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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/39562-8.txt b/39562-8.txt new file mode 100644 index 0000000..d3793d8 --- /dev/null +++ b/39562-8.txt @@ -0,0 +1,9618 @@ +The Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der +Thronbesteigung Jakob's des Zweiten., by Thomas Babington Macaulay + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. + Sechster Band: enthaltend Kapitel 11 und 12 + +Author: Thomas Babington Macaulay + +Translator: Wilhelm Hartwig Beseler + +Release Date: April 29, 2012 [EBook #39562] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT *** + + + + +Produced by Louise Hope, Delphine Lettau and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +[Zeichen _wie so_ bedeuten Gesperrt; +wie so+ bedeuten Antiqua +(nicht-Fraktur); =wie so= bedeuten Fettschrift.] + + + + + Thomas Babington Macaulay's + + =Geschichte von England= + + + seit der + + Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. + + + Aus dem Englischen. + + + Vollständige und wohlfeilste + + +Stereotyp-Ausgabe.+ + + + Sechster Band: + + enthaltend Kapitel 11 und 12. + + + =Leipzig, 1856= + _G. H. Friedlein._ + + + * * * * * + * * * * + + + =Elftes Kapitel.= + + _Wilhelm von Oranien._ + + + + + =Inhalt.= + + Seite + Wilhelm und Marie 5 + Festlichkeiten durch ganz England 6 + Festlichkeiten in Holland 6 + Unzufriedenheit der Geistlichkeit und der Armee 6 + Reaction der öffentlichen Meinung 7 + Stimmung der Tories 9 + Stimmung der Whigs 11 + Ministerielle Einrichtungen 12 + Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen 13 + Danby 14 + Halifax 15 + Nottingham 15 + Shrewsbury 17 + Die Admiralität 17 + Das Schatzamt 17 + Das große Siegel 18 + Die Richter 18 + Der Hofstaat 19 + Untergeordnete Ernennungen 21 + Die Convention in ein Parlament verwandelt 22 + Die Mitglieder der beiden Häuser werden aufgefordert + die Eide zu leisten 25 + Fragen bezüglich des Einkommens 26 + Abschaffung der Herdsteuer 28 + Entschädigung der Vereinigten Provinzen 29 + Meuterei in Ipswich 29 + Die erste Meutereibill 32 + Suspension der Habeas-Corpus-Acte 35 + Unpopularität Wilhelm's 36 + Popularität Mariens 38 + Das Hoflager wird von Whitehall nach Hampton-Court verlegt 40 + Der Hof in Kensington 42 + Wilhelm's ausländische Günstlinge 43 + Allgemeine schlechte Verwaltung 44 + Uneinigkeit unter den Staatsdienern 46 + Das Departement der auswärtigen Angelegenheiten 49 + Religionsstreitigkeiten 50 + Die Hochkirchenpartei 51 + Die Niederkirchenpartei 52 + Wilhelm's Pläne bezüglich der Kirchenverfassung 53 + Burnet, Bischof von Salisbury 54 + Nottingham's Pläne in Bezug auf die kirchliche Verfassung 56 + Die Toleranzbill 58 + Die Comprehensionsbill 63 + Bill zur Festsetzung der Huldigungs- und Suprematseide 69 + Die Bill zur Festsetzung des Krönungseides 79 + Die Krönung 81 + Beförderungen 83 + Die Coalition gegen Frankreich 84 + Die Verwüstung der Pfalz 84 + Kriegserklärung gegen Frankreich 87 + + +[_Wilhelm und Marie._] Die Revolution war vollendet und die Decrete der +Convention allenthalben mit Unterwerfung aufgenommen worden. London, +seit fünfzig ereignißvollen Jahren treu der Sache der bürgerlichen +Freiheit und des reformirten Glaubens, erklärte zuerst den neuen +Herrschern seine Ergebenheit. Nachdem der erste Wappenherold unter den +Fenstern von Whitehall den neuen Herrscher ausgerufen, ritt er mit +feierlichem Gepränge den Strand entlang bis Temple Bar. Ihm folgten die +Scepterträger der beiden Häuser, die beiden Sprecher Halifax und Powle +und ein langer Zug von Equipagen mit Cavalieren und Gentlemen. Die +Magistratsbeamten der City hielten ihre Thore geöffnet und schlossen +sich der Prozession an. Vier Regimenter Miliz bildeten durch Ludgate +Hill, um die St. Paulskirche herum und Cheapside entlang Spalier. Die +Straßen, die Fenster und selbst die Dächer waren mit Zuschauern gefüllt. +Alle Glocken von der Westminsterabtei bis zum Tower ließen ihr +fröhliches Geläute ertönen. Vor der Börse wurde die Proclamation unter +dem Jubel der versammelten Bürger bei Trompetenschall zum zweiten Male +verlesen. + +Am Abend war jedes Fenster von Whitechapel bis Picadilly erleuchtet. +Die Prunkgemächer des Palastes waren geöffnet und mit einer glänzenden +Versammlung von Höflingen gefüllt, welche gekommen waren, dem Könige und +der Königin die Hand zu küssen. Es waren die Whigs, die sich, von Glück +und Siegesfreude strahlend, hier versammelt hatten. Einigen unter ihnen +konnte man es wohl verzeihen, wenn sich ein Gefühl befriedigter Rache in +ihre Freude mischte. Die am schwersten Gekränkte aber von Allen, welche +die schlimmen Zeiten überlebt hatten, fehlte. Lady Russel war, während +ihre Freunde sich in den Gallerien von Whitehall drängten, zu Haus +geblieben, um an Den zu denken, der, wenn er noch gelebt hätte, bei der +Feier dieses hochwichtigen Tages eine nicht unbedeutende Rolle gespielt +haben würde. Ihre Tochter jedoch, welche einige Monate zuvor die +Gemahlin des Lord Cavendish geworden, ließ sich durch dessen Mutter, die +Gräfin von Devonshire, dem Königspaare vorstellen. Es existirt noch ein +Brief, in welchem die junge Dame den Jubel der Bevölkerung, den +Lichterglanz in den Straßen, das Gedränge in dem Empfangszimmer, die +Schönheit Mariens und den Ausdruck, der die strengen Züge Wilhelm's +veredelte und milderte, mit großer Lebendigkeit schildert. Die +interessanteste Stelle darin ist die, wo die Verwaiste die wehmüthige +Freude gesteht, mit der sie die verspätete Bestrafung des Mörders ihres +Vaters mit ansah.[1] + + [Anmerkung 1: Brief von Lady Cavendish an Sylvia. Lady Cavendish + hatte, wie die meisten jungen Damen jener Generation, beständig + die Romane der Scudery im Kopfe. Sie selbst ist Dorinda, ihre + Correspondentin, in der man ihre Cousine Johanna Allington + vermuthete, ist Sylvia; Wilhelm ist Armanzor und Maria ist + Phenixana. +London Gazette, Febr. 14. 1688/89; Narcissus + Luttrell's Diary+. Luttrell's Tagebuch, das ich sehr oft citiren + werde, befindet sich in der Bibliothek des Allerseelen-Collegiums, + dessen Vorsteher ich zu großem Danke verpflichtet bin für die + Bereitwilligkeit, mit der er mir die Benutzung dieses werthvollen + Manuscripts gestattete.] + + +[_Festlichkeiten durch ganz England._] Dem Beispiele London's folgten +auch die Provinzialstädte. Drei Wochen lang waren die Spalten der +Journale mit Berichten über die Festlichkeiten gefüllt, durch die sich +die öffentliche Freude kund gab: Cavalcaden von Gentlemen und +Freisassen, Prozessionen von Sheriffs und Bailiffs im scharlachnen +Amtskleide, Umzüge eifriger Protestanten mit orangefarbenen Fahnen und +Bändern, Geschützsalven, Freudenfeuer, Illuminationen, Musikfeste, +Bälle, Gastmähler, Rinnen und Röhren in denen Ale und Claret flossen.[2] + + [Anmerkung 2: Siehe die +London Gazette+ vom Februar und März + 1688/89. und N. Luttrell's Tagebuch.] + + +[_Festlichkeiten in Holland._] Noch herzlicher war die Freude +unter den Holländern, als sie erfuhren, daß der erste Beamte ihrer +Republik auf einen Thron erhoben worden. Wilhelm hatte am Tage +seines Regierungsantritts an die Generalstaaten geschrieben, daß die +Veränderung in seiner Stellung die Liebe zu seinem Vaterlande nicht +geschmälert und daß seine neue Würde ihn hoffentlich in den Stand setzen +werde, seine älteren Pflichten wirksamer zu erfüllen als je. Die +olicharchische Partei, welche den Lehren Calvin's und dem Hause Oranien +stets feindlich gesinnt gewesen, murmelte zwar leise, Sr. Majestät müsse +das Statthalteramt niederlegen. Aber all' dieses Gemurmel wurde von dem +Zujauchzen eines Volks übertäubt, das stolz war auf das Genie und das +Glück seines großen Landsmannes. Es ward ein Tag zu Dankesbezeigungen +bestimmt, und in allen Städten der sieben Provinzen äußerte sich die +allgemeine Freude in Festlichkeiten, deren Kosten hauptsächlich durch +freiwillige Gaben bestritten wurden. Alle Klassen nahmen Theil daran; +der ärmste Tagelöhner konnte sich betheiligen, indem er einen +Triumphbogen errichten half oder Reisig zu einem Freudenfeuer trug. +Selbst die ruinirten Hugenotten konnten durch ihre Geschicklichkeit und +ihre Erfindungsgabe mitwirken. Eine Kunst, die sie mit sich in die +Verbannung genommen, war die Feuerwerkerei, und so erleuchteten sie +jetzt zu Ehren des siegreichen Vorkämpfers ihres Glaubens die Kanäle von +Amsterdam durch prachtvolle Feuerwerke.[3] + +Dem flüchtigen Beobachter konnte es scheinen, als hätte Wilhelm damals +einer der beneidenswerthesten Menschen sein müssen; in der That aber war +er einer der sorgenvollsten und unglücklichsten. Er wußte wohl, daß die +Schwierigkeiten seiner Aufgabe erst begannen. Schon war die so glänzend +angebrochene Morgenröthe seines Glücks umwölkt und viele Anzeichen +verkündeten einen dunklen, stürmischen Tag. + + [Anmerkung 3: Wagenaar, 61. Er führt die Protokolle der + Generalstaaten vom 2. März 1689 an. +London Gazette, April 11. + 1689+; +Monthly Mercury, April 1689+.] + + +[_Unzufriedenheit der Geistlichkeit und der Armee._] Man machte die +Bemerkung, daß zwei wichtige Stände wenig oder keinen Theil an den +Festlichkeiten nähmen, durch welche in ganz England die Einsetzung der +neuen Regierung gefeiert wurde. Nur sehr selten sah man einen Priester +oder einen Soldaten unter den Leuten, die sich um die Marktsäulen +versammelten, wo der König und die Königin ausgerufen wurden. Der +Berufsstolz der Geistlichkeit und des Heeres war tief verletzt worden. +Die Lehre vom Nichtwiderstande war den anglikanischen Geistlichen theuer +gewesen; sie war ihr unterscheidendes Kennzeichen, sie war ihr +Lieblingsthema. Wenn wir nach dem auf uns gekommenen Theile ihrer +öffentlichen Vorträge urtheilen dürfen, so hatten sie über die Pflicht +des passiven Gehorsams mindestens eben so oft und eifrig gepredigt, wie +über die Dreieinigkeit und die Sühne.[4] Ihre Anhänglichkeit an ihren +politischen Glauben war zwar hart geprüft und auf eine kurze Zeit +erschüttert worden; aber mit Jakob's Tyrannei waren auch die bittern +Gefühle verschwunden, welche diese Tyrannei in ihnen geweckt hatte. Der +Pfarrer eines Kirchspiels war natürlich nicht geneigt, sich einer Sache +anzuschließen, die ein thatsächlicher Triumph über die Grundsätze war, +die seine Gemeinde ihn an jedem Jahrestage des Märtyrertodes[5] und der +Restauration hatte verkündigen hören. + +Auch die Soldaten waren mißvergnügt. Sie haßten zwar den Papismus und +hatten den verbannten König nicht geliebt; aber sie fühlten nur zu wohl, +daß sie in dem kurzen Feldzuge, der das Schicksal ihres Vaterlandes +entschieden, eine ruhmlose Rolle gespielt hatten. Vierzig schöne +Regimenter, eine reguläre Armee, wie noch nie zuvor eine unter dem +Banner England's gefochten, hatten sich über Hals und Kopf vor einem +Eindringling zurückgezogen und sich ihm dann ohne Schwertstreich +unterworfen. Diese große Streitmacht war bei der jüngsten Veränderung +von gar keinem Einflusse gewesen; sie hatte eben so wenig etwas gethan, +Wilhelm abzuwehren, als ihn ins Land zu bringen. Die Bauern, welche mit +Heugabeln bewaffnet und auf Karrengäulen reitend, im Gefolge Lovelace's +oder Delamere's umhergezogen waren, hatten einen größeren Theil an der +Revolution genommen als jene glänzenden Haustruppen, deren Federhüte, +geflickte Röcke und curbettirende Schlachtrosse die Londoner so oft in +Hyde Park bewundert. Die Verstimmung der Armee wurde noch vermehrt durch +die Spötteleien der Fremden, welche weder durch Befehle noch durch +Strafen völlig unterdrückt werden konnten.[6] An verschiedenen Orten +äußerte sich der Unmuth, den man bei einer tapferen und von Ehrgefühl +beseelten Gemeinschaft von Männern unter solchen Umständen wohl erwarten +darf, in beruhigender Weise. Ein in Cirencester liegendes Bataillon +löschte die Freudenfeuer aus, ließ den König Jakob hoch leben und trank +auf den Untergang seiner Tochter und seines Neffen. Die Garnison von +Plymouth störte die Festlichkeiten in der Grafschaft Cornwall, es kam zu +Schlägereien, und ein Mann wurde dabei getödtet.[7] + + [Anmerkung 4: »Ich kann mit Bestimmtheit behaupten,« sagt ein + Schriftsteller, der in der Westminsterschule erzogen war, »daß auf + eine Predigt über die Buße, den Glauben und die Erneuerung des + heiligen Geistes, die ich hörte, drei von der andern Art kamen, + und es ist schwer zu sagen, ob Jesus Christus oder König Karl I. + öfter erwähnt und gepriesen wurde.« -- +Bisset's Modern Fanatick, + 1710+.] + + [Anmerkung 5: Karl's I. -- D. Übersetzer.] + + [Anmerkung 6: +Gazette de Paris+, 26. Jan. (5. Febr.) 1689; + +Orange Gazette, Jan. 10. 1688/89+.] + + [Anmerkung 7: +Grey's Debates+, Howe's Rede vom 26. Febr. 1688/89; + Boscawen's Rede vom 1. März; +Narcissus Luttrell's Diary+, 23--27. + Febr.] + + +[_Reaction der öffentlichen Meinung._] Die Mißstimmung der Geistlichkeit +und der Armee konnte auch den Unaufmerksamsten nicht entgehen, denn +beide Stände zeichneten sich von den übrigen Klassen durch in die Augen +fallende Eigenthümlichkeiten in der Kleidung aus. »Die Schwarzröcke und +die Rothröcke,« sagte ein heftiger Whig im Hause der Gemeinen, »sind der +Fluch der Nation.«[8] Die Unzufriedenheit beschränkte sich jedoch nicht +auf die Schwarzröcke und Rothröcke. Die Begeisterung, mit welcher Leute +aller Stände Wilhelm zu Weihnachten in London bewillkommnet, hatte noch +vor Ende Februar bedeutend nachgelassen. Der neue König selbst hatte, +in dem Augenblicke als sein Ruhm und sein Glück den höchsten Punkt +erreicht, die kommende Reaction vorhergesagt. Diese Reaction hätte +allerdings auch ein minder scharfsichtiger Beobachter der menschlichen +Dinge voraussehen können, denn sie muß hauptsächlich einem Gesetz +zugeschrieben werden, das eben so feststeht wie die Gesetze, welche die +Aufeinanderfolge der Jahreszeiten und den Wechsel der Passatwinde +regeln. Es liegt in der Natur des Menschen, gegenwärtige Übel zu hoch, +und gegenwärtiges Gute zu niedrig anzuschlagen, sich nach dem was er +nicht hat zu sehnen, und mit dem was er hat unzufrieden zu sein. Dieser +Hang, wie er sich bei dem Individuum zeigt, ist oft von lachenden und +von weinenden Philosophen besprochen worden. Er war ein Lieblingsthema +Horaz' und Pascal's, Voltaire's und Johnson's. Seinem Einflusse auf das +Schicksal großer Gemeinschaften können die meisten Revolutionen und +Gegenrevolutionen, von denen die Geschichte erzählt, zugeschrieben +werden. Hundert Generationen sind seit der ersten großen nationalen +Emancipation, von welcher Nachricht auf uns gekommen ist, +vorübergegangen. In dem ältesten der Bücher lesen wir, daß ein Volk, +unter einem grausamen Joche in den Staub gebeugt, von strengen +Zuchtmeistern zur Arbeit gepeitscht, ohne nur Stroh zu einem Lager zu +erhalten, und doch gezwungen die tägliche Anzahl Bausteine zu liefern, +des Lebens müde ward und einen zum Himmel schreienden Jammerruf ertönen +ließ. Die Sklaven wurden wunderbar befreit, und im Augenblicke ihrer +Befreiung stimmten sie eine Dankes- und Siegeshymne an; doch schon nach +wenig Stunden begannen sie ihre Sklaverei zurückzuwünschen und gegen den +Anführer zu murren, der sie von dem leckeren Tische des Hauses der +Knechtschaft hinweggelockt in die öde Wüste, die sie noch von dem Lande +trennte, wo Milch und Honig fließen sollten. Seitdem ist die Geschichte +jedes großen Befreiers eine Wiederholung der Geschichte Moses gewesen. +Auf Freudenbezeigungen wie die am Ufer des rothen Meeres ist jederzeit, +bis auf den heutigen Tag, sehr bald ein Murren wie das an den Wassern +der Zwietracht gefolgt.[9] Die gerechteste und heilsamste Revolution muß +viele Leiden hervorbringen. Die gerechteste und heilsamste Revolution +kann nicht all' das Gute schaffen, das Leute von mangelhafter Bildung +und sanguinischem Temperament von ihr erwarteten. Selbst der Weiseste +vermag nicht, so lange sie noch neu ist, die Übel, die sie +hervorgerufen, gegen die Übel, die sie beseitigt, mit vollkommener +Genauigkeit abzuwägen. Denn die Übel, die sie hervorgerufen, werden +gefühlt, die Übel aber, die sie beseitigt, werden nicht mehr gefühlt. + +So war es damals in England. Das Publikum war, wie immer während des +Zustandes von Abkühlung, der auf Fieberanfälle folgt, mißmuthig, schwer +zu befriedigen, unzufrieden mit sich selbst und unzufrieden mit denen, +welche noch kürzlich seine Lieblinge gewesen. Der Waffenstillstand +zwischen den beiden großen Parteien war zu Ende. Obwohl getrennt durch +die Erinnerung an Alles was während eines Kampfes von einem halben +Jahrhundert gethan und gelitten worden, hatte eine gemeinsame Gefahr sie +auf einige Monate mit einander verbunden. Jetzt war die Gefahr vorüber, +die Verbindung war aufgelöst und der alte Groll brach wieder in seiner +ganzen Stärke hervor. + + [Anmerkung 8: +Grey's Debates, Febr. 26. 1688/89.+] + + [Anmerkung 9: Dieser Vergleich findet sich in zahlreichen + Predigten und Flugschriften aus der Zeit Wilhelm's III. Es + existirt auch eine schwache Nachahmung von +Absalom and + Ahitophel+, betitelt: +The Murmurers+. Wilhelm ist Moses; Cora, + Dathan und Abiram Bischöfe, die den Eid verweigern; Balaam, glaube + ich, Dryden, und Phineas Shrewsbury.] + + +[_Stimmung der Tories._] Jakob war während der letzten Jahre seiner +Regierung von den Tories noch mehr gehaßt worden als von den Whigs, und +zwar nicht ohne Grund, denn den Whigs war er nur ein Feind, den Tories +aber war er ein treuloser und undankbarer Freund gewesen. Doch die alten +royalistischen Gefühle, welche in der Zeit seiner gesetzlosen Herrschaft +erloschen zu sein schienen, waren durch sein Mißgeschick zum Theil +wieder geweckt worden. Viele Lords und Gentlemen, welche im December für +den Prinzen von Oranien und ein freies Parlament zu den Waffen +gegriffen, sagten zwei Monate später, sie hätten sich mit fortreißen +lassen, sie hätten zu großes Vertrauen in die Erklärung Sr. Hoheit +gesetzt und hätten in ihm eine Uneigennützigkeit vermuthet, die, wie es +sich jetzt zeige, nicht in seinem Charakter liege. Sie hätten dem König +Jakob zu seinem eigenen Besten einen leichten Zwang auflegen, die +Jesuiten und Renegaten, die ihn irre geleitet, bestrafen und von ihm +eine Garantie für die Aufrechthaltung der bürgerlichen und kirchlichen +Institutionen des Reichs erlangen, nicht aber ihn entthronen und +verbannen wollen. Für seine schlechte Verwaltung fand man +Entschuldigungsgründe. Sei es ein Wunder, daß er, durch Rebellen, welche +dem Namen Protestanten Schande machten, schon als Knabe seinem +Vaterlande entrissen, und gezwungen seine Jugend in Ländern zu verleben, +wo die römisch-katholische Religion herrschte, durch diesen +verführerischen Aberglauben angezogen worden? Sei es ein Wunder, +daß sein Charakter durch die Verfolgungen und Verleumdungen einer +unversöhnlichen Partei härter und strenger geworden als man anfangs +geglaubt, und daß er, als die, welche es versucht hatten, seine Ehre zu +vernichten und ihn seines Geburtsrechts zu berauben, endlich in seiner +Gewalt waren, die Gerechtigkeit nicht genügend durch Nachsicht gemildert +habe? Was endlich die schlimmste ihm zur Last gelegte Anschuldigung +betreffe: daß er durch Adoptirung eines untergeschobenen Kindes seinen +Töchtern ihr rechtmäßiges Erbe habe entziehen wollen, -- worauf gründe +sich diese Anklage? Bloß auf geringfügige Umstände, die man wohl auf +Rechnung des Zufalls oder der mit seinem Charakter nur zu sehr im +Einklang stehenden Unbesonnenheit schreiben könne. Habe wohl je der +einfältigste Dorfrichter einen Menschen ins Gefängniß geworfen, ohne +stärkere Beweise zu verlangen, als die, auf welche hin das englische +Volk seinen König des niedrigsten und abscheulichsten Betrugs schuldig +erklärt habe? Allerdings habe er einige große Fehler begangen, und es +sei nichts gerechter und verfassunggemäßer, als daß seine Rathgeber und +Creaturen wegen dieser Fehler zur strengen Rechenschaft gezogen würden; +auch verdiene von allen diesen Rathgebern und Creaturen Niemand mehr +bestraft zu werden als die Rundkopf-Sectirer, deren Schmeichelei ihn +ermuthigt habe, in der verderblichen Ausübung der Dispensationsgewalt zu +beharren. Es sei ein Grundgesetz des Landes, daß der König nicht Unrecht +thun könne und daß, wenn Kraft seiner Autorität Unrecht gethan werde, +seine Rathgeber und Werkzeuge dafür verantwortlich seien. Diese große +und wesentliche Regel unsrer Verfassung sei jetzt umgedreht worden. +Die Speichellecker, welche von Rechtswegen zu bestrafen gewesen seien, +erfreuten sich der Straflosigkeit, und der König, der von Rechtswegen +nicht zu bestrafen sei, werde mit schonungsloser Strenge bestraft. +Sei es anders möglich, als daß die Cavaliere England's, die Söhne der +Krieger, welche unter Ruprecht gekämpft, bitteren Schmerz und Unwillen +empfänden, wenn sie an das Schicksal ihres rechtmäßigen Lehnsherrn +dächten, des Erben einer langen Reihe von Fürsten, der erst unlängst mit +allem Glanze in Whitehall auf den Thron erhoben worden und jetzt ein +Verbannter, ein Bittender, ein Bettler sei? Sein Unglück sei größer als +selbst das des gefeierten Märtyrers, dessen Sprößling er sei. Der Vater +sei durch erklärte Todfeinde hingeschlachtet worden, der Untergang des +Sohnes sei das Werk seiner eigenen Kinder. Gewiß hätte die Strafe, wenn +sie auch verdient sei, durch andere Hände auferlegt werden sollen. Und +sei sie denn wirklich ganz verdient? Sei der unglückliche Mann nicht +eher schwach und unbesonnen als schlecht? Besitze er nicht einige von +den Eigenschaften eines vortrefflichen Fürsten? Man könne zwar nicht +sagen, daß er ausgezeichnete Fähigkeiten habe, aber er sei thätig, er +sei sparsam, er habe tapfer gefochten, er sei sein eigner Marineminister +gewesen und habe als solcher seine Sache recht gut gemacht; er habe +ferner, bevor seine geistlichen Leiter einen verhängnißvollen Einfluß +auf ihn gewonnen, für einen Mann von strenger Gerechtigkeit gegolten, +und endlich habe er, wenn er nicht von ihnen irre geführt worden sei, +fast immer die Wahrheit gesprochen und ehrlich gehandelt. Bei so vielen +Tugenden habe er, wenn er ein Protestant, ja selbst wenn er ein +gemäßigter Katholik gewesen wäre, glücklich und ruhmvoll regieren +können. Vielleicht sei es noch nicht zu spät für ihn, seine Fehler +wieder gut zu machen. Man könne ihn wohl schwerlich für so verblendet +und verderbt halten, daß er aus der empfangenen furchtbaren Lehre nicht +Nutzen ziehen sollte, und wenn diese Lehre die Wirkung gehabt habe, +die man vernünftigerweise davon erwarten dürfe, so werde England unter +seinem rechtmäßigen Herrscher noch immer ein größeres Maß von Glück und +Ruhe genießen können, als es von der Verwaltung des besten und +tüchtigsten Usurpators zu erwarten habe. + +Wir würden denen, welche diese Sprache führten, sehr Unrecht thun, wenn +wir annähmen, daß sie, als Gesammtheit, aufgehört hätten, den Papismus +und Despotismus mit Abscheu zu betrachten. Wohl mag es einige Zeloten +darunter gegeben haben, welche den Gedanken, ihrem Könige Bedingungen +vorzuschreiben, nicht ertragen konnten und die bereit waren, ihn +zurückzurufen ohne die geringste Zusicherung von seiner Seite, daß nicht +augenblicklich die Indulgenzerklärung wieder publicirt, die hohe +Commission wieder eingesetzt, Petre wieder in den Staatsrath berufen und +die Fellows des Magdalenencollegiums wieder vertrieben werden sollten. +Allein die Zahl dieser Männer war klein. Um so größer war dagegen die +Zahl derjenigen Royalisten, welche bereit gewesen wären, sich aufs neue +um Jakob zu schaaren, wenn er seine Irrthümer eingesehen und versprochen +hätte, die Gesetze zu beobachten. Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, +daß zwei talentvolle und erfahrene Staatsmänner, welche eine Hauptrolle +in der Revolution gespielt hatten, wenige Tage nach derselben offen ihre +Besorgniß äußerten, daß eine Restauration nahe bevorstehe. »Wenn König +Jakob ein Protestant wäre,« sagte Halifax zu Reresby, »so könnten wir +ihn keine vier Monate außer Landes halten.« -- »Wenn König Jakob,« sagte +Danby um dieselbe Zeit zu dem nämlichen Manne, »dem Lande in Sachen der +Religion nur einige Genugthuung geben wollte, was er leicht thun könnte, +so würde es sehr schwer sein, ihm die Spitze zu bieten.«[10] Zum Glück +für England war Jakob, wie immer, sein eigener schlimmster Feind. Kein +Wort, aus dem man hätte abnehmen können, daß er sich wegen der +Vergangenheit tadele oder daß er in Zukunft verfassunggemäß zu regieren +gedenke, war aus ihm heraus zu bringen. Jeder Brief, jedes Gerücht, das +seinen Weg von Saint-Germains nach England fand, ließ einsichtsvolle +Männer fürchten, daß, wenn er in seiner gegenwärtigen Stimmung wieder +zur Macht gelangen sollte, die zweite Tyrannei schlimmer sein würde, +als die erste. So mußten denn die Tories in ihrer Gesammtheit, wenn auch +ungern, eingestehen, daß sie für den Augenblick nur die Wahl hatten +zwischen Wilhelm und dem öffentlichen Ruin. Daher ließen sie sich die +neue Regierung unmuthig gefallen, ohne jedoch die Hoffnung ganz +aufzugeben, daß der eigentlich rechtmäßige König früher oder später der +Stimme der Vernunft noch Gehör geben werde, und ohne für den factischen +König eine Spur von Loyalität zu empfinden. + + [Anmerkung 10: +Reresby's Memoirs.+] + + +[_Stimmung der Whigs._] Es ist die Frage, ob der neuen Regierung während +der ersten Monate ihres Bestehens die Zuneigung der Whigs nicht +gefährlicher war als die Abneigung der Tories. Offene Feindschaft kann +kaum nachtheiliger sein als mäkelnde, eifersüchtige, anspruchsvolle +Zuneigung, und solcher Art war die, welche die Whigs dem Herrscher ihrer +Wahl erwiesen. Sie lobten und priesen ihn laut, sie waren bereit, ihn +mit Gut und Blut gegen fremde und einheimische Feinde zu unterstützen. +Aber ihre Zuneigung zu ihm war eine ganz eigenthümliche. Eine Loyalität +wie die, welche die tapferen Edelleute beseelte, die für Karl I. +kämpften, oder wie die, welche Karl II. den durch eine zwanzigjährige +schlechte Verwaltung hervorgerufenen Gefahren und Schwierigkeiten +entrissen: einem solchen Gefühl waren die Lehren Milton's und Sidney's +nicht günstig, so wenig als ein durch einen Aufstand eben erst zur Macht +gelangter Fürst hoffen durfte, es einzuflößen. Die whiggistische +Regierungstheorie geht dahin, daß der König für das Volk, nicht das Volk +für den König da ist; daß das Recht eines Königs in keinem andren Sinne +göttlich ist als wie das Recht eines Parlamentsmitgliedes, eines +Richters, eines Geschwornen, eines Mayors und eines Constabels; daß, +so lange der erste Beamte im Staate den Gesetzen gemäß regiert, ihm +Gehorsam und Ehrerbietung bezeigt werden muß; daß aber, sobald er die +Gesetze verletzt, ihm Widerstand geleistet werden darf, und daß er, wenn +er die Gesetze gröblich, systematisch und beharrlich verletzt, abgesetzt +werden muß. Von der Richtigkeit dieser Principien hing die Gerechtigkeit +von Wilhelm's Anspruch auf den Thron ab. Es liegt auf der Hand, daß +zwischen Unterthanen, welche diesen Principien huldigten, und einem +Herrscher, dessen Thronbesteigung der Sieg dieser Principien gewesen +war, ein ganz andres Verhältniß stattfinden mußte als das, welches +zwischen den Stuarts und den Cavalieren bestand. Die Whigs liebten +Wilhelm zwar, aber sie liebten ihn nicht als König, sondern als +Parteiführer, und es war nicht schwer vorauszusehen, daß ihr +Enthusiasmus bald nachlassen würde, wenn er sich etwa weigerte, der +bloße Führer ihrer Partei zu sein, und versuchen sollte, den König der +ganzen Nation zu spielen. Zum Dank für die Hingebung, die sie seiner +Sache bewiesen, verlangten sie von ihm, daß er einer der Ihrigen, ein +zuverlässiger, eifriger Whig sei, daß er seine Gunst nur Whigs zu Theil +werden lasse, daß er allen alten Groll und Haß der Whigs zu seinem +eignen mache, und es stand mit nur zu gutem Grunde zu befürchten, daß, +wenn er diese Erwartung täuschte, der einzige Theil der Nation, der +seiner Sache eifrig zugethan war, ihm entfremdet werden würde.[11] + +Dies waren die Schwierigkeiten, von denen er sich im Augenblicke seiner +Erhebung umringt sah. Wo es einen guten Ausweg gab, hatte er selten +verfehlt, denselben zu wählen, jetzt aber hatte er nur die Wahl zwischen +Wegen, die alle mit gleicher Wahrscheinlichkeit zum Verderben führten. +Von der einen Partei durfte er keine aufrichtige Unterstützung erwarten, +und die aufrichtige Unterstützung der andern konnte er sich nur dadurch +erhalten, daß er selbst der entschiedenste Parteimann in seinem +Königreiche, ein Shaftesbury auf dem Throne wurde. Verfolgte er die +Tories, so verwandelte sich ihre Verstimmung unfehlbar in Wuth; gewährte +er ihnen seine Gunst, so war es noch keineswegs gewiß, ob er dadurch +ihre Zuneigung gewann, während es nur zu wahrscheinlich war, daß er dann +seinen Halt im Herzen der Whigs verlieren werde. Etwas mußte er indeß +thun, etwas mußte er wagen: es mußte ein Geheimrath vereidigt und alle +wichtigen Staats- und Justizämter mußten besetzt werden. Es hierbei +_Allen_ recht zu machen, war unmöglich, es war schon schwer genug, es +_Jemandem_ recht zu machen; doch etwas mußte geschehen. + + [Anmerkung 11: Hier, wie in vielen anderen Fällen, unterlasse ich + es, meine Quellen anzuführen, weil ihrer zu viele sind. Meine + Angaben über die Stimmung und gegenseitige Stellung der + politischen und religiösen Parteien unter der Regierung Wilhelm's + III. sind nicht aus einem einzelnen Werke, sondern aus Tausenden + vergessener Abhandlungen, Predigten und Satyren, kurz aus ganzen + Literatur geschöpft, die in alten Bibliotheken modert.] + + +[_Ministerielle Einrichtungen._] Was man jetzt ein Ministerium nennt, +das gedachte er nicht zu bilden. Überhaupt lernte England ein solches +Ministerium erst kennen, als er einige Jahre auf dem Throne saß. Unter +den Plantagenets, den Tudors und den Stuarts hatte es wohl Minister, +aber kein Ministerium gegeben. Die Diener der Krone standen nicht, wie +jetzt, in einem solidarischen Verhältnisse zu einander, man erwartete +nicht von ihnen, daß sie, selbst in Fragen von höchster Bedeutung, +gleicher Meinung seien. Oft waren sie sogar politische und persönliche +Feinde und machten kein Geheimniß aus ihrer Feindschaft. Es galt noch +nicht für nachtheilig und unschicklich, daß sie einander schwerer +Verbrechen beschuldigten und daß Einer des Andren Kopf verlangte. +Niemand hatte den Lordkanzler Clarendon heftiger angeklagt als Coventry, +ein Mitglied der Schatzcommission. Niemand hatte den Lordschatzmeister +Danby heftiger angeklagt als Winnington, der Generalprokurator. Nur ein +Einigungspunkt war zwischen den Regierungsmitgliedern: ihr gemeinsames +Oberhaupt, der Souverain. Die Nation betrachtete ihn als das wirkliche +Oberhaupt der Verwaltung und tadelte ihn streng, wenn er seine hohen +Functionen auf einen Unterthan übertrug. Clarendon sagt uns, daß den +Engländern seiner Zeit nichts so verhaßt gewesen sei als ein +Premierminister. Sie würden, meint er, lieber unter einem Usurpator wie +Oliver stehen, der factisch wie nominell erster Beamter im Staate war, +als unter einem rechtmäßigen Könige, der sie an einen Großwessier +verwies. Eine der Hauptbeschuldigungen, welche die Vaterlandspartei +gegen Karl II. erhoben, bestand darin, daß er zu indolent und +vergnügungssüchtig sei, um die Rechnungsablagen des Staatshaushaltes und +die Inventuren der militärischen Vorrathsmagazine sorgfältig zu prüfen. +Als Jakob auf den Thron kam, beschloß er, keinen Lordgroßadmiral, kein +Admiralitätscollegium zu ernennen, sondern die ganze Leitung der +Marineangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, und diese +Einrichtung, welche heutzutage von Männern aller Parteien für im +höchsten Grade verfassungswidrig und nachtheilig erklärt werden würde, +fand damals allgemeinen Beifall selbst bei Solchen, die nicht geneigt +waren, seine Handlungsweise in einem günstigen Lichte zu betrachten. Wie +vollständig das Verhältniß, in welchem der König zu seinem Parlamente +und zu seinen Ministern stand, durch die Revolution verändert worden +war, erkannten anfangs selbst die erleuchtetsten Staatsmänner nicht. Man +glaubte allgemein, daß die Regierung, wie in früherer Zeit, wieder durch +von einander unabhängige Beamte geleitet werden und daß Wilhelm die +Oberaufsicht über dieselben führen werde. Auch erwartete man +zuversichtlich, daß ein Fürst von Wilhelm's Befähigung und Erfahrung +viele wichtige Geschäfte ohne allen fremden Rath und Beistand besorgen +werde. + + +[_Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen._] Man hatte daher nichts +zu erinnern, als man erfuhr, daß Wilhelm die Leitung der auswärtigen +Angelegenheiten sich selbst vorbehalten habe. Allerdings blieb auch kaum +etwas Andres übrig, denn mit der einzigen Ausnahme Sir Wilhelm Temple's, +den nichts bewogen haben würde, aus seiner Zurückgezogenheit wieder ins +öffentliche Leben zu treten, gab es damals keinen Engländer, der sich +als fähig erwiesen hatte, eine wichtige Unterhandlung mit fremden +Mächten zu einem ersprießlichen und ehrenvollen Ende zu führen. Viele +Jahre waren verstrichen, seit England sich mit Gewicht und Würde in die +Angelegenheiten der großen Republik der Nationen eingemischt. Die +Aufmerksamkeit der geschicktesten englischen Staatsmänner war lange fast +ausschließlich durch Zerwürfnisse in Bezug auf die bürgerliche und +kirchliche Verfassung ihres eigenen Landes in Anspruch genommen worden. +Die Streitigkeiten wegen der papistischen Verschwörung und der +Ausschließungsbill, wegen der Habeas-Corpusacte und der Testacte hatten +einen Überfluß, man könnte fast sagen eine Fluth von solchen Talenten +erzeugt, welche in einer durch innere Spaltungen zerrissenen +Gesellschaft Männer zu Macht und Ansehen erheben. Das ganze Festland +hatte keine so geschickten und schlauen Parteiführer, keine so gewandten +parlamentarischen Taktiker, keine so schlagfertigen und beredten +Wortführer aufzuweisen als in Westminster versammelt waren. Aber es +bedurfte einer ganz andren Schule, um einen Minister des Auswärtigen zu +bilden, und die Revolution hatte England plötzlich in eine Lage +versetzt, in welcher die Dienste eines großen Ministers für die +auswärtigen Angelegenheiten unentbehrlich waren. + +Wilhelm eignete sich ganz vorzüglich zur Ausfüllung dieses Postens, dem +die vollendetsten Staatsmänner seines Reiches nicht gewachsen waren. Er +hatte sich schon seit geraumer Zeit als Unterhändler ausgezeichnet. Er +war der Schöpfer und die Seele der europäischen Coalition gegen das +Übergewicht Frankreichs. Der leitende Faden, ohne den es gefährlich war, +das große und verwickelte Labyrinth der festländischen Politik zu +betreten, war in seinen Händen. Daher wagten es seine englischen Räthe, +so talentvoll und thätig sie sonst waren, während seiner Regierung nur +selten, sich in den Theil der Staatsgeschäfte einzumischen, die er zu +seinem speciellen Departement erwählt hatte.[12] + +Die innere Verwaltung England's konnte dagegen nur unter dem Beirathe +und der Mitwirkung englischer Minister geleitet werden. Die Wahl, welche +Wilhelm bei Ernennung dieser Minister traf, bewies, daß er sich +vorgenommen hatte, keine Partei auszuschließen, die geneigt war, seinen +Thron zu stützen. Den Tag darauf, nachdem ihm im Bankethause die Krone +überreicht worden, wurde der Geheime Rath vereidigt. Die meisten Räthe +waren Whigs; doch standen auch die Namen mehrerer ausgezeichneter Tories +auf der Liste.[13] Die vier höchsten Staatsämter wurden vier Edelleuten +übertragen, welche die vier Hauptklassen der Politiker repräsentirten. + + [Anmerkung 12: Folgende Stelle aus einer damaligen Schrift drückt + die allgemeine Ansicht über diesen Punkt aus: »Die auswärtigen + Angelegenheiten kennt er besser als wir; in Bezug auf die + einheimischen Staatsgeschäfte aber bringt es ihm keine Unehre, + wenn wir ihm über sein Verhältniß zu uns, über die Natur desselben + und über das was er am zweckmäßigsten zu thun hat, unsre Meinung + sagen.« -- +An Honest Commoner's Speech+.] + + [Anmerkung 13: +London Gazette, Febr. 18. 1688/88.+] + + +[_Danby._] In praktischer Befähigung und geschäftlicher Erfahrung war +keiner seiner Zeitgenossen Danby überlegen. Er hatte ein starkes Anrecht +auf die Dankbarkeit des neuen Herrscherpaares, denn durch seine +Geschicklichkeit war ihre Vermählung trotz unbesiegbar scheinender +Schwierigkeiten zu Stande gebracht worden. Die Feindschaft, die er stets +gegen Frankreich gehegt, war eine kaum minder gewichtige Empfehlung. Er +hatte die Einladung vom 30. Juni unterzeichnet, hatte den Aufstand im +Norden veranstaltet und geleitet und hatte in der Convention seinen +ganzen Einfluß und seine ganze Beredtsamkeit wider den Regentschaftsplan +aufgeboten. Trotzdem betrachteten ihn die Whigs mit unüberwindlichem +Mißtrauen und Widerwillen. Sie konnten es nicht vergessen, daß er in +schlimmen Tagen der erste Minister des Staats, das Haupt der Cavaliere, +der Vorkämpfer der Prärogative, der Verfolger der Dissenters gewesen. +Selbst indem er ein Rebell wurde, hatte er nicht aufgehört ein Tory zu +sein. Wohl hatte er das Schwert gegen die Krone gezogen, aber nur zur +Vertheidigung der Kirche. Wohl hatte er in der Convention durch seinen +Widerstand gegen den Regentschaftsplan Gutes gewirkt, auf der andren +Seite aber hatte er geschadet durch beharrliche Aufrechthaltung des +Satzes, daß der Thron nicht erledigt und die Stände nicht berechtigt +seien, über die Besetzung desselben zu entscheiden. Die Whigs waren +daher der Meinung, er müsse sich für seine neuerlichen Verdienste +dadurch reichlich belohnt erachten, daß man ihm die Strafe für die ihm +zehn Jahre früher zur Last gelegten Vergehen erlasse. Er dagegen +schätzte seine unleugbar eminenten Talente und Dienste nach ihrem vollen +Werthe und hielt sich für berechtigt zu dem hohen Posten eines +Lordschatzmeisters, den er früher bekleidet. Seine Erwartung wurde +jedoch getäuscht. Wilhelm erachtete es grundsätzlich für wünschenswerth, +die Macht und das Patronat des Schatzamts unter mehrere Commissarien zu +theilen. Er war der erste König von England, der vom Beginn bis zum +Schlusse seiner Regierung den weißen Stab niemals den Händen eines +einzelnen Unterthanen anvertraute. Danby ward die Wahl freigestellt +zwischen der Präsidentschaft im Geheimen Rathe und einem +Staatssekretariat. Er entschied sich verdrüßlich für die Präsidentschaft +und während die Whigs murrten, als sie ihn so hoch gestellt sahen, +bemühte er sich kaum, seinen Aerger darüber zu verbergen, daß er nicht +noch höher gestellt worden war.[14] + + [Anmerkung 14: +London Gazette, Febr. 18. 1688/89; Reresby's + Memoirs.+] + + +[_Halifax._] Halifax, der Ausgezeichnetste unter der kleinen Partei die +sich rühmte, daß sie zwischen den Whigs und Tories das Gleichgewicht +erhielt, übernahm das Geheimsiegel und blieb nach wie vor Sprecher im +Hause der Lords.[15] Er hatte sich durch streng gesetzliche Opposition +gegen die letzte Regierung hervorgethan und mit großer Gewandtheit gegen +die Dispensationsgewalt gesprochen und geschrieben; aber er hatte von +dem Invasionsplane nichts wissen wollen, er hatte, selbst als die +Holländer schon auf dem vollen Marsche gegen London waren, noch darauf +hingearbeitet, eine Versöhnung zu Stande zu bringen, und er hatte Jakob +erst dann verlassen, als dieser den Thron verließ. Von dem Augenblicke +der schimpflichen Flucht aber hatte der scharfblickende Trimmer in der +Überzeugung, daß ein gütlicher Vergleich nicht mehr möglich sei, einen +entscheidenden Entschluß gefaßt. Er hatte sich in der Convention +glänzend hervorgethan, und es war ein besonders glücklicher Griff, daß +man ihn zu dem Ehrenamte ernannt, dem Prinzen und der Prinzessin von +Oranien im Namen aller Stände England's die Krone zu überreichen, denn +soweit man überhaupt sagen kann, daß unsre Revolution den Charakter +eines einzelnen Geistes trug, trug sie sicherlich den Charakter des +großen, aber besonnenen Geistes Halifax'. Doch die Whigs waren nicht in +der Stimmung, einen neueren Dienst als Ersatz für ein altes Vergehen +anzunehmen, und das Vergehen Halifax' war in der That ein arges gewesen. +Vor langer Zeit hatte er während eines harten Freiheitskampfes in ihren +vordersten Reihen gestritten, und als sie endlich siegten, als Whitehall +in ihrer Gewalt zu sein schien, als sich eine nahe Aussicht auf +Herrschaft und Rache eröffnete, da war er, und mit ihm das Glück, +ins feindliche Lager übergegangen. In der großen Debatte über die +Ausschließungsbill hatte seine Beredtsamkeit sie zu Boden geschmettert +und der verzagten Hofpartei neuen Lebensmuth eingeflößt. Allerdings war +er, obgleich er sie in den Tagen ihres übermüthigen Glücks verlassen, +zur Zeit der Noth in ihre Reihen zurückgekehrt; aber jetzt, da die Noth +vorüber war, vergaßen sie, daß er zu ihnen zurückgekehrt, und erinnerten +sich nur noch, daß er sie verlassen hatte.[16] + + [Anmerkung 15: +London Gazette, Febr. 18. 1688/89; Lords' + Journals.+] + + [Anmerkung 16: +Burnet II. 4.+] + + +[_Nottingham._] Der Ärger, mit dem sie Danby im Staatsrathe präsidiren +und Halifax das Geheimsiegel führen sahen, wurde nicht vermindert durch +die Nachricht, daß Nottingham zum Staatssekretär ernannt sei. Einige von +den eifrigen Kirchenmännern, welche nie aufgehört hatten, die Lehre vom +Nichtwiderstande zu predigen, in deren Augen die Revolution nicht zu +rechtfertigen war, die für eine Regentschaft gestimmt und bis zuletzt +bei der Behauptung geblieben waren, daß der englische Thron nicht einen +Augenblick erledigt sein könne, hielten es gleichwohl für ihre Pflicht, +sich der Entscheidung der Convention zu unterwerfen. Sie hatten, sagten +sie, sich nie gegen Jakob aufgelehnt und Wilhelm nicht gewählt; da sie +aber jetzt einen Fürsten auf dem Thron sahen, den sie allerdings nie +darauf gesetzt haben würden, waren sie der Meinung, daß kein göttliches +oder menschliches Gesetz es ihnen zur Pflicht machte, den Kampf weiter +fortzusetzen. Sie glaubten in der Bibel sowohl wie im Gesetzbuche +Vorschriften zu finden, die nicht mißverstanden werden könnten. Die +Bibel befiehlt Gehorsam gegen die bestehenden Gewalten an. Das +Gesetzbuch enthält einen Paragraphen, welcher besagt, daß kein Unterthan +deshalb als ein Übelthäter betrachtet werden solle, weil er sich dem im +factischen Besitz des Thrones befindlichen Könige anschließe. Aus diesen +Gründen glaubten Viele, die zur Einsetzung der neuen Regierung nicht +mitgewirkt hatten, daß sie derselben ihre Unterstützung gewähren +könnten, ohne weder Gott noch einen Menschen zu beleidigen. Einer der +ausgezeichnetsten Staatsmänner dieser Schule war Nottingham. Auf sein +Ansuchen hatte die Convention, bevor der Thron besetzt war, den +Unterthaneneid dergestalt umgeändert, daß er und seine Meinungsgenossen +diesen Eid unbedenklich leisten konnten. »Meine Grundsätze,« sagte er, +»gestatten mir nicht, mich bei der Wahl eines Königs zu betheiligen. Ist +aber ein König einmal gewählt, so gebieten mir meine Grundsätze, ihm +einen strengeren Gehorsam zu bezeigen, als er von Denen erwarten darf, +die ihn gewählt haben.« Zum Erstaunen einiger von Denen, die ihn am +meisten schätzten, willigte er jetzt ein, im Staatsrathe zu sitzen und +die Sekretariatssiegel anzunehmen. Wilhelm hoffte ohne Zweifel, diese +Ernennung werde von der Geistlichkeit und der toryistischen Landgentry +als eine genügende Bürgschaft dafür angesehen werden, daß er gegen die +Kirche nichts Böses im Sinne habe. Selbst Burnet, der späterhin eine +starke Abneigung gegen Nottingham fühlte, gestand in einigen bald nach +der Revolution geschriebenen Abhandlungen, daß der König richtig +geurtheilt und daß der zur Unterstützung der neuen Herrscher ehrlich +verwendete Einfluß des toryistischen Staatssekretärs England vor großen +Calamitäten bewahrt habe.[17] + + [Anmerkung 17: Diese Abhandlungen finden sich in einem + Handschriftenbande, der zur Harley'schen Sammlung gehört und mit + der Nummer 6584 bezeichnet ist. Sie bilden thatsächlich die ersten + Entwürfe zu einem großen Theile von Burnet's +History of His Own + Times+. Die Zeitpunkte, zu welchen die verschiedenen Theile dieses + höchst merkwürdigen und interessanten Werkes abgefaßt wurden, sind + angegeben. Fast das Ganze wurde vor Mariens Tode geschrieben. Erst + zehn Jahre später begann Burnet seine Geschichte der Regierung + Wilhelm's für den Druck vorzubereiten. Während dieses Zeitraums + hatten sich seine Ansichten, über Menschen sowohl als Dinge, sehr + geändert. Deshalb ist der erste Entwurf so außerordentlich + werthvoll, denn er enthält manche Thatsachen, die er nachher + auszulassen für räthlich hielt, und einige Urtheile, welche er + später zu ändern Ursache fand. Ich muß jedoch gestehen, daß mir + seine ersten Ansichten gewöhnlich besser gefallen. Wenn seine + Geschichte einmal neu gedruckt würde, sollte sie mit diesem + Manuscriptbande sorgfältig verglichen werden. Überall wo ich mich + auf diese Handschrift beziehe, kann der Leser annehmen, daß sie + etwas enthält, was sich in seiner gedruckten Geschichte nicht + findet. + + Über Nottingham's Ernennung siehe +Burnet II. 8+, +London Gazette, + March 7. 1688/89+ und +Clarendon's Diary, Febr. 15+.] + + +[_Shrewsbury._] Der andre Staatssekretär war Shrewsbury.[18] Seit +Menschengedenken hatte kein so junger Mann einen so hohen Posten bei der +Regierung bekleidet. Er hatte eben erst sein achtundzwanzigstes +Lebensjahr zurückgelegt. Gleichwohl erblickte Niemand, mit Ausnahme der +feierlichen Formalisten bei der spanischen Gesandtschaft, in seiner +Jugend ein Hinderniß für seine Ernennung.[19] Er hatte sich schon durch +die hervorragende Rolle, die er bei der Befreiung seines Vaterlandes +gespielt, einen Platz in der Geschichte gesichert. Seine Talente, seine +Kenntnisse, sein liebenswürdiges Benehmen und sein sanfter Charakter +machten ihn allgemein beliebt. Besonders die Whigs beteten ihn fast an. +Niemand ahnete, daß er mit vielen großen und gewinnenden Eigenschaften +solche Fehler des Geistes und Herzens verband, welche den Rest seines +unter so günstigen Auspicien begonnenen Lebens ihm selbst zur Last und +seinem Lande fast nutzlos machen sollten. + + [Anmerkung 18: +London Gazette, Febr. 18. 1688/89.+] + + [Anmerkung 19: Don Pedro de Ronquillo macht diese Bemerkung.] + + +[_Die Admiralität._] Die Leitung der Marineangelegenheiten und der +Finanzen wurde Collegien übertragen. Herbert ward erster Commissar der +Admiralität. Er hatte unter der vorigen Regierung Reichthum und Würden +aufgegeben, als er sah, daß er sie mit Ehren und mit gutem Gewissen +nicht behalten konnte; er hatte die denkwürdige Einladung nach dem Haag +überbracht und die holländische Flotte auf der Fahrt von Helvoetsluys +nach Torbay befehligt. In Bezug auf Muth und Berufstüchtigkeit genoß er +eines hohen Rufes. Wohl wußte man, daß er auch seine Thorheiten und +Fehler begangen, aber sein neuerliches Benehmen in einer Zeit schwerer +Prüfung hatte Alles wieder gut gemacht und berechtigte zu der Hoffnung, +daß seine fernere Laufbahn eine ruhmvolle sein werde. Ihm zur Seite im +Admiralitätscollegium standen zwei ausgezeichnete Mitglieder des Hauses +der Gemeinen: Wilhelm Sacheverell, ein Whigveteran, der sich bei seiner +Partei eines großen Ansehens erfreute, und Sir Johann Lowther, ein +rechtschaffener und äußerst gemäßigter Tory, der in Bezug auf Vermögen +und parlamentarische Bedeutung unter der englischen Gentry eine der +ersten Stellen einnahm.[20] + + [Anmerkung 20: +London Gazette, March 11. 1688/89.+] + + +[_Das Schatzamt._] An die Spitze der Finanzen wurde Mordaunt, einer der +heftigsten Whigs, gestellt, warum, ist schwer zu sagen. Sein romanhafter +Muth, sein ruheloser Geist, seine excentrischen Einfälle, sein Hang zu +verzweifelten Wagnissen und staunenerregenden Effecten waren eben keine +Eigenschaften, die ihm bei finanziellen Operationen und Unterhandlungen +von besonderem Nutzen sein konnten. Der zweite Schatzcommissar und +zugleich Kanzler der Schatzkammer war Delamere, ein womöglich noch +heftigerer Whig als Mordaunt. Außerdem saßen zwei whiggistische +Mitglieder des Hauses der Gemeinen in dem Collegium: Sir Heinrich Capel, +Bruder jenes Earls von Essex, der sich im Tower entleibte, und Richard +Hampden, der Sohn des großen Führers des Langen Parlaments. Der +Commissar aber, auf dem die Hauptlast der Geschäfte ruhte, war +Godolphin. Dieser schweigsame, einsichtsvolle, fleißige und harmlose, +für keine Regierung schwärmende, aber jeder Regierung nützliche Mann war +nach und nach ein fast unentbehrlicher Theil der Staatsmaschiene +geworden. Obgleich ein Anhänger der Landeskirche, hatte er sich doch an +einem von Jesuiten geleiteten Hofe emporgeschwungen. Obwohl er für eine +Regentschaft gestimmt hatte, war er doch das wirkliche Oberhaupt eines +mit Whigs angefüllten Schatzamtes. Seine Fähigkeiten und Kenntnisse, +welche unter der vorigen Regierung die Mängel Bellasyse's und Dower's +ausgeglichen hatten, waren auch jetzt nöthig, um die Mängel Mordaunt's +und Delamere's zu übertragen.[21] + + [Anmerkung 21: +London Gazette, March 11. 1688/89.+] + + +[_Das große Siegel._] Die Verleihung des großen Siegels hatte einige +Schwierigkeiten. Der König wünschte es zuerst Nottingham anzuvertrauen, +dessen Vater es mehrere Jahre mit großer Auszeichnung geführt hatte.[22] +Nottingham aber lehnte es ab, und es wurde deshalb Halifax angetragen, +der es ebenfalls ablehnte. Beide Lords fühlten ohne Zweifel, daß dies +ein Amt sei, das sie nicht mit Ehren für sich selbst und mit Nutzen für +den Staat verwalten konnten. In alten Zeiten war das Staatssiegel zwar +größtentheils in den Händen von Nichtjuristen gewesen. Selbst noch im +siebzehnten Jahrhundert hatten es zwei ausgezeichnete Männer geführt, +welche in keinem Rechtscollegium studirt hatten. Dechant Williams war +Lordsiegelbewahrer Jakob's I., Shaftesbury Lordkanzler Karls II. +gewesen; aber solche Ernennungen konnten nicht länger ohne ernste +Nachtheile stattfinden. Die Billigkeit hatte sich allmälig zu einer +verwickelten Wissenschaft ausgebildet, welche kein menschlicher Verstand +ohne lange und angestrengte Studien ausüben konnte, selbst Shaftesbury +hatte bei all' seinem scharfen Verstande seinen Mangel an technischen +Kenntnissen schmerzlich gefühlt,[23] und während der fünfzehn Jahre, +welche verstrichen waren, seitdem er das Siegel niedergelegt, waren +diese technischen Kenntnisse seinen Nachfolgern immer nothwendiger +geworden. Daher wagte es weder Nottingham, obwohl er einen Schatz +juristischer Kenntnisse besaß, wie man ihn selten bei einem Manne +findet, der die Rechtswissenschaft nicht studirt hat, noch Halifax, +obgleich er bei den Gerichtssitzungen des Hauses der Lords oft die +Versammlung durch sein treffendes Urtheil und durch seine scharfe Logik +in Erstaunen gesetzt, das höchste Amt, das ein englischer Laie bekleiden +kann, anzunehmen. Nach langem Zaudern wurde das Siegel einer Commission +von ausgezeichneten Juristen, mit Maynard an der Spitze, übertragen.[24] + + [Anmerkung 22: Ich habe mich an die mir am wahrscheinlichsten + dünkende Erzählung der Sache gehalten. Man ist aber in Zweifel + gewesen, ob Nottingham aufgefordert wurde, Kanzler, oder nur + erster Commissar des großen Siegels zu werden. Vergleiche Burnet, + II. 3, und Boyer's +History of William, 1702+. Narcissus Luttrell + spricht zu wiederholten Malen, sogar noch am Schlusse des Jahres + 1692, von Nottingham als muthmaßlichem Kanzler.] + + [Anmerkung 23: Roger North erzählt einen ergötzlichen Fall von + Shaftesbury's Verlegenheit.] + + [Anmerkung 24: +London Gazette, March 4. 1688/89.+] + + +[_Die Richter._] Die Wahl der Richter machte der neuen Regierung Ehre. +Jedes Mitglied des Geheimraths wurde aufgefordert eine Liste +einzureichen. Diese Listen wurden miteinander verglichen und zwölf +Männer von hervorragendem Talent und Verdienst ausgewählt.[25] Pollexfen +hatte in Folge seiner juristischen Kenntnisse und seiner whiggistischen +Grundsätze Anspruch auf den höchsten Platz. Aber man erinnerte sich, +daß er in den westlichen Grafschaften bei den Assisen, welche auf die +Schlacht von Sedgemoor folgten, als Commissar der Krone fungirt hatte. +Es geht zwar aus den Berichten über die Untersuchungen hervor, daß er, +wenn er überhaupt von der Krone bevollmächtigt war, so wenig that als er +konnte und daß er es den Richtern überließ, Zeugen und Gefangene +einzuschüchtern. Dessenungeachtet aber war sein Name in der öffentlichen +Meinung mit den blutigen Assisen untrennbar verbunden. Er konnte daher +nicht füglich an die Spitze des höchsten Criminalgerichtshofes gestellt +werden.[26] Nachdem er einige Wochen als Generalfiskal fungirt, ward er +zum Oberrichter der Common Pleas ernannt. Sir John Holt, ein noch junger +Mann, aber ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit, Rechtschaffenheit und +Muth, wurde Oberrichter der King's Bench, Sir Robert Atkyns, ein +ausgezeichneter Jurist, der einige Jahre in ländlicher Zurückgezogenheit +zugebracht, der aber in Westminster Hall noch immer eines großen Rufes +genoß, wurde zum ersten Baron[27] ernannt. Powell, der wegen seiner +ehrenwerthen Erklärung zu Gunsten der Bischöfe abgesetzt worden war, +nahm seinen Sitz unter den Richtern wieder ein. Treby wurde Pollexfen's +Nachfolger als Generalfiskal, und Somers wurde zum Prokurator +ernannt.[28] + + [Anmerkung 25: +Burnet II. 5.+] + + [Anmerkung 26: +The Protestant Mask taken off from the Jesuited + Englishman, 1692+.] + + [Anmerkung 27: Die Richter der Schatzkammer werden Barons genannt. + Der Übersetzer.] + + [Anmerkung 28: Diese Ernennungen wurden erst am 6. Mai in der + Gazette bekannt gemacht, einige derselben aber waren schon früher + erfolgt.] + + +[_Der Hofstaat._] Zwei der höchsten Ämter im königlichen Hofstaate +wurden mit zwei englischen Cavalieren besetzt, welche ganz geeignet +waren, die Zierde eines Hofes zu werden. Der hochherzige und +kenntnißreiche Devonshire ward zum Obersthofmeister ernannt. Niemand +hatte in der entscheidenden Crisis für England mehr gethan und gewagt. +Indem er England's Freiheiten wiederhergestellt, hatte er auch das +Vermögen seines eigenen Hauses wiedererlangt. Seine Schuldverschreibung +über dreißigtausend Pfund wurde unter den Papieren gefunden, welche +Jakob in Whitehall zurückgelassen, und von Wilhelm vernichtet.[29] + +Dorset wurde Lordkammerherr und verwendete den Einfluß und das Patronat +seiner Stellung, wie schon seit langer Zeit seine Privatmittel, zur +Aufmunterung des Genies und zur Linderung des Mißgeschicks. Eine der +ersten Maßregeln, die er zu ergreifen gezwungen war, muß einem Mann von +so edlem Charakter und so warmer Theilnahme für alles Ausgezeichnete in +Künsten und Wissenschaften, sehr schmerzlich gewesen sein. Dryden konnte +nicht länger Hofdichter bleiben. Das Publikum würde es nicht geduldet +haben, unter den Dienern Sr. Majestät einen Papisten zu sehen, und +Dryden war nicht nur ein Papist, sondern ein Apostat. Außerdem hatte er +die Schuld seines Glaubensabfalls noch dadurch erschwert, daß er die +Kirche, die er verlassen, verleumdet und verspottet hatte. Er hatte sie, +wie man scherzweise sagte, behandelt, wie die heidnischen Verfolger des +Alterthums ihre Kinder behandelten. Er hatte sie in die Haut eines +wilden Thieres gekleidet und sie dann zur öffentlichen Belustigung +gehetzt.[30] Er wurde entlassen, erhielt aber von der Privatgüte des +freigebigen Kammerherrn eine seinem zurückgezogenen Gehalt +gleichkommende Pension. Dessenungeachtet fuhr der abgesetzte +poeta +laureatus+, der eben so arm an Edelsinn wie reich an Geistesgaben war, +Jahr aus Jahr ein fort, den nicht erlittenen Verlust zu beklagen, bis +endlich sein Gejammer Äußerungen wohlverdienter Verachtung von Seiten +ehrenwerther Jakobiten hervorrief, welche ihren Grundsätzen Alles +aufgeopfert hatten, ohne deshalb ein bittendes oder klagendes Wort laut +werden zu lassen.[31] + +Im königlichen Hofstaat wurden auch einige von den holländischen +Edelleuten angestellt, die sich der besonderen Gunst des Königs +erfreuten. Bentinck bekam das hohe Amt des ersten Kammerherrn mit einem +jährlichen Gehalt von fünftausend Pfund; Zulestein erhielt die +Oberaufsicht über die königliche Garderobe, und Oberstallmeister ward +Auverquerque, ein tapferer Soldat, der das Blut der Nassau und das Blut +der Horn in sich vereinigte und der mit gerechtem Stolze ein kostbares +Schwert trug, welches ihm die Generalstaaten in Anerkennung des Muthes +verliehen hatten, mit dem er an dem blutigen Tage von Saint-Denis +Wilhelm das Leben gerettet. + +Das Amt des Vicekammerherrn der Königin wurde einem Manne zu Theil, der +sich eben erst im öffentlichen Leben bemerkbar gemacht hatte und dessen +Name in der Geschichte dieser Regierung häufig vorkommen wird. Johann +Howe, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde, Jack Howe, war von dem +Burgflecken Cirencester zur Convention gesandt worden. Seine äußere +Erscheinung war die eines Mannes, dessen Körper durch die unablässige +Thätigkeit eines ruhelosen und reizbaren Geistes aufgerieben worden. Er +war lang, hager und bleich, und sein unruhiges, stechendes Auge hatte +einen Ausdruck von Wildheit und Verschlagenheit. Er war seit mehreren +Jahren als kleiner Dichter bekannt, und einige der zügellosesten +Spottlieder, welche in den Kaffeehäusern circulirten, wurden ihm +zugeschrieben. Im Hause der Gemeinen aber entfalteten sich seine Talente +wie sein giftiges Wesen am auffallendsten. Er war noch keine drei Wochen +Mitglied desselben, als er sich schon durch seine Sprachgewandtheit, +seine beißende Schärfe und seine Hartnäckigkeit bemerkbar gemacht hatte. +Scharfsinn, Energie und Kühnheit erhoben ihn bald zu dem Range eines +bevorzugten Menschen. Seine Feinde -- und er hatte viele Feinde -- +sagten jedoch, daß er seine persönliche Sicherheit selbst in der +heftigsten Aufregung nicht aus den Augen lasse und die Soldaten mit +einer Rücksicht behandle, die er gegen Damen oder Bischöfe niemals +zeige. Aber Niemand besaß in größerem Maße den gefährlichen Muth, +der dem Widerwillen und dem Hasse trotzt und sogar darum buhlt. Keine +Schicklichkeitsgründe vermochten ihn in Schranken zu halten, sein Haß +war unversöhnlich, und er besaß eine merkwürdige Geschicklichkeit darin, +die schwachen Seiten starker Geister herauszufinden. Alle seine großen +Zeitgenossen fühlten gelegentlich seinen Stachel. Einmal schlug dieser +Stachel eine Wunde, die sogar Wilhelm aus seiner ruhigen Fassung brachte +und ihm die Äußerung entlockte, daß er wohl wünschte ein Privatmann zu +sein, damit er Mr. Howe zu einer kurzen Unterredung hinter Montague +House einladen könne. Gegenwärtig jedoch gehörte Howe zu den eifrigsten +Stützen der neuen Regierung und richtete alle seine Sarkasmen und +Ausfälle gegen die Mißvergnügten.[32] + + [Anmerkung 29: Kennet's +Funeral Sermon on the first Duke of + Devonshire+, und +Memoirs of the Family of Cavendish, 1708+.] + + [Anmerkung 30: Siehe ein Gedicht betitelt: +A Votive Tablet to the + King and Queen+.] + + [Anmerkung 31: Siehe Prior's Widmung seiner Gedichte an Dorset's + Sohn und Nachfolger, und Dryden's +Essay on Satire+ als Einleitung + zu den Übersetzungen aus Juvenal. In Collier's +Short View of + the Stage+ wird Dryden's weibische Klagsucht bitter verhöhnt. + In Blackmore's +Prince Arthur+, ein Gedicht, das bei aller + seiner Werthlosigkeit einige interessante Anspielungen auf + zeitgenössische Personen und Dinge enthält, kommen folgende + Strophen vor: + + Der Dichter Chor an seiner Thüre stand + Und harrt' der milden Spende seiner Hand. + Auch Laurus zeigt sich in dem magren Schwarm, + Der alte Barde voller Groll und Harm; + Verlangt Gehör und drängt und stößt mit Fuß und Arm. + Das Haus Sakil's, der Musen Schloß, erklang + Von endlosem Geschrei und lautem Sang. + Dem guten Sakil selbst Laurus gern seinen Segen schenkt, + Doch Sakil's Fürst und Gott er stets mit Flüchen nur bedenkt, + Sakil ohn' Unterschied sein Brot vertheilt, + Den Schmeichler hasset er, des Dichters Noth er heilt. + + Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß Sakil Sackville und daß + Laurus eine Umschreibung des bekannten Spottnamens Bayes ist.] + + [Anmerkung 32: Kaum ein andrer Mann der damaligen Zeit wird in + Flugschriften und Satiren häufiger erwähnt als Howe. In der + berüchtigten +Petition of Legion+ wird er »das schamlose Ärgerniß + der Parlamente« genannt. Merkwürdig ist auch was Mackay über ihn + sagt. In einem 1690 geschriebenen Gedicht, daß ich nur als + Manuscript gesehen habe, kommt folgende Stelle vor. + + »Zuerst Jack Howe mit seinem furchtbaren Talent; + Glücklich das Weib, das seinem Spottlied entgeht; + Gegen die Damen sein Muth keine Grenzen kennt; + Vor dem Dragoner er mit gezogenem Hute steht.«] + + +[_Untergeordnete Ernennungen._] Die niederen Stellen bei allen +öffentlichen Ämtern wurden unter beide Parteien vertheilt; der größere +Antheil aber kam auf die Whigs. Einige Personen, die dem Namen Whig +wenig Ehre machten, wurden in der That glänzend für Dienste belohnt, +die kein braver Mann geleistet haben würde. Wildman wurde zum +Generalpostmeister ernannt, und Ferguson erhielt eine einträgliche +Sinekure bei der Steuererhebung. Das Amt des Schatz-Prokurators war eben +so wichtig als verhaßt. Dieser Beamte hatte politische Prozesse zu +führen, die Beweise zu sammeln, den Anwalt der Krone zu instruiren, +dafür zu sorgen, daß die Gefangenen nicht gegen ungenügende Bürgschaft +in Freiheit gesetzt wurden, und darauf zu sehen, daß die Juries nicht +aus regierungsfeindlichen Personen zusammengesetzt wurden. Zu den Zeiten +Karl's und Jakob's waren die Schatz-Prokuratoren mit nur zu gutem Grunde +beschuldigt worden, daß sie gegen dem Hofe mißliebige Personen die +empörendsten Chikanen anwendeten. Die neue Regierung hätte hier eine +Wahl treffen sollen, die über jeden Verdacht erhaben war. Leider +entschieden sich Mordaunt und Delamere für Aaron Smith, einen hämischen +und characterlosen Politiker, der in den Tagen der papistischen +Verschwörung der Rechtsbeistand des Titus Oates und in das +Ryehousecomplot tief verwickelt gewesen war. Richard Hampden, ein Mann +von entschiedenen Ansichten, aber von gemäßigter Gesinnung, erhob +Einwendungen gegen diese Ernennung. Aber seine Einwürfe wurden nicht +beachtet. Die Jakobiten, welche Smith haßten und auch Ursache dazu +hatten, behaupteten er habe seine Stelle dadurch erlangt, daß er den +Lords des Schatzes die Hölle heiß gemacht, und besonders ihnen gedroht +habe, es würde Hampden das Leben kosten, wenn sie seine (Smith's) +gerechten Ansprüche nicht befriedigten.[33] + + [Anmerkung 33: +Sprat's True Account+; +Letter to Chief Justice + Holt, 1694+; +Letter to Secretary Trenchard, 1694.+] + + +[_Die Convention in ein Parlament verwandelt._] Es vergingen einige +Wochen, ehe die vorerwähnten Ernennungen öffentlich bekannt gemacht +wurden, und währenddem hatte sich viel Wichtiges ereignet. Sobald der +neue Geheimrath vereidigt war, mußte demselben eine ernste und +dringliche Frage vorgelegt werden. Konnte die gegenwärtig tagende +Convention in ein Parlament verwandelt werden? Die Whigs, welche eine +überwiegende Majorität im Unterhause hatten, waren sämmtlich für die +Bejahung dieser Frage. Die Tories dagegen, welche wußten, daß die +öffentliche Stimmung sich während des letzten Monats bedeutend verändert +hatte, und von einer allgemeinen Wahl eine ansehnliche Verstärkung +hofften, waren für die Verneinung. Sie behaupteten, daß zum Bestehen +eines Parlaments königliche Ausschreiben unerläßlich seien. Die +Convention sei nicht durch solche Ausschreiben einberufen worden und +dieser ursprüngliche Mangel könne jetzt nicht nachgeholt werden; daher +seien die beiden Häuser bloße Privatklubbs und müßten sofort +auseinandergehen. + +Darauf wurde ihnen erwiedert, das königliche Ausschreiben sei eine bloße +Formalität und es würde der unvernünftigste Irrwahn sein, wenn man um +einer hohlen Form willen das Wesen unserer Gesetze und Freiheiten +bedenklichen Zufällen aussetzen wollte. Wo immer man den Souverain, die +geistlichen und weltlichen Peers und die von den Wahlkörpern des Reichs +frei gewählten Volksvertreter versammelt sähe, habe man das Wesen eines +Parlaments. Ein solches Parlament sei jetzt da, und könne es wohl etwas +Thörichteres geben, als es zu einem Zeitpunkte aufzulösen, wo jede +Stunde kostbar sei, wo zahlreiche wichtige Angelegenheiten sofortige +gesetzmäßige Erledigung verlangten, und wo dem Staate Gefahren drohten, +welche nur durch die vereinten Anstrengungen des Königs, der Lords und +der Gemeinen abgewendet werden könnten? Ein Jakobit könne sich +allerdings aus haltbaren Gründen weigern, diese Convention als ein +Parlament anzuerkennen, denn er sei der Ansicht, daß sie von vornherein +eine ungesetzliche Versammlung gewesen, daß alle ihre Beschlüsse +ungültig und die Souveraine, die sie eingesetzt, Usurpatoren seien. +Mit welcher Consequenz aber könne irgend einer von Denen, welche +behaupteten, es müsse unverweilt durch Ausschreiben unter dem großen +Siegel Wilhelm's und Marien's ein neues Parlament einberufen werden, +die Autorität in Frage stellen, welche Wilhelm und Marien auf den Thron +gesetzt habe? Wer Wilhelm als rechtmäßigen König ansähe, müsse +nothwendig auch die Körperschaft von der dieser König sein Recht habe, +als rechtmäßigen Großen Rath des Landes betrachten. Nach dem nämlichen +Grundsatze könnten Diejenigen, welche ihn zwar nicht als einen +rechtmäßigen König betrachteten, aber doch der Überzeugung seien, +daß sie ihm als factischen Könige den Huldigungseid leisten dürften, +sicherlich auch die Convention als ein factisch bestehendes Parlament +anerkennen. Es liege auf der Hand, daß die Convention die Urquelle sei, +aus der die Autorität aller zukünftigen Parlamente abgeleitet werden und +daß von der Rechtsgültigkeit der Beschlüsse der Convention die +Rechtsgültigkeit jedes zukünftigen Gesetzes abhängen müsse. Wie könne +der Strom höher steigen als die Quelle? Sei es nicht eine Absurdität, +wenn man behaupten wolle, die Convention sei die höchste Macht im +Staate, und doch eine Null, sie sei eine Legislatur für den höchsten +aller Zwecke, und doch keine Legislatur für die geringfügigsten Zwecke; +sie sei befugt, den Thron für erledigt zu erklären, die Thronfolge +abzuändern, die Grenzen der Verfassung zu bestimmen, und doch nicht +befugt, die unbedeutendste Verordnung zur Ausbesserung eines Hafendammes +oder zur Erbauung einer Pfarrkirche zu erlassen? + +Diese Argumente würden selbst dann von großem Gewicht gewesen sein, wenn +alle Präcedenzfälle für die entgegengesetzte Meinung gesprochen hätten. +In der That aber bot unsre Geschichte nur einen Fall dar, welcher +überhaupt hier angezogen werden konnte, und dieser Fall sprach +entschieden zu Gunsten des Satzes, daß königliche Ausschreiben zum +Bestehen eines Parlaments nicht unbedingt nöthig seien. Kein königliches +Ausschreiben hatte die Convention einberufen, welche Karl II. +zurückrief. Gleichwohl war jene Convention noch nach seiner Restauration +beisammen geblieben, hatte Gesetze gegeben, das Budget aufgestellt, eine +Amnestieacte erlassen und die Lehnsdienstleistungen abgeschafft. Diese +Maßnahmen waren durch eine Autorität sanctionirt worden, von der keine +Partei im Staate ohne Ehrerbietung sprechen konnte. Hale hatte +wesentlichen Theil daran genommen und hatte stets behauptet, daß sie +streng gesetzlich seien. Auch Clarendon, so wenig er geneigt war, irgend +eine, die Rechte der Krone oder das Ansehen des Siegels, dessen Bewahrer +er war, beeinträchtigende Doctrin zu begünstigen, hatte erklärt, daß, +wenn Gott der Nation zu einem äußerst kritischen Zeitpunkte ein gutes +Parlament gegeben habe, es die größte Thorheit sein würde, technische +Mängel in dem Instrument zu suchen, durch welches ein solches Parlament +zusammenberufen sei. Konnte irgend ein Tory behaupten, daß die +Convention von 1660 ehrwürdigeren Ursprungs gewesen sei als die von +1689? War ein Schreiben, das der erste Prinz von Geblüt auf Ansuchen der +gesammten Pairie und Hunderter von Gentlemen, welche Grafschaften und +Städte vertraten, erlassen hatte, nicht eine mindestens eben so gute +Vollmacht als ein Beschluß des Rumpfparlaments? + +Schwächere Gründe als diese würden den Whigs, welche die Majorität des +Geheimen Raths bildeten, genügt haben. Der König begab sich demnach am +fünften Tage nach seiner Proklamirung mit königlichem Gepränge in das +Haus der Lords und nahm seinen Sitz auf dem Throne ein. Die Gemeinen +wurden hereingerufen und er erinnerte nun seine Zuhörer mit vielen +huldvollen Ausdrücken an die gefährliche Lage des Landes, und ermahnte +sie, diejenigen Schritte zu thun, welche unnöthigen Verzögerungen im +Gange der Staatsgeschäfte vorbeugen könnten. Seine Rede wurde von den +zahlreich versammelten Gentlemen mit dem leisen Gemurmel aufgenommen, +durch welches unsere Vorfahren ihren Beifall zu erkennen zu geben +pflegten und das oft an geheiligteren Stätten als die Kammer der Peers +war, gehört wurde.[34] Sobald er sich wieder entfernt hatte, wurde eine +die Convention für ein Parlament erklärende Bill auf den Tisch der Lords +gelegt und ohne weiteres von ihnen angenommen. Bei den Gemeinen dagegen +gab es eine heiße Debatte. Das Haus erklärte sich zu einem Comité, +und die Aufregung war so groß daß, nachdem die Autorität des Sprechers +beseitigt war, die Ordnung kaum noch aufrecht erhalten werden konnte. Es +wurden scharfe persönliche Ausfälle gewechselt. Der Ausruf »Hört ihn!« +den man ursprünglich nur zur Dämpfung ordnungswidrigen Geräusches und um +die Mitglieder daran zu erinnern, daß es ihre Pflicht sei, der +Discussion aufmerksam zu folgen, gebraucht hatte, war nach und nach das +geworden was er jetzt ist, nämlich ein Ausruf, welcher je nach der +Betonung, die man ihm gab, Bewunderung, Zustimmung, Entrüstung oder Hohn +ausdrückte. Bei dieser Gelegenheit riefen die Whigs so geräuschvoll +Hört! Hört! daß die Tories sich über Unschicklichkeit beklagten. +Seymour, der Führer der Minorität, erklärte, daß von Freiheit der +Debatte nicht mehr die Rede sein könne, wenn solcher Lärm geduldet +werde. Einige alte whiggistische Mitglieder fühlten sich dadurch +veranlaßt, ihn zu erinnern, daß, wenn er den Vorsitz führte, zuweilen +ein gleiches Geschrei gehört und nicht verboten worden sei. So gereizt +und erbittert indeß beide Parteien auch waren, bekundeten doch die +beiderseitigen Reden die hohe Achtung vor Gesetz und verjährtem Recht, +welche seit langer Zeit ein characteristischer Zug der Engländer ist und +die, wenn sie auch zuweilen in Pedanterie und Aberglauben ausartet, +immerhin ihr Gutes hat. Selbst in dieser wichtigen Krisis, als die +Nation sich noch in der Gährung einer Revolution befand, erörterten +unsere Staatsmänner ausführlich und ernst alle Umstände, welche bei der +Absetzung Eduard's II. und Richard's II. obgewaltet, und untersuchten +mit ängstlicher Genauigkeit, ob die Versammlung, welche, mit dem +Erzbischof Lanfranc an der Spitze, Robert von der Normandie vom Throne +ausschloß und Wilhelm den Rothen darauf setzte, nachher noch fortfuhr, +als gesetzgebender Körper des Landes zu wirken oder nicht. Es wurde viel +über die Geschichte der Ausschreiben, viel über die Etymologie des +Wortes Parlament gesagt. Bemerkenswerth ist es, daß der alte Maynard +derjenige Redner war, der die Sache von dem staatsmännischsten +Gesichtspunkte auffaßte. Er hatte während der bürgerlichen Zwistigkeiten +von fünfzig ereignißvollen Jahren gelernt, daß Fragen, welche die +höchsten Interessen des Staats berührten, nicht durch Wortklaubereien +und durch Brocken von juristischem Französisch und juristischem +Latein entschieden werden konnten, und da er anerkanntermaßen der +scharfsinnigste und gelehrteste englische Jurist war, durfte er seine +Gedanken und Gesinnungen unumwunden aussprechen, ohne Gefahr zu laufen, +der Ignoranz oder Anmaßung beschuldigt zu werden. Er verwarf die ganze +Büchergelehrsamkeit, welche einige in solchen Dingen weit weniger +erfahrene Männer als er in die Discussion gezogen hatten, als kleinlich +und übel angebracht. »Wir stehen,« sagte er, »in diesem Augenblicke +nicht auf dem gebahnten Wege. Wenn wir daher entschlossen sind, nur auf +diesem Wege fortzugehen, so werden wir gar nicht vorwärts kommen. Wer in +einer Revolution sich vornimmt, nichts zu thun was nicht streng der +herkömmlichen Form gemäß ist, gleicht einem Menschen, der sich in der +Wildniß verirrt hat und beständig nur ruft: Wo ist die Landstraße? +ich will nur auf der Landstraße gehen! -- In einer Wildniß muß man +denjenigen Weg einschlagen, auf dem man nach Hause gelangt. In einer +Revolution müssen wir das höchste Gesetz, das Wohl des Staates, zur +Richtschnur nehmen.« Ein andrer Rundkopfveteran, der Oberst Birch, +sprach in gleichem Sinne und argumentirte mit großer Gewandtheit und +Schärfe aus dem Präcedenzfalle von 1660. Seymour und seine Anhänger +wurden im Comité geschlagen und wagten es nicht, das Haus über den +Bericht abstimmen zu lassen. Die Bill ging rasch durch und erhielt am +zehnten Tage nach Wilhelm's und Mariens Thronbesteigung die königliche +Zustimmung.[35] + + [Anmerkung 34: Van Citters, 19. Febr. (1. März) 1688/89.] + + [Anmerkung 35: +Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 1+. Siehe die + Protokolle der beiden Häuser und +Grey's Debates+. Die + Beweisführung zu Gunsten der Bill ist in der Pariser Gazette vom + 5. und 12. März 1689 gut zusammengefaßt.] + + +[_Die Mitglieder der beiden Häuser werden aufgefordert die Eide zu +leisten._] Das Gesetz, welches die Convention in ein Parlament +verwandelte, enthielt einen Paragraphen, welcher bestimmte, daß nach dem +1. März in keinem der beiden Häuser Jemand Sitz und Stimme haben solle, +der nicht dem neuen Königspaare den Huldigungseid geleistet habe. Diese +Verordnung brachte die ganze Gesellschaft in große Aufregung. Die +Anhänger der verbannten Dynastie hofften und sagten mit Bestimmtheit +voraus, daß die Eidverweigerer zahlreich sein würden. Die Minorität in +beiden Häusern, meinten sie, werde der Sache der erblichen Monarchie +treu bleiben. Es werde vielleicht hier und da einen Verräther geben, die +große Masse Derer aber, welche für eine Regentschaft gestimmt hatten, +werde fest bleiben. Zwei Bischöfe höchstens würden die Usurpatoren +anerkennen. Seymour werde sich eher aus dem öffentlichen Leben +zurückziehen, als seinen Grundsätzen untreu werden, Grafton habe sich +schon vorgenommen, nach Frankreich zu entfliehen und seinem Oheim zu +Füßen zu fallen. Solche Gerüchte machten während der letzten Hälfte des +Februar durch alle Kaffeehäuser die Runde. Die Aufregung im Publikum war +so groß, daß, wenn ein angesehener Mann zwei Tage hintereinander an +seinen gewohnten Aufenthaltsorten vermißt wurde, man sich gleich +zuraunte, er sei nach Saint-Germains entwichen.[36] + +Der zweite März kam heran und das Resultat schlug die Befürchtungen der +einen Partei nieder und zerstörte die Hoffnungen der andren. Der Primas +hielt sich zwar mit einigen seiner Suffraganen beharrlich fern, aber +drei Bischöfe und dreiundsiebzig weltliche Peers leisteten die Eide. +Bei der nächsten Sitzung des Oberhauses fanden sich noch einige Prälaten +mehr ein; kurz, binnen einer Woche hatten ungefähr hundert Lords die +Bedingungen zur Einnahme ihrer Plätze erfüllt. Andere, welche durch +Krankheit verhindert waren zu erscheinen, sandten Entschuldigungen und +Versicherungen ihrer Anhänglichkeit an Ihre Majestäten. Grafton +widerlegte alle über ihn in Umlauf gebrachten Märchen, indem er gleich +am ersten Tage zur Eidesleistung erschien. Zwei Mitglieder der +kirchlichen Commission, Mulgrave und Sprat, beeilten sich ihren Fehler +dadurch gut zu machen, daß sie Wilhelm Treue und Gehorsam schworen. +Beaufort, der lange als Typus eines Royalisten der alten Schule gegolten +hatte, unterwarf sich nach kurzem Schwanken. Aylesbury und Dartmouth, +obwohl zwei heftige Jakobiten, trugen eben so wenig Bedenken, den +Huldigungseid zu leisten, als sie nachher Bedenken trugen, ihn zu +brechen.[37] Die Hyde schlugen verschiedene Richtungen ein. Rochester +fügte sich dem Gesetz; Clarendon aber zeigte sich widerspenstig. Viele +fanden es sonderbar, daß der Bruder, der so lange zu Jakob gehalten, bis +dieser flüchtete, sich weniger hartnäckig erwies, als der Bruder, der im +holländischen Lager gewesen war. Die Erklärung ist vielleicht darin zu +suchen, daß Rochester durch Verweigerung der Eide viel mehr verloren +haben würde als Clarendon. Clarendon's Einkünfte hingen nicht vom +Belieben der Regierung ab; Rochester aber hatte einen Jahrgehalt von +viertausend Pfund, den er fortzubeziehen nicht hoffen durfte, wenn er +sich weigerte, das neue Herrscherpaar anzuerkennen. Er hatte in der That +so viele Feinde, daß es sogar einige Monate zweifelhaft schien, ob man +ihm unter irgend welchen Bedingungen die glänzende Belohnung lassen +werde, die er sich durch Verfolgung der Whigs und durch einen Sitz in +der Hohen Commission erworben hatte. Vor diesem harten Schlage für seine +Vermögensumstände wurde er durch die Verwendung Burnet's bewahrt, den er +schwer beleidigt und der sich jetzt rächte wie es einem christlichen +Priester ziemte.[38] + +Im Unterhause wurden am zweiten März vierhundert Mitglieder vereidigt, +darunter auch Seymour. Durch seinen Abfall ward der Muth der Jakobiten +gebrochen, und die Minorität folgte mit sehr wenigen Ausnahmen seinem +Beispiele.[39] + + [Anmerkung 36: Van Citters sowohl als Ronquillo erwähnen die + ängstliche Spannung, welche bis zum Bekanntwerden des Resultats in + London herrschte.] + + [Anmerkung 37: +Lords' Journals, March 1688/89+.] + + [Anmerkung 38: Siehe die Briefe, welche Rochester und Lady + Ranelagh bei dieser Gelegenheit an Burnet schrieben.] + + [Anmerkung 39: +Commons' Journals, March 2. 1688, 89+. Ronquillo + schrieb: +»Es de gran consideracion que Seimor haya tomado el + juramento; porque es el arrengador y el director principal, en la + casa de los Comunes, de los Anglicanos.«+ 8.(18.) März 1688/89.] + + +[_Fragen bezüglich des Einkommens._] Schon vor dem zur Eidesabnahme +bestimmten Tage hatten die Gemeinen eine wichtige Frage zu berathen +begonnen, welche keinen Aufschub gestattete. Während des Interregnums +hatte Wilhelm als provisorisches Haupt der Verwaltung die Steuern +erhoben und sie für den Staatsdienst verwendet, ein Verfahren, dessen +Angemessenheit von Niemandem, der die Revolution billigte, bestritten +werden konnte. Jetzt aber war die Revolution vorüber, der Thron war +wieder besetzt, die Häuser waren versammelt, das Gesetz war in voller +Kraft, und es wurde nöthig, ohne Verzug zu entscheiden, zu welchem +Einkommen die Regierung berechtigt war. + +Niemand leugnete, daß alle Ländereien und erblichen Besitzungen der +Krone mit dieser auf die neuen Herrscher übergegangen waren. Eben so +wenig leugnete Jemand, daß alle Einkünfte, welche der Krone auf eine +bestimmte Anzahl Jahre bewilligt worden, verfassunggemäß bis zum Ablauf +des Termins beansprucht werden durften. Allein das Parlament hatte Jakob +große Revenüen auf Lebenszeit verwilligt und ob diese von Wilhelm und +Marien in Anspruch genommen werden konnten, so lange Jakob noch lebte, +das war eine Frage, über welche die Ansichten getheilt waren. + +Holt, Treby, Pollexfen und überhaupt alle angesehenen Whigjuristen, mit +Ausnahme Somers', meinten, diese Einkünfte seien dem vorigen Könige in +seiner politischen Eigenschaft, aber auf seine natürliche Lebenszeit, +bewilligt worden, und sie seien daher, so lange er in einem fremden +Lande zubringe, an Wilhelm und Marien zu bezahlen. Aus einem sehr +gedrängten und unzusammenhängenden Berichte über die Debatte geht +hervor, daß Somers von dieser Ansicht abwich. Er war der Meinung, daß, +wenn die Parlamentsacte, welche die in Rede stehenden Abgaben +aufgebürdet, ihrem Geiste nach ausgelegt würde, das Wort Leben als +gleichbedeutend mit dem Worte Regierung betrachtet werden müsse, und daß +sonach die Frist, auf welche diese Abgaben der Krone bewilligt worden, +erloschen sei. Dies war unzweifelhaft die richtige Meinung, denn es war +geradezu widersinnig, Jakob's Interesse bei dieser Verwilligung als zu +gleicher Zeit mit seiner Person und auch mit seinem Amte verknüpft zu +betrachten, in einem Athem zu sagen, die Kaufleute von London und +Bristol müßten Geld hergeben, weil er physisch noch lebe, und seine +Nachfolger müßten dieses Geld bekommen, weil er politisch todt sei. Das +Haus theilte entschieden die Ansicht Somers'. Die Mitglieder waren im +Allgemeinen für die Vornahme einer großen Reform, denn man sah ein, daß +ohne eine solche die Rechtserklärung nur eine unvollkommene Garantie für +die öffentliche Freiheit sein würde. Während des Kampfes, den fünfzehn +aufeinanderfolgende Parlamente gegen vier aufeinanderfolgende Könige +geführt, war die Macht des Geldes die Hauptwaffe der Gemeinen gewesen, +und wenn sich die Vertreter des Volks einmal verleiten ließen, diese +Waffe aufzugeben, hatten sie jedesmal sehr bald Ursache gehabt, ihre +allzu leichtgläubige Loyalität zu bereuen. In der Zeit der stürmischen +Freude, welche auf die Restauration folgte, war Karl II. fast durch +Acclamation ein großes Einkommen auf Lebenszeit bewilligt worden. Doch +schon nach einigen Monaten gab es kaum einen ehrenwerthen Cavalier im +Lande, der sich nicht gesagt hätte, daß die Zahlmeister der Nation +weiser gehandelt haben würden, wenn sie die Mittel zur Abstellung der +Mißbräuche, welche alle Zweige der Verwaltung schändeten, in ihrer Hand +behalten hätten. Jakob II. hatte von seinem unterwürfigen Parlamente +ohne eine opponirende Stimme ein Einkommen erlangt, welches hingereicht +haben würde, die gewöhnlichen Staatsausgaben für seine ganze Lebenszeit +zu bestreiten, und noch ehe er dieses Einkommen ein halbes Jahr +genossen, machte sich die Mehrzahl Derer, welche so freigebig gegen ihn +gewesen, bittere Vorwürfe wegen ihrer Liberalität. Wenn man der +Erfahrung, einer langen und schmerzlichen Erfahrung, trauen durfte, so +gab es keine wirksame Sicherheit gegen schlechte Verwaltung, sobald der +Souverain nicht genöthigt war, sich öfters an seinen Großen Rath um +Geldunterstützung zu wenden. Fast alle rechtschaffenen und +einsichtsvollen Männer stimmten daher darin überein, daß wenigstens ein +Theil der Zuschüsse nur auf kurze Termine verwilligt werden dürften. Und +welcher Zeitpunkt war wohl geeigneter zur Einführung dieses neuen Modus +als das Jahr 1689, der Anfang einer neuen Regierung, einer neuen +Dynastie, einer neuen Ära in der constitutionellen Verwaltung? Die +Meinung über diesen Gegenstand war so mächtig und allgemein, daß die +abweichende Minorität nachgab. Es wurde zwar kein formeller Beschluß +gefaßt, aber das Haus verfuhr nach der Annahme, daß die Jakob auf +Lebenszeit bewilligten Einkünfte durch seine Abdankung aufgehoben +seien.[40] + +Es war unmöglich, ohne Untersuchung und Berathung eine neue Feststellung +des Einkommens vorzunehmen. Die Schatzkammer wurde daher angewiesen, die +nöthigen Vorlagen zu beschaffen, welche das Haus in den Stand setzten, +die öffentlichen Ausgaben und Einnahmen abzuschätzen. Inzwischen wurde +den augenblicklichen Bedürfnissen des Staats mit geziemender Liberalität +genügt. Eine durch directe monatliche Besteurung zu erhebende +außerordentliche Unterstützung wurde dem Könige gewährt. Es wurde eine +Verordnung erlassen, welche alle Diejenigen, die seit seiner Landung in +seinem Namen die Jakob zugesprochenen Abgaben erhoben, für schuldlos +erklärte, und die erloschenen Abgaben wurden noch auf einige Monate +verlängert. + + [Anmerkung 40: +Grey's Debates, Febr. 25, 26, 27. 1688/89.+] + + +[_Abschaffung der Herdsteuer._] Auf seinem ganzen Marsche von Torbay bis +London war Wilhelm von dem niederen Volke mit Bitten bestürmt worden, +daß er es von der unerträglichen Last des Herdgeldes befreien möchte. +Diese Abgabe scheint in der That alle die schlimmsten Übelstände in sich +vereinigt zu haben, die man irgend einer Steuer zur Last legen kann. Sie +war unverhältnißmäßig, und zwar in der verderblichsten Weise, denn sie +lastete schwer auf dem Armen, und leicht auf dem Reichen. Ein Landmann, +dessen ganzes Besitzthum keine zwanzig Pfund werth war, mußte zehn +Schilling bezahlen, während der Herzog von Ormond oder der Herzog von +Newcastle, deren Güter eine halbe Million werth waren, nur vier bis fünf +Pfund bezahlten. Die Einsammler waren ermächtigt, das Innere jedes +Hauses im Lande zu untersuchen, die Familien bei ihrer Mahlzeit zu +stören, die Thüren der Schlafzimmer zu erbrechen, und, wenn die +verlangte Summe nicht pünktlich bezahlt wurde, den Tisch, auf dem den +armen Kindern ihr Gerstenbrot zugeschnitten wurde, oder das Kissen unter +dem Haupte der Wöchnerin wegzunehmen und zu verkaufen. Eben so wenig +vermochte das Schatzamt den Herdgeldmann wirksam daran zu hindern, daß +er seine Vollmacht mit Härte ausübte, denn die Steuer war verpachtet und +die Regierung war in Folge dessen genöthigt, die Gewaltthätigkeiten und +Erpressungen, welche zu allen Zeiten den Namen Zöllner sprüchwörtlich zu +dem verhaßtesten von der Welt gemacht haben, stillschweigend hingehen zu +lassen. + +Auf Wilhelm hatten die vernommenen Klagen und Beschwerden einen so +erschütternden Eindruck gemacht, daß er den Gegenstand bei einer der +ersten Sitzungen des Geheimen Raths zur Sprache brachte. Er forderte das +Haus der Gemeinen durch eine Botschaft auf, zu erwägen, ob zweckmäßigere +Einrichtungen den Mißbräuchen, welche so große Unzufriedenheit erregt +hätten, wirksam abhelfen könnten, und setzte hinzu, daß er gern in die +gänzliche Abschaffung der Steuer willigen würde, wenn es sich +herausstellen sollte, daß die Mißbräuche von der Steuer unzertrennlich +seien.[41] Diese Mittheilung ward mit lautem Beifall aufgenommen. +Allerdings gab es einige Finanzmänner der alten Schule, welche +murmelten, daß Mitleid mit den Armen wohl etwas Schönes sei, daß aber +kein Theil der Staatseinkünfte so pünktlich auf den Tag einginge als das +Herdgeld, daß die Goldschmiede nicht immer bewogen werden könnten, +auf die Sicherheit des nächsten Quartals der Zölle oder der Accise zu +leihen, daß es aber nicht schwer sei, auf eine Herdgeldverschreibung +Vorschüsse zu erhalten. Im Hause der Gemeinen wagten die so Denkenden es +nicht, ihre Stimmen gegen die allgemeine Ansicht zu erheben; im Hause +der Lords aber entspann sich ein Kampf, dessen Ausgang eine Zeitlang +zweifelhaft schien. Endlich aber erwirkte der kräftig angewendete +Einfluß des Hofes eine Acte, kraft welcher die Kaminsteuer als ein +Zeichen von Sklaverei erklärt und unter vielen Dankesversicherungen +gegen den König für alle Seiten abgeschafft wurde.[42] + + [Anmerkung 41: +Commons' Journals+ und +Grey's Debates, March 1. + 1688/89+.] + + [Anmerkung 42: +Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 10.+; +Burnet II. + 13.+] + + +[_Entschädigung der Vereinigten Provinzen._] Die Gemeinen bewilligten +nach kurzer Debatte und ohne Abstimmung sechsmalhunderttausend Pfund zu +dem Zwecke, die Kosten der Expedition, welche England befreit hatte, den +Vereinigten Provinzen zurückzuerstatten. Die Leichtigkeit, mit der diese +bedeutende Summe einem schlauen, thätigen und sparsamen Volke bewilligt +ward, das in politischer Beziehung unser Bundesgenosse, in commercieller +Hinsicht aber unser gefährlichster Nebenbuhler war, erregte außerhalb +der Kammern einiges Murren und war mehrere Jahre lang ein Lieblingsthema +für die Sarkasmen der toryistischen Tagesschriftsteller.[43] Die +Freigebigkeit des Hauses war jedoch leicht zu erklären. An dem nämlichen +Tage, an welchem dieser Gegenstand berathen wurde, trafen in Westminster +beunruhigende Nachrichten ein und überzeugten Viele, die zu einer andren +Zeit geneigt gewesen wären, jede von den Holländern eingeschickte +Rechnung einer strengen Prüfung zu unterwerfen, daß unser Land die +Dienste fremder Truppen noch nicht entbehren konnte. + + [Anmerkung 43: +Commons' Journals, March 15. 1688/89.+ Noch im + Jahre 1713 spielte Arbuthnot im fünften Theile des +John Bull+ mit + viel Witz auf diesen Gegenstand an. »Was Euren +Venire Facias+ + betrifft,« sagt John zu Nick Frog, »so habe ich Euch für einen + schon bezahlt.«] + + +[_Meuterei in Ipswich._] Frankreich hatte den Generalstaaten den Krieg +erklärt und die Generalstaaten hatten in Folge dessen vom Könige von +England die Unterstützung verlangt, die er durch den Vertrag von +Nimwegen zu leisten verpflichtet war.[44] Er hatte einige Bataillone +nach Harwich verordert, um sich dort zur Überfahrt nach dem Festlande +bereit zu halten. Die alten Soldaten Jakob's waren meist in einer sehr +schlechten Stimmung, und dieser Befehl übte keine besänftigende Wirkung +aus. Am größten war die Unzufriedenheit in dem Regimente, das +gegenwärtig als das erste der Linie bezeichnet wird. Obgleich dieses +Regiment der englischen Armee angehörte, hatte es doch seit der Zeit, +da es zuerst unter dem großen Gustav kämpfte, fast ausschließlich aus +Schotten bestanden, und die Schotten haben nie verfehlt, in jedem Lande, +wohin ihr abenteuerlicher und ehrgeiziger Sinn sie führte, die geringste +ihrem Heimathlande bewiesene Geringschätzung zu fühlen und zu ahnden. +Offiziere wie Gemeine murmelten, daß der Beschluß einer ausländischen +Versammlung in ihren Augen nichts gelte. Wenn sie überhaupt ihres +Treuschwurs für König Jakob VII. entbunden werden könnten, so müsse dies +durch die Stände von Edinburg, nicht durch die Convention von +Westminster geschehen. Ihr Unmuth wuchs, als sie erfuhren, daß Schomberg +zu ihrem Obersten ernannt war. Vielleicht hätten sie es sich zur Ehre +schätzen sollen, den Namen des größten Soldaten Europa's zu führen, aber +bei aller seiner Tapferkeit und militärischen Tüchtigkeit war er doch +nicht ihr Landsmann, und während der sechsundfunfzig Jahre, welche +verstrichen waren, seitdem sich ihr Regiment in Deutschland seine ersten +Lorbeern verdiente, war es nie von einem Andren als einem Hopburn oder +einem Douglas commandirt worden. In dieser gereizten Stimmung erhielten +sie Befehl, zu den Streitkräften zu stoßen, die sich in Harwich +sammelten. Es wurde viel gemurrt, doch kam es zu keinem Ausbruch, bis +das Regiment in Ipswich anlangte. Hier gaben zwei Hauptleute, welche +eifrige Anhänger des verbannten Königs waren, das Zeichen zur Empörung. +Der Marktplatz füllte sich bald mit hin und her rennenden Pikenmännern +und Musketiren. Schüsse wurden aufs Gerathewohl nach allen Richtungen +hin abgefeuert. Diejenigen Offiziere, welche die Meuterer im Zaume zu +halten versuchten, wurden überwältigt und entwaffnet. Endlich gelang es +den Leitern des Aufstandes, einige Ordnung herzustellen und sie +marschirten nun an der Spitze ihrer Anhänger aus Ipswich ab. Die kleine +Armee bestand aus etwa achthundert Mann. Sie hatten vier Kanonen +mitgenommen und sich der Kriegskasse bemächtigt, die eine bedeutende +Summe Geldes enthielt. Eine halbe Meile von der Stadt wurde Halt +gemacht, eine allgemeine Berathung gepflogen und beschlossen, daß die +Meuterer in ihr Heimathsland zurückeilen und mit ihrem rechtmäßigen +Könige leben und sterben wollten. Demgemäß brachen sie in Eilmärschen +nach dem Norden auf.[45] + +Als die Nachricht in London eintraf, war die Bestürzung groß. Es hieß, +daß auch bei anderen Regimentern sich beunruhigende Symptome gezeigt +hätten und besonders daß ein in Harwich liegendes Füsilircorps große +Lust zu haben scheine, dem in Ipswich gegebenen Beispiele zu folgen. +»Wenn diese Schotten,« sagte Halifax zu Reresby, »nicht auf +Unterstützung rechnen können, so sind sie verloren; haben sie aber im +Einverständniß mit Anderen gehandelt, dann ist die Gefahr in der That +sehr ernst.«[46] Das Wahre scheint zu sein, daß eine Verschwörung +bestand, die in vielen Heerestheilen Verzweigungen hatte, daß aber die +Verschwörer durch die Festigkeit der Regierung und des Parlaments im +Schach gehalten wurden. Es ward eben eine Ausschußsitzung des Geheimen +Raths gehalten, als die Nachricht von dem Aufstande in London eintraf. +Wilhelm Harbord, der Vertreter des Burgfleckens Launceston, welcher +Mitglied des Ausschusses war, wurde von seinen Collegen ersucht, sich +sogleich in das Haus der Gemeinen zu begeben und dort das Vorgefallene +mitzutheilen. Er ging, erhob sich auf seinem Platze und erzählte seine +Geschichte. Der Geist der Versammlung trug der Lage der Dinge gebührende +Rechnung. Howe war der Erste, der kräftiges Einschreiten verlangte. +»Ersuchet den König,« sagte er, »seine holländischen Truppen gegen diese +Leute zu entsenden. Ich wüßte nicht, wem man sonst trauen könnte.« -- +»Die Sache ist kein Spaß,« sagte der alte Birch, welcher Oberst im +Dienste des Parlaments gewesen war und das mächtigste und berühmteste +Haus der Gemeinen, das es je gegeben, durch dessen eigene Soldaten +zweimal hatte säubern und zweimal hatte auseinandersprengen sehen; »wenn +Ihr das Übel um sich greifen laßt, werdet Ihr binnen wenigen Tagen eine +Armee auf dem Halse haben. Ersuchet den König, auf der Stelle Reiter und +Fußvolk abzusenden, und zwar seine eigenen Leute, auf die er sich +verlassen kann, damit dieses Volk mit einem Schlage niedergeworfen +wird.« Jetzt fingen auch die Männer der langen Robe Feuer. »Das Wissen +meines Berufs ist hier unnütz,« sagte Treby. »Es kommt hier darauf an, +der Gewalt mit Gewalt entgegenzutreten und im Felde das zu behaupten, +was wir im Senate gethan haben.« -- »Schreibt an die Sheriffs,« sprach +Oberst Mildmay, Mitglied für Essex, »und laßt die Miliz aufbieten. Es +sind ihrer Hundertfunfzigtausend Mann und lauter gute Engländer; sie +werden Euch nicht im Stiche lassen.« Es wurde beschlossen, daß alle in +der Armee angestellten Mitglieder des Hauses vom Besuche des Parlaments +dispensirt werden sollten, damit sie sich unverzüglich auf ihre +militärischen Posten begeben könnten. Sodann wurde einstimmig eine +Adresse votirt, welche den König ersuchte, energische Maßregeln zur +Unterdrückung des Aufstandes zu ergreifen und eine Proklamation zu +erlassen, welche die öffentliche Rache auf die Rebellen herabrief. +Ein Mitglied deutete darauf hin, daß es vielleicht gut sei, wenn Sr. +Majestät Denen, die sich im Guten unterwürfen, Verzeihung zusichere; +allein das Haus verwarf wohlweislich diesen Vorschlag. »Es ist jetzt +nicht der Augenblick,« wurde sehr richtig bemerkt, »zu einer Nachsicht, +die wie Furcht aussehen würde.« Die Adresse wurde sogleich ins +Haus der Lords gesandt und von diesen genehmigt. Zwei Peers, zwei +Grafschaftsvertreter und zwei Abgeordnete von Burgflecken wurden damit +an den Hof geschickt. Wilhelm empfing sie sehr gnädig und sagte ihnen, +daß er bereits die nöthigen Befehle gegeben habe. In der That waren auch +schon mehrere Regimenter Reiterei und Dragoner unter dem Commando +Ginkell's, eines der tapfersten und geschicktesten Offiziere der +holländischen Armee, nach dem Norden entsendet worden.[47] + +Mittlerweile eilten die Aufständischen durch die Gegend zwischen +Cambridge und dem Wash. Ihr Weg führte über eine weite, öde Moorstrecke, +die mit der ganzen Feuchtigkeit von dreizehn Grafschaften gesättigt war +und auf welcher den größten Theil des Jahres ein grauer Nebel lagerte, +über den sich der viele Meilen im Umkreise sichtbare prächtige Thurm von +Ely erhob. In dieser traurigen, mit großen Schwärmen wilder Vögel +bedeckten Gegend führte damals ein halbwildes Volk, bekannt unter dem +Namen der Breedlings, ein amphibienartiges Leben, von einem Eiland +festen Grund und Bodens zum andren theils watend theils rudernd.[48] Die +Straße gehörte zu den schlechtesten der ganzen Insel und als sich das +Gerücht von der Annäherung der Rebellen verbreitete, wurden sie von dem +Landvolke absichtlich noch mehr verschlechtert. Brücken wurden +abgebrochen und Baumstämme quer über die Straßen gelegt, um das +Fortschaffen der Kanonen zu erschweren. Dessenungeachtet drangen die +schottischen Veteranen nicht nur mit großer Eil vor, sondern es gelang +ihnen auch, ihre Artillerie mit fort zu bringen. So erreichten sie die +Grafschaft Lincoln, und als sie nicht mehr weit voll Sleafort entfernt +waren, erfuhren sie, daß Ginkell mit einer unüberwindlichen Truppenmacht +ihnen hart auf den Fersen sei. Von Sieg konnte so wenig die Rede sein +wie von Entkommen. Die tapfersten Krieger konnten gegen eine vierfache +Übermacht nichts ausrichten, das vortrefflichste Fußvolk konnte einer +Reiterschaar nicht entrinnen. Da indessen die Anführer wohl wußten, daß +sie keinen Pardon zu erwarten hatten, drangen sie in ihre Mannschaften, +das Glück einer Schlacht zu versuchen. Eine fast von allen Seiten von +Sümpfen und Teichen eingeschlossene Stelle war in dieser Gegend leicht +gefunden. Hier wurden die Insurgenten aufgestellt und die Kanonen +an der einzigen Seite aufgefahren, die man durch natürliche +Vertheidigungsmittel nicht hinreichend gedeckt glaubte. Ginkell befahl +den Angriff an einer Stelle zu unternehmen, die sich außer dem Bereiche +der Geschütze befand, und seine Dragoner sprangen muthig ins Wasser, +obwohl es so tief war, daß ihre Pferde schwimmen mußten. Jetzt sank den +Rebellen der Muth. Sie versuchten zu parlamentiren, ergaben sich aber +schließlich auf Gnade und Ungnade und wurden unter starker Bedeckung +nach London gebracht. Ihr Leben war verwirkt, denn sie hatten sich nicht +blos der Meuterei, welche damals kein legales Verbrechen war, sondern +des bewaffneten Widerstandes gegen den König schuldig gemacht. Wilhelm +unterließ jedoch mit weiser Nachsicht, das Blut selbst der Strafbarsten +zu vergießen. Einige von den Haupträdelsführern wurden vor die nächsten +Assisen von Bury gestellt und des Hochverraths überwiesen; aber ihr +Leben ward geschont. Die Übrigen erhielten einfach den Befehl, zu ihrer +Pflicht zurückzukehren. Das vor Kurzem so aussätzige Regiment ging +gehorsam nach dem Continent und zeichnete sich dort in vielen +beschwerlichen Feldzügen durch Treue, Disciplin und Tapferkeit aus.[49] + + [Anmerkung 44: Wagenaar LXI.] + + [Anmerkung 45: +Commons' Journals, March 15. 1688/89.+] + + [Anmerkung 46: +Reresby's Memoirs.+] + + [Anmerkung 47: +Commons' Journals+ und +Grey's Debates, March 15. + 1688/89, London Gazette, March 18+.] + + [Anmerkung 48: Über den Zustand dieser Gegend zu Ende des 17. und + zu Anfang des 18. Jahrhunderts siehe +Pepys' Diary+ vom 18. Sept. + 1663 und +Tour through the whole Island of Great Britain+, 1724.] + + [Anmerkung 49: +London Gazette, March 25. 1689+; Van Citters an + die Generalstaaten vom 22. März (1. April); Briefe von Nottingham + im Staatsarchive vom 23. Juli und 9. Aug. 1689; +Historical Record + of the First Regiment of Foot+, auf Befehl der Regierung gedruckt. + Siehe auch eine interessante Abschweifung in der +Compleat History + of the Life and Military Actions of Richard, Earl of Tyrconnel+, + 1689.] + + +[_Die erste Meutereibill._] Dieser Vorfall erleichterte eine wichtige +Veränderung in unsrer Politik, eine Veränderung, welche zwar über kurz +oder lang hätte vorgenommen werden müssen, die aber doch so leicht nicht +hätte durchgeführt werden können, außer in einem Augenblicke der +höchsten Gefahr. Die Zeit war endlich gekommen, wo es nöthig wurde, +einen gesetzlichen Unterschied zwischen dem Soldaten und dem Bürger zu +machen. Unter den Plantagenets und den Tudors hatte es kein stehendes +Heer gegeben, und das stehende Heer, das England unter den letzten +Königen des Hauses Stuart besessen, war von allen Parteien im Staate mit +einem starken und nicht unbegründeten Widerwillen betrachtet worden. +Das gemeine Recht gewährte dem Souverain nicht die Mittel, seine Truppen +gebührend im Zaume zu halten, denn das Parlament, das sie als bloße +Werkzeuge der Tyrannei betrachtete, hatte keine Lust gehabt, diese +Mittel durch Gesetze zu bewilligen. Jakob hatte zwar seine bestochenen +und servilen Richter dahin gebracht, daß sie einigen veralteten Gesetzen +eine Auslegung gaben, die ihn in den Stand setzte, die Desertion mit +einer Kapitalstrafe zu belegen. Allein diese Auslegung wurde von alten +angesehenen Juristen als irrig betrachtet, und wäre sie auch richtig +gewesen, so würde sie doch bei weitem nicht alles das geboten haben, was +zur Aufrechthaltung der militärischen Disciplin nöthig war. Selbst Jakob +wagte es nicht, auf das Erkenntniß eines Kriegsgerichts hin die +Todesstrafe zu verhängen. Der Deserteur wurde wie ein gewöhnlicher +Verbrecher behandelt, vor die Assisen gestellt, auf die von einer großen +Jury herausgefundenen Klagegründe hin von einer kleinen Jury +abgeurtheilt, und es stand ihm frei, jeden in der Anklageacte zu +entdeckenden Formfehler zu seinem Gunsten zu benutzen. + +Indem die Revolution die Stellung des Fürsten und des Parlaments zu +einander veränderte, hatte sie auch die gegenseitige Stellung der Armee +und der Nation verändert. Der König und die Gemeinen waren jetzt einig +und beide wurden durch die größte Militärmacht bedroht, die es seit dem +Untergange des römischen Reichs in Europa gegeben hatte. Binnen wenigen +Wochen konnten dreißigtausend sieggewohnte, von geschickten und +erfahrenen Feldherren angeführte Veteranen aus den Häfen der Normandie +und der Bretagne an unsere Küsten übersetzen. Daß eine solche +Truppenmacht eine dreifache Anzahl von Milizen ohne große Schwierigkeit +auseinandersprengen würde, konnte Niemand bezweifeln, der vom Kriege +etwas verstand. Man mußte also reguläre Soldaten haben, und wenn man +solche haben mußte, so war es im Interesse ihres eigenen wirksamen +Bestehens, wie zur Sicherheit jeder andren Klasse durchaus nothwendig, +daß sie unter einer strengen Disciplin gehalten wurden. Eine schlecht +disciplinirte Armee ist zu allen Zeiten nichts weiter als eine +kostspieligere und zügellosere Miliz gewesen, ohnmächtig gegen einen +auswärtigen Feind und nur dem Lande selbst gefährlich, zu dessen +Vertheidigung sie unterhalten wird. Es muß demnach eine strenge +Grenzlinie zwischen den Soldaten und der übrigen Gesellschaft gezogen +werden. Im Interesse der öffentlichen Freiheit müssen sie, inmitten der +Freiheit, unter eine despotische Zucht gestellt werden. Sie müssen einem +schärferen Strafcodex und einer nachdrücklicheren Prozeßordnung +unterworfen sein, als nach denen die ordentlichen Gerichtshöfe +verfahren. Gewisse Handlungen, welche bei dem Bürger unschuldig sind, +müssen bei dem Soldaten Verbrechen sein. Gewisse Handlungen, welche bei +dem Bürger mit Geldbuße oder Gefängniß geahndet werden, müssen bei dem +Soldaten mit dem Tode bestraft werden. Die Maschinerie, vermittelst +welcher die Gerichtshöfe die Schuld oder Unschuld eines angeklagten +Bürgers feststellen, ist zu langsam und zu verwickelt, um auf einen +angeklagten Soldaten Anwendung finden zu können, denn die militärische +Insubordination ist von allen vorkommenden Krankheiten des Staatskörpers +diejenige, welche die promptesten und eingreifendsten Gegenmittel +erheischt. Wird das Übel nicht gleich im Keime erstickt, so breitet es +sich aus, und weit kann es sich nicht ausbreiten ohne Gefahr für die +eigentlichen Lebensnerven der Gesellschaft. Im Interesse des Gemeinwohls +muß daher in Feldlagern eine summarische Gerichtsbarkeit von furchtbarer +Ausdehnung strengen Tribunalen, aus Männern des Schwerts bestehend, +übertragen werden. + +Obgleich es aber gewiß war, daß das Land zu jenem Zeitpunkte ohne +berufsmäßige Soldaten nicht sicher sein konnte, und eben so gewiß, daß +berufsmäßige Soldaten schlimmer als nutzlos sein mußten, wenn sie nicht +unter ein willkürlicheres und strengeres Regiment gestellt wurden als +andere Leute, so konnte doch ein Haus der Gemeinen es nicht ohne große +Besorgniß wagen, die Existenz eines stehenden Heeres anzuerkennen und +die Mittel zur Unterhaltung desselben zu bewilligen. Es gab kaum einen +bedeutenden Staatsmann, der nicht oft die Überzeugung ausgesprochen +hätte, daß unsre Verfassung und ein stehendes Heer nicht nebeneinander +bestehen könnten. Die Whigs hatten es bei jeder Gelegenheit wiederholt, +daß stehende Heere die freien Institutionen der Nachbarvölker vernichtet +hätten. Eben so oft hatten die Tories es wiederholt, daß auf unsrer +Insel ein stehendes Heer die Kirche umgestürzt, die Gentry tyrannisirt +und den König gemordet habe. Kein Führer der einen wie der andren Partei +konnte darauf antragen, daß ein solches Heer fortan eine bleibende +Staatseinrichtung sein sollte, ohne sich der Beschuldigung grober +Inconsequenz auszusetzen. Die Meuterei von Ipswich und der panische +Schrecken, den dieselbe hervorgerufen, erleichterten die Durchführung +eines Schrittes, der außerdem höchst schwierig gewesen sein würde. Es +ward eine kurze Bill eingebracht, welche mit der bündigen Erklärung +begann, daß das englische Recht von stehenden Heeren und Kriegsgerichten +nichts wisse. Hierauf wurde verordnet, daß in Anbetracht der großen +Gefahren, welche in diesem Augenblicke dem Staate drohten, kein Mann, +der im besoldeten Dienst der Krone stehe, bei Todesstrafe oder +derjenigen milderen Strafe, die ein Kriegsgericht für genügend halten +würde, seine Fahnen verlassen oder sich gegen seine vorgesetzten +Offiziere auflehnen dürfe. Dieses Gesetz sollte nur sechs Monate in +Kraft bleiben, und viele von Denen, welche dafür stimmten, glaubten +wahrscheinlich, daß es nach Ablauf dieser Frist als erloschen betrachtet +werden würde. Die Bill ging rasch und leicht durch. Im Hause der +Gemeinen wurde nicht eine einzige Abstimmung darüber vorgenommen. Eine +mildernde Clausel, welche ein eigenthümliches Licht auf die damaligen +Sitten wirft, wurde nach der dritten Lesung als Zusatz angefügt. Diese +Clausel bestimmte, daß ein Kriegsgericht zu keiner andren Zeit als in +den Stunden zwischen sechs Uhr Morgens und ein Uhr Nachmittags ein +Todesurtheil fällen sollte. Man speiste damals zeitiger als jetzt, und +es war nur zu wahrscheinlich, daß ein Gentleman unmittelbar nach Tisch +in einem Zustande sein werde, in welchem ihm das Leben seiner +Mitmenschen nicht füglich anvertraut werden konnte. Mit diesem +Amendement wurde die erste und conciseste von unseren zahlreichen +Meutereibills den Lords zugeschickt, durchlief dort binnen wenigen +Stunden alle parlamentarischen Stadien und ward vom Könige +genehmigt.[50] + +So geschah ohne eine einzige abweichende Stimme im Parlamente, und ohne +das leiseste Murren unter dem Volke, der erste Schritt zu einer +Veränderung, welche zum Wohle des Staates nothwendig geworden war, die +aber zur Zeit jede Partei im Staate mit der größten Besorgniß und dem +entschiedensten Widerwillen betrachtete. Die sechs Monate vergingen und +die öffentliche Gefahr war noch immer dieselbe. Die zur Aufrechthaltung +der militärischen Disciplin nöthige Gewalt wurde der Krone nochmals auf +kurze Zeit zugestanden. Die Vollmacht erlosch wieder, und wieder wurde +sie erneuert. So versöhnte die Gewohnheit ganz allmälig die öffentliche +Meinung mit den einst so verhaßten Namen: stehendes Heer und +Kriegsgericht. Die Erfahrung bewies, daß in einem wohleingerichteten +Staate berufsmäßige Soldaten einem auswärtigen Feinde Respect einflößen +und doch der bürgerlichen Gewalt gehorsam sein könnten. Was zuerst als +Ausnahme geduldet worden, begann nun als Regel betrachtet zu werden. +Keine Session verging mehr ohne eine Meutereibill. Als es endlich klar +wurde, daß eine politische Umgestaltung von höchster Wichtigkeit in +einer Weise stattfand, daß man es kaum bemerkte, da erhoben einige +Aufwiegler, welche die Hand der Regierung schwächen wollten, und auch +einige ehrenwerthe Männer, die eine aufrichtige, obwohl unverständige +Achtung vor jeder alten constitutionellen Tradition hegten und nicht +begreifen konnten, daß eine Einrichtung, die auf der einen Stufe des +gesellschaftlichen Fortschritts schädlich ist, auf einer andren Stufe +unerläßlich sein kann, ein lautes Geschrei. Dieses Geschrei wurde jedoch +mit den Jahren immer schwächer und schwächer. Die mit jedem Frühjahr +wiederkehrende Debatte über die Meutereibill wurde bald nur noch als +eine Gelegenheit betrachtet, bei welcher hoffnungsvolle junge Redner, +die eben aus dem Christchurch-Collegium kamen, debutiren und erzählen +konnten, wie die Garden des Pisistratus sich der Citadelle von Athen +bemächtigten und wie die prätorianischen Cohorten das Römische Reich an +Didius verkauften. Endlich wurden diese Declamationen zu lächerlich, +um immer aufs neue wiederholt zu werden. Der altfränkischste, +überspannteste Politiker konnte unter der Regierung Georg's III. +schwerlich noch behaupten, daß man keine regulären Truppen brauche, oder +daß das gewöhnliche Recht, von den ordentlichen Gerichtshöfen +gehandhabt, unter solchen Truppen die Disciplin mit Erfolg aufrecht +erhalten könne. Da alle Parteien über das allgemeine Prinzip einig +waren, so ging eine lange Reihe von Meutereibills ohne Discussion durch, +ausgenommen wenn ein einzelner Artikel des Militärstrafgesetzbuches +einer Abänderung bedurfte. Dem Umstande, daß die Armee so allmälig und +fast unmerklich eine der Institutionen England's geworden, ist es +vielleicht zuzuschreiben, daß sie in so vollkommenem Einklange mit allen +anderen Institutionen gehandelt hat, in hundertsechzig Jahren nicht ein +einziges Mal dem Throne untreu oder dem Gesetze ungehorsam geworden ist, +nicht ein einziges Mal sich gegen die Gerichtshöfe aufgelehnt oder die +Wahlkörper durch Drohungen eingeschüchtert hat. Bis auf den heutigen Tag +jedoch fahren die Stände des Reichs mit lobenswerthem Mißtrauen fort, +der in den Tagen der Revolution gezogenen Grenze von Zeit zu Zeit einen +Markstein beizufügen. Jedes Jahr wiederholen sie feierlich den in der +Rechtserklärung ausgesprochenen Grundsatz und bewilligen dann dem +Souveraine die außerordentliche Befugniß, eine gewisse Anzahl Soldaten +auf die Dauer weiterer zwölf Monate nach bestimmten Regeln zu +unterhalten. + + [Anmerkung 50: +Stat. 1. W. & M. sess. I. c. 5.+; +Commons' + Journals+; +March 28. 1689.+] + + +[_Suspension der Habeas-Corpus-Acte._] In der nämlichen Woche, in +welcher die erste Meutereibill auf den Tisch der Gemeinen niedergelegt +wurde, ging ein andres durch den noch unbefestigten Zustand des +Königreichs nöthig gewordenes temporäres Gesetz durch. Seit Jakob's +Flucht waren viele Personen, welche muthmaßlich an seinen ungesetzlichen +Handlungen starken Antheil gehabt oder in Complots zu seiner +Restauration verwickelt gewesen, verhaftet und eingekerkert worden. +Während der Vacanz des Thrones konnten diese Leute aus der +Habeas-Corpus-Acte keinen Nutzen ziehen, denn die Maschinerie, durch +welche allein diese Acte in Ausführung gebracht werden konnte, existirte +nicht mehr, und während des ganzen Hilariustermins waren alle +Gerichtshöfe in Westminster-Hall geschlossen geblieben. Jetzt, wo die +ordentlichen Gerichte ihre Thätigkeit wieder beginnen sollten, fürchtete +man, daß alle diejenigen Gefangenen, deren Prozesse nicht sogleich +erledigt werden konnten, ihre Freiheit verlangen und erhalten würden. +Es wurde deshalb eine Bill eingebracht, welche den König ermächtigte, +solche Leute, bei denen er schlimme Absichten gegen seine Regierung +vermuthete, einige Wochen lang in Haft zu halten. Diese Bill ward in +beiden Häusern mit wenig oder keiner Opposition angenommen.[51] Allein +die Mißvergnügten außerhalb der Kammern unterließen nicht zu bemerken, +daß die Habeas-Corpus-Acte unter der vorigen Regierung nicht einen Tag +suspendirt worden sei. Es sei Mode, Jakob einen Tyrannen und Wilhelm +einen Befreier zu nennen. Dennoch habe der Befreier, noch ehe er einen +Monat auf dem Throne gesessen, die Engländer eines kostbaren Rechtes +beraubt, das der Tyrann respectirt habe.[52] Es ist dies ein Vorwurf, +der jede aus einer Volksrevolution hervorgegangene Regierung fast +unvermeidlich trifft. Die Menschen halten sich natürlich für berechtigt, +von einer solchen Regierung eine mildere und freisinnigere Verwaltung zu +verlangen, als man sie von einer alten und tief eingewurzelten Macht +erwartet. Gleichwohl kann eine solche Regierung, da sie stets viele +thätige Feinde, aber nicht die aus der Rechtmäßigkeit und Verjährung +hervorgehende Stärke hat, sich anfangs nur durch eine Wachsamkeit und +Strenge halten, deren eine alte und tief eingewurzelte Macht nicht +bedarf. Außerordentliche und unregelmäßige Vertheidigungen der +öffentlichen Freiheit sind zuweilen nothwendig; aber, obgleich +nothwendig, ziehen sie doch fast immer einige zeitweilige Verkürzungen +eben dieser Freiheit nach sich, und jede solche Verkürzung ist ein +fruchtbares und plausibles Thema für Spott und Schmähung. + + [Anmerkung 51: +Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 2.+] + + [Anmerkung 52: Ronquillo vom 8.(18.) März 1689.] + + +[_Unpopularität Wilhelm's._] Leider war es nur zu wahrscheinlich, daß +die gegen Wilhelm gerichteten Sarkasmen und Schmähungen ein geneigtes +Ohr finden würden. Jede der beiden großen Parteien hatte ihre Gründe, +unzufrieden mit ihm zu sein, und in einigen Beschwerden stimmten beide +Parteien mit einander überein. Sein Benehmen gab fast allgemeinen +Anstoß. In der That eignete er sich viel besser dazu, eine Nation zu +retten, als einen Hof zu zieren. In den höchsten staatsmännischen +Talenten kam ihm unter seinen Zeitgenossen Keiner gleich. Er hatte Pläne +entworfen, die an Großartigkeit und Kühnheit denen eines Richelieu nicht +nachstanden, und er hatte sie mit einem Takt und einer Besonnenheit +durchgeführt, die eines Mazarin würdig waren. Zwei Länder, die Sitze der +bürgerlichen Freiheit und des reformirten Glaubens, waren durch seine +Weisheit und durch seinen Muth vor den schlimmsten Gefahren behütet +worden. Holland hatte er von fremden, England von einheimischen Feinden +befreit. Anscheinend unübersteigliche Hindernisse hatten sich zwischen +ihm und seinen Plänen aufgethürmt, und sein Genie hatte diese +Hindernisse in Schrittsteine verwandelt. Seine Geschicklichkeit hatte es +dahin zu bringen gewußt, daß die Erbfeinde seines Hauses ihm halfen +einen Thron besteigen und daß die Verfolger seines Glaubens ihm +behülflich waren, seinen Glauben gegen Verfolgung zu schützen. Flotten +und Heere, welche aufgeboten worden waren ihm Widerstand zu leisten, +hatten sich ohne einen Kampf seinen Befehlen unterworfen. Politische und +kirchliche Parteien, durch tödtlichen Haß getrennt, hatten ihn als ihr +gemeinsames Oberhaupt anerkannt. Ohne Blutvergießen, ohne Verheerungen +hatte er einen Sieg errungen, im Vergleich mit dem alle Siege Gustav's +und Turenne's unbedeutend waren. Binnen wenigen Wochen hatte er die +gegenseitige Stellung sämmtlicher Staaten Europa's verändert und das +Gleichgewicht wiederhergestellt, welches durch das Übergewicht einer +Macht gestört worden war. Fremde Völker ließen seinen eminenten +Eigenschaften volle Gerechtigkeit widerfahren. In jedem festländischen +Staate, wo es protestantische Gemeinden gab, sandte man heiße Dankgebete +zu Gott, der aus dem Stamme seiner Diener, Moritz' des Befreiers von +Deutschland, und Wilhelm's des Befreiers von Holland, einen dritten +Befreier, den weisesten und mächtigsten von allen, hatte hervorgehen +lassen. In Wien, in Madrid, ja selbst in Rom ward der tapfere und +scharfsinnige Ketzer als das Haupt des großen Bundes gegen das Haus +Bourbon geehrt, und sogar in Versailles war der Haß, den man gegen ihn +empfand, stark mit Bewunderung gemischt. + +Bei uns wurde er minder günstig beurtheilt. In der That, unsere +Vorfahren betrachteten ihn in dem allerschlechtesten Lichte. Die +Franzosen, die Deutschen und die Italiener sahen ihn aus einer solchen +Entfernung, daß sie nur das Große erkannten und daß seine kleinen Fehler +ihnen entgingen. Den Holländern stand er nahe, denn er war selbst +ein Holländer. In seinem Verkehr mit ihnen wurde er von der +vortheilhaftesten Seite betrachtet; bei ihnen fühlte er sich vollkommen +heimisch, und unter ihnen hatte er sich seine ersten und theuersten +Freunde gewählt. Den Engländern aber erschien er unter einem höchst +ungünstigen Gesichtspunkte. Er stand ihnen zu gleicher Zeit zu nahe und +zu fern. Er lebte mitten unter ihnen, so daß die geringsten Eigenheiten +seines Charakters und seiner Sitten ihnen nicht entgehen konnten; +dennoch aber lebte er abgesondert von ihnen und war in ihren Augen in +Sprache, Neigungen und Gewohnheiten entschieden ein Fremdling. + +Es war seit langer Zeit eine der Hauptfunctionen unserer Regenten, an +der Spitze der Londoner Gesellschaft zu stehen. Diese Function hatte +Karl II. mit ungeheurem Glück ausgeübt. Seine Leutseligkeit, seine +hübschen Anekdoten, die Art und Weise, wie er tanzte und Ball spielte, +der Ton seines herzlichen Lachens, waren jedem Londoner bekannt. Einmal +sah man ihn unter den Ulmen von St. James Park mit Dryden über Poesie +plaudern;[53] ein andermal lag sein rechter Arm auf Durfey's Schulter +und der linke ruhte auf einem andren, während sein Begleiter +»Phillida, +Phillida«+ oder +»To horse, brave boys, to Newmarket, to horse«+ +sang.[54] Auch Jakob war, obwohl viel weniger lebhaft und leutselig, +doch ebenfalls zugänglich und gegen Leute, die ihm nicht in den Weg +traten, sogar artig. Diese Geselligkeit aber ging Wilhelm gänzlich ab. +Er verließ nur selten sein Arbeitskabinet, und wenn er einmal in den +Empfangszimmern erschien, so stand er ernst und sinnend unter dem +Schwarme der Cavaliere und Hofdamen, ohne daß ein Scherz, oder nur ein +Lächeln seinen Lippen entschlüpfte. Sein unfreundliches Aussehen, sein +Stillschweigen und die kurzen, trocknen Antworten, die er gab, wenn er +nicht länger schweigen konnte, entfremdeten ihm Adel und Gentry, welche +gewohnt waren, von ihren königlichen Gebietern auf die Schulter +geklopft, Jack oder Harry gerufen, wegen gewonnener Wetten +beglückwünscht und mit bekannten Schauspielerinnen aufgezogen zu werden. +Die Frauen vermißten die ihrem Geschlecht gebührenden Huldigungen. Sie +bemerkten, daß der König selbst mit der Frau, der er so viel verdankte +und die er aufrichtig liebte und achtete, in einem etwas gebieterischen +Tone sprach.[55] Es amüsirte und verdroß sie zugleich, wie er, als die +Prinzessin Anna einmal bei ihm speiste und die ersten grünen Erbsen auf +die Tafel kamen, den ganzen Inhalt der Schüssel verzehrte, ohne Ihrer +Königlichen Hoheit einen Löffelvoll davon anzubieten, und sie erklärten, +dieser große Feldherr und Staatsmann sei nicht viel besser als ein +niederländischer Bär.[56] + +Ein Mangel, der ihm als ein Verbrechen angerechnet wurde, war sein +schlechtes Englisch. Er sprach unsre Sprache, aber nicht gut. Sein +Accent war ausländisch, seine Aussprache entbehrte der Eleganz und sein +Vokabularium schien nicht umfänglicher zu sein, als es zur Erledigung +von Geschäften nöthig war. Dem Umstande, daß es ihm schwer wurde sich +auszudrücken und daß er sich seiner schlechten Aussprache bewußt war, +müssen seine Schweigsamkeit und seine kurzen Antworten, die so großes +Ärgerniß gaben, theilweis zugeschrieben werden. Unsre Literatur zu +goutiren oder zu verstehen war er unfähig. Nicht ein einziges Mal +während seiner ganzen Regierung erschien er im Theater.[57] Die Dichter, +welche pindarische Verse zu seinem Lobe schrieben, beklagten sich, daß +ihre sublimen Poesien über seinen Horizont gingen,[58] Wer indessen die +panegyrischen Oden jener Zeit kennt, wird vielleicht der Meinung sein, +daß er durch seine Unbekanntschaft damit nicht viel verlor. + + [Anmerkung 53: Man vergleiche was Spence darüber in seinen + +Anecdotes of the Origin of Dryden's Medals+ sagt.] + + [Anmerkung 54: +Guardian, No. 67+.] + + [Anmerkung 55: Man hat zahlreiche Beweise, daß Wilhelm zwar ein + sehr liebevoller aber nicht immer galanter Gemahl war. Doch keinen + Glauben verdient die Anekdote, welche in dem Briefe erzählt wird, + den Dalrymple 1773 thörichterweise als von Nottingham herrührend + veröffentlichte, in der Ausgabe von 1790 aber wohlweislich + wegließ. Wie Jemand, der die geringste Kenntniß von der Geschichte + der damaligen Zeit hatte, sich so gröblich irren konnte, ist + schwer zu begreifen, besonders da die Handschrift durchaus keine + Ähnlichkeit mit der Nottingham's hat, welche Dalrymple genau + kannte. Der Brief ist offenbar ein gewöhnlicher Neuigkeitsbrief, + von einem Scribenten verfaßt, der den König und die Königin + nur bei einer öffentlichen Gelegenheit gesehen und dessen + Anekdoten sich auf keine bessere Autorität gründen als auf + Kaffeehausgeschwätz.] + + [Anmerkung 56: Ronquillo; Burnet, II, 2.; +The Duchess of + Marlborough's Vindication+. In einem Hirtendialog zwischen + Philander und Palämon, der 1691 erschien, wird das Mißfallen + erwähnt, mit welchem die vornehmen Damen Wilhelm betrachteten. + Philander sagt: + + Der Mann sollt' haben doch etwas mehr Verstand + Sonst fällt er noch ein zweites Mal durch schwache Frauenhand.] + + [Anmerkung 57: Tutchin's +Observator+ vom 16. November 1706.] + + [Anmerkung 58: Prior, dem Wilhelm viel Gutes erwies und der sich + sehr dankbar dafür zeigte, sagt uns, daß der König poetische + Lobreden nicht verstand. Die Stelle findet sich in einer höchst + interessanten Handschrift, welche Lord Lansdowne besitzt.] + + +[_Popularität Mariens._] Seine Gemahlin that allerdings ihr Möglichstes, +um das Fehlende zu ergänzen, und sie war in der That vortrefflich +geeignet, an der Spitze eines Hofes zu stehen. Sie war nicht nur von +Geburt, sondern auch in ihren Neigungen und Gesinnungen eine +Engländerin. Sie besaß ein hübsches Gesicht, eine majestätische Haltung, +ein sanftes, heiteres Gemüth und leutselige, gewinnende Manieren. Ihr +Geist war, obwohl sehr unvollkommen ausgebildet, ungemein lebhaft; ihrer +Unterhaltung fehlte es nicht an weiblichem Witz und Muthwillen und ihre +Briefe waren so gut abgefaßt, daß sie wohl verdient hätten, +orthographisch richtig geschrieben zu sein. Sie fand viel Geschmack an +den leichteren Zweigen der Literatur und trug nicht wenig dazu bei, +unter den vornehmen Damen Bücher in Aufnahme zu bringen. Die makellose +Reinheit ihres Privatlebens und die strenge Gewissenhaftigkeit, mit der +sie ihre religiösen Pflichten erfüllte, waren um so achtungswerther, als +sie durchaus frei war von Tadelsucht und den bösen Leumund eben so wenig +unterstützte wie das Laster. In dem Mißfallen an üblen Nachreden stimmte +sie zwar mit ihrem Gemahl vollkommen überein; aber Beide äußerten ihr +Mißfallen auf verschiedene und sehr charakteristische Weise. Wilhelm +beobachtete das tiefste Stillschweigen, warf aber dem Verleumder einen +Blick zu, daß ihm, wie Jemand sagte, der einem solchen Blick einmal +begegnet war, sich aber wohl hütete, ihm zum zweiten Male zu begegnen, +die Geschichte im Halse stecken blieb.[59] Marie suchte dem Geschwätz +über Entführungen, Zweikämpfe und Spielschulden dadurch ein Ende zu +machen, daß sie die Schwätzer sehr ruhig aber doch nachdrücklich fragte, +ob sie ihre Lieblingspredigt, die des Doctors Tillotson über den bösen +Leumund, gelesen hätten. Ihre Wohlthaten spendete sie mit freigebiger +Hand und richtigem Takt, und obgleich sie nie damit prahlte, wußte man +doch, daß sie ihre eigenen Bedürfnisse einschränkte, um Protestanten zu +unterstützen, welche die Verfolgung aus Frankreich und Irland vertrieben +hatte und die in den Mansarden London's darbten. Ihr Benehmen war so +liebenswürdig, daß die Ehrenwertheren unter Denen, welche die Art und +Weise ihrer Erhebung auf den Thron mißbilligten, und selbst unter Denen, +die sie als Königin gar nicht anerkennen wollten, allgemein mit Achtung +und Liebe von ihr sprachen. In den jakobitischen Libellen der damaligen +Zeit, die an Gift und Galle Alles was die neuere Zeit derartiges +hervorgebracht, weit hinter sich zurücklassen, wird ihrer nicht oft mit +Strenge gedacht. Sie äußerte sogar selbst zuweilen ihre Verwunderung +darüber, daß Pasquillanten, die sonst nichts achteten, doch ihren Namen +respectirten. Gott, sagte sie, kenne ihre schwachen Seiten. Sie sei zu +empfindlich gegen Schmähungen und Verleumdungen, er habe ihr gnädig eine +Prüfung erspart, die über ihre Kräfte gehe, und der beste Dank, den sie +ihm dafür bezeigen könne, bestehe darin, daß sie keine boshaften +Ausfälle über den Charakter Anderer dulde. Überzeugt, daß sie das volle +Vertrauen und die ganze Zuneigung ihres Gemahls besaß, brach sie seinen +scharfen Reden bald durch sanfte, bald durch scherzhafte Antworten die +Spitze ab und verwendete die ganze Macht ihrer vielen liebenswürdigen +Eigenschaften dazu, ihm die Herzen des Volks zu gewinnen.[60] + + [Anmerkung 59: +Mémoires originaux sur le règne et la cour de + Frédéric I., Roi de Prusse, écrits par Christophe, Comte de Dohna. + Berlin 1833.+ Es ist auffällig, daß dieses interessante Werk in + England fast unbekannt ist. Das einzige Exemplar, das mir zu + Gesicht gekommen, erhielt ich durch die Gefälligkeit des Sir + Robert Adair. +»Le Roi,«+ sagt Dohna, +»avoit une autre qualité + très estimable, qui est celle de n'aimer point qu'on rendit de + mauvais offices à personne par des railleries.«+ Der Marquis de la + Forêt versuchte es einst, Se. Majestät auf Kosten eines englischen + Cavaliers zu unterhalten. +»Ce prince,«+ schreibt Dohna, +»prit + son air sévère, et, le regardant sans mot dire lui fit rentrer les + paroles dans le ventre. Le Marquis m'en fit ses plaintes quelques + heures après. J'ai mal pris ma bisque', dit-il; j'ai cru faire + l'agréable sur le chapitre de Milord . . . ., mais j'ai trouvé à + qui parler, et j'ai attrapé un regard du roi qui m'a fait passer + l'envie de rire.«+ Dohna glaubte Wilhelm werde es mit dem Rufe + eines Franzosen weniger genau nehmen, und versuchte ebenfalls das + Experiment. Aber, sagt er, +»j'eus à peu près le même sort que M. + de la Forêt.«+] + + [Anmerkung 60: Vergleiche den Bericht des Whigs Burnet über Marien + mit dem was der Tory Evelyn in seinem Tagebuche unterm 8. März + 1694/95, und mit dem, was der Eidverweigerer über sie sagt, der + 1695 den Brief an Erzbischof Tennison in Bezug auf ihren Tod + schrieb. Der Eindruck, den Wilhelm's Schroffheit und Zurückhaltung + und Mariens Anmuth und Liebenswürdigkeit auf das Volk machten, + spricht sich in den Überresten der Straßenpoesie jener Zeit aus. + Folgendes eheliche Gespräch kann man noch auf dem Originalblatte + lesen: + + Dann sprach Marie, unsre gnäd'ge Königin: + Mein hoher König und Gemahl, wo wollt Ihr hin? + Drauf sagt er rasch: Den nenn' ich keinen Mann, + Der sein Geheimniß einem Weib vertrauet an. + Die Kön'gin hierauf spricht bescheiden: + Der güt'ge Himmel woll' Euch denn geleiten, + Euch schützen vor Gefahr, mein fürstlicher Gemahl, + Das wird mein bester Trost sein allzumal. + + Diese Strophen befinden sich in einer werthvollen Sammlung, welche + Mr. Richard Holer anlegte und die jetzt Eigenthum des Mr. Broderip + ist, der so gefällig war, sie mir zu leihen. In einem der + zügellosesten jakobitischen Pasquille vom Jahre 1689 wird Wilhelm, + seiner Gemahlin gegenüber, als ein »Bauerlümmel« bezeichnet, über + den sie sich nur lustig mache.] + + +[_Das Hoflager wird von Whitehall nach Hampton Court verlegt._] Hätte +sie noch lange die beste Gesellschaft London's um sich versammelt, so +würde ihre Freundlichkeit und Leutseligkeit wahrscheinlich noch viel +dazu beigetragen haben, den ungünstigen Eindruck, den sein finstres und +abstoßendes Wesen machte, zu verwischen. Leider war es ihm jedoch seiner +Gesundheit wegen unmöglich, in Whitehall zu residiren. Die Luft von +Westminster, vermischt mit den feuchten Ausdünstungen des Flusses, +der bei Springfluthen die Höfe des Palastes überschwemmte, mit dem +Steinkohlenrauche von zweimalhunderttausend Schornsteinen und mit den +mephitischen Dünsten des Kothes, den man damals ungehindert in den +Straßen sich anhäufen ließ, war ihm unerträglich, denn er hatte eine +schwache Brust und außerordentlich feine Geruchsnerven. Sein unheilbares +Asthma machte reißende Fortschritte, und seine Ärzte erklärten es für +unmöglich, daß er das Ende des Jahres erleben könne. Sein Gesicht war so +leichenhaft, daß er kaum noch zu erkennen war. Diejenigen, welche mit +ihm zu verkehren hatten, hörten ihn mit Entsetzen nach Athem ringen und +husten, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen.[61] Und sein Geist, +so stark er übrigens war, litt mit dem Körper. Wohl war sein Urtheil +noch so klar und scharf als je; aber seit einigen Monaten war eine +merkliche Erschlaffung der Energie eingetreten, durch die er sich früher +ausgezeichnet hatte; selbst seine holländischen Freunde flüsterten +einander zu, daß er nicht mehr der Nämliche sei, der er im Haag +gewesen.[62] Es war schlechterdings nothwendig, daß er London verließ, +und er verlegte daher seine Residenz in die reinere Luft von Hampton +Court. Dieses von dem prachtliebenden Wolsey begonnene Schloß war ein +schönes Muster der Architectur, welche unter den ersten Tutors in +England blühte; die Gemächer desselben aber waren nach den Begriffen des +17. Jahrhunderts nicht ganz geeignet für eine königliche Wohnung. Unsere +Souveraine hatten daher seit der Restauration diese Residenz nur selten +und nur dann benutzt, wenn sie einige Zeit recht eingezogen leben +wollten. Da aber Wilhelm gesonnen war, das verlassene Gebäude zu seinem +Hauptwohnsitze zu erwählen, mußte er Bauten und Anpflanzungen vornehmen, +was ihm im Grunde gar nicht unlieb war. Denn, wie die Mehrzahl seiner +Landsleute, fand er Vergnügen daran, ein Landhaus auszuschmücken, +und nächst der Jagd waren Baukunst und Gärtnerei seine +Lieblingszerstreuungen. Er hatte bereits in einer sandigen Haide von +Geldern ein Paradies geschaffen, das viele Neugierige aus Holland und +Westphalen herbeizog. Marie hatte den Grundstein zu dem Schlosse gelegt, +und Bentinck hatte die Anlage der Fischteiche geleitet. Es gab dort +Wasserfälle und Grotten, eine große Orangerie und ein Vogelhaus, das +Hondekoeter zahlreiche Exemplare buntgefiederter Vögel lieferte.[63] Der +König sehnte sich in seiner glänzenden Verbannung nach dieser +Lieblingsresidenz und fand einigen Trost darin, daß er sich an den Ufern +der Themse ein zweites Loo schaffen konnte. Bald war eine große +Bodenfläche mit regelmäßigen Alleen und Gartenanlagen bedeckt. Viel +müßiger Scharfsinn wurde aufgeboten, um das verwickelte grüne Labyrinth +anzulegen, das fünf Generationen von Londoner Sonntagsbesuchern mit +Staunen und Freude erfüllt hat. Dreißigjährige Linden wurden aus den +benachbarten Wäldern dahin verpflanzt, um die Alleen zu beschatten. +Künstliche Springbrunnen warfen ihren Wasserstrahl zwischen den +Blumenbeeten empor. Ein neues Residenzschloß, zwar nicht vom reinsten +Styl, aber stattlich, geräumig und bequem, erstand unter Wren's Leitung. +Das Wandgetäfel war mit dem reichen und zarten Schnitzwerk eines Gibbons +verziert. Die Treppenhäuser entzückten das Auge durch Verrio's herrliche +Fresken. In jedem Winkel des Gebäudes zeigte sich ein Überfluß von +reizenden Tändeleien, welche englischen Augen noch ungewohnt waren. +Marie hatte aus dem Haag eine Liebhaberei für chinesisches Porzellan +mitgebracht, und sie legte jetzt in Hampton Court eine große Sammlung +häßlicher Figuren und Gefäße an, auf denen Häuser, Bäume, Brücken und +Mandarine in haarsträubendstem Widerspruch mit allen Regeln der +Perspective abgemalt waren. Diese Mode, welche so von der +liebenswürdigen Königin eingeführt wurde, verbreitete sich rasch und +weit. Nach wenigen Jahren enthielt fast jedes vornehme Haus im +Königreiche ein Museum solcher grotesker Spielereien. Selbst +Staatsmänner und Generäle schämten sich nicht des Rufes, den Werth von +Theekannen und Drachen richtig schätzen zu können, und die Satyriker +wiederholten lange Zeit hindurch, daß eine schöne Dame ihr buntbemaltes +Porzellangeschirr eben so hoch halte als ihren Affen und viel höher als +ihren Gatten.[64] Doch der neue Palast wurde auch mit Kunstwerken andrer +Art ausgeschmückt. Es ward eine Gallerie für die Cartons von Raphael +gegründet. Diese herrlichen Bilder, damals und noch heute die schönsten +diesseits der Alpen, waren durch Cromwell vor dem Schicksale bewahrt +worden, das die meisten anderen Meisterwerke der Sammlung Karl's I. +getroffen; aber man hatte sie viele Jahre in ihren hölzernen Kisten +ruhen lassen. Jetzt wurden sie aus dem Dunkel hervorgezogen, um von den +Künstlern mit Bewunderung und Verzweiflung betrachtet zu werden. Die +Kosten der Bauten und Einrichtungen von Hampton Court waren ein +Gegenstand bitterer Beschwerde für viele Tories, welche die grenzenlose +Verschwendung, mit der Karl II. die Wohnung der Herzogin von Portsmouth +gebaut und umgebaut, möblirt und anders möblirt, nur sehr mild getadelt +hatten.[65] Die Kosten waren jedoch nicht der Hauptgrund der +Unzufriedenheit, welche Wilhelm's Residenzwechsel erregte. Es gab keinen +Hof mehr in Westminster; Whitehall, einst der tägliche Sammelplatz der +Vornehmen und Mächtigen, der Schönen und Heiteren, der Ort, wohin +Dandies kamen, um ihre neuen Perrücken zu zeigen, Ritter der Galanterie, +um mit schönen Damen zu liebäugeln, Politiker, um ihr Glück zu +verfolgen, Müßiggänger, um Neuigkeiten zu hören, Landedelleute, um die +königliche Familie zu sehen, war jetzt, zur lebhaftesten Zeit des +Jahres, während London mit Fremden und Einheimischen gefüllt und das +Parlament versammelt war, gänzlich verödet. Eine einsame Schildwache +schritt auf dem von Gras überwucherten Pflaster vor dem Eingange auf und +ab, der einst zu eng gewesen war für die sich begegnenden Ströme der +kommenden und gehenden Höflinge. Die Dienste, welche die Hauptstadt dem +Könige geleistet, waren groß und noch neu, und man meinte, er habe diese +Dienste wohl besser vergelten können, als damit, daß er London +behandelte, wie Ludwig Paris behandelt habe. Halifax hatte den Muth, +dies anzudeuten; aber wenige Worte, die keine Erwiederung zuließen, +brachten ihn zum Schweigen. »Wollen Sie, daß ich sterbe?« sagte Wilhelm +in gereiztem Tone.[66] + + [Anmerkung 61: +Burnet II. 2.+; +Burnet M.S. Harl. 6584.+ + Ronquillo spricht sich noch viel umständlicher aus: +»Nada se ha + visto desfigurado+; +y, quantas veces he estado con el, le he + visto toser tanto que se le saltaban las lagrimas, y se ponia + moxado y arrancando; y confiesan los medicos que es una asma + incurable.«+ 8.(18.) März 1689. Avaux schrieb in demselben Sinne + aus Irland: +»La santé de l'usurpateur est fort mauvaise. L'on ne + croit pas qu'il vive un an.«+ 8.(18.) April.] + + [Anmerkung 62: +»Hasta decir los mismos Hollandeses que lo + desconozean«+, sagt Ronquillo. +»Il est absolument mal propre pour + le rôle qu'il a à jouer à l'heure qu'il est,«+ sagt Avaux. + +»Slothful and sickly,«+ sagt Evelyn, 29. März 1689.] + + [Anmerkung 63: Siehe Harris' Beschreibung von Loo, 1699.] + + [Anmerkung 64: Wer die Werke Pope's und Addison's kennt, wird sich + ihrer Sarkasmen über diese Mode erinnern. Lady Marie Wortley + Montague schlug sich auf die andre Seite. »Alte Chinoiserien,« + sagt sie, »machen Niemandes Geschmack Unehre, da der Herzog von + Argyle Gefallen daran fand, dessen Einsicht niemals, weder von + seinen Freunden noch von seinen Feinden, in Zweifel gezogen worden + ist.«] + + [Anmerkung 65: Über die Bauten in Hampton Court siehe +Evelyn's + Diary, Juli 16. 1689+; +The Tour through Great Britain, 1724+; + +the British Apelles+; +Horace Walpole on Modern Gardening+; + +Burnet II. 2, 3.+ + + Als Evelyn 1662 in Hampton Court war, waren die Cartons noch nicht + zu sehen. Die Triumphe von Andrea Montegna galten damals für die + schönsten Gemälde des Palastes.] + + [Anmerkung 66: +Burnet, II. 2+; +Reresby's Memoirs.+ Ronquillo + schreibt wiederholt in diesem Sinne. Zum Beispiel: +»Bien quisiera + que el Rey fuese mas comunicable, y se acomodase un poco mas al + humor sociable de los Ingleses, y que estubiera en Londres: pero + es cierto que sus achaques no se lo permiten.«+ 8.(18.) Juli 1689. + Avaux schreibt um dieselbe Zeit aus Irland an Croissy: +»Le Prince + d'Orange est toujours à Hampton Court, et jamais à la ville: et le + peuple est fort mal satisfait de cette manière bizarre et + retirée.«+] + + +[_Der Hof in Kensington._] Es zeigte sich bald, daß Hampton Court zu +weit vom Hause der Lords und der Gemeinen wie von den öffentlichen +Ämtern entfernt war, um der gewöhnliche Wohnsitz des Souverains werden +zu können. Anstatt jedoch nach Whitehall zurückzukehren, beschloß +Wilhelm, eine andre Residenz zu beziehen, welche zur Leitung der +Regierungsgeschäfte nahe genug bei der Hauptstadt lag, doch aber nicht +so nahe, um im Bereiche der Atmosphäre zu sein, in der er keine Nacht +zubringen konnte ohne Gefahr, zu ersticken. Einmal dachte er an Holland +House, die Villa der vornehmen Familie Rich, und er residirte wirklich +einige Wochen daselbst.[67] Endlich aber entschied er sich für +Kensington House, den Landsitz des Earl von Nottingham. Es wurde für +achtzehntausend Guineen angekauft, und dem Ankaufe folgten neue Bauten, +neue Anpflanzungen, neue Geldausgaben und neue Unzufriedenheit.[68] +Gegenwärtig wird Kensington House als zu London gehörend betrachtet; +damals aber war es ein Landsitz und konnte zu jenen Zeiten der +Straßenräuber und nächtlichen Ruhestörer, der kothigen Straßen und +schlechten Beleuchtung, nicht füglich der Sammelplatz der vornehmen +Gesellschaft sein. + + [Anmerkung 67: Mehrere von seinen Briefen an Heinsius sind von + Holland House datirt.] + + [Anmerkung 68: +Narcissus Luttrell's Diary+; +Evelyn's Diary, + Feb. 25. 1689/90.+] + + +[_Wilhelm's ausländische Günstlinge._] Es war wohl bekannt, daß der +König, der die englische Noblesse und Gentry so unfreundlich behandelte, +in einem kleinen Kreise seiner Landsleute herablassend, vertraulich und +selbst heiter sein, seine Gedanken in fröhlicher Unterhaltung +aussprechen und sein Glas oft, vielleicht zu oft, füllen konnte, und +dies erschwerte in den Augen unserer Vorfahren seine Schuld. Unsere +Vorfahren hätten jedoch so viel gesunden Sinn und Gerechtigkeitsliebe +haben sollen, um zuzugestehen, daß der Patriotismus, den sie an sich +selbst als eine Tugend betrachteten, bei ihm kein Fehler sein konnte. Es +war ungerecht ihn deshalb zu tadeln, daß er die Liebe, die er zu seinem +Geburtslande hegte, nicht mit einem Male auf unsre Insel übertrug. Wenn +er in den Hauptsachen seine Pflicht gegen England erfüllte, konnte man +es ihm wohl nachsehen, daß er für Holland eine zärtliche Vorliebe +bewahrte. Eben so wenig verdient es einen Vorwurf, daß er in den Tagen +seiner Größe Gefährten nicht entfernte, die in seiner Kindheit mit ihm +gespielt, ihm durch alle Wechselfälle des Jünglings- und des +Mannesalters treu zur Seite gestanden, welche den ekelhaftesten und +gefährlichen Ansteckungen trotzend, an seinem Krankenlager gewacht, +im heißesten Schlachtgewühl sich zwischen ihn und die französischen +Schwerter geworfen, und deren Anhänglichkeit nicht dem Statthalter oder +dem Könige, sondern einfach Wilhelm von Nassau galt. Auch darf man +hinzusetzen, daß seine alten Freunde, wenn er sie mit seinen neuen +Höflingen verglich, in seiner Achtung steigen mußten. Alle seine +holländischen Kameraden verdienten, ohne Ausnahme, sein Vertrauen bis +ans Ende seines Lebens. Wohl konnten sie mit ihm schmollen, und, wenn +sie schmollten, hart und mürrisch sein; niemals aber, mochten sie auch +noch so erzürnt und unwillig sein, hörten sie auf seine Geheimnisse zu +bewahren, und mit der Treue wahrer Edelleute und Soldaten über seine +Interessen zu wachen. Unter seinen englischen Rathgebern war solche +Treue selten.[69] Es ist traurig, aber nicht mehr als gerecht +anzuerkennen, daß er nur zu guten Grund hatte, von unsrem +Nationalcharacter eine schlechte Meinung zu hegen. Dieser Character war +zwar im Wesentlichen so wie er immer gewesen ist. Wahrheitsliebe, +Biederkeit und männliche Unerschrockenheit waren damals wie noch jetzt +den Engländern vorzugsweise eigen. Aber so allgemein verbreitet diese +Eigenschaften unter der Masse des Volks sein mochten, in der Klasse, +welche Wilhelm am besten kannte, waren sie nur selten zu finden. Der +Maßstab der Ehre und Tugend war während seiner Regierung unter unseren +Staatsmännern sehr tief gesunken. Seine Vorfahren hatten ihm einen mit +allen Lastern der Restauration befleckten Hof hinterlassen, einen Hof, +der von Schmarotzern wimmelte, welche bereit waren, beim ersten Umschlag +des Glücks ihn zu verlassen, wie sie seinen Oheim verlassen hatten. Wohl +fand sich hier und da unter dem schamlosen Haufen ein Mann von wahrer +Rechtschaffenheit und echtem Gemeinsinn. Aber selbst ein solcher Mann +konnte nicht lange in solcher Umgebung leben, ohne daß seine strengen +Grundsätze und sein Gefühl für Recht und Unrecht in die größte Gefahr +geriethen. Es war ungerecht, einen von Schmeichlern und Verräthern +umgebenen Fürsten deshalb zu tadeln, daß er einige Diener in seiner Nähe +behalten wollte, die er hinreichend erprobt hatte, um überzeugt zu sein, +daß sie ihm bis zum Tode treu bleiben würden. + + [Anmerkung 69: De Foe entschuldigt Wilhelm im zweiten Theile + seines +True Born Englishman+ folgendermaßen: + + Wir tadeln Wilhelm, daß er hat zu viel Gefallen + An Deutschland's, Frankreich's, Holland's Söhnen allen + Und selten mittheilt Großes von dem Staat + Den Männern, welche sitzen in seinem brit'schen Rath. + Der Grund davon ist nicht schwer beizubringen: + Weil wir nur gar zu oft ihn hintergingen. + Und in der That, das Narrenhaus ihm würd' gebühren, + Wenn er getraut hätt' England's Cavalieren. + Die Fremden stets gehorsam mit ihm zogen, + Und nur von Engländern er immer ward betrogen.] + + +[_Allgemeine schlechte Verwaltung._] Und dies war nicht der einzige +Punkt, in welchem unsere Vorfahren sich ungerecht gegen ihn zeigten. +Sie hatten erwartet, daß ein so ausgezeichneter Feldherr und Staatsmann, +sobald er an der Spitze der Regierung stände, einen glänzenden Beweis -- +was für einen wußten sie selbst nicht recht -- von Genie und Thatkraft +geben werde. Unglücklicherweise ging während der ersten Monate seiner +Regierung fast Alles schlecht. Seine bitter getäuschten Unterthanen +maßen ihm die Schuld bei und begannen zu zweifeln, ob er den Ruf +verdiene, den er sich beim ersten Eintritt ins öffentliche Leben +geschaffen und den der glänzende Erfolg seiner letzten großen +Unternehmung auf den höchsten Punkt gesteigert hatte. Wären sie in einer +Stimmung gewesen, um unbefangen urtheilen zu können, so würden sie +eingesehen haben, daß er für die schlechte Verwaltung, über die sie sich +mit gutem Grunde beschwerten, nicht verantwortlich war. Er konnte für +jetzt nur mit der Maschinerie arbeiten, die er vorgefunden hatte, +und diese Maschinerie war eitel Rost und Verfall. Von der Zeit der +Restauration bis zur Zeit der Revolution war die erfolgreiche Thätigkeit +jedes Zweiges der Verwaltung fast beständig durch Nachlässigkeit und +Betrug gehemmt worden. Ehrenstellen und öffentliche Ämter, Peers- und +Baronetstitel, Regimenter, Fregatten, Gesandtschaftsposten, +Gouverneursstellen, Commissariate, Pachtungen von Krongütern, +Lieferungscontracte auf Bekleidungsstücke, Lebensmittel und Munition, +Begnadigungen für begangene Mordthaten, Diebstähle und Brandstiftungen +wurden in Whitehall fast eben so offen verkauft wie Spargel in +Coventgarden oder Heringe in Billingsgate. Kupplerisches Volk hatte +beständig in den Umgebungen des Hofes nach Kundschaft umhergespäht, und +unter ihnen hatten zu Karl's Zeiten die Courtisanen, zu Jakob's Zeiten +die Priester das meiste Glück gehabt. Von dem Palaste aus, welcher der +Hauptsitz dieser Pestilenz gewesen war, hatte sich die Ansteckung über +alle Ämter und über alle Klassen der Beamten verbreitet und überall +Schwäche und Desorganisation hervorgerufen. Die Verderbtheit machte so +reißende Fortschritte, daß acht Jahre nach der Zeit, da Oliver Cromwell +der Schiedsrichter Europa's gewesen, der Donner der Kanonen de Ruyters +im Tower von London gehört wurde. Die Krebsschäden, die jene große +Demüthigung über das Land gebracht, hatten seitdem immer tiefer und +immer weiter um sich gegriffen. Man muß Jakob die Gerechtigkeit +widerfahren lassen, daß er einige von den gröbsten Mißbräuchen, welche +die Marineverwaltung schändeten, abgeschafft hatte. Doch trotz seiner +Reformbestrebungen entlockte die Marineverwaltung Männern, welche das +Seewesen Frankreich's und Holland's kannten, nur ein mitleidiges +Achselzucken. Noch schlechter war die Militärverwaltung. Die Höflinge +ließen sich von den Obersten bestechen, die Obersten betrogen die +Soldaten, die Kriegscommissare schickten lange Rechnungen über Dinge +ein, welche nie geliefert worden waren, die Arsenalinspectoren +verkauften die öffentlichen Vorräthe und steckten den Erlös in ihre +Tasche. Obgleich aber diese Krebsschäden unter der Regierung Karl's und +Jakob's entstanden und zur Reife gediehen waren, machten sie sich doch +erst unter Wilhelm's Regierung ernstlich fühlbar. Denn Karl und Jakob +hatten sich damit begnügt, die Vasallen und Pensionäre eines mächtigen +und ehrgeizigen Nachbars zu sein; sie unterwarfen sich seinem +Übergewicht, sie vermieden mit kleinmüthiger Ängstlichkeit Alles, +was ihn hätte beleidigen können, und so beugten sie auf Kosten der +Unabhängigkeit und Würde der alten, ruhmvollen Krone, welche zu tragen +sie nicht werth waren, einem Kampfe vor, der sofort gezeigt haben würde, +wie ohnmächtig unter ihrer verkehrten Regierung das einst mächtige Reich +geworden war. Es lag weder in Wilhelm's Macht noch in seinem Character, +in die Fußtapfen ihrer schimpflichen Politik zu treten. Nur durch +Waffengewalt konnte die Freiheit und die Religion England's gegen den +furchtbarsten Feind geschützt werden, der unsre Insel bedroht hatte, +seitdem die Hebriden mit den Trümmern der Armada bedeckt worden. Der +Staatskörper, der im Zustande der Ruhe einen oberflächlichen Anschein +von Gesundheit und Kraft gezeigt hatte, war jetzt in die Nothwendigkeit +versetzt, jeden Nerv zu einem Kampfe auf Leben und Tod anzuspannen, +und es zeigte sich sofort, daß er der Anstrengung nicht gewachsen war. +Gleich nach den ersten Versuchen stellte sich eine völlige +Muskelerschlaffung, ein gänzlicher Mangel an Übung und Erfahrung heraus. +Diese Versuche schlugen, mit kaum einer Ausnahme, fehl, und jeden +Fehlschlag legte das Volk nicht _den_ Regenten, deren schlechte +Verwaltung die Gebrechen des Staats hervorgerufen, sondern _dem_ +Regenten zur Last, unter welchem die Gebrechen des Staats sichtbar +wurden. + +Wäre Wilhelm ein so unumschränkter Herrscher gewesen als Ludwig, so +hätte er allerdings diejenigen energischen Heilmittel anwenden können, +welche der englischen Staatsverwaltung sehr bald die Elasticität +wiedergegeben haben würde, die ihr seit Oliver's Tode fehlte. Aber die +augenblickliche Beseitigung tief eingewurzelter Mißbräuche war eine +Aufgabe, welche weit über die Kraft eines schon durch das Gesetz, und +noch mehr durch die Schwierigkeiten seiner Stellung sehr eingeengten +Fürsten ging.[70] + + [Anmerkung 70: Ronquillo war so einsichtsvoll und gerecht, + Einräumungen zu machen, welche die Engländer nicht machten. + Nachdem er in einem Schreiben vom 1.(11.) März 1689 den traurigen + Zustand des Heer- und Seewesens geschildert, sagt er: +»De esto no + tiene culpa el Principe de Oranges; per que pensar que se han de + poder volver en dos meses tres Reynes de abaxo arriba es una + extravagancia.«+ Der Lordpräsident Stair sagt in einem ungefähr + vier Wochen später aus London datirten Briefe, daß die + Verzögerungen in der englischen Verwaltung den Ruhm des Königs + geschmälert hätten, »doch ohne seine Schuld.«] + + +[_Uneinigkeit unter den Staatsdienern._] Einige der größten +Schwierigkeiten seiner Lage entsprangen aus dem Benehmen der Minister, +auf die er sich als Neuling in den Details der englischen +Staatsangelegenheiten hinsichtlich der ihm nöthigen Aufschlüsse über +Menschen und Dinge verlassen mußte. Es fehlte seinen vornehmsten +Rathgebern zwar nicht an Befähigung; aber die eine Hälfte ihrer +Befähigung wurde dazu angewendet, der andren Hälfte entgegenzuwirken. +Zwischen dem Lord-Präsidenten und dem Geheimsiegelbewahrer bestand eine +tief eingewurzelte Feindschaft.[71] Diese Feindschaft hatte zwölf Jahre +vor der Zeit begonnen, als Danby Lord Schatzmeister, ein Verfolger der +Nonconformisten und hartnäckiger Vertheidiger der Kronrechte wurde, und +als Halifax als einer der beredtesten Führer der Vaterlandspartei zur +Auszeichnung gelangte. Unter der Regierung Jakob's hatten beide +Staatsmänner der Opposition angehört, und ihre gemeinsame Feindschaft +gegen Frankreich und gegen Rom, gegen die Hohe Commission und gegen das +Dispensationsrecht hatte eine anscheinende Aussöhnung herbeigeführt; +sobald sie aber wieder zusammen im Amte waren, erwachte die alte +Abneigung von neuem. Man hätte meinen sollen, daß der Haß der Whigpartei +gegen Beide ein festeres Zusammenhalten zwischen ihnen bewirken müßte; +in Wahrheit aber sah Jeder von ihnen mit Wohlgefallen die dem Andren +drohende Gefahr. Danby bemühte sich, eine starke Phalanx von Tories um +sich zu schaaren. Unter dem Vorwande geschwächter Gesundheit zog er sich +vom Hofe zurück, kam selten in den Staatsrath, dem zu präsidiren seine +Pflicht war, brachte viel Zeit auf dem Lande zu, und nahm kaum einen +andren Antheil an den Staatsgeschäften, als daß er über alle Maßregeln +der Regierung mäkelte und spottete, auf seinen Privatvortheil spekulirte +und seinen persönlichen Günstlingen Stellen verschaffte.[72] In Folge +dieses Abfalls wurde Halifax Premierminister, insoweit man unter dieser +Regierung einen Minister überhaupt Premierminister nennen konnte. Eine +ungeheure Geschäftslast fiel auf ihn, und er war nicht im Stande, diese +Last zu tragen. An Geist und Beredtsamkeit, an umfassendem Verständniß +und scharfer Unterscheidungsgabe hatte er unter den Staatsmännern seiner +Zeit nicht seines Gleichen. Aber eben diese Fruchtbarkeit, eben dieser +Scharfsinn, die seiner Unterhaltung, seinen Reden und seinen Schriften +einen besondern Reiz verliehen, machten ihn zur schnellen Entscheidung +praktischer Fragen untauglich. Gerade sein ungewöhnlicher Scharfsinn +machte ihn langsam, denn er sah so viele Gründe für und wider jedes +mögliche Verfahren, daß er mehr Zeit brauchte, um zu einem Entschlusse +zu kommen, als ein beschränkter Kopf gebraucht haben würde. Anstatt mit +seinem ersten Gedanken zufrieden zu sein, replicirte er sich selbst +immer und immer wieder. Wer ihn sprechen hörte, mußte zugeben, daß er +wie ein Engel sprach; aber wenn er Alles was sich sagen ließ erschöpft +hatte und zum Handeln kam, war nur zu oft der rechte Augenblick zum +Handeln vorüber. + +Inzwischen bemühten sich die beiden Staatssekretäre fortwährend, ihren +Gebieter nach direct einander entgegengesetzten Richtungen zu ziehen. +Jeder Plan, jede Person, welche der Eine empfahl, ward von dem Andren +verworfen. Nottingham wurde nicht müde zu wiederholen, daß die alte +Rundkopfpartei, die Partei, welche Karl I. um's Leben gebracht und gegen +das Leben Karl's II. conspirirt hatte, im Prinzip republikanisch und daß +die Tories die einzig wahren Freunde der Monarchie seien. Shrewsbury +entgegnete, daß die Tories wohl Freunde der Monarchie sein könnten, daß +sie aber Jakob als ihren Monarchen betrachteten. Nottingham erzählte +beständig im königlichen Kabinet von tollen Hirngespinnsten, mit denen +sich einige alte Kalbskopfesser, die Überreste der einst mächtigen +Partei Bradshaw's und Ireton's, in den Wirthshäusern der City noch immer +beschäftigten. Shrewsbury zeigte wüthende Pasquille vor, welche die +Jakobiten tagtäglich in den Kaffeehäusern vertheilten. »Jeder Whig,« +sagte der Torysekretär, »ist ein Feind der Prärogative Eurer Majestät.« +-- »Jeder Tory,« sagte der Whigsekretär, »ist ein Feind des Rechtstitels +Eurer Majestät.«[73] + +Auch im Schatzamte gab es nichts als Eifersüchteleien und +Zänkereien.[74] Der erste Commissar, Mordaunt, und der Kanzler der +Schatzkammer, Delamere, waren zwar Beide eifrige Whigs; aber obgleich +sie dem nämlichen politischen Glauben anhingen, waren sie doch von ganz +verschiedenem Character. Mordaunt war flatterhaft, verschwendrisch und +großmüthig. Die Schöngeister der damaligen Zeit witzelten über die Art +und Weise, wie er von Hampton-Court nach der Börse und von der Börse +zurück nach Hampton-Court flog; man konnte nicht begreifen wie er Zeit +fand zu seinem Anzuge, zu den Staatsgeschäften, zu Liebschaften und zum +Balladendichten.[75] Delamere war finster und empfindlich, streng in +seinen Privatsitten und pünktlich in seinen Andachtsübungen, aber gierig +nach unedlem Gewinn. Die beiden ersten Finanzbeamten wurden daher Feinde +und harmonirten nur in dem Hasse gegen ihren Collegen Godolphin. Wie kam +er in dieser Zeit des protestantischen Übergewichts nach Whitehall, er, +der mit Papisten im Amte gesessen, der sich kein Gewissen daraus gemacht +hatte, Maria von Modena in den Götzendienst der Messe zu begleiten? Der +kränkendste Umstand aber war, daß Godolphin, obgleich sein Name in der +Commission die dritte Stelle einnahm, thatsächlich der erste Lord des +Schatzes war. Denn in financiellem Wissen und in Geschäftserfahrung +waren Mordaunt und Delamere im Vergleich zu ihm wahre Schulknaben, und +dies erkannte Wilhelm sehr bald.[76] + +Ähnliche Fehden wütheten auch in den übrigen großen Amtscollegien wie in +allen untergeordneten Schichten der Staatsdiener. In jedem Zollhause, +in jedem Arsenale gab es einen Shrewsbury und einen Nottingham, einen +Delamere und einen Godolphin. Die Whigs beklagten sich, daß es keinen +Verwaltungszweig gäbe, in welchem nicht Creaturen der gestürzten Partei +zu finden wären. Umsonst führe man zur Rechtfertigung an, daß diese +Männer in den Geschäftsdetails erfahren, daß sie im Besitz amtlicher +Traditionen seien und daß die Freunde der Freiheit, nachdem sie +Jahrelang von den öffentlichen Ämtern ausgeschlossen gewesen, unmöglich +befähigt sein könnten, mit einem Male die ganze Leitung der Geschäfte +auf sich zu nehmen. Die Erfahrung habe allerdings ihren Werth, +sicherlich aber sei die erste aller Qualificationen eines Dieners die +Treue, und kein Tory könne ein wahrhaft treuer Diener der neuen +Regierung sein. Wenn König Wilhelm klug wäre, so würde er sich lieber +auf Neulinge, die von Eifer für sein Interesse und für seine Ehre +beseelt wären, als auf Veteranen verlassen, welche zwar Geschick und +Kenntnisse besitzen könnten, dieses Geschick und diese Kenntnisse aber +zur Herbeiführung seines Untergangs anwenden würden. + +Die Tories dagegen beklagten sich, daß ihr Antheil an der Regierung in +keinem Verhältniß zu ihrer Anzahl und zu ihrem Gewicht im Lande stehe, +daß überall alte und nützliche Staatsdiener um keines andren Verbrechens +willen, als weil sie Freunde der Monarchie und der Kirche wären, von +ihren Posten vertrieben worden seien, um Ryehouseverschwörern und +Conventikelbesuchern Platz zu machen. Diese Emporkömmlinge, wohlerfahren +in der Kunst der Parteibewegungen, aber unwissend in Allem was zu ihrem +neuen Beruf gehöre, würden erst anfangen etwas zu lernen, wenn sie durch +ihre Fehler die Nation ruinirt hätten. Von einem hochgestellten Beamten +müsse man doch sicherlich mehr verlangen, als daß er nur ein Rebell und +Schismatiker sei. Was solle aus den Finanzen, was aus der Marine werden, +wenn Whigs, die nicht den einfachsten Rechnungsabschluß verständen, +das Staatseinkommen verwalten, wenn Whigs, die in ihrem Leben kein +Seemagazin betreten, die Flotte ausrüsten sollten?