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+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm01">1</ref></hi></head>
+
+<p>
+Ganz Germanien scheiden die Ströme Rhein und Donau
+vom gallischen und rätisch-pannonischen Gebiet; gegen
+Sarmater wie Daker bilden Gebirge oder das Mißtrauen
+hüben und drüben die Grenze. Das übrige umfließt in weiten
+Buchten der Oceanus, unermeßliche Inseln umfangend;
+dort sind einige Völkerschaften und Herrscher neulich bekannt
+geworden, die ein Kriegszug erschloß. Der Rhein entspringt
+einem unzugänglich jähen Hang der Rätischen Alpen, wendet
+sich in mäßiger Biegung gegen Westen und mündet ins
+nördliche Meer. Die Donau strömt in dem sanft und gemächlich
+ansteigenden Gebirgszug Abnoba hervor und kommt
+an mancherlei Völker heran, bis sie ins Pontische Meer in
+sechs Mündungen durchbricht. Ein siebenter Auslauf verliert
+sich in Sümpfen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap02">
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+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm02">2</ref></hi></head>
+
+<p>
+Das Volk der Germanen scheint mir ureingeboren zu sein
+und ganz und gar nicht berührt durch Zuzug oder Aufnahme
+aus fremden Stämmen. Denn nicht zu Lande, sondern auf
+vielen Schiffen kamen in der Urzeit die Wanderer, die einen
+neuen Wohnsitz suchten; und ins unermeßliche Meer dort
+droben, in eine, ich möchte sagen andere Welt gelangen
+Fahrzeuge aus unserem Erdkreis kaum. Und wer hätte denn
+auch, ungerechnet die Gefahr auf dem schauerlichen, unbekannten
+Meere, Asien, Afrika oder Italien verlassen und
+nach Germanien ziehen mögen, in ein ungestaltes Land unter
+rauhem Himmel, wüst zu bewohnen und anzuschauen für
+alle, die da nicht heimisch sind?
+</p>
+
+<p>
+Sie feiern in alten Liedern, den einzigen Denkmälern
+ihrer Überlieferung und Geschichte, einen erdgeborenen Gott
+<pb n='4'/><anchor id='Pg004'/>Tuisto und seinen Sohn Mannus, den Urvater und Begründer
+ihres Stammes. Mannus habe drei Söhne gehabt, nach
+denen die Völker nächst dem Nordmeer Ingävonen, die im
+Innern Herminonen, die übrigen Istävonen genannt
+würden. Andere behaupten (spielt doch hier fernste Sage
+und Willkür), es habe mehr Söhne des Gottes, also auch
+mehr Volksbezeichnungen gegeben, Marsen, Gambrivier,
+Sueben, Vandilier, und das seien echte alte Namen. Das
+Wort Germanien sei ziemlich neu und erst vor einiger Zeit
+aufgekommen: die ersten, die den Rhein überschritten und
+die Gallier vertrieben, jetzt Tungrer, seien damals Germanen
+genannt worden, und allmählich habe sich der Name eines
+einzelnen Stammes und nicht eines Volkes behauptet. So
+nämlich, daß zuerst die Sieger, der Schreckenswirkung
+zuliebe, der großen Gesamtheit den eigenen Namen beigelegt
+und daß die ihn dann angenommen und sich wirklich Germanen
+genannt hätten.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap03">
+ <index index="pdf" level1="3"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm03">3</ref></hi></head>
+
+<p>
+Es heißt auch, daß Herkules bei ihnen gewesen sei, und
+sie singen von ihm als dem ersten aller Tapferen, wenn sie
+in den Kampf ziehen. Noch eine Art Schlachtgesang haben
+sie, dessen Vortrag, <hi rend='antiqua'>barditus</hi> genannt, sie befeuert, ja den
+Ausgang der kommenden Schlacht in dem bloßen Klang
+ahnen läßt; denn sie schrecken oder erschrecken selbst, je nachdem
+es durch die Reihen dröhnt, gleich als wäre das nicht
+so sehr der Hall ihrer Stimmen als ihres Heldenmuts. Ein
+gewollt rauher Schall, ein jäh abbrechendes Brausen entsteht,
+wenn sie die Schilde vor den Mund halten, daß die
+Stimme rückprallend noch voller und tiefer schwelle.
+</p>
+
+<p>
+Doch auch Ulixes, so meinen welche, habe auf seiner langen
+<pb n='5'/><anchor id='Pg005'/>sagenreichen Irrfahrt, in jenes Nordmeer verschlagen,
+germanische Länder betreten; Asciburgium, am Ufer des
+Rheins gelegen und noch heute bewohnt, sei von ihm gegründet
+und benannt. Ja, ein Denkstein, der, von Ulixes
+errichtet, auch den Namen seines Vaters Laertes trage, sei
+vorzeiten an diesem selben Ort aufgefunden worden, und
+etliche Denk- und Grabmäler mit griechischer Schrift gäbe
+es in der germanisch-rätischen Grenzmark noch heute. Dies
+alles mit Gründen zu stützen oder abzuweisen, habe ich nicht
+im Sinn: man schenke oder versage dem Glauben, wie es
+jedem beliebt.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap04">
+ <index index="pdf" level1="4"/>
+<head><hi rend="kapitel">4</hi></head>
+
+<p>
+Selber schließe ich mich denen an, die Germaniens
+Stämme, rein und vor jeglicher Mischung mit Fremden
+bewahrt, für ein eigenes, unverfälschtes, keinem anderen
+vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet der
+großen Menschenzahl, überall der gleiche Schlag: hellblaue
+trotzige Augen, rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu
+Tat und ungestümem Drängen taugend; mühsamer Arbeit
+sind sie nicht in gleichem Maße gewachsen. Durst und Hitze
+können sie gar nicht vertragen, Kälte aber und Hunger sind
+sie in ihren Breiten, auf ihrem Boden gewohnt.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap05">
+ <index index="pdf" level1="5"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm05">5</ref></hi></head>
+
+<p>
+Das Land sieht wohl nicht überall gleich aus; doch allenthalben
+starrt schrecklicher Urwald, dehnen sich häßliche
+Sümpfe. Es ist feuchter gegen Gallien hin, windiger gegen
+Noricum und Pannonien: Saatgut trägt es, Fruchtbäume
+gedeihen nicht, Vieh ist häufig, aber meist unansehnlich.
+Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen und
+ihren Schmuck an der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut,
+<pb n='6'/><anchor id='Pg006'/>nur sie bildet das einzige und ein sehr geschätztes Vermögen.
+Silber und Gold haben die Götter ihnen nicht vergönnt (ob
+wohl aus Gunst oder Zorn?), doch möchte ich nicht behaupten,
+daß Germanien keine Ader Silbers oder Goldes berge; wer
+hätte danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen, macht
+ihnen jedesfalls nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes
+Gerät sehen (wie es ihre Gesandten und Fürsten als Geschenk
+erhalten), das sie nicht höher achten als irdenes. Nur die
+Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und Silber
+zu schätzen, erkennen gewisse Prägungen unseres Geldes als
+echt an und geben ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt
+es beim einfachen alten Tauschhandel. Von dem Geld nehmen
+sie nur das alte, wohlbekannte gern, die Münzen mit gezahntem
+Rand und die mit dem Zweigespann. Auch halten
+sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer
+Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von Silbermünzen
+besser dient, wenn sie allerhand wohlfeile Ware erhandeln.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap06">
+ <index index="pdf" level1="6"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm06">6</ref></hi></head>
+
+<p>
+Selbst Eisen haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen
+zum Angriff zeigen. Wenige führen Schwerter oder längere
+Spieße; meist brauchen sie Speere (wie sie sagen, Framen)
+mit schmaler, kurzer Eisenspitze, aber so scharf und so
+handlich, daß sie dieselbe Waffe, je nach Bedürfnis, im Nah-
+wie im Fernkampf verwenden können. Der Reiter begnügt
+sich mit Schild und Frame, das Fußvolk schleudert auch Geschosse,
+jeder gleich mehrere, und wirft, nackt oder nur im
+leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Rüstung prunkt nicht;
+nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den buntesten
+Farben. Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder
+nur einer und der andere. Die Pferde sind nicht durch
+Schön<pb n='7'/><anchor id='Pg007'/>heit, nicht durch Geschwindigkeit ausgezeichnet, aber sie
+werden auch nicht wie bei uns zu vielerlei Wendungen abgerichtet:
+man treibt sie geradeaus oder schwenkt nur einmal
+nach rechts, in streng geschlossener Linie, so daß niemand zurückbleibt.
+Im ganzen ruht die größere Kraft im Fußvolk;
+darum streitet auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges
+Fußvolk, aus der gesamten Jungmannschaft erlesen, dem
+Reiterkampf schmiegsam anpaßt, vor der übrigen Hauptmacht.
+Auch ihre Zahl ist bestimmt: es sind ihrer hundert
+aus jedem Gau, und Hunderter heißen sie bei den Ihren.
+Was also zuerst Zahl war, ist nun Name und Ehrenname
+geworden.
+</p>
+
+<p>
+Die Hauptmacht wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze
+weichen gilt, wenn man nur wieder vordringt, eher für klug
+und nicht als Feigheit. Ihre Verwundeten bringen sie auch
+in bedenklichen Kämpfen in Sicherheit. Den Schild im
+Stiche zu lassen, ist der ärgste Frevel. Ein derart Ehrloser
+darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher,
+der im Kriege davonkam, hat seine Schmach mit einer
+Schlinge beendet.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap07">
+ <index index="pdf" level1="7"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm07">7</ref></hi></head>
+
+<p>
+Könige wählt man nach ihrem Adel, Führer nach ihrer
+Tapferkeit. Doch auch der Könige Macht ist nicht ohne
+Schranken, nicht Willkür, und die Führer wirken weit mehr
+durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie überall zur
+Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne kämpfen
+und zur Bewunderung fortreißen. Auch ist es ihnen
+nicht erlaubt, über Leben und Tod zu richten, noch fesseln
+zu lassen; ja selbst zu Schlägen verurteilen dürfen nur
+Priester, gleichsam als geschähe es nicht zur Strafe noch
+<pb n='8'/><anchor id='Pg008'/>auf Befehl des Führers, sondern gewissermaßen auf Geheiß
+der Gottheit, die nach germanischem Glauben über den
+Streitenden waltet. So nehmen sie auch Bilder und gewisse
+Götterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und ein
+besonders wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, daß nicht
+ein Ungefähr, nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader
+und Keile entstehen läßt, sondern daß Familien und
+Sippen zusammenhalten. Dann sind auch für jeden seine
+Lieben ganz nahe, und da hört er das schrille Geschrei der
+Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die heiligsten
+Zeugen, hier das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin
+kommt er mit seinen Wunden, und die schrecken nicht
+zurück, zählen und prüfen sie ihm und bringen den Kämpfern
+Speise und Zuspruch.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap08">
+ <index index="pdf" level1="8"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm08">8</ref></hi></head>
+
+<p>
+Es ist uns überliefert, daß Frauen, mehr als einmal, schon
+wankende und weichende Reihen durch ihr unablässiges Flehen,
+die Brüste entblößend und auf die drohende Gefangenschaft
+deutend, wieder hergestellt haben. Denn ihre Frauen
+gefangen zu denken, ist ihnen ganz unerträglich, und das geht
+so weit, daß Völkerschaften, die unter ihren Geiseln auch
+adlige Mädchen stellen müssen, wirksamer gebunden sind.
+Ja, sie schreiben den Frauen etwas Heiliges, Seherisches zu
+und verschmähen nicht ihren Rat, überhören nicht ihren Bescheid.
+Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten Vespasianus
+Zeit Veleda weit und breit als göttliches Wesen galt.
+Aber auch früher haben sie Albruna und manche andre Frau
+verehrt, doch nicht aus Schmeichelei, noch als machten sie
+Göttinnen aus ihnen.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="cap09">
+<pb n='9'/><anchor id='Pg009'/>
+<index index="pdf" level1="9"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm09">9</ref></hi></head>
+
+<p>
+Unter den Göttern verehren sie am höchsten den Mercurius;
+sie glauben, ihm an bestimmten Festen auch Menschenopfer
+bringen zu dürfen. Mars und Herkules versöhnen sie
+nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der Sueben dient auch
+der Isis. Anlaß und Ursprung dieser fremden Anbetung
+kann ich nicht recht erklären; nur zeigt gerade das Sinnbild,
+einem Liburnerschiff gleichend, daß sie über die See eingedrungen
+ist. Übrigens widerstrebt es ihrer Anschauung von
+der Größe der Himmlischen, die Götter in Mauern zu sperren
+und mit menschlichen Zügen abzubilden. Sie weihen ihnen
+Wälder und Haine und rufen mit Götternamen jene geheime
+Macht an, die sie nur in entrückter Andacht schauen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap10">
+ <index index="pdf" level1="10"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm10">10</ref></hi></head>
+
+<p>
+Auf Vorzeichen und Losdeutungen achten sie wie nur
+irgendein Volk. Das Verfahren beim Losen ist einfach. Sie
+schneiden den Zweig von einem wilden Fruchtbaum zu
+Stäbchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und streuen
+sie aufs Geratewohl über ein weißes Tuch hin. Dann hebt,
+wenn in gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester,
+wenn in Sachen einzelner, das Familienhaupt, mit
+einem Gebet zu den Göttern gegen Himmel aufblickend,
+nacheinander drei Stäbchen auf und deutet sie gemäß
+dem zuvor eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht günstig, so
+wird in derselben Sache am gleichen Tage nicht mehr befragt,
+wenn aber günstig, noch die Bestätigung durch Vorzeichen
+gefordert. Und zwar ist auch hier geläufig, Vogelstimmen
+und Vogelflug zu erkunden: eigentümlich aber ist
+diesem Volke, auch auf die Ahnungen und Warnungen von
+Pferden zu achten. In den gleichen Hainen und Wäldern,
+<pb n='10'/><anchor id='Pg010'/>deren ich schon gedachte, werden auf Kosten der Gemeinschaft
+weiße Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit berührt.
+Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und
+der Priester mit dem König oder Fürsten geht nebenher und
+merkt auf ihr Wiehern und Schnauben. Und kein anderes
+Vorzeichen findet größeren Glauben, nicht nur im niederen
+Volk, sondern auch bei den Vornehmen und Priestern. Diese
+halten sich wohl für die Mittler der Gottheit, die Rosse
+aber für ihre Vertrauten.
+</p>
+
+<p>
+Dann gibt es noch eine Art Schicksalserforschung, durch
+die sie den Ausgang schwerer Kriege erfahren wollen. Aus
+dem Volk ihrer Gegner stellen sie einen Gefangenen, den sie
+irgendwie aufgegriffen haben, einem auserlesenen Kämpfer
+des eigenen Volkes gegenüber, jeden mit seinen heimischen
+Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als Vorbedeutung.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap11">
+ <index index="pdf" level1="11"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm11">11</ref></hi></head>
+
+<p>
+Über geringere Sachen beraten die Fürsten, über wichtigere
+die Gesamtheit, jedoch so, daß auch, was das Volk
+entscheidet, im Rat der Fürsten vorbesprochen wird. Sie
+kommen, außer wenn ein unerwarteter Zufall eintritt, in bestimmten
+Fristen zusammen, zum Neumond oder zum Vollmond;
+denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders günstig für
+den Beginn eines Unternehmens. Sie zählen auch nicht wie
+wir die Tage, sondern die Nächte. Darnach wird anberaumt
+und zugesagt: die Nacht führt gleichsam den Tag herauf. Ihre
+ungeregelte Freiheit hat das Mißliche, daß sie nicht gleichzeitig
+und nicht nach dem Geheiß beisammen sind, sondern
+daß oft ein zweiter, ein dritter Tag mit dem Warten auf
+Säumige hingeht. So wie es der Schar genehm ist, setzen
+<pb n='11'/><anchor id='Pg011'/>sich alle, in Waffen. Die Priester, die hier auch das Recht
+zu ahnden haben, gebieten Schweigen. Darauf findet der
+König oder Fürst Gehör, jeder nach seinem Alter, Adel,
+Kriegsruhm und Redevermögen, mehr nach dem Gewicht
+seines Rates als nach der Macht zu befehlen. Mißfällt
+der Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefällt
+er, so schlagen sie mit den Framen aneinander. Das
+ehrenvollste Zeichen des Beifalls ist Lob mit den Waffen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap12">
+ <index index="pdf" level1="12"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm12">12</ref></hi></head>
+
+<p>
+Vor dieser Versammlung darf auch Klage angebracht
+und peinliches Gericht begehrt werden. Die Strafen scheiden
+sich nach dem Verbrechen. Verräter und Überläufer hängen
+sie an Bäumen auf, Feige, Weichlinge und am Körper Geschändete
+versenken sie in Schlamm und Morast und werfen
+Flechtwerk darüber. Die Verschiedenheit der Todesart
+deutet darauf, daß man Frevel durch die Strafe gleichsam
+kundtun, Schandtaten verbergen müsse. Aber auch für
+leichtere Vergehungen gibt es angemessene Strafe: die Überwiesenen
+werden um eine Anzahl von Pferden und Vieh gebüßt.
+Ein Teil der Buße wird dem König oder Gemeinwesen,
+der andere dem, der sein Recht erhält, oder seinen
+Verwandten geleistet.
+</p>
+
+<p>
+In den gleichen Versammlungen werden auch die Fürsten
+bestimmt, die in Gauen und Dörfern Recht sprechen. Jedem
+solchen treten hundert Männer aus dem Volke als Rat und
+Beistand zur Seite.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap13">
+ <index index="pdf" level1="13"/>
+<head><hi rend="kapitel">13</hi></head>
+
+<p>
+Nie aber, ob sie nun Geschäfte des Gemeinwesens oder
+eigene besorgen, erscheinen sie anders als gewaffnet. Doch
+soll niemand die Waffen anlegen, ehe ihn nicht die Gemeinde
+<pb n='12'/><anchor id='Pg012'/>für wehrhaft erklärt hat. Dann schmückt gleich in der Versammlung
+entweder ein Fürst oder der Vater oder ein Verwandter
+den Jüngling mit Schild und Frame. Das ist dort
+die Toga, das des jungen Mannes erste Ehrung; bis dahin
+gilt er als Glied des Hauswesens, nunmehr der Gemeinschaft.
+</p>
+
+<p>
+Vornehme Abkunft oder hohes Verdienst des Vaters sichert
+die Fürstengunst auch noch nicht Mannbaren. Solche schließen
+sich dann den übrigen, Älteren, längst schon Bewährten an.
+Und es ist für niemand beschämend, in einem Gefolge zu erscheinen.
+Ja im Gefolge selbst gibt es noch eine Rangordnung
+nach dem Ermessen des Gefolgsherrn, und groß ist der
+Wetteifer der Mannen um den ersten Platz zunächst dem
+Fürsten, wie auch der Fürsten um das zahlreichste und
+mutigste Gefolge. Das bringt Würde, bringt Macht: immerzu
+von einer großen Schar erlesener Jugend umgeben zu
+sein; im Frieden eine Zier, im Kriege Schirm und Schutz.
+Aber nicht nur bei seinem Stamm, sondern auch in den Nachbargauen
+wird bekannt und berühmt, wer sich durch Zahl
+und Wert seines Gefolges hervortut. Gesandte suchen ihn
+auf, er erhält Geschenke, und schon sein Ruf kann oft Kriege
+niederschlagen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap14">
+ <index index="pdf" level1="14"/>
+<head><hi rend="kapitel">14</hi></head>
+
+<p>
+Kommt es zum Kampf, so ist es ein Schimpf für den Fürsten,
+sich an Tapferkeit übertreffen zu lassen, ein Schimpf
+fürs Gefolge, es der Tapferkeit des Führers nicht gleichzutun.
+Höchste Schmach und Schande vollends ist es für das
+ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld zu
+weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behüten, ja die eigene
+Heldentat seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste
+Eides<pb n='13'/><anchor id='Pg013'/>pflicht. Fürsten kämpfen für den Sieg, das Gefolg für den
+Fürsten.
+</p>
+
+<p>
+Wenn ihre Heimat in langem, müßigem Frieden verkommt,
+dann ziehen adlige Jünglinge oft auf eigene Faust
+hinaus zu anderen Völkern, die gerade Krieg führen. Denn
+ein ruhiges Leben gefällt diesem Volke nicht, in der Gefahr
+finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein großes Gefolge
+nur durch Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die
+Mannen von der Milde des Fürsten das Streitroß und die
+blutige, siegbewährte Frame. Auch ersetzt ja die Speisung
+und grobe, aber reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold:
+solcher Freigebigkeit schafft Krieg und Raub die Mittel.
+Den Acker zu pflügen und die Jahreszeit abzuwarten, würde
+sie keiner so leicht überreden; viel eher den Feind zu fordern
+und sich Wunden zu holen. Ja, es dünkt ihnen wohl
+faul und schlapp, im Schweiß zu erarbeiten, was mit Blut
+zu gewinnen wäre.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap15">
+ <index index="pdf" level1="15"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm15">15</ref></hi></head>
+
+<p>
+Wenn sie nicht Krieg führen, so verbringen sie ihre Zeit
+auf der Jagd, häufiger noch müßig, einzig dem Schlaf und
+dem Schmaus ergeben. Gerade die Tapfersten und Kriegstüchtigsten
+tun gar nichts und überlassen die Sorge um Heim
+und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht den
+Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und
+träge zu. Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, daß ganz
+die gleichen Menschen so sehr das Nichtstun lieben und doch
+die Ruhe hassen!
+</p>
+
+<p>
+Es ist Sitte, daß die Gemeindegenossen freiwillig, jeder
+für sich, den Fürsten Vieh und Korn beisteuern, was, zwar
+als Ehrengabe empfangen, doch auch dem Bedarf zustatten
+<pb n='14'/><anchor id='Pg014'/>kommt. Besonders freuen sie sich mit Geschenken benachbarter
+Völker, wie sie nicht nur von einzelnen, sondern auch
+im Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen
+Pferden, prächtigen Waffen, Brustschmuck und Ringen.
+Schon haben wir sie auch Geld zu nehmen gelehrt.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap16">
+ <index index="pdf" level1="16"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm16">16</ref></hi></head>
+
+<p>
+Daß die germanischen Stämme nirgends Städte bewohnen,
+ist genugsam bekannt, auch daß sie selbst geschlossener
+Siedelung abhold sind. Sie bauen ohne Richtung und Ordnung,
+wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein Gehölz gefällt.
+Wohl legen sie Dörfer an, aber nicht nach unsrer Art
+mit verbundenen Gebäuden, in einem Zusammenhang: jeder
+für sich umgibt sein Haus mit einem freien Raum, vielleicht
+zum Schutz gegen Feuersgefahr, vielleicht weil er nicht besser
+zu bauen versteht. Selbst Bruchsteine und Ziegel sind ihnen
+unbekannt; überall verwenden sie ungefüges Holz, unbekümmert
+um Gefallen und Ansehn. Doch überstreichen sie einzelne
+Stellen recht sorgfältig mit einer Erdart von so reinem Glanz,
+daß es wie Bemalung und farbige Zeichnung wirkt. Auch graben
+sie unterirdische Höhlen und legen eine dichte Dungschicht
+darüber hin: als Zuflucht für den Winter und als Vorratsspeicher.
+Denn solche Räume mildern die strengen Fröste; und
+fällt einmal der Feind ins Land, so plündert er zwar, was
+offen daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch
+erhält er nicht Kunde, oder es entgeht ihm gerade darum,
+weil ers erst suchen müßte.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap17">
+ <index index="pdf" level1="17"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm17">17</ref></hi></head>
+
+<p>
+Als Überwurf tragen alle einen kurzen Rock, der von
+einer Spange, wo sie mangelt, von einem Dorn
+zusammen<pb n='15'/><anchor id='Pg015'/>gehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen sie ganze Tage
+am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch
+ein Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern
+weit herabfließt, sondern eng anliegt und jedes Glied
+hervortreten läßt. Man trägt auch Pelze, nächst den Stromgrenzen
+ziemlich achtlos; weiter im Innern wenden sie besondere
+Sorgfalt daran, weil ihnen kein Handel anderen
+Putz bringt. Sie wählen unter dem Wild und verbrämen die
+abgezogenen Hüllen mit dem gefleckten Fell von Tieren, die
+am Nordmeer und an unbekannten Gestaden daheim sind.
+Frauen tragen sich nicht anders als Männer; nur gehen sie
+gewöhnlich in Linnengewänder gehüllt, die mit roten Säumen
+verziert sind. Ihre Kleidung läuft oben nicht in Ärmel
+aus; Schultern und Arme sind bloß, aber auch ein Teil der
+Brust bleibt unverhüllt.
+</p>
+</div><div id="cap18">
+ <index index="pdf" level1="18"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm18">18</ref></hi></head>
+
+<p>
+Doch ihre Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensführung
+wohl am meisten zu loben. Denn fast allein bei
+diesem Barbarenvolk begnügt sich jeder mit einer Frau, von
+ganz wenigen Männern abgesehen, die nicht ihre Lust befriedigen
+wollen, sondern wegen ihrer hohen Stellung mehrfach
+umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die Frau dem
+Manne, sondern der Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern
+und Verwandte ein und prüfen die Geschenke. Geschenke
+aber, die nicht als Weibertand noch zum Schmuck für die Neuvermählte
+dienen sollen; sondern Rinder und ein aufgezäumtes
+Roß und ein Schild samt Frame und Schwert. Auf diese
+Geschenke hin nimmt der Mann die Frau entgegen, und dafür
+bringt sie selber dem Mann auch ein Rüststück zu: dies
+gilt ihnen als das stärkste Band, dies als geheime Weihe,
+<pb n='16'/><anchor id='Pg016'/>dies als Segen der Ehegötter. Auf daß sich das Weib nicht
+fremd in einer Welt von Männergedanken und wechselndem
+Kriegsglück erachte, wird es schon am feierlichen Beginn
+der Ehe ermahnt, daß es als Gefährtin in Mühsal und Gefahr
+gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit
+zu dulden und mit zu wagen: also verkünden das Rindergespann,
+das gerüstete Roß, die dargereichten Waffen. So
+müsse sie leben, so in den Tod gehen; was sie empfange,
+solle sie unentweiht und in Ehren ihren Söhnen wiedergeben,
+daß es dann die Schwiegertöchter übernähmen und noch
+die Enkel erbten.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap19">
+ <index index="pdf" level1="19"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm19">19</ref></hi></head>
+
+<p>
+So leben die Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht
+verderbt von den Lockungen des Schauspiels noch von den
+Reizungen der Gelage; und von geheimen Briefschaften
+weiß weder Mann noch Weib. Höchst selten kommt es in
+dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die
+Strafe unmittelbar und ist dem Mann überlassen. Mit abgeschnittenem
+Haar, entblößt, vor den Augen der Verwandten
+jagt er das Weib aus dem Hause und peitscht sie mit Ruten
+durchs ganze Dorf. Und für preisgegebene Keuschheit gibt es
+keine Verzeihung: nicht Schönheit, nicht Jugend, nicht reiche
+Habe könnte ihr einen Mann gewinnen. Denn dort lacht
+niemand über das Laster, und Verführen und Sichverführenlassen
+heißt nicht <q>der Geist der Zeit</q>. Besser steht es gewiß
+noch um Völkerschaften, bei denen nur Jungfrauen
+heiraten und mit der Hoffnung und dem Gelübde der Ehefrau
+einmal für immer abschließen. So erhalten sie einen
+Mann, wie sie einen Leib und ein Leben erhalten haben,
+auf daß sich kein Gedanke darüber hinaus, kein Begehren
+<pb n='17'/><anchor id='Pg017'/>weiter verirre, daß sie gleichsam nicht den Ehegemahl, sondern
+die Ehe selber lieben.
