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+<title>Aurelia</title>
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+Project Gutenberg's Aurelia oder der Traum und das Leben, by Gérard de Nerval
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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+Title: Aurelia oder der Traum und das Leben
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+Author: Gérard de Nerval
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+Illustrator: Alfred Kubin
+
+Translator: Hedwig Kubin
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+Release Date: April 29, 2012 [EBook #39575]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AURELIA ODER DER TRAUM ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+<h1 style="page-break-before:always;">
+<span style="font-size:80%; letter-spacing:0.37em;">
+<br />
+Gérard de Nerval<br />
+</span>
+<span style="font-size:300%; color: rgb(100%,41%,16%)">
+Aurelia<br />
+</span>
+<span style="font-size:50%">
+oder<br />
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+Der Traum und das Leben
+</span>
+</h1>
+
+<p>&nbsp;</p>
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+<p class="center" style="text-transform:uppercase">
+Deutsch von<br/>
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+Hedwig Kubin
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+<p>&nbsp;</p>
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+<p class="center" style="text-transform:uppercase">
+Mit siebenundfünfzig Zeichnungen von<br />
+<span style="font-size:larger">
+Alfred Kubin
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+<p>&nbsp;</p>
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+<p class="center">
+M·C <img src="images/000-logo.jpg" alt="Verlagslogo" style="vertical-align:middle" /> M·X
+</p>
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+<p>&nbsp;</p>
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+<p class="center" style="text-transform:uppercase; font-size:larger">
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+München und Leipzig / bei Georg Müller
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+<p class="center">
+<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches.
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+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
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+<div class="centerpic" style="page-break-before:always; margin-bottom: 1%;">
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+</div>
+
+<p style="page-break-before:always; text-indent:0; margin-top:5em; line-height:150%;"> »Seit seiner letzten Reise nach Deutschland vergaß Gérard,
+der mehr wie je von einem rätselhaften Sehnen nach der Unendlichkeit
+geplagt wurde, oft, daß er auf der Erde war. Er
+fühlte, daß er den Boden verlor und ins Leere trat; er wand
+sich der Vergangenheit zu, um das Leben wieder zu erfassen
+und sich noch lebendig zu glauben. Seine letzten Seiten zeugen
+von dieser Vorliebe für die Vergangenheit; er hatte alle Bücher
+geschlossen, ausgenommen das Buch seiner Seele; er las keine
+Gedichte mehr außer denen auf seine eigenen Liebeserlebnisse.
+Er ahnte, daß derTod ihn holen würde; und wie ein Wanderer,
+der die Nacht hereinbrechen sieht, kehrte er um und
+warf noch einen Blick auf die zurückgelegten Strecken. Von
+allen zertrümmerten Denkmälern seines Herzens pflückte er
+ehrfurchtsvoll das Mauerkraut.«
+</p>
+
+<p class="right">Arsène Houssaye.
+</p>
+
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Vorwort</h2>
+
+<p class="first">Gérard de Nerval wurde am 22. Mai 1809 als Sohn eines
+Militärarztes in Paris geboren. Er wurde nicht ganz 46 Jahre
+alt, &mdash; er starb am 25. Januar 1855. Sein eigentlicher Name
+war Gérard Labrunie.
+</p>
+
+<p>Da seine Mutter ihrem Gatten zum Heere folgte und sehr
+früh starb, was der Dichter in der hier übersetzten Novelle
+»Aurelia« auch erwähnt, wurde der Knabe im Valois bei
+einem seiner Oheime erzogen. Er besuchte das Gymnasium
+und obwohl er hie und da lieber in Wald und Feld herumstreifte,
+als auf der Schulbank zu sitzen, war er doch der Stolz
+der Schule und der Gegenstand der Bewunderung seiner
+Kameraden, denn er dichtete kaum achtzehn Jahre alt seine
+»Elégies nationales«. Auch seine Faust-Übersetzung, die
+heute noch zu den besten gezählt wird, erschien schon zu dieser
+Zeit, und Goethe hat dem jungen Nerval in einem eigenhändigen
+Schreiben dafür gedankt. Nerval hat diesen Brief
+aufbewahrt, und obwohl er sonst wegen seiner Bescheidenheit
+bekannt war, zeigte er ihn gern seinen Freunden und versicherte,
+daß die Anerkennung des großen deutschen Dichters
+ihn mit Stolz erfülle.
+</p>
+
+<p>Zu diesen Freunden gehörten in erster Linie Théophile
+Gautier, Arsène Houssaye und viele andere. Nerval hatte
+das Glück, schon von seinen Zeitgenossen gewürdigt zu
+werden. Die Freunde ertrugen seine bizarren Launen geduldig
+und bemühten sich, ihm alle Hindernisse aus dem Weg
+zu räumen. Wie oft hielt er seine Verabredungen nicht! Wie
+häufig kam es vor, daß sein Vater, bei dem er regelmäßig
+Donnerstags und Sonntags speiste, ihn vergeblich erwartete!
+Erst nach längerer Zeit erfuhr man in solchen Fällen, daß
+der Dichter eine seiner großen Reisen angetreten hatte!
+</p>
+
+<p>Nerval hat viel von der Welt gesehen. Er bereiste Deutschland,
+Ägypten, Syrien, die Türkei. Diese Reisen regten ihn
+zu seinen Hauptwerken an, vor allem zu dem großen Drama:
+»Die Königin von Saba«, das schon wegen seiner ungeheuren
+Dimensionen nicht auf das Theater gebracht werden
+konnte. Am meisten Interesse zeigte der Dichter für die Sitten
+und Gebräuche der Völkerschaften, die er auf seinen Reisen
+kennen lernte. Er neigte stark zur Mystik und als von
+seinem dreißigsten Lebensjahr an sein Geist anfing, gewissen
+krankhaften Anfällen zu unterliegen, verstärkte sich dieser
+Hang.
+</p>
+
+<p>Das Werk, welches wir hier veröffentlichen, steht wohl
+in der Literatur einzigartig da, denn in »Aurelia« erzählt
+und beschreibt der Kranke selbst seine Zustände und Visionen.
+Er berichtet, daß er in der Irrenanstalt angefangen habe, die
+Geschichte seiner Krankheit zu schreiben, die ihn bis zu seinem
+Lebensende nur vorübergehend verließ. Die letzten, hier
+veröffentlichten Seiten fanden die Freunde in der Tasche des
+Toten; er hat sich noch bis in die letzten Tage, vielleicht Stunden,
+mit diesem Manuskript beschäftigt. Viele glauben, daß
+sein Tod kein natürlicher gewesen ist, sondern daß er seinem
+Leben gewaltsam ein Ende gemacht hat. Bei seinem Geisteszustand
+ist es nicht unwahrscheinlich, aber Gewißheit hat man
+darüber nicht.
+</p>
+
+<p>Gérard de Nerval hat auch schon in seinen gesunden Tagen
+ein sonderbares Leben geführt. Nirgends blieb er lange und
+vor allem war es ihm zuwider in seiner Wohnung zu schlafen.
+Er streifte Tage und Nächte lang rastlos in den Straßen von
+Paris umher, machte sich Notizen über seine Beobachtungen
+und besuchte seine Freunde, wenn er gerade an ihren Haustüren
+vorüberkam. Er konnte es nicht ertragen, durch ein
+Versprechen an einen Besuch zu bestimmter Stunde gebunden
+zu sein.
+</p>
+
+<p>Er war von Haus aus nicht unvermögend, auch fiel ihm
+einmal eine kleine Erbschaft zu. Da außerdem die Zeitungen
+und Zeitschriften über jede Zeile von seiner Hand froh waren,
+hätte er leicht ein behagliches Leben im Wohlstand führen
+können. Aber das widerstrebte seiner Natur. Hatte er Geld,
+so kaufte er oft auf Auktionen Kunstgegenstände, die er dann
+bisweilen bei irgendeinem Freund einstellte, um sie nach kurzer
+Zeit zu vergessen. Nur wenn er eine Auslandreise vorhatte,
+vermochte er zu sparen.
+</p>
+
+<p>Gérard de Nerval war als Schriftsteller nicht gerade fleißig.
+Er hat sich oft wiederholt und unter seinen dramatischen Versuchen
+ist nicht viel Wertvolles zu finden. Die Gestalt des
+»Faust«, dessen Einführung in Frankreich ihm so frühen
+Ruhm verschaffte, soll seinen Geist so ausgefüllt haben, daß
+eigene Gestaltungsversuche stets Züge des großen Vorbildes
+annahmen.
+</p>
+
+<p>Lesenswert sind noch einige seiner Novellen, besonders
+aber die anschaulich geschriebene, sehr eigenartige Erlebnisse
+schildernde »Orientreise«.
+</p>
+
+<p class="right">HEDWIG KUBIN.<br />
+</p>
+<!-- page 001 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Erster Teil</h2>
+
+<h3 class="no">I.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/001.jpg" alt="D" /></span><span class="hidden">D</span>ER Traum ist ein zweites Leben. Ich habe
+nie ohne zu schaudern durch die Elfenbein-
+oder Horntore dringen können, die uns
+von der unsichtbaren Welt scheiden. Die
+ersten Augenblicke des Schlafes sind das
+Bild des Todes. Eine nebelhafte Erstarrung ergreift unsern Gedanken,
+und wir können den genauen Augenblick nicht feststellen,
+wo das Ich in einer andern Form die Tätigkeit des Daseins
+fortsetzt. Ein ungewisses unterirdisches Gewölbe erhellt
+sich allmählich und aus dem Schatten der Nacht lösen sich in
+ernster Unbeweglichkeit die bleichen Figuren, welche den
+Vorhof der Ewigkeit bewohnen. Dann nimmt das Bild
+Form an, eine neue Helligkeit erleuchtet diese Erscheinungen
+in wunderlichem Spiel: &mdash; es öffnet sich uns die Welt
+der Geister.
+</p>
+
+<p>Swedenborg nannte diese Visionen »Memorabilia«; er
+verdankte sie öfter der Träumerei als dem Schlaf; der »goldene
+Esel« des Apulejus, die »göttliche Komödie« Dantes,
+<!-- page 002 -->
+sind die dichterischen Vorbilder dieser Studien über die menschliche
+Seele. Ich will nach ihrem Beispiel versuchen, die Eindrücke
+einer langen Krankheit niederzuschreiben, die sich ganz in
+den Mysterien meines Geistes abgespielt hat; &mdash; und ich
+weiß nicht, warum ich mich des Ausdrucks »Krankheit«
+bediene, denn niemals habe ich mich, was mich selbst betrifft,
+wohler gefühlt. Mitunter hielt ich meine Kraft und meine
+Fähigkeit für verdoppelt. Es schien mir, als wüßte und verstände
+ich alles, die Einbildungskraft brachte mir unendliche
+Wonnen. Soll man bedauern sie verloren zu haben, wenn
+man das, was die Menschen Vernunft nennen, wiedererlangt
+hat?
+</p>
+
+<p>Jene »vita nuova« hat für mich zwei Phasen gehabt. Diese
+Aufzeichnungen beziehen sich auf die erste. &mdash; Eine Dame,
+die ich lange geliebt hatte, und die ich Aurelia nennen werde,
+war für mich verloren. Die Umstände dieses Ereignisses, das
+einen so großen Einfluß auf mein Leben haben sollte, sind unwichtig.
+Jeder kann aus seinen Erinnerungen die herzzerreißendste
+Gemütsbewegung, den fürchterlichsten Schicksalsschlag
+der Seele hervorsuchen; man muß sich da entschließen
+zu sterben oder zu leben; &mdash; ich werde später sagen, warum
+ich nicht den Tod gewählt habe. Die ich liebte, hatte mich verurteilt,
+ich war eines Vergehens schuldig, für das ich keine
+Verzeihung mehr erhoffen konnte; so blieb mir nichts übrig,
+als mich den niedrigen Betäubungen zu ergeben; ich heuchelte
+Freude und Sorglosigkeit, ich durchkreuzte die Welt und jagte
+unsinnig hinter Wechsel und Laune her; vor allem gefielen
+<!-- page 005 -->
+mir die Trachten und absonderlichen Sitten entfernter Völkerschaften.
+Es war mir, als ob ich so die Vorbedingungen von
+Gut und Böse verschob, die Ausdrücke sozusagen für das was
+wir Franzosen »Gefühl« nennen.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-003"><img src="images/003.jpg" alt="Illustration 003" /></div>
+
+<p>»Welche Verrücktheit,« sagte ich mir, »eine Frau, die dich
+nicht mehr liebt, so platonisch zu lieben! Daran ist meine Lektüre
+schuld; ich habe die Erfindungen der Dichter ernst genommen,
+und ich habe mir aus einer gewöhnlichen Persönlichkeit
+unseres Jahrhunderts eine Laura oder Beatrice gemacht
+.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Auf zu andern Abenteuern und dieses wird
+bald vergessen sein!« &mdash; Der Taumel eines fröhlichen Karnevals
+in einer Stadt Italiens verjagte all meine melancholischen
+Gedanken. Ich war so glücklich über die Erleichterung, die ich
+empfand, daß ich all meinen Freunden meine Freude mitteilte,
+und in meinen Briefen gab ich das als beständigen Geisteszustand
+aus, was nur fieberhafte Überreizung war.
+</p>
+
+<p>Eines Tages kam in die Stadt eine Frau von großem Ruf,
+die mit mir Freundschaft schloß, und da sie gewohnt war zu
+gefallen und zu blenden, zog sie mich mühelos in den Kreis
+ihrer Bewunderer. Nach einer Abendgesellschaft, wo sie
+gleichzeitig natürlich und von einem Reiz erfüllt gewesen
+war, dessen Einwirkung alle spürten, fühlte ich mich in einer
+Weise in sie verliebt, daß ich keinen Augenblick zögern
+wollte an sie zu schreiben. Ich war so glücklich, mein Herz
+einer neuen Liebe fähig zu fühlen! .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich borgte in dieser
+künstlichen Begeisterung dieselben Ausdrücke, die so kurze
+Zeit vorher mir gedient hatten, um eine wahrhafte und lang
+<!-- page 006 -->
+empfundene Liebe zu schildern. Als der Brief abgesandt war,
+hätte ich ihn zurückhalten mögen, und ich begann in der Einsamkeit
+von dem zu träumen, was ich eine Entweihung meiner
+Erinnerungen nannte. &mdash;
+</p>
+
+<p>Der Abend gab meiner neuen Liebe den ganzen Zauber
+des vorhergehenden Tages wieder. Die Dame zeigte sich empfänglich
+für das, was ich ihr geschrieben hatte, wobei sie einiges
+Erstaunen über meine plötzliche Glut erkennen ließ. Ich hatte
+an einem Tage mehrere Grade der Gefühle übersprungen,
+die man für eine Frau mit dem Schein der Aufrichtigkeit fassen
+kann. Sie gestand mir, daß es sie erstaune und zugleich mit Stolz
+erfülle. Ich versuchte sie zu überzeugen; aber was ich ihr auch
+immer sagen wollte, ich konnte in der Folge in unsern Unterhaltungen
+den rechten Ton meines Briefstils nicht mehr wiederfinden,
+so daß ich gezwungen war ihr mit Tränen zu gestehen,
+daß ich mich geirrt hätte, indem ich sie täuschte. Meine rührenden
+Geständnisse hatten immerhin einigen Reiz, und eine in
+<!-- page 007 -->
+ihrer Milde viel stärkere Freundschaft folgte auf vergebliche
+Zärtlichkeitsversicherungen.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-006"><img src="images/006.jpg" alt="Illustration 006" /></div>
+
+<h3 class="no">II.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/007.jpg" alt="S" /></span><span class="hidden">S</span>PÄTER begegnete ich ihr in einer anderen Stadt,
+wo sich die Dame befand, die ich immer noch
+ohne Hoffnung liebte. Ein Zufall machte sie
+miteinander bekannt, und die erste hatte
+zweifellos Gelegenheit, die, welche mich aus ihrem Herzen
+verbannt hatte, in Hinsicht auf mich zu rühren, so daß ich sie
+eines Tages, als ich mich in einer Gesellschaft befand, an der
+auch sie teilnahm, auf mich zukommen und mir die Hand entgegenstrecken
+sah. Wie soll ich diesen Schritt und den tiefen
+traurigen Blick beschreiben, mit dem sie ihren Gruß begleitete?
+Ich glaubte darin die Verzeihung für die Vergangenheit zu
+lesen. Der göttliche Ausdruck des Mitleids gab den einfachen
+Worten, die sie an mich richtete, einen unaussprechlichen Wert,
+wie wenn sich etwas Religiöses in die Süßigkeiten einer bis
+dahin profanen Liebe gemischt hätte und ihr den Stempel der
+Ewigkeit aufdrückte.
+</p>
+
+<p>Eine gebieterische Pflicht zwang mich nach Paris zurückzukehren,
+aber ich faßte sogleich den Entschluß, nur wenige Tage
+dort zu bleiben und zu meinen beiden Freundinnen zurückzueilen.
+Die Freude und die Ungeduld versetzten mich in eine
+Art Betäubung, die sich mit der Sorge für die Geschäfte verwickelte,
+die ich zu beenden hatte. Eines Abends, gegen
+<!-- page 008 -->
+Mitternacht, ging ich wieder die Vorstadtstraße entlang, wo
+sich meine Wohnung befand. Als ich zufällig die Augen aufhob,
+erkannte ich die Nummer des Hauses, die durch einen Gasarm
+erleuchtet war. Diese Zahl war die meines Alters. Gleich darauf
+sah ich, als ich den Blick wieder senkte, vor mir eine Frau
+von fahler Gesichtsfarbe mit hohlen Augen, die mir die Züge
+von Aurelia zu haben schien. Ich sagte mir: »Ihr, oder mein Tod
+wird mir angekündigt!« Aber ich weiß nicht, warum ich bei der
+letzten Annahme stehen blieb und ich erschreckte mich mit der
+Idee, daß es am folgenden Tag um dieselbe Stunde sein würde.
+</p>
+
+<p>In dieser Nacht hatte ich einen Traum, der diesen Gedanken
+in mir befestigte. Ich irrte in einem weitläufigen Gebäude, das
+aus mehreren Sälen bestand, von denen die einen dem Studium
+gewidmet waren, während die andern der Unterhaltung oder
+philosophischen Diskussionen dienten. Ich blieb voll Interesse in
+einem der ersten stehen, wo ich meine alten Lehrer und Mitschüler
+zu erkennen glaubte. Die Stunden über die lateinischen
+und griechischen Schriftsteller nahmen ihren Fortgang mit diesem
+eintönigen Gemurmel, das ein Gebet zur Göttin Mnemosyne
+zu sein scheint. &mdash; Ich ging in einen andern Saal, wo philosophische
+Vorträge stattfanden. Ich nahm einige Zeit teil daran,
+dann ging ich hinaus, um mein Zimmer in einer Art Gasthaus
+mit ungeheuren Treppen zu suchen, das voll war von
+geschäftigen Reisenden.
+</p>
+
+<p>Ich verirrte mich mehrere Male in den langen Gängen und
+als ich eine der Mittelgalerien kreuzte, wurde ich von einem
+seltsamen Schauspiel überrascht. Ein Wesen von unermeßlicher
+<!-- page 009 -->
+Größe &mdash; ob Mann oder Frau weiß ich nicht &mdash; hielt
+sich mühsam über dem Raum in der Schwebe und schien sich
+zwischen dem dichten Gewölk zu überschlagen. Da es ihm
+an Atem und Kraft gebrach, fiel es endlich mitten in den
+dunkeln Hof, wobei es mit seinen Flügeln am Dach und an
+den Balustraden bald hängen blieb und bald sich stieß.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-009"><img src="images/009.jpg" alt="Illustration 009" /></div>
+
+<p>Ich konnte es einen Augenblick betrachten. Es war in hochroten
+Tönen gefärbt und seine Flügel schillerten in tausendfach
+wechselndem Widerschein. In seinem langen Kleid mit antikem
+Faltenwurf glich es dem Engel der Melancholie von Albrecht
+Dürer. Ich konnte mich nicht enthalten, Schreie des Entsetzens
+auszustoßen, die mich plötzlich aufweckten.
+</p>
+
+<p>Am folgenden Tag beeilte ich mich, alle meine Freunde
+aufzusuchen. Ich sagte ihnen in Gedanken Lebewohl und
+ohne ihnen etwas von dem zu verraten, was meinen Geist
+beschäftigte, erörterte ich mit Wärme mystische Gegenstände;
+ich erstaunte sie durch eine besondere Beredsamkeit; es kam mir
+<!-- page 010 -->
+vor, als wüßte ich alles und als enthüllten sich mir die Geheimnisse
+der Welt in diesen erhabenen Stunden.
+</p>
+
+<p>Am Abend als die verhängnisvolle Stunde sich zu nähern
+schien, sprach ich mit zwei Freunden am Tisch eines Klubs über
+Malerei und Musik und erklärte von meinem Standpunkt aus
+die Entstehung der Farben und den Sinn der Zahlen. Einer von
+ihnen, namens Paul ***, wollte mich nach Hause begleiten,
+aber ich sagte ihm, daß ich nicht heim ginge. »Wo gehst du
+hin?« frug er mich. »NACH DEM ORIENT.« Und während
+er mich begleitete, suchte ich am Himmel nach einem Stern,
+den ich zu kennen glaubte, wie wenn er einigen Einfluß auf
+mein Geschick hätte. Nachdem ich ihn gefunden, setzte ich
+meinen Weg fort und folgte den Straßen, in deren Richtung
+er sichtbar war. Ich ging sozusagen meinem Geschick entgegen
+und wollte den Stern beobachten bis zu dem Augenblick, wo
+der Tod mich treffen würde. Als ich indessen an eine Kreuzung
+von drei Straßen gelangt war, wollte ich nicht mehr weiter
+gehen. Es schien mir, als wenn mein Freund eine übermenschliche
+Kraft entfalte, um mich zu veranlassen, den Platz zu wechseln;
+er wuchs vor meinen Augen und bekam die Züge eines
+Apostels. Ich glaubte zu sehen, wie der Ort, wo wir uns befanden,
+sich erhob und die Form seines städtischen Aussehens
+verlor. Die Szene verwandelte sich in einen Hügel, den ungeheure
+Einsamkeit umgab; sie zeigte den Kampf zweier
+Geister wie eine biblische Versuchung.
+</p>
+
+<p>»Nein!« sagte ich, »ich gehöre nicht deinem Himmel an.
+Auf diesem Stern sind die, welche mich erwarten. Sie waren
+<!-- page 011 -->
+schon vor der Offenbarung, die du angekündigt hast. Laß
+mich zu ihnen, denn die ich liebe weilt an jenem Ort und dort
+sollen wir uns wiederfinden.«
+</p>
+
+<h3 class="no">III.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/011.jpg" alt="H" /></span><span class="hidden">H</span>IER hat für mich das begonnen, was ich das
+Hineinwachsen des Traums in das wirkliche
+Leben nennen will. Von diesem Moment
+gewann alles mitunter ein doppeltes
+Aussehen &mdash; und zwar ohne daß das Denken
+jeder Logik entbehrt und das Gedächtnis die geringsten
+Einzelheiten dessen, was mir widerfuhr, verloren hätte. Nur
+meine scheinbar sinnlosen Handlungen waren dem unterworfen,
+was man nach der menschlichen Vernunft »Illusion«
+nennt.
