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+++ b/39529-8.txt
@@ -0,0 +1,7533 @@
+The Project Gutenberg eBook, Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie,
+by Ernst Georg Ferdinand Küster
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie
+
+
+Author: Ernst Georg Ferdinand Küster
+
+
+
+Release Date: April 24, 2012 [eBook #39529]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER NEUEREN DEUTSCHEN
+CHIRURGIE***
+
+
+E-text prepared by Juliet Sutherland, Jens Nordmann, and the Online
+Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
+
+
+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustrations.
+ See 39529-h.htm or 39529-h.zip:
+ (http://www.gutenberg.org/files/39529/39529-h/39529-h.htm)
+ or
+ (http://www.gutenberg.org/files/39529/39529-h.zip)
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der
+ Schreibweise und Formatierung wurden beibehalten.
+
+ Formatierung:
+
+ Gesperrter Text wurde mit Unterzeichen (_Text_), fett gedruckter
+ Text mit Gleichheitszeichen (=Text=) und unterstrichener Text mit
+ Dollarzeichen ($Text$) markiert.
+
+
+
+
+
+VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART.
+
+* * * * *
+
+NEUE DEUTSCHE CHIRURGIE
+
+Herausgegeben von =P. v. Bruns.=
+
+Die =»Neue Deutsche Chirurgie«= ist als Fortsetzung der »Deutschen
+Chirurgie« von dem gegenwärtigen Herausgeber dieses monumentalen, dem
+Abschlusse entgegengehenden Sammelwerkes, Exzellenz v. _Bruns_,
+begründet worden.
+
+Die =»Neue Deutsche Chirurgie« erscheint als eine fortlaufende zwanglose
+Sammlung von Monographien über ausgewählte Kapitel der modernen
+Chirurgie.= Das beigegebene Verzeichnis der bereits erschienenen sowie
+in Vorbereitung befindlichen Bände zeigt, daß von den berufensten
+Autoren die neuzeitlichen Errungenschaften der Chirurgie sowie die
+neuerdings der chirurgischen Behandlung zugänglich gemachten Gebiete in
+sorgfältiger Auswahl dargestellt werden. =Nach Bedarf werden immer neue
+Bände hinzugefügt.=
+
+Von der Kritik ist das Erscheinen der =»Neuen Deutschen Chirurgie«= mit
+Freude begrüßt und dem großen Werke ein weitgehendes Bedürfnis zuerkannt
+worden. Die bisher erschienenen Bände werden sämtlich dem Fachmann als
+willkommen und unentbehrlich manche auch dem praktischen Arzte
+angelegentlich empfohlen.
+
+Die =»Neue Deutsche Chirurgie«= hat in der kurzen Zeit ihres Erscheinens
+bereits einen außerordentlich großen Kreis von Lesern und besonders von
+Abonnenten sich erworben, so daß zu hoffen ist, daß die Sammlung sich
+bald jedem Chirurgen als unentbehrlich erweisen wird.
+
+Im Abonnement auf die =»Neue Deutsche Chirurgie«= -- es ist für dieses
+ein etwa 20 Prozent niedrigerer Bandpreis angesetzt -- wird den
+Chirurgen die Gelegenheit geboten, allmählich eine wertvolle
+Fachbibliothek in sorgfältigster Auswahl und Bearbeitung zu erwerben.
+
+
+ Ferdinand Enke, Verlagsbuchhandlung
+
+ Stuttgart.
+
+
+
+
+ $Bisher erschienene Bände:$
+
+1. Band. =Die Nagelextension der Knochenbrüche.= Von Privatdoz. Dr. =F.
+Steinmann.= Mit 136 Textabbildungen. Lex. 8°. 1912. Preis für Abonnenten
+geh. M. 6.80, in Leinw. geb. M. 8.20. =Einzelpreis= geh. M. 8.40, in
+Leinw. geb. M. 9.80.
+
+2. Band. =Chirurgie der Samenblasen.= Von Prof. Dr. =F. Voelcker.= Mit
+46 Textabbildungen. Lex. 8°. 1912. Preis für Abonnenten geh. M. 7.80, in
+Leinw. geb. M. 9.20. =Einzelpreis= geh. M. 9.60, in Leinw. geb. M. 11.--
+
+3. Band. =Chirurgie der Thymusdrüse.= Von Dr. =Heinrich Klose.= Mit 99
+Textabbildungen, 2 Kurven und 3 farbigen Tafeln. Lex. 8°. 1912. Preis
+für Abonnenten geh. M. 10.40, in Leinw. geb. M. 11.80. =Einzelpreis=
+geh. M. 12.80, in Leinw. geb. M. 14.20.
+
+4. Band. =Die Verletzungen der Leber und der Gallenwege.= Von Professor
+Dr. =F. Thöle.= Lex. 8°. 1912. Preis für Abonnenten geh. M. 6.80, in
+Leinw. geb. M. 8.20. =Einzelpreis= geh. M. 8.40, in Leinw. geb. M. 9.80.
+
+5. Band. =Die Allgemeinnarkose.= Von Professor Dr. =M. v. Brunn.= Mit 91
+Textabbildungen. Lex. 8°. 1913. Preis für Abonnenten geh. M. 15.--, in
+Leinw. geb. M. 16.40. =Einzelpreis= geh. M. 18.60, in Leinw. geb.
+M. 20.--
+
+6. Band. =Die Chirurgie der Nierentuberkulose.= Von Privatdozent Dr.
+=H. Wildbolz.= Mit 22 teils farbigen Textabbildungen. Lex. 8°. 1913. Preis
+für Abonnenten geh. M. 7.--, in Leinw. geb. M. 8.40. =Einzelpreis= geh.
+M. 8.60, in Leinw. geb. M. 10.--
+
+7. Band. =Chirurgie der Lebergeschwülste.= Von Professor Dr. =F. Thöle.=
+Mit 25 Textabbildungen. Lex. 8°. 1913. Preis für Abonnenten geh. M.
+12.--, in Leinw. geb. M. 13.40. =Einzelpreis= geh. M. 14.--, in Leinw.
+geb. M. 15.40.
+
+8. Band. =Chirurgie der Gallenwege.= Von Professor Dr. =H. Kehr.= Mit
+137 Textabbildungen, einer farbigen Tafel und einem Bildnis _Carl
+Langenbuchs_. Lex. 8°. 1913. Preis für Abonnenten geh. M. 32.--, in
+Leinw. geb. M. 34.--. =Einzelpreis= geh. M. 40.--, in Leinw. geb.
+M. 42.--
+
+9. Band. =Chirurgie der Nebenschilddrüsen (Epithelkörper).= Von
+Professor Dr. =N. Guleke.= Mit 22 teils farbigen Textabbildungen. Lex.
+8°. 1913. Preis für Abonnenten geh. M. 7.--, in Leinw. geb. M. 8.40.
+=Einzelpreis= geh. M. 8.40, in Leinw. geb. M. 9.80.
+
+10. Band. =Die Krankheiten des Knochensystems im Kindesalter.= Von
+Professor Dr. =Paul Frangenheim.= Mit 95 Textabbildungen. Lex. 8°. 1913.
+Preis für Abonnenten geh. M. 11.80, in Leinw. geb. M. 13.20.
+=Einzelpreis= geh. M. 14.80, in Leinw. geb. M. 16.20.
+
+11. Band. =Allgemeine Chirurgie der Gehirnkrankheiten.= I. Teil.
+Bearbeitet von Professor Dr. =A. Knoblauch=, Professor Dr. =K. Brodmann=
+und Priv.-Doz. Dr. =A. Hauptmann.= Redigiert von Professor Dr.
+=F. Krause.= Mit 149 teils farbigen Abbildungen und 12 Kurven. Lex. 8°.
+1914. Preis für Abonnenten M. 20.--, in Leinw. geb. M. 21.60.
+=Einzelpreis= geh. M. 24.--, in Leinw. geb. M. 25.60.
+
+12. Band. =Allgemeine Chirurgie der Gehirnkrankheiten.= II. Teil.
+Bearbeitet von Professor Dr. =G. Anton=, Professor Dr. =L. Bruns=,
+Professor Dr. =F. Haasler=, Priv.-Doz. Dr. =A. Hauptmann=, Dr. =W.
+Holzmann=, Professor Dr. =F. Krause=, Professor Dr. =F. W. Müller=,
+Professor Dr. =M. Nonne= und Professor Dr. =Artur Schüller.= Redigiert
+von Professor Dr. =F. Krause.= Mit 106 teils farbigen Abbildungen. Lex.
+8°. 1914. Preis für Abonnenten M. 17.20, in Leinw. geb. M. 18.80.
+=Einzelpreis= geh. M. 21.--, in Leinw. geb. M. 22.60.
+
+13. Band. =Die Sportverletzungen.= Von Priv.-Doz. Dr. =G. Freiherrn v.
+Saar.= Mit 53 Textabbildungen. Lex. 8°. 1914. Preis für Abonnenten geh.
+M. 11.--, in Leinw. geb. M. 12.40. =Einzelpreis= geh. M. 13.40, in
+Leinw. geb. M. 14.80.
+
+14. Band. =Kriegschirurgie in den Balkankriegen 1912/13.= Bearbeitet von
+=Alfred Exner=, =Hans Heyrovsky=, =Guido Kronenfels= und =Cornelius
+Ritter von Massari.= Redigiert von =Alfred Exner.= Mit 51
+Textabbildungen. Lex. 8°. 1915. Preis für Abonnenten geh. M. 10.--, in
+Leinw. geb. M. 11.40. =Einzelpreis= geh. M. 11.60, in Leinw. geb.
+M. 13.--
+
+15. Band. =Geschichte der neueren deutschen Chirurgie.= Von Prof. Dr.
+=Ernst Küster.= Lex. 8°. 1915. Preis für Abonnenten geh. M. 4.40, in
+Leinw. geb. M. 5.60. =Einzelpreis= geh. M. 5.20, in Leinw. geb. M. 6.40.
+
+
+
+
+ $In Vorbereitung befindliche Bände:$
+
+=Handbuch der Wundbehandlung.= Von Dr. C. _Brunner_.
+
+=Behandlung der Wundinfektionskrankheiten.= Von Prof. Dr. L. _Wrede_.
+
+=Immunisierung im Dienste der chirurgischen Diagnostik und Therapie.=
+Von Dr. G. _Wolfsohn_.
+
+=Staphylomykosen und Streptomykosen.= Von Prof. Dr. _Th. Kocher_ und
+Priv.-Doz. Dr. F. _Steinmann_.
+
+=Sporotrichose.= Von Prof. Dr. G. _Arndt_.
+
+=Tetanus.= Von Prof. Dr. E. _Kreuter_.
+
+=Traumatische Neurosen.= Von Prof. Dr. O. _Nägeli_.
+
+=Lokalanästhesie.= Von Prof. Dr. V. _Schmieden_ und Dr. F. _Härtel_.
+
+=Lumbalanästhesie.= Von Dr. A. _Dönitz_.
+
+=Künstliche Blutleere.= Von Prof. Dr. F. _Momburg_.
+
+=Blutuntersuchungen im Dienste der Chirurgie.= Von Prof. Dr. O. _Nägeli_
+und Dr. E. _Fabian_.