[77] + +Das Wahre ist, daß die Beschuldigungen, welche die beiden Parteien gegen +einander erhoben, in beträchtlicher Ausdehnung wohl begründet, der Tadel +aber, den Beide auf Wilhelm warfen, ungerecht war. Geschäftliche +Erfahrung war fast ausschließlich nur unter den Tories, aufrichtige +Anhänglichkeit an die neue Ordnung der Dinge fast nur unter den Whigs zu +finden. Der König konnte nichts dafür, daß Kenntniß und Eifer, welche +vereinigt einen schätzbaren Diener des Staats bilden, damals nur +getrennt oder gar nicht vorhanden waren. Stellte er Leute der einen +Partei an, so lief er große Gefahr, Fehlgriffe zu thun. Stellte er Leute +der andren Partei an, so lief er große Gefahr, verrathen zu werden. +Stellte er Leute beider Parteien an, so war immer noch einige Gefahr, +daß er Fehlgriffe that oder Verräther wählte, und zu diesen Gefahren kam +dann noch die Gewißheit der Uneinigkeit. Er konnte Whigs und Tories +nebeneinanderstellen, sie zu verschmelzen lag nicht in seiner Macht. +Mochten sie auch in dem nämlichen Amte, an dem nämlichen Pulte arbeiten, +sie waren und blieben Feinde und stimmten nur darin überein, daß sie +gegen den Fürsten murrten, der es versuchen wollte, den Vermittler +zwischen ihnen zu spielen. Unter solchen Umständen mußte die Verwaltung, +die fiscalische, wie die militärische und maritime, unvermeidlich +schwach und schwankend sein; nichts konnte ganz auf die richtige Art und +ganz zur rechten Zeit geschehen; die Uneinigkeiten, von denen kaum eine +Staatsbehörde frei war, mußten Calamitäten erzeugen und jede Calamität +mußte die Spaltung verschlimmern, aus der sie entstanden war. + + [Anmerkung 71: +Burnet II. 4.+; +Reresby's Memoirs.+] + + [Anmerkung 72: +Reresby's Memoirs+; +Burnet MS. Harl. 6584.+] + + [Anmerkung 73: +Burnet II. 3, 4, 15.+] + + [Anmerkung 74: +Burnet II. 5.+] + + [Anmerkung 75: + + Woher nimmt er die Stunden, sagt, + Die er dem Hofe widmet und der Stadt, + Den Staatsgeschäften und der Liebe Macht, + Der Eitelkeit und auch der Geistes Saat? + + +The Modern Lampooners. Ein Gedicht von 1690.+] + + [Anmerkung 76: +Burnet II. 4.+] + + [Anmerkung 77: Ronquillo nennt die Whigbeamten +»Gente que no + tienen practica ni experiencia.«+ Er setzt hinzu: +»Y de esto + proce de el pasarse un mes y un otro, sin executarse nada.«+ 24. + Juni 1689. In einem der unzähligen »Gespräche«, welche damals + erschienen, wirft der toryistische Interlocutor die Frage auf: + »Meint Ihr, die Regierung würde mit Geschäftsunkundigen besser + daran sein?« Der Whig antwortet: »Besser unwissende Freunde als + vielwissende Feinde.«] + + +[_Das Departement der auswärtigen Angelegenheiten._] Ein Departement gab +es jedoch, das gut verwaltet wurde: das Departement der auswärtigen +Angelegenheiten. Hier leitete Wilhelm Alles, ohne weder den Rath noch +den Beistand irgend eines englischen Staatsmannes in Anspruch zu nehmen. +Nur einen unschätzbaren Gehülfen hatte er zur Seite: Anton Heinsius, +welcher einige Wochen nach Beendigung der Revolution Großpensionär +von Holland wurde. Heinsius war als Mitglied der Partei, welche +auf die Macht des Hauses Oranien eifersüchtig war und gern auf +freundschaftlichem Fuße mit Frankreich stehen wollte, ins öffentliche +Leben eingetreten. Im Jahre 1681 aber war er mit einer diplomatischen +Mission nach Versailles geschickt worden, und ein kurzer Aufenthalt +daselbst hatte eine vollständige Änderung in seinen Ansichten +herbeigeführt. Bei näherer Bekanntschaft wurde er beunruhigt durch die +Macht und gereizt durch die Anmaßung dieses Hofes, von dem er, so lange +er ihn aus der Entfernung gesehen, eine vortheilhafte Meinung gehegt +hatte. Er fand, daß sein Vaterland verachtet wurde, er sah seine +Religion verfolgt, und sein officieller Character schützte ihn nicht +vor einigen persönlichen Kränkungen, die er bis zum letzten Tage seiner +langen Laufbahn nicht vergaß. Als treuer Anhänger Wilhelm's und +unversöhnlicher Feind Ludwig's kehrte er nach Hause zurück.[78] + +Das Amt des Großpensionärs war immer ein wichtiges Amt, ganz besonders +aber dann, wenn der Statthalter vom Haag abwesend war. Wären Heinsius' +politische Ansichten noch dieselben gewesen wie früher, so hätten alle +großen Pläne Wilhelm's scheitern können. Zum Glück aber bestand zwischen +diesen beiden ausgezeichneten Männern eine vollkommene Freundschaft, +die bis zu dem Tage, wo der Tod sie löste, nicht einen Augenblick durch +Argwohn oder Mißhelligkeiten getrübt wurde. Über alle großen Fragen der +europäischen Politik waren sie gleicher Meinung, und sie correspondirten +lebhaft und rückhaltlos mit einander, denn es hielt zwar schwer, ehe +Wilhelm Jemandem Vertrauen schenkte, wem er es aber schenkte, dem +schenkte er es ganz. Die Correspondenz ist noch vorhanden und gereicht +Beiden zur größten Ehre. Die Briefe des Königs würden allein schon zur +Genüge beweisen, daß er einer der größten Staatsmänner war, welche +Europa hervorgebracht hat. So lange er lebte, begnügte sich der +Großpensionär damit, der gehorsamste, zuverlässigste und verschwiegenste +Diener zu sein; nach dem Ableben des Gebieters aber erwies sich der +Diener als befähigt, die Stelle des Gebieters mit seltenem Geschick zu +vertreten, und er war in ganz Europa als ein Mitglied des großen +Triumvirats berühmt, das den Stolz Ludwig's XIV. demüthigte.[79] + + [Anmerkung 78: +Négociations de M. le Comte d'Avaux, 4. Mars + 1683+; +Torcy's Memoirs.+] + + [Anmerkung 79: Die Originalcorrespondenz zwischen Wilhelm + und Heinsius ist holländisch. Eine französische Übersetzung + sämmtlicher Briefe Wilhelm's, und eine englische + Übersetzung einiger Briefe Heinsius' befinden sich unter den + Mackintosh-Manuscripten. Der Baron Sirtema de Grovestins, dem die + Originale zu Gebote standen, führt in seiner +»Histoire des luttes + et rivalités entre les puissances maritimes et la France«+ häufig + Stellen daraus an. Zwischen seiner Version und der meinigen ist + zwar im Style ein bedeutender Unterschied, im Wesentlichen aber + ein sehr geringer.] + + +[_Religionsstreitigkeiten._] Die auswärtige Politik England's, von +Wilhelm persönlich, in innigem Einverständniß mit Heinsius, geleitet, +war damals außerordentlich geschickt und erfolgreich. In jedem andren +Verwaltungszweige aber waren die aus der gegenseitigen Erbitterung der +Parteien entspringenden Nachtheile nur zu sichtbar. Und dies war noch +nicht Alles. Zu den aus der gegenseitigen Erbitterung der politischen +Parteien entspringenden Übeln gesellten sich andere Übel, welche aus dem +gegenseitigen Hasse der Religionssecten entsprangen. + +Das Jahr 1689 bildet in der kirchlichen Geschichte England's eine nicht +minder wichtige Epoche als in der bürgerlichen. In diesem Jahre wurde +die erste gesetzliche Indulgenz gegen die Dissenters bewilligt. In +diesem Jahre wurde der letzte ernstliche Versuch gemacht, die +Presbyterianer in den Schooß der englischen Landeskirche zu bringen. Von +diesem Jahre datirt ein neues Schisma, trotz früherer ähnlicher Vorgänge +von Männern hervorgerufen, welche stets erklärt hatten, daß sie +Kirchenspaltungen mit besonderem Abscheu und Präcedenzfälle mit +besonderer Verehrung betrachteten. In diesem Jahre begann der lange +Kampf zwischen zwei großen Parteien von Conformisten. Diese beiden +Parteien hatten zwar seit der Reformation von jeher unter verschiedenen +Formen in der anglikanischen Kirche existirt, aber bis nach der +Reformation standen sie einander nicht in regelmäßiger und permanenter +Schlachtordnung gegenüber und waren daher nicht unter bestimmten Namen +bekannt. Kurz nach Wilhelm's Thronbesteigung begannen sie die +Hochkirchenpartei und die Niederkirchenpartei genannt zu werden und +lange vor dem Ende seiner Regierung waren diese Bezeichnungen allgemein +gebräuchlich.[80] + +Im Sommer des Jahres 1688 hatte es den Anschein gehabt, als ob die +Spaltungen, welche so lange den großen Körper der englischen +Protestanten zerrissen, fast ihre Endschaft erreicht hätten. Die +Streitigkeiten über Bischöfe und Synoden, über geschriebene Gebete und +extemporirte Gebete, über weiße Röcke und schwarze Röcke, über +Besprengen und Eintauchen, über Knien und Sitzen, waren auf kurze Zeit +eingestellt. Die dichtgedrängte Phalanx, welche damals gegen die +Papisterei im Felde stand, füllte den ganzen Zwischenraum aus, welcher +Sancroft von Bunyan trennte. Prälaten, die sich noch vor Kurzem als +Verfolger der religiösen Freiheit ausgezeichnet hatten, erklärten sich +jetzt zu Freunden derselben und ermahnten ihren Klerus, stets in +gastfreundlichem und dienstbereiten Verkehr mit den Separatisten zu +leben. Separatisten auf der andren Seite, welche noch vor kurzem Mitren +und Batistärmel für die Livree des Antichrist erklärt hatten, +erleuchteten zu Ehren der Prälaten ihre Fenster und warfen Holz in die +Freudenfeuer. + +Diese Gesinnungen steigerten sich fortdauernd, bis sie ihren Höhepunkt +an dem denkwürdigen Tage erreichten, an welchem der gemeinsame +Unterdrücker endlich Whitehall verließ und eine mit orangefarbenen +Bändern geschmückte zahllose Menge zu St. James den gemeinsamen Befreier +begrüßte. Als die Londoner Geistlichkeit, mit Compton an der Spitze, +herbeikam, um dem Manne, dessen Gott sich als Werkzeug zur Rettung der +Kirche und des Staats bedient, ihren Dank auszusprechen, schlossen sich +dem Zuge auch einige hervorragende nonconformistische Geistliche an. +Viele gute Menschen freuten sich zu hören, daß fromme und gelehrte +presbyterianische Geistliche im Gefolge eines Bischofs gegangen, mit +brüderlicher Freundlichkeit von ihm begrüßt und im Empfangszimmer von +ihm seine lieben und geachteten Freunde genannt worden waren, die zwar +durch einige Meinungsverschiedenheiten in unwichtigen Punkten von ihm +getrennt, durch christliche Liebe und gemeinsamen Eifer für das +Wesentliche des reformirten Glaubens aber mit ihm verbunden seien. Nie +hatte es zuvor und nie hat es seitdem in England einen zweiten solchen +Tag gegeben. Der Strom der Gefühle war schon im Umschlagen begriffen, +und die Ebbe trat noch rascher ein als die Fluth eingetreten war. + + [Anmerkung 80: Obwohl diese ganz angemessenen Benennungen meines + Wissens in keinem während der ersten Regierungsjahre Wilhelm's + gedruckten Buche vorkommen, nehme ich doch keinen Anstand, mich + derselben bei Darstellung der Ereignisse jener Jahre zu bedienen, + wie es auch von Anderen geschehen ist.] + + +[_Die Hochkirchenpartei._] In Zeit von wenigen Stunden begann der +Hochkirchliche, von zärtlicher Liebe für den Feind, dessen Tyrannei +jetzt nicht mehr gefürchtet ward, und von Abneigung gegen die +Bundesgenossen, deren Dienste entbehrlich geworden waren, erfüllt zu +werden. Es war leicht, beide Gefühle zu befriedigen, indem man die +schlechte Verwaltung des verbannten Königs den Dissenters zur Last legt. +Sr. Majestät -- so lautete jetzt die Sprache nur zu vieler +anglikanischer Geistlichen -- würde ein vortrefflicher Regent gewesen +sein, wäre er nicht zu vertrauensvoll, und zu nachsichtig gewesen. Er +habe sein Vertrauen einer Klasse von Leuten geschenkt gehabt, die seine +Stellung, seine Familie und seine Person mit unversöhnlicher Erbitterung +haßten. Durch den vergeblichen Versuch, ihre Zuneigung zu gewinnen, habe +er sich zu Grunde gerichtet. Er habe sie, in Widerspruch mit dem Gesetz +und dem einmüthigen Sinne der alten royalistischen Partei, von dem +Drucke des Strafcodex befreit, habe ihnen gestattet, Gott auf ihre +eigene armselige und geschmacklose Weise öffentlich zu verehren, habe +sie zur Richterbank und in den Geheimrath zugelassen, ihnen Pelzroben, +goldene Ketten, Gehalte und Pensionen gewährt. Zum Dank für seine +Liberalität seien diese Leute, welche einst so trotzig in ihrem Gebahren +und so unbändig in ihrer Opposition selbst gegen die rechtmäßige +Autorität gewesen, die niedrigsten Schmeichler geworden. Sie hätten ihm +noch Beifall zugejauchzt und ihn ermuthigt, als schon die ergebensten +Freunde seines Hauses sich voll Scham und Kummer aus seinem Palaste +entfernt gehabt. Wer habe die Religion und die Freiheit seines +Vaterlandes schändlicher verkauft als Titus? Wer habe eifriger für die +Dispensationsgewalt gestritten als Alsop? Wer habe ungestümer auf die +Verfolgung der sieben Bischöfe gedrungen als Lobb? Welcher nach einer +Dechanei lüsterne Kaplan habe, selbst wenn er am 30. Januar oder am 29. +Mai in Anwesenheit des Königs gepredigt, jemals plumpere Schmeicheleien +zu Tage gebracht, als man sie leicht in den Adressen auffinden könne, +durch welche dissentirende Glaubensgesellschaften ihren Dank für die +ungesetzliche Indulgenzerklärung ausgedrückt hätten? Sei es zu +verwundern, wenn ein Fürst, der nie juristische Werke studirt, nur seine +rechtmäßige Prärogative auszuüben geglaubt habe, als er so durch eine +Partei ermuthigt worden sei, welche jederzeit mit ihrem Hasse gegen +willkürliche Gewalt geprahlt habe? Durch solche Leitung irregeführt, +sei er immer weiter auf dem falschen Wege fortgeschritten, habe er sich +endlich Herzen entfremdet, welche früher ihr bestes Blut zu seiner +Vertheidigung vergossen haben würden, habe er keine anderen Stützen +behalten als seine alten Feinde, und, als der Tag der Gefahr gekommen, +habe er gefunden, daß die Gesinnungen seiner alten Feinde gegen ihn noch +die nämlichen waren wie zu der Zeit, da sie ihn seines Erbes zu berauben +versucht und gegen sein Leben conspirirt hatten. Jeder Verständige habe +längst gewußt, daß die Sectirer keine Liebe zur Monarchie hegten; jetzt +habe es sich gezeigt, daß sie eben so wenig Liebe zur Freiheit hegten. +Ihren Händen Gewalt anzuvertrauen, werde ein Mißgriff sein, der der +Nation nicht minder verderblich werden müsse als dem Throne. Wenn es, um +etwas übereilt gegebene Zusicherungen zu erfüllen, für nöthig erachtet +werden sollte, ihnen Erleichterung zu gewähren, so müsse jedes +Zugeständniß von Beschränkungen und Vorsichtsmaßregeln begleitet sein. +Vor Allem dürfe Niemandem, der ein Feind der kirchlichen Verfassung des +Landes sei, irgend eine Betheiligung an der Civilverwaltung gestattet +werden. + + +[_Die Niederkirchenpartei._] Zwischen den Nonconformisten und den +strengen Conformisten stand die Niederkirchenpartei. Diese Partei +enthielt und enthält noch jetzt zwei ganz verschiedene Elemente: ein +puritanisches und ein latitudinarisches Element. Über fast jede Frage, +die sich auf die kirchliche Verfassung wie auf das Ceremoniell des +öffentlichen Gottesdienstes bezog, waren jedoch der puritanische +Niederkirchliche und der latitudinarische Niederkirchliche vollkommen +einig. Sie sahen in der bestehenden Kirchenverfassung und in dem +bestehenden Ceremoniell keinen Mangel, keinen Übelstand, der es +ihnen hätte zur Pflicht machen können, Dissenters zu werden. +Nichtsdestoweniger waren sie der Meinung, daß die Verfassung sowohl wie +das Ceremoniell Mittel und nicht Zwecke seien und daß der wesentliche +Geist des Christenthums ohne Bischöfe und ohne ein allgemeines Gebetbuch +bestehen könne. Als Jakob auf dem Throne saß, waren sie die +Hauptwerkzeuge zur Bildung der großen Coalition gegen Papisterei und +Tyrannei gewesen und sie führten 1689 noch dieselbe versöhnliche +Sprache, die sie 1688 geführt hatten. Die Gewissensscrupel der +Nonconformisten tadelten sie mild. Es sei unzweifelhaft eine große +Schwäche zu glauben, daß es etwas Sündhaftes sein könne, einen weißen +Chorrock zu tragen, ein Kreuz zu schlagen, oder an dem Geländer eines +Altars zu knieen. Die höchste Autorität aber habe die unzweideutigsten +Vorschriften darüber erlassen, wie solche Schwäche zu behandeln sei. Der +schwache Bruder sei nicht zu verdammen, nicht zu verachten; Gläubige von +stärkerem Geiste seien gehalten, ihn durch große Nachgiebigkeit zu +beschwichtigen und sorgfältig jeden Stein des Anstoßes, der ihn +Veranlassung geben könne, Andersdenkende zu verletzen, aus seinem Wege +zu entfernen. Ein Apostel habe erklärt, daß er, obwohl er selbst gegen +den Genuß von thierischer Nahrung und Wein kein Bedenken hege, doch +lieber Pflanzen essen und Wasser trinken wolle, als daß er dem +Geringsten seiner Heerde ein Ärgerniß gäbe. Was würde er wohl von +Kirchenfürsten gedacht haben, welche um eines Gewandes, einer Geberde +oder einer Stellung willen nicht nur die Kirche gespalten, sondern alle +Gefängnisse England's mit Männern von orthodoxem Glauben und frommem +Lebenswandel gefüllt hätten? Die tadelnden Bemerkungen, welche die +Hochkirchlichen über das neuerliche Benehmen der Dissenters gemacht, +wurden von den Niederkirchlichen für höchst ungerecht erklärt. Das +Wunder liege nicht darin, daß einige wenige Nonconformisten dankbar eine +Indulgenz angenommen hätten, die, so gesetzwidrig sie auch gewesen, doch +ihnen die Thüren ihrer Kerker geöffnet und ihre häusliche Ruhe gesichert +habe, sondern darin, daß die Nonconformisten im allgemeinen der Sache +einer Verfassung treu geblieben seien, von deren Wohlthaten sie lange +ausgeschlossen gewesen. Es sei höchst unbillig, die Fehler einiger +weniger Individuen einer ganzen großen Partei zur Last zu legen. Selbst +unter den Bischöfen der Landeskirche habe Jakob Werkzeuge und +Schmeichler gefunden. Das Benehmen Cartwright's und Parker's sei viel +weniger zu entschuldigen gewesen, als das Alsop's und Lobb's. Gleichwohl +würden Diejenigen, welche die Dissenters für die Fehler Alsop's und +Lobb's verantwortlich hielten, es ohne Zweifel für sehr unvernünftig +erklären, wenn man die Landeskirche für die weit größere Schuld +Cartwright's und Parker's verantwortlich machen wolle. + +Die Geistlichen der Niederkirche waren eine Minorität, und zwar keine +große Minorität ihres Standes; ihr Gewicht aber stand weit über dem +Verhältniß ihrer Anzahl, denn sie waren in der Hauptstadt stark +vertreten, sie hatten daselbst großen Einfluß und das Durchschnittsmaß +ihrer Intelligenz und wissenschaftlichen Bildung war bei ihnen höher als +bei ihrem Stande im allgemeinen. Wir wurden ihre numerische Stärke +wahrscheinlich noch zu hoch anschlagen, wenn wir sie auf ein Zehntel der +gesammten Geistlichkeit schätzten. Es wird jedoch schwerlich bestritten +werden können, daß sie in ihrer Mitte eben so viele Männer von +ausgezeichneter Beredtsamkeit und Gelehrsamkeit zählten, als sich unter +den übrigen neun Zehnteln zusammengenommen fanden. Unter den Laien, die +sich der herrschenden Landeskirche angeschlossen, war das Verhältniß der +Parteien ziemlich gleich. Die Linie, welche sie trennte, war in der That +sehr wenig unterschieden von der Linie, welche die Whigs und Tories +trennte. Im Hause der Gemeinen, welches gewählt worden war, als die +Whigs die Oberhand hatten, war die Niederkirchenpartei entschieden +überwiegend; bei den Lords aber herrschte ein fast genaues Gleichgewicht +und es bedurfte nur sehr geringfügiger Umstände, um die Wagschale +emporzuschnellen. + + +[_Wilhelm's Pläne bezüglich der Kirchenverfassung._] Das Oberhaupt der +Niederkirchenpartei war der König. Er war als Presbyterianer erzogen +worden, seiner rationalen Überzeugung nach war er ein Latitudinarier, +und persönlicher Ehrgeiz sowohl als auch höhere Beweggründe vermochten +ihn, zwischen den protestantischen Secten als Vermittler aufzutreten. +Sein Bestreben war auf die Einführung dreier großer Reformen in den die +kirchlichen Angelegenheiten betreffenden Gesetzen gerichtet. Sein erster +Zweck war, den Dissenters die Erlaubniß zur freien und ungestörten +Abhaltung ihres Gottesdienstes zu erwirken. Sein zweiter Zweck war, +in dem anglikanischen Ritual und Kirchenregiment solche Abänderungen +vorzunehmen, welche die gemäßigten Nonconformisten gewinnen konnten, +ohne Diejenigen zu verletzen, denen jenes Ritual und Kirchenregiment +theuer war. Sein dritter Zweck war, den Protestanten ohne Unterschied +der Secten bürgerliche Ämter zugänglich zu machen. Alle drei Zwecke +waren gut, aber nur der erste war zur Zeit erreichbar. Für den zweiten +kam er zu spät, für den dritten zu früh. + + +[_Burnet, Bischof von Salisbury._] Wenige Tage nach seiner +Thronbesteigung that er einen Schritt, welcher seine Gesinnungen in +Bezug auf Kirchenregiment und öffentlichen Gottesdienst unverkennbar +andeutete. Er fand nur einen Bischofsstuhl unbesetzt. Seth Ward, der +viele Jahre hindurch das Kirchspiel von Salisbury verwaltet und sich als +einer von den Begründern der Königlichen Societät ehrenvoll +ausgezeichnet hatte, starb, nachdem er seine Fähigkeiten längst +überlebt, während das Land durch die Wahlen für die Convention bewegt +wurde, ohne zu wissen, daß große Ereignisse, von denen nicht das +unwichtigste unter seinem eignen Dache stattgefunden, seine Kirche und +sein Vaterland vom Untergange gerettet hatten. Die Wahl eines +Nachfolgers war nicht leicht. Diese Wahl mußte unvermeidlich von der +Nation als ein Prognostikon von höchster Bedeutung betrachtet werden. +Außerdem mußte die Anzahl der Geistlichen, die sich während der +Streitigkeiten der letzten drei Jahre durch Gelehrsamkeit, +Beredtsamkeit, Muth und Rechtschaffenheit ausgezeichnet hatten, den +König in Verlegenheit setzen. Burnet erhielt den Vorzug. Sein Anrecht +war unzweifelhaft groß; aber Wilhelm würde gewiß eine ruhigere Regierung +gehabt haben, wenn er mit der wohlverdienten Beförderung seines Kaplans +noch einige Zeit gewartet und die erste hohe geistliche Würde, welche +nach der Revolution durch die Krone zu vergeben war, einem der neuen +Regierung ergebenen, aber dem Klerus nicht allgemein verhaßten berühmten +Theologen verliehen hätte. Unglücklicherweise war Burnet's Name der +großen Mehrzahl der anglikanischen Geistlichen verhaßt. Obwohl er, dem +Prinzip nach, keineswegs zur extremen Fraction der latitudinarischen +Partei gehörte, so wurde er doch vom Volke als die Personifikation des +Latitudinarismus betrachtet. Diese Auszeichnung verdankte er der +hervorragenden Stellung, die er in der Literatur und der Politik +einnahm, der Gewandtheit seiner Zunge und seiner Feder und vor Allem der +Offenheit und Unerschrockenheit seines Characters, einer Offenheit, +welche kein Geheimniß bewahren konnte, und einer Unerschrockenheit, die +vor keiner Gefahr zurückbebte. Er hegte nur eine geringe Meinung von der +Gesammtheit seiner geistlichen Brüder und mit seiner gewohnten +Indiscretion ließ er sich oft verleiten, diese Meinung auszusprechen. +Dafür haßten sie ihn aber auch mit einer Erbitterung, die auf ihre +Nachfolger überging und noch jetzt, nach anderthalbem Jahrhundert, nicht +nachzulassen scheint. + +Sobald der Beschluß des Königs bekannt wurde, fragte man sich überall: +Was wird der Erzbischof thun? Sancroft hatte sich von der Convention +fern gehalten, er hatte sich geweigert, einen Sitz im Geheimen Rathe +einzunehmen, er hatte aufgehört zu confirmiren, zu ordiniren und +einzusetzen, und nur selten sah man ihn außerhalb der Mauern seines +Palastes zu Lambeth. Bei jeder Gelegenheit erklärte er, daß er sich noch +immer durch seinen alten Unterthaneneid gebunden erachte. Burnet +betrachtete er als ein Ärgerniß für den Priesterstand, als einen +Presbyterianer im Chorrock. Der Prälat, der seine Hände auf dieses +unwürdige Haupt legte, würde mehr als eine große Sünde begehen. Er würde +an geheiligter Stätte und vor einer großen Versammlung von Gläubigen zu +gleicher Zeit einen Usurpator als König anerkennen und einem +Schismatiker den Rang eines Bischofs verleihen. Eine Zeit lang erklärte +Sancroft mit Bestimmtheit, er werde der Anordnung Wilhelm's nicht Folge +leisten. Lloyd von St. Asaph, der gemeinschaftliche Freund des +Erzbischofs und des neuerwählten Bischofs, drang umsonst mit Bitten und +Vorstellungen in ihn. Nottingham, der von allen der neuen Regierung +anhängenden Laien am besten mit dem Klerus stand, bot seinen Einfluß +ebenfalls auf, doch mit keinem besseren Erfolge. Die Jakobiten sagten +überall, daß sie des guten alten Primas gewiß seien, daß er den Muth +eines Märtyrers habe und daß er entschlossen sei, in der Sache der +Monarchie und der Kirche der äußersten Strenge der Gesetze zu trotzen, +mit denen die willfährigen Parlamente des 16. Jahrhunderts das +königliche Supremat geschützt hatten. Er hielt sich in der That lange; +im letzten Augenblicke aber sank ihm der Muth, und er sah sich nach +einem Auswege um. Zum Glück ließ sich sein Gewissen eben so oft durch +kindische Auskunftsmittel beruhigen, wie es durch kindische Bedenken +beunruhigt wurde. Ein kindischerer Ausweg als der, zu welchem er bei +dieser Gelegenheit griff, ist in allen Werken der Casuisten nicht zu +finden. Er wollte nicht persönlich Theil an der Feierlichkeit nehmen; er +wollte nicht öffentlich für den Prinzen und die Prinzessin als König und +Königin beten; er wollte nicht ihr Mandat verlangen, die Verlesung +desselben anbefehlen und dann für die Befolgung sorgen. Aber er stellte +eine Vollmacht aus, welche drei seiner Suffraganen, gleichviel welche, +ermächtigte, in seinem Namen und als seine Delegaten die Sünden zu +begehen, die er selbst nicht begehen mochte. Die Vorwürfe aller Parteien +brachten ihn bald dahin, daß er sich seiner selbst schämte. Nun +versuchte er es, die Augenscheinlichkeit seines Fehlers durch Mittel zu +verdecken, welche noch schimpflicher waren als der Fehler selbst. Er +entfernte aus den öffentlichen Acten, die er in seiner Verwahrung hatte, +das Dokument, durch welches er seine Amtsbrüder ermächtigt, anstatt +seiner zu handeln, und wurde nur mit Mühe bewogen, es wieder +herauszugeben.[81] + +Burnet war indessen kraft dieses Dokuments zum Bischofe geweiht worden. +Als er das nächste Mal Marien besuchte, erinnerte sie ihn an die +Unterredungen, welche sie im Haag über die wichtigen Pflichten und die +große Verantwortlichkeit der Bischöfe mit einander gepflogen hatten. +»Ich hoffe,« sagte sie, »daß Sie Ihre Ansichten praktisch ausüben +werden.« Ihre Hoffnung wurde nicht getäuscht. Was man auch von Burnet's +Meinungen in Bezug auf Civil- und Kirchenverfassung, oder von der +Gesinnung und dem Urtheil denken mag, welche er bei Verfechtung dieser +Meinungen an den Tag legte, auch der böswilligste Parteigeist konnte +nicht zu leugnen wagen, daß er seine Heerde mit einem Eifer, einer +Sorgfalt und einer Uneigennützigkeit hütete, die den reinsten Zeiten der +Kirche würdig waren. Seine geistliche Oberherrschaft erstreckte sich +über Wiltshire und Berkshire. Diese Grafschaften theilte er in +Distrikte, die er fleißig besuchte. Jeden Sommer verwendete er etwa zwei +Monate darauf, täglich von Kirche zu Kirche zu predigen, zu katechisiren +und zu confirmiren. Als er starb, gab es in seinem Kirchspiele keinen +Winkel, wo das Volk nicht sieben bis acht Mal Gelegenheit gehabt hatte, +seine Belehrungen zu empfangen und seinen Rath zu erbitten. Das +schlechteste Wetter, die grundlosesten Wege hielten ihn nicht ab, diese +Pflichten zu erfüllen. Einmal als die Flüsse ausgetreten waren, setzte +er sich lieber der größten Lebensgefahr aus, als daß er die Erwartung +einer Landgemeinde, welche eine Predigt von dem Bischof zu hören hoffte, +getäuscht hätte. Die Armuth der niederen Geistlichkeit war fortwährend +ein Gegenstand der Besorgniß für sein menschenfreundliches und edles +Herz. Er war unermüdlich und zuletzt glücklich in seinen Bemühungen, +ihnen von Seiten der Krone die unter dem Namen »Königin Anna's +Schenkung« bekannte Unterstützung zu verschaffen.[82] Wenn er durch +seine Diöcese reiste, war er ganz besonders darauf bedacht, ihnen nicht +zur Last zu fallen. Anstatt sich von ihnen bewirthen zu lassen, +bewirthete er sie. Er nahm sein Hauptquartier stets in einem +Marktflecken, hielt daselbst offene Tafel und bemühte sich, durch seine +schlichte Gastfreundschaft und liebevolle Freigebigkeit die Herzen Derer +zu gewinnen, welche gegen seine Lehren eingenommen waren. Wenn er eine +dürftig besoldete Pfarrstelle vergab, und er hatte deren viele zu +vergeben, pflegte er dem Einkommen aus seiner eigenen Tasche zwanzig +Pfund jährlich zuzulegen. Zehn vielversprechende junge Leute, deren +jedem er dreißig Pfund jährlich aussetzte, studirten unter seinen Augen +in Salisbury Theologie. Obwohl er mehrere Kinder hatte, hielt er sich +doch nicht für berechtigt, Schätze für sie zu sammeln. Ihre Mutter hatte +ihm ein anständiges Vermögen zugebracht; mit diesem Vermögen, sagte er +immer, müßten sie sich begnügen. Er könne sich nicht um ihretwillen der +Sünde schuldig machen, aus Einkünften, welche der Christenliebe und +Wohlthätigkeit geweiht seien, ein Vermögen zu sammeln. Solche Tugenden +werden in den Augen vernünftiger und vorurtheilsfreier Menschen gewiß +vollkommenen Ersatz für jeden Fehler bieten, der ihm mit Grund zur Last +gelegt werden kann.[83] + + [Anmerkung 81: +Burnet II. 8.+; +Birch's Life of Tillotson+; +Life + of Kettlewell, part III. section 62.+] + + [Anmerkung 82: Swift, der unter dem Namen Gregor Misosarum + schrieb, sagt boshafter und ehrloser Weise von Burnet, er habe der + Kirche diese Schenkung nicht gegönnt. Es kann Swift nicht + unbekannt gewesen sein, daß die Kirche diese Schenkung + hauptsächlich Burnet's beharrlicher Fürsprache verdankte.] + + [Anmerkung 83: Siehe die Biographie Burnet's am Schlusse des + zweiten Bandes seiner Geschichte, seine handschriftlichen + Memoiren, Harl. 6584., seine Denkschriften über die Erstlinge und + Zehnten, und Somers' Briefe an ihn über diesen Gegenstand. Auch + vergleiche man was Dr. King, obwohl Jakobit, so gerecht war in + seinen +Anecdotes+ zu sagen. Ein höchst ehrenvolles Zeugniß für + Burnet's Tugenden, von einem andren Jakobiten, der ihn heftig + angegriffen, und gegen den er sich äußerst großmüthig gezeigt + hatte, von dem gelehrten und freimüthigen Thomas Baker, findet man + im +Gentleman's Magazine+ für August und September 1791.] + + +[_Nottingham's Pläne in Bezug auf die kirchliche Verfassung._] Als er +seinen Sitz im Hause der Lords einnahm, fand er diese Versammlung mit +der Berathung kirchlicher Gesetze beschäftigt. Ein Staatsmann, der als +treuer Anhänger der Landeskirche bekannt war, hatte es unternommen, die +Sache der Dissenters zu vertheidigen. Kein Unterthan im ganzen Reiche +nahm mit Bezug auf die religiösen Parteien eine so wichtige und +gebietende Stellung ein als Nottingham. Mit dem Einflusse, welchen Rang, +Reichthum und amtliche Würde verleihen, verband er den noch höheren +Einfluß der wissenschaftlichen Bildung, der Beredtsamkeit und der +Rechtschaffenheit. Sein orthodoxer Glaube, die Regelmäßigkeit seiner +Andachtsübungen und die Reinheit seiner Sitten gaben seinen Ansichten +über Fragen, welche die Interessen des Christenthums berührten, ein +besonderes Gewicht. Von allen Ministern des neuen Herrscherpaares genoß +er am meisten das Vertrauen der Geistlichkeit. Shrewsbury war sicherlich +ein Whig und wahrscheinlich ein Freidenker, denn er hatte eine Religion +verloren, und es war nicht deutlich zu erkennen, ob er eine andre +gefunden. Halifax war seit vielen Jahren des Skepticismus, Deismus und +Atheismus beschuldigt worden. Danby's Anhänglichkeit an das Episkopat +und die Liturgie war mehr politischer als religiöser Natur. Nottingham +aber war ein Sohn, den die Landeskirche mit Stolz den Ihrigen nannte. +In Folge dessen konnten Vorschläge, die, wenn sie von seinen Collegen +ausgegangen wären, unfehlbar einen panischen Schrecken unter der +Geistlichkeit hervorgerufen haben würden, wenn er sie machte, eine +günstige Aufnahme selbst bei den Universitäten und Kapiteln finden. +Die Freunde der religiösen Freiheit sehnten sich mit gutem Grunde nach +seiner Mitwirkung, und er war auch, bis zu einem gewissen Punkte, nicht +abgeneigt, Hand in Hand mit ihnen zu gehen. Er war entschieden für eine +Toleranz; er war sogar für eine Comprehension, wie man es damals nannte, +das heißt er wünschte einige Abänderungen in dem anglikanischen +Kirchenregiment und Ritual vorzunehmen, um dadurch die Bedenken der +gemäßigten Presbyterianer zu heben. Aber die Testacte wollte er nicht +aufgeben. Der einzige Fehler, den er an dieser Acte fand, war, daß sie +nicht nachdrücklich genug sei und Schlupfwege offen lasse, durch die +sich Schismatiker zuweilen in bürgerliche Ämter einschlichen. In der +That war er gerade deshalb geneigt, in einige Abänderungen in der +Liturgie zu willigen, weil er keine Lust hatte, sich von der Testacte zu +trennen. Er meinte, wenn der Eingang in die Staatskirche nur ein klein +wenig erweitert werde, würden sehr viele Leute, welche bis dahin +zaudernd auf der Schwelle gestanden, sich hereindrängen. Diejenigen, +welche dann noch draußen blieben, würden nicht zahlreich oder mächtig +genug sein, um ein weiteres Zugeständniß erzwingen zu können, und würden +sich gern mit einer bloßen Toleranz abfinden lassen.[84] + +Die Ansicht der Niederkirchlichen bezüglich der Testacte war von der +seinigen durchaus verschieden. Vielen von ihnen aber schien es von +höchster Wichtigkeit, seine Unterstützung bei den großen Fragen der +Toleranz und der Comprehension zu erlangen. Aus den zerstreuten +fragmentarischen Mittheilungen, welche auf uns gekommen sind, geht +hervor, daß ein Vergleich zu Stande kam. Es ist gewiß, daß Nottingham es +auf sich nahm, eine Toleranzbill und eine Comprehensionsbill +einzubringen und sich nach besten Kräften zu bemühen, daß beide Bills im +Hause der Lords angenommen würden. Und sehr wahrscheinlich ist es, daß +einige von den leitenden Whigs in Anerkennung dieses großen Dienstes +einwilligten, die Testacte vor der Hand unverändert fortbestehen zu +lassen. + +Die Abfassung der Toleranzbill sowohl als der Comprehensionsbill hatte +keine Schwierigkeiten. Vor neun oder zehn Jahren, als das Königreich von +Angst vor einem papistischen Complot erfüllt und die Protestanten +allgemein geneigt waren, sich gegen den gemeinsamen Feind zu verbinden, +war die Lage der Dissenters vielfach discutirt worden. Die Regierung war +damals bereit gewesen, der Whigpartei umfassende Zugeständnisse zu +machen, unter der Bedingung, daß die Krone nach dem regelmäßigen Gange +forterben dürfe. Zwei Gesetzentwürfe, von denen der eine den +öffentlichen Gottesdienst der Nonconformisten gestattete, der andre +einige Abänderungen in dem öffentlichen Gottesdienste der Staatskirche +traf, waren vorbereitet worden und würden wahrscheinlich von beiden +Häusern ohne Schwierigkeit angenommen worden sein, hätten nicht +Shaftesbury und seine Coadjutoren sich geweigert, auf irgendwelche +Bedingungen zu hören, und sich, indem sie nach Unerreichbarem die Hand +ausstreckten, Vortheile entgehen lassen, welche leicht zu erlangen +gewesen wären. An der Abfassung dieser Gesetzentwürfe hatte Nottingham, +damals ein thätiges Mitglied des Hauses der Gemeinen, einen starken +Antheil gehabt. Jetzt zog er sie aus dem Dunkel hervor, in welchem sie +seit der Auflösung des Oxforder Parlaments geblieben waren, und legte +sie mit einigen unbedeutenden Abänderungen auf den Tisch der Lords.[85] + + [Anmerkung 84: Oldmixon möchte uns glauben machen, daß Nottingham + damals nicht abgeneigt gewesen sei, die Testacte aufzugeben. Aber + Oldmixon's Behauptung, welche durch keine Beweise unterstützt + wird, ist von gar keinem Gewicht, und alle Zeugnisse, die er + anführt, sprechen gegen seine Behauptung.] + + [Anmerkung 85: +Burnet II. 6+; Van Citters an die Generalstaaten, + 1.(11.) März 1689; +King William's Toleration being an explanation + of that liberty of conscience which may be expected from His + Majesty's Declaration, with a Bill for Comprehensions and + Indulgence, drawn up in order to an Act of Parliament, licensed + March 25. 1689.+] + + +[_Die Toleranzbill._] Die Toleranzbill ging in beiden Häusern nach +kurzer Debatte durch. Dieses berühmte Gesetz, das lange Zeit als die +große Charte der Religionsfreiheit betrachtet wurde, ist seitdem +umfassend modificirt worden und der jetzigen Generation fast nur dem +Namen nach bekannt. Der Name wird jedoch von Vielen, welche vielleicht +mit Verwunderung und Enttäuschung den wahren Character des Gesetzes +kennen lernen werden, das sie in Ehren zu halten gewohnt waren, noch +immer mit Achtung genannt. + +Mehrere Gesetze, welche zwischen der Thronbesteigung der Königin +Elisabeth und der Revolution erlassen worden waren, schrieben Jedermann +bei strengen Strafen vor, dem Gottesdienste der Kirche England's +beizuwohnen und sich des Besuchs von Conventikeln zu enthalten. Die +Toleranzacte widerrief keines dieser Gesetze, sondern bestimmte nur, daß +sie auf Niemanden Anwendung finden sollten, der seine Loyalität durch +Ablegung der Unterthanen- und Suprematseide und seinen protestantischen +Glauben durch Unterzeichnung der Erklärung gegen die Transsubstantiation +bezeuge. + +Die so gewährte Erleichterung kam sowohl den dissentirenden Laien +als den dissentirenden Geistlichen zu Gute. Der dissentirende Klerus +aber hatte noch einige besondere Ursachen zu Beschwerden. Die +Conformitätsacte hatte Jedem eine Geldbuße von hundert Pfund auferlegt, +der sich, ohne die bischöfliche Ordination empfangen zu haben, anmaßen +sollte, das Abendmahl zu reichen. Die Fünfmeilenacte hatte viele fromme +und gelehrte Geistliche von ihren Wohnplätzen und ihren Freunden +vertrieben, um in unbekannten Dörfern, welche auf keiner Landkarte zu +finden waren, unter Bauern zu leben. Die Conventikelacte hatte +denjenigen Geistlichen, welche vor Separatistenversammlungen predigen +sollten, schwere Geldbuße auferlegt, und in directem Widerspruche mit +dem humanen Geiste unsres gemeinen Rechts waren die Gerichtshöfe +angewiesen, diese Acte in umfassender Ausdehnung und zur wirksamen +Unterdrückung des Dissents wie zur Aufmunterung der Angeber zu +handhaben. Diese strengen Gesetze waren nicht aufgehoben, sondern nur, +mit vielen Bedingungen und Vorbehalten, gemildert. Es war +vorgeschrieben, daß jeder dissentirende Geistliche, ehe er seine +Amtsverrichtungen ausüben durfte, mit eigenhändiger Namensunterschrift +seinen Glauben an die Artikel der englischen Staatskirche, mit wenigen +Ausnahmen, feierlich erklären müsse. Die Punkte, zu denen seine +Zustimmung nicht verlangt wurde, waren: daß die Kirche die Befugniß +habe, das Ceremoniell zu reguliren, daß die in dem Homilienbuche +aufgestellten Lehren richtig seien, und daß die Ceremonie der Ordination +nichts Abergläubisches und Abgöttisches an sich habe. Erklärte er sich +für einen Baptisten, so brauchte er außerdem nicht zu versichern, daß +die Taufe der Kinder ein lobenswerther Gebrauch sei. Wenn ihm aber seine +Überzeugung nicht gestattete, vierunddreißig von den neununddreißig +Artikeln und den größten Theil von noch zwei anderen Artikeln zu +unterschreiben, so durfte er nicht predigen, ohne sich allen den Strafen +auszusetzen, welche die Cavaliere zur Zeit ihrer Macht und ihrer Rache +ersonnen hatten, um die schismatischen Prediger zu quälen und zu Grunde +zu richten. + +Die Lage der Quäker war von der der übrigen Dissenters verschieden, und +zwar zu ihrem Nachtheile. Der Presbyterianer, der Independent und der +Baptist hatten keine Bedenken wegen des Suprematseides. Der Quäker aber +weigerte sich, denselben zu leisten, nicht weil er gegen den Satz, daß +fremde Fürsten und Prälaten in England keine Rechtsgewalt haben, etwas +einzuwenden gehabt hätte, sondern weil sein Gewissen ihm nicht +gestattete, auf irgend etwas zu schwören. Daher war er der Strenge eines +Theiles des Strafcodex ausgesetzt, welcher schon lange bevor das +Quäkerthum existirte von den Parlamenten Elisabeth's gegen die +Römisch-Katholischen ausgearbeitet worden war. Die Toleranzacte erlaubte +den Mitgliedern dieser harmlosen Secte, ihre Zusammenkünfte in Frieden +abzuhalten, unter der Bedingung, daß sie drei Urkunden unterzeichneten: +eine Erklärung gegen die Transsubstantiation, ein Versprechen der Treue +gegen die Regierung, und ein christliches Glaubensbekenntniß. Die +Einwendungen, welche der Quäker gegen die athanasianische Phraseologie +machte, hatten ihm die Beschuldigung des Socinianismus zugezogen, und +die starke Sprache, in der er zuweilen behauptete, daß er seine Kenntniß +von überirdischen Dingen unmittelbarer Eingebung von Oben verdanke, +hatte den Verdacht erweckt, daß er von der Autorität der heiligen +Schrift nicht viel halte. Es wurde daher von ihm verlangt, daß er seinen +Glauben an die Göttlichkeit des Sohnes und des heiligen Geistes, wie +auch an die Inspiration des Alten und Neuen Testaments erklären solle. + +Dies waren die Bedingungen, unter denen die protestantischen Dissenters +in England zum ersten Male Gott nach ihrer Überzeugung verehren durften. +Es war ihnen ganz zweckmäßigerweise untersagt, ihre Versammlungen bei +verschlossenen Thüren zu halten; eine Klausel aber, welche es für +strafbar erklärte, ein Bethaus zu betreten, in der Absicht die +Versammlung zu belästigen, schützte sie gegen feindliches Eindringen. + +Als ob die erwähnten Beschränkungen und Vorsichtsmaßregeln noch nicht +ausreichend gewesen wären, wurde nachdrücklich erklärt, daß die +Legislatur gegen keinen Papisten oder irgend Jemanden, der die Lehre von +der Dreieinigkeit, wie sie in den Formularen der englischen Landeskirche +aufgestellt ist, verwerfe, die geringste Nachsicht zu üben gedenke. + +Von allen Acten, die jemals von einem Parlamente erlassen wurden, ist +die Toleranzacte vielleicht diejenige, welche auf die eigenthümlichen +Mängel und auf die eigenthümlichen Vorzüge der englischen Gesetzgebung +das grellste Licht wirft. Die Staatswissenschaft ist in einer Hinsicht +der Mathematik vollkommen analog. Der Mathematiker kann leicht darthun, +daß eine gewisse Kraft, welche vermittelst eines Hebels oder eines +Flaschenzugs angewendet wird, zum Heben einer gewissen Last ausreicht. +Seine Demonstration gründet sich auf die Voraussetzung, daß die +Maschinerie von der Art ist, daß keine Last sie biegen oder zerbrechen +kann. Wenn aber der Mechaniker, der vermittelst wirklicher Balken und +Seile eine große Masse wirklicher Steine zu heben hat, sich auf den +Lehrsatz, den er in Werken über Dynamik findet, unbedingt verlassen und +die Unvollkommenheit seines Materials nicht mit in Anschlag bringen +wollte, so würde sein ganzer Apparat von Balken, Rädern und Seilen bald +zusammenstürzen, und er würde mit all' seinen mathematischen Kenntnissen +als ein viel schlechterer Baumeister erfunden werden wie die bemalten +Barbaren, welche Stonehenge erbauten, obgleich sie von dem +Parallelogramm der Kräfte in ihrem Leben nichts gehört hatten. Wie sich +der Mechaniker zu dem Mathematiker verhält, so verhält sich der +praktische Staatsmann zu dem theoretischen Staatsmann. Es ist allerdings +höchst wichtig, daß Gesetzgeber und Regierende die Theorie des Regierens +genau kennen, wie es höchst wichtig ist, daß der Baumeister, der einen +Obelisk auf sein Piedestal stellen oder eine Röhrenbrücke über einen +Meeresarm legen soll, in der Theorie des Gleichgewichts und der Bewegung +bewandert sei. Wie aber der, welcher wirklich zu bauen hat, an Vieles +denken muß, wovon d'Alembert und Euler nie etwas erwähnt haben, so muß +auch Der, welcher wirklich regieren soll, sich beständig durch +Erwägungen leiten lassen, von denen in den Schriften Adam Smith's oder +Jeremias Bentham's keine Rede ist. Der vollkommene Gesetzgeber hält die +rechte Mitte zwischen dem Theoretiker, der nichts sieht als allgemeine +Grundsätze, und dem bloßen Praktiker, der nur specielle Umstände ins +Auge faßt. An Gesetzgebern, bei denen das spekulative Element bis zur +völligen Ausschließung des praktischen vorherrschte, ist die Welt +während der letzten achtzig Jahre auffallend fruchtbar gewesen. Ihrer +Weisheit verdanken Europa und Amerika Dutzende von abortiven +Verfassungen, welche gerade lange genug gelebt haben, um ein trauriges +Aufsehen zu machen, und die dann unter krampfhaften Zuckungen +verschieden sind. In der englischen Gesetzgebung aber hat das praktische +Element vor dem spekulativen stets, und nicht selten ungebührlich +vorgeherrscht. Nichts auf die Symmetrie, und viel auf die Zweckmäßigkeit +zu geben; niemals eine Anomalie blos deshalb zu beseitigen, weil sie +eine Anomalie ist; niemals eine Neuerung einzuführen, außer wenn sich +ein Nachtheil fühlbar macht, und Neuerungen nur in so weit einzuführen +als zur Hebung des Nachtheils nothwendig ist; niemals einen Vorschlag zu +machen, der sich weiter erstreckte, als auf den speciellen Fall, für +welchen Abhülfe zu schaffen ist: dies sind die Regeln, welche vom +Zeitalter Johann's bis zum Zeitalter Victoria's die Verhandlungen +unserer zweihundertfunfzig Parlamente geleitet haben. Unser nationaler +Widerwille gegen alles Abstracte in der Staatswissenschaft ist +allerdings so groß, daß er ein Fehler wird. Doch ist es vielleicht ein +Fehler zum Guten. Daß wir bei der Verbesserung unserer Gesetze viel zu +langsam gegangen sind, muß zugegeben werden. Obwohl aber in anderen +Ländern gelegentlich ein rascherer Fortschritt stattgefunden haben mag, +so würde es doch nicht leicht sein, ein andres Land zu nennen, in +welchem so wenig Rückschritt stattgefunden hätte. + +Die Toleranzacte kommt dem Typus eines großen englischen Gesetzes sehr +nahe. Einen Juristen, der in der Theorie der Gesetzgebung wohl +bewandert, mit der Stimmung der Secten und Parteien aber, in welche die +Nation zur Zeit der Revolution gespalten war, nicht genau bekannt wäre, +würde jene Acte als ein wahres Chaos von Absurditäten und Widersprüchen +erscheinen. Sie wird eine Prüfung nach richtigen allgemeinen Prinzipien +nicht vertragen. Noch mehr, sie wird gar keine Prüfung nach irgend +welchem, gleichviel ob richtigen oder falschen Prinzip vertragen. Das +richtige Prinzip ist unzweifelhaft, daß ein rein theologischer Irrthum +von der Civilobrigkeit nicht bestraft werden darf. Dieses Prinzip +erkennt die Toleranzacte nicht nur nicht an, sondern sie leugnet es +sogar positiv. Kein einziges von den harten Gesetzen, welche die Tudors +oder die Stuarts gegen die Nonconformisten erlassen, ist aufgehoben. +Verfolgung ist nach wie vor die allgemeine Regel; Toleranz ist die +Ausnahme. Und dies ist noch nicht Alles. Die der Überzeugung gewählte +Freiheit wird in der launenhaftesten Weise gewährt. Ein Quäker erlangt +dadurch, daß er ein Glaubensbekenntniß in allgemeinen Ausdrücken ablegt, +den vollen Genuß der Acte, ohne einen der neununddreißig Artikel zu +unterschreiben. Ein Independentengeistlicher, der vollkommen bereit ist, +die von dem Quäker verlangte Erklärung abzugeben, der aber wegen sechs +oder sieben Artikeln Zweifel hegt, bleibt dem Strafgesetz unterworfen. +Howe ist straffällig, wenn er predigt, ohne zuvor seine Zustimmung zu +der anglikanischen Lehre vom Abendmahl feierlich erklärt zu haben. Penn, +der das Abendmahl ganz verwirft, kann völlig ungehindert predigen, ohne +irgend eine Erklärung über den Gegenstand abzugeben. + +Dies sind einige von den unleugbaren Fehlern, welche Jedem auffallen +müssen, der die Toleranzacte nach dem Maßstabe der gesunden Vernunft +betrachtet, welcher in allen Ländern und zu allen Zeiten der nämliche +ist. Aber gerade diese Fehler können sich vielleicht als Vorzüge +herausstellen, wenn wir die Leidenschaften und Vorurtheile Derer in +Betracht ziehen, für welche die Toleranzacte erlassen wurde. Dieses an +Widersprüchen, die jeder Stümper in der Politik entdecken kann, +überreiche Gesetz leistete, was ein von den größten Meistern in der +Staatswissenschaft auf das Geschicktste ausgearbeitetes Gesetz +vielleicht nicht geleistet haben würde. Daß die obenangeführten +Bestimmungen lästig, kindisch, einander widersprechend und mit der +wahren Theorie der Religionsfreiheit nicht im Einklange sind, läßt sich +nicht leugnen. Alles was zu ihrer Vertheidigung angeführt werden kann, +ist, daß sie eine große Menge Hebel beseitigte, ohne eine große Menge +Vorurtheile zu verletzen; daß sie mit einem Male und für immer, ohne +eine einzige Abstimmung in einem der beiden Parlamentshäuser, ohne einen +einzigen Straßenaufstand und fast ohne hörbares Murren selbst von Seiten +der bigotteren Klassen, einer Verfolgung ein Ende machte, welche vier +Generationen hindurch gewüthet, zahllose Herzen gebrochen, zahllose +Herde verödet, die Gefängnisse mit Menschen gefüllt, welche für diese +Welt zu gut waren, und Tausende von rechtschaffenen, fleißigen und +gottesfürchtigen Landleuten und Handwerkern, welche den eigentlichen +Kern einer Nation bilden, über den Ocean getrieben hatte, um unter den +Wigwams rothhäutiger Indianer und den Lagerplätzen der Panther eine +Zufluchtsstätte zu suchen. Solche Vertheidigungsgründe mögen einigen +oberflächlichen Theoretikern vielleicht schwach vorkommen, Staatsmänner +aber werden sie ohne Zweifel für vollkommen ausreichend erklären. + +Die Engländer von 1689 waren keineswegs geneigt, das Prinzip gelten zu +lassen, daß religiöser Irrthum ungestraft bleiben dürfe. Dieses Prinzip +war gerade damals unpopulärer als je, denn es war erst vor wenigen +Monaten arglistiger Weise als Vorwand benutzt worden, um die +Landeskirche zu verfolgen, die Grundgesetze des Reichs mit Füßen zu +treten, Freigüter einzuziehen und die bescheidene Ausübung des +Petitionsrechts als ein Verbrechen zu behandeln. Wenn damals eine +Bill entworfen worden wäre, welche allen Protestanten völlige +Gewissensfreiheit gewahrt hätte, so kann man mit Gewißheit behaupten, +daß Nottingham eine solche Bill niemals eingebracht, daß alle Bischöfe, +Burnet nicht ausgenommen, dagegen gestimmt haben würden, daß sie jeden +Sonntag von zehntausend Kanzeln herab als eine Beleidigung gegen Gott +und gegen alle Christen und als ein Freibrief für die ärgsten Ketzer und +Gottesleugner bezeichnet worden wäre, daß Bates und Baxter sie eben so +heftig verdammt haben würden als Ken und Sherlock, daß sie in der Hälfte +der englischen Städte vom Pöbel verbrannt worden, daß sie nie ein +Landesgesetz geworden wäre und daß sie schon das Wort Toleranz der +Mehrheit des Volks auf viele Jahre hinaus verhaßt gemacht haben würde. +Und dennoch, wenn eine solche Bill durchgegangen wäre, was würde sie +mehr bewirkt haben als die Toleranzacte bewirkte? + +Es ist wahr, die Toleranzacte erkannte die Verfolgung als Regel an und +gewährte die Gewissensfreiheit nur als Ausnahme. Aber eben so wahr ist +es, daß die Regel nur gegen einige Hundert protestantischer Dissenters +in Kraft blieb und daß die Wohlthat der Ausnahme sich auf +Hunderttausende erstreckte. + +Es ist wahr, daß es theoretisch widersinnig war, von Howe die +Unterzeichnung von vierunddreißig oder fünfunddreißig der anglikanischen +Artikel zu verlangen, bevor er predigen durfte, und Penn predigen zu +lassen, ohne daß er einen einzigen dieser Artikel unterzeichnete. Aber +eben so wahr ist es, daß Beide, Penn wie Howe, unter jenem Gesetz nicht +minder volle Freiheit zu predigen erlangten, als sie sie unter dem +weisesten Codex genossen haben würden, den ein Beccaria oder Jefferson +hätte ausarbeiten können. + +Die Berathung der Bill ging leicht von Statten. Nur ein Amendement von +Wichtigkeit wurde vorgeschlagen. Einige eifrige Kirchenmänner im Hause +der Gemeinen sagten, daß es wohl wünschenswerth sein dürfte, die +Toleranz nur auf einen Zeitraum von sieben Jahren zu bewilligen und so +eine Garantie für das gute Verhalten der Nonconformisten zu erlangen. +Dieser Antrag aber wurde so ungünstig aufgenommen, daß Die, welche ihn +gestellt hatten, es nicht wagten, das Haus darüber abstimmen zu +lassen.[86] + +Der König gab mit voller Befriedigung seine Zustimmung, die Bill wurde +Gesetz und die puritanischen Geistlichen drängten sich in allen +Grafschaften zu den Quartalsitzungen, um zu schwören und zu +unterzeichnen. Viele von ihnen mochten ihre Zustimmung zu den Artikeln +allerdings wohl mit einigen stillschweigenden Vorbehalten erklären. +Baxter aber wollte sein ängstliches Gewissen nicht gestatten den Schritt +zu thun, bevor er eine Erklärung über den Sinn, in welchem er jeden +Punkt verstand, zu Protokoll gegeben hatte. Das Schriftstück, welches +er dem Gerichtshofe, vor dem er die Eide leistete, überreichte, +ist noch vorhanden und enthält zwei Stellen von besonderem +Interesse. Er erklärte, daß seine Billigung des athanasianischen +Glaubensbekenntnisses sich auf denjenigen Theil beschränke, der ein +wirkliches Glaubensbekenntniß sei, und daß er den Verdammungssätzen +nicht beistimme. Ebenso erklärte er, daß er durch Unterschreibung des +Artikels, der über Alle, welche behaupten, man könne auch ohne Christi +Vermittlung selig werden, ein Anathema verhängt, Diejenigen nicht +verdammt haben wolle, welche die Hoffnung hegen, daß aufrichtige und +tugendhafte Ungläubige an den Wohlthaten der Erlösung Theil haben +können. Viele von den dissentirenden Geistlichen London's erklärten ihre +Verpflichtung zu diesen mildherzigen Gesinnungen.[87] + + [Anmerkung 86: +Commons' Journals, May 17. 1689+] + + [Anmerkung 87: Sense of the subscribed articles by the Ministers + of London, 1690; Calamy's Historical Additions to Baxter's Life.] + + +[_Die Comprehensionsbill._] Die Geschichte der Comprehensionsbill bildet +einen auffallenden Contrast zur Geschichte der Toleranzbill. Beide Bills +hatten einen gemeinsamen Ursprung und, in bedeutender Ausdehnung, auch +einen gemeinsamen Zweck. Sie wurden zu gleicher Zeit entworfen und zu +gleicher Zeit bei Seite gelegt; sie geriethen zusammen in Vergessenheit +und wurden nach Verlauf mehrerer Jahre zusammen wieder vor die Augen der +Welt gebracht. Beide wurden von dem nämlichen Peer auf den Tisch des +Oberhauses niedergelegt und beide wurden dem nämlichen Ausschusse +überwiesen. Bald aber begann es sich zu zeigen, daß sie ein ganz +verschiedenes Schicksal haben würden. Die Comprehensionsbill war zwar +ein besseres Probestück legislativer Geschicklichkeit, als die +Toleranzbill, war aber nicht, wie diese, den Bedürfnissen, Gefühlen und +Vorurtheilen der lebenden Generation angepaßt. In Folge dessen wurde die +Comprehensionsbill, während die Toleranzbill von allen Seiten +Unterstützung fand, von allen Seiten angegriffen und zuletzt selbst von +Denen, die sie eingebracht hatten, lau und schwach vertheidigt. Um die +nämliche Zeit, wo die Toleranzbill unter allgemeiner Zustimmung der +Staatsmänner Gesetz wurde, ward die Comprehensionsbill unter nicht +minder allgemeiner Zustimmung fallen gelassen. Die Toleranzbill nimmt +heute noch unter den wichtigen Gesetzen, welche in unsrer +Verfassungsgeschichte Epochen bezeichnen, eine Stelle ein. Die +Comprehensionsbill ist vergessen. Kein Sammler von Alterthümern hat sie +der Aufbewahrung werth gehalten. Ein einziges Exemplar, das nämliche, +welches Nottingham den Peers vorlegte, befindet sich noch unter unseren +Parlamentsacten, ist aber nur einigen wenigen jetzt lebenden Personen zu +Gesicht gekommen. Es ist ein glücklicher Umstand, daß aus diesem +Exemplare fast die ganze Geschichte der Bill zu ersehen ist. Trotz der +Durchstreichungen und hineincorrigirten Änderungen sind die +ursprünglichen Worte leicht von denen zu unterscheiden, welche im +Ausschuß oder bei der Berichterstattung hineingeschrieben wurden.[88] + +Die erste Klausel, wie sie bei Einbringung der Bill lautete, entband +alle Geistlichen der Landeskirche der Nothwendigkeit, die neununddreißig +Artikel zu unterschreiben. An die Stelle der Artikel war folgende +Erklärung gesetzt: »Ich billige die Lehre und den Gottesdienst und das +Regiment der Staatskirche England's, wie sie gesetzlich bestehen, +als alles zur Seligkeit Nothwendige enthaltend, und verspreche in der +Ausübung meines geistlichen Amtes demgemäß zu predigen und zu handeln.« +Eine andre Klausel gewährte den Mitgliedern der beiden Universitäten +gleiche Begünstigung. + +Ferner war bestimmt, daß jeder Geistliche, der nach presbyterianischer +Weise ordinirt worden, ohne nochmalige Ordination alle Rechte eines +Priesters der Landeskirche erlangen konnte. Er mußte jedoch in seine +neuen Functionen durch Händeauflegen seitens eines Bischofs eingeführt +werden, welcher dabei folgende Formel auszusprechen hatte: »Empfange die +Ermächtigung, das Wort Gottes zu predigen, die Sakramente darzureichen +und alle anderen geistlichen Amtsverrichtungen in der Kirche von England +auszuüben.« Der so Aufgenommene war zur Bekleidung jedes Rectorats oder +Vikariats im Königreiche befähigt. + +Dann folgten Klauseln, welche bestimmten, daß ein Geistlicher, außer in +einigen wenigen Kirchen von besonderem Ansehen, den Chorrock tragen +könne oder nicht, wie er es für gut fände, daß das Zeichen des Kreuzes +bei der Taufe weggelassen werden dürfe, daß die Kinder ohne Pathen oder +Pathinnen getauft werden dürften, wenn die Eltern es wünschten, und daß +Leute, denen es Gewissensscrupel machte, das Abendmahl knieend zu +empfangen, es sitzend empfangen dürften. + +Der Schlußsatz war in Form einer Petition gefaßt. Es war darin +vorgeschlagen, daß die beiden Häuser den König und die Königin ersuchen +sollten, eine Ordre zu erlassen, welche dreißig Theologen der +Landeskirche ermächtigte, die Liturgie, die Kirchengesetze und die +Einrichtung der geistlichen Gerichtshöfe zu untersuchen und die sich bei +der Untersuchung als wünschenswerth herausstellenden Änderungen +anzuempfehlen. + +Die Bill durchlief ruhig die ersten Stadien. Compton, welcher +thatsächlich Primas war, seit Sancroft sich in Lambeth eingeschlossen +hatte, unterstützte Nottingham aufs Kräftigste.[89] Im Ausschusse aber +zeigte es sich, daß es eine starke Partei von Hochkirchlichen gab, +welche entschlossen waren, kein einziges Wort, keine einzige Formalität +aufzugeben, denen es schien, daß Gebete ohne den Chorrock keine Gebete, +der Täufling ohne das Zeichen des Kreuzes kein Christ, und Brod und Wein +keine Denkzeichen der Erlösung und keine Gnadenvehikel seien, wenn sie +nicht knieend empfangen würden. Warum, fragten diese Männer, sollte der +gehorsame und treue Sohn der Landeskirche den Verdruß haben, in ihre +majestätischen Chöre die unehrerbietigen Gebräuche eines Conventikels +eingeführt zu sehen? Warum sollten seine Gefühle, seine Vorurtheile, +wenn es wirklich Vorurtheile wären, weniger berücksichtigt werden als +die Launen der Schismatiker? Wenn, wie Burnet und Leute wie Burnet nicht +müde wurden zu wiederholen, einem schwachen Bruder Nachsicht gebühre, +gebühre sie demjenigen Bruder, dessen Schwäche in seiner übergroßen +Liebe zu einem alten, einfachen und schönen Ritual bestehe, das von +Kindheit an in seiner Phantasie mit dem Erhabensten und Theuersten eng +verbunden sei, weniger als dem Bruder, dessen grämlicher und +streitsüchtiger Geist beständig auf läppische Einwendungen gegen +harmlose und heilsame Gebräuche sinne? Aber die Bedenklichkeit des +Puritaners sei wahrlich nicht die Art der Bedenklichkeit, welche der +Apostel den Gläubigen zu respectiren befohlen habe. Sie entspringe nicht +aus einer krankhaften Zartheit des Gewissens, sondern aus Tadelsucht und +geistlichem Hochmuth, und wer das Neue Testament studirt habe, dem könne +es unmöglich entgangen sein, daß, während es unsre Pflicht sei Alles zu +vermeiden was dem Schwachen ein Ärgerniß geben könne, göttliche +Vorschrift und göttliches Beispiel uns lehrten, dem anmaßenden und +lieblosen Pharisäer kein Zugeständniß zu machen. Sollte Alles was nicht +zum Wesen der Religion gehöre, aufgegeben werden, sobald es einem Haufen +Zeloten, denen Eigendünkel und Neuerungssucht die Köpfe verdreht hätte, +nicht mehr gefalle? Bemaltes Glas, Musik, Feiertage und Festtage +gehörten nicht zum Wesen der Religion. Sollten auf Verlangen der einen +Schaar Fanatiker die Fenster der Kapelle von King's College zerbrochen +werden? Sollte einer andren zu Gefallen die Orgel von Exeter verstummen? +Sollten alle Dorfglocken schweigen, weil Tribulation Wholesome oder +Diakonus Ananias sie für profan hielten? Sollte das Christfest kein +Freudentag mehr sein? Sollte die Passionswoche nicht länger eine Zeit +der Demüthigung bleiben? Diese Änderungen waren allerdings noch nicht +vorgeschlagen worden. Wenn wir aber, argumentirten die Hochkirchlichen, +einmal zugeben, daß etwas Harmloses und Erbauliches abgeschafft werde, +weil es einigen beschränkten Köpfen und Grämlingen Anstoß giebt, wo +sollen wir dann einhalten? Und ist es nicht wahrscheinlich, daß wir, +indem wir so versuchen, ein Schisma zu heilen, ein andres hervorrufen +können? Alle die Dinge, welche die Puritaner als Flecken der Kirche +betrachten, werden von einem großen Theile der Bevölkerung zu den +Schönheiten derselben gerechnet. Kann sie nicht, indem sie aufhört +einigen mürrischen Rigoristen Ärgerniß zu geben, zu gleicher Zeit ihren +Einfluß auf die Herzen Vieler verlieren, die sich jetzt an ihren +Gebräuchen erfreuen? Steht nicht zu befürchten, daß für jeden +Proselyten, den sie aus dem Bethause an sich zieht, zehn ihrer alten +Söhne ihren verstümmelten Riten und des Schmuckes beraubten Tempeln den +Rücken kehren und daß diese neuen Separatisten sich entweder zu einer +viel mächtigeren Secte als die, welche wir jetzt zu versöhnen suchen, +zusammenschaaren oder in der Heftigkeit ihres Abscheues vor einer kalten +und unwürdigen Gottesverehrung sich verleiten lassen, zu dem feierlichen +und glänzenden Götzendienst Rom's überzugehen? + +Es ist bemerkenswerth, daß Die, welche diese Sprache führten, keineswegs +geneigt waren, für die doctrinellen Artikel der Staatskirche zu +streiten. In Wahrheit hat seit den Zeiten Jakob's I. die große Partei, +welche besonders für die anglikanische Kirchenverfassung und das +anglikanische Ritual eingenommen war, sich immer stark zum Arminianismus +hingeneigt und daher nie sehr fest an einem Glaubensbekenntniß gehangen, +das von Reformatoren entworfen war, welche in Fragen der metaphysischen +Theologie im Allgemeinen mit Calvin übereinstimmten. Eines von den +characteristischen Kennzeichen dieser Partei ist die Geneigtheit, welche +sie stets an den Tag gelegt hat, sich bei Punkten der dogmatischen +Theologie lieber auf die aus Rom stammende Liturgie als auf die aus Genf +stammenden Artikel und Homilien zu berufen. Die calvinistischen +Mitglieder der Kirche haben dagegen stets behauptet, daß die +wohlerwogene Meinung derselben über solche Punkte vielmehr in einer +Homilie oder in einer Dankeshymne zu finden sei. Es scheint nicht, +daß bei den Debatten über die Comprehensionsbill ein einziger +Hochkirchlicher seine Stimme gegen die Klausel erhob, welche den Klerus +der Nothwendigkeit entband, die Artikel zu unterschreiben und die in den +Homilien enthaltene Doctrin für richtig zu erklären. Die Erklärung, +welche in dem ursprünglichen Entwurf an die Stelle der Artikel gesetzt +war, wurde sogar in der Berichterstattung sehr gemildert. Nach dem +schließlichen Wortlaute der Klausel war den Dienern der Landeskirche +vorgeschrieben zu erklären, nicht daß sie ihre Verfassung _billigten_, +sondern bloß daß sie sich derselben unterwürfen. Wäre die Bill Gesetz +geworden, so würden die dissentirenden Prediger die Einzigen im ganzen +Königreiche geworden sein, welche die Artikel zu unterschreiben gehabt +hätten.[90] + +Die Leichtigkeit mit der die eifrigen Freunde der Landeskirche das +Glaubensbekenntniß derselben aufgaben, contrastirt auffallend mit der +Begeisterung, mit der sie für die Verfassung und das Ritual derselben +stritten. Die Klausel, welche presbyterianischen Geistlichen gestattete, +ohne bischöfliche Ordination Pfründen zu besitzen, wurde verworfen. +Die Klausel, welche skrupulösen Personen gestattete, sitzend zu +communiciren, entging mit genauer Noth dem nämlichen Schicksale. Im +Ausschusse wurde sie weggestrichen und bei der Berichterstattung nur mit +großer Mühe wieder aufgenommen. Die Majorität der anwesenden Peers war +gegen die vorgeschlagene Begünstigung und nur die Stellvertreter gaben +gerade noch den entgegengesetzten Ausschlag. + +Inzwischen begann es sich jedoch zu zeigen, daß der Bill, welche die +Anhänger der Hochkirche so heftig angriffen, von ganz andrer Seite +Gefahren drohten. Die nämlichen Gründe, welche Nottingham bewogen hatten +eine Comprehension zu unterstützen, machten dieselbe für eine große +Anzahl von Dissenters zu einem Gegenstande der Besorgniß und Abneigung. +Das Wahre ist, daß die Zeit für einen solchen Plan vorüber war. Wäre +Elisabeth hundert Jahre früher, als die Spaltung unter den Protestanten +noch neu war, so weise gewesen, von dem Verlangen der Beobachtung +einiger weniger Formen abzustehen, welche ein großer Theil ihrer +Unterthanen als papistisch betrachtete, so hatte sie vielleicht die +entsetzlichen Calamitäten verhüten können, welche vierzig Jahre nach +ihrem Tode die Kirche heimsuchten. Aber eine Kirchenspaltung hat in der +Regel die Tendenz, sich zu vergrößern. Hätte Leo X., als die +Erpressungen und Betrügereien der Ablaßkrämer zuerst den Unwillen +Sachsen's erregten, diesem Unwesen mit kräftiger Hand gesteuert, so ist +es nicht unwahrscheinlich, daß Luther im Schooße der römischen Kirche +gestorben sein würde. Aber man ließ die Gelegenheit unbenutzt +vorübergehen, und als wenige Jahre später der Vatikan durch +Nachgiebigkeit in dem ursprünglichen Streitpunkte gern den Frieden +erkauft haben würde, war der ursprüngliche Gegenstand des Streits fast +vergessen. Der durch einen einzelnen Mißbrauch geweckte Prüfungsgeist +hatte tausende entdeckt oder zu entdecken geglaubt; Controversen +erzeugten Controversen, jeder Versuch, den einen Streit beizulegen, +endigte damit, daß er einen andren hervorrief, und schließlich machte +ein allgemeines Concil, das man während der ersten Stadien des Übels für +ein untrügliches Heilmittel gehalten hatte, die Sache völlig +hoffnungslos. In dieser Beziehung wie in vielen anderen gleicht die +Geschichte des Puritanismus in England genau der Geschichte des +Protestantismus in Europa. Das Parlament von 1689 konnte durch Duldung +eines Gewandes oder einer Stellung der Nonconformität eben so wenig ein +Ende machen, wie die Doctoren von Trient durch Regulirung des Ablasses +die teutonischen Völker mit dem Papstthum versöhnen konnten. Im 16. +Jahrhundert war das Quäkerthum noch unbekannt und es gab im ganzen +Reiche nicht eine einzige Independenten- oder Baptistengemeinde. Zur +Zeit der Revolution bildeten die Independenten, Baptisten und Quäker die +Majorität der Dissenters und diese Secten konnten nicht durch +Bedingungen gewonnen werden, welche der entschiedenste Niederkirchliche +zu bieten geneigt gewesen wäre. Der Independent war der Ansicht, daß +eine Landeskirche, welche durch was immer für eine Centralgewalt, ob +Papst, Patriarch, König, Bischof oder Synode, regiert wurde, eine nicht +schriftgemäße Institution und daß jede Gemeinschaft von Gläubigen unter +Christi Autorität eine souveraine Gesellschaft sei. Der Baptist war noch +unnachgiebiger als der Independent, und der Quäker noch unnachgiebiger +als der Baptist. Daher würden Concessionen, welche vor Zeiten der +Nonconformität ein Ende gemacht hätten, jetzt noch nicht die Hälfte der +Nonconformisten befriedigt haben, und jedem Nonconformisten, den kein +Zugeständniß befriedigen konnte, mußte nothwendig darum zu thun sein, +daß auch keiner seiner Glaubensbrüder zu befriedigen war. Je liberaler +die Bedingungen der Comprehension waren um so größer war die Besorgniß +jedes Separatisten, welcher wußte, daß er in keinem Falle comprehensirt +werden konnte. Es war also nur wenig Hoffnung, daß die Dissenters, auch +wenn sie ungetheilt und wie Ein Mann handelten, von der Legislatur volle +Zulassung zu bürgerlichen Rechten erlangen würden, und jede Hoffnung, +diese Zulassung zu erlangen, mußte aufgegeben werden, wenn es Nottingham +mit Hülfe einiger wohlmeinender aber kurzsichtiger Freunde der +Religionsfreiheit möglich werden sollte, seinen Plan durchzuführen. Wenn +seine Bill durchging, so erfolgte unzweifelhaft ein erheblicher Abfall +von der Dissenterschaft, und jeder Abfall mußte von einer ohnehin schon +in der Minderzahl befindlichen, unterdrückten und gegen mächtige Feinde +kämpfenden Klasse schwer empfunden werden. Überdies mußte jeder Proselyt +doppelt gezählt werden, einmal als Verlust für die Partei, welche gerade +jetzt nur zu schwach war, und einmal als Gewinn für die schon zu starke +Gegenpartei. Die Kirche war nur zu gut im Stande, allen Secten im +Königreiche die Spitze zu bieten, und wenn diese Secten durch einen +bedeutenden Abfall gelichtet und die Kirche durch einen bedeutenden +Zugang verstärkt werden sollte, so war es offenbar mit aller Aussicht +auf eine Milderung der Testacte vorbei und nur zu wahrscheinlich, +daß die Toleranzacte bald wieder zurückgenommen werden würde. + +Selbst diejenigen presbyterianischen Geistlichen, deren Gewissensscrupel +zu heben die Comprehensionsbill insbesondere bestimmt war, hegten +keineswegs einhellig den Wunsch, sie angenommen zu sehen. Die +talentvollsten und beredtsamsten Prediger waren seit dem Erscheinen der +Indulgenzerklärung sehr angenehm in der Hauptstadt und anderen großen +Städten placirt und sollten jetzt unter der sicheren Garantie einer +Parlamentsacte die Duldung genießen, welche unter der Indulgenzerklärung +gesetzwidrig und unsicher gewesen war. Die Lage dieser Männer war von +der Art, daß die große Mehrzahl der Geistlichen der Landeskirche sie mit +Recht beneiden konnten. In der That, nur wenige Parochialgeistliche +waren so reichlich mit Bequemlichkeiten und Genüssen bedacht, als der +Lieblingsprediger einer großen Nonconformistengemeinde in der City. +Die freiwilligen Beiträge seiner wohlhabenden Zuhörer, bestehend aus +Aldermen und Rathsherren, Kaufleuten, welche nach Westindien und +der Levante Handel trieben, Ältesten der Fischhändler- und +Goldschmiedgilden, setzten ihn in den Stand, Grundeigenthümer zu werden +oder auf Hypotheken auszuleihen. Das feinste Tuch aus Blackwell Hall und +das beste Geflügel von Leadenhall Market wurden ihm häufig ins Haus +gebracht, sein Einfluß auf seine Gemeinde war ungeheuer. Kein Mitglied +einer Separatistengesellschaft ging so leicht ein Compagniegeschäft ein, +oder verheirathete seine Tochter, oder brachte seinen Sohn in die Lehre, +oder gab seine Stimme bei einer Wahl ab, ohne seinen Seelsorger zu Rathe +zu ziehen. In allen politischen und religiösen Fragen war der Geistliche +das Orakel seiner Gemeinde. Seit vielen Jahren pflegte man im Volke zu +sagen, daß ein ausgezeichneter Dissentergeistlicher nur seinen Sohn +Advokat oder Arzt werden zu lassen brauche, um gewiß zu sein, daß er als +Advokat Klienten und als Arzt Patienten haben werde. Während ein +gewöhnliches Dienstmädchen in der Regel als die für einen Kaplan der +Landeskirche passende Lebensgefährtin betrachtet wurde, galt es für +ausgemacht, daß die Wittwen und Töchter reicher Bürger vorzugsweise den +nonconformistischen Pastoren zukamen. Ein angesehener presbyterianischer +Rabbi konnte somit wohl daran zweifeln, ob er in weltlicher Beziehung +durch eine Comprehension etwas gewinnen werde. Er konnte allerdings eine +Pfarre oder eine Vikarstelle bekleiden, wenn er eine bekam; inzwischen +aber wurde er dem Mangel preisgegeben, sein Versammlungshaus wurde +geschlossen, seine Gemeinde zerstreute sich unter die Pfarrkirchen, und +wenn ihm eine Pfründe verliehen wurde, so bot sie ihm wahrscheinlich nur +einen kärglichen Ersatz für das verlorne Einkommen. Eben so wenig durfte +er hoffen, als Diener der anglikanischen Kirche die Autorität und das +Ansehen zu erlangen, die er bisher genossen hatte. Von einem großen +Theile dieser Kirche würde er stets als ein Überläufer betrachtet +werden. Es war daher im Ganzen genommen sehr natürlich, wenn er da +gelassen zu werden wünschte wo er war.[91] + +In Folge dessen entstand eine Spaltung in der Whigpartei. Der eine Theil +war für die Entbindung der Dissenters von der Testacte und für Aufgeben +der Comprehensionsbill, der andre Theil war für Unterstützung der +Comprehensionsbill und für Verschiebung der Angelegenheit wegen der +Testacte bis zu einer passenderen Zeit. Die Wirkung dieser Spaltung +unter den Freunden der religiösen Freiheit war, daß die Anhänger der +Hochkirche, obgleich sie im Hause der Gemeinen eine Minorität und im +Hause der Lords keine Majorität bildeten, beiden gefürchteten Reformen +mit Erfolg zu opponiren vermochten. Die Comprehensionsbill wurde nicht +angenommen und die Testacte wurde nicht widerrufen. + +Gerade in dem Augenblicke als die beiden Fragen des Testes und der +Comprehension sich in eine Weise mit einander zu verwickeln begannen, +welche einen aufgeklärten und rechtschaffenen Staatsmann wohl in +Verlegenheit setzen konnte, gesellte sich dazu noch eine dritte Frage +von hoher Wichtigkeit. + + [Anmerkung 88: Die Bill befindet sich in den Archiven des Hauses + der Lords. Es ist befremdend, daß diese große Sammlung wichtiger + Dokumente selbst von unseren gewissenhaftesten und fleißigsten + Geschichtsforschern ganz unbeachtet gelassen worden ist. Sie wurde + mir durch einen meiner werthesten Freunde, Mr. John Lefevre, + geöffnet und die Güte des Mr. Thoms unterstützte mich wesentlich + bei meinen Nachforschungen.] + + [Anmerkung 89: Unter den Tanner'schen Manuscripten in der + Bodlejanischen Bibliothek befindet sich ein höchst interessanter + Brief von Compton an Sancroft über die Toleranzbill und die + Comprehensionsbill. »Dies,« sagt Compton, »sind zwei wichtige + Werke, bei denen die Existenz unsrer Kirche interessirt ist, und + ich hoffe, Sie werden sich aus dem Parlamente Exemplare davon + holen lassen. Denn obgleich wir unter einer Eroberung stehen, + hat Gott uns doch Gnade geschenkt vor den Augen unserer Herrscher, + und wir können unsre Kirche aufrecht halten, wenn wir wollen.« + Sancroft scheint nicht darauf geantwortet zu haben.] + + [Anmerkung 90: Die Abneigung der Hochkirchlichen gegen die Artikel + ist Gegenstand einer interessanten Flugschrift, welche 1689 unter + dem Titel erschien: +A Dialogue between Timothy and Titus+.] + + [Anmerkung 91: Tom Brown sagt in seiner derb komischen Manier von + den damaligen presbyterianischen Geistlichen, ihr Predigen »bringe + Geld ein, mit Geld kaufe man Grundbesitz und Grundbesitz sei + ein Genuß, nach dem jedem von ihnen gelüste, trotz ihres + scheinheiligen Gewinsels. Wären die Quartalbeiträge nicht, so + würde es kein Schisma und keine Separation mehr geben.« Er fragt, + wie es denkbar sei, daß sie, »wenn sie sich während der Spaltung + wie Gentlemen ständen, jemals Lehren predigen würden, welche den + Bruch heilen könnten?« -- +Brown's Amusements, Serious and + Comical.+ -- Einige interessante Beispiele von dem Einflusse, den + die vornehmsten Dissentergeistlichen ausübten, finden sich in + Hawkins' +Life of Johnson+. In dem »Tagebuche eines Bürgers, der + sich zur Ruhe gesetzt hat« (+Spectator 317+.) erlaubt sich Addison + einige sehr gute Witze über den Gegenstand. Der Mr. Nisby, dessen + Ansichten über den Frieden, den Großvezier und den gezuckerten + Kaffee mit so großem Respect angeführt werden, und der so + freigebig mit Marksknochen, Ochsenfleisch und einer Flasche von + Brooks & Hellier regalirt wird, ist John Nesbit, ein sehr + beliebter Prediger, der zur Zeit der Revolution Pastor einer + Dissentergemeinde in Hare Court, Aldergate Street, wurde. In + Wilson's +History and Antiquities of Dissenting Churches and + Meeting Houses in London, Westminster and Southwark+ findet man + mehrere Beispiele von nonconformistischen Predigern angeführt, + welche um diese Zeit zu hübschem Vermögen gelangten, meist durch + Heirathen, wie es scheint.] + + +[_Bill zur Festsetzung der Huldigungs- und Suprematseide._] Die +seitherigen Huldigungs- und Suprematseide enthielten einige Ausdrücke, +welche den Whigs stets mißfallen hatten, und wieder andere, welche +Tories, die der neuen Ordnung der Dinge aufrichtig zugethan waren, +für unanwendbar auf Fürsten hielten, welche das erbliche Recht nicht +besaßen. Die Convention hatte daher, als der Thron noch erledigt war, +die Huldigungs- und Suprematseide entworfen, durch die wir noch heute +unsrem Souverain unsre Loyalität bezeugen. Durch die Acte, welche die +Convention in ein Parlament verwandelte, wurde den Mitgliedern beider +Häuser vorgeschrieben, die neuen Eide zu leisten. Bezüglich der anderen +öffentlichen Beamten war es schwer zu sagen, wie das Gesetz stand. +Die eine Wortformel war durch ordnungmäßig angenommene und noch nicht +ordnungmäßig aufgehobene Gesetze vorgeschrieben. Eine andre Formel war +durch die Rechtserklärung vorgeschrieben, ein Instrument, das zwar +revolutionär und regelwidrig war, das aber wohl als jedem andren Gesetze +an Autorität gleichstehend angesehen werden konnte. Die Praxis war in +eben so großer Verwirrung als das Gesetz. Es wurde daher als nothwendig +erkannt, daß die Legislatur unverzüglich eine Acte erließe, welche die +alten Eide abschaffte und zugleich bestimmte, wann und von wem die neuen +Eide geleistet werden sollten. + +Die Bill, welche diese wichtige Frage erledigte, ging vom Oberhause aus. +Die meisten Bestimmungen boten der Meinungsverschiedenheit wenig +Spielraum. Man war allgemein darüber einverstanden, daß in Zukunft +Niemand ein bürgerliches, militärisches, geistliches oder akademisches +Amt erhalten solle, der nicht Wilhelm und Marien die Eide geleistet +habe. Eben so allgemein war man damit einverstanden, daß Jeder, der +bereits ein bürgerliches oder militärisches Amt bekleidete, aus +demselben entfernt werden sollte, wenn er nicht an oder vor dem 1. +August 1689 die Eide leistete. Die heftigsten Leidenschaften beider +Parteien aber wurden durch die Frage erregt, ob Personen, welche bereits +kirchliche oder akademische Ämter inne hatten, gehalten sein sollten, +dem Könige und der Königin, bei Strafe der Absetzung, Treue zu schwören. +Niemand konnte sagen, welchen Eindruck ein Gesetz machen würde, das +allen Mitgliedern eines großen, mächtigen und geheiligten Standes +vorschrieb, unter der feierlichsten religiösen Bekräftigung eine +Erklärung abzugeben, welche als ein förmlicher Widerruf alles dessen was +sie seit vielen Jahren geschrieben und gepredigt hatten, angesehen +werden konnte. Der Primas und einige der angesehensten Bischöfe waren +schon aus dem Parlamente weggeblieben und ließen ohne Zweifel eher ihre +Paläste und Einkünfte im Stiche, als daß sie die neuen Souveraine +anerkannten. Dem Beispiele dieser hohen Prälaten folgten vielleicht eine +Menge Geistlicher niederen Ranges, Hunderte von Canonici, Präbendarien +und Collegiaten und Tausende von Pfarrern. Einem solchen Ereignisse +konnte kein Tory, mochte er auch mit sich selbst völlig im Klaren +darüber sein, daß er dem factischen Könige rechtmäßigerweise den +Huldigungseid leisten könne, ohne die schmerzlichsten Regungen von +Theilnahme für die Dulder und von Besorgniß für die Kirche +entgegensehen. + +Einige Personen gingen so weit zu leugnen, daß ein Parlament überhaupt +befugt sei, ein Gesetz zu erlassen, welches einem Bischofe bei Strafe +der Absetzung vorschreibe, den Eid zu leisten. Keine irdische Macht, +sagten sie, könne das Band zerreißen, das den Nachfolger der Apostel an +seine Diöcese knüpfe. Was Gott zusammengefügt habe, könne der Mensch +nicht trennen. Könige und Senate könnten Worte auf Pergament kritzeln +und Figuren in Wachs drücken; aber diese Worte und Figuren könnten den +Lauf der geistlichen Welt so wenig ändern wie den Lauf der physischen +Welt. Wie der Schöpfer des Weltalls eine gewisse Ordnung festgesetzt +habe, nach welcher es ihm gefalle, Winter und Sommer, Saat- und +Erntezeit zu senden, eben so habe er eine gewisse Ordnung festgesetzt, +nach der er seiner katholischen Kirche seine Gnade zu Theil werden +lasse, und die letztere Ordnung sei, wie die erstere, unabhängig von den +Gewalthabern und Fürsten der Welt. Eine Legislatur könne die Namen der +Monate ändern, könne den Juni December und den December Juni nennen, +aber trotz aller Legislatur werde Schnee fallen, wenn die Sonne im +Steinbock, und Blumen blühen, wenn sie im Krebs stände. Eben so könne +die Legislatur befehlen, daß Ferguson oder Muggleton im Palaste zu +Lambeth wohnen, auf dem Throne Augustin's sitzen, Euer Gnaden genannt +werden und bei Prozessionen vor dem ersten Herzoge gehen solle, trotz +der Legislatur aber werde Sancroft, so lange er lebe, der einzig wahre +Erzbischof von Canterbury, und Derjenige, der sich die erzbischöflichen +Functionen anzumaßen wage, ein Schismatiker sein. Diese Doctrin wurde +mit Gründen bewiesen, welche dem Knospen des Machtkrauts und einer +gewissen Platte entlehnt waren, die Jakob der Kleine nach einer Legende +des 4. Jahrhunderts auf der Stirn zu tragen pflegte. Ein von der +Absetzung der Bischöfe handelndes Manuscript wurde um diese Zeit in der +Bodlejanischen Bibliothek entdeckt und Gegenstand einer heftigen +Polemik. Die eine Partei meinte, Gott habe dieses kostbare Werk +wunderbarerweise an's Licht gezogen, um seine Kirche in einem äußerst +kritischen Augenblicke zu leiten. Die andre Partei wunderte sich, wie +man dem Unsinne eines namenlosen Scribenten des 13. Jahrhunderts die +geringste Wichtigkeit beilegen könne. Es wurde viel geschrieben über die +Absetzungen des Chrisostomus und des Photius, des Nikolaus Mysticus und +des Cosmas Atticus. Mit besonderem Eifer aber wurde der Fall des +Abjathar discutirt, den Salomo wegen Verraths aus dem Priesteramte +entfernte. Keine geringe Quantität Gelehrsamkeit und Scharfsinn wurde +auf den Versuch verwendet, zu beweisen, daß Abjathar, obgleich er den +Leibrock trug und nach dem Urim antwortete, nicht wirklich Hoherpriester +gewesen sei, daß er nur dann fungirt habe, wenn sein Vorgesetzter Zadoc +durch Krankheit oder durch eine ceremonielle Entweihung abgehalten +worden sei und daß daher die Handlung Salomo's kein Präcedenzfall sei, +der dem Könige Wilhelm das Recht gebe, einen wirklichen Bischof +abzusetzen.[92] + +Doch eine solche Argumentation, obwohl durch zahlreiche Citate aus der +Mischna und aus Maimonides unterstützt, war im allgemeinen selbst +eifrigen Kirchenmännern nicht genügend. Denn sie ließ eine kurze, aber +einem einfachen Manne, der von griechischen Vätern und levitischen +Genealogien nichts wußte, vollkommen verständliche Antwort zu. Ob König +Salomo einen Hohenpriester abgesetzt habe, darüber konnte noch ein +Zweifel obwalten; aber es unterlag nicht dem geringsten Zweifel, daß die +Königin Elisabeth mehr als die Hälfte der Bischöfe England's ihrer +Bisthümer beraubt hatte. Es war notorisch, daß vierzehn Prälaten ohne +irgend welche Procedur bei einem geistlichen Gerichtshofe durch eine +Parlamentsacte abgesetzt worden waren, weil sie das Supremat der Königin +nicht hatten anerkennen wollen. Waren diese Absetzungen null und nichtig +gewesen? War Bonner bis an sein Lebensende der einzig wahre Bischof von +London geblieben? War sein Nachfolger ein Usurpator gewesen? Waren +Parker und Jewel Schismatiker gewesen? Hatte sich die Convocation von +1562, welche die Doctrin der englischen Staatskirche endgültig +festgestellt, selbst außer dem Schooße der Kirche Christi befunden? Es +konnte nichts Lächerlicheres geben als die Verlegenheit der Polemiker, +welche eine Vertheidigung Elisabeth's auffinden sollten, die nicht auch +eine Vertheidigung Wilhelm's war. Einige Zeloten gaben allerdings den +eitlen Versuch auf, zwischen zwei Fällen einen Unterschied zu machen, +zwischen denen, wie der einfachste Verstand einsah, kein Unterschied +war, und gestanden offen zu, daß die Absetzungen von 1559 nicht zu +rechtfertigen seien. Doch, sagte man, solle sich darüber Niemand +beunruhigen, denn wenn auch die englische Kirche einmal schismatisch +gewesen sei, so sei sie doch wieder katholisch geworden, als die von +Elisabeth abgesetzten Bischöfe aufgehört hätten zu leben.[93] Die Tories +waren indessen nicht allgemein geneigt zuzugeben, daß die +Religionsgesellschaft, an der sie mit Liebe hingen, aus einem +ungesetzlichen Bruche der Einheit entstanden sei. Sie faßten daher +tieferen und haltbareren Grund. Sie behandelten die Frage als eine Frage +der Humanität und Zeitgemäßheit. Sie sprachen viel von dem Danke, den +die Nation dem Priesterstande schuldig sei, von dem Muthe und der Treue, +womit dieser Stand, vom Primas bis herab zum jüngsten Diakonus, +neuerdings die bürgerliche und kirchliche Verfassung des Reichs +vertheidigt habe, von dem denkwürdigen Sonntage, an welchem in allen +hundert Kirchen der Hauptstadt kaum ein Sklave zu finden gewesen war, +der die Indulgenzerklärung verlesen hätte; von dem schwarzen Freitage, +an welchem die Barke der sieben Prälaten unter den Segenswünschen und +dem lauten Schluchzen einer zahlreichen Volksmenge durch das Wasserthor +des Tower einfuhr. Die Festigkeit, mit der die Geistlichkeit, trotz +aller Drohungen und Versuchungen, unlängst gethan habe, was sie ihrer +Überzeugung nach für Recht gehalten, habe die Freiheit und die Religion +England's gerettet. Müsse man nicht Nachsicht gegen sie üben, wenn sie +sich jetzt weigerten etwas zu thun, wovon sie ihrer festen Überzeugung +nach fürchteten, daß es Unrecht sei? Und was ist für Gefahr dabei, sagte +man, wenn sie nachsichtig behandelt werden? Kein Mensch wird so albern +sein vorzuschlagen, daß man ihnen gestatten solle, gegen die Regierung +zu complottiren oder das Volk aufzuwiegeln. Sie stehen unter dem Gesetze +wie andere Leute. Machen sie sich des Verraths schuldig, so hänge man +sie auf. Machen sie sich der Empörung schuldig, so lege man ihnen +Geldbußen und Gefängnißstrafe auf. Unterlassen sie bei ihrem +öffentlichen Gottesdienste für den König Wilhelm, für die Königin Marie +und für das unter diesen allerreligiösesten Souverainen versammelte +Parlament zu beten, so bringe man die Strafbestimmungen der +Uniformitätsacte in Anwendung. Genügt das noch nicht, so ermächtige man +Se. Majestät, von irgend einem Geistlichen die Eide zu verlangen, und +werden die Eide verweigert, so möge Absetzung erfolgen. Auf diese Weise +kann jeder eidverweigernde Bischof oder Pfarrer, der zwar gesetzlich +nicht zu überführen ist, doch aber in dem Verdachte steht, gegen die +bestehende Ordnung der Dinge zu intriguiren, zu schreiben und zu +sprechen, sofort seines Amtes entsetzt werden. Warum aber darauf +bestehen, einen frommen und fleißigen Diener der Religion zu vertreiben, +der gegen die Regierung nie einen Finger erhebt oder ein Wort ausspricht +und der bei jedem Morgen- und Abendgottesdienste aus vollem Herzen um +einen Segen für die von der Vorsehung über ihn gesetzten Regenten fleht, +der aber einen Eid nicht leisten will, durch welchen er dem Volke das +Recht zuzugestehen glaubt, einen Souverain abzusetzen? Wir thun gewiß +Alles was nothwendig ist, wenn wir Leute dieser Art der Gnade des +Fürsten preisgeben, dem sie Treue zu schwören sich weigern. Ist er +geneigt, sich ihre Scrupel gefallen zu lassen, will er sie, trotz ihrer +Vorurtheile, als unschuldige und nützliche Mitglieder der Gesellschaft +betrachten, wer hat ein Recht, sich darüber zu beklagen? + +Die Whigs stritten heftig für die entgegengesetzte Ansicht. Sie +analysierten mit einem durch Haß noch erhöhten Scharfsinn die Ansprüche +der Geistlichkeit auf die öffentliche Dankbarkeit und gingen mitunter so +weit, es gänzlich in Abrede zu stellen, daß der Stand sich im +vorhergehenden Jahre um die Nation verdient gemacht habe. Es sei wohl +wahr, daß Bischöfe und Priester gegen die Tyrannei des vorigen Königs +aufgestanden seien, aber eben so wahr sei es, daß er, hätten sie sich +nicht so hartnäckig der Ausschließungsbill widersetzt, niemals König +geworden wäre und daß er, ohne ihre Schmeichelei und ihre Lehre +vom passiven Gehorsam, es nie gewagt haben würde, sich solcher +Tyrannei schuldig zu machen. Ihre Hauptthätigkeit habe seit einem +Vierteljahrhundert darin bestanden, das Volk kriechen und den Fürsten +dominiren zu lehren. Sie hätten das Blut Russel's, Sidney's und jedes +muthigen, rechtschaffenen Engländers auf ihrem Gewissen, der +hingeschlachtet worden sei, weil er das Land vom Papismus und +Despotismus zu befreien versucht habe. Nie hätten sie einen Laut gegen +Willkürherrschaft vernehmen lassen, bis die Willkürherrschaft sie selbst +in ihrem Eigenthum und ihrer amtlichen Stellung zu bedrohen angefangen +habe. Dann hätten sie freilich ihre alten Gemeinplätze von Unterwerfung +unter Nero vergessen und nicht gesäumt, sich zu retten. Zugegeben, +sagten diese eifrigen Disputanten, daß sie, indem sich selbst retteten, +auch die Verfassung retteten. Sollen wir deshalb vergessen, daß sie sie +vorher gefährdet hatten? und sollen wir sie dafür belohnen, indem wir +ihnen jetzt gestatten, sie zu vernichten? Wir haben hier eine Klasse von +Leuten vor uns, die mit dem Staate eng verwachsen ist. Ein großer Theil +der Bodenerzeugnisse ist ihnen zu ihrem Unterhalte angewiesen. Ihre +Oberhäupter haben Sitze in der gesetzgebenden Versammlung, große +Landgüter und prächtige Paläste. Durch diesen privilegirten Stand wird +die große Masse des Volks allwöchentlich vom Sitze der Autorität herab +belehrt. Diesem privilegirten Stande ist die oberste Leitung der +liberalen Erziehung übertragen. Oxford und Cambridge, Westminster, +Winchester und Eton stehen unter priesterlicher Direction. Die +Priesterschaft wird in bedeutendem Umfange den Character des hohen Adels +und der Gentry der nächsten Generation bilden. Einige Mitglieder der +höheren Geistlichkeit haben zahlreiche und einträgliche Pfründen zu +vergeben. Andere haben das Privilegium, Richter zu ernennen, welche +hochwichtige, die Freiheit, das Eigenthum und den Ruf der Unterthanen +Ihrer Majestäten berührende Fragen entscheiden. Und ein vom Staate so +begünstigter Stand soll dem Staate keine Bürgschaft geben? Nach welchem +Prinzipe kann behauptet werden, daß es unnöthig sei, von einem +Erzbischof von Canterbury oder einem Bischof von Durham das Gelöbniß der +Treue gegen die Regierung zu verlangen, das nach Aller Überzeugung von +jedem Laien verlangt werden muß, der der Krone in der bescheidensten +amtlichen Stellung dient? Jeder Acciseinnehmer, jeder Zollbeamte, +der den Eid verweigert, soll seines Brodes beraubt werden. Für diese +geringen Märtyrer des passiven Gehorsams und des erblichen Rechts hat +Niemand ein Wort. Ein geistlicher Magnat aber, der sich weigert zu +schwören, soll Einkünfte, Patronat und Macht behalten dürfen, welche +denen eines hohen Staatsbeamten gleichkommen. Man sagt es sei +überflüssig, von einem Geistlichen die Eide zu verlangen, weil er +bestraft werden könne, wenn er die Gesetze übertrete. Warum wendet man +das nämliche Argument nicht auch zu Gunsten der Laien an? Und warum +trägt der Geistliche Bedenken, die Eide zu leisten, wenn es sein ernster +Wille ist, die Gesetze zu beobachten? Das Gesetz schreibt ihm vor, +Wilhelm und Marien als König und Königin zu bezeichnen, dies an der +heiligsten Stätte und bei Ausübung des feierlichsten aller religiösen +Gebräuche zu thun. Das Gesetz verlangt von ihm zu beten, daß eine +besondere Vorsehung über dem erlauchten Paare walte, daß es jeden Feind +besiegen und daß sein Parlament durch Gottes Hand dahin geleitet werden +möge, diejenigen Maßregeln anzuordnen, welche seine Sicherheit, seine +Ehre und sein Wohlergehen fördern können. Können wir glauben, daß sein +Gewissen ihm gestatte, dies Alles zu thun, nicht aber zu versprechen, +daß er ein treuer Unterthan des Herrscherpaares sein wolle? + +Auf den Vorschlag, daß die eidverweigernden Geistlichen der Gnade des +Königs preisgegeben werden sollten, erwiederten die Whigs mit einigem +Rechte, daß kein gegen Se. Majestät ungerechterer Plan ersonnen werden +könne. Die Angelegenheit, sagten sie, ist von nationaler Bedeutung, es +ist eine Angelegenheit, an der jeder Engländer, der nicht der Sklave +Frankreich's und Rom's sein will, das größte Interesse hat. In einem +solchen Falle ist es der Stände des Reichs unwürdig, vor der +Verantwortlichkeit, für das Gemeinwohl zu sorgen, zurückzuschrecken, +sich selbst womöglich das Lob der Nachsicht und Liberalität zu +verschaffen und dem Souverain das gehässige Werk der Proscription zu +überlassen. Ein Gesetz, das von allen öffentlichen Beamten, +bürgerlichen, wie militärischen und kirchlichen, ohne Unterschied der +Person, die Eide verlangt, ist wenigstens unparteiisch. Es schließt +jeden Verdacht der Parteilichkeit, des persönlichen Hasses, der geheimen +Espionage und Ohrenbläserei aus. Wenn aber der Regierung ein +willkürliches Schalten zugestanden wird, wenn der eine eidverweigernde +Priester eine einträgliche Pfründe behalten darf, während man einen +andren mit Weib und Kindern auf die Straße setzt, so wird jede Absetzung +als ein Act der Grausamkeit betrachtet und dem Souverain und dessen +Ministern als ein Verbrechen angerechnet werden.[94] + +So hatte das Parlament in einem und dem nämlichen Augenblicke zu +entscheiden, welche Quantität von Erleichterung dem Gewissen der +Dissenters gewährt und welche Quantität von Zwang dem Gewissen des +Klerus der Landeskirche auferlegt werden sollte. Der König hoffte, +daß es in seiner Macht stehen werde, einen allen Parteien angenehmen +Vergleich zu Stande zu bringen. Er schmeichelte sich, daß die Tories +bewogen werden könnten, den Dissenters ein Zugeständniß zu machen, unter +der Bedingung, daß die Whigs mild gegen die Jakobiten verführen. Er +beschloß, die Wirkung seiner persönlichen Intervention zu versuchen. +Der Zufall wollte, daß er wenige Stunden, nachdem die Lords die +Comprehensionsbill zum zweiten Male und die Bill wegen der Eide zum +ersten Male verlesen hatten, Gelegenheit hatte, sich ins Parlament zu +verfügen, um zu einem Gesetze seine Zustimmung zu geben. Er sprach vom +Throne herab zu beiden Häusern und äußerte den ernstlichen Wunsch, +daß sie einwilligen möchten, die bestehenden Gesetze dergestalt zu +modificiren, daß die öffentlichen Ämter allen Protestanten zugänglich +würden.[95] Man wußte wohl, daß er, wenn die Legislatur seinem Verlangen +willfahrte, Geistliche, welche bereits Pfründen besaßen, im Genusse +derselben zu lassen gedachte, ohne daß sie ihm den Huldigungseid +leisteten. Sein Verfahren bei dieser Gelegenheit verdient unzweifelhaft +das Lob der Uneigennützigkeit. Es gereicht ihm zur Ehre, daß er seinen +Unterthanen Gewissensfreiheit zu erkaufen suchte, indem er ein Bollwerk +seiner eignen Krone aufgab. Aber man muß gestehen, daß er weniger +Klugheit als Tugendhaftigkeit bewies. Wenn Burnet gut unterrichtet war, +so war Richard Hampden der einzige Engländer seines Geheimraths,[96] den +er befragte, und Richard Hampden war, obgleich ein höchst ehrenwerther +Mann, doch so weit davon entfernt, für die Whigpartei stehen zu können, +daß er nicht einmal für seinen eignen Sohn Johann bürgen konnte, dessen +von Haus aus rachsüchtiger Character durch den Stachel der Reue und +Scham bis zum Ingrimm aufgereizt worden war. Der König überzeugte sich +bald, daß die beiden Parteien einander mit einer Energie haßten, die +ihrer Liebe fehlte. Die Whigs waren zwar fast einhellig der Meinung, daß +der Sakramentstest abgeschafft werden müsse, sie waren aber keineswegs +darin einig, daß der Augenblick dazu gut gewählt sei, und selbst +diejenigen Whigs, welche am sehnlichsten wünschten, die Nonconformisten +unverzüglich von der Nichtbefähigung zu bürgerlichen Ämtern entbunden zu +sehen, waren fest entschlossen, sich die Gelegenheit zur Demüthigung und +Bestrafung der Klasse nicht entgehen zu lassen, deren Mitwirkung +hauptsächlich der furchtbare Umschwung der öffentlichen Stimmung +zuzuschreiben war, der auf die Auflösung des Oxforder Parlaments folgte. +Die Jane, die South, die Sherlock in die Lage zu versetzen, daß sie +entweder verhungern oder öffentlich und mit dem Evangelium auf den +Lippen alle prahlerischen Erklärungen vieler Jahre widerrufen mußten: +das war eine zu köstliche Rache, als daß man sie sich hätte entgehen +lassen können. Der Tory dagegen achtete und bemitleidete aufrichtig +diejenigen Geistlichen, die sich wegen der Eide Gewissensscrupel +machten. Der Test aber war seiner Ansicht nach für die Sicherheit der +herrschenden Religion wesentlich nothwendig und durfte nicht aufgegeben +werden zu dem Zwecke, einen wenn auch noch so ausgezeichneten Mann von +einem wenn auch noch so schweren Ungemach zu befreien. Es würde +allerdings ein schmerzlicher Tag für die Kirche sein, wenn die +Bischofsbank, die Kapitelhäuser der Kathedralen und die Hallen der +Collegien einige durch ihre Frömmigkeit und Gelehrsamkeit berühmte +Männer vermißten. Aber ein noch viel schmerzlicherer Tag würde es für +die Kirche sein, wenn ein Independent den weißen Stab trüge, oder ein +Baptist auf dem Wollsack säße. Jede Partei suchte Denen zu dienen, für +die sie sich interessirte, aber keine von beiden wollte ihren Feinden +günstige Bedingungen zugestehen. Die Folge davon war daß die +Nonconformisten vom Staatsdienste ausgeschlossen blieben und die +Eidverweigerer von den kirchlichen Ämtern vertrieben wurden. + +Im Hause der Gemeinen hielt kein Mitglied es für zweckmäßig, die +Aufhebung der Testacte zu beantragen. Aber es wurde Erlaubniß gegeben, +eine Bill zur Aufhebung der Corporationsacte einzubringen, die kurz nach +der Restauration vom Cavalierparlamente erlassen worden war und eine +Bestimmung enthielt, welche allen Municipalbeamten vorschrieb, das +heilige Abendmahl nach den Formen der englischen Kirche zu empfangen. +Als diese Bill in Begriff war dem Ausschusse überwiesen zu werden, +beantragten die Tories, daß der Ausschuß bedeutet werden sollte, in dem +Gesetz über das Sacrament keine Änderung vorzunehmen. Diejenigen Whigs, +welche eifrig für die Comprehension waren, müssen durch diesen Antrag in +große Verlegenheit gesetzt worden sein. Für denselben zu stimmen wäre +eine prinzipielle Inconsequenz gewesen; dagegen zu stimmen hätte so viel +geheißen als mit Nottingham brechen. Es wurde ein Mittelweg gefunden. +Die Vertagung der Debatte wurde beantragt, mit 116 gegen 114 Stimmen +angenommen und der Gegenstand nicht wieder in Anregung gebracht.[97] Im +Hause der Lords wurde ein Antrag auf Abschaffung des Sacramentstestes +gestellt, aber mit großer Majorität verworfen. Viele von Denen, welche +die Bill im Prinzip für richtig hielten, erachteten sie für nicht +zeitgemäß. Es wurde ein Protest aufgesetzt, aber nur von einigen wenigen +minder angesehenen Peers unterzeichnet. Es ist ein auffallender Umstand, +daß zwei bedeutende Häupter der Whigpartei, welche in der Regel ihre +parlamentarischen Pflichten sehr gewissenhaft erfüllten, bei dieser +Gelegenheit abwesend waren.[98] + +Auf die Debatte über den Test folgte im Oberhause bald eine Debatte über +die letzte Klausel der Comprehensionsbill. Diese Klausel bestimmte, daß +dreißig Bischöfe und Priester beauftragt werden sollten, die Liturgie +und die Kirchengesetze zu revidiren und Abänderungen vorzuschlagen. Über +diesen Punkt waren die whiggistischen Peers fast Alle eines Sinnes. Sie +waren in großer Zahl anwesend und sprachen warm. Warum, fragten sie, +sollten nur Mitglieder des Priesterstandes mit dieser Revision +beauftragt werden? Gehöre der Laienstand nicht auch zur englischen +Kirche? Wenn die Commission ihren Bericht erstattet habe, würden Laien +über die darin enthaltenen Änderungsvorschläge zu entscheiden haben. +Keine Zeile im allgemeinen Gebetbuche könne anders als durch die +Autorität des Königs, der Lords und der Gemeinen abgeändert werden. +Der König sei ein Laie, fünf Sechstel der Lords seien Laien, und die +Mitglieder des Hauses der Gemeinen seien sämmtlich Laien. Sei es nicht +widersinnig zu behaupten, daß Laien nicht befugt seien, in einer +Angelegenheit zu prüfen, über welche anerkanntermaßen Laien in letzter +Instanz entscheiden müßten? Und könne etwas dem ganzen Geiste des +Protestantismus mehr zuwider sein als die Ansicht, daß einer besonderen +Kaste, und dieser Kaste allein, eine außergewöhnliche Urtheilsfähigkeit +in geistlichen Dingen verliehen sei, daß Männer wie Selden, wie Hale, +wie Boyle, weniger competent seien, über eine Collecte oder einen +Glaubensartikel ein Urtheil abzugeben, als der jüngste und einfältigste +Kaplan, der in einem abgelegenen Schlosse sein Leben mit Aletrinken und +Beilkespielen hinbringe? Was Gott festgesetzt habe, könne keine irdische +Macht, sei es eine weltliche oder eine geistliche, abändern, und in +Dingen, welche menschliche Wesen festgesetzt hätten, habe ein Laie +sicherlich ein eben so competentes Urtheil als ein Geistlicher. Daß die +anglikanische Liturgie und das anglikanische Kirchengesetz rein +menschlichen Ursprungs seien, erkenne das Parlament an, indem es die +Revision und Verbesserung derselben einer Commission übertrage. Wie +könne man da behaupten, daß in einer solchen Commission der Laienstand, +der eine so große Mehrheit der Bevölkerung bilde, dessen Erbauung der +Hauptzweck aller kirchlichen Einrichtungen sei und dessen unschuldige +Neigungen bei Feststellung der öffentlichen Religionshandlungen +sorgfältig zu Rathe gezogen werden müßten, nicht einen einzigen +Vertreter zu haben brauche? Die Präcedenzfälle sprächen direct gegen +diese gehässige Unterscheidung. Zu wiederholten Malen, seit das Licht +der Reformation über England aufgegangen, seien durch ein Gesetz +Commissionen ermächtigt worden, die Kirchengesetze zu revidiren, und bei +jeder solchen Gelegenheit seien einige von den Commissaren Laien +gewesen. Im gegenwärtigen Falle könne man gegen den vorgeschlagenen +Modus noch besondere Einwendungen machen, denn der Zweck der Maßregel +sei die Verhöhnung der Dissenters, und es sei daher äußerst +wünschenswerth, daß die Commissare Männer wären, auf deren +Unparteilichkeit und Mäßigung die Dissenters bauen könnten. Würden +dreißig solcher Männer in den höheren Rangstufen des geistlichen Standes +leicht zu finden sein? Es sei die Pflicht der Legislatur, zwischen zwei +einander feindlich gegenüberstehenden Parteien, den nonconformistischen +Theologen und den anglikanischen Theologen, zu entscheiden, und es würde +demnach die gröbste Unbilligkeit sein, einer der beiden Parteien das +Schiedsrichteramt zu übertragen. + +Aus diesen Gründen schlugen die Whigs ein Amendement des Inhalts vor, +daß die Commission aus Geistlichen und Laien bestehen sollte. Der Kampf +war heiß. Burnet, der eben seinen Sitz unter den Peers eingenommen hatte +und dem darum zu thun gewesen zu sein scheint, fast um jeden Preis die +Zuneigung seiner Amtsbrüder zu gewinnen, stritt mit dem ganzen ihm +eignen Feuer für die gegenwärtige Fassung der Klausel. Bei der +Abstimmung ergab sich eine völlig gleiche Stimmenzahl für und wider, und +somit war, den Regeln des Hauses gemäß, das Amendement abgeworfen.[99] + +Endlich wurde die Comprehensionsbill ins Haus der Gemeinen gesandt. Hier +würde sie leicht mit zwei Stimmen gegen eine durchgebracht worden sein, +wenn sie von allen Freunden der Religionsfreiheit unterstützt worden +wäre. Aber in dieser Angelegenheit konnten die Hochkirchlichen auf den +Beistand eines großen Theils der Niederkirchlichen rechnen. Diejenigen +Mitglieder, welche Nottingham's Plane wohlwollten, sahen, daß sie in der +Minorität waren, und begannen daher, am Siege verzweifelnd, auf den +Rückzug zu denken. Gerade in diesem Augenblicke wurde ein Antrag +gestellt, der alle Stimmen für sich hatte. Nach dem herkömmlichen +Gebrauche mußte gleichzeitig mit einem Parlamente eine Convocation +einberufen werden, und man durfte wohl behaupten, daß der Rath einer +Convocation dann am nöthigsten sein müßte, wenn es sich um Abänderungen +in dem Ritual und der Disciplin der Kirche handelte. In Folge des +unregelmäßigen Modus aber, nach welchem die Stände des Reichs während +der Erledigung des Thrones zusammenberufen worden waren, gab es diesmal +keine Convocation. Es wurde daher beantragt, daß das Haus dem Könige +rathen solle, Maßregeln zur Abhülfe dieses Mangels zu ergreifen, und daß +das Schicksal der Comprehensionsbill nicht entschieden werden solle, bis +der Klerus Gelegenheit gehabt habe, durch das alte und rechtmäßige Organ +seine Meinung auszusprechen. + +Dieser Antrag wurde mit allgemeiner Acclamation angenommen. Die Tories +freuten sich, daß dem Priesterstande eine solche Ehre erzeugt wurde; +diejenigen Whigs, welche gegen die Comprehensionsbill waren, freuten +sich, sie zuverlässig für ein Jahr, wahrscheinlich aber für immer bei +Seite gelegt zu sehen; und diejenigen Whigs, welche für die +Comprehensionsbill waren, freuten sich, ohne Niederlage davon zu kommen. +Viele unter ihnen hofften in der That, daß milde und freisinnige +Rathschläge im geistlichen Senate vorherrschen würden. Eine Adresse, +welche den König ersuchte die Convocation einzuberufen, wurde ohne +Abstimmung angenommen, die Lords wurden zum Beitritt aufgefordert, sie +traten bei, die Adresse wurde durch beide Häuser dem Könige überreicht, +der König versprach, zur geeigneten Zeit den Wunsch seines Parlaments zu +erfüllen, und Nottingham's Bill ward nicht wieder erwähnt. + +Viele mit der Geschichte der damaligen Zeit unvollkommen bekannte +Schriftsteller haben aus diesem Verfahren gefolgert, daß das Haus der +Gemeinen eine Versammlung von Hochkirchlichen gewesen sei; aber nichts +ist gewisser, als daß zwei Drittel der Mitglieder entweder +Niederkirchliche oder Nichtanhänger der Landeskirche waren. Wenige Tage +vor dieser Zeit hatte ein an sich unbedeutender, als Kennzeichen der +Gesinnung der Majorität aber höchst wichtiger Vorgang stattgefunden. +Es war beantragt worden, daß das Haus dem alten Herkommen gemäß seine +Sitzungen bis nach den Osterfeiertagen suspendiren solle. Die Puritaner +und Latitudinarier machten Einwendungen dagegen, es entspann sich eine +heftige Debatte, die Hochkirchlichen wagten es nicht, abstimmen zu +lassen, und zum großen Ärgerniß vieler angesehenen Personen nahm der +Sprecher am Ostermontag um neun Uhr seinen Stuhl ein und es wurde eine +lange und lebhafte Sitzung gehalten.[100] + +Dies war indessen keineswegs der stärkste Beweis, den die Gemeinen dafür +gaben, daß sie in der That weit entfernt waren eine besondere +Ehrerbietung oder Liebe zur anglikanischen Hierarchie zu hegen. Die Bill +zur Festsetzung der Eide war aber in einer dem Klerus günstigeren +Fassung von den Lords ins Unterhaus gekommen. Allen weltlichen Beamten +war bei Strafe der Absetzung vorgeschrieben, dem Könige und der Königin +Treue zu schwören. Jeder Geistliche aber, der bereits eine Pfründe +besaß, sollte dieselbe auch ohne zu schwören, behalten dürfen, wenn die +Regierung keinen Grund sah, von ihm speciell eine Versicherung seiner +Loyalität zu verlangen. Burnet hatte, theils ohne Zweifel aus der seinem +Character eignen Gutherzigkeit und Großmuth, theils um seine Amtsbrüder +zu gewinnen, diese Anordnung im Oberhause mit großer Energie +unterstützt. Im Unterhause aber war die Stimmung gegen die jakobitischen +Priester unbesiegbar. An dem nämlichen Tage, an welchem dieses Haus ohne +Abstimmung die Adresse votirte, welche den König ersuchte, die +Convocation einzuberufen, wurde eine Klausel vorgeschlagen und +angenommen, welche von Jedem, der ein kirchliches oder akademisches Amt +bekleidete, bei Strafe der Suspension verlangte, am 1. August 1689 die +Eide zu leisten. Sechs Monate von diesem Tage an gerechnet, wurden dem +sich Weigernden zur nochmaligen Überlegung bewilligt. Beharrte er auch +dann noch auf seiner Weigerung, so sollte er am 1. Februar 1690 +definitiv abgesetzt werden. + +So abgeändert wurde die Bill den Lords zurückgeschickt. Diese aber +blieben bei ihrem ursprünglichen Beschlusse. Conferenz auf Conferenz +wurde gehalten, Vergleich auf Vergleich wurde vorgeschlagen. Aus den +unvollkommenen Berichten, welche auf uns gekommen sind, geht hervor, daß +jedes Argument zu Gunsten der Milde von Burnet energisch hervorgehoben +wurde. Doch die Gemeinen blieben fest, die Zeit drängte, der ungewisse +Zustand des Rechts machte sich in allen Zweigen des Staatsdienstes in +nachtheiliger Weise fühlbar, und so gaben die Peers mit Widerstreben +endlich nach. Zu gleicher Zeit fügten sie eine Klausel hinzu, durch +welche der König ermächtigt wurde, von den verwirkten Pfründen einigen +wenigen nicht schwörenden Geistlichen Geldunterstützungen zu gewähren. +Die Anzahl der so begünstigten Geistlichen sollte zwölf nicht +übersteigen und die bewilligte Unterstützung durfte höchstens ein +Drittheil des verwirkten Einkommens betragen. Einige eifrige Whigs +wollten selbst diese Vergünstigung nicht gelten lassen; doch die +Gemeinen waren mit dem errungenen Siege zufrieden und dachten mit Recht, +daß es ungefällig sein würde, wenn sie ein so geringfügiges Zugeständiß +verweigerten.[101] + + [Anmerkung 92: Siehe unter vielen anderen Schriften Dodwell's + +Cautionary Discourse+, seine +Vindication of the Deprived + Bishops+, seine +Defence of the Vindication+ und seine + +Paraenesis+, sowie Bisby's +Unity of Priesthood+, gedruckt 1692. + Ferner vergleiche man Hody's Gegenschriften, das Baroccianische + Manuscript und +Salomon and Abiathar, a Dialogue between Eucheres + and Dyscheres+.] + + [Anmerkung 93: +Burnet II.+ 135. Der albernste von allen + Versuchen, zwischen den Absetzungen von 1559 und denen von 1689 + einen Unterschied nachzuweisen, wurde von Dodwell gemacht. Siehe + seine +Doctrine of the Church of England concerning the + Independency of the Clergy on the lay Power, 1697+.] + + [Anmerkung 94: Über diese Polemik sehe man +Burnet II. 7, 8, 9+; + +Grey's Debates, April 19, 22. 1689+; +Commons' Journals, April + 20, 22.+; +Lords' Journals, April 21.+] + + [Anmerkung 95: +Lords' Journals, March 16. 1689.+] + + [Anmerkung 96: +Burnet II. 7. 8.+] + + [Anmerkung 97: Burnet sagt (II. 8.), daß der Antrag, den + Sacramentstest abzuschaffen, in beiden Häusern mit großer + Majorität verworfen worden sei. Hierin täuschte ihn jedoch sein + Gedächtniß, denn im Hause der Gemeinen fand keine andre Abstimmung + über den Gegenstand statt als die oben erwähnte. Bemerkenswerth + ist es, daß Gwyn und Rowe, welche die Stimmen der Majorität + zählten, zwei der entschiedensten Whigs im ganzen Hause waren.] + + [Anmerkung 98: +Lords' Journals March 21. 1689.+] + + [Anmerkung 99: +Lords' Journals, April 5. 1689+; +Burnet II. 10.+] + + [Anmerkung 100: +Commons' Journals, March 28., April 1. 1689.+; + Pariser Gazette vom 23. April. Ein Theil der Stelle in der Pariser + Gazette verdient angeführt zu werden. +»Il y eut ce jour là+ + (am 28. März) +une grande contestation dans la Chambre Basse, sur + la proposition qui fut faite de remettre les séances après les + fêtes de Pasques observées toujours par l'Eglise Anglicane. + Les Protestans conformistes furent de cet avis; et les + Presbytériens emportèrent à la pluralité des voix que les séances + recommenceroient le Lundy, seconde feste de Pasques.«+ Die + Niederkirchlichen werden von den damaligen französischen und + holländischen Schriftstellern häufig Presbyterianer genannt. Es + waren nicht zwanzig eigentliche Presbyterianer im Hause der + Gemeinen. Siehe +A. Smith and Cutler's plain Dialogue ahout Whig + and Tory, 1690.+] + + [Anmerkung 101: Berichte über das was in den Conferenzen vorging, + findet man in den Protokollen der beiden Häuser, und sie sind + lesenswerth.] + + +[_Die Bill zur Festsetzung des Krönungseides._] Diese Debatten wurden +auf kurze Zeit durch die Feste und Feierlichkeiten der Krönung +unterbrochen. Als der zu dieser wichtigen Ceremonie bestimmte Tag +heranrückte, verwandelte sich das Haus der Gemeinen in einen Ausschuß +behufs Festsetzung der Wortformel, durch welche unsere Landesherren +hinfüro ihren Vertrag mit der Nation schließen sollten. Darüber waren +alle Parteien einig, daß es angemessen sei, vom Könige den Eid zu +verlangen, daß er in weltlichen Angelegenheiten dem Gesetz gemäß +regieren und die Gerechtigkeit mit Milde üben wolle. Über die Ausdrücke +des Eides aber, die sich auf die kirchlichen Institutionen des Landes +bezogen, wurde viel debattirt. Sollte der höchste Beamte im Staate bloß +einfach versprechen, die protestantische Religion aufrecht zu erhalten, +wie sie durch das Gesetz aufgestellt war, oder sollte er versprechen, +diese Religion aufrecht zu erhalten, wie sie später durch das Gesetz +festgestellt werden würde? Die Majorität war für die erstere Phrase. +Die andre wurde von denjenigen Whigs vorgezogen, welche für eine +Comprehension waren. Es wurde jedoch allgemein zugestanden, daß beide +Phrasen eigentlich gleichbedeutend seien und daß der Eid, mochte er +lauten wie er wollte, den Souverain nur in seiner executiven Gewalt +binden werde. Dies ging in der That aus der ganzen Natur des Actes klar +hervor. Jeder Vertrag kann durch die freiwillige Zustimmung der Partei, +welche allein die Erfüllung zu verlangen berechtigt ist, annullirt +werden. Die strengsten Casuisten hatten es nie in Zweifel gestellt, daß +ein Schuldner, der sich unter den feierlichsten Schwüren verpflichtet +hat zu zahlen, rechtmäßigerweise die Zahlung unterlassen kann, wenn der +Gläubiger ihn seiner Verbindlichkeit entheben will. Eben so klar ist es, +daß keine von einem Könige durch die Stände seines Reichs verlangte +Zusicherung ihm die Verpflichtung auferlegen kann, seine Zustimmung zu +etwas zu verweigern, was diese Stände später einmal wünschen mögen. + +Es wurde eine mit den Beschlüssen des Ausschusses übereinstimmende Bill +entworfen, welche rasch durch alle parlamentarischen Stadien ging. Nach +der dritten Lesung erhob sich ein thörichtes Mitglied, um einen Zusatz +zu beantragen, in welchem erklärt werde, daß der Eid den Souverain, +nicht hindern solle, in eine etwaige Änderung im Ceremoniell der Kirche +zu willigen, immer vorausgesetzt, daß das Episkopat und eine +geschriebene Gebetsform beibehalten würden. Die plumpe Absurdität dieses +Antrags wurde von mehreren ausgezeichneten Mitgliedern dargelegt. Eine +solche Klausel, bemerkten sie ganz richtig, würde den König binden, +während sie ihm freieren Spielraum geben sollte. Der Krönungseid, sagten +sie, hat nicht den Zweck, ihn in seiner gesetzgebenden Gewalt zu +behindern. Man lasse diesen Eid in seiner jetzigen Fassung, und kein +Fürst kann ihn mißverstehen. Kein Fürst kann ernstlich glauben, die +beiden Häuser wollten das Versprechen von ihm verlangen, daß er sein +Veto gegen Gesetze einlegen werde, die sie späterhin für das Wohl des +Landes nöthig erachten könnten. Sollte aber einmal ein Fürst den +zwischen ihm und seinen Unterthanen abgeschlossenen Vertrag so +wunderlich mißverstehen, dann wird jeder Theolog, jeder Jurist, den er +um Rath fragt, ihn sogleich beruhigen. Würde dieser Antrag angenommen, +so könnte man unmöglich leugnen, daß der Krönungseid bestimmt sei, den +König zu verhindern, seine Zustimmung zu Bills zu geben, die ihm von den +Lords und Gemeinen vorgelegt würden, und daraus würden sehr ernste +Nachtheile hervorgehen. Diese Argumente wurden als unwiderleglich +erkannt und der Zusatz ohne Abstimmung verworfen.[102] + +Jeder, der diese Debatten gelesen hat, muß vollständig überzeugt sein, +daß die Staatsmänner, welche den Krönungseid entwarfen, den König in +seiner gesetzgebenden Gewalt nicht zu binden gemeint waren.[103] Leider +erwachte hundert Jahre später in einem zwar wackeren und gewissenhaften, +aber von Natur beschränkten und starrsinnigen und durch Krankheit zu +gleicher Seit geschwächten und aufgeregten Geiste ein Scrupel, den jene +Staatsmänner für zu widersinnig hielten, als daß irgend ein menschliches +Geschöpf ihn im Ernste hegen könne. Der Ehrgeiz und die Perfidie eines +Tyrannen hat in der That selten größere Übel erzeugt als die waren, +welche jene unselige Gewissenhaftigkeit über unser Land gebracht hat. +Einen außerordentlichen günstigen Augenblick, einen Augenblick, in +welchem Weisheit und Gerechtigkeit Völkerschaften und Secten, die +einander lange feindlich gegenübergestanden, hätten versöhnen und die +britischen Inseln zu einem wahrhaft Vereinigten Königreiche machen +können, ließ man unbenutzt vorübergehen. Die einmal verlorne Gelegenheit +kehrte nicht wieder. Zwei Generationen von Staatsmännern haben sich +seitdem mit unvollkommenem Erfolge bemüht, den damals begangenen Fehler +wieder gut zu machen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß einige von +den schlimmen Folgen dieses Fehlers sich bis auf die spätere Nachwelt +fortwährend fühlbar machen werden. + + [Anmerkung 102: +Journals, March 28. 1689+; +Grey's Debates.+] + + [Anmerkung 103: Ich will einige Äußerungen anführen, welche in den + gedrängten Berichten über diese Debatten der Nachwelt aufbewahrt + worden. Diese Neuerungen sind bezüglich des Sinnes, in welchem der + Eid von den Gesetzgebern, die ihn entworfen, verstanden wurde, + ganz entscheidend. Musgrave sagte: »Es ist kein Grund zur Aufnahme + dieses Vorbehalts. Es ist undenkbar, daß irgend eine von hier + ausgehende Bill jemals die gesetzgebende Gewalt vernichten werde.« + Finch sagte: »Die Worte: 'durch das Gesetz festgestellt' hindern + den König nicht, eine Bill zur Erleichterung der Dissenters + anzunehmen. Der Vorbehalt ruft den Scrupel erst hervor und giebt + Veranlassung dazu.« Sawyer sagte: »Dies ist der erste Vorbehalt + dieser Art, der je in einer Bill enthalten war. Er scheint die + gesetzgebende Gewalt anzugreifen.« Sir Robert Cotton sagte: + »Obgleich der Vorbehalt zweckmäßig und heilsam aussieht, scheint + er doch einen Fehler zu haben. Unfähig die Gesetze den Umständen + gemäß abzuändern! Dies ruft nicht einen, sondern mehrere Scrupel + hervor; als ob Ihr so an das kirchliche Regiment gebunden wäret, + daß Ihr keine neuen Gesetze ohne einen solchen Vorbehalt ins Leben + rufen könntet!« Sir Thomas Lee sagte: »Ich fürchte es wird dahin + kommen, daß auch andere Gesetze nicht ohne einen solchen Vorbehalt + geschaffen werden können, und deshalb möchte ich denselben + beseitigt wissen.«] + + +[_Die Krönung._] Die Bill, durch welche die Eidformel festgestellt +wurde, passirte das Oberhaus ohne Amendement. Alle Vorbereitungen waren +getroffen, und am 11. April fand die Krönung statt. In einigen Punkten +unterschied sie sich von gewöhnlichen Krönungen. Die Vertreter des Volks +nahmen in Masse an der Ceremonie Theil und wurden im Schatzkammergebäude +glänzend bewirthet. Marie, die jetzt nicht bloß Königin-Gemahlin, +sondern auch regierende Königin war, wurde in allen Punkten gleich einem +Könige inaugurirt, mit dem Schwerte gegürtet, auf den Thron gesetzt und +ihr die Bibel, die Sporen und der Reichsapfel überreicht. Die weltlichen +Großen des Reichs waren mit ihren Frauen und Töchtern zahlreich und +glänzend vertreten. Es konnte nicht Wunder nehmen, daß die +Whigaristokratie sich bemühte, den Triumph der Whigprinzipien zu +erhöhen. Aber die Jakobiten sahen zu ihrem großen Leidwesen, daß viele +Lords, die für eine Regentschaft gestimmt hatten, eine bedeutende Rolle +bei der Feierlichkeit spielten. Die Krone des Königs wurde von Grafton, +die der Königin von Somerset getragen. Das scharfe Schwert, das Emblem +der weltlichen Justiz, trug Pembroke. Ormond war Großconstabel für den +Tag und ritt durch den Saal zur Rechten des erblichen Kämpen, der +dreimal seinen Handschuh auf den Boden warf und dreimal zum Kampfe auf +Leben und Tod den Verräther herausforderte, der Wilhelm's und Mariens +Recht bestreiten sollte. Unter den Edelfräuleins, welche die prachtvolle +Schleppe der Königin trugen, befand sich ihre schöne und liebenswürdige +Cousine, Lady Henriette Hyde, deren Vater, Rochester, bis zuletzt gegen +den Beschluß gestritten hatte, der den Thron für erledigt erklärte.[104] +Die Bischöfe waren allerdings nur spärlich zu sehen. Der Primas war +nicht erschienen; er war durch Campton vertreten. Zur einen Seite +Campton's trug Lloyd, Bischof von St. Asaph, der sich unter den sieben +Bekennern des vorhergehenden Jahres ausgezeichnet hatte, den +Hostienteller. Zur andren Seite ging Sprat, Bischof von Rochester, +unlängst noch Mitglied der Hohen Commission, mit dem Kelche. Burnet, der +jüngste Prälat, predigte mit seinem ganzen gewohnten Talent und mit mehr +als gewohntem Takt und Urtheil. Sein würdevoller und beredter Vortrag +war weder durch Schmeichelei noch durch boshafte Ausfälle verunziert. +Es soll lebhaft applaudirt worden sein, und es ist in der That wohl zu +glauben, daß der begeisterte Schluß seiner Rede, wo er den Himmel +anflehte, das königliche Paar mit langem Leben und gegenseitiger Liebe, +mit gehorsamen Unterthanen, weisen Räthen und treuen Bundesgenossen, mit +tapferen Flotten und Armeen, mit Sieg, mit Frieden und schließlich mit +ruhmvolleren und unvergänglicheren Kronen als welche zur Zeit auf dem +Altare der Abtei glänzten, zu beglücken, das lauteste Beifallsgemurmel +der Gemeinen erweckte.[105] + +Die Ceremonie nahm im Ganzen einen guten Verlauf und bewirkte ein wenn +auch schwaches und vorübergehendes Wiederauflodern der Begeisterung vom +vergangenen December. Der Tag war in London und an vielen anderen Orten +ein allgemeiner Freudentag. Am Vormittag waren die Kirchen gefüllt. Der +Nachmittag wurde mit allerhand Vergnügungen und Gelagen hingebracht und +am Abend wurden Freudenfeuer angezündet, Raketen losgelassen und die +Fenster illuminirt. Dessenungeachtet wußten die Jakobiten reichen Stoff +zu Spötteleien und Sarkasmen zu entdecken oder zu erfinden. Sie +beschwerten sich bitter darüber, daß der Weg von der Halle bis zum +westlichen Thore der Abtei mit holländischen Soldaten besetzt gewesen +sei. Sei es schicklich, daß ein englischer König den feierlichsten +Vertrag mit der englischen Nation hinter einer dreifachen Hecke fremder +Schwerter und Bajonette schließe? Kleine Händel, wie sie bei jeder +öffentlichen Feierlichkeit zwischen den Schaulustigen und den zur +Freihaltung der Communication Angestellten fast unvermeidlich vorkommen, +wurden mit allen Kunstgriffen der Rhetorik übertrieben. Einer der +fremden Söldlinge hatte mit seinem Pferde einen achtbaren Bürger +zurückgetrieben, der sich vorgedrängt, um den königlichen Baldachin +einen Augenblick zu sehen. Ein Andrer hatte mit dem Flintenkolben eine +Frau in roher Weise zurückgestoßen. Auf solche Gründe hin wurden die +Fremden mit den Lord Dänen verglichen, welche vor Zeiten durch ihren +Übermuth die angelsächsische Bevölkerung zu Aufstand und Blutvergießen +angereizt hatten. Das fruchtbarste Thema für den Tadel war jedoch die +Krönungsmedaille, die allerdings eben so abgeschmackt entworfen als +schlecht ausgeführt war. Der Hauptgegenstand des Reverses war ein Wagen, +und der gemeine Mann konnte sich nicht erklären, was dieses Emblem mit +Wilhelm und Marien zu thun hatte. Die mißvergnügten Witzlinge lösten die +Schwierigkeit, indem sie sagten, der Künstler habe auf den Wagen +anspielen wollen, den eine aller Kindesliebe bare und den Interessen +eines ehrgeizigen Gemahls blindlings ergebene römische Prinzessin über +die noch warmen Überreste ihres Vaters hatte fahren lassen.[106] + + [Anmerkung 104: Lady Henriette, die ihr Oheim Clarendon in seinem + Tagebuche (Januar 1687/88) die »hübsche kleine Henriette« und »das + beste Kind von der Welt« nennt, verheirathete sich bald nachher + mit dem Earl von Dalkeith, dem ältesten Sohne des unglücklichen + Herzogs v. Monmouth.] + + [Anmerkung 105: Die Predigt verdient gelesen zu werden. Siehe die + +London Gazette+ vom 14. April 1689; +Evelyn's Diary+; +Narcissus + Luttrell's Diary+, und die Depesche der holländischen Gesandten an + die Generalstaaten.] + + [Anmerkung 106: Eine Probe von der Prosa, welche die Jakobiten + über diesen Gegenstand schrieben, findet man in den Somers'schen + Schriften. Die jakobitischen Verse waren meist zu unanständig, + als daß man sie anführen konnte. Ich wähle einige von den + glimpflichsten Zeilen aus einem sehr seltenen Spottgedicht: + + Der elfte des Monats April erschien, + Da wälzt sich der Pöbel nach Westminster hin + Zu sehn wie ein Lumpenbündel man krönt: + Ein schöner König, fürwahr. + Dem Orangenbaum er entsprossen ist, + Doch wenn man im Buche des Schicksals liest + Wird einst ihm noch werden ein andrer Baum: + Ein schöner König, fürwahr. + Von Gestalt ist er nur zur Hälfte ein Mann, + Desto mehr ein Affe, das leugne wer kann; + Hat den Kopf einer Gans und des Kranich's Bein', + Ein schöner König, fürwahr. + + Ein Franzos, Namens Le Noble, der seiner Schandthaten wegen aus + seinem Vaterlande verwiesen worden war, sich aber, von der + Polizei geduldet, in Paris versteckt hielt und im Dienste eines + Buchhändlers nothdürftig sein Leben fristete, veröffentlichte bei + dieser Gelegenheit zwei jetzt sehr seltene Pasquille: +»Le + Couronnement de Guillemot et de Guillemette, avec le Sermon du + grand Docteur Burnet«+ und +»Le Festin de Guillemot.«+ An Witz, + Geschmack und Verstand stehen Le Noble's Schriften dem angeführten + englischen Gedicht nicht nach. Er erzählt uns, daß der Erzbischof + von York und der Bischof von London einen Boxerkampf in der Abtei + aufführen, daß der Kämpe auf einem Esel durch die Halle ritt, + welcher stätig wurde und die königliche Tafel mit dem ganzen + Geschirr umstieß, und daß das Banket mit einer Schlägerei zwischen + den mit Stühlen und Bänken bewaffneten Peers und den mit + Bratspießen bewaffneten Köchen endete. Merkwürdigerweise fand + diese Art Witz Leser, und das Portrait des Autors wurde splendid + gestochen mit dem Motto: +»Latrantes ride: te tua fama manet.«+] + + +[_Beförderungen._] Ehren wurden, wie gewöhnlich, auch bei dieser +festlichen Gelegenheit freigebig gespendet. Drei Hosenbandorden, über +welche die Krone zur Zeit verfügen konnte, wurden Devonshire, Ormond und +Schomberg verliehen. Der Prinz Georg wurde zum Herzog von Cumberland +ernannt. Mehrere hochstehende Männer erhielten neue Titel, mit denen wir +sie von jetzt an bezeichnen müssen. Danby wurde Earl von Caermarthen, +Churchill Earl von Marlborough und Bentinck Earl von Portland. Mordaunt +ward zum Earl von Monmouth ernannt, nicht ohne einiges Murren von Seiten +alter Exclusionisten, die sich noch immer mit Liebe ihres +protestantischen Herzogs erinnerten und welche hofften, sein Urtel werde +umgestoßen und seinen Nachkommen die Führung seines Titels gestattet +werden. Man wunderte sich, daß der Name Halifax nicht auch auf der Liste +der Beförderungen stand. Niemand konnte zweifeln, daß er sehr leicht ein +blaues Band oder eine Herzogskrone hätte erlangen können, und obgleich +er sich von den meisten seiner Zeitgenossen durch seine Verschmähung +unrechtmäßigen Gewinns vortheilhaft auszeichnete, wußte man doch sehr +wohl, daß er auf Ehrentitel mit einer Begierde brannte, der er sich +selbst schämte und die seines glänzenden Geistes unwürdig war. +Allerdings wurde sein Ehrgeiz damals durch Besorgnisse niedergeschlagen. +Leuten, die sein Vertrauen besaßen, theilte er seine Befürchtung mit, +daß schlimme Zeiten bevorständen. Für des Königs Leben könne man kein +Jahr mehr stehen, die Regierung sei unter sich uneinig, die +Geistlichkeit und das Heer unzufrieden, das Parlament von Factionen +zerrissen; der Bürgerkrieg wüthe bereits in einem Theile des Landes und +auswärtiger Krieg sei vor der Thür. In einem solchen Augenblick habe +wohl jeder Minister, ob Whig oder Tory, Grund sich zu beunruhigen, aber +weder ein Whig noch ein Tory habe so viel zu fürchten als der Trimmer, +der nicht unwahrscheinlich die gemeinschaftliche Zielscheibe des Hasses +beider Parteien werden würde. Aus diesen Gründen beschloß Halifax, sich +jeder Ostentation von Macht und Einfluß zu enthalten, durch ein +geflissentliches Zurschautragen von Mäßigung den Neid zu entwaffnen und +durch Artigkeiten und Wohlthaten Personen an sich zu ziehen, deren +Dankbarkeit ihm im Fall einer Contrerevolution von Nutzen sein konnten. +Die nächsten drei Monate, sagte er, würden die Probezeit sein. Halte +sich die Regierung den Sommer über, so werde sie wahrscheinlich fest +stehen.[107] + + [Anmerkung 107: +Reresby's Memoirs.+] + + +[_Die Coalition gegen Frankreich._] Inzwischen gewannen Fragen der +auswärtigen Politik eine immer größere Bedeutung. Das Werk, an welchem +Wilhelm viele trübe und angstvolle Jahre hindurch unermüdlich gearbeitet +hatte, war endlich vollbracht. Die große Coalition war zu Stande. Es war +klar, daß ein verzweifelter Kampf bevorstand. Der Bedrücker Europa's +sollte sich gegen das mit Karl II. von Spanien, mit dem Kaiser Leopold +und mit dem deutschen und dem batavischen Bunde alliirten England +vertheidigen, ohne wahrscheinlich einen andren Bundesgenossen zu haben +als den Sultan, der an der Donau gegen das Haus Österreich Krieg führte. + + +[_Die Verwüstung der Pfalz._] Ludwig hatte gegen das Ende des +vergangenen Jahres die ungünstige Lage seiner Feinde zu seinem Vortheile +benutzt und den ersten Schlag geführt, ehe sie darauf vorbereitet waren, +ihn zu pariren. Doch dieser wenn auch schwere Schlag hatte nicht da +getroffen, wo er hätte tödtlich werden können. Wären an der batavischen +Grenze Feindseligkeiten ausgebrochen, so würde Wilhelm mit seiner Armee +wahrscheinlich auf dem Continent zurückgehalten worden sein, und Jakob +hätte ungestört in England fortregieren können. Glücklicherweise hatte +Ludwig in einer Verblendung, welche viele fromme Protestanten aus voller +Überzeugung dem gerechten Urtheile Gottes zuschrieben, den Punkt aus den +Augen gelassen, von dem das Geschick der ganzen civilisirten Welt +abhing, und hatte auf einer Seite, wo die glänzendsten Erfolge ihm +nichts als eine Illumination und ein Tedeum eintragen konnten, einen +großen Aufwand von Streitkräften, Schnelligkeit und Energie entfaltet. +Eine französische Armee unter den Befehlen des Marschalls Duras war in +die Pfalz und einige benachbarte Fürstenthümer eingefallen. Dieser +Feldzug aber, konnte, obwohl er vollkommen glücklich ausgefallen war und +obwohl die Geschicklichkeit und Energie, mit der er geleitet worden, +allgemeine Bewunderung erregt hatten, keinen erheblichen Einfluß auf den +Ausgang des herannahenden furchtbaren Kampfes ausüben. Frankreich sollte +bald von allen Seiten angegriffen werden, und dann konnte Duras die +Provinzen, welche er überfallen und überwältigt, unmöglich lange +behaupten. Ein entsetzlicher Gedanke erwachte im Geiste Louvois', der in +militärischen Angelegenheiten zu Versailles die erste Stimme hatte. Er +war ein Mann, der sich durch Eifer für das was ihm im öffentlichen +Interesse nöthig erschien, sowie durch Talent und durch Kenntniß alles +dessen was sich auf die militärische Verwaltung bezog, auszeichnete, +aber er besaß einen harten und grausamen Character. Wenn die Städte der +Pfalz nicht zu behaupten waren, so konnten sie zerstört werden. Wenn der +Boden der Pfalz den Franzosen keine Hülfsmittel lieferte, so konnte er +so verwüstet werden, daß er wenigstens auch den Deutschen keine +Hülfsmittel lieferte. Der hartherzige Staatsmann unterbreitete Ludwig +seinen Plan, wahrscheinlich mit großer Behutsamkeit und einigen +Auslassungen, und Ludwig genehmigte denselben in einer für seinen Ruhm +verderblichen Stunde. Duras erhielt Befehl, eine der schönsten Gegenden +Deutschland's in eine Wüste zu verwandeln. Funfzehn Jahre früher hatte +Turenne einen Theil dieses herrlichen Landes verwüstet. Aber Turenne's +Verheerungen waren, obgleich sie einen tiefen Schatten auf seinen Ruhm +geworfen hatten, ein bloßes Kinderspiel im Vergleich mit den Greueln +dieser zweiten Verwüstung. Der französische Oberbefehlshaber kündigte +einer halben Million Menschen an, daß er ihnen eine dreitägige +Gnadenfrist bewillige und daß sie bis dahin auf ihre Sicherheit bedacht +sein müßten. Bald bedeckten sich die Landstraßen und Felder, welche +damals tief in Schnee vergraben lagen, mit zahllosen Massen von Männern, +Frauen und Kindern, die von ihrem heimathlichen Herde flohen. Viele +kamen vor Hunger und Kälte um; aber es blieben genug am Leben, um alle +Städte Europa's mit abgezehrten, schmutzigen Bettlern zu füllen, die +einst wohlhabende Pächter und Handelsleute gewesen waren. Inzwischen +begann das Zerstörungswerk. Von jedem Marktplatze, jedem Weiler, jeder +Pfarrkirche und jedem Landsitze in den dem Untergange geweihten +Provinzen loderten die Flammen empor. Die Felder, auf denen Getreide +gesäet war, wurden umgepflügt. Die Obstbäume wurden umgehauen. Jede +Hoffnung auf eine Ernte wurde auf der fruchtbaren Ebene in der Nähe der +Stelle wo einst Frankenthal gestanden, von Grund aus zerstört. Kein +Weinstock, kein Mandelbaum war an den Abhängen der sonnigen Hügel mehr +zu sehen, welche das nicht mehr vorhandene Heidelberg umgaben. Kein +Palast, kein Tempel, kein Kloster, kein Krankenhaus, kein Kunstwerk, +kein Grabmal berühmter Verstorbener ward geschont. Das weit und breit +berühmte Schloß des Kurfürsten von der Pfalz wurde in einen Schutthaufen +verwandelt. Das anstoßende Hospital wurde geplündert. Die Vorräthe, +die Medicamente und die Betten, auf denen die Kranken lagen, wurden +vernichtet. In Mannheim wurden, selbst die Steine, aus denen die Stadt +erbaut war, in den Rhein geworfen. Der prächtige Dom von Speier ging zu +Grunde, mit ihm die marmornen Grabmäler von acht Cäsaren. Die Särge +wurden aufgebrochen und die Asche in alle Winde verstreut.[108] Trier +mit seiner herrlichen Brücke, seinem Amphitheater, seinen ehrwürdigen +Kirchen, Klöstern und Collegien war zu demselben Schicksale ausersehen. +Bevor aber dieses letzte Verbrechen verübt werden konnte, wurde Ludwig +durch die Verwünschungen alter Nachbarvölker, durch das Stillschweigen +und die Bestürzung seiner Schmeichler und durch die Vorstellungen seine +Gemahlin auf bessere Gedanken gebracht. Er war seit mehr als zwei Jahren +mit Franziska von Maintenon, der Gouvernante seiner natürlichen Kinder, +heimlich vermählt. Es wird schwerlich eine zweite Frau gegeben haben, +die bei einem so wenig romanhaften Character eine so romanhafte Laufbahn +aufzuweisen hatte. Sie hatte ihre Jugendjahre in Armuth; und Dunkel +hingebracht. Ihr erster Gatte hatte sich durch Verfassung burlesker +Possen und Gedichte ernährt. Als sie die Aufmerksamkeit ihres Souverains +auf sich zog, konnte sie sich nicht mehr der Jugend oder Schönheit +rühmen, aber sie besaß in ungewöhnlichem Grade jene dauernderen Reize, +welche gesetzte Männer, deren Leidenschaften das Alter gezähmt hat und +deren Leben ein Leben voll Mühen und Sorgen ist, an einer +Lebensgefährtin am höchsten schätzen. Ihr Character war einer von denen, +die man sehr richtig mit dem sanften Grün verglichen hat, auf welchem +das durch grelle, Farben und blendende Lichter ermüdete Auge mit +Wohlgefallen ruht. Ein treffendes Urtheil, ein unerschöpflicher, doch +nie überfluthender Strom verständiger, liebenswürdiger und geistvoller +Rede, ein Temperament, dessen heitere Ruhe nicht einen Augenblick +getrübt wurde, ein Takt, der den Takt ihres Geschlechts in eben dem Maße +übertraf, wie der Takt ihres Geschlechts den des unsrigen übertrifft: +dies waren die Eigenschaften, welche die Wittwe eines Possenreißers +zuerst zur vertrauten Freundin, dann zur Gattin des mächtigsten aller +Könige Europa's machten. Man sagte damals Ludwig sei nur mit Mühe durch +Louvois' dringende Vorstellungen und Bitten abgehalten worden, sie zur +Königin von Frankreich zu erklären. Es ist ausgemacht, daß sie Louvois +als ihren Feind betrachtete, und ihr Haß gegen ihn, mit dem sich +vielleicht auch bessere Gefühle verbanden, bestimmte sie, sich der +unglücklichen Rheinbewohner anzunehmen. Sie appellirte an das Mitgefühl, +das, obwohl durch manche verderbliche Einflüsse geschwächt, im Herzen +ihres Gemahls noch nicht völlig erloschen war, und an die religiösen +Gefühle, welche ihn nur zu oft zur Grausamkeit getrieben hatten, die +aber im gegenwärtigen Falle auf Seiten der Humanität waren. Er ließ sich +erweichen und Trier ward verschont.[109] Er mußte in der That wohl +einsehen, daß er einen Fehler begangen hatte. Die Verwüstung der Pfalz +hatte, während sie die Macht seiner Feinde nicht erheblich vermindert, +ihre Erbitterung noch mehr angefacht und ihnen unerschöpflichen Stoff zu +Schmähungen geliefert. Von allen Seiten erscholl das Geschrei nach +Rache. Jedes Bedenken, das die eine oder die andre Linie des Hauses +Österreich gehegt haben mochte, sich mit Protestanten zu verbünden, war +völlig beseitigt. Ludwig beschuldigte den Kaiser und den katholischen +König, die Sache der Kirche verrathen, sich mit einem Usurpator, der der +erklärte Vorkämpfer des großen Schisma's war, verbündet und an dem +abscheulichen Unrecht Theil genommen zu haben, das einem legitimen +Souverain zugefügt worden, der sich keines andren Verbrechens als des +Eifers für den wahren Glauben schuldig gemacht habe. Jakob schrieb +herzbrechende Briefe nach Wien und Madrid, in denen er sein Unglück +schilderte und den Beistand seiner königlichen Brüder, die auch im +Glauben seine Brüder seien, gegen die unnatürlichen Kinder und die +rebellischen Unterthanen erflehte, die ihn in's Exil getrieben hätten. +Es war jedoch nicht schwer, auf Ludwig's Vorwürfe wie auf Jakob's Bitten +eine plausible Antwort zu geben. Leopold und Karl erklärten, daß sie +sich, selbst zum Zwecke der gerechten Selbstvertheidigung, nicht eher +mit Ketzern verbündet hätten, als bis ihr Feind sich zum Zwecke eines +ungerechten Angriffs mit Mohamedanern verbündet habe. Und dies sei noch +nicht das Schlimmste. Nicht genug, daß der französische König den +Moslems gegen die Christen beistehe, behandle er selbst die Christen mit +einer Grausamkeit, welche sogar die Moslems empört haben würde. Man +müsse seinen ungläubigen Verbündeten die Gerechtigkeit widerfahren +lassen, daß sie an der Donau keine solchen Gewaltthätigkeiten gegen die +Gebäude und die Mitglieder der heiligen katholischen Kirche verübt +hätten, wie er, der sich den ältesten Sohn dieser Kirche nenne, sie am +Rhein verübe. Aus diesen Gründen antworteten die Fürsten, an welche +Jakob appellirt hatte, ihm damit, daß sie unter vielen Versicherungen +der Bereitwilligkeit und des Mitleids an ihn selbst appellirten. Er sei +gewiß zu gerecht, als daß er sie tadeln könnte, daß sie es für ihre +erste Pflicht hielten, ihr eignes Volk gegen solche Gewaltthätigkeiten +zu schützen, wie sie die Pfalz in eine Wüste verwandelt hätten, oder daß +sie den Beistand der Protestanten gegen einen Feind anriefen, der kein +Bedenken getragen habe, die Hülfe von Türken anzurufen.[110] + + [Anmerkung 108: Über die Geschichte der Verwüstung der Pfalz sehe + man die Memoiren von La Fare, Dangeau, Frau von Lafayette, Villars + und Saint-Simon, sowie den +Monthly Mercury+ vom März und April + 1689. Der Pamphlet und Flugblätter sind zu viele, als daß ich sie + hier aufzählen könnte. Ein Blatt, betitelt: +»A true Account + of the barbarous Cruelties committed by the French in the + Palatinate in January and February last,«+ ist vielleicht das + interessanteste.] + + [Anmerkung 109: Memoiren Saint-Simon's.] + + [Anmerkung 110: Ich will einige Zeilen aus Leopold's Brief an + Jakob anführen: +»Nunc autem quo loco res nostrae sint, ut + Serenitati vestrae auxilium praestari possit a nobis, qui non + Turcico tantum bello impliciti, sed insuper etiam crudelissimo et + iniquissimo a Gallis, rerum suarum, ut putabant, in Anglia + securis, contra datam fidem impediti sumus, ipsimet Serenitati + vestrae judicandum relinquimus... Galli non tantum in nostrum et + totius Christianae orbis perniciem foedifraga arma cum juratis + Sanctae Crucis hostibus sociare fas sibi ducunt; sed etiam in + imperio, perfidiam perfidia cumulando, urbes deditione occupatas + contra datam fidem immensis tributis exhaurire, exhaustas + diripere, direptas funditus exscindere aut flammis delere, Palatia + Principum ab omni antiquitate inter saevissima bellorum incendia + intacta servata exurere, templa spoliare, dedititios in servitutem + more apud barbaros usitato abducere, denique passim, imprimis vero + etiam in Catholicorum dictionibus, alia horrenda, et ipsam + Turcorum tyrannidem superantia immanitatis et saevitiae exempla + edere pro ludo habent.«+] + + +[_Kriegserklärung gegen Frankreich._] Während des Winters und der ersten +Hälfte des Frühjahrs zogen die Frankreich feindlich gesinnten Mächte +ihre Streitkräfte zu einer energischen Anstrengung zusammen und standen +in fortdauernder Communication mit einander. Als die zu militärischen +Operationen geeignete Zeit heranrückte, erschienen in rascher +Aufeinanderfolge die feierlichen Berufungen beleidigter Nationen an den +Gott der Schlachten. Das Manifest der Deutschen erschien im Februar, das +der Generalstaaten im März, das des Hauses Brandenburg im April und das +Spanien's im Mai.[111] + +Bei uns beschloß, sobald die Krönungsfeier vorüber war, das Haus der +Gemeinen die Inbetrachtnahme der neuesten Schritte des Königs von +Frankreich.[112] In der Debatte brach der Haß gegen den mächtigen, +rücksichtslosen und herrschsüchtigen Ludwig, der seit zwanzig Jahren der +Vasallenschaft in den Herzen der Engländer gohr, mit Heftigkeit hervor. +Er wurde der allerchristlichste Türke, der allerchristlichste Verwüster +der Christenheit, der allerchristlichste Barbar genannt, der gegen +Christen Gewaltthätigkeiten verübt habe, deren seine ungläubigen +Verbündeten sich geschämt haben würden.[113] Ein vornehmlich aus +heftigen Whigs bestehender Ausschuß wurde mit der Abfassung eines +Adreßentwurfs beauftragt. Johann Hampden, der glühendste Whig unter +ihnen, erhielt den Vorsitz und arbeitete einen Entwurf aus, der zu lang, +zu rhetorisch und zu vorwurfsvoll war, als daß er sich für den Mund des +Sprechers wie für das Ohr des Königs hätte eignen können. Schmähungen +gegen Ludwig würden bei der damaligen Stimmung des Hauses ungerügt +hingegangen sein, wären sie nicht von harten Äußerungen über den +Character und der Verwaltung Karl's II. begleitet gewesen, dessen die +Tories, trotz aller seiner Fehler, mit liebevoller Zuneigung gedachten. +Es fanden sich darin einige sehr deutliche Anspielungen auf Karl's +Verkehr mit dem Hofe von Versailles und auf das fremde Weib, das dieser +Hof ihm gesendet habe, um wie eine Schlange an seinem Busen zu liegen. +Das Haus war mit gutem Grunde unzufrieden damit. Die Adresse wurde dem +Ausschusse zurückgegeben, und nachdem sie kürzer und weniger wortreich +und hämisch gefaßt worden, angenommen und überreicht.[114] Wilhelm's +Aufmerksamkeit war auf die Nachtheile gelenkt, welche Frankreich ihm und +seinem Königreiche zugefügt, und ihm die Versicherung gegeben, daß, +sobald er zur Abstellung dieser Nachtheile die Waffen ergriffe, er von +seinem Volke kräftig unterstützt werden würde. Er dankte den Gemeinen +herzlich. Ehrgeiz, sagte er, werde ihn nie bestimmen, das Schwert zu +ziehen; allein er habe keine Wahl, denn Frankreich habe bereits England +angegriffen, und es sei nothwendig, das Recht der Selbstvertheidigung +auszuüben. Wenige Tage darauf wurde der Krieg erklärt.[115] + +Unter den Gründen zu diesem Schritte, welche die Gemeinen in ihrer +Adresse und der König in seinem Manifeste anführten, war der +gewichtigste die Einmischung Ludwig's in die Angelegenheiten Irland's. +In diesem Lande waren seit mehreren Monaten wichtige Ereignisse in +rascher Aufeinanderfolge eingetreten. Der Augenblick ist jetzt gekommen, +die Geschichte dieser Ereignisse mitzutheilen, eine Geschichte eben so +reich an Verbrechen und erschütternden Begebenheiten, wie an Interesse +und Belehrung. + + [Anmerkung 111: Siehe die London Gazette vom 25. Febr., + 11. März, 22. April, 2. Mai und die +Monthly Mercuries+. Einige + von den Erklärungen findet man in Dumont's +Corps Universel + Diplomatique+.] + + [Anmerkung 112: +Commons' Journals, April 15. 16. 1689+.] + + [Anmerkung 113: Oldmixon.] + + [Anmerkung 114: +Commons' Journals, April 19. 24. 26. 1689+.] + + [Anmerkung 115: Die Kriegserklärung ist vom 7. Mai datirt, + erschien aber erst am 13. in der London Gazette.] + + + * * * * * + * * * * + + + =Zwölftes Kapitel.= + + _Wilhelm von Oranien._ + + + + + =Inhalt.= + + Seite + Zustand Irland's zur Zeit der Revolution 5 + Die Civilgewalt in den Händen der Katholiken 5 + Die Militärgewalt in den Händen der Katholiken 7 + Gegenseitige Feindschaft zwischen den Engländern und Iren 7 + Panischer Schrecken unter den Engländern 8 + Geschichte der Stadt Kenmare 9 + Enniskillen 12 + Londonderry 13 + Schließung der Thore von Londonderry 14 + Mountjoy wird abgesandt, um Ulster zu pacificiren 16 + Wilhelm tritt in Unterhandlung mit Tyrconnel 17 + Die Temple werden zu Rathe gezogen 19 + Richard Hamilton wird auf Temple's Wort nach Irland gesandt 19 + Tyrconnel schickt Mountjoy und Rice nach Frankreich 20 + Tyrconnel ruft das irische Volk zu den Waffen 21 + Verwüstung des Landes 22 + Die Protestanten im Süden unfähig Widerstand zu leisten 26 + Enniskillen und Londonderry halten sich 27 + Richard Hamilton marschirt mit einer Armee nach Ulster 27 + Jakob entschließt sich nach Irland zu gehen 28 + Unterstützung, welche Jakob von Ludwig gewährt wird 29 + Wahl eines französischen Gesandten zum Begleiter Jakob's 30 + Der Graf von Avaux 31 + Jakob landet in Kinsale 32 + Jakob's Einzug in Cork 33 + Reise Jakob's von Cork nach Dublin 34 + Unzufriedenheit in England 36 + Parteispaltungen im Dubliner Schlosse 36 + Jakob beschließt nach Ulster zu gehen 40 + Jakob's Reise nach Ulster 41 + Der Fall Londonderry's erwartet 43 + Es kommt Succurs aus England 44 + Verrätherei Lundy's 45 + Die Bewohner von Londonderry beschließen sich + zu vertheidigen 45 + Ihr Character 46 + Londonderry belagert 50 + Die Belagerung in eine Blokade verwandelt 52 + Seegefecht in der Bantry-Bai 52 + Ein von Jakob einberufenes Parlament tagt in Dublin 53 + Es wird eine Toleranzacte erlassen 57 + Acte zur Confiscation des Eigenthums der Protestanten 57 + Prägung schlechten Geldes 61 + Die große Verurtheilungsacte 62 + Jakob prorogirt sein Parlament 65 + Verfolgung der Protestanten in Irland 65 + Wirkung der aus Irland kommenden Nachrichten in England 67 + Thaten der Enniskillener 69 + Noth in Londonderry 70 + Ankunft des Expeditionscorps unter Kirke im Foylesee 70 + Grausamkeit Rosen's 71 + Die Hungersnoth in Londonderry steigt aufs Höchste 73 + Angriff auf den Sperrbaum 74 + Die Belagerung von Londonderry aufgehoben 76 + Operationen gegen die Enniskillener 79 + Schlacht bei Newton-Butler 80 + Bestürzung der Irländer 81 + + +[_Zustand Irland's zur Zeit der Revolution._] Wilhelm hatte zu gleicher +Zeit mit dem Titel eines Königs von England auch den eines Königs von +Irland angenommen. Denn alle unsere Juristen betrachteten damals Irland +als eine bloße Colonie, zwar wichtiger als Massachusetts, Virginien oder +Jamaika, aber, wie diese, abhängig vom Mutterlande und verpflichtet, +den Souverain anzuerkennen, den das Mutterland auf den Thron berufen +hatte.[1] + + [Anmerkung 1: Die allgemeine Ansicht der Engländer über diesen + Gegenstand spricht sich deutlich in einer kleinen Schrift aus, + betitelt: +»Aphorisms relating to the Kingdom of Ireland«+, welche + während der Erledigung des Thrones erschien.] + + +[_Die Civilgewalt in den Händen der Katholiken._] Thatsächlich aber +hatte die Revolution Irland von der Oberherrschaft der englischen +Colonie emancipirt gefunden. Schon im Jahre 1686 hatte Jakob +beschlossen, diese Insel zu einem Waffenplatze, der Großbritannien +Respect einflößen könnte, und zu einem Asyle zu machen, wo die +Mitglieder seiner Kirche eine Zuflucht finden könnten, wenn in +Großbritannien sich ein Unglück ereignete. Zu dem Ende hatte er Alles +aufgeboten, um das Verhältniß zwischen den Eroberern und der eingebornen +Bevölkerung umzukehren. Die Ausführung seines Planes hatte er, trotz der +Gegenvorstellungen seiner englischen Rathgeber, dem Vicekönig Tyrconnel +übertragen. Im Herbst des Jahres 1688 war der Prozeß vollendet. Die +höchsten Ämter bei der Staatsverwaltung, der Armee und den Gerichtshöfen +waren fast ohne Ausnahme mit Papisten besetzt. Ein Rabulist, Namens +Alexander Fitton, der einer Fälschung überführt, wegen schlechter +Aufführung vom Hause der Lords zu Westminster mit einer Geldstrafe +belegt worden war und viele Jahre im Gefängniß zugebracht hatte, dem es +eben so sehr an juristischen Kenntnissen fehlte wie an gesundem +Verstande und Scharfsinn, welche den Mangel an juristischen Kenntnissen +zuweilen ersetzt haben, war Lordkanzler. Sein einziges Verdienst bestand +darin, daß er vom protestantischen Glauben abgefallen war, und dieses +Verdienst wurde für hinreichend erachtet, um selbst den Flecken seiner +sächsischen Abstammung zu verwischen. Er zeigte sich bald des Vertrauens +seiner Gönner würdig. Er erklärte auf der Richterbank, daß es unter +vierzigtausend Ketzern nicht einen gebe, der nicht ein Schurke sei. +Oftmals, nachdem er einen Rechtsfall angehört, bei dem die Interessen +seiner Kirche im Spiele waren, verschob er seinen Ausspruch, um, wie er +selbst eingestand, seinen Seelsorger, einen spanischen Priester, der +wahrscheinlich im Escobar wohl belesen war, zu Rathe zu ziehen.[2] +Thomas Nugent, ein Katholik, der sich im Gerichtssaale durch nichts als +durch seinen irischen Accent und durch seine Schnitzer ausgezeichnet +hatte, war Oberrichter der King's Bench.[3] Stephan Rice, ein Katholik, +dessen Talente und Gelehrsamkeit selbst von den Feinden seiner Nation +und Religion nicht bestritten wurden, dessen wohlbekannte Hostilität +gegen die Ansiedlungsacte aber im Herzen aller Derjenigen, welche kraft +dieser Acte Grundeigenthum besaßen, die ernstesten Besorgnisse erweckte, +war erster Baron der Schatzkammer.[4] Richard Nagle, ein scharfsinniger +und wohlbelesener Jurist, der in einem Jesuitencollegium erzogen war und +der die Vorurtheile besaß, die man von seiner Erziehung erwarten konnte, +war Generalfiskal.[5] + +Keating, ein höchst ehrenwerther Protestant war noch Oberrichter der +Common Pleas; aber zwei römisch-katholische Richter standen ihm zur +Seite. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß der eine von diesen +Richtern, Daly, ein verständiger, gemäßigter und rechtschaffner Mann +war. Aber die Klagsachen, welche vor die Schranken der Common Pleas +kamen, waren nicht von großem Belang. Selbst die King's Bench war damals +fast verödet. Dagegen war das Schatzkammergericht mit Geschäften +überhäuft, denn es war der einzige Gerichtshof in Dublin, von dem nicht +nach England appellirt werden konnte, und folglich der einzige +Gerichtshof, an welchem die Engländer ohne Hoffnung auf Abhülfe +unterdrückt und ausgeplündert werden konnten. Rice sollte erklärt haben, +daß sie von ihm genau das haben sollten, was das Gesetz nach strictester +Auslegung ihnen gewähre, aber auch nicht mehr. Was aber seiner Ansicht +nach das Gesetz nach strictester Auslegung ihnen gewährte, das konnten +sie leicht aus einer Äußerung schließen, die er, bevor er Richter wurde, +häufig im Munde führte. »Ich werde,« pflegte er zu sagen, »mit Sechsen +durch die Ansiedlungsacte fahren.« Jetzt brachte er seine Drohung +tagtäglich zur Ausführung. Alle Protestanten klagten, daß es +gleichgültig sei, was für Beweise sie ihm vorlegten, daß die +schamlosesten Lügen, die ehrlosesten Zeugenaussagen seines Schutzes +gewiß sein könnten, wenn er sonst ihren Ansprüchen nicht gerecht werden +wolle. Zu seinem Gerichtshofe drängten sich seine Landsleute in Masse +mit Gesuchen um Vertreibung und Eigenthumsverletzung. Vor seinem +Gerichtshofe griff die Regierung mit einem Male die Freibriefe alter +irischen Städte und Landgemeinden an, und er fand ohne Mühe +Vorwände, um alle diese Freibriefe für verwirkt zu erklären. Die +Municipalcorporationen, etwa hundert an Zahl, waren als Bollwerke des +reformirten Glaubens und des englischen Interesses eingeführt worden, +und sie wurden daher von den irischen Katholiken mit einem Widerwillen +betrachtet, den man nicht für unnatürlich oder unvernünftig halten kann. +Wären diese Corporationen auf eine verständige und unparteiische Weise +umgestaltet worden, so hätte die Unregelmäßigkeit des Verfahrens, durch +welches ein so wünschenwerthes Resultat erzielt worden war, verziehen +werden können. Aber es zeigte sich bald, daß ein exclusives System nur +beseitigt worden war, um einem andren Platz zu machen. Die Burgflecken +wurden der unumschränkten Autorität der Krone unterstellt. Städte, in +denen fast jeder Hausvater ein englischer Protestant war, erhielten +katholische Obrigkeiten. Viele von den neuen Aldermen hatten die Städte, +zu deren Behörden sie ernannt werden, noch nie gesehen. Zu gleicher Zeit +wurden die Sheriffs, denen die Vollziehung der richterlichen Befehle und +die Ernennung der Juries zukam, fast immer aus der Kaste gewählt, welche +bis vor ganz Kurzem von jedem öffentlichen Amte ausgeschlossen gewesen +war. Man versicherte, daß einige von diesen wichtigen Beamten wegen +Diebstahls in der Hand gebrandmarkt gewesen seien. Andere hatten im +Dienste von Protestanten gestanden, und die Protestanten setzten mit +bitterer Geringschätzung hinzu, daß die Grafschaft, der solche Beamte zu +Theil würden, von Glück sagen könne, denn ein Diener, der das Geschirr +eines englischen Gentleman gereinigt und sein Pferd geputzt habe, könne +im Vergleich zu Vielen von der eingebornen Aristokratie, die ihr Leben +mit Aufliegen und Marodiren hingebracht, für ein civilisirtes Geschöpf +gelten. Solchen Sheriffs würde kein Colonist, selbst wenn er das +unerhörte Glück gehabt hätte, einen ihm günstigen Ausspruch zu erlangen, +eine Execution anzuvertrauen gewagt haben.[6] + + [Anmerkung 2: +King's State of the Protestants of Ireland, II. 6+, + und +III. 3+.] + + [Anmerkung 3: +King III. 3+. Clarendon nennt Nugent in einem + Briefe an Rochester (vom 1. Juni 1686) »einen höchst lästigen, + impertinenten Menschen.«] + + [Anmerkung 4: +King, III. 3+.] + + [Anmerkung 5: +King, II. 6+, und +III. 3+. Clarendon spricht in + einem Briefe an Ormond (vom 28. Sept. 1686) mit rühmender + Anerkennung von Nagle's Kenntnissen und Fähigkeiten; in seinem + Tagebuche aber (31. Jan. 1686/87) nennt er ihn »einen + habsüchtigen, ehrgeizigen Mann.«] + + [Anmerkung 6: +King II. 5. 1.+; +III. 3. 5+. +A Short View of the + Methods made use of in Ireland for the Subversion and Destruction + of the Protestant Religion and Interests, by a Clergyman lately + escaped from thence, licensed Oct. 17, 1689+.] + + +[_Die Militärgewalt in den Händen der Katholiken._] So war die +Civilgewalt in Zeit von wenigen Monaten von der sächsischen auf die +celtische Bevölkerung übertragen worden. Die Übertragung der +Militärgewalt war nicht minder vollständig gewesen. Die Armee, welche +unter Ormond's Befehlen das Hauptbollwerk des englischen Übergewichts +gewesen war, existirte nicht mehr. Ganze Regimenter waren aufgelöst und +neu organisirt worden. Sechstausend ihres Brodes beraubte +protestantische Veteranen brüteten in ihrer Zurückgezogenheit über das +ihnen zugefügte Unrecht, oder waren über den Kanal gegangen und hatten +sich dem Banner Wilhelm's angeschlossen. Ihre Stellen wurden durch +Männer besetzt, welche, nachdem sie lange unterdrückt worden, sich +plötzlich aus Sklaven in Herren verwandelt sahen und es nun nicht +erwarten konnten, die schwere Schuld der Unbilden und Kränkungen mit +Wucherzinsen zurückzuzahlen. Man sagte, die neuen Soldaten seien nie an +einem Engländer vorübergegangen, ohne ihn zu verwünschen und ihm ein +Schimpfwort anzuhängen. Sie waren der Schrecken jedes protestantischen +Gastwirths, denn von dem Augenblicke an wo sie unter sein Dach kamen, +aßen und tranken sie Alles weg, ohne zu bezahlen, und verscheuchten +durch ihr rohes Bramarbasiren anständigere Gäste von seiner Thür.