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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:13:03 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + + +Title: Einiges aus der Geschichte der Astronomie im Alterthum + Rede zur Feier des Geburtstags Sr. Maj. des Deutschen + Kaisers Königs von Preussen Wilhelm I. gehalten an der + Christian-Albrechts + +Author: Friedrich Blass (Dr.) + +Release Date: April 28, 2012 [EBook #39553] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINIGES AUS DER GESCHICHTE *** + + + + +Produced by Thorsten Kontowski and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + + + + + + + Einiges + aus der + Geschichte der Astronomie im Alterthum. + + Rede + zur + Feier des Geburtstages Sr. Maj. des Deutschen Kaisers Königs von Preussen + + Wilhelm I. + + gehalten + an der Christian-Albrechts-Universität + am 17. März 1883 + + von + + Dr. Friedrich Blass + + ordentlichem Professor der classischen Philologie. + + Kiel 1883. + Zu haben in der Universitäts-Buchhandlung. + Druck von Schmidt & Klaunig. + + + + +Hochansehnliche Versammlung! + +Auch uns vereinigt heute die sechsundachtzigste Wiederkehr des +Geburtstagsfestes unsres erhabenen Kaisers und Königs, die in wenigen +Tagen bevorsteht. Allüberall im deutschen Reiche und weit jenseits der +Grenzen desselben, wo nur überhaupt Menschen deutschen Stammes und +deutscher Sprache beisammen sind, gedenkt man in diesen Tagen mit Freude +und Stolz des Begründers des deutschen Reiches. Und es ist gut, dass +jährlich eine Zeit wiederkehrt, die zu diesem Gedenken auffordert und den +Anlass dazu giebt, damit nicht die Gewohnheit uns abstumpfe und uns das +als alltäglich und gewöhnlich erscheinen lasse, was doch nimmermehr +gewöhnlich ist. Wir alle, die wir die grossen Ereignisse der letzten +Decennien, seitdem dieser Herrscher den Thron seiner Väter bestieg, mit +Bewusstsein durchlebt haben, müssen es uns immer wiederholen: wir sind +begünstigt vor vielen andern Geschlechtern. Nicht bloss, weil wir das +haben in Erfüllung gehen sehen, was die Hoffnung und die Sehnsucht unsrer +Väter und Grossväter war, sondern auch weil es etwas besonderes ist, +mitbetheiligter, wenn nicht gar mitwirkender Zeuge grosser Dinge und +mitlebender Genosse grosser Männer zu sein. Gleichwie jetzt unser Volk, in +den altangestammten Provinzen wenigstens, immer noch in den Erinnerungen +an Friedrich den Grossen lebt, und dieser Fürst mit seinen Generälen, +einem Seydlitz, Ziethen und so fort, dem gewöhnlichsten Manne vertraute +und geliebte Gestalten sind, so wird in kommenden Zeiten in den alten und +in den neuen Provinzen, ja vielmehr in ganz Deutschland, Kaiser Wilhelm I. +mit seinen Prinzen und seinen Genossen, einem Grafen Moltke, Grafen Roon, +Fürsten Bismarck, für Hoch und Niedrig ein geliebter Gegenstand gewohnter +Unterhaltung und, im Bilde, des verehrenden täglichen Anschauens sein. +Billig also dürfen wir mit Stolz uns freuen, dass diese Gestalt für uns +nicht nur in der Erinnerung lebt, und müssen nicht am wenigsten auch _die_ +Gnade dankbar preisen, dass die Fülle der Jahre das Haupt unsres +allverehrten Kaisers und Königs noch nicht gebeugt hat. Denn wenn wir in +die Geschichte blicken, so finden wir auch dies soweit entfernt +gewöhnlich zu sein, dass es eher beispiellos ist. Gerade der heutige Tag +bringt uns die Grösse dieser Gnadengabe recht zum Bewusstsein. + +Hochverehrte Anwesende! Die Universitäten, als die Pflegerinnen der +Wissenschaft, und nicht zum wenigsten unsre Christian-Albrechts- +Universität, haben noch ganz besondre Ursache zum Dank und zur +Freude. Was unsre Universität dem deutschen Reiche und seinem +erhabenen Begründer verdankt, steht zum Theil sichtlich vor unsern Augen. +Das neue deutsche Reich hat sich alsbald angeschickt, auch die deutsche +Wissenschaft in allen ihren Theilen zu pflegen und zu fördern. Zwar ist +die Wissenschaft international, aber eben darum ein Gegenstand edlen +Wettstreites unter den Nationen, und wenn wir Deutschen schon vorher, ehe +wir ein geeinigtes Volk wurden, viel Ruhm und Ehren in diesem Wettstreite +erlangt haben, so ziemt es sich jetzt vollends, nicht zurückzubleiben. So +waren denn auch im verflossenen Jahre, durch die Fürsorge der Regierung +Sr. Majestät, die deutschen Schiffe und die deutschen Männer der +Wissenschaft auf den fernsten Punkten des Erdballs zur Stelle, als es +galt, die seit mehr als zweitausend Jahren von der Wissenschaft gesuchte +Entfernung des Himmelskörpers, von dem die Erde ihr Licht und ihre Wärme +empfängt, durch Beobachtung des Venusdurchganges endlich genau zu +ermitteln. Es entspricht dem Gebrauche bei Feierlichkeiten, wie die +heutige, wenn ich an dies vielbesprochene Ereigniss des letzten Jahres +eine kurze rückschauende Betrachtung anknüpfe. Die Wissenschaft ist wohl +immer in rastlosem Vordringen zur Erforschung der Geheimnisse der Natur +und des Geistes begriffen, aber daneben ist sie ebenso bestrebt, nach +rückwärts die Verbindung mit den vergangenen Geschlechtern zu erhalten und +deren Arbeit und Thun sich zu vergegenwärtigen. Wie der einzelne Mensch +die Erinnerungen aus seinem Einzelleben pflegt, so die Wissenschaft die +aus dem Gesammtleben der ganzen Menschheit. + +Eine solche rückschauende Betrachtung der Entwickelung der astronomischen +Wissenschaft muss nun, wenn sie bis an die Anfänge reichen will, über die +Grenzen der christlich-europäischen Cultur weit zurückgehen. Denn die +Astronomie ist älter als diese und zeigt schon durch ihre Namen und +Kunstausdrücke, dass sie von andern Nationen und Zeiten her überliefert +worden ist. Ausdrücke wie Zenith, Sternnamen wie Aldebaran sind arabisch; +Sirius und Orion und die ganze Menge der mythologischen Figuren am Himmel, +und dazu Bezeichnungen wie Pol, Ekliptik und so fort, sind griechisch, +ebenso der Name der Wissenschaft. Neben diesen Spuren, welche die Griechen +und die sie ablösenden Araber hinterlassen haben, zeigt die Fülle +lateinischer Bezeichnungen, als Äquator, Meridian, Venus, dass die Römer +auch in dieser Beziehung die Übermittler der griechischen Wissenschaft an +das Abendland geworden sind. Diese lateinischen Bezeichnungen sind eben +aus dem Griechischen übersetzt, gleich wie andre deutsche, als z. B. +Tag- und Nachtgleiche, aus dem Lateinischen übersetzt sind; gehen wir nun +aber noch weiter zurück, so finden wir, dass wie die lateinischen +Planetennamen Übersetzungen aus den griechischen Götternamen, so auch +diese griechischen selbst wieder Übersetzungen sind, und dass wir mit den +Griechen noch nicht die ersten Anfänge erreicht haben. Diese sind vielmehr +bei den orientalischen Nationen, den Ägyptern und Chaldäern, und zumal bei +den letzteren, denen in der That ein keineswegs geringer Bestand verdankt +wird. Die Namen der Planeten sind ursprünglich die babylonischer Götter, +an deren Stelle die Griechen entsprechende aus ihrer eigenen Götterlehre +setzten; daher sind dann auch, durch weitere Übersetzung aus einer Sprache +in die andere, die Namen unsrer Wochentage gekommen. Babylonisch ist auch +die Eintheilung des Thierkreises in 12 Zeichen und die Benennung dieser +Zeichen; die Eintheilung des Tages in zweimal zwölf Stunden, statt in +irgend welche andre Zahl, und die der Himmelskreise in sechsmal 60 Grade +und des Grades in 60 Minuten; überall herrscht hier die Zahl sechs mit +ihren Produkten, wie vor Tausenden von Jahren so noch heute. Und doch +dürfte man nicht wohl von einer eigentlichen Wissenschaft der Astronomie +bei den Chaldäern reden. Ich las kürzlich den Ausspruch eines bedeutenden +Mathematikers, dass die Naturwissenschaften überhaupt nur in dem Masse +wirklich als Wissenschaft gelten könnten, als sie mathematisch geworden +seien. Ob nun dies bei den anderen Naturwissenschaften zutrifft, kommt mir +nicht zu zu entscheiden; unbestreitbar aber gilt es von der Astronomie. +Auch genügt nicht das Zählen und Rechnen, welches die Chaldäer auf Grund +jahrhundertelanger Beobachtung zur Bestimmung der Umlaufszeiten der +Planeten handhabten. Das war wohl Material für wissenschaftliche +Astronomie, aber nicht diese selbst, und die Chaldäer sind mit ihren +Mitteln und ihrer Methode nicht einmal zu der Erkenntniss gekommen, dass +die Erde eine Kugel ist. Was sie aufbauten und ausbildeten, war vielmehr +die Pseudowissenschaft der Astrologie, vermöge deren sie freilich einen +merkwürdigen Einfluss nicht nur auf Griechen und Römer, sondern indirekt +auch auf die modernen Nationen bis ins 17. Jahrhundert ausgeübt haben. Mit +Recht also sagt ein Schüler Platons, dass die Griechen hier wie sonst zwar +die Anregungen und Anfänge von den Barbaren überkämen, aber das +Empfangene dann viel schöner auszugestalten wüssten. Die Chaldäer blieben +in der Astrologie stecken, die wissenschaftliche, mit der Mathematik +aufgebaute Astronomie ist, wie die Mathematik selbst, eine Schöpfung der +Griechen. + +Freilich erst sehr allmählich und niemals ganz hat auch dies begabteste +Volk des Alterthums sich von kindlichen und abergläubischen Vorstellungen +über die Weltkörper zu befreien vermocht. Nicht früher als etwa im +4. Jahrhundert v. Chr., in der Zeit Platons, beginnt zugleich die +Mathematik und eine auf sie gegründete Astronomie einen grösseren +Aufschwung zu nehmen. Damals sind es zwei Schulen, die sich die Ausbildung +dieser Wissenschaften angelegen sein lassen: in Athen die des Platon, in +dem griechischen Unteritalien und Sicilien die der Pythagoreer. Auf die +letzteren wird die Aufstellung des Hauptproblems der alten Astronomie +zurückgeführt, welches sie so fassten: was für gleichmässige und +kreisförmige Bewegungen man vorauszusetzen habe, um den thatsächlichen +Erscheinungen am Himmel gerecht zu werden. Wir können hier tadeln, dass +das Problem zu früh gestellt sei, vor genügender Feststellung der +thatsächlichen Erscheinungen, und ferner, dass die Lösung ungehöriger +Weise durch zwei Bedingungen präjudicirt wurde, nämlich durch die +geforderte Gleichmässigkeit und Kreisförmigkeit der Bewegungen. Es haben +sich aber sämmtliche Astronomen des Alterthums und auch die der Neuzeit +bis zu Kepler an diese Bedingungen gebunden; selbst letzterer hat erst +spät und mit Widerstreben die kreisförmige Bewegung aufgeopfert. Bei den +Alten nun hängt diese Forderung mit ihrer Religion zusammen. Denn während +der Christ in den Dingen am Himmel nur eine Schöpfung sieht, welche mit +der Erkenntniss zu beherrschen er sich berufen fühlt, erblickte die antike +Menschheit, Schöpfer und Schöpfung vermischend, in der Sonne und den +anderen Himmelskörpern sowie auch in der Erde etwas unmittelbar +Göttliches, einen Gegenstand religiöser Verehrung. Ein Mann wie Platon +will den Atheismus bezwingen durch den Hinweis auf die »sichtbaren +Götter«, d. i. Sonne, Mond und Sterne, und die materialistische Schule des +Epikur weiss diese beunruhigende Götterfurcht nicht anders fernzuhalten +als indem sie, mit dem ihr eignen Dogmatismus, aller Mathematik zum Trotz +auf das Dogma schwor, dass die Sonne nicht grösser sei als sie scheine, +d. h. etwa einen Fuss breit. Erst das Christenthum hat dem Menschen die +Freiheit von der Natur und die Herrschaft über sie zurückgegeben. Wenn nun +aber, gemäss der antiken Auffassung, die Gestirne Götter waren, so +_schickte sich_ für sie nur eine ganz