+
+=Bluterkrankheit.= Von Priv.-Doz. Dr. _Schlößmann_.
+
+=Chirurgische Röntgenlehre.= Von Prof. Dr. R. _Grashey_.
+
+=Chirurgische Röntgenstrahlenbehandlung.= Von Priv.-Doz. Dr.
+H. _Iselin_.
+
+=Chirurgische Sonnenlichtbehandlung.= Von Dr. O. _Bernhard_ und Dr.
+A. _Rollier_.
+
+=Freie Transplantation.= Von Prof. Dr. E. _Lexer_.
+
+=Plastische Chirurgie.= Von Prof. Dr. E. _Lexer_.
+
+=Chirurgische Operationslehre.= Von Prof. Dr. E. _Lexer_.
+
+=Dringliche Operationen.= Von Prof. Dr. G. _Hirschel_.
+
+=Verbrennungen und Erfrierungen.= Von Prof. Dr. E. _Sonnenburg_ und Dr.
+P. _Tschmarke_.
+
+=Chirurgie der heißen Länder.= Von Prof. Dr. K. _Goebel_.
+
+=Echinokokkenkrankheit.= Von Prof. Dr. W. _Müller_, Prof. Dr. A.
+_Becker_ und Priv.-Doz. Dr. G. _Hosemann_.
+
+=Chirurgische Pneumokokkenkrankheiten.= Von Dr. _Th. Nägeli_.
+
+=Thrombose und Embolie nach Operationen.= Von Prof. Dr. H. _Fehling_.
+
+=Luft- und Fettembolie.= Von Prof. Dr. P. _Clairmont_.
+
+=Krebsgeschwülste.= Von Prof. Dr. O. _Lubarsch_, Prof. Dr. _Apolant_ und
+Prof. Dr. R. _Werner_.
+
+=Sarkomgeschwülste.= Von Priv.-Doz. Dr. _Konjetzny_.
+
+=Chirurgie des Diabetes.= Von Prof. Dr. W. _Kausch_.
+
+=Chirurgie des Abdominaltyphus.= Von Prof. Dr. O. W. _Madelung_.
+
+=Behandlung der chirurgischen Tuberkulose.= Von Prof. Dr. M. _Wilms_.
+
+=Strahlenbehandlung des Hautkrebses und der Hauttuberkulose.= Von Prof.
+Dr. P. _Linser_.
+
+=Chirurgie der Lymphgefäße und Lymphdrüsen.= Von Prof. Dr. A. _Most_.
+
+=Chirurgie der Blutgefäße.= Von Prof. Dr. A. _Stich_.
+
+=Chirurgie der Nerven.= Von Prof. Dr. H. _Spitzy_.
+
+=Chirurgie der Syringomyelie.= Von Prof. Dr. A. F. _Borchard_.
+
+=Chirurgie der Lähmungen.= Von Prof. Dr. F. _Lange_.
+
+=Ambulante Behandlung von Knochenbrüchen.= Von Professor Dr.
+P. _Hackenbruch_.
+
+=Operative Behandlung der Knochenbrüche.= Von Prof. Dr. E. _Ranzi_.
+
+=Knochenbrüche der Gelenke.= Von Priv.-Doz. Dr. B. _Baisch_.
+
+=Traumatische Epiphysentrennungen.= Von Priv.-Doz. Dr. K. _Fritsch_.
+
+=Pseudoarthrosen.= Von Priv.-Doz. Dr. A. _Reich_.
+
+=Neuropathische Knochen- und Gelenkkrankheiten.= Von Dr. R. _Levy_.
+
+=Knochengeschwülste.= Von Prof. Dr. G. _Axhausen_.
+
+=Arthritis deformans.= Von Prof. G. _Axhausen_ und Dr. P. _Gläßner_.
+
+=Gelenkentzündungen bei infektiösen Krankheiten.= Von Dr. G. D. _Zesas_.
+
+=Ankylose der Gelenke.= Von Prof. Dr. E. _Payr_.
+
+=Spezielle Chirurgie der Gehirnkrankheiten.= Bearbeitet von Oberarzt Dr.
+W. _Braun_, Prof. Dr. R. _Cassirer_, Prof. Dr. P. _Clairmont_, Prof. Dr.
+A. _Exner_, Prof. Dr. F. _Haasler_, Priv.-Doz. Dr. K. _Henschen_,
+Oberarzt Dr. E. _Heymann_, Prof. Dr. F. _Krause_, Prof. Dr. K. A.
+_Passow_, Prof. Dr. A. _Stieda_. Redigiert von Prof. Dr. F. _Krause_.
+
+=Verletzungen des Gehirns.= Bearbeitet von Prof. Dr. A. F. _Borchard_,
+Dr. W. _Braun_, Stabsarzt Dr. A. _Dege_, Prof. Dr. H. _Küttner_, Dr.
+E. _Melchior_, Prof. Dr. P. _Schröder_, Dr. H. _Schüller_, Prof. Dr.
+A. _Stieda_, Prof. Dr. A. _Tietze_, Dr. _Wrobel_. Redigiert von Prof. Dr.
+H. _Küttner_.
+
+=Chirurgie der Hypophyse.= Von Prof. Dr. A. Freiherrn v. _Eiselsberg_.
+
+=Chirurgie der Orbita.= Von Prof. Dr. W. _Krauß_ und Priv.-Doz. Dr.
+F. _Hohmeier_.
+
+=Chirurgie des Ohres.= Von Prof. Dr. A. _Hinsberg_.
+
+=Rhinoskopie.= Von Prof. Dr. P. _Heymann_ und Dr. G. _Ritter_.
+
+=Chirurgie der Gesichts- und Kiefer-Gaumenspalten.= Von Prof. Dr.
+C. _Helbing_.
+
+=Dentale Kieferoperationen.= Von Prof. Dr. B. _Mayrhofer_.
+
+=Direkte Endoskopie der Luft- und Speisewege.= Von Prof. Dr.
+W. _Brünings_ und Prof. Dr. W. _Albrecht_.
+
+=Laryngoskopie.= Von Prof. Dr. P. _Heymann_ und Dr. A. _Mayer_.
+
+=Chirurgische Operationen an Kehlkopf und Luftröhre.= Von Prof. Dr.
+O. _Chiari_.
+
+=Endemischer Kropf.= Von Dr. E. _Bircher_.
+
+=Chirurgie der Basedowkrankheit.= Von Dr. H. _Klose_ und Dr. Arno Ed.
+_Lampé_.
+
+=Chirurgie der Speiseröhre.= Von Prof. Dr. V. v. _Hacker_ und Primararzt
+Dr. G. _Lotheissen_.
+
+=Chirurgie der Brustdrüse.= Von Prof. Dr. E. _Leser_ und Professor Dr.
+A. _Dietrich_.
+
+=Druckdifferenzverfahren bei Thoraxoperationen.= Von Priv.-Doz. Dr.
+L. _Dreyer_.
+
+=Chirurgie der Pleura.= Von Dr. H. _Burckhardt_.
+
+=Chirurgie der Lungen.= Von Prof. Dr. P. L. _Friedrich_.
+
+=Chirurgie des Herzens.= Von Prof. Dr. A. _Häcker_.
+
+=Chirurgie des Mediastinums und Zwerchfells.= Von Prof. Dr.
+F. _Sauerbruch_ und Prof. Dr. K. _Henschen_.
+
+=Laparotomie und ihre Nachbehandlung.= Von Prof. Dr. H. _Gebele_.
+
+=Radikaloperation der Nabel- und Bauchwandbrüche.= Von Prof. Dr.
+E. _Graser_.
+
+=Chirurgie der Milz.= Von Prof. Dr. H. _Heineke_ und Dr. E. _Fabian_.
+
+=Chirurgische Behandlung der Leberzirrhose.= Von Prof. Dr. W. _Kausch_.
+
+=Chirurgie des Pankreas.= Von Prof. Dr. N. _Guleke_, Dr. O. _Nordmann_
+und Dr. E. _Ruge_.
+
+=Röntgendiagnostik der Krankheiten des Verdauungskanals.= Von Dr.
+E. _Finckh_, Dr. F. M. _Groedel_ und Priv.-Doz. Dr. _Stierlin_.
+
+=Chirurgie des Magengeschwüres.= Von Prof. Dr. E. _Payr_.
+
+=Chirurgie des Duodenums.= Von Prof. Dr. H. _Küttner_ und Dr.
+E. _Melchior_.
+
+=Chirurgie der Appendix.= Von . . . . . . . . .
+
+=Chirurgie der Form- und Lageveränderungen des Darmes= (ausschließlich
+der Hernien). Von Prof. Dr. L. _Wrede_.
+
+=Chirurgie der Funktionsstörungen des Dickdarmes.= Von Prof. Dr.
+F. _De Quervain_.
+
+=Chirurgie des Rektums und Anus.= Von Prof. Dr. N. _Guleke_.
+
+=Chirurgie der Nebennieren.= Von Priv.-Doz. Dr. K. _Henschen_.
+
+=Chirurgie der weiblichen Harnorgane.= Von Priv.-Doz. Dr.
+A. _Bauereisen_.
+
+=Chirurgische Nierendiagnostik.= Von Prof. Dr. F. _Voelcker_ und
+Priv.-Doz. Dr. A. v. _Lichtenberg_.
+
+=Chirurgie der Nephritis.= Von Prof. Dr. H. _Kümmell_.
+
+=Chirurgie des Nierenbeckens und Ureters.= Von Prof. Dr. H. _Kümmell_.
+
+=Endoskopie der Harnwege.= Von Prof. Dr. G. _Gottstein_.
+
+=Geschwülste der Harnblase.= Von Prof. Dr. O. _Hildebrand_ und Dr.
+H. _Wendriner_.
+
+=Prostatektomie.= Von Prof. Dr. J. _Tandler_ und Prof. Dr.
+O. _Zuckerkandl_.
+
+=Chirurgie des Hodens und Samenstranges.= Von Prof. Dr. _Th. Kocher_ und
+Priv.-Doz. Dr. A. _Kocher_.
+
+=Chirurgie der Hand.= Von Dr. E. _Melchior_.
+
+=Verletzungen der unteren Extremitäten.= Von Prof. Dr. C. G. _Ritter_.
+
+
+ * * * * *
+
+ Preis für Abonnenten geh. M. 4.40, in Leinw. geb. M. 5.60.
+
+ Einzelpreis geh. M. 5.20, in Leinw. geb. M. 6.40.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ NEUE
+
+ DEUTSCHE CHIRURGIE
+
+ (HERAUSGEGEBEN VON)
+
+ P. von BRUNS in Tübingen.
