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Tausend) + +Author: Emil Julius Gumbel + +Release Date: May 11, 2012 [EBook #39667] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VIER JAHRE POLITISCHER MORD *** + + + + +Produced by Odessa Paige Turner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: Die Rechtschreibung des Originals wurde +beibehalten; auch Personen- und Ortsnamen bleiben uneinheitlich wie im +Original. Hervorhebungen im Original durch _kursiv_ gesetzten Text sind +hier mit _Unterstrichen_ umgeben; =Gleichheitszeichen= stehen für =fett= +gedruckten Text. + +Transcriber's Note: Original spelling variations as well as variations +in names of persons or places have not been standardized. Emphasis using +_italic_ text has been marked by _underscores_, =bold= text is shown by +=equal= signs.] + + +_Fünfte Auflage von ZWEI JAHRE MORD (13. bis 18. Tausend)_ + +_Anita Orienter zu eigen_ + +E. J. GUMBEL + +VIER JAHRE POLITISCHER MORD + +VERLAG DER NEUEN GESELLSCHAFT + +BERLIN-FICHTENAU + +1922 + + »_Ich überreiche dem Herrn Reichsjustizminister + dieses Buch mit der formellen und + öffentlichen Aufforderung, den einzelnen Fällen + nachzugehen und uns über das Ergebnis + seiner Untersuchungen Auskunft zu geben._« + + _Reichsjustizminister Radbruch + als Abgeordneter im Reichstag, 5. Juli 1921_ + +Copyright by Verlag der Neuen Gesellschaft + +Berlin-Fichtenau + + + + +INHALTSVERZEICHNIS + + Seite + + + VIER JAHRE MORD + + Die Morde bis zum März 1919 9 + Von der Ermordung Eisners bis zum Sturz der bayrischen + Räterepublik 27 + Die Ermordungen beim Kapp-Putsch 51 + Individuelle Morde 64 + Nicht aufgenommene Tötungen 82 + + ZUR SOZIOLOGIE DER POLITISCHEN MORDE + + Das Werden der deutschen öffentlichen Meinung 87 + Bayrische Räterepublik und Kapp-Putsch 95 + Die Rechtsnatur der bayrischen Standgerichte und das + Schicksal der Hinterbliebenen 108 + Regierungsäußerungen zu den politischen Morden 118 + Die Organisation der politischen Morde 124 + Die öffentliche Meinung und die Morde 142 + + TABELLEN + + 161 von den Regierungstruppen in München Ermordete 43 + Die von Rechts begangenen politischen Morde 73 + Die von Links begangenen politischen Morde 79 + Die Formen der politischen Morde 81 + Die Sühne der politischen Morde 81 + Kapp-Regierung und bayrische Räteregierung 99 + Die strafgerichtliche Behandlung des Kapp-Putsches 100 + Das Schicksal von 775 Kapp-Offizieren 101 + Militärs der Kapp Regierung und der bayrischen + Räteregierung 102 + Kappisten und Räterepublikaner in der Provinz 105 + + + + +Die folgenden Zeilen berichten über die politischen Morde, die seit dem +9. November 1918 in Deutschland vorgekommen sind. Dabei sind gleichmäßig +die von Links und die von Rechts begangenen Morde dargestellt. Ein Fall +wurde aufgenommen, falls es sich dabei um eine vorbedachte, +gesetzwidrige, durch innerpolitische Motive verursachte Tötung eines +namentlich bekannten Deutschen durch einen anderen Deutschen handelte, +wobei der Vorgang sich nicht als Massenhandlung sondern als individuelle +Tat qualifizierte. Ich habe nur solche Fälle aufgenommen, wo die +erschießende Partei nicht behauptet hat, daß sie von der Menge +angegriffen wurde, und wo es sich nicht um eine Lynchung durch eine +namenlose Menge oder andersgeartete Massenhandlungen, sondern um ganz +bestimmte Täter handelte. + +In der Auswahl der Fälle bin ich bei den Morden von Rechts viel +vorsichtiger verfahren als bei denen von Links. Ich habe daher mehrere +Fälle von Links mitaufgenommen, die mehr den Charakter von Tumulten als +von politischen Morden hatten. + +Auf die Exaktheit der Angaben habe ich in jedem einzelnen Falle die +größtmögliche Sorgfalt verwendet und versucht, überall aktenmäßige +Genauigkeit zu erreichen. Ich habe mich gestützt auf Gerichtsakten, +Urteile, Entscheidungen über Einstellung des Verfahrens, Zeugenaussagen, +Mitteilungen von Rechtsanwälten, von Hinterbliebenen, endlich +Zeitungsnotizen. Die Prozeßberichte habe ich hauptsächlich in den +rechtsstehenden Zeitungen studiert. In allen Fällen, wo das Material +nicht genau war, wurde an die Angehörigen und Berichterstatter +geschrieben. Blieben die Nachrichten unvollständig, so blieben die +betreffenden Fälle weg. Ich kann somit jede hier vorgebrachte Behauptung +einwandfrei belegen. Prinzipiell wurden nur solche Fälle aufgenommen, in +denen der Name des Opfers mir bekannt wurde. Wo sich im Text auch +anonyme Fälle finden, dienen sie nur zur Veranschaulichung der +betreffenden Vorgänge. Nur an zwei Stellen bin ich von diesem Prinzip +abgewichen. (Seite 18 und 32.) + +Der jeweilige Stand des Verfahrens war am schwierigsten zu ermitteln. Es +ist daher möglich, daß in Fällen, wo mir kein Verfahren bekannt wurde, +ein solches tatsächlich schwebt oder das Verfahren bereits eingestellt +wurde. Dagegen glaube ich, daß die Zahl der von mir angeführten +Bestrafungen vollständig ist. + +Das Buch kann keinen Anspruch darauf erheben, alle politischen Morde +darzustellen, die in den letzten Jahren in Deutschland vorgekommen sind. +Ich bitte daher alle Leser, welche weitere Fälle wissen, hierüber an den +Verlag der Neuen Gesellschaft, Berlin-Fichtenau, zu schreiben. + +Das vorliegende Buch ist eine Fortsetzung und Erweiterung meiner +Broschüre »Zwei Jahre Mord.« Ich hatte darin unter anderm die Behauptung +aufgestellt, daß die deutsche Justiz über 300 politische Morde +unbestraft läßt und hatte erwartet, daß dies nur zwei Wirkungen haben +könne. Entweder die Justiz glaubt, daß ich die Wahrheit sage, dann +werden die Mörder bestraft. Oder sie glaubt, daß ich lüge, dann werde +ich als Verleumder bestraft. Tatsächlich ist etwas Drittes, völlig +unvorhergesehenes eingetreten: + +Obwohl die Broschüre keineswegs unbeachtet blieb, ist von behördlicher +Seite kein einziger Versuch gemacht worden, die Richtigkeit meiner +Behauptungen zu bestreiten. Im Gegenteil, die höchste zuständige Stelle, +der Reichsjustizminister, hat meine Behauptungen mehrmals ausdrücklich +bestätigt. Trotzdem ist nicht ein einziger Mörder bestraft worden. + +Berlin, 16. Oktober 1922. + + + + +VIER JAHRE MORD + +DIE MORDE BIS ZUM MÄRZ 1919 + + +Die Vorwärtsparlamentäre + +Im Januar 1919 hatten revolutionäre Arbeiter sich des Vorwärtsgebäudes +bemächtigt. Die Regierungstruppen belagerten das Haus. Die +Vorwärtsbesatzung schickte am 11. Januar frühmorgens als Parlamentäre, +durch entsprechende Abzeichen kenntlich und natürlich unbewaffnet, +folgende Leute: + +Redakteur Wolfgang _Fernbach_, Walter _Heise_, Werner _Möller_, Karl +_Grubusch_, Erich _Kluge_, Arthur _Schötler_, _Wackermann_. + +Fernbach gehörte nicht zur Besatzung. Er war erst am Nachmittag des 10. +in das Gebäude gegangen, um jemand zu besuchen, und konnte wegen der +Absperrung nicht mehr heraus. Die sieben Parlamentäre wurden in die +Dragonerkaserne in der Belle-Alliance-Straße 6 abgeführt und morgens 10 +Uhr erschossen. Nach der Meldung des Oberlts. v. Carnap an den Vater des +erschossenen Fernbach wurden sie von eingedrungenen Soldaten gelyncht, +obwohl sie waffenlos waren, ohne daß v. Carnap und der gleichfalls +anwesende Major _Franz v. Stephani_ irgend etwas dagegen machen konnten. +Major von Stephani dagegen schrieb an Frau Fernbach: + +»Fernbach hat sich mit unter den Spartakus-Anhängern befunden, die mit +der Waffe in der Hand aus dem Vorwärts herausgeholt wurden und bei denen +Dumdumgeschosse vorgefunden wurden. Sie hatten demgemäß während der +Kampfhandlung ihr Leben verwirkt und der Tod hat durch Erschießen +stattgefunden.« + +Auch diese Behauptungen entsprechen nicht den Tatsachen. Im +Ledebourprozeß hat Graf Westarp, der die Belagerung leitete, am 23. Mai +1919 als Zeuge vernommen, ausdrücklich erklärt, daß die sieben als +Parlamentäre kenntlich waren, nicht mit der Waffe in der Hand ergriffen +wurden und natürlich auch keine Dumdumgeschosse gehabt hatten. Auch +Major von Stephani hat seine Behauptungen selbst später vor dem ersten +Gardedivisionsgericht zurückgezogen (Erklärung des Kriegsgerichtsrates +Hierholzer). Der wirkliche Vorgang war nach den übereinstimmenden, bei +den Gerichtsakten befindlichen Aussagen des Soldaten Wilhelm Helms, des +Soldaten Georg Schickram, der der ganzen Erschießung beiwohnte, des +Sanitätsgefreiten Hans Stettin und des Soldaten Willi Köhn, schließlich +den eigenen Aussagen v. Stephanis im Untersuchungsausschuß der preuß. +Landesversammlung vom 3. Juni 1919 (vgl. den amtlichen Bericht, Seite +48 und 49), daß Stephani selbst den Befehl zur Erschießung gegeben hat. +Er berief sich dabei auf einen angeblichen Regierungsbefehl, der jedoch +von der Regierung dementiert wurde (Aussage des Kriegsgerichtsrats +Hierholzer vor dem Gericht der 1. Garde-Division, Reichswehrbrigade 3, +Potsdam). Sogar die Namen von zwei der exekutierenden Soldaten, +Wachtmeister Otto _Weber_, Feldkolonne 40, Staffelstab 10, Hannover, und +Gefreiter Erich _Selzer_, Infanterieregiment 21 in Rudolstadt sind +bekannt. Den sieben Toten waren die Schuhe und Kopfbedeckungen gestohlen +(Bekundungen von Fernbach senior). Die Leiche des Möller wies (Bekundung +der Frau Möller) zwei Bajonettstiche auf. Außerdem war ihm die linke +Gesichtshälfte eingeschlagen. Auf eine Eingabe von Fernbach sen. vom 29. +Januar 1919 erklärte die Staatsanwaltschaft, die Angelegenheit sei +erledigt. Fernbachs Vater stellte am 26. März 1919 Strafantrag gegen +Stephani wegen Mordes. Erst am 31. Januar 1920 teilte ihm das Gericht +der Garde-Kav.-Div. in Potsdam mit, daß das Verfahren gegen Stephani +wegen Ueberschreitung der Dienstgewalt demnächst stattfinden werde. Dies +geschah aber nicht. Infolge Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit kamen +die Akten am 10. Oktober 1920 an die Staatsanwaltschaft Berlin. Der +Staatsanwaltschaftsrat vom Landgericht II, Dr. Ortmann, lehnte den Erlaß +eines Haftbefehls gegen v. Stephani ab. Stephani wurde sogar weiter im +Dienst verwendet und war bei den Kämpfen um München dabei (Sitzung des +Untersuchungsausschusses der Landesversammlung vom 6. Mai 1919). Am 14. +Juli 1921 hat das Landgericht II, gez. Hartmann, Siemens, Dr. Fränkel, +die Beschuldigten v. Stephani, Weber und Seltzer »aus dem tatsächlichen +Grunde mangelnden Beweises außer Verfolgung gesetzt.« Die Privatklage +Fernbachs gegen v. Stephani wurde am 20. Dezember 1920 abgewiesen. Im +März 1922 wurde sein Anspruch auf Schadenersatz gegen den Kriegsminister +vom Landgericht I dem Grunde nach als berechtigt anerkannt. Bei den +Klagen von fünf andern Hinterbliebenen verlangt der Fiskus den +Identitätsnachweis. (Abschriften der Aussagen und Akten sind in meinem +Besitz.) + + +Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg + +Bei einer Haussuchung am 15. Januar 1919 wurden _Karl Liebknecht_ und +_Rosa Luxemburg_ in Wilmersdorf, ohne Haftbefehl, durch die +Einwohnerwehr verhaftet und nach dem Edenhotel, dem Quartier der +Gardekavallerie-Schützendivision, gebracht. Nach der amtlichen +Darstellung vom 16. Januar wurde Liebknecht auf der Flucht erschossen, +Rosa Luxemburg durch eine große Menge gelyncht. »Die Transportführer +traf kein Verschulden.« Nach den Aussagen im Prozeß spielte sich die +Ermordung jedoch folgendermaßen ab: + +Der Platz vor dem Edenhotel war völlig leer. (Zweiter Verhandlungstag.) +Karl Liebknecht wurde aus dem Hotel in ein Auto geführt. Der Jäger +_Runge_ schlug ihm darauf zweimal von hinten mit dem Kolben auf den +Kopf. Liebknecht sank halb bewußtlos zusammen. Die Offiziere saßen und +standen um Liebknecht herum, ohne die Schläge zu verhindern. Das +Kommando bestand aus den Offizieren Horst _v. Pflugk-Hartung_, _Stiege_, +_Liepmann_, _v. Ritgen_, _Schulze_, Heinz _v. Pflugk-Hartung_ und dem +Jäger Clemens _Friedrich_, alle natürlich schwer bewaffnet. An Stelle +nach Moabit fuhr das Auto am Neuen See entlang in der Richtung nach der +Charlottenburger Chaussee. An einer Stelle, wo ein völlig unbeleuchteter +Fußweg abging, erlitt das Auto angeblich eine Panne. Liebknecht, der +durch die Schläge auf den Kopf noch ganz benommen war, wurde gefragt, ob +er noch gehen könne. Zwei Leute stützten ihn rechts und links, zwei +gingen vor und zwei hinter ihm. Alle mit entsicherten Pistolen und +Handgranaten bewaffnet. Nach wenigen Schritten wurde Liebknecht, +angeblich weil er einen Fluchtversuch machte, erschossen. Den ersten +Schuß gab Kapitän v. Pflugk-Hartung ab. Nach der Tat war das Auto wieder +gebrauchsfähig. Dann wurde die Leiche als »unbekannt« eingeliefert. + +Als Rosa Luxemburg durch den Haupteingang fortgeführt wurde, stand +derselbe Runge an der Tür. Hauptmann Petri hatte Befehl gegeben, man +solle dafür sorgen, daß die Luxemburg nicht lebendig ins Gefängnis komme +(Denkschrift des Vollzugsrates). Als Frau Luxemburg durch die Türe kam, +schlug Runge ihr zweimal auf den Kopf, so daß sie umsank. Der den +Transport führende Oberleutnant _Vogel_ hatte nichts dagegen getan. Man +schob Frau Luxemburg in den Wagen. Als der Wagen abfuhr, sprang ein Mann +hinten auf und schlug sie mit einem harten Gegenstand auf den Kopf. +Unterwegs schoß Oberleutnant Vogel der Frau Luxemburg noch eine Kugel +durch den Kopf. Man fuhr zwischen Landwehrkanal und Zoologischem Garten +entlang. Am Landwehrkanal stand eine Gruppe Soldaten. Das Auto hielt, +die Soldaten warfen die Leiche auf Befehl Vogels in den Kanal. + +Die am Mord Beteiligten ließen sich am Tage danach bei einem Gelage +photographieren. (Vierter Verhandlungstag.) + +Wochenlang geschah in dieser Sache nichts. Die Regierung überließ die +Untersuchung derselben Division, der die Mörder angehörten. Die +Arbeiterräte Rusch und Struve, die zur Untersuchung beigezogen waren, +beantragten eine Reihe von Verhaftungen. Als diese Anträge abgelehnt +wurden, traten sie zurück. (31. Januar, 1919; Denkschrift der Mitglieder +des Zentral- und Vollzugsrates.) + +Runge erhielt durch den Leutnant Liepmann falsche Papiere, wurde +versetzt, dann flüchtig und war zunächst unauffindbar. Mitte April wurde +er verhaftet, Oberleutnant Vogel am 20. Februar. Am 8. Mai begann die +Verhandlung vor dem Kriegsgericht. Der Oberleutnant Grützner sagte aus, +daß von Offiziersseite nachdrücklich auf ihn eingewirkt worden sei, die +Wachmannschaften des Edenhotels zu einer günstigen Aussage zu bestimmen +und ungeeignete Elemente von den Mannschaften zu entfernen. (Dritter +Verhandlungstag.) Pflugk-Hartung gab zu, daß er dem Soldaten Peschel, +dem Lenker des Autos, in dem Liebknecht abtransportiert wurde, 500 Mk. +»geborgt« habe. Die Soldaten Grantke und Weber beschworen, daß +Oberleutnant Vogel den Schuß auf Rosa Luxemburg abgegeben habe (dritter +Verhandlungstag) und die Leiche ins Wasser werfen ließ (vierter +Verhandlungstag). Zwei Angeklagte und Vogel selbst bestritten das +erstere. Das Urteil lautete: + +»1. Der Jäger Runge wird wegen Wachvergehens im Feld, versuchten +Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung unter +Mißbrauch seiner Waffe in zwei Fällen, in einem Fall mit erschwertem +Wachverbrechen und Gebrauch von falschen Urkunden, zu zwei Jahren +Gefängnis, zwei Wochen Haft und vier Jahren Ehrverlust und Entlassung +aus dem Heer bestraft. + +2. Leutnant Liepmann wird wegen Anmaßung einer Befehlsbefugnis in +Verbindung mit Begünstigung zu sechs Wochen verschärften Stubenarrests +verurteilt. + +3. Oberleutnant Vogel wird wegen erschwerten Wachvergehens im Feld in +Tateinheit mit Begünstigung in Ausübung des Dienstes, wegen Mißbrauch +der Dienstgewalt und Beiseiteschaffung einer Leiche und wissentlich +falscher Dienstmeldung zu zwei Jahren vier Monaten Gefängnis und +Dienstentlassung verurteilt.« + +In der Urteilsbegründung nahm das Gericht (Vorsitzender +Kriegsgerichtsrat Erhardt) bei Runge an, daß er aus eigenem Antrieb +gehandelt habe. + +Bereits fünf Tage vor Beginn des Prozesses hatten Dr. Grabowski und +Hauptmann Pabst dem Oberlt. Vogel durch das Polizeipräsidium Berlin und +durch die Paßstelle des Auswärtigen Amtes einen Paß nach Holland +verschafft. Am 14. Mai, dem letzten Verhandlungstag, teilte der +Abgeordnete Cohn dies dem Kriegsminister Reinhardt und dem +Ministerialdirektor Rauscher mit. Trotzdem konnte Vogel am 17. Mai mit +Hilfe des Hauptmanns Jansen aus der Untersuchungshaft entführt werden +und entkam nach Holland. (»Der Mord an Karl Liebknecht und Rosa +Luxemburg«. Verlag der »Freiheit«). + +Runge legte am 6. Januar 1920 protokollarisch ein Geständnis ab, durch +das die Urteilsbegründung völlig hinfällig wurde. Es heißt darin: + +»Was die Sache Liebknecht anbetrifft, hatte ich strikten Befehl von +Offizieren, diesen Lumpen niederzuschlagen mit dem Kolben an der Stelle, +wo er herauskommt. Ich war neu und konnte die Offiziere nicht erkennen, +sah aber nachträglich, daß es meist meine Mitangeklagten waren. Was die +Luxemburg anbetrifft, kamen Offiziere zu mir und sagten: Ich gebe Ihnen +den Befehl, daß die Luxemburg das Edenhotel nicht mehr lebend verläßt. +Merken Sie sich das. Kapitänleutnant v. Pflugk-Hartung schrieb sich +meinen Namen auf und sagte zu mir: Sie wird Ihnen ja durch den +Oberleutnant Vogel in die Arme geführt, so daß Sie nur zuschlagen dürfen +... (was ich auch tat). Als die andern zurückkamen, brüsteten sie sich: +»Liebknecht haben wir eine gebrannt. Es wurde eine Panne markiert und +so die Flucht künstlich herbeigeführt.« Das hat mir auch Oberleutnant +von Ritgen in der Untersuchungshaft später noch einmal gesagt. + +Die Untersuchung ist eine Komödie gewesen. Ich sprach mit +Kriegsgerichtsrat Jörns wiederholt privat und er sagte mir: »Nehmen Sie +ruhig alles auf sich, 4 Monate werden es nur, und Sie können sich dann +immer wieder an uns wenden, wenn Sie in Not sind.« Die Zellentüren +standen stets offen. Sämtliche Angeklagten machten den Richter, ich +mußte den Angeklagten spielen, und es wurde immer gesagt, wenn ich meine +Aussagen nicht richtig einlernte, läge mal eine Handgranate im Bett, +wenn ich schlafen ginge. Mit dem Stab des Eden-Hotels stand ich öfters +in telephonischer Verbindung. Ich mußte ihm vor meiner Flucht genau +angeben, mit welchem Zug ich nach Flensburg fahre. -- Husar Otto Runge.« + +Hieraus (»Freiheit«, 9. Januar 1921) geht hervor, daß es sich in beiden +Fällen um einen von den Offizieren wohlüberlegten Mord handelte. +Trotzdem erfolgte nichts. + +In einer neuen Aussage (»Vorwärts« 29. und 30. Mai 1922) hat Runge noch +genauere Mitteilungen über die beiden Ermordungen gemacht und angegeben, +daß er durch Angehörige des Freikorps Roßbach mit falschen Papieren +versehen und zu einer Reihe von falschen Aussagen vor Gericht veranlaßt +wurde. Nach ihm hat auch Leutnant Krull der Frau Luxemburg, als sie im +Auto saß, eine Kugel durch den Kopf geschossen. + +Gegen Krull war ein Verfahren wegen Mordes eingeleitet worden. Er +gestand, beteiligt gewesen zu sein, widerrief aber dann. Darauf wurde +das Verfahren mangels Beweisen eingestellt, später aber wieder +aufgenommen. (»Vossische Zeitung« 22. August 1922.) Während er in +Untersuchungshaft saß, erschien der Oberleutnant Siegfried Bracht in der +Redaktion der »Roten Fahne« und bot die Uhr und Papiere von Rosa +Luxemburg »gegen eine angemessene Entschädigung« an. Er behauptete, +Deutschnationale hätten ihm 12_000 M. dafür geboten. Am 30. Mai 1922 +hatte sich Krull wegen Diebstahls und Bracht wegen Hehlerei vor der +dritten Kammer des Landgerichts II (Vorsitzender Landgerichtsdirektor +Dust, Staatsanwalt Dr. Ortmann) zu verantworten. Krull behauptete, die +Uhr sei herrenloses Gut gewesen und im Edenhotel von Hand zu Hand +gegangen. + +Krull hielt eine Rede: »Nichts liegt gegen uns vor, was man uns zum +Vorwurf machen könnte. Jeder Deutsche atmete auf, als diese beiden +Lumpen ins Jenseits befördert wurden. Der Dank des Vaterlandes gebührt +uns dafür. Gegen Leute wie Rosa Luxemburg und Liebknecht muß Richter +Lynch auftreten.« Krull wurde wegen Diebstahl in zwei Fällen zu drei +Monaten Gefängnis verurteilt, Bracht wegen versuchten Betrugs zu 500 M. +Geldstrafe. (Berliner Tageblatt, 2. Juni 1922.) Gegen das Urteil haben +Staatsanwalt und Angeklagte Revision eingelegt. + + +Die im Tegeler Forst Erschossenen + +Am 17. Januar 1919 meldete der »Abend«, daß vier Spartakisten, namens v. +_Lojewski_, Hermann _Merks_, Richard _Jordan_ und _Milkert_, die während +der Spandauer Spartakusumtriebe verhaftet worden waren, auf dem +Transport nach Tegel im Tegeler Forst einen Fluchtversuch machten. Das +Begleitkommando schoß auf die Flüchtigen und tötete sie sämtlich. Der +gleichzeitig verhaftete Georg Merks, der beim selben Transport war, +teilte jedoch der »Freiheit« (20. Januar 1919) mit: »Die 8 Verhafteten +wurden in zwei offene Lastautos verladen. In jedem waren ca. 10 schwer +bewaffnete Soldaten. Das Auto, in dem ich war, fuhr zuerst ab, in einem +Abstand von 15 bis 20 Metern folgte das andere. Während beide Autos +fuhren, wurde vom hinteren Auto plötzlich geschossen. Die +Wachmannschaften erzählten dann, die Gefangenen seien geflohen. Bei +einem wirklichen Fluchtversuch hätte das Auto natürlich gehalten.« Im +Bericht der »Morgenpost« (18. Januar 1919) heißt es auch, daß »die +Gefangenen versuchten, über das Geländer zu klettern, so daß die +Erschießung im Wagen stattgefunden hat. Auf dem Auto standen Leutnant +Pieper, Vizefeldwebel Plate, Grenadier Dahlke, 2 Grenadiere vom Regiment +5, 2 Trainsoldaten, ein Herr _Sasse_ und ein ehemaliger Pionier Neese. +Sasse gab den Befehl zum Schießen, der von den beiden Trainsoldaten +ausgeführt wurde.« Trotz dieser präzisen Angaben, die die »Freiheit« am +1. März 1920 brachte und der Staatsanwaltschaft übergab, wurde kein +Verfahren eingeleitet. + + +Ein Mord von links + +Am 13. Januar 1919 wurde in Hervest die Sicherheitswehr entwaffnet, das +Waffenlager und das Kommissariat erstürmt. Die Gewalt lag bis zum +Einrücken des Korps Lichtschlag am 15. Februar 1919 in Händen der +Arbeiterschaft. + +Der Führer der bürgerlichen Parteien von Hervest, der Bureauvorsteher +_Kohlmann_, zog sich während dieser Zeit die Feindschaft der +Arbeiterschaft zu. Angeblich hat er auch die Regierungstruppen +herbeigerufen. Am 10. Februar 1919 lauerten ihm die Bergleute Eduard +_Albrecht_ (Kommunist) und Karl _Arnold_ (Mehrheitssozialist) auf und +erschossen ihn. + +Beide wurden wegen Mordes zum Tode verurteilt, dann zu lebenslänglichem +Zuchthaus begnadigt. (Aktenzeichen: 16 I. 283/19, Landgericht Essen.) + + +Morde im Rheinland 1919 + +Der Bergmann Aloys _Fulneczek_ in Bottrop, Fulenbrockstr. 24, war am 19. +Februar 1919 als Delegierter der K.P.D. mit Delegierten der anderen +Parteien zum Kommandanten der einrückenden Truppen des Hauptmann +Lichtschlag zwecks Verhandlungen gegangen. Auf dem Rückwege wurde er von +den Truppen festgehalten, mißhandelt, ins Gerichtsgefängnis in Bottrop +eingeliefert und dort in der Zelle von dem Regierungssoldaten _Heuer_ +in Gegenwart eines zweiten Soldaten von hinten erschossen. Heuer wurde +wegen Totschlags vor dem Militärgericht angeklagt, aber auf die Aussage +seines Begleiters hin freigesprochen, weil er angeblich in Notwehr +gehandelt. Der Militärfiskus ist in I. Instanz zum Schadenersatz +verurteilt. + +Moritz _Steinicke_ aus Gelsenkirchen, Reichstr. 15, wurde in der Nacht +vom 20. zum 21. Februar 1919 von zwei Schutzleuten, zwei Soldaten und +einem Zivilisten ohne Haftbefehl verhaftet und von dem Führer der +Abteilung, _Blumberg_ und einem Polizisten vor dem Hause Wilhelmstr. Nr. +51 »auf der Flucht« erschossen. Steinicke war Mitglied der U.S.P.D., es +lag nichts gegen ihn vor. Das Verfahren wurde eingestellt, weil Blumberg +»zur Verhinderung des Fluchtversuches von seiner Waffe Gebrauch gemacht +und also gemäß der ihm erteilten allgemeinen Instruktion gehandelt +habe«. (Aktenzeichen 7 a. J. 585/19 der Staatsanwaltschaft Essen.) + + +Die Lichtenberger »Greuel« und die Märzmorde + +Im März 1919 kam es zu Kämpfen zwischen den in der Revolution +aufgestellten republikanischen Verbänden, die aufgelöst werden sollten, +und den unter dem Befehl von Reinhardt stehenden Regierungstruppen und +Freikorps. Den republikanischen Truppen schlossen sich einige Arbeiter +an. + +In einem offiziellen Bericht vom 9. März 1919 teilte die +Gardekavallerie-Schützendivision der Berliner Presse mit (vergl. z. B. +»Deutsche Tagesztg.« vom 10. März): »Die Spartakisten führen zurzeit +ihre Absicht, sich in Lichtenberg zu verschärftem Widerstand zu rüsten, +aus. Das Polizeipräsidium wurde von ihnen gestürmt und sämtliche +Bewohner, mit Ausnahme des Sohnes des Polizeipräsidenten, auf viehische +Weise niedergemacht.« + +Aehnlich teilte Regierungsrat Doyé vom Ministerium des Inneren dem +»Berliner Tageblatt« am 10. März 1919 die Erschießung von 57 Polizisten +mit. + +Nach der »B. Z. am Mittag« vom 9. März wurden 60 Kriminalbeamte und +viele andere Gefangene erschossen, und zwar wurden »Gefangene, die sich +zur Wehr setzen wollten, teilweise von vier bis fünf Spartakisten +gehalten, während der sechste ihnen mit der Pistole zwischen die Augen +schoß.« Dabei stützte sich die »B. Z.« auf eine von »einer militärischen +Befehlsstelle übermittelte eidliche Aussage von fünf Soldaten.« + +Diese Nachricht ging durch die ganze deutsche Presse und beeinflußte die +öffentliche Meinung in schärfster Weise gegen die Spartakisten. Tagelang +wimmelte es von blutrünstigen Schilderungen. So meldete die »Vossische +Zeitung« und natürlich ebenso die rechtsstehende Presse am 10. März +sogar 150 Ermordete. + +Alle diese Meldungen waren erlogen. Erst am 13. März meldete die »B. +Z.«, daß die Beamten in Wirklichkeit entlassen worden waren. Am gleichen +Tage erklärten die »Vossische« und der »Vorwärts« auf Grund der +Aussagen des Bürgermeisters Ziethen, »daß sich alle Nachrichten über die +Massenerschießungen von Schutzleuten und Kriminalbeamten bei der +Eroberung des Lichtenberger Polizeipräsidiums als unwahr erwiesen +haben.« Endlich nach der »B. Z.« vom 14. März und dem Nachruf auf die +Gefallenen stellte sich heraus, daß nur zwei Beamte tot waren. Davon war +einer im Kampf gefallen und über die Todesart des andern konnte nichts +festgestellt werden. + +Auf Grund des Lichtenberger Beamtenmordes (»Deutsche Tageszeitung«, +»Berl. Tageblatt« vom 10. März 1919) verhängte _Noske_ als +Oberkommandierender in den Marken über Berlin das Standrecht und erließ +folgende Anordnung (W. T. B., 9. März): + +»Die Grausamkeit und Bestialität der gegen uns kämpfenden Spartakisten +zwingen mich zu folgendem Befehl: Jede Person, die mit den Waffen in der +Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu +erschießen.« + +Daneben erließ die Gardekavallerie-Schützendivision selbständig einen +Befehl, wonach auch Leute zu erschießen wären, in deren Wohnungen Waffen +gefunden würden. Ein Nachweis der Teilnahme am Kampfe sei nicht nötig. +Der Befehl lautete: + + »Garde-Kav.-Division. Abt. I a. Nr. 20 950. + + Befehl für den 10. 3. nachm. und den 11. 3. + + Div.-St.-Qu., den 10. 3. 1919. + + Leitsatz: Wer sich mit Waffen widersetzt oder plündert, gehört + sofort an die Mauer. Daß dies geschieht, dafür ist jeder Führer + mitverantwortlich. + + Ferner sind aus Häusern, aus welchen auf die Truppen geschossen + wurde, sämtliche Bewohner, ganz gleich, ob sie ihre + Schuldlosigkeit beteuern oder nicht, auf die Straße zu stellen, in + ihrer Abwesenheit die Häuser nach Waffen zu durchsuchen; + verdächtige Persönlichkeiten, bei denen tatsächlich Waffen + gefunden werden, zu erschießen. + + Ziffer 2 e: Jeder Hausbewohner oder Passant, der in unrechtmäßigem + Besitz von Waffen gefunden wird, ist festzunehmen und mit kurzem + Bericht in dem nächsten Gefängnis abzuliefern. Wer sich mit der + Waffe in der Hand zur Wehr setzt, ist sofort niederzuschießen.« + +Die »Politisch-Parlamentarischen Nachrichten« erklärten zwar am 18. März +1919, »daß ihnen von zuständiger Seite versichert worden sei, ein +derartiger Erlaß sei nicht ergangen«. Tatsächlich hat sich aber Marloh +in seiner ersten Aussage vom 4. Dezember 1919 ausdrücklich auf diesen +Befehl gestützt und hat ihn wörtlich verlesen. + +Die beiden Erlasse gehen weit über das Preußische Belagerungsgesetz vom +4. Juni 1851 hinaus. Denn darnach entscheidet über einen Angeklagten ein +aus zwei Zivilrichtern und zwei dem Hauptmannsrang angehörigen +Offizieren bestehendes Kriegsgericht. Bei Todesurteilen ist die +Bestätigung des Oberbefehlshabers nötig, außerdem liegt eine Frist von +24 Stunden zwischen Urteil und Vollstreckung. Hier aber liegt die +Entscheidung über Leben und Tod vollkommen im willkürlichen Ermessen +einzelner Personen. + +Am 7. März, 11-1/4 Uhr, wurde der Angehörige der republikanischen +Soldatenwehr des Depots 7, Fasanenstr., _Adolf Riga_ (42 Jahre, +Kurfürstenstr. 114), von einem Angehörigen des Freikorps Lüttwitz auf +Befehl eines Offiziers entwaffnet, als er von der Wache kam, obwohl er +seinen Ausweis vorwies. Dann setzte Riga seinen Weg waffenlos fort. An +der Absperrung vor dem Edenhotel wollte ihn ein Posten nicht +durchlassen. Es kam zu einer Auseinandersetzung. Der bei dem Posten +stehende Offizier gab dem Soldaten einen Befehl, worauf dieser unter dem +Ruf »Straße frei« ihn von hinten erschoß. (Die Aussagen der Zeugen R. E. +Kaufmann und E. K. Rosenberg sind in meinem Besitz. Beide Zeugen wurden, +weil sie den Sachverhalt protokollarisch festlegen ließen, zwei Tage +später verhaftet und drei Wochen eingesperrt.) Weder gegen den Offizier +noch gegen den Soldaten wurde ein Verfahren eingeleitet. Die Witwe bekam +nach einem Prozeß gegen den Fiskus eine Rente zugebilligt. + + +Lynchungen im Lehrter Gefängnis + +Die Vorgänge im Lehrter Gefängnis schildert ein Augenzeuge, der wegen +Herausgabe einer satirischen Zeitschrift verhaftet war, folgendermaßen +(Wieland Herzfelde: »Schutzhaft«): »Man führte uns (am 8. März, abends) +an den Eingang des Gefängnisses. Es hieß: »Zuerst den Matrosen _Peters_ +hineinführen!« Wir anderen mußten vor der Glastüre, durch die wir nur +undeutlich beobachten konnten, stehen bleiben. Kaum war der Matrose +eingetreten, erscholl der Ruf: »Haut ihn, schlagt ihn tot, an die +Wand!«, wobei ein entsetzliches Gebrüll das ganze Gefängnis erfüllte und +aus allen Ecken Soldaten mit Gewehren herbeistürzten und auf den +Matrosen einschlugen. Dieser zog ein verborgenes Messer und kämpfte nun +mit der Kraft des Verzweifelten gegen die Soldaten. Allmählich gelangten +so die Kämpfenden in den Hintergrund, woselbst wir nichts mehr +wahrnehmen konnten, nur noch fortwährende Kolbenschläge hörten, woraus +sich schließen ließ, daß der Matrose sich aufs äußerste verteidigte. Er +wurde unserer Ueberzeugung nach totgeschlagen, denn verschiedene +Offiziere und Chargierte stellten unter grausamem Schmunzeln und +Händereiben fest, daß er zu »Hackepeter« verarbeitet worden sei. + +Nachmittags um vier Uhr vernahmen wir plötzlich dasselbe Gebrüll wie am +Vorabend. Dasselbe Herbeistürzen aus allen Ecken des Gebäudes und +Rasseln von Gewehren, so daß wir uns sagten, daß die Lynchung nicht auf +Erregung, sondern auf System zurückzuführen sei. Gegen Abend erfuhr ein +Mitgefangener vom wachthabenden Unteroffizier, daß zwei Galizier +totgeschlagen worden seien.« + +Der damalige Gouverneur von Berlin, Schöpflin, schrieb hierüber an die +»Freiheit« folgenden Brief (23. April 1919.): + +»Die beiden Galizier sind erschossen worden, nachdem sie vorher auch +mißhandelt worden sind. Sie sollen Schußwaffen unter dem Mantel +versteckt gehalten haben und befanden sich im Besitze von Juwelen und +Wertsachen, die vermutlich von der Beteiligung an einer Plünderung +herrührten. Der eine der Galizier heißt Abraham _Melichowitsch_ und war +russischer Kriegsgefangener. Die Erschießung ist bei hereingebrochener +Dunkelheit erfolgt. Es wird angenommen, daß die Tötung von Soldaten des +Transportkommandos vorgenommen worden ist, nachdem ein Offizier, der die +Transportkolonne befehligte, bei der Einlieferung die beiden +Erschossenen beschuldigt hatte, Waffen versteckt getragen und geraubt zu +haben. Unverständlich bleibt die Erschießung der beiden Galizier wegen +des ihnen zur Last gelegten Vergehens. Es muß angenommen werden, daß +ihnen sowohl die Waffen wie die vermutlich geraubten Wertsachen schon +vor der Einlieferung abgenommen worden sind. Auf Grund des Standrechts, +das damals Gültigkeit hatte, hätten die beiden, wenn überhaupt, sofort +erschossen werden können, nicht aber erst nach der Einlieferung und +offenbar ohne Befehl, also rein willkürlich.« + +Augenzeugen des Vorfalls berichten dagegen Folgendes: »Am 9. März lagen +wir, ca. 30 Mann, verhaftet in der Waldschenke des Zoologischen Gartens. +Von Waffenbesitz konnte, da alle Gefangenen vorher untersucht worden +waren, keine Rede sein. Am späten Nachmittag wurden ca. 10 Mann in einem +Auto verladen. Zwei Gefangene, von denen der eine ein Mitglied der +Matrosendivision, der andere ein Russe war, wurden von den +Lüttwitztruppen die Treppe heruntergeworfen, unter fortwährenden +Kolbenschlägen vor das Auto geführt, wie ein Gegenstand hineingeworfen +und auf dem Lastwagen in unbeschreiblicher Weise viehisch bearbeitet. +Als sie blutend am Boden lagen, wurde ihnen befohlen, stramm zu stehen. +Nachdem die beiden wie leblos dalagen, setzte sich das Auto in Bewegung. +Etwas so Schreckliches hatten wir im ganzen Feldzug nicht erlebt. Als +ein Soldat mit dem Messer auf sie losgehen wollte, ließ der +Transportführer, ein jugendlicher Herr, der vorher unserer Vernehmung +beim Kriegsgerichtsrat Jörns beigewohnt hatte, dies nicht zu. Die andern +Mißhandlungen ließ er stillschweigend zu. Der Matrose hatte uns erzählt, +er sei verhaftet worden, weil er mit dem Rad gegen einen Drahtverhau +gefahren war. Der Russe, weil er auf der Straße gesagt hatte, +Deutschland sei noch nicht reif zum Bolschewismus. + +Vor dem Zellengefängnis angekommen, wurden die beiden, obwohl sie ganz +hinten lagen, als erste herausgezogen. Sie waren also wohl schon +gemeldet. Sie wurden in das Gefängnis geschleift, wir hatten den +Eindruck, als wenn man Zeugen fernhalten wollte. Die Soldaten, +Angehörige der Reinhardttruppen, mehr oder weniger betrunken, empfingen +die beiden mit tierischem Gebrüll. Wir sahen, wie die Gefangenen durch +den Gefängnisflügel hindurchgeworfen wurden in den Hof. Ein Soldat kam +zurück und zeigte sein abgebrochenes Gewehr mit den Worten: »Jetzt kommt +die andere Hälfte auch noch dran.« Als wir vor die Schreibstube kamen, +hörten wir im Hof Schüsse fallen.« + +Die früheren Reichswehrsoldaten (Pioniere), Schlosser Adalbert _Arndt_ +und stud. ing. Arthur _Schneider_ kamen am 20. März 1922 vor das +Schwurgericht des Landgerichts I (Vorsitz: Landgerichtsdirektor Dr. +Weigert). Zeugen bestätigten, daß die beiden mit Gewehrkolben auf die +waffenlosen Gefangenen eingeschlagen hatten, andere, daß sie geschossen +hatten. Die drei Leichen wurden zunächst auf einen Müllhaufen, dann von +einem Lastauto, das Schneider lenkte, in den Tiergarten geworfen. Arndt +und Schneider wurden wegen versuchten Totschlags und schwerer +Körperverletzung zu je 1 Jahr und 6 Monate Zuchthaus verurteilt. +(Berliner Volkszeitung, 21. und 22. März 1922.) + + +Die Erschießung von drei Jungen + +Am 10. März kamen zu dem jungen Kurt _Friedrich_ (16 Jahre) seine beiden +Freunde Hans _Galuska_ (16 Jahre) und Otto _Werner_ (18 Jahre) in die +Wohnung der Mutter des Friedrich, am Schlesischen Bahnhof 3, zu Besuch. +Die drei jungen Menschen hatten sich nie mit Politik beschäftigt. Sie +waren kaum beisammen, als 8 Regierungssoldaten auf Grund einer +Denunziation ankamen. Sie durchsuchten die Wohnung, ohne daß ihnen auch +nur ein einziges belastendes Stück in die Hände gefallen wäre. Darauf +erklärten sie die drei jungen Menschen für verhaftet und führten sie ab. +Die letzten Worte, die Kurt Friedrich sagen konnte, waren: »Mutter, +meine Papiere sind in Ordnung, ich habe nichts auf dem Gewissen«. + +Die Mutter begab sich in die Schule in der Andreasstraße, wo +Reinhardttruppen lagen, und sah, wie die Drei abgeführt wurden und +schrecklich heulten. Der befehlshabende Offizier ließ die Frau nicht zu +Worte kommen. Am 12. März, nach zwei schrecklichen Tagen des Wartens, +erhielt Frau Friedrich von Bekannten die Nachricht, Hans Galuska läge im +Leichenschauhaus. Sie fand dort die drei jungen Freunde als Tote wieder. +Sie waren am 11. März als »unbekannt« eingeliefert worden. Kurt +Friedrich hatte einen Kopf- und Hüftschuß. Die neuen Stiefel waren ihm +gestohlen. Hans Galuska hatte ebenfalls zwei Schußwunden, darunter eine +an der Stirn, und mehrere Verletzungen durch Schläge. Es fehlten ihm: +Hut, Kragen, Kravatte, Ulster, Jackett und Stiefel. Otto Werners Gesicht +war beinahe unkenntlich, außerdem war der eine Arm völlig zerschossen, +so daß anzunehmen ist, daß er ihn vors Gesicht gehalten hat. Die Sache +wurde der Staatsanwaltschaft mitgeteilt. (»Freiheit«, 26. März 1919.) Es +erfolgte jedoch weder gegen die beteiligten Mannschaften noch gegen die +verantwortlichen Offiziere ein Verfahren. + +Dagegen haben nach einem Schreiben des Heeresabwicklungsamtes Preußen an +den Anwalt der Frau Friedrich (Abschrift in meinem Besitz), »die +umfangreichen Ermittelungen ergeben, daß Friedrich wegen Verdachts der +Beteiligung an spartakistischen Umtrieben verhaftet und aus Anlaß eines +Fluchtversuches erschossen wurde«. Zeugenaussagen für diese Behauptungen +sind nicht aufgeführt. + + +Handgranatenstiele als Erschießungsgrund + +Am 11. März wurde in der Wohnung des Tischlers Richard _Borchard_ eine +Haussuchung gehalten, da er angeblich geschossen hatte. Es wurde nur ein +leerer russischer Patronenrahmen ohne Munition gefunden, den ein +Verwandter 1914 als Andenken aus dem Feld geschickt hatte. Daraufhin +wurde er verhaftet und kam in das Polizeipräsidium. Am Dienstag, den 18. +März, fand die Frau ihren Mann als Leiche im Schauhaus wieder. Er hatte +einen Schuß durch den Kopf erhalten. Dem Getöteten hatte man die neuen +Schuhe und Strümpfe weggenommen. + +Borchardt hatte sich politisch nie betätigt, er war ein Gegner des +Aufstandes und stand auf seiten der Regierungstruppen. (»Freiheit«, 20. +März 1919.) + +Bei einer Waffensuche bei dem Arbeiter Paul _Dänschel_ in der +Andreasstr. 62 fanden Soldaten aus dem Korps Lüttwitz am 12. März zwei +Handgranatenstiele und ein altes Seitengewehr. Die Stiele entstammten +der Fabrik, in der der 19 jährige Sohn der Familie, Alfred, beschäftigt +war. Er hatte die Stiele mit nach Hause genommen, um sich daraus ein +Schreibzeug anzufertigen. Am 12. wurden Vater und Sohn aus dem Bett +heraus verhaftet und, ohne daß irgendein Grund vorlag, in der +Handwerkerschule Andreasstr. 1/2 erschossen. Die Vernehmung war durch +den Leutnant Siegfried _Winter_ aus Adlershof, Bismarckstr. 25, geleitet +worden. Dieser gab auch Auftrag, die Leichen abzuholen. Als die +Feuerwehr die Toten abholte, waren ihnen sämtliche Wertsachen und +Papiere abgenommen, auch die Schuhe hatte man ihnen geraubt. +(»Vorwärts«, 15., 17., 19. März 1919.) Winter wanderte nach Argentinien +aus. Am 11. Dezember 1920 stellte der Oberstaatsanwalt vom Landgericht +I, Berlin das Verfahren ein. + + +Die 29 Matrosen + +Die amtliche Nachricht lautete (»Berl. Tageblatt«, 12. März 1919.): »In +der Französischen Str. 32 wurde gestern die Kassenverwaltung der +Volksmarinedivision von Regierungstruppen besetzt. Frühere Angehörige +der jetzt aufgelösten Volksmarinedivision, die von dort noch Gelder +holen wollten, sind festgenommen worden. Die Gefangenen trugen +teilweise noch Waffen. Infolgedessen kam es bei der Verhaftung zu +tätlichem Widerstand. Die Mannschaften der Regierungstruppen ließen sich +von ihren Führern kaum vor Uebergriffen zurückhalten, da die Erbitterung +durch die Vorgänge der letzten Tage natürlich sehr angewachsen war. Es +wurde Munition, darunter auch Dumdumgeschosse, beschlagnahmt. Von den +rund 250 Gefangenen mußten 24 auf der Stelle erschossen werden. Die +übrigen sind unter starker Bedeckung in das Moabiter Zellengefängnis +eingeliefert worden und sehen dort einer Aburteilung durch das +außerordentliche Kriegsgericht entgegen.« + +Der wirkliche Vorgang war (vgl. Prozeßbericht, »Deutsche Zeitung« vom 5. +bis 10. Dezember 1919): Am 11. März 1919 war ein Löhnungsappell der +Volksmarinedivision angesetzt. General Lüttwitz gab dem Leutnant Marloh +Auftrag, dort möglichst viele Mitglieder zu verhaften. Die 250 Matrosen, +die völlig ordnungsliebende Elemente waren, -- ein Teil hatte bei den +Unruhen die Reichsbank bewacht, -- kamen einzeln, beinahe alle +unbewaffnet, um sich die ihnen zustehende Löhnung zu holen. Sie wurden +einzeln überwältigt und gefangengesetzt. + +Marloh fühlte sich durch die vielen Gefangenen bedroht und telephonierte +an Oberst Reinhardt um Hilfe. Oberst Reinhardt sagte zu Leutnant +Schröter: »Gehen Sie zu Marloh und sagen Sie ihm, er müsse durchgreifen. +Denken Sie an Lichtenberg, wo 60 Polizeibeamte erschossen wurden«. +Schröter meldete Marloh, er solle energisch durchgreifen. Marloh +telephonierte gleich darauf nochmals um Hilfe. Darauf ließ Oberleutnant +v. Kessel dem Marloh durch Leutnant Wehmeyer ausrichten (zweiter +Verhandlungstag): »Bestellen Sie dem Oberleutnant Marloh, daß Oberst +Reinhardt sehr wütend sei, weil er gegen die 300 Matrosen zu schlapp +vorgehe. Er solle in ausgiebigstem Maße von der Waffe Gebrauch machen, +und wenn er 150 Mann erschösse. Alles, was er erschießen könne, solle er +erschießen. Die Verstärkung würde noch ein bis eineinhalb Stunden auf +sich warten lassen. Oberst Reinhardt wisse auch gar nicht, wo er mit den +300 Leuten bleiben solle.« + +Marloh gehorchte, sortierte die Leute, indem er diejenigen, die +besonders intelligent erschienen, gute Anzüge oder Schmucksachen hatten, +besonders stellte (erster Verhandlungstag, 4. Dezember 1919). Dann ließ +er durch den Offizierstellvertreter _Penther_ 29 Leute mit dem +Maschinengewehr erschießen. »Die Schußwirkung war furchtbar. Vielen +Leuten wurde die Schädeldecke völlig abgerissen. Die Gehirnmasse +spritzte umher, Leichen und Verwundete fielen übereinander.« (Erster +Verhandlungstag, 4. Dezember 1919.) Die Namen der Ermordeten sind nach +der »Zukunft« (29. November 1919): Jakob _Bonczyk_, Paul _Brandt_, +Theodor _Biertümpel_, Ernst _Bursian_, Kurt _Dehn_, Otto _Deubert_, +Willy _Ferbitz_, Robert _Göppe_, Baruch _Handwohl_, Walter _Harder_, +Alfred _Hintze_, Anton _Hintze_, Hermann _Hinze_, Walter _Jacobowsky_, +Otto _Kanneberg_, Willy _Kuhle_, Max _Kutzner_, Martin _Lewitz_, Herbert +_Lietzau_, Max _Maszterlerz_, Ernst _Mörbe_, Karl _Pobantz_, Paul +_Rösner_, Siegfried _Schulz_, Paul _Ulbrich_, Werner _Weber_, Karl +_Zieske_, Gustav _Zühlsdorf_. Die anderen Matrosen wurden ins Gefängnis +geschafft und bald darauf als unschuldig entlassen. + +Marloh erstattete einen wahrheitsgetreuen Bericht an Oberleutnant v. +Kessel. Auf Anraten Kessels ersetzte er ihn Mitte Mai durch einen +anderen, wonach er die Erschießung durch eigenen Entschluß auf Grund des +Noske-Erlasses vorgenommen habe. Zuletzt wurde in Gegenwart des Obersten +Reinhardt noch ein dritter Bericht geschrieben. Marloh blieb monatelang +unbehelligt. Erst als ein Haftbefehl am 2. Juni vorlag, riet ihm Kessel +zu flüchten, und stellte ihm zu diesem Zwecke falsche Papiere aus, die +Leutnant Wehmeyer dem Marloh übergab. Leutnant Hoffmann brachte ihm +Geld. (Zweiter Verhandlungstag.) Am 9. Dezember wurde Marloh von der +Anklage des Totschlags und des Mißbrauches der Dienstgewalt +freigesprochen, wegen unerlaubter Entfernung zu drei Monaten Festung und +wegen Benutzung gefälschter Urkunden zu 30 Mk. Geldstrafe verurteilt. In +der Urteilsbegründung wurde festgestellt, »daß die Erschießungen +objektiv unberechtigt waren, daß die Matrosen, die mit Waffen kamen, +gültige Waffenscheine besaßen, daß keine Plünderer dabei waren, daß die +Lage Marlohs nicht so bedrohlich war, daß er zum Waffengebrauch +berechtigt war, daß er jedoch glaubte, einen Dienstbefehl vor sich zu +haben« (Vorsitzender: Kriegsgerichtsrat Welt). + +Der Ausschuß II für Feststellung von Entschädigung für Aufruhrschäden +verneinte den Anspruch der Hinterbliebenen auf eine Rente, da die +Erschießungen in Ausübung der Staatsgewalt als ein Akt der +Strafvollstreckung erfolgt seien. Den meisten Hinterbliebenen wurden +jedoch vom Fiskus im Vergleichswege nach einem Zivilprozesse größere +Abfindungssummen ausbezahlt. + +Kessel wurde Hauptmann, Hoffmann Oberleutnant bei der Sicherheitswehr +(»Freiheit«, 7. Dezember.). Gegen Reinhardt und Kessel wurde wegen der +Befehle, die sie Marloh gegeben hatten, kein Verfahren eingeleitet; +gegen Kessel wurde nur ein Verfahren wegen eines im Verlauf des +Prozesses geleisteten Meineids eingeleitet. (14. März 1921.) Am 23. März +1921 wurde er auch von der Anklage des Meineids freigesprochen. +(Eingehende Prozeßberichte in der »Deutschen Zeitung«.) Zuletzt wurden +Wehmeyer und Hoffmann wegen Beihilfe zur Flucht vom Schöffengericht +freigesprochen. (»Deutsche Tageszeitung«, 27. 9. 21.) + + +Vizewachtmeister Marcus + +Vizewachtmeister Marcus vom Freikorps Lützow hatte am 12. März Befehl, +die Langestraße abzusperren. Er schritt mit 25 Mann die Straße ab und +rief laut »Straße frei, Fenster zu!« Angeblich ist dieser Befehl nicht +beachtet worden. Unter anderem sah er aus dem Fenster eines Hauses eine +weibliche Gestalt auf die Straße heruntersehen. Angeblich hat er darauf +auf ein daneben befindliches blindes Fenster geschossen, aber das offene +Fenster getroffen. Durch diesen Schuß wurde die zwölfjährige Schülerin +_Slovek_ getötet. Ein anderes Mädchen, Erwine _Dahle_, erhielt einen +Herzschuß, als es aus einem Schlächterladen trat. Der 73 jährige +Fliesenleger Karl _Becker_ ist durch einen Kopfschuß getötet worden. Auf +die gleiche Weise kamen dann noch drei Menschen um, die nicht die +geringste Beziehung zu den damaligen Unruhen hatten. + +Ursprünglich war gegen Marcus ein Verfahren wegen sechsfachen Mordes +eingeleitet. Doch wurde dies eingestellt. Dagegen wurde er wegen +vorsätzlicher, nicht mit Ueberlegung begangener Tötung von zwei Menschen +vor dem Schwurgericht angeklagt. Bei der Verhandlung am 21. und 22. +Januar 1921 (Verhandlungsbericht im »Vorwärts« vom 25.) berief Marcus +sich auf die Befehle seiner Vorgesetzten und wurde von den als Zeugen +vernommenen Offizieren zum Teil gedeckt. Marcus wurde wegen Totschlags +freigesprochen, wegen einiger Unterschlagungen zu fünf Monaten Gefängnis +verurteilt. Gegen die Offiziere, die solche Befehle gegeben haben, wurde +kein Verfahren eingeleitet. + +Der Eisenbahnarbeiter Alfred _Musick_ wurde am 12. März 1919 in seiner +Wohnung nach einer ergebnislosen Haussuchung durch Soldaten des +Freikorps Lüttwitz verhaftet und nach der Andreasschule transportiert. +Oberleutnant _Wecke_ ließ ihn mit vier anderen abtransportieren. Die +Fünf wurden beim Passieren der Schillingbrücke angeschossen und ins +Wasser geworfen. (Aussagen der Begleitmannschaft: »Die Fünf schwimmen +schon.«) Musick konnte sich schwerverletzt durch Schwimmen retten, wurde +entdeckt und wieder in die Andreasschule geführt. Vizewachtmeister +_Marcus_ führte ihn in die Revierstube, kam zurück und erzählte: »Oben +habe ich ihn vor die Wand gestellt und gesagt, gehen Sie nur herein; +darauf antwortete er, hier ist ja keine Tür, in dem Moment hatte ich ihn +schon in den Kopf geschossen«. Die Leiche wurde beraubt und als +unbekannt in die Sammelstelle in der Distelmeyerstr. eingeliefert. + + +Wegen eines Streichholzes erschossen + +Der Arbeiter _Piontek_ wurde am 12. März 1919, angeblich weil er sich +geweigert hatte einem Soldaten Feuer zu geben, verhaftet, und in der +Normannenstraße von dem Gefreiten _Ritter_ vom Infanterieregiment Nr. 50 +und dem Unteroffizier _Wendler_ erschossen. Wendler behauptete, ihm nur +einen Gnadenschuß gegeben zu haben. Am 31. Januar 1922 verurteilte das +Schwurgericht des Landgerichts III (Landgerichtsdirektor Mehlberg, +Staatsanwaltschaftrat Weyermann) Ritter wegen versuchten Totschlags mit +mildernden Umständen zu 3 Jahren Gefängnis, Wendler wurde +freigesprochen. (Berliner Tageblatt, 1. Februar 1922.) + +Am 12. März 1919 wurde der Schneider Otto _Hauschild_, Fruchtstraße 26, +am Ostbahnhof erschossen, weil er ein Gewehr in seiner Wohnung hatte; +er besaß einen Ausweis der Republikanischen Soldatenwehr vom 10. März. + +Am 13. März wurden Paul _Biedermann_ und Hans _Gottschalk_ auf dem Wege +zur Arbeit in der Friedrich-Karl-Straße auf Grund einer Denunziation +verhaftet, in ein Lokal eingesperrt und vom Posten durch das Fenster +erschossen. (»Freiheit«, 18., 20. u. 22. März 1919.) + +Berthold _Peters_ (geboren 28. März 1888), Klempner, seit Kriegsausbruch +Matrose, wurde am 13. März 1919, vormittags 9-1/2 Uhr von einem Trupp +Soldaten unter Führung eines Offiziers in seiner Wohnung, Tilsiter Str. +49, verhaftet, zum Hauptmann _Poll_ in die Patzenhoferbrauerei, von dort +in die Bötzowbrauerei geführt und vor 1 Uhr erschossen. Die Leiche wurde +ausgeplündert: Uhr, Kette, Ring, Brieftasche, Börse und Stiefel wurden +geraubt. Er war von Nachbarn als Spartakist denunziert worden. Ein +Strafverfahren fand nicht statt. Die Hinterbliebenen bekamen im +Zivilprozeß gegen den Fiskus eine Rente von 500 M. monatlich +zugebilligt. + + +Zwei Erschießungen durch Ltn. Baum + +Bei einer nächtlichen Runde des Detachements v. Grothe trat ein +unbekannt gebliebener Mann, der einen Ausweis des Reichswehrministers +vorwies, auf den Leutnant _Baum_ zu und sagte: »Herr Leutnant, lebt der +Zigarrenhändler _Müller_ noch? Wenn Sie den kriegen, erschießen Sie ihn, +den habe ich zweimal hinter den Barrikaden gesehen!« + +Baum begab sich nun am 12. März mit 10 Mann in das Zigarrengeschäft +Memeler Str. 19. Johann Müller war gerade beim Rasieren und kam mit +eingeseiftem Gesicht aus dem Hinterzimmer. Baum durchsuchte die Wohnung. +Es wurden weder Waffen noch Munition gefunden. + +Der Leutnant sagte zu Müller: »Sie agitieren ja für die Unabhängigen; +Sie haben acht Karten mit verdächtigen Punkten. Ich habe von anderen +gehört, Sie haben auf uns geschossen. Verabschieden Sie sich von Ihrer +Frau. Es ist meine Pflicht, Sie jetzt zu erschießen!« Die Frau und +Tochter schrien laut auf. Leutnant Baum erblickte in dem +stillschweigenden Verharren des Müller ein Schuldbekenntnis. Müller +verrichtete ein Gebet, wurde dann an die Wand gestellt und 6 Mann +schossen auf ihn. Müller brach zusammen. Ein Sanitäter sollte sich von +der Vollstreckung des Todesurteils überzeugen und die Leiche +wegschaffen. Der Sanitäter fand den Müller noch lebend. Auf Befehl des +Angeklagten gab der zur Patrouille gehörende russische Schüler Alexander +_Köhler_ dem Müller den Gnadenschuß. (»Vorwärts«, 16. August 1919.) + +Bei der Verhandlung (»Berl. Tageblatt«, 1. Juni 1920) wurde Baum +freigesprochen mit der Begründung, daß er dem Noske-Erlaß vom 9. März +gefolgt sei, der besagt, daß jeder, der mit der Waffe kämpfend +angetroffen wird, erschossen werden soll. + +Am 13. März 1919 wurde bei einer Haussuchung bei dem Gastwirt Wilhelm +_Bilski_, Weidenweg 71, ein Revolver gefunden, den, wie sofort +festgestellt, ein Gast als Pfand gelassen hatte. Bilski wurde abgeführt +und »standrechtlich« erschossen. Durch Zeugen, besonders Frau Bilski, +wurde als leitender Offizier der Leutnant _Baum_ erkannt. Die Akten +verschwanden von der Garde-Kav.