+</p>
+
+<p>Der Gedanke ist mir sehr häufig gekommen, daß sich in
+gewissen ernsten Augenblicken des Lebens ein solcher Geist
+der äußern Welt plötzlich in der Gestalt einer alltäglichen
+Person verkörperte und auf uns wirkte oder zu wirken versuchte,
+ohne daß diese Person Kenntnis davon hatte oder
+eine Erinnerung daran bewahrte.
+</p>
+
+<p>Mein Freund hatte mich verlassen als er sah, daß seine Anstrengungen
+nutzlos waren und hielt mich zweifellos für die
+Beute irgendeiner fixen Idee, die das Gehen beruhigen würde.
+Als ich allein war, erhob ich mich mit Anstrengung und
+machte mich wieder auf den Weg, wobei ich der Richtung des
+<!-- page 012 -->
+Sternes folgte, auf den ich den Blick unaufhörlich heftete. Ich
+sang im Gehen eine geheimnisvolle Hymne, deren ich mich
+aus einem früheren Leben zu entsinnen glaubte und die mich
+mit unsäglicher Freude erfüllte. Gleichzeitig legte ich meine
+irdischen Kleider ab und streute sie um mich aus. Der Weg
+schien stets anzusteigen und der Stern größer zu werden. Dann
+blieb ich mit ausgebreiteten Armen stehen und erwartete den
+Augenblick, wo die magnetisch in den Strahl des Sterns gezogene
+Seele sich vom Körper trennen würde. Da fühlte ich
+einen Schauer; die Sehnsucht nach der Erde und denen, die
+ich dort liebte, griff mir ans Herz; ich beschwor innerlich den
+GEIST, der mich anzog, so inbrünstig, daß es mir schien als
+sänke ich wieder zu den Menschen zurück; &mdash; ich geriet unter
+Soldaten, die die Nachtrunde machten. Da hatte ich die
+Idee, daß ich sehr groß geworden sei, und daß ich durch eine
+Flut von elektrischen Kräften alles niederwerfen würde, was
+sich mir näherte. Es war etwas Komisches in der Sorgfalt, mit
+der ich meine Kräfte im Zaum hielt und das Leben der Soldaten,
+die mich aufgehoben hatten, verschonte.
+</p>
+
+<p>Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es die Aufgabe eines
+Schriftstellers ist, aufrichtig zu schildern, was er in den ernsten
+Lebensumständen empfindet, und wenn ich mir nicht ein Ziel
+steckte, das ich für nützlich halte, würde ich hier aufhören und
+nicht versuchen das zu beschreiben, was ich dann in einer
+Reihe von vielleicht sinnlosen oder gewöhnlichen, krankhaften
+Visionen empfand.
+</p>
+
+<p>Ich lag ausgestreckt auf einem Feldbett und glaubte zu
+<!-- page 015 -->
+sehen, wie der Himmel sich entschleierte und sich in tausend
+Ausblicken von unerhörten Herrlichkeiten öffnete. Das
+Schicksal der befreiten Seele schien sich mir zu enthüllen, wie um
+mir Bedauern darüber einzuflößen, daß ich wieder mit allen
+Kräften meines Geistes auf der Erde Fuß fassen wollte, die ich
+zu verlassen im Begriff war. Ungeheure Kreise zeichneten
+sich in die Unendlichkeit ab wie die Ringe auf dem Wasser, das
+der Fall eines Körpers beunruhigt; jede Region war von
+strahlenden Gestalten bevölkert und färbte, bewegte und löste
+sich abwechselnd auf, und eine sich immer gleiche Gottheit warf
+lächelnd die heimlichen Masken ihrer verschiedenen Inkarnationen
+von sich ab und floh endlich unergreifbar in die mystische
+Helle des Himmels Asiens.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-013"><img src="images/013.jpg" alt="Illustration 013" /></div>
+
+<p>Dieses himmlische Gesicht machte mich durch eines jener
+Phänomene, die jedermann in gewissen Träumen gefühlt hat,
+nicht gleichgültig gegen das, was um mich herum vorging. Ich
+lag auf einem Feldbett und hörte, wie die Soldaten sich um
+mich herum von einem Unbekannten unterhielten, den man
+wie mich aufgegriffen hatte, und dessen Stimme in dem gleichen
+Saal widerhallte. Durch eine sonderbare Vibrationswirkung
+schien es mir, als ob diese Stimme in meiner Brust mitklänge,
+und daß meine Seele sich sozusagen verdoppelte, wobei sie
+sich deutlich zwischen der Vision und der Wirklichkeit teilte.
+Einen Augenblick hatte ich den Gedanken mich mit Anstrengung
+nach dem herumzudrehen, von dem die Rede war;
+dann zitterte ich bei der Erinnerung an eine in Deutschland
+wohlbekannte Überlieferung, wonach jeder Mensch einen
+<!-- page 016 -->
+DOPPELGÄNGER hat, und daß, wenn er ihn sieht, sein Tod
+nahe sei. &mdash; Ich schloß die Augen und kam in einen verwirrten
+Geisteszustand, wo die eingebildeten oder wirklichen Gestalten,
+die mich umgaben, in tausend flüchtige Erscheinungen
+zerbarsten. Einen Augenblick sah ich nahe bei mir zwei meiner
+Freunde, die nach mir fragten. Die Soldaten wiesen auf mich;
+dann öffnete sich die Tür und jemand von meiner Gestalt,
+dessen Gesicht ich nicht sah, ging mit meinen Freunden hinaus,
+die ich vergeblich zurückrief: »Aber man irrt sich«! schrie ich,
+»sie sind gekommen, um mich zu holen und ein anderer geht
+mit ihnen fort!« &mdash; Ich lärmte so, daß man mich in Arrest
+brachte. Dort blieb ich mehrere Stunden in einer Art Stumpfheit;
+endlich kamen die beiden Freunde, die ich schon ZU SEHEN
+GEGLAUBT HATTE und holten mich mit einem Wagen ab. Ich
+erzählte ihnen alles, was sich ereignet hatte, aber sie leugneten,
+in der Nacht gekommen zu sein. Ich aß ziemlich ruhig mit
+ihnen zu Abend, aber je näher die Nacht herankam, desto
+deutlicher schien es mir, daß ich dieselbe Stunde zu fürchten
+hätte, die mir am Abend vorher fast verhängnisvoll geworden
+wäre. Ich verlangte von einem von ihnen einen orientalischen
+Ring, den er am Finger trug und den ich für einen alten Talisman
+hielt. Ich knüpfte ihn mit einem seidenen Tuch um den
+Hals und bemühte mich den Stein, einen Türkisen, auf den
+Punkt meines Nackens zu drehen, wo ich Schmerzen fühlte.
+Meiner Ansicht nach war es dieser Punkt, bei dem die Seele
+zu entfliehen in Gefahr war und zwar in dem Augenblick,
+wo ein gewisser Strahl des Sterns, den ich am Vorabend gesehen
+<!-- page 019 -->
+hatte, in Beziehung zu mir mit dem Zenith zusammentreffen
+würde. Sei es Zufall, sei es die Wirkung meiner starken
+Voreingenommenheit, ich stürzte zur selben Stunde wie
+am Vorabend wie vom Blitz getroffen nieder. Man legte mich
+auf ein Bett und während langer Zeit verlor ich den Sinn und
+den Zusammenhang der Bilder, die sich vor mir abrollten.
+Dieser Zustand dauerte mehrere Tage. Ich wurde in eine
+Heilanstalt verbracht. Viele Verwandte und Freunde besuchten
+mich, ohne daß ich Kenntnis davon gehabt hätte.
+Der einzige Unterschied, der für mich zwischen Wachen und
+Schlafen bestand, war, daß sich während des Wachens alles
+vor meinen Augen umformte; jede Person, die sich mir näherte,
+schien verändert, die materiellen Dinge hatten etwas wie einen
+Halbschatten, der ihre Form umgestaltete, und die Spiele des
+Lichts, die Verbindungen der Farben lösten sich auf, so daß
+sie mich in einer beharrlichen Folge von miteinander verbundenen
+Eindrücken hielten. Dadurch, daß ich träumte, waren
+sie mehr von den äußeren Elementen befreit und verloren
+nicht an Wahrscheinlichkeit.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-017"><img src="images/017.jpg" alt="Illustration 017" /></div>
+
+<h3 class="no">IV.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/019.jpg" alt="E" /></span><span class="hidden">E</span>INES Abends glaubte ich ganz bestimmt, an die
+Ufer des Rheins versetzt zu sein. Gegenüber
+von mir befanden sich finstere Felsen, deren Perspektive
+sich im Schatten andeutete. Ich trat in ein
+freundliches Haus, durch dessen weinumwachsene
+<!-- page 020 -->
+grüne Läden ein Strahl der untergehenden Sonne fiel. Es
+schien mir, als kehrte ich in eine bekannte Wohnung zurück,
+nämlich in die eines Onkels mütterlicherseits, eines flämischen
+Malers, der seit mehr als einem Jahrhundert tot war. Entwürfe
+zu Bildern waren hie und da aufgehängt, einer davon
+stellte die berühmte Fee dieses Gestades dar. Eine alte Magd,
+die ich Margarete nannte und die ich seit der Kindheit zu
+kennen wähnte, sagte zu mir: »Wollen Sie sich nicht auf das
+Bett legen? Denn Sie kommen von weit her, und Ihr Onkel
+wird spät zurückkommen; man wird Sie zum Abendessen
+wecken.« Ich streckte mich auf einem Bett mit Säulen aus,
+das mit blauem, groß und rotgeblumtem Tuch drapiert war.
+Gegenüber von mir hing an der Wand eine bäurische Uhr
+und darauf saß ein Vogel, der mit mir wie ein Mensch zu
+reden anhub. Und ich hatte den Gedanken, daß die Seele
+meines Ahnen in diesem Vogel sei; aber ich war ebensowenig
+erstaunt über seine Sprache und seine Gestalt als darüber, daß
+ich mich ein Jahrhundert zurückversetzt sah. Der Vogel sprach
+zu mir von lebenden oder zu verschiedenen Zeiten verstorbenen
+Familienmitgliedern, wie wenn sie gleichzeitig existierten
+und sagte zu mir: »Sie sehen, Ihr Onkel hat Sorge getragen,
+SEIN Bildnis im voraus zu machen .&nbsp;.&nbsp;. jetzt lebt SIE mit uns.«
+Ich richtete die Augen auf eine Leinwand, die eine Frau in
+altdeutscher Tracht darstellte, die sich über das Flußufer beugte
+und den Blick auf einen Busch Vergißmeinnicht heftete.
+</p>
+
+<p>&mdash; Indessen wurde die Nacht immer dichter, und das Aussehen,
+die Laute und die Stimmung der Orte verwischten sich
+<!-- page 023 -->
+in meinem schläfrigen Geist; ich glaubte in einen Abgrund zu
+stürzen, der die Erdkugel durchschnitt. Ich fühlte mich schmerzlos
+von einem Strom geschmolzenen Metalls fortgetrieben und
+tausend ähnliche Flüsse, deren Färbungen die chemischen
+Verschiedenheiten anzeigten, durchfurchten den Schoß der
+Erde wie die Gefäße und Adern, die sich zwischen den Gehirnlappen
+schlängeln. Alle strömten, kreisten und zitterten so,
+und ich hatte das Gefühl, daß diese Flüsse aus lebenden
+Seelen im Molekularzustand beständen, und daß die Geschwindigkeit
+dieser Reise allein mich verhinderte ihn zu erkennen.
+Eine bleiche Helligkeit zog allmählich in diese Kanäle
+ein und ich sah endlich einen neuen Horizont sich wie
+eine gewaltige Kuppel erweitern, wo sich Inseln abzeichneten,
+die von leuchtenden Fluten umgeben waren. Ich befand mich
+auf einer von diesem sonnelosen Tag erleuchteten Küste, und
+sah einen Greis, der das Land bestellte. Ich erkannte in ihm
+denselben, der mit der Stimme des Vogels zu mir geredet hatte,
+und sei es, daß er mit mir sprach, sei es, daß ich ihn in meinem
+Innern verstand, es wurde mir klar, daß die Vorfahren die
+Gestalt gewisser Tiere annehmen, um uns auf der Erde zu
+besuchen, und daß sie so als stumme Beobachter den Phasen
+unserer Existenz beiwohnen.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-021"><img src="images/021.jpg" alt="Illustration 021" /></div>
+
+<p>Der Greis verließ seine Arbeit und begleitete mich bis zu
+seinem Haus, das sich in der Nähe erhob. Die Landschaft,
+die uns umgab, erinnerte mich an einen Teil von Französisch-Flandern,
+wo meine Eltern gelebt haben und wo sich ihre
+Gräber befinden; das von Gebüschen umgebene Feld am
+<!-- page 024 -->
+Waldrand, der benachbarte See, der Fluß und der Waschplatz,
+das Dorf mit seiner ansteigenden Straße, der Hügel aus
+dunkelm Sandstein und die Büschel aus Ginster und Heidekraut,
+&mdash; alles das war ein verjüngtes Bild der Orte, die ich
+geliebt habe. Nur das Haus, in das ich trat, war mir unbekannt.
+Ich begriff, daß es in ich weiß nicht welcher Zeit bestanden
+hat und daß in der Welt, die ich eben besuchte, das
+Gespenst der Dinge das des Körpers begleitete.
+</p>
+
+<p>Ich trat in einen geräumigen Saal, wo viele Menschen versammelt
+waren. Überall entdeckte ich bekannte Gesichter.
+Die Züge der toten Verwandten, die ich beweint hatte, fanden
+sich in anderen wieder, die mir, in altmodischen Kleidern, denselben
+väterlichen Empfang bereiteten. Sie schienen zu einer
+Familientafel vereinigt zu sein. Einer dieser Verwandten kam
+auf mich zu und umarmte mich zärtlich. Er trug ein altertümliches
+Gewand, dessen Farben verblichen schienen, und sein
+lächelndes Antlitz unter den gepuderten Haaren hatte einige
+Ähnlichkeit mit dem meinen. Er schien mir ausgesprochener
+lebendig zu sein als die andern und sozusagen in freiwilligerem
+Rapport mit meinem Geist. &mdash; Es war mein Onkel. Er hieß
+mich neben sich sitzen, und eine Art Verbindung stellte sich
+zwischen uns her; denn ich kann nicht sagen, daß ich seine
+Stimme gehört hätte; nur in dem Maße, als ich meine Gedanken
+auf einen Punkt richtete, wurde mir sogleich seine Bedeutung
+klar, und die Bilder wurden vor meinen Augen so
+bestimmt wie belebte Gemälde.
+</p>
+
+<p>»Es ist also wahr,« sagte ich mit Entzücken, »wir sind unsterblich
+<!-- page 027 -->
+und behalten hier die Bilder der Welt, die wir bewohnt
+haben. Welch ein Glück zu denken, daß alles was
+wir geliebt haben, immer um uns herum bestehen wird!
+Ich war des Lebens recht müde!« .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-025"><img src="images/025.jpg" alt="Illustration 025" /></div>
+
+<p>»Freue dich nicht zu früh,« sagte er, »denn du gehörst
+noch der oberen Welt an, und du hast noch rauhe Prüfungsjahre
+zu bestehen. Der Aufenthalt, der dich entzückt,
+hat selbst seine Schmerzen, Kämpfe und Gefahren! Die Erde,
+die wir bewohnt haben, ist stets der Schauplatz, wo sich unsere
+Geschicke knüpfen und lösen; wir sind die Strahlen des zentralen
+Feuers, das sie belebt und das sich schon abgeschwächt
+hat« .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. &mdash; »Ach was!« sagte ich, »die Erde könnte sterben
+und wir würden von dem Nichts verschlungen?« &mdash; »Das
+Nichts«, sagte er, »besteht nicht in dem Sinn wie man es meint;
+aber die Erde ist selbst ein materieller Körper, dessen geistiger
+Extrakt die Seele ist. Die Materie kann nicht mehr zugrund
+gehen als der Geist, aber sie kann sich verändern nach dem
+Guten und nach dem Bösen. Unsre Vergangenheit und unsre
+Zukunft sind eins. Wir leben in unsrer Rasse und unsre Rasse
+lebt in uns.«
+</p>
+
+<p>Dieser Gedanke leuchtete mir sogleich ein, und wie wenn
+sich die Mauern des Saales auf unendliche Perspektiven geöffnet
+hätten, schien es mir als sähe ich eine ununterbrochene
+Kette von Männern und Frauen, in denen ich enthalten war
+und die ich selbst waren. Die Trachten aller Völker, die Bilder
+aller Länder erschienen gleichzeitig deutlich, wie wenn sich
+meine Beobachtungsfähigkeiten vervielfacht hätten, ohne sich
+<!-- page 028 -->
+zu verwirren; dies geschah durch ein Wunder des Raums
+gleich dem der Zeit, das ein Jahrhundert voll Taten in eine
+Traumminute zusammenpreßt. Mein Befremden wuchs als
+ich sah, daß diese ungeheure Menge nur aus Personen bestand,
+die sich im Saal befanden und deren Bilder sich vor meinen
+Augen in tausend flüchtigen Erscheinungen getrennt und verbunden
+hatten.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-028"><img src="images/028.jpg" alt="Illustration 028" /></div>
+
+<p>»Wir sind sieben«, sagte ich zu meinem Onkel.
+</p>
+
+<p>»Das ist tatsächlich«, sagte er, »die typische Zahl jeder
+menschlichen Familie und im Falle der Ausdehnung sieben
+mal sieben oder mehr.«
+</p>
+
+<p>Ich kann nicht hoffen, diese Antwort verständlich zu machen,
+die für mich selbst sehr dunkel geblieben ist. Die Metaphysik
+versorgte mich nicht mit Ausdrücken für die Beobachtung,
+die von den Beziehungen dieser Personenzahl zur allgemeinen
+Harmonie herrührte. Man begreift wohl im Vater und der
+Mutter die Analogie der elektrischen Naturkräfte, aber wie
+soll man die individuellen Zentren feststellen, die sie ausströmen,
+wovon sie ausströmen wie eine animische Gesamtfigur, deren
+<!-- page 029 -->
+Zusammensetzung gleichzeitig mannigfaltig und begrenzt
+wäre? Geradesogut könnte man von der Blume Rechenschaft
+fordern für die Zahl ihrer Blütenblätter oder für die
+Einteilung ihrer Krone, .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. von der Erde für die Formen,
+die sie bildet, von der Sonne für die Farben, die sie schafft.
+</p>
+
+<h3 class="no">V.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/029.jpg" alt="A" /></span><span class="hidden">A</span>LLES um mich herum wechselte seine Gestalt.
+Der Geist, mit dem ich mich unterhielt,
+hatte nicht mehr dasselbe Aussehen. Es
+war ein junger Mann, der von nun an
+mehr von mir die Gedanken erhielt,
+als daß er sie mir mitteilte .&nbsp;.&nbsp;.
+War ich zu weit in jene Höhen gestiegen,
+wo einen der Schwindel erfaßt? Ich glaubte zu verstehen,
+daß solche Fragen dunkel oder gefährlich seien selbst
+für die Geister der Welt, die ich damals wahrnahm. Vielleicht
+untersagte mir auch eine höhere Macht die Nachforschungen.
+Ich sah mich in den Straßen einer stark bevölkerten,
+unbekannten Stadt umherirren. Ich bemerkte, daß sie von
+hügeligen Rücken durchzogen und von einem ganz mit Wohnstätten
+bedeckten Berg beherrscht war. Zwischen dem Volk
+dieser Hauptstadt unterschied ich gewisse Menschen, die einer
+besonderen Nation anzugehören schienen; ihre lebhaften, entschlossenen
+Mienen, der energische Ausdruck ihrer Züge veranlaßten
+mich, an die unabhängigen und kriegerischen Gebirgs-
+<!-- page 030 -->
+oder Inselvölker zu denken, die wenig von Fremden
+besucht werden; indessen war es mitten in einer großen Stadt,
+mit einer gemischten und gewöhnlichen Bevölkerung, wo
+sie ihre wilde Eigenart aufrecht zu erhalten wußten. Wer
+waren denn diese Menschen? Mein Führer ließ mich abschüssige
+und lärmvolle Straßen erklimmen, die von den verschiedenartigen
+Geräuschen der Tätigkeit widerhallten. Wir
+stiegen noch lange Reihen von Treppen empor, hinter welchen
+sich die Aussicht erschloß.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-030"><img src="images/030.jpg" alt="Illustration 030" /></div>
+
+<p>Hie und da sah man mit Gitterwerk bekleidete Terrassen,
+kleine, in geebneten Zwischenräumen angelegte Gärtchen,
+Dächer, leicht gebaute Pavillons, die mit launiger Geduld bemalt
+und ausgehauen waren; Fernsichten, die durch lange
+Streifen von kletterndem Grün miteinander verbunden waren,
+verführten das Auge und erfreuten den Geist wie der Anblick
+einer köstlichen Oase einer unbekannten Einsamkeit
+oberhalb der Wirrnis jener von unten kommenden Geräusche,
+die hier nur mehr ein Gemurmel waren. Man hat oft von
+geächteten Völkern gesprochen, die im Schatten der Totenstädte
+und der Grüfte leben. Hier war zweifellos das Gegenteil
+<!-- page 033 -->
+der Fall. Ein glückliches Geschlecht hatte sich diesen Zufluchtsort
+geschaffen, den Vögel, Blumen, reine Luft und Helle
+liebten. »Das sind«, sagte mir mein Führer, »die alten Bewohner
+dieser Berge, die die Stadt beherrschen, in der wir eben
+weilen. Lange haben sie hier gelebt, hatten einfache Sitten,
+liebten sich und waren gerecht und behielten die natürlichen
+Tugenden der ersten Erdentage. Das benachbarte Volk ehrte
+sie und richtete sich nach ihnen.«
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-031"><img src="images/031.jpg" alt="Illustration 031" /></div>
+
+<p>Von dem Punkt, wo ich mich eben befand, stieg ich meinem
+Führer folgend hinunter und gelangte in eine dieser hohen
+Behausungen, deren vereinte Dächer einen so sonderbaren
+Anblick boten. Es schien mir, als ob meine Füße sich in die
+aufeinanderfolgenden Schichten der Gebäude verschiedener
+Zeitalter eingrüben. Diese Gespenster der Bauten deckten
+immer wieder andere auf, wo sich der eigentümliche Geschmack
+jedes Jahrhunderts zeigte und das war wie der Anblick
+von Nachgrabungen, die man in den antiken Städten vornimmt,
+außer daß alles luftig, lebendig und von tausend Lichtern
+durchspielt war.
+</p>
+
+<p>Endlich befand ich mich in einem geräumigen Zimmer, wo
+ich einen Greis vor einem Tisch mit ich weiß nicht was für
+einem Handwerk beschäftigt sah. Im Augenblick, als ich die
+Tür durchschritt, bedrohte mich ein weißgekleideter Mann,
+dessen Gesicht ich schlecht unterschied, mit einer Waffe, die er
+in der Hand hielt; aber der, welcher mich geleitete, machte ihm
+ein Zeichen sich zu entfernen. Es schien, als wolle man mich
+verhindern, das Geheimnis dieser Abgeschiedenheit zu durchdringen.
+<!-- page 034 -->
+Ohne meinen Führer zu fragen, begriff ich intuitiv,
+daß diese Höhen und gleichzeitig diese Tiefen der Zufluchtsort
+der primitiven Bergbewohner waren. Sie trotzten stets der
+überschwemmenden Flut der Rassenanhäufung und lebten
+hier einfach von Sitten, liebend und gerecht, geschickt, stark und
+erfinderisch, &mdash; und als friedfertige Besieger der blinden Massen,
+die so oft ihr Erbteil überfallen hatten.