+
+ BEARBEITET VON
+
+
+ALBRECHT-Tübingen, ANTON-Halle, APOLANT-Frankfurt a. M., ARNDT-Berlin,
+AXHAUSEN-Berlin, BAISCH-Heidelberg, BAUEREISEN-Kiel, BECKER-Rostock,
+BERNHARD-St. Moritz, BIRCHER-Aarau, BORCHARD-Posen, BRAUN-Berlin,
+BRODMANN-Tübingen, BRÜNINGS-Jena, v. BRUNN-Bochum, BRUNNER-Münsterlingen,
+BRUNS-Hannover, BURCKHARDT-Berlin, CASSIRER-Berlin, CHIARI-Wien,
+CLAIRMONT-Wien, DÖNITZ-Berlin, DREYER-Breslau, v. EISELSBERG-Wien,
+EXNER-Wien, FABIAN-Leipzig, FEHLING-Straßburg, FINCKH-Stuttgart,
+FRANGENHEIM-Cöln, FRIEDRICH-Königsberg i. Pr., FRITSCH-Breslau,
+GLÄSSNER-Berlin, GOEBEL-Breslau, GOTTSTEIN-Breslau, GRASER-Erlangen,
+GRASHEY-München, GROEDEL-Nauheim, GULEKE-Straßburg, HAASLER-Halle,
+v. HACKER-Graz, HÄCKER-Essen, HÄRTEL-Berlin, HAUPTMANN-Freiburg,
+HEINEKE-Leipzig, HELBING-Berlin, HENSCHEN-Zürich, HEYMANN-Berlin,
+HILDEBRAND-Berlin, HINSBERG-Breslau, HIRSCHEL-Heidelberg,
+HOHMEIER-Marburg, HOLZMANN-Hamburg, HOSEMANN-Rostock, ISELIN-Basel,
+KAUSCH-Berlin, KEHR-Berlin, KLOSE-Frankfurt a. M., KNOBLAUCH-Frankfurt
+a. M., KOCHER-Bern, KONJETZNY-Kiel, KRAUSE-Berlin, KRAUSS-Cöln,
+KREUTER-Erlangen, KÜMMELL-Hamburg, KÜSTER-Berlin, KÜTTNER-Breslau,
+LAMPÉ-München, LANGE-München, LESER-Frankfurt a. M., LEVY-Breslau,
+LEXER-Jena, v. LICHTENBERG-Straßburg, LINSER-Tübingen, LOTHEISSEN-Wien,
+LUBARSCH-Kiel, MACHOL-Erfurt, MADELUNG-Straßburg, MAYER-Berlin,
+MAYRHOFER-Innsbruck, MELCHIOR-Breslau, MOMBURG-Bielefeld, MOST-Breslau,
+MÜLLER-Rostock, MÜLLER-Tübingen, O. NÄGELI-Tübingen, TH. NÄGELI-Zürich,
+NONNE-Hamburg, NORDMANN-Berlin, PASSOW-Berlin, PAYR-Leipzig, De
+QUERVAIN-Basel, RANZI-Wien, REICH-Tübingen, RITTER-Berlin, RITTER-Posen,
+ROLLIER-Leysin, RUGE-Frankfurt a. O., v. SAAR-Innsbruck,
+SAUERBRUCH-Zürich, SCHLÖSSMANN-Tübingen, SCHMIEDEN-Halle a. S.,
+SCHÜLLER-Wien, SONNENBURG-Berlin, SPITZY-Graz, STEINMANN-Bern,
+STICH-Göttingen, STIEDA-Halle a. S., STIERLIN-Basel, TANDLER-Wien,
+THÖLE-Hannover, TSCHMARKE-Magdeburg, VOELCKER-Heidelberg,
+WENDRINER-Wien, WERNER-Heidelberg, WILDBOLZ-Bern, WILMS-Heidelberg,
+WREDE-Jena, WROBEL-Breslau, ZESAS-Basel, ZUCKERKANDL-Wien.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ 15. Band:
+
+ Geschichte der neueren deutschen Chirurgie.
+
+ Von
+
+ Dr. ERNST KÜSTER,
+
+ o. ö. Professor der Chirurgie an der Universität Marburg,
+ in Charlottenburg.
+
+
+
+ VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART.
+ 1915.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ GESCHICHTE
+
+ DER NEUEREN DEUTSCHEN
+
+ CHIRURGIE.
+
+
+ VON
+
+
+ DR. ERNST KÜSTER,
+
+ o. ö. PROFESSOR DER CHIRURGIE AN DER UNIVERSITÄT MARBURG,
+ in CHARLOTTENBURG.
+
+
+ VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART.
+ 1915.
+
+
+
+ ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN.
+
+ COPYRIGHT 1915 BY FERDINAND ENKE, PUBLISHER, STUTTGART.
+
+
+ Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.
+
+
+
+
+ DER
+
+ DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR CHIRURGIE
+
+ GEWIDMET.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ Inhaltsverzeichnis.
+
+
+ Seite
+ Vorwort XV
+
+
+ _Erster Abschnitt._
+
+ =Der Zustand der Chirurgie vor Einführung der antiseptischen
+ Wundbehandlung.=
+
+ Kapitel I. Zustand der Gesamtmedizin vor der antiseptischen
+ Wundbehandlung 1
+ Beschreibende Anatomie 1
+ Topographische Anatomie. Entwicklungsgeschichte 2
+ Feinere Anatomie und Physiologie 2
+ Pathologische Anatomie 2
+ Gesundheitslehre 3
+
+ Kapitel II. Die Krankenanstalten vor der antiseptischen Wundbehandlung 3
+ Alte Krankenhäuser. Massivbau 3
+ Das Pavillonsystem 4
+ Baracken 5
+ Leinwandzelte 6
+ Döckersche Zeltbaracke 7
+ Das Krankenzerstreuungssystem 8
+
+ Kapitel III. Die ältere Wundbehandlung und die Wundkrankheiten 8
+ Die älteren Wundbehandlungsmethoden 8
+ Salben und Pflaster 9
+ Offene Wundbehandlung 9
+ Charpieverbände 9
+ Die Wundkrankheiten 10
+ Wundfäulnis, Sepsis 10
+ Eiterfieber, Pyämie 11
+ Hospitalbrand 12
+ Wundstarrkrampf, Tetanus 13
+ Wundrose, Erysipelas 14
+ Zustände auf älteren chirurgischen Abteilungen 15
+
+
+ _Zweiter Abschnitt._
+
+ =Joseph Listers antiseptische Wundbehandlung.=
+
+ Kapitel IV. Die Vorläufer Listers 18
+ Vorarbeiten. Klinische Beobachtung 18
+ Der Geburtshelfer Semmelweis 18
+ Gay-Lussac. Der Sauerstoff als Fäulniserreger 19
+ Schwanns Begründung der Keimlehre 19
+ Pasteurs Versuche über Zersetzung 20
+
+ Kapitel V. Listers Übertragung der Keimlehre auf die Chirurgie 20
+ Behandlung offener Knochenbrüche 23
+ Behandlung der Abszesse 24
+ Die Unterbindungsfäden 24
+ Antiseptischer Dauerverband 25
+ Der Zerstäuber (Spray) 26
+ Widerstand gegen das Verfahren in England und Frankreich 28
+
+
+ _Dritter Abschnitt._
+
+ =Der Einzug der Antisepsis in die deutsche Chirurgie. Die Asepsis.
+ Das Langenbeckhaus.=
+
+ Kapitel VI. Einführung und Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung in
+ Deutschland 30
+ Vortrag des Stabsarztes A. W. Schultze über Antisepsis 30
+ Gründung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie 31
+ Richard Volkmanns Tätigkeit 32
+ Die Bakterienkunde als Hilfsmittel der Chirurgie 33
+ Robert Koch. Ätiologie der Wundinfektionskrankheiten 34
+ Bedeutung der Bakterien für die praktische Chirurgie 36
+ Fehleisen, Rosenbach 37
+ Nicolaier 38
+ Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung 38
+ Änderungen an dem Listerschen Verfahren 39
+ Schedes feuchter Blutschorf 42
+
+ Kapitel VII. Einführung der Asepsis 43
+ Veranlassung zur Einführung der Asepsis 44
+ Technik der Asepsis nach Schimmelbusch 45
+ Wundschutz und Händeschutz 45
+
+ Kapitel VIII. Die Gründung des Langenbeckhauses 46
+ Das Langenbeckhaus und die Kaiserin Augusta 46
+ Das Langenbeck-Virchow-Haus 51
+
+
+ _Vierter Abschnitt._
+
+ =Wandlungen und Eroberungen auf dem Gebiete der allgemeinen Chirurgie.=
+
+ Kapitel IX. Wandlungen der allgemeinen Therapie 52
+ Die Methoden zur Herbeiführung der Schmerzlosigkeit 52
+ Allgemeine Gefühllosigkeit 53
+ Die örtliche Empfindungslosigkeit 56
+ Die künstliche Blutleere 58
+ Andere Methoden der Blutersparung 58
+ Hyperämie als Heilmittel 59
+ Die Durchleuchtung nach Röntgen 59
+ Radium und Mesothorium 60
+ Veränderungen der operativen Technik 60
+ Veränderung der Vorstellungen über Wundheilung 61
+
+ Kapitel X. Wandlungen der Kriegschirurgie 62
+ Schußwunden und Kriegschirurgie 62
+ Verbesserung und Förderung der Krankenpflege 65
+ Krankenzerstreuung auf dem Schlachtfelde 66
+ Die Aktinographie im Kriege 68
+
+ Kapitel XI. Wandlungen auf dem Gebiete spezifischer
+ Infektionskrankheiten und bösartiger Neubildungen 69
+ Wunden in tuberkulösen Geweben 69
+ Robert Kochs Tuberkulin 71
+ Die Serumtherapie 76
+ v. Behrings Diphtherieheilserum 77
+ Heilserum gegen Wundstarrkrampf 77
+ Lepra, Aktinomykose 78
+ Syphilis, Gonorrhöe, weicher Schanker 78
+ Hülsenwurm 79
+ Bösartige Neubildungen 79
+
+
+ _Fünfter Abschnitt._
+
+ =Eroberungen auf dem Gebiete der speziellen Chirurgie.=
+
+ Kapitel XII. Ausbau der Eingriffe an schon bisher zugänglichen Organen 81
+ Die plastischen Operationen 81
+ Eingriffe an großen Gefäßen 83
+ Augenheilkunde und Ohrenheilkunde 84
+ Nasen-, Rachen- und Kehlkopfkrankheiten 85
+ Die Gynäkologie 86
+ Die Chirurgie der Harnorgane 86
+ Erkrankungen der Knochen und Gelenke 88
+ Gelenkresektionen. Orthopädie 89
+
+ Kapitel XIII. Neue Eingriffe an bisher unzugänglichen Organen 89
+ Die serösen Körperhöhlen 89
+ Bauchchirurgie 90
+ Milz, Leber, Gallenblase 90, 91
+ Bauchspeicheldrüse 91
+ Magendarmkanal 92
+ Entzündung des Wurmfortsatzes 94
+ Bauchbrüche 95
+ Chirurgie der Brusthöhle 96
+ Chirurgie des Schädelinneren 98
+ Chirurgie des Rückenmarkes 98
+ Erkrankungen der Schild- und Thymusdrüse, der Hypophysis
+ cerebri 99, 100
+
+
+ _Sechster Abschnitt._
+
+ =Entwicklung der chirurgischen Literatur in Deutschland.=
+
+ Kapitel XIV. 101
+
+ _Schlußwort_ 106
+
+ _Namenverzeichnis_ 107
+
+
+
+
+ Vorwort.
