, wie alles Spätere, so sachlich es sich auch
-gebärdete, im Grunde hier, in diesem Boden, seine stillen, tiefen
-Wurzeln hatte.
-
-Alles, mögen sie's benamsen, wie sie's wollen, ist im Grunde doch ein
-Gedicht, Lyrik.
-
- ----
-
-Wie ein Abschließender komm ich mir vor hier über diesem vergilbten,
-bunt bekritzelten Papier und so oft während dieser herrlichen Tage.
-Freier, ruhiger seh ich in die Zukunft.
-
-Eins weiß ich sicher. All die Stichworte und Redensarten, die mich
-lästig umschwirrten wie Mückenschwärme: sie sollen und werden mich nicht
-irremachen.
-
-Mensch will ich sein, Mensch und vor allem Mensch! Leben will ich, leben
-und Leben erraffen; ganz zum Leben tüchtig werden! Nichts soll mir
-gelten, als mein eigener, freier Trieb! Fühlen will ich mit jeder Fiber
-und jedem Nerv, wie über den Tag weg und sein wirrendes Getriebe in
-Liebe, Haß und Leidenschaft die tausend Kräfte der Natur wunderbarlich
-durcheinander walten. -
-
-Vorm Fenster fangen an die Spatzen zu zwitschern, und das Geriesel an
-den Scheiben verstummt.
-
-Bündel zu! Weg mit dem papierenen Krempel!
-
-Draußen wird die Welt hell!...
-
-
-
-
-Nach einem Begräbnis
-
-
-Ich kam von meinem Spaziergange zurück und bummelte noch aus lieber
-Langerweile über den Gottesacker. Vor dem frisch zusammengeschaufelten
-Grabhügel blieb ich stehen.
-
-Vorhin, als ich in die Felder hinausging, hatt ich den Zug gesehen.
-Vorweg gingen die Kurrendejungen, mit schwarzen Radmänteln und runden,
-groben schwarzen Filzhüten. Über ihren Köpfen schwankte in der Sonne das
-vergoldete Kruzifix auf seiner langen schwarzen Stange langsam dem Zuge
-vorauf. Sie sangen »Jesus, meine Zuversicht«, und dazwischen läuteten
-von oben die Glocken. Es war eine »ganze Leiche« gewesen. Man
-unterscheidet hier bei Begräbnissen »ganze Leichen« und »halbe« und
-solche, die gar nicht zählen. Bei den »ganzen« gehen alle Kurrendejungen
-mit, und jeder kriegt zehn Pfennig; außerdem wird geläutet. Bei den
-»halben« geht nur die Hälfte der Jungen voran. Nun, und die, welche gar
-nicht zählen, haben den Vorteil, daß sie in einem soliden Eilmarschtempo
-ohne weiteren Sang und Klang dem lieben Himmelreiche überliefert werden.
-
-Im übrigen: man sollte doch wirklich allgemein die Leichenverbrennung
-einführen. Denn der Gedanke, daß das da unten, der alte, gute, dicke
-Meister Loebe, dem ich vor vier Tagen noch bei beiderseitig bestem
-Befinden ein Stück Sülzwurst abgekauft habe, in ein paar Wochen ein
-würmerwimmelnder, grünlicher Klumpen Dreck sein wird, ist wirklich ein
-wenig fatal. Ich hoffe, ein vielfach bewährter Fortschritt wird auch bei
-dieser Kleinigkeit das Seinige tun und sorgen, daß man künftig beim Lied
-vom Ende von derlei unappetitlichen Vorstellungen nicht mehr peinlich
-berührt werde. Immerhin wäre das eine nicht zu unterschätzende
-Konsequenz. -
-
- ----
-
-Der alte, gute, dicke Meister!
-
-Wie mag sich seine unsterbliche Seele, die ihm der Herr Pastor vorhin
-imputiert hat, gefreut haben, als sie das Ehrengeleit seiner Mitbürger
-sah! Denn sicher ist es ihr nicht gleichgültig gewesen. Sie war eine
-reputierliche Ratsherrnseele und hielt etwas auf Repräsentation.