+</p>
+
+<p>
+Die Zahl der Kinder zu beschränken oder ein nachgeborenes
+zu töten, gilt als verruchte Tat; mehr vermögen dort gute
+Sitten als anderswo gute Gesetze.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap20">
+<index index="pdf" level1="20"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm20">20</ref></hi></head>
+
+<p>
+In jedem Hause wächst, nackt und ungepflegt, die Jugend
+zu dieser Größe, zu diesem Wuchs heran, über den wir staunen.
+Jedem Kind gibt die eigene Mutter die Brust, und es wird
+nicht Mägden und Ammen überlassen. Freie scheidet von
+Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen wie die
+anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum,
+bis das Alter die Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie
+kenntlich macht. Spät erfahren junge Männer die Lust;
+daher ihre unerschöpfte Kraft. Auch die Mädchen werden
+nicht gedrängt; in gleicher Jugend, von ähnlicher Gestalt,
+ebenbürtig an Kraft und Gesundheit, geben sie sich dem Gemahl,
+und von der Stärke der Eltern zeugen die Kinder.
+</p>
+
+<p>
+Schwestersöhne sind dem Oheim nicht minder wert als
+dem Vater. Etliche halten dieses Blutsverhältnis noch für
+heiliger und enger und fordern, wenn sie Geiseln nehmen, besonders
+solche Kinder, als hätten sie damit das Gewissen
+stärker und die Familie in weiterem Kreise verpflichtet. Erben
+aber und Nachfolger sind jedem die eigenen Kinder, und es
+gibt kein Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen im
+nächsten Glied die Brüder, Väter- und Mütterbrüder. Je
+mehr Blutsverwandte, je weiter die Verschwägerung, desto
+freundlicher das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat keine
+Lockungen.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="cap21">
+<pb n='18'/><anchor id='Pg018'/>
+<index index="pdf" level1="21"/>
+<head><hi rend="kapitel">21</hi></head>
+
+<p>
+Der Erbe muß auch die Fehden des Vaters oder eines
+Blutsverwandten übernehmen, gleichwie die Freundschaften.
+Aber sie dauern nicht unversöhnlich fort: sühnt man doch
+selbst den Totschlag durch eine bestimmte Anzahl von Groß-
+und Kleinvieh, und das ganze Haus nimmt die Genugtuung
+an; das kommt dem Gemeinwesen zugute, denn bei solcher
+Ungebundenheit sind Einzelfehden besonders gefährlich.
+</p>
+
+<p>
+Für Gelage und Bewirtungen zeigt kein anderes Volk
+so hemmungslose Neigung. Irgendeinen Menschen, wer es
+auch sei, vom Hause zu weisen, gilt als Frevel; je nach Vermögen
+rüstet jeder dem Fremden das Mahl. Wenn das
+Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem
+anderen Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten
+sie ungeladen ins nächste Haus. Da liegt nichts dran;
+mit gleicher Freundlichkeit werden sie aufgenommen. Bekannt
+oder unbekannt: im Gastrecht unterscheidet man nicht.
+Beim Abschied gehört es sich, dem Gaste zu bewilligen, was
+er sich etwa ausbittet, und eine Gegenbitte wird ebenso unbefangen
+gestellt. Die Geschenke machen ihnen Freude; aber
+was sie geben, rechnen sie nicht an, und was sie empfangen,
+schafft keine Verpflichtung. Wohlwollen nur kettet Gastfreund
+an Gastfreund.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap22">
+<index index="pdf" level1="22"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm22">22</ref></hi></head>
+
+<p>
+Gleich vom Schlaf weg (den sie meist bis in den Tag
+hinein ausdehnen) baden sie, öfters warm, weil es bei ihnen
+die längste Zeit Winter ist. Auf das Bad folgt ein Imbiß;
+jeder hat seinen besonderen Sitzplatz und seinen eigenen
+Tisch. Dann gehen sie an ihre Geschäfte oder auch, nicht
+minder häufig, zum Gelage, immer in Waffen. Tag und
+<pb n='19'/><anchor id='Pg019'/>Nacht durchzuzechen, bringt keinem Schande. Häufig gibts,
+wenn sie da trunken sind, Streit, und der bleibt selten bei
+Worten, sondern endet recht oft mit Wunden und Totschlag.
+Aber auch die Versöhnung des Feindes mit dem Feind, neue
+Schwägerschaft, Anschluß an Fürsten und sogar Krieg und
+Frieden wird gewöhnlich beim Trinkgelage beraten, als ob
+zu keiner anderen Zeit der Sinn unbeeinflußter Überlegung
+besser zugänglich wäre oder leichter entflammt für große
+Gedanken. Ein Volk ohne Arg und Falsch, eröffnet es noch die
+Geheimnisse seiner Brust bei ungezwungenen Scherzen.
+Haben nun alle ihre Meinung ohne Rückhalt aufgedeckt,
+so wird sie am nächsten Tag noch einmal geprüft, und jeder
+Zeit widerfährt ihr Recht: sie beraten, wenn sie keiner Verstellung
+fähig sind, beschließen, wenn sie nicht irren können.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap23">
+<index index="pdf" level1="23"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm23">23</ref></hi></head>
+
+<p>
+Ihr Getränk ist ein Saft aus Gerste oder Weizen, zu
+einer Art von Wein vergoren. An der Ufergrenze erhandeln
+sie auch Wein. Die Kost ist einfach, wilde Früchte, frisches
+Wildbret, geronnene Milch. Ohne Aufwand, ohne Würzen
+stillen sie gerade ihren Hunger. Gegen den Durst haben sie
+nicht die gleiche Mäßigkeit. Wer hier ihrem Hang Vorschub
+leistete und ihnen zu trinken verschaffte, so viel sie begehren,
+der könnte sie einmal durch ihre Ausschweifung fast leichter
+als mit bewaffneter Hand überwinden.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap24">
+<index index="pdf" level1="24"/>
+<head><hi rend="kapitel">24</hi></head>
+
+<p>
+Es gibt nur eine Art von Schauspiel, und die ist bei
+jedem Feste gleich. Nackte Jünglinge, die es zum Vergnügen
+tun, schwingen sich im Tanz zwischen Schwertern und drohenden
+Framen. Übung hat sie gewandt gemacht, Gewandtheit
+anmutig; doch suchen sie nicht Erwerb und Lohn:
+<pb n='20'/><anchor id='Pg020'/>ihres so verwegenen Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer.
+Aber merkwürdig sind sie beim Würfeln, treiben
+es nüchtern, wie ein ernstes Geschäft, und mit so toller
+Leidenschaft bei Gewinn und Verlust, daß sie, wenn alles
+hin ist, im letzten entscheidenden Wurf Freiheit und Leben
+setzen. Und wer verliert, wird freiwillig Sklave; sei er auch
+jünger und stärker, er läßt sich geduldig binden und verkaufen.
+Das ist ihr Starrsinn noch am verkehrten Ende: sie aber
+nennen es Treue. Sklaven dieser Art übergeben sie dem
+Handel, um auch selbst der Beschämung über den Gewinn
+ledig zu werden.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap25">
+<index index="pdf" level1="25"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm25">25</ref></hi></head>
+
+<p>
+Ihre andern Sklaven stellen sie, anders als wir, nicht zu
+genau verteiltem Gesindedienst an; sondern jeder schaltet
+auf eigenem Anwesen, am eigenen Herd. Der Herr
+legt ihm nur eine bestimmte Leistung an Getreide, Vieh oder
+Zeug auf, wie wir unseren Pächtern, und nur so weit geht
+die Pflicht des Hörigen. Sonst besorgen die Geschäfte des
+Herrenhauses die Frau und die Kinder. Daß der Sklave
+gepeitscht, gefesselt und mit Zwangsarbeit gestraft wird, ist
+selten. Eher noch schlägt der Herr einen tot, nicht zur Strafe
+oder aus Strenge, sondern im aufwallenden Jähzorn: wie
+einen Feind, nur daß es hier ungesühnt bleibt. Die Freigelassenen
+stehen nicht viel höher als Sklaven. Selten haben
+sie einigen Einfluß im Haus, nie in der Gemeinde, ausgenommen
+bei den Stämmen, die Königen botmäßig sind.
+Dort nämlich steigen sie wohl über die Freigeborenen
+und selbst über Adelige empor. Bei den anderen zeugt
+die Unebenbürtigkeit der Freigelassenen für die Freiheit
+des Volkes.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="cap26">
+<pb n='21'/><anchor id='Pg021'/>
+ <index index="pdf" level1="26"/>
+
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm26">26</ref></hi></head>
+
+<p>
+Geld auf Zins zu verleihen und Wucher zu treiben, ist
+ihnen unbekannt und darum besser verhütet, als wenn es
+verboten wäre.
+</p>
+
+<p>
+Ackerland wird, entsprechend der Zahl derer, die es anbauen
+wollen, von der Gesamtheit, immer in neuem Ausmaß
+besetzt und dann jedesmal unter die einzelnen nach
+ihrem Range aufgeteilt. Die Größe der Gefilde macht solche
+Teilung leicht. Mit der Anbaufläche wechseln sie Jahr für
+Jahr, und noch immer bleibt Ackerland brach. Denn ihre
+Arbeit wetteifert nicht mit der Fruchtbarkeit und der Ausdehnung
+ihres Bodens, so etwa, daß sie Obstgärten anlegen,
+Wiesen ausscheiden, Gärten bewässern würden; einzig Getreide
+fordern sie der Erde ab. Und so teilen sie auch das
+Jahr nicht in unsere vier Zeiten; nur für Winter, Frühling
+und Sommer haben sie den Begriff und die Worte; vom
+Herbst kennen sie weder Namen noch Gaben.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap27">
+<index index="pdf" level1="27"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm27">27</ref></hi></head>
+
+<p>
+Leichenbegängnisse wollen nicht prunken: nur darauf
+wird geachtet, daß man die Reste bedeutender Männer mit
+Holz von bestimmten Arten verbrenne. Auf den Holzstoß
+häufen sie nicht Teppiche noch Räucherwerk; immer werden
+die Waffen, zuweilen auch das Streitroß ins Feuer mitgegeben.
+Ein Rasenhügel bildet das Grab. Ragender Denkmäler
+kunstreiche Pracht verschmähen sie, als drückend für die Verstorbenen.
+Von Klagen und Tränen lassen sie bald, von
+Schmerz und Wehmut lange nicht. Frauen ziemt Trauer,
+Männern Erinnerung.
+</p>
+
+<p>
+So viel habe ich allgemein über Herkunft und Sitten
+des ganzen Germanenvolkes erfahren. Nun will ich die
+<pb n='22'/><anchor id='Pg022'/>Unterschiede in den Einrichtungen und Bräuchen der einzelnen
+Stämme und die Einwanderungen aus Germanien
+ins gallische Land erörtern.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap28">
+<index index="pdf" level1="28"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm28">28</ref></hi></head>
+
+<p>
+Daß Galliens Macht vorzeiten größer war, meldet der
+beste Gewährsmann, der erlauchte Julius [Cäsar]; und so
+darf man wohl glauben, daß auch Gallier nach Germanien
+hinübergedrungen sind. Denn welch geringes Hindernis
+bot nicht ein Strom, wenn eines der Völker, eben im Gefühl
+seiner Macht, her- und hinüber zog und da blieb, wo das
+Land noch frei und zu keinem Bereich abgegrenzt war? So
+haben denn in dem Land zwischen Herzynischem Wald und
+Rhein- und Mainstrom die Helvetier, weiter hinaus die
+Bojer gewohnt, beides gallische Stämme. Noch lebt der
+Name <hi rend='antiqua'>Boihaemum</hi> und gemahnt an die Vorgeschichte des
+Landes, obschon seine Siedler gewechselt haben.
+</p>
+
+<p>
+Ob aber die Aravisker nach Pannonien von den Osen her,
+aus germanischem Gebiet, oder die Osen aus dem Land der
+Aravisker nach Germanien eingewandert sind, das ist nicht
+zu entscheiden (beide haben noch heute gleiche Sprache,
+gleiche Satzung und Bräuche): denn die nämliche Armut und
+Freiheit bot einst an beiden Ufern des Grenzstromes genau
+so viel Vorteil wie Nachteil.
+</p>
+
+<p>
+Treverer und Nervier behaupten sogar mit eifersüchtigem
+Stolz ihre germanische Abkunft, als würde solcher Adel des
+Blutes eine Ähnlichkeit mit den erschlafften Galliern aufheben.
+Am Rheinufer selbst wohnen unzweifelhaft germanische
+Völker, Vangionen, Triboker, Nemeter. Ja selbst
+die Ubier, die doch für ihre Verdienste das Recht der römischen
+Kolonien erhielten und sich lieber nach ihrer Stifterin
+<pb n='23'/><anchor id='Pg023'/>Agrippiner nennen hören, schämen sich ihres germanischen
+Ursprungs nicht. Sie waren schon vorzeiten herübergekommen
+und wurden dann zum Lohn bewährter Treue gerade
+am Rheinufer angesiedelt, aber als Grenzwächter, nicht als
+Bewachte.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap29">
+<index index="pdf" level1="29"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm29">29</ref></hi></head>
+
+<p>
+An Tapferkeit überragen die Bataver alle diese Stämme.