gleichmässige Bewegung, und ferner +keine andre als die allerregelmässigste und einfachste, nämlich die +Kreisbewegung. Man wird über diesen Grundirrthum der antiken Astronomie +billiger urtheilen, wenn man bedenkt, dass an den scheinbaren +Unregelmässigkeiten der Planetenbewegung, welche die Alten als nothwendig +bloss scheinbar voraussetzten, der überwiegend grösste Theil wirklich +bloss scheinbar ist, und dass der erste Fortschritt jedenfalls in der +Erkenntniss dieses trüglichen Scheines bestehen musste. + +Nachdem nun in der pythagoreischen und demnächst auch in der platonischen +Schule das astronomische Problem so gestellt war, entstand ein Eifer es zu +lösen, der die ganze Frische einer jungen Wissenschaft zeigt. Man ging +dabei im allgemeinen, wie auch natürlich war, von der Annahme aus, dass +das Ruhen der Erde kein blosser Schein sei, dass also der Himmel sich +bewege. Über die Kugelgestalt der Erde war man sich damals schon fast oder +völlig einig; um diese Kugel herum nun dachte man sich andre Kugeln +gelegt, zunächst die, mit der sich der Mond bewege, dann weiter die Kugeln +oder Sphären der Planeten, worunter auch der Sonne, und schliesslich alle +umfassend die Sphäre des Fixsternhimmels. Diese letztere bewege sich, alle +eingeschlossenen Sphären mit sich reissend, alle 24 Stunden einmal von +Osten nach Westen um die Weltachse herum; die eingeschlossenen Sphären +aber hätten ausserdem jede ihre eigenthümliche Bewegung, in +entgegengesetzter Richtung und um eine anders liegende Achse, die der +Ekliptik. Von diesen Annahmen nun, die im ganzen Alterthum herrschend +geblieben sind, war keine in dem Masse unwahrscheinlich und unglaublich, +wie die tägliche Bewegung des Fixsternhimmels, zumal da man schon früh +mehr und mehr den ungeheuer weiten Abstand der Himmelskörper zu ahnen +begann. Und ferner lag doch auch die Überlegung nahe, dass man den +thatsächlichen Erscheinungen durch die Annahme einer täglichen Umdrehung +der Erde um ihre Achse nicht minder gerecht werden könne. Wirklich ist +diese Ansicht sowohl in der pythagoreischen wie in der platonischen Schule +aufgestellt worden, in letzterer von Herakleides dem Pontiker; aus +ersterer werden die Syrakusier Hiketas und Ekphantos genannt, bei denen, +und speziell bei Hiketas, auch die Priorität zu suchen ist. Andere +Pythagoreer hatten eine eigenthümliche Lehre von einem uns stets +unsichtbaren Centralfeuer, um welches Erde, Sonne und Planeten kreiseten; +die tägliche Umdrehung des Himmels wurde auch hierdurch beseitigt. Platon +selbst gebraucht an einer Stelle von der Erde, die er in den Mittelpunkt +des Weltalls setzt, einen mehrdeutigen Ausdruck, den man schon im +Alterthum auf Achsendrehung bezogen hat: aber da er daneben unzweideutig +die Drehung des Himmels lehrt, so ist für Achsendrehung in seinem System +keine Stelle. Aristoteles aber sucht jegliche Bewegung der Erde als +unstatthaft nachzuweisen, aus Gründen der äusserst mangelhaften antiken +Physik, welche auf die Entwickelung der Astronomie einen sehr üblen +Einfluss ausgeübt hat. Indem man sich die Welt als einheitliches Ganzes +aus den vier oder fünf Elementen construirte, wies man denselben ihren +Platz je nach der Schwere näher dem Mittelpunkte oder ferner von demselben +an; also musste die Erde in der Mitte sein, die Gestirne aber, welche von +dieser fern und ferner kreiseten, aus den leichtesten Elementen, dem Feuer +und Äther, bestehen. Und auch gegen eine Achsendrehung der Erde hat +Aristoteles seine physikalischen Gründe. Es waren überhaupt wahre Berge +von Vorurtheilen zu überwinden, und das Verwunderliche ist schliesslich +nicht, dass man im allgemeinen sich nicht entschloss die Erde zu bewegen, +sondern dass Einzelne doch trotz aller Vorurtheile dies thaten. Von +demselben Herakleides und den Pythagoreern lesen wir auch, dass sie den +Mond und die Sterne für besondre Welten gleich der Erde hielten, jeden wie +diese von seiner Atmosphäre umschlossen, und von Herakleides allein, dass +er wenigstens zwei der Planeten, den Merkur und die Venus, nicht um die +Erde, sondern um die Sonne kreisen liess. Das sich hieraus ergebende +Weltsystem, nicht unähnlich dem zur Vermittelung zwischen dem antiken und +dem coppernicanischen von Tycho de Brahe aufgestellten, nannte man sonst +wohl das ägyptische, indem man die Stelle eines späten lateinischen Autors +dahin missverstand, als hätten die Ägypter dies gelehrt. Es findet sich +aber bei einem andern späten Lateiner dies System ohne weiteres als das +richtige vorgetragen, woraus zu schliessen, dass dasselbe auch nach +Herakleides Vertreter gefunden hat; denn es ist gleich undenkbar, dass +jener Autor es aus sich erfunden, wie dass er es aus dem alten Herakleides +entnommen hätte. Die Sache ist die, dass diese beiden inneren Planeten aus +sehr einfachen Gründen sich immer nahe der Sonne zeigen, weswegen auch, +bei der anscheinend mit der Sonne gleichen Umlaufszeit, die Vertreter des +gewöhnlichen Weltsystems fortwährend stritten, ob die Sonne oder diese +Planeten, und ob Merkur oder Venus höher stehe. Herakleides' Aufstellung +also bildet den Anfang des die Sonne ins Centrum setzenden, sogenannten +heliocentrischen Systems, welches bald seine vollere Ausbildung erhalten +sollte. + +Aristoteles' zweiter Nachfolger in der Leitung der von ihm gegründeten +philosophischen Schule war Straton von Lampsakos, der Physiker genannt, +weil er diesen Theil der Philosophie besonders pflegte. Er wich dabei von +der aristotelischen Lehre wesentlich ab, nach der Seite des Materialismus, +indem er an die Stelle des göttlichen Baumeisters der Welt den Zufall +setzte, der den ersten Anstoss zur Bewegung der Materie und zur +Entwickelung der in ihr wohnenden Kräfte gegeben. Von diesem Standpunkte +aus konnte er auch die Dinge am Himmel etwas vorurtheilsfreier betrachten, +als das einem Platon oder Aristoteles möglich war, und so wird es wohl +nicht zufällig sein, dass aus seiner Schule ein Mann hervorging, der die +Kühnheit hatte, zur Erklärung der thatsächlichen Erscheinungen die der +gewöhnlichen entgegengesetzte Hypothese aufzustellen. Es war dies +Aristarchos von Samos, dessen Blüthe ungefähr 280-270 v. Chr. fällt; er +lebte vielleicht in Alexandria, wo auch Straton eine Zeitlang als +Prinzen-Erzieher sich aufhielt. Denn nicht in Athen und überhaupt nicht in +dem griechischen Mutterlande, dessen geistige Produktionskraft nachgerade +fast erloschen war, sondern in den alten und neuen griechischen Gründungen +im Osten und Westen, als Alexandria, Rhodos, Syrakus, sind fortan die +Hauptstätten der Wissenschaft, Literatur und Kunst zu suchen. Aristarch's +Schrift nun, in der er diese Hypothese voranstellte, ist verloren, und +auch die Nachricht davon war dem Coppernicus noch nicht bekannt, während +derselbe von Hiketas' und Herakleides' Achsendrehung durch Autoren, wie +Cicero, Kunde hatte, und auch von einem Systeme, wonach wenigstens die +Planeten sich um die Sonne drehten. Wenn umgekehrt Aristarch's Schrift +erhalten, oder doch das Wissen von ihr lebendig geblieben wäre, so würden +wir wohl unzweifelhaft unser Weltsystem nicht das coppernicanische, +sondern das aristarchische nennen. Nun aber sind nicht einmal die +Einzelheiten der Aufstellung vollständig überliefert, noch auch Titel und +Inhalt der gesammten Schrift mit Sicherheit zu ermitteln. Dass Aristarch +die neue Meinung in der Form der Hypothese brachte, war nach der +ursprünglichen Fassung des Problems ganz selbstverständlich; bewiesene +Wahrheit ist sie überhaupt erst spät geworden. Bestimmt bezeugt wird, dass +er die Erde sowohl um ihre eigene Achse, als um die Sonne sich bewegen +liess; um die Erde kreisete der Mond, aus dessen gelegentlicher Stellung +zwischen Erde und Sonne Aristarch gleich den Vertretern des gewöhnlichen +Systems die Verfinsterungen der Sonnenscheibe erklärte; von den Planeten +hören wir nichts, indess versteht sich von selbst, dass er auch diesen +eine Bewegung um die Sonne zutheilen musste. Diese bildete ihm das +unbewegliche Centrum der Welt; unbeweglich war auch der das Centrum und +die Erdbahn umschliessende Fixsternhimmel. Um aber dem Einwurfe zu +begegnen, den schon Aristoteles gegen eine Fortbewegung der Erde +vorbringt, dass nämlich dann die Fixsterne den Ort ihres Erscheinens +periodisch wechseln müssten, nahm er alsbald den Satz in seine Hypothese +auf, dass sich die gesammte Erdbahn zu der Sphäre der Fixsterne nur wie +der Mittelpunkt zur Oberfläche der Kugel verhalte. Der grosse Archimedes, +der uns dies mittheilt, nimmt an der Form dieses Satzes Anstoss, da doch +der Mittelpunkt gar keine Grösse und folglich auch kein Verhältniss zur +Oberfläche habe; er kann sich aber offenbar auch in die grossartige +Kühnheit der Anschauung nicht finden, nach welcher nicht nur Erde, nicht +nur Sonne, sondern auch die ganze Bahn der ersteren um die letztere zu +einem unmessbaren Punkte wird, wenn man die Abstände der Fixsterne +vergleicht. Archimedes, der sich mit Astronomie nur zum geringsten Theil +beschäftigte und die richtige Erkenntniss haben mochte, dass vor weiterer +Ausbildung der Mathematik und vor weiterer Ansammlung genauer +Beobachtungen eine sichere Construction der Himmelserscheinungen nicht +möglich sei, spricht sich über die gesammte Hypothese weder billigend noch +missbilligend aus; Andern aber gab sie grossen Anstoss. Wir lesen eine +Äusserung des stoischen Philosophen Kleanthes, Aristarch müsse vor dem +Gerichte aller Hellenen des Religionsfrevels angeklagt werden, weil er den +Heerd der Welt verrücke, die unbewegliche Erde nämlich, welche nach der +alten Anschauung der feste Mittelpunkt der Welt, wie der Heerd und seine +Personifikation, die Göttin Hestia, der des Hauses war. Man muss aber +wegen dieses hyperbolischen Ausdrucks der Entrüstung nur nicht meinen, +dass ein wirklicher Prozess gegen Aristarch dazumal überhaupt möglich +gewesen sei. Wohl waren die überlieferten Anschauungen in den Gemüthern +der Gebildeten wie der Ungebildeten mächtig und unbezwinglich; aber +hiervon war nur das die Folge, dass Aristarch trotz seines sehr hohen +Ansehens als Astronom seiner Hypothese nicht Eingang verschaffen konnte. +Das heliocentrische System hat unseres Wissens nachher nur noch _einen_ +Vertreter gehabt, den Seleukos aus Babylonien, einen Mann chaldäischer +Herkunft, aber griechisch gebildet, dessen Zeit man um die Mitte des +2. Jahrhunderts v. Chr. setzen kann. Er stellte die Bewegung der Erde um +die Sonne nicht bloss als Hypothese, sondern als Thatsache hin und +benutzte sie zur Erklärung der Erscheinungen von Ebbe und Fluth, in einer +eigenthümlichen, unsern Einsichten allerdings nicht entsprechenden Weise. + +Wir sehen also, dass die Erkenntniss des Weltsystems im Alterthum +gewissermassen eine rückläufige Bewegung nimmt, soweit dass bei Ptolemäus, +dessen Almagest sozusagen das Facit der gesammten astronomischen +Leistungen des Alterthums darstellt, die heliocentrische Hypothese nicht +einmal mehr bekämpft, noch überhaupt erwähnt wird. Jedes Zeitalter und +jedes Volk hat sein bestimmtes Mass von Erkenntniss, welches es erreichen +soll und erreicht; für die antike Welt war hier die Grenze, innerhalb +deren indess auch nach Aristarch noch ausserordentlich viel geleistet +worden ist. Denn auch das rechne ich unter die Leistungen, dass