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diff --git a/39575-h/39575-h.htm b/39575-h/39575-h.htm new file mode 100644 index 0000000..2bb3e73 --- /dev/null +++ b/39575-h/39575-h.htm @@ -0,0 +1,3705 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>Aurelia</title> +<!-- AUTHOR="Gérard de Nerval" --> +<!-- LANGUAGE="de" --> + +<style type='text/css'> +body { margin-left: 15%; margin-right: 15%; } +h1 { text-transform:uppercase; text-align: center; margin-top: 1%; margin-bottom: 5%; page-break-before: always; } +h2 { text-transform:uppercase; text-align: center; margin-top: 3em; margin-bottom: 1em; page-break-before: always; } +h3 { text-align: center; margin-top: 2em; margin-bottom: 1em; } +p { margin-left: 0%; + margin-right: 0%; + margin-top: 0%; + margin-bottom: 0%; + text-align: justify; + text-indent: 1em; + } +p.noindent { text-indent: 0%; } +p.right { text-indent: 0%; + text-align: right; + margin-left: 8%; margin-right: 0%; + margin-top: 0%; margin-bottom: 2%; + } +div.poem { + font-size: small; + margin-left: 3em; + text-align: left; + text-indent: 0; + margin-top: 0.5em; margin-bottom: 0.5em; +} +p.line { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } +p.line2 { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:4em; } +p.line3 { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:6em; } + +p.footnote { text-indent: 2em; margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; font-size: 80%; } + +p.blockquote {text-indent: 0%; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; + } +p.center { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0.5%; margin-bottom: 0.5%; } +p.caption { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 4%; font-size:small; page-break-before: avoid;} +p.contents { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; } +p.contents2 { text-indent: 0%; text-align: center; margin-left: 2em; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; } + +p.first { text-indent: 0% } +span.firstchar { +float:left;font-size:3em;line-height:0.8;padding-top:1px;padding-bottom:1px;padding-right:2px; +} +span.sperr { letter-spacing:.1em; } +span.large { font-size:large; } +span.small { font-size:small; } +span.hidden { display: none; } +span.underline { text-decoration: underline; } + +.leftpic { + float: left; + clear: left; + padding-right: 0.3em; +} +.rightpic { + float: right; + clear: right; +} +.centerpic { + text-align: center; + text-indent: 0%; + display: block; + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote { + font-family: sans-serif; + font-size: small; + background-color: #ccc; + color: #000; + border: black 1px dotted; + margin: 2em; + padding: 1em; + page-break-before: always; +} +li { text-align: left; margin-bottom: 0.5em; margin-left: 1em; } +.trnote ul li { list-style-type: square; } + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Aurelia oder der Traum und das Leben, by Gérard de Nerval + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + + +Title: Aurelia oder der Traum und das Leben + +Author: Gérard de Nerval + +Illustrator: Alfred Kubin + +Translator: Hedwig Kubin + +Release Date: April 29, 2012 [EBook #39575] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AURELIA ODER DER TRAUM *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + + +<h1 style="page-break-before:always;"> +<span style="font-size:80%; letter-spacing:0.37em;"> +<br /> +Gérard de Nerval<br /> +</span> +<span style="font-size:300%; color: rgb(100%,41%,16%)"> +Aurelia<br /> +</span> +<span style="font-size:50%"> +oder<br /> +</span> +<span style="font-size:80%; letter-spacing:0.1em;"> +Der Traum und das Leben +</span> +</h1> + +<p> </p> + +<p class="center" style="text-transform:uppercase"> +Deutsch von<br/> +<span style="font-size:larger"> +Hedwig Kubin +</span> +</p> + +<p> </p> + +<p class="center" style="text-transform:uppercase"> +Mit siebenundfünfzig Zeichnungen von<br /> +<span style="font-size:larger"> +Alfred Kubin +</span> +</p> + +<p> </p> + +<p class="center"> +M·C <img src="images/000-logo.jpg" alt="Verlagslogo" style="vertical-align:middle" /> M·X +</p> + +<p> </p> + +<p class="center" style="text-transform:uppercase; font-size:larger"> +<span style="border-top: double thick rgb(100%,41%,16%)"> +München und Leipzig / bei Georg Müller +</span> +</p> + +<div class="trnote" style="page-break-before:always"> +<p class="center"> +<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches. +</p> +</div> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="centerpic" style="page-break-before:always; margin-bottom: 1%;"> +<img src="images/000-frontispiz.jpg" alt="Frontispiz"/> +</div> + +<p style="page-break-before:always; text-indent:0; margin-top:5em; line-height:150%;"> »Seit seiner letzten Reise nach Deutschland vergaß Gérard, +der mehr wie je von einem rätselhaften Sehnen nach der Unendlichkeit +geplagt wurde, oft, daß er auf der Erde war. Er +fühlte, daß er den Boden verlor und ins Leere trat; er wand +sich der Vergangenheit zu, um das Leben wieder zu erfassen +und sich noch lebendig zu glauben. Seine letzten Seiten zeugen +von dieser Vorliebe für die Vergangenheit; er hatte alle Bücher +geschlossen, ausgenommen das Buch seiner Seele; er las keine +Gedichte mehr außer denen auf seine eigenen Liebeserlebnisse. +Er ahnte, daß derTod ihn holen würde; und wie ein Wanderer, +der die Nacht hereinbrechen sieht, kehrte er um und +warf noch einen Blick auf die zurückgelegten Strecken. Von +allen zertrümmerten Denkmälern seines Herzens pflückte er +ehrfurchtsvoll das Mauerkraut.« +</p> + +<p class="right">Arsène Houssaye. +</p> + + +<h2 class="chapter" id="chapter-1">Vorwort</h2> + +<p class="first">Gérard de Nerval wurde am 22. Mai 1809 als Sohn eines +Militärarztes in Paris geboren. Er wurde nicht ganz 46 Jahre +alt, — er starb am 25. Januar 1855. Sein eigentlicher Name +war Gérard Labrunie. +</p> + +<p>Da seine Mutter ihrem Gatten zum Heere folgte und sehr +früh starb, was der Dichter in der hier übersetzten Novelle +»Aurelia« auch erwähnt, wurde der Knabe im Valois bei +einem seiner Oheime erzogen. Er besuchte das Gymnasium +und obwohl er hie und da lieber in Wald und Feld herumstreifte, +als auf der Schulbank zu sitzen, war er doch der Stolz +der Schule und der Gegenstand der Bewunderung seiner +Kameraden, denn er dichtete kaum achtzehn Jahre alt seine +»Elégies nationales«. Auch seine Faust-Übersetzung, die +heute noch zu den besten gezählt wird, erschien schon zu dieser +Zeit, und Goethe hat dem jungen Nerval in einem eigenhändigen +Schreiben dafür gedankt. Nerval hat diesen Brief +aufbewahrt, und obwohl er sonst wegen seiner Bescheidenheit +bekannt war, zeigte er ihn gern seinen Freunden und versicherte, +daß die Anerkennung des großen deutschen Dichters +ihn mit Stolz erfülle. +</p> + +<p>Zu diesen Freunden gehörten in erster Linie Théophile +Gautier, Arsène Houssaye und viele andere. Nerval hatte +das Glück, schon von seinen Zeitgenossen gewürdigt zu +werden. Die Freunde ertrugen seine bizarren Launen geduldig +und bemühten sich, ihm alle Hindernisse aus dem Weg +zu räumen. Wie oft hielt er seine Verabredungen nicht! Wie +häufig kam es vor, daß sein Vater, bei dem er regelmäßig +Donnerstags und Sonntags speiste, ihn vergeblich erwartete! +Erst nach längerer Zeit erfuhr man in solchen Fällen, daß +der Dichter eine seiner großen Reisen angetreten hatte! +</p> + +<p>Nerval hat viel von der Welt gesehen. Er bereiste Deutschland, +Ägypten, Syrien, die Türkei. Diese Reisen regten ihn +zu seinen Hauptwerken an, vor allem zu dem großen Drama: +»Die Königin von Saba«, das schon wegen seiner ungeheuren +Dimensionen nicht auf das Theater gebracht werden +konnte. Am meisten Interesse zeigte der Dichter für die Sitten +und Gebräuche der Völkerschaften, die er auf seinen Reisen +kennen lernte. Er neigte stark zur Mystik und als von +seinem dreißigsten Lebensjahr an sein Geist anfing, gewissen +krankhaften Anfällen zu unterliegen, verstärkte sich dieser +Hang. +</p> + +<p>Das Werk, welches wir hier veröffentlichen, steht wohl +in der Literatur einzigartig da, denn in »Aurelia« erzählt +und beschreibt der Kranke selbst seine Zustände und Visionen. +Er berichtet, daß er in der Irrenanstalt angefangen habe, die +Geschichte seiner Krankheit zu schreiben, die ihn bis zu seinem +Lebensende nur vorübergehend verließ. Die letzten, hier +veröffentlichten Seiten fanden die Freunde in der Tasche des +Toten; er hat sich noch bis in die letzten Tage, vielleicht Stunden, +mit diesem Manuskript beschäftigt. Viele glauben, daß +sein Tod kein natürlicher gewesen ist, sondern daß er seinem +Leben gewaltsam ein Ende gemacht hat. Bei seinem Geisteszustand +ist es nicht unwahrscheinlich, aber Gewißheit hat man +darüber nicht. +</p> + +<p>Gérard de Nerval hat auch schon in seinen gesunden Tagen +ein sonderbares Leben geführt. Nirgends blieb er lange und +vor allem war es ihm zuwider in seiner Wohnung zu schlafen. +Er streifte Tage und Nächte lang rastlos in den Straßen von +Paris umher, machte sich Notizen über seine Beobachtungen +und besuchte seine Freunde, wenn er gerade an ihren Haustüren +vorüberkam. Er konnte es nicht ertragen, durch ein +Versprechen an einen Besuch zu bestimmter Stunde gebunden +zu sein. +</p> + +<p>Er war von Haus aus nicht unvermögend, auch fiel ihm +einmal eine kleine Erbschaft zu. Da außerdem die Zeitungen +und Zeitschriften über jede Zeile von seiner Hand froh waren, +hätte er leicht ein behagliches Leben im Wohlstand führen +können. Aber das widerstrebte seiner Natur. Hatte er Geld, +so kaufte er oft auf Auktionen Kunstgegenstände, die er dann +bisweilen bei irgendeinem Freund einstellte, um sie nach kurzer +Zeit zu vergessen. Nur wenn er eine Auslandreise vorhatte, +vermochte er zu sparen. +</p> + +<p>Gérard de Nerval war als Schriftsteller nicht gerade fleißig. +Er hat sich oft wiederholt und unter seinen dramatischen Versuchen +ist nicht viel Wertvolles zu finden. Die Gestalt des +»Faust«, dessen Einführung in Frankreich ihm so frühen +Ruhm verschaffte, soll seinen Geist so ausgefüllt haben, daß +eigene Gestaltungsversuche stets Züge des großen Vorbildes +annahmen. +</p> + +<p>Lesenswert sind noch einige seiner Novellen, besonders +aber die anschaulich geschriebene, sehr eigenartige Erlebnisse +schildernde »Orientreise«. +</p> + +<p class="right">HEDWIG KUBIN.<br /> +</p> +<!-- page 001 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2">Erster Teil</h2> + +<h3 class="no">I.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/001.jpg" alt="D" /></span><span class="hidden">D</span>ER Traum ist ein zweites Leben. Ich habe +nie ohne zu schaudern durch die Elfenbein- +oder Horntore dringen können, die uns +von der unsichtbaren Welt scheiden. Die +ersten Augenblicke des Schlafes sind das +Bild des Todes. Eine nebelhafte Erstarrung ergreift unsern Gedanken, +und wir können den genauen Augenblick nicht feststellen, +wo das Ich in einer andern Form die Tätigkeit des Daseins +fortsetzt. Ein ungewisses unterirdisches Gewölbe erhellt +sich allmählich und aus dem Schatten der Nacht lösen sich in +ernster Unbeweglichkeit die bleichen Figuren, welche den +Vorhof der Ewigkeit bewohnen. Dann nimmt das Bild +Form an, eine neue Helligkeit erleuchtet diese Erscheinungen +in wunderlichem Spiel: — es öffnet sich uns die Welt +der Geister. +</p> + +<p>Swedenborg nannte diese Visionen »Memorabilia«; er +verdankte sie öfter der Träumerei als dem Schlaf; der »goldene +Esel« des Apulejus, die »göttliche Komödie« Dantes, +<!-- page 002 --> +sind die dichterischen Vorbilder dieser Studien über die menschliche +Seele. Ich will nach ihrem Beispiel versuchen, die Eindrücke +einer langen Krankheit niederzuschreiben, die sich ganz in +den Mysterien meines Geistes abgespielt hat; — und ich +weiß nicht, warum ich mich des Ausdrucks »Krankheit« +bediene, denn niemals habe ich mich, was mich selbst betrifft, +wohler gefühlt. Mitunter hielt ich meine Kraft und meine +Fähigkeit für verdoppelt. Es schien mir, als wüßte und verstände +ich alles, die Einbildungskraft brachte mir unendliche +Wonnen. Soll man bedauern sie verloren zu haben, wenn +man das, was die Menschen Vernunft nennen, wiedererlangt +hat? +</p> + +<p>Jene »vita nuova« hat für mich zwei Phasen gehabt. Diese +Aufzeichnungen beziehen sich auf die erste. — Eine Dame, +die ich lange geliebt hatte, und die ich Aurelia nennen werde, +war für mich verloren. Die Umstände dieses Ereignisses, das +einen so großen Einfluß auf mein Leben haben sollte, sind unwichtig. +Jeder kann aus seinen Erinnerungen die herzzerreißendste +Gemütsbewegung, den fürchterlichsten Schicksalsschlag +der Seele hervorsuchen; man muß sich da entschließen +zu sterben oder zu leben; — ich werde später sagen, warum +ich nicht den Tod gewählt habe. Die ich liebte, hatte mich verurteilt, +ich war eines Vergehens schuldig, für das ich keine +Verzeihung mehr erhoffen konnte; so blieb mir nichts übrig, +als mich den niedrigen Betäubungen zu ergeben; ich heuchelte +Freude und Sorglosigkeit, ich durchkreuzte die Welt und jagte +unsinnig hinter Wechsel und Laune her; vor allem gefielen +<!-- page 005 --> +mir die Trachten und absonderlichen Sitten entfernter Völkerschaften. +Es war mir, als ob ich so die Vorbedingungen von +Gut und Böse verschob, die Ausdrücke sozusagen für das was +wir Franzosen »Gefühl« nennen. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-003"><img src="images/003.jpg" alt="Illustration 003" /></div> + +<p>»Welche Verrücktheit,« sagte ich mir, »eine Frau, die dich +nicht mehr liebt, so platonisch zu lieben! Daran ist meine Lektüre +schuld; ich habe die Erfindungen der Dichter ernst genommen, +und ich habe mir aus einer gewöhnlichen Persönlichkeit +unseres Jahrhunderts eine Laura oder Beatrice gemacht +. . . . . . Auf zu andern Abenteuern und dieses wird +bald vergessen sein!« — Der Taumel eines fröhlichen Karnevals +in einer Stadt Italiens verjagte all meine melancholischen +Gedanken. Ich war so glücklich über die Erleichterung, die ich +empfand, daß ich all meinen Freunden meine Freude mitteilte, +und in meinen Briefen gab ich das als beständigen Geisteszustand +aus, was nur fieberhafte Überreizung war. +</p> + +<p>Eines Tages kam in die Stadt eine Frau von großem Ruf, +die mit mir Freundschaft schloß, und da sie gewohnt war zu +gefallen und zu blenden, zog sie mich mühelos in den Kreis +ihrer Bewunderer. Nach einer Abendgesellschaft, wo sie +gleichzeitig natürlich und von einem Reiz erfüllt gewesen +war, dessen Einwirkung alle spürten, fühlte ich mich in einer +Weise in sie verliebt, daß ich keinen Augenblick zögern +wollte an sie zu schreiben. Ich war so glücklich, mein Herz +einer neuen Liebe fähig zu fühlen! . . . . . . Ich borgte in dieser +künstlichen Begeisterung dieselben Ausdrücke, die so kurze +Zeit vorher mir gedient hatten, um eine wahrhafte und lang +<!-- page 006 --> +empfundene Liebe zu schildern. Als der Brief abgesandt war, +hätte ich ihn zurückhalten mögen, und ich begann in der Einsamkeit +von dem zu träumen, was ich eine Entweihung meiner +Erinnerungen nannte. — +</p> + +<p>Der Abend gab meiner neuen Liebe den ganzen Zauber +des vorhergehenden Tages wieder. Die Dame zeigte sich empfänglich +für das, was ich ihr geschrieben hatte, wobei sie einiges +Erstaunen über meine plötzliche Glut erkennen ließ. Ich hatte +an einem Tage mehrere Grade der Gefühle übersprungen, +die man für eine Frau mit dem Schein der Aufrichtigkeit fassen +kann. Sie gestand mir, daß es sie erstaune und zugleich mit Stolz +erfülle. Ich versuchte sie zu überzeugen; aber was ich ihr auch +immer sagen wollte, ich konnte in der Folge in unsern Unterhaltungen +den rechten Ton meines Briefstils nicht mehr wiederfinden, +so daß ich gezwungen war ihr mit Tränen zu gestehen, +daß ich mich geirrt hätte, indem ich sie täuschte. Meine rührenden +Geständnisse hatten immerhin einigen Reiz, und eine in +<!-- page 007 --> +ihrer Milde viel stärkere Freundschaft folgte auf vergebliche +Zärtlichkeitsversicherungen. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-006"><img src="images/006.jpg" alt="Illustration 006" /></div> + +<h3 class="no">II.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/007.jpg" alt="S" /></span><span class="hidden">S</span>PÄTER begegnete ich ihr in einer anderen Stadt, +wo sich die Dame befand, die ich immer noch +ohne Hoffnung liebte. Ein Zufall machte sie +miteinander bekannt, und die erste hatte +zweifellos Gelegenheit, die, welche mich aus ihrem Herzen +verbannt hatte, in Hinsicht auf mich zu rühren, so daß ich sie +eines Tages, als ich mich in einer Gesellschaft befand, an der +auch sie teilnahm, auf mich zukommen und mir die Hand entgegenstrecken +sah. Wie soll ich diesen Schritt und den tiefen +traurigen Blick beschreiben, mit dem sie ihren Gruß begleitete? +Ich glaubte darin die Verzeihung für die Vergangenheit zu +lesen. Der göttliche Ausdruck des Mitleids gab den einfachen +Worten, die sie an mich richtete, einen unaussprechlichen Wert, +wie wenn sich etwas Religiöses in die Süßigkeiten einer bis +dahin profanen Liebe gemischt hätte und ihr den Stempel der +Ewigkeit aufdrückte. +</p> + +<p>Eine gebieterische Pflicht zwang mich nach Paris zurückzukehren, +aber ich faßte sogleich den Entschluß, nur wenige Tage +dort zu bleiben und zu meinen beiden Freundinnen zurückzueilen. +Die Freude und die Ungeduld versetzten mich in eine +Art Betäubung, die sich mit der Sorge für die Geschäfte verwickelte, +die ich zu beenden hatte. Eines Abends, gegen +<!-- page 008 --> +Mitternacht, ging ich wieder die Vorstadtstraße entlang, wo +sich meine Wohnung befand. Als ich zufällig die Augen aufhob, +erkannte ich die Nummer des Hauses, die durch einen Gasarm +erleuchtet war. Diese Zahl war die meines Alters. Gleich darauf +sah ich, als ich den Blick wieder senkte, vor mir eine Frau +von fahler Gesichtsfarbe mit hohlen Augen, die mir die Züge +von Aurelia zu haben schien. Ich sagte mir: »Ihr, oder mein Tod +wird mir angekündigt!« Aber ich weiß nicht, warum ich bei der +letzten Annahme stehen blieb und ich erschreckte mich mit der +Idee, daß es am folgenden Tag um dieselbe Stunde sein würde. +</p> + +<p>In dieser Nacht hatte ich einen Traum, der diesen Gedanken +in mir befestigte. Ich irrte in einem weitläufigen Gebäude, das +aus mehreren Sälen bestand, von denen die einen dem Studium +gewidmet waren, während die andern der Unterhaltung oder +philosophischen Diskussionen dienten. Ich blieb voll Interesse in +einem der ersten stehen, wo ich meine alten Lehrer und Mitschüler +zu erkennen glaubte. Die Stunden über die lateinischen +und griechischen Schriftsteller nahmen ihren Fortgang mit diesem +eintönigen Gemurmel, das ein Gebet zur Göttin Mnemosyne +zu sein scheint. — Ich ging in einen andern Saal, wo philosophische +Vorträge stattfanden. Ich nahm einige Zeit teil daran, +dann ging ich hinaus, um mein Zimmer in einer Art Gasthaus +mit ungeheuren Treppen zu suchen, das voll war von +geschäftigen Reisenden. +</p> + +<p>Ich verirrte mich mehrere Male in den langen Gängen und +als ich eine der Mittelgalerien kreuzte, wurde ich von einem +seltsamen Schauspiel überrascht. Ein Wesen von unermeßlicher +<!-- page 009 --> +Größe — ob Mann oder Frau weiß ich nicht — hielt +sich mühsam über dem Raum in der Schwebe und schien sich +zwischen dem dichten Gewölk zu überschlagen. Da es ihm +an Atem und Kraft gebrach, fiel es endlich mitten in den +dunkeln Hof, wobei es mit seinen Flügeln am Dach und an +den Balustraden bald hängen blieb und bald sich stieß. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-009"><img src="images/009.jpg" alt="Illustration 009" /></div> + +<p>Ich konnte es einen Augenblick betrachten. Es war in hochroten +Tönen gefärbt und seine Flügel schillerten in tausendfach +wechselndem Widerschein. In seinem langen Kleid mit antikem +Faltenwurf glich es dem Engel der Melancholie von Albrecht +Dürer. Ich konnte mich nicht enthalten, Schreie des Entsetzens +auszustoßen, die mich plötzlich aufweckten. +</p> + +<p>Am folgenden Tag beeilte ich mich, alle meine Freunde +aufzusuchen. Ich sagte ihnen in Gedanken Lebewohl und +ohne ihnen etwas von dem zu verraten, was meinen Geist +beschäftigte, erörterte ich mit Wärme mystische Gegenstände; +ich erstaunte sie durch eine besondere Beredsamkeit; es kam mir +<!