[7] + + [Anmerkung 7: +King, III. 2+. Ich kann nicht finden, daß Karl + Leslie, ein eifriger Vertheidiger der andren Partei, in seiner + Antwort an King, einer dieser Thatsachen widersprochen hätte. Er + verwirft sogar selbst Tyrconnel's Verwaltung. »Ich wünsche einem + Einwurfe zu begegnen, der sicherlich erhoben werden wird, daß ich + nämlich Alles was Lord Tyrconnel und andere Minister Jakob's, + besonders vor dieser Revolution, gethan haben und was mehr als + irgend etwas Andres dieselbe hervorgerufen hat, völlig + rechtfertigen wolle. Nein, davon bin ich weit entfernt. Ich bin + überzeugt, daß ihr Verfahren in vielen Punkten den Feinden König + Jakob's gegründetere Ursache zu klagen gab als alle anderen seiner + Regierung zur Last gelegten Verwaltungsfehler.« +Leslie's Answer + to King, 1692+.] + + +[_Gegenseitige Feindschaft zwischen den Engländern und Iren._] So war +der Zustand Irland's, als der Prinz von Oranien bei Torbay landete. Von +diesem Augenblicke an, brachte jedes in Dublin anlangende Packetboot +Nachrichten mit, welche die gegenseitige Furcht und Abneigung der +feindlichen Stämme nur vermehren konnten. Sowohl der Colonist, der, +nachdem er lange die Macht besessen und gemißbraucht, jetzt für einen +Augenblick die Bitterkeit der Knechtschaft gekostet hatte, als auch der +Eingeborne, der, nachdem er den bitteren Kelch der Knechtschaft bis zur +Hefe geleert, endlich auf einen Augenblick die Macht besessen und +gemißbraucht hatte, erkannten Beide, daß eine wichtige Krisis, eine +Krisis wie die von 1641, bevorstehe. Die Mehrheit erwartete mit +Ungeduld, in Tyrconnel einen Phelim O'Neil wieder erstehen zu sehen; +die Minderheit erblickte in Wilhelm einen zweiten Oliver. + +Auf welcher Seite der erste Schlag erfolgte, dies war eine Frage, über +welche Wilhelmiten und Jakobiten nachher mit viel Schärfe debattirten. +Doch keine Frage konnte gleichgültiger sein. Die Geschichte muß beiden +Parteien die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die keine von beiden der +andren jemals zugestanden, und muß zugeben, daß beide triftige +Beschwerden und heftige Provocationen zu ihrer Rechtfertigung anführen +konnten. Beide waren durch ein Geschick, für welches keine von beiden +verantwortlich war, in eine Lage versetzt worden, daß sie einander, da +die menschliche Natur nun einmal so und nicht anders geschaffen ist, +nothwendig als Feinde betrachten mußten. Drei Jahre lang hatte die +Regierung, die sie hätte versöhnen können, systematisch Alles +aufgeboten, ihre Feindschaft zu einer rasenden Wuth zu entflammen. Es +war jetzt unmöglich, in Irland eine gerechte und wohlthätige Regierung +herzustellen, eine Regierung, die keinen Racen- oder Sectenunterschied +kannte, eine Regierung, welche die den neuen Grundeigenthümern durch das +Gesetz gewährleisteten Rechte streng respectirte, zu gleicher Zeit aber +durch eine vernünftige Liberalität das Mißgeschick der vorigen Gentry +linderte. Eine solche Regierung hätte Jakob zur Zeit seiner Macht +einsetzen können. Aber die günstige Gelegenheit war vorbei, ein +gütlicher Vergleich war nicht mehr möglich, die beiden erbitterten +Kasten waren gleichermaßen von der Nothwendigkeit überzeugt, daß sie +entweder unterdrücken, oder unterdrückt werden müßten, und daß nur in +Sieg, Rache und Herrschaft ihr Heil zu finden sei. Nur darin stimmten +sie überein, daß sie jeden Vermittler, der es versuchen wollte, sie mit +einander zu versöhnen, zurückwiesen. + + +[_Panischer Schrecken unter den Engländern._] Seit einigen Wochen waren +Excesse, Insulten, schlimme Gerüchte und panische Schrecken, die +natürlichen Vorläufer des herannahenden furchtbaren Zusammenstoßes, an +der Tagesordnung. Durch die ganze Insel verbreitete sich das Gerücht, +daß am 9. December eine allgemeine Niedermetzelung der Engländer +stattfinden solle. Tyrconnel ließ die vornehmsten Protestanten Dublin's +in's Schloß kommen und rief in seiner gewohnten kräftigen Redeweise die +ganze Rache des Himmels auf sich herab, wenn jenes Gerücht nicht eine +verfluchte, niederträchtige Lüge wäre. Aus Wuth darüber, daß seine +Flüche nicht die erwartete Wirkung hervorriefen, soll er seinen Hut und +seine Perrücke vom Kopfe gerissen und ins Feuer geworfen haben.[8] Aber +man kannte den lügenhaften Dick Talbot so genau, daß seine +Verwünschungen und Gestikulationen die Besorgniß, die sie vermindern +wollten, nur noch vermehrten. Seit Clarendon's Zurückberufung hatte +fortwährend eine starke Auswanderung ängstlicher und friedliebender +Leute aus den irischen Häfen nach England stattgefunden. Diese +Auswanderung nahm jetzt zu. Es war nicht leicht, auf einem gutgebauten +und bequemen Schiffe einen Platz zu erlangen. Aber viele Leute, deren +Muth das Übermaß der Furcht bis zur Kühnheit steigerte, wollten sich +lieber Wind und Wellen als den erbitterten Iren anvertrauen und setzten +sich daher allen Gefahren einer Seereise über den St. Georgskanal und +die Küste von Wales entlang in offenen Fahrzeugen und mitten im Winter +aus. Die zurückbleibenden Engländer begannen sich in fast jeder +Grafschaft eng aneinander anzuschließen. Jedes große Landhaus wurde eine +Festung. Jeder, der nach Einbruch der Dunkelheit Einlaß begehrte, wurde +durch ein Schießloch oder durch ein verrammeltes Fenster angerufen und +wenn er ohne Parole und Erklärungen einzudringen versuchte, ward ihm +eine Blunderbüchse vorgehalten. In der gefürchteten Nacht des 9. +Decembers gab es von der Riesen-Chaussee bis zur Bantry-Bay kaum ein +protestantisches Landhaus, in welchem vom frühen Untergang bis zum +späten Aufgang der Sonne nicht bewaffnete Männer gewacht und Lichter +gebrannt hätten.[9] + + [Anmerkung 8: +A True and Impartial Account of the most material + Passages in Ireland since December 1688, by a Gentleman who was an + Eyewitness; licensed July 22, 1689.+] + + [Anmerkung 9: +A True and Impartial Account etc. 1689+; +Leslie's + Answer to King, 1692.+] + + +[_Geschichte der Stadt Kenmare._] Über die damaligen Vorgänge in einem +Districte ist ein ausführlicher Bericht auf uns gekommen, nach dem man +sich ein Bild von dem allgemeinen Zustande des Königreichs machen kann. +Der südwestliche Theil von Kerry ist jetzt als die schönste Gegend der +britischen Inseln bekannt. Die Berge, die Schluchten, die sich weit ins +Meer hinaus erstreckenden Vorgebirge, die Felsen, auf denen Adler +horsten, die Bäche, welche von den Gebirgspässen herniederrauschen, die +Seen, von dichten Wäldern umsäumt, in denen das Hochwild Schutz findet, +ziehen jeden Sommer Schaaren von Touristen herbei, welche des Treibens +und der Vergnügungen der großen Städte überdrüssig sind. Die Schönheiten +dieses Landes werden zwar nur zu häufig durch Nebel und Regen +verschleiert, welche der Westwind von dem unermeßlichen Ocean +herbeiführt. An den seltenen Tagen aber wo die Sonne in ihrem vollen +Glanze strahlt, zeigt die Landschaft eine Frische und eine Wärme des +Colorits, die man in unseren Breitengraden selten findet. Die Myrthe +liebt den Boden, der Erdbeerbaum gedeiht hier besser als selbst an den +sonnigen Gestaden Calabrien's.[10] Die Wiesen haben eine saftigere +Färbung als anderwärts, die Hügel erglühen in prächtigerem Purpur, die +Blätter der Stechpalme und des Epheus zeigen einen höheren Glanz, und +Beeren von feurigerem Roth schimmern durch Laub von schönerem Grün. Aber +während der größeren Hälfte des 17. Jahrhunderts war dieses Paradies der +civilisirten Welt noch so wenig bekannt wie Spitzbergen oder Grönland. +Wenn es ja einmal erwähnt wurde, sprach man davon als von einer +traurigen Wüste, einem Chaos von Sümpfen, Dickichten und Abgründen, wo +die Wölfe noch hausten und wo einige halbnackte Wilde, die kein Wort +Englisch sprachen, sich unterirdische Baue in den Schlamm gruben und von +Wurzeln und saurer Milch lebten.[11] + +Im Jahre 1670 endlich beschloß der menschenfreundliche und erleuchtete +Sir Wilhelm Petty, in diesem wüsten Districte eine Niederlassung zu +gründen. Er besaß dort eine große Herrschaft, die auf eine ihres +Ahnherrn würdige Nachkommenschaft fortgeerbt ist. Man sagte damals, daß +er auf die Verbesserung dieses Gutes nicht weniger als zehntausend Pfund +Sterling verwendet habe. Die kleine Stadt, welche er gründete und die +nach der Bucht von Kenmare benannt wurde, lag an der Spitze dieser Bucht +am Fuße eines Bergrückens, auf dessen Gipfel der Reisende jetzt +verweilt, um den lieblichsten der drei Seen von Killarney zu betrachten. +Ein von einer Gesellschaft unternehmender Neuengländer, weit entfernt +von den Wohnungen ihrer Landsleute in den Jagdgründen der rothen +Indianer erbautes Dorf konnte kaum vollständiger außer dem Bereiche der +Civilisation liegen als Kenmare. Von Petty's Ansiedelung bis nach dem +nächsten englischen Wohnplatze hatte man zu Lande zwei Tage durch eine +wilde und gefahrvolle Gegend zu reisen. Doch der Ort gedieh. Es wurden +zweiundvierzig Häuser gebaut und die Bevölkerung belief sich auf +hundertachtzig Seelen. Das Land um die Stadt herum war gut angebaut, der +Viehstand war zahlreich und zwei kleine Bote vermittelten den Fischfang +und Handel längs der Küste. Der Ertrag an Heringen, Pilchards, Makrelen +und Lachsen war bedeutend und würde noch bedeutender gewesen sein, wäre +nicht der Strand in der schönsten Jahreszeit mit Massen von Robben +bedeckt gewesen, welche den Fischen der Bucht nachstellten. Die Robbe +war jedoch kein unwillkommener Gast, denn ihre Haut war werthvoll und +ihr Thran lieferte das Beleuchtungsmaterial für die langen Winterabende. +Mit dem glücklichsten Erfolge wurde der Versuch gemacht, Eisenhütten +anzulegen. Man bediente sich damals noch nicht der Steinkohlen zum +Schmelzen und es wurde den Fabrikbesitzern von Kent und Sussex sehr +schwer, sich Brennholz zu mäßigem Preise zu verschaffen. Die Umgebung +von Kenmare war damals reich bewaldet, und Petty erkannte es als eine +gewinnbringende Spekulation, Erz dahin zu transportiren. Die Freunde von +Naturschönheiten bedauern noch heute den Verlust der Wälder von Eichen +und Erdbeerbäumen, welche geschlagen wurden, um seine Hohöfen zu +speisen. Außerdem war noch ein andrer Plan in seinem thätigen und +intelligenten Kopfe entstanden. Einige von den benachbarten Inseln waren +reich an buntem Marmor, roth und weißem und roth und grünem. Petty wußte +wohl, mit welchen großen Kosten die alten Römer ihre Bäder und Tempel +mit buntfarbigen Säulen schmückten, welche in den Marmorbrüchen +Lakonien's und Afrika's gebrochen wurden, und er scheint die Hoffnung +genährt zu haben, daß die Felsen seiner wilden Herrschaft in Kerry +vielleicht Verzierungen für die Paläste von St. James-Square und für das +Chor der St Paulskirche liefern könnten.[12] + +Die Ansiedler hatten von Anfang an erkannt, daß sie darauf vorbereitet +sein müßten, das Recht der Selbstvertheidigung in einer Ausdehnung zu +üben, die in einem wohleingerichteten Staate unnöthig und +unverantwortlich gewesen sein würde. In den Hochlanden südlich vom Thale +von Tralee war das Gesetz völlig machtlos. Kein Justizbeamter wagte sich +gern in diese Gegenden. Ein Staatsbote, der im Jahre 1680 dort einen +gerichtlichen Befehl zu vollziehen versuchte, wurde ermordet. Es scheint +jedoch, daß bis zu Ende des Jahres 1688 die Bewohner von Kenmare durch +ihre Einigkeit, ihre Intelligenz und ihren Muth hinreichend geschützt +waren. Um diese Zeit aber begannen sich die Wirkungen der Politik +Tyrconnel's selbst in diesem entlegenen Winkel Irland's fühlbar zu +machen. In den Augen des Landvolks von Munster waren die Colonisten +Fremdlinge und Ketzer. Die Gebäude, die Böte, die Maschinen, die +Kornspeicher, die Meiereien und Hohöfen wurden von der eingebornen +Bevölkerung ohne Zweifel mit dem Gemisch von Neid und Geringschätzung +betrachtet, mit dem der Unwissende ganz natürlich auf die Triumphe der +Wissenschaft herabsieht. Auch ist es gar nicht unwahrscheinlich, daß die +Einwanderer sich der Fehler schuldig gemacht hatten, von denen +civilisirte Menschen, die sich unter einem uncivilisirtem Volke +niederlassen, selten frei bleiben. Es läßt sich wohl annehmen, daß die +aus höherer Intelligenz entspringende Macht bald rücksichtslos zur Schau +getragen, bald ungerecht ausgeübt wurde. Als sich daher jetzt von Altar +zu Altar und von Hütte zu Hütte die Nachricht verbreitete, daß die +Fremden vertrieben und ihre Häuser und Grundstücke den Söhnen des Landes +als Beute preisgegeben werden sollten, begann ein förmlicher Raubkrieg. +Schaaren von Plünderern zu dreißig, vierzig, ja siebzig Köpfen, theils +mit Schießgewehren, theils mit Piken bewaffnet, durchstreiften die +Umgegend der Stadt. Die Scheunen wurden geplündert, und Pferde wurden +gestohlen. Bei einem einzigen Raubzuge wurden hundertvierzig Stück Vieh +weggenommen und durch die Schluchten von Glengariff fortgeführt. In +einer Nacht wurden sechs Wohnungen erbrochen und ausgeplündert. Endlich +beschlossen die auf's Äußerste getriebenen Colonisten, lieber wie Männer +zu sterben, als sich in ihren Betten ermorden zu lassen. Das Haus, +welches Petty für seinen Agenten erbaut hatte, war das größte im Orte. +Es stand auf einer felsigen Landzunge, an deren Ufern die Wogen der +Bucht sich brachen. Hier versammelte sich die ganze Einwohnerschaft, +bestehend aus fünfundsiebzig streitbaren Männern mit etwa hundert Frauen +und Kindern. Sie besaßen sechzig Feuergewehre und eine gleiche Anzahl +Piken und Schwerter. In aller Eile wurde rings um das Haus des Agenten +ein funfzehn Fuß hoher und zwölf Fuß dicker Erdwall aufgeworfen. +Die so eingefriedigte Bodenfläche war etwa einen halben Acker groß. +Innerhalb dieses Walles wurden sämmtliche Waffen, Munitions- und +Lebensmittelvorräthe zusammengebracht und mehrere schwache Breterhütten +errichtet. Als diese Vorbereitungen getroffen waren, begannen die Männer +von Kenmare kräftige Repressalien gegen ihre irischen Nachbarn zu üben; +sie ergriffen Räuber, nahmen gestohlenes Eigenthum wieder und verfuhren +einige Wochen lang in allen Stücken wie eine unabhängige Gemeinschaft. +Die obrigkeitlichen Functionen wurden durch erwählte Beamte verrichtet, +denen jedes Mitglied der Commun auf das Evangelium Treue gelobte.[13] + +Während die Bewohner des Städtchens Kenmare sich dergestalt regten, +wurden von größeren Gemeinschaften ähnliche Vertheidigungsmaßregeln in +größerem Maßstabe getroffen. Eine beträchtliche Anzahl Gentlemen und +Freisassen verließ das platte Land und zog sich in die Städte, welche zu +dem Zwecke gegründet und incorporirt worden waren, um die eingeborne +Bevölkerung im Zaume zu halten, und die, obwohl unlängst unter das +Regiment katholischer Behörden gestellt, doch noch hauptsächlich von +Protestanten bewohnt waren. Eine ansehnliche Schaar bewaffneter +Colonisten sammelte sich in Sligo, eine andre in Charleville, eine +dritte in Mallow, eine vierte noch stärkere in Bandon.[14] Die +wichtigsten Bollwerke der englischen Bevölkerung in dieser schlimmen +Zeit waren jedoch Enniskillen und Londonderry. + + [Anmerkung 10: In der Gegend von Killarney hat es Erdbeerbäume von + dreißig Fuß Höhe und fünfthalb Fuß Umfang gegeben. Siehe die + +Philosophical Transactions, 227.+] + + [Anmerkung 11: In einer sehr ausführlichen Beschreibung der + britischen Inseln, welche 1690 in Nürnberg erschien, ist Kerry als + »an vielen Orten unwegsam und voller Wälder und Gebirge« + geschildert. Wölfe hausten noch in Irland. »Kein schädlich Thier + ist da außerhalb Wölff und Füchse.« Noch im Jahre 1710 wurde auf + Antrag der großen Jury von Kerry eine Abgabe zum Behufe der + Ausrottung der Wölfe in dieser Grafschaft erhoben. Siehe Smith's + +Ancient and Modern State of the County of Kerry, 1750+. Es ist + mir nie ein besseres Buch dieser Art und dieses Umfangs + vorgekommen. In einem 1719 erschienenen Gedicht, betitelt: + +Macdermot, or the Irish Fortune Hunter+, in sechs Gesängen, wird + die Wolfsjagd als ein sehr gewöhnliches Sportvergnügen + dargestellt. Unter Wilhelm's Regierung gab man Irland zuweilen den + Spottnamen Wolfsland. So wird in einem Gedicht über die Schlacht + von la Hogue, betitelt: +Advice to a Painter+, der Schrecken der + irischen Armee wie folgt geschildert: + + Ein Nebel, der das Blut erstarren macht + Und Wolfland's Heulen dringt durch's ganze Lager.] + + [Anmerkung 12: +Smith's Ancient and Modern State of Kerry.+] + + [Anmerkung 13: +Exact Relation of the Persecution, Robberies, and + Losses sustained by the Protestants of Killmare in Ireland, 1689+; + +Smith's Ancient and Modern State of Kerry, 1756.+] + + [Anmerkung 14: +Ireland's Lamentation, licensed May 18. 1689.+] + + +[_Enniskillen._] Enniskillen, obwohl die Hauptstadt der Grafschaft +Fermanagh, war damals ein bloßes Dorf. Es war auf einer Insel des +Flusses erbaut, welcher die unter dem gemeinschaftlichen Namen des +Ernesees bekannten zwei schönen Wasserbecken mit einander verbindet. +Der Strom und beide Seen waren auf allen Seiten von natürlichen Wäldern +umgeben. Enniskillen bestand aus etwa achtzig Wohnhäusern, in deren +Mitte sich ein altes Schloß erhob. Die Einwohner waren fast ohne +Ausnahme Protestanten und stolz darauf, daß ihre Stadt während der +furchtbaren Revolution, welche 1641 ausbrach, der protestantischen Sache +treu geblieben. Anfangs December erhielten sie von Dublin die Anzeige, +daß zwei Compagnien papistischer Infanterie demnächst bei ihnen ins +Quartier gelegt werden würden. Die kleine Gemeinde war in der größten +Bestürzung, um so mehr als man erfuhr, daß ein Predigermönch sich bemüht +hatte, die irische Bevölkerung der Umgegend wider die Ketzer +aufzureizen. Man faßte den kühnen Entschluß, die Truppen nicht +einzulassen, mochte es kommen wie es wollte. Die Vertheidigungsmittel +waren indessen sehr spärlich. Nicht zehn Pfund Pulver, nicht zwanzig +brauchbare Schießgewehre konnten innerhalb der Festung aufgetrieben +werden. Es wurden deshalb Boten mit dringenden Schreiben ausgesandt, +welche die protestantische Gentry der Nachbarschaft aufforderten, zur +Unterstützung herbeizueilen, und dem Aufrufe ward mit hochherziger +Bereitwilligkeit Folge geleistet. Binnen wenigen Stunden hatten sich +zweihundert Bewaffnete zu Fuß und hundertfunfzig Reiter versammelt. +Tyrconnel's Soldaten waren schon im Anzuge. Sie führten einen +beträchtlichen Vorrath von Waffen mit sich, welche unter das Landvolk +vertheilt wurden. Die Bauern begrüßten das königliche Banner mit Jubel +und schlossen sich in großer Anzahl dem Zuge an. Anstatt den Angriff zu +erwarten, kamen die Bürger mit ihren Verbündeten muthig heraus und +stellten sich den Eindringenden entgegen. Die Offiziere Jakob's hatten +keinen Widerstand erwartet, und sie waren daher nicht wenig erstaunt, +als sie eine Colonne Fußvolk, von einem starken Corps berittener +Gentlemen und Freisassen flankirt, auf sich anrücken sahen. Die Bauern +liefen entsetzt davon und die Soldaten traten den Rückzug so eilig an, +daß er eine Flucht genannt werden konnte. Erst in Cavan, dreißig Meilen +davon, machten sie wieder Halt.[15] + +Durch diesen leichten Sieg kühn gemacht, trafen die Protestanten +Anordnungen zur Regierung und Vertheidigung von Enniskillen und der +umliegenden Ortschaften. Gustav Hamilton, ein Gentleman, der in der +Armee gedient, dem aber Tyrconnel unlängst sein Offizierspatent entzogen +hatte, und der seitdem auf einem Gute in Fermanagh lebte, wurde zum +Gouverneur ernannt und nahm seine Residenz im Schlosse. Zuverlässige +Männer wurden in aller Eil angeworben und bewaffnet. Da es an Schwertern +und Piken fehlte, mußten die Schmiede improvisirte Waffen anfertigen, +bestehend aus Sensenklingen, welche an Stangen befestigt wurden. +Sämmtliche Landhäuser rings um den Ernesee erhielten Besatzungen. Kein +Papist durfte frei in der Stadt umhergehen, und der Mönch, den man +beschuldigte, seine Beredtsamkeit gegen die Engländer aufgeboten zu +haben, wurde ins Gefängniß geworfen.[16] + + [Anmerkung 15: +A True Relation of the Actions of the Inniskilling + men, by Andrew Hamilton, Rector of Kilskerrie, and one of the + Prebends of the Diocese of Clogher, an Eyewitness thereof and + Actor therein, licensed Jan. 15. 1689/90. -- A Further Impartial + Account of die Actions of the Inniskilling men, by Captain William + Mac Cormick, one of the first that took up Arms, 1691.+] + + [Anmerkung 16: +Hamilton's True Relation+; +Mac Cormick's Further + Impartial Account.+] + + +[_Londonderry._] Die andre Hauptfeste des Protestantismus war eine Stadt +von größerer Bedeutung. Achtzig Jahre früher, während der durch den +letzten Kampf der Häuser O'Neil und O'Donnel gegen die Autorität Jakob's +I. verursachten Unruhen war die ehemalige Stadt Derry von einem der +eingebornen Häuptlinge überfallen, die Bewohner niedergemetzelt und die +Häuser in Asche gelegt worden. Die Insurgenten wurden bald überwältigt +und bestraft, die Regierung beschloß, die zerstörte Stadt wieder +aufzubauen, der Lordmayor, die Aldermen und der Gemeinderath von London +wurden zur Betheiligung an dem Werke aufgefordert und König Jakob I. +überwies ihnen in ihrer corporativen Eigenschaft den von den Trümmern +des alten Derry bedeckten Grund und Boden nebst ungefähr sechstausend +englischen Ackern umliegenden Landes.[17] + +Dieser damals unangebaute und unbewohnte District ist jetzt ein +blühender Sitz des Gewerbfleißes und des guten Geschmacks und macht +selbst auf Augen, welche an den Anblick der üppigen Fluren und +stattlichen Schlösser England's gewöhnt sind, einen wohlthuenden +Eindruck. Bald erhob sich eine neue Stadt, die wegen ihrer Connection +mit der Hauptstadt des Reichs Londonderry genannt wurde. Die Gebäude +bedeckten den Gipfel und den Abhang einer Anhöhe, welche den breiten +Strom des Foyle beherrschte, der zu jener Zeit von Schaaren wilder +Schwäne besucht wurde.[18] Auf dem höchsten Punkte stand die Kathedrale, +eine Kirche, die, obwohl zu einer Zeit erbaut, wo das Geheimniß der +gothischen Architectur verloren gegangen war, und wenn auch nicht +geeignet, einen Vergleich mit den ehrwürdigen Tempeln des Mittelalters +auszuhalten, doch nicht ohne Anmuth und stattliches Ansehen ist. Unweit +der Kathedrale erhob sich der Palast des Bischofs, dessen Sitz einer der +bedeutendsten in Irland war. Die Stadt hatte eine fast elliptische Form +und die Hauptstraßen bildeten ein Kreuz, dessen Arme auf einem Platze +zusammentrafen, welcher der Diamant hieß. Die ursprünglichen Häuser sind +theils umgebaut, theils so verändert, daß ihr anfänglicher Character +nicht mehr zu erkennen ist; mancher derselben aber können sich jetzt +Lebende noch erinnern. Sie waren meist zwei Stock hoch und mehrere +hatten steinerne Treppen an der Außenseite. Die Stadt war von einer +Mauer umgeben, deren Umfang nicht viel weniger als eine Meile betrug. +Auf den Bastionen waren Feldschlangen und Falkonetts aufgepflanzt, +welche die reichen Gilden London's der Colonie zum Geschenk gemacht +hatten. Auf einigen dieser alten Geschütze, welche einer großen Sache +denkwürdige Dienste geleistet haben, kann man noch heute die Devisen der +Fischhändlergilde, der Weinhändlergilde und der Kleiderhändlergilde +erkennen.[19] + +Die Einwohner waren Protestanten von angelsächsischem Geblüt. Zwar +gehörten sie nicht alle einem Lande und einer Kirche an, aber Engländer +und Schotten, Episkopalen und Presbyterianer scheinen im Allgemeinen in +Freundschaft miteinander gelebt zu haben, eine Freundschaft, welche +durch ihre gemeinsame Abneigung gegen die irische Race und gegen die +papistische Religion genügend erklärt wird. Während des Aufstandes von +1641 hatte Londonderry muthig gegen die eingebornen Häuptlinge Stand +gehalten und war zu wiederholten Malen vergebens belagert worden.[20] +Seit der Restauration entwickelte sich die Stadt mehr und mehr. Zur Zeit +der Fluth konnten schwer beladene Schiffe bis an den Quai fahren. +Die Fischereien nahmen einen großartigen Aufschwung. Die Netze sollen +zuweilen so voll gewesen sein, daß man Massen von Fischen wieder ins +Wasser werfen mußte. Das Gewicht der alljährlich gefangenen Lachse wurde +auf elfmalhunderttausend Pfund geschätzt.[21] + + [Anmerkung 17: +Concise View of the Irish Society, 1822+; Mr. + Heath's interessanter +Account of the Worshipful Company of + Grocers, Appendix 17.+] + + [Anmerkung 18: +The Interest of England in the Preservation of + Ireland, licensed July 17. 1689.+] + + [Anmerkung 19: Diese Dinge beobachtete oder erfuhr ich an Ort und + Stelle.] + + [Anmerkung 20: Die besten Mittheilungen über die Ereignisse in + Londonderry während des 1641 begonnenen Kriegs habe ich in Dr. + Reid's +History of the Presbyterian Church in Ireland+ gefunden.] + + [Anmerkung 21: +The Interest of England in the Preservation of + Ireland, 1689.+] + + +[_Schließung der Thore von Londonderry._] Die Bevölkerung von +Londonderry theilte die Besorgniß, welche gegen das Ende des Jahres 1688 +unter den in Irland ansässigen Protestanten allgemein verbreitet war. Es +war bekannt, daß das eingeborne Landvolk der Umgegend sich mit Piken und +Messern versah. Die Priester hatten in einem Tone, über den, wie sich +nicht leugnen läßt, der puritanische Theil der angelsächsischen +Bevölkerung wenig Recht hatte sich zu beklagen, über die Niedermetzelung +der Amalekiter und über die Verdammungsurtheile, welche Saul sich +dadurch zugezogen, daß er Einen von dem geachteten Stamme schonte, das +Volk haranguirt. Gerüchte von verschiedenen Seiten und anonyme Briefe +von verschiedener Hand bezeichneten den 9. December als den zur +Vertilgung der Fremden festgesetzten Tag. Während die Gemüther der +Bürger durch diese Gerüchte beunruhigt wurden, traf die Nachricht ein, +daß ein Regiment von zwölfhundert Papisten unter dem Commando eines +Papisten, Alexander Macdonnell, Earl von Antrim, von dem Vicekönig +Befehl erhalten habe, Londonderry zu besetzen, und bereits von Coleraine +abmarschirt sei. Die Bestürzung war groß. Einige waren für Schließung +der Thore und Widerstand, Andere für Unterwerfung, noch Andere für +Temporisiren. Der Gemeindekörper war, wie die anderen Corporationen +Irland's, reorganisirt worden. Die Magistratsbeamten waren Männer von +niederer Herkunft und unedlem Character. Nur ein einziges Mitglied von +angelsächsischem Geblüt befand sich unter ihnen, und dieser Eine war +Papist geworden. Zu einer solchen Behörde konnten die Einwohner kein +Vertrauen haben.[22] Der Bischof, Hesekiel Hopkins, hielt fest an der +Lehre vom Nichtwiderstande, die er viele Jahre gepredigt hatte, und +ermahnte seine Herde, lieber geduldig zur Schlachtbank zu gehen, als die +Schuld des Ungehorsams gegen den Gesalbten des Herrn auf sich zu +laden.[23] Inzwischen rückte Antrim immer näher heran. Endlich sahen die +Bürger von den Wällen herab seine Truppen auf dem jenseitigen Ufer des +Foyle aufgestellt. Es existirte damals noch keine Brücke, nur eine Fähre +unterhielt die regelmäßige Verbindung zwischen beiden Ufern, und +vermittelst dieser Fähre setzte ein Detaschement von Antrim's Regiment +über. Die Offiziere erschienen am Thore, zeigten einen an den Mayor und +die Sheriffs gerichteten Befehl vor und begehrten Einlaß und Quartier +für die Soldaten Seiner Majestät. + +Gerade in diesem Augenblicke eilten dreizehn junge Handwerker, ihren +Namen nach meist schottischer Geburt oder Abstammung, in die Wachtstube, +bewaffneten sich, ergriffen die Schlüssel der Stadt, stürzten nach dem +Fährthore, verschlossen es angesichts der königlichen Offiziere und +ließen das Fallgatter nieder. Jakob Morison, ein Bürger in reiferen +Jahren, redete nun die unwillkommenen Gäste von der Höhe des Walles an +und rieth ihnen wieder abzuziehen. Sie blieben, unter einander +berathschlagend, draußen am Thore stehen, bis sie ihn oben rufen hörten: +»Bringt eine große Kanone hierher!« Da endlich hielten sie es für +gerathen, sich aus der Schußweite zu entfernen. Sie zogen ab, schifften +sich wieder ein und kehrten zu ihren Kameraden ans jenseitige Flußufer +zurück. Inzwischen hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer +verbreitet, und die ganze Stadt war auf den Beinen. Die anderen Thore +wurden ebenfalls verschlossen, überall auf den Wällen wurden +Schildwachen ausgestellt, die Magazine wurden geöffnet, Gewehre und +Schießpulver vertheilt und unter dem Schutze der einbrechenden +Dunkelheit Boten an die protestantischen Gentlemen der benachbarten +Grafschaften ausgesandt. Der Bischof machte vergeblich Vorstellungen. +Die heftigen und waghalsigen jungen Schotten, welche bei dieser +Gelegenheit mit kühnem Beispiele vorangegangen waren, scheinen in der +That wenig Respect vor seinem Amte gehabt zu haben. Einer von ihnen +unterbrach die Rede, durch welche er den militärischen Vorkehrungen +Einhalt thun wollte, mit dem Ausrufe: »Eine gute Predigt, Mylord, eine +sehr gute Predigt, wir haben nur jetzt gerade nicht Zeit sie +anzuhören.«[24] + +Die Protestanten der Umgegend leisteten der Aufforderung Londonderry's +bereitwillig Folge. Innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden kamen +Hunderte zu Roß und zu Fuß auf verschiedenen Wegen zur Stadt, und +Antrim, der sich entweder nicht für stark genug hielt, um einen Angriff +zu wagen, oder nicht Lust hatte, ohne weiteres die Verantwortlichkeit +für den Anfang eines Bürgerkriegs auf sich zu nehmen, zog sich mit +seinen Truppen nach Coleraine zurück. + + [Anmerkung 22: Meine Autorität für diesen ungünstigen Bericht über + die Corporation ist ein episches Gedicht, betitelt: +The + Londeriad+. Dieses merkwürdige Gedicht muß bald nach den + Ereignissen, auf die es Bezug hat, geschrieben sein, denn es ist + Robert Rochfort, dem Sprecher des Hauses der Gemeinen, gewidmet, + und Rochfort bekleidete dieses Amt von 1695 bis 1699. Der Dichter + hatte kein Erfindungstalent und besaß augenscheinlich eine genaue + Kenntniß der Stadt, die er besang; daher sind seine Knittelverse + nicht ohne geschichtlichen Werth. Er sagt: + + Sie wählten für des Parlamentes Pforten + Nur Schuster, Fleischer und Consorten, + Die ganze Körperschaft enthielt nicht einen Mann + von brit'scher Abkunft, außer Buchanan. + + Dieser Buchanan wird weiterhin geschildert als + + Ein Schurke durch und durch, + Der längst zuvor schon seinen Rosenkranz gebetet.] + + [Anmerkung 23: Siehe eine von ihm am 31. Januar 1689 zu Dublin + gehaltene Predigt. Der Text derselben ist: »Seid unterthan aller + menschlichen Ordnung um des Herrn willen.«] + + [Anmerkung 24: +Walker's Account of the Siege of Derry, 1689+; + +Mackenzie's Narrative of the Siege of Londonderry, 1689+; +An + Apology for the Failures charged on the Reverend Mr. Walker's + Account of the late Siege of Derry, 1689+; +A Light to the Blind.+ + Die letztgenannte Schrift, ein Manuscript im Besitze Lord + Fingal's, ist das Werk eines eifrigen Katholiken und eines + Todfeindes England's. Umfängliche Auszüge daraus finden sich unter + den Mackintosh-Manuscripten. Auf dem Titelblatte steht die + Jahrzahl 1711.] + + +[_Mountjoy wird abgesandt, um Ulster zu pacificieren._] Man hätte +glauben können, daß der Widerstand Enniskillen's und Londonderry's +Tyrconnel zu einem verzweifelten Schritte treiben werde. Und in der That +wurde sein wildes und herrschsüchtiges Temperament auch anfangs durch +die Nachricht in eine an Wahnsinn grenzende Wuth versetzt. Nachdem er +aber seine Wuth, wie gewöhnlich, an seiner Perrücke ausgelassen, wurde +er etwas ruhiger. Es waren ihm eben Nachrichten von sehr abkühlender +Natur zugekommen. Der Prinz von Oranien marschirte unaufgehalten gegen +London; fast jede Grafschaft und jede große Stadt hatte sich für ihn +erklärt. Jakob, von seinen geschicktesten Heerführern und seinen +nächsten Verwandten verlassen, hatte Commissarien abgeschickt, die mit +den Eingedrungenen unterhandeln sollten, und hatte Ausschreiben zur +Einberufung eines Parlaments erlassen. So lange das Ergebniß der in +England schwebenden Unterhandlungen ungewiß war, durfte der Vicekönig es +nicht wagen, an den widerspenstigen Protestanten Irland's blutige Rache +zu nehmen. Er hielt es daher für gerathen, vorläufig eine Nachsicht und +Mäßigung zu heucheln, die seinem Character durchaus fremd waren. William +Stewart, Viscount von Mountjoy, wurde beauftragt, die englische +Bevölkerung von Ulster zu beschwichtigen. Mountjoy, ein tapferer Soldat, +ein ausgezeichneter Gelehrter, ein eifriger Protestant und dabei doch +ein eifriger Tory, war eines von den wenigen Mitgliedern der +Staatskirche, die in Irland noch ein Amt bekleideten. Er war +Feldzeugmeister dieses Königreichs und Oberst eines Regiments, in +welchem das englische Element noch ungewöhnlich stark vertreten war. In +Dublin war er die Seele eines kleinen Kreises gelehrter und geistreicher +Männer, die sich unter seinem Vorsitz zu einer Königlichen Societät +vereinigt hatten, einer Nachbildung im Kleinen der Londoner Königlichen +Societät. In Ulster, mit dem er in besonders enger Verbindung stand, +genoß sein Name bei den Colonisten eines hohen Ansehens.[25] Er eilte +mit seinem Regiment nach Londonderry und wurde mit offenen Armen +empfangen, denn man wußte, daß er zwar ein entschiedener Anhänger der +erblichen Monarchie, aber nicht minder ein treuer Freund des reformirten +Glaubens war. Die Bürger gestatteten ihm bereitwillig, eine +ausschließlich aus Protestanten bestehende kleine Garnison, unter dem +Commando seines Oberstleutnants Robert Lundy, der den Titel eines +Gouverneurs annahm, in der Stadt zurückzulassen.[26] + +Die Nachricht von Mountjoy's Besuch in Ulster war den Vertheidigern von +Enniskillen höchst angenehm. Einige von dieser Stadt abgeordnete +Gentlemen machten ihm ihre Aufwartung, um seine Unterstützung zu +erbitten, wurden aber durch den Empfang, der ihnen zu Theil ward, +enttäuscht. »Ich kann Euch nur den Rath geben,« sagte er, »daß Ihr Euch +der Autorität des Königs unterwerfet.« -- »Wie, Mylord?« versetzte einer +der Abgeordneten, »sollen wir uns geduldig abschlachten lassen?« -- »Der +König,« sagte Mountjoy, »wird Euch beschützen.« -- »Wenn Alles was uns +zu Ohren kommt wahr ist, wird es Sr. Majestät schwer genug werden, sich +selbst zu schützen.« So endete die Conferenz ohne befriedigendes +Resultat. Enniskillen behielt seine trotzige Haltung bei und Mountjoy +kehrte nach Dublin zurück.[27] + +Unterdessen hatte es sich in der That klar herausgestellt, daß Jakob +nicht einmal sich selbst schützen konnte. Man erfuhr in Irland, daß er +geflohen, daß er angehalten worden, daß er wieder geflohen und daß der +Prinz von Oranien im Triumph zu Westminster angelangt war, die +Verwaltung des Reichs übernommen und eine Convention einberufen hatte. + + [Anmerkung 25: Über Mountjoys Character und Stellung siehe + Clarendon's Briefe aus Irland, besonders den an Lord Dartmouth vom + 8. Febr. und den an Evelyn vom 24. Februar 1685/86. +»Bon officier + et homme d'esprit,«+ sagt Avaux.] + + [Anmerkung 26: +Walker's Account+; +Light to the Blind.+] + + [Anmerkung 27: +Mac Cormick's Further Impartial Account.+] + + +[_Wilhelm tritt in Unterhandlung mit Tyrconnel._] Die Lords und +Gentlemen, auf deren Ansuchen der Prinz die Regierung übernommen hatte, +waren ernstlich in ihn gedrungen, den Zustand Irland's sofort in +Erwägung zu ziehen, und er hatte ihnen darauf die Versicherung gegeben, +daß er sein Möglichstes thun werde, um die protestantische Religion und +das englische Interesse in diesem Lande aufrecht zu erhalten. Seine +Feinde beschuldigten ihn nachmals der völligen Nichtbeachtung dieses +Versprechens, ja sie behaupteten sogar, er habe Irland absichtlich immer +tiefer und tiefer in den Abgrund des Verderbens versinken lassen. +Halifax, sagten sie, habe mit grausamem und perfidem Scharfsinn das +Mittel ausgedacht, der Convention eine Art von Zwangsjacke anzulegen, +und der Streich sei nur zu gut gelungen. Der Beschluß, welcher Wilhelm +auf den Thron berief, würde nicht so leicht durchgegangen sein, wäre der +Staat nicht von so großen Gefahren bedroht gewesen, und nur in Folge +seiner eignen schmachvollen Unthätigkeit hätten diese Gefahren einen +solchen Grad erreicht.[28] Da diese Anschuldigung durch keine Beweise +unterstützt wird, sind Diejenigen, die sie wiederholen, wenigstens +verpflichtet nachzuweisen, daß Wilhelm ein offenbar besserer Weg zu +Gebote stand als der, welchen er einschlug, und das dürfte ihnen schwer +werden. Ja, hätte er wenige Wochen nach seiner Ankunft in London eine +große Armee nach Irland schicken können, so würde sich dieses Königreich +vielleicht nach einem kurzen Kampfe, oder selbst ohne allen Kampf seiner +Autorität unterworfen haben, und eine lange Reihe von Verbrechen und +Drangsalen hätte abgewendet werden können. Aber die factiösen Redner und +Pamphletisten, die ihn so unüberlegt tadelten, daß er keine solche Armee +absendete, würden in nicht geringe Verlegenheit gekommen sein, wenn sie +die nöthigen Truppen, Schiffe und Gelder hätten beschaffen sollen. Die +englische Armee hatte ihm vor kurzem noch feindlich gegenübergestanden, +ein Theil derselben war ihm noch immer abgeneigt, und das Ganze war im +höchsten Grade desorganisirt. Von der Armee, die er aus Holland +mitgebracht, war nicht ein Regiment entbehrlich. Er hatte den Schatz +leer und den Gold der Flotte in Rückstand gefunden. Es stand nicht in +seiner Macht, irgend einen Theil der Staatseinkünfte zu verpfänden. +Wer ihm Geld lieh, lieh es ihm auf keine andre Sicherheit als auf sein +bloßes Wort. Nur die patriotische Freigebigkeit der londoner Kaufleute +hatte ihn in den Stand gesetzt, bis zum Zusammentritt der Convention die +laufenden Regierungsausgaben zu bestreiten. Es ist also gewiß ungerecht, +ihn zu tadeln, daß er unter solchen Umständen nicht auf der Stelle eine +Flotte ausrüstete, welche hinreichte, ein Königreich zu erobern. + +Da er einsah, daß es, so lange die englische Regierung nicht befestigt +war, nicht in seiner Macht stehen würde, mit bewaffneter Hand wirksam in +die Angelegenheiten Irlands einzugreifen, beschloß er einen Versuch mit +Unterhandlungen zu machen. Diejenigen, welche nach dem Ausgange +urtheilten, behaupteten er habe bei dieser Gelegenheit nicht seinen +gewohnten Scharfblick gezeigt. Sie sagten er hätte wissen sollen, daß es +ungereimt sei, von Tyrconnel Unterwerfung zu erwarten. Dies war jedoch +damals nicht die Ansicht gutunterrichteter Männer, deren Interesse +hinreichende Gewähr für ihre Aufrichtigkeit bot. Eine zahlreiche +Versammlung von Cavalieren und Gentlemen, welche in Irland Güter +besaßen, wurde während des Interregnums im Hause des Herzogs von Ormond +am St. James Square gehalten. Sie riethen dem Prinzen zu versuchen, ob +der Vicekönig nicht zu einer ehrenvollen und vortheilhaften Kapitulation +bewogen werden könnte.[29] Man hat in der That starken Grund zu glauben, +daß Tyrconnel wirklich schwankte. Denn so heftig auch seine +Leidenschaften waren, vergaß er darüber doch nie sein Interesse und er +konnte wohl in Zweifel sein, ob es nicht in seinem Interesse liege, sich +bei vorgerücktem Alter und abnehmender Gesundheit mit völliger +Straflosigkeit für alle früheren Vergehen und mit hohem Range und großem +Vermögen lieber von den Geschäften zurückzuziehen, als Leben und +Eigenthum den Zufällen eines Kriegs gegen die ganze Macht England's +preiszugeben. Es ist notorisch, daß er sich bereit zeigte nachzugeben. +Er setzte sich in Communication mit dem Prinzen von Oranien und zog zum +Schein Mountjoy und Andere zu Rathe, die sich zwar von ihrer +Unterthanenpflicht gegen Jakob noch nicht losgesagt hatten, aber +entschiedene Anhänger der Landeskirche und des Staatsverbandes mit +England waren. + + [Anmerkung 28: Burnet I. 897 und Swift's und Dartmouth's Noten. + Tutchin wiederholt im »Observator« diese grundlose Verleumdung.] + + [Anmerkung 29: +Orange Gazette, Jan. 10. 1688/89.+] + + +[_Die Temple werden zu Rathe gezogen._] Auf einer Seite, von welcher +Wilhelm den einsichtsvollsten Rath zu erwarten berechtigt war, glaubte +man fest an die Aufrichtigkeit der Versicherungen Tyrconnel's. Kein +andrer britischer Staatsmann genoß damals in ganz Europa eines so hohen +Rufes wie Sir Wilhelm Temple. Seine diplomatische Gewandtheit hatte +zwanzig Jahre früher den Fortschritt der französischen Macht gehemmt. Er +war ein treuer und nützlicher Freund der Vereinigten Provinzen und des +Hauses Nassau gewesen, stand seit langer Zeit auf dem vertrautesten +Freundschaftsfuße mit dem Prinzen von Oranien und hatte die Vermählung +zu Stande gebracht, der England seine kürzliche Befreiung verdankte. Mit +den Angelegenheiten Irland's galt Temple für besonders vertraut. Seine +Familie hatte dort ansehnliche Besitzungen, und er selbst hatte mehrere +Jahre daselbst zugebracht; er hatte die Grafschaft Carlow im Parlament +vertreten und ein großer Theil seiner Einkünfte floß ihm aus einem +einträglichen irischen Amte zu. Die höchste Stufe der Macht, des Ranges +und des Reichthums würden ihm erreichbar gewesen sein, wenn er +eingewilligt hätte, seine Zurückgezogenheit aufzugeben und der neuen +Regierung seine Unterstützung und das Gewicht seines Namens zu leihen. +Aber Macht, Rang und Reichthum hatten für seinen epikuräischen Character +bei weitem weniger Reiz als Behaglichkeit und Ruhe. Er wies die +lockendsten Anträge zurück und beschäftigte sich nach wie vor in +ländlicher Abgeschiedenheit mit seinen Büchern, Tulpen und Ananas. Nach +einigem Zaudern willigte er indessen ein, seinen ältesten Sohn Johann in +Wilhelm's Dienste treten zu lassen. Während der Erledigung des Thrones +war Johann Temple in wichtigen Geschäften verwendet worden und in +Angelegenheiten, welche Irland betrafen, hatte seine Meinung, von der +man füglich annehmen konnte, daß sie mit der seines Vaters +übereinstimmte, großes Gewicht. Dieser junge Staatsmann schmeichelte +sich, einen Agenten gefunden zu haben, der vortrefflich geeignet schien, +die Unterhandlung mit Tyrconnel zu einem guten Ende zu führen. + + +[_Richard Hamilton wird auf Temple's Wort nach Irland gesandt._] Dieser +Agent gehörte einer angesehenen Familie an, die von einem schottischen +Adelsgeschlecht abstammte, aber schon seit langer Zeit in Irland +ansässig war und sich zum römischkatholischen Glauben bekannte. Unter +der heiteren Schaar, die sich während der unmittelbar auf die +Restauration folgenden Jahre des zügellosen Jubilirens in Whitehall +tummelte, hatten die Hamilton eine hervorragende Rolle gespielt. Die +schönen langen Locken, die strahlende Jugendfrische und die +schmachtenden blauen Augen der liebenswürdigen Elisabeth entzücken uns +noch heute auf dem Bilde Lely's. Sie hatte den Ruhm, keine geringe +Eroberung zu machen. Ihrer üppigen Schönheit und ihrem schelmischen +Geiste war es vorbehalten, den Widerwillen des kaltherzigen und +spottsüchtigen Grammont gegen das unauflösliche Band zu besiegen. Einer +ihrer Brüder, Anton, schrieb die Chronik jener glänzenden und +leichtfertigen Gesellschaft, zu deren glänzendsten und leichtfertigsten +Mitgliedern er gehört hatte. Er verdient das seltene Lob, als +Nichtfranzos ein Werk geschrieben zu haben, das dem Geiste wie dem Style +nach eines der vorzüglichsten französischen Bücher genannt werden muß. +Ein andrer Bruder, Namens Richard, hatte sich in fremden Diensten einige +militärische Erfahrung erworben. Sein Geist und seine Artigkeit hatten +ihn selbst in dem glänzenden Cirkel von Versailles ausgezeichnet. Man +munkelte, daß er es gewagt habe, den Blick zu einer hochgestellten Dame, +der natürlichen Tochter des großen Königs, der Gemahlin eines legitimen +Prinzen des Hauses Bourbon zu erheben und daß es geschienen, als ob die +Aufmerksamkeiten ihres vermessenen Anbeters ihr nicht mißfallen +hätten.[30] Der Verwegene war nachher in sein Vaterland zurückgekehrt, +war zum Brigadegeneral in der irischen Armee ernannt und in dem irischen +Geheimrath vereidigt worden. Als man die holländische Invasion +erwartete, kam er mit den Truppen, welche Tyrconnel zur Verstärkung der +königlichen Armee schickte, über den St. Georgskanal. Nach Jakob's +Flucht unterwarfen sich diese Truppen dem Prinzen von Oranien. Jetzt +schloß Richard Hamilton nicht nur ebenfalls Frieden mit der herrschenden +Gewalt, sondern sprach auch die zuversichtliche Überzeugung aus, daß, +wenn man ihn nach Dublin senden wolle, er die daselbst angeknüpften +Unterhandlungen glücklich würde zu Ende führen können. Sollte ihm dies +nicht gelingen, so versprach er auf sein Ehrenwort, in drei Wochen nach +London zurückzukehren. Man wußte, daß er in Irland großen Einfluß hatte, +seine Ehrenhaftigkeit war nie angezweifelt worden und er genoß die hohe +Achtung der Familie Temple. Johann Temple erklärte, daß er für Richard +Hamilton stehen könne wie für sich selbst. Diese Bürgschaft wurde für +genügend erachtet und Hamilton ging nach Irland ab, nachdem er seine +englischen Freunde versichert hatte, daß er Tyrconnel bald zur Vernunft +bringen werde. Die Anerbietungen, die er den Katholiken und dem +Vicekönig persönlich zu machen autorisirt war, waren höchst liberal.[31] + + [Anmerkung 30: +Mémoires de Madame de la Fayette.+] + + [Anmerkung 31: +Burnet I. 808+; +Life of James, II. 320+; + +Commons' Journals, July 29. 1689.+] + + +[_Tyrconnel schickt Mountjoy und Rice nach Frankreich._] Es ist nicht +unmöglich, daß Hamilton sich wirklich vorgenommen hatte, sein +Versprechen zu erfüllen. Bei seiner Ankunft in Dublin aber sah er wohl, +daß er eine Aufgabe übernommen hatte, der er nicht gewachsen war. +Tyrconnel's Unschlüssigkeit, mochte sie nun wahr oder erheuchelt gewesen +sein, war zu Ende. Er war zu der Überzeugung gelangt, daß ihm keine Wahl +mehr blieb. Mit leichter Mühe hatte er die unwissenden und empfänglichen +Irländer zur Wuth aufgestachelt. Zu beruhigen vermochte er sie nicht +wieder. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, der Vicekönig +correspondire mit den Engländern, und dieses Gerücht hatte die Nation in +Flammen gesetzt. Das gemeine Volk sagte: wenn er es wagen sollte, sie +für Geld und Ehrenstellen zu verkaufen, würden sie das Schloß verbrennen +und ihn darin, und würden sich unter Frankreichs Schutz stellen.[32] Er +sah sich genöthigt, die gleichviel ob wahre oder falsche Erklärung +abzugeben, daß er nie daran gedacht, sich zu unterwerfen, und nur um +Zeit zu gewinnen zum Schein Unterhandlungen angeknüpft habe. Ehe er sich +jedoch offen gegen die englischen Ansiedler und gegen England selbst +erklärte, was einen Krieg auf Tod und Leben zur Folge haben mußte, +wünschte er sich Mountjoy's zu entledigen, der bislang der Sache Jakob's +treu gewesen war, der aber, wie man sehr gut wußte, niemals eingewilligt +haben würde, an der Beraubung und Unterdrückung der Colonisten Theil zu +nehmen. Heuchlerische Versicherungen von Freundschaft und friedlichen +Absichten wurden nicht gespart. Es sei eine heilige Pflicht, sagte +Tyrconnel, das drohende Unheil abzuwenden. König Jakob selbst würde, +wenn er den ganzen Sachverhalt kannte, nicht wünschen, daß seine +irischen Freunde sich in diesem Augenblicke in ein Unternehmen +einließen, das für sie verderblich werden müsse und ihm nichts nützen +könne. Er würde ihnen daher erlauben, ja ihnen sogar befehlen, sich der +Nothwendigkeit zu unterwerfen und ihre Kräfte für bessere Zeiten +aufzusparen. Wenn sich ein loyaler, geschickter und wohl unterrichteter +Mann von Gewicht nach Saint-Germains begebe und Sr. Majestät den Stand +der Dinge auseinandersetze, so würde der König leicht zu überzeugen +sein. Wolle nicht Mountjoy diese so ehrenvolle und wichtige Mission +übernehmen? Mountjoy zauderte und gab zu verstehen, daß man Jemanden +schicken sollte, von dem sich mit größerer Wahrscheinlichkeit erwarten +lasse, daß er dem Könige angenehm sein werde. Tyrconnel aber erklärte +fluchend und tobend, daß Irland in den Abgrund der Hölle versinken +würde, wenn man König Jakob nicht wohl beriethe, und er bestand darauf, +daß Mountjoy als Repräsentant der loyalen Mitglieder der Staatskirche +nach Saint-Germains gehen und daß der erste Baron der Schatzkammer, +Rice, ein in der königlichen Gunst sehr hoch stehender Katholik, ihn +begleiten solle. Mountjoy gab nach und die beiden Gesandten reisten +zusammen, aber mit ganz verschiedenen Instructionen versehen, ab. Rice +war beauftragt, Jakob zu sagen, daß Mountjoy im Herzen ein Verräther und +nur deshalb nach Frankreich geschickt worden sei, damit den Protestanten +Irland's ein Lieblingsführer entzogen würde. Ferner sollte Rice den +König versichern, daß er mit Ungeduld in Irland erwartet werde und daß +er, wenn er sich daselbst mit einer französischen Heeresmacht zeigen +wolle, seine gesunkene Größe bald wiederherstellen könne.[33] Außerdem +war der erste Baron noch mit anderen Instructionen versehen, die +wahrscheinlich selbst vor dem Hofe von Saint-Germains geheimgehalten +wurden. Für den Fall, daß Jakob nicht geneigt sein sollte, sich an die +Spitze der eingebornen Bevölkerung Irland's zu stellen, war Rice +angewiesen, um eine Privataudienz bei Ludwig nachzusuchen und ihm den +Vorschlag zu machen, Irland in eine französische Provinz zu +verwandeln.[34] + + [Anmerkung 32: Avaux an Ludwig, 25. März (4. April) 1689.] + + [Anmerkung 33: +Clarke's Life of James, II. 321.+ Mountjoy's + Circulardepesche vom 10. Jan. 1688/89; +King IV. 8.+ In +»Light to + the Blind«+ wird Tyrconnel's »kluge Verstellung« gerühmt.] + + [Anmerkung 34: Avaux an Ludwig, 13.(23.) April 1689.] + + +[_Tyrconnel ruft das irische Volk zu den Waffen._] Sobald die beiden +Gesandten abgereist waren, begann Tyrconnel sich auf den unvermeidlich +gewordenen Kampf vorzubereiten, und der treulose Hamilton unterstützte +ihn dabei auf das Kräftigste. Die irische Nation wurde zu den Waffen +gerufen und sie leistete dem Aufrufe mit merkwürdiger Bereitwilligkeit +und Begeisterung Folge. In die Flagge, welche auf dem Schlosse von +Dublin wehte, waren die Worte gestickt: +»Now or never: now and for +ever,«+ (jetzt oder nimmer: jetzt und für immer) und diese Worte fanden +durch das ganze Land ein Echo.[35] Nie hat Europa in der neueren Zeit +eine solche Erhebung eines ganzen Volks gesehen. Die Gewohnheiten des +celtischen Bauern waren von der Art, daß er kein Opfer brachte, wenn er +sein Kartoffelfeld mit dem Lager vertauschte. Er liebte Aufregung und +Abenteuer, und scheute die Arbeit viel mehr als Gefahren. Seine +nationalen und religiösen Gefühle waren seit drei Jahren durch die +beständige Anwendung von Reizmitteln aufgestachelt worden. Auf jeder +Messe und jedem Jahrmarkte hatte er gehört, daß bald eine gute Zeit +kommen werde, daß die Tyrannen, welche sächsisch sprächen und in Häusern +mit Schieferdächern wohnten, vertrieben werden und daß das Land dann +wieder seinen eigenen Kindern gehören würde. Um die Torffeuer von +hunderttausend Hütten waren allnächtlich rohe Balladen gesungen worden, +welche die Befreiung des unterdrückten Volks verkündeten. Die Priester, +welche größtentheils den alten Familien angehörten, die die +Ansiedelungsacte zu Grunde gerichtet hatte, welche aber von der +eingebornen Bevölkerung noch immer verehrt wurden, hatten von tausend +Altären herab jedem Katholiken ans Herz gelegt, seine Anhänglichkeit an +die wahre Religion durch Anschaffung von Waffen für den Tag zu beweisen, +an welchem es nöthig werden dürfte, zum Heile ihrer Sache das Glück der +Schlachten zu versuchen. Die Armee, welche unter Ormond nur aus acht +Regimentern bestanden hatte, wurde jetzt auf achtundvierzig Regimenter +gebracht, und die Reihen waren bald übervoll. Es war unmöglich, in +kurzer Zeit nur ein Zehntel der benöthigten Anzahl guter Offiziere zu +finden. Patente wurden mit verschwenderischer Freigebigkeit müßigen +Aufliegern verliehen, welche Anspruch darauf machten, von guten irischen +Familien abzustammen. Doch selbst auf diese Weise konnte der Bedarf an +Hauptleuten und Leutnants nicht beschafft werden und viele Compagnien +wurden von Schuhflickern, Schneidern und Lakaien befehligt.[36] + + [Anmerkung 35: Gedruckter Brief aus Dublin vom 25. Febr. 1689: + +Mephibosheth and Ziba, 1689.+] + + [Anmerkung 36: Die Verwandschaft der Priester mit den alten + irischen Familien ist in Petty's +Political Anatomy of Ireland+ + erwähnt. Siehe auch: +Short View by a Clergyman lately escaped, + 1689+; +Ireland's Lamentation, by an English Protestant that + lately narrowly escaped with life from thence, 1689+; +A True + Account of the State of Ireland, by a person who with great + difficulty left Dublin, 1689+; +King II. 7.+ Avaux bestätigt Alles + was diese Schriftsteller über die irischen Offiziere sagen.] + + +[_Verwüstung des Landes._] Die Löhnung der Soldaten war sehr gering. Der +Gemeine hatte nur drei Pence den Tag. Davon bekam er nie mehr als die +Hälfte baar ausgezahlt, und selbst diese Hälfte war oft in Rückstand. +Aber ein viel verlockenderer Köter als dieser karge Lohn war die +Aussicht auf unbegrenzte Zügellosigkeit. Wenn die Regierung ihm weniger +gab als für seine Lebensbedürfnisse ausreichte, so nahm sie es dagegen +nicht zu genau mit den Mitteln, durch welche er dem Mangel abzuhelfen +suchte. Obwohl vier Fünftel der Bevölkerung Irland's Celten und +Katholiken waren, so kamen doch vier Fünftel des irischen Eigenthums auf +die protestantischen Engländer. Die Kornspeicher, die Keller, und vor +Allem die Viehheerden der Minderheit wurden der Mehrheit preisgegeben. +Denn die Bewaffnung war jetzt allgemein. Niemand wagte es mehr, ohne +eine Waffe, sei es eine Pike, ein langes Messer, +skean+ genannt, oder +wenigstens einen zugespitzten und im Feuer gehärteten Eschenholzstock, +in der Messe zu erscheinen. Selbst die Frauen wurden von ihren +Seelsorgern ermahnt, Skeans bei sich zu führen. Alle Schmiede, +Zimmerleute und Schwertfeger waren fortwährend mit der Anfertigung von +Gewehren und Klingen beschäftigt. Es war kaum möglich ein Pferd +beschlagen zu lassen. Weigerte sich ein protestantischer Handwerker, +an der Verfertigung von Kriegsgeräth Theil zu nehmen, das gegen seine +Nation und Religion gebraucht werden sollte, so wurde er ins Gefängniß +geworfen. Es läßt sich mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß Ende Februar +mindestens hunderttausend Irländer unter den Waffen standen. Nahe an +funfzigtausend davon waren Soldaten; die übrigen waren Banditen; deren +Gewaltthätigkeit und Zügellosigkeit die Regierung zum Schein +mißbilligte, sich aber nicht bemühte, denselben Einhalt zu thun. Die +Protestanten wurden nicht allein nicht beschützt, sondern sie durften +sich nicht einmal selbst schützen. Es war beschlossen, daß sie inmitten +einer bewaffneten und feindseligen Bevölkerung unbewaffnet bleiben +sollten. Ein Tag wurde festgesetzt, an welchem sie alle ihre Schwerter +und Feuergewehre in die Pfarrkirchen bringen sollten, und zu gleicher +Zeit angekündigt, daß jedes protestantische Haus, in welchem nach diesem +Tage eine Waffe gefunden würde, der Plünderung durch die Soldaten +preisgegeben werden sollte. Man beklagte sich bitter über diese +Maßregel, da der erste beste Schurke, der eine Lanzenspitze oder ein +altes Pulverfaß in einem Winkel eines Hauses verberge, vollständigen +Ruin über den Eigenthümer desselben bringen könne.[37] + +Der Oberrichter Keating, selbst Protestant und fast der einzige +Protestant, der noch ein hohes Amt in Irland bekleidete, stritt muthig +für die Sache der Gerechtigkeit und Ordnung wider die vereinte Macht der +Regierung und des Pöbels. Bei den Frühjahrsassisen zu Wicklow schilderte +er vom Richterstuhle herab in energischen Ausdrücken die traurige Lage +des Landes. Ganze Grafschaften, sagte er, würden durch ein Gesindel +verwüstet, das den Geiern und Raben gleiche, welche dem Marsche einer +Armee folgen. Die meisten dieser Elenden seien gar keine Soldaten und +handelten unter keiner dem Gesetze bekannten Autorität. Dennoch sei es +nur zu offenbar, daß sie durch einige hohe Befehlshaber ermuthigt und +protegirt würden. Wie könne sonst in geringer Entfernung von der +Hauptstadt ein offner Markt für geraubtes Gut gehalten werden? Die +Geschichten, welche Reisende von den Hottentotten am Kap der guten +Hoffnung erzählten, sehe man in Leinster verwirklicht. Nichts sei +gewöhnlicher, als daß ein rechtlicher Mann sich des Abends reich an +Schaf- und Rinderheerden, die er durch den Fleiß und die Thätigkeit +eines langen Lebens erworben, niederlege und am andren Morgen als +Bettler erwache. Keating bemühte sich indessen mit nur geringem Erfolge, +inmitten jener entsetzlichen Anarchie das Ansehen des Gesetzes aufrecht +zu erhalten. Priester und Heerführer traten auf, um den Oberrichter +einzuschüchtern und die Räuber in Schutz zu nehmen. Ein solcher Schurke +kam straflos davon, weil kein Kläger gegen ihn aufzutreten wagte. Ein +Andrer erklärte, daß er sich auf den Befehl seines Seelsorgers und nach +dem Beispiele vieler höher stehender Leute, die er hier im Gerichtssaal +sehe, bewaffnet habe. Nur zwei von den +Merry Boys+ (lustigen Burschen), +wie man sie nannte, wurden überführt; die schlimmsten Verbrecher kamen +ohne Strafe davon, und der Oberrichter sagte entrüstet zu den +Geschwornen, daß die Schuld an dem Ruin des Landes vor ihrer Thür +liege.[38] + +Wenn solche Gesetzlosigkeit in Wicklow herrschte, so kann man sich +leicht vorstellen, wie es in uncultivirteren und vom Sitze der Regierung +weiter entfernten Districten zugegangen sein muß. Keating war der +einzige richterliche Beamte, der sich kräftig bemühte, dem Gesetze +Ansehen zu verschaffen. In der That, der Oberrichter des höchsten +Criminalgerichtshofes im Königreiche, Nugent, erklärte auf der +Richterbank zu Cork, daß ohne Gewaltthätigkeit und Beraubung die +Absichten der Regierung nicht durchgeführt werden könnten, und daß unter +solchen Umständen Räubereien als ein nothwendiges Übel geduldet werden +müßten.[39] + +Die Zerstörung von Eigenthum, welche binnen wenigen Wochen stattfand, +wäre unglaublich, würde sie nicht durch einander fern stehende und ganz +verschiedenen Interessen ergebene Zeugen bestätigt. Die Schilderungen +von Protestanten, welche während jener Schreckensherrschaft mit +Lebensgefahr nach England entkamen, und die von Gesandten, Commissarien +und Heerführern Ludwig's stimmen genau, mitunter sogar wörtlich überein. +Alle erklärten einstimmig, daß es vieler Jahre bedürfen werde, um die +Verwüstungen wieder gut zu machen, welche das bewaffnete Landvolk in +einigen Wochen angerichtet habe.[40] Mehrere von der sächsischen +Aristokratie besaßen glänzend möblirte Schlösser mit Schränken, die von +Silbergeschirr strotzten. All' dieser Reichthum verschwand. In einem +Hause, welches für dreitausend Pfund Sterling Silberzeug enthalten +hatte, blieb nicht ein einziger Löffel.[41] Der Hauptreichthum Irland's +aber bestand in Vieh. Zahllose Schaf- und Rinderheerden bedeckten diesen +ungeheuren, durch die Feuchtigkeit des Atlantischen Oceans befruchteten +Wiesenteppich. Mehr als ein Gentleman besaß zwanzigtausend Stück Schafe +und viertausend Rinder. Die Freibeuter, welche jetzt das Land überzogen, +gehörten einer Klasse an, welche gewohnt war, von Kartoffeln und saurer +Milch zu leben, und die das Fleisch jederzeit als einen nur den Reichen +zu Gebote stehenden Luxus betrachtet hatten. Diese Leute schwelgten +anfangs im Genusse von Rind- und Hammelfleisch, wie die rohen Horden, +die sich vor Alters aus den Wäldern des Nordens über Italien ergossen, +im Genusse der kostbarsten Weine schwelgten. Die Protestanten +schilderten mit Abscheu und Ekel die unglaubliche Gefräßigkeit ihrer +befreiten Sklaven. Die geschlachteten Thiere wurden halb roh und halb zu +Kohle verbrannt, bald noch blutend, bald schon im Zustande der +Verwesung, in Stücke zerrissen und ohne Salz, Brot oder Gemüse +verschlungen. Diejenigen, welche gekochtes Fleisch vorzogen, machten, +da es ihnen oft an Kesseln fehlte, mit gutem Erfolge den Versuch, einen +ganzen Ochsen in seiner eignen Haut zu kochen. Es existirt noch eine +alberne Tragikomödie, welche in diesem und dem darauffolgenden Jahre auf +einem kleinen Theater zum Ergötzen des englischen Pöbels aufgeführt +wurde. Ein Haufen halbnackter Wilder erschien, ein celtisches Lied +brüllend und um einen Ochsen herumtanzend, auf der Bühne. Hierauf +begannen sie von dem lebenden Thiere Stücke loszuschneiden und das +blutende Fleisch auf die Kohlen zu werfen. Die Barbarei und +Scheußlichkeit der Freßgelage der »Rapparees« war in der That so arg, +daß die Dramatiker in Grub Street sie kaum zu karrikiren vermochten. Mit +dem Eintritt der Fastenzeit hörten die Plünderer im Allgemeinen auf zu +schwelgen, aber sie fuhren fort zu zerstören. Ein Bauer war im Stande +eine Kuh zu tödten, bloß um ein Paar Schuhe zu bekommen. Oft wurde eine +ganze Heerde Schafe oder fünfzig bis sechzig Stück Rinder geschlachtet, +die Thiere abgezogen, die Vließe und Häute mitgenommen und die Cadaver +liegen gelassen, um die Luft zu verpesten. Der französische Gesandte +berichtete seinem Gebieter, daß in Zeit von sechs Wochen funfzigtausend +Stück Hornvieh auf diese Art getödtet worden seien und nun im +ganzen Lande unter freiem Himmel verfaulten. Die Zahl der in dem +nämlichen Zeitraum geschlachteten Schafe soll sich auf drei- bis +viermalhunderttausend Stück belaufen haben.[42] + +Jede Schätzung, die man jetzt von dem Werthe des Eigenthums machen kann, +das während jenes furchtbaren Racenkampfes zerstört wurde, muß +nothwendig sehr ungenau sein. Indessen fehlt es uns nicht gänzlich an +Material zu einer solchen Schätzung. Die Quäker waren weder eine sehr +zahlreiche noch eine sehr wohlhabende Klasse. Wir dürfen schwerlich +annehmen, daß sie mehr als ein Fünfzigstel der protestantischen +Bevölkerung Irland's bildeten oder daß sie mehr als ein Fünfzigstel des +protestantischen Vermögens in Irland besaßen. Überdies wurden sie +unzweifelhaft schonender behandelt als irgend eine andre protestantische +Secte. Jakob war stets für sie eingenommen gewesen, sie gestehen selbst, +daß Tyrconnel sein Möglichstes that, um sie zu schützen, und sie +scheinen selbst vor den Augen der Rapparees Gnade gefunden zu haben.[43] +Und doch schlugen die Quäker ihre pekuniären Verluste auf hunderttausend +Pfund Sterling an.[44] + + [Anmerkung 37: Im französischen Kriegsministerium befindet sich + ein Bericht über den Zustand Irland's im Februar 1689. In diesem + Bericht heißt es, daß die Zahl der als Soldaten eingereihten + Irländer fünfundvierzigtausend betrage, daß sie aber auf + hunderttausend gestiegen sein würde, wenn Alle die sich freiwillig + stellten, angenommen worden wären. Siehe auch: +The Sad and + Lamentable Condition of the Protestants in Ireland, 1689+; + +Hamilton's True Relation, 1690+; +The State of Papist and + Protestant Properties in the Kingdom of Ireland, 1689+; +A true + Representation to the King and People of England how Matters were + carried on all along in Ireland, licensed Aug. 16. 1689+; +Letter + from Dublin, 1689+; +Ireland's Lamentation, 1689+; +Compleat + History of the Life and Military Actions of Richard, Earl of + Tyrconnel, Generalissimo of all the Irish forces now in arms, + 1689.+] + + [Anmerkung 38: Siehe die Verhandlungen in den +State Trials+.] + + [Anmerkung 39: +King, III. 10.+] + + [Anmerkung 40: Zehn Jahre, sagt der französische Gesandte; zwanzig + Jahre, sagt ein protestantischer Flüchtling.] + + [Anmerkung 41: +Animadversions an the proposal for sending back + the nobility and gentry of Ireland, 1689/90.+] + + [Anmerkung 42: +King, III. 10+; +The Sad Estate and Condition of + Ireland, as represented in a Letter from a Worthy Person who was + in Dublin on Friday last, March 4. 1689+; +Short View by a + Clergyman, 1689+; +Lamentation of Ireland, 1689+; +Compleat + History of the Life and Actions of Richard, Earl of Tyrconnel, + 1689+; +The Royal Voyage+, aufgeführt 1689 und 1690. Dieses Stück, + das, wenn ich nicht irre, in der Bartholomäusmesse gegeben wurde, + ist eines der interessantesten von einer interessanten Gattung von + Compositionen, welche zwar jedes literarischen Werthes ermangeln, + aber deshalb von Bedeutung sind, weil sie zeigen, was damals die + erfolgreichste Lockspeise für ein aus gemeinem Volke bestehendes + Publikum war. »Der Zweck dieses Schauspiels,« sagt der Verfasser + in seiner Vorrede, »ist namentlich der, den perfiden, gemeinen, + feigen und blutdürstigen Character der Irländer vor Augen zu + führen.« Was die flüchtigen Protestanten von der muthwilligen + Vernichtung des Viehes erzählen, wird von Avaux in einem vom + 13.(23.) April 1689 datirten Briefe an Ludwig, und von Desgrigny + in einem vom 17.(27.) Mai 1690 datirten Schreiben an Louvois + bestätigt. Die meisten Depeschen, welche Avaux während seines + Aufenthalts in Irland schrieb, sind in einem Werke enthalten, + das vor einigen Jahren im englischen auswärtigen Amte in wenigen + Exemplaren gedruckt wurde. Viele habe ich auch im französischen + Ministerium des Auswärtigen abgeschrieben. Die Briefe von + Desgrigny, der im Commissariat angestellt war, fand ich in der + Bibliothek des französischen Kriegsministeriums. Ich kann die + Bereitwilligkeit und Zuvorkommenheit, mit der mir die reichen und + vortrefflich geordneten Schätze interessanter Belehrung in Paris + geöffnet wurden, nicht genug rühmen.] + + [Anmerkung 43: »Eine eigenthümliche Erscheinung, welche nie + vergessen werden darf, war, daß Diejenigen, welche damals (zu Ende + des Jahres 1688) an der Spitze der Regierung standen, uns zu + begünstigen und sich unsre Freundschaft bewahren zu wollen + schienen.« +History of the Rise and Progress of the People called + Quakers in Ireland, by Wight and Rutty, Dublin 1751.+ King wirft + in der That (III. 17.) den Quäkern vor, daß sie Verbündete und + Werkzeuge der Papisten gewesen seien.] + + [Anmerkung 44: Wight and Rutty.] + + +[_Die Protestanten in Süden unfähig Widerstand zu leisten._] In +Leinster, Munster und Connaught war es den englischen Ansiedlern ihrer +geringen und zersplitterten Anzahl wegen rein unmöglich, dem furchtbaren +Andrange der eingebornen Bevölkerung einen erfolgreichen Widerstand +entgegenzusetzen. Charleville, Mallow und Sligo fielen in die Gewalt der +Eingebornen. Bandon, wo die Protestanten eine ansehnlichere Streitmacht +zusammengezogen hatten, wurde durch den Generalleutnant Macarthy, einen +Officier, der aus einer der vornehmsten celtischen Familien abstammte +und unter einem angenommenen Namen lange in der französischen Armee +gedient hatte, zur Übergabe gezwungen.[45] Die Bewohner von Kenmare +hielten sich in ihrer kleinen Festung, bis sie von dreitausend regulären +Soldaten angegriffen wurden und bis sie erfuhren, daß mehrere Kanonen +herbeigeschafft würden, um den Erdwall zu zerstören, der das Haus des +Agenten umgab. Da endlich wurde eine Capitulation abgeschlossen, und den +Colonisten gestattet, sich auf einem mit Lebensmitteln und Wasser +spärlich versehenen kleinen Fahrzeuge einzuschiffen. Sie hatten keinen +erfahrenen Schiffer an Bord; doch nach einer vierzehntägigen Seereise, +während der sie wie die Neger auf einem Sklavenschiffe zusammengepfercht +waren und vor Hunger und Durst fast umkamen, erreichten sie wohlbehalten +den Hafen von Bristol.[46] Wenn solcher Art das Schicksal der Städte +war, so lag es auf der Hand, daß die Landsitze, welche die +protestantischen Gutsbesitzer unlängst in den drei südlichen Provinzen +befestigt hatten, sich nicht länger zu halten vermochten. Viele Familien +unterwarfen sich, lieferten ihre Waffen ab und schätzten sich glücklich, +daß sie mit dem Leben davon kamen. Viele beherzte und tapfere Gentlemen +und Freisassen aber waren entschlossen lieber umzukommen, als sich zu +ergeben. Sie packten das leicht transportable werthvolle Eigenthum +zusammen, verbrannten das was sie nicht mitnehmen konnten und brachen +wohl bewaffnet und beritten nach den Orten in Ulster auf, welche die +Besten ihres Stammes und ihres Glaubens waren. Die Elite der +protestantischen Bevölkerung von Munster und Connaught fand in +Enniskillen ein Asyl. Die Tapferen und Entschlossenen von Leinster +schlugen den Weg nach Londonderry ein.[47] + + [Anmerkung 45: +Life of James, II. 327. Orig. Mem.+ Macarthy und + sein fingirter Name werden mehrere Male von Dongeau erwähnt.] + + [Anmerkung 46: +Exact Relation of the Persecutions, Robberies and + Losses sustained by the Protestants of Killmare in Ireland, + 1689+.] + + [Anmerkung 47: +A true Representation to the King and People of + England how Matters were carried on all along in Ireland by the + late King James, licensed Aug. 16. 1689+; +A True Account of the + Present State of Ireland by a Person that with Great Difficulty + left Dublin, licensed June 8. 1689.+] + + +[_Enniskillen und Londonderry halten sich._] Der Muth Enniskillen's und +Londonderry's stieg angesichts der Gefahr immer höher und höher. An +beiden Orten wurden die Nachrichten von dem was die Convention zu +Westminster gethan, mit unbeschreiblicher Freude aufgenommen. Wilhelm +und Marie wurden in Enniskillen mit einmüthigem Enthusiasmus und mit +demjenigen Pomp proklamirt, den die kleine Stadt erschwingen konnte.[48] +Lundy, der in Londonderry commandirte, durfte es nicht wagen, der +allgemeinen Gesinnung der Bürger und seiner eigenen Soldaten +entgegenzutreten. Er kündigte daher seinen Beitritt zu der neuen +Regierung an und unterschrieb eine Erklärung, durch die er sich +verpflichtete, treu zu dieser Regierung zu stehen, widrigenfalls er als +ein Feigling und Verräther betrachtet sein wollte. Ein Schiff aus +England brachte bald ein Patent von Wilhelm und Marien, das ihn in +seinem Posten bestätigte.[49] + + [Anmerkung 48: +Hamilton's Actions of the Inniskilling Men, + 1689.+] + + [Anmerkung 49: +Walker's Account, 1689.+] + + +[_Richard Hamilton marschirt mit einer Armee nach Ulster._] Die +Protestanten von Ulster zur Unterwerfung zu zwingen, bevor Unterstützung +aus England eintreffen konnte, war jetzt Tyrconnel's Hauptzweck. Eine +starke Truppenmacht wurde unter dem Commando Richard Hamilton's nach dem +Norden dirigirt. Dieser Mann hatte alle Verpflichtungen, welche einem +Gentleman und Soldaten am heiligsten sind, mit Füßen getreten, war gegen +seine Freunde, die Temple, meineidig geworden, hatte sein militärisches +Ehrenwort gebrochen, und schämte sich jetzt nicht als General gegen eine +Regierung ins Feld zu ziehen, der er sich als Gefangener zu stellen +verpflichtet war. Sein Marsch hinterließ in dem Aussehen des Landes +Spuren, welche auch dem sorglosesten Auge viele Jahre hindurch nicht +unbemerkt bleiben konnten. Seine Armee war von einem Gesindel begleitet, +das Keating sehr richtig mit den unsauberen Raubvögeln verglichen hatte, +die sich jederzeit da sammeln, wo es stark nach Aas riecht. Der General +erklärte, daß es sein aufrichtiger Wille sei, alle Protestanten, welche +ruhig zu Hause blieben, vor Verderben und Gewaltthätigkeiten zu behüten, +und gewährte ihnen mit größter Bereitwilligkeit von ihm eigenhändig +unterschriebene Schutzbriefe. Aber diese Schutzbriefe erwiesen sich als +nutzlos und er mußte eingestehen, daß er zwar seine Soldaten im Zaume +halten könne, aber unter dem Pöbeltroß, der seiner Armee folgte, keine +Ordnung zu halten vermöge. Das Land hinter ihm war eine Wüste, und bald +war auch das Land vor ihm in gleichem Maße verödet. Denn bei der +Nachricht von seiner Annäherung verbrannten die Colonisten ihre +bewegliche Habe, rissen ihre Häuser nieder und zogen sich nach dem +Norden zurück. Einige von ihnen versuchten es, bei Dromore Stand zu +halten, aber sie wurden durchbrochen und auseinandergesprengt. Nun wurde +die Flucht wild und tumultuarisch. Die Fliehenden brachen die Brücken ab +und verbrannten die Fähren. Ganze Städte, die Sitze der protestantischen +Bevölkerung, wurden zerstört, und kein einziger Bewohner blieb darin. +Die Einwohner von Omagh zerstörten ihre Häuser so vollständig, daß kein +Dach übrig blieb, das den Feind gegen Wind und Regen hätte schützen +können. Die Bewohner von Cavan zogen sämmtlich nach Enniskillen. Es war +ein regnerischer, stürmischer Tag und die Wege waren grundlos. Einen +herzerschütternden Anblick gewährten die weinenden und ausgehungerten +Frauen und Kinder, welche mitten unter den bewaffneten Männern bis an +die Knie im Kothe waten mußten. Ganz Lisburn floh nach Antrim, und als +der Feind heranrückte, strömte ganz Lisburn und Antrim zusammen nach +Londonderry. Dreißigtausend Protestanten beider Geschlechter und jeden +Alters waren hinter den Bollwerken der Zufluchtsstadt zusammengedrängt. +Hier endlich, am Rande des Oceans, bis in das letzte Asyl gehetzt und zu +einer Verzweiflung aufgestachelt, in der der Mensch sich umbringen läßt, +sich aber so leicht nicht unterwirft, machte die herrschende Race Front, +um dem andringenden Feinde die Spitze zu bieten.[50] + + [Anmerkung 50: +Mackenzie's Narrative+; +Mac Cormick's Further + Impartial Account+; +Story's Impartial History of the Affairs of + Ireland, 1691+; +Apology for the Protestants of Ireland+; Brief + von Dublin vom 25. Febr. 1689; Avaux an Ludwig von 15.(25.) April + 1689.] + + +[_Jakob entschließt sich nach Irland zu gehen._] Inzwischen waren +Mountjoy und Rice in Frankreich angelangt. Mountjoy wurde sogleich +festgenommen und in die Bastille geworfen. Jakob beschloß, der von Rice +überbrachten Einladung nachzukommen, und bat Ludwig um ein französisches +Hülfsheer. Dieser aber, obwohl er in allen Dingen, welche die +persönliche Würde und Bequemlichkeit seiner königlichen Gäste betrafen, +eine fast romantische Aufmerksamkeit und eine an Verschwendung grenzende +Freigebigkeit bewies, hatte keine Lust, ein starkes Truppencorps nach +Irland zu schicken. Er sah, daß Frankreich auf dem Continent einen +langwierigen Krieg gegen eine mächtige Coalition zu bestehen haben +werde, der ungeheure Ausgaben verursachen mußte, und so groß auch die +Hülfsquellen des Landes waren, sah er doch ein, wie wichtig es war, +nichts zu vergeuden. Er betrachtete die unglücklichen Verbannten, denen +er eine so fürstliche Aufnahme hatte zu Theil werden lassen, mit +aufrichtigem Mitleid und gutem Willen; doch bei allem Mitleid und gutem +Willen konnte es seinem Scharfblicke nicht lange verborgen bleiben, daß +sein Bruder von England der einfältigste und verderbteste Mensch von der +Welt war. Jakob's Thorheit, seine Unfähigkeit, die Charactere der +Menschen und die Zeichen der Zeit zu erkennen, sein Starrsinn, der sich +gerade in solchen Fällen, wo die Klugheit zum Nachgeben rieth, am +unbeugsamsten zeigte, und sein Schwanken, das immer am kläglichsten bei +solchen Gelegenheiten hervortrat, welche Festigkeit erheischten, hatten +seine Vertreibung aus England zur Folge gehabt und konnten auch über +Frankreich großes Unheil bringen, wenn man seine Rathschläge blindlings +befolgte. Als ein von Rebellen vertriebener legitimer Souverain, als ein +von Ketzern verfolgter Bekenner des wahren Glaubens und als ein naher +Verwandter des Hauses Bourbon, der um einen Platz am Herde dieses Hauses +gebeten, hatte er Anspruch auf Gastfreundschaft, liebevolle Behandlung +und Achtung. Es gehörte sich, daß ihm ein stattlicher Palast und ein +großer Forst angewiesen wurde, daß die Haustruppen ihm die höchsten +militärischen Ehren bezeigten und daß alle Hunde des Großjägermeisters +und alle Falken des Großfalconiers zu seiner Verfügung standen. Wenn +aber ein Fürst, der, an der Spitze einer großen Flotte und eines großen +Landheeres, ein Reich verloren hatte, ohne einen Schlag zu thun, Pläne +zu See- und Landfeldzügen vorschlug, wenn ein Fürst, der durch seine +völlige Unkenntniß des Characters seiner eigenen Landsleute, seiner +eigenen Soldaten, seiner eigenen Diener und seiner eigenen Kinder zu +Grunde gegangen war, sich beikommen ließ, für den Eifer und die Treue +des irischen Volks stehen zu wollen, dessen Sprache er nicht verstand +und dessen Land er noch nie betreten, so mußten seine Vorschläge +nothwendig mit Vorsicht aufgenommen werden. Dies waren die Ansichten +Ludwig's und er wurde darin durch seinen Kriegsminister Louvois +bestärkt, der aus privaten wie aus öffentlichen Gründen nicht wünschte, +daß Jakob von einer starken Truppenmacht begleitet werde. Louvois haßte +Lauzun und Lauzun war ein Günstling in Saint-Germain. Er trug den +Hosenbandorden, ein Ehrenzeichen, das sehr selten Fremden, welche nicht +souveraine Fürsten waren, verliehen worden ist. Man glaubte sogar am +französischen Hofe, daß er, um ihn vor den anderen Rittern des höchsten +aller europäischen Orden auszuzeichnen, mit dem nämlichen Georg decorirt +worden sei, den Karl I. auf dem Schaffot den Händen Juxon's übergeben +hatte.[51] Es war ihm außerdem Hoffnung gemacht worden, daß er, wenn +französische Truppen nach Irland geschickt wurden, dieselben commandiren +solle, und diese ehrgeizige Hoffnung wollte Louvois vereiteln.[52] + + [Anmerkung 51: +Mémoires de Madame de la Fayette+; Frau von + Sévigné an Frau von Grignan vom 28. Febr. 1689.] + + [Anmerkung 52: +Burnet II. 17+; +Clarke's Life of James, II. + 320--322.+] + + +[_Unterstützung, welche Jakob von Ludwig gewährt wird._] Eine Armee +wurde daher vor der Hand verweigert, sonst aber Alles bewilligt. Die in +Brest liegende Flotte erhielt Befehl sich zum Absegeln bereit zu machen, +Waffen für zehntausend Mann und große Massen von Munition wurden an Bord +geschafft. Etwa vierhundert Kapitäns, Leutnants, Cadetten und Kanoniere +wurden für den wichtigen Dienst, die neuauszuhebenden irischen Truppen +zu organisiren und einzuüben, ausgewählt. Den Oberbefehl erhielt ein +alter Kriegsveteran, der Graf von Rosen. Unter ihm standen Maumont mit +dem Range eines Generalleutnants, und ein Brigadier Namens Pusignan. +Eine halbe Million Kronen in Gold, eine Summe die ungefähr +hundertzwölftausend Pfund Sterling entsprach, wurde nach Brest +gesandt.[53] Für Jakob's persönliche Bequemlichkeit war mit einer +Ängstlichkeit gesorgt, welche der einer liebenden Mutter glich, die +ihren Sohn zu seinem ersten Feldzuge ausstattet. Das Ameublement für die +Kajüte, das Lagergeräth, die Zelte, die Betten und das Tafelgeschirr, +Alles war luxuriös und kostbar. Nichts was dem Verbannten angenehm oder +nützlich sein konnte, war zu kostspielig für die Freigebigkeit oder zu +geringfügig für die Aufmerksamkeit seines artigen und splendiden +Wirthes. Am 15. Februar machte Jakob seinen Abschiedsbesuch in +Versailles. Er wurde mit allen Beweisen von Achtung und Zuvorkommenheit +in den Gebäuden und Anlagen herumgeführt. Die Wasserwerke waren ihm zu +Ehren im Gange. Es war gerade die Carnevalszeit, und nie hatten der +große Palast und die prächtigen Gärten einen heiterern Anblick gewährt. +Am Abend erschienen die beiden Könige nach einer langen und ernsten +Privatconferenz in einem glänzenden Cirkel von Herren und Damen. »Ich +hoffe,« sagte Ludwig in seiner edelsten und liebenswürdigsten Weise, +»daß wir scheiden, um uns in diesem Leben nie wieder zu begegnen. Dies +ist der beste Wunsch, den ich für Sie hegen kann. Sollte jedoch ein +böses Geschick Sie zur Rückkehr zwingen, so sein Sie versichert, daß Sie +mich bis zum letzten Augenblicke so finden werden, wie Sie mich bisher +gefunden haben.« Am 17. stattete Ludwig in Saint-Germains seinen +Gegenbesuch ab. Im Augenblicke der letzten Umarmung sagte er mit seinem +freundlichsten Lächeln: »Wir haben noch etwas vergessen: einen +Brustharnisch für Sie. Sie sollen den meinigen haben.« Der Brustharnisch +wurde herbeigebracht und gab den Schöngeistern des Hofes Gelegenheit zu +geistreichen Anspielungen auf die von Vulcan verfertigte Rüstung, welche +einst Achilles seinem schwächeren Freunde lieh. Jakob reiste nach Brest +ab und seine durch Krankheit und Kummer niedergedrückte Gemahlin schloß +sich mit ihrem Kinde ein um zu weinen und zu beten.[54] + +Mehrere von Jakob's eigenen Unterthanen begleiteten ihn oder folgten ihm +schleunigst nach; die Vornehmsten darunter waren sein Sohn Berwick, +Cartwright, Bischof von Chester, Powis, Dower und Melfort. Keiner von +dem ganzen Gefolge war dem großbritannischen Volke so verhaßt als +Melfort. Er war ein Apostat, Viele hielten ihn für einen nicht +aufrichtigen Apostaten, und die anmaßende, willkürliche und drohende +Sprache seiner Staatsschriften war selbst den Jakobiten zuwider. Daher +war er ein Liebling seines Gebieters, denn in Jakob's Augen waren +Unpopularität, Starrsinn und Unversöhnlichkeit die gewichtigsten +Empfehlungen für einen Staatsmann. + + [Anmerkung 53: Maumont's Instructionen.] + + [Anmerkung 54: Dangeau vom 15.(25.) und 17.(27.) Febr. 1689; Frau + von Sévigné vom 18.(28.) Febr. und 10. Febr. (2. März); +Mémoires + de Madame de la Fayette.+] + + +[_Wahl eines französischen Gesandten zum Begleiter Jakob's._] Welcher +Franzos den König von England in der Eigenschaft eines Gesandten +begleiten sollte, war ein Gegenstand ernster Berathung zu Versailles +gewesen. Barillon konnte ohne auffallende Geringschätzung nicht +übergangen werden. Aber seine Lässigkeit, sein Mangel an Energie und vor +Allem die Leichtgläubigkeit, mit der er auf Sunderland's Versicherungen +gehört, hatten auf Ludwig einen ungünstigen Eindruck gemacht. Was in +Irland zu thun war, war keine Arbeit für einen Tändler oder Gimpel. +Der Geschäftsträger Frankreich's in diesem Lande mußte mehr als den +gewöhnlichen Functionen eines Gesandten gewachsen sein. Er war +berechtigt und verpflichtet, in allen Zweigen der politischen und +militärischen Verwaltung des Reichs, in welchem er den mächtigsten und +freigebigsten Bundesgenossen vertreten sollte, gute Rathschläge zu +geben. Barillon wurde daher übergangen. Er stellte sich als ob er seine +Ungnade mit Fassung ertrüge. Wenn auch seine politische Laufbahn große +Calamitäten über das Haus Stuart wie über das Haus Bourbon gebracht +hatte, so war sie doch keineswegs ohne Gewinn für ihn selbst gewesen. Er +sagte er sei alt und korpulent, er beneide jüngere Männer nicht um die +Ehre, in den irischen Sümpfen von Kartoffeln und Whiskey zu leben, er +wolle es versuchen, sich mit Rebhühnern, mit Champagner und mit der +Gesellschaft der geistreichsten Männer und hübschesten Frauen von Paris +zu trösten. Man sprach jedoch davon, daß er von sehr peinlichen Gefühlen +gequält werde, die er zu verbergen sich bestrebte; seine Gesundheit und +sein Frohsinn nahmen mehr und mehr ab und er versuchte es nun, in +religiösen Übungen Trost zu finden. Manche Leute waren sehr erbaut durch +die Frömmigkeit des alten Wüstlings; Andere aber schrieben seinen Tod, +der bald nach seinem Rücktritt aus dem öffentlichen Leben erfolgte, +der Scham und dem Ärger zu.[55] + + [Anmerkung 55: Memoiren La Fare's und Saint-Simon's; Note von + Renaudot über die englischen Angelegenheiten, 1697, in den + französischen Archiven, Frau von Sévigné vom 20. Febr. (2. März) + und vom 11.(21.) März 1689; Brief von Frau von Coulanges an Herrn + von Coulanges vom 23. Juli 1691.] + + +[_Der Graf von Avaux._] Der Graf von Avaux, dessen Scharfblick alle +Pläne Wilhelm's durchschaut und der vergebens zu einer Politik gerathen +hatte, die jene Pläne wahrscheinlich vereitelt haben würde, war der +Mann, auf den Ludwig's Wahl fiel. In Bezug auf Talent und Befähigung +wurde Avaux von keinem der vielen geschickten Diplomaten, welche sein +Vaterland damals besaß, übertroffen. Sein Benehmen war ungemein +anziehend, seine persönliche Erscheinung angenehm und sein Gemüth sanft +und liebreich. Seine Manieren und seine Conversation waren die eines +Cavaliers, der an dem elegantesten und prächtigsten aller Höfe erzogen +worden, der diesen Hof sowohl in katholischen wie in protestantischen +Ländern vertreten und der auf seinen Wanderungen die Kunst erlernt +hatte, den Ton jeder Gesellschaft zu treffen, in welche der Zufall ihn +führen mochte. Dabei war er höchst umsichtig und gewandt, fruchtbar an +Auskunftsmitteln und geschickt in Entdeckung der schwachen Seiten eines +Characters. Indessen war sein eigner Character nicht frei von Schwächen. +Der Gedanke von plebejischer Herkunft zu sein, war die Qual seines +Lebens. Er schmachtete nach dem Adel mit einer eben so bedauernswerthen +als lächerlichen Sehnsucht. Bei aller seiner Geschicklichkeit, Erfahrung +und ausgezeichneten Bildung stieg er doch zuweilen unter dem Einflusse +seines geheimen Grames auf das Niveau von Molière's Jourdain herab und +ergötzte boshafte Beobachter durch Scenen, welche eben so komisch waren +wie die, in der der ehrliche Tuchhändler zum Mamamuschi gemacht +wird.[56] Es möchte noch sein, wenn dies das Schlimmste gewesen wäre. +Aber es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß Avaux von dem +Unterschiede zwischen Recht und Unrecht so wenig einen Begriff hatte wie +ein unvernünftiges Thier. Ein Gefühl vertrat bei ihm die Stelle der +Religion und Moral: eine abergläubische und unduldsame Ergebenheit für +die Krone, der er diente. Dieses Gefühl durchdringt alle seine Depeschen +und leuchtet aus allen seinen Gedanken und Worten hervor. Nichts was dem +Interesse der französischen Monarchie förderlich sein konnte, schien ihm +ein Verbrechen. Er hielt es in der That für ausgemacht, daß nicht nur +die Franzosen, sondern alle Menschen dem Hause Bourbon eine natürliche +Unterthanentreue schuldeten und daß Jeder, der Anstand nehme, das Glück +und die Freiheit seines Vaterlandes dem Ruhme dieses Hauses aufzuopfern, +ein Verräther sei. Während seines Aufenthalts im Haag bezeichnete er +stets diejenigen Holländer, die sich Frankreich verkauft hatten, als den +gutgesinnten Theil. In den Briefen, die er aus Irland schrieb, tritt das +nämliche Gefühl noch stärker hervor. Er würde ein noch scharfsichtigerer +Staatsmann gewesen sein, wenn er mehr mit den unter dem Volke +herrschenden Gefühlen von moralischer Billigung und Mißbilligung +sympathisirt hätte. Denn seine Gleichgültigkeit gegen alle Rücksichten +der Gerechtigkeit und Nachsicht war so groß, daß er in seinen Plänen das +Gewissen und das Zartgefühl seiner Mitmenschen gänzlich außer Acht +ließ. Mehr als einmal empfahl er wissentlich so haarsträubende +Abscheulichkeiten, daß selbst schlechte Menschen darüber empört waren. +Es gelang ihnen aber nie, ihm ihre Bedenken nur begreiflich zu machen. +Alle derartigen Vorstellungen hörte er mit einem cynischen Lächeln an +und war selbst in Zweifel darüber, ob Die welche ihm den Text lasen +wirklich solche Thoren waren, für die sie sich ausgaben, oder ob sie +sich nur so stellten. + +Dies war der Mann, den Ludwig zum Begleiter und Aufseher Jakob's +erwählte. Avaux war beauftragt, sich womöglich mit den Mißvergnügten im +englischen Parlament in Verbindung zu setzen, und war ermächtigt, +nöthigenfalls etwa hunderttausend Kronen unter sie zu vertheilen. + + [Anmerkung 56: Siehe Saint-Simon's Erzählung der List, + durch welche Avaux sich in Stockholm für einen Ritter des + Heiligen-Geistordens auszugeben versuchte.] + + +[_Jakob landet in Kinsale._] Jakob traf am 5. März in Brest ein, ging +hier an Bord eines Kriegsschiffs, der St. Michael genannt, und segelte +binnen achtundvierzig Stunden ab. Er hatte indessen bis zu seiner +Abreise vollauf Zeit einige von den Fehlern zu zeigen, durch die er +England und Schottland verloren hatte und durch die er auch Irland zu +verlieren im Begriff stand. Avaux schrieb aus dem Hafen von Brest, daß +es wohl nicht leicht sein werde, irgend eine wichtige Angelegenheit in +Gemeinschaft mit dem König von England durchzuführen. Se. Majestät sei +nicht im Stande ein Geheimniß zu bewahren, denn selbst die Matrosen des +St. Michael hätten ihn bereits Dinge sagen hören, welche nur für die +Ohren seiner vertrautesten Freunde hätten aufgespart werden sollen.[57] + +Die Reise ging glücklich und ohne Störung von statten und am Nachmittag +des 12. März landete Jakob im Hafen von Kinsale. Die katholische +Bevölkerung empfing ihn mit Äußerungen ungeheuchelter Freude, und die +wenigen Protestanten, welche in diesem Theile des Landes geblieben +waren, schlossen sich ihnen, vielleicht ebenfalls nicht unaufrichtig, zu +seiner Begrüßung an. Denn obgleich ein Feind ihrer Religion, war er doch +kein Feind ihrer Nation, und sie durften vernünftigerweise hoffen, +daß auch der schlechteste König etwas mehr Achtung vor Gesetz und +Eigenthumsrechten zeigen werde als die Merry Boys und Rapparees gezeigt +hatten. Der Vikar von Kinsale befand sich auch unter Denen, die ihm ihre +Aufwartung machten; er wurde vom Bischof von Chester vorgestellt und +nicht unfreundlich aufgenommen.[58] + +Jakob erfuhr, daß seine Sache gut stehe. In den drei südlichen Provinzen +des Landes waren die Protestanten entwaffnet und durch den Schrecken so +wirksam niedergehalten, daß er von ihrer Seite nichts zu fürchten hatte. +Im Norden zeigte sich ein Schein von Widerstand; aber Hamilton war im +Anrücken gegen die Mißvergnügten, und es unterlag kaum einem Zweifel, +daß sie leicht überwältigt werden würden. Ein Tag ward in Kinsale darauf +verwendet, die Waffen und Munitionsvorräthe in Sicherheit zu bringen; +nicht ohne Schwierigkeit verschaffte man sich die zur Beförderung +einiger Reisenden nöthige Anzahl Pferde, und am 14. März brach Jakob +nach Cork auf.[59] + + [Anmerkung 57: Dieser Brief befindet sich in den Archiven des + französischen Ministeriums des Auswärtigen, fehlt aber in dem sehr + seltenen Bande, der in Downing Street gedruckt wurde.] + + [Anmerkung 58: +A full and true Account of the Landing and + Reception of the late King James at Kinsale, in a Letter from + Bristol, licensed April 4. 1689+; +Leslie's Answer to King+; + +Ireland's Lamentation+; Avaux vom 13.(23.) März.] + + [Anmerkung 59: Avaux vom 13.(23.) März 1689; +Life of James, II. + 327. Orig. Mem.+] + + +[_Jakob's Einzug in Cork._] Wir würden sehr irren, wenn wir glaubten, +daß die Straße, durch welche er in diese Stadt einzog, die geringste +Ähnlichkeit gehabt habe mit dem stattlichen Zugange, der den Reisenden +des 19. Jahrhunderts mit Bewunderung erfüllt. Gegenwärtig nimmt Cork, +obwohl noch durch manche häßliche Überbleibsel aus früherer Zeit +verunziert, unter den Hafenplätzen des Reichs keine geringe Stelle ein. +Der Schiffsverkehr ist mehr als halb so stark als der Schiffsverkehr +London's zur Zeit der Revolution war. Der Ertrag der Zölle übersteigt +das ganze Einkommen, welches das gesammte Königreich Irland in den +ruhigsten und blühendsten Zeiten den Stuarts lieferte. Die Stadt besitzt +breite und schön gebaute Straßen, reizende Gärten, einen korinthischen +Porticus, der einem Palladio Ehre machen würde, und ein gothisches +Collegium, das würdig wäre in High Street zu Oxford zu stehen. Im Jahre +1689 nahm die Stadt etwa den zehnten Theil der Bodenfläche ein, den sie +jetzt bedeckt und war von schlammigen Wassergräben durchschnitten, +welche längst überwölbt und bebaut sind. Ein öder Sumpf, in welchem der +Jäger, der den Wasservögeln nachstellte, bei jedem Schritte tief in +Wasser und Schlamm einsank, bedeckte das Areal, auf dem jetzt stattliche +Gebäude und die Paläste großer Handelsgesellschaften stehen. Damals gab +es nur eine einzige Straße, in der zwei Wagen einander ausweichen +konnten. Von dieser Straße gingen zu beiden Seiten enge Gäßchen aus, +schmutziger und übelriechender als selbst Diejenigen sich vorstellen +können, die sich ihre Begriffe von Elend nach den ärmlichsten Theilen +der Stadtviertel St. Giles und Whitechapel gebildet haben. Eines dieser +Gäßchen, das vergleichsweise nicht mit Unrecht Broad Lane genannt wird, +ist zehn Fuß breit. Aus diesen Straßen, gegenwärtig Sitzen von Hunger +und Krankheit, die man der Hefe der Gesellschaft überlassen hat, +strömten die Bürger herbei, um Jakob zu bewillkommnen. Er wurde von +Macarthy, der in Munster das Obercommando führte, mit militärischen +Ehren empfangen. + +Es war dem Könige unmöglich, sofort nach Dublin weiter zu reisen, denn +die südlichen Grafschaften waren durch das Gesindel, welches die +Priester zu den Waffen gerufen hatten, so vollständig verwüstet, daß die +Transportmittel nicht leicht zu beschaffen waren. Pferde waren eine +Seltenheit geworden; in einem großen Districte gab es nur zwei Wagen und +diese erklärte Avaux für unbrauchbar. Es dauerte mehrere Tage, bis das +von Frankreich mitgebrachte Geld, obwohl eben keine so ungeheure Masse, +die paar Meilen Wegs, welche Cork von Kinsale trennten, mühsam +transportirt werden konnte.[60] + +Während der König und sein Kriegsrath sich bemühten, Wagen und Pferde +aufzutreiben, kam Tyrconnel von Dublin an. Seine Berichte lauteten +ermuthigend. Den Widerstand Enniskillen's scheint er für kaum der +Beachtung werth gehalten zu haben. Londonderry, sagte er, sei der +einzige wichtige Punkt, den die Protestanten im Besitz hätten, und +selbst Londonderry werde sich seiner Ansicht nach nur wenige Tage halten +können. + + [Anmerkung 60: Avaux vom 15.(25.) März 1689.] + + +[_Reise Jakob's von Cork nach Dublin._] Endlich war Jakob im Stande sich +von Cork nach der Hauptstadt zu begeben. Unterwegs machte der kluge und +wachsame Avaux mancherlei Bemerkungen. Zuerst ging die Reise durch +wildes Hochland, wo man sich nicht wundern durfte, nur wenige Spuren von +Kunst und Industrie zu finden. Von Kilkenny aber bis vor die Thore von +Dublin führte der Weg durch eine wellenförmige Ebene mit reicher +natürlicher Vegetation. Dieser fruchtbare Distrikt hätte mit +Viehheerden, mit Gemüsegärten und mit Kornfeldern bedeckt sein sollen, +war aber eine unbebaute und unbevölkerte Wüste. Selbst in den Städten +gab es nur wenig Handwerker. Manufacte waren kaum zu sehen, und wo sich +solche fanden, waren sie nur zu enormen Preisen zu erlangen.[61] Dies +Alles kam daher, weil die meisten englischen Einwohner geflüchtet und +Kunst, Industrie und Kapital mit ihnen gegangen waren. + +Jakob erhielt auf seiner Reise vielfache Beweise von der +Bereitwilligkeit des Landvolks, aber es waren Beweise, welche Männern, +die an den Höfen Frankreich's und England's erzogen waren, sonderbar +und unheilverkündend vorkommen mußten. Auf den Feldern sah man wenig +Arbeiter; auf der Landstraße aber wimmelte es von mit Skeans, Knütteln +und Halbpiken bewaffneten Rapparees, welche herbeiströmten, um den +Befreier ihres Stammes zu sehen. Die Straße hatte ungefähr das Aussehen, +als ob ein Jahrmarkt auf derselben gehalten würde. Spielleute kamen +herbei und musicirten vor ihm in einer Weise, die sich stark von der der +französischen Oper unterschied, und die Dorfbewohner führten nach dieser +Musik wilde Tänze auf. Lange Friesmäntel, ähnlich denen, welche Spenser +hundert Jahre früher als zu Lagerdecken für Rebellen und zu Mänteln für +Diebe geeignet beschrieben hatte, waren auf den Weg gebreitet, den die +Cavalcade ziehen mußte, und Kränze, in denen Krautstrünke die Stelle der +Lorbeern vertraten, wurden der königlichen Hand dargereicht. Die Weiber +wollten durchaus Se. Majestät küssen; aber sie müssen wenig Ähnlichkeit +mit ihren heutigen Nachkommen gehabt haben, denn diese Aufmerksamkeit +war ihm so widerlich, daß er seinem Gefolge befahl, sie in gemessener +Entfernung zu halten.[62] + +Am 24. März zog er in Dublin ein. Diese Stadt war damals nach Umfang und +Einwohnerzahl die zweite auf den britischen Inseln. Sie bestand aus +sechs- bis siebentausend Häusern und hatte wahrscheinlich über +dreißigtausend Einwohner.[63] An Wohlstand und Schönheit stand jedoch +Dublin vielen englischen Städten nach. Von den eleganten und prächtigen +Gebäuden, welche gegenwärtig beide Seiten des Liffey zieren, war damals +noch kaum eines nur projectirt. Die Universität, ein Gebäude, das ganz +anders aussah als das, welches sich jetzt auf der nämlichen Stelle +erhebt, lag völlig außerhalb der Stadt.[64] Der Flächenraum, den jetzt +Leinster House und Charlemont House, Sackville Street und Merrion Square +einnehmen, war eine unbebaute Wiese. Die meisten Wohnhäuser waren von +Holz und haben längst massiveren Gebäuden Platz gemacht. Das Schloß war +1686 fast unbewohnbar gewesen. Clarendon hatte sich bitter beklagt, daß +er keinen Gentleman in Pall Mall kenne, der nicht eine bequemere und +freundlichere Wohnung habe, als der Vicekönig von Irland. Keine +öffentliche Ceremonie könne unter dem viceköniglichen Dache auf +anständige Weise abgehalten werden. Obgleich fortwährend neue +Glasscheiben und Ziegel eingesetzt würden, dringe der Regen doch +beständig in die Zimmer.[65] Tyrconnel hatte, seit er Vicekönig war, +ein etwas bequemeres neues Gebäude aufführen lassen. Nach diesem Gebäude +wurde der König mit festlichem Gepränge durch den südlichen Theil der +Stadt geführt. Man hatte Alles aufgeboten, um dem Stadttheile, durch den +er kommen mußte, einen festlichen und glänzenden Anstrich zu geben. +Die gewöhnlich mit tiefem Koth bedeckten Straßen waren mit Sand und mit +Zweigen und Blumen bestreut. Draperien und Teppiche hingen aus den +Fenstern Derer, welche die Mittel zu solchem Luxus besaßen. Die Ärmeren +ersetzten die kostbaren Stoffe durch Betttücher und Überzüge. Hier stand +ein Trupp Mönche mit einem Kruzifix, dort eine Schaar von vierzig +weißgekleideten Mädchen mit Blumensträußern, Stadtpfeifer und Harfner +spielten die Melodie des Liedes: +»The King shall enjoy his own again.«+ +Der Vicekönig trug das Staatsschwert vor seinem Gebieter her. Die +Richter, die Herolde, der Lord Mayor und die Aldermen erschienen in dem +ganzen Pomp ihrer Amtswürde. Zu beiden Seiten waren Soldaten +aufgestellt, um die Passage frei zu halten. Eine Reihe von zwanzig +Karossen, welche öffentlichen Beamten gehörten, folgte dem Zuge. Vor dem +Eingange ins Schloß kam dem Könige die Hostie unter einem von vier +Bischöfen seiner Kirche getragenen Baldachin entgegen. Als er derselben +ansichtig wurde, kniete er nieder und betete eine Weile. Dann erhob er +sich wieder und ward in die Kapelle seines Palastes geführt, einst -- so +sonderbar ist der Wechsel alles Irdischen -- die Reitbahn Heinrich +Cromwell's. Hier wurde zur Feier der Ankunft Sr. Majestät ein Te Deum +abgehalten. Am folgenden Morgen hielt er eine Geheimrathssitzung, +entband den Oberrichter Keating von jedem ferneren Besuche des +Staatsraths, ließ Avaux und den Bischof Cartwright vereidigen und erließ +eine Proklamation, welche auf den 7. Mai ein Parlament nach Dublin +berief.[66] + + [Anmerkung 61: Avaux, 25. März (4. April) 1689.] + + [Anmerkung 62: +A full and true Account of the Landing and + Reception of the late King James+; +Ireland's Lamentation+; +Light + to the Blind.+] + + [Anmerkung 63: Siehe die Berechnungen Petty's, King's und + Davenant's. Wenn die durchschnittliche Zahl der Bewohner eines + Hauses in Dublin die nämliche war wie in London, so würde die + Bevölkerung von Dublin sich auf etwa vierunddreißigtausend Seelen + belaufen haben.] + + [Anmerkung 64: Johann Dunton spricht von College Green bei Dublin. + Ich habe Briefe aus jener Zeit gesehen, die nach dem Collegium + _bei_ Dublin adressirt waren. Im Britischen Museum befinden sich + einige interessante alte Pläne von Dublin.] + + [Anmerkung 65: Clarendon an Rochester, 8. Febr. 1685/86, 20. + April, 12. August und 30. November 1686.] + + [Anmerkung 66: +Clarke's Life of James, II. 330.+; +Full and True + Account of the Landing and Reception etc.+; +Ireland's + Lamentation.+] + + +[_Unzufriedenheit in England._] Als die Nachricht von Jakob's Ankunft in +Irland in London eintraf, war die Angst und Bestürzung groß und mit +ernster Unzufriedenheit gemischt. Der große Haufe, der den +Schwierigkeiten, welche Wilhelm von allen Seiten umgaben, nicht +hinreichend Rechnung trug, tadelte laut seine Sorglosigkeit. Allen +Schmähungen der Unwissenden und Böswilligen setzte er, seiner Gewohnheit +nach, nur eine unerschütterlich ernste Ruhe und das Stillschweigen der +tiefsten Verachtung entgegen. Aber Wenige waren von der Natur mit einem +so festen Character begabt wie der seinige und noch Wenigere hatten eine +so lange und so harte Schule durchgemacht. Die Vorwürfe, welche seine +von Jugend auf durch beide Extreme des Geschicks geprüfte Seelenstärke +nicht zu erschüttern vermochten, schlugen einem weniger entschlossenen +Herzen eine tiefe Wunde. + +Während alle Kaffeehausclubs einstimmig erklärten, daß schon längst eine +Flotte und eine Armee hätten nach Dublin geschickt werden sollen, und +sich wunderten, wie ein so berühmter Staatsmann wie Se. Majestät sich +von einem Hamilton und Tyrconnel habe täuschen lassen können, ging ein +Gentleman zur Wassertreppe des Temple, rief ein Boot herbei und befahl, +ihn nach Greenwich zu fahren. Er nahm ein Briefcouvert aus der Tasche, +schrieb mit Bleistift einige Zeilen darauf und legte das Papier nebst +einem Silberstück als Fahrlohn auf die Bank. Als das Boot durch den +dunklen Mittelbogen der London-Brücke fuhr, sprang er in's Wasser und +verschwand. Er hatte auf das Couvert die Worte geschrieben: »Meine +Thorheit, etwas zu unternehmen, was ich nicht durchführen konnte, hat +dem Könige großen Schaden gebracht, der nicht mehr gut zu machen ist. -- +Es giebt keinen bequemeren Weg für mich als diesen. -- Möge er in seinen +Unternehmungen glücklich sein. -- Möge der Himmel ihm seinen Segen +geben.« Die Zeilen hatten keine Unterschrift, aber der Leichnam wurde +bald gefunden und als der Johann Temple's erkannt. Er war jung und +hochgebildet, war der Erbe eines angesehenen Namens, besaß eine +liebenswürdige Gattin und ein großes Vermögen und die höchsten +Staatsämter standen ihm offen. Das Publikum scheint überhaupt gar nicht +gewußt zu haben, in welchem Umfange er für die Politik verantwortlich +war, die der Regierung so viel Tadel zugezogen hatte. So streng der +König auch war, besaß er doch ein viel zu edles Herz, als daß er einen +Irrthum als ein Verbrechen hätte behandeln können. Er hatte den +unglücklichen jungen Mann eben zum Kriegssekretär ernannt und seine +Bestallung war in der Ausfertigung begriffen. Es ist nicht +unwahrscheinlich, daß gerade die kalte Großmuth des Gebieters die Reue +des Dieners unerträglich machte.[67] + + [Anmerkung 67: +Clarendon's Diary+; +Reresby's Memoirs+; + +Narcissus Luttrell's Diary.+ Ich habe mich in Bezug auf Temple's + letzte Worte an die Angabe Luttrell's gehalten. Sie stimmt im + Wesentlichen mit der Clarendon's überein, hat aber mehr von der + bei einer solchen Gelegenheit sehr natürlichen Hast. Wenn irgend + etwas ein so tragisches Ereigniß lächerlich machen konnte, so + waren es die Wehklagen des Verfassers der »Londeriade«: + + Dem Freunde sendet einen Brief der arme Knab' + und springt verzweifelnd in der Themse feuchtes Grab.] + + +[_Parteispaltungen im Dubliner Schlosse._] Doch so groß auch die +Unannehmlichkeiten waren, mit denen Wilhelm zu kämpfen hatte, diejenigen +durch welche der Gleichmuth seines Schwiegervaters damals geprüft wurde, +waren noch größer. Kein Hof in Europa war von mehr Hader und Intriguen +zerrissen als solche innerhalb der Mauern des Dubliner Schlosses zu +finden waren. Die zahlreichen kleinen Cabalen, welche ihren Ursprung in +der Habgier, der Eifersucht und der Böswilligkeit Einzelner hatten, sind +kaum der Erwähnung werth. Aber es bestand eine Ursache zu Zwiespalt, +welche zu wenig beachtet worden ist und durch die sich Vieles erklären +läßt, was in der Geschichte der damaligen Zeiten für räthselhaft +gehalten wurde. + +Der englische Jakobitismus und der irische Jakobitismus hatten nichts +mit einander gemein; der englische Jakobit war von hoher Begeisterung +für das Haus Stuart beseelt, und in seinem Eifer für die Interessen +dieses Hauses vergaß er nur zu oft die Interessen des Staats. Sieg, +Frieden und Wohlstand erschienen dem unerschütterlichen Eidverweigerer +als Übel, wenn sie darauf hinzielten, die Usurpation populär und +permanent zu machen. Niederlage, Staatsbankerott, Hungersnoth und +Invasion waren in seinen Augen öffentliche Wohlthaten, wenn sie die +Aussicht auf eine Restauration vermehrten. Er würde lieber sein +Vaterland als die letzte der Nationen unter Jakob II. oder Jakob III. +gesehen haben, denn als den Beherrscher der Meere, den Schiedsrichter +zwischen verfeindeten Potentaten, den Sitz der Künste und den +Bienenstock der Industrie unter einem Prinzen des Hauses Nassau oder +Braunschweig. + +Die Gesinnungen des irischen Jakobiten waren ganz andrer, und man muß es +offen gestehen, edlerer Art. Die gestürzte Dynastie galt ihm nichts. Es +war ihm nicht, wie dem Cavalier von Cheshire oder Shropshire, von der +Wiege an gelehrt worden, treue Anhänglichkeit an jene Dynastie als die +erste Pflicht eines Christen und eines Edelmannes zu betrachten. Alle +seine Familientraditionen, alle Lehren, die er von seiner Amme und von +seinen Priestern empfangen, hatten eine ganz andre Tendenz gehabt. Er +war dazu angehalten worden, die fremden Beherrscher seines Vaterlandes +mit dem Gefühle zu betrachten, mit dem der Jude Caesar, der Schotte +Eduard I., der Castilianer Joseph Bonaparte, der Pole den russischen +Autokraten betrachtet. Der hochadelige Milesier bildete sich etwas +darauf ein, daß vom 12. bis zum 17. Jahrhundert jede Generation seiner +Familie gegen die englische Krone unter Waffen gestanden hatte. Seine +ältesten Ahnen hatten gegen Fitzstephen und De Burgh gekämpft, sein +Urgroßvater hatte die Soldaten Elisabeth's in der Schlacht am Blackwater +geschlagen. Sein Großvater hatte mit O'Donnel gegen Jakob I. conspirirt. +Sein Vater hatte unter Phelim O'Neil gegen Karl I. gefochten. Die +Confiscation des Familiengutes war durch eine Acte Karl's II. bestätigt +worden. Kein Puritaner, der von Laud vor die Hohe Commission citirt +worden war, der unter Cromwell bei Naseby gekämpft, der kraft der +Conventikelacte verfolgt worden war und der sich wegen seiner +Betheiligung an dem Ryehousecomplot hatte verbergen müssen, war dem +Hause Stuart weniger zugethan als die O'Hara und die Macmahon, von deren +Unterstützung das Schicksal dieses Hauses jetzt abzuhängen schien. + +Der feststehende Vorsatz dieser Männer war, das fremde Joch +abzuschütteln, die sächsische Ansiedelung zu vertilgen, die +protestantische Kirche zu zerstören und den Boden seinen früheren +Eigenthümern zurückzugeben. Um diese Zwecke zu erreichen, würden sie +sich ohne das mindeste Bedenken gegen Jakob erhoben haben, und um diese +Zwecke zu erreichen, erhoben sie sich für ihn. Die irischen Jakobiten +wünschten daher keineswegs, daß er wieder in Whitehall regieren möchte, +denn sie mußten nothwendig einsehen, daß ein Beherrscher von Irland, der +zugleich Beherrscher von England war, die Verwaltung des kleinen und +ärmeren Königreichs nicht lange würde in directem Widerspruch mit der +Gesinnung des größeren und reicheren leiten wollen, und, wenn er auch +gewollt hätte, nicht würde leiten können. Ihr eigentlicher Wunsch war, +daß beide Kronen völlig getrennt werden und daß ihre Insel, ob unter +Jakob oder ohne Jakob kümmerte sie wenig, einen abgesonderten Staat +unter dem mächtigen Schutze Frankreich's bilden möchte. + +Während eine Partei im Staatsrathe zu Dublin Jakob als ein bloßes +Werkzeug zur Durchführung der Befreiung Irland's betrachtete, +betrachtete eine andre Partei Irland als ein bloßes Werkzeug zur +Herbeiführung der Restauration Jakob's. In den Augen der englischen und +schottischen Lords und Gentlemen, die ihn von Brest aus begleitet +hatten, war die Insel, auf der sie gegenwärtig weilten, nichts als eine +Brücke, auf der sie nach Großbritannien zu gelangen hofften. Sie waren +noch ebensosehr Verbannte, als sie es in Saint-Germains gewesen, und sie +hielten sogar Saint-Germains für einen viel angenehmeren Verbannungsort +als das Dubliner Schloß. Sie sympathisirten nicht mit der eingebornen +Bevölkerung der entlegenen und halb barbarischen Region, in die ein +sonderbarer Zufall sie geführt. Ja sie waren sogar durch gemeinsame +Abkunft wie durch gemeinsame Sprache mit der Colonie verbunden, deren +Ausrottung der Hauptzweck der eingebornen Bevölkerung war. Sie hatten in +der That, wie die große Masse ihrer Landsleute, die eingebornen Irländer +mit höchst ungerechter Verachtung angesehen, weil sie sie als den +anderen europäischen Nationen nicht nur an erworbenen Kenntnissen, +sondern auch an natürlicher Intelligenz und natürlichem Muth +nachstehend, kurz als geborne Gibeoniten betrachteten, gegen die man +sich sehr liberal gezeigt, indem man ihnen erlaubt hatte, für ein +klügeres und mächtigeres Volk Holz zu hauen und Wasser zu tragen. Diese +Politiker meinten auch -- und darin hatten sie unzweifelhaft Recht -- +daß, wenn es der Endzweck ihres Gebieters sei, den englischen Thron +wieder zu erlangen, es Wahnsinn von ihm sein würde, sich der Führung der +O und der Mac zu überlassen, welche England mit tödtlicher Feindschaft +betrachteten. Ein Gesetz, das die irische Krone für unabhängig +erklärte, ein Gesetz, das Mitren, Kirchengüter und Zehnten von der +protestantischen auf die katholische Kirche übertrug, ein Gesetz, das +zehn Millionen Acker Land von den Sachsen auf die Celten übertrug, +würde, in Clare und Tipperary ohne Zweifel mit lautem Beifall +aufgenommen werden. Aber welchen Eindruck würden diese Gesetze in +Westminster, welchen in Oxford gemacht haben? Es wäre eine traurige +Politik gewesen, sich Männer wie Clarendon und Beaufort, Ken und +Sherlock zu entfremden, um den Beifall der Rapparees vom Allen-Moor zu +erlangen.[68] + +So lagen die englischen und irischen Factionen im Rathe zu Dublin in +einem Streite, der keine gütliche Beilegung zuließ. Avaux betrachtete +inzwischen diesen Streit aus einem ihm ganz eigenthümlichen +Gesichtspunkte. Sein Ziel war weder die Emancipation Irland's, noch die +Wiedereinsetzung Jakob's, sondern die Größe der französischen Monarchie. +Auf welchem Wege dieses Ziel am besten erreicht werden konnte, war +allerdings ein sehr schwieriges Problem. Ein französischer Staatsmann +mußte unzweifelhaft eine Contrerevolution in England wünschen. Eine +solche Contrerevolution mußte nothwendig zur Folge haben, daß die Macht, +welche Frankreich's furchtbarster Feind war, sein treuester +Bundesgenosse wurde, daß Wilhelm zur Bedeutungslosigkeit herabsank und +daß die europäische Coalition, deren Haupt er war, sich auflöste. Aber +welche Aussicht war auf eine solche Contrerevolution? Die englischen +Verbannten hofften allerdings, wie alle Verbannten, zuversichtlich auf +eine baldige Rückkehr in ihr Vaterland. Jakob rühmte sich laut, daß +seine Unterthanen jenseit des Kanals, obgleich durch die verführerischen +Worte Religion, Freiheit und Eigenthum auf einen Augenblick irre +geleitet, ihm im Grunde aufrichtig zugethan seien und sich um ihn +schaaren würden, sobald er in ihrer Mitte erschiene. Aber der kluge +Gesandte bemühte sich vergebens, einen haltbaren Grund für diese +Hoffnungen zu entdecken. Er wußte gewiß, daß sie sich nicht auf eine aus +irgend welchem Theile Großbritanniens angelangte Nachricht stützten und +er betrachtete sie lediglich als Träume eines schwachen Geistes. Er +hielt es für unwahrscheinlich, daß der Usurpator, dessen Talent und +Entschlossenheit er während eines zehnjährigen ununterbrochenen Kampfes +würdigen gelernt hatte, sich den durch so gewaltige Anstrengungen und +durch so gelehrte Combinationen errungenen großen Preis leicht wieder +werde entreißen lassen. Es mußte daher erwogen werden, welches +Arrangement für Frankreich am vortheilhaftesten sein würde, im Fall es +sich als unmöglich herausstellte, Wilhelm aus England zu vertreiben. +Und es lag auf der Hand, daß, wenn Wilhelm nicht aus England vertrieben +werden konnte, das für Frankreich vortheilhafteste Arrangement das sein +mußte, welches man anderthalb Jahre früher, als Jakob keine Aussicht auf +einen männlichen Erben hatte, im Sinne gehabt. Irland mußte von der +englischen Krone losgetrennt, von den englischen Colonisten gesäubert, +wieder mit der römischen Kirche vereinigt, unter den Schutz des Hauses +Bourbon gestellt und in allen Beziehungen, den Namen ausgenommen, zu +einer französischen Provinz gemacht werden. Im Kriege standen dann seine +Hülfsquellen seinem Schutzherrn zur unumschränkten Verfügung; es +lieferte seinem Heere Rekruten, bot seiner Flotte schöne Häfen dar, +welche alle großen westlichen Kanäle des englischen Handels +beherrschten, und die starke nationale und religiöse Antipathie, mit der +seine eingeborne Bevölkerung die Bewohner der Nachbarinsel betrachtete, +war eine hinreichende Garantie für ihre Treue gegen die Regierung, +welche allein sie gegen die Sachsen schützen konnte. + +Im Ganzen genommen schien es daher Avaux, daß von den beiden Parteien, +in welche der Dubliner Geheimrath gespalten war, die irische Partei +diejenige sei, welche zu unterstützen im Interesse Frankreich's lag. +In Folge dessen verband er sich innig mit den Häuptern dieser Partei, +erlangte von ihnen die vollständigsten Aufschlüsse über Alles was sie +beabsichtigten, und war bald im Stande seiner Regierung zu berichten, +daß die Gentry sowohl als das gemeine Volk durchaus nicht abgeneigt +seien, französisch zu werden.[69] + +Die Ansichten Louvois', unstreitig des größten Staatsmannes, den +Frankreich seit Richelieu hervorgebracht hatte, scheinen mit denen +Avaux' völlig übereingestimmt zu haben. Das Beste, schrieb Louvois, +was König Jakob thun könne, sei, zu vergessen, daß er in Großbritannien +regiert habe, und nur daran zu denken, Irland in eine gute Verfassung zu +bringen und sich darin festzusetzen. Ob dies das wirkliche Interesse des +Hauses Stuart war, darf wohl bezweifelt werden; jedenfalls aber war es +das wirkliche Interesse des Hauses Bourbon.[70] + +Über die schottischen und englischen Verbannten, und besonders über +Melfort, ließ sich Avaux beständig mit einer Schärfe aus, die man von +einem so einsichtsvollen und erfahrenen Manne kaum hätte erwarten +sollen. Melfort befand sich in einer eigenthümlich unglücklichen Lage. +Er war ein Renegat, er war ein Todfeind der Freiheiten seines +Vaterlandes, er besaß einen schlechten und tyrannischen Character, und +doch war er in gewissem Sinne ein Patriot. Die Folge davon war, daß er +allgemeiner verabscheut wurde als irgend einer seiner Zeitgenossen. Denn +während sein Abfall und seine Willkürherrschaftsmaximen ihn zum +Gegenstande des Abscheus für England und Schottland machten, wurde er +wegen seiner ängstlichen Sorge für das Ansehen und die Integrität des +Reichs auch von den Irländern und Franzosen verabscheut. + +Die erste zu entscheidende Frage war, ob Jakob in Dublin bleiben, oder +ob er sich an die Spitze seiner Armee in Ulster stellen sollte. Über +diese Frage geriethen die irischen und die britischen Factionen hart +aneinander. Auf beiden Seiten wurden Gründe von keinem besonderen +Gewicht geltend gemacht, denn keine der beiden Parteien wagte es, sich +unumwunden darüber auszusprechen. Der eigentliche streitige Punkt war, +ob der König in irischen oder in britischen Händen sein sollte. Blieb er +in Dublin, so war es ihm kaum möglich, irgend einer Bill, die ihm von +dem Parlament, welches er dahin berufen, vorgelegt wurde, seine +Zustimmung zu verweigern. Er war dann gezwungen, unschuldige +protestantische Gentlemen und Geistliche zu Hunderten zu berauben, +vielleicht gar zu verurtheilen, und dadurch mußte er seiner Sache +jenseit des St. Georgkanals nicht wieder gut zu machenden Schaden thun. +Begab er sich hingegen nach Ulster, so war er nur wenige Segelstunden +von Großbritannien entfernt. Sobald Londonderry gefallen war, und man +war allgemein der Ansicht, daß es sich nicht lange werde halten können, +konnte er sich mit einem Theile seiner Truppen einschiffen und in +Schottland landen, wo seine Freunde für zahlreich gehalten wurden. War +er aber einmal auf britischem Boden und unter britischen Anhängern, so +lag es nicht mehr in der Macht der Engländer, seine Zustimmung zu ihren +Beraubungs- und Racheplänen zu erzwingen. + + [Anmerkung 68: Ein interessanter Brief vom Bischof Maloney an den + Bischof Tyrrel, den man im Anhange zu King's +State of the + Protestants+ findet, bringt viel Licht in den Streit zwischen + englischen und irischen Parteien in Jakob's Geheimen Rathe.] + + [Anmerkung 69: Avaux, 25. März (4. April), 13.(23.) April 1689. + Ich habe mir jedoch weniger aus einem einzelnen Briefe als aus der + ganzen Tendenz und dem ganzen Geiste der Correspondenz Avaux' + meine Ansicht über seine Pläne gebildet.] + + [Anmerkung 70: +»Il faut donc, oubliant qu'il a esté Roy + d'Angleterre et d'Ecosse, ne penser qu'à ce qui peut bonifier + l'Irlande, et luy faciliter les moyens d'y subsister.«+ Louvois an + Avaux. 3.(13.) Juni 1689.] + + +[_Jakob beschließt nach Ulster zu gehen._] Die Debatten im Staatsrathe +waren lang und heiß. Tyrconnel, der eben zum Herzog erhoben worden war, +rieth seinem Gebieter in Dublin zu bleiben. Melfort drang in Se. +Majestät, daß er nach Ulster gehen solle. Avaux bot seinen ganzen +Einfluß zur Unterstützung Tyrconnel's auf; aber Jakob, dessen +persönliche Neigung natürlich für die britische Seite der Frage war, +beschloß dem Rathe Melfort's zu folgen.[71] Avaux fühlte sich tief +gekränkt. In seinen officiellen Schreiben drückte er mit großer +Bitterkeit seine Verachtung des Characters und des Verstandes des Königs +aus. Über Tyrconnel, welcher gesagt hatte, er verzweifle an dem +Glückssterne Jakob's und die eigentliche Frage schwebe zwischen dem +Könige von Frankreich und dem Prinzen von Oranien, sprach sich der +Gesandte in Worten aus, die ein warmes Lob sein sollten, aber vielleicht +mit mehr Recht ein Tadel genannt werden dürften. »Wenn er ein Franzose +wäre, könnte er keinen größeren Eifer für die Interessen Frankreich's an +den Tag legen.«[72] Dagegen wurde Melfort's Benehmen mit einem Tadel +bedacht, der einem Lobspruche sehr ähnlich steht: »Er ist weder ein +guter Irländer, noch ein guter Franzos. Alle seine Neigungen +concentriren sich auf sein Vaterland.«[73] + + [Anmerkung 71: Siehe die Depeschen Avaux' vom April 1689; +Light + to the Blind.+] + + [Anmerkung 72: Avaux, 6.(16.) April 1689.] + + [Anmerkung 73: Avaux, 8.(18.) Mai 1689.] + + +[_Jakob's Reise nach Ulster._] Da der König nun einmal beschlossen +hatte, nach dem Norden zu gehen, so hielt Avaux es nicht für gerathen +zurückzubleiben. Die königliche Reisegesellschaft brach auf, Tyrconnel +in Dublin zurücklassend, und kam am 13. April in Charlemont an. Es war +eine sonderbare Reise. Längs des ganzen Weges war das Land von der +betriebsamen Bevölkerung verlassen und durch Räuberbanden verwüstet. +»Es ist als wenn man durch die Wüsten Arabiens reiste,« sagte einer der +französischen Offiziere.[74] Was die Colonisten nur irgend hatten +fortbringen können, befand sich in Londonderry oder Enniskillen. Das +Übrige war gestohlen oder vernichtet. Avaux schrieb seinem Hofe, daß er +mehrere Meilen weit nach Heu für seine Pferde habe schicken müssen. Kein +Landmann wagte es, etwas zum Verkauf zu bringen, aus Furcht daß es ihm +unterwegs von einem Herumstreicher abgenommen werden möchte. Einmal +mußte der Gesandte die Nacht in einer elenden Schenkstube voll +rauchender Soldaten, ein andermal in einem demolirten Hause ohne Fenster +oder Läden zum Schutze gegen den Regen zubringen. In Charlemont erlangte +man mit großer Mühe und nur durch besondere Gunst einen Sack Hafermehl +für die französische Gesandtschaft. Weizenbrot gab es nur auf der Tafel +des Königs, der ein wenig Mehl von Dublin mitgenommen und dem Avaux +einen Diener geliehen hatte, welcher das Backen verstand. Wer die Ehre +hatte, zur königlichen Tafel geladen zu werden, bekam Brot und Wein +zugemessen. Jeder Andre, so vornehm er immer sein mochte, aß Haferbrot +und trank Wasser oder ein abscheuliches Bier, das aus Hafer, anstatt aus +Gerste gebraut und mit einem namenlosen Kraute an Stelle des Hopfens +gewürzt war.[75] Und die Fama sagte, daß die Gegend zwischen Charlemont +und Strabane noch verödeter sein sollte als die Gegend zwischen Dublin +und Charlemont. Es war unmöglich, einen großen Vorrath von Proviant mit +sich zu führen. Die Wege waren so schlecht und die Pferde so schwach, +daß die Baggagewagen alle weit zurückgeblieben waren. Es fehlte daher +den Oberoffizieren der Armee an dem Nothwendigsten, und die Mißstimmung, +eine natürliche Folge dieser Entbehrungen, wurde noch vermehrt durch die +Theilnahmlosigkeit Jakob's, der es gar nicht zu bemerken schien, daß es +seinen Begleitern an dem nöthigen Comfort gebrach.[76] + +Am 14. April reiste der König mit seinem Gefolge weiter nach Omagh. Es +war regnerisch und windig, die Pferde vermochten kaum sich dem Sturme +entgegen durch den Schmutz zu arbeiten, und der Weg war häufig von +Gießbächen durchschnitten, welche fast Flüsse genannt werden konnten. +Die Reisenden mußten mehrere Furthen passiren, wo das Wasser den Pferden +bis an die Brust ging. Einige von der Gesellschaft waren ganz erschöpft +von Hunger und Anstrengung. Das ganze Land ringsumher war eine +grauenvolle Wildniß. Auf einer Strecke von vierzig Meilen zählte Avaux +nur drei elende Hütten. Sonst war Alles Felsen, Sumpf und Moor. Als die +Reisenden endlich Omagh erreichten, fanden sie es in Trümmern. Die +Protestanten, welche die Mehrheit der Einwohner bildeten, waren geflohen +und hatten kein Bund Stroh, kein Faß Branntwein zurückgelassen. Die +Fenster waren zerbrochen, die Kamine zertrümmert, sogar die Schlösser +und Riegel waren von den Thüren losgerissen.[77] + +Avaux hatte nicht aufgehört, den König zur Rückkehr nach Dublin +aufzufordern; aber seine Vorstellungen waren bisher erfolglos geblieben. +Jakob's Starrsinn war jedoch ein solcher, der mit männlicher +Entschlossenheit nichts gemein hatte und über den zwar Vernunftgründe +nichts vermochten, der aber durch Launen leicht zu erschüttern war. In +Omagh erhielt er am Morgen des 16. April Briefe, die ihn sehr besorgt +machten. Er erfuhr, daß ein starkes Corps Protestanten in Strabane unter +Waffen stand und daß unweit der Mündung des Foylesees englische +Kriegsschiffe gesehen worden waren. Drei Boten wurden in einer Minute an +Avaux abgeschickt, um ihn in das verfallene Gemach zu bescheiden, in +welchem das königliche Bett aufgeschlagen worden. Hier kündigte Jakob, +halb angekleidet und mit der Miene eines Mannes, den ein vernichtender +Schlag getroffen, ihm seinen Entschluß an, auf der Stelle nach Dublin +zurückzueilen. Avaux vernahm diese Mittheilung mit Erstaunen und +billigte den Entschluß des Königs. Melfort schien in völliger +Verzweiflung zu sein. Die Reisenden kehrten also um und kamen spät am +Abend wieder in Charlemont an. Hier empfing der König Depeschen ganz +andren Inhalts wie die, welche ihn vor einigen Stunden erschreckt +hatten. Die Protestanten, die sich bei Strabane gesammelt hatten, waren +von Hamilton angegriffen worden. Unter einem rechtschaffenen Anführer +würden sie wahrscheinlich Stand gehalten haben. Aber Lundy, der sie +befehligte, hatte ihnen gesagt, daß Alles verloren sei, hatte ihnen +geheißen, auf ihre Rettung bedacht zu sein, und hatte ihnen selbst das +Beispiel zur Flucht gegeben.[78] In Folge dessen hatten sie sich in +Unordnung nach Londonderry zurückgezogen. Die Correspondenten des Königs +erklärten es für eine Unmöglichkeit, daß Londonderry sich halten könne. +Se. Majestät brauche nur vor den Thoren zu erscheinen und sie würden +augenblicklich geöffnet werden. Dies brachte Jakob wieder auf andere +Gedanken, er machte sich Vorwürfe, daß er sich zur Rückkehr nach dem +Süden hatte überreden lassen, und er bestellte seine Pferde, obgleich es +schon spät Abends war. Die Pferde waren fast gänzlich erschöpft und +ausgehungert; trotzdem aber wurden sie gesattelt. Melfort geleitete +seinen Gebieter triumphirend ins Lager. Avaux erklärte nach erfolglosen +Gegenvorstellungen, daß er entschlossen sei, nach Dublin zurückzukehren. +Man darf annehmen, daß die großen Unbequemlichkeiten, die er bisher zu +ertragen gehabt, einigen Antheil an diesem Entschlusse hatten, denn +Klagen über diese Unbequemlichkeiten füllen einen großen Theil seiner +Briefe, und in der That war auch der langjährige Aufenthalt in den +Palästen Italiens, in den sauberen Zimmern und Gärten Holland's und in +den prächtigen Pavillons der pariser Vorstädte eine schlechte +Vorbereitung auf die verfallenen Hütten von Ulster. Seinem Gebieter aber +führte er für seine Weigerung, mit nach dem Norden zu gehen, einen +gewichtigeren Grund an. Jakob's Reise war im Widerspruch mit der +einstimmigen Meinung der Irländer unternommen worden und hatte ernste +Besorgnisse unter ihnen erweckt, sie fürchteten, daß er sie verlassen +wolle, um eine Landung in Schottland zu versuchen, und sie wußten, daß +er, war er einmal in Großbritannien gelandet, weder den Willen noch die +Macht haben würde das zu thun, was sie am meisten wünschten. Indem sich +nun Avaux weigerte, Jakob weiter zu begleiten, gab er ihnen einen +Beweis, daß, wer sie auch sonst verrathen möchte, Frankreich ihr steter +Freund bleiben werde.[79] + +Während Avaux sich auf dem Rückwege nach Dublin befand, eilte Jakob nach +Londonderry. Er fand seine Armee einige Meilen südlich von der Stadt +concentrirt. In seinem Gefolge befanden sich die französischen Generäle, +welche mit ihm von Brest abgesegelt waren, und zwei von ihnen, Rosen und +Maumont, wurden über Richard Hamilton gestellt.[80] Rosen war ein +geborner Liefländer, der in früher Jugend ein Glückssoldat geworden, der +sich zur Auszeichnung emporgekämpft hatte und der, obgleich ihm die den +Hof von Versailles characterisirenden körperlichen und geistigen Vorzüge +gänzlich abgingen, dennoch daselbst in hoher Gunst stand. Er besaß ein +heftiges Temperament und rohe Manieren, und seine Sprache war ein +seltsames Gemisch verschiedenartiger französischer und deutscher +Dialecte. Selbst Diejenigen, welche die beste Meinung von ihm hegten und +behaupteten, seine rauhe Außenseite berge einige gute Eigenschaften, +mußten zugestehen, daß sein Äußeres gegen ihn sprach und daß es ihnen +nicht angenehm sein würde, wenn sie im Dunklen an einem Waldsaume einer +solchen Gestalt begegneten.[81] Das Wenige, was man von Maumont weiß, +gereicht ihm zur Ehre. + + [Anmerkung 74: Pusignan an Avaux, 30. März (9. April) 1689.] + + [Anmerkung 75: Dieser traurige Bericht über das irische Bier ist + einer Depesche entlehnt, welche Desgrigny von Cork aus an Louvois + schrieb und die sich in den Archiven des französischen + Kriegsministeriums befindet.] + + [Anmerkung 76: Avaux, 13.(23.), 20.(30.) April 1689.] + + [Anmerkung 77: Avaux an Ludwig vom 15.(25.) April 1689, und an + Louvois von dem nämlichen Datum.] + + [Anmerkung 78: +Commons' Journals, Aug. 12. 1689+; +MacKenzie's + Narrative.+] + + [Anmerkung 79: Avaux, 17.(27.) April 1689. Die Geschichte dieses + sonderbaren Planwechsels ist in +Life of James, II. 330--332. Orig + Mem.+ ganz unrichtig erzählt.] + + [Anmerkung 80: +Life of James, II. 334, 335. Orig. Mem.+] + + [Anmerkung 81: Memoiren Saint-Simon's. Einige englische + Schriftsteller sind der irrigen Meinung, Rosen sei damals schon + Marschall von Frankreich gewesen. Dies wurde er erst 1703. Er war + lange Maréchal de Camp gewesen, was etwas ganz Andres ist, und war + kürzlich zum Generalleutnant befördert worden.] + + +[_Der Fall Londonderry's erwartet._] Man erwartete im Lager allgemein, +daß Londonderry ohne Schwertstreich fallen werde. Rosen prophezeite mit +großer Zuversicht, der bloße Anblick der irischen Armee werde die +Besatzung zur Übergabe bestimmen. Richard Hamilton aber, der den +Character der Colonisten besser kannte, hatte schlimme Ahnungen. _Eines_ +wichtigen Bundesgenossen innerhalb der Mauern der Stadt waren die +Belagerer gewiß. Der Gouverneur Lundy bekannte sich zwar zum +protestantischen Glauben und hatte an der Proklamirung Wilhelm's und +Mariens Theil genommen, aber er stand in geheimer Communication mit den +Feinden seiner Kirche und der Souveraine, denen er Treue geschworen. +Einige haben vermuthet, daß er ein verkappter Jakobit gewesen sei, und +sich die Revolution nur deshalb zum Schein habe gefallen lassen, um +desto leichter eine Restauration herbeiführen zu helfen, doch ist es +wahrscheinlich, daß sein Verhalten eher der Zaghaftigkeit und +Geistesarmuth als dem Eifer für irgend eine öffentliche Sache +zuzuschreiben ist. Er scheint den Widerstand für hoffnungslos gehalten +zu haben, und in der That mußten die Vertheidigungsmittel Londonderry's +einem militärischen Auge kläglich vorkommen. Die Festungswerke bestanden +aus einem mit Gras und Unkraut bewachsenen einfachen Walle; selbst vor +den Thoren war kein Graben; die Zugbrücken waren seit langer Zeit +vernachlässigt, die Ketten waren verrostet und kaum noch zu gebrauchen; +die Brustwehren und Thürme waren nach einem Systeme erbaut, das Schülern +Vauban's wohl ein Lächeln abzwingen konnte, und diese schwachen +Vertheidigungswerke waren fast auf jeder Seite von Anhöhen beherrscht. +Die Erbauer der Stadt hatten allerdings nie daran gedacht, daß sie eine +regelmäßige Belagerung auszuhalten haben würde, und hatten sich damit +begnügt, Werke anzulegen, welche hinreichten, die Einwohner gegen einen +tumultuarischen Angriff der celtischen Bauern zu schützen. Avaux +versicherte Louvois, daß ein einziges französisches Bataillon solche +Vertheidigungswerke leicht erstürmen werde. Und selbst wenn der Platz +trotz aller dieser Nachtheile im Stande sein sollte, eine Armee +zurückzuschlagen, welche von der Kenntniß und Erfahrung von Generälen, +die unter Condé und Turenne gedient hatten, geführt würde, so müsse doch +der Hunger den Kampf bald beendigen. Die Lebensmittelvorräthe seien +gering und die Bevölkerung sei durch eine Menge von Colonisten, welche +vor der Wuth der Eingebornen geflohen, um das Sieben- bis Achtfache der +gewöhnlichen Zahl vermehrt worden.[82] + +Lundy scheint daher von dem Augenblicke an, wo die irische Armee in +Ulster einrückte, jeden Gedanken an einen ernsthaften Widerstand +aufgegeben zu haben. Er sprach in einem so verzagten Tone, daß die +Bürger und seine eignen Soldaten gegen ihn murrten. Er scheine es, +sagten sie, darauf abgesehen zu haben, sie zu entmuthigen. Inzwischen +rückte der Feind mit jedem Tage näher heran, und man erfuhr, daß Jakob +selbst das Commando seiner Truppen zu übernehmen gedenke. + + [Anmerkung 82: Avaux, 4.(14.) April 1689. Unter den Manuscripten + im britischen Museum befindet sich ein interessanter Bericht über + die Vertheidigungsmittel Londonderry's, der 1705 von einem + französischen Ingenieur, Namens Thomas, für den Herzog von Ormond + abgefaßt wurde.] + + +[_Es kommt Succurs aus England._] Gerade in diesem Augenblicke zeigte +sich ein Schimmer von Hoffnung. Am 14. April gingen englische Schiffe in +der Bai vor Anker. Sie hatten zwei Regimenter an Bord, welche unter den +Befehlen eines Obersten, Namens Cunningham, zur Verstärkung der Garnison +abgesandt worden waren. Cunningham und mehrere von seinen Offizieren +kamen ans Land, um sich mit Lundy zu besprechen. Dieser rieth ihnen +davon ab, ihre Mannschaften landen zu lassen, indem die Stadt sich nicht +halten könne. Noch mehr Truppen hineinzuwerfen, würde daher schlimmer +als nutzlos sein, denn je zahlreicher die Besatzung sei, um so mehr +Gefangene würden dem Feinde in die Hände fallen. Die beiden Regimenter +könnten nichts besseres thun als nach England zurückzukehren. Er +gedenke, sagte er, heimlich auf und davon zu gehen, und die Einwohner +müßten dann zusehen, wie sie unter möglichst vortheilhaften Bedingungen +kapituliren könnten. + + +[_Verrätherei Lundy's._] Er ließ sich die Formalität eines Kriegsraths +gefallen, von dem er aber alle diejenigen Offiziere ausschloß, deren +Gesinnungen er als von den seinigen abweichend kannte. Einige, die sonst +immer zu solchen Berathungen gezogen worden waren und die deshalb jetzt +unaufgefordert kamen, wurden aus dem Zimmer gewiesen. Was der Gouverneur +sagte, wurde von seinen Creaturen bestätigt. Cunningham und seine +Kameraden durften es kaum wagen, ihre Ansicht der eines Mannes +entgegenzusetzen, der natürlich viel bessere Lokalkenntniß hatte als sie +und dem sie überdies zu gehorchen angewiesen waren. Einer der wackeren +Soldaten erhob jedoch Einwürfe. »Bedenken Sie,« sagte er, »Londonderry +aufgeben heißt Irland aufgeben.« Aber seine Einwendungen wurden mit +Verachtung zurückgewiesen.[83] Der Kriegsrath ging auseinander, +Cunningham kehrte mit seinen Offizieren auf die Schiffe zurück und traf +Anstalten zur Abreise. Unterdessen schickte Lundy heimlich einen Boten +ins Hauptquartier des Feindes, mit der Versicherung, daß die Stadt auf +die erste Aufforderung ohne Kampf übergeben werden würde. + + [Anmerkung 83: +Commons' Journals, Aug. 12. 1689.+] + + +[_Die Bewohner von Londonderry beschließen sich zu vertheidigen._] +Sobald aber das was im Kriegsrathe vorgegangen, in der Stadt ruchbar +wurde, empörte sich der Geist der Soldaten und Bürger gegen den feigen +und treulosen Anführer, der sie verrathen hatte. Viele von seinen +eigenen Offizieren erklärten, daß sie sich nicht länger für verpflichtet +hielten, ihm zu gehorchen. Drohende Stimmen ließen sich vernehmen, bald +daß ihm der Hirnschädel eingeschlagen, bald daß er auf den Wällen der +Stadt aufgehängt werden solle. Es wurde eine Deputation an Cunningham +abgesandt, um ihn flehentlich zu bitten, das Commando der Stadt zu +übernehmen. Er entschuldigte sich jedoch mit dem plausiblen Grunde, daß +er Ordre habe, in allen Stücken den Befehlen des Gouverneurs Folge zu +leisten.[84] Inzwischen ging das Gerücht, daß Einer nach dem Andren von +Lundy's Vertrauten sich aus der Stadt stehle. Am Abend des 17. fand man, +daß lange nach Einbruch der Dämmerung die Thore noch offen und die +Schlüssel verschwunden waren. Die Offiziere, welche diese Entdeckung +machten, nahmen es auf sich, die Parole zu ändern und die Wachen zu +verstärken. Die Nacht ging jedoch ohne einen Angriff vorüber.[85] + +Nach einigen angstvollen Stunden brach der Morgen an. Die Irländer mit +Jakob an ihrer Spitze, waren jetzt nur noch vier Meilen von der Stadt +entfernt. Es wurde nun ein tumultuarischer Kriegsrath der angesehensten +Einwohner zusammenberufen. Einige von ihnen sagten dem Gouverneur mit +Heftigkeit gerade ins Gesicht, daß er sie verrathen habe. Er habe sie, +riefen sie aus, ihrem erbittertsten Feinde verkauft und habe die Truppen +nicht eingelassen, die der gute König Wilhelm zu ihrer Vertheidigung +gesandt habe. Während der Wortwechsel seinen Höhepunkt erreicht hatte, +meldeten die auf den Wällen ausgestellten Schildwachen, daß die Vorhut +der feindlichen Armee in Sicht sei. Lundy hatte Befehl gegeben, daß +nicht gefeuert werden sollte, aber seine Autorität war zu Ende. Zwei +tapfere Soldaten, Major Heinrich Baker und Kapitain Adam Murray, riefen +das Volk zu den Waffen. Sie wurden unterstützt durch die Beredtsamkeit +eines bejahrten Geistlichen, Georg Walker, Rectors der Gemeinde +Donaghmore, der mit vielen seiner Amtsbrüder in Londonderry ein Asyl +gesucht hatte. Die ganze Bevölkerung der überfüllten Stadt war von einem +Gefühle beseelt. Soldaten, Gentlemen, Freisassen und Handwerker eilten +auf die Wälle und bemannten die Geschütze. Jakob, der sich, des Sieges +gewiß, dem südlichen Thore bis auf hundert Schritt genähert hatte, wurde +mit dem Geschrei: »Keine Übergabe!« und mit einer Kanonensalve von der +nächsten Bastion empfangen. Ein Offizier von seinem Stabe fiel neben ihm +todt nieder. Der König und seine Begleiter beeilten sich, aus dem +Bereiche der Kanonenkugeln zu kommen. Lundy, der jetzt in der größten +Gefahr schwebte, von denen die er verrathen hatte, in Stücken zerrissen +zu werden, verbarg sich in einem entlegenen Gemache. Hier blieb er den +Tag über, und während der Nacht entkam er unter dem großmüthigen und +weisen Beistande Murray's und Walker's, als Lastträger verkleidet.[86] +Noch jetzt wird der Theil des Walles gezeigt, wo er sich herunterließ, +und noch lebende Leute rühmen sich die Früchte eines Birnbaumes gekostet +zu haben, der ihm das Herabsteigen erleichtert hatte. Sein Name ist noch +heutigen Tages den Protestanten im Norden Irland's ein Greuel und sein +Bild wurde lange und wird vielleicht jetzt noch alljährlich mit +ähnlichen Zeichen des Abscheus, wie sie in England dem Guy Faux zu Theil +werden, aufgehängt und verbrannt. + + [Anmerkung 84: Den besten Bericht über diese Vorgänge findet man + in den Verhandlungen des Hauses der Gemeinen vom 12. August 1689. + Siehe auch die Erzählungen von Walker und Mackenzie.] + + [Anmerkung 85: +Mackenzie's Narrative.+] + + [Anmerkung 86: Walker und Mackenzie.] + + +[_Ihr Character._] Jetzt war Londonderry ohne alle militärische wie +bürgerliche Obrigkeit. Niemand in der Stadt hatte das Recht einem Andern +zu befehlen, die Vertheidigungsmittel waren schwach, die Vorräthe +gering, und ein wüthender Tyrann stand mit einer zahlreichen Armee vor +den Thoren. Drinnen aber herrschte ein Geist, der oft in Augenblicken +verzweifelter Bedrängniß das gesunkene Glück von Nationen wieder +aufgerichtet hat. Obwohl verrathen und verlassen, desorganisirt, von +Hülfsmitteln entblößt und von Feinden umringt, war die edle Stadt doch +noch immer keine leichte Eroberung. Was auch ein Ingenieur von der +Stärke ihrer Mauern halten mochte: hinter diesen Mauern war der +intelligenteste, muthigste und hochsinnigste Theil der englischen +Bevölkerung von Leinster und Nordulster versammelt. Die Anzahl der +waffenfähigen Männer betrug siebentausend Mann, und die ganze Welt hätte +nicht siebentausend Männer liefern können, welche besser geeignet +gewesen wären, einer furchtbaren Nothwendigkeit mit klarem Urtheil, +unerschütterlichem Muthe und trotziger Geduld die Stirn zu bieten. Sie +waren sämmtlich Protestanten und der Protestantismus der Mehrzahl hatte +eine puritanische Färbung. Sie hatten viel Ähnliches von der nüchternen, +entschlossenen und gottesfürchtigen Klasse, aus welcher Cromwell sein +unbesiegbares Heer gebildet. Die eigenthümliche Lage aber, in die sie +versetzt waren, hatte einige Eigenschaften in ihnen entwickelt, die im +Mutterlande vielleicht nicht zur Geltung gekommen sein würden. Die +englischen Bewohner Irland's waren eine aristokratische Kaste, die durch +höhere Bildung, durch festes Zusammenhalten, durch rastlose Wachsamkeit +und durch kaltblütige Unerschrockenheit in den Stand gesetzt worden war, +eine zahlreiche und feindliche Bevölkerung in Unterwürfigkeit zu +erhalten. Fast Jeder von ihnen war mehr oder weniger zu militärischen +wie zu politischen Functionen herangebildet worden. Fast Jeder war mit +dem Gebrauche der Waffen vertraut und gewohnt, an der Justizverwaltung +Theil zu nehmen. Zeitgenössische Schriftsteller sagten, daß die +Colonisten etwas von dem castilischen Stolze, aber nichts von der +castilischen Indolenz hätten, daß sie ein ausgezeichnet reines und +correctes Englisch sprächen und daß sie sowohl als Milizen wie als +Geschworne hoch über ihres Gleichen im Mutterlande ständen.[87] Leute in +der Lage der Angelsachsen in Irland haben zu allen Zeiten eigenthümliche +Fehler und eigenthümliche Tugenden gehabt, die Fehler und Tugenden von +Herren im Gegensatz zu den Fehlern und Tugenden von Sklaven. Das +Mitglied eines dominirenden Stammes ist in seinem Verkehr mit dem +unterworfenen Stamme zwar selten falsch -- denn Falschheit ist das +Hülfsmittel des Schwachen -- aber gebieterisch, anmaßend und grausam. +Gegen seine Brüder aber zeigt er sich im allgemeinen gerecht, gütig und +selbst edel. Seine Selbstachtung bestimmt ihn alle seinem Stamme +Angehörenden zu achten. Sein Interesse treibt ihn an, ein gutes +Einvernehmen mit Denen zu unterhalten, deren prompten, kräftigen und +muthigen Beistand er vielleicht einmal zur Erhaltung seines Eigenthums +und seines Lebens bedürfen kann. Er ist stets der Wahrheit eingedenk, +daß sein persönliches Wohl von dem Übergewicht der Klasse abhängt, +der er angehört. Dadurch wird selbst sein Egoismus zum Gemeinsinn, und +dieser Gemeinsinn wird durch Sympathie, durch das Verlangen nach Beifall +und durch die Furcht vor Entehrung zu wilder Begeisterung aufgestachelt. +Denn die einzige Meinung, auf die er Werth legt, ist die Meinung seiner +Standesgenossen, und ihrer Ansicht nach ist treue Hingebung für die +gemeinsame Sache die heiligste aller Pflichten. Der so constituirte +Character hat zwei Seiten. Von der einen Seite angesehen, muß er von +jedem Rechtschaffenen und Unbefangenen mit Mißbilligung betrachtet +werden. Von der andren Seite gesehen, erzwingt er sich unwiderstehlich +Beifall. Der Spartaner erregt unsren Abscheu, wenn er den unglücklichen +Heloten schlägt und mit Füßen tritt. Den nämlichen Spartaner können wir +nicht ohne Bewunderung betrachten, wenn wir ihn an dem Tage, von dem er +wohl weiß, daß es sein letzter sein wird, im Engpaß von Thermopylä ruhig +sein Haar ordnen sehen und seine lakonischen Scherze aussprechen hören. +Dem oberflächlichen Beobachter mag es sonderbar vorkommen, daß soviel +Böses und soviel Gutes beisammen gefunden werden können. In der That +aber stehen dieses Gute und dieses Böse, die auf den ersten Anblick fast +unvereinbar scheinen, in innigem Zusammenhange und haben einen +gemeinsamen Ursprung. Weil der Spartaner gelernt hatte, sich als einem +Herrschergeschlechte angehörend zu betrachten und auf jeden +Nichtspartaner als auf einen tief unter ihm Stehenden herabzusehen, +deshalb hatte er kein Mitgefühl für die elenden Sklaven, welche vor ihm +im Staube krochen, und deshalb kam ihm nie, selbst nicht in der höchsten +Noth, der Gedanke, sich einem fremden Herrn zu unterwerfen oder vor +einem Feinde zu fliehen. Etwas von diesem nämlichen, aus Tyrannei und +Heroismus zusammengesetzten Character hat man bei allen den Nationen +gefunden, welche über zahlreichere Nationen dominirten. Nirgend aber hat +sich im modernen Europa dieser Character so augenfällig gezeigt wie in +Irland. Mit welcher Verachtung, mit welcher Abneigung die herrschende +Minderzahl in diesem Lande lange Zeit die unterworfene Mehrzahl +betrachtete, kann man am besten aus den gehässigen Gesetzen ersehen, +welche noch zu einer Zeit, deren sich gegenwärtig Lebende erinnern, das +irische Gesetzbuch schändeten. Diese Gesetze wurden endlich abgeschafft, +aber der Geist, der sie zu Tage gefördert hatte, überlebte sie und macht +sich noch jetzt zuweilen in Excessen Luft, welche dem Gemeinwohl zum +größten Nachtheil und der protestantischen Religion zur Unehre +gereichen. Dessenungeachtet kann man unmöglich leugnen, daß die +englischen Colonisten mit leider zu vielen Fehlern einer herrschenden +Kaste alle edelsten Tugenden einer solchen verbanden. Die Fehler haben +sich ganz natürlich im schlimmsten Grade zu Zeiten des Gedeihens und der +Ruhe gezeigt, wie die Tugenden sich am glänzendsten in Zeiten der Noth +und Gefahr bewährt haben, und nie traten diese Tugenden sichtbarer in +den Vordergrund als bei den Vertheidigern von Londonderry in dem +Augenblicke da ihr Commandant sie im Stich gelassen und das Lager ihres +Todfeindes vor den Mauern ihrer Stadt aufgeschlagen war. + +Sobald der erste Ausbruch der durch Lundy's Treulosigkeit erregten Wuth +sich gelegt hatte, ergriffen Die, welche er verrathen, mit einer der +berühmtesten Senate würdigen Kaltblütigkeit und Umsicht Maßregeln zur +Aufrechthaltung der Ordnung und zur Vertheidigung der Stadt. Es wurden +zwei Gouverneurs, Baker und Walker, erwählt. Baker übernahm das +militärische Kommando, und Walker's specielles Geschäft bestand in der +Erhaltung der inneren Ruhe und in der Vertheilung der Bedürfnisse aus +den Magazinen.[88] Die kampffähigen Einwohner wurden in acht Regimenter +eingetheilt und Obersten, Hauptleute und Subalternoffiziere ernannt. In +wenigen Stunden kannte Jedermann seinen Posten und war bereit, sich beim +ersten Trommelschlage auf denselben zu begeben. Das Verfahren, durch +welches Cromwell in der vorhergehenden Generation unter seinen Soldaten +eine so glühende und beharrliche Begeisterung erhalten hatte, wurde auch +hier wieder mit nicht minder vollständigem Erfolge angewendet. Ein +großer Theil des Tages ward mit Predigen und Beten hingebracht. Achtzehn +Geistliche der Landeskirche und sieben bis acht nonconformistische +Priester befanden sich in der Stadt. Sie alle strengten sich mit +unermüdlichem Eifer an, den Muth des Volks zu heben und zu erhalten. +Unter ihnen selbst herrschte für diese Zeit vollkommene Einigkeit. Aller +Streit über Kirchenregiment, Stellungen und Ceremonien war vergessen. +Der Bischof hatte sich, als er gesehen, daß seine Sermone über den +passiven Gehorsam selbst von den Episkopalen bespöttelt wurden, zuerst +nach Raphoe und dann nach England begeben, wo er jetzt in einer londoner +Kapelle predigte.[89] Auf der andren Seite war ein schottischer +Fanatiker, Namens Hewson, der die Presbyterianer ermahnt hatte, nicht +mit Leuten, die sich weigerten den Covenant zu unterschreiben, +gemeinschaftliche Sache zu machen, dem wohlverdienten Abscheu und Hohn +der gesammten Protestanten verfallen.[90] Die Kathedrale gewährte einen +eigenthümlichen Anblick. Auf der Höhe des breiten Thurmes, der jetzt +durch einen von andrer Bauart ersetzt ist, waren Kanonen aufgefahren, +unter den Bogengängen war Munition aufgehäuft und im Chore wurde jeden +Morgen die Liturgie der anglikanischen Kirche verlesen. Am Nachmittag +versammelten sich die Dissenters zu einem einfacheren Gottesdienst.[91] + +Jakob hatte vierundzwanzig Stunden gewartet, wahrscheinlich in der +Hoffnung, daß Lundy seine Versprechungen erfüllen werde, und diese +vierundzwanzig Stunden hatten hingereicht, um die Anstalten zur +Vertheidigung Londonderry's zu vollenden. Am Abend des 19. April +erschien ein Trompeter am südlichen Thore und fragte, ob die vom +Gouverneur eingegangenen Verpflichtungen erfüllt werden würden. Die +Antwort lautete, daß die Männer, welche diese Mauern bewachten, mit den +Verpflichtungen des Gouverneurs nichts zu thun hätten und entschlossen +wären, sich bis aufs Äußerste zu vertheidigen. + +Am folgenden Tage wurde ein Bote höheren Ranges gesandt: Claudius +Hamilton, Lord Strabane, einer der wenigen römisch-katholischen Peers +von Irland. Murray, der zum Obersten eines der acht Regimenter ernannt +war, in welche die Besatzung eingetheilt worden, ging hinaus vor das +Thor und es fand eine kurze Besprechung mit dem Parlamentair statt. +Strabane war ermächtigt, große Versprechungen zu machen. Die Bürger +sollten volle Verzeihung für alles Geschehene haben, wenn sie sich ihrem +rechtmäßigen Landesherrn unterwürfen. Murray selbst sollte ein +Oberstenpatent und tausend Pfund Sterling an Gelde bekommen. »Die Männer +von Londonderry,« antwortete Murray, »haben nichts gethan, was der +Verzeihung bedürfte, und erkennen keinen andren Souverain als König +Wilhelm und Königin Marie an. Es dürfte nicht rathsam für Eure +Lordschaft sein, noch lange hier zu verweilen oder in gleicher Absicht +wiederzukommen. Gestatten Sie mir die Ehre, Sie bis über die Linien +hinaus zu geleiten.«[92] + +Jakob war versichert worden und hatte mit Bestimmtheit erwartet, daß die +Stadt sich ergeben würde, sobald sein Erscheinen vor den Mauern +derselben zur Kenntniß der Einwohner gelangte. Als er sich jedoch in +dieser Erwartung getäuscht sah, wollte er von Melfort's Rath nichts mehr +wissen und er beschloß, sofort nach Dublin zurückzukehren. Rosen +begleitete den König und die Leitung der Belagerung wurde Maumont +übertragen. Unter ihm standen Richard Hamilton als Zweiter, und Pusignan +als Dritter im Commando. + + [Anmerkung 87: Siehe +The Character of the Protestants of Ireland, + 1689+, und +The Interest of England in the Preservation of + Ireland, 1689.+ Erstere Flugschrift ist das Werk eines Feindes, + letztere das eines warmen Freundes.] + + [Anmerkung 88: Es entspann sich nachher ein müßiger Streit über + die Frage, ob Walker wirklich Gouverneur gewesen sei oder nicht. + Mir scheint es vollkommen unzweifelhaft, daß er es war.] + + [Anmerkung 89: +Mackenzie's Narrative+; +Funeral Sermon on Bishop + Hopkins, 1690.+] + + [Anmerkung 90: +Walker's True Account, 1689.+ Siehe auch +The + Apology for the True Account+ und +The Vindication of the True + Account+, beide in dem nämlichen Jahre erschienen. Ich habe diesen + Mann mit dem Namen bezeichnet, unter welchem er in Irland bekannt + war. Sein wirkliche Name aber war Houstoun. Er wird häufig in dem + wunderlichen Buche, betitelt: +Faithful Contendings Displayed+, + erwähnt.] + + [Anmerkung 91: +A View of the Danger and Folly of being + publicspirited, by William Hamill, 1721.+] + + [Anmerkung 92: Siehe +Walker's True Account+ und +Mackenzie's + Narrative.+] + + +[_Londonderry belagert._] Die Operationen begannen nun ernstlich. +Die Belagerer fingen damit an, daß sie die Stadt beschossen, und bald +brannte sie an mehreren Stellen. Dächer und obere Stockwerke stürzten +ein und erschlugen die Hausbewohner. Eine kurze Zeit lang schien die +Besatzung, von der Viele noch niemals die Wirkung eines Bombardements +gesehen, durch das Gekrach der einstürzenden Schornsteine und durch den +Anblick der mit entstellten Leichnamen vermischten Trümmerhaufen +entmuthigt zu werden. Aber das Vertrautwerden mit Gefahr und Greueln +brachte binnen wenigen Stunden die natürliche Wirkung hervor. Der Muth +des Volks steigerte sich bis zu einem solchen Grade, daß seine Anführer +es für zweckmäßig hielten, die Offensive zu ergreifen. Am 21. April +wurde unter Murray's Commando ein Ausfall gemacht. Die Irländer hielten +ihrerseits entschlossen Stand und es kam zu einem heftigen und blutigen +Kampfe. Maumont eilte an der Spitze eines Reitertrupps nach der Stelle, +wo das Gefecht wüthete. Eine Flintenkugel traf ihn am Kopfe und streckte +ihn todt nieder. Die Belagerer verloren außerdem noch mehrere andere +Offiziere und ungefähr zweihundert Mann, bevor es gelang, die Colonisten +in die Stadt zurückzuwerfen. Murray entkam mit knapper Noth. Sein Pferd +war ihm unter dem Leibe getödtet worden und er war von Feinden umringt, +aber er vertheidigte sich noch so lange gegen dieselben, bis einige von +seinen Freunden, mit dem greisen Walker an der Spitze, aus dem Thore +heraus stürzten und ihn befreiten.[93] + +Da Maumont gefallen war, übernahm Hamilton wieder das Commando der +irischen Armee. Seine Thaten als Befehlshaber trugen keineswegs zur +Erhöhung seines Ruhmes bei. Er war ein eleganter Cavalier und ein +tapferer Soldat, aber auf den Titel eines großen Feldherrn konnte er +keinen Anspruch machen; auch hatte er noch nie in seinem Leben eine +Belagerung gesehen.[94] Pusignan besaß mehr Kenntniß und Energie, aber +er überlebte Maumont um wenig mehr als vierzehn Tage. Am 6. Mai um vier +Uhr Morgens unternahm die Besatzung einen zweiten Ausfall, eroberte +mehrere Fahnen und tödtete viele von den Belagerern. Pusignan, welcher +tapfer focht, wurde durch den Leib geschossen; die Wunde war von der +Art, daß ein geschickter Chirurg sie wohl hätte heilen können; aber +einen solchen gab es im irischen Lager nicht und die Verbindung mit +Dublin war langwierig und unregelmäßig. So starb der Unglückliche unter +bitteren Klagen über die rohe Unwissenheit und Nachlässigkeit, die seine +Tage abgekürzt hatten. Ein Arzt, der expreß aus der Hauptstadt abgesandt +worden, traf erst nach der Beerdigung ein. Wahrscheinlich in Folge +dieses beklagenswerthen Unglücks richtete Jakob eine tägliche +Postverbindung zwischen dem Schlosse von Dublin und Hamilton's +Hauptquartier ein. Doch selbst auf diese Art wurden die Briefe nicht +rasch befördert, denn die Couriere gingen zu Fuß und machten, +wahrscheinlich aus Furcht vor den Enniskillenern, einen Umweg von einem +Militärposten zum andren.[95] + +Der Mai verging, der Juni kam heran, und Londonderry hielt sich noch +immer. Es hatten viele Ausfälle und Scharmützel mit verschiedenem +Erfolge stattgehabt; im Ganzen aber war der Vortheil auf Seiten der +Garnison gewesen. Mehrere hohe Offiziere waren als Gefangene in die +Stadt gebracht worden, und zwei französische Fahnen, welche den +Belagerern nach hartem Kampfe entrissen worden, waren als Trophäen in +der Altarstätte der Kathedrale aufgehängt. Es schien nothwendig, die +Belagerung in eine Blockade zu verwandeln. Ehe man aber die Hoffnung +aufgab, die Stadt durch Waffengewalt zu nehmen, beschloß man noch einen +energischen Versuch zu machen. Der zum Sturm ausersehene Punkt war ein +Außenwerk, nicht weit vom südlichen Thore, welches der Windmühlenhügel +hieß. Religiöse Anfeuerungsmittel wurden angewendet, um den gesunkenen +Muth zu beleben. Viele Freiwillige verpflichteten sich eidlich in die +Festungswerke einzudringen oder bei dem Versuche umzukommen. Kapitain +Buttler, ein Sohn Lord Mountgarret's, übernahm es, die Eidgenossen zum +Angriff zu führen. Die Colonisten waren in drei Reihen auf den Wällen +aufgestellt. Die Hinteren hatten nur die Musketen der Vorderen zu laden. +Die Irländer rückten kühn und mit einem entsetzlichen Geschrei heran, +wurden aber nach einem langen und heißen Kampfe zurückgeschlagen. Im +dichtesten Kugelregen sah man die Frauen von Londonderry, ihren Gatten +und Brüdern Wasser und Munition reichend. An einer Stelle, wo der Wall +nur sieben Fuß hoch war, gelang es Buttler und einigen seiner +Eidgenossen, das Plateau zu erreichen; aber sie wurden sämmtlich +getödtet oder gefangen genommen. Endlich, nachdem vierhundert Irländer +gefallen waren, ließen ihre Anführer zum Rückzug blasen.[96] + + [Anmerkung 93: Walker; Mackenzie; Avaux, 26. April (6. Mai) 1689. + Unter den Protestanten von Ulster herrscht die traditionelle + Meinung, Maumont sei von Murray's Hand gefallen; allein über + diesen Punkt ist der Bericht des französischen Gesandten an seinen + Gebieter entscheidend. In der That existiren über die Belagerung + von Londonderry fast eben so viele märchenhafte Geschichten wie + über die Belagerung von Troja. Die Sage von Murray und Maumont + datirt von 1689. In +The Royal Voyage+, welches Stück in jenem + Jahre aufgeführt wurde, wird der Kampf zwischen den beiden Helden + in folgenden wohlklingenden Strophen geschildert: + + »Sie trafen sich, und auf den ersten Streich + Fiel Monsieur fluchend auf den staub'gen Grund + Und sterbend biß er noch in's Gras.«] + + [Anmerkung 94: +Si c'est celuy qui est sorti de France le dernier, + qui s'appelloit Richard, il n'a jamais veu de siège, ayant + toujour's servi en Roussillon.+ -- Louvois an Avaux, 3.(13.) Juni + 1689.] + + [Anmerkung 95: Walker; Mackenzie; Avaux an Louvois, 2.(12.), + 4.(14.) Mai 1689; Jakob an Hamilton vom 28. Mai (8. Juni) in der + Bibliothek der Royal Irish Academy. Louvois schrieb sehr entrüstet + an Avaux: +»La mauvaise conduite que l'on a tenue devant + Londonderry a cousté la vie à M. de Maumont et à M. de Pusignan. + Il ne faut pas que sa Majesté Britannique croye qu'en faisant tuer + des officiers generaux comme des soldats, on puisse ne l'en point + laisser manquer. Ces sortes de gens sont rares en tout pays et + doivent estre menagez.«+] + + [Anmerkung 96: Walker; Mackenzie; Avaux, 16.(26.) Juni 1689.] + + +[_Die Belagerung in eine Blokade verwandelt._] Es blieb nun nichts +weiter übrig als die Wirkung des Hungers zu versuchen. Man wußte, daß +die Lebensmittelvorräthe der Stadt nur gering waren, ja man wunderte +sich sogar, daß sie so lange ausgereicht hatten. Jetzt wurden alle +Maßregeln getroffen, um die fernere Zufuhr von Lebensmitteln +abzuschneiden. Alle zur Stadt führenden Landwege wurden auf das +Sorgfältigste bewacht. Auf der Südseite am linken Ufer des Foyle +lagerten die Reiter, welche Lord Galmoy aus dem Barrowthale begleitet +hatten. Ihr Anführer war von allen irischen Offizieren derjenige, den +die Protestanten am meisten fürchteten und verabscheuten. Denn er hatte +seine Mannschaft mit seltener Geschicklichkeit und Sorgfalt +disciplinirt, und man erzählte sich haarsträubende Geschichten von +seiner Grausamkeit und Perfidie. Lange Reihen Zelte, bedeckt mit der +Infanterie Buttler's und O'Neils, Lord Slane's und Lord Gormanstown's, +den Leuten aus Westmeath unter Nugent, den Leuten aus Kildare unter +Eustace und den Leuten aus Kerry unter Cavanagh.