das +gewöhnliche Weltsystem gerade durch die höchst vollkommene Ausbildung, die +es unter den Händen grosser Astronomen erfuhr, in seiner Unhaltbarkeit und +Unmöglichkeit aufgewiesen wurde; es war ja auch in der Ordnung, dass man +die zunächstliegende Annahme der ruhenden Erde vorläufig festhielt und nun +gründlich untersuchte, ob man damit zur Erklärung der thatsächlichen +Erscheinungen auskommen konnte. Diese zur Erklärung zu bringenden +Erscheinungen bestehen nun nicht nur in dem scheinbaren Stillstehen und +Rückwärtsgehen der Planeten, sondern auch in der Ungleichheit der +Zeitabschnitte, in denen die Sonne die vier vollkommen gleichen +Abschnitte, in die man ihre Bahn im Thierkreise zerlegt, zu durchlaufen +scheint. Zur Erklärung der Planetenbewegung stellte Plato's Schüler, der +bedeutende Astronom und Mathematiker Eudoxos, und nach ihm zu Aristoteles' +Zeit Kallippos von Kyzikos ein System von vielen um denselben Mittelpunkt +liegenden Sphären auf, jede mit ihrer eigenthümlichen Bewegung; die +Planeten und ebenso Sonne und Mond waren jeder in einer dieser ziemlich +solide gedachten Sphären befestigt, es gehörten aber ausserdem zu jedem +noch mehrere sogenannte sternlose Sphären, um die den Planeten tragende +herumliegend. Es entstand somit ein höchst complicirtes System von +Bewegungen, indem jede dieser äusseren Sphären des Planeten auf die +inneren einwirkte und ihre Bewegung auf diese übertrug, und die innerste, +den Planeten tragende schliesslich die Bewegungen aller anderen und ihre +eigne in sich vereinigte. Aber man erkannte bald, dass dieser Weg ein +heilloser und hoffnungsloser Irrweg sei, zumal da _eine_ Art von +Unregelmässigkeit schlechterdings ohne Erklärung blieb, die nämlich, dass +der Mond und die Planeten Mars und Venus augenfällig in ihrer scheinbaren +Grösse, d. i. in ihrer Entfernung vom Mittelpunkte wechseln. So verfielen +denn die Astronomen nach Kallippos und vielleicht schon vor ihm auf eine +andere Art der Erklärung. Sie gaben nämlich den gemeinsamen Mittelpunkt +der Bahnen auf, und theilten jeder Planetenbahn einen besondern, von dem +Mittelpunkte der Welt, d. i. der Erde, mehr oder weniger weit abliegenden +Mittelpunkt zu; mit andern Worten, sie liessen Sonne, Mond, Planeten sich +in excentrischen Kreisen um die Erde bewegen. Somit mussten denn die +Weltkörper dieser bald näher, bald ferner zu stehen kommen und darnach +bald grösser, bald kleiner erscheinen, und auch jene Unregelmässigkeit der +Sonne, dass sie gleiche Abschnitte ihrer scheinbaren Bahn in ungleichen +Zeiten durchläuft, erhielt auf diese Weise ihre vollkommen befriedigende +Erklärung. Denn wenn die wirkliche Bahn der Sonne eine andere, der Erde +hier näher, dort ferner liegende ist, so sind auch die scheinbar gleichen +Abschnitte der Bahn in Wirklichkeit ungleiche, und die Sonne wird, ohne in +Wahrheit ihre Schnelligkeit zu steigern oder darin nachzulassen, doch als +schneller laufend erscheinen, wenn sie die in Wirklichkeit kürzere Strecke +durchläuft, und umgekehrt als langsamer laufend, wenn sie sich durch die +längere Strecke bewegt. Für die Sonne, d. h. thatsächlich für die Bewegung +der Erde um die Sonne, hat sich denn auch das nachfolgende Alterthum im +ganzen bei dieser Erklärung durch den excentrischen Kreis beruhigt, welche +ja auch mit der Keplerschen durch die elliptische Bahn eine gewisse +Ähnlichkeit hat. Es war allerdings völlig unerfindlich, weshalb denn die +Sonne sich nicht um den Mittelpunkt der Welt, sondern um einen von diesem +ziemlich entfernten Punkt, der ganz im freien Raume lag, bewege; aber um +die physikalische Erklärung kümmerten sich die Astronomen wenig, da sie +laut dem ursprünglichen Problem nur zu untersuchen hatten, durch was für +gleichmässige und kreisförmige Bewegungen sich die thatsächlichen +Erscheinungen erklären liessen. Auch Kepler hat für die von ihm +construirten Bewegungen die physikalische Erklärung noch nicht gegeben, +sondern erst Newton; der erhebliche Unterschied ist ja freilich, dass sich +das Kepler'sche System physikalisch begründen liess, das der excentrischen +Kreise nimmermehr. Indess auch die Alten waren mit diesem Systeme noch +keineswegs am Ende ihrer Mühen. Denn die Bewegungen der mit der Erde um +die Sonne kreisenden Planeten, und die des die Erde begleitenden Mondes +erscheinen ganz erheblich complicirter, und diese Erscheinungen wurden nun +den Griechen mehr und mehr bekannt, theils durch die fortgesetzte eigne +Beobachtung, theils indem ihnen, von den Zeiten Alexanders des Grossen ab, +die vielhundertjährigen babylonischen Beobachtungen zugänglich wurden. Es +kam auch das dazu, dass durch eine Reihe von Erfindungen die Instrumente +zur Beobachtung sich etwas vermehrten und verbesserten, so ungeheuer weit +auch gerade hier der Abstand zwischen der modernen Verfeinerung und +Präcision und den antiken Anfängen geblieben ist. Ferner sind sehr +wesentlich die im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. gemachten +ausserordentlichen Fortschritte der Mathematik. So kam man denn zur +Erklärung der Bewegungen noch auf eine andere Construction, die der +sogenannten Epicykeln. Thatsächlich ist die Bewegung des Mondes eine +derartige, dass er um die kreisende Erde selber herumkreist; nicht +unähnlich der eines Punktes auf einem kleinen Maschinenrade, welches an +dem Rande eines sich drehenden grösseren befestigt ist und nun theils mit +diesem gedreht wird, theils daneben noch seine eigene Bewegung hat. Die +Alten nun construirten sich die Bewegung des Mondes so, dass er um einen +Punkt seiner Bahn, dieser Punkt aber mit dem kreisenden Monde sich um die +Erde bewege; sie dachten sich die Erde gleichsam inmitten jenes grossen +Rades, sagen wir an der ruhenden Achse befestigt, und zwar auch nicht +gleich weit von den Punkten des Umfangs entfernt, den Mond aber am Umfange +des kleinen Rades, und sie nannten nun dies kleine Rad oder vielmehr den +entsprechenden Drehungskreis den Epicykel. Es ist begreiflich, dass man +beim Monde mit einer solchen Construktion einigermassen auskam, da sie den +Thatsachen entspricht, sowie man an Stelle der Erde die Sonne, die Erde +aber in das bei den Alten leere Centrum des kleinen Kreises setzt. Bei den +Planeten aber langte weder diese Erklärung noch irgend eine andre zu, so +dass hieran, trotz aller scharfsinnigen Versuche, das antike System mit +der ruhenden Erde zu Schanden geworden ist. Der grösste aller Astronomen +des Alterthums, Hipparchos, hat dies indirekt auch selber anerkannt, indem +er bei den Planeten auf eine eigne Erklärung verzichtete, und sich auf den +Nachweis der Unhaltbarkeit der bisherigen Erklärungen beschränkte. +Hipparchos, von dessen zahlreichen Schriften leider nur eine einzige, noch +dazu eine mehr populäre und wissenschaftlich nicht bedeutende erhalten +ist, stammte aus Nicäa in Bithynien, lebte aber nachher theils, wie es +scheint, in Alexandrien, theils und vornehmlich auf Rhodos; seine +astronomischen Beobachtungen lassen sich von 161-126 v. Chr. verfolgen. +Das Schicksal der griechischen Wissenschaft war, dass er keinen Nachfolger +in seinem Werke fand, ausser dreihundert Jahre später den Claudius +Ptolemäus, der seinen Almagest grösstentheils mit Hipparch's Methoden und +mit Hipparch's Beobachtungen herstellte. Mit dem zweiten Jahrhundert +v. Chr. nämlich ging nicht nur die politische Blüthe der griechischen und +halbgriechischen Staaten des Ostens allenthalben zu Ende, sondern auch die +frische und Neues erzeugende Kraft der griechischen Wissenschaft und +überhaupt des griechischen Geistes. Die Zeit der Kaiser, besonders derer +am Anfange des zweiten Jahrhunderts n. Chr., brachte nur noch eine +Nachblüthe, der auch Ptolemäus angehört. Hipparch nun verfasste, um nur +Einiges anzuführen, ein ausgedehntes Werk über Trigonometrie, deren er bei +seinen Berechnungen vor allem bedurfte; ferner eine Schrift über die +genaue Länge des Sonnenjahres, eine andre über die genaue Dauer des +Mondumlaufes, sodann, wie wenigstens Plinius sagt, eine Tabelle der +Sonnen- und Mondfinsternisse, auf sechshundert Jahre für eine Reihe von +Örtern der Erde vorausberechnet; wiederum, als nothwendige und doch bisher +noch fast völlig mangelnde Grundlage für astronomische Beobachtungen, +entwarf er eine Himmelskugel und eine Planisphäre, auf denen die +Sternbilder und Sterne nach Länge und Breite genau eingetragen waren, und +ein Verzeichniss von mehr als 1000 so bestimmten Sternen. Eben dies führte +ihn auf seine berühmte Entdeckung der rückschreitenden Bewegung der +Tag- und Nachtgleichenpunkte, indem er bei Vergleichung seiner +Bestimmungen von Sternen mit einigen wenigen ihm vorliegenden älteren +solche Unterschiede fand, die ihm durch die Ungenauigkeit jener älteren +Messungen nicht genügend erklärt schienen. Er trug allerdings seine +nachmals vollauf bestätigte Theorie nur als Vermuthung vor, und so verfuhr +er überall, wo ihm das Material einschliesslich seiner eignen Messungen +noch nicht den wünschenswerthen Grad von Genauigkeit und Zuverlässigkeit +zu haben schien. Denn neben dem unermüdlichen Fleisse und der Genauigkeit +und Sorgfalt, die so weit ging, wie sie mit jenen Instrumenten der Alten +nur immer gehen konnte, wird ihm besonders seine Wahrheitsliebe +nachgerühmt, jene nämlich, die den Unterschied zwischen Hypothesen und +erwiesenen Thatsachen, unbeirrt durch Eigenliebe, nicht verkennt und nicht +verwischt, sondern im Gegentheil immer hervorkehrt, und die ganz gewiss +eins der entschiedensten Kennzeichen echter Wissenschaftlichkeit ist. Eben +als Mann der Wissenschaft liess er auch, wie es scheint, die +Construktionen der Philosophen, die sich dazumal vermassen überall die +Ursachen und die letzten Gründe höchst ungenügend festgestellter +Erscheinungen erkennen zu können, unbeachtet bei Seite, wofür ihm jene mit +einem Bedauern seiner mangelhaften Erkenntniss vergolten haben. Dagegen +sehen wir aus der erhaltenen Schrift, dass er auch philologisch gebildet +war: gleichwie überhaupt die Gelehrten auch noch in jener Zeit eine +gewisse Universalität der Bildung anstrebten. Unter seine astronomischen +Leistungen gehört nun auch eine Berechnung der Entfernung und der Grösse +von Sonne und Mond mit Hülfe der auch heute noch dazu benutzten +sogenannten Parallaxe, und damit werden wir wieder auf unsern +Ausgangspunkt zurückgeführt. Denselben Gegenstand behandelt die einzige, +wenigstens im Auszuge erhaltene Schrift des Aristarch von Samos; aber die +Methode ist hier noch eine andre, viel unzulänglichere, und aus der +Vergleichung sieht man, welche Fortschritte die Astronomie mit den hundert +bis hundertfunfzig Jahren zwischen Beiden gemacht hat. Aristarch schickt +seiner Beweisführung sechs Hülfsannahmen voraus, von denen einige auch von +der geförderten Astronomie gebilligt wurden, andre aber ganz und gar +nicht. So gleich die zweite, dass die gesammte Erde in Vergleich zu der +Sphäre, d. i. dem Umlaufskreise des Mondes, sich nur wie ein unmessbarer +Punkt verhalte. Hiermit wird nämlich die Parallaxe sogar mit Beziehung auf +den Mond, wo sie am allergrössten ist, von vornherein aufgehoben, und der +einzig geeignete Weg zur Lösung des Problems versperrt. Die Sache ist die. +Wenn wir auf der Erde am fernsten Horizonte, etwa im Norden, einen +hervorragenden Punkt haben, einen