+
+
+Als mir im Jahre 1911 seitens meines Freundes _Paul v. Bruns_ die
+Aufforderung zuging, eine _Geschichte der neueren deutschen Chirurgie_
+zu schreiben, da hat es erst längerer Überlegung bedurft, ehe ich mich
+zur Annahme des Anerbietens zu entschließen vermochte. Vor allen Dingen
+war es mein Alter, welches immer wieder neue Zweifel darüber wachrief,
+ob zu einem solchen Unternehmen noch die rechte Eignung in mir sei. Und
+zu diesen persönlichen gesellten sich weiterhin schwerwiegende sachliche
+Bedenken, die ich kurz berühren muß.
+
+Geschichtschreibung ist nichts als die Wiedergabe des Bildes, unter
+welchem die Ereignisse früherer Zeiten sich in des Berichterstatters
+Seele spiegeln. Mit anderen Worten: Keine geschichtliche Darstellung
+kann rein objektiv bleiben, sondern sie muß immer, mehr oder weniger
+ausgeprägt, einen persönlichen Stempel tragen, und zwar um so
+deutlicher, je mehr sie sich der Gegenwart nähert. Handelt es sich aber
+gar um selbsterlebte Dinge, so wird es schier unmöglich, über der
+Parteien Haß und Gunst gänzlich hinwegzusehen, Licht und Schatten in
+gerechter Weise zu verteilen.
+
+Wenn ich dennoch zu dem Entschlusse gekommen bin, die Arbeit zu
+übernehmen, so geschah es zunächst, weil ich als einer aus der sehr
+geringen Zahl der noch lebenden Begründer der Deutschen Gesellschaft für
+Chirurgie, unter denen ich nahezu der älteste bin, eine gewisse
+Verpflichtung fühlte, die noch sehr lebhaften Erinnerungen einer großen
+Zeit nicht mit mir zu Grabe tragen zu lassen. Aber es reizte mich auch,
+eine Geschichte zu schreiben, die ich selber als Geschichte erlebt habe,
+einem Zeitabschnitte und einer Anzahl von Männern gerecht zu werden, die
+ich noch heute von dem goldigen Schimmer der Größe und des Ruhmes
+umstrahlt sehe, ein Bild von dem gewaltigen Strome hingebender
+Begeisterung zu entwerfen, der vor wenigen Jahrzehnten unser ganzes
+wissenschaftliches Leben zu durchfluten begann. Wenn es mir gelungen
+sein sollte, in der Seele des Lesers davon eine Vorstellung zu erwecken,
+so würde ich meine Aufgabe als erfüllt ansehen.
+
+Das Büchlein, welches sich _Häsers_ im Jahre 1879 als erste Lieferung
+der »Deutschen Chirurgie« erschienener, knapp gehaltener Geschichte der
+Chirurgie unmittelbar anschließt, umfaßt nur eine kurze Zeitspanne von
+kaum 50 Jahren. Angesichts des mehr als 2000 Jahre alten Bestehens
+unserer Wissenschaft mag es gewagt und selbst anmaßend erscheinen, eine
+zeitlich so begrenzte Entwicklungsperiode auch noch räumlich dadurch
+einzuengen, daß die _deutsche_ Chirurgie in den Vordergrund gestellt und
+die fremdländische nur soweit berührt wird, als sie auf den Gang des
+Emporblühens in unserem Vaterlande von maßgebendem Einflusse gewesen
+ist; denn die geistigen Güter gehören allen Völkern gemeinsam und keines
+gibt es, welches in irgend einer Wissenschaft den ganzen Ruhm des
+Erfinders und Fortbildners für sich allein in Anspruch nehmen könnte.
+Trotzdem läßt sich diese doppelte Beschränkung wohl rechtfertigen.
+Zeitlich gewiß: denn die fragliche Periode ist nicht nur durch einen
+gewaltigen Wall des Erkennens von früheren Zeitläuften getrennt, sondern
+sie bringt auch eine so vollkommene Um- und Neuformung sowohl der
+Chirurgie wie der Gesamtmedizin, daß sich in deren ganzer Geschichte
+nichts auch nur entfernt Ähnliches vorfindet. Und räumlich gleichfalls,
+obwohl der Anstoß zu dieser geistigen Bewegung von einer Großartigkeit
+ohnegleichen nicht aus Deutschland, sondern aus dem Auslande kam; denn
+durch die schnelle Aufnahme, Weiterentwicklung und Vervollkommnung der
+Neuerung hat Deutschland sich vor allen anderen Ländern das Recht
+wenigstens der Patenschaft an der Wundbehandlung erworben, zumal da
+diese vielfach erst in deutschem Gewande und in deutscher Umformung den
+übrigen Kulturvölkern vertraut geworden ist. Alle übrigen Erfindungen,
+durch welche späterhin die Chirurgie bereichert wurde, sind fast
+ausnahmslos deutschen Ursprunges. So kann es denn unmöglich als
+Überhebung gedeutet werden, wenn der Deutsche die Geschichte seiner
+Wissenschaft in deutscher Umrahmung zur Anschauung zu bringen sucht.
+
+Es mag auffallen, daß die in den Vordergrund tretenden Persönlichkeiten
+nicht überall in gleicher Ausführlichkeit behandelt sind, manche
+Verdienste sogar unbesprochen geblieben sein mögen. Insbesondere sind
+die noch lebenden Chirurgen meist nur kurz erwähnt, bei der Besprechung
+erheblicher Fortschritte ist oft nur _ein_ Name genannt, des Mannes
+nämlich, der einen neuen Gedanken zuerst faßte, oder ihn zuerst in die
+Tat umsetzte, während spätere Umformungen und Erweiterungen ohne Nennung
+ihrer Urheber einfach aufgezählt werden. Man darf mir daraus nicht den
+Vorwurf machen, ein laudator temporis acti zu sein. Der geschichtliche
+Sinn verbietet eingehende Betrachtung noch lebender Persönlichkeiten,
+die als solche nicht historisch sein können, da sie den natürlichen
+Abschluß noch nicht gefunden haben, wenn auch ihre Taten schon der
+Geschichte angehören. Besprochen sind deshalb auch für gewöhnlich nicht
+die vorübergehenden Erscheinungen, selbst wenn sie für einige Zeit
+Aufsehen erregt haben, sondern nur die bleibenden Errungenschaften. Daß
+aber die Beurteilung dessen, was erheblich ist, mindestens teilweise dem
+subjektiven Ermessen des Berichterstatters überlassen bleiben muß, liegt
+auf der Hand. Wenn daher fehlerhafte Auslassungen auf der einen und
+Übertreibungen auf der anderen Seite gefunden werden, so hat es
+wenigstens nicht an meinem guten Willen gelegen, sie zu vermeiden.
+
+ _Charlottenburg_, den 17. Mai 1914.
+
+ =Ernst Küster.=
+
+
+
+
+ _Erster Abschnitt._
+
+Der Zustand der Chirurgie vor Einführung der antiseptischen Wundbehandlung.
+
+
+Das gegenwärtig lebende und wirkende Geschlecht der Chirurgen hat kaum
+noch eine Vorstellung von den Zuständen, welchen durch den bald nach der
+Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden gewaltigen Umschwung ein Ende
+gemacht wurde. Seine Bedeutung, welche darin besteht, daß er in dem
+kurzen Zeitraume eines Menschenalters alle Fehler und Irrungen von zwei
+Jahrtausenden in der Behandlung der Wunden gutzumachen gewußt hat, kann
+aber erst völlig erfaßt werden, wenn wir zunächst nicht nur auf den
+Zustand der Chirurgie, sondern auch auf den der gesamten Medizin jener
+Zeit einen prüfenden Rückblick werfen.
+
+
+
+
+ Kapitel I.
+
+ Zustand der Gesamtmedizin vor der antiseptischen Wundbehandlung.
+
+
+Die _beschreibende Anatomie_ war seit _Andreas Vesalius_ die
+selbstverständliche Grundlage der Chirurgie geblieben, so sehr, daß ein
+guter Chirurg ohne genaue anatomische Kenntnisse undenkbar gewesen wäre.
+Eine natürliche Folge war, daß nicht wenige der älteren Chirurgen rein
+anatomische Untersuchungen veröffentlichten, oder daß sie gar, wie
+_Konrad Martin Langenbeck_, _Viktor Bruns_ und _Adolf Bardeleben_, erst
+von der Anatomie zur Chirurgie übergingen. Aber an Lehrbüchern der
+Anatomie war die deutsche Literatur in der ersten Hälfte des 19.
+Jahrhunderts ziemlich arm; und auch die Lehreinrichtungen für dies Fach,
+sowie die Art des Unterrichtes ließen in Deutschland sehr viel, zuweilen
+fast alles zu wünschen übrig. Es waren zwei Männer, welche nahezu
+gleichzeitig Wandel schufen. _Joseph Hyrtl_ in Prag, später in Wien,
+wurde mit seinem anziehend geschriebenen, aber in gedrängter Kürze
+gehaltenen Lehrbuche, welches von 1846 bis 1884 in 17 Auflagen
+erschienen ist, den meisten deutschen Studenten der Medizin ein
+zuverlässiger Führer durch die Geheimnisse des menschlichen Körpers.
+Neben ihm trat _Jakob Henle_ in Zürich, später in Göttingen, im Jahre
+1841 mit seiner Allgemeinen Anatomie und von 1855 an mit einem überaus
+fleißigen dreibändigen Werke auf, welches durch zahlreiche Abbildungen
+erläutert, für den Chirurgen eine unerschöpfliche Fundgrube anatomischer
+Anschaulichkeit geworden ist.
+
+Indessen trotz ihrer hohen Bedeutung für die Chirurgie hat die
+beschreibende Anatomie nur selten neue Anregungen gegeben, zumal seit
+sie nach der Mitte des Jahrhunderts in der Anthropologie ein neues Feld
+der Betätigung suchte; denn so sehr letztere und mit ihr die
+Urgeschichte auch durch sie gefördert wurden, so fiel doch für die
+Chirurgie ein sichtbarer Nutzen zunächst nicht ab. In erheblichem Maße
+geschah dies aber durch die _topographische Anatomie_, deren geschickte
+und durchweg praktischen Zielen zugewandte Bearbeitung durch _Joseph
+Hyrtl_ (seit 1847) diesen Zweig der menschlichen Anatomie in Deutschland
+erst einführte, soweit nicht Chirurgen bereits stückweise Bearbeitungen
+geliefert hatten. Er hat sich für die Chirurgie als überaus fruchtbar
+erwiesen. -- Auch die _Entwicklungsgeschichte_ wurde seit _Robert
+Remaks_ Keimblätterlehre durch den Nachweis ihrer Beziehungen zu dem
+Aufbau einzelner Organe von immer steigender Bedeutung für die
+praktische Chirurgie.