[97] Der Fluß war mit +Forts und Batterien besäumt, welche kein Schiff ohne große Gefahr +passiren konnte. Nach einiger Zeit beschloß man, zur noch größeren +Sicherheit ungefähr anderthalbe Meile unterhalb der Stadt eine Barrikade +quer durch den Strom aufzuwerfen. Zu dem Ende wurden mehrere mit Steinen +beladene Böte versenkt und eine Reihe Pfähle in den Grund des Flusses +eingerammt. Starke Fichtenstämme, fest an einander gebunden, bildeten +einen über eine Viertelmeile langen Sperrbaum, der mit fußdicken Tauen +an beiden Ufern wohl befestigt war.[98] Ein großer Steinblock, an +welchem das Tau am linken Ufer befestigt war, wurde viele Jahre später +fortgeschafft, um behauen und zu einer Säule verarbeitet zu werden. Die +Idee wurde jedoch wieder aufgegeben und die rohe Steinmasse liegt noch +jetzt nicht weit von ihrem ursprünglichen Platze unter den Bäumen, +welche ein reizendes Landhaus, Boom Hall genannt, beschatten. Dicht +daneben befindet sich der Brunnen, aus dem die Belagerer tranken, und +ein Stück weiter hin ist der Begräbnißplatz, wo sie ihre Gefallenen +beerdigten und wo noch in unseren Tagen der Spaten des Gärtners in +geringer Tiefe unter dem Rasen und den Blumen auf zahlreiche Schädel und +Gebeine gestoßen ist. + + [Anmerkung 97: Über die Disciplin der Galmoy'schen Reiter siehe + Avaux' Brief an Louvois vom 10.(20.) September. Entsetzliche + Geschichten von der Grausamkeit des Obersten sowohl wie seiner + Leute werden in der +Short View, by a Clergyman, 1689+, und in + mehreren anderen Flugschriften aus diesem Jahre erzählt. In Bezug + auf die Vertheilung der irischen Truppen sehe man die damals + erschienenen Pläne der Belagerung. Eine Liste der Regimenter, die + vermuthlich ein Seitenstück zu der im zweiten Buche der Iliade + vorkommenden Liste bilden sollte, findet man in der Londeriade.] + + [Anmerkung 98: +Life of Admiral Sir John Leake, by Stephen M. + Leake, Clarencieux King at Arms, 1750.+ Von diesem Buche wurden + nur funfzig Exemplare gedruckt.] + + +[_Seegefecht in der Bantry-Bai._] Während diese Ereignisse im Norden +stattfanden, hielt Jakob seinen Hof in Dublin. Bei seiner Wiederankunft +daselbst von Londonderry erhielt er die Nachricht, daß die französische +Flotte unter dem Commando des Grafen von Chateau Renaud in der +Bantry-Bai vor Anker gegangen sei und eine große Masse von +Kriegsvorräthen sowie eine Geldsendung ans Land geschafft habe. Herbert, +der eben mit einem englischen Geschwader nach jenen Gewässern abgegangen +war, um die Verbindung zwischen der Bretagne und Irland abzuschneiden, +erfuhr wo der Feind lag und segelte in die Bucht mit der Absicht, eine +Schlacht zu liefern. Doch der Wind war ihm ungünstig, die feindliche +Flotte war der seinigen weit überlegen, und nach einem kurzen Feuer, +das auf keiner Seite erhebliche Verluste herbeiführte, hielt er es für +rathsam, die hohe See wieder zu gewinnen, während die Franzosen sich +tiefer in den Hafen zurückzogen. Er steuerte nach Scilly, wo er +Verstärkungen zu finden hoffte, und Chateau Renaud, zufrieden mit dem +Ruhme, den er sich erworben, und besorgt, daß er denselben durch +längeres Verweilen wieder verlieren möchte, eilte trotz der dringenden +Aufforderung Jakob's, nach Dublin zu kommen, nach Brest zurück. + +Beide Theile machten Anspruch auf den Sieg. Die Gemeinen zu Westminster +beschlossen albernerweise ein Dankvotum für Herbert, Jakob ließ, nicht +minder albernerweise, Freudenfeuer anzünden und ein Te Deum singen. Aber +diese Freudenbezeigungen befriedigten Avaux keineswegs, denn seine +Nationaleitelkeit war selbst noch stärker als die Klugheit und +Courtoisie, durch die er sich auszeichnete. Er beschwerte sich, daß +Jakob so ungerecht und undankbar sei, den Ausgang des kürzlichen +Gefechts dem Widerstreben zuzuschreiben, mit dem die englischen Seeleute +gegen ihren rechtmäßigen König und ihren alten Commandeur gefochten +hätten, und daß Se. Majestät eben nicht sehr erfreut gewesen zu sein +scheine, als er gehört habe, daß sie, von den siegreichen Franzosen +verfolgt, über den Ocean flüchteten. Auch Dover sei ein schlechter +Franzos. Er scheine sich eben so wenig über die Niederlage seiner +Landsleute gefreut zu haben, und man habe ihn äußern hören, daß das +Gefecht in der Bantry-Bai den Namen einer Schlacht nicht verdiene.[99] + + [Anmerkung 99: Avaux, 8.(18.) Mai, 26. Mai (5. Juni) 1689; London + Gazette vom 9. Mai; +Life of James, II. 370+; +Burchet's Naval + Transactions+; +Commons' Journals May 18, 21.+ Aus den Memoiren + der Frau von la Fayette ersieht man, daß dieses unbedeutende + Treffen in Versailles nach Gebühr gewürdigt wurde.] + + +[_Ein von Jakob einberufenes Parlament tagt in Dublin._] Den Tag darauf, +nachdem in Dublin zu Ehren dieses unentschiedenen Gefechts ein Te Deum +gesungen worden war, eröffnete das von Jakob zusammenberufene Parlament +seine Sitzungen. Die Zahl der weltlichen Peers von Irland betrug bei +seiner Ankunft in diesem Königreiche ungefähr hundert. Davon kamen nicht +mehr als vierzehn seiner Aufforderung nach, und von diesen vierzehn +waren zehn Katholiken. Durch Umstoßen früherer Verurtheilungen und durch +neue Creirungen wurden noch siebzehn Lords, sämmtlich Katholiken, ins +Oberhaus gebracht. Die protestantischen Bischöfe von Meath, Ossory, Cork +und Limerick erschienen, ob aus der aufrichtigen Überzeugung, daß sie +rechtmäßigerweise selbst einem Tyrannen den Gehorsam nicht verweigern +könnten, oder in der eitlen Hoffnung, daß selbst das Herz eines Tyrannen +durch ihre Geduld erweicht werden möchte, in der Mitte ihrer Todfeinde. + +Das Haus der Gemeinen bestand fast ausschließlich aus Irländern und +Papisten. Zugleich mit den königlichen Ausschreiben hatten die +Wahlbeamten von Tyrconnel Briefe erhalten, in denen die Personen namhaft +gemacht waren, die er gewählt zu sehen wünschte. Die größten Wahlkörper +des Königreichs waren damals sehr klein, denn außer den Katholiken wagte +kaum Jemand sein Gesicht zu zeigen, und katholische Freisassen gab es +damals sehr wenige, in manchen Grafschaften nicht mehr als zehn bis +zwölf. Selbst in so bedeutenden Städten wie Cork, Limerick und Galway +überstieg die Zahl Derer, welche nach den neuen Städteordnungen +stimmberechtigt waren, nicht vierundzwanzig. Ungefähr zweihundertfunfzig +Mitglieder nahmen ihre Sitze ein, und davon waren nur sechs +Protestanten.[100] Die Namenliste giebt hinreichenden Aufschluß über die +politische und religiöse Gesinnung der Versammlung. Es war das einzige +irische Parlament jener Zeit, das mit Dermots und Grohagans, mit O'Neils +und O'Donovans, mit Macmahons, Macnamaras und Macgillicuddies angefüllt +war. Die Führung übernahmen einige Männer, deren Fähigkeiten durch +juristische Studien oder durch in fremden Ländern erworbene Erfahrung +entwickelt worden waren. Dem Generalfiskal, Sir Richard Nagle, der die +Grafschaft Cork vertrat, gaben selbst die Protestanten das Zeugniß eines +scharfsinnigen und gelehrten Juristen. Franz Plowden, der Commissar für +die Staatsrevenüen, der für Bannow im Parlamente saß und als erster +Finanzbeamter fungirte, war ein Engländer, und da er ein Hauptagent des +Jesuitenordens in Geldangelegenheiten gewesen, läßt sich wohl annehmen, +daß er ein ausgezeichneter Geschäftsmann war.[101] Oberst Heinrich +Luttrell, Mitglied für die Grafschaft Carlow, hatte lange in Frankreich +gedient und von dort in sein Heimathland einen geschärften Verstand und +verfeinerte Sitten, eine glatte Zunge, einige Geschicklichkeit im Kriege +und sehr viel Geschicklichkeit im Intriguiren mitgebracht. Sein älterer +Bruder, Oberst Simon Luttrell, Vertreter der Grafschaft Dublin und +Militärgouverneur der Hauptstadt, hatte ebenfalls in Frankreich gelebt +und spielte, obwohl er seinem Bruder Heinrich an Talent und Thätigkeit +nachstand, doch eine sehr hervorragende Figur unter den Anhängern +Jakob's. Das andre Mitglied für die Grafschaft Dublin war Oberst Patrick +Sarsfield. Diesen tapferen Offizier betrachteten die Eingebornen als +einen der Ihrigen, denn seine Vorfahren von Vaters Seite waren zwar +ursprünglich Engländer, gehörten aber zu den ersten Colonisten, von +denen man sprüchwörtlich sagte, daß sie irischer geworden seien als +Irländer. Seine Mutter war von edlem celtischen Geblüt und er war ein +treuer Anhänger des alten Glaubens. Als der Erbe eines Vermögens, das +ihm etwa zweitausend Pfund jährlicher Einkünfte gewährte, war er einer +der reichsten Katholiken des Landes. Von den Höfen und Feldlagern besaß +er eine Kenntniß wie nur wenige seiner Landsleute. Er war lange Offizier +bei der englischen Leibgarde gewesen, hatte viel mit Whitehall verkehrt +und hatte unter Monmouth auf dem Continente und gegen Monmouth bei +Sedgemoor tapfer gefochten. Er hatte, wie Avaux schrieb, mehr +persönlichen Einfluß als irgend Jemand in Irland und war wirklich ein +Gentleman von ausgezeichneten Verdiensten, tapfer, bieder, ehrenwerth, +auf das Wohlbefinden seiner Leute im Quartier bedacht und am Tage der +Schlacht stets an ihrer Spitze. Seine Unerschrockenheit, seine +Freimüthigkeit, seine grenzenlose Gutherzigkeit, seine Statur, welche +die gewöhnlicher Menschen hoch überragte, und die Körperkraft, welche er +im Einzelkampfe entwickelte, hatten ihm die Zuneigung und Bewunderung +der Massen erworben. Es ist bemerkenswerth, daß die Engländer ihn +allgemein als einen tapferen, geschickten und hochherzigen Feind +achteten und daß er selbst in den rohesten Possen, welche von gemeinen +Comödianten in Smithfield aufgeführt wurden, stets von den entehrenden +Beschuldigungen ausgenommen ward, welche man damals auf die irische +Nation zu schleudern gewohnt war.[102] + +Doch solcher Männer waren nicht viele in dem Hause der Gemeinen, das +sich zu Dublin versammelt hatte. Es ist kein Vorwurf für die irische +Nation, eine Nation, welche seitdem ihr volles Contingent von beredten +und gebildeten Senatoren gestellt hat, wenn man sagt, daß von allen +Parlamenten, welche je auf den britischen Inseln zusammengetreten sind, +Barebone's Parlament nicht ausgenommen, es dem von Jakob einberufenen am +meisten an den Eigenschaften gebrach, die eine Legislatur besitzen muß. +Die strenge Herrschaft einer feindlichen Kaste hatte die Geisteskräfte +des irischen Gentleman gelähmt. War er so glücklich Grundeigenthum zu +besitzen, so hatte er sein Leben in der Regel unter Jagd, Fischfang, +Trinkgelagen und Liebeshändeln mit seinen Unterthanen zugebracht. War +sein Vermögen confiscirt worden, so war er von Schloß zu Schloß und von +Hütte zu Hütte gewandert, um kleine Geldbeiträge zu erheben und auf +Kosten Anderer zu leben. Er hatte nie im Hause der Gemeinen gesessen, +hatte niemals thätigen Antheil an einer Wahl genommen, und war nie +Magistratsbeamter gewesen; kaum daß er einmal Mitglied einer großen Jury +gewesen war. Daher fehlte es ihm an aller und jeder Erfahrung in +öffentlichen Angelegenheiten. Der englische Squire war zwar auch kein +besonders gelehrter und erleuchteter Politiker, aber im Vergleich mit +dem katholischen Squire von Munster oder Connaught war er ein Staatsmann +und Philosoph. + +Die Parlamente Irland's hatten damals kein bestimmtes Versammlungslocal. +Sie kamen in der That so selten zusammen und gingen so bald wieder +auseinander, daß es kaum der Mühe werth gewesen wäre, einen Palast zu +ihrem ausschließlichen Gebrauche zu erbauen und einzurichten. Erst als +die hannöversche Dynastie schon lange auf dem Throne saß, erstand in +College Green ein Senatshaus, das mit den schönsten Bauwerken von Inigo +Jones einen Vergleich aushält. An der Stelle wo jetzt der Porticus und +die Kuppel der Four Courts auf den Liffey herniedersehen, stand +im siebzehnten Jahrhundert ein altes Gebäude, das einst ein +Dominikanerkloster gewesen, seit der Reformation aber den Männern des +Gesetzes zur Benutzung angewiesen worden war und den Namen King's Inns +führte. Dieses Gebäude war zur Aufnahme des Parlaments eingerichtet +worden. Am 7. Mai nahm Jakob, in königliche Gewänder gekleidet und eine +Krone tragend, seinen Sitz auf dem Throne im Hause der Lords ein und +ließ die Gemeinen vor die Schranken entbieten.[103] + +Er sprach hierauf den Eingebornen Irland's seinen Dank dafür aus, daß +sie treu zu ihm gehalten, als das Volk seiner anderen Königreiche ihn +verlassen habe. Seinen Entschluß, alle religiösen Disabilitäten in allen +seinen Landen abzuschaffen, erklärte er für unerschütterlich +feststehend. Er forderte das Haus auf, die Ansiedelungsacte in Erwägung +zu ziehen und die Beeinträchtigungen zu redressiren, über welche die +alten Eigenthümer des Bodens sich zu beschweren Ursache hätten. Zum +Schluß erkannte er in warmen Ausdrücken an, wie sehr er dem Könige von +Frankreich verpflichtet sei.[104] + +Nach beendeter Thronrede ersuchte der Kanzler die Gemeinen, sich in ihre +Kammer zurück zu begeben und einen Sprecher zu wählen. Sie wählten den +Generalfiscal Nagle, und die Wahl wurde vom Könige bestätigt.[105] + +Die Gemeinen votirten nun zunächst Resolutionen, welche sowohl Jakob als +Ludwig innigen Dank darbrachten. Es wurde sogar vorgeschlagen, durch +eine Deputation Avaux eine Adresse überreichen zu lassen; der Sprecher +aber setzte die grobe Unziemlichkeit eines solchen Schrittes +auseinander, und sein Dazwischentreten hatte bei dieser Gelegenheit den +gewünschten Erfolg.[106] Sonst war jedoch das Haus selten geneigt, auf +Vernunftgründe zu hören. Die Debatten waren eitel Geschrei und Tumult. +Der Richter Daly, ein Katholik, aber ein rechtschaffener und begabter +Mann, konnte nicht umhin, die Unschicklichkeit und Thorheit zu beklagen, +mit der die Mitglieder seiner Kirche das Werk der Gesetzgebung +betrieben. Diese Herren, sagte er, seien kein Parlament, sondern ein +bloßer Pöbelhaufen; sie glichen auf ein Haar den Fischern und +Gemüsehändlern, welche in Neapel zu Ehren Masaniello's brüllten und die +Mützen emporwarfen. Es sei schmerzlich, ein Mitglied nach dem andren +tollen Unsinn über seine Verluste schwatzen und nach dem geraubten +Vermögen schreien zu hören, während das Leben Aller und die +Unabhängigkeit des gemeinsamen Vaterlandes in Gefahr seien. Diese Worte +wurden privatim gesprochen, aber einige Ohrenbläser hinterbrachten sie +den Gemeinen. Es brach ein heftiger Sturm los. Daly wurde vor die +Schranken gefordert, und es unterlag kaum einem Zweifel, daß man mit +Strenge gegen ihn verfahren würde. In dem Augenblicke aber als er die +Schwelle überschritt, stürzte ein Mitglied mit dem Ausrufe herein: »Gute +Nachrichten! Londonderry ist genommen!« Das ganze Haus erhob sich, alle +Hüte flogen in die Luft, und drei laute Hurrahs ertönten. Jedes Herz +wurde durch die frohe Botschaft zur Milde gestimmt. Niemand wollte in +einem solchen Augenblick etwas von Bestrafung hören. Der Befehl zu +Daly's Erscheinen wurde unter dem Rufe: »Keine Unterwürfigkeit! keine +Unterwürfigkeit! wir verzeihen ihm!« wieder aufgehoben. Wenige Stunden +später erfuhr man, daß Londonderry sich noch so hartnäckig hielt wie je +zuvor. Dieser an sich unbedeutende Vorfall verdient erwähnt zu werden, +weil er beweist, wie sehr es dem Hause der Gemeinen an den Eigenschaften +fehlte, die in dem großen Rathe eines Landes gefunden werden müssen. +Und diese Versammlung, die weder Erfahrung noch würdevollen Ernst, noch +Mäßigung besaß, sollte jetzt über Fragen entscheiden, welche dem +Scharfsinne der größten Staatsmänner viel zu schaffen gemacht haben +würden.[107] + + [Anmerkung 100: +King, III. 12+; +Memoirs of Ireland from the + Restoration, 1716.+ Listen beider Häuser findet man im Anhang zu + King.] + + [Anmerkung 101: Beweise für Plowden's Connection mit den Jesuiten + fand ich in einem Briefbuche des Schatzamts unterm 12. Juni 1689.] + + [Anmerkung 102: +»Sarsfield«+, schrieb Avaux unterm 11.(21.) + October 1689 an Louvois, +»n'est pas un homme de la naissance de + mylord Galloway«+ (vermuthlich Galmoy) +»ny de Makarty; mais c'est + un gentilhomme distingué par son mérite, qui a plus de crédit dans + ce royaume qu'aucun homme que je connaisse. Il a de la valeur, + mais surtout de l'honneur et de la probité à toute épreuve ... + homme qui sera toujours à la tête de ses troupes, et qui en aura + grand soin.«+ -- Leslie sagt in seiner +Answer to King+, daß die + irischen Protestanten Sarsfield's Rechtschaffenheit und Ehre + Gerechtigkeit widerfahren ließen. In der That wird Sarsfield + selbst in rohen Possen, wie die +Royal Flight+, gebührende + Anerkennung zu Theil.] + + [Anmerkung 103: +Journal of the Parliament in Ireland, 1689.+ Der + Leser darf nicht glauben, daß dieses Tagebuch einen officiellen + Character habe. Es ist eine bloße Compilation von einem + protestantischen Pamphletisten und in London gedruckt.] + + [Anmerkung 104: +Life of James, II. 335.+] + + [Anmerkung 105: +Journal of the Parliament in Ireland.+] + + [Anmerkung 106: Avaux, 20. Mai (5. Juni) 1689.] + + [Anmerkung 107: +A True Account of the Present State of Ireland, + by a Person that with Great Difficulty left Dublin, 1689+; Brief + aus Dublin vom 12. Juni 1689; +Journal of the Parliament in + Ireland.+] + + +[_Es wird eine Toleranzacte erlassen._] Jakob bestimmte sie zur +Beschließung einer Acte, welche ihm und ihnen zur größten Ehre gereicht +haben würde, hätte man nicht zahlreiche Beweise dafür, daß sie nur ein +todter Buchstabe sein sollte. Es war dies eine Acte, welche allen +christlichen Secten volle Gewissensfreiheit gewährte. Bei dieser +Gelegenheit wurde eine Proklamation erlassen, welche in hochtrabenden +Worten dem englischen Volke ankündigte, daß sein rechtmäßiger König +jetzt augenfällig die Verleumder widerlegt habe, welche ihn beschuldigt +hätten, nur um eines einzelnen Zweckes willen Eifer für die +Glaubensfreiheit erheuchelt zu haben. Wenn er im Herzen zur Verfolgung +geneigt wäre, würde er dann nicht die irischen Protestanten verfolgt +haben? Es fehle ihm weder an Macht noch an Herausforderungen dazu. +Dennoch habe er sowohl in Dublin, wo die Mitglieder seiner Kirche in der +Majorität seien, wie auch in Westminster, wo sie in der Minorität +gewesen, fest an den Grundsätzen gehalten, die er in seiner viel +geschmähten Indulgenzerklärung ausgesprochen habe.[108] Zu seinem +Unglück brachte der nämliche Wind, der seine schönen Reden nach England +trug, zu gleicher Zeit auch den Beweis hinüber, daß seine Erklärungen +nicht aufrichtig waren. Ein einzelnes, eines Turgot oder Franklin +würdiges Gesetz nahm sich gar zu lächerlich aus inmitten einer Menge von +Gesetzen, die einem Gardiner oder Alva Schande gemacht haben würden. + + [Anmerkung 108: +Life of James, II. 361--363.+ Es wird dort + gesagt, die Proklamation sei ohne Vorwissen Jakob's erlassen + worden, er habe sie aber nachher gebilligt. Siehe Melwood's + +Answer to the Declaration, 1689.+] + + +[_Acte zur Confiscation des Eigenthums der Protestanten._] Ein +nothwendiger Vorläufer zu dem großen Beraubungs- und Mordwerke, das +die Gesetzgeber von Dublin beabsichtigten, war eine Acte, welche die +Autorität annullirte, die das englische Parlament als höchste Legislatur +wie als höchster Appellhof bisher über Irland ausgeübt hatte.[109] +Diese Acte wurde rasch angenommen und ihr folgten in schneller +Aufeinanderfolge Confiscationen und Proscriptionen in gigantischem +Maßstabe. Das persönliche Vermögen der Abwesenden,[110] welche über +siebzehn Jahr alt waren, wurde dem Könige zugeschrieben. Wenn man sich +in solcher Weise an Laieneigenthum vergriff, so stand nicht zu erwarten, +daß die Dotationen, welche im Widerspruch mit jedem gesunden Prinzip an +die Kirche der Minorität verschwendet worden waren, geschont werden +würden. Diese Dotationen ohne Nachtheil für bestehende Interessen zu +verringern, würde eine Reform gewesen sein, die eines guten Fürsten und +eines guten Parlaments würdig gewesen wäre. Aber eine solche Reform +genügte den rachsüchtigen Bigotten nicht, welche in King's Inns saßen. +Durch eine summarische Acte wurde der größte Theil der Zehnten von der +protestantischen auf die katholische Geistlichkeit übertragen, und die +bisherigen Inhaber ohne einen Farthing Entschädigung dem Hungertode +preis gegeben.[111] Ferner wurde eine Bill, welche die Ansiedlungsacte +aufhob und viele tausend Quadratmeilen Landes von sächsischen auf +celtische Grundeigenthümer übertrug, eingebracht und durch Acclamation +angenommen.[112] + +Über eine solche Gesetzgebung kann man nicht streng genug urtheilen; +aber für die Gesetzgeber lassen sich Entschuldigungen anführen, welche +der Geschichtschreiber zu erwähnen verpflichtet ist. Sie handelten +unbarmherzig, ungerecht und unklug; aber es wäre ungereimt, wollte man +Erbarmen, Gerechtigkeit oder Weisheit von einer Klasse von Menschen +erwarten, welche erst durch jahrelange Unterdrückung erniedrigt und dann +durch die Freude über ihre plötzliche Erlösung der Besinnung beraubt und +mit unwiderstehlicher Macht bewaffnet worden war. Die Vertreter der +irischen Nation waren, mit wenigen Ausnahmen, roh und unwissend. Sie +hatten in einem Zustande beständiger Gereiztheit gelebt, mit +aristokratischen Gefühlen hatten sie eine knechtische Stellung +eingenommen, mit dem höchsten Geburtsstolze waren sie tagtäglich +Beleidigungen ausgesetzt gewesen, die den Zorn des geringsten Plebejers +gereizt haben würden. Angesichts der Felder und Schlösser, die sie als +ihr Eigenthum betrachteten, hatten sie froh sein müssen, wenn ein Bauer +sie einlud, seine Milch- und Kartoffelmahlzeit zu theilen. Die heftigen +Regungen von Haß und Habsucht, welche die Lage des eingebornen Gentleman +fast nothwendig hervorrufen mußte, erschienen ihm in dem glänzenden +Gewande des Patriotismus und der Frömmigkeit. Denn seine Feinde waren +die Feinde seiner Nation, und die nämliche Tyrannei, welche ihn seines +Erbes beraubt, hatte auch seine Kirche des großen Reichthums beraubt, +den die Frömmigkeit einer früheren Zeit ihr gespendet. Welchen Gebrauch +der Gewalt konnte man von einem ungebildeten und unerfahrenen Manne +erwarten, der von heftigen Wünschen und Rachegelüsten erfüllt war, +welche er irrig für heilige Pflichten ansah? Und was konnte man von +einer Versammlung von einigen Hundert solcher Leute anders erwarten, +als daß die Leidenschaften, welche jeder Einzelne so lange im Stillen +genährt hatte, durch den Einfluß der Sympathie plötzlich zu einer +furchtbaren Kraftäußerung heranreifen würden? + +Jakob hatte mit seinem Parlamente wenig mehr gemein als den Haß gegen +die protestantische Religion. Er war ein Engländer. Der Aberglaube hatte +nicht alles Nationalgefühl in seinem Herzen völlig erstickt und das +Übelwollen, womit seine celtischen Anhänger den Volksstamm betrachteten, +dem er entsprossen war, mußte ihm nothwendig mißfallen. Der +Gesichtskreis seines Verstandes war klein. Da er jedoch in England +regiert hatte und fortwährend dem Tage entgegensah, wo er wieder in +England regieren würde, war es unmöglich, daß er den Horizont seiner +Politik nicht mehr erweiterte als Diejenigen, welche nichts Andres als +nur Irland im Auge hatten. Die wenigen irischen Protestanten, die ihm +noch anhingen, und die britischen Edelleute, protestantische sowohl als +katholische, die ihn ins Exil begleitet hatten, baten ihn dringend, die +Heftigkeit des raubgierigen und rachsüchtigen Parlaments zu zügeln, das +er zusammenberufen hatte. Ganz besonders drangen sie in ihn, daß er die +Aufhebung der Ansiedlungsacte nicht zugeben solle. Mit welcher +Sicherheit, fragten sie, könne Jemand sein Geld anlegen oder seinen +Kindern einen Vermögensantheil zuschreiben, wenn er sich nicht auf +bestimmte Gesetze und auf einen jahrelangen ununterbrochenen Besitz +verlassen könne? Die militärischen Abenteurer, unter welche Cromwell den +Grund und Boden vertheilt, könnten vielleicht als Unrechthandelnde +betrachtet werden. Aber ein wie großer Theil ihrer Güter sei durch +rechtsgültigen Kauf in andere Hände übergegangen! Wieviel Geld hätten +die Grundbesitzer auf Hypothek, auf gesetzmäßige, gerichtlich vidimirte +Verschreibung geliehen! Wie viele Kapitalisten seien im Vertrauen auf +gesetzliche Bestimmungen und königliche Versprechungen von England +herübergekommen und hätten ohne die mindeste Besorgniß wegen des +Rechtstitels in Ulster und Leinster Land gekauft! Welche Summen hätten +diese Kapitalisten während eines Vierteljahrhunderts auf Bauten, +Drainirungen, Einhegungen und Anpflanzungen verwendet! Die Bedingungen +des von Karl II. sanctionirten Compromisses möchten allerdings wohl +nicht in jeder Beziehung gerecht sein; aber sollte eine Ungerechtigkeit +durch eine noch monströsere Ungerechtigkeit wieder gut gemacht werden? +Und welchen Eindruck würde voraussichtlich in England der Wehschrei von +Tausenden unschuldiger englischer Familien hervorrufen, die ein +englischer König zu Grunde gerichtet? Die Klagen einer solchen Masse von +Duldern könnten die Restauration, der jeder loyale Unterthan mit +Sehnsucht entgegensehe, verzögern, ja ganz verhindern, und selbst wenn +Se. Majestät trotz dieser Klagen glücklich wieder eingesetzt werden +sollte, würde er doch bis ans Ende seines Lebens die nachtheiligen +Folgen der Ungerechtigkeit verspüren, zu deren Ausübung ihn schlimme +Rathgeber jetzt drängten. Er würde finden, daß er durch den Versuch eine +Klasse von Unzufriedenen zu beschwichtigen, eine andre geschaffen habe. +Wenn er in Dublin dem Geschrei nach Aufhebung der Ansiedlungsacte +nachgäbe, würde er sicherlich von dem Augenblicke an, wo er nach +Westminster zurückkehre, mit einem eben so lauten und beharrlichen +Geschrei nach Widerrufung dieser Aufhebung bestürmt werden. Er müsse +doch wohl einsehen, daß kein auch noch so loyales englisches Parlament +solche Gesetze fortbestehen lassen könne, wie sie jetzt vom irischen +Parlament erlassen würden. Sei er entschlossen, die Partei Irland's +gegen die allgemeine Stimme England's zu ergreifen? Wenn dies wäre, so +könnte er sich nur auf eine abermalige Verbannung und Entsetzung gefaßt +machen. Oder wolle er, wenn er das größere Königreich wieder habe, die +Geschenke zurücknehmen, durch die er sich in seiner Noth die Hilfe des +kleineren erkauft habe? Die bloße Vermuthung, daß er den Gedanken an +eine solche unfürstliche und unmännliche Perfidie hegen könne, müsse +schon als eine Beleidigung gegen ihn erscheinen. Allein was würde ihm +Andres übrig bleiben? Und sei es nicht besser für ihn, er verweigere +jetzt unbillige Zugeständnisse, als daß er diese Zugeständnisse nachher +in einer Weise widerrufe, die ihm Vorwürfe zuziehen würden, welche einem +edlen Character unerträglich sein müßten? Seine Lage sei allerdings +kritisch; aber in diesem, wie in anderen Fällen, werde es sich zeigen, +daß der Pfad der Gerechtigkeit auch der Pfad der Weisheit sei.[113] + +Obgleich sich Jakob in seiner Rede bei Eröffnung der Session gegen die +Ansiedlungsacte erklärt hatte, sah er doch ein, daß diese Argumente +unwiderleglich waren. Er hatte mehrere Conferenzen mit den leitenden +Mitgliedern des Hauses der Gemeinen und empfahl dringend Mäßigung. Aber +seine Vorstellungen stachelten die Leidenschaften, die er beschwichtigen +wollte, nur noch mehr auf. Viele Mitglieder der eingebornen Gentry +führten eine laute und heftige Sprache. Es sei unverschämt, sagten sie, +von Rechten der Käufer zu sprechen. Wie könne Recht aus Unrecht +hervorgehen? Leute, welche unrechtmäßig erworbenes Eigenthum kaufen +könnten, müßten auch die Folgen ihrer Thorheit und Habsucht tragen. Es +lag klar am Tage, daß das Unterhaus völlig unlenksam war. Vier Jahre +früher hatte Jakob sich geweigert, dem dienstwilligsten Parlamente, das +jemals in England getagt, das geringste Zugeständniß zu machen, und man +hätte erwarten sollen, daß die Hartnäckigkeit, an der es ihm nie +gefehlt, wenn sie ein Laster war, ihm auch jetzt nicht fehlen würde, wo +sie eine Tugend gewesen wäre. Eine kurze Zeit lang schien er wirklich +entschlossen, gerecht zu handeln. Er sprach sogar davon, das Parlament +aufzulösen. Auf der andren Seite erklärten die Häupter der alten +celtischen Familien ganz öffentlich, daß sie, wenn er ihnen ihr Erbe +nicht zurückgebe, nicht für das seinige fechten würden. Seine eigenen +Soldaten schmähten ihn in den Straßen von Dublin. Endlich beschloß er, +sich, nicht mit Königsmantel und Krone, sondern in der Kleidung, in +welcher er früher den Berathungen zu Westminster beizuwohnen pflegte, +selbst ins Haus der Peers zu begeben und persönlich die Lords zu +ersuchen, die Heftigkeit der Gemeinen zu zügeln. Aber als er eben zu +diesem Zwecke in seinen Wagen steigen wollte, wurde er von Avaux +zurückgehalten. Avaux nahm sich so eifrig wie nur irgend ein Irländer +der Bills an, deren Einbringung die Gemeinen betrieben. Es war ihm +genug, daß diese Bills Aussicht darauf eröffneten, die Feindschaft +zwischen England und Irland unversöhnlich zu machen. Seine Vorstellungen +bewogen Jakob, sich der offenen Opposition gegen die Aufhebung der +Ansiedlungsacte zu enthalten. Indessen nährte der unglückliche Fürst +doch noch immer eine schwache Hoffnung, daß das Gesetz, dessen Annahme +die Gemeinen so eifrig wünschten, von den Peers verworfen oder +wenigstens modificirt werden würde. Lord Granard, einer von den wenigen +protestantischen Edelleuten, welche in diesem Parlamente saßen, +verwendete sich energisch zu Gunsten des öffentlichen Vertrauens und der +vernünftigen Politik. Der König ließ ihm seinen Dank dafür aussprechen. +»Wir Protestanten,« sagte Granard zu Powis, der im Auftrage des Königs +zu ihm kam, »sind gering an Zahl. Wir können wenig thun. Se. Majestät +sollte seinen Einfluß bei den Katholiken aufbieten.« -- »Se. Majestät«, +entgegnete Powis mit einem Schwure, »wagt nicht zu sagen was er denkt.« +Wenige Tage darauf begegnete Jakob Lord Granard, als dieser eben nach +dem Parlamentshause ritt. »Wohin wollen Sie, Mylord?« fragte der König. +»Sire«, antwortete Granard, »ich will meinen Protest gegen die Aufhebung +der Ansiedlungsacte einreichen.« -- »Sie haben Recht,« versetzte der +König, »aber ich bin in die Hände von Leuten gefallen, die mir das und +noch vieles Andre aufzwingen werden.«[114] + +Jakob fügte sich dem Willen der Gemeinen; aber der ungünstige Eindruck, +den sein kurzer und schwacher Widerstand auf sie gemacht, war durch +seine Unterwerfung nicht zu verwischen. Sie betrachteten ihn mit großem +Mißtrauen, sie waren überzeugt, daß er im Herzen ein Engländer sei und +es verging kein Tag ohne ein Anzeichen von dieser Gesinnung. Sie +beeilten sich nicht, ihm eine Geldunterstützung zu bewilligen. Eine +Partei unter ihnen beabsichtigte eine Adresse, die ihn dringend +auffordern sollte, Melfort als einen Feind ihrer Nation zu entlassen. +Eine andre Partei entwarf eine Bill zur Absetzung aller protestantischen +Bischöfe, selbst der vier, welche damals gerade im Parlamente saßen. +Nicht ohne Mühe gelang es Avaux und Tyrconnel, deren Einfluß im +Unterhause den des Königs bei weitem überwog, den Eifer der Majorität zu +dämpfen.[115] + + [Anmerkung 109: +Light to the Blind+; +An Act declaring that the + Parliament of England cannot bind Ireland against Writs of Error + and Appeals+, gedruckt in London, 1690.] + + [Anmerkung 110: Das heißt derjenigen Irländer, welche nicht in + ihrem Vaterlande wohnten. -- Der Übersetzer.] + + [Anmerkung 111: +An Act concerning Appropriate Tythes and other + Duties payable to Eclesiastical Dignitaries. London 1690.+] + + [Anmerkung 112: +An Act for repealing the Acts of Settlement and + Explanation, and all Grants, and Certificates pursuant to them or + any of them. London 1690.+] + + [Anmerkung 113: Siehe die Schrift, welche der Oberrichter Keating + dem König Jakob überreichte, und die Rede des Bischofs von Meath. + Beide befinden sich im Anhange zu King. +Life of James, II. + 357--361.+] + + [Anmerkung 114: +Leslie's Answer to King+; Avaux, 26. Mai + (3. Juni) 1689; +Life of James, II. 358.+] + + [Anmerkung 115: Avaux, 28. Mai (7. Juni) und 30. Juni (10. Juli). + Der Verfasser von +Light to the Blind+ verwirft entschieden die + den protestantischen Bischöfen, welche Jakob anhingen, bewiesene + Nachsicht.] + +[_Prägung schlechten Geldes._] Es ist bemerkenswerth, daß der König, +während er das Vertrauen und die Zuneigung der irischen Gemeinen dadurch +verlor, daß er auf der einen Seite die Institution des Eigenthums +schwach gegen sie vertheidigte, auf einer andren Seite diese Institution +mit einer Rücksichtslosigkeit angriff, welche womöglich noch stärker war +als die ihrige. Er sah bald, daß kein Geld in seinen Schatz floß. +Die Ursache war augenfällig genug. Mit dem Handel war es vorbei. Das +bewegliche Kapital war in großen Massen aus der Insel weggezogen worden; +von dem festen Kapital war viel zerstört, und das übrige lag todt da. +Tausende von den Protestanten, welche den betriebsamsten und +intelligentesten Theil der Bevölkerung bildeten, waren nach England +ausgewandert. Tausend Andere hatten sich in die Städte geflüchtet, die +sich noch für Wilhelm und Marien tapfer hielten. Von den in der Blüthe +des Lebens stehenden katholischen Landleuten war die Mehrzahl in die +Armee eingetreten oder hatte sich Plündererhorden angeschlossen. Die +Armuth des Schatzes war die nothwendige Folge der Armuth des Landes; +dem öffentlichen Wohlstande konnte nur durch Wiederherstellung des +Privatwohlstandes aufgeholfen werden, und der Privatwohlstand konnte nur +durch Jahre der Ruhe und Sicherheit wiederhergestellt werden. Jakob war +einfältig genug zu glauben, daß es ein rascheres und wirksameres Mittel +gebe. Er glaubte sich ganz einfach dadurch mit einem Male aus seinen +finanziellen Verlegenheiten reißen zu können, daß er einen Farthing +einen Schilling nannte. Das Recht, Geld zu schlagen, war unstreitig eine +Perle der Prärogative, und seiner Ansicht nach schloß das Recht, Geld zu +schlagen, auch das Recht in sich, die Münzen zu verschlechtern. Töpfe, +Pfannen, Thürhämmer, Kanonen, welche seit langer Zeit unbrauchbar waren, +wurden in die Münze geschickt, und in Kurzem waren Massen geringhaltigen +Geldes im Nominalwerthe von einer Million Pfund Sterling, die aber in +Wirklichkeit nicht den sechsten Theil dieser Summe werth waren, in +Circulation gesetzt. Ein königliches Edict erklärte diese Münzen als +gesetzliches Zahlungsmittel bei allen Vorkommnissen. Eine Hypothek von +tausend Pfund wurde durch einen Sack voll Rechenpfennige, die aus alten +Kesseln verfertigt waren, abgelöst. Den Gläubigern, die sich beim +Kanzleigerichtshofe beschwerten, sagte Fitton, sie sollten ihr Geld +nehmen und stillschweigen. Von allen Klassen aber hatten die +Kleinhändler von Dublin, welche größtentheils Protestanten waren, die +schwersten Verluste. Zuerst erhöhten sie natürlich ihre Preise; aber die +Magistratsbehörde der Stadt begegnete dieser ketzerischen Machination +durch Ausgabe eines die Preise regulirenden Tarifs. Jeder, der der jetzt +dominirenden Kaste angehörte, konnte in einen Laden gehen, ein drei +Pence werthes Geldstück auf den Ladentisch legen und dafür Waaren im +Werthe von einer halben Guinee mitnehmen. Von gesetzlicher Abhilfe war +keine Rede. Die Leidenden schätzten sich sogar glücklich, wenn sie durch +Aufopferung ihres Geschäftsvermögens Sicherheit für ihre Glieder und ihr +Leben erkaufen konnten. Es gab keinen Bäckerladen in der Stadt, der +nicht beständig von zwanzig bis dreißig Soldaten belagert gewesen wäre. +Einige Personen, die das schlechte Geld nicht nehmen wollten, wurden von +Soldaten festgenommen und vor den Generalprofoß geführt, der sie mit +Flüchen und Verwünschungen überhäufte, sie in dunkle Zellen einsperren +ließ und durch die Drohung, sie an ihren eigenen Thüren aufhängen zu +wollen, ihren Widerstand bald besiegte. Von allen Plagen der damaligen +Zeit machte keine einen tieferen und nachhaltigeren Eindruck auf die +Gemüther der Protestanten Dublin's als die Plage des Kupfergeldes.[116] +Den Erinnerungen an die Bestürzung und Noth, welche Jakob's Münzen +verursacht hatten, muß zum Theil der beharrliche Widerstand +zugeschrieben werden, den fünfunddreißig Jahre später zahlreiche, dem +Hause Hannover treuergebene Klassen in der Angelegenheit des Wood'schen +Patents der Regierung Georg's I. entgegensetzten. + +Es kann nicht bestritten werden, daß Jakob, indem er so aus eigner +Machtvollkommenheit die Bedingungen aller Contracte im ganzen +Königreiche umstürzte, sich eine Befugniß anmaßte, welche nur der +gesammten Legislatur zukam. Dennoch remonstrirten die Gemeinen +nicht dagegen. Es gab keine Befugniß, mochte sie auch noch so +verfassungswidrig sein, die sie ihm nicht zuzugestehen bereit waren, +so lange er sie zur Mißhandlung und Ausplünderung der englischen +Bevölkerung anwendete. Dagegen respectirten sie keine auch noch so +alte, noch so gesetzliche und noch so heilsame Prärogative, wenn sie +besorgten, daß er sich derselben bedienen könnte, um die verabscheute +Race zu beschützen. Sie ruhten nicht eher, als bis sie ihm die mit +Widerstreben ertheilte Genehmigung eines empörenden Gesetzes, eines +Gesetzes, das in der Geschichte der civilisirten Länder seines Gleichen +nicht hat, der großen Verurtheilungsacte (+Bill of attainder+) erpreßt +hatten. + + [Anmerkung 116: +King, III. 11+; +Brief Memoirs by Haynes, Assay + Master of the Mint+, unter den Lansdownmanuscripten im britischen + Museum, Nr. 801. Ich habe mehrere solche Münzen gesehen. Die + Ausführung ist, in Berücksichtigung aller Umstände, überraschend + gut.] + + +[_Die große Verurtheilungsacte._] Es wurde eine Liste zusammengestellt, +welche zwischen zwei- und dreitausend Namen enthielt. An der Spitze +standen die Hälfte der Peers von Irland. Dann kamen Baronets, Ritter, +Geistliche, Squires, Kaufleute, Landwirthe, Handwerker, Frauen und +Kinder. Eine Untersuchung fand nicht statt. Jedes Mitglied, das sich +eines Gläubigers, eines Nebenbuhlers, eines Privatfeindes entledigen +wollte, gab dem Sekretär den Namen an, und er wurde in der Regel ohne +Discussion in die Liste eingetragen. Die einzige Debatte, von der eine +Nachricht auf uns gekommen ist, bezog sich auf den Earl von Strafford. +Er hatte Freunde im Hause, die es wagten, etwas zu seinen Gunsten +anzuführen. Doch wenige Worte aus dem Munde Simon Luttrell's entschieden +die Sache. »Ich habe,« sagte er, »den König einige harte Äußerungen über +diesen Lord thun hören.« Dies wurde für genügend erachtet, und der Name +Strafford nimmt in der langen Liste der Proscribirten die fünfte Stelle +ein.[117] + +Es wurden bestimmte Tage festgesetzt, bis zu welchen Diejenigen, deren +Namen auf der Liste standen, sich einer Justiz stellen mußten, wie sie +damals gegen die englischen Protestanten in Dublin ausgeübt wurde. +Befand sich die proscribirte Person in Irland, so mußte sie sich am 10. +August stellen. War sie seit dem 5. November 1688 von Irland abwesend, +so mußte sie sich am 1. September stellen. Hatte sie Irland vor dem 5. +November 1688 verlassen, so mußte sie sich am 1. October stellen. +Erschien sie an dem festgesetzten Tage nicht, so sollte sie ohne Prozeß +aufgehängt, geschleift und geviertheilt und ihr Vermögen confiscirt +werden. Es konnte einem Proscribirten physisch unmöglich sein, sich bis +zu der durch die Acte festgesetzten Zeit zu stellen. Er konnte +bettlägerig sein, er konnte sich in Westindien aufhalten oder er konnte +im Gefängniß sitzen. Solche Fälle waren in der That notorisch vorhanden. +Unter den verurtheilten Lords befand sich auch Mountjoy. Er war durch +Tyrconnel's Niederträchtigkeit bewogen worden, vertrauensvoll nach +Saint-Germains zu gehen, war in die Bastille geworfen worden, wo er noch +saß, und das irische Parlament schämte sich nicht zu verfügen, daß, wenn +er nicht binnen wenigen Wochen aus seiner Zelle entkommen und sich in +Dublin stellen könne, er hingerichtet werden solle.[118] + +Da man nicht einmal vorgab, daß die Schuld der so Geächteten untersucht +worden sei, da nicht ein Einziger unter ihnen zu seiner Vertheidigung +angehört worden war, und da es ausgemacht war, daß es Vielen physisch +unmöglich sein würde, rechtzeitig zu erscheinen, so lag es auf der Hand, +daß nur eine umfassende Ausübung des königlichen Begnadigungsrechts die +Verübung von so haarsträubenden Ungerechtigkeiten verhüten konnte, die +selbst in der traurigen Geschichte der irländischen Wirren ohne Beispiel +dastehen. Daher beschlossen die Gemeinen, daß das königliche +Begnadigungsrecht beschränkt werden solle. Es wurden verschiedene +Formalitäten ersonnen, welche die Erlangung von Begnadigungen erschweren +und kostspielig machen sollten, und schließlich wurde verordnet, daß +jede Begnadigung, die Se. Majestät nach dem letzten November 1689 irgend +einer der vielen Hundert ohne Prozeß zum Tode verurtheilten Personen zu +Theil werden ließe, durchaus ungültig und wirkungslos sein sollte. Sir +Richard Nagle erschien im Ornate vor den Lords und überreichte die Bill +mit einer der Gelegenheit würdigen Rede. »Viele von den hier +Proscribirten,« sagte er, »sind durch uns genügende Beweise als +Verräther überführt. In Betreff der Anderen haben wir den allgemeinen +Ruf, in dem sie stehen, für maßgebend erachtet.«[119] Die Liste war mit +so rücksichtsloser Barbarei zusammengestellt, daß selbst fanatische +Royalisten, die zu der nämlichen Zeit ihr Vermögen, ihre Freiheit und +ihr Leben für Jakob auf's Spiel setzten, nicht sicher vor der +Proscription waren. Der gelehrteste Mann, dessen die jakobitische Partei +sich rühmen konnte, war Heinrich Dodwell, Camdenianischer Professor an +der Universität Oxford. In der Vertheidigung der erblichen Monarchie +scheute er kein Opfer und keine Gefahr. Mit Bezug auf ihn sprach Wilhelm +die denkwürdigen Worte aus: »Er hat sich vorgenommen ein Märtyrer zu +werden, und ich habe mir vorgenommen, sein Vorhaben zu vereiteln.« Aber +Jakob war gegen Freunde grausamer als Wilhelm gegen Feinde. Dodwell war +Protestant und besaß etwas Grundeigenthum in Connaught; diese Verbrechen +waren hinreichend, um ihn in die lange Liste Derer aufzunehmen, welche +zum Galgen und zum Viertheilen verurtheilt waren.[120] + +Daß Jakob seine Zustimmung zu einer Bill geben werde, die ihm das +Begnadigungsrecht entzog, hielten viele Leute für unmöglich. Er war vier +Jahre früher lieber mit dem loyalsten Parlamente zerfallen, als daß er +eine Prärogative aufgegeben hätte, die ihm nicht einmal gehörte. Es ließ +sich daher wohl erwarten, daß er jetzt Alles daran setzen würde, um eine +Prärogative zu behalten, die seine Vorgänger seit dem Bestehen der +Monarchie zu allen Zeiten besessen hatten und die von den Whigs niemals +bestritten worden war. Die strenge Miene und die erhobene Stimme, womit +er die Torygentlemen zurechtgewiesen, die ihn in der Sprache der +tiefsten Ehrerbietung und der innigsten Zuneigung beschworen, sich der +Beobachtung der Gesetze nicht zu entziehen, würden jetzt an ihrem Platze +gewesen sein. Er hätte wohl sehen können, daß der rechte Weg der +weiseste war. Hätte er bei dieser hochwichtigen Gelegenheit den Muth +gehabt, zu erklären, daß er unschuldiges Blut nicht vergießen und selbst +bezüglich der Schuldigen sich des Rechts nicht entäußern wolle, die +Verurtheilungen durch Gnade zu mildern, so würde er in England mehr +Herzen gewonnen haben, als er in Irland verloren hätte. Aber sein +Unstern wollte jederzeit, daß er widerstand, wo er hätte nachgeben +sollen, und daß er nachgab, wo er hätte widerstehen sollen. Das +abscheulichste aller Gesetze erhielt seine Sanction, und seine Schuld +wird nur sehr wenig dadurch gemildert, daß er diese Sanction mit einigem +Widerstreben gab. + +Damit nichts fehlen möchte, um dieses große Verbrechen vollkommen zu +machen, war man sorgfältig darauf bedacht zu verhüten, daß die +verurtheilten Personen ihre Verurtheilung früher als nach Ablauf der in +der Acte festgesetzten Gnadenfrist erfuhren. Die Liste der Namen wurde +nicht veröffentlicht, sondern in Fitton's Cabinet sorgfältig +verschlossen gehalten. Einige Protestanten, die es noch mit Jakob +hielten, aber gern wissen wollten, ob einer ihrer Freunde oder +Verwandten proscribirt war, gaben sich alle mögliche Mühe, um Einsicht +in die Liste zu erlangen; aber Bitten, Vorstellungen und selbst +Bestechungen waren erfolglos. Nicht ein einziges Exemplar kam ins +Publikum, bis es für die Tausende, welche ohne Prozeß verurtheilt waren, +zu spät war, Begnadigung zu erlangen.[121] + + [Anmerkung 117: +King III. 12.+] + + [Anmerkung 118: +An Act for the Attainder of divers Rebels and for + preserving the Interest of loyal Subjects, London 1690.+] + + [Anmerkung 119: +King III. 13.+] + + [Anmerkung 120: Sein Name steht in der ersten Columne auf Seite 30 + derjenigen Ausgabe der Liste, welche am 26. März 1690 die + Druckerlaubniß erhielt. Ich hatte geglaubt, der Proscribirte müsse + ein andrer Heinrich Dodwell gewesen sein. Aber Bischof Kennet's + zweiter Brief an den Bischof von Carlisle vom Jahre 1716 hebt + jeden Zweifel über diesen Gegenstand.] + + [Anmerkung 121: +A list of most of the Names of the Nobility, + Gentry and Commonalty of England and Ireland (amongst whom are + several Women and Children) who are all, by an Act of a Pretended + Parliament assembled in Dublin, attainted of High Treason, 1699+; + +An Account of the Transactions of the late King James in Ireland, + 1690+; +King, III. 13+; +Memoirs of Ireland 1716+.] + + +[_Jakob prorogirt sein Parlament._] Gegen Ende des Monats Juli +prorogirte Jakob die beiden Häuser. Sie waren aber zehn Wochen +versammelt gewesen, und während dieses Zeitraums hatten sie auf das +Vollständigste bewiesen, daß, so groß auch die Übel gewesen sind, welche +das Übergewicht der Protestanten in Irland hervorgerufen, die durch das +Übergewicht der Papisten erzeugten Übel noch größer gewesen sein würden. +Daß die Colonisten, als sie den Sieg errungen hatten, ihn gröblich +mißbrauchten und daß ihre Gesetzgebung viele Jahre lang ungerecht und +tyrannisch war, ist sehr wahr. Aber nicht minder wahr ist es, daß sie +das entsetzliche Beispiel, das ihr besiegter Feind während des kurzen +Zeitraums gab, wo er im Besitz der Macht war, nie ganz erreichten. + + +[_Verfolgung der Protestanten in Irland._] In der That, während Jakob +sich laut rühmte, ein Gesetz erlassen zu haben, das allen +Religionsgesellschaften völlige Gewissensfreiheit gewährte, wüthete in +allen Provinzen, die seine Autorität anerkannten, eine eben so grausame +Verfolgung wie die im Languedoc. Diejenigen, welche eine Entschuldigung +für ihn zu finden wünschten, sagten, daß fast alle Protestanten, die +sich noch in Munster, Connaught und Leinster aufhielten, seine Feinde +seien und daß er sie nicht als Schismatiker, sondern als Rebellen von +Gesinnung, denen es nur an einer Gelegenheit fehlte, Rebellen der That +zu werden, der Unterdrückung und Beraubung preis gebe, und dieser +Entschuldigung hätte man einiges Gewicht zugestehen können, wenn er sich +ernstlich bemüht hätte, die wenigen Colonisten zu beschützen, welche +zwar dem reformirten Glauben treu anhingen, aber doch noch immer an den +Lehren vom Nichtwiderstande und von dem unveräußerlichen Erbrechte +festhielten. Aber selbst diese ergebenen Royalisten sollten erfahren, +daß ihre Ketzerei in seinen Augen ein Verbrechen war, das durch keine +Dienste und durch keine Opfer gesühnt werden konnte. Einige Cavaliere, +Mitglieder der anglikanischen Kirche, die ihn in Irland willkommen +geheißen und in seinem Parlamente gesessen hatten, stellten ihm vor, +daß, wenn die Verordnung, welche jedem Protestanten den Besitz irgend +einer Waffe verbot, streng durchgeführt werden sollte, ihre Landhäuser +den Rapparees preisgegeben sein würden, und erlangten von ihm die +Erlaubniß, soviel Waffen behalten zu dürften, als sie für einige Diener +brauchten. Allein Avaux machte Gegenvorstellungen. Die Erlaubniß, sagte +er, werde gröblich gemißbraucht, man dürfe diesen protestantischen Lords +nicht trauen, sie verwandelten ihre Häuser in Festungen, und Se. +Majestät werde bald Ursache haben, seine Güte zu bereuen. Diese +Vorstellungen gewannen die Oberhand und es wurden katholische Truppen in +den verdächtigen Wohnungen einquartiert.[122] + +Noch härter war das Loos derjenigen protestantischen Geistlichen, welche +mit verzweifelter Treue der Sache des Gesalbten des Herrn anhingen. Von +allen anglikanischen Geistlichen scheint Cartwright derjenige gewesen zu +sein, der sich der Gewogenheit Jakob's im bedeutendsten Maße erfreute. +Ob Cartwright lange hätte ein Günstling bleiben können, ohne Apostat zu +werden, steht zu bezweifeln. Er starb wenige Wochen nach seiner Ankunft +in Irland, und von diesem Augenblicke an besaß seine Kirche keinen +Verfechter ihrer Sache mehr. Indessen fuhren einige von ihren Prälaten +und Priestern noch fort diejenigen Lehren zu predigen, die sie in den +Tagen der Ausschließungsbill gepredigt hatten. Aber sie verrichteten +ihre Functionen mit Gefahr ihres Lebens oder ihrer Glieder. Jeder, der +einen Priesterrock trug, war eine Zielscheibe für die Beleidigungen und +Gewaltthätigkeiten der Soldaten und Rapparees. In der Provinz wurde sein +Haus geplündert, und er konnte von Glück sagen, wenn es ihm nicht über +dem Kopfe angezündet wurde. In den Straßen von Dublin wurde er mit dem +Rufe verfolgt: »Da geht so ein Teufel von Ketzer!« Bald wurde er zu +Boden geschlagen, bald mit Stockprügeln regalirt.[123] Die Vorsteher der +Universität zu Dublin, welche in der anglikanischen Lehre vom passiven +Gehorsam erzogen waren, hatten Jakob bei seiner ersten Ankunft im +Schlosse begrüßt und von ihm die Zusicherung erhalten, daß er sie im +Genusse ihres Eigenthums und ihrer Vorrechte schützen werde. Sie wurden +jetzt, ohne Prozeß, ohne Anklage, aus ihrem Hause geworfen. Die +Communiongeräthe der Kapelle, die Bücher der Bibliothek, ja selbst die +Stühle und Betten der Collegiaten wurden weggenommen. Ein Theil des +Gebäudes wurde in ein Magazin, ein andrer in eine Kaserne, ein dritter +in ein Gefängniß verwandelt. Simon Luttrell, welcher Gouverneur der +Hauptstadt war, wurde mit großer Mühe und nur durch mächtige Fürsprache +bewogen, die vertriebenen Fellows und Studenten ungehindert abziehen +zu lassen. Er gestattete ihnen endlich in Freiheit zu bleiben unter +der Bedingung, daß bei Todesstrafe nicht drei von ihnen sich +versammelten.[124] Kein protestantischer Geistlicher wurde härter +betroffen als Doctor Wilhelm King, Dechant zu St. Patrick. Er hatte sich +seit langer Zeit durch die glühende Begeisterung ausgezeichnet, mit der +er die Pflicht des passiven Gehorsams selbst gegen die schlechtesten +Regenten eingeschärft. Zu einer späteren Zeit, als er eine Vertheidigung +der Revolution geschrieben und von der neuen Regierung eine Mitra +angenommen hatte, erinnerte man ihn daran, daß er die göttliche Rache +auf die Usurpatoren herabgerufen und erklärt hatte, lieber hundert Mal +den Tod erleiden zu wollen, ehe er der Sache des erblichen Rechts untreu +würde. Er hatte gesagt, daß die wahre Religion wohl oft durch Verfolgung +gekräftigt worden sei, aber nie durch Rebellion gekräftigt werden könne, +daß der Tag, an welchem ein ganzer Karren voll von Geistlichen der +Kirche von England für die Lehre vom Nichtwiderstande zum Galgen ginge, +ein glorreicher Tag für diese Kirche sein würde, und daß es sein +höchster Ehrgeiz sei, zu einer solchen Gesellschaft zu gehören.[125] Es +ist nicht unwahrscheinlich, daß er, als er dies sagte, auch dachte wie +er sprach. Aber wenn auch seine Grundsätze vielleicht gegen die Strenge +und die Versprechungen Wilhelm's Stand gehalten haben würden, gegen +Jakob's Undankbarkeit waren sie nicht probefest. Die menschliche Natur +machte endlich ihre Rechte geltend. Nachdem King von der Regierung, +deren fester Anhänger er war, zu wiederholten Malen ins Gefängniß +geworfen, nachdem er in seiner eignen Kirche von den Soldaten insultirt +und bedroht, nachdem ihm untersagt worden, auf seinem Kirchhofe zu +begraben und auf seiner Kanzel zu predigen, nachdem er einem auf der +Straße gegen ihn abgefeuerten Flintenschusse kaum mit dem Leben +entronnen war, fing er an, die whiggistische Regierungstheorie für +weniger unvernünftig und unchristlich zu halten, als sie ihm früher +vorgekommen war, und er überredete sich, daß die unterdrückte Kirche mit +Fug und Recht die Befreiung annehmen dürfe, wenn es Gott gefiele, ihr +solche, gleichviel durch welche Mittel, zu senden. + + [Anmerkung 122: Avaux, 27. Juli (6. August) 1689.] + + [Anmerkung 123: +King's State of the Protestants in Ireland, III. + 19.+] + + [Anmerkung 124: +King's State of the Protestants in Ireland, III. + 15.+] + + [Anmerkung 125: +Leslie's Answer to King.+] + + +[_Wirkung der aus Irland kommenden Nachrichten in England._] Es zeigte +sich bald, daß Jakob wohlgethan haben würde, wenn er auf diejenigen +Rathgeber gehört hätte, die ihm gesagt hatten, die Maßregeln, durch +welche er sich in einem seiner drei Königreiche beliebt zu machen +versuchte, würden ihn in den anderen verhaßt machen. Es war in mancher +Hinsicht ein Glück für England, daß er, nachdem er aufgehört hatte, +daselbst zu regieren, noch über ein Jahr in Irland regierte. Auf die +Revolution war ein Umschwung der öffentlichen Meinung zu seinen Gunsten +gefolgt. Hätte diese Reaction ihren ungestörten Fortgang genommen, so +würde sie vielleicht angehalten haben, bis er wieder König war; aber sie +wurde durch ihn selbst gewaltsam unterbrochen. Er wollte sein Volk +nichts vergessen und nichts hoffen lassen; während es sich bemühte, +Entschuldigungen für seine vergangenen Fehler aufzufinden, und sich +einzureden suchte, daß er nicht wieder in diese Fehler verfallen werde, +zwang er den Leuten gegen ihren Willen die Überzeugung auf, daß er +unverbesserlich sei, daß die härtesten Strafen des Mißgeschicks ihn +nichts gelehrt, und daß, wenn sie schwach genug sein sollten, ihn +zurückzurufen, sie ihn bald wieder würden absetzen müssen. Umsonst +schrieben die Jakobiten Pamphlets über die Grausamkeit, mit der er von +seinen nächsten Blutsverwandten behandelt worden sei, über den +herrschsüchtigen Character und die schroffen Manieren Wilhelm's, über +die den Holländern zu Theil gewordenen Begünstigungen, über die +drückenden Abgaben, über die Suspension der Habeas-Corpusacte und über +die Gefahren, welche der Kirche von Seiten der Feindschaft der Puritaner +und der Latitudinarier drohten. Jakob widerlegte diese Pamphlete viel +wirksamer als die gewandtesten und beredtesten whiggistischen +Schriftsteller zusammengenommen es vermocht haben würden. Jede Woche kam +die Nachricht, daß er eine neue Acte zur Beraubung oder Ermordung der +Protestanten erlassen hatte. Jeder Colonist, dem es gelang, von Leinster +über das Meer nach Holyhead oder Bristol zu entkommen, brachte +entsetzliche Berichte mit von der Tyrannei, unter der seine +Glaubensbrüder seufzten. Welchen Eindruck diese Berichte auf die +Protestanten unsrer Insel machten, kann man leicht aus der Thatsache +schließen, daß sie den Unwillen Ronquillo's, eines Spaniers und bigotten +Mitgliedes der römischen Kirche, erregten. Er schrieb seinem Hofe, daß, +obwohl die englischen Gesetze gegen den Papismus streng erscheinen +möchten, sie doch durch die Besonnenheit und Humanität der Regierung so +sehr gemildert würden, daß sie ruhigen Leuten nicht lästig fielen, und +er versicherte dem heiligen Stuhle, daß die Leiden eines Katholiken in +London nichts seien im Vergleich zu den Leiden eines Protestanten in +Irland.[126] + +Die englischen Flüchtlinge fanden in England herzliche Theilnahme und +freigebige Unterstützung. Viele wurden in den Häusern von Freunden oder +Verwandten aufgenommen; viele Andere aber verdankten die Mittel zu ihrem +Unterhalt der Freigebigkeit von Fremden. Unter Denen, die sich an diesem +Werke der Barmherzigkeit betheiligten, trug Niemand in reicherem Maße +und mit weniger Ostentation dazu bei als die Königin. Das Haus der +Gemeinen stellte dem Könige funfzehntausend Pfund zur Unterstützung +derjenigen Flüchtlinge zur Verfügung, die derselben am dringendsten +bedurften, und ersuchte ihn, den zum Militärdienste Befähigten +Offizierspatente in der Armee zu geben.[127] Auch wurde eine Acte +erlassen, welche bepfründete Geistliche, die aus Irland entflohen waren, +zur Anstellung in England befähigt erklärte.[128] Doch die Theilnahme, +welche die Nation diesen unglücklichen Gästen schenkte, war lau im +Vergleich zu der Theilnahme, welche derjenige Theil der sächsischen +Colonie erweckte, der in Ulster noch immer einen verzweifelten Kampf +gegen eine erdrückende Übermacht unterhielt. Über diesen Gegenstand ließ +sich auf unsrer Insel kaum eine einzige abweichende Stimme vernehmen. +Whigs und Tories, ja selbst diejenigen Jakobiten, in denen der +Jakobitismus noch nicht alles patriotische Gefühl erstickt hatte, +priesen den Ruhm von Enniskillen und Londonderry. Das ganze Haus der +Gemeinen war eines Sinnes. »Es ist jetzt nicht Zeit, die Kosten zu +berechnen,« sagte der wackere Birch, der sich noch sehr wohl der Art der +Kriegführung Olivers gegen die Irländer erinnerte. »Sollen wir diese +braven Leute in Londonderry im Stich lassen? Wird nicht die ganze Welt +Schimpf und Schande über uns rufen, wenn wir sie dem Untergange preis +geben? Man hat die Einfahrt in den Fluß versperrt! Warum haben wir den +Sperrbaum nicht längst zertrümmert? Sollen unsere Brüder fast angesichts +England's, wenige Stunden Wegs von unseren Küsten umkommen?«[129] Howe, +der Heftigste der einen Partei, erklärte, daß die Herzen des Volks für +Irland schlügen. Seymour, das Haupt der andren Partei, erklärte, daß, +obwohl er an der Einsetzung der neuen Regierung nicht Theil genommen, +er sie von Herzen gern in Allem, was zur Erhaltung Irland's für nöthig +erachtet werden möchte, unterstützen werde.[130] Die Gemeinen ernannten +einen Ausschuß, der die Ursache der Verzögerungen und Fehlgriffe +untersuchen sollte, welche den englischen Bewohnern von Ulster fast zum +Verderben gereicht hätten. Die Offiziere, deren Verrätherei oder +Feigheit das Publikum die Calamitäten Londonderry's zuschrieb, wurden +gefänglich eingezogen. Lundy wurde in den Tower, Cunningham in das Gate +House geschickt. Die öffentliche Aufregung wurde einigermaßen +beschwichtigt durch die Ankündigung, daß noch vor Ablauf des Sommers +eine Armee von hinreichender Stärke, um das englische Übergewicht +wiederherzustellen, über den St. Georgskanal geschickt und daß Schomberg +das Commando erhalten sollte. Vor der Hand wurde ein Armeecorps, das man +zum Entsatz von Londonderry für genügend hielt, unter Kirke's Commando +von Liverpool abgesandt. Die finstre Hartnäckigkeit, mit der dieser +Mann, trotz königlicher Bitten, an seinem Glauben festgehalten, und der +Antheil, den er an der Revolution genommen, hatten ihm vielleicht +Anspruch auf eine Amnestie für frühere Verbrechen verschafft. Aber es +ist schwer zu begreifen, warum die Regierung zu einem Posten von +höchster Wichtigkeit einen Offizier wählte, der allgemein und mit Recht +verhaßt war, der nie ein eminentes Feldherrntalent gezeigt und der, in +Afrika sowohl wie in England, unter seinen Soldaten erwiesenermaßen eine +nicht nur die Humanität empörende, sondern auch mit der Disciplin +unverträgliche Zügellosigkeit geduldet hatte. + + [Anmerkung 126: +»En comparazion de lo que se hace in Irlanda con + los Protestantes, es nada.«+ 29. April (9. Mai) 1689. -- +»Para + que vea Su Santitad que aqui estan los Catolicos mas benignamente + tratados que les Protestantes in Irlanda.«+ 19.(29.) Juni.] + + [Anmerkung 127: +Commons' Journals, June 15. 1689.+] + + [Anmerkung 128: +Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 29.+] + + [Anmerkung 129: +Grey's Debates, June 19. 1689.+] + + [Anmerkung 130: +Ibid. June 22. 1689.+] + + +[_Thaten der Enniskillener._] Am 16. Mai wurden Kirke's Truppen +eingeschifft, und am 20. gingen sie unter Segel; aber widrige Winde +verzögerten die Überfahrt und zwangen das Geschwader, lange vor der +Insel Man liegen zu bleiben. Unterdessen vertheidigten sich die +Protestanten von Ulster mit unerschütterlichem Muthe gegen eine große +Übermacht. Die Enniskillener hatten nicht aufgehört, einen energischen +Parteikrieg gegen die eingeborne Bevölkerung zu führen. Anfangs Mai +marschirten sie einem starken Truppencorps aus Connaught entgegen, das +in Donegal eingefallen war. Die Irländer wurden bald geschlagen und +flohen mit einem Verlust von hundertzwanzig Todten und sechzig +Gefangenen nach Sligo. Zwei kleine Geschütze und mehrere Pferde fielen +den Siegern in die Hände. Durch diesen Sieg ermuthigt, fielen die +Enniskillener bald darauf in die Grafschaft Cavan ein, trieben +funfzehnhundert Mann von Jakob's Truppen vor sich her, nahmen und +zerstörten das Schloß Ballincarrig, das für das festeste in diesem +Theile des Königreichs galt, und nahmen die Piken und Gewehre der +Besatzung mit sich. Der nächste Einfall erfolgte in Meath. Hier wurden +dreitausend Rinder und zweitausend Schafe mit fortgeführt und auf der +kleinen Insel des Ernesees in Sicherheit gebracht. Diese kühnen Thaten +verbreiteten Schrecken bis vor die Thore Dublin's. Der Oberst Hugo +Sutherland erhielt Befehl, mit einem Regiment Dragonern und zwei +Regimentern Infanterie gegen Enniskillen zu marschiren. Er nahm Waffen +für das eingeborne Landvolk mit und Viele schlossen sich seiner Fahne +an. Die Enniskillener marschirten ihm entgegen. Er nahm jedoch keine +Schlacht an, sondern zog sich zurück und ließ seine Vorräthe unter der +Obhut eines Detachements von dreihundert Soldaten in Belturbet. Die +Protestanten griffen Belturbet kräftig an, besetzten ein hochgelegenes +Haus, das die Stadt beherrschte, und eröffneten von hier aus ein so +wirksames Feuer, daß nach Verlauf von zwei Stunden die Besatzung sich +ergab. Siebenhundert Flinten, eine bedeutende Quantität Schießpulver, +eine Menge Pferde, viele Säcke Zwieback und viele Fässer Mehl wurden +erbeutet und nach Enniskillen geschickt. Die Böte, welche diese +werthvolle Beute brachten, wurden freudig bewillkommnet. Die Besorgniß +vor einer Hungersnoth war dadurch beseitigt. Während die eingeborne +Bevölkerung in vielen Grafschaften, wahrscheinlich in der Erwartung, daß +sich das Maraudiren als eine unerschöpfliche Hilfsquelle erweisen werde, +die Bodencultur völlig vernachlässigte, hatten die Colonisten, treu dem +vorsorgenden und betriebsamen Character ihres Stammes, mitten im Kriege +nicht versäumt, den Boden in der Umgebung ihrer Besten sorgfältig zu +bebauen. Die Ernte war jetzt nicht mehr fern und bis zur Ernte reichten +die dem Feinde abgenommenen Lebensmittel vollkommen aus.[131] + + [Anmerkung 131: +Hamilton's True Relation+; +Mac Cormick's Further + Account+. Von der Insel im Allgemeinen sagt Avaux: +»On n'attend + rien de cette recolte cy, les paysans ayant presque tous pris les + armes.«+ -- Brief an Louvois vom 19.(29.) März 1689.] + + +[_Noth in Londonderry._] Doch inmitten des Sieges und des Überflusses +wurden die Enniskillener von ängstlicher Besorgniß um Londonderry +gequält. Sie waren mit den Vertheidigern dieser Stadt nicht allein durch +religiöse und nationale Sympathie, sondern auch durch ein gemeinsames +Interesse verbunden. Denn es konnte keinem Zweifel unterliegen, daß, +wenn Londonderry fiel, die ganze irische Armee augenblicklich mit +unwiderstehlicher Macht gegen den Ernesee vorrücken würde. Doch was +konnte man thun? Einige tapfere Männer waren dafür, einen verzweifelten +Versuch zum Entsatz der belagerten Stadt zu machen; aber die Übermacht +war zu groß. Es wurden indessen Detachements abgesandt, welche die +Nachhut des Belagerungsheeres beunruhigten, die Zufuhren abschnitten und +einmal die Pferde von drei ganzen Reitertrupps wegnahmen.[132] Die +Postenkette aber, welche Londonderry auf der Landseite einschloß, war +noch nicht durchbrochen, und auch der Fluß war noch immer versperrt und +sorgfältig bewacht. In der Stadt war die Noth auf's höchste gestiegen. +Schon am 8. Juni war fast kein andres Fleisch mehr zu haben als +Pferdefleisch und selbst davon war der Vorrath nur gering. Dem Mangel +mußte mit Talg abgeholfen werden, und auch dieser wurde mit karger Hand +vertheilt. + + [Anmerkung 132: +Hamilton's True Account.+] + + +[_Ankunft des Expeditionscorps unter Kirke im Foylesee._] Am 15. Juni +zeigte sich ein Schimmer von Hoffnung. Die Schildwachen auf dem Thurme +der Kathedrale erblickten in einer Entfernung von neun Meilen Segel in +der Bucht des Foylesees. Man zählte dreißig Fahrzeuge verschiedener +Größe. Man gab auf den Thürmen Signale, welche von den Mastspitzen +erwiedert, aber auf beiden Seiten nur unvollkommen verstanden wurden. +Endlich umging ein Bote von der Flotte die irischen Schildwachen, +schwamm unter dem Sperrbaum hindurch, und benachrichtigte die Besatzung, +daß Kirke mit Truppen, Waffen, Munition und Lebensmitteln zum Entsatz +der Stadt aus England angelangt sei.[133] + +Mit der ängstlichsten Spannung harrte man in Londonderry der kommenden +Dinge; aber auf wenige Stunden fieberhafter Freude folgten Wochen des +größten Elends. Kirke hielt es nicht für gerathen, weder zu Lande noch +zu Wasser einen Angriff auf die feindlichen Linien zu unternehmen und +zog sich an die Einfahrt des Foylesees zurück, wo er mehrere Wochen +unthätig vor Anker lag. + +Jetzt steigerte sich die Hungersnoth mit jedem Tage. Alle Häuser der +Stadt wurden auf das Genaueste durchsucht, und einige Lebensmittel, +welche von Leuten, die seitdem gestorben oder geflüchtet, in den Kellern +verborgen worden waren, wurden entdeckt und in die Magazine geschafft. +Der Vorrath von Kanonenkugeln war fast erschöpft, und man bediente sich +anstatt derselben schon mit Blei überzogener Backsteine. Krankheiten +stellten sich, wie immer, im Gefolge des Hungers ein. An einem Tage +starben funfzehn Offiziere am Fieber und der Gouverneur Baker selbst +gehörte zu Denen, die der Krankheit erlagen. Seine Stelle wurde durch +den Obersten Johann Mitchelburne ersetzt.[134] + +Inzwischen wurde es in Dublin bekannt, daß Kirke mit seinem Geschwader +an der Küste von Ulster lag. Die Bestürzung war groß im Schlosse. Schon +vor dem Eintreffen dieser Nachricht hatte Avaux sich dahin +ausgesprochen, daß Richard Hamilton den Schwierigkeiten der Situation +nicht gewachsen sei. Es war daher beschlossen worden, daß Rosen den +Oberbefehl übernehmen sollte, und er war unverzüglich nach dem +Kriegsschauplatze abgegangen.[135] + + [Anmerkung 133: Walker.] + + [Anmerkung 134: Walker und Mackenzie.] + + [Anmerkung 135: Avaux, 16.(26.) Juni 1689.] + + +[_Grausamkeit Rosen's._] Am 19. Juni kam er im Hauptquartier des +Belagerungsheeres an. Zuerst versuchte er die Wälle zu unterminiren; +aber sein Vorhaben wurde entdeckt und er gezwungen, es nach einem +hitzigen Gefecht, in welchem über hundert seiner Leute fielen, wieder +aufzugeben. Jetzt stieg seine Wuth auf eine unglaubliche Höhe. Er, ein +alter Soldat, ein zukünftiger Marschall von Frankreich, in der Schule +der größten Generäle erzogen und seit vielen Jahren an eine +kunstgerechte Kriegführung gewöhnt, sollte sich von einem Hausen von +Landjunkern, Pächtern und Krämern beschämen lassen, welche nur durch +einen Wall geschützt waren, den jeder gute Ingenieur auf den ersten +Blick für unhaltbar erklären mußte! Er tobte und fluchte in einer nur +ihm eigenen Sprache, zusammengesetzt aus allen Dialecten, welche vom +baltischen bis zum atlantischen Meere gesprochen wurden. Er wollte die +Stadt der Erde gleich machen, kein lebendes Wesen sollte geschont +werden, nichts, selbst die Mädchen und Säuglinge nicht. Für die Anführer +sei der Tod eine zu milde Strafe, die sollten gefoltert und lebendig +gebraten werden. In seiner Wuth ließ er eine Bombe mit einem Schreiben, +das eine furchtbare Drohung enthielt, in die Stadt werfen. Er sagte +darin, er werde alle Protestanten, welche zwischen Charlemont und dem +Meere auf ihren Wohnsitzen geblieben wären, Greise, Frauen und Kinder, +von denen viele durch Bande des Blutes und der Freundschaft den +Vertheidigern von Londonderry nahe standen, zu einem Haufen +zusammentreiben. Kein Schutz, von welcher Autorität er auch ausgehen +möge, solle respectirt werden. Die so zusammengeholte Menge solle unter +die Mauern von Londonderry getrieben und hier angesichts ihrer +Landsleute, ihrer Freunde und ihrer Verwandten, dem Hungertode preis +gegeben werden. Dies war keine leere Drohung. Es wurden sofort nach +allen Richtungen hin Truppenabtheilungen entsendet, um Schlachtopfer +herbeizuholen. Am Morgen des 2. Juli bei Tagesanbruch wurden Hunderte +von Protestanten, welche keines Vergehens beschuldigt, welche unfähig +waren Waffen zu tragen und von denen viele Schutzbriefe besaßen, welche +Jakob selbst ihnen gewährt hatte, vor die Thore der Stadt geschleppt. +Man hoffte, der jammervolle Anblick werde den Muth der Colonisten +brechen; aber er brachte keine andre Wirkung hervor, als daß er ihren +Muth zu noch größerer Energie aufstachelte. Es wurde auf der Stelle ein +Tagesbefehl erlassen, daß Niemand, bei Todesstrafe, das Wort Übergabe +aussprechen solle, und Keiner sprach dieses Wort aus. Es befanden sich +mehrere Gefangene hohen Ranges in der Stadt. Sie waren bis dahin gut +behandelt worden und hatten die nämlichen Rationen erhalten, wie die +Besatzung. Jetzt wurden sie in strenge Haft gebracht. Auf einer der +Bastionen wurde ein Galgen errichtet und an Rosen ein Schreiben gesandt, +das ihn aufforderte, sogleich einen Beichtvater in die Stadt zu +schicken, der seine Freunde zum Tode vorbereiten sollte. Die Gefangenen +schrieben ihrerseits in großer Angst an den wilden Liefländer, erhielten +aber keine Antwort. Hierauf wendeten sie sich an ihren Landsmann, +Richard Hamilton. Sie seien bereit, sagten sie, für ihren König ihr Blut +zu vergießen, aber es scheine ihnen hart, in Folge der Barbarei ihrer +eigenen Waffengefährten den schimpflichen Tod der Diebe zu sterben. +Hamilton war, obwohl ein Mann von laxen Grundsätzen, nicht grausam. +Rosen's Unmenschlichkeit hatte seinen tiefen Abscheu erregt, da er aber +nur der Zweite im Commando war, so durfte er es nicht wagen, Alles offen +auszusprechen was er dachte. Er machte jedoch energische Vorstellungen. +Einige irische Offiziere fühlten bei dieser Gelegenheit wie es braven +Männern ziemte, und erklärten unter Thränen des Mitleids und Unwillens, +daß sie zeitlebens das Geschrei der unglücklichen Frauen und Kinder +hören würden, welche mit der Lanzenspitze herbeigetrieben worden waren, +um zwischen dem Lager und der Stadt Hungers zu sterben. Rosen beharrte +zweimalvierundzwanzig Stunden in seinem Plane, viele unglückliche +Geschöpfe kamen in dieser Zeit um; aber Londonderry hielt sich so tapfer +als je, und er sah ein, daß sein Verbrechen nur Haß und Schmähungen +erzeugen werde. So gab er endlich nach und ließ die noch Lebenden wieder +abziehen. Die Besatzung entfernte in Folge dessen alsbald den Galgen, +der auf der Bastion errichtet worden war.[136] + +Als die Nachricht von diesen Vorgängen nach Dublin gelangte, entsetzte +sich Jakob, obwohl durchaus nicht zum Mitleid geneigt, über eine +Grausamkeit, von der die Bürgerkriege England's noch kein Beispiel +aufzuweisen hatten, und vernahm mit großem Mißfallen, daß von ihm +gewährte und mit seinem Ehrenwort verbürgte Schutzbriefe öffentlich für +null und nichtig erklärt worden waren. Er beklagte sich darüber gegen +den französischen Gesandten und äußerte mit einer durch die Gelegenheit +vollkommen gerechtfertigten Entrüstung, daß Rosen ein barbarischer +Moskowiter sei. Melfort konnte sich nicht enthalten hinzuzusetzen, daß, +wenn Rosen ein Engländer gewesen wäre, er gehängt worden sein würde. +Avaux begriff diese weibische Sentimentalität nicht. Seiner Ansicht nach +war durchaus nichts Verwerfliches geschehen, und es wurde ihm schwer +sich zu beherrschen, als er den König und den Sekretär einen Act +heilsamer Strenge in starken Ausdrücken tadeln hörte.[137] Der +französische Gesandte und der französische General waren einander in der +That würdig. In der äußeren Erscheinung und den Manieren war allerdings +ein großer Unterschied zwischen dem hübschen, eleganten und +feingebildeten Diplomaten, dessen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit an +den elegantesten Höfen Europa's in hohem Rufe gestanden, und dem +militärischen Abenteurer, dessen Aussehen und Stimme Alle, die mit ihm +in Berührung kamen, daran erinnerte, daß er in einem halbwilden Lande +geboren war, daß er sich vom gemeinen Soldaten emporgeschwungen hatte +und daß er einmal wegen Marodirens zum Tode verurtheilt worden war. + +Rosen wurde nach Dublin zurückberufen, und Richard Hamilton erhielt +wieder den Oberbefehl. Er versuchte mildere Mittel als die, welche +seinem Vorgänger so harten Tadel zugezogen. Keine List, keine Lüge, von +der sich erwarten ließ, daß sie die ausgehungerte Garnison entmuthigen +würde, ward gespart. Eines Tages erscholl durch das ganze irische Lager +ein allgemeines Freudengeschrei. Die Vertheidiger von Londonderry +erfuhren bald, daß die Armee Jakob's wegen des Falles von Enniskillen in +so freudiger Aufregung sei. Man sagte ihnen, daß sie nun keine Aussicht +auf Entsatz mehr hätten, und ermahnte sie durch Kapituliren ihr Leben zu +retten. Sie willigten ein zu unterhandeln. Allein sie verlangten freien +Abzug unter Waffen und in militärischer Ordnung zu Wasser oder zu Lande +nach ihrer Wahl. Für die Einhaltung dieser Bedingungen verlangten sie +Geiseln und bestanden darauf, daß diese Geiseln auf die im Foylesee +liegende Flotte gebracht werden sollten. Auf solche Bedingungen durfte +Hamilton nicht eingehen; die Gouverneurs aber wollten davon nichts +nachlassen; die Unterhandlung wurde abgebrochen und der Kampf begann von +neuem.[138] + + [Anmerkung 136: +Walker+; +Mackenzie+; +Light to die Blind, King, + III. 13+; +Leslie's Answer to King+; +Life of James, II. 366.+ Ich + muß sagen, daß King bei dieser Gelegenheit ungerecht gegen Jakob + ist.] + + [Anmerkung 137: +Leslie's Answer to King+; Avaux, 5.(15.) Juli + 1689. +»Je trouvay l'expression bien forte: mais je ne voulois + rien répondre, car le Roy s'estoit desja fort emporté.«+] + + [Anmerkung 138: Mackenzie.] + + +[_Die Hungersnoth in Londonderry steigt auf's Höchste._] So war +inzwischen der Juli weit vorgerückt und die Lage der Stadt wurde von +Stunde zu Stunde fürchterlicher. Die Einwohner waren mehr durch Hunger +und Krankheit, als durch das feindliche Feuer gelichtet worden. Doch war +dieses Feuer jetzt heftiger und anhaltender als je. Eines der Thore und +eine der Bastionen waren in Trümmer geschossen, aber die am Tage +gemachten Breschen wurden des Nachts mit rastloser Thätigkeit wieder +ausgebessert und jeder Angriff noch immer zurückgeschlagen. Aber die +kämpfende Mannschaft der Besatzung war so erschöpft, daß sie sich kaum +noch auf den Füßen halten konnte. Einige fielen im Gefecht gegen den +Feind aus bloßer Schwäche zu Boden. Es war nur noch ein ganz kleines +Quantum Getreide vorhanden, das mundvollweise vertheilt wurde. Dagegen +hatte man einen beträchtlichen Vorrath gesalzener Häute, und durch Nagen +an denselben beschwichtigte die Garnison die Qualen des Hungers. Hunde, +mit dem Blute der Gefallenen gemästet, welche unbeerdigt rings um die +Stadt lagen, waren ein Luxus, den nur Wenige bezahlen konnten. Der Preis +einer einzigen Pfote war fünf Schilling sechs Pence. Neun Pferde waren +noch am Leben, aber eben nur noch am Leben. Sie waren so abgemagert, daß +man nur wenig Fleisch von ihnen zu erhalten hoffen durfte. Man beschloß +jedoch sie zu schlachten, um sie zu verzehren. Die Leute starben so +massenhaft, daß es den Überlebenden unmöglich war, sie ordentlich zu +begraben. Es gab kaum einen Keller, in dem nicht ein Leichnam verweste. +Die Noth war so gräßlich, daß man auf die Ratten, welche in diese +grauenvollen Höhlen kamen, um zu schmausen, eifrig Jagd machte und sie +gierig verschlang. Ein im Flusse gefangener kleiner Fisch war nicht mit +Geld zu erkaufen; der einzige Preis, für den ein solcher Schatz zu +erlangen war, waren einige Händevoll Hafermehl. Der Aussatz, wie er +durch ungewohnte und ungesunde Kost erzeugt wird, machte das Leben zu +einer fortwährenden Qual. Die ganze Stadt wurde durch den Gestank +verpestet, den die Körper der Todten und Halbtodten verbreiteten. +Daß unter Leuten, welche solches Elend erduldeten, Beispiele von +Unzufriedenheit und Insubordination vorkamen, war unvermeidlich. Einmal +hatte man Walker in dem Verdachte, daß er irgendwo Lebensmittel +versteckt halte und im Geheimen schwelge, während er Andere ermahnte, +für die gute Sache muthig zu leiden. Eine genaue Durchsuchung seines +Hauses erwies seine vollkommene Unschuld; er erlangte seine Popularität +wieder, und die Garnison, mit dem Tode vor Augen, drängte sich nach der +Kathedrale, um ihn predigen zu hören, sog mit Wonne seine eindringlichen +Worte ein und verließ das Gotteshaus mit leichenhaften Gesichtern und +schwankenden Schritten, aber mit noch ungebrochenem Muthe. Es wurden +allerdings einige geheime Complotte geschmiedet; einige obscure +Verräther setzten sich mit dem Feinde in Verbindung. Aber solches +Treiben mußte sorgfältig verborgen gehalten werden, und Niemand wagte +öffentlich andere Worte als Worte des Trotzes und der hartnäckigen +Entschlossenheit auszusprechen. Selbst in dieser entsetzlichen Noth war +der allgemeine Ruf: »Keine Übergabe!« Und es fehlte nicht an Stimmen, +welche leise hinzusetzten: »Zuerst die Pferde und die Häute, dann die +Gefangenen, dann Einer den Andren!« Es wurde später halb scherzweise, +aber nicht ohne eine fürchterliche Beimischung von Ernst erzählt, daß +ein wohlbeleibter Bürger, dessen Körperumfang mit den ihn umgebenden +Skeletten seltsam contrastirte, es für rathsam hielt, sich vor den +zahlreichen Augen zu verbergen, die ihn mit cannibalischen Blicken +verfolgten, sobald er sich auf der Straße zeigte.[139] + +Die Leiden der Garnison wurden nicht wenig dadurch vermehrt, daß die +englischen Schiffe während dieser ganzen Zeit weit draußen im Foylesee +zu sehen waren. Jede Communication zwischen der Flotte und der Stadt war +fast unmöglich. Ein Taucher, der den Sperrbaum zu passiren versucht +hatte, war ertrunken. Ein Andrer wurde ergriffen und aufgehängt. Die +Signalsprache war kaum verständlich. Am 13. Juli jedoch kam ein in einen +Rockknopf genähtes Stück Papier in Walker's Hände. Es war ein Brief von +Kirke und enthielt die Zusicherung baldiger Erlösung. Aber mehr als +vierzehn Tage des größten Elends waren seitdem verstrichen, und die +Herzen auch der Sanguinischsten begannen zu verzweifeln. Keine Kunst +vermochte es einzurichten, daß die Lebensmittel noch zwei Tage +ausreichten.[140] + + [Anmerkung 139: +Walker's Account.+ »Der fette Mann in + Londonderry« wurde eine sprüchwörtliche Bezeichnung für eine + Person, deren Wohlstand den Neid und die Habgier seiner minder + glücklichen Nebenmenschen erweckte.] + + [Anmerkung 140: So lautete, nach Narcissus Luttrell, der Bericht + des Kapitains Withers, eines Offiziers, der sich später sehr + auszeichnete und auf den Pope eine Grabschrift machte.] + + +[_Angriff auf den Sperrbaum._] Gerade in diesem Augenblicke erhielt +Kirke eine Depesche aus England mit dem bestimmten Befehl, Londonderry +zu entsetzen. In Folge dessen entschloß er sich endlich einen Versuch zu +machen, den er, soweit es sich beurtheilen läßt, schon sechs Wochen +früher mit mindestens gleicher Aussicht auf Erfolg hätte unternehmen +können.[141] + +Unter den Kauffahrteischiffen, welche unter seinem Geleite in den +Foylesee gekommen waren, befand sich eines, welches der Mountjoy hieß. +Der Patron desselben, Micajah Browning, gebürtig aus Londonderry, hatte +eine bedeutende Ladung Lebensmittel aus England mitgebracht. Er hatte +sich zu wiederholten Malen sehr nachdrücklich über die Unthätigkeit des +Geschwaders ausgesprochen; endlich erbot er sich, den gefährlichen +Versuch, seinen Mitbürgern Unterstützung zu bringen, zuerst zu +unternehmen, und sein Anerbieten wurde angenommen. Andreas Douglas, +Kapitain des Phönix, der eine große Quantität Mehl aus Schottland an +Bord hatte, erklärte sich bereit, die Gefahr und die Ehre zu theilen. +Die Fregatte Dartmouth von sechsunddreißig Kanonen, unter den Befehlen +des Kapitains Johann Leake, der später ein berühmter Admiral wurde, +sollte die beiden Kauffahrer begleiten. + +Es war der 30. Juli. Die Sonne war eben untergegangen, die Abendpredigt +in der Kathedrale war vorüber und die muthlose Versammlung war +auseinandergegangen, als die Schildwachen auf dem Thurme die Segel der +drei Schiffe den Foyle heraufkommen sahen. Das irische Lager gerieth +bald in Alarm. Mehrere Meilen weit auf beiden Ufern des Flusses waren +die Belagerer auf den Beinen. Die Schiffe waren in der größten Gefahr, +denn der Wasserstand war niedrig und das einzige schiffbare Fahrwasser +zog sich sehr nahe am linken Ufer hin, wo sich das Hauptquartier des +Feindes befand und wo die Batterien am zahlreichsten waren. Leake +erfüllte seine Pflicht mit einer Geschicklichkeit und einem Muthe, die +seines edlen Berufes würdig waren, setzte seine Fregatte dem feindlichen +Feuer aus, um die Kauffahrer zu decken und ließ seine Geschütze sehr +wirksam spielen. Endlich erreichte das kleine Geschwader die +gefährlichste Stelle. Hier segelte der Mountjoy voran und fuhr gerade +auf den Sperrbaum los. Die mächtige Barrikade krachte und brach; aber +der Stoß war so heftig gewesen, daß der Mountjoy zurückprallte und im +Schlamme festsaß. Ein Triumphgeschrei erscholl auf beiden Ufern und die +Irländer eilten zu ihren Böten, um das gestrandete Schiff zu entern; +aber der Dartmouth schickte ihnen eine wohlgezielte Breitseite zu, die +sie in Unordnung brachte. In diesem Augenblicke fuhr der Phönix gegen +die Bresche an, welche der Mountjoy gemacht hatte, und war im Nu auf der +andren Seite der Sperrung. Mittlerweile stieg die Fluth rasch, der +Mountjoy wurde wieder flott und bald hatte auch er die zerbrochenen +Balken und schwimmenden Sparren wohlbehalten passirt. Aber sein wackerer +Kapitain war nicht mehr. Eine Kugel von einer der Batterien hatte ihn +getroffen, und er starb den beneidenswerthesten Tod, angesichts der +Stadt, die sein Geburts- und Wohnort war und die er so eben durch seinen +Muth und seine Selbstverleugnung von der fürchterlichsten Art des +Unterganges gerettet hatte. Die Dunkelheit war schon vor dem Beginn des +Kampfes am Sperrbaum hereingebrochen; aber die abgemagerte, +geisterbleiche Menge, welche die Wälle der Stadt bedeckte, sah den Blitz +und hörte den Donner der Geschütze. Als der Mountjoy auf den Grund lief +und das Triumphgeschrei der Irländer auf beiden Ufern ertönte, brach den +armen Belagerten das Herz. Einer, der die namenlose Angst jenes +Augenblicks ertragen hatte, erzählt uns, daß sie einander leichenblaß +vor Entsetzen anstarrten. Und selbst nachdem die Barrikade passirt war, +durchlebten sie noch eine fürchterliche halbe Stunde angstvoller +Ungewißheit. Es war zehn Uhr, als die Schiffe am Quai anlangten. Die +ganze Bevölkerung hatte sich hier versammelt, um sie zu bewillkommnen. +Eine Verschanzung von mit Erde gefüllten Fässern wurde eiligst +errichtet, um den Landungsplatz vor den Batterien des andren Flußufers +zu schützen, und dann ging es an's Ausladen. Zuerst wurden Fässer, +welche sechstausend Bushels Mehl enthielten, an's Ufer gerollt. Dann +kamen große Käse, Tonnen voll Rindfleisch, Speckseiten, Kübel mit +Butter, Säcke mit Erbsen, und Zwieback und Branntweingebinde. Einige +Stunden vorher war jedem der Kämpfer ein halbes Pfund Talg und +dreiviertel Pfund gesalzene Haut mit karger Genauigkeit zugewogen +worden. Die Ration, welche nun Jeder erhielt, bestand aus drei Pfund +Mehl, zwei Pfund Fleisch und einer Pinte Erbsen. Man kann leicht denken, +mit welchen Thränen der Freude bei den Mahlzeiten dieses Abends das +Tischgebet gesprochen wurde. Von Schlaf war auf beiden Seiten des Walles +wenig die Rede. Die Freudenfeuer flackerten lustig den ganzen Wallgürtel +entlang. Die irischen Geschütze brüllten die ganze Nacht durch, und die +ganze Nacht hindurch antworteten die Glocken der geretteten Stadt den +irischen Geschützen mit herausforderndem Geläute. Auch noch den ganzen +31. Juli spielten die feindlichen Batterien. Aber bald nach +Sonnenuntergang sah man im Lager Flammen auflodern und als der Morgen +des 1. Augusts zu grauen begann, bezeichnete nur noch eine Reihe +rauchender Trümmer die Stätte, welche die Zelte der Belagerer kürzlich +eingenommen, und die Bürger sahen in weiter Ferne die lange Colonne von +Piken und Standarten, die sich das linke Ufer des Foyle entlang auf +Strabane zurückzog.[142] + + [Anmerkung 141: Die Depesche, welche Kirke den bestimmten Befehl + brachte, den Sperrbaum anzugreifen, war von Schomberg + unterzeichnet, der bereits zum Oberbefehlshaber sämmtlicher + englischen Streitkräfte in Irland ernannt war. Eine Abschrift + davon befindet sich unter den Nairne'schen Manuscripten in der + Bodlejanischen Bibliothek. Wodrow schreibt auf keine andre + Autorität hin als das Gerede einer Landgemeinde in Dumbartonshire, + den Entsatz Londonderry's den Ermahnungen eines heldenmüthigen + schottischen Predigers, Namens Gordon zu. Ich möchte glauben, + daß ein peremtorischer Befehl von Schomberg weit mehr Einfluß auf + Kirke hatte, als die vereinte Beredtsamkeit einer ganzen Synode + von presbyterianischen Geistlichen.] + + [Anmerkung 142: +Walker+; +Mackenzie+; +Histoire de la Revolution + d'Irlande, Amsterdam 1691+; +London Gazette, Aug. 5.(15.) 1689+; + Brief von Buchan unter den Nairne'schen Manuscripten; +Life of Sir + John Leake+; +The Londeriad+; +Observations on Mr. Walker's + Account of the Siege of Londonderry, licensed Oct. 4. 1689.+] + + +[_Die Belagerung von Londonderry aufgehoben._] So endete diese große +Belagerung, die denkwürdigste in den Annalen der britischen Inseln. +Sie hatte hundertfünf Tage gedauert und die Garnison war von einem +Effectivbestande von ungefähr siebentausend Mann auf etwa dreitausend +reducirt worden. Der Verlust der Belagerer kann nicht genau angegeben +werden. Walker schätzte ihn auf achttausend Mann. Aus den Depeschen +Avaux' geht mit Gewißheit hervor, daß die Regimenter, welche von der +Blokade zurückkehrten, dergestalt zusammengeschmolzen waren, daß viele +von ihnen nicht mehr als zweihundert Mann zählten. Von sechsunddreißig +französischen Artilleristen, welche die Kanonade geleitet hatten, waren +einunddreißig getödtet oder dienstunfähig gemacht.[143] Die Angriffs- +wie die Vertheidigungsmittel waren unzweifelhaft von der Art, daß sie +die großen Heerführer des Continents zum Lachen gereizt haben würden; +aber eben dieser Umstand verleiht der Geschichte des ganzen Kampfes ein +so eigenthümliches Interesse. Es war ein Kampf nicht zwischen +Ingenieuren, sondern zwischen zwei Nationen, und der Sieg blieb der +Nation, welche zwar an Zahl der andren nachstand, ihr aber in +Civilisation, in Fähigkeit zur Selbstherrschaft und in Beharrlichkeit +überlegen war.[144] + +Sobald es bekannt wurde, daß die irische Armee abgezogen war, eilte eine +Deputation aus der Stadt in den Foylesee und lud Kirke ein, das Commando +zu übernehmen. Er kam in Begleitung eines zahlreichen Gefolges von +Offizieren und wurde mit militärischem Gepränge von den beiden +Gouverneurs empfangen, welche ihm die Autorität abtraten, die sie im +Drange der Nothwendigkeit auf sich genommen hatten. Er verweilte nur +wenige Tage, zeigte aber in dieser kurzen Zeit genug von den +unverbesserlichen Fehlern seines Characters, um sich die Achtung einer +durch strenge Moralität und glühenden Gemeinsinn ausgezeichneten +Bevölkerung zu verscherzen. Es erfolgte jedoch kein offener Ausbruch, +denn die Stadt war in der heitersten Stimmung. Von der Flotte waren +solche Massen Lebensmittel gelandet worden, daß in allen Häusern ein nie +gekannter Überschuß herrschte. Wenige Tage vorher wäre man froh gewesen, +wenn man für zwanzig Pence einen Bissen halbverfaultes, von den Knochen +eines verhungerten Pferdes losgekratztes Fleisch bekommen hätte. Jetzt +wurde ein Pfund Rindfleisch für anderthalb Pence verkauft. Unterdessen +waren alle Hände damit beschäftigt, die nur leicht mit Erde bedeckten +Leichname zu entfernen, die Löcher auszufüllen, welche die Bomben in den +Erdboden gerissen hatten, und die zerschossenen Dächer der Häuser +auszubessern. Die Erinnerung an die überstandenen Gefahren und +Entbehrungen und das Bewußtsein, sich um die englische Nation und um +alle protestantischen Kirchen verdient gemacht zu haben, erfüllte die +Herzen der Bewohner mit einem ehrenwerthen Stolze. Dieser Stolz ward +noch erhöht, als sie von Wilhelm ein Schreiben erhielten, welches in den +wohlwollendsten Ausdrücken die Verpflichtung anerkannte, die er den +wackeren und getreuen Bürgern seiner guten Stadt schulde. Die ganze +Einwohnerschaft strömte nach dem Diamantplatze, um die königliche +Zuschrift verlesen zu hören. Am Schlusse gaben sämmtliche Kanonen auf +den Wällen eine Freudensalve, welche von allen auf dem Flusse liegenden +Schiffen erwiedert wurde, dann wurden Alefässer aufgeschlagen und unter +lautem Jubel und Gewehrsalven auf die Gesundheit Ihrer Majestäten +getrunken. + +Fünf Generationen sind seitdem vorübergegangen und noch immer ist den +Protestanten von Ulster der Wall von Londonderry das was die Trophäe von +Marathon den Athenern war. Auf weite Entfernung den Foyle hinauf und +hinunter sieht man eine hohe Säule auf einer Bastion, welche viele +Wochen lang das heftigste Feuer des Feindes auszuhalten hatte. Auf der +Spitze dieser Säule steht die Statue Walker's, wie er zur Zeit der +letzten und furchtbarsten Noth durch seine Beredtsamkeit den sinkenden +Muth seiner Brüder wieder belebte. In der einen Hand hält er eine Bibel, +die andre zeigt hinaus auf den Fluß und scheint die Blicke seiner +ausgehungerten Zuhörer auf die englischen Mastspitzen in der fernen +Bucht hinlenken zu wollen. Ein solches Denkmal war wohlverdient, doch +kaum nöthig, denn die ganze Stadt ist bis auf diesen Tag ein Denkmal der +großen Befreiung. Der Wall ist sorgfältig erhalten und keine Rücksicht +der Gesundheit oder Zweckmäßigkeit würde von den Einwohnern für +ausreichend gehalten werden, um die Zerstörung dieser geheiligten Mauern +zu rechtfertigen, die in schlimmer Zeit ihrem Stamme und ihrer Religion +Schutz gewährten.[145] Der Kamm der Festungswerke bildet einen +angenehmen Spaziergang. Die Bastionen sind in kleine Gärten verwandelt, +und hier und da blicken unter den Blumen und Sträuchern die alten +Feldschlangen hervor, welche mit Blei überzogene Backsteinkugeln in die +irischen Reihen sendeten. Ein alterthümliches Geschütz, ein Geschenk der +londoner Fischhändlergilde, zeichnete sich während der hundertfünf +denkwürdigen Tage durch seinen lauten Knall aus und führt noch jetzt den +Namen +Roaring Meg+ (brüllende Margarethe). Die Kathedrale ist mit +Reliquien und Trophäen angefüllt. In der Vorhalle befindet sich eine +riesige Bombe, eine von den vielen hunderten, welche in die Stadt +geworfen wurden. Über dem Altare sieht man noch die französischen +Fahnenstöcke, welche bei einem verzweifelten Ausfalle von der Garnison +erobert wurden. Die weißen Feldzeichen des Hauses Bourbon sind längst in +Staub zerfallen; aber sie sind durch neue Banner, das Werk der schönsten +Hände von Ulster, ersetzt. Der Tag, an welchem die Thore geschlossen und +der Tag, an welchem die Belagerung aufgehoben wurde, sind bis auf unsre +Zeit alljährlich durch Geschützsalven, Umzüge, Festmahle und Predigten +gefeiert worden. Lundy ist +in effigie+ hingerichtet und das Schwert, +das der Sage nach das Schwert Maumont's sein soll, bei feierlichen +Gelegenheiten im Triumphe umhergetragen worden. Noch heute giebt es +einen Walkerclub und einen Murrayclub. Die einfachen Gräber der +protestantischen Anführer sind sorgfältig ausgesucht, wiederhergestellt +und verschönert worden. Es ist unmöglich, die Gesinnung nicht zu achten, +welche aus diesen Zeichen von Pietät spricht. Es ist eine Gesinnung, +welche dem edleren und reineren Theile der menschlichen Natur angehört +und welche die Stärke der Staaten nicht wenig vermehrt. Ein Volk, das +nicht stolz ist auf die großen Thaten ferner Vorfahren, wird nie etwas +vollbringen, was würdig wäre, von fernen Nachkommen mit Stolz in +Andenken gehalten zu werden. Doch kann der Moralist oder der Staatsmann +unmöglich mit ungetrübtem Wohlgefallen die Festlichkeiten, durch welche +Londonderry das Gedächtniß seiner Befreiung feiert, sowie die Ehren +betrachten, die es seinen Befreiern erzeigt. Leider haben sich zugleich +mit dem Ruhme seiner tapferen Kämpfer auch deren Animositäten +fortgeerbt. Die Fehler, welche man gewöhnlich bei herrschenden Kasten +und Secten findet, haben sich bei seinen Festlichkeiten nicht selten +unverhohlen gezeigt, und selbst in die Ausdrücke frommer Dankbarkeit, +welche von seinen Kanzeln herab erschollen, haben sich nur zu oft Worte +des Zornes und des herausfordernden Trotzes gemischt. + +Die irische Armee, die sich nach Strabane zurückgezogen hatte, blieb +dort nur sehr kurze Zeit. Der Muth der Truppen war durch den ungünstigen +Ausgang der Belagerung von Londonderry schon niedergedrückt und wurde +bald völlig gebrochen durch die Nachricht von einem anderweitigen harten +Schlage. + + [Anmerkung 143: Avaux an Seignelay, 18.(28.) Juli; an Ludwig, + 9.(19.) August.] + + [Anmerkung 144: »Man sieht hieraus, wie man es die ganze Zeit her + hat sehen können, daß die Kaufleute von Londonderry zu ihrer + Vertheidigung mehr Geschick hatten, als die berühmten Offiziere + der irischen Armee zu ihren Angriffen.« +Light to the Blind.+ Der + Verfasser dieses Werkes ist wüthend auf die irischen Kanoniere. Er + ist der Meinung, daß der Sperrbaum nie durchbrochen worden wäre, + wenn sie ihre Pflicht gethan hätten. Waren sie betrunken? oder + waren sie Verräther? Er kommt zu keiner Entscheidung über seinen + Punkt. »Herr,« ruft er aus, »der Du in den Herzen der Menschen + liesest, wir überlassen es Deiner Barmherzigkeit, in dieser + Angelegenheit zu richten.« Inzwischen stürzten jene Kanoniere + Irland ins Verderben.] + + [Anmerkung 145: In einer vor mehr als sechzig Jahren unter dem + Titel +»Derriana«+ erschienenen Sammlung findet sich ein + interessanter Brief über diesen Gegenstand.] + + +[_Operationen gegen die Enniskillener._] Drei Wochen vor dieser Zeit +hatte der Herzog von Berwick über eine Abtheilung der Enniskillener +einen Vortheil errungen und, nach ihrem eignen Eingeständniß, mehr als +funfzig von ihnen getödtet oder gefangen genommen. Sie hofften auf +einige Unterstützung von Kirke, an den sie eine Deputation abgesandt +hatten, und beharrten noch immer auf der Zurückweisung aller vom Feinde +angebotenen Bedingungen. Es wurde daher in Dublin beschlossen, sie von +mehreren Seiten zu gleicher Zeit anzugreifen, Macarthy, der für seine in +Munster geleisteten Dienste mit dem Titel eines Viscount von Mountcashel +belohnt worden war, marschirte von Osten her mit drei Regimentern +Infanterie, zwei Regimentern Dragoner und einigen Reitertrupps gegen den +Ernesee. Ein andres starkes Truppencorps, das unweit der Mündung des +Flusses Drowes lagerte, sollte gleichzeitig vom Westen her vorrücken, +und der Herzog von Berwick sollte mit soviel Reitern und Dragonern, als +das Belagerungsheer von Londonderry entbehren konnte, von der Nordseite +kommen. Die Enniskillener waren über den ganzen Plan, der zu ihrem +Verderben angelegt worden, nicht vollständig unterrichtet; aber sie +wußten, daß Macarthy mit einer größeren Streitmacht, als sie je in's +Feld stellen konnten, unterwegs war. Ihre Angst wurde einigermaßen +gemildert durch die Zurückkunft der Deputation, die sie an Kirke +abgeschickt hatten. Kirke konnte keine Soldaten entbehren, aber er +sandte ihnen etwas Waffen und Munition nebst einigen erfahrenen +Offizieren, unter denen der Oberst Wolseley und der Oberstleutnant Berry +die vornehmsten waren. Diese Offiziere sollten zur See um die Küste von +Donegal herum und den Ernesee heraufkommen. Am Sonntag, den 29. Juli +erfuhr man, daß ihr Boot sich der Insel Enniskillen nähere. Die ganze +männliche und weibliche Bevölkerung kam an's Ufer, um sie zu +bewillkommnen. Nur mit Mühe erreichten sie das Schloß durch die sich um +sie drängenden Menschenmassen, welche Gott dafür dankten, daß das theure +alte England die Engländer nicht ganz vergessen hatte, die im Herzen von +Irland seine Sache gegen eine große Übermacht aufrecht erhielten. + +Wolseley scheint für seinen Posten in jeder Hinsicht wohlbefähigt +gewesen zu sein. Er war ein unerschütterlicher Protestant, hatte sich +unter den Leuten von Yorkshire ausgezeichnet, welche für den Prinzen von +Oranien und ein freies Parlament aufgestanden waren, und hatte, wenn +anders dies auf Wahrheit beruht, seinen Eifer für die Freiheit und den +reinen Glauben dadurch bethätigt, daß er den Mayor von Scarborough, +der eine Rede zu Gunsten des Königs Jakob gehalten, auf den Marktplatz +führen und hier in einem Betttuche tüchtig prellen ließ.[146] Dieser +heftige Haß gegen den Papismus war in den Augen der Enniskillener die +erste aller Qualificationen für das Commando, und Wolseley hatte deren +noch andere und gewichtigere. Obgleich er eine regelmäßige militärische +Ausbildung genossen hatte, scheint er doch vorzugsweise zur Führung +irregulärer Truppen befähigt gewesen zu sein. Kaum hatte er das +Obercommando übernommen, so erhielt er die Nachricht, daß Mountcashel +das Schloß Crum belagert habe. Crum war die Grenzfeste der Protestanten +von Fermanagh. Die Trümmer der alten Festungswerke gehören jetzt zu den +Zierden eines schönen Parks, der auf einem den Ernesee beherrschenden +waldigen Vorgebirge angelegt ist. Wolseley beschloß, den belagerten +Platz zu entsetzen. Er schickte Berry mit soviel Truppen als +augenblicklich aufbrechen konnten, voraus und versprach, baldigst mit +einem stärkeren Corps nachzufolgen. + + [Anmerkung 146: +Bernardi's Life of Himself, 1787.+] + + +[_Schlacht bei Newton Butler._] Nachdem Berry einige Meilen weit +marschirt war, stieß er auf dreizehn Compagnieen von Macarthy's +Dragonern unter dem Commando Anton Hamilton's, des Glänzendsten und +Gebildetsten von allen seines Namens, aber als Soldat viel weniger +glücklich denn als Hofmann, als Liebesheld und als Schriftsteller. +Hamilton's Dragoner ergriffen beim ersten Feuer die Flucht; er wurde +schwer verwundet, und sein Nachfolger im Commando wurde todtgeschossen. +Macarthy eilte Hamilton sofort zu Hülfe und zu gleicher Zeit kam +Wolseley zur Unterstützung Berry's an. Die beiden feindlichen Armeen +standen einander nun gegenüber. Macarthy hatte ungefähr fünftausend Mann +und mehrere Geschütze. Die Enniskillener zählten nicht dreitausend Mann, +und sie waren so eilig ausgerückt, daß sie nur auf einen Tag +Lebensmittel mitgenommen hatten. Es war daher durchaus nothwendig, +daß sie entweder sofort losschlugen oder sich zurückzogen. Wolseley +beschloß, die Meinung seiner Leute darüber zu hören, und dieser +Entschluß, der unter gewöhnlichen Verhältnissen eines Generals höchst +unwürdig gewesen wäre, war vollkommen gerechtfertigt durch die +eigenthümliche Zusammensetzung und Stimmung der kleinen Armee, welche +aus Gentlemen und Freisassen bestand, die nicht um Sold, sondern für ihr +Grundeigenthum, ihre Frauen, ihre Kinder und ihren Gott kämpften. +Die Mannschaften wurden unter's Gewehr gerufen und ihnen die Frage +vorgelegt: »Vorrücken oder Zurückgehen?« Die Antwort war der einstimmige +Ruf: »Vorrücken!« Hierauf gab Wolseley das Feldgeschrei: »Kein +Papismus«, das mit lautem Beifall begrüßt wurde, und traf dann sofort +seine Anstalten zum Angriff. Als er vorrückte, begann der Feind zu +seinem großen Erstaunen sich zurückzuziehen. Die Enniskillener wollten +ihn mit aller Hast verfolgen, aber ihr Anführer, der eine Schlinge +vermuthete, zügelte ihren Eifer und verbot ihnen auf das Bestimmteste, +ihre Reihen aufzulösen. So zog sich die eine Armee in guter Ordnung +durch das Städtchen Newton Butler zurück und die andre folgte in eben so +guter Ordnung. Ungefähr eine Meile jenseit dieser Stadt machten die +Irländer Front und Halt. Ihre Stellung war gut gewählt. Sie waren auf +einer Anhöhe aufgestellt, an deren Fuße sich ein tiefer Sumpf befand. +Eine schmale gepflasterte Hochstraße war der einzige Weg, auf dem die +Reiterei der Enniskillener vorgehen konnte, denn zur Rechten und Linken +waren Sumpflachen und Torfgruben, welche den Pferden keinen festen Grund +darboten. Macarthy postirte seine Kanonen so, daß ihr Feuer diesen Weg +bestrich. + +Wolseley commandirte seine Infanterie zum Angriff. Sie arbeitete sich +durch den Sumpf, gewann wieder festen Boden und warf sich auf die +Geschütze. Hier entspann sich nun ein kurzer und verzweifelter Kampf. +Die irischen Kanoniere hielten tapfer bei ihren Feldstücken aus, bis sie +sämmtlich niedergehauen waren. Jetzt kamen die Enniskillener Reiter, +welche nicht mehr Gefahr liefen, durch das Feuer der Artillerie +niedergemäht zu werden, rasch den Dammweg herauf. Die irischen Dragoner, +welche schon am Morgen Reißaus genommen hatten, wurden abermals von +einem panischen Schrecken ergriffen und galoppirten, ohne einen Schlag +gethan zu haben, vom Schlachtfelde. Die schwere Reiterei folgte ihrem +Beispiele. Das Entsetzen der Fliehenden war so groß, daß viele von ihnen +ihre Pferde so lange spornten, bis sie stürzten und dann die Flucht zu +Fuß fortsetzten, nachdem sie Carabiner, Säbel und selbst Waffenröcke als +beim Laufen hinderlich weggeworfen hatten. Als die Infanterie sich so +verlassen sah, warf sie ebenfalls Piken und Gewehre fort und suchte ihr +Heil in der Flucht. Die Sieger gaben sich nun der blutdürstigen Wildheit +hin, welche gewöhnlich die Bürgerkriege Irland's befleckt hat. Das +Gemetzel war fürchterlich. Nahe an funfzehnhundert der Besiegten wurden +niedergemacht. Etwa fünfhundert Andere schlugen, da sie die Gegend nicht +kannten, einen Weg ein, der nach dem Ernesee führte. Der See war vor +ihnen, der Feind im Rücken; sie sprangen in's Wasser und ertranken. +Macarthy, von seinen Truppen verlassen, stürzte sich mitten unter die +Verfolger und war nahe daran, den Tod zu finden, den er suchte. Er war +an mehreren Stellen verwundet und zu Boden geschlagen; noch einen +Augenblick, und ein Flintenkolben würde ihm das Lebenslicht ausgeblasen +haben, wäre er nicht erkannt und gerettet worden. Die Colonisten hatten +nur zwanzig Todte und fünfzig Verwundete. Sie machten vierhundert +Gefangene und erbeuteten sieben Kanonen, vierzehn Fässer Schießpulver, +sowie sämmtliche Trommeln und Fahnen des besiegten Feindes.[147] + + [Anmerkung 147: +Hamilton's True Account+; +Mac Cormick's Further + Account+; +London Gazette, Aug. 22. 1689+; +Life of James+; Avaux + an Ludwig vom 4.(14.) August, und an Lourois von dem nämlichen + Datum. Story erwähnt eines Gerüchts, daß der panische Schrecken + unter den Irländern durch das Versehen eines Offiziers verursacht + worden sei, welcher »Rechts um kehrt Euch!« (+Right about face+) + anstatt »Augen rechts!« (+Right face+) commandirte. Weder Avaux + noch Jakob hatten etwas von diesem Versehen erfahren. In der That, + die Dragoner, welche das Beispiel der Flucht gegeben hatten, waren + nicht gewohnt, erst das Commando zu erwarten, ehe sie einem Feinde + den Rücken kehrten. Sie waren schon einmal an dem nämlichen Tage + davon gelaufen. Avaux giebt eine sehr einfache Erzählung der + Niederlage. +»Ces mesmes dragons qui avoient fuy le matin + laschèrent le pied avec lout le reste de la cavalerie, sans tirer + un coup de pistolet; et ils s'enfuirent tous avec une telle + épouvante qu'ils jettèrent mousquetons, pistolets, et espées; et + la plupart d'eux, ayant erevé leurs chevaux, se deshabillèrent + pour aller plus viste à pied.«+] + + +[_Bestürzung der Irländer._] Die Schlacht bei Newton Butler wurde an +demselben Nachmittage gewonnen, an welchem die durch den Foyle geworfene +Barrikade durchbrochen wurde. In Strabane traf die Nachricht die auf dem +Rückzuge von Londonderry begriffene celtische Armee. Der Schrecken und +die Verwirrung waren groß; die Zelte wurden abgebrochen, ganze +Wagenladungen Kriegsvorräthe wurden in den Mourne geworfen, und die +entsetzten Irländer flohen unter Zurücklassung vieler Kranker und +Verwundeter, die sie der Gnade der siegreichen Protestanten preisgaben, +nach Omagh und von da weiter nach Charlemont. Sarsfield, welcher in +Sligo commandirte, sah sich gezwungen, diese Stadt aufzugeben, welche +alsbald von einer Abtheilung Kirke'scher Truppen besetzt wurde.[148] +Dublin war in großer Bestürzung. Jakob ließ Äußerungen fallen, welche +seine Absicht verriethen, nach dem Continent zu fliehen. Schlimme +Nachrichten stürmten in der That rasch hintereinander auf ihn ein. Fast +zu der nämlichen Zeit, als er erfuhr, daß eine seiner Armeen die +Belagerung von Londonderry aufgehoben hatte und daß eine andre bei +Newton Butler geschlagen worden war, empfing er kaum minder +entmuthigende Botschaften aus Schottland. + +Es wird jetzt nöthig, den Gang der Ereignisse zu erzählen, denen +Schottland seine politische und religiöse Freiheit, seinen Aufschwung +und seine Civilisation verdankt. + + [Anmerkung 148: +Hamilton's True Account.+] + + + + +Stereotypie und Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig. + + + * * * * * + * * * * + * * * * * + + +Druckfehler und Unregelmässigkeiten + +Rechtschreibungsformen wie »funfzig« : »fünfzig« oder »Urtel« : +»Urtheil« sind ungeändert. Die Namen »Dover« und »Dower« sind ebenso +ungeändert (auch wenn es um die selbe Person handelt). Weitere: + + Geschicht(s)schreiber + angesehen(d)ste + Heimath(s)land + Betttuch [immer mit drei »t«] + + +XI. Kapitel + + Petre wieder in den Staatsrath berufen [Peter] + Interessen des Staats berührten [beührten] + die nöthigen Vorlagen zu beschaffen [nöthgen] + sich ... aus seinem Palaste entfernt gehabt [entfert] + die Nation zur Zeit der Revolution gespalten war [Revolultion] + sie ungetheilt und wie Ein Mann handelten [_ungeändert_] + des Hauses der Gemeinen seien sämmtlich Laien [sämmtich] + [Anm. 94] Burnet II. 7, 8, 9 [7, 8, 9,] + [Anm. 104] dem Earl von Dalkeith [Dalekith] + das Ende des vergangenen Jahres die [vergangenenen] + + + XII. Kapitel + + Rice sollte erklärt haben [erkärt] + die Bevölkerung belief sich auf hundertachtzig Seelen [Bevölkrung] + [_Mountjoy wird abgesandt, um Ulster zu pacificieren._] + [pacifiren; _Inhalt hat »pacificieren«_] + William Stewart, Viscount von Mountjoy, wurde beauftragt [Montjoy] + und vortheilhaften Kapitulation bewogen werden könnte.[29] + [_Anmerkungszeichen ***) fehlt: aus Englische Ausgabe erschafft_] + von dem lebenden Thiere Stücke loszuschneiden [loszuscheiden] + [Anm. 50] Mac Cormick's Further Impartial Account [Mac Cormack's] + Cunningham und mehrere von seinen Offizieren [Cunnigham] + [Anm. 94] ayant toujour's servi [_ungeändert_] + [Anm. 102] in rohen Possen, wie die +Royal Flight+ [Fligth] + [Anm. 109] +Light to the Blind+ ... against Writs of Error + [Ligth ... Wits of Error] + »Ich habe,« sagte er [_« fehlt_] + der Protestanten in Irland hervorgerufen [herorgerufen] + in Munster, Connaught und Leinster [Connaugth] + und dem militärischen Abenteurer [miltärischen] + begann der Feind zu seinem großen Erstaunen [Erstauen] + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der +Thronbesteigung Jakob's des Zweiten., by Thomas Babington Macaulay + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT *** + +***** This file should be named 39562-8.txt or 39562-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/5/6/39562/ + +Produced by Louise Hope, Delphine Lettau and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/39562-8.zip b/39562-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5c12f3a --- /dev/null +++ b/39562-8.zip diff --git a/39562-h.zip b/39562-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2a08d53 --- /dev/null +++ b/39562-h.zip diff --git a/39562-h/39562-h.htm b/39562-h/39562-h.htm new file mode 100644 index 0000000..26dd54f --- /dev/null +++ b/39562-h/39562-h.htm @@ -0,0 +1,11639 @@ +<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN" +"http://www.w3.org/TR/html4/loose.dtd"> +<html> +<head> +<meta http-equiv = "Content-Type" content = "text/html; charset=UTF-8"> + +<title>Macaulay’s Geschichte von England, VI</title> + + +<style type = "text/css"> + +/* same edition as volume 1 only */ + +body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;} + +div.wholetext {padding: 0; margin: 0;} +/* dummy div for language */ + +div.titlepage {padding: 2em 0;} +div.chapterhead {padding: 6em 2em; width: 20em; margin: 2em auto; +border-top: 1px solid #000; border-bottom: 1px solid #000;} + +hr {width: 80%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em; text-align: center; +height: 1px; color: #000; background-color: #000;} +hr.small {width: 30%;} +hr.tiny {width: 20%;} +hr.micro {width: 10%;} + +em {font-style: normal; letter-spacing: 0.2em; margin-right: -.2em;} + +div.mynote a {text-decoration: none;} +table.toc a {text-decoration: none;} +table.toc a:link {color: #006; background-color: inherit;} +table.toc a:visited {color: #003; background-color: inherit;} +a.tag {text-decoration: none; vertical-align: .3em; font-size: 80%; +padding-left: .25em; line-height: .1em;} + +h1, h2, h3, h4, h5, h6 {text-align: center; font-style: normal; +font-weight: normal; line-height: 1.5; margin-top: .5em; +margin-bottom: .5em;} + +h1 {font-size: 250%;} +h2 {font-size: 175%;} +h3 {font-size: 150%;} +div.titlepage h3 {margin-top: 1em;} +h4 {font-size: 120%; margin-top: 3em;} +div.titlepage h4, div.chapterhead h4 {margin-top: .5em;} +h5 {font-size: 100%;} +h5.sans {font-family: sans-serif; font-size: 108%;} +h6 {font-size: 85%;} + +.four {font-size: 120%; margin-top: 3em;} +.five {font-size: 100%;} +.six {font-size: 85%;} + +p {margin-top: .5em; margin-bottom: 0em; line-height: 1.2;} + +p.illustration {text-align: center; margin-top: 1em; +margin-bottom: 1em;} +p.section {margin-top: 2em;} +p.center {text-align: center;} +p.inset {padding-left: 2em;} + +div.verse {margin: .5em 2em;} +div.verse p {margin-top: 0; margin-left: 4em; text-indent: -4em;} +div.verse p.indent2 {text-indent: 0;} + +/* footnotes */ + +p.footnote, div.footnote {margin: 1em 2em 2em;} +div.footnote p, p.footnote {font-size: 92%;} +div.footnote p.continue {margin-top: .25em; text-indent: 1em;} + + +/* tables */ + +table {margin-left: auto; margin-right: auto; margin-top: 1em; +margin-bottom: 1em; font-size: inherit; font-family: inherit; +border-collapse: collapse;} + +td {vertical-align: top; text-align: left; padding: .2em .1em;} + +td.seite {text-align: right; font-size: 88%;} + +td.number {text-align: right; vertical-align: bottom; +padding-left: 2em;} + +table.toc {width: 90%; margin-bottom: 4em;} +table.toc p {margin-top: 0em; margin-left: 2em; +text-indent: -2em; line-height: normal;} + + +/* sidenotes */ + +span.heading {width: 25%; float: left; clear: left; padding: .25em; +margin: .25em .5em .25em 0; font-weight: bold; border: 1px solid #999;} + + +/* text formatting */ + +span.extended {letter-spacing: 0.33em; margin-right: -.33em;} +span.antiqua {font-family: sans-serif; font-size: 95%;} + +/* correction popup */ + +ins.correction {text-decoration: none; border-bottom: thin dotted red;} + +/* page number */ + +span.pagenum {position: absolute; right: 2%; font-size: small; +font-weight: normal; font-style: normal; text-align: right; +text-indent: 0em; font-family: serif;} + +/* Transcriber's Note */ + +.mynote {background-color: #DDE; color: #000; +font-family: sans-serif; font-size: 90%;} + +div.mynote {margin: 1em 5%; padding: .5em 1em 1em;} +p.mynote {margin: 1em 5%; padding: 1em;} + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der +Thronbesteigung Jakob's des Zwe, by Thomas Babington Macaulay + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. + Sechster Band: enthaltend Kapitel 11 und 12 + +Author: Thomas Babington Macaulay + +Translator: Wilhelm Hartwig Beseler + +Release Date: April 29, 2012 [EBook #39562] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT *** + + + + +Produced by Louise Hope, Delphine Lettau and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<div class = "wholetext" lang = "de"> + +<div class = "mynote"> + +<p><a name = "start" id = "start">Dieser Text</a> benutzt die +UTF-8-Kodierung (Unicode). Wenn die Apostrophe, Anführungs­zeichen +und die Umlaute in diesem Absatz als seltsame Zeichen dargestellt +werden, könnte es auch an Ihrem inkompa­tiblen Browser oder an +fehlenden Fonts (Zeichen­sätzen) liegen. Stellen Sie zunächst +sicher, dass der „Zeichensatz“ oder „Datei-Kodierung“ auf Unicode +(UTF-8) eingestellt ist. Eventuell ist es auch nötig, die +Standard­schrift Ihres Browser zu ändern.</p> + +<p>Einige Druckfehler sind korrigiert und mit <ins class = "correction" +title = "wie so">popups</ins> notiert. Recht­schreibungs­formen +wie »funfzig« : »fünfzig« oder »Urtel« : »Urtheil« sind ungeändert. Die +Namen »Dover« und »Dower« sind ebenso ungeändert (auch wenn es um die +selbe Person handelt). Weitere:</p> + +<p class = "inset"> +Geschicht(s)schreiber<br> +angesehen(d)ste<br> +Heimath(s)land<br> +Betttuch <i>immer mit drei »t«</i></p> + +<hr class = "small"> + +<p class = "center"><a href = "#kap_XI">11. Kapitel</a><br> +<a href = "#inhalt_XI">Inhalt</a></p> + +<p class = "center"><a href = "#kap_XII">12. Kapitel</a><br> +<a href = "#inhalt_XII">Inhalt</a></p> + +</div> + +<div class = "titlepage"> + +<h2>Thomas Babington Macaulay’s</h2> + +<h1>Geschichte von England</h1> + +<h3 class = "six"><em>seit der</em></h3> + +<h3 class = "four"><em>Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten</em>.</h3> + +<p> </p> + +<hr class = "tiny"> + +<h3 class = "five"><b>Aus dem Englischen.</b></h3> + +<hr class = "tiny"> + +<h5>Vollständige und wohlfeilste</h5> + +<h5 class = "sans"><b>Stereotyp-Ausgabe.</b></h5> + +<hr class = "micro"> + +<p> </p> + +<h5><b>Sechster Band:</b></h5> + +<h6>enthaltend Kapitel 11 und 12.</h6> + +<p> <br> </p> + +<p class = "illustration"> +<img src = "images/floral.png" width = "178" height = "9" +alt = "----"></p> + +<h5><b>Leipzig, 1856.</b></h5> + +<h6>G. H. <span class = "extended">Friedlein</span>.</h6> + +</div> + + +<a name = "kap_XI" id = "kap_XI"> </a> +<div class = "chapterhead"> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_1" id = "pageXI_1"> +XI.1</a></span> + +<h4><b>Elftes Kapitel.</b></h4> + +<hr class = "tiny"> + +<h4><em>Wilhelm von Oranien</em>.</h4> + +</div> + +<a name = "pageXI_2" id = "pageXI_2"> </a> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_3" id = "pageXI_3"> +XI.3</a></span> + +<h4><a name = "inhalt_XI" id = "inhalt_XI"> +<b><span class = "extended">Inhalt</span>.</b></a></h4> + +<hr class = "micro"> + +<table class = "toc" summary = "inhaltsverzeichniss"> +<tr> +<td></td> +<td class = "seite">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_1">Wilhelm und Marie</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_5">5</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_2">Festlichkeiten durch ganz England</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_6">6</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_3">Festlichkeiten in Holland</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_6">6</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXI_4">Unzufriedenheit der Geistlichkeit und der +Armee</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_6">6</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_5">Reaction der öffentlichen Meinung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_7">7</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_6">Stimmung der Tories</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_9">9</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_7">Stimmung der Whigs</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_11">11</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_8">Ministerielle Einrichtungen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_12">12</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXI_9">Wilhelm sein eigner Minister des +Auswärtigen</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_13">13</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_10">Danby</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_14">14</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_11">Halifax</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_15">15</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_12">Nottingham</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_15">15</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_13">Shrewsbury</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_17">17</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_14">Die Admiralität</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_17">17</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_15">Das Schatzamt</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_17">17</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_16">Das große Siegel</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_18">18</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_17">Die Richter</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_18">18</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_18">Der Hofstaat</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_19">19</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_19">Untergeordnete Ernennungen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_21">21</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXI_20">Die Convention in ein Parlament +verwandelt</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_22">22</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXI_21">Die Mitglieder der beiden Häuser werden +aufgefordert die Eide zu leisten</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_25">25</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_22">Fragen bezüglich des Einkommens</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_26">26</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_23">Abschaffung der Herdsteuer</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_28">28</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_24">Entschädigung der Vereinigten +Provinzen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_29">29</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_25">Meuterei in Ipswich</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_29">29</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_26">Die erste Meutereibill</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_32">32</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_27">Suspension der Habeas-Corpus-Acte</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_35">35</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_28">Unpopularität Wilhelm’s</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_36">36</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_29">Popularität Mariens</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_38">38</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXI_30">Das Hoflager wird von Whitehall nach +Hampton-Court verlegt</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_40">40</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_31">Der Hof in Kensington</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_42">42</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_32">Wilhelm’s ausländische Günstlinge</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_43">43</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_33">Allgemeine schlechte Verwaltung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_44">44</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_34">Uneinigkeit unter den Staatsdienern</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_46">46</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXI_35">Das Departement der auswärtigen +Angelegenheiten</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_49">49</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_36">Religionsstreitigkeiten</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_50">50</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_37">Die Hochkirchenpartei</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_51">51</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_38">Die Niederkirchenpartei</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_52">52</a></td> +</tr> +<tr> +<td><span class = "pagenum"><a name = "pageXI_4" id = "pageXI_4"> +XI.4</a></span> +<a href = "#secXI_39">Wilhelm’s Pläne bezüglich der +Kirchenverfassung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_53">53</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_40">Burnet, Bischof von Salisbury</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_54">54</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXI_41">Nottingham’s Pläne in Bezug auf die +kirchliche Verfassung</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_56">56</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_42">Die Toleranzbill</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_58">58</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_43">Die Comprehensionsbill</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_63">63</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXI_44">Bill zur Festsetzung der Huldigungs- und +Suprematseide</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_69">69</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXI_45">Die Bill zur Festsetzung des +Krönungseides</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_79">79</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_46">Die Krönung</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_81">81</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_47">Beförderungen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_83">83</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_48">Die Coalition gegen Frankreich</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_84">84</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_49">Die Verwüstung der Pfalz</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_84">84</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXI_50">Kriegserklärung gegen Frankreich</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXI_87">87</a></td> +</tr> +</table> + + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_5" id = "pageXI_5"> +XI.5</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm und Marie.</span> +<a name = "secXI_1" id = "secXI_1">Die</a> Revolution war vollendet und +die Decrete der Convention allenthalben mit Unterwerfung aufgenommen +worden. London, seit fünfzig ereignißvollen Jahren treu der Sache der +bürgerlichen Freiheit und des reformirten Glaubens, erklärte zuerst den +neuen Herrschern seine Ergebenheit. Nachdem der erste Wappenherold unter +den Fenstern von Whitehall den neuen Herrscher ausgerufen, ritt er mit +feierlichem Gepränge den Strand entlang bis Temple Bar. Ihm folgten die +Scepterträger der beiden Häuser, die beiden Sprecher Halifax und Powle +und ein langer Zug von Equipagen mit Cavalieren und Gentlemen. Die +Magistratsbeamten der City hielten ihre Thore geöffnet und schlossen +sich der Prozession an. Vier Regimenter Miliz bildeten durch Ludgate +Hill, um die St. Paulskirche herum und Cheapside entlang Spalier. Die +Straßen, die Fenster und selbst die Dächer waren mit Zuschauern gefüllt. +Alle Glocken von der Westminsterabtei bis zum Tower ließen ihr +fröhliches Geläute ertönen. Vor der Börse wurde die Proclamation unter +dem Jubel der versammelten Bürger bei Trompetenschall zum zweiten Male +verlesen.</p> + +<p>Am Abend war jedes Fenster von Whitechapel bis Picadilly erleuchtet. +Die Prunkgemächer des Palastes waren geöffnet und mit einer glänzenden +Versammlung von Höflingen gefüllt, welche gekommen waren, dem Könige und +der Königin die Hand zu küssen. Es waren die Whigs, die sich, von Glück +und Siegesfreude strahlend, hier versammelt hatten. Einigen unter ihnen +konnte man es wohl verzeihen, wenn sich ein Gefühl befriedigter Rache in +ihre Freude mischte. Die am schwersten Gekränkte aber von Allen, welche +die schlimmen Zeiten überlebt hatten, fehlte. Lady Russel war, während +ihre Freunde sich in den Gallerien von Whitehall drängten, zu Haus +geblieben, um an Den zu denken, der, wenn er noch gelebt hätte, bei der +Feier dieses hochwichtigen Tages eine nicht unbedeutende Rolle gespielt +haben würde. Ihre Tochter jedoch, welche einige Monate zuvor die +Gemahlin des Lord Cavendish geworden, ließ sich durch dessen Mutter, die +Gräfin von Devonshire, dem Königspaare vorstellen. Es existirt noch ein +Brief, in welchem die junge Dame den Jubel der Bevölkerung, den +Lichterglanz in den Straßen, das Gedränge in dem Empfangszimmer, die +Schönheit Mariens und den Ausdruck, der die strengen Züge Wilhelm’s +veredelte und milderte, mit großer Lebendigkeit schildert. Die +interessanteste Stelle darin ist die, wo die Verwaiste die wehmüthige +Freude gesteht, mit der sie die verspätete Bestrafung des Mörders ihres +Vaters mit ansah.<a class = "tag" name = "tagXI_1" id = "tagXI_1" href = +"#noteXI_1">1</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_1" id = "noteXI_1" href = "#tagXI_1">1.</a> +Brief von Lady Cavendish an Sylvia. Lady Cavendish hatte, wie die +meisten jungen Damen jener Generation, beständig die Romane der Scudery +im Kopfe. Sie selbst ist Dorinda, ihre Correspondentin, in der man ihre +Cousine Johanna Allington vermuthete, ist Sylvia; Wilhelm ist Armanzor +und Maria ist Phenixana. <span class = "antiqua">London Gazette, +Febr. 14. 1688/89; Narcissus Luttrell’s Diary</span>. Luttrell’s +Tagebuch, das ich sehr oft citiren werde, befindet sich in der +Bibliothek des Allerseelen-Collegiums, dessen Vorsteher ich zu großem +Danke verpflichtet bin für die Bereitwilligkeit, mit der er mir die +Benutzung dieses werthvollen Manuscripts gestattete.</p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_6" id = "pageXI_6"> +XI.6</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Festlichkeiten durch ganz England.</span> +<a name = "secXI_2" id = "secXI_2">Dem</a> Beispiele London’s folgten +auch die Provinzialstädte. Drei Wochen lang waren die Spalten der +Journale mit Berichten über die Festlichkeiten gefüllt, durch die sich +die öffentliche Freude kund gab: Cavalcaden von Gentlemen und +Freisassen, Prozessionen von Sheriffs und Bailiffs im scharlachnen +Amtskleide, Umzüge eifriger Protestanten mit orangefarbenen Fahnen und +Bändern, Geschützsalven, Freudenfeuer, Illuminationen, Musikfeste, +Bälle, Gastmähler, Rinnen und Röhren in denen Ale und Claret flossen.<a +class = "tag" name = "tagXI_2" id = "tagXI_2" href = +"#noteXI_2">2</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_2" id = "noteXI_2" href = "#tagXI_2">2.</a> +Siehe die <span class = "antiqua">London Gazette</span> vom Februar und +März 1688/89. und N. Luttrell’s Tagebuch.</p> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Festlichkeiten in Holland.</span> +<a name = "secXI_3" id = "secXI_3">Noch</a> herzlicher war die Freude +unter den Holländern, als sie erfuhren, daß der erste Beamte ihrer +Republik auf einen Thron erhoben worden. Wilhelm hatte am Tage seines +Regierungsantritts an die Generalstaaten geschrieben, daß die +Veränderung in seiner Stellung die Liebe zu seinem Vaterlande nicht +geschmälert und daß seine neue Würde ihn hoffentlich in den Stand setzen +werde, seine älteren Pflichten wirksamer zu erfüllen als je. Die +olicharchische Partei, welche den Lehren Calvin’s und dem Hause Oranien +stets feindlich gesinnt gewesen, murmelte zwar leise, Sr. Majestät müsse +das Statthalteramt niederlegen. Aber all’ dieses Gemurmel wurde von dem +Zujauchzen eines Volks übertäubt, das stolz war auf das Genie und das +Glück seines großen Landsmannes. Es ward ein Tag zu Dankesbezeigungen +bestimmt, und in allen Städten der sieben Provinzen äußerte sich die +allgemeine Freude in Festlichkeiten, deren Kosten hauptsächlich durch +freiwillige Gaben bestritten wurden. Alle Klassen nahmen Theil daran; +der ärmste Tagelöhner konnte sich betheiligen, indem er einen +Triumphbogen errichten half oder Reisig zu einem Freudenfeuer trug. +Selbst die ruinirten Hugenotten konnten durch ihre Geschicklichkeit und +ihre Erfindungsgabe mitwirken. Eine Kunst, die sie mit sich in die +Verbannung genommen, war die Feuerwerkerei, und so erleuchteten sie +jetzt zu Ehren des siegreichen Vorkämpfers ihres Glaubens die Kanäle von +Amsterdam durch prachtvolle Feuerwerke.<a class = "tag" name = "tagXI_3" +id = "tagXI_3" href = "#noteXI_3">3</a></p> + +<p>Dem flüchtigen Beobachter konnte es scheinen, als hätte Wilhelm +damals einer der beneidenswerthesten Menschen sein müssen; in der That +aber war er einer der sorgenvollsten und unglücklichsten. Er wußte wohl, +daß die Schwierigkeiten seiner Aufgabe erst begannen. Schon war die so +glänzend angebrochene Morgenröthe seines Glücks umwölkt und viele +Anzeichen verkündeten einen dunklen, stürmischen Tag.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_3" id = "noteXI_3" href = "#tagXI_3">3.</a> +Wagenaar, 61. Er führt die Protokolle der Generalstaaten vom 2. März +1689 an. <span class = "antiqua">London Gazette, April 11. 1689</span>; +<span class = "antiqua">Monthly Mercury, April 1689</span>.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Unzufriedenheit der Geistlichkeit und der Armee.</span> +<a name = "secXI_4" id = "secXI_4">Man</a> machte die Bemerkung, daß +zwei wichtige Stände wenig oder keinen Theil an den Festlichkeiten +nähmen, durch welche in ganz England die Einsetzung der neuen Regierung +gefeiert wurde. Nur sehr selten sah man einen Priester oder einen +Soldaten unter den Leuten, die sich um die Marktsäulen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_7" id = "pageXI_7"> +XI.7</a></span> +versammelten, wo der König und die Königin ausgerufen wurden. Der +Berufsstolz der Geistlichkeit und des Heeres war tief verletzt worden. +Die Lehre vom Nichtwiderstande war den anglikanischen Geistlichen theuer +gewesen; sie war ihr unterscheidendes Kennzeichen, sie war ihr +Lieblingsthema. Wenn wir nach dem auf uns gekommenen Theile ihrer +öffentlichen Vorträge urtheilen dürfen, so hatten sie über die Pflicht +des passiven Gehorsams mindestens eben so oft und eifrig gepredigt, wie +über die Dreieinigkeit und die Sühne.<a class = "tag" name = "tagXI_4" +id = "tagXI_4" href = "#noteXI_4">4</a> Ihre Anhänglichkeit an ihren +politischen Glauben war zwar hart geprüft und auf eine kurze Zeit +erschüttert worden; aber mit Jakob’s Tyrannei waren auch die bittern +Gefühle verschwunden, welche diese Tyrannei in ihnen geweckt hatte. Der +Pfarrer eines Kirchspiels war natürlich nicht geneigt, sich einer Sache +anzuschließen, die ein thatsächlicher Triumph über die Grundsätze war, +die seine Gemeinde ihn an jedem Jahrestage des Märtyrertodes<a class = +"tag" name = "tagXI_5" id = "tagXI_5" href = "#noteXI_5">5</a> und der +Restauration hatte verkündigen hören.</p> + +<p>Auch die Soldaten waren mißvergnügt. Sie haßten zwar den Papismus und +hatten den verbannten König nicht geliebt; aber sie fühlten nur zu wohl, +daß sie in dem kurzen Feldzuge, der das Schicksal ihres Vaterlandes +entschieden, eine ruhmlose Rolle gespielt hatten. Vierzig schöne +Regimenter, eine reguläre Armee, wie noch nie zuvor eine unter dem +Banner England’s gefochten, hatten sich über Hals und Kopf vor einem +Eindringling zurückgezogen und sich ihm dann ohne Schwertstreich +unterworfen. Diese große Streitmacht war bei der jüngsten Veränderung +von gar keinem Einflusse gewesen; sie hatte eben so wenig etwas gethan, +Wilhelm abzuwehren, als ihn ins Land zu bringen. Die Bauern, welche mit +Heugabeln bewaffnet und auf Karrengäulen reitend, im Gefolge Lovelace’s +oder Delamere’s umhergezogen waren, hatten einen größeren Theil an der +Revolution genommen als jene glänzenden Haustruppen, deren Federhüte, +geflickte Röcke und curbettirende Schlachtrosse die Londoner so oft in +Hyde Park bewundert. Die Verstimmung der Armee wurde noch vermehrt durch +die Spötteleien der Fremden, welche weder durch Befehle noch durch +Strafen völlig unterdrückt werden konnten.<a class = "tag" name = +"tagXI_6" id = "tagXI_6" href = "#noteXI_6">6</a> An verschiedenen Orten +äußerte sich der Unmuth, den man bei einer tapferen und von Ehrgefühl +beseelten Gemeinschaft von Männern unter solchen Umständen wohl erwarten +darf, in beruhigender Weise. Ein in Cirencester liegendes Bataillon +löschte die Freudenfeuer aus, ließ den König Jakob hoch leben und trank +auf den Untergang seiner Tochter und seines Neffen. Die Garnison von +Plymouth störte die Festlichkeiten in der Grafschaft Cornwall, es kam zu +Schlägereien, und ein Mann wurde dabei getödtet.<a class = "tag" name = +"tagXI_7" id = "tagXI_7" href = "#noteXI_7">7</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_4" id = "noteXI_4" href = "#tagXI_4">4.</a> +„Ich kann mit Bestimmtheit behaupten,“ sagt ein Schriftsteller, der in +der Westminsterschule erzogen war, „daß auf eine Predigt über die Buße, +den Glauben und die Erneuerung des heiligen Geistes, die ich hörte, drei +von der andern Art kamen, und es ist schwer zu sagen, ob Jesus Christus +oder König Karl I. öfter erwähnt und gepriesen wurde.“ — <span +class = "antiqua">Bisset’s Modern Fanatick, 1710</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_5" id = "noteXI_5" href = "#tagXI_5">5.</a> +Karl’s I. — D. Übersetzer.</p> + +<p><a name = "noteXI_6" id = "noteXI_6" href = "#tagXI_6">6.</a> +<span class = "antiqua">Gazette de Paris</span>, 26. Jan. (5. Febr.) +1689; <span class = "antiqua">Orange Gazette, Jan. 10. +1688/89</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_7" id = "noteXI_7" href = "#tagXI_7">7.</a> +<span class = "antiqua">Grey’s Debates</span>, Howe’s Rede vom 26. Febr. +1688/89; Boscawen’s Rede vom 1. März; <span class = "antiqua">Narcissus +Luttrell’s Diary</span>, 23—27. Febr.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Reaction der öffentlichen Meinung.</span> +<a name = "secXI_5" id = "secXI_5">Die</a> Mißstimmung der +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_8" id = "pageXI_8"> +XI.8</a></span> +Geistlichkeit und der Armee konnte auch den Unaufmerksamsten nicht +entgehen, denn beide Stände zeichneten sich von den übrigen Klassen +durch in die Augen fallende Eigenthümlichkeiten in der Kleidung aus. +„Die Schwarzröcke und die Rothröcke,“ sagte ein heftiger Whig im Hause +der Gemeinen, „sind der Fluch der Nation.“<a class = "tag" name = +"tagXI_8" id = "tagXI_8" href = "#noteXI_8">8</a> Die Unzufriedenheit +beschränkte sich jedoch nicht auf die Schwarzröcke und Rothröcke. Die +Begeisterung, mit welcher Leute aller Stände Wilhelm zu Weihnachten in +London bewillkommnet, hatte noch vor Ende Februar bedeutend +nachgelassen. Der neue König selbst hatte, in dem Augenblicke als sein +Ruhm und sein Glück den höchsten Punkt erreicht, die kommende Reaction +vorhergesagt. Diese Reaction hätte allerdings auch ein minder +scharfsichtiger Beobachter der menschlichen Dinge voraussehen können, +denn sie muß hauptsächlich einem Gesetz zugeschrieben werden, das eben +so feststeht wie die Gesetze, welche die Aufeinanderfolge der +Jahreszeiten und den Wechsel der Passatwinde regeln. Es liegt in der +Natur des Menschen, gegenwärtige Übel zu hoch, und gegenwärtiges Gute zu +niedrig anzuschlagen, sich nach dem was er nicht hat zu sehnen, und mit +dem was er hat unzufrieden zu sein. Dieser Hang, wie er sich bei dem +Individuum zeigt, ist oft von lachenden und von weinenden Philosophen +besprochen worden. Er war ein Lieblingsthema Horaz’ und Pascal’s, +Voltaire’s und Johnson’s. Seinem Einflusse auf das Schicksal großer +Gemeinschaften können die meisten Revolutionen und Gegenrevolutionen, +von denen die Geschichte erzählt, zugeschrieben werden. Hundert +Generationen sind seit der ersten großen nationalen Emancipation, von +welcher Nachricht auf uns gekommen ist, vorübergegangen. In dem ältesten +der Bücher lesen wir, daß ein Volk, unter einem grausamen Joche in den +Staub gebeugt, von strengen Zuchtmeistern zur Arbeit gepeitscht, ohne +nur Stroh zu einem Lager zu erhalten, und doch gezwungen die tägliche +Anzahl Bausteine zu liefern, des Lebens müde ward und einen zum Himmel +schreienden Jammerruf ertönen ließ. Die Sklaven wurden wunderbar +befreit, und im Augenblicke ihrer Befreiung stimmten sie eine Dankes- +und Siegeshymne an; doch schon nach wenig Stunden begannen sie ihre +Sklaverei zurückzuwünschen und gegen den Anführer zu murren, der sie von +dem leckeren Tische des Hauses der Knechtschaft hinweggelockt in die öde +Wüste, die sie noch von dem Lande trennte, wo Milch und Honig fließen +sollten. Seitdem ist die Geschichte jedes großen Befreiers eine +Wiederholung der Geschichte Moses gewesen. Auf Freudenbezeigungen wie +die am Ufer des rothen Meeres ist jederzeit, bis auf den heutigen Tag, +sehr bald ein Murren wie das an den Wassern der Zwietracht gefolgt.<a +class = "tag" name = "tagXI_9" id = "tagXI_9" href = "#noteXI_9">9</a> +Die gerechteste und heilsamste Revolution muß viele Leiden +hervorbringen. Die gerechteste und heilsamste Revolution kann nicht all’ +das Gute schaffen, das Leute von mangelhafter Bildung und sanguinischem +Temperament von ihr erwarteten. Selbst der Weiseste vermag nicht, so +lange sie noch neu ist, die Übel, die sie hervorgerufen, gegen die Übel, +die sie beseitigt, mit vollkommener Genauigkeit abzuwägen. +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_9" id = "pageXI_9"> +XI.9</a></span> +Denn die Übel, die sie hervorgerufen, werden gefühlt, die Übel aber, die +sie beseitigt, werden nicht mehr gefühlt.</p> + +<p>So war es damals in England. Das Publikum war, wie immer während des +Zustandes von Abkühlung, der auf Fieberanfälle folgt, mißmuthig, schwer +zu befriedigen, unzufrieden mit sich selbst und unzufrieden mit denen, +welche noch kürzlich seine Lieblinge gewesen. Der Waffenstillstand +zwischen den beiden großen Parteien war zu Ende. Obwohl getrennt durch +die Erinnerung an Alles was während eines Kampfes von einem halben +Jahrhundert gethan und gelitten worden, hatte eine gemeinsame Gefahr sie +auf einige Monate mit einander verbunden. Jetzt war die Gefahr vorüber, +die Verbindung war aufgelöst und der alte Groll brach wieder in seiner +ganzen Stärke hervor.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_8" id = "noteXI_8" href = "#tagXI_8">8.</a> +<span class = "antiqua">Grey’s Debates, Febr. 26. 1688/89.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_9" id = "noteXI_9" href = "#tagXI_9">9.</a> +Dieser Vergleich findet sich in zahlreichen Predigten und Flugschriften +aus der Zeit Wilhelm’s III. Es existirt auch eine schwache Nachahmung +von <span class = "antiqua">Absalom and Ahitophel</span>, betitelt: +<span class = "antiqua">The Murmurers</span>. Wilhelm ist Moses; Cora, +Dathan und Abiram Bischöfe, die den Eid verweigern; Balaam, glaube ich, +Dryden, und Phineas Shrewsbury.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Stimmung der Tories.</span> +<a name = "secXI_6" id = "secXI_6">Jakob</a> war während der letzten +Jahre seiner Regierung von den Tories noch mehr gehaßt worden als von +den Whigs, und zwar nicht ohne Grund, denn den Whigs war er nur ein +Feind, den Tories aber war er ein treuloser und undankbarer Freund +gewesen. Doch die alten royalistischen Gefühle, welche in der Zeit +seiner gesetzlosen Herrschaft erloschen zu sein schienen, waren durch +sein Mißgeschick zum Theil wieder geweckt worden. Viele Lords und +Gentlemen, welche im December für den Prinzen von Oranien und ein freies +Parlament zu den Waffen gegriffen, sagten zwei Monate später, sie hätten +sich mit fortreißen lassen, sie hätten zu großes Vertrauen in die +Erklärung Sr. Hoheit gesetzt und hätten in ihm eine Uneigennützigkeit +vermuthet, die, wie es sich jetzt zeige, nicht in seinem Charakter +liege. Sie hätten dem König Jakob zu seinem eigenen Besten einen +leichten Zwang auflegen, die Jesuiten und Renegaten, die ihn irre +geleitet, bestrafen und von ihm eine Garantie für die Aufrechthaltung +der bürgerlichen und kirchlichen Institutionen des Reichs erlangen, +nicht aber ihn entthronen und verbannen wollen. Für seine schlechte +Verwaltung fand man Entschuldigungsgründe. Sei es ein Wunder, daß er, +durch Rebellen, welche dem Namen Protestanten Schande machten, schon als +Knabe seinem Vaterlande entrissen, und gezwungen seine Jugend in Ländern +zu verleben, wo die römisch-katholische Religion herrschte, durch diesen +verführerischen Aberglauben angezogen worden? Sei es ein Wunder, daß +sein Charakter durch die Verfolgungen und Verleumdungen einer +unversöhnlichen Partei härter und strenger geworden als man anfangs +geglaubt, und daß er, als die, welche es versucht hatten, seine Ehre zu +vernichten und ihn seines Geburtsrechts zu berauben, endlich in seiner +Gewalt waren, die Gerechtigkeit nicht genügend durch Nachsicht gemildert +habe? Was endlich die schlimmste ihm zur Last gelegte Anschuldigung +betreffe: daß er durch Adoptirung eines untergeschobenen Kindes seinen +Töchtern ihr rechtmäßiges Erbe habe entziehen wollen, — worauf +gründe sich diese Anklage? Bloß auf geringfügige Umstände, die man wohl +auf Rechnung des Zufalls oder der mit seinem Charakter nur zu sehr im +Einklang stehenden Unbesonnenheit schreiben könne. Habe wohl je der +einfältigste Dorfrichter einen Menschen ins Gefängniß geworfen, ohne +stärkere Beweise zu verlangen, als die, auf welche hin das englische +Volk seinen König des niedrigsten und abscheulichsten Betrugs schuldig +erklärt habe? Allerdings habe er einige große Fehler begangen, und es +sei nichts gerechter und verfassunggemäßer, als daß seine Rathgeber und +Creaturen wegen dieser Fehler zur strengen Rechenschaft gezogen würden; +auch verdiene von allen diesen Rathgebern und Creaturen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_10" id = "pageXI_10"> +XI.10</a></span> +Niemand mehr bestraft zu werden als die Rundkopf-Sectirer, deren +Schmeichelei ihn ermuthigt habe, in der verderblichen Ausübung der +Dispensationsgewalt zu beharren. Es sei ein Grundgesetz des Landes, daß +der König nicht Unrecht thun könne und daß, wenn Kraft seiner Autorität +Unrecht gethan werde, seine Rathgeber und Werkzeuge dafür verantwortlich +seien. Diese große und wesentliche Regel unsrer Verfassung sei jetzt +umgedreht worden. Die Speichellecker, welche von Rechtswegen zu +bestrafen gewesen seien, erfreuten sich der Straflosigkeit, und der +König, der von Rechtswegen nicht zu bestrafen sei, werde mit +schonungsloser Strenge bestraft. Sei es anders möglich, als daß die +Cavaliere England’s, die Söhne der Krieger, welche unter Ruprecht +gekämpft, bitteren Schmerz und Unwillen empfänden, wenn sie an das +Schicksal ihres rechtmäßigen Lehnsherrn dächten, des Erben einer langen +Reihe von Fürsten, der erst unlängst mit allem Glanze in Whitehall auf +den Thron erhoben worden und jetzt ein Verbannter, ein Bittender, ein +Bettler sei? Sein Unglück sei größer als selbst das des gefeierten +Märtyrers, dessen Sprößling er sei. Der Vater sei durch erklärte +Todfeinde hingeschlachtet worden, der Untergang des Sohnes sei das Werk +seiner eigenen Kinder. Gewiß hätte die Strafe, wenn sie auch verdient +sei, durch andere Hände auferlegt werden sollen. Und sei sie denn +wirklich ganz verdient? Sei der unglückliche Mann nicht eher schwach und +unbesonnen als schlecht? Besitze er nicht einige von den Eigenschaften +eines vortrefflichen Fürsten? Man könne zwar nicht sagen, daß er +ausgezeichnete Fähigkeiten habe, aber er sei thätig, er sei sparsam, er +habe tapfer gefochten, er sei sein eigner Marineminister gewesen und +habe als solcher seine Sache recht gut gemacht; er habe ferner, bevor +seine geistlichen Leiter einen verhängnißvollen Einfluß auf ihn +gewonnen, für einen Mann von strenger Gerechtigkeit gegolten, und +endlich habe er, wenn er nicht von ihnen irre geführt worden sei, fast +immer die Wahrheit gesprochen und ehrlich gehandelt. Bei so vielen +Tugenden habe er, wenn er ein Protestant, ja selbst wenn er ein +gemäßigter Katholik gewesen wäre, glücklich und ruhmvoll regieren +können. Vielleicht sei es noch nicht zu spät für ihn, seine Fehler +wieder gut zu machen. Man könne ihn wohl schwerlich für so verblendet +und verderbt halten, daß er aus der empfangenen furchtbaren Lehre nicht +Nutzen ziehen sollte, und wenn diese Lehre die Wirkung gehabt habe, die +man vernünftigerweise davon erwarten dürfe, so werde England unter +seinem rechtmäßigen Herrscher noch immer ein größeres Maß von Glück und +Ruhe genießen können, als es von der Verwaltung des besten und +tüchtigsten Usurpators zu erwarten habe.</p> + +<p>Wir würden denen, welche diese Sprache führten, sehr Unrecht thun, +wenn wir annähmen, daß sie, als Gesammtheit, aufgehört hätten, den +Papismus und Despotismus mit Abscheu zu betrachten. Wohl mag es einige +Zeloten darunter gegeben haben, welche den Gedanken, ihrem Könige +Bedingungen vorzuschreiben, nicht ertragen konnten und die bereit waren, +ihn zurückzurufen ohne die geringste Zusicherung von seiner Seite, daß +nicht augenblicklich die Indulgenzerklärung wieder publicirt, die hohe +Commission wieder eingesetzt, <ins class = "correction" title = +"Original hat »Peter«">Petre</ins> wieder in den Staatsrath berufen und +die Fellows des Magdalenencollegiums wieder vertrieben werden sollten. +Allein die Zahl dieser Männer war klein. Um so größer war dagegen die +Zahl derjenigen Royalisten, welche bereit gewesen wären, sich aufs neue +um Jakob zu schaaren, wenn er seine Irrthümer eingesehen und versprochen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_11" id = "pageXI_11"> +XI.11</a></span> +hätte, die Gesetze zu beobachten. Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, +daß zwei talentvolle und erfahrene Staatsmänner, welche eine Hauptrolle +in der Revolution gespielt hatten, wenige Tage nach derselben offen ihre +Besorgniß äußerten, daß eine Restauration nahe bevorstehe. „Wenn König +Jakob ein Protestant wäre,“ sagte Halifax zu Reresby, „so könnten wir +ihn keine vier Monate außer Landes halten.“ — „Wenn König Jakob,“ +sagte Danby um dieselbe Zeit zu dem nämlichen Manne, „dem Lande in +Sachen der Religion nur einige Genugthuung geben wollte, was er leicht +thun könnte, so würde es sehr schwer sein, ihm die Spitze zu bieten.“<a +class = "tag" name = "tagXI_10" id = "tagXI_10" href = +"#noteXI_10">10</a> Zum Glück für England war Jakob, wie immer, sein +eigener schlimmster Feind. Kein Wort, aus dem man hätte abnehmen können, +daß er sich wegen der Vergangenheit tadele oder daß er in Zukunft +verfassunggemäß zu regieren gedenke, war aus ihm heraus zu bringen. +Jeder Brief, jedes Gerücht, das seinen Weg von Saint-Germains nach +England fand, ließ einsichtsvolle Männer fürchten, daß, wenn er in +seiner gegenwärtigen Stimmung wieder zur Macht gelangen sollte, die +zweite Tyrannei schlimmer sein würde, als die erste. So mußten denn die +Tories in ihrer Gesammtheit, wenn auch ungern, eingestehen, daß sie für +den Augenblick nur die Wahl hatten zwischen Wilhelm und dem öffentlichen +Ruin. Daher ließen sie sich die neue Regierung unmuthig gefallen, ohne +jedoch die Hoffnung ganz aufzugeben, daß der eigentlich rechtmäßige +König früher oder später der Stimme der Vernunft noch Gehör geben werde, +und ohne für den factischen König eine Spur von Loyalität zu +empfinden.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_10" id = "noteXI_10" href = "#tagXI_10">10.</a> +<span class = "antiqua">Reresby’s Memoirs.</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Stimmung der Whigs.</span> +<a name = "secXI_7" id = "secXI_7">Es</a> ist die Frage, ob der neuen +Regierung während der ersten Monate ihres Bestehens die Zuneigung der +Whigs nicht gefährlicher war als die Abneigung der Tories. Offene +Feindschaft kann kaum nachtheiliger sein als mäkelnde, eifersüchtige, +anspruchsvolle Zuneigung, und solcher Art war die, welche die Whigs dem +Herrscher ihrer Wahl erwiesen. Sie lobten und priesen ihn laut, sie +waren bereit, ihn mit Gut und Blut gegen fremde und einheimische Feinde +zu unterstützen. Aber ihre Zuneigung zu ihm war eine ganz +eigenthümliche. Eine Loyalität wie die, welche die tapferen Edelleute +beseelte, die für Karl I. kämpften, oder wie die, welche Karl II. den +durch eine zwanzigjährige schlechte Verwaltung hervorgerufenen Gefahren +und Schwierigkeiten entrissen: einem solchen Gefühl waren die Lehren +Milton’s und Sidney’s nicht günstig, so wenig als ein durch einen +Aufstand eben erst zur Macht gelangter Fürst hoffen durfte, es +einzuflößen. Die whiggistische Regierungstheorie geht dahin, daß der +König für das Volk, nicht das Volk für den König da ist; daß das Recht +eines Königs in keinem andren Sinne göttlich ist als wie das Recht eines +Parlamentsmitgliedes, eines Richters, eines Geschwornen, eines Mayors +und eines Constabels; daß, so lange der erste Beamte im Staate den +Gesetzen gemäß regiert, ihm Gehorsam und Ehrerbietung bezeigt werden +muß; daß aber, sobald er die Gesetze verletzt, ihm Widerstand geleistet +werden darf, und daß er, wenn er die Gesetze gröblich, systematisch und +beharrlich verletzt, abgesetzt werden muß. Von der Richtigkeit dieser +Principien hing die Gerechtigkeit von Wilhelm’s Anspruch auf den Thron +ab. Es liegt auf der Hand, daß +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_12" id = "pageXI_12"> +XI.12</a></span> +zwischen Unterthanen, welche diesen Principien huldigten, und einem +Herrscher, dessen Thronbesteigung der Sieg dieser Principien gewesen +war, ein ganz andres Verhältniß stattfinden mußte als das, welches +zwischen den Stuarts und den Cavalieren bestand. Die Whigs liebten +Wilhelm zwar, aber sie liebten ihn nicht als König, sondern als +Parteiführer, und es war nicht schwer vorauszusehen, daß ihr +Enthusiasmus bald nachlassen würde, wenn er sich etwa weigerte, der +bloße Führer ihrer Partei zu sein, und versuchen sollte, den König der +ganzen Nation zu spielen. Zum Dank für die Hingebung, die sie seiner +Sache bewiesen, verlangten sie von ihm, daß er einer der Ihrigen, ein +zuverlässiger, eifriger Whig sei, daß er seine Gunst nur Whigs zu Theil +werden lasse, daß er allen alten Groll und Haß der Whigs zu seinem +eignen mache, und es stand mit nur zu gutem Grunde zu befürchten, daß, +wenn er diese Erwartung täuschte, der einzige Theil der Nation, der +seiner Sache eifrig zugethan war, ihm entfremdet werden würde.<a class = +"tag" name = "tagXI_11" id = "tagXI_11" href = "#noteXI_11">11</a></p> + +<p>Dies waren die Schwierigkeiten, von denen er sich im Augenblicke +seiner Erhebung umringt sah. Wo es einen guten Ausweg gab, hatte er +selten verfehlt, denselben zu wählen, jetzt aber hatte er nur die Wahl +zwischen Wegen, die alle mit gleicher Wahrscheinlichkeit zum Verderben +führten. Von der einen Partei durfte er keine aufrichtige Unterstützung +erwarten, und die aufrichtige Unterstützung der andern konnte er sich +nur dadurch erhalten, daß er selbst der entschiedenste Parteimann in +seinem Königreiche, ein Shaftesbury auf dem Throne wurde. Verfolgte er +die Tories, so verwandelte sich ihre Verstimmung unfehlbar in Wuth; +gewährte er ihnen seine Gunst, so war es noch keineswegs gewiß, ob er +dadurch ihre Zuneigung gewann, während es nur zu wahrscheinlich war, daß +er dann seinen Halt im Herzen der Whigs verlieren werde. Etwas mußte er +indeß thun, etwas mußte er wagen: es mußte ein Geheimrath vereidigt und +alle wichtigen Staats- und Justizämter mußten besetzt werden. Es hierbei +<span class = "extended">Allen</span> recht zu machen, war unmöglich, es +war schon schwer genug, es <span class = "extended">Jemandem</span> +recht zu machen; doch etwas mußte geschehen.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_11" id = "noteXI_11" href = "#tagXI_11">11.</a> +Hier, wie in vielen anderen Fällen, unterlasse ich es, meine Quellen +anzuführen, weil ihrer zu viele sind. Meine Angaben über die Stimmung +und gegenseitige Stellung der politischen und religiösen Parteien unter +der Regierung Wilhelm’s III. sind nicht aus einem einzelnen Werke, +sondern aus Tausenden vergessener Abhandlungen, Predigten und Satyren, +kurz aus ganzen Literatur geschöpft, die in alten Bibliotheken +modert.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ministerielle Einrichtungen.</span> +<a name = "secXI_8" id = "secXI_8">Was</a> man jetzt ein Ministerium +nennt, das gedachte er nicht zu bilden. Überhaupt lernte England ein +solches Ministerium erst kennen, als er einige Jahre auf dem Throne saß. +Unter den Plantagenets, den Tudors und den Stuarts hatte es wohl +Minister, aber kein Ministerium gegeben. Die Diener der Krone standen +nicht, wie jetzt, in einem solidarischen Verhältnisse zu einander, man +erwartete nicht von ihnen, daß sie, selbst in Fragen von höchster +Bedeutung, gleicher Meinung seien. Oft waren sie sogar politische und +persönliche Feinde und machten kein Geheimniß aus ihrer Feindschaft. Es +galt noch nicht für nachtheilig und unschicklich, daß sie einander +schwerer Verbrechen beschuldigten und daß Einer des Andren Kopf +verlangte. Niemand hatte den Lordkanzler Clarendon heftiger angeklagt +als Coventry, ein Mitglied der Schatzcommission. Niemand hatte den +Lordschatzmeister +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_13" id = "pageXI_13"> +XI.13</a></span> +Danby heftiger angeklagt als Winnington, der Generalprokurator. Nur ein +Einigungspunkt war zwischen den Regierungsmitgliedern: ihr gemeinsames +Oberhaupt, der Souverain. Die Nation betrachtete ihn als das wirkliche +Oberhaupt der Verwaltung und tadelte ihn streng, wenn er seine hohen +Functionen auf einen Unterthan übertrug. Clarendon sagt uns, daß den +Engländern seiner Zeit nichts so verhaßt gewesen sei als ein +Premierminister. Sie würden, meint er, lieber unter einem Usurpator wie +Oliver stehen, der factisch wie nominell erster Beamter im Staate war, +als unter einem rechtmäßigen Könige, der sie an einen Großwessier +verwies. Eine der Hauptbeschuldigungen, welche die Vaterlandspartei +gegen Karl II. erhoben, bestand darin, daß er zu indolent und +vergnügungssüchtig sei, um die Rechnungsablagen des Staatshaushaltes und +die Inventuren der militärischen Vorrathsmagazine sorgfältig zu prüfen. +Als Jakob auf den Thron kam, beschloß er, keinen Lordgroßadmiral, kein +Admiralitätscollegium zu ernennen, sondern die ganze Leitung der +Marineangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, und diese +Einrichtung, welche heutzutage von Männern aller Parteien für im +höchsten Grade verfassungswidrig und nachtheilig erklärt werden würde, +fand damals allgemeinen Beifall selbst bei Solchen, die nicht geneigt +waren, seine Handlungsweise in einem günstigen Lichte zu betrachten. Wie +vollständig das Verhältniß, in welchem der König zu seinem Parlamente +und zu seinen Ministern stand, durch die Revolution verändert worden +war, erkannten anfangs selbst die erleuchtetsten Staatsmänner nicht. Man +glaubte allgemein, daß die Regierung, wie in früherer Zeit, wieder durch +von einander unabhängige Beamte geleitet werden und daß Wilhelm die +Oberaufsicht über dieselben führen werde. Auch erwartete man +zuversichtlich, daß ein Fürst von Wilhelm’s Befähigung und Erfahrung +viele wichtige Geschäfte ohne allen fremden Rath und Beistand besorgen +werde.