-- page 010 --> +vor, als wüßte ich alles und als enthüllten sich mir die Geheimnisse +der Welt in diesen erhabenen Stunden. +</p> + +<p>Am Abend als die verhängnisvolle Stunde sich zu nähern +schien, sprach ich mit zwei Freunden am Tisch eines Klubs über +Malerei und Musik und erklärte von meinem Standpunkt aus +die Entstehung der Farben und den Sinn der Zahlen. Einer von +ihnen, namens Paul ***, wollte mich nach Hause begleiten, +aber ich sagte ihm, daß ich nicht heim ginge. »Wo gehst du +hin?« frug er mich. »NACH DEM ORIENT.« Und während +er mich begleitete, suchte ich am Himmel nach einem Stern, +den ich zu kennen glaubte, wie wenn er einigen Einfluß auf +mein Geschick hätte. Nachdem ich ihn gefunden, setzte ich +meinen Weg fort und folgte den Straßen, in deren Richtung +er sichtbar war. Ich ging sozusagen meinem Geschick entgegen +und wollte den Stern beobachten bis zu dem Augenblick, wo +der Tod mich treffen würde. Als ich indessen an eine Kreuzung +von drei Straßen gelangt war, wollte ich nicht mehr weiter +gehen. Es schien mir, als wenn mein Freund eine übermenschliche +Kraft entfalte, um mich zu veranlassen, den Platz zu wechseln; +er wuchs vor meinen Augen und bekam die Züge eines +Apostels. Ich glaubte zu sehen, wie der Ort, wo wir uns befanden, +sich erhob und die Form seines städtischen Aussehens +verlor. Die Szene verwandelte sich in einen Hügel, den ungeheure +Einsamkeit umgab; sie zeigte den Kampf zweier +Geister wie eine biblische Versuchung. +</p> + +<p>»Nein!« sagte ich, »ich gehöre nicht deinem Himmel an. +Auf diesem Stern sind die, welche mich erwarten. Sie waren +<!-- page 011 --> +schon vor der Offenbarung, die du angekündigt hast. Laß +mich zu ihnen, denn die ich liebe weilt an jenem Ort und dort +sollen wir uns wiederfinden.« +</p> + +<h3 class="no">III.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/011.jpg" alt="H" /></span><span class="hidden">H</span>IER hat für mich das begonnen, was ich das +Hineinwachsen des Traums in das wirkliche +Leben nennen will. Von diesem Moment +gewann alles mitunter ein doppeltes +Aussehen — und zwar ohne daß das Denken +jeder Logik entbehrt und das Gedächtnis die geringsten +Einzelheiten dessen, was mir widerfuhr, verloren hätte. Nur +meine scheinbar sinnlosen Handlungen waren dem unterworfen, +was man nach der menschlichen Vernunft »Illusion« +nennt. +</p> + +<p>Der Gedanke ist mir sehr häufig gekommen, daß sich in +gewissen ernsten Augenblicken des Lebens ein solcher Geist +der äußern Welt plötzlich in der Gestalt einer alltäglichen +Person verkörperte und auf uns wirkte oder zu wirken versuchte, +ohne daß diese Person Kenntnis davon hatte oder +eine Erinnerung daran bewahrte. +</p> + +<p>Mein Freund hatte mich verlassen als er sah, daß seine Anstrengungen +nutzlos waren und hielt mich zweifellos für die +Beute irgendeiner fixen Idee, die das Gehen beruhigen würde. +Als ich allein war, erhob ich mich mit Anstrengung und +machte mich wieder auf den Weg, wobei ich der Richtung des +<!-- page 012 --> +Sternes folgte, auf den ich den Blick unaufhörlich heftete. Ich +sang im Gehen eine geheimnisvolle Hymne, deren ich mich +aus einem früheren Leben zu entsinnen glaubte und die mich +mit unsäglicher Freude erfüllte. Gleichzeitig legte ich meine +irdischen Kleider ab und streute sie um mich aus. Der Weg +schien stets anzusteigen und der Stern größer zu werden. Dann +blieb ich mit ausgebreiteten Armen stehen und erwartete den +Augenblick, wo die magnetisch in den Strahl des Sterns gezogene +Seele sich vom Körper trennen würde. Da fühlte ich +einen Schauer; die Sehnsucht nach der Erde und denen, die +ich dort liebte, griff mir ans Herz; ich beschwor innerlich den +GEIST, der mich anzog, so inbrünstig, daß es mir schien als +sänke ich wieder zu den Menschen zurück; — ich geriet unter +Soldaten, die die Nachtrunde machten. Da hatte ich die +Idee, daß ich sehr groß geworden sei, und daß ich durch eine +Flut von elektrischen Kräften alles niederwerfen würde, was +sich mir näherte. Es war etwas Komisches in der Sorgfalt, mit +der ich meine Kräfte im Zaum hielt und das Leben der Soldaten, +die mich aufgehoben hatten, verschonte. +</p> + +<p>Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es die Aufgabe eines +Schriftstellers ist, aufrichtig zu schildern, was er in den ernsten +Lebensumständen empfindet, und wenn ich mir nicht ein Ziel +steckte, das ich für nützlich halte, würde ich hier aufhören und +nicht versuchen das zu beschreiben, was ich dann in einer +Reihe von vielleicht sinnlosen oder gewöhnlichen, krankhaften +Visionen empfand. +</p> + +<p>Ich lag ausgestreckt auf einem Feldbett und glaubte zu +<!-- page 015 --> +sehen, wie der Himmel sich entschleierte und sich in tausend +Ausblicken von unerhörten Herrlichkeiten öffnete. Das +Schicksal der befreiten Seele schien sich mir zu enthüllen, wie um +mir Bedauern darüber einzuflößen, daß ich wieder mit allen +Kräften meines Geistes auf der Erde Fuß fassen wollte, die ich +zu verlassen im Begriff war. Ungeheure Kreise zeichneten +sich in die Unendlichkeit ab wie die Ringe auf dem Wasser, das +der Fall eines Körpers beunruhigt; jede Region war von +strahlenden Gestalten bevölkert und färbte, bewegte und löste +sich abwechselnd auf, und eine sich immer gleiche Gottheit warf +lächelnd die heimlichen Masken ihrer verschiedenen Inkarnationen +von sich ab und floh endlich unergreifbar in die mystische +Helle des Himmels Asiens. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-013"><img src="images/013.jpg" alt="Illustration 013" /></div> + +<p>Dieses himmlische Gesicht machte mich durch eines jener +Phänomene, die jedermann in gewissen Träumen gefühlt hat, +nicht gleichgültig gegen das, was um mich herum vorging. Ich +lag auf einem Feldbett und hörte, wie die Soldaten sich um +mich herum von einem Unbekannten unterhielten, den man +wie mich aufgegriffen hatte, und dessen Stimme in dem gleichen +Saal widerhallte. Durch eine sonderbare Vibrationswirkung +schien es mir, als ob diese Stimme in meiner Brust mitklänge, +und daß meine Seele sich sozusagen verdoppelte, wobei sie +sich deutlich zwischen der Vision und der Wirklichkeit teilte. +Einen Augenblick hatte ich den Gedanken mich mit Anstrengung +nach dem herumzudrehen, von dem die Rede war; +dann zitterte ich bei der Erinnerung an eine in Deutschland +wohlbekannte Überlieferung, wonach jeder Mensch einen +<!-- page 016 --> +DOPPELGÄNGER hat, und daß, wenn er ihn sieht, sein Tod +nahe sei. — Ich schloß die Augen und kam in einen verwirrten +Geisteszustand, wo die eingebildeten oder wirklichen Gestalten, +die mich umgaben, in tausend flüchtige Erscheinungen +zerbarsten. Einen Augenblick sah ich nahe bei mir zwei meiner +Freunde, die nach mir fragten. Die Soldaten wiesen auf mich; +dann öffnete sich die Tür und jemand von meiner Gestalt, +dessen Gesicht ich nicht sah, ging mit meinen Freunden hinaus, +die ich vergeblich zurückrief: »Aber man irrt sich«! schrie ich, +»sie sind gekommen, um mich zu holen und ein anderer geht +mit ihnen fort!« — Ich lärmte so, daß man mich in Arrest +brachte. Dort blieb ich mehrere Stunden in einer Art Stumpfheit; +endlich kamen die beiden Freunde, die ich schon ZU SEHEN +GEGLAUBT HATTE und holten mich mit einem Wagen ab. Ich +erzählte ihnen alles, was sich ereignet hatte, aber sie leugneten, +in der Nacht gekommen zu sein. Ich aß ziemlich ruhig mit +ihnen zu Abend, aber je näher die Nacht herankam, desto +deutlicher schien es mir, daß ich dieselbe Stunde zu fürchten +hätte, die mir am Abend vorher fast verhängnisvoll geworden +wäre. Ich verlangte von einem von ihnen einen orientalischen +Ring, den er am Finger trug und den ich für einen alten Talisman +hielt. Ich knüpfte ihn mit einem seidenen Tuch um den +Hals und bemühte mich den Stein, einen Türkisen, auf den +Punkt meines Nackens zu drehen, wo ich Schmerzen fühlte. +Meiner Ansicht nach war es dieser Punkt, bei dem die Seele +zu entfliehen in Gefahr war und zwar in dem Augenblick, +wo ein gewisser Strahl des Sterns, den ich am Vorabend gesehen +<!-- page 019 --> +hatte, in Beziehung zu mir mit dem Zenith zusammentreffen +würde. Sei es Zufall, sei es die Wirkung meiner starken +Voreingenommenheit, ich stürzte zur selben Stunde wie +am Vorabend wie vom Blitz getroffen nieder. Man legte mich +auf ein Bett und während langer Zeit verlor ich den Sinn und +den Zusammenhang der Bilder, die sich vor mir abrollten. +Dieser Zustand dauerte mehrere Tage. Ich wurde in eine +Heilanstalt verbracht. Viele Verwandte und Freunde besuchten +mich, ohne daß ich Kenntnis davon gehabt hätte. +Der einzige Unterschied, der für mich zwischen Wachen und +Schlafen bestand, war, daß sich während des Wachens alles +vor meinen Augen umformte; jede Person, die sich mir näherte, +schien verändert, die materiellen Dinge hatten etwas wie einen +Halbschatten, der ihre Form umgestaltete, und die Spiele des +Lichts, die Verbindungen der Farben lösten sich auf, so daß +sie mich in einer beharrlichen Folge von miteinander verbundenen +Eindrücken hielten. Dadurch, daß ich träumte, waren +sie mehr von den äußeren Elementen befreit und verloren +nicht an Wahrscheinlichkeit. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-017"><img src="images/017.jpg" alt="Illustration 017" /></div> + +<h3 class="no">IV.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/019.jpg" alt="E" /></span><span class="hidden">E</span>INES Abends glaubte ich ganz bestimmt, an die +Ufer des Rheins versetzt zu sein. Gegenüber +von mir befanden sich finstere Felsen, deren Perspektive +sich im Schatten andeutete. Ich trat in ein +freundliches Haus, durch dessen weinumwachsene +<!-- page 020 --> +grüne Läden ein Strahl der untergehenden Sonne fiel. Es +schien mir, als kehrte ich in eine bekannte Wohnung zurück, +nämlich in die eines Onkels mütterlicherseits, eines flämischen +Malers, der seit mehr als einem Jahrhundert tot war. Entwürfe +zu Bildern waren hie und da aufgehängt, einer davon +stellte die berühmte Fee dieses Gestades dar. Eine alte Magd, +die ich Margarete nannte und die ich seit der Kindheit zu +kennen wähnte, sagte zu mir: »Wollen Sie sich nicht auf das +Bett legen? Denn Sie kommen von weit her, und Ihr Onkel +wird spät zurückkommen; man wird Sie zum Abendessen +wecken.« Ich streckte mich auf einem Bett mit Säulen aus, +das mit blauem, groß und rotgeblumtem Tuch drapiert war. +Gegenüber von mir hing an der Wand eine bäurische Uhr +und darauf saß ein Vogel, der mit mir wie ein Mensch zu +reden anhub. Und ich hatte den Gedanken, daß die Seele +meines Ahnen in diesem Vogel sei; aber ich war ebensowenig +erstaunt über seine Sprache und seine Gestalt als darüber, daß +ich mich ein Jahrhundert zurückversetzt sah. Der Vogel sprach +zu mir von lebenden oder zu verschiedenen Zeiten verstorbenen +Familienmitgliedern, wie wenn sie gleichzeitig existierten +und sagte zu mir: »Sie sehen, Ihr Onkel hat Sorge getragen, +SEIN Bildnis im voraus zu machen . . . jetzt lebt SIE mit uns.« +Ich richtete die Augen auf eine Leinwand, die eine Frau in +altdeutscher Tracht darstellte, die sich über das Flußufer beugte +und den Blick auf einen Busch Vergißmeinnicht heftete. +</p> + +<p>— Indessen wurde die Nacht immer dichter, und das Aussehen, +die Laute und die Stimmung der Orte verwischten sich +<!-- page 023 --> +in meinem schläfrigen Geist; ich glaubte in einen Abgrund zu +stürzen, der die Erdkugel durchschnitt. Ich fühlte mich schmerzlos +von einem Strom geschmolzenen Metalls fortgetrieben und +tausend ähnliche Flüsse, deren Färbungen die chemischen +Verschiedenheiten anzeigten, durchfurchten den Schoß der +Erde wie die Gefäße und Adern, die sich zwischen den Gehirnlappen +schlängeln. Alle strömten, kreisten und zitterten so, +und ich hatte das Gefühl, daß diese Flüsse aus lebenden +Seelen im Molekularzustand beständen, und daß die Geschwindigkeit +dieser Reise allein mich verhinderte ihn zu erkennen. +Eine bleiche Helligkeit zog allmählich in diese Kanäle +ein und ich sah endlich einen neuen Horizont sich wie +eine gewaltige Kuppel erweitern, wo sich Inseln abzeichneten, +die von leuchtenden Fluten umgeben waren. Ich befand mich +auf einer von diesem sonnelosen Tag erleuchteten Küste, und +sah einen Greis, der das Land bestellte. Ich erkannte in ihm +denselben, der mit der Stimme des Vogels zu mir geredet hatte, +und sei es, daß er mit mir sprach, sei es, daß ich ihn in meinem +Innern verstand, es wurde mir klar, daß die Vorfahren die +Gestalt gewisser Tiere annehmen, um uns auf der Erde zu +besuchen, und daß sie so als stumme Beobachter den Phasen +unserer Existenz beiwohnen. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-021"><img src="images/021.jpg" alt="Illustration 021" /></div> + +<p>Der Greis verließ seine Arbeit und begleitete mich bis zu +seinem Haus, das sich in der Nähe erhob. Die Landschaft, +die uns umgab, erinnerte mich an einen Teil von Französisch-Flandern, +wo meine Eltern gelebt haben und wo sich ihre +Gräber befinden; das von Gebüschen umgebene Feld am +<!-- page 024 --> +Waldrand, der benachbarte See, der Fluß und der Waschplatz, +das Dorf mit seiner ansteigenden Straße, der Hügel aus +dunkelm Sandstein und die Büschel aus Ginster und Heidekraut, +— alles das war ein verjüngtes Bild der Orte, die ich +geliebt habe. Nur das Haus, in das ich trat, war mir unbekannt. +Ich begriff, daß es in ich weiß nicht welcher Zeit bestanden +hat und daß in der Welt, die ich eben besuchte, das +Gespenst der Dinge das des Körpers begleitete. +</p> + +<p>Ich trat in einen geräumigen Saal, wo viele Menschen versammelt +waren. Überall entdeckte ich bekannte Gesichter. +Die Züge der toten Verwandten, die ich beweint hatte, fanden +sich in anderen wieder, die mir, in altmodischen Kleidern, denselben +väterlichen Empfang bereiteten. Sie schienen zu einer +Familientafel vereinigt zu sein. Einer dieser Verwandten kam +auf mich zu und umarmte mich zärtlich. Er trug ein altertümliches +Gewand, dessen Farben verblichen schienen, und sein +lächelndes Antlitz unter den gepuderten Haaren hatte einige +Ähnlichkeit mit dem meinen. Er schien mir ausgesprochener +lebendig zu sein als die andern und sozusagen in freiwilligerem +Rapport mit meinem Geist. — Es war mein Onkel. Er hieß +mich neben sich sitzen, und eine Art Verbindung stellte sich +zwischen uns her; denn ich kann nicht sagen, daß ich seine +Stimme gehört hätte; nur in dem Maße, als ich meine Gedanken +auf einen Punkt richtete, wurde mir sogleich seine Bedeutung +klar, und die Bilder wurden vor meinen Augen so +bestimmt wie belebte Gemälde. +</p> + +<p>»Es ist also wahr,« sagte ich mit Entzücken, »wir sind unsterblich +<!-- page 027 --> +und behalten hier die Bilder der Welt, die wir bewohnt +haben. Welch ein Glück zu denken, daß alles was +wir geliebt haben, immer um uns herum bestehen wird! +Ich war des Lebens recht müde!« . . . +</p> + +<div class="centerpic" id="img-025"><img src="images/025.jpg" alt="Illustration 025" /></div> + +<p>»Freue dich nicht zu früh,« sagte er, »denn du gehörst +noch der oberen Welt an, und du hast noch rauhe Prüfungsjahre +zu bestehen. Der Aufenthalt, der dich entzückt, +hat selbst seine Schmerzen, Kämpfe und Gefahren! Die Erde, +die wir bewohnt haben, ist stets der Schauplatz, wo sich unsere +Geschicke knüpfen und lösen; wir sind die Strahlen des zentralen +Feuers, das sie belebt und das sich schon abgeschwächt +hat« . . . . — »Ach was!« sagte ich, »die Erde könnte sterben +und wir würden von dem Nichts verschlungen?« — »Das +Nichts«, sagte er, »besteht nicht in dem Sinn wie man es meint; +aber die Erde ist selbst ein materieller Körper, dessen geistiger +Extrakt die Seele ist. Die Materie kann nicht mehr zugrund +gehen als der Geist, aber sie kann sich verändern nach dem +Guten und nach dem Bösen. Unsre Vergangenheit und unsre +Zukunft sind eins. Wir leben in unsrer Rasse und unsre Rasse +lebt in uns.« +</p> + +<p>Dieser Gedanke leuchtete mir sogleich ein, und wie wenn +sich die Mauern des Saales auf unendliche Perspektiven geöffnet +hätten, schien es mir als sähe ich eine ununterbrochene +Kette von Männern und Frauen, in denen ich enthalten war +und die ich selbst waren. Die Trachten aller Völker, die Bilder +aller Länder erschienen gleichzeitig deutlich, wie wenn sich +meine Beobachtungsfähigkeiten vervielfacht hätten, ohne sich +<!-- page 028 --> +zu verwirren; dies geschah durch ein Wunder des Raums +gleich dem der Zeit, das ein Jahrhundert voll Taten in eine +Traumminute zusammenpreßt. Mein Befremden wuchs als +ich sah, daß diese ungeheure Menge nur aus Personen bestand, +die sich im Saal befanden und deren Bilder sich vor meinen +Augen in tausend flüchtigen Erscheinungen getrennt und verbunden +hatten. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-028"><img src="images/028.jpg" alt="Illustration 028" /></div> + +<p>»Wir sind sieben«, sagte ich zu meinem Onkel. +</p> + +<p>»Das ist tatsächlich«, sagte er, »die typische Zahl jeder +menschlichen Familie und im Falle der Ausdehnung sieben +mal sieben oder mehr.« +</p> + +<p>Ich kann nicht hoffen, diese Antwort verständlich zu machen, +die für mich selbst sehr dunkel geblieben ist. Die Metaphysik +versorgte mich nicht mit Ausdrücken für die Beobachtung, +die von den Beziehungen dieser Personenzahl zur allgemeinen +Harmonie herrührte. Man begreift wohl im Vater und der +Mutter die Analogie der elektrischen Naturkräfte, aber wie +soll man die individuellen Zentren feststellen, die sie ausströmen, +wovon sie ausströmen wie eine animische Gesamtfigur, deren +<!-- page 029 --> +Zusammensetzung gleichzeitig mannigfaltig und begrenzt +wäre? Geradesogut könnte man von der Blume Rechenschaft +fordern für die Zahl ihrer Blütenblätter oder für die +Einteilung ihrer Krone, . . . . von der Erde für die Formen, +die sie bildet, von der Sonne für die Farben, die sie schafft. +</p> + +<h3 class="no">V.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/029.jpg" alt="A" /></span><span class="hidden">A</span>LLES um mich herum wechselte seine Gestalt. +Der Geist, mit dem ich mich unterhielt, +hatte nicht mehr dasselbe Aussehen. Es +war ein junger Mann, der von nun an +mehr von mir die Gedanken erhielt, +als daß er sie mir mitteilte . . . +War ich zu weit in jene Höhen gestiegen, +wo einen der Schwindel erfaßt? Ich glaubte zu verstehen, +daß solche Fragen dunkel oder gefährlich seien selbst +für die Geister der Welt, die ich damals wahrnahm. Vielleicht +untersagte mir auch eine höhere Macht die Nachforschungen. +Ich sah mich in den Straßen einer stark bevölkerten, +unbekannten Stadt umherirren. Ich bemerkte, daß sie von +hügeligen Rücken durchzogen und von einem ganz mit Wohnstätten +bedeckten Berg beherrscht war. Zwischen dem Volk +dieser Hauptstadt unterschied ich gewisse Menschen, die einer +besonderen Nation anzugehören schienen; ihre lebhaften, entschlossenen +Mienen, der energische Ausdruck ihrer Züge veranlaßten +mich, an die unabhängigen und kriegerischen Gebirgs- +<!-- page 030 --> +oder Inselvölker zu denken, die wenig von Fremden +besucht werden; indessen war es mitten in einer großen Stadt, +mit einer gemischten und gewöhnlichen Bevölkerung, wo +sie ihre wilde Eigenart aufrecht zu erhalten wußten. Wer +waren denn diese Menschen? Mein Führer ließ mich abschüssige +und lärmvolle Straßen erklimmen, die von den verschiedenartigen +Geräuschen der Tätigkeit widerhallten. Wir +stiegen noch lange Reihen von Treppen empor, hinter welchen +sich die Aussicht erschloß. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-030"><img src="images/030.jpg" alt="Illustration 030" /></div> + +<p>Hie und da sah man mit Gitterwerk bekleidete Terrassen, +kleine, in geebneten Zwischenräumen angelegte Gärtchen, +Dächer, leicht gebaute Pavillons, die mit launiger Geduld bemalt +und ausgehauen waren; Fernsichten, die durch lange +Streifen von kletterndem Grün miteinander verbunden waren, +verführten das Auge und erfreuten den Geist wie der Anblick +einer köstlichen Oase einer unbekannten Einsamkeit +oberhalb der Wirrnis jener von unten kommenden Geräusche, +die hier nur mehr ein Gemurmel waren. Man hat oft von +geächteten Völkern gesprochen, die im Schatten der Totenstädte +und der Grüfte leben. Hier war zweifellos das Gegenteil +<!-- page 033 --> +der Fall. Ein glückliches Geschlecht hatte sich diesen Zufluchtsort +geschaffen, den Vögel, Blumen, reine Luft und Helle +liebten. »Das sind«, sagte mir mein Führer, »die alten Bewohner +dieser Berge, die die Stadt beherrschen, in der wir eben +weilen. Lange haben sie hier gelebt, hatten einfache Sitten, +liebten sich und waren gerecht und behielten die natürlichen +Tugenden der ersten Erdentage. Das benachbarte Volk ehrte +sie und richtete sich nach ihnen.« +</p> + +<div class="centerpic" id="img-031"><img src="images/031.jpg" alt="Illustration 031" /></div> + +<p>Von dem Punkt, wo ich mich eben befand, stieg ich meinem +Führer folgend hinunter und gelangte in eine dieser hohen +Behausungen, deren vereinte Dächer einen so sonderbaren +Anblick boten. Es schien mir, als ob meine Füße sich in die +aufeinanderfolgenden Schichten der Gebäude verschiedener +Zeitalter eingrüben. Diese Gespenster der Bauten deckten +immer wieder andere auf, wo sich der eigentümliche Geschmack +jedes Jahrhunderts zeigte und das war wie der Anblick +von Nachgrabungen, die man in den antiken Städten vornimmt, +außer daß alles luftig, lebendig und von tausend Lichtern +durchspielt war. +</p> + +<p>Endlich befand ich mich in einem geräumigen Zimmer, wo +ich einen Greis vor einem Tisch mit ich weiß nicht was für +einem Handwerk beschäftigt sah. Im Augenblick, als ich die +Tür durchschritt, bedrohte mich ein weißgekleideter Mann, +dessen Gesicht ich schlecht unterschied, mit einer Waffe, die er +in der Hand hielt; aber der, welcher mich geleitete, machte ihm +ein Zeichen sich zu entfernen. Es schien, als wolle man mich +verhindern, das Geheimnis dieser Abgeschiedenheit zu durchdringen. +<!-- page 034 --> +Ohne meinen Führer zu fragen, begriff ich intuitiv, +daß diese Höhen und gleichzeitig diese Tiefen der Zufluchtsort +der primitiven Bergbewohner waren. Sie trotzten stets der +überschwemmenden Flut der Rassenanhäufung und lebten +hier einfach von Sitten, liebend und gerecht, geschickt, stark und +erfinderisch, — und als friedfertige Besieger der blinden Massen, +die so oft ihr Erbteil überfallen hatten. +</p> + +<p>Wie? weder verderbt, noch vernichtet, noch Sklaven, rein, +obwohl sie die Unwissenheit besiegt haben, im Wohlstand von +den Tugenden der Armut erfüllt! — Ein Kind ergötzte sich am +Boden mit Kristallen, Muscheln und gravierten Steinen und +machte zweifellos aus dem Studium ein Spiel. Eine bejahrte +aber noch schöne Frau beschäftigte sich mit den Sorgen des +Haushalts. In diesem Augenblick traten mehrere junge Leute +lärmend ein, als ob sie von ihren Arbeiten heimkehrten. Ich +war erstaunt, sie alle in Weiß gekleidet zu sehen; aber das war, +wie es scheint, nur eine Täuschung meiner Augen. Um mir +das klar zu machen, begann mein Führer ihre Kleidung als +lebhaft farbig zu beschreiben, wobei er mir zu verstehen gab, +daß sie in Wirklichkeit so wäre. Das Weiß, das mich befremdete, +kam vielleicht von einem besonderen Glanz, von einem +Lichterspiel, wobei sich die gewöhnlichen Farben des Prismas +vermischten. +</p> + +<p>Ich ging aus dem Zimmer und befand mich auf einer in einen +Ziergarten verwandelten Terrasse. Hier gingen junge Mädchen +und Kinder spazieren und spielten. Ihre Kleider erschienen +mir weiß wie die andern, aber sie waren mit rosa Stickereien +<!-- page 035 --> +verziert. Diese Geschöpfe waren so schön, ihre Züge so lieblich +und der Glanz ihrer Seele leuchtete so lebhaft durch ihre +zarten Formen, daß sie alle eine Art Liebe ohne Bevorzugung +und ohne Begierde einflößten, die den ganzen Taumel der +grenzenlosen Jugendleidenschaften zusammenfaßte. +</p> + +<p>Ich kann das Gefühl nicht wiedergeben, das ich inmitten +dieser entzückenden Wesen empfand, die mir teuer waren, +ohne daß ich sie kannte. Es war wie eine primitive und himmlische +Familie, deren lächelnde Augen die meinen mit sanfter +Teilnahme suchten; ich fing an heiße Tränen zu weinen, wie +in Erinnerung an ein verlorenes Paradies. Da fühlte ich bitter, +daß ich nur Reisender in dieser zugleich fremden und geliebten +Welt war, und ich zitterte bei dem Gedanken, daß ich ins +Leben zurückkehren müsse. Umsonst drängten sich die Frauen +und Kinder um mich wie um mich zurückzuhalten. Schon +verschmolzen ihre hinreißenden Formen in wirren Nebeln; +diese schönen Gesichter erbleichten, diese bestimmten Züge, +diese schimmernden Augen verloren sich in einem Schatten, wo +noch der letzte Strahl des Lächelns leuchtete . . . . . . +</p> + +<p>So war diese Vision oder so waren wenigstens die Haupteinzelheiten, +die ich in Erinnerung behalten habe. Der kataleptische +Zustand, in dem ich mich mehrere Tage lang befunden +hatte, wurde mir wissenschaftlich erklärt und die Berichte derer, +die mich so gesehen hatten, versetzten mich in eine Art Gereiztheit +als ich sah, daß man der Geistesverirrung die Bewegungen +und Worte zuschrieb, die für mich mit den verschiedenen +Phasen einer logischen Kette von Ereignissen zusammenfielen. +<!-- page 036 --> +Ich liebte mehr die meiner Freunde, die aus geduldiger Gefälligkeit +oder in Folge ähnlicher Gedanken mich zu langen +Erzählungen der Dinge veranlaßten, die ich im Geist gesehen +hatte. Einer von ihnen sagte weinend zu mir: »Nicht wahr, +es gibt einen Gott?« — »Ja«, sagte ich voll Begeisterung zu +ihm. Und wir umarmten uns wie zwei Brüder dieses mystischen +Vaterlandes, das ich geschaut hatte. — Welches Glück +fand ich zuerst in dieser Überzeugung! So war der ewige +Zweifel an der Unsterblichkeit der Seele, der die besten Geister +angreift, für mich entschieden. Kein Tod mehr, keine Traurigkeit, +keine Unruhe! Die, welche ich liebte, Eltern, Freunde +gaben mir sichere Zeichen ihres ewigen Lebens, und ich war +von ihnen nur noch durch die Stunden des Tages getrennt. +Die der Nacht erwartete ich in einer sanften Schwermut. +</p> + +<h3 class="no">VI.</h3> + + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/036.jpg" alt="E" /></span><span class="hidden">E</span>IN Traum, den ich außerdem hatte, bestärkte +mich in diesem Gedanken. Ich befand mich +plötzlich in einem Saal, der zu der Wohnung +meines Ahnen gehörte. Der Raum schien +sich nur vergrößert zu haben. Die alten +Möbel strahlten in wunderbarem Glanz, die Teppiche und +die Vorhänge waren wie neu hergestellt, ein Tageslicht, +dreimal leuchtender als der natürliche Tag, drang durch +Fenster und Tür und in der Luft lag eine Frische und ein +Duft wie an einem ersten lauen Frühlingsmorgen. Drei +<!-- page 037 --> +Frauen arbeiteten in diesem Zimmer und stellten ohne ihnen +genau zu gleichen Verwandte und Freundinnen meiner Jugend +vor. Es schien mir, als wenn jede von ihnen die Züge von +mehreren dieser Personen in sich vereinte. Die Umrisse ihrer +Gestalten wechselten wie die Flamme einer Lampe und +jeden Augenblick ging etwas von der einen in die andere über; +das Lächeln, die Stimme, die Farbe der Augen, des Haars, +die Gestalt, die vertrauten Bewegungen vertauschten sich wie +wenn sie dasselbe Leben gelebt hätten, und jede war so eine +Zusammensetzung von allen, gleich jenen Typen, die die Maler +nach mehreren Modellen bilden, um eine vollendete Schönheit +darzustellen. +</p> + +<p>Die älteste sprach zu mir mit zitternder, melodischer Stimme, +die mir aus meiner Jugend bekannt vorkam, und ich weiß +nicht, was sie zu mir sagte, was mich durch seine tiefe Richtigkeit +verblüffte. Aber sie lenkte meine Gedanken auf mich +selbst, und ich sah mich in einen kleinen, braunen Anzug von +altertümlichem Schnitt gekleidet, der ganz mit der Nadel gewirkt +war und dessen Fäden so fein waren wie Spinneweben. +Er war gefällig, zierlich und mit süßen Düften getränkt. Ich +fühlte mich ganz verjüngt und ganz geputzt in diesem Kleidungsstück, +das aus ihren Feenhänden hervorging und ich +dankte ihnen errötend, wie wenn ich noch ein kleines Kind +gewesen wäre, das vor großen, schönen Damen steht. Da +stand eine von ihnen auf und wand sich nach dem Garten. +</p> + +<p>Jeder weiß, daß man in Träumen nie die Sonne sieht, obwohl +man oft die Überzeugung einer viel intensiveren Helligkeit +<!-- page 038 --> +hat. Die Gegenstände und die Körper leuchten aus sich +selbst. Ich sah mich in einem kleinen Park, wo sich die Spaliere zu +Bogenlauben formten, die mit schweren schwarzen und weißen +Weintrauben behängt waren; in dem Maße, als die Dame, +welche mich führte, unter diesem Laubengang vorwärts ging, +veränderte der Schatten der gekreuzten Gitter für meine Augen +seine Formen und seine Umhüllung. Sie kam endlich +darunter hervor und wir befanden uns in einem offenen Raum. +Darin bemerkte man kaum noch die Spur alter Wandelgänge, +die ihn früher kreuzweise durchschnitten hatten. Die +Pflege war seit langen Jahren vernachlässigt und verstreute Setzlinge +von Klematis, Hopfen, Geißblatt, Jasmin, Efeu und +Osterluzei verbreiteten zwischen den kräftig gewachsenen +Bäumen ihre langen lianenartigen Schlingen. Zweige neigten +sich mit Früchten beladen bis zur Erde und zwischen schmarotzerhaft +wuchernden Grasbündeln waren einige Gartenblumen +aufgeblüht, die in den Zustand der Verwilderung zurückgefallen +waren. Hie und da erhoben sich dichte Gruppen +von Pappeln, Akazien und Fichten, aus deren Innern man +altersgeschwärzte Statuen hervorschauen sah. Ich bemerkte +vor mir eine Anhäufung von Felsen, die mit Efeu bewachsen +waren, aus denen ein lebhafter Quell entsprang, dessen harmonisches +Geplätscher in einem Bassin von stehendem Wasser +widerhallte, das mit breiten Seerosenblättern halb verschleiert +war. +</p> + +<p>Die Dame, der ich folgte, enthüllte ihre schlanke Gestalt +mit einer Bewegung, welche die Falten ihres schillernden Taftkleides +<!-- page 041 --> +schimmern ließ, und umfaßte graziös mit ihrem nackten +Arm den langen Stengel einer Stockrose; dann fing sie unter +einem klaren Lichtschein zu wachsen an, so daß nach und +nach der Garten ihre Gestalt annahm, und die Blumenbeete +und Bäume, die Rosetten und Girlanden ihre Kleider wurden, +während ihre Gestalt und ihre Arme ihre Umrisse den +purpurnen Himmelswolken ausprägten. So verlor ich sie in +dem Maß, wie sie sich verwandelte, aus den Augen, denn +sie schien sich in ihrer eigenen Größe zu verflüchtigen. »O, +fliehe nicht,« rief ich aus, »denn die Natur stirbt mit dir!« +</p> + +<div class="centerpic" id="img-039"><img src="images/039.jpg" alt="Illustration 039" /></div> + +<p>Als ich diese Worte sprach, schritt ich mühselig zwischen den +Dornen, wie um den vergrößerten Schatten, der mir entschlüpft +war, zu ergreifen; aber ich stieß an eine beschädigte +Mauerecke, an deren Fuß die Büste einer Frau lag; als ich +sie aufhob, hatte ich die Überzeugung, daß es die ihre sei . . . +Ich erkannte die geliebten Züge wieder und als ich die Augen +herumschweifen ließ, merkte ich, daß der Garten jetzt wie ein +Friedhof aussah. Stimmen sagten: »Das Weltall ist in der +Nacht!« +</p> + +<h3 class="no">VII.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/041.jpg" alt="N" /></span><span class="hidden">N</span>ACH diesem Traum, der anfangs so glücklich +war, bemächtigte sich meiner eine große Bestürzung. +Was bedeutete er? Ich wußte es erst später, +Aurelia war tot. +</p> + +<p>Zuerst bekam ich nur die Nachricht von ihrer +Krankheit. Als Folge meines Geisteszustands empfand ich +<!-- page 042 --> +nur einen unbestimmten, mit Hoffnung gemischten Kummer. +Ich glaubte, daß ich selbst nur noch kurze Zeit zu leben hätte und +war von nun an des Vorhandenseins einer Welt sicher, wo die +liebenden Herzen sich wiederfinden. Übrigens gehörte sie mir im +Tode viel mehr als im Leben . . . ein selbstsüchtiger Gedanke, +den mein Verstand später mit bitterer Reue bezahlen mußte. +</p> + +<p>Ich möchte nicht zu sehr auf Ahnungen bauen; der Zufall +macht sonderbare Sachen; aber ich war damals stark von einer +Erinnerung an unsre so rasche Vereinigung beschäftigt. Ich +hatte ihr einen Ring von alter Arbeit gegeben, dessen Stein +ein herzförmig geschnittener Opal bildete. Da dieser Ring für +ihren Finger zu groß war, hatte ich die verhängnisvolle Idee +gehabt, ihn durchschneiden zu lassen, um den Reif zu verkleinern. +Ich verstand meinen Fehler erst, als ich das Geräusch +der Säge hörte. Es schien mir, als sähe ich Blut fließen . . . . . +</p> + +<p>Sorgfalt und Kunst hatten mir die Gesundheit wiedergegeben, +ohne noch in meinen Geist den regelmäßigen Gang +der menschlichen Vernunft zurückgeführt zu haben. Das +Haus, in dem ich mich befand, lag auf einer Anhöhe und hatte +einen weitläufigen mit kostbaren Bäumen bepflanzten Garten. +Die reine Luft des Hügels, auf dem es lag, der erste Hauch +des Frühlings, die Annehmlichkeit einer durchaus sympathischen +Gesellschaft verschafften mir lange Tage der Ruhe. +</p> + +<p>Die ersten Blätter der Sykomoren entzückten mich durch +die Lebhaftigkeit ihrer Farben, die dem Federbusch eines +Pharaohahns glichen. Die Aussicht, die sich über die Ebene +erstreckte, zeigte vom Morgen bis zum Abend entzückende +<!-- page 045 --> +Horizonte, deren abgestufte Farbentöne meine Einbildungskraft +erfreuten. Ich bevölkerte die Abhänge und die Wolken +mit göttlichen Gestalten, deren Umrisse ich deutlich zu sehen +meinte. — Ich wollte meine Lieblingsgedanken besser festhalten +und bedeckte bald mit Hilfe von Kohle- und Ziegelstückchen, +die ich auflas, die Mauern mit einer Serie von Fresken, +wo sich meine Eindrücke verwirklichten. Eine Gestalt +herrschte immer vor: die Aurelias, die mit den Zügen einer +Göttlichkeit gemalt war, so wie sie mir im Traum erschienen +war. Unter ihren Füßen drehte sich ein Rad und die Götter +bildeten ihren Zug. Es gelang mir, diese Gruppe zu kolorieren, +indem ich den Saft der Gräser und Blumen auspreßte. — +Wie oft habe ich vor diesem geliebten Idol geträumt. Ich tat +noch mehr; ich versuchte den Körper derer, die ich liebte, aus +Erde nachzubilden; jeden Morgen mußte ich meine Arbeit +wieder machen, denn die Verrückten, die eifersüchtig auf mein +Glück waren, gefielen sich darin, sein Bild zu zerstören. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-043"><img src="images/043.jpg" alt="Illustration 043" /></div> + +<p>Man gab mir Papier und lange Zeit hindurch befleißigte +ich mich durch tausend Figuren, die von Erzählungen, von +Versen und Inschriften in allen bekannten Sprachen begleitet +waren, eine Art Weltgeschichte darzustellen, die mit Erinnerungen +an Studien und mit Bruchstücken von Träumen +vermischt war, die durch meinen Geisteszustand intensiver +oder verlängert erschienen. Ich blieb nicht bei den modernen +Überlieferungen der Schöpfung stehen. Mein Gedanke stieg +darüber hinaus. Ich sah wie in einer Erinnerung den ersten +Bund, der von Genien mit Hilfe von Talismanen geschlossen +<!-- page 046 --> +wurde. Ich hatte versucht, die Steine der heiligen Tafelrunde +zusammenzustellen, und um sie herum die sieben ersten Elohim +darzustellen, die sich in die Welt geteilt haben. +</p> + +<p>Dieses System der Geschichte, die ich den orientalischen +Überlieferungen entnahm, fing mit der glücklichen Einigung +der »Naturmächte« an, die das Weltall gestalteten und organisierten. +— Während der Nacht, die meiner Arbeit voranging, +glaubte ich mich auf einen dunkeln Planeten versetzt, +wo die ersten Keime der Schöpfung umherschwirrten. Aus +dem Schoß des noch weichen Tons erhoben sich riesenhafte +Palmbäume, giftige Euphorbien und um Kakteen gewundene +Akanthusstauden; die ausgetrockneten Formen der Felsen +stürzten hervor wie Skelette dieses Schöpfungsentwurfs und +scheußliche Reptilien schlängelten sich, machten sich breit oder +rundeten sich mitten in diesem unentwirrbaren Netz einer +wilden Vegetation. Das bleiche Sternenlicht erhellte allein +die bläulichen Perspektiven dieses seltsamen Horizonts; in +dem Maß jedoch, als diese Schöpfungen Form gewannen, +zog ein hellerer Stern aus ihnen die Keime des Lichts. +</p> + +<h3 class="no">VIII.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/046.jpg" alt="D" /></span><span class="hidden">D</span>ANN veränderten die Ungeheuer ihre +Gestalt, streiften ihre erste Haut ab +und richteten sich mit ihren riesenhaften +Tatzen mächtiger auf; die +ungeheure Masse ihrer Körper zerbrach +<!-- page 049 --> +die Zweige und zerstörte das Gras und in der Unordnung +der Natur lieferten sie Schlachten, an denen ich selbst +teilnahm, denn ich hatte einen ebenso sonderbaren Körper +wie sie selbst. Plötzlich tönte eine seltsame Harmonie in unsere +Einsamkeit und es schien als ob das verwirrte Schreien, +Heulen und Pfeifen der primitiven Wesen hinfort in diese +göttliche Weise überginge. Die Variationen folgten einander +ins Unendliche, der Planet erhellte sich allmählich, göttliche +Formen zeichneten sich auf dem Grün und in den Tiefen der +Gebüsche ab, und die nun zahmen Ungeheuer, die ich gesehen +hatte, warfen ihre sonderbaren Formen von sich und +wurden Männer und Frauen; andere bekleideten sich in +ihren Verwandlungen wieder mit den Gestalten von wilden +Tieren, Fischen und Vögeln. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-047"><img src="images/047.jpg" alt="Illustration 047" /></div> + +<p>Wer hatte wohl dieses Wunder vollbracht? Eine strahlende +Göttin führte in diese neuen »Avatars« die rasche Entwicklung +der Menschheit. Es wurde jetzt eine Unterscheidung +der Rassen eingeführt, die von der Ordnung der Vögel ausging +und auch die Vierfüßler, die Fische und die Reptilien mitinbegriff: +das waren die Devas, die Peris, die Undinen und +die Salamander; jedesmal wenn eines dieser Wesen starb +erstand es sogleich wieder unter schönerer Form und sang den +Ruhm der Götter. — Indessen hatte einer der Elohim den Gedanken, +ein fünftes Geschlecht zu gründen, das sich aus den +Elementen der Erde zusammensetzen sollte, das man Afriten +nannte. — Das war das Zeichen zu einer vollständigen Umwälzung +unter den Geistern, die die neuen Weltbesitzer nicht +<!-- page 050 --> +anerkennen wollten. Ich weiß nicht, wieviel tausend Jahre +diese Kämpfe dauerten, die den Erdball mit Blut überschwemmten. +Drei der Elohim wurden schließlich mit den +Geistern ihrer Geschlechter nach dem Süden der Erde verbannt, +wo sie ungeheure Reiche gründeten. Sie hatten die Geheimnisse +der göttlichen Kabbala, die die Welten verbindet, mit +sich genommen und nahmen ihre Kraft aus der Anbetung gewisser +Gestirne, mit denen sie stets in Verbindung stehen. Diese +Nekromanten, die an die äußersten Grenzen der Erde verbannt +wurden, hatten sich verständigt, um einander die Macht +zu übertragen. Jeder ihrer Herrscher war von Frauen und +Sklaven umgeben und hatte sich der Macht versichert, unter +der Gestalt seiner Kinder wiedergeboren zu werden. Ihr Leben +währte tausend Jahre. Mächtige Kabbalisten schlossen +sie beim Herannahen ihres Todes in wohlbewachte Grabstätten +ein, wo sie mit Elixieren und lebenerhaltenden Stoffen +ernährt wurden. Lange noch behielten sie den Anschein des +Lebens, dann schliefen sie vierzig Tage wie die Schmetterlingspuppe, +die ihren Kokon spinnt, und dann erstanden sie +wieder unter der Gestalt eines kleinen Kindes, das später +in das Reich berufen wurde. Indessen erschöpften sich die +lebenspendenden Kräfte der Erde beim Ernähren dieser Familien, +deren immer gleiches Blut neue Nachkommen gebar. +In weiten unterirdischen Gewölben, die unter Totengrüften +und Pyramiden ausgehöhlt waren, hatten sie alle Schätze +der vergangenen Geschlechter aufgehäuft und gewisse Talismane, +die sie gegen den Zorn der Götter schützten, versteckt. +</p> +<!