+Sie bewohnen nur einen kleinen Strich am Ufer, aber das
+ganze Inselland des Rheins und waren einst ein Teil des
+Chattenvolkes, der sich bei einem Zwist von der Heimat löste
+und in diese Gegenden hinüberzog; dort sollten sie dem
+Römerreiche einverleibt werden. Die Ehre und die Auszeichnung
+alter Bundesfreundschaft ist ihnen geblieben: kein
+Tribut entwürdigt sie, kein Steuerpächter saugt sie aus; frei
+von Lasten und Abgaben, nur dem Dienst im Kriege vorbehalten,
+werden sie wie Wehr und Waffen für den Kampf
+aufgespart. In gleicher Abhängigkeit steht auch das Volk der
+Mattiaker; hat doch das mächtige Römertum über den Rhein
+und über die alten Grenzen hinaus sein Weltreich Ehrfurcht
+gebietend erweitert. So sitzen sie, in eigener Gemarkung,
+auf ihrem Uferland; Gesinnung und Neigung hält sie bei
+uns. Sonst ganz wie die Bataver; nur daß ihnen noch
+der Boden und Himmel der Heimat helleren Mut weckt.
+</p>
+
+<p>
+Nicht unter die germanischen Völker möchte ich, wiewohl
+sie jenseits von Rhein und Donau ansässig sind, jene zählen,
+die das Zehntland bebauen: gallisches Lumpenpack, aus Not
+verwegen, hat sich sein Stück von dem Boden ungewisser
+Besitzer genommen. Dann ist der Grenzwall angelegt, sind
+Festungen vorgeschoben worden, und so bildet das Gebiet
+ein Vorland des Reichs und einen Teil der Provinz.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="cap30">
+<pb n='24'/><anchor id='Pg024'/>
+<index index="pdf" level1="30"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm30">30</ref></hi></head>
+
+<p>
+Weiter hinaus wohnen die Chatten. Ihr Reich beginnt
+am Herzynischen Wald, nicht so eben und sumpfig wie die
+anderen Gebiete im weiten germanischen Flachland; immer
+wieder erheben sich Hügel und werden nur mählich spärlicher:
+so geleitet der Herzynische Wald seine Chatten und setzt
+sie dann ab zu Tal. Es ist ein harter Volksschlag von gedrungenem
+Gliederbau, trotzigen Mienen und besonders lebhaftem
+Geist. Für Germanen zeigen sie viel Verstand und Gewandtheit.
+Sie wissen ihre Führer zu wählen, auf das Wort der
+Obern zu hören, Reih und Glied zu wahren, den Augenblick
+zu erspähen, mit dem Angriff zurückzuhalten, ihren Tag
+einzuteilen und sich für die Nacht zu sichern; und haben gelernt,
+nicht dem ungewissen Glück, sondern erprobter Tapferkeit
+zu vertrauen. Und, was sonst sehr selten und nur einer
+strengen Zucht eigen ist: die Führung gilt ihnen mehr als
+die Truppe. Ihre ganze Stärke liegt im Fußvolk, dem sie
+außer den Waffen auch Schanzzeug und Vorräte mitgeben.
+Andere Völker ziehen in die Schlacht, die Chatten in einen
+vorbereiteten Krieg; selten kommt es zu Streifzügen und
+planlosem Gefecht. Und wirklich taugt es mehr für Reiterkräfte,
+rasch einen Sieg zu gewinnen, rasch zu entweichen.
+Aber Hast steht der Furcht gar nah, Bedachtsamkeit dem
+besonnenen Mute.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap31">
+<index index="pdf" level1="31"/>
+<head><hi rend="kapitel">31</hi></head>
+
+<p>
+Was sich auch bei anderen germanischen Völkern als Ausdruck
+vereinzelten Wagemuts findet, ist bei den Chatten
+allgemeiner Gebrauch geworden; sobald sie mannbar sind,
+lassen sie Bart und Haupthaar frei wachsen und tragen sich
+nicht anders, solange sie nicht einen Feind getötet haben;
+<pb n='25'/><anchor id='Pg025'/>das ist ihr Gelübde, gleichsam ein Pfand ihrer Tapferkeit.
+Erst an der blutigen Beute enthüllen sie wieder die Stirn; dann
+erst glauben sie den Preis für ihr Dasein gezahlt und ihr
+Vaterland und ihre Väter verdient zu haben. Feigen und
+Kriegsscheuen bleibt der entstellende Haarwust. Ein rechter
+Held trägt obendrein noch einen eisernen Ring (diesem Volk
+sonst ein Zeichen der Schmach) wie eine Fessel und löst sie
+sich erst, wenn er einen Feind erschlagen hat. Sehr viel
+Chatten gefallen sich in solchem Aufzug und sind darin grau
+geworden, berühmt und Feinden wie Freunden bekannt. Diese
+sinds, die jeden Kampf eröffnen; sie bilden die erste Reihe,
+ein überwältigender Anblick; denn auch im Frieden ist ihr
+Aussehen nicht milder geworden. Keiner von ihnen hat Haus
+oder Land oder sonst eine Arbeit; wo er auch einkehrt, findet
+er Unterhalt und schwelgt in fremdem Gut, unbekümmert um
+eigenes, bis dann schließlich das blutlose Alter zu so harter
+Tugend unfähig macht.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap32">
+<index index="pdf" level1="32"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm32">32</ref></hi></head>
+
+<p>
+Den Chatten zunächst wohnen am Rheinstrom, der dort
+schon seinen festen Lauf hat und Grenzwehr zu sein vermag,
+die Usipier und Tenkterer. Die Tenkterer zeichnen sich außer
+durch den gewohnten Kriegsruhm durch ihre trefflich geübte
+Reiterei aus; und dem Fußvolk der Chatten gebührt kein
+größeres Lob als den Reitern der Tenkterer. Das haben sie
+von den Vätern her, und die Nachfahren bleiben nicht zurück.
+Reiten ist das Spiel der Kinder, Männer üben es um
+die Wette, Greise lassen nicht nach. Neben Gesinde und Gehöft
+und den Rechten der Nachfolge werden die Pferde vererbt:
+doch erhält sie nicht, wie das übrige Gut, der älteste
+Sohn, sondern der streitbarste, der bessere Kämpe.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="cap33">
+<pb n='26'/><anchor id='Pg026'/>
+<index index="pdf" level1="33"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm33">33</ref></hi></head>
+
+<p>
+Neben den Tenkterern traf man früher die Brukterer.
+Jetzt sollen da Chamaver und Angrivarier eingewandert sein.
+Die Brukterer wurden durch einen Zusammenschluß der
+Nachbarvölker geschlagen und ganz vernichtet, sei es aus Haß
+gegen ihre Überhebung oder wegen der lockenden Beute, oder
+weil uns etwa die Götter gnädig waren; denn sie gönnten
+uns sogar, dem Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: über
+sechzigtausend sind nicht der Römer Wehr und Waffen,
+sondern, was weit herrlicher ist, uns zur Freude und Augenweide
+erlegen. Bliebe nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen
+Völkern, wenn schon nicht Liebe zu uns, so doch wenigstens
+ihr Haß gegeneinander; denn nichts Größeres kann uns in
+des Reiches drängendem Verhängnis das Schicksal gewähren
+als unserer Feinde Zwietracht.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap34">
+<index index="pdf" level1="34"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm34">34</ref></hi></head>
+
+<p>
+An die Angrivarier und Chamaver schließen sich im
+Rücken Dulgubiner und Chasuarier an und andere nicht
+sonderlich häufig genannte Völker. Vorne nehmen die Friesen
+die Reihe auf. Sie heißen Groß- und Kleinfriesen nach dem
+Maß ihrer Kräfte. Beide Stämme begrenzt bis ans Meer
+der Rhein; auch wohnen sie rings um gewaltige Seen, in
+die auch schon römische Flotten drangen. Ja, selbst ins Nordmeer
+haben wir uns dort gewagt. Und es ist die Sage verbreitet,
+daß da noch Säulen des Herkules stehen: sei es, daß Herkules
+wirklich hinkam oder daß wir alles Großartige, wo sichs
+auch finde, auf seinen Ruhm zurückzuführen gewohnt
+sind. An Kühnheit hat es dem Drusus Germanicus auch
+nicht gefehlt; doch das Meer ließ sich, ließ die Spuren des
+Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand versucht;
+<pb n='27'/><anchor id='Pg027'/>es schien frömmer und ehrfürchtiger, an die Taten der Götter
+zu glauben, als um sie zu wissen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap35">
+<index index="pdf" level1="35"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm35">35</ref></hi></head>
+
+<p>
+So weit gegen Westen hin kennen wir Germanien. Gegen
+Norden tritt es in ungeheurem Bogen zurück. Gleich zuerst
+findet sich hier das Volk der Chauken; obwohl es schon
+nächst den Friesen beginnt und noch einen Teil der Küste
+innehat, zieht es sich auch in der Flanke aller hier beschriebenen
+Stämme hin und reicht zuletzt im Bogen bis zu den Chatten.
+Und diese gewaltige Ländermasse haben die Chauken nicht
+nur in ihrem Besitz, sondern sie füllen sie auch aus; ein Volk,
+das unter den Germanen in höchstem Ansehen steht und es
+dabei vorzieht, seine Macht auf Gerechtigkeit zu stützen.
+Ohne Habgier, ohne unbändige Herrschsucht leben sie ruhig
+für sich und reizen keinen zum Kriege, verwüsten sie, rauben
+und plündern keinem sein Gut. Es ist das höchste Zeugnis
+für ihre Tapferkeit und Stärke, daß sie ihre überlegene Macht
+keinem Übergriff danken. Doch haben sie alle rasch die Waffen
+bereit, und wenn es die Not erfordert, ein Heer: Rosse und
+Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten, bleibt
+ihnen ihr Ruf.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap36">
+<index index="pdf" level1="36"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm36">36</ref></hi></head>
+
+<p>
+Zur Seite der Chauken und Chatten haben die Cherusker
+lange unangefochten einen allzu tiefen, erschlaffenden Frieden
+gehalten. Das brachte ihnen mehr Behagen als Sicherheit,
+da es verkehrt ist, zwischen unbändigen, mächtigen Nachbarn
+ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht gilt, darf sich nur der Überlegene
+friedlich und redlich nennen. So heißen die Cherusker,
+einst als die Wackeren, Gerechten bekannt, jetzt Weichlinge
+und Toren; den siegreichen Chatten wurde ihr Glück als
+Weis<pb n='28'/><anchor id='Pg028'/>heit gedeutet. Mitgerissen vom Sturz der Cherusker wurden
+auch die Fosen, ihr Nachbarvolk. Im Glück die Geringeren,
+sind sie nun rechte Gefährten des Mißgeschicks.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap37">
+<index index="pdf" level1="37"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm37">37</ref></hi></head>
+
+<p>
+In der gleichen Ausbuchtung des Germanenlandes, nächst
+dem Nordmeer, sitzen die Kimbern, jetzt nur ein kleiner
+Stamm, doch von gewaltigem Ruhm. Von ihrem alten Ruf
+sind viele Spuren erhalten: an beiden Ufern Wälle und
+Lagerräume, deren Umfang noch heute für die Menge
+des Heeres und Volks und für die so mächtige Wanderung
+Zeugnis gibt. Sechshundertvierzig Jahre stand unsere
+Stadt, als uns zuerst die Waffen der Kimbern erdröhnten;
+unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius
+Carbo. Zählt man von da bis zum zweiten Konsulat
+des Imperators Trajan, so sind das etwa zweihundertundzehn
+Jahre; so lange wird nun Germanien besiegt. Und im
+Lauf dieser langen Zeit hüben und drüben vielfach Verluste!
+Nicht der Samnite, nicht die Punier, nicht Hispanien und
+Gallien, ja auch die Parther nicht haben öfter zu schaffen
+gegeben: ärger denn eines Arsaces Tyrannei droht der
+Germanen Freiheit. Was könnte uns sonst der Osten vorhalten
+als den erschlagenen Crassus, für den er doch selbst, von
+einem Ventidius niedergeworfen, den Pacorus hingeben
+mußte! Germanen aber haben den Carbo und Lucius Cassius,
+den Scaurus Aurelius, den Servilius Caepio und Gnaeus
+Mallius geschlagen oder gefangen, also fünf konsularische
+Heere dem römischen Volke, und den Varus und mit ihm
+drei Legionen selbst dem Caesar geraubt; und nicht ohne
+Einbußen hat sie C. Marius in Italien, der erlauchte Julius
+in Gallien, Drusus, Nero, Germanicus in ihrem eigenen
+<pb n='29'/><anchor id='Pg029'/>Land geschlagen. Hernach sind die gewaltigen Rüstungen
+des C. Caesar lächerlich ausgegangen. Seitdem war Ruhe,
+bis daß sie, die Gelegenheit unseres Zwistes und Bürgerkrieges
+wahrnehmend, die Winterlager der Legionen stürmten
+und sogar Gallien bedrohten. Da wurden sie wieder
+abgeschlagen; aber die letzte Zeit hat über sie mehr triumphiert
+als gesiegt.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap38">
+<index index="pdf" level1="38"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm38">38</ref></hi></head>
+
+<p>
+Nunmehr spreche ich von den Sueben. Sie bilden nicht,
+wie Chatten und Tenkterer, ein einheitliches Volk, sondern
+haben den größeren Teil Germaniens inne und zerfallen
+zudem noch in besondere Völkerschaften mit eigenem Namen,
+wiewohl sie insgemein Sueben heißen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Stammeszeichen bildet das seitwärts gekämmte, in
+einen Knoten geschlungene Haar: dadurch unterscheiden
+sich die Sueben von den übrigen Germanen und die suebischen
+Freien von ihren Knechten. Dergleichen kommt auch
+bei anderen Stämmen vor, vielleicht auf Grund einer
+Verwandtschaft mit den Sueben, vielleicht, wie das ja
+oft geschieht, als Nachahmung, ist jedoch selten und bleibt
+auf die Jugend beschränkt. Bei den Sueben aber streichen
+sie noch, wenn sie grau sind, das widerstrebende Haar zurück
+und binden es, oft gerade über dem Scheitel, zusammen;
+Vornehme tragen es noch kunstvoller hergerichtet. Das ist
+nun wohl Putz, aber ein unschuldiger; denn nicht um Liebe
+und Gegenliebe geht es ihnen, sondern mit solcher Sorgfalt
+schmücken sie sich, zu Kriegern bestimmt, um größer und
+schrecklicher auszusehn in den Augen der Feinde.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap39">
+<index index="pdf" level1="39"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm39">39</ref></hi></head>
+
+<p>
+Für die Ältesten und Edelsten unter den Sueben geben
+<pb n='30'/><anchor id='Pg030'/>sich die Semnonen aus; der Glaube an ihr hohes Alter
+wird durch heilige Bräuche gestützt. Zu bestimmten Zeiten
+sind in einem Walde, den Zeichen aus Vätertagen und Schauer
+der Vorzeit weihten, alle Völker vom gleichen Blut durch
+Abordnungen vertreten, und ein feierliches Menschenopfer
+der Gemeinschaft eröffnet des barbarischen Dienstes entsetzliche
+Stiftung. Noch eine andere Verehrung gilt dem
+Hain: keiner darf ihn anders als in Fesseln betreten, gleichsam
+als Untertan, und um von der Macht des Gottes zu
+zeugen. Fällt einer zu Boden, so darf er sich nicht erheben
+noch aufrichten lassen, sondern muß sich auf der Erde hinauswälzen.