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen.</span> +<a name = "secXI_9" id = "secXI_9">Man</a> hatte daher nichts zu +erinnern, als man erfuhr, daß Wilhelm die Leitung der auswärtigen +Angelegenheiten sich selbst vorbehalten habe. Allerdings blieb auch kaum +etwas Andres übrig, denn mit der einzigen Ausnahme Sir Wilhelm Temple’s, +den nichts bewogen haben würde, aus seiner Zurückgezogenheit wieder ins +öffentliche Leben zu treten, gab es damals keinen Engländer, der sich +als fähig erwiesen hatte, eine wichtige Unterhandlung mit fremden +Mächten zu einem ersprießlichen und ehrenvollen Ende zu führen. Viele +Jahre waren verstrichen, seit England sich mit Gewicht und Würde in die +Angelegenheiten der großen Republik der Nationen eingemischt. Die +Aufmerksamkeit der geschicktesten englischen Staatsmänner war lange fast +ausschließlich durch Zerwürfnisse in Bezug auf die bürgerliche und +kirchliche Verfassung ihres eigenen Landes in Anspruch genommen worden. +Die Streitigkeiten wegen der papistischen Verschwörung und der +Ausschließungsbill, wegen der Habeas-Corpusacte und der Testacte hatten +einen Überfluß, man könnte fast sagen eine Fluth von solchen Talenten +erzeugt, welche in einer durch innere Spaltungen zerrissenen +Gesellschaft Männer zu Macht und Ansehen erheben. Das ganze Festland +hatte keine so geschickten und schlauen Parteiführer, keine so gewandten +parlamentarischen Taktiker, keine so schlagfertigen und beredten +Wortführer aufzuweisen als in Westminster versammelt waren. Aber es +bedurfte einer ganz andren Schule, um einen Minister des Auswärtigen zu +bilden, und die Revolution hatte England plötzlich in eine Lage +versetzt, in welcher +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_14" id = "pageXI_14"> +XI.14</a></span> +die Dienste eines großen Ministers für die auswärtigen Angelegenheiten +unentbehrlich waren.</p> + +<p>Wilhelm eignete sich ganz vorzüglich zur Ausfüllung dieses Postens, +dem die vollendetsten Staatsmänner seines Reiches nicht gewachsen waren. +Er hatte sich schon seit geraumer Zeit als Unterhändler ausgezeichnet. +Er war der Schöpfer und die Seele der europäischen Coalition gegen das +Übergewicht Frankreichs. Der leitende Faden, ohne den es gefährlich war, +das große und verwickelte Labyrinth der festländischen Politik zu +betreten, war in seinen Händen. Daher wagten es seine englischen Räthe, +so talentvoll und thätig sie sonst waren, während seiner Regierung nur +selten, sich in den Theil der Staatsgeschäfte einzumischen, die er zu +seinem speciellen Departement erwählt hatte.<a class = "tag" name = +"tagXI_12" id = "tagXI_12" href = "#noteXI_12">12</a></p> + +<p>Die innere Verwaltung England’s konnte dagegen nur unter dem Beirathe +und der Mitwirkung englischer Minister geleitet werden. Die Wahl, welche +Wilhelm bei Ernennung dieser Minister traf, bewies, daß er sich +vorgenommen hatte, keine Partei auszuschließen, die geneigt war, seinen +Thron zu stützen. Den Tag darauf, nachdem ihm im Bankethause die Krone +überreicht worden, wurde der Geheime Rath vereidigt. Die meisten Räthe +waren Whigs; doch standen auch die Namen mehrerer ausgezeichneter Tories +auf der Liste.<a class = "tag" name = "tagXI_13" id = "tagXI_13" href = +"#noteXI_13">13</a> Die vier höchsten Staatsämter wurden vier Edelleuten +übertragen, welche die vier Hauptklassen der Politiker +repräsentirten.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_12" id = "noteXI_12" href = "#tagXI_12">12.</a> +Folgende Stelle aus einer damaligen Schrift drückt die allgemeine +Ansicht über diesen Punkt aus: „Die auswärtigen Angelegenheiten kennt er +besser als wir; in Bezug auf die einheimischen Staatsgeschäfte aber +bringt es ihm keine Unehre, wenn wir ihm über sein Verhältniß zu uns, +über die Natur desselben und über das was er am zweckmäßigsten zu thun +hat, unsre Meinung sagen.“ — <span class = "antiqua">An Honest +Commoner’s Speech</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_13" id = "noteXI_13" href = "#tagXI_13">13.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Febr. 18. 1688/88.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Danby.</span> +<a name = "secXI_10" id = "secXI_10">In</a> praktischer Befähigung und +geschäftlicher Erfahrung war keiner seiner Zeitgenossen Danby überlegen. +Er hatte ein starkes Anrecht auf die Dankbarkeit des neuen +Herrscherpaares, denn durch seine Geschicklichkeit war ihre Vermählung +trotz unbesiegbar scheinender Schwierigkeiten zu Stande gebracht worden. +Die Feindschaft, die er stets gegen Frankreich gehegt, war eine kaum +minder gewichtige Empfehlung. Er hatte die Einladung vom 30. Juni +unterzeichnet, hatte den Aufstand im Norden veranstaltet und geleitet +und hatte in der Convention seinen ganzen Einfluß und seine ganze +Beredtsamkeit wider den Regentschaftsplan aufgeboten. Trotzdem +betrachteten ihn die Whigs mit unüberwindlichem Mißtrauen und +Widerwillen. Sie konnten es nicht vergessen, daß er in schlimmen Tagen +der erste Minister des Staats, das Haupt der Cavaliere, der Vorkämpfer +der Prärogative, der Verfolger der Dissenters gewesen. Selbst indem er +ein Rebell wurde, hatte er nicht aufgehört ein Tory zu sein. Wohl hatte +er das Schwert gegen die Krone gezogen, aber nur zur Vertheidigung der +Kirche. Wohl hatte er in der Convention durch seinen Widerstand gegen +den Regentschaftsplan Gutes gewirkt, auf der andren Seite aber hatte er +geschadet durch beharrliche Aufrechthaltung des Satzes, daß der Thron +nicht erledigt und die Stände nicht berechtigt seien, über die Besetzung +desselben zu entscheiden. Die Whigs waren daher der Meinung, er müsse +sich für seine neuerlichen Verdienste dadurch reichlich belohnt +erachten, daß man ihm die Strafe für die ihm zehn Jahre früher +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_15" id = "pageXI_15"> +XI.15</a></span> +zur Last gelegten Vergehen erlasse. Er dagegen schätzte seine unleugbar +eminenten Talente und Dienste nach ihrem vollen Werthe und hielt sich +für berechtigt zu dem hohen Posten eines Lordschatzmeisters, den er +früher bekleidet. Seine Erwartung wurde jedoch getäuscht. Wilhelm +erachtete es grundsätzlich für wünschenswerth, die Macht und das +Patronat des Schatzamts unter mehrere Commissarien zu theilen. Er war +der erste König von England, der vom Beginn bis zum Schlusse seiner +Regierung den weißen Stab niemals den Händen eines einzelnen Unterthanen +anvertraute. Danby ward die Wahl freigestellt zwischen der +Präsidentschaft im Geheimen Rathe und einem Staatssekretariat. Er +entschied sich verdrüßlich für die Präsidentschaft und während die Whigs +murrten, als sie ihn so hoch gestellt sahen, bemühte er sich kaum, +seinen Aerger darüber zu verbergen, daß er nicht noch höher gestellt +worden war.<a class = "tag" name = "tagXI_14" id = "tagXI_14" href = +"#noteXI_14">14</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_14" id = "noteXI_14" href = "#tagXI_14">14.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Febr. 18. 1688/89; Reresby’s +Memoirs.</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Halifax.</span> +<a name = "secXI_11" id = "secXI_11">Halifax,</a> der Ausgezeichnetste +unter der kleinen Partei die sich rühmte, daß sie zwischen den Whigs und +Tories das Gleichgewicht erhielt, übernahm das Geheimsiegel und blieb +nach wie vor Sprecher im Hause der Lords.<a class = "tag" name = +"tagXI_15" id = "tagXI_15" href = "#noteXI_15">15</a> Er hatte sich +durch streng gesetzliche Opposition gegen die letzte Regierung +hervorgethan und mit großer Gewandtheit gegen die Dispensationsgewalt +gesprochen und geschrieben; aber er hatte von dem Invasionsplane nichts +wissen wollen, er hatte, selbst als die Holländer schon auf dem vollen +Marsche gegen London waren, noch darauf hingearbeitet, eine Versöhnung +zu Stande zu bringen, und er hatte Jakob erst dann verlassen, als dieser +den Thron verließ. Von dem Augenblicke der schimpflichen Flucht aber +hatte der scharfblickende Trimmer in der Überzeugung, daß ein gütlicher +Vergleich nicht mehr möglich sei, einen entscheidenden Entschluß gefaßt. +Er hatte sich in der Convention glänzend hervorgethan, und es war ein +besonders glücklicher Griff, daß man ihn zu dem Ehrenamte ernannt, dem +Prinzen und der Prinzessin von Oranien im Namen aller Stände England’s +die Krone zu überreichen, denn soweit man überhaupt sagen kann, daß +unsre Revolution den Charakter eines einzelnen Geistes trug, trug sie +sicherlich den Charakter des großen, aber besonnenen Geistes Halifax’. +Doch die Whigs waren nicht in der Stimmung, einen neueren Dienst als +Ersatz für ein altes Vergehen anzunehmen, und das Vergehen Halifax’ war +in der That ein arges gewesen. Vor langer Zeit hatte er während eines +harten Freiheitskampfes in ihren vordersten Reihen gestritten, und als +sie endlich siegten, als Whitehall in ihrer Gewalt zu sein schien, als +sich eine nahe Aussicht auf Herrschaft und Rache eröffnete, da war er, +und mit ihm das Glück, ins feindliche Lager übergegangen. In der großen +Debatte über die Ausschließungsbill hatte seine Beredtsamkeit sie zu +Boden geschmettert und der verzagten Hofpartei neuen Lebensmuth +eingeflößt. Allerdings war er, obgleich er sie in den Tagen ihres +übermüthigen Glücks verlassen, zur Zeit der Noth in ihre Reihen +zurückgekehrt; aber jetzt, da die Noth vorüber war, vergaßen sie, daß er +zu ihnen zurückgekehrt, und erinnerten sich nur noch, daß er sie +verlassen hatte.<a class = "tag" name = "tagXI_16" id = "tagXI_16" href += "#noteXI_16">16</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_15" id = "noteXI_15" href = "#tagXI_15">15.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Febr. 18. 1688/89; Lords’ +Journals.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_16" id = "noteXI_16" href = "#tagXI_16">16.</a> +<span class = "antiqua">Burnet II. 4.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Nottingham.</span> +<a name = "secXI_12" id = "secXI_12">Der</a> Ärger, mit dem sie Danby im +Staatsrathe +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_16" id = "pageXI_16"> +XI.16</a></span> +präsidiren und Halifax das Geheimsiegel führen sahen, wurde nicht +vermindert durch die Nachricht, daß Nottingham zum Staatssekretär +ernannt sei. Einige von den eifrigen Kirchenmännern, welche nie +aufgehört hatten, die Lehre vom Nichtwiderstande zu predigen, in deren +Augen die Revolution nicht zu rechtfertigen war, die für eine +Regentschaft gestimmt und bis zuletzt bei der Behauptung geblieben +waren, daß der englische Thron nicht einen Augenblick erledigt sein +könne, hielten es gleichwohl für ihre Pflicht, sich der Entscheidung der +Convention zu unterwerfen. Sie hatten, sagten sie, sich nie gegen Jakob +aufgelehnt und Wilhelm nicht gewählt; da sie aber jetzt einen Fürsten +auf dem Thron sahen, den sie allerdings nie darauf gesetzt haben würden, +waren sie der Meinung, daß kein göttliches oder menschliches Gesetz es +ihnen zur Pflicht machte, den Kampf weiter fortzusetzen. Sie glaubten in +der Bibel sowohl wie im Gesetzbuche Vorschriften zu finden, die nicht +mißverstanden werden könnten. Die Bibel befiehlt Gehorsam gegen die +bestehenden Gewalten an. Das Gesetzbuch enthält einen Paragraphen, +welcher besagt, daß kein Unterthan deshalb als ein Übelthäter betrachtet +werden solle, weil er sich dem im factischen Besitz des Thrones +befindlichen Könige anschließe. Aus diesen Gründen glaubten Viele, die +zur Einsetzung der neuen Regierung nicht mitgewirkt hatten, daß sie +derselben ihre Unterstützung gewähren könnten, ohne weder Gott noch +einen Menschen zu beleidigen. Einer der ausgezeichnetsten Staatsmänner +dieser Schule war Nottingham. Auf sein Ansuchen hatte die Convention, +bevor der Thron besetzt war, den Unterthaneneid dergestalt umgeändert, +daß er und seine Meinungsgenossen diesen Eid unbedenklich leisten +konnten. „Meine Grundsätze,“ sagte er, „gestatten mir nicht, mich bei +der Wahl eines Königs zu betheiligen. Ist aber ein König einmal gewählt, +so gebieten mir meine Grundsätze, ihm einen strengeren Gehorsam zu +bezeigen, als er von Denen erwarten darf, die ihn gewählt haben.“ Zum +Erstaunen einiger von Denen, die ihn am meisten schätzten, willigte er +jetzt ein, im Staatsrathe zu sitzen und die Sekretariatssiegel +anzunehmen. Wilhelm hoffte ohne Zweifel, diese Ernennung werde von der +Geistlichkeit und der toryistischen Landgentry als eine genügende +Bürgschaft dafür angesehen werden, daß er gegen die Kirche nichts Böses +im Sinne habe. Selbst Burnet, der späterhin eine starke Abneigung gegen +Nottingham fühlte, gestand in einigen bald nach der Revolution +geschriebenen Abhandlungen, daß der König richtig geurtheilt und daß der +zur Unterstützung der neuen Herrscher ehrlich verwendete Einfluß des +toryistischen Staatssekretärs England vor großen Calamitäten bewahrt +habe.<a class = "tag" name = "tagXI_17" id = "tagXI_17" href = +"#noteXI_17">17</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_17" id = "noteXI_17" href = "#tagXI_17">17.</a> +Diese Abhandlungen finden sich in einem Handschriftenbande, der zur +Harley’schen Sammlung gehört und mit der Nummer 6584 bezeichnet ist. Sie +bilden thatsächlich die ersten Entwürfe zu einem großen Theile von +Burnet’s <span class = "antiqua">History of His Own Times</span>. Die +Zeitpunkte, zu welchen die verschiedenen Theile dieses höchst +merkwürdigen und interessanten Werkes abgefaßt wurden, sind angegeben. +Fast das Ganze wurde vor Mariens Tode geschrieben. Erst zehn Jahre +später begann Burnet seine Geschichte der Regierung Wilhelm’s für den +Druck vorzubereiten. Während dieses Zeitraums hatten sich seine +Ansichten, über Menschen sowohl als Dinge, sehr geändert. Deshalb ist +der erste Entwurf so außerordentlich werthvoll, denn er enthält manche +Thatsachen, die er nachher auszulassen für räthlich hielt, und einige +Urtheile, welche er später zu ändern Ursache fand. Ich muß jedoch +gestehen, daß mir seine ersten Ansichten gewöhnlich besser gefallen. +Wenn seine Geschichte einmal neu gedruckt würde, sollte sie mit diesem +Manuscriptbande sorgfältig verglichen werden. Überall wo ich mich auf +diese Handschrift beziehe, kann der Leser annehmen, daß sie etwas +enthält, was sich in seiner gedruckten Geschichte nicht findet.</p> + +<p class = "continue"> +Über Nottingham’s Ernennung siehe <span class = "antiqua">Burnet II. +8</span>, <span class = "antiqua">London Gazette, March 7. +1688/89</span> und <span class = "antiqua">Clarendon’s Diary, +Febr. 15</span>.</p> +</div> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_17" id = "pageXI_17"> +XI.17</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Shrewsbury.</span> +<a name = "secXI_13" id = "secXI_13">Der</a> andre Staatssekretär war +Shrewsbury.<a class = "tag" name = "tagXI_18" id = "tagXI_18" href = +"#noteXI_18">18</a> Seit Menschengedenken hatte kein so junger Mann +einen so hohen Posten bei der Regierung bekleidet. Er hatte eben erst +sein achtundzwanzigstes Lebensjahr zurückgelegt. Gleichwohl erblickte +Niemand, mit Ausnahme der feierlichen Formalisten bei der spanischen +Gesandtschaft, in seiner Jugend ein Hinderniß für seine Ernennung.<a +class = "tag" name = "tagXI_19" id = "tagXI_19" href = +"#noteXI_19">19</a> Er hatte sich schon durch die hervorragende Rolle, +die er bei der Befreiung seines Vaterlandes gespielt, einen Platz in der +Geschichte gesichert. Seine Talente, seine Kenntnisse, sein +liebenswürdiges Benehmen und sein sanfter Charakter machten ihn +allgemein beliebt. Besonders die Whigs beteten ihn fast an. Niemand +ahnete, daß er mit vielen großen und gewinnenden Eigenschaften solche +Fehler des Geistes und Herzens verband, welche den Rest seines unter so +günstigen Auspicien begonnenen Lebens ihm selbst zur Last und seinem +Lande fast nutzlos machen sollten.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_18" id = "noteXI_18" href = "#tagXI_18">18.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, Febr. 18. 1688/89.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_19" id = "noteXI_19" href = "#tagXI_19">19.</a> +Don Pedro de Ronquillo macht diese Bemerkung.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Admiralität.</span> +<a name = "secXI_14" id = "secXI_14">Die</a> Leitung der +Marineangelegenheiten und der Finanzen wurde Collegien übertragen. +Herbert ward erster Commissar der Admiralität. Er hatte unter der +vorigen Regierung Reichthum und Würden aufgegeben, als er sah, daß er +sie mit Ehren und mit gutem Gewissen nicht behalten konnte; er hatte die +denkwürdige Einladung nach dem Haag überbracht und die holländische +Flotte auf der Fahrt von Helvoetsluys nach Torbay befehligt. In Bezug +auf Muth und Berufstüchtigkeit genoß er eines hohen Rufes. Wohl wußte +man, daß er auch seine Thorheiten und Fehler begangen, aber sein +neuerliches Benehmen in einer Zeit schwerer Prüfung hatte Alles wieder +gut gemacht und berechtigte zu der Hoffnung, daß seine fernere Laufbahn +eine ruhmvolle sein werde. Ihm zur Seite im Admiralitätscollegium +standen zwei ausgezeichnete Mitglieder des Hauses der Gemeinen: Wilhelm +Sacheverell, ein Whigveteran, der sich bei seiner Partei eines großen +Ansehens erfreute, und Sir Johann Lowther, ein rechtschaffener und +äußerst gemäßigter Tory, der in Bezug auf Vermögen und parlamentarische +Bedeutung unter der englischen Gentry eine der ersten Stellen einnahm.<a +class = "tag" name = "tagXI_20" id = "tagXI_20" href = +"#noteXI_20">20</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_20" id = "noteXI_20" href = "#tagXI_20">20.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, March 11. 1688/89.</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Das Schatzamt.</span> +<a name = "secXI_15" id = "secXI_15">An</a> die Spitze der Finanzen +wurde Mordaunt, einer der heftigsten Whigs, gestellt, warum, ist schwer +zu sagen. Sein romanhafter Muth, sein ruheloser Geist, seine +excentrischen Einfälle, sein Hang zu verzweifelten Wagnissen und +staunenerregenden Effecten waren eben keine Eigenschaften, die ihm bei +finanziellen Operationen und Unterhandlungen von besonderem Nutzen sein +konnten. Der zweite Schatzcommissar und zugleich Kanzler der +Schatzkammer war Delamere, ein womöglich noch heftigerer Whig als +Mordaunt. Außerdem saßen zwei whiggistische Mitglieder des Hauses der +Gemeinen in dem Collegium: Sir Heinrich Capel, Bruder jenes Earls von +Essex, der sich im Tower entleibte, und Richard Hampden, der Sohn des +großen Führers des Langen Parlaments. Der Commissar aber, auf dem die +Hauptlast der Geschäfte ruhte, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_18" id = "pageXI_18"> +XI.18</a></span> +war Godolphin. Dieser schweigsame, einsichtsvolle, fleißige und +harmlose, für keine Regierung schwärmende, aber jeder Regierung +nützliche Mann war nach und nach ein fast unentbehrlicher Theil der +Staatsmaschiene geworden. Obgleich ein Anhänger der Landeskirche, hatte +er sich doch an einem von Jesuiten geleiteten Hofe emporgeschwungen. +Obwohl er für eine Regentschaft gestimmt hatte, war er doch das +wirkliche Oberhaupt eines mit Whigs angefüllten Schatzamtes. Seine +Fähigkeiten und Kenntnisse, welche unter der vorigen Regierung die +Mängel Bellasyse’s und Dower’s ausgeglichen hatten, waren auch jetzt +nöthig, um die Mängel Mordaunt’s und Delamere’s zu übertragen.<a class = +"tag" name = "tagXI_21" id = "tagXI_21" href = "#noteXI_21">21</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_21" id = "noteXI_21" href = "#tagXI_21">21.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, March 11. 1688/89.</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Das große Siegel.</span> +<a name = "secXI_16" id = "secXI_16">Die</a> Verleihung des großen +Siegels hatte einige Schwierigkeiten. Der König wünschte es zuerst +Nottingham anzuvertrauen, dessen Vater es mehrere Jahre mit großer +Auszeichnung geführt hatte.<a class = "tag" name = "tagXI_22" id = +"tagXI_22" href = "#noteXI_22">22</a> Nottingham aber lehnte es ab, und +es wurde deshalb Halifax angetragen, der es ebenfalls ablehnte. Beide +Lords fühlten ohne Zweifel, daß dies ein Amt sei, das sie nicht mit +Ehren für sich selbst und mit Nutzen für den Staat verwalten konnten. In +alten Zeiten war das Staatssiegel zwar größtentheils in den Händen von +Nichtjuristen gewesen. Selbst noch im siebzehnten Jahrhundert hatten es +zwei ausgezeichnete Männer geführt, welche in keinem Rechtscollegium +studirt hatten. Dechant Williams war Lordsiegelbewahrer Jakob’s I., +Shaftesbury Lordkanzler Karls II. gewesen; aber solche Ernennungen +konnten nicht länger ohne ernste Nachtheile stattfinden. Die Billigkeit +hatte sich allmälig zu einer verwickelten Wissenschaft ausgebildet, +welche kein menschlicher Verstand ohne lange und angestrengte Studien +ausüben konnte, selbst Shaftesbury hatte bei all’ seinem scharfen +Verstande seinen Mangel an technischen Kenntnissen schmerzlich +gefühlt,<a class = "tag" name = "tagXI_23" id = "tagXI_23" href = +"#noteXI_23">23</a> und während der fünfzehn Jahre, welche verstrichen +waren, seitdem er das Siegel niedergelegt, waren diese technischen +Kenntnisse seinen Nachfolgern immer nothwendiger geworden. Daher wagte +es weder Nottingham, obwohl er einen Schatz juristischer Kenntnisse +besaß, wie man ihn selten bei einem Manne findet, der die +Rechtswissenschaft nicht studirt hat, noch Halifax, obgleich er bei den +Gerichtssitzungen des Hauses der Lords oft die Versammlung durch sein +treffendes Urtheil und durch seine scharfe Logik in Erstaunen gesetzt, +das höchste Amt, das ein englischer Laie bekleiden kann, anzunehmen. +Nach langem Zaudern wurde das Siegel einer Commission von +ausgezeichneten Juristen, mit Maynard an der Spitze, übertragen.<a class += "tag" name = "tagXI_24" id = "tagXI_24" href = "#noteXI_24">24</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_22" id = "noteXI_22" href = "#tagXI_22">22.</a> +Ich habe mich an die mir am wahrscheinlichsten dünkende Erzählung der +Sache gehalten. Man ist aber in Zweifel gewesen, ob Nottingham +aufgefordert wurde, Kanzler, oder nur erster Commissar des großen +Siegels zu werden. Vergleiche Burnet, II. 3, und Boyer’s <span class = +"antiqua">History of William, 1702</span>. Narcissus Luttrell spricht zu +wiederholten Malen, sogar noch am Schlusse des Jahres 1692, von +Nottingham als muthmaßlichem Kanzler.</p> + +<p><a name = "noteXI_23" id = "noteXI_23" href = "#tagXI_23">23.</a> +Roger North erzählt einen ergötzlichen Fall von Shaftesbury’s +Verlegenheit.</p> + +<p><a name = "noteXI_24" id = "noteXI_24" href = "#tagXI_24">24.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, March 4. 1688/89.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Richter.</span> +<a name = "secXI_17" id = "secXI_17">Die</a> Wahl der Richter machte der +neuen Regierung Ehre. Jedes Mitglied des Geheimraths wurde aufgefordert +eine Liste einzureichen. Diese Listen wurden miteinander verglichen und +zwölf Männer von hervorragendem Talent und Verdienst ausgewählt.<a class += "tag" name = "tagXI_25" id = "tagXI_25" href = "#noteXI_25">25</a> +Pollexfen hatte +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_19" id = "pageXI_19"> +XI.19</a></span> +in Folge seiner juristischen Kenntnisse und seiner whiggistischen +Grundsätze Anspruch auf den höchsten Platz. Aber man erinnerte sich, daß +er in den westlichen Grafschaften bei den Assisen, welche auf die +Schlacht von Sedgemoor folgten, als Commissar der Krone fungirt hatte. +Es geht zwar aus den Berichten über die Untersuchungen hervor, daß er, +wenn er überhaupt von der Krone bevollmächtigt war, so wenig that als er +konnte und daß er es den Richtern überließ, Zeugen und Gefangene +einzuschüchtern. Dessenungeachtet aber war sein Name in der öffentlichen +Meinung mit den blutigen Assisen untrennbar verbunden. Er konnte daher +nicht füglich an die Spitze des höchsten Criminalgerichtshofes gestellt +werden.<a class = "tag" name = "tagXI_26" id = "tagXI_26" href = +"#noteXI_26">26</a> Nachdem er einige Wochen als Generalfiskal fungirt, +ward er zum Oberrichter der Common Pleas ernannt. Sir John Holt, ein +noch junger Mann, aber ausgezeichnet durch Gelehrsamkeit, +Rechtschaffenheit und Muth, wurde Oberrichter der King’s Bench, Sir +Robert Atkyns, ein ausgezeichneter Jurist, der einige Jahre in +ländlicher Zurückgezogenheit zugebracht, der aber in Westminster Hall +noch immer eines großen Rufes genoß, wurde zum ersten Baron<a class = +"tag" name = "tagXI_27" id = "tagXI_27" href = "#noteXI_27">27</a> +ernannt. Powell, der wegen seiner ehrenwerthen Erklärung zu Gunsten der +Bischöfe abgesetzt worden war, nahm seinen Sitz unter den Richtern +wieder ein. Treby wurde Pollexfen’s Nachfolger als Generalfiskal, und +Somers wurde zum Prokurator ernannt.<a class = "tag" name = "tagXI_28" +id = "tagXI_28" href = "#noteXI_28">28</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_25" id = "noteXI_25" href = "#tagXI_25">25.</a> +<span class = "antiqua">Burnet II. 5.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_26" id = "noteXI_26" href = "#tagXI_26">26.</a> +<span class = "antiqua">The Protestant Mask taken off from the Jesuited +Englishman, 1692</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_27" id = "noteXI_27" href = "#tagXI_27">27.</a> +Die Richter der Schatzkammer werden Barons genannt. Der Übersetzer.</p> + +<p><a name = "noteXI_28" id = "noteXI_28" href = "#tagXI_28">28.</a> +Diese Ernennungen wurden erst am 6. Mai in der Gazette bekannt gemacht, +einige derselben aber waren schon früher erfolgt.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Der Hofstaat.</span> +<a name = "secXI_18" id = "secXI_18">Zwei</a> der höchsten Ämter im +königlichen Hofstaate wurden mit zwei englischen Cavalieren besetzt, +welche ganz geeignet waren, die Zierde eines Hofes zu werden. Der +hochherzige und kenntnißreiche Devonshire ward zum Obersthofmeister +ernannt. Niemand hatte in der entscheidenden Crisis für England mehr +gethan und gewagt. Indem er England’s Freiheiten wiederhergestellt, +hatte er auch das Vermögen seines eigenen Hauses wiedererlangt. Seine +Schuldverschreibung über dreißigtausend Pfund wurde unter den Papieren +gefunden, welche Jakob in Whitehall zurückgelassen, und von Wilhelm +vernichtet.<a class = "tag" name = "tagXI_29" id = "tagXI_29" href = +"#noteXI_29">29</a></p> + +<p>Dorset wurde Lordkammerherr und verwendete den Einfluß und das +Patronat seiner Stellung, wie schon seit langer Zeit seine Privatmittel, +zur Aufmunterung des Genies und zur Linderung des Mißgeschicks. Eine der +ersten Maßregeln, die er zu ergreifen gezwungen war, muß einem Mann von +so edlem Charakter und so warmer Theilnahme für alles Ausgezeichnete in +Künsten und Wissenschaften, sehr schmerzlich gewesen sein. Dryden konnte +nicht länger Hofdichter bleiben. Das Publikum würde es nicht geduldet +haben, unter den Dienern Sr. Majestät einen Papisten zu sehen, und +Dryden war nicht nur ein Papist, sondern ein Apostat. Außerdem hatte er +die Schuld seines Glaubensabfalls noch dadurch erschwert, daß er die +Kirche, die er verlassen, verleumdet und verspottet hatte. Er hatte sie, +wie man scherzweise sagte, behandelt, wie die heidnischen Verfolger des +Alterthums ihre Kinder behandelten. Er hatte sie in die Haut +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_20" id = "pageXI_20"> +XI.20</a></span> +eines wilden Thieres gekleidet und sie dann zur öffentlichen Belustigung +gehetzt.<a class = "tag" name = "tagXI_30" id = "tagXI_30" href = +"#noteXI_30">30</a> Er wurde entlassen, erhielt aber von der Privatgüte +des freigebigen Kammerherrn eine seinem zurückgezogenen Gehalt +gleichkommende Pension. Dessenungeachtet fuhr der abgesetzte <span class += "antiqua">poeta laureatus</span>, der eben so arm an Edelsinn wie +reich an Geistesgaben war, Jahr aus Jahr ein fort, den nicht erlittenen +Verlust zu beklagen, bis endlich sein Gejammer Äußerungen wohlverdienter +Verachtung von Seiten ehrenwerther Jakobiten hervorrief, welche ihren +Grundsätzen Alles aufgeopfert hatten, ohne deshalb ein bittendes oder +klagendes Wort laut werden zu lassen.<a class = "tag" name = "tagXI_31" +id = "tagXI_31" href = "#noteXI_31">31</a></p> + +<p>Im königlichen Hofstaat wurden auch einige von den holländischen +Edelleuten angestellt, die sich der besonderen Gunst des Königs +erfreuten. Bentinck bekam das hohe Amt des ersten Kammerherrn mit einem +jährlichen Gehalt von fünftausend Pfund; Zulestein erhielt die +Oberaufsicht über die königliche Garderobe, und Oberstallmeister ward +Auverquerque, ein tapferer Soldat, der das Blut der Nassau und das Blut +der Horn in sich vereinigte und der mit gerechtem Stolze ein kostbares +Schwert trug, welches ihm die Generalstaaten in Anerkennung des Muthes +verliehen hatten, mit dem er an dem blutigen Tage von Saint-Denis +Wilhelm das Leben gerettet.</p> + +<p>Das Amt des Vicekammerherrn der Königin wurde einem Manne zu Theil, +der sich eben erst im öffentlichen Leben bemerkbar gemacht hatte und +dessen Name in der Geschichte dieser Regierung häufig vorkommen wird. +Johann Howe, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde, Jack Howe, war von +dem Burgflecken Cirencester zur Convention gesandt worden. Seine äußere +Erscheinung war die eines Mannes, dessen Körper durch die unablässige +Thätigkeit eines ruhelosen und reizbaren Geistes aufgerieben worden. Er +war lang, hager und bleich, und sein unruhiges, stechendes Auge hatte +einen Ausdruck von Wildheit und Verschlagenheit. Er war seit mehreren +Jahren als kleiner Dichter bekannt, und einige der zügellosesten +Spottlieder, welche in den Kaffeehäusern circulirten, wurden ihm +zugeschrieben. Im Hause der Gemeinen aber entfalteten sich seine Talente +wie sein giftiges Wesen am auffallendsten. Er war noch keine drei Wochen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_21" id = "pageXI_21"> +XI.21</a></span> +Mitglied desselben, als er sich schon durch seine Sprachgewandtheit, +seine beißende Schärfe und seine Hartnäckigkeit bemerkbar gemacht hatte. +Scharfsinn, Energie und Kühnheit erhoben ihn bald zu dem Range eines +bevorzugten Menschen. Seine Feinde — und er hatte viele Feinde +— sagten jedoch, daß er seine persönliche Sicherheit selbst in der +heftigsten Aufregung nicht aus den Augen lasse und die Soldaten mit +einer Rücksicht behandle, die er gegen Damen oder Bischöfe niemals +zeige. Aber Niemand besaß in größerem Maße den gefährlichen Muth, der +dem Widerwillen und dem Hasse trotzt und sogar darum buhlt. Keine +Schicklichkeitsgründe vermochten ihn in Schranken zu halten, sein Haß +war unversöhnlich, und er besaß eine merkwürdige Geschicklichkeit darin, +die schwachen Seiten starker Geister herauszufinden. Alle seine großen +Zeitgenossen fühlten gelegentlich seinen Stachel. Einmal schlug dieser +Stachel eine Wunde, die sogar Wilhelm aus seiner ruhigen Fassung brachte +und ihm die Äußerung entlockte, daß er wohl wünschte ein Privatmann zu +sein, damit er Mr. Howe zu einer kurzen Unterredung hinter Montague +House einladen könne. Gegenwärtig jedoch gehörte Howe zu den eifrigsten +Stützen der neuen Regierung und richtete alle seine Sarkasmen und +Ausfälle gegen die Mißvergnügten.<a class = "tag" name = "tagXI_32" id = +"tagXI_32" href = "#noteXI_32">32</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_29" id = "noteXI_29" href = "#tagXI_29">29.</a> +Kennet’s <span class = "antiqua">Funeral Sermon on the first Duke of +Devonshire</span>, und <span class = "antiqua">Memoirs of the Family of +Cavendish, 1708</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_30" id = "noteXI_30" href = "#tagXI_30">30.</a> +Siehe ein Gedicht betitelt: <span class = "antiqua">A Votive Tablet to +the King and Queen</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_31" id = "noteXI_31" href = "#tagXI_31">31.</a> +Siehe Prior’s Widmung seiner Gedichte an Dorset’s Sohn und Nachfolger, +und Dryden’s <span class = "antiqua">Essay on Satire</span> als +Einleitung zu den Übersetzungen aus Juvenal. In Collier’s <span class = +"antiqua">Short View of the Stage</span> wird Dryden’s weibische +Klagsucht bitter verhöhnt. In Blackmore’s <span class = "antiqua">Prince +Arthur</span>, ein Gedicht, das bei aller seiner Werthlosigkeit einige +interessante Anspielungen auf zeitgenössische Personen und Dinge +enthält, kommen folgende Strophen vor:</p> + +<div class = "verse"> +<p>Der Dichter Chor an seiner Thüre stand</p> +<p>Und harrt’ der milden Spende seiner Hand.</p> +<p>Auch Laurus zeigt sich in dem magren Schwarm,</p> +<p>Der alte Barde voller Groll und Harm;</p> +<p>Verlangt Gehör und drängt und stößt mit Fuß und Arm.</p> +<p>Das Haus Sakil’s, der Musen Schloß, erklang</p> +<p>Von endlosem Geschrei und lautem Sang.</p> +<p>Dem guten Sakil selbst Laurus gern seinen Segen schenkt,</p> +<p>Doch Sakil’s Fürst und Gott er stets mit Flüchen nur bedenkt,</p> +<p>Sakil ohn’ Unterschied sein Brot vertheilt,</p> +<p>Den Schmeichler hasset er, des Dichters Noth er heilt.</p> +</div> + +<p>Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß Sakil Sackville und daß Laurus +eine Umschreibung des bekannten Spottnamens Bayes ist.</p> + +<p><a name = "noteXI_32" id = "noteXI_32" href = "#tagXI_32">32.</a> +Kaum ein andrer Mann der damaligen Zeit wird in Flugschriften und +Satiren häufiger erwähnt als Howe. In der berüchtigten <span class = +"antiqua">Petition of Legion</span> wird er „das schamlose Ärgerniß der +Parlamente“ genannt. Merkwürdig ist auch was Mackay über ihn sagt. In +einem 1690 geschriebenen Gedicht, daß ich nur als Manuscript gesehen +habe, kommt folgende Stelle vor.</p> + +<div class = "verse"> +<p>„Zuerst Jack Howe mit seinem furchtbaren Talent;</p> +<p>Glücklich das Weib, das seinem Spottlied entgeht;</p> +<p>Gegen die Damen sein Muth keine Grenzen kennt;</p> +<p>Vor dem Dragoner er mit gezogenem Hute steht.“</p> +</div> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Untergeordnete Ernennungen.</span> +<a name = "secXI_19" id = "secXI_19">Die</a> niederen Stellen bei allen +öffentlichen Ämtern wurden unter beide Parteien vertheilt; der größere +Antheil aber kam auf die Whigs. Einige Personen, die dem Namen Whig +wenig Ehre machten, wurden in der That glänzend für Dienste belohnt, die +kein braver Mann geleistet haben würde. Wildman wurde zum +Generalpostmeister ernannt, und Ferguson erhielt eine einträgliche +Sinekure bei der Steuererhebung. Das Amt des Schatz-Prokurators war eben +so wichtig als verhaßt. Dieser Beamte hatte politische Prozesse zu +führen, die Beweise zu sammeln, den Anwalt der Krone zu instruiren, +dafür zu sorgen, daß die Gefangenen nicht gegen ungenügende Bürgschaft +in Freiheit gesetzt wurden, und darauf zu sehen, daß die Juries nicht +aus regierungsfeindlichen Personen zusammengesetzt wurden. Zu den Zeiten +Karl’s und Jakob’s waren die Schatz-Prokuratoren mit nur zu gutem Grunde +beschuldigt worden, daß sie gegen dem Hofe mißliebige Personen die +empörendsten Chikanen anwendeten. Die neue Regierung hätte hier eine +Wahl treffen sollen, die über jeden Verdacht erhaben war. Leider +entschieden sich Mordaunt und Delamere für Aaron Smith, einen hämischen +und characterlosen Politiker, der in den Tagen der papistischen +Verschwörung der Rechtsbeistand des Titus Oates und in das +Ryehousecomplot tief verwickelt gewesen war. Richard Hampden, ein Mann +von entschiedenen Ansichten, aber von gemäßigter Gesinnung, erhob +Einwendungen gegen diese Ernennung. Aber seine Einwürfe wurden nicht +beachtet. Die Jakobiten, welche Smith haßten und auch Ursache dazu +hatten, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_22" id = "pageXI_22"> +XI.22</a></span> +behaupteten er habe seine Stelle dadurch erlangt, daß er den Lords des +Schatzes die Hölle heiß gemacht, und besonders ihnen gedroht habe, es +würde Hampden das Leben kosten, wenn sie seine (Smith’s) gerechten +Ansprüche nicht befriedigten.<a class = "tag" name = "tagXI_33" id = +"tagXI_33" href = "#noteXI_33">33</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_33" id = "noteXI_33" href = "#tagXI_33">33.</a> +<span class = "antiqua">Sprat’s True Account</span>; <span class = +"antiqua">Letter to Chief Justice Holt, 1694</span>; <span class = +"antiqua">Letter to Secretary Trenchard, 1694.</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Convention in ein Parlament verwandelt.</span> +<a name = "secXI_20" id = "secXI_20">Es</a> vergingen einige Wochen, ehe +die vorerwähnten Ernennungen öffentlich bekannt gemacht wurden, und +währenddem hatte sich viel Wichtiges ereignet. Sobald der neue +Geheimrath vereidigt war, mußte demselben eine ernste und dringliche +Frage vorgelegt werden. Konnte die gegenwärtig tagende Convention in ein +Parlament verwandelt werden? Die Whigs, welche eine überwiegende +Majorität im Unterhause hatten, waren sämmtlich für die Bejahung dieser +Frage. Die Tories dagegen, welche wußten, daß die öffentliche Stimmung +sich während des letzten Monats bedeutend verändert hatte, und von einer +allgemeinen Wahl eine ansehnliche Verstärkung hofften, waren für die +Verneinung. Sie behaupteten, daß zum Bestehen eines Parlaments +königliche Ausschreiben unerläßlich seien. Die Convention sei nicht +durch solche Ausschreiben einberufen worden und dieser ursprüngliche +Mangel könne jetzt nicht nachgeholt werden; daher seien die beiden +Häuser bloße Privatklubbs und müßten sofort auseinandergehen.</p> + +<p>Darauf wurde ihnen erwiedert, das königliche Ausschreiben sei eine +bloße Formalität und es würde der unvernünftigste Irrwahn sein, wenn man +um einer hohlen Form willen das Wesen unserer Gesetze und Freiheiten +bedenklichen Zufällen aussetzen wollte. Wo immer man den Souverain, die +geistlichen und weltlichen Peers und die von den Wahlkörpern des Reichs +frei gewählten Volksvertreter versammelt sähe, habe man das Wesen eines +Parlaments. Ein solches Parlament sei jetzt da, und könne es wohl etwas +Thörichteres geben, als es zu einem Zeitpunkte aufzulösen, wo jede +Stunde kostbar sei, wo zahlreiche wichtige Angelegenheiten sofortige +gesetzmäßige Erledigung verlangten, und wo dem Staate Gefahren drohten, +welche nur durch die vereinten Anstrengungen des Königs, der Lords und +der Gemeinen abgewendet werden könnten? Ein Jakobit könne sich +allerdings aus haltbaren Gründen weigern, diese Convention als ein +Parlament anzuerkennen, denn er sei der Ansicht, daß sie von vornherein +eine ungesetzliche Versammlung gewesen, daß alle ihre Beschlüsse +ungültig und die Souveraine, die sie eingesetzt, Usurpatoren seien. Mit +welcher Consequenz aber könne irgend einer von Denen, welche +behaupteten, es müsse unverweilt durch Ausschreiben unter dem großen +Siegel Wilhelm’s und Marien’s ein neues Parlament einberufen werden, die +Autorität in Frage stellen, welche Wilhelm und Marien auf den Thron +gesetzt habe? Wer Wilhelm als rechtmäßigen König ansähe, müsse +nothwendig auch die Körperschaft von der dieser König sein Recht habe, +als rechtmäßigen Großen Rath des Landes betrachten. Nach dem nämlichen +Grundsatze könnten Diejenigen, welche ihn zwar nicht als einen +rechtmäßigen König betrachteten, aber doch der Überzeugung seien, daß +sie ihm als factischen Könige den Huldigungseid leisten dürften, +sicherlich auch die Convention als ein factisch bestehendes Parlament +anerkennen. Es liege auf der Hand, daß die Convention die Urquelle sei, +aus der die Autorität aller zukünftigen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_23" id = "pageXI_23"> +XI.23</a></span> +Parlamente abgeleitet werden und daß von der Rechtsgültigkeit der +Beschlüsse der Convention die Rechtsgültigkeit jedes zukünftigen +Gesetzes abhängen müsse. Wie könne der Strom höher steigen als die +Quelle? Sei es nicht eine Absurdität, wenn man behaupten wolle, die +Convention sei die höchste Macht im Staate, und doch eine Null, sie sei +eine Legislatur für den höchsten aller Zwecke, und doch keine Legislatur +für die geringfügigsten Zwecke; sie sei befugt, den Thron für erledigt +zu erklären, die Thronfolge abzuändern, die Grenzen der Verfassung zu +bestimmen, und doch nicht befugt, die unbedeutendste Verordnung zur +Ausbesserung eines Hafendammes oder zur Erbauung einer Pfarrkirche zu +erlassen?</p> + +<p>Diese Argumente würden selbst dann von großem Gewicht gewesen sein, +wenn alle Präcedenzfälle für die entgegengesetzte Meinung gesprochen +hätten. In der That aber bot unsre Geschichte nur einen Fall dar, +welcher überhaupt hier angezogen werden konnte, und dieser Fall sprach +entschieden zu Gunsten des Satzes, daß königliche Ausschreiben zum +Bestehen eines Parlaments nicht unbedingt nöthig seien. Kein königliches +Ausschreiben hatte die Convention einberufen, welche Karl II. +zurückrief. Gleichwohl war jene Convention noch nach seiner Restauration +beisammen geblieben, hatte Gesetze gegeben, das Budget aufgestellt, eine +Amnestieacte erlassen und die Lehnsdienstleistungen abgeschafft. Diese +Maßnahmen waren durch eine Autorität sanctionirt worden, von der keine +Partei im Staate ohne Ehrerbietung sprechen konnte. Hale hatte +wesentlichen Theil daran genommen und hatte stets behauptet, daß sie +streng gesetzlich seien. Auch Clarendon, so wenig er geneigt war, irgend +eine, die Rechte der Krone oder das Ansehen des Siegels, dessen Bewahrer +er war, beeinträchtigende Doctrin zu begünstigen, hatte erklärt, daß, +wenn Gott der Nation zu einem äußerst kritischen Zeitpunkte ein gutes +Parlament gegeben habe, es die größte Thorheit sein würde, technische +Mängel in dem Instrument zu suchen, durch welches ein solches Parlament +zusammenberufen sei. Konnte irgend ein Tory behaupten, daß die +Convention von 1660 ehrwürdigeren Ursprungs gewesen sei als die von +1689? War ein Schreiben, das der erste Prinz von Geblüt auf Ansuchen der +gesammten Pairie und Hunderter von Gentlemen, welche Grafschaften und +Städte vertraten, erlassen hatte, nicht eine mindestens eben so gute +Vollmacht als ein Beschluß des Rumpfparlaments?</p> + +<p>Schwächere Gründe als diese würden den Whigs, welche die Majorität +des Geheimen Raths bildeten, genügt haben. Der König begab sich demnach +am fünften Tage nach seiner Proklamirung mit königlichem Gepränge in das +Haus der Lords und nahm seinen Sitz auf dem Throne ein. Die Gemeinen +wurden hereingerufen und er erinnerte nun seine Zuhörer mit vielen +huldvollen Ausdrücken an die gefährliche Lage des Landes, und ermahnte +sie, diejenigen Schritte zu thun, welche unnöthigen Verzögerungen im +Gange der Staatsgeschäfte vorbeugen könnten. Seine Rede wurde von den +zahlreich versammelten Gentlemen mit dem leisen Gemurmel aufgenommen, +durch welches unsere Vorfahren ihren Beifall zu erkennen zu geben +pflegten und das oft an geheiligteren Stätten als die Kammer der Peers +war, gehört wurde.<a class = "tag" name = "tagXI_34" id = "tagXI_34" +href = "#noteXI_34">34</a> Sobald er sich wieder entfernt +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_24" id = "pageXI_24"> +XI.24</a></span> +hatte, wurde eine die Convention für ein Parlament erklärende Bill auf +den Tisch der Lords gelegt und ohne weiteres von ihnen angenommen. Bei +den Gemeinen dagegen gab es eine heiße Debatte. Das Haus erklärte sich +zu einem Comité, und die Aufregung war so groß daß, nachdem die +Autorität des Sprechers beseitigt war, die Ordnung kaum noch aufrecht +erhalten werden konnte. Es wurden scharfe persönliche Ausfälle +gewechselt. Der Ausruf „Hört ihn!“ den man ursprünglich nur zur Dämpfung +ordnungswidrigen Geräusches und um die Mitglieder daran zu erinnern, daß +es ihre Pflicht sei, der Discussion aufmerksam zu folgen, gebraucht +hatte, war nach und nach das geworden was er jetzt ist, nämlich ein +Ausruf, welcher je nach der Betonung, die man ihm gab, Bewunderung, +Zustimmung, Entrüstung oder Hohn ausdrückte. Bei dieser Gelegenheit +riefen die Whigs so geräuschvoll Hört! Hört! daß die Tories sich über +Unschicklichkeit beklagten. Seymour, der Führer der Minorität, erklärte, +daß von Freiheit der Debatte nicht mehr die Rede sein könne, wenn +solcher Lärm geduldet werde. Einige alte whiggistische Mitglieder +fühlten sich dadurch veranlaßt, ihn zu erinnern, daß, wenn er den +Vorsitz führte, zuweilen ein gleiches Geschrei gehört und nicht verboten +worden sei. So gereizt und erbittert indeß beide Parteien auch waren, +bekundeten doch die beiderseitigen Reden die hohe Achtung vor Gesetz und +verjährtem Recht, welche seit langer Zeit ein characteristischer Zug der +Engländer ist und die, wenn sie auch zuweilen in Pedanterie und +Aberglauben ausartet, immerhin ihr Gutes hat. Selbst in dieser wichtigen +Krisis, als die Nation sich noch in der Gährung einer Revolution befand, +erörterten unsere Staatsmänner ausführlich und ernst alle Umstände, +welche bei der Absetzung Eduard’s II. und Richard’s II. obgewaltet, und +untersuchten mit ängstlicher Genauigkeit, ob die Versammlung, welche, +mit dem Erzbischof Lanfranc an der Spitze, Robert von der Normandie vom +Throne ausschloß und Wilhelm den Rothen darauf setzte, nachher noch +fortfuhr, als gesetzgebender Körper des Landes zu wirken oder nicht. Es +wurde viel über die Geschichte der Ausschreiben, viel über die +Etymologie des Wortes Parlament gesagt. Bemerkenswerth ist es, daß der +alte Maynard derjenige Redner war, der die Sache von dem +staatsmännischsten Gesichtspunkte auffaßte. Er hatte während der +bürgerlichen Zwistigkeiten von fünfzig ereignißvollen Jahren gelernt, +daß Fragen, welche die höchsten Interessen des Staats <ins class = +"correction" title = "Original hat »beührten«">berührten</ins>, nicht +durch Wortklaubereien und durch Brocken von juristischem Französisch und +juristischem Latein entschieden werden konnten, und da er +anerkanntermaßen der scharfsinnigste und gelehrteste englische Jurist +war, durfte er seine Gedanken und Gesinnungen unumwunden aussprechen, +ohne Gefahr zu laufen, der Ignoranz oder Anmaßung beschuldigt zu werden. +Er verwarf die ganze Büchergelehrsamkeit, welche einige in solchen +Dingen weit weniger erfahrene Männer als er in die Discussion gezogen +hatten, als kleinlich und übel angebracht. „Wir stehen,“ sagte er, „in +diesem Augenblicke nicht auf dem gebahnten Wege. Wenn wir daher +entschlossen sind, nur auf diesem Wege fortzugehen, so werden wir gar +nicht vorwärts kommen. Wer in einer Revolution sich vornimmt, nichts zu +thun was nicht streng der herkömmlichen Form gemäß ist, gleicht einem +Menschen, der sich in der Wildniß verirrt hat und beständig nur ruft: Wo +ist die Landstraße? ich will nur auf der Landstraße gehen! — In +einer Wildniß muß man denjenigen Weg einschlagen, auf dem man nach Hause +gelangt. In einer Revolution +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_25" id = "pageXI_25"> +XI.25</a></span> +müssen wir das höchste Gesetz, das Wohl des Staates, zur Richtschnur +nehmen.“ Ein andrer Rundkopfveteran, der Oberst Birch, sprach in +gleichem Sinne und argumentirte mit großer Gewandtheit und Schärfe aus +dem Präcedenzfalle von 1660. Seymour und seine Anhänger wurden im Comité +geschlagen und wagten es nicht, das Haus über den Bericht abstimmen zu +lassen. Die Bill ging rasch durch und erhielt am zehnten Tage nach +Wilhelm’s und Mariens Thronbesteigung die königliche Zustimmung.<a class += "tag" name = "tagXI_35" id = "tagXI_35" href = "#noteXI_35">35</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_34" id = "noteXI_34" href = "#tagXI_34">34.</a> +Van Citters, 19. Febr. (1. März) 1688/89.</p> + +<p><a name = "noteXI_35" id = "noteXI_35" href = "#tagXI_35">35.</a> +<span class = "antiqua">Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 1</span>. Siehe +die Protokolle der beiden Häuser und <span class = "antiqua">Grey’s +Debates</span>. Die Beweisführung zu Gunsten der Bill ist in der Pariser +Gazette vom 5. und 12. März 1689 gut zusammengefaßt.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Mitglieder der beiden Häuser werden aufgefordert die Eide zu +leisten.</span> +<a name = "secXI_21" id = "secXI_21">Das</a> Gesetz, welches die +Convention in ein Parlament verwandelte, enthielt einen Paragraphen, +welcher bestimmte, daß nach dem 1. März in keinem der beiden Häuser +Jemand Sitz und Stimme haben solle, der nicht dem neuen Königspaare den +Huldigungseid geleistet habe. Diese Verordnung brachte die ganze +Gesellschaft in große Aufregung. Die Anhänger der verbannten Dynastie +hofften und sagten mit Bestimmtheit voraus, daß die Eidverweigerer +zahlreich sein würden. Die Minorität in beiden Häusern, meinten sie, +werde der Sache der erblichen Monarchie treu bleiben. Es werde +vielleicht hier und da einen Verräther geben, die große Masse Derer +aber, welche für eine Regentschaft gestimmt hatten, werde fest bleiben. +Zwei Bischöfe höchstens würden die Usurpatoren anerkennen. Seymour werde +sich eher aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, als seinen +Grundsätzen untreu werden, Grafton habe sich schon vorgenommen, nach +Frankreich zu entfliehen und seinem Oheim zu Füßen zu fallen. Solche +Gerüchte machten während der letzten Hälfte des Februar durch alle +Kaffeehäuser die Runde. Die Aufregung im Publikum war so groß, daß, wenn +ein angesehener Mann zwei Tage hintereinander an seinen gewohnten +Aufenthaltsorten vermißt wurde, man sich gleich zuraunte, er sei nach +Saint-Germains entwichen.<a class = "tag" name = "tagXI_36" id = +"tagXI_36" href = "#noteXI_36">36</a></p> + +<p>Der zweite März kam heran und das Resultat schlug die Befürchtungen +der einen Partei nieder und zerstörte die Hoffnungen der andren. Der +Primas hielt sich zwar mit einigen seiner Suffraganen beharrlich fern, +aber drei Bischöfe und dreiundsiebzig weltliche Peers leisteten die +Eide. Bei der nächsten Sitzung des Oberhauses fanden sich noch einige +Prälaten mehr ein; kurz, binnen einer Woche hatten ungefähr hundert +Lords die Bedingungen zur Einnahme ihrer Plätze erfüllt. Andere, welche +durch Krankheit verhindert waren zu erscheinen, sandten Entschuldigungen +und Versicherungen ihrer Anhänglichkeit an Ihre Majestäten. Grafton +widerlegte alle über ihn in Umlauf gebrachten Märchen, indem er gleich +am ersten Tage zur Eidesleistung erschien. Zwei Mitglieder der +kirchlichen Commission, Mulgrave und Sprat, beeilten sich ihren Fehler +dadurch gut zu machen, daß sie Wilhelm Treue und Gehorsam schworen. +Beaufort, der lange als Typus eines Royalisten der alten Schule gegolten +hatte, unterwarf sich nach kurzem Schwanken. Aylesbury und Dartmouth, +obwohl zwei heftige Jakobiten, trugen eben so wenig Bedenken, den +Huldigungseid zu leisten, als +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_26" id = "pageXI_26"> +XI.26</a></span> +sie nachher Bedenken trugen, ihn zu brechen.<a class = "tag" name = +"tagXI_37" id = "tagXI_37" href = "#noteXI_37">37</a> Die Hyde schlugen +verschiedene Richtungen ein. Rochester fügte sich dem Gesetz; Clarendon +aber zeigte sich widerspenstig. Viele fanden es sonderbar, daß der +Bruder, der so lange zu Jakob gehalten, bis dieser flüchtete, sich +weniger hartnäckig erwies, als der Bruder, der im holländischen Lager +gewesen war. Die Erklärung ist vielleicht darin zu suchen, daß Rochester +durch Verweigerung der Eide viel mehr verloren haben würde als +Clarendon. Clarendon’s Einkünfte hingen nicht vom Belieben der Regierung +ab; Rochester aber hatte einen Jahrgehalt von viertausend Pfund, den er +fortzubeziehen nicht hoffen durfte, wenn er sich weigerte, das neue +Herrscherpaar anzuerkennen. Er hatte in der That so viele Feinde, daß es +sogar einige Monate zweifelhaft schien, ob man ihm unter irgend welchen +Bedingungen die glänzende Belohnung lassen werde, die er sich durch +Verfolgung der Whigs und durch einen Sitz in der Hohen Commission +erworben hatte. Vor diesem harten Schlage für seine Vermögensumstände +wurde er durch die Verwendung Burnet’s bewahrt, den er schwer beleidigt +und der sich jetzt rächte wie es einem christlichen Priester ziemte.<a +class = "tag" name = "tagXI_38" id = "tagXI_38" href = +"#noteXI_38">38</a></p> + +<p>Im Unterhause wurden am zweiten März vierhundert Mitglieder +vereidigt, darunter auch Seymour. Durch seinen Abfall ward der Muth der +Jakobiten gebrochen, und die Minorität folgte mit sehr wenigen Ausnahmen +seinem Beispiele.<a class = "tag" name = "tagXI_39" id = "tagXI_39" href += "#noteXI_39">39</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_36" id = "noteXI_36" href = "#tagXI_36">36.</a> +Van Citters sowohl als Ronquillo erwähnen die ängstliche Spannung, +welche bis zum Bekanntwerden des Resultats in London herrschte.</p> + +<p><a name = "noteXI_37" id = "noteXI_37" href = "#tagXI_37">37.</a> +<span class = "antiqua">Lords’ Journals, March 1688/89</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_38" id = "noteXI_38" href = "#tagXI_38">38.</a> +Siehe die Briefe, welche Rochester und Lady Ranelagh bei dieser +Gelegenheit an Burnet schrieben.</p> + +<p><a name = "noteXI_39" id = "noteXI_39" href = "#tagXI_39">39.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, March 2. 1688, 89</span>. +Ronquillo schrieb: <span class = "antiqua">„Es de gran consideracion que +Seimor haya tomado el juramento; porque es el arrengador y el director +principal, en la casa de los Comunes, de los Anglicanos.“</span> 8.(18.) +März 1688/89.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Fragen bezüglich des Einkommens.</span> +<a name = "secXI_22" id = "secXI_22">Schon</a> vor dem zur Eidesabnahme +bestimmten Tage hatten die Gemeinen eine wichtige Frage zu berathen +begonnen, welche keinen Aufschub gestattete. Während des Interregnums +hatte Wilhelm als provisorisches Haupt der Verwaltung die Steuern +erhoben und sie für den Staatsdienst verwendet, ein Verfahren, dessen +Angemessenheit von Niemandem, der die Revolution billigte, bestritten +werden konnte. Jetzt aber war die Revolution vorüber, der Thron war +wieder besetzt, die Häuser waren versammelt, das Gesetz war in voller +Kraft, und es wurde nöthig, ohne Verzug zu entscheiden, zu welchem +Einkommen die Regierung berechtigt war.</p> + +<p>Niemand leugnete, daß alle Ländereien und erblichen Besitzungen der +Krone mit dieser auf die neuen Herrscher übergegangen waren. Eben so +wenig leugnete Jemand, daß alle Einkünfte, welche der Krone auf eine +bestimmte Anzahl Jahre bewilligt worden, verfassunggemäß bis zum Ablauf +des Termins beansprucht werden durften. Allein das Parlament hatte Jakob +große Revenüen auf Lebenszeit verwilligt und ob diese von Wilhelm und +Marien in Anspruch genommen werden konnten, so lange Jakob noch lebte, +das war eine Frage, über welche die Ansichten getheilt waren.</p> + +<p>Holt, Treby, Pollexfen und überhaupt alle angesehenen Whigjuristen, +mit Ausnahme Somers’, meinten, diese Einkünfte seien dem vorigen Könige +in seiner politischen Eigenschaft, aber auf seine natürliche Lebenszeit, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_27" id = "pageXI_27"> +XI.27</a></span> +bewilligt worden, und sie seien daher, so lange er in einem fremden +Lande zubringe, an Wilhelm und Marien zu bezahlen. Aus einem sehr +gedrängten und unzusammenhängenden Berichte über die Debatte geht +hervor, daß Somers von dieser Ansicht abwich. Er war der Meinung, daß, +wenn die Parlamentsacte, welche die in Rede stehenden Abgaben +aufgebürdet, ihrem Geiste nach ausgelegt würde, das Wort Leben als +gleichbedeutend mit dem Worte Regierung betrachtet werden müsse, und daß +sonach die Frist, auf welche diese Abgaben der Krone bewilligt worden, +erloschen sei. Dies war unzweifelhaft die richtige Meinung, denn es war +geradezu widersinnig, Jakob’s Interesse bei dieser Verwilligung als zu +gleicher Zeit mit seiner Person und auch mit seinem Amte verknüpft zu +betrachten, in einem Athem zu sagen, die Kaufleute von London und +Bristol müßten Geld hergeben, weil er physisch noch lebe, und seine +Nachfolger müßten dieses Geld bekommen, weil er politisch todt sei. Das +Haus theilte entschieden die Ansicht Somers’. Die Mitglieder waren im +Allgemeinen für die Vornahme einer großen Reform, denn man sah ein, daß +ohne eine solche die Rechtserklärung nur eine unvollkommene Garantie für +die öffentliche Freiheit sein würde. Während des Kampfes, den fünfzehn +aufeinanderfolgende Parlamente gegen vier aufeinanderfolgende Könige +geführt, war die Macht des Geldes die Hauptwaffe der Gemeinen gewesen, +und wenn sich die Vertreter des Volks einmal verleiten ließen, diese +Waffe aufzugeben, hatten sie jedesmal sehr bald Ursache gehabt, ihre +allzu leichtgläubige Loyalität zu bereuen. In der Zeit der stürmischen +Freude, welche auf die Restauration folgte, war Karl II. fast durch +Acclamation ein großes Einkommen auf Lebenszeit bewilligt worden. Doch +schon nach einigen Monaten gab es kaum einen ehrenwerthen Cavalier im +Lande, der sich nicht gesagt hätte, daß die Zahlmeister der Nation +weiser gehandelt haben würden, wenn sie die Mittel zur Abstellung der +Mißbräuche, welche alle Zweige der Verwaltung schändeten, in ihrer Hand +behalten hätten. Jakob II. hatte von seinem unterwürfigen Parlamente +ohne eine opponirende Stimme ein Einkommen erlangt, welches hingereicht +haben würde, die gewöhnlichen Staatsausgaben für seine ganze Lebenszeit +zu bestreiten, und noch ehe er dieses Einkommen ein halbes Jahr +genossen, machte sich die Mehrzahl Derer, welche so freigebig gegen ihn +gewesen, bittere Vorwürfe wegen ihrer Liberalität. Wenn man der +Erfahrung, einer langen und schmerzlichen Erfahrung, trauen durfte, so +gab es keine wirksame Sicherheit gegen schlechte Verwaltung, sobald der +Souverain nicht genöthigt war, sich öfters an seinen Großen Rath um +Geldunterstützung zu wenden. Fast alle rechtschaffenen und +einsichtsvollen Männer stimmten daher darin überein, daß wenigstens ein +Theil der Zuschüsse nur auf kurze Termine verwilligt werden dürften. Und +welcher Zeitpunkt war wohl geeigneter zur Einführung dieses neuen Modus +als das Jahr 1689, der Anfang einer neuen Regierung, einer neuen +Dynastie, einer neuen Ära in der constitutionellen Verwaltung? Die +Meinung über diesen Gegenstand war so mächtig und allgemein, daß die +abweichende Minorität nachgab. Es wurde zwar kein formeller Beschluß +gefaßt, aber das Haus verfuhr nach der Annahme, daß die Jakob auf +Lebenszeit bewilligten Einkünfte durch seine Abdankung aufgehoben +seien.<a class = "tag" name = "tagXI_40" id = "tagXI_40" href = +"#noteXI_40">40</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_28" id = "pageXI_28"> +XI.28</a></span> +<p>Es war unmöglich, ohne Untersuchung und Berathung eine neue +Feststellung des Einkommens vorzunehmen. Die Schatzkammer wurde daher +angewiesen, die <ins class = "correction" +title = "Original hat »nöthgen«">nöthigen</ins> Vorlagen zu beschaffen, welche das Haus in den +Stand setzten, die öffentlichen Ausgaben und Einnahmen abzuschätzen. +Inzwischen wurde den augenblicklichen Bedürfnissen des Staats mit +geziemender Liberalität genügt. Eine durch directe monatliche Besteurung +zu erhebende außerordentliche Unterstützung wurde dem Könige gewährt. Es +wurde eine Verordnung erlassen, welche alle Diejenigen, die seit seiner +Landung in seinem Namen die Jakob zugesprochenen Abgaben erhoben, für +schuldlos erklärte, und die erloschenen Abgaben wurden noch auf einige +Monate verlängert.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_40" id = "noteXI_40" href = "#tagXI_40">40.</a> +<span class = "antiqua">Grey’s Debates, Febr. 25, 26, 27. +1688/89.</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Abschaffung der Herdsteuer.</span> +<a name = "secXI_23" id = "secXI_23">Auf</a> seinem ganzen Marsche von +Torbay bis London war Wilhelm von dem niederen Volke mit Bitten bestürmt +worden, daß er es von der unerträglichen Last des Herdgeldes befreien +möchte. Diese Abgabe scheint in der That alle die schlimmsten Übelstände +in sich vereinigt zu haben, die man irgend einer Steuer zur Last legen +kann. Sie war unverhältnißmäßig, und zwar in der verderblichsten Weise, +denn sie lastete schwer auf dem Armen, und leicht auf dem Reichen. Ein +Landmann, dessen ganzes Besitzthum keine zwanzig Pfund werth war, mußte +zehn Schilling bezahlen, während der Herzog von Ormond oder der Herzog +von Newcastle, deren Güter eine halbe Million werth waren, nur vier bis +fünf Pfund bezahlten. Die Einsammler waren ermächtigt, das Innere jedes +Hauses im Lande zu untersuchen, die Familien bei ihrer Mahlzeit zu +stören, die Thüren der Schlafzimmer zu erbrechen, und, wenn die +verlangte Summe nicht pünktlich bezahlt wurde, den Tisch, auf dem den +armen Kindern ihr Gerstenbrot zugeschnitten wurde, oder das Kissen unter +dem Haupte der Wöchnerin wegzunehmen und zu verkaufen. Eben so wenig +vermochte das Schatzamt den Herdgeldmann wirksam daran zu hindern, daß +er seine Vollmacht mit Härte ausübte, denn die Steuer war verpachtet und +die Regierung war in Folge dessen genöthigt, die Gewaltthätigkeiten und +Erpressungen, welche zu allen Zeiten den Namen Zöllner sprüchwörtlich zu +dem verhaßtesten von der Welt gemacht haben, stillschweigend hingehen zu +lassen.</p> + +<p>Auf Wilhelm hatten die vernommenen Klagen und Beschwerden einen so +erschütternden Eindruck gemacht, daß er den Gegenstand bei einer der +ersten Sitzungen des Geheimen Raths zur Sprache brachte. Er forderte das +Haus der Gemeinen durch eine Botschaft auf, zu erwägen, ob zweckmäßigere +Einrichtungen den Mißbräuchen, welche so große Unzufriedenheit erregt +hätten, wirksam abhelfen könnten, und setzte hinzu, daß er gern in die +gänzliche Abschaffung der Steuer willigen würde, wenn es sich +herausstellen sollte, daß die Mißbräuche von der Steuer unzertrennlich +seien.<a class = "tag" name = "tagXI_41" id = "tagXI_41" href = +"#noteXI_41">41</a> Diese Mittheilung ward mit lautem Beifall +aufgenommen. Allerdings gab es einige Finanzmänner der alten Schule, +welche murmelten, daß Mitleid mit den Armen wohl etwas Schönes sei, daß +aber kein Theil der Staatseinkünfte so pünktlich auf den Tag einginge +als das Herdgeld, daß die Goldschmiede nicht immer bewogen werden +könnten, auf die Sicherheit des nächsten Quartals der Zölle oder der +Accise zu leihen, daß es aber nicht schwer sei, auf eine +Herdgeldverschreibung Vorschüsse zu erhalten. Im +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_29" id = "pageXI_29"> +XI.29</a></span> +Hause der Gemeinen wagten die so Denkenden es nicht, ihre Stimmen gegen +die allgemeine Ansicht zu erheben; im Hause der Lords aber entspann sich +ein Kampf, dessen Ausgang eine Zeitlang zweifelhaft schien. Endlich aber +erwirkte der kräftig angewendete Einfluß des Hofes eine Acte, kraft +welcher die Kaminsteuer als ein Zeichen von Sklaverei erklärt und unter +vielen Dankesversicherungen gegen den König für alle Seiten abgeschafft +wurde.<a class = "tag" name = "tagXI_42" id = "tagXI_42" href = +"#noteXI_42">42</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_41" id = "noteXI_41" href = "#tagXI_41">41.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals</span> und <span class = +"antiqua">Grey’s Debates, March 1. 1688/89</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_42" id = "noteXI_42" href = "#tagXI_42">42.</a> +<span class = "antiqua">Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 10.</span>; +<span class = "antiqua">Burnet II. 13.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Entschädigung der Vereinigten Provinzen.</span> +<a name = "secXI_24" id = "secXI_24">Die</a> Gemeinen bewilligten nach +kurzer Debatte und ohne Abstimmung sechsmalhunderttausend Pfund zu dem +Zwecke, die Kosten der Expedition, welche England befreit hatte, den +Vereinigten Provinzen zurückzuerstatten. Die Leichtigkeit, mit der diese +bedeutende Summe einem schlauen, thätigen und sparsamen Volke bewilligt +ward, das in politischer Beziehung unser Bundesgenosse, in commercieller +Hinsicht aber unser gefährlichster Nebenbuhler war, erregte außerhalb +der Kammern einiges Murren und war mehrere Jahre lang ein Lieblingsthema +für die Sarkasmen der toryistischen Tagesschriftsteller.<a class = "tag" +name = "tagXI_43" id = "tagXI_43" href = "#noteXI_43">43</a> Die +Freigebigkeit des Hauses war jedoch leicht zu erklären. An dem nämlichen +Tage, an welchem dieser Gegenstand berathen wurde, trafen in Westminster +beunruhigende Nachrichten ein und überzeugten Viele, die zu einer andren +Zeit geneigt gewesen wären, jede von den Holländern eingeschickte +Rechnung einer strengen Prüfung zu unterwerfen, daß unser Land die +Dienste fremder Truppen noch nicht entbehren konnte.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_43" id = "noteXI_43" href = "#tagXI_43">43.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, March 15. 1688/89.</span> +Noch im Jahre 1713 spielte Arbuthnot im fünften Theile des <span class = +"antiqua">John Bull</span> mit viel Witz auf diesen Gegenstand an. „Was +Euren <span class = "antiqua">Venire Facias</span> betrifft,“ sagt John +zu Nick Frog, „so habe ich Euch für einen schon bezahlt.“</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Meuterei in Ipswich.</span> +<a name = "secXI_25" id = "secXI_25">Frankreich</a> hatte den +Generalstaaten den Krieg erklärt und die Generalstaaten hatten in Folge +dessen vom Könige von England die Unterstützung verlangt, die er durch +den Vertrag von Nimwegen zu leisten verpflichtet war.<a class = "tag" +name = "tagXI_44" id = "tagXI_44" href = "#noteXI_44">44</a> Er hatte +einige Bataillone nach Harwich verordert, um sich dort zur Überfahrt +nach dem Festlande bereit zu halten. Die alten Soldaten Jakob’s waren +meist in einer sehr schlechten Stimmung, und dieser Befehl übte keine +besänftigende Wirkung aus. Am größten war die Unzufriedenheit in dem +Regimente, das gegenwärtig als das erste der Linie bezeichnet wird. +Obgleich dieses Regiment der englischen Armee angehörte, hatte es doch +seit der Zeit, da es zuerst unter dem großen Gustav kämpfte, fast +ausschließlich aus Schotten bestanden, und die Schotten haben nie +verfehlt, in jedem Lande, wohin ihr abenteuerlicher und ehrgeiziger Sinn +sie führte, die geringste ihrem Heimathlande bewiesene Geringschätzung +zu fühlen und zu ahnden. Offiziere wie Gemeine murmelten, daß der +Beschluß einer ausländischen Versammlung in ihren Augen nichts gelte. +Wenn sie überhaupt ihres Treuschwurs für König Jakob VII. entbunden +werden könnten, so müsse dies durch die Stände von Edinburg, nicht durch +die Convention von Westminster geschehen. Ihr Unmuth wuchs, als sie +erfuhren, daß Schomberg zu ihrem Obersten ernannt war. Vielleicht hätten +sie es sich zur Ehre schätzen sollen, den Namen des größten Soldaten +Europa’s zu führen, aber bei aller seiner Tapferkeit und militärischen +Tüchtigkeit war er doch nicht ihr +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_30" id = "pageXI_30"> +XI.30</a></span> +Landsmann, und während der sechsundfunfzig Jahre, welche verstrichen +waren, seitdem sich ihr Regiment in Deutschland seine ersten Lorbeern +verdiente, war es nie von einem Andren als einem Hopburn oder einem +Douglas commandirt worden. In dieser gereizten Stimmung erhielten sie +Befehl, zu den Streitkräften zu stoßen, die sich in Harwich sammelten. +Es wurde viel gemurrt, doch kam es zu keinem Ausbruch, bis das Regiment +in Ipswich anlangte. Hier gaben zwei Hauptleute, welche eifrige Anhänger +des verbannten Königs waren, das Zeichen zur Empörung. Der Marktplatz +füllte sich bald mit hin und her rennenden Pikenmännern und Musketiren. +Schüsse wurden aufs Gerathewohl nach allen Richtungen hin abgefeuert. +Diejenigen Offiziere, welche die Meuterer im Zaume zu halten versuchten, +wurden überwältigt und entwaffnet. Endlich gelang es den Leitern des +Aufstandes, einige Ordnung herzustellen und sie marschirten nun an der +Spitze ihrer Anhänger aus Ipswich ab. Die kleine Armee bestand aus etwa +achthundert Mann. Sie hatten vier Kanonen mitgenommen und sich der +Kriegskasse bemächtigt, die eine bedeutende Summe Geldes enthielt. Eine +halbe Meile von der Stadt wurde Halt gemacht, eine allgemeine Berathung +gepflogen und beschlossen, daß die Meuterer in ihr Heimathsland +zurückeilen und mit ihrem rechtmäßigen Könige leben und sterben wollten. +Demgemäß brachen sie in Eilmärschen nach dem Norden auf.<a class = "tag" +name = "tagXI_45" id = "tagXI_45" href = "#noteXI_45">45</a></p> + +<p>Als die Nachricht in London eintraf, war die Bestürzung groß. Es +hieß, daß auch bei anderen Regimentern sich beunruhigende Symptome +gezeigt hätten und besonders daß ein in Harwich liegendes Füsilircorps +große Lust zu haben scheine, dem in Ipswich gegebenen Beispiele zu +folgen. „Wenn diese Schotten,“ sagte Halifax zu Reresby, „nicht auf +Unterstützung rechnen können, so sind sie verloren; haben sie aber im +Einverständniß mit Anderen gehandelt, dann ist die Gefahr in der That +sehr ernst.“<a class = "tag" name = "tagXI_46" id = "tagXI_46" href = +"#noteXI_46">46</a> Das Wahre scheint zu sein, daß eine Verschwörung +bestand, die in vielen Heerestheilen Verzweigungen hatte, daß aber die +Verschwörer durch die Festigkeit der Regierung und des Parlaments im +Schach gehalten wurden. Es ward eben eine Ausschußsitzung des Geheimen +Raths gehalten, als die Nachricht von dem Aufstande in London eintraf. +Wilhelm Harbord, der Vertreter des Burgfleckens Launceston, welcher +Mitglied des Ausschusses war, wurde von seinen Collegen ersucht, sich +sogleich in das Haus der Gemeinen zu begeben und dort das Vorgefallene +mitzutheilen. Er ging, erhob sich auf seinem Platze und erzählte seine +Geschichte. Der Geist der Versammlung trug der Lage der Dinge gebührende +Rechnung. Howe war der Erste, der kräftiges Einschreiten verlangte. +„Ersuchet den König,“ sagte er, „seine holländischen Truppen gegen diese +Leute zu entsenden. Ich wüßte nicht, wem man sonst trauen könnte.“ +— „Die Sache ist kein Spaß,“ sagte der alte Birch, welcher Oberst +im Dienste des Parlaments gewesen war und das mächtigste und berühmteste +Haus der Gemeinen, das es je gegeben, durch dessen eigene Soldaten +zweimal hatte säubern und zweimal hatte auseinandersprengen sehen; „wenn +Ihr das Übel um sich greifen laßt, werdet Ihr binnen wenigen Tagen eine +Armee auf dem Halse haben. Ersuchet den König, auf der Stelle Reiter und +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_31" id = "pageXI_31"> +XI.31</a></span> +Fußvolk abzusenden, und zwar seine eigenen Leute, auf die er sich +verlassen kann, damit dieses Volk mit einem Schlage niedergeworfen +wird.“ Jetzt fingen auch die Männer der langen Robe Feuer. „Das Wissen +meines Berufs ist hier unnütz,“ sagte Treby. „Es kommt hier darauf an, +der Gewalt mit Gewalt entgegenzutreten und im Felde das zu behaupten, +was wir im Senate gethan haben.“ — „Schreibt an die Sheriffs,“ +sprach Oberst Mildmay, Mitglied für Essex, „und laßt die Miliz +aufbieten. Es sind ihrer Hundertfunfzigtausend Mann und lauter gute +Engländer; sie werden Euch nicht im Stiche lassen.“ Es wurde +beschlossen, daß alle in der Armee angestellten Mitglieder des Hauses +vom Besuche des Parlaments dispensirt werden sollten, damit sie sich +unverzüglich auf ihre militärischen Posten begeben könnten. Sodann wurde +einstimmig eine Adresse votirt, welche den König ersuchte, energische +Maßregeln zur Unterdrückung des Aufstandes zu ergreifen und eine +Proklamation zu erlassen, welche die öffentliche Rache auf die Rebellen +herabrief. Ein Mitglied deutete darauf hin, daß es vielleicht gut sei, +wenn Sr. Majestät Denen, die sich im Guten unterwürfen, Verzeihung +zusichere; allein das Haus verwarf wohlweislich diesen Vorschlag. „Es +ist jetzt nicht der Augenblick,“ wurde sehr richtig bemerkt, „zu einer +Nachsicht, die wie Furcht aussehen würde.“ Die Adresse wurde sogleich +ins Haus der Lords gesandt und von diesen genehmigt. Zwei Peers, zwei +Grafschaftsvertreter und zwei Abgeordnete von Burgflecken wurden damit +an den Hof geschickt. Wilhelm empfing sie sehr gnädig und sagte ihnen, +daß er bereits die nöthigen Befehle gegeben habe. In der That waren auch +schon mehrere Regimenter Reiterei und Dragoner unter dem Commando +Ginkell’s, eines der tapfersten und geschicktesten Offiziere der +holländischen Armee, nach dem Norden entsendet worden.<a class = "tag" +name = "tagXI_47" id = "tagXI_47" href = "#noteXI_47">47</a></p> + +<p>Mittlerweile eilten die Aufständischen durch die Gegend zwischen +Cambridge und dem Wash. Ihr Weg führte über eine weite, öde Moorstrecke, +die mit der ganzen Feuchtigkeit von dreizehn Grafschaften gesättigt war +und auf welcher den größten Theil des Jahres ein grauer Nebel lagerte, +über den sich der viele Meilen im Umkreise sichtbare prächtige Thurm von +Ely erhob. In dieser traurigen, mit großen Schwärmen wilder Vögel +bedeckten Gegend führte damals ein halbwildes Volk, bekannt unter dem +Namen der Breedlings, ein amphibienartiges Leben, von einem Eiland +festen Grund und Bodens zum andren theils watend theils rudernd.<a class += "tag" name = "tagXI_48" id = "tagXI_48" href = "#noteXI_48">48</a> Die +Straße gehörte zu den schlechtesten der ganzen Insel und als sich das +Gerücht von der Annäherung der Rebellen verbreitete, wurden sie von dem +Landvolke absichtlich noch mehr verschlechtert. Brücken wurden +abgebrochen und Baumstämme quer über die Straßen gelegt, um das +Fortschaffen der Kanonen zu erschweren. Dessenungeachtet drangen die +schottischen Veteranen nicht nur mit großer Eil vor, sondern es gelang +ihnen auch, ihre Artillerie mit fort zu bringen. So erreichten sie die +Grafschaft Lincoln, und als sie nicht mehr weit voll Sleafort entfernt +waren, erfuhren +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_32" id = "pageXI_32"> +XI.32</a></span> +sie, daß Ginkell mit einer unüberwindlichen Truppenmacht ihnen hart auf +den Fersen sei. Von Sieg konnte so wenig die Rede sein wie von +Entkommen. Die tapfersten Krieger konnten gegen eine vierfache Übermacht +nichts ausrichten, das vortrefflichste Fußvolk konnte einer Reiterschaar +nicht entrinnen. Da indessen die Anführer wohl wußten, daß sie keinen +Pardon zu erwarten hatten, drangen sie in ihre Mannschaften, das Glück +einer Schlacht zu versuchen. Eine fast von allen Seiten von Sümpfen und +Teichen eingeschlossene Stelle war in dieser Gegend leicht gefunden. +Hier wurden die Insurgenten aufgestellt und die Kanonen an der einzigen +Seite aufgefahren, die man durch natürliche Vertheidigungsmittel nicht +hinreichend gedeckt glaubte. Ginkell befahl den Angriff an einer Stelle +zu unternehmen, die sich außer dem Bereiche der Geschütze befand, und +seine Dragoner sprangen muthig ins Wasser, obwohl es so tief war, daß +ihre Pferde schwimmen mußten. Jetzt sank den Rebellen der Muth. Sie +versuchten zu parlamentiren, ergaben sich aber schließlich auf Gnade und +Ungnade und wurden unter starker Bedeckung nach London gebracht. Ihr +Leben war verwirkt, denn sie hatten sich nicht blos der Meuterei, welche +damals kein legales Verbrechen war, sondern des bewaffneten Widerstandes +gegen den König schuldig gemacht. Wilhelm unterließ jedoch mit weiser +Nachsicht, das Blut selbst der Strafbarsten zu vergießen. Einige von den +Haupträdelsführern wurden vor die nächsten Assisen von Bury gestellt und +des Hochverraths überwiesen; aber ihr Leben ward geschont. Die Übrigen +erhielten einfach den Befehl, zu ihrer Pflicht zurückzukehren. Das vor +Kurzem so aussätzige Regiment ging gehorsam nach dem Continent und +zeichnete sich dort in vielen beschwerlichen Feldzügen durch Treue, +Disciplin und Tapferkeit aus.<a class = "tag" name = "tagXI_49" id = +"tagXI_49" href = "#noteXI_49">49</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_44" id = "noteXI_44" href = "#tagXI_44">44.</a> +Wagenaar LXI.</p> + +<p><a name = "noteXI_45" id = "noteXI_45" href = "#tagXI_45">45.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, March 15. 1688/89.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_46" id = "noteXI_46" href = "#tagXI_46">46.</a> +<span class = "antiqua">Reresby’s Memoirs.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_47" id = "noteXI_47" href = "#tagXI_47">47.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals</span> und <span class = +"antiqua">Grey’s Debates, March 15. 1688/89, London Gazette, March +18</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_48" id = "noteXI_48" href = "#tagXI_48">48.</a> +Über den Zustand dieser Gegend zu Ende des 17. und zu Anfang des 18. +Jahrhunderts siehe <span class = "antiqua">Pepys’ Diary</span> vom 18. +Sept. 1663 und <span class = "antiqua">Tour through the whole Island of +Great Britain</span>, 1724.</p> + +<p><a name = "noteXI_49" id = "noteXI_49" href = "#tagXI_49">49.</a> +<span class = "antiqua">London Gazette, March 25. 1689</span>; Van +Citters an die Generalstaaten vom 22. März (1. April); Briefe von +Nottingham im Staatsarchive vom 23. Juli und 9. Aug. 1689; <span class = +"antiqua">Historical Record of the First Regiment of Foot</span>, auf +Befehl der Regierung gedruckt. Siehe auch eine interessante Abschweifung +in der <span class = "antiqua">Compleat History of the Life and Military +Actions of Richard, Earl of Tyrconnel</span>, 1689.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die erste Meutereibill.</span> +<a name = "secXI_26" id = "secXI_26">Dieser</a> Vorfall erleichterte +eine wichtige Veränderung in unsrer Politik, eine Veränderung, welche +zwar über kurz oder lang hätte vorgenommen werden müssen, die aber doch +so leicht nicht hätte durchgeführt werden können, außer in einem +Augenblicke der höchsten Gefahr. Die Zeit war endlich gekommen, wo es +nöthig wurde, einen gesetzlichen Unterschied zwischen dem Soldaten und +dem Bürger zu machen. Unter den Plantagenets und den Tudors hatte es +kein stehendes Heer gegeben, und das stehende Heer, das England unter +den letzten Königen des Hauses Stuart besessen, war von allen Parteien +im Staate mit einem starken und nicht unbegründeten Widerwillen +betrachtet worden. Das gemeine Recht gewährte dem Souverain nicht die +Mittel, seine Truppen gebührend im Zaume zu halten, denn das Parlament, +das sie als bloße Werkzeuge der Tyrannei betrachtete, hatte keine Lust +gehabt, diese Mittel durch Gesetze zu bewilligen. Jakob hatte zwar seine +bestochenen und servilen Richter dahin gebracht, daß sie einigen +veralteten Gesetzen eine Auslegung gaben, die ihn in den Stand setzte, +die Desertion mit einer Kapitalstrafe zu belegen. Allein diese Auslegung +wurde von alten angesehenen Juristen als irrig betrachtet, und wäre sie +auch richtig gewesen, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_33" id = "pageXI_33"> +XI.33</a></span> +so würde sie doch bei weitem nicht alles das geboten haben, was zur +Aufrechthaltung der militärischen Disciplin nöthig war. Selbst Jakob +wagte es nicht, auf das Erkenntniß eines Kriegsgerichts hin die +Todesstrafe zu verhängen. Der Deserteur wurde wie ein gewöhnlicher +Verbrecher behandelt, vor die Assisen gestellt, auf die von einer großen +Jury herausgefundenen Klagegründe hin von einer kleinen Jury +abgeurtheilt, und es stand ihm frei, jeden in der Anklageacte zu +entdeckenden Formfehler zu seinem Gunsten zu benutzen.</p> + +<p>Indem die Revolution die Stellung des Fürsten und des Parlaments zu +einander veränderte, hatte sie auch die gegenseitige Stellung der Armee +und der Nation verändert. Der König und die Gemeinen waren jetzt einig +und beide wurden durch die größte Militärmacht bedroht, die es seit dem +Untergange des römischen Reichs in Europa gegeben hatte. Binnen wenigen +Wochen konnten dreißigtausend sieggewohnte, von geschickten und +erfahrenen Feldherren angeführte Veteranen aus den Häfen der Normandie +und der Bretagne an unsere Küsten übersetzen. Daß eine solche +Truppenmacht eine dreifache Anzahl von Milizen ohne große Schwierigkeit +auseinandersprengen würde, konnte Niemand bezweifeln, der vom Kriege +etwas verstand. Man mußte also reguläre Soldaten haben, und wenn man +solche haben mußte, so war es im Interesse ihres eigenen wirksamen +Bestehens, wie zur Sicherheit jeder andren Klasse durchaus nothwendig, +daß sie unter einer strengen Disciplin gehalten wurden. Eine schlecht +disciplinirte Armee ist zu allen Zeiten nichts weiter als eine +kostspieligere und zügellosere Miliz gewesen, ohnmächtig gegen einen +auswärtigen Feind und nur dem Lande selbst gefährlich, zu dessen +Vertheidigung sie unterhalten wird. Es muß demnach eine strenge +Grenzlinie zwischen den Soldaten und der übrigen Gesellschaft gezogen +werden. Im Interesse der öffentlichen Freiheit müssen sie, inmitten der +Freiheit, unter eine despotische Zucht gestellt werden. Sie müssen einem +schärferen Strafcodex und einer nachdrücklicheren Prozeßordnung +unterworfen sein, als nach denen die ordentlichen Gerichtshöfe +verfahren. Gewisse Handlungen, welche bei dem Bürger unschuldig sind, +müssen bei dem Soldaten Verbrechen sein. Gewisse Handlungen, welche bei +dem Bürger mit Geldbuße oder Gefängniß geahndet werden, müssen bei dem +Soldaten mit dem Tode bestraft werden. Die Maschinerie, vermittelst +welcher die Gerichtshöfe die Schuld oder Unschuld eines angeklagten +Bürgers feststellen, ist zu langsam und zu verwickelt, um auf einen +angeklagten Soldaten Anwendung finden zu können, denn die militärische +Insubordination ist von allen vorkommenden Krankheiten des Staatskörpers +diejenige, welche die promptesten und eingreifendsten Gegenmittel +erheischt. Wird das Übel nicht gleich im Keime erstickt, so breitet es +sich aus, und weit kann es sich nicht ausbreiten ohne Gefahr für die +eigentlichen Lebensnerven der Gesellschaft. Im Interesse des Gemeinwohls +muß daher in Feldlagern eine summarische Gerichtsbarkeit von furchtbarer +Ausdehnung strengen Tribunalen, aus Männern des Schwerts bestehend, +übertragen werden.</p> + +<p>Obgleich es aber gewiß war, daß das Land zu jenem Zeitpunkte ohne +berufsmäßige Soldaten nicht sicher sein konnte, und eben so gewiß, daß +berufsmäßige Soldaten schlimmer als nutzlos sein mußten, wenn sie nicht +unter ein willkürlicheres und strengeres Regiment gestellt wurden als +andere Leute, so konnte doch ein Haus der Gemeinen es nicht ohne große +Besorgniß wagen, die Existenz eines stehenden Heeres anzuerkennen und +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_34" id = "pageXI_34"> +XI.34</a></span> +die Mittel zur Unterhaltung desselben zu bewilligen. Es gab kaum einen +bedeutenden Staatsmann, der nicht oft die Überzeugung ausgesprochen +hätte, daß unsre Verfassung und ein stehendes Heer nicht nebeneinander +bestehen könnten. Die Whigs hatten es bei jeder Gelegenheit wiederholt, +daß stehende Heere die freien Institutionen der Nachbarvölker vernichtet +hätten. Eben so oft hatten die Tories es wiederholt, daß auf unsrer +Insel ein stehendes Heer die Kirche umgestürzt, die Gentry tyrannisirt +und den König gemordet habe. Kein Führer der einen wie der andren Partei +konnte darauf antragen, daß ein solches Heer fortan eine bleibende +Staatseinrichtung sein sollte, ohne sich der Beschuldigung grober +Inconsequenz auszusetzen. Die Meuterei von Ipswich und der panische +Schrecken, den dieselbe hervorgerufen, erleichterten die Durchführung +eines Schrittes, der außerdem höchst schwierig gewesen sein würde. Es +ward eine kurze Bill eingebracht, welche mit der bündigen Erklärung +begann, daß das englische Recht von stehenden Heeren und Kriegsgerichten +nichts wisse. Hierauf wurde verordnet, daß in Anbetracht der großen +Gefahren, welche in diesem Augenblicke dem Staate drohten, kein Mann, +der im besoldeten Dienst der Krone stehe, bei Todesstrafe oder +derjenigen milderen Strafe, die ein Kriegsgericht für genügend halten +würde, seine Fahnen verlassen oder sich gegen seine vorgesetzten +Offiziere auflehnen dürfe. Dieses Gesetz sollte nur sechs Monate in +Kraft bleiben, und viele von Denen, welche dafür stimmten, glaubten +wahrscheinlich, daß es nach Ablauf dieser Frist als erloschen betrachtet +werden würde. Die Bill ging rasch und leicht durch. Im Hause der +Gemeinen wurde nicht eine einzige Abstimmung darüber vorgenommen. Eine +mildernde Clausel, welche ein eigenthümliches Licht auf die damaligen +Sitten wirft, wurde nach der dritten Lesung als Zusatz angefügt. Diese +Clausel bestimmte, daß ein Kriegsgericht zu keiner andren Zeit als in +den Stunden zwischen sechs Uhr Morgens und ein Uhr Nachmittags ein +Todesurtheil fällen sollte. Man speiste damals zeitiger als jetzt, und +es war nur zu wahrscheinlich, daß ein Gentleman unmittelbar nach Tisch +in einem Zustande sein werde, in welchem ihm das Leben seiner +Mitmenschen nicht füglich anvertraut werden konnte. Mit diesem +Amendement wurde die erste und conciseste von unseren zahlreichen +Meutereibills den Lords zugeschickt, durchlief dort binnen wenigen +Stunden alle parlamentarischen Stadien und ward vom Könige genehmigt.<a +class = "tag" name = "tagXI_50" id = "tagXI_50" href = +"#noteXI_50">50</a></p> + +<p>So geschah ohne eine einzige abweichende Stimme im Parlamente, und +ohne das leiseste Murren unter dem Volke, der erste Schritt zu einer +Veränderung, welche zum Wohle des Staates nothwendig geworden war, die +aber zur Zeit jede Partei im Staate mit der größten Besorgniß und dem +entschiedensten Widerwillen betrachtete. Die sechs Monate vergingen und +die öffentliche Gefahr war noch immer dieselbe. Die zur Aufrechthaltung +der militärischen Disciplin nöthige Gewalt wurde der Krone nochmals auf +kurze Zeit zugestanden. Die Vollmacht erlosch wieder, und wieder wurde +sie erneuert. So versöhnte die Gewohnheit ganz allmälig die öffentliche +Meinung mit den einst so verhaßten Namen: stehendes Heer und +Kriegsgericht. Die Erfahrung bewies, daß in einem wohleingerichteten +Staate berufsmäßige Soldaten einem auswärtigen Feinde Respect einflößen +und doch der bürgerlichen Gewalt gehorsam sein könnten. Was zuerst +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_35" id = "pageXI_35"> +XI.35</a></span> +als Ausnahme geduldet worden, begann nun als Regel betrachtet zu werden. +Keine Session verging mehr ohne eine Meutereibill. Als es endlich klar +wurde, daß eine politische Umgestaltung von höchster Wichtigkeit in +einer Weise stattfand, daß man es kaum bemerkte, da erhoben einige +Aufwiegler, welche die Hand der Regierung schwächen wollten, und auch +einige ehrenwerthe Männer, die eine aufrichtige, obwohl unverständige +Achtung vor jeder alten constitutionellen Tradition hegten und nicht +begreifen konnten, daß eine Einrichtung, die auf der einen Stufe des +gesellschaftlichen Fortschritts schädlich ist, auf einer andren Stufe +unerläßlich sein kann, ein lautes Geschrei. Dieses Geschrei wurde jedoch +mit den Jahren immer schwächer und schwächer. Die mit jedem Frühjahr +wiederkehrende Debatte über die Meutereibill wurde bald nur noch als +eine Gelegenheit betrachtet, bei welcher hoffnungsvolle junge Redner, +die eben aus dem Christchurch-Collegium kamen, debutiren und erzählen +konnten, wie die Garden des Pisistratus sich der Citadelle von Athen +bemächtigten und wie die prätorianischen Cohorten das Römische Reich an +Didius verkauften. Endlich wurden diese Declamationen zu lächerlich, um +immer aufs neue wiederholt zu werden. Der altfränkischste, +überspannteste Politiker konnte unter der Regierung Georg’s III. +schwerlich noch behaupten, daß man keine regulären Truppen brauche, oder +daß das gewöhnliche Recht, von den ordentlichen Gerichtshöfen +gehandhabt, unter solchen Truppen die Disciplin mit Erfolg aufrecht +erhalten könne. Da alle Parteien über das allgemeine Prinzip einig +waren, so ging eine lange Reihe von Meutereibills ohne Discussion durch, +ausgenommen wenn ein einzelner Artikel des Militärstrafgesetzbuches +einer Abänderung bedurfte. Dem Umstande, daß die Armee so allmälig und +fast unmerklich eine der Institutionen England’s geworden, ist es +vielleicht zuzuschreiben, daß sie in so vollkommenem Einklange mit allen +anderen Institutionen gehandelt hat, in hundertsechzig Jahren nicht ein +einziges Mal dem Throne untreu oder dem Gesetze ungehorsam geworden ist, +nicht ein einziges Mal sich gegen die Gerichtshöfe aufgelehnt oder die +Wahlkörper durch Drohungen eingeschüchtert hat. Bis auf den heutigen Tag +jedoch fahren die Stände des Reichs mit lobenswerthem Mißtrauen fort, +der in den Tagen der Revolution gezogenen Grenze von Zeit zu Zeit einen +Markstein beizufügen. Jedes Jahr wiederholen sie feierlich den in der +Rechtserklärung ausgesprochenen Grundsatz und bewilligen dann dem +Souveraine die außerordentliche Befugniß, eine gewisse Anzahl Soldaten +auf die Dauer weiterer zwölf Monate nach bestimmten Regeln zu +unterhalten.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_50" id = "noteXI_50" href = "#tagXI_50">50.</a> +<span class = "antiqua">Stat. 1. W. & M. sess. I. c. 5.</span>; +<span class = "antiqua">Commons’ Journals</span>; <span class = +"antiqua">March 28. 1689.</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Suspension der Habeas-Corpus-Acte.</span> +<a name = "secXI_27" id = "secXI_27">In</a> der nämlichen Woche, in +welcher die erste Meutereibill auf den Tisch der Gemeinen niedergelegt +wurde, ging ein andres durch den noch unbefestigten Zustand des +Königreichs nöthig gewordenes temporäres Gesetz durch. Seit Jakob’s +Flucht waren viele Personen, welche muthmaßlich an seinen ungesetzlichen +Handlungen starken Antheil gehabt oder in Complots zu seiner +Restauration verwickelt gewesen, verhaftet und eingekerkert worden. +Während der Vacanz des Thrones konnten diese Leute aus der +Habeas-Corpus-Acte keinen Nutzen ziehen, denn die Maschinerie, durch +welche allein diese Acte in Ausführung gebracht werden konnte, existirte +nicht mehr, und während des ganzen Hilariustermins waren alle +Gerichtshöfe in Westminster-Hall geschlossen geblieben. Jetzt, wo die +ordentlichen Gerichte ihre Thätigkeit wieder beginnen sollten, fürchtete +man, daß alle diejenigen Gefangenen, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_36" id = "pageXI_36"> +XI.36</a></span> +deren Prozesse nicht sogleich erledigt werden konnten, ihre Freiheit +verlangen und erhalten würden. Es wurde deshalb eine Bill eingebracht, +welche den König ermächtigte, solche Leute, bei denen er schlimme +Absichten gegen seine Regierung vermuthete, einige Wochen lang in Haft +zu halten. Diese Bill ward in beiden Häusern mit wenig oder keiner +Opposition angenommen.<a class = "tag" name = "tagXI_51" id = "tagXI_51" +href = "#noteXI_51">51</a> Allein die Mißvergnügten außerhalb der +Kammern unterließen nicht zu bemerken, daß die Habeas-Corpus-Acte unter +der vorigen Regierung nicht einen Tag suspendirt worden sei. Es sei +Mode, Jakob einen Tyrannen und Wilhelm einen Befreier zu nennen. Dennoch +habe der Befreier, noch ehe er einen Monat auf dem Throne gesessen, die +Engländer eines kostbaren Rechtes beraubt, das der Tyrann respectirt +habe.<a class = "tag" name = "tagXI_52" id = "tagXI_52" href = +"#noteXI_52">52</a> Es ist dies ein Vorwurf, der jede aus einer +Volksrevolution hervorgegangene Regierung fast unvermeidlich trifft. Die +Menschen halten sich natürlich für berechtigt, von einer solchen +Regierung eine mildere und freisinnigere Verwaltung zu verlangen, als +man sie von einer alten und tief eingewurzelten Macht erwartet. +Gleichwohl kann eine solche Regierung, da sie stets viele thätige +Feinde, aber nicht die aus der Rechtmäßigkeit und Verjährung +hervorgehende Stärke hat, sich anfangs nur durch eine Wachsamkeit und +Strenge halten, deren eine alte und tief eingewurzelte Macht nicht +bedarf. Außerordentliche und unregelmäßige Vertheidigungen der +öffentlichen Freiheit sind zuweilen nothwendig; aber, obgleich +nothwendig, ziehen sie doch fast immer einige zeitweilige Verkürzungen +eben dieser Freiheit nach sich, und jede solche Verkürzung ist ein +fruchtbares und plausibles Thema für Spott und Schmähung.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_51" id = "noteXI_51" href = "#tagXI_51">51.</a> +<span class = "antiqua">Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 2.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_52" id = "noteXI_52" href = "#tagXI_52">52.</a> +Ronquillo vom 8.(18.) März 1689.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Unpopularität Wilhelm’s.</span> +<a name = "secXI_28" id = "secXI_28">Leider</a> war es nur zu +wahrscheinlich, daß die gegen Wilhelm gerichteten Sarkasmen und +Schmähungen ein geneigtes Ohr finden würden. Jede der beiden großen +Parteien hatte ihre Gründe, unzufrieden mit ihm zu sein, und in einigen +Beschwerden stimmten beide Parteien mit einander überein. Sein Benehmen +gab fast allgemeinen Anstoß. In der That eignete er sich viel besser +dazu, eine Nation zu retten, als einen Hof zu zieren. In den höchsten +staatsmännischen Talenten kam ihm unter seinen Zeitgenossen Keiner +gleich. Er hatte Pläne entworfen, die an Großartigkeit und Kühnheit +denen eines Richelieu nicht nachstanden, und er hatte sie mit einem Takt +und einer Besonnenheit durchgeführt, die eines Mazarin würdig waren. +Zwei Länder, die Sitze der bürgerlichen Freiheit und des reformirten +Glaubens, waren durch seine Weisheit und durch seinen Muth vor den +schlimmsten Gefahren behütet worden. Holland hatte er von fremden, +England von einheimischen Feinden befreit. Anscheinend unübersteigliche +Hindernisse hatten sich zwischen ihm und seinen Plänen aufgethürmt, und +sein Genie hatte diese Hindernisse in Schrittsteine verwandelt. Seine +Geschicklichkeit hatte es dahin zu bringen gewußt, daß die Erbfeinde +seines Hauses ihm halfen einen Thron besteigen und daß die Verfolger +seines Glaubens ihm behülflich waren, seinen Glauben gegen Verfolgung zu +schützen. Flotten und Heere, welche aufgeboten worden waren ihm +Widerstand zu leisten, hatten sich ohne einen Kampf seinen Befehlen +unterworfen. Politische und kirchliche Parteien, durch tödtlichen Haß +getrennt, hatten ihn als ihr gemeinsames +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_37" id = "pageXI_37"> +XI.37</a></span> +Oberhaupt anerkannt. Ohne Blutvergießen, ohne Verheerungen hatte er +einen Sieg errungen, im Vergleich mit dem alle Siege Gustav’s und +Turenne’s unbedeutend waren. Binnen wenigen Wochen hatte er die +gegenseitige Stellung sämmtlicher Staaten Europa’s verändert und das +Gleichgewicht wiederhergestellt, welches durch das Übergewicht einer +Macht gestört worden war. Fremde Völker ließen seinen eminenten +Eigenschaften volle Gerechtigkeit widerfahren. In jedem festländischen +Staate, wo es protestantische Gemeinden gab, sandte man heiße Dankgebete +zu Gott, der aus dem Stamme seiner Diener, Moritz’ des Befreiers von +Deutschland, und Wilhelm’s des Befreiers von Holland, einen dritten +Befreier, den weisesten und mächtigsten von allen, hatte hervorgehen +lassen. In Wien, in Madrid, ja selbst in Rom ward der tapfere und +scharfsinnige Ketzer als das Haupt des großen Bundes gegen das Haus +Bourbon geehrt, und sogar in Versailles war der Haß, den man gegen ihn +empfand, stark mit Bewunderung gemischt.</p> + +<p>Bei uns wurde er minder günstig beurtheilt. In der That, unsere +Vorfahren betrachteten ihn in dem allerschlechtesten Lichte. Die +Franzosen, die Deutschen und die Italiener sahen ihn aus einer solchen +Entfernung, daß sie nur das Große erkannten und daß seine kleinen Fehler +ihnen entgingen. Den Holländern stand er nahe, denn er war selbst ein +Holländer. In seinem Verkehr mit ihnen wurde er von der +vortheilhaftesten Seite betrachtet; bei ihnen fühlte er sich vollkommen +heimisch, und unter ihnen hatte er sich seine ersten und theuersten +Freunde gewählt. Den Engländern aber erschien er unter einem höchst +ungünstigen Gesichtspunkte. Er stand ihnen zu gleicher Zeit zu nahe und +zu fern. Er lebte mitten unter ihnen, so daß die geringsten Eigenheiten +seines Charakters und seiner Sitten ihnen nicht entgehen konnten; +dennoch aber lebte er abgesondert von ihnen und war in ihren Augen in +Sprache, Neigungen und Gewohnheiten entschieden ein Fremdling.</p> + +<p>Es war seit langer Zeit eine der Hauptfunctionen unserer Regenten, an +der Spitze der Londoner Gesellschaft zu stehen. Diese Function hatte +Karl II. mit ungeheurem Glück ausgeübt. Seine Leutseligkeit, seine +hübschen Anekdoten, die Art und Weise, wie er tanzte und Ball spielte, +der Ton seines herzlichen Lachens, waren jedem Londoner bekannt. Einmal +sah man ihn unter den Ulmen von St. James Park mit Dryden über Poesie +plaudern;<a class = "tag" name = "tagXI_53" id = "tagXI_53" href = +"#noteXI_53">53</a> ein andermal lag sein rechter Arm auf Durfey’s +Schulter und der linke ruhte auf einem andren, während sein Begleiter +<span class = "antiqua">„Phillida, Phillida“</span> oder <span class = +"antiqua">„To horse, brave boys, to Newmarket, to horse“</span> sang.<a +class = "tag" name = "tagXI_54" id = "tagXI_54" href = +"#noteXI_54">54</a> Auch Jakob war, obwohl viel weniger lebhaft und +leutselig, doch ebenfalls zugänglich und gegen Leute, die ihm nicht in +den Weg traten, sogar artig. Diese Geselligkeit aber ging Wilhelm +gänzlich ab. Er verließ nur selten sein Arbeitskabinet, und wenn er +einmal in den Empfangszimmern erschien, so stand er ernst und sinnend +unter dem Schwarme der Cavaliere und Hofdamen, ohne daß ein Scherz, oder +nur ein Lächeln seinen Lippen entschlüpfte. Sein unfreundliches +Aussehen, sein Stillschweigen und die kurzen, trocknen Antworten, die er +gab, wenn er +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_38" id = "pageXI_38"> +XI.38</a></span> +nicht länger schweigen konnte, entfremdeten ihm Adel und Gentry, welche +gewohnt waren, von ihren königlichen Gebietern auf die Schulter +geklopft, Jack oder Harry gerufen, wegen gewonnener Wetten +beglückwünscht und mit bekannten Schauspielerinnen aufgezogen zu werden. +Die Frauen vermißten die ihrem Geschlecht gebührenden Huldigungen. Sie +bemerkten, daß der König selbst mit der Frau, der er so viel verdankte +und die er aufrichtig liebte und achtete, in einem etwas gebieterischen +Tone sprach.<a class = "tag" name = "tagXI_55" id = "tagXI_55" href = +"#noteXI_55">55</a> Es amüsirte und verdroß sie zugleich, wie er, als +die Prinzessin Anna einmal bei ihm speiste und die ersten grünen Erbsen +auf die Tafel kamen, den ganzen Inhalt der Schüssel verzehrte, ohne +Ihrer Königlichen Hoheit einen Löffelvoll davon anzubieten, und sie +erklärten, dieser große Feldherr und Staatsmann sei nicht viel besser +als ein niederländischer Bär.<a class = "tag" name = "tagXI_56" id = +"tagXI_56" href = "#noteXI_56">56</a></p> + +<p>Ein Mangel, der ihm als ein Verbrechen angerechnet wurde, war sein +schlechtes Englisch. Er sprach unsre Sprache, aber nicht gut. Sein +Accent war ausländisch, seine Aussprache entbehrte der Eleganz und sein +Vokabularium schien nicht umfänglicher zu sein, als es zur Erledigung +von Geschäften nöthig war. Dem Umstande, daß es ihm schwer wurde sich +auszudrücken und daß er sich seiner schlechten Aussprache bewußt war, +müssen seine Schweigsamkeit und seine kurzen Antworten, die so großes +Ärgerniß gaben, theilweis zugeschrieben werden. Unsre Literatur zu +goutiren oder zu verstehen war er unfähig. Nicht ein einziges Mal +während seiner ganzen Regierung erschien er im Theater.<a class = "tag" +name = "tagXI_57" id = "tagXI_57" href = "#noteXI_57">57</a> Die +Dichter, welche pindarische Verse zu seinem Lobe schrieben, beklagten +sich, daß ihre sublimen Poesien über seinen Horizont gingen,<a class = +"tag" name = "tagXI_58" id = "tagXI_58" href = "#noteXI_58">58</a> Wer +indessen die panegyrischen Oden jener Zeit kennt, wird vielleicht der +Meinung sein, daß er durch seine Unbekanntschaft damit nicht viel +verlor.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_53" id = "noteXI_53" href = "#tagXI_53">53.</a> +Man vergleiche was Spence darüber in seinen <span class = +"antiqua">Anecdotes of the Origin of Dryden’s Medals</span> sagt.</p> + +<p><a name = "noteXI_54" id = "noteXI_54" href = "#tagXI_54">54.</a> +<span class = "antiqua">Guardian, No. 67</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_55" id = "noteXI_55" href = "#tagXI_55">55.</a> +Man hat zahlreiche Beweise, daß Wilhelm zwar ein sehr liebevoller aber +nicht immer galanter Gemahl war. Doch keinen Glauben verdient die +Anekdote, welche in dem Briefe erzählt wird, den Dalrymple 1773 +thörichterweise als von Nottingham herrührend veröffentlichte, in der +Ausgabe von 1790 aber wohlweislich wegließ. Wie Jemand, der die +geringste Kenntniß von der Geschichte der damaligen Zeit hatte, sich so +gröblich irren konnte, ist schwer zu begreifen, besonders da die +Handschrift durchaus keine Ähnlichkeit mit der Nottingham’s hat, welche +Dalrymple genau kannte. Der Brief ist offenbar ein gewöhnlicher +Neuigkeitsbrief, von einem Scribenten verfaßt, der den König und die +Königin nur bei einer öffentlichen Gelegenheit gesehen und dessen +Anekdoten sich auf keine bessere Autorität gründen als auf +Kaffeehausgeschwätz.</p> +</div> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_56" id = "noteXI_56" href = "#tagXI_56">56.</a> +Ronquillo; Burnet, II, 2.; <span class = "antiqua">The Duchess of +Marlborough’s Vindication</span>. In einem Hirtendialog zwischen +Philander und Palämon, der 1691 erschien, wird das Mißfallen erwähnt, +mit welchem die vornehmen Damen Wilhelm betrachteten. Philander +sagt:</p> + +<div class = "verse"> +<p>Der Mann sollt’ haben doch etwas mehr Verstand</p> +<p>Sonst fällt er noch ein zweites Mal durch schwache Frauenhand.</p> +</div> + +<p><a name = "noteXI_57" id = "noteXI_57" href = "#tagXI_57">57.</a> +Tutchin’s <span class = "antiqua">Observator</span> vom 16. November +1706.</p> + +<p><a name = "noteXI_58" id = "noteXI_58" href = "#tagXI_58">58.</a> +Prior, dem Wilhelm viel Gutes erwies und der sich sehr dankbar dafür +zeigte, sagt uns, daß der König poetische Lobreden nicht verstand. Die +Stelle findet sich in einer höchst interessanten Handschrift, welche +Lord Lansdowne besitzt.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Popularität Mariens.</span> +<a name = "secXI_29" id = "secXI_29">Seine</a> Gemahlin that allerdings +ihr Möglichstes, um das Fehlende zu ergänzen, und sie war in der That +vortrefflich geeignet, an der Spitze eines Hofes zu stehen. Sie war +nicht nur von Geburt, sondern auch in ihren Neigungen und Gesinnungen +eine Engländerin. Sie besaß ein hübsches Gesicht, eine majestätische +Haltung, ein sanftes, heiteres Gemüth und leutselige, gewinnende +Manieren. Ihr Geist war, obwohl sehr unvollkommen ausgebildet, ungemein +lebhaft; +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_39" id = "pageXI_39"> +XI.39</a></span> +ihrer Unterhaltung fehlte es nicht an weiblichem Witz und Muthwillen und +ihre Briefe waren so gut abgefaßt, daß sie wohl verdient hätten, +orthographisch richtig geschrieben zu sein. Sie fand viel Geschmack an +den leichteren Zweigen der Literatur und trug nicht wenig dazu bei, +unter den vornehmen Damen Bücher in Aufnahme zu bringen. Die makellose +Reinheit ihres Privatlebens und die strenge Gewissenhaftigkeit, mit der +sie ihre religiösen Pflichten erfüllte, waren um so achtungswerther, als +sie durchaus frei war von Tadelsucht und den bösen Leumund eben so wenig +unterstützte wie das Laster. In dem Mißfallen an üblen Nachreden stimmte +sie zwar mit ihrem Gemahl vollkommen überein; aber Beide äußerten ihr +Mißfallen auf verschiedene und sehr charakteristische Weise. Wilhelm +beobachtete das tiefste Stillschweigen, warf aber dem Verleumder einen +Blick zu, daß ihm, wie Jemand sagte, der einem solchen Blick einmal +begegnet war, sich aber wohl hütete, ihm zum zweiten Male zu begegnen, +die Geschichte im Halse stecken blieb.<a class = "tag" name = "tagXI_59" +id = "tagXI_59" href = "#noteXI_59">59</a> Marie suchte dem Geschwätz +über Entführungen, Zweikämpfe und Spielschulden dadurch ein Ende zu +machen, daß sie die Schwätzer sehr ruhig aber doch nachdrücklich fragte, +ob sie ihre Lieblingspredigt, die des Doctors Tillotson über den bösen +Leumund, gelesen hätten. Ihre Wohlthaten spendete sie mit freigebiger +Hand und richtigem Takt, und obgleich sie nie damit prahlte, wußte man +doch, daß sie ihre eigenen Bedürfnisse einschränkte, um Protestanten zu +unterstützen, welche die Verfolgung aus Frankreich und Irland vertrieben +hatte und die in den Mansarden London’s darbten. Ihr Benehmen war so +liebenswürdig, daß die Ehrenwertheren unter Denen, welche die Art und +Weise ihrer Erhebung auf den Thron mißbilligten, und selbst unter Denen, +die sie als Königin gar nicht anerkennen wollten, allgemein mit Achtung +und Liebe von ihr sprachen. In den jakobitischen Libellen der damaligen +Zeit, die an Gift und Galle Alles was die neuere Zeit derartiges +hervorgebracht, weit hinter sich zurücklassen, wird ihrer nicht oft mit +Strenge gedacht. Sie äußerte sogar selbst zuweilen ihre Verwunderung +darüber, daß Pasquillanten, die sonst nichts achteten, doch ihren Namen +respectirten. Gott, sagte sie, kenne ihre schwachen Seiten. Sie sei zu +empfindlich gegen Schmähungen und Verleumdungen, er habe ihr gnädig eine +Prüfung erspart, die über ihre Kräfte gehe, und der beste Dank, den sie +ihm dafür bezeigen könne, bestehe darin, daß sie keine boshaften +Ausfälle über den Charakter Anderer dulde. Überzeugt, daß sie das volle +Vertrauen und die ganze +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_40" id = "pageXI_40"> +XI.40</a></span> +Zuneigung ihres Gemahls besaß, brach sie seinen scharfen Reden bald +durch sanfte, bald durch scherzhafte Antworten die Spitze ab und +verwendete die ganze Macht ihrer vielen liebenswürdigen Eigenschaften +dazu, ihm die Herzen des Volks zu gewinnen.<a class = "tag" name = +"tagXI_60" id = "tagXI_60" href = "#noteXI_60">60</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_59" id = "noteXI_59" href = "#tagXI_59">59.</a> +<span class = "antiqua">Mémoires originaux sur le règne et la cour de +Frédéric I., Roi de Prusse, écrits par Christophe, Comte de Dohna. +Berlin 1833.</span> Es ist auffällig, daß dieses interessante Werk in +England fast unbekannt ist. Das einzige Exemplar, das mir zu Gesicht +gekommen, erhielt ich durch die Gefälligkeit des Sir Robert Adair. <span +class = "antiqua">„Le Roi,“</span> sagt Dohna, <span class = +"antiqua">„avoit une autre qualité très estimable, qui est celle de +n’aimer point qu’on rendit de mauvais offices à personne par des +railleries.“</span> Der Marquis de la Forêt versuchte es einst, Se. +Majestät auf Kosten eines englischen Cavaliers zu unterhalten. <span +class = "antiqua">„Ce prince,“</span> schreibt Dohna, <span class = +"antiqua">„prit son air sévère, et, le regardant sans mot dire lui fit +rentrer les paroles dans le ventre. Le Marquis m’en fit ses plaintes +quelques heures après. J’ai mal pris ma bisque’, dit-il; j’ai cru faire +l’agréable sur le chapitre de Milord . . . ., mais +j’ai trouvé à qui parler, et j’ai attrapé un regard du roi qui m’a fait +passer l’envie de rire.“</span> Dohna glaubte Wilhelm werde es mit dem +Rufe eines Franzosen weniger genau nehmen, und versuchte ebenfalls das +Experiment. Aber, sagt er, <span class = "antiqua">„j’eus à peu près le +même sort que M. de la Forêt.“</span></p> + +<p><a name = "noteXI_60" id = "noteXI_60" href = "#tagXI_60">60.</a> +Vergleiche den Bericht des Whigs Burnet über Marien mit dem was der Tory +Evelyn in seinem Tagebuche unterm 8. März 1694/95, und mit dem, was der +Eidverweigerer über sie sagt, der 1695 den Brief an Erzbischof Tennison +in Bezug auf ihren Tod schrieb. Der Eindruck, den Wilhelm’s Schroffheit +und Zurückhaltung und Mariens Anmuth und Liebenswürdigkeit auf das Volk +machten, spricht sich in den Überresten der Straßenpoesie jener Zeit +aus. Folgendes eheliche Gespräch kann man noch auf dem Originalblatte +lesen:</p> + +<div class = "verse"> +<p>Dann sprach Marie, unsre gnäd’ge Königin:</p> +<p>Mein hoher König und Gemahl, wo wollt Ihr hin?</p> +<p>Drauf sagt er rasch: Den nenn’ ich keinen Mann,</p> +<p>Der sein Geheimniß einem Weib vertrauet an.</p> +<p>Die Kön’gin hierauf spricht bescheiden:</p> +<p>Der güt’ge Himmel woll’ Euch denn geleiten,</p> +<p>Euch schützen vor Gefahr, mein fürstlicher Gemahl,</p> +<p>Das wird mein bester Trost sein allzumal.</p> +</div> + +<p>Diese Strophen befinden sich in einer werthvollen Sammlung, welche +Mr. Richard Holer anlegte und die jetzt Eigenthum des Mr. Broderip ist, +der so gefällig war, sie mir zu leihen. In einem der zügellosesten +jakobitischen Pasquille vom Jahre 1689 wird Wilhelm, seiner Gemahlin +gegenüber, als ein „Bauerlümmel“ bezeichnet, über den sie sich nur +lustig mache.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Das Hoflager wird von Whitehall nach Hampton Court verlegt.</span> +<a name = "secXI_30" id = "secXI_30">Hätte</a> sie noch lange die beste +Gesellschaft London’s um sich versammelt, so würde ihre Freundlichkeit +und Leutseligkeit wahrscheinlich noch viel dazu beigetragen haben, den +ungünstigen Eindruck, den sein finstres und abstoßendes Wesen machte, zu +verwischen. Leider war es ihm jedoch seiner Gesundheit wegen unmöglich, +in Whitehall zu residiren. Die Luft von Westminster, vermischt mit den +feuchten Ausdünstungen des Flusses, der bei Springfluthen die Höfe des +Palastes überschwemmte, mit dem Steinkohlenrauche von +zweimalhunderttausend Schornsteinen und mit den mephitischen Dünsten des +Kothes, den man damals ungehindert in den Straßen sich anhäufen ließ, +war ihm unerträglich, denn er hatte eine schwache Brust und +außerordentlich feine Geruchsnerven. Sein unheilbares Asthma machte +reißende Fortschritte, und seine Ärzte erklärten es für unmöglich, daß +er das Ende des Jahres erleben könne. Sein Gesicht war so leichenhaft, +daß er kaum noch zu erkennen war. Diejenigen, welche mit ihm zu +verkehren hatten, hörten ihn mit Entsetzen nach Athem ringen und husten, +daß ihm die Thränen über die Wangen liefen.<a class = "tag" name = +"tagXI_61" id = "tagXI_61" href = "#noteXI_61">61</a> Und sein Geist, so +stark er übrigens war, litt mit dem Körper. Wohl war sein Urtheil noch +so klar und scharf als je; aber seit einigen Monaten war eine merkliche +Erschlaffung der Energie eingetreten, durch die er sich früher +ausgezeichnet hatte; selbst seine holländischen Freunde flüsterten +einander zu, daß er nicht mehr der Nämliche sei, der er im +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_41" id = "pageXI_41"> +XI.41</a></span> +Haag gewesen.<a class = "tag" name = "tagXI_62" id = "tagXI_62" href = +"#noteXI_62">62</a> Es war schlechterdings nothwendig, daß er London +verließ, und er verlegte daher seine Residenz in die reinere Luft von +Hampton Court. Dieses von dem prachtliebenden Wolsey begonnene Schloß +war ein schönes Muster der Architectur, welche unter den ersten Tutors +in England blühte; die Gemächer desselben aber waren nach den Begriffen +des 17. Jahrhunderts nicht ganz geeignet für eine königliche Wohnung. +Unsere Souveraine hatten daher seit der Restauration diese Residenz nur +selten und nur dann benutzt, wenn sie einige Zeit recht eingezogen leben +wollten. Da aber Wilhelm gesonnen war, das verlassene Gebäude zu seinem +Hauptwohnsitze zu erwählen, mußte er Bauten und Anpflanzungen vornehmen, +was ihm im Grunde gar nicht unlieb war. Denn, wie die Mehrzahl seiner +Landsleute, fand er Vergnügen daran, ein Landhaus auszuschmücken, und +nächst der Jagd waren Baukunst und Gärtnerei seine +Lieblingszerstreuungen. Er hatte bereits in einer sandigen Haide von +Geldern ein Paradies geschaffen, das viele Neugierige aus Holland und +Westphalen herbeizog. Marie hatte den Grundstein zu dem Schlosse gelegt, +und Bentinck hatte die Anlage der Fischteiche geleitet. Es gab dort +Wasserfälle und Grotten, eine große Orangerie und ein Vogelhaus, das +Hondekoeter zahlreiche Exemplare buntgefiederter Vögel lieferte.<a class += "tag" name = "tagXI_63" id = "tagXI_63" href = "#noteXI_63">63</a> Der +König sehnte sich in seiner glänzenden Verbannung nach dieser +Lieblingsresidenz und fand einigen Trost darin, daß er sich an den Ufern +der Themse ein zweites Loo schaffen konnte. Bald war eine große +Bodenfläche mit regelmäßigen Alleen und Gartenanlagen bedeckt. Viel +müßiger Scharfsinn wurde aufgeboten, um das verwickelte grüne Labyrinth +anzulegen, das fünf Generationen von Londoner Sonntagsbesuchern mit +Staunen und Freude erfüllt hat. Dreißigjährige Linden wurden aus den +benachbarten Wäldern dahin verpflanzt, um die Alleen zu beschatten. +Künstliche Springbrunnen warfen ihren Wasserstrahl zwischen den +Blumenbeeten empor. Ein neues Residenzschloß, zwar nicht vom reinsten +Styl, aber stattlich, geräumig und bequem, erstand unter Wren’s Leitung. +Das Wandgetäfel war mit dem reichen und zarten Schnitzwerk eines Gibbons +verziert. Die Treppenhäuser entzückten das Auge durch Verrio’s herrliche +Fresken. In jedem Winkel des Gebäudes zeigte sich ein Überfluß von +reizenden Tändeleien, welche englischen Augen noch ungewohnt waren. +Marie hatte aus dem Haag eine Liebhaberei für chinesisches Porzellan +mitgebracht, und sie legte jetzt in Hampton Court eine große Sammlung +häßlicher Figuren und Gefäße an, auf denen Häuser, Bäume, Brücken und +Mandarine in haarsträubendstem Widerspruch mit allen Regeln der +Perspective abgemalt waren. Diese Mode, welche so von der +liebenswürdigen Königin eingeführt wurde, verbreitete sich rasch und +weit. Nach wenigen Jahren enthielt fast jedes vornehme Haus im +Königreiche ein Museum solcher grotesker Spielereien. Selbst +Staatsmänner und Generäle schämten sich nicht des Rufes, den Werth von +Theekannen und Drachen richtig schätzen zu können, und die Satyriker +wiederholten lange Zeit hindurch, daß eine schöne Dame ihr buntbemaltes +Porzellangeschirr eben so hoch halte als +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_42" id = "pageXI_42"> +XI.42</a></span> +ihren Affen und viel höher als ihren Gatten.<a class = "tag" name = +"tagXI_64" id = "tagXI_64" href = "#noteXI_64">64</a> Doch der neue +Palast wurde auch mit Kunstwerken andrer Art ausgeschmückt. Es ward eine +Gallerie für die Cartons von Raphael gegründet. Diese herrlichen Bilder, +damals und noch heute die schönsten diesseits der Alpen, waren durch +Cromwell vor dem Schicksale bewahrt worden, das die meisten anderen +Meisterwerke der Sammlung Karl’s I. getroffen; aber man hatte sie viele +Jahre in ihren hölzernen Kisten ruhen lassen. Jetzt wurden sie aus dem +Dunkel hervorgezogen, um von den Künstlern mit Bewunderung und +Verzweiflung betrachtet zu werden. Die Kosten der Bauten und +Einrichtungen von Hampton Court waren ein Gegenstand bitterer Beschwerde +für viele Tories, welche die grenzenlose Verschwendung, mit der Karl II. +die Wohnung der Herzogin von Portsmouth gebaut und umgebaut, möblirt und +anders möblirt, nur sehr mild getadelt hatten.<a class = "tag" name = +"tagXI_65" id = "tagXI_65" href = "#noteXI_65">65</a> Die Kosten waren +jedoch nicht der Hauptgrund der Unzufriedenheit, welche Wilhelm’s +Residenzwechsel erregte. Es gab keinen Hof mehr in Westminster; +Whitehall, einst der tägliche Sammelplatz der Vornehmen und Mächtigen, +der Schönen und Heiteren, der Ort, wohin Dandies kamen, um ihre neuen +Perrücken zu zeigen, Ritter der Galanterie, um mit schönen Damen zu +liebäugeln, Politiker, um ihr Glück zu verfolgen, Müßiggänger, um +Neuigkeiten zu hören, Landedelleute, um die königliche Familie zu sehen, +war jetzt, zur lebhaftesten Zeit des Jahres, während London mit Fremden +und Einheimischen gefüllt und das Parlament versammelt war, gänzlich +verödet. Eine einsame Schildwache schritt auf dem von Gras überwucherten +Pflaster vor dem Eingange auf und ab, der einst zu eng gewesen war für +die sich begegnenden Ströme der kommenden und gehenden Höflinge. Die +Dienste, welche die Hauptstadt dem Könige geleistet, waren groß und noch +neu, und man meinte, er habe diese Dienste wohl besser vergelten können, +als damit, daß er London behandelte, wie Ludwig Paris behandelt habe. +Halifax hatte den Muth, dies anzudeuten; aber wenige Worte, die keine +Erwiederung zuließen, brachten ihn zum Schweigen. „Wollen Sie, daß ich +sterbe?“ sagte Wilhelm in gereiztem Tone.<a class = "tag" name = +"tagXI_66" id = "tagXI_66" href = "#noteXI_66">66</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_61" id = "noteXI_61" href = "#tagXI_61">61.</a> +<span class = "antiqua">Burnet II. 2.</span>; <span class = +"antiqua">Burnet M.S. Harl. 6584.</span> Ronquillo spricht sich noch +viel umständlicher aus: <span class = "antiqua">„Nada se ha visto +desfigurado</span>; <span class = "antiqua">y, quantas veces he estado +con el, le he visto toser tanto que se le saltaban las lagrimas, +y se ponia moxado y arrancando; y confiesan los medicos que es +una asma incurable.“</span> 8.(18.) März 1689. Avaux schrieb in +demselben Sinne aus Irland: <span class = "antiqua">„La santé de +l’usurpateur est fort mauvaise. L’on ne croit pas qu’il vive un +an.“</span> 8.(18.) April.</p> + +<p><a name = "noteXI_62" id = "noteXI_62" href = "#tagXI_62">62.</a> +<span class = "antiqua">„Hasta decir los mismos Hollandeses que lo +desconozean“</span>, sagt Ronquillo. <span class = "antiqua">„Il est +absolument mal propre pour le rôle qu’il a à jouer à l’heure qu’il +est,“</span> sagt Avaux. <span class = "antiqua">„Slothful and +sickly,“</span> sagt Evelyn, 29. März 1689.</p> + +<p><a name = "noteXI_63" id = "noteXI_63" href = "#tagXI_63">63.</a> +Siehe Harris’ Beschreibung von Loo, 1699.</p> + +<p><a name = "noteXI_64" id = "noteXI_64" href = "#tagXI_64">64.</a> +Wer die Werke Pope’s und Addison’s kennt, wird sich ihrer Sarkasmen über +diese Mode erinnern. Lady Marie Wortley Montague schlug sich auf die +andre Seite. „Alte Chinoiserien,“ sagt sie, „machen Niemandes Geschmack +Unehre, da der Herzog von Argyle Gefallen daran fand, dessen Einsicht +niemals, weder von seinen Freunden noch von seinen Feinden, in Zweifel +gezogen worden ist.“</p> + +<p><a name = "noteXI_65" id = "noteXI_65" href = "#tagXI_65">65.</a> +Über die Bauten in Hampton Court siehe <span class = "antiqua">Evelyn’s +Diary, Juli 16. 1689</span>; <span class = "antiqua">The Tour through +Great Britain, 1724</span>; <span class = "antiqua">the British +Apelles</span>; <span class = "antiqua">Horace Walpole on Modern +Gardening</span>; <span class = "antiqua">Burnet II. 2, 3.</span></p> + +<p class = "continue"> +Als Evelyn 1662 in Hampton Court war, waren die Cartons noch nicht zu +sehen. Die Triumphe von Andrea Montegna galten damals für die schönsten +Gemälde des Palastes.</p> + +<p><a name = "noteXI_66" id = "noteXI_66" href = "#tagXI_66">66.</a> +<span class = "antiqua">Burnet, II. 2</span>; <span class = +"antiqua">Reresby’s Memoirs.</span> Ronquillo schreibt wiederholt in +diesem Sinne. Zum Beispiel: <span class = "antiqua">„Bien quisiera que +el Rey fuese mas comunicable, y se acomodase un poco mas al humor +sociable de los Ingleses, y que estubiera en Londres: pero es +cierto que sus achaques no se lo permiten.“</span> 8.(18.) Juli 1689. +Avaux schreibt um dieselbe Zeit aus Irland an Croissy: <span class = +"antiqua">„Le Prince d’Orange est toujours à Hampton Court, et jamais à +la ville: et le peuple est fort mal satisfait de cette manière bizarre +et retirée.“</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Der Hof in Kensington.</span> +<a name = "secXI_31" id = "secXI_31">Es</a> zeigte sich bald, daß +Hampton Court zu weit vom Hause der Lords und der Gemeinen wie von den +öffentlichen Ämtern entfernt war, um der gewöhnliche Wohnsitz des +Souverains +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_43" id = "pageXI_43"> +XI.43</a></span> +werden zu können. Anstatt jedoch nach Whitehall zurückzukehren, beschloß +Wilhelm, eine andre Residenz zu beziehen, welche zur Leitung der +Regierungsgeschäfte nahe genug bei der Hauptstadt lag, doch aber nicht +so nahe, um im Bereiche der Atmosphäre zu sein, in der er keine Nacht +zubringen konnte ohne Gefahr, zu ersticken. Einmal dachte er an Holland +House, die Villa der vornehmen Familie Rich, und er residirte wirklich +einige Wochen daselbst.<a class = "tag" name = "tagXI_67" id = +"tagXI_67" href = "#noteXI_67">67</a> Endlich aber entschied er sich für +Kensington House, den Landsitz des Earl von Nottingham. Es wurde für +achtzehntausend Guineen angekauft, und dem Ankaufe folgten neue Bauten, +neue Anpflanzungen, neue Geldausgaben und neue Unzufriedenheit.<a class += "tag" name = "tagXI_68" id = "tagXI_68" href = "#noteXI_68">68</a> +Gegenwärtig wird Kensington House als zu London gehörend betrachtet; +damals aber war es ein Landsitz und konnte zu jenen Zeiten der +Straßenräuber und nächtlichen Ruhestörer, der kothigen Straßen und +schlechten Beleuchtung, nicht füglich der Sammelplatz der vornehmen +Gesellschaft sein.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_67" id = "noteXI_67" href = "#tagXI_67">67.</a> +Mehrere von seinen Briefen an Heinsius sind von Holland House +datirt.</p> + +<p><a name = "noteXI_68" id = "noteXI_68" href = "#tagXI_68">68.</a> +<span class = "antiqua">Narcissus Luttrell’s Diary</span>; <span class = +"antiqua">Evelyn’s Diary, Feb. 25. 1689/90.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm’s ausländische Günstlinge.</span> +<a name = "secXI_32" id = "secXI_32">Es</a> war wohl bekannt, daß der +König, der die englische Noblesse und Gentry so unfreundlich behandelte, +in einem kleinen Kreise seiner Landsleute herablassend, vertraulich und +selbst heiter sein, seine Gedanken in fröhlicher Unterhaltung +aussprechen und sein Glas oft, vielleicht zu oft, füllen konnte, und +dies erschwerte in den Augen unserer Vorfahren seine Schuld. Unsere +Vorfahren hätten jedoch so viel gesunden Sinn und Gerechtigkeitsliebe +haben sollen, um zuzugestehen, daß der Patriotismus, den sie an sich +selbst als eine Tugend betrachteten, bei ihm kein Fehler sein konnte. Es +war ungerecht ihn deshalb zu tadeln, daß er die Liebe, die er zu seinem +Geburtslande hegte, nicht mit einem Male auf unsre Insel übertrug. Wenn +er in den Hauptsachen seine Pflicht gegen England erfüllte, konnte man +es ihm wohl nachsehen, daß er für Holland eine zärtliche Vorliebe +bewahrte. Eben so wenig verdient es einen Vorwurf, daß er in den Tagen +seiner Größe Gefährten nicht entfernte, die in seiner Kindheit mit ihm +gespielt, ihm durch alle Wechselfälle des Jünglings- und des +Mannesalters treu zur Seite gestanden, welche den ekelhaftesten und +gefährlichen Ansteckungen trotzend, an seinem Krankenlager gewacht, im +heißesten Schlachtgewühl sich zwischen ihn und die französischen +Schwerter geworfen, und deren Anhänglichkeit nicht dem Statthalter oder +dem Könige, sondern einfach Wilhelm von Nassau galt. Auch darf man +hinzusetzen, daß seine alten Freunde, wenn er sie mit seinen neuen +Höflingen verglich, in seiner Achtung steigen mußten. Alle seine +holländischen Kameraden verdienten, ohne Ausnahme, sein Vertrauen bis +ans Ende seines Lebens. Wohl konnten sie mit ihm schmollen, und, wenn +sie schmollten, hart und mürrisch sein; niemals aber, mochten sie auch +noch so erzürnt und unwillig sein, hörten sie auf seine Geheimnisse zu +bewahren, und mit der Treue wahrer Edelleute und Soldaten über seine +Interessen zu wachen. Unter seinen englischen Rathgebern war solche +Treue selten.<a class = "tag" name = "tagXI_69" id = "tagXI_69" href = +"#noteXI_69">69</a> Es ist traurig, aber nicht mehr als +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_44" id = "pageXI_44"> +XI.44</a></span> +gerecht anzuerkennen, daß er nur zu guten Grund hatte, von unsrem +Nationalcharacter eine schlechte Meinung zu hegen. Dieser Character war +zwar im Wesentlichen so wie er immer gewesen ist. Wahrheitsliebe, +Biederkeit und männliche Unerschrockenheit waren damals wie noch jetzt +den Engländern vorzugsweise eigen. Aber so allgemein verbreitet diese +Eigenschaften unter der Masse des Volks sein mochten, in der Klasse, +welche Wilhelm am besten kannte, waren sie nur selten zu finden. Der +Maßstab der Ehre und Tugend war während seiner Regierung unter unseren +Staatsmännern sehr tief gesunken. Seine Vorfahren hatten ihm einen mit +allen Lastern der Restauration befleckten Hof hinterlassen, einen Hof, +der von Schmarotzern wimmelte, welche bereit waren, beim ersten Umschlag +des Glücks ihn zu verlassen, wie sie seinen Oheim verlassen hatten. Wohl +fand sich hier und da unter dem schamlosen Haufen ein Mann von wahrer +Rechtschaffenheit und echtem Gemeinsinn. Aber selbst ein solcher Mann +konnte nicht lange in solcher Umgebung leben, ohne daß seine strengen +Grundsätze und sein Gefühl für Recht und Unrecht in die größte Gefahr +geriethen. Es war ungerecht, einen von Schmeichlern und Verräthern +umgebenen Fürsten deshalb zu tadeln, daß er einige Diener in seiner Nähe +behalten wollte, die er hinreichend erprobt hatte, um überzeugt zu sein, +daß sie ihm bis zum Tode treu bleiben würden.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_69" id = "noteXI_69" href = "#tagXI_69">69.</a> +De Foe entschuldigt Wilhelm im zweiten Theile seines <span class = +"antiqua">True Born Englishman</span> folgendermaßen:</p> + +<div class = "verse"> +<p>Wir tadeln Wilhelm, daß er hat zu viel Gefallen</p> +<p>An Deutschland’s, Frankreich’s, Holland’s Söhnen allen</p> +<p>Und selten mittheilt Großes von dem Staat</p> +<p>Den Männern, welche sitzen in seinem brit’schen Rath.</p> +<p>Der Grund davon ist nicht schwer beizubringen:</p> +<p>Weil wir nur gar zu oft ihn hintergingen.</p> +<p>Und in der That, das Narrenhaus ihm würd’ gebühren,</p> +<p>Wenn er getraut hätt’ England’s Cavalieren.</p> +<p>Die Fremden stets gehorsam mit ihm zogen,</p> +<p>Und nur von Engländern er immer ward betrogen.</p> +</div> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Allgemeine schlechte Verwaltung.</span> +<a name = "secXI_33" id = "secXI_33">Und</a> dies war nicht der einzige +Punkt, in welchem unsere Vorfahren sich ungerecht gegen ihn zeigten. Sie +hatten erwartet, daß ein so ausgezeichneter Feldherr und Staatsmann, +sobald er an der Spitze der Regierung stände, einen glänzenden Beweis +— was für einen wußten sie selbst nicht recht — von Genie +und Thatkraft geben werde. Unglücklicherweise ging während der ersten +Monate seiner Regierung fast Alles schlecht. Seine bitter getäuschten +Unterthanen maßen ihm die Schuld bei und begannen zu zweifeln, ob er den +Ruf verdiene, den er sich beim ersten Eintritt ins öffentliche Leben +geschaffen und den der glänzende Erfolg seiner letzten großen +Unternehmung auf den höchsten Punkt gesteigert hatte. Wären sie in einer +Stimmung gewesen, um unbefangen urtheilen zu können, so würden sie +eingesehen haben, daß er für die schlechte Verwaltung, über die sie sich +mit gutem Grunde beschwerten, nicht verantwortlich war. Er konnte für +jetzt nur mit der Maschinerie arbeiten, die er vorgefunden hatte, und +diese Maschinerie war eitel Rost und Verfall. Von der Zeit der +Restauration bis zur Zeit der Revolution war die erfolgreiche Thätigkeit +jedes Zweiges der Verwaltung fast beständig durch Nachlässigkeit und +Betrug gehemmt worden. Ehrenstellen und öffentliche Ämter, Peers- und +Baronetstitel, Regimenter, Fregatten, Gesandtschaftsposten, +Gouverneursstellen, Commissariate, Pachtungen von Krongütern, +Lieferungscontracte auf Bekleidungsstücke, Lebensmittel und Munition, +Begnadigungen für +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_45" id = "pageXI_45"> +XI.45</a></span> +begangene Mordthaten, Diebstähle und Brandstiftungen wurden in Whitehall +fast eben so offen verkauft wie Spargel in Coventgarden oder Heringe in +Billingsgate. Kupplerisches Volk hatte beständig in den Umgebungen des +Hofes nach Kundschaft umhergespäht, und unter ihnen hatten zu Karl’s +Zeiten die Courtisanen, zu Jakob’s Zeiten die Priester das meiste Glück +gehabt. Von dem Palaste aus, welcher der Hauptsitz dieser Pestilenz +gewesen war, hatte sich die Ansteckung über alle Ämter und über alle +Klassen der Beamten verbreitet und überall Schwäche und Desorganisation +hervorgerufen. Die Verderbtheit machte so reißende Fortschritte, daß +acht Jahre nach der Zeit, da Oliver Cromwell der Schiedsrichter Europa’s +gewesen, der Donner der Kanonen de Ruyters im Tower von London gehört +wurde. Die Krebsschäden, die jene große Demüthigung über das Land +gebracht, hatten seitdem immer tiefer und immer weiter um sich +gegriffen. Man muß Jakob die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er +einige von den gröbsten Mißbräuchen, welche die Marineverwaltung +schändeten, abgeschafft hatte. Doch trotz seiner Reformbestrebungen +entlockte die Marineverwaltung Männern, welche das Seewesen Frankreich’s +und Holland’s kannten, nur ein mitleidiges Achselzucken. Noch schlechter +war die Militärverwaltung. Die Höflinge ließen sich von den Obersten +bestechen, die Obersten betrogen die Soldaten, die Kriegscommissare +schickten lange Rechnungen über Dinge ein, welche nie geliefert worden +waren, die Arsenalinspectoren verkauften die öffentlichen Vorräthe und +steckten den Erlös in ihre Tasche. Obgleich aber diese Krebsschäden +unter der Regierung Karl’s und Jakob’s entstanden und zur Reife gediehen +waren, machten sie sich doch erst unter Wilhelm’s Regierung ernstlich +fühlbar. Denn Karl und Jakob hatten sich damit begnügt, die Vasallen und +Pensionäre eines mächtigen und ehrgeizigen Nachbars zu sein; sie +unterwarfen sich seinem Übergewicht, sie vermieden mit kleinmüthiger +Ängstlichkeit Alles, was ihn hätte beleidigen können, und so beugten sie +auf Kosten der Unabhängigkeit und Würde der alten, ruhmvollen Krone, +welche zu tragen sie nicht werth waren, einem Kampfe vor, der sofort +gezeigt haben würde, wie ohnmächtig unter ihrer verkehrten Regierung das +einst mächtige Reich geworden war. Es lag weder in Wilhelm’s Macht noch +in seinem Character, in die Fußtapfen ihrer schimpflichen Politik zu +treten. Nur durch Waffengewalt konnte die Freiheit und die Religion +England’s gegen den furchtbarsten Feind geschützt werden, der unsre +Insel bedroht hatte, seitdem die Hebriden mit den Trümmern der Armada +bedeckt worden. Der Staatskörper, der im Zustande der Ruhe einen +oberflächlichen Anschein von Gesundheit und Kraft gezeigt hatte, war +jetzt in die Nothwendigkeit versetzt, jeden Nerv zu einem Kampfe auf +Leben und Tod anzuspannen, und es zeigte sich sofort, daß er der +Anstrengung nicht gewachsen war. Gleich nach den ersten Versuchen +stellte sich eine völlige Muskelerschlaffung, ein gänzlicher Mangel an +Übung und Erfahrung heraus. Diese Versuche schlugen, mit kaum einer +Ausnahme, fehl, und jeden Fehlschlag legte das Volk nicht <span class = +"extended">den</span> Regenten, deren schlechte Verwaltung die Gebrechen +des Staats hervorgerufen, sondern <span class = "extended">dem</span> +Regenten zur Last, unter welchem die Gebrechen des Staats sichtbar +wurden.</p> + +<p>Wäre Wilhelm ein so unumschränkter Herrscher gewesen als Ludwig, so +hätte er allerdings diejenigen energischen Heilmittel anwenden können, +welche der englischen Staatsverwaltung sehr bald die Elasticität +wiedergegeben haben würde, die ihr seit Oliver’s Tode fehlte. Aber die +augenblickliche +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_46" id = "pageXI_46"> +XI.46</a></span> +Beseitigung tief eingewurzelter Mißbräuche war eine Aufgabe, welche weit +über die Kraft eines schon durch das Gesetz, und noch mehr durch die +Schwierigkeiten seiner Stellung sehr eingeengten Fürsten ging.<a class = +"tag" name = "tagXI_70" id = "tagXI_70" href = "#noteXI_70">70</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_70" id = "noteXI_70" href = "#tagXI_70">70.</a> +Ronquillo war so einsichtsvoll und gerecht, Einräumungen zu machen, +welche die Engländer nicht machten. Nachdem er in einem Schreiben vom +1.(11.) März 1689 den traurigen Zustand des Heer- und Seewesens +geschildert, sagt er: <span class = "antiqua">„De esto no tiene culpa el +Principe de Oranges; per que pensar que se han de poder volver en dos +meses tres Reynes de abaxo arriba es una extravagancia.“</span> Der +Lordpräsident Stair sagt in einem ungefähr vier Wochen später aus London +datirten Briefe, daß die Verzögerungen in der englischen Verwaltung den +Ruhm des Königs geschmälert hätten, „doch ohne seine Schuld.“</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Uneinigkeit unter den Staatsdienern.</span> +<a name = "secXI_34" id = "secXI_34">Einige</a> der größten +Schwierigkeiten seiner Lage entsprangen aus dem Benehmen der Minister, +auf die er sich als Neuling in den Details der englischen +Staatsangelegenheiten hinsichtlich der ihm nöthigen Aufschlüsse über +Menschen und Dinge verlassen mußte. Es fehlte seinen vornehmsten +Rathgebern zwar nicht an Befähigung; aber die eine Hälfte ihrer +Befähigung wurde dazu angewendet, der andren Hälfte entgegenzuwirken. +Zwischen dem Lord-Präsidenten und dem Geheimsiegelbewahrer bestand eine +tief eingewurzelte Feindschaft.<a class = "tag" name = "tagXI_71" id = +"tagXI_71" href = "#noteXI_71">71</a> Diese Feindschaft hatte zwölf +Jahre vor der Zeit begonnen, als Danby Lord Schatzmeister, ein Verfolger +der Nonconformisten und hartnäckiger Vertheidiger der Kronrechte wurde, +und als Halifax als einer der beredtesten Führer der Vaterlandspartei +zur Auszeichnung gelangte. Unter der Regierung Jakob’s hatten beide +Staatsmänner der Opposition angehört, und ihre gemeinsame Feindschaft +gegen Frankreich und gegen Rom, gegen die Hohe Commission und gegen das +Dispensationsrecht hatte eine anscheinende Aussöhnung herbeigeführt; +sobald sie aber wieder zusammen im Amte waren, erwachte die alte +Abneigung von neuem. Man hätte meinen sollen, daß der Haß der Whigpartei +gegen Beide ein festeres Zusammenhalten zwischen ihnen bewirken müßte; +in Wahrheit aber sah Jeder von ihnen mit Wohlgefallen die dem Andren +drohende Gefahr. Danby bemühte sich, eine starke Phalanx von Tories um +sich zu schaaren. Unter dem Vorwande geschwächter Gesundheit zog er sich +vom Hofe zurück, kam selten in den Staatsrath, dem zu präsidiren seine +Pflicht war, brachte viel Zeit auf dem Lande zu, und nahm kaum einen +andren Antheil an den Staatsgeschäften, als daß er über alle Maßregeln +der Regierung mäkelte und spottete, auf seinen Privatvortheil spekulirte +und seinen persönlichen Günstlingen Stellen verschaffte.<a class = "tag" +name = "tagXI_72" id = "tagXI_72" href = "#noteXI_72">72</a> In Folge +dieses Abfalls wurde Halifax Premierminister, insoweit man unter dieser +Regierung einen Minister überhaupt Premierminister nennen konnte. Eine +ungeheure Geschäftslast fiel auf ihn, und er war nicht im Stande, diese +Last zu tragen. An Geist und Beredtsamkeit, an umfassendem Verständniß +und scharfer Unterscheidungsgabe hatte er unter den Staatsmännern seiner +Zeit nicht seines Gleichen. Aber eben diese Fruchtbarkeit, eben dieser +Scharfsinn, die seiner Unterhaltung, seinen Reden und seinen Schriften +einen besondern Reiz verliehen, machten ihn zur schnellen Entscheidung +praktischer Fragen untauglich. Gerade sein ungewöhnlicher Scharfsinn +machte ihn langsam, denn er sah so viele Gründe für und wider jedes +mögliche Verfahren, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_47" id = "pageXI_47"> +XI.47</a></span> +daß er mehr Zeit brauchte, um zu einem Entschlusse zu kommen, als ein +beschränkter Kopf gebraucht haben würde. Anstatt mit seinem ersten +Gedanken zufrieden zu sein, replicirte er sich selbst immer und immer +wieder. Wer ihn sprechen hörte, mußte zugeben, daß er wie ein Engel +sprach; aber wenn er Alles was sich sagen ließ erschöpft hatte und zum +Handeln kam, war nur zu oft der rechte Augenblick zum Handeln +vorüber.</p> + +<p>Inzwischen bemühten sich die beiden Staatssekretäre fortwährend, +ihren Gebieter nach direct einander entgegengesetzten Richtungen zu +ziehen. Jeder Plan, jede Person, welche der Eine empfahl, ward von dem +Andren verworfen. Nottingham wurde nicht müde zu wiederholen, daß die +alte Rundkopfpartei, die Partei, welche Karl I. um’s Leben gebracht und +gegen das Leben Karl’s II. conspirirt hatte, im Prinzip republikanisch +und daß die Tories die einzig wahren Freunde der Monarchie seien. +Shrewsbury entgegnete, daß die Tories wohl Freunde der Monarchie sein +könnten, daß sie aber Jakob als ihren Monarchen betrachteten. Nottingham +erzählte beständig im königlichen Kabinet von tollen Hirngespinnsten, +mit denen sich einige alte Kalbskopfesser, die Überreste der einst +mächtigen Partei Bradshaw’s und Ireton’s, in den Wirthshäusern der City +noch immer beschäftigten. Shrewsbury zeigte wüthende Pasquille vor, +welche die Jakobiten tagtäglich in den Kaffeehäusern vertheilten. „Jeder +Whig,“ sagte der Torysekretär, „ist ein Feind der Prärogative Eurer +Majestät.“ — „Jeder Tory,“ sagte der Whigsekretär, „ist ein Feind +des Rechtstitels Eurer Majestät.“<a class = "tag" name = "tagXI_73" id = +"tagXI_73" href = "#noteXI_73">73</a></p> + +<p>Auch im Schatzamte gab es nichts als Eifersüchteleien und +Zänkereien.<a class = "tag" name = "tagXI_74" id = "tagXI_74" href = +"#noteXI_74">74</a> Der erste Commissar, Mordaunt, und der Kanzler der +Schatzkammer, Delamere, waren zwar Beide eifrige Whigs; aber obgleich +sie dem nämlichen politischen Glauben anhingen, waren sie doch von ganz +verschiedenem Character. Mordaunt war flatterhaft, verschwendrisch und +großmüthig. Die Schöngeister der damaligen Zeit witzelten über die Art +und Weise, wie er von Hampton-Court nach der Börse und von der Börse +zurück nach Hampton-Court flog; man konnte nicht begreifen wie er Zeit +fand zu seinem Anzuge, zu den Staatsgeschäften, zu Liebschaften und zum +Balladendichten.<a class = "tag" name = "tagXI_75" id = "tagXI_75" href += "#noteXI_75">75</a> Delamere war finster und empfindlich, streng in +seinen Privatsitten und pünktlich in seinen Andachtsübungen, aber gierig +nach unedlem Gewinn. Die beiden ersten Finanzbeamten wurden daher Feinde +und harmonirten nur in dem Hasse gegen ihren Collegen Godolphin. Wie kam +er in dieser Zeit des protestantischen Übergewichts nach Whitehall, er, +der mit Papisten im Amte gesessen, der sich kein Gewissen daraus gemacht +hatte, Maria von Modena in den Götzendienst der Messe zu begleiten? Der +kränkendste Umstand aber war, daß Godolphin, obgleich sein Name in der +Commission die dritte Stelle einnahm, thatsächlich der erste Lord des +Schatzes war. Denn in financiellem Wissen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_48" id = "pageXI_48"> +XI.48</a></span> +und in Geschäftserfahrung waren Mordaunt und Delamere im Vergleich zu +ihm wahre Schulknaben, und dies erkannte Wilhelm sehr bald.<a class = +"tag" name = "tagXI_76" id = "tagXI_76" href = "#noteXI_76">76</a></p> + +<p>Ähnliche Fehden wütheten auch in den übrigen großen Amtscollegien wie +in allen untergeordneten Schichten der Staatsdiener. In jedem Zollhause, +in jedem Arsenale gab es einen Shrewsbury und einen Nottingham, einen +Delamere und einen Godolphin. Die Whigs beklagten sich, daß es keinen +Verwaltungszweig gäbe, in welchem nicht Creaturen der gestürzten Partei +zu finden wären. Umsonst führe man zur Rechtfertigung an, daß diese +Männer in den Geschäftsdetails erfahren, daß sie im Besitz amtlicher +Traditionen seien und daß die Freunde der Freiheit, nachdem sie +Jahrelang von den öffentlichen Ämtern ausgeschlossen gewesen, unmöglich +befähigt sein könnten, mit einem Male die ganze Leitung der Geschäfte +auf sich zu nehmen. Die Erfahrung habe allerdings ihren Werth, +sicherlich aber sei die erste aller Qualificationen eines Dieners die +Treue, und kein Tory könne ein wahrhaft treuer Diener der neuen +Regierung sein. Wenn König Wilhelm klug wäre, so würde er sich lieber +auf Neulinge, die von Eifer für sein Interesse und für seine Ehre +beseelt wären, als auf Veteranen verlassen, welche zwar Geschick und +Kenntnisse besitzen könnten, dieses Geschick und diese Kenntnisse aber +zur Herbeiführung seines Untergangs anwenden würden.</p> + +<p>Die Tories dagegen beklagten sich, daß ihr Antheil an der Regierung +in keinem Verhältniß zu ihrer Anzahl und zu ihrem Gewicht im Lande +stehe, daß überall alte und nützliche Staatsdiener um keines andren +Verbrechens willen, als weil sie Freunde der Monarchie und der Kirche +wären, von ihren Posten vertrieben worden seien, um Ryehouseverschwörern +und Conventikelbesuchern Platz zu machen. Diese Emporkömmlinge, +wohlerfahren in der Kunst der Parteibewegungen, aber unwissend in Allem +was zu ihrem neuen Beruf gehöre, würden erst anfangen etwas zu lernen, +wenn sie durch ihre Fehler die Nation ruinirt hätten. Von einem +hochgestellten Beamten müsse man doch sicherlich mehr verlangen, als daß +er nur ein Rebell und Schismatiker sei. Was solle aus den Finanzen, was +aus der Marine werden, wenn Whigs, die nicht den einfachsten +Rechnungsabschluß verständen, das Staatseinkommen verwalten, wenn Whigs, +die in ihrem Leben kein Seemagazin betreten, die Flotte ausrüsten +sollten?<a class = "tag" name = "tagXI_77" id = "tagXI_77" href = +"#noteXI_77">77</a></p> + +<p>Das Wahre ist, daß die Beschuldigungen, welche die beiden Parteien +gegen einander erhoben, in beträchtlicher Ausdehnung wohl begründet, der +Tadel aber, den Beide auf Wilhelm warfen, ungerecht war. Geschäftliche +Erfahrung war fast ausschließlich nur unter den Tories, aufrichtige +Anhänglichkeit an die neue Ordnung der Dinge fast nur unter den Whigs zu +finden. Der König konnte nichts dafür, daß Kenntniß und Eifer, welche +vereinigt einen schätzbaren Diener des Staats bilden, damals nur +getrennt oder gar nicht vorhanden waren. Stellte er Leute der einen +Partei an, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_49" id = "pageXI_49"> +XI.49</a></span> +so lief er große Gefahr, Fehlgriffe zu thun. Stellte er Leute der andren +Partei an, so lief er große Gefahr, verrathen zu werden. Stellte er +Leute beider Parteien an, so war immer noch einige Gefahr, daß er +Fehlgriffe that oder Verräther wählte, und zu diesen Gefahren kam dann +noch die Gewißheit der Uneinigkeit. Er konnte Whigs und Tories +nebeneinanderstellen, sie zu verschmelzen lag nicht in seiner Macht. +Mochten sie auch in dem nämlichen Amte, an dem nämlichen Pulte arbeiten, +sie waren und blieben Feinde und stimmten nur darin überein, daß sie +gegen den Fürsten murrten, der es versuchen wollte, den Vermittler +zwischen ihnen zu spielen. Unter solchen Umständen mußte die Verwaltung, +die fiscalische, wie die militärische und maritime, unvermeidlich +schwach und schwankend sein; nichts konnte ganz auf die richtige Art und +ganz zur rechten Zeit geschehen; die Uneinigkeiten, von denen kaum eine +Staatsbehörde frei war, mußten Calamitäten erzeugen und jede Calamität +mußte die Spaltung verschlimmern, aus der sie entstanden war.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_71" id = "noteXI_71" href = "#tagXI_71">71.</a> +<span class = "antiqua">Burnet II. 4.</span>; <span class = +"antiqua">Reresby’s Memoirs.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_72" id = "noteXI_72" href = "#tagXI_72">72.</a> +<span class = "antiqua">Reresby’s Memoirs</span>; <span class = +"antiqua">Burnet MS. Harl. 6584.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_73" id = "noteXI_73" href = "#tagXI_73">73.</a> +<span class = "antiqua">Burnet II. 3, 4, 15.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_74" id = "noteXI_74" href = "#tagXI_74">74.</a> +<span class = "antiqua">Burnet II. 5.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_75" id = "noteXI_75" href = "#tagXI_75">75.</a> +</p> + +<div class = "verse"> +<p>Woher nimmt er die Stunden, sagt,</p> +<p>Die er dem Hofe widmet und der Stadt,</p> +<p>Den Staatsgeschäften und der Liebe Macht,</p> +<p>Der Eitelkeit und auch der Geistes Saat?</p> +</div> + +<p><span class = "antiqua">The Modern Lampooners. Ein Gedicht von +1690.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_76" id = "noteXI_76" href = "#tagXI_76">76.</a> +<span class = "antiqua">Burnet II. 4.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_77" id = "noteXI_77" href = "#tagXI_77">77.</a> +Ronquillo nennt die Whigbeamten <span class = "antiqua">„Gente que no +tienen practica ni experiencia.“</span> Er setzt hinzu: <span class = +"antiqua">„Y de esto proce de el pasarse un mes y un otro, sin +executarse nada.“</span> 24. Juni 1689. In einem der unzähligen +„Gespräche“, welche damals erschienen, wirft der toryistische +Interlocutor die Frage auf: „Meint Ihr, die Regierung würde mit +Geschäftsunkundigen besser daran sein?“ Der Whig antwortet: „Besser +unwissende Freunde als vielwissende Feinde.“</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Das Departement der auswärtigen Angelegenheiten.</span> +<a name = "secXI_35" id = "secXI_35">Ein</a> Departement gab es jedoch, +das gut verwaltet wurde: das Departement der auswärtigen +Angelegenheiten. Hier leitete Wilhelm Alles, ohne weder den Rath noch +den Beistand irgend eines englischen Staatsmannes in Anspruch zu nehmen. +Nur einen unschätzbaren Gehülfen hatte er zur Seite: Anton Heinsius, +welcher einige Wochen nach Beendigung der Revolution Großpensionär von +Holland wurde. Heinsius war als Mitglied der Partei, welche auf die +Macht des Hauses Oranien eifersüchtig war und gern auf +freundschaftlichem Fuße mit Frankreich stehen wollte, ins öffentliche +Leben eingetreten. Im Jahre 1681 aber war er mit einer diplomatischen +Mission nach Versailles geschickt worden, und ein kurzer Aufenthalt +daselbst hatte eine vollständige Änderung in seinen Ansichten +herbeigeführt. Bei näherer Bekanntschaft wurde er beunruhigt durch die +Macht und gereizt durch die Anmaßung dieses Hofes, von dem er, so lange +er ihn aus der Entfernung gesehen, eine vortheilhafte Meinung gehegt +hatte. Er fand, daß sein Vaterland verachtet wurde, er sah seine +Religion verfolgt, und sein officieller Character schützte ihn nicht vor +einigen persönlichen Kränkungen, die er bis zum letzten Tage seiner +langen Laufbahn nicht vergaß. Als treuer Anhänger Wilhelm’s und +unversöhnlicher Feind Ludwig’s kehrte er nach Hause zurück.<a class = +"tag" name = "tagXI_78" id = "tagXI_78" href = "#noteXI_78">78</a></p> + +<p>Das Amt des Großpensionärs war immer ein wichtiges Amt, ganz +besonders aber dann, wenn der Statthalter vom Haag abwesend war. Wären +Heinsius’ politische Ansichten noch dieselben gewesen wie früher, so +hätten alle großen Pläne Wilhelm’s scheitern können. Zum Glück aber +bestand zwischen diesen beiden ausgezeichneten Männern eine vollkommene +Freundschaft, die bis zu dem Tage, wo der Tod sie löste, nicht einen +Augenblick durch Argwohn oder Mißhelligkeiten getrübt wurde. Über alle +großen Fragen der europäischen Politik waren sie gleicher Meinung, und +sie correspondirten lebhaft und rückhaltlos mit einander, denn es hielt +zwar schwer, ehe Wilhelm Jemandem Vertrauen schenkte, wem er es aber +schenkte, dem schenkte er es ganz. Die Correspondenz ist noch vorhanden +und gereicht Beiden zur größten Ehre. Die Briefe des Königs würden +allein schon zur Genüge beweisen, daß er einer der größten Staatsmänner +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_50" id = "pageXI_50"> +XI.50</a></span> +war, welche Europa hervorgebracht hat. So lange er lebte, begnügte sich +der Großpensionär damit, der gehorsamste, zuverlässigste und +verschwiegenste Diener zu sein; nach dem Ableben des Gebieters aber +erwies sich der Diener als befähigt, die Stelle des Gebieters mit +seltenem Geschick zu vertreten, und er war in ganz Europa als ein +Mitglied des großen Triumvirats berühmt, das den Stolz Ludwig’s XIV. +demüthigte.<a class = "tag" name = "tagXI_79" id = "tagXI_79" href = +"#noteXI_79">79</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_78" id = "noteXI_78" href = "#tagXI_78">78.</a> +<span class = "antiqua">Négociations de M. le Comte d’Avaux, 4. Mars +1683</span>; <span class = "antiqua">Torcy’s Memoirs.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_79" id = "noteXI_79" href = "#tagXI_79">79.</a> +Die Originalcorrespondenz zwischen Wilhelm und Heinsius ist holländisch. +Eine französische Übersetzung sämmtlicher Briefe Wilhelm’s, und eine +englische Übersetzung einiger Briefe Heinsius’ befinden sich unter den +Mackintosh-Manuscripten. Der Baron Sirtema de Grovestins, dem die +Originale zu Gebote standen, führt in seiner <span class = +"antiqua">„Histoire des luttes et rivalités entre les puissances +maritimes et la France“</span> häufig Stellen daraus an. Zwischen seiner +Version und der meinigen ist zwar im Style ein bedeutender Unterschied, +im Wesentlichen aber ein sehr geringer.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Religionsstreitigkeiten.</span> +<a name = "secXI_36" id = "secXI_36">Die</a> auswärtige Politik +England’s, von Wilhelm persönlich, in innigem Einverständniß mit +Heinsius, geleitet, war damals außerordentlich geschickt und +erfolgreich. In jedem andren Verwaltungszweige aber waren die aus der +gegenseitigen Erbitterung der Parteien entspringenden Nachtheile nur zu +sichtbar. Und dies war noch nicht Alles. Zu den aus der gegenseitigen +Erbitterung der politischen Parteien entspringenden Übeln gesellten sich +andere Übel, welche aus dem gegenseitigen Hasse der Religionssecten +entsprangen.</p> + +<p>Das Jahr 1689 bildet in der kirchlichen Geschichte England’s eine +nicht minder wichtige Epoche als in der bürgerlichen. In diesem Jahre +wurde die erste gesetzliche Indulgenz gegen die Dissenters bewilligt. In +diesem Jahre wurde der letzte ernstliche Versuch gemacht, die +Presbyterianer in den Schooß der englischen Landeskirche zu bringen. Von +diesem Jahre datirt ein neues Schisma, trotz früherer ähnlicher Vorgänge +von Männern hervorgerufen, welche stets erklärt hatten, daß sie +Kirchenspaltungen mit besonderem Abscheu und Präcedenzfälle mit +besonderer Verehrung betrachteten. In diesem Jahre begann der lange +Kampf zwischen zwei großen Parteien von Conformisten. Diese beiden +Parteien hatten zwar seit der Reformation von jeher unter verschiedenen +Formen in der anglikanischen Kirche existirt, aber bis nach der +Reformation standen sie einander nicht in regelmäßiger und permanenter +Schlachtordnung gegenüber und waren daher nicht unter bestimmten Namen +bekannt. Kurz nach Wilhelm’s Thronbesteigung begannen sie die +Hochkirchenpartei und die Niederkirchenpartei genannt zu werden und +lange vor dem Ende seiner Regierung waren diese Bezeichnungen allgemein +gebräuchlich.<a class = "tag" name = "tagXI_80" id = "tagXI_80" href = +"#noteXI_80">80</a></p> + +<p>Im Sommer des Jahres 1688 hatte es den Anschein gehabt, als ob die +Spaltungen, welche so lange den großen Körper der englischen +Protestanten zerrissen, fast ihre Endschaft erreicht hätten. Die +Streitigkeiten über Bischöfe und Synoden, über geschriebene Gebete und +extemporirte Gebete, über weiße Röcke und schwarze Röcke, über +Besprengen und Eintauchen, über Knien und Sitzen, waren auf kurze Zeit +eingestellt. Die dichtgedrängte Phalanx, welche damals gegen die +Papisterei im Felde stand, füllte den ganzen Zwischenraum aus, welcher +Sancroft von Bunyan +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_51" id = "pageXI_51"> +XI.51</a></span> +trennte. Prälaten, die sich noch vor Kurzem als Verfolger der religiösen +Freiheit ausgezeichnet hatten, erklärten sich jetzt zu Freunden +derselben und ermahnten ihren Klerus, stets in gastfreundlichem und +dienstbereiten Verkehr mit den Separatisten zu leben. Separatisten auf +der andren Seite, welche noch vor kurzem Mitren und Batistärmel für die +Livree des Antichrist erklärt hatten, erleuchteten zu Ehren der Prälaten +ihre Fenster und warfen Holz in die Freudenfeuer.</p> + +<p>Diese Gesinnungen steigerten sich fortdauernd, bis sie ihren +Höhepunkt an dem denkwürdigen Tage erreichten, an welchem der gemeinsame +Unterdrücker endlich Whitehall verließ und eine mit orangefarbenen +Bändern geschmückte zahllose Menge zu St. James den gemeinsamen Befreier +begrüßte. Als die Londoner Geistlichkeit, mit Compton an der Spitze, +herbeikam, um dem Manne, dessen Gott sich als Werkzeug zur Rettung der +Kirche und des Staats bedient, ihren Dank auszusprechen, schlossen sich +dem Zuge auch einige hervorragende nonconformistische Geistliche an. +Viele gute Menschen freuten sich zu hören, daß fromme und gelehrte +presbyterianische Geistliche im Gefolge eines Bischofs gegangen, mit +brüderlicher Freundlichkeit von ihm begrüßt und im Empfangszimmer von +ihm seine lieben und geachteten Freunde genannt worden waren, die zwar +durch einige Meinungsverschiedenheiten in unwichtigen Punkten von ihm +getrennt, durch christliche Liebe und gemeinsamen Eifer für das +Wesentliche des reformirten Glaubens aber mit ihm verbunden seien. Nie +hatte es zuvor und nie hat es seitdem in England einen zweiten solchen +Tag gegeben. Der Strom der Gefühle war schon im Umschlagen begriffen, +und die Ebbe trat noch rascher ein als die Fluth eingetreten war.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_80" id = "noteXI_80" href = "#tagXI_80">80.</a> +Obwohl diese ganz angemessenen Benennungen meines Wissens in keinem +während der ersten Regierungsjahre Wilhelm’s gedruckten Buche vorkommen, +nehme ich doch keinen Anstand, mich derselben bei Darstellung der +Ereignisse jener Jahre zu bedienen, wie es auch von Anderen geschehen +ist.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Hochkirchenpartei.