-
-Vier Trauermarschälle, mit langem Flor hinten an den Zylindern herunter,
-Zitronen in den Händen und lange schwarzumflorte Stäbe. Zwölf
-Sargträger, ein braun polierter, solid gefügter Bohlensarg mit Kränzen,
-Blumenkronen und langen Palmzweigen. Und hinterher _tout le monde_ ...
-
-Der alte, gute, dicke Meister!
-
-Ich will nicht davon reden, mit welch liebevoller Sorgfalt sein Phlegma
-geräucherte Schweinsköpfe zu überzuckern wußte und wie durchaus korrekt
-seine Leberwürste waren: nur, daß ich die angenehme Gewohnheit entbehren
-soll, ihn Morgen für Morgen zu begrüßen, wenn er mit seiner gewaltigen
-weißen Schürze und seinem roten Gesicht vor der Ladentür mitten zwischen
-den beiden blitzblanken Messinghaken in der Frühsonne strahlte: was für
-eine Lücke in meinem Tagesprogramm! -
-
-Der Selige! -
-
- ----
-
-Ich riß mich los und ging weiter.
-
-Von der Kirche her klang die Orgel.
-
-Aus der Kirchtür quoll eine Staubwolke in die Nachmittagssonne heraus.
-Es war Sonnabend und wurde gefegt.
-
-Ich blieb stehen und lauschte.
-
-Der Kantor entschlüpft zuweilen nachmittags dem Spektakel seiner sechs
-Rangen und spielt ein Stündchen zu seinem Privatvergnügen auf der Orgel.
-Wenn's mir paßt, schleich ich mich wohl mal hinein, drücke mich in
-irgendeinen Kirchstuhl so, daß ich ihn beobachten kann, und hör ihm zu.
-
-Nämlich sein Spiel ... Es liegt etwas in seinem Spiel, etwas, etwas ...
-Hm! - Etwas, das einem ein so eigenes Gefühl in der Herzgegend schafft,
-das mich förmlich in meine verschwiegene Kirchstuhlecke drückt.
-
-Ob er sich seiner Gabe bewußt ist? Ich habe ihm nie angemerkt, daß er
-viel Wesens davon macht. Er meinte nur einmal, daß er »für sein Leben
-gern Musik studiert hätte«. -
-
-Es sind so merkwürdige Augenblicke!
-
-Anfangs hör ich noch, wie die Bälge fauchen und wie das alte, stockige
-Gestell gar nicht parieren will; wie die Auskehrfrau vor der Tür mit
-einem alten Weibe einen Diskurs macht zwischen ihrer Arbeit, und ich muß
-an seinen kahlen Schädel, an seine sechs Gören, an seine Abcschützen und
-sonstigen Quark denken; aber dann kommt es über mich mit einer süßen,
-seligen Unruhe, und ich vergesse alles. -
-
-Und heute hab ich sogar meinen alten, guten, dicken Meister Loebe
-vergessen, den gesegnetsten der Männer ...
-
-
-
-
-Im Wind
-
-
-Immer dunkler. Immer trüber.
-
-Ein über das andere Mal laß ich das Buch sinken, aus dem ich zu lesen
-versuche.
-
-Überall feucht und kalt die graue Stille.
-
-Wenn in der Nachbarschaft nur ein Kind schrie, ein Huhn gackelte oder
-unten im Hause sich etwas regte! Ein Ruf, ein Lachen, das Klappen einer
-Tür. - Nichts. -
-
-Nur der Wind im Rauchfang, der sich durch alle Halb- und Vierteltöne der
-Tonleiter hinauf- und hinabquält. Und draußen das Sprühen und Rieseln,
-das langsam den dicken Straßenstaub in eine schwarzbraune Schmutzschicht
-zusammenfeuchtet.
-
-Wie mit Stecknadeln bohrt sich's mir in alle Nerven.
-
-So gehen die Sekunden, die Minuten. Langsam. Lastend. Bleischwer.
-
-Ewig da drüben, über den Ziegeldächern, dieser dumme, räudige
-Kalkbrennereischornstein! Ewig diese sanften Hügelchen mit ihren
-Kirschbäumchen! - Wie mir das über ist! Wie gründlich zuwider! - Wie
-quälend ich das alles auf einmal in seiner ganzen, stummen,
-stillzufriedenen Enge empfinde! -
-
-Langeweile, ja! - Nichts als Langeweile! -
-
-Wie Blei liegt's mir in den Adern, der Mund trocken, und die Augen
-brennen. Ich mußte etwas haben, das mir das Blut rollen ließ. Und so, in
-einer tollen Anwandlung, macht ich mich hinaus in das Wetter, auf die
-Berge.