-Schützendiv. Am 27. März 1920 wurde der +Militärfiskus von der 26. Zivilkammer zu Schadenersatz verurteilt. In +der Begründung wurde ausdrücklich anerkannt, »daß die Erschießung +rechtswidrig war.« Das Verfahren gegen Baum wurde am 12. April 1920 +eingestellt. (Akten in meinem Besitz.) + + +Zwei Erschießungen durch Ltn. Czekalla + +Nach dem »Berliner Tageblatt« vom 15. März wurde in der Holzmarktstr. 61 +ein Mann von über 60 Jahren namens _Abrahamson_ ohne weiteres im Hof +erschossen, weil er bei einer Haussuchung Waffen, die er besaß, nicht +angegeben hatte. Der alte, schwächliche Mann leistete keinerlei +Widerstand. Der Offizier (ein Leutnant _Czekalla_ vom Freikorps Lützow, +1. Schwadron) sagte, er sei berechtigt, jeden zu erschießen, der Waffen +verheimliche. + +Ein Rechtsanwalt wurde bei dem Gespräch, das er zur Feststellung des +Tatbestandes mit den Bewohnern des betreffenden Hauses führte, +verhaftet, weil er »die Leute aufhetze«. + +Der gleiche Leutnant _Czekalla_ hat am 13. März, bei dem Klempnermeister +_Wallmann_ eine Haussuchung vorgenommen. Wallmann war ein angesehener +Mann, deutschnationaler Gesinnung. Aus dem Felde hatte er ein +französisches Infanteriegewehr mitgebracht, das unbrauchbar war. Es war +ihm belassen worden und eine Bescheinigung darüber erteilt. Zu dem +französischen Gewehr besaß er einige französische Patronen. Endlich war +er seit vielen Jahren im Besitz einer Browningpistole, die er aus +Liebhaberei angeschafft hatte. Als der Leutnant Wallmann fragte, ob er +einen Browning besitze, holte er den Browning sofort aus dem Ofen +heraus. Darauf ließ ihn der Leutnant nach der Alexanderkaserne abführen. +Als seine Braut weinte, sagte Wallmann: »Weine doch nicht; ich komme ja +bestimmt wieder, denn ich habe ja nichts getan.« Wallmann wurde in der +Alexanderkaserne auf Befehl des Leutnants in einem Pferdestall +erschossen. Die Leiche wurde von den Soldaten ihrer Stiefel beraubt. + +Czekalla behauptet, auf direkten Befehl seines Vorgesetzten, des +Rittmeisters Wilhelm von _Oertzen_ gehandelt zu haben. Das Verfahren +gegen beide schwebt beim Landgericht I Berlin. (»Berliner Volkszeitung«, +16. März 1922.) + + +Jogisches und Dorrenbach + +»Am 10. März wurde auf Befehl Noskes der Redakteur der »Roten Fahne« Leo +_Jogisches_ durch Angehörige der Gardekavallerie-Schützendivision +verhaftet. Er sollte durch einen Soldaten dem Untersuchungsrichter +zugeführt werden. Im Gebäude des Kriminalgerichts griff Jogisches den +Soldaten« (Kriminalwachtmeister Ernst _Tamschik,_ »Freiheit«, 27. Mai +1919) »an und wurde von ihm auf der Stelle niedergeschossen. Ein +gleicher Fall war im Gebäude des Kriminalgerichts schon am Tage vorher +vorgekommen.« (»Vossische Zeitung«, 11. März.) + +_Dorrenbach_, ein früherer Offizier, hatte sich der Revolution +angeschlossen und wurde Führer der Volksmarinedivision. Wegen der +Berliner Spartakusunruhen schwebte gegen ihn ein Haftbefehl. In Eisenach +wurde er am 12. Mai 1919 verhaftet (»Freiheit«, 18. Mai 1919) und am 17. +Mai durch den Staatsanwalt vernommen. Beim Rücktransport ins Gefängnis +soll er einen Fluchtversuch unternommen haben und wurde von den Soldaten +niedergeschossen. Schwer verletzt wurde er in die Charité gebracht, wo +er starb. Vor seinem Tod erklärte er seinem Rechtsanwalt ausdrücklich, +er sei nicht geflohen. (Ledebourprozeß, 3. Tag.) Den tödlichen Schuß +hatte ebenfalls Kriminalwachtmeister Ernst _Tamschik_ abgegeben. +Tamschik wurde später zum Leutnant bei der Sicherheitswehr +Charlottenburg ernannt. Dann kam er zur Sicherheitspolizei nach +Ostpreußen. (Bekundung des Oberwachtmeisters Kuhr in einem Prozeß, »Welt +am Montag«, 25. Mai 1920.) + + +Zwei Erschießungen auf der Flucht + +Am 13. März 1919 wurden der Maschinenschlosser Georg _Fillbrandt_ und +der Arbeiter Paul _Szillinski_ in ihren Wohnungen Kastanienallee 29-30, +nach ergebnislosen Haussuchungen, ohne daß ein Haftbefehl vorlag, durch +4 Offiziere bzw. Fähnriche verhaftet, zum Stab des 1. Streifbatl. +Reinhardt in der Griebenowstraße gebracht, und nach einem kurzen Verhör +auf dem Exerzierplatz an der Schönhauser Allee von den begleitenden +Soldaten erschossen. Die Leichen wurden ausgeplündert und an Ort und +Stelle liegen gelassen. Als die Frau des Szillinski und die Tochter des +Fillbrandt sich bei dem Stab erkundigten, wurde ihnen ein Protokoll +vorgelesen, daß beide auf der Flucht erschossen worden seien. Durch die +Zeugen Wilh. Domke, Herm. Kastner, Martha Pertz und Erich Abraham, +welche der Erschießung zusahen, wurde aber festgestellt, daß die +Verhafteten ruhig neben den Soldaten gegangen waren, und als die +Soldaten »Halt« kommandierten, noch um ihr Leben gebeten hatten. Das +Gericht nahm an, daß die Soldaten ohne Auftrag gehandelt hätten, weil +kein Protokoll geführt worden war. Am 14. Februar 1921 wurde der +Reichsfiskus zur Zahlung einer Unterhaltsrente an Frau Fillbrandt +verurteilt, da die Erschießung durch die Soldaten unberechtigt war. Eine +Bestrafung der Täter und Ermittlung der verantwortlichen Offiziere ist +nicht erfolgt. (Aktenabschrift in meinem Besitz.) + + + + +VON DER ERMORDUNG EISNERS BIS ZUM STURZ DER BAYRISCHEN RÄTEREPUBLIK + + +Kurt Eisner + +Kurt _Eisner_ war Führer der Münchener Revolution vom 7. November und +seither Ministerpräsident. Am 21. Februar wurde er auf dem Weg zum +Landtag, wo er seinen Posten wegen der heftigen Angriffe gegen ihn +niederlegen wollte (Mitteilung des W. T. B. vom 21. 2. 1919), von dem +Leutnant Graf _Arco-Valley_ durch zwei Kopfschüsse getötet. Arco wurde +gleich darauf von einem Mann der Begleitung Eisners niedergeschossen, +jedoch später wiederhergestellt. Am 20. Januar 1920 wurde Arco zum Tode +verurteilt. »Als der Verurteilte nach Verlesung des Todesurteils die +Bitte an die ihm Wohlgesinnten richtete, von unüberlegten Taten +abzusehen und am nationalen Aufbau mitzuarbeiten, erfolgte ein +elementarer Beifallsausbruch der Zuhörerschaft, der sich in immer +wiederholten Bravorufen und Händeklatschen minutenlang fortsetzte ... +Die Menge auf der Straße empfing den Transport mit brausenden Hochrufen, +man schwenkte Hüte und wehte mit Tüchern.« (»Deutsche Tageszeitung«, 20. +Januar 1920.) Arco wurde gleich darauf zu lebenslänglicher Festungshaft +begnadigt. Im Jahre 1922 wurde die Haft über Arco derartig gemildert, +daß er tagsüber als Praktikant auf einem in der Nähe von Landsberg +befindlichen Gut arbeiten kann. + + +Major v. Gareis und Abgeordneter Osel + +Eisner war bei den Arbeitern sehr beliebt. In der Erregung über seine +Ermordung drang der Metzger Aloys _Lindner_ und der Bäcker Georg Frisch +in den Landtag ein. Lindner feuerte mehrere Schüsse auf den Minister +Auer, der ein politischer Gegner Eisners war, da er glaubte, daß Auer +mit der Ermordung Eisners zusammenhänge. Gleichzeitig fiel ein Schuß von +der Tribüne, der den Abgeordneten _Osel_ tötete. Als Major v. Gareis +sich Lindner entgegenstellte, schoß Lindner auch auf ihn und tötete ihn. +Lindner flüchtete mit Hilfe von Karl Merkerts und Georg Schlunds ins +Ausland. Deutsch-Oesterreich lieferte ihn aber aus, unter der Bedingung, +daß er nicht zum Tode verurteilt werde, da die Todesstrafe dort +abgeschafft ist. Der Angabe Lindners, daß er sich v. Gareis gegenüber in +Notwehr befunden habe, maß das Gericht keinen Glauben zu. Lindner wurde +wegen versuchten Totschlags und wegen erschwerten Totschlags am 15. +Dezember 1919 zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt. Frisch wegen versuchten +Totschlags zu 3-1/2 Jahren Gefängnis verurteilt, Merkert und Schlund +erhielten wegen Begünstigung 1-1/2 bzw. 2 Monate Gefängnis mit +Bewährungsfrist. (Prozeßberichte in den »Münchener Neuesten +Nachrichten«, 9. bis 15. Dezember 1919.) + + +Die Erschießungen im Luitpoldgymnasium + +Nach der Ermordung Eisners übernahm der Zentralrat die Macht. Die Kammer +und das von ihr gebildete mehrheitssozialistische Ministerium Hoffmann +floh nach Bamberg. Der Zentralrat erklärte am 7. April die Räterepublik. +Die Führer waren Unabhängige und Mehrheitssozialisten. Durch einen +Putsch gelang es am 13. April Anhängern der Regierung Hoffmann, einen +Teil der Führer zu verhaften. Doch mißlang der Putsch. Die Betriebsräte +ergriffen die Macht und proklamierten eine zweite kommunistische +Räterepublik. Die Regierung Hoffmann sammelte Truppen dagegen. Bei dem +Vormarsch wurden u. a. erschossen: 20 rote Soldaten, die am 29. April in +Starnberg beim Essen unbewaffnet überrascht wurden, drei Sanitäter, die +in Possenhofen beim Verwundetentransport waren und ein 68 jähriger Mann. +(Dr. Schollenbruch im Münchener »Kampf«, 15. September 1919.) + +Im Luitpoldgymnasium, das als Kaserne der Roten Armee diente, waren am +26. April die Stenotypistin Hella v. _Westarp_, der Eisenbahnsekretär +_Daumenlang_, der Freiherr F. W. _v. Seydlitz_, die Kunstmaler Walter +_Neuhaus_ und Walter _Deicke_, endlich der Prinz _von Thurn und Taxis_ +als Mitglieder eines »germanischen Ordens«, auch »Thulegesellschaft« +genannt, eingeliefert worden, weil man bei ihnen gefälschte Stempel mit +dem Faksimile des Oberkommandanten Eglhofer, Stempel des Vollzugsrates +sowie Eisenbahnstempel gefunden hatte. (Aussagen im Prozeß, 11. u. 13. +September.) Auch hatten sich in den Klubräumen Waffenlager befunden. +(Aussagen am 8. September.) Am folgenden Tag wurden ferner ein Offizier +v. _Teuchert_ und zwei Husaren der Armee v. Oven, _Linnenbrügger_ und +_Hindorf_, als Gefangene eingeliefert. Außerdem befand sich dort der +Prof. _Berger_, weil er ein Plakat der Räteregierung abgerissen hatte, +und eine Reihe von Geiseln. + +Als immer neue Nachrichten von Erschießungen roter Soldaten kamen, +entstand im Lager der Roten große Erregung. Das Infanterieleibregiment +forderte den Oberkommandanten Eglhofer auf, als Repressalie seinerseits +Gefangene zu erschießen. Am 30. April erhielt Fritz _Seidel_, der +Kommandant des Luitpoldgymnasiums, angeblich hierzu den Befehl von +Eglhofer. Doch hat Eglhofer selbst noch am gleichen Tage dies +ausdrücklich bestritten. Zuerst wurden unter Leitung _Schickelhofers_ +und _Kammerstädters_ die zwei Husaren erschossen. Dabei beteiligten sich +_Wiedl_ und Josef _Seidl_. Gleich darauf brachten Kick und Pürzer den +schriftlichen Befehl Eglhofers zu weiteren Erschießungen. _Hesselmann_, +_Gsell_ und _Haußmann_ beteiligten sich an der Auswahl der zu +Erschießenden. Der Professor Berger schloß sich aus Mißverständnis dem +abgeführten Trupp an. Seidl zitterte am ganzen Körper vor Aufregung und +hatte jede Herrschaft über seine Soldaten verloren. Er konnte sie in +ihrer Wut nicht mehr zurückhalten. Die Gefangenen wurden einzeln +abgeführt und zwischen 4 und 5-1/2 Uhr nachmittags an die Wand gestellt +und an einem Misthaufen von den aufgestellten 8 bis 10 Schützen durch +Gewehrsalven auf das Kommando »Legt an, Feuer« erschossen. Als _Thurn +und Taxis_ seine Unschuld beteuerte, wurde er nochmals in die Kanzlei +geführt und nach Wiederholung des Befehls erschossen. _Hannes_, _Lermer_ +und _Riedmayer_ beteiligten sich an der Aufstellung (nach der +Urteilsbegründung), _Fehmer_ und _Pürzer_ an der Erschießung. So kamen +zehn Menschen um. Doch befand sich unter den Erschossenen, wie aus der +mir vorliegenden beglaubigten Abschrift der Urteilsbegründung +hervorgeht, keine Geisel. + +Haußmann, der verantwortlich war, beging am Abend der Erschießungen +Selbstmord. _Eglhofer_ wurde nach seiner Gefangennahme am 3. Mai in der +Residenz ohne Urteil erschossen. Seidel und Schickelhofer wurden wegen +je zweier Verbrechen des Mordes zweimal zum Tode verurteilt. Wiedl, +Pürzer, Fehmer und Josef Seidl wurden wegen je eines Mordes zum Tode +verurteilt. Kick, Gsell, Hesselmann, Lermer, Hannes, Huber und Riedmayer +wurden wegen Beihilfe zu je 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. +(Vorsitzender Oberlandesgerichtsrat Aull.) Die Todesstrafen wurden am +nächsten Tage vollstreckt. (Eingehende Prozeßberichte in den »Münchener +Neuesten Nachrichten«, 1.-19. September 1919.) In einem zweiten Prozeß +wurde auch Kammerstädter zum Tode verurteilt und das Urteil am nächsten +Tag vollstreckt. (15. Oktober 1919.) Ferner wurden L. Debus, A. +Strelenko und R. Greiner zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, »weil sie +den Mord gefördert haben, indem sie eventuell bereit waren, selbst zu +schießen«. (Urteilsbegründung in den »Münchener Neuesten Nachrichten«, +14. Oktober 1919.) + +Im 3. Geiselmordprozeß wurde am 12. Juni 1920 Ferdinand Rotter zu 7 +Jahren Zuchthaus und Heinrich Walleshauser (17 Jahre alt) zum Tode +verurteilt. Die Todesstrafe wurde vollstreckt. + + +Andere Ermordungen während der bayrischen Räterepublik + +Max _Weinberger_ war während der Räterepublik Stadtkommandant von +München. Er wurde beschuldigt, an Bürgerliche, insbesondere an die +Thulegesellschaft, Waffen und Passierscheine ausgegeben zu haben. +(Aussage im Geiselmordprozeß, 8. September.) Er wurde abgesetzt und in +der Polizeidirektion eingesperrt. Eines Nachts wurde er in einem Auto +fortgeführt. Das Auto wurde von einem Unbekannten zum Halten gebracht. +Weinberger wurde erschossen. Seine Leiche wurde erst Ende Mai im +Englischen Garten gefunden. Der Fall blieb völlig unaufgeklärt. + +In Miesbach tagte während der bayrischen Räterepublik ein +Revolutionsgericht, um gegen Diebe und Plünderer vorzugehen. +Vorsitzender war der Werkführer Richard Käs aus Mochenwangen. Beisitzer +waren die Mitglieder des dortigen Aktionsausschusses, der Heizer Josef +Mühlbauer aus Hofleiten, der Bergmann Michael Vogl aus Prien; +Anklagevertreter der Stadtkommandant Radl. Da Käs sich in +Gerichtssachen als Laie fühlte, erbat er sich Aufschluß bei dem dortigen +Oberamtsrichter Dollacker, der sich auch bei einer Verhandlung +beteiligte. Als Protokollführer im Falle Lacher diente der +Oberamtsgerichtssekretär Bruckmeyer. + +In der Nacht vom 24. auf den 25. April 1919 kam der Rotgardist Ernst +_Lacher_ aus München, der schon vorher bei der roten Armee in Miesbach +als stellvertretender Kommandant tätig war, mit Mannschaften, +Maschinengewehren und Minenwerfern in einem Sonderzug nach Miesbach, um +angeblich mit Ermächtigung des Oberkommandanten Eglhofer die in Miesbach +stehenden Truppen wegen andauernder Ausschreitungen abzulösen und die +Stelle eines Stadtkommandanten zu übernehmen. Das Unternehmen Lachers +mißglückte und er wurde festgenommen. + +Der Prokurist Georg _Graf_ aus Zigelbarden, der beim Oberkommando der +Münchener Räteregierung Chef der geheimen Militärpolizei war, war +während dieser Zeit in Miesbach und forderte in den nach dem mißlungenen +Unternehmen gehaltenen Sitzungen des Exekutivkomitees, daß Lacher +erschossen werde und beantwortete auch nach seiner Rückkehr nach München +die an ihn gerichteten Anfragen in diesem Sinne. Graf war im Felde +verschüttet gewesen, hatte sich in einer Nervenheilanstalt befunden und +war Morphinist. Am 27. April 1919 wurde Lacher unter dem Druck der +wütenden Rotgardisten zum Tode verurteilt und das Urteil vollstreckt. + +Am 13. Januar 1920 begann vor dem Volksgericht in München 2 der Prozeß +gegen Graf und Genossen. Das Urteil für Graf lautete wegen Verbrechens +der Beihilfe zum Hochverrat auf zwölf Jahre Zuchthaus und zehn Jahre +Ehrverlust, Käs, Mühlbauer und Vogl wurden wegen je eines Verbrechens +der Beihilfe zum Mord in Tateinheit mit Beihilfe zum Hochverrat zu je +sechs, bzw. 3-1/2 bzw. vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Dollacker und +Bruckmeyer, die behaupteten unter dem Druck der Rotgardisten gehandelt +zu haben, wurden überhaupt nicht angeklagt. (»Münchener Neueste +Nachrichten«, 14., 15., 16. Januar 1920.) Acht Mitglieder des +Aktionsausschusses waren schon früher zu Festungsstrafen von einem Jahr +drei Monate bis zu zwei Jahren verurteilt worden. + +Der Stadtkommandant und Anklagevertreter _Radl_ wurde nach dem Sturz der +Räterepublik standrechtlich erschossen. + +Den weiteren Nachforschungen der Polizei gelang es dann, die Namen der +neun an der Erschießung beteiligten Rotgardisten zu ermitteln. Davon +sind zwei tot, zwei unauffindbar. Gegen die übrigen fünf hat am 21. +Februar 1922 der Prozeß stattgefunden. Sie behaupteten, sie seien von +ihren dienstlichen Vorgesetzten zur Vollstreckung aufgefordert worden +und seien von der Rechtmäßigkeit des Urteils überzeugt gewesen. Dies ist +nicht unglaubwürdig. Denn man wußte damals in Südbayern nichts von der +Existenz der Gegenregierung Hoffmanns, sondern hielt die Räteregierung +für den einzigen Inhaber der tatsächlichen Gewalt in Bayern. Trotzdem +beantragte der Staatsanwalt die Todesstrafe gegen sie. Die angeklagten +früheren Rotgardisten Ebert, Blechinger und Essig wurden wegen Beihilfe +zum Totschlag zu je 3 Jahren Gefängnis, Anzenberger zu 1 Jahr 6 Monate +Gefängnis verurteilt. Der fünfte, Heuser wurde freigesprochen. +(»Münchener Neueste Nachrichten«, 22. 2. 22.) + +Die zwölf Ermordeten waren die einzigen Opfer der Räterepublik. Dagegen +hat der Einzug der Regierungstruppen in München Hunderten von +Unschuldigen das Leben gekostet. + + +Die Einnahme von München + +Am 1. Mai zogen die Truppen der Regierung Hoffmann in München ein. In +dem amtlichen Communiqué schreibt die Regierung: + +»Nunmehr liegt das Ergebnis der von der Polizei angestellten Erhebungen +über die Zahl der Opfer der Münchener Kampftage vom 30. April bis 8. Mai +vor. Es bedurfte umfangreicher Arbeit, um diese Zusammenstellung +anfertigen zu können. Die Leichenfrauen wurden angewiesen, alle Toten, +die beerdigt wurden, zu melden. Auf Grund dieses Materials wurde dann +durch die Kriminalkommissare bei den Angehörigen der nähere Sachverhalt +erhoben. Bot dieser Weg auch keine Gewähr für die vollständige +Richtigkeit, so war er doch der einzige, der eine einigermaßen +verläßliche Zusammenstellung ermöglichte. + +Die Zahl der Todesopfer der Kämpfe beträgt nach dieser Zusammenstellung +557. Davon fielen kämpfend 38 Mann der Regierungstruppen, 93 Angehörige +der Roten Armee, 7 Russen und 7 Zivilpersonen. Standrechtlich erschossen +wurden 42 Angehörige der Roten Armee und 144 Zivilpersonen. Bei 42 Toten +konnte weder der Name, noch die Art des Todes festgestellt werden. +Vermutlich befinden sich unter diesen 42 unbekannten Personen 18 Russen. + +»_Tödlich »verunglückt« bei den Kämpfen sind 184 Zivilpersonen, und zwar +am 30. April 1, 1. Mai 36, 2. Mai 103, 3. Mai 16, 4. Mai 7, 6. Mai 21«._ +(»Münchener Neueste Nachrichten«, 10. Juni 1919.) + +Den 38 Gefallenen der Regierung Hoffmann stehen also offiziell 107 +Gefallene der Roten Armee, 186 standrechtlich Erschossene und 184 +»tödlich verunglückte« Anhänger der Räteregierung entgegen. Diese +Angaben beziehen sich aber nur auf den Stadtbezirk München. So fehlen z. +B. die oben erwähnten, in der Umgebung von München von den +Regierungstruppen Erschossenen. Ferner sind natürlich alle Fälle nicht +aufgeführt, wo Leute spurlos verschwanden und die Leichen nicht +eingeliefert wurden, z. B. der siebzehnjährige Johann _Erb_ am 2. Mai. +Die Zahl der Toten ist nach sozialistischen Angaben ungefähr tausend, +eine Zahl, die nach Mitteilung beteiligter Soldaten des Generalkommandos +Oven durchaus glaubhaft erscheint. + +Die 184 »tödlich Verunglückten« wird man als Opfer politischer Morde +betrachten müssen. Dies geht aus der oben zitierten amtlichen +Zusammenstellung selbst hervor. Denn in den letztgenannten 21 Fällen +läßt sich die Technik des tödlichen Unglücksfalles genau nachweisen. Am +6. wurden nämlich die 21 katholischen Gesellen ermordet. (Vgl. Seite +41.) Außerdem bin ich in der Lage, weitere 140 in München in den +Maitagen Ermordete namentlich aufzuführen. Wenn man also nicht annehmen +will, daß der Regierungsbericht diese 140 Fälle vollkommen verschweigt +oder den Tatsachen zuwider sie in eine der beiden andern Kategorien +unterbringt und Fälle aus diesen Kategorien verschweigt, so ist man zu +dem Schluß gezwungen, daß die 184 tödlich Verunglückten tatsächlich +ermordet worden sind. Im folgenden einige Einzelfälle. + + +»Da haben wir Schwein gehabt« + +_Huber_, Karl, Landsberger Str. 153, 27 Jahre alt, Mitglied der K.P.D., +wurde am 30. April nachts aus dem Bett geholt und am andern Morgen nach +kurzem Verhör erschossen. Zeugen bestätigen, daß Huber in keiner Weise +an Kampfhandlungen beteiligt war. Huber hatte bei seiner Festnahme etwa +30 Mark in Bargeld, eine goldene Uhr, eine Uhr mit Stahlgehäuse, +Gamaschen und eine Brieftasche bei sich. Sämtliche Gegenstände fehlten. +Als die Schwester des Huber am 23. Mai wegen der Erschießung ihres +Bruders Erkundigungen einziehen wollte, hörte sie zufällig, wie vor dem +Hause, in dem die 2. Kompagnie des 1. Württembergischen Drag.-Regts. +einquartiert war (Harlaching, Ueber der Klause), zwei Posten sich +äußerten: »Mit dieser schweren Brieftasche und mit den Gamaschen haben +wir mal Schwein gehabt.« + +_Bauer_, Johannes, Arbeiter, Unterföhring Nr. 3, 48 Jahre alt, +parteilos, und dessen Sohn Johann, 17 Jahre alt, wurden am 30. April auf +Grund einer Denunziation aus der Wohnung geholt und kurz darauf ohne +Verhör erschossen. Der Vater war parteilos. Der Sohn Mitglied der +Arbeiterwehr. Er hinterließ Frau und vier unmündige Kinder. + +Am 1. Mai wurden Peter _Huhn_ und Georg _Kistler_ in Großhesselohe und +der Feinmechaniker _Höpfl_ in Grünwald ohne Urteil erschossen; Verfahren +wurde eingestellt, weil Täter nicht zu ermitteln. + +Jakob _Münch_, Forstenrieder Str. 71, wurde am 1. Mai erschossen. Er +wollte seine im Februar gefaßten Waffen abliefern und wurde dabei +verhaftet. + +Benno _Huber_, Metzger, Großkarolinenfeld, war bei der Roten Armee in +Rosenheim gewesen und wurde am 2. Mai im Bett erschossen. Hinterläßt +eine Frau mit zwei Kindern. + +Der Schuhmacher Emeran _Rötzer_ und der Arbeiter _Kohlmann_ wurden am 2. +Mai auf Grund von Denunziationen durch württembergische Truppen in ihren +Wohnungen, Dreimühlenstr. 14, verhaftet und sofort ohne Urteil im +Schlacht- und Viehhof erschossen. Sie hatten 3 Gewehre, die in ihrem +Privatbesitz waren, darunter 2 Jagdgewehre, am selben Vormittag +abgeliefert. Eine Untersuchung fand nicht statt. Sie wurden beschuldigt, +einen Regierungssoldaten umgebracht zu haben. In Wirklichkeit hatten sie +einen auf der Straße aufgelesenen verwundeten Rotgardisten beherbergt. +Dieser wurde im Bett mit Gewehrkolben geschlagen, dann erschossen. +Rötzer hinterläßt drei Kinder. + +_Faust_, Schreiner, leistete am 2. Mai freiwillig Sanitätsdienste bei +der Armee v. Oven und trug eine Rote Kreuzbinde. Die Soldaten sahen dies +für einen Ausweis der Roten Armee an und erschossen ihn. Kein Verfahren. + +Der Schriftsteller Hans _Schlagenhaufer_ in Unterhaching wurde am 1. Mai +von dem Hauptmann _Liftl_ aufgefordert, seine Waffen abzugeben. Er +bestritt, Waffen zu besitzen. Doch wurde ein Gewehr gefunden. Er wurde +verhaftet, nach Stadelheim abgeführt und dort am 2. Mai ohne +gerichtliches Verfahren erschossen. Nach einer der Witwe zugestellten +Entscheidung erfolgte die Erschießung wegen des Gewehres und »weil er +sich als Mitglied und späterer Schriftführer der K.P.D. während der +Umsturzbewegung besonders hervorgetan habe.« Der Schadenersatzanspruch +der Witwe auf Grund des Unruheschadengesetzes wurde am 8. November 1921 +vom Reichswirtschaftsgericht abgelehnt. (XVII. A. V. 950/21.) Das +Verfahren gegen die Täter wurde eingestellt. Klage beim ordentlichen +Gericht ist anhängig. + + +Gustav Landauer + +Ueber die Art der »Unglücksfälle« orientiert weiter folgender Bericht in +der Münchener »Neuen Zeitung« vom 3. Juni 1919: »Am 2. Mai stand ich als +Wache vor dem großen Tor zum Stadelheimer Gefängnis. Gegen 1-1/4 Uhr +brachte ein Trupp bayrischer und württembergischer Soldaten Gustav +_Landauer_. Im Hof begegnete der Gruppe ein Major in Zivil (im Prozeß +als Rittergutsbesitzer Freiherr _v. Gagern_ festgestellt), der mit einer +schlegelartigen Keule auf Landauer einschlug. Unter Kolbenschlägen und +den Schlägen des Majors sank Landauer zusammen. Er stand jedoch wieder +auf und wollte zu reden anfangen. Da rief ein Vizewachtmeister: »Geht +mal weg!« Unter Lachen und freudiger Zustimmung der Begleitmannschaften +gab der Vizewachtmeister zwei Schüsse ab, von denen einer Landauer in +den Kopf traf. Landauer atmete immer noch. Unter dem Ruf: »Geht zurück, +dann lassen wir ihm noch eine durch!« schoß der Vizewachtmeister +Landauer in den Rücken, daß es ihm das Herz herausriß und er vom Boden +wegschnellte. Da Landauer immer noch zuckte, trat ihn der +Vizewachtmeister mit Füßen zu Tode. Dann wurde ihm alles +heruntergerissen und seine Leiche zwei Tage lang ins Waschhaus +geworfen.« Wegen dieses Artikels wurde die »Neue Zeitung« unter +Vorzensur gestellt. + +Das Oberkommando Oven brachte am 6. Juni einen Gegenbericht: »Landauer +wurde von einem früheren Offizier geschlagen, als er etwas zu den +Soldaten sagen wollte. Nach Aussagen aller Zeugen, mit Ausnahme eines +einzigen, hat er mit einer Reitpeitsche, nicht mit einem Knüttel +geschlagen. Keiner der bisher vernommenen Zeugen konnte angeben, daß +unter Lächeln und freudiger Zustimmung der Begleitmannschaften auf +Landauer geschossen worden sei ... Unrichtig ist, daß ein +Vizewachtmeister drei Schüsse auf Landauer abgegeben hat. Vielmehr ist +erwiesen, daß zwei Infanteristen mit Gewehr oder Karabiner und daß ein +Mann, der als Kavallerist, als Sergeant, als Vizewachtmeister und als +Offizierstellvertreter bezeichnet wurde, mit der Pistole einen Schuß auf +Landauer abgegeben hat. Davon, daß Landauer alles heruntergerissen +wurde, hat kein Zeuge etwas angegeben. Festgestellt ist nur, daß +Landauer die Uhr abgenommen wurde. Der Besitzer der Uhr wurde bereits +ermittelt.« Demnach hat Landauer weder einen Fluchtversuch unternommen, +noch eine andere provokatorische Handlung versucht oder ausgeführt. + +Der Münchener Stadtrat Weigel teilt mir über die Agnoszierung der Leiche +Landauers folgendes mit: »Landauers Leichnam fehlten Rock, Hose, Stiefel +und Mantel. Nach dem Sektionsprotokoll waren drei Schüsse auf Landauer +abgegeben, die alle tödlich waren. Der Brustschuß stammte nach Ansicht +des Gerichtsarztes Dr. Schöpflin und des Prof. Oberndorfer +wahrscheinlich nicht von einem Gewehr, sondern von einer Pistole. Doch +wurde dies auf Ersuchen des Kriegsgerichtsrates Christoph nicht +aufgenommen.« + +Freiherr v. Gagern bekam vom Amtsgericht München am 13. September 1919 +einen Strafbefehl über 300 Mark. Das Verfahren gegen weitere Beteiligte +wurde eingestellt. + +»Vor dem Kriegsgericht in Freiburg kam die Anklage gegen den +Unteroffizier _Digele_ wegen Tötung Gustav Landauers zur Verhandlung. +Nachdem ein nicht ermittelter Soldat Landauer in den Kopf geschossen +hatte, gab Digele auf Landauer einen Pistolenschuß ab. Der Angeklagte, +ein Württemberger, der inzwischen bei den Baltikumtruppen zum +Unteroffizier befördert wurde, berief sich darauf, daß er nur den Befehl +eines Vorgesetzten ausgeführt habe. Das Gericht sprach ihn von der +Anklage des Totschlages frei, weil er in dem Glauben sein konnte, nach +Befehl zu handeln, und verurteilte ihn wegen Hehlerei, begangen durch +Aneignung der Uhr des Toten, zu fünf Wochen Gefängnis, die durch die +Untersuchungshaft verbüßt sind.« (»Münchner Neueste Nachrichten«, 22. +März 1920.) (Ein ausführlicher Prozeßbericht, aus dem insbesondere die +Richtigkeit der ersten Darstellung hervorgeht, findet sich in der +Freiburger »Volkswacht« vom 22. und 23. März 1920.) + +Ich konnte trotz gütiger Unterstützung durch Behörden nicht feststellen, +ob Gagern mit dem Hauptmann Freiherr v. Gagern-Rickholt (geboren am 21. +1. 1887 in Worms) identisch ist, der am 25. 5. 1915 den belgischen Baron +d'Udekem d'Acoz ermordete. Dieser wurde am 7. Juni 1916 zu 15 Jahren +Zuchthaus verurteilt. Am 16. 1. 1919 aber vom Präsidenten des +Reichsmilitärgerichts freigelassen. (Erklärung der Reichsregierung, 11. +8. 1922.) + +Außer Landauer wurden in den ersten Maitagen in Stadelheim noch über 30 +wehrlose Gefangene von den Soldaten ohne weiteres Verfahren umgebracht. +Herr Weigel teilt mir hierüber mit: »An der Wand eines inneren +Gefängnishofes, dessen Tor auf den Friedhof hinausführt, habe ich an der +Mauer in Brusthöhe 50 bis 60 Gewehreinschläge gesehen. Rekognosziert +werden sollten 30 bis 40 Tote. Sie waren nach den Angaben der +Gefängnisverwaltung aus dem Massengrab, wo sie ohne Särge lagen, +herausgeholt und in die Särge gelegt worden. An das Massengrab zu gehen, +wurde mir nicht gestattet. Nur wenige Särge wiesen Namen auf, darunter +einen weiblichen.« + +Elf Leichen konnten nicht agnosziert werden. (Münchener »Neue Zeitung«, +17. Juni 1919.) + +Das Verfahren gegen die Täter ist noch nicht abgeschlossen, hat aber +bisher zu keinerlei Resultaten geführt. + + +Erschießung -- keine offene Gewalt + +Der Hilfsarbeiter Josef _Sedlmaier_ wurde am 2. Mai 1919 in seiner +Wohnung, Winterstr. 8 II., verhaftet. Sedlmaier war niemals bei der +Roten Armee und hatte niemals an Kämpfen teilgenommen. Er hatte +lediglich 14 Tage bei der Arbeiterwehr Sicherheitsdienst gemacht und +sein Gewehr am 27. April eingeliefert. + +Nach den staatsanwaltschaftlichen Akten, A.V. XIX 1254/19, hat der +betreffende Leutnant _Möller_, bayr. Schützenregiment 21, die Festnahme +angeordnet, »weil er (Sedlmaier) mir nicht beweisen konnte, daß er sein +Gewehr wirklich schon am 27. April abgeliefert habe.« + +Zu gleicher Zeit wurden die im gleichen Hause wohnenden Gebrüder +_Altmann_ festgenommen. Nach den Angaben eines »unbekannten, nicht +ermittelten Polizeiorgans« waren sie »gefährliche Spartakisten«. + +Die drei Verhafteten wurden einer »Standgerichtskommission« unter +Vorsitz eines Hauptmannes vom 1. bayr. Schützenregiment vorgeführt und +zum Erschießen bestimmt. Sie wurden in den Hof einer Lederfabrik, +Pilgersheimer Str. 39, geführt; als sie dort einen bereits Erschossenen +liegen sahen, begannen sie auseinanderzulaufen. Darauf wurden alle drei +wegen Fluchtgefahr erschossen. + +Der Tumultschadenausschuß konstatiert aus den staatsanwaltschaftlichen +Akten, daß alle Zeugen bezüglich des Sedlmaier nichts Belastendes +bekundet haben. Schriftliche Aufzeichnungen über das »standgerichtliche« +Verfahren wurden nicht gemacht. Der betreffende Hauptmann, der das +»Standgericht« leitete, erklärte zu den Akten: »Ich habe in den ersten +Tagen des Mai auf Grund von Angaben der Kriminalpolizei und von +Vertrauenspersonen soviele Verhaftungen vornehmen lassen, daß ich mich +unmöglich auf die Namen von Festgenommenen besinnen kann; auch kann ich +nicht angeben, ob Sedlmaier und die beiden Altmann mir vorgeführt +wurden, oder ob sie auf dem Wege zu mir erschossen wurden, weil sie +einen Fluchtversuch machten.« + +Das Verfahren gegen Möller wurde eingestellt. Von einem Verfahren gegen +den Hauptmann oder gegen die Soldaten, die die Erschießung vornahmen, +ist nichts bekannt geworden, obwohl der Staatsanwaltschaft nach eigener +Mitteilung die Namen bekannt sind. + +Der Tumultschadenausschuß billigte der Witwe, welche zwei minderjährige +Kinder hat, eine kleine Rente zu. + +Hiergegen legte der Reichskommissär bei dem Tumultschadenausschuß +Beschwerde zum Reichswirtschaftsgericht ein. Dieses hob den Beschluß auf +und wies den Anspruch auf Entschädigung ab. In dem Beschluß heißt es: + +»Zunächst ist der Schaden in keinem Falle durch offene Gewalt +verursacht. Denn die vollstreckende militärische Stelle hat, wie auch +der Fall gelagert gewesen sein mag, stets amtliche Befugnisse ausüben +wollen. Selbst ein Mißbrauch und eine Ueberschreitung von +Amtsbefugnissen kann niemals als offene Gewalt angesprochen werden. +Weiter aber ist auch in keinem der möglichen Fälle der Tod durch die +Abwehr der offenen Gewalt der Spartakisten unmittelbar verursacht +worden. Sedlmaier wurde durch seine Verhaftung dem Kreise der gegen die +Spartakistenherrschaft eingesetzten unmittelbaren Abwehrmaßnahmen +entrückt. In diesem Augenblick begann für ihn die Abwicklung eines +außerhalb der unmittelbaren Gewaltabwehr liegenden besonderen +strafrechtlichen Verfahrens ...« + +Nunmehr hat die Witwe eine Klage gegen den Militärfiskus beim +ordentlichen Gericht eingereicht. + +Zu dem Brothändler Josef _Probst_ kamen am 2. Mai 5 Soldaten des +Freikorps Epp. Sie durchsuchten nicht einmal die Wohnung, sondern +forderten ihn nur auf mitzugehen, er komme gleich wieder. Er wurde +sofort erschossen. Irgend ein gerichtliches Verfahren fand nicht statt. +An den Kämpfen hatte sich Probst in keiner Weise beteiligt. Klage zum +ordentlichen Gericht ist anhängig. + + +Erschießung wegen Beschimpfung der Offiziere + +Josef Anton _Leib_, Daiserstr. 4, hatte eine Zeitschrift »Der +Republikaner, Volksblatt für Süddeutsche Freiheit«, herausgegeben. Am 2. +Mai bezog das Batl. Lindenfels, in der Mehrzahl aus Tübinger Studenten +bestehend, Quartier in der Implerschule. Bei Leib wurden drei +Haussuchungen abgehalten, es wurde aber nichts gefunden; dann wurde er +mitgeschleppt und auf Befehl des Rittmeisters Freiherrn _von Lindenfels_ +im Hof des Restaurants Elysium erschossen. Als Begründung wurde +angegeben, er habe »auf der Liste gestanden« und habe die Offiziere +beschimpft. Gegen Freiherr v. Lindenfels wurde am 2. August 1920 Anklage +erhoben. Er wurde freigesprochen (Wehrkreis-Kommando V Abt. IV.). + +Nach der Entscheidung des Tumultschadenausschusses hat L. sich am Kampfe +nicht beteiligt und ist den Truppen nicht mit Waffen entgegengetreten. +Da die Blätter geeignet gewesen seien, lebhafte Erregung in die +Bevölkerung zu tragen, und da die Witwe zwar nicht mitgearbeitet, aber +in Kenntnis der Sachlage die Einnahme aus den Blättern »bewußt +mitgenossen« habe, erschien es nach Ansicht des Tumultschadenausschusses +der Billigkeit entprechend, die Höchstrente der Witwe von damals 57 _M_ +90 [Pf] monatlich auf 30 Mark monatlich herabzusetzen, die Renten der +fünf damals sämtlich minderjährigen Kinder von je 23 _M_ 80 [Pf] +monatlich aber unverändert zu belassen. + +Das Reichswirtschaftsgericht hob diese Entscheidung am 20. Oktober 1921 +auf und wies nach ständiger Praxis sämtliche Ansprüche ab, denn »ein +Mißbrauch von Amtsbefugnissen könne nie als offene Gewalt angesprochen +werden.« (XVII A.V. 617/21.) Klage zum ordentlichen Gerichte ist +anhängig. + +_Bauer_, Josef, Monteur, Schönstr. 60, 20 Jahre, parteilos, wurde am 3. +Mai in Schleisheim angeblich wegen eines bei ihm vorgefundenen Briefes +festgenommen, kurz darauf erschossen und ausgeraubt. + +_Nagl_, Josef, Maurerpolier, 31 Jahr, Sauerlach, wurde am 3. Mai in +seiner Wohnung festgenommen und am Starnberger Bahnhof erschossen. Die +Erschießung erfolgte, da angenommen wurde, Nagl sei Eigentümer eines in +seiner Wohnung vorgefundenen Gewehres, das jedoch nachweislich einem bei +Nagl wohnenden Alois Stöttel gehörte. Nach seiner Erschießung wurde die +Leiche vollständig ausgeraubt. Es fehlten 100 Mark Bargeld. Nagl +hinterläßt seine Frau. + +_Stettner_, Josef, Xylograph, Baaderstr. 65, wurde am 3. Mai bei +Hilfeleistung eines Verwundeten am Gärtnerplatz erschossen. Hinterläßt +Frau und 6 Kinder. + +_Tischer_, Johann, Maler, 37 Jahr, Zeppelinstr. 23, wurde am 3. Mai aus +seiner Wohnung geholt, kam etwa nach einer halben Stunde zurück und +wurde auf Grund einer Bemerkung, die er den Soldaten gegenüber gemacht +hatte, wieder festgenommen und kurz darauf im Lehrerinnenseminar in der +Frühlingstr. erschossen. + +_Zull_, Josef, Kutscher, 20 Jahr, Winterstr. 4, wurde am 3. Mai in +seiner Wohnung verhaftet, schwer mißhandelt, halb erschlagen und am +Kandidplatz erschossen. Er war bei der Republikanischen Schutzwehr +gewesen. + +Anton _Oswald_ wurde auf Grund einer Denunziation des +Kriminalwachtmeisters Keitler am 3. Mai morgens aus dem Bett geholt, da +er bei der Entwaffnung der Schutzleute geholfen hatte. Er wurde in eine +Kiesgrube gestellt, um erschossen zu werden. Schwer verwundet konnte er, +da auftauchende rote Truppen die Erschießung verhinderten, sich in ein +Haus schleppen, wo er ins Bett gelegt wurde. Dort wurde er gefunden, an +einen Zaun geschleppt und endgültig erschossen. (Kein Verfahren.) + + +Der Ermordete ist schuld + +Am 2. Mai 1919, nachmittag 5 Uhr, kamen zwei bewaffnete Soldaten des +Freikorps Epp in die Wohnung Daisenhofener Str. 12 des Dr. Karl _Horn_, +Professor für Mathematik und Physik, und brachten ihn nach dem Gefängnis +Stadelheim. Dort verhörte ihn der Kommandant, Leutnant Heußer, und gab +ihm einen Passierschein, auf welchem die Schlußworte standen: »Professor +Dr. Karl Horn irrtümlich verhaftet«. + +Horn kehrte um 8 Uhr abends in seine Wohnung zurück. Am nächsten Morgen +früh acht Uhr traten abermals zwei Bewaffnete des Freikorps Epp in die +Wohnung und brachten ihn in das Haus Tegernseer Landstraße 98, wo die +Befehlsstelle mit dem Stab des 1. Bataillons des Schützenregiments I +(Freikorps Epp) lag. Dort wurde er im Hofe von dem herbeigeholten +diensttuenden Leutnant Josef _Dinglreiter_ (Bataillonsadjutant) ohne +Verhör kurz mit den den Worten abgefertigt: »Ab nach Stadelheim, +erledigt« und drei Soldaten zum Transport übergeben. Horn versuchte +umsonst, seinen Passierschein vorzuweisen. + +Von einem dieser drei Soldaten wurde Horn auf der vor dem Haus +Stadelheimer Str. 33 befindlichen Wiese um 8-3/4 Uhr durch einen Schuß +von rückwärts durch den Kopf getötet. Die Begleitmannschaft raubte +Schuhe, Uhr mit Kette und Anhänger, plünderte die Taschen und versuchten +den Ehering abzuziehen. (Aussage des Augenzeugen Georg Gruber in meinem +Besitz.) Die Leiche wurde quer über dem Fußweg liegen gelassen. + +Der Täter, wahrscheinlich Unteroffizier Georg _Grammetsberger_, kehrte +zur Stadt zurück, die beiden andern Soldaten gingen nach Stadelheim. Um +1/2-3 Uhr nachmittags wurde die Leiche von der Gattin und dem +neunjährigen Sohne am Tatort gefunden. Das Verfahren gegen +Grammetsberger wurde eingestellt. Gegen Dinglreiter fand kein Verfahren +statt. + +Sowohl das Landgericht München wie das Oberlandesgericht München haben +die Klage der Witwe abgewiesen, da eigenes Verschulden des Getöteten +vorliegt. Dieser habe zu »jenem Kreis von Leuten gehört, die die +Bevölkerung aufgehetzt und dadurch mittelbar die Ausschreitungen der +Soldaten selbst erzeugt haben.« Die Sache geht jetzt ans Reichsgericht. + + +Eine Frau als Zielscheibe + +Georg _Kling_ und seine Tochter Marie _Kling_ taten am 2. Mai in Giesing +freiwillig Sanitätsdienste bei der Roten Armee in einer Station an der +Weinbauerstraße. Sie waren mit Roten Kreuzbinden versehen. Am 3. Mai +wurde Georg Kling auf die Polizeistation Tegernseer Landstraße +transportiert, weil seine andere Tochter Anni angeblich Munition +getragen habe. Marie ging freiwillig mit. Der Schutzmann Keitler +behauptete, Marie habe mit der Sanitätsflagge den Roten Zeichen gegeben. +Sie kam vor ein Standgericht, wurde auf Grund von Zeugenaussagen von +Regierungstruppen freigesprochen und sollte am 4. Mai entlassen werden. +Als der Vater sie morgens abholen wollte, war sie schon nach Stadelheim +abgeführt. Augenzeugen bekunden, daß sie dort als Zielscheibe verwendet +wurde. Zuerst wurde sie ins Fußgelenk, dann in die Wade, dann +Oberschenkel, zuletzt in den Kopf geschossen. Eine Verhandlung gegen die +Täter fand nicht statt. Denn bei der Aufhebung der +Militärgerichtsbarkeit waren die Akten »verloren« gegangen. + +Peter _Lohmar_, Journalist, wurde am 3. Mai auf dem Transport in den +Gasteiganlagen, angeblich, weil er sich gewehrt hatte, erschossen. +Tatsächlich konnte er als Kriegsinvalide überhaupt nur am Stock gehen. +Das Verfahren ist eingestellt. + +Der Bankbeamte Hans _Bulach_ wurde am 3. Mai auf dem Transport in den +Gasteiganlagen von demselben Gefreiten angeblich auf der Flucht +erschossen. + +Der Tagelöhner Theodor _Kirchner_ aus der Winterstr. 4 wurde am 3. Mai +ohne jedes gerichtliche Verfahren in der Kirbacher Str. 11 erschossen, +obwohl er sich weder an den Kämpfen beteiligt, noch sonst strafrechtlich +verfehlt hatte. Ein Gewehr hatte er vorher schon freiwillig ohne +Aufforderung eingeliefert. Er hinterließ eine Witwe und 2 Kinder im +Alter von 2 und 4 Jahren. + +Der Tumultschadenausschuß billigte den Hinterbliebenen eine Rente zu. +Hiergegen legte der Reichskommissar beim Tumultschadenausschuß +Beschwerde ein; in der Begründung derselben heißt es: »Als Kirchner +erschossen wurde, war er vollständig wehrlos und von Kirchner drohte +daher keinerlei offene Gewalt, demzufolge konnte seine Erschießung auch +nicht die Abwehr einer offenen Gewalt von seiner Seite bezwecken, +naturgemäß konnte durch diese Erschießung auch nicht die etwa von +anderer Seite drohende Gewalt abgewehrt werden ...« + +Das Reichswirtschaftsgericht hob die Entscheidung auf und wies die +sämtlichen Ansprüche ab. Klage zum ordentlichen Gericht schwebt. + +Der Privatier Christian _Frohner_, Paulaner Platz 27, wurde am 3. Mai +wegen Verdachtes der Teilnahme an der Aufruhrbewegung von Truppen des +Freikorps Lützow festgenommen. Am 5. Mai 1919 wurde er auf dem Transport +vom »Standgericht« in der Hofbräuhaushalle zur Befehlsstelle der Gruppe +Siebert von dem ihn begleitenden Gefreiten erschossen. Der Bescheid des +Tumultschadenausschusses stellte fest, daß die Erschießung »angeblich +aus Notwehr« erfolgte. Die Leiche wurde ausgeraubt. + +Der Antrag auf Zuerkennung einer Rente auf Grund des +Tumultschadengesetzes wurde in beiden Instanzen abgelehnt. Klage zum +ordentlichen Gericht ist anhängig. + +Das gegen den Gefreiten wegen Mord eingeleitete Verfahren wurde +eingestellt, weil ein Zeuge nicht auffindbar gewesen ist. Derselbe +Gefreite hat auch Bulach und Lohmar umgebracht. + +Der Monteurhelfer Leonhard _Dorsch_, am Feuerbachl 6, wurde nach den der +Witwe vom Tumultschadenausschuß mitgeteilten Feststellungen vom Militär +am 4. Mai verhaftet, »da er der Zugehörigkeit zur Roten Armee verdächtig +war«. Er wurde zunächst einem Gerichtsoffizier in der Wache des 16. +Stadtbezirkes zum Verhör vorgeführt und später »auf nicht aufgeklärte +Weise, vermutlich bei einem Fluchtversuch« erschossen. Kein Verfahren. + + +Die zwölf Perlacher Arbeiter + +Am 4. Mai rückte das Freikorps Lützow in Perlach, wo niemals gekämpft +worden war, ein. Die Offiziere konferierten mit dem protestantischen +Pastor _Hell_. (Angeblich holten sie dort ein Wäschepaket ab.) Dann +requirierten sie ein Zimmer im Gasthof zur Post und verhafteten die +Arbeiter Johann _Licht_ und Georg _Koch_. Um 3 Uhr morgens wurden dann +auf Grund einer Liste u. a. folgende Perlacher Arbeiter, teils +Parteilose, teils Mitglieder der Mehrheitssozialdemokratie, aus ihren +Betten geholt: Adalbert _Dengler_, Georg _Eichner_, Sebastian +_Hufnagel_, Georg _Jacob_, Josef _Jakob_, Johann _Keil_, Albert _Krebs_, +Josef _Ludwig_, August _Stöber_, Konrad _Zeller_. Bei dem Hafnermeister +Ludwig waren drei ergebnislose Haussuchungen vorausgegangen. Keil und +Dengler hatten Waffen besessen, sie jedoch am 1. Mai laut Aufforderung +abgeliefert. Als der Wirt den Verhafteten Kaffee geben lassen wollte, +hieß es, »die brauchen nichts mehr«. Die Verhafteten mußten +Brieftaschen, Messer und Geldbörsen abgeben, wurden in der Früh um 5 Uhr +auf ein Lastauto verladen und nach dem Hofbräuhauskeller gebracht. +Ludwig wurde gleich hinter das Auto geführt und um 6 Uhr morgens +erschossen. Einige der Verhafteten wurden dann von Offizieren verhört. +Keiner war bei der Roten Armee gewesen. Keiner hatte sich an den Kämpfen +beteiligt, bei keinem waren Waffen gefunden worden, Zeugen schildern, +daß die Gefangenen einen niedergeschlagenen, ja geistesabwesenden +Eindruck machten und flehentlich um ihr Leben baten. Zwischen 11 und 1 +Uhr wurden in Abständen erst zwei, dann drei Personen auf dem Hof auf +einem Kohlenhaufen erschossen. Zwei weitere Gefangene, zuerst +zurückgestellt, wurden später erschossen. Insgesamt wurden in Abständen +12 Gefangene ohne Urteil, ohne den Schatten eines Rechts erschossen. +Nach der Erschießung wurden den Toten ihre sämtlichen Wertgegenstände +und Papiere geraubt. Gegen keinen einzigen der Täter oder der +verantwortlichen Offiziere ist jemals auch nur verhandelt worden. +(Aussagen von 14 Augenzeugen sind in meinem Besitz.) 12 Frauen und 35 +minderjährige Kinder waren der Ernährer beraubt. Die von den +Hinterbliebenen auf Grund des Aufruhrschadengesetzes erhobenen +Rentenansprüche wurden vom Reichswirtschaftsgericht am 14. August 1921 +mit der Begründung abgewiesen, die Erschießung sei keine offene Gewalt +gewesen. (XVII, A.V. 747/21.) + +Josef _Graf_, 18 Jahre, wurde am 3. Mai verhaftet. Ein Offizier teilte +dem Vater mit, der Fall werde am nächsten Tag ordnungsgemäß verhandelt. +Am 4. Mai, morgens 1/2-6 Uhr, wurde er auf offener Straße (Warngauer +Straße) erschossen und die Leiche liegen gelassen. (Kein Verfahren.) + +Josef _Siegl_, Sanitätssoldat, Rheintaler Str. 64, tat während der +Räterepublik keinen Dienst und ging erst am 1. Mai wieder in Dienst. Auf +dem Weg nach Hause wurde er am 5. Mai wegen seiner Roten Kreuzbinde +erschossen. Die Leiche wurde ausgeraubt. + +_Schäffer_, Josephine, Kaufmannsfrau, Hohenzollernstr. 72, wurde am 5. +Mai auf dem Transport nach dem Abteilungsstab des Freikorps Lützow in +der Nähe der Giselaschule erschossen. Nach der Erschießung wurde ihre +Wohnung durchsucht und Gegenstände im Werte von 3000 Mark entwendet. Ihr +Mann war in Haft. Ein Verfahren gegen die Täter ist nicht eingeleitet. + + +Die 21 katholischen Gesellen + +Am 6. Mai fand eine Versammlung des katholischen Gesellenvereins St. +Joseph wegen Theaterangelegenheiten im Vereinslokal, Augustenstr. 71, +statt. Sie wurde als »spartakistisch« denunziert. Auf Grund eines +Befehls des Hauptmanns v. Alt-Stutterheim wurden die Gesellen durch eine +Patrouille unter Führung des Offizierstellvertreters Priebe verhaftet, +weil ein Versammlungsverbot existierte. Hauptmann _v. Alt-Stutterheim_ +musterte die Verhafteten auf der Straße. Die Leute schrien, sie seien +unschuldig; er sagte, das gehe ihn nichts an, und ließ es zu, daß die +Leute furchtbar mißhandelt wurden. Sieben Gefangene wurden im Hof des +Hauses Karolinenplatz 5 erschossen. Die anderen wurden in den Keller +eingeliefert. Die Soldaten, zum Teil in angetrunkenem Zustand, +trampelten auf den Gefangenen herum, stießen sie wahllos mit dem +Seitengewehr nieder und schlugen derartig um sich, daß ein Seitengewehr +sich verbog und daß das Hirn herumspritzte. So töteten sie weitere 14 +Leute und plünderten dann die Leichen aus. Fünf Gefangene wurden schwer +verwundet. »Die Leichen der Erschossenen schauten fürchterlich aus. +Einem war die Nase ins Gesicht hineingetreten, andern fehlte der halbe +Hinterkopf«. (Erster Verhandlungstag.) »Wenn einer der Verwundeten sich +noch regte, wurde auf ihn eingeschlagen und eingestochen. Zwei Soldaten, +die sich umfaßt hatten, führten einen wahren Indianertanz neben den +Leichen auf, schrien und heulten.« (»Bayr. Kurier«, 23. Oktober 1919.) +Die Soldaten glaubten ein Recht dazu zu haben, da ihnen durch ihren +Hauptmann Hoffmann erklärt worden war, wenn sie einen Spartakisten +sähen, sollten sie gleich von der Waffe Gebrauch machen. Ein Soldat +meldete sich denn auch dienstlich von der Erschießung der 21 +Spartakisten zurück. Der größte Teil der Täter konnte nicht festgestellt +werden. Das Sektionsprotokoll verschwand aus den Akten. Die Namen der +Ermordeten waren: J. _Lachenmaier_, J. _Stadler_, F. _Adler_, J. +_Bachhuber_, S. _Ballat_, A. _Businger_, J. _Fischer_, M. _Fischer_, F. +_Grammann_, M. _Grünbauer_, J. _Hamberger_, J. _Krapf_, J. _Lang_, B. +_Pichler_, P. _Prachtl_, L. _Ruth_, K. _Samberger_, F. _Schönberger_, A. +_Stadler_, F. _Stöger_, K. _Wimmer_. + +Am 25. Oktober 1919 wurde der Soldat Jakob _Müller_ und der +Vizefeldwebel Konstantin _Makowski_ zu 14 Jahren Zuchthaus, _Grabasch_ +zu einem Jahr Gefängnis wegen Totschlags verurteilt. Gegen die +verantwortlichen Offiziere der Gardedivision wurde kein Verfahren +eingeleitet. Das Verfahren gegen den Hauptmann von Alt-Stutterheim wurde +eingestellt. (»Münchener Neueste Nachrichten« und »Bayrischer Kurier«, +21. bis 26. Oktober 1919.) (_Schlag_, Das Blutbad am Karolinenplatz.) +Vorsitzender war Oberlandesgerichtsrat Hieber, Staatsanwalt Dr. Mugler. + +Am 4. November wurde der ehemalige Husar Stefan _Latosi_, der in der +betr. Nacht blutbefleckt mit gestohlenen Uhren und Geldbörsen den Keller +verlassen hatte, wegen Verbrechen des Totschlags freigesprochen, wegen +schweren Diebstahls zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt. (»Münchener +Neueste Nachrichten«, 5. November 1921.) + +Da mir leider der Platz fehlt alle Münchener »tödlichen Unglücksfälle« +auch nur mit wenigen Worten zu schildern, begnüge ich mich, die mir +bekannten in tabellarischer Form darzustellen. Der Vorgang ist eintönig +immer dasselbe: Denunziation, Verhaftung, Erschießung an der nächsten +Mauer, Plünderung der Leiche. Der Täter bleibt straflos, denn ein +Verfahren wird gar nicht eingeleitet. + +Die folgende Liste umfaßt 161 Ermordete und 273 Hinterbliebene. Sie +enthält auch die im Text bereits aufgeführten Fälle. + +161 VON DEN REGIERUNGSTRUPPEN IN MÜNCHEN ERMORDETE + + ============================================================== + Lfd.| _Name_ | Wohnort, Beruf + Nr.| | Alter, Zahl der Hinterbliebenen + | | Datum, Ort der Ermordung + | | Bemerkung + ====+=====================+==================================+ + 1 | _Adler, Franz_ | Kath. Ges.-Verein + | | Augustenstr. 41, Schlosser + | | Alter: 25, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | vollst. ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 2 | 2 _Brüder | Winterstr. 8, -- + | Altmann_ | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 2. V. 19, Pilgersheimerstraße 39 + | | Verfahren eingestellt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 4 | _Aschenbrenner, M._ | Tegernseerlandstraße 18, Spengler + | | Alter: --, Hinterbliebene: 3 + | | 7. V. 19, Hohenzollernschule + ----+---------------------+----------------------------------+ + 5 | _Bachhuber, Josef_ | Kath. Ges.-Verein, Maler + | | Alter: 19, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | vollst. ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 6 | _Barth, Georg_ | Lilienstr. 62, Hoteldiener + | | Alter: 30, Hinterbliebene: 1 + | | Datum: -- , Ort der Ermordung: -- + | | Schuhe, Hose, Mantel geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 7 | _Barth, R. Anton_ | Nockherstr. 