-- page 053 --> + +<p>Im Innern Afrikas, jenseits des Mondgebirges und des +alten Äthiopien fanden diese seltsamen Mysterien statt. Lange +hatte ich mit einem Teil des Menschengeschlechts in der Gefangenschaft +geseufzt. Die Gesträuche, die ich so grün gesehen, +trugen nur mehr bleiche Blüten und welke Blätter. Eine unerbittliche +Sonne fraß diese Gegenden, und die schwächlichen +Kinder dieser ewigen Dynastien schienen von der Bürde des +Lebens niedergedrückt zu sein. Diese erhabene und einförmige +Größe, die durch die Etikette und hieratische Gebräuche +geregelt war, drückte alle, ohne daß jemand gewagt +hätte, sich ihr zu entziehen. Die Greise schmachteten unter +dem Gewicht ihrer Kronen und ihrer kaiserlichen Schmuckstücke +zwischen Ärzten und Priestern, deren Willen ihnen +die Unsterblichkeit sicherte. Was das Volk betrifft, das für +immer in Kasten eingezwängt war, so konnte es weder auf +das Leben noch auf die Freiheit zählen. Am Fuße der vom +Tod getroffenen, unfruchtbaren Bäume, an den versiegten +Quellen, sah man auf dem verbrannten Gras Kinder und +junge, entnervte und farblose Frauen dahinsiechen. Die Pracht +der königlichen Gemächer, die Majestät der Säulenhallen, +<!-- page 054 --> +der Glanz der Kleider und des Schmucks waren nur ein +schwacher Trost für die ewige Langweile dieser Einsamkeit. +Bald wurden die Völker durch Krankheiten dezimiert, die +Tiere und Pflanzen starben, und die Unsterblichen selbst verfielen +unter ihren prächtigen Gewändern. Eine Geißel, die +größer war als alle andern, kam plötzlich und verjüngte und +rettete die Welt. Das Sternbild des Orion eröffnete am Himmel +die Katarakte der Gewässer; die Erde, die vom Eise +des entgegengesetzten Pols zu stark belastet war, machte eine +halbe Drehung um sich selbst, und die Meere, die die Gestade +überstiegen, überfluteten die Hochebenen Afrikas und Asiens; +die Überschwemmung durchdrang den Sand, erfüllte die Gräber +und die Pyramiden und vierzig Tage lang schwamm eine +geheimnisvolle Arche auf den Meeren und trug die Hoffnung +einer neuen Schöpfung. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-051"><img src="images/051.jpg" alt="Illustration 051" /></div> + +<div class="centerpic" id="img-053"><img src="images/053.jpg" alt="Illustration 053" /></div> + +<p>Drei der Elohim hatten sich auf den höchsten Gipfel der +afrikanischen Berge geflüchtet. Unter ihnen wurde ein Kampf +ausgefochten. Hier verwirrt sich mein Gedächtnis und ich +<!-- page 057 --> +weiß nicht, was das Ergebnis dieses erhabenen Streites war. +Nur sehe ich noch aufrecht auf einem von Wasser umspülten +Gipfel ein von ihnen verlassenes Weib, das mit aufgelöstem +Haar schreit und sich gegen den Tod wehrt. Ihre Klagerufe +übertönten den Lärm der Wasser . . . . Wurde sie gerettet? +Ich weiß es nicht. Die Götter, ihre Brüder, hatten sie verdammt, +aber über ihrem Haupt glänzte der Abendstern, der +seine Flammenstrahlen über ihre Stirn ergoß. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-054"><img src="images/054.jpg" alt="Illustration 054" /></div> + +<div class="centerpic" id="img-055"><img src="images/055.jpg" alt="Illustration 055" /></div> + +<div class="centerpic" id="img-057"><img src="images/057.jpg" alt="Illustration 057" /></div> + +<p>Die unterbrochene Hymne der Erde und der Himmel hallte +harmonisch wieder, um die Eintracht der neuen Geschlechter +zu weihen. Und während die Söhne Noahs mühsam unter +den Strahlen einer neuen Sonne arbeiteten, bewachten die +in ihren unterirdischen Gewölben kauernden Nekromanten +<!-- page 058 --> +immer noch ihre Schätze und gefielen sich in dem Schweigen +der Nacht. Hie und da kamen sie schüchtern aus ihren +Zufluchtsstätten und erschreckten die Lebenden oder verbreiteten +unter den Bösen die verderblichen Lehren ihres Wissens. +</p> + +<p>Das sind die Erinnerungen, die ich in einer Art unklarer +Intuition der Vergangenheit schilderte: ich schauderte, indem +ich die scheußlichen Züge dieser verfluchten Geschlechter darstellte. +Überall starb, weinte oder seufzte das Leidensbild der +»Ewigen Mutter«. Quer durch die wirren Zivilisationen +Asiens und Afrikas sah man eine blutige Szene von Orgien +und Gemetzel sich stets wiederholen, die von denselben Geistern +in immer neuen Formen hervorgebracht wurden. +</p> + +<p>Die letzte fand in Granada statt, wo der geheiligte Talisman +unter den feindlichen Körpern der Christen und der Mauren +zertrümmert wurde. Wieviel Jahre wird die Welt noch zu +leiden haben, denn die Rache dieser ewigen Feinde muß sich +unter andern Himmeln erneuern! Das sind die abgeteilten +Stücke der Schlange, die den Erdkreis umgibt . . . . . Das Eisen +hat sie getrennt und sie vereinigen sich in einem scheußlichen, +mit Menschenblut verklebten Kuß. — +</p> + +<h3 class="no">IX.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/058.jpg" alt="S" /></span><span class="hidden">S</span>O waren die Bilder, die sich der Reihe nach +vor meinen Augen zeigten. Nach und nach +war wieder Ruhe über meinen Geist +gekommen und ich verließ diese Wohnstätte, +<!-- page 061 --> +die für mich ein Paradies war; verhängnisvolle Umstände +bereiteten lange nachher einen Rückfall vor, der an die +unterbrochene Reihenfolge dieser seltsamen Träume wieder +anknüpfte. — +</p> + +<div class="centerpic" id="img-059"><img src="images/059.jpg" alt="Illustration 059" /></div> + +<p>Ich ging auf dem Land spazieren mit einer Arbeit beschäftigt, +die sich auf religiöse Gedanken bezog. Als ich an einem +Haus vorüberging, hörte ich einen Vogel, der einige Worte +nachsprach, die man ihn gelehrt hatte, aber sein verwirrtes +Geschwätz schien mir einen Sinn zu haben; er erinnerte mich +an den Vogel der Vision, die ich weiter oben erzählt habe, +und ich fühlte einen Schauder von übler Vorbedeutung. Einige +Schritte weiter begegnete ich einem Freund, den ich lange nicht +gesehen hatte, und der in einem Nachbarhause wohnte. Er +wollte mich sein Besitztum sehen lassen und bei diesem Besuch +führte er mich auf eine erhöhte Terrasse, von wo aus sich ein +weiter Ausblick eröffnete. Es war bei Sonnenuntergang. Als +ich eine ländliche Treppe hinunterstieg, machte ich einen Fehltritt +und stieß mit der Brust an die Kante eines Möbels. Ich +hatte Kraft genug aufzustehen und bis in die Mitte des Gartens +zu stürzen; ich glaubte ich sei zu Tode getroffen und +wollte vor dem Sterben einen letzten Blick auf die untergehende +Sonne werfen. Mitten in dem Bedauern, das ein +solcher Augenblick mit sich bringt, fühlte ich mich glücklich so +zu sterben, zu dieser Stunde, inmitten der Bäume, der Traubengeländer +und der Herbstblumen. Es war indessen nur eine +Ohnmacht, nach welcher ich noch die Kraft fand meine Wohnung +zu erreichen und zu Bett zu gehen. Fieber ergriff mich; +<!-- page 062 --> +als ich mich besonnen hatte, von welcher Stelle ich gefallen +war, erinnerte ich mich, daß die Aussicht, die ich bewundert +hatte, auf einen Friedhof ging und zwar auf denselben, auf +dem sich das Grab Aurelias befand. Ich dachte wirklich erst +jetzt daran, sonst könnte ich meinen Fall dem Eindruck zuschreiben, +den dieser Anblick in mir hätte hervorrufen können. +Gerade das brachte mich auf den Gedanken an ein bestimmteres +Verhängnis. Um so mehr bedauerte ich, daß der Tod +mich nicht mit ihr vereint hatte. Dann, als ich darüber nachdachte, +sagte ich mir, daß ich dessen nicht würdig sei. Ich stellte +mir verbittert das Leben vor, das ich seit ihrem Tod geführt +hatte, und warf mir vor, nicht etwa sie vergessen zu haben, +was nicht geschehen war, sondern daß ich durch leichte Liebschaften +ihr Andenken geschändet hatte. Mir kam der Gedanke, +den Schlaf zu befragen. Aber IHR Bild, das mir oft +erschienen war, kehrte in meinen Träumen nicht wieder. Ich +hatte zuerst nur verwirrte, mit blutigen Szenen vermischte +Träume. Es schien als ob ein ganzes unglückseliges Geschlecht +inmitten der idealen Welt entfesselt wäre, die ich früher erblickt +hatte und deren Königin sie war. +</p> + +<p>Derselbe Geist, der mich bedroht hatte, als ich in die Wohnung +dieser reinen Familie trat, die die Höhen der »geheimnisvollen +Stadt« bewohnten, — glitt vor mir her und zwar +nicht mehr in dem weißen Gewand, das er ehemals so wie +die andern seiner Rasse trug, sondern gekleidet wie ein orientalischer +Prinz. Ich stürzte auf ihn zu und bedrohte ihn, aber +er wand sich ruhig zu mir. Welches Entsetzen! Welche Wut! +<!-- page 065 --> +es war MEIN Gesicht, es war meine ganze idealisierte und +vergrößerte Gestalt . . . Da erinnerte ich mich des Menschen, +der in derselben Nacht wie ich arretiert worden war und den +man wie ich dachte unter meinem Namen von der Wache +fortgeführt hatte, als meine zwei Freunde gekommen waren, +um mich zu holen. Er trug in der Hand eine Waffe, deren +Form ich schlecht unterschied, und einer von denen, die ihn +begleiteten, sagte: »Damit hat er ihn getroffen!« +</p> + +<div class="centerpic" id="img-063"><img src="images/063.jpg" alt="Illustration 063" /></div> + +<p>Ich weiß nicht, wie ich auseinandersetzen soll, daß in meinen +Gedanken die irdischen Ereignisse mit denen der übernatürlichen +Welt zusammenfallen konnten; das ist leichter zu fühlen +als klar auszudrücken.<a href="#footnote-1" id="fnote-1"><sup>*</sup></a> Aber wer war wohl dieser Geist, +der ICH war und der auch AUSSER MIR war? War er der +Doppelgänger der Legenden oder der mystische Bruder, den +die Orientalen »Ferwer« nennen? +</p> + +<p>War ich nicht überrascht gewesen von der Geschichte jenes +Ritters, der eine ganze Nacht in einem Wald gegen einen +Unbekannten kämpfte, der er selbst war? Wie dem auch sei, +ich glaube, daß die menschliche Einbildungskraft nichts erfunden +hat, was nicht in dieser oder einer andern Welt wahr +ist, und ich konnte nicht an dem zweifeln, was ich deutlich +GESEHEN hatte. +</p> + +<p>Ein schrecklicher Gedanke überkam mich: »der Mensch +ist doppelt«, sagte ich mir. »Ich fühle zwei Menschen in mir«, +hat ein Kirchenvater geschrieben. Das Zusammentreffen +<!-- page 066 --> +zweier Seelen hat diesen gemischten Keim in einen Körper +gelegt, der selbst dem Blick zwei ähnliche Teile darbietet, die +in allen Organen seines Aufbaues wiederkehren. In jedem +Menschen steckt ein Beobachter und ein Handelnder, der, +welcher spricht und der, welcher antwortet. Die Orientalen +haben darin zwei Feinde gesehen: den guten und den bösen +Geist. »Bin ich der gute, bin ich der böse?« sagte ich mir. +Auf jeden Fall ist der »ANDERE« mir feindlich . . . Wer weiß, +ob es nicht Umstände oder irgendein Alter gibt, wo diese +beiden Geister sich trennen. Beide sind durch eine mütterliche +Verwandtschaft an denselben Körper gefesselt, vielleicht ist +einer zu Ruhm und Glück, der andere zu Vernichtung und +ewigem Leiden bestimmt?« — Ein verhängnisvoller Blitz +durchschnitt plötzlich diese Dunkelheit . . . Aurelia gehörte +mir nicht mehr! . . . Ich glaubte von einer Zeremonie, die +sich irgendwo anders vollzog, sprechen zu hören und von +den Zurüstungen zu einer mystischen Hochzeit, welche die +MEINE war, und wo der ANDERE im Begriff war, den Irrtum +meiner Freunde und Aurelias selbst zu benutzen. Die teuersten +Personen, die mich besuchten und trösteten, schienen mir eine +Beute der Ungewißheit, das heißt, die beiden Teile ihrer Seele +trennten sich auch in bezug auf mich; die eine war liebevoll +und vertrauend, die andere wie zu Tod erschrocken über +mich. In dem, was diese Leute zu mir sagten, lebte ein doppelter +Sinn, wenn sie sich auch oft davon keine Rechenschaft +ablegten, da sie ja nicht so »im Geist« waren wie ich. Einen +Augenblick kam mir dieser Gedanke sogar komisch vor, wenn +<!-- page 067 --> +ich an Amphitrion und an Sofias dachte. Wenn aber dieses +groteske Symbol auch etwas anderes war, — wenn es wie +in andern Sagen des Altertums die unglückselige Wahrheit +unter der Maske der Tollheit war? »Wohlan«, sagte ich mir, +»kämpfen wir gegen den verhängnisvollen Geist, kämpfen +wir gegen den Gott selbst mit den Waffen der Überlieferung +und der Wissenschaft. Was er auch im Schatten der Nacht +tun mag, ich existiere — und ich habe um ihn zu besiegen die +ganze Zeit, die mir zum Leben auf der Erde noch gegeben ist. +</p> + +<p class="footnote" id="footnote-1"><a href="#fnote-1">* Für mich war das eine Anspielung auf den Stoß, den ich beim Fallen erhalten +habe. +</a></p> + +<h3 class="no">X.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/067.jpg" alt="W" /></span><span class="hidden">W</span>IE soll ich die seltsame Verzweiflung ausmalen, +in die solche Ideen mich nach +und nach brachten? Ein böser Geist +hatte meinen Platz in der Welt der Seelen +eingenommen, — für Aurelia war ich +es selbst, und der trostlose Geist, der meinen +Körper belebte, und der geschwächt, verkannt und von +ihr verachtet war, sah sich für immer der Verzweiflung oder +dem Nichts verfallen. Ich entfaltete meine ganze Willenskraft, +um das Rätsel, von dem ich einige Schleier gehoben hatte, +besser zu durchdringen. Der Traum machte sich manchmal +lustig über meine Anstrengungen und führte mir nur verzerrte +und flüchtige Gestalten zu. Ich kann hier nur eine ziemlich +bizarre Idee wiedergeben von dem, was sich aus dieser Anspannung +des Geistes ergab. Ich fühlte mich gleiten wie auf +<!-- page 068 --> +einem ausgespannten Faden, dessen Länge unendlich war. +Die Erde, die von farbigen Adern geschmolzenen Metalls +durchzogen war, wie ich es schon gesehen hatte, erhellte sich +nach und nach durch das Aufglühen des zentralen Feuers, +dessen Weiße mit den kirschroten Tönen verschmolz, die die +Seiten des innern Kreises färbten. Ich wunderte mich, zeitweilig +großen Wasserpfützen zu begegnen, die wie Wolken in der +Luft hingen und die dennoch eine solche Dichtigkeit aufwiesen, +daß man Flocken davon loslösen konnte; aber es ist klar, daß es +sich da um eine von dem irdischen Wasser verschiedene Flüssigkeit +handelte, die ohne Zweifel die Verdunstung dessen war, +was für die Welt der Geister das Meer und die Flüsse darstellte. +</p> + +<p>Mein Auge entdeckte eine weite, bergige Küste; sie war +ganz mit einer Art grünlichen Schilfrohres bedeckt, das an der +Spitze gelblich war, wie wenn der Brand der Sonne es teilweise +ausgetrocknet hätte; aber ich habe nicht mehr von der Sonne +gesehen als die andern Male. — Ein Schloß beherrschte den +Abhang, den ich zu erklimmen begann. Auf der andern Abdachung +sah ich eine ungeheure Stadt sich ausbreiten. Während ich +das Gebirg überschritten hatte, war die Nacht gekommen und +ich beobachtete die Lichter der Behausungen und der Straßen. +Als ich hinunterstieg, befand ich mich auf einem Markt, wo +man Früchte und Gemüse verkaufte, ähnlich denen im Süden. +</p> + +<p>Ich stieg auf einer dunkeln Treppe hinunter und befand +mich in den Straßen. Man verkündete durch Zettelanschlag +die Eröffnung eines Kasinos und die Einzelheiten seiner Einteilung +wurden in Artikeln beschrieben. Die typographische +<!-- page 069 --> +Umrahmung war aus Blumenkränzen gebildet, die so gut +dargestellt und gefärbt waren, daß sie natürlich zu sein schienen. +— Ein Teil des Gebäudes war noch im Entstehen. Ich +trat in eine Werkstatt, wo ich Arbeiter sah, die aus Ton ein +ungeheures Tier in der Gestalt eines Lamas modellierten, das +aber offenbar mit großen Flügeln versehen werden sollte. +Dieses Ungetüm war wie durchzogen von einem Feuerstrahl, +der es allmählich belebte, so daß es sich wand; es war von +tausend purpurnen Fasern durchzogen. Diese bildeten Venen +und Arterien und befruchteten sozusagen die träge Materie, +die sich mit einer augenblicklichen Vegetation von faserigen +Anhängseln, Flügelchen und wolligen Büscheln bedeckte. Ich +blieb stehen, um dieses Meisterwerk zu betrachten, wo man +der göttlichen Schöpfung ihre Geheimnisse abgesehen zu haben +schien. »Das kommt daher, daß wir hier das Urfeuer haben, +das die ersten Wesen belebte«, — sagte man mir. — »Ehemals +ist es bis zur Erdoberfläche gedrungen, aber die Quellen sind +versiegt.« Ich sah auch die Goldschmiedearbeiten, bei denen +man zwei auf der Erde unbekannte Metalle benutzte: ein +rotes, das dem Zinnober zu entsprechen schien und ein anderes +azurblaues. Die Ornamente waren weder getrieben noch +ziseliert, aber sie formten, färbten und erschlossen sich wie metallische +Pflanzen, die man aus gewissen chemischen Mischungen +entstehen läßt. »Könnte man nicht auch Menschen schaffen?« +sagte ich zu einem der Arbeiter, aber er versetzte: »Die Menschen +kommen aus der Höhe und nicht aus der Tiefe. Können +wir uns selbst schaffen? Hier formt man nur mit Hilfe der +<!-- page 070 --> +allmählichen Fortschritte unsrer Fähigkeit eine Materie, die +feiner ist als die, aus welcher die Erdrinde besteht. Diese +Blumen, die euch natürlich vorkommen, dieses Tier, das +scheinbar leben wird, werden nur Produkte unsrer bis zum +höchsten Punkt unsrer Kenntnisse entwickelten Kunst sein und +jeder wird sie so beurteilen.« +</p> + +<p>Dies sind ungefähr die Worte, die mir entweder gesagt +wurden oder deren Bedeutung ich zu erfassen glaubte. Ich begann +die Säle des Kasinos zu durcheilen, und ich sah eine große +Menge, in welcher ich einige mir bekannte Personen unterschied: +die einen lebten, die andern waren zu verschiedenen +Zeiten gestorben. Die ersten schienen mich nicht zu sehen, +während die andern mir antworteten, ohne mich anscheinend +zu erkennen. Ich war im größten Saal angekommen, der ganz +mit mohnrotem Samt bespannt war, in den goldene Bänder +eingewebt waren, die reiche Muster bildeten. In der Mitte befand +sich ein Ruhebett in der Form eines Throns. Einige +Vorübergehende setzten sich nieder um seine Elastizität zu +prüfen; aber da die Vorbereitungen noch nicht beendet waren, +wandten sie sich andern Sälen zu. Man sprach von einer Hochzeit +und von dem Gatten, der, wie man sagte, kommen müsse +um den Augenblick des Festes zu verkünden. Sogleich bemächtigte +sich meiner eine unsinnige Wahnvorstellung. Ich +bildete mir ein, daß der, welchen man erwartete, mein Doppelgänger +sei, der Aurelia heiraten müsse und ich machte einen +Lärm, der die Versammlung zu verblüffen schien. Ich fing mit +Heftigkeit zu sprechen an, schilderte meinen Kummer und rief +<!-- page 073 --> +die Hilfe derer an, die mich kannten. Ein Greis sagte zu mir: +»Aber so führt man sich nicht auf, Sie erschrecken ja jedermann!« +Da rief ich aus: »Ich weiß wohl, daß er mich schon +mit seinen Waffen getroffen hat, aber ich erwarte ihn furchtlos +und ich kenne das Zeichen, das ihn besiegen muß.« +</p> + +<div class="centerpic" id="img-071"><img src="images/071.jpg" alt="Illustration 071" /></div> + +<p>In diesem Augenblick erschien ein Arbeiter aus der Werkstatt, +die ich beim Hereinkommen besucht hatte; er trug eine +lange Stange, deren Ende aus einer im Feuer geröteten Kugel +bestand. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber die Kugel, die +er in die Höhe hielt, bedrohte stets meinen Kopf. Man schien +sich um mich herum über meine Ohnmacht lustig zu machen . . . +Da zog ich mich bis zum Thron zurück, die Seele voll namenlosen +Stolzes, und ich hob den Arm auf, um ein Zeichen zu +machen, das mir eine Zauberkraft zu haben schien. Der deutliche +und zitternde Schrei einer Frau, der nach herzzerreißendem +Schmerz klang, weckte mich plötzlich auf! Die Silben +eines unbekannten Wortes, das ich im Begriff stand auszusprechen, +erstarben auf meinen Lippen . . . Ich stürzte mich zur +Erde und fing inbrünstig und unter heißen Tränen zu beten +an. — Aber was war das nur für eine Stimme, die soeben +so schmerzlich durch die Nacht gehallt war?! +</p> + +<p>Sie gehörte nicht dem Traum an; es war die Stimme einer +lebendigen Person, und doch war es für mich die Stimme und +der Tonfall Aurelias . . . . +</p> + +<p>Ich öffnete mein Fenster; alles war ruhig und der Schrei +wiederholte sich nicht. — Ich erkundigte mich draußen — niemand +hatte etwas gehört. — Und trotzdem bin ich noch sicher, +<!