+</p>
+
+<p>Wie? weder verderbt, noch vernichtet, noch Sklaven, rein,
+obwohl sie die Unwissenheit besiegt haben, im Wohlstand von
+den Tugenden der Armut erfüllt! &mdash; Ein Kind ergötzte sich am
+Boden mit Kristallen, Muscheln und gravierten Steinen und
+machte zweifellos aus dem Studium ein Spiel. Eine bejahrte
+aber noch schöne Frau beschäftigte sich mit den Sorgen des
+Haushalts. In diesem Augenblick traten mehrere junge Leute
+lärmend ein, als ob sie von ihren Arbeiten heimkehrten. Ich
+war erstaunt, sie alle in Weiß gekleidet zu sehen; aber das war,
+wie es scheint, nur eine Täuschung meiner Augen. Um mir
+das klar zu machen, begann mein Führer ihre Kleidung als
+lebhaft farbig zu beschreiben, wobei er mir zu verstehen gab,
+daß sie in Wirklichkeit so wäre. Das Weiß, das mich befremdete,
+kam vielleicht von einem besonderen Glanz, von einem
+Lichterspiel, wobei sich die gewöhnlichen Farben des Prismas
+vermischten.
+</p>
+
+<p>Ich ging aus dem Zimmer und befand mich auf einer in einen
+Ziergarten verwandelten Terrasse. Hier gingen junge Mädchen
+und Kinder spazieren und spielten. Ihre Kleider erschienen
+mir weiß wie die andern, aber sie waren mit rosa Stickereien
+<!-- page 035 -->
+verziert. Diese Geschöpfe waren so schön, ihre Züge so lieblich
+und der Glanz ihrer Seele leuchtete so lebhaft durch ihre
+zarten Formen, daß sie alle eine Art Liebe ohne Bevorzugung
+und ohne Begierde einflößten, die den ganzen Taumel der
+grenzenlosen Jugendleidenschaften zusammenfaßte.
+</p>
+
+<p>Ich kann das Gefühl nicht wiedergeben, das ich inmitten
+dieser entzückenden Wesen empfand, die mir teuer waren,
+ohne daß ich sie kannte. Es war wie eine primitive und himmlische
+Familie, deren lächelnde Augen die meinen mit sanfter
+Teilnahme suchten; ich fing an heiße Tränen zu weinen, wie
+in Erinnerung an ein verlorenes Paradies. Da fühlte ich bitter,
+daß ich nur Reisender in dieser zugleich fremden und geliebten
+Welt war, und ich zitterte bei dem Gedanken, daß ich ins
+Leben zurückkehren müsse. Umsonst drängten sich die Frauen
+und Kinder um mich wie um mich zurückzuhalten. Schon
+verschmolzen ihre hinreißenden Formen in wirren Nebeln;
+diese schönen Gesichter erbleichten, diese bestimmten Züge,
+diese schimmernden Augen verloren sich in einem Schatten, wo
+noch der letzte Strahl des Lächelns leuchtete .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>So war diese Vision oder so waren wenigstens die Haupteinzelheiten,
+die ich in Erinnerung behalten habe. Der kataleptische
+Zustand, in dem ich mich mehrere Tage lang befunden
+hatte, wurde mir wissenschaftlich erklärt und die Berichte derer,
+die mich so gesehen hatten, versetzten mich in eine Art Gereiztheit
+als ich sah, daß man der Geistesverirrung die Bewegungen
+und Worte zuschrieb, die für mich mit den verschiedenen
+Phasen einer logischen Kette von Ereignissen zusammenfielen.
+<!-- page 036 -->
+Ich liebte mehr die meiner Freunde, die aus geduldiger Gefälligkeit
+oder in Folge ähnlicher Gedanken mich zu langen
+Erzählungen der Dinge veranlaßten, die ich im Geist gesehen
+hatte. Einer von ihnen sagte weinend zu mir: »Nicht wahr,
+es gibt einen Gott?« &mdash; »Ja«, sagte ich voll Begeisterung zu
+ihm. Und wir umarmten uns wie zwei Brüder dieses mystischen
+Vaterlandes, das ich geschaut hatte. &mdash; Welches Glück
+fand ich zuerst in dieser Überzeugung! So war der ewige
+Zweifel an der Unsterblichkeit der Seele, der die besten Geister
+angreift, für mich entschieden. Kein Tod mehr, keine Traurigkeit,
+keine Unruhe! Die, welche ich liebte, Eltern, Freunde
+gaben mir sichere Zeichen ihres ewigen Lebens, und ich war
+von ihnen nur noch durch die Stunden des Tages getrennt.
+Die der Nacht erwartete ich in einer sanften Schwermut.
+</p>
+
+<h3 class="no">VI.</h3>
+
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/036.jpg" alt="E" /></span><span class="hidden">E</span>IN Traum, den ich außerdem hatte, bestärkte
+mich in diesem Gedanken. Ich befand mich
+plötzlich in einem Saal, der zu der Wohnung
+meines Ahnen gehörte. Der Raum schien
+sich nur vergrößert zu haben. Die alten
+Möbel strahlten in wunderbarem Glanz, die Teppiche und
+die Vorhänge waren wie neu hergestellt, ein Tageslicht,
+dreimal leuchtender als der natürliche Tag, drang durch
+Fenster und Tür und in der Luft lag eine Frische und ein
+Duft wie an einem ersten lauen Frühlingsmorgen. Drei
+<!-- page 037 -->
+Frauen arbeiteten in diesem Zimmer und stellten ohne ihnen
+genau zu gleichen Verwandte und Freundinnen meiner Jugend
+vor. Es schien mir, als wenn jede von ihnen die Züge von
+mehreren dieser Personen in sich vereinte. Die Umrisse ihrer
+Gestalten wechselten wie die Flamme einer Lampe und
+jeden Augenblick ging etwas von der einen in die andere über;
+das Lächeln, die Stimme, die Farbe der Augen, des Haars,
+die Gestalt, die vertrauten Bewegungen vertauschten sich wie
+wenn sie dasselbe Leben gelebt hätten, und jede war so eine
+Zusammensetzung von allen, gleich jenen Typen, die die Maler
+nach mehreren Modellen bilden, um eine vollendete Schönheit
+darzustellen.
+</p>
+
+<p>Die älteste sprach zu mir mit zitternder, melodischer Stimme,
+die mir aus meiner Jugend bekannt vorkam, und ich weiß
+nicht, was sie zu mir sagte, was mich durch seine tiefe Richtigkeit
+verblüffte. Aber sie lenkte meine Gedanken auf mich
+selbst, und ich sah mich in einen kleinen, braunen Anzug von
+altertümlichem Schnitt gekleidet, der ganz mit der Nadel gewirkt
+war und dessen Fäden so fein waren wie Spinneweben.
+Er war gefällig, zierlich und mit süßen Düften getränkt. Ich
+fühlte mich ganz verjüngt und ganz geputzt in diesem Kleidungsstück,
+das aus ihren Feenhänden hervorging und ich
+dankte ihnen errötend, wie wenn ich noch ein kleines Kind
+gewesen wäre, das vor großen, schönen Damen steht. Da
+stand eine von ihnen auf und wand sich nach dem Garten.
+</p>
+
+<p>Jeder weiß, daß man in Träumen nie die Sonne sieht, obwohl
+man oft die Überzeugung einer viel intensiveren Helligkeit
+<!-- page 038 -->
+hat. Die Gegenstände und die Körper leuchten aus sich
+selbst. Ich sah mich in einem kleinen Park, wo sich die Spaliere zu
+Bogenlauben formten, die mit schweren schwarzen und weißen
+Weintrauben behängt waren; in dem Maße, als die Dame,
+welche mich führte, unter diesem Laubengang vorwärts ging,
+veränderte der Schatten der gekreuzten Gitter für meine Augen
+seine Formen und seine Umhüllung. Sie kam endlich
+darunter hervor und wir befanden uns in einem offenen Raum.
+Darin bemerkte man kaum noch die Spur alter Wandelgänge,
+die ihn früher kreuzweise durchschnitten hatten. Die
+Pflege war seit langen Jahren vernachlässigt und verstreute Setzlinge
+von Klematis, Hopfen, Geißblatt, Jasmin, Efeu und
+Osterluzei verbreiteten zwischen den kräftig gewachsenen
+Bäumen ihre langen lianenartigen Schlingen. Zweige neigten
+sich mit Früchten beladen bis zur Erde und zwischen schmarotzerhaft
+wuchernden Grasbündeln waren einige Gartenblumen
+aufgeblüht, die in den Zustand der Verwilderung zurückgefallen
+waren. Hie und da erhoben sich dichte Gruppen
+von Pappeln, Akazien und Fichten, aus deren Innern man
+altersgeschwärzte Statuen hervorschauen sah. Ich bemerkte
+vor mir eine Anhäufung von Felsen, die mit Efeu bewachsen
+waren, aus denen ein lebhafter Quell entsprang, dessen harmonisches
+Geplätscher in einem Bassin von stehendem Wasser
+widerhallte, das mit breiten Seerosenblättern halb verschleiert
+war.
+</p>
+
+<p>Die Dame, der ich folgte, enthüllte ihre schlanke Gestalt
+mit einer Bewegung, welche die Falten ihres schillernden Taftkleides
+<!-- page 041 -->
+schimmern ließ, und umfaßte graziös mit ihrem nackten
+Arm den langen Stengel einer Stockrose; dann fing sie unter
+einem klaren Lichtschein zu wachsen an, so daß nach und
+nach der Garten ihre Gestalt annahm, und die Blumenbeete
+und Bäume, die Rosetten und Girlanden ihre Kleider wurden,
+während ihre Gestalt und ihre Arme ihre Umrisse den
+purpurnen Himmelswolken ausprägten. So verlor ich sie in
+dem Maß, wie sie sich verwandelte, aus den Augen, denn
+sie schien sich in ihrer eigenen Größe zu verflüchtigen. »O,
+fliehe nicht,« rief ich aus, »denn die Natur stirbt mit dir!«
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-039"><img src="images/039.jpg" alt="Illustration 039" /></div>
+
+<p>Als ich diese Worte sprach, schritt ich mühselig zwischen den
+Dornen, wie um den vergrößerten Schatten, der mir entschlüpft
+war, zu ergreifen; aber ich stieß an eine beschädigte
+Mauerecke, an deren Fuß die Büste einer Frau lag; als ich
+sie aufhob, hatte ich die Überzeugung, daß es die ihre sei .&nbsp;.&nbsp;.
+Ich erkannte die geliebten Züge wieder und als ich die Augen
+herumschweifen ließ, merkte ich, daß der Garten jetzt wie ein
+Friedhof aussah. Stimmen sagten: »Das Weltall ist in der
+Nacht!«
+</p>
+
+<h3 class="no">VII.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/041.jpg" alt="N" /></span><span class="hidden">N</span>ACH diesem Traum, der anfangs so glücklich
+war, bemächtigte sich meiner eine große Bestürzung.
+Was bedeutete er? Ich wußte es erst später,
+Aurelia war tot.
+</p>
+
+<p>Zuerst bekam ich nur die Nachricht von ihrer
+Krankheit. Als Folge meines Geisteszustands empfand ich
+<!-- page 042 -->
+nur einen unbestimmten, mit Hoffnung gemischten Kummer.
+Ich glaubte, daß ich selbst nur noch kurze Zeit zu leben hätte und
+war von nun an des Vorhandenseins einer Welt sicher, wo die
+liebenden Herzen sich wiederfinden. Übrigens gehörte sie mir im
+Tode viel mehr als im Leben .&nbsp;.&nbsp;. ein selbstsüchtiger Gedanke,
+den mein Verstand später mit bitterer Reue bezahlen mußte.
+</p>
+
+<p>Ich möchte nicht zu sehr auf Ahnungen bauen; der Zufall
+macht sonderbare Sachen; aber ich war damals stark von einer
+Erinnerung an unsre so rasche Vereinigung beschäftigt. Ich
+hatte ihr einen Ring von alter Arbeit gegeben, dessen Stein
+ein herzförmig geschnittener Opal bildete. Da dieser Ring für
+ihren Finger zu groß war, hatte ich die verhängnisvolle Idee
+gehabt, ihn durchschneiden zu lassen, um den Reif zu verkleinern.
+Ich verstand meinen Fehler erst, als ich das Geräusch
+der Säge hörte. Es schien mir, als sähe ich Blut fließen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Sorgfalt und Kunst hatten mir die Gesundheit wiedergegeben,
+ohne noch in meinen Geist den regelmäßigen Gang
+der menschlichen Vernunft zurückgeführt zu haben. Das
+Haus, in dem ich mich befand, lag auf einer Anhöhe und hatte
+einen weitläufigen mit kostbaren Bäumen bepflanzten Garten.
+Die reine Luft des Hügels, auf dem es lag, der erste Hauch
+des Frühlings, die Annehmlichkeit einer durchaus sympathischen
+Gesellschaft verschafften mir lange Tage der Ruhe.
+</p>
+
+<p>Die ersten Blätter der Sykomoren entzückten mich durch
+die Lebhaftigkeit ihrer Farben, die dem Federbusch eines
+Pharaohahns glichen. Die Aussicht, die sich über die Ebene
+erstreckte, zeigte vom Morgen bis zum Abend entzückende
+<!-- page 045 -->
+Horizonte, deren abgestufte Farbentöne meine Einbildungskraft
+erfreuten. Ich bevölkerte die Abhänge und die Wolken
+mit göttlichen Gestalten, deren Umrisse ich deutlich zu sehen
+meinte. &mdash; Ich wollte meine Lieblingsgedanken besser festhalten
+und bedeckte bald mit Hilfe von Kohle- und Ziegelstückchen,
+die ich auflas, die Mauern mit einer Serie von Fresken,
+wo sich meine Eindrücke verwirklichten. Eine Gestalt
+herrschte immer vor: die Aurelias, die mit den Zügen einer
+Göttlichkeit gemalt war, so wie sie mir im Traum erschienen
+war. Unter ihren Füßen drehte sich ein Rad und die Götter
+bildeten ihren Zug. Es gelang mir, diese Gruppe zu kolorieren,
+indem ich den Saft der Gräser und Blumen auspreßte. &mdash;
+Wie oft habe ich vor diesem geliebten Idol geträumt. Ich tat
+noch mehr; ich versuchte den Körper derer, die ich liebte, aus
+Erde nachzubilden; jeden Morgen mußte ich meine Arbeit
+wieder machen, denn die Verrückten, die eifersüchtig auf mein
+Glück waren, gefielen sich darin, sein Bild zu zerstören.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-043"><img src="images/043.jpg" alt="Illustration 043" /></div>
+
+<p>Man gab mir Papier und lange Zeit hindurch befleißigte
+ich mich durch tausend Figuren, die von Erzählungen, von
+Versen und Inschriften in allen bekannten Sprachen begleitet
+waren, eine Art Weltgeschichte darzustellen, die mit Erinnerungen
+an Studien und mit Bruchstücken von Träumen
+vermischt war, die durch meinen Geisteszustand intensiver
+oder verlängert erschienen. Ich blieb nicht bei den modernen
+Überlieferungen der Schöpfung stehen. Mein Gedanke stieg
+darüber hinaus. Ich sah wie in einer Erinnerung den ersten
+Bund, der von Genien mit Hilfe von Talismanen geschlossen
+<!-- page 046 -->
+wurde. Ich hatte versucht, die Steine der heiligen Tafelrunde
+zusammenzustellen, und um sie herum die sieben ersten Elohim
+darzustellen, die sich in die Welt geteilt haben.
+</p>
+
+<p>Dieses System der Geschichte, die ich den orientalischen
+Überlieferungen entnahm, fing mit der glücklichen Einigung
+der »Naturmächte« an, die das Weltall gestalteten und organisierten.
+&mdash; Während der Nacht, die meiner Arbeit voranging,
+glaubte ich mich auf einen dunkeln Planeten versetzt,
+wo die ersten Keime der Schöpfung umherschwirrten. Aus
+dem Schoß des noch weichen Tons erhoben sich riesenhafte
+Palmbäume, giftige Euphorbien und um Kakteen gewundene
+Akanthusstauden; die ausgetrockneten Formen der Felsen
+stürzten hervor wie Skelette dieses Schöpfungsentwurfs und
+scheußliche Reptilien schlängelten sich, machten sich breit oder
+rundeten sich mitten in diesem unentwirrbaren Netz einer
+wilden Vegetation. Das bleiche Sternenlicht erhellte allein
+die bläulichen Perspektiven dieses seltsamen Horizonts; in
+dem Maß jedoch, als diese Schöpfungen Form gewannen,
+zog ein hellerer Stern aus ihnen die Keime des Lichts.
+</p>
+
+<h3 class="no">VIII.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/046.jpg" alt="D" /></span><span class="hidden">D</span>ANN veränderten die Ungeheuer ihre
+Gestalt, streiften ihre erste Haut ab
+und richteten sich mit ihren riesenhaften
+Tatzen mächtiger auf; die
+ungeheure Masse ihrer Körper zerbrach
+<!-- page 049 -->
+die Zweige und zerstörte das Gras und in der Unordnung
+der Natur lieferten sie Schlachten, an denen ich selbst
+teilnahm, denn ich hatte einen ebenso sonderbaren Körper
+wie sie selbst. Plötzlich tönte eine seltsame Harmonie in unsere
+Einsamkeit und es schien als ob das verwirrte Schreien,
+Heulen und Pfeifen der primitiven Wesen hinfort in diese
+göttliche Weise überginge. Die Variationen folgten einander
+ins Unendliche, der Planet erhellte sich allmählich, göttliche
+Formen zeichneten sich auf dem Grün und in den Tiefen der
+Gebüsche ab, und die nun zahmen Ungeheuer, die ich gesehen
+hatte, warfen ihre sonderbaren Formen von sich und
+wurden Männer und Frauen; andere bekleideten sich in
+ihren Verwandlungen wieder mit den Gestalten von wilden
+Tieren, Fischen und Vögeln.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-047"><img src="images/047.jpg" alt="Illustration 047" /></div>
+
+<p>Wer hatte wohl dieses Wunder vollbracht? Eine strahlende
+Göttin führte in diese neuen »Avatars« die rasche Entwicklung
+der Menschheit. Es wurde jetzt eine Unterscheidung
+der Rassen eingeführt, die von der Ordnung der Vögel ausging
+und auch die Vierfüßler, die Fische und die Reptilien mitinbegriff:
+das waren die Devas, die Peris, die Undinen und
+die Salamander; jedesmal wenn eines dieser Wesen starb
+erstand es sogleich wieder unter schönerer Form und sang den
+Ruhm der Götter. &mdash; Indessen hatte einer der Elohim den Gedanken,
+ein fünftes Geschlecht zu gründen, das sich aus den
+Elementen der Erde zusammensetzen sollte, das man Afriten
+nannte. &mdash; Das war das Zeichen zu einer vollständigen Umwälzung
+unter den Geistern, die die neuen Weltbesitzer nicht
+<!-- page 050 -->
+anerkennen wollten. Ich weiß nicht, wieviel tausend Jahre
+diese Kämpfe dauerten, die den Erdball mit Blut überschwemmten.
+Drei der Elohim wurden schließlich mit den
+Geistern ihrer Geschlechter nach dem Süden der Erde verbannt,
+wo sie ungeheure Reiche gründeten. Sie hatten die Geheimnisse
+der göttlichen Kabbala, die die Welten verbindet, mit
+sich genommen und nahmen ihre Kraft aus der Anbetung gewisser
+Gestirne, mit denen sie stets in Verbindung stehen. Diese
+Nekromanten, die an die äußersten Grenzen der Erde verbannt
+wurden, hatten sich verständigt, um einander die Macht
+zu übertragen. Jeder ihrer Herrscher war von Frauen und
+Sklaven umgeben und hatte sich der Macht versichert, unter
+der Gestalt seiner Kinder wiedergeboren zu werden. Ihr Leben
+währte tausend Jahre. Mächtige Kabbalisten schlossen
+sie beim Herannahen ihres Todes in wohlbewachte Grabstätten
+ein, wo sie mit Elixieren und lebenerhaltenden Stoffen
+ernährt wurden. Lange noch behielten sie den Anschein des
+Lebens, dann schliefen sie vierzig Tage wie die Schmetterlingspuppe,
+die ihren Kokon spinnt, und dann erstanden sie
+wieder unter der Gestalt eines kleinen Kindes, das später
+in das Reich berufen wurde. Indessen erschöpften sich die
+lebenspendenden Kräfte der Erde beim Ernähren dieser Familien,
+deren immer gleiches Blut neue Nachkommen gebar.
+In weiten unterirdischen Gewölben, die unter Totengrüften
+und Pyramiden ausgehöhlt waren, hatten sie alle Schätze
+der vergangenen Geschlechter aufgehäuft und gewisse Talismane,
+die sie gegen den Zorn der Götter schützten, versteckt.
+</p>
+<!-- page 053 -->
+
+<p>Im Innern Afrikas, jenseits des Mondgebirges und des
+alten Äthiopien fanden diese seltsamen Mysterien statt. Lange
+hatte ich mit einem Teil des Menschengeschlechts in der Gefangenschaft
+geseufzt. Die Gesträuche, die ich so grün gesehen,
+trugen nur mehr bleiche Blüten und welke Blätter. Eine unerbittliche
+Sonne fraß diese Gegenden, und die schwächlichen
+Kinder dieser ewigen Dynastien schienen von der Bürde des
+Lebens niedergedrückt zu sein. Diese erhabene und einförmige
+Größe, die durch die Etikette und hieratische Gebräuche
+geregelt war, drückte alle, ohne daß jemand gewagt
+hätte, sich ihr zu entziehen. Die Greise schmachteten unter
+dem Gewicht ihrer Kronen und ihrer kaiserlichen Schmuckstücke
+zwischen Ärzten und Priestern, deren Willen ihnen
+die Unsterblichkeit sicherte. Was das Volk betrifft, das für
+immer in Kasten eingezwängt war, so konnte es weder auf
+das Leben noch auf die Freiheit zählen. Am Fuße der vom
+Tod getroffenen, unfruchtbaren Bäume, an den versiegten
+Quellen, sah man auf dem verbrannten Gras Kinder und
+junge, entnervte und farblose Frauen dahinsiechen. Die Pracht
+der königlichen Gemächer, die Majestät der Säulenhallen,
+<!-- page 054 -->
+der Glanz der Kleider und des Schmucks waren nur ein
+schwacher Trost für die ewige Langweile dieser Einsamkeit.
+Bald wurden die Völker durch Krankheiten dezimiert, die
+Tiere und Pflanzen starben, und die Unsterblichen selbst verfielen
+unter ihren prächtigen Gewändern. Eine Geißel, die
+größer war als alle andern, kam plötzlich und verjüngte und
+rettete die Welt. Das Sternbild des Orion eröffnete am Himmel
+die Katarakte der Gewässer; die Erde, die vom Eise
+des entgegengesetzten Pols zu stark belastet war, machte eine
+halbe Drehung um sich selbst, und die Meere, die die Gestade
+überstiegen, überfluteten die Hochebenen Afrikas und Asiens;
+die Überschwemmung durchdrang den Sand, erfüllte die Gräber
+und die Pyramiden und vierzig Tage lang schwamm eine
+geheimnisvolle Arche auf den Meeren und trug die Hoffnung
+einer neuen Schöpfung.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-051"><img src="images/051.jpg" alt="Illustration 051" /></div>
+
+<div class="centerpic" id="img-053"><img src="images/053.jpg" alt="Illustration 053" /></div>
+
+<p>Drei der Elohim hatten sich auf den höchsten Gipfel der
+afrikanischen Berge geflüchtet. Unter ihnen wurde ein Kampf
+ausgefochten. Hier verwirrt sich mein Gedächtnis und ich
+<!-- page 057 -->
+weiß nicht, was das Ergebnis dieses erhabenen Streites war.