38, Kutscher + | | Alter: 18, Hinterbliebene: 1 + | | 4. V. 19, Ostfriedhof + ----+---------------------+----------------------------------+ + 8 | _Bauer, Johann_ | Unterföhring 3, Beruf: -- + | | Alter: 17, Hinterbliebene: -- + | | 30.IV. 19, Ort der Ermordung: -- + ----+---------------------+----------------------------------+ + 9 | _Bauer, Johannes_ | Unterföhring 3, Arbeiter + | | Alter: 48, Hinterbliebene: 5 + | | 30.IV. 19, Ort der Ermordung: -- + ----+---------------------+----------------------------------+ + 10 | _Bauer, Josef_ | Schönstr. 60, Monteur + | | Alter: 20, Hinterbliebene: 6 + | | 3. V. 19, Schleißheim + | | ausgeraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 11 | _Bischl, Michael_ | Oberländerstr. 11, Schlosser + | | Alter: 18, Hinterbliebene: 2 + | | 2. V. 19, Ruprechtstr. + | | erschlagen und erschossen + ----+---------------------+----------------------------------+ + 12 | _Bongratz, Peter_ | Westendstr. 161, Gehilfe + | | Alter: 25, Hinterbliebene: 8 + | | 5. V. 19, Schlachthof + | | gold. Uhr, 3 goldene Ringe, + | | Ueberzieher, Hut geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 13 | _Bulach, Johann_ | Mariahilfstr. 3, Bankbeamter + | | Alter: 37, Hinterbliebene: 3 + | | 3. V. 19, Gasteiganlagen + ----+---------------------+----------------------------------+ + 14 | _Bullat, Sebastian_ | Kath. Ges.-Verein, Schmied + | | Alter: 19, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 15 | _Brucker, Oskar_ | Hochstr. 31, Beruf: -- + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 1 + | | 3. V. 19, Salvatorkeller + ----+---------------------+----------------------------------+ + 16 | _Buscher, Andreas_ | Tegernseerlandstraße 28, + | | Bauhilfsarbeit. + | | Alter: 29, Hinterbliebene: -- + | | 4. V. 19, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 17 | _Businger, Anton_ | Kath. Ges.-Verein, Buchbinder + | | Alter: 22, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 18 | _Crusius, Ludwig_ | Weinbauernstr. 1, Schlosser + | | Alter: 37, Hinterbliebene: 2 + | | 2. V. 19, Knollwiese + ----+---------------------+----------------------------------+ + 19 | _Dal Sasso, Josef_ | Bavariastr. 9, Kutscher + | | Alter: 35, Hinterbliebene: 1 + | | 3. V. 19, Menterschweige + ----+---------------------+----------------------------------+ + 20 | _Demann, Johann_ | Wendelsteinstr. 9, Bahnarbeiter + | | Alter: 21, Hinterbliebene: 3 + | | Datum: -- , Ort der Ermordung: -- + ----+---------------------+----------------------------------+ + 21 | _Dengler, Adalbert_ | Perlach, Prinzregentenstr. 46, + | | Taglöhner + | | Alter: 46, Hinterbliebene: 6 + | | 5. V. 19, Hofbräuhausk. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 22 | _Dietz, Theodor_ | i. d. Grube 25, Spengler + | | Alter: 30, Hinterbliebene: 2 + | | 2. V. 19, Maximiliank. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 23 | _Dorfmeister, Aug._ | Siebenbrunnerstr., Ingenieur + | | Alter: 28, Hinterbliebene: 4 + | | 2. V. 19, Harlaching + | | erschlagen, erschossen, + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 24 | _Dorsch, Leonhard_ | Feuerbachl 6, Monteurgehilfe + | | Alter: 25, Hinterbliebene: -- + | | 4. V. 19, Frauenhoferbrücke + ----+---------------------+----------------------------------+ + 25 | _Eckert, Max_ | Miliechplatz 1, Friseur + | | Alter: 45, Hinterbliebene: 4 + | | 2. V. 19, Kühbachstr. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 26 | _Effhauser, Lorenz_ | Jahnstr. 31, Monteurgehilfe + | | Alter: 28, Hinterbliebene: 1 + | | 1. V. 19, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 27 | _Eichner, Georg_ | Perlach 196, Bahnarbeiter + | | Alter: 35, Hinterbliebene: 5 + | | 5. V. 19, Hofbräuhausk. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 28 | _Enzenberger, Joh._ | Winterstr. 13, Schleifer + | | Alter: 24, Hinterbliebene: 3 + | | Datum: -- , Harlachinger Weg + | | 143 M., Brieftasche, Ehering, + | | Uhr, Windjacke geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 29 | _Ewald, Jakob_ | Tegernseerlandstraße 71, + | | Hilfsmonteur + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 2 + | | Datum: -- , Ort der Ermordung: -- + ----+---------------------+----------------------------------+ + 30 | _Faltermeier, Otto_ | Peißenbergstr. 1, Metzger + | | Alter: 28, Hinterbliebene: 3 + | | 2. V. 19, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 31 | _Faust, sen._ | Kistlerstr. 1, Schreiner + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 2. V. 19, i. d. Wohnung + ----+---------------------+----------------------------------+ + 32 | _Faust, jun._ | Kistlerstr. 1, Schreiner + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 2. V. 19, Ort der Ermordung: -- + ----+---------------------+----------------------------------+ + 33 | _Felser, Martin_ | Mondstr. 1, Bauarbeiter + | | Alter: 23, Hinterbliebene: 1 + | | 3. V. 19, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 34 | _Feigl, Ludwig_ | Herzogstandstr. 1, Metzger + | | Alter: 41, Hinterbliebene: 2 + | | 3. V. 19, Ort der Ermordung: -- + ----+---------------------+----------------------------------+ + 35 | _Fichtl, Johann_ | Perlach 46, Hilfsarbeiter + | | Alter: 43, Hinterbliebene: 7 + | | 5. V. 19, Hofbräuhausk. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 36 | _Fischalk, Anton_ | Schönstr. 60, Gärtner + | | Alter: 24, Hinterbliebene: 1 + | | 2. V. 19, Krüppelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 37 | _Fischer, Joseph_ | Kath. Ges.-Verein, Schlosser + | | Alter: 23, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 38 | _Fischer, Karl_ | Raintalerstr. 72, Hilfsarbeiter + | | Alter: 20, Hinterbliebene: -- + | | 2. V. 19, Knollhof + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 39 | _Fischer, Michael_ | Kath. Ges.-Verein, Schneider + | | Alter: 21, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenplatz 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 40 | _Frohner, Christ._ | Paulanerplatz 27, Privatier + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 5. V. 19, Hofbräuhauskeller + | | gold. Zwicker, Uhr, Börse, Stock + | | gestohl. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 41 | _Ganserer, Ludwig_ | Wohnort: -- , Schlosser + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 1 + | | 2. V. 19, Residenz + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 42 | _Geigl, Michael_ | Unterhaching 14, Schriftsetzer + | | Alter: 39, Hinterbliebene: 2 + | | 1. V. 19, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 43 | _Geltl, Johann_ | Schönstr. 76, Hilfsarbeiter + | | Alter: 20, Hinterbliebene: 1 + | | Datum: -- , Knollkiesgrube + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 44 | _Gerhard, Karl_ | Oberanger 53, Kaufmann + | | Alter: 28, Hinterbliebene: 1 + | | 2. V. 19, Jakobplatz + ----+---------------------+----------------------------------+ + 45 | _Goldbrunner, Joh._ | Tegernseerlandstraße 125, + | | Eisendreher + | | Alter: 22, Hinterbliebene: 1 + | | Datum: -- , Giesingerberg + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 46 | _Graf, Josef_ | Gietlstr. 15, Schlosser + | | Alter: 18, Hinterbliebene: -- + | | 4. V. 19, Warngauerstr. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 47 | _Gramann, Franz_ | Kath. Ges.-Verein, Schneider + | | Alter: 19, Hinterbliebene:-- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 48 | _Grünbauer, Math._ | Kath. Ges.-Verein, Schlosser + | | Alter: 24, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 49 | _Hamberger, Joh._ | Kath. Ges.-Verein, Schlosser + | | Alter: 19, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 50 | _Hain, Leo_ | Belgradstr. 107, Masch.-Mstr. + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 3 + | | 8. V. 19, Karl Theod.-W. + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 51 | _Hausler, Rich._ | Großhadern 19, Elektrotechn. + | | Alter: 19, Hinterbliebene: 2 + | | 1. V. 19, Großhadern + ----+---------------------+----------------------------------+ + 52 | _Hausmann, Wilh._ | Weißenburger Straße 2, Friseur + | | Alter: 30, Hinterbliebene: 1 + | | 3. V. 19, i. s. Wohnung + ----+---------------------+----------------------------------+ + 53 | _Hecksteiger, Max_ | Kühbachstr. 16, Maurer + | | Alter: 36, Hinterbliebene: 1 + | | 3. V. 19, Ort der Ermordung: -- + ----+---------------------+----------------------------------+ + 54 | _Heimerer, Anton_ | Tegernseerlandstraße 30, + | | Eisenhobler + | | Alter: 49, Hinterbliebene: 5 + | | 3. V. 19, Knollgrube + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 55 | _Heimkirchner, | Elsenheimerstr. 28, Hilfsarbeiter + | Jul._ | Alter: 21, Hinterbliebene: 1 + | | 2. V. 19, Ausstellung + | | 230,-- M., Uhr und Kette, Hut und + | | Stiefel geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 56 | _Heinritzl, Josef_ | Wendelsteinstr. 2, Bauarbeiter + | | Alter: 22, Hinterbliebene: 1 + | | 2. V. 19, Knollanwesen + ----+---------------------+----------------------------------+ + 57 | _Hillenbrand, Joh._ | Ackerstr. 116, Fensterreinig. + | | Alter: 20, Hinterbliebene: -- + | | 2. V. 19, Siboldstr. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 58 | _Hof, Sebastian_ | Forstenriederstr. 2, Schlosser + | | Alter: 32, Hinterbliebene: -- + | | 2. V. 19, Forstenrieder Ecke + | | Holzapfelstraße + ----+---------------------+----------------------------------+ + 59 | _Horn, Karl_ | Daisenhofenerstraße 12, Prof. d. + | | Mathematik + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 2 + | | 3. V. 19, Stadelheimerstraße 33 + | | Uhr, Kette, Schuhe geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 60 | _Höpfl_ | Grünwald, Feinmechaniker + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 1. V. 19, Grünwald + ----+---------------------+----------------------------------+ + 61 | _Hörl, Max_ | Weinbauernstr. 2, Schuhmacher + | | Alter: 33, Hinterbliebene: 3 + | | Datum: --, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 62 | _Huber, Karl_ | Landsbergerstraße 153, Kutscher + | | Alter: 27, Hinterbliebene: -- + | | 1. V. 19, Ort der Ermordung: -- + | | 30 M., 2 Uhren, Gamaschen, + | | Brieftasche geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 63 | _Hufnagel, Sebast._ | Perlach, Rosenheimerstr. 5, + | | Taglöhner + | | Alter: 47, Hinterbliebene: 3 + | | 5. V. 19, Hofbräuhauskeller + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 64 | _Huhn, Peter_ | Großhesselohe, Beruf: -- + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 1. V. 19, Großhesselohe + ----+---------------------+----------------------------------+ + 65 | _Jakob, Georg_ | Perlach 104, Schreiner + | | Alter: 37, Hinterbliebene: 3 + | | 5. V. 19, Hofbräuhausk. + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 66 | _Jakob, Josef_ | Perlach, Putzbrunnerstr., Maurer + | | Alter: 40, Hinterbliebene: 6 + | | 5. V. 19, Hofbräuhausk. + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 67 | _Kapfhammer, Max_ | Rottmannstr. 23, Taglöhner + | | Alter: 50, Hinterbliebene: -- + | | 3. V. 19, Stigelmeierpl. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 68 | _Keil, Johann_ | Perlach 46, Taglöhner + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 5. V. 19, Hofbräuhausk. + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 69 | _Kollmeder, Blas._ | Baaderstr. 2, Beruf: -- + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 29.IV. 19, Starnberg + | | 200 M., Leuchtblattuhr geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 70 | _Kininger, Ruppert_ | Reifenstuhlstr. 12, Monteur + | | Alter: 30, Hinterbliebene: 3 + | | 3. V. 19, Schlachthof + ----+---------------------+----------------------------------+ + 71 | _Kirchner, Theodor_ | Winterstr. 4, Taglöhner + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 3 + | | 3. V. 19, Kühbachstr. 11 + ----+---------------------+----------------------------------+ + 72 | _Kistler, Georg_ | Großhesselohe, Beruf: -- + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 1. V. 19, Großhesselohe + ----+---------------------+----------------------------------+ + 73 | _Kling, Maria_ | Edelweißstr. 11, Kontoristin + | | Alter: 23, Hinterbliebene: -- + | | 4. V. 19, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 74 | _Kobahn, Otto_ | Pilgersheimerstr. 2, + | | Schreinerlehrl. + | | Alter: 16, Hinterbliebene: -- + | | 2. V. 19, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 75 | _Koch, Aug. Georg_ | Perlach 46, Hilfsarbeiter + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 9 + | | 5. V. 19, Hofbräuhausk. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 76 | _Koller, Ignatz_ | Abelestr. 1, Schäffler + | | Alter: 25, Hinterbliebene: -- + | | 2. V. 19, Kapuzinerstr. + | | 80 M., Ring, Ueberzieher, Schuhe + | | geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 77 | _Kohlmann, Joh._ | Dreimühlenstr. 14, Taglöhner + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 6 + | | 2. V. 19, Schlachthof + ----+---------------------+----------------------------------+ + 78 | _Koyer, Josef_ | Frauenstr. 3, Metzger + | | Alter: 20, Hinterbliebene: -- + | | 2. V. 19, Marienstr. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 79 | _König, Anton_ | Mehring b. Augsb., Elektromont. + | | Alter: 34, Hinterbliebene: 2 + | | 2. V. 19, Schlachthof + ----+---------------------+----------------------------------+ + 80 | _Köstelmaier, | Landsbergerstraße 163, + | Xaver_ | Malergehilfe + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 4 + | | 1. V. 19, Schäftlarn + ----+---------------------+----------------------------------+ + 81 | _Krapf, Josef_ | Kath. Ges.-Verein, Schneider + | | Alter: 21, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 82 | _Kraus, Karl_ | Gallmeierstr. 6, Händler + | | Alter: 34, Hinterbliebene: 2 + | | 3. V. 19, Ort der Ermordung -- + ----+---------------------+----------------------------------+ + 83 | _Krebs, Albert_ | Perlach 46, Gußmeister + | | Alter: 38, Hinterbliebene: 5 + | | 5. V. 19, Hofbräuhausk. + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 84 | _Lachenmaier, | Kath. Ges.-Verein, Großhadern, + | Josef_ | Lindenallee 8, Herbergsvater + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 85 | _Landauer, Gustav_ | Wohnort: -- , Schriftsteller + | | Alter: 49, Hinterbliebene: 1 + | | 2. V. 19, Stadelheim + | | Rock, Hose, Stiefel, Mantel u. + | | Uhr geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 86 | _Lang, Josef_ | Kath. Ges.-Verein, Schlosser + | | Alter: 26, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 87 | _Leib, Anton_ | Daiserstr. 44, Redakteur + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 6 + | | 2. V. 19, Elysium + | | Täter: v. Lindenfels + ----+---------------------+----------------------------------+ + 88 | _Link, Karl_ | Barthstr. 2, Kutscher + | | Alter: 40, Hinterbliebene: 1 + | | 2. V. 19, Hofbräuhausk. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 89 | _Lohmar, Josef_ | Kühbachstr. 18, Fuhrmann + | | Alter: 41, Hinterbliebene: 5 + | | 2. V. 19, Giesingerberg + ----+---------------------+----------------------------------+ + 90 | _Lohmar, Peter_ | Wohnort: -- , Journalist + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 3. V. 19, Gasteiganlagen + ----+---------------------+----------------------------------+ + 91 | _Ludwig, Josef_ | Perlach 134, Hafnermeister + | | Alter: 56, Hinterbliebene: 5 + | | 5. V. 19, Hofbräuhausk. + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 92 | _Mages, Georg_ | Landsbergerstraße 163, + | | Bauarbeiter + | | Alter: 17, Hinterbliebene: -- + | | 3. V. 19, Pettenkoferstraße 11 + ----+---------------------+----------------------------------+ + 93 | _Mairiedl, Josef_ | Großhadern, Bauerstr. 39 + | | Schreiner + | | Alter: 35, Hinterbliebene: 1 + | | 1. V. 19, v. d. Dorf Großhadern + ----+---------------------+----------------------------------+ + 94 | _Mandel, Karl_ | Wohnort: -- , Redakteur + | | Alter: 33, Hinterbliebene: 3 + | | Datum: -- , Ort der Ermordung: -- + | | größerer Geldbetrag gestohlen + ----+---------------------+----------------------------------+ + 95 | _Meißenhalter, | Wohnort: -- , Taglöhner + | Rupp._ | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 3. V. 19, Tegernseerlandstr. 32 + ----+---------------------+----------------------------------+ + 96 | _Nagl, Josef_ | Sauerlach, Maurerpolier + | | Alter: 31, Hinterbliebene: 1 + | | 3. V. 19, Starnberger Bhf. + | | 100 M. geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 97 | _Neumeier, Hans_ | Lothringerstr. 11, Pflasterer + | | Alter: 23, Hinterbliebene: -- + | | 2. V. 19, Ostfriedhof + ----+---------------------+----------------------------------+ + 98 | _Niederreiter, | Untere Grasstr. 18, Pflasterer + | Josef_ | Alter: 29, Hinterbliebene: 3 + | | 3. V. 19, Ort der Ermordung: -- + | | Uhr, Geld, Schuhe u. Ringe + | | geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 99 | _Noak, Ernst_ | Großhadern 36, Monteur + | | Alter: 27, Hinterbliebene: -- + | | 1. V. 19, Waldfriedhof + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 100 | _Obermaier, Joh._ | Entenbachstr. 12, Metallgießer + | | Alter: 21, Hinterbliebene: -- + | | 2. V. 19, Ort der Ermordung: -- + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 101 | _Oswald, Anton_ | Kesselbergstr. 2, Maurer + | | Alter: 31, Hinterbliebene: 2 + | | 3. V. 19, Ort der Ermordung: -- + | | 300 M., Uhr u. Kette [geraubt] + ----+---------------------+----------------------------------+ + 102 | _Pasch, Josef_ | Wohnort: -- , Beruf: -- + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 1 + | | 3. V. 19, Tegernseerlandstr. 132 + ----+---------------------+----------------------------------+ + 103 | _Peller, Josef_ | Alpenstr. 27, Hilfsarbeiter + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 2 + | | 3. V. 19, Wiese a. d. + | | Daiserstraße + ----+---------------------+----------------------------------+ + 104 | _Pichler, Bernh._ | Kath. Ges.-Verein, Tapezier + | | Alter: 26, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 105 | _Platzer, Josef_ | Boosstr. 5, Spengler + | | Alter: 18, Hinterbliebene: 1 + | | Datum: -- , Ohlmüllerstr. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 106 | _Prachtl, Paul_ | Kath. Ges.-Verein, Spengler + | | Alter: 29, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 107 | _Probst, Josef_ | Kirchenstr. 38, Brothändler + | | Alter: 30, Hinterbliebene: 2 + | | 2. V. 19, Maximiliank. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 108 | _Rabl, Georg_ | Aignerstr. 16, Eisendreher + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 1 + | | 3. V. 19, Pfarrhofstr. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 109 | _Raffner, Josef_ | Kesselbergstr. 6, Beruf: -- + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 2 + | | 3. V. 19, Knollwiese + ----+---------------------+----------------------------------+ + 110 | _Raidel, Josef_ | Wirthstr. 1a, Hilfsarbeiter + | | Alter: 35, Hinterbliebene: 3 + | | 3. V. 19, Wirthstr. 1a + ----+---------------------+----------------------------------+ + 111 | _Rainer, August_ | Großhadern 19, Beruf: -- + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 1. V. 19, Neufriedenheim + | | Uhr u. Zigarettenetui geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 112 | _Reinhardt, Viktor_ | Arcostr. 9, Hilfsarbeiter + | | Alter: 23, Hinterbliebene: -- + | | 2. V. 19, Ort der Ermordung: -- + ----+---------------------+----------------------------------+ + 113 | _Reith, Ludwig_ | Kath. Ges.-Verein, Schneider + | | Alter: 22, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 114 | _Rieger, Josef_ | Breisacherstr. 19, Maurer + | | Alter: 34, Hinterbliebene: 1 + | | 2. V. 19, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 115 | _Reischl, Josef_ | Zugspitzstr. 15, Maurer + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 2 + | | 4. V. 19, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 116 | _Rötzer, Emeran_ | Dreimühlenstr. 14, Schuhmacher + | | Alter: 42, Hinterbliebene: 3 + | | 2. V. 19, Ort der Ermordung: -- + ----+---------------------+----------------------------------+ + 117 | _Ruither, Joseph_ | Hans Miliechstr. 10, Stuckateur + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 2 + | | 3. V. 19, Cremmermühle + | | 80 M. u. Bekleidung geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 118 | _Russer, Karl_ | Zugspitzstr. 13, Steinmetz + | | Alter: 28, Hinterbliebene: 2 + | | 3. V. 19, Ort der Ermordung: -- + | | vollst. ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 119 | _Samberger, Karl_ | Kath. Ges.-Verein, Schneider + | | Alter: 25, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 120 | _Samisch, Wilhelm_ | Preisingstr. 8, Spengler + | | Alter: 45, Hinterbliebene: -- + | | 3. V. 19, Herzogpark + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 121 | _Sammer, Alfons_ | Kesselbergstr. 6, Hilfsarbeiter + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 4 + | | Datum: -- , Knollwiese + ----+---------------------+----------------------------------+ + 122 | _Sedlmaier, Jos._ | Winterstr. 8, Hilfsarbeiter + | | Alter: 42, Hinterbliebene: 3 + | | 2. V. 19, Pilgersheimerstraße 39 + | | Verfahren eingestellt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 123 | _Seidl, Georg_ | Trappentreustr. 32, Bauarbeiter + | | Alter: 32, Hinterbliebene: 1 + | | 1. V. 19, Donnersbergbr. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 124 | _Seidner, Philipp_ | Unterföhring, Beruf: -- + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | Datum: -- , Elsässer Str. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 125 | _Sigl, Josef_ | Raintalerstr. 64, Krankenwärter + | | Alter: 35, Hinterbliebene: 2 + | | 5. V. 19, Ort der Ermordung: -- + ----+---------------------+----------------------------------+ + 126 | _Sontheimer, Josef_ | Erhardstr. 11, Kaufmann + | | Alter: 52, Hinterbliebene: -- + | | 4. V. 19, Franziskaner + ----+---------------------+----------------------------------+ + 127 | _Schäffer, | Hohenzollernstr. 72, Kaufmannsfr. + | Josefine_ | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 5. V. 19, Elisabethplatz + | | Wohnung vollständig ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 128 | _Schermer, | Boschetsriedstr. 43, Schlosser + | Heinrich_ | Alter: -- , Hinterbliebene: 4 + | | Datum: -- , Ort der Ermordung: -- + | | als Verwundeter erschossen u. + | | ausgeraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 129 | _Schlagenhaufer, | Unterhaching, Redakteur + | H._ | Alter: 54, Hinterbliebene: 1 + | | 2. V. 19, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 130 | _Schlagintweit, | Tegernseerlandstraße 125, + | Jak._ | Beruf: -- + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 4 + | | 2. V. 19, Knollwiese + ----+---------------------+----------------------------------+ + 131 | _Schnellbögl, | Humboldstr. 20, Maler + | Georg_ | Alter: 54, Hinterbliebene: 2 + | | 3. V. 19, Kirbachstr. 11 + | | Uhr u. Kette geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 132 | _Schönberger, | Kath. Ges.-Verein, Bäcker + | Fritz_ | Alter: 19, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 133 | _Schredinger, Joh._ | Daisenhofenerstraße 4, Schmied + | | Alter: 21, Hinterbliebene: 4 + | | 3. V. 19, Stadelheim + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 134 | _Schwaiger, Jak._ | Dreimühlenstr. 9, Zimmerer + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 2 + | | Datum: -- , Sendlingertorpl. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 135 | _Schwarz, Johann_ | Breisacherstr. 16, Mechaniker + | | Alter: 21, Hinterbliebene: -- + | | 4. V. 19, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 136 | _Stadler, Anton_ | Kath. Ges.-Verein, Techniker + | | Alter: 35, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 137 | _Stadler, Jacob_ | Kath. Ges.-Verein, Buchhalter + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 138 | _Steidle, Max_ | Parkstr. 13, Bäcker + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | Datum: -- , Zur roten Wand + ----+---------------------+----------------------------------+ + 139 | _Steingrübl, Josef_ | Palmstr. 8, Mechanikerlhrl. + | | Alter: 16, Hinterbliebene: -- + | | 2. V. 19, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 140 | _Stelzer, Johann_ | Orleanstr. 61, Fuhrmann + | | Alter: 21, Hinterbliebene: 2 + | | 3. V. 19, Ludwigsbrücke + | | ins Wasser geworfen + ----+---------------------+----------------------------------+ + 141 | _Stettner, Josef_ | Baaderstr. 65, Xylograph + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 7 + | | 3. V. 19, Gärtnerplatz + ----+---------------------+----------------------------------+ + 142 | _Stiegler, Ludwig_ | Kirchplatz 10, Hilfsarbeiter + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | Datum: -- , Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 143 | _Stöber, August_ | Perlach, Arbeiter + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 5. V. 19, Hofbräuhausk. + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 144 | _Stöger, Felix_ | Kath. Ges.-Verein, Schuhmacher + | | Alter: 24, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenplatz 5 + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 145 | _Streicher, Joseph_ | Sommerstr. 57, Hilfsarbeiter + | | Alter: 25, Hinterbliebene: 2 + | | 2. V. 19, Stadelheim + | | 54 M. u. Uhr geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 146 | _Tischer, Johann_ | Zeppelinstr. 23, Maler + | | Alter: 37, Hinterbliebene: -- + | | 3. V. 19, Seminar, Frühlingstraße + ----+---------------------+----------------------------------+ + 147 | _Trunk, Johann_ | Gietlstr., Bäcker + | | Alter: 23, Hinterbliebene: -- + | | 4. V. 19, Stadelheim + ----+---------------------+----------------------------------+ + 148 | _Thuringer, Fried._ | Hirschbergstr. 20, Schmied + | | Alter: 18, Hinterbliebene: -- + | | 3. V. 19, Zugspitzstr. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 149 | _Vogel_ | Fürstenfeldbruck, Matrose + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 30.IV. 19, Fürstenfeldbruck + | | geraubt Schuhe, Gamaschen, + | | Brieftsch. 300 M + | | Täter: v. Lindenfels + ----+---------------------+----------------------------------+ + 150 | _Waffler, Franz_ | Siebenbrunn 1, Taglöhner + | | Alter: 29, Hinterbliebene: 3 + | | 2. V. 19, Krüppelheim + | | vollst. ausgeraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 151 | _Wagner, Karl_ | Aventinstr. 8, Installateur + | | Alter: 37, Hinterbliebene: 3 + | | 2. V. 19, Hofbräuhausk. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 152 | _Walter, Baptist_ | Nockherstr. 23, Schlosser + | | Alter: 36, Hinterbliebene: 5 + | | 4. V. 19, Ort der Ermordung: -- + ----+---------------------+----------------------------------+ + 153 | _Waock, Ludwig_ | Preisingstr. 15, Taglöhner + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 3 + | | 4. V. 19. Wasserburgerhof + | | 2 Goldringe, 1 Silberring geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 154 | _Wiesheu_ | Wohnort: -- , Dienstknecht + | | Alter: -- , Hinterbliebene: -- + | | 1. V. 19. Großföhren + | | Täter: Feldwbl. Maulbeck, + | | Art.-Abt. 24, 3. Battr., + | | Ingolstadt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 155 | _Wimmer, Karl_ | Kath. Ges.-Verein, Zimmermann + | | Alter: 23, Hinterbliebene: -- + | | 6. V. 19, Karolinenpl. 5 + | | ausgeraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 156 | _Wittmann, Johann_ | a. d. Schweige 5, Lackierer + | | Alter: 46, Hinterbliebene: 1 + | | 5. V. 19, Schlachthof + | | 50 M. u. Uhr geraubt + ----+---------------------+----------------------------------+ + 157 | _Wohlmuth, Alois_ | Großhadern, Schweizer + | | Alter: 37, Hinterbliebene: 9 + | | 1. V. 19, Großhadern + ----+---------------------+----------------------------------+ + 158 | _Woppmann, Xaver_ | Sandstr. 30, Polier + | | Alter: 51, Hinterbliebene: 2 + | | 3. V. 19, Hafemeier, Dachauerstr. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 159 | _Zeller, Konrad_ | Perlach 116, Arbeiter + | | Alter: -- , Hinterbliebene: 7 + | | 5. V. 19, Hofbräuhausk. + | | ausgeplündert + ----+---------------------+----------------------------------+ + 160 | _Zimmermann, Jos._ | Pilgersheimerstr. 76, Taglöhner + | | Alter: 29, Hinterbliebene: 4 + | | 2. V. 19, Mondstr. + ----+---------------------+----------------------------------+ + 161 | _Zull, Joseph_ | Winterstr. 4, Kutscher + | | Alter: 20, Hinterbliebene: -- + | | 3. V. 19, Kandidplatz + ============================================================== + +Die vorstehende Liste ist keineswegs vollständig. Denn nach den +amtlichen Angaben sind in München allein 184 Menschen »tödlich +verunglückt«. Die Liste enthält aber nur 161 Namen, die sich außerdem +auf München und Umgebung beziehen. + +Auch die 186 »standrechtlichen« Erschießungen waren, wie auf +Seite 112 eingehend bewiesen wird, völlig ungesetzlich. Da alle +Unterscheidungsmerkmale zwischen beiden Kategorien fehlen, läßt sich +nicht einmal im einzelnen nachweisen, wer »tödlich verunglückt« und wer +»standrechtlich« erschossen worden ist. Trotzdem habe ich nur die +amtlich als »tödlich verunglückt« Bezeichneten als ermordet gerechnet. +Nur in 22 Fällen hat ein gerichtliches Verfahren stattgefunden. _Nur +vier Täter sind bestraft worden._ + + +Der Polizeiagent Blau + +_Blau_ war Agent und Lockspitzel der politischen Polizei. Er gehörte +im Aufstand vom Januar 1919 zur Besatzung der Büxensteindruckerei +und hatte auch ein Auto beschlagnahmt. Nach dem Sturz der +Räterepublik war er in München tätig und gab sich dort als flüchtiger, +unterstützungsbedürftiger Kommunist aus. (Dritter und vierter +Verhandlungstag.) Er wurde erkannt und nach Berlin gelockt. Dort wurde +er in einer Kommunistenversammlung am 1. August 1919 als Spitzel +festgestellt; wollte jedoch einen Gegenbeweis antreten. Er übernachtete +mit _Hoppe_ bei einem gewissen Pohl. Dort erschien dann nach Angabe +Hoppes ein nicht ermittelter Polizeiagent und bot Hoppe Gift an, um Blau +umzubringen. (Dritter Verhandlungstag.) Am nächsten Tag übernachteten +Blau und Hoppe in der Wohnung _Winklers_. Dort erschienen nach Angabe +Hoppes drei Leute, darunter wahrscheinlich der Polizeiagent Schreiber, +boten ihm dieselbe Flasche Morphium an und forderten, man müsse mit Blau +Schluß machen. Daraufhin habe er die Wohnung verlassen, sei jedoch +zurückgekehrt. Unterdessen sei Blau ermordet worden. Die Leiche wurde +dann in den Kanal geworfen. Dort wurde sie am 7. August gefesselt +gefunden. + + Am 24. Juni 1920 begann der Prozeß. _Fichtmann_ und Hoppe waren wegen +Mordes, Winkler wegen Beihilfe angeklagt. Fichtmann trat einen +Alibibeweis an. Der Hauptbelastungszeuge Toifl sagte aus, es gebe eine +organisierte Terroristengruppe. Doch mußte er sich sagen lassen, er sei +der Anführer bei einem Raubüberfall auf den Diamantenhändler Orlowski +gewesen und habe hierzu Waffen von der Reichswehr besorgt. Seine +Behörde habe ihm sogar am Schluß noch gestattet, das geraubte Geld zu +behalten. Ueber alle diese Dinge befragt, verweigerte er die Auskunft. +Er gab zu, versucht zu haben, eine militärpolitische Abteilung +der Kommunistischen Partei zu gründen und Befehle zu Ueberfällen auf +Druckereien weitergegeben zu haben. (Sechster und siebenter +Verhandlungstag.) Nach Aussage des Wachtmeisters Henke hatte die +Garde-Kavallerie-Schützendivision allein 110 Spitzel. (Dritter +Verhandlungstag.) + +Am 5. Juli wurde Fichtmann freigesprochen. Hoppe bekam wegen Beihilfe +zum Totschlag unter Ablehnung mildernder Umstände 6 Jahre Zuchthaus, +Winkler wegen Beihilfe 3 Jahre Gefängnis. Gegen die stark belasteten +Polizeispitzel Schreiber und Toifl wurde kein Verfahren eingeleitet. +(Eingehende Prozeßberichte in allen Berliner Zeitungen.) + + + + +DIE ERMORDUNGEN BEIM KAPP-PUTSCH + + +Stadtverordneter Futran + +Als Kapp am 13. März 1920 Berlin eroberte, konnte, wie bekannt, Noske in +ganz Berlin keinen regierungstreuen Soldaten finden. Alle Regimenter, +die gesamte Sicherheitswehr und die Einwohnerwehr gingen über. So +schrieb die Zentrale der Einwohnerwehren in einem Flugblatt von der +»neuen Regierung der Arbeit«. Zur Abwehr organisierten sich die +Arbeiter. Als Kapp entfloh, geschah dies unter der Flagge, die beiden +Regierungen hätten sich geeinigt. Die Verhältnisse lagen völlig wirr und +man wußte von den Truppen nicht, ob sie wieder zur Regierung Ebert-Bauer +oder noch zur Gegenregierung Kapp-Lüttwitz hielten. + +In Köpenick hatten sich die Arbeiter und auch Teile der Bürgerschaft +unter Führung von _Futran_ aus den dort liegenden Beständen bewaffnet. +Innerhalb der Stadt blieb alles ruhig. Die sogenannte Rote Garde machte +nämlich hauptsächlich Sicherheitsdienst zusammen mit der Polizei, +bewachte die städtischen Lebensmittelvorräte usw. Das Potsdamer +Jägerregiment, Btl. Nr. 3, rückte an. Auch politisch rechtsstehende +Leute, wie der Bürgermeister Behnke (vgl. seine Aussage vor dem +Standgericht), waren sich über den Charakter der anrückenden Truppen +durchaus im unklaren, da sie noch das Zeichen der Regierung Kapp, das +Hakenkreuz, am Helm trugen. Es kam zu einem Kampf, wobei Gefangene +gemacht wurden. Als durch telephonische Anfrage in Berlin festgestellt +wurde, daß die Truppen wieder zur Regierung Ebert hielten, gab Futran +selbst Befehl, die Waffen niederzulegen. Eine Zeitfreiwilligen-Eskadron +zog am 21. kampflos ein, erklärte den verschärften Belagerungszustand +und errichtete ein Standgericht. Futran, der sich so unschuldig fühlte, +daß er sogar aufs Rathaus ging, wurde am gleichen Tag wegen der Delikte, +die er vor Verkündung des Belagerungszustandes begangen haben sollte, +zum Tode verurteilt. Im Protokoll, das in meinem Besitz ist, heißt es: + +»Gründe: Durch Zeugen und teilweise eigenes Geständnis des Angeklagten +ist einwandfrei erwiesen, daß er das Haupt des kommunistischen +Aufstandes gewesen ist, daß er eine Rote Armee organisierte und zu +bewaffnetem Widerstande gegen die anrückenden Regierungstruppen +aufgefordert habe. Ferner hat er die gefangenen Offiziere mit dem Tode +durch Erschießen bedroht, sowie die verwundeten Gefangenen als +Schwerverbrecher behandeln lassen. Das Urteil wurde sofort durch eine +Gruppe der 4. Schwadron unter Führung des Leutnants _Kubich_ im Hofe +der Bötzowbrauerei, Grünauer Straße, vollstreckt. Das Standgericht der +4. freiw. Eskadron v. Bebell, Kapitänleutnant; Hedal, Unteroffizier; +Jacks, Freiwilliger; Kubich, Leutnant.« + +Zur selben Zeit wie Futran wurden »standrechtlich erschossen« der +Arbeiter W. _Dürre_ auf Grund einer Denunziation, bei ihm seien Waffen +versteckt, obwohl zweimalige Haussuchung das Gegenteil bewies; ferner +der Arbeiter Fritz _Kegel_. Es war den Angehörigen Dürres und Kegels +trotz aller Bemühungen bis heute unmöglich, eine Urteilsbegründung zu +erfahren. (Zeugenaussagen sind in meinem Besitz.) Ferner wurde der +Arbeiter Karl _Gratzke_ und der 17 jährige, etwas beschränkte Karl +_Wienecke_ ohne irgend welches Verfahren auf der Stelle erschossen, weil +sie Waffen versteckt hatten. + +Die Truppen verließen die Stadt am gleichen Tage; am nächsten wurden die +Standgerichte aufgehoben. Alle Versuche, eine Sühne dieser Taten zu +erlangen, sind gescheitert. + + +Zehn Offiziere gegen einen Geisteskranken + +Der geisteskranke Lokomotivführer _Weigelt_ aus der Alvenslebener Straße +11, ein streng patriotischer Mann, versuchte am 24. März 1920 in die +Kadettenanstalt Lichterfelde einzudringen, wo eine hauptsächlich aus +Offizieren bestehende Freiwilligenabteilung lag, angeblich um sich »für +den Schützengraben zu melden.« Er wurde vom Torposten festgenommen, in +der Wachstube mit einem von ihm mitgebrachten Gummiknüppel so +geschlagen, daß er am Kopf blutete, die Treppe heraufgeschleppt, so daß +am andern Tag noch dort Blut lag und in das Zimmer des Leutnant _Schütz_ +(Regierungsbaumeister) gebracht. Dort waren 10 Offiziere, über die er +angeblich herfiel. Obwohl er schrie: »Meine Herren Offiziere, lassen Sie +mich doch laufen, ich bin doch krank«, wurde er durch einen Schuß des +Leutnant _Jansen_ und 3 Schüsse des Leutnant _Schütz_ getötet. Die +Schüsse gingen von oben durch die Schädeldecke, so daß anzunehmen ist, +daß er am Boden lag. Schütz kam im Juli 1920 vor das Gericht der +Zeitfreiwilligenabteilung, nach Aufhebung der Militärgerichtsbarkeit am +24. Februar 1921 vor das Landgericht II (Landgerichtsdirektor Steltzer, +Staatsanwaltschaftsrat Dr. Ortmann). Schütz wurde freigesprochen, da er +angab in Notwehr gehandelt zu haben. (Prozeßbericht in allen Berliner +Zeitungen.) + + +Beschießung einer offenen Stadt + +In Mecklenburg hatte General v. Lettow-Vorbeck den Kapp-Putsch +organisiert und die verfassungsmäßige Regierung verhaftet. Zur Abwehr +waren die Arbeiter in den Generalstreik getreten. + +Am 14. März beschloß eine Volksversammlung in Waren den Generalstreik +zur Abwehr des Kapp-Putsches. Der »Führer des Reichswehrkommandos Boek«, +Leutnant Peter v. Lefort, und der »Beauftragte der Reichswehrbrigade +für Waren«, Rittmeister Stefan _v. Lefort_, verlangten am 17. sofortige +Ablieferung aller Waffen und Wiederaufnahme der Arbeit und drohten mit +Todesstrafen. Das Ministerium in Schwerin und General von Lettow-Vorbeck +erklärten auf Anfrage aus Waren, daß die genannten Dienststellen nicht +existieren und daß kein diesbezüglicher Auftrag gegeben sei. Am nächsten +Tage drohten die Leforts, »bei Nichterfüllung des Brigadebefehls Waren +nach Artillerievorbereitung mit stürmender Hand zu nehmen.« Als Frist +setzten sie 11 Uhr 43 Min. fest. Als ihnen eine Deputation entgegenfuhr, +verlangten sie bedingungslose Uebergabe der Stadt und 30 Geiseln. Darauf +feuerten sie 5 Granatschüsse auf die Stadt ab. Der Sachschaden war +bedeutend, mehrere Einwohner wurden verletzt, der Arbeiter _Dunn_ und +der Friseur _Schliecker_ getötet; der Schuhmachermeister _Berg_, der +Kürschner _Gerber_ und Fräulein _Köhler_ starben an den Verletzungen. +Stefan v. Lefort wurde durch Beschluß des Landgerichts Güstrow vom 20. +V. 21 außer Verfolgung gesetzt. Der andere ist flüchtig und lebt zur +Zeit in Oesterreich. Sie behaupten, »in Notwehr« gehandelt zu haben. +(Vgl. Aktenmäßige Darstellung der Arbeiten der Stadtverwaltung von Waren +vom 14. bis 22. März 1920.) + + +Erschießung auf Grund von Kappgesetzen + +Bei dem Tagelöhner Wilhelm _Wittke_ in Niendorf bei Wismar fand am 17. +März 1920, morgens, eine Versammlung statt, bei der die streikenden +Arbeiter beschlossen, wegen einer Lohndifferenz bei dem Gutsbesitzer +Gesandten a. D. Baron _Brandenstein_ vorzusprechen. Auch über den +Kapp-Putsch wurde gesprochen. Baron Brandenstein ließ aus Schwerin +Militär (Freikorps Roßbach, Reichswehrbrigade, Kommando 9) kommen. +Darauf wurde nachts bei Wittke eine Haussuchung gehalten und Wittke vor +das Haus des Barons Brandenstein geschleppt. Ein Soldat sagte dabei zu +Frau Wittke: »Nehmen Sie man gleich Abschied, in einer Stunde ist der +Kerl eine Leiche!« Gleichzeitig wurden auch die Arbeiter Johann +_Steinfurt_, Fritz Möller und Adolf Möller dorthin gebracht. Baron +Brandenstein trat aus dem Schloß, deutete auf Steinfurt und Wittke und +sagte: »Das sind die Richtigen.« Daraufhin wurden die beiden von den +Truppen Kapps vor ein angebliches Standgericht gestellt und zum Tode +verurteilt. Noch in der Nacht wurden sie erschossen. + +Die Staatsanwaltschaft in Schwerin hat das später wegen dieser Sache +eingeleitete Verfahren eingestellt. (Die Aussagen des Fritz und Adolf +Möller und der Frau Wittke sind in meinem Besitz. Baron Brandenstein, +dem ich das Manuskript eingesandt habe, hat in einem Briefe den hier +vorgebrachten Behauptungen nicht widersprochen, jedoch hinzugefügt, die +Verurteilung sei »auf Grund der erlassenen Gesetze erfolgt«. Er +persönlich habe sich gegen das Todesurteil ausgesprochen. In einem +zweiten Brief behauptete er aber, der Name des verantwortlichen +Offiziers sei ihm nicht bekannt.) + + +Der Gutsbesitzer Herr über Leben und Tod + +Am 18. März 1920 leitete der Arbeiter F. _Slomski_ aus Karow in einer +Wirtschaft in Hof Mecklenburg eine Versammlung streikender Arbeiter. Es +erschienen Autos mit mehreren Offizieren und zirka 60 Mann des Freikorps +Roßbach. Alle Leute mußten antreten. Darauf kam der Rittergutsbesitzer +_Bachmann_, bei dem Slomski arbeitete, und suchte sich die Leute aus. +Slomski wurde verhaftet und von den Soldaten schrecklich mißhandelt. +Unterdessen verhandelten Bachmann und ein Offizier und bildeten ein +angebliches Standgericht. Slomski wurde von acht Mann und zwei Chargen +an seiner Wohnung vorbeigeführt, wo seine Frau und Kinder standen und +schrecklich schrien. Kurz hinter dem Dorfe wurde er um 1/2-12 Uhr +erschossen. Die Leiche wurde der Witwe ins Haus gebracht. Die +Staatsanwaltschaft hat ein gegen Bachmann eingeleitetes Verfahren am 7. +10. 20 eingestellt, »da der Tatbestand einer vorsätzlichen, bewußt +rechtswidrigen Handlung ausgeschlossen.« + +(Die Aussagen der Zeugen Karl Ritentiedt zu Karow, Friedrich Mündt, Hof +Mecklenburg, Wilhelm Schwarz, Hof Mecklenburg, Joachim Bliemeister, Hof +Mecklenburg, Wilhelm Druwe zu Hohen-Viecheln, Carl Hopp zu Petersdorf, +Ernst Bohnhoft zu Rosenthal sind in meinem Besitz.) + + +Taten der Demminer Ulanen + +In Gnoien zogen am 18. März 1920 die Demminer Ulanen unter dem +Rittmeister _Obernitz_ ein, weil die Arbeiter dort die Herrschaft Kapps +nicht anerkannten. Der Maurer _Gräbler_, Vorsitzender der dortigen +U.S.P., wurde morgens früh aus dem Bett geholt und trotz allen Bittens +seiner Frau und seiner sechs Kinder auf Befehl eines Offiziers ohne +Verhör, 100 Meter von seinem eigenen Haus entfernt, auf offener Straße +erschossen. Die Truppen verhafteten dann 96 Arbeiter und brachten sie +nach Demmin. Dabei wurde der 63 jährige _Puffpoff_ derartig mißhandelt, +daß er zusammenbrach und nach kurzer Zeit starb. Kurz vor Demmin +schossen dort aufgestellte Soldaten in den Gefangenentrupp hinein, +töteten vier und verletzten sehr viele. (»Das freie Wort«, 4. April +1920, und persönliche Mitteilung des Redakteurs Kühn auf Grund der +Verhandlungen im Mecklenburgischen Ministerium.) Das +Ermittlungsverfahren wegen Gräbler schwebt beim Landgericht Rostock seit +Juni 1920; das Verfahren wegen der Gefangenenerschießung beim +Oberstaatsanwalt in Greifswald. + +Am 19. März 1920 rückte die Reichswehr aus Demmin, unter Führung des +Leutnants _Meinecke_, Bataillon »Jarmen« in Stavenhagen ein, wo alles +ruhig war. Sie gaben Befehl: »Straße frei!« und als dies nicht sogleich +erfolgen konnte, schossen sie in die Menge. Um zu vermitteln, ging der +60 jährige Stadtrat _Seidel_ mit erhobenen Händen auf die Straße und +wurde nach wenigen Worten sofort erschossen. Das Verfahren gegen +Meinecke wurde eingestellt, »da er in Notwehr gehandelt habe.« (»Das +freie Wort«, Schwerin, 24.3.1920.) + + +Hermann Litzendorf + +Am 19. März 1920 wurde der Arbeiter Hermann _Litzendorf_ aus Bahrendorf +auf der Landstraße bei Grevesmühlen auf Befehl des Rittergutsbesitzers +Dr. Simon auf Schmachthagen festgenommen, in einen Keller des Gutes +eingesperrt und am andern Morgen, als er zu fliehen versuchte, +erschossen. Dr. Simon zahlte dem Vater des Litzendorf 5000 Mark als +Entschädigung aus. + +Nach Angabe der Zeugen Friedrich Siggelkow und Julius Waschull ist Otto +Bobsien der Täter. + +Die Staatsanwaltschaft beim Mecklenburg-Schwerinschen Landgericht +stellte das Verfahren gegen Jürgen _Bade_, Felix _Wimarn_, Josef +_Bender_, Otto _Bobsien_ am 29. Oktober 1920 ein. In der Begründung +heißt es: »Es ist mit größter Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß der Tod +des Litzendorf durch den von _Bender_ abgegebenen Schuß herbeigeführt +worden ist. Doch hat er sich zu der Tötung für berechtigt gehalten und +es konnte ihm nicht vorgeworfen werden, daß er bei genügender +Ueberlegung die Unrichtigkeit dieser Annahme hätte erkennen müssen.« + + +Die Erschießung in der Sandgrube + +Der Arbeiter Paul _Jahnke_ in Hungersdorf, Funktionär des +Landarbeiterverbandes, wurde am 20. März von 10 Zeitfreiwilligen unter +Führung des früheren Leutnants _Thormann_ auf Grund der Angabe seines +Gutsherrn, _v. Puttkammer_, verhaftet. Eine Durchsuchung seiner Wohnung +gab nichts Belastendes. Bei der Patrouille waren Leutnant Franz +_Harlinghausen_, Kurt _Wegner_ und Johannes _Dickmann_. Herr v. +Puttkammer bat wiederholt, dafür zu sorgen, daß Jahnke nicht +wiederkomme, was Harlinghausen versprach. Jahnke wurde abtransportiert +und in eine Sandgrube geführt. Darauf erschoß ihn Harlinghausen mit zwei +Schüssen aus unmittelbarer Nähe während Wegner und Dickmann nach ihren +eigenen Angaben (im Prozeß) zusahen. Im Einverständnis mit dem Mörder +meldete Thormann dann einen Fluchtversuch. Doch wurde durch andere +Zeugen, besonders durch den Kutscher, der Vorgang ermittelt. +Harlinghausen ging, als ein Haftbefehl gegen ihn erlassen wurde, ins +Ausland. Thormann, der Führer der Patrouille, Wegner und Dickmann, die +zugaben, gewußt zu haben, daß Jahnke erschossen werden sollte, wurden am +8. Dezember 1920 freigesprochen, v. Puttkammer wurde nur als Zeuge +vernommen. (»Das freie Wort«, Schwerin, 9. Dezember 1920; »Vorwärts«, +11. Dezember 1920.) Herr v. Puttkammer gab vor Gericht an, daß er eine +Gehirnerschütterung erlitten habe und daß seine Worte daher nicht ernst +genommen werden könnten. Das Verfahren gegen Harlinghausen, der +vollständig geständig war, wurde auf Grund der Amnestie im März 1922 +eingestellt. (»Freiheit«, 21. März 22.) + + +Morde in Breslau + +Am 13. März 1920 wurde in Breslau der Redakteur der »Schlesischen +Arbeiterzeitung«, Bernhard _Schottländer_, Mitglied der U.S.P.D., von +Soldaten des Freikorps Aulock zusammen mit über 30 anderen Personen +verhaftet. Die Verhafteten wurden zunächst im Generalkommando mit Wissen +der Offiziere gefoltert. »In der Nacht des 16. wurde er aus dem +Gefängnis Kletschkaustr. von drei Soldaten zu einer Vernehmung nach dem +Generalkommando abgeholt. Die Soldaten zeigten einen vom +Militärbefehlshaber unterzeichneten Auslieferungsbefehl vor. Seitdem ist +Schottländer spurlos verschwunden. Das Generalkommando und die +zuständige Kommandantur wissen von nichts. Der Befehl soll gefälscht +sein.« (Aufruf des Breslauer Polizeipräsidenten, März 1920.) Bei Oswitz +hat die Oder seine Leiche ans Land gespült. (Vgl. Aulock-Prozeß, März +1921.) Der »Münchener Volkswille«, 5. Jan. 1921, meldete, die Ermordung +sei auf Befehl des Oberleutnants _Schmitz_, z. Z. +Linienschiffsstamm-Division Ostsee in Pillau, erfolgt. Dagegen ist nach +der Meinung des Staatsanwalts (»Voss. Ztg.«, 16. Januar 1921) die +Ermordung durch zwei Offiziere und zwei Soldaten, die alle vier bisher +unauffindbar waren, erfolgt. + +Der Maschinenschlosser Alfred _Schramm_, Siebenhufnerstr. 72, der +Bankbeamte Karl _Boronow_, Gräbschenerstr. 3, der Kohlenarbeiter +Heinrich _Romane_, Gräbschenerstr. 77 und der Redakteur _Demmig_ wurden +in der Nacht zum 14. März durch Soldaten der Regierung Kapp unter +Führung von Offizieren verhaftet. Seither sind sie spurlos verschwunden. +Der Führer der Patrouille, die Boronow verhaftete, war Leutnant +_Kaufmann_ von der zweiten Marinebrigade. Der Schlosser Max _Hoffmann_ +wurde am 15. März wegen Verteilung sozialdemokratischer Flugblätter, der +Eisenbahnschlosser Wilhelm _Böhm_, Herdainstr. 38, am 16. März als +Streikposten, der Koch Heinz _Herkenrat_ vom Hotel Riegner am 19. März +auf Grund einer Denunziation einer Frau Neumann aus Skarsine durch +Soldaten der Regierung Kapp verhaftet und »auf der Flucht« erschossen. +Der Führer der Patrouille, die Herkenrat verhaftete, war Oberleutnant +_Müller_. Herkenrats Leiche wurde ausgeplündert. (»Breslauer +Volkswacht«, vom 31., 24., 22., 19. März 1920.) + +Eine Bestrafung der Täter ist in keinem Fall erfolgt, im Gegenteil: Das +Reichsgericht hat die über die Soldaten Walter, Biskup und Brefka wegen +der Folterungen gefällten Urteile auf Grund der politischen Amnestie +aufgehoben (18. Juni 1921). Sie wurden dann als Hilfsaufseher im +Gefängnis Schweidnitz angestellt. (Preuß. Landtag, 14. Sept. 1921.) + + +Die 14 Arbeiter von Bad Thal + +Beim Kapp-Putsch erklärte sich der Kommandeur der Reichswehrbrigade 15, +Generalmajor Hagenberg, für Kapp. Die Regierung von Gotha jedoch hielt +zur Verfassung, wurde für abgesetzt erklärt und zum Teil im Namen des +Reichskanzlers Kapp verhaftet. Freiherr v. Schenk, Bezirksbefehlshaber +von Marburg, weigerte sich, am 14. März eine Erklärung zu geben, ob er +zu Ebert oder zu Kapp halte, und erklärte, nur den Befehlen, die aus +Kassel kämen, zu gehorchen. In Kassel aber war General von Schöler, der +zu Lüttwitz hielt. Am 19. März forderte v. Schenk zur Bildung einer +Studentenwehr auf. Am 20. März 1920 rückte das hauptsächlich aus +Korporationsstudenten zusammengesetzte Zeitfreiwilligen-Bataillon unter +Führung des Fregattenkapitäns v. Selchow von Marburg nach Thüringen aus, +um dort »Ruhe und Ordnung« wiederherzustellen. (»Berl. Tageblatt«, 20. +Juni 1920.) Die Studenten zogen mit Musik, mit Fahnen und Bändern +geschmückt, aus. Der Rektor beschwor den Geist von 1914. Es kamen +nämlich von den militärischen Dienststellen alle möglichen +Schauermeldungen über das »in vollem Aufruhr befindliche Thüringen«, +über die »Machtzentren der aufrührerischen Bewegung« in dem friedlichen +Ruhla, über die »heftigen Kämpfe um Gotha, Erfurt, Eisenach«, über +»Artillerie, Minenwerfer und zahlreiche Maschinengewehre«. (Broschüre +des Feldwebels Schaumlöffel: »Das Studentenkorps Marburg in Thüringen«.) +Trotzdem muß Schaumlöffel zugeben, daß das Bataillon am Tage darauf »vom +Gegner unbehelligt in Eisenach einzog«, und vier Tage darauf zieht das +Bataillon ebenso »unbehelligt«, ohne ein einziges Mal ins Gefecht +gekommen zu sein, natürlich auch ohne einen einzigen Toten, Verwundeten +oder Vermißten, in Gotha ein. (S. 66.) + +Auch in Bad Thal war alles ruhig. (Angabe des Schultheißen und des +Wachtmeisters Heß im Prozeß.) An Hand einer Liste, die auf Grund völlig +beweisloser Denunziationen zusammengestellt war, wurden 15 Arbeiter +festgenommen. Fünf davon waren Mitglieder der Demokratischen Partei +(Obuch im Landtag, 24. Nov. 1920). Am 25. März, morgens 7 Uhr, trat das +Bataillon den Vormarsch auf Gotha an. Die verhafteten »Spartakisten« +(natürlich sämtlich unbewaffnet), von einer Anzahl Studenten bewacht, +beschlossen, in 500 m Abstand von der Truppe, den Zug. Noch vor 8 Uhr +morgens wurden sie alle 15 in der Nähe Mechterstedts von den Studenten +teils auf der Straße, teils unmittelbar am Rand der Straße erschossen. +Die Leichen blieben ganz einfach liegen, der Zug ging _singend_ weiter. +Angeblich hatten die Leute einen Fluchtversuch unternommen. Fast alle +lagen nebeneinander. Alle mit fürchterlich zerschmettertem Kopf, also +aus nächster Nähe erschossen. Die meisten Verletzungen waren derartig, +daß der Sachverständige, Dr. Jänicke, im Prozeß aussagte, die Schädel +seien total zertrümmert, so daß Feststellungen, von wo die Schüsse +gekommen seien, nicht möglich waren. Bei zweien sei mit Sicherheit +festzustellen, daß sie von vorne gekommen seien (Herzschuß), andere +seien von hinten erfolgt. Einer geht von oben nach unten. (Vierter +Verhandlungstag.) + +Die Namen der Getöteten waren: _Hornschuh_, _Hartmann_, _Döll_, _Patz_, +drei Brüder _Füldner_, zwei Brüder _Soldan_, _Wedel_, _Rössiger_, zwei +Brüder _Schröder_ und _Rosenstock_, alle Bürger aus Thal. Am 19. Juni +wurde der stud. jur. Heinrich _Goebel_ aus Spangenberg, Leutnant a. D., +als Hauptangeklagter, ferner die Studenten cand. med. Heinrich +_Engelbrecht_ aus Cassel, stud. med. Frank _Jahn_ aus Eberswalde, cand. +jur. Hermann _Kraus_ aus Herne, Paul _Herhaber_ aus Duisburg, stud. med. +Heinz _Schüler_ aus Cassel, cand. med. Ernst _Nebelmann_ aus Mühlheim a. +d. Ruhr, cand. med. Kurt _Blum_ aus Gelnhausen, stud. dent. Julius +_Völker_ aus Oberkirchen, Alfred _Voß_ aus Utsen, stud. med. Lorenz +_Lange_, zum großen Teile ehemalige Offiziere, vom Kriegsgericht, d. h. +von ihren eigenen Kameraden, freigesprochen. Einen Beweis für den +Fluchtversuch konnten sie nicht erbringen. Das Verfahren wurde dann vom +Schwurgericht wieder aufgenommen. Der Staatsanwalt hielt eine Rede, die +die Studenten entlastete. Belastungszeugen, wie der Leutnant Duderstadt, +wurden nicht vernommen. Die Studenten wurden von der Anklage des +Totschlags und Mißbrauchs der Waffe freigesprochen. Da der Staatsanwalt +auf Revision verzichtete, wurde das Urteil am 27. Dez. 1920 +rechtskräftig. (»Deutsche Tageszeitung«, 29. Dez. 1920; Duderstadt: »Der +Schrei nach dem Recht«.) + +Das Verfahren gegen Goebel, Jonas und Gördt wegen Mißhandlung war auf +Grund der Amnestie am 21. Februar 1921 eingestellt worden. Am 13. +Februar 1922 verwarf das Reichsgericht die vom Staatsanwalt dagegen +eingelegte Revision. (W. T. B.) + + +Tierarzt Neubert + +In der Stadt Sömmerda waren die Arbeiter wegen des Kappputsches in den +Generalstreik getreten, hatten die Einwohnerwehr entwaffnet und einige +der Führer festgesetzt. Am 24. März 1920 rückte die Reichswehr an und +beschoß die Stadt. Die Streikleitung schickte den Tierarzt _Neubert_ zu +den Truppen, um zu verhandeln. + +Fest steht, daß Neubert von der Truppe vor der Stadt Sömmerda +festgenommen wurde, als er als Parlamentär zum Kommandeur sich begeben +hatte. Später wurde er in die Stadt geführt und dort im Rathauskeller +untergebracht. Nach einiger Zeit wurde er auf Befehl des +Truppenkommandeurs von Reichswehrsoldaten wieder vor die Stadt gebracht. +Dieser Befehl wurde vom Kommandeur deshalb erteilt, weil Neubert in der +Stadt vor der Wut der gegen ihn äußerst aufgebrachten Bevölkerung nicht +sicher genug untergebracht war. Vor der Stadt lief Neubert weg, und es +wurde hinter ihm hergeschossen. Schließlich wurde er von einem Soldaten +auf kurze Entfernung getroffen, der dann noch mit dem Gewehrkolben auf +ihn einschlug und einen zweiten Schuß auf ihn abgab. (Brief des +Oberstaatsanwaltes in Erfurt N 6 I 1195/20 vom 20. August 1920, auf die +Anzeige der Frau Neubert.) + +Wegen der Erschießung des Neubert schwebte ein Verfahren beim Gericht +der Reichswehrbrigade 11. Infolge der Aufhebung der +Militärgerichtsbarkeit wurde das Verfahren von der Staatsanwaltschaft +Erfurt übernommen. Am 9. Oktober 1920 stellte der Oberstaatsanwalt in +Erfurt den Antrag auf Eröffnung der Voruntersuchung gegen vier +Angehörige des Reichswehr-Inftr.