-- page 074 --> +daß der Schrei wirklich war und daß der Ton Lebender darin +erklungen war. Ohne Zweifel wird man mir sagen, daß der +Zufall veranlassen konnte, daß eine leidende Frau in der +Umgebung meiner Wohnung geschrieen habe. — Aber meinem +Gedanken nach waren die irdischen Ereignisse mit denen +der unsichtbaren Welt verbunden. Das ist eine jener seltsamen +Beziehungen, über die ich mir selbst keine Rechenschaft ablege, +und die man leichter andeuten als erklären kann . . . . +</p> + +<p>Was hatte ich getan? Ich hatte die Harmonie des magischen +Weltalls gestört, aus der meine Seele die Sicherheit +einer unsterblichen Existenz schöpfte. Ich war vielleicht verflucht, +weil ich in ein schauerliches Mysterium dringen wollte, +indem ich das göttliche Gesetz beleidigte; ich hatte nur noch +Zorn und Verachtung zu erwarten! Die aufgebrachten +Schatten entflohen schreiend und zogen in der Luft verhängnisvolle +Kreise wie die Vögel beim Herannahen eines Gewitters. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-074"><img src="images/074.jpg" alt="Illustration 074" /></div> +<!-- page 077 --> + +<div class="centerpic" id="img-075"><img src="images/075.jpg" alt="Illustration 075" /></div> + +<h2 class="chapter" id="chapter-3">Zweiter Teil</h2> + +<p class="right">Eurydice! Eurydice! +</p> + +<h3 class="no">I.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/077.jpg" alt="Z" /></span><span class="hidden">Z</span>UM zweitenmal verloren! Alles ist zu +Ende, alles ist vorbei! Jetzt bin ich es, +der sterben, ohne Hoffnung sterben muß! +— Was ist denn der Tod? — Wenn er +das Nichts wäre! — Wollte es Gott! +Aber Gott selbst kann es nicht machen, +daß der Tod das Nichts sei. +</p> + +<p>Warum ist es denn seit so langer Zeit das erstemal, daß +ich an »ihn« denke? Das unglückliche System, das in meinem +Geist entstanden war, ließ dieses einsame Königtum nicht +zu . . . . oder vielmehr es verlor sich in die Fülle der Wesen; +das war der Gott des Lucretius, machtlos und in seine Unendlichkeit +verloren. +</p> + +<p>Sie indessen glaubte an Gott und ich habe eines Tages +den Namen Jesus auf ihren Lippen gefunden. Er floß so +sanft dahin, daß ich darüber geweint habe. O mein Gott, +diese Träne, diese Träne . . . . sie ist schon lange getrocknet! +Diese Träne, o mein Gott, gib sie mir wieder! +</p> +<!-- page 078 --> + +<p>Wenn die Seele unsicher zwischen Traum und Leben +schwebt, zwischen Geistesverwirrung und der Rückkehr zur +kalten Überlegung, so muß man seine Hilfe im religiösen +Gedanken suchen, — niemals habe ich Trost finden können +in dieser Philosophie, die nur Lebensregeln des Egoismus +oder bestenfalls der Gegenseitigkeit, eitle Erfahrung, bittere +Zweifel bietet; — sie bekämpft die moralischen Schmerzen, +indem sie die Empfindlichkeit vernichtet; wie die Chirurgie +kann sie nur das schmerzende Organ wegschneiden. Aber +für uns, die wir in den Tagen der Umwälzungen und der +Gewitter geboren sind, wo alle Bekenntnisse zerbrochen sind; +— die wir bestenfalls in diesem unbestimmten Glauben erzogen +sind, der sich mit einigen äußerlichen Übungen begnügt +und die gleichgültige Zugehörigkeit zudem vielleicht schuldiger +ist als die Gottlosigkeit und die Ketzerei; für uns ist es sehr +schwierig, sobald wie wir das Bedürfnis dazu fühlen das mystische +Gebäude wieder aufzubauen, dessen wohl vorgezeichnete +Form die Unschuldigen und die Einfältigen in ihren +Herzen anerkennen. +</p> + +<p>»Der Baum der Erkenntnis ist nicht der Baum des Lebens.« +Können wir indessen aus unserm Geist verbannen, +was so viele intelligente Generationen Gutes oder Unheilvolles +hineingegossen haben? Die Unwissenheit ist nicht erlernbar. +Ich habe bessere Hoffnung auf Gottes Güte: vielleicht +rühren wir schon an die prophezeite Epoche, wo die +Wissenschaft, nachdem sie ihren ganzen Kreislauf von Synthese +und Analyse, von Glaube und Verneinung erfüllt hat, sich +<!-- page 079 --> +selbst läutern kann und aus der Unordnung und den Trümmern +die wunderbare Stadt der Zukunft hervorsteigen +wird . . . Man darf die menschliche Vernunft nicht so billig +einschätzen um zu glauben, daß sie etwas gewinnt, indem +sie sich ganz erniedrigte, denn das hieße ihren himmlischen +Ursprung anklagen . . . Gott wird ohne Zweifel die Reinheit +der Absicht würdigen; und wo ist der Vater, der +Wohlgefallen daran fände zu sehen, wie sein Sohn vor ihm +alle Urteilskraft und allen Stolz aufgibt? Der Apostel, der +selbst fühlen wollte um zu glauben, ist um des willen nicht +verdammt worden. +</p> + +<p>Was habe ich da geschrieben? Das sind Gotteslästerungen. +Die christliche Demut kann so nicht sprechen. Solche Gedanken +sind weit davon entfernt die Seele zu rühren. Sie +tragen auf der Stirn die Hochmutsblitze der Krone Satans . . . +Ein Vertrag mit Gott selbst? . . . O Wissenschaft! O Eitelkeit! +</p> + +<p>Ich hatte einige Bücher der Kabbala gesammelt. Ich vertiefte +mich in dieses Studium und gelangte dahin mich zu überzeugen, +daß alles wahr sei, was der menschliche Geist während +Jahrhunderten darüber angehäuft hatte. Die Überzeugung, +die ich mir vom Sein geformt hatte, stimmte zu gut +mit meiner Lektüre überein, als daß ich fürder noch an den +Offenbarungen der Vergangenheit hätte zweifeln können. +Die Dogmen und die Riten der verschiedenen Religionen +schienen mir sich darauf zu beziehen in der Weise, daß jede +einen gewissen Teil jener Geheimnisse besaß, die ihre Mittel +<!-- page 080 --> +zur Ausdehnung und zur Verteidigung ausmachten. Diese +Kräfte konnten sich abschwächen, sich verringern und verschwinden, +was die Eroberung gewisser Rassen über andere +mit sich brachte, die alle nur durch den »Geist« siegreich sein +oder erobert werden konnten. +</p> + +<p>»Immerhin«, sagte ich mir, »ist es sicher, daß diese Erkenntnisse +mit menschlichen Irrtümern vermischt sind. Das magische +Alphabet, der rätselhafte Hieroglyph überkommen uns nur +unvollständig und gefälscht, sei es durch die Zeit, sei es durch +diejenigen selbst, die ein Interesse haben an unserer Unwissenheit. +Laßt uns den verlorenen Buchstaben, das ausgelöschte +Zeichen wiederfinden und die mißklingende Tonleiter wieder +abstimmen, dann werden wir Kraft in der Welt der Geister +gewinnen.« +</p> + +<p>So glaubte ich in die Beziehungen der wirklichen Welt zur +Welt der Geister zu dringen. Die Erde, ihre Bewohner und +ihre Geschichte waren der Schauplatz, wo die physischen +Handlungen sich vollziehen sollten, welche die Existenz und +die Lage der Unsterblichen, die an ihr Geschick geknüpft sind, +vorbereiteten. Ohne das undurchdringliche Mysterium von +der Ewigkeit der Welten zu berühren, stieg mein Gedanke +zu der Epoche hinauf, wo die Sonne auf die Erde die fruchtbaren +Keime der Pflanzen und Tiere säte, ähnlich der Pflanze, +die sie darstellt, die mit ihrem hängenden Kopf die Umdrehung +ihres himmlischen Wandels verfolgt. Es war nichts anderes +als das Feuer selbst, das, da es aus Seelen bestand, instinktiv +die gemeinsame Wohnung formte. Der Geist des »Gott-Wesens«, +<!-- page 081 --> +das sich auf der Erde wieder erzeugt und sozusagen +zurückgeworfen wird, ward der gewöhnliche Typus +der menschlichen Seelen, deren jede demzufolge gleichzeitig +Mensch und Gott war. So waren die Elohim! +</p> + +<p>Wenn man sich unglücklich fühlt denkt man über das Unglück +der andern nach. Ich war etwas nachlässig gewesen im +besuchen eines meiner liebsten Freunde, von dem man mir +gesagt hatte, daß er krank sei: Als ich mich zu dem Haus begab, +wo er behandelt wurde, warf ich mir diesen Fehler lebhaft +vor. Ich war noch trostloser, als mir mein Freund erzählte, +daß es ihm am Vorabend recht schlecht gegangen sei. Ich trat +in ein Hospitalzimmer mit kalkgetünchten Wänden. Die +Sonne zeichnete lustige Winkel auf die Mauern und spielte +auf einem Gefäß mit Blumen, das eine Nonne eben auf den +Tisch des Kranken gestellt hatte. Es war fast wie die Zelle +eines italienischen Anachoreten. Sein abgemagertes Gesicht, +sein Teint, der vergilbtem Elfenbein glich, was durch seine +schwarze Haar- und Bartfarbe noch mehr hervorgehoben +wurde, seine Augen, die in einem Rest von Fieber glänzten; +vielleicht auch das Arrangement eines Kapuzenmantels, den +er über die Schultern geworfen hatte, machten für mich aus +ihm ein Wesen, das halb verschieden war von dem, was ich +gekannt hatte. +</p> + +<p>Das war nicht mehr der fröhliche Gefährte meiner Arbeiten +und meines Vergnügens; es war ein Apostel in ihm. +Er erzählte mir, wie er sich in den schlimmsten Leiden seiner +Krankheit als Beute eines letzten Anfalles gesehen hatte, +<!-- page 082 --> +der ihm der letzte Augenblick zu sein schien. Wie durch ein +Wunder hatte der Schmerz in demselben Augenblick aufgehört. +— Was er mir dann erzählte ist unmöglich wiederzugeben: +Ein erhabener Traum in den weitesten Räumen der +Unendlichkeit, ein Gespräch mit einem Wesen, das gleichzeitig +von ihm verschieden war und einen Teil von ihm selbst +bildete, das er, da er sich tot glaubte, frug, wo Gott sei. — +»Aber Gott ist überall« antwortete ihm sein Geist; »er ist +in dir selbst und in allen. Er richtet dich, er hört dich an, er +rät dir; du und ich wir denken und träumen zusammen — +und wir haben uns nie verlassen und sind ewig.« +</p> + +<p>Ich kann sonst nichts aus diesem Gespräch anführen, das +ich vielleicht schlecht gehört oder schlecht verstanden habe. Ich +weiß nur, daß sein Eindruck ein sehr lebhafter war. Ich wage +nicht meinem Freund die Folgerung zuzuschreiben, die ich +selbst vielleicht fälschlich aus seinen Worten gezogen habe. Ich +weiß nicht einmal, ob das Gefühl, das daraus entsteht nicht +mit der christlichen Idee übereinstimmend ist. +</p> + +<p>»Gott ist mit ihm,« rief ich aus, . . . . »aber er ist nicht mehr +mit mir! O Unglück! Ich habe ihn von mir gejagt, ich habe ihn +bedroht, ich habe ihm geflucht! Er war es gewiß, dieser mystische +Bruder, der sich immer mehr und mehr von meiner Seele +entfernte und der mich vergeblich benachrichtigte! Dieser bevorzugte +Gemahl, dieser König des Ruhms, er richtet und +verdammt mich und nimmt auf ewig die mit in seinen Himmel, +die er mir gegeben hätte und deren ich hinfort unwürdig +bin!« +</p> +<!-- page 085 --> + +<div class="centerpic" id="img-083"><img src="images/083.jpg" alt="Illustration 083" /></div> + +<h3 class="no">II.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/085.jpg" alt="I" /></span><span class="hidden">I</span>CH vermag die Niedergeschlagenheit nicht zu schildern, +in welche diese Ideen mich versetzten. »Ich +verstehe,« sagte ich mir, »ich habe das Geschöpf +dem Schöpfer vorgezogen; ich habe meine Liebe +vergöttert und habe nach heidnischen Gebräuchen +die angebetet, deren letzter Seufzer Christus geweiht war. +Aber wenn diese Religion die Wahrheit sagt, so kann mir +Gott noch verzeihen. Er kann sie mir zurückgeben, wenn +ich mich vor ihm demütige. Vielleicht kommt ihr Geist wieder +in mich zurück!« +</p> + +<div class="centerpic" id="img-085-2"><img src="images/085-2.jpg" alt="Illustration 085-2" /></div> + +<p>— Ich irrte erfüllt von diesem Gedanken aufs Geratewohl +in den Gassen umher. Ein Leichenzug kreuzte meinen Weg; +er richtete sich nach dem Friedhof, wo sie bestattet worden war; +ich hatte die Idee, mich dahin zu begeben, indem ich mich dem +Zug anschloß. »Ich weiß nicht,« sagte ich zu mir, »wer der +Tote ist, den man hier zur Grube geleitet, aber ich weiß jetzt, +daß die Toten uns sehen und hören, — vielleicht wird er zufrieden +<!-- page 086 --> +sein wenn er sieht, daß ein Leidensbruder ihm folgt, +der trauriger ist als irgendeiner von denen, die ihn geleiten.« +Dieser Gedanke ließ mich Tränen vergießen und ohne Zweifel +glaubte man, daß ich einer der besten Freunde des Verstorbenen +sei. O ihr gesegneten Tränen! Lange Zeit war mir +eure Süßigkeit versagt! +</p> + +<p>Mein Kopf richtete sich auf und ein Hoffnungsstrahl leitete +mich noch immer. Ich fühlte in mir die Kraft zu beten und +genoß sie mit Entzücken. +</p> + +<p>Ich erkundigte mich nicht einmal nach dem Namen des +Toten, dessen Sarg ich gefolgt war. Der Friedhof den ich +betreten hatte, war mir in vieler Hinsicht heilig. Drei Verwandte +meiner mütterlichen Familie waren hier begraben; +aber ich konnte nicht zum Beten auf ihre Gräber gehen, denn +sie waren vor mehreren Jahren in ein entferntes Land an den +Ort ihrer Herkunft geschafft worden. — Lange suchte ich das +Grab Aurelias und konnte es nicht wiederfinden. Die Einteilung +des Friedhofs hatte sich verändert, — vielleicht hatte +sich auch mein Gedächtnis verirrt . . . . Es kam mir vor, +als ob dieser Zufall, dieses Vergessen, meine Verdammnis +noch vergrößerten. — Ich wagte nicht, den Wächtern den Namen +einer Toten zu nennen, auf die ich religiös kein Recht +hatte . . . . Aber ich erinnerte mich, daß ich zu Hause die genaue +Angabe des Grabes aufbewahrte und ich lief mit +klopfendem Herzen hin; ich hatte den Kopf verloren; ich +sagte es schon; ich hatte meine Liebe mit wunderlichem +Aberglauben umgeben. — In einer kleinen Schatulle, die IHR +<!-- page 087 --> +gehört hatte, bewahrte ich ihren letzten Brief auf. Soll ich +noch gestehen, daß ich aus dieser Schatulle eine Art Reliquienschrein +gemacht hatte, der mich an lange Reisen erinnerte, wo +der Gedanke an SIE mich begleitet hatte: eine in den Gärten +von Schubrah gepflückte Rose, ein aus Ägypten mitgebrachtes +Stückchen Band, im Fluß von Beirut gepflückte Lorbeerblätter, +zwei kleine, vergoldete Kristalle, Mosaiken aus der Hagia +Sophia, eine Perle aus einem Rosenkranz und was weiß +ich noch? . . . endlich das Papier, welches man mir am Tag +wo man ihr Grab ausschaufelte, gegeben hatte, damit ich es +wiederfinden könne. Ich errötete, ich zitterte, als ich diese +tolle Ansammlung zerstreute. Ich steckte die zwei Papiere +ein, und im Augenblick, wo ich mich aufs neue nach dem +Friedhof begeben wollte, änderte ich meinen Entschluß. — +»Nein,« sagte ich mir, »ich bin nicht wert, auf dem Grab +einer Christin zu knien; fügen wir nicht eine Entweihung +zu so vielen andern.« Und um den Sturm, der in meinem Kopf +tobte, zu besänftigen, begab ich mich einige Meilen außerhalb +von Paris in eine kleine Stadt, wo ich in meiner Jugendzeit +einige glückliche Tage bei alten Verwandten, die inzwischen +verstorben waren, verbracht hatte. Ich wäre oft gern dahin zurückgekommen, +um die Sonne bei ihrem Hause untergehen zu +sehen. Es war dort eine von Linden beschattete Terrasse, die in +mir auch die Erinnerung an verwandte junge Mädchen wachrief, +zwischen denen ich aufgewachsen war. Eine von ihnen . . . +</p> + +<p>Aber wie hatte ich nur daran denken können, diese unbestimmte +Kindheitsliebe der gegenüber zu stellen, die meine +<!-- page 088 --> +Jugend verschlungen hat? Ich sah die Sonne sich über das Tal +neigen, das sich mit Nebeln und Schatten erfüllte; sie verschwand +und badete die Gipfel der Wälder, die die hohen +Hügel krönten, in rötlichen Feuern. +</p> + +<p>Die düsterste Traurigkeit zog in mein Herz. Ich ging zum +Schlafen in eine Herberge, wo ich bekannt war. Der Wirt +sprach mir von einem meiner alten Freunde, der in der Stadt +wohnte und der sich infolge von unglücklichen Spekulationen +mit einem Pistolenschuß getötet hatte . . . . Der Schlaf brachte +mir furchtbare Träume. Ich habe mir ein verworrenes Andenken +daran bewahrt. — Ich befand mich in einem unbekannten +Saal und sprach mit jemand aus der Außenwelt, — +vielleicht mit dem Freund, von dem ich eben gesprochen habe. +Ein sehr hoher Spiegel befand sich hinter uns. Als ich ganz +zufällig einen Blick hineinwarf, glaubte ich A*** zu erkennen. +Sie schien traurig und nachdenklich zu sein und plötzlich, sei +es, daß sie aus dem Spiegel heraustrat, sei es, daß sie, als sie +einen Augenblick vorher durch den Saal ging, reflektiert +wurde, diese sanfte und geliebte Gestalt befand sich neben +mir. Sie reichte mir die Hand, ließ einen schmerzlichen Blick +über mich gleiten und sagte: »Wir sehen uns später wieder . . . . . +im Hause deines Freundes.« +</p> + +<p>Und einen Augenblick lang stellte ich mir ihre Heirat vor, +die Verwünschung, die uns trennte, und ich sagte mir: Ist es +möglich? Käme sie zu mir zurück? »Hast du mir vergeben?« +frug ich mit Tränen. Aber alles war verschwunden. Ich befand +mich an einem öden Ort, auf einer rauhen, von Felsen +<!-- page 089 --> +besäten Anhöhe +mitten +im Wald. Ein Haus, +das ich zu erkennen meinte, beherrschte +dieses trostlose Land. Ich ging und kam auf +unentwirrbaren Umwegen zurück. Vom Gehen +zwischen Steinen und Dornengebüschen ermüdet, suchte ich +mitunter einen sanfteren Weg auf den Fußsteigen des Waldes. +— Man erwartet mich da unten! dachte ich; eine bestimmte +Stunde schlug. Ich sagte mir: ES IST ZU SPÄT und Stimmen +antworteten: SIE IST VERLOREN! Vollkommene Nacht +umgab mich, das entfernte Haus glänzte, wie wenn es für +ein Fest beleuchtet und voll rechtzeitig angekommener Gäste +wäre. — Sie ist verloren! rief ich aus, und warum? . . . . . Ich verstehe, +sie hat eine letzte Anstrengung gemacht um mich zu +retten — ich habe den äußersten Augenblick verpaßt, wo die +Vergebung noch möglich war. Aus Himmelshöhen konnte +sie den göttlichen Gatten für mich erbitten . . . . . Doch was +liegt an meinem Heil? Der Abgrund hat seine Beute empfangen! +Sie ist für mich und für alle verloren! Ich glaubte +sie wie unter einem Blitzschein zu sehen, bleich und sterbend +<!-- page 090 --> +von finstern Reitern fortgezogen . . . . Der Schrei schmerzlicher +Wut, den ich in diesem Augenblick ausstieß, ließ mich ganz +atemlos erwachen. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-089"><img src="images/089.jpg" alt="Illustration 089" /></div> + +<p>— Mein Gott, mein Gott! Um ihretwillen, um ihretwillen +allein! Mein Gott! Vergib! schrie ich und warf mich auf die Knie. +</p> + +<p>Es war Tag. Durch eine Bewegung, von der ich schwer +Rechenschaft ablegen kann, beschloß ich die beiden Papiere +sogleich zu vernichten, die ich am Vorabend der Schatulle +entnommen hatte. Der Brief, den ich beim Durchlesen wieder +mit Tränen benetzte und der Begräbnisschein, der das Siegel +des Friedhofes trug. — Jetzt ihr Grab wiederfinden, sagte ich +mir; aber ich hätte gestern umkehren sollen; — und mein unglücklicher +Traum ist nur der Widerschein meines unglücklichen +Tages! +</p> + +<h3 class="no">III.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/090.jpg" alt="D" /></span><span class="hidden">D</span>IE Flamme hat diese Reliquien der +Liebe und des Todes verschlungen, +die mit den schmerzhaftesten Fibern +meines Herzens verknüpft waren. +Ich habe meine Schmerzen und verspäteten +Gewissensbisse mit hinaus auf das Land genommen +und suchte durch die Ermüdung des Gehens die Betäubung +der Gedanken, vielleicht auch die Gewißheit eines weniger +unheilvollen Schlummers für die kommende Nacht. +</p> + +<p>Mit diesem Gedanken, den ich mir vom Traume gebildet +hatte, der dem Menschen eine Verbindung mit der Geisterwelt +<!-- page 091 --> +öffnet, hoffte ich, hoffte ich immer noch! Vielleicht würde +Gott sich mit diesem Opfer begnügen. — Hier halte ich ein; +es ist zu hochmütig zu behaupten, daß der geistige Zustand, +in dem ich mich befand, nur durch eine Liebeserinnerung verursacht +worden sei. Sagen wir lieber, daß ich mich damit unwillkürlich +gegen die ernstere Reue eines toll vergeudeten +Lebens schützte, in dem das Böse recht oft triumphiert hatte +und dessen Fehler ich nur erkannte, wenn ich die Schläge des +Unglücks spürte. Ich fühlte mich nicht mehr würdig an die +auch nur zu denken, die ich im Tode quälte, nachdem ich sie +im Leben betrübt hatte, und deren sanftem, heiligem Mitleid +ich allein einen letzten Blick der Verzeihung verdankt habe. +</p> + +<p>In der folgenden Nacht konnte ich nur wenige Augenblicke +schlafen. Eine Frau, die sich meiner Jugend angenommen +hatte, erschien mir im Traum und warf mir einen sehr +ernsten Fehler vor, den ich früher begangen hatte. Ich erkannte +sie wieder, obgleich sie mir viel älter erschien als in den +letzten Zeiten, wo ich sie gesehen hatte. Gerade das erinnerte +mich bitter daran, daß ich versäumt hatte, sie in ihren +letzten Augenblicken zu besuchen. Es schien mir, als ob sie +zu mir sagte: »Du hast deine alten Verwandten nicht so lebhaft +beweint, wie du diese Frau beweint hast. Wie kannst +du dann auf Verzeihung hoffen?