-
- ----
-
-Eine graue, schaurige Einsamkeit da oben.
-
-Die Wolken rasen über mir hin. In schweren, graublauen Ballen unter
-einem gelben Dunst. Tief, in schleifenden Fetzen. Fern von unten donnern
-die Talmühlen aus dem feuchten Nebel herauf, mitten zwischen das Winseln
-und Knattern des Windes; und durch die Gräserchen und das nasse
-Kalksteingeröll zu meinen Füßen, die Hänge hin, geht ein feines,
-scharfes Pfeifen.
-
-Rings verwischt's den Horizont mit dicken Nebeln.
-
-Gegen den stauenden Wind ring ich mich vorwärts. Meine Backen und Hände
-brennen von den feuchtkühlen Schauern, die mir in kurzen, scharfen
-Stößen entgegentreiben.
-
-In der weiten, trüben Öde raunt's an mir vorüber wie mit hundert
-verborgenen Stimmen. Wie eine vieltönige dunkle Weise.
-
-Und sie lockt mich in Gedanken hinein, unruhig, rastlos, schweifend wie
-der Wind, der herrast aus den grauen Nebeln.
-
- ----
-
-Es ist nichts weiter. Nur, daß es einen durchschauert, wie man nirgends
-seßhaft werden kann mit beruhigtem, dankbarem Herzen. Nirgends. -
-
-Weiter nichts. Nur, daß das hier alles um mich her so stumm, so wortlos
-wird, mir nichts, nichts mehr mitteilen kann.
-
-Nein! Gewiß nicht: es ist kein Wunder! So ein enges, kleines,
-schmutziges Nest mit seinem vorsündflutlichen Menschenvolk!
-
-Und doch: wie viel ist es mir gewesen mit seiner tagefernen
-Abgeschlossenheit! Diese dumme, kränkliche Schwäche, daß es einen
-drückt, wenn man nicht dankbar sein kann mit fester, steter,
-stillwurzelnder Neigung, daß man an sich zweifelt, weil es einem
-nirgends rechten Frieden gönnt, weil einen heute engt, was einem gestern
-noch alles war. -
-
-Ach, ich glaube, es ist immer noch dieser alte, romantische, törichte
-Trieb in die Ferne.
-
-So suchen wir nach Göttern und Bestimmungen; so verwüsten wir die Welt
-mit Bedeutungen und Symbolen. So basteln wir am Leben herum und bauen
-uns Häuser in der Zukunft, in denen wir's uns mit unsern Wünschen und
-Wollungen wohl sein lassen!
-
-Wind, Wind, alles Wind und eitel! -
-
-Als ob es im Grunde jemals besser werden könnte!...
-
- ----
-
-Eine halbe Stunde durch den peitschenden Regen und knatternden Sturm,
-und mein Blut singt mir andere Lieder, und frei und fröhlich halt ich
-Widerpart.
-
-Ja, es wird besser werden, und ob auch alles sonst beim alten bliebe!
-Denn ein Stamm gesunder Kerls wird emporkommen, die sich nicht durch
-Redensarten und Hirngespinste unterkriegen lassen, und eine Zeit, bei
-der sie Widerhall finden. Sie werden sein, so wahr sie gewesen sind. Und
-wenn wir über Triebe und Kräfte reflektieren, weil wir unser selbst
-ungewiß sind, so werden sie Trieb und Kraft sein. Mitten im Leben werden
-sie den herrlichen Leichtsinn haben, daß sie lachen können, und in ihrem
-Lachen wird keine Bitterkeit und versteckte Anklage sein. Mit all seinen
-wunderlichen Leidenschaften und seinem tollen Durcheinander wird es
-ihrer Kraft ein Spiel sein. Tändeln werden sie mit ihm, wie die Griechen
-mit ihm tändelten, und sie werden die alte Sphinxbestie singen machen
-und ihre tausend wirren Töne zusammenzwingen in eine Harmonie. Dann wird
-es mit dem Geschwätz von Sittlichkeit und Wahrheit, von Optimismus und
-Pessimismus endlich mal eine Zeitlang ein Ende haben. Ihr Lachen wird es
-übertönen. Kein Suchen mehr, denn sie werden gefunden haben, was einzig
-je zu finden ist: sich selbst. Sie werden sich erlösen vom Leben in
-Werken, um die es webt von ihrem weltbezwingenden Leichtsinn wie
-Sonnenschein und rosiges Leuchten.