-Reg. 21. Das Verfahren schwebt noch. +(Aktenabschrift in meinem Besitz.) + + +Morde im Ruhrgebiet + +»Ich will Ihnen mitteilen, daß auch noch in den letzten 14 Tagen eine +Anzahl Personen erschossen worden sind, ohne daß man ein Gerichtsurteil +abgewartet hätte. So ist mir mitgeteilt worden, daß in Essen zwei +Personen, in Heißen sechs Personen ohne Urteil erschossen wurden.« +(Steinbrink, Preuß. Landtag, 29. April 1920.) + +Darauf antwortete der Minister des Innern, Severing: + +»Es ist richtig, daß in Mühlheim, Duisburg, Essen und in anderen Orten +willkürliche Erschießungen durch Soldaten vorgekommen sind« ... »Die +Erschießungen von denen der Herr Abgeordnete Steinbrink gesprochen hat, +waren nicht Vollstreckungen von Todesurteilen, gefällt von +Standgerichten oder außerordentlichen Kriegsgerichten, sondern rein +willkürliche Erschießungen; irgendeine Truppe, die dazu keinen Auftrag +hatte, hat sich Leute herausgeholt, die im Geruch des Bolschewismus oder +Spartakismus standen, und derartige Leute sind ohne Federlesen in einer +ganzen Reihe von Städten erschossen worden. Das ist amtliches Material, +das mir von den von mir eingesetzten Zivilkommissaren beweiskräftig +zugetragen worden ist.« + +Der Bergmann Jos. _Soyka_ aus Bottrop, Trewsstr. 77, hat in der +Sicherheitswehr bis zum 31. März Dienst getan und dann seine Waffen +abgegeben. An Kämpfen hatte er nicht teilgenommen. Am 3. April morgens +wurde er von 4 Leuten der Marinebrigade Löwenfeld aus seinem Haus +herausgeholt. Nach einer Anfrage bei seinem Vorgesetzten ließ ihn +Kapitänleutnant _Meyerhofer_ aus Kiel ohne Untersuchung erschießen. Ein +Verfahren ist nicht eingeleitet. Ein Zivilprozeß gegen den Militärfiskus +schwebt unter 5. O. 305/21 beim Landgericht Essen. + +Der Bergarbeiter Paul _Graf_ und der Knappschaftsälteste Paul _Langer_, +beide aus Duisburg-Beeck, wurden in der Nacht vom 4. auf 5. April 1920 +von den Sipo-Wachtmeistern _Mehl_ und _Friedrich_ und einem dritten +Unbekannten ohne Haftbefehl aus ihren Wohnungen geholt und »auf der +Flucht« erschossen. Gegen beide lag nicht das geringste vor. Nach der +ärztlichen Obduktion wiesen beide Verletzungen an Stirn und Brust auf. +Das Verfahren gegen die Täter schwebt. + +_Rogowski_ aus Essen wurde beim Einrücken der Reichswehr am 6. April +1920 auf Grund einer Denunziation verhaftet und im Essener Rathause nach +einem kurzen Verhör »zum Tode verurteilt« und auf Befehl des +Gerichtsoffiziers Leutnant _Linsemeier_ durch den Feldwebel _Block_ +erschossen. Der hinzugerufene Oberst v. Baumbach, der die grundlose +Erschießung nicht mehr verhindern konnte, hat der Familie sein Beileid +ausgesprochen und sie pekuniär unterstützt. Gegen Block und Linsemeier +ist ein Verfahren wegen Mord eingeleitet. Block ist in Haft. + +Joh. _Schürmann_ aus Essen, Holsterhauser Straße 1, und Engelbert _Kläs_ +aus Essen, Holsterhauser Straße 101, wurden am 6. April 1920 von +Mannschaften der 3. Marinebrigade ohne jeden Grund verhaftet, +mißhandelt, nach Mühlheim überführt, dort von Leutnant _Sinnesheimer_ +»zum Tode verurteilt«, und mit Kolben erschlagen. Der +Reichsmilitärfiskus wurde zum Schadenersatz verurteilt. (Aktenzeichen 8. +0. 611/20 des Landgerichts Essen, 3 U. 177/21 Oberlandesgericht Hamm.) +Gegen die Täter ist nichts veranlaßt. + +Der Bergmann Friedrich _Lichtenauer_ in Essen-Borbeck, Ardelhütte 68 und +Hermann _Riesner_ in Essen, Kesselstr. 56, hatten, auf Veranlassung des +Bürgermeisters Basel in Essen und mit Wissen der Reichswehr nach der +Auflösung der Roten Armee zwecks Verhütung von Plünderungen bis zum +Einzug der Reichswehr, versehen mit einer weißen Armbinde und einem +Ausweis, gestempelt von der Stadt Essen, Sicherheitsdienst getan. Die +Reichswehr war davon benachrichtigt. Der Leutnant einer Patrouille, +Wilhelm _Goeke_ aus Schwelm, Kölnerstr. 78, ließ beim Einrücken am 6. +April 1920 beide erschießen. Angeblich wurde Lichtenauer auf der Flucht, +Reißner in Notwehr erschossen. Der Militärfiskus wurde in erster Instanz +zum Schadenersatz verurteilt. (3 U. 300/21 Oberlandesgericht Hamm.) Ein +Verfahren gegen Goeke ist eingestellt worden. + +Hermann _Witschel_ aus Essen und ein gewisser _Rösner_, Mitglieder der +christlichen Gewerkschaften, waren als Freiwillige am 7. April 1920 in +die Reichswehr (Korps Lützow, Abt. des Hauptmann _Schmidt_) eingetreten. +Zwei Tage darauf wurden sie als angebliche Spartakisten von ihren +Kameraden mit Kolben totgeschlagen, ausgeraubt und heimlich verscharrt. +Ein Zivilprozeß schwebt unter 8. 0. 559/20 beim Landgericht Essen. + +Der Straßenbahner Friedrich _Siek_ aus Altenessen, Böhmerheide 122, +wurde am 8. April 1920, morgens 1/2-4 Uhr von einem Wachtmeister und 2 +Mann der Sipo ohne Haftbefehl verhaftet und 2 Minuten vom Hause entfernt +»auf der Flucht erschossen«. Gegen Siek lag nicht das geringste vor. Das +Verfahren gegen die beiden Täter ist eingestellt. (4. 0. 425/20 +Landgericht Essen.) + +Der Straßenbahner Max _Maurer_, Essen, Rankestr. 26, hatte am 17. April +einen Heuwagen der Reichswehrtruppen versehentlich angefahren, wobei ein +Feldwebel der Marinebrigade _Löwenfeld_ unerheblich verletzt wurde. In +der folgenden Nacht wurde er von 20 Angehörigen der Marinebrigade +Löwenfeld, die in einem Lastauto von Bottrop kamen, verhaftet und »auf +der Flucht erschossen«. Gegen die Täter _Gaul_, _Grupat_ und _Fuchs_ ist +nichts veranlaßt. (Aktenzeichen 3 U. 343/21 Oberlandesgericht Hamm; +vergl. auch Seite 116.) + +Der Schlosser _Borucki_ aus Bottrop, Weckelstr. 21, wurde in der Nacht +vom 24. zum 25. April 1920 von Angehörigen der Marinebrigade Löwenfeld +unter der Führung des Sergeanten _Adler_ verhaftet, ins Amtsgericht +Bottrop gebracht, dort mißhandelt, aus seiner Zelle herausgeholt und in +einem angrenzenden Gerstenfeld trotz seines Flehens erschossen. Der +Reichsmilitärfiskus wurde zum Schadenersatz verurteilt. (Aktenzeichen 8. +0. 664/20 des Landgerichts Essen.) Gegen die Täter ist nichts veranlaßt. + +Die Bergleute Rich. _Peledun_ (Vertrauensmann der U.S.P.D.) und Jos. +_Mainka_ aus Bottrop (Tägtisbeckstr. 15, bzw. Westringstraße 33) wurden +am 17. Mai von den Heereskriminalbeamten der Marinebrigade Löwenfeld, +_Grimm_ und _Eversberg_ in Bottrop auf Grund eines militärischen +Haftbefehls vom April 1920 verhaftet. Die Marinebrigade Löwenfeld war +damals längst von Bottrop abgerückt. Der Haftbefehl, für den der +Militärbefehlshaber überhaupt nicht zuständig war, hätte daher +mindestens von der Polizeibehörde vollstreckt werden müssen. Gegen beide +lag nichts vor. Sie wurden mit der Bahn bis Paderborn transportiert und +dann nachts um 1/2-12 Uhr in einem Wald »auf der Flucht« erschossen, die +Leichen beraubt. Ein Verfahren gegen die Täter ist nicht erfolgt. + +Kapitän von Löwenfeld, der Führer der nach ihm benannten Marinebrigade +wurde später Kommandant eines neuerbauten kleinen Kreuzers. (Anfrage im +Reichstage, 17. Juni 1922.) Die Regierung antwortete darauf, Löwenfeld +sei für die Vorkommnisse nicht verantwortlich. (Reichstag, 30. Juni 22.) + +Am 1. April 1920 rückte die Reichswehr in Haltern ein. Aus Angst vor den +Schüssen flüchteten 14 Kanalarbeiter mit ihren Werkzeugen in den Keller +des Kolonialwarenhändlers _Meis_. Die Truppen drangen dort ein, und +töteten alle 15. Die Namen der Ermordeten sind: Aug. _Barth_ aus +Rothenburg (geb. 8. 6. 87), Aug. _Dann_ aus Rothenburg (15. 11. 97), +Karl _Edelmann_ aus Rothenburg (5. 2. 91), Leonhard _Frankenberger_ aus +Rothenburg (11. 5. 01), F. _Gläßer_ aus Füllhammer (29. 12. 92), Paul +_Gläßer_ aus Schweidnitz (9. 10. 97), Joh. _Hasenstab_ aus Rothenburg +(15. 3. 01), Georg _Helbling_ aus Reutlingen (7. 6. 91), Fr. _Hurzera_ +(15. 5. 68), Th. _Ignazia_ aus Milzilmark (8. 12. 67), Fr. _Joppe_ aus +Ullersdorf (30. 7. 00), Rob. _Krimm_ aus Rothenburg (8. 6. 87), Rob. +_Riesbeck_ aus Honst (22. 3. 83), Gottl. _Rottenbücher_ aus Rothenburg +(8. 6. 87), Händler Josef _Meis_. + +»Eine Ausgrabung am 7. Juli 1920 ergab, daß bei 10 Leichen keine +Schußwunden vorhanden waren, aber die Schädel waren eingeschlagen und +die Hälse durchschnitten. Einige Leichen sind ohne Hosen und Schuhe +begraben worden.« (Ludwig, Reichstag, 29. Juli 1920.) Die Namen der +verantwortlichen Offiziere wurden ermittelt. Da sie aber angeblich nicht +zu finden waren, stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein. + +Eine Frau Käthe _Pintsch_ aus Witten a. d. Ruhr wurde erschossen, weil +sie angeblich einen Revolver im Strumpf verborgen hatte. Eine +Krankenschwester bezeugte, daß sie der Frau einen Geldbetrag übergeben +hatte, den sie im Strumpf verbarg. Den Befehl zur Erschießung gab nach +Zeugenaussage (vgl. »Sozialist«, Nr. 10, 7. Juli 1921) der Leutnant +_Horst Kohl_ aus München, Leopoldstraße 238. Ein Verfahren gegen ihn ist +bisher nicht eingeleitet, obwohl die Zeugenaussagen natürlich sofort den +zuständigen militärischen Behörden übergeben wurden. + +Der Anstreicher Friedrich Steinbiß, wohnhaft Essen, Schlachthof, +berichtete am 10. April 1920 im »Ruhrecho«: + +»Am Donnerstag, den 8. April, spät nachmittags, wurden zwei Arbeiter, +angeblich Rotgardisten, auf dem Schlachthof durch Militär eingeliefert. +Aus dem Wachtraum hörte ich bald darauf Schreien, sodaß ich annahm, die +Verhafteten würden geschlagen. Nach einiger Zeit, es war inzwischen +dunkel geworden, wurden die beiden Leute aus dem Wachtraum +herausgeschickt und entfernten sich in gewöhnlicher Gangart. Der eine +ging durch die Tür in der Richtung nach der Stoppenbergerstraße, während +der andere über den Hof an der Rampe vorbei sich der Eisenbahn zuwandte. +Als der erste etwa 30-40 Meter draußen vor dem Tore war, wurde er durch +einen Soldaten erschossen. Auch der zweite wurde kurze Zeit später tot +aufgefunden. Die Soldaten behaupteten, beide hätten einen Fluchtversuch +unternommen. Nach meiner Ansicht ist das ausgeschlossen. Beide sollen +nur Sicherheitsdienst getan haben.« + +Die Täter konnten nicht ermittelt werden. Der Oberstaatsanwalt in Essen +stellte das Verfahren ein. (Aktenzeichen 18 I 738/20.) + +Man lese den Bericht des sozialdemokratischen Abgeordneten Osterroth +(»Freiheit«, 9. April 1920 und »Ruhrecho«, 20. April), die Rede des +Abgeordneten Obuch vom 24. November 1920 und die Broschüre von Josef +Ernst »Kapptage im Industriegebiet«. Hierin sind eine Reihe von weiteren +Ermordungen im Ruhrgebiet zum Teil mit Namen aufgeführt. + + +»Ich kann für ihn nicht garantieren« + +Am 1. April hatten in der Nähe von Hüls in Westfalen Kämpfe zwischen +Angehörigen der roten Armee und Regierungstruppen stattgefunden. Im +Anschluß daran wurde ein Haus in Hüls von der Reichswehr umstellt und +alle Bewohner herausgeholt. Sie waren sämtlich waffenlos. Der Landjäger +_Hachmeyer_ erklärte, daß er für alle Bewohner bis auf den Bergarbeiter +_Hülsbusch_ garantieren könne, daß sie keine Spartakisten seien. Darauf +wurde Hülsbusch an die Wand gestellt und von einem Unteroffizier +erschossen. Seine Papiere wurden geraubt. + +Wie in einem Beleidigungsprozeß des Hachmeyer gegen den Parteisekretär +der U.S.P. Herwig in Recklinghausen vor dem Schöffengericht festgestellt +wurde, hatte Hülsbusch sich an den Kämpfen nicht beteiligt. Herwig wurde +wegen der Aussage, Hachmeyer sei Schuld am Tode des Hülsbusch, wegen +Beleidigung zu 100 M. Geldstrafe verurteilt. (»Freiheit«, 24. April +1921, 20. Mai 1922.) + +Die Witwe erhob Anspruch auf Grund des Tumultschadengesetzes, die in +erster Instanz abgewiesen wurden. Am 15. Mai 22 war Verhandlung vor dem +Reichswirtschaftsgericht als Beschwerdestelle. Die Beschwerde wurde +zurückgewiesen mit der Begründung, die Erschießung sei berechtigt +gewesen, wenn Hülsbusch sich am Aufstand beteiligt hätte. Darüber, ob er +sich beteiligt hätte, könne nicht auf Grund des Tumultschadengesetzes, +sondern nur in einem ordentlichen Prozeß gegen den Reichsfiskus +entschieden werden. + + +Linksmorde beim Kapp-Putsch + +In der Gemeinde Kleinkugel bei Halle existierte eine Einwohnerwehr mit +14 Gewehren und einem Maschinengewehr. Während des Kapp-Putsches +forderten die Arbeiter von den Gutsbesitzern Herausgabe der Waffen. Auf +Anraten der Reichswehr versteckte der Gutsbesitzer _Walter_ die +Gewehrschlösser. Am 18. März holte die Reichswehr die Gewehre ab. Am 19. +März fuhr sein Sohn per Rad nach Halle, um Geld dorthin zu bringen. Er +nahm dabei die Gewehrschlösser mit. In Kanena wurde er von den Arbeitern +aufgehalten, die Gewehrschlösser wurden gefunden. Walter wurde zur Grube +Alwiner Verein als Gefangener geführt. Dort wurde ihm vorgeworfen, daß +die Reichswehr auf sein Anraten Leute erschossen habe. Die Arbeiter +beschlossen darauf ihn zu töten und teilten ihm dies mit. Er wurde von +zwei Arbeitern zu einem Trockenschuppen geführt und dort um 3/4-10 Uhr +durch einen Kopfschuß getötet. Der Arbeiter Rasch wurde bei der +Verhandlung freigesprochen, da Zeugen beschworen, daß er nicht der +Mörder sei. + +Am 21. März 1920 kamen einige Kaliarbeiter aus Staßfurt zu dem +Rittergutsbesitzer _Henze_ in Trebitz und verlangten Wagen, um nach +Halle fahren zu können. Die Bahn ging nämlich nur bis Wallwitz. Henze +weigerte sich zunächst. Bald darauf kamen 40 weitere Arbeiter mit +Handgranaten und entsicherten Gewehren. Henze und seine Schwester wurden +umringt. Es kam zu einem heftigen Wortwechsel und Tätlichkeiten. Henze +erhielt einen Lungenschuß und einen Kolbenschlag auf den Schädel, seine +Schwester einen Herzschuß. Als Mörder des Henze wurde der Arbeiter Karl +_Felix_ aus Hechlingen, der den tödlichen Schlag getan, unter +Zubilligung mildernder Umstände zu fünf Jahren Gefängnis und der +Kesselschmied Erich _Rolle_ aus Hechlingen zu 12 Jahren Zuchthaus, der +Mörder von Fräulein Henze, der Arbeiter Karl _Steinbach_ aus Wallwitz, +ebenfalls zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. + +Der Reichswehrsoldat _Sametz_ wurde am 28. März 1920 von der roten Armee +bei Dorsten gefangen genommen. Er wurde dem Maschinisten Gottfried +_Karuseit_ aus Gelsenkirchen als Abschnittskommandeur und Leiter der +Kämpfe in Dorsten vorgeführt. Dieser ließ ein Kriegsgericht, bestehend +aus den Kompagnieführern, die zunächst erreichbar waren, bilden. Die +Kompagnieführer verurteilten den Sametz (einen früheren Baltikumer) +wegen Spionage zum Tode. Karuseit, der sich später selber als +Militärspitzel entpuppte, suchte die Leute zur Vollstreckung des Urteils +aus und ließ Sametz noch in derselben Nacht erschießen. Ein Verfahren +gegen Karuseit wegen Mordes schwebt vor dem Schwurgericht Essen. (16. +aJ. 597/20.) + +Ernst _Langensiepen_ aus Barmen wurde während der Herrschaft der roten +Armee im Gerichtsgefängnis in Essen eingeliefert. In der Nacht des 3. +April 20 wurde er von 4 Rotgardisten aus der Zelle geholt und im +sogenannten Leichenkeller erschossen. Die Täter sind geflüchtet, die +Untersuchung schwebt noch. Langensiepen soll Militärspitzel gewesen und +deshalb zum Tode verurteilt worden sein. + + + + +INDIVIDUELLE MORDE + + +»Verräter verfallen der Fehme« + +Hans _Hartung_ war in Halle und München unter den Kommunisten als +Spitzel tätig, gleichzeitig soll er geheime Waffenlager der bayrischen +Einwohnerwehr an die Entente verraten haben. In Zusmarshausen waren +Waffen der Einwohnerwehr von dem Rittmeister Gustav _Beurer_ unter +Mithilfe des Oberleutnants Dr. Josef _Berger_, des Amtsrichters +_Wanderer_ und des Bankbeamten Lorenz versteckt worden. Von Hartung +fürchtete man Verrat. Anfang März 1921 wurde seine Leiche bei +Zusmarshausen in einem Bach gefunden. Sie war im Auto dorthin gebracht +worden. Wahrscheinlich hat Beurer ihn ins Auto gelockt und zusammen mit +Berger erschossen. Die Leiche war mit Steinen beschwert, in eine vorher +von Berger und Wanderer ausgesuchte tiefe Stelle des Baches geworfen +worden. Berger, der sich im Rausch verraten hatte und Beurer wurden im +März 22 verhaftet, bereits im Juni aber wegen »Mangels an Beweisen« +entlassen. (»Berliner Tageblatt«, 26. 3. 22, »Münchener Neueste +Nachrichten«, 3. 6. 22.) + +Das Dienstmädchen Maria _Sandmeier_ aus München, Tegernseerlandstraße +20, wurde am 6. Oktober 1920 im Forstenriederpark erdrosselt gefunden. +Die Leiche war im Auto dorthin geschafft worden. Die Sandmeier hatte +gedroht, dem Entwaffnungskommissar des Reichs ein Waffenlager anzugeben. +Als Täter wurde der Leutnant Hans _Schweighart_ vom Freikorps Oberland +in Innsbruck im Dezember 1921 verhaftet (»Vossische Zeitung«, 8. 12. +1921) und an Bayern ausgeliefert. Eine Verhandlung fand bisher nicht +statt. + + +Hans Paasche + +Hans _Paasche_ war zuerst Offizier in den Kolonien und war unter den +Schrecken des Kolonialkrieges zum Pazifisten geworden. Während des +Krieges schwebte gegen ihn ein Hochverratsprozeß, weil er ein Flugblatt, +das ihm ein Agent provocateur im Auftrag der Polizei zustellte, +verbreitet hatte. (Wolfgang Heine, »Deutsche Tageszeitung«, 26. Oktober +1920.) + +Paasche hatte in den ersten Tagen der Revolution eine Rolle gespielt, +sich aber dann auf sein Gut Waldfrieden in der Neumark zurückgezogen. +Auf Grund einer von Berlin ausgegangenen Denunziation, wonach bei ihm +die Waffen für die kommunistische Kampforganisation untergebracht seien, +fand bei ihm am 22. Mai 1920 unter Führung des Oberleutnants _Koppe_ +eine Haussuchung nach Waffen statt, die von 60 Soldaten unter Führung +von zwei Offizieren durchgeführt wurde. + +Paasche saß in Badehosen an seinem See und fischte, als der Gendarm +Wendland ihn bat, ins Schloß zu kommen, weil dort Herrschaften auf ihn +warteten. Ein Haftbefehl bestand nicht. Als Paasche die Postenkette +erblickte, wurde er mißtrauisch, wandte sich um »zu einem +Fluchtversuch«. Gemäß dem Befehl, »wonach sie zu schießen hätten, wenn +eine festgenommene Person auf dreimaliges Haltrufen nicht stände« (amtl. +Bericht des Oberleutnants Koppe, »Vossische Zeitung«, 1. Juni 1920), +erschossen ihn die Soldaten. Den tödlichen Schuß gab der Schütze +_Diekmann_ ab. Um Stimmung zu machen, berichtete das +Reichswehrschutzregiment in Deutsch-Krone am 25. Mai 1920 im »Berliner +Tageblatt«: »Wie mitgeteilt wird, sollen bei Paasche eine größere Anzahl +Dumdumgeschosse gefunden worden sein.« Diese haltlose Behauptung wurde +später nicht mehr aufrecht erhalten. In den verschiedenen amtlichen +Berichten, insbesondere dem des Preußischen Ministeriums des Innern +(»Berliner Tageblatt«, 3. Juni 1920) wurde zugegeben, daß absolut nichts +Belastendes gefunden wurde. Die Regierung versprach strengste +Untersuchung und Bestrafung der Schuldigen. Die Untersuchung endete +folgendermaßen: + + »Herrn Viktor Fränkl, Justizrat, Berlin. + + Das Verfahren ist am 27. November 1920 eingestellt, weil eine + strafbare Handlung nicht nachweisbar ist. Der Tod des Paasche ist + auf ein Zusammentreffen nicht voraussehbarer unglücklicher + Umstände zurückzuführen, für welche niemand strafrechtlich + verantwortlich zu machen ist. + + Schneidemühl, den 6. Dezember 1920. + + Der Oberstaatsanwalt. Unterschrift: (unleserlich).« + +Eine Beschwerde hiergegen beim Generalstaatsanwalt wurde am 21. Februar +1921 abgewiesen. + + +Paul Hoffmann in Flensburg + +Auf Grund der Angaben eines Spitzels namens Paul _Reichardt_ wurde der +Flensburger Kommunist Paul _Hoffmann_ am 28. Dezember 1920 auf Befehl +des Kommandeurs der Flensburger Sicherheitspolizei, Major _v. Plüskow_, +verhaftet, weil er einen Putsch vorbereitet habe. Nachts wird er zur +Kaserne gebracht. Als er am Morgen ins Untersuchungsgefängnis geführt +werden sollte, hat Hoffmann angeblich dem Wachtmeister einen Stoß vor +die Brust gegeben, um entfliehen zu können. Darauf habe die +Wachbegleitmannschaft nach dreimaligem Haltrufen zwei Schüsse abgegeben. +Hoffmann war sofort tot. Eine strenge Untersuchung wurde von der +Regierung zugesagt. Major v. Plüskow wurde strafversetzt. (»Deutsche +Allgemeine Zeitung«, 4. Januar 1921; »Voss. Zeitung«, 4. Januar 1921; +Minister Severing, Reichstag, 14. Januar 1921.) Sonst geschah nichts. + + +Wilhelm Sült + +_Sült_, Führer der Elektrizitätsarbeiter bei mehreren Streiks, wurde am +30. März 1921 durch die politische Polizei (Abt. 1 A) in Schutzhaft +genommen. Als er am 1. April zur Vernehmung ins Polizeipräsidium +gebracht wurde, soll er nach dem amtlichen Bericht (»Vossische Zeitung«, +1. April) dem Beamten einen Stoß versetzt haben und die Treppe +hinaufgesprungen sein, worauf der Beamte, _Janike_, zweimal auf ihn +schoß und ihn in die Leber und Nieren traf. Sült erklärte seinem +Rechtsanwalt Dr. Weinberg auf dem Totenbett, er habe weder den Beamten +gestoßen, noch sei er geflohen. Als Sült am Boden lag, wurde er von +einem Polizeioffizier mit dem Ruf: »Verrecke, Du Aas« (»Das Tagebuch«, +9. April), mit Füßen getreten. Zunächst wurde er einfach auf einer +Pritsche liegen gelassen. Um 1/2-5 Uhr kam Dr. Eylenburg, wurde aber +nicht vorgelassen mit der Begründung, Sült sei schon in der Charité. +Erst um 7 Uhr abends kam er dorthin. »Vor der Operation hatte er schon +1-1/2 Liter Blut verloren« (Prof. Lubarsch). Am 2. April, morgens 4 Uhr, +starb er. Gegen alle Vorschriften wurde die Leiche bereits am Vormittag +seziert. Dr. Klauber, der verabredungsgemäß an der Sektion teilnehmen +sollte, fand die Leiche bereits seziert vor. »Es fehlten sämtliche +Eingeweide, so daß über die Art der Verletzung durchaus nichts mehr +festgestellt werden konnte. Zu meiner großen Überraschung war die Stelle +der Einschußwunde herausgeschnitten.« Durch die voreilige Sektion war +die Möglichkeit einer weiteren Aufklärung beseitigt. Eine Bestrafung +wegen dieses Falles ist nicht erfolgt. (Vergl. Preußische +Landesversammlung vom 18. April, Berliner Stadtverordnetenversammlung +vom 23. April, »B.Z. am Mittag«, 8. April, Eingehende Darstellung im +»Tagebuch«, 9., 23., 30. April, 14. Mai.) + + +Max Hölz + +Im März 1921 brach in Mitteldeutschland ein Aufstand aus. Die Schuld +daran lag im wesentlichen bei den Kommunisten. _Hölz_ war militärischer +Führer einer sogenannten »Roten Armee«. Zu ihrem Unterhalt nahm sie eine +Reihe von »Requisitionen« vor; auch wurden Gebäude in die Luft +gesprengt. Zu dem Rittergutsbesitzer _Heß_ in Roitschenhagen kam Hölz +mit einem bewaffneten Haufen und verlangte Geld und Mäntel. Heß sagte +zuerst zu, lief dann einige Schritte fort. Es entstand ein Tumult, in +dem Heß durch mehrere Schüsse umkam. Genaueres darüber, wer alles +geschossen hatte, war nicht zu ermitteln. Die Zeugen widersprachen sich. +Das Gericht unterstellte es als wahr, daß Hölz unnötiges Blutvergießen +vermeiden wollte, und verurteilte ihn zu lebenslänglichem Zuchthaus. +Nach der Urteilsbegründung »steht fest, daß Hölz sich an der Tötung des +Gutsbesitzers Heß beteiligt hat. Das Gericht hat jedoch das Moment der +Ueberlegung verneint. Es liegt also Totschlag vor«. (Prozeßberichte in +allen Berliner Zeitungen, 13. bis 23. Juni 1921.) + + +Die Schupo in Mitteldeutschland + +Als wegen der Märzunruhen 1921 eine Abteilung der Düsseldorfer +Schutzpolizei sich Klostermansfeld näherte, ging ihr der +stellvertretende Gemeindevorsteher Paul _Müller_ (Kommunist) entgegen, +erklärte, im Orte sei alles ruhig, und zog an der Spitze der Polizisten, +zusammen mit dem Hauptmann, der das Kommando führte, in den Ort ein. +Obwohl er die Arbeiter ausdrücklich gewarnt hatte, wurde aus dem Ort +geschossen, wobei Müller natürlich ebenfalls bedroht war. Am Nachmittag +wurde Müller aufgefordert, sich bei dem Hauptmann der Schutzpolizei zu +melden, was er tat. Um 9 Uhr abends wurde er in Einzelhaft genommen. Am +Morgen des 27. März wurde er auf der Chaussee nach Leinbach, etwa 150 +Meter vom Orte entfernt, erschossen aufgefunden. Das Gefängnis, in das +er angeblich gebracht werden sollte, lag in einer ganz andern Richtung. +Die Leiche zeigte am Kopfe Spuren von Mißhandlungen. + +Das Verfahren wurde am 21. April 1921 eingestellt, da »Müller +wahrscheinlich auf der Flucht erschossen worden sei«, später jedoch +wieder aufgenommen. (Aktenabschrift in meinem Besitz.) + +Die im folgenden dargestellten Fälle beruhen auf den Verhandlungen des +Untersuchungsausschusses der preußischen Landesversammlung betr. die +Unruhen in Mitteldeutschland vom November 1921. Dabei hat sich u. a. +herausgestellt, daß in keinem dieser Fälle ein Verfahren durch den +Staatsanwalt eingeleitet worden war. + +In Querfurt wurden am Ostermontag, 28. März, nach entsetzlichen +Mißhandlungen die Gefangenen _Peter_, der Lagerhalter des Konsumvereins +_Straube_ (Kommunist) und ein Dritter erschossen. + +Die Täter gehörten zur Düsseldorfer Schupo unter dem Grafen _Poninski_. +Der Konsumverein wurde ausgeplündert. + +In Besenstedt wurden der Sanitäter Kurt _Herzau_ und der Arbeiter Gustav +_Thieleke_, in Bischofsrode am 1. Ostertag acht Gefangene, darunter der +Knecht _Pawlack_ aus Helbra und der Bergmann _Weiner_ und ein gewisser +_Dietrich_ durch Düsseldorfer Polizisten, in Schraplau am 2. Ostertag +sechs Gefangene, darunter Martin _Deutsch_, _Müller_, _Poblentz_ und +_Trautmann_, in einem Kalkofen erschossen. + +Bei der Einnahme des Leunawerkes sahen die Offiziere bei den +Mißhandlungen durch Oberwachtmeister Heim und andere Sipoleute zu: Einem +Gefangenen, bei dem eine Pistole gefunden worden war, wurde der Schädel +eingeschlagen, sodaß das Gehirn an die Wand spritzte. Ein anderer mußte +sich selbst erschießen. Insgesamt wurden 9 Leute umgebracht, darunter +_Lederer_, _Isecke_ und _Zillmann_. In Mitteldeutschland war kein +Standrecht verhängt worden. In keinem Fall hat eine Bestrafung +stattgefunden. + + +Wie eine Erschießung auf der Flucht insceniert wird + +Während des Märzaufstandes 1921 kam die Merseburger Polizeihundertschaft +am 31. März durch Gröbers. Dort wurden ihnen von anderen Truppen die +Leichen der verstümmelten Beamten gezeigt, die dort gefallen waren. So +wurden sie zu Morden aufgestachelt. Der kommunistische Ortsvorsteher von +Osmünde, _Mosenhauer_, war verhaftet worden. Auf der Straße nach +Schkeuditz wurde er vom Auto geholt, unter furchtbaren Schlägen auf den +Kopf ins Feld getrieben und von dem nicht zur Bewachungsmannschaft +gehörigen Wachtmeister Rudolf _Böhm_ »auf der Flucht« erschossen. + +In seiner ersten Vernehmung am 28. April 1921 durch den Regierungsrat +Dr. Kielhorn war Böhm geständig. Er sagte aus: »als ich sah, daß der +Ortsvorsteher übers Feld _ging_, riß ich einem neben mir stehenden +Beamten den Karabiner weg und schoß, in der Annahme, daß er fliehen +wolle. Ich hatte nicht »Halt« gerufen.« + +Nach der Aussage des Oberwachtmeisters Lichtenberg vor dem +Untersuchungsausschuß des Preußischen Landtages wurde Mosenhauer zweimal +absichtlich auf das Feld geschickt, damit man ihn erschießen könne. Beim +ersten Mal gingen zufällig einige Telegraphenarbeiter vorbei, deshalb +wurde er wieder zurückgerufen. Als die Zeugen sich entfernt hatten, +schickte man Mosenhauer das zweite Mal hinaus. Er ging zögernd und sich +häufig umwendend. Der Schuß fiel, als er das Gesicht nach der Straße +zuwendete. Die tödliche Wunde erhielt er an der linken Brustseite vorn. +Die Leiche lag mit dem Gesicht zum Auto. Am 31. Oktober 1921 wurde Böhm +vor dem Schwurgericht Halle (Anklagevertreter Staatsanwaltschaftsrat +Luther, Vorsitzender Landgerichtsdirektor Thorwest) freigesprochen. +(Vergl. Erich Kuttner: Der Freispruch eines Geständigen. »Die Glocke«, +1. Mai 1922. Untersuchungsausschuß 29. Oktober 1921.) + + +Karl Gareis + +Karl _Gareis_ war Abgeordneter der U.S.P.D. im bayerischen Landtag. Er +hatte sich verhaßt gemacht durch seinen Kampf gegen die Einwohnerwehr +und durch Aufdeckung einer Spitzelaffäre, bei der ein gewisser Dobner +wegen angeblichen Verrats eines Waffenlagers an die Entente von +Studenten beinahe umgebracht worden war. Am 10. Juni 1921 wurde er +nachts auf dem Heimweg vor seiner Wohnung erschossen. Zur Erklärung der +Tat beachte man den Brief Meier-Koys, des früheren Vorsitzenden der +bayerischen Königspartei. Danach ist der zweite Landeshauptmann der +bayerischen Einwohnerwehren, Kanzler, der Ansicht: »Die Verräter sind +umzubringen, und zwar unter Hinterlassung eines Merkmals, das die Motive +der Tat zweifelsfrei erscheinen läßt. Der Führer braucht bei der +Ausführung nicht ängstlich zu sein. Hinter ihm (Kanzler) stehe der +Ministerpräsident« (Reichstag, 17. Juni 1921). Als Täter kommt der oben +auf Seite 64 genannte Leutnant _Schweighart_ in Betracht. Wenigstens +wurde dies bei seiner Auslieferung von den österreichischen Behörden +vermerkt. (Vergl. auch S. 138.) + + +Kriminalwachtmeister Buchholz + +Die »Hundertschaft zur besonderen Verwendung« unterstützte die +aufrührerischen Truppen im Baltikum, indem sie durch Bestechungen von +Eisenbahnbeamten den Transport von Geld dorthin ermöglichte. Beim +Kapp-Putsch stellte sie sich sofort auf die Seite der einrückenden +Marinebrigade. Trotzdem blieb sie unangefochten. Im Sommer 1920 wurde in +ihr der geheime »Bund der Ringmannen« unter Hauptmann Stennes gebildet, +der zahlreiche Waffen vor der Ablieferung versteckte. Eine Durchsuchung +verlief ergebnislos, da die Hundertschaft vorher gewarnt worden war. +Ueber die vermutlichen Verräter der Waffenschiebung wurde nachts ein +Geheimgericht gehalten. (Vergl. Berliner Tageblatt, 10. September 1921.) +_Buchholz_ bezahlte auf Geheiß seiner Vorgesetzten bis in die Tausende +gehende Beträge an Zivilangestellte, d. h. Spitzel. + +Man befürchtete von Buchholz eine Aufdeckung dieser Vorgänge. Am 13. +Juni 1921 wurde er in der Schloßkaserne Charlottenburg tot aufgefunden. +Angeblich hat er wegen Unterschlagung Selbstmord begangen. Doch konnte +eine Unterschlagung nicht nachgewiesen werden. Nach dem Gutachten des +Gerichtssachverständigen, Medizinalrat Dr. Störmer (»Frankfurter +Zeitung«, 18. August 1921), handelte es sich »bestimmt um Tötung durch +dritte Hand.« Die Untersuchung gegen die Hundertschaft wurde zunächst +niedergeschlagen, »da von Zeugen, die unter ständiger Bedrohung seitens +der Hundertschaft stehen, wahrheitsgemäße Angaben nicht zu erwarten +seien.« (Mitteilung des Polizeiwachtmeisters Asmus, »Berliner +Tageblatt«, 24. Juli 1921.) + +Am 2. Dezember 1921 wurden die Wachtmeister _Erren_ und _Meyer_ von der +Anklage des Mordes freigesprochen. (Prozeßberichte in allen Berliner +Zeitungen.) Erren war im Zimmer gewesen, »zum telephonieren«, als der +zum fortgehen angezogene Buchholz aus einer Entfernung von über 30 cm +von hinten die Kugel durch den Kopf, angeblich von eigener Hand, +empfing. + + +Erzberger + +Als _Erzberger_ am 26. Januar 1920 das Gerichtsgebäude in Moabit +verließ, feuerte der Schüler und Fähnrich a. D. Oltwig _v. Hirschfeld_ +auf ihn zwei Schüsse ab, die ihn schwer verletzten. Bei der Vernehmung +erklärte er, Erzberger sei ein Schädling und habe wissentlich gegen +Deutschland gearbeitet. Er erklärte, seine Kenntnisse über Erzberger aus +einer Broschüre Helfferichs zu besitzen. Hirschfeld wurde am 21. Februar +1920 wegen Körperverletzung zu 1 Jahr 6 Monate Gefängnis verurteilt. +(Prozeßbericht in allen Berliner Zeitungen.) + +Erzberger hatte sich, um den Ausgang seines Prozesses mit Helfferich +abzuwarten, aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Am 26. August 1921 +wurde er bei einem Spaziergange im Badeorte Griesbach im Schwarzwald von +zwei jungen Leuten überfallen und erschossen. Sein Begleiter, der +Abgeordnete Dietz, wurde verwundet. Als er schon am Boden lag, +vergewisserten sich die Mörder durch weitere Schüsse (im ganzen 12), daß +er tot sei. Dann entflohen sie. + +Als man nach den möglichen Tätern suchte, stellte sich heraus, daß +Hirschfeld bereits am 27. April 1921 angeblich wegen Krankheit aus dem +Gefängnis auf vier Monate beurlaubt worden war und nicht zurückgekehrt +war. (»Berliner Tageblatt«, 30. August 1921.) Er benutzte seinen Urlaub +zu vielstündigen Radpartien. Zur Zeit der Begehung der Tat hielt er sich +im benachbarten Calmbach auf. Er wurde in Berlin ermittelt und verbüßte +ab 10. September den Rest seiner Strafe. (»Frankfurter Zeitung«, 15. +September 1921.) Dann wurde er für geisteskrank erklärt, aus der +psychiatrischen Klinik in Freiburg wieder entlassen, zuletzt aber doch +zur Absitzung der Strafe verhaftet. (»Berliner Tageblatt«, 18. Mai 1922, +»Lokal-Anzeiger«, 10. Mai 1922.) + +Als Mörder wurden die in München wohnhaften Heinrich _Schulz_ und +Heinrich _Tillessen_ ermittelt. Beide sind frühere Offiziere, dann kamen +sie in den Stab der Marinebrigade Ehrhard, (»Berliner Tageblatt«, 21. +September 1921.) Zuletzt arbeiteten sie in der Landwirtschaftlichen +Zentralgenossenschaft bei Geheimrat Heim. Sie sind Mitglieder des +Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, der Arbeitsgemeinschaft +Oberland, die früher in Oberschlesien als Freikorps war, und einer +deutschnationalen Geheimorganisation, der Organisation C (Mitteilung des +badischen Staatspräsidenten Dr. Trunk, 22. September 1921.) + +Ziele der Organisation waren: Weiterverbreitung des nationalen +Gedankens, Bekämpfung des Internationalismus, des Judentums und Sammlung +entschlossener Männer. »Verräter verfallen der Fehme.« Die Mitglieder +waren zu unbedingtem Gehorsam verpflichtet. Schulz und Tillesen besaßen +falsche Pässe auf den Namen Trost und Schwind. Sie flüchteten nach +Ungarn. Als sie in Budapest eine Depesche an den Rechtsanwalt Adolf +Müller in München aufgaben, wurden sie erkannt und verhaftet, aber auf +telephonische Anordnung des Oberstadthauptmanns Dr. Hetheny wieder +freigelassen. Vergl. Aussage des Kriminalinspektors Schumacher im +Offenburger Prozeß (»Berliner Tageblatt«, 9. Juni 1922.) + +Der frühere Kapitänleutnant Manfred _v. Killinger_, der Vorgesetzte von +Schulz und Tillessen in der Organisation C (offiziell: Bayerische +Holzverwertungsgesellschaft) wurde angeklagt, den Mördern Beistand +geleistet zu haben. Er hatte nämlich ihre Koffer in Verwahrung genommen, +Briefe in Empfang genommen und auch nach dem Mord mit beiden verkehrt. +Killinger war ursprünglich Offizier gewesen, dann kämpfte er gegen die +bayerische Räte-Republik, machte den Kapp-Putsch mit und besetzte das +Reichswehrministerium. Nach seiner Verhaftung fand man bei ihm einen +Versuch einer Paßfälschung. Am 13. Juni 1922 wurde er vom Schwurgericht +Offenburg freigesprochen (Berichte in allen Berliner Zeitungen). + +Die einzige Verurteilung, die bis jetzt in der Erzbergersache erfolgte, +betrifft den verantwortlichen Redakteur des Offenburger Tageblatts, +Franz Huber. Dieser wurde nämlich, weil er Teile der Anklageschrift +veröffentlicht hatte, zu 1000 M. Geldstrafe verurteilt. (»Berliner +Tageblatt«, 17. August 1922.) + + +Walter Rathenau + +Als Rathenau, Minister des Aeußeren, am 24. Juni 1922 von seiner Villa +im Grunewald ins Auswärtige Amt fahren wollte, wurde sein Auto von einem +andern, von Ernst Werner _Techow_ (21 Jahre) geleiteten Auto, in dem der +Oberleutnant a. D. Erwin _Kern_ und Hermann _Fischer_ saßen, überholt. +Kern und Fischer schossen mit einer Maschinenpistole auf Rathenau und +warfen eine Handgranate auf ihn. Rathenau war sofort tot. Das Auto +hatten die Großindustriellen Johann und Franz _Küchenmeister_ aus +Freiberg in Sachsen, Mitglieder des Deutschen Schutz- und Trutzbundes, +zur Verfügung gestellt. Die drei erstgenannten waren früher Mitglieder +der Brigade Ehrhardt, dann der Organisation C und waren am Kapp-Putsch +beteiligt gewesen. Die Maschinenpistole hatte Christian Ilsemann (21 +Jahre), Sekretär des Schutz- und Trutzbundes in Schwerin, geliefert. Der +angebliche Leutnant Willy _Günther_ (27 Jahre), ein Psychopath und +Deserteur, hatte den Plan mit ausgearbeitet und die Garage vermittelt. +Er war Mitglied des Bundes der Aufrechten, des Deutschbundes, des +Deutschen Offiziersbundes und des Deutschnationalen Jugendbundes. Auf +einem »Nestabend« dieses Bundes ließ er sich als Mörder Rathenaus +feiern. In seinem Besitz befanden sich Briefe von Helfferich, +Ludendorff, Jagow und Oberst Bauer. Einer der zehn Briefe Ludendorffs +enthielt unter anderm die Worte: »Lieber Günther« und: »mit herzlichem +Gru?. Beihilfe leistete der Gymnasiast Hans Gerd _Techow_ (16 Jahre). +Der ehemalige Kadett Ernst _v. Salomon_ (20 Jahre) vermittelte die +Verbindung mit Waldemar _Niedrig_ (22 Jahre), der ursprünglich das Auto +lenken sollte. Das Auto stand in Berlin bei den Garagebesitzern +_Schütt_ und _Diestel_. + +Nach der Tat erzählte Techow ihnen: »Die Sache hat geklappt. Rathenau +liegt. Wir haben es getan, um die Roten zum Angriff zu reizen. Uns ging +das Geld aus.« Dann fuhr er in seinen Tennisklub. Techow floh dann auf +das Gut seines Onkels Behrens. Von diesem wurde er der Polizei +übergeben. Behrens erhielt darauf eine Menge Drohbriefe. + +Kern und Fischer wurden nach langem Suchen am 18. Juli auf der Burg +Saaleck bei Bad Kösel in der Wohnung des Schriftstellers Dr. Hans +Wilhelm _Stein_ von der Polizei gestellt. Kern fiel bei der Schießerei +mit den Beamten, Fischer erschoß sich selbst. + +Am 3. Oktober 1922 begann die Verhandlung vor dem Staatsgerichtshof in +Leipzig. Günther bekam eine Sendung von Pralinen, die mit Arsen +vergiftet waren. Er gab davon den andern Angeklagten, mit denen er +während der Verhandlung verkehren durfte. Zum Teil erkrankten sie daran. +Die Absender konnten nicht festgestellt werden. Am 14. Oktober wurden +wegen Beihilfe zum Mord Ernst Werner Techow zu 15 Jahren Zuchthaus und +10 Jahren Ehrverlust, Hans Gerd Techow zu 4 Jahren und 1 Monat +Gefängnis, Günther zu 8 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrverlust, +Niedrig und von Salomon zu 5 Jahren Zuchthaus und 5 bzw. 4 Jahren +Ehrverlust, Ilsemann wegen Verstoß gegen die Waffenordnung, Schütt und +Diestel wegen Begünstigung zu je 2 Monaten Gefängnis, Tillessen und +Plaas wegen Nichtanzeige eines drohenden Verbrechens zu 3 bzw. 2 Jahren +Gefängnis verurteilt. E. W. Techow wurde von der Anklage der +Mittäterschaft freigesprochen. (Vorsitzender Dr. Hagens, Staatsanwalt +Dr. Ebermayer.) + +Gegen Tillessen schwebt noch eine Untersuchung wegen Beihilfe bei dem +Attentat auf Scheidemann und wegen der Befreiung der Kriegsverbrecher +Boldt und Dittmar. Auf die Organisation C wurde bei der Beweisaufnahme +nicht näher eingegangen. Das Verfahren gegen Dr. Stein und gegen den +Kapitänleutnant a. D. Wolfgang _Dietrich_, der den Tätern auf der Flucht +neue Anzüge verschafft hatte, schwebt noch. Johann Küchenmeister, bei +dem ein Waffenlager gefunden worden war und einer der Beteiligten, +Günther _Brandt_ sind flüchtig. Das Verfahren gegen den 17 jährigen +Primaner _Stubenrauch_, der als erster den Plan gehabt hatte, Rathenau +zu ermorden, wurde eingestellt. Er besucht weiter sein Gymnasium in +Steglitz. (Berichte in allen Berliner Zeitungen.) + +Im folgenden sind alle bisher behandelten Morde in tabellarischer Form +zusammengestellt. + +DIE VON RECHTS BEGANGENEN POLITISCHEN MORDE + + ================================================================ + L. | Datum, | Name des | Name des | + Nr. | Name des | Verantwort- | Ausführen- | + | Getöteten, | lichen, | den, | + | Art der Tötung | Schicksal | Schicksal | + ====+=======================+================+=================+ + 1 | 11. I. 19 | Major | Weber, | + | _W. Fernbach_ | Franz v. | Seltzer | + | _W. Heise_ | Stephani | keine | + | _W. Möller_ | keine | Anklage | + | _K. Grubusch_ | Anklage | | + | _E. Kluge_ | | | + | _A. Schöttler_ | | | + | _Wackermann_ | | | + | willkürl. Erschießung | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 8 | 15. I. 19 | H. v. Pflugk- | Hr. v. Pflugk- | + | _Dr. K. Liebknecht_ | Hartung | Hartung, | + | »auf der Flucht« | freigesprochen | Stiege, | + | | | Lippmann, | + | | | Ritgen, | + | | | Schulze | + | | | Friedrich | + | | | freigesprochen | + | | | Krull 3 Mon. G. | + | | | Bracht 500 M. | + | | | Geldstrafe | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 9 | 15. I. 19 | Oberl. Vogel, | Oberltn. Vogel, | + | _Dr. Rosa Luxemburg_ | Vogel entkom. | Jäg. Runge | + | »gelyncht« | | Runge 2 J. Gef. | + | | | 2 Wochen Haft | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 10 | 17. I. 19 | Sasse | 2 Trainsoldaten | + | _R. Jordan_ | kein Verfahren | kein Verfahren | + | _H. Merx_ | | | + | _v. Lojewski_ | | | + | _Milkert_ | | | + | »auf der Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 14 | 19. II. 19 | unbekannt | Heuer | + | _Fulneczek_ | unbekannt | freigesprochen | + | angebl. Notwehr | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 15 | 21. II. 19 | unbekannt | Blumberg | + | _M. Steinicke_ | unbekannt | Verf. eingest. | + | »auf der Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 16 | 21. II. 19 | -- | Graf Arco | + | _Kurt Eisner_ | -- | Valley | + | willkürl. Erschießung | | lebensl. Fest. | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 17 | 7. III. 19 | unbekannt | unbekannt | + | _Adolf Riga_ | keine Anklage | keine Anklage | + | willkürl. Erschießung | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 18 | 8. III. 19 | unbekannt | Arth. Schneider | + | _Abr. Melichowitz_ u. | keine Anklage | Ad. Arndt | + | _ein Matrose_ | | je 1 Jahr 6 Mo- | + | _Peters_ | | nate Zuchthaus | + | im Gef. gelyncht | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 21 | 10. III. 19 | Wachtmstr. E. | unbekannt | + | _Leo Jogisches_ | Tamschik | keine Anklage | + | _Dorrenbach_ | Z. Ltn. | | + | »auf der Flucht« | beförd. | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 23 | 10. III. 19 | unbekannt | unbekannt | + | _H. Galuska_ | keine Anklage | keine Anklage | + | _K. Friedrich_ | | | + | _O. Werner_ | | | + | »auf der Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 26 | 11. III. 19 | unbekannt | unbekannt | + | _Richard Borchard_ | keine Anklage | keine Anklage | + | angebl. Standrecht | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 27 | 11. III. 19 | Oberst | Offizierstellv. | + | _Bonczyk_ | Reinhard | Penther | + | _Brandt_ | Hptm. | Ltn. Marloh | + | _Biertümpel_ | v. Kessel | Marloh 3 Mon. | + | _Bursian_ | Reinhardt | Fest. u. 30 M. | + | _Dehn_ | nicht | Geldstr., Pen- | + | _Deubert_ | angeklagt | ther z. Ltn. | + | _Ferbitz_ | v. Kessel | befördert | + | _R. Göppe_ | freigesprochen | | + | _Handwohl_ | | | + | _Harder_ | | | + | _A. Hintze_ | | | + | _H. Hintze | | | + | _Hinze_ | | | + | _Jakubowsky_ | | | + | _O. Kanneberg_ | | | + | _Kuhle_ | | | + | _Kutzner_ | | | + | _Lewitz_ | | | + | _H. Lietzau_ | | | + | _Maszterlerz_ | | | + | _Mörbe_ | | | + | _Pobantz_ | | | + | _Rösner_ | | | + | _Schulz_ | | | + | _Ulbrich_ | | | + | _Weber_ | | | + | _Zieske_ | | | + | _Zühlsdorf_ | | | + | willkürl. Erschießung | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 55 | 12. III. 19 | unbekannt | Vizew. Marcus | + | _Sloveck_ | kein Verfahren | freigesprochen | + | _E. Dahle_ | | | + | _K. Becker_ | | | + | willkürl. Erschießung | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 58 | 12. III. 19 | Lt. S. Winter | unbekannt | + | _P. u. A. Daenschel_ | Verfahr. ein- | keine Anklage | + | angebl. Standrecht | gestellt | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 60 | 12. III. 19 | unbekannt | unbekannt | + | _Otto Hauschild_ | kein Verfahren | kein Verfahren | + | angebl. Standrecht | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 61 | 12. III. 19 | Oberl. Wecke | Vizew. Marcus | + | _Alfred Musick_ | kein Verfahren | kein Verfahren | + | »auf der Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 62 | 12. III. 19 | unbekannt | Ritter | + | _Piontek_ | kein Verfahren | u. Wendler | + | willkürl. Erschießung | | Ritter 3 J. | + | | | Gef., Wendler | + | | | freigsp. | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 63 | 12. III. 19 | Leutnant Baum | Alex. Köhler | + | _Joh. Müller_ | freigesprochen | kein Verfahren | + | angebl. Standrecht | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 64 | 13. III. 19 | Leutnant Baum | unbekannt | + | _Wilh. Bilski_ | Verf. eingest. | keine Anklage | + | angebl. Standrecht | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 65 | 13. III. 19 | unbekannt | unbekannt | + | _Paul Biedermann_ | kein Verfahren | kein Verfahren | + | _Hans Gottschalk_ | | | + |willkürl. Erschießung | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 67 | 13. III. 19 | Hauptmann Poll | unbekannt | + | _Berthold Peters_ | kein Verfahren | kein Verfahren | + | angebl. Standrecht | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 68 | 13. III. 19 | unbekannt | unbekannt | + | _Georg Fillbrandt_ | kein Verfahren | kein Verfahren | + | _Paul Szillinski_ | | | + | »auf der Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 70 | 13. III. 19 | | | + | _Abrahamsohn_ | unbekannt | Lt. Czekalla | + | | kein Verfahren | kein Verfahren | + | _Wallmann_ | Rtm. | Lt. Czekalla | + | angebl. Standrecht | v. Oertzen | Verf. schwebt | + | | Verfahr. schw. | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 72 | 30. IV. 19 | Gen. v. Oven | -- | + | _1 Zivilist_ | kein Verfahren | kein Verfahren | + 73 | 1. V. 19 | (v. Gagern | Diegele 5 Woch. | + | _36 Zivilisten_ | 200 M.) | Gefängnis | + 109 | 2. V. 19 | | | + | _103 Zivilisten_ | | | + 212 | 3. V. 19 | | | + | _16 Zivilisten_ | | | + 228 | 4. V. 19 | | | + | _7 Zivilisten_ | | | + 235 | 6. V. 19 | | | + | _21 kath. Gesellen_ | Hptm. v. | Jakob Müller | + | »tödlich verungl.« | Sutterheim, | Makowski | + | (Namen in der | Offizier- | je 14 Jahre | + | Tabelle Seite 43) | stell. Paul | Zuchthaus | + | | Priebe | Grabasch, | + | | Verf. eingest. | Latosi | + | | | 1 J. Gef., | + | | | 10 J. Zhs. | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 256 | 21. III. 20 | Kapt. Bebbel | Ltn. Kubich | + | _A. Futran_ | keine Unters. | keine Unters. | + | _W. Dürre_ | | | + | _Fritz Kegel_ | | | + | _K. Wienecke_ | | | + | _K. Gratzke_ | | | + | angeblich Standrecht | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 261 | 13. III. 20 | Oberl. Schmitz | unbekannt | + | _Schottländer_ | Unters. | Unters. | + | gelyncht | erfolgl. | erfolgl. | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 262 | 13. III. 20 | Lt. Kaufmann | unbekannt | + | _Demmig_ | kein Verfahren | kein Verfahren | + | _Schramm_ | | | + | _Boronow_ | | | + | _Romane_ | | | + | willk. Tötung | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 266 | 15. III. 20 | Obtlt. Müller | unbekannt | + | _Hoffmann_ | kein Verfahren | kein Verfahren | + | _Böhm_ | | | + | _Herkenrath_ | | | + | »auf der Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 269 | 17. III. 20 | Baron v. | Freikorps | + | _Wittke_ | Brandenstein | Roßbach | + | _Steinfurth_ | Verf. einge- | Verf. einge- | + | angebl. Standrecht | stellt | stellt | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 271 | 18. III. 20 | Rittergutsbes. | Freikorps | + | _Slomski_ | Bachmann | Roßbach | + | angebl. Standrecht | Verf. einge- | Verf. einge- | + | | stellt | stellt | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 272 | 18. III. 20 | Rittm. | unbekannt | + | _Puffpoff_ | Obernitz | kein Verfahren | + | gelyncht | kein Verfahren | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 273 | 18. III. 20 | Rittm. | unbekannt | + | _Gräbler_ | Obernitz | Verf. schwebt | + |angebl. Standrecht | Verf. schwebt | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 274 | 18. III. 20 | Stefan und | unbekannt | + | _Dunn_ | Peter | keine Anklage | + | _Schlieker_ | v. Lefort | | + | _Berg_ | Verf. schwebt | | + | _Köhler_ | | | + | _Gerber_ | | | + | angebl. Notwehr | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 279 | 19. III. 20 | Ltn. Simon (?) | Bender | + | _H. Litzendorf_ | Verf. eingest. | Verf. eingest. | + | »auf der Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 280 | 19. III. 20 | Ltn. Meinecke | unbekannt | + | _Seidel_ | keine Unters. | keine Unters. | + | in Notwehr | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 281 | 20. III. 20 | Ltn. Thormann | Harlinghausen | + | _Paul Jahnke_ | freigesprochen | Verf. eingest. | + | willkürl. Erschießung | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 282 | 25. III. 20 | Ltn. Göbel | Engelbrecht, | + | _Hornschuh_ | freigesprochen | Jahn, Kraus, | + | _Hartmann_ | | Herhaber, Schü- | + | _Döll_ | | ler, Nebelmann, | + | _Patz_ | | Blume, Völker, | + | _3 Füldner_ | | Voß, Lange | + | _2 Soldau_ | | freigesprochen | + | _Wedel_ | | | + | _Rössiger_ | | | + | _2 Schröter_ | | | + | _Rosenstock_ | | | + | »auf der Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 296 | 24. III. 20 | unbekannt | unbekannt | + | _Tierarzt Neubert_ | Verf. schwebt | Verf. schwebt | + | »auf der Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 297 | 24. III. 20 | -- | Ltn. Schütz | + | _Weigelt_ | -- | freigesprochen | + | angebl. Notwehr | | Ltn. Jansen | + | | | keine Anklage | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 298 | 1. IV. 20 | Hachmeyer | unbekannt | + | _Hülsbusch_ | kein Verfahren | kein Verfahren | + | angebl. Standrecht | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 299 | 1. IV. 20 | unbekannt | unbekannt | + | _A. Barth_ | Verf. | Verf. | + | _E. Dann_ | eingestellt | eingestellt | + | _K. Edelmann_ | | | + | _L. Frankenberger_ | | | + | _Fr. Glässer_ | | | + | _P. Glässer_ | | | + | _J. Hasenstab_ | | | + | _G. Helbing_ | | | + | _F. Hurzera_ | | | + | _Th. Ignasiak_ | | | + | _Fr. Joppe_ | | | + | _R. Krimm_ | | | + | _R. Riesbeck_ | | | + | _G. Rottenbücher_ | | | + | _Meis_ | | | + | willkürl. Erschießung | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 314 | 3. IV. 20 | Kap.