+Das ganze Treiben deutet darauf, daß dort die
+Wiege des Volkes sei, dort der allbeherrschende Gott,
+und alles andere untergeordnet und abhängig. Bestärkt
+wird diese Meinung durch das Gedeihen der Semnonen:
+in hundert Gauen wohnen sie, und bei solcher Größe ihrer
+Körperschaft halten sie sich für das Haupt der suebischen
+Völker.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap40">
+<index index="pdf" level1="40"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm40">40</ref></hi></head>
+
+<p>
+Dafür ehrt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von
+sehr vielen mächtigen Völkern eingeschlossen, haben sie sich
+nicht durch Unterwürfigkeit, sondern in Kampf und Wagnis
+gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen, Angeln, Variner,
+Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch Flüsse
+oder Wälder geschützt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu
+bemerken; gemeinsam verehren sie die Nerthus, das ist die
+Mutter Erde; diese, so meinen sie, mische sich in das Treiben
+der Menschen und komme von Volk zu Volk gefahren. Es
+ruht auf einer Insel im Nordmeer ein heiliger Hain; darin
+steht ein geweihter Wagen, mit einer Hülle bedeckt, und nur
+<pb n='31'/><anchor id='Pg031'/>der Priester darf ihn berühren. Er merkt die Gegenwart der
+Göttin im Heiligtum und geleitet ehrfürchtig ihren mit
+Kühen bespannten Wagen. Dann sind die Tage froh und
+festlich die Stätten, wo die Göttin einzuziehen und gastlich
+zu weilen geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand
+greift zu den Waffen; verschlossen ist jegliches Eisen: es ist
+die einzige Zeit, da sie Ruhe und Frieden kennen, die einzige,
+da sie ihn lieben. Bis der Priester dann wieder die Göttin,
+des Umgangs mit sterblichen Menschen ersättigt, in ihren
+heiligen Bezirk zurückbringt. Dann wird der Wagen, seine
+Umhüllung und – wenn man es glauben darf – die Göttin
+selbst in einem unzugänglichen See genetzt. Sklaven helfen
+beim Dienst, die alsbald der nämliche See verschlingt. Daher
+das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas,
+was nur Todgeweihte erschauen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap41">
+<index index="pdf" level1="41"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm41">41</ref></hi></head>
+
+<p>
+Und dieser Teil der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene
+Länder Germaniens hin. Näher – um, wie noch zuvor
+dem Rhein, so jetzt der Donau zu folgen – haust das
+Volk der Hermunduren, den Römern ergeben. Darum ist
+ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an
+der Ufergrenze, sondern auch tief ins Reich hinein und
+selbst in der glänzendsten Kolonie der rätischen Provinz erlaubt.
+Wo sie wollen, kommen sie ohne Aufsicht herüber, und
+während wir den übrigen Stämmen nur unsere Waffen
+und Lagerplätze zeigen, haben wir diesen ohne ihr Begehren
+unsere Häuser und Landsitze geöffnet. Im Lande der Hermunduren
+entspringt die Elbe, einst ein vielgerühmter, bekannter
+Strom; jetzt hört man nur eben von ihm.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="cap42">
+<pb n='32'/><anchor id='Pg032'/>
+<index index="pdf" level1="42"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm42">42</ref></hi></head>
+
+<p>
+Nächst den Hermunduren wohnen die Varisten und weiter
+hin die Markomannen und Quaden. Hoch ragen die Markomannen
+an Ruhm und Kraft hervor; auch ihr Land danken
+sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer vertrieb. Doch
+schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art; und
+dies ist gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der
+Donau. Markomannen und Quaden haben noch bis auf
+unsere Zeit Könige vom heimischen Stamm behalten,
+des Marbod und Tudrus edles Geschlecht. Jetzt fügen sie
+sich auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt ihren
+Königen vom römischen Ansehen. Selten werden sie von
+unseren Waffen, öfter durch Geld unterstützt; es tut ihnen
+nicht Eintrag.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap43">
+<index index="pdf" level1="43"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm43">43</ref></hi></head>
+
+<p>
+Noch weiter ab von uns schließen sich Marsigner, Kotiner,
+Osen und Burier im Rücken an die Markomannen und Quaden.
+Von diesen erinnern Marsigner und Burier in Rede und
+Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner verraten durch ihre
+gallische, die Osen durch ihre pannonische Sprache, daß sie
+keine Germanen sind, wie auch durch die Abgaben, die sie
+ertragen. Einen Teil davon haben ihnen die Sarmater, einen
+anderen – als einem Fremdvolk – die Quaden auferlegt:
+dabei fördern die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach, noch
+obendrein Eisen! Alle diese Völker aber halten wenig Flachland
+besetzt, meist Hochwald, Gipfel und Höhenzüge. Denn
+mitten durch Suebien zieht als Scheidewand ein Gebirg
+in geschlossener Kette; und auf der anderen Seite wohnen
+sehr viele Völker, von denen namentlich die Lygier, mehrere
+Stämme umfassend, weithin verbreitet sind. Es genügt, die
+<pb n='33'/><anchor id='Pg033'/>bedeutendsten zu nennen, die Harier, Helvekonen, Manimer,
+Helisier und Nahanarvaler. Bei den Nahanarvalern weist
+man einen uralt-heiligen Hain. Darin waltet ein Priester
+in Frauentracht; aber die Götter, die sie nennen, sind nach
+römischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung
+der Gottheit; ihr Name ist <q>Alken</q>. Es gibt von ihnen
+kein Bild, keine Spur führt zu fremden Bräuchen; aber als
+Brüder werden sie und als Jünglinge verehrt. Die grimmen
+Harier helfen, obzwar den zuvor aufgezählten Völkern ohnehin
+überlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon wilden Erscheinung
+zudem durch wohlbedachte Künste nach. Sie
+schwärzen die Schilde und überfärben sich den Körper; finstere
+Nächte wählen sie zum Kampf. So jagen schon die gespenstischen
+Schreckgestalten eines Totenheeres Grausen ein,
+und kein Feind widersteht dem unerhörten, gleichsam
+höllischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem Anprall die
+Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von Königen,
+und etwas straffer als andere Germanenstämme, geleitet,
+doch nicht so, daß ihre Freiheit bedroht wäre. Dann dicht
+daran, gegen das Meer, die Rugier und Lemovier. All dieser
+Völker Merkmal ist, daß sie runde Schilde und kurze
+Schwerter haben und Königen gehorchen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap44">
+<index index="pdf" level1="44"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm44">44</ref></hi></head>
+
+<p>
+Folgen die Stämme der Suionen, mitten im Ozean, reich
+an Mannen und Waffen und auch zur See gewaltig. Sie
+haben Schiffe von besonderer Gestalt, derart, daß jedes Ende
+Vorderteil sein kann und immer zum Landen bereit ist. Auch
+bedienen sie keine Segel und fügen die Ruder nicht reihenweise
+an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf
+manchen Flüssen, und setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts,
+<pb n='34'/><anchor id='Pg034'/>bald links ein. Bei diesem Volk steht auch der Reichtum in
+Ehren, und so beherrscht es ein einziger, gegen den schon
+kein Einspruch mehr statthat, kraft unwiderruflichen Rechts
+auf Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht, wie bei den
+anderen Germanen, jedem zum Gebrauch freigegeben,
+sondern ein Wächter hält sie verschlossen; es ist ein Sklave.
+Denn da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde
+das Meer; und Waffen in müßigen Händen führen gar leicht
+zum Mißbrauch. Einen Adeligen allerdings oder Freien, ja
+auch nur einen Freigelassenen als Waffenhüter zu bestellen,
+wäre dem König kein Vorteil.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap45">
+<index index="pdf" level1="45"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm45">45</ref></hi></head>
+
+<p>
+Jenseits der Suionen liegt ein anderes Meer, starr und
+fast unbewegt. Daß es den Erdkreis abgürtet und schließt,
+darf man wohl glauben, weil sich dort der letzte Glanz der
+sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhält, so hell, daß davor
+die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar, der
+aufsteigenden Sonne Klingen zu hören und ihr Rossegespann
+und ihr Strahlenhaupt zu erkennen. Damit sind wir, wenn
+die Sage recht hat, am Ende der Welt.
+</p>
+
+<p>
+Nun denn – rechts schlägt das suebische Meer an die
+Küste der Ästierstämme. Diese haben die Bräuche und das
+Aussehen der Sueben, ihre Sprache steht der britannischen
+näher. Sie verehren eine Göttermutter. Als Zeichen dieses
+Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist Schutz und
+Schirm gegen alle Gefahr und behütet den Gläubigen auch
+im Feindesgewühl. Selten haben sie Waffen von Eisen,
+oftmals Keulen. Korn und andere Früchte bauen sie sorgfältiger,
+als sonst germanische Lässigkeit zugibt. Aber sie
+<pb n='35'/><anchor id='Pg035'/>suchen auch im Meer und sind unter allen Völkern die einzigen,
+die den Bernstein (sie nennen ihn <hi rend='antiqua'>glesum</hi>) an
+seichten Stellen und am Strande selbst sammeln. Doch haben
+sie, rechte Barbaren, sein Wesen und seine Entstehung
+weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag lange umher wie
+anderer Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht nach
+Schmuck schuf ihm seinen Namen. Sie selber gebrauchen
+ihn nicht; sie sammeln die rohen Stücke, bringen sie unbearbeitet
+zu Markt und wundern sich über den gezahlten
+Preis. Indes erkennt man ihn als Baumharz, weil häufig
+kleine Landtiere, auch geflügelte, durchschimmern, die sich
+in der flüssigen Masse fangen und, wenn sie dann hart wird,
+eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen Ländern im Osten,
+wo die Bäume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, mögen
+also wohl auch auf den Inseln und Küsten des Westens
+merkwürdig ergiebige Haine und Wälder sein: ihre Säfte
+werden von den Strahlen der nahen Sonne ausgepreßt
+und rinnen noch flüssig den kurzen Weg hinab ins Meer;
+die Gewalt der Stürme treibt dann das Harz hinüber ans
+andere Gestade. Prüft man den Stoff des Bernsteins im
+Feuer, so entzündet er sich wie ein Kienspan und nährt eine
+qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich wieder
+zu einer Art Pech oder Harz.
+</p>
+
+<p>
+An die Suionen reihen sich die Stämme der Sitonen,
+sonst ähnlich und nur dadurch unterschieden, daß ein Weib
+sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen nicht nur die Freiheit,
+sondern noch die Knechtschaft entartet.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap46">
+<index index="pdf" level1="46"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm46">46</ref></hi></head>
+
+<p>
+Hier endet denn Suebien. Ob ich nun die Stämme der
+<pb n='36'/><anchor id='Pg036'/>Peuciner und der Veneter und Fennen zu den Germanen
+oder Sarmatern rechnen soll, weiß ich nicht recht. Die Peuciner
+zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen in
+Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches
+Wesen. Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen
+träge; und Wechselheiraten haben auch schon
+zu sarmatischer Mißgestalt geführt. Die Veneter haben viel
+von sarmatischer Lebensweise angenommen: alles Wald-
+und Bergland, das sich zwischen Peucinern und Fennen
+erhebt, durchstreifen sie in räuberischen Haufen. Doch zählt
+man sie eher noch als Germanen, weil sie feste Wohnungen
+haben, Schilde tragen und gern als schnelle, rüstige Fußgänger
+auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern,
+die auf ihren Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen
+sind ein erstaunlich wildes, abstoßend armes Volk. Sie haben
+keine Waffen, keine Pferde, kein Heim; Kräuter sind
+ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden ihre Lagerstätte.
+Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil
+Eisen mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd muß gleicherweise
+Männer wie Frauen ernähren: diese ziehen überall
+mit und heischen ihren Teil von der Beute. Ihre Kinder
+haben keine andre Zuflucht vor Regen und wildem Getier
+als ein Schutzdach von verflochtenen Zweigen. Dahin kehren
+auch die Erwachsenen zurück, dort bergen sich die Alten.
+Aber glücklicher dünkt sie dieses Los, als hinter dem Pfluge
+zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und fremdes
+Gut ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekümmert
+um Menschen, unbekümmert um Götter haben sie
+das Schwerste erreicht, selbst auf Wünsche verzichten zu
+können.
+</p>
+
+<pb n='37'/><anchor id='Pg037'/>
+
+<p>
+Darüber hinaus beginnt das Reich der Fabel. So sollen
+Hellusier und Oxionen Menschenköpfe und menschliches
+Antlitz haben, aber Leib und Glieder von Tieren. Das ist
+unverbürgt, und ich will es nicht weiter verfolgen.