-
- ----
-
-Der Sturm saust mir um die Ohren, und sein Tosen wandle ich in ungefüge
-Rhythmen und laß ihn pfeifen nach meiner Weise, wie ich allein gegen ihn
-ringe in der rauhen, öden Einsamkeit hier oben. Und er singt mir mehr,
-als zu sagen und festzuhalten ist. -
-
-Als ich nach Hause kam, hatt ich nasse Stiefel und vielleicht einen
-tüchtigen Schnupfen im Leibe, aber Courage für lange Tage.
-
-
-
-
-Abschied
-
-
-So sind denn meine Siebensachen gepackt. Wieder einmal. Morgen, in aller
-Frühe, geht's fort.
-
-Hier, von der Bodenluke aus, zwischen allerlei altem, wunderlichem Kram,
-kann ich noch einmal alles so recht überschauen.
-
-Weit dehnt sich der klare, mattblaue Himmel, und über die
-feierabendstille Gegend breiten sich lange, ruhige Schatten. Aus der
-Ferne, durch die reine Luft, Rufe und Peitschenknallen und das träge
-Rattern schwergeladener Erntewagen. Hier und da, in Reihen über die
-Felder hin, Getreidehocken, goldbronzen im Abendlicht. Schwalben vorüber
-mit langgezogenem Gezwitscher, in den kühlen Abend hinein. Vom Kirchberg
-herüber, silberhell, das Abendläuten.
-
-Hier wohnen! Dort, in dem kleinen Haus unter der Linde. Beschaulich
-seine Beete graben und runde, rote Backen bekommen ...
-
- ----
-
-Nein!
-
-Den ganzen Tag war ich von Visionen geplagt.
-
-Ich sah mich, wie ich die Stufen vom Bahnhof hinunterschritt. Ich sah
-die hohen, strahlenden Häuser, die vielen hundert Lichter über dem
-Platz, das sinnverwirrende Durcheinander der Fahrzeuge, den
-unaufhörlichen Strom der Fußgänger; und dann die lange Straße mit ihrer
-wunderbaren Pracht eines orientalischen Märchens. Ich sah mich ...
-Still! -
-
-Noch einmal beide Lungen voll, voll von dem köstlichen Abend! Noch
-einmal ist das alles schön! - Schön, weil es mich hinzieht,
-unwiderstehlich, in die alte, verfluchte, herrliche Unruhe.
-
-Dort, im Nordost, wo sich das Land in die abendgoldige Ebene dehnt, weit
-hinter Fluren, Dörfern, Strömen und Städten, braust sie in den
-verborgenen Fernen.
-
-Morgen! Morgen bin ich bei euch! -
-
-
-
-
- ----
-
- Druck der Roßberg'schen
- Buchdruckerei in Leipzig
-
- ----
-
-
-
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK IN DINGSDA ***
-
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg(tm)
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-Project Gutenberg(tm) is synonymous with the free distribution of
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-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg(tm)'s
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-freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
-permanent future for Project Gutenberg(tm) and future generations. To
-learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and
-how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the
-Foundation web page at http://www.pglaf.org .
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
-of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
-Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is
-64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf . Contributions to the
-Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the
-full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
-S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at 809
-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official page
-at http://www.pglaf.org
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-
-Project Gutenberg(tm) depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations where
-we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
-statements concerning tax treatment of donations received from outside
-the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways
-including checks, online payments and credit card donations. To donate,
-please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
-
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg(tm) electronic
-works.
-
-
-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg(tm)
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg(tm) eBooks with only a loose network of volunteer support.
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-Project Gutenberg(tm) eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless
-a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks
-in compliance with any particular paper edition.
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-number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
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-the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
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