-Ltn. | unbekannt | + | _Jos. Soyka_ | Meyerhofer | kein Verfahren | + | angeblich. Standrecht | kein Verfahren | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 315 | 5. IV. 20 | unbekannt | Wachtm. Mehl | + | _Paul Graf_ | Verf. schwebt | Friedrich | + | _Paul Langer_ | | Verf. schwebt | + | »auf der Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 317 | 6. IV. 20 | Lt. Linsemaier | Block | + | _Rogowski_ | Verf. schwebt | Verf. schwebt | + | angebl. Standrecht | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 318 | 6. IV. 20 | Ltn. Sinnes- | unbekannt | + | _Joh. Schürmann_ | heimer | kein Verfahren | + | _Eug. Kläs_ | kein Verfahren | | + | angebl. Standrecht | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 320 | 6. IV. 20 | Ltn. Goeke | unbekannt | + | _Fr. Lichtenauer_ | Verf. eingest. | kein Verfahren | + | »a. d. Flucht« | | | + | _Herm. Rießner_ | | | + | angebl. Notw. | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 322 | 9. IV. 20 | unbekannt | unbekannt | + | _Herm. Witschel_ | kein Verfahren | kein Verfahren | + | _Rösner_ | | | + | willkürl. Erschießung | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 324 | 8. IV. 20 | unbekannt | unbekannt | + | _Fr. Sieck_ | Verf. eingest. | Verf. eingest. | + | »auf der Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 325 | 17. IV. 20 | unbekannt | Gaul, Grupat, | + | _Max Maurer_ | kein Verfahren | Fuchs | + | »auf der Flucht« | | kein Verfahren | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 326 | 25. IV. 20 | unbekannt | unbekannt | + | _Br. Borucki_ | kein Verfahren | kein Verfahren | + | willkürl. Erschießung | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 327 | 17. V. 20 | unbekannt | Grimm, | + | _Rich. Peledun_ | kein Verfahren | Eversberg | + | _Jos. Mainka_ | | kein Verfahren | + | »auf der Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 329 | -- | Ltn. Horst | unbekannt | + | _Käthe Pintsch_ | Kohl | kein Verfahren | + | willkürl. Erschießung | kein Verfahren | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 330 | 22. V. 20 | Oberl. Koppe |Schütze | + | _Hans Paasche_ | Verf. eingest. | Diekmann | + | »auf der Flucht« | | Verf. eingest. | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 331 | 6. X. 20 | unbekannt | Lt. H. Schweig- | + | _Marie Sandmeier_ | Verf. schwebt | hart | + | willkürl. Erdroßlung | | Verf. schwebt | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 332 | 28. XII. 20 | Maj. | unbekannt | + | _Paul Hoffmann_ | v. Plüskow | Verf. eingest. | + | »auf der Flucht« | Verf. eingest. | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 333 | 4. III. 21 | unbekannt | Rittm. Beurer | + | _Hans Hartung_ | Verf. schwebt | Oberl. Berger | + | willkürl. Erschießung | | Verf. schwebt | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 334 | 26. III. 21 | unbekannt | unbekannt | + | _Paul Müller_ | Verf. schwebt | Verf. schwebt | + | »a. d. Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 335 | 27. III. 21 | unbekannt | unbekannt | + | _Herzau_ | Verf. schwebt | Verf. schwebt | + | _Thielecke_ | | | + | _Pawlack- | | | + | _Weiner_ | | | + | _Dietrich_ | | | + 340 | 28. III. 21 | | | + | _Peter_ | | | + | _Straube_ | | | + | _Deutsch_ | | | + | _Müller_ | | | + | _Poblentz_ | | | + | _Trautmann_ | | | + | _Lederer_ | | | + | _Isecke_ | | | + | _Zillmann_ | | | + | angebl. Standrecht | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 349 | 31.III. 21 | -- | Unterof. | + | _Mosenhauer_ | -- | R. Böhm | + | »a. d. Flucht« | | freigesprochen | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 350 | 30. III. 21 | unbekannt | Janicke | + | _Wilh. Sült_ | kein Verfahren | Verf. schwebt | + | »a. d. Flucht« | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 351 | 10. VI. 21 | Lt. | unbekannt | + | _Karl Garels_ |Schweighart? | Unters. schwebt | + | willkürl. Erschießung |Unters. schwebt | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 352 | 13. VI. 21 | Hptm. Stennes? | Erren (?), | + | _Buchholz_ | kein Verfahren | Meyer (?) | + | angebl. Selbstmord | | freigesprochen | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 353 | 26. VIII. 21 | unbekannt | H. Schulz, H. | + | _M. Erzberger_ | Unters. | Tillessen | + | willkürl. Erschießung | schwebt | Unters. schwebt | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 354 | 24. VI. 22 | unbekannt | E. W. Techow, | + | _W. Rathenau_ | kein Verfahren | Kern u. | + | willkürl. Erschießung | | Fischer, | + | | | Günther, Gerd | + | | | Techow, Brand, | + | | | Niedrig, | + | | | v. Salomon, | + | | | Ilsemann, | + | | | Schütt, | + | | | Diestel, | + | | | Tillessen, | + | | | Plaas | + | +----------------+ | + | | Kern gefallen, Fischer Selbstm. | + | | W. Techow 15 J. Zth., G. Techow | + | | 4 J. 1 Mon. Gef., Günther 8 J. | + | | Zth., Niedrig, v. Salomon je 5 | + | | J. Zth., Ilsemann, Schütt, | + | | Diestel je 2 Mon. Gef., | + | | Tillessen 3 J. Gef., Plaas | + | | 2 J. G. | + ================================================================ + =Gesamtzahl: 354 politische Morde von rechts= + ================================================================ + =Gesamtsühne: 90 Jahre, 2 Monate Einsperrung, + 730 M. Geldstrafe und 1 lebenslängliche Haft= + ================================================================ + +DIE VON LINKS BEGANGENEN POLITISCHEN MORDE + + ================================================================ + L. | Datum, | Name des | Name des | + Nr. | Name des | Verantwort- | Ausführen- | + | Getöteten, | lichen, | den, | + | Art der Tötung | Schicksal | Schicksal | + ====+=======================+================+=================+ + 1 | 13. II. 19 | -- | O. Albrecht | + | _Kohlmann_ | -- | K. Arnold | + | willkürl. Erschießung | | Albrecht | + | | | lebensl. | + | | | Zuchthaus | + | | | Arnold lebensl. | + | | | Z. | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 2 | 21. II. 19 | -- | nicht ermittelt | + | _Abg. Osel_ | -- | Lindner 14 J. | + | willkürl. Erschießung | | Z. Frisch | + | | | 3-1/2 J. | + | | | Gefängnis | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 3 | 21. II. 19 |-- | Metzger | + | _Major v. Gareis_ |-- | Lindner | + | angebl. Notwehr | | Merkert 1-1/2 | + | | | M. Gefängnis | + | | | Schlund 2 Mon. | + | | | Gefängnis | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 4 | -- | unbekannt | unbekannt | + | _Max Weinberger_ | kein Verfahren | kein Verfahren | + | willkürl. Erschießung | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 5 | 30. III. 19 | Eglhofer, | Josef Seidl, | + | _F. K. v. Teuchert_ | Fritz Seidel | Kammerstädter, | + | _F. W. v. Seydlitz_ | Eglhofer will- | Schickelhofer, | + | _F. Linnenbrügger_ | kürlich | Kick, Gsell, | + | _Walter Hindorf_ | erschl. | Hannes, Huber, | + | _Prof. Ernst Berger_ | Fritz Seidel | Hesselmann, | + | _Sekr. Daumenlang_ | z. Tode | Lermer, Wiedl, | + | _Hella v. Westarp_ | verurteilt | Fehmer, Pürzer, | + | _W. Neuhaus_ | | Riedmayer | + | _W. Deicke_ +----------------+ | + | _Prinz Thurn u. | Josef Seidl, Schickelhofer, | + | Taxis_ | Kammerstädter, Wiedl, Pürzer, | + | als Repress. | Fehmer, Walleshauser z. Td. | + | willkürl. erschossen | verurteilt | + | | Kick, Gsell, Hesselmann, Lermer, | + | | Hannes, Huber, Riedmayer, Debus, | + | | Strelenko und Greiner zu je 15 | + | | Jahre Zuchth. | + | | Rotter 7 J. Z. | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 15 | 25. IV. 19 | Rich. Käs, Gg. | Blechinger, | + | _Ernst Lacher_ | Graf, Radl | Ebert, Essig, | + | angebliches | Käs 6 J. | Vogl, | + | Standrecht | Zuchth. | Mühlbauer, | + | | Graf 12 Jahre | Anzenberger | + | | Zuchth., Radl | Vogl 4 J. | + | | stdrechtl. | Zuchthaus, | + | | ersch. | Mühlbauer 3-1/2 | + | | | J. Zuchthaus | + | +----------------+ | + | | Anzenberger 1 J. 6 Mon. Gef. | + | | Ebert, Blechinger, Essig je 3 | + | | J. Gefängnis | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 16 | 2. VIII. 19 | Polizeiagent | unbekannt | + | _Polizeiag. Blau_ | Toifl? | (Hoppe) | + | erdrosselt | kein Verfahren | Hoppe 6 J. Z. | + | | | Winkler 3 J. G. | + | | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 17 | 19.III. 20 | unbekannt | unbekannt | + | _Gutsbesitz. Walter_ | Verf. eingest. | Verf. eingest. | + | willkürl. Erschießung | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 18 | 21. III. 20 | -- | Felix, Rolle, | + | _Gutsbesitz. Henze | -- | Steinbach | + | u. Schwester_ | | Felix 5 J. | + | willkürl. Erschießung | | Gef., Rolle und | + | | | Steinbach 12 | + | | | Jahre Zuchthaus | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 20 | 28. III. 20 | G. Karuseit | unbekannt | + | _Sametz_ | Verf. schwebt | Verf. schwebt | + | angebl. | | | + | Standrecht | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 21 | 3. IV. 20 | unbekannt | unbekannt | + | _E. Langensiepen_ | Verf. schwebt | Verf. schwebt | + | angebl. | | | + | Standrecht | | | + ----+-----------------------+----------------+-----------------+ + 22 | 30. III. 21 | Max Hölz | unbekannt | + | _Gutsbesitzer Heß_ | Lebensl. | -- | + | willkürl. Erschießung | Zuchth. | | + ================================================================ + =Gesamtzahl: 22 Morde von links= + ================================================================ + =Gesamtsühne: 10 Erschießungen, 248 Jahre, 9 Monate + Einsperrung, 3 lebenslängliche Zuchthausstrafen= + ================================================================ + +DIE FORMEN DER POLITISCHEN MORDE + + ===================================================== + »Tödlich verunglückt« | 184 | Als Repressalie | 10 | + | | erschossen + ----------------------+-----+-----------------+-----+ + Willkürlich | 73 | Willkürlich | 8 | + erschossen | | erschossen | | + ----------------------+-----+-----------------+-----+ + »Auf der Flucht | 45 | | + erschossen« | | | + ----------------------+-----+-----------------+-----+ + Angebliches | 37 | Angebliches | 3 | + Standrecht | | Standrecht | | + ----------------------+-----+-----------------+-----+ + Angebliche | 9 | Angebliche | 1 | + Notwehr | | Notwehr | | + ----------------------+-----+-----------------+-----+ + Im Gefängnis oder | 5 | | + Transport gelyncht | | | + ----------------------+-----+ | + Angeblicher | 1 | | + Selbstmord | | | + ===================================================== + Summe der von | 354 | Summe der von | 22 | + Rechtsstehenden | | Linksstehenden | | + Ermordeten | | Ermordeten | | + ===================================================== + +DIE SÜHNE DER POLITISCHEN MORDE + + =========================================================== + | Politische Morde | Gesamtzahl | + +============================================+======+ + + | begangen | von | von | | + | | Linksstehenden | Rechtsstehenden | | + +================+-----+ | +-----+ | + | Gesamtzahl der Morde | 22 | 354 | 376 | + +----------------------+----------+-----------+-----------+ + | davon ungesühnt | 4 | 326 | 330 | + +----------------------+----------+-----------+-----------+ + | teilweise gesühnt | 1 | 27 | 28 | + +----------------------+----------+-----------+-----------+ + | gesühnt | 17 | 1 | 18 | + +----------------------+----------+-----------+ | + | Zahl der | 38 | 24 | | + | Verurteilungen | | | | + +----------------------+----------+-----------+ | + | Geständige Täter | -- | 23 | | + | freigesprochen | | | | + +----------------------+----------+-----------+ | + | Geständige Täter | -- | 3 | | + | befördert | | | | + +----------------------+----------+-----------+ | + | Dauer der | 15 Jahre | 4 Monate | | + | Einsperrung | | | | + | pro Mord | | | | + +----------------------+----------+-----------+ | + | Zahl der | 10 | -- | | + | Hinrichtungen | | | | + +----------------------+----------+-----------+ | + | Geldstrafe | -- | 2 Papier- | | + | pro Mord | | mark | | + =========================================================== + + + + +NICHT AUFGENOMMENE TÖTUNGEN + + +Wie bereits in der Einleitung hervorgehoben, macht die vorliegende +Sammlung keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Zunächst habe ich +natürlich alle Körperverletzungen weggelassen, die nicht tödlich +ausgingen, wie z. B. den Ueberfall auf _von Gerlach_, Dr. Magnus +_Hirschfeld_, die Attentate auf den Abgeordneten _Auer_, auf +_Scheidemann_, _Harden_ usw., bei denen der Mordversuch offenkundig war. + +Ferner habe ich in die Sammlung nicht aufgenommen: + +1. Die Opfer von Demonstrationen, Straßenkämpfen und von Lynchungen +durch eine erregte Menge, wie sie vielfach z. B. während der Märzunruhen +in Berlin, während des Kapp-Putsches und im Rheinland vorgekommen sind. +Während des Kapp-Putsches wurden Hunderte von Arbeitern durch die +meuternden Truppen und auch manche Soldaten durch Arbeiter erschossen. +So fiel z. B. Hauptmann _Bertold_ im Straßenkampf gegen die Arbeiter von +Harburg. Von anderen Opfern von Unruhen seien kurz erwähnt: die 20 in +Königshütte am 2. Januar 1919 erschossenen streikenden Arbeiter, die 5 +durch die Garde-Kav.-Schützendivision in der Weinmeisterstraße im +Februar 1919 Erschossenen, die 34 in der Köpenicker Straße in Berlin im +März 1919 erschossenen Kommunisten, die 5 Reichswehrsoldaten, die durch +die Baltikumer in Soest im Juni 1920 erschossen wurden. Zuletzt die 2 +durch die auf Borkum stationierte Küstenwehr am 31. Dezember 1920 +Erschossenen. Von der linken Seite stehen dem u. a. eine Reihe von +Lynchungen gegenüber, die durch eine erregte Menge vorgenommen wurden, +z. B. der Fall des sächsischen Kriegsministers _Neuring_ und des +Oberstleutnants _v. Klüber_ in Halle, die Fälle am Wasserturm in Essen, +am Rathaus in Schöneberg usw. + +2. Alle Fälle, wo die erschießende Partei behauptet, daß sie von der +Menge angegriffen wurde, gleichgültig, ob dies nachweisbar ist oder +nicht. Daher habe ich nicht behandelt: die Erschießung von 17 +Arbeitslosen in Breslau am 13. Februar 1919, die Erschießung des +Arbeiters Hermann _Mark_ in der Müllerstraße in Berlin am 3. Oktober +1919, die Erschießung eines Kriegsbeschädigten in Spandau am 12. +Dezember 1919, die Erschießungen von 42 Demonstranten vor dem Reichstag +am 13. Januar 1920, die Erschießung des Arbeiters _Jusselbeck_ bei einer +Versammlung in Oberhausen am 16. Februar 1920. + +3. Alle Ermordungen, denen keine deutschen innerpolitischen Motive +zugrunde liegen, also alle Erschießungen in Oberschlesien, ferner die +Ermordung des französischen Sergeanten _Mannheim_, die Ermordung eines +polnischen Kommunisten _Körner_ (Rozenblum) durch einen anderen Polen in +der Petersburgerstraße in Berlin, und von verschiedenen Türken durch +Armenier. Endlich alle Fälle, wo es sich wahrscheinlich um einen +persönlichen Racheakt handelte, wie die Ermordung des Abgeordneten +_Haase_ durch _Voß_ und die Ermordung des Studenten _Kahn_ in +Baden-Baden. + +4. Alle Fälle, wo die Erschießung auf Grund eines kriegsgerichtlichen +Urteils erfolgte, weil hierbei meistens wenigstens das formale Recht +gewahrt blieb. Daher ist die Erschießung von _Leviné_ nicht aufgenommen. +Dagegen habe ich die Erschießungen in Köpenick gebracht, da es sich hier +meines Erachtens um Justizmorde handelt. Natürlich habe ich auch +diejenigen Fälle erwähnt, wo »standrechtliche Erschießungen« durch +meuternde Truppen auf Grund der Verordnungen Kapps vorgenommen wurden. + +5. Alle Fälle, in denen es mir nicht gelungen ist, genügend Material zu +bekommen. Hierunter fällt die Erschießung eines Sanitäters Hans _Müller_ +in der Neuenburger Straße in Berlin am 11. Januar 1919, die Erschießung +von _Pieser_ in Spandau am 11. Januar 1919, des Kommunisten _Meseberg_ +in Halle am 24. März 1919, die Erschießung des Arbeiters _Pludra_ im +März 1919 in Halle a. S. durch den Freiwilligen Hans _Haneling_ auf +Befehl des Oberleutnants _Kornalewski_ (Feld-Art.-Reg. 45) und des +Führers der 2. Streifkompagnie des Freikorps Halle _Huberti_ alias +_Roth_, ungefähr 50 willkürliche Erschießungen während der Märzunruhen +in Berlin, z. B. die des Soldaten _Neese_ am 12. März 1919, die +Erschießung des Willi _Bressert_ in Kottbus am 2. August 1919, die +Erschießung des Kommunisten _Hammer_ in Remscheid im September 1919, die +Erschießung des 20 jährigen August _Kluwig_ durch den Vizefeldwebel +_Moeßmann_ (6. Kompagnie des Freikorps Schütz) bei Hamborn im März 1920, +die Erschießung des 19 jährigen Wilhelm _Bölke_ in Adlershof am 19. März +1920, die Erschießung der Arbeiter Paul _Reinke_ und Emil _Dagner_ am +22. März 1920 auf Befehl des Major _Kloß_ durch den Leutnant _Schefler_ +in Wesel, die Ermordung von Arbeitern durch Reichswehrsoldaten in +Schallenberg und Tunzenhausen im März 1920, die Erschießung eines +Arbeiters in Parin bei Grevesmühlen am 20. März 1920 auf Befehl des +Wirtschafters des Gutes Oberhof, eine Reihe von Ermordungen von Bürgern +bei Halle im März 1920, nämlich des Bergrats Dr. _Vogelsang_ in Eisleben +am 16. März, des Bürgermeisters von Osterfeld, des Rittergutsbesitzers +_Barth_ in Poserna, des Pastors _Niehus_ in Burg Liebenau am 20. März, +des Landesjägers _Herr_ in Teutschenthal, des Schriftstellers _Schott_ +in Langenberg-Reuß, des Freiherrn _von Knigge_ in Endorf, die Ermordung +des Bürgermeisters _Jaeckel_ in Osterfeld durch Kommunisten, die +Erschießung des bolschewistischen Kuriers Paul _de Mott_ am 5. April +1920 im Gefängnis Wesel durch den ihn bewachenden Gefreiten +_Getischorek_ »auf der Flucht« und die Ermordung des Arbeiters Karl +_Schluck_ am 15. April 1920 in Altenbochum durch Angehörige des +Freikorps Epp; ferner die Erschießung des Arbeiters Otto _Haase_ am 9. +Juni 1921 in Berlin. + +Selbst nach dieser scharfen Auswahl sind noch die geschilderten Fälle +übrig geblieben. + + + + +ZUR SOZIOLOGIE DER + +POLITISCHEN MORDE + +DAS WERDEN DER DEUTSCHEN ÖFFENTLICHEN MEINUNG + + +Wenn man sich die oben geschilderten Morde und die noch schrecklichere +Klassenjustiz ins Gedächtnis ruft, so drängt sich die Frage auf: Wie +sind solche Dinge in einem früher so geordneten Land möglich, das sicher +zu den führenden Kulturnationen unserer Zeit gehört und das nach seiner +Verfassung eine freiheitliche, demokratische Republik ist? + +Um dies zu untersuchen, müssen wir die historische Bedingtheit, das +Werden dieses heutigen Geistes verfolgen. Drei Phasen sind dabei zu +unterscheiden: Die Entwicklung vor dem Krieg, die während des Krieges +und die nach dem 9. November 1918. + +Schon vor dem Kriege hat Deutschland, wenn auch nicht ganz mit Recht, +den Ruf besessen, ein militärisches, d. h. halb feudalistisches Land zu +sein, das gegenüber den westlichen Demokratien im Rückstand sei. Dieser +Auffassung widersprechen die sozialen Einrichtungen Deutschlands und die +außerordentlichen Leistungen seiner Wissenschaft und Technik. Begründet +ist diese Auffassung zunächst durch den überwiegenden Einfluß des +Militärs auf Staat und Gesellschaft, dann aber auch durch die +grundsätzlich negierende Stellung, die Deutschland gegenüber den Haager +Konferenzen eingenommen hat. Es bleibe unerörtert, inwieweit diese +Versuche einer Pazifizierung der Welt tatsächlich möglich und +aussichtsreich waren. Worauf es ankommt, ist, daß durch diese Haltung +die Meinung entstanden ist, daß Deutschland ein militaristisches Land +sei. Diese Weltauffassung hat auch in der Tat die Außenpolitik in +wichtigen Momenten, z. B. in der Frage der Schiedsgerichtsbarkeit +entscheidend beherrscht. + + +Drei Ursachen des Militarismus + +Als Hauptursachen dieser Einstellung wird man in Kürze folgendes +anführen können. + +(a) Die Entstehung Preußens auf einem Kolonialgebiet, wo eine +ursprünglich dünne deutsche Oberschicht eine breite slavische +Unterschicht beherrschte, und die ungünstige Lage Deutschlands machten +früher einen großen militärischen Aufwand nötig. Schon zur +Rechtfertigung seiner eigenen Existenz mußte dann das Militär die +Möglichkeit der Erhaltung des Friedens auf einem andern Wege als dem +der Rüstung auch in Zeiten leugnen, wo dieser Weg nicht mehr +wirkungsvoll, sondern umgekehrt sogar schädlich war. + +(b) Gerade die relative Neuheit des deutschen Einheitsstaates, der ganz +zu Unrecht als eine Erfüllung der demokratischen Träume der 48er +hingestellt wurde, unterstützte die Wirksamkeit dieser Ideologie. Die +bürgerliche Revolution von 48 hatte den nationalen Gedanken betont, +nicht im Sinne des heutigen Imperialismus, sondern als ein +freiheitliches Gegengewicht gegen die herrschende dynastische +Staatsauffassung. Das Volk und nicht die Fürsten sollten es sein, worauf +sich der Staat aufbaue. Den nationalen Gedanken, der ohne seinen +sozialen Inhalt nur eine leere Form blieb, übernahm Bismarck als ein +Mittel zur Machtvergrößerung der Dynastie Hohenzollern und so konnte die +Fiktion entstehen, das Reich von 1870 sei eine Fortsetzung der +revolutionären, demokratischen Tendenzen von 1848. Blut und Eisen hätten +das von oben verwirklicht, was das revolutionäre Bürgertum von unten +nicht hatte vollenden können. So wird der Militarismus künstlich mit +einem idealen Schimmer umkleidet. + +(c) Der große wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands nach 1870 wurde +nicht als eine Folge des Fallens der inneren Zollschranken und der +gleichzeitig überall steigenden Konjunktur, sondern als eine Folge des +militärischen Sieges aufgefaßt. Daher bleiben die Offiziere, die +»Begründer der deutschen Größe«, auch im Frieden die gesellschaftlich +maßgebende Schicht. Ein Staat aber, in dem das Militär, sei es direkt, +sei es durch das Reserveoffiziersunwesen, herrscht, muß seiner Natur +nach kriegerisch auftreten. + +Wir sehen also, daß das Bürgertum in Deutschland, das als Träger einer +Demokratie in Betracht kam, selbst seinen Feind, den Militarismus +stützte. + + +Zur Kriegsschuld + +Die Auffassung aber, wonach Deutschland während langer Jahre nur davon +geträumt habe, über die übrige, »demokratisch und friedlich gesinnte +Welt« herzufallen, um sie zu erobern, ist falsch. Will man von einer +deutschen Schuld sprechen, so müßte man folgende drei Gesichtspunkte +unterscheiden: (a) Die Schuld des herrschenden Wirtschaftssystems +überhaupt, das den Krieg und seine Vorbereitung zu einem für gewisse +besitzende Klassen lohnenden Geschäft macht. Der Anteil Deutschlands +hieran bestand z. B. in dem Ausbau des Dumping-Systems, der unsinnigen +Marokko-Politik usw.; (b) die Schuld der deutschen Diplomaten, die im +unbedingten Glauben an Blut und Eisen in den Julitagen von 1914 alle +friedlichen Mittel solange verwarfen, bis sie den Krieg unvermeidbar +gemacht haben; (c) eine Schuld des ganzen deutschen Volkes, das den +Krieg als etwas Herrliches, Begeisterungswürdiges empfand. + +Wenn ganz Deutschland den Krieg ursprünglich unbedingt bejahte, so darf +man auch hierin nicht einen Beweis des militärischen Eroberungswillens +sehen. Der Glauben, von Rußland überfallen zu sein und die Meinung, +tatsächlich die europäische Kultur gegen die Barbarei verteidigen zu +müssen, war allgemein verbreitet. Der Krieg gegen Frankreich wurde mit +der bekannten Lüge der Fliegerbombe von Nürnberg begründet, die +allgemein geglaubt wurde. Der Ueberfall auf Belgien schien nur die +berechtigte Abwehr gegenüber einem angeblichen früheren Einmarsch der +Franzosen. + + +Die Lügentechnik der Presse + +Die unorganisierte Verbreitung von Lügen wich bald einer systematischen +Irreführung der öffentlichen Meinung. + +Die Mittel hierzu waren Zensur, Belagerungszustand und Schutzhaft. +Offiziell erstreckte sich die Zensur nur auf militärische +Angelegenheiten. Daher hat man alles Politische als militärisch +betrachtet. Beinahe täglich wurden den Redaktionen Richtlinien, Befehle +oder Verbote zugesandt. Mehrmals wöchentlich wurde eine +»Pressekonferenz« gehalten, um die »richtigen« Nachrichten zu lancieren +und um zu verhindern, daß sich eine selbständige öffentliche Meinung +bildete. Der Sinn der Anweisungen war stets: »So und so verhält es sich, +aber so und so wünschen wir es dargestellt« (manchmal hieß es sogar +wörtlich so). Sorgfältig wurde verhüllt, daß es überhaupt eine Zensur +gebe. Hierzu diente auch das Verbot, von der Zensur gestrichene Stellen +weiß zu lassen, was in allen anderen Ländern erlaubt war. Wurden im +Reichstag Uebergriffe von Zensoren erörtert, so strich der betreffende +Zensor in lokalen Berichten die ganzen Mitteilungen darüber (Reichstag +30. Mai 1916). Jahrelang hat man jede Theateraufführung, jede +wissenschaftliche und künstlerische Bemerkung, jede Annonce, ja jedes +Witzblatt sorgfältig darauf geprüft, wie sie auf die Stimmung des Volkes +wirken. Jahrelang hat man verboten, gewisse unliebsame Ereignisse und +die Namen gewisser unbeliebter Persönlichkeiten überhaupt nur zu +erwähnen, sodaß das Volk nicht einmal erfuhr, daß es Menschen gab, die +protestierten. Umgekehrt hat man gewisse Halbgötter für sakrosankt +erklärt. Die oberste Heeresleitung, eine durch und durch politische +Organisation, durfte nicht in den Bereich der Diskussion gezogen werden. + +Auch über die Meinungen der Presse wurde das Volk völlig irregeführt. +Man zwang die gesamte Presse, Regierungsmeinungen als redaktionelle +Aeußerungen einzusetzen, ohne daß die Presse die Möglichkeit irgend +welcher Kritik hatte. + +Beim Ueberschreiten auch nur einer der vielen Zensurbestimmungen drohte +den Zeitungen Verbot auf Tage, Wochen oder bis zum Kriegsende, den +Redakteuren die schärfsten Strafen. (Reichstag, 28. Oktober 1916.) War +ein Blatt mit all diesen Mitteln noch nicht klein zu kriegen, so kam es +unter Vorzensur. Die Zensurbeschwerden mit allem, was dazu gehört, wie +Belagerungszustand und Schutzhaft, füllen Tausende von Seiten der +Reichstagsberichte. Zur Zensur kamen dann noch die vielen kleinen +Mittel, die der Regierung zur Verfügung stehen. Regierungstreue Organe +wurden bei der Papierverteilung besonders berücksichtigt, die Redakteure +der oppositionellen Blätter eingezogen. Neue oppositionelle Blätter +durften nicht erscheinen. Man gründete Korrespondenzen, die umsonst +abgedruckt werden durften (z. B. deutsche Kriegsnachrichten) und hatte +so eine regierungstreue Provinzpresse. + + +Die Knebelung der öffentlichen Meinung + +Abgesehen von der Presse hat man zur vaterländischen Lügenpropaganda das +Theater, das Kino, das Plakat, das Trambahnbillett, die +Zündholzschachtel, selbst das Abortpapier herangezogen. Mit allen +Mitteln wurde die öffentliche Meinung unterdrückt. + +Durch Schreibverbot, Schutzhaft, Einziehung zum Militär und Hilfsdienst, +Redeverbot, Zwangsaufenthalt, geheime Brief- und Telephonzensur hat man +unbequeme Leute mundtot gemacht. Ohne Möglichkeit einer Rechtfertigung +saßen Tausende in Schutzhaft. Ein dichtes Netz von Spitzeln und Agents +provocateurs umgab jedes politische Leben (Reichstag, 31. Oktober 1916). +Durch Versammlungsverbote verhinderte man, daß der Volkswille +manifestiert wurde. Unbeliebte Reichstagsabgeordnete durften nicht zu +ihren Wählern sprechen. Gleichzeitig wurde den dadurch Betroffenen +untersagt, das Verbot bekanntzugeben, sodaß es aussehen mußte, als wenn +sie sich zu anderen Ansichten bekehrt hatten. Wurde eine Schrift +beschlagnahmt oder eine Organisation aufgelöst, so wurde gleichzeitig +jede Mitteilung hierüber verboten. Nicht nur gegen Einzelne ist man so +vorgegangen, dem ganzen Elsaß-Lothringischen Landtag ist verboten +worden, über die Lebensfrage des Landes zu sprechen, nämlich über seine +künftige verfassungsmäßige Stellung (Reichstag, 6. und 26. Juni 1918). + +Systematisch wurde die Denunziation gezüchtet. Der tapfere Leiter dieses +Reichskrieges war der Polizeidirektor Henniger von der Abteilung Ia des +Polizeipräsidiums. (Am 9. November entflohen, jetzt wieder im Amt.) Den +Denkwilligen entzog man jedes Tatsachenmaterial. Geburt und Grab, +Unglücksfälle und Verbrechen, Streiks, Volkskundgebungen, alles hat man +unterschlagen. Nicht bekannt werden durfte z. B. die Zahl der im Kriege +oder in der Heimat Gestorbenen, die Zahl des Geburtenrückganges, die +exakten Zahlen der Ernte. Manche vollständigen Reichstagsstenogramme +mußten illegal erscheinen; Mitteilungen des Gesundheitsamtes, selbst +Artikel des Kriegsernährungsamtes wurden von der Zensur verboten. Auch +dem Reichstag und selbst Regierungsstellen war keine Möglichkeit +gegeben, sich wahrheitsgemäß zu unterrichten. So war das deutsche Volk +völlig desorientiert und stand hilflos den Lügen gegenüber, die ihm Tag +für Tag von der Regierung und der kriegshetzerisch feilen Presse geboten +wurden. + + +Die Revolution + +Die Deutsche Republik ist, wie man weiß, nicht das Resultat des +Aufstrebens der deutschen Bürger, sondern die Folge der Niederlage +seiner Generale. Vor der Verantwortung retteten sie sich. Auf ihren +Wunsch wurde eine neue fortschrittliche Regierung gegründet, deren Zweck +nur sein sollte, sofort einen günstigen Waffenstillstand herbeizuführen. +Rein militärische Gründe waren es, die zu diesem Schritt zwangen. Das +deutsche Heer stand vor der größten Niederlage aller Zeiten. »Das +Friedensangebot muß morgen noch herauskommen. Heute hielt die Truppe +noch, was morgen ist, läßt sich nicht voraussagen«, so schreibt +Ludendorff selbst. (Vorgeschichte des Waffenstillstands, Tel. Nr. 21.) +Und Hindenburg telegraphiert an die Waffenstillstandskommission, wenn +keine Milderungen zu erreichen sind, sind die Bedingungen anzunehmen. +Ueber Nacht entstehen im Heer die Soldatenräte, die Arbeitermassen +zwingen die Herrscher zur Abdankung. + +Aber diese Revolution entspricht nicht dem üblichen Bild. Die +wesentliche psychologische Ursache, die jahrelange Unzufriedenheit der +Masse fehlte. Bis 1914 herrschte im allgemeinen Zufriedenheit. Das +Standard of Life war gestiegen, das Land befand sich auf einer +aufsteigenden Linie. Als die deutsche Politik Schiffbruch erlitt, folgte +nicht ein Umsturz, sondern nur ein Einsturz, und da die Dynastien sich +mit dem Militarismus identifiziert hatten, so schickte man sie zum +Teufel. + +Große Hoffnung bestand, daß dies der Ausgangspunkt einer demokratischen +Entwicklung werden könne, daß ein Erwachen aus dem Bann der Lügen +stattfinden würde. + + +Weimarer Verfassung und Wirklichkeit + +Formal hat sich in Deutschland wirklich etwas geändert. Denn seit der +Weimarer Verfassung ist Deutschland nominell eine Demokratie. Danach +geht die Staatsgewalt vom Volk aus. Die Richter sind unabhängig und nur +dem Gesetz unterworfen. _Ausnahmegerichte sind unstatthaft_, niemand +darf seinem gesetzmäßigen Richter entzogen werden. Die +Militärgerichtsbarkeit ist aufgehoben. Alle Deutschen sind vor dem +Gericht gleich. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. Personen, +denen die Freiheit entzogen ist, sind spätestens am darauffolgenden Tage +davon in Kenntnis zu setzen, von welcher Behörde und aus welchem Grunde +die Entziehung der Freiheit angeordnet ist. Das Brief-, Telegraph- und +Fernsprechgeheimnis ist unverletzlich. Eine Zensur findet nicht statt. +In allen Schulen ist sittliche Bildung, staatsbürgerliche Gesinnung, +persönliche und berufliche Tüchtigkeit im Geiste des deutschen Volkstums +und der Völkerversöhnung zu erstreben. + +Wer diese herrlichen Bestimmungen, wie sie in der Weimarer Verfassung +niedergelegt sind, liest, wird schwerlich daran zweifeln können, daß +Deutschland eine vollendete Demokratie sei. + +Aber es ist eine bekannte Tatsache, daß es leider unmöglich ist, aus dem +Wortlaut einer Verfassung auf den Grad der Demokratie zu schließen, den +ein Land hat. Wenn man z. B. nach den Pronunziamentos mancher Generale +schließen wollte, wären sie wahre Engel und würden allen Menschen die +Segnungen des Paradieses bieten. Dem ist nicht so. Man muß vielmehr noch +die Ausführungsbestimmungen, die weiteren Gesetze, die Rechte der +Polizei, den Geist der Verwaltung und vor allem den geistigen Zustand +eines Landes berücksichtigen, um unsere Frage zu entscheiden. Hier +bekommen wir nun sofort ein anderes Bild. + +Die Leute des Ancien Régime werden in Deutschland noch immer hoch +verehrt. Der Kaiser gilt als eine mystische Persönlichkeit, ja es konnte +sogar in den extremen rechten Kreisen eine Christuslegende entstehen, +wonach Wilhelm die Sünden seines Volkes auf sich genommen und durch +seine freiwillige Verbannung sich für Deutschland geopfert habe. +Entsprechend werden auch die Angehörigen seines Hauses, selbst wenn sie +sich gemeiner Verbrechen schuldig gemacht haben, noch immer hoch +verehrt. Ein Hohenzoller hat sich Verfehlungen gegen den § 175 +(Homosexualität) zuschulden kommen lassen, ein anderer hat sich in eine +Wirtshausrauferei eingelassen, ein dritter ist wegen +Kapitalsverschiebungen rechtskräftig verurteilt worden. Weite Kreise des +Volkes sehen in ihnen doch noch immer Menschen höheren Schlages. + +Die Republik ist unerhört demokratisch -- gegen ihre Feinde. Während die +Hohenzollern 1866 nicht daran dachten, dem von ihnen gestürzten König +und den Fürsten einen Pfennig Entschädigung zu zahlen und sie sogar ohne +weiteres ihres Landes verwiesen, hat die Republik den Hohenzollern ihr +ganzes Eigentum gelassen. Ja, auch wo es strittig war, ob es sich um +Staatsgut oder Privatgut der Hohenzollern handelte, hat man ihnen nicht +einen Pfennig genommen. Im Gegenteil, Jahr um Jahr schickte der gute +deutsche Steuerzahler Millionen nach Amerongen, damit sein Kaiser in der +Verbannung würdig lebe und damit ihm nicht die Möglichkeit genommen sei, +die Kräfte zu sammeln, um die Republik zu stürzen. Kein einziger +Thronprätendent ist des Landes verwiesen worden. Die Behörden haben die +Bezeichnung »Königlich« und »Kaiserlich« nur zum Teil gestrichen. Z. B. +steht selbst in dem Haus, wo der württembergische Staatspräsident wohnt, +noch unangefochten ein Schild, wonach dieses Haus das »Königliche +Ministerium des Aeußeren« sei. Auch die Berliner Akademie der +Wissenschaften nennt sich noch immer königlich. + +Um diese Mentalität zu verstehen, muß man folgendes beachten. + + +Tatsachen und Ueberzeugungen + +Es ist sehr selten, daß die Menschen sich durch die Tatsachen wirklich +überzeugen lassen. Meistens ziehen sie vor, besonders, wenn wie hier, +die mächtigen mit dem Militär verschwägerten Interessen des +Großkapitals hinter der Bildung der öffentlichen Meinung durch die +Zeitung stehen, aus der rauhen Wirklichkeit ins süße Reich der Märchen +zu flüchten. Denn es ist bitter, langjährige Ueberzeugungen zu opfern. +Daher wird zur Erhaltung des Prestiges noch heute geleugnet, daß +Deutschlands Militärmacht an der vereinigten Militärmacht der ganzen +Welt gescheitert ist. Vielmehr: »die Heimat hat die Front von hinten +erdolcht«, sozusagen, das Volk hat die Generale verraten. Damit ist die +nationale Eitelkeit der Unüberwindbarkeit gerettet, die ganze Politik +der letzten 50 Jahre gerechtfertigt. Endlich ist ein Prügelknabe +gefunden; die Zurückgebliebenen, die Drückeberger, die Juden sind an +allem Schuld. + +Daß von Regierungsseite das Volk nicht aufgeklärt wurde, liegt daran, +daß die Regierung in ihrem zum Teil von ihr provozierten Kampf gegen die +bolschewistische Linke die rechtsstehenden »Ordnungsleute«, auf die sie +sich stützte, nicht allzusehr verschnupfen wollte. In ihrer +Machtlosigkeit und verhängnisvollen Kurzsichtigkeit hat die Regierung +sogar die Möglichkeit eines Militärputsches geleugnet, ihre eigenen +Gegner bewaffnet, die Arbeiterschaft, auf die sie sich stützen konnte, +entwaffnet. Der Kapp-Putsch scheiterte nicht etwa an der Abwehr der +besitzenden und intellektuellen Klassen -- diese haben im Gegenteil ihn +jubelnd begrüßt -- vielmehr an der entschlossenen Abwehr des +Proletariats und an seiner mangelhaften politischen und technischen +Ausbildung. + +Die wirtschaftlichen Ursachen dieser psychischen Einstellung liegen auf +der Hand. Das deutsche Bürgertum hat eine Zeitlang, ob mit Recht oder +Unrecht spielt keine Rolle, die heute herrschende Wirtschaftsordnung, +auf der seine Existenz beruht, für bedroht gehalten. In dieser Situation +pflegt eine herrschende Klasse stets rücksichtslos ihre Prinzipien über +Bord zu werfen, soweit sie sie in ihrem Kampfe hindern, nur um ihre +Existenz zu retten. Auch die dritte französische Republik hat zu ihrem +Beginn im Kampfe gegen den Kommunismus nach rein militaristischen +Motiven gehandelt. Der Sturz der Kommune hat Tausenden das Leben +gekostet, die Kommune selbst nur wenigen. Aehnlich schrecken die +herrschenden Klassen Deutschlands wegen des ihrer Meinung nach noch +immer drohenden Bürgerkriegs vor keiner Verletzung der demokratischen +Prinzipien, ihrer eignen Grundlage zurück. + + +Der Frieden von Versailles + +Eine wesentliche Ursache an diesen Zuständen ist auch die +imperialistische Politik der Entente. Dem besiegten kaiserlichen +Deutschland des 5. Oktober stellte die Entente mit Recht die denkbar +schärfsten Waffenstillstandsbedingungen. Aber auch nach der Revolution +hat die Entente die ursprünglichen Bedingungen aufrecht erhalten, ja sie +noch verschärft. Dies war für eine mögliche deutsche Revolution ein +schwerer Schlag. Denn es war die Hoffnung aller geistig Selbständigen +in Deutschland, die Entente werde beim Sieg ihr Wort wahr machen, dieser +Krieg gelte nicht dem deutschen Volke, er gelte nur einem innerlich +zermürbten Feudalismus, der den Frieden der Welt bedrohe. Die Mehrzahl +der Deutschen muß also der Opposition mißtrauen, die ihnen die Sache der +Entente als gerecht darstellte. Die Entente hat nichts getan, um die +ehrlichen Kämpfer auf der anderen Seite, wie Eisner, zu unterstützen. +Dadurch hat sie die Reaktion verstärkt und selbst dazu beigetragen, daß +nach der Revolution vielfach die alten Leute an der Spitze blieben. + +Auch nach dem Waffenstillstand hat die Entente ihre Politik, Unmögliches +zu fordern, fortgesetzt und damit dazu beigetragen, daß Deutschland +nicht bereit war, das Mögliche zu leisten. Denn diese Forderungen +rechtfertigen in den Augen der Deutschen wieder die Politik der alten +Regierung, und so treiben Verschärfungen der Ententebedingungen +einerseits, und Anwachsen eines neuen deutschen Chauvinismus +andrerseits, sich gegenseitig in die Höhe. + +Am stärksten hat der Friedensvertrag von Versailles den Nationalismus +wieder geweckt. Was man ihm vor allem vorwerfen muß, ist die Tatsache, +daß er ein Diktatfrieden ist, daß er Deutschland mehr schädigt, als er +der Entente nützt. Der Idee des verletzten Rechtes ist keineswegs Genüge +geleistet worden, indem Elsaß-Lothringen auf Grund des angeblichen +historischen Rechtes an Frankreich kam. Eine Volksabstimmung hätte den +lebendigen Willen der Bevölkerung ergeben und hätte gleichzeitig den +imperialistischen Schreiern in Deutschland den Mund gestopft. Posen und +Westpreußen sind ohne Abstimmung an Polen gekommen. Die Abstimmung in +Ostpreußen, wo die Verhältnisse ähnlich liegen wie in den beiden +Provinzen, ergab 95 Prozent für Deutschland. Danzig und Memel wurden +gegen ihren Willen von Deutschland abgetrennt. Eupen und Malmedy kamen +ohne Abstimmung an Belgien. Die Bevölkerung hatte ein Recht zum Protest, +das natürlich wegen der zu erwartenden Ausweisung von niemand ausgeübt +wurde. Deutsch-Oesterreich, das in Volksabstimmungen in überwältigender +Mehrheit den Anschluß an Deutschland forderte, wurde der Anschluß +verboten. Wegen Oberschlesien hat man sich drei Jahre lang nicht zu +einer definitiven Lösung entschließen können. Vielleicht wäre jede +Lösung besser gewesen, als das Hinziehen und Warten und die dadurch +entstandene Spannung. + +Endlich hat die Entente so ziemlich in allen Punkten nachgegeben, wo sie +nicht hätte nachgeben sollen und nicht nachgegeben in allen Punkten, wo +sie hätte nachgeben sollen. Als Beispiel diene die Auslieferungsfrage. +Die Entente hätte diese Forderung niemals stellen sollen. Wenn sie aber +schon gestellt war, so hätte sie auch durchgeführt werden müssen, da +sonst alle nationalen Instinkte erweckt wurden, ohne daß dem verletzten +Recht Genüge geworden ist. Auch in der Entwaffnungsfrage hätte die +Entente schärfer vorgehen dürfen. Dagegen hätte man die riesigen +Besatzungskosten weit besser zum Wiederaufbau Nordfrankreichs verwenden +können. In den wirtschaftlichen Forderungen hat die Entente Deutschland +sicher Unmögliches zugemutet, wie der katastrophale Sturz der Mark +bewiesen hat. Jede ungerechte oder unmögliche Belastung Deutschlands +stärkt aber den Nationalismus. + + +Ursachen der Ententehaltung + +Auf der Seite der Entente haben die großen wirtschaftlichen +Schwierigkeiten, unter denen sie (insbesondere Frankreich) zu leiden +hat, und die Furcht, ein wirkliches demokratisches Deutschland werde die +Opposition im eigenen Land zu sehr stärken, dazu beigetragen, den +Imperialisten den Sieg zu verschaffen. Die Entente selbst unterstützt +durch ihre Politik den deutschen Militarismus und dies aus dreierlei +Gründen. Zunächst (im Jahre 1919) aus Furcht vor dem angeblichen +Bolschewismus in Deutschland, zu dessen Bekämpfung ein Heer nötig sei. +Dann mag die bekannte Theorie vom europäischen Gleichgewicht in der +heutigen englischen Politik wieder eine Rolle spielen. Endlich aber +wissen die französischen Militärs genau, daß ihnen nur die Existenz des +preußischen Militarismus eine Lebensberechtigung gibt und sie hüten sich +natürlich davor, durch seine tatsächliche Vernichtung ihre eigene +Existenz zu untergraben. + +So sind denn die heutigen Zustände in Deutschland nicht die Folge +irgendeiner spezifisch deutschen Mentalität, sie sind zunächst +historisch bedingt. Und sie entstehen jeden Tag neu, einerseits durch +die Angst des deutschen Bürgertums um seine Existenz, andererseits durch +die Tatsache, daß das Verhalten der Entente gerade die Imperialisten in +Deutschland stützt. + + + + +BAYRISCHE RÄTEREPUBLIK UND KAPP-PUTSCH + + +Die bayrische Räterepublik + +Nach der Ermordung Eisners übernahm der bayrische Zentralrat die Macht +und erklärte am 7. April 1919 die Räterepublik. Während ihrer Dauer +wurden zwölf Menschen willkürlich umgebracht. Das Ministerium bildete +sich in Bamberg neu, sammelte Truppen und eroberte am 1. Mai München. +Dabei wurden 457 Menschen willkürlich umgebracht. (Vgl. Seite 113.) + +Zur Aburteilung der Räterepublikaner wurden Sondergerichte, die +sogenannten bayrischen Volksgerichte vom 12. Juli 1919 geschaffen. Diese +sind so ziemlich für alle politischen Delikte zuständig. Sie bedeuten +eine juristische Neuerung, da für Hoch- und Landesverrat das +Reichsgericht zuständig sein sollte. Obwohl das beschleunigte Verfahren +dieser Gerichte und das Fehlen der üblichen Rechtskautelen die Gefahren +eines Justizirrtums erheblich vergrößern, sind hier alle Rechtsmittel +ausgeschlossen. Gegen die Urteile dieser Gerichte gibt es weder Revision +noch Berufung, auch die Wiederaufnahme des Verfahrens findet nicht +statt. Ein Rechtsirrtum kann und soll also nicht wieder gut gemacht +werden. (Vgl. Felix Halle, Deutsche Sondergerichtsbarkeit, Berlin 1922.) +Nach einer amtlichen Auskunft des bayrischen Bevollmächtigten von +Nüßlein im Rechtsausschuß des Reichstags wurden wegen Beteiligung an der +Rätebewegung 2209 Personen verurteilt, davon 65 zu Zuchthaus, 1737 zu +Gefängnis, 407 zu Festung. (Kuttner, Warum versagt die Justiz, p. 61.) +Nach der bayrischen Staatszeitung vom 20. Februar 1920 waren bis zum 20. +Februar 1920 (also in einem halben Jahr) von den 25 Volksgerichten 5233 +Strafprozesse erledigt worden. So rasch arbeiten die bayrischen +Volksgerichte. Von den 12 Morden der Räterepublik wurden 11 gesühnt, die +wesentlichen Führer teils willkürlich, teils gesetzlich (Leviné) +getötet. + + +Der Kapp-Putsch + +Am 13. März 1920 eroberte _Kapp_ mit Baltikumern durch einen Handstreich +Berlin. + +Der einsetzende Generalstreik zwang ihn zum Rücktritt und zur Flucht. In +Abwehr des Kapp-Putsches wurden von links, abgesehen von den in +Straßenkämpfen und Tumulten Umgekommenen, nur zwei Menschen willkürlich +umgebracht. Im Verlauf des Putsches wurden von Rechts 74 Menschen +willkürlich umgebracht. Daß Kapp intellektueller Urheber der 74 +politischen Morde ist, ergibt sich aus folgender Verordnung (Nr. 19): + +»Die Rädelsführer, die sich der in der Verordnung zur Sicherung +volkswirtschaftlicher Betriebe und in der Verordnung zum Schutz des +Arbeitswesens unter Strafe gestellten Handlungen schuldig machen, +desgleichen die Streikposten, werden mit dem Tode bestraft. Diese +Verordnung tritt am 17. März 1920, 4 Uhr nachmittags, in Kraft. Der +Reichskanzler, gez. Kapp«. + +Ferner drahtete er an alle Truppenteile (vgl. Brammer: »Fünf Tage +Militärdiktatur«, S. 21): + +»Bitte allen Führern bekanntzugeben, daß ich jede entschlossene +Dienstauffassung, auch wenn sie im Zwange der Not gegen einzelne +bisherige Bestimmungen verstoßen sollte, persönlich decke. Es kommt mir +ganz besonders darauf an, daß jeder Deutsche und insbesondere jeder +militärische Führer künftig verantwortungsfreudig mehr leiste als der +tote Buchstabe seiner Pflicht bisher gebot.« + +Kapp flüchtete nach Schweden, stellte sich dann aber freiwillig, wurde +sofort wegen einer Operation von der Untersuchungshaft befreit und starb +am 13. Juni 1922 an einem Krebsleiden. Sein Rittergut war seinem Sohn +zur Bewirtschaftung übergeben worden, obwohl Kapps Vermögen angeblich +beschlagnahmt worden war. (Antwort des preußischen +Landwirtschaftsministers auf eine Anfrage, »Berliner Tageblatt«, 4. +Oktober 1921.) Frau Kapp bezieht von der Landschaft eine Rente. +(Preußischer Pressedienst, 12. Januar 1922.) + +Das Verfahren gegen _Lettow-Vorbeck_ wurde eingestellt. Als einziger +Kapp-Anhänger wurde v. _Jagow_ zu 5 Jahren Festung verurteilt. General +_Lüttwitz_ hat später sogar von der Regierung eine Pension gefordert. +Auf eine diesbezügliche Anfrage (Reichstag, 14. Februar 1922) hat die +Regierung erklärt, da die Akten noch nicht vorlägen, könne eine Antwort +nicht erteilt werden. + +Die Anhänger Kapps, die in höheren Posten der Verwaltung und des Heeres +standen, wurden darin belassen. Die meisten Führer des Kapp-Putsches +haben sich über ein Jahr in München und Umgebung aufgehalten. +(Reichskanzler Dr. Wirth, 15. September 1921.) + +Kapitän Ehrhardt wurde zuerst mit voller gesetzlicher Pension entlassen. +Man wagte nicht, gegen ihn vorzugehen. (Vgl. »Vossische Zeitung«, 23. +Oktober 1920.) Erst später wurde ein Haftbefehl gegen ihn wenigstens +offiziell erlassen. Während dieser Zeit konnte er noch mit dem Münchener +Polizeipräsidenten _Pöhner_ »wegen Unterbringung einzelner Gruppen +seiner Leute« verhandeln. (Staatssekretär Dr. Schweyer im bayrischen +Landtagsausschuß, 17. September 1921.) + +Seinen 3000 Soldaten von der Marinebrigade war für die Zeit des Putsches +eine tägliche Zulage von 7 M. und für den Sturz der Ebertregierung eine +Extrabelohnung von 50 M. von der Kappregierung versprochen worden. Die +Ebertregierung zahlte diese Summe von 16_000 Goldmark (nach dem +damaligen Stand berechnet) aus. (Vgl. Rudolf Mann, »Mit Ehrhardt durch +Deutschland«, Seite 168 und 206.) + +Keiner der durch Kapp verursachten Morde ist gesühnt. Gegen die +Kappanhänger wurde nicht wie gegen die Räterepublikaner eine +Sondergerichtsbarkeit ins Leben gerufen. Das zuständige ordentliche +Gericht, das Reichsgericht hat so langsam gearbeitet, daß infolge der +Amnestie die meisten Teilnehmer des Kapp-Putsches nicht einmal in +Untersuchung genommen wurden. + +Das größte Unrecht, das nach der Niederwerfung des Kapp-Putsches +geschehen ist, besteht in der Art der Durchführung der Amnestie. Sie +sollte nur die dummen Mitläufer von der Verantwortung befreien. Die +Führer, die Urheber, die Anstifter sollten nicht darunterfallen. Daher +wurde von den Gerichten, selbst bei den meisten Generalen und Ministern +die Führereigenschaft verneint. Bei den gleichzeitigen Ausschreitungen +der Arbeiterschaft dagegen wurde die Führereigenschaft selbst einfachen +Parteifunktionären zuerkannt, so daß man sie trotz der Amnestie +verurteilen konnte. + +Das Reichsgericht nimmt nur neun Führer an. Welche Heroen der Tatkraft +müssen sie gewesen sein, um allein fast ein ganzes Reich acht Tage lang +zu beherrschen! Von 775 beteiligten Offizieren ist keiner bestraft +worden. Sie waren alle keine Führer, nur Mitläufer. Keiner der Offiziere +hat Verantwortungsfreudigkeit genug gehabt, gegen diese Bezeichnung zu +protestieren. Keiner hat erklärt: Wenn man mir nachsagt, daß ich bei +einem so verantwortungsvollen Schritt, wie eine Rebellion, nur ein +Mitläufer war, wenn man von mir behauptet, daß ich eine solche Handlung +aus Blindheit mitmache, meine Pflicht nicht kenne, so leugnet man mein +Führertum, meine Offiziersqualifikation überhaupt. Ich stehe zu meiner +Tat. Ein einziger -- Zivilist -- hat es gewagt, so zu handeln -- nachdem +er im Ausland in Sicherheit war. Und als Kapp sich freiwillig stellte, +tat er es nur, weil er nach dem Vorgang des Jagowprozesses wußte, daß er +keine oder fast keine Strafe zu erwarten hatte. + +Eine weitere Ungerechtigkeit der damals gewährten Amnestie besteht +darin, daß sie sich nur auf die gegen _das Reich_ gerichteten +Unternehmen bezog. Dagegen galt die bayrische Räterepublik als ein nur +gegen Bayern gerichtetes Unternehmen, obwohl die Räterepublik die +Beziehungen zum Reich abgebrochen hatte und dem bayrischen Gesandten +Weisung gegeben hatte, seinen Posten zu verlassen. So wurden die +Räterepublikaner eingesperrt, die Kappanhänger amnestiert. + +Interessant ist übrigens, daß eine gelegentlich des Kapp-Putsches +herausgegebene Verordnung des Reichspräsidenten _Ebert_ vom 19. März +1920 »zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung«, +welche außerordentliche Kriegsgerichte einsetzte, sich nicht gegen Kapp +und seine Anhänger richtete, sondern gegen die bei der Niederwerfung des +Kapp-Putsches entstandenen kleineren Unruhen von Links. Obwohl der +Kapp-Putsch eine viel größere Ausdehnung besessen hatte, wurde gegen ihn +nicht mit Hilfe der Sondergerichtsbarkeit eingeschritten. (Vgl. Halle, +Sondergerichtsbarkeit.) + +Die folgenden Tabellen zeigen das Schicksal der Anhänger und Führer beim +Kapp-Putsch und bei der bayrischen Räterepublik. + +KAPPREGIERUNG + + ============================================================== + Lfd.