</span> +<a name = "secXI_37" id = "secXI_37">In</a> Zeit von wenigen Stunden +begann der Hochkirchliche, von zärtlicher Liebe für den Feind, dessen +Tyrannei jetzt nicht mehr gefürchtet ward, und von Abneigung gegen die +Bundesgenossen, deren Dienste entbehrlich geworden waren, erfüllt zu +werden. Es war leicht, beide Gefühle zu befriedigen, indem man die +schlechte Verwaltung des verbannten Königs den Dissenters zur Last legt. +Sr. Majestät — so lautete jetzt die Sprache nur zu vieler +anglikanischer Geistlichen — würde ein vortrefflicher Regent +gewesen sein, wäre er nicht zu vertrauensvoll, und zu nachsichtig +gewesen. Er habe sein Vertrauen einer Klasse von Leuten geschenkt +gehabt, die seine Stellung, seine Familie und seine Person mit +unversöhnlicher Erbitterung haßten. Durch den vergeblichen Versuch, ihre +Zuneigung zu gewinnen, habe er sich zu Grunde gerichtet. Er habe sie, in +Widerspruch mit dem Gesetz und dem einmüthigen Sinne der alten +royalistischen Partei, von dem Drucke des Strafcodex befreit, habe ihnen +gestattet, Gott auf ihre eigene armselige und geschmacklose Weise +öffentlich zu verehren, habe sie zur Richterbank und in den Geheimrath +zugelassen, ihnen Pelzroben, goldene Ketten, Gehalte und Pensionen +gewährt. Zum Dank für seine Liberalität seien diese Leute, welche einst +so trotzig in ihrem Gebahren und so unbändig in ihrer Opposition selbst +gegen die rechtmäßige Autorität gewesen, die niedrigsten Schmeichler +geworden. Sie hätten ihm noch Beifall zugejauchzt und ihn ermuthigt, als +schon die ergebensten Freunde seines Hauses sich voll Scham und Kummer +aus seinem Palaste <ins class = "correction" +title = "Original hat »entfert«">entfernt</ins> gehabt. Wer habe die Religion und die Freiheit +seines Vaterlandes schändlicher verkauft als Titus? Wer habe eifriger +für die Dispensationsgewalt gestritten als Alsop? Wer habe ungestümer +auf die Verfolgung der sieben Bischöfe gedrungen als Lobb? +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_52" id = "pageXI_52"> +XI.52</a></span> +Welcher nach einer Dechanei lüsterne Kaplan habe, selbst wenn er am 30. +Januar oder am 29. Mai in Anwesenheit des Königs gepredigt, jemals +plumpere Schmeicheleien zu Tage gebracht, als man sie leicht in den +Adressen auffinden könne, durch welche dissentirende +Glaubensgesellschaften ihren Dank für die ungesetzliche +Indulgenzerklärung ausgedrückt hätten? Sei es zu verwundern, wenn ein +Fürst, der nie juristische Werke studirt, nur seine rechtmäßige +Prärogative auszuüben geglaubt habe, als er so durch eine Partei +ermuthigt worden sei, welche jederzeit mit ihrem Hasse gegen +willkürliche Gewalt geprahlt habe? Durch solche Leitung irregeführt, sei +er immer weiter auf dem falschen Wege fortgeschritten, habe er sich +endlich Herzen entfremdet, welche früher ihr bestes Blut zu seiner +Vertheidigung vergossen haben würden, habe er keine anderen Stützen +behalten als seine alten Feinde, und, als der Tag der Gefahr gekommen, +habe er gefunden, daß die Gesinnungen seiner alten Feinde gegen ihn noch +die nämlichen waren wie zu der Zeit, da sie ihn seines Erbes zu berauben +versucht und gegen sein Leben conspirirt hatten. Jeder Verständige habe +längst gewußt, daß die Sectirer keine Liebe zur Monarchie hegten; jetzt +habe es sich gezeigt, daß sie eben so wenig Liebe zur Freiheit hegten. +Ihren Händen Gewalt anzuvertrauen, werde ein Mißgriff sein, der der +Nation nicht minder verderblich werden müsse als dem Throne. Wenn es, um +etwas übereilt gegebene Zusicherungen zu erfüllen, für nöthig erachtet +werden sollte, ihnen Erleichterung zu gewähren, so müsse jedes +Zugeständniß von Beschränkungen und Vorsichtsmaßregeln begleitet sein. +Vor Allem dürfe Niemandem, der ein Feind der kirchlichen Verfassung des +Landes sei, irgend eine Betheiligung an der Civilverwaltung gestattet +werden.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Niederkirchenpartei.</span> +<a name = "secXI_38" id = "secXI_38">Zwischen</a> den Nonconformisten +und den strengen Conformisten stand die Niederkirchenpartei. Diese +Partei enthielt und enthält noch jetzt zwei ganz verschiedene Elemente: +ein puritanisches und ein latitudinarisches Element. Über fast jede +Frage, die sich auf die kirchliche Verfassung wie auf das Ceremoniell +des öffentlichen Gottesdienstes bezog, waren jedoch der puritanische +Niederkirchliche und der latitudinarische Niederkirchliche vollkommen +einig. Sie sahen in der bestehenden Kirchenverfassung und in dem +bestehenden Ceremoniell keinen Mangel, keinen Übelstand, der es ihnen +hätte zur Pflicht machen können, Dissenters zu werden. +Nichtsdestoweniger waren sie der Meinung, daß die Verfassung sowohl wie +das Ceremoniell Mittel und nicht Zwecke seien und daß der wesentliche +Geist des Christenthums ohne Bischöfe und ohne ein allgemeines Gebetbuch +bestehen könne. Als Jakob auf dem Throne saß, waren sie die +Hauptwerkzeuge zur Bildung der großen Coalition gegen Papisterei und +Tyrannei gewesen und sie führten 1689 noch dieselbe versöhnliche +Sprache, die sie 1688 geführt hatten. Die Gewissensscrupel der +Nonconformisten tadelten sie mild. Es sei unzweifelhaft eine große +Schwäche zu glauben, daß es etwas Sündhaftes sein könne, einen weißen +Chorrock zu tragen, ein Kreuz zu schlagen, oder an dem Geländer eines +Altars zu knieen. Die höchste Autorität aber habe die unzweideutigsten +Vorschriften darüber erlassen, wie solche Schwäche zu behandeln sei. Der +schwache Bruder sei nicht zu verdammen, nicht zu verachten; Gläubige von +stärkerem Geiste seien gehalten, ihn durch große Nachgiebigkeit zu +beschwichtigen und sorgfältig jeden Stein des Anstoßes, der ihn +Veranlassung geben könne, Andersdenkende zu verletzen, aus seinem Wege +zu entfernen. Ein Apostel habe erklärt, daß er, obwohl er selbst gegen +den +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_53" id = "pageXI_53"> +XI.53</a></span> +Genuß von thierischer Nahrung und Wein kein Bedenken hege, doch lieber +Pflanzen essen und Wasser trinken wolle, als daß er dem Geringsten +seiner Heerde ein Ärgerniß gäbe. Was würde er wohl von Kirchenfürsten +gedacht haben, welche um eines Gewandes, einer Geberde oder einer +Stellung willen nicht nur die Kirche gespalten, sondern alle Gefängnisse +England’s mit Männern von orthodoxem Glauben und frommem Lebenswandel +gefüllt hätten? Die tadelnden Bemerkungen, welche die Hochkirchlichen +über das neuerliche Benehmen der Dissenters gemacht, wurden von den +Niederkirchlichen für höchst ungerecht erklärt. Das Wunder liege nicht +darin, daß einige wenige Nonconformisten dankbar eine Indulgenz +angenommen hätten, die, so gesetzwidrig sie auch gewesen, doch ihnen die +Thüren ihrer Kerker geöffnet und ihre häusliche Ruhe gesichert habe, +sondern darin, daß die Nonconformisten im allgemeinen der Sache einer +Verfassung treu geblieben seien, von deren Wohlthaten sie lange +ausgeschlossen gewesen. Es sei höchst unbillig, die Fehler einiger +weniger Individuen einer ganzen großen Partei zur Last zu legen. Selbst +unter den Bischöfen der Landeskirche habe Jakob Werkzeuge und +Schmeichler gefunden. Das Benehmen Cartwright’s und Parker’s sei viel +weniger zu entschuldigen gewesen, als das Alsop’s und Lobb’s. Gleichwohl +würden Diejenigen, welche die Dissenters für die Fehler Alsop’s und +Lobb’s verantwortlich hielten, es ohne Zweifel für sehr unvernünftig +erklären, wenn man die Landeskirche für die weit größere Schuld +Cartwright’s und Parker’s verantwortlich machen wolle.</p> + +<p>Die Geistlichen der Niederkirche waren eine Minorität, und zwar keine +große Minorität ihres Standes; ihr Gewicht aber stand weit über dem +Verhältniß ihrer Anzahl, denn sie waren in der Hauptstadt stark +vertreten, sie hatten daselbst großen Einfluß und das Durchschnittsmaß +ihrer Intelligenz und wissenschaftlichen Bildung war bei ihnen höher als +bei ihrem Stande im allgemeinen. Wir wurden ihre numerische Stärke +wahrscheinlich noch zu hoch anschlagen, wenn wir sie auf ein Zehntel der +gesammten Geistlichkeit schätzten. Es wird jedoch schwerlich bestritten +werden können, daß sie in ihrer Mitte eben so viele Männer von +ausgezeichneter Beredtsamkeit und Gelehrsamkeit zählten, als sich unter +den übrigen neun Zehnteln zusammengenommen fanden. Unter den Laien, die +sich der herrschenden Landeskirche angeschlossen, war das Verhältniß der +Parteien ziemlich gleich. Die Linie, welche sie trennte, war in der That +sehr wenig unterschieden von der Linie, welche die Whigs und Tories +trennte. Im Hause der Gemeinen, welches gewählt worden war, als die +Whigs die Oberhand hatten, war die Niederkirchenpartei entschieden +überwiegend; bei den Lords aber herrschte ein fast genaues Gleichgewicht +und es bedurfte nur sehr geringfügiger Umstände, um die Wagschale +emporzuschnellen.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm’s Pläne bezüglich der Kirchenverfassung.</span> +<a name = "secXI_39" id = "secXI_39">Das</a> Oberhaupt der +Niederkirchenpartei war der König. Er war als Presbyterianer erzogen +worden, seiner rationalen Überzeugung nach war er ein Latitudinarier, +und persönlicher Ehrgeiz sowohl als auch höhere Beweggründe vermochten +ihn, zwischen den protestantischen Secten als Vermittler aufzutreten. +Sein Bestreben war auf die Einführung dreier großer Reformen in den die +kirchlichen Angelegenheiten betreffenden Gesetzen gerichtet. Sein erster +Zweck war, den Dissenters die Erlaubniß zur freien und ungestörten +Abhaltung ihres Gottesdienstes zu erwirken. Sein zweiter Zweck war, in +dem anglikanischen Ritual und Kirchenregiment solche +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_54" id = "pageXI_54"> +XI.54</a></span> +Abänderungen vorzunehmen, welche die gemäßigten Nonconformisten gewinnen +konnten, ohne Diejenigen zu verletzen, denen jenes Ritual und +Kirchenregiment theuer war. Sein dritter Zweck war, den Protestanten +ohne Unterschied der Secten bürgerliche Ämter zugänglich zu machen. Alle +drei Zwecke waren gut, aber nur der erste war zur Zeit erreichbar. Für +den zweiten kam er zu spät, für den dritten zu früh.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Burnet, Bischof von Salisbury.</span> +<a name = "secXI_40" id = "secXI_40">Wenige</a> Tage nach seiner +Thronbesteigung that er einen Schritt, welcher seine Gesinnungen in +Bezug auf Kirchenregiment und öffentlichen Gottesdienst unverkennbar +andeutete. Er fand nur einen Bischofsstuhl unbesetzt. Seth Ward, der +viele Jahre hindurch das Kirchspiel von Salisbury verwaltet und sich als +einer von den Begründern der Königlichen Societät ehrenvoll +ausgezeichnet hatte, starb, nachdem er seine Fähigkeiten längst +überlebt, während das Land durch die Wahlen für die Convention bewegt +wurde, ohne zu wissen, daß große Ereignisse, von denen nicht das +unwichtigste unter seinem eignen Dache stattgefunden, seine Kirche und +sein Vaterland vom Untergange gerettet hatten. Die Wahl eines +Nachfolgers war nicht leicht. Diese Wahl mußte unvermeidlich von der +Nation als ein Prognostikon von höchster Bedeutung betrachtet werden. +Außerdem mußte die Anzahl der Geistlichen, die sich während der +Streitigkeiten der letzten drei Jahre durch Gelehrsamkeit, +Beredtsamkeit, Muth und Rechtschaffenheit ausgezeichnet hatten, den +König in Verlegenheit setzen. Burnet erhielt den Vorzug. Sein Anrecht +war unzweifelhaft groß; aber Wilhelm würde gewiß eine ruhigere Regierung +gehabt haben, wenn er mit der wohlverdienten Beförderung seines Kaplans +noch einige Zeit gewartet und die erste hohe geistliche Würde, welche +nach der Revolution durch die Krone zu vergeben war, einem der neuen +Regierung ergebenen, aber dem Klerus nicht allgemein verhaßten berühmten +Theologen verliehen hätte. Unglücklicherweise war Burnet’s Name der +großen Mehrzahl der anglikanischen Geistlichen verhaßt. Obwohl er, dem +Prinzip nach, keineswegs zur extremen Fraction der latitudinarischen +Partei gehörte, so wurde er doch vom Volke als die Personifikation des +Latitudinarismus betrachtet. Diese Auszeichnung verdankte er der +hervorragenden Stellung, die er in der Literatur und der Politik +einnahm, der Gewandtheit seiner Zunge und seiner Feder und vor Allem der +Offenheit und Unerschrockenheit seines Characters, einer Offenheit, +welche kein Geheimniß bewahren konnte, und einer Unerschrockenheit, die +vor keiner Gefahr zurückbebte. Er hegte nur eine geringe Meinung von der +Gesammtheit seiner geistlichen Brüder und mit seiner gewohnten +Indiscretion ließ er sich oft verleiten, diese Meinung auszusprechen. +Dafür haßten sie ihn aber auch mit einer Erbitterung, die auf ihre +Nachfolger überging und noch jetzt, nach anderthalbem Jahrhundert, nicht +nachzulassen scheint.</p> + +<p>Sobald der Beschluß des Königs bekannt wurde, fragte man sich +überall: Was wird der Erzbischof thun? Sancroft hatte sich von der +Convention fern gehalten, er hatte sich geweigert, einen Sitz im +Geheimen Rathe einzunehmen, er hatte aufgehört zu confirmiren, zu +ordiniren und einzusetzen, und nur selten sah man ihn außerhalb der +Mauern seines Palastes zu Lambeth. Bei jeder Gelegenheit erklärte er, +daß er sich noch immer durch seinen alten Unterthaneneid gebunden +erachte. Burnet betrachtete er als ein Ärgerniß für den Priesterstand, +als einen Presbyterianer im Chorrock. Der Prälat, der seine Hände auf +dieses unwürdige Haupt legte, würde mehr als eine große Sünde begehen. +Er würde an +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_55" id = "pageXI_55"> +XI.55</a></span> +geheiligter Stätte und vor einer großen Versammlung von Gläubigen zu +gleicher Zeit einen Usurpator als König anerkennen und einem +Schismatiker den Rang eines Bischofs verleihen. Eine Zeit lang erklärte +Sancroft mit Bestimmtheit, er werde der Anordnung Wilhelm’s nicht Folge +leisten. Lloyd von St. Asaph, der gemeinschaftliche Freund des +Erzbischofs und des neuerwählten Bischofs, drang umsonst mit Bitten und +Vorstellungen in ihn. Nottingham, der von allen der neuen Regierung +anhängenden Laien am besten mit dem Klerus stand, bot seinen Einfluß +ebenfalls auf, doch mit keinem besseren Erfolge. Die Jakobiten sagten +überall, daß sie des guten alten Primas gewiß seien, daß er den Muth +eines Märtyrers habe und daß er entschlossen sei, in der Sache der +Monarchie und der Kirche der äußersten Strenge der Gesetze zu trotzen, +mit denen die willfährigen Parlamente des 16. Jahrhunderts das +königliche Supremat geschützt hatten. Er hielt sich in der That lange; +im letzten Augenblicke aber sank ihm der Muth, und er sah sich nach +einem Auswege um. Zum Glück ließ sich sein Gewissen eben so oft durch +kindische Auskunftsmittel beruhigen, wie es durch kindische Bedenken +beunruhigt wurde. Ein kindischerer Ausweg als der, zu welchem er bei +dieser Gelegenheit griff, ist in allen Werken der Casuisten nicht zu +finden. Er wollte nicht persönlich Theil an der Feierlichkeit nehmen; er +wollte nicht öffentlich für den Prinzen und die Prinzessin als König und +Königin beten; er wollte nicht ihr Mandat verlangen, die Verlesung +desselben anbefehlen und dann für die Befolgung sorgen. Aber er stellte +eine Vollmacht aus, welche drei seiner Suffraganen, gleichviel welche, +ermächtigte, in seinem Namen und als seine Delegaten die Sünden zu +begehen, die er selbst nicht begehen mochte. Die Vorwürfe aller Parteien +brachten ihn bald dahin, daß er sich seiner selbst schämte. Nun +versuchte er es, die Augenscheinlichkeit seines Fehlers durch Mittel zu +verdecken, welche noch schimpflicher waren als der Fehler selbst. Er +entfernte aus den öffentlichen Acten, die er in seiner Verwahrung hatte, +das Dokument, durch welches er seine Amtsbrüder ermächtigt, anstatt +seiner zu handeln, und wurde nur mit Mühe bewogen, es wieder +herauszugeben.<a class = "tag" name = "tagXI_81" id = "tagXI_81" href = +"#noteXI_81">81</a></p> + +<p>Burnet war indessen kraft dieses Dokuments zum Bischofe geweiht +worden. Als er das nächste Mal Marien besuchte, erinnerte sie ihn an die +Unterredungen, welche sie im Haag über die wichtigen Pflichten und die +große Verantwortlichkeit der Bischöfe mit einander gepflogen hatten. +„Ich hoffe,“ sagte sie, „daß Sie Ihre Ansichten praktisch ausüben +werden.“ Ihre Hoffnung wurde nicht getäuscht. Was man auch von Burnet’s +Meinungen in Bezug auf Civil- und Kirchenverfassung, oder von der +Gesinnung und dem Urtheil denken mag, welche er bei Verfechtung dieser +Meinungen an den Tag legte, auch der böswilligste Parteigeist konnte +nicht zu leugnen wagen, daß er seine Heerde mit einem Eifer, einer +Sorgfalt und einer Uneigennützigkeit hütete, die den reinsten Zeiten der +Kirche würdig waren. Seine geistliche Oberherrschaft erstreckte sich +über Wiltshire und Berkshire. Diese Grafschaften theilte er in +Distrikte, die er fleißig besuchte. Jeden Sommer verwendete er etwa zwei +Monate darauf, täglich von Kirche zu Kirche zu predigen, zu katechisiren +und zu +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_56" id = "pageXI_56"> +XI.56</a></span> +confirmiren. Als er starb, gab es in seinem Kirchspiele keinen Winkel, +wo das Volk nicht sieben bis acht Mal Gelegenheit gehabt hatte, seine +Belehrungen zu empfangen und seinen Rath zu erbitten. Das schlechteste +Wetter, die grundlosesten Wege hielten ihn nicht ab, diese Pflichten zu +erfüllen. Einmal als die Flüsse ausgetreten waren, setzte er sich lieber +der größten Lebensgefahr aus, als daß er die Erwartung einer +Landgemeinde, welche eine Predigt von dem Bischof zu hören hoffte, +getäuscht hätte. Die Armuth der niederen Geistlichkeit war fortwährend +ein Gegenstand der Besorgniß für sein menschenfreundliches und edles +Herz. Er war unermüdlich und zuletzt glücklich in seinen Bemühungen, +ihnen von Seiten der Krone die unter dem Namen „Königin Anna’s +Schenkung“ bekannte Unterstützung zu verschaffen.<a class = "tag" name = +"tagXI_82" id = "tagXI_82" href = "#noteXI_82">82</a> Wenn er durch +seine Diöcese reiste, war er ganz besonders darauf bedacht, ihnen nicht +zur Last zu fallen. Anstatt sich von ihnen bewirthen zu lassen, +bewirthete er sie. Er nahm sein Hauptquartier stets in einem +Marktflecken, hielt daselbst offene Tafel und bemühte sich, durch seine +schlichte Gastfreundschaft und liebevolle Freigebigkeit die Herzen Derer +zu gewinnen, welche gegen seine Lehren eingenommen waren. Wenn er eine +dürftig besoldete Pfarrstelle vergab, und er hatte deren viele zu +vergeben, pflegte er dem Einkommen aus seiner eigenen Tasche zwanzig +Pfund jährlich zuzulegen. Zehn vielversprechende junge Leute, deren +jedem er dreißig Pfund jährlich aussetzte, studirten unter seinen Augen +in Salisbury Theologie. Obwohl er mehrere Kinder hatte, hielt er sich +doch nicht für berechtigt, Schätze für sie zu sammeln. Ihre Mutter hatte +ihm ein anständiges Vermögen zugebracht; mit diesem Vermögen, sagte er +immer, müßten sie sich begnügen. Er könne sich nicht um ihretwillen der +Sünde schuldig machen, aus Einkünften, welche der Christenliebe und +Wohlthätigkeit geweiht seien, ein Vermögen zu sammeln. Solche Tugenden +werden in den Augen vernünftiger und vorurtheilsfreier Menschen gewiß +vollkommenen Ersatz für jeden Fehler bieten, der ihm mit Grund zur Last +gelegt werden kann.<a class = "tag" name = "tagXI_83" id = "tagXI_83" +href = "#noteXI_83">83</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_81" id = "noteXI_81" href = "#tagXI_81">81.</a> +<span class = "antiqua">Burnet II. 8.</span>; <span class = +"antiqua">Birch’s Life of Tillotson</span>; <span class = "antiqua">Life +of Kettlewell, part III. section 62.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_82" id = "noteXI_82" href = "#tagXI_82">82.</a> +Swift, der unter dem Namen Gregor Misosarum schrieb, sagt boshafter und +ehrloser Weise von Burnet, er habe der Kirche diese Schenkung nicht +gegönnt. Es kann Swift nicht unbekannt gewesen sein, daß die Kirche +diese Schenkung hauptsächlich Burnet’s beharrlicher Fürsprache +verdankte.</p> + +<p><a name = "noteXI_83" id = "noteXI_83" href = "#tagXI_83">83.</a> +Siehe die Biographie Burnet’s am Schlusse des zweiten Bandes seiner +Geschichte, seine handschriftlichen Memoiren, Harl. 6584., seine +Denkschriften über die Erstlinge und Zehnten, und Somers’ Briefe an ihn +über diesen Gegenstand. Auch vergleiche man was Dr. King, obwohl +Jakobit, so gerecht war in seinen <span class = +"antiqua">Anecdotes</span> zu sagen. Ein höchst ehrenvolles Zeugniß für +Burnet’s Tugenden, von einem andren Jakobiten, der ihn heftig +angegriffen, und gegen den er sich äußerst großmüthig gezeigt hatte, von +dem gelehrten und freimüthigen Thomas Baker, findet man im <span class = +"antiqua">Gentleman’s Magazine</span> für August und September 1791.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Nottingham’s Pläne in Bezug auf die kirchliche Verfassung.</span> +<a name = "secXI_41" id = "secXI_41">Als</a> er seinen Sitz im Hause der +Lords einnahm, fand er diese Versammlung mit der Berathung kirchlicher +Gesetze beschäftigt. Ein Staatsmann, der als treuer Anhänger der +Landeskirche bekannt war, hatte es unternommen, die Sache der Dissenters +zu vertheidigen. Kein Unterthan im ganzen Reiche nahm mit Bezug auf die +religiösen Parteien eine so wichtige und gebietende Stellung ein als +Nottingham. Mit dem Einflusse, welchen Rang, Reichthum und amtliche +Würde verleihen, verband er den noch höheren Einfluß der +wissenschaftlichen Bildung, der Beredtsamkeit +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_57" id = "pageXI_57"> +XI.57</a></span> +und der Rechtschaffenheit. Sein orthodoxer Glaube, die Regelmäßigkeit +seiner Andachtsübungen und die Reinheit seiner Sitten gaben seinen +Ansichten über Fragen, welche die Interessen des Christenthums +berührten, ein besonderes Gewicht. Von allen Ministern des neuen +Herrscherpaares genoß er am meisten das Vertrauen der Geistlichkeit. +Shrewsbury war sicherlich ein Whig und wahrscheinlich ein Freidenker, +denn er hatte eine Religion verloren, und es war nicht deutlich zu +erkennen, ob er eine andre gefunden. Halifax war seit vielen Jahren des +Skepticismus, Deismus und Atheismus beschuldigt worden. Danby’s +Anhänglichkeit an das Episkopat und die Liturgie war mehr politischer +als religiöser Natur. Nottingham aber war ein Sohn, den die Landeskirche +mit Stolz den Ihrigen nannte. In Folge dessen konnten Vorschläge, die, +wenn sie von seinen Collegen ausgegangen wären, unfehlbar einen +panischen Schrecken unter der Geistlichkeit hervorgerufen haben würden, +wenn er sie machte, eine günstige Aufnahme selbst bei den Universitäten +und Kapiteln finden. Die Freunde der religiösen Freiheit sehnten sich +mit gutem Grunde nach seiner Mitwirkung, und er war auch, bis zu einem +gewissen Punkte, nicht abgeneigt, Hand in Hand mit ihnen zu gehen. Er +war entschieden für eine Toleranz; er war sogar für eine Comprehension, +wie man es damals nannte, das heißt er wünschte einige Abänderungen in +dem anglikanischen Kirchenregiment und Ritual vorzunehmen, um dadurch +die Bedenken der gemäßigten Presbyterianer zu heben. Aber die Testacte +wollte er nicht aufgeben. Der einzige Fehler, den er an dieser Acte +fand, war, daß sie nicht nachdrücklich genug sei und Schlupfwege offen +lasse, durch die sich Schismatiker zuweilen in bürgerliche Ämter +einschlichen. In der That war er gerade deshalb geneigt, in einige +Abänderungen in der Liturgie zu willigen, weil er keine Lust hatte, sich +von der Testacte zu trennen. Er meinte, wenn der Eingang in die +Staatskirche nur ein klein wenig erweitert werde, würden sehr viele +Leute, welche bis dahin zaudernd auf der Schwelle gestanden, sich +hereindrängen. Diejenigen, welche dann noch draußen blieben, würden +nicht zahlreich oder mächtig genug sein, um ein weiteres Zugeständniß +erzwingen zu können, und würden sich gern mit einer bloßen Toleranz +abfinden lassen.<a class = "tag" name = "tagXI_84" id = "tagXI_84" href += "#noteXI_84">84</a></p> + +<p>Die Ansicht der Niederkirchlichen bezüglich der Testacte war von der +seinigen durchaus verschieden. Vielen von ihnen aber schien es von +höchster Wichtigkeit, seine Unterstützung bei den großen Fragen der +Toleranz und der Comprehension zu erlangen. Aus den zerstreuten +fragmentarischen Mittheilungen, welche auf uns gekommen sind, geht +hervor, daß ein Vergleich zu Stande kam. Es ist gewiß, daß Nottingham es +auf sich nahm, eine Toleranzbill und eine Comprehensionsbill +einzubringen und sich nach besten Kräften zu bemühen, daß beide Bills im +Hause der Lords angenommen würden. Und sehr wahrscheinlich ist es, daß +einige von den leitenden Whigs in Anerkennung dieses großen Dienstes +einwilligten, die Testacte vor der Hand unverändert fortbestehen zu +lassen.</p> + +<p>Die Abfassung der Toleranzbill sowohl als der Comprehensionsbill +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_58" id = "pageXI_58"> +XI.58</a></span> +hatte keine Schwierigkeiten. Vor neun oder zehn Jahren, als das +Königreich von Angst vor einem papistischen Complot erfüllt und die +Protestanten allgemein geneigt waren, sich gegen den gemeinsamen Feind +zu verbinden, war die Lage der Dissenters vielfach discutirt worden. Die +Regierung war damals bereit gewesen, der Whigpartei umfassende +Zugeständnisse zu machen, unter der Bedingung, daß die Krone nach dem +regelmäßigen Gange forterben dürfe. Zwei Gesetzentwürfe, von denen der +eine den öffentlichen Gottesdienst der Nonconformisten gestattete, der +andre einige Abänderungen in dem öffentlichen Gottesdienste der +Staatskirche traf, waren vorbereitet worden und würden wahrscheinlich +von beiden Häusern ohne Schwierigkeit angenommen worden sein, hätten +nicht Shaftesbury und seine Coadjutoren sich geweigert, auf irgendwelche +Bedingungen zu hören, und sich, indem sie nach Unerreichbarem die Hand +ausstreckten, Vortheile entgehen lassen, welche leicht zu erlangen +gewesen wären. An der Abfassung dieser Gesetzentwürfe hatte Nottingham, +damals ein thätiges Mitglied des Hauses der Gemeinen, einen starken +Antheil gehabt. Jetzt zog er sie aus dem Dunkel hervor, in welchem sie +seit der Auflösung des Oxforder Parlaments geblieben waren, und legte +sie mit einigen unbedeutenden Abänderungen auf den Tisch der Lords.<a +class = "tag" name = "tagXI_85" id = "tagXI_85" href = +"#noteXI_85">85</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_84" id = "noteXI_84" href = "#tagXI_84">84.</a> +Oldmixon möchte uns glauben machen, daß Nottingham damals nicht +abgeneigt gewesen sei, die Testacte aufzugeben. Aber Oldmixon’s +Behauptung, welche durch keine Beweise unterstützt wird, ist von gar +keinem Gewicht, und alle Zeugnisse, die er anführt, sprechen gegen seine +Behauptung.</p> + +<p><a name = "noteXI_85" id = "noteXI_85" href = "#tagXI_85">85.</a> +<span class = "antiqua">Burnet II. 6</span>; Van Citters an die +Generalstaaten, 1.(11.) März 1689; <span class = "antiqua">King +William’s Toleration being an explanation of that liberty of conscience +which may be expected from His Majesty’s Declaration, with a Bill for +Comprehensions and Indulgence, drawn up in order to an Act of +Parliament, licensed March 25. 1689.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Toleranzbill.</span> +<a name = "secXI_42" id = "secXI_42">Die</a> Toleranzbill ging in beiden +Häusern nach kurzer Debatte durch. Dieses berühmte Gesetz, das lange +Zeit als die große Charte der Religionsfreiheit betrachtet wurde, ist +seitdem umfassend modificirt worden und der jetzigen Generation fast nur +dem Namen nach bekannt. Der Name wird jedoch von Vielen, welche +vielleicht mit Verwunderung und Enttäuschung den wahren Character des +Gesetzes kennen lernen werden, das sie in Ehren zu halten gewohnt waren, +noch immer mit Achtung genannt.</p> + +<p>Mehrere Gesetze, welche zwischen der Thronbesteigung der Königin +Elisabeth und der Revolution erlassen worden waren, schrieben Jedermann +bei strengen Strafen vor, dem Gottesdienste der Kirche England’s +beizuwohnen und sich des Besuchs von Conventikeln zu enthalten. Die +Toleranzacte widerrief keines dieser Gesetze, sondern bestimmte nur, daß +sie auf Niemanden Anwendung finden sollten, der seine Loyalität durch +Ablegung der Unterthanen- und Suprematseide und seinen protestantischen +Glauben durch Unterzeichnung der Erklärung gegen die Transsubstantiation +bezeuge.</p> + +<p>Die so gewährte Erleichterung kam sowohl den dissentirenden Laien als +den dissentirenden Geistlichen zu Gute. Der dissentirende Klerus aber +hatte noch einige besondere Ursachen zu Beschwerden. Die +Conformitätsacte hatte Jedem eine Geldbuße von hundert Pfund auferlegt, +der sich, ohne die bischöfliche Ordination empfangen zu haben, anmaßen +sollte, das Abendmahl zu reichen. Die Fünfmeilenacte hatte viele fromme +und gelehrte Geistliche von ihren Wohnplätzen und ihren Freunden +vertrieben, um in unbekannten Dörfern, welche auf keiner Landkarte zu +finden waren, unter Bauern zu leben. Die Conventikelacte hatte +denjenigen Geistlichen, welche vor Separatistenversammlungen predigen +sollten, schwere +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_59" id = "pageXI_59"> +XI.59</a></span> +Geldbuße auferlegt, und in directem Widerspruche mit dem humanen Geiste +unsres gemeinen Rechts waren die Gerichtshöfe angewiesen, diese Acte in +umfassender Ausdehnung und zur wirksamen Unterdrückung des Dissents wie +zur Aufmunterung der Angeber zu handhaben. Diese strengen Gesetze waren +nicht aufgehoben, sondern nur, mit vielen Bedingungen und Vorbehalten, +gemildert. Es war vorgeschrieben, daß jeder dissentirende Geistliche, +ehe er seine Amtsverrichtungen ausüben durfte, mit eigenhändiger +Namensunterschrift seinen Glauben an die Artikel der englischen +Staatskirche, mit wenigen Ausnahmen, feierlich erklären müsse. Die +Punkte, zu denen seine Zustimmung nicht verlangt wurde, waren: daß die +Kirche die Befugniß habe, das Ceremoniell zu reguliren, daß die in dem +Homilienbuche aufgestellten Lehren richtig seien, und daß die Ceremonie +der Ordination nichts Abergläubisches und Abgöttisches an sich habe. +Erklärte er sich für einen Baptisten, so brauchte er außerdem nicht zu +versichern, daß die Taufe der Kinder ein lobenswerther Gebrauch sei. +Wenn ihm aber seine Überzeugung nicht gestattete, vierunddreißig von den +neununddreißig Artikeln und den größten Theil von noch zwei anderen +Artikeln zu unterschreiben, so durfte er nicht predigen, ohne sich allen +den Strafen auszusetzen, welche die Cavaliere zur Zeit ihrer Macht und +ihrer Rache ersonnen hatten, um die schismatischen Prediger zu quälen +und zu Grunde zu richten.</p> + +<p>Die Lage der Quäker war von der der übrigen Dissenters verschieden, +und zwar zu ihrem Nachtheile. Der Presbyterianer, der Independent und +der Baptist hatten keine Bedenken wegen des Suprematseides. Der Quäker +aber weigerte sich, denselben zu leisten, nicht weil er gegen den Satz, +daß fremde Fürsten und Prälaten in England keine Rechtsgewalt haben, +etwas einzuwenden gehabt hätte, sondern weil sein Gewissen ihm nicht +gestattete, auf irgend etwas zu schwören. Daher war er der Strenge eines +Theiles des Strafcodex ausgesetzt, welcher schon lange bevor das +Quäkerthum existirte von den Parlamenten Elisabeth’s gegen die +Römisch-Katholischen ausgearbeitet worden war. Die Toleranzacte erlaubte +den Mitgliedern dieser harmlosen Secte, ihre Zusammenkünfte in Frieden +abzuhalten, unter der Bedingung, daß sie drei Urkunden unterzeichneten: +eine Erklärung gegen die Transsubstantiation, ein Versprechen der Treue +gegen die Regierung, und ein christliches Glaubensbekenntniß. Die +Einwendungen, welche der Quäker gegen die athanasianische Phraseologie +machte, hatten ihm die Beschuldigung des Socinianismus zugezogen, und +die starke Sprache, in der er zuweilen behauptete, daß er seine Kenntniß +von überirdischen Dingen unmittelbarer Eingebung von Oben verdanke, +hatte den Verdacht erweckt, daß er von der Autorität der heiligen +Schrift nicht viel halte. Es wurde daher von ihm verlangt, daß er seinen +Glauben an die Göttlichkeit des Sohnes und des heiligen Geistes, wie +auch an die Inspiration des Alten und Neuen Testaments erklären +solle.</p> + +<p>Dies waren die Bedingungen, unter denen die protestantischen +Dissenters in England zum ersten Male Gott nach ihrer Überzeugung +verehren durften. Es war ihnen ganz zweckmäßigerweise untersagt, ihre +Versammlungen bei verschlossenen Thüren zu halten; eine Klausel aber, +welche es für strafbar erklärte, ein Bethaus zu betreten, in der Absicht +die Versammlung zu belästigen, schützte sie gegen feindliches +Eindringen.</p> + +<p>Als ob die erwähnten Beschränkungen und Vorsichtsmaßregeln noch nicht +ausreichend gewesen wären, wurde nachdrücklich erklärt, daß die +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_60" id = "pageXI_60"> +XI.60</a></span> +Legislatur gegen keinen Papisten oder irgend Jemanden, der die Lehre von +der Dreieinigkeit, wie sie in den Formularen der englischen Landeskirche +aufgestellt ist, verwerfe, die geringste Nachsicht zu üben gedenke.</p> + +<p>Von allen Acten, die jemals von einem Parlamente erlassen wurden, ist +die Toleranzacte vielleicht diejenige, welche auf die eigenthümlichen +Mängel und auf die eigenthümlichen Vorzüge der englischen Gesetzgebung +das grellste Licht wirft. Die Staatswissenschaft ist in einer Hinsicht +der Mathematik vollkommen analog. Der Mathematiker kann leicht darthun, +daß eine gewisse Kraft, welche vermittelst eines Hebels oder eines +Flaschenzugs angewendet wird, zum Heben einer gewissen Last ausreicht. +Seine Demonstration gründet sich auf die Voraussetzung, daß die +Maschinerie von der Art ist, daß keine Last sie biegen oder zerbrechen +kann. Wenn aber der Mechaniker, der vermittelst wirklicher Balken und +Seile eine große Masse wirklicher Steine zu heben hat, sich auf den +Lehrsatz, den er in Werken über Dynamik findet, unbedingt verlassen und +die Unvollkommenheit seines Materials nicht mit in Anschlag bringen +wollte, so würde sein ganzer Apparat von Balken, Rädern und Seilen bald +zusammenstürzen, und er würde mit all’ seinen mathematischen Kenntnissen +als ein viel schlechterer Baumeister erfunden werden wie die bemalten +Barbaren, welche Stonehenge erbauten, obgleich sie von dem +Parallelogramm der Kräfte in ihrem Leben nichts gehört hatten. Wie sich +der Mechaniker zu dem Mathematiker verhält, so verhält sich der +praktische Staatsmann zu dem theoretischen Staatsmann. Es ist allerdings +höchst wichtig, daß Gesetzgeber und Regierende die Theorie des Regierens +genau kennen, wie es höchst wichtig ist, daß der Baumeister, der einen +Obelisk auf sein Piedestal stellen oder eine Röhrenbrücke über einen +Meeresarm legen soll, in der Theorie des Gleichgewichts und der Bewegung +bewandert sei. Wie aber der, welcher wirklich zu bauen hat, an Vieles +denken muß, wovon d’Alembert und Euler nie etwas erwähnt haben, so muß +auch Der, welcher wirklich regieren soll, sich beständig durch +Erwägungen leiten lassen, von denen in den Schriften Adam Smith’s oder +Jeremias Bentham’s keine Rede ist. Der vollkommene Gesetzgeber hält die +rechte Mitte zwischen dem Theoretiker, der nichts sieht als allgemeine +Grundsätze, und dem bloßen Praktiker, der nur specielle Umstände ins +Auge faßt. An Gesetzgebern, bei denen das spekulative Element bis zur +völligen Ausschließung des praktischen vorherrschte, ist die Welt +während der letzten achtzig Jahre auffallend fruchtbar gewesen. Ihrer +Weisheit verdanken Europa und Amerika Dutzende von abortiven +Verfassungen, welche gerade lange genug gelebt haben, um ein trauriges +Aufsehen zu machen, und die dann unter krampfhaften Zuckungen +verschieden sind. In der englischen Gesetzgebung aber hat das praktische +Element vor dem spekulativen stets, und nicht selten ungebührlich +vorgeherrscht. Nichts auf die Symmetrie, und viel auf die Zweckmäßigkeit +zu geben; niemals eine Anomalie blos deshalb zu beseitigen, weil sie +eine Anomalie ist; niemals eine Neuerung einzuführen, außer wenn sich +ein Nachtheil fühlbar macht, und Neuerungen nur in so weit einzuführen +als zur Hebung des Nachtheils nothwendig ist; niemals einen Vorschlag zu +machen, der sich weiter erstreckte, als auf den speciellen Fall, für +welchen Abhülfe zu schaffen ist: dies sind die Regeln, welche vom +Zeitalter Johann’s bis zum Zeitalter Victoria’s die Verhandlungen +unserer zweihundertfunfzig Parlamente geleitet haben. Unser nationaler +Widerwille gegen alles Abstracte in der Staatswissenschaft ist +allerdings so groß, daß +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_61" id = "pageXI_61"> +XI.61</a></span> +er ein Fehler wird. Doch ist es vielleicht ein Fehler zum Guten. Daß wir +bei der Verbesserung unserer Gesetze viel zu langsam gegangen sind, muß +zugegeben werden. Obwohl aber in anderen Ländern gelegentlich ein +rascherer Fortschritt stattgefunden haben mag, so würde es doch nicht +leicht sein, ein andres Land zu nennen, in welchem so wenig Rückschritt +stattgefunden hätte.</p> + +<p>Die Toleranzacte kommt dem Typus eines großen englischen Gesetzes +sehr nahe. Einen Juristen, der in der Theorie der Gesetzgebung wohl +bewandert, mit der Stimmung der Secten und Parteien aber, in welche die +Nation zur Zeit der <ins class = "correction" +title = "Original hat »Revolultion«">Revolution</ins> gespalten war, nicht genau bekannt wäre, +würde jene Acte als ein wahres Chaos von Absurditäten und Widersprüchen +erscheinen. Sie wird eine Prüfung nach richtigen allgemeinen Prinzipien +nicht vertragen. Noch mehr, sie wird gar keine Prüfung nach irgend +welchem, gleichviel ob richtigen oder falschen Prinzip vertragen. Das +richtige Prinzip ist unzweifelhaft, daß ein rein theologischer Irrthum +von der Civilobrigkeit nicht bestraft werden darf. Dieses Prinzip +erkennt die Toleranzacte nicht nur nicht an, sondern sie leugnet es +sogar positiv. Kein einziges von den harten Gesetzen, welche die Tudors +oder die Stuarts gegen die Nonconformisten erlassen, ist aufgehoben. +Verfolgung ist nach wie vor die allgemeine Regel; Toleranz ist die +Ausnahme. Und dies ist noch nicht Alles. Die der Überzeugung gewählte +Freiheit wird in der launenhaftesten Weise gewährt. Ein Quäker erlangt +dadurch, daß er ein Glaubensbekenntniß in allgemeinen Ausdrücken ablegt, +den vollen Genuß der Acte, ohne einen der neununddreißig Artikel zu +unterschreiben. Ein Independentengeistlicher, der vollkommen bereit ist, +die von dem Quäker verlangte Erklärung abzugeben, der aber wegen sechs +oder sieben Artikeln Zweifel hegt, bleibt dem Strafgesetz unterworfen. +Howe ist straffällig, wenn er predigt, ohne zuvor seine Zustimmung zu +der anglikanischen Lehre vom Abendmahl feierlich erklärt zu haben. Penn, +der das Abendmahl ganz verwirft, kann völlig ungehindert predigen, ohne +irgend eine Erklärung über den Gegenstand abzugeben.</p> + +<p>Dies sind einige von den unleugbaren Fehlern, welche Jedem auffallen +müssen, der die Toleranzacte nach dem Maßstabe der gesunden Vernunft +betrachtet, welcher in allen Ländern und zu allen Zeiten der nämliche +ist. Aber gerade diese Fehler können sich vielleicht als Vorzüge +herausstellen, wenn wir die Leidenschaften und Vorurtheile Derer in +Betracht ziehen, für welche die Toleranzacte erlassen wurde. Dieses an +Widersprüchen, die jeder Stümper in der Politik entdecken kann, +überreiche Gesetz leistete, was ein von den größten Meistern in der +Staatswissenschaft auf das <ins class = "correction" title = +"ungeändert">Geschicktste</ins> ausgearbeitetes Gesetz vielleicht nicht +geleistet haben würde. Daß die obenangeführten Bestimmungen lästig, +kindisch, einander widersprechend und mit der wahren Theorie der +Religionsfreiheit nicht im Einklange sind, läßt sich nicht leugnen. +Alles was zu ihrer Vertheidigung angeführt werden kann, ist, daß sie +eine große Menge Hebel beseitigte, ohne eine große Menge Vorurtheile zu +verletzen; daß sie mit einem Male und für immer, ohne eine einzige +Abstimmung in einem der beiden Parlamentshäuser, ohne einen einzigen +Straßenaufstand und fast ohne hörbares Murren selbst von Seiten der +bigotteren Klassen, einer Verfolgung ein Ende machte, welche vier +Generationen hindurch gewüthet, zahllose Herzen gebrochen, zahllose +Herde verödet, die Gefängnisse mit Menschen gefüllt, welche für diese +Welt zu gut waren, und Tausende von rechtschaffenen, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_62" id = "pageXI_62"> +XI.62</a></span> +fleißigen und gottesfürchtigen Landleuten und Handwerkern, welche den +eigentlichen Kern einer Nation bilden, über den Ocean getrieben hatte, +um unter den Wigwams rothhäutiger Indianer und den Lagerplätzen der +Panther eine Zufluchtsstätte zu suchen. Solche Vertheidigungsgründe +mögen einigen oberflächlichen Theoretikern vielleicht schwach vorkommen, +Staatsmänner aber werden sie ohne Zweifel für vollkommen ausreichend +erklären.</p> + +<p>Die Engländer von 1689 waren keineswegs geneigt, das Prinzip gelten +zu lassen, daß religiöser Irrthum ungestraft bleiben dürfe. Dieses +Prinzip war gerade damals unpopulärer als je, denn es war erst vor +wenigen Monaten arglistiger Weise als Vorwand benutzt worden, um die +Landeskirche zu verfolgen, die Grundgesetze des Reichs mit Füßen zu +treten, Freigüter einzuziehen und die bescheidene Ausübung des +Petitionsrechts als ein Verbrechen zu behandeln. Wenn damals eine Bill +entworfen worden wäre, welche allen Protestanten völlige +Gewissensfreiheit gewahrt hätte, so kann man mit Gewißheit behaupten, +daß Nottingham eine solche Bill niemals eingebracht, daß alle Bischöfe, +Burnet nicht ausgenommen, dagegen gestimmt haben würden, daß sie jeden +Sonntag von zehntausend Kanzeln herab als eine Beleidigung gegen Gott +und gegen alle Christen und als ein Freibrief für die ärgsten Ketzer und +Gottesleugner bezeichnet worden wäre, daß Bates und Baxter sie eben so +heftig verdammt haben würden als Ken und Sherlock, daß sie in der Hälfte +der englischen Städte vom Pöbel verbrannt worden, daß sie nie ein +Landesgesetz geworden wäre und daß sie schon das Wort Toleranz der +Mehrheit des Volks auf viele Jahre hinaus verhaßt gemacht haben würde. +Und dennoch, wenn eine solche Bill durchgegangen wäre, was würde sie +mehr bewirkt haben als die Toleranzacte bewirkte?</p> + +<p>Es ist wahr, die Toleranzacte erkannte die Verfolgung als Regel an +und gewährte die Gewissensfreiheit nur als Ausnahme. Aber eben so wahr +ist es, daß die Regel nur gegen einige Hundert protestantischer +Dissenters in Kraft blieb und daß die Wohlthat der Ausnahme sich auf +Hunderttausende erstreckte.</p> + +<p>Es ist wahr, daß es theoretisch widersinnig war, von Howe die +Unterzeichnung von vierunddreißig oder fünfunddreißig der anglikanischen +Artikel zu verlangen, bevor er predigen durfte, und Penn predigen zu +lassen, ohne daß er einen einzigen dieser Artikel unterzeichnete. Aber +eben so wahr ist es, daß Beide, Penn wie Howe, unter jenem Gesetz nicht +minder volle Freiheit zu predigen erlangten, als sie sie unter dem +weisesten Codex genossen haben würden, den ein Beccaria oder Jefferson +hätte ausarbeiten können.</p> + +<p>Die Berathung der Bill ging leicht von Statten. Nur ein Amendement +von Wichtigkeit wurde vorgeschlagen. Einige eifrige Kirchenmänner im +Hause der Gemeinen sagten, daß es wohl wünschenswerth sein dürfte, die +Toleranz nur auf einen Zeitraum von sieben Jahren zu bewilligen und so +eine Garantie für das gute Verhalten der Nonconformisten zu erlangen. +Dieser Antrag aber wurde so ungünstig aufgenommen, daß Die, welche ihn +gestellt hatten, es nicht wagten, das Haus darüber abstimmen zu +lassen.<a class = "tag" name = "tagXI_86" id = "tagXI_86" href = +"#noteXI_86">86</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_63" id = "pageXI_63"> +XI.63</a></span> +<p>Der König gab mit voller Befriedigung seine Zustimmung, die Bill +wurde Gesetz und die puritanischen Geistlichen drängten sich in allen +Grafschaften zu den Quartalsitzungen, um zu schwören und zu +unterzeichnen. Viele von ihnen mochten ihre Zustimmung zu den Artikeln +allerdings wohl mit einigen stillschweigenden Vorbehalten erklären. +Baxter aber wollte sein ängstliches Gewissen nicht gestatten den Schritt +zu thun, bevor er eine Erklärung über den Sinn, in welchem er jeden +Punkt verstand, zu Protokoll gegeben hatte. Das Schriftstück, welches er +dem Gerichtshofe, vor dem er die Eide leistete, überreichte, ist noch +vorhanden und enthält zwei Stellen von besonderem Interesse. Er +erklärte, daß seine Billigung des athanasianischen Glaubensbekenntnisses +sich auf denjenigen Theil beschränke, der ein wirkliches +Glaubensbekenntniß sei, und daß er den Verdammungssätzen nicht +beistimme. Ebenso erklärte er, daß er durch Unterschreibung des +Artikels, der über Alle, welche behaupten, man könne auch ohne Christi +Vermittlung selig werden, ein Anathema verhängt, Diejenigen nicht +verdammt haben wolle, welche die Hoffnung hegen, daß aufrichtige und +tugendhafte Ungläubige an den Wohlthaten der Erlösung Theil haben +können. Viele von den dissentirenden Geistlichen London’s erklärten ihre +Verpflichtung zu diesen mildherzigen Gesinnungen.<a class = "tag" name = +"tagXI_87" id = "tagXI_87" href = "#noteXI_87">87</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_86" id = "noteXI_86" href = "#tagXI_86">86.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, May 17. 1689</span></p> + +<p><a name = "noteXI_87" id = "noteXI_87" href = "#tagXI_87">87.</a> +Sense of the subscribed articles by the Ministers of London, 1690; +Calamy’s Historical Additions to Baxter’s Life.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Comprehensionsbill.</span> +<a name = "secXI_43" id = "secXI_43">Die</a> Geschichte der +Comprehensionsbill bildet einen auffallenden Contrast zur Geschichte der +Toleranzbill. Beide Bills hatten einen gemeinsamen Ursprung und, in +bedeutender Ausdehnung, auch einen gemeinsamen Zweck. Sie wurden zu +gleicher Zeit entworfen und zu gleicher Zeit bei Seite gelegt; sie +geriethen zusammen in Vergessenheit und wurden nach Verlauf mehrerer +Jahre zusammen wieder vor die Augen der Welt gebracht. Beide wurden von +dem nämlichen Peer auf den Tisch des Oberhauses niedergelegt und beide +wurden dem nämlichen Ausschusse überwiesen. Bald aber begann es sich zu +zeigen, daß sie ein ganz verschiedenes Schicksal haben würden. Die +Comprehensionsbill war zwar ein besseres Probestück legislativer +Geschicklichkeit, als die Toleranzbill, war aber nicht, wie diese, den +Bedürfnissen, Gefühlen und Vorurtheilen der lebenden Generation +angepaßt. In Folge dessen wurde die Comprehensionsbill, während die +Toleranzbill von allen Seiten Unterstützung fand, von allen Seiten +angegriffen und zuletzt selbst von Denen, die sie eingebracht hatten, +lau und schwach vertheidigt. Um die nämliche Zeit, wo die Toleranzbill +unter allgemeiner Zustimmung der Staatsmänner Gesetz wurde, ward die +Comprehensionsbill unter nicht minder allgemeiner Zustimmung fallen +gelassen. Die Toleranzbill nimmt heute noch unter den wichtigen +Gesetzen, welche in unsrer Verfassungsgeschichte Epochen bezeichnen, +eine Stelle ein. Die Comprehensionsbill ist vergessen. Kein Sammler von +Alterthümern hat sie der Aufbewahrung werth gehalten. Ein einziges +Exemplar, das nämliche, welches Nottingham den Peers vorlegte, befindet +sich noch unter unseren Parlamentsacten, ist aber nur einigen wenigen +jetzt lebenden Personen zu Gesicht gekommen. Es ist ein glücklicher +Umstand, daß aus diesem Exemplare fast die ganze Geschichte der Bill zu +ersehen ist. Trotz der Durchstreichungen und hineincorrigirten +Änderungen sind die ursprünglichen Worte leicht +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_64" id = "pageXI_64"> +XI.64</a></span> +von denen zu unterscheiden, welche im Ausschuß oder bei der +Berichterstattung hineingeschrieben wurden.<a class = "tag" name = +"tagXI_88" id = "tagXI_88" href = "#noteXI_88">88</a></p> + +<p>Die erste Klausel, wie sie bei Einbringung der Bill lautete, entband +alle Geistlichen der Landeskirche der Nothwendigkeit, die neununddreißig +Artikel zu unterschreiben. An die Stelle der Artikel war folgende +Erklärung gesetzt: „Ich billige die Lehre und den Gottesdienst und das +Regiment der Staatskirche England’s, wie sie gesetzlich bestehen, als +alles zur Seligkeit Nothwendige enthaltend, und verspreche in der +Ausübung meines geistlichen Amtes demgemäß zu predigen und zu handeln.“ +Eine andre Klausel gewährte den Mitgliedern der beiden Universitäten +gleiche Begünstigung.</p> + +<p>Ferner war bestimmt, daß jeder Geistliche, der nach +presbyterianischer Weise ordinirt worden, ohne nochmalige Ordination +alle Rechte eines Priesters der Landeskirche erlangen konnte. Er mußte +jedoch in seine neuen Functionen durch Händeauflegen seitens eines +Bischofs eingeführt werden, welcher dabei folgende Formel auszusprechen +hatte: „Empfange die Ermächtigung, das Wort Gottes zu predigen, die +Sakramente darzureichen und alle anderen geistlichen Amtsverrichtungen +in der Kirche von England auszuüben.“ Der so Aufgenommene war zur +Bekleidung jedes Rectorats oder Vikariats im Königreiche befähigt.</p> + +<p>Dann folgten Klauseln, welche bestimmten, daß ein Geistlicher, außer +in einigen wenigen Kirchen von besonderem Ansehen, den Chorrock tragen +könne oder nicht, wie er es für gut fände, daß das Zeichen des Kreuzes +bei der Taufe weggelassen werden dürfe, daß die Kinder ohne Pathen oder +Pathinnen getauft werden dürften, wenn die Eltern es wünschten, und daß +Leute, denen es Gewissensscrupel machte, das Abendmahl knieend zu +empfangen, es sitzend empfangen dürften.</p> + +<p>Der Schlußsatz war in Form einer Petition gefaßt. Es war darin +vorgeschlagen, daß die beiden Häuser den König und die Königin ersuchen +sollten, eine Ordre zu erlassen, welche dreißig Theologen der +Landeskirche ermächtigte, die Liturgie, die Kirchengesetze und die +Einrichtung der geistlichen Gerichtshöfe zu untersuchen und die sich bei +der Untersuchung als wünschenswerth herausstellenden Änderungen +anzuempfehlen.</p> + +<p>Die Bill durchlief ruhig die ersten Stadien. Compton, welcher +thatsächlich Primas war, seit Sancroft sich in Lambeth eingeschlossen +hatte, unterstützte Nottingham aufs Kräftigste.<a class = "tag" name = +"tagXI_89" id = "tagXI_89" href = "#noteXI_89">89</a> Im Ausschusse aber +zeigte es sich, daß es eine starke Partei von Hochkirchlichen gab, +welche entschlossen waren, kein einziges Wort, keine einzige Formalität +aufzugeben, denen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_65" id = "pageXI_65"> +XI.65</a></span> +es schien, daß Gebete ohne den Chorrock keine Gebete, der Täufling ohne +das Zeichen des Kreuzes kein Christ, und Brod und Wein keine Denkzeichen +der Erlösung und keine Gnadenvehikel seien, wenn sie nicht knieend +empfangen würden. Warum, fragten diese Männer, sollte der gehorsame und +treue Sohn der Landeskirche den Verdruß haben, in ihre majestätischen +Chöre die unehrerbietigen Gebräuche eines Conventikels eingeführt zu +sehen? Warum sollten seine Gefühle, seine Vorurtheile, wenn es wirklich +Vorurtheile wären, weniger berücksichtigt werden als die Launen der +Schismatiker? Wenn, wie Burnet und Leute wie Burnet nicht müde wurden zu +wiederholen, einem schwachen Bruder Nachsicht gebühre, gebühre sie +demjenigen Bruder, dessen Schwäche in seiner übergroßen Liebe zu einem +alten, einfachen und schönen Ritual bestehe, das von Kindheit an in +seiner Phantasie mit dem Erhabensten und Theuersten eng verbunden sei, +weniger als dem Bruder, dessen grämlicher und streitsüchtiger Geist +beständig auf läppische Einwendungen gegen harmlose und heilsame +Gebräuche sinne? Aber die Bedenklichkeit des Puritaners sei wahrlich +nicht die Art der Bedenklichkeit, welche der Apostel den Gläubigen zu +respectiren befohlen habe. Sie entspringe nicht aus einer krankhaften +Zartheit des Gewissens, sondern aus Tadelsucht und geistlichem Hochmuth, +und wer das Neue Testament studirt habe, dem könne es unmöglich +entgangen sein, daß, während es unsre Pflicht sei Alles zu vermeiden was +dem Schwachen ein Ärgerniß geben könne, göttliche Vorschrift und +göttliches Beispiel uns lehrten, dem anmaßenden und lieblosen Pharisäer +kein Zugeständniß zu machen. Sollte Alles was nicht zum Wesen der +Religion gehöre, aufgegeben werden, sobald es einem Haufen Zeloten, +denen Eigendünkel und Neuerungssucht die Köpfe verdreht hätte, nicht +mehr gefalle? Bemaltes Glas, Musik, Feiertage und Festtage gehörten +nicht zum Wesen der Religion. Sollten auf Verlangen der einen Schaar +Fanatiker die Fenster der Kapelle von King’s College zerbrochen werden? +Sollte einer andren zu Gefallen die Orgel von Exeter verstummen? Sollten +alle Dorfglocken schweigen, weil Tribulation Wholesome oder Diakonus +Ananias sie für profan hielten? Sollte das Christfest kein Freudentag +mehr sein? Sollte die Passionswoche nicht länger eine Zeit der +Demüthigung bleiben? Diese Änderungen waren allerdings noch nicht +vorgeschlagen worden. Wenn wir aber, argumentirten die Hochkirchlichen, +einmal zugeben, daß etwas Harmloses und Erbauliches abgeschafft werde, +weil es einigen beschränkten Köpfen und Grämlingen Anstoß giebt, wo +sollen wir dann einhalten? Und ist es nicht wahrscheinlich, daß wir, +indem wir so versuchen, ein Schisma zu heilen, ein andres hervorrufen +können? Alle die Dinge, welche die Puritaner als Flecken der Kirche +betrachten, werden von einem großen Theile der Bevölkerung zu den +Schönheiten derselben gerechnet. Kann sie nicht, indem sie aufhört +einigen mürrischen Rigoristen Ärgerniß zu geben, zu gleicher Zeit ihren +Einfluß auf die Herzen Vieler verlieren, die sich jetzt an ihren +Gebräuchen erfreuen? Steht nicht zu befürchten, daß für jeden +Proselyten, den sie aus dem Bethause an sich zieht, zehn ihrer alten +Söhne ihren verstümmelten Riten und des Schmuckes beraubten Tempeln den +Rücken kehren und daß diese neuen Separatisten sich entweder zu einer +viel mächtigeren Secte als die, welche wir jetzt zu versöhnen suchen, +zusammenschaaren oder in der Heftigkeit ihres Abscheues vor einer kalten +und unwürdigen Gottesverehrung sich verleiten lassen, zu dem feierlichen +und glänzenden Götzendienst Rom’s überzugehen?</p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_66" id = "pageXI_66"> +XI.66</a></span> +<p>Es ist bemerkenswerth, daß Die, welche diese Sprache führten, +keineswegs geneigt waren, für die doctrinellen Artikel der Staatskirche +zu streiten. In Wahrheit hat seit den Zeiten Jakob’s I. die große +Partei, welche besonders für die anglikanische Kirchenverfassung und das +anglikanische Ritual eingenommen war, sich immer stark zum Arminianismus +hingeneigt und daher nie sehr fest an einem Glaubensbekenntniß gehangen, +das von Reformatoren entworfen war, welche in Fragen der metaphysischen +Theologie im Allgemeinen mit Calvin übereinstimmten. Eines von den +characteristischen Kennzeichen dieser Partei ist die Geneigtheit, welche +sie stets an den Tag gelegt hat, sich bei Punkten der dogmatischen +Theologie lieber auf die aus Rom stammende Liturgie als auf die aus Genf +stammenden Artikel und Homilien zu berufen. Die calvinistischen +Mitglieder der Kirche haben dagegen stets behauptet, daß die +wohlerwogene Meinung derselben über solche Punkte vielmehr in einer +Homilie oder in einer Dankeshymne zu finden sei. Es scheint nicht, daß +bei den Debatten über die Comprehensionsbill ein einziger +Hochkirchlicher seine Stimme gegen die Klausel erhob, welche den Klerus +der Nothwendigkeit entband, die Artikel zu unterschreiben und die in den +Homilien enthaltene Doctrin für richtig zu erklären. Die Erklärung, +welche in dem ursprünglichen Entwurf an die Stelle der Artikel gesetzt +war, wurde sogar in der Berichterstattung sehr gemildert. Nach dem +schließlichen Wortlaute der Klausel war den Dienern der Landeskirche +vorgeschrieben zu erklären, nicht daß sie ihre Verfassung <span class = +"extended">billigten</span>, sondern bloß daß sie sich derselben +unterwürfen. Wäre die Bill Gesetz geworden, so würden die dissentirenden +Prediger die Einzigen im ganzen Königreiche geworden sein, welche die +Artikel zu unterschreiben gehabt hätten.<a class = "tag" name = +"tagXI_90" id = "tagXI_90" href = "#noteXI_90">90</a></p> + +<p>Die Leichtigkeit mit der die eifrigen Freunde der Landeskirche das +Glaubensbekenntniß derselben aufgaben, contrastirt auffallend mit der +Begeisterung, mit der sie für die Verfassung und das Ritual derselben +stritten. Die Klausel, welche presbyterianischen Geistlichen gestattete, +ohne bischöfliche Ordination Pfründen zu besitzen, wurde verworfen. Die +Klausel, welche skrupulösen Personen gestattete, sitzend zu +communiciren, entging mit genauer Noth dem nämlichen Schicksale. Im +Ausschusse wurde sie weggestrichen und bei der Berichterstattung nur mit +großer Mühe wieder aufgenommen. Die Majorität der anwesenden Peers war +gegen die vorgeschlagene Begünstigung und nur die Stellvertreter gaben +gerade noch den entgegengesetzten Ausschlag.</p> + +<p>Inzwischen begann es sich jedoch zu zeigen, daß der Bill, welche die +Anhänger der Hochkirche so heftig angriffen, von ganz andrer Seite +Gefahren drohten. Die nämlichen Gründe, welche Nottingham bewogen hatten +eine Comprehension zu unterstützen, machten dieselbe für eine große +Anzahl von Dissenters zu einem Gegenstande der Besorgniß und Abneigung. +Das Wahre ist, daß die Zeit für einen solchen Plan vorüber war. Wäre +Elisabeth hundert Jahre früher, als die Spaltung unter den Protestanten +noch neu war, so weise gewesen, von dem Verlangen der Beobachtung +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_67" id = "pageXI_67"> +XI.67</a></span> +einiger weniger Formen abzustehen, welche ein großer Theil ihrer +Unterthanen als papistisch betrachtete, so hatte sie vielleicht die +entsetzlichen Calamitäten verhüten können, welche vierzig Jahre nach +ihrem Tode die Kirche heimsuchten. Aber eine Kirchenspaltung hat in der +Regel die Tendenz, sich zu vergrößern. Hätte Leo X., als die +Erpressungen und Betrügereien der Ablaßkrämer zuerst den Unwillen +Sachsen’s erregten, diesem Unwesen mit kräftiger Hand gesteuert, so ist +es nicht unwahrscheinlich, daß Luther im Schooße der römischen Kirche +gestorben sein würde. Aber man ließ die Gelegenheit unbenutzt +vorübergehen, und als wenige Jahre später der Vatikan durch +Nachgiebigkeit in dem ursprünglichen Streitpunkte gern den Frieden +erkauft haben würde, war der ursprüngliche Gegenstand des Streits fast +vergessen. Der durch einen einzelnen Mißbrauch geweckte Prüfungsgeist +hatte tausende entdeckt oder zu entdecken geglaubt; Controversen +erzeugten Controversen, jeder Versuch, den einen Streit beizulegen, +endigte damit, daß er einen andren hervorrief, und schließlich machte +ein allgemeines Concil, das man während der ersten Stadien des Übels für +ein untrügliches Heilmittel gehalten hatte, die Sache völlig +hoffnungslos. In dieser Beziehung wie in vielen anderen gleicht die +Geschichte des Puritanismus in England genau der Geschichte des +Protestantismus in Europa. Das Parlament von 1689 konnte durch Duldung +eines Gewandes oder einer Stellung der Nonconformität eben so wenig ein +Ende machen, wie die Doctoren von Trient durch Regulirung des Ablasses +die teutonischen Völker mit dem Papstthum versöhnen konnten. Im 16. +Jahrhundert war das Quäkerthum noch unbekannt und es gab im ganzen +Reiche nicht eine einzige Independenten- oder Baptistengemeinde. Zur +Zeit der Revolution bildeten die Independenten, Baptisten und Quäker die +Majorität der Dissenters und diese Secten konnten nicht durch +Bedingungen gewonnen werden, welche der entschiedenste Niederkirchliche +zu bieten geneigt gewesen wäre. Der Independent war der Ansicht, daß +eine Landeskirche, welche durch was immer für eine Centralgewalt, ob +Papst, Patriarch, König, Bischof oder Synode, regiert wurde, eine nicht +schriftgemäße Institution und daß jede Gemeinschaft von Gläubigen unter +Christi Autorität eine souveraine Gesellschaft sei. Der Baptist war noch +unnachgiebiger als der Independent, und der Quäker noch unnachgiebiger +als der Baptist. Daher würden Concessionen, welche vor Zeiten der +Nonconformität ein Ende gemacht hätten, jetzt noch nicht die Hälfte der +Nonconformisten befriedigt haben, und jedem Nonconformisten, den kein +Zugeständniß befriedigen konnte, mußte nothwendig darum zu thun sein, +daß auch keiner seiner Glaubensbrüder zu befriedigen war. Je liberaler +die Bedingungen der Comprehension waren um so größer war die Besorgniß +jedes Separatisten, welcher wußte, daß er in keinem Falle comprehensirt +werden konnte. Es war also nur wenig Hoffnung, daß die Dissenters, auch +wenn sie ungetheilt und wie <ins class = "correction" title = +"ungeändert">Ein</ins> Mann handelten, von der Legislatur volle +Zulassung zu bürgerlichen Rechten erlangen würden, und jede Hoffnung, +diese Zulassung zu erlangen, mußte aufgegeben werden, wenn es Nottingham +mit Hülfe einiger wohlmeinender aber kurzsichtiger Freunde der +Religionsfreiheit möglich werden sollte, seinen Plan durchzuführen. Wenn +seine Bill durchging, so erfolgte unzweifelhaft ein erheblicher Abfall +von der Dissenterschaft, und jeder Abfall mußte von einer ohnehin schon +in der Minderzahl befindlichen, unterdrückten und gegen mächtige Feinde +kämpfenden Klasse schwer empfunden +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_68" id = "pageXI_68"> +XI.68</a></span> +werden. Überdies mußte jeder Proselyt doppelt gezählt werden, einmal als +Verlust für die Partei, welche gerade jetzt nur zu schwach war, und +einmal als Gewinn für die schon zu starke Gegenpartei. Die Kirche war +nur zu gut im Stande, allen Secten im Königreiche die Spitze zu bieten, +und wenn diese Secten durch einen bedeutenden Abfall gelichtet und die +Kirche durch einen bedeutenden Zugang verstärkt werden sollte, so war es +offenbar mit aller Aussicht auf eine Milderung der Testacte vorbei und +nur zu wahrscheinlich, daß die Toleranzacte bald wieder zurückgenommen +werden würde.</p> + +<p>Selbst diejenigen presbyterianischen Geistlichen, deren +Gewissensscrupel zu heben die Comprehensionsbill insbesondere bestimmt +war, hegten keineswegs einhellig den Wunsch, sie angenommen zu sehen. +Die talentvollsten und beredtsamsten Prediger waren seit dem Erscheinen +der Indulgenzerklärung sehr angenehm in der Hauptstadt und anderen +großen Städten placirt und sollten jetzt unter der sicheren Garantie +einer Parlamentsacte die Duldung genießen, welche unter der +Indulgenzerklärung gesetzwidrig und unsicher gewesen war. Die Lage +dieser Männer war von der Art, daß die große Mehrzahl der Geistlichen +der Landeskirche sie mit Recht beneiden konnten. In der That, nur wenige +Parochialgeistliche waren so reichlich mit Bequemlichkeiten und Genüssen +bedacht, als der Lieblingsprediger einer großen Nonconformistengemeinde +in der City. Die freiwilligen Beiträge seiner wohlhabenden Zuhörer, +bestehend aus Aldermen und Rathsherren, Kaufleuten, welche nach +Westindien und der Levante Handel trieben, Ältesten der Fischhändler- +und Goldschmiedgilden, setzten ihn in den Stand, Grundeigenthümer zu +werden oder auf Hypotheken auszuleihen. Das feinste Tuch aus Blackwell +Hall und das beste Geflügel von Leadenhall Market wurden ihm häufig ins +Haus gebracht, sein Einfluß auf seine Gemeinde war ungeheuer. Kein +Mitglied einer Separatistengesellschaft ging so leicht ein +Compagniegeschäft ein, oder verheirathete seine Tochter, oder brachte +seinen Sohn in die Lehre, oder gab seine Stimme bei einer Wahl ab, ohne +seinen Seelsorger zu Rathe zu ziehen. In allen politischen und +religiösen Fragen war der Geistliche das Orakel seiner Gemeinde. Seit +vielen Jahren pflegte man im Volke zu sagen, daß ein ausgezeichneter +Dissentergeistlicher nur seinen Sohn Advokat oder Arzt werden zu lassen +brauche, um gewiß zu sein, daß er als Advokat Klienten und als Arzt +Patienten haben werde. Während ein gewöhnliches Dienstmädchen in der +Regel als die für einen Kaplan der Landeskirche passende Lebensgefährtin +betrachtet wurde, galt es für ausgemacht, daß die Wittwen und Töchter +reicher Bürger vorzugsweise den nonconformistischen Pastoren zukamen. +Ein angesehener presbyterianischer Rabbi konnte somit wohl daran +zweifeln, ob er in weltlicher Beziehung durch eine Comprehension etwas +gewinnen werde. Er konnte allerdings eine Pfarre oder eine Vikarstelle +bekleiden, wenn er eine bekam; inzwischen aber wurde er dem Mangel +preisgegeben, sein Versammlungshaus wurde geschlossen, seine Gemeinde +zerstreute sich unter die Pfarrkirchen, und wenn ihm eine Pfründe +verliehen wurde, so bot sie ihm wahrscheinlich nur einen kärglichen +Ersatz für das verlorne Einkommen. Eben so wenig durfte er hoffen, als +Diener der anglikanischen Kirche die Autorität und das Ansehen zu +erlangen, die er bisher genossen hatte. Von einem großen Theile dieser +Kirche würde er stets als ein Überläufer betrachtet werden. Es +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_69" id = "pageXI_69"> +XI.69</a></span> +war daher im Ganzen genommen sehr natürlich, wenn er da gelassen zu +werden wünschte wo er war.<a class = "tag" name = "tagXI_91" id = +"tagXI_91" href = "#noteXI_91">91</a></p> + +<p>In Folge dessen entstand eine Spaltung in der Whigpartei. Der eine +Theil war für die Entbindung der Dissenters von der Testacte und für +Aufgeben der Comprehensionsbill, der andre Theil war für Unterstützung +der Comprehensionsbill und für Verschiebung der Angelegenheit wegen der +Testacte bis zu einer passenderen Zeit. Die Wirkung dieser Spaltung +unter den Freunden der religiösen Freiheit war, daß die Anhänger der +Hochkirche, obgleich sie im Hause der Gemeinen eine Minorität und im +Hause der Lords keine Majorität bildeten, beiden gefürchteten Reformen +mit Erfolg zu opponiren vermochten. Die Comprehensionsbill wurde nicht +angenommen und die Testacte wurde nicht widerrufen.</p> + +<p>Gerade in dem Augenblicke als die beiden Fragen des Testes und der +Comprehension sich in eine Weise mit einander zu verwickeln begannen, +welche einen aufgeklärten und rechtschaffenen Staatsmann wohl in +Verlegenheit setzen konnte, gesellte sich dazu noch eine dritte Frage +von hoher Wichtigkeit.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_88" id = "noteXI_88" href = "#tagXI_88">88.</a> +Die Bill befindet sich in den Archiven des Hauses der Lords. Es ist +befremdend, daß diese große Sammlung wichtiger Dokumente selbst von +unseren gewissenhaftesten und fleißigsten Geschichtsforschern ganz +unbeachtet gelassen worden ist. Sie wurde mir durch einen meiner +werthesten Freunde, Mr. John Lefevre, geöffnet und die Güte des Mr. +Thoms unterstützte mich wesentlich bei meinen Nachforschungen.</p> + +<p><a name = "noteXI_89" id = "noteXI_89" href = "#tagXI_89">89.</a> +Unter den Tanner’schen Manuscripten in der Bodlejanischen Bibliothek +befindet sich ein höchst interessanter Brief von Compton an Sancroft +über die Toleranzbill und die Comprehensionsbill. „Dies,“ sagt Compton, +„sind zwei wichtige Werke, bei denen die Existenz unsrer Kirche +interessirt ist, und ich hoffe, Sie werden sich aus dem Parlamente +Exemplare davon holen lassen. Denn obgleich wir unter einer Eroberung +stehen, hat Gott uns doch Gnade geschenkt vor den Augen unserer +Herrscher, und wir können unsre Kirche aufrecht halten, wenn wir +wollen.“ Sancroft scheint nicht darauf geantwortet zu haben.</p> + +<p><a name = "noteXI_90" id = "noteXI_90" href = "#tagXI_90">90.</a> +Die Abneigung der Hochkirchlichen gegen die Artikel ist Gegenstand einer +interessanten Flugschrift, welche 1689 unter dem Titel erschien: <span +class = "antiqua">A Dialogue between Timothy and Titus</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_91" id = "noteXI_91" href = "#tagXI_91">91.</a> +Tom Brown sagt in seiner derb komischen Manier von den damaligen +presbyterianischen Geistlichen, ihr Predigen „bringe Geld ein, mit Geld +kaufe man Grundbesitz und Grundbesitz sei ein Genuß, nach dem jedem von +ihnen gelüste, trotz ihres scheinheiligen Gewinsels. Wären die +Quartalbeiträge nicht, so würde es kein Schisma und keine Separation +mehr geben.“ Er fragt, wie es denkbar sei, daß sie, „wenn sie sich +während der Spaltung wie Gentlemen ständen, jemals Lehren predigen +würden, welche den Bruch heilen könnten?“ — <span class = +"antiqua">Brown’s Amusements, Serious and Comical.</span> — Einige +interessante Beispiele von dem Einflusse, den die vornehmsten +Dissentergeistlichen ausübten, finden sich in Hawkins’ <span class = +"antiqua">Life of Johnson</span>. In dem „Tagebuche eines Bürgers, der +sich zur Ruhe gesetzt hat“ (<span class = "antiqua">Spectator +317</span>.) erlaubt sich Addison einige sehr gute Witze über den +Gegenstand. Der Mr. Nisby, dessen Ansichten über den Frieden, den +Großvezier und den gezuckerten Kaffee mit so großem Respect angeführt +werden, und der so freigebig mit Marksknochen, Ochsenfleisch und einer +Flasche von Brooks & Hellier regalirt wird, ist John Nesbit, ein +sehr beliebter Prediger, der zur Zeit der Revolution Pastor einer +Dissentergemeinde in Hare Court, Aldergate Street, wurde. In Wilson’s +<span class = "antiqua">History and Antiquities of Dissenting Churches +and Meeting Houses in London, Westminster and Southwark</span> findet +man mehrere Beispiele von nonconformistischen Predigern angeführt, +welche um diese Zeit zu hübschem Vermögen gelangten, meist durch +Heirathen, wie es scheint.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Bill zur Festsetzung der Huldigungs- und Suprematseide.</span> +<a name = "secXI_44" id = "secXI_44">Die</a> seitherigen Huldigungs- und +Suprematseide enthielten einige Ausdrücke, welche den Whigs stets +mißfallen hatten, und wieder andere, welche Tories, die der neuen +Ordnung der Dinge aufrichtig zugethan waren, für unanwendbar auf Fürsten +hielten, welche das erbliche Recht nicht besaßen. Die Convention hatte +daher, als der Thron noch erledigt war, die Huldigungs- und +Suprematseide entworfen, durch die wir noch heute unsrem Souverain unsre +Loyalität bezeugen. Durch die Acte, welche die Convention in ein +Parlament verwandelte, wurde den Mitgliedern beider Häuser +vorgeschrieben, die neuen Eide zu leisten. Bezüglich der anderen +öffentlichen Beamten war es schwer zu sagen, wie das Gesetz stand. Die +eine Wortformel war durch ordnungmäßig angenommene und noch nicht +ordnungmäßig aufgehobene Gesetze vorgeschrieben. Eine andre Formel war +durch die Rechtserklärung vorgeschrieben, ein Instrument, das zwar +revolutionär und regelwidrig war, das aber wohl als jedem andren Gesetze +an Autorität gleichstehend angesehen werden konnte. Die Praxis +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_70" id = "pageXI_70"> +XI.70</a></span> +war in eben so großer Verwirrung als das Gesetz. Es wurde daher als +nothwendig erkannt, daß die Legislatur unverzüglich eine Acte erließe, +welche die alten Eide abschaffte und zugleich bestimmte, wann und von +wem die neuen Eide geleistet werden sollten.</p> + +<p>Die Bill, welche diese wichtige Frage erledigte, ging vom Oberhause +aus. Die meisten Bestimmungen boten der Meinungsverschiedenheit wenig +Spielraum. Man war allgemein darüber einverstanden, daß in Zukunft +Niemand ein bürgerliches, militärisches, geistliches oder akademisches +Amt erhalten solle, der nicht Wilhelm und Marien die Eide geleistet +habe. Eben so allgemein war man damit einverstanden, daß Jeder, der +bereits ein bürgerliches oder militärisches Amt bekleidete, aus +demselben entfernt werden sollte, wenn er nicht an oder vor dem 1. +August 1689 die Eide leistete. Die heftigsten Leidenschaften beider +Parteien aber wurden durch die Frage erregt, ob Personen, welche bereits +kirchliche oder akademische Ämter inne hatten, gehalten sein sollten, +dem Könige und der Königin, bei Strafe der Absetzung, Treue zu schwören. +Niemand konnte sagen, welchen Eindruck ein Gesetz machen würde, das +allen Mitgliedern eines großen, mächtigen und geheiligten Standes +vorschrieb, unter der feierlichsten religiösen Bekräftigung eine +Erklärung abzugeben, welche als ein förmlicher Widerruf alles dessen was +sie seit vielen Jahren geschrieben und gepredigt hatten, angesehen +werden konnte. Der Primas und einige der angesehensten Bischöfe waren +schon aus dem Parlamente weggeblieben und ließen ohne Zweifel eher ihre +Paläste und Einkünfte im Stiche, als daß sie die neuen Souveraine +anerkannten. Dem Beispiele dieser hohen Prälaten folgten vielleicht eine +Menge Geistlicher niederen Ranges, Hunderte von Canonici, Präbendarien +und Collegiaten und Tausende von Pfarrern. Einem solchen Ereignisse +konnte kein Tory, mochte er auch mit sich selbst völlig im Klaren +darüber sein, daß er dem factischen Könige rechtmäßigerweise den +Huldigungseid leisten könne, ohne die schmerzlichsten Regungen von +Theilnahme für die Dulder und von Besorgniß für die Kirche +entgegensehen.</p> + +<p>Einige Personen gingen so weit zu leugnen, daß ein Parlament +überhaupt befugt sei, ein Gesetz zu erlassen, welches einem Bischofe bei +Strafe der Absetzung vorschreibe, den Eid zu leisten. Keine irdische +Macht, sagten sie, könne das Band zerreißen, das den Nachfolger der +Apostel an seine Diöcese knüpfe. Was Gott zusammengefügt habe, könne der +Mensch nicht trennen. Könige und Senate könnten Worte auf Pergament +kritzeln und Figuren in Wachs drücken; aber diese Worte und Figuren +könnten den Lauf der geistlichen Welt so wenig ändern wie den Lauf der +physischen Welt. Wie der Schöpfer des Weltalls eine gewisse Ordnung +festgesetzt habe, nach welcher es ihm gefalle, Winter und Sommer, Saat- +und Erntezeit zu senden, eben so habe er eine gewisse Ordnung +festgesetzt, nach der er seiner katholischen Kirche seine Gnade zu Theil +werden lasse, und die letztere Ordnung sei, wie die erstere, unabhängig +von den Gewalthabern und Fürsten der Welt. Eine Legislatur könne die +Namen der Monate ändern, könne den Juni December und den December Juni +nennen, aber trotz aller Legislatur werde Schnee fallen, wenn die Sonne +im Steinbock, und Blumen blühen, wenn sie im Krebs stände. Eben so könne +die Legislatur befehlen, daß Ferguson oder Muggleton im Palaste zu +Lambeth wohnen, auf dem Throne Augustin’s sitzen, Euer Gnaden genannt +werden und bei Prozessionen vor dem ersten Herzoge gehen solle, trotz +der +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_71" id = "pageXI_71"> +XI.71</a></span> +Legislatur aber werde Sancroft, so lange er lebe, der einzig wahre +Erzbischof von Canterbury, und Derjenige, der sich die erzbischöflichen +Functionen anzumaßen wage, ein Schismatiker sein. Diese Doctrin wurde +mit Gründen bewiesen, welche dem Knospen des Machtkrauts und einer +gewissen Platte entlehnt waren, die Jakob der Kleine nach einer Legende +des 4. Jahrhunderts auf der Stirn zu tragen pflegte. Ein von der +Absetzung der Bischöfe handelndes Manuscript wurde um diese Zeit in der +Bodlejanischen Bibliothek entdeckt und Gegenstand einer heftigen +Polemik. Die eine Partei meinte, Gott habe dieses kostbare Werk +wunderbarerweise an’s Licht gezogen, um seine Kirche in einem äußerst +kritischen Augenblicke zu leiten. Die andre Partei wunderte sich, wie +man dem Unsinne eines namenlosen Scribenten des 13. Jahrhunderts die +geringste Wichtigkeit beilegen könne. Es wurde viel geschrieben über die +Absetzungen des Chrisostomus und des Photius, des Nikolaus Mysticus und +des Cosmas Atticus. Mit besonderem Eifer aber wurde der Fall des +Abjathar discutirt, den Salomo wegen Verraths aus dem Priesteramte +entfernte. Keine geringe Quantität Gelehrsamkeit und Scharfsinn wurde +auf den Versuch verwendet, zu beweisen, daß Abjathar, obgleich er den +Leibrock trug und nach dem Urim antwortete, nicht wirklich Hoherpriester +gewesen sei, daß er nur dann fungirt habe, wenn sein Vorgesetzter Zadoc +durch Krankheit oder durch eine ceremonielle Entweihung abgehalten +worden sei und daß daher die Handlung Salomo’s kein Präcedenzfall sei, +der dem Könige Wilhelm das Recht gebe, einen wirklichen Bischof +abzusetzen.<a class = "tag" name = "tagXI_92" id = "tagXI_92" href = +"#noteXI_92">92</a></p> + +<p>Doch eine solche Argumentation, obwohl durch zahlreiche Citate aus +der Mischna und aus Maimonides unterstützt, war im allgemeinen selbst +eifrigen Kirchenmännern nicht genügend. Denn sie ließ eine kurze, aber +einem einfachen Manne, der von griechischen Vätern und levitischen +Genealogien nichts wußte, vollkommen verständliche Antwort zu. Ob König +Salomo einen Hohenpriester abgesetzt habe, darüber konnte noch ein +Zweifel obwalten; aber es unterlag nicht dem geringsten Zweifel, daß die +Königin Elisabeth mehr als die Hälfte der Bischöfe England’s ihrer +Bisthümer beraubt hatte. Es war notorisch, daß vierzehn Prälaten ohne +irgend welche Procedur bei einem geistlichen Gerichtshofe durch eine +Parlamentsacte abgesetzt worden waren, weil sie das Supremat der Königin +nicht hatten anerkennen wollen. Waren diese Absetzungen null und nichtig +gewesen? War Bonner bis an sein Lebensende der einzig wahre Bischof von +London geblieben? War sein Nachfolger ein Usurpator gewesen? Waren +Parker und Jewel Schismatiker gewesen? Hatte sich die Convocation von +1562, welche die Doctrin der englischen Staatskirche endgültig +festgestellt, selbst außer dem Schooße der Kirche Christi befunden? Es +konnte nichts Lächerlicheres geben als die Verlegenheit der Polemiker, +welche eine Vertheidigung Elisabeth’s auffinden sollten, die nicht auch +eine Vertheidigung Wilhelm’s war. Einige Zeloten gaben allerdings den +eitlen Versuch auf, zwischen zwei Fällen einen Unterschied zu machen, +zwischen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_72" id = "pageXI_72"> +XI.72</a></span> +denen, wie der einfachste Verstand einsah, kein Unterschied war, und +gestanden offen zu, daß die Absetzungen von 1559 nicht zu rechtfertigen +seien. Doch, sagte man, solle sich darüber Niemand beunruhigen, denn +wenn auch die englische Kirche einmal schismatisch gewesen sei, so sei +sie doch wieder katholisch geworden, als die von Elisabeth abgesetzten +Bischöfe aufgehört hätten zu leben.<a class = "tag" name = "tagXI_93" id += "tagXI_93" href = "#noteXI_93">93</a> Die Tories waren indessen nicht +allgemein geneigt zuzugeben, daß die Religionsgesellschaft, an der sie +mit Liebe hingen, aus einem ungesetzlichen Bruche der Einheit entstanden +sei. Sie faßten daher tieferen und haltbareren Grund. Sie behandelten +die Frage als eine Frage der Humanität und Zeitgemäßheit. Sie sprachen +viel von dem Danke, den die Nation dem Priesterstande schuldig sei, von +dem Muthe und der Treue, womit dieser Stand, vom Primas bis herab zum +jüngsten Diakonus, neuerdings die bürgerliche und kirchliche Verfassung +des Reichs vertheidigt habe, von dem denkwürdigen Sonntage, an welchem +in allen hundert Kirchen der Hauptstadt kaum ein Sklave zu finden +gewesen war, der die Indulgenzerklärung verlesen hätte; von dem +schwarzen Freitage, an welchem die Barke der sieben Prälaten unter den +Segenswünschen und dem lauten Schluchzen einer zahlreichen Volksmenge +durch das Wasserthor des Tower einfuhr. Die Festigkeit, mit der die +Geistlichkeit, trotz aller Drohungen und Versuchungen, unlängst gethan +habe, was sie ihrer Überzeugung nach für Recht gehalten, habe die +Freiheit und die Religion England’s gerettet. Müsse man nicht Nachsicht +gegen sie üben, wenn sie sich jetzt weigerten etwas zu thun, wovon sie +ihrer festen Überzeugung nach fürchteten, daß es Unrecht sei? Und was +ist für Gefahr dabei, sagte man, wenn sie nachsichtig behandelt werden? +Kein Mensch wird so albern sein vorzuschlagen, daß man ihnen gestatten +solle, gegen die Regierung zu complottiren oder das Volk aufzuwiegeln. +Sie stehen unter dem Gesetze wie andere Leute. Machen sie sich des +Verraths schuldig, so hänge man sie auf. Machen sie sich der Empörung +schuldig, so lege man ihnen Geldbußen und Gefängnißstrafe auf. +Unterlassen sie bei ihrem öffentlichen Gottesdienste für den König +Wilhelm, für die Königin Marie und für das unter diesen +allerreligiösesten Souverainen versammelte Parlament zu beten, so bringe +man die Strafbestimmungen der Uniformitätsacte in Anwendung. Genügt das +noch nicht, so ermächtige man Se. Majestät, von irgend einem Geistlichen +die Eide zu verlangen, und werden die Eide verweigert, so möge Absetzung +erfolgen. Auf diese Weise kann jeder eidverweigernde Bischof oder +Pfarrer, der zwar gesetzlich nicht zu überführen ist, doch aber in dem +Verdachte steht, gegen die bestehende Ordnung der Dinge zu intriguiren, +zu schreiben und zu sprechen, sofort seines Amtes entsetzt werden. Warum +aber darauf bestehen, einen frommen und fleißigen Diener der Religion zu +vertreiben, der gegen die Regierung nie einen Finger erhebt oder ein +Wort ausspricht und der bei jedem Morgen- und Abendgottesdienste aus +vollem Herzen um einen Segen für die von der Vorsehung über ihn +gesetzten Regenten fleht, der aber einen Eid nicht leisten will, durch +welchen er dem Volke das Recht zuzugestehen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_73" id = "pageXI_73"> +XI.73</a></span> +glaubt, einen Souverain abzusetzen? Wir thun gewiß Alles was nothwendig +ist, wenn wir Leute dieser Art der Gnade des Fürsten preisgeben, dem sie +Treue zu schwören sich weigern. Ist er geneigt, sich ihre Scrupel +gefallen zu lassen, will er sie, trotz ihrer Vorurtheile, als +unschuldige und nützliche Mitglieder der Gesellschaft betrachten, wer +hat ein Recht, sich darüber zu beklagen?</p> + +<p>Die Whigs stritten heftig für die entgegengesetzte Ansicht. Sie +analysierten mit einem durch Haß noch erhöhten Scharfsinn die Ansprüche +der Geistlichkeit auf die öffentliche Dankbarkeit und gingen mitunter so +weit, es gänzlich in Abrede zu stellen, daß der Stand sich im +vorhergehenden Jahre um die Nation verdient gemacht habe. Es sei wohl +wahr, daß Bischöfe und Priester gegen die Tyrannei des vorigen Königs +aufgestanden seien, aber eben so wahr sei es, daß er, hätten sie sich +nicht so hartnäckig der Ausschließungsbill widersetzt, niemals König +geworden wäre und daß er, ohne ihre Schmeichelei und ihre Lehre vom +passiven Gehorsam, es nie gewagt haben würde, sich solcher Tyrannei +schuldig zu machen. Ihre Hauptthätigkeit habe seit einem +Vierteljahrhundert darin bestanden, das Volk kriechen und den Fürsten +dominiren zu lehren. Sie hätten das Blut Russel’s, Sidney’s und jedes +muthigen, rechtschaffenen Engländers auf ihrem Gewissen, der +hingeschlachtet worden sei, weil er das Land vom Papismus und +Despotismus zu befreien versucht habe. Nie hätten sie einen Laut gegen +Willkürherrschaft vernehmen lassen, bis die Willkürherrschaft sie selbst +in ihrem Eigenthum und ihrer amtlichen Stellung zu bedrohen angefangen +habe. Dann hätten sie freilich ihre alten Gemeinplätze von Unterwerfung +unter Nero vergessen und nicht gesäumt, sich zu retten. Zugegeben, +sagten diese eifrigen Disputanten, daß sie, indem sich selbst retteten, +auch die Verfassung retteten. Sollen wir deshalb vergessen, daß sie sie +vorher gefährdet hatten? und sollen wir sie dafür belohnen, indem wir +ihnen jetzt gestatten, sie zu vernichten? Wir haben hier eine Klasse von +Leuten vor uns, die mit dem Staate eng verwachsen ist. Ein großer Theil +der Bodenerzeugnisse ist ihnen zu ihrem Unterhalte angewiesen. Ihre +Oberhäupter haben Sitze in der gesetzgebenden Versammlung, große +Landgüter und prächtige Paläste. Durch diesen privilegirten Stand wird +die große Masse des Volks allwöchentlich vom Sitze der Autorität herab +belehrt. Diesem privilegirten Stande ist die oberste Leitung der +liberalen Erziehung übertragen. Oxford und Cambridge, Westminster, +Winchester und Eton stehen unter priesterlicher Direction. Die +Priesterschaft wird in bedeutendem Umfange den Character des hohen Adels +und der Gentry der nächsten Generation bilden. Einige Mitglieder der +höheren Geistlichkeit haben zahlreiche und einträgliche Pfründen zu +vergeben. Andere haben das Privilegium, Richter zu ernennen, welche +hochwichtige, die Freiheit, das Eigenthum und den Ruf der Unterthanen +Ihrer Majestäten berührende Fragen entscheiden. Und ein vom Staate so +begünstigter Stand soll dem Staate keine Bürgschaft geben? Nach welchem +Prinzipe kann behauptet werden, daß es unnöthig sei, von einem +Erzbischof von Canterbury oder einem Bischof von Durham das Gelöbniß der +Treue gegen die Regierung zu verlangen, das nach Aller Überzeugung von +jedem Laien verlangt werden muß, der der Krone in der bescheidensten +amtlichen Stellung dient? Jeder Acciseinnehmer, jeder Zollbeamte, der +den Eid verweigert, soll seines Brodes beraubt werden. Für diese +geringen Märtyrer des passiven Gehorsams und des erblichen Rechts hat +Niemand ein +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_74" id = "pageXI_74"> +XI.74</a></span> +Wort. Ein geistlicher Magnat aber, der sich weigert zu schwören, soll +Einkünfte, Patronat und Macht behalten dürfen, welche denen eines hohen +Staatsbeamten gleichkommen. Man sagt es sei überflüssig, von einem +Geistlichen die Eide zu verlangen, weil er bestraft werden könne, wenn +er die Gesetze übertrete. Warum wendet man das nämliche Argument nicht +auch zu Gunsten der Laien an? Und warum trägt der Geistliche Bedenken, +die Eide zu leisten, wenn es sein ernster Wille ist, die Gesetze zu +beobachten? Das Gesetz schreibt ihm vor, Wilhelm und Marien als König +und Königin zu bezeichnen, dies an der heiligsten Stätte und bei +Ausübung des feierlichsten aller religiösen Gebräuche zu thun. Das +Gesetz verlangt von ihm zu beten, daß eine besondere Vorsehung über dem +erlauchten Paare walte, daß es jeden Feind besiegen und daß sein +Parlament durch Gottes Hand dahin geleitet werden möge, diejenigen +Maßregeln anzuordnen, welche seine Sicherheit, seine Ehre und sein +Wohlergehen fördern können. Können wir glauben, daß sein Gewissen ihm +gestatte, dies Alles zu thun, nicht aber zu versprechen, daß er ein +treuer Unterthan des Herrscherpaares sein wolle?</p> + +<p>Auf den Vorschlag, daß die eidverweigernden Geistlichen der Gnade des +Königs preisgegeben werden sollten, erwiederten die Whigs mit einigem +Rechte, daß kein gegen Se. Majestät ungerechterer Plan ersonnen werden +könne. Die Angelegenheit, sagten sie, ist von nationaler Bedeutung, es +ist eine Angelegenheit, an der jeder Engländer, der nicht der Sklave +Frankreich’s und Rom’s sein will, das größte Interesse hat. In einem +solchen Falle ist es der Stände des Reichs unwürdig, vor der +Verantwortlichkeit, für das Gemeinwohl zu sorgen, zurückzuschrecken, +sich selbst womöglich das Lob der Nachsicht und Liberalität zu +verschaffen und dem Souverain das gehässige Werk der Proscription zu +überlassen. Ein Gesetz, das von allen öffentlichen Beamten, +bürgerlichen, wie militärischen und kirchlichen, ohne Unterschied der +Person, die Eide verlangt, ist wenigstens unparteiisch. Es schließt +jeden Verdacht der Parteilichkeit, des persönlichen Hasses, der geheimen +Espionage und Ohrenbläserei aus. Wenn aber der Regierung ein +willkürliches Schalten zugestanden wird, wenn der eine eidverweigernde +Priester eine einträgliche Pfründe behalten darf, während man einen +andren mit Weib und Kindern auf die Straße setzt, so wird jede Absetzung +als ein Act der Grausamkeit betrachtet und dem Souverain und dessen +Ministern als ein Verbrechen angerechnet werden.<a class = "tag" name = +"tagXI_94" id = "tagXI_94" href = "#noteXI_94">94</a></p> + +<p>So hatte das Parlament in einem und dem nämlichen Augenblicke zu +entscheiden, welche Quantität von Erleichterung dem Gewissen der +Dissenters gewährt und welche Quantität von Zwang dem Gewissen des +Klerus der Landeskirche auferlegt werden sollte. Der König hoffte, daß +es in seiner Macht stehen werde, einen allen Parteien angenehmen +Vergleich zu Stande zu bringen. Er schmeichelte sich, daß die Tories +bewogen werden könnten, den Dissenters ein Zugeständniß zu machen, unter +der Bedingung, daß die Whigs mild gegen die Jakobiten verführen. Er +beschloß, die Wirkung seiner persönlichen Intervention zu versuchen. Der +Zufall wollte, daß er wenige Stunden, nachdem die Lords die +Comprehensionsbill zum zweiten Male und die Bill wegen der Eide zum +ersten Male +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_75" id = "pageXI_75"> +XI.75</a></span> +verlesen hatten, Gelegenheit hatte, sich ins Parlament zu verfügen, um +zu einem Gesetze seine Zustimmung zu geben. Er sprach vom Throne herab +zu beiden Häusern und äußerte den ernstlichen Wunsch, daß sie +einwilligen möchten, die bestehenden Gesetze dergestalt zu modificiren, +daß die öffentlichen Ämter allen Protestanten zugänglich würden.<a class += "tag" name = "tagXI_95" id = "tagXI_95" href = "#noteXI_95">95</a> Man +wußte wohl, daß er, wenn die Legislatur seinem Verlangen willfahrte, +Geistliche, welche bereits Pfründen besaßen, im Genusse derselben zu +lassen gedachte, ohne daß sie ihm den Huldigungseid leisteten. Sein +Verfahren bei dieser Gelegenheit verdient unzweifelhaft das Lob der +Uneigennützigkeit. Es gereicht ihm zur Ehre, daß er seinen Unterthanen +Gewissensfreiheit zu erkaufen suchte, indem er ein Bollwerk seiner +eignen Krone aufgab. Aber man muß gestehen, daß er weniger Klugheit als +Tugendhaftigkeit bewies. Wenn Burnet gut unterrichtet war, so war +Richard Hampden der einzige Engländer seines Geheimraths,<a class = +"tag" name = "tagXI_96" id = "tagXI_96" href = "#noteXI_96">96</a> den +er befragte, und Richard Hampden war, obgleich ein höchst ehrenwerther +Mann, doch so weit davon entfernt, für die Whigpartei stehen zu können, +daß er nicht einmal für seinen eignen Sohn Johann bürgen konnte, dessen +von Haus aus rachsüchtiger Character durch den Stachel der Reue und +Scham bis zum Ingrimm aufgereizt worden war. Der König überzeugte sich +bald, daß die beiden Parteien einander mit einer Energie haßten, die +ihrer Liebe fehlte. Die Whigs waren zwar fast einhellig der Meinung, daß +der Sakramentstest abgeschafft werden müsse, sie waren aber keineswegs +darin einig, daß der Augenblick dazu gut gewählt sei, und selbst +diejenigen Whigs, welche am sehnlichsten wünschten, die Nonconformisten +unverzüglich von der Nichtbefähigung zu bürgerlichen Ämtern entbunden zu +sehen, waren fest entschlossen, sich die Gelegenheit zur Demüthigung und +Bestrafung der Klasse nicht entgehen zu lassen, deren Mitwirkung +hauptsächlich der furchtbare Umschwung der öffentlichen Stimmung +zuzuschreiben war, der auf die Auflösung des Oxforder Parlaments folgte. +Die Jane, die South, die Sherlock in die Lage zu versetzen, daß sie +entweder verhungern oder öffentlich und mit dem Evangelium auf den +Lippen alle prahlerischen Erklärungen vieler Jahre widerrufen mußten: +das war eine zu köstliche Rache, als daß man sie sich hätte entgehen +lassen können. Der Tory dagegen achtete und bemitleidete aufrichtig +diejenigen Geistlichen, die sich wegen der Eide Gewissensscrupel +machten. Der Test aber war seiner Ansicht nach für die Sicherheit der +herrschenden Religion wesentlich nothwendig und durfte nicht aufgegeben +werden zu dem Zwecke, einen wenn auch noch so ausgezeichneten Mann von +einem wenn auch noch so schweren Ungemach zu befreien. Es würde +allerdings ein schmerzlicher Tag für die Kirche sein, wenn die +Bischofsbank, die Kapitelhäuser der Kathedralen und die Hallen der +Collegien einige durch ihre Frömmigkeit und Gelehrsamkeit berühmte +Männer vermißten. Aber ein noch viel schmerzlicherer Tag würde es für +die Kirche sein, wenn ein Independent den weißen Stab trüge, oder ein +Baptist auf dem Wollsack säße. Jede Partei suchte Denen zu dienen, für +die sie sich interessirte, aber keine von beiden wollte ihren Feinden +günstige Bedingungen zugestehen. Die Folge davon war +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_76" id = "pageXI_76"> +XI.76</a></span> +daß die Nonconformisten vom Staatsdienste ausgeschlossen blieben und die +Eidverweigerer von den kirchlichen Ämtern vertrieben wurden.</p> + +<p>Im Hause der Gemeinen hielt kein Mitglied es für zweckmäßig, die +Aufhebung der Testacte zu beantragen. Aber es wurde Erlaubniß gegeben, +eine Bill zur Aufhebung der Corporationsacte einzubringen, die kurz nach +der Restauration vom Cavalierparlamente erlassen worden war und eine +Bestimmung enthielt, welche allen Municipalbeamten vorschrieb, das +heilige Abendmahl nach den Formen der englischen Kirche zu empfangen. +Als diese Bill in Begriff war dem Ausschusse überwiesen zu werden, +beantragten die Tories, daß der Ausschuß bedeutet werden sollte, in dem +Gesetz über das Sacrament keine Änderung vorzunehmen. Diejenigen Whigs, +welche eifrig für die Comprehension waren, müssen durch diesen Antrag in +große Verlegenheit gesetzt worden sein. Für denselben zu stimmen wäre +eine prinzipielle Inconsequenz gewesen; dagegen zu stimmen hätte so viel +geheißen als mit Nottingham brechen. Es wurde ein Mittelweg gefunden. +Die Vertagung der Debatte wurde beantragt, mit 116 gegen 114 Stimmen +angenommen und der Gegenstand nicht wieder in Anregung gebracht.<a class += "tag" name = "tagXI_97" id = "tagXI_97" href = "#noteXI_97">97</a> Im +Hause der Lords wurde ein Antrag auf Abschaffung des Sacramentstestes +gestellt, aber mit großer Majorität verworfen. Viele von Denen, welche +die Bill im Prinzip für richtig hielten, erachteten sie für nicht +zeitgemäß. Es wurde ein Protest aufgesetzt, aber nur von einigen wenigen +minder angesehenen Peers unterzeichnet. Es ist ein auffallender Umstand, +daß zwei bedeutende Häupter der Whigpartei, welche in der Regel ihre +parlamentarischen Pflichten sehr gewissenhaft erfüllten, bei dieser +Gelegenheit abwesend waren.<a class = "tag" name = "tagXI_98" id = +"tagXI_98" href = "#noteXI_98">98</a></p> + +<p>Auf die Debatte über den Test folgte im Oberhause bald eine Debatte +über die letzte Klausel der Comprehensionsbill. Diese Klausel bestimmte, +daß dreißig Bischöfe und Priester beauftragt werden sollten, die +Liturgie und die Kirchengesetze zu revidiren und Abänderungen +vorzuschlagen. Über diesen Punkt waren die whiggistischen Peers fast +Alle eines Sinnes. Sie waren in großer Zahl anwesend und sprachen warm. +Warum, fragten sie, sollten nur Mitglieder des Priesterstandes mit +dieser Revision beauftragt werden? Gehöre der Laienstand nicht auch zur +englischen Kirche? Wenn die Commission ihren Bericht erstattet habe, +würden Laien über die darin enthaltenen Änderungsvorschläge zu +entscheiden haben. Keine Zeile im allgemeinen Gebetbuche könne anders +als durch die Autorität des Königs, der Lords und der Gemeinen +abgeändert werden. Der König sei ein Laie, fünf Sechstel der Lords seien +Laien, und die Mitglieder des Hauses der Gemeinen seien <ins class = +"correction" title = "Original hat »sämmtich«">sämmtlich</ins> Laien. +Sei es nicht widersinnig zu behaupten, daß Laien nicht befugt seien, in +einer Angelegenheit zu prüfen, über welche anerkanntermaßen Laien in +letzter Instanz entscheiden müßten? Und könne etwas dem ganzen Geiste +des Protestantismus mehr zuwider sein als die Ansicht, daß einer +besonderen Kaste, und dieser Kaste allein, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_77" id = "pageXI_77"> +XI.77</a></span> +eine außergewöhnliche Urtheilsfähigkeit in geistlichen Dingen verliehen +sei, daß Männer wie Selden, wie Hale, wie Boyle, weniger competent +seien, über eine Collecte oder einen Glaubensartikel ein Urtheil +abzugeben, als der jüngste und einfältigste Kaplan, der in einem +abgelegenen Schlosse sein Leben mit Aletrinken und Beilkespielen +hinbringe? Was Gott festgesetzt habe, könne keine irdische Macht, sei es +eine weltliche oder eine geistliche, abändern, und in Dingen, welche +menschliche Wesen festgesetzt hätten, habe ein Laie sicherlich ein eben +so competentes Urtheil als ein Geistlicher. Daß die anglikanische +Liturgie und das anglikanische Kirchengesetz rein menschlichen Ursprungs +seien, erkenne das Parlament an, indem es die Revision und Verbesserung +derselben einer Commission übertrage. Wie könne man da behaupten, daß in +einer solchen Commission der Laienstand, der eine so große Mehrheit der +Bevölkerung bilde, dessen Erbauung der Hauptzweck aller kirchlichen +Einrichtungen sei und dessen unschuldige Neigungen bei Feststellung der +öffentlichen Religionshandlungen sorgfältig zu Rathe gezogen werden +müßten, nicht einen einzigen Vertreter zu haben brauche? Die +Präcedenzfälle sprächen direct gegen diese gehässige Unterscheidung. Zu +wiederholten Malen, seit das Licht der Reformation über England +aufgegangen, seien durch ein Gesetz Commissionen ermächtigt worden, die +Kirchengesetze zu revidiren, und bei jeder solchen Gelegenheit seien +einige von den Commissaren Laien gewesen. Im gegenwärtigen Falle könne +man gegen den vorgeschlagenen Modus noch besondere Einwendungen machen, +denn der Zweck der Maßregel sei die Verhöhnung der Dissenters, und es +sei daher äußerst wünschenswerth, daß die Commissare Männer wären, auf +deren Unparteilichkeit und Mäßigung die Dissenters bauen könnten. Würden +dreißig solcher Männer in den höheren Rangstufen des geistlichen Standes +leicht zu finden sein? Es sei die Pflicht der Legislatur, zwischen zwei +einander feindlich gegenüberstehenden Parteien, den nonconformistischen +Theologen und den anglikanischen Theologen, zu entscheiden, und es würde +demnach die gröbste Unbilligkeit sein, einer der beiden Parteien das +Schiedsrichteramt zu übertragen.</p> + +<p>Aus diesen Gründen schlugen die Whigs ein Amendement des Inhalts vor, +daß die Commission aus Geistlichen und Laien bestehen sollte. Der Kampf +war heiß. Burnet, der eben seinen Sitz unter den Peers eingenommen hatte +und dem darum zu thun gewesen zu sein scheint, fast um jeden Preis die +Zuneigung seiner Amtsbrüder zu gewinnen, stritt mit dem ganzen ihm +eignen Feuer für die gegenwärtige Fassung der Klausel. Bei der +Abstimmung ergab sich eine völlig gleiche Stimmenzahl für und wider, und +somit war, den Regeln des Hauses gemäß, das Amendement abgeworfen.<a +class = "tag" name = "tagXI_99" id = "tagXI_99" href = +"#noteXI_99">99</a></p> + +<p>Endlich wurde die Comprehensionsbill ins Haus der Gemeinen gesandt. +Hier würde sie leicht mit zwei Stimmen gegen eine durchgebracht worden +sein, wenn sie von allen Freunden der Religionsfreiheit unterstützt +worden wäre. Aber in dieser Angelegenheit konnten die Hochkirchlichen +auf den Beistand eines großen Theils der Niederkirchlichen rechnen. +Diejenigen Mitglieder, welche Nottingham’s Plane wohlwollten, sahen, daß +sie in der Minorität waren, und begannen daher, am Siege verzweifelnd, +auf den Rückzug zu denken. Gerade in diesem Augenblicke +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_78" id = "pageXI_78"> +XI.78</a></span> +wurde ein Antrag gestellt, der alle Stimmen für sich hatte. Nach dem +herkömmlichen Gebrauche mußte gleichzeitig mit einem Parlamente eine +Convocation einberufen werden, und man durfte wohl behaupten, daß der +Rath einer Convocation dann am nöthigsten sein müßte, wenn es sich um +Abänderungen in dem Ritual und der Disciplin der Kirche handelte. In +Folge des unregelmäßigen Modus aber, nach welchem die Stände des Reichs +während der Erledigung des Thrones zusammenberufen worden waren, gab es +diesmal keine Convocation. Es wurde daher beantragt, daß das Haus dem +Könige rathen solle, Maßregeln zur Abhülfe dieses Mangels zu ergreifen, +und daß das Schicksal der Comprehensionsbill nicht entschieden werden +solle, bis der Klerus Gelegenheit gehabt habe, durch das alte und +rechtmäßige Organ seine Meinung auszusprechen.</p> + +<p>Dieser Antrag wurde mit allgemeiner Acclamation angenommen. Die +Tories freuten sich, daß dem Priesterstande eine solche Ehre erzeugt +wurde; diejenigen Whigs, welche gegen die Comprehensionsbill waren, +freuten sich, sie zuverlässig für ein Jahr, wahrscheinlich aber für +immer bei Seite gelegt zu sehen; und diejenigen Whigs, welche für die +Comprehensionsbill waren, freuten sich, ohne Niederlage davon zu kommen. +Viele unter ihnen hofften in der That, daß milde und freisinnige +Rathschläge im geistlichen Senate vorherrschen würden. Eine Adresse, +welche den König ersuchte die Convocation einzuberufen, wurde ohne +Abstimmung angenommen, die Lords wurden zum Beitritt aufgefordert, sie +traten bei, die Adresse wurde durch beide Häuser dem Könige überreicht, +der König versprach, zur geeigneten Zeit den Wunsch seines Parlaments zu +erfüllen, und Nottingham’s Bill ward nicht wieder erwähnt.</p> + +<p>Viele mit der Geschichte der damaligen Zeit unvollkommen bekannte +Schriftsteller haben aus diesem Verfahren gefolgert, daß das Haus der +Gemeinen eine Versammlung von Hochkirchlichen gewesen sei; aber nichts +ist gewisser, als daß zwei Drittel der Mitglieder entweder +Niederkirchliche oder Nichtanhänger der Landeskirche waren. Wenige Tage +vor dieser Zeit hatte ein an sich unbedeutender, als Kennzeichen der +Gesinnung der Majorität aber höchst wichtiger Vorgang stattgefunden. Es +war beantragt worden, daß das Haus dem alten Herkommen gemäß seine +Sitzungen bis nach den Osterfeiertagen suspendiren solle. Die Puritaner +und Latitudinarier machten Einwendungen dagegen, es entspann sich eine +heftige Debatte, die Hochkirchlichen wagten es nicht, abstimmen zu +lassen, und zum großen Ärgerniß vieler angesehenen Personen nahm der +Sprecher am Ostermontag um neun Uhr seinen Stuhl ein und es wurde eine +lange und lebhafte Sitzung gehalten.<a class = "tag" name = "tagXI_100" +id = "tagXI_100" href = "#noteXI_100">100</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_79" id = "pageXI_79"> +XI.79</a></span> +<p>Dies war indessen keineswegs der stärkste Beweis, den die Gemeinen +dafür gaben, daß sie in der That weit entfernt waren eine besondere +Ehrerbietung oder Liebe zur anglikanischen Hierarchie zu hegen. Die Bill +zur Festsetzung der Eide war aber in einer dem Klerus günstigeren +Fassung von den Lords ins Unterhaus gekommen. Allen weltlichen Beamten +war bei Strafe der Absetzung vorgeschrieben, dem Könige und der Königin +Treue zu schwören. Jeder Geistliche aber, der bereits eine Pfründe +besaß, sollte dieselbe auch ohne zu schwören, behalten dürfen, wenn die +Regierung keinen Grund sah, von ihm speciell eine Versicherung seiner +Loyalität zu verlangen. Burnet hatte, theils ohne Zweifel aus der seinem +Character eignen Gutherzigkeit und Großmuth, theils um seine Amtsbrüder +zu gewinnen, diese Anordnung im Oberhause mit großer Energie +unterstützt. Im Unterhause aber war die Stimmung gegen die jakobitischen +Priester unbesiegbar. An dem nämlichen Tage, an welchem dieses Haus ohne +Abstimmung die Adresse votirte, welche den König ersuchte, die +Convocation einzuberufen, wurde eine Klausel vorgeschlagen und +angenommen, welche von Jedem, der ein kirchliches oder akademisches Amt +bekleidete, bei Strafe der Suspension verlangte, am 1. August 1689 die +Eide zu leisten. Sechs Monate von diesem Tage an gerechnet, wurden dem +sich Weigernden zur nochmaligen Überlegung bewilligt. Beharrte er auch +dann noch auf seiner Weigerung, so sollte er am 1. Februar 1690 +definitiv abgesetzt werden.</p> + +<p>So abgeändert wurde die Bill den Lords zurückgeschickt. Diese aber +blieben bei ihrem ursprünglichen Beschlusse. Conferenz auf Conferenz +wurde gehalten, Vergleich auf Vergleich wurde vorgeschlagen. Aus den +unvollkommenen Berichten, welche auf uns gekommen sind, geht hervor, daß +jedes Argument zu Gunsten der Milde von Burnet energisch hervorgehoben +wurde. Doch die Gemeinen blieben fest, die Zeit drängte, der ungewisse +Zustand des Rechts machte sich in allen Zweigen des Staatsdienstes in +nachtheiliger Weise fühlbar, und so gaben die Peers mit Widerstreben +endlich nach. Zu gleicher Zeit fügten sie eine Klausel hinzu, durch +welche der König ermächtigt wurde, von den verwirkten Pfründen einigen +wenigen nicht schwörenden Geistlichen Geldunterstützungen zu gewähren. +Die Anzahl der so begünstigten Geistlichen sollte zwölf nicht +übersteigen und die bewilligte Unterstützung durfte höchstens ein +Drittheil des verwirkten Einkommens betragen. Einige eifrige Whigs +wollten selbst diese Vergünstigung nicht gelten lassen; doch die +Gemeinen waren mit dem errungenen Siege zufrieden und dachten mit Recht, +daß es ungefällig sein würde, wenn sie ein so geringfügiges Zugeständiß +verweigerten.<a class = "tag" name = "tagXI_101" id = "tagXI_101" href = +"#noteXI_101">101</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_92" id = "noteXI_92" href = "#tagXI_92">92.</a> +Siehe unter vielen anderen Schriften Dodwell’s <span class = +"antiqua">Cautionary Discourse</span>, seine <span class = +"antiqua">Vindication of the Deprived Bishops</span>, seine <span class += "antiqua">Defence of the Vindication</span> und seine <span class = +"antiqua">Paraenesis</span>, sowie Bisby’s <span class = "antiqua">Unity +of Priesthood</span>, gedruckt 1692. Ferner vergleiche man Hody’s +Gegenschriften, das Baroccianische Manuscript und <span class = +"antiqua">Salomon and Abiathar, a Dialogue between Eucheres and +Dyscheres</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_93" id = "noteXI_93" href = "#tagXI_93">93.</a> +<span class = "antiqua">Burnet II.</span> 135. Der albernste von allen +Versuchen, zwischen den Absetzungen von 1559 und denen von 1689 einen +Unterschied nachzuweisen, wurde von Dodwell gemacht. Siehe seine <span +class = "antiqua">Doctrine of the Church of England concerning the +Independency of the Clergy on the lay Power, 1697</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_94" id = "noteXI_94" href = "#tagXI_94">94.</a> +Über diese Polemik sehe man <span class = "antiqua">Burnet II. 7, 8, +<ins class = "correction" title = "Original hat »9,;«">9</ins></span>; +<span class = "antiqua">Grey’s Debates, April 19, 22. 1689</span>; <span +class = "antiqua">Commons’ Journals, April 20, 22.</span>; <span class = +"antiqua">Lords’ Journals, April 21.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_95" id = "noteXI_95" href = "#tagXI_95">95.</a> +<span class = "antiqua">Lords’ Journals, March 16. 1689.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_96" id = "noteXI_96" href = "#tagXI_96">96.</a> +<span class = "antiqua">Burnet II. 7. 8.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_97" id = "noteXI_97" href = "#tagXI_97">97.</a> +Burnet sagt (II. 8.), daß der Antrag, den Sacramentstest abzuschaffen, +in beiden Häusern mit großer Majorität verworfen worden sei. Hierin +täuschte ihn jedoch sein Gedächtniß, denn im Hause der Gemeinen fand +keine andre Abstimmung über den Gegenstand statt als die oben erwähnte. +Bemerkenswerth ist es, daß Gwyn und Rowe, welche die Stimmen der +Majorität zählten, zwei der entschiedensten Whigs im ganzen Hause +waren.</p> + +<p><a name = "noteXI_98" id = "noteXI_98" href = "#tagXI_98">98.</a> +<span class = "antiqua">Lords’ Journals March 21. 1689.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_99" id = "noteXI_99" href = "#tagXI_99">99.</a> +<span class = "antiqua">Lords’ Journals, April 5. 1689</span>; <span +class = "antiqua">Burnet II. 10.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_100" id = "noteXI_100" href = "#tagXI_100">100.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, March 28., April 1. +1689.</span>; Pariser Gazette vom 23. April. Ein Theil der Stelle in der +Pariser Gazette verdient angeführt zu werden. <span class = +"antiqua">„Il y eut ce jour là </span> (am 28. März) <span class = +"antiqua">une grande contestation dans la Chambre Basse, sur la +proposition qui fut faite de remettre les séances après les fêtes de +Pasques observées toujours par l’Eglise Anglicane. Les Protestans +conformistes furent de cet avis; et les Presbytériens emportèrent à la +pluralité des voix que les séances recommenceroient le Lundy, seconde +feste de Pasques.“</span> Die Niederkirchlichen werden von den damaligen +französischen und holländischen Schriftstellern häufig Presbyterianer +genannt. Es waren nicht zwanzig eigentliche Presbyterianer im Hause der +Gemeinen. Siehe <span class = "antiqua">A. Smith and Cutler’s plain +Dialogue ahout Whig and Tory, 1690.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_101" id = "noteXI_101" href = "#tagXI_101">101.</a> +Berichte über das was in den Conferenzen vorging, findet man in den +Protokollen der beiden Häuser, und sie sind lesenswerth.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Bill zur Festsetzung des Krönungseides.</span> +<a name = "secXI_45" id = "secXI_45">Diese</a> Debatten wurden auf kurze +Zeit durch die Feste und Feierlichkeiten der Krönung unterbrochen. Als +der zu dieser wichtigen Ceremonie bestimmte Tag heranrückte, verwandelte +sich das Haus der Gemeinen in einen Ausschuß behufs Festsetzung der +Wortformel, durch welche unsere Landesherren hinfüro ihren Vertrag mit +der Nation schließen sollten. Darüber waren alle Parteien einig, daß es +angemessen sei, vom Könige den Eid zu verlangen, daß er in weltlichen +Angelegenheiten dem Gesetz gemäß regieren und die Gerechtigkeit mit +Milde üben wolle. Über die Ausdrücke des +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_80" id = "pageXI_80"> +XI.80</a></span> +Eides aber, die sich auf die kirchlichen Institutionen des Landes +bezogen, wurde viel debattirt. Sollte der höchste Beamte im Staate bloß +einfach versprechen, die protestantische Religion aufrecht zu erhalten, +wie sie durch das Gesetz aufgestellt war, oder sollte er versprechen, +diese Religion aufrecht zu erhalten, wie sie später durch das Gesetz +festgestellt werden würde? Die Majorität war für die erstere Phrase. Die +andre wurde von denjenigen Whigs vorgezogen, welche für eine +Comprehension waren. Es wurde jedoch allgemein zugestanden, daß beide +Phrasen eigentlich gleichbedeutend seien und daß der Eid, mochte er +lauten wie er wollte, den Souverain nur in seiner executiven Gewalt +binden werde. Dies ging in der That aus der ganzen Natur des Actes klar +hervor. Jeder Vertrag kann durch die freiwillige Zustimmung der Partei, +welche allein die Erfüllung zu verlangen berechtigt ist, annullirt +werden. Die strengsten Casuisten hatten es nie in Zweifel gestellt, daß +ein Schuldner, der sich unter den feierlichsten Schwüren verpflichtet +hat zu zahlen, rechtmäßigerweise die Zahlung unterlassen kann, wenn der +Gläubiger ihn seiner Verbindlichkeit entheben will. Eben so klar ist es, +daß keine von einem Könige durch die Stände seines Reichs verlangte +Zusicherung ihm die Verpflichtung auferlegen kann, seine Zustimmung zu +etwas zu verweigern, was diese Stände später einmal wünschen mögen.</p> + +<p>Es wurde eine mit den Beschlüssen des Ausschusses übereinstimmende +Bill entworfen, welche rasch durch alle parlamentarischen Stadien ging. +Nach der dritten Lesung erhob sich ein thörichtes Mitglied, um einen +Zusatz zu beantragen, in welchem erklärt werde, daß der Eid den +Souverain, nicht hindern solle, in eine etwaige Änderung im Ceremoniell +der Kirche zu willigen, immer vorausgesetzt, daß das Episkopat und eine +geschriebene Gebetsform beibehalten würden. Die plumpe Absurdität dieses +Antrags wurde von mehreren ausgezeichneten Mitgliedern dargelegt. Eine +solche Klausel, bemerkten sie ganz richtig, würde den König binden, +während sie ihm freieren Spielraum geben sollte. Der Krönungseid, sagten +sie, hat nicht den Zweck, ihn in seiner gesetzgebenden Gewalt zu +behindern. Man lasse diesen Eid in seiner jetzigen Fassung, und kein +Fürst kann ihn mißverstehen. Kein Fürst kann ernstlich glauben, die +beiden Häuser wollten das Versprechen von ihm verlangen, daß er sein +Veto gegen Gesetze einlegen werde, die sie späterhin für das Wohl des +Landes nöthig erachten könnten. Sollte aber einmal ein Fürst den +zwischen ihm und seinen Unterthanen abgeschlossenen Vertrag so +wunderlich mißverstehen, dann wird jeder Theolog, jeder Jurist, den er +um Rath fragt, ihn sogleich beruhigen. Würde dieser Antrag angenommen, +so könnte man unmöglich leugnen, daß der Krönungseid bestimmt sei, den +König zu verhindern, seine Zustimmung zu Bills zu geben, die ihm von den +Lords und Gemeinen vorgelegt würden, und daraus würden sehr ernste +Nachtheile hervorgehen. Diese Argumente wurden als unwiderleglich +erkannt und der Zusatz ohne Abstimmung verworfen.<a class = "tag" name = +"tagXI_102" id = "tagXI_102" href = "#noteXI_102">102</a></p> + +<p>Jeder, der diese Debatten gelesen hat, muß vollständig überzeugt +sein, daß die Staatsmänner, welche den Krönungseid entwarfen, den König +in seiner gesetzgebenden Gewalt nicht zu binden gemeint waren.<a class = +"tag" name = "tagXI_103" id = "tagXI_103" href = "#noteXI_103">103</a> +Leider +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_81" id = "pageXI_81"> +XI.81</a></span> +erwachte hundert Jahre später in einem zwar wackeren und gewissenhaften, +aber von Natur beschränkten und starrsinnigen und durch Krankheit zu +gleicher Seit geschwächten und aufgeregten Geiste ein Scrupel, den jene +Staatsmänner für zu widersinnig hielten, als daß irgend ein menschliches +Geschöpf ihn im Ernste hegen könne. Der Ehrgeiz und die Perfidie eines +Tyrannen hat in der That selten größere Übel erzeugt als die waren, +welche jene unselige Gewissenhaftigkeit über unser Land gebracht hat. +Einen außerordentlichen günstigen Augenblick, einen Augenblick, in +welchem Weisheit und Gerechtigkeit Völkerschaften und Secten, die +einander lange feindlich gegenübergestanden, hätten versöhnen und die +britischen Inseln zu einem wahrhaft Vereinigten Königreiche machen +können, ließ man unbenutzt vorübergehen. Die einmal verlorne Gelegenheit +kehrte nicht wieder. Zwei Generationen von Staatsmännern haben sich +seitdem mit unvollkommenem Erfolge bemüht, den damals begangenen Fehler +wieder gut zu machen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß einige von +den schlimmen Folgen dieses Fehlers sich bis auf die spätere Nachwelt +fortwährend fühlbar machen werden.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_102" id = "noteXI_102" href = "#tagXI_102">102.</a> +<span class = "antiqua">Journals, March 28. 1689</span>; <span class = +"antiqua">Grey’s Debates.</span></p> + +<p><a name = "noteXI_103" id = "noteXI_103" href = "#tagXI_103">103.</a> +Ich will einige Äußerungen anführen, welche in den gedrängten Berichten +über diese Debatten der Nachwelt aufbewahrt worden. Diese Neuerungen +sind bezüglich des Sinnes, in welchem der Eid von den Gesetzgebern, die +ihn entworfen, verstanden wurde, ganz entscheidend. Musgrave sagte: „Es +ist kein Grund zur Aufnahme dieses Vorbehalts. Es ist undenkbar, daß +irgend eine von hier ausgehende Bill jemals die gesetzgebende Gewalt +vernichten werde.“ Finch sagte: „Die Worte: ‚durch das Gesetz +festgestellt‘ hindern den König nicht, eine Bill zur Erleichterung der +Dissenters anzunehmen. Der Vorbehalt ruft den Scrupel erst hervor und +giebt Veranlassung dazu.“ Sawyer sagte: „Dies ist der erste Vorbehalt +dieser Art, der je in einer Bill enthalten war. Er scheint die +gesetzgebende Gewalt anzugreifen.“ Sir Robert Cotton sagte: „Obgleich +der Vorbehalt zweckmäßig und heilsam aussieht, scheint er doch einen +Fehler zu haben. Unfähig die Gesetze den Umständen gemäß abzuändern! +Dies ruft nicht einen, sondern mehrere Scrupel hervor; als ob Ihr so an +das kirchliche Regiment gebunden wäret, daß Ihr keine neuen Gesetze ohne +einen solchen Vorbehalt ins Leben rufen könntet!“ Sir Thomas Lee sagte: +„Ich fürchte es wird dahin kommen, daß auch andere Gesetze nicht ohne +einen solchen Vorbehalt geschaffen werden können, und deshalb möchte ich +denselben beseitigt wissen.“</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Krönung.</span> +<a name = "secXI_46" id = "secXI_46">Die</a> Bill, durch welche die +Eidformel festgestellt wurde, passirte das Oberhaus ohne Amendement. +Alle Vorbereitungen waren getroffen, und am 11. April fand die Krönung +statt. In einigen Punkten unterschied sie sich von gewöhnlichen +Krönungen. Die Vertreter des Volks nahmen in Masse an der Ceremonie +Theil und wurden im Schatzkammergebäude glänzend bewirthet. Marie, die +jetzt nicht bloß Königin-Gemahlin, sondern auch regierende Königin war, +wurde in allen Punkten gleich einem Könige inaugurirt, mit dem Schwerte +gegürtet, auf den Thron gesetzt und ihr die Bibel, die Sporen und der +Reichsapfel überreicht. Die weltlichen Großen des Reichs waren mit ihren +Frauen und Töchtern zahlreich und glänzend vertreten. Es konnte nicht +Wunder nehmen, daß die Whigaristokratie sich bemühte, den Triumph der +Whigprinzipien zu erhöhen. Aber die Jakobiten sahen zu ihrem großen +Leidwesen, daß viele Lords, die für eine Regentschaft gestimmt hatten, +eine bedeutende Rolle bei der Feierlichkeit spielten. Die Krone des +Königs wurde von Grafton, die der Königin von Somerset getragen. Das +scharfe Schwert, das Emblem der weltlichen Justiz, trug Pembroke. Ormond +war Großconstabel für den Tag und ritt durch den Saal zur Rechten des +erblichen Kämpen, der dreimal seinen Handschuh auf den Boden warf +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_82" id = "pageXI_82"> +XI.82</a></span> +und dreimal zum Kampfe auf Leben und Tod den Verräther herausforderte, +der Wilhelm’s und Mariens Recht bestreiten sollte. Unter den +Edelfräuleins, welche die prachtvolle Schleppe der Königin trugen, +befand sich ihre schöne und liebenswürdige Cousine, Lady Henriette Hyde, +deren Vater, Rochester, bis zuletzt gegen den Beschluß gestritten hatte, +der den Thron für erledigt erklärte.<a class = "tag" name = "tagXI_104" +id = "tagXI_104" href = "#noteXI_104">104</a> Die Bischöfe waren +allerdings nur spärlich zu sehen. Der Primas war nicht erschienen; er +war durch Campton vertreten. Zur einen Seite Campton’s trug Lloyd, +Bischof von St. Asaph, der sich unter den sieben Bekennern des +vorhergehenden Jahres ausgezeichnet hatte, den Hostienteller. Zur andren +Seite ging Sprat, Bischof von Rochester, unlängst noch Mitglied der +Hohen Commission, mit dem Kelche. Burnet, der jüngste Prälat, predigte +mit seinem ganzen gewohnten Talent und mit mehr als gewohntem Takt und +Urtheil. Sein würdevoller und beredter Vortrag war weder durch +Schmeichelei noch durch boshafte Ausfälle verunziert. Es soll lebhaft +applaudirt worden sein, und es ist in der That wohl zu glauben, daß der +begeisterte Schluß seiner Rede, wo er den Himmel anflehte, das +königliche Paar mit langem Leben und gegenseitiger Liebe, mit gehorsamen +Unterthanen, weisen Räthen und treuen Bundesgenossen, mit tapferen +Flotten und Armeen, mit Sieg, mit Frieden und schließlich mit +ruhmvolleren und unvergänglicheren Kronen als welche zur Zeit auf dem +Altare der Abtei glänzten, zu beglücken, das lauteste Beifallsgemurmel +der Gemeinen erweckte.<a class = "tag" name = "tagXI_105" id = +"tagXI_105" href = "#noteXI_105">105</a></p> + +<p>Die Ceremonie nahm im Ganzen einen guten Verlauf und bewirkte ein +wenn auch schwaches und vorübergehendes Wiederauflodern der Begeisterung +vom vergangenen December. Der Tag war in London und an vielen anderen +Orten ein allgemeiner Freudentag. Am Vormittag waren die Kirchen +gefüllt. Der Nachmittag wurde mit allerhand Vergnügungen und Gelagen +hingebracht und am Abend wurden Freudenfeuer angezündet, Raketen +losgelassen und die Fenster illuminirt. Dessenungeachtet wußten die +Jakobiten reichen Stoff zu Spötteleien und Sarkasmen zu entdecken oder +zu erfinden. Sie beschwerten sich bitter darüber, daß der Weg von der +Halle bis zum westlichen Thore der Abtei mit holländischen Soldaten +besetzt gewesen sei. Sei es schicklich, daß ein englischer König den +feierlichsten Vertrag mit der englischen Nation hinter einer dreifachen +Hecke fremder Schwerter und Bajonette schließe? Kleine Händel, wie sie +bei jeder öffentlichen Feierlichkeit zwischen den Schaulustigen und den +zur Freihaltung der Communication Angestellten fast unvermeidlich +vorkommen, wurden mit allen Kunstgriffen der Rhetorik übertrieben. Einer +der fremden Söldlinge hatte mit seinem Pferde einen achtbaren Bürger +zurückgetrieben, der sich vorgedrängt, um den königlichen Baldachin +einen Augenblick zu sehen. Ein Andrer hatte mit dem Flintenkolben eine +Frau in roher Weise zurückgestoßen. Auf solche Gründe hin wurden die +Fremden mit den Lord Dänen verglichen, welche vor Zeiten durch ihren +Übermuth +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_83" id = "pageXI_83"> +XI.83</a></span> +die angelsächsische Bevölkerung zu Aufstand und Blutvergießen angereizt +hatten. Das fruchtbarste Thema für den Tadel war jedoch die +Krönungsmedaille, die allerdings eben so abgeschmackt entworfen als +schlecht ausgeführt war. Der Hauptgegenstand des Reverses war ein Wagen, +und der gemeine Mann konnte sich nicht erklären, was dieses Emblem mit +Wilhelm und Marien zu thun hatte. Die mißvergnügten Witzlinge lösten die +Schwierigkeit, indem sie sagten, der Künstler habe auf den Wagen +anspielen wollen, den eine aller Kindesliebe bare und den Interessen +eines ehrgeizigen Gemahls blindlings ergebene römische Prinzessin über +die noch warmen Überreste ihres Vaters hatte fahren lassen.<a class = +"tag" name = "tagXI_106" id = "tagXI_106" href = +"#noteXI_106">106</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_104" id = "noteXI_104" href = "#tagXI_104">104.</a> +Lady Henriette, die ihr Oheim Clarendon in seinem Tagebuche (Januar +1687/88) die „hübsche kleine Henriette“ und „das beste Kind von der +Welt“ nennt, verheirathete sich bald nachher mit dem Earl von <ins class += "correction" title = "Original hat »Dalekith«">Dalkeith</ins>, dem +ältesten Sohne des unglücklichen Herzogs v. Monmouth.</p> + +<p><a name = "noteXI_105" id = "noteXI_105" href = "#tagXI_105">105.</a> +Die Predigt verdient gelesen zu werden. Siehe die <span class = +"antiqua">London Gazette</span> vom 14. April 1689; <span class = +"antiqua">Evelyn’s Diary</span>; <span class = "antiqua">Narcissus +Luttrell’s Diary</span>, und die Depesche der holländischen Gesandten an +die Generalstaaten.</p> + +<p><a name = "noteXI_106" id = "noteXI_106" href = "#tagXI_106">106.</a> +Eine Probe von der Prosa, welche die Jakobiten über diesen Gegenstand +schrieben, findet man in den Somers’schen Schriften. Die jakobitischen +Verse waren meist zu unanständig, als daß man sie anführen konnte. Ich +wähle einige von den glimpflichsten Zeilen aus einem sehr seltenen +Spottgedicht:</p> + +<div class = "verse"> +<p>Der elfte des Monats April erschien,</p> +<p>Da wälzt sich der Pöbel nach Westminster hin</p> +<p>Zu sehn wie ein Lumpenbündel man krönt:</p> +<p class = "indent2">Ein schöner König, fürwahr.</p> +<p>Dem Orangenbaum er entsprossen ist,</p> +<p>Doch wenn man im Buche des Schicksals liest</p> +<p>Wird einst ihm noch werden ein andrer Baum:</p> +<p class = "indent2">Ein schöner König, fürwahr.</p> +<p>Von Gestalt ist er nur zur Hälfte ein Mann,</p> +<p>Desto mehr ein Affe, das leugne wer kann;</p> +<p>Hat den Kopf einer Gans und des Kranich’s Bein’,</p> +<p class = "indent2">Ein schöner König, fürwahr.</p> +</div> + +<p>Ein Franzos, Namens Le Noble, der seiner Schandthaten wegen aus +seinem Vaterlande verwiesen worden war, sich aber, von der Polizei +geduldet, in Paris versteckt hielt und im Dienste eines Buchhändlers +nothdürftig sein Leben fristete, veröffentlichte bei dieser Gelegenheit +zwei jetzt sehr seltene Pasquille: <span class = "antiqua">„Le +Couronnement de Guillemot et de Guillemette, avec le Sermon du grand +Docteur Burnet“</span> und <span class = "antiqua">„Le Festin de +Guillemot.“</span> An Witz, Geschmack und Verstand stehen Le Noble’s +Schriften dem angeführten englischen Gedicht nicht nach. Er erzählt uns, +daß der Erzbischof von York und der Bischof von London einen Boxerkampf +in der Abtei aufführen, daß der Kämpe auf einem Esel durch die Halle +ritt, welcher stätig wurde und die königliche Tafel mit dem ganzen +Geschirr umstieß, und daß das Banket mit einer Schlägerei zwischen den +mit Stühlen und Bänken bewaffneten Peers und den mit Bratspießen +bewaffneten Köchen endete. Merkwürdigerweise fand diese Art Witz Leser, +und das Portrait des Autors wurde splendid gestochen mit dem Motto: +<span class = "antiqua">„Latrantes ride: te tua fama manet.“</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Beförderungen.</span> +<a name = "secXI_47" id = "secXI_47">Ehren</a> wurden, wie gewöhnlich, +auch bei dieser festlichen Gelegenheit freigebig gespendet. Drei +Hosenbandorden, über welche die Krone zur Zeit verfügen konnte, wurden +Devonshire, Ormond und Schomberg verliehen. Der Prinz Georg wurde zum +Herzog von Cumberland ernannt. Mehrere hochstehende Männer erhielten +neue Titel, mit denen wir sie von jetzt an bezeichnen müssen. Danby +wurde Earl von Caermarthen, Churchill Earl von Marlborough und Bentinck +Earl von Portland. Mordaunt ward zum Earl von Monmouth ernannt, nicht +ohne einiges Murren von Seiten alter Exclusionisten, die sich noch immer +mit Liebe ihres protestantischen Herzogs erinnerten und welche hofften, +sein Urtel werde umgestoßen und seinen Nachkommen die Führung seines +Titels gestattet werden. Man wunderte sich, daß der Name Halifax nicht +auch auf der Liste der Beförderungen stand. Niemand konnte zweifeln, daß +er sehr leicht ein blaues Band oder eine Herzogskrone hätte erlangen +können, und obgleich er sich von den meisten seiner Zeitgenossen durch +seine Verschmähung +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_84" id = "pageXI_84"> +XI.84</a></span> +unrechtmäßigen Gewinns vortheilhaft auszeichnete, wußte man doch sehr +wohl, daß er auf Ehrentitel mit einer Begierde brannte, der er sich +selbst schämte und die seines glänzenden Geistes unwürdig war. +Allerdings wurde sein Ehrgeiz damals durch Besorgnisse niedergeschlagen. +Leuten, die sein Vertrauen besaßen, theilte er seine Befürchtung mit, +daß schlimme Zeiten bevorständen. Für des Königs Leben könne man kein +Jahr mehr stehen, die Regierung sei unter sich uneinig, die +Geistlichkeit und das Heer unzufrieden, das Parlament von Factionen +zerrissen; der Bürgerkrieg wüthe bereits in einem Theile des Landes und +auswärtiger Krieg sei vor der Thür. In einem solchen Augenblick habe +wohl jeder Minister, ob Whig oder Tory, Grund sich zu beunruhigen, aber +weder ein Whig noch ein Tory habe so viel zu fürchten als der Trimmer, +der nicht unwahrscheinlich die gemeinschaftliche Zielscheibe des Hasses +beider Parteien werden würde. Aus diesen Gründen beschloß Halifax, sich +jeder Ostentation von Macht und Einfluß zu enthalten, durch ein +geflissentliches Zurschautragen von Mäßigung den Neid zu entwaffnen und +durch Artigkeiten und Wohlthaten Personen an sich zu ziehen, deren +Dankbarkeit ihm im Fall einer Contrerevolution von Nutzen sein konnten. +Die nächsten drei Monate, sagte er, würden die Probezeit sein. Halte +sich die Regierung den Sommer über, so werde sie wahrscheinlich fest +stehen.<a class = "tag" name = "tagXI_107" id = "tagXI_107" href = +"#noteXI_107">107</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXI_107" id = "noteXI_107" href = "#tagXI_107">107.</a> +<span class = "antiqua">Reresby’s Memoirs.</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Coalition gegen Frankreich.</span> +<a name = "secXI_48" id = "secXI_48">Inzwischen</a> gewannen Fragen der +auswärtigen Politik eine immer größere Bedeutung. Das Werk, an welchem +Wilhelm viele trübe und angstvolle Jahre hindurch unermüdlich gearbeitet +hatte, war endlich vollbracht. Die große Coalition war zu Stande. Es war +klar, daß ein verzweifelter Kampf bevorstand. Der Bedrücker Europa’s +sollte sich gegen das mit Karl II. von Spanien, mit dem Kaiser Leopold +und mit dem deutschen und dem batavischen Bunde alliirten England +vertheidigen, ohne wahrscheinlich einen andren Bundesgenossen zu haben +als den Sultan, der an der Donau gegen das Haus Österreich Krieg +führte.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Verwüstung der Pfalz.</span> +<a name = "secXI_49" id = "secXI_49">Ludwig</a> hatte gegen das Ende des +<ins class = "correction" +title = "Original hat »vergangenenen«">vergangenen</ins> Jahres die ungünstige Lage seiner +Feinde zu seinem Vortheile benutzt und den ersten Schlag geführt, ehe +sie darauf vorbereitet waren, ihn zu pariren. Doch dieser wenn auch +schwere Schlag hatte nicht da getroffen, wo er hätte tödtlich werden +können. Wären an der batavischen Grenze Feindseligkeiten ausgebrochen, +so würde Wilhelm mit seiner Armee wahrscheinlich auf dem Continent +zurückgehalten worden sein, und Jakob hätte ungestört in England +fortregieren können. Glücklicherweise hatte Ludwig in einer Verblendung, +welche viele fromme Protestanten aus voller Überzeugung dem gerechten +Urtheile Gottes zuschrieben, den Punkt aus den Augen gelassen, von dem +das Geschick der ganzen civilisirten Welt abhing, und hatte auf einer +Seite, wo die glänzendsten Erfolge ihm nichts als eine Illumination und +ein Tedeum eintragen konnten, einen großen Aufwand von Streitkräften, +Schnelligkeit und Energie entfaltet. Eine französische Armee unter den +Befehlen des Marschalls Duras war in die Pfalz und einige benachbarte +Fürstenthümer eingefallen. Dieser Feldzug aber, konnte, obwohl er +vollkommen glücklich ausgefallen war und obwohl die Geschicklichkeit und +Energie, mit der er geleitet worden, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_85" id = "pageXI_85"> +XI.85</a></span> +allgemeine Bewunderung erregt hatten, keinen erheblichen Einfluß auf den +Ausgang des herannahenden furchtbaren Kampfes ausüben. Frankreich sollte +bald von allen Seiten angegriffen werden, und dann konnte Duras die +Provinzen, welche er überfallen und überwältigt, unmöglich lange +behaupten. Ein entsetzlicher Gedanke erwachte im Geiste Louvois’, der in +militärischen Angelegenheiten zu Versailles die erste Stimme hatte. Er +war ein Mann, der sich durch Eifer für das was ihm im öffentlichen +Interesse nöthig erschien, sowie durch Talent und durch Kenntniß alles +dessen was sich auf die militärische Verwaltung bezog, auszeichnete, +aber er besaß einen harten und grausamen Character. Wenn die Städte der +Pfalz nicht zu behaupten waren, so konnten sie zerstört werden. Wenn der +Boden der Pfalz den Franzosen keine Hülfsmittel lieferte, so konnte er +so verwüstet werden, daß er wenigstens auch den Deutschen keine +Hülfsmittel lieferte. Der hartherzige Staatsmann unterbreitete Ludwig +seinen Plan, wahrscheinlich mit großer Behutsamkeit und einigen +Auslassungen, und Ludwig genehmigte denselben in einer für seinen Ruhm +verderblichen Stunde. Duras erhielt Befehl, eine der schönsten Gegenden +Deutschland’s in eine Wüste zu verwandeln. Funfzehn Jahre früher hatte +Turenne einen Theil dieses herrlichen Landes verwüstet. Aber Turenne’s +Verheerungen waren, obgleich sie einen tiefen Schatten auf seinen Ruhm +geworfen hatten, ein bloßes Kinderspiel im Vergleich mit den Greueln +dieser zweiten Verwüstung. Der französische Oberbefehlshaber kündigte +einer halben Million Menschen an, daß er ihnen eine dreitägige +Gnadenfrist bewillige und daß sie bis dahin auf ihre Sicherheit bedacht +sein müßten. Bald bedeckten sich die Landstraßen und Felder, welche +damals tief in Schnee vergraben lagen, mit zahllosen Massen von Männern, +Frauen und Kindern, die von ihrem heimathlichen Herde flohen. Viele +kamen vor Hunger und Kälte um; aber es blieben genug am Leben, um alle +Städte Europa’s mit abgezehrten, schmutzigen Bettlern zu füllen, die +einst wohlhabende Pächter und Handelsleute gewesen waren. Inzwischen +begann das Zerstörungswerk. Von jedem Marktplatze, jedem Weiler, jeder +Pfarrkirche und jedem Landsitze in den dem Untergange geweihten +Provinzen loderten die Flammen empor. Die Felder, auf denen Getreide +gesäet war, wurden umgepflügt. Die Obstbäume wurden umgehauen. Jede +Hoffnung auf eine Ernte wurde auf der fruchtbaren Ebene in der Nähe der +Stelle wo einst Frankenthal gestanden, von Grund aus zerstört. Kein +Weinstock, kein Mandelbaum war an den Abhängen der sonnigen Hügel mehr +zu sehen, welche das nicht mehr vorhandene Heidelberg umgaben. Kein +Palast, kein Tempel, kein Kloster, kein Krankenhaus, kein Kunstwerk, +kein Grabmal berühmter Verstorbener ward geschont. Das weit und breit +berühmte Schloß des Kurfürsten von der Pfalz wurde in einen Schutthaufen +verwandelt. Das anstoßende Hospital wurde geplündert. Die Vorräthe, die +Medicamente und die Betten, auf denen die Kranken lagen, wurden +vernichtet. In Mannheim wurden, selbst die Steine, aus denen die Stadt +erbaut war, in den Rhein geworfen. Der prächtige Dom von Speier ging zu +Grunde, mit ihm die marmornen Grabmäler von acht Cäsaren. Die Särge +wurden aufgebrochen und die Asche in alle Winde verstreut.<a class = +"tag" name = "tagXI_108" id = "tagXI_108" href = "#noteXI_108">108</a> +Trier mit seiner +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_86" id = "pageXI_86"> +XI.86</a></span> +herrlichen Brücke, seinem Amphitheater, seinen ehrwürdigen Kirchen, +Klöstern und Collegien war zu demselben Schicksale ausersehen. Bevor +aber dieses letzte Verbrechen verübt werden konnte, wurde Ludwig durch +die Verwünschungen alter Nachbarvölker, durch das Stillschweigen und die +Bestürzung seiner Schmeichler und durch die Vorstellungen seine Gemahlin +auf bessere Gedanken gebracht. Er war seit mehr als zwei Jahren mit +Franziska von Maintenon, der Gouvernante seiner natürlichen Kinder, +heimlich vermählt. Es wird schwerlich eine zweite Frau gegeben haben, +die bei einem so wenig romanhaften Character eine so romanhafte Laufbahn +aufzuweisen hatte. Sie hatte ihre Jugendjahre in Armuth; und Dunkel +hingebracht. Ihr erster Gatte hatte sich durch Verfassung burlesker +Possen und Gedichte ernährt. Als sie die Aufmerksamkeit ihres Souverains +auf sich zog, konnte sie sich nicht mehr der Jugend oder Schönheit +rühmen, aber sie besaß in ungewöhnlichem Grade jene dauernderen Reize, +welche gesetzte Männer, deren Leidenschaften das Alter gezähmt hat und +deren Leben ein Leben voll Mühen und Sorgen ist, an einer +Lebensgefährtin am höchsten schätzen. Ihr Character war einer von denen, +die man sehr richtig mit dem sanften Grün verglichen hat, auf welchem +das durch grelle, Farben und blendende Lichter ermüdete Auge mit +Wohlgefallen ruht. Ein treffendes Urtheil, ein unerschöpflicher, doch +nie überfluthender Strom verständiger, liebenswürdiger und geistvoller +Rede, ein Temperament, dessen heitere Ruhe nicht einen Augenblick +getrübt wurde, ein Takt, der den Takt ihres Geschlechts in eben dem Maße +übertraf, wie der Takt ihres Geschlechts den des unsrigen übertrifft: +dies waren die Eigenschaften, welche die Wittwe eines Possenreißers +zuerst zur vertrauten Freundin, dann zur Gattin des mächtigsten aller +Könige Europa’s machten. Man sagte damals Ludwig sei nur mit Mühe durch +Louvois’ dringende Vorstellungen und Bitten abgehalten worden, sie zur +Königin von Frankreich zu erklären. Es ist ausgemacht, daß sie Louvois +als ihren Feind betrachtete, und ihr Haß gegen ihn, mit dem sich +vielleicht auch bessere Gefühle verbanden, bestimmte sie, sich der +unglücklichen Rheinbewohner anzunehmen. Sie appellirte an das Mitgefühl, +das, obwohl durch manche verderbliche Einflüsse geschwächt, im Herzen +ihres Gemahls noch nicht völlig erloschen war, und an die religiösen +Gefühle, welche ihn nur zu oft zur Grausamkeit getrieben hatten, die +aber im gegenwärtigen Falle auf Seiten der Humanität waren. Er ließ sich +erweichen und Trier ward verschont.<a class = "tag" name = "tagXI_109" +id = "tagXI_109" href = "#noteXI_109">109</a> Er mußte in der That wohl +einsehen, daß er einen Fehler begangen hatte. Die Verwüstung der Pfalz +hatte, während sie die Macht seiner Feinde nicht erheblich vermindert, +ihre Erbitterung noch mehr angefacht und ihnen unerschöpflichen Stoff zu +Schmähungen geliefert. Von allen Seiten erscholl das Geschrei nach +Rache. Jedes Bedenken, das die eine oder die andre Linie des Hauses +Österreich gehegt haben mochte, sich mit Protestanten zu verbünden, war +völlig beseitigt. Ludwig beschuldigte den Kaiser und den katholischen +König, die Sache der Kirche verrathen, sich mit einem Usurpator, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_87" id = "pageXI_87"> +XI.87</a></span> +der der erklärte Vorkämpfer des großen Schisma’s war, verbündet und an +dem abscheulichen Unrecht Theil genommen zu haben, das einem legitimen +Souverain zugefügt worden, der sich keines andren Verbrechens als des +Eifers für den wahren Glauben schuldig gemacht habe. Jakob schrieb +herzbrechende Briefe nach Wien und Madrid, in denen er sein Unglück +schilderte und den Beistand seiner königlichen Brüder, die auch im +Glauben seine Brüder seien, gegen die unnatürlichen Kinder und die +rebellischen Unterthanen erflehte, die ihn in’s Exil getrieben hätten. +Es war jedoch nicht schwer, auf Ludwig’s Vorwürfe wie auf Jakob’s Bitten +eine plausible Antwort zu geben. Leopold und Karl erklärten, daß sie +sich, selbst zum Zwecke der gerechten Selbstvertheidigung, nicht eher +mit Ketzern verbündet hätten, als bis ihr Feind sich zum Zwecke eines +ungerechten Angriffs mit Mohamedanern verbündet habe. Und dies sei noch +nicht das Schlimmste. Nicht genug, daß der französische König den +Moslems gegen die Christen beistehe, behandle er selbst die Christen mit +einer Grausamkeit, welche sogar die Moslems empört haben würde. Man +müsse seinen ungläubigen Verbündeten die Gerechtigkeit widerfahren +lassen, daß sie an der Donau keine solchen Gewaltthätigkeiten gegen die +Gebäude und die Mitglieder der heiligen katholischen Kirche verübt +hätten, wie er, der sich den ältesten Sohn dieser Kirche nenne, sie am +Rhein verübe. Aus diesen Gründen antworteten die Fürsten, an welche +Jakob appellirt hatte, ihm damit, daß sie unter vielen Versicherungen +der Bereitwilligkeit und des Mitleids an ihn selbst appellirten. Er sei +gewiß zu gerecht, als daß er sie tadeln könnte, daß sie es für ihre +erste Pflicht hielten, ihr eignes Volk gegen solche Gewaltthätigkeiten +zu schützen, wie sie die Pfalz in eine Wüste verwandelt hätten, oder daß +sie den Beistand der Protestanten gegen einen Feind anriefen, der kein +Bedenken getragen habe, die Hülfe von Türken anzurufen.<a class = "tag" +name = "tagXI_110" id = "tagXI_110" href = "#noteXI_110">110</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_108" id = "noteXI_108" href = "#tagXI_108">108.</a> +Über die Geschichte der Verwüstung der Pfalz sehe man die Memoiren von +La Fare, Dangeau, Frau von Lafayette, Villars und Saint-Simon, sowie den +<span class = "antiqua">Monthly Mercury</span> vom März und April 1689. +Der Pamphlet und Flugblätter sind zu viele, als daß ich sie hier +aufzählen könnte. Ein Blatt, betitelt: <span class = "antiqua">„A true +Account of the barbarous Cruelties committed by the French in the +Palatinate in January and February last,“</span> ist vielleicht das +interessanteste.</p> + +<p><a name = "noteXI_109" id = "noteXI_109" href = "#tagXI_109">109.</a> +Memoiren Saint-Simon’s.</p> + +<p><a name = "noteXI_110" id = "noteXI_110" href = "#tagXI_110">110.</a> +Ich will einige Zeilen aus Leopold’s Brief an Jakob anführen: <span +class = "antiqua">„Nunc autem quo loco res nostrae sint, ut Serenitati +vestrae auxilium praestari possit a nobis, qui non Turcico tantum bello +impliciti, sed insuper etiam crudelissimo et iniquissimo a Gallis, rerum +suarum, ut putabant, in Anglia securis, contra datam fidem impediti +sumus, ipsimet Serenitati vestrae judicandum relinquimus... Galli non +tantum in nostrum et totius Christianae orbis perniciem foedifraga arma +cum juratis Sanctae Crucis hostibus sociare fas sibi ducunt; sed etiam +in imperio, perfidiam perfidia cumulando, urbes deditione occupatas +contra datam fidem immensis tributis exhaurire, exhaustas diripere, +direptas funditus exscindere aut flammis delere, Palatia Principum ab +omni antiquitate inter saevissima bellorum incendia intacta servata +exurere, templa spoliare, dedititios in servitutem more apud barbaros +usitato abducere, denique passim, imprimis vero etiam in Catholicorum +dictionibus, alia horrenda, et ipsam Turcorum tyrannidem superantia +immanitatis et saevitiae exempla edere pro ludo habent.“</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Kriegserklärung gegen Frankreich.</span> +<a name = "secXI_50" id = "secXI_50">Während</a> des Winters und der +ersten Hälfte des Frühjahrs zogen die Frankreich feindlich gesinnten +Mächte ihre Streitkräfte zu einer energischen Anstrengung zusammen und +standen in fortdauernder Communication mit einander. Als die zu +militärischen Operationen geeignete Zeit heranrückte, erschienen in +rascher Aufeinanderfolge die feierlichen Berufungen beleidigter Nationen +an den Gott der Schlachten. Das Manifest der Deutschen erschien im +Februar, das der Generalstaaten im März, das des Hauses Brandenburg im +April und das Spanien’s im Mai.<a class = "tag" name = "tagXI_111" id = +"tagXI_111" href = "#noteXI_111">111</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXI_88" id = "pageXI_88"> +XI.88</a></span> +<p>Bei uns beschloß, sobald die Krönungsfeier vorüber war, das Haus der +Gemeinen die Inbetrachtnahme der neuesten Schritte des Königs von +Frankreich.<a class = "tag" name = "tagXI_112" id = "tagXI_112" href = +"#noteXI_112">112</a> In der Debatte brach der Haß gegen den mächtigen, +rücksichtslosen und herrschsüchtigen Ludwig, der seit zwanzig Jahren der +Vasallenschaft in den Herzen der Engländer gohr, mit Heftigkeit hervor. +Er wurde der allerchristlichste Türke, der allerchristlichste Verwüster +der Christenheit, der allerchristlichste Barbar genannt, der gegen +Christen Gewaltthätigkeiten verübt habe, deren seine ungläubigen +Verbündeten sich geschämt haben würden.<a class = "tag" name = +"tagXI_113" id = "tagXI_113" href = "#noteXI_113">113</a> Ein +vornehmlich aus heftigen Whigs bestehender Ausschuß wurde mit der +Abfassung eines Adreßentwurfs beauftragt. Johann Hampden, der glühendste +Whig unter ihnen, erhielt den Vorsitz und arbeitete einen Entwurf aus, +der zu lang, zu rhetorisch und zu vorwurfsvoll war, als daß er sich für +den Mund des Sprechers wie für das Ohr des Königs hätte eignen können. +Schmähungen gegen Ludwig würden bei der damaligen Stimmung des Hauses +ungerügt hingegangen sein, wären sie nicht von harten Äußerungen über +den Character und der Verwaltung Karl’s II. begleitet gewesen, dessen +die Tories, trotz aller seiner Fehler, mit liebevoller Zuneigung +gedachten. Es fanden sich darin einige sehr deutliche Anspielungen auf +Karl’s Verkehr mit dem Hofe von Versailles und auf das fremde Weib, das +dieser Hof ihm gesendet habe, um wie eine Schlange an seinem Busen zu +liegen. Das Haus war mit gutem Grunde unzufrieden damit. Die Adresse +wurde dem Ausschusse zurückgegeben, und nachdem sie kürzer und weniger +wortreich und hämisch gefaßt worden, angenommen und überreicht.<a class += "tag" name = "tagXI_114" id = "tagXI_114" href = "#noteXI_114">114</a> +Wilhelm’s Aufmerksamkeit war auf die Nachtheile gelenkt, welche +Frankreich ihm und seinem Königreiche zugefügt, und ihm die Versicherung +gegeben, daß, sobald er zur Abstellung dieser Nachtheile die Waffen +ergriffe, er von seinem Volke kräftig unterstützt werden würde. Er +dankte den Gemeinen herzlich. Ehrgeiz, sagte er, werde ihn nie +bestimmen, das Schwert zu ziehen; allein er habe keine Wahl, denn +Frankreich habe bereits England angegriffen, und es sei nothwendig, das +Recht der Selbstvertheidigung auszuüben. Wenige Tage darauf wurde der +Krieg erklärt.<a class = "tag" name = "tagXI_115" id = "tagXI_115" href += "#noteXI_115">115</a></p> + +<p>Unter den Gründen zu diesem Schritte, welche die Gemeinen in ihrer +Adresse und der König in seinem Manifeste anführten, war der +gewichtigste die Einmischung Ludwig’s in die Angelegenheiten Irland’s. +In diesem Lande waren seit mehreren Monaten wichtige Ereignisse in +rascher Aufeinanderfolge eingetreten. Der Augenblick ist jetzt gekommen, +die Geschichte dieser Ereignisse mitzutheilen, eine Geschichte eben so +reich an Verbrechen und erschütternden Begebenheiten, wie an Interesse +und Belehrung.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXI_111" id = "noteXI_111" href = "#tagXI_111">111.</a> +Siehe die London Gazette vom 25. Febr., 11. März, 22. April, 2. Mai und +die <span class = "antiqua">Monthly Mercuries</span>. Einige von den +Erklärungen findet man in Dumont’s <span class = "antiqua">Corps +Universel Diplomatique</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_112" id = "noteXI_112" href = "#tagXI_112">112.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, April 15. 16. +1689</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_113" id = "noteXI_113" href = "#tagXI_113">113.</a> +Oldmixon.</p> + +<p><a name = "noteXI_114" id = "noteXI_114" href = "#tagXI_114">114.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, April 19. 24. 26. +1689</span>.</p> + +<p><a name = "noteXI_115" id = "noteXI_115" href = "#tagXI_115">115.</a> +Die Kriegserklärung ist vom 7. Mai datirt, erschien aber erst am 13. in +der London Gazette.</p> +</div> + + + + +<a name = "kap_XII" id = "kap_XII"> </a> +<div class = "chapterhead"> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_1" id = "pageXII_1"> +XII.1</a></span> + +<h4><b>Zwölftes Kapitel.</b></h4> + +<hr class = "tiny"> + +<h4><em>Wilhelm von Oranien</em>.</h4> + +</div> + +<a name = "pageXII_2" id = "pageXII_2"> </a> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_3" id = "pageXII_3"> +XII.3</a></span> + +<h4><a name = "inhalt_XII" id = "inhalt_XII"> +<b><span class = "extended">Inhalt</span>.</b></a></h4> + +<hr class = "micro"> + +<table class = "toc" summary = "inhaltsverzeichniss"> +<tr> +<td></td> +<td class = "seite">Seite</td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_1">Zustand Irland’s zur Zeit der +Revolution</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_5">5</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_2">Die Civilgewalt in den Händen der +Katholiken</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_5">5</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_3">Die Militärgewalt in den Händen der +Katholiken</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_7">7</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_4">Gegenseitige Feindschaft zwischen den +Engländern und Iren</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_7">7</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_5">Panischer Schrecken unter den +Engländern</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_8">8</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_6">Geschichte der Stadt Kenmare</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_9">9</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_7">Enniskillen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_12">12</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_8">Londonderry</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_13">13</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_9">Schließung der Thore von Londonderry</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_14">14</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_10">Mountjoy wird abgesandt, um Ulster zu +pacificiren</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_16">16</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_11">Wilhelm tritt in Unterhandlung mit +Tyrconnel</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_17">17</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_12">Die Temple werden zu Rathe gezogen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_19">19</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_13">Richard Hamilton wird auf Temple’s Wort +nach Irland gesandt</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_19">19</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_14">Tyrconnel schickt Mountjoy und Rice nach +Frankreich</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_20">20</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_15">Tyrconnel ruft das irische Volk zu den +Waffen</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_21">21</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_16">Verwüstung des Landes</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_22">22</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_17">Die Protestanten im Süden unfähig +Widerstand zu leisten</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_26">26</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_18">Enniskillen und Londonderry halten +sich</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_27">27</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_19">Richard Hamilton marschirt mit einer Armee +nach Ulster</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_27">27</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_20">Jakob entschließt sich nach Irland zu +gehen</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_28">28</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_21">Unterstützung, welche Jakob von Ludwig +gewährt wird</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_29">29</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_22">Wahl eines französischen Gesandten zum +Begleiter Jakob’s</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_30">30</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_23">Der Graf von Avaux</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_31">31</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_24">Jakob landet in Kinsale</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_32">32</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_25">Jakob’s Einzug in Cork</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_33">33</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_26">Reise Jakob’s von Cork nach Dublin</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_34">34</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_27">Unzufriedenheit in England</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_36">36</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_28">Parteispaltungen im Dubliner +Schlosse</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_36">36</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_29">Jakob beschließt nach Ulster zu +gehen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_40">40</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_30">Jakob’s Reise nach Ulster</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_41">41</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_31">Der Fall Londonderry’s erwartet</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_43">43</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_32">Es kommt Succurs aus England</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_44">44</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_33">Verrätherei Lundy’s</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_45">45</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_34">Die Bewohner von Londonderry beschließen +sich zu vertheidigen</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_45">45</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_35">Ihr Character</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_46">46</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_36">Londonderry belagert</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_50">50</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_37">Die Belagerung in eine Blokade +verwandelt</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_52">52</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_38">Seegefecht in der Bantry-Bai</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_52">52</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_39">Ein von Jakob einberufenes Parlament tagt +in Dublin</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_53">53</a></td> +</tr> +<tr> +<td><span class = "pagenum"><a name = "pageXII_4" id = "pageXII_4"> +XII.4</a></span> +<a href = "#secXII_40">Es wird eine Toleranzacte erlassen</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_57">57</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_41">Acte zur Confiscation des Eigenthums der +Protestanten</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_57">57</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_42">Prägung schlechten Geldes</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_61">61</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_43">Die große Verurtheilungsacte</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_62">62</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_44">Jakob prorogirt sein Parlament</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_65">65</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_45">Verfolgung der Protestanten in +Irland</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_65">65</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_46">Wirkung der aus Irland kommenden +Nachrichten in England</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_67">67</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_47">Thaten der Enniskillener</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_69">69</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_48">Noth in Londonderry</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_70">70</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_49">Ankunft des Expeditionscorps unter Kirke +im Foylesee</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_70">70</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_50">Grausamkeit Rosen’s</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_71">71</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_51">Die Hungersnoth in Londonderry steigt aufs +Höchste</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_73">73</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_52">Angriff auf den Sperrbaum</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_74">74</a></td> +</tr> +<tr> +<td><p><a href = "#secXII_53">Die Belagerung von Londonderry +aufgehoben</a></p></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_76">76</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_54">Operationen gegen die Enniskillener</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_79">79</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_55">Schlacht bei Newton-Butler</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_80">80</a></td> +</tr> +<tr> +<td><a href = "#secXII_56">Bestürzung der Irländer</a></td> +<td class = "number"><a href = "#pageXII_81">81</a></td> +</tr> +</table> + + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_5" id = "pageXII_5"> +XII.5</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Zustand Irland’s zur Zeit der Revolution.</span> +<a name = "secXII_1" id = "secXII_1">Wilhelm</a> hatte zu gleicher Zeit +mit dem Titel eines Königs von England auch den eines Königs von Irland +angenommen. Denn alle unsere Juristen betrachteten damals Irland als +eine bloße Colonie, zwar wichtiger als Massachusetts, Virginien oder +Jamaika, aber, wie diese, abhängig vom Mutterlande und verpflichtet, den +Souverain anzuerkennen, den das Mutterland auf den Thron berufen +hatte.<a class = "tag" name = "tagXII_1" id = "tagXII_1" href = +"#noteXII_1">1</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_1" id = "noteXII_1" href = "#tagXII_1">1.</a> +Die allgemeine Ansicht der Engländer über diesen Gegenstand spricht sich +deutlich in einer kleinen Schrift aus, betitelt: <span class = +"antiqua">„Aphorisms relating to the Kingdom of Ireland“</span>, welche +während der Erledigung des Thrones erschien.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Civilgewalt in den Händen der Katholiken.</span> +<a name = "secXII_2" id = "secXII_2">Thatsächlich</a> aber hatte die +Revolution Irland von der Oberherrschaft der englischen Colonie +emancipirt gefunden. Schon im Jahre 1686 hatte Jakob beschlossen, diese +Insel zu einem Waffenplatze, der Großbritannien Respect einflößen +könnte, und zu einem Asyle zu machen, wo die Mitglieder seiner Kirche +eine Zuflucht finden könnten, wenn in Großbritannien sich ein Unglück +ereignete. Zu dem Ende hatte er Alles aufgeboten, um das Verhältniß +zwischen den Eroberern und der eingebornen Bevölkerung umzukehren. Die +Ausführung seines Planes hatte er, trotz der Gegenvorstellungen seiner +englischen Rathgeber, dem Vicekönig Tyrconnel übertragen. Im Herbst des +Jahres 1688 war der Prozeß vollendet. Die höchsten Ämter bei der +Staatsverwaltung, der Armee und den Gerichtshöfen waren fast ohne +Ausnahme mit Papisten besetzt. Ein Rabulist, Namens Alexander Fitton, +der einer Fälschung überführt, wegen schlechter Aufführung vom Hause der +Lords zu Westminster mit einer Geldstrafe belegt worden war und viele +Jahre im Gefängniß zugebracht hatte, dem es eben so sehr an juristischen +Kenntnissen fehlte wie an gesundem Verstande und Scharfsinn, welche den +Mangel an juristischen Kenntnissen zuweilen ersetzt haben, war +Lordkanzler. Sein einziges Verdienst bestand darin, daß er vom +protestantischen Glauben abgefallen war, und dieses Verdienst wurde für +hinreichend erachtet, um selbst den Flecken seiner sächsischen +Abstammung zu verwischen. Er zeigte sich bald des Vertrauens seiner +Gönner würdig. Er erklärte auf der Richterbank, daß es unter +vierzigtausend Ketzern nicht einen gebe, der nicht ein Schurke sei. +Oftmals, nachdem er einen Rechtsfall angehört, bei dem die Interessen +seiner Kirche im Spiele waren, verschob er seinen Ausspruch, um, wie er +selbst eingestand, seinen Seelsorger, einen spanischen Priester, der +wahrscheinlich im Escobar wohl belesen war, zu Rathe zu ziehen.