Kirchthurm z. B., und ferner ungefähr in +der Richtung dieses Punktes, nicht allzuweit von uns entfernt, ein Haus +oder dergleichen, so ist es klar, dass, wenn wir uns in der Richtung von +Ost nach West oder von West nach Ost eine gewisse Strecke fortbewegen, die +Stellung des Hauses und des Thurmes zu einander sich verschieben wird, so +dass der Thurm bald rechts vom Hause erscheint, bald verdeckt von +demselben, bald links hervortretend. Messen wir nun die von uns +zurückgelegte Strecke und den Winkel zwischen beiden Gegenständen, wie sie +von den beiden Endpunkten aus erscheinen, und zwischen einem Gegenstande +und dem etwa durch einen Baum markirten andern Endpunkte der Strecke, so +sind wir mittels der Trigonometrie im Stande, die Entfernung der +Gegenstände zu berechnen, und aus dem scheinbaren Durchmesser auch den +wirklichen Durchmesser. Auf dieselbe Weise nun verschiebt der Mond, wenn +wir unsern Standort auf der Erde um eine bedeutende, sagen wir einige +hundert Meilen betragende Strecke wechseln, seine Stellung zu den +Fixsternen, so dass ein bestimmter Stern bald rechts vom Monde erscheint, +bald von ihm bedeckt wird, bald links hervortritt. Darnach ergeben sich +Methoden, die Entfernung und Grösse des Mondes zu berechnen, aus seiner +Parallaxe, d. i., nach dem ursprünglichen Wortsinne, dem Unterschiede +seiner Stellung zu den ferneren Himmelskörpern oder den Himmelskreisen, +welcher durch die besondern Standorte auf der Erde hervorgebracht wird. +Ähnlich verhält es sich mit der Sonne, und mit Sonne und Mond zugleich, +wenn bei der Sonnenfinsterniss dieser vor jener vorübergeht, und mit Sonne +und Venus und sofort. Nur für die Fixsterne ist wegen ihrer ungeheuren +Entfernung die Parallaxe gleich Null, und so setzte auch Hipparch im +Verhältniss zum Fixsternhimmel die gesammte Erde einem Punkte gleich, +durchaus aber nicht im Verhältniss zur Entfernung des Mondes oder der +Sonne, sondern hier suchte er die Parallaxe zu finden. Ein andres +wichtiges Stück für die Berechnung ist die möglichst genaue Bestimmung des +scheinbaren Durchmessers von Sonne und Mond. Hier finden wir nun zu unserm +Erstaunen unter Aristarchs Prämissen die, dass der scheinbare Durchmesser +des Mondes 2 Grad oder 1/180 der Peripherie des Himmels betrage, d. i. +etwa viermal mehr als die richtige Messung ist. Und doch konnte das schon +der Augenschein lehren, dass ein Zeichen des Thierkreises, d. i. 1/12 des +ganzen Kreises, von 15 nebeneinander gedachten Monden noch lange nicht +ausgefüllt wurde, also auch nicht der ganze Kreis von 180. Unser Erstaunen +wächst, wenn wir bei Archimedes lesen, dass derselbe Aristarch den +scheinbaren Sonnendurchmesser auf 1/2 Grad oder 1/720 des Thierkreises +bestimmte, was annähernd richtig ist. Sonne und Mond erscheinen aber +ziemlich gleich gross, und nun soll ein Astronom sich eingebildet haben, +dass die Sonne viermal kleiner aussähe? Und doch wird jene Prämisse in der +Schrift wirklich so benutzt, freilich, was wieder merkwürdig ist, ohne +dass die schliesslichen Resultate dadurch verfälscht würden; im +Gegentheil, wenn man einen viermal kleineren Werth einsetzt, so bleibt +doch, was Aristarch über das Verhältniss von Sonnen-, Erd- und +Monddurchmesser und über das Verhältniss der Abstände der beiden +Himmelskörper herausrechnet, genau so stehen. Da nun dies durchaus nicht +wie Zufall aussieht, so wird man annehmen müssen, dass der Astronom sich +über die Falschheit der Prämisse keineswegs täuschte, aber Gründe hatte, +doch mit ihr als mit einer gegebenen zu rechnen, da er den Fehler +unschädlich fand; in der ursprünglichen, vollständigen Schrift wird ja +wohl eine Aufklärung darüber gegeben sein. Ebenso auch wohl darüber, dass +er die gesammte Erde als Punkt ansetzte und den Standort des Beobachters +mit dem Mittelpunkte der Erde identificirte, während doch aus den übrigen +Annahmen und Rechnungen sich ableiten lässt, dass der Erddurchmesser mehr +als den 57. Theil der Mondbahn ausmache, der gegenüber er als unmessbar +kleine Grösse bezeichnet wird. Aber Aristarch verstand es eben noch +nicht, mittelst der Parallaxe selbst zu berechnen, und so strich er sie +lieber ganz, um nicht durch sie seine Rechnungen ohne wesentlichen Nutzen +complicirt zu machen. Was er nun an sonstigen Methoden und Construktionen +hat, ist zwar an sich nicht zu beanstanden und zeigt ausserordentlichen +Scharfsinn, reicht aber, auch abgesehen von der Ungenauigkeit der +Messungen, zur Gewinnung genügend präcisirter Ergebnisse nicht aus. +Immerhin ist in Bezug auf die Grösse des Mondes sein Ergebniss nicht +allzufalsch; denn er findet den Durchmesser des Mondes ungefähr dreimal +kleiner als den der Erde, während er in der That nahezu viermal kleiner +ist. Wie gross er den Erddurchmesser annahm, wird nirgends angedeutet; der +berühmte Eratosthenes von Kyrene, der etwa um eine Generation jünger war, +berechnete den Erdumfang bereits auf einige 100 Meilen richtig. Bezüglich +der Sonne hatte schon Eudoxos erschlossen, dass sie grösser als die Erde +sei; von der Wahrheit aber, dass ihr Durchmesser den der Erde um mehr als +das Hundertfache übertreffe, blieb das ganze Alterthum noch weit entfernt, +und Aristarch setzte wenigstens ein höheres Maass als alle seine +Vorgänger, nämlich etwa das Siebenfache des Erddurchmessers. Ebenso, +während thatsächlich die Entfernung der Sonne das Vierhundertfache von der +des Mondes ist, berechnete Aristarch sie als kleiner denn das +Zwanzigfache. Die Entfernung des Mondes aber im Verhältniss zu seinem +eigenen Durchmesser ist durch die Bestimmung des scheinbaren Durchmessers +alsbald gegeben; also hier kommt bei dem Fehler, der bezüglich des +letzteren vorliegt, etwas recht Falsches heraus. Die Späteren, Hipparch +und Ptolemäus, erkannten erstlich, dass der Mond durchaus nicht immer +gleich weit entfernt sei; sodann massen sie genau den Durchmesser, wie er +bei den verschiedenen Abständen erschien, und bedienten sich auch noch +weiterer Beobachtungen und Methoden, mit denen sie, und namentlich +Ptolemäus, Entfernung und Grösse dieses uns nächsten Himmelskörpers +annähernd richtig bestimmten. Die Sonne, bei der die Parallaxe so sehr +viel kleiner ist, vermochte Ptolemäus nicht weiter zu entfernen als schon +Aristarch im Verhältniss zum Monde gethan; Hipparch aber fand wenigstens +das Doppelte dieser Entfernung, und ebenso nahezu den doppelten +Durchmesser, nämlich mehr als das Zwölffache des Erddurchmessers, wogegen +Ptolemäus auf das 5 1/2fache zurückfiel. + +Wir finden vielleicht das von den Alten Erreichte gering, im Vergleich zu +dem was wir erreicht haben. Es wäre auch kein gutes Zeugniss für uns, wenn +wir _nicht_ solche Fortschritte gemacht hätten. In den dreihundert Jahren +seit Coppernicus haben die europäischen Nationen fast alle wetteifernd an +dem Ausbau der Wissenschaft gearbeitet; was in Italien oder Deutschland +geleistet war, wurde in Frankreich oder England fortgeführt, und so weiter +mit beständiger Wechselwirkung. Im Alterthum waren es wesentlich die +Griechen allein, welche forschten; ein Römer glaubte viel zu thun, wenn er +sich nur die Resultate aneignete. Und dazu waren die Griechen, vollends +nach Hipparchs Zeiten, eine abnehmende und erschöpfte Nation. Bis dahin +aber war in etwa 300 Jahren der Fortschritt der Erkenntniss ein relativ +wohl noch grösserer als der in der Neuzeit; denn dreihundert Jahre vor +Hipparch hatte der freieste Denker, Anaxagoras, doch erst zu behaupten +gewagt, dass die Sonne grösser als der Peloponnes sei, und auch das war +schon eine wissenschaftliche That, gegenüber den kindlichen Anschauungen +der anderen damaligen grossen Geister. Die Alten selber haben es gefühlt +und ausgesprochen: »Das Volk einer kommenden Zeit wird vieles uns +unbekannte wissen; nicht auf einmal erschliesst die Natur ihre +Geheimnisse; wir halten uns für Eingeweihte, und stehen doch erst noch an +der Thür.« Auch uns möchte immer noch eine gleiche Bescheidenheit +geziemen. + +Hochverehrte Anwesende! Die Wissenschaft, auch als Ganzes genommen, ist +nur eins der Gebiete, welche dem Menschen von seinem Schöpfer zum Anbau +zugewiesen sind. Ebenso glänzend wie die Namen der grossen Forscher +erscheinen in der Geschichte der Menschheit andre Namen, die der Dichter, +der Künstler, die der Gründer und Leiter von Staaten und Nationen, im +Kriege und im Frieden. Und es ist nicht einmal das Wissen und die +Erkenntniss, so hoch sie zu schätzen sind, das Höchste im Menschen, noch +das was ihm seinen eigentlichen Werth verleiht, sondern dies ist sein +Wollen und Streben und die Selbsthingabe, und das Thun und die Thaten, +welche aus dieser entspringen. Wir haben das hohe Glück, in unserm +erhabenen Monarchen eine Persönlichkeit anschauen zu dürfen, deren ganzes +Leben und Thun die Selbsthingabe an das Wohl seiner Völker darstellt, und +deren Thaten nicht der Kunst eines Geschichtsschreibers bedürfen, um +unvergesslich zu sein. Vereinigen wir uns daher am heutigen Tage zu dem +Wunsche aus tiefstem Herzen, dass dieses leuchtende Vorbild noch lange +unter uns bleibe, ein Schirmherr des Friedens nach aussen und nach innen, +ein hochherziger Pfleger jedes edeln menschlichen Strebens. GOTT SEGNE UND +ERHALTE UNSERN ALLERGNÄDIGSTEN KAISER UND KÖNIG WILHELM I. ER LEBE HOCH! + + + + +[Anmerkungen zur Transkription: + + Gesperrt gesetzter Text wurde mit _gesperrter Text_ ausgezeichnet, fett + gesetzter Text in GROSSBUCHSTABEN dargestellt. + + Die Schreibweise der großen Umlaute Ae, Oe und Ue wurde in Ä, Ö und Ü + geändert. + + Gegenüber der gedruckten Version wurden folgende Satzfehler korrigiert: + + original: Claudius Ptolemaeus + ebook: Claudius Ptolemäus + + original: der auch Ptolemaeus + ebook: der auch Ptolemäus + + Andere Inkonsistenzen im Text wurden beibehalten.] + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Einiges aus der Geschichte der +Astronomie im Alterthum, by Friedrich Blass (Dr.) + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINIGES AUS DER GESCHICHTE *** + +***** This file should be named 39553-8.txt or 39553-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/5/5/39553/ + +Produced by Thorsten Kontowski and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org/license + + +Title: Einiges aus der Geschichte der Astronomie im Alterthum + Rede zur Feier des Geburtstags Sr. Maj. des Deutschen + Kaisers Königs von Preussen Wilhelm I. gehalten an der + Christian-Albrechts + +Author: Friedrich Blass (Dr.) + +Release Date: April 28, 2012 [EBook #39553] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINIGES AUS DER GESCHICHTE *** + + + + +Produced by Thorsten Kontowski and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + + + + + +</pre> + + +<div class="title"> + +<h1><span class="gesperrt">Einiges</span><br /> +<small>aus der</small><br /> +Geschichte der Astronomie im Alterthum.</h1> + +<hr /> + +<p><span class="gesperrt">Rede</span><br /> +<small>zur</small><br /> +Feier des Geburtstages Sr. Maj. des Deutschen Kaisers Königs von Preussen<br /> + +<span class="gesperrt">Wilhelm I.</span><br /> + +<small>gehalten</small><br /> +<span class="gesperrt">an der Christian-Albrechts-Universität</span><br /> +am 17. März 1883<br /> + +<small>von</small><br /> + +Dr. Friedrich Blass<br /> + +<small class=" gesperrt">ordentlichem Professor der classischen Philologie.