+Nur sehe ich noch aufrecht auf einem von Wasser umspülten
+Gipfel ein von ihnen verlassenes Weib, das mit aufgelöstem
+Haar schreit und sich gegen den Tod wehrt. Ihre Klagerufe
+übertönten den Lärm der Wasser .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Wurde sie gerettet?
+Ich weiß es nicht. Die Götter, ihre Brüder, hatten sie verdammt,
+aber über ihrem Haupt glänzte der Abendstern, der
+seine Flammenstrahlen über ihre Stirn ergoß.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-054"><img src="images/054.jpg" alt="Illustration 054" /></div>
+
+<div class="centerpic" id="img-055"><img src="images/055.jpg" alt="Illustration 055" /></div>
+
+<div class="centerpic" id="img-057"><img src="images/057.jpg" alt="Illustration 057" /></div>
+
+<p>Die unterbrochene Hymne der Erde und der Himmel hallte
+harmonisch wieder, um die Eintracht der neuen Geschlechter
+zu weihen. Und während die Söhne Noahs mühsam unter
+den Strahlen einer neuen Sonne arbeiteten, bewachten die
+in ihren unterirdischen Gewölben kauernden Nekromanten
+<!-- page 058 -->
+immer noch ihre Schätze und gefielen sich in dem Schweigen
+der Nacht. Hie und da kamen sie schüchtern aus ihren
+Zufluchtsstätten und erschreckten die Lebenden oder verbreiteten
+unter den Bösen die verderblichen Lehren ihres Wissens.
+</p>
+
+<p>Das sind die Erinnerungen, die ich in einer Art unklarer
+Intuition der Vergangenheit schilderte: ich schauderte, indem
+ich die scheußlichen Züge dieser verfluchten Geschlechter darstellte.
+Überall starb, weinte oder seufzte das Leidensbild der
+»Ewigen Mutter«. Quer durch die wirren Zivilisationen
+Asiens und Afrikas sah man eine blutige Szene von Orgien
+und Gemetzel sich stets wiederholen, die von denselben Geistern
+in immer neuen Formen hervorgebracht wurden.
+</p>
+
+<p>Die letzte fand in Granada statt, wo der geheiligte Talisman
+unter den feindlichen Körpern der Christen und der Mauren
+zertrümmert wurde. Wieviel Jahre wird die Welt noch zu
+leiden haben, denn die Rache dieser ewigen Feinde muß sich
+unter andern Himmeln erneuern! Das sind die abgeteilten
+Stücke der Schlange, die den Erdkreis umgibt .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Das Eisen
+hat sie getrennt und sie vereinigen sich in einem scheußlichen,
+mit Menschenblut verklebten Kuß. &mdash;
+</p>
+
+<h3 class="no">IX.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/058.jpg" alt="S" /></span><span class="hidden">S</span>O waren die Bilder, die sich der Reihe nach
+vor meinen Augen zeigten. Nach und nach
+war wieder Ruhe über meinen Geist
+gekommen und ich verließ diese Wohnstätte,
+<!-- page 061 -->
+die für mich ein Paradies war; verhängnisvolle Umstände
+bereiteten lange nachher einen Rückfall vor, der an die
+unterbrochene Reihenfolge dieser seltsamen Träume wieder
+anknüpfte. &mdash;
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-059"><img src="images/059.jpg" alt="Illustration 059" /></div>
+
+<p>Ich ging auf dem Land spazieren mit einer Arbeit beschäftigt,
+die sich auf religiöse Gedanken bezog. Als ich an einem
+Haus vorüberging, hörte ich einen Vogel, der einige Worte
+nachsprach, die man ihn gelehrt hatte, aber sein verwirrtes
+Geschwätz schien mir einen Sinn zu haben; er erinnerte mich
+an den Vogel der Vision, die ich weiter oben erzählt habe,
+und ich fühlte einen Schauder von übler Vorbedeutung. Einige
+Schritte weiter begegnete ich einem Freund, den ich lange nicht
+gesehen hatte, und der in einem Nachbarhause wohnte. Er
+wollte mich sein Besitztum sehen lassen und bei diesem Besuch
+führte er mich auf eine erhöhte Terrasse, von wo aus sich ein
+weiter Ausblick eröffnete. Es war bei Sonnenuntergang. Als
+ich eine ländliche Treppe hinunterstieg, machte ich einen Fehltritt
+und stieß mit der Brust an die Kante eines Möbels. Ich
+hatte Kraft genug aufzustehen und bis in die Mitte des Gartens
+zu stürzen; ich glaubte ich sei zu Tode getroffen und
+wollte vor dem Sterben einen letzten Blick auf die untergehende
+Sonne werfen. Mitten in dem Bedauern, das ein
+solcher Augenblick mit sich bringt, fühlte ich mich glücklich so
+zu sterben, zu dieser Stunde, inmitten der Bäume, der Traubengeländer
+und der Herbstblumen. Es war indessen nur eine
+Ohnmacht, nach welcher ich noch die Kraft fand meine Wohnung
+zu erreichen und zu Bett zu gehen. Fieber ergriff mich;
+<!-- page 062 -->
+als ich mich besonnen hatte, von welcher Stelle ich gefallen
+war, erinnerte ich mich, daß die Aussicht, die ich bewundert
+hatte, auf einen Friedhof ging und zwar auf denselben, auf
+dem sich das Grab Aurelias befand. Ich dachte wirklich erst
+jetzt daran, sonst könnte ich meinen Fall dem Eindruck zuschreiben,
+den dieser Anblick in mir hätte hervorrufen können.
+Gerade das brachte mich auf den Gedanken an ein bestimmteres
+Verhängnis. Um so mehr bedauerte ich, daß der Tod
+mich nicht mit ihr vereint hatte. Dann, als ich darüber nachdachte,
+sagte ich mir, daß ich dessen nicht würdig sei. Ich stellte
+mir verbittert das Leben vor, das ich seit ihrem Tod geführt
+hatte, und warf mir vor, nicht etwa sie vergessen zu haben,
+was nicht geschehen war, sondern daß ich durch leichte Liebschaften
+ihr Andenken geschändet hatte. Mir kam der Gedanke,
+den Schlaf zu befragen. Aber IHR Bild, das mir oft
+erschienen war, kehrte in meinen Träumen nicht wieder. Ich
+hatte zuerst nur verwirrte, mit blutigen Szenen vermischte
+Träume. Es schien als ob ein ganzes unglückseliges Geschlecht
+inmitten der idealen Welt entfesselt wäre, die ich früher erblickt
+hatte und deren Königin sie war.
+</p>
+
+<p>Derselbe Geist, der mich bedroht hatte, als ich in die Wohnung
+dieser reinen Familie trat, die die Höhen der »geheimnisvollen
+Stadt« bewohnten, &mdash; glitt vor mir her und zwar
+nicht mehr in dem weißen Gewand, das er ehemals so wie
+die andern seiner Rasse trug, sondern gekleidet wie ein orientalischer
+Prinz. Ich stürzte auf ihn zu und bedrohte ihn, aber
+er wand sich ruhig zu mir. Welches Entsetzen! Welche Wut!
+<!-- page 065 -->
+es war MEIN Gesicht, es war meine ganze idealisierte und
+vergrößerte Gestalt .&nbsp;.&nbsp;. Da erinnerte ich mich des Menschen,
+der in derselben Nacht wie ich arretiert worden war und den
+man wie ich dachte unter meinem Namen von der Wache
+fortgeführt hatte, als meine zwei Freunde gekommen waren,
+um mich zu holen. Er trug in der Hand eine Waffe, deren
+Form ich schlecht unterschied, und einer von denen, die ihn
+begleiteten, sagte: »Damit hat er ihn getroffen!«
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-063"><img src="images/063.jpg" alt="Illustration 063" /></div>
+
+<p>Ich weiß nicht, wie ich auseinandersetzen soll, daß in meinen
+Gedanken die irdischen Ereignisse mit denen der übernatürlichen
+Welt zusammenfallen konnten; das ist leichter zu fühlen
+als klar auszudrücken.<a href="#footnote-1" id="fnote-1"><sup>*</sup></a> Aber wer war wohl dieser Geist,
+der ICH war und der auch AUSSER MIR war? War er der
+Doppelgänger der Legenden oder der mystische Bruder, den
+die Orientalen »Ferwer« nennen?
+</p>
+
+<p>War ich nicht überrascht gewesen von der Geschichte jenes
+Ritters, der eine ganze Nacht in einem Wald gegen einen
+Unbekannten kämpfte, der er selbst war? Wie dem auch sei,
+ich glaube, daß die menschliche Einbildungskraft nichts erfunden
+hat, was nicht in dieser oder einer andern Welt wahr
+ist, und ich konnte nicht an dem zweifeln, was ich deutlich
+GESEHEN hatte.
+</p>
+
+<p>Ein schrecklicher Gedanke überkam mich: »der Mensch
+ist doppelt«, sagte ich mir. »Ich fühle zwei Menschen in mir«,
+hat ein Kirchenvater geschrieben. Das Zusammentreffen
+<!-- page 066 -->
+zweier Seelen hat diesen gemischten Keim in einen Körper
+gelegt, der selbst dem Blick zwei ähnliche Teile darbietet, die
+in allen Organen seines Aufbaues wiederkehren. In jedem
+Menschen steckt ein Beobachter und ein Handelnder, der,
+welcher spricht und der, welcher antwortet. Die Orientalen
+haben darin zwei Feinde gesehen: den guten und den bösen
+Geist. »Bin ich der gute, bin ich der böse?« sagte ich mir.
+Auf jeden Fall ist der »ANDERE« mir feindlich .&nbsp;.&nbsp;. Wer weiß,
+ob es nicht Umstände oder irgendein Alter gibt, wo diese
+beiden Geister sich trennen. Beide sind durch eine mütterliche
+Verwandtschaft an denselben Körper gefesselt, vielleicht ist
+einer zu Ruhm und Glück, der andere zu Vernichtung und
+ewigem Leiden bestimmt?« &mdash; Ein verhängnisvoller Blitz
+durchschnitt plötzlich diese Dunkelheit .&nbsp;.&nbsp;. Aurelia gehörte
+mir nicht mehr! .&nbsp;.&nbsp;. Ich glaubte von einer Zeremonie, die
+sich irgendwo anders vollzog, sprechen zu hören und von
+den Zurüstungen zu einer mystischen Hochzeit, welche die
+MEINE war, und wo der ANDERE im Begriff war, den Irrtum
+meiner Freunde und Aurelias selbst zu benutzen. Die teuersten
+Personen, die mich besuchten und trösteten, schienen mir eine
+Beute der Ungewißheit, das heißt, die beiden Teile ihrer Seele
+trennten sich auch in bezug auf mich; die eine war liebevoll
+und vertrauend, die andere wie zu Tod erschrocken über
+mich. In dem, was diese Leute zu mir sagten, lebte ein doppelter
+Sinn, wenn sie sich auch oft davon keine Rechenschaft
+ablegten, da sie ja nicht so »im Geist« waren wie ich. Einen
+Augenblick kam mir dieser Gedanke sogar komisch vor, wenn
+<!-- page 067 -->
+ich an Amphitrion und an Sofias dachte. Wenn aber dieses
+groteske Symbol auch etwas anderes war, &mdash; wenn es wie
+in andern Sagen des Altertums die unglückselige Wahrheit
+unter der Maske der Tollheit war? »Wohlan«, sagte ich mir,
+»kämpfen wir gegen den verhängnisvollen Geist, kämpfen
+wir gegen den Gott selbst mit den Waffen der Überlieferung
+und der Wissenschaft. Was er auch im Schatten der Nacht
+tun mag, ich existiere &mdash; und ich habe um ihn zu besiegen die
+ganze Zeit, die mir zum Leben auf der Erde noch gegeben ist.
+</p>
+
+<p class="footnote" id="footnote-1"><a href="#fnote-1">* Für mich war das eine Anspielung auf den Stoß, den ich beim Fallen erhalten
+habe.
+</a></p>
+
+<h3 class="no">X.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/067.jpg" alt="W" /></span><span class="hidden">W</span>IE soll ich die seltsame Verzweiflung ausmalen,
+in die solche Ideen mich nach
+und nach brachten? Ein böser Geist
+hatte meinen Platz in der Welt der Seelen
+eingenommen, &mdash; für Aurelia war ich
+es selbst, und der trostlose Geist, der meinen
+Körper belebte, und der geschwächt, verkannt und von
+ihr verachtet war, sah sich für immer der Verzweiflung oder
+dem Nichts verfallen. Ich entfaltete meine ganze Willenskraft,
+um das Rätsel, von dem ich einige Schleier gehoben hatte,
+besser zu durchdringen. Der Traum machte sich manchmal
+lustig über meine Anstrengungen und führte mir nur verzerrte
+und flüchtige Gestalten zu. Ich kann hier nur eine ziemlich
+bizarre Idee wiedergeben von dem, was sich aus dieser Anspannung
+des Geistes ergab. Ich fühlte mich gleiten wie auf
+<!-- page 068 -->
+einem ausgespannten Faden, dessen Länge unendlich war.
+Die Erde, die von farbigen Adern geschmolzenen Metalls
+durchzogen war, wie ich es schon gesehen hatte, erhellte sich
+nach und nach durch das Aufglühen des zentralen Feuers,
+dessen Weiße mit den kirschroten Tönen verschmolz, die die
+Seiten des innern Kreises färbten. Ich wunderte mich, zeitweilig
+großen Wasserpfützen zu begegnen, die wie Wolken in der
+Luft hingen und die dennoch eine solche Dichtigkeit aufwiesen,
+daß man Flocken davon loslösen konnte; aber es ist klar, daß es
+sich da um eine von dem irdischen Wasser verschiedene Flüssigkeit
+handelte, die ohne Zweifel die Verdunstung dessen war,
+was für die Welt der Geister das Meer und die Flüsse darstellte.
+</p>
+
+<p>Mein Auge entdeckte eine weite, bergige Küste; sie war
+ganz mit einer Art grünlichen Schilfrohres bedeckt, das an der
+Spitze gelblich war, wie wenn der Brand der Sonne es teilweise
+ausgetrocknet hätte; aber ich habe nicht mehr von der Sonne
+gesehen als die andern Male. &mdash; Ein Schloß beherrschte den
+Abhang, den ich zu erklimmen begann. Auf der andern Abdachung
+sah ich eine ungeheure Stadt sich ausbreiten. Während ich
+das Gebirg überschritten hatte, war die Nacht gekommen und
+ich beobachtete die Lichter der Behausungen und der Straßen.
+Als ich hinunterstieg, befand ich mich auf einem Markt, wo
+man Früchte und Gemüse verkaufte, ähnlich denen im Süden.
+</p>
+
+<p>Ich stieg auf einer dunkeln Treppe hinunter und befand
+mich in den Straßen. Man verkündete durch Zettelanschlag
+die Eröffnung eines Kasinos und die Einzelheiten seiner Einteilung
+wurden in Artikeln beschrieben. Die typographische
+<!-- page 069 -->
+Umrahmung war aus Blumenkränzen gebildet, die so gut
+dargestellt und gefärbt waren, daß sie natürlich zu sein schienen.
+&mdash; Ein Teil des Gebäudes war noch im Entstehen. Ich
+trat in eine Werkstatt, wo ich Arbeiter sah, die aus Ton ein
+ungeheures Tier in der Gestalt eines Lamas modellierten, das
+aber offenbar mit großen Flügeln versehen werden sollte.
+Dieses Ungetüm war wie durchzogen von einem Feuerstrahl,
+der es allmählich belebte, so daß es sich wand; es war von
+tausend purpurnen Fasern durchzogen. Diese bildeten Venen
+und Arterien und befruchteten sozusagen die träge Materie,
+die sich mit einer augenblicklichen Vegetation von faserigen
+Anhängseln, Flügelchen und wolligen Büscheln bedeckte. Ich
+blieb stehen, um dieses Meisterwerk zu betrachten, wo man
+der göttlichen Schöpfung ihre Geheimnisse abgesehen zu haben
+schien. »Das kommt daher, daß wir hier das Urfeuer haben,
+das die ersten Wesen belebte«, &mdash; sagte man mir. &mdash; »Ehemals
+ist es bis zur Erdoberfläche gedrungen, aber die Quellen sind
+versiegt.« Ich sah auch die Goldschmiedearbeiten, bei denen
+man zwei auf der Erde unbekannte Metalle benutzte: ein
+rotes, das dem Zinnober zu entsprechen schien und ein anderes
+azurblaues. Die Ornamente waren weder getrieben noch
+ziseliert, aber sie formten, färbten und erschlossen sich wie metallische
+Pflanzen, die man aus gewissen chemischen Mischungen
+entstehen läßt. »Könnte man nicht auch Menschen schaffen?«
+sagte ich zu einem der Arbeiter, aber er versetzte: »Die Menschen
+kommen aus der Höhe und nicht aus der Tiefe. Können
+wir uns selbst schaffen? Hier formt man nur mit Hilfe der
+<!-- page 070 -->
+allmählichen Fortschritte unsrer Fähigkeit eine Materie, die
+feiner ist als die, aus welcher die Erdrinde besteht. Diese
+Blumen, die euch natürlich vorkommen, dieses Tier, das
+scheinbar leben wird, werden nur Produkte unsrer bis zum
+höchsten Punkt unsrer Kenntnisse entwickelten Kunst sein und
+jeder wird sie so beurteilen.«
+</p>
+
+<p>Dies sind ungefähr die Worte, die mir entweder gesagt
+wurden oder deren Bedeutung ich zu erfassen glaubte. Ich begann
+die Säle des Kasinos zu durcheilen, und ich sah eine große
+Menge, in welcher ich einige mir bekannte Personen unterschied:
+die einen lebten, die andern waren zu verschiedenen
+Zeiten gestorben. Die ersten schienen mich nicht zu sehen,
+während die andern mir antworteten, ohne mich anscheinend
+zu erkennen. Ich war im größten Saal angekommen, der ganz
+mit mohnrotem Samt bespannt war, in den goldene Bänder
+eingewebt waren, die reiche Muster bildeten. In der Mitte befand
+sich ein Ruhebett in der Form eines Throns. Einige
+Vorübergehende setzten sich nieder um seine Elastizität zu
+prüfen; aber da die Vorbereitungen noch nicht beendet waren,
+wandten sie sich andern Sälen zu. Man sprach von einer Hochzeit
+und von dem Gatten, der, wie man sagte, kommen müsse
+um den Augenblick des Festes zu verkünden. Sogleich bemächtigte
+sich meiner eine unsinnige Wahnvorstellung. Ich
+bildete mir ein, daß der, welchen man erwartete, mein Doppelgänger
+sei, der Aurelia heiraten müsse und ich machte einen
+Lärm, der die Versammlung zu verblüffen schien. Ich fing mit
+Heftigkeit zu sprechen an, schilderte meinen Kummer und rief
+<!-- page 073 -->
+die Hilfe derer an, die mich kannten. Ein Greis sagte zu mir:
+»Aber so führt man sich nicht auf, Sie erschrecken ja jedermann!«
+Da rief ich aus: »Ich weiß wohl, daß er mich schon
+mit seinen Waffen getroffen hat, aber ich erwarte ihn furchtlos
+und ich kenne das Zeichen, das ihn besiegen muß.«
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-071"><img src="images/071.jpg" alt="Illustration 071" /></div>
+
+<p>In diesem Augenblick erschien ein Arbeiter aus der Werkstatt,
+die ich beim Hereinkommen besucht hatte; er trug eine
+lange Stange, deren Ende aus einer im Feuer geröteten Kugel
+bestand. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber die Kugel, die
+er in die Höhe hielt, bedrohte stets meinen Kopf. Man schien
+sich um mich herum über meine Ohnmacht lustig zu machen .&nbsp;.&nbsp;.
+Da zog ich mich bis zum Thron zurück, die Seele voll namenlosen
+Stolzes, und ich hob den Arm auf, um ein Zeichen zu
+machen, das mir eine Zauberkraft zu haben schien. Der deutliche
+und zitternde Schrei einer Frau, der nach herzzerreißendem
+Schmerz klang, weckte mich plötzlich auf! Die Silben
+eines unbekannten Wortes, das ich im Begriff stand auszusprechen,
+erstarben auf meinen Lippen .&nbsp;.&nbsp;. Ich stürzte mich zur
+Erde und fing inbrünstig und unter heißen Tränen zu beten
+an. &mdash; Aber was war das nur für eine Stimme, die soeben
+so schmerzlich durch die Nacht gehallt war?!
+</p>
+
+<p>Sie gehörte nicht dem Traum an; es war die Stimme einer
+lebendigen Person, und doch war es für mich die Stimme und
+der Tonfall Aurelias .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Ich öffnete mein Fenster; alles war ruhig und der Schrei
+wiederholte sich nicht. &mdash; Ich erkundigte mich draußen &mdash; niemand
+hatte etwas gehört. &mdash; Und trotzdem bin ich noch sicher,
+<!-- page 074 -->
+daß der Schrei wirklich war und daß der Ton Lebender darin
+erklungen war. Ohne Zweifel wird man mir sagen, daß der
+Zufall veranlassen konnte, daß eine leidende Frau in der
+Umgebung meiner Wohnung geschrieen habe. &mdash; Aber meinem
+Gedanken nach waren die irdischen Ereignisse mit denen
+der unsichtbaren Welt verbunden. Das ist eine jener seltsamen
+Beziehungen, über die ich mir selbst keine Rechenschaft ablege,
+und die man leichter andeuten als erklären kann .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Was hatte ich getan? Ich hatte die Harmonie des magischen
+Weltalls gestört, aus der meine Seele die Sicherheit
+einer unsterblichen Existenz schöpfte. Ich war vielleicht verflucht,
+weil ich in ein schauerliches Mysterium dringen wollte,
+indem ich das göttliche Gesetz beleidigte; ich hatte nur noch
+Zorn und Verachtung zu erwarten! Die aufgebrachten
+Schatten entflohen schreiend und zogen in der Luft verhängnisvolle
+Kreise wie die Vögel beim Herannahen eines Gewitters.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-074"><img src="images/074.jpg" alt="Illustration 074" /></div>
+<!-- page 077 -->
+
+<div class="centerpic" id="img-075"><img src="images/075.jpg" alt="Illustration 075" /></div>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">Zweiter Teil</h2>
+
+<p class="right">Eurydice! Eurydice!
+</p>
+
+<h3 class="no">I.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/077.jpg" alt="Z" /></span><span class="hidden">Z</span>UM zweitenmal verloren! Alles ist zu
+Ende, alles ist vorbei! Jetzt bin ich es,
+der sterben, ohne Hoffnung sterben muß!
+&mdash; Was ist denn der Tod? &mdash; Wenn er
+das Nichts wäre! &mdash; Wollte es Gott!
+Aber Gott selbst kann es nicht machen,
+daß der Tod das Nichts sei.
+</p>
+
+<p>Warum ist es denn seit so langer Zeit das erstemal, daß
+ich an »ihn« denke? Das unglückliche System, das in meinem
+Geist entstanden war, ließ dieses einsame Königtum nicht
+zu .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. oder vielmehr es verlor sich in die Fülle der Wesen;
+das war der Gott des Lucretius, machtlos und in seine Unendlichkeit
+verloren.