<a class += "tag" name = "tagXII_2" id = "tagXII_2" href = "#noteXII_2">2</a> +Thomas Nugent, ein Katholik, der sich im Gerichtssaale durch nichts als +durch seinen irischen Accent und durch seine +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_6" id = "pageXII_6"> +XII.6</a></span> +Schnitzer ausgezeichnet hatte, war Oberrichter der King’s Bench.<a class += "tag" name = "tagXII_3" id = "tagXII_3" href = "#noteXII_3">3</a> +Stephan Rice, ein Katholik, dessen Talente und Gelehrsamkeit selbst von +den Feinden seiner Nation und Religion nicht bestritten wurden, dessen +wohlbekannte Hostilität gegen die Ansiedlungsacte aber im Herzen aller +Derjenigen, welche kraft dieser Acte Grundeigenthum besaßen, die +ernstesten Besorgnisse erweckte, war erster Baron der Schatzkammer.<a +class = "tag" name = "tagXII_4" id = "tagXII_4" href = +"#noteXII_4">4</a> Richard Nagle, ein scharfsinniger und wohlbelesener +Jurist, der in einem Jesuitencollegium erzogen war und der die +Vorurtheile besaß, die man von seiner Erziehung erwarten konnte, war +Generalfiskal.<a class = "tag" name = "tagXII_5" id = "tagXII_5" href = +"#noteXII_5">5</a></p> + +<p>Keating, ein höchst ehrenwerther Protestant war noch Oberrichter der +Common Pleas; aber zwei römisch-katholische Richter standen ihm zur +Seite. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß der eine von diesen +Richtern, Daly, ein verständiger, gemäßigter und rechtschaffner Mann +war. Aber die Klagsachen, welche vor die Schranken der Common Pleas +kamen, waren nicht von großem Belang. Selbst die King’s Bench war damals +fast verödet. Dagegen war das Schatzkammergericht mit Geschäften +überhäuft, denn es war der einzige Gerichtshof in Dublin, von dem nicht +nach England appellirt werden konnte, und folglich der einzige +Gerichtshof, an welchem die Engländer ohne Hoffnung auf Abhülfe +unterdrückt und ausgeplündert werden konnten. Rice sollte <ins class = +"correction" title = "Original hat »erkärt«">erklärt</ins> haben, daß +sie von ihm genau das haben sollten, was das Gesetz nach strictester +Auslegung ihnen gewähre, aber auch nicht mehr. Was aber seiner Ansicht +nach das Gesetz nach strictester Auslegung ihnen gewährte, das konnten +sie leicht aus einer Äußerung schließen, die er, bevor er Richter wurde, +häufig im Munde führte. „Ich werde,“ pflegte er zu sagen, „mit Sechsen +durch die Ansiedlungsacte fahren.“ Jetzt brachte er seine Drohung +tagtäglich zur Ausführung. Alle Protestanten klagten, daß es +gleichgültig sei, was für Beweise sie ihm vorlegten, daß die +schamlosesten Lügen, die ehrlosesten Zeugenaussagen seines Schutzes +gewiß sein könnten, wenn er sonst ihren Ansprüchen nicht gerecht werden +wolle. Zu seinem Gerichtshofe drängten sich seine Landsleute in Masse +mit Gesuchen um Vertreibung und Eigenthumsverletzung. Vor seinem +Gerichtshofe griff die Regierung mit einem Male die Freibriefe alter +irischen Städte und Landgemeinden an, und er fand ohne Mühe Vorwände, um +alle diese Freibriefe für verwirkt zu erklären. Die +Municipalcorporationen, etwa hundert an Zahl, waren als Bollwerke des +reformirten Glaubens und des englischen Interesses eingeführt worden, +und sie wurden daher von den irischen Katholiken mit einem Widerwillen +betrachtet, den man nicht für unnatürlich oder unvernünftig halten kann. +Wären diese Corporationen auf eine verständige und unparteiische Weise +umgestaltet worden, so hätte die Unregelmäßigkeit des Verfahrens, durch +welches ein so wünschenwerthes Resultat erzielt worden war, verziehen +werden können. Aber es zeigte sich bald, daß ein exclusives System nur +beseitigt worden war, um einem andren Platz zu +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_7" id = "pageXII_7"> +XII.7</a></span> +machen. Die Burgflecken wurden der unumschränkten Autorität der Krone +unterstellt. Städte, in denen fast jeder Hausvater ein englischer +Protestant war, erhielten katholische Obrigkeiten. Viele von den neuen +Aldermen hatten die Städte, zu deren Behörden sie ernannt werden, noch +nie gesehen. Zu gleicher Zeit wurden die Sheriffs, denen die Vollziehung +der richterlichen Befehle und die Ernennung der Juries zukam, fast immer +aus der Kaste gewählt, welche bis vor ganz Kurzem von jedem öffentlichen +Amte ausgeschlossen gewesen war. Man versicherte, daß einige von diesen +wichtigen Beamten wegen Diebstahls in der Hand gebrandmarkt gewesen +seien. Andere hatten im Dienste von Protestanten gestanden, und die +Protestanten setzten mit bitterer Geringschätzung hinzu, daß die +Grafschaft, der solche Beamte zu Theil würden, von Glück sagen könne, +denn ein Diener, der das Geschirr eines englischen Gentleman gereinigt +und sein Pferd geputzt habe, könne im Vergleich zu Vielen von der +eingebornen Aristokratie, die ihr Leben mit Aufliegen und Marodiren +hingebracht, für ein civilisirtes Geschöpf gelten. Solchen Sheriffs +würde kein Colonist, selbst wenn er das unerhörte Glück gehabt hätte, +einen ihm günstigen Ausspruch zu erlangen, eine Execution anzuvertrauen +gewagt haben.<a class = "tag" name = "tagXII_6" id = "tagXII_6" href = +"#noteXII_6">6</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_2" id = "noteXII_2" href = "#tagXII_2">2.</a> +<span class = "antiqua">King’s State of the Protestants of Ireland, II. +6</span>, und <span class = "antiqua">III. 3</span>.</p> + +<p><a name = "noteXII_3" id = "noteXII_3" href = "#tagXII_3">3.</a> +<span class = "antiqua">King III. 3</span>. Clarendon nennt Nugent in +einem Briefe an Rochester (vom 1. Juni 1686) „einen höchst lästigen, +impertinenten Menschen.“</p> + +<p><a name = "noteXII_4" id = "noteXII_4" href = "#tagXII_4">4.</a> +<span class = "antiqua">King, III. 3</span>.</p> + +<p><a name = "noteXII_5" id = "noteXII_5" href = "#tagXII_5">5.</a> +<span class = "antiqua">King, II. 6</span>, und <span class = +"antiqua">III. 3</span>. Clarendon spricht in einem Briefe an Ormond +(vom 28. Sept. 1686) mit rühmender Anerkennung von Nagle’s Kenntnissen +und Fähigkeiten; in seinem Tagebuche aber (31. Jan. 1686/87) nennt +er ihn „einen habsüchtigen, ehrgeizigen Mann.“</p> + +<p><a name = "noteXII_6" id = "noteXII_6" href = "#tagXII_6">6.</a> +<span class = "antiqua">King II. 5. 1.</span>; <span class = +"antiqua">III. 3. 5</span>. <span class = "antiqua">A Short View of the +Methods made use of in Ireland for the Subversion and Destruction of the +Protestant Religion and Interests, by a Clergyman lately escaped from +thence, licensed Oct. 17, 1689</span>.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Militärgewalt in den Händen der Katholiken.</span> +<a name = "secXII_3" id = "secXII_3">So</a> war die Civilgewalt in Zeit +von wenigen Monaten von der sächsischen auf die celtische Bevölkerung +übertragen worden. Die Übertragung der Militärgewalt war nicht minder +vollständig gewesen. Die Armee, welche unter Ormond’s Befehlen das +Hauptbollwerk des englischen Übergewichts gewesen war, existirte nicht +mehr. Ganze Regimenter waren aufgelöst und neu organisirt worden. +Sechstausend ihres Brodes beraubte protestantische Veteranen brüteten in +ihrer Zurückgezogenheit über das ihnen zugefügte Unrecht, oder waren +über den Kanal gegangen und hatten sich dem Banner Wilhelm’s +angeschlossen. Ihre Stellen wurden durch Männer besetzt, welche, nachdem +sie lange unterdrückt worden, sich plötzlich aus Sklaven in Herren +verwandelt sahen und es nun nicht erwarten konnten, die schwere Schuld +der Unbilden und Kränkungen mit Wucherzinsen zurückzuzahlen. Man sagte, +die neuen Soldaten seien nie an einem Engländer vorübergegangen, ohne +ihn zu verwünschen und ihm ein Schimpfwort anzuhängen. Sie waren der +Schrecken jedes protestantischen Gastwirths, denn von dem Augenblicke an +wo sie unter sein Dach kamen, aßen und tranken sie Alles weg, ohne zu +bezahlen, und verscheuchten durch ihr rohes Bramarbasiren anständigere +Gäste von seiner Thür.<a class = "tag" name = "tagXII_7" id = "tagXII_7" +href = "#noteXII_7">7</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_7" id = "noteXII_7" href = "#tagXII_7">7.</a> +<span class = "antiqua">King, III. 2</span>. Ich kann nicht finden, daß +Karl Leslie, ein eifriger Vertheidiger der andren Partei, in seiner +Antwort an King, einer dieser Thatsachen widersprochen hätte. Er +verwirft sogar selbst Tyrconnel’s Verwaltung. „Ich wünsche einem +Einwurfe zu begegnen, der sicherlich erhoben werden wird, daß ich +nämlich Alles was Lord Tyrconnel und andere Minister Jakob’s, besonders +vor dieser Revolution, gethan haben und was mehr als irgend etwas Andres +dieselbe hervorgerufen hat, völlig rechtfertigen wolle. Nein, davon bin +ich weit entfernt. Ich bin überzeugt, daß ihr Verfahren in vielen +Punkten den Feinden König Jakob’s gegründetere Ursache zu klagen gab als +alle anderen seiner Regierung zur Last gelegten Verwaltungsfehler.“ +<span class = "antiqua">Leslie’s Answer to King, 1692</span>.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Gegenseitige Feindschaft zwischen den Engländern und Iren.</span> +<a name = "secXII_4" id = "secXII_4">So</a> war der Zustand Irland’s, +als der Prinz von Oranien bei +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_8" id = "pageXII_8"> +XII.8</a></span> +Torbay landete. Von diesem Augenblicke an, brachte jedes in Dublin +anlangende Packetboot Nachrichten mit, welche die gegenseitige Furcht +und Abneigung der feindlichen Stämme nur vermehren konnten. Sowohl der +Colonist, der, nachdem er lange die Macht besessen und gemißbraucht, +jetzt für einen Augenblick die Bitterkeit der Knechtschaft gekostet +hatte, als auch der Eingeborne, der, nachdem er den bitteren Kelch der +Knechtschaft bis zur Hefe geleert, endlich auf einen Augenblick die +Macht besessen und gemißbraucht hatte, erkannten Beide, daß eine +wichtige Krisis, eine Krisis wie die von 1641, bevorstehe. Die Mehrheit +erwartete mit Ungeduld, in Tyrconnel einen Phelim O’Neil wieder erstehen +zu sehen; die Minderheit erblickte in Wilhelm einen zweiten Oliver.</p> + +<p>Auf welcher Seite der erste Schlag erfolgte, dies war eine Frage, +über welche Wilhelmiten und Jakobiten nachher mit viel Schärfe +debattirten. Doch keine Frage konnte gleichgültiger sein. Die Geschichte +muß beiden Parteien die Gerechtigkeit widerfahren lassen, die keine von +beiden der andren jemals zugestanden, und muß zugeben, daß beide +triftige Beschwerden und heftige Provocationen zu ihrer Rechtfertigung +anführen konnten. Beide waren durch ein Geschick, für welches keine von +beiden verantwortlich war, in eine Lage versetzt worden, daß sie +einander, da die menschliche Natur nun einmal so und nicht anders +geschaffen ist, nothwendig als Feinde betrachten mußten. Drei Jahre lang +hatte die Regierung, die sie hätte versöhnen können, systematisch Alles +aufgeboten, ihre Feindschaft zu einer rasenden Wuth zu entflammen. Es +war jetzt unmöglich, in Irland eine gerechte und wohlthätige Regierung +herzustellen, eine Regierung, die keinen Racen- oder Sectenunterschied +kannte, eine Regierung, welche die den neuen Grundeigenthümern durch das +Gesetz gewährleisteten Rechte streng respectirte, zu gleicher Zeit aber +durch eine vernünftige Liberalität das Mißgeschick der vorigen Gentry +linderte. Eine solche Regierung hätte Jakob zur Zeit seiner Macht +einsetzen können. Aber die günstige Gelegenheit war vorbei, ein +gütlicher Vergleich war nicht mehr möglich, die beiden erbitterten +Kasten waren gleichermaßen von der Nothwendigkeit überzeugt, daß sie +entweder unterdrücken, oder unterdrückt werden müßten, und daß nur in +Sieg, Rache und Herrschaft ihr Heil zu finden sei. Nur darin stimmten +sie überein, daß sie jeden Vermittler, der es versuchen wollte, sie mit +einander zu versöhnen, zurückwiesen.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Panischer Schrecken unter den Engländern.</span> +<a name = "secXII_5" id = "secXII_5">Seit</a> einigen Wochen waren +Excesse, Insulten, schlimme Gerüchte und panische Schrecken, die +natürlichen Vorläufer des herannahenden furchtbaren Zusammenstoßes, an +der Tagesordnung. Durch die ganze Insel verbreitete sich das Gerücht, +daß am 9. December eine allgemeine Niedermetzelung der Engländer +stattfinden solle. Tyrconnel ließ die vornehmsten Protestanten Dublin’s +in’s Schloß kommen und rief in seiner gewohnten kräftigen Redeweise die +ganze Rache des Himmels auf sich herab, wenn jenes Gerücht nicht eine +verfluchte, niederträchtige Lüge wäre. Aus Wuth darüber, daß seine +Flüche nicht die erwartete Wirkung hervorriefen, soll er seinen Hut und +seine Perrücke vom Kopfe gerissen und ins Feuer geworfen haben.<a class += "tag" name = "tagXII_8" id = "tagXII_8" href = "#noteXII_8">8</a> +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_9" id = "pageXII_9"> +XII.9</a></span> +Aber man kannte den lügenhaften Dick Talbot so genau, daß seine +Verwünschungen und Gestikulationen die Besorgniß, die sie vermindern +wollten, nur noch vermehrten. Seit Clarendon’s Zurückberufung hatte +fortwährend eine starke Auswanderung ängstlicher und friedliebender +Leute aus den irischen Häfen nach England stattgefunden. Diese +Auswanderung nahm jetzt zu. Es war nicht leicht, auf einem gutgebauten +und bequemen Schiffe einen Platz zu erlangen. Aber viele Leute, deren +Muth das Übermaß der Furcht bis zur Kühnheit steigerte, wollten sich +lieber Wind und Wellen als den erbitterten Iren anvertrauen und setzten +sich daher allen Gefahren einer Seereise über den St. Georgskanal und +die Küste von Wales entlang in offenen Fahrzeugen und mitten im Winter +aus. Die zurückbleibenden Engländer begannen sich in fast jeder +Grafschaft eng aneinander anzuschließen. Jedes große Landhaus wurde eine +Festung. Jeder, der nach Einbruch der Dunkelheit Einlaß begehrte, wurde +durch ein Schießloch oder durch ein verrammeltes Fenster angerufen und +wenn er ohne Parole und Erklärungen einzudringen versuchte, ward ihm +eine Blunderbüchse vorgehalten. In der gefürchteten Nacht des 9. +Decembers gab es von der Riesen-Chaussee bis zur Bantry-Bay kaum ein +protestantisches Landhaus, in welchem vom frühen Untergang bis zum +späten Aufgang der Sonne nicht bewaffnete Männer gewacht und Lichter +gebrannt hätten.<a class = "tag" name = "tagXII_9" id = "tagXII_9" href += "#noteXII_9">9</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_8" id = "noteXII_8" href = "#tagXII_8">8.</a> +<span class = "antiqua">A True and Impartial Account of the most +material Passages in Ireland since December 1688, by a Gentleman who was +an Eyewitness; licensed July 22, 1689.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_9" id = "noteXII_9" href = "#tagXII_9">9.</a> +<span class = "antiqua">A True and Impartial Account etc. 1689</span>; +<span class = "antiqua">Leslie’s Answer to King, 1692.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Geschichte der Stadt Kenmare.</span> +<a name = "secXII_6" id = "secXII_6">Über</a> die damaligen Vorgänge in +einem Districte ist ein ausführlicher Bericht auf uns gekommen, nach dem +man sich ein Bild von dem allgemeinen Zustande des Königreichs machen +kann. Der südwestliche Theil von Kerry ist jetzt als die schönste Gegend +der britischen Inseln bekannt. Die Berge, die Schluchten, die sich weit +ins Meer hinaus erstreckenden Vorgebirge, die Felsen, auf denen Adler +horsten, die Bäche, welche von den Gebirgspässen herniederrauschen, die +Seen, von dichten Wäldern umsäumt, in denen das Hochwild Schutz findet, +ziehen jeden Sommer Schaaren von Touristen herbei, welche des Treibens +und der Vergnügungen der großen Städte überdrüssig sind. Die Schönheiten +dieses Landes werden zwar nur zu häufig durch Nebel und Regen +verschleiert, welche der Westwind von dem unermeßlichen Ocean +herbeiführt. An den seltenen Tagen aber wo die Sonne in ihrem vollen +Glanze strahlt, zeigt die Landschaft eine Frische und eine Wärme des +Colorits, die man in unseren Breitengraden selten findet. Die Myrthe +liebt den Boden, der Erdbeerbaum gedeiht hier besser als selbst an den +sonnigen Gestaden Calabrien’s.<a class = "tag" name = "tagXII_10" id = +"tagXII_10" href = "#noteXII_10">10</a> Die Wiesen haben eine saftigere +Färbung als anderwärts, die Hügel erglühen in prächtigerem Purpur, die +Blätter der Stechpalme und des Epheus zeigen einen höheren Glanz, und +Beeren von feurigerem Roth schimmern durch Laub von schönerem Grün. Aber +während der größeren Hälfte des 17. Jahrhunderts war dieses Paradies der +civilisirten Welt noch so wenig bekannt wie Spitzbergen oder Grönland. +Wenn es ja einmal erwähnt wurde, sprach man davon als von einer +traurigen Wüste, einem Chaos von Sümpfen, Dickichten und Abgründen, wo +die Wölfe noch hausten und wo einige halbnackte Wilde, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_10" id = "pageXII_10"> +XII.10</a></span> +die kein Wort Englisch sprachen, sich unterirdische Baue in den Schlamm +gruben und von Wurzeln und saurer Milch lebten.<a class = "tag" name = +"tagXII_11" id = "tagXII_11" href = "#noteXII_11">11</a></p> + +<p>Im Jahre 1670 endlich beschloß der menschenfreundliche und +erleuchtete Sir Wilhelm Petty, in diesem wüsten Districte eine +Niederlassung zu gründen. Er besaß dort eine große Herrschaft, die auf +eine ihres Ahnherrn würdige Nachkommenschaft fortgeerbt ist. Man sagte +damals, daß er auf die Verbesserung dieses Gutes nicht weniger als +zehntausend Pfund Sterling verwendet habe. Die kleine Stadt, welche er +gründete und die nach der Bucht von Kenmare benannt wurde, lag an der +Spitze dieser Bucht am Fuße eines Bergrückens, auf dessen Gipfel der +Reisende jetzt verweilt, um den lieblichsten der drei Seen von Killarney +zu betrachten. Ein von einer Gesellschaft unternehmender Neuengländer, +weit entfernt von den Wohnungen ihrer Landsleute in den Jagdgründen der +rothen Indianer erbautes Dorf konnte kaum vollständiger außer dem +Bereiche der Civilisation liegen als Kenmare. Von Petty’s Ansiedelung +bis nach dem nächsten englischen Wohnplatze hatte man zu Lande zwei Tage +durch eine wilde und gefahrvolle Gegend zu reisen. Doch der Ort gedieh. +Es wurden zweiundvierzig Häuser gebaut und die <ins class = "correction" +title = "Original hat »Bevölkrung«">Bevölkerung</ins> belief sich auf +hundertachtzig Seelen. Das Land um die Stadt herum war gut angebaut, der +Viehstand war zahlreich und zwei kleine Bote vermittelten den Fischfang +und Handel längs der Küste. Der Ertrag an Heringen, Pilchards, Makrelen +und Lachsen war bedeutend und würde noch bedeutender gewesen sein, wäre +nicht der Strand in der schönsten Jahreszeit mit Massen von Robben +bedeckt gewesen, welche den Fischen der Bucht nachstellten. Die Robbe +war jedoch kein unwillkommener Gast, denn ihre Haut war werthvoll und +ihr Thran lieferte das Beleuchtungsmaterial für die langen Winterabende. +Mit dem glücklichsten Erfolge wurde der Versuch gemacht, Eisenhütten +anzulegen. Man bediente sich damals noch nicht der Steinkohlen zum +Schmelzen und es wurde den Fabrikbesitzern von Kent und Sussex sehr +schwer, sich Brennholz zu mäßigem Preise zu verschaffen. Die Umgebung +von Kenmare war damals reich bewaldet, und Petty erkannte es als eine +gewinnbringende Spekulation, Erz dahin zu transportiren. Die Freunde von +Naturschönheiten bedauern noch heute den Verlust der Wälder von Eichen +und Erdbeerbäumen, welche geschlagen wurden, um seine Hohöfen zu +speisen. Außerdem war noch ein andrer Plan in seinem thätigen und +intelligenten Kopfe entstanden. Einige von den benachbarten Inseln waren +reich an buntem Marmor, roth und weißem und roth und +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_11" id = "pageXII_11"> +XII.11</a></span> +grünem. Petty wußte wohl, mit welchen großen Kosten die alten Römer ihre +Bäder und Tempel mit buntfarbigen Säulen schmückten, welche in den +Marmorbrüchen Lakonien’s und Afrika’s gebrochen wurden, und er scheint +die Hoffnung genährt zu haben, daß die Felsen seiner wilden Herrschaft +in Kerry vielleicht Verzierungen für die Paläste von St. James-Square +und für das Chor der St Paulskirche liefern könnten.<a class = "tag" +name = "tagXII_12" id = "tagXII_12" href = "#noteXII_12">12</a></p> + +<p>Die Ansiedler hatten von Anfang an erkannt, daß sie darauf +vorbereitet sein müßten, das Recht der Selbstvertheidigung in einer +Ausdehnung zu üben, die in einem wohleingerichteten Staate unnöthig und +unverantwortlich gewesen sein würde. In den Hochlanden südlich vom Thale +von Tralee war das Gesetz völlig machtlos. Kein Justizbeamter wagte sich +gern in diese Gegenden. Ein Staatsbote, der im Jahre 1680 dort einen +gerichtlichen Befehl zu vollziehen versuchte, wurde ermordet. Es scheint +jedoch, daß bis zu Ende des Jahres 1688 die Bewohner von Kenmare durch +ihre Einigkeit, ihre Intelligenz und ihren Muth hinreichend geschützt +waren. Um diese Zeit aber begannen sich die Wirkungen der Politik +Tyrconnel’s selbst in diesem entlegenen Winkel Irland’s fühlbar zu +machen. In den Augen des Landvolks von Munster waren die Colonisten +Fremdlinge und Ketzer. Die Gebäude, die Böte, die Maschinen, die +Kornspeicher, die Meiereien und Hohöfen wurden von der eingebornen +Bevölkerung ohne Zweifel mit dem Gemisch von Neid und Geringschätzung +betrachtet, mit dem der Unwissende ganz natürlich auf die Triumphe der +Wissenschaft herabsieht. Auch ist es gar nicht unwahrscheinlich, daß die +Einwanderer sich der Fehler schuldig gemacht hatten, von denen +civilisirte Menschen, die sich unter einem uncivilisirtem Volke +niederlassen, selten frei bleiben. Es läßt sich wohl annehmen, daß die +aus höherer Intelligenz entspringende Macht bald rücksichtslos zur Schau +getragen, bald ungerecht ausgeübt wurde. Als sich daher jetzt von Altar +zu Altar und von Hütte zu Hütte die Nachricht verbreitete, daß die +Fremden vertrieben und ihre Häuser und Grundstücke den Söhnen des Landes +als Beute preisgegeben werden sollten, begann ein förmlicher Raubkrieg. +Schaaren von Plünderern zu dreißig, vierzig, ja siebzig Köpfen, theils +mit Schießgewehren, theils mit Piken bewaffnet, durchstreiften die +Umgegend der Stadt. Die Scheunen wurden geplündert, und Pferde wurden +gestohlen. Bei einem einzigen Raubzuge wurden hundertvierzig Stück Vieh +weggenommen und durch die Schluchten von Glengariff fortgeführt. In +einer Nacht wurden sechs Wohnungen erbrochen und ausgeplündert. Endlich +beschlossen die auf’s Äußerste getriebenen Colonisten, lieber wie Männer +zu sterben, als sich in ihren Betten ermorden zu lassen. Das Haus, +welches Petty für seinen Agenten erbaut hatte, war das größte im Orte. +Es stand auf einer felsigen Landzunge, an deren Ufern die Wogen der +Bucht sich brachen. Hier versammelte sich die ganze Einwohnerschaft, +bestehend aus fünfundsiebzig streitbaren Männern mit etwa hundert Frauen +und Kindern. Sie besaßen sechzig Feuergewehre und eine gleiche Anzahl +Piken und Schwerter. In aller Eile wurde rings um das Haus des Agenten +ein funfzehn Fuß hoher und zwölf Fuß dicker Erdwall aufgeworfen. Die so +eingefriedigte Bodenfläche war etwa einen halben Acker groß. Innerhalb +dieses Walles wurden sämmtliche Waffen, Munitions- und +Lebensmittelvorräthe +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_12" id = "pageXII_12"> +XII.12</a></span> +zusammengebracht und mehrere schwache Breterhütten errichtet. Als diese +Vorbereitungen getroffen waren, begannen die Männer von Kenmare kräftige +Repressalien gegen ihre irischen Nachbarn zu üben; sie ergriffen Räuber, +nahmen gestohlenes Eigenthum wieder und verfuhren einige Wochen lang in +allen Stücken wie eine unabhängige Gemeinschaft. Die obrigkeitlichen +Functionen wurden durch erwählte Beamte verrichtet, denen jedes Mitglied +der Commun auf das Evangelium Treue gelobte.<a class = "tag" name = +"tagXII_13" id = "tagXII_13" href = "#noteXII_13">13</a></p> + +<p>Während die Bewohner des Städtchens Kenmare sich dergestalt regten, +wurden von größeren Gemeinschaften ähnliche Vertheidigungsmaßregeln in +größerem Maßstabe getroffen. Eine beträchtliche Anzahl Gentlemen und +Freisassen verließ das platte Land und zog sich in die Städte, welche zu +dem Zwecke gegründet und incorporirt worden waren, um die eingeborne +Bevölkerung im Zaume zu halten, und die, obwohl unlängst unter das +Regiment katholischer Behörden gestellt, doch noch hauptsächlich von +Protestanten bewohnt waren. Eine ansehnliche Schaar bewaffneter +Colonisten sammelte sich in Sligo, eine andre in Charleville, eine +dritte in Mallow, eine vierte noch stärkere in Bandon.<a class = "tag" +name = "tagXII_14" id = "tagXII_14" href = "#noteXII_14">14</a> Die +wichtigsten Bollwerke der englischen Bevölkerung in dieser schlimmen +Zeit waren jedoch Enniskillen und Londonderry.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_10" id = "noteXII_10" href = "#tagXII_10">10.</a> +In der Gegend von Killarney hat es Erdbeerbäume von dreißig Fuß Höhe und +fünfthalb Fuß Umfang gegeben. Siehe die <span class = +"antiqua">Philosophical Transactions, 227.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_11" id = "noteXII_11" href = "#tagXII_11">11.</a> +In einer sehr ausführlichen Beschreibung der britischen Inseln, welche +1690 in Nürnberg erschien, ist Kerry als „an vielen Orten unwegsam und +voller Wälder und Gebirge“ geschildert. Wölfe hausten noch in Irland. +„Kein schädlich Thier ist da außerhalb Wölff und Füchse.“ Noch im Jahre +1710 wurde auf Antrag der großen Jury von Kerry eine Abgabe zum Behufe +der Ausrottung der Wölfe in dieser Grafschaft erhoben. Siehe Smith’s +<span class = "antiqua">Ancient and Modern State of the County of Kerry, +1750</span>. Es ist mir nie ein besseres Buch dieser Art und dieses +Umfangs vorgekommen. In einem 1719 erschienenen Gedicht, betitelt: <span +class = "antiqua">Macdermot, or the Irish Fortune Hunter</span>, in +sechs Gesängen, wird die Wolfsjagd als ein sehr gewöhnliches +Sportvergnügen dargestellt. Unter Wilhelm’s Regierung gab man Irland +zuweilen den Spottnamen Wolfsland. So wird in einem Gedicht über die +Schlacht von la Hogue, betitelt: <span class = "antiqua">Advice to a +Painter</span>, der Schrecken der irischen Armee wie folgt +geschildert:</p> + +<div class = "verse"> +<p>Ein Nebel, der das Blut erstarren macht</p> +<p>Und Wolfland’s Heulen dringt durch’s ganze Lager.</p> +</div> + +<p><a name = "noteXII_12" id = "noteXII_12" href = "#tagXII_12">12.</a> +<span class = "antiqua">Smith’s Ancient and Modern State of +Kerry.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_13" id = "noteXII_13" href = "#tagXII_13">13.</a> +<span class = "antiqua">Exact Relation of the Persecution, Robberies, +and Losses sustained by the Protestants of Killmare in Ireland, +1689</span>; <span class = "antiqua">Smith’s Ancient and Modern State of +Kerry, 1756.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_14" id = "noteXII_14" href = "#tagXII_14">14.</a> +<span class = "antiqua">Ireland’s Lamentation, licensed May 18. +1689.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Enniskillen.</span> +<a name = "secXII_7" id = "secXII_7">Enniskillen,</a> obwohl die +Hauptstadt der Grafschaft Fermanagh, war damals ein bloßes Dorf. Es war +auf einer Insel des Flusses erbaut, welcher die unter dem +gemeinschaftlichen Namen des Ernesees bekannten zwei schönen +Wasserbecken mit einander verbindet. Der Strom und beide Seen waren auf +allen Seiten von natürlichen Wäldern umgeben. Enniskillen bestand aus +etwa achtzig Wohnhäusern, in deren Mitte sich ein altes Schloß erhob. +Die Einwohner waren fast ohne Ausnahme Protestanten und stolz darauf, +daß ihre Stadt während der furchtbaren Revolution, welche 1641 ausbrach, +der protestantischen Sache treu geblieben. Anfangs December erhielten +sie von Dublin die Anzeige, daß zwei Compagnien papistischer Infanterie +demnächst bei ihnen ins Quartier gelegt werden würden. Die kleine +Gemeinde war in der größten Bestürzung, um so mehr als man erfuhr, daß +ein Predigermönch sich bemüht hatte, die irische Bevölkerung der +Umgegend wider die Ketzer aufzureizen. Man faßte den kühnen Entschluß, +die Truppen nicht einzulassen, mochte es kommen wie es wollte. Die +Vertheidigungsmittel waren indessen sehr spärlich. Nicht zehn Pfund +Pulver, nicht zwanzig brauchbare Schießgewehre konnten innerhalb der +Festung aufgetrieben werden. Es wurden deshalb Boten mit dringenden +Schreiben ausgesandt, welche die protestantische Gentry der +Nachbarschaft aufforderten, zur Unterstützung herbeizueilen, und dem +Aufrufe ward mit hochherziger Bereitwilligkeit Folge geleistet. Binnen +wenigen Stunden hatten sich zweihundert Bewaffnete zu Fuß und +hundertfunfzig Reiter versammelt. Tyrconnel’s Soldaten waren schon im +Anzuge. Sie führten einen beträchtlichen Vorrath von Waffen mit sich, +welche unter das Landvolk vertheilt wurden. Die Bauern begrüßten das +königliche Banner mit Jubel und schlossen sich in großer Anzahl +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_13" id = "pageXII_13"> +XII.13</a></span> +dem Zuge an. Anstatt den Angriff zu erwarten, kamen die Bürger mit ihren +Verbündeten muthig heraus und stellten sich den Eindringenden entgegen. +Die Offiziere Jakob’s hatten keinen Widerstand erwartet, und sie waren +daher nicht wenig erstaunt, als sie eine Colonne Fußvolk, von einem +starken Corps berittener Gentlemen und Freisassen flankirt, auf sich +anrücken sahen. Die Bauern liefen entsetzt davon und die Soldaten traten +den Rückzug so eilig an, daß er eine Flucht genannt werden konnte. Erst +in Cavan, dreißig Meilen davon, machten sie wieder Halt.<a class = "tag" +name = "tagXII_15" id = "tagXII_15" href = "#noteXII_15">15</a></p> + +<p>Durch diesen leichten Sieg kühn gemacht, trafen die Protestanten +Anordnungen zur Regierung und Vertheidigung von Enniskillen und der +umliegenden Ortschaften. Gustav Hamilton, ein Gentleman, der in der +Armee gedient, dem aber Tyrconnel unlängst sein Offizierspatent entzogen +hatte, und der seitdem auf einem Gute in Fermanagh lebte, wurde zum +Gouverneur ernannt und nahm seine Residenz im Schlosse. Zuverlässige +Männer wurden in aller Eil angeworben und bewaffnet. Da es an Schwertern +und Piken fehlte, mußten die Schmiede improvisirte Waffen anfertigen, +bestehend aus Sensenklingen, welche an Stangen befestigt wurden. +Sämmtliche Landhäuser rings um den Ernesee erhielten Besatzungen. Kein +Papist durfte frei in der Stadt umhergehen, und der Mönch, den man +beschuldigte, seine Beredtsamkeit gegen die Engländer aufgeboten zu +haben, wurde ins Gefängniß geworfen.<a class = "tag" name = "tagXII_16" +id = "tagXII_16" href = "#noteXII_16">16</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_15" id = "noteXII_15" href = "#tagXII_15">15.</a> +<span class = "antiqua">A True Relation of the Actions of the +Inniskilling men, by Andrew Hamilton, Rector of Kilskerrie, and one of +the Prebends of the Diocese of Clogher, an Eyewitness thereof and Actor +therein, licensed Jan. 15. 1689/90. — A Further Impartial +Account of die Actions of the Inniskilling men, by Captain William Mac +Cormick, one of the first that took up Arms, 1691.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_16" id = "noteXII_16" href = "#tagXII_16">16.</a> +<span class = "antiqua">Hamilton’s True Relation</span>; <span class = +"antiqua">Mac Cormick’s Further Impartial Account.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Londonderry.</span> +<a name = "secXII_8" id = "secXII_8">Die</a> andre Hauptfeste des +Protestantismus war eine Stadt von größerer Bedeutung. Achtzig Jahre +früher, während der durch den letzten Kampf der Häuser O’Neil und +O’Donnel gegen die Autorität Jakob’s I. verursachten Unruhen war die +ehemalige Stadt Derry von einem der eingebornen Häuptlinge überfallen, +die Bewohner niedergemetzelt und die Häuser in Asche gelegt worden. Die +Insurgenten wurden bald überwältigt und bestraft, die Regierung +beschloß, die zerstörte Stadt wieder aufzubauen, der Lordmayor, die +Aldermen und der Gemeinderath von London wurden zur Betheiligung an dem +Werke aufgefordert und König Jakob I. überwies ihnen in ihrer +corporativen Eigenschaft den von den Trümmern des alten Derry bedeckten +Grund und Boden nebst ungefähr sechstausend englischen Ackern +umliegenden Landes.<a class = "tag" name = "tagXII_17" id = "tagXII_17" +href = "#noteXII_17">17</a></p> + +<p>Dieser damals unangebaute und unbewohnte District ist jetzt ein +blühender Sitz des Gewerbfleißes und des guten Geschmacks und macht +selbst auf Augen, welche an den Anblick der üppigen Fluren und +stattlichen Schlösser England’s gewöhnt sind, einen wohlthuenden +Eindruck. Bald erhob sich eine neue Stadt, die wegen ihrer Connection +mit der Hauptstadt des Reichs Londonderry genannt wurde. Die Gebäude +bedeckten den Gipfel und den Abhang einer Anhöhe, welche den breiten +Strom des Foyle beherrschte, der zu jener Zeit von Schaaren wilder +Schwäne +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_14" id = "pageXII_14"> +XII.14</a></span> +besucht wurde.<a class = "tag" name = "tagXII_18" id = "tagXII_18" href += "#noteXII_18">18</a> Auf dem höchsten Punkte stand die Kathedrale, +eine Kirche, die, obwohl zu einer Zeit erbaut, wo das Geheimniß der +gothischen Architectur verloren gegangen war, und wenn auch nicht +geeignet, einen Vergleich mit den ehrwürdigen Tempeln des Mittelalters +auszuhalten, doch nicht ohne Anmuth und stattliches Ansehen ist. Unweit +der Kathedrale erhob sich der Palast des Bischofs, dessen Sitz einer der +bedeutendsten in Irland war. Die Stadt hatte eine fast elliptische Form +und die Hauptstraßen bildeten ein Kreuz, dessen Arme auf einem Platze +zusammentrafen, welcher der Diamant hieß. Die ursprünglichen Häuser sind +theils umgebaut, theils so verändert, daß ihr anfänglicher Character +nicht mehr zu erkennen ist; mancher derselben aber können sich jetzt +Lebende noch erinnern. Sie waren meist zwei Stock hoch und mehrere +hatten steinerne Treppen an der Außenseite. Die Stadt war von einer +Mauer umgeben, deren Umfang nicht viel weniger als eine Meile betrug. +Auf den Bastionen waren Feldschlangen und Falkonetts aufgepflanzt, +welche die reichen Gilden London’s der Colonie zum Geschenk gemacht +hatten. Auf einigen dieser alten Geschütze, welche einer großen Sache +denkwürdige Dienste geleistet haben, kann man noch heute die Devisen der +Fischhändlergilde, der Weinhändlergilde und der Kleiderhändlergilde +erkennen.<a class = "tag" name = "tagXII_19" id = "tagXII_19" href = +"#noteXII_19">19</a></p> + +<p>Die Einwohner waren Protestanten von angelsächsischem Geblüt. Zwar +gehörten sie nicht alle einem Lande und einer Kirche an, aber Engländer +und Schotten, Episkopalen und Presbyterianer scheinen im Allgemeinen in +Freundschaft miteinander gelebt zu haben, eine Freundschaft, welche +durch ihre gemeinsame Abneigung gegen die irische Race und gegen die +papistische Religion genügend erklärt wird. Während des Aufstandes von +1641 hatte Londonderry muthig gegen die eingebornen Häuptlinge Stand +gehalten und war zu wiederholten Malen vergebens belagert worden.<a +class = "tag" name = "tagXII_20" id = "tagXII_20" href = +"#noteXII_20">20</a> Seit der Restauration entwickelte sich die Stadt +mehr und mehr. Zur Zeit der Fluth konnten schwer beladene Schiffe bis an +den Quai fahren. Die Fischereien nahmen einen großartigen Aufschwung. +Die Netze sollen zuweilen so voll gewesen sein, daß man Massen von +Fischen wieder ins Wasser werfen mußte. Das Gewicht der alljährlich +gefangenen Lachse wurde auf elfmalhunderttausend Pfund geschätzt.<a +class = "tag" name = "tagXII_21" id = "tagXII_21" href = +"#noteXII_21">21</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_17" id = "noteXII_17" href = "#tagXII_17">17.</a> +<span class = "antiqua">Concise View of the Irish Society, 1822</span>; +Mr. Heath’s interessanter <span class = "antiqua">Account of the +Worshipful Company of Grocers, Appendix 17.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_18" id = "noteXII_18" href = "#tagXII_18">18.</a> +<span class = "antiqua">The Interest of England in the Preservation of +Ireland, licensed July 17. 1689.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_19" id = "noteXII_19" href = "#tagXII_19">19.</a> +Diese Dinge beobachtete oder erfuhr ich an Ort und Stelle.</p> + +<p><a name = "noteXII_20" id = "noteXII_20" href = "#tagXII_20">20.</a> +Die besten Mittheilungen über die Ereignisse in Londonderry während des +1641 begonnenen Kriegs habe ich in Dr. Reid’s <span class = +"antiqua">History of the Presbyterian Church in Ireland</span> +gefunden.</p> + +<p><a name = "noteXII_21" id = "noteXII_21" href = "#tagXII_21">21.</a> +<span class = "antiqua">The Interest of England in the Preservation of +Ireland, 1689.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Schließung der Thore von Londonderry.</span> +<a name = "secXII_9" id = "secXII_9">Die</a> Bevölkerung von Londonderry +theilte die Besorgniß, welche gegen das Ende des Jahres 1688 unter den +in Irland ansässigen Protestanten allgemein verbreitet war. Es war +bekannt, daß das eingeborne Landvolk der Umgegend sich mit Piken und +Messern versah. Die Priester hatten in einem Tone, über den, wie sich +nicht leugnen läßt, der puritanische Theil der angelsächsischen +Bevölkerung wenig Recht hatte sich zu beklagen, über die Niedermetzelung +der Amalekiter und über die Verdammungsurtheile, welche Saul sich +dadurch zugezogen, daß er Einen von dem geachteten Stamme schonte, das +Volk haranguirt. Gerüchte von verschiedenen Seiten und +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_15" id = "pageXII_15"> +XII.15</a></span> +anonyme Briefe von verschiedener Hand bezeichneten den 9. December als +den zur Vertilgung der Fremden festgesetzten Tag. Während die Gemüther +der Bürger durch diese Gerüchte beunruhigt wurden, traf die Nachricht +ein, daß ein Regiment von zwölfhundert Papisten unter dem Commando eines +Papisten, Alexander Macdonnell, Earl von Antrim, von dem Vicekönig +Befehl erhalten habe, Londonderry zu besetzen, und bereits von Coleraine +abmarschirt sei. Die Bestürzung war groß. Einige waren für Schließung +der Thore und Widerstand, Andere für Unterwerfung, noch Andere für +Temporisiren. Der Gemeindekörper war, wie die anderen Corporationen +Irland’s, reorganisirt worden. Die Magistratsbeamten waren Männer von +niederer Herkunft und unedlem Character. Nur ein einziges Mitglied von +angelsächsischem Geblüt befand sich unter ihnen, und dieser Eine war +Papist geworden. Zu einer solchen Behörde konnten die Einwohner kein +Vertrauen haben.<a class = "tag" name = "tagXII_22" id = "tagXII_22" +href = "#noteXII_22">22</a> Der Bischof, Hesekiel Hopkins, hielt fest an +der Lehre vom Nichtwiderstande, die er viele Jahre gepredigt hatte, und +ermahnte seine Herde, lieber geduldig zur Schlachtbank zu gehen, als die +Schuld des Ungehorsams gegen den Gesalbten des Herrn auf sich zu +laden.<a class = "tag" name = "tagXII_23" id = "tagXII_23" href = +"#noteXII_23">23</a> Inzwischen rückte Antrim immer näher heran. Endlich +sahen die Bürger von den Wällen herab seine Truppen auf dem jenseitigen +Ufer des Foyle aufgestellt. Es existirte damals noch keine Brücke, nur +eine Fähre unterhielt die regelmäßige Verbindung zwischen beiden Ufern, +und vermittelst dieser Fähre setzte ein Detaschement von Antrim’s +Regiment über. Die Offiziere erschienen am Thore, zeigten einen an den +Mayor und die Sheriffs gerichteten Befehl vor und begehrten Einlaß und +Quartier für die Soldaten Seiner Majestät.</p> + +<p>Gerade in diesem Augenblicke eilten dreizehn junge Handwerker, ihren +Namen nach meist schottischer Geburt oder Abstammung, in die Wachtstube, +bewaffneten sich, ergriffen die Schlüssel der Stadt, stürzten nach dem +Fährthore, verschlossen es angesichts der königlichen Offiziere und +ließen das Fallgatter nieder. Jakob Morison, ein Bürger in reiferen +Jahren, redete nun die unwillkommenen Gäste von der Höhe des Walles an +und rieth ihnen wieder abzuziehen. Sie blieben, unter einander +berathschlagend, draußen am Thore stehen, bis sie ihn oben rufen hörten: +„Bringt eine große Kanone hierher!“ Da endlich hielten sie es für +gerathen, sich aus der Schußweite zu entfernen. Sie zogen ab, schifften +sich wieder ein und kehrten zu ihren Kameraden ans jenseitige Flußufer +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_16" id = "pageXII_16"> +XII.16</a></span> +zurück. Inzwischen hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer +verbreitet, und die ganze Stadt war auf den Beinen. Die anderen Thore +wurden ebenfalls verschlossen, überall auf den Wällen wurden +Schildwachen ausgestellt, die Magazine wurden geöffnet, Gewehre und +Schießpulver vertheilt und unter dem Schutze der einbrechenden +Dunkelheit Boten an die protestantischen Gentlemen der benachbarten +Grafschaften ausgesandt. Der Bischof machte vergeblich Vorstellungen. +Die heftigen und waghalsigen jungen Schotten, welche bei dieser +Gelegenheit mit kühnem Beispiele vorangegangen waren, scheinen in der +That wenig Respect vor seinem Amte gehabt zu haben. Einer von ihnen +unterbrach die Rede, durch welche er den militärischen Vorkehrungen +Einhalt thun wollte, mit dem Ausrufe: „Eine gute Predigt, Mylord, eine +sehr gute Predigt, wir haben nur jetzt gerade nicht Zeit sie +anzuhören.“<a class = "tag" name = "tagXII_24" id = "tagXII_24" href = +"#noteXII_24">24</a></p> + +<p>Die Protestanten der Umgegend leisteten der Aufforderung +Londonderry’s bereitwillig Folge. Innerhalb der nächsten achtundvierzig +Stunden kamen Hunderte zu Roß und zu Fuß auf verschiedenen Wegen zur +Stadt, und Antrim, der sich entweder nicht für stark genug hielt, um +einen Angriff zu wagen, oder nicht Lust hatte, ohne weiteres die +Verantwortlichkeit für den Anfang eines Bürgerkriegs auf sich zu nehmen, +zog sich mit seinen Truppen nach Coleraine zurück.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_22" id = "noteXII_22" href = "#tagXII_22">22.</a> +Meine Autorität für diesen ungünstigen Bericht über die Corporation ist +ein episches Gedicht, betitelt: <span class = "antiqua">The +Londeriad</span>. Dieses merkwürdige Gedicht muß bald nach den +Ereignissen, auf die es Bezug hat, geschrieben sein, denn es ist Robert +Rochfort, dem Sprecher des Hauses der Gemeinen, gewidmet, und Rochfort +bekleidete dieses Amt von 1695 bis 1699. Der Dichter hatte kein +Erfindungstalent und besaß augenscheinlich eine genaue Kenntniß der +Stadt, die er besang; daher sind seine Knittelverse nicht ohne +geschichtlichen Werth. Er sagt:</p> + +<div class = "verse"> +<p>Sie wählten für des Parlamentes Pforten</p> +<p>Nur Schuster, Fleischer und Consorten,</p> +<p>Die ganze Körperschaft enthielt nicht einen Mann</p> +<p>von brit’scher Abkunft, außer Buchanan.</p> +</div> + +<p>Dieser Buchanan wird weiterhin geschildert als</p> + +<div class = "verse"> +<p>Ein Schurke durch und durch,</p> +<p>Der längst zuvor schon seinen Rosenkranz gebetet.</p> +</div> + +<p><a name = "noteXII_23" id = "noteXII_23" href = "#tagXII_23">23.</a> +Siehe eine von ihm am 31. Januar 1689 zu Dublin gehaltene Predigt. Der +Text derselben ist: „Seid unterthan aller menschlichen Ordnung um des +Herrn willen.“</p> + +<p><a name = "noteXII_24" id = "noteXII_24" href = "#tagXII_24">24.</a> +<span class = "antiqua">Walker’s Account of the Siege of Derry, +1689</span>; <span class = "antiqua">Mackenzie’s Narrative of the Siege +of Londonderry, 1689</span>; <span class = "antiqua">An Apology for the +Failures charged on the Reverend Mr. Walker’s Account of the late Siege +of Derry, 1689</span>; <span class = "antiqua">A Light to the +Blind.</span> Die letztgenannte Schrift, ein Manuscript im Besitze Lord +Fingal’s, ist das Werk eines eifrigen Katholiken und eines Todfeindes +England’s. Umfängliche Auszüge daraus finden sich unter den +Mackintosh-Manuscripten. Auf dem Titelblatte steht die Jahrzahl +1711.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Mountjoy wird abgesandt, um Ulster zu <ins class = "correction" +title = "Original hat »pacifiren« aber Inhalt hat »pacificieren«">pacificieren</ins>.</span> +<a name = "secXII_10" id = "secXII_10">Man</a> hätte glauben können, daß +der Widerstand Enniskillen’s und Londonderry’s Tyrconnel zu einem +verzweifelten Schritte treiben werde. Und in der That wurde sein wildes +und herrschsüchtiges Temperament auch anfangs durch die Nachricht in +eine an Wahnsinn grenzende Wuth versetzt. Nachdem er aber seine Wuth, +wie gewöhnlich, an seiner Perrücke ausgelassen, wurde er etwas ruhiger. +Es waren ihm eben Nachrichten von sehr abkühlender Natur zugekommen. Der +Prinz von Oranien marschirte unaufgehalten gegen London; fast jede +Grafschaft und jede große Stadt hatte sich für ihn erklärt. Jakob, von +seinen geschicktesten Heerführern und seinen nächsten Verwandten +verlassen, hatte Commissarien abgeschickt, die mit den Eingedrungenen +unterhandeln sollten, und hatte Ausschreiben zur Einberufung eines +Parlaments erlassen. So lange das Ergebniß der in England schwebenden +Unterhandlungen ungewiß war, durfte der Vicekönig es nicht wagen, an den +widerspenstigen Protestanten Irland’s blutige Rache zu nehmen. Er hielt +es daher für gerathen, vorläufig eine Nachsicht und Mäßigung zu +heucheln, die seinem Character durchaus fremd waren. William Stewart, +Viscount von <ins class = "correction" +title = "Original hat »Montjoy«">Mountjoy</ins>, wurde beauftragt, die englische Bevölkerung +von Ulster zu beschwichtigen. Mountjoy, ein tapferer Soldat, ein +ausgezeichneter Gelehrter, ein eifriger Protestant und dabei doch ein +eifriger Tory, war eines von den wenigen Mitgliedern der Staatskirche, +die in Irland noch ein Amt bekleideten. Er war Feldzeugmeister dieses +Königreichs und Oberst eines Regiments, in welchem das +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_17" id = "pageXII_17"> +XII.17</a></span> +englische Element noch ungewöhnlich stark vertreten war. In Dublin war +er die Seele eines kleinen Kreises gelehrter und geistreicher Männer, +die sich unter seinem Vorsitz zu einer Königlichen Societät vereinigt +hatten, einer Nachbildung im Kleinen der Londoner Königlichen Societät. +In Ulster, mit dem er in besonders enger Verbindung stand, genoß sein +Name bei den Colonisten eines hohen Ansehens.<a class = "tag" name = +"tagXII_25" id = "tagXII_25" href = "#noteXII_25">25</a> Er eilte mit +seinem Regiment nach Londonderry und wurde mit offenen Armen empfangen, +denn man wußte, daß er zwar ein entschiedener Anhänger der erblichen +Monarchie, aber nicht minder ein treuer Freund des reformirten Glaubens +war. Die Bürger gestatteten ihm bereitwillig, eine ausschließlich aus +Protestanten bestehende kleine Garnison, unter dem Commando seines +Oberstleutnants Robert Lundy, der den Titel eines Gouverneurs annahm, in +der Stadt zurückzulassen.<a class = "tag" name = "tagXII_26" id = +"tagXII_26" href = "#noteXII_26">26</a></p> + +<p>Die Nachricht von Mountjoy’s Besuch in Ulster war den Vertheidigern +von Enniskillen höchst angenehm. Einige von dieser Stadt abgeordnete +Gentlemen machten ihm ihre Aufwartung, um seine Unterstützung zu +erbitten, wurden aber durch den Empfang, der ihnen zu Theil ward, +enttäuscht. „Ich kann Euch nur den Rath geben,“ sagte er, „daß Ihr Euch +der Autorität des Königs unterwerfet.“ — „Wie, Mylord?“ versetzte +einer der Abgeordneten, „sollen wir uns geduldig abschlachten lassen?“ +— „Der König,“ sagte Mountjoy, „wird Euch beschützen.“ — +„Wenn Alles was uns zu Ohren kommt wahr ist, wird es Sr. Majestät schwer +genug werden, sich selbst zu schützen.“ So endete die Conferenz ohne +befriedigendes Resultat. Enniskillen behielt seine trotzige Haltung bei +und Mountjoy kehrte nach Dublin zurück.<a class = "tag" name = +"tagXII_27" id = "tagXII_27" href = "#noteXII_27">27</a></p> + +<p>Unterdessen hatte es sich in der That klar herausgestellt, daß Jakob +nicht einmal sich selbst schützen konnte. Man erfuhr in Irland, daß er +geflohen, daß er angehalten worden, daß er wieder geflohen und daß der +Prinz von Oranien im Triumph zu Westminster angelangt war, die +Verwaltung des Reichs übernommen und eine Convention einberufen +hatte.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_25" id = "noteXII_25" href = "#tagXII_25">25.</a> +Über Mountjoys Character und Stellung siehe Clarendon’s Briefe aus +Irland, besonders den an Lord Dartmouth vom 8. Febr. und den an Evelyn +vom 24. Februar 1685/86. <span class = "antiqua">„Bon officier et homme +d’esprit,“</span> sagt Avaux.</p> + +<p><a name = "noteXII_26" id = "noteXII_26" href = "#tagXII_26">26.</a> +<span class = "antiqua">Walker’s Account</span>; <span class = +"antiqua">Light to the Blind.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_27" id = "noteXII_27" href = "#tagXII_27">27.</a> +<span class = "antiqua">Mac Cormick’s Further Impartial +Account.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wilhelm tritt in Unterhandlung mit Tyrconnel.</span> +<a name = "secXII_11" id = "secXII_11">Die</a> Lords und Gentlemen, auf +deren Ansuchen der Prinz die Regierung übernommen hatte, waren ernstlich +in ihn gedrungen, den Zustand Irland’s sofort in Erwägung zu ziehen, und +er hatte ihnen darauf die Versicherung gegeben, daß er sein Möglichstes +thun werde, um die protestantische Religion und das englische Interesse +in diesem Lande aufrecht zu erhalten. Seine Feinde beschuldigten ihn +nachmals der völligen Nichtbeachtung dieses Versprechens, ja sie +behaupteten sogar, er habe Irland absichtlich immer tiefer und tiefer in +den Abgrund des Verderbens versinken lassen. Halifax, sagten sie, habe +mit grausamem und perfidem Scharfsinn das Mittel ausgedacht, der +Convention eine Art von Zwangsjacke anzulegen, und der Streich sei nur +zu gut gelungen. Der Beschluß, welcher Wilhelm auf den Thron berief, +würde nicht so leicht durchgegangen sein, wäre der Staat nicht von so +großen Gefahren bedroht gewesen, und nur in Folge seiner eignen +schmachvollen Unthätigkeit hätten diese Gefahren einen solchen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_18" id = "pageXII_18"> +XII.18</a></span> +Grad erreicht.<a class = "tag" name = "tagXII_28" id = "tagXII_28" href += "#noteXII_28">28</a> Da diese Anschuldigung durch keine Beweise +unterstützt wird, sind Diejenigen, die sie wiederholen, wenigstens +verpflichtet nachzuweisen, daß Wilhelm ein offenbar besserer Weg zu +Gebote stand als der, welchen er einschlug, und das dürfte ihnen schwer +werden. Ja, hätte er wenige Wochen nach seiner Ankunft in London eine +große Armee nach Irland schicken können, so würde sich dieses Königreich +vielleicht nach einem kurzen Kampfe, oder selbst ohne allen Kampf seiner +Autorität unterworfen haben, und eine lange Reihe von Verbrechen und +Drangsalen hätte abgewendet werden können. Aber die factiösen Redner und +Pamphletisten, die ihn so unüberlegt tadelten, daß er keine solche Armee +absendete, würden in nicht geringe Verlegenheit gekommen sein, wenn sie +die nöthigen Truppen, Schiffe und Gelder hätten beschaffen sollen. Die +englische Armee hatte ihm vor kurzem noch feindlich gegenübergestanden, +ein Theil derselben war ihm noch immer abgeneigt, und das Ganze war im +höchsten Grade desorganisirt. Von der Armee, die er aus Holland +mitgebracht, war nicht ein Regiment entbehrlich. Er hatte den Schatz +leer und den Gold der Flotte in Rückstand gefunden. Es stand nicht in +seiner Macht, irgend einen Theil der Staatseinkünfte zu verpfänden. Wer +ihm Geld lieh, lieh es ihm auf keine andre Sicherheit als auf sein +bloßes Wort. Nur die patriotische Freigebigkeit der londoner Kaufleute +hatte ihn in den Stand gesetzt, bis zum Zusammentritt der Convention die +laufenden Regierungsausgaben zu bestreiten. Es ist also gewiß ungerecht, +ihn zu tadeln, daß er unter solchen Umständen nicht auf der Stelle eine +Flotte ausrüstete, welche hinreichte, ein Königreich zu erobern.</p> + +<p>Da er einsah, daß es, so lange die englische Regierung nicht +befestigt war, nicht in seiner Macht stehen würde, mit bewaffneter Hand +wirksam in die Angelegenheiten Irlands einzugreifen, beschloß er einen +Versuch mit Unterhandlungen zu machen. Diejenigen, welche nach dem +Ausgange urtheilten, behaupteten er habe bei dieser Gelegenheit nicht +seinen gewohnten Scharfblick gezeigt. Sie sagten er hätte wissen sollen, +daß es ungereimt sei, von Tyrconnel Unterwerfung zu erwarten. Dies war +jedoch damals nicht die Ansicht gutunterrichteter Männer, deren +Interesse hinreichende Gewähr für ihre Aufrichtigkeit bot. Eine +zahlreiche Versammlung von Cavalieren und Gentlemen, welche in Irland +Güter besaßen, wurde während des Interregnums im Hause des Herzogs von +Ormond am St. James Square gehalten. Sie riethen dem Prinzen zu +versuchen, ob der Vicekönig nicht zu einer ehrenvollen und +vortheilhaften Kapitulation bewogen werden könnte. <ins class = +"correction" +title = "Anmerkungszeichen ***) fehlt: aus Englische Ausgabe erschafft"><a class = "tag" name = "tagXII_29" id = "tagXII_29" +href = "#noteXII_29">29</a></ins> Man hat in der That starken Grund zu +glauben, daß Tyrconnel wirklich schwankte. Denn so heftig auch seine +Leidenschaften waren, vergaß er darüber doch nie sein Interesse und er +konnte wohl in Zweifel sein, ob es nicht in seinem Interesse liege, sich +bei vorgerücktem Alter und abnehmender Gesundheit mit völliger +Straflosigkeit für alle früheren Vergehen und mit hohem Range und großem +Vermögen lieber von den Geschäften zurückzuziehen, als Leben und +Eigenthum den Zufällen eines Kriegs gegen die ganze Macht England’s +preiszugeben. Es ist notorisch, daß er sich bereit zeigte nachzugeben. +Er setzte sich in Communication +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_19" id = "pageXII_19"> +XII.19</a></span> +mit dem Prinzen von Oranien und zog zum Schein Mountjoy und Andere zu +Rathe, die sich zwar von ihrer Unterthanenpflicht gegen Jakob noch nicht +losgesagt hatten, aber entschiedene Anhänger der Landeskirche und des +Staatsverbandes mit England waren.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_28" id = "noteXII_28" href = "#tagXII_28">28.</a> +Burnet I. 897 und Swift’s und Dartmouth’s Noten. Tutchin wiederholt im +„Observator“ diese grundlose Verleumdung.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_29" id = "noteXII_29" href = "#tagXII_29">29.</a> +<span class = "antiqua">Orange Gazette, Jan. 10. 1688/89.</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Temple werden zu Rathe gezogen.</span> +<a name = "secXII_12" id = "secXII_12">Auf</a> einer Seite, von welcher +Wilhelm den einsichtsvollsten Rath zu erwarten berechtigt war, glaubte +man fest an die Aufrichtigkeit der Versicherungen Tyrconnel’s. Kein +andrer britischer Staatsmann genoß damals in ganz Europa eines so hohen +Rufes wie Sir Wilhelm Temple. Seine diplomatische Gewandtheit hatte +zwanzig Jahre früher den Fortschritt der französischen Macht gehemmt. Er +war ein treuer und nützlicher Freund der Vereinigten Provinzen und des +Hauses Nassau gewesen, stand seit langer Zeit auf dem vertrautesten +Freundschaftsfuße mit dem Prinzen von Oranien und hatte die Vermählung +zu Stande gebracht, der England seine kürzliche Befreiung verdankte. Mit +den Angelegenheiten Irland’s galt Temple für besonders vertraut. Seine +Familie hatte dort ansehnliche Besitzungen, und er selbst hatte mehrere +Jahre daselbst zugebracht; er hatte die Grafschaft Carlow im Parlament +vertreten und ein großer Theil seiner Einkünfte floß ihm aus einem +einträglichen irischen Amte zu. Die höchste Stufe der Macht, des Ranges +und des Reichthums würden ihm erreichbar gewesen sein, wenn er +eingewilligt hätte, seine Zurückgezogenheit aufzugeben und der neuen +Regierung seine Unterstützung und das Gewicht seines Namens zu leihen. +Aber Macht, Rang und Reichthum hatten für seinen epikuräischen Character +bei weitem weniger Reiz als Behaglichkeit und Ruhe. Er wies die +lockendsten Anträge zurück und beschäftigte sich nach wie vor in +ländlicher Abgeschiedenheit mit seinen Büchern, Tulpen und Ananas. Nach +einigem Zaudern willigte er indessen ein, seinen ältesten Sohn Johann in +Wilhelm’s Dienste treten zu lassen. Während der Erledigung des Thrones +war Johann Temple in wichtigen Geschäften verwendet worden und in +Angelegenheiten, welche Irland betrafen, hatte seine Meinung, von der +man füglich annehmen konnte, daß sie mit der seines Vaters +übereinstimmte, großes Gewicht. Dieser junge Staatsmann schmeichelte +sich, einen Agenten gefunden zu haben, der vortrefflich geeignet schien, +die Unterhandlung mit Tyrconnel zu einem guten Ende zu führen.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Richard Hamilton wird auf Temple’s Wort nach Irland gesandt.</span> +<a name = "secXII_13" id = "secXII_13">Dieser</a> Agent gehörte einer +angesehenen Familie an, die von einem schottischen Adelsgeschlecht +abstammte, aber schon seit langer Zeit in Irland ansässig war und sich +zum römischkatholischen Glauben bekannte. Unter der heiteren Schaar, die +sich während der unmittelbar auf die Restauration folgenden Jahre des +zügellosen Jubilirens in Whitehall tummelte, hatten die Hamilton eine +hervorragende Rolle gespielt. Die schönen langen Locken, die strahlende +Jugendfrische und die schmachtenden blauen Augen der liebenswürdigen +Elisabeth entzücken uns noch heute auf dem Bilde Lely’s. Sie hatte den +Ruhm, keine geringe Eroberung zu machen. Ihrer üppigen Schönheit und +ihrem schelmischen Geiste war es vorbehalten, den Widerwillen des +kaltherzigen und spottsüchtigen Grammont gegen das unauflösliche Band zu +besiegen. Einer ihrer Brüder, Anton, schrieb die Chronik jener +glänzenden und leichtfertigen Gesellschaft, zu deren glänzendsten und +leichtfertigsten Mitgliedern er gehört hatte. Er verdient das seltene +Lob, als Nichtfranzos ein Werk geschrieben zu haben, das dem Geiste wie +dem Style nach eines der vorzüglichsten französischen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_20" id = "pageXII_20"> +XII.20</a></span> +Bücher genannt werden muß. Ein andrer Bruder, Namens Richard, hatte sich +in fremden Diensten einige militärische Erfahrung erworben. Sein Geist +und seine Artigkeit hatten ihn selbst in dem glänzenden Cirkel von +Versailles ausgezeichnet. Man munkelte, daß er es gewagt habe, den Blick +zu einer hochgestellten Dame, der natürlichen Tochter des großen Königs, +der Gemahlin eines legitimen Prinzen des Hauses Bourbon zu erheben und +daß es geschienen, als ob die Aufmerksamkeiten ihres vermessenen +Anbeters ihr nicht mißfallen hätten.<a class = "tag" name = "tagXII_30" +id = "tagXII_30" href = "#noteXII_30">30</a> Der Verwegene war nachher +in sein Vaterland zurückgekehrt, war zum Brigadegeneral in der irischen +Armee ernannt und in dem irischen Geheimrath vereidigt worden. Als man +die holländische Invasion erwartete, kam er mit den Truppen, welche +Tyrconnel zur Verstärkung der königlichen Armee schickte, über den St. +Georgskanal. Nach Jakob’s Flucht unterwarfen sich diese Truppen dem +Prinzen von Oranien. Jetzt schloß Richard Hamilton nicht nur ebenfalls +Frieden mit der herrschenden Gewalt, sondern sprach auch die +zuversichtliche Überzeugung aus, daß, wenn man ihn nach Dublin senden +wolle, er die daselbst angeknüpften Unterhandlungen glücklich würde zu +Ende führen können. Sollte ihm dies nicht gelingen, so versprach er auf +sein Ehrenwort, in drei Wochen nach London zurückzukehren. Man wußte, +daß er in Irland großen Einfluß hatte, seine Ehrenhaftigkeit war nie +angezweifelt worden und er genoß die hohe Achtung der Familie Temple. +Johann Temple erklärte, daß er für Richard Hamilton stehen könne wie für +sich selbst. Diese Bürgschaft wurde für genügend erachtet und Hamilton +ging nach Irland ab, nachdem er seine englischen Freunde versichert +hatte, daß er Tyrconnel bald zur Vernunft bringen werde. Die +Anerbietungen, die er den Katholiken und dem Vicekönig persönlich zu +machen autorisirt war, waren höchst liberal.<a class = "tag" name = +"tagXII_31" id = "tagXII_31" href = "#noteXII_31">31</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_30" id = "noteXII_30" href = "#tagXII_30">30.</a> +<span class = "antiqua">Mémoires de Madame de la Fayette.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_31" id = "noteXII_31" href = "#tagXII_31">31.</a> +<span class = "antiqua">Burnet I. 808</span>; <span class = +"antiqua">Life of James, II. 320</span>; <span class = +"antiqua">Commons’ Journals, July 29. 1689.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Tyrconnel schickt Mountjoy und Rice nach Frankreich.</span> +<a name = "secXII_14" id = "secXII_14">Es</a> ist nicht unmöglich, daß +Hamilton sich wirklich vorgenommen hatte, sein Versprechen zu erfüllen. +Bei seiner Ankunft in Dublin aber sah er wohl, daß er eine Aufgabe +übernommen hatte, der er nicht gewachsen war. Tyrconnel’s +Unschlüssigkeit, mochte sie nun wahr oder erheuchelt gewesen sein, war +zu Ende. Er war zu der Überzeugung gelangt, daß ihm keine Wahl mehr +blieb. Mit leichter Mühe hatte er die unwissenden und empfänglichen +Irländer zur Wuth aufgestachelt. Zu beruhigen vermochte er sie nicht +wieder. Es hatte sich das Gerücht verbreitet, der Vicekönig +correspondire mit den Engländern, und dieses Gerücht hatte die Nation in +Flammen gesetzt. Das gemeine Volk sagte: wenn er es wagen sollte, sie +für Geld und Ehrenstellen zu verkaufen, würden sie das Schloß verbrennen +und ihn darin, und würden sich unter Frankreichs Schutz stellen.<a class += "tag" name = "tagXII_32" id = "tagXII_32" href = "#noteXII_32">32</a> +Er sah sich genöthigt, die gleichviel ob wahre oder falsche Erklärung +abzugeben, daß er nie daran gedacht, sich zu unterwerfen, und nur um +Zeit zu gewinnen zum Schein Unterhandlungen angeknüpft habe. Ehe er sich +jedoch offen gegen die englischen Ansiedler und gegen England selbst +erklärte, was einen Krieg auf +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_21" id = "pageXII_21"> +XII.21</a></span> +Tod und Leben zur Folge haben mußte, wünschte er sich Mountjoy’s zu +entledigen, der bislang der Sache Jakob’s treu gewesen war, der aber, +wie man sehr gut wußte, niemals eingewilligt haben würde, an der +Beraubung und Unterdrückung der Colonisten Theil zu nehmen. +Heuchlerische Versicherungen von Freundschaft und friedlichen Absichten +wurden nicht gespart. Es sei eine heilige Pflicht, sagte Tyrconnel, das +drohende Unheil abzuwenden. König Jakob selbst würde, wenn er den ganzen +Sachverhalt kannte, nicht wünschen, daß seine irischen Freunde sich in +diesem Augenblicke in ein Unternehmen einließen, das für sie verderblich +werden müsse und ihm nichts nützen könne. Er würde ihnen daher erlauben, +ja ihnen sogar befehlen, sich der Nothwendigkeit zu unterwerfen und ihre +Kräfte für bessere Zeiten aufzusparen. Wenn sich ein loyaler, +geschickter und wohl unterrichteter Mann von Gewicht nach Saint-Germains +begebe und Sr. Majestät den Stand der Dinge auseinandersetze, so würde +der König leicht zu überzeugen sein. Wolle nicht Mountjoy diese so +ehrenvolle und wichtige Mission übernehmen? Mountjoy zauderte und gab zu +verstehen, daß man Jemanden schicken sollte, von dem sich mit größerer +Wahrscheinlichkeit erwarten lasse, daß er dem Könige angenehm sein +werde. Tyrconnel aber erklärte fluchend und tobend, daß Irland in den +Abgrund der Hölle versinken würde, wenn man König Jakob nicht wohl +beriethe, und er bestand darauf, daß Mountjoy als Repräsentant der +loyalen Mitglieder der Staatskirche nach Saint-Germains gehen und daß +der erste Baron der Schatzkammer, Rice, ein in der königlichen Gunst +sehr hoch stehender Katholik, ihn begleiten solle. Mountjoy gab nach und +die beiden Gesandten reisten zusammen, aber mit ganz verschiedenen +Instructionen versehen, ab. Rice war beauftragt, Jakob zu sagen, daß +Mountjoy im Herzen ein Verräther und nur deshalb nach Frankreich +geschickt worden sei, damit den Protestanten Irland’s ein +Lieblingsführer entzogen würde. Ferner sollte Rice den König versichern, +daß er mit Ungeduld in Irland erwartet werde und daß er, wenn er sich +daselbst mit einer französischen Heeresmacht zeigen wolle, seine +gesunkene Größe bald wiederherstellen könne.<a class = "tag" name = +"tagXII_33" id = "tagXII_33" href = "#noteXII_33">33</a> Außerdem war +der erste Baron noch mit anderen Instructionen versehen, die +wahrscheinlich selbst vor dem Hofe von Saint-Germains geheimgehalten +wurden. Für den Fall, daß Jakob nicht geneigt sein sollte, sich an die +Spitze der eingebornen Bevölkerung Irland’s zu stellen, war Rice +angewiesen, um eine Privataudienz bei Ludwig nachzusuchen und ihm den +Vorschlag zu machen, Irland in eine französische Provinz zu +verwandeln.<a class = "tag" name = "tagXII_34" id = "tagXII_34" href = +"#noteXII_34">34</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_32" id = "noteXII_32" href = "#tagXII_32">32.</a> +Avaux an Ludwig, 25. März (4. April) 1689.</p> + +<p><a name = "noteXII_33" id = "noteXII_33" href = "#tagXII_33">33.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 321.</span> +Mountjoy’s Circulardepesche vom 10. Jan. 1688/89; <span class = +"antiqua">King IV. 8.</span> In <span class = "antiqua">„Light to the +Blind“</span> wird Tyrconnel’s „kluge Verstellung“ gerühmt.</p> + +<p><a name = "noteXII_34" id = "noteXII_34" href = "#tagXII_34">34.</a> +Avaux an Ludwig, 13.(23.) April 1689.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Tyrconnel ruft das irische Volk zu den Waffen.</span> +<a name = "secXII_15" id = "secXII_15">Sobald</a> die beiden Gesandten +abgereist waren, begann Tyrconnel sich auf den unvermeidlich gewordenen +Kampf vorzubereiten, und der treulose Hamilton unterstützte ihn dabei +auf das Kräftigste. Die irische Nation wurde zu den Waffen gerufen und +sie leistete dem Aufrufe mit merkwürdiger Bereitwilligkeit und +Begeisterung Folge. In die Flagge, welche auf dem Schlosse von Dublin +wehte, waren die Worte gestickt: <span class = "antiqua">„Now or never: +now and +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_22" id = "pageXII_22"> +XII.22</a></span> +for ever,“</span> (jetzt oder nimmer: jetzt und für immer) und diese Worte +fanden durch das ganze Land ein Echo.<a class = "tag" name = "tagXII_35" +id = "tagXII_35" href = "#noteXII_35">35</a> Nie hat Europa in der +neueren Zeit eine solche Erhebung eines ganzen Volks gesehen. Die +Gewohnheiten des celtischen Bauern waren von der Art, daß er kein Opfer +brachte, wenn er sein Kartoffelfeld mit dem Lager vertauschte. Er liebte +Aufregung und Abenteuer, und scheute die Arbeit viel mehr als Gefahren. +Seine nationalen und religiösen Gefühle waren seit drei Jahren durch die +beständige Anwendung von Reizmitteln aufgestachelt worden. Auf jeder +Messe und jedem Jahrmarkte hatte er gehört, daß bald eine gute Zeit +kommen werde, daß die Tyrannen, welche sächsisch sprächen und in Häusern +mit Schieferdächern wohnten, vertrieben werden und daß das Land dann +wieder seinen eigenen Kindern gehören würde. Um die Torffeuer von +hunderttausend Hütten waren allnächtlich rohe Balladen gesungen worden, +welche die Befreiung des unterdrückten Volks verkündeten. Die Priester, +welche größtentheils den alten Familien angehörten, die die +Ansiedelungsacte zu Grunde gerichtet hatte, welche aber von der +eingebornen Bevölkerung noch immer verehrt wurden, hatten von tausend +Altären herab jedem Katholiken ans Herz gelegt, seine Anhänglichkeit an +die wahre Religion durch Anschaffung von Waffen für den Tag zu beweisen, +an welchem es nöthig werden dürfte, zum Heile ihrer Sache das Glück der +Schlachten zu versuchen. Die Armee, welche unter Ormond nur aus acht +Regimentern bestanden hatte, wurde jetzt auf achtundvierzig Regimenter +gebracht, und die Reihen waren bald übervoll. Es war unmöglich, in +kurzer Zeit nur ein Zehntel der benöthigten Anzahl guter Offiziere zu +finden. Patente wurden mit verschwenderischer Freigebigkeit müßigen +Aufliegern verliehen, welche Anspruch darauf machten, von guten irischen +Familien abzustammen. Doch selbst auf diese Weise konnte der Bedarf an +Hauptleuten und Leutnants nicht beschafft werden und viele Compagnien +wurden von Schuhflickern, Schneidern und Lakaien befehligt.<a class = +"tag" name = "tagXII_36" id = "tagXII_36" href = +"#noteXII_36">36</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_35" id = "noteXII_35" href = "#tagXII_35">35.</a> +Gedruckter Brief aus Dublin vom 25. Febr. 1689: <span class = +"antiqua">Mephibosheth and Ziba, 1689.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_36" id = "noteXII_36" href = "#tagXII_36">36.</a> +Die Verwandschaft der Priester mit den alten irischen Familien ist in +Petty’s <span class = "antiqua">Political Anatomy of Ireland</span> +erwähnt. Siehe auch: <span class = "antiqua">Short View by a Clergyman +lately escaped, 1689</span>; <span class = "antiqua">Ireland’s +Lamentation, by an English Protestant that lately narrowly escaped with +life from thence, 1689</span>; <span class = "antiqua">A True Account of +the State of Ireland, by a person who with great difficulty left Dublin, +1689</span>; <span class = "antiqua">King II. 7.</span> Avaux bestätigt +Alles was diese Schriftsteller über die irischen Offiziere sagen.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verwüstung des Landes.</span> +<a name = "secXII_16" id = "secXII_16">Die</a> Löhnung der Soldaten war +sehr gering. Der Gemeine hatte nur drei Pence den Tag. Davon bekam er +nie mehr als die Hälfte baar ausgezahlt, und selbst diese Hälfte war oft +in Rückstand. Aber ein viel verlockenderer Köter als dieser karge Lohn +war die Aussicht auf unbegrenzte Zügellosigkeit. Wenn die Regierung ihm +weniger gab als für seine Lebensbedürfnisse ausreichte, so nahm sie es +dagegen nicht zu genau mit den Mitteln, durch welche er dem Mangel +abzuhelfen suchte. Obwohl vier Fünftel der Bevölkerung Irland’s Celten +und Katholiken waren, so kamen doch vier Fünftel des irischen Eigenthums +auf die protestantischen Engländer. Die Kornspeicher, die Keller, und +vor Allem die Viehheerden der Minderheit wurden der Mehrheit +preisgegeben. Denn die Bewaffnung war jetzt allgemein. Niemand wagte +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_23" id = "pageXII_23"> +XII.23</a></span> +es mehr, ohne eine Waffe, sei es eine Pike, ein langes Messer, <span +class = "antiqua">skean</span> genannt, oder wenigstens einen +zugespitzten und im Feuer gehärteten Eschenholzstock, in der Messe zu +erscheinen. Selbst die Frauen wurden von ihren Seelsorgern ermahnt, +Skeans bei sich zu führen. Alle Schmiede, Zimmerleute und Schwertfeger +waren fortwährend mit der Anfertigung von Gewehren und Klingen +beschäftigt. Es war kaum möglich ein Pferd beschlagen zu lassen. +Weigerte sich ein protestantischer Handwerker, an der Verfertigung von +Kriegsgeräth Theil zu nehmen, das gegen seine Nation und Religion +gebraucht werden sollte, so wurde er ins Gefängniß geworfen. Es läßt +sich mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß Ende Februar mindestens +hunderttausend Irländer unter den Waffen standen. Nahe an funfzigtausend +davon waren Soldaten; die übrigen waren Banditen; deren Gewaltthätigkeit +und Zügellosigkeit die Regierung zum Schein mißbilligte, sich aber nicht +bemühte, denselben Einhalt zu thun. Die Protestanten wurden nicht allein +nicht beschützt, sondern sie durften sich nicht einmal selbst schützen. +Es war beschlossen, daß sie inmitten einer bewaffneten und feindseligen +Bevölkerung unbewaffnet bleiben sollten. Ein Tag wurde festgesetzt, an +welchem sie alle ihre Schwerter und Feuergewehre in die Pfarrkirchen +bringen sollten, und zu gleicher Zeit angekündigt, daß jedes +protestantische Haus, in welchem nach diesem Tage eine Waffe gefunden +würde, der Plünderung durch die Soldaten preisgegeben werden sollte. Man +beklagte sich bitter über diese Maßregel, da der erste beste Schurke, +der eine Lanzenspitze oder ein altes Pulverfaß in einem Winkel eines +Hauses verberge, vollständigen Ruin über den Eigenthümer desselben +bringen könne.<a class = "tag" name = "tagXII_37" id = "tagXII_37" href += "#noteXII_37">37</a></p> + +<p>Der Oberrichter Keating, selbst Protestant und fast der einzige +Protestant, der noch ein hohes Amt in Irland bekleidete, stritt muthig +für die Sache der Gerechtigkeit und Ordnung wider die vereinte Macht der +Regierung und des Pöbels. Bei den Frühjahrsassisen zu Wicklow schilderte +er vom Richterstuhle herab in energischen Ausdrücken die traurige Lage +des Landes. Ganze Grafschaften, sagte er, würden durch ein Gesindel +verwüstet, das den Geiern und Raben gleiche, welche dem Marsche einer +Armee folgen. Die meisten dieser Elenden seien gar keine Soldaten und +handelten unter keiner dem Gesetze bekannten Autorität. Dennoch sei es +nur zu offenbar, daß sie durch einige hohe Befehlshaber ermuthigt und +protegirt würden. Wie könne sonst in geringer Entfernung von der +Hauptstadt ein offner Markt für geraubtes Gut gehalten werden? Die +Geschichten, welche Reisende von den Hottentotten am Kap der guten +Hoffnung erzählten, sehe man in Leinster verwirklicht. Nichts sei +gewöhnlicher, als daß ein rechtlicher Mann sich des Abends reich +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_24" id = "pageXII_24"> +XII.24</a></span> +an Schaf- und Rinderheerden, die er durch den Fleiß und die Thätigkeit +eines langen Lebens erworben, niederlege und am andren Morgen als +Bettler erwache. Keating bemühte sich indessen mit nur geringem Erfolge, +inmitten jener entsetzlichen Anarchie das Ansehen des Gesetzes aufrecht +zu erhalten. Priester und Heerführer traten auf, um den Oberrichter +einzuschüchtern und die Räuber in Schutz zu nehmen. Ein solcher Schurke +kam straflos davon, weil kein Kläger gegen ihn aufzutreten wagte. Ein +Andrer erklärte, daß er sich auf den Befehl seines Seelsorgers und nach +dem Beispiele vieler höher stehender Leute, die er hier im Gerichtssaal +sehe, bewaffnet habe. Nur zwei von den <span class = "antiqua">Merry +Boys</span> (lustigen Burschen), wie man sie nannte, wurden überführt; +die schlimmsten Verbrecher kamen ohne Strafe davon, und der Oberrichter +sagte entrüstet zu den Geschwornen, daß die Schuld an dem Ruin des +Landes vor ihrer Thür liege.<a class = "tag" name = "tagXII_38" id = +"tagXII_38" href = "#noteXII_38">38</a></p> + +<p>Wenn solche Gesetzlosigkeit in Wicklow herrschte, so kann man sich +leicht vorstellen, wie es in uncultivirteren und vom Sitze der Regierung +weiter entfernten Districten zugegangen sein muß. Keating war der +einzige richterliche Beamte, der sich kräftig bemühte, dem Gesetze +Ansehen zu verschaffen. In der That, der Oberrichter des höchsten +Criminalgerichtshofes im Königreiche, Nugent, erklärte auf der +Richterbank zu Cork, daß ohne Gewaltthätigkeit und Beraubung die +Absichten der Regierung nicht durchgeführt werden könnten, und daß unter +solchen Umständen Räubereien als ein nothwendiges Übel geduldet werden +müßten.<a class = "tag" name = "tagXII_39" id = "tagXII_39" href = +"#noteXII_39">39</a></p> + +<p>Die Zerstörung von Eigenthum, welche binnen wenigen Wochen stattfand, +wäre unglaublich, würde sie nicht durch einander fern stehende und ganz +verschiedenen Interessen ergebene Zeugen bestätigt. Die Schilderungen +von Protestanten, welche während jener Schreckensherrschaft mit +Lebensgefahr nach England entkamen, und die von Gesandten, Commissarien +und Heerführern Ludwig’s stimmen genau, mitunter sogar wörtlich überein. +Alle erklärten einstimmig, daß es vieler Jahre bedürfen werde, um die +Verwüstungen wieder gut zu machen, welche das bewaffnete Landvolk in +einigen Wochen angerichtet habe.<a class = "tag" name = "tagXII_40" id = +"tagXII_40" href = "#noteXII_40">40</a> Mehrere von der sächsischen +Aristokratie besaßen glänzend möblirte Schlösser mit Schränken, die von +Silbergeschirr strotzten. All’ dieser Reichthum verschwand. In einem +Hause, welches für dreitausend Pfund Sterling Silberzeug enthalten +hatte, blieb nicht ein einziger Löffel.<a class = "tag" name = +"tagXII_41" id = "tagXII_41" href = "#noteXII_41">41</a> Der +Hauptreichthum Irland’s aber bestand in Vieh. Zahllose Schaf- und +Rinderheerden bedeckten diesen ungeheuren, durch die Feuchtigkeit des +Atlantischen Oceans befruchteten Wiesenteppich. Mehr als ein Gentleman +besaß zwanzigtausend Stück Schafe und viertausend Rinder. Die +Freibeuter, welche jetzt das Land überzogen, gehörten einer Klasse an, +welche gewohnt war, von Kartoffeln und saurer Milch zu leben, und die +das Fleisch jederzeit als einen nur den Reichen zu Gebote stehenden +Luxus betrachtet hatten. Diese Leute schwelgten anfangs im Genusse von +Rind- und Hammelfleisch, wie die rohen Horden, die sich +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_25" id = "pageXII_25"> +XII.25</a></span> +vor Alters aus den Wäldern des Nordens über Italien ergossen, im Genusse +der kostbarsten Weine schwelgten. Die Protestanten schilderten mit +Abscheu und Ekel die unglaubliche Gefräßigkeit ihrer befreiten Sklaven. +Die geschlachteten Thiere wurden halb roh und halb zu Kohle verbrannt, +bald noch blutend, bald schon im Zustande der Verwesung, in Stücke +zerrissen und ohne Salz, Brot oder Gemüse verschlungen. Diejenigen, +welche gekochtes Fleisch vorzogen, machten, da es ihnen oft an Kesseln +fehlte, mit gutem Erfolge den Versuch, einen ganzen Ochsen in seiner +eignen Haut zu kochen. Es existirt noch eine alberne Tragikomödie, +welche in diesem und dem darauffolgenden Jahre auf einem kleinen Theater +zum Ergötzen des englischen Pöbels aufgeführt wurde. Ein Haufen +halbnackter Wilder erschien, ein celtisches Lied brüllend und um einen +Ochsen herumtanzend, auf der Bühne. Hierauf begannen sie von dem +lebenden Thiere Stücke <ins class = "correction" +title = "Original hat »loszuscheiden«">loszuschneiden</ins> und das blutende Fleisch auf die +Kohlen zu werfen. Die Barbarei und Scheußlichkeit der Freßgelage der +„Rapparees“ war in der That so arg, daß die Dramatiker in Grub Street +sie kaum zu karrikiren vermochten. Mit dem Eintritt der Fastenzeit +hörten die Plünderer im Allgemeinen auf zu schwelgen, aber sie fuhren +fort zu zerstören. Ein Bauer war im Stande eine Kuh zu tödten, bloß um +ein Paar Schuhe zu bekommen. Oft wurde eine ganze Heerde Schafe oder +fünfzig bis sechzig Stück Rinder geschlachtet, die Thiere abgezogen, die +Vließe und Häute mitgenommen und die Cadaver liegen gelassen, um die +Luft zu verpesten. Der französische Gesandte berichtete seinem Gebieter, +daß in Zeit von sechs Wochen funfzigtausend Stück Hornvieh auf diese Art +getödtet worden seien und nun im ganzen Lande unter freiem Himmel +verfaulten. Die Zahl der in dem nämlichen Zeitraum geschlachteten Schafe +soll sich auf drei- bis viermalhunderttausend Stück belaufen haben.<a +class = "tag" name = "tagXII_42" id = "tagXII_42" href = +"#noteXII_42">42</a></p> + +<p>Jede Schätzung, die man jetzt von dem Werthe des Eigenthums machen +kann, das während jenes furchtbaren Racenkampfes zerstört wurde, muß +nothwendig sehr ungenau sein. Indessen fehlt es uns nicht gänzlich an +Material zu einer solchen Schätzung. Die Quäker waren weder eine sehr +zahlreiche noch eine sehr wohlhabende Klasse. Wir dürfen schwerlich +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_26" id = "pageXII_26"> +XII.26</a></span> +annehmen, daß sie mehr als ein Fünfzigstel der protestantischen +Bevölkerung Irland’s bildeten oder daß sie mehr als ein Fünfzigstel des +protestantischen Vermögens in Irland besaßen. Überdies wurden sie +unzweifelhaft schonender behandelt als irgend eine andre protestantische +Secte. Jakob war stets für sie eingenommen gewesen, sie gestehen selbst, +daß Tyrconnel sein Möglichstes that, um sie zu schützen, und sie +scheinen selbst vor den Augen der Rapparees Gnade gefunden zu haben.<a +class = "tag" name = "tagXII_43" id = "tagXII_43" href = +"#noteXII_43">43</a> Und doch schlugen die Quäker ihre pekuniären +Verluste auf hunderttausend Pfund Sterling an.<a class = "tag" name = +"tagXII_44" id = "tagXII_44" href = "#noteXII_44">44</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_37" id = "noteXII_37" href = "#tagXII_37">37.</a> +Im französischen Kriegsministerium befindet sich ein Bericht über den +Zustand Irland’s im Februar 1689. In diesem Bericht heißt es, daß die +Zahl der als Soldaten eingereihten Irländer fünfundvierzigtausend +betrage, daß sie aber auf hunderttausend gestiegen sein würde, wenn Alle +die sich freiwillig stellten, angenommen worden wären. Siehe auch: <span +class = "antiqua">The Sad and Lamentable Condition of the Protestants in +Ireland, 1689</span>; <span class = "antiqua">Hamilton’s True Relation, +1690</span>; <span class = "antiqua">The State of Papist and Protestant +Properties in the Kingdom of Ireland, 1689</span>; <span class = +"antiqua">A true Representation to the King and People of England how +Matters were carried on all along in Ireland, licensed Aug. 16. +1689</span>; <span class = "antiqua">Letter from Dublin, 1689</span>; +<span class = "antiqua">Ireland’s Lamentation, 1689</span>; <span class += "antiqua">Compleat History of the Life and Military Actions of +Richard, Earl of Tyrconnel, Generalissimo of all the Irish forces now in +arms, 1689.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_38" id = "noteXII_38" href = "#tagXII_38">38.</a> +Siehe die Verhandlungen in den <span class = "antiqua">State +Trials</span>.</p> + +<p><a name = "noteXII_39" id = "noteXII_39" href = "#tagXII_39">39.</a> +<span class = "antiqua">King, III. 10</span>.</p> + +<p><a name = "noteXII_40" id = "noteXII_40" href = "#tagXII_40">40.</a> +Zehn Jahre, sagt der französische Gesandte; zwanzig Jahre, sagt ein +protestantischer Flüchtling.</p> + +<p><a name = "noteXII_41" id = "noteXII_41" href = "#tagXII_41">41.</a> +<span class = "antiqua">Animadversions an the proposal for sending back +the nobility and gentry of Ireland, 1689/90.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_42" id = "noteXII_42" href = "#tagXII_42">42.</a> +<span class = "antiqua">King, III. 10</span>; <span class = +"antiqua">The Sad Estate and Condition of Ireland, as represented in a +Letter from a Worthy Person who was in Dublin on Friday last, March 4. +1689</span>; <span class = "antiqua">Short View by a Clergyman, +1689</span>; <span class = "antiqua">Lamentation of Ireland, +1689</span>; <span class = "antiqua">Compleat History of the Life and +Actions of Richard, Earl of Tyrconnel, 1689</span>; <span class = +"antiqua">The Royal Voyage</span>, aufgeführt 1689 und 1690. Dieses +Stück, das, wenn ich nicht irre, in der Bartholomäusmesse gegeben wurde, +ist eines der interessantesten von einer interessanten Gattung von +Compositionen, welche zwar jedes literarischen Werthes ermangeln, aber +deshalb von Bedeutung sind, weil sie zeigen, was damals die +erfolgreichste Lockspeise für ein aus gemeinem Volke bestehendes +Publikum war. „Der Zweck dieses Schauspiels,“ sagt der Verfasser in +seiner Vorrede, „ist namentlich der, den perfiden, gemeinen, feigen und +blutdürstigen Character der Irländer vor Augen zu führen.“ Was die +flüchtigen Protestanten von der muthwilligen Vernichtung des Viehes +erzählen, wird von Avaux in einem vom 13.(23.) April 1689 datirten +Briefe an Ludwig, und von Desgrigny in einem vom 17.(27.) Mai 1690 +datirten Schreiben an Louvois bestätigt. Die meisten Depeschen, welche +Avaux während seines Aufenthalts in Irland schrieb, sind in einem Werke +enthalten, das vor einigen Jahren im englischen auswärtigen Amte in +wenigen Exemplaren gedruckt wurde. Viele habe ich auch im französischen +Ministerium des Auswärtigen abgeschrieben. Die Briefe von Desgrigny, der +im Commissariat angestellt war, fand ich in der Bibliothek des +französischen Kriegsministeriums. Ich kann die Bereitwilligkeit und +Zuvorkommenheit, mit der mir die reichen und vortrefflich geordneten +Schätze interessanter Belehrung in Paris geöffnet wurden, nicht genug +rühmen.</p> + +<p><a name = "noteXII_43" id = "noteXII_43" href = "#tagXII_43">43.</a> +„Eine eigenthümliche Erscheinung, welche nie vergessen werden darf, war, +daß Diejenigen, welche damals (zu Ende des Jahres 1688) an der +Spitze der Regierung standen, uns zu begünstigen und sich unsre +Freundschaft bewahren zu wollen schienen.“ <span class = +"antiqua">History of the Rise and Progress of the People called Quakers +in Ireland, by Wight and Rutty, Dublin 1751.</span> King wirft in der +That (III. 17.) den Quäkern vor, daß sie Verbündete und Werkzeuge +der Papisten gewesen seien.</p> + +<p><a name = "noteXII_44" id = "noteXII_44" href = "#tagXII_44">44.</a> +Wight and Rutty.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Protestanten in Süden unfähig Widerstand zu leisten.</span> +<a name = "secXII_17" id = "secXII_17">In</a> Leinster, Munster und +Connaught war es den englischen Ansiedlern ihrer geringen und +zersplitterten Anzahl wegen rein unmöglich, dem furchtbaren Andrange der +eingebornen Bevölkerung einen erfolgreichen Widerstand entgegenzusetzen. +Charleville, Mallow und Sligo fielen in die Gewalt der Eingebornen. +Bandon, wo die Protestanten eine ansehnlichere Streitmacht +zusammengezogen hatten, wurde durch den Generalleutnant Macarthy, einen +Officier, der aus einer der vornehmsten celtischen Familien abstammte +und unter einem angenommenen Namen lange in der französischen Armee +gedient hatte, zur Übergabe gezwungen.<a class = "tag" name = +"tagXII_45" id = "tagXII_45" href = "#noteXII_45">45</a> Die Bewohner +von Kenmare hielten sich in ihrer kleinen Festung, bis sie von +dreitausend regulären Soldaten angegriffen wurden und bis sie erfuhren, +daß mehrere Kanonen herbeigeschafft würden, um den Erdwall zu zerstören, +der das Haus des Agenten umgab. Da endlich wurde eine Capitulation +abgeschlossen, und den Colonisten gestattet, sich auf einem mit +Lebensmitteln und Wasser spärlich versehenen kleinen Fahrzeuge +einzuschiffen. Sie hatten keinen erfahrenen Schiffer an Bord; doch nach +einer vierzehntägigen Seereise, während der sie wie die Neger auf einem +Sklavenschiffe zusammengepfercht waren und vor Hunger und Durst fast +umkamen, erreichten sie wohlbehalten den Hafen von Bristol.<a class = +"tag" name = "tagXII_46" id = "tagXII_46" href = "#noteXII_46">46</a> +Wenn solcher Art das Schicksal der Städte war, so lag es auf der Hand, +daß die Landsitze, welche die protestantischen Gutsbesitzer unlängst in +den drei südlichen Provinzen befestigt hatten, sich nicht länger zu +halten vermochten. Viele Familien unterwarfen sich, lieferten ihre +Waffen ab und schätzten sich glücklich, daß sie mit dem Leben davon +kamen. Viele beherzte und tapfere Gentlemen und Freisassen aber waren +entschlossen lieber umzukommen, als sich zu ergeben. Sie packten das +leicht transportable werthvolle Eigenthum zusammen, verbrannten das was +sie nicht mitnehmen konnten und brachen wohl bewaffnet und beritten nach +den Orten in Ulster auf, welche die Besten ihres Stammes und ihres +Glaubens waren. Die Elite der protestantischen Bevölkerung von Munster +und Connaught fand in Enniskillen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_27" id = "pageXII_27"> +XII.27</a></span> +ein Asyl. Die Tapferen und Entschlossenen von Leinster schlugen den Weg +nach Londonderry ein.<a class = "tag" name = "tagXII_47" id = +"tagXII_47" href = "#noteXII_47">47</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_45" id = "noteXII_45" href = "#tagXII_45">45.</a> +<span class = "antiqua">Life of James, II. 327. Orig. Mem.</span> +Macarthy und sein fingirter Name werden mehrere Male von Dongeau +erwähnt.</p> + +<p><a name = "noteXII_46" id = "noteXII_46" href = "#tagXII_46">46.</a> +<span class = "antiqua">Exact Relation of the Persecutions, Robberies +and Losses sustained by the Protestants of Killmare in Ireland, +1689</span>.</p> + +<p><a name = "noteXII_47" id = "noteXII_47" href = "#tagXII_47">47.</a> +<span class = "antiqua">A true Representation to the King and People of +England how Matters were carried on all along in Ireland by the late +King James, licensed Aug. 16. 1689</span>; <span class = +"antiqua">A True Account of the Present State of Ireland by a Person +that with Great Difficulty left Dublin, licensed June 8. +1689.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Enniskillen und Londonderry halten sich.</span> +<a name = "secXII_18" id = "secXII_18">Der</a> Muth Enniskillen’s und +Londonderry’s stieg angesichts der Gefahr immer höher und höher. An +beiden Orten wurden die Nachrichten von dem was die Convention zu +Westminster gethan, mit unbeschreiblicher Freude aufgenommen. Wilhelm +und Marie wurden in Enniskillen mit einmüthigem Enthusiasmus und mit +demjenigen Pomp proklamirt, den die kleine Stadt erschwingen konnte.<a +class = "tag" name = "tagXII_48" id = "tagXII_48" href = +"#noteXII_48">48</a> Lundy, der in Londonderry commandirte, durfte es +nicht wagen, der allgemeinen Gesinnung der Bürger und seiner eigenen +Soldaten entgegenzutreten. Er kündigte daher seinen Beitritt zu der +neuen Regierung an und unterschrieb eine Erklärung, durch die er sich +verpflichtete, treu zu dieser Regierung zu stehen, widrigenfalls er als +ein Feigling und Verräther betrachtet sein wollte. Ein Schiff aus +England brachte bald ein Patent von Wilhelm und Marien, das ihn in +seinem Posten bestätigte.<a class = "tag" name = "tagXII_49" id = +"tagXII_49" href = "#noteXII_49">49</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_48" id = "noteXII_48" href = "#tagXII_48">48.</a> +<span class = "antiqua">Hamilton’s Actions of the Inniskilling Men, +1689.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_49" id = "noteXII_49" href = "#tagXII_49">49.</a> +<span class = "antiqua">Walker’s Account, 1689.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Richard Hamilton marschirt mit einer Armee nach Ulster.</span> +<a name = "secXII_19" id = "secXII_19">Die</a> Protestanten von Ulster +zur Unterwerfung zu zwingen, bevor Unterstützung aus England eintreffen +konnte, war jetzt Tyrconnel’s Hauptzweck. Eine starke Truppenmacht wurde +unter dem Commando Richard Hamilton’s nach dem Norden dirigirt. Dieser +Mann hatte alle Verpflichtungen, welche einem Gentleman und Soldaten am +heiligsten sind, mit Füßen getreten, war gegen seine Freunde, die +Temple, meineidig geworden, hatte sein militärisches Ehrenwort +gebrochen, und schämte sich jetzt nicht als General gegen eine Regierung +ins Feld zu ziehen, der er sich als Gefangener zu stellen verpflichtet +war. Sein Marsch hinterließ in dem Aussehen des Landes Spuren, welche +auch dem sorglosesten Auge viele Jahre hindurch nicht unbemerkt bleiben +konnten. Seine Armee war von einem Gesindel begleitet, das Keating sehr +richtig mit den unsauberen Raubvögeln verglichen hatte, die sich +jederzeit da sammeln, wo es stark nach Aas riecht. Der General erklärte, +daß es sein aufrichtiger Wille sei, alle Protestanten, welche ruhig zu +Hause blieben, vor Verderben und Gewaltthätigkeiten zu behüten, und +gewährte ihnen mit größter Bereitwilligkeit von ihm eigenhändig +unterschriebene Schutzbriefe. Aber diese Schutzbriefe erwiesen sich als +nutzlos und er mußte eingestehen, daß er zwar seine Soldaten im Zaume +halten könne, aber unter dem Pöbeltroß, der seiner Armee folgte, keine +Ordnung zu halten vermöge. Das Land hinter ihm war eine Wüste, und bald +war auch das Land vor ihm in gleichem Maße verödet. Denn bei der +Nachricht von seiner Annäherung verbrannten die Colonisten ihre +bewegliche Habe, rissen ihre Häuser nieder und zogen sich nach dem +Norden zurück. Einige von ihnen versuchten es, bei Dromore Stand zu +halten, aber sie wurden durchbrochen und auseinandergesprengt. Nun wurde +die Flucht wild und tumultuarisch. Die Fliehenden brachen die Brücken ab +und verbrannten die Fähren. Ganze +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_28" id = "pageXII_28"> +XII.28</a></span> +Städte, die Sitze der protestantischen Bevölkerung, wurden zerstört, und +kein einziger Bewohner blieb darin. Die Einwohner von Omagh zerstörten +ihre Häuser so vollständig, daß kein Dach übrig blieb, das den Feind +gegen Wind und Regen hätte schützen können. Die Bewohner von Cavan zogen +sämmtlich nach Enniskillen. Es war ein regnerischer, stürmischer Tag und +die Wege waren grundlos. Einen herzerschütternden Anblick gewährten die +weinenden und ausgehungerten Frauen und Kinder, welche mitten unter den +bewaffneten Männern bis an die Knie im Kothe waten mußten. Ganz Lisburn +floh nach Antrim, und als der Feind heranrückte, strömte ganz Lisburn +und Antrim zusammen nach Londonderry. Dreißigtausend Protestanten beider +Geschlechter und jeden Alters waren hinter den Bollwerken der +Zufluchtsstadt zusammengedrängt. Hier endlich, am Rande des Oceans, bis +in das letzte Asyl gehetzt und zu einer Verzweiflung aufgestachelt, in +der der Mensch sich umbringen läßt, sich aber so leicht nicht +unterwirft, machte die herrschende Race Front, um dem andringenden +Feinde die Spitze zu bieten.<a class = "tag" name = "tagXII_50" id = +"tagXII_50" href = "#noteXII_50">50</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_50" id = "noteXII_50" href = "#tagXII_50">50.</a> +<span class = "antiqua">Mackenzie’s Narrative</span>; <span class = +"antiqua">Mac <ins class = "correction" +title = "Original hat »Cormack’s«">Cormick’s</ins> Further Impartial Account</span>; <span +class = "antiqua">Story’s Impartial History of the Affairs of Ireland, +1691</span>; <span class = "antiqua">Apology for the Protestants of +Ireland</span>; Brief von Dublin vom 25. Febr. 1689; Avaux an Ludwig von +15.(25.) April 1689.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob entschließt sich nach Irland zu gehen.</span> +<a name = "secXII_20" id = "secXII_20">Inzwischen</a> waren Mountjoy und +Rice in Frankreich angelangt. Mountjoy wurde sogleich festgenommen und +in die Bastille geworfen. Jakob beschloß, der von Rice überbrachten +Einladung nachzukommen, und bat Ludwig um ein französisches Hülfsheer. +Dieser aber, obwohl er in allen Dingen, welche die persönliche Würde und +Bequemlichkeit seiner königlichen Gäste betrafen, eine fast romantische +Aufmerksamkeit und eine an Verschwendung grenzende Freigebigkeit bewies, +hatte keine Lust, ein starkes Truppencorps nach Irland zu schicken. Er +sah, daß Frankreich auf dem Continent einen langwierigen Krieg gegen +eine mächtige Coalition zu bestehen haben werde, der ungeheure Ausgaben +verursachen mußte, und so groß auch die Hülfsquellen des Landes waren, +sah er doch ein, wie wichtig es war, nichts zu vergeuden. Er betrachtete +die unglücklichen Verbannten, denen er eine so fürstliche Aufnahme hatte +zu Theil werden lassen, mit aufrichtigem Mitleid und gutem Willen; doch +bei allem Mitleid und gutem Willen konnte es seinem Scharfblicke nicht +lange verborgen bleiben, daß sein Bruder von England der einfältigste +und verderbteste Mensch von der Welt war. Jakob’s Thorheit, seine +Unfähigkeit, die Charactere der Menschen und die Zeichen der Zeit zu +erkennen, sein Starrsinn, der sich gerade in solchen Fällen, wo die +Klugheit zum Nachgeben rieth, am unbeugsamsten zeigte, und sein +Schwanken, das immer am kläglichsten bei solchen Gelegenheiten +hervortrat, welche Festigkeit erheischten, hatten seine Vertreibung aus +England zur Folge gehabt und konnten auch über Frankreich großes Unheil +bringen, wenn man seine Rathschläge blindlings befolgte. Als ein von +Rebellen vertriebener legitimer Souverain, als ein von Ketzern +verfolgter Bekenner des wahren Glaubens und als ein naher Verwandter des +Hauses Bourbon, der um einen Platz am Herde dieses Hauses gebeten, hatte +er Anspruch auf Gastfreundschaft, liebevolle Behandlung und Achtung. Es +gehörte sich, daß ihm ein stattlicher Palast und ein großer Forst +angewiesen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_29" id = "pageXII_29"> +XII.29</a></span> +wurde, daß die Haustruppen ihm die höchsten militärischen Ehren +bezeigten und daß alle Hunde des Großjägermeisters und alle Falken des +Großfalconiers zu seiner Verfügung standen. Wenn aber ein Fürst, der, an +der Spitze einer großen Flotte und eines großen Landheeres, ein Reich +verloren hatte, ohne einen Schlag zu thun, Pläne zu See- und +Landfeldzügen vorschlug, wenn ein Fürst, der durch seine völlige +Unkenntniß des Characters seiner eigenen Landsleute, seiner eigenen +Soldaten, seiner eigenen Diener und seiner eigenen Kinder zu Grunde +gegangen war, sich beikommen ließ, für den Eifer und die Treue des +irischen Volks stehen zu wollen, dessen Sprache er nicht verstand und +dessen Land er noch nie betreten, so mußten seine Vorschläge nothwendig +mit Vorsicht aufgenommen werden. Dies waren die Ansichten Ludwig’s und +er wurde darin durch seinen Kriegsminister Louvois bestärkt, der aus +privaten wie aus öffentlichen Gründen nicht wünschte, daß Jakob von +einer starken Truppenmacht begleitet werde. Louvois haßte Lauzun und +Lauzun war ein Günstling in Saint-Germain. Er trug den Hosenbandorden, +ein Ehrenzeichen, das sehr selten Fremden, welche nicht souveraine +Fürsten waren, verliehen worden ist. Man glaubte sogar am französischen +Hofe, daß er, um ihn vor den anderen Rittern des höchsten aller +europäischen Orden auszuzeichnen, mit dem nämlichen Georg decorirt +worden sei, den Karl I. auf dem Schaffot den Händen Juxon’s übergeben +hatte.<a class = "tag" name = "tagXII_51" id = "tagXII_51" href = +"#noteXII_51">51</a> Es war ihm außerdem Hoffnung gemacht worden, daß +er, wenn französische Truppen nach Irland geschickt wurden, dieselben +commandiren solle, und diese ehrgeizige Hoffnung wollte Louvois +vereiteln.<a class = "tag" name = "tagXII_52" id = "tagXII_52" href = +"#noteXII_52">52</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_51" id = "noteXII_51" href = "#tagXII_51">51.</a> +<span class = "antiqua">Mémoires de Madame de la Fayette</span>; Frau +von Sévigné an Frau von Grignan vom 28. Febr. 1689.</p> + +<p><a name = "noteXII_52" id = "noteXII_52" href = "#tagXII_52">52.</a> +<span class = "antiqua">Burnet II. 17</span>; <span class = +"antiqua">Clarke’s Life of James, II. 320—322.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Unterstützung, welche Jakob von Ludwig gewährt wird.</span> +<a name = "secXII_21" id = "secXII_21">Eine</a> Armee wurde daher vor +der Hand verweigert, sonst aber Alles bewilligt. Die in Brest liegende +Flotte erhielt Befehl sich zum Absegeln bereit zu machen, Waffen für +zehntausend Mann und große Massen von Munition wurden an Bord geschafft. +Etwa vierhundert Kapitäns, Leutnants, Cadetten und Kanoniere wurden für +den wichtigen Dienst, die neuauszuhebenden irischen Truppen zu +organisiren und einzuüben, ausgewählt. Den Oberbefehl erhielt ein alter +Kriegsveteran, der Graf von Rosen. Unter ihm standen Maumont mit dem +Range eines Generalleutnants, und ein Brigadier Namens Pusignan. Eine +halbe Million Kronen in Gold, eine Summe die ungefähr +hundertzwölftausend Pfund Sterling entsprach, wurde nach Brest +gesandt.<a class = "tag" name = "tagXII_53" id = "tagXII_53" href = +"#noteXII_53">53</a> Für Jakob’s persönliche Bequemlichkeit war mit +einer Ängstlichkeit gesorgt, welche der einer liebenden Mutter glich, +die ihren Sohn zu seinem ersten Feldzuge ausstattet. Das Ameublement für +die Kajüte, das Lagergeräth, die Zelte, die Betten und das +Tafelgeschirr, Alles war luxuriös und kostbar. Nichts was dem Verbannten +angenehm oder nützlich sein konnte, war zu kostspielig für die +Freigebigkeit oder zu geringfügig für die Aufmerksamkeit seines artigen +und splendiden Wirthes. Am 15. Februar machte Jakob seinen +Abschiedsbesuch in Versailles. Er wurde mit allen Beweisen von Achtung +und Zuvorkommenheit in den Gebäuden und Anlagen herumgeführt. Die +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_30" id = "pageXII_30"> +XII.30</a></span> +Wasserwerke waren ihm zu Ehren im Gange. Es war gerade die +Carnevalszeit, und nie hatten der große Palast und die prächtigen Gärten +einen heiterern Anblick gewährt. Am Abend erschienen die beiden Könige +nach einer langen und ernsten Privatconferenz in einem glänzenden Cirkel +von Herren und Damen. „Ich hoffe,“ sagte Ludwig in seiner edelsten und +liebenswürdigsten Weise, „daß wir scheiden, um uns in diesem Leben nie +wieder zu begegnen. Dies ist der beste Wunsch, den ich für Sie hegen +kann. Sollte jedoch ein böses Geschick Sie zur Rückkehr zwingen, so sein +Sie versichert, daß Sie mich bis zum letzten Augenblicke so finden +werden, wie Sie mich bisher gefunden haben.“ Am 17. stattete Ludwig in +Saint-Germains seinen Gegenbesuch ab. Im Augenblicke der letzten +Umarmung sagte er mit seinem freundlichsten Lächeln: „Wir haben noch +etwas vergessen: einen Brustharnisch für Sie. Sie sollen den meinigen +haben.“ Der Brustharnisch wurde herbeigebracht und gab den Schöngeistern +des Hofes Gelegenheit zu geistreichen Anspielungen auf die von Vulcan +verfertigte Rüstung, welche einst Achilles seinem schwächeren Freunde +lieh. Jakob reiste nach Brest ab und seine durch Krankheit und Kummer +niedergedrückte Gemahlin schloß sich mit ihrem Kinde ein um zu weinen +und zu beten.<a class = "tag" name = "tagXII_54" id = "tagXII_54" href = +"#noteXII_54">54</a></p> + +<p>Mehrere von Jakob’s eigenen Unterthanen begleiteten ihn oder folgten +ihm schleunigst nach; die Vornehmsten darunter waren sein Sohn Berwick, +Cartwright, Bischof von Chester, Powis, Dower und Melfort. Keiner von +dem ganzen Gefolge war dem großbritannischen Volke so verhaßt als +Melfort. Er war ein Apostat, Viele hielten ihn für einen nicht +aufrichtigen Apostaten, und die anmaßende, willkürliche und drohende +Sprache seiner Staatsschriften war selbst den Jakobiten zuwider. Daher +war er ein Liebling seines Gebieters, denn in Jakob’s Augen waren +Unpopularität, Starrsinn und Unversöhnlichkeit die gewichtigsten +Empfehlungen für einen Staatsmann.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_53" id = "noteXII_53" href = "#tagXII_53">53.</a> +Maumont’s Instructionen.</p> + +<p><a name = "noteXII_54" id = "noteXII_54" href = "#tagXII_54">54.</a> +Dangeau vom 15.(25.) und 17.(27.) Febr. 1689; Frau von Sévigné vom +18.(28.) Febr. und 10. Febr. (2. März); <span class = +"antiqua">Mémoires de Madame de la Fayette.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wahl eines französischen Gesandten zum Begleiter Jakob’s.</span> +<a name = "secXII_22" id = "secXII_22">Welcher</a> Franzos den König von +England in der Eigenschaft eines Gesandten begleiten sollte, war ein +Gegenstand ernster Berathung zu Versailles gewesen. Barillon konnte ohne +auffallende Geringschätzung nicht übergangen werden. Aber seine +Lässigkeit, sein Mangel an Energie und vor Allem die Leichtgläubigkeit, +mit der er auf Sunderland’s Versicherungen gehört, hatten auf Ludwig +einen ungünstigen Eindruck gemacht. Was in Irland zu thun war, war keine +Arbeit für einen Tändler oder Gimpel. Der Geschäftsträger Frankreich’s +in diesem Lande mußte mehr als den gewöhnlichen Functionen eines +Gesandten gewachsen sein. Er war berechtigt und verpflichtet, in allen +Zweigen der politischen und militärischen Verwaltung des Reichs, in +welchem er den mächtigsten und freigebigsten Bundesgenossen vertreten +sollte, gute Rathschläge zu geben. Barillon wurde daher übergangen. Er +stellte sich als ob er seine Ungnade mit Fassung ertrüge. Wenn auch +seine politische Laufbahn große Calamitäten über das Haus Stuart wie +über das Haus Bourbon gebracht hatte, so war sie doch keineswegs ohne +Gewinn für ihn selbst gewesen. Er sagte er sei alt und korpulent, er +beneide jüngere Männer nicht um +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_31" id = "pageXII_31"> +XII.31</a></span> +die Ehre, in den irischen Sümpfen von Kartoffeln und Whiskey zu leben, +er wolle es versuchen, sich mit Rebhühnern, mit Champagner und mit der +Gesellschaft der geistreichsten Männer und hübschesten Frauen von Paris +zu trösten. Man sprach jedoch davon, daß er von sehr peinlichen Gefühlen +gequält werde, die er zu verbergen sich bestrebte; seine Gesundheit und +sein Frohsinn nahmen mehr und mehr ab und er versuchte es nun, in +religiösen Übungen Trost zu finden. Manche Leute waren sehr erbaut durch +die Frömmigkeit des alten Wüstlings; Andere aber schrieben seinen Tod, +der bald nach seinem Rücktritt aus dem öffentlichen Leben erfolgte, der +Scham und dem Ärger zu.<a class = "tag" name = "tagXII_55" id = +"tagXII_55" href = "#noteXII_55">55</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_55" id = "noteXII_55" href = "#tagXII_55">55.</a> +Memoiren La Fare’s und Saint-Simon’s; Note von Renaudot über die +englischen Angelegenheiten, 1697, in den französischen Archiven, Frau +von Sévigné vom 20. Febr. (2. März) und vom 11.(21.) März 1689; +Brief von Frau von Coulanges an Herrn von Coulanges vom 23. Juli +1691.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Der Graf von Avaux.</span> +<a name = "secXII_23" id = "secXII_23">Der</a> Graf von Avaux, dessen +Scharfblick alle Pläne Wilhelm’s durchschaut und der vergebens zu einer +Politik gerathen hatte, die jene Pläne wahrscheinlich vereitelt haben +würde, war der Mann, auf den Ludwig’s Wahl fiel. In Bezug auf Talent und +Befähigung wurde Avaux von keinem der vielen geschickten Diplomaten, +welche sein Vaterland damals besaß, übertroffen. Sein Benehmen war +ungemein anziehend, seine persönliche Erscheinung angenehm und sein +Gemüth sanft und liebreich. Seine Manieren und seine Conversation waren +die eines Cavaliers, der an dem elegantesten und prächtigsten aller Höfe +erzogen worden, der diesen Hof sowohl in katholischen wie in +protestantischen Ländern vertreten und der auf seinen Wanderungen die +Kunst erlernt hatte, den Ton jeder Gesellschaft zu treffen, in welche +der Zufall ihn führen mochte. Dabei war er höchst umsichtig und gewandt, +fruchtbar an Auskunftsmitteln und geschickt in Entdeckung der schwachen +Seiten eines Characters. Indessen war sein eigner Character nicht frei +von Schwächen. Der Gedanke von plebejischer Herkunft zu sein, war die +Qual seines Lebens. Er schmachtete nach dem Adel mit einer eben so +bedauernswerthen als lächerlichen Sehnsucht. Bei aller seiner +Geschicklichkeit, Erfahrung und ausgezeichneten Bildung stieg er doch +zuweilen unter dem Einflusse seines geheimen Grames auf das Niveau von +Molière’s Jourdain herab und ergötzte boshafte Beobachter durch Scenen, +welche eben so komisch waren wie die, in der der ehrliche Tuchhändler +zum Mamamuschi gemacht wird.<a class = "tag" name = "tagXII_56" id = +"tagXII_56" href = "#noteXII_56">56</a> Es möchte noch sein, wenn dies +das Schlimmste gewesen wäre. Aber es ist nicht zuviel gesagt, wenn man +behauptet, daß Avaux von dem Unterschiede zwischen Recht und Unrecht so +wenig einen Begriff hatte wie ein unvernünftiges Thier. Ein Gefühl +vertrat bei ihm die Stelle der Religion und Moral: eine abergläubische +und unduldsame Ergebenheit für die Krone, der er diente. Dieses Gefühl +durchdringt alle seine Depeschen und leuchtet aus allen seinen Gedanken +und Worten hervor. Nichts was dem Interesse der französischen Monarchie +förderlich sein konnte, schien ihm ein Verbrechen. Er hielt es in der +That für ausgemacht, daß nicht nur die Franzosen, sondern alle Menschen +dem Hause Bourbon eine natürliche Unterthanentreue schuldeten und daß +Jeder, der Anstand nehme, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_32" id = "pageXII_32"> +XII.32</a></span> +das Glück und die Freiheit seines Vaterlandes dem Ruhme dieses Hauses +aufzuopfern, ein Verräther sei. Während seines Aufenthalts im Haag +bezeichnete er stets diejenigen Holländer, die sich Frankreich verkauft +hatten, als den gutgesinnten Theil. In den Briefen, die er aus Irland +schrieb, tritt das nämliche Gefühl noch stärker hervor. Er würde ein +noch scharfsichtigerer Staatsmann gewesen sein, wenn er mehr mit den +unter dem Volke herrschenden Gefühlen von moralischer Billigung und +Mißbilligung sympathisirt hätte. Denn seine Gleichgültigkeit gegen alle +Rücksichten der Gerechtigkeit und Nachsicht war so groß, daß er in +seinen Plänen das Gewissen und das Zartgefühl seiner Mitmenschen +gänzlich außer Acht ließ. Mehr als einmal empfahl er wissentlich so +haarsträubende Abscheulichkeiten, daß selbst schlechte Menschen darüber +empört waren. Es gelang ihnen aber nie, ihm ihre Bedenken nur +begreiflich zu machen. Alle derartigen Vorstellungen hörte er mit einem +cynischen Lächeln an und war selbst in Zweifel darüber, ob Die welche +ihm den Text lasen wirklich solche Thoren waren, für die sie sich +ausgaben, oder ob sie sich nur so stellten.</p> + +<p>Dies war der Mann, den Ludwig zum Begleiter und Aufseher Jakob’s +erwählte. Avaux war beauftragt, sich womöglich mit den Mißvergnügten im +englischen Parlament in Verbindung zu setzen, und war ermächtigt, +nöthigenfalls etwa hunderttausend Kronen unter sie zu vertheilen.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_56" id = "noteXII_56" href = "#tagXII_56">56.</a> +Siehe Saint-Simon’s Erzählung der List, durch welche Avaux sich in +Stockholm für einen Ritter des Heiligen-Geistordens auszugeben +versuchte.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob landet in Kinsale.</span> +<a name = "secXII_24" id = "secXII_24">Jakob</a> traf am 5. März in +Brest ein, ging hier an Bord eines Kriegsschiffs, der St. Michael +genannt, und segelte binnen achtundvierzig Stunden ab. Er hatte indessen +bis zu seiner Abreise vollauf Zeit einige von den Fehlern zu zeigen, +durch die er England und Schottland verloren hatte und durch die er auch +Irland zu verlieren im Begriff stand. Avaux schrieb aus dem Hafen von +Brest, daß es wohl nicht leicht sein werde, irgend eine wichtige +Angelegenheit in Gemeinschaft mit dem König von England durchzuführen. +Se. Majestät sei nicht im Stande ein Geheimniß zu bewahren, denn selbst +die Matrosen des St. Michael hätten ihn bereits Dinge sagen hören, +welche nur für die Ohren seiner vertrautesten Freunde hätten aufgespart +werden sollen.<a class = "tag" name = "tagXII_57" id = "tagXII_57" href += "#noteXII_57">57</a></p> + +<p>Die Reise ging glücklich und ohne Störung von statten und am +Nachmittag des 12. März landete Jakob im Hafen von Kinsale. Die +katholische Bevölkerung empfing ihn mit Äußerungen ungeheuchelter +Freude, und die wenigen Protestanten, welche in diesem Theile des Landes +geblieben waren, schlossen sich ihnen, vielleicht ebenfalls nicht +unaufrichtig, zu seiner Begrüßung an. Denn obgleich ein Feind ihrer +Religion, war er doch kein Feind ihrer Nation, und sie durften +vernünftigerweise hoffen, daß auch der schlechteste König etwas mehr +Achtung vor Gesetz und Eigenthumsrechten zeigen werde als die Merry Boys +und Rapparees gezeigt hatten. Der Vikar von Kinsale befand sich auch +unter Denen, die ihm ihre Aufwartung machten; er wurde vom Bischof von +Chester vorgestellt und nicht unfreundlich aufgenommen.<a class = "tag" +name = "tagXII_58" id = "tagXII_58" href = "#noteXII_58">58</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_33" id = "pageXII_33"> +XII.33</a></span> +<p>Jakob erfuhr, daß seine Sache gut stehe. In den drei südlichen +Provinzen des Landes waren die Protestanten entwaffnet und durch den +Schrecken so wirksam niedergehalten, daß er von ihrer Seite nichts zu +fürchten hatte. Im Norden zeigte sich ein Schein von Widerstand; aber +Hamilton war im Anrücken gegen die Mißvergnügten, und es unterlag kaum +einem Zweifel, daß sie leicht überwältigt werden würden. Ein Tag ward in +Kinsale darauf verwendet, die Waffen und Munitionsvorräthe in Sicherheit +zu bringen; nicht ohne Schwierigkeit verschaffte man sich die zur +Beförderung einiger Reisenden nöthige Anzahl Pferde, und am 14. März +brach Jakob nach Cork auf.<a class = "tag" name = "tagXII_59" id = +"tagXII_59" href = "#noteXII_59">59</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_57" id = "noteXII_57" href = "#tagXII_57">57.</a> +Dieser Brief befindet sich in den Archiven des französischen +Ministeriums des Auswärtigen, fehlt aber in dem sehr seltenen Bande, der +in Downing Street gedruckt wurde.</p> + +<p><a name = "noteXII_58" id = "noteXII_58" href = "#tagXII_58">58.</a> +<span class = "antiqua">A full and true Account of the Landing and +Reception of the late King James at Kinsale, in a Letter from Bristol, +licensed April 4. 1689</span>; <span class = "antiqua">Leslie’s Answer +to King</span>; <span class = "antiqua">Ireland’s Lamentation</span>; +Avaux vom 13.(23.) März.</p> + +<p><a name = "noteXII_59" id = "noteXII_59" href = "#tagXII_59">59.</a> +Avaux vom 13.(23.) März 1689; <span class = "antiqua">Life of James, II. +327. Orig. Mem.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob’s Einzug in Cork.</span> +<a name = "secXII_25" id = "secXII_25">Wir</a> würden sehr irren, wenn +wir glaubten, daß die Straße, durch welche er in diese Stadt einzog, die +geringste Ähnlichkeit gehabt habe mit dem stattlichen Zugange, der den +Reisenden des 19. Jahrhunderts mit Bewunderung erfüllt. Gegenwärtig +nimmt Cork, obwohl noch durch manche häßliche Überbleibsel aus früherer +Zeit verunziert, unter den Hafenplätzen des Reichs keine geringe Stelle +ein. Der Schiffsverkehr ist mehr als halb so stark als der +Schiffsverkehr London’s zur Zeit der Revolution war. Der Ertrag der +Zölle übersteigt das ganze Einkommen, welches das gesammte Königreich +Irland in den ruhigsten und blühendsten Zeiten den Stuarts lieferte. Die +Stadt besitzt breite und schön gebaute Straßen, reizende Gärten, einen +korinthischen Porticus, der einem Palladio Ehre machen würde, und ein +gothisches Collegium, das würdig wäre in High Street zu Oxford zu +stehen. Im Jahre 1689 nahm die Stadt etwa den zehnten Theil der +Bodenfläche ein, den sie jetzt bedeckt und war von schlammigen +Wassergräben durchschnitten, welche längst überwölbt und bebaut sind. +Ein öder Sumpf, in welchem der Jäger, der den Wasservögeln nachstellte, +bei jedem Schritte tief in Wasser und Schlamm einsank, bedeckte das +Areal, auf dem jetzt stattliche Gebäude und die Paläste großer +Handelsgesellschaften stehen. Damals gab es nur eine einzige Straße, in +der zwei Wagen einander ausweichen konnten. Von dieser Straße gingen zu +beiden Seiten enge Gäßchen aus, schmutziger und übelriechender als +selbst Diejenigen sich vorstellen können, die sich ihre Begriffe von +Elend nach den ärmlichsten Theilen der Stadtviertel St. Giles und +Whitechapel gebildet haben. Eines dieser Gäßchen, das vergleichsweise +nicht mit Unrecht Broad Lane genannt wird, ist zehn Fuß breit. Aus +diesen Straßen, gegenwärtig Sitzen von Hunger und Krankheit, die man der +Hefe der Gesellschaft überlassen hat, strömten die Bürger herbei, um +Jakob zu bewillkommnen. Er wurde von Macarthy, der in Munster das +Obercommando führte, mit militärischen Ehren empfangen.</p> + +<p>Es war dem Könige unmöglich, sofort nach Dublin weiter zu reisen, +denn die südlichen Grafschaften waren durch das Gesindel, welches die +Priester zu den Waffen gerufen hatten, so vollständig verwüstet, daß die +Transportmittel nicht leicht zu beschaffen waren. Pferde waren eine +Seltenheit geworden; in einem großen Districte gab es nur zwei Wagen und +diese erklärte Avaux für unbrauchbar. Es dauerte mehrere Tage, bis das +von Frankreich mitgebrachte Geld, obwohl eben keine so ungeheure Masse, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_34" id = "pageXII_34"> +XII.34</a></span> +die paar Meilen Wegs, welche Cork von Kinsale trennten, mühsam +transportirt werden konnte.<a class = "tag" name = "tagXII_60" id = +"tagXII_60" href = "#noteXII_60">60</a></p> + +<p>Während der König und sein Kriegsrath sich bemühten, Wagen und Pferde +aufzutreiben, kam Tyrconnel von Dublin an. Seine Berichte lauteten +ermuthigend. Den Widerstand Enniskillen’s scheint er für kaum der +Beachtung werth gehalten zu haben. Londonderry, sagte er, sei der +einzige wichtige Punkt, den die Protestanten im Besitz hätten, und +selbst Londonderry werde sich seiner Ansicht nach nur wenige Tage halten +können.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_60" id = "noteXII_60" href = "#tagXII_60">60.</a> +Avaux vom 15.(25.) März 1689.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Reise Jakob’s von Cork nach Dublin.</span> +<a name = "secXII_26" id = "secXII_26">Endlich</a> war Jakob im Stande +sich von Cork nach der Hauptstadt zu begeben. Unterwegs machte der kluge +und wachsame Avaux mancherlei Bemerkungen. Zuerst ging die Reise durch +wildes Hochland, wo man sich nicht wundern durfte, nur wenige Spuren von +Kunst und Industrie zu finden. Von Kilkenny aber bis vor die Thore von +Dublin führte der Weg durch eine wellenförmige Ebene mit reicher +natürlicher Vegetation. Dieser fruchtbare Distrikt hätte mit +Viehheerden, mit Gemüsegärten und mit Kornfeldern bedeckt sein sollen, +war aber eine unbebaute und unbevölkerte Wüste. Selbst in den Städten +gab es nur wenig Handwerker. Manufacte waren kaum zu sehen, und wo sich +solche fanden, waren sie nur zu enormen Preisen zu erlangen.<a class = +"tag" name = "tagXII_61" id = "tagXII_61" href = "#noteXII_61">61</a> +Dies Alles kam daher, weil die meisten englischen Einwohner geflüchtet +und Kunst, Industrie und Kapital mit ihnen gegangen waren.</p> + +<p>Jakob erhielt auf seiner Reise vielfache Beweise von der +Bereitwilligkeit des Landvolks, aber es waren Beweise, welche Männern, +die an den Höfen Frankreich’s und England’s erzogen waren, sonderbar und +unheilverkündend vorkommen mußten. Auf den Feldern sah man wenig +Arbeiter; auf der Landstraße aber wimmelte es von mit Skeans, Knütteln +und Halbpiken bewaffneten Rapparees, welche herbeiströmten, um den +Befreier ihres Stammes zu sehen. Die Straße hatte ungefähr das Aussehen, +als ob ein Jahrmarkt auf derselben gehalten würde. Spielleute kamen +herbei und musicirten vor ihm in einer Weise, die sich stark von der der +französischen Oper unterschied, und die Dorfbewohner führten nach dieser +Musik wilde Tänze auf. Lange Friesmäntel, ähnlich denen, welche Spenser +hundert Jahre früher als zu Lagerdecken für Rebellen und zu Mänteln für +Diebe geeignet beschrieben hatte, waren auf den Weg gebreitet, den die +Cavalcade ziehen mußte, und Kränze, in denen Krautstrünke die Stelle der +Lorbeern vertraten, wurden der königlichen Hand dargereicht. Die Weiber +wollten durchaus Se. Majestät küssen; aber sie müssen wenig Ähnlichkeit +mit ihren heutigen Nachkommen gehabt haben, denn diese Aufmerksamkeit +war ihm so widerlich, daß er seinem Gefolge befahl, sie in gemessener +Entfernung zu halten.<a class = "tag" name = "tagXII_62" id = +"tagXII_62" href = "#noteXII_62">62</a></p> + +<p>Am 24. März zog er in Dublin ein. Diese Stadt war damals nach Umfang +und Einwohnerzahl die zweite auf den britischen Inseln. Sie bestand aus +sechs- bis siebentausend Häusern und hatte wahrscheinlich über +dreißigtausend Einwohner.<a class = "tag" name = "tagXII_63" id = +"tagXII_63" href = "#noteXII_63">63</a> An Wohlstand und Schönheit stand +jedoch +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_35" id = "pageXII_35"> +XII.35</a></span> +Dublin vielen englischen Städten nach. Von den eleganten und prächtigen +Gebäuden, welche gegenwärtig beide Seiten des Liffey zieren, war damals +noch kaum eines nur projectirt. Die Universität, ein Gebäude, das ganz +anders aussah als das, welches sich jetzt auf der nämlichen Stelle +erhebt, lag völlig außerhalb der Stadt.<a class = "tag" name = +"tagXII_64" id = "tagXII_64" href = "#noteXII_64">64</a> Der +Flächenraum, den jetzt Leinster House und Charlemont House, Sackville +Street und Merrion Square einnehmen, war eine unbebaute Wiese. Die +meisten Wohnhäuser waren von Holz und haben längst massiveren Gebäuden +Platz gemacht. Das Schloß war 1686 fast unbewohnbar gewesen. Clarendon +hatte sich bitter beklagt, daß er keinen Gentleman in Pall Mall kenne, +der nicht eine bequemere und freundlichere Wohnung habe, als der +Vicekönig von Irland. Keine öffentliche Ceremonie könne unter dem +viceköniglichen Dache auf anständige Weise abgehalten werden. Obgleich +fortwährend neue Glasscheiben und Ziegel eingesetzt würden, dringe der +Regen doch beständig in die Zimmer.<a class = "tag" name = "tagXII_65" +id = "tagXII_65" href = "#noteXII_65">65</a> Tyrconnel hatte, seit er +Vicekönig war, ein etwas bequemeres neues Gebäude aufführen lassen. Nach +diesem Gebäude wurde der König mit festlichem Gepränge durch den +südlichen Theil der Stadt geführt. Man hatte Alles aufgeboten, um dem +Stadttheile, durch den er kommen mußte, einen festlichen und glänzenden +Anstrich zu geben. Die gewöhnlich mit tiefem Koth bedeckten Straßen +waren mit Sand und mit Zweigen und Blumen bestreut. Draperien und +Teppiche hingen aus den Fenstern Derer, welche die Mittel zu solchem +Luxus besaßen. Die Ärmeren ersetzten die kostbaren Stoffe durch +Betttücher und Überzüge. Hier stand ein Trupp Mönche mit einem Kruzifix, +dort eine Schaar von vierzig weißgekleideten Mädchen mit +Blumensträußern, Stadtpfeifer und Harfner spielten die Melodie des +Liedes: <span class = "antiqua">„The King shall enjoy his own +again.“</span> Der Vicekönig trug das Staatsschwert vor seinem Gebieter +her. Die Richter, die Herolde, der Lord Mayor und die Aldermen +erschienen in dem ganzen Pomp ihrer Amtswürde. Zu beiden Seiten waren +Soldaten aufgestellt, um die Passage frei zu halten. Eine Reihe von +zwanzig Karossen, welche öffentlichen Beamten gehörten, folgte dem Zuge. +Vor dem Eingange ins Schloß kam dem Könige die Hostie unter einem von +vier Bischöfen seiner Kirche getragenen Baldachin entgegen. Als er +derselben ansichtig wurde, kniete er nieder und betete eine Weile. Dann +erhob er sich wieder und ward in die Kapelle seines Palastes geführt, +einst — so sonderbar ist der Wechsel alles Irdischen — die +Reitbahn Heinrich Cromwell’s. Hier wurde zur Feier der Ankunft Sr. +Majestät ein Te Deum abgehalten. Am folgenden Morgen hielt er eine +Geheimrathssitzung, entband den Oberrichter Keating von jedem ferneren +Besuche des Staatsraths, ließ Avaux und den Bischof Cartwright +vereidigen und erließ eine Proklamation, welche auf den 7. Mai ein +Parlament nach Dublin berief.<a class = "tag" name = "tagXII_66" id = +"tagXII_66" href = "#noteXII_66">66</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_61" id = "noteXII_61" href = "#tagXII_61">61.</a> +Avaux, 25. März (4. April) 1689.</p> + +<p><a name = "noteXII_62" id = "noteXII_62" href = "#tagXII_62">62.</a> +<span class = "antiqua">A full and true Account of the Landing and +Reception of the late King James</span>; <span class = +"antiqua">Ireland’s Lamentation</span>; <span class = "antiqua">Light to +the Blind.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_63" id = "noteXII_63" href = "#tagXII_63">63.</a> +Siehe die Berechnungen Petty’s, King’s und Davenant’s. Wenn die +durchschnittliche Zahl der Bewohner eines Hauses in Dublin die nämliche +war wie in London, so würde die Bevölkerung von Dublin sich auf etwa +vierunddreißigtausend Seelen belaufen haben.</p> + +<p><a name = "noteXII_64" id = "noteXII_64" href = "#tagXII_64">64.</a> +Johann Dunton spricht von College Green bei Dublin. Ich habe Briefe aus +jener Zeit gesehen, die nach dem Collegium <span class = +"extended">bei</span> Dublin adressirt waren. Im Britischen Museum +befinden sich einige interessante alte Pläne von Dublin.</p> + +<p><a name = "noteXII_65" id = "noteXII_65" href = "#tagXII_65">65.</a> +Clarendon an Rochester, 8. Febr. 1685/86, 20. April, 12. August und 30. +November 1686.</p> + +<p><a name = "noteXII_66" id = "noteXII_66" href = "#tagXII_66">66.</a> +<span class = "antiqua">Clarke’s Life of James, II. 330.</span>; <span +class = "antiqua">Full and True Account of the Landing and Reception +etc.</span>; <span class = "antiqua">Ireland’s Lamentation.</span></p> +</div> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_36" id = "pageXII_36"> +XII.36</a></span> +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Unzufriedenheit in England.</span> +<a name = "secXII_27" id = "secXII_27">Als</a> die Nachricht von Jakob’s +Ankunft in Irland in London eintraf, war die Angst und Bestürzung groß +und mit ernster Unzufriedenheit gemischt. Der große Haufe, der den +Schwierigkeiten, welche Wilhelm von allen Seiten umgaben, nicht +hinreichend Rechnung trug, tadelte laut seine Sorglosigkeit. Allen +Schmähungen der Unwissenden und Böswilligen setzte er, seiner Gewohnheit +nach, nur eine unerschütterlich ernste Ruhe und das Stillschweigen der +tiefsten Verachtung entgegen. Aber Wenige waren von der Natur mit einem +so festen Character begabt wie der seinige und noch Wenigere hatten eine +so lange und so harte Schule durchgemacht. Die Vorwürfe, welche seine +von Jugend auf durch beide Extreme des Geschicks geprüfte Seelenstärke +nicht zu erschüttern vermochten, schlugen einem weniger entschlossenen +Herzen eine tiefe Wunde.</p> + +<p>Während alle Kaffeehausclubs einstimmig erklärten, daß schon längst +eine Flotte und eine Armee hätten nach Dublin geschickt werden sollen, +und sich wunderten, wie ein so berühmter Staatsmann wie Se. Majestät +sich von einem Hamilton und Tyrconnel habe täuschen lassen können, ging +ein Gentleman zur Wassertreppe des Temple, rief ein Boot herbei und +befahl, ihn nach Greenwich zu fahren. Er nahm ein Briefcouvert aus der +Tasche, schrieb mit Bleistift einige Zeilen darauf und legte das Papier +nebst einem Silberstück als Fahrlohn auf die Bank. Als das Boot durch +den dunklen Mittelbogen der London-Brücke fuhr, sprang er in’s Wasser +und verschwand. Er hatte auf das Couvert die Worte geschrieben: „Meine +Thorheit, etwas zu unternehmen, was ich nicht durchführen konnte, hat +dem Könige großen Schaden gebracht, der nicht mehr gut zu machen ist. +— Es giebt keinen bequemeren Weg für mich als diesen. — Möge +er in seinen Unternehmungen glücklich sein. — Möge der Himmel ihm +seinen Segen geben.“ Die Zeilen hatten keine Unterschrift, aber der +Leichnam wurde bald gefunden und als der Johann Temple’s erkannt. Er war +jung und hochgebildet, war der Erbe eines angesehenen Namens, besaß eine +liebenswürdige Gattin und ein großes Vermögen und die höchsten +Staatsämter standen ihm offen. Das Publikum scheint überhaupt gar nicht +gewußt zu haben, in welchem Umfange er für die Politik verantwortlich +war, die der Regierung so viel Tadel zugezogen hatte. So streng der +König auch war, besaß er doch ein viel zu edles Herz, als daß er einen +Irrthum als ein Verbrechen hätte behandeln können. Er hatte den +unglücklichen jungen Mann eben zum Kriegssekretär ernannt und seine +Bestallung war in der Ausfertigung begriffen. Es ist nicht +unwahrscheinlich, daß gerade die kalte Großmuth des Gebieters die Reue +des Dieners unerträglich machte.<a class = "tag" name = "tagXII_67" id = +"tagXII_67" href = "#noteXII_67">67</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_67" id = "noteXII_67" href = "#tagXII_67">67.</a> +<span class = "antiqua">Clarendon’s Diary</span>; <span class = +"antiqua">Reresby’s Memoirs</span>; <span class = "antiqua">Narcissus +Luttrell’s Diary.</span> Ich habe mich in Bezug auf Temple’s letzte +Worte an die Angabe Luttrell’s gehalten. Sie stimmt im Wesentlichen mit +der Clarendon’s überein, hat aber mehr von der bei einer solchen +Gelegenheit sehr natürlichen Hast. Wenn irgend etwas ein so tragisches +Ereigniß lächerlich machen konnte, so waren es die Wehklagen des +Verfassers der „Londeriade“:</p> + +<div class = "verse"> +<p>Dem Freunde sendet einen Brief der arme Knab’</p> +<p>und springt verzweifelnd in der Themse feuchtes Grab.</p> +</div> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Parteispaltungen im Dubliner Schlosse.</span> +<a name = "secXII_28" id = "secXII_28">Doch</a> so groß auch die +Unannehmlichkeiten waren, mit denen Wilhelm zu kämpfen hatte, diejenigen +durch welche der Gleichmuth seines Schwiegervaters damals geprüft wurde, +waren noch größer. Kein Hof in Europa war von mehr +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_37" id = "pageXII_37"> +XII.37</a></span> +Hader und Intriguen zerrissen als solche innerhalb der Mauern des +Dubliner Schlosses zu finden waren. Die zahlreichen kleinen Cabalen, +welche ihren Ursprung in der Habgier, der Eifersucht und der +Böswilligkeit Einzelner hatten, sind kaum der Erwähnung werth. Aber es +bestand eine Ursache zu Zwiespalt, welche zu wenig beachtet worden ist +und durch die sich Vieles erklären läßt, was in der Geschichte der +damaligen Zeiten für räthselhaft gehalten wurde.</p> + +<p>Der englische Jakobitismus und der irische Jakobitismus hatten nichts +mit einander gemein; der englische Jakobit war von hoher Begeisterung +für das Haus Stuart beseelt, und in seinem Eifer für die Interessen +dieses Hauses vergaß er nur zu oft die Interessen des Staats. Sieg, +Frieden und Wohlstand erschienen dem unerschütterlichen Eidverweigerer +als Übel, wenn sie darauf hinzielten, die Usurpation populär und +permanent zu machen. Niederlage, Staatsbankerott, Hungersnoth und +Invasion waren in seinen Augen öffentliche Wohlthaten, wenn sie die +Aussicht auf eine Restauration vermehrten. Er würde lieber sein +Vaterland als die letzte der Nationen unter Jakob II. oder Jakob III. +gesehen haben, denn als den Beherrscher der Meere, den Schiedsrichter +zwischen verfeindeten Potentaten, den Sitz der Künste und den +Bienenstock der Industrie unter einem Prinzen des Hauses Nassau oder +Braunschweig.</p> + +<p>Die Gesinnungen des irischen Jakobiten waren ganz andrer, und man muß +es offen gestehen, edlerer Art. Die gestürzte Dynastie galt ihm nichts. +Es war ihm nicht, wie dem Cavalier von Cheshire oder Shropshire, von der +Wiege an gelehrt worden, treue Anhänglichkeit an jene Dynastie als die +erste Pflicht eines Christen und eines Edelmannes zu betrachten. Alle +seine Familientraditionen, alle Lehren, die er von seiner Amme und von +seinen Priestern empfangen, hatten eine ganz andre Tendenz gehabt. Er +war dazu angehalten worden, die fremden Beherrscher seines Vaterlandes +mit dem Gefühle zu betrachten, mit dem der Jude Caesar, der Schotte +Eduard I., der Castilianer Joseph Bonaparte, der Pole den russischen +Autokraten betrachtet. Der hochadelige Milesier bildete sich etwas +darauf ein, daß vom 12. bis zum 17. Jahrhundert jede Generation seiner +Familie gegen die englische Krone unter Waffen gestanden hatte. Seine +ältesten Ahnen hatten gegen Fitzstephen und De Burgh gekämpft, sein +Urgroßvater hatte die Soldaten Elisabeth’s in der Schlacht am Blackwater +geschlagen. Sein Großvater hatte mit O’Donnel gegen Jakob I. conspirirt. +Sein Vater hatte unter Phelim O’Neil gegen Karl I. gefochten. Die +Confiscation des Familiengutes war durch eine Acte Karl’s II. bestätigt +worden. Kein Puritaner, der von Laud vor die Hohe Commission citirt +worden war, der unter Cromwell bei Naseby gekämpft, der kraft der +Conventikelacte verfolgt worden war und der sich wegen seiner +Betheiligung an dem Ryehousecomplot hatte verbergen müssen, war dem +Hause Stuart weniger zugethan als die O’Hara und die Macmahon, von deren +Unterstützung das Schicksal dieses Hauses jetzt abzuhängen schien.</p> + +<p>Der feststehende Vorsatz dieser Männer war, das fremde Joch +abzuschütteln, die sächsische Ansiedelung zu vertilgen, die +protestantische Kirche zu zerstören und den Boden seinen früheren +Eigenthümern zurückzugeben. Um diese Zwecke zu erreichen, würden sie +sich ohne das mindeste Bedenken gegen Jakob erhoben haben, und um diese +Zwecke zu erreichen, erhoben sie sich für ihn. Die irischen Jakobiten +wünschten daher keineswegs, daß er wieder in Whitehall regieren möchte, +denn sie mußten nothwendig einsehen, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_38" id = "pageXII_38"> +XII.38</a></span> +daß ein Beherrscher von Irland, der zugleich Beherrscher von England +war, die Verwaltung des kleinen und ärmeren Königreichs nicht lange +würde in directem Widerspruch mit der Gesinnung des größeren und +reicheren leiten wollen, und, wenn er auch gewollt hätte, nicht würde +leiten können. Ihr eigentlicher Wunsch war, daß beide Kronen völlig +getrennt werden und daß ihre Insel, ob unter Jakob oder ohne Jakob +kümmerte sie wenig, einen abgesonderten Staat unter dem mächtigen +Schutze Frankreich’s bilden möchte.</p> + +<p>Während eine Partei im Staatsrathe zu Dublin Jakob als ein bloßes +Werkzeug zur Durchführung der Befreiung Irland’s betrachtete, +betrachtete eine andre Partei Irland als ein bloßes Werkzeug zur +Herbeiführung der Restauration Jakob’s. In den Augen der englischen und +schottischen Lords und Gentlemen, die ihn von Brest aus begleitet +hatten, war die Insel, auf der sie gegenwärtig weilten, nichts als eine +Brücke, auf der sie nach Großbritannien zu gelangen hofften. Sie waren +noch ebensosehr Verbannte, als sie es in Saint-Germains gewesen, und sie +hielten sogar Saint-Germains für einen viel angenehmeren Verbannungsort +als das Dubliner Schloß. Sie sympathisirten nicht mit der eingebornen +Bevölkerung der entlegenen und halb barbarischen Region, in die ein +sonderbarer Zufall sie geführt. Ja sie waren sogar durch gemeinsame +Abkunft wie durch gemeinsame Sprache mit der Colonie verbunden, deren +Ausrottung der Hauptzweck der eingebornen Bevölkerung war. Sie hatten in +der That, wie die große Masse ihrer Landsleute, die eingebornen Irländer +mit höchst ungerechter Verachtung angesehen, weil sie sie als den +anderen europäischen Nationen nicht nur an erworbenen Kenntnissen, +sondern auch an natürlicher Intelligenz und natürlichem Muth +nachstehend, kurz als geborne Gibeoniten betrachteten, gegen die man +sich sehr liberal gezeigt, indem man ihnen erlaubt hatte, für ein +klügeres und mächtigeres Volk Holz zu hauen und Wasser zu tragen. Diese +Politiker meinten auch — und darin hatten sie unzweifelhaft Recht +— daß, wenn es der Endzweck ihres Gebieters sei, den englischen +Thron wieder zu erlangen, es Wahnsinn von ihm sein würde, sich der +Führung der O und der Mac zu überlassen, welche England mit tödtlicher +Feindschaft betrachteten. Ein Gesetz, das die irische Krone für +unabhängig erklärte, ein Gesetz, das Mitren, Kirchengüter und Zehnten +von der protestantischen auf die katholische Kirche übertrug, ein +Gesetz, das zehn Millionen Acker Land von den Sachsen auf die Celten +übertrug, würde, in Clare und Tipperary ohne Zweifel mit lautem Beifall +aufgenommen werden. Aber welchen Eindruck würden diese Gesetze in +Westminster, welchen in Oxford gemacht haben? Es wäre eine traurige +Politik gewesen, sich Männer wie Clarendon und Beaufort, Ken und +Sherlock zu entfremden, um den Beifall der Rapparees vom Allen-Moor zu +erlangen.<a class = "tag" name = "tagXII_68" id = "tagXII_68" href = +"#noteXII_68">68</a></p> + +<p>So lagen die englischen und irischen Factionen im Rathe zu Dublin in +einem Streite, der keine gütliche Beilegung zuließ. Avaux betrachtete +inzwischen diesen Streit aus einem ihm ganz eigenthümlichen +Gesichtspunkte. Sein Ziel war weder die Emancipation Irland’s, noch die +Wiedereinsetzung +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_39" id = "pageXII_39"> +XII.39</a></span> +Jakob’s, sondern die Größe der französischen Monarchie. Auf welchem Wege +dieses Ziel am besten erreicht werden konnte, war allerdings ein sehr +schwieriges Problem. Ein französischer Staatsmann mußte unzweifelhaft +eine Contrerevolution in England wünschen. Eine solche Contrerevolution +mußte nothwendig zur Folge haben, daß die Macht, welche Frankreich’s +furchtbarster Feind war, sein treuester Bundesgenosse wurde, daß Wilhelm +zur Bedeutungslosigkeit herabsank und daß die europäische Coalition, +deren Haupt er war, sich auflöste. Aber welche Aussicht war auf eine +solche Contrerevolution? Die englischen Verbannten hofften allerdings, +wie alle Verbannten, zuversichtlich auf eine baldige Rückkehr in ihr +Vaterland. Jakob rühmte sich laut, daß seine Unterthanen jenseit des +Kanals, obgleich durch die verführerischen Worte Religion, Freiheit und +Eigenthum auf einen Augenblick irre geleitet, ihm im Grunde aufrichtig +zugethan seien und sich um ihn schaaren würden, sobald er in ihrer Mitte +erschiene. Aber der kluge Gesandte bemühte sich vergebens, einen +haltbaren Grund für diese Hoffnungen zu entdecken. Er wußte gewiß, daß +sie sich nicht auf eine aus irgend welchem Theile Großbritanniens +angelangte Nachricht stützten und er betrachtete sie lediglich als +Träume eines schwachen Geistes. Er hielt es für unwahrscheinlich, daß +der Usurpator, dessen Talent und Entschlossenheit er während eines +zehnjährigen ununterbrochenen Kampfes würdigen gelernt hatte, sich den +durch so gewaltige Anstrengungen und durch so gelehrte Combinationen +errungenen großen Preis leicht wieder werde entreißen lassen. Es mußte +daher erwogen werden, welches Arrangement für Frankreich am +vortheilhaftesten sein würde, im Fall es sich als unmöglich +herausstellte, Wilhelm aus England zu vertreiben. Und es lag auf der +Hand, daß, wenn Wilhelm nicht aus England vertrieben werden konnte, das +für Frankreich vortheilhafteste Arrangement das sein mußte, welches man +anderthalb Jahre früher, als Jakob keine Aussicht auf einen männlichen +Erben hatte, im Sinne gehabt. Irland mußte von der englischen Krone +losgetrennt, von den englischen Colonisten gesäubert, wieder mit der +römischen Kirche vereinigt, unter den Schutz des Hauses Bourbon gestellt +und in allen Beziehungen, den Namen ausgenommen, zu einer französischen +Provinz gemacht werden. Im Kriege standen dann seine Hülfsquellen seinem +Schutzherrn zur unumschränkten Verfügung; es lieferte seinem Heere +Rekruten, bot seiner Flotte schöne Häfen dar, welche alle großen +westlichen Kanäle des englischen Handels beherrschten, und die starke +nationale und religiöse Antipathie, mit der seine eingeborne Bevölkerung +die Bewohner der Nachbarinsel betrachtete, war eine hinreichende +Garantie für ihre Treue gegen die Regierung, welche allein sie gegen die +Sachsen schützen konnte.</p> + +<p>Im Ganzen genommen schien es daher Avaux, daß von den beiden +Parteien, in welche der Dubliner Geheimrath gespalten war, die irische +Partei diejenige sei, welche zu unterstützen im Interesse Frankreich’s +lag. In Folge dessen verband er sich innig mit den Häuptern dieser +Partei, erlangte von ihnen die vollständigsten Aufschlüsse über Alles +was sie beabsichtigten, und war bald im Stande seiner Regierung zu +berichten, daß die Gentry sowohl als das gemeine Volk durchaus nicht +abgeneigt seien, französisch zu werden.<a class = "tag" name = +"tagXII_69" id = "tagXII_69" href = "#noteXII_69">69</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_40" id = "pageXII_40"> +XII.40</a></span> +<p>Die Ansichten Louvois’, unstreitig des größten Staatsmannes, den +Frankreich seit Richelieu hervorgebracht hatte, scheinen mit denen +Avaux’ völlig übereingestimmt zu haben. Das Beste, schrieb Louvois, was +König Jakob thun könne, sei, zu vergessen, daß er in Großbritannien +regiert habe, und nur daran zu denken, Irland in eine gute Verfassung zu +bringen und sich darin festzusetzen. Ob dies das wirkliche Interesse des +Hauses Stuart war, darf wohl bezweifelt werden; jedenfalls aber war es +das wirkliche Interesse des Hauses Bourbon.<a class = "tag" name = +"tagXII_70" id = "tagXII_70" href = "#noteXII_70">70</a></p> + +<p>Über die schottischen und englischen Verbannten, und besonders über +Melfort, ließ sich Avaux beständig mit einer Schärfe aus, die man von +einem so einsichtsvollen und erfahrenen Manne kaum hätte erwarten +sollen. Melfort befand sich in einer eigenthümlich unglücklichen Lage. +Er war ein Renegat, er war ein Todfeind der Freiheiten seines +Vaterlandes, er besaß einen schlechten und tyrannischen Character, und +doch war er in gewissem Sinne ein Patriot. Die Folge davon war, daß er +allgemeiner verabscheut wurde als irgend einer seiner Zeitgenossen. Denn +während sein Abfall und seine Willkürherrschaftsmaximen ihn zum +Gegenstande des Abscheus für England und Schottland machten, wurde er +wegen seiner ängstlichen Sorge für das Ansehen und die Integrität des +Reichs auch von den Irländern und Franzosen verabscheut.</p> + +<p>Die erste zu entscheidende Frage war, ob Jakob in Dublin bleiben, +oder ob er sich an die Spitze seiner Armee in Ulster stellen sollte. +Über diese Frage geriethen die irischen und die britischen Factionen +hart aneinander. Auf beiden Seiten wurden Gründe von keinem besonderen +Gewicht geltend gemacht, denn keine der beiden Parteien wagte es, sich +unumwunden darüber auszusprechen. Der eigentliche streitige Punkt war, +ob der König in irischen oder in britischen Händen sein sollte. Blieb er +in Dublin, so war es ihm kaum möglich, irgend einer Bill, die ihm von +dem Parlament, welches er dahin berufen, vorgelegt wurde, seine +Zustimmung zu verweigern. Er war dann gezwungen, unschuldige +protestantische Gentlemen und Geistliche zu Hunderten zu berauben, +vielleicht gar zu verurtheilen, und dadurch mußte er seiner Sache +jenseit des St. Georgkanals nicht wieder gut zu machenden Schaden thun. +Begab er sich hingegen nach Ulster, so war er nur wenige Segelstunden +von Großbritannien entfernt. Sobald Londonderry gefallen war, und man +war allgemein der Ansicht, daß es sich nicht lange werde halten können, +konnte er sich mit einem Theile seiner Truppen einschiffen und in +Schottland landen, wo seine Freunde für zahlreich gehalten wurden. War +er aber einmal auf britischem Boden und unter britischen Anhängern, so +lag es nicht mehr in der Macht der Engländer, seine Zustimmung zu ihren +Beraubungs- und Racheplänen zu erzwingen.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_68" id = "noteXII_68" href = "#tagXII_68">68.</a> +Ein interessanter Brief vom Bischof Maloney an den Bischof Tyrrel, den +man im Anhange zu King’s <span class = "antiqua">State of the +Protestants</span> findet, bringt viel Licht in den Streit zwischen +englischen und irischen Parteien in Jakob’s Geheimen Rathe.</p> + +<p><a name = "noteXII_69" id = "noteXII_69" href = "#tagXII_69">69.</a> +Avaux, 25. März (4. April), 13.(23.) April 1689. Ich habe mir jedoch +weniger aus einem einzelnen Briefe als aus der ganzen Tendenz und dem +ganzen Geiste der Correspondenz Avaux’ meine Ansicht über seine Pläne +gebildet.</p> + +<p><a name = "noteXII_70" id = "noteXII_70" href = "#tagXII_70">70.</a> +<span class = "antiqua">„Il faut donc, oubliant qu’il a esté Roy +d’Angleterre et d’Ecosse, ne penser qu’à ce qui peut bonifier l’Irlande, +et luy faciliter les moyens d’y subsister.“</span> Louvois an +Avaux. 3.(13.) Juni 1689.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob beschließt nach Ulster zu gehen.</span> +<a name = "secXII_29" id = "secXII_29">Die</a> Debatten im Staatsrathe +waren lang und heiß. Tyrconnel, der eben zum Herzog erhoben worden war, +rieth seinem Gebieter in Dublin zu bleiben. Melfort drang in Se. +Majestät, daß er nach Ulster gehen solle. Avaux bot seinen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_41" id = "pageXII_41"> +XII.41</a></span> +ganzen Einfluß zur Unterstützung Tyrconnel’s auf; aber Jakob, dessen +persönliche Neigung natürlich für die britische Seite der Frage war, +beschloß dem Rathe Melfort’s zu folgen.<a class = "tag" name = +"tagXII_71" id = "tagXII_71" href = "#noteXII_71">71</a> Avaux fühlte +sich tief gekränkt. In seinen officiellen Schreiben drückte er mit +großer Bitterkeit seine Verachtung des Characters und des Verstandes des +Königs aus. Über Tyrconnel, welcher gesagt hatte, er verzweifle an dem +Glückssterne Jakob’s und die eigentliche Frage schwebe zwischen dem +Könige von Frankreich und dem Prinzen von Oranien, sprach sich der +Gesandte in Worten aus, die ein warmes Lob sein sollten, aber vielleicht +mit mehr Recht ein Tadel genannt werden dürften. „Wenn er ein Franzose +wäre, könnte er keinen größeren Eifer für die Interessen Frankreich’s an +den Tag legen.“<a class = "tag" name = "tagXII_72" id = "tagXII_72" href += "#noteXII_72">72</a> Dagegen wurde Melfort’s Benehmen mit einem Tadel +bedacht, der einem Lobspruche sehr ähnlich steht: „Er ist weder ein +guter Irländer, noch ein guter Franzos. Alle seine Neigungen +concentriren sich auf sein Vaterland.“<a class = "tag" name = +"tagXII_73" id = "tagXII_73" href = "#noteXII_73">73</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_71" id = "noteXII_71" href = "#tagXII_71">71.</a> +Siehe die Depeschen Avaux’ vom April 1689; <span class = "antiqua">Light +to the Blind.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_72" id = "noteXII_72" href = "#tagXII_72">72.</a> +Avaux, 6.(16.) April 1689.</p> + +<p><a name = "noteXII_73" id = "noteXII_73" href = "#tagXII_73">73.</a> +Avaux, 8.(18.) Mai 1689.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob’s Reise nach Ulster.</span> +<a name = "secXII_30" id = "secXII_30">Da</a> der König nun einmal +beschlossen hatte, nach dem Norden zu gehen, so hielt Avaux es nicht für +gerathen zurückzubleiben. Die königliche Reisegesellschaft brach auf, +Tyrconnel in Dublin zurücklassend, und kam am 13. April in Charlemont +an. Es war eine sonderbare Reise. Längs des ganzen Weges war das Land +von der betriebsamen Bevölkerung verlassen und durch Räuberbanden +verwüstet. „Es ist als wenn man durch die Wüsten Arabiens reiste,“ sagte +einer der französischen Offiziere.<a class = "tag" name = "tagXII_74" id += "tagXII_74" href = "#noteXII_74">74</a> Was die Colonisten nur irgend +hatten fortbringen können, befand sich in Londonderry oder Enniskillen. +Das Übrige war gestohlen oder vernichtet. Avaux schrieb seinem Hofe, daß +er mehrere Meilen weit nach Heu für seine Pferde habe schicken müssen. +Kein Landmann wagte es, etwas zum Verkauf zu bringen, aus Furcht daß es +ihm unterwegs von einem Herumstreicher abgenommen werden möchte. Einmal +mußte der Gesandte die Nacht in einer elenden Schenkstube voll +rauchender Soldaten, ein andermal in einem demolirten Hause ohne Fenster +oder Läden zum Schutze gegen den Regen zubringen. In Charlemont erlangte +man mit großer Mühe und nur durch besondere Gunst einen Sack Hafermehl +für die französische Gesandtschaft. Weizenbrot gab es nur auf der Tafel +des Königs, der ein wenig Mehl von Dublin mitgenommen und dem Avaux +einen Diener geliehen hatte, welcher das Backen verstand. Wer die Ehre +hatte, zur königlichen Tafel geladen zu werden, bekam Brot und Wein +zugemessen. Jeder Andre, so vornehm er immer sein mochte, aß Haferbrot +und trank Wasser oder ein abscheuliches Bier, das aus Hafer, anstatt aus +Gerste gebraut und mit einem namenlosen Kraute an Stelle des Hopfens +gewürzt war.<a class = "tag" name = "tagXII_75" id = "tagXII_75" href = +"#noteXII_75">75</a> Und die Fama sagte, daß die Gegend zwischen +Charlemont und Strabane noch verödeter sein sollte als die Gegend +zwischen Dublin und Charlemont. Es war unmöglich, einen großen Vorrath +von Proviant mit sich zu führen. Die Wege +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_42" id = "pageXII_42"> +XII.42</a></span> +waren so schlecht und die Pferde so schwach, daß die Baggagewagen alle +weit zurückgeblieben waren. Es fehlte daher den Oberoffizieren der Armee +an dem Nothwendigsten, und die Mißstimmung, eine natürliche Folge dieser +Entbehrungen, wurde noch vermehrt durch die Theilnahmlosigkeit Jakob’s, +der es gar nicht zu bemerken schien, daß es seinen Begleitern an dem +nöthigen Comfort gebrach.<a class = "tag" name = "tagXII_76" id = +"tagXII_76" href = "#noteXII_76">76</a></p> + +<p>Am 14. April reiste der König mit seinem Gefolge weiter nach Omagh. +Es war regnerisch und windig, die Pferde vermochten kaum sich dem Sturme +entgegen durch den Schmutz zu arbeiten, und der Weg war häufig von +Gießbächen durchschnitten, welche fast Flüsse genannt werden konnten. +Die Reisenden mußten mehrere Furthen passiren, wo das Wasser den Pferden +bis an die Brust ging. Einige von der Gesellschaft waren ganz erschöpft +von Hunger und Anstrengung. Das ganze Land ringsumher war eine +grauenvolle Wildniß. Auf einer Strecke von vierzig Meilen zählte Avaux +nur drei elende Hütten. Sonst war Alles Felsen, Sumpf und Moor. Als die +Reisenden endlich Omagh erreichten, fanden sie es in Trümmern. Die +Protestanten, welche die Mehrheit der Einwohner bildeten, waren geflohen +und hatten kein Bund Stroh, kein Faß Branntwein zurückgelassen. Die +Fenster waren zerbrochen, die Kamine zertrümmert, sogar die Schlösser +und Riegel waren von den Thüren losgerissen.<a class = "tag" name = +"tagXII_77" id = "tagXII_77" href = "#noteXII_77">77</a></p> + +<p>Avaux hatte nicht aufgehört, den König zur Rückkehr nach Dublin +aufzufordern; aber seine Vorstellungen waren bisher erfolglos geblieben. +Jakob’s Starrsinn war jedoch ein solcher, der mit männlicher +Entschlossenheit nichts gemein hatte und über den zwar Vernunftgründe +nichts vermochten, der aber durch Launen leicht zu erschüttern war. In +Omagh erhielt er am Morgen des 16. April Briefe, die ihn sehr besorgt +machten. Er erfuhr, daß ein starkes Corps Protestanten in Strabane unter +Waffen stand und daß unweit der Mündung des Foylesees englische +Kriegsschiffe gesehen worden waren. Drei Boten wurden in einer Minute an +Avaux abgeschickt, um ihn in das verfallene Gemach zu bescheiden, in +welchem das königliche Bett aufgeschlagen worden. Hier kündigte Jakob, +halb angekleidet und mit der Miene eines Mannes, den ein vernichtender +Schlag getroffen, ihm seinen Entschluß an, auf der Stelle nach Dublin +zurückzueilen. Avaux vernahm diese Mittheilung mit Erstaunen und +billigte den Entschluß des Königs. Melfort schien in völliger +Verzweiflung zu sein. Die Reisenden kehrten also um und kamen spät am +Abend wieder in Charlemont an. Hier empfing der König Depeschen ganz +andren Inhalts wie die, welche ihn vor einigen Stunden erschreckt +hatten. Die Protestanten, die sich bei Strabane gesammelt hatten, waren +von Hamilton angegriffen worden. Unter einem rechtschaffenen Anführer +würden sie wahrscheinlich Stand gehalten haben. Aber Lundy, der sie +befehligte, hatte ihnen gesagt, daß Alles verloren sei, hatte ihnen +geheißen, auf ihre Rettung bedacht zu sein, und hatte ihnen selbst das +Beispiel zur Flucht gegeben.<a class = "tag" name = "tagXII_78" id = +"tagXII_78" href = "#noteXII_78">78</a> In Folge dessen hatten sie sich +in Unordnung nach Londonderry zurückgezogen. Die Correspondenten des +Königs erklärten es für eine Unmöglichkeit, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_43" id = "pageXII_43"> +XII.43</a></span> +daß Londonderry sich halten könne. Se. Majestät brauche nur vor den +Thoren zu erscheinen und sie würden augenblicklich geöffnet werden. Dies +brachte Jakob wieder auf andere Gedanken, er machte sich Vorwürfe, daß +er sich zur Rückkehr nach dem Süden hatte überreden lassen, und er +bestellte seine Pferde, obgleich es schon spät Abends war. Die Pferde +waren fast gänzlich erschöpft und ausgehungert; trotzdem aber wurden sie +gesattelt. Melfort geleitete seinen Gebieter triumphirend ins Lager. +Avaux erklärte nach erfolglosen Gegenvorstellungen, daß er entschlossen +sei, nach Dublin zurückzukehren. Man darf annehmen, daß die großen +Unbequemlichkeiten, die er bisher zu ertragen gehabt, einigen Antheil an +diesem Entschlusse hatten, denn Klagen über diese Unbequemlichkeiten +füllen einen großen Theil seiner Briefe, und in der That war auch der +langjährige Aufenthalt in den Palästen Italiens, in den sauberen Zimmern +und Gärten Holland’s und in den prächtigen Pavillons der pariser +Vorstädte eine schlechte Vorbereitung auf die verfallenen Hütten von +Ulster. Seinem Gebieter aber führte er für seine Weigerung, mit nach dem +Norden zu gehen, einen gewichtigeren Grund an. Jakob’s Reise war im +Widerspruch mit der einstimmigen Meinung der Irländer unternommen worden +und hatte ernste Besorgnisse unter ihnen erweckt, sie fürchteten, daß er +sie verlassen wolle, um eine Landung in Schottland zu versuchen, und sie +wußten, daß er, war er einmal in Großbritannien gelandet, weder den +Willen noch die Macht haben würde das zu thun, was sie am meisten +wünschten. Indem sich nun Avaux weigerte, Jakob weiter zu begleiten, gab +er ihnen einen Beweis, daß, wer sie auch sonst verrathen möchte, +Frankreich ihr steter Freund bleiben werde.<a class = "tag" name = +"tagXII_79" id = "tagXII_79" href = "#noteXII_79">79</a></p> + +<p>Während Avaux sich auf dem Rückwege nach Dublin befand, eilte Jakob +nach Londonderry. Er fand seine Armee einige Meilen südlich von der +Stadt concentrirt. In seinem Gefolge befanden sich die französischen +Generäle, welche mit ihm von Brest abgesegelt waren, und zwei von ihnen, +Rosen und Maumont, wurden über Richard Hamilton gestellt.<a class = +"tag" name = "tagXII_80" id = "tagXII_80" href = "#noteXII_80">80</a> +Rosen war ein geborner Liefländer, der in früher Jugend ein Glückssoldat +geworden, der sich zur Auszeichnung emporgekämpft hatte und der, +obgleich ihm die den Hof von Versailles characterisirenden körperlichen +und geistigen Vorzüge gänzlich abgingen, dennoch daselbst in hoher Gunst +stand. Er besaß ein heftiges Temperament und rohe Manieren, und seine +Sprache war ein seltsames Gemisch verschiedenartiger französischer und +deutscher Dialecte. Selbst Diejenigen, welche die beste Meinung von ihm +hegten und behaupteten, seine rauhe Außenseite berge einige gute +Eigenschaften, mußten zugestehen, daß sein Äußeres gegen ihn sprach und +daß es ihnen nicht angenehm sein würde, wenn sie im Dunklen an einem +Waldsaume einer solchen Gestalt begegneten.<a class = "tag" name = +"tagXII_81" id = "tagXII_81" href = "#noteXII_81">81</a> Das Wenige, was +man von Maumont weiß, gereicht ihm zur Ehre.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_74" id = "noteXII_74" href = "#tagXII_74">74.</a> +Pusignan an Avaux, 30. März (9. April) 1689.</p> + +<p><a name = "noteXII_75" id = "noteXII_75" href = "#tagXII_75">75.</a> +Dieser traurige Bericht über das irische Bier ist einer Depesche +entlehnt, welche Desgrigny von Cork aus an Louvois schrieb und die sich +in den Archiven des französischen Kriegsministeriums befindet.</p> + +<p><a name = "noteXII_76" id = "noteXII_76" href = "#tagXII_76">76.</a> +Avaux, 13.(23.), 20.(30.) April 1689.</p> + +<p><a name = "noteXII_77" id = "noteXII_77" href = "#tagXII_77">77.</a> +Avaux an Ludwig vom 15.(25.) April 1689, und an Louvois von dem +nämlichen Datum.</p> + +<p><a name = "noteXII_78" id = "noteXII_78" href = "#tagXII_78">78.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, Aug. 12. 1689</span>; <span +class = "antiqua">MacKenzie’s Narrative.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_79" id = "noteXII_79" href = "#tagXII_79">79.</a> +Avaux, 17.(27.) April 1689. Die Geschichte dieses sonderbaren +Planwechsels ist in <span class = "antiqua">Life of James, II. +330—332. Orig Mem.</span> ganz unrichtig erzählt.</p> + +<p><a name = "noteXII_80" id = "noteXII_80" href = "#tagXII_80">80.