+
+Nicht das gleiche läßt sich von der _feineren Anatomie_ und der
+_Physiologie_ sagen. Denn obwohl die gegen Ende der dreißiger Jahre
+durch _Schleiden_ und _Schwann_ aufgestellte Zellenlehre und die
+Vervollkommnung der optischen Werkzeuge, zumal des Mikroskopes, eine
+völlige Umgestaltung der biologischen Anschauungen hervorgerufen hatten,
+obwohl seitdem alle Körperorgane aufs fleißigste durchforscht wurden, so
+kamen doch diese Ergebnisse der Chirurgie erst auf dem Umwege über die
+Physiologie und mehr noch der pathologischen Anatomie zugute. Die
+Physiologie nämlich, deren Kenntnis zwar von jedem gebildeten Chirurgen
+vorausgesetzt werden mußte und deren Methoden man in den sechziger
+Jahren auch für chirurgische Versuche an Tieren bereits zu
+verwenden begonnen hatte, konnte doch erst darin den vollen,
+befruchtenden Strom ihres Wissens der Chirurgie zuführen, als sichere
+Wundbehandlungsmethoden zu Entdeckungsreisen in solche Körpergegenden
+den Anreiz gaben, die bisher der Hand des Chirurgen verschlossen
+geblieben waren. Seitdem ging eine Wechselwirkung des Erkennens nicht
+nur von der Physiologie zur Chirurgie, sondern auch von dieser zu jener.
+
+Viel früher als die Physiologie übte die _pathologische Anatomie_ einen
+anregenden und belebenden Einfluß auf die Chirurgie aus. Mit Recht sagt
+_Häser_ (1879), daß die Chirurgie unserer Tage, d. h. im Beginne der
+zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gleich allen übrigen Zweigen der
+Heilkunde den größten Teil ihres wissenschaftlichen Zuwachses der
+pathologischen Anatomie verdanke. Zweier Männer Namen werden mit diesem
+Aufschwunge für immer verknüpft bleiben. Es sind das _Karl Rokitansky_
+in Wien, wo er seit 1841 bis zu seinem Tode den Lehrstuhl der
+pathologischen Anatomie innehatte, und _Rudolf Virchow_, der, seit 1849
+in Würzburg, seit 1856 als ordentlicher Professor der pathologischen
+Anatomie nach Berlin zurückberufen, nunmehr endgültig die Führung in
+dieser Wissenschaft übernahm. War durch die Arbeiten beider, zumal des
+letzteren, die pathologische Anatomie zu dem Range einer echten
+Naturwissenschaft erhoben worden, so geschah dies in noch reicherem Maße
+durch den Ausbau der mikroskopischen Pathologie die, durch _Virchow_
+allerlei phantastischen Deutungen entrückt, in seiner im Jahre 1858
+erschienenen und bis zum Jahre 1871 in vier Auflagen weiter ausgebauten
+Zellularpathologie, welche zum ersten Male den Lehrsatz: Omnis cellula
+e cellula aufstellte, eine feste und unverrückbare Grundlage erhalten
+hatte. Als eine weitere Frucht seiner Forschungen veröffentlichte der
+Verfasser vom Jahre 1863 an seine leider unvollendet gebliebenen
+»Krankhaften Geschwülste«. Eine Welle der Befruchtung ergoß sich von
+diesen Arbeiten aus auf die gesamte praktische Medizin, die, bisher im
+wesentlichen auf Erfahrungen am Krankenbette gestützt, nunmehr
+gleichfalls ihren Teil zu den die Medizin umgestaltenden
+naturwissenschaftlichen Bestrebungen beitrug. Auch für die Chirurgie
+gilt dies in vollem Umfange, seitdem der erst 29jährige _Theodor
+Billroth_ als Assistent der _Langenbeck_schen Klinik und Privatdozent zu
+Berlin im Jahre 1858 zuerst den Versuch unternahm, in seinen »Beiträgen
+zur pathologischen Histologie« die Forschungsergebnisse auf diesem
+Gebiete für die chirurgische Tätigkeit zu verwerten. In noch weiterem
+Umfange wirkte sein grundlegendes Werk: »Die allgemeine chirurgische
+Pathologie und Therapie in 50 Vorlesungen« vom Jahre 1863, welches
+zahlreiche Auflagen erlebte und, in die meisten europäischen, selbst in
+asiatische Sprachen übersetzt, nicht wenig zu dem schnell sich
+steigernden Ansehen der deutschen Chirurgie im Auslande beitrug. In
+diesem Werke benutzte _Billroth_ die durch _Virchows_ Arbeiten
+gewonnenen Anschauungen in geistvoller Weise zu einer neuen Anordnung
+und Einteilung, sowie zu einer Zusammenfassung sämtlicher Erfahrungen
+der praktischen Chirurgie. Die hiermit angebahnten Fortschritte sind nur
+auf dem Unterbau der pathologischen Anatomie möglich geworden.
+
+Die im Beginne der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwar nicht
+zuerst, aber nunmehr systematisch auftauchenden Bestrebungen auf dem
+Gebiete der _Gesundheitslehre_ blieben zwar zunächst für die Chirurgie
+anscheinend ohne große Bedeutung, da sie sich, noch ohne die erst einige
+Jahrzehnte später erworbene Kenntnis der Krankheitserreger, d. h. ohne
+die Grundlage einer wissenschaftlichen _Bakteriologie_ auf die
+Bekämpfung der Seuchen durch Verbesserung der Lebensbedingungen
+beschränkte. Immerhin wurden aber wertvolle Erfahrungen über Ernährung,
+Bauweise der Häuser und Wohnungen, öffentliche und private
+Badeeinrichtungen, Kanalisation und Abfuhr, Benutzung der Abfuhrwässer
+zur Berieselung öder und unfruchtbarer Landstrecken gesammelt, die
+freilich erst unter den seit 1878 auftretenden Fortschritten der
+Bakteriologie ihre volle Bedeutung erkennen ließen. Aber schon früh
+begannen diese Bestrebungen doch auch auf die Chirurgie nach zwei
+Richtungen hin einzuwirken, da sie einerseits die so wichtigen
+Wundinfektionskrankheiten mit in den Kreis ihrer Betrachtungen zogen,
+anderseits die für die Behandlungserfolge höchst bedeutungsvolle Anlage
+von Krankenhäusern einer neuen Richtung entgegenführten.
+
+
+
+
+ Kapitel II.
+
+ Die Krankenanstalten vor der antiseptischen Wundbehandlung.
+
+
+Die _alten Krankenhäuser_ stellten unter dem Zwange der meist nur
+geringen, von Staat, Gemeinde oder Körperschaft zur Verfügung gestellten
+Summen je ein einziges steinernes Gebäude dar, welches alle oder fast
+alle Räume für die Unterkunft und Behandlung kranker Menschen
+einheitlich oder nahezu einheitlich umschloß. So bequem dies für die in
+dem gleichen Gebäude untergebrachte Verwaltung war, so große Nachteile
+ergaben sich daraus für die Krankenbehandlung, indem genügende Zufuhr
+frischer Luft, sichere und unschädliche Beseitigung der Abfallstoffe und
+aller Unreinigkeiten, zuverlässige Absonderung ansteckender Krankheiten
+und manche andere Dinge ganz erheblich in den Hintergrund traten, auch
+bei der mangelnden Kenntnis von Entstehung und Übertragung solcher
+Leiden in den Hintergrund treten mußten. Vor allem machten sich diese
+ungünstigen Verhältnisse bei Verwundeten, insbesondere bei
+Kriegsverwundeten geltend. So konnte der englische Feldarzt _Sir John
+Pringle_ schon im Jahre 1753 den Ausspruch tun, daß eine wesentliche
+Ursache der Krankheiten und Todesfälle bei einer Armee deren Hospitäler
+seien; und noch schärfer drückte sich das »Dekret des Nationalkonvents
+aus dem Jahre 1794 für die Hospitäler der französischen Armee« in dem
+Satze aus: »Die Spitäler sind ebenso gesundheitswidrig wie die Moräste.«
+Aber auch die öffentlichen Krankenanstalten des Friedens wiesen meistens
+derartige Zustände auf, daß die Menschheit sie als Pesthöhlen ansah und
+von einer fast wahnsinnigen Furcht vor ihnen erfüllt war. Es begreift
+sich das, wenn man von der Sterblichkeit höchst angesehener Anstalten
+hört. Die _Langenbeck_sche Universitätsklinik zu Berlin hatte nach F.
+_Busch_ im Jahre 1869 eine Sterblichkeit von 17 1/3 % und nach Abzug der
+zahlreichen Fälle von Diphtherie immerhin noch eine solche von 10¾ %. J.
+_Israel_ berichtet aus dem jüdischen Krankenhause von 1873 bis 1875, daß
+62,5 % der operierten und 37,5 % der nichtoperierten Kranken von Pyämie
+befallen wurden. Im Berliner Diakonissenhause Bethanien starben nach
+eigenen Aufzeichnungen des Verfassers der Jahre 1868 und 1869 von 6
+Amputationen des Oberarmes 5, von 5 Absetzungen des Vorderarmes 4, von
+15 des Oberschenkels 11, meistens an Pyämie. -- Noch schlimmer lauten
+ältere Erfahrungen aus dem Auslande. In einem 5jährigen Berichte aus den
+Pariser Hospitälern zählt _Malgaigne_ 300 Todesfälle auf 560 Operationen
+und _Pirogoff_ in seinem Jahresberichte von 1852/53 159 Todesfälle auf
+400 große Operationen!
+
+Diese unerhörten Zustände wandten sich erst zum Besseren, als die
+Vertreter der Gesundheitslehre mit immer wachsendem Nachdrucke den Bau
+neuer und den Fortschritten ihrer Wissenschaft angepaßter Krankenhäuser
+forderten, die natürlich viel größere Mittel in Anspruch nahmen, als man
+bisher für nötig gehalten hatte. Auch auf diesem Gebiete haben wir
+_Rudolf Virchow_ viel zu danken, der in Wort und Schrift bei jeder
+Gelegenheit für die Forderung eintrat und bei dem großen Einfluß, den er
+als Abgeordneter und Mitglied des städtischen Verwaltungskörpers besaß,
+zunächst die Stadt Berlin und demnächst den preußischen Staat zur
+Herstellung zweckmäßiger Krankenhäuser zu bewegen wußte. So entstand das
+_Pavillonsystem_. In dem Bestreben, die Zusammenhäufung kranker Menschen
+nach Möglichkeit zu vermeiden und beste hygienische Bedingungen zu
+schaffen, erbaute man zahlreiche kleinere, höchstens zweistöckige
+Häuser, die, von Gärten umgeben und über eine große Bodenfläche
+verteilt, unter einer gemeinsamen Verwaltung standen. Es war nunmehr
+möglich geworden, ansteckende Krankheiten sicher abzusondern und die
+leichter erkrankten Menschen vor Ansteckung zu schützen; ebenso die
+Genesenden durch langen Aufenthalt in frischer Luft einer schnelleren
+Erholung zuzuführen. Aber freilich brachte das Pavillonsystem neben
+seinen unleugbaren Vorzügen gegenüber dem alten Massivbau auch
+mancherlei Nachteile, ganz abgesehen davon, daß der Bau zahlreicher
+Einzelhäuser und deren zweckmäßige Einrichtung an sich erheblich größere
+Kosten verursachte. Der steigende Bodenwert großer und selbst mittlerer
+und kleiner Städte zwang Gemeinden und Verbände zu immer größeren und
+zuletzt fast unerschwinglichen Ausgaben, deren natürliche Folge es war,
+daß wenigstens die Neuanlagen in mehr oder weniger großer Entfernung vom
+Mittelpunkte der Stadt ihren Platz fanden. Macht eine solche Anordnung
+in Städten mit mehreren Krankenhäusern nicht viel aus, so treten bei
+wenigen oder gar sonst fehlenden Anstalten gleicher Art sofort große
+Übelstände hervor, da dann gleichzeitig für ausgiebige und leichte
+Verbindungen gesorgt werden muß; und selbst, wenn diese vorhanden sind,
+so bleibt die Notwendigkeit einer weiten und vielleicht umständlichen
+Krankenbeförderung nicht ganz ohne Bedenken. In den großen
+amerikanischen Städten, zumal in New York, ist man deshalb auf ein
+anderes Mittel verfallen, um den Massivbau hygienisch angemessener zu
+gestalten, als dies früher der Fall war: man baut die Krankenhäuser bis
+zu zwölf und mehr Stockwerken in die Höhe, legt die durch zahlreiche
+Aufzüge zu befördernden Kranken, nebst den Operationsräumen, in die
+obersten Stockwerke, um dem Straßenstaube zu entgehen, und benutzt die
+unteren Stockwerke als Verwaltungsräume. Das einzige schwere Bedenken
+gegen solche Anordnungen liegt in der nicht zu unterschätzenden
+Feuersgefahr. Auch in Deutschland ist man seit allgemeiner Einführung
+zuverlässiger Wundbehandlungsmethoden vielfach von der ganz strengen
+Durchführung des Pavillonsystems zurückgekommen und zu einem mehr
+gemischten Systeme übergegangen. Es geschieht dies in der Weise, daß ein
+großer Massivbau die Verwaltungsräume, die Poliklinik, die besonderen
+Untersuchungszimmer, zuweilen auch noch besser ausgestattete
+Einzelzimmer aufnimmt, während die meisten Kranken in steinernen
+Pavillons oder Baracken ihre Aufnahme finden.