</small></p> + +<hr /> + +<p>Kiel 1883.<br /> +<small><span class="gesperrt">Zu haben in der Universitäts-Buchhandlung.</span><br /> +Druck von Schmidt & Klaunig.</small></p> + +<hr class="long" /> + +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_1" id="Page_1">[S. 1]</a></span>Hochansehnliche Versammlung!</p> + +<p>Auch uns vereinigt heute die sechsundachtzigste Wiederkehr des +Geburtstagsfestes unsres erhabenen Kaisers und Königs, die in wenigen +Tagen bevorsteht. Allüberall im deutschen Reiche und weit jenseits der +Grenzen desselben, wo nur überhaupt Menschen deutschen Stammes und +deutscher Sprache beisammen sind, gedenkt man in diesen Tagen mit Freude +und Stolz des Begründers des deutschen Reiches. Und es ist gut, dass +jährlich eine Zeit wiederkehrt, die zu diesem Gedenken auffordert und den +Anlass dazu giebt, damit nicht die Gewohnheit uns abstumpfe und uns das +als alltäglich und gewöhnlich erscheinen lasse, was doch nimmermehr +gewöhnlich ist. Wir alle, die wir die grossen Ereignisse der letzten +Decennien, seitdem dieser Herrscher den Thron seiner Väter bestieg, mit +Bewusstsein durchlebt haben, müssen es uns immer wiederholen: wir sind +begünstigt vor vielen andern Geschlechtern. Nicht bloss, weil wir das +haben in Erfüllung gehen sehen, was die Hoffnung und die Sehnsucht unsrer +Väter und Grossväter war, sondern auch weil es etwas besonderes ist, +mitbetheiligter, wenn nicht gar mitwirkender Zeuge grosser Dinge und +mitlebender Genosse grosser Männer zu sein. Gleichwie jetzt unser Volk, in +den altangestammten Provinzen wenigstens, immer noch in den Erinnerungen +an Friedrich den Grossen lebt, und dieser Fürst mit seinen Generälen, +einem Seydlitz, Ziethen und so fort, dem gewöhnlichsten Manne vertraute +und geliebte Gestalten sind, so wird in kommenden Zeiten in den alten und +in den neuen Provinzen, ja vielmehr in ganz Deutschland, Kaiser Wilhelm I. +mit seinen Prinzen und seinen Genossen, einem Grafen Moltke, Grafen Roon, +Fürsten Bismarck, für Hoch und Niedrig ein geliebter Gegenstand gewohnter +Unterhaltung und, im Bilde, des verehrenden täglichen Anschauens sein. +Billig also dürfen wir mit Stolz uns freuen, dass diese Gestalt für uns +nicht nur in der Erinnerung lebt, und müssen nicht am wenigsten auch <em>die</em> +Gnade dankbar preisen, dass die Fülle der Jahre das Haupt unsres +allverehrten Kaisers und Königs noch nicht gebeugt hat. Denn wenn wir in +die Geschichte blicken, so finden wir auch dies soweit entfernt +<span class="pagenum"><a name="Page_2" id="Page_2">[S. 2]</a></span>gewöhnlich zu sein, dass es eher beispiellos ist. Gerade der heutige Tag +bringt uns die Grösse dieser Gnadengabe recht zum Bewusstsein.</p> + +<p>Hochverehrte Anwesende! Die Universitäten, als die Pflegerinnen der +Wissenschaft, und nicht zum wenigsten unsre +Christian-Albrechts-Universität, haben noch ganz besondre Ursache zum Dank +und zur Freude. Was unsre Universität dem deutschen Reiche und seinem +erhabenen Begründer verdankt, steht zum Theil sichtlich vor unsern Augen. +Das neue deutsche Reich hat sich alsbald angeschickt, auch die deutsche +Wissenschaft in allen ihren Theilen zu pflegen und zu fördern. Zwar ist +die Wissenschaft international, aber eben darum ein Gegenstand edlen +Wettstreites unter den Nationen, und wenn wir Deutschen schon vorher, ehe +wir ein geeinigtes Volk wurden, viel Ruhm und Ehren in diesem Wettstreite +erlangt haben, so ziemt es sich jetzt vollends, nicht zurückzubleiben. So +waren denn auch im verflossenen Jahre, durch die Fürsorge der Regierung +Sr. Majestät, die deutschen Schiffe und die deutschen Männer der +Wissenschaft auf den fernsten Punkten des Erdballs zur Stelle, als es +galt, die seit mehr als zweitausend Jahren von der Wissenschaft gesuchte +Entfernung des Himmelskörpers, von dem die Erde ihr Licht und ihre Wärme +empfängt, durch Beobachtung des Venusdurchganges endlich genau zu +ermitteln. Es entspricht dem Gebrauche bei Feierlichkeiten, wie die +heutige, wenn ich an dies vielbesprochene Ereigniss des letzten Jahres +eine kurze rückschauende Betrachtung anknüpfe. Die Wissenschaft ist wohl +immer in rastlosem Vordringen zur Erforschung der Geheimnisse der Natur +und des Geistes begriffen, aber daneben ist sie ebenso bestrebt, nach +rückwärts die Verbindung mit den vergangenen Geschlechtern zu erhalten und +deren Arbeit und Thun sich zu vergegenwärtigen. Wie der einzelne Mensch +die Erinnerungen aus seinem Einzelleben pflegt, so die Wissenschaft die +aus dem Gesammtleben der ganzen Menschheit.</p> + +<p>Eine solche rückschauende Betrachtung der Entwickelung der astronomischen +Wissenschaft muss nun, wenn sie bis an die Anfänge reichen will, über die +Grenzen der christlich-europäischen Cultur weit zurückgehen. Denn die +Astronomie ist älter als diese und zeigt schon durch ihre Namen und +Kunstausdrücke, dass sie von andern Nationen und Zeiten her überliefert +worden ist. Ausdrücke wie Zenith, Sternnamen wie Aldebaran sind arabisch; +Sirius und Orion und die ganze Menge der mythologischen Figuren am Himmel, +und dazu Bezeichnungen wie Pol, Ekliptik und so fort, sind griechisch, +ebenso der Name der Wissenschaft. Neben diesen Spuren, welche die Griechen +und die sie <span class="pagenum"><a name="Page_3" id="Page_3">[S. 3]</a></span>ablösenden Araber hinterlassen haben, zeigt die Fülle +lateinischer Bezeichnungen, als Äquator, Meridian, Venus, dass die Römer +auch in dieser Beziehung die Übermittler der griechischen Wissenschaft an +das Abendland geworden sind. Diese lateinischen Bezeichnungen sind eben +aus dem Griechischen übersetzt, gleich wie andre deutsche, als z. B. +Tag- und Nachtgleiche, aus dem Lateinischen übersetzt sind; gehen wir nun +aber noch weiter zurück, so finden wir, dass wie die lateinischen +Planetennamen Übersetzungen aus den griechischen Götternamen, so auch +diese griechischen selbst wieder Übersetzungen sind, und dass wir mit den +Griechen noch nicht die ersten Anfänge erreicht haben. Diese sind vielmehr +bei den orientalischen Nationen, den Ägyptern und Chaldäern, und zumal bei +den letzteren, denen in der That ein keineswegs geringer Bestand verdankt +wird. Die Namen der Planeten sind ursprünglich die babylonischer Götter, +an deren Stelle die Griechen entsprechende aus ihrer eigenen Götterlehre +setzten; daher sind dann auch, durch weitere Übersetzung aus einer Sprache +in die andere, die Namen unsrer Wochentage gekommen. Babylonisch ist auch +die Eintheilung des Thierkreises in 12 Zeichen und die Benennung dieser +Zeichen; die Eintheilung des Tages in zweimal zwölf Stunden, statt in +irgend welche andre Zahl, und die der Himmelskreise in sechsmal 60 Grade +und des Grades in 60 Minuten; überall herrscht hier die Zahl sechs mit +ihren Produkten, wie vor Tausenden von Jahren so noch heute. Und doch +dürfte man nicht wohl von einer eigentlichen Wissenschaft der Astronomie +bei den Chaldäern reden. Ich las kürzlich den Ausspruch eines bedeutenden +Mathematikers, dass die Naturwissenschaften überhaupt nur in dem Masse +wirklich als Wissenschaft gelten könnten, als sie mathematisch geworden +seien. Ob nun dies bei den anderen Naturwissenschaften zutrifft, kommt mir +nicht zu zu entscheiden; unbestreitbar aber gilt es von der Astronomie. +Auch genügt nicht das Zählen und Rechnen, welches die Chaldäer auf Grund +jahrhundertelanger Beobachtung zur Bestimmung der Umlaufszeiten der +Planeten handhabten. Das war wohl Material für wissenschaftliche +Astronomie, aber nicht diese selbst, und die Chaldäer sind mit ihren +Mitteln und ihrer Methode nicht einmal zu der Erkenntniss gekommen, dass +die Erde eine Kugel ist. Was sie aufbauten und ausbildeten, war vielmehr +die Pseudowissenschaft der Astrologie, vermöge deren sie freilich einen +merkwürdigen Einfluss nicht nur auf Griechen und Römer, sondern indirekt +auch auf die modernen Nationen bis ins 17. Jahrhundert ausgeübt haben. Mit +Recht also sagt ein Schüler Platons, dass die Griechen hier wie sonst zwar +die Anregungen und Anfänge <span class="pagenum"><a name="Page_4" id="Page_4">[S. 4]</a></span>von den Barbaren überkämen, aber das +Empfangene dann viel schöner auszugestalten wüssten. Die Chaldäer blieben +in der Astrologie stecken, die wissenschaftliche, mit der Mathematik +aufgebaute Astronomie ist, wie die Mathematik selbst, eine Schöpfung der +Griechen.</p> + +<p>Freilich erst sehr allmählich und niemals ganz hat auch dies begabteste +Volk des Alterthums sich von kindlichen und abergläubischen Vorstellungen +über die Weltkörper zu befreien vermocht. Nicht früher als etwa im +4. Jahrhundert v. Chr., in der Zeit Platons, beginnt zugleich die +Mathematik und eine auf sie gegründete Astronomie einen grösseren +Aufschwung zu nehmen. Damals sind es zwei Schulen, die sich die Ausbildung +dieser Wissenschaften angelegen sein lassen: in Athen die des Platon, in +dem griechischen Unteritalien und Sicilien die der Pythagoreer. Auf die +letzteren wird die Aufstellung des Hauptproblems der alten Astronomie +zurückgeführt, welches sie so fassten: was für gleichmässige und +kreisförmige Bewegungen man vorauszusetzen habe, um den thatsächlichen +Erscheinungen am Himmel gerecht zu werden. Wir können hier tadeln, dass +das Problem zu früh gestellt sei, vor genügender Feststellung der +thatsächlichen Erscheinungen, und ferner, dass die Lösung ungehöriger +Weise durch zwei Bedingungen präjudicirt wurde, nämlich durch die +geforderte Gleichmässigkeit und Kreisförmigkeit der Bewegungen. Es haben +sich aber sämmtliche Astronomen des Alterthums und auch die der Neuzeit +bis zu Kepler an diese Bedingungen gebunden; selbst letzterer hat erst +spät und mit Widerstreben die kreisförmige Bewegung aufgeopfert. Bei den +Alten nun hängt diese Forderung mit ihrer Religion zusammen. Denn während +der Christ in den Dingen am Himmel nur eine Schöpfung sieht, welche mit +der Erkenntniss zu beherrschen er sich berufen fühlt, erblickte die antike +Menschheit, Schöpfer und Schöpfung vermischend, in der Sonne und den +anderen Himmelskörpern sowie auch in der Erde etwas unmittelbar +Göttliches, einen Gegenstand religiöser Verehrung. Ein Mann wie Platon +will den Atheismus bezwingen durch den Hinweis auf die »sichtbaren +Götter«, d. i. Sonne, Mond und Sterne, und die materialistische Schule des +Epikur weiss diese beunruhigende Götterfurcht nicht anders fernzuhalten +als indem sie, mit dem ihr eignen Dogmatismus, aller Mathematik zum Trotz +auf das Dogma schwor, dass die Sonne nicht grösser sei als sie scheine, +d. h. etwa einen Fuss breit. Erst das Christenthum hat dem Menschen die +Freiheit von der Natur und die Herrschaft über sie zurückgegeben. Wenn nun +aber, gemäss der antiken Auffassung, die Gestirne Götter waren, so +<em>schickte sich</em> für sie nur eine ganz gleichmässige <span class="pagenum"><a name="Page_5" id="Page_5">[S. 5]</a></span>Bewegung, und ferner +keine andre als die allerregelmässigste und einfachste, nämlich die +Kreisbewegung. Man wird über diesen Grundirrthum der antiken Astronomie +billiger urtheilen, wenn man bedenkt, dass an den scheinbaren +Unregelmässigkeiten der Planetenbewegung, welche die Alten als nothwendig +bloss scheinbar voraussetzten, der überwiegend grösste Theil wirklich +bloss scheinbar ist, und dass der erste Fortschritt jedenfalls in der +Erkenntniss dieses trüglichen Scheines bestehen musste.