</a> +<span class = "antiqua">Life of James, II. 334, 335. Orig. +Mem.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_81" id = "noteXII_81" href = "#tagXII_81">81.</a> +Memoiren Saint-Simon’s. Einige englische Schriftsteller sind der irrigen +Meinung, Rosen sei damals schon Marschall von Frankreich gewesen. Dies +wurde er erst 1703. Er war lange Maréchal de Camp gewesen, was etwas +ganz Andres ist, und war kürzlich zum Generalleutnant befördert +worden.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Der Fall Londonderry’s erwartet.</span> +<a name = "secXII_31" id = "secXII_31">Man</a> erwartete im Lager +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_44" id = "pageXII_44"> +XII.44</a></span> +allgemein, daß Londonderry ohne Schwertstreich fallen werde. Rosen +prophezeite mit großer Zuversicht, der bloße Anblick der irischen Armee +werde die Besatzung zur Übergabe bestimmen. Richard Hamilton aber, der +den Character der Colonisten besser kannte, hatte schlimme Ahnungen. +<span class = "extended">Eines</span> wichtigen Bundesgenossen innerhalb +der Mauern der Stadt waren die Belagerer gewiß. Der Gouverneur Lundy +bekannte sich zwar zum protestantischen Glauben und hatte an der +Proklamirung Wilhelm’s und Mariens Theil genommen, aber er stand in +geheimer Communication mit den Feinden seiner Kirche und der Souveraine, +denen er Treue geschworen. Einige haben vermuthet, daß er ein verkappter +Jakobit gewesen sei, und sich die Revolution nur deshalb zum Schein habe +gefallen lassen, um desto leichter eine Restauration herbeiführen zu +helfen, doch ist es wahrscheinlich, daß sein Verhalten eher der +Zaghaftigkeit und Geistesarmuth als dem Eifer für irgend eine +öffentliche Sache zuzuschreiben ist. Er scheint den Widerstand für +hoffnungslos gehalten zu haben, und in der That mußten die +Vertheidigungsmittel Londonderry’s einem militärischen Auge kläglich +vorkommen. Die Festungswerke bestanden aus einem mit Gras und Unkraut +bewachsenen einfachen Walle; selbst vor den Thoren war kein Graben; die +Zugbrücken waren seit langer Zeit vernachlässigt, die Ketten waren +verrostet und kaum noch zu gebrauchen; die Brustwehren und Thürme waren +nach einem Systeme erbaut, das Schülern Vauban’s wohl ein Lächeln +abzwingen konnte, und diese schwachen Vertheidigungswerke waren fast auf +jeder Seite von Anhöhen beherrscht. Die Erbauer der Stadt hatten +allerdings nie daran gedacht, daß sie eine regelmäßige Belagerung +auszuhalten haben würde, und hatten sich damit begnügt, Werke anzulegen, +welche hinreichten, die Einwohner gegen einen tumultuarischen Angriff +der celtischen Bauern zu schützen. Avaux versicherte Louvois, daß ein +einziges französisches Bataillon solche Vertheidigungswerke leicht +erstürmen werde. Und selbst wenn der Platz trotz aller dieser Nachtheile +im Stande sein sollte, eine Armee zurückzuschlagen, welche von der +Kenntniß und Erfahrung von Generälen, die unter Condé und Turenne +gedient hatten, geführt würde, so müsse doch der Hunger den Kampf bald +beendigen. Die Lebensmittelvorräthe seien gering und die Bevölkerung sei +durch eine Menge von Colonisten, welche vor der Wuth der Eingebornen +geflohen, um das Sieben- bis Achtfache der gewöhnlichen Zahl vermehrt +worden.<a class = "tag" name = "tagXII_82" id = "tagXII_82" href = +"#noteXII_82">82</a></p> + +<p>Lundy scheint daher von dem Augenblicke an, wo die irische Armee in +Ulster einrückte, jeden Gedanken an einen ernsthaften Widerstand +aufgegeben zu haben. Er sprach in einem so verzagten Tone, daß die +Bürger und seine eignen Soldaten gegen ihn murrten. Er scheine es, +sagten sie, darauf abgesehen zu haben, sie zu entmuthigen. Inzwischen +rückte der Feind mit jedem Tage näher heran, und man erfuhr, daß Jakob +selbst das Commando seiner Truppen zu übernehmen gedenke.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_82" id = "noteXII_82" href = "#tagXII_82">82.</a> +Avaux, 4.(14.) April 1689. Unter den Manuscripten im britischen Museum +befindet sich ein interessanter Bericht über die Vertheidigungsmittel +Londonderry’s, der 1705 von einem französischen Ingenieur, Namens +Thomas, für den Herzog von Ormond abgefaßt wurde.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Es kommt Succurs aus England.</span> +<a name = "secXII_32" id = "secXII_32">Gerade</a> in diesem Augenblicke +zeigte sich ein Schimmer von Hoffnung. Am 14. April gingen +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_45" id = "pageXII_45"> +XII.45</a></span> +englische Schiffe in der Bai vor Anker. Sie hatten zwei Regimenter an +Bord, welche unter den Befehlen eines Obersten, Namens Cunningham, zur +Verstärkung der Garnison abgesandt worden waren. <ins class = +"correction" title = "Original hat »Cunnigham«">Cunningham</ins> und +mehrere von seinen Offizieren kamen ans Land, um sich mit Lundy zu +besprechen. Dieser rieth ihnen davon ab, ihre Mannschaften landen zu +lassen, indem die Stadt sich nicht halten könne. Noch mehr Truppen +hineinzuwerfen, würde daher schlimmer als nutzlos sein, denn je +zahlreicher die Besatzung sei, um so mehr Gefangene würden dem Feinde in +die Hände fallen. Die beiden Regimenter könnten nichts besseres thun als +nach England zurückzukehren. Er gedenke, sagte er, heimlich auf und +davon zu gehen, und die Einwohner müßten dann zusehen, wie sie unter +möglichst vortheilhaften Bedingungen kapituliren könnten.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verrätherei Lundy’s.</span> +<a name = "secXII_33" id = "secXII_33">Er</a> ließ sich die Formalität +eines Kriegsraths gefallen, von dem er aber alle diejenigen Offiziere +ausschloß, deren Gesinnungen er als von den seinigen abweichend kannte. +Einige, die sonst immer zu solchen Berathungen gezogen worden waren und +die deshalb jetzt unaufgefordert kamen, wurden aus dem Zimmer gewiesen. +Was der Gouverneur sagte, wurde von seinen Creaturen bestätigt. +Cunningham und seine Kameraden durften es kaum wagen, ihre Ansicht der +eines Mannes entgegenzusetzen, der natürlich viel bessere Lokalkenntniß +hatte als sie und dem sie überdies zu gehorchen angewiesen waren. Einer +der wackeren Soldaten erhob jedoch Einwürfe. „Bedenken Sie,“ sagte er, +„Londonderry aufgeben heißt Irland aufgeben.“ Aber seine Einwendungen +wurden mit Verachtung zurückgewiesen.<a class = "tag" name = "tagXII_83" +id = "tagXII_83" href = "#noteXII_83">83</a> Der Kriegsrath ging +auseinander, Cunningham kehrte mit seinen Offizieren auf die Schiffe +zurück und traf Anstalten zur Abreise. Unterdessen schickte Lundy +heimlich einen Boten ins Hauptquartier des Feindes, mit der +Versicherung, daß die Stadt auf die erste Aufforderung ohne Kampf +übergeben werden würde.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_83" id = "noteXII_83" href = "#tagXII_83">83.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, Aug. 12. 1689.</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Bewohner von Londonderry beschließen sich zu vertheidigen.</span> +<a name = "secXII_34" id = "secXII_34">Sobald</a> aber das was im +Kriegsrathe vorgegangen, in der Stadt ruchbar wurde, empörte sich der +Geist der Soldaten und Bürger gegen den feigen und treulosen Anführer, +der sie verrathen hatte. Viele von seinen eigenen Offizieren erklärten, +daß sie sich nicht länger für verpflichtet hielten, ihm zu gehorchen. +Drohende Stimmen ließen sich vernehmen, bald daß ihm der Hirnschädel +eingeschlagen, bald daß er auf den Wällen der Stadt aufgehängt werden +solle. Es wurde eine Deputation an Cunningham abgesandt, um ihn +flehentlich zu bitten, das Commando der Stadt zu übernehmen. Er +entschuldigte sich jedoch mit dem plausiblen Grunde, daß er Ordre habe, +in allen Stücken den Befehlen des Gouverneurs Folge zu leisten.<a class += "tag" name = "tagXII_84" id = "tagXII_84" href = "#noteXII_84">84</a> +Inzwischen ging das Gerücht, daß Einer nach dem Andren von Lundy’s +Vertrauten sich aus der Stadt stehle. Am Abend des 17. fand man, daß +lange nach Einbruch der Dämmerung die Thore noch offen und die Schlüssel +verschwunden waren. Die Offiziere, welche diese Entdeckung machten, +nahmen es auf sich, die Parole zu +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_46" id = "pageXII_46"> +XII.46</a></span> +ändern und die Wachen zu verstärken. Die Nacht ging jedoch ohne einen +Angriff vorüber.<a class = "tag" name = "tagXII_85" id = "tagXII_85" +href = "#noteXII_85">85</a></p> + +<p>Nach einigen angstvollen Stunden brach der Morgen an. Die Irländer +mit Jakob an ihrer Spitze, waren jetzt nur noch vier Meilen von der +Stadt entfernt. Es wurde nun ein tumultuarischer Kriegsrath der +angesehensten Einwohner zusammenberufen. Einige von ihnen sagten dem +Gouverneur mit Heftigkeit gerade ins Gesicht, daß er sie verrathen habe. +Er habe sie, riefen sie aus, ihrem erbittertsten Feinde verkauft und +habe die Truppen nicht eingelassen, die der gute König Wilhelm zu ihrer +Vertheidigung gesandt habe. Während der Wortwechsel seinen Höhepunkt +erreicht hatte, meldeten die auf den Wällen ausgestellten Schildwachen, +daß die Vorhut der feindlichen Armee in Sicht sei. Lundy hatte Befehl +gegeben, daß nicht gefeuert werden sollte, aber seine Autorität war zu +Ende. Zwei tapfere Soldaten, Major Heinrich Baker und Kapitain Adam +Murray, riefen das Volk zu den Waffen. Sie wurden unterstützt durch die +Beredtsamkeit eines bejahrten Geistlichen, Georg Walker, Rectors der +Gemeinde Donaghmore, der mit vielen seiner Amtsbrüder in Londonderry ein +Asyl gesucht hatte. Die ganze Bevölkerung der überfüllten Stadt war von +einem Gefühle beseelt. Soldaten, Gentlemen, Freisassen und Handwerker +eilten auf die Wälle und bemannten die Geschütze. Jakob, der sich, des +Sieges gewiß, dem südlichen Thore bis auf hundert Schritt genähert +hatte, wurde mit dem Geschrei: „Keine Übergabe!“ und mit einer +Kanonensalve von der nächsten Bastion empfangen. Ein Offizier von seinem +Stabe fiel neben ihm todt nieder. Der König und seine Begleiter beeilten +sich, aus dem Bereiche der Kanonenkugeln zu kommen. Lundy, der jetzt in +der größten Gefahr schwebte, von denen die er verrathen hatte, in +Stücken zerrissen zu werden, verbarg sich in einem entlegenen Gemache. +Hier blieb er den Tag über, und während der Nacht entkam er unter dem +großmüthigen und weisen Beistande Murray’s und Walker’s, als Lastträger +verkleidet.<a class = "tag" name = "tagXII_86" id = "tagXII_86" href = +"#noteXII_86">86</a> Noch jetzt wird der Theil des Walles gezeigt, wo er +sich herunterließ, und noch lebende Leute rühmen sich die Früchte eines +Birnbaumes gekostet zu haben, der ihm das Herabsteigen erleichtert +hatte. Sein Name ist noch heutigen Tages den Protestanten im Norden +Irland’s ein Greuel und sein Bild wurde lange und wird vielleicht jetzt +noch alljährlich mit ähnlichen Zeichen des Abscheus, wie sie in England +dem Guy Faux zu Theil werden, aufgehängt und verbrannt.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_84" id = "noteXII_84" href = "#tagXII_84">84.</a> +Den besten Bericht über diese Vorgänge findet man in den Verhandlungen +des Hauses der Gemeinen vom 12. August 1689. Siehe auch die Erzählungen +von Walker und Mackenzie.</p> + +<p><a name = "noteXII_85" id = "noteXII_85" href = "#tagXII_85">85.</a> +<span class = "antiqua">Mackenzie’s Narrative.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_86" id = "noteXII_86" href = "#tagXII_86">86.</a> +Walker und Mackenzie.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ihr Character.</span> +<a name = "secXII_35" id = "secXII_35">Jetzt</a> war Londonderry ohne +alle militärische wie bürgerliche Obrigkeit. Niemand in der Stadt hatte +das Recht einem Andern zu befehlen, die Vertheidigungsmittel waren +schwach, die Vorräthe gering, und ein wüthender Tyrann stand mit einer +zahlreichen Armee vor den Thoren. Drinnen aber herrschte ein Geist, der +oft in Augenblicken verzweifelter Bedrängniß das gesunkene Glück von +Nationen wieder aufgerichtet hat. Obwohl verrathen und verlassen, +desorganisirt, von Hülfsmitteln entblößt und von Feinden umringt, war +die edle Stadt doch noch immer keine leichte Eroberung. Was auch ein +Ingenieur von der Stärke ihrer Mauern halten mochte: hinter diesen +Mauern war der intelligenteste, muthigste und hochsinnigste Theil der +englischen Bevölkerung von Leinster +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_47" id = "pageXII_47"> +XII.47</a></span> +und Nordulster versammelt. Die Anzahl der waffenfähigen Männer betrug +siebentausend Mann, und die ganze Welt hätte nicht siebentausend Männer +liefern können, welche besser geeignet gewesen wären, einer furchtbaren +Nothwendigkeit mit klarem Urtheil, unerschütterlichem Muthe und +trotziger Geduld die Stirn zu bieten. Sie waren sämmtlich Protestanten +und der Protestantismus der Mehrzahl hatte eine puritanische Färbung. +Sie hatten viel Ähnliches von der nüchternen, entschlossenen und +gottesfürchtigen Klasse, aus welcher Cromwell sein unbesiegbares Heer +gebildet. Die eigenthümliche Lage aber, in die sie versetzt waren, hatte +einige Eigenschaften in ihnen entwickelt, die im Mutterlande vielleicht +nicht zur Geltung gekommen sein würden. Die englischen Bewohner Irland’s +waren eine aristokratische Kaste, die durch höhere Bildung, durch festes +Zusammenhalten, durch rastlose Wachsamkeit und durch kaltblütige +Unerschrockenheit in den Stand gesetzt worden war, eine zahlreiche und +feindliche Bevölkerung in Unterwürfigkeit zu erhalten. Fast Jeder von +ihnen war mehr oder weniger zu militärischen wie zu politischen +Functionen herangebildet worden. Fast Jeder war mit dem Gebrauche der +Waffen vertraut und gewohnt, an der Justizverwaltung Theil zu nehmen. +Zeitgenössische Schriftsteller sagten, daß die Colonisten etwas von dem +castilischen Stolze, aber nichts von der castilischen Indolenz hätten, +daß sie ein ausgezeichnet reines und correctes Englisch sprächen und daß +sie sowohl als Milizen wie als Geschworne hoch über ihres Gleichen im +Mutterlande ständen.<a class = "tag" name = "tagXII_87" id = "tagXII_87" +href = "#noteXII_87">87</a> Leute in der Lage der Angelsachsen in Irland +haben zu allen Zeiten eigenthümliche Fehler und eigenthümliche Tugenden +gehabt, die Fehler und Tugenden von Herren im Gegensatz zu den Fehlern +und Tugenden von Sklaven. Das Mitglied eines dominirenden Stammes ist in +seinem Verkehr mit dem unterworfenen Stamme zwar selten falsch — +denn Falschheit ist das Hülfsmittel des Schwachen — aber +gebieterisch, anmaßend und grausam. Gegen seine Brüder aber zeigt er +sich im allgemeinen gerecht, gütig und selbst edel. Seine Selbstachtung +bestimmt ihn alle seinem Stamme Angehörenden zu achten. Sein Interesse +treibt ihn an, ein gutes Einvernehmen mit Denen zu unterhalten, deren +prompten, kräftigen und muthigen Beistand er vielleicht einmal zur +Erhaltung seines Eigenthums und seines Lebens bedürfen kann. Er ist +stets der Wahrheit eingedenk, daß sein persönliches Wohl von dem +Übergewicht der Klasse abhängt, der er angehört. Dadurch wird selbst +sein Egoismus zum Gemeinsinn, und dieser Gemeinsinn wird durch +Sympathie, durch das Verlangen nach Beifall und durch die Furcht vor +Entehrung zu wilder Begeisterung aufgestachelt. Denn die einzige +Meinung, auf die er Werth legt, ist die Meinung seiner Standesgenossen, +und ihrer Ansicht nach ist treue Hingebung für die gemeinsame Sache die +heiligste aller Pflichten. Der so constituirte Character hat zwei +Seiten. Von der einen Seite angesehen, muß er von jedem Rechtschaffenen +und Unbefangenen mit Mißbilligung betrachtet werden. Von der andren +Seite gesehen, erzwingt er sich unwiderstehlich Beifall. Der Spartaner +erregt unsren Abscheu, wenn er den unglücklichen Heloten schlägt und mit +Füßen tritt. Den nämlichen Spartaner +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_48" id = "pageXII_48"> +XII.48</a></span> +können wir nicht ohne Bewunderung betrachten, wenn wir ihn an dem Tage, +von dem er wohl weiß, daß es sein letzter sein wird, im Engpaß von +Thermopylä ruhig sein Haar ordnen sehen und seine lakonischen Scherze +aussprechen hören. Dem oberflächlichen Beobachter mag es sonderbar +vorkommen, daß soviel Böses und soviel Gutes beisammen gefunden werden +können. In der That aber stehen dieses Gute und dieses Böse, die auf den +ersten Anblick fast unvereinbar scheinen, in innigem Zusammenhange und +haben einen gemeinsamen Ursprung. Weil der Spartaner gelernt hatte, sich +als einem Herrschergeschlechte angehörend zu betrachten und auf jeden +Nichtspartaner als auf einen tief unter ihm Stehenden herabzusehen, +deshalb hatte er kein Mitgefühl für die elenden Sklaven, welche vor ihm +im Staube krochen, und deshalb kam ihm nie, selbst nicht in der höchsten +Noth, der Gedanke, sich einem fremden Herrn zu unterwerfen oder vor +einem Feinde zu fliehen. Etwas von diesem nämlichen, aus Tyrannei und +Heroismus zusammengesetzten Character hat man bei allen den Nationen +gefunden, welche über zahlreichere Nationen dominirten. Nirgend aber hat +sich im modernen Europa dieser Character so augenfällig gezeigt wie in +Irland. Mit welcher Verachtung, mit welcher Abneigung die herrschende +Minderzahl in diesem Lande lange Zeit die unterworfene Mehrzahl +betrachtete, kann man am besten aus den gehässigen Gesetzen ersehen, +welche noch zu einer Zeit, deren sich gegenwärtig Lebende erinnern, das +irische Gesetzbuch schändeten. Diese Gesetze wurden endlich abgeschafft, +aber der Geist, der sie zu Tage gefördert hatte, überlebte sie und macht +sich noch jetzt zuweilen in Excessen Luft, welche dem Gemeinwohl zum +größten Nachtheil und der protestantischen Religion zur Unehre +gereichen. Dessenungeachtet kann man unmöglich leugnen, daß die +englischen Colonisten mit leider zu vielen Fehlern einer herrschenden +Kaste alle edelsten Tugenden einer solchen verbanden. Die Fehler haben +sich ganz natürlich im schlimmsten Grade zu Zeiten des Gedeihens und der +Ruhe gezeigt, wie die Tugenden sich am glänzendsten in Zeiten der Noth +und Gefahr bewährt haben, und nie traten diese Tugenden sichtbarer in +den Vordergrund als bei den Vertheidigern von Londonderry in dem +Augenblicke da ihr Commandant sie im Stich gelassen und das Lager ihres +Todfeindes vor den Mauern ihrer Stadt aufgeschlagen war.</p> + +<p>Sobald der erste Ausbruch der durch Lundy’s Treulosigkeit erregten +Wuth sich gelegt hatte, ergriffen Die, welche er verrathen, mit einer +der berühmtesten Senate würdigen Kaltblütigkeit und Umsicht Maßregeln +zur Aufrechthaltung der Ordnung und zur Vertheidigung der Stadt. Es +wurden zwei Gouverneurs, Baker und Walker, erwählt. Baker übernahm das +militärische Kommando, und Walker’s specielles Geschäft bestand in der +Erhaltung der inneren Ruhe und in der Vertheilung der Bedürfnisse aus +den Magazinen.<a class = "tag" name = "tagXII_88" id = "tagXII_88" href += "#noteXII_88">88</a> Die kampffähigen Einwohner wurden in acht +Regimenter eingetheilt und Obersten, Hauptleute und Subalternoffiziere +ernannt. In wenigen Stunden kannte Jedermann seinen Posten und war +bereit, sich beim ersten Trommelschlage auf denselben zu begeben. Das +Verfahren, durch welches Cromwell in der vorhergehenden Generation unter +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_49" id = "pageXII_49"> +XII.49</a></span> +seinen Soldaten eine so glühende und beharrliche Begeisterung erhalten +hatte, wurde auch hier wieder mit nicht minder vollständigem Erfolge +angewendet. Ein großer Theil des Tages ward mit Predigen und Beten +hingebracht. Achtzehn Geistliche der Landeskirche und sieben bis acht +nonconformistische Priester befanden sich in der Stadt. Sie alle +strengten sich mit unermüdlichem Eifer an, den Muth des Volks zu heben +und zu erhalten. Unter ihnen selbst herrschte für diese Zeit vollkommene +Einigkeit. Aller Streit über Kirchenregiment, Stellungen und Ceremonien +war vergessen. Der Bischof hatte sich, als er gesehen, daß seine Sermone +über den passiven Gehorsam selbst von den Episkopalen bespöttelt wurden, +zuerst nach Raphoe und dann nach England begeben, wo er jetzt in einer +londoner Kapelle predigte.<a class = "tag" name = "tagXII_89" id = +"tagXII_89" href = "#noteXII_89">89</a> Auf der andren Seite war ein +schottischer Fanatiker, Namens Hewson, der die Presbyterianer ermahnt +hatte, nicht mit Leuten, die sich weigerten den Covenant zu +unterschreiben, gemeinschaftliche Sache zu machen, dem wohlverdienten +Abscheu und Hohn der gesammten Protestanten verfallen.<a class = "tag" +name = "tagXII_90" id = "tagXII_90" href = "#noteXII_90">90</a> Die +Kathedrale gewährte einen eigenthümlichen Anblick. Auf der Höhe des +breiten Thurmes, der jetzt durch einen von andrer Bauart ersetzt ist, +waren Kanonen aufgefahren, unter den Bogengängen war Munition aufgehäuft +und im Chore wurde jeden Morgen die Liturgie der anglikanischen Kirche +verlesen. Am Nachmittag versammelten sich die Dissenters zu einem +einfacheren Gottesdienst.<a class = "tag" name = "tagXII_91" id = +"tagXII_91" href = "#noteXII_91">91</a></p> + +<p>Jakob hatte vierundzwanzig Stunden gewartet, wahrscheinlich in der +Hoffnung, daß Lundy seine Versprechungen erfüllen werde, und diese +vierundzwanzig Stunden hatten hingereicht, um die Anstalten zur +Vertheidigung Londonderry’s zu vollenden. Am Abend des 19. April +erschien ein Trompeter am südlichen Thore und fragte, ob die vom +Gouverneur eingegangenen Verpflichtungen erfüllt werden würden. Die +Antwort lautete, daß die Männer, welche diese Mauern bewachten, mit den +Verpflichtungen des Gouverneurs nichts zu thun hätten und entschlossen +wären, sich bis aufs Äußerste zu vertheidigen.</p> + +<p>Am folgenden Tage wurde ein Bote höheren Ranges gesandt: Claudius +Hamilton, Lord Strabane, einer der wenigen römisch-katholischen Peers +von Irland. Murray, der zum Obersten eines der acht Regimenter ernannt +war, in welche die Besatzung eingetheilt worden, ging hinaus vor das +Thor und es fand eine kurze Besprechung mit dem Parlamentair statt. +Strabane war ermächtigt, große Versprechungen zu machen. Die Bürger +sollten volle Verzeihung für alles Geschehene haben, wenn sie sich ihrem +rechtmäßigen Landesherrn unterwürfen. Murray selbst sollte ein +Oberstenpatent und tausend Pfund Sterling an Gelde bekommen. „Die Männer +von Londonderry,“ antwortete Murray, „haben nichts gethan, was der +Verzeihung bedürfte, und erkennen keinen andren Souverain als König +Wilhelm und Königin Marie an. Es dürfte nicht rathsam für Eure +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_50" id = "pageXII_50"> +XII.50</a></span> +Lordschaft sein, noch lange hier zu verweilen oder in gleicher Absicht +wiederzukommen. Gestatten Sie mir die Ehre, Sie bis über die Linien +hinaus zu geleiten.“<a class = "tag" name = "tagXII_92" id = "tagXII_92" +href = "#noteXII_92">92</a></p> + +<p>Jakob war versichert worden und hatte mit Bestimmtheit erwartet, daß +die Stadt sich ergeben würde, sobald sein Erscheinen vor den Mauern +derselben zur Kenntniß der Einwohner gelangte. Als er sich jedoch in +dieser Erwartung getäuscht sah, wollte er von Melfort’s Rath nichts mehr +wissen und er beschloß, sofort nach Dublin zurückzukehren. Rosen +begleitete den König und die Leitung der Belagerung wurde Maumont +übertragen. Unter ihm standen Richard Hamilton als Zweiter, und Pusignan +als Dritter im Commando.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_87" id = "noteXII_87" href = "#tagXII_87">87.</a> +Siehe <span class = "antiqua">The Character of the Protestants of +Ireland, 1689</span>, und <span class = "antiqua">The Interest of +England in the Preservation of Ireland, 1689.</span> Erstere Flugschrift +ist das Werk eines Feindes, letztere das eines warmen Freundes.</p> + +<p><a name = "noteXII_88" id = "noteXII_88" href = "#tagXII_88">88.</a> +Es entspann sich nachher ein müßiger Streit über die Frage, ob Walker +wirklich Gouverneur gewesen sei oder nicht. Mir scheint es vollkommen +unzweifelhaft, daß er es war.</p> + +<p><a name = "noteXII_89" id = "noteXII_89" href = "#tagXII_89">89.</a> +<span class = "antiqua">Mackenzie’s Narrative</span>; <span class = +"antiqua">Funeral Sermon on Bishop Hopkins, 1690.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_90" id = "noteXII_90" href = "#tagXII_90">90.</a> +<span class = "antiqua">Walker’s True Account, 1689.</span> Siehe auch +<span class = "antiqua">The Apology for the True Account</span> und +<span class = "antiqua">The Vindication of the True Account</span>, +beide in dem nämlichen Jahre erschienen. Ich habe diesen Mann mit dem +Namen bezeichnet, unter welchem er in Irland bekannt war. Sein wirkliche +Name aber war Houstoun. Er wird häufig in dem wunderlichen Buche, +betitelt: <span class = "antiqua">Faithful Contendings Displayed</span>, +erwähnt.</p> + +<p><a name = "noteXII_91" id = "noteXII_91" href = "#tagXII_91">91.</a> +<span class = "antiqua">A View of the Danger and Folly of being +publicspirited, by William Hamill, 1721.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_92" id = "noteXII_92" href = "#tagXII_92">92.</a> +Siehe <span class = "antiqua">Walker’s True Account</span> und <span +class = "antiqua">Mackenzie’s Narrative.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Londonderry belagert.</span> +<a name = "secXII_36" id = "secXII_36">Die</a> Operationen begannen nun +ernstlich. Die Belagerer fingen damit an, daß sie die Stadt beschossen, +und bald brannte sie an mehreren Stellen. Dächer und obere Stockwerke +stürzten ein und erschlugen die Hausbewohner. Eine kurze Zeit lang +schien die Besatzung, von der Viele noch niemals die Wirkung eines +Bombardements gesehen, durch das Gekrach der einstürzenden Schornsteine +und durch den Anblick der mit entstellten Leichnamen vermischten +Trümmerhaufen entmuthigt zu werden. Aber das Vertrautwerden mit Gefahr +und Greueln brachte binnen wenigen Stunden die natürliche Wirkung +hervor. Der Muth des Volks steigerte sich bis zu einem solchen Grade, +daß seine Anführer es für zweckmäßig hielten, die Offensive zu +ergreifen. Am 21. April wurde unter Murray’s Commando ein Ausfall +gemacht. Die Irländer hielten ihrerseits entschlossen Stand und es kam +zu einem heftigen und blutigen Kampfe. Maumont eilte an der Spitze eines +Reitertrupps nach der Stelle, wo das Gefecht wüthete. Eine Flintenkugel +traf ihn am Kopfe und streckte ihn todt nieder. Die Belagerer verloren +außerdem noch mehrere andere Offiziere und ungefähr zweihundert Mann, +bevor es gelang, die Colonisten in die Stadt zurückzuwerfen. Murray +entkam mit knapper Noth. Sein Pferd war ihm unter dem Leibe getödtet +worden und er war von Feinden umringt, aber er vertheidigte sich noch so +lange gegen dieselben, bis einige von seinen Freunden, mit dem greisen +Walker an der Spitze, aus dem Thore heraus stürzten und ihn befreiten.<a +class = "tag" name = "tagXII_93" id = "tagXII_93" href = +"#noteXII_93">93</a></p> + +<p>Da Maumont gefallen war, übernahm Hamilton wieder das Commando der +irischen Armee. Seine Thaten als Befehlshaber trugen keineswegs zur +Erhöhung seines Ruhmes bei. Er war ein eleganter Cavalier und ein +tapferer Soldat, aber auf den Titel eines großen Feldherrn konnte er +keinen Anspruch machen; auch hatte er noch nie in seinem Leben eine +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_51" id = "pageXII_51"> +XII.51</a></span> +Belagerung gesehen.<a class = "tag" name = "tagXII_94" id = "tagXII_94" +href = "#noteXII_94">94</a> Pusignan besaß mehr Kenntniß und Energie, +aber er überlebte Maumont um wenig mehr als vierzehn Tage. Am 6. Mai um +vier Uhr Morgens unternahm die Besatzung einen zweiten Ausfall, eroberte +mehrere Fahnen und tödtete viele von den Belagerern. Pusignan, welcher +tapfer focht, wurde durch den Leib geschossen; die Wunde war von der +Art, daß ein geschickter Chirurg sie wohl hätte heilen können; aber +einen solchen gab es im irischen Lager nicht und die Verbindung mit +Dublin war langwierig und unregelmäßig. So starb der Unglückliche unter +bitteren Klagen über die rohe Unwissenheit und Nachlässigkeit, die seine +Tage abgekürzt hatten. Ein Arzt, der expreß aus der Hauptstadt abgesandt +worden, traf erst nach der Beerdigung ein. Wahrscheinlich in Folge +dieses beklagenswerthen Unglücks richtete Jakob eine tägliche +Postverbindung zwischen dem Schlosse von Dublin und Hamilton’s +Hauptquartier ein. Doch selbst auf diese Art wurden die Briefe nicht +rasch befördert, denn die Couriere gingen zu Fuß und machten, +wahrscheinlich aus Furcht vor den Enniskillenern, einen Umweg von einem +Militärposten zum andren.<a class = "tag" name = "tagXII_95" id = +"tagXII_95" href = "#noteXII_95">95</a></p> + +<p>Der Mai verging, der Juni kam heran, und Londonderry hielt sich noch +immer. Es hatten viele Ausfälle und Scharmützel mit verschiedenem +Erfolge stattgehabt; im Ganzen aber war der Vortheil auf Seiten der +Garnison gewesen. Mehrere hohe Offiziere waren als Gefangene in die +Stadt gebracht worden, und zwei französische Fahnen, welche den +Belagerern nach hartem Kampfe entrissen worden, waren als Trophäen in +der Altarstätte der Kathedrale aufgehängt. Es schien nothwendig, die +Belagerung in eine Blockade zu verwandeln. Ehe man aber die Hoffnung +aufgab, die Stadt durch Waffengewalt zu nehmen, beschloß man noch einen +energischen Versuch zu machen. Der zum Sturm ausersehene Punkt war ein +Außenwerk, nicht weit vom südlichen Thore, welches der Windmühlenhügel +hieß. Religiöse Anfeuerungsmittel wurden angewendet, um den gesunkenen +Muth zu beleben. Viele Freiwillige verpflichteten sich eidlich in die +Festungswerke einzudringen oder bei dem Versuche umzukommen. Kapitain +Buttler, ein Sohn Lord Mountgarret’s, übernahm es, die Eidgenossen zum +Angriff zu führen. Die Colonisten waren in drei Reihen auf den Wällen +aufgestellt. Die Hinteren hatten nur die Musketen der Vorderen zu laden. +Die Irländer rückten kühn und mit einem entsetzlichen Geschrei heran, +wurden aber nach einem langen und heißen Kampfe zurückgeschlagen. Im +dichtesten Kugelregen sah man die Frauen von Londonderry, ihren Gatten +und Brüdern Wasser und Munition reichend. An einer Stelle, wo der Wall +nur sieben Fuß hoch war, gelang es Buttler und einigen seiner +Eidgenossen, das Plateau zu erreichen; aber sie wurden sämmtlich +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_52" id = "pageXII_52"> +XII.52</a></span> +getödtet oder gefangen genommen. Endlich, nachdem vierhundert Irländer +gefallen waren, ließen ihre Anführer zum Rückzug blasen.<a class = "tag" +name = "tagXII_96" id = "tagXII_96" href = "#noteXII_96">96</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_93" id = "noteXII_93" href = "#tagXII_93">93.</a> +Walker; Mackenzie; Avaux, 26. April (6. Mai) 1689. Unter den +Protestanten von Ulster herrscht die traditionelle Meinung, Maumont sei +von Murray’s Hand gefallen; allein über diesen Punkt ist der Bericht des +französischen Gesandten an seinen Gebieter entscheidend. In der That +existiren über die Belagerung von Londonderry fast eben so viele +märchenhafte Geschichten wie über die Belagerung von Troja. Die Sage von +Murray und Maumont datirt von 1689. In <span class = "antiqua">The Royal +Voyage</span>, welches Stück in jenem Jahre aufgeführt wurde, wird der +Kampf zwischen den beiden Helden in folgenden wohlklingenden Strophen +geschildert:</p> + +<div class = "verse"> +<p>„Sie trafen sich, und auf den ersten Streich</p> +<p>Fiel Monsieur fluchend auf den staub’gen Grund</p> +<p>Und sterbend biß er noch in’s Gras.“</p> +</div> + +<p><a name = "noteXII_94" id = "noteXII_94" href = "#tagXII_94">94.</a> +<span class = "antiqua">Si c’est celuy qui est sorti de France le +dernier, qui s’appelloit Richard, il n’a jamais veu de siège, ayant <ins +class = "correction" title = "ungeändert">toujour’s</ins> servi en +Roussillon.</span> — Louvois an Avaux, 3.(13.) Juni 1689.</p> + +<p><a name = "noteXII_95" id = "noteXII_95" href = "#tagXII_95">95.</a> +Walker; Mackenzie; Avaux an Louvois, 2.(12.), 4.(14.) Mai 1689; Jakob an +Hamilton vom 28. Mai (8. Juni) in der Bibliothek der Royal Irish +Academy. Louvois schrieb sehr entrüstet an Avaux: <span class = +"antiqua">„La mauvaise conduite que l’on a tenue devant Londonderry a +cousté la vie à M. de Maumont et à M. de Pusignan. Il ne faut pas que sa +Majesté Britannique croye qu’en faisant tuer des officiers generaux +comme des soldats, on puisse ne l’en point laisser manquer. Ces sortes +de gens sont rares en tout pays et doivent estre menagez.“</span></p> + +<p><a name = "noteXII_96" id = "noteXII_96" href = "#tagXII_96">96.</a> +Walker; Mackenzie; Avaux, 16.(26.) Juni 1689.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Belagerung in eine Blokade verwandelt.</span> +<a name = "secXII_37" id = "secXII_37">Es</a> blieb nun nichts weiter +übrig als die Wirkung des Hungers zu versuchen. Man wußte, daß die +Lebensmittelvorräthe der Stadt nur gering waren, ja man wunderte sich +sogar, daß sie so lange ausgereicht hatten. Jetzt wurden alle Maßregeln +getroffen, um die fernere Zufuhr von Lebensmitteln abzuschneiden. Alle +zur Stadt führenden Landwege wurden auf das Sorgfältigste bewacht. Auf +der Südseite am linken Ufer des Foyle lagerten die Reiter, welche Lord +Galmoy aus dem Barrowthale begleitet hatten. Ihr Anführer war von allen +irischen Offizieren derjenige, den die Protestanten am meisten +fürchteten und verabscheuten. Denn er hatte seine Mannschaft mit +seltener Geschicklichkeit und Sorgfalt disciplinirt, und man erzählte +sich haarsträubende Geschichten von seiner Grausamkeit und Perfidie. +Lange Reihen Zelte, bedeckt mit der Infanterie Buttler’s und O’Neils, +Lord Slane’s und Lord Gormanstown’s, den Leuten aus Westmeath unter +Nugent, den Leuten aus Kildare unter Eustace und den Leuten aus Kerry +unter Cavanagh.<a class = "tag" name = "tagXII_97" id = "tagXII_97" href += "#noteXII_97">97</a> Der Fluß war mit Forts und Batterien besäumt, +welche kein Schiff ohne große Gefahr passiren konnte. Nach einiger Zeit +beschloß man, zur noch größeren Sicherheit ungefähr anderthalbe Meile +unterhalb der Stadt eine Barrikade quer durch den Strom aufzuwerfen. Zu +dem Ende wurden mehrere mit Steinen beladene Böte versenkt und eine +Reihe Pfähle in den Grund des Flusses eingerammt. Starke Fichtenstämme, +fest an einander gebunden, bildeten einen über eine Viertelmeile langen +Sperrbaum, der mit fußdicken Tauen an beiden Ufern wohl befestigt war.<a +class = "tag" name = "tagXII_98" id = "tagXII_98" href = +"#noteXII_98">98</a> Ein großer Steinblock, an welchem das Tau am linken +Ufer befestigt war, wurde viele Jahre später fortgeschafft, um behauen +und zu einer Säule verarbeitet zu werden. Die Idee wurde jedoch wieder +aufgegeben und die rohe Steinmasse liegt noch jetzt nicht weit von ihrem +ursprünglichen Platze unter den Bäumen, welche ein reizendes Landhaus, +Boom Hall genannt, beschatten. Dicht daneben befindet sich der Brunnen, +aus dem die Belagerer tranken, und ein Stück weiter hin ist der +Begräbnißplatz, wo sie ihre Gefallenen beerdigten und wo noch in unseren +Tagen der Spaten des Gärtners in geringer Tiefe unter dem Rasen und den +Blumen auf zahlreiche Schädel und Gebeine gestoßen ist.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_97" id = "noteXII_97" href = "#tagXII_97">97.</a> +Über die Disciplin der Galmoy’schen Reiter siehe Avaux’ Brief an Louvois +vom 10.(20.) September. Entsetzliche Geschichten von der Grausamkeit des +Obersten sowohl wie seiner Leute werden in der <span class = +"antiqua">Short View, by a Clergyman, 1689</span>, und in mehreren +anderen Flugschriften aus diesem Jahre erzählt. In Bezug auf die +Vertheilung der irischen Truppen sehe man die damals erschienenen Pläne +der Belagerung. Eine Liste der Regimenter, die vermuthlich ein +Seitenstück zu der im zweiten Buche der Iliade vorkommenden Liste bilden +sollte, findet man in der Londeriade.</p> + +<p><a name = "noteXII_98" id = "noteXII_98" href = "#tagXII_98">98.</a> +<span class = "antiqua">Life of Admiral Sir John Leake, by Stephen M. +Leake, Clarencieux King at Arms, 1750.</span> Von diesem Buche wurden +nur funfzig Exemplare gedruckt.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Seegefecht in der Bantry-Bai.</span> +<a name = "secXII_38" id = "secXII_38">Während</a> diese Ereignisse im +Norden stattfanden, hielt Jakob seinen Hof in Dublin. Bei seiner +Wiederankunft daselbst von Londonderry erhielt er die Nachricht, daß die +französische Flotte unter dem Commando des Grafen von Chateau Renaud in +der Bantry-Bai vor Anker gegangen sei und eine große Masse von +Kriegsvorräthen sowie eine Geldsendung ans Land geschafft habe. +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_53" id = "pageXII_53"> +XII.53</a></span> +Herbert, der eben mit einem englischen Geschwader nach jenen Gewässern +abgegangen war, um die Verbindung zwischen der Bretagne und Irland +abzuschneiden, erfuhr wo der Feind lag und segelte in die Bucht mit der +Absicht, eine Schlacht zu liefern. Doch der Wind war ihm ungünstig, die +feindliche Flotte war der seinigen weit überlegen, und nach einem kurzen +Feuer, das auf keiner Seite erhebliche Verluste herbeiführte, hielt er +es für rathsam, die hohe See wieder zu gewinnen, während die Franzosen +sich tiefer in den Hafen zurückzogen. Er steuerte nach Scilly, wo er +Verstärkungen zu finden hoffte, und Chateau Renaud, zufrieden mit dem +Ruhme, den er sich erworben, und besorgt, daß er denselben durch +längeres Verweilen wieder verlieren möchte, eilte trotz der dringenden +Aufforderung Jakob’s, nach Dublin zu kommen, nach Brest zurück.</p> + +<p>Beide Theile machten Anspruch auf den Sieg. Die Gemeinen zu +Westminster beschlossen albernerweise ein Dankvotum für Herbert, Jakob +ließ, nicht minder albernerweise, Freudenfeuer anzünden und ein Te Deum +singen. Aber diese Freudenbezeigungen befriedigten Avaux keineswegs, +denn seine Nationaleitelkeit war selbst noch stärker als die Klugheit +und Courtoisie, durch die er sich auszeichnete. Er beschwerte sich, daß +Jakob so ungerecht und undankbar sei, den Ausgang des kürzlichen +Gefechts dem Widerstreben zuzuschreiben, mit dem die englischen Seeleute +gegen ihren rechtmäßigen König und ihren alten Commandeur gefochten +hätten, und daß Se. Majestät eben nicht sehr erfreut gewesen zu sein +scheine, als er gehört habe, daß sie, von den siegreichen Franzosen +verfolgt, über den Ocean flüchteten. Auch Dover sei ein schlechter +Franzos. Er scheine sich eben so wenig über die Niederlage seiner +Landsleute gefreut zu haben, und man habe ihn äußern hören, daß das +Gefecht in der Bantry-Bai den Namen einer Schlacht nicht verdiene.<a +class = "tag" name = "tagXII_99" id = "tagXII_99" href = +"#noteXII_99">99</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_99" id = "noteXII_99" href = "#tagXII_99">99.</a> +Avaux, 8.(18.) Mai, 26. Mai (5. Juni) 1689; London Gazette vom 9. Mai; +<span class = "antiqua">Life of James, II. 370</span>; <span class = +"antiqua">Burchet’s Naval Transactions</span>; <span class = +"antiqua">Commons’ Journals May 18, 21.</span> Aus den Memoiren der Frau +von la Fayette ersieht man, daß dieses unbedeutende Treffen in +Versailles nach Gebühr gewürdigt wurde.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ein von Jakob einberufenes Parlament tagt in Dublin.</span> +<a name = "secXII_39" id = "secXII_39">Den</a> Tag darauf, nachdem in +Dublin zu Ehren dieses unentschiedenen Gefechts ein Te Deum gesungen +worden war, eröffnete das von Jakob zusammenberufene Parlament seine +Sitzungen. Die Zahl der weltlichen Peers von Irland betrug bei seiner +Ankunft in diesem Königreiche ungefähr hundert. Davon kamen nicht mehr +als vierzehn seiner Aufforderung nach, und von diesen vierzehn waren +zehn Katholiken. Durch Umstoßen früherer Verurtheilungen und durch neue +Creirungen wurden noch siebzehn Lords, sämmtlich Katholiken, ins +Oberhaus gebracht. Die protestantischen Bischöfe von Meath, Ossory, Cork +und Limerick erschienen, ob aus der aufrichtigen Überzeugung, daß sie +rechtmäßigerweise selbst einem Tyrannen den Gehorsam nicht verweigern +könnten, oder in der eitlen Hoffnung, daß selbst das Herz eines Tyrannen +durch ihre Geduld erweicht werden möchte, in der Mitte ihrer +Todfeinde.</p> + +<p>Das Haus der Gemeinen bestand fast ausschließlich aus Irländern und +Papisten. Zugleich mit den königlichen Ausschreiben hatten die +Wahlbeamten von Tyrconnel Briefe erhalten, in denen die Personen namhaft +gemacht waren, die er gewählt zu sehen wünschte. Die größten Wahlkörper +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_54" id = "pageXII_54"> +XII.54</a></span> +des Königreichs waren damals sehr klein, denn außer den Katholiken wagte +kaum Jemand sein Gesicht zu zeigen, und katholische Freisassen gab es +damals sehr wenige, in manchen Grafschaften nicht mehr als zehn bis +zwölf. Selbst in so bedeutenden Städten wie Cork, Limerick und Galway +überstieg die Zahl Derer, welche nach den neuen Städteordnungen +stimmberechtigt waren, nicht vierundzwanzig. Ungefähr zweihundertfunfzig +Mitglieder nahmen ihre Sitze ein, und davon waren nur sechs +Protestanten.<a class = "tag" name = "tagXII_100" id = "tagXII_100" href += "#noteXII_100">100</a> Die Namenliste giebt hinreichenden Aufschluß +über die politische und religiöse Gesinnung der Versammlung. Es war das +einzige irische Parlament jener Zeit, das mit Dermots und Grohagans, mit +O’Neils und O’Donovans, mit Macmahons, Macnamaras und Macgillicuddies +angefüllt war. Die Führung übernahmen einige Männer, deren Fähigkeiten +durch juristische Studien oder durch in fremden Ländern erworbene +Erfahrung entwickelt worden waren. Dem Generalfiskal, Sir Richard Nagle, +der die Grafschaft Cork vertrat, gaben selbst die Protestanten das +Zeugniß eines scharfsinnigen und gelehrten Juristen. Franz Plowden, der +Commissar für die Staatsrevenüen, der für Bannow im Parlamente saß und +als erster Finanzbeamter fungirte, war ein Engländer, und da er ein +Hauptagent des Jesuitenordens in Geldangelegenheiten gewesen, läßt sich +wohl annehmen, daß er ein ausgezeichneter Geschäftsmann war.<a class = +"tag" name = "tagXII_101" id = "tagXII_101" href = +"#noteXII_101">101</a> Oberst Heinrich Luttrell, Mitglied für die +Grafschaft Carlow, hatte lange in Frankreich gedient und von dort in +sein Heimathland einen geschärften Verstand und verfeinerte Sitten, eine +glatte Zunge, einige Geschicklichkeit im Kriege und sehr viel +Geschicklichkeit im Intriguiren mitgebracht. Sein älterer Bruder, Oberst +Simon Luttrell, Vertreter der Grafschaft Dublin und Militärgouverneur +der Hauptstadt, hatte ebenfalls in Frankreich gelebt und spielte, obwohl +er seinem Bruder Heinrich an Talent und Thätigkeit nachstand, doch eine +sehr hervorragende Figur unter den Anhängern Jakob’s. Das andre Mitglied +für die Grafschaft Dublin war Oberst Patrick Sarsfield. Diesen tapferen +Offizier betrachteten die Eingebornen als einen der Ihrigen, denn seine +Vorfahren von Vaters Seite waren zwar ursprünglich Engländer, gehörten +aber zu den ersten Colonisten, von denen man sprüchwörtlich sagte, daß +sie irischer geworden seien als Irländer. Seine Mutter war von edlem +celtischen Geblüt und er war ein treuer Anhänger des alten Glaubens. Als +der Erbe eines Vermögens, das ihm etwa zweitausend Pfund jährlicher +Einkünfte gewährte, war er einer der reichsten Katholiken des Landes. +Von den Höfen und Feldlagern besaß er eine Kenntniß wie nur wenige +seiner Landsleute. Er war lange Offizier bei der englischen Leibgarde +gewesen, hatte viel mit Whitehall verkehrt und hatte unter Monmouth auf +dem Continente und gegen Monmouth bei Sedgemoor tapfer gefochten. Er +hatte, wie Avaux schrieb, mehr persönlichen Einfluß als irgend Jemand in +Irland und war wirklich ein Gentleman von ausgezeichneten Verdiensten, +tapfer, bieder, ehrenwerth, auf das Wohlbefinden seiner Leute im +Quartier bedacht und am Tage der Schlacht stets an ihrer Spitze. Seine +Unerschrockenheit, seine Freimüthigkeit, seine grenzenlose +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_55" id = "pageXII_55"> +XII.55</a></span> +Gutherzigkeit, seine Statur, welche die gewöhnlicher Menschen hoch +überragte, und die Körperkraft, welche er im Einzelkampfe entwickelte, +hatten ihm die Zuneigung und Bewunderung der Massen erworben. Es ist +bemerkenswerth, daß die Engländer ihn allgemein als einen tapferen, +geschickten und hochherzigen Feind achteten und daß er selbst in den +rohesten Possen, welche von gemeinen Comödianten in Smithfield +aufgeführt wurden, stets von den entehrenden Beschuldigungen ausgenommen +ward, welche man damals auf die irische Nation zu schleudern gewohnt +war.<a class = "tag" name = "tagXII_102" id = "tagXII_102" href = +"#noteXII_102">102</a></p> + +<p>Doch solcher Männer waren nicht viele in dem Hause der Gemeinen, das +sich zu Dublin versammelt hatte. Es ist kein Vorwurf für die irische +Nation, eine Nation, welche seitdem ihr volles Contingent von beredten +und gebildeten Senatoren gestellt hat, wenn man sagt, daß von allen +Parlamenten, welche je auf den britischen Inseln zusammengetreten sind, +Barebone’s Parlament nicht ausgenommen, es dem von Jakob einberufenen am +meisten an den Eigenschaften gebrach, die eine Legislatur besitzen muß. +Die strenge Herrschaft einer feindlichen Kaste hatte die Geisteskräfte +des irischen Gentleman gelähmt. War er so glücklich Grundeigenthum zu +besitzen, so hatte er sein Leben in der Regel unter Jagd, Fischfang, +Trinkgelagen und Liebeshändeln mit seinen Unterthanen zugebracht. War +sein Vermögen confiscirt worden, so war er von Schloß zu Schloß und von +Hütte zu Hütte gewandert, um kleine Geldbeiträge zu erheben und auf +Kosten Anderer zu leben. Er hatte nie im Hause der Gemeinen gesessen, +hatte niemals thätigen Antheil an einer Wahl genommen, und war nie +Magistratsbeamter gewesen; kaum daß er einmal Mitglied einer großen Jury +gewesen war. Daher fehlte es ihm an aller und jeder Erfahrung in +öffentlichen Angelegenheiten. Der englische Squire war zwar auch kein +besonders gelehrter und erleuchteter Politiker, aber im Vergleich mit +dem katholischen Squire von Munster oder Connaught war er ein Staatsmann +und Philosoph.</p> + +<p>Die Parlamente Irland’s hatten damals kein bestimmtes +Versammlungslocal. Sie kamen in der That so selten zusammen und gingen +so bald wieder auseinander, daß es kaum der Mühe werth gewesen wäre, +einen Palast zu ihrem ausschließlichen Gebrauche zu erbauen und +einzurichten. Erst als die hannöversche Dynastie schon lange auf dem +Throne saß, erstand in College Green ein Senatshaus, das mit den +schönsten Bauwerken von Inigo Jones einen Vergleich aushält. An der +Stelle wo jetzt der Porticus und die Kuppel der Four Courts auf den +Liffey herniedersehen, stand im siebzehnten Jahrhundert ein altes +Gebäude, das einst ein Dominikanerkloster gewesen, seit der Reformation +aber den Männern des Gesetzes zur Benutzung angewiesen worden war und +den Namen King’s Inns führte. Dieses Gebäude war zur Aufnahme des +Parlaments +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_56" id = "pageXII_56"> +XII.56</a></span> +eingerichtet worden. Am 7. Mai nahm Jakob, in königliche Gewänder +gekleidet und eine Krone tragend, seinen Sitz auf dem Throne im Hause +der Lords ein und ließ die Gemeinen vor die Schranken entbieten.<a class += "tag" name = "tagXII_103" id = "tagXII_103" href = +"#noteXII_103">103</a></p> + +<p>Er sprach hierauf den Eingebornen Irland’s seinen Dank dafür aus, daß +sie treu zu ihm gehalten, als das Volk seiner anderen Königreiche ihn +verlassen habe. Seinen Entschluß, alle religiösen Disabilitäten in allen +seinen Landen abzuschaffen, erklärte er für unerschütterlich +feststehend. Er forderte das Haus auf, die Ansiedelungsacte in Erwägung +zu ziehen und die Beeinträchtigungen zu redressiren, über welche die +alten Eigenthümer des Bodens sich zu beschweren Ursache hätten. Zum +Schluß erkannte er in warmen Ausdrücken an, wie sehr er dem Könige von +Frankreich verpflichtet sei.<a class = "tag" name = "tagXII_104" id = +"tagXII_104" href = "#noteXII_104">104</a></p> + +<p>Nach beendeter Thronrede ersuchte der Kanzler die Gemeinen, sich in +ihre Kammer zurück zu begeben und einen Sprecher zu wählen. Sie wählten +den Generalfiscal Nagle, und die Wahl wurde vom Könige bestätigt.<a +class = "tag" name = "tagXII_105" id = "tagXII_105" href = +"#noteXII_105">105</a></p> + +<p>Die Gemeinen votirten nun zunächst Resolutionen, welche sowohl Jakob +als Ludwig innigen Dank darbrachten. Es wurde sogar vorgeschlagen, durch +eine Deputation Avaux eine Adresse überreichen zu lassen; der Sprecher +aber setzte die grobe Unziemlichkeit eines solchen Schrittes +auseinander, und sein Dazwischentreten hatte bei dieser Gelegenheit den +gewünschten Erfolg.<a class = "tag" name = "tagXII_106" id = +"tagXII_106" href = "#noteXII_106">106</a> Sonst war jedoch das Haus +selten geneigt, auf Vernunftgründe zu hören. Die Debatten waren eitel +Geschrei und Tumult. Der Richter Daly, ein Katholik, aber ein +rechtschaffener und begabter Mann, konnte nicht umhin, die +Unschicklichkeit und Thorheit zu beklagen, mit der die Mitglieder seiner +Kirche das Werk der Gesetzgebung betrieben. Diese Herren, sagte er, +seien kein Parlament, sondern ein bloßer Pöbelhaufen; sie glichen auf +ein Haar den Fischern und Gemüsehändlern, welche in Neapel zu Ehren +Masaniello’s brüllten und die Mützen emporwarfen. Es sei schmerzlich, +ein Mitglied nach dem andren tollen Unsinn über seine Verluste schwatzen +und nach dem geraubten Vermögen schreien zu hören, während das Leben +Aller und die Unabhängigkeit des gemeinsamen Vaterlandes in Gefahr +seien. Diese Worte wurden privatim gesprochen, aber einige Ohrenbläser +hinterbrachten sie den Gemeinen. Es brach ein heftiger Sturm los. Daly +wurde vor die Schranken gefordert, und es unterlag kaum einem Zweifel, +daß man mit Strenge gegen ihn verfahren würde. In dem Augenblicke aber +als er die Schwelle überschritt, stürzte ein Mitglied mit dem Ausrufe +herein: „Gute Nachrichten! Londonderry ist genommen!“ Das ganze Haus +erhob sich, alle Hüte flogen in die Luft, und drei laute Hurrahs +ertönten. Jedes Herz wurde durch die frohe Botschaft zur Milde gestimmt. +Niemand wollte in einem solchen Augenblick etwas von Bestrafung hören. +Der Befehl zu Daly’s Erscheinen wurde unter dem Rufe: „Keine +Unterwürfigkeit! keine Unterwürfigkeit! wir verzeihen ihm!“ wieder +aufgehoben. Wenige Stunden später +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_57" id = "pageXII_57"> +XII.57</a></span> +erfuhr man, daß Londonderry sich noch so hartnäckig hielt wie je zuvor. +Dieser an sich unbedeutende Vorfall verdient erwähnt zu werden, weil er +beweist, wie sehr es dem Hause der Gemeinen an den Eigenschaften fehlte, +die in dem großen Rathe eines Landes gefunden werden müssen. Und diese +Versammlung, die weder Erfahrung noch würdevollen Ernst, noch Mäßigung +besaß, sollte jetzt über Fragen entscheiden, welche dem Scharfsinne der +größten Staatsmänner viel zu schaffen gemacht haben würden.<a class = +"tag" name = "tagXII_107" id = "tagXII_107" href = +"#noteXII_107">107</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_100" id = "noteXII_100" href = +"#tagXII_100">100.</a> +<span class = "antiqua">King, III. 12</span>; <span class = +"antiqua">Memoirs of Ireland from the Restoration, 1716.</span> Listen +beider Häuser findet man im Anhang zu King.</p> + +<p><a name = "noteXII_101" id = "noteXII_101" href = +"#tagXII_101">101.</a> +Beweise für Plowden’s Connection mit den Jesuiten fand ich in einem +Briefbuche des Schatzamts unterm 12. Juni 1689.</p> + +<p><a name = "noteXII_102" id = "noteXII_102" href = +"#tagXII_102">102.</a> +<span class = "antiqua">„Sarsfield“</span>, schrieb Avaux unterm +11.(21.) October 1689 an Louvois, <span class = "antiqua">„n’est pas un +homme de la naissance de mylord Galloway“</span> (vermuthlich Galmoy) +<span class = "antiqua">„ny de Makarty; mais c’est un gentilhomme +distingué par son mérite, qui a plus de crédit dans ce royaume qu’aucun +homme que je connaisse. Il a de la valeur, mais surtout de l’honneur et +de la probité à toute épreuve ... homme qui sera toujours à la tête de +ses troupes, et qui en aura grand soin.“</span> — Leslie sagt in +seiner <span class = "antiqua">Answer to King</span>, daß die irischen +Protestanten Sarsfield’s Rechtschaffenheit und Ehre Gerechtigkeit +widerfahren ließen. In der That wird Sarsfield selbst in rohen Possen, +wie die <span class = "antiqua">Royal <ins class = "correction" title = +"Original hat »Fligth«">Flight</ins></span>, gebührende Anerkennung zu +Theil.</p> + +<p><a name = "noteXII_103" id = "noteXII_103" href = +"#tagXII_103">103.</a> +<span class = "antiqua">Journal of the Parliament in Ireland, +1689.</span> Der Leser darf nicht glauben, daß dieses Tagebuch einen +officiellen Character habe. Es ist eine bloße Compilation von einem +protestantischen Pamphletisten und in London gedruckt.</p> + +<p><a name = "noteXII_104" id = "noteXII_104" href = +"#tagXII_104">104.</a> +<span class = "antiqua">Life of James, II. 335.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_105" id = "noteXII_105" href = +"#tagXII_105">105.</a> +<span class = "antiqua">Journal of the Parliament in Ireland.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_106" id = "noteXII_106" href = +"#tagXII_106">106.</a> +Avaux, 20. Mai (5. Juni) 1689.</p> + +<p><a name = "noteXII_107" id = "noteXII_107" href = +"#tagXII_107">107.</a> +<span class = "antiqua">A True Account of the Present State of Ireland, +by a Person that with Great Difficulty left Dublin, 1689</span>; Brief +aus Dublin vom 12. Juni 1689; <span class = "antiqua">Journal of the +Parliament in Ireland.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Es wird eine Toleranzacte erlassen.</span> +<a name = "secXII_40" id = "secXII_40">Jakob</a> bestimmte sie zur +Beschließung einer Acte, welche ihm und ihnen zur größten Ehre gereicht +haben würde, hätte man nicht zahlreiche Beweise dafür, daß sie nur ein +todter Buchstabe sein sollte. Es war dies eine Acte, welche allen +christlichen Secten volle Gewissensfreiheit gewährte. Bei dieser +Gelegenheit wurde eine Proklamation erlassen, welche in hochtrabenden +Worten dem englischen Volke ankündigte, daß sein rechtmäßiger König +jetzt augenfällig die Verleumder widerlegt habe, welche ihn beschuldigt +hätten, nur um eines einzelnen Zweckes willen Eifer für die +Glaubensfreiheit erheuchelt zu haben. Wenn er im Herzen zur Verfolgung +geneigt wäre, würde er dann nicht die irischen Protestanten verfolgt +haben? Es fehle ihm weder an Macht noch an Herausforderungen dazu. +Dennoch habe er sowohl in Dublin, wo die Mitglieder seiner Kirche in der +Majorität seien, wie auch in Westminster, wo sie in der Minorität +gewesen, fest an den Grundsätzen gehalten, die er in seiner viel +geschmähten Indulgenzerklärung ausgesprochen habe.<a class = "tag" name += "tagXII_108" id = "tagXII_108" href = "#noteXII_108">108</a> Zu seinem +Unglück brachte der nämliche Wind, der seine schönen Reden nach England +trug, zu gleicher Zeit auch den Beweis hinüber, daß seine Erklärungen +nicht aufrichtig waren. Ein einzelnes, eines Turgot oder Franklin +würdiges Gesetz nahm sich gar zu lächerlich aus inmitten einer Menge von +Gesetzen, die einem Gardiner oder Alva Schande gemacht haben würden.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_108" id = "noteXII_108" href = "#tagXII_108">108.</a> +<span class = "antiqua">Life of James, II. 361—363.</span> Es wird +dort gesagt, die Proklamation sei ohne Vorwissen Jakob’s erlassen +worden, er habe sie aber nachher gebilligt. Siehe Melwood’s <span class += "antiqua">Answer to the Declaration, 1689.</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Acte zur Confiscation des Eigenthums der Protestanten.</span> +<a name = "secXII_41" id = "secXII_41">Ein</a> nothwendiger Vorläufer zu +dem großen Beraubungs- und Mordwerke, das die Gesetzgeber von Dublin +beabsichtigten, war eine Acte, welche die Autorität annullirte, die das +englische Parlament als höchste Legislatur wie als höchster Appellhof +bisher über Irland ausgeübt hatte.<a class = "tag" name = "tagXII_109" +id = "tagXII_109" href = "#noteXII_109">109</a> Diese Acte wurde rasch +angenommen und ihr folgten in schneller Aufeinanderfolge Confiscationen +und Proscriptionen in gigantischem Maßstabe. Das persönliche Vermögen +der Abwesenden,<a class = "tag" name = "tagXII_110" id = "tagXII_110" +href = "#noteXII_110">110</a> welche über siebzehn Jahr alt waren, wurde +dem Könige zugeschrieben. Wenn man sich in solcher Weise an +Laieneigenthum vergriff, so stand nicht zu erwarten, daß die Dotationen, +welche im Widerspruch mit jedem gesunden Prinzip an die +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_58" id = "pageXII_58"> +XII.58</a></span> +Kirche der Minorität verschwendet worden waren, geschont werden würden. +Diese Dotationen ohne Nachtheil für bestehende Interessen zu verringern, +würde eine Reform gewesen sein, die eines guten Fürsten und eines guten +Parlaments würdig gewesen wäre. Aber eine solche Reform genügte den +rachsüchtigen Bigotten nicht, welche in King’s Inns saßen. Durch eine +summarische Acte wurde der größte Theil der Zehnten von der +protestantischen auf die katholische Geistlichkeit übertragen, und die +bisherigen Inhaber ohne einen Farthing Entschädigung dem Hungertode +preis gegeben.<a class = "tag" name = "tagXII_111" id = "tagXII_111" +href = "#noteXII_111">111</a> Ferner wurde eine Bill, welche die +Ansiedlungsacte aufhob und viele tausend Quadratmeilen Landes von +sächsischen auf celtische Grundeigenthümer übertrug, eingebracht und +durch Acclamation angenommen.<a class = "tag" name = "tagXII_112" id = +"tagXII_112" href = "#noteXII_112">112</a></p> + +<p>Über eine solche Gesetzgebung kann man nicht streng genug urtheilen; +aber für die Gesetzgeber lassen sich Entschuldigungen anführen, welche +der Geschichtschreiber zu erwähnen verpflichtet ist. Sie handelten +unbarmherzig, ungerecht und unklug; aber es wäre ungereimt, wollte man +Erbarmen, Gerechtigkeit oder Weisheit von einer Klasse von Menschen +erwarten, welche erst durch jahrelange Unterdrückung erniedrigt und dann +durch die Freude über ihre plötzliche Erlösung der Besinnung beraubt und +mit unwiderstehlicher Macht bewaffnet worden war. Die Vertreter der +irischen Nation waren, mit wenigen Ausnahmen, roh und unwissend. Sie +hatten in einem Zustande beständiger Gereiztheit gelebt, mit +aristokratischen Gefühlen hatten sie eine knechtische Stellung +eingenommen, mit dem höchsten Geburtsstolze waren sie tagtäglich +Beleidigungen ausgesetzt gewesen, die den Zorn des geringsten Plebejers +gereizt haben würden. Angesichts der Felder und Schlösser, die sie als +ihr Eigenthum betrachteten, hatten sie froh sein müssen, wenn ein Bauer +sie einlud, seine Milch- und Kartoffelmahlzeit zu theilen. Die heftigen +Regungen von Haß und Habsucht, welche die Lage des eingebornen Gentleman +fast nothwendig hervorrufen mußte, erschienen ihm in dem glänzenden +Gewande des Patriotismus und der Frömmigkeit. Denn seine Feinde waren +die Feinde seiner Nation, und die nämliche Tyrannei, welche ihn seines +Erbes beraubt, hatte auch seine Kirche des großen Reichthums beraubt, +den die Frömmigkeit einer früheren Zeit ihr gespendet. Welchen Gebrauch +der Gewalt konnte man von einem ungebildeten und unerfahrenen Manne +erwarten, der von heftigen Wünschen und Rachegelüsten erfüllt war, +welche er irrig für heilige Pflichten ansah? Und was konnte man von +einer Versammlung von einigen Hundert solcher Leute anders erwarten, als +daß die Leidenschaften, welche jeder Einzelne so lange im Stillen +genährt hatte, durch den Einfluß der Sympathie plötzlich zu einer +furchtbaren Kraftäußerung heranreifen würden?</p> + +<p>Jakob hatte mit seinem Parlamente wenig mehr gemein als den Haß gegen +die protestantische Religion. Er war ein Engländer. Der Aberglaube hatte +nicht alles Nationalgefühl in seinem Herzen völlig erstickt und das +Übelwollen, womit seine celtischen Anhänger den Volksstamm betrachteten, +dem er entsprossen war, mußte ihm nothwendig mißfallen. Der +Gesichtskreis seines Verstandes war klein. Da er jedoch in England +regiert +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_59" id = "pageXII_59"> +XII.59</a></span> +hatte und fortwährend dem Tage entgegensah, wo er wieder in England +regieren würde, war es unmöglich, daß er den Horizont seiner Politik +nicht mehr erweiterte als Diejenigen, welche nichts Andres als nur +Irland im Auge hatten. Die wenigen irischen Protestanten, die ihm noch +anhingen, und die britischen Edelleute, protestantische sowohl als +katholische, die ihn ins Exil begleitet hatten, baten ihn dringend, die +Heftigkeit des raubgierigen und rachsüchtigen Parlaments zu zügeln, das +er zusammenberufen hatte. Ganz besonders drangen sie in ihn, daß er die +Aufhebung der Ansiedlungsacte nicht zugeben solle. Mit welcher +Sicherheit, fragten sie, könne Jemand sein Geld anlegen oder seinen +Kindern einen Vermögensantheil zuschreiben, wenn er sich nicht auf +bestimmte Gesetze und auf einen jahrelangen ununterbrochenen Besitz +verlassen könne? Die militärischen Abenteurer, unter welche Cromwell den +Grund und Boden vertheilt, könnten vielleicht als Unrechthandelnde +betrachtet werden. Aber ein wie großer Theil ihrer Güter sei durch +rechtsgültigen Kauf in andere Hände übergegangen! Wieviel Geld hätten +die Grundbesitzer auf Hypothek, auf gesetzmäßige, gerichtlich vidimirte +Verschreibung geliehen! Wie viele Kapitalisten seien im Vertrauen auf +gesetzliche Bestimmungen und königliche Versprechungen von England +herübergekommen und hätten ohne die mindeste Besorgniß wegen des +Rechtstitels in Ulster und Leinster Land gekauft! Welche Summen hätten +diese Kapitalisten während eines Vierteljahrhunderts auf Bauten, +Drainirungen, Einhegungen und Anpflanzungen verwendet! Die Bedingungen +des von Karl II. sanctionirten Compromisses möchten allerdings wohl +nicht in jeder Beziehung gerecht sein; aber sollte eine Ungerechtigkeit +durch eine noch monströsere Ungerechtigkeit wieder gut gemacht werden? +Und welchen Eindruck würde voraussichtlich in England der Wehschrei von +Tausenden unschuldiger englischer Familien hervorrufen, die ein +englischer König zu Grunde gerichtet? Die Klagen einer solchen Masse von +Duldern könnten die Restauration, der jeder loyale Unterthan mit +Sehnsucht entgegensehe, verzögern, ja ganz verhindern, und selbst wenn +Se. Majestät trotz dieser Klagen glücklich wieder eingesetzt werden +sollte, würde er doch bis ans Ende seines Lebens die nachtheiligen +Folgen der Ungerechtigkeit verspüren, zu deren Ausübung ihn schlimme +Rathgeber jetzt drängten. Er würde finden, daß er durch den Versuch eine +Klasse von Unzufriedenen zu beschwichtigen, eine andre geschaffen habe. +Wenn er in Dublin dem Geschrei nach Aufhebung der Ansiedlungsacte +nachgäbe, würde er sicherlich von dem Augenblicke an, wo er nach +Westminster zurückkehre, mit einem eben so lauten und beharrlichen +Geschrei nach Widerrufung dieser Aufhebung bestürmt werden. Er müsse +doch wohl einsehen, daß kein auch noch so loyales englisches Parlament +solche Gesetze fortbestehen lassen könne, wie sie jetzt vom irischen +Parlament erlassen würden. Sei er entschlossen, die Partei Irland’s +gegen die allgemeine Stimme England’s zu ergreifen? Wenn dies wäre, so +könnte er sich nur auf eine abermalige Verbannung und Entsetzung gefaßt +machen. Oder wolle er, wenn er das größere Königreich wieder habe, die +Geschenke zurücknehmen, durch die er sich in seiner Noth die Hilfe des +kleineren erkauft habe? Die bloße Vermuthung, daß er den Gedanken an +eine solche unfürstliche und unmännliche Perfidie hegen könne, müsse +schon als eine Beleidigung gegen ihn erscheinen. Allein was würde ihm +Andres übrig bleiben? Und sei es nicht besser für ihn, er verweigere +jetzt unbillige Zugeständnisse, als daß er diese Zugeständnisse nachher +in einer Weise widerrufe, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_60" id = "pageXII_60"> +XII.60</a></span> +die ihm Vorwürfe zuziehen würden, welche einem edlen Character +unerträglich sein müßten? Seine Lage sei allerdings kritisch; aber in +diesem, wie in anderen Fällen, werde es sich zeigen, daß der Pfad der +Gerechtigkeit auch der Pfad der Weisheit sei.<a class = "tag" name = +"tagXII_113" id = "tagXII_113" href = "#noteXII_113">113</a></p> + +<p>Obgleich sich Jakob in seiner Rede bei Eröffnung der Session gegen +die Ansiedlungsacte erklärt hatte, sah er doch ein, daß diese Argumente +unwiderleglich waren. Er hatte mehrere Conferenzen mit den leitenden +Mitgliedern des Hauses der Gemeinen und empfahl dringend Mäßigung. Aber +seine Vorstellungen stachelten die Leidenschaften, die er beschwichtigen +wollte, nur noch mehr auf. Viele Mitglieder der eingebornen Gentry +führten eine laute und heftige Sprache. Es sei unverschämt, sagten sie, +von Rechten der Käufer zu sprechen. Wie könne Recht aus Unrecht +hervorgehen? Leute, welche unrechtmäßig erworbenes Eigenthum kaufen +könnten, müßten auch die Folgen ihrer Thorheit und Habsucht tragen. Es +lag klar am Tage, daß das Unterhaus völlig unlenksam war. Vier Jahre +früher hatte Jakob sich geweigert, dem dienstwilligsten Parlamente, das +jemals in England getagt, das geringste Zugeständniß zu machen, und man +hätte erwarten sollen, daß die Hartnäckigkeit, an der es ihm nie +gefehlt, wenn sie ein Laster war, ihm auch jetzt nicht fehlen würde, wo +sie eine Tugend gewesen wäre. Eine kurze Zeit lang schien er wirklich +entschlossen, gerecht zu handeln. Er sprach sogar davon, das Parlament +aufzulösen. Auf der andren Seite erklärten die Häupter der alten +celtischen Familien ganz öffentlich, daß sie, wenn er ihnen ihr Erbe +nicht zurückgebe, nicht für das seinige fechten würden. Seine eigenen +Soldaten schmähten ihn in den Straßen von Dublin. Endlich beschloß er, +sich, nicht mit Königsmantel und Krone, sondern in der Kleidung, in +welcher er früher den Berathungen zu Westminster beizuwohnen pflegte, +selbst ins Haus der Peers zu begeben und persönlich die Lords zu +ersuchen, die Heftigkeit der Gemeinen zu zügeln. Aber als er eben zu +diesem Zwecke in seinen Wagen steigen wollte, wurde er von Avaux +zurückgehalten. Avaux nahm sich so eifrig wie nur irgend ein Irländer +der Bills an, deren Einbringung die Gemeinen betrieben. Es war ihm +genug, daß diese Bills Aussicht darauf eröffneten, die Feindschaft +zwischen England und Irland unversöhnlich zu machen. Seine Vorstellungen +bewogen Jakob, sich der offenen Opposition gegen die Aufhebung der +Ansiedlungsacte zu enthalten. Indessen nährte der unglückliche Fürst +doch noch immer eine schwache Hoffnung, daß das Gesetz, dessen Annahme +die Gemeinen so eifrig wünschten, von den Peers verworfen oder +wenigstens modificirt werden würde. Lord Granard, einer von den wenigen +protestantischen Edelleuten, welche in diesem Parlamente saßen, +verwendete sich energisch zu Gunsten des öffentlichen Vertrauens und der +vernünftigen Politik. Der König ließ ihm seinen Dank dafür aussprechen. +„Wir Protestanten,“ sagte Granard zu Powis, der im Auftrage des Königs +zu ihm kam, „sind gering an Zahl. Wir können wenig thun. Se. Majestät +sollte seinen Einfluß bei den Katholiken aufbieten.“ — „Se. +Majestät“, entgegnete Powis mit einem Schwure, „wagt nicht zu sagen was +er denkt.“ Wenige Tage darauf begegnete Jakob Lord Granard, als dieser +eben nach dem Parlamentshause ritt. +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_61" id = "pageXII_61"> +XII.61</a></span> +„Wohin wollen Sie, Mylord?“ fragte der König. „Sire“, antwortete +Granard, „ich will meinen Protest gegen die Aufhebung der +Ansiedlungsacte einreichen.“ — „Sie haben Recht,“ versetzte der +König, „aber ich bin in die Hände von Leuten gefallen, die mir das und +noch vieles Andre aufzwingen werden.“<a class = "tag" name = +"tagXII_114" id = "tagXII_114" href = "#noteXII_114">114</a></p> + +<p>Jakob fügte sich dem Willen der Gemeinen; aber der ungünstige +Eindruck, den sein kurzer und schwacher Widerstand auf sie gemacht, war +durch seine Unterwerfung nicht zu verwischen. Sie betrachteten ihn mit +großem Mißtrauen, sie waren überzeugt, daß er im Herzen ein Engländer +sei und es verging kein Tag ohne ein Anzeichen von dieser Gesinnung. Sie +beeilten sich nicht, ihm eine Geldunterstützung zu bewilligen. Eine +Partei unter ihnen beabsichtigte eine Adresse, die ihn dringend +auffordern sollte, Melfort als einen Feind ihrer Nation zu entlassen. +Eine andre Partei entwarf eine Bill zur Absetzung aller protestantischen +Bischöfe, selbst der vier, welche damals gerade im Parlamente saßen. +Nicht ohne Mühe gelang es Avaux und Tyrconnel, deren Einfluß im +Unterhause den des Königs bei weitem überwog, den Eifer der Majorität zu +dämpfen.<a class = "tag" name = "tagXII_115" id = "tagXII_115" href = +"#noteXII_115">115</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_109" id = "noteXII_109" href = +"#tagXII_109">109.</a> +<span class = "antiqua"><ins class = "correction" +title = "Original hat »Ligth«">Light</ins> to the Blind</span>; <span class = "antiqua">An Act +declaring that the Parliament of England cannot bind Ireland against +<ins class = "correction" title = "Original hat »Wits«">Writs</ins> of +Error and Appeals</span>, gedruckt in London, 1690.</p> + +<p><a name = "noteXII_110" id = "noteXII_110" href = +"#tagXII_110">110.</a> +Das heißt derjenigen Irländer, welche nicht in ihrem Vaterlande wohnten. +— Der Übersetzer.</p> + +<p><a name = "noteXII_111" id = "noteXII_111" href = +"#tagXII_111">111.</a> +<span class = "antiqua">An Act concerning Appropriate Tythes and other +Duties payable to Eclesiastical Dignitaries. London 1690.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_112" id = "noteXII_112" href = +"#tagXII_112">112.</a> +<span class = "antiqua">An Act for repealing the Acts of Settlement and +Explanation, and all Grants, and Certificates pursuant to them or any of +them. London 1690.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_113" id = "noteXII_113" href = +"#tagXII_113">113.</a> +Siehe die Schrift, welche der Oberrichter Keating dem König Jakob +überreichte, und die Rede des Bischofs von Meath. Beide befinden sich im +Anhange zu King. <span class = "antiqua">Life of James, II. +357—361.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_114" id = "noteXII_114" href = +"#tagXII_114">114.</a> +<span class = "antiqua">Leslie’s Answer to King</span>; Avaux, 26. Mai +(3. Juni) 1689; <span class = "antiqua">Life of James, II. +358.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_115" id = "noteXII_115" href = +"#tagXII_115">115.</a> +Avaux, 28. Mai (7. Juni) und 30. Juni (10. Juli). Der Verfasser von +<span class = "antiqua">Light to the Blind</span> verwirft entschieden +die den protestantischen Bischöfen, welche Jakob anhingen, bewiesene +Nachsicht.</p> +</div> + + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Prägung schlechten Geldes.</span> +<a name = "secXII_42" id = "secXII_42">Es</a> ist bemerkenswerth, daß +der König, während er das Vertrauen und die Zuneigung der irischen +Gemeinen dadurch verlor, daß er auf der einen Seite die Institution des +Eigenthums schwach gegen sie vertheidigte, auf einer andren Seite diese +Institution mit einer Rücksichtslosigkeit angriff, welche womöglich noch +stärker war als die ihrige. Er sah bald, daß kein Geld in seinen Schatz +floß. Die Ursache war augenfällig genug. Mit dem Handel war es vorbei. +Das bewegliche Kapital war in großen Massen aus der Insel weggezogen +worden; von dem festen Kapital war viel zerstört, und das übrige lag +todt da. Tausende von den Protestanten, welche den betriebsamsten und +intelligentesten Theil der Bevölkerung bildeten, waren nach England +ausgewandert. Tausend Andere hatten sich in die Städte geflüchtet, die +sich noch für Wilhelm und Marien tapfer hielten. Von den in der Blüthe +des Lebens stehenden katholischen Landleuten war die Mehrzahl in die +Armee eingetreten oder hatte sich Plündererhorden angeschlossen. Die +Armuth des Schatzes war die nothwendige Folge der Armuth des Landes; dem +öffentlichen Wohlstande konnte nur durch Wiederherstellung des +Privatwohlstandes aufgeholfen werden, und der Privatwohlstand konnte nur +durch Jahre der Ruhe und Sicherheit wiederhergestellt werden. Jakob war +einfältig genug zu glauben, daß es ein rascheres und wirksameres Mittel +gebe. Er glaubte sich ganz einfach dadurch mit einem Male aus seinen +finanziellen Verlegenheiten reißen zu können, daß er einen Farthing +einen Schilling nannte. Das Recht, Geld zu schlagen, war unstreitig eine +Perle der Prärogative, und seiner Ansicht nach schloß das Recht, Geld zu +schlagen, auch das Recht in sich, die Münzen zu verschlechtern. Töpfe, +Pfannen, Thürhämmer, Kanonen, welche seit langer Zeit unbrauchbar waren, +wurden in die Münze geschickt, und in Kurzem waren Massen geringhaltigen +Geldes im Nominalwerthe von einer Million Pfund Sterling, die +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_62" id = "pageXII_62"> +XII.62</a></span> +aber in Wirklichkeit nicht den sechsten Theil dieser Summe werth waren, +in Circulation gesetzt. Ein königliches Edict erklärte diese Münzen als +gesetzliches Zahlungsmittel bei allen Vorkommnissen. Eine Hypothek von +tausend Pfund wurde durch einen Sack voll Rechenpfennige, die aus alten +Kesseln verfertigt waren, abgelöst. Den Gläubigern, die sich beim +Kanzleigerichtshofe beschwerten, sagte Fitton, sie sollten ihr Geld +nehmen und stillschweigen. Von allen Klassen aber hatten die +Kleinhändler von Dublin, welche größtentheils Protestanten waren, die +schwersten Verluste. Zuerst erhöhten sie natürlich ihre Preise; aber die +Magistratsbehörde der Stadt begegnete dieser ketzerischen Machination +durch Ausgabe eines die Preise regulirenden Tarifs. Jeder, der der jetzt +dominirenden Kaste angehörte, konnte in einen Laden gehen, ein drei +Pence werthes Geldstück auf den Ladentisch legen und dafür Waaren im +Werthe von einer halben Guinee mitnehmen. Von gesetzlicher Abhilfe war +keine Rede. Die Leidenden schätzten sich sogar glücklich, wenn sie durch +Aufopferung ihres Geschäftsvermögens Sicherheit für ihre Glieder und ihr +Leben erkaufen konnten. Es gab keinen Bäckerladen in der Stadt, der +nicht beständig von zwanzig bis dreißig Soldaten belagert gewesen wäre. +Einige Personen, die das schlechte Geld nicht nehmen wollten, wurden von +Soldaten festgenommen und vor den Generalprofoß geführt, der sie mit +Flüchen und Verwünschungen überhäufte, sie in dunkle Zellen einsperren +ließ und durch die Drohung, sie an ihren eigenen Thüren aufhängen zu +wollen, ihren Widerstand bald besiegte. Von allen Plagen der damaligen +Zeit machte keine einen tieferen und nachhaltigeren Eindruck auf die +Gemüther der Protestanten Dublin’s als die Plage des Kupfergeldes.<a +class = "tag" name = "tagXII_116" id = "tagXII_116" href = +"#noteXII_116">116</a> Den Erinnerungen an die Bestürzung und Noth, +welche Jakob’s Münzen verursacht hatten, muß zum Theil der beharrliche +Widerstand zugeschrieben werden, den fünfunddreißig Jahre später +zahlreiche, dem Hause Hannover treuergebene Klassen in der Angelegenheit +des Wood’schen Patents der Regierung Georg’s I. entgegensetzten.</p> + +<p>Es kann nicht bestritten werden, daß Jakob, indem er so aus eigner +Machtvollkommenheit die Bedingungen aller Contracte im ganzen +Königreiche umstürzte, sich eine Befugniß anmaßte, welche nur der +gesammten Legislatur zukam. Dennoch remonstrirten die Gemeinen nicht +dagegen. Es gab keine Befugniß, mochte sie auch noch so +verfassungswidrig sein, die sie ihm nicht zuzugestehen bereit waren, so +lange er sie zur Mißhandlung und Ausplünderung der englischen +Bevölkerung anwendete. Dagegen respectirten sie keine auch noch so alte, +noch so gesetzliche und noch so heilsame Prärogative, wenn sie +besorgten, daß er sich derselben bedienen könnte, um die verabscheute +Race zu beschützen. Sie ruhten nicht eher, als bis sie ihm die mit +Widerstreben ertheilte Genehmigung eines empörenden Gesetzes, eines +Gesetzes, das in der Geschichte der civilisirten Länder seines Gleichen +nicht hat, der großen Verurtheilungsacte (<span class = "antiqua">Bill +of attainder</span>) erpreßt hatten.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_116" id = "noteXII_116" href = "#tagXII_116">116.</a> +<span class = "antiqua">King, III. 11</span>; <span class = +"antiqua">Brief Memoirs by Haynes, Assay Master of the Mint</span>, +unter den Lansdownmanuscripten im britischen Museum, Nr. 801. Ich habe +mehrere solche Münzen gesehen. Die Ausführung ist, in Berücksichtigung +aller Umstände, überraschend gut.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die große Verurtheilungsacte.</span> +<a name = "secXII_43" id = "secXII_43">Es</a> wurde eine Liste +zusammengestellt, welche zwischen zwei- und dreitausend Namen enthielt. +An +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_63" id = "pageXII_63"> +XII.63</a></span> +der Spitze standen die Hälfte der Peers von Irland. Dann kamen Baronets, +Ritter, Geistliche, Squires, Kaufleute, Landwirthe, Handwerker, Frauen +und Kinder. Eine Untersuchung fand nicht statt. Jedes Mitglied, das sich +eines Gläubigers, eines Nebenbuhlers, eines Privatfeindes entledigen +wollte, gab dem Sekretär den Namen an, und er wurde in der Regel ohne +Discussion in die Liste eingetragen. Die einzige Debatte, von der eine +Nachricht auf uns gekommen ist, bezog sich auf den Earl von Strafford. +Er hatte Freunde im Hause, die es wagten, etwas zu seinen Gunsten +anzuführen. Doch wenige Worte aus dem Munde Simon Luttrell’s entschieden +die Sache. „Ich habe<ins class = "correction" title = "“ fehlt">,“</ins> +sagte er, „den König einige harte Äußerungen über diesen Lord thun +hören.“ Dies wurde für genügend erachtet, und der Name Strafford nimmt +in der langen Liste der Proscribirten die fünfte Stelle ein.<a class = +"tag" name = "tagXII_117" id = "tagXII_117" href = +"#noteXII_117">117</a></p> + +<p>Es wurden bestimmte Tage festgesetzt, bis zu welchen Diejenigen, +deren Namen auf der Liste standen, sich einer Justiz stellen mußten, wie +sie damals gegen die englischen Protestanten in Dublin ausgeübt wurde. +Befand sich die proscribirte Person in Irland, so mußte sie sich am 10. +August stellen. War sie seit dem 5. November 1688 von Irland abwesend, +so mußte sie sich am 1. September stellen. Hatte sie Irland vor dem 5. +November 1688 verlassen, so mußte sie sich am 1. October stellen. +Erschien sie an dem festgesetzten Tage nicht, so sollte sie ohne Prozeß +aufgehängt, geschleift und geviertheilt und ihr Vermögen confiscirt +werden. Es konnte einem Proscribirten physisch unmöglich sein, sich bis +zu der durch die Acte festgesetzten Zeit zu stellen. Er konnte +bettlägerig sein, er konnte sich in Westindien aufhalten oder er konnte +im Gefängniß sitzen. Solche Fälle waren in der That notorisch vorhanden. +Unter den verurtheilten Lords befand sich auch Mountjoy. Er war durch +Tyrconnel’s Niederträchtigkeit bewogen worden, vertrauensvoll nach +Saint-Germains zu gehen, war in die Bastille geworfen worden, wo er noch +saß, und das irische Parlament schämte sich nicht zu verfügen, daß, wenn +er nicht binnen wenigen Wochen aus seiner Zelle entkommen und sich in +Dublin stellen könne, er hingerichtet werden solle.<a class = "tag" name += "tagXII_118" id = "tagXII_118" href = "#noteXII_118">118</a></p> + +<p>Da man nicht einmal vorgab, daß die Schuld der so Geächteten +untersucht worden sei, da nicht ein Einziger unter ihnen zu seiner +Vertheidigung angehört worden war, und da es ausgemacht war, daß es +Vielen physisch unmöglich sein würde, rechtzeitig zu erscheinen, so lag +es auf der Hand, daß nur eine umfassende Ausübung des königlichen +Begnadigungsrechts die Verübung von so haarsträubenden Ungerechtigkeiten +verhüten konnte, die selbst in der traurigen Geschichte der irländischen +Wirren ohne Beispiel dastehen. Daher beschlossen die Gemeinen, daß das +königliche Begnadigungsrecht beschränkt werden solle. Es wurden +verschiedene Formalitäten ersonnen, welche die Erlangung von +Begnadigungen erschweren und kostspielig machen sollten, und schließlich +wurde verordnet, daß jede Begnadigung, die Se. Majestät nach dem letzten +November 1689 irgend einer der vielen Hundert ohne Prozeß zum Tode +verurtheilten Personen zu Theil werden ließe, durchaus ungültig und +wirkungslos sein sollte. Sir Richard Nagle erschien im Ornate vor den +Lords und überreichte die Bill +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_64" id = "pageXII_64"> +XII.64</a></span> +mit einer der Gelegenheit würdigen Rede. „Viele von den hier +Proscribirten,“ sagte er, „sind durch uns genügende Beweise als +Verräther überführt. In Betreff der Anderen haben wir den allgemeinen +Ruf, in dem sie stehen, für maßgebend erachtet.“<a class = "tag" name = +"tagXII_119" id = "tagXII_119" href = "#noteXII_119">119</a> Die Liste +war mit so rücksichtsloser Barbarei zusammengestellt, daß selbst +fanatische Royalisten, die zu der nämlichen Zeit ihr Vermögen, ihre +Freiheit und ihr Leben für Jakob auf’s Spiel setzten, nicht sicher vor +der Proscription waren. Der gelehrteste Mann, dessen die jakobitische +Partei sich rühmen konnte, war Heinrich Dodwell, Camdenianischer +Professor an der Universität Oxford. In der Vertheidigung der erblichen +Monarchie scheute er kein Opfer und keine Gefahr. Mit Bezug auf ihn +sprach Wilhelm die denkwürdigen Worte aus: „Er hat sich vorgenommen ein +Märtyrer zu werden, und ich habe mir vorgenommen, sein Vorhaben zu +vereiteln.“ Aber Jakob war gegen Freunde grausamer als Wilhelm gegen +Feinde. Dodwell war Protestant und besaß etwas Grundeigenthum in +Connaught; diese Verbrechen waren hinreichend, um ihn in die lange Liste +Derer aufzunehmen, welche zum Galgen und zum Viertheilen verurtheilt +waren.<a class = "tag" name = "tagXII_120" id = "tagXII_120" href = +"#noteXII_120">120</a></p> + +<p>Daß Jakob seine Zustimmung zu einer Bill geben werde, die ihm das +Begnadigungsrecht entzog, hielten viele Leute für unmöglich. Er war vier +Jahre früher lieber mit dem loyalsten Parlamente zerfallen, als daß er +eine Prärogative aufgegeben hätte, die ihm nicht einmal gehörte. Es ließ +sich daher wohl erwarten, daß er jetzt Alles daran setzen würde, um eine +Prärogative zu behalten, die seine Vorgänger seit dem Bestehen der +Monarchie zu allen Zeiten besessen hatten und die von den Whigs niemals +bestritten worden war. Die strenge Miene und die erhobene Stimme, womit +er die Torygentlemen zurechtgewiesen, die ihn in der Sprache der +tiefsten Ehrerbietung und der innigsten Zuneigung beschworen, sich der +Beobachtung der Gesetze nicht zu entziehen, würden jetzt an ihrem Platze +gewesen sein. Er hätte wohl sehen können, daß der rechte Weg der +weiseste war. Hätte er bei dieser hochwichtigen Gelegenheit den Muth +gehabt, zu erklären, daß er unschuldiges Blut nicht vergießen und selbst +bezüglich der Schuldigen sich des Rechts nicht entäußern wolle, die +Verurtheilungen durch Gnade zu mildern, so würde er in England mehr +Herzen gewonnen haben, als er in Irland verloren hätte. Aber sein +Unstern wollte jederzeit, daß er widerstand, wo er hätte nachgeben +sollen, und daß er nachgab, wo er hätte widerstehen sollen. Das +abscheulichste aller Gesetze erhielt seine Sanction, und seine Schuld +wird nur sehr wenig dadurch gemildert, daß er diese Sanction mit einigem +Widerstreben gab.</p> + +<p>Damit nichts fehlen möchte, um dieses große Verbrechen vollkommen zu +machen, war man sorgfältig darauf bedacht zu verhüten, daß die +verurtheilten Personen ihre Verurtheilung früher als nach Ablauf der in +der Acte festgesetzten Gnadenfrist erfuhren. Die Liste der Namen wurde +nicht veröffentlicht, sondern in Fitton’s Cabinet sorgfältig +verschlossen gehalten. Einige Protestanten, die es noch mit Jakob +hielten, aber gern wissen wollten, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_65" id = "pageXII_65"> +XII.65</a></span> +ob einer ihrer Freunde oder Verwandten proscribirt war, gaben sich alle +mögliche Mühe, um Einsicht in die Liste zu erlangen; aber Bitten, +Vorstellungen und selbst Bestechungen waren erfolglos. Nicht ein +einziges Exemplar kam ins Publikum, bis es für die Tausende, welche ohne +Prozeß verurtheilt waren, zu spät war, Begnadigung zu erlangen.<a class += "tag" name = "tagXII_121" id = "tagXII_121" href = +"#noteXII_121">121</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_117" id = "noteXII_117" href = +"#tagXII_117">117.</a> +<span class = "antiqua">King III. 12.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_118" id = "noteXII_118" href = +"#tagXII_118">118.</a> +<span class = "antiqua">An Act for the Attainder of divers Rebels and +for preserving the Interest of loyal Subjects, London 1690.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_119" id = "noteXII_119" href = +"#tagXII_119">119.</a> +<span class = "antiqua">King III. 13.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_120" id = "noteXII_120" href = +"#tagXII_120">120.</a> +Sein Name steht in der ersten Columne auf Seite 30 derjenigen Ausgabe +der Liste, welche am 26. März 1690 die Druckerlaubniß erhielt. Ich hatte +geglaubt, der Proscribirte müsse ein andrer Heinrich Dodwell gewesen +sein. Aber Bischof Kennet’s zweiter Brief an den Bischof von Carlisle +vom Jahre 1716 hebt jeden Zweifel über diesen Gegenstand.</p> + +<p><a name = "noteXII_121" id = "noteXII_121" href = +"#tagXII_121">121.</a> +<span class = "antiqua">A list of most of the Names of the Nobility, +Gentry and Commonalty of England and Ireland (amongst whom are several +Women and Children) who are all, by an Act of a Pretended Parliament +assembled in Dublin, attainted of High Treason, 1699</span>; <span class += "antiqua">An Account of the Transactions of the late King James in +Ireland, 1690</span>; <span class = "antiqua">King, III. 13</span>; +<span class = "antiqua">Memoirs of Ireland 1716</span>.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Jakob prorogirt sein Parlament.</span> +<a name = "secXII_44" id = "secXII_44">Gegen</a> Ende des Monats Juli +prorogirte Jakob die beiden Häuser. Sie waren aber zehn Wochen +versammelt gewesen, und während dieses Zeitraums hatten sie auf das +Vollständigste bewiesen, daß, so groß auch die Übel gewesen sind, welche +das Übergewicht der Protestanten in Irland <ins class = "correction" +title = "Original hat »herorgerufen«">hervorgerufen</ins>, die durch das +Übergewicht der Papisten erzeugten Übel noch größer gewesen sein würden. +Daß die Colonisten, als sie den Sieg errungen hatten, ihn gröblich +mißbrauchten und daß ihre Gesetzgebung viele Jahre lang ungerecht und +tyrannisch war, ist sehr wahr. Aber nicht minder wahr ist es, daß sie +das entsetzliche Beispiel, das ihr besiegter Feind während des kurzen +Zeitraums gab, wo er im Besitz der Macht war, nie ganz erreichten.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Verfolgung der Protestanten in Irland.</span> +<a name = "secXII_45" id = "secXII_45">In</a> der That, während Jakob +sich laut rühmte, ein Gesetz erlassen zu haben, das allen +Religionsgesellschaften völlige Gewissensfreiheit gewährte, wüthete in +allen Provinzen, die seine Autorität anerkannten, eine eben so grausame +Verfolgung wie die im Languedoc. Diejenigen, welche eine Entschuldigung +für ihn zu finden wünschten, sagten, daß fast alle Protestanten, die +sich noch in Munster, <ins class = "correction" +title = "Original hat »Connaugth«">Connaught</ins> und Leinster aufhielten, seine Feinde seien +und daß er sie nicht als Schismatiker, sondern als Rebellen von +Gesinnung, denen es nur an einer Gelegenheit fehlte, Rebellen der That +zu werden, der Unterdrückung und Beraubung preis gebe, und dieser +Entschuldigung hätte man einiges Gewicht zugestehen können, wenn er sich +ernstlich bemüht hätte, die wenigen Colonisten zu beschützen, welche +zwar dem reformirten Glauben treu anhingen, aber doch noch immer an den +Lehren vom Nichtwiderstande und von dem unveräußerlichen Erbrechte +festhielten. Aber selbst diese ergebenen Royalisten sollten erfahren, +daß ihre Ketzerei in seinen Augen ein Verbrechen war, das durch keine +Dienste und durch keine Opfer gesühnt werden konnte. Einige Cavaliere, +Mitglieder der anglikanischen Kirche, die ihn in Irland willkommen +geheißen und in seinem Parlamente gesessen hatten, stellten ihm vor, +daß, wenn die Verordnung, welche jedem Protestanten den Besitz irgend +einer Waffe verbot, streng durchgeführt werden sollte, ihre Landhäuser +den Rapparees preisgegeben sein würden, und erlangten von ihm die +Erlaubniß, soviel Waffen behalten zu dürften, als sie für einige Diener +brauchten. Allein Avaux machte Gegenvorstellungen. Die Erlaubniß, sagte +er, werde gröblich gemißbraucht, man dürfe diesen protestantischen Lords +nicht trauen, sie verwandelten ihre Häuser in Festungen, und Se. +Majestät werde bald Ursache haben, seine Güte zu bereuen. Diese +Vorstellungen gewannen die Oberhand und es wurden katholische Truppen in +den verdächtigen Wohnungen einquartiert.<a class = "tag" name = +"tagXII_122" id = "tagXII_122" href = "#noteXII_122">122</a></p> + +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_66" id = "pageXII_66"> +XII.66</a></span> +<p>Noch härter war das Loos derjenigen protestantischen Geistlichen, +welche mit verzweifelter Treue der Sache des Gesalbten des Herrn +anhingen. Von allen anglikanischen Geistlichen scheint Cartwright +derjenige gewesen zu sein, der sich der Gewogenheit Jakob’s im +bedeutendsten Maße erfreute. Ob Cartwright lange hätte ein Günstling +bleiben können, ohne Apostat zu werden, steht zu bezweifeln. Er starb +wenige Wochen nach seiner Ankunft in Irland, und von diesem Augenblicke +an besaß seine Kirche keinen Verfechter ihrer Sache mehr. Indessen +fuhren einige von ihren Prälaten und Priestern noch fort diejenigen +Lehren zu predigen, die sie in den Tagen der Ausschließungsbill +gepredigt hatten. Aber sie verrichteten ihre Functionen mit Gefahr ihres +Lebens oder ihrer Glieder. Jeder, der einen Priesterrock trug, war eine +Zielscheibe für die Beleidigungen und Gewaltthätigkeiten der Soldaten +und Rapparees. In der Provinz wurde sein Haus geplündert, und er konnte +von Glück sagen, wenn es ihm nicht über dem Kopfe angezündet wurde. In +den Straßen von Dublin wurde er mit dem Rufe verfolgt: „Da geht so ein +Teufel von Ketzer!“ Bald wurde er zu Boden geschlagen, bald mit +Stockprügeln regalirt.<a class = "tag" name = "tagXII_123" id = +"tagXII_123" href = "#noteXII_123">123</a> Die Vorsteher der Universität +zu Dublin, welche in der anglikanischen Lehre vom passiven Gehorsam +erzogen waren, hatten Jakob bei seiner ersten Ankunft im Schlosse +begrüßt und von ihm die Zusicherung erhalten, daß er sie im Genusse +ihres Eigenthums und ihrer Vorrechte schützen werde. Sie wurden jetzt, +ohne Prozeß, ohne Anklage, aus ihrem Hause geworfen. Die +Communiongeräthe der Kapelle, die Bücher der Bibliothek, ja selbst die +Stühle und Betten der Collegiaten wurden weggenommen. Ein Theil des +Gebäudes wurde in ein Magazin, ein andrer in eine Kaserne, ein dritter +in ein Gefängniß verwandelt. Simon Luttrell, welcher Gouverneur der +Hauptstadt war, wurde mit großer Mühe und nur durch mächtige Fürsprache +bewogen, die vertriebenen Fellows und Studenten ungehindert abziehen zu +lassen. Er gestattete ihnen endlich in Freiheit zu bleiben unter der +Bedingung, daß bei Todesstrafe nicht drei von ihnen sich versammelten.<a +class = "tag" name = "tagXII_124" id = "tagXII_124" href = +"#noteXII_124">124</a> Kein protestantischer Geistlicher wurde härter +betroffen als Doctor Wilhelm King, Dechant zu St. Patrick. Er hatte sich +seit langer Zeit durch die glühende Begeisterung ausgezeichnet, mit der +er die Pflicht des passiven Gehorsams selbst gegen die schlechtesten +Regenten eingeschärft. Zu einer späteren Zeit, als er eine Vertheidigung +der Revolution geschrieben und von der neuen Regierung eine Mitra +angenommen hatte, erinnerte man ihn daran, daß er die göttliche Rache +auf die Usurpatoren herabgerufen und erklärt hatte, lieber hundert Mal +den Tod erleiden zu wollen, ehe er der Sache des erblichen Rechts untreu +würde. Er hatte gesagt, daß die wahre Religion wohl oft durch Verfolgung +gekräftigt worden sei, aber nie durch Rebellion gekräftigt werden könne, +daß der Tag, an welchem ein ganzer Karren voll von Geistlichen der +Kirche von England für die Lehre vom Nichtwiderstande zum Galgen ginge, +ein glorreicher Tag für diese Kirche sein würde, und daß es sein +höchster Ehrgeiz sei, zu einer solchen Gesellschaft zu gehören.<a class += "tag" name = "tagXII_125" id = "tagXII_125" href = +"#noteXII_125">125</a> Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er, als er +dies sagte, auch dachte wie er sprach. Aber wenn auch seine Grundsätze +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_67" id = "pageXII_67"> +XII.67</a></span> +vielleicht gegen die Strenge und die Versprechungen Wilhelm’s Stand +gehalten haben würden, gegen Jakob’s Undankbarkeit waren sie nicht +probefest. Die menschliche Natur machte endlich ihre Rechte geltend. +Nachdem King von der Regierung, deren fester Anhänger er war, zu +wiederholten Malen ins Gefängniß geworfen, nachdem er in seiner eignen +Kirche von den Soldaten insultirt und bedroht, nachdem ihm untersagt +worden, auf seinem Kirchhofe zu begraben und auf seiner Kanzel zu +predigen, nachdem er einem auf der Straße gegen ihn abgefeuerten +Flintenschusse kaum mit dem Leben entronnen war, fing er an, die +whiggistische Regierungstheorie für weniger unvernünftig und +unchristlich zu halten, als sie ihm früher vorgekommen war, und er +überredete sich, daß die unterdrückte Kirche mit Fug und Recht die +Befreiung annehmen dürfe, wenn es Gott gefiele, ihr solche, gleichviel +durch welche Mittel, zu senden.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_122" id = "noteXII_122" href = +"#tagXII_122">122.</a> +Avaux, 27. Juli (6. August) 1689.</p> + +<p><a name = "noteXII_123" id = "noteXII_123" href = +"#tagXII_123">123.</a> +<span class = "antiqua">King’s State of the Protestants in Ireland, III. +19.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_124" id = "noteXII_124" href = +"#tagXII_124">124.</a> +<span class = "antiqua">King’s State of the Protestants in Ireland, III. +15.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_125" id = "noteXII_125" href = +"#tagXII_125">125.</a> +<span class = "antiqua">Leslie’s Answer to King.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Wirkung der aus Irland kommenden Nachrichten in England.</span> +<a name = "secXII_46" id = "secXII_46">Es</a> zeigte sich bald, daß +Jakob wohlgethan haben würde, wenn er auf diejenigen Rathgeber gehört +hätte, die ihm gesagt hatten, die Maßregeln, durch welche er sich in +einem seiner drei Königreiche beliebt zu machen versuchte, würden ihn in +den anderen verhaßt machen. Es war in mancher Hinsicht ein Glück für +England, daß er, nachdem er aufgehört hatte, daselbst zu regieren, noch +über ein Jahr in Irland regierte. Auf die Revolution war ein Umschwung +der öffentlichen Meinung zu seinen Gunsten gefolgt. Hätte diese Reaction +ihren ungestörten Fortgang genommen, so würde sie vielleicht angehalten +haben, bis er wieder König war; aber sie wurde durch ihn selbst +gewaltsam unterbrochen. Er wollte sein Volk nichts vergessen und nichts +hoffen lassen; während es sich bemühte, Entschuldigungen für seine +vergangenen Fehler aufzufinden, und sich einzureden suchte, daß er nicht +wieder in diese Fehler verfallen werde, zwang er den Leuten gegen ihren +Willen die Überzeugung auf, daß er unverbesserlich sei, daß die +härtesten Strafen des Mißgeschicks ihn nichts gelehrt, und daß, wenn sie +schwach genug sein sollten, ihn zurückzurufen, sie ihn bald wieder +würden absetzen müssen. Umsonst schrieben die Jakobiten Pamphlets über +die Grausamkeit, mit der er von seinen nächsten Blutsverwandten +behandelt worden sei, über den herrschsüchtigen Character und die +schroffen Manieren Wilhelm’s, über die den Holländern zu Theil +gewordenen Begünstigungen, über die drückenden Abgaben, über die +Suspension der Habeas-Corpusacte und über die Gefahren, welche der +Kirche von Seiten der Feindschaft der Puritaner und der Latitudinarier +drohten. Jakob widerlegte diese Pamphlete viel wirksamer als die +gewandtesten und beredtesten whiggistischen Schriftsteller +zusammengenommen es vermocht haben würden. Jede Woche kam die Nachricht, +daß er eine neue Acte zur Beraubung oder Ermordung der Protestanten +erlassen hatte. Jeder Colonist, dem es gelang, von Leinster über das +Meer nach Holyhead oder Bristol zu entkommen, brachte entsetzliche +Berichte mit von der Tyrannei, unter der seine Glaubensbrüder seufzten. +Welchen Eindruck diese Berichte auf die Protestanten unsrer Insel +machten, kann man leicht aus der Thatsache schließen, daß sie den +Unwillen Ronquillo’s, eines Spaniers und bigotten Mitgliedes der +römischen Kirche, erregten. Er schrieb seinem Hofe, daß, obwohl die +englischen Gesetze gegen den Papismus streng erscheinen möchten, sie +doch durch die Besonnenheit und Humanität der Regierung so sehr +gemildert würden, daß sie ruhigen Leuten nicht lästig fielen, und er +versicherte dem heiligen Stuhle, daß die Leiden eines +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_68" id = "pageXII_68"> +XII.68</a></span> +Katholiken in London nichts seien im Vergleich zu den Leiden eines +Protestanten in Irland.<a class = "tag" name = "tagXII_126" id = +"tagXII_126" href = "#noteXII_126">126</a></p> + +<p>Die englischen Flüchtlinge fanden in England herzliche Theilnahme und +freigebige Unterstützung. Viele wurden in den Häusern von Freunden oder +Verwandten aufgenommen; viele Andere aber verdankten die Mittel zu ihrem +Unterhalt der Freigebigkeit von Fremden. Unter Denen, die sich an diesem +Werke der Barmherzigkeit betheiligten, trug Niemand in reicherem Maße +und mit weniger Ostentation dazu bei als die Königin. Das Haus der +Gemeinen stellte dem Könige funfzehntausend Pfund zur Unterstützung +derjenigen Flüchtlinge zur Verfügung, die derselben am dringendsten +bedurften, und ersuchte ihn, den zum Militärdienste Befähigten +Offizierspatente in der Armee zu geben.<a class = "tag" name = +"tagXII_127" id = "tagXII_127" href = "#noteXII_127">127</a> Auch wurde +eine Acte erlassen, welche bepfründete Geistliche, die aus Irland +entflohen waren, zur Anstellung in England befähigt erklärte.<a class = +"tag" name = "tagXII_128" id = "tagXII_128" href = +"#noteXII_128">128</a> Doch die Theilnahme, welche die Nation diesen +unglücklichen Gästen schenkte, war lau im Vergleich zu der Theilnahme, +welche derjenige Theil der sächsischen Colonie erweckte, der in Ulster +noch immer einen verzweifelten Kampf gegen eine erdrückende Übermacht +unterhielt. Über diesen Gegenstand ließ sich auf unsrer Insel kaum eine +einzige abweichende Stimme vernehmen. Whigs und Tories, ja selbst +diejenigen Jakobiten, in denen der Jakobitismus noch nicht alles +patriotische Gefühl erstickt hatte, priesen den Ruhm von Enniskillen und +Londonderry. Das ganze Haus der Gemeinen war eines Sinnes. „Es ist jetzt +nicht Zeit, die Kosten zu berechnen,“ sagte der wackere Birch, der sich +noch sehr wohl der Art der Kriegführung Olivers gegen die Irländer +erinnerte. „Sollen wir diese braven Leute in Londonderry im Stich +lassen? Wird nicht die ganze Welt Schimpf und Schande über uns rufen, +wenn wir sie dem Untergange preis geben? Man hat die Einfahrt in den +Fluß versperrt! Warum haben wir den Sperrbaum nicht längst zertrümmert? +Sollen unsere Brüder fast angesichts England’s, wenige Stunden Wegs von +unseren Küsten umkommen?“<a class = "tag" name = "tagXII_129" id = +"tagXII_129" href = "#noteXII_129">129</a> Howe, der Heftigste der einen +Partei, erklärte, daß die Herzen des Volks für Irland schlügen. Seymour, +das Haupt der andren Partei, erklärte, daß, obwohl er an der Einsetzung +der neuen Regierung nicht Theil genommen, er sie von Herzen gern in +Allem, was zur Erhaltung Irland’s für nöthig erachtet werden möchte, +unterstützen werde.<a class = "tag" name = "tagXII_130" id = +"tagXII_130" href = "#noteXII_130">130</a> Die Gemeinen ernannten einen +Ausschuß, der die Ursache der Verzögerungen und Fehlgriffe untersuchen +sollte, welche den englischen Bewohnern von Ulster fast zum Verderben +gereicht hätten. Die Offiziere, deren Verrätherei oder Feigheit das +Publikum die Calamitäten Londonderry’s zuschrieb, wurden gefänglich +eingezogen. Lundy wurde in den Tower, Cunningham in das Gate House +geschickt. Die öffentliche Aufregung wurde einigermaßen beschwichtigt +durch die Ankündigung, daß noch vor Ablauf des Sommers eine Armee von +hinreichender Stärke, um +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_69" id = "pageXII_69"> +XII.69</a></span> +das englische Übergewicht wiederherzustellen, über den St. Georgskanal +geschickt und daß Schomberg das Commando erhalten sollte. Vor der Hand +wurde ein Armeecorps, das man zum Entsatz von Londonderry für genügend +hielt, unter Kirke’s Commando von Liverpool abgesandt. Die finstre +Hartnäckigkeit, mit der dieser Mann, trotz königlicher Bitten, an seinem +Glauben festgehalten, und der Antheil, den er an der Revolution +genommen, hatten ihm vielleicht Anspruch auf eine Amnestie für frühere +Verbrechen verschafft. Aber es ist schwer zu begreifen, warum die +Regierung zu einem Posten von höchster Wichtigkeit einen Offizier +wählte, der allgemein und mit Recht verhaßt war, der nie ein eminentes +Feldherrntalent gezeigt und der, in Afrika sowohl wie in England, unter +seinen Soldaten erwiesenermaßen eine nicht nur die Humanität empörende, +sondern auch mit der Disciplin unverträgliche Zügellosigkeit geduldet +hatte.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_126" id = "noteXII_126" href = +"#tagXII_126">126.</a> +<span class = "antiqua">„En comparazion de lo que se hace in Irlanda con +los Protestantes, es nada.“</span> 29. April (9. Mai) 1689. — +<span class = "antiqua">„Para que vea Su Santitad que aqui estan los +Catolicos mas benignamente tratados que les Protestantes in +Irlanda.“</span> 19.(29.) Juni.</p> + +<p><a name = "noteXII_127" id = "noteXII_127" href = +"#tagXII_127">127.</a> +<span class = "antiqua">Commons’ Journals, June 15. 1689.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_128" id = "noteXII_128" href = +"#tagXII_128">128.</a> +<span class = "antiqua">Stat. 1 W. & M. sess. I. c. 29.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_129" id = "noteXII_129" href = +"#tagXII_129">129.</a> +<span class = "antiqua">Grey’s Debates, June 19. 1689.</span></p> + +<p><a name = "noteXII_130" id = "noteXII_130" href = +"#tagXII_130">130.</a> +<span class = "antiqua">Ibid. June 22. 1689.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Thaten der Enniskillener.</span> +<a name = "secXII_47" id = "secXII_47">Am</a> 16. Mai wurden Kirke’s +Truppen eingeschifft, und am 20. gingen sie unter Segel; aber widrige +Winde verzögerten die Überfahrt und zwangen das Geschwader, lange vor +der Insel Man liegen zu bleiben. Unterdessen vertheidigten sich die +Protestanten von Ulster mit unerschütterlichem Muthe gegen eine große +Übermacht. Die Enniskillener hatten nicht aufgehört, einen energischen +Parteikrieg gegen die eingeborne Bevölkerung zu führen. Anfangs Mai +marschirten sie einem starken Truppencorps aus Connaught entgegen, das +in Donegal eingefallen war. Die Irländer wurden bald geschlagen und +flohen mit einem Verlust von hundertzwanzig Todten und sechzig +Gefangenen nach Sligo. Zwei kleine Geschütze und mehrere Pferde fielen +den Siegern in die Hände. Durch diesen Sieg ermuthigt, fielen die +Enniskillener bald darauf in die Grafschaft Cavan ein, trieben +funfzehnhundert Mann von Jakob’s Truppen vor sich her, nahmen und +zerstörten das Schloß Ballincarrig, das für das festeste in diesem +Theile des Königreichs galt, und nahmen die Piken und Gewehre der +Besatzung mit sich. Der nächste Einfall erfolgte in Meath. Hier wurden +dreitausend Rinder und zweitausend Schafe mit fortgeführt und auf der +kleinen Insel des Ernesees in Sicherheit gebracht. Diese kühnen Thaten +verbreiteten Schrecken bis vor die Thore Dublin’s. Der Oberst Hugo +Sutherland erhielt Befehl, mit einem Regiment Dragonern und zwei +Regimentern Infanterie gegen Enniskillen zu marschiren. Er nahm Waffen +für das eingeborne Landvolk mit und Viele schlossen sich seiner Fahne +an. Die Enniskillener marschirten ihm entgegen. Er nahm jedoch keine +Schlacht an, sondern zog sich zurück und ließ seine Vorräthe unter der +Obhut eines Detachements von dreihundert Soldaten in Belturbet. Die +Protestanten griffen Belturbet kräftig an, besetzten ein hochgelegenes +Haus, das die Stadt beherrschte, und eröffneten von hier aus ein so +wirksames Feuer, daß nach Verlauf von zwei Stunden die Besatzung sich +ergab. Siebenhundert Flinten, eine bedeutende Quantität Schießpulver, +eine Menge Pferde, viele Säcke Zwieback und viele Fässer Mehl wurden +erbeutet und nach Enniskillen geschickt. Die Böte, welche diese +werthvolle Beute brachten, wurden freudig bewillkommnet. Die Besorgniß +vor einer Hungersnoth war dadurch beseitigt. Während die eingeborne +Bevölkerung in vielen Grafschaften, wahrscheinlich in der Erwartung, daß +sich das Maraudiren als eine unerschöpfliche Hilfsquelle erweisen werde, +die Bodencultur völlig vernachlässigte, hatten die Colonisten, treu dem +vorsorgenden und betriebsamen Character ihres Stammes, mitten im Kriege +nicht versäumt, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_70" id = "pageXII_70"> +XII.70</a></span> +den Boden in der Umgebung ihrer Besten sorgfältig zu bebauen. Die Ernte +war jetzt nicht mehr fern und bis zur Ernte reichten die dem Feinde +abgenommenen Lebensmittel vollkommen aus.<a class = "tag" name = +"tagXII_131" id = "tagXII_131" href = "#noteXII_131">131</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_131" id = "noteXII_131" href = "#tagXII_131">131.</a> +<span class = "antiqua">Hamilton’s True Relation</span>; <span class = +"antiqua">Mac Cormick’s Further Account</span>. Von der Insel im +Allgemeinen sagt Avaux: <span class = "antiqua">„On n’attend rien de +cette recolte cy, les paysans ayant presque tous pris les armes.“</span> +— Brief an Louvois vom 19.(29.) März 1689.</p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Noth in Londonderry.</span> +<a name = "secXII_48" id = "secXII_48">Doch</a> inmitten des Sieges und +des Überflusses wurden die Enniskillener von ängstlicher Besorgniß um +Londonderry gequält. Sie waren mit den Vertheidigern dieser Stadt nicht +allein durch religiöse und nationale Sympathie, sondern auch durch ein +gemeinsames Interesse verbunden. Denn es konnte keinem Zweifel +unterliegen, daß, wenn Londonderry fiel, die ganze irische Armee +augenblicklich mit unwiderstehlicher Macht gegen den Ernesee vorrücken +würde. Doch was konnte man thun? Einige tapfere Männer waren dafür, +einen verzweifelten Versuch zum Entsatz der belagerten Stadt zu machen; +aber die Übermacht war zu groß. Es wurden indessen Detachements +abgesandt, welche die Nachhut des Belagerungsheeres beunruhigten, die +Zufuhren abschnitten und einmal die Pferde von drei ganzen Reitertrupps +wegnahmen.<a class = "tag" name = "tagXII_132" id = "tagXII_132" href = +"#noteXII_132">132</a> Die Postenkette aber, welche Londonderry auf der +Landseite einschloß, war noch nicht durchbrochen, und auch der Fluß war +noch immer versperrt und sorgfältig bewacht. In der Stadt war die Noth +auf’s höchste gestiegen. Schon am 8. Juni war fast kein andres Fleisch +mehr zu haben als Pferdefleisch und selbst davon war der Vorrath nur +gering. Dem Mangel mußte mit Talg abgeholfen werden, und auch dieser +wurde mit karger Hand vertheilt.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_132" id = "noteXII_132" href = "#tagXII_132">132.</a> +<span class = "antiqua">Hamilton’s True Account.</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Ankunft des Expeditionscorps unter Kirke im Foylesee.</span> +<a name = "secXII_49" id = "secXII_49">Am</a> 15. Juni zeigte sich ein +Schimmer von Hoffnung. Die Schildwachen auf dem Thurme der Kathedrale +erblickten in einer Entfernung von neun Meilen Segel in der Bucht des +Foylesees. Man zählte dreißig Fahrzeuge verschiedener Größe. Man gab auf +den Thürmen Signale, welche von den Mastspitzen erwiedert, aber auf +beiden Seiten nur unvollkommen verstanden wurden. Endlich umging ein +Bote von der Flotte die irischen Schildwachen, schwamm unter dem +Sperrbaum hindurch, und benachrichtigte die Besatzung, daß Kirke mit +Truppen, Waffen, Munition und Lebensmitteln zum Entsatz der Stadt aus +England angelangt sei.<a class = "tag" name = "tagXII_133" id = +"tagXII_133" href = "#noteXII_133">133</a></p> + +<p>Mit der ängstlichsten Spannung harrte man in Londonderry der +kommenden Dinge; aber auf wenige Stunden fieberhafter Freude folgten +Wochen des größten Elends. Kirke hielt es nicht für gerathen, weder zu +Lande noch zu Wasser einen Angriff auf die feindlichen Linien zu +unternehmen und zog sich an die Einfahrt des Foylesees zurück, wo er +mehrere Wochen unthätig vor Anker lag.</p> + +<p>Jetzt steigerte sich die Hungersnoth mit jedem Tage. Alle Häuser der +Stadt wurden auf das Genaueste durchsucht, und einige Lebensmittel, +welche von Leuten, die seitdem gestorben oder geflüchtet, in den Kellern +verborgen worden waren, wurden entdeckt und in die Magazine geschafft. +Der Vorrath von Kanonenkugeln war fast erschöpft, und man bediente sich +anstatt derselben schon mit Blei überzogener Backsteine. Krankheiten +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_71" id = "pageXII_71"> +XII.71</a></span> +stellten sich, wie immer, im Gefolge des Hungers ein. An einem Tage +starben funfzehn Offiziere am Fieber und der Gouverneur Baker selbst +gehörte zu Denen, die der Krankheit erlagen. Seine Stelle wurde durch +den Obersten Johann Mitchelburne ersetzt.<a class = "tag" name = +"tagXII_134" id = "tagXII_134" href = "#noteXII_134">134</a></p> + +<p>Inzwischen wurde es in Dublin bekannt, daß Kirke mit seinem +Geschwader an der Küste von Ulster lag. Die Bestürzung war groß im +Schlosse. Schon vor dem Eintreffen dieser Nachricht hatte Avaux sich +dahin ausgesprochen, daß Richard Hamilton den Schwierigkeiten der +Situation nicht gewachsen sei. Es war daher beschlossen worden, daß +Rosen den Oberbefehl übernehmen sollte, und er war unverzüglich nach dem +Kriegsschauplatze abgegangen.<a class = "tag" name = "tagXII_135" id = +"tagXII_135" href = "#noteXII_135">135</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_133" id = "noteXII_133" href = +"#tagXII_133">133.</a> +Walker.</p> + +<p><a name = "noteXII_134" id = "noteXII_134" href = +"#tagXII_134">134.</a> +Walker und Mackenzie.</p> + +<p><a name = "noteXII_135" id = "noteXII_135" href = +"#tagXII_135">135.</a> +Avaux, 16.(26.) Juni 1689.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Grausamkeit Rosen’s.</span> +<a name = "secXII_50" id = "secXII_50">Am</a> 19. Juni kam er im +Hauptquartier des Belagerungsheeres an. Zuerst versuchte er die Wälle zu +unterminiren; aber sein Vorhaben wurde entdeckt und er gezwungen, es +nach einem hitzigen Gefecht, in welchem über hundert seiner Leute +fielen, wieder aufzugeben. Jetzt stieg seine Wuth auf eine unglaubliche +Höhe. Er, ein alter Soldat, ein zukünftiger Marschall von Frankreich, in +der Schule der größten Generäle erzogen und seit vielen Jahren an eine +kunstgerechte Kriegführung gewöhnt, sollte sich von einem Hausen von +Landjunkern, Pächtern und Krämern beschämen lassen, welche nur durch +einen Wall geschützt waren, den jeder gute Ingenieur auf den ersten +Blick für unhaltbar erklären mußte! Er tobte und fluchte in einer nur +ihm eigenen Sprache, zusammengesetzt aus allen Dialecten, welche vom +baltischen bis zum atlantischen Meere gesprochen wurden. Er wollte die +Stadt der Erde gleich machen, kein lebendes Wesen sollte geschont +werden, nichts, selbst die Mädchen und Säuglinge nicht. Für die Anführer +sei der Tod eine zu milde Strafe, die sollten gefoltert und lebendig +gebraten werden. In seiner Wuth ließ er eine Bombe mit einem Schreiben, +das eine furchtbare Drohung enthielt, in die Stadt werfen. Er sagte +darin, er werde alle Protestanten, welche zwischen Charlemont und dem +Meere auf ihren Wohnsitzen geblieben wären, Greise, Frauen und Kinder, +von denen viele durch Bande des Blutes und der Freundschaft den +Vertheidigern von Londonderry nahe standen, zu einem Haufen +zusammentreiben. Kein Schutz, von welcher Autorität er auch ausgehen +möge, solle respectirt werden. Die so zusammengeholte Menge solle unter +die Mauern von Londonderry getrieben und hier angesichts ihrer +Landsleute, ihrer Freunde und ihrer Verwandten, dem Hungertode preis +gegeben werden. Dies war keine leere Drohung. Es wurden sofort nach +allen Richtungen hin Truppenabtheilungen entsendet, um Schlachtopfer +herbeizuholen. Am Morgen des 2. Juli bei Tagesanbruch wurden Hunderte +von Protestanten, welche keines Vergehens beschuldigt, welche unfähig +waren Waffen zu tragen und von denen viele Schutzbriefe besaßen, welche +Jakob selbst ihnen gewährt hatte, vor die Thore der Stadt geschleppt. +Man hoffte, der jammervolle Anblick werde den Muth der Colonisten +brechen; aber er brachte keine andre Wirkung hervor, als daß er ihren +Muth zu noch größerer Energie aufstachelte. Es wurde auf der Stelle ein +Tagesbefehl erlassen, daß Niemand, bei Todesstrafe, das Wort Übergabe +aussprechen solle, und Keiner sprach +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_72" id = "pageXII_72"> +XII.72</a></span> +dieses Wort aus. Es befanden sich mehrere Gefangene hohen Ranges in der +Stadt. Sie waren bis dahin gut behandelt worden und hatten die nämlichen +Rationen erhalten, wie die Besatzung. Jetzt wurden sie in strenge Haft +gebracht. Auf einer der Bastionen wurde ein Galgen errichtet und an +Rosen ein Schreiben gesandt, das ihn aufforderte, sogleich einen +Beichtvater in die Stadt zu schicken, der seine Freunde zum Tode +vorbereiten sollte. Die Gefangenen schrieben ihrerseits in großer Angst +an den wilden Liefländer, erhielten aber keine Antwort. Hierauf wendeten +sie sich an ihren Landsmann, Richard Hamilton. Sie seien bereit, sagten +sie, für ihren König ihr Blut zu vergießen, aber es scheine ihnen hart, +in Folge der Barbarei ihrer eigenen Waffengefährten den schimpflichen +Tod der Diebe zu sterben. Hamilton war, obwohl ein Mann von laxen +Grundsätzen, nicht grausam. Rosen’s Unmenschlichkeit hatte seinen tiefen +Abscheu erregt, da er aber nur der Zweite im Commando war, so durfte er +es nicht wagen, Alles offen auszusprechen was er dachte. Er machte +jedoch energische Vorstellungen. Einige irische Offiziere fühlten bei +dieser Gelegenheit wie es braven Männern ziemte, und erklärten unter +Thränen des Mitleids und Unwillens, daß sie zeitlebens das Geschrei der +unglücklichen Frauen und Kinder hören würden, welche mit der +Lanzenspitze herbeigetrieben worden waren, um zwischen dem Lager und der +Stadt Hungers zu sterben. Rosen beharrte zweimalvierundzwanzig Stunden +in seinem Plane, viele unglückliche Geschöpfe kamen in dieser Zeit um; +aber Londonderry hielt sich so tapfer als je, und er sah ein, daß sein +Verbrechen nur Haß und Schmähungen erzeugen werde. So gab er endlich +nach und ließ die noch Lebenden wieder abziehen. Die Besatzung entfernte +in Folge dessen alsbald den Galgen, der auf der Bastion errichtet worden +war.<a class = "tag" name = "tagXII_136" id = "tagXII_136" href = +"#noteXII_136">136</a></p> + +<p>Als die Nachricht von diesen Vorgängen nach Dublin gelangte, +entsetzte sich Jakob, obwohl durchaus nicht zum Mitleid geneigt, über +eine Grausamkeit, von der die Bürgerkriege England’s noch kein Beispiel +aufzuweisen hatten, und vernahm mit großem Mißfallen, daß von ihm +gewährte und mit seinem Ehrenwort verbürgte Schutzbriefe öffentlich für +null und nichtig erklärt worden waren. Er beklagte sich darüber gegen +den französischen Gesandten und äußerte mit einer durch die Gelegenheit +vollkommen gerechtfertigten Entrüstung, daß Rosen ein barbarischer +Moskowiter sei. Melfort konnte sich nicht enthalten hinzuzusetzen, daß, +wenn Rosen ein Engländer gewesen wäre, er gehängt worden sein würde. +Avaux begriff diese weibische Sentimentalität nicht. Seiner Ansicht nach +war durchaus nichts Verwerfliches geschehen, und es wurde ihm schwer +sich zu beherrschen, als er den König und den Sekretär einen Act +heilsamer Strenge in starken Ausdrücken tadeln hörte.<a class = "tag" +name = "tagXII_137" id = "tagXII_137" href = "#noteXII_137">137</a> Der +französische Gesandte und der französische General waren einander in der +That würdig. In der äußeren Erscheinung und den Manieren war allerdings +ein großer Unterschied zwischen dem hübschen, eleganten und +feingebildeten Diplomaten, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_73" id = "pageXII_73"> +XII.73</a></span> +dessen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit an den elegantesten Höfen +Europa’s in hohem Rufe gestanden, und dem <ins class = "correction" +title = "Original hat »miltärischen«">militärischen</ins> Abenteurer, +dessen Aussehen und Stimme Alle, die mit ihm in Berührung kamen, daran +erinnerte, daß er in einem halbwilden Lande geboren war, daß er sich vom +gemeinen Soldaten emporgeschwungen hatte und daß er einmal wegen +Marodirens zum Tode verurtheilt worden war.</p> + +<p>Rosen wurde nach Dublin zurückberufen, und Richard Hamilton erhielt +wieder den Oberbefehl. Er versuchte mildere Mittel als die, welche +seinem Vorgänger so harten Tadel zugezogen. Keine List, keine Lüge, von +der sich erwarten ließ, daß sie die ausgehungerte Garnison entmuthigen +würde, ward gespart. Eines Tages erscholl durch das ganze irische Lager +ein allgemeines Freudengeschrei. Die Vertheidiger von Londonderry +erfuhren bald, daß die Armee Jakob’s wegen des Falles von Enniskillen in +so freudiger Aufregung sei. Man sagte ihnen, daß sie nun keine Aussicht +auf Entsatz mehr hätten, und ermahnte sie durch Kapituliren ihr Leben zu +retten. Sie willigten ein zu unterhandeln. Allein sie verlangten freien +Abzug unter Waffen und in militärischer Ordnung zu Wasser oder zu Lande +nach ihrer Wahl. Für die Einhaltung dieser Bedingungen verlangten sie +Geiseln und bestanden darauf, daß diese Geiseln auf die im Foylesee +liegende Flotte gebracht werden sollten. Auf solche Bedingungen durfte +Hamilton nicht eingehen; die Gouverneurs aber wollten davon nichts +nachlassen; die Unterhandlung wurde abgebrochen und der Kampf begann von +neuem.<a class = "tag" name = "tagXII_138" id = "tagXII_138" href = +"#noteXII_138">138</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_136" id = "noteXII_136" href = +"#tagXII_136">136.</a> +<span class = "antiqua">Walker</span>; <span class = +"antiqua">Mackenzie</span>; <span class = "antiqua">Light to die Blind, +King, III. 13</span>; <span class = "antiqua">Leslie’s Answer to +King</span>; <span class = "antiqua">Life of James, II. 366.</span> Ich +muß sagen, daß King bei dieser Gelegenheit ungerecht gegen Jakob +ist.</p> + +<p><a name = "noteXII_137" id = "noteXII_137" href = +"#tagXII_137">137.</a> +<span class = "antiqua">Leslie’s Answer to King</span>; Avaux, 5.(15.) +Juli 1689. <span class = "antiqua">„Je trouvay l’expression bien forte: +mais je ne voulois rien répondre, car le Roy s’estoit desja fort +emporté.“</span></p> + +<p><a name = "noteXII_138" id = "noteXII_138" href = +"#tagXII_138">138.</a> +Mackenzie.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Hungersnoth in Londonderry steigt auf’s Höchste.</span> +<a name = "secXII_51" id = "secXII_51">So</a> war inzwischen der Juli +weit vorgerückt und die Lage der Stadt wurde von Stunde zu Stunde +fürchterlicher. Die Einwohner waren mehr durch Hunger und Krankheit, als +durch das feindliche Feuer gelichtet worden. Doch war dieses Feuer jetzt +heftiger und anhaltender als je. Eines der Thore und eine der Bastionen +waren in Trümmer geschossen, aber die am Tage gemachten Breschen wurden +des Nachts mit rastloser Thätigkeit wieder ausgebessert und jeder +Angriff noch immer zurückgeschlagen. Aber die kämpfende Mannschaft der +Besatzung war so erschöpft, daß sie sich kaum noch auf den Füßen halten +konnte. Einige fielen im Gefecht gegen den Feind aus bloßer Schwäche zu +Boden. Es war nur noch ein ganz kleines Quantum Getreide vorhanden, das +mundvollweise vertheilt wurde. Dagegen hatte man einen beträchtlichen +Vorrath gesalzener Häute, und durch Nagen an denselben beschwichtigte +die Garnison die Qualen des Hungers. Hunde, mit dem Blute der Gefallenen +gemästet, welche unbeerdigt rings um die Stadt lagen, waren ein Luxus, +den nur Wenige bezahlen konnten. Der Preis einer einzigen Pfote war fünf +Schilling sechs Pence. Neun Pferde waren noch am Leben, aber eben nur +noch am Leben. Sie waren so abgemagert, daß man nur wenig Fleisch von +ihnen zu erhalten hoffen durfte. Man beschloß jedoch sie zu schlachten, +um sie zu verzehren. Die Leute starben so massenhaft, daß es den +Überlebenden unmöglich war, sie ordentlich zu begraben. Es gab kaum +einen Keller, in dem nicht ein Leichnam verweste. Die Noth war so +gräßlich, daß man auf die Ratten, welche in diese grauenvollen Höhlen +kamen, um zu schmausen, eifrig Jagd machte und sie gierig verschlang. +Ein im +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_74" id = "pageXII_74"> +XII.74</a></span> +Flusse gefangener kleiner Fisch war nicht mit Geld zu erkaufen; der +einzige Preis, für den ein solcher Schatz zu erlangen war, waren einige +Händevoll Hafermehl. Der Aussatz, wie er durch ungewohnte und ungesunde +Kost erzeugt wird, machte das Leben zu einer fortwährenden Qual. Die +ganze Stadt wurde durch den Gestank verpestet, den die Körper der Todten +und Halbtodten verbreiteten. Daß unter Leuten, welche solches Elend +erduldeten, Beispiele von Unzufriedenheit und Insubordination vorkamen, +war unvermeidlich. Einmal hatte man Walker in dem Verdachte, daß er +irgendwo Lebensmittel versteckt halte und im Geheimen schwelge, während +er Andere ermahnte, für die gute Sache muthig zu leiden. Eine genaue +Durchsuchung seines Hauses erwies seine vollkommene Unschuld; er +erlangte seine Popularität wieder, und die Garnison, mit dem Tode vor +Augen, drängte sich nach der Kathedrale, um ihn predigen zu hören, sog +mit Wonne seine eindringlichen Worte ein und verließ das Gotteshaus mit +leichenhaften Gesichtern und schwankenden Schritten, aber mit noch +ungebrochenem Muthe. Es wurden allerdings einige geheime Complotte +geschmiedet; einige obscure Verräther setzten sich mit dem Feinde in +Verbindung. Aber solches Treiben mußte sorgfältig verborgen gehalten +werden, und Niemand wagte öffentlich andere Worte als Worte des Trotzes +und der hartnäckigen Entschlossenheit auszusprechen. Selbst in dieser +entsetzlichen Noth war der allgemeine Ruf: „Keine Übergabe!“ Und es +fehlte nicht an Stimmen, welche leise hinzusetzten: „Zuerst die Pferde +und die Häute, dann die Gefangenen, dann Einer den Andren!“ Es wurde +später halb scherzweise, aber nicht ohne eine fürchterliche Beimischung +von Ernst erzählt, daß ein wohlbeleibter Bürger, dessen Körperumfang mit +den ihn umgebenden Skeletten seltsam contrastirte, es für rathsam hielt, +sich vor den zahlreichen Augen zu verbergen, die ihn mit cannibalischen +Blicken verfolgten, sobald er sich auf der Straße zeigte.<a class = +"tag" name = "tagXII_139" id = "tagXII_139" href = +"#noteXII_139">139</a></p> + +<p>Die Leiden der Garnison wurden nicht wenig dadurch vermehrt, daß die +englischen Schiffe während dieser ganzen Zeit weit draußen im Foylesee +zu sehen waren. Jede Communication zwischen der Flotte und der Stadt war +fast unmöglich. Ein Taucher, der den Sperrbaum zu passiren versucht +hatte, war ertrunken. Ein Andrer wurde ergriffen und aufgehängt. Die +Signalsprache war kaum verständlich. Am 13. Juli jedoch kam ein in einen +Rockknopf genähtes Stück Papier in Walker’s Hände. Es war ein Brief von +Kirke und enthielt die Zusicherung baldiger Erlösung. Aber mehr als +vierzehn Tage des größten Elends waren seitdem verstrichen, und die +Herzen auch der Sanguinischsten begannen zu verzweifeln. Keine Kunst +vermochte es einzurichten, daß die Lebensmittel noch zwei Tage +ausreichten.<a class = "tag" name = "tagXII_140" id = "tagXII_140" href += "#noteXII_140">140</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_139" id = "noteXII_139" href = +"#tagXII_139">139.</a> +<span class = "antiqua">Walker’s Account.</span> „Der fette Mann in +Londonderry“ wurde eine sprüchwörtliche Bezeichnung für eine Person, +deren Wohlstand den Neid und die Habgier seiner minder glücklichen +Nebenmenschen erweckte.</p> + +<p><a name = "noteXII_140" id = "noteXII_140" href = +"#tagXII_140">140.</a> +So lautete, nach Narcissus Luttrell, der Bericht des Kapitains Withers, +eines Offiziers, der sich später sehr auszeichnete und auf den Pope eine +Grabschrift machte.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Angriff auf den Sperrbaum.</span> +<a name = "secXII_52" id = "secXII_52">Gerade</a> in diesem Augenblicke +erhielt Kirke eine Depesche aus England mit dem bestimmten Befehl, +Londonderry zu entsetzen. In Folge dessen entschloß er sich endlich +einen Versuch zu machen, den er, soweit es sich beurtheilen läßt, schon +sechs +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_75" id = "pageXII_75"> +XII.75</a></span> +Wochen früher mit mindestens gleicher Aussicht auf Erfolg hätte +unternehmen können.<a class = "tag" name = "tagXII_141" id = +"tagXII_141" href = "#noteXII_141">141</a></p> + +<p>Unter den Kauffahrteischiffen, welche unter seinem Geleite in den +Foylesee gekommen waren, befand sich eines, welches der Mountjoy hieß. +Der Patron desselben, Micajah Browning, gebürtig aus Londonderry, hatte +eine bedeutende Ladung Lebensmittel aus England mitgebracht. Er hatte +sich zu wiederholten Malen sehr nachdrücklich über die Unthätigkeit des +Geschwaders ausgesprochen; endlich erbot er sich, den gefährlichen +Versuch, seinen Mitbürgern Unterstützung zu bringen, zuerst zu +unternehmen, und sein Anerbieten wurde angenommen. Andreas Douglas, +Kapitain des Phönix, der eine große Quantität Mehl aus Schottland an +Bord hatte, erklärte sich bereit, die Gefahr und die Ehre zu theilen. +Die Fregatte Dartmouth von sechsunddreißig Kanonen, unter den Befehlen +des Kapitains Johann Leake, der später ein berühmter Admiral wurde, +sollte die beiden Kauffahrer begleiten.</p> + +<p>Es war der 30. Juli. Die Sonne war eben untergegangen, die +Abendpredigt in der Kathedrale war vorüber und die muthlose Versammlung +war auseinandergegangen, als die Schildwachen auf dem Thurme die Segel +der drei Schiffe den Foyle heraufkommen sahen. Das irische Lager gerieth +bald in Alarm. Mehrere Meilen weit auf beiden Ufern des Flusses waren +die Belagerer auf den Beinen. Die Schiffe waren in der größten Gefahr, +denn der Wasserstand war niedrig und das einzige schiffbare Fahrwasser +zog sich sehr nahe am linken Ufer hin, wo sich das Hauptquartier des +Feindes befand und wo die Batterien am zahlreichsten waren. Leake +erfüllte seine Pflicht mit einer Geschicklichkeit und einem Muthe, die +seines edlen Berufes würdig waren, setzte seine Fregatte dem feindlichen +Feuer aus, um die Kauffahrer zu decken und ließ seine Geschütze sehr +wirksam spielen. Endlich erreichte das kleine Geschwader die +gefährlichste Stelle. Hier segelte der Mountjoy voran und fuhr gerade +auf den Sperrbaum los. Die mächtige Barrikade krachte und brach; aber +der Stoß war so heftig gewesen, daß der Mountjoy zurückprallte und im +Schlamme festsaß. Ein Triumphgeschrei erscholl auf beiden Ufern und die +Irländer eilten zu ihren Böten, um das gestrandete Schiff zu entern; +aber der Dartmouth schickte ihnen eine wohlgezielte Breitseite zu, die +sie in Unordnung brachte. In diesem Augenblicke fuhr der Phönix gegen +die Bresche an, welche der Mountjoy gemacht hatte, und war im Nu auf der +andren Seite der Sperrung. Mittlerweile stieg die Fluth rasch, der +Mountjoy wurde wieder flott und bald hatte auch er die zerbrochenen +Balken und schwimmenden Sparren wohlbehalten passirt. Aber sein wackerer +Kapitain war nicht mehr. Eine Kugel von einer der Batterien hatte ihn +getroffen, und er starb den beneidenswerthesten Tod, angesichts der +Stadt, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_76" id = "pageXII_76"> +XII.76</a></span> +die sein Geburts- und Wohnort war und die er so eben durch seinen Muth +und seine Selbstverleugnung von der fürchterlichsten Art des Unterganges +gerettet hatte. Die Dunkelheit war schon vor dem Beginn des Kampfes am +Sperrbaum hereingebrochen; aber die abgemagerte, geisterbleiche Menge, +welche die Wälle der Stadt bedeckte, sah den Blitz und hörte den Donner +der Geschütze. Als der Mountjoy auf den Grund lief und das +Triumphgeschrei der Irländer auf beiden Ufern ertönte, brach den armen +Belagerten das Herz. Einer, der die namenlose Angst jenes Augenblicks +ertragen hatte, erzählt uns, daß sie einander leichenblaß vor Entsetzen +anstarrten. Und selbst nachdem die Barrikade passirt war, durchlebten +sie noch eine fürchterliche halbe Stunde angstvoller Ungewißheit. Es war +zehn Uhr, als die Schiffe am Quai anlangten. Die ganze Bevölkerung hatte +sich hier versammelt, um sie zu bewillkommnen. Eine Verschanzung von mit +Erde gefüllten Fässern wurde eiligst errichtet, um den Landungsplatz vor +den Batterien des andren Flußufers zu schützen, und dann ging es an’s +Ausladen. Zuerst wurden Fässer, welche sechstausend Bushels Mehl +enthielten, an’s Ufer gerollt. Dann kamen große Käse, Tonnen voll +Rindfleisch, Speckseiten, Kübel mit Butter, Säcke mit Erbsen, und +Zwieback und Branntweingebinde. Einige Stunden vorher war jedem der +Kämpfer ein halbes Pfund Talg und dreiviertel Pfund gesalzene Haut mit +karger Genauigkeit zugewogen worden. Die Ration, welche nun Jeder +erhielt, bestand aus drei Pfund Mehl, zwei Pfund Fleisch und einer Pinte +Erbsen. Man kann leicht denken, mit welchen Thränen der Freude bei den +Mahlzeiten dieses Abends das Tischgebet gesprochen wurde. Von Schlaf war +auf beiden Seiten des Walles wenig die Rede. Die Freudenfeuer flackerten +lustig den ganzen Wallgürtel entlang. Die irischen Geschütze brüllten +die ganze Nacht durch, und die ganze Nacht hindurch antworteten die +Glocken der geretteten Stadt den irischen Geschützen mit +herausforderndem Geläute. Auch noch den ganzen 31. Juli spielten die +feindlichen Batterien. Aber bald nach Sonnenuntergang sah man im Lager +Flammen auflodern und als der Morgen des 1. Augusts zu grauen begann, +bezeichnete nur noch eine Reihe rauchender Trümmer die Stätte, welche +die Zelte der Belagerer kürzlich eingenommen, und die Bürger sahen in +weiter Ferne die lange Colonne von Piken und Standarten, die sich das +linke Ufer des Foyle entlang auf Strabane zurückzog.<a class = "tag" +name = "tagXII_142" id = "tagXII_142" href = "#noteXII_142">142</a></p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_141" id = "noteXII_141" href = +"#tagXII_141">141.</a> +Die Depesche, welche Kirke den bestimmten Befehl brachte, den Sperrbaum +anzugreifen, war von Schomberg unterzeichnet, der bereits zum +Oberbefehlshaber sämmtlicher englischen Streitkräfte in Irland ernannt +war. Eine Abschrift davon befindet sich unter den Nairne’schen +Manuscripten in der Bodlejanischen Bibliothek. Wodrow schreibt auf keine +andre Autorität hin als das Gerede einer Landgemeinde in Dumbartonshire, +den Entsatz Londonderry’s den Ermahnungen eines heldenmüthigen +schottischen Predigers, Namens Gordon zu. Ich möchte glauben, daß ein +peremtorischer Befehl von Schomberg weit mehr Einfluß auf Kirke hatte, +als die vereinte Beredtsamkeit einer ganzen Synode von +presbyterianischen Geistlichen.</p> + +<p><a name = "noteXII_142" id = "noteXII_142" href = +"#tagXII_142">142.</a> +<span class = "antiqua">Walker</span>; <span class = +"antiqua">Mackenzie</span>; <span class = "antiqua">Histoire de la +Revolution d’Irlande, Amsterdam 1691</span>; <span class = +"antiqua">London Gazette, Aug. 5.(15.) 1689</span>; Brief von +Buchan unter den Nairne’schen Manuscripten; <span class = "antiqua">Life +of Sir John Leake</span>; <span class = "antiqua">The Londeriad</span>; +<span class = "antiqua">Observations on Mr. Walker’s Account of the +Siege of Londonderry, licensed Oct. 4. 1689.</span></p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Die Belagerung von Londonderry aufgehoben.</span> +<a name = "secXII_53" id = "secXII_53">So</a> endete diese große +Belagerung, die denkwürdigste in den Annalen der britischen Inseln. Sie +hatte hundertfünf Tage gedauert und die Garnison war von einem +Effectivbestande von ungefähr siebentausend Mann auf etwa dreitausend +reducirt worden. Der Verlust der Belagerer kann nicht genau angegeben +werden. Walker schätzte ihn auf achttausend Mann. Aus den Depeschen +Avaux’ geht mit Gewißheit hervor, daß die Regimenter, welche von der +Blokade zurückkehrten, dergestalt zusammengeschmolzen waren, daß viele +von ihnen nicht mehr als zweihundert Mann zählten. Von sechsunddreißig +französischen Artilleristen, welche die Kanonade geleitet hatten, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_77" id = "pageXII_77"> +XII.77</a></span> +waren einunddreißig getödtet oder dienstunfähig gemacht.<a class = "tag" +name = "tagXII_143" id = "tagXII_143" href = "#noteXII_143">143</a> Die +Angriffs- wie die Vertheidigungsmittel waren unzweifelhaft von der Art, +daß sie die großen Heerführer des Continents zum Lachen gereizt haben +würden; aber eben dieser Umstand verleiht der Geschichte des ganzen +Kampfes ein so eigenthümliches Interesse. Es war ein Kampf nicht +zwischen Ingenieuren, sondern zwischen zwei Nationen, und der Sieg blieb +der Nation, welche zwar an Zahl der andren nachstand, ihr aber in +Civilisation, in Fähigkeit zur Selbstherrschaft und in Beharrlichkeit +überlegen war.<a class = "tag" name = "tagXII_144" id = "tagXII_144" +href = "#noteXII_144">144</a></p> + +<p>Sobald es bekannt wurde, daß die irische Armee abgezogen war, eilte +eine Deputation aus der Stadt in den Foylesee und lud Kirke ein, das +Commando zu übernehmen. Er kam in Begleitung eines zahlreichen Gefolges +von Offizieren und wurde mit militärischem Gepränge von den beiden +Gouverneurs empfangen, welche ihm die Autorität abtraten, die sie im +Drange der Nothwendigkeit auf sich genommen hatten. Er verweilte nur +wenige Tage, zeigte aber in dieser kurzen Zeit genug von den +unverbesserlichen Fehlern seines Characters, um sich die Achtung einer +durch strenge Moralität und glühenden Gemeinsinn ausgezeichneten +Bevölkerung zu verscherzen. Es erfolgte jedoch kein offener Ausbruch, +denn die Stadt war in der heitersten Stimmung. Von der Flotte waren +solche Massen Lebensmittel gelandet worden, daß in allen Häusern ein nie +gekannter Überschuß herrschte. Wenige Tage vorher wäre man froh gewesen, +wenn man für zwanzig Pence einen Bissen halbverfaultes, von den Knochen +eines verhungerten Pferdes losgekratztes Fleisch bekommen hätte. Jetzt +wurde ein Pfund Rindfleisch für anderthalb Pence verkauft. Unterdessen +waren alle Hände damit beschäftigt, die nur leicht mit Erde bedeckten +Leichname zu entfernen, die Löcher auszufüllen, welche die Bomben in den +Erdboden gerissen hatten, und die zerschossenen Dächer der Häuser +auszubessern. Die Erinnerung an die überstandenen Gefahren und +Entbehrungen und das Bewußtsein, sich um die englische Nation und um +alle protestantischen Kirchen verdient gemacht zu haben, erfüllte die +Herzen der Bewohner mit einem ehrenwerthen Stolze. Dieser Stolz ward +noch erhöht, als sie von Wilhelm ein Schreiben erhielten, welches in den +wohlwollendsten Ausdrücken die Verpflichtung anerkannte, die er den +wackeren und getreuen Bürgern seiner guten Stadt schulde. Die ganze +Einwohnerschaft strömte nach dem Diamantplatze, um die königliche +Zuschrift verlesen zu hören. Am Schlusse gaben sämmtliche Kanonen auf +den Wällen eine Freudensalve, welche von allen auf dem Flusse liegenden +Schiffen erwiedert wurde, dann wurden Alefässer aufgeschlagen und unter +lautem Jubel und Gewehrsalven auf die Gesundheit Ihrer Majestäten +getrunken.</p> + +<p>Fünf Generationen sind seitdem vorübergegangen und noch immer ist +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_78" id = "pageXII_78"> +XII.78</a></span> +den Protestanten von Ulster der Wall von Londonderry das was die Trophäe +von Marathon den Athenern war. Auf weite Entfernung den Foyle hinauf und +hinunter sieht man eine hohe Säule auf einer Bastion, welche viele +Wochen lang das heftigste Feuer des Feindes auszuhalten hatte. Auf der +Spitze dieser Säule steht die Statue Walker’s, wie er zur Zeit der +letzten und furchtbarsten Noth durch seine Beredtsamkeit den sinkenden +Muth seiner Brüder wieder belebte. In der einen Hand hält er eine Bibel, +die andre zeigt hinaus auf den Fluß und scheint die Blicke seiner +ausgehungerten Zuhörer auf die englischen Mastspitzen in der fernen +Bucht hinlenken zu wollen. Ein solches Denkmal war wohlverdient, doch +kaum nöthig, denn die ganze Stadt ist bis auf diesen Tag ein Denkmal der +großen Befreiung. Der Wall ist sorgfältig erhalten und keine Rücksicht +der Gesundheit oder Zweckmäßigkeit würde von den Einwohnern für +ausreichend gehalten werden, um die Zerstörung dieser geheiligten Mauern +zu rechtfertigen, die in schlimmer Zeit ihrem Stamme und ihrer Religion +Schutz gewährten.<a class = "tag" name = "tagXII_145" id = "tagXII_145" +href = "#noteXII_145">145</a> Der Kamm der Festungswerke bildet einen +angenehmen Spaziergang. Die Bastionen sind in kleine Gärten verwandelt, +und hier und da blicken unter den Blumen und Sträuchern die alten +Feldschlangen hervor, welche mit Blei überzogene Backsteinkugeln in die +irischen Reihen sendeten. Ein alterthümliches Geschütz, ein Geschenk der +londoner Fischhändlergilde, zeichnete sich während der hundertfünf +denkwürdigen Tage durch seinen lauten Knall aus und führt noch jetzt den +Namen <span class = "antiqua">Roaring Meg</span> (brüllende Margarethe). +Die Kathedrale ist mit Reliquien und Trophäen angefüllt. In der Vorhalle +befindet sich eine riesige Bombe, eine von den vielen hunderten, welche +in die Stadt geworfen wurden. Über dem Altare sieht man noch die +französischen Fahnenstöcke, welche bei einem verzweifelten Ausfalle von +der Garnison erobert wurden. Die weißen Feldzeichen des Hauses Bourbon +sind längst in Staub zerfallen; aber sie sind durch neue Banner, das +Werk der schönsten Hände von Ulster, ersetzt. Der Tag, an welchem die +Thore geschlossen und der Tag, an welchem die Belagerung aufgehoben +wurde, sind bis auf unsre Zeit alljährlich durch Geschützsalven, Umzüge, +Festmahle und Predigten gefeiert worden. Lundy ist <span class = +"antiqua">in effigie</span> hingerichtet und das Schwert, das der Sage +nach das Schwert Maumont’s sein soll, bei feierlichen Gelegenheiten im +Triumphe umhergetragen worden. Noch heute giebt es einen Walkerclub und +einen Murrayclub. Die einfachen Gräber der protestantischen Anführer +sind sorgfältig ausgesucht, wiederhergestellt und verschönert worden. Es +ist unmöglich, die Gesinnung nicht zu achten, welche aus diesen Zeichen +von Pietät spricht. Es ist eine Gesinnung, welche dem edleren und +reineren Theile der menschlichen Natur angehört und welche die Stärke +der Staaten nicht wenig vermehrt. Ein Volk, das nicht stolz ist auf die +großen Thaten ferner Vorfahren, wird nie etwas vollbringen, was würdig +wäre, von fernen Nachkommen mit Stolz in Andenken gehalten zu werden. +Doch kann der Moralist oder der Staatsmann unmöglich mit ungetrübtem +Wohlgefallen die Festlichkeiten, durch welche Londonderry das Gedächtniß +seiner Befreiung feiert, sowie die Ehren betrachten, die es seinen +Befreiern erzeigt. Leider haben sich zugleich mit dem Ruhme seiner +tapferen Kämpfer auch deren Animositäten fortgeerbt. Die Fehler, +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_79" id = "pageXII_79"> +XII.79</a></span> +welche man gewöhnlich bei herrschenden Kasten und Secten findet, haben +sich bei seinen Festlichkeiten nicht selten unverhohlen gezeigt, und +selbst in die Ausdrücke frommer Dankbarkeit, welche von seinen Kanzeln +herab erschollen, haben sich nur zu oft Worte des Zornes und des +herausfordernden Trotzes gemischt.</p> + +<p>Die irische Armee, die sich nach Strabane zurückgezogen hatte, blieb +dort nur sehr kurze Zeit. Der Muth der Truppen war durch den ungünstigen +Ausgang der Belagerung von Londonderry schon niedergedrückt und wurde +bald völlig gebrochen durch die Nachricht von einem anderweitigen harten +Schlage.</p> + +<div class = "footnote"> +<p><a name = "noteXII_143" id = "noteXII_143" href = +"#tagXII_143">143.</a> +Avaux an Seignelay, 18.(28.) Juli; an Ludwig, 9.(19.) August.</p> + +<p><a name = "noteXII_144" id = "noteXII_144" href = +"#tagXII_144">144.</a> +„Man sieht hieraus, wie man es die ganze Zeit her hat sehen können, daß +die Kaufleute von Londonderry zu ihrer Vertheidigung mehr Geschick +hatten, als die berühmten Offiziere der irischen Armee zu ihren +Angriffen.“ <span class = "antiqua">Light to the Blind.</span> Der +Verfasser dieses Werkes ist wüthend auf die irischen Kanoniere. Er ist +der Meinung, daß der Sperrbaum nie durchbrochen worden wäre, wenn sie +ihre Pflicht gethan hätten. Waren sie betrunken? oder waren sie +Verräther? Er kommt zu keiner Entscheidung über seinen Punkt. „Herr,“ +ruft er aus, „der Du in den Herzen der Menschen liesest, wir überlassen +es Deiner Barmherzigkeit, in dieser Angelegenheit zu richten.“ +Inzwischen stürzten jene Kanoniere Irland ins Verderben.</p> + +<p><a name = "noteXII_145" id = "noteXII_145" href = +"#tagXII_145">145.</a> +In einer vor mehr als sechzig Jahren unter dem Titel <span class = +"antiqua">„Derriana“</span> erschienenen Sammlung findet sich ein +interessanter Brief über diesen Gegenstand.</p> +</div> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Operationen gegen die Enniskillener.</span> +<a name = "secXII_54" id = "secXII_54">Drei</a> Wochen vor dieser Zeit +hatte der Herzog von Berwick über eine Abtheilung der Enniskillener +einen Vortheil errungen und, nach ihrem eignen Eingeständniß, mehr als +funfzig von ihnen getödtet oder gefangen genommen. Sie hofften auf +einige Unterstützung von Kirke, an den sie eine Deputation abgesandt +hatten, und beharrten noch immer auf der Zurückweisung aller vom Feinde +angebotenen Bedingungen. Es wurde daher in Dublin beschlossen, sie von +mehreren Seiten zu gleicher Zeit anzugreifen, Macarthy, der für seine in +Munster geleisteten Dienste mit dem Titel eines Viscount von Mountcashel +belohnt worden war, marschirte von Osten her mit drei Regimentern +Infanterie, zwei Regimentern Dragoner und einigen Reitertrupps gegen den +Ernesee. Ein andres starkes Truppencorps, das unweit der Mündung des +Flusses Drowes lagerte, sollte gleichzeitig vom Westen her vorrücken, +und der Herzog von Berwick sollte mit soviel Reitern und Dragonern, als +das Belagerungsheer von Londonderry entbehren konnte, von der Nordseite +kommen. Die Enniskillener waren über den ganzen Plan, der zu ihrem +Verderben angelegt worden, nicht vollständig unterrichtet; aber sie +wußten, daß Macarthy mit einer größeren Streitmacht, als sie je in’s +Feld stellen konnten, unterwegs war. Ihre Angst wurde einigermaßen +gemildert durch die Zurückkunft der Deputation, die sie an Kirke +abgeschickt hatten. Kirke konnte keine Soldaten entbehren, aber er +sandte ihnen etwas Waffen und Munition nebst einigen erfahrenen +Offizieren, unter denen der Oberst Wolseley und der Oberstleutnant Berry +die vornehmsten waren. Diese Offiziere sollten zur See um die Küste von +Donegal herum und den Ernesee heraufkommen. Am Sonntag, den 29. Juli +erfuhr man, daß ihr Boot sich der Insel Enniskillen nähere. Die ganze +männliche und weibliche Bevölkerung kam an’s Ufer, um sie zu +bewillkommnen. Nur mit Mühe erreichten sie das Schloß durch die sich um +sie drängenden Menschenmassen, welche Gott dafür dankten, daß das theure +alte England die Engländer nicht ganz vergessen hatte, die im Herzen von +Irland seine Sache gegen eine große Übermacht aufrecht erhielten.</p> + +<p>Wolseley scheint für seinen Posten in jeder Hinsicht wohlbefähigt +gewesen zu sein. Er war ein unerschütterlicher Protestant, hatte sich +unter den Leuten von Yorkshire ausgezeichnet, welche für den Prinzen von +Oranien und ein freies Parlament aufgestanden waren, und hatte, wenn +anders dies auf Wahrheit beruht, seinen Eifer für die Freiheit und den +reinen Glauben dadurch bethätigt, daß er den Mayor von Scarborough, der +eine Rede zu Gunsten des Königs Jakob gehalten, auf den Marktplatz +führen und hier in einem Betttuche tüchtig prellen ließ.<a class = "tag" +name = "tagXII_146" id = "tagXII_146" href = "#noteXII_146">146</a> +Dieser heftige +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_80" id = "pageXII_80"> +XII.80</a></span> +Haß gegen den Papismus war in den Augen der Enniskillener die erste +aller Qualificationen für das Commando, und Wolseley hatte deren noch +andere und gewichtigere. Obgleich er eine regelmäßige militärische +Ausbildung genossen hatte, scheint er doch vorzugsweise zur Führung +irregulärer Truppen befähigt gewesen zu sein. Kaum hatte er das +Obercommando übernommen, so erhielt er die Nachricht, daß Mountcashel +das Schloß Crum belagert habe. Crum war die Grenzfeste der Protestanten +von Fermanagh. Die Trümmer der alten Festungswerke gehören jetzt zu den +Zierden eines schönen Parks, der auf einem den Ernesee beherrschenden +waldigen Vorgebirge angelegt ist. Wolseley beschloß, den belagerten +Platz zu entsetzen. Er schickte Berry mit soviel Truppen als +augenblicklich aufbrechen konnten, voraus und versprach, baldigst mit +einem stärkeren Corps nachzufolgen.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_146" id = "noteXII_146" href = "#tagXII_146">146.</a> +<span class = "antiqua">Bernardi’s Life of Himself, 1787.</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Schlacht bei Newton Butler.</span> +<a name = "secXII_55" id = "secXII_55">Nachdem</a> Berry einige Meilen +weit marschirt war, stieß er auf dreizehn Compagnieen von Macarthy’s +Dragonern unter dem Commando Anton Hamilton’s, des Glänzendsten und +Gebildetsten von allen seines Namens, aber als Soldat viel weniger +glücklich denn als Hofmann, als Liebesheld und als Schriftsteller. +Hamilton’s Dragoner ergriffen beim ersten Feuer die Flucht; er wurde +schwer verwundet, und sein Nachfolger im Commando wurde todtgeschossen. +Macarthy eilte Hamilton sofort zu Hülfe und zu gleicher Zeit kam +Wolseley zur Unterstützung Berry’s an. Die beiden feindlichen Armeen +standen einander nun gegenüber. Macarthy hatte ungefähr fünftausend Mann +und mehrere Geschütze. Die Enniskillener zählten nicht dreitausend Mann, +und sie waren so eilig ausgerückt, daß sie nur auf einen Tag +Lebensmittel mitgenommen hatten. Es war daher durchaus nothwendig, daß +sie entweder sofort losschlugen oder sich zurückzogen. Wolseley +beschloß, die Meinung seiner Leute darüber zu hören, und dieser +Entschluß, der unter gewöhnlichen Verhältnissen eines Generals höchst +unwürdig gewesen wäre, war vollkommen gerechtfertigt durch die +eigenthümliche Zusammensetzung und Stimmung der kleinen Armee, welche +aus Gentlemen und Freisassen bestand, die nicht um Sold, sondern für ihr +Grundeigenthum, ihre Frauen, ihre Kinder und ihren Gott kämpften. Die +Mannschaften wurden unter’s Gewehr gerufen und ihnen die Frage +vorgelegt: „Vorrücken oder Zurückgehen?“ Die Antwort war der einstimmige +Ruf: „Vorrücken!“ Hierauf gab Wolseley das Feldgeschrei: „Kein +Papismus“, das mit lautem Beifall begrüßt wurde, und traf dann sofort +seine Anstalten zum Angriff. Als er vorrückte, begann der Feind zu +seinem großen <ins class = "correction" +title = "Original hat »Erstauen«">Erstaunen</ins> sich zurückzuziehen. Die Enniskillener +wollten ihn mit aller Hast verfolgen, aber ihr Anführer, der eine +Schlinge vermuthete, zügelte ihren Eifer und verbot ihnen auf das +Bestimmteste, ihre Reihen aufzulösen. So zog sich die eine Armee in +guter Ordnung durch das Städtchen Newton Butler zurück und die andre +folgte in eben so guter Ordnung. Ungefähr eine Meile jenseit dieser +Stadt machten die Irländer Front und Halt. Ihre Stellung war gut +gewählt. Sie waren auf einer Anhöhe aufgestellt, an deren Fuße sich ein +tiefer Sumpf befand. Eine schmale gepflasterte Hochstraße war der +einzige Weg, auf dem die Reiterei der Enniskillener vorgehen konnte, +denn zur Rechten und Linken waren Sumpflachen und Torfgruben, welche den +Pferden keinen festen Grund darboten. Macarthy postirte seine Kanonen +so, daß ihr Feuer diesen Weg bestrich.</p> + +<p>Wolseley commandirte seine Infanterie zum Angriff. Sie arbeitete +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_81" id = "pageXII_81"> +XII.81</a></span> +sich durch den Sumpf, gewann wieder festen Boden und warf sich auf die +Geschütze. Hier entspann sich nun ein kurzer und verzweifelter Kampf. +Die irischen Kanoniere hielten tapfer bei ihren Feldstücken aus, bis sie +sämmtlich niedergehauen waren. Jetzt kamen die Enniskillener Reiter, +welche nicht mehr Gefahr liefen, durch das Feuer der Artillerie +niedergemäht zu werden, rasch den Dammweg herauf. Die irischen Dragoner, +welche schon am Morgen Reißaus genommen hatten, wurden abermals von +einem panischen Schrecken ergriffen und galoppirten, ohne einen Schlag +gethan zu haben, vom Schlachtfelde. Die schwere Reiterei folgte ihrem +Beispiele. Das Entsetzen der Fliehenden war so groß, daß viele von ihnen +ihre Pferde so lange spornten, bis sie stürzten und dann die Flucht zu +Fuß fortsetzten, nachdem sie Carabiner, Säbel und selbst Waffenröcke als +beim Laufen hinderlich weggeworfen hatten. Als die Infanterie sich so +verlassen sah, warf sie ebenfalls Piken und Gewehre fort und suchte ihr +Heil in der Flucht. Die Sieger gaben sich nun der blutdürstigen Wildheit +hin, welche gewöhnlich die Bürgerkriege Irland’s befleckt hat. Das +Gemetzel war fürchterlich. Nahe an funfzehnhundert der Besiegten wurden +niedergemacht. Etwa fünfhundert Andere schlugen, da sie die Gegend nicht +kannten, einen Weg ein, der nach dem Ernesee führte. Der See war vor +ihnen, der Feind im Rücken; sie sprangen in’s Wasser und ertranken. +Macarthy, von seinen Truppen verlassen, stürzte sich mitten unter die +Verfolger und war nahe daran, den Tod zu finden, den er suchte. Er war +an mehreren Stellen verwundet und zu Boden geschlagen; noch einen +Augenblick, und ein Flintenkolben würde ihm das Lebenslicht ausgeblasen +haben, wäre er nicht erkannt und gerettet worden. Die Colonisten hatten +nur zwanzig Todte und fünfzig Verwundete. Sie machten vierhundert +Gefangene und erbeuteten sieben Kanonen, vierzehn Fässer Schießpulver, +sowie sämmtliche Trommeln und Fahnen des besiegten Feindes.<a class = +"tag" name = "tagXII_147" id = "tagXII_147" href = +"#noteXII_147">147</a></p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_147" id = "noteXII_147" href = "#tagXII_147">147.</a> +<span class = "antiqua">Hamilton’s True Account</span>; <span class = +"antiqua">Mac Cormick’s Further Account</span>; <span class = +"antiqua">London Gazette, Aug. 22. 1689</span>; <span class = +"antiqua">Life of James</span>; Avaux an Ludwig vom 4.(14.) August, und +an Lourois von dem nämlichen Datum. Story erwähnt eines Gerüchts, daß +der panische Schrecken unter den Irländern durch das Versehen eines +Offiziers verursacht worden sei, welcher „Rechts um kehrt Euch!“ (<span +class = "antiqua">Right about face</span>) anstatt „Augen rechts!“ +(<span class = "antiqua">Right face</span>) commandirte. Weder Avaux +noch Jakob hatten etwas von diesem Versehen erfahren. In der That, die +Dragoner, welche das Beispiel der Flucht gegeben hatten, waren nicht +gewohnt, erst das Commando zu erwarten, ehe sie einem Feinde den Rücken +kehrten. Sie waren schon einmal an dem nämlichen Tage davon gelaufen. +Avaux giebt eine sehr einfache Erzählung der Niederlage. <span class = +"antiqua">„Ces mesmes dragons qui avoient fuy le matin laschèrent le +pied avec lout le reste de la cavalerie, sans tirer un coup de pistolet; +et ils s’enfuirent tous avec une telle épouvante qu’ils jettèrent +mousquetons, pistolets, et espées; et la plupart d’eux, ayant erevé +leurs chevaux, se deshabillèrent pour aller plus viste à +pied.“</span></p> + +<p class = "section"> +<span class = "heading"> +Bestürzung der Irländer.</span> +<a name = "secXII_56" id = "secXII_56">Die</a> Schlacht bei Newton +Butler wurde an demselben Nachmittage gewonnen, an welchem die durch den +Foyle geworfene Barrikade durchbrochen wurde. In Strabane traf die +Nachricht die auf dem Rückzuge von Londonderry begriffene celtische +Armee. Der Schrecken und die Verwirrung waren groß; die Zelte wurden +abgebrochen, ganze Wagenladungen Kriegsvorräthe wurden in den Mourne +geworfen, und die entsetzten Irländer flohen unter Zurücklassung vieler +<span class = "pagenum"><a name = "pageXII_82" id = "pageXII_82"> +XII.82</a></span> +Kranker und Verwundeter, die sie der Gnade der siegreichen Protestanten +preisgaben, nach Omagh und von da weiter nach Charlemont. Sarsfield, +welcher in Sligo commandirte, sah sich gezwungen, diese Stadt +aufzugeben, welche alsbald von einer Abtheilung Kirke’scher Truppen +besetzt wurde.<a class = "tag" name = "tagXII_148" id = "tagXII_148" +href = "#noteXII_148">148</a> Dublin war in großer Bestürzung. Jakob +ließ Äußerungen fallen, welche seine Absicht verriethen, nach dem +Continent zu fliehen. Schlimme Nachrichten stürmten in der That rasch +hintereinander auf ihn ein. Fast zu der nämlichen Zeit, als er erfuhr, +daß eine seiner Armeen die Belagerung von Londonderry aufgehoben hatte +und daß eine andre bei Newton Butler geschlagen worden war, empfing er +kaum minder entmuthigende Botschaften aus Schottland.</p> + +<p>Es wird jetzt nöthig, den Gang der Ereignisse zu erzählen, denen +Schottland seine politische und religiöse Freiheit, seinen Aufschwung +und seine Civilisation verdankt.</p> + +<p class = "footnote"> +<a name = "noteXII_148" id = "noteXII_148" href = "#tagXII_148">148.</a> +<span class = "antiqua">Hamilton’s True Account.</span></p> + +<p> </p> + +<hr class = "small"> + +<p> </p> + +<h6>Stereotypie und Druck von Philipp Reclam jun. in Leipzig.</h6> + +</div> +<!-- end overall German div --> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Geschichte von England seit der +Thronbesteigung Jakob's des Zwe, by Thomas Babington Macaulay + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE VON ENGLAND SEIT *** + +***** This file should be named 39562-h.htm or 39562-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/5/6/39562/ + +Produced by Louise Hope, Delphine Lettau and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License available with this file or online at + www.gutenberg.org/license. + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation information page at www.gutenberg.org + + +Section 3. 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