| Name | Rang | Schicksal + Nr. | | | + ============================================================== + | | | + 1 | _Wolfgang Kapp_ | Reichskanzler | gestorben + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 2 | _Bang_ | Finanzminister | in Freiheit + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 3 | _Dr. Traub_ | Preuß. Kultusminister | amnestiert + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 4 | _Gottl. v. | Minister des Innern | 5 J. Festung + | Jagow_ | | + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 5 | _Zumbroich_ | Reichsjustizminister | in Freiheit + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 6 | _Trebitsch- | Oberzensor | im Ausland + | Lincoln_ | | + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 7 | _Dr. Schiele_ | Reichswirtschafts- | Verf. + | | minister | eingest. + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 8 | _Krämer_ | Preuß. | + | | Wirtschaftsminister | in Freiheit + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 9 | _v. Falken- | Chef der Reichs- | in Freiheit + | hausen_ | kanzlei | + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 10 | _Dr. Sönksen_ | Reichspostminister | in Freiheit + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 11 | _Frhr. v. | Preuß. | in Freiheit + | Wangenheim_ | Landwirtschafts- | + | | minister | + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 12 | _Eduard Meyer_ | Universitätsrektor | in Freiheit + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 13 | _Müller- | tätig in der | in Freiheit + | Lobwitz_ | Reichskanzlei | + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 14 | _Stubbendorf_ | tätig in der | in Freiheit + | | Reichskanzlei | + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 15 | _Dr. Bredereck_ | Pressechef | in Freiheit + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 16 | _W. Harnisch_ | Pressechef | in Freiheit + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 17 | _Dr. Grabowski_ | Propagandist | in Freiheit + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 18 | _Lensch_ | im Presseamt | in Freiheit + -----+-----------------+-----------------------+-------------- + 19 | _A. de la | im Presseamt | in Freiheit + | Croix_ | | + ============================================================== + Die strafgerichtliche Behandlung des Kapp-Putsches + + (Mitteilung des Reichsjustizminister an den Reichstag + vom 21. Mai 1921) + + Zahl der amtlich bekanntgewordenen Kapp- Verbrechensfälle 705 + + Davon: + Amnestiert 412 + Durch Tod und andere Gründe in Wegfall gekommen 109 + Verfahren eingestellt 176 + Noch nicht erledigt 7 + Bestraft 1 + + Schicksal von 775 Offizieren, die am Kapputsch beteiligt waren + (»Amtliche Ergebnisse des Ausschusses zur Prüfung des + Verhaltens der Offiziere während der Märzvorgänge«) + ============================================================== + Art | Zahl der | Zahl der | Gesamtzahl + der | Offiziere in | Offiziere | der + Erledigung | der Marine | im Landheer | Offiziere + ------------------+---------------+--------------+------------ + | | | + Einstellung des | | | + Verfahrens | 119 | 367 | 486 + ------------------+---------------+--------------+------------ + Beurlaubung | 40 | 51 | 91 + ------------------+---------------+--------------+------------ + Versetzung | 37 | 20 | 57 + ------------------+---------------+--------------+------------ + Dienstenthebung | 18 | 30 | 48 + ------------------+---------------+--------------+------------ + Disziplinare Er- | 12 | 1 | 13 + ledigung | | | + ------------------+---------------+--------------+------------ + Noch keine Ent- | 5 | 69 | 74 + scheidung | | | + ------------------+---------------+--------------+------------ + Verabschiedung | 4 | 2 | 6 + ------------------+---------------+--------------+------------ + 235 540 775 + ============================================================== + =Gesamtstrafe: 5 Jahre= + ============================================================== + +MILITÄRS DER KAPP-REGIERUNG + + ============================================================== + Lfd.| Name | Rang | Schicksal + Nr. | | | + ============================================================== + 1 | _Ludendorff_ | General (nahm an | keine Anklage + | | allen Kabinett- | + | | sitzungen der | + | | Kappregierung teil) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 2 | _Freih. v. | Reichswehrminister | im Ausland + | Lüttwitz_ | und | + | | Oberbefehlshaber | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 3 | _v. Hülsen_ | Adjutant d. | in Freiheit + | | Oberbefehlsh. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 4 | _v. Klewitz_ | Stabschef | in Freiheit + | | b. v. Hülsen | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 5 | _v. Trotha_ | Admiral | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 6 | _v. Oven_ | General | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 7 | _v. Dassel_ | General | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 8 | _v. Watter_ | General | in die + | | | Ebertreg. + | | | übernommen + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 9 | _v. Loßberg_ | Generalmajor | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 10 | _Bauer_ | Oberst | im Ausland + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 11 | _Ehrhardt_ | Kapitän(Eroberer | steckbrieflich + | | v. Berlin) | verfolgt + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 12 | _Hpt. Pabst_ | persönlicher Adj. | in Freiheit + | | Kapps | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 13 | _Freih. | Freikorpsführer | in Freiheit + | v. Lützow_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 14 | _Maj. Schulz_ | Freikorpsführer | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 15 | _Ltn. Roßbach_ | Freikorpsführer | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 16 | _Hpt. Pfeffer | Freikorpsführer | in Freiheit + | v. Salomon_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 17 | _v. Löwenfeld_ | Freikorpsführer | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 18 | _Aulock_ | Freikorpsführer | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 19 | _Vaupel_ | Hauptmann | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 20 | _v. Kessel_ | Polizeihauptmann | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 21 | _v. Puttkammer_ | Hauptmann | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 22 | _v. Patow_ | Hauptmann im | in Freiheit + | | Oberkom. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 23 | _Reinhardt_ | Oberst (erschien | in Freiheit + | | ohne Befehl b. d. | + | | Brigade 15) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 24 | _Neubarth_ | Batterieführer | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 25 | _v. Hülsen | Leutnant | in Freiheit + | jun._ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 26 | _v. Borries_ | Leutnant | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 27 | _v. | Oberleutnant | in Freiheit + | Knobelsdorff_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 28 | _v. Amman_ | Major | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 29 | _v. Auer_ | Major | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 30 | _v. Borries_ | General | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 31 | _v. Bock_ | Major | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 32 | _Frh. v. | Oberst | in Freiheit + | Blomberg_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 33 | _v. Bernuth_ | Gen.-Leutnant | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 34 | _Frh. | Oberleutnant | in Freiheit + | v. Czettritz | | + | u. Neuhaus_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 35 | _Frh. | Rittmeister | in Freiheit + | v. Durant_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 36 | _Frh. v. Erffa_ | Leutnant | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 37 | _v. Falken- | Major | in Freiheit + | hausen_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 38 | _v. Frantzin_ | Hauptmann | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 39 | _v. Grothe_ | Oberstleutnant | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 40 | _v. d. Hardt_ | General | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 41 | _Frh. | Oberstleutnant | in Freiheit + | v. Hadeln_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 42 | _Frh. v. | Oberleutnant | in Freiheit + | Hammerstein_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 43 | _v. Hagen_ | Major (Dessau) | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 44 | _v. | Oberst (Pasewalk) | in Freiheit + | Knobelsdorff_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 45 | _v. Kleist_ | Rittmeister | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 46 | _v. Lefort_ | Leutnant | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 47 | _v. Möhl_ | Generalmajor | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 48 | _Frh. | Rittmeister | in Freiheit + | v. Mirbach_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 49 | _v. Neufville_ | Rittmeister | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 50 | _v. Platen_ | Major | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 51 | _v. Rudolphi_ | Major | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 52 | _v. Rössing_ | Oberstleutnant | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 53 | _v. Rosen_ | Oberst | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 54 | _v. Seydlitz_ | Rittmeister | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 55 | _Frh. | Hauptmann | in Freiheit + | v. Schade_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 56 | _Frh. Treusch | Leutnant | in Freiheit + | v. Buttlar- | | + | Brandenfels_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 57 | _v. Uechtritz_ | Rittmeister | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 58 | _v. Wulffen_ | Major | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 59 | _v. Ziehlberg_ | Major | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 60 | _v. Heimburg._ | Oberleutnant | in Freiheit + ============================================================== + =Gesamtstrafe: Null= + ============================================================== + +BAYRISCHE RÄTEREGIERUNG + + ============================================================== + Lfd.| Name | Rang | Schicksal + Nr. | | | + ============================================================== + | | | + 1 | _E. Leviné_ | Vorsitzender d. | erschossen + | | Vollzugsrates der | + | | Betriebsräte | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 2 | _Dr. Tobias | Mitglied des | 15 Jahre Zucht- + | Axelrod_ | Vollzugsrats | haus n. Rußl. + | | | ausgetauscht + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 3 | _Ewald Ochel_ | Mitglied des | 1 J. 5 Mon. Fe- + | | Vollzugsrats | stung durch + | | | Schutzhaft + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 4 | _Wilh. Duske_ | Mitglied des | 2 J. Festung + | | Vollzugsrats | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 5 | _Fritz Schürg_ | Mitglied des | 2 J. Festung + | | Vollzugsrats | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 6 | _Dr. A. Wadler_ | Wohnungskommissar | 8 J. Zuchthaus + ----+-----------------+--------------------+----------------- + 7 | _Ernst Nikisch_ | Vorsitzender des | 2 Jahre Festung + | | Zentralrats | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 8 | _Gust. | Volksbeauftragter | im Gefängn. er- + | Landauer_ | für Volks- | schlagen + | | aufklärung | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 9 | _Dr. O. | Vorsitzender der | 1-1/2 Jahre + | Neurath_ | Sozialisierungs- | Fest., + | | kommission | entlassen + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 10 | _Hans Dosch_ | Polizeipräsident | 3 J. Festung + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 11 | _Ernst Mehrer_ | Stadtkommandant | 1-1/2 J. Festung + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 12 | _K. Petermaier_ | Adjutant des | 1-1/2 J. Festung + | | Stadtkommandanten | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 13 | _Paulukum_ | Verkehrsminister | 3-1/2 J. Festung + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 14 | _Paul Zamert_ | Propagandist | 3 J. Festung + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 15 | _E. Kiese- | Verkehrskommission | 2-1/2 J. Festung + | wetter_ | | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 16 | _Dandistel_ | Kommission zur | 6 J. Festung + | | Unterstützung der | + | | politischen | + | | Flüchtlinge | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 17 | _Jos. Weigand_ | Schreiber bei der | 3 J. Festung + | | Komm. zur | + | | Bekämpfung der | + | | Gegenrevolution | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 18 | _Hanns | Betriebsrat | 3 J. Festung + | Kullmann_ | | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 19 | _Ad. Schmidt | im Ministerium f. | 1 J. 6 M. Fest. + | II_ | soziale Fürsorge | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 20 | _Karl Götz_ | Kommission zur | 1 J. 3 M. Fest. + | | Bekämpfung der | + | | Gegenrevolution | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 21 | _Frieda | Propagandaausschuß | 1 J. 9 M. mit + | Rubiner_ | K.P.D. | Bewährungsf. + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 22 | _H. Wiedemann_ | Propagandist | 1 J. 3 M. Fest. + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 23 | _Frau Reichel_ | Beihilfe z. Flucht | 2 Mon. Festung + | | Tollers | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 24 | _Hans Reichel_ | Beihilfe z. Flucht | 4 Mon. Festung + | | Tollers | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 25 | _E. Trautner_ | Beihilfe z. Flucht | 5 M. Gefängnis + | | Tollers | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 26 | _Willy Reue_ | Kommission zur | 1 J. 3 M. Fest. + | | Bekämpfung der | + | | Gegenrevolution | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 27 | _Max Strobl_ | Leiter der | 7 J. Zuchthaus + | | Kommission z. | + | | Bekämpfung d. | + | | Gegenrevolution | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 28 | _F. Mair- | Polizeipräsident | 2 J. Gefängnis + | günther_ | in München | 3 J. Festung + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 29 | _L. Mühlbauer_ | Mitglied des | 1-1/4 J. Festung + | | Revolutions- | mit Bewähr.- + | | tribunals | Frist + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 30 | _Erich Mühsam_ | Propagandist | 15 J. Festung + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 31 | _Paul Grassl_ | Mitglied des | 1 J. 10 M. Fest. + | | Revolutions- | + | | tribunals | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 32 | _S. Wiedenmann_ | Obmann der K.P.D. | 4 J. Festung + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 33 | _V. Baumann_ | Redakteur der | 1-1/2 J. Festung + | | Münchener Roten | + | | Fahne | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 34 | _Alex. | revolutionärer | 1-1/2 J. + | Strasser_ | Hochschulrat | Festungshaft m. + | | | Bewährungsfrist + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 35 | _Otto Hausdorf_ | revolutionärer | 1-1/2 J. Festung + | | Hochschulrat | m. Bewährungsfr. + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 36 | _Cillebiller_ | revolutionärer | desgl. + | | Hochschulrat | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 37 | _Gertraud | revolutionärer | desgl. + | Kaestner_ | Hochschulrat | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 38 | _Wilh. Hagen_ | revolutionärer | 1 J. 4 M. Fest. + | | Hochschulrat | m. Bewähr.-F. + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 39 | _Lessie Sachs_ | Sekretärin im | 1 J. 3 M. Fest. + | | Kriegsministerium | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 40 | _Dr. Rothen- | Propagandist | 7 J. Festungsh. + | felder_ | | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 41 | _Wilh. | Betriebsrat | 1-1/2 J. Fest. + | Gerhards_ | | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 42 | _Willy Ertel_ | Sektionsführer | 3 J. Festungsh. + | | d. K.P.D. | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 43 | _Sontheimer_ | Propagandist | erschlagen + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 44 | _K. Steinhardt_ | Betriebsrat | 9 M. Festungs- + | | | haft + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 45 | _Ferd. Rotter_ | Vors. d. Betriebs- | 7 J. Zuchthaus + | | obleute | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 46 | _Kirmayer_ | Komm. z. Bek. d. | 4 J. Zuchthaus + | | Gegenrevolution | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 47 | _Hans Schroll_ | in der | 5 J. Zuchthaus + | | Verhaftungskomm. | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 48 | _Wernich_ | in d. | 3 J. Zuchthaus + | | Beschlagnahmekomm. | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 49 | _Max Weber_ | stellv. | 1-1/4 J. Festung + | | Polizeipräsident | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 50 | _Martens_ | Vors. | 6 J. Festung + | | Wirtschaftskomm. | + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 51 | _Sondheimer_ | Propagandist | 1-1/4 J. Festung + -----+-----------------+--------------------+----------------- + 52 | _Kronauer_ | Mitgl. d. | 1-1/4 J. Festung + | | Rev.-Tribunals | + ============================================================== + =Gesamtstrafe: 135 Jahre 2 Monate= + ============================================================== + +MILITÄRS DER RÄTE-REGIERUNG + + ============================================================== + Lfd.| Name | Rang | Schicksal + Nr. | | | + ============================================================== + 1 | _R. Eglhofer_ | Oberkommandierender | erschlagen + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 2 | _Eugen Maria | Adj. d. | 12 J. Festung + | Karpf_ | Oberkommand. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 3 | _Wilh. | Mitgl. d. | 3 J. Festung + | Reichart_ | Militärkomm. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 4 | _Ernst Toller_ | Kommand. im | 5 J. Festung + | | Abschnitt Dachau | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 5 | _G. | Adj. des | 5-1/2 J. + | Klingelhöfer_ | Kommandeurs | Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 6 | _E. Wollenberg_ | Kommandeur d. | 2 J. Festung + | | Infanterie | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 7 | _H.F.S. | Kommandeur d. | 1-1/2 J. + | Bachmair_ | Artillerie | Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 8 | _R. Podubecky_ | Kommand. d. | 3 J. Festung + | | Fernsprechtruppen | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 9 | _Winkler_ | Kommand. eines | 4 J. Zuchthaus + | | Abschn. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 10 | _G. Riedinger_ | Adj. d. Kommandeurs | 1-1/2 J. + | | | Festung + | | in Starnberg | entlass. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 11 | _Er. Günther_ | in d. Kommandant. | 1 J. 9 M. Fest. + | | Dachau | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 12 | _Fritz Walter_ | Rotgardist | 3 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 13 | _Max Schwab_ | im | 4 J. Festung + | | Kriegsministerium | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 14 | _H. | Streckenkommandant | 3 J. Festung + | Taubenberger_ | in Dachau | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 15 | _Gottfr. | Rotgardist | 1-1/2 J. + | Bareth_ | | Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 16 | _Max Huber_ | Rotgardist | 3 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 17 | _Peter Regler_ | Rotgardist | 2 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 18 | _Haßlinger_ | Rotgardist | 5 J. Festg. + | | | (begnadigt) + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 19 | _And. Rauscher_ | Rotgardist | 1 J. 4 M. Fest. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 20 | _M. Reichert_ | Rotgardist u. | 1 J. 3 M. Fest. + | | Propagandist | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 21 | _Jos. Vogt_ | Rotgardist | 3 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 22 | _Josef Faust_ | Rotgardist | 3 J. Zuchthaus + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 23 | _Rentsch_ | Rotgardist | 5 J. Zuchthaus + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 24 | _Zöllner_ | Rotgardist | 3 J. Zuchthaus + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 25 | _Karl Zimmet_ | Soldatenrat | 1 J. 3 M. Fest. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 26 | _Karl Höhrat_ | Soldatenrat | 6 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 27 | _Kuhn_ | Rotgardist | 2 J. F., 2 J. + | | | 2 Mon. Gef. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 28 | _Josef Seidel_ | Wachkommandant | 3 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 29 | _Seidel_ | Rotgardist | 4 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 30 | _Ernst Bauer_ | Rotgardist | 2 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 31 | _Rich. Wagner_ | Rotgardist | 2 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 32 | _Thekla Egl_ | Krankenschw. u. | 1 J. 3 M. Fest. + | | Parlamentärin | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 33 | _A. Schinnagel_ | Arzt in der Roten | 15 Mon. Fest. + | | Armee | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 34 | 70 | Angehörige d. | je 1-1/4 J. + | | Leibregiments wegen | Fest. + | | Erstürmung von | (n. Abbüß. ein. + | | Rosenheim | Teils entlass.) + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 35 | _Ziller_ | Soldatenr. | 3 J. Zuchthaus + | | Eisenb.-Abt. I | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 36 | _Joh. | Polizeiwachtmeister | 4 J. Festung + | Tanzmeier_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 37 | _Murböck_ | Transportführer | 4 J. Zuchth. + | | | (in Fest. + | | | verwdlt.) + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 38 | _Marschall_ | Kurier | 3 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 39 | _Jos. | Rotgardist | 3 J. Festung + | Anreither_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 40 | _Jak. Nickl_ | Rotgardist | 2-1/2 J. + | | | Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 41 | _W. Seyler_ | Adj. d. | 1 J. 6 M. + | | Kriegsministers | Festg. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 42 | _K. Kaltdorf_ | im | 1 J. 6 M. + | | Kriegsministerium | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 43 | _H. Tannen_ | Rotgardist | 2 J. Gefängnis + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 44 | _Hans Frank_ | Parlamentär d. | erschossen + | | Augsburger | + | | Arbeiterrats | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 45 | _Karl Gans_ | Zugführer | 5 J. Zuchthaus + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 46 | _Joh. Demstedt_ | Zugführer | 6 J. Zuchthaus + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 47 | _J. | Zweiter Obmann | 5 J. Zuchthaus + | Jackermeier_ | K.P.D. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 48 | _Joh. Wittmann_ | Rotgardist | 4 J. Zuchthaus + | | (Rosenheim) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 49 | _Jos. Hagel_ | Kriminalpolizist | 4-1/2 J. + | | | Zuchth. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 50 | _Georg Graf_ | Militärpolizei | 12 J. Zuchthaus + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 51 | _Phil. Böhrer_ | Rev.-Arbeiterrat | 12 J. Zuchthaus + | | (Augsb.) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 52 | _Hiltner_ | Rotgardist | 2 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 53 | _Otto Knieriem_ | Akt.-Ausschuß | 5 J. Festung + | | Würzburg | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 54 | _Mich. Schmidt_ | Rotgardist | 2 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 55 | _Albert Berger_ | Erwerbslosenr. | 3 J. Festung + | | (Augsburg) + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 56 | _Appler_ | Rotgardist | 4 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 57 | _Berk_ | Flugzeugführer | 4 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 58 | _Ibel_ | Zahlmeister | 1 J. 4 M. Fest. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 59 | _J. Toblasch_ | Proviantmstr. | 2-1/2 J. + | | i. Dachau | Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 60 | _Kolbinger_ | Rotgardist | 2 Jahre Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 61 | _J. Wittmann_ | Rotgardist | 2-1/2 J. + | | | Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 62 | _Joh. Strauss_ | Soldatenrat | 1 J. 6 M. Fest. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 63 | _Ludwig Hörl_ | Bahnhofswache | 3 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 64 | _Erzberger_ | Lazarettchef | 1-1/2 J. + | | | Festung + | | | (entkommen) + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 65 | _Martin Gruber_ | Abteilungsführer |3 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 66 | _Hans Strasser_ | Bhf.-Kommand. | 1 J. 6 M. Fest. + | | (Dachau) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 67 | _Otto Mehrer_ | Mitgl. | 1 J. 6 M. Fest. + | | d. Militärkomm. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 68 | _Hofer_ | Kriegsministerium, | 4 J. Festung + | | Abtlg. | + | | Infanterie | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 69 | _Ferd. Killer_ | Soldatenrat | 5 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 70 | _Karl Gans_ | Rotgardist | 6 J. Zuchthaus + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 71 | _Paul Hübsch_ | Propagandist | 1 J. 6 M. Gefg. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 72 | _Max Pletz_ | Stadtkommandantur | 1 J. 6 M. Fest. + | | München | + ============================================================== + =Gesamtstrafe: 276 Jahre 6 Mon. Einsperrung, 2 Erschießungen= + ============================================================== + +KAPPISTEN IN DER PROVINZ + + ============================================================== + Lfd.| Name | Rang | Schicksal + Nr. | | | + ============================================================== + | | | + 1 | _v. Levetzow_ | Konteradmiral a. D. | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 2 | _v. Winterfeld_ | Leiter der Sipo | in Freiheit + | | in Kiel | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 3 | _Lindemann_ | Früh. | in Freiheit + | | Oberbürgermeister | + | | in Kiel | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 4 | _Frh. von u. | Landrat | in Freiheit + | zu Steinfurth_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 5 | _v. Pauly_ | Regierungspräsid. | in Freiheit + | | (Kiel) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 6 | _Frh. v. | Garnisonältester, | in Freiheit + | Wangenheim_ | Oberst (Hamburg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 7 | _Völkers_ | Oberst (Hamburg) | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 8 | _Ledebour_ | Oberst (Hamburg) | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 9 | _Heide_ | Hauptmann (Hamburg) | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 10 | _v. Rauchhaupt_ | Rittmeister | in Freiheit + | | (Hamburg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 11 | _v. Mackensen_ | Hauptmann (Hamburg) | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 12 | _Dr. Jakobsohn, | Propagandist | in Freiheit + | Rechtsanwalt_ | (Hamburg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 13 | _v. Sydow_ | Major (Hamburg) | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 14 | _v. Menges_ | Oberst b. d. Sipo | in Freiheit + | | (Altona) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 15 | _v. Lettow- | Generalmaj. | in Freiheit + | Vorbeck_ | (Mecklenbg.) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 16 | _Dr. | Ministerpräsident | in Freiheit + | Wendthausen_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 17 | _Ribbentropp_ | Generalmajor | in Freiheit + | | (Mecklbg.) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 18 | _v. Estorff_ | Generalleutnant | in Freiheit + | | (Königsberg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 19 | _August Winnig_ | Oberpräsid. | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 20 | _Graf | Generalleutnant | in Freiheit + | Schmettow_ | (Breslau) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 21 | _v. Friedeburg_ | General (Breslau) | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 22 | _Obst. Schwerk_ | Polizeipräsident | in Freiheit + | | (Breslau) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 23 | _v. Kessel_ | Oberpräsident v. | gestorben + | (Ob. Glauche) | Schles. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 24 | _v. Grodegg_ | Propagandist | in Freiheit + | | (Magdebg.) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 25 | _v. Brüning_ | früh. Landrat | in Freiheit + | | (Darmstadt) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 26 | _v. Hagenberg_ | Generalmajor | in Freiheit + | | (Weimar) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 27 | _Heims_ | Major (Gotha) | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 28 | _v. Schöler_ | General (Kassel) | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 29 | _Frh. v. | Bezirksbefehlshab. | in Freiheit + | Schenk_ | (Marburg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 30 | _Banke_ | Major | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 31 | _Czettritz_ | Oberst | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 32 | _Frh. v. | Major | in Freiheit + | Coburg_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 33 | _Guhr_ | Oberstleutnant | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 34 | _Eckardt_ | Leutnant. Rgt. 30 | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 35 | _Gallmeister_ | Hauptmann | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 36 | _Humann_ | Freg.-Kapitän | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 37 | _Hünecke_ | Major | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 38 | _v. Heusinger_ | Rittmeister | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 39 | _Kleindienst_ | Leutnant | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 40 | _Lynker_ | Major | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 41 | _Meinshausen_ | Hauptmann | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 42 | _Notnagel_ | Oberstleutnant | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 43 | _Nettesheim_ | Leutnant a. D. | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 44 | _Rörig_ | Oberleutnant | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 45 | _Scheele_ | Leutnant | in Freiheit + | | (Aldenburg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 46 | _Schmidt_ | Leutnant | in Freiheit + | | (Aldenburg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 47 | _Schulz_ | Oberleutnant, | in Freiheit + | | Art. 9 | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 48 | _Stolz_ | Oberst | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 49 | _Strauch_ | Hauptmann | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 50 | _Sturt_ | Oberleutnant | in Freiheit + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 51 | _Waas_ | Hauptmann | in Freiheit + ============================================================== + =Gesamtstrafe: Null= + ============================================================== + +RÄTEREPUBLIKANER IN DER PROVINZ + + ============================================================== + Lfd.| Name | Rang | Schicksal + Nr. | | | + ============================================================== + | | | + 1 | _Guido Kopp_ | Vors. K.P.D. | 4 J. Zuchthaus + | | Rosenheim | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 2 | _Gg. Schumm_ | Art.-Kommandeur in | 6 J. Zuchthaus + | | Rosenheim | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 3 | _Josef Renner_ | Truppenführer in | 4 J. Festung + | | Rosenheim | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 4 | _Hans Meler_ | Wirtschaftskomm. | 1-1/4 J. + | | (Rosenheim) | Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 5 | _M. Gnad_ | Rotgardist | 2-1/2 J. + | | (Augsburg) | Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 6 | _W. Olschewsky_ | Truppenführer | 7 J. Festung + | | in Augsbg. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 7 | _Max Weber_ | Propagandist | 1-1/2 J. + | | i. Augsbg. | Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 8 | _Karl Marx_ | Politisch. Leiter | 4 J. Festung + | | in Augsburg | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 9 | _Dr. A. Maier_ | Politisch. Leiter | 6 J. Festung + | | i. Starnberg | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 10 | _Joh. Elbert_ | Soldatenrat (Lohr) | 2 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 11 | _Toni Waibel_ | Vorsitzender d. | 15 J. Festung + | | Aktionsausschusses | (entkomm.) + | | in Würzbg. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 12 | _H. Schuchardt_ | Aktionsausschuß, | 1-1/2 J. + | |Würzbg. | Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 13 | _Val. Hartig_ | Mitgl. d. | 7 J. Festung + | | Aktionsaussch. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 14 | _Rudolf Hartig_ | Mitgl. d. | 2 J. Festung + | | Aktionsaussch. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 15 | _Fritz Sauber_ | Propagandist | 12 J. Festung + | | (Würzburg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 16 | _A. | Propagandist | 10 J. Festung + | Hagemeister_ | (Würzburg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 17 | _L. | Kommandeur | 7 J. Festung + | Egensberger_ | (Würzburg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 18 | _Georg Hornung_ | Mitgl. d. | 10 J. Festung + | | Aktionsaussch. | + | | Würzburg, Kriegs- | + | | ministerium München | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 19 | _Leo Reichert_ | Soldatenrat | 2 J. Festung + | | (Würzburg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 20 | _Paul Förster_ | Soldatenrat | 3 J. Festung + | | (Würzburg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 21 | _A. Westrich_ | Korps-Soldatenrat | 6 J. Festung + | | (Würzburg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 22 | _Ludw. Bedacht_ | Soldatenrat | 5 J. Festung + | | (Würzburg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 23 | _Adolf Schmidt_ | Mitgl. d. | 3 J. Festung + | | Aktionsaussch., | + | | Kempten | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 24 | _Cl. Schreiber_ | Mitgl. d. | 2 J. Festung + | | Aktionsaussch., | + | | Kempten | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 25 | _M. | Mitgl. d. | 1-1/4 J. + | Bohnenberger_ | Aktionsaussch., | Festung + | | Kempten | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 26 | _Heinr. | Mitgl. d. | 1-1/2 J. + | Pfeiffer_ | Aktionsaussch., | Festung + | | Landshut | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 27 | _Ludwig Vogl_ | im Aktionsaussch. | 1 J. 4 M. + | | Landshut | Fest. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 28 | _Franz Müller_ | Soldatenrat | 1 J. 4 M. + | | Landshut | Fest. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 29 | _Peter Blössl_ | Aktionsaussch. | 10 J. Festung + | | Augsbg. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 30 | _Aug. Hoeck_ | Rev. Arbeiterrat | 4 J. Festung + | | Augsbg. | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 31 | _E. Ringelmann_ | Zensor in Würzburg | 5 J. Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 32 | _Göpfert_ | Bürgermeister v. | 15 M. Festung + | | Rosenheim + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 33 | _Langenegger_ | Wohnungskommissar, | 3 J. Festung + | | Rosenheim | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 34 | _J. | Stadtkommand., | 4 J. Festung + | Rheinheimer_ | Rosenheim | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 35 | _Hans Elbert_ | Propagandist, | 2 J. Festung + | | Aschaffenburg | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 36 | _M. Schneller_ | Arbeiterrat, | 1 J. 3 M. + | | Kempten | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 37 | _W. Schmidt I_ | Aktionsaussch., | 1 J. 3 M. + | | Kempten | Fest. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 38 | _H. | Aktionsaussch., | 6 M. Festung + | Bohnenberger_ | Kempten | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 39 | _Alfr. Kleiner_ | Rev. Arbeiterrat, | 1 J. 3 M. + | | Kempten | Fest. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 40 | _Rich. Blähr_ | Propagand., | 1 J. 3 M. + | | Reichartshofen | Fest. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 41 | _Dreidl_ | Rev. Arbeiterrat, | 6 Mon. Fest. + | | Kempten | m. + | | | Bewährungsfr. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 42 | _Penzl_ | Revolut.-Trib. | 3 J. Zuchthaus + | | Miesbach | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 43 | _Bergmaier_ | Revolut.-Trib. | 3 J. Zuchthaus + | | Miesbach | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 44 | _Ertl_ | Revolut.-Trib. | } + | | Miesbach | + -----+-----------------+---------------------+ + 45 | _Rass_ | Revolut.-Trib. | } + | | Miesbach | + | | | + -----+-----------------+---------------------+ + 46 | _Gruber_ | Revolut.-Trib. | } + | | Miesbach | + -----+-----------------+---------------------+ + 47 | _Griesbeck_ | Revolut.-Trib. | } je 1 J. 3 M. + | | Miesbach | bis + -----+-----------------+---------------------+ 2. J. + 48 | _Zimmermann_ | Revolut.-Trib. | } Festung + | | Miesbach | + -----+-----------------+---------------------+ + 49 | _Priller_ | Revolut.-Trib. | } + | | Miesbach | + -----+-----------------+---------------------+ + 50 | _Waizmann_ | Revolut.-Trib. | } + | | Miesbach | + -----+-----------------+---------------------+ + 51 | _Stohwasser_ | Revolut.-Trib. | } + | | Miesbach | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 52 | _R. Steuer_ | Untersuchungsführer | 1 J. 3 M. + | | b. Rev.-Gericht, | Fest. + | | Kempten | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 53 | _J. Miglitsch_ | Sicherheitsdienst | 1 J. 3 M. Fest. + | | d. A.- u. | + | | S.-Räte | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 54 | _Ch. | Propagandist | 6 M. Festung + | Raitberger_ | | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 55 | _Lichtenbauer_ | Rotgardist | 2 J. Gefängnis + | | (Kempten) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 56 | _Jos. Zäuner_ | Arbeiterrat | 1 J. 3. Mon. + | | (Ingolstadt) | Gef. + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 57 | _Ellenbeck_ | Entwaffnung von | 3 J. Festung + | | Schutzleuten | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 58 | _Hehret_ | Entwaffnung von | 2-1/2 J. + | | Schutzleuten | Festung + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 59 | _Hans Kain_ | Propagandist | 6 J. Festung + | | (Starnberg) | + -----+-----------------+---------------------+---------------- + 60 | _Hans Seffert_ | Polit. Leiter | 3 J. Festung + | | (Starnberg) | + ============================================================== + =Gesamtstrafe: 204 Jahre, 2 Monate Einsperrung= + ============================================================== + +Demnach sind gegen die Anhänger der bayrischen Räterepublik Strafen von +insgesamt 616 Jahren Einsperrung verhängt worden. Gegen die Anhänger des +Kapp-Putsches 5 Jahre Einsperrung. Dabei ist noch zu beachten, daß die +bayrischen Zahlen unvollständig, die Kapp-Zahlen vollständig sind. + + + + +DIE RECHTSNATUR DER BAYRISCHEN STANDGERICHTE UND DAS SCHICKSAL DER +HINTERBLIEBENEN + + +Nach der Einnahme von München durch die Regierungstruppen am 1. Mai 1919 +setzten sie »Standgerichte« genannte, wilde Feldgerichte ein, bei denen +irgend ein Leutnant oder sonst jemand in der Weise Gericht spielte, daß +er die Erschießung einfach anordnete. Sogar Unteroffiziere waren so +Richter über Leben und Tod. Die Gerichte tagten in irgend einer Schenke +ohne Anwendung irgend eines Gesetzbuchs. Akten wurden nicht geführt. In +wenigen Minuten wurde das »Urteil« gefällt und an irgend einer Wand +durch Erschießen vollstreckt. + +Eine Unterscheidung zwischen den »tödlich Verunglückten« (184) und +»standrechtlich Erschossenen« (186) (vergl. S. 31) ist, da alle +Unterscheidungsmerkmale fehlten, gar nicht durchführbar. So sind z. B. +»standrechtliche« Erschießungen wegen Beleidigung des Offizierkorps +vorgekommen, ebenso wurden zahlreiche Personen erschossen, weil man +angeblich bei ihnen Waffen gefunden hatte, und zwar zu einer Zeit, in +welcher die von der Regierung und vom Oberkommando gesetzte +Waffenablieferungsfrist noch nicht abgelaufen war. + + +Die 53 unbewaffneten Russen + +Mit welcher Willkür bei diesem »Standrecht« vorgegangen wurde, beweist +der Fall der 53 unbewaffneten Russen in Gräfelfing. + +Die Räteregierung hatte die in den Gefangenenlagern befindlichen Russen +befreit und zum Eintritt in die Rote Armee aufgefordert. Am 1. Mai +wurden am Bahnhof Pasing 53 Russen, ohne Waffen, in deutscher Uniform, +die aus München kamen, festgenommen. Sie wurden nach Lochham gebracht +und dort, wie Augenzeugen berichten, schrecklich mißhandelt. Als einer +aus der Reihe treten wollte, um seine Unschuld zu beteuern, wurde er +niedergeschossen. Die andern wurden ins Feuerhaus in Gräfelfing +eingesperrt. Die dort liegende württembergische Sicherheitskompagnie Nr. +21 forderte wütend ihre sofortige Erschießung. Am 2. Mai um 1/2-6 Uhr +morgens wurden alle 52 von einem »Standgericht« auf einmal zum Tode +verurteilt. Die Russen beteuerten, an Kämpfen nicht teilgenommen zu +haben. Den Gegenbeweis hat das Standgericht gar nicht zu führen +versucht. In der ganzen Umgebung war nicht gekämpft worden. Um 1/2-9 +Uhr vormittags wurden sie in einer Kiesgrube erschossen. Der Fall wurde +vom Staatsanwalt untersucht, doch fand er keinen Grund einzuschreiten. +(»Der Kampf«, München, 4. Dezember 1919.) + + +Das Standrecht des Dr. Roth + +Generalmajor Haas, Oberbefehlshaber der Gruppe West, hatte unter +juristischem Beistand durch den späteren _bayrischen Justizminister Dr. +Roth_ am 1. Mai folgenden Tagesbefehl erlassen: + +I. a 628. + + Zur Klärung der Befugnisse der Truppen gegenüber der Bevölkerung + wird bekannt gegeben: + + 1. Wer den Regierungstruppen mit Waffen in der Hand + gegenübertritt, wird ohne weiteres erschossen. + + 2. Für Gefangene, die sonst während des Kampfes gemacht werden und + nicht unter Ziffer 1 fallen, hat der Gruppenkommandeur wie im + Felde Feldgerichte zu bilden, die über die standgerichtliche + Erschießung zu befehlen haben. + + Das Urteil ist sofort zu vollstrecken unter Aufnahme einer + Niederschrift. + + 3. In allen übrigen Fällen und wenn in Fall 2 nicht auf + Erschießung erkannt ist, ist Ueberweisung der Festgenommenen an + das standrechtliche Gericht nötig. + + gez. Haas. + +Auf Grund dieses Tagesbefehls wurde am 3. Mai der Angestellte am +städtischen Schlacht- und Viehhof Josef _Boesl_ (20 Jahre alt) nach +einem »standgerichtlichen« Verfahren wegen angeblicher Teilnahme an den +Kämpfen in München mit sechs anderen Personen in der Kapuzinerstraße +erschossen. Das gegen den Generalmajor eingeleitete kriegsgerichtliche +Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung wurde durch Verfügung des +Gerichtsherrn des Württg. Gerichts der 27. Division, Abt. III, vom 16. +März 1920 eingestellt. + +In der Begründung heißt es: »Dieser Befehl wurde von Generalmajor Haas, +dessen Stabschef Major Seiser und von Hauptmann d. R. Roth, +Bezirkshauptmann bei der Polizeidirektion in München als juristischem +Berater entworfen, beraten und gutgeheißen und vom Kommandeur +verantwortlich gezeichnet. _In seiner Ziffer 2 hatte dieser Befehl keine +Stütze in den bestehenden Gesetzen_« ... »Der Kampf der alten Regierung +gegen die Räteregierung war ein Bürgerkrieg. Im Nationalitätenkrieg +gelten geschriebene und ungeschriebene Gesetze, den Bürgerkrieg dagegen +charakterisiert eine gewisse Gesetzlosigkeit..... + +Jedenfalls befanden und fühlten sich die Regierungstruppen gegenüber den +Rätetruppen in einem fortdauernden Zustand der Notwehr, auf Grund dessen +schließlich jede Tat eine Entschuldigung hätte finden können. Um die +Rechte der Regierungstruppen zu umschreiben und nicht jeden Exzeß zu +dulden, erging der Befehl; ein Befehl, der Exzesse verhindern, nicht sie +fördern wollte, der auf keinen Vorgang Bezug nehmen konnte und für einen +gesetzlosen Zustand erst eine feste Form schaffen mußte. Wenn dieser +Befehl allein aus der Not geboren zu der voreiligen Füsilierung geführt +hat, so ist dies entfernt nicht in der Absicht dessen gewesen, der ihn +verantwortlich gezeichnet hat, auch konnte dieser Erfolg nicht +vorausgesehen werden.... Wenn trotzdem Fehlgriffe in Gestalt übereilter +Urteile und allzu rascher Vollstreckung derselben vorgekommen sind, so +kann dem Beschuldigten hieraus kein Vorwurf, auch nicht der Vorwurf der +Fahrlässigkeit der Verhinderung der Vollstreckung der Urteile gemacht +werden, weil er von dieser überhaupt nichts erfuhr. Sich die Bestätigung +jedes Todesurteils vorzubehalten, war bei den bestehenden Zuständen rein +unmöglich und _ein derartiger Befehl wäre von den Truppen gar nicht +respektiert worden_. Ausschreitungen waren leider in jenen kritischen +Tagen nicht selten, aber sie hatten ihren Grund in der allgemeinen +krankhaften Erregung aller; den Einzelnen dafür verantwortlich zu +machen, hieße keineswegs der Gerechtigkeit dienen....« + +Der Vater des Erschossenen wandte sich am 3. Juli 1919 mit einer Eingabe +an das Generalkommando Oven. Dieses teilte ihm am 11. Juli 1919 mit, daß +die Eingabe dem bayrischen Ministerium für militärische Angelegenheiten +zur Begutachtung weitergeleitet wurde. Das Abwicklungsamt des früheren +bayrischen Ministeriums für militärische Angelegenheiten teilte am +18. Oktober 1919 auf Anfrage des Vaters mit, daß die Erhebungen +betreffend der Erschießung seines Sohnes Josef Boesl noch nicht +zum Abschluß gebracht seien. Am 6. Dezember 1919 wurde von der +gleichen Stelle mitgeteilt, daß sein Sohn von einem Standgericht des +1. Württg. Freiwilligen-Regts. wegen Beteiligung am Kampfe gegen die +Regierungstruppen zum Tode verurteilt worden sei und daß das Urteil von +diesem Regiment vollstreckt wurde. Seine Gesuche seien daher an das +Abwicklungsamt Württemberg abgegeben worden. Das Kriegsministerium +Stuttgart teilte mit Postkarte vom 10. Dezember 1919 mit, daß das +Schreiben des Vaters vom 6. Dezember 1919 dem Wehrkreiskommando +übergeben worden sei. Das Wehrkreiskommando teilte unterm 17. Dezember +1919 mit, das Schreiben sei dem Gericht der früheren 27. Division +in Ulm zur zuständigen Verfügung übergeben worden. Eine Eingabe +des Vaters an den Reichswehrminister vom 22. Mai 1920 wurde an das +Heeresabwicklungsamt Preußen, Verpflegungsabteilung abgegeben, das dem +Vater sachliche Belehrung erteilte. Ein weiteres Schreiben des Vaters +vom 11. Juli 1920 an das Reichsabwicklungsamt wurde nach dessen +Mitteilung an das Heeresabwicklungsamt-Hauptamt zur weiteren Bearbeitung +geleitet. Das Heeresabwicklungsamt Württemberg teilte ihm unterm 7. +Dezember 1920 auf den Schadensersatzantrag vom 10. Mai 1920 wörtlich +mit: »Eine Rechtsverpflichtung der Heeresverwaltung zum Schadenersatz +liegt nicht vor. Das Heeresabwicklungsamt Württemberg bedauert, dem +dortigen Gesuch nicht entsprechen zu können. Eine Wiederholung des +Gesuches wäre zwecklos; die Auflösung der Abwicklungsstellen des alten +Heeres ist außerdem zum 31. Dezember d. Js. angeordnet.