+
+Die _Baracken_ können aber auch für sich allein oder fast allein die
+Grundlage einer Krankenanstalt bilden und stellen dann die dritte Gruppe
+der Krankenhausbauten dar. Als Hilfsmittel für die Versorgung
+Kriegsverwundeter und Kranker sind sie hier und da, auch in Deutschland,
+schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufgekommen; so schildert der
+braunschweig-lüneburgische Feldarzt _Michaelis_ in einer Schrift vom
+Jahre 1801 bereits ihre Herstellung und Einrichtung. Aber erst der
+amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 brachte sie zu allgemeiner
+Verwendung und zwar infolge einer Notlage, da die Unterbringung der
+zahllosen Verwundeten aus den überaus mörderischen Schlachten in
+steinernen Gebäuden eine Unmöglichkeit war. Denn die Landstriche, in
+denen der Krieg vorwiegend tobte, waren dünn bevölkert und enthielten
+sowohl auf dem Lande, wie selbst in kleinen und größeren Städten fast
+nur Holzbauten, deren sehr billiges Baumaterial überall mit
+Leichtigkeit zu beschaffen war. So entschloß sich denn die
+Militär-Medizinalverwaltung der nördlichen Bundesstaaten zur Herstellung
+hölzerner Baracken; und mit der dem Amerikanertum eigenen praktischen
+Energie wurden auf den Schlachtfeldern und in der Nähe der kämpfenden
+Heere wahre Lazarettstädte aus Holz erbaut, die schnell
+zusammengezimmert und deren Einzelbaracken möglichst einfach
+ausgestattet waren. Sie haben sich als eine so segensreiche Einrichtung
+bewährt, daß sie in den folgenden europäischen Kriegen, wenigstens von
+deutscher Seite, sofort Nachahmung fanden, wenn auch entfernt nicht in
+gleichem Umfange wie jenseits des Ozeans. Aus dieser ursprünglich nur
+für den Krieg gedachten Bauform ist eine Bereicherung des Lazarettwesens
+und der Krankenpflege auch für den Frieden hervorgegangen. Nur einmal
+freilich ist der Versuch gemacht worden, die Holzbaracke als
+Dauerbaracke zur Herstellung eines ganzen Krankenhauses zu benutzen und
+zwar in dem im Jahre 1869 von _Esse_ errichteten Berliner
+Augusta-Hospital. Der Versuch hat sich als verfehlt erwiesen, da die
+Baracken, wenn sie auch mehr als 40 Jahre benutzt wurden, doch so viele
+Nachteile aufwiesen, insbesondere in der Notwendigkeit fortgesetzter
+Ausbesserungen und Umänderungen, welche die Verwaltung erheblich
+verteuerten, daß sie späterhin sämtlich durch Steingebäude ersetzt
+worden sind. Aber hiervon abgesehen hat die Holzbaracke sich auch im
+Frieden als ein sehr wertvolles Hilfsmittel in allen den Fällen
+erwiesen, in welchen Massenerkrankungen durch Ansteckung, Vergiftungen
+und Unglücksfälle die Gemeinden und Behörden zur schleunigen Errichtung
+von Nothospitälern zwangen. Auch Dauerhospitäler machen gelegentlich von
+dieser Aushilfe Gebrauch, zuweilen selbst für lange Jahre, bis Mittel
+zusammengebracht sind, um den Holzbau durch steinerne Gebäude zu
+ersetzen.
+
+Ein wenn auch nicht gleichwertiges, so doch durch die schnelle
+Beschaffungsmöglichkeit vielfach unentbehrliches Hilfsmittel stellen die
+_Leinwandzelte_ dar. Ihr Gebrauch ist erheblich älter als der der
+Baracken, da sie mindestens bereits in den Kriegen des 18. Jahrhunderts
+vielfach benutzt worden sind. Auch unter den entsetzlichen hygienischen
+Zuständen, welche sich nach der mörderischen Schlacht bei Leipzig am 16.
+bis 19. Oktober 1813 entwickelten und über die wir vom 26. Oktober einen
+wahrhaft schaudererregenden Bericht des Professors J. C. _Reil_, des
+edlen Ostfriesen, wie ihn _Heinrich v. Treitschke_ nennt, besitzen
+haben die Leinwandzelte weiterhin die besten Dienste getan. Im
+Krimkriege von 1854/55 spielten Zelte und bewegliche Baracken
+gleichfalls eine erhebliche Rolle; die dabei gewonnenen Erfahrungen
+wurden insbesondere durch die Bemühungen der um die Kriegslazarettpflege
+hochverdienten Engländerin _Florence Nightingale_ festgehalten und zu
+einem Gemeingute der Krankenpflege aller Völker umgestaltet.
+
+Seitdem sind die Leinwandzelte zur Krankenbehandlung unentbehrlich
+geworden, zumal im Kriege. Preußen hat in seinen großen Kriegen von 1863
+bis 1871 dauernd von ihnen Gebrauch gemacht und gegenwärtig sind alle
+deutschen Heereskörper so reichlich mit ihnen ausgestattet, daß
+Schwierigkeiten für die erste Unterbringung Verwundeter und Kranker
+nicht leicht mehr entstehen können, zumal da das auf eine hohe Stufe der
+Vollendung gebrachte Krankentransportwesen unausgesetzt für eine
+schnelle Entlastung der Umgebung des Schlachtfeldes und der stehenden
+Feldlazarette sorgt. Aber auch in Friedenszeiten hat die schnelle
+Aufstellbarkeit solcher Unterkunftsräume eine erhebliche Bedeutung
+gewonnen.
+
+Ihr Hauptmangel liegt in dem Umstande, daß sie, als nicht oder doch nur
+unvollkommen mit Heizvorrichtungen versehbar, ausschließlich im Sommer
+und bei guter Witterung benutzt werden können. In ungünstigen
+Jahreszeiten tritt indessen eine andere Erfindung der Neuzeit an ihre
+Stelle, nämlich die v. _Döcker_sche _Zeltbaracke_, die einen Übergang
+von der Baracke zum Leinwandzelte bildet, in vollem Umfange zwischen
+beiden steht. Der dänische Rittmeister v. _Döcker_ führte seine neue
+Vorrichtung zur Krankenlagerung zuerst auf der Berliner Ausstellung von
+1883 vor und schenkte das Modell späterhin dem Augusta-Hospital, in
+welchem es seit 1884 ausgiebige Verwendung fand. Ebenso hat die
+preußische Militär-Medizinalverwaltung sofort eine Prüfung ihrer
+Brauchbarkeit vorgenommen. In ihrer ersten Form war die Baracke freilich
+auch nur für die Sommermonate brauchbar. Sie besteht nämlich aus einer
+Anzahl genau zusammenpassender Holzrahmen, deren Lichtung nur von außen
+von einem sehr groben, segeltuchartigen Stoffe geschlossen wird, der an
+dem Holzrahmen durch Nägel befestigt ist. An der äußeren Seite ist der
+Stoff von einer dicken Schicht Ölfirnis überzogen. Die Rahmen sind
+mittels Haken und Ösen leicht zusammenfügbar, so daß ein solcher Bau in
+wenigen Stunden aufgestellt, in noch kürzerer Zeit wieder abgebrochen
+werden kann. Die leichte Brennbarkeit der benutzten Stoffe machte
+selbstverständlich irgendwelche Heizvorrichtungen unmöglich; allein
+durch eine wenig kostspielige Umänderung lernte man, wie es scheint
+zuerst im Berliner Augusta-Hospital, diesem Übelstande zu begegnen und
+die Zeltbaracke auch für den Winter bewohnbar zu machen. Die Wandflächen
+wurden nämlich durch Aufnagelung eines zweiten Stoffstückes an der
+Innenseite des Rahmens verdoppelt, der Stoff durch Aufstreichen von
+Wasserglas an beiden Seiten unverbrennbar gemacht, ein kleiner
+verschließbarer Dachreiter für die Ventilation aufgesetzt und endlich
+eiserne Öfen in dem nun nahezu feuersicheren Raume angebracht. In dieser
+Form ist die _Döcker_sche Baracke für Friedens- und Kriegszeiten in
+allgemeinen Gebrauch gekommen.
+
+Die besprochene Vielgestaltigkeit der Krankenunterkunftsräume, unter
+denen bis zum heutigen Tage das Pavillonsystem als das beste, zugleich
+aber auch kostspieligste anerkannt werden muß, hatten auf die
+Gesundheitsverhältnisse großer Krankenhäuser einen sehr merkbaren
+Einfluß in günstiger Richtung ausgeübt: die Sterblichkeitsziffer sank
+erheblich, solange die Krankenräume frisch und neu waren. Allein es war
+unmöglich sich der Erkenntnis zu entziehen, daß in den gleichen
+Krankenhäusern die Verhältnisse sich von Jahr zu Jahr wieder
+verschlechterten, so daß nur ausgedehnte Erneuerungen und jährliche
+Neuanstriche, welche die Unterhaltungskosten wesentlich in die Höhe
+trieben, imstande waren, zumal auf chirurgischen Abteilungen, die
+Wundkrankheiten auf erträglicher Höhe zu erhalten. Das Gespenst des
+unbekannten Etwas, welches die Erfolge der Chirurgen seit Jahrhunderten
+beeinträchtigt hatte, begann wieder drohend sein Haupt zu erheben. Da
+aber in kleinen Krankenanstalten der Krankheitsverlauf sich viel länger
+günstig gestaltete als in großen, da insbesondere sich zeigte, daß
+Kranke und Verletzte, die in ihrer eigenen Wohnung behandelt wurden,
+viel seltener von schweren Wundstörungen heimgesucht wurden als die
+Insassen großer Hospitäler, so blieben die Chirurgen bei dem uralten
+System der Operationen in Privathäusern, so viele Unbequemlichkeiten
+damit auch verknüpft waren; und als das sich immer enger ziehende
+Eisenbahnnetz es auch dem weniger Bemittelten möglich machte, angesehene
+Chirurgen in fernen Städten aufzusuchen, ging man zu dem
+_Krankenzerstreuungssystem_ über, welches zwar schon seit Jahrhunderten
+hier und da benutzt, doch erst in sehr eigenartiger Weise von _Nicolai
+Pirogoff_ angewandt und bekannt gemacht worden war.