+</p>
+
+</div></div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='38'/><anchor id='Pg038'/>
+<index index="toc" level1="Inhalt der Germania"/><index index="pdf" level1="Inhalt der Germania"/>
+<head>Inhalt der Germania</head>
+
+ <div>
+<head>Allgemeiner Teil (<ref target="cap01">1–27</ref>)</head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Das Land und seine Bewohner</hi> (<ref target="cap01">1–5</ref>): Grenzen und
+Grenzströme (<ref target="cap01">1</ref>) – Autochthone Abstammung und Stammsagen der
+Germanen (<ref target="cap02">2</ref>) – Frühe Besuche aus der Fremde? (<ref target="cap03">3</ref>) – Körperbau
+als weiterer Beweis der Autochthonie (<ref target="cap04">4</ref>) – Natur und Erzeugnisse
+des Landes (<ref target="cap05">5</ref>).
+</p>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Leben und Sitten der Germanen</hi> (<ref target="cap06">6–27</ref>): Waffen, Kriegswesen
+(<ref target="cap06">6</ref>) – Könige, Fürsten, Priester, Sippen, Frauen (<ref target="cap07">7</ref>) –
+Frauen im Kampf, heilige Frauen (<ref target="cap08">8</ref>) – Götter (<ref target="cap09">9</ref>) – Lose,
+Vorzeichen (<ref target="cap10">10</ref>) – Ratsversammlung (<ref target="cap11">11</ref>) – Versammlung als
+Gericht, Verbrechen und Strafen (<ref target="cap12">12</ref>) – Wehrhaftmachung, Gefolge
+(<ref target="cap13">13</ref>) – Gefolge im Krieg (<ref target="cap14">14</ref>) – Fürsten und Gefolge im
+Frieden (<ref target="cap15">15</ref>) – Das Leben des einzelnen: Wohnungen (<ref target="cap16">16</ref>) –
+Kleidung (<ref target="cap17">17</ref>) – Ehe (<ref target="cap18">18</ref>) – Frauen und Kinder (<ref target="cap19">19</ref>) – Erziehung,
+Verwandtschaft, Erbfolge (<ref target="cap20">20</ref>) – Vererbte Rache, Gastfreundschaft
+(<ref target="cap21">21</ref>) – Leben im Hause, Trinkgelage (<ref target="cap22">22</ref>) – Getränke, Speisen,
+Trunksucht (<ref target="cap23">23</ref>) – Waffentänze, Würfelspiel (<ref target="cap24">24</ref>) – Sklaven (<ref target="cap25">25</ref>) –
+Ackerbau (<ref target="cap26">26</ref>) – Bestattung; Übergang zum besonderen Teil (<ref target="cap27">27</ref>).
+</p>
+</div>
+ <div>
+<head>Besonderer Teil / Die einzelnen Völkerschaften (<ref target="cap28">28–46</ref>)</head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Grenzvölker</hi> (<ref target="cap28">28</ref>, <ref target="cap29">29</ref>): Fremde in Germanien: Helvetier und
+Bojer, Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen,
+und reine Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter,
+Triboker, Ubier (<ref target="cap28">28</ref>) – Germanen, die zu den Römern halten: Bataver
+und Mattiaker; Zehntland (<ref target="cap29">29</ref>).
+</p>
+
+<pb n='39'/><anchor id='Pg039'/>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>West- und Nordwestgermanen</hi> (<hi rend='gesperrt'>Nicht-Sueben</hi>, <ref target="cap30">30–37</ref>):
+Chatten (<ref target="cap30">30</ref>, <ref target="cap31">31</ref>) – Usipier und Tenkterer (<ref target="cap32">32</ref>) – Brukterer,
+Chamaver, Angrivarier (<ref target="cap33">33</ref>) – Dulgubiner, Chasuarier, Friesen
+(<ref target="cap34">34</ref>) – Chauken (<ref target="cap35">35</ref>) – Cherusker (<ref target="cap36">36</ref>) – Kimbern, Kimbern-
+und spätere Germanenkriege (<ref target="cap37">37</ref>).
+</p>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Sueben</hi> (<ref target="cap38">38–45</ref>): Ihre Haartracht (<ref target="cap38">38</ref>) – Semnonen (<ref target="cap39">39</ref>) –
+Langobarden und Nerthusvölker (<ref target="cap40">40</ref>) – Hermunduren (<ref target="cap41">41</ref>) –
+Varisten, Markomannen und Quaden (<ref target="cap42">42</ref>) – Ost- und Nordostgermanen
+(<ref target="cap43">43</ref>, <ref target="cap44">44</ref>) – Ende der Welt, Ästier, Bernstein, Sitonen
+(<ref target="cap45">45</ref>).
+</p>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Mischvölker im Osten</hi>: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen
+(wohl nicht mehr Germanen) und
+</p>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Fabelreich</hi>: Hellusier und Oxionen (<ref target="cap46">46</ref>).
+</p>
+
+</div></div>
+ <div rend="page-break-before: always">
+<pb n='40'/><anchor id='Pg040'/>
+<index index="toc" level1="Anmerkungen des Übersetzers"/><index index="pdf" level1="Anmerkungen des Uebersetzers"/>
+<head>Anmerkungen des Übersetzers</head>
+
+<p>
+Was ist dieses Buch, gewöhnlich <q>Germania</q> genannt, das die
+Insel-Bücherei hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht
+eine Schrift für den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk.
+</p>
+
+<p>
+Eine Schilderung, und als solche das älteste Buch von den
+deutschen Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar;
+aber auch, weil es so vieles weiß und bewahrt hat. Vor Tacitus
+haben wohl, und schon früh, Griechen und Römer über die Germanen
+berichtet. Pytheas aus Massilia kam im vierten vorchristlichen Jahrhundert
+auf einer Entdeckerfahrt bis zu der Insel <q>Thule</q> (Island?)
+und an die Küste der Nordsee; die Nachrichten des Poseidonios
+stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt
+Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die ältesten römischen
+Quellen sind spärlich auf uns gekommen. Erst Cäsars Kriege
+in Gallien und seine Aufzeichnungen darüber bringen größere Klarheit;
+deutlich sondern sie, zum erstenmal, Germanen und Gallier.
+Was Tacitus bei Sallust und Livius (im 104. Buch seiner Römischen
+Geschichte) finden konnte, ist längst verloren; verloren auch ein
+Werk des Aufidius Bassus über die Germanenkriege und seine Fortsetzung
+durch den älteren Plinius. Erhalten aber des Plinius <hi rend='antiqua'>Historia
+naturalis</hi>, die Geschichte des Velleius Paterculus und die Geographie
+des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit sie
+in der vom Mittelalter aufgezeichneten <hi rend='antiqua'>Tabula Peutingeriana</hi> nachwirkt.
+</p>
+
+<p>
+Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben.
+Soldaten, Händler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue
+Kunde. So ist sein Buch der Wissenschaft unschätzbar geworden, zumal
+da es immer mehr durch fortgesetzte Forschungen und besonders
+<pb n='41'/><anchor id='Pg041'/>Grabungen bestätigt wird. Aber auch jenseits von allem Wissen, auch
+dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer als Mensch, als Mann, als
+Künstler. Und die Größe seines Geistes und seiner Erscheinung mag
+sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen haben als der
+bloße Inhalt.
+</p>
+
+<p>
+Dennoch dankt man es wohl einem Bedürfnis des Tages. Es war
+im Jahre 98 nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte
+lange an den Grenzen Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien
+die Schrift des Tacitus. Sie wollte zeigen, wer diese gefährlichsten
+Feinde Roms seien, und daß der Kaiser gut daran tue, viel Zeit an
+die Sicherung der Grenze zu wenden und an nichts anderes; daß es
+insbesondere falsch sei, außer an den Schutz des Reiches noch an einen
+Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man darf annehmen,
+daß der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die Schrift billigte.
+</p>
+
+<p>
+Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten.
+Dennoch spricht viel für diese Annahme des großen Müllenhoff.
+Tacitus schildert nur – und schildert als Künstler. Der Plan des
+Ganzen ist wie jede Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart,
+Abstammung, Leben des Volkes, dann, vom Nächsten und Bekannten
+ausgehend und sich immer mehr in <q>romantische</q> Ferne verlierend,
+seine einzelnen Stämme und Landschaften, bis er im Märchen endet.
+Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in rhythmischer
+Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (<ref target="cap39">Kap. 39</ref>) ein
+rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, gerät. Jeder Absatz ist
+durch das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet.
+Niemals siegen nüchterne Angaben über den beziehungsreichen Bildner
+des Werkes, über den Meister.
+</p>
+
+<p>
+Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altrömischen Sinn.
+Dabei verbittert und ergrimmt über seine feile, alle Freiheit erdrückende
+Zeit, unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend
+<pb n='42'/><anchor id='Pg042'/>und von jener Sehnsucht erfüllt, die dazumal die Geister bewegt, der
+Sehnsucht nach einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht
+bringen sie die Germanen herauf: darum schildert er dieses
+kühne, furchtbare und lichte Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde
+und über kurz oder lang siegreiche Feinde sind. Denn das römische
+Reich, dem er angehört, steht vor dem Ende. Er aber, ein wissender
+Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben.
+</p>
+
+<p>
+So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten
+von seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo
+geboren und in der rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters
+herangebildet. Dann war er Staatsmann unter den flavischen Kaisern
+und zuletzt noch Statthalter in Asien. Mit der Tochter des britannischen
+Statthalters Agricola verheiratet, hielt er sich während der
+Verfolgungen unter Domitian fern. Dann, unter Nerva und Trajan,
+stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint noch die ersten Jahre
+Hadrians erlebt zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians
+Tode hervortretend, mit dem <hi rend='gesperrt'>Dialog</hi> über die Redekunst und ihren
+Verfall. Es folgte die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters
+<hi rend='gesperrt'>Agricola</hi> und, noch im gleichen Jahre 98, die <hi rend='gesperrt'>Germania</hi>. Dann
+die <hi rend='gesperrt'>Historien</hi>, eine Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum
+Ende Domitians (96), und die <hi rend='gesperrt'>Annalen</hi>, vom Tode des Augustus
+bis zum Ausgang des Nero. Die letzten beiden Werke sind nichts
+weniger als vollständig erhalten. In ihnen erst erschließt sich Tacitus
+ganz, <q><hi rend='antiqua'>le plus grand peintre de l’antiquité</hi></q>, wie ihn Racine nannte.
+Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen gewirkt, auf
+diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist noch
+lange nicht vorüber. Freilich muß man, nach einer Anmerkung
+Lichtenbergs, <q>sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen</q>.
+</p>
+
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+
+<pb n='43'/><anchor id='Pg043'/>
+
+<p>
+Die <q>Germania</q> wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann
+bleibt sie lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V.
+reist Enoche von Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte
+Handschriften zu suchen, und bringt die <q>Germania</q> und den <q>Dialog</q>
+1455 nach Italien. (Die Handschrift, die beide Werke enthielt, ist
+wohl in einem deutschen Kloster gefunden worden.) Später kommen
+andere Handschriften hinzu. Der Titel der Schrift lautet einmal <q><hi rend='antiqua'>De
+origine, situ, moribus ac populis Germanorum</hi></q>, ein andermal
+<q><hi rend='antiqua'>De origine et situ Germanorum</hi></q>. 1469 schon wird die <q>Germania</q>
+gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus
+und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von
+Jakob Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Müllenhoff
+(<hi rend='antiqua'>Germania antiqua</hi>, 1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler,
+zuletzt aufgelegt in der Bearbeitung von Schwyzer (1912).
+</p>
+
+<p>
+Diese unsere Übersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen.
+Sie geht von dem Künstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus
+seiner Sprache und den Gehalt seines Wesens für Deutsche wieder
+lebendig zu machen.
+</p>
+
+<p>
+Sie lehnt sich fast überall an den Text von Schweizer-Sidler an;
+die Deutung und namentlich die folgenden Erläuterungen beruhen (von
+anderen Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark
+und vor allem auf der ausführlichen Erklärung der Germania, die
+Müllenhoff im 4. Band seiner Deutschen Altertumskunde bietet.
+Von den zahlreichen Übersetzungen wurden alle wichtigeren, soweit
+sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle neuen und neu aufgelegten;
+von älteren namentlich die von Bötticher und Bacmeister.
+</p>
+
+<p>
+Den Herren Dr. Friedrich Löhr, Sekretär des Archäologischen Instituts
+in Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der
+Münchner Universität, schuldet der Übersetzer für freundliche Ratschläge
+besonderen Dank.
+</p>
+
+</div>
+ <div rend="page-break-before: always">
+<pb n='44'/><anchor id='Pg044'/>
+<index index="toc" level1="Erläuterungen"/><index index="pdf" level1="Erlaeuterungen"/>
+<head>Erläuterungen</head>
+
+ <div id="anm01">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap01">1</ref></hi></head>
+
+<p>
+Die römische Provinz <hi rend='gesperrt'>Rätien</hi> reicht nördlich bis zur Donau
+(Ries!), östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum,
+von Tacitus nicht genannt; weiter zwischen Donau und Save
+<hi rend='gesperrt'>Pannonien</hi>. <hi rend='gesperrt'>Sarmater</hi> in Osteuropa, etwa von der Weichsel an,
+<hi rend='gesperrt'>Daker</hi> in Siebenbürgen. <hi rend='gesperrt'>Gebirge</hi> die Karpathen. <hi rend='gesperrt'>Ein Kriegszug</hi>:
+der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.? <hi rend='gesperrt'>Abnoba</hi> Schwarzwald.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm02">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap02">2</ref></hi></head>
+
+<p>
+Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig überzeugend. <hi rend='gesperrt'>Asien</hi>,
+<hi rend='gesperrt'>Afrika</hi>, <hi rend='gesperrt'>Italien</hi> die römischen Südprovinzen. <hi rend='gesperrt'>Tuisto</hi> (Zwist!)