+</p>
+
+<p>Sie indessen glaubte an Gott und ich habe eines Tages
+den Namen Jesus auf ihren Lippen gefunden. Er floß so
+sanft dahin, daß ich darüber geweint habe. O mein Gott,
+diese Träne, diese Träne .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. sie ist schon lange getrocknet!
+Diese Träne, o mein Gott, gib sie mir wieder!
+</p>
+<!-- page 078 -->
+
+<p>Wenn die Seele unsicher zwischen Traum und Leben
+schwebt, zwischen Geistesverwirrung und der Rückkehr zur
+kalten Überlegung, so muß man seine Hilfe im religiösen
+Gedanken suchen, &mdash; niemals habe ich Trost finden können
+in dieser Philosophie, die nur Lebensregeln des Egoismus
+oder bestenfalls der Gegenseitigkeit, eitle Erfahrung, bittere
+Zweifel bietet; &mdash; sie bekämpft die moralischen Schmerzen,
+indem sie die Empfindlichkeit vernichtet; wie die Chirurgie
+kann sie nur das schmerzende Organ wegschneiden. Aber
+für uns, die wir in den Tagen der Umwälzungen und der
+Gewitter geboren sind, wo alle Bekenntnisse zerbrochen sind;
+&mdash; die wir bestenfalls in diesem unbestimmten Glauben erzogen
+sind, der sich mit einigen äußerlichen Übungen begnügt
+und die gleichgültige Zugehörigkeit zudem vielleicht schuldiger
+ist als die Gottlosigkeit und die Ketzerei; für uns ist es sehr
+schwierig, sobald wie wir das Bedürfnis dazu fühlen das mystische
+Gebäude wieder aufzubauen, dessen wohl vorgezeichnete
+Form die Unschuldigen und die Einfältigen in ihren
+Herzen anerkennen.
+</p>
+
+<p>»Der Baum der Erkenntnis ist nicht der Baum des Lebens.«
+Können wir indessen aus unserm Geist verbannen,
+was so viele intelligente Generationen Gutes oder Unheilvolles
+hineingegossen haben? Die Unwissenheit ist nicht erlernbar.
+Ich habe bessere Hoffnung auf Gottes Güte: vielleicht
+rühren wir schon an die prophezeite Epoche, wo die
+Wissenschaft, nachdem sie ihren ganzen Kreislauf von Synthese
+und Analyse, von Glaube und Verneinung erfüllt hat, sich
+<!-- page 079 -->
+selbst läutern kann und aus der Unordnung und den Trümmern
+die wunderbare Stadt der Zukunft hervorsteigen
+wird .&nbsp;.&nbsp;. Man darf die menschliche Vernunft nicht so billig
+einschätzen um zu glauben, daß sie etwas gewinnt, indem
+sie sich ganz erniedrigte, denn das hieße ihren himmlischen
+Ursprung anklagen .&nbsp;.&nbsp;. Gott wird ohne Zweifel die Reinheit
+der Absicht würdigen; und wo ist der Vater, der
+Wohlgefallen daran fände zu sehen, wie sein Sohn vor ihm
+alle Urteilskraft und allen Stolz aufgibt? Der Apostel, der
+selbst fühlen wollte um zu glauben, ist um des willen nicht
+verdammt worden.
+</p>
+
+<p>Was habe ich da geschrieben? Das sind Gotteslästerungen.
+Die christliche Demut kann so nicht sprechen. Solche Gedanken
+sind weit davon entfernt die Seele zu rühren. Sie
+tragen auf der Stirn die Hochmutsblitze der Krone Satans .&nbsp;.&nbsp;.
+Ein Vertrag mit Gott selbst? .&nbsp;.&nbsp;. O Wissenschaft! O Eitelkeit!
+</p>
+
+<p>Ich hatte einige Bücher der Kabbala gesammelt. Ich vertiefte
+mich in dieses Studium und gelangte dahin mich zu überzeugen,
+daß alles wahr sei, was der menschliche Geist während
+Jahrhunderten darüber angehäuft hatte. Die Überzeugung,
+die ich mir vom Sein geformt hatte, stimmte zu gut
+mit meiner Lektüre überein, als daß ich fürder noch an den
+Offenbarungen der Vergangenheit hätte zweifeln können.
+Die Dogmen und die Riten der verschiedenen Religionen
+schienen mir sich darauf zu beziehen in der Weise, daß jede
+einen gewissen Teil jener Geheimnisse besaß, die ihre Mittel
+<!-- page 080 -->
+zur Ausdehnung und zur Verteidigung ausmachten. Diese
+Kräfte konnten sich abschwächen, sich verringern und verschwinden,
+was die Eroberung gewisser Rassen über andere
+mit sich brachte, die alle nur durch den »Geist« siegreich sein
+oder erobert werden konnten.
+</p>
+
+<p>»Immerhin«, sagte ich mir, »ist es sicher, daß diese Erkenntnisse
+mit menschlichen Irrtümern vermischt sind. Das magische
+Alphabet, der rätselhafte Hieroglyph überkommen uns nur
+unvollständig und gefälscht, sei es durch die Zeit, sei es durch
+diejenigen selbst, die ein Interesse haben an unserer Unwissenheit.
+Laßt uns den verlorenen Buchstaben, das ausgelöschte
+Zeichen wiederfinden und die mißklingende Tonleiter wieder
+abstimmen, dann werden wir Kraft in der Welt der Geister
+gewinnen.«
+</p>
+
+<p>So glaubte ich in die Beziehungen der wirklichen Welt zur
+Welt der Geister zu dringen. Die Erde, ihre Bewohner und
+ihre Geschichte waren der Schauplatz, wo die physischen
+Handlungen sich vollziehen sollten, welche die Existenz und
+die Lage der Unsterblichen, die an ihr Geschick geknüpft sind,
+vorbereiteten. Ohne das undurchdringliche Mysterium von
+der Ewigkeit der Welten zu berühren, stieg mein Gedanke
+zu der Epoche hinauf, wo die Sonne auf die Erde die fruchtbaren
+Keime der Pflanzen und Tiere säte, ähnlich der Pflanze,
+die sie darstellt, die mit ihrem hängenden Kopf die Umdrehung
+ihres himmlischen Wandels verfolgt. Es war nichts anderes
+als das Feuer selbst, das, da es aus Seelen bestand, instinktiv
+die gemeinsame Wohnung formte. Der Geist des »Gott-Wesens«,
+<!-- page 081 -->
+das sich auf der Erde wieder erzeugt und sozusagen
+zurückgeworfen wird, ward der gewöhnliche Typus
+der menschlichen Seelen, deren jede demzufolge gleichzeitig
+Mensch und Gott war. So waren die Elohim!
+</p>
+
+<p>Wenn man sich unglücklich fühlt denkt man über das Unglück
+der andern nach. Ich war etwas nachlässig gewesen im
+besuchen eines meiner liebsten Freunde, von dem man mir
+gesagt hatte, daß er krank sei: Als ich mich zu dem Haus begab,
+wo er behandelt wurde, warf ich mir diesen Fehler lebhaft
+vor. Ich war noch trostloser, als mir mein Freund erzählte,
+daß es ihm am Vorabend recht schlecht gegangen sei. Ich trat
+in ein Hospitalzimmer mit kalkgetünchten Wänden. Die
+Sonne zeichnete lustige Winkel auf die Mauern und spielte
+auf einem Gefäß mit Blumen, das eine Nonne eben auf den
+Tisch des Kranken gestellt hatte. Es war fast wie die Zelle
+eines italienischen Anachoreten. Sein abgemagertes Gesicht,
+sein Teint, der vergilbtem Elfenbein glich, was durch seine
+schwarze Haar- und Bartfarbe noch mehr hervorgehoben
+wurde, seine Augen, die in einem Rest von Fieber glänzten;
+vielleicht auch das Arrangement eines Kapuzenmantels, den
+er über die Schultern geworfen hatte, machten für mich aus
+ihm ein Wesen, das halb verschieden war von dem, was ich
+gekannt hatte.
+</p>
+
+<p>Das war nicht mehr der fröhliche Gefährte meiner Arbeiten
+und meines Vergnügens; es war ein Apostel in ihm.
+Er erzählte mir, wie er sich in den schlimmsten Leiden seiner
+Krankheit als Beute eines letzten Anfalles gesehen hatte,
+<!-- page 082 -->
+der ihm der letzte Augenblick zu sein schien. Wie durch ein
+Wunder hatte der Schmerz in demselben Augenblick aufgehört.
+&mdash; Was er mir dann erzählte ist unmöglich wiederzugeben:
+Ein erhabener Traum in den weitesten Räumen der
+Unendlichkeit, ein Gespräch mit einem Wesen, das gleichzeitig
+von ihm verschieden war und einen Teil von ihm selbst
+bildete, das er, da er sich tot glaubte, frug, wo Gott sei. &mdash;
+»Aber Gott ist überall« antwortete ihm sein Geist; »er ist
+in dir selbst und in allen. Er richtet dich, er hört dich an, er
+rät dir; du und ich wir denken und träumen zusammen &mdash;
+und wir haben uns nie verlassen und sind ewig.«
+</p>
+
+<p>Ich kann sonst nichts aus diesem Gespräch anführen, das
+ich vielleicht schlecht gehört oder schlecht verstanden habe. Ich
+weiß nur, daß sein Eindruck ein sehr lebhafter war. Ich wage
+nicht meinem Freund die Folgerung zuzuschreiben, die ich
+selbst vielleicht fälschlich aus seinen Worten gezogen habe. Ich
+weiß nicht einmal, ob das Gefühl, das daraus entsteht nicht
+mit der christlichen Idee übereinstimmend ist.
+</p>
+
+<p>»Gott ist mit ihm,« rief ich aus, .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. »aber er ist nicht mehr
+mit mir! O Unglück! Ich habe ihn von mir gejagt, ich habe ihn
+bedroht, ich habe ihm geflucht! Er war es gewiß, dieser mystische
+Bruder, der sich immer mehr und mehr von meiner Seele
+entfernte und der mich vergeblich benachrichtigte! Dieser bevorzugte
+Gemahl, dieser König des Ruhms, er richtet und
+verdammt mich und nimmt auf ewig die mit in seinen Himmel,
+die er mir gegeben hätte und deren ich hinfort unwürdig
+bin!«
+</p>
+<!-- page 085 -->
+
+<div class="centerpic" id="img-083"><img src="images/083.jpg" alt="Illustration 083" /></div>
+
+<h3 class="no">II.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/085.jpg" alt="I" /></span><span class="hidden">I</span>CH vermag die Niedergeschlagenheit nicht zu schildern,
+in welche diese Ideen mich versetzten. »Ich
+verstehe,« sagte ich mir, »ich habe das Geschöpf
+dem Schöpfer vorgezogen; ich habe meine Liebe
+vergöttert und habe nach heidnischen Gebräuchen
+die angebetet, deren letzter Seufzer Christus geweiht war.
+Aber wenn diese Religion die Wahrheit sagt, so kann mir
+Gott noch verzeihen. Er kann sie mir zurückgeben, wenn
+ich mich vor ihm demütige. Vielleicht kommt ihr Geist wieder
+in mich zurück!«
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-085-2"><img src="images/085-2.jpg" alt="Illustration 085-2" /></div>
+
+<p>&mdash; Ich irrte erfüllt von diesem Gedanken aufs Geratewohl
+in den Gassen umher. Ein Leichenzug kreuzte meinen Weg;
+er richtete sich nach dem Friedhof, wo sie bestattet worden war;
+ich hatte die Idee, mich dahin zu begeben, indem ich mich dem
+Zug anschloß. »Ich weiß nicht,« sagte ich zu mir, »wer der
+Tote ist, den man hier zur Grube geleitet, aber ich weiß jetzt,
+daß die Toten uns sehen und hören, &mdash; vielleicht wird er zufrieden
+<!-- page 086 -->
+sein wenn er sieht, daß ein Leidensbruder ihm folgt,
+der trauriger ist als irgendeiner von denen, die ihn geleiten.«
+Dieser Gedanke ließ mich Tränen vergießen und ohne Zweifel
+glaubte man, daß ich einer der besten Freunde des Verstorbenen
+sei. O ihr gesegneten Tränen! Lange Zeit war mir
+eure Süßigkeit versagt!
+</p>
+
+<p>Mein Kopf richtete sich auf und ein Hoffnungsstrahl leitete
+mich noch immer. Ich fühlte in mir die Kraft zu beten und
+genoß sie mit Entzücken.
+</p>
+
+<p>Ich erkundigte mich nicht einmal nach dem Namen des
+Toten, dessen Sarg ich gefolgt war. Der Friedhof den ich
+betreten hatte, war mir in vieler Hinsicht heilig. Drei Verwandte
+meiner mütterlichen Familie waren hier begraben;
+aber ich konnte nicht zum Beten auf ihre Gräber gehen, denn
+sie waren vor mehreren Jahren in ein entferntes Land an den
+Ort ihrer Herkunft geschafft worden. &mdash; Lange suchte ich das
+Grab Aurelias und konnte es nicht wiederfinden. Die Einteilung
+des Friedhofs hatte sich verändert, &mdash; vielleicht hatte
+sich auch mein Gedächtnis verirrt .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Es kam mir vor,
+als ob dieser Zufall, dieses Vergessen, meine Verdammnis
+noch vergrößerten. &mdash; Ich wagte nicht, den Wächtern den Namen
+einer Toten zu nennen, auf die ich religiös kein Recht
+hatte .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Aber ich erinnerte mich, daß ich zu Hause die genaue
+Angabe des Grabes aufbewahrte und ich lief mit
+klopfendem Herzen hin; ich hatte den Kopf verloren; ich
+sagte es schon; ich hatte meine Liebe mit wunderlichem
+Aberglauben umgeben. &mdash; In einer kleinen Schatulle, die IHR
+<!-- page 087 -->
+gehört hatte, bewahrte ich ihren letzten Brief auf. Soll ich
+noch gestehen, daß ich aus dieser Schatulle eine Art Reliquienschrein
+gemacht hatte, der mich an lange Reisen erinnerte, wo
+der Gedanke an SIE mich begleitet hatte: eine in den Gärten
+von Schubrah gepflückte Rose, ein aus Ägypten mitgebrachtes
+Stückchen Band, im Fluß von Beirut gepflückte Lorbeerblätter,
+zwei kleine, vergoldete Kristalle, Mosaiken aus der Hagia
+Sophia, eine Perle aus einem Rosenkranz und was weiß
+ich noch? .&nbsp;.&nbsp;. endlich das Papier, welches man mir am Tag
+wo man ihr Grab ausschaufelte, gegeben hatte, damit ich es
+wiederfinden könne. Ich errötete, ich zitterte, als ich diese
+tolle Ansammlung zerstreute. Ich steckte die zwei Papiere
+ein, und im Augenblick, wo ich mich aufs neue nach dem
+Friedhof begeben wollte, änderte ich meinen Entschluß. &mdash;
+»Nein,« sagte ich mir, »ich bin nicht wert, auf dem Grab
+einer Christin zu knien; fügen wir nicht eine Entweihung
+zu so vielen andern.« Und um den Sturm, der in meinem Kopf
+tobte, zu besänftigen, begab ich mich einige Meilen außerhalb
+von Paris in eine kleine Stadt, wo ich in meiner Jugendzeit
+einige glückliche Tage bei alten Verwandten, die inzwischen
+verstorben waren, verbracht hatte. Ich wäre oft gern dahin zurückgekommen,
+um die Sonne bei ihrem Hause untergehen zu
+sehen. Es war dort eine von Linden beschattete Terrasse, die in
+mir auch die Erinnerung an verwandte junge Mädchen wachrief,
+zwischen denen ich aufgewachsen war. Eine von ihnen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Aber wie hatte ich nur daran denken können, diese unbestimmte
+Kindheitsliebe der gegenüber zu stellen, die meine
+<!-- page 088 -->
+Jugend verschlungen hat? Ich sah die Sonne sich über das Tal
+neigen, das sich mit Nebeln und Schatten erfüllte; sie verschwand
+und badete die Gipfel der Wälder, die die hohen
+Hügel krönten, in rötlichen Feuern.
+</p>
+
+<p>Die düsterste Traurigkeit zog in mein Herz. Ich ging zum
+Schlafen in eine Herberge, wo ich bekannt war. Der Wirt
+sprach mir von einem meiner alten Freunde, der in der Stadt
+wohnte und der sich infolge von unglücklichen Spekulationen
+mit einem Pistolenschuß getötet hatte .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Der Schlaf brachte
+mir furchtbare Träume. Ich habe mir ein verworrenes Andenken
+daran bewahrt. &mdash; Ich befand mich in einem unbekannten
+Saal und sprach mit jemand aus der Außenwelt, &mdash;
+vielleicht mit dem Freund, von dem ich eben gesprochen habe.
+Ein sehr hoher Spiegel befand sich hinter uns. Als ich ganz
+zufällig einen Blick hineinwarf, glaubte ich A*** zu erkennen.
+Sie schien traurig und nachdenklich zu sein und plötzlich, sei
+es, daß sie aus dem Spiegel heraustrat, sei es, daß sie, als sie
+einen Augenblick vorher durch den Saal ging, reflektiert
+wurde, diese sanfte und geliebte Gestalt befand sich neben
+mir. Sie reichte mir die Hand, ließ einen schmerzlichen Blick
+über mich gleiten und sagte: »Wir sehen uns später wieder .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+im Hause deines Freundes.«
+</p>
+
+<p>Und einen Augenblick lang stellte ich mir ihre Heirat vor,
+die Verwünschung, die uns trennte, und ich sagte mir: Ist es
+möglich? Käme sie zu mir zurück? »Hast du mir vergeben?«
+frug ich mit Tränen. Aber alles war verschwunden. Ich befand
+mich an einem öden Ort, auf einer rauhen, von Felsen
+<!-- page 089 -->
+besäten Anhöhe
+mitten
+im Wald. Ein Haus,
+das ich zu erkennen meinte, beherrschte
+dieses trostlose Land. Ich ging und kam auf
+unentwirrbaren Umwegen zurück. Vom Gehen
+zwischen Steinen und Dornengebüschen ermüdet, suchte ich
+mitunter einen sanfteren Weg auf den Fußsteigen des Waldes.
+&mdash; Man erwartet mich da unten! dachte ich; eine bestimmte
+Stunde schlug. Ich sagte mir: ES IST ZU SPÄT und Stimmen
+antworteten: SIE IST VERLOREN! Vollkommene Nacht
+umgab mich, das entfernte Haus glänzte, wie wenn es für
+ein Fest beleuchtet und voll rechtzeitig angekommener Gäste
+wäre. &mdash; Sie ist verloren! rief ich aus, und warum? .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich verstehe,
+sie hat eine letzte Anstrengung gemacht um mich zu
+retten &mdash; ich habe den äußersten Augenblick verpaßt, wo die
+Vergebung noch möglich war. Aus Himmelshöhen konnte
+sie den göttlichen Gatten für mich erbitten .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Doch was
+liegt an meinem Heil? Der Abgrund hat seine Beute empfangen!
+Sie ist für mich und für alle verloren! Ich glaubte
+sie wie unter einem Blitzschein zu sehen, bleich und sterbend
+<!-- page 090 -->
+von finstern Reitern fortgezogen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Der Schrei schmerzlicher
+Wut, den ich in diesem Augenblick ausstieß, ließ mich ganz
+atemlos erwachen.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-089"><img src="images/089.jpg" alt="Illustration 089" /></div>
+
+<p>&mdash; Mein Gott, mein Gott! Um ihretwillen, um ihretwillen
+allein! Mein Gott! Vergib! schrie ich und warf mich auf die Knie.
+</p>
+
+<p>Es war Tag. Durch eine Bewegung, von der ich schwer
+Rechenschaft ablegen kann, beschloß ich die beiden Papiere
+sogleich zu vernichten, die ich am Vorabend der Schatulle
+entnommen hatte. Der Brief, den ich beim Durchlesen wieder
+mit Tränen benetzte und der Begräbnisschein, der das Siegel
+des Friedhofes trug. &mdash; Jetzt ihr Grab wiederfinden, sagte ich
+mir; aber ich hätte gestern umkehren sollen; &mdash; und mein unglücklicher
+Traum ist nur der Widerschein meines unglücklichen
+Tages!
+</p>
+
+<h3 class="no">III.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/090.jpg" alt="D" /></span><span class="hidden">D</span>IE Flamme hat diese Reliquien der
+Liebe und des Todes verschlungen,
+die mit den schmerzhaftesten Fibern
+meines Herzens verknüpft waren.
+Ich habe meine Schmerzen und verspäteten
+Gewissensbisse mit hinaus auf das Land genommen
+und suchte durch die Ermüdung des Gehens die Betäubung
+der Gedanken, vielleicht auch die Gewißheit eines weniger
+unheilvollen Schlummers für die kommende Nacht.
+</p>
+
+<p>Mit diesem Gedanken, den ich mir vom Traume gebildet
+hatte, der dem Menschen eine Verbindung mit der Geisterwelt
+<!-- page 091 -->
+öffnet, hoffte ich, hoffte ich immer noch! Vielleicht würde
+Gott sich mit diesem Opfer begnügen. &mdash; Hier halte ich ein;
+es ist zu hochmütig zu behaupten, daß der geistige Zustand,
+in dem ich mich befand, nur durch eine Liebeserinnerung verursacht
+worden sei. Sagen wir lieber, daß ich mich damit unwillkürlich
+gegen die ernstere Reue eines toll vergeudeten
+Lebens schützte, in dem das Böse recht oft triumphiert hatte
+und dessen Fehler ich nur erkannte, wenn ich die Schläge des
+Unglücks spürte. Ich fühlte mich nicht mehr würdig an die
+auch nur zu denken, die ich im Tode quälte, nachdem ich sie
+im Leben betrübt hatte, und deren sanftem, heiligem Mitleid
+ich allein einen letzten Blick der Verzeihung verdankt habe.
+</p>
+
+<p>In der folgenden Nacht konnte ich nur wenige Augenblicke
+schlafen. Eine Frau, die sich meiner Jugend angenommen
+hatte, erschien mir im Traum und warf mir einen sehr
+ernsten Fehler vor, den ich früher begangen hatte. Ich erkannte
+sie wieder, obgleich sie mir viel älter erschien als in den
+letzten Zeiten, wo ich sie gesehen hatte. Gerade das erinnerte
+mich bitter daran, daß ich versäumt hatte, sie in ihren
+letzten Augenblicken zu besuchen. Es schien mir, als ob sie
+zu mir sagte: »Du hast deine alten Verwandten nicht so lebhaft
+beweint, wie du diese Frau beweint hast. Wie kannst
+du dann auf Verzeihung hoffen?« Der Traum wurde verwirrt.
+Gestalten von Personen, die ich zu verschiedenen
+Zeiten gekannt hatte, gingen geschwind vor meinen Augen
+vorüber. Sie gingen vorbei, erstrahlten, verblichen und fielen
+in die Nacht zurück wie die Perlen eines Rosenkranzes,
+<!-- page 092 -->
+dessen Band zerrissen ist. Ich sah dann wie sich unbestimmt
+plastische Bilder aus dem Altertum formten, die &mdash; erst flüchtig
+hingeworfen &mdash; deutlich wurden und Symbole darzustellen
+schienen, deren Gedanken ich nur schwer erfaßte. Nur glaubte
+ich, daß es bedeuten solle: Alles das war geschaffen, um dich
+das Geheimnis des Lebens zu lehren und du hast es nicht verstanden.