+
+Unter dem Eindruck sehr schlechter Erfahrungen, welche dieser
+bedeutendste und mit der Entwicklung der westlichen Medizin genau
+vertraute russische Chirurg in der chirurgischen Klinik zu Dorpat und in
+St. Petersburger Krankenhäusern gemacht hatte, begann er auf seinem
+großen Gute in Podolien um 1860 ein System einzurichten, das ihm schon
+aus seinen Kriegserfahrungen im Kaukasus geläufig geworden war. Die
+zahlreichen Kranken, welche hilfesuchend von allen Seiten ihm
+zuströmten, verteilte er nach vorgenommener Operation in die elenden
+Hütten seiner leibeigenen Bauern, die gegen Bezahlung seitens der
+Kranken diese einzeln in den gemeinsamen Wohnraum der Familie aufnahmen
+und verpflegten. Dort lagen sie in einem Winkel auf Stroh, oft
+wochenlang in der gleichen, mit Blut und Eiter beschmutzten Wäsche, die
+Wunde tagelang ohne Verband, oder nur mit eitergetränkten,
+übelriechenden Lappen bedeckt. Der Verbandwechsel wurde entweder von den
+Kranken selber oder von einem rohen, unwissenden Feldscher vorgenommen;
+_Pirogoff_ selber konnte seine Operierten höchstens zweimal in der Woche
+besuchen. Trotzdem sah er im Laufe von 1½ Jahren niemals Wundrose oder
+»purulente Diathese« und verlor unter einigen Hunderten von Leuten, an
+denen große Operationen vorgenommen waren, nur _einen_ Fall nach einer
+_Lithothrypsie_. Diese erstaunlichen und von den Erfahrungen der
+Behandlung in Hospitälern himmelweit verschiedenen Ergebnisse führt
+Pirogoff ausschließlich auf die strenge Verteilung der Kranken zurück,
+so daß Hospitalmiasmen und Kontagien, von denen er wiederholt als von
+den eigentlichen Ursachen der Krankenhausseuchen spricht, nicht zur
+Entwicklung kommen konnten. Ob freilich die verblüffend guten
+Ergebnisse, welche er mit seinem Systeme auf dem Lande erzielt hatte,
+ihm auch im weiteren Leben treu geblieben sind, ist aus seinen Schriften
+nicht sicher zu ersehen; doch darf daran um so mehr gezweifelt werden,
+als späterhin kaum noch davon gesprochen wird. Zumal in großen Städten
+sicherte auch die Krankenzerstreuung keineswegs ausreichend vor dem
+Auftreten von Wundkrankheiten, unter denen die Wundrose auch in
+Privatwohnungen eine besonders unliebsame Rolle spielte. Es bedurfte
+erst der Entdeckung der letzten Ursachen für Wundeiterung und
+Wundkrankheiten bevor man in zweckentsprechender Weise ihre Bekämpfung
+in die Hand nehmen konnte.
+
+
+
+
+ Kapitel III.
+
+ Die ältere Wundbehandlung und die Wundkrankheiten.
+
+
+Ehe wir uns indessen der Schilderung dieses Entwicklungsganges zuwenden,
+soll eine Darlegung der _Wundbehandlungsmethoden, mit denen unsere
+Altvordern arbeiteten_, sowie eine Würdigung der damit erzielten
+Ergebnisse Platz greifen, die uns erst über den ungeheuren Abstand
+zwischen den Verfahren beider Zeiträume aufklären.
+
+Die Salben und Pflaster, welche noch bis zum Beginne des 19.
+Jahrhunderts den Hauptbestandteil der dem Chirurgen zur Verfügung
+stehenden Hilfsmittel für die Behandlung von Wunden bildeten, waren
+durch die Bemühungen _Vinzenz v. Kerns_ in Wien in den Jahren 1805 bis
+1828 einer einfacheren und naturgemäßeren Behandlung gewichen, wenn sie
+auch nicht ganz ausgeschaltet werden konnten. Das _Kern_sche Verfahren
+war das gleiche, welches in den fünfziger und sechziger Jahren des 19.
+Jahrhunderts unter dem Namen der _offenen Wundbehandlung_ noch einmal
+eine gewisse Rolle gespielt hat. _Bartscher_ und _Vezin_ in Osnabrück
+1856, _Burow_ in Königsberg 1859, _Volkmann_ in Halle bis Ende 1872,
+_Rose_ und sein Assistent _Krönlein_ in Zürich 1872 waren die späten
+Vertreter dieser Richtung, die erst bei dem allmählichen Aufkommen der
+antiseptischen Wundbehandlung, wenn auch nicht ohne scharfen Kampf,
+völlig ihren Boden verlor. Vor _Kern_ wurden die Wunden mit allerlei
+Deckverbänden behandelt unter der Vorstellung, daß sie die verletzten
+Gewebe vor unmittelbarer Berührung mit der Luft, insbesondere mit dem
+als überaus schädlich angesehenen Sauerstoffe, zu schützen, zugleich
+aber eine Beschmutzung der Leib- und Bettwäsche durch den ausfließenden
+Eiter zu verhindern hätten mittels der Anwendung eines die
+Wundflüssigkeiten aufsaugenden Verbandmateriales. Als solches diente
+seit dem 18. Jahrhundert die aus der französischen Chirurgie übernommene
+Charpie, Fäden aus alter weicher Leinwand gezupft und zu großen und
+kleinen Bündeln vereinigt. So stark hydrophile Eigenschaften dieser
+Stoff auch besitzt, so gefährlich wurde er durch die Art seiner
+Herstellung und seiner Anwendung. Denn die Herstellung geschah vielfach
+in den Krankenräumen selber durch die vorher nicht gewaschenen
+und gereinigten Finger der Kranken; und nirgends fand ein
+besonderer Abschluß, eine zuverlässige Aufbewahrung des aus den
+allerverschiedensten Quellen stammenden Verbandmateriales statt. So kam
+denn eine nicht einmal äußerlich rein aussehende, jedenfalls mit Keimen
+aller Art überladene Charpie auf die Wunden, und zwar meistens in der
+Art, daß diese ausgestopft, durch Binden zusammengehalten und zugleich
+unter einen nicht immer unbedeutenden Druck gestellt wurden. Die
+Notwendigkeit eines mehrmaligen Verbandwechsels täglich, um die
+beschmutzten und durchweichten Verbandstücke zu ersetzen, vermehrte nur
+das Übel, da jeder Neuverband eine starke Beunruhigung und Reizung der
+Wunde, zuweilen selbst mit erheblichen Blutungen aus den üppig
+wuchernden Granulationen hervorrufen mußte.
+
+Es begreift sich, daß unter solchen Umständen das Vorgehen _Kerns_, das
+verwundete Glied nur zweckmäßig zu lagern, die Wunde nur mit
+Kaltwasserumschlägen zu behandeln, sie offen zu lassen und nur
+ausnahmsweise einige wenige Nähte anzulegen, als ein großer Fortschritt
+angesehen werden mußte. Aber auf die Dauer vermochte sich dies einfache
+Verfahren nicht durchzusetzen. Die große Mehrzahl der Chirurgen suchte
+immer noch ihr Heil in den alten, schnell schmutzig werdenden
+Deckverbänden und nach _Kerns_ Tode ist auf Jahrzehnte hinaus von der
+offenen Wundbehandlung nicht mehr die Rede. Nur die einfachen
+Kaltwasserumschläge zur Linderung des brennenden Wundschmerzes blieben
+als einzige Erinnerung an die _Kern_sche Behandlungsmethode bei den
+Ärzten bis zur Einführung der Antisepsis, bei den Laien bis zum heutigen
+Tage in Gebrauch. Die alte Behandlung kehrte in vollem Umfange zurück.
+So forderten denn in großen chirurgischen Abteilungen nach wie vor die
+Wundkrankheiten allwöchentlich ihre Opfer; zumal die Kriegslazarette
+wurden Brutstätten endemischer Seuchen, die so manchem Krieger einen
+Soldatentod auf dem Schlachtfelde gegenüber dem Aufenthalte in solchen
+Pesthöhlen als das erheblich kleinere Übel erscheinen ließen.
+
+ * * * * *
+
+Die _Wundkrankheiten_, welche in fast allen größeren Krankenanstalten in
+so schreckenerregender Weise auftraten, waren faulige Zersetzung der
+Wundflüssigkeiten (Septichämie oder kurzweg Sepsis), die metastasierende
+Pyämie, die Wundrose, der Wundstarrkrampf und endlich der Hospitalbrand.
+Alle übrigen Störungen, wie Nachblutungen, Phlegmonen, Ekzeme,
+Wundscharlach usw., dürfen beiseite gelassen werden, da sie entweder das
+Leben nur selten bedrohten, oder nur als Beigaben genannter schwerer
+Krankheiten die Gefahr erhöhten.
+
+Die Pathologie dieser Zustände kann hier nur kurz berührt, darf aber
+doch nicht ganz übergangen werden, da einer derselben, der
+Hospitalbrand, fast völlig verschwunden, also wirklich geschichtlich
+geworden ist, während andere, so die metastasierende Pyämie, selbst die
+schweren Formen der Wundrose, so selten geworden sind, daß das jüngere
+und jüngste Geschlecht deutscher Chirurgen nur noch ganz ausnahmsweise
+Gelegenheit findet, sie kennen zu lernen. Man vergleiche nur einen
+Jahresbericht aus älterer Zeit, z. B. von F. _Busch_, _Billroth_,
+_Lister_ (vor Einführung der antiseptischen Wundbehandlung) und anderen,
+mit einem solchen des letzten Jahrzehntes, um sich zu überzeugen, welche
+ungeheure Einschränkung die Besprechung der Wundkrankheiten erfahren
+hat, da mit ihrer zahlenmäßigen Verminderung auch das Interesse an ihnen
+heruntergegangen, ja nahezu erloschen ist. Freilich ist hervorzuheben
+daß die Entstehung aller dieser Krankheiten durch mehr oder weniger
+spezifische Bakterien und deren Stoffwechselgifte (Toxine) zu jener Zeit
+noch gänzlich unbekannt war; wir beschränken uns also im wesentlichen
+auf die Krankheitsbilder, wie sie von unseren Altvordern zuweilen in
+überraschender Schärfe, zuweilen aber auch mit verschwommenen Grenzen
+gezeichnet worden sind.