+ist zweigeschlechtig, <hi rend='gesperrt'>Mannus</hi> Mann, Mensch, der erste Mensch. Die
+Namen der <hi rend='gesperrt'>Marser</hi> (Merseburg) und <hi rend='gesperrt'>Gambrivier</hi> verschwinden
+bald; sind es, wie <hi rend='gesperrt'>Sueben</hi> und <hi rend='gesperrt'>Vandilier</hi> (Ostgermanen), Kultverbände?
+Die <hi rend='gesperrt'>Tungrer</hi> (Tongern!) wurden Germanen genannt
+(von den Kelten? die Form ist keltisch: <q>Rufer im Streit</q> oder
+<q>Nachbarn</q>?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben, mit anderen
+<q>Germanen</q> über dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten
+sich dann wirklich so genannt (Müllenhoff). <q>Eine verzweifelte
+Stelle!</q> (Grimm.)
+</p>
+</div>
+ <div id="anm03">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap03">3</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Herkules</hi> wohl <hi rend='gesperrt'>Donar</hi>; <hi rend='antiqua'>barditus</hi> ist nicht genügend erklärt.
+<hi rend='gesperrt'>Ulixes</hi> (Odysseus) der Schwanenritter? <hi rend='gesperrt'>Asciburgium</hi> Asberg
+bei Mörs im Rheinland. <hi rend='gesperrt'>Griechische Schrift</hi> verwenden die
+Kelten.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm05">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap05">5</ref></hi></head>
+
+<p>
+Tacitus selbst erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker
+(bei Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen
+Gold und Silber waren auch die ältesten Zeiten der Germanen
+nicht (Tacitus an anderen Orten, die Sage!). Die erwähnten
+<pb n='45'/><anchor id='Pg045'/>römischen Münzen, Silberdenare, wurden bis zum Jahre 54 v. Chr.
+geprägt; später hat sich der Feingehalt verschlechtert!
+</p>
+</div>
+ <div id="anm06">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap06">6</ref></hi></head>
+
+<p>
+Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links
+die linke, nicht vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde
+zuwenden würde. Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am
+linken Fuß (Schweizer-Sidler). Der <hi rend='gesperrt'>Keil</hi> kehrt seine Spitze dem
+Gegner zu.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm07">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap07">7</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Könige</hi> und <hi rend='gesperrt'>Fürsten</hi> haben gleiche Befugnis, Fürst ist der
+König eines kleineren Gebietes. Der König wird aus dem Erbgeschlecht
+jedesmal gewählt. Königtum und Fürstenherrschaft gehen
+geradezu ineinander über. Im Osten sind Könige häufiger. Der
+König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung mehrerer Heere wird
+ein König zum <hi rend='antiqua'>dux</hi> gewählt (Müllenhoff).
+</p>
+</div>
+ <div id="anm08">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap08">8</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Die Brüste entblößend</hi>: ihr Leib soll nicht fremden Siegern
+gehören. <hi rend='gesperrt'>Veleda</hi> zuletzt gefangen nach Rom gebracht. <hi rend='gesperrt'>Machten</hi> ...
+<hi rend='gesperrt'><anchor id="corr045"/><corr sic="Göttinen">Göttinnen</corr></hi> wie die römischen Senatoren, die so den Frauen der
+Kaiser schmeichelten.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm09">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap09">9</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Mercurius</hi> (besonders als Totenführer): Wotan (<hi rend='antiqua'>dies
+Mercurii</hi> = <hi rend="antiqua">Wednesday</hi>). Mars: Tiu, Ziu (<hi rend='antiqua'>dies Martis</hi> = <hi rend="antiqua">Tuesday</hi>).
+<hi rend='gesperrt'>Herkules</hi>: Donar. Diese drei Götter nennt noch ein Taufgelöbnis
+des 8. Jahrh. <hi rend='gesperrt'>Isis</hi>: vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischen
+<hi rend='gesperrt'>Liburner</hi> hatten leichte Schiffe.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm10">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap10">10</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Wilder Fruchtbaum</hi>: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder.
+Zeichen durch Pferde auch bei Persern und Slaven.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="anm11">
+<pb n='46'/><anchor id='Pg046'/>
+
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap11">11</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Nächte</hi> noch jetzt Weihnacht, Fastnacht, <hi rend='antiqua'>Fortnight</hi>. <hi rend='gesperrt'>In Waffen</hi>
+noch jetzt <q>Spießbürger</q>. <hi rend='gesperrt'>Jeder</hi>: Müllenhoff folgert aus dem
+grammatischen Sinn, daß nur <hi rend='antiqua'>rex vel princeps</hi> reden durften, nicht
+jeder Teilnehmer. Aber jedesfalls <hi rend='antiqua'>licet accusare</hi> usw. (<ref target="cap12">Kap. 12</ref>).
+</p>
+</div>
+ <div id="anm12">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap12">12</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Am Körper Geschändete</hi>: widernatürliche Männer, aber wohl
+auch <q>entehrte</q> Frauen, für die sich Todesstrafe noch lange erhält.
+Dieses Versenken ist eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich.
+<hi rend='gesperrt'>Frevel – Schandtat</hi>: das germanische Rechtsbewußtsein nimmt
+die offene, nicht verheimlichte Tat, ohne List, leichter hin. <hi rend='gesperrt'>Die Fürsten
+bestimmt</hi> nämlich aus der Zahl der vorhandenen Fürsten. <hi rend='gesperrt'>Recht
+sprechen</hi> ist römische, nicht germanische Auffassung; nach dieser
+leitet der Fürst (später Gaugraf) nur die Volksverhandlung, der
+<hi rend='gesperrt'>Rat</hi> macht den Urteilsvorschlag, der <hi rend='gesperrt'>Beistand</hi> gibt das <q>Vollwort</q>:
+sie <q>finden</q> das Recht, der entsendete Richter tut nur den
+Spruch.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm15">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap15">15</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Brustschmuck</hi> (<hi rend='antiqua'>phalerae</hi>) ähnlich den Orden (oder wie Medaillons?).
+<hi rend='gesperrt'>Geld</hi>: römische Kaiser (Caligula, Domitian) schließen
+um Geld mit den Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm16">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap16">16</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Vielleicht</hi>: in Wirklichkeit aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz
+sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird
+aber gerade wortreich und gewöhnlich.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm17">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap17">17</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Kleid</hi> die Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark
+unten (auch bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber
+bei vornehmen, trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die
+Germanin, sog. Thusnelda der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang
+<pb n='47'/><anchor id='Pg047'/>herabwallende Kleidung bis zu den Füßen. Ihre <hi rend='gesperrt'>Kleidung</hi> läuft
+oben nicht in Ärmel aus wie in Rom. Die germanischen Männer
+wiederum hatten Ärmel, wenn auch kurze. Das Frauengewand wird
+nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz läßt die Brust
+zum Teil sichtbar werden.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm18">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap18">18</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Umworben werden</hi> von den Familien der Mädchen. <hi rend='gesperrt'>Mitgift
+– Geschenke</hi>: Tacitus merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt;
+<hi rend='gesperrt'>Mitgift</hi> ist der Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein
+Speer) ist das Zeichen für den Übergang der Gewalt vom Vater
+an den Ehemann. Alles dies vermengt Tacitus mit den Vorstellungen
+und Formeln der <hi rend='antiqua'>confarreatio</hi>, der strengen altrömischen Ehe.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm19">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap19">19</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Schauspiel</hi> das römische Theater mit seinem mehr als eindeutigen
+Getriebe.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm20">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap20">20</ref></hi></head>
+
+<p>
+Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf
+die Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm22">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap22">22</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Eröffnet es noch</hi>: die Römer halten sich selbst da zurück. Überhaupt
+ist in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel römischer
+Sitten (Passow). Die Römer stehen früh auf, speisen lieber an einem
+gemeinsamen Tisch, dürfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und
+sollen nicht vor Abend trinken.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm23">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap23">23</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Getränk</hi> Bier. <hi rend='gesperrt'>Ufergrenze</hi> wohl nur des Rheins; die Sueben
+an der Donau dulden keinen Wein, weil die Händler als Gegenwert
+Sklaven fortschleppen.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm25">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap25">25</ref></hi></head>
+
+<p>
+Tacitus denkt hier nur an die <q>Hintersassen</q>; es gibt aber auch
+<pb n='48'/><anchor id='Pg048'/>Haussklaven (<ref target="cap20">Kap. 20</ref>). Im folgenden Anspielung auf das Treiben
+der Freigelassenen in Rom.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm26">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap26">26</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Besser verhütet</hi>: Müllenhoff und Baumstark können diesen
+Satz nur durch Flüchtigkeit erklären. Die folgende Schilderung der
+Anbauverhältnisse, von allen Seiten her erläutert, ist nach Müllenhoff
+übersetzt. <hi rend='gesperrt'>Nicht in vier Zeiten</hi>: sondern in Winter und
+Sommer. So zählen sie auch, also nach halben Jahren. Doch ist <hi rend='gesperrt'>Herbst</hi>
+ein altgermanisches Wort; nur brachte die Getreideernte bei den
+Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles Obst aber
+kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm27">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap27">27</ref></hi></head>
+
+<p>
+Übergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm28">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap28">28</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Caesar</hi> wird als einziger Gewährsmann ausdrücklich genannt.
+Diese seine Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute
+sind sie als unrichtig erkannt. Die Kelten, die früher auch rechts vom
+Rhein saßen, wurden vielmehr von den Germanen überall zurückgedrängt.
+<hi rend='gesperrt'>Herzynischer Wald</hi> das ganze deutsche Mittelgebirge,
+hier etwa Schwarzwald und Rauhe Alb. <hi rend='gesperrt'>Helvetier</hi> bald darauf in
+der Nordschweiz, <hi rend='gesperrt'>Bojer</hi> damals in Böhmen (Beheim), <hi rend='gesperrt'>Aravisker</hi>
+um Stuhlweißenburg, <hi rend='gesperrt'>Osen</hi> in Oberungarn; diese beiden pannonische
+Stämme. Von den Osen ist es <ref target="cap43">Kap. 43</ref> ausdrücklich bezeugt; die
+Worte <hi rend='antiqua'>Germanorum natione</hi> können nur auf den Wohnsitz gedeutet
+werden. <hi rend='gesperrt'>Treverer</hi> um Trier, wahrscheinlich Gallier, <hi rend='gesperrt'>Nervier</hi>
+an der Sambre, <hi rend='gesperrt'>Vangionen</hi> um Worms, <hi rend='gesperrt'>Triboker</hi> bei Hagenau,
+<hi rend='gesperrt'>Nemeter</hi> um Speyer, <hi rend='gesperrt'>Ubier</hi> 38 v. Chr. durch Agrippa ans linke
+Rheinufer verpflanzt; ihr Hauptort wird die <hi rend='antiqua'>colonia Agrippinensis</hi>,
+der Geburtsort der Agrippa, Tochter des Germanicus und Gemahlin
+des Kaisers Claudius. Sie ist auch die Stifterin der Kolonie (Köln!).
+</p>
+
+</div>
+ <div id="anm29">
+<pb n='49'/><anchor id='Pg049'/>
+
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap29">29</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Bataver</hi> im Rheindelta; die behauptete Auswanderung von
+den Chatten her wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des
+Civilis (69 und 70 n. Chr.) bleibt das Freundschaftsverhältnis zu
+den Römern. <hi rend='gesperrt'>Mattiaker</hi> um Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt
+sind. <hi rend='gesperrt'>Über die alten Grenzen</hi> endgültig durch den Bau des
+Grenzwalls (<hi rend='antiqua'>limes</hi>), der, von Domitian begonnen, in seiner Vollendung
+(3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder Kehlheim über
+Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km lang.
+Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle (darunter
+die Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche Mauer. <hi rend='gesperrt'>Zehntland</hi>
+(<hi rend='antiqua'>agri decumates</hi>, nur hier erwähnt) römisches Staatspachtland
+am mittleren Neckar.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm30">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap30">30</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Weiter hinaus</hi> über das Zehntland hin. <hi rend='gesperrt'>Chatten</hi> = Hessen.
+Sie sind, außer den Friesen, nach Grimm <q>der einzige deutsche
+Volksschlag, der mit behauptetem alten Namen bis auf heute an
+derselben Stelle haftet, wo sie in der Geschichte zuerst erwähnt
+werden</q>. Ihnen widerfährt hier unter allen Stämmen das größte
+Lob.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm32">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap32">32</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Usipier</hi> (Usipeter) und <hi rend='gesperrt'>Tenkterer</hi>, immer gemeinsam genannt,
+vom Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm33">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap33">33</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Brukterer</hi> zwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!);
+später zurückgedrängt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind
+übertrieben. Alle diese Stämme gehen in den Franken auf, deren
+Hauptvolk später die <hi rend='gesperrt'>Chamaver</hi> werden, damals nördlich der Lippe
+bis zum Zuydersee. <hi rend='gesperrt'>Angrivarier</hi>, an der Weser, später als Angern
+ein Hauptstamm der Altsachsen.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="anm34">
+<pb n='50'/><anchor id='Pg050'/>
+
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap34">34</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Im Rücken – vorn</hi>: die Völker mit dem Gesicht zur See.
+<hi rend='gesperrt'>Dulgubiner</hi> in der Gegend von Hannover (?), <hi rend='gesperrt'>Chasuarier</hi> an der
+Haase, Friesen zwischen Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen
+Rhein und Yssel. <hi rend="gesperrt">Seen</hi> besonders der Zuydersee, aber auch viele
+andere, da es an Deichen fehlt; so entstehen förmliche Inseln.
+<hi rend='gesperrt'>Römische Flotten</hi>: Drusus Germanicus (12 v. Chr.) und sein
+Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere, nicht
+recht zu bestimmende Unternehmung deutet <ref target="cap01">Kap. 1</ref>. <hi rend='gesperrt'>Säulen des
+Herkules</hi> wie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist
+der römische Herkules gemeint. <hi rend='gesperrt'>Niemand versucht</hi>: nach Drusus
+Germanicus jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).