« + +Diese Behandlung der Hinterbliebenen ist typisch für die ganzen +Münchener Fälle. + + * * * * * + +Der Ingenieur August _Dorfmeister_ wurde am 2. Mai 1919 im Krüppelheim +in der Harlachingerstr. erschossen. Nach den Feststellungen des +Tumultschadenausschusses ist laut Bericht des Kriegsgerichtsrates +bei der Reichswehrbrigade 13. Abteilung Ulm, »wahrscheinlich« +von einem Standgericht verurteilt worden, das auf Grund des +Befehls des Generalmajors Haas eingesetzt war. Der Beschluß des +Tumultschadenausschusses stellt fest, daß dieser Befehl ungesetzlich +war, und daß dem Toten irgendwelche Beteiligung an den Kämpfen oder +Gewalttätigkeiten bei der Verfolgung seiner politischen Ziele nicht +nachgewiesen worden seien. + +Die in erster Instanz zuerkannte Rente wurde vom +Reichswirtschaftsgericht nach ständiger Praxis gestrichen. Klage zum +ordentlichen Gerichte ist anhängig. + +Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen Unbekannt eingestellt. + + +Ein Befehl des General v. Oven + +Einen Beweis dafür, daß sogar dem Militär die Rechtswidrigkeit der +standrechtlichen Erschießungen bekannt war, bildet der folgende Befehl +vom 5. Mai 1919: + +Freikorps Lützow O. U., München, den 7. Mai 1919. III Br. B. Nr. 0595 +Abschrift von Abschrift. + + Generalkommando v. Oven. Ia/119/V/19 K. H. Qu. den 5. Mai 1919. + Betr. Verfahren gegen die Bevölkerung. + + 1. Wer mit der Waffe in der Hand betroffen wird, wird auf + der Stelle erschossen. + + 2. Wer festgenommen ist, kann nur noch gerichtlich + abgeurteilt werden; zuständig ist das standrechtliche + Gericht. + + 3. Das standrechtliche Gericht wird seinen Sitz im Gebäude + des Amtsgerichts haben. + + 4. _Jedes andere Verfahren gegen Festgenommene ist + unzulässig, insbesondere die Aburteilung durch + militärische Feldgerichte. Wo derartige militärische + Feldgerichte gebildet sind, sind sie sofort aufzuheben; + etwa von ihnen gefällte Urteile dürfen nicht vollstreckt + werden; mit dem Beschuldigten ist nach Ziffer 2 zu + verfahren._ + + 5. Die bisher von den Truppen festgenommenen Personen, die + sich noch im militärischen Gewahrsam befinden, sind von + den Truppenteilen in Listen aufzunehmen. Diese Liste mit + den beizulegenden Tatberichten sind der Stadtkommandantur + zu übersenden. + + gez. v. Oven, Generalleutnant. + F. d. R. + V. s. d. G. K. + D. Ch. d. G. St. + gez. v. Unruh, Major. + + Zusatz des Freikorps. + + Sofort. + + Vorstehende Bestimmungen sind den Mannschaften eingehend bekannt + zu geben. + + A. B. gez. Körner, Rittmeister. + +Trotz dieses Befehls sind »standrechtliche« Erschießungen noch am 7., +»tödliche Unglücksfälle« noch am 8. Mai vorgekommen. + + +Die Rechtswidrigkeit der bayrischen standrechtlichen Erschießungen + +Durch die Verordnung des bayrischen Gesamtministeriums vom 25. April +1919 wurde für das rechtsrheinische Bayern das Standgericht verhängt und +Standgerichte im Sinne des Kriegszustandes wurden eingesetzt. Aber die +»standrechtlichen« Erschießungen sind nicht von diesen Standgerichten +angeordnet worden. + +Von dem gesetzmäßigen bayrischen Standrecht ist nur ein einziges +Todesurteil gefällt worden, nämlich gegen Dr. _Eugen Leviné_. + +Denn das bayrische Standrecht beruhte auf dem bayrischen Landesgesetze +über den Kriegszustand vom 5. November 1912. (Gesetz- und +Verordnungsblatt, S. 1161, Webers Gesetzsammlung, Bd. 41, S. 180.) Zu +dem Gesetz sind Vollzugsvorschriften über das standrechtliche Verfahren +ergangen in einer Ministerialbekanntmachung vom 13. März 1913 +(Gesetz-und Verordnungsblatt, S. 97, Webers Gesetzsammlung, Bd. 41, S. +349.), sowie in einer Ministerialbekanntmachung die Vollstreckung der +militärgerichtlich und standrechtlich erkannten Todesstrafen betreffend +vom 17. März 1913. (Bayr. Justiz-Ministerialblatt, 1913, S. 53.) + +Ein gesetzliches standrechtliches Verfahren im Sinne des +Kriegszustandsgesetzes und seiner Ausführungsbestimmungen lag danach nur +dann vor, wenn das standrechtliche Gericht nach Maßgabe des Gesetzes und +seiner Ausführungsbestimmungen zusammengesetzt war und das gesetzmäßig +vorgeschriebene Verfahren beachtete. Als Besetzung waren drei +Berufsrichter, zwei Militärpersonen und zwei Laienbeisitzer ohne +Stimmrecht (die Letzteren als eine Art Kontrollpersonen) +vorgeschrieben. Bezüglich des Verfahrens waren Art. 7. des +Kriegszustandsgesetzes, die dort angegebenen Vorschriften des bayr. +Feuerbachschen Strafgesetzbuches von 1813 (Webers Gesetzsammlung, Bd. 1, +S. 414) mit den in Art. 7 und den Ausführungsbestimmungen dazu +vorgeschriebenen Abänderungen maßgebend. + +Da jedoch bei den sogenannten Standgerichten keine einzige dieser +Bedingungen eingehalten worden ist, so waren diese »Standgerichte«, +welche ohne Einsetzung durch eine dazu befugte Stelle und ohne irgend +welche gesetzmäßige und verwaltungsmäßige Kontrolle tätig waren, nicht +nur ungesetzliche, sondern durchaus gesetzwidrige Einrichtungen. + +Dem somit bewiesenen Satz, daß die gesamten bayrischen +Standrechtsurteile völlig ungesetzlich waren, haben sich, wie oben +gezeigt, auch die maßgebenden Behörden angeschlossen. + + +Gesamtzahl der in München willkürlich Getöteten + +Für die bayrischen Standgerichte waren also keinerlei gesetzliche +Grundlagen vorhanden. Es ist auch von Regierungsseite nie versucht +worden, das Vorgehen der Truppen als legal zu rechtfertigen. Trotzdem +ist gegen keinen der Soldaten, die an den 184 »standrechtlichen« +Erschießungen mitgewirkt haben, irgendeine Anklage erhoben worden. Im +Fall Lacher dagegen, wo Rotgardisten ein ungesetzliches Standrecht +eingesetzt hatten, wurden Gefängnisstrafen im Gesamtbetrag von über 50 +Jahren verhängt. + +Auch die Erschießungen wegen angeblicher oder tatsächlicher Beteiligung +am Kampf waren natürlich, da sie von solchen »Standgerichten« angeordnet +wurden, völlig ungesetzlich. + +Faßt man die im Stadtbezirk »standrechtlich« Erschossenen 186 Mann und +die 184 tödlichen »Unglücksfälle« zusammen und rechnet man dazu die 53 +in Gräfelfing erschossenen Russen, die 20 in Starnberg, die 4 in +Possenhofen, die 3 in Großhesselohe bezw. Grünwald und die 3 in +Großhadern Erschossenen, ferner die in Schleißheim, Harlaching, +Schäftlarn und Großföhren Erschossenen (je einer), so kommt man auf eine +Gesamtzahl von _457 in München willkürlich Getöteten_. Auch diese Zahl +ist, da sie größtenteils auf amtlichen Angaben beruht, sicher zu klein. +Im obigen Text (vergl. S. 50) habe ich jedoch nur die amtlich als +tödlich verunglückt Bezeichneten als ermordet gerechnet. + +Dabei hatte sich der die Operation gegen München leitende General von +Oven in Ingolstadt dem Ministerpräsidenten Hoffmann gegenüber +verpflichtet, daß er willkürliche Erschießungen nicht dulden würde. +Vielmehr sollten alle Gefangenen, auch die Russen der Roten Armee vor +ein Gericht gestellt werden. (Persönliche Mitteilung des jetzigen +Abgeordneten Hoffmann.) + + +Die Rechtslage der Hinterbliebenen + +Trotz der Rechtswidrigkeit der Tötung ist die Rechtslage der +Hinterbliebenen so ungünstig wie möglich. In allen Fällen, in denen +wegen derartiger Erschießungen Anzeige gemacht wurde, wurde die +Untersuchung durch die Militärgerichte und die Militärbehörde geführt. +Abgesehen von den Mördern der katholischen Gesellenvereinsmitglieder, +von denen zwei wegen Diebstahls und zwei wegen Totschlags verurteilt +wurden, haben diese Behörden keinen einzigen Täter ermitteln können. In +zahllosen Fällen, in welchen Mordanzeigen unter genauer Angabe der +Persönlichkeiten der Täter, der Tatumstände und unter Anbietung von +Beweisen gemacht wurden, geschah nichts. In einigen Fällen, wie z. B. +der Ermordung von Gustav Landauer, wurde der betreffende Täter mit der +Begründung freigesprochen, er hätte geglaubt auf Befehl zu handeln. + +Die Geltendmachung zivilrechtlicher Ansprüche war von vornherein dadurch +ungeheuer erschwert, daß drei Kontingente, das bayrische, preußische und +württembergische (Reichswehr gab es damals noch nicht) in Frage kamen, +daß also die Ersatzansprüche zivilrechtlicher Art sich naturgemäß gegen +denjenigen Fiskus richten müssen, welchem der Täter wirklich oder +mutmaßlich angehörte. + +Nach Artikel 2 des bayrischen Ausführungsgesetzes zur Zivilprozeßordnung +vom 23. Februar 1879 (Ges.- und Verordnungsblatt, 1879, Seite 63 und +1899, Seite 401) konnte dabei der Klageweg gegen den Fiskus nur +beschritten werden, wenn zuvor die höchste zuständige Verwaltungsbehörde +(damals das bayrische Militärministerium) um Abhilfe angegangen worden +war und innerhalb sechs Wochen das Abhilfegesuch entweder nicht oder +abschlägig beantwortet hatte. Für den Ersatzanspruch kommt nach +Bayrischem Rechte der Artikel 60 des bayrischen Ausführungsgesetzes zu +B.G.B. vom 9. 6. 1899 und das bayrische Landesgesetz vom 6. Dezember +1913 über die Haftung des Militärfiskus für Handlungen von +Militärpersonen (Gesetz- und Verordnungsblatt, Nr. 13, Seite 905) in +Betracht. Nach diesen Bestimmungen konnte der in § 839 B.G.B. +bezeichnete Anspruch nur dann gegen den Fiskus gerichtet werden, wenn +eine Amtspflichtverletzung der in Frage kommenden Militärpersonen +festgestellt werden konnte. Nicht dagegen, wenn eine rechtswidrige +Handlung nur bei Gelegenheit der Amtsausübung begangen wurde. Die +Feststellung einer Amtspflichtverletzung durch die Gerichte und eine +Klage auf Schadenersatz wegen Amtspflichtverletzung ist nach bayrischem +Landesrecht wiederum nur möglich, wenn zuvor der bayrische +Verwaltungsgerichtshof eine »Vorentscheidung« darüber gefällt hat, daß +die betreffende Militärperson in Ausübung der ihr anvertrauten +öffentlichen Gewalt den Schaden vorsätzlich oder fahrlässig einem +Dritten unter Ueberschreitung ihrer Amtsbefugnis oder Unterlassung einer +ihr obliegenden Amtspflicht zugefügt hat. (Vgl. Artikel 7 Abs. II d. +Bayer. Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 8. August 1878, Ausgabe von Prof. +Dr. Ant. Dyroff.) + +Infolge dieser überaus komplizierten Rechtslage und des Umstandes, daß +als Gegner im Zivilprozeß gerade diejenigen Militärfisci figurierten, +welche zugleich die Untersuchung der Sache hatten und begreiflicher +Weise mit dem Material zu ihrer eignen Haftbarmachung nicht +herausrückten, ist in Bayern _keine einzige Haftbarmachung des Fiskus +wegen rechtswidriger Erschießung in den Maitagen gelungen_. + +Eine weitere Komplikation ergab sich daraus, daß es zweifelhaft war, +welchen Fiskus die Haftung nach Aufhebung des bayrischen Militärfiskus +und Organisation der Reichswehr eigentlich zu treffen habe, da die +fraglichen Staatsverträge sich wohlweislich über diesen Punkt +ausschwiegen. + + +Die Auffassung des Reichswirtschaftsgerichts + +In Hinblick auf diese Schwierigkeiten suchen nun die betreffenden +Hinterbliebenen sich dadurch zu helfen, daß sie sich wegen Entschädigung +an die nach dem Reichsgesetz über die durch innere Unruhen verursachten +Schäden vom 12. Mai 1920 vorgesehenen Feststellungsausschüsse wenden. (§ +6 des Reichsaufruhrschädenges.) + +Gemäß § 1 dieses Gesetzes bestehen Ersatzansprüche gegen das Reich wegen +der Schäden an beweglichem und unbeweglichem Eigentum sowie an Leib und +Leben, die im Zusammenhange mit inneren Unruhen durch offene Gewalt oder +durch ihre Abwehr unmittelbar verursacht wurden. Auf Grund dieser +Bestimmung haben die drei Münchener Ausschüsse zur Feststellung von +Aufruhrschäden einer großen Anzahl von Hinterbliebenen die nach dem +Aufruhrgesetz zuständigen Renten zuerkannt. Diese sämtlichen Bescheide +sind auf Beschwerde der Fiskusvertreter von dem nach § 7 des +Aufruhrschadengesetzes als Beschwerdeinstanz zuständigen +Reichswirtschaftsgericht unter Abweisung der Schadenersatzansprüche +aufgehoben worden. Die dürftigen Begründungen besagten, daß die +Erschießung keine offene Gewalt im Sinne des § 1 sei, weil die Täter +wenigstens amtliche Befugnisse wahrzunehmen glaubten und keine durch +Abwehr offener Gewalt unmittelbar verursachten Schäden, weil durch die +Verhaftung der Erschossenen der Kausalzusammenhang nach § 1 unterbrochen +sei, d. h. wie das Reichswirtschaftsgericht sich sehr gewunden +ausdrückt, weil durch die Verhaftung der Erschossenen diese dem Kreise +der Maßnahmen entrückt waren, welche der unmittelbaren Abwehr der von +den Aufrührern geübten offenen Gewalt dienen sollten. (Vergl. Seite 36.) + +Die grundlegende Entscheidung hat das Reichswirtschaftsgericht am 24. +August 1921 in der Sache der Wwe. Josefa Fichtner von Perlach und 12 +Genossen unter XVII A.V. 747/21 gefällt. Seitdem ist eine große Reihe +gleichartiger Entscheidungen ergangen, welche die fraglichen Ansprüche +einfach schematisch abweisen. + +In diesen Bescheiden weist das Reichswirtschaftsgericht regelmäßig, was +der reinste Hohn ist, darauf hin, daß die Betroffenen ja die Haftung des +Militärfiskus auf Grund des § 839 und der landesrechtlichen +Ausführungsgesetze über die Haftung des Militärfiskus in Anspruch nehmen +können, wenn sie glauben, eine Amtspflichtverletzung von Militärpersonen +feststellen zu können. + +Das Resultat war in allen fraglichen Fällen bisher, daß die +Hinterbliebenen der widerrechtlich Erschossenen der Armenpflege zur Last +gefallen sind. + + +Die juristischen Grundlagen der Erschießungen »auf der Flucht« + +Diese Kniffe der Gerichte sind übrigens keineswegs bayrische +Sonderrechte. So lehnte das Oberlandesgericht Hamm eine einstweilige +Verfügung zu Gunsten der Hinterbliebenen des angeblich auf der Flucht +erschossenen Max Maurer (vergl. S. 60) am 31. Oktober 1921 mit folgender +Begründung ab: + +»Die Klägerinnen konnten mit ihrem Antrag nur durchdringen, wenn sie +glaubhaft machten, daß den Mannschaften des Marineregiments 6 eine +vorsätzliche oder fahrlässige Dienstverletzung zur Last fällt, gemäß den +Bestimmungen des Preußischen Gesetzes über den Waffengebrauch des +Militärs vom 20. März 1837. Dieses Gesetz ist weder früher (Entscheidung +des Reichsgerichts, Bd. 100, S. 28) noch seit der Revolution abgeändert +oder aufgehoben worden. Nach den §§ 1 und 5 des Gesetzes ist das Militär +in allen Fällen zum Waffengebrauch befugt, wenn Verhaftete, Arrestanten +oder Gefangene, welche ihnen zur Bewachung anvertraut sind, zu +entspringen oder beim Transporte zu entfliehen suchen. Im § 10 des +Gesetzes heißt es: »Daß beim Gebrauch der Waffen das Militär innerhalb +der Schranken seiner Befugnisse gehandelt habe, wird vermutet, bis das +Gegenteil erwiesen ist.« Diese Vermutung gilt, wie mit dem Reichsgericht +anzunehmen ist, als Beweisregel des militärischen Rechtes, solange, bis +sie durch den Nachweis des Gegenteils entkräftet ist. Der Behauptung des +Beklagten gegenüber, daß der Ehemann und der Vater der Klägerinnen bei +seinem Abtransport nach Gladbeck in der Nähe von Bottrop einen +Fluchtversuch gemacht habe und dabei erschossen worden sei, war also von +den Klägerinnen glaubhaft zu machen, daß ihr Ehemann und Vater ohne +einen Fluchtversuch unternommen zu haben erschossen worden sei. Dieses +konnte aber nicht für glaubhaft gemacht erachtet werden. Die Klägerinnen +haben sich zur Glaubhaftmachung auf die Bekundung des Zeugen Sprenger +bezogen, nach welcher Militärpersonen, welche Maurer festnahmen, erklärt +haben, die Frau Maurer solle sich nur nicht so anstellen, der Mann komme +nicht wieder. Aus dieser Aeußerung der Marinemannschaften wollen die +Klägerinnen entnehmen, daß diese von vornherein die Absicht gehabt +haben, ihren Ehemann und Vater ohne weiteres zu erschießen. Dadurch +sei, so machen die Klägerinnen geltend, die Behauptung des Beklagten, +daß Maurer bei einem Fluchtversuch erschossen sei, widerlegt. Dem kann +aber nicht beigetreten werden. Die Erklärung der Marinemannschaft, der +Mann komme nicht wieder, von der gar nicht feststeht, in welchem Sinne +sie abgegeben ist, beweist allein nichts gegen die Richtigkeit dieser +Behauptung. Auch die Schußverletzungen, welche die Leiche des Maurer +nach dem Attest des Dr. med. Farrenkopf zu Bottrop aufwies, sprechen +nicht gegen diese Behauptung des Beklagten. Außer mehreren Schüssen im +Rücken hat Maurer allerdings einen Halsschuß in der Höhe des Kehlkopfes +ungefähr 2 cm links von der Mittellinie erhalten. Es sei aber nicht +ausgeschlossen, daß er sich auf der Flucht umgesehen und dabei diesen +letzten Schuß bekommen hat. Kann hiernach die Behauptung des Beklagten, +daß Maurer einen Fluchtversuch gemacht habe und hierbei erschossen +worden sei, nicht für durch die Klägerin widerlegt erachtet werden, so +wird diese Behauptung im Gegenteil durch die übereinstimmende Bekundung +des Obermaschinisten Fuchs, des Gefreiten Gaul und des Gefreiten Kruppe +bestätigt. Nach diesen Bekundungen hat auf dem Transport nach Gladbeck +in der Nähe von Bottrop, als der Gefreite Gaul kurze Zeit zurückblieb, +Maurer diese Gelegenheit benutzt, um über das Feld davon zu laufen. Der +Gefreite Kruppe hat ihm dreimal »Halt« zugerufen und dann, da Maurer +weiterlief, mit dem Gefreiten Gaul zusammen eine Reihe von Schüssen auf +ihn abgegeben, bis er zusammenbrach. + +Bei dieser Sachlage konnte jedenfalls nicht für glaubhaft erachtet +werden, daß den oben genannten Marinemannschaften nach den Bestimmungen +des Gesetzes über den Waffengebrauch des Militärs vom 30. März 1837 eine +Dienstverletzung zur Last fällt. + +Der Antrag der Klägerinnen auf Erlaß einer einstweiligen Verfügung war +daher zurückzuweisen. Die Kosten des Verfahrens waren nach § 91 Z.P.O. +den Klägerinnen aufzuerlegen. + +gez. Eickenbusch, gez. Frencking, Graul, Kalthoff, Gernheim. +(Aktenzeichen 3 U 43--210 L G Hamm.)« + +Die Begründung lautet also folgendermaßen: Wenn jemand von Soldaten +erschossen wird, so ist nach dem Gesetz vom 20. März 1837 prinzipiell +anzunehmen, daß die Soldaten dazu ein Recht hatten. Die Soldaten +brauchen dies gar nicht zu beweisen, sondern die Hinterbliebenen müssen +beweisen, daß die Soldaten bei der Erschießung ihre Befugnis +überschritten haben und daß ein Fluchtversuch nicht vorgelegen hat, was +natürlich so gut wie unmöglich ist. Die hier vorliegenden Beweise, die +den »Fluchtversuch« widerlegen, werden nicht anerkannt. Der Ausspruch: +»Ihr Mann kommt nicht wieder«, und der Schuß von vorn in den Hals +beweisen nichts gegen den Fluchtversuch. + +_Nach diesem Preußischen Gesetz vom 20. März 1837_, das nach dem +Reichsgericht zu Recht besteht, _ist also durch das Zeugnis der Täter +der Beweis der Rechtmäßigkeit der Tötung einwandfrei erbracht_. Man ist +es zwar in Deutschland gewohnt, daß die Mörder strafrechtlich nicht +gefaßt werden. Bisher hatten aber wenigstens einige Zivilgerichte die +Objektivität, den Angehörigen der Opfer eine zivilrechtliche +Entschädigung zuzubilligen. Nach der Rechtsprechung des Reichsgerichts +wird selbst diese Möglichkeit so gut wie beseitigt. + + + + +REGIERUNGSÄUSSERUNGEN ZU DEN POLITISCHEN MORDEN + + +Die Stellung des Reichsjustizministers + +Prof. Dr. Radbruch hatte in der Reichstagssitzung vom 5. Juli 1921 unter +Berufung auf die Broschüre »Zwei Jahre Mord« sich für eine Bestrafung +der politischen Morde eingesetzt. Als er selbst Reichsjustizminister +geworden war, schrieb er dem Autor dieser Zeilen folgenden Brief: + +Der Reichsminister der Justiz Berlin W 9, den 3. Dez. 1921. Voßstr. 4. +Nr. IV c 6900 W + + Für die auf Ihre Veranlassung durch den Verlag erfolgte + Uebersendung eines Exemplars der 4. Auflage der Broschüre »Zwei + Jahre Mord« danke ich verbindlichst. Schon mein Herr Amtsvorgänger + hat Veranlassung genommen, mit den Justizverwaltungen von Preußen, + Bayern und Mecklenburg in Verbindung zu treten. Nach den + Mitteilungen der genannten Justizverwaltungen war in einer Reihe + der in der Broschüre angegebenen Fälle ein Verfahren noch + anhängig, in anderen Fällen wurde auf Grund der Angaben der + Broschüre erneut geprüft, ob sich Handhaben für ein + strafrechtliches Einschreiten bieten. Ich habe meinerseits die + Aufmerksamkeit der Justizverwaltungen auf den erweiterten Inhalt + der neuen Auflage hingelenkt und um kurze Mitteilungen des + Sachverhalts und des Gangs des Verfahrens in den einzelnen Fällen + gebeten: Mitteilung der Ergebnisse an den Reichstag ist + beabsichtigt. + + Auf Seite 50 der Broschüre wird zur Kennzeichnung des Verfahrens + gegen Kapp darauf hingewiesen, daß sich der Reichsjustizminister + Dr. Heintze in der Sitzung des Reichstags vom 27. Januar dieses + Jahres wie folgt geäußert habe: »Auch wird man einer + Vermögensbeschlagnahme gegen Kapp nähertreten«. Demgegenüber darf + ich, um Irrtümern vorzubeugen, folgendes bemerken: Der + Reichsjustizminister hat sich in der Sitzung des Reichstags vom + 26. Januar dieses Jahres zu den Maßnahmen geäußert, die zur + Verfolgung von Kapp und Genossen ergriffen sind. Nach den + stenographischen Berichten des Reichstags, 57. Sitzung, S. 2148, + lautete seine Ausführung wörtlich wie folgt: + + »Gegen die Herren Kapp und die übrigen, die an der + hochverräterischen Unternehmung beteiligt und strafrechtlich + verfolgt sind, ist Haftbefehl und Steckbrief erlassen und die + Vermögensbeschlagnahme angeordnet und selbstverständlich + pflichtgemäß die Maßnahmen getroffen, die zur Durchführung dieser + Vermögensbeschlagnahme zu treffen sind.« + + Dr. Radbruch. + +Demnach hat der Reichsjustizminister auf die Behauptung, daß in +Deutschland in drei Jahren über 300 politische Morde von Rechts +unbestraft geblieben sind, nur erwidert, eine Ministerrede sei falsch +zitiert. Dieses falsche Zitat wurde natürlich in der vorliegenden +Ausgabe sofort beseitigt. + +Die Kommunisten haben die Radbruch'sche Interpellation im Reichstag +wieder aufgenommen. Die Abgeordneten Plettner, Hoffmann und Bartz haben +am 14. September 1921 folgende kleine Anfrage Nr. 1027 an die Regierung +gerichtet: + +»Herr E. J. Gumbel hat in einer Broschüre »Zwei Jahre Mord« eine +Zusammenstellung der politischen Morde seit dem 9. November 1918 der +Oeffentlichkeit übergeben. Herr Gumbel stellt fest, daß während dieser +Zeit sich die von Rechts begangenen Mordtaten auf 314 belaufen, 26 +namentlich aufgeführte Personen stehen unter dem starken Verdacht der +Mordbegünstigung oder Anstiftung, 35 namentlich aufgeführte Personen +stehen unter dem dringenden Verdacht der Mordausführung. Herr Gumbel +stellt weiter fest, daß bis heute noch kein politisches sowie +militärisches Mitglied der Kappregierung bestraft wurde, wogegen allein +gegen Mitglieder der bayrischen Räteregierung 519 Jahre 9 Monate +Freiheitsstrafen und eine Anzahl Todesurteile vollstreckt worden sind. + +In der Reichstagssitzung vom 5. Juli 1921 hat der Abgeordnete Radbruch +obengenannte Broschüre dem Herrn Justizminister überreicht mit der +formellen, öffentlichen Aufforderung, den einzelnen Fällen nachzugehen +und über das Ergebnis seiner Untersuchung Auskunft zu geben. + +Wir fragen an: Hat die Reichsregierung entsprechend der an sie +gerichteten Aufforderung eine Untersuchung der in der Gumbelschen +Broschüre aufgeführten Fälle veranlaßt? + +Zu welchem Ergebnis hat die Untersuchung geführt? + +Was gedenkt die Reichsregierung zu tun gegen die Staatsanwälte und +Richter, die unter völliger Außerachtlassung jeder richterlichen +Objektivität die Angeklagten freigesprochen oder das eingeleitete +Verfahren eingestellt haben?« + +In der Reichstagssitzung vom 30. September 1921 hat darauf Herr Werner, +Geh. Regierungsrat, Ministerialrat im Reichsjustizministerium, Kommissar +der Reichsregierung, folgendes geantwortet: »Die strafrechtliche +Verfolgung der Vorfälle, die den Gegenstand der Broschüre »Zwei Jahre +Mord« bilden, gehört nicht zur Zuständigkeit von Organen der +Reichsjustizverwaltung. Der Reichsminister der Justiz hat aber +Veranlassung genommen, die Aufmerksamkeit der Justizverwaltungen +von Preußen, Bayern und Mecklenburg auf die Broschüre zu lenken. +Nach den von diesen eingegangenen Mitteilungen ist in einer Reihe +der in der Broschüre angegebenen Fälle ein Verfahren anhängig, in +anderen Fällen wird der Inhalt durch die zuständigen Organe der +Landesjustizverwaltungen einer Prüfung nach der Richtung unterworfen, +ob die gemachten Angaben neue Handhaben zu einem strafrechtlichen +Einschreiten bieten.« + +Darauf fragte der Abgeordnete Bartz weiter: »Ist die Regierung in der +Lage, anzugeben, in welchen Fällen ein Verfahren eingeleitet worden +ist?« Der Präsident Loebe aber schnitt die Diskussion ab mit den Worten: +»Das Wort wird nicht weiter gewünscht, die Anfrage ist erledigt.« + +Die Regierung hat also eine Untersuchung angestellt und das Resultat +ist: Sie kann nicht behaupten (was sie doch sicher gern getan hätte), +daß auch nur ein einziger der vielen dargestellten Fälle unrichtig sei. +Damit ist also die Richtigkeit der Behauptungen zugegeben. + +Die von Herrn Radbruch bereits am 3. Dezember 1921 angekündigte +Denkschrift ist noch immer nicht erschienen. Als der Verfasser in einer +Versammlung äußerte, daß diese Denkschrift nie erscheinen werde, schrieb +ihm Herr Radbruch folgenden Brief: + +Der Reichsminister der Justiz. Berlin W 9, den 2. Mai 1922. Voßstr. 5. +Nr. IV c 1144. W. + + In der von dem »Bund Neues Vaterland« einberufenen öffentlichen + Volksversammlung am 27. April d. Js. haben Sie Zeitungsnachrichten + zufolge ausgeführt, daß ich zwar eine Denkschrift über die Fälle + in Ihrer Broschüre »Zwei Jahre Mord« in Aussicht gestellt habe, + daß diese Denkschrift aber niemals erscheinen werde. Demgegenüber + lege ich Wert darauf, Ihnen an Hand der Akten Kenntnis von den + Schritten zu geben, die ich unternommen habe, um dem Reichstag + eine Darstellung des Sachverhalts und des Ganges des + strafrechtlichen Verfahrens in den einzelnen Fällen zugänglich zu + machen; ich würde es deshalb begrüßen, wenn ich Ihrem Besuch in + der nächsten Zeit entgegensehen dürfte. Wegen des Zeitpunktes + bitte ich um vorherigen telephonischen Anruf. + + Dr. Radbruch. + +Als der Schreiber dieser Zeilen darauf Herrn Radbruch besuchte, zeigte +er ihm mit anerkennenswerter Offenheit die Vorarbeiten zu dem Weißbuch. +Darin sind alle Behauptungen dieses Buches mit dürren Worten amtlich +bestätigt. Noch mehr: Die Wirklichkeit übertrifft die Angaben um vieles. +_Und gerade deswegen ist der Autor dieser Zeilen heute mehr denn je +überzeugt, daß die angekündigte Denkschrift trotz der guten Absichten +des Ministers nie erscheinen wird._ + + +Die unzuständigen Staatsanwälte + +Die Broschüre »Zwei Jahre Mord« war an sämtliche Staatsanwaltschaften +Deutschlands geschickt worden, in deren Bereich Morde passiert waren. Im +folgenden die Antworten: + +Der Oberstaatsanwalt bei dem Landgericht. Potsdam, den 28. Aug. 1921. +IX./199. + + Den Empfang Ihrer mir zugesandten Broschüre »Zwei Jahre Mord« + bestätige ich Ihnen mit Dank. + + Insofern scheint aber bei Ihrer Zuschrift ein Irrtum obzuwalten, + als Sie meine Zuständigkeit für die strafrechtliche Verfolgung + »einer Reihe von Morden« annehmen. Ich habe bei der Durchsicht des + Buches keinen einzigen Fall finden können, in dem durch den Ort + der Tat meine Zuständigkeit in Betracht kommt. Es haben auch nach + Ihrer eigenen Darstellung in allen Fällen bereits strafrechtliche + Ermittlungsverfahren seitens der zuständigen Stellen + stattgefunden. + + In Vertretung: Unterschrift unleserlich. + +Der Oberstaatsanwalt. Marburg, den 31. August 1921. 3a J 817/21 + + Auf Ihr am 29. August 1921 eingegangenes Schreiben unter + gleichzeitiger Uebersendung der Broschüre »Zwei Jahre Mord« + erhalten Sie den Bescheid, daß ich nicht in der Lage bin, wegen + der darin geschilderten angeblichen Straftaten einzuschreiten, da + in keinem der Fälle der Tatort im hiesigen Bezirk liegt, und auch + keiner der Täter im hiesigen Bezirk seinen Wohnsitz hat. + + I. V.: Ludwig. + +Der Oberstaatsanwalt. Hagen i. W., den 19. Sept. 1921. XV. 11/2227. +Betrifft: Uebersendung des Buches: »Zwei Jahre Mord«. + + Von den in dem Buch geschilderten Ereignissen hat keines sich in + dem mir unterstellten Bezirk abgespielt. Ich habe daher zu + Maßnahmen keinen Anlaß. + + gez. Schenk. Stempel. + Beglaubigt. Hoffmann, Kanzleiangestellter. + + +Verfahren schwebt + +Der Generalstaatsanwalt. Hamm, den 8. September 1921. Geschäfts-Nr. I +350 1. 3771. + + Soweit die in Ihrem Buch »Zwei Jahre Mord« erwähnten Fälle sich im + hiesigen Bezirke ereignet haben, schweben Ermittlungsverfahren. + + I. V.: gez. Dr. Wilde. + Stempel. begl.: Fritz, Kzl.-Inspektor. + +Der erste Staatsanwalt bei dem Mecklenburg-Schwerinschen Landgericht zu +Rostock i. Meckl. Rostock, den 19. Sept. 1921. Nr. J. 3334/21. + + Zu Ihrer Vernehmung vom 5. 9. 1921 betr. Ihre Broschüre »Zwei + Jahre Mord« teile ich Ihnen hierdurch folgendes mit: + + Ihre Ansicht, daß auch die angeblich in Niendorf bei Wismar + begangene Bluttat zur Zuständigkeit der Rostocker + Staatsanwaltschaft gehöre, ist falsch. + + Es kommt Niendorf bei Kleinen in Frage, welches zur Zuständigkeit + der Staatsanwaltschaft Schwerin gehört. Sie schreiben ja auch + selbst, daß die Staatsanwaltschaft in Schwerin das Verfahren + eingestellt hat. + + Wegen des von Ihnen unter der Ueberschrift »Taten der Demminer + Ulanen« behandelten Tatbestandes bemerke ich folgendes: + + 1. Wegen der Erschießung des Arbeiters Gräbler ist bei der + hiesigen Staatsanwaltschaft seit Juni v. J. ein + Ermittlungsverfahren anhängig, welches, da die Ermittlungen sehr + schwierig und zeitraubend sind, bis heute noch nicht hat + abgeschlossen werden können. + + 2. Wegen der Schicksale der übrigen seinerseits in Gnoien + verhafteten Arbeiter hat hier gleichfalls zunächst ein + Ermittlungsverfahren geschwebt. Nachdem sich aber herausgestellt + hatte, daß die gelegentlich des Abtransportes der Gefangenen + vorgekommenen Bluttaten auf preußischem Gebiet vor Demmin und in + Demmin sich zugetragen haben, habe ich das betr. Verfahren + insoweit zuständigkeitshalber am 14. Dezember 1920 an den 1. + Staatsanwalt in Greifswald abgegeben. + + 3. Für die Erschießung des Stadtrates Seidel in Stavenhagen bin + ich gleichfalls nicht zuständig. + + Soviel ich weiß, ist dieserhalb ein Ermittlungsverfahren beim 1. + Staatsanwalt in Güstrow anhängig gewesen. + + Unterschrift unleserlich. + +Der Oberstaatsanwalt bei dem Landgericht. Breslau, den 31. August 1921. +II 38/93 + + Ihr Buch »Zwei Jahre Mord« habe ich erhalten. Zu meinem Bedauern + bin ich aber auf Grund der bestehenden gesetzlichen Bestimmungen + nicht in der Lage, Ihnen Auskünfte über schwebende oder + abgeschlossene Strafverfahren zu erteilen, soweit sie in Ihrem + Buch behandelt sind und in den Bereich meiner Zuständigkeit + fallen. + + I. V.: Poppendick, Erster Staatsanwalt. Stempel. + Beglaubigt. Sterk, Kzl.-Inspektor. + +Der Generalstaatsanwalt beim Landgericht I. Berlin NW 52, Turmstr. 91, +den 25. April 1922. i J. 328/22. + + In Ihrer Broschüre »Zwei Jahre Mord« 4. Aufl. S. 19, berichten Sie + über die Erschießung des Gastwirts Wilhelm Bilski und geben an, + daß nach Aussage von Zeugen der die Erschießung leitende Offizier + ein Leutnant Baum gewesen sei. Da sich diese Angabe in den Akten + nicht befindet, so bitte ich Sie ergebenst um schleunige + Mitteilung, worauf Ihre Kenntnis des Sachverhalts besteht und um + Benennung aller Personen, die über die Tat oder die Täter irgend + welche Auskunft zu geben vermögen. + + I. A.: gez. Dr. Burchardi, Staatsanwaltschaftsrat. + Beglaubigt. Stempel. Schmidt, Kanzleiangestellter. + + +Verfahren eingestellt + +Der Oberstaatsanwalt. Flensburg, den 20. Okt. 1921. 3 J 2889/20 5 + + Ihre Schrift »Zwei Jahre Mord« ist mir in Ihrem Auftrage vom + Verlage »Neues Vaterland« zugesandt worden, da in ihm aufgenommen + sind »eine Reihe von Morden, die innerhalb des für mich + zuständigen Gebietes vorgekommen sind«. In Frage kommt aber + lediglich die mit der Ueberschrift »Der Arbeiter Paul Hoffmann in + Flensburg« auf Seite 47 erwähnte Erschießung dieses Mannes in der + Nacht zum 19. Dezember 1920. Ueber diesen Vorfall ist am 29. + Dezember 1920 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und am 3. + Januar 1921 Voruntersuchung gegen den Major von Plüskow, Leutnant + Dewald, Wachtmeister Arend und Kaufmann Reichardt beantragt + worden. Nach ihrem Abschluß sind die Angeschuldigten durch + Beschluß der Strafkammer des Landgerichts Flensburg vom 12. April + 1921 außer Verfolgung gesetzt worden. + + Da Sie nach dem Inhalt Ihrer Schrift sowie dem Begleitschreiben + mit der Strafprozeßordnung sicher soweit vertraut sind, um zu + wissen, daß ich in einem Fall wie dem des Arbeiters Hoffmann von + Amts wegen einzuschreiten habe, trotzdem es aber nicht für richtig + gehalten haben, vor Herausgabe Ihrer Schrift Auskunft über das + Ergebnis meiner Ermittlungen zu erfordern, mir diese vielmehr erst + zugesandt haben, nachdem sie in zweiter Auflage erschienen ist, + glaube ich davon ausgehen zu dürfen, daß meine Begründung des + Antrages auf Außerverfolgungsetzung der Angeschuldigten und die + Gründe des ihm stattgegebenen Strafkammerbeschlusses für Sie ohne + Interesse sind. + + Eine frühere Antwort war nicht möglich, da die Akten versandt + waren. + + I. A.: gez. St.-A.-Rat Stolterfoth. Stempel. + Beglaubigt: Boese, Kanzleiinspektor. + +Der Oberstaatsanwalt. Essen, den 31. Oktober 1921. 18 J 738/20 + + Auf Ihre am 28. August 1921 hier eingegangene Strafanzeige + betreffend die Erschießung zweier Arbeiter in Essen. + + In der fraglichen Angelegenheit sind bereits April 1920 von mir + und seitens der Militärbehörde eingehende Ermittlungen angestellt + worden. Sämtliche in Frage kommenden Zeugen, auch die in Ihrer + Broschüre benannten, sind vernommen worden. Die Täter haben jedoch + nicht ermittelt werden können. Ich habe daher das Verfahren + eingestellt. + + Unterschrift: Unleserlich. + +Von den 35 Staatsanwaltschaften haben 26 nicht geantwortet, insbesondere +die Staatsanwaltschaft München, wo die meisten Fälle passiert waren. +Alle Antworten betreffen entweder Zuständigkeitsfragen oder sie lehnen +Auskunft ab oder sie geben die Richtigkeit meiner Angaben zu. Auf die +Materie selbst geht keine Antwort näher ein. Kein Staatsanwalt hat +versucht, die Richtigkeit meiner Darstellung zu bestreiten. Aber auch +kein Staatsanwalt hat auf Grund der hier mitgeteilten Tatsachen ein +eingestelltes Verfahren wieder aufgenommen oder ein neues eröffnet. 330 +politische Morde, wovon 4 von links und 326 von rechts begangen wurden, +sind und bleiben unbestraft. + + + + +DIE ORGANISATION DER POLITISCHEN MORDE + + _Ich habe die Mörderorganisationen als Illusion, + als Hirngespinst, als exaltierte Meinung + Einzelner angesehen, die irgendwelche Erscheinungen + verallgemeinerten. Ich muß mit tiefer + Erschütterung feststellen, daß ich an dieser + Feststellung nicht mehr festhalten kann._ + _Abg. Stresemann, Reichstag am 5. Juli 1922_ + + +Wie oben gezeigt, sind in den letzten Jahren die meisten bedeutenden +Führer der extremen und gemäßigten Linken bis in die Reihen des Zentrums +durch ungesetzliche Handlungen beseitigt, dagegen ist kein einziger +Führer der extremen Rechten getötet worden. Ueberhaupt sind von den +Linksradikalen nur wenige Morde begangen worden, von den Rechtsradikalen +sehr viele. Diese Morde sind außerordentlich differenziert. Jeder hat +seine Eigenheit. Trotzdem lassen sich die bisherigen politischen Morde +von Rechts auf drei Typen zurückführen, die sich im wesentlichen mit der +Zeit ablösten. + + +Die unorganisierten Morde + +Es bricht ein Linksaufstand aus oder es wird ein solcher provoziert (Typ +1919). Einwohnerwehr, Studentenkorps und Freiwilligenverbände arbeiten +an seiner Unterwerfung. Bei dieser Gelegenheit murkst man im Zeichen der +»Ruhe und Ordnung« die persönlich oder durch Denunziation guter Freunde +bekannten, ehrlichen Republikaner ab: Das sind Spartakisten. Weg damit! + +Die Truppen begehen zum Teil im angetrunkenen Zustand, zum Teil +durch falsche Nachrichten aufgestachelt eine Reihe von weiteren +Scheußlichkeiten. Die Offiziere sind fast immer beteiligt. + +Das bürgerliche Publikum, die sogenannte öffentliche Meinung, sieht in +seiner blinden Angst um das heilige Eigentum nur die Gefahr, die ihm in +dem Aufstand von Links droht. Die Verletzung des Rechtes aber, die in +der Ermordung von angeblich am Aufruhr Beteiligten, meistens aber völlig +Unbeteiligten besteht, läßt es kalt. Denn der Satz, daß ein Aufrührer +auch ein Recht auf seinen Richter hat und nicht von einem kleinen +Leutnant umgebracht werden darf, ist ihm keine Realität. Dies ist ein +abstrakter Satz, der nichts mit dem Schutz des Eigentums zu tun hat. + +Dieser sozusagen handwerksmäßige Mord ist im kleinen Umkreis wirksam. +Doch nur hier. Unfähig ist er, die großen, bekannten Republikaner zu +erfassen. Hierzu dienen andere, bessere Methoden industrieller Art. + + +Die halborganisierten Morde + +Ein Putsch von Rechts wird benützt. Viel unverhüllter kann hier gemordet +werden. Trotzdem legt man großen Wert auf Aufrechterhaltung der +Fiktionen. So wird die Behauptung verbreitet, ein Aufstand von Links sei +vorbereitet und man wolle nur der rechtmäßigen Regierung dagegen helfen. +Dann verfährt man wie oben. Aber während man vorher willkürlich mordete, +ist man jetzt bereits auf Auswahl der »Richtigen« bedacht. Längst durch +geheime Organisationen vorbereitete Listen dienen diesem Zweck. Man ist +nicht etwa weniger blutdürstig und scheut auch nicht vor Massenmord +zurück, aber man ist zielstrebiger geworden. Die Widerstrebenden, die +sich »dem Aufbau«, der »Regierung der Arbeit« widersetzen, werden »auf +Grund der erlassenen Gesetze« durch Standrecht beseitigt. Gelingt der +Putsch, um so besser, mißlingt er, so werden die Gerichte schon dafür +sorgen, daß den Mördern nichts passiert. Und sie haben dafür gesorgt. +Kein einziger Mord von Rechts ist wirklich gesühnt. Selbst gegen +geständige Mörder wird das Verfahren auf Grund der Kapp-Amnestie +eingestellt. + +Die beiden Methoden sind trotz ihrer Wirksamkeit nicht zu allen Zeiten +brauchbar. Vor allem nicht in ruhigen. Doch sind sie Vorarbeit; +Bausteine zum Ziel: Tod allen Republikanern; Methoden zum Ausbau der +Organisation. + + +Der hochorganisierte Mord + +Am auffälligsten sind die Morde, die in Zeiten vollkommener Ruhe +begangen wurden, wo weder ein wirklicher noch ein fiktiver Aufstand von +Links vorlag. Hier versagen die bisherigen Entschuldigungen und +Beschönigungen. Es bleiben nur zwei Methoden übrig. + +Erstens wird gesagt, es lohne nicht, darüber so viel Aufsehens zu +machen. Der Mann war ja verrückt, er litt an Verfolgungswahn. Er +glaubte, er werde eines Tages umgebracht. Ist dies nicht Beweis genug, +daß er sein kommendes Los erkannte? Man sieht, was für Menschen zur +Linken gehören. Indem man dem Toten sein einziges Gut, seinen guten +Namen raubt, befreit man sich durch diesen leichenschänderischen Dreh +von jeder Verantwortung. Immerhin verspricht die Regierung natürlich +eine strenge Untersuchung. Von Zeit zu Zeit kommen immer kürzere +Berichte über den ordnungsgemäßen Verlauf. Neue politische Probleme +füllen die Zeitungen, nach einiger Zeit ebbt es in der Blätterflut ab. +Nur einige Zeitungen, die immer schreien, kläffen noch. Bald ist der +Tote vergessen. + +Oder der Mord wird schon vorher der Oeffentlichkeit plausibel gemacht. +Das Opfer muß derart verdächtigt werden, daß seine Ermordung als ein +befreiender Schritt, als eine Heldentat angesehen wird. »Endlich ist +Deutschland diesen Menschen los, der so viel Unglück über sein Vaterland +gebracht hat«. Viele Feinarbeit, hohe Kultur, glänzende Vorbereitung, +planmäßiges Zusammenwirken gehören dazu, bis das Opfer erliegt. Angesagt +zählt doppelt. Daher zunächst in der Oeffentlichkeit systematische Hetze +zum Mord: »Der Mann ist ein Schädling. Er muß weg. Nur die nationale +Einheitsfront kann helfen.« So belfert die Presse. Bis selbst der Letzte +der Letzten in Kleinkuhdorf das weiß. + + +Gibt es Mordorganisationen? + +Mordorganisationen im eigentlichen Sinn des Wortes, d.h. Organisationen, +deren einziger Zweck der politische Mord ist, gibt es im heutigen +Deutschland wahrscheinlich nicht. Wohl aber Organisationen, die den +politischen Mord als Nebenzweck oder als Mittel zum Zweck bejahen. Ihre +eigentlichen Ziele sind nationalistische. Drei an sich trennbare Ziele +vereinen sich in ihnen. Das erste ist das _monarchistische_. Daher +wenden sich diese Organisationen gegen die Republik und vor allem gegen +ihre Repräsentanten. Dabei sind sich jedoch die verschiedenen +Organisationen weder über die Form der kommenden Monarchie (ob absolut +oder konstitutionell) noch über ihren Umfang (Deutscher Einheitsstaat +oder Rückkehr aller Herrscher) noch über die Person des künftigen +Monarchen (Wittelsbach oder Hohenzollern) einig. Vor allem fehlt ein +populärer Thronkandidat. Dieser glückliche Zufall wird vielleicht +ähnlich wie in Frankreich nach 1870 die Republik retten. + +Die zweite Tendenz ist die _imperialistische_. Der Friedensvertrag von +Versailles hat Deutschland zerstückelt und hat ihm Gebiete mit deutscher +Bevölkerung genommen. Demgegenüber sind Bestrebungen auf Wiedergewinnung +der gegen ihren Willen von Deutschland abgetrennten Gebiete und auf +Verbesserung von Deutschlands ökonomischer Lage vollkommen berechtigt. +Darüber hinaus befürworten diese Vereine eine ausgesprochen +imperialistische Politik, insbesondere den Rachekrieg. + +Die dritte Wurzel dieser Bewegungen ist der _Antisemitismus_. Er geht +von ganz übertriebenen Vorstellungen über die Bedeutung und den Einfluß +der Juden aus. + +Auch diese drei Programme werden zum Teil offiziell nicht zugegeben. Sie +treten der Oeffentlichkeit gegenüber hinter berufsständischen, anderen +politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Zielen zurück. Bei +manchen Organisationen wird sogar streng an der Fiktion der politischen +Neutralität festgehalten. Ueberall spielen die Offiziere der alten Armee +die größte Rolle. + +Die drei Bewegungen kommen meistens untereinander vermengt vor. Die +meisten Geheimbündler sind gleichzeitig Monarchisten, Imperialisten und +Antisemiten. Die extremistische Einstellung der Organisationen führt sie +zu dem Glauben, daß man mit der Tötung eines politischen Gegners +gleichzeitig die von ihm vertretenen Ideen beseitigen könne. Eine +zweite, davon prinzipiell verschiedene Wurzel von politischen Morden ist +die manchmal zwingend auftretende Notwendigkeit der Beseitigung von +unbequemen Mitwissern, von denen man einen Verrat der Organisation +befürchtet. + + +Kommunistische Geheimorganisationen + +Daß es auch kommunistische Geheimorganisationen gab, ist nicht zu +bestreiten. Nach der Mentalität dieser Partei, die z. B. den +Märzaufstand 1921 verursacht hat, ist an deren Existenz kaum zu +zweifeln. Aber die Nachrichten hierüber haben sich in allen Fällen als +maßlos übertrieben herausgestellt. Wo solche Organisationen tatsächlich +bestanden, haben stets Spitzel und Provokateure von Rechtsparteien eine +große Rolle gespielt. Das liegt daran, daß die Partei überhaupt mit +Spitzeln stark durchsetzt ist. In München hat man sogar Bezirksführer, +also Funktionäre, als Angehörige der Polizei entlarvt. + +In vielen Fällen waren auch die Nachrichten über kommunistische +Geheimorganisationen nach der bewährten Methode »Haltet den Dieb« +einfach aus der Luft gegriffen. Zur Verbreitung der Berichte dienten +eigene deutschnationale Nachrichtenstellen. + +Auch ein Mann, dem man dies eigentlich nicht zutrauen sollte, General +Ludendorff, hat sich neuerdings diesem Verfahren angeschlossen. In +einem Interview mit dem Berliner Korrespondenten der »Daily Expreß« +(»Vossische Zeitung«, 25. Juli 1922) sagte er: »Die Erklärung der +Ermordung Dr. Rathenaus liegt in der Tatsache, daß die Ermordung +deutscher Minister vor mehr als einem Jahr von kommunistischen +Organisationen beschlossen worden ist. In ernsten politischen Kreisen +gibt es keine Mörderorganisation.« Einen Beweis für diese Behauptung hat +Ludendorff nicht angetreten. + +Ich will natürlich die Möglichkeit kommunistischer Geheimorganisationen +nicht leugnen. Wahrscheinlich haben sie auch politische Schäden +angerichtet. Sicher aber ist, daß sie für keinen einzigen politischen +Mord verantwortlich zu machen sind. + + +Geschichte der Geheimorganisationen + +Die Geheimbünde sind erwachsen auf dem Boden der Deutschen +Vaterlandspartei. Nach der Revolution sammelten sie sich wieder in den +offiziell unpolitischen Bürgerräten, Einwohnerwehren, Freikorps. Den +größten Sammelherd, aus dem pilzartig die Geheimorganisationen +entsprangen, bildete das Baltikumabenteuer. Unter einem angeblichen +Fürsten Awalow-Bermondt und unter dem Grafen v. d. Goltz bildeten sich +Armeen, z. B. die eiserne Division, die sogar eigenes Papiergeld +(gedeckt durch die der deutschen Regierung gehörigen Waffenvorräte) +ausgaben. Die Hoffnung auf Land trieb viele demobilisierte Soldaten +dazu, sich von den von der deutschen Regierung öffentlich unterstützten +Verbänden anwerben zu lassen. Nach dem kläglichen Scheitern des zuerst +gegen die Bolschewisten, dann gegen die lettische Regierung geführten +Kampfes fluteten die Baltikumer nach Deutschland zurück. Sie waren die +Grundlage für den Kapp-Putsch, der ja auch mit der Fiktion des Kampfes +gegen den Bolschewismus inszeniert wurde. Kaum war er gescheitert, so +rief die Ebertregierung, die vor den aufrührerischen Truppen hatte +flüchten müssen, dieselben Truppen zum Kampf gegen die Arbeiter ins +Rheinland. Natürlich mußten so die am Kapp-Putsch beteiligten Truppen +dieses Unternehmen für vollkommen legal halten. + +Die Freikorps wurden zum großen Teil auf Betreiben der Entente +aufgelöst. Dies ging nicht immer einfach vor sich. So sollte z. B. in +Soest im Juni 1920 die Maschinengewehrkompagnie Libau (eine baltische +Formation, die seit dem November 1919 in Deutschland verpflegt wurde) +aufgelöst werden. Sie leistete Widerstand und es kam zu einer Schießerei +mit der Reichswehr, bei der fünf Reichswehrsoldaten getötet und mehrere +schwer verwundet wurden. Vor dem Kriegsgericht in Münster kam es zur +Verhandlung. Die Baltikumer gaben an, sie hätten geglaubt, Bolschewiki +vor sich zu haben und wurden auf Grund dieses Putativ-Spartakismus +freigesprochen. (»Freiheit«, 23. Juni 1920.) + +Dagegen wurde ein Soldat namens Kaiser, der sich nach dem Kapp-Putsch +unerlaubt aus der Ehrhardt-Brigade entfernt hatte, weil er von einem +Offizier mißhandelt worden war, zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. +(Preuß. Landtag, 22. Mai 1922.) Auf eine Interpellation antwortete die +Regierung, die Strafe bestehe zu Recht, weil die Marinebrigade des +Kapitän Ehrhardt eine Truppe im Sinne des Militärstrafgesetzes gewesen +sei. + +Aus dem Lebenslauf der einzelnen Individuen kann man den Werdegang der +ganzen illegalen Bewegung studieren. Ein großer Teil der Mitglieder, +soweit sie bekannt geworden sind, war nicht im Feld, weil sie damals +noch zu jung waren. Zum Teil dienten sie als Hilfsdienstpflichtige oder +als Jugendwehr. Dann wurden sie Mitglied einer Einwohnerwehr, kämpften +in Freikorps gegen die bayerische Räterepublik, dann im Baltikum, +machten den Kapp-Putsch mit und zuletzt finden wir sie beim Selbstschutz +in Oberschlesien. + + +Oberschlesien + +Zwei Zentren hat die Bewegung: Oberschlesien und München. Beide sind +intim verknüpft. So hat z. B. das Freikorps Oberland in beiden +»gekämpft«. + +In Oberschlesien sollte nach dem Vertrag von Versailles eine +Volksabstimmung stattfinden. Die Entente verschob jedoch den Termin der +Abstimmung von Monat zu Monat. So entstand unerhörte politische +Spannung. Resultat waren drei Aufstände der Polen. Die polnische +Regierung lehnte zwar offiziell jede Beteiligung daran ab. Doch kann man +es als gesichert hinnehmen, daß sie die Bestrebungen, ein fait accompli +zu schaffen, wie etwa in Posen oder Wilna, insgeheim begünstigte. Den +ersten Aufstand schlugen deutsche Truppen nieder. Von beiden Seiten sind +dabei unerhörte Grausamkeiten vorgekommen. Beim zweiten Aufstand +sammelten sich die Deutschen in eigenen Organisationen, dem sogenannten +Selbstschutz, der ursprünglich nur aus geborenen Oberschlesiern bestehen +sollte, dann aber auch aus dem übrigen Reich regen Zuspruch erhielt. +Bald ging man dazu über, auch diejenigen Deutschen zu bekämpfen, denen +man mit Recht oder Unrecht internationale Neigungen zuschrieb. Auch +Angehörige der Besatzungstruppen wurden ermordet. Aus dem großen +diesbezüglichen Material mögen nur einige typische Fälle aufgeführt +werden: Dr. Milecki aus Kattowitz wurde am 17. August 1919 gelegentlich +der Hilfeleistung bei einem polnischen Verwundeten ermordet. In Hallimba +wurden am 17. August 1919 zwei Arbeiter »auf der Flucht« erschossen. +Ende Mai 1920 wurde der Besitzer des Hotels »Deutsches Haus« in +Krappitz, Valentzyk, aus dem Gefängnis geholt. Die Mannschaft bestand +aus dem Pferdewärter Eduard Seirer aus Pasing, dem Kriminalinspektor +Fischer aus Bernburg (alias Friedrich) und dem Kriminalwachtmeister +Josef Bump aus Carlskron. In Valentzyks Hotel war während der +Besatzungszeit die französische Intendantur untergebracht gewesen. Auf +Befehl des Freikorps Oberland wurde er an eine entlegene Stelle im Wald +geführt und dort von _Bump_ erschossen. + +Am 30. Juli 1920 wurden drei Gefangene des Freikorps Oberland, Karl +Görlitz aus Görlitz, Stefan Stellmach aus Bismarckhütte und ein gewisser +Kauert, angeblich Kommunist, früher Freiwilliger des Bataillons +Oesterreicher, von der Straße nach Kasimir weg in den Wald geführt und +von Mußweiler (alias Weiland) erschossen. Die Leichen wurden +ausgeplündert. (Paul Fröhlich »Wider den weißen Mord«.) Am 30. Juni 1921 +wurde der Betriebsrat der »Bismarckhütte«, Bruno Bochymek »auf der +Flucht« erschossen. Man erinnere sich ferner an den Ueberfall in +Petersdorf, wo u. a. der Spitzel Seichter ermordet wurde. (WTB., 18. Mai +1922.) Auch in allerneuester Zeit sind Lynchungen durch den Selbstschutz +vorgekommen. In Oppeln, Gleiwitz und anderen Orten Oberschlesiens wurden +Frauen, die sich während der Besatzungszeit mit Franzosen eingelassen +hatten, nackt ausgezogen, kahlgeschoren, mit Teer angestrichen und mit +Peitschen durch die Straßen gehetzt. (»Deutsche Zeitung«, 13. Juli +1922.) + + +Der bayrische Partikularismus + +Der Brennpunkt der ganzen Bewegung ist in München zu suchen. Der +Ausnahmezustand, der dort jahrelang aufrecht erhalten wurde und die +Sondergerichte, beides Organisationen, die sich ausschließlich gegen +Links wandten, begünstigten in hohem Maß die Bildung und verbrecherische +Tätigkeit der Geheimorganisationen. + +Der andauernde Kampf gegen das Reich hat zum großen Teil den Sinn, die +Geheimbünde zu schützen. Denn sie sind die Hauptträger der +monarchistischen Propaganda und sind daher bei den im Grunde genommen +monarchistischen Regierungen Kahr und Lerchenfeld beliebt. Die angeblich +altbayrische Tradition der bayrischen Regierung ist eine reine Fiktion; +denn Bayern war früher keineswegs ausgesprochen monarchistisch. Dazu +kommt, daß die Hauptträger dieser bayrischen Fronde tatsächlich +Ludendorff und die ihn umgebenden Teilnehmer der früheren obersten +Heeresleitung, also gar keine Bayern sind. + +Seit dem Reichenhaller Kongreß der russischen Monarchisten beginnen auch +diese in Bayern eine Rolle zu spielen. In der Oeffentlichkeit treten sie +natürlich nicht hervor. + +Die augenblicklich in Bayern herrschende Stimmung wird wohl am besten +durch die Tatsache beleuchtet, daß ein anerkannter katholischer +Gelehrter, Domdekan Kiefel aus Regensburg, im Vorwort seines Buchs +»Katholizismus und modernes Denken« vom Grafen Arco, dem Mörder Eisners, +schreiben konnte: »Unser jugendlicher Nationalheld dessen selbstloser +Idealismus allein in unserem Volk neues Leben entzünden könnte«. Das +Bild Arcos ist in vielen Schaufenstern zu sehen. Seine Heimatgemeinde +gab sogar Notgeld mit seinem Bild heraus, das allerdings bald aus dem +Verkehr gezogen wurde. + + +Namen von Geheimorganisationen + +Im Folgenden einige Namen von solchen Organisationen: Verband +nationalgesinnter Soldaten, Bund der Aufrechten, Deutschvölkischer +Schutz- und Trutzbund, Stahlhelm, Organisation »C«, Freikorps und +Reichsfahne Oberland, Bund der Getreuen, Kleinkaliberschützen, +Deutschnationaler Jugendbund, Notwehrverband, Jungsturm, Nationalverband +Deutscher Offiziere, Orgesch, Roßbach, Bund der Kaisertreuen, Reichsbund +Schwarz-Weiß-Rot, Deutschsoziale Partei, Deutscher Orden, Eos, Verein +ehemaliger Baltikumer, Turnverein Theodor Körner, Allgemeiner +deutschvölkischer Turnverein, Heimatssucher, Alte Kameraden, Unverzagt, +Deutsche Eiche, Jungdeutscher Orden, Hermansorden, Nationalverband +deutscher Soldaten, Militärorganisation der Deutschsozialen und +Nationalsozialisten, Olympia (Bund für Leibesübungen), Deutscher Orden, +Bund für Freiheit und Ordnung, Jungsturm, Jungdeutschlandbund, +Jung-Bismarckbund, Frontbund, Deutscher Waffenring (Studentenkorps), +Andreas-Hofer-Bund, Orka, Orzentz, Heimatbund der Königstreuen, +Knappenschaft, Hochschulring deutscher Art, Deutschvölkische Jugend, +Alldeutscher Verband, Christliche Pfadfinder, Deutschnationaler +Beamtenbund, Bund der