</p> + +<p>Nachdem nun in der pythagoreischen und demnächst auch in der platonischen +Schule das astronomische Problem so gestellt war, entstand ein Eifer es zu +lösen, der die ganze Frische einer jungen Wissenschaft zeigt. Man ging +dabei im allgemeinen, wie auch natürlich war, von der Annahme aus, dass +das Ruhen der Erde kein blosser Schein sei, dass also der Himmel sich +bewege. Über die Kugelgestalt der Erde war man sich damals schon fast oder +völlig einig; um diese Kugel herum nun dachte man sich andre Kugeln +gelegt, zunächst die, mit der sich der Mond bewege, dann weiter die Kugeln +oder Sphären der Planeten, worunter auch der Sonne, und schliesslich alle +umfassend die Sphäre des Fixsternhimmels. Diese letztere bewege sich, alle +eingeschlossenen Sphären mit sich reissend, alle 24 Stunden einmal von +Osten nach Westen um die Weltachse herum; die eingeschlossenen Sphären +aber hätten ausserdem jede ihre eigenthümliche Bewegung, in +entgegengesetzter Richtung und um eine anders liegende Achse, die der +Ekliptik. Von diesen Annahmen nun, die im ganzen Alterthum herrschend +geblieben sind, war keine in dem Masse unwahrscheinlich und unglaublich, +wie die tägliche Bewegung des Fixsternhimmels, zumal da man schon früh +mehr und mehr den ungeheuer weiten Abstand der Himmelskörper zu ahnen +begann. Und ferner lag doch auch die Überlegung nahe, dass man den +thatsächlichen Erscheinungen durch die Annahme einer täglichen Umdrehung +der Erde um ihre Achse nicht minder gerecht werden könne. Wirklich ist +diese Ansicht sowohl in der pythagoreischen wie in der platonischen Schule +aufgestellt worden, in letzterer von Herakleides dem Pontiker; aus +ersterer werden die Syrakusier Hiketas und Ekphantos genannt, bei denen, +und speziell bei Hiketas, auch die Priorität zu suchen ist. Andere +Pythagoreer hatten eine eigenthümliche Lehre von einem uns stets +unsichtbaren Centralfeuer, um welches Erde, Sonne und Planeten kreiseten; +die tägliche Umdrehung des Himmels wurde auch hierdurch beseitigt. Platon +selbst gebraucht an einer Stelle von der Erde, die er in den <span class="pagenum"><a name="Page_6" id="Page_6">[S. 6]</a></span>Mittelpunkt +des Weltalls setzt, einen mehrdeutigen Ausdruck, den man schon im +Alterthum auf Achsendrehung bezogen hat: aber da er daneben unzweideutig +die Drehung des Himmels lehrt, so ist für Achsendrehung in seinem System +keine Stelle. Aristoteles aber sucht jegliche Bewegung der Erde als +unstatthaft nachzuweisen, aus Gründen der äusserst mangelhaften antiken +Physik, welche auf die Entwickelung der Astronomie einen sehr üblen +Einfluss ausgeübt hat. Indem man sich die Welt als einheitliches Ganzes +aus den vier oder fünf Elementen construirte, wies man denselben ihren +Platz je nach der Schwere näher dem Mittelpunkte oder ferner von demselben +an; also musste die Erde in der Mitte sein, die Gestirne aber, welche von +dieser fern und ferner kreiseten, aus den leichtesten Elementen, dem Feuer +und Äther, bestehen. Und auch gegen eine Achsendrehung der Erde hat +Aristoteles seine physikalischen Gründe. Es waren überhaupt wahre Berge +von Vorurtheilen zu überwinden, und das Verwunderliche ist schliesslich +nicht, dass man im allgemeinen sich nicht entschloss die Erde zu bewegen, +sondern dass Einzelne doch trotz aller Vorurtheile dies thaten. Von +demselben Herakleides und den Pythagoreern lesen wir auch, dass sie den +Mond und die Sterne für besondre Welten gleich der Erde hielten, jeden wie +diese von seiner Atmosphäre umschlossen, und von Herakleides allein, dass +er wenigstens zwei der Planeten, den Merkur und die Venus, nicht um die +Erde, sondern um die Sonne kreisen liess. Das sich hieraus ergebende +Weltsystem, nicht unähnlich dem zur Vermittelung zwischen dem antiken und +dem coppernicanischen von Tycho de Brahe aufgestellten, nannte man sonst +wohl das ägyptische, indem man die Stelle eines späten lateinischen Autors +dahin missverstand, als hätten die Ägypter dies gelehrt. Es findet sich +aber bei einem andern späten Lateiner dies System ohne weiteres als das +richtige vorgetragen, woraus zu schliessen, dass dasselbe auch nach +Herakleides Vertreter gefunden hat; denn es ist gleich undenkbar, dass +jener Autor es aus sich erfunden, wie dass er es aus dem alten Herakleides +entnommen hätte. Die Sache ist die, dass diese beiden inneren Planeten aus +sehr einfachen Gründen sich immer nahe der Sonne zeigen, weswegen auch, +bei der anscheinend mit der Sonne gleichen Umlaufszeit, die Vertreter des +gewöhnlichen Weltsystems fortwährend stritten, ob die Sonne oder diese +Planeten, und ob Merkur oder Venus höher stehe. Herakleides' Aufstellung +also bildet den Anfang des die Sonne ins Centrum setzenden, sogenannten +heliocentrischen Systems, welches bald seine vollere Ausbildung erhalten +sollte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_7" id="Page_7">[S. 7]</a></span>Aristoteles' zweiter Nachfolger in der Leitung der von ihm gegründeten +philosophischen Schule war Straton von Lampsakos, der Physiker genannt, +weil er diesen Theil der Philosophie besonders pflegte. Er wich dabei von +der aristotelischen Lehre wesentlich ab, nach der Seite des Materialismus, +indem er an die Stelle des göttlichen Baumeisters der Welt den Zufall +setzte, der den ersten Anstoss zur Bewegung der Materie und zur +Entwickelung der in ihr wohnenden Kräfte gegeben. Von diesem Standpunkte +aus konnte er auch die Dinge am Himmel etwas vorurtheilsfreier betrachten, +als das einem Platon oder Aristoteles möglich war, und so wird es wohl +nicht zufällig sein, dass aus seiner Schule ein Mann hervorging, der die +Kühnheit hatte, zur Erklärung der thatsächlichen Erscheinungen die der +gewöhnlichen entgegengesetzte Hypothese aufzustellen. Es war dies +Aristarchos von Samos, dessen Blüthe ungefähr 280-270 v. Chr. fällt; er +lebte vielleicht in Alexandria, wo auch Straton eine Zeitlang als +Prinzen-Erzieher sich aufhielt. Denn nicht in Athen und überhaupt nicht in +dem griechischen Mutterlande, dessen geistige Produktionskraft nachgerade +fast erloschen war, sondern in den alten und neuen griechischen Gründungen +im Osten und Westen, als Alexandria, Rhodos, Syrakus, sind fortan die +Hauptstätten der Wissenschaft, Literatur und Kunst zu suchen. Aristarch's +Schrift nun, in der er diese Hypothese voranstellte, ist verloren, und +auch die Nachricht davon war dem Coppernicus noch nicht bekannt, während +derselbe von Hiketas' und Herakleides' Achsendrehung durch Autoren, wie +Cicero, Kunde hatte, und auch von einem Systeme, wonach wenigstens die +Planeten sich um die Sonne drehten. Wenn umgekehrt Aristarch's Schrift +erhalten, oder doch das Wissen von ihr lebendig geblieben wäre, so würden +wir wohl unzweifelhaft unser Weltsystem nicht das coppernicanische, +sondern das aristarchische nennen. Nun aber sind nicht einmal die +Einzelheiten der Aufstellung vollständig überliefert, noch auch Titel und +Inhalt der gesammten Schrift mit Sicherheit zu ermitteln. Dass Aristarch +die neue Meinung in der Form der Hypothese brachte, war nach der +ursprünglichen Fassung des Problems ganz selbstverständlich; bewiesene +Wahrheit ist sie überhaupt erst spät geworden. Bestimmt bezeugt wird, dass +er die Erde sowohl um ihre eigene Achse, als um die Sonne sich bewegen +liess; um die Erde kreisete der Mond, aus dessen gelegentlicher Stellung +zwischen Erde und Sonne Aristarch gleich den Vertretern des gewöhnlichen +Systems die Verfinsterungen der Sonnenscheibe erklärte; von den Planeten +hören wir nichts, indess versteht <span class="pagenum"><a name="Page_8" id="Page_8">[S. 8]</a></span>sich von selbst, dass er auch diesen +eine Bewegung um die Sonne zutheilen musste. Diese bildete ihm das +unbewegliche Centrum der Welt; unbeweglich war auch der das Centrum und +die Erdbahn umschliessende Fixsternhimmel. Um aber dem Einwurfe zu +begegnen, den schon Aristoteles gegen eine Fortbewegung der Erde +vorbringt, dass nämlich dann die Fixsterne den Ort ihres Erscheinens +periodisch wechseln müssten, nahm er alsbald den Satz in seine Hypothese +auf, dass sich die gesammte Erdbahn zu der Sphäre der Fixsterne nur wie +der Mittelpunkt zur Oberfläche der Kugel verhalte. Der grosse Archimedes, +der uns dies mittheilt, nimmt an der Form dieses Satzes Anstoss, da doch +der Mittelpunkt gar keine Grösse und folglich auch kein Verhältniss zur +Oberfläche habe; er kann sich aber offenbar auch in die grossartige +Kühnheit der Anschauung nicht finden, nach welcher nicht nur Erde, nicht +nur Sonne, sondern auch die ganze Bahn der ersteren um die letztere zu +einem unmessbaren Punkte wird, wenn man die Abstände der Fixsterne +vergleicht. Archimedes, der sich mit Astronomie nur zum geringsten Theil +beschäftigte und die richtige Erkenntniss haben mochte, dass vor weiterer +Ausbildung der Mathematik und vor weiterer Ansammlung genauer +Beobachtungen eine sichere Construction der Himmelserscheinungen nicht +möglich sei, spricht sich über die gesammte Hypothese weder billigend noch +missbilligend aus; Andern aber gab sie grossen Anstoss. Wir lesen eine +Äusserung des stoischen Philosophen Kleanthes, Aristarch müsse vor dem +Gerichte aller Hellenen des Religionsfrevels angeklagt werden, weil er den +Heerd der Welt verrücke, die unbewegliche Erde nämlich, welche nach der +alten Anschauung der feste Mittelpunkt der Welt, wie der Heerd und seine +Personifikation, die Göttin Hestia, der des Hauses war. Man muss aber +wegen dieses hyperbolischen Ausdrucks der Entrüstung nur nicht meinen, +dass ein wirklicher Prozess gegen Aristarch dazumal überhaupt möglich +gewesen sei. Wohl waren die überlieferten Anschauungen in den Gemüthern +der Gebildeten wie der Ungebildeten mächtig und unbezwinglich; aber +hiervon war nur das die Folge, dass Aristarch trotz seines sehr hohen +Ansehens als Astronom seiner Hypothese nicht Eingang verschaffen konnte. +Das heliocentrische System hat unseres Wissens nachher nur noch <em>einen</em> +Vertreter gehabt, den Seleukos aus Babylonien, einen Mann chaldäischer +Herkunft, aber griechisch gebildet, dessen Zeit man um die Mitte des +2. Jahrhunderts v. Chr. setzen kann. Er stellte die Bewegung der Erde um +die Sonne nicht bloss als Hypothese, sondern als Thatsache hin und +benutzte sie zur Erklärung der Erscheinungen <span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">[S. 9]</a></span>von Ebbe und Fluth, in einer +eigenthümlichen, unsern Einsichten allerdings nicht entsprechenden Weise.