+Die Religionen und die Sagen, die Heiligen und die
+Dichter vereinigten sich, um das verhängnisvolle Rätsel zu
+erklären, und du hast schlecht begriffen .&nbsp;.&nbsp;. Jetzt ist es zu spät!
+</p>
+
+<p>Ich erhob mich voll Entsetzen und sagte mir: das ist mein
+letzter Tag! Mit zehnjährigem Zwischenraum kam mir dieselbe
+Idee, die ich im ersten Teil dieser Erzählung geschildert
+habe, positiver und noch drohender wieder. Gott hatte mir
+zur Reue Zeit gelassen und ich hatte sie nicht ausgenutzt. Nach
+dem Besuch des »steinernen Gastes« hatte ich mich wieder zum
+Festmahl hingesetzt!
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-092"><img src="images/092.jpg" alt="Illustration 092" /></div>
+<!-- page 093 -->
+
+<h3 class="no">IV.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/093.jpg" alt="M" /></span><span class="hidden">M</span>EIN Gefühl aus diesen Visionen und Grübeleien,
+das während meiner einsamen
+Stunden aus ihnen entsprang, war so
+traurig, daß ich mir wie verloren vorkam.
+Alle Handlungen meines Lebens erschienen
+mir von ihrer ungünstigsten Seite und in der Art von Gewissensprüfung,
+der ich mich hingab, führte mir das Gedächtnis
+die ältesten Tatsachen mit einer seltsamen Klarheit vor; ich
+weiß nicht was für eine falsche Scham mich verhinderte, den
+Beichtstuhl zu betreten; vielleicht die Angst mich in Dogmen
+und in die Gebräuche einer furchteinflößenden Religion einzulassen,
+da ich gegen gewisse Punkte darin philosophische
+Vorurteile bewahrt hatte. Meine ersten Jahre sind zu sehr mit
+den Ideen der Revolution durchsetzt gewesen, meine Erziehung
+war zu frei, mein Leben zu rastlos, als daß ich leicht ein
+Joch auf mich nehmen könnte, das in vielen Punkten immer
+noch meine Vernunft beleidigen würde. Ich bebte, wenn ich
+bedachte, was für einen Christen ich abgeben würde, wenn
+gewisse Prinzipien, die der freien Forschung der zwei letzten
+Jahrhunderte entlehnt sind, wenn endlich das Studium der
+verschiedenen Religionen mich nicht auf diesem Abhang aufhalten
+würde. Ich habe meine Mutter nie gekannt, die meinem
+Vater zum Heere folgen wollte wie die Frauen der alten
+Germanen. Sie starb am Fieber und vor Müdigkeit in einer
+kalten Gegend Deutschlands, und mein Vater selbst konnte
+meine ersten Gedanken nicht darauf lenken. Das Land, in
+<!-- page 094 -->
+dem ich erzogen wurde, war voll von seltsamen Legenden und
+fremdartigem Aberglauben. Einer meiner Oheime, der den
+größten Einfluß auf meine erste Erziehung hatte, beschäftigte
+sich zum Zeitvertreib mit römischen und keltischen Altertümern.
+Es fanden sich manchmal in seinem Feld oder in
+der Umgebung Bilder von Göttern oder Kaisern, die seine
+Gelehrtenbewunderung mich verehren hieß, und deren Geschichte
+mich seine Bücher lehrten. Ein <a id="corr-1"></a>gewisser Mars aus
+vergoldeter Bronze, eine bewaffnete Pallas oder Venus,
+ein Neptun oder eine Amphytrite, die ausgehauen über dem
+Brunnen des Dorfes standen und vor allem das gute, dicke,
+bärtige Antlitz eines Pan, der am Eingang einer Grotte
+zwischen Girlanden von Osterluzei und Efeu lächelte,
+waren die Haus- und Schutzgötter dieses Ruhesitzes. Ich
+gestehe, daß sie mir damals mehr Ehrfurcht einflößten als die
+ärmlichen christlichen Kirchenbilder und die beiden unförmigen
+Heiligen des Portals, von denen manche Gelehrten
+behaupten, sie seien der Esus und der Cernunnas der Gallier.
+Ich war verlegen zwischen diesen verschiedenen Symbolen und
+fragte eines Tages meinen Onkel, was »Gott« sei? »Gott
+ist die Sonne!« sagte er mir. Das war der innerste Gedanke
+eines Ehrenmannes, der sein ganzes Leben als Christ gelebt,
+aber die Revolution durchgemacht hatte und aus einer Gegend
+war, wo viele dieselbe Vorstellung von der Gottheit
+besaßen. Das hinderte nicht, daß die Frauen und die Kinder
+in die Kirche gingen und ich verdankte einer meiner Tanten
+einige Belehrungen, die mich die Schönheit und die Größe
+<!-- page 097 -->
+des Christentums verstehen ließen. Nach 1815 ließ mich
+ein Engländer, der sich in unserm Lande aufhielt, die Bergpredigt
+lernen und gab mir ein Neues Testament .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Ich
+führe diese Einzelheiten nur an, um die Ursachen einer gewissen
+Unentschlossenheit anzugeben, die sich in meinem Geist oft
+mit der ausgesprochensten Religiosität verbunden hat.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-095"><img src="images/095.jpg" alt="Illustration 095" /></div>
+
+<p>Ich will erklären, wie ich, nachdem ich lange Zeit vom
+rechten Weg entfernt war, mich zu ihm durch die geliebte
+Erinnerung an ein totes Wesen zurückgeführt fühlte, und
+wie das Bedürfnis zu glauben, daß es fortlebe, das bestimmte
+Gefühl für die verschiedenen Wahrheiten, die ich nicht fest
+genug in meiner Seele aufgenommen hatte, in meinem Geist
+aufleben ließ. Die Verzweiflung und der Selbstmord sind das
+Resultat gewisser unglücklicher Situationen für den, der nicht an
+die Unsterblichkeit mit ihren Leiden und Freuden glaubt: ich
+werde glauben, etwas Gutes und Nützliches getan zu haben,
+wenn ich ganz naiv die Folgen der Ideen aufzeichne, durch
+die ich Ruhe und neue Kraft wiedergefunden habe, die ich
+den zukünftigen Unglücksfällen des Lebens gegenüberstellen
+werde.
+</p>
+
+<p>Die Visionen, die einander während meines Schlummers
+gefolgt waren, hatten mich einer solchen Verzweiflung preisgegeben,
+daß ich kaum reden konnte; die Gesellschaft meiner
+Freunde verhalf mir nur zu einer ungewissen Zerstreuung;
+mein Geist, der vollauf mit seinen Einbildungen beschäftigt
+war, versagte bei der geringsten abweichenden Vorstellung;
+ich konnte keine zehn Zeilen hintereinander lesen und verstehen.
+<!-- page 098 -->
+Ich sagte mir die schönsten Dinge: was liegt daran, das
+gibt es nicht für mich. Einer meiner Freunde namens Georg
+unternahm es, diese Entmutigung zu besiegen. Er führte mich
+in verschiedene Gegenden der Umgebung von Paris und
+nahm es auf sich, allein zu sprechen, während ich mit einigen
+unzusammenhängenden Phrasen antwortete. Sein ausdrucksvolles
+und fast mönchisches Gesicht machte eines Tages seine
+sehr beredten Einwände besonders wirkungsvoll, die er gegen
+jene Jahre des Zweifels und der politischen und sozialen Entmutigung
+fand, die der Juli-Revolution folgten. Ich war einer
+der Jungen dieser Epoche gewesen und ich hatte ihre Glut
+und ihre Bitterkeiten geschmeckt. Eine Bewegung vollzog sich
+in mir: ich sagte mir, daß solche Lehren von der Vorsehung
+nicht ohne Absicht gegeben werden konnten, und daß ein
+Geist ohne Zweifel aus ihm sprach. Eines Tages aßen wir
+unter einer Laube in einem kleinen Dorf in der Umgebung
+von Paris zu Abend; eine Frau kam und sang an unserm
+Tisch und ich weiß nicht was in ihrer abgenutzten aber sympathischen
+Stimme mich an die Aureliens erinnerte. Ich betrachtete
+sie: selbst ihre Züge waren nicht ohne Ähnlichkeit
+mit denen, die ich geliebt hatte; man schickte sie weg und ich
+wagte nicht sie zurückzuhalten, aber ich sagte mir: Wer weiß
+ob ihr »Geist« nicht in dieser Frau ist! Und ich fühlte mich
+glücklich, daß ich ihr ein Almosen gegeben hatte.
+</p>
+
+<p>Ich sagte mir: Ich habe das Leben recht schlecht ausgenutzt,
+aber wenn die Toten vergeben, so geschieht es sicher unter
+der Bedingung, daß man für immer dem Bösen entsagt, und
+<!-- page 101 -->
+daß man alles, was man getan hat, wieder gut macht. Ist das
+möglich? .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Von diesem Augenblick an wollen wir versuchen,
+nichts Böses mehr zu tun und Ersatz zu geben für alles,
+was wir schuldig sein könnten. &mdash; Ich hatte ein frisches Unrecht
+gegen eine Person; es war nur eine Nachlässigkeit, aber ich
+fing damit an, daß ich mich entschuldigen ging. Die Freude,
+die ich empfand, als ich dies wieder gut gemacht hatte, tat mir
+ungemein wohl. Ich hatte von jetzt an einen Grund zum
+Leben und zum Handeln und gewann wieder Interesse an
+der Welt.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-099"><img src="images/099.jpg" alt="Illustration 099" /></div>
+
+<p>Schwierigkeiten tauchten auf; für mich unaussprechliche
+Ereignisse schienen sich zu vereinigen, um meinen guten Entschluß
+zu durchkreuzen. Der Zustand meines Geistes machte
+mir die Ausführung ausgemachter Arbeiten unmöglich. Da
+man mich seither gesund glaubte, verlangte man mehr, und
+da ich auf die Lüge verzichtet hatte, wurde ich von Leuten
+eines Vergehens geziehen, die sich nicht scheuten, es auszunutzen.
+Die Masse von Entschuldigungen, die ich zu machen
+hatte, erdrückte mich im Hinblick auf meine Ohnmacht. Politische
+Ereignisse wirkten indirekt, sowohl um mich zu betrüben
+wie um mich zu hindern, Ordnung in meine Angelegenheit
+zu bringen. Der Tod eines meiner Freunde vervollständigte
+diese Gründe zur Mutlosigkeit. Ich sah mit
+Schmerzen seine Wohnung, seine Bilder wieder, die er mir
+einen Monat vorher mit Freuden gezeigt hatte; ich ging an
+seinem Sarg vorüber im Augenblick, wo man ihn vernagelte.
+Da er von meinem Alter und aus meiner Zeit war, sagte
+<!-- page 102 -->
+ich mir: Was würde geschehen, wenn ICH so plötzlich
+stürbe?
+</p>
+
+<p>Am folgenden Sonntag erhob ich mich mit einem dumpfen
+Schmerz. Ich ging meinen Vater besuchen, dessen Magd krank
+war, und der Launen zu haben schien. Er wollte allein Holz
+von seinem Speicher holen und ich konnte ihm nur den Dienst
+leisten, ihm ein Holzscheit, das er brauchte, zu reichen. Ich
+ging niedergeschlagen weg. Auf der Straße begegnete ich
+einem Freund, der mich zum Essen mit sich nach Hause nehmen
+wollte, um mich ein bißchen zu zerstreuen. Ich lehnte ab
+und richtete meine Schritte ohne gegessen zu haben nach
+Montmartre. Der Friedhof war geschlossen, was ich als üble
+Vorbedeutung auffaßte. Ein deutscher Dichter hatte mir
+einige Seiten zu übersetzen gegeben und mir auf diese Arbeit
+eine Summe vorgestreckt. Ich nahm den Weg zu seinem
+Haus, um ihm das Geld zurückzugeben.
+</p>
+
+<p>Als ich um das Clichytor bog, war ich Zeuge eines Streites.
+Ich versuchte die Streitenden zu trennen, aber es wollte mir
+nicht gelingen. In diesem Augenblick ging ein Arbeiter von
+großem Wuchs über denselben Platz, wo der Kampf sich abgespielt
+hatte. Er trug auf der linken Schulter ein Kind in
+hyazinthfarbenem Kleid. Ich stellte mir vor, es wäre der heilige
+Christophorus, der den Heiland trägt, und ich wäre verdammt,
+weil es mir bei der eben stattgehabten Szene an Kraft
+gefehlt <a id="corr-2"></a>hatte. Von diesem Augenblicke an irrte ich als Beute
+der Verzweiflung in dem unbegrenzten Gelände umher, das
+die Vorstadt von dem Tor trennt. Es war zu spät, um den
+<!-- page 105 -->
+Besuch zu machen, den ich vorgehabt hatte. Ich ging also
+kreuz und quer durch die Straßen nach dem Zentrum von
+Paris zurück. In der Nähe der Rue de la Victoire begegnete
+ich einem Priester und wollte ihm in der Verwirrung, in der
+ich mich befand, beichten. Er sagte mir, daß er nicht zu der
+Pfarre gehöre, und daß er zu irgendjemand in eine Abendgesellschaft
+ginge, aber daß ich, wenn ich ihn am folgenden
+Tage in Notre-Dame um Rat fragen wolle, nur nach dem
+Abbé Dubois fragen solle.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-103"><img src="images/103.jpg" alt="Illustration 103" /></div>
+
+<p>Verzweifelt und weinend lenkte ich meine Schritte nach
+der Kirche Notre-Dame de Lorette, wo ich mich zu Füßen
+des Altars der heiligen Jungfrau niederwarf und um Vergebung
+für meine Fehler bat. Etwas in mir sagte sich: Die
+Jungfrau ist tot und deine Gebete sind unnütz. Ich ging nach
+den hintersten Plätzen des Chors, um mich dort auf die Knie
+zu werfen, und streifte einen silbernen Ring vom Finger, in
+dessen Stein die drei arabischen Worte graviert waren: Allah!
+Mohammed! Ali! Sofort entzündeten sich mehrere Kerzen
+im Chor, und es begann ein Gottesdienst, mit dem ich mich
+im Geist zu vereinigen versuchte. Als man beim Ave Maria
+angelangt war, unterbrach sich der Priester mitten beim Gebet
+und fing siebenmal von vorne an, ohne daß ich in meinem
+Gedächtnis die folgenden Worte hätte wiederfinden können.
+Dann beschloß man das Gebet und der Priester hielt eine
+Rede, die auf mich allein anzuspielen schien. Als alles ausgelöscht
+war, erhob ich mich und ging hinaus, wobei ich die
+Richtung nach den Champs-Elysées einschlug.
+</p>
+<!-- page 106 -->
+
+<p>Als ich bei der Place de la Concorde angelangt war, hatte
+ich den Gedanken mich zu vernichten. Verschiedene Male
+ging ich zur Seine, aber etwas hinderte mich meinen Entschluß
+auszuführen. Die Sterne leuchteten am Firmament. Plötzlich
+schien es mir, wie wenn sie mit einemmal verlöschten wie
+die Kerzen, die ich in der Kirche gesehen hatte. Ich glaubte,
+daß die Zeiten erfüllt seien und daß wir dem Ende der Welt
+nahe seien, die der heilige Johannes in der Apokalypse verkündigt
+hat. Ich glaubte, eine schwarze Sonne an dem verödeten
+Himmel und eine blutrote Kugel über den Tuilerien
+zu erblicken. Ich sagte mir: Die ewige Nacht beginnt und sie
+wird fürchterlich sein. Was wird geschehen, wenn die Menschen
+gewahren werden, daß es keine Sonne mehr gibt? Ich
+ging durch die Rue St. Honoré zurück und beklagte die verspäteten
+Bauern, denen ich begegnete. Am Louvre angekommen
+ging ich bis zum Platz und da wartete meiner ein
+seltsames Schauspiel. Zwischen den rasch vom Wind gejagten
+Wolken sah ich mehrere Monde, die mit großer Schnelligkeit
+vorüberglitten. Ich dachte, die Erde sei aus ihrer Bahn getreten
+und irre am Firmament wie ein entmastetes Schiff umher,
+wobei sie sich den Sternen, die abwechselnd wuchsen und
+wieder abnahmen, näherte und wieder von ihnen entfernte.
+Zwei oder drei Stunden lang betrachtete ich diese Unordnung
+und ging schließlich nach der Gegend der Hallen. Die Bauern
+brachten ihre Waren und ich sagte mir: Wie werden sie
+erstaunt sein, wenn sie merken, daß die Nacht sich verlängert?
+Indessen bellten hie und da Hunde und die Hähne krähten.
+<!-- page 107 -->
+Von Müdigkeit zerschlagen ging ich nach Hause und warf mich
+auf mein Bett. Als ich aufwachte war ich erstaunt das Licht
+wiederzusehen. Eine Art geheimnisvollen Chors drang an
+mein Ohr: »CHRISTUS, CHRISTUS! CHRISTUS!« Ich dachte,
+daß man in einer benachbarten Kirche, Notre-Dame-des-Victories,
+eine große Zahl Kinder vereint habe, um den Heiland
+anzurufen. &mdash; Aber Christus ist nicht mehr! sagte ich
+mir, sie wissen es noch nicht! Die Anrufung dauerte ungefähr
+eine Stunde. Ich stand endlich auf und ging unter die Galerien
+des Palais Royal. Ich sagte mir, daß die Sonne wahrscheinlich
+noch genügend Licht aufgespeichert hätte, aber daß sie dazu ihre
+eigene Substanz abnützen müsse, und ich fand sie wirklich kalt
+und farblos. Ich beschwichtigte meinen Hunger mit einem kleinen
+Kuchen, um die Kraft zu gewinnen, das Haus des deutschen
+Dichters zu erreichen. Als ich eintrat sagte ich zu ihm, daß
+alles aus sei, und daß wir uns zum Sterben vorbereiten müßten.
+Er rief seiner Frau, die zu mir sagte: »Was fehlt Ihnen!« &mdash;
+»Ich weiß es nicht,« sagte ich zu ihr, »ich bin verloren!« Sie schickte
+nach einer Droschke und ein junges Mädchen führte mich
+nach der Maison Dubois.
+</p>
+
+<h3 class="no">V.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/107.jpg" alt="M" /></span><span class="hidden">M</span>EIN Übel begann wieder mit wechselnden
+Anfällen. Nach einem Monat war ich
+wieder hergestellt. Während der zwei
+Monate, die nun folgten, nahm ich meine
+Pilgerfahrten rund um Paris wieder auf.
+<!-- page 108 -->
+Die längste Reise, die ich gemacht habe, war der Besuch des
+Doms von Reims. Nach und nach fing ich wieder an zu
+schreiben und verfaßte eine meiner besten Novellen. Ich
+schrieb sie allerdings mühsam fast immer mit Bleistift auf lose
+Blätter, geleitet von dem Zufall meiner Träumereien und
+Spaziergänge. Die Korrekturen regten mich sehr auf. Wenige
+Tage nach Veröffentlichung der Novelle fühlte ich mich
+von hartnäckiger Schlaflosigkeit befallen. Die ganze Nacht
+ging ich auf dem Hügel von Montmartre spazieren und sah
+von dort den Sonnenaufgang. Ich plauderte lange mit Bauern
+und Arbeitern. In andern Augenblicken wand ich mich den
+Hallen zu. Eine Nacht ging ich zum Essen in ein Café am
+Boulevard und vergnügte mich damit, Gold- und Silberstücke
+in die Luft zu werfen. Dann ging ich zu den Hallen
+und stritt mit einem Unbekannten, dem ich eine grobe Ohrfeige
+gab. Ich weiß nicht, wieso das gar keine Folgen hatte.
+Zu einer gewissen Stunde, als ich die Turmuhr von St. Eustache
+schlagen hörte, begann ich an die Kämpfe der Herzöge
+von Burgund und der Armagnacs zu denken, und ich glaubte,
+daß sich die Schatten der Kämpfenden jener Epoche um mich
+herum erhoben. Ich kam in Streit mit einem Dienstmann, der
+auf seiner Brust ein silbernes Täfelchen trug und zu dem ich
+sagte, daß er der Herzog Johann von Burgund sei. Ich wollte
+ihn verhindern, in eine Schenke zu treten. Durch eine Eigentümlichkeit,
+die ich mir nicht erkläre, bedeckte sich sein Gesicht
+mit Tränen als er sah, daß ich ihm mit Tod drohte. Das
+rührte mich, und ich hieß ihn vorbeigehen.
+</p>
+<!-- page 109 -->
+
+<p>Ich wendete mich gegen die Tuilerien, die geschlossen waren,
+und ging den Quais entlang; dann begab ich mich zum Luxembourg
+und ging dann mit einem Freund frühstücken.
+Dann betrat ich St. Eustache, wo ich fromm am Altar der
+heiligen Jungfrau niederkniete und an meine Mutter dachte.
+Die Tränen, die ich vergoß, erleichterten meine Seele und
+als ich aus der Kirche kam, kaufte ich einen silbernen Ring.
+Darauf stattete ich meinem Vater einen Besuch ab, bei dem
+ich einen Strauß Margueriten zurückließ, da er abwesend
+war. Von da ging ich zum Jardin des Plantes. Es waren
+viele Menschen dort und ich verweilte einige Zeit und sah
+mir das Nilpferd an, das gerade in einem Bassin badete. &mdash;
+Darauf begab ich mich in die osteologischen Sammlungen.
+Der Anblick der Ungetüme, die sie enthalten, ließ mich an
+die Sintflut denken und als ich hinausging, fiel ein schrecklicher
+Platzregen im Garten nieder. Ich sagte mir: Was für
+<!-- page 110 -->
+ein Unglück! All diese Frauen, all diese Kinder werden
+durchnäßt! .&nbsp;.&nbsp;. Dann sagte ich mir: Aber es ist noch mehr!
+Die wirkliche Sintflut beginnt! Das Wasser stieg in den Nachbarstraßen
+an; ich lief die Straße Saint-Victor hinunter und
+im Gedanken das aufzuhalten, was ich für die Weltüberschwemmung
+hielt, warf ich an der tiefsten Stelle den Ring,
+den ich bei Saint-Eustache gekauft hatte, ins Wasser. Ungefähr
+in demselben Augenblick beruhigte sich das Gewitter
+und ein Sonnenstrahl begann zu glitzern.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-109"><img src="images/109.jpg" alt="Illustration 109" /></div>
+
+<p>Hoffnung kehrte in meine Seele zurück. Um vier Uhr
+hatte ich eine Verabredung bei meinem Freunde Georg; ich
+ging nach seiner Wohnung. Als ich bei einem Kuriositätenhändler
+vorüberging, kaufte ich zwei Ofenschirme aus Samt,
+die mit hieroglyphischen Figuren bedeckt waren. Das schien
+mir die Weihe für die himmlische Verzeihung zu sein. Ich
+kam zur bestimmten Zeit zu Georg und vertraute ihm meine
+Hoffnung an. Ich war durchnäßt und müde. Ich wechselte
+meine Kleider und legte mich auf sein Bett. Während meines
+Schlummers hatte ich eine wunderbare Vision. Es kam mir
+vor, als ob die Göttin mir erschiene und zu mir sagte: »Ich
+bin dieselbe wie Maria, dieselbe wie deine Mutter, dieselbe
+auch, die du stets unter allen Formen geliebt hast. Bei jeder
+deiner Prüfungen habe ich eine meiner Masken aufgegeben,
+mit denen ich meine Züge verschleiere und bald wirst du mich
+sehen so wie ich bin .&nbsp;.&nbsp;.« Ein köstlicher Weinberg wuchs aus
+dem Gewölk hinter ihr hervor, ein sanftes und durchdringendes
+Licht erhellte dieses Paradies; indessen hörte ich nur ihre
+<!-- page 113 -->
+Stimme, aber ich fühlte mich in eine entzückende Trunkenheit
+getaucht. &mdash; Kurze Zeit darauf erwachte ich und sagte
+zu Georg: »Laß uns ausgehen!« Während wir den Pont
+des Arts überschritten, erklärte ich ihm die Seelenwanderung
+und sagte zu ihm: »Es kommt mir vor, als hätte ich heute
+abend die Seele Napoleons in mir, die mich begeistert und
+mir große Dinge befiehlt.« &mdash;In der Rue du Coq kaufte ich einen
+Hut und während Georg das Kleingeld erhielt auf das Goldstück,
+das ich auf den Ladentisch geworfen hatte, setzte ich
+meinen Weg fort und gelangte nach den Galerien des Palais
+Royal.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-111"><img src="images/111.jpg" alt="Illustration 111" /></div>
+
+<p>Da schien es mir, als ob jedermann mich ansähe. Eine
+beharrliche Idee hatte sich in meinem Geiste festgesetzt, nämlich,
+daß es keine Toten mehr gebe; ich durchlief die Galerie
+de Foy und sagte: »Ich habe einen Fehler begangen«; und
+als ich mein Gedächtnis, welches ich für das Napoleons hielt,
+frug, konnte ich nicht dahinter kommen, was für einen. »Irgend
+etwas habe ich hier nicht bezahlt!« in diesem Gedanken
+betrat ich das Café de Foy und glaubte in einem der Stammgäste
+den Vater Bertin von den »Débats« zu erkennen.