Niederdeutschen, Teja-Bund, Jungsturm, +Deutschbund, Hermannsbund, Adler und Falke, Deutschland-Bund, +Junglehrer-Bund, Jugendwanderriegen-Verband, Wandervögel völkischer Art, +Reichsbund ehemaliger Kadetten. + +Ein großer Teil dieser Organisationen wurde auf Grund des Gesetzes zum +Schutz der Republik aufgelöst. Bayern hat keinen dieser Verbände +aufgelöst. + +Betrachten wir die Organisationen im Einzelnen. Der _Schutz-und +Trutzbund_ ist wesentlich antisemitischer Natur, außenpolitisch nicht +betont, jedoch zählt er in seinen Reihen zahlreiche Terroristen. Er soll +200_000 Mitglieder umfassen. + +Der _Alldeutsche Verband_ ist wesentlich monarchistisch. Er will das +Kaisertum durch einen Diktator vorbereiten. Außenpolitisch ist er +aggressiv, vor allem gegen Frankreich und Polen, Mitgliederzahl ca. +80_000. Sein Werk war der Kapp-Putsch. + +Der _Jungdeutsche Orden_ ist im Gegensatz zu den beiden obigen Verbänden +militärisch organisiert und besitzt wohl heimliche Waffenlager. Seine +Mitglieder -- angeblich ca. 80_000 -- haben sich durch einen Eid zu +Gehorsam verpflichtet. Er gliedert sich in Gefolgschaften, +Bruderschaften und Balleien. + +Der _Stahlhelm_ besitzt 300 Ortsgruppen und ca. 25_000 Mitglieder. + +Der Sportklub _Olympia_ ist ein Versuch, das aufgelöste Regiment +Reinhardt fortzusetzen. + +Die _Orka_ (Organisation Kanzler) steht in enger Beziehung zu dem +früheren bayerischen Ministerpräsidenten v. Kahr und dem ehemaligen +Kronprinz Rupprecht. Sie ist entstanden aus der Tiroler Abteilung der +Orgesch. + +Der _Deutsche Waffenring_ ist eine Zusammenfassung der nationalistischen +Studentenorganisationen. + +Der _Bund für Freiheit und Ordnung_ ist ein Versuch der Fortführung der +aufgelösten Selbstschutzverbände von Groß-Berlin. + +_Orgesch_ und Freikorps _Oberland_ sind spezifisch bayerische +Organisationen, die zweifellos Waffenlager besitzen. Freikorps Oberland +zählt nur wenige Mitglieder, ca. 2000, die Orgesch vielleicht 200_000. + +Am straffsten organisiert sind die _Arbeitsgemeinschaften_. Es sind dies +frühere kleine Truppenteile, die in corpore auf einem großen Rittergut +untergebracht sind. Die bekannteste ist die Arbeitsgemeinschaft +_Roßbach_, welche aus Teilen des gleichnamigen Freikorps besteht. Der +Stab verbirgt sich hinter der Firma »Deutsches Auskunfts- und +Detektivbüro« Wannsee, Otto-Erich-Str. 10. In Mecklenburg heißt er »Bund +für Berufsausbildung landwirtschaftlicher Arbeiter«. Aehnliche +Organisationen sind: _Hubertus_, _Aulock_, _Heidebrecht_, _Dewitz_ und +_Grenzmark_. + +Die Organisation der »_Brüder vom Stein_« wurde am 6. Juli 1921 im Hotel +Hauffe, Leipzig, von derselben Versammlung gegründet, in der sich auf +Befehl des Forstrats Escherich die dortige Orgesch auflöste. Geldgeber +waren die Finanzausschüsse der sächsischen Industrie mit Hilfe der +Bürgerbünde. Der Verein wurde beim Amtsgericht Leipzig eingetragen. Am +2. November besaß er bereits 700_000 Mark Vermögen. Major a. D. +Schneider in Bautzen war Leiter einer Selbstschutzorganisation, welche +eine Fortsetzung der 1920 von der Orgesch und den Bürgerbünden +aufgestellten Organisationen war. Der Fortbildungsschullehrer Ebersbach +hatte hierfür in Cunnersdorf bei Frankenberg ein Waffenlager von über +600 Gewehren und vier Maschinengewehren errichtet, das am 27. Oktober +1921 beschlagnahmt wurde. + +Auch die Brigade _Ehrhardt_ hatte in Sachsen eine Abteilung im +Klubgebäude der Studentenverbindung Saxonia, Elsterstraße, Leipzig. Dazu +kam dann noch die Ritterschaft _Zollern_, eine geheime +Jugendorganisation in Leipzig. In ihr war der Bruder von Tillessen +Verbindungsmann der Organisation C. + +Der Sportverein _Silbernes Schild_ stellte die Fortsetzung der +aufgelösten militärischen Organisation der Zeitfreiwilligen dar. Dieser +Sportverein hatte eine militärische Leitung und war geschlossen der +Orgesch angegliedert. (Mitteilung des sächs. Innenministers Lipinski, 2. +November 1921.) + + +Die soziale Struktur der Geheimbünde + +Manche dieser Organisationen verschwinden schon nach kurzer Existenz. +Eine Reihe von neuen wird gegründet. Dies scheint völlig planlos +und chaotisch vor sich zu gehen und ist doch sehr einfach. +Die Zersplitterung in Wanderklubs, Arbeitsgemeinschaften, +Sportorganisationen, Regimentsvereine, Schützengilden, Kriegervereine, +Offiziersbünde, Organisationen für völkischen, nationalen und +monarchistischen Aufbau, das ständige Verschwinden einiger dieser +Gruppen und das Auftauchen neuer hat nur den Zweck der Verschleierung. +Dieses Verfahren ermöglicht bei Verboten die Organisation +weiterzuführen, jede beliebige Verbindung zu leugnen, jede Identität zu +bestreiten und etwa eingedrungene Spitzel durch rasche Umstellung +auszuschalten. Die Verbindung von den leitenden Stellen bis zu den +letzten Ausläufern der Bewegung ist manchmal sehr lose. Stets muß die +Oberleitung in der Lage sein, jede solche Verbindung zu dementieren. + +Wie lose diese Verbindungen bei strengem, gegenseitigem Vertrauen +gehalten sind, zeigt das Attentat auf Harden, wo die einzelnen Stellen +miteinander nur postlagernd verkehrten, ohne daß der Anstifter des +Attentats seine vorgesetzte Stelle, die ihm das Geld schickte, überhaupt +dem Namen nach kannte. Die Verbindung klappt so gut, daß es den Behörden +bisher nicht gelungen ist, die Auftrag- und Geldgeber beim Rathenaumord +festzustellen. Man hat zwar die Küchenmeister verhaftet, nicht aber die +Köche, die diesen Brei rühren ließen. + +Eine große Zahl der Teilnehmer steht in jugendlichem Alter. Studenten, +ja sogar Gymnasiasten stellen das Hauptkontingent. Gymnasiasten von 17 +Jahren haben bei der Ermordung Rathenaus entscheidend mitgewirkt. Da die +heutigen Kinder trotz aller sozialdemokratischen Unterrichtsminister +noch immer aus den alten Lehrbüchern lernen, welche auf das Kaisertum +zugeschnitten sind, müssen sie die Ueberzeugung bekommen, daß das +Kaisertum die einzig wahre Regierungsform ist und die Republik eine +bedauerliche Verirrung, die man möglichst bald wieder gut machen müsse. +Die jungen Terroristen handeln also durchaus bona fide und glauben echte +Freiheitskämpfer zu sein, echte Nachfolger des Harmodius und +Aristogeiton, des Brutus, wenn sie die wenigen Republikaner Deutschlands +umbringen. + +Durch die große Zahl dieser Organisationen darf man sich nicht zu der +Meinung verleiten lassen, daß sie alle selbständig wären. Sie bestehen +vielmehr zum großen Teil aus denselben Leuten. Ein und dieselbe Person +ist oft unter verschiedenen Namen Mitglied von zehn solchen +Organisationen. Der Gesamtbestand der illegalen und halblegalen +deutschnationalen Organisationen dürfte eine Viertelmillion nicht +überschreiten. Was die Bewaffnung betrifft, so wird dieselbe auf +allerhöchstens 150_000 Gewehre mit je 10 Schuß Munition, 2000 leichte +und 500 schwere Maschinengewehre geschätzt. Schwere Kampfwaffen dürften +kaum in nennenswerter Zahl vorhanden sein. + +Das größte Dunkel schwebt über den Geldgebern. Zu vermuten ist, daß die +Großindustrie und die großen Rittergüter Geld zur Verfügung stellen. +Ueber die Herkunft des Geldes ist im einzelnen nichts zu ermitteln. Nur +die Herkunft kleinerer Summen hat sich nachweisen lassen: + +Der Major a. D. Erich Hansen hatte in Preußen die Einwohnerwehren +organisiert und war dann in die entsprechende Stelle des +Reichswehr-Ministeriums gerufen worden. Die Mitglieder der +Einwohnerwehren wurden bei zwei Versicherungsgesellschaften versichert. +Die Provision von insgesamt 60_000 Mark verwendete Hansen für einen +schwarzen Fonds, der zur Vorbereitung des Kapp-Putsches diente. Hansen +wurde wegen Bestechung angezeigt, aber vom Landgericht I freigesprochen. +(»Berliner Tageblatt«, 24. Mai 1922.) + +Wie leicht es möglich ist, für solche Zwecke Geld zu bekommen, zeigt +folgender Fall: Als der Kapitänleutnant Killinger von der Organisation C +(der Vorgesetzte der Erzberger-Mörder Schulz und Tillessen) wegen des +Verdachtes der Teilnahme an der Ermordung Erzbergers in Haft saß, +besuchte sein früherer Bursche Rabenschlag den Generalmajor von Chrismar +in Freiburg, den Major Hildenbrandt in Oberkirch, den Major Max Fröhlich +in Oberkirch und den Obersten von Pilgrim in Karlsruhe, Schatzmeister +einer deutschvölkischen Organisation, und erhielt von ihnen unter dem +Vorwand, für Killinger sorgen zu wollen und zu versuchen, ihn zu +befreien, ohne weiteres über 22_000 Mark, die Rabenschlag für sich +selbst verbrauchte. In einem im Zusammenhang damit wegen Betrugs gegen +die Staatskasse angestrengten Prozeß verweigerten die Offiziere die +Auskunft (»Berliner Tageblatt«, 17. August 1922, Prozeßberichte in allen +Berliner Zeitungen). Ein Verfahren gegen die Offiziere wurde nicht +eingeleitet. Rabenschlag wurde wegen dieser und anderer Schwindeleien zu +vier Monaten Gefängnis verurteilt. + + +Die Besorgung falscher Papiere + +Einen interessanten Beitrag zur Kenntnis der illegalen +deutschnationalen Organisationen liefert das Geständnis Runges. Es +heißt darin: »Am 19. Mai 1921 wurde ich aus dem Gefängnis +entlassen. Ein Kommissar und ein Rittmeister von der Sipo kamen in +meine Wohnung und erklärten mir, ich müsse noch in der Nacht +weggebracht werden, die Spartakisten könnten kommen und mich +aufhängen. Ich wurde unter dem Namen Lange nach der Paulsborner +Straße 4, Klinik von Professor Dr. Grauert, gebracht. Inzwischen +war Leutnant Krull verhaftet worden und ich wurde als Zeuge +gesucht. In die Klinik kam ein Dr. Schiffer, der in Schöneberg, Am +Park 18, wohnt und einer nationalen Partei angehört. Schiffer +verbot mir in ziemlich schroffer Weise, zur Vernehmung in Sachen +Krull zu gehen und verschaffte mir falsche Papiere, die auf den +Namen des Sergeanten Wilhelm Franz Rudolf aus Posen lauteten. Das +erste Papier ist ein Entlassungsschein, datiert vom 1. April 1920, +unterschrieben I. A.: Seeliger, Oberleutnant zur See. Es trägt den +Stempel der Schiffsstammdivision der Ostsee. Das zweite Papier ist +ein Stammrollenauszug auf denselben Namen mit der gleichen +Unterschrift. Das dritte Schreiben ist ein Dienstleistungszeugnis +für den Bürodiener Rudolf, ausgestellt vom Generalkommando des 7. +Armeekorps. Es trägt das Datum: Münster, 15. Juni 1921 und ist +unterzeichnet von Hauptmann von Chaulin. Man hat mich von der +nationalen Klinik gar nicht erst nach Hause gelassen, sondern +gleich mit einem Leutnant von Grabow nach Blankensee +(Hinterpommern) geschickt. Später wurde ich nach Mecklenburg +gebracht; immer auf den falschen Namen Rudolf. + +Inzwischen wurde ich weiter als Zeuge in dem Prozeß gegen den Leutnant +Krull gesucht. Es wurden nun alle Anstrengungen gemacht, damit ich nicht +gefunden wurde. Nun ließ der Untersuchungsrichter in Sachen Krull, Herr +Dr. Leiden, mir durch meinen Stiefsohn mitteilen, ich sollte angeben, wo +ich bin. Diese Mitteilung erhielt ich in Mecklenburg auf dem Gut Kalsow +bei Kadlow, Kreis Wismar. Es war dort eine militärische Organisation +untergebracht. Die Leute lagen als angebliche Landarbeiter auf den +Gütern herum, um im Bedarfsfalle als Soldaten bereit zu sein. Leiter war +der Major Weber. Diesem sagte ich: »Ich fahre jetzt nach Berlin, ich +werde immer tiefer in die Sache hineingerissen.« Darauf ließ man mich +nach Berlin fahren, gab mir aber drei Offiziere, Leutnant Bender, +Leutnant Fuss und Leutnant v. Dallwitz als Begleiter mit, die mich nicht +aus den Augen ließen. Diese drei Offiziere brachten mich gleich nach +Wannsee, Otto-Friedrich-Straße 10, wo das Büro der Arbeitsgemeinschaft +Roßbach ist. Dort wirkten Leutnant Roßbach sowie andere Offiziere namens +Barthold, Köpke usw. auf mich ein. Ich sollte die Sache totschweigen und +einfach sagen, ich kenne Krull nicht, ich könnte mich auf nichts mehr +erinnern. Dafür sollte ich eine gute Stellung bekommen. Ich habe mich +bei meiner Aussage, bei der ich nicht vereidigt wurde, leider durch das +Drängen dieser Leute dahin beeinflussen lassen, daß ich in ähnlichem +Sinne ausgesagt habe. Darauf sollte ich nun nach Oberschlesien zur +Arbeitsgemeinschaft Roßbach abgeleitet werden. Ich bin nicht nach +Schlesien gefahren.« (»Vorwärts«, 30. Mai 1922.) + + +Freikorps Oberland + +Hauptorganisator des Freikorps Oberland und der sogenannten +Nachrichtenzentrale München ist ein Hauptmann _von Kessel_ (alias +Kiefer). Sein Büro befand sich 1921 Fürstenfelder Str. 13 II. Andere +Büros liegen am Isartorplatz, im Gasthaus Adelmann. Es existieren +verschiedene Unterabteilungen, so eine Spionageabteilung gegen das +feindliche Ausland (Leutnant Pongratz, alias Geher), eine +Einbruchsabteilung (Oberleutnant Rail, er führt auch die Kasse), eine +Abteilung zur Beseitigung und Beobachtung Unzuverlässiger in den eigenen +Reihen (Fehme), und eine Spionageabteilung gegen politische Gegner +(Oberleutnant Graf). Außerdem existiert ein _Rollkommando_, in +Oberschlesien Wurfkommando genannt, in dem nur ganz zuverlässige +Offiziere Verwendung finden. Führer ist Hauptmann Oesterreicher (Lullu). +Diese Abteilung dürfte eine Mordorganisation im eigentlichen Sinn sein. +Einzelheiten über die gut funktionierende Organisation sind schwer zu +erlangen, da nicht einmal die Mitglieder der einzelnen Abteilungen +miteinander in Berührung kommen. Zum Befehlsempfang werden die einzelnen +Leute, meistens frühere Offiziere, zu verschiedener Zeit in die +einzelnen Büros bestellt. Mitglieder der Organisation sind: Leutnant +Gröhl, Fischer, Stremer, Hauptmann Römer, genannt Peppo, Oberleutnant +Reindl, Friedrich, Weinzierl und Sondermayer. Gauleiter ist Major +Horodam, Knöbelstr. 8, Stabsleiter Georg Ashton, Heßstraße 6. Dort ist +ebenfalls ein Büro. Waffenoffizier ist Oberleutnant Knaut, Fürstenstr. +18. Leutnant Brandt ist Leiter der Waffen- und +Munitionsbeschaffungsabteilung, Oberleutnant Fuhrmann hat die +Transportmittel und das Kraftfahrwesen, Leutnant Lembert ist Offizier +für das Artilleriewesen. + +Das Depot der Wirtschaftsstelle ist in der Luftschifferkaserne. Ein +Waffenmeister namens Schurk wohnt in der Morassistraße, der andere +Waffenmeister Dieter in der Herzog-Wilhelm-Straße. + +In der Fürstenstr. 18 a liegen die Stammrollen sämtlicher Offiziere und +Mannschaften. Die Turn- und Sportabteilung der Nationalsozialisten +arbeitet zusammen mit den Zeitfreiwilligen-Kompagnien 4 und 13. + +In den Satzungen der Reichsfahne Oberland heißt es: »Wir werden uns nie +auflösen, kein feindliches Diktat wird uns wehrlos und somit ehrlos +machen.« Jedes Mitglied der Reichsfahne Oberland versichert +ehrenwörtlich, der Reichsfahne Mannestreue zu halten bis in den Tod und +unbedingten Gehorsam allen Führern der Reichsfahne zu halten. »Verräter +und Wortbrüchige verfallen der Fehme.« Das Zeichen des Freikorps +Oberland ist ein Dolch mit Eichenlaub und schwarzweißroter Binde. + +Interessant ist ein Telegramm vom 4. September 1921 aus München an den +angeblichen Geheimrat Berger, in dem es u. a. heißt: »Kohlen +eingetroffen und Berichte. Ich bitte folgendes ungesäumt durchzuführen: +Außer Nicke und Bürckmayer alles restlos sofort nach Plan entlassen oder +hierher beordern. Entlassener Stefan denunziert bei Neitze. Letzteren +aufklären, ersteren zu Tiefstein schicken. Verhandlungen mit Festigkeit, +Ruhe und Taktik führen. Nicht abreisen ohne Ziel völlig erreicht und +möglichst weiter Etappisierung der umgewandelten N. Z. erreicht zu +haben. Erbitte Vollzugsmeldung.« (»Münchener Post« vom 1. Oktober 1921.) + +Nicke ist der Zahlmeister Ludwig Nicke aus der Kaulbachstraße, München. +Er kam ins Gefängnis nach Breslau, weil er der Gruppe »Süd« 80_000 Mark +unterschlagen haben soll. Der Freiwillige Stefan hatte erzählt, daß er +dem Kriminalkommissar Heinze in Neiße Mitteilungen über das Freikorps +machen wollte. Dies wurde bekannt und deshalb sollte Stefan nach +»Tiefstein« geschickt werden. Das bedeutete die Anweisung an die +Abteilung »Friedrich« des Freikorps, den Stefan umzubringen. Der +Ausdruck Tiefstein kommt daher, weil die Abteilung Friedrich ein +früheres Mitglied Hochstein wegen Verrat erschossen hatte. Herr Ashton +schickte natürlich der Münchener Post eine Berichtigung, welche all +diese Dinge bestritt. (»Münchener Post«, 10. Oktober 1921. Die gesamten +hier gebrachten Angaben stellen den Zustand von 1921 dar.) + +Kessel wurde am 1. Oktober 1921 auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft +Breslau wegen Mordverdacht verhaftet, aber gleich darauf wieder +entlassen. Am 23. Dezember 1921 wiederholte der Untersuchungsrichter +beim Amtsgericht Breslau den Haftbefehl. Jetzt aber war Kessel natürlich +längst über alle Berge. + +Der Hauptmann Dr. Fritz Römer, ein sehr rühriges Mitglied des Freikorps +Oberland, wurde zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte, um die +Bundeskasse aufzufüllen, vorgeschlagen, ein nach Oberammergau fahrendes +Fremdenauto zu überfallen. (»Berliner Tageblatt«, 12. September 1922.) + +Ein Geheimschreiben der 25. Alarmkompagnie, Maschinengewehr-Sturmriege +in München, das Verhaltungsmaßregeln für den Fall eines Rechtsputsches +enthält, gibt interessante Einblicke in die dem Freikorps Oberland +näherstehenden Kreise. Es heißt darin (»Freiheit«, 24. September 1921.): +»Mit dem standrechtlichen Erschießen darf jetzt nicht mehr human +verfahren werden, insbesondere müssen wir auf die Führer der +republikanischen, sozialistischen und gewerkschaftlichen Organisationen +unsere Späher wie auf das Wild hetzen ... Sozialistenführer und größere +Schreier in der Wohnung gleich erschießen. Die Juden festnehmen und in +den 4. Reserveplatz führen, wo sie samt und sonders gehenkt werden. Eher +noch mit Sozialdemokraten Erbarmen haben, als mit Juden. Die Presse, mit +Ausnahme der rechtsdemokratischen, nationalen und antisemitischen, ist +sofort zu besetzen. Weigern sich Druckereiarbeiter für uns zu arbeiten, +so sind die nächsten fünf zu erschießen und in den Druckereiräumen +liegen zu lassen. Bei Sabotage an den Maschinen ist jeder sechste Mann +zu erschießen. Straßenabsperrungen müssen rücksichtslos durchgeführt +werden. Wer trotz des Verbotes die Straße betritt, gleich ob Bürger oder +Proletarier, wird erschossen.« + +Die Affaire Dobner, der Ausgangspunkt zu einer Reihe von bayrischen +Morden, zeigt, daß die Nationalisten auch bereit sind, vom Wort zur Tat +überzugehen. Der frühere Reichswehrsoldat Dobner hatte erfahren, daß in +Schloß Mirskofen Waffen versteckt waren. Er teilte dies durch +Vermittlung des Polizeisekretärs Glaser (alias Seyfried) und des +Polizeispitzels Bracher dem Oberleutnant und Tattersallbesitzer German +Böhm (Polizeiname Pollinger) mit und erhielt hierfür 3000 Mark +ausbezahlt. Im Auftrag Böhms sollte Dobner die Waffen den Studenten +Schuster und Hermann Berchtold zeigen. In einem Auto Böhms, das Neunzer +führte, wurde Dobner am 21. Oktober 1920 mit einem eisenbeschlagenen +Stock auf den Kopf geschlagen und geknebelt. Die Studenten leuchteten +mit einer Taschenlampe an ihm herum und sagten: »Der ist schon hin.« Der +Chauffeur fragte: »Seid Ihr auch sicher, daß er schon tot ist?« Es +gelang Dobner aus dem fahrenden Auto zu springen und zu entfliehen. Die +Vermutung liegt nahe, daß man ihn beseitigen wollte, weil er das +Waffenlager kannte. Im Prozeß wurde festgestellt, daß der Kaufmann +Alfred Heller, Böhm und andere Angehörige der Polizei eine +Waffenerwerbungskommission bildeten, welche die illegalen Waffenlager +gegen Verrat (an das Reich, nicht etwa an die Entente) schützen sollten. +Schuster und Berchtold wurden am 26. Januar 1921 zu je 250 Mark +Geldstrafe verurteilt. Die Waffen, die einem Baron Fürstenberg gehörten, +wurden gleich, nachdem die Sache publik war, weiter verschoben +(Prozeßbericht in allen Münchener Zeitungen.) + +Die Ermordung des Abgeordneten Gareis hängt eng mit der Affäre Dobner +zusammen. Gareis hatte sich sehr für die Aufdeckung dieser Sache +eingesetzt. Er kannte geheime Protokolle der Einwohnerwehren und ihre +Waffenlager. Man befürchtete, daß er sie an das Reich verraten könnte. +Der Abgeordnete Unterleitner stellte im Reichstag am 17. Juni 1921 die +Behauptung auf, daß der Mörder der Münchener politischen Polizei +nahestehe. Er nannte als beteiligt Alfred Heller, Bezirksführer der +Einwohnerwehr, den bereits genannten Böhm und Glaser und die Studenten +Schuster und Berchtold. Nach anderen Auffassungen ist Hans Schweighart, +der vermutliche Mörder des Dienstmädchens Sandmeyer, auch der Mörder von +Gareis. Die Untersuchung der Falles Gareis durch die Münchener +Staatsanwaltschaft ist bisher vollkommen ergebnislos verlaufen. + + +Die Rolle der Münchener Polizei + +Die Münchener Polizeidirektion unter Pöhner arbeitete mit dem Oberland +zusammen. Die Verbindung wurde durch einen Leutnant Weil aufrecht +erhalten. Zahlreiche Akten des Freikorps Oberland gingen nach Zimmer +117 der Polizeidirektion, Referat 6a, politische Abteilung, +Regierungsrat Frick. Auch ist der Verdacht geäußert worden, daß die +Flucht der Mörder Erzbergers nach Ungarn mit Hilfe falscher Pässe +bewerkstelligt wurde, die der Münchener Polizeipräsident Pöhner +ausgestellt hat. Folgender Fall macht diese Vermutung wahrscheinlich. In +einem Münchener Hotel wurde ein Kaufmann Hans Eickmann von einem +Polizisten verhaftet, weil er zwei Pässe hatte. Als Eickmann dann dem +Polizeipräsidenten vorgeführt wurde, sagte Pöhner: »Der eine Paß ist +falsch, geben sie ihn sofort her. Ich habe den Herrn in einer +politischen Sache nach Ungarn gesandt. Der Mann wird entlassen, führen +Sie ihn aber nicht durch die politische Abteilung.« (Reichstag, 17. Juni +1921.) + +Aller Wahrscheinlichkeit nach fällt die Ermordung der Sandmeyer, des +Abgeordneten Gareis, das Attentat auf Auer, die Ermordung des Leutnant +Schweighardt und des Spitzels Hartung auf das Konto des Freikorps +Oberland oder von Kreisen, die ihm nahe stehen. + +Bei alledem darf man sich nicht etwa vorstellen, daß in Bayern ständig +eine bis zur Gluthitze gesteigerte politische Atmosphäre herrscht. Im +Gegenteil, das offizielle Vertuschungssystem hat es mit sich gebracht, +daß der Durchschnittsbürger von all diesen Vorgängen entweder überhaupt +nichts erfährt oder sie als selbstverständlich betrachtet, ihre +Erwähnungen aber als eine Berliner Hetze auffaßt. Denn die Presse, die +abgesehen von den paar sozialistischen Organen politisch vollkommen +rechts steht, auch wo sie sich demokratisch nennt, macht dieses +Vertuschungssystem vollkommen mit. + + +Die Organisation »C« + +Soweit Außenstehende dies zu beurteilen vermögen, scheint diejenige +Organisation, in der die meisten Fäden zusammenlaufen, die Organisation +»C« zu sein. Erwachsen ist sie ursprünglich aus einem Geheimbund der +Garde-Kavallerie-Schützendivision. Heute stellt sie die direkte +Fortsetzung der Brigade Ehrhardt dar. Ihr Name kommt daher, daß ihr +Leiter, der frühere Kapitän Ehrhardt, innerhalb der Organisation den +Namen Consul trug. Alle Mitglieder führen nämlich besondere Decknamen. +Die Organisation zerfällt in eine Kampforganisation und eine Fehme. Die +Fehme hat den Zweck, Persönlichkeiten, die sich den Zielen der +Organisation widersetzen, zu bestrafen und unter Umständen zu ermorden. +Ehrhardt hält sich gewöhnlich in Innsbruck auf, doch war er öfters auch +in Budapest. Im Mai 1921 war er, obwohl steckbrieflich verfolgt, in +Leipzig und traf dort mit Karl Tillessen zusammen. 1921 wurde aus der +Organisation Consul der »Neudeutsche Bund«, ein gerichtlich +eingetragener Verein, gegründet. Sein Leiter ist wiederum Kapitän +Ehrhardt. (Vergl. »Berliner Tageblatt«, 19. August 1922.) Zur +Finanzierung wurde versucht, eine Ehrhardt-Bank zu gründen. Die Leiter +des deutschen Konsortiums waren Eberhardt von Puttkamer und Emil +Schäfer; einer der Angestellten der mit der Ermordung Rathenaus in +Zusammenhang stehende ehemalige Kadett Ernst von Salomon (»Berliner +Tageblatt«, 17. August 1922). Schäfer war früher in der Schweiz wegen +einer Reihe von Schiebungen zu mehreren Jahren Zuchthaus und +Landesverweisung verurteilt worden (»Freiheit«, 17. August 1922). An der +Münchener Stelle der Organisation C arbeitet Müldner, Franz-Josef-Str. +3, der Oberamtmann Frick und der schon oben genannte Kriminalkommissar +Glaser. + +Die Organisation C hat nachweislich die Ermordung Erzbergers und +Rathenaus und die Attentate auf Scheidemann und Harden durchgeführt. + +Bei dem Studenten Günther, einem der Mitwisser des Rathenaumordes, der +als Kurier der Organisation C zwischen Berlin und München hin- und +herfuhr, wurden bei seiner Verhaftung zwei interessante Briefe entdeckt. +Der eine ging vom Grafen Reventlow an den Dr. von Scheubner-Richter, +München, Georgenstr. 42, der einen Wirtschaftsverband »Aufbau« leitet. +Dieser dürfte die Verbindungsstelle zwischen den deutschen und +russischen Monarchisten extremer Richtung darstellen. Der andere rührt +von einem Mitarbeiter Reventlows, Petersen, her und ist an den +Sanitätsrat Dr. Pittinger in München, den Nachfolger Escherichs bei den +Einwohnerwehren, gerichtet. Die Briefe behandeln interne Differenzen +zwischen den verschiedenen Organisationen und sind außerordentlich +vorsichtig gehalten. (Vergl. »Vorwärts«, 9. Juli 1922.) Ludendorff wird +darin mit Onkel Ludwig, Escherich als Onkel Emil bezeichnet. Man fand +bei Günther auch einen Bericht über einen Besuch bei Herrn von Jagow in +der Festung Gollnow und eine daran anschließende Münchener Reise. Herr +Hemmeter, Nachfolger des Herrn v. Killinger in der Organisation C, +teilte nach diesen Aufzeichnungen dem Günther mit, eine Wiederaufnahme +des Jagowprozesses sei in München unerwünscht, weil man fürchte, Onkel +Ludwig werde dabei vollends kompromittiert. + + +Wie man Mörder mietet + +Am 3. Juli 1922 wurde Maximilian Harden in der Nähe seiner Wohnung im +Grunewald von dem ehemaligen Leutnant Walter Ankermann und dem +landwirtschaftlichen Beamten Herbert Weichhard aus Oldenburg überfallen +und mit einer schweren Eisenstange niedergeschlagen. Harden wurde aus +mehreren Wunden blutend von Passanten gefunden. »Nach der Festnahme +Weichhards fand man in den Wohnungen der Beiden Stücke eines zerrissenen +Telegramms, das auf Albert Wilhelm Grenz in Oldenburg als Anstifter +hindeutete. Grenz und seine Frau wurden verhaftet. Nach anfänglichem +Leugnen gestand er seine Beteiligung. Grenz vertreibt antisemitische +Schriften und ist Leiter und Vorsitzender der deutschvölkischen +Organisation in Ostfriesland, ebenso Vorsitzender des deutschen +Treubundes. In seiner Behausung wurde eine Liste aller deutschvölkischen +Anhänger, die zu Taten bereit wären, und eine Liste der in Ostfriesland +wohnenden Juden gefunden. Wie Grenz angab, erhielt er Anfang März einen +anonymen Brief aus München, der die Aufforderung enthielt, zwei junge, +tatenfrohe Männer zu suchen, die bereit seien, für ihr Vaterland alles +zu tun. Ihre Sicherstellung werde erfolgen. Antwort umgehend unter +A.W.G. 500, Hauptpostamt München. Grenz trat an Weichard heran, der sich +sofort zur Tat bereit erklärte und kurz darauf mit Ankermann bei Grenz +erschien. Nun schrieb Grenz an die angegebene Adresse nach München, er +habe zwei brave deutsche Männer gefunden. Schon wenige Tage darauf kam +aus München ein brieflicher Dank für Grenz und für die beiden Männer. +Und die weitere Mitteilung, sofort nach Frankfurt a. M. zu fahren, wo +unter A.W.G. 500 hauptpostlagernd weitere Nachricht für Grenz liege. + +Diesem Verlangen kam Grenz nach; und bei seinem Eintreffen in Frankfurt +a. M. lag dort ein Brief, in dem es heißt, daß zur Ausführung der Tat +eine Summe beiliege, die entsprechend zu verteilen sei. Auch solle Grenz +die beiden Leute förmlich verpflichten. Nach der Tat würde den beiden +eine weitere Summe gezahlt werden, die die anliegende (es waren 23_000 +oder 25_000 M.) erheblich übersteige. Außerdem wird beiden Leuten, wenn +sie Wert darauf legen, durch Vermittlung _Anstellung im bayerischen +Staatsdienst in Aussicht gestellt_. Ein beigefügter Zettel in +Maschinenschrift enthielt nur die Worte »Maximilian Harden«. Ein anderer +Zettel gab folgende Verhaltungsmaßregeln: »Keine Briefe und keine +Telegramme senden, tunlichst Auto benutzen, nicht viel reden, alles auf +die Sache Bezügliche vernichten, nach der Tat nach verschiedenen +Himmelsrichtungen auseinandergehen.« Grenz fuhr nach Oldenburg zurück +und benachrichtigte die beiden in Aussicht genommenen Täter. Er +verpflichtete sie in seiner Wohnung durch Handschlag förmlich und machte +sie darauf aufmerksam, daß den Verräter die gleiche Strafe treffen +würde, die Maximilian Harden zugedacht sei. Ankermann erhielt 10_000 +Mark, Weichard 7000 bis 8000 Mark. Die beiden reisten ab, führten aber +nicht, wie verabredet, noch Ende März oder Anfang April die Tat aus, +trieben sich vielmehr zuerst in Berlin herum, besuchten Bars und +schrieben erst nach der Ermordung Rathenaus an Grenz, daß trotz der +ungünstigen Konjunktur das Geschäft binnen kurzem perfekt gemacht werde. +Der Brief, der die Ermordung »spätestens Dienstag« melden sollte, lag in +der Wohnung der Täter fertig. Hier sein Wortlaut: »Sehr geehrter Herr, +wir teilen Ihnen hiermit höflichst mit, daß uns trotz ungünstigster +Konjunktur der Geschäftsabschluß geglückt ist. + +Wir sehen nunmehr Ihrem persönlichen schnellmöglichsten Kommen hierher +entgegen und bitten höflichst und dringendst, alles Nötige zur +Aufrechterhaltung der einmal eingegangenen Geschäftsverbindungen in die +Wege zu leiten und mitzubringen. + +Nach dem jeweiligen Stand unserer Valuta halte ich baldmöglichstes +Anbahnen der beabsichtigten Geschäftsverbindung mit der pp. Firma im +Süden für unbedingt erforderlich. Ich verstehe darunter vorzugsweise die +geplante baldigste Festanstellung unserer beiden Herren bei der pp. +Firma, die ihnen ja auch vertragsmäßig in Aussicht gestellt ist. Für +ihre und ihrer Familien Uebersiedlung ist naturgemäß Sorge zu tragen. + +Gleichzeitig bitten wir, bei Einlösung der Devisen dafür Sorge tragen zu +wollen, daß die vereinbarte Anzahlung auch die entstandenen Unkosten und +Verpflichtungen decken kann, also mindestens sechzigtausend Mark. +Wünschenswert wäre, wenn unser Chef sich dazu verstehen könnte, die +Schuldsumme in Höhe von dreißigtausend Mark extra auszuwerfen, sodaß die +Herren Agenten keine Einbuße des ihnen Zustehenden erleiden. + +In der Hoffnung, daß unserem Bericht Ihrerseits der genügende Nachdruck +verliehen wird, zeichnen wir mit ganz vorzüglicher Hochachtung -- immer +die Alten. + +Da Ihnen unsere Anschrift bekannt ist, bitten wir, die +Duplikatfrachtbriefe uns so schnell wie möglich zukommen zu lassen. +Mündlich mehr.« + +»Duplikatfrachtbriefe«: falsche Pässe und Prämien, »Firma im Süden«: +Organisation »Consul«. Ankermann, einst Couleurstudent mit weißem +Stürmer, dann Oberleutnant mit Eisernem Kreuz erster Klasse, Liebling +und Kostgänger öffentlich umlaufender Mädchen, trat am Morgen nach dem +völkisch-heldischen Versuch, von hinten, »ohne Risiko«, einem Wehrlosen +den Schädel einzuschlagen, in das Berliner Büro der deutschnationalen +Partei und fragte nach dem Herrn von Dryander. Nicht anwesend. Wer denn? +Graf York. Zu diesem Grafen sprach der Herr Oberleutnant: »Ich habe +gestern befehlsgemäß Harden erledigt, muß deshalb verschwinden und +komme, mir Reisegeld zu holen.« Antwort: »Ich kann da nichts machen, +glaube aber, daß wir Herrn von Dryander im Meister-Saal finden werden; +kommen Sie mit.« Das bekundet Graf York; behauptet, in der Etage allein, +drum außerstande zur Sistierung gewesen zu sein; die Meisterfalle habe +Ankermann gerochen und sei ausgerückt. Die drei Herren blieben auf +freiem Fuß.« (»Zukunft«, 8. Juli 1922.) + + + + +DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG UND DIE MORDE + + +Die Nachwirkungen der politischen Morde + +Während noch das Opfer zuckt, stimmt die Presse schon den entsprechenden +Ton an. »Entsetzlich, entsetzlich« schreien »Lokalanzeiger«, »Zeit«, +»Tägl. Rundschau«, »Deutsche Tageszeitung«, usw.: »Wir mißbilligen +politischen Mord von jeder Seite.« Doch schon ein leiser Unterton, der +bald lauter und lauter wird: »Ja ist denn bewiesen, daß dies eine +deutschnationale Tat ist?« Dick fließen die Krokodilstränen. Die +Regierung erwacht für Minuten aus ihrer Lethargie: Scharfe Gesetze +sollen die Republik schützen. Die Linken erheben laut Anklage gegen die +Mörder. Da verstärkt sich der Unterton: »Wir sind gegen solche +Ausschreitungen«, d. h. wir mißbilligen, daß man aufrichtig gegen den +Mord ist, daß man eine Katze eine Katze und die deutschnationalen +Geheimbündler Mörder nennt. + +Die Mörder entkommen. Die großen Ueberschriften in den Zeitungen klingen +ab. Die »Gesetze zum Schutz der Republik« werden von überzeugten +Antirepublikanern ihren Zwecken leicht dienstbar gemacht. Die Zeitungen +sprechen von den vom »kommunistischen Ausland« gedungenen Mördern: »Ein +Deutscher kann so etwas nicht tun.« + +Am interessantesten ist, was sich gleich nach dem Mord abspielt: Große +Empörung im ganzen Land, besonders bei den Arbeitern, vereinzelt auch +bei der Bourgeoisie. Als Protest gegen den Mord rufen die +Arbeiterparteien entsprechend ihrer Einstellung zu Massenaktionen, +Demonstrationsstreiks und Umzügen auf. Man weiß, daß bei besonnener +Haltung der Polizei, insbesondere wenn man sie von der Straße vollkommen +zurückzieht, infolge der großen Disziplin, die im allgemeinen bei den +organisierten sozialistischen Parteien herrscht, eine solche +Demonstration vollkommen ruhig ablaufen kann. Dies hat die Erfahrung in +hunderten von Umzügen gezeigt. Aber ein solch ruhiger Verlauf liegt +keineswegs im Interesse der Rechtsstehenden. Bezahlte agents +provokateure, die durch Aufhetzung für Unruhe sorgen und provozierte +Haltung der Polizei sorgen dafür, daß die Ruhe gestört wird. Es kommt zu +einem Zusammenstoß der Menge mit der Polizei. Irgend woher fällt der +berühmte erste Schuß. (Später kann nie festgestellt werden, von welcher +Seite.) Rücksichtslos haut, schießt, schlägt, trampelt die gut +organisierte Polizei auf die unbewaffnete Menge ein. Dutzende von toten +Demonstranten, nicht etwa Polizisten, bedecken das Feld. Dies nimmt die +Presse zu begründetem Anlaß, den fortwährenden Terror von Links, die +Exzesse, nicht etwa der Polizei, sondern der Demonstranten, auf +schärfste zu verurteilen, und zu schließen, daß die Demokratie, die +Freiheit, die Verfassung bedroht sei -- nicht etwa durch die Mörder, +sondern durch die »von Hetzern sinnlos aufgepeitschten Arbeitermassen.« +Diese Argumentation ist besonders wirkungsvoll, wenn die Arbeiter im +Laufe der Demonstration irgendwelche Symbole des Kaisertums zerstört +haben. + +Bald ist die nötige Stimmung erreicht. Nicht die Mörder, die man bald +vergißt, sind die Feinde der Republik, sondern die »Hetzer«, die zum +ehrlichen Schutz der Republik riefen. Dann ist es nur gerecht, daß man +die Mörder in Ruhe läßt und die Demonstranten einsperrt. Dieses +Verfahren hat sich mit widerwärtiger Eintönigkeit bei jedem der letzten +politischen Morde wiederholt und ist beinahe empörender als die Morde +selbst. + + +Die Haltung der deutschnationalen Presse + +Nachdem allmählich die Erinnerung an den Rathenaumord verblaßt, geht die +deutschnationale Presse wieder zum Angriff über. So hat die »Deutsche +Zeitung« in Berlin, in der Nummer vom 3. August 1922 eine Liste von 276 +angeblichen Morden von Links veröffentlicht. Diese Liste ist dann in +vielen deutschnationalen Zeitungen nachgedruckt worden. Selbst wenn die +Zahl 276 richtig wäre, wären demnach die politischen Morde von Links +noch immer seltener als die von Rechts. Aber die Zusammenstellung +entbehrt jeder Grundlage. Denn die »Deutsche Zeitung« hat alle +diejenigen Kautelen gröblich verletzt, die bei der Statistik der +politischen Morde zu beachten sind. + +Zunächst sind in der Liste ca. 150 im Kampf Gefallene aufgenommen, +ferner ist in keinem einzelnen Fall genau untersucht, ob überhaupt +politische Motive dem betreffenden Mord zugrunde liegen. Endlich sind +nur 38 Fällen die Namen angegeben. In ganz wenigen Fällen sind präzise +Angaben aufgeführt über Ort und Tat, so daß eine Identifikation des +betreffenden Falles möglich ist. In den meisten Fällen handelt es sich +um leere Behauptungen, die überhaupt nicht nachprüfbar sind, wie z. B.: +»Im März 1920 wurde im Ruhrgebiet ein Soldat aufs grausamste ermordet.« +Dazu kommen noch eine ganze Reihe von Rechenfehlern, welche zeigen, daß +die Arbeit in ganz oberflächlicher Weise durchgeführt wurde. + +So heißt es in dieser Statistik: + + 10. 7. März 1919. Ein Feldwebel mißhandelt und erschossen. + + 11. 7. März 1919. Ein Regierungssoldat mißhandelt und erstochen. + + 12. 7. März 1919. Ein Offizier niedergeschlagen und erschossen. + + 13. Zwischen 6. und 10. März 1919. Ein Regierungssoldat + erschossen. + + 14. 6. März 1919. Ein Gefreiter getötet. + + 15-31. In der Zeit vom 7. bis 10. März 1919. 16 Regierungssoldaten + und ein Offizier erschossen oder totgeschlagen. + + 32. 7. März 1919. Ein Regierungssoldat mißhandelt und erschossen. + + 33. 7. März 1919. Ein Soldat Fritz Engler mißhandelt und + erschossen. + + 34-37. 7. März 1919. Vier Soldaten durch Handgranaten getötet. + + 38. 8. März 1919. Ein Regierungssoldat mißhandelt und erschossen. + + 39. 8. März 1919. Zahlmeister W. Specht mit eigenem Revolver + erschossen. + + 40. 9. März 1919. Ein Soldat erschossen. + + 41. 9. März 1919. Krankenträger Pinkernell erschossen. + + 42-43. 9. März 1919. Sicherheitssoldaten Hoffmann und Ehrhardt + erschossen. + +Hier werden also einzeln 16 Soldaten und ein Offizier aufgezählt, die +angeblich während der Märzvorgänge in Berlin ermordet wurden. Und dann +werden 16 Soldaten und ein Offizier auf einmal aufgeführt, die in +derselben Zeit und derselben Stadt ermordet wurden. Man ist zur Annahme +gezwungen, daß hierbei einfach dieselben Fälle zweimal gezählt wurden. + +Beim Märzaufstand 1921 führt der Verfasser 104 Bewohner +Mitteldeutschlands ohne weitere Spezifikation als ermordet an. Auf Grund +wessen soll man das glauben? Ein weiterer Beweis für die Ungenauigkeit +dieser Statistik ist die Tatsache, daß sogar einige bekannte Fälle von +Morden von Links fehlen. + +Bei jeder Statistik ist es eine selbstverständliche Forderung, daß man +die Quellen angibt, aus denen man geschöpft hat, sodaß eine Nachprüfung +der betreffenden Angaben möglich ist. Da ich in meiner Naivität annahm, +daß solche Grundlagen auch dem Artikel der »Deutschen Zeitung« zugrunde +lagen, schrieb ich ihr einen höflichen Brief, in dem ich sie um +diesbezügliche nähere Angaben bat -- und habe natürlich niemals eine +Antwort bekommen. + +Zusammenfassend kann man also sagen, daß es sich bei der Liste der +Deutschen Zeitung um eine ganz willkürliche Zusammenstellung handelt, +der jede Beweiskraft fehlt. + + +Politische Differenzierung der Mordtechnik + +Wie ist die ungeheure Differenz von 354 Morden von Rechts zu 22 von +Links zu erklären? Falsch wäre es meines Erachtens ohne weiteres zu +sagen: »Die Linken stehen eben moralisch höher.« Dies kann schon +deswegen nicht geschlossen werden, weil ja hier nur eine einzige +Verbrechensart untersucht wurde. So sind die Eigentumsverbrechen z. B. +nicht in den Kreis der Betrachtung gezogen. Bei ihnen könnte man +vielleicht vermuten, daß sie sich entsprechend der sozialen Struktur im +linken Lager häufiger als im rechten finden. Freilich darf hierbei +wiederum nicht vergessen werden, daß die Eigentumsverbrechen im +Gegensatz zu den Verbrechen gegen das Leben auch eine soziale Komponente +haben, daß sie durch die Tatsache der heutigen Eigentumsverteilung zum +größten Teil selbst erzeugt werden. Und in einer Gesellschaftsordnung, +die dem Einzelnen den Kampf ums Dasein erleichtert, sich sicher +zahlenmäßig sehr vermindern würden. Daß aber auch die +Eigentumsverbrechen, die von Rechts geschehen, keineswegs selten sind, +ersieht man aus den zahlreichen Plünderungen und Ausraubungen der +Leichen. So wurden von 184 in München tödlich »Verunglückten« in 68 +Fällen die Leichen ausgeplündert. + +Der wirkliche Unterschied zwischen den Parteien ist meines Erachtens +kein moralischer, sondern ein technischer. Die Anhänger der +Linksparteien sind durch Jahrzehnte gewerkschaftlicher Schulung +gegangen, die ihnen die Massenaktion als einzig wirksames Kampfmittel +predigte. Denn der linken Bewegung liegt die materialistische +Geschichtsauffassung zugrunde, welche die ökonomischen und technischen +Momente als in der Geschichte wirkende Faktoren betont. + +Bei der Rechten fehlt eine solche Gewerkschafts-Schulung. Ihr handelt es +sich darum, die für sie durch die Worte »Ruhe und Ordnung« +charakterisierte anarchische Wirtschaftsordnung aufrecht zu erhalten. +Und diesem Ziel entsprechen individuelle Mittel, die in ihrer Wirkung +der anarchistischen »Propaganda der Tat« identisch sind. Denn die Rechte +ist Anhängerin der heroischen Geschichtsauffassung, wonach der Held die +Geschichte »macht«. Entsprechend ist die Rechte geneigt zu hoffen, sie +könne die linke Opposition, die getragen ist durch die Hoffnung auf eine +radikal andere Wirtschaftsordnung, dadurch vernichten, daß sie die +Führer beseitigt. Und sie hat es getan: Alle Führer der Linken, die sich +offen dem Krieg entgegensetzten, zu denen die Arbeiterschaft Vertrauen +hatte, Liebknecht, Rosa Luxemburg, Eisner, Landauer, Jogisches usw. sind +tot. In neuerer Zeit geht man, wie die Attentate auf Erzberger, Auer, +Scheidemann und Rathenau beweisen, auch dazu über, die Führer der +gemäßigten Parteien zu ermorden. + +Die Wirksamkeit dieser Technik für den Augenblick ist unbestreitbar. Die +Linke hat keinen bedeutenden Führer mehr, keinen Menschen, von dem die +Massen das Gefühl haben: Er hat soviel um uns gelitten, soviel für uns +gewagt, daß wir ihm blindlings vertrauen können. Dadurch ist die +Arbeiterbewegung zweifellos um Jahre zurückgeworfen. Der Erfolg ist um +so größer, als in keinem Fall eine Bestrafung eingetreten ist. + +Daß diese Methoden beim Militär (die ganzen Morde von rechts sind von +Offizieren oder Soldaten begangen worden) eine solche Verbreitung +fanden, liegt natürlich an der psychischen Verrohung durch den Krieg, wo +das Leben des Einzelnen nichts mehr gelten durfte. Einen besonders +großen Einfluß hatten in dieser Hinsicht die zahlreichen ausgesprochenen +und unausgesprochenen Befehle, keine Gefangenen zu machen. + + +Politische Morde einst und jetzt + +Auch die Gleichgültigkeit, mit der man heute in Deutschland den +politischen Morden und den Opfern von turbulent verlaufenen +Straßendemonstrationen gegenübersteht, ist nur durch die Tatsache zu +erklären, daß der Krieg uns gegenüber dem Wert des Menschenlebens +abgestumpft hat. + +Die unglaubliche Milde des Gerichts ist den Tätern wohl bekannt. So +unterscheiden sich die heutigen politischen Morde in Deutschland von den +früher in anderen Ländern üblichen durch zwei Momente: Ihre +Massenhaftigkeit und ihre Unbestraftheit. Früher gehörte zum politischen +Mord immerhin eine gewisse Entschlußkraft. Ein gewisser Heroismus war +dabei nicht zu leugnen: Der Täter riskierte Leib und Leben. Flucht war +nur unter außerordentlichen Mühen möglich. Heute riskiert der Täter gar +nichts. Mächtige Organisationen mit ausgebreiteten Vertrauensleuten im +ganzen Lande sichern ihm Unterkunft, Schutz und materielles Fortkommen. +»Gutgesinnte« Beamte, Polizeipräsidenten geben falsche »richtige +Papiere«, zur eventuell nötigen Auslandsreise. Diese Technik hat sich +seit den Tagen des Oberleutnant Vogel sehr gehoben. Man lebt in den +besten Hotels herrlich und in Freuden. Kurz, der politische Mord ist aus +einer heroischen Tat zur alltäglichen Handlung, ja beinahe zu einer +leichten Erwerbsquelle für »rasch entschlossene Käufer« geworden. + + +Die Mitschuld der Gerichte + +Diese Zustände wären natürlich ohne die allerdings vielleicht unbewußte +Mithilfe der Gerichte undenkbar. Man kann es sogar geographisch +beweisen. Im Rheinland, im besetzten Gebiet, ist die Morddichte viel +geringer, als im übrigen Reich. Man weiß, daß dort die +Rheinland-Kommission nicht den Interessenstandpunkt der deutschen +Richter teilen würde. (Wer in ihrem Land ähnliche Dinge vorkommen +würden, so würde sie natürlich wahrscheinlich genau so urteilen.) Ein +weiterer Beweis der unbewußten Mitschuld der Gerichte an den Morden +liegt in der Tatsache, daß die wörtliche Aufforderung zur Ermordung +namhafter Pazifisten keineswegs als Delikt angesehen wird. Einige +Papiermark Strafe -- und der Verbreiter der Aufforderung kann weiter die +Saat des Hasses schüren. Am Tag nach der Ermordung Erzbergers stand im +»Spandauer Tageblatt«: »Aufs Schaffott! Das zweite Opfer, Hello von +Gerlach!« Der Autor, Lehmann, erhielt dafür von der Strafkammer des +Landgerichts II 200 Mark Geldstrafe. + +Diese meine These, daß die Milde der deutschen Gerichte eine +Voraussetzung der politischen Morde ist, wird auch von den meisten +rechtsradikalen Blättern vertreten. Häufig kann man dort Sätze lesen, +wie: »Es ist schade, daß der Landesverräter Soundso (ein Pazifist, dem +in strafrechtlicher Hinsicht nicht das Mindeste auch nur nachgesagt +werden kann) nicht in Deutschland, sondern in einem andern Lande lebt. +Dort kann ihn leider nicht wie Erzberger der Arm der strafenden +Gerechtigkeit erreichen«. Man kann demnach einen politischen Gegner, der +im Ausland wohnt, nicht ermorden, aber nicht etwa, weil es technisch +unmöglich wäre (dies ist nicht der Fall) sondern weil man dort das +Risiko trägt, bestraft zu werden. + +Trotz dieser grauenhaften Tatsachen möchte ich die Behauptung, daß die +deutschen Richter mit Bewußtsein das Recht beugen, nicht unbedingt +bejahen. Sie lassen zwar über 300 Morde straflos ausgehen. Aber ich +möchte für sie auf mildernde Umstände plaidieren. Es fehlt ihnen das +Bewußtsein der Strafbarkeit ihrer Handlungen. Aus der alten Zeit her, +wo das heutige Wirtschaftssystem von äußeren Angriffen unbedingt +geschützt war und wo die Anhänger der Rechtsparteien unbestritten die +oberen Schichten bildeten, ist ihnen der Gedanke, daß aus dieser Kaste +eine Reihe von Mördern und Mordanstiftern hervorgehen könne, +unvorstellbar. Daher werden die Mörder freigesprochen. + +Der größte Teil der öffentlichen Meinung stellt sich demgegenüber auf +den von den zugrundeliegenden Interessen aus begreiflichen Standpunkt: +»Roma locuta, causa finita«; die Gerichte haben die als Mörder +Angeklagten freigesprochen. Sie sind unparteiisch. Die Sache ist +erledigt. Nur ein geringer Teil protestierte und zwar im wesentlichen +immer nur die Parteiangehörigen des jeweils Ermordeten. Diese Fiktion +der Unparteilichkeit der deutschen Gerichte hat übrigens auch eine +außenpolitische Ursache: Es soll gegenüber der Entente jeder Zweifel +beseitigt werden, daß gegen die Kriegsverbrecher in Deutschland selbst +gerechtermaßen eingeschritten wird. + + +Die Technik des Freispruchs + +Die relativ wenigen Attentate gegen Reaktionäre sind so gut wie sämtlich +durch schwere Strafe gesühnt, von den sehr zahlreichen Attentaten gegen +Männer der Linken ist dagegen kein einziges gesühnt. Gutgläubigkeit, +falsch verstandene Befehle, tatsächliche oder angebliche Verrücktheit +waren hier immer Entschuldigungsgründe, soweit überhaupt ein Verfahren +stattfand. Die meisten Verfahren werden von der Staatsanwaltschaft, die +andern von den Strafkammern eingestellt. + +Wenn der Mörder und der Verlauf der Tat genau bekannt ist, so entwickelt +sich folgende juristische Komödie. Ein Offizier hat einen Befehl +gegeben, der dahin aufgefaßt werden konnte, Spartakisten sind zu +erschießen. Der Untergebene erschießt Menschen, die er für Spartakisten +hält, und wird freigesprochen, weil er in dem Glauben sein könnte, auf +Befehl zu handeln. Er wird also wegen »Putativspartakismus« +freigesprochen. Genau wie seinerzeit der Leutnant Forster wegen +Putativnotwehr. Gegen den Offizier wird aber nicht eingeschritten. Denn +der Befehl hat entweder nicht so gelautet oder, wenn er so gelautet hat, +dann war er eben kein Dienstbefehl. Der »Spartakist« ist natürlich tot. +Schuld ist ... das Karnickel. So endet das Verfahren vor dem +Staatsanwalt. Am interessantesten ist dieser Vorgang dann, wenn in einem +gleichzeitig angestrengten Zivilprozeß der Fiskus wegen der durch einen +Soldaten oder Offizier durchgeführten Ermordung zu Schadenersatz +verurteilt wird. Denn dann ist es gerichtsnotorisch, daß die Tötung +ungesetzlich war. Trotzdem geschieht nichts gegen die Täter. + +Die öffentliche Meinung billigt im allgemeinen dies Verfahren. Denn eine +geschickte Propaganda hat ihr beigebracht, jeder Feind des Militarismus +sei ein Spartakist, also ein Feind der Menschheit, also vogelfrei. + +Wird ein Anhänger der linken Parteien von Rechts ermordet, so kann sich +eben der Richter unwillkürlich nicht von der Vorstellung loslösen, daß +der Ermordete sein Feind war, und schon durch seine Gesinnung eine +schwere Strafe verdient hätte. Daß der Mörder eigentlich doch nur der +strafenden Gerechtigkeit zuvorgekommen ist. Und schon deswegen mild zu +behandeln ist. So kommt es häufig vor, daß bei der Gerichtsverhandlung +nicht der Mörder, sondern der Ermordete moralisch vor dem Richter steht. +Der Mörder aber gehört derselben sozialen Schicht, demselben Leben an +wie der Richter. Unzählige soziale Bande verknüpfen den Mörder-Offizier +mit dem Richter, der ihn freisprechen wird, dem Staatsanwalt, der das +Verfahren einstellen wird, dem Zeugen, der den »Fluchtversuch« eingehend +schildert. Sie sind Fleisch von einem Fleisch, Blut von einem Blut. Der +Richter versteht ihre Sprache, ihr Fühlen, ihr Denken. Zart schwingt +seine Seele unter der schweren Maske des Formalismus mit den Mördern +mit. Der Mörder geht frei aus. + +Wehe aber, wenn der Mörder links steht. Dem Richter, der selbst zu den +früher auch offiziell »oberen« Klassen gehört, ist der Gedanke, daß +diese Wirtschaftsordnung geschützt werden müsse, von altersher vertraut. +Beruht doch auf ihr seine eigene Stellung. Und jeder Gegner dieser +Wirtschaftsordnung ist an sich verwerflich. Der Angeklagte ist jeder +Schandtat fähig. Und kann er auch nur annähernd überführt werden, so ist +strengste Bestrafung sein sicheres Los. + +Ich bin nicht optimistisch genug, um zu glauben, daß auf Grund meiner +Arbeit auch nur einer der Mörder bestraft werden wird oder daß die +politischen Morde aufhören. Sollte ich aber durch meine Zeilen dazu +beigetragen haben, daß wenigstens die kommenden politischen Morde eine +Sühne finden, so würde ich meine Aufgabe für erfüllt betrachten. + + + + + +End of Project Gutenberg's Vier Jahre Politischer Mord, by Emil Julius Gumbel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VIER JAHRE POLITISCHER MORD *** + +***** This file should be named 39667-8.txt or 39667-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/6/6/39667/ + +Produced by Odessa Paige Turner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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