« Der Traum wurde verwirrt. +Gestalten von Personen, die ich zu verschiedenen +Zeiten gekannt hatte, gingen geschwind vor meinen Augen +vorüber. Sie gingen vorbei, erstrahlten, verblichen und fielen +in die Nacht zurück wie die Perlen eines Rosenkranzes, +<!-- page 092 --> +dessen Band zerrissen ist. Ich sah dann wie sich unbestimmt +plastische Bilder aus dem Altertum formten, die — erst flüchtig +hingeworfen — deutlich wurden und Symbole darzustellen +schienen, deren Gedanken ich nur schwer erfaßte. Nur glaubte +ich, daß es bedeuten solle: Alles das war geschaffen, um dich +das Geheimnis des Lebens zu lehren und du hast es nicht verstanden. +Die Religionen und die Sagen, die Heiligen und die +Dichter vereinigten sich, um das verhängnisvolle Rätsel zu +erklären, und du hast schlecht begriffen . . . Jetzt ist es zu spät! +</p> + +<p>Ich erhob mich voll Entsetzen und sagte mir: das ist mein +letzter Tag! Mit zehnjährigem Zwischenraum kam mir dieselbe +Idee, die ich im ersten Teil dieser Erzählung geschildert +habe, positiver und noch drohender wieder. Gott hatte mir +zur Reue Zeit gelassen und ich hatte sie nicht ausgenutzt. Nach +dem Besuch des »steinernen Gastes« hatte ich mich wieder zum +Festmahl hingesetzt! +</p> + +<div class="centerpic" id="img-092"><img src="images/092.jpg" alt="Illustration 092" /></div> +<!-- page 093 --> + +<h3 class="no">IV.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/093.jpg" alt="M" /></span><span class="hidden">M</span>EIN Gefühl aus diesen Visionen und Grübeleien, +das während meiner einsamen +Stunden aus ihnen entsprang, war so +traurig, daß ich mir wie verloren vorkam. +Alle Handlungen meines Lebens erschienen +mir von ihrer ungünstigsten Seite und in der Art von Gewissensprüfung, +der ich mich hingab, führte mir das Gedächtnis +die ältesten Tatsachen mit einer seltsamen Klarheit vor; ich +weiß nicht was für eine falsche Scham mich verhinderte, den +Beichtstuhl zu betreten; vielleicht die Angst mich in Dogmen +und in die Gebräuche einer furchteinflößenden Religion einzulassen, +da ich gegen gewisse Punkte darin philosophische +Vorurteile bewahrt hatte. Meine ersten Jahre sind zu sehr mit +den Ideen der Revolution durchsetzt gewesen, meine Erziehung +war zu frei, mein Leben zu rastlos, als daß ich leicht ein +Joch auf mich nehmen könnte, das in vielen Punkten immer +noch meine Vernunft beleidigen würde. Ich bebte, wenn ich +bedachte, was für einen Christen ich abgeben würde, wenn +gewisse Prinzipien, die der freien Forschung der zwei letzten +Jahrhunderte entlehnt sind, wenn endlich das Studium der +verschiedenen Religionen mich nicht auf diesem Abhang aufhalten +würde. Ich habe meine Mutter nie gekannt, die meinem +Vater zum Heere folgen wollte wie die Frauen der alten +Germanen. Sie starb am Fieber und vor Müdigkeit in einer +kalten Gegend Deutschlands, und mein Vater selbst konnte +meine ersten Gedanken nicht darauf lenken. Das Land, in +<!-- page 094 --> +dem ich erzogen wurde, war voll von seltsamen Legenden und +fremdartigem Aberglauben. Einer meiner Oheime, der den +größten Einfluß auf meine erste Erziehung hatte, beschäftigte +sich zum Zeitvertreib mit römischen und keltischen Altertümern. +Es fanden sich manchmal in seinem Feld oder in +der Umgebung Bilder von Göttern oder Kaisern, die seine +Gelehrtenbewunderung mich verehren hieß, und deren Geschichte +mich seine Bücher lehrten. Ein <a id="corr-1"></a>gewisser Mars aus +vergoldeter Bronze, eine bewaffnete Pallas oder Venus, +ein Neptun oder eine Amphytrite, die ausgehauen über dem +Brunnen des Dorfes standen und vor allem das gute, dicke, +bärtige Antlitz eines Pan, der am Eingang einer Grotte +zwischen Girlanden von Osterluzei und Efeu lächelte, +waren die Haus- und Schutzgötter dieses Ruhesitzes. Ich +gestehe, daß sie mir damals mehr Ehrfurcht einflößten als die +ärmlichen christlichen Kirchenbilder und die beiden unförmigen +Heiligen des Portals, von denen manche Gelehrten +behaupten, sie seien der Esus und der Cernunnas der Gallier. +Ich war verlegen zwischen diesen verschiedenen Symbolen und +fragte eines Tages meinen Onkel, was »Gott« sei? »Gott +ist die Sonne!« sagte er mir. Das war der innerste Gedanke +eines Ehrenmannes, der sein ganzes Leben als Christ gelebt, +aber die Revolution durchgemacht hatte und aus einer Gegend +war, wo viele dieselbe Vorstellung von der Gottheit +besaßen. Das hinderte nicht, daß die Frauen und die Kinder +in die Kirche gingen und ich verdankte einer meiner Tanten +einige Belehrungen, die mich die Schönheit und die Größe +<!-- page 097 --> +des Christentums verstehen ließen. Nach 1815 ließ mich +ein Engländer, der sich in unserm Lande aufhielt, die Bergpredigt +lernen und gab mir ein Neues Testament . . . . Ich +führe diese Einzelheiten nur an, um die Ursachen einer gewissen +Unentschlossenheit anzugeben, die sich in meinem Geist oft +mit der ausgesprochensten Religiosität verbunden hat. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-095"><img src="images/095.jpg" alt="Illustration 095" /></div> + +<p>Ich will erklären, wie ich, nachdem ich lange Zeit vom +rechten Weg entfernt war, mich zu ihm durch die geliebte +Erinnerung an ein totes Wesen zurückgeführt fühlte, und +wie das Bedürfnis zu glauben, daß es fortlebe, das bestimmte +Gefühl für die verschiedenen Wahrheiten, die ich nicht fest +genug in meiner Seele aufgenommen hatte, in meinem Geist +aufleben ließ. Die Verzweiflung und der Selbstmord sind das +Resultat gewisser unglücklicher Situationen für den, der nicht an +die Unsterblichkeit mit ihren Leiden und Freuden glaubt: ich +werde glauben, etwas Gutes und Nützliches getan zu haben, +wenn ich ganz naiv die Folgen der Ideen aufzeichne, durch +die ich Ruhe und neue Kraft wiedergefunden habe, die ich +den zukünftigen Unglücksfällen des Lebens gegenüberstellen +werde. +</p> + +<p>Die Visionen, die einander während meines Schlummers +gefolgt waren, hatten mich einer solchen Verzweiflung preisgegeben, +daß ich kaum reden konnte; die Gesellschaft meiner +Freunde verhalf mir nur zu einer ungewissen Zerstreuung; +mein Geist, der vollauf mit seinen Einbildungen beschäftigt +war, versagte bei der geringsten abweichenden Vorstellung; +ich konnte keine zehn Zeilen hintereinander lesen und verstehen. +<!-- page 098 --> +Ich sagte mir die schönsten Dinge: was liegt daran, das +gibt es nicht für mich. Einer meiner Freunde namens Georg +unternahm es, diese Entmutigung zu besiegen. Er führte mich +in verschiedene Gegenden der Umgebung von Paris und +nahm es auf sich, allein zu sprechen, während ich mit einigen +unzusammenhängenden Phrasen antwortete. Sein ausdrucksvolles +und fast mönchisches Gesicht machte eines Tages seine +sehr beredten Einwände besonders wirkungsvoll, die er gegen +jene Jahre des Zweifels und der politischen und sozialen Entmutigung +fand, die der Juli-Revolution folgten. Ich war einer +der Jungen dieser Epoche gewesen und ich hatte ihre Glut +und ihre Bitterkeiten geschmeckt. Eine Bewegung vollzog sich +in mir: ich sagte mir, daß solche Lehren von der Vorsehung +nicht ohne Absicht gegeben werden konnten, und daß ein +Geist ohne Zweifel aus ihm sprach. Eines Tages aßen wir +unter einer Laube in einem kleinen Dorf in der Umgebung +von Paris zu Abend; eine Frau kam und sang an unserm +Tisch und ich weiß nicht was in ihrer abgenutzten aber sympathischen +Stimme mich an die Aureliens erinnerte. Ich betrachtete +sie: selbst ihre Züge waren nicht ohne Ähnlichkeit +mit denen, die ich geliebt hatte; man schickte sie weg und ich +wagte nicht sie zurückzuhalten, aber ich sagte mir: Wer weiß +ob ihr »Geist« nicht in dieser Frau ist! Und ich fühlte mich +glücklich, daß ich ihr ein Almosen gegeben hatte. +</p> + +<p>Ich sagte mir: Ich habe das Leben recht schlecht ausgenutzt, +aber wenn die Toten vergeben, so geschieht es sicher unter +der Bedingung, daß man für immer dem Bösen entsagt, und +<!-- page 101 --> +daß man alles, was man getan hat, wieder gut macht. Ist das +möglich? . . . . Von diesem Augenblick an wollen wir versuchen, +nichts Böses mehr zu tun und Ersatz zu geben für alles, +was wir schuldig sein könnten. — Ich hatte ein frisches Unrecht +gegen eine Person; es war nur eine Nachlässigkeit, aber ich +fing damit an, daß ich mich entschuldigen ging. Die Freude, +die ich empfand, als ich dies wieder gut gemacht hatte, tat mir +ungemein wohl. Ich hatte von jetzt an einen Grund zum +Leben und zum Handeln und gewann wieder Interesse an +der Welt. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-099"><img src="images/099.jpg" alt="Illustration 099" /></div> + +<p>Schwierigkeiten tauchten auf; für mich unaussprechliche +Ereignisse schienen sich zu vereinigen, um meinen guten Entschluß +zu durchkreuzen. Der Zustand meines Geistes machte +mir die Ausführung ausgemachter Arbeiten unmöglich. Da +man mich seither gesund glaubte, verlangte man mehr, und +da ich auf die Lüge verzichtet hatte, wurde ich von Leuten +eines Vergehens geziehen, die sich nicht scheuten, es auszunutzen. +Die Masse von Entschuldigungen, die ich zu machen +hatte, erdrückte mich im Hinblick auf meine Ohnmacht. Politische +Ereignisse wirkten indirekt, sowohl um mich zu betrüben +wie um mich zu hindern, Ordnung in meine Angelegenheit +zu bringen. Der Tod eines meiner Freunde vervollständigte +diese Gründe zur Mutlosigkeit. Ich sah mit +Schmerzen seine Wohnung, seine Bilder wieder, die er mir +einen Monat vorher mit Freuden gezeigt hatte; ich ging an +seinem Sarg vorüber im Augenblick, wo man ihn vernagelte. +Da er von meinem Alter und aus meiner Zeit war, sagte +<!-- page 102 --> +ich mir: Was würde geschehen, wenn ICH so plötzlich +stürbe? +</p> + +<p>Am folgenden Sonntag erhob ich mich mit einem dumpfen +Schmerz. Ich ging meinen Vater besuchen, dessen Magd krank +war, und der Launen zu haben schien. Er wollte allein Holz +von seinem Speicher holen und ich konnte ihm nur den Dienst +leisten, ihm ein Holzscheit, das er brauchte, zu reichen. Ich +ging niedergeschlagen weg. Auf der Straße begegnete ich +einem Freund, der mich zum Essen mit sich nach Hause nehmen +wollte, um mich ein bißchen zu zerstreuen. Ich lehnte ab +und richtete meine Schritte ohne gegessen zu haben nach +Montmartre. Der Friedhof war geschlossen, was ich als üble +Vorbedeutung auffaßte. Ein deutscher Dichter hatte mir +einige Seiten zu übersetzen gegeben und mir auf diese Arbeit +eine Summe vorgestreckt. Ich nahm den Weg zu seinem +Haus, um ihm das Geld zurückzugeben. +</p> + +<p>Als ich um das Clichytor bog, war ich Zeuge eines Streites. +Ich versuchte die Streitenden zu trennen, aber es wollte mir +nicht gelingen. In diesem Augenblick ging ein Arbeiter von +großem Wuchs über denselben Platz, wo der Kampf sich abgespielt +hatte. Er trug auf der linken Schulter ein Kind in +hyazinthfarbenem Kleid. Ich stellte mir vor, es wäre der heilige +Christophorus, der den Heiland trägt, und ich wäre verdammt, +weil es mir bei der eben stattgehabten Szene an Kraft +gefehlt <a id="corr-2"></a>hatte. Von diesem Augenblicke an irrte ich als Beute +der Verzweiflung in dem unbegrenzten Gelände umher, das +die Vorstadt von dem Tor trennt. Es war zu spät, um den +<!-- page 105 --> +Besuch zu machen, den ich vorgehabt hatte. Ich ging also +kreuz und quer durch die Straßen nach dem Zentrum von +Paris zurück. In der Nähe der Rue de la Victoire begegnete +ich einem Priester und wollte ihm in der Verwirrung, in der +ich mich befand, beichten. Er sagte mir, daß er nicht zu der +Pfarre gehöre, und daß er zu irgendjemand in eine Abendgesellschaft +ginge, aber daß ich, wenn ich ihn am folgenden +Tage in Notre-Dame um Rat fragen wolle, nur nach dem +Abbé Dubois fragen solle. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-103"><img src="images/103.jpg" alt="Illustration 103" /></div> + +<p>Verzweifelt und weinend lenkte ich meine Schritte nach +der Kirche Notre-Dame de Lorette, wo ich mich zu Füßen +des Altars der heiligen Jungfrau niederwarf und um Vergebung +für meine Fehler bat. Etwas in mir sagte sich: Die +Jungfrau ist tot und deine Gebete sind unnütz. Ich ging nach +den hintersten Plätzen des Chors, um mich dort auf die Knie +zu werfen, und streifte einen silbernen Ring vom Finger, in +dessen Stein die drei arabischen Worte graviert waren: Allah! +Mohammed! Ali! Sofort entzündeten sich mehrere Kerzen +im Chor, und es begann ein Gottesdienst, mit dem ich mich +im Geist zu vereinigen versuchte. Als man beim Ave Maria +angelangt war, unterbrach sich der Priester mitten beim Gebet +und fing siebenmal von vorne an, ohne daß ich in meinem +Gedächtnis die folgenden Worte hätte wiederfinden können. +Dann beschloß man das Gebet und der Priester hielt eine +Rede, die auf mich allein anzuspielen schien. Als alles ausgelöscht +war, erhob ich mich und ging hinaus, wobei ich die +Richtung nach den Champs-Elysées einschlug. +</p> +<!-- page 106 --> + +<p>Als ich bei der Place de la Concorde angelangt war, hatte +ich den Gedanken mich zu vernichten. Verschiedene Male +ging ich zur Seine, aber etwas hinderte mich meinen Entschluß +auszuführen. Die Sterne leuchteten am Firmament. Plötzlich +schien es mir, wie wenn sie mit einemmal verlöschten wie +die Kerzen, die ich in der Kirche gesehen hatte. Ich glaubte, +daß die Zeiten erfüllt seien und daß wir dem Ende der Welt +nahe seien, die der heilige Johannes in der Apokalypse verkündigt +hat. Ich glaubte, eine schwarze Sonne an dem verödeten +Himmel und eine blutrote Kugel über den Tuilerien +zu erblicken. Ich sagte mir: Die ewige Nacht beginnt und sie +wird fürchterlich sein. Was wird geschehen, wenn die Menschen +gewahren werden, daß es keine Sonne mehr gibt? Ich +ging durch die Rue St. Honoré zurück und beklagte die verspäteten +Bauern, denen ich begegnete. Am Louvre angekommen +ging ich bis zum Platz und da wartete meiner ein +seltsames Schauspiel. Zwischen den rasch vom Wind gejagten +Wolken sah ich mehrere Monde, die mit großer Schnelligkeit +vorüberglitten. Ich dachte, die Erde sei aus ihrer Bahn getreten +und irre am Firmament wie ein entmastetes Schiff umher, +wobei sie sich den Sternen, die abwechselnd wuchsen und +wieder abnahmen, näherte und wieder von ihnen entfernte. +Zwei oder drei Stunden lang betrachtete ich diese Unordnung +und ging schließlich nach der Gegend der Hallen. Die Bauern +brachten ihre Waren und ich sagte mir: Wie werden sie +erstaunt sein, wenn sie merken, daß die Nacht sich verlängert? +Indessen bellten hie und da Hunde und die Hähne krähten. +<!-- page 107 --> +Von Müdigkeit zerschlagen ging ich nach Hause und warf mich +auf mein Bett. Als ich aufwachte war ich erstaunt das Licht +wiederzusehen. Eine Art geheimnisvollen Chors drang an +mein Ohr: »CHRISTUS, CHRISTUS! CHRISTUS!« Ich dachte, +daß man in einer benachbarten Kirche, Notre-Dame-des-Victories, +eine große Zahl Kinder vereint habe, um den Heiland +anzurufen. — Aber Christus ist nicht mehr! sagte ich +mir, sie wissen es noch nicht! Die Anrufung dauerte ungefähr +eine Stunde. Ich stand endlich auf und ging unter die Galerien +des Palais Royal. Ich sagte mir, daß die Sonne wahrscheinlich +noch genügend Licht aufgespeichert hätte, aber daß sie dazu ihre +eigene Substanz abnützen müsse, und ich fand sie wirklich kalt +und farblos. Ich beschwichtigte meinen Hunger mit einem kleinen +Kuchen, um die Kraft zu gewinnen, das Haus des deutschen +Dichters zu erreichen. Als ich eintrat sagte ich zu ihm, daß +alles aus sei, und daß wir uns zum Sterben vorbereiten müßten. +Er rief seiner Frau, die zu mir sagte: »Was fehlt Ihnen!« — +»Ich weiß es nicht,« sagte ich zu ihr, »ich bin verloren!« Sie schickte +nach einer Droschke und ein junges Mädchen führte mich +nach der Maison Dubois. +</p> + +<h3 class="no">V.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/107.jpg" alt="M" /></span><span class="hidden">M</span>EIN Übel begann wieder mit wechselnden +Anfällen. Nach einem Monat war ich +wieder hergestellt. Während der zwei +Monate, die nun folgten, nahm ich meine +Pilgerfahrten rund um Paris wieder auf. +<!-- page 108 --> +Die längste Reise, die ich gemacht habe, war der Besuch des +Doms von Reims. Nach und nach fing ich wieder an zu +schreiben und verfaßte eine meiner besten Novellen. Ich +schrieb sie allerdings mühsam fast immer mit Bleistift auf lose +Blätter, geleitet von dem Zufall meiner Träumereien und +Spaziergänge. Die Korrekturen regten mich sehr auf. Wenige +Tage nach Veröffentlichung der Novelle fühlte ich mich +von hartnäckiger Schlaflosigkeit befallen. Die ganze Nacht +ging ich auf dem Hügel von Montmartre spazieren und sah +von dort den Sonnenaufgang. Ich plauderte lange mit Bauern +und Arbeitern. In andern Augenblicken wand ich mich den +Hallen zu. Eine Nacht ging ich zum Essen in ein Café am +Boulevard und vergnügte mich damit, Gold- und Silberstücke +in die Luft zu werfen. Dann ging ich zu den Hallen +und stritt mit einem Unbekannten, dem ich eine grobe Ohrfeige +gab. Ich weiß nicht, wieso das gar keine Folgen hatte. +Zu einer gewissen Stunde, als ich die Turmuhr von St. Eustache +schlagen hörte, begann ich an die Kämpfe der Herzöge +von Burgund und der Armagnacs zu denken, und ich glaubte, +daß sich die Schatten der Kämpfenden jener Epoche um mich +herum erhoben. Ich kam in Streit mit einem Dienstmann, der +auf seiner Brust ein silbernes Täfelchen trug und zu dem ich +sagte, daß er der Herzog Johann von Burgund sei. Ich wollte +ihn verhindern, in eine Schenke zu treten. Durch eine Eigentümlichkeit, +die ich mir nicht erkläre, bedeckte sich sein Gesicht +mit Tränen als er sah, daß ich ihm mit Tod drohte. Das +rührte mich, und ich hieß ihn vorbeigehen. +</p> +<!-- page 109 --> + +<p>Ich wendete mich gegen die Tuilerien, die geschlossen waren, +und ging den Quais entlang; dann begab ich mich zum Luxembourg +und ging dann mit einem Freund frühstücken. +Dann betrat ich St. Eustache, wo ich fromm am Altar der +heiligen Jungfrau niederkniete und an meine Mutter dachte. +Die Tränen, die ich vergoß, erleichterten meine Seele und +als ich aus der Kirche kam, kaufte ich einen silbernen Ring. +Darauf stattete ich meinem Vater einen Besuch ab, bei dem +ich einen Strauß Margueriten zurückließ, da er abwesend +war. Von da ging ich zum Jardin des Plantes. Es waren +viele Menschen dort und ich verweilte einige Zeit und sah +mir das Nilpferd an, das gerade in einem Bassin badete. — +Darauf begab ich mich in die osteologischen Sammlungen. +Der Anblick der Ungetüme, die sie enthalten, ließ mich an +die Sintflut denken und als ich hinausging, fiel ein schrecklicher +Platzregen im Garten nieder. Ich sagte mir: Was für +<!-- page 110 --> +ein Unglück! All diese Frauen, all diese Kinder werden +durchnäßt! . . . Dann sagte ich mir: Aber es ist noch mehr! +Die wirkliche Sintflut beginnt! Das Wasser stieg in den Nachbarstraßen +an; ich lief die Straße Saint-Victor hinunter und +im Gedanken das aufzuhalten, was ich für die Weltüberschwemmung +hielt, warf ich an der tiefsten Stelle den Ring, +den ich bei Saint-Eustache gekauft hatte, ins Wasser. Ungefähr +in demselben Augenblick beruhigte sich das Gewitter +und ein Sonnenstrahl begann zu glitzern. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-109"><img src="images/109.jpg" alt="Illustration 109" /></div> + +<p>Hoffnung kehrte in meine Seele zurück. Um vier Uhr +hatte ich eine Verabredung bei meinem Freunde Georg; ich +ging nach seiner Wohnung. Als ich bei einem Kuriositätenhändler +vorüberging, kaufte ich zwei Ofenschirme aus Samt, +die mit hieroglyphischen Figuren bedeckt waren. Das schien +mir die Weihe für die himmlische Verzeihung zu sein. Ich +kam zur bestimmten Zeit zu Georg und vertraute ihm meine +Hoffnung an. Ich war durchnäßt und müde. Ich wechselte +meine Kleider und legte mich auf sein Bett. Während meines +Schlummers hatte ich eine wunderbare Vision. Es kam mir +vor, als ob die Göttin mir erschiene und zu mir sagte: »Ich +bin dieselbe wie Maria, dieselbe wie deine Mutter, dieselbe +auch, die du stets unter allen Formen geliebt hast. Bei jeder +deiner Prüfungen habe ich eine meiner Masken aufgegeben, +mit denen ich meine Züge verschleiere und bald wirst du mich +sehen so wie ich bin . . .« Ein köstlicher Weinberg wuchs aus +dem Gewölk hinter ihr hervor, ein sanftes und durchdringendes +Licht erhellte dieses Paradies; indessen hörte ich nur ihre +<!-- page 113 --> +Stimme, aber ich fühlte mich in eine entzückende Trunkenheit +getaucht. — Kurze Zeit darauf erwachte ich und sagte +zu Georg: »Laß uns ausgehen!« Während wir den Pont +des Arts überschritten, erklärte ich ihm die Seelenwanderung +und sagte zu ihm: »Es kommt mir vor, als hätte ich heute +abend die Seele Napoleons in mir, die mich begeistert und +mir große Dinge befiehlt.« —In der Rue du Coq kaufte ich einen +Hut und während Georg das Kleingeld erhielt auf das Goldstück, +das ich auf den Ladentisch geworfen hatte, setzte ich +meinen Weg fort und gelangte nach den Galerien des Palais +Royal. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-111"><img src="images/111.jpg" alt="Illustration 111" /></div> + +<p>Da schien es mir, als ob jedermann mich ansähe. Eine +beharrliche Idee hatte sich in meinem Geiste festgesetzt, nämlich, +daß es keine Toten mehr gebe; ich durchlief die Galerie +de Foy und sagte: »Ich habe einen Fehler begangen«; und +als ich mein Gedächtnis, welches ich für das Napoleons hielt, +frug, konnte ich nicht dahinter kommen, was für einen. »Irgend +etwas habe ich hier nicht bezahlt!« in diesem Gedanken +betrat ich das Café de Foy und glaubte in einem der Stammgäste +den Vater Bertin von den »Débats« zu erkennen. +Dann durchschritt ich den Garten, wobei ich den Rundtänzen +der kleinen Mädchen einiges Interesse schenkte. Von +da verließ ich die Galerien und richtete meine Schritte nach +der Rue St. Honoré. Ich trat in einen Laden, um eine Zigarre +zu kaufen, und als ich hinaustrat, war die Menge so +dicht, daß ich fast erdrückt worden wäre. Zwei meiner +Freunde befreiten mich, indem sie für mich bürgten, und ließen +<!-- page 114 --> +mich in ein Kaffeehaus eintreten, während einer von ihnen +eine Droschke holte. Man brachte mich zum Charitéhospital. +</p> + +<p>Während der Nacht nahm das Delirium zu, besonders +am Morgen, als ich bemerkte, daß ich angebunden war. Es +gelang mir, mich von der Zwangsjacke zu befreien, und gegen +Morgen ging ich in den Sälen herum. Der Gedanke, daß +ich einem Gott gleich geworden sei, und die Kraft zu heilen +besäße, ließ mich einigen Kranken die Hände auflegen; +dann trat ich auf ein Standbild der heiligen Jungfrau zu, der +ich den Kranz von künstlichen Blumen abnahm, um die +Macht, die ich zu besitzen glaubte, noch zu unterstützen. +Ich ging mit großen Schritten, wobei ich mit Lebhaftigkeit über +die Unwissenheit der Menschen sprach, die glaubten, mit der +Wissenschaft allein heilen zu können, und als ich auf dem +Tische ein Fläschchen mit Äther sah, verschlang ich seinen Inhalt +mit einem Schluck. Ein Assistenzarzt, dessen Gesicht ich +mit dem der Engel verglich, wollte mich aufhalten, aber die +nervöse Kraft unterstützte mich und bereit ihn niederzuwerfen +blieb ich stehen und sagte ihm, er verstehe nicht was meine +Mission sei. Dann kamen Ärzte und ich setzte meine Rede +über die Ohnmacht ihrer Kunst fort. Hierauf ging ich die +Treppe hinunter, obwohl ich keine Fußbekleidung hatte. +Als ich an einem Blumengarten angelangt war, ging ich hinein +und pflückte Blumen, wobei ich auf dem Rasen herumging. +</p> + +<p>Einer meiner Freunde war zurückgekommen, um mich zu +holen. Da verließ ich den Blumengarten und während ich +mit ihm sprach, warf man mir eine Zwangsjacke über die +<!-- page 117 --> +Schultern, dann ließ man mich in eine Droschke steigen und +brachte mich in eine Irrenanstalt außerhalb von Paris. Ich +verstand als ich mich unter den Irrsinnigen sah, daß alles bisher +für mich nur Einbildung gewesen war. Übrigens schien +es mir, daß die Versprechungen, die ich der Göttin Isis zuschrieb, +sich durch eine Reihe von Prüfungen verwirklichten, +die ich zu ertragen bestimmt war. Ich nahm sie also mit Ergebung +hin. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-115"><img src="images/115.jpg" alt="Illustration 115" /></div> + +<p>Der Teil des Gebäudes, in dem ich mich befand, ging auf +eine weite, von Nußbäumen beschattete Wandelbahn. In +einer Ecke befand sich ein kleiner Erdhügel, wo einer der +Gefangenen den ganzen Tag im Kreis herumging. Andere +beschränkten sich wie ich, auf dem Erdwall oder der Terrasse +auf und ab zu gehen, die von einer Rasenböschung begrenzt +wurde. Auf einer Mauer, die nach Sonnenuntergang lag, +waren Figuren gezeichnet, deren eine die Form des Mondes +mit geometrisch gezeichneten Augen und Mund darstellte; +über dieses Gesicht hatte man eine Art Maske gemalt; die +Mauer zur Linken stellte verschiedene Profilzeichnungen vor, +worunter eine einer Art japanischer Gottheit glich. Etwas +weiter war ein Totenkopf in den Gips modelliert. An der +gegenüberliegenden Seite waren zwei Quadersteine von +einem der Gäste des Gartens behauen worden und stellten +kleine, ganz gut getroffene Fratzen dar. Zwei Türen führten +in die Keller und ich bildete mir ein, daß das unterirdische +Gänge seien, die denen gleichen, die ich am Eingang der Pyramiden +gesehen hatte. +</p> +<!-- page 118 --> + +<h3 class="no">VI.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/118.jpg" alt="Z" /></span><span class="hidden">Z</span>UERST stellte ich mir vor, daß die in diesem +Garten versammelten Personen alle irgend +einen Einfluß auf die Gestirne hätten, und +daß der, welcher sich unaufhörlich in demselben +Kreise drehte, dadurch den Gang der +Sonne regulierte. Ein Greis, den man zu gewissen Tageszeiten +herführte und der Knoten machte, wenn er seine Taschenuhr +konsultierte, schien mir damit betraut zu sein, den +Gang der Stunden festzustellen. Mir selbst schrieb ich einen +Einfluß auf den Lauf des Mondes zu und ich glaubte, dieses +Gestirn habe einen Blitzstrahl des Allmächtigen empfangen, +der auf sein Antlitz die Maske geprägt habe, die ich bemerkt +hatte. +</p> + +<p>Ich legte den Unterhaltungen der Wärter und denen meiner +Genossen einen mystischen Sinn unter. Sie schienen mir die +Repräsentanten aller Rassen der Erde zu sein und ich glaubte, +daß wir dazu da seien, die Bahnen der Gestirne aufs neue +festzusetzen und dem System eine größere Entwicklung zu +geben. Meiner Meinung nach hatte sich ein Irrtum bei der +Hauptzusammenstellung der Zahlen eingeschlichen, und davon +leitete ich alle Übel der Menschheit ab. Ich glaubte noch, +daß die himmlischen Geister menschliche Formen angenommen +hätten und dieser Generalversammlung beiwohnten, +obwohl sie von gemeinen Sorgen eingenommen schienen. +Meine Rolle schien mir zu sein, die Harmonie des Weltalls +durch kabbalistische Kunst wiederherzustellen und eine Lösung +<!-- page 121 --> +zu suchen, indem ich die okkulten Kräfte der verschiedenen +Religionen heraufbeschwor. Außer der Wandelbahn hatten +wir noch einen Saal, dessen senkrecht vergitterte Fenster ins +Grüne hinausgingen. Wenn ich hinter diesen Scheiben die Linie +der äußern Baulichkeiten ansah, gewahrte ich, wie sich die +Fassade und die Fenster in tausend mit Arabesken geschmückte +Pavillons zerteilten; darüber erhoben sich Ausschnitte +und Spitzen, die mir die kaiserlichen Kioske, die den Bosporus +umgeben, ins Gedächtnis riefen. Das führte natürlich +meinen Geist zur Beschäftigung mit dem Orient. Gegen zwei +Uhr brachte man mich ins Bad und ich glaubte mich von den +Walküren, den Töchtern Odins bedient, die mich zur Unsterblichkeit +erheben wollten, indem sie nach und nach meinen +Körper von allem Unreinen befreiten. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-119"><img src="images/119.jpg" alt="Illustration 119" /></div> + +<p>Abends ging ich heiter im Mondschein spazieren, und wenn +ich meine Augen zu den Bäumen erhob, schienen sich die +Blätter eigenartig zu rollen, so daß sie Bilder von Kavalieren +und Damen bildeten, die von aufgeputzten Pferden getragen +wurden. Das waren für mich die triumphierenden Gestalten +der Ahnen. Dieser Gedanke leitete mich zu dem andern, daß +eine ausgedehnte Verschwörung unter allen Lebewesen bestand, +um die Welt in ihrer ersten Harmonie wieder herzustellen, +daß die Verbindungen durch den Magnetismus der +Gestirne stattfanden, daß eine ununterbrochene Kette die +mit jener allgemeinen Verbindung beschäftigten Intelligenzen +rings um die Erde verband und daß die magnetisierten Gesänge, +Tänze und Blicke nach und nach dasselbe Streben +<!-- page 122 --> +übertrugen. Der Mond war für mich der Zufluchtsort der +verbrüderten Seelen, die von ihren sterblichen Körpern befreit +freier an der Wieederherstellung des Weltalls arbeiteten. +</p> + +<p>Für mich schien die Zeit eines jeden Tages schon um zwei +Stunden zugenommen zu haben, so daß ich, wenn ich zu den +durch die Uhren des Hauses festgesetzten Stunden aufstand, +mich nur im Reich der Schatten bewegte. Die Genossen, die +mich umgaben, schienen mir eingeschlafen und dem Anblick +des Tartarus zu gleichen bis zur Stunde, wo für mich die +Sonne aufging. Dann begrüßte ich dieses Gestirn durch ein +Gebet und mein wirkliches Leben begann. +</p> + +<p>Von dem Augenblick an, wo ich mich soweit vergewissert +hatte, daß ich den Prüfungen der heiligen Einweihung unterworfen +war, empfing mein Geist eine unbezwingliche Kraft. +Ich hielt mich für einen Helden, der unter dem Blick der +Götter lebt; alles in der Natur gewann ein neues Ansehen +und geheime Stimmen kamen aus der Pflanze, dem Baum, +den Tieren, den geringsten Insekten, um mich zu benachrichtigen +und zu ermutigen. Die Sprache meiner Gefährten +hatte geheimnisvolle Wendungen, deren Sinn ich verstand, +Gegenstände ohne Form und ohne Leben fügten sich von +selbst den Berechnungen meines Geistes ein; — aus der Zusammenstellung +von Kieselsteinen, den Figuren von Winkeln, +Spalten und Öffnungen, den Schnittlinien von Blättern, aus +Farben, Düften und Tönen sah ich bis dahin unbekannte +Harmonien hervorgehen. »Wie«, sagte ich mir, »habe ich +nur so lange außerhalb der Natur bestehen können und +<!-- page 125 --> +ohne mich mit ihr zu identifizieren? Alles lebt, alles handelt, +alles steht in Beziehung; die magnetischen Strahlen, die von +mir oder von andern ausgehen, überschreiten ohne Hindernis +die unendliche Kette der geschaffenen Dinge; ein durchsichtiges +Netz bedeckt die Welt, dessen gelockerte Fäden sich +von Ort zu Ort den Planeten und den Sternen mitteilen. Ich +bin für den Augenblick an die Erde gefesselt und unterhalte +mich mit dem Chor der Gestirne, die an meinen Freuden +und Schmerzen teilnehmen!« +</p> + +<div class="centerpic" id="img-123"><img src="images/123.jpg" alt="Illustration 123" /></div> + +<p>Sofort zitterte ich, wenn ich bedachte, daß selbst dieses +Mysterium belauert werden könnte. — »Wenn die Elektrizität,« +sagte ich mir, »die der Magnetismus der physischen +Körper ist, einer Leitung unterworfen sein kann, die ihr Gesetze +auferlegt, so können noch viel mehr die feindlichen und +tyrannischen Geister die Intelligenzen unterjochen und sich ihrer +geteilten Kräfte zum Zweck der Herrschaft bedienen. So sind +die alten Götter besiegt und durch die neuen Götter geknechtet +worden. So«, sagte ich mir weiter indem ich meine Erinnerungen +an die alte Welt zu Rate zog, »haben die Nekromanten +ganze Völker beherrscht, deren unter ihrem ewigen +Zepter gefesselte Geschlechter einander folgten. O Unglück! +Selbst der Tod kann sie nicht befreien, denn wir leben +wieder in unsern Söhnen, wie wir in unsern Vätern gelebt +haben, — und die unerbittliche Wissenschaft unsrer Feinde +weiß uns überall zu erkennen. Die Stunde unsrer Geburt, +der Punkt der Erde an dem wir erscheinen, die erste Bewegung, +der Name, das Zimmer, — und all jene Weihen und +<!-- page 126 --> +all jene Gebräuche, die man uns auferlegt, alles das stellt eine +glückliche oder verhängnisvolle Reihenfolge dar, von der die +ganze Zukunft abhängt. Aber wenn das schon nach menschlicher +Berechnung fürchterlich ist, verstehe man was das sein +muß, wenn es an die geheimnisvollen Formeln anknüpft, +auf denen die Ordnung der Welten beruht! Man hat richtig +gesagt: Nichts ist gleichgültig, nichts ist ohnmächtig im Weltall; +ein Atom kann alles auflösen, ein Atom kann alles +retten! +</p> + +<p>O Entsetzen! Das ist der ewige Unterschied zwischen Gut +und Böse! Ist meine Seele das unzerstörbare Molekül, die +Blase, die ein bißchen Luft aufbläht, aber die ihren Platz in +der Natur wiederfindet, oder die Leere selbst, ein Bild des +Nichts, das in der Unendlichkeit verschwindet? Wäre sie ferner +das unglückselige Teilchen, das bestimmt ist unter all seinen +Verwandlungen der Rache der mächtigen Wesen zu unterliegen? +So sah ich mich dahin gebracht, von mir Rechenschaft +für mein Leben und selbst für meine früheren Existenzen zu +fordern. Indem ich mir bewies, daß ich gut sei, bewies ich +mir, daß ich es stets gewesen sein müsse. Und wenn ich schlecht +gewesen bin, sollte da nicht mein gegenwärtiges Leben eine +genügende Sühne sein? Dieser Gedanke beruhigte mich, aber +nahm mir nicht die Angst, für immer unter die Unglücklichen +eingereiht zu werden. Ich fühlte mich in kaltes Wasser getaucht, +und ein noch kälteres Wasser rieselte über meine Stirn. +Ich lenkte meinen Gedanken wieder zur ewigen Isis, zur +Mutter und heiligen Gattin. All mein Streben, all meine +<!-- page 129 --> +Gebete vereinigten sich in diesem zauberhaften Namen, ich +fühlte mich in ihr wieder aufleben und bisweilen erschien sie +mir unter der Gestalt der antiken Venus, bald auch unter den +Zügen der christlichen Jungfrau. Die Nacht brachte mir diese +geliebte Erscheinung deutlicher und trotzdem sagte ich mir: +Was kann sie, die besiegt und vielleicht unterdrückt ist, für +ihre armen Kinder tun? Die bleiche und zerrissene Mondsichel +wurde jeden Abend schmäler und würde bald verschwinden; +vielleicht sollten wir sie nicht am Himmel wiedersehen! +Indessen schien es mir, als sei dieses Gestirn die Zuflucht +aller meiner Schwesterseelen und ich sah es von klagenden +Schatten bewohnt, die bestimmt waren, dereinst auf der Erde +wiedergeboren zu werden . . . . Mein Zimmer ist am äußersten +Ende eines Ganges, der auf der einen Seite von den Verrückten +bewohnt ist, auf der andern von den Bediensteten +des Hauses. Es hat allein den Vorteil eines Fensters, das +auf der Hofseite durchgebrochen ist; der Hof ist mit Bäumen +bepflanzt und dient tagsüber als Spazierplatz. Meine Blicke +heften sich mit Vergnügen auf einen buschigen Nußbaum +und auf zwei chinesische Maulbeerbäume. Darüber gewahrt +man undeutlich zwischen den grün bemalten Gittern eine +ziemlich belebte Straße. Gegen Sonnenuntergang erweitert +sich der Horizont; es ist wie ein Dorf mit Fenstern, die mit +Grün bekleidet oder mit Vogelkäfigen oder Lumpen zum +Trocknen behängt sind, und wo man von Zeit zu Zeit das +Profil einer jungen oder alten Hausfrau oder irgendeinen +rosigen Kinderkopf hervorlugen sieht. Man schreit, singt, bricht +<!-- page 130 --> +in Lachen aus; es ist froh oder traurig zum Anhören, je nach +den Stunden und den Eindrücken. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-127"><img src="images/127.jpg" alt="Illustration 127" /></div> + +<p>Ich habe hier alle Trümmer meiner verschiedenen Vermögen +gefunden, die verworrenen Reste mehrerer verstreuten +oder seit zwanzig Jahren wiederverkauften Mobiliare. +Es ist eine Trödlerstube wie die des Doktor Faust. Ein +antiker dreifüßiger Tisch mit Adlerköpfen, eine von einer geflügelten +Sphynx gehaltene Konsole, eine Kommode aus +dem siebzehnten Jahrhundert, eine Bibliothek des achtzehnten, +ein Bett aus derselben Zeit, dessen ovaler Himmel, den +man aber nicht aufrichten kann, mit blauen und roten Stoffen +bekleidet ist; ein bäurisches Gestell, auf dem meist ziemlich +stark beschädigte Fayencen und Gegenstände aus Sèvresporzellan +stehen; eine aus Konstantinopel mitgebrachte +Wasserpfeife, einen großen Becher aus Alabaster, ein Kristallgefäß; Wandfüllungen +aus Holz, die vom Abbruch eines +alten Hauses herrührten, das ich auf dem Louvreplatz bewohnt +hatte und die mit mythologischen Malereien von der +Hand heute berühmter Freunde bedeckt waren; zwei große +Gemälde im Geschmacke Prudhons, die die Musen der Geschichte +und der Schauspielkunst darstellten. Mehrere Tage +lang hat es mir Spaß gemacht, all das zu ordnen und in der +engen Mansarde eine bizarre Zusammenstellung zu schaffen, +die etwas vom Palast und etwas von der Hütte hat und +einen ziemlich guten Auszug meines unsteten Lebens gibt. +Über meinem Bett habe ich meine arabischen Kleider aufgehängt, +meine zwei sorgsam ausgebesserten Kaschmirschals, +<!-- page 131 --> +eine Pilgerflasche, einen ungeheuren Plan von Kairo; eine +Konsole aus Bambus steht zu Kopfende meines Bettes und +trägt eine indische Lackplatte, auf der ich meine Toilettegegenstände +ordnen kann. Ich habe mit Freude diese bescheidenen +Reste meiner abwechselnd im Wohlleben und im Elend verbrachten +Jahre wiedergefunden, an die sich alle Erinnerungen +meines Lebens knüpften. Man hatte nur ein kleines Gemälde +auf Kupfer im Geschmack Correggios auf die Seite +gelegt, das Venus und Amor darstellte, Wandspiegel mit +Jägerinnen und Satyrn und einen Pfeil, den ich zum Andenken +an die Gesellschaften beim Valoisbogen aufbewahrt +hatte; die Waffen waren nach den neuen Gesetzen verkauft +worden. Im ganzen fand ich alles wieder, was ich zuletzt +besessen hatte. Meine Bücher bildeten eine bizarre Anhäufung +der Wissenschaft aller Zeiten, Geschichte, Reisen, Religion, +Kabbala, Astrologie; sie hätten den Schatten Picos de la +Mirandola, des weisen Meursius und Nikolas’ de Cusa +Freude gemacht, — der Turm zu Babel in zweihundert Bänden; +— alles das hatte man mir gelassen! Es war genug, um +einen Weisen närrisch zu machen; hoffentlich auch genug, um +einen Narren weise zu machen! +</p> + +<p>Mit welchem Entzücken habe ich in meinen Schubladen +den Haufen meiner Aufzeichnungen und intimen und öffentlichen, +alltäglichen und glänzenden Briefwechsel ordnen können; +sie waren gewöhnlich oder bedeutend, wie es der Zufall +der Begegnungen oder der entfernten Länder, die ich bereist +habe, mit sich brachte. In Rollen, die besser verwahrt sind als +<!-- page 132 --> +die andern, finde ich arabische Briefe, Reliquien aus Kairo und +Stambul wieder. +</p> + +<p>O Glück! O tödliche Traurigkeit! Diese vergilbten Buchstaben, +diese verwischten Entwürfe, diese halbzerknitterten +Briefe, das ist der Schatz meiner einzigen Liebe. Lesen wir +sie wieder! Viele Briefe fehlen, viele andere sind zerrissen oder +unleserlich gemacht! — — — +</p> + +<h3 class="no">VII.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/132.jpg" alt="E" /></span><span class="hidden">E</span>INES Nachts sprach und sang ich in einer Art +Ekstase. Einer der Bediensteten des Hauses +holte mich in meiner Zelle und ließ mich in +ein Parterrezimmer hinuntergehen, wo er +mich einschloß. Ich setzte meinen Traum fort +und obwohl ich aufrecht stand, glaubte ich mich in einer Art +orientalischen Kiosks eingeschlossen. Ich untersuchte alle Winkel +und erkannte, daß er achteckig war. Ein Diwan beherrschte +die ganzen Wände; diese schienen mir aus dickem +Spiegelglas geformt, jenseits deren ich Schätze, Schals und +Stickereien glänzen sah. Eine vom Mond erhellte Landschaft +erschien mir durch das Türgitter und ich glaubte die Formen +von Baumstümpfen und Felsen zu erkennen. Ich hatte dort +schon in irgendeiner andern Existenz geweilt und glaubte die +tiefen Grotten von Ellorah zu erkennen. Nach und nach +drang bläuliches Tageslicht in den Kiosk und ließ bizarre +<!