</p> + +<p>Wir sehen also, dass die Erkenntniss des Weltsystems im Alterthum +gewissermassen eine rückläufige Bewegung nimmt, soweit dass bei Ptolemäus, +dessen Almagest sozusagen das Facit der gesammten astronomischen +Leistungen des Alterthums darstellt, die heliocentrische Hypothese nicht +einmal mehr bekämpft, noch überhaupt erwähnt wird. Jedes Zeitalter und +jedes Volk hat sein bestimmtes Mass von Erkenntniss, welches es erreichen +soll und erreicht; für die antike Welt war hier die Grenze, innerhalb +deren indess auch nach Aristarch noch ausserordentlich viel geleistet +worden ist. Denn auch das rechne ich unter die Leistungen, dass das +gewöhnliche Weltsystem gerade durch die höchst vollkommene Ausbildung, die +es unter den Händen grosser Astronomen erfuhr, in seiner Unhaltbarkeit und +Unmöglichkeit aufgewiesen wurde; es war ja auch in der Ordnung, dass man +die zunächstliegende Annahme der ruhenden Erde vorläufig festhielt und nun +gründlich untersuchte, ob man damit zur Erklärung der thatsächlichen +Erscheinungen auskommen konnte. Diese zur Erklärung zu bringenden +Erscheinungen bestehen nun nicht nur in dem scheinbaren Stillstehen und +Rückwärtsgehen der Planeten, sondern auch in der Ungleichheit der +Zeitabschnitte, in denen die Sonne die vier vollkommen gleichen +Abschnitte, in die man ihre Bahn im Thierkreise zerlegt, zu durchlaufen +scheint. Zur Erklärung der Planetenbewegung stellte Plato's Schüler, der +bedeutende Astronom und Mathematiker Eudoxos, und nach ihm zu Aristoteles' +Zeit Kallippos von Kyzikos ein System von vielen um denselben Mittelpunkt +liegenden Sphären auf, jede mit ihrer eigenthümlichen Bewegung; die +Planeten und ebenso Sonne und Mond waren jeder in einer dieser ziemlich +solide gedachten Sphären befestigt, es gehörten aber ausserdem zu jedem +noch mehrere sogenannte sternlose Sphären, um die den Planeten tragende +herumliegend. Es entstand somit ein höchst complicirtes System von +Bewegungen, indem jede dieser äusseren Sphären des Planeten auf die +inneren einwirkte und ihre Bewegung auf diese übertrug, und die innerste, +den Planeten tragende schliesslich die Bewegungen aller anderen und ihre +eigne in sich vereinigte. Aber man erkannte bald, dass dieser Weg ein +heilloser und hoffnungsloser Irrweg sei, zumal da <em>eine</em> Art von +Unregelmässigkeit schlechterdings ohne Erklärung blieb, die nämlich, dass +der Mond und die Planeten Mars und Venus augenfällig in ihrer scheinbaren +Grösse, d. i. in ihrer Entfernung vom Mittelpunkte wechseln. So verfielen +denn <span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">[S. 10]</a></span>die Astronomen nach Kallippos und vielleicht schon vor ihm auf eine +andere Art der Erklärung. Sie gaben nämlich den gemeinsamen Mittelpunkt +der Bahnen auf, und theilten jeder Planetenbahn einen besondern, von dem +Mittelpunkte der Welt, d. i. der Erde, mehr oder weniger weit abliegenden +Mittelpunkt zu; mit andern Worten, sie liessen Sonne, Mond, Planeten sich +in excentrischen Kreisen um die Erde bewegen. Somit mussten denn die +Weltkörper dieser bald näher, bald ferner zu stehen kommen und darnach +bald grösser, bald kleiner erscheinen, und auch jene Unregelmässigkeit der +Sonne, dass sie gleiche Abschnitte ihrer scheinbaren Bahn in ungleichen +Zeiten durchläuft, erhielt auf diese Weise ihre vollkommen befriedigende +Erklärung. Denn wenn die wirkliche Bahn der Sonne eine andere, der Erde +hier näher, dort ferner liegende ist, so sind auch die scheinbar gleichen +Abschnitte der Bahn in Wirklichkeit ungleiche, und die Sonne wird, ohne in +Wahrheit ihre Schnelligkeit zu steigern oder darin nachzulassen, doch als +schneller laufend erscheinen, wenn sie die in Wirklichkeit kürzere Strecke +durchläuft, und umgekehrt als langsamer laufend, wenn sie sich durch die +längere Strecke bewegt. Für die Sonne, d. h. thatsächlich für die Bewegung +der Erde um die Sonne, hat sich denn auch das nachfolgende Alterthum im +ganzen bei dieser Erklärung durch den excentrischen Kreis beruhigt, welche +ja auch mit der Keplerschen durch die elliptische Bahn eine gewisse +Ähnlichkeit hat. Es war allerdings völlig unerfindlich, weshalb denn die +Sonne sich nicht um den Mittelpunkt der Welt, sondern um einen von diesem +ziemlich entfernten Punkt, der ganz im freien Raume lag, bewege; aber um +die physikalische Erklärung kümmerten sich die Astronomen wenig, da sie +laut dem ursprünglichen Problem nur zu untersuchen hatten, durch was für +gleichmässige und kreisförmige Bewegungen sich die thatsächlichen +Erscheinungen erklären liessen. Auch Kepler hat für die von ihm +construirten Bewegungen die physikalische Erklärung noch nicht gegeben, +sondern erst Newton; der erhebliche Unterschied ist ja freilich, dass sich +das Kepler'sche System physikalisch begründen liess, das der excentrischen +Kreise nimmermehr. Indess auch die Alten waren mit diesem Systeme noch +keineswegs am Ende ihrer Mühen. Denn die Bewegungen der mit der Erde um +die Sonne kreisenden Planeten, und die des die Erde begleitenden Mondes +erscheinen ganz erheblich complicirter, und diese Erscheinungen wurden nun +den Griechen mehr und mehr bekannt, theils durch die fortgesetzte eigne +Beobachtung, theils indem ihnen, von den Zeiten Alexanders des Grossen ab, +die vielhundertjährigen babylonischen <span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">[S. 11]</a></span>Beobachtungen zugänglich wurden. Es +kam auch das dazu, dass durch eine Reihe von Erfindungen die Instrumente +zur Beobachtung sich etwas vermehrten und verbesserten, so ungeheuer weit +auch gerade hier der Abstand zwischen der modernen Verfeinerung und +Präcision und den antiken Anfängen geblieben ist. Ferner sind sehr +wesentlich die im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. gemachten +ausserordentlichen Fortschritte der Mathematik. So kam man denn zur +Erklärung der Bewegungen noch auf eine andere Construction, die der +sogenannten Epicykeln. Thatsächlich ist die Bewegung des Mondes eine +derartige, dass er um die kreisende Erde selber herumkreist; nicht +unähnlich der eines Punktes auf einem kleinen Maschinenrade, welches an +dem Rande eines sich drehenden grösseren befestigt ist und nun theils mit +diesem gedreht wird, theils daneben noch seine eigene Bewegung hat. Die +Alten nun construirten sich die Bewegung des Mondes so, dass er um einen +Punkt seiner Bahn, dieser Punkt aber mit dem kreisenden Monde sich um die +Erde bewege; sie dachten sich die Erde gleichsam inmitten jenes grossen +Rades, sagen wir an der ruhenden Achse befestigt, und zwar auch nicht +gleich weit von den Punkten des Umfangs entfernt, den Mond aber am Umfange +des kleinen Rades, und sie nannten nun dies kleine Rad oder vielmehr den +entsprechenden Drehungskreis den Epicykel. Es ist begreiflich, dass man +beim Monde mit einer solchen Construktion einigermassen auskam, da sie den +Thatsachen entspricht, sowie man an Stelle der Erde die Sonne, die Erde +aber in das bei den Alten leere Centrum des kleinen Kreises setzt. Bei den +Planeten aber langte weder diese Erklärung noch irgend eine andre zu, so +dass hieran, trotz aller scharfsinnigen Versuche, das antike System mit +der ruhenden Erde zu Schanden geworden ist. Der grösste aller Astronomen +des Alterthums, Hipparchos, hat dies indirekt auch selber anerkannt, indem +er bei den Planeten auf eine eigne Erklärung verzichtete, und sich auf den +Nachweis der Unhaltbarkeit der bisherigen Erklärungen beschränkte. +Hipparchos, von dessen zahlreichen Schriften leider nur eine einzige, noch +dazu eine mehr populäre und wissenschaftlich nicht bedeutende erhalten +ist, stammte aus Nicäa in Bithynien, lebte aber nachher theils, wie es +scheint, in Alexandrien, theils und vornehmlich auf Rhodos; seine +astronomischen Beobachtungen lassen sich von 161-126 v. Chr. verfolgen. +Das Schicksal der griechischen Wissenschaft war, dass er keinen Nachfolger +in seinem Werke fand, ausser dreihundert Jahre später den <a name="Korr_S11-1" id="Korr_S11-1"></a>Claudius +Ptolemäus, der seinen Almagest grösstentheils mit Hipparch's Methoden und +mit Hipparch's Beobachtungen herstellte. Mit <span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">[S. 12]</a></span>dem zweiten Jahrhundert +v. Chr. nämlich ging nicht nur die politische Blüthe der griechischen und +halbgriechischen Staaten des Ostens allenthalben zu Ende, sondern auch die +frische und Neues erzeugende Kraft der griechischen Wissenschaft und +überhaupt des griechischen Geistes. Die Zeit der Kaiser, besonders derer +am Anfange des zweiten Jahrhunderts n. Chr., brachte nur noch eine +Nachblüthe, <a name="Korr_S12-1" id="Korr_S12-1"></a>der auch Ptolemäus angehört. Hipparch nun verfasste, um nur +Einiges anzuführen, ein ausgedehntes Werk über Trigonometrie, deren er bei +seinen Berechnungen vor allem bedurfte; ferner eine Schrift über die +genaue Länge des Sonnenjahres, eine andre über die genaue Dauer des +Mondumlaufes, sodann, wie wenigstens Plinius sagt, eine Tabelle der +Sonnen- und Mondfinsternisse, auf sechshundert Jahre für eine Reihe von +Örtern der Erde vorausberechnet; wiederum, als nothwendige und doch bisher +noch fast völlig mangelnde Grundlage für astronomische Beobachtungen, +entwarf er eine Himmelskugel und eine Planisphäre, auf denen die +Sternbilder und Sterne nach Länge und Breite genau eingetragen waren, und +ein Verzeichniss von mehr als 1000 so bestimmten Sternen. Eben dies führte +ihn auf seine berühmte Entdeckung der rückschreitenden Bewegung der +Tag- und Nachtgleichenpunkte, indem er bei Vergleichung seiner +Bestimmungen von Sternen mit einigen wenigen ihm vorliegenden älteren +solche Unterschiede fand, die ihm durch die Ungenauigkeit jener älteren +Messungen nicht genügend erklärt schienen. Er trug allerdings seine +nachmals vollauf bestätigte Theorie nur als Vermuthung vor, und so verfuhr +er überall, wo ihm das Material einschliesslich seiner eignen Messungen +noch nicht den wünschenswerthen Grad von Genauigkeit und Zuverlässigkeit +zu haben schien. Denn neben dem unermüdlichen Fleisse und der Genauigkeit +und Sorgfalt, die so weit ging, wie sie mit jenen Instrumenten der Alten +nur immer gehen konnte, wird ihm besonders seine Wahrheitsliebe +nachgerühmt, jene nämlich, die den Unterschied zwischen Hypothesen und +erwiesenen Thatsachen, unbeirrt durch Eigenliebe, nicht verkennt und nicht +verwischt, sondern im Gegentheil immer hervorkehrt, und die ganz gewiss +eins der entschiedensten Kennzeichen echter Wissenschaftlichkeit ist. Eben +als Mann der Wissenschaft liess er auch, wie es scheint, die +Construktionen der Philosophen, die sich dazumal vermassen überall die +Ursachen und die letzten Gründe höchst ungenügend festgestellter +Erscheinungen erkennen zu können, unbeachtet bei Seite, wofür ihm jene mit +einem Bedauern seiner mangelhaften Erkenntniss vergolten haben. Dagegen +sehen wir aus der erhaltenen Schrift, dass er auch philologisch gebildet +war: gleichwie <span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">[S. 13]</a></span>überhaupt die Gelehrten auch noch in jener Zeit eine +gewisse Universalität der Bildung anstrebten. Unter seine astronomischen +Leistungen gehört nun auch eine Berechnung der Entfernung und der Grösse +von Sonne und Mond mit Hülfe der auch heute noch dazu benutzten +sogenannten Parallaxe, und damit werden wir wieder auf unsern +Ausgangspunkt zurückgeführt. Denselben Gegenstand behandelt die einzige, +wenigstens im Auszuge erhaltene Schrift des Aristarch von Samos; aber die +Methode ist hier noch eine andre, viel unzulänglichere, und aus der +Vergleichung sieht man, welche Fortschritte die Astronomie mit den hundert +bis hundertfunfzig Jahren zwischen Beiden gemacht hat. Aristarch schickt +seiner Beweisführung sechs Hülfsannahmen voraus, von denen einige auch von +der geförderten Astronomie gebilligt wurden, andre aber ganz und gar +nicht. So gleich die zweite, dass die gesammte Erde in Vergleich zu der +Sphäre, d. i. dem Umlaufskreise des Mondes, sich nur wie ein unmessbarer +Punkt verhalte. Hiermit wird nämlich