+</p>
+</div>
+ <div id="anm35">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap35">35</ref></hi></head>
+
+<p>
+Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische
+Halbinsel (Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts
+geneigt. <hi rend='gesperrt'>Chauken</hi> am Meer zwischen Ems und Elbe. Nach
+Müllenhoff sind es vielleicht überhaupt nur andere Friesen, <q>Chauken</q>
+ein Ehrenname. Im Bogen hätten sie die Chatten an der Weser
+treffen müssen, eine wahrscheinlich unrichtige Angabe. Plinius schildert
+die Chauken als armseliges Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht.
+Das auffallende Lob des Tacitus vielleicht beabsichtigter
+Gegensatz zum folgenden Kapitel.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm36">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap36">36</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Zur Seite</hi> östlich. <hi rend='gesperrt'>Cherusker</hi> in der Umgebung des Harzes,
+früher noch weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten
+durch ihren Kampf gegen die Römer: Vernichtung des
+Varus im Teutoburger Walde. Arminius, der <q>Befreier Germaniens</q>,
+besiegt auch Marbod, den König der Markomannen. Bald werden
+aber die Cherusker zurückgedrängt, innere Zwistigkeiten, Kämpfe
+mit den Chatten wüten, vom Frieden des Tacitus ist keine Rede.
+<pb n='51'/><anchor id='Pg051'/>Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker übertrieben. Nur ihr
+(hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die späteren Sachsen?
+<hi rend='gesperrt'>Fosen</hi> in der Wesergegend.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm37">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap37">37</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Kimbern</hi>: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf
+ihrem großen Zuge stoßen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen,
+640 der catonianischen Ära] nach der Gründung der
+Stadt – Tacitus hält sich an die runde Zahl –) auf die Römer unter
+Papirius Carbo. 107 wird der Konsul L. Cassius mit seinem Heer
+vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio und der Konsul
+Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius Scaurus,
+gleichfalls geschlagen und getötet, hatte kein eigenes Heer, und
+Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat
+Trajans ist 98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis für die Abfassung
+der <q>Germania</q> im gleichen Jahre. <hi rend='gesperrt'>Arsaces</hi> begründet
+im 3. Jahrh. v. Chr. das große Partherreich, lange neben Rom
+die einzige östliche Großmacht; Crassus wird 53 v. Chr. von den
+Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt die Niederlage,
+indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 v. Chr.
+besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet. <hi rend='gesperrt'>Selbst dem Caesar</hi>:
+Augustus. <hi rend='gesperrt'>Nero</hi> ist Tiberius. <hi rend='gesperrt'>Rüstungen des C. Caesar</hi>: Caligula;
+er läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert
+(40 n. Chr.); später feiert auch Domitian einen höchst sonderbaren
+Triumph. In den Bürgerkriegen nach Neros Tod beginnt der
+Aufstand der Nordwestgermanen.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm38">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap38">38</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Nunmehr</hi> eröffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle
+folgenden, auch die nichtgermanischen Stämme zu den Sueben.
+Aber schon die Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht
+die Ost- und Nordgermanen. <hi rend='gesperrt'>Sueben</hi> wortgleich mit <q>Schwaben</q>.
+<pb n='52'/><anchor id='Pg052'/><hi rend='gesperrt'>Stammeszeichen</hi>: der Knoten, ohne Band, an der rechten Schläfe
+über dem Ohr ist durch Bilder bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher
+wären nach Baumstark im letzten Satz des <ref target="cap43">43. Kapitels</ref> Kennzeichen
+angegeben. Baumstark unterscheidet die Männer, die diese Knoten
+ohne Band tragen, von denen, die ihn über dem Scheitel (mit einem
+Band) flechten, und diese wieder von den <q>Vornehmen</q>.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm39">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap39">39</ref></hi></head>
+
+<p>
+Müllenhoff hält den Namen <hi rend='gesperrt'>Semnonen</hi> für hieratisch: ihr
+Wohnsitz, etwa im Spree- und Havelland, entspricht der von ihm
+behaupteten Urheimat der Germanen. Der besonders großartige
+Kultus ist denn auch der des Stammvaters Ziu, an dem die Sueben
+festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern
+die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, ein Zusammenschluß!)
+an den rätischen Limes und erobern von da ab das jetzt noch alemannisch-schwäbische
+Gebiet. Der Vers <hi rend='antiqua'>auguriis – sacram</hi> im
+Deutschen durch <q>Zeichen – weihten</q> wiedergegeben. Vgl. die allgemeine
+Einleitung!
+</p>
+</div>
+ <div id="anm40">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap40">40</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Langobarden</hi> an der unteren Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren
+ins Alföld (ihr <q>Feld</q>) und weiter nach Pannonien und
+Italien (Lombardei). Die sieben Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft,
+in Schleswig-Holstein, vielleicht auch Mecklenburg; die Angeln
+gehen später nach England. Nicht genannt sind die Sachsen, damals
+in Holstein. <hi rend='gesperrt'>Nerthus</hi> nicht etwa Hertha (eine falsche Bildung),
+sondern Freya; als Mutter Erde (<hi rend='antiqua'>magna mater Idaea</hi>) bezeichnet,
+weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester
+Bild und Wagen reinigt. <hi rend='gesperrt'>Insel</hi> sicher nicht Rügen, ebenso der See
+nicht der Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte Erfindung ist.
+<hi rend='gesperrt'>Wenn man es glauben darf</hi>: also kein Götterbild (<ref target="cap09">Kap. 9</ref>).
+</p>
+
+</div>
+ <div id="anm41">
+<pb n='53'/><anchor id='Pg053'/>
+
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap41">41</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Wie noch zuvor</hi>: vom Zehntland bis zu den Chauken (<ref target="cap35">Kap. 35</ref>),
+ja im wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung
+des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau.
+<hi rend='gesperrt'>Hermunduren</hi> zwischen Harz und Erzgebirge, südwärts bis
+zum Main, vielleicht sogar zur Donau. Die gute Ausnahme bei den
+Römern deutet nicht gerade auf unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn
+des Reiches dürfen den Strom nur an bestimmten Stellen
+unter Aufsicht überschreiten. <hi rend='gesperrt'>Kolonie</hi> ist <hi rend='antiqua'>Augusta Vindelicorum</hi>
+(Augsburg). <hi rend='gesperrt'>Elbe</hi>: man dachte sich wohl die Moldau oder Eger
+oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren
+römische Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus
+kannte man die Elbe nur noch vom Hörensagen.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm42">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap42">42</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Varisten</hi> am Fichtelgebirge, <hi rend='gesperrt'>Markomannen</hi> in der großen
+<q>Mark</q> zwischen Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier
+entstanden war, ein suebisches Volk. Marbod führt sie nach
+Böhmen, wo schon vorher, vielleicht mit durch die Markomannen,
+die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet ein mächtiges
+Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den Cheruskern
+zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern. Später,
+unter Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg
+der Römer (Vorspiel der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird
+Böhmen slavisch, die Markomannen sind nach Bayern gerückt. Hier
+ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns, geblieben (Bayern und
+Deutschösterreicher). <hi rend='gesperrt'>Quaden</hi> wahrscheinlich mit den Markomannen
+zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren und Oberungarn,
+Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den
+Vandalen nach Spanien. <hi rend='gesperrt'>Stirnwehr</hi> gegen Rom. <hi rend='gesperrt'>Tudrus</hi> wahrscheinlich
+ein Quadenkönig.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="anm43">
+<pb n='54'/><anchor id='Pg054'/>
+
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap43">43</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Noch weiter ab</hi>: nördlich und östlich der Markomannen und
+Quaden, um das schlesische Gebirge. <hi rend='gesperrt'>Eisen</hi>, das bei den Germanen
+so selten ist, verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben
+zu befreien. <hi rend='gesperrt'>Gebirge</hi> der östliche Teil des Herzynischen
+Waldes, besonders das Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke. <hi rend='gesperrt'>Lugier</hi>
+oder Lygier die Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband
+(Vandilier, <ref target="cap02">Kap. 2</ref>), der alle hier genannten Stämme und
+wohl auch die nicht genannten Burgunder umfaßt. Das Heiligtum
+liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name, Müllenhoff). Die
+Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur Weichsel, heißen später
+Vandalen, eine Nebenform von <q>Vandilier</q>. Ihre Wanderung
+führt nach Gallien, Spanien, Nordafrika. <hi rend='gesperrt'>In Frauentracht</hi>: nur
+der Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi
+(dem Namen des Königsgeschlechtes und darnach des ganzen
+Volkes) abgeleitet, <q>Männer mit Frauenhaar</q>; das Königsgeschlecht
+aber nennt sich nach dem Brüderpaar <q>Kastor und Pollux</q>, einer
+alten indogermanischen Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: <q>Alken</q>
+und <q>Hasdingi</q> soll zusammenhängen. Das Totenheer und die
+straffere Königsherrschaft leitet die Steigerung ein, die allmählich
+in das Reich des Märchens hinüberführt. <hi rend='gesperrt'>Goten</hi>, das bedeutendste
+ostgermanische Volk, das Heldenvolk der Germanen, zwischen Weichsel
+und Pregel; später in Südrußland, wo sich in der Krim Reste bis
+ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist bekannt. <hi rend='gesperrt'>Rugier</hi>
+und <hi rend='gesperrt'>Lemovier</hi> damals an der Ostsee zwischen Weichsel und Oder,
+die Rugier später an der österreichischen Donau.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm44">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap44">44</ref></hi></head>
+
+<p>
+In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine
+rechte Vorstellung hatte. <hi rend='gesperrt'>Suionen</hi> sind Schweden, Skandinavien
+gilt als Insel. Schiffe, ähnlich den hier beschriebenen, noch heute
+<pb n='55'/><anchor id='Pg055'/>bei den Norwegern als Scherenboote gebaut. <hi rend='gesperrt'>Reichtum</hi>: Geldgier
+führt zur Entartung, und Entartete lassen sich einen unumschränkten
+Herrscher gefallen. Aber der schwedische König, der ein Stammesheiligtum
+verwaltet und dafür Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit
+gar keine unbeschränkte Macht. Nur gebietet er Festfrieden,
+und dann sind alle Waffen verschlossen (<ref target="cap40">Kap. 40</ref>). Vielleicht haben
+Südgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das Mißverständnis
+verschuldet. Steigerung gegenüber der Königsmacht der
+Goten!
+</p>
+</div>
+ <div id="anm45">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap45">45</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Jenseits</hi> nördlich. <hi rend='gesperrt'>Starr</hi>: Pytheas von Massilia berichtet, es
+gebe eine <foreign lang="el" rend="Greek">θάλασσα πεπηγυῖα</foreign>, ein geronnenes Meer (im Mittelalter
+die Sage vom Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von
+der Mitternachtssonne! <hi rend='gesperrt'>Der Erdkreis</hi> ist eine Scheibe, die Sonne
+am Rand so nahe, daß man ihre Rosse und die Strahlen um das
+Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende Sonne erklingt
+nach altem Glauben. <q>Tönend wird für Geistesohren schon
+der neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!</q> (Faust).
+<hi rend='gesperrt'>Nun denn</hi>: der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend über.
+Die <hi rend='gesperrt'>rechte</hi> Küste ist nach der Westostrichtung die der Ostsee. <hi rend='gesperrt'>Ästier</hi>
+sind die Litauer; erst später geht der Name auf die finnischen Esthen
+über. Das Folgende zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen
+sind; die Ähnlichkeit mit der britannischen Sprache wohl nur zufällig.
+<hi rend='gesperrt'>Bernstein</hi>, ein uralter Schmuck, wird über die <q>Bernsteinwege</q>
+zu Land und zur See nach Südeuropa gebracht. Die Entstehung des
+Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, daß von den Enden der
+Welt kostbare Schätze kommen, bei Herodot. <hi rend='antiqua'>glesum</hi>: Glas, das
+Glänzende. <hi rend='gesperrt'>Landtiere</hi>: Martial nennt die Viper. <hi rend='gesperrt'>Sitonen</hi> östlich
+von den Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotisches <hi rend='antiqua'>qêns</hi>,
+Weib, <hi rend='antiqua'>queen</hi>): daher der Bericht über die Frauenherrschaft.
+ Höhe<pb n='56'/><anchor id='Pg056'/>punkt der Steigerung: Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschränkter
+regiert, immer märchenhafter bis zur Frauenherrschaft.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm46">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap46">46</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Peuciner</hi> ein anderer Name für die Bastarner, das östlichste
+Germanenvolk (von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumündung),
+auch das zuerst, schon den Griechen, 200 v. Chr. an der
+unteren Donau bekannte. <hi rend='gesperrt'>Veneter</hi> Wenden, das germanische Wort
+für Slaven. <hi rend='gesperrt'>Fennen</hi>: Finnen. Die Schilderung bezieht sich nur
+auf ihr Leben im Sommer. Die <hi rend='gesperrt'>Hellusier</hi> sollen <q>Hirschartige</q>,
+die <hi rend='gesperrt'>Oxioner</hi> <q>Ochsenartige</q> sein, vielleicht nach den Tierfellen, die
+sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb/><anchor id='Pg057'/>
+ <index index="toc" level1="Karte zu Tacitus’ Germania"/>
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+ <p><figure url="images/map.jpg" rend="width: 100%"><figDesc>Illustration: Karte zu Tacitus’ Germania</figDesc></figure></p>
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+<p rend="text-align: center">
+Druck der Spamerschen<lb/>
+Buchdruckerei, Leipzig
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+ <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head>
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+ <!--<p>Das Inhaltsverzeichnis am Anfang wurde in der elektronischen Version hinzugefügt.</p>-->
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+ <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
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+ fremden Sprachen (hier kursiv wiedergegeben).</p>
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