+Dann durchschritt ich den Garten, wobei ich den Rundtänzen
+der kleinen Mädchen einiges Interesse schenkte. Von
+da verließ ich die Galerien und richtete meine Schritte nach
+der Rue St. Honoré. Ich trat in einen Laden, um eine Zigarre
+zu kaufen, und als ich hinaustrat, war die Menge so
+dicht, daß ich fast erdrückt worden wäre. Zwei meiner
+Freunde befreiten mich, indem sie für mich bürgten, und ließen
+<!-- page 114 -->
+mich in ein Kaffeehaus eintreten, während einer von ihnen
+eine Droschke holte. Man brachte mich zum Charitéhospital.
+</p>
+
+<p>Während der Nacht nahm das Delirium zu, besonders
+am Morgen, als ich bemerkte, daß ich angebunden war. Es
+gelang mir, mich von der Zwangsjacke zu befreien, und gegen
+Morgen ging ich in den Sälen herum. Der Gedanke, daß
+ich einem Gott gleich geworden sei, und die Kraft zu heilen
+besäße, ließ mich einigen Kranken die Hände auflegen;
+dann trat ich auf ein Standbild der heiligen Jungfrau zu, der
+ich den Kranz von künstlichen Blumen abnahm, um die
+Macht, die ich zu besitzen glaubte, noch zu unterstützen.
+Ich ging mit großen Schritten, wobei ich mit Lebhaftigkeit über
+die Unwissenheit der Menschen sprach, die glaubten, mit der
+Wissenschaft allein heilen zu können, und als ich auf dem
+Tische ein Fläschchen mit Äther sah, verschlang ich seinen Inhalt
+mit einem Schluck. Ein Assistenzarzt, dessen Gesicht ich
+mit dem der Engel verglich, wollte mich aufhalten, aber die
+nervöse Kraft unterstützte mich und bereit ihn niederzuwerfen
+blieb ich stehen und sagte ihm, er verstehe nicht was meine
+Mission sei. Dann kamen Ärzte und ich setzte meine Rede
+über die Ohnmacht ihrer Kunst fort. Hierauf ging ich die
+Treppe hinunter, obwohl ich keine Fußbekleidung hatte.
+Als ich an einem Blumengarten angelangt war, ging ich hinein
+und pflückte Blumen, wobei ich auf dem Rasen herumging.
+</p>
+
+<p>Einer meiner Freunde war zurückgekommen, um mich zu
+holen. Da verließ ich den Blumengarten und während ich
+mit ihm sprach, warf man mir eine Zwangsjacke über die
+<!-- page 117 -->
+Schultern, dann ließ man mich in eine Droschke steigen und
+brachte mich in eine Irrenanstalt außerhalb von Paris. Ich
+verstand als ich mich unter den Irrsinnigen sah, daß alles bisher
+für mich nur Einbildung gewesen war. Übrigens schien
+es mir, daß die Versprechungen, die ich der Göttin Isis zuschrieb,
+sich durch eine Reihe von Prüfungen verwirklichten,
+die ich zu ertragen bestimmt war. Ich nahm sie also mit Ergebung
+hin.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-115"><img src="images/115.jpg" alt="Illustration 115" /></div>
+
+<p>Der Teil des Gebäudes, in dem ich mich befand, ging auf
+eine weite, von Nußbäumen beschattete Wandelbahn. In
+einer Ecke befand sich ein kleiner Erdhügel, wo einer der
+Gefangenen den ganzen Tag im Kreis herumging. Andere
+beschränkten sich wie ich, auf dem Erdwall oder der Terrasse
+auf und ab zu gehen, die von einer Rasenböschung begrenzt
+wurde. Auf einer Mauer, die nach Sonnenuntergang lag,
+waren Figuren gezeichnet, deren eine die Form des Mondes
+mit geometrisch gezeichneten Augen und Mund darstellte;
+über dieses Gesicht hatte man eine Art Maske gemalt; die
+Mauer zur Linken stellte verschiedene Profilzeichnungen vor,
+worunter eine einer Art japanischer Gottheit glich. Etwas
+weiter war ein Totenkopf in den Gips modelliert. An der
+gegenüberliegenden Seite waren zwei Quadersteine von
+einem der Gäste des Gartens behauen worden und stellten
+kleine, ganz gut getroffene Fratzen dar. Zwei Türen führten
+in die Keller und ich bildete mir ein, daß das unterirdische
+Gänge seien, die denen gleichen, die ich am Eingang der Pyramiden
+gesehen hatte.
+</p>
+<!-- page 118 -->
+
+<h3 class="no">VI.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/118.jpg" alt="Z" /></span><span class="hidden">Z</span>UERST stellte ich mir vor, daß die in diesem
+Garten versammelten Personen alle irgend
+einen Einfluß auf die Gestirne hätten, und
+daß der, welcher sich unaufhörlich in demselben
+Kreise drehte, dadurch den Gang der
+Sonne regulierte. Ein Greis, den man zu gewissen Tageszeiten
+herführte und der Knoten machte, wenn er seine Taschenuhr
+konsultierte, schien mir damit betraut zu sein, den
+Gang der Stunden festzustellen. Mir selbst schrieb ich einen
+Einfluß auf den Lauf des Mondes zu und ich glaubte, dieses
+Gestirn habe einen Blitzstrahl des Allmächtigen empfangen,
+der auf sein Antlitz die Maske geprägt habe, die ich bemerkt
+hatte.
+</p>
+
+<p>Ich legte den Unterhaltungen der Wärter und denen meiner
+Genossen einen mystischen Sinn unter. Sie schienen mir die
+Repräsentanten aller Rassen der Erde zu sein und ich glaubte,
+daß wir dazu da seien, die Bahnen der Gestirne aufs neue
+festzusetzen und dem System eine größere Entwicklung zu
+geben. Meiner Meinung nach hatte sich ein Irrtum bei der
+Hauptzusammenstellung der Zahlen eingeschlichen, und davon
+leitete ich alle Übel der Menschheit ab. Ich glaubte noch,
+daß die himmlischen Geister menschliche Formen angenommen
+hätten und dieser Generalversammlung beiwohnten,
+obwohl sie von gemeinen Sorgen eingenommen schienen.
+Meine Rolle schien mir zu sein, die Harmonie des Weltalls
+durch kabbalistische Kunst wiederherzustellen und eine Lösung
+<!-- page 121 -->
+zu suchen, indem ich die okkulten Kräfte der verschiedenen
+Religionen heraufbeschwor. Außer der Wandelbahn hatten
+wir noch einen Saal, dessen senkrecht vergitterte Fenster ins
+Grüne hinausgingen. Wenn ich hinter diesen Scheiben die Linie
+der äußern Baulichkeiten ansah, gewahrte ich, wie sich die
+Fassade und die Fenster in tausend mit Arabesken geschmückte
+Pavillons zerteilten; darüber erhoben sich Ausschnitte
+und Spitzen, die mir die kaiserlichen Kioske, die den Bosporus
+umgeben, ins Gedächtnis riefen. Das führte natürlich
+meinen Geist zur Beschäftigung mit dem Orient. Gegen zwei
+Uhr brachte man mich ins Bad und ich glaubte mich von den
+Walküren, den Töchtern Odins bedient, die mich zur Unsterblichkeit
+erheben wollten, indem sie nach und nach meinen
+Körper von allem Unreinen befreiten.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-119"><img src="images/119.jpg" alt="Illustration 119" /></div>
+
+<p>Abends ging ich heiter im Mondschein spazieren, und wenn
+ich meine Augen zu den Bäumen erhob, schienen sich die
+Blätter eigenartig zu rollen, so daß sie Bilder von Kavalieren
+und Damen bildeten, die von aufgeputzten Pferden getragen
+wurden. Das waren für mich die triumphierenden Gestalten
+der Ahnen. Dieser Gedanke leitete mich zu dem andern, daß
+eine ausgedehnte Verschwörung unter allen Lebewesen bestand,
+um die Welt in ihrer ersten Harmonie wieder herzustellen,
+daß die Verbindungen durch den Magnetismus der
+Gestirne stattfanden, daß eine ununterbrochene Kette die
+mit jener allgemeinen Verbindung beschäftigten Intelligenzen
+rings um die Erde verband und daß die magnetisierten Gesänge,
+Tänze und Blicke nach und nach dasselbe Streben
+<!-- page 122 -->
+übertrugen. Der Mond war für mich der Zufluchtsort der
+verbrüderten Seelen, die von ihren sterblichen Körpern befreit
+freier an der Wieederherstellung des Weltalls arbeiteten.
+</p>
+
+<p>Für mich schien die Zeit eines jeden Tages schon um zwei
+Stunden zugenommen zu haben, so daß ich, wenn ich zu den
+durch die Uhren des Hauses festgesetzten Stunden aufstand,
+mich nur im Reich der Schatten bewegte. Die Genossen, die
+mich umgaben, schienen mir eingeschlafen und dem Anblick
+des Tartarus zu gleichen bis zur Stunde, wo für mich die
+Sonne aufging. Dann begrüßte ich dieses Gestirn durch ein
+Gebet und mein wirkliches Leben begann.
+</p>
+
+<p>Von dem Augenblick an, wo ich mich soweit vergewissert
+hatte, daß ich den Prüfungen der heiligen Einweihung unterworfen
+war, empfing mein Geist eine unbezwingliche Kraft.
+Ich hielt mich für einen Helden, der unter dem Blick der
+Götter lebt; alles in der Natur gewann ein neues Ansehen
+und geheime Stimmen kamen aus der Pflanze, dem Baum,
+den Tieren, den geringsten Insekten, um mich zu benachrichtigen
+und zu ermutigen. Die Sprache meiner Gefährten
+hatte geheimnisvolle Wendungen, deren Sinn ich verstand,
+Gegenstände ohne Form und ohne Leben fügten sich von
+selbst den Berechnungen meines Geistes ein; &mdash; aus der Zusammenstellung
+von Kieselsteinen, den Figuren von Winkeln,
+Spalten und Öffnungen, den Schnittlinien von Blättern, aus
+Farben, Düften und Tönen sah ich bis dahin unbekannte
+Harmonien hervorgehen. »Wie«, sagte ich mir, »habe ich
+nur so lange außerhalb der Natur bestehen können und
+<!-- page 125 -->
+ohne mich mit ihr zu identifizieren? Alles lebt, alles handelt,
+alles steht in Beziehung; die magnetischen Strahlen, die von
+mir oder von andern ausgehen, überschreiten ohne Hindernis
+die unendliche Kette der geschaffenen Dinge; ein durchsichtiges
+Netz bedeckt die Welt, dessen gelockerte Fäden sich
+von Ort zu Ort den Planeten und den Sternen mitteilen. Ich
+bin für den Augenblick an die Erde gefesselt und unterhalte
+mich mit dem Chor der Gestirne, die an meinen Freuden
+und Schmerzen teilnehmen!«
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-123"><img src="images/123.jpg" alt="Illustration 123" /></div>
+
+<p>Sofort zitterte ich, wenn ich bedachte, daß selbst dieses
+Mysterium belauert werden könnte. &mdash; »Wenn die Elektrizität,«
+sagte ich mir, »die der Magnetismus der physischen
+Körper ist, einer Leitung unterworfen sein kann, die ihr Gesetze
+auferlegt, so können noch viel mehr die feindlichen und
+tyrannischen Geister die Intelligenzen unterjochen und sich ihrer
+geteilten Kräfte zum Zweck der Herrschaft bedienen. So sind
+die alten Götter besiegt und durch die neuen Götter geknechtet
+worden. So«, sagte ich mir weiter indem ich meine Erinnerungen
+an die alte Welt zu Rate zog, »haben die Nekromanten
+ganze Völker beherrscht, deren unter ihrem ewigen
+Zepter gefesselte Geschlechter einander folgten. O Unglück!
+Selbst der Tod kann sie nicht befreien, denn wir leben
+wieder in unsern Söhnen, wie wir in unsern Vätern gelebt
+haben, &mdash; und die unerbittliche Wissenschaft unsrer Feinde
+weiß uns überall zu erkennen. Die Stunde unsrer Geburt,
+der Punkt der Erde an dem wir erscheinen, die erste Bewegung,
+der Name, das Zimmer, &mdash; und all jene Weihen und
+<!-- page 126 -->
+all jene Gebräuche, die man uns auferlegt, alles das stellt eine
+glückliche oder verhängnisvolle Reihenfolge dar, von der die
+ganze Zukunft abhängt. Aber wenn das schon nach menschlicher
+Berechnung fürchterlich ist, verstehe man was das sein
+muß, wenn es an die geheimnisvollen Formeln anknüpft,
+auf denen die Ordnung der Welten beruht! Man hat richtig
+gesagt: Nichts ist gleichgültig, nichts ist ohnmächtig im Weltall;
+ein Atom kann alles auflösen, ein Atom kann alles
+retten!
+</p>
+
+<p>O Entsetzen! Das ist der ewige Unterschied zwischen Gut
+und Böse! Ist meine Seele das unzerstörbare Molekül, die
+Blase, die ein bißchen Luft aufbläht, aber die ihren Platz in
+der Natur wiederfindet, oder die Leere selbst, ein Bild des
+Nichts, das in der Unendlichkeit verschwindet? Wäre sie ferner
+das unglückselige Teilchen, das bestimmt ist unter all seinen
+Verwandlungen der Rache der mächtigen Wesen zu unterliegen?
+So sah ich mich dahin gebracht, von mir Rechenschaft
+für mein Leben und selbst für meine früheren Existenzen zu
+fordern. Indem ich mir bewies, daß ich gut sei, bewies ich
+mir, daß ich es stets gewesen sein müsse. Und wenn ich schlecht
+gewesen bin, sollte da nicht mein gegenwärtiges Leben eine
+genügende Sühne sein? Dieser Gedanke beruhigte mich, aber
+nahm mir nicht die Angst, für immer unter die Unglücklichen
+eingereiht zu werden. Ich fühlte mich in kaltes Wasser getaucht,
+und ein noch kälteres Wasser rieselte über meine Stirn.
+Ich lenkte meinen Gedanken wieder zur ewigen Isis, zur
+Mutter und heiligen Gattin. All mein Streben, all meine
+<!-- page 129 -->
+Gebete vereinigten sich in diesem zauberhaften Namen, ich
+fühlte mich in ihr wieder aufleben und bisweilen erschien sie
+mir unter der Gestalt der antiken Venus, bald auch unter den
+Zügen der christlichen Jungfrau. Die Nacht brachte mir diese
+geliebte Erscheinung deutlicher und trotzdem sagte ich mir:
+Was kann sie, die besiegt und vielleicht unterdrückt ist, für
+ihre armen Kinder tun? Die bleiche und zerrissene Mondsichel
+wurde jeden Abend schmäler und würde bald verschwinden;
+vielleicht sollten wir sie nicht am Himmel wiedersehen!
+Indessen schien es mir, als sei dieses Gestirn die Zuflucht
+aller meiner Schwesterseelen und ich sah es von klagenden
+Schatten bewohnt, die bestimmt waren, dereinst auf der Erde
+wiedergeboren zu werden .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Mein Zimmer ist am äußersten
+Ende eines Ganges, der auf der einen Seite von den Verrückten
+bewohnt ist, auf der andern von den Bediensteten
+des Hauses. Es hat allein den Vorteil eines Fensters, das
+auf der Hofseite durchgebrochen ist; der Hof ist mit Bäumen
+bepflanzt und dient tagsüber als Spazierplatz. Meine Blicke
+heften sich mit Vergnügen auf einen buschigen Nußbaum
+und auf zwei chinesische Maulbeerbäume. Darüber gewahrt
+man undeutlich zwischen den grün bemalten Gittern eine
+ziemlich belebte Straße. Gegen Sonnenuntergang erweitert
+sich der Horizont; es ist wie ein Dorf mit Fenstern, die mit
+Grün bekleidet oder mit Vogelkäfigen oder Lumpen zum
+Trocknen behängt sind, und wo man von Zeit zu Zeit das
+Profil einer jungen oder alten Hausfrau oder irgendeinen
+rosigen Kinderkopf hervorlugen sieht. Man schreit, singt, bricht
+<!-- page 130 -->
+in Lachen aus; es ist froh oder traurig zum Anhören, je nach
+den Stunden und den Eindrücken.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-127"><img src="images/127.jpg" alt="Illustration 127" /></div>
+
+<p>Ich habe hier alle Trümmer meiner verschiedenen Vermögen
+gefunden, die verworrenen Reste mehrerer verstreuten
+oder seit zwanzig Jahren wiederverkauften Mobiliare.
+Es ist eine Trödlerstube wie die des Doktor Faust. Ein
+antiker dreifüßiger Tisch mit Adlerköpfen, eine von einer geflügelten
+Sphynx gehaltene Konsole, eine Kommode aus
+dem siebzehnten Jahrhundert, eine Bibliothek des achtzehnten,
+ein Bett aus derselben Zeit, dessen ovaler Himmel, den
+man aber nicht aufrichten kann, mit blauen und roten Stoffen
+bekleidet ist; ein bäurisches Gestell, auf dem meist ziemlich
+stark beschädigte Fayencen und Gegenstände aus Sèvresporzellan
+stehen; eine aus Konstantinopel mitgebrachte
+Wasserpfeife, einen großen Becher aus Alabaster, ein Kristallgefäß; Wandfüllungen
+aus Holz, die vom Abbruch eines
+alten Hauses herrührten, das ich auf dem Louvreplatz bewohnt
+hatte und die mit mythologischen Malereien von der
+Hand heute berühmter Freunde bedeckt waren; zwei große
+Gemälde im Geschmacke Prudhons, die die Musen der Geschichte
+und der Schauspielkunst darstellten. Mehrere Tage
+lang hat es mir Spaß gemacht, all das zu ordnen und in der
+engen Mansarde eine bizarre Zusammenstellung zu schaffen,
+die etwas vom Palast und etwas von der Hütte hat und
+einen ziemlich guten Auszug meines unsteten Lebens gibt.
+Über meinem Bett habe ich meine arabischen Kleider aufgehängt,
+meine zwei sorgsam ausgebesserten Kaschmirschals,
+<!-- page 131 -->
+eine Pilgerflasche, einen ungeheuren Plan von Kairo; eine
+Konsole aus Bambus steht zu Kopfende meines Bettes und
+trägt eine indische Lackplatte, auf der ich meine Toilettegegenstände
+ordnen kann. Ich habe mit Freude diese bescheidenen
+Reste meiner abwechselnd im Wohlleben und im Elend verbrachten
+Jahre wiedergefunden, an die sich alle Erinnerungen
+meines Lebens knüpften. Man hatte nur ein kleines Gemälde
+auf Kupfer im Geschmack Correggios auf die Seite
+gelegt, das Venus und Amor darstellte, Wandspiegel mit
+Jägerinnen und Satyrn und einen Pfeil, den ich zum Andenken
+an die Gesellschaften beim Valoisbogen aufbewahrt
+hatte; die Waffen waren nach den neuen Gesetzen verkauft
+worden. Im ganzen fand ich alles wieder, was ich zuletzt
+besessen hatte. Meine Bücher bildeten eine bizarre Anhäufung
+der Wissenschaft aller Zeiten, Geschichte, Reisen, Religion,
+Kabbala, Astrologie; sie hätten den Schatten Picos de la
+Mirandola, des weisen Meursius und Nikolas&rsquo; de Cusa
+Freude gemacht, &mdash; der Turm zu Babel in zweihundert Bänden;
+&mdash; alles das hatte man mir gelassen! Es war genug, um
+einen Weisen närrisch zu machen; hoffentlich auch genug, um
+einen Narren weise zu machen!
+</p>
+
+<p>Mit welchem Entzücken habe ich in meinen Schubladen
+den Haufen meiner Aufzeichnungen und intimen und öffentlichen,
+alltäglichen und glänzenden Briefwechsel ordnen können;
+sie waren gewöhnlich oder bedeutend, wie es der Zufall
+der Begegnungen oder der entfernten Länder, die ich bereist
+habe, mit sich brachte. In Rollen, die besser verwahrt sind als
+<!-- page 132 -->
+die andern, finde ich arabische Briefe, Reliquien aus Kairo und
+Stambul wieder.
+</p>
+
+<p>O Glück! O tödliche Traurigkeit! Diese vergilbten Buchstaben,
+diese verwischten Entwürfe, diese halbzerknitterten
+Briefe, das ist der Schatz meiner einzigen Liebe. Lesen wir
+sie wieder! Viele Briefe fehlen, viele andere sind zerrissen oder
+unleserlich gemacht! &mdash; &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<h3 class="no">VII.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/132.jpg" alt="E" /></span><span class="hidden">E</span>INES Nachts sprach und sang ich in einer Art
+Ekstase. Einer der Bediensteten des Hauses
+holte mich in meiner Zelle und ließ mich in
+ein Parterrezimmer hinuntergehen, wo er
+mich einschloß. Ich setzte meinen Traum fort
+und obwohl ich aufrecht stand, glaubte ich mich in einer Art
+orientalischen Kiosks eingeschlossen. Ich untersuchte alle Winkel
+und erkannte, daß er achteckig war. Ein Diwan beherrschte
+die ganzen Wände; diese schienen mir aus dickem
+Spiegelglas geformt, jenseits deren ich Schätze, Schals und
+Stickereien glänzen sah. Eine vom Mond erhellte Landschaft
+erschien mir durch das Türgitter und ich glaubte die Formen
+von Baumstümpfen und Felsen zu erkennen. Ich hatte dort
+schon in irgendeiner andern Existenz geweilt und glaubte die
+tiefen Grotten von Ellorah zu erkennen. Nach und nach
+drang bläuliches Tageslicht in den Kiosk und ließ bizarre
+<!-- page 133 -->
+Bilder zutage treten. Ich glaubte mich nun mitten in einem
+ungeheuren Fleischhaufen zu befinden, wo die Weltgeschichte
+in blutigen Zügen niedergeschrieben war. Der Körper einer
+riesenhaften Frau war mir gegenüber gemalt, nur waren ihre
+verschiedenen Teile wie von einem Säbel zerschnitten. Andre
+Frauen verschiedener Rassen, deren Körper nacheinander
+vorherrschten,
+stellten auf den
+andern Mauern
+eine blutigen
+Wirrwarr von
+Gliedern und
+Köpfen dar, von
+den Kaiserinnen
+und Königinnen
+bis herab zur bescheidenen
+Bäuerin. Das war die
+Geschichte aller
+Verbrechen und
+es genügte, die
+Augen auf diesen
+oder jenen
+Punkt zu heften,
+um dort einen
+tragischen Vorgang
+sich abspielen
+zu sehen.