die Parallaxe sogar mit Beziehung auf +den Mond, wo sie am allergrössten ist, von vornherein aufgehoben, und der +einzig geeignete Weg zur Lösung des Problems versperrt. Die Sache ist die. +Wenn wir auf der Erde am fernsten Horizonte, etwa im Norden, einen +hervorragenden Punkt haben, einen Kirchthurm z. B., und ferner ungefähr in +der Richtung dieses Punktes, nicht allzuweit von uns entfernt, ein Haus +oder dergleichen, so ist es klar, dass, wenn wir uns in der Richtung von +Ost nach West oder von West nach Ost eine gewisse Strecke fortbewegen, die +Stellung des Hauses und des Thurmes zu einander sich verschieben wird, so +dass der Thurm bald rechts vom Hause erscheint, bald verdeckt von +demselben, bald links hervortretend. Messen wir nun die von uns +zurückgelegte Strecke und den Winkel zwischen beiden Gegenständen, wie sie +von den beiden Endpunkten aus erscheinen, und zwischen einem Gegenstande +und dem etwa durch einen Baum markirten andern Endpunkte der Strecke, so +sind wir mittels der Trigonometrie im Stande, die Entfernung der +Gegenstände zu berechnen, und aus dem scheinbaren Durchmesser auch den +wirklichen Durchmesser. Auf dieselbe Weise nun verschiebt der Mond, wenn +wir unsern Standort auf der Erde um eine bedeutende, sagen wir einige +hundert Meilen betragende Strecke wechseln, seine Stellung zu den +Fixsternen, so dass ein bestimmter Stern bald rechts vom Monde erscheint, +bald von ihm bedeckt wird, bald links hervortritt. Darnach ergeben sich +Methoden, die Entfernung und Grösse des Mondes zu berechnen, aus seiner +Parallaxe, d. i., nach dem ursprünglichen Wortsinne, dem Unterschiede +seiner Stellung zu den <span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">[S. 14]</a></span>ferneren Himmelskörpern oder den Himmelskreisen, +welcher durch die besondern Standorte auf der Erde hervorgebracht wird. +Ähnlich verhält es sich mit der Sonne, und mit Sonne und Mond zugleich, +wenn bei der Sonnenfinsterniss dieser vor jener vorübergeht, und mit Sonne +und Venus und sofort. Nur für die Fixsterne ist wegen ihrer ungeheuren +Entfernung die Parallaxe gleich Null, und so setzte auch Hipparch im +Verhältniss zum Fixsternhimmel die gesammte Erde einem Punkte gleich, +durchaus aber nicht im Verhältniss zur Entfernung des Mondes oder der +Sonne, sondern hier suchte er die Parallaxe zu finden. Ein andres +wichtiges Stück für die Berechnung ist die möglichst genaue Bestimmung des +scheinbaren Durchmessers von Sonne und Mond. Hier finden wir nun zu unserm +Erstaunen unter Aristarchs Prämissen die, dass der scheinbare Durchmesser +des Mondes 2 Grad oder 1/180 der Peripherie des Himmels betrage, d. i. +etwa viermal mehr als die richtige Messung ist. Und doch konnte das schon +der Augenschein lehren, dass ein Zeichen des Thierkreises, d. i. 1/12 des +ganzen Kreises, von 15 nebeneinander gedachten Monden noch lange nicht +ausgefüllt wurde, also auch nicht der ganze Kreis von 180. Unser Erstaunen +wächst, wenn wir bei Archimedes lesen, dass derselbe Aristarch den +scheinbaren Sonnendurchmesser auf 1/2 Grad oder 1/720 des Thierkreises +bestimmte, was annähernd richtig ist. Sonne und Mond erscheinen aber +ziemlich gleich gross, und nun soll ein Astronom sich eingebildet haben, +dass die Sonne viermal kleiner aussähe? Und doch wird jene Prämisse in der +Schrift wirklich so benutzt, freilich, was wieder merkwürdig ist, ohne +dass die schliesslichen Resultate dadurch verfälscht würden; im +Gegentheil, wenn man einen viermal kleineren Werth einsetzt, so bleibt +doch, was Aristarch über das Verhältniss von Sonnen-, Erd- und +Monddurchmesser und über das Verhältniss der Abstände der beiden +Himmelskörper herausrechnet, genau so stehen. Da nun dies durchaus nicht +wie Zufall aussieht, so wird man annehmen müssen, dass der Astronom sich +über die Falschheit der Prämisse keineswegs täuschte, aber Gründe hatte, +doch mit ihr als mit einer gegebenen zu rechnen, da er den Fehler +unschädlich fand; in der ursprünglichen, vollständigen Schrift wird ja +wohl eine Aufklärung darüber gegeben sein. Ebenso auch wohl darüber, dass +er die gesammte Erde als Punkt ansetzte und den Standort des Beobachters +mit dem Mittelpunkte der Erde identificirte, während doch aus den übrigen +Annahmen und Rechnungen sich ableiten lässt, dass der Erddurchmesser mehr +als den 57. Theil der Mondbahn ausmache, der gegenüber er als unmessbar +kleine Grösse bezeichnet wird. Aber <span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">[S. 15]</a></span>Aristarch verstand es eben noch +nicht, mittelst der Parallaxe selbst zu berechnen, und so strich er sie +lieber ganz, um nicht durch sie seine Rechnungen ohne wesentlichen Nutzen +complicirt zu machen. Was er nun an sonstigen Methoden und Construktionen +hat, ist zwar an sich nicht zu beanstanden und zeigt ausserordentlichen +Scharfsinn, reicht aber, auch abgesehen von der Ungenauigkeit der +Messungen, zur Gewinnung genügend präcisirter Ergebnisse nicht aus. +Immerhin ist in Bezug auf die Grösse des Mondes sein Ergebniss nicht +allzufalsch; denn er findet den Durchmesser des Mondes ungefähr dreimal +kleiner als den der Erde, während er in der That nahezu viermal kleiner +ist. Wie gross er den Erddurchmesser annahm, wird nirgends angedeutet; der +berühmte Eratosthenes von Kyrene, der etwa um eine Generation jünger war, +berechnete den Erdumfang bereits auf einige 100 Meilen richtig. Bezüglich +der Sonne hatte schon Eudoxos erschlossen, dass sie grösser als die Erde +sei; von der Wahrheit aber, dass ihr Durchmesser den der Erde um mehr als +das Hundertfache übertreffe, blieb das ganze Alterthum noch weit entfernt, +und Aristarch setzte wenigstens ein höheres Maass als alle seine +Vorgänger, nämlich etwa das Siebenfache des Erddurchmessers. Ebenso, +während thatsächlich die Entfernung der Sonne das Vierhundertfache von der +des Mondes ist, berechnete Aristarch sie als kleiner denn das +Zwanzigfache. Die Entfernung des Mondes aber im Verhältniss zu seinem +eigenen Durchmesser ist durch die Bestimmung des scheinbaren Durchmessers +alsbald gegeben; also hier kommt bei dem Fehler, der bezüglich des +letzteren vorliegt, etwas recht Falsches heraus. Die Späteren, Hipparch +und Ptolemäus, erkannten erstlich, dass der Mond durchaus nicht immer +gleich weit entfernt sei; sodann massen sie genau den Durchmesser, wie er +bei den verschiedenen Abständen erschien, und bedienten sich auch noch +weiterer Beobachtungen und Methoden, mit denen sie, und namentlich +Ptolemäus, Entfernung und Grösse dieses uns nächsten Himmelskörpers +annähernd richtig bestimmten. Die Sonne, bei der die Parallaxe so sehr +viel kleiner ist, vermochte Ptolemäus nicht weiter zu entfernen als schon +Aristarch im Verhältniss zum Monde gethan; Hipparch aber fand wenigstens +das Doppelte dieser Entfernung, und ebenso nahezu den doppelten +Durchmesser, nämlich mehr als das Zwölffache des Erddurchmessers, wogegen +Ptolemäus auf das 5 1/2fache zurückfiel.</p> + +<p>Wir finden vielleicht das von den Alten Erreichte gering, im Vergleich zu +dem was wir erreicht haben. Es wäre auch kein gutes Zeugniss für uns, wenn +wir <em>nicht</em> solche Fortschritte gemacht hätten. In <span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">[S. 16]</a></span>den dreihundert Jahren +seit Coppernicus haben die europäischen Nationen fast alle wetteifernd an +dem Ausbau der Wissenschaft gearbeitet; was in Italien oder Deutschland +geleistet war, wurde in Frankreich oder England fortgeführt, und so weiter +mit beständiger Wechselwirkung. Im Alterthum waren es wesentlich die +Griechen allein, welche forschten; ein Römer glaubte viel zu thun, wenn er +sich nur die Resultate aneignete. Und dazu waren die Griechen, vollends +nach Hipparchs Zeiten, eine abnehmende und erschöpfte Nation. Bis dahin +aber war in etwa 300 Jahren der Fortschritt der Erkenntniss ein relativ +wohl noch grösserer als der in der Neuzeit; denn dreihundert Jahre vor +Hipparch hatte der freieste Denker, Anaxagoras, doch erst zu behaupten +gewagt, dass die Sonne grösser als der Peloponnes sei, und auch das war +schon eine wissenschaftliche That, gegenüber den kindlichen Anschauungen +der anderen damaligen grossen Geister. Die Alten selber haben es gefühlt +und ausgesprochen: »Das Volk einer kommenden Zeit wird vieles uns +unbekannte wissen; nicht auf einmal erschliesst die Natur ihre +Geheimnisse; wir halten uns für Eingeweihte, und stehen doch erst noch an +der Thür.« Auch uns möchte immer noch eine gleiche Bescheidenheit +geziemen.</p> + +<p>Hochverehrte Anwesende! Die Wissenschaft, auch als Ganzes genommen, ist +nur eins der Gebiete, welche dem Menschen von seinem Schöpfer zum Anbau +zugewiesen sind. Ebenso glänzend wie die Namen der grossen Forscher +erscheinen in der Geschichte der Menschheit andre Namen, die der Dichter, +der Künstler, die der Gründer und Leiter von Staaten und Nationen, im +Kriege und im Frieden. Und es ist nicht einmal das Wissen und die +Erkenntniss, so hoch sie zu schätzen sind, das Höchste im Menschen, noch +das was ihm seinen eigentlichen Werth verleiht, sondern dies ist sein +Wollen und Streben und die Selbsthingabe, und das Thun und die Thaten, +welche aus dieser entspringen. Wir haben das hohe Glück, in unserm +erhabenen Monarchen eine Persönlichkeit anschauen zu dürfen, deren ganzes +Leben und Thun die Selbsthingabe an das Wohl seiner Völker darstellt, und +deren Thaten nicht der Kunst eines Geschichtsschreibers bedürfen, um +unvergesslich zu sein. Vereinigen wir uns daher am heutigen Tage zu dem +Wunsche aus tiefstem Herzen, dass dieses leuchtende Vorbild noch lange +unter uns bleibe, ein Schirmherr des Friedens nach aussen und nach innen, +ein hochherziger Pfleger jedes edeln menschlichen Strebens. <b>Gott segne und +erhalte unsern allergnädigsten Kaiser und König Wilhelm I. Er lebe hoch!</b></p> + +<div class="note"> +<h2>Anmerkungen zur Transkription:</h2> + +<p>Die Schreibweise der großen Umlaute Ae, Oe und Ue wurde in Ä, Ö und Ü +geändert.</p> + +<p>Gegenüber der gedruckten Version wurden folgende Satzfehler korrigiert:</p> + +<table summary="korrigierte Fehler"> +<tr> +<td rowspan="2" class="lastline"><a href="#Korr_S11-1">S. 11 (1)</a></td> +<td>original:</td> +<td>Claudius Ptolemaeus</td> +</tr> +<tr> +<td class="lastline">ebook:</td> +<td class="lastline">Claudius Ptolemäus</td> +</tr> +<tr> +<td rowspan="2" class="lastline"><a href="#Korr_S12-1">S. 12 (1)</a></td> +<td>original:</td> +<td>der auch Ptolemaeus</td> +</tr> +<tr> +<td class="lastline">ebook:</td> +<td class="lastline">der auch Ptolemäus</td> +</tr> +</table> +<p>Andere Inkonsistenzen im Text wurden beibehalten.</p> +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Einiges aus der Geschichte der +Astronomie im Alterthum, by Friedrich Blass (Dr.) + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINIGES AUS DER GESCHICHTE *** + +***** This file should be named 39553-h.htm or 39553-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/5/5/39553/ + +Produced by Thorsten Kontowski and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/39553-h/images/cover.jpg b/39553-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..565b89d --- /dev/null +++ b/39553-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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