-- page 133 --> +Bilder zutage treten. Ich glaubte mich nun mitten in einem +ungeheuren Fleischhaufen zu befinden, wo die Weltgeschichte +in blutigen Zügen niedergeschrieben war. Der Körper einer +riesenhaften Frau war mir gegenüber gemalt, nur waren ihre +verschiedenen Teile wie von einem Säbel zerschnitten. Andre +Frauen verschiedener Rassen, deren Körper nacheinander +vorherrschten, +stellten auf den +andern Mauern +eine blutigen +Wirrwarr von +Gliedern und +Köpfen dar, von +den Kaiserinnen +und Königinnen +bis herab zur bescheidenen +Bäuerin. Das war die +Geschichte aller +Verbrechen und +es genügte, die +Augen auf diesen +oder jenen +Punkt zu heften, +um dort einen +tragischen Vorgang +sich abspielen +zu sehen. +— Das ist es +nun, sagte ich +mir, was die den +Menschen verliehene +Gewalt +hervorgebracht +hat. Sie haben +den ewigen Typus +der Schönheit nach und nach so gut zerstört und in tausend +Stücke geschnitten, daß die Rassen immer mehr an Kraft +und Vollkommenheit verlieren. Und ich sah wirklich auf +einer Schattenlinie, die sich durch eine der Spalten der +Tür einschlich, die absteigenden Generationen der Zukunftsrassen. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-133"><img src="images/133.jpg" alt="Illustration 133" /></div> +<!-- page 134 --> + +<p>Endlich wurde ich dieser düstern Betrachtung entrissen. +Das gute und mitfühlende Gesicht meines vortrefflichen +Arztes gab mich der Welt des Lebendigen zurück. Er ließ +mich einem Schauspiel beiwohnen, das mich lebhaft interessierte. +Unter den Kranken befand sich ein junger Mann, ein +alter Soldat aus Afrika, der sich seit sechs Wochen weigerte +Nahrung aufzunehmen. Vermittels eines langen Kautschukschlauchs, +den man in ein Nasenloch einführte, ließ man ihm +eine genügende Menge Gries und Schokolade in den Magen +rinnen. +</p> + +<p>Dieses Schauspiel machte mir lebhaften Eindruck. Bis +dahin war ich dem einförmigen Kreislauf meiner Erregungen +und meiner moralischen Leiden überlassen gewesen, da begegnete +mir ein unbeschreibliches, schweigsames und geduldiges +Wesen, das wie eine Sphynx an den äußersten Toren +des Lebens saß. Ich fing an, es wegen seines Unglücks und +seiner Verlassenheit zu lieben, und ich fühlte mich durch diese +Zuneigung und dieses Mitleid gehoben. Es schien mir so +zwischen das Leben und den Tod gestellt wie ein erhabener +Dolmetscher, wie ein Beichtvater, der dazu bestimmt ist jene +Geheimnisse der Seele zu hören, die das Wort nicht zu übermitteln +wagte noch vermöchte. Es war das Ohr Gottes ohne +die Beimischung des Gedankens eines andern. Ich verbrachte +ganze Stunden damit, mich im Geist zu prüfen, wobei ich +mein Haupt auf das seine neigte und ihn bei der Hand hielt. +Es kam mir vor als vereinte ein gewisser Magnetismus unsre +beiden Geister und ich war entzückt, als zum erstenmal ein +<!-- page 137 --> +Wort aus seinem Mund kam. Man wollte nichts davon +glauben und ich schrieb meinem glühenden Wunsch diesen +Beginn der Heilung zu. In dieser Nacht hatte ich einen köstlichen +Traum, den ersten seit recht langer Zeit. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-135"><img src="images/135.jpg" alt="Illustration 135" /></div> + +<p>Ich war in einem Turm, der so tief in der Erde steckte und +so hoch in den Himmel ragte, daß mein ganzes Leben mit +Hinauf- und Hinabsteigen ausgefüllt schien. Schon waren +meine Kräfte erschöpft und der Mut begann mich zu verlassen, +als sich eine Seitentür öffnet. Ein Geist tritt hervor +und sagt zu mir: »Komm, Bruder! . . . .« Ich weiß nicht, wie +es mir in den Sinn kam, daß er Saturnin hieß. Er hatte die +Züge des armen Kranken, aber verklärt und wissend. Wir +waren auf einem sternerhellten Felde; wir blieben stehen und +betrachteten das himmlische Schauspiel und der Geist legte +seine Hand auf meine Stirn, wie ich es am Abend vorher +gemacht hatte, als ich meinen Gefährten zu magnetisieren +versuchte; sogleich fing einer der Sterne des Himmels zu +wachsen an, und die Gottheit meiner Träume erschien mir +lächelnd in einem fast indischen Gewand, so wie ich sie früher +gesehen hatte. Sie schritt zwischen uns beiden und die Wiesen +ergrünten, die Blüten und Blätter erhoben sich von der +Erde auf der Spur ihrer Schritte . . . . Sie sprach zu mir: »Die +Prüfung, der du unterworfen warst, ist zu Ende; diese zahllosen +Stufen, bei deren Erklimmen und Hinabsteigen du dich +ermüdetest, waren die Bande der alten Einbildungen selbst, +die deine Gedanken verwirrten und jetzt erinnere dich des +Tags, wo du die heilige Jungfrau angefleht hast und da du +<!-- page 138 --> +sie tot glaubtest, sich das Delirium deines Geistes bemächtigt +hat. Es war nötig, daß ihr dein Wunsch von einer einfachen +von der Erde losgelösten Seele überbracht wurde. Diese +hat sich in deiner Nähe gefunden und darum ist es mir selbst +erlaubt zu kommen und dir Mut zuzusprechen.« Die Freude, +die dieser Traum in meinem Geist verbreitete, verschaffte +mir ein köstliches Erwachen. Der Tag begann anzubrechen. +Ich wollte ein greifbares Zeichen der Erscheinung haben, die +mich getröstet hatte und ich schrieb diese Worte auf die Mauer: +»Du hast mich in dieser Nacht besucht.« Ich verzeichne hier +unter dem Titel +</p> + +<p class="center">DENKWÜRDIGKEITEN +</p> + +<p class="first">die Eindrücke mehrerer Träume, die dem folgten, den ich +eben mitgeteilt habe. — — — +</p> + +<p>Auf einer schlanken Bergspitze der Auvergne ist der Hirtengesang +verklungen: ARME MARIA! Königin der Himmel! +An dich wendet sich ihre Frömmigkeit. Diese ländliche Melodie +ist zum Ohr der Korybanten gedrungen. Sie treten +selbst singend aus den geheimen Grotten, wo die Liebe ihnen +Obdach gewährte. — Hosianna! Friede auf Erden und +Ruhm in den Himmeln! — Auf den Bergen des Hymalaia +ist eine kleine Blume erblüht. — Vergiß mein nicht! — Der +kosende Blick eines Sternes hat einen Augenblick auf ihr geruht +und eine Stimme ließ sich in einer süßen, fremden Sprache +vernehmen: MYOSOTIS! — +</p> + +<p>Eine silberne Perle leuchtete im Sand; eine goldene Perle +strahlte am Himmel . . . . Die Welt war geschaffen. Keusche +<!-- page 139 --> +Liebe, göttliche Seufzer! Entflammt den heiligen Berg! . . . +Denn ihr habt Brüder in den Tälern und schüchterne Schwestern, +die sich im Schoß der Wälder verbergen! +</p> + +<p>Duftende Gebüsche von Paphos! Was seid ihr gegen diese +Zufluchtsorte, wo man mit vollen Lungen die belebende Luft +des Vaterlandes atmet? — Da oben auf den Bergen lebt die +Welt zufrieden; die wilde Nachtigall verbreitet Zufriedenheit. +</p> + +<p>O wie schön ist doch meine große Freundin! Sie ist so +groß, daß sie der Welt verzeiht und so gut, daß sie mir verziehen +hat. Neulich nachts schlief sie in irgendeinem Palast und +ich konnte sie nicht erreichen. Mein Schweißfuchs entwand +sich meinem Befehl. Die zerrissenen Zügel hingen über der +in Schweiß gebadeten Kruppe und es bedurfte großer Anstrengungen, +um ihn zu verhindern, daß er sich zu Boden legte. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-139"><img src="images/139.jpg" alt="Illustration 139" /></div> + +<p>Heute nacht ist mir der gute Saturnin zu Hilfe gekommen +und meine große Freundin hat an meiner Seite auf ihrer +weißen, silbern aufgezäumten Stute Platz genommen. Sie +sagte zu mir: »Mut, Bruder, denn das ist die letzte Stufe!« +<!-- page 140 --> +Und ihre großen Augen verschlangen den Raum und sie ließ +in der Luft ihr langes Haar wehen, das mit den Düften Jemens +getränkt war. +</p> + +<p>Ich erkannte die göttlichen Züge von ***. Wir flogen im +Triumph und die Feinde waren zu unsern Füßen. Der Wiedehopf +geleitete uns als Bote bis in den höchsten Himmel und +der Bogen des Lichts barst in den göttlichen Händen Apolls. +Adonis Zauberhorn klang durch die Wälder. +</p> + +<p>O Tod, wo ist dein Sieg? Da doch der triumphierende +Messias zwischen uns beiden ritt? Ihr Kleid war aus schwefligem +Hyazinth und ihre Handgelenke sowie die Knöchel +ihrer Füße blitzten von Diamanten und Rubinen. Wenn +ihre leichte Reitgerte das Perlmuttertor des Neuen Jerusalem +berührte, waren wir alle drei in Licht getaucht. Dann bin ich +unter die Menschen gegangen, um ihnen die frohe Botschaft +zu verkünden. +</p> + +<p>Ich erwache aus einem süßen Traum. Ich habe die gesehen, +die ich verklärt und strahlend geliebt habe. Der Himmel hat +sich in all seiner Pracht geöffnet und ich habe darin das Wort +VERGEBUNG gelesen, das mit dem Blute Jesu Christi geschrieben +war. +</p> + +<p>Ein Stern erglänzte plötzlich und enthüllte mir das Geheimnis +der Welt der Welten. Hosianna! Friede auf Erden +und Ehre den Himmeln! +</p> + +<p>Aus dem Schoß der stummen Finsternis sind zwei Töne +erklungen, ein getragener und ein schriller, und sogleich begann +der ewige Kreislauf. Sei gesegnet, o erste Oktave, mit der +<!-- page 141 --> +die göttliche Hymne anhub. Von Sonntag zu Sonntag flichst +du alle Tage in dein Zaubernetz! Die Berge lobpreisen dich +den Tälern, die Quellen den Bächen, die Bäche den Strömen; +die Ströme dem Ozean. Die Luft zittert und das Licht küßt +wohlklingend die sprießenden Blumen. +</p> + +<p>Ein Seufzer, ein Liebesschauer steigt aus dem geschwellten +Schoß der Erde und der Chor der Gestirne entfaltet sich in +die Unendlichkeit; er entfernt sich und kommt wiederum zurück, +verdichtet sich und entfaltet sich wieder und sät die +Keime zu neuen Schöpfungen ins Weite. +</p> + +<p>Auf dem Gipfel eines bläulichen Berges ist eine kleine +Blume erblüht. — Vergiß mein nicht! — Der kosende Blick +eines Sternes hat sich einen Augenblick darauf geheftet und +eine Antwort ließ sich in einer süßen, fremden Sprache vernehmen: +MYOSOTIS! +</p> + +<p>Unheil über dich, Gott des Nordens! Der du mit +einem Hammerschlag die aus den sieben köstlichsten Metallen +gefügte heilige Tafel zertrümmertest! Denn du hast +die »ROSENFARBENE PERLE«, die in ihrer Mitte ruhte, +nicht zerbrechen können. Sie ist unter dem Eisen wieder +aufgesprungen, — und wir haben uns für sie bewaffnet . . . . +Hosianna! +</p> + +<p>Der Makrokosmos, oder die große Welt, ist durch kabbalistische +Kunst erbaut worden; der Mikrokosmos, oder die +kleine Welt, ist sein in aller Welt zurückgestrahltes Bild. Die +»ROSENFARBENE PERLE« ist mit dem königlichen Blut der +Walküren gefärbt worden. Unheil über dich, schmiedender +<!-- page 142 --> +Gott, der eine Welt zertrümmern wollte! Indessen ist die Vergebung +Christi auch für dich verkündet worden! +</p> + +<p>Sei also selbst du gesegnet, o Thor, du Riese — du mächtigster +unter Odins Söhnen! Sei gesegnet in Hela, deiner Mutter, +denn oft ist der Tod süß, — und in deinem Bruder Loki +und in deinem Hund Garnur. +</p> + +<p>Selbst die Schlange, welche die Welt umgibt, ist gesegnet, +denn ihre Ringe erschlaffen und ihr gähnender Rachen atmet +die Blume Anxoka, die Schwefelblume, die strahlende Blume +der Sonne! +</p> + +<p>Gott schütze den göttlichen Baldur, den Sohn Odins und +Freya, die schöne! +</p> + +<h3 class="no">VIII.</h3> + +<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/142.jpg" alt="I" /></span><span class="hidden">I</span>CH befand mich IM GEIST in Saardam, +das ich im vergangenen Jahr besucht +habe. Schnee bedeckt die Erde. Ein +ganz kleines Mädchen ging schleifend +über die harte Erde und richtete +seine Schritte glaube ich nach dem +Haus Peters des Großen. Ihr majestätisches +Profil hatte etwas Bourbonisches. +Ihr Hals von strahlender Weiße ragte zur Hälfte aus einem +Schwanenpelzkragen. Mit ihrer kleinen rosigen Hand schützte +sie eine angezündete Lampe vor dem Wind und wollte an +der grünen Haustür klopfen, als eine magere Katze daraus +hervorkam, sich in ihre Beine verwickelte und sie zum Fallen +<!-- page 143 --> +brachte. — »Schau, es ist nur eine Katze!« sagte das kleine +Mädchen und stand wieder auf. — »Eine Katze, das ist auch +etwas!« antwortete eine sanfte Stimme. Ich wohnte dieser +Szene bei und trug auf meinem Arm eine kleine graue Katze, +die zu miauen anfing. »Sie ist das Kind dieser alten Fee!« +sagte das kleine Mädchen. Und sie trat in das Haus. +</p> + +<div class="centerpic" id="img-143"><img src="images/143.jpg" alt="Illustration 143" /></div> + +<p>In dieser Nacht flog mein Traum zuerst nach Wien. Bekanntlich +erheben sich auf jedem Platz dieser Stadt große +Säulen, die man Gnadensäulen nennt. Wolken aus Marmor +sammeln sich, die die salomonische Ordnung darstellen und +tragen Erdkugeln, auf denen sitzende Gottheiten thronen. +Plötzlich mußte ich, o Wunder, an diese berühmte Schwester +des Kaisers von Rußland denken, deren kaiserliches Palais +ich in Weimar gesehen habe. — Eine von Süßigkeit erfüllte +Melancholie ließ mich die farbigen Nebel einer norwegischen +<!-- page 144 --> +Landschaft in grauem, sanftem Licht sehen. Die Wolken wurden +durchsichtig und ich sah, wie sich vor mir ein tiefer Abgrund +auftat, in den sich tobend die Fluten der eisigen Ostsee stürzten. +Es schien, daß sich die ganze Newa mit ihren blauen Wassern +in diese Erdspalte ergießen müsse. Die Schiffe von Kronstadt +und St. Petersburg zerrten an ihren Ankern und schienen bereit +zu sein, sich loszureißen und in diesem Schlund zu verschwinden, +als ein göttliches Licht von oben diesen trostlosen +Vorgang erhellte. +</p> + +<p>Unter dem lebhaften Strahl, der durch den Nebel drang, +sah ich sogleich den Felsen erscheinen, der das Standbild Peters +des Großen trägt. Über diesem festen Sockel gruppierten +sich die bis zum Zenith reichenden Wolken. Sie waren beladen +mit strahlenden und göttlichen Gestalten, unter denen +man die beiden Katharinen und die heilige Kaiserin Helene +unterschied, die von den schönsten Fürstinnen Rußlands und +Polens begleitet waren. Ihre sanften Blicke waren nach +Frankreich gerichtet und überwanden den Raum mit Hilfe +von langen Ferngläsern aus Kristall. Ich sah dadurch, daß +unser Vaterland der Schiedsrichter im orientalischen Streit sein +würde, und daß sie seine Lösung erwarteten. Mein Traum +schloß mit der süßen Hoffnung, daß uns endlich Friede gegeben +würde. +</p> + +<p>So ermutigte ich mich zu einem kühnen Versuch; ich beschloß, +den Traum festzuhalten und sein Geheimnis zu erfahren. +Warum, so sagte ich mir, soll ich nicht mit meinem +ganzen Willen gewappnet endlich diese mystischen Tore bezwingen +<!-- page 145 --> +und meine Sensationen beherrschen, anstatt ihnen +zu unterliegen? Ist es nicht möglich, diese anziehende und +furchtbare Chimäre zu bändigen, diesen Geistern der Nächte, +die mit unsrer Vernunft spielen, eine Regel aufzuerlegen? +Der Schlaf nimmt ein Drittel unseres Lebens ein. Er ist der +Trost für die Mühen unsrer Tage oder die Buße für ihr Vergnügen; +aber ich habe nie empfunden, daß der Schlaf Ruhe +sei. Nach einer Betäubung von einigen Minuten beginnt ein +neues Leben, losgelöst von Zeit und Raum und zweifellos +dem ähnlich, das uns nach dem Tod erwartet. Wer weiß, +ob zwischen diesen beiden Existenzen nicht ein Band besteht, +und ob es für die Seele nicht möglich ist, es schon hier unten +zu knüpfen? +</p> + +<p>Von diesem Augenblick an bemühte ich mich, den Sinn +meiner Träume zu suchen, und diese Unruhe beeinflußte +meine Gedanken im wachen Zustand. Ich glaubte zu verstehen, +daß zwischen der innern und der äußern Welt ein +Band besteht; daß die Unaufmerksamkeit oder die Unordnung +des Geistes allein die augenscheinlichen Beziehungen +fälschen — und daß sich so die Bizarrerie gewisser Gemälde +erklärt, die dem fratzenhaften Widerschein wirklicher Gegenstände +auf bewegter Wasserfläche gleichen. — +</p> + +<p>So waren die Eingebungen meiner Nächte. Meine Tage +vergingen ruhig in Gesellschaft der armen Kranken, die ich +mir zu Freunden gewonnen hatte. Das Gewissen, das ich +nun von den Fehlern meines vergangenen Lebens gereinigt +hatte, gab mir unendliche moralische Freuden. Die Sicherheit +<!-- page 146 --> +der Unsterblichkeit und der gleichzeitigen Existenz aller +Personen, die ich geliebt hatte, war mir sozusagen zur greifbaren +Klarheit geworden, und ich segnete die Bruderseele, +die mich aus dem Schoß der Verzweiflung in die leuchtenden +Bahnen der Religion zurückgeführt hatte. +</p> + +<p>Der arme Junge, den sein geistiges Leben auf so sonderbare +Art verlassen hatte, empfing eine Pflege, die nach und +nach seine Empfindungslosigkeit besiegte. Als ich erfuhr, daß +er auf dem Land geboren sei, verbrachte ich ganze Stunden +damit, ihm alte Dorflieder vorzusingen, denen ich den rührendsten +Ausdruck zu geben versuchte. Ich hatte das Glück +zu sehen, daß er sie hörte und daß er einzelne Teile dieser +Lieder wiederholte. Eines Tages endlich öffnete er eine einzige +Sekunde die Augen und ich sah, daß sie blau waren wie +die des Geistes, der mir im Traum erschienen war. Eines +Morgens — einige Tage danach — hielt er seine Augen +offen und schloß sie nicht mehr. Er fing gleich zu sprechen an, +aber nur mit Zwischenpausen, erkannte mich, duzte mich und +nannte mich Bruder. Indessen wollte er sich noch immer nicht +entschließen zu essen. Als er eines Tages aus dem Garten +hereinkam, sagte er zu mir: »Ich habe Durst!« +</p> + +<p>Ich holte ihm zu trinken; das Glas berührte seine Lippen, +ohne daß er schlucken konnte. +</p> + +<p>»Warum«, fragte ich ihn, »willst du nicht essen und trinken +wie die andern?« +</p> + +<p>»Weil ich tot bin,« sagte er, »ich bin auf jenem Friedhof +begraben, an jenem Platz . . . . .« +</p> +<!-- page 147 --> + +<p>»Und wo glaubst du jetzt zu sein?« +</p> + +<p>»Im Fegefeuer, ich erfülle meine Reinigung.« +</p> + +<p>Das sind die wunderlichen Ideen, die aus dieser Art Krankheiten +entspringen; ich erkannte in mir selbst, daß ich nicht weit +von einer so absonderlichen Überzeugung entfernt gewesen +war. Die Pflege, die ich empfangen, hatte mich schon der +Liebe meiner Familie und meiner Freunde zurückgegeben, +und ich konnte gesünder über die Welt der Einbildungen +urteilen, in der ich einige Zeit gelebt hatte. Jedenfalls fühle +ich mich glücklich durch die Überzeugungen, die ich erlangt +habe und ich vergleiche diese Reihe von Prüfungen, die ich +durchgemacht habe, dem, was für die Alten der Gedanke +eines Hinuntersteigens zur Hölle vorstellte.<a href="#footnote-2" id="fnote-2"><sup>*</sup></a> +</p> + +<p class="footnote" id="footnote-2"><a href="#fnote-2">* Dieses sind die letzten Worte, die Gérard de Nerval geschrieben hat. +</a></p> + +<div class="centerpic" id="img-147"><img src="images/147.jpg" alt="Illustration 147" /></div> + + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="trnote"> +<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p> + +<p class="noindent"> +Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen: +</p> + +<ul> + +<li> +... mich seine Bücher lehrten. Ein <span class="underline">gewißer</span> Mars aus ...<br /> +... mich seine Bücher lehrten. Ein <a href="#corr-1"><span class="underline">gewisser</span></a> Mars aus ... +</li> + +<li> +... gefehlt <span class="underline">katte</span>. Von diesem Augenblicke an irrte ich als Beute ...<br /> +... gefehlt <a href="#corr-2"><span class="underline">hatte</span></a>. Von diesem Augenblicke an irrte ich als Beute ... +</li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Aurelia oder der Traum und das Leben, by +Gérard de Nerval + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AURELIA ODER DER TRAUM *** + +***** This file should be named 39575-h.htm or 39575-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/5/7/39575/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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