+&mdash; Das ist es
+nun, sagte ich
+mir, was die den
+Menschen verliehene
+Gewalt
+hervorgebracht
+hat. Sie haben
+den ewigen Typus
+der Schönheit nach und nach so gut zerstört und in tausend
+Stücke geschnitten, daß die Rassen immer mehr an Kraft
+und Vollkommenheit verlieren. Und ich sah wirklich auf
+einer Schattenlinie, die sich durch eine der Spalten der
+Tür einschlich, die absteigenden Generationen der Zukunftsrassen.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-133"><img src="images/133.jpg" alt="Illustration 133" /></div>
+<!-- page 134 -->
+
+<p>Endlich wurde ich dieser düstern Betrachtung entrissen.
+Das gute und mitfühlende Gesicht meines vortrefflichen
+Arztes gab mich der Welt des Lebendigen zurück. Er ließ
+mich einem Schauspiel beiwohnen, das mich lebhaft interessierte.
+Unter den Kranken befand sich ein junger Mann, ein
+alter Soldat aus Afrika, der sich seit sechs Wochen weigerte
+Nahrung aufzunehmen. Vermittels eines langen Kautschukschlauchs,
+den man in ein Nasenloch einführte, ließ man ihm
+eine genügende Menge Gries und Schokolade in den Magen
+rinnen.
+</p>
+
+<p>Dieses Schauspiel machte mir lebhaften Eindruck. Bis
+dahin war ich dem einförmigen Kreislauf meiner Erregungen
+und meiner moralischen Leiden überlassen gewesen, da begegnete
+mir ein unbeschreibliches, schweigsames und geduldiges
+Wesen, das wie eine Sphynx an den äußersten Toren
+des Lebens saß. Ich fing an, es wegen seines Unglücks und
+seiner Verlassenheit zu lieben, und ich fühlte mich durch diese
+Zuneigung und dieses Mitleid gehoben. Es schien mir so
+zwischen das Leben und den Tod gestellt wie ein erhabener
+Dolmetscher, wie ein Beichtvater, der dazu bestimmt ist jene
+Geheimnisse der Seele zu hören, die das Wort nicht zu übermitteln
+wagte noch vermöchte. Es war das Ohr Gottes ohne
+die Beimischung des Gedankens eines andern. Ich verbrachte
+ganze Stunden damit, mich im Geist zu prüfen, wobei ich
+mein Haupt auf das seine neigte und ihn bei der Hand hielt.
+Es kam mir vor als vereinte ein gewisser Magnetismus unsre
+beiden Geister und ich war entzückt, als zum erstenmal ein
+<!-- page 137 -->
+Wort aus seinem Mund kam. Man wollte nichts davon
+glauben und ich schrieb meinem glühenden Wunsch diesen
+Beginn der Heilung zu. In dieser Nacht hatte ich einen köstlichen
+Traum, den ersten seit recht langer Zeit.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-135"><img src="images/135.jpg" alt="Illustration 135" /></div>
+
+<p>Ich war in einem Turm, der so tief in der Erde steckte und
+so hoch in den Himmel ragte, daß mein ganzes Leben mit
+Hinauf- und Hinabsteigen ausgefüllt schien. Schon waren
+meine Kräfte erschöpft und der Mut begann mich zu verlassen,
+als sich eine Seitentür öffnet. Ein Geist tritt hervor
+und sagt zu mir: »Komm, Bruder! .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.« Ich weiß nicht, wie
+es mir in den Sinn kam, daß er Saturnin hieß. Er hatte die
+Züge des armen Kranken, aber verklärt und wissend. Wir
+waren auf einem sternerhellten Felde; wir blieben stehen und
+betrachteten das himmlische Schauspiel und der Geist legte
+seine Hand auf meine Stirn, wie ich es am Abend vorher
+gemacht hatte, als ich meinen Gefährten zu magnetisieren
+versuchte; sogleich fing einer der Sterne des Himmels zu
+wachsen an, und die Gottheit meiner Träume erschien mir
+lächelnd in einem fast indischen Gewand, so wie ich sie früher
+gesehen hatte. Sie schritt zwischen uns beiden und die Wiesen
+ergrünten, die Blüten und Blätter erhoben sich von der
+Erde auf der Spur ihrer Schritte .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Sie sprach zu mir: »Die
+Prüfung, der du unterworfen warst, ist zu Ende; diese zahllosen
+Stufen, bei deren Erklimmen und Hinabsteigen du dich
+ermüdetest, waren die Bande der alten Einbildungen selbst,
+die deine Gedanken verwirrten und jetzt erinnere dich des
+Tags, wo du die heilige Jungfrau angefleht hast und da du
+<!-- page 138 -->
+sie tot glaubtest, sich das Delirium deines Geistes bemächtigt
+hat. Es war nötig, daß ihr dein Wunsch von einer einfachen
+von der Erde losgelösten Seele überbracht wurde. Diese
+hat sich in deiner Nähe gefunden und darum ist es mir selbst
+erlaubt zu kommen und dir Mut zuzusprechen.« Die Freude,
+die dieser Traum in meinem Geist verbreitete, verschaffte
+mir ein köstliches Erwachen. Der Tag begann anzubrechen.
+Ich wollte ein greifbares Zeichen der Erscheinung haben, die
+mich getröstet hatte und ich schrieb diese Worte auf die Mauer:
+»Du hast mich in dieser Nacht besucht.« Ich verzeichne hier
+unter dem Titel
+</p>
+
+<p class="center">DENKWÜRDIGKEITEN
+</p>
+
+<p class="first">die Eindrücke mehrerer Träume, die dem folgten, den ich
+eben mitgeteilt habe. &mdash; &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Auf einer schlanken Bergspitze der Auvergne ist der Hirtengesang
+verklungen: ARME MARIA! Königin der Himmel!
+An dich wendet sich ihre Frömmigkeit. Diese ländliche Melodie
+ist zum Ohr der Korybanten gedrungen. Sie treten
+selbst singend aus den geheimen Grotten, wo die Liebe ihnen
+Obdach gewährte. &mdash; Hosianna! Friede auf Erden und
+Ruhm in den Himmeln! &mdash; Auf den Bergen des Hymalaia
+ist eine kleine Blume erblüht. &mdash; Vergiß mein nicht! &mdash; Der
+kosende Blick eines Sternes hat einen Augenblick auf ihr geruht
+und eine Stimme ließ sich in einer süßen, fremden Sprache
+vernehmen: MYOSOTIS! &mdash;
+</p>
+
+<p>Eine silberne Perle leuchtete im Sand; eine goldene Perle
+strahlte am Himmel .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Die Welt war geschaffen. Keusche
+<!-- page 139 -->
+Liebe, göttliche Seufzer! Entflammt den heiligen Berg! .&nbsp;.&nbsp;.
+Denn ihr habt Brüder in den Tälern und schüchterne Schwestern,
+die sich im Schoß der Wälder verbergen!
+</p>
+
+<p>Duftende Gebüsche von Paphos! Was seid ihr gegen diese
+Zufluchtsorte, wo man mit vollen Lungen die belebende Luft
+des Vaterlandes atmet? &mdash; Da oben auf den Bergen lebt die
+Welt zufrieden; die wilde Nachtigall verbreitet Zufriedenheit.
+</p>
+
+<p>O wie schön ist doch meine große Freundin! Sie ist so
+groß, daß sie der Welt verzeiht und so gut, daß sie mir verziehen
+hat. Neulich nachts schlief sie in irgendeinem Palast und
+ich konnte sie nicht erreichen. Mein Schweißfuchs entwand
+sich meinem Befehl. Die zerrissenen Zügel hingen über der
+in Schweiß gebadeten Kruppe und es bedurfte großer Anstrengungen,
+um ihn zu verhindern, daß er sich zu Boden legte.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-139"><img src="images/139.jpg" alt="Illustration 139" /></div>
+
+<p>Heute nacht ist mir der gute Saturnin zu Hilfe gekommen
+und meine große Freundin hat an meiner Seite auf ihrer
+weißen, silbern aufgezäumten Stute Platz genommen. Sie
+sagte zu mir: »Mut, Bruder, denn das ist die letzte Stufe!«
+<!-- page 140 -->
+Und ihre großen Augen verschlangen den Raum und sie ließ
+in der Luft ihr langes Haar wehen, das mit den Düften Jemens
+getränkt war.
+</p>
+
+<p>Ich erkannte die göttlichen Züge von ***. Wir flogen im
+Triumph und die Feinde waren zu unsern Füßen. Der Wiedehopf
+geleitete uns als Bote bis in den höchsten Himmel und
+der Bogen des Lichts barst in den göttlichen Händen Apolls.
+Adonis Zauberhorn klang durch die Wälder.
+</p>
+
+<p>O Tod, wo ist dein Sieg? Da doch der triumphierende
+Messias zwischen uns beiden ritt? Ihr Kleid war aus schwefligem
+Hyazinth und ihre Handgelenke sowie die Knöchel
+ihrer Füße blitzten von Diamanten und Rubinen. Wenn
+ihre leichte Reitgerte das Perlmuttertor des Neuen Jerusalem
+berührte, waren wir alle drei in Licht getaucht. Dann bin ich
+unter die Menschen gegangen, um ihnen die frohe Botschaft
+zu verkünden.
+</p>
+
+<p>Ich erwache aus einem süßen Traum. Ich habe die gesehen,
+die ich verklärt und strahlend geliebt habe. Der Himmel hat
+sich in all seiner Pracht geöffnet und ich habe darin das Wort
+VERGEBUNG gelesen, das mit dem Blute Jesu Christi geschrieben
+war.
+</p>
+
+<p>Ein Stern erglänzte plötzlich und enthüllte mir das Geheimnis
+der Welt der Welten. Hosianna! Friede auf Erden
+und Ehre den Himmeln!
+</p>
+
+<p>Aus dem Schoß der stummen Finsternis sind zwei Töne
+erklungen, ein getragener und ein schriller, und sogleich begann
+der ewige Kreislauf. Sei gesegnet, o erste Oktave, mit der
+<!-- page 141 -->
+die göttliche Hymne anhub. Von Sonntag zu Sonntag flichst
+du alle Tage in dein Zaubernetz! Die Berge lobpreisen dich
+den Tälern, die Quellen den Bächen, die Bäche den Strömen;
+die Ströme dem Ozean. Die Luft zittert und das Licht küßt
+wohlklingend die sprießenden Blumen.
+</p>
+
+<p>Ein Seufzer, ein Liebesschauer steigt aus dem geschwellten
+Schoß der Erde und der Chor der Gestirne entfaltet sich in
+die Unendlichkeit; er entfernt sich und kommt wiederum zurück,
+verdichtet sich und entfaltet sich wieder und sät die
+Keime zu neuen Schöpfungen ins Weite.
+</p>
+
+<p>Auf dem Gipfel eines bläulichen Berges ist eine kleine
+Blume erblüht. &mdash; Vergiß mein nicht! &mdash; Der kosende Blick
+eines Sternes hat sich einen Augenblick darauf geheftet und
+eine Antwort ließ sich in einer süßen, fremden Sprache vernehmen:
+MYOSOTIS!
+</p>
+
+<p>Unheil über dich, Gott des Nordens! Der du mit
+einem Hammerschlag die aus den sieben köstlichsten Metallen
+gefügte heilige Tafel zertrümmertest! Denn du hast
+die »ROSENFARBENE PERLE«, die in ihrer Mitte ruhte,
+nicht zerbrechen können. Sie ist unter dem Eisen wieder
+aufgesprungen, &mdash; und wir haben uns für sie bewaffnet .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+Hosianna!
+</p>
+
+<p>Der Makrokosmos, oder die große Welt, ist durch kabbalistische
+Kunst erbaut worden; der Mikrokosmos, oder die
+kleine Welt, ist sein in aller Welt zurückgestrahltes Bild. Die
+»ROSENFARBENE PERLE« ist mit dem königlichen Blut der
+Walküren gefärbt worden. Unheil über dich, schmiedender
+<!-- page 142 -->
+Gott, der eine Welt zertrümmern wollte! Indessen ist die Vergebung
+Christi auch für dich verkündet worden!
+</p>
+
+<p>Sei also selbst du gesegnet, o Thor, du Riese &mdash; du mächtigster
+unter Odins Söhnen! Sei gesegnet in Hela, deiner Mutter,
+denn oft ist der Tod süß, &mdash; und in deinem Bruder Loki
+und in deinem Hund Garnur.
+</p>
+
+<p>Selbst die Schlange, welche die Welt umgibt, ist gesegnet,
+denn ihre Ringe erschlaffen und ihr gähnender Rachen atmet
+die Blume Anxoka, die Schwefelblume, die strahlende Blume
+der Sonne!
+</p>
+
+<p>Gott schütze den göttlichen Baldur, den Sohn Odins und
+Freya, die schöne!
+</p>
+
+<h3 class="no">VIII.</h3>
+
+<p class="first"><span class="leftpic"><img src="images/142.jpg" alt="I" /></span><span class="hidden">I</span>CH befand mich IM GEIST in Saardam,
+das ich im vergangenen Jahr besucht
+habe. Schnee bedeckt die Erde. Ein
+ganz kleines Mädchen ging schleifend
+über die harte Erde und richtete
+seine Schritte glaube ich nach dem
+Haus Peters des Großen. Ihr majestätisches
+Profil hatte etwas Bourbonisches.
+Ihr Hals von strahlender Weiße ragte zur Hälfte aus einem
+Schwanenpelzkragen. Mit ihrer kleinen rosigen Hand schützte
+sie eine angezündete Lampe vor dem Wind und wollte an
+der grünen Haustür klopfen, als eine magere Katze daraus
+hervorkam, sich in ihre Beine verwickelte und sie zum Fallen
+<!-- page 143 -->
+brachte. &mdash; »Schau, es ist nur eine Katze!« sagte das kleine
+Mädchen und stand wieder auf. &mdash; »Eine Katze, das ist auch
+etwas!« antwortete eine sanfte Stimme. Ich wohnte dieser
+Szene bei und trug auf meinem Arm eine kleine graue Katze,
+die zu miauen anfing. »Sie ist das Kind dieser alten Fee!«
+sagte das kleine Mädchen. Und sie trat in das Haus.
+</p>
+
+<div class="centerpic" id="img-143"><img src="images/143.jpg" alt="Illustration 143" /></div>
+
+<p>In dieser Nacht flog mein Traum zuerst nach Wien. Bekanntlich
+erheben sich auf jedem Platz dieser Stadt große
+Säulen, die man Gnadensäulen nennt. Wolken aus Marmor
+sammeln sich, die die salomonische Ordnung darstellen und
+tragen Erdkugeln, auf denen sitzende Gottheiten thronen.
+Plötzlich mußte ich, o Wunder, an diese berühmte Schwester
+des Kaisers von Rußland denken, deren kaiserliches Palais
+ich in Weimar gesehen habe. &mdash; Eine von Süßigkeit erfüllte
+Melancholie ließ mich die farbigen Nebel einer norwegischen
+<!-- page 144 -->
+Landschaft in grauem, sanftem Licht sehen. Die Wolken wurden
+durchsichtig und ich sah, wie sich vor mir ein tiefer Abgrund
+auftat, in den sich tobend die Fluten der eisigen Ostsee stürzten.
+Es schien, daß sich die ganze Newa mit ihren blauen Wassern
+in diese Erdspalte ergießen müsse. Die Schiffe von Kronstadt
+und St. Petersburg zerrten an ihren Ankern und schienen bereit
+zu sein, sich loszureißen und in diesem Schlund zu verschwinden,
+als ein göttliches Licht von oben diesen trostlosen
+Vorgang erhellte.
+</p>
+
+<p>Unter dem lebhaften Strahl, der durch den Nebel drang,
+sah ich sogleich den Felsen erscheinen, der das Standbild Peters
+des Großen trägt. Über diesem festen Sockel gruppierten
+sich die bis zum Zenith reichenden Wolken. Sie waren beladen
+mit strahlenden und göttlichen Gestalten, unter denen
+man die beiden Katharinen und die heilige Kaiserin Helene
+unterschied, die von den schönsten Fürstinnen Rußlands und
+Polens begleitet waren. Ihre sanften Blicke waren nach
+Frankreich gerichtet und überwanden den Raum mit Hilfe
+von langen Ferngläsern aus Kristall. Ich sah dadurch, daß
+unser Vaterland der Schiedsrichter im orientalischen Streit sein
+würde, und daß sie seine Lösung erwarteten. Mein Traum
+schloß mit der süßen Hoffnung, daß uns endlich Friede gegeben
+würde.
+</p>
+
+<p>So ermutigte ich mich zu einem kühnen Versuch; ich beschloß,
+den Traum festzuhalten und sein Geheimnis zu erfahren.
+Warum, so sagte ich mir, soll ich nicht mit meinem
+ganzen Willen gewappnet endlich diese mystischen Tore bezwingen
+<!-- page 145 -->
+und meine Sensationen beherrschen, anstatt ihnen
+zu unterliegen? Ist es nicht möglich, diese anziehende und
+furchtbare Chimäre zu bändigen, diesen Geistern der Nächte,
+die mit unsrer Vernunft spielen, eine Regel aufzuerlegen?
+Der Schlaf nimmt ein Drittel unseres Lebens ein. Er ist der
+Trost für die Mühen unsrer Tage oder die Buße für ihr Vergnügen;
+aber ich habe nie empfunden, daß der Schlaf Ruhe
+sei. Nach einer Betäubung von einigen Minuten beginnt ein
+neues Leben, losgelöst von Zeit und Raum und zweifellos
+dem ähnlich, das uns nach dem Tod erwartet. Wer weiß,
+ob zwischen diesen beiden Existenzen nicht ein Band besteht,
+und ob es für die Seele nicht möglich ist, es schon hier unten
+zu knüpfen?
+</p>
+
+<p>Von diesem Augenblick an bemühte ich mich, den Sinn
+meiner Träume zu suchen, und diese Unruhe beeinflußte
+meine Gedanken im wachen Zustand. Ich glaubte zu verstehen,
+daß zwischen der innern und der äußern Welt ein
+Band besteht; daß die Unaufmerksamkeit oder die Unordnung
+des Geistes allein die augenscheinlichen Beziehungen
+fälschen &mdash; und daß sich so die Bizarrerie gewisser Gemälde
+erklärt, die dem fratzenhaften Widerschein wirklicher Gegenstände
+auf bewegter Wasserfläche gleichen. &mdash;
+</p>
+
+<p>So waren die Eingebungen meiner Nächte. Meine Tage
+vergingen ruhig in Gesellschaft der armen Kranken, die ich
+mir zu Freunden gewonnen hatte. Das Gewissen, das ich
+nun von den Fehlern meines vergangenen Lebens gereinigt
+hatte, gab mir unendliche moralische Freuden. Die Sicherheit
+<!-- page 146 -->
+der Unsterblichkeit und der gleichzeitigen Existenz aller
+Personen, die ich geliebt hatte, war mir sozusagen zur greifbaren
+Klarheit geworden, und ich segnete die Bruderseele,
+die mich aus dem Schoß der Verzweiflung in die leuchtenden
+Bahnen der Religion zurückgeführt hatte.
+</p>
+
+<p>Der arme Junge, den sein geistiges Leben auf so sonderbare
+Art verlassen hatte, empfing eine Pflege, die nach und
+nach seine Empfindungslosigkeit besiegte. Als ich erfuhr, daß
+er auf dem Land geboren sei, verbrachte ich ganze Stunden
+damit, ihm alte Dorflieder vorzusingen, denen ich den rührendsten
+Ausdruck zu geben versuchte. Ich hatte das Glück
+zu sehen, daß er sie hörte und daß er einzelne Teile dieser
+Lieder wiederholte. Eines Tages endlich öffnete er eine einzige
+Sekunde die Augen und ich sah, daß sie blau waren wie
+die des Geistes, der mir im Traum erschienen war. Eines
+Morgens &mdash; einige Tage danach &mdash; hielt er seine Augen
+offen und schloß sie nicht mehr. Er fing gleich zu sprechen an,
+aber nur mit Zwischenpausen, erkannte mich, duzte mich und
+nannte mich Bruder. Indessen wollte er sich noch immer nicht
+entschließen zu essen. Als er eines Tages aus dem Garten
+hereinkam, sagte er zu mir: »Ich habe Durst!«
+</p>
+
+<p>Ich holte ihm zu trinken; das Glas berührte seine Lippen,
+ohne daß er schlucken konnte.
+</p>
+
+<p>»Warum«, fragte ich ihn, »willst du nicht essen und trinken
+wie die andern?«
+</p>
+
+<p>»Weil ich tot bin,« sagte er, »ich bin auf jenem Friedhof
+begraben, an jenem Platz .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.«
+</p>
+<!-- page 147 -->
+
+<p>»Und wo glaubst du jetzt zu sein?«
+</p>
+
+<p>»Im Fegefeuer, ich erfülle meine Reinigung.«
+</p>
+
+<p>Das sind die wunderlichen Ideen, die aus dieser Art Krankheiten
+entspringen; ich erkannte in mir selbst, daß ich nicht weit
+von einer so absonderlichen Überzeugung entfernt gewesen
+war. Die Pflege, die ich empfangen, hatte mich schon der
+Liebe meiner Familie und meiner Freunde zurückgegeben,
+und ich konnte gesünder über die Welt der Einbildungen
+urteilen, in der ich einige Zeit gelebt hatte. Jedenfalls fühle
+ich mich glücklich durch die Überzeugungen, die ich erlangt
+habe und ich vergleiche diese Reihe von Prüfungen, die ich
+durchgemacht habe, dem, was für die Alten der Gedanke
+eines Hinuntersteigens zur Hölle vorstellte.<a href="#footnote-2" id="fnote-2"><sup>*</sup></a>
+</p>
+
+<p class="footnote" id="footnote-2"><a href="#fnote-2">* Dieses sind die letzten Worte, die Gérard de Nerval geschrieben hat.
+</a></p>
+
+<div class="centerpic" id="img-147"><img src="images/147.jpg" alt="Illustration 147" /></div>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="trnote">
+<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p>
+
+<p class="noindent">
+Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:
+</p>
+
+<ul>
+
+<li>
+... mich seine Bücher lehrten. Ein <span class="underline">gewißer</span> Mars aus ...<br />
+... mich seine Bücher lehrten. Ein <a href="#corr-1"><span class="underline">gewisser</span></a> Mars aus ...
+</li>
+
+<li>
+... gefehlt <span class="underline">katte</span>. Von diesem Augenblicke an irrte ich als Beute ...<br />
+... gefehlt <a href="#corr-2"><span class="underline">hatte</span></a>. Von diesem Augenblicke an irrte ich als Beute ...
+</li>
+
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Aurelia oder der Traum und das Leben, by
+Gérard de Nerval
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AURELIA ODER DER TRAUM ***
+
+***** This file should be named 39575-h.htm or 39575-h.zip *****
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+Produced by Jens Sadowski
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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