+
+_Wundfäulnis_, _Sepsis_, _Septichämie_, _Sephthämie_ nannte man nach der
+Mitte des 19. Jahrhunderts einen Zustand, bei welchem die
+Wundflüssigkeiten ein graugelbes, graues, rotbraunes oder dunkelbraunes,
+mehr oder weniger blutig gefärbtes Ansehen bekamen und zugleich einen
+üblen Geruch annahmen, in einzelnen Fällen selbst aashaften Gestank
+verbreiteten. Diese Erscheinungen entwickelten sich nicht plötzlich,
+steigerten sich aber doch in wenigen Tagen zur Höhe und gingen nicht nur
+mit einer Veränderung der Wunde und ihrer Umgebung, sondern auch mit
+einer wachsenden Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens einher. Die
+Wundränder nahmen eine blasse Rötung an, schwollen etwas an, waren aber
+nicht auffallend empfindlich; in vorgeschrittenen Fällen war häufig
+sogar eine erstaunliche Unempfindlichkeit vorhanden, die auf beginnende
+und schnell zunehmende Benommenheit des Bewußtseins zurückgeführt werden
+mußte. Der Puls wurde schnell, zuweilen schon zu einer Zeit, in welcher
+die örtlichen Veränderungen noch nicht in die Augen sprangen, die
+Arterien zeigten sich wenig gefüllt. Hand in Hand mit dieser
+Pulsveränderung stellte sich ein remittierendes Fieber ein, meistens
+mit morgendlichen Abfällen bis zur Norm oder gar weit darunter, und
+einem abendlichen Anstiege, dessen Spitzen immer höher reichten, bis mit
+dem Nachlassen der Herzkraft oft plötzlich ein bedeutendes Sinken
+eintrat. Dies galt bei schneller und kleiner werdendem Pulse als ein
+sehr ungünstiges Zeichen und ging meistens dem Tode unmittelbar voran.
+
+Daß es sich um eine Giftwirkung der in der Wunde sich ansammelnden
+fauligen Stoffe handle, war schon um die sechziger Jahre den meisten
+Beobachtern nicht zweifelhaft. In der Tat gelang es E. _Bergmann_ und
+_Schmiedeberg_ in Straßburg im Jahre 1868, aus faulender Bierhefe ein
+Alkaloid, das _Sepsin_ herzustellen, welches, dem Tierkörper in
+genügender Menge einverleibt, ein der menschlichen Septichämie sehr
+ähnliches Krankheitsbild hervorrief. Für die Behandlung war damit aber
+zunächst nichts gewonnen, da einerseits die Ursachen der Wundfäulnis mit
+dem Nachweise des Sepsins noch längst keine Erklärung gefunden hatten,
+andererseits die einzelnen Fälle, neben mancher Ähnlichkeit in den
+Umrissen, doch auch recht erhebliche Verschiedenheiten aufwiesen.
+_Billroth_ und seine Schule mühten sich jahrelang vergeblich ab, der
+Natur hinter ihr Geheimnis zu kommen, bis er mit seinem Buche Ȇber die
+Cocoobacteria septica« den ersten Schritt auf dem noch sehr unsicheren
+und schwankenden Grunde der chirurgischen Bakterienforschung tat. Wir
+werden darauf an späterer Stelle im Zusammenhange zurückzukommen haben.
+
+ * * * * *
+
+Ein in seinen ausgeprägten Formen sehr verschiedenartiges Krankheitsbild
+stellte das _Eiterfieber_, die _Pyämie_ oder _Pyohämie_ dar.
+Voraussetzung für ihr Auftreten war das Vorhandensein einer meist
+größeren Wunde, am häufigsten an den Bewegungsorganen; doch gehörte es
+in verseuchten Krankenhäusern keineswegs zu den Seltenheiten, das Leiden
+selbst bei kleinen und anscheinend wenig bedeutenden Wunden auftreten zu
+sehen. Während aber die Wundfäulnis in langsamer Steigerung ihre Höhe
+erreichte, trat die Pyämie meist ohne jede Vorbereitung und ganz
+plötzlich in die Erscheinung. Ein Mensch mit einer ganz reinen, von
+guten Granulationen bedeckten und einen geruchlosen Eiter absondernden
+Wunde erkrankte, zuweilen aus voller Fieberlosigkeit heraus, andere Male
+nach nur geringfügigem Anstieg der Körperwärme, mit einem heftigen
+Schüttelfroste, dem ein ergiebiger Schweißausbruch folgte. Nach 2-4
+Stunden sank die bis zu 41°C und selbst darüber emporgeschnellte
+Körperwärme in steilem Sturze wieder zur Norm oder selbst erheblich
+darunter, der Kranke fühlte sich zwar etwas angegriffen, aber doch so
+wohl, daß er der Sache keine Bedeutung beizulegen geneigt war, bis die
+öftere Wiederkehr der Fröste seinen Gleichmut zu zerstören, sein
+Befinden zu verschlechtern begann.
+
+Nach den ersten Schüttelfrösten nämlich traten auch für den Kranken sehr
+merkbare Veränderungen der Wunde auf. Die bis dahin roten und üppigen
+Granulationen wurden blaß und flach, viel seltener, infolge einer
+Venenthrombose, glasig gequollen, die Wunde sonderte statt des gelben
+Eiters eine mehr fleischwasserähnliche, gewöhnlich leicht übelriechende
+Flüssigkeit ab; zugleich wurde sie so empfindlich, daß der Kranke bei
+jeder Berührung aufschrie, zuweilen schon bei leichter Erschütterung
+seines Lagers einen Schmerzensschrei ausstieß. Im Gegensatze zu einem
+Septichämischen mit seinem gleichgültigen, stupiden Gesichtsausdrucke
+und seinen glanzlosen Augen zeigte der Pyämische auf der Höhe seines
+Leidens ein ängstliches, aufgeregtes Gesicht mit leicht verzerrten
+Zügen, sowie die glänzenden Augen des fiebernden Menschen. Für den
+kundigen Blick war das Krankheitsbild der ausgeprägten Pyämie ohne
+weiteres erkennbar.
+
+Den eigentlichen Stempel aber erhielt die verderbliche Krankheit durch
+das Auftreten zahlreicher Eiterherde, meist in inneren, aber auch in
+äußeren Organen. Gehirn, Lungen, Leber, Milz, Nieren und Herzfleisch
+wiesen ebenso oft große und kleine Eiterherde auf, wie das Bindegewebe,
+die Muskeln, die Gelenke und serösen Höhlen. Diese Eiterungen, die
+zuweilen zu gewaltigen, schnell wachsenden Herden sich umwandelten,
+traten in der Regel im unmittelbaren Anschluß an Schüttelfröste auf; sie
+waren, wie _Virchow_ um 1850 als erster nachzuweisen vermochte, die
+Folge des Eindringens zerfallender Gefäßthromben in die Blutbahn und
+entwickelten sich an solchen Stellen, an denen ein verschleppter Embolus
+in feineren Gefäßen stecken blieb. Daß der Zerfall eines in der
+Wundebene liegenden Gefäßthrombus durch eindringende Bakterien
+vermittelt wurde und daß die mit Bakterien beladenen Gerinnsel oder gar
+die im Blutstrome kreisenden und zusammengeballten Bakterien für sich
+allein am Orte ihres Haftens Eiterung hervorriefen, wurde erst
+wesentlich später erkannt.
+
+Nicht immer haben die Vorgänge so klar vor Augen gelegen, wie sie hier
+geschildert worden sind. Die Schwierigkeiten für die Erkenntnis hatten
+zwei Gründe. Zunächst konnte der Zerfall eines Thrombus auch in einer
+Wunde sich ereignen, die schon einige Zeit zuvor von Wundfäulnis
+heimgesucht war; oder aber letztere gesellte sich den pyämischen
+Erscheinungen hinzu. Dann entstanden Mischformen, die zuerst _Karl
+Hüter_ mit dem Namen der Septikopyämie belegt hat (1868); und da die
+Zeichen beider Krankheiten, bald mit Vorwiegen der Fäulnis, bald der
+Metastasen, sich durcheinanderschoben, so war eine reinliche Scheidung
+vielfach unmöglich gemacht. Noch mehr aber trug zur Unklarheit und
+Verwirrung die Kenntnis einer bis dahin unbekannten Krankheit, der
+metastasierenden Osteomyelitis, bei, die zuerst von _Chassaignac_ im
+Jahre 1854, bald darauf auch von _Klose_ in Prag unter dem Namen der
+akuten Osteomyelitis, späterhin wegen der Ähnlichkeit ihres Verlaufes
+mit der Wundpyämie vielfach als Pyaemia interna oder spontanea
+beschrieben worden ist. Die Frage hat eine höchst umfangreiche Literatur
+hervorgerufen, bis _Rosenbach_ in Göttingen im Jahre 1884 die Krankheit
+auf die gleichen Erreger, welche in der Wundpyämie ihre Lebensäußerung
+zeigen, zurückzuführen vermochte, nämlich auf den Staphylococcus
+pyogenes aureus und verwandte Schmarotzer.
+
+Der _Hospitalbrand_ scheint eine fast ausgestorbene Krankheit geworden
+zu sein, da auch die neuesten, so blutigen und unter den ungünstigsten
+hygienischen Bedingungen geführten Kriege sie glücklicherweise fast
+nirgends zu neuem Leben zu erwecken vermocht haben. Nur im
+Russisch-Japanischen Kriege von 1904 ist sie wieder gesehen worden, ohne
+daß Zeit und Umstände für genauere Beobachtungen und bakterielle
+Forschung günstig gewesen wären. Und doch war sie einst die
+schrecklichste Geißel großer Krankenhäuser des Friedens und
+umfangreicher Militärlazarette. Ob sie eine besondere, auf einen eigenen
+Erreger zurückzuführende Form der Wundfäulnis darstellt, kann heute
+nicht mehr gesagt werden, da sie unter dem Einflusse der antiseptischen
+Wundbehandlung so schnell verschwunden ist, daß die bis dahin noch
+höchst unvollkommenen bakteriologischen Untersuchungsmethoden nicht mehr
+imstande waren, ihr Wesen festzustellen. Um so mehr ist es geboten, ihre
+Erscheinungsformen festzuhalten, und zwar nicht nur von rein
+geschichtlichen Gesichtspunkten aus; denn wie andere verheerende Seuchen
+des menschlichen Geschlechtes, Diphtherie z. B. und Pest, gewissermaßen
+unter unseren Augen eine Wiedererstehung erlebt haben, so sind
+Verhältnisse auf Erden denkbar, verheerende Ereignisse irgendwelcher
+Art, welche auch dem Erreger des Hospitalbrandes aus der bisherigen
+Versenkung aufzutauchen erlauben.
+
+In großen Krankenhäusern des Friedens, besonders aber in
+Kriegslazaretten, in denen zahlreiche Verwundete dicht zusammengehäuft
+waren, trat die Krankheit gelegentlich in ihren gefährlichsten und
+abschreckendsten Bildern auf. Seit _Delpech_ in Montpellier (1815)
+unterschied man zwei Formen, den ulzerösen und den pulpösen Brand, die
+zwar im Beginne nicht unerhebliche Verschiedenheiten zeigten, im
+späteren Verlaufe aber untrennbar ineinander übergingen. Die erste
+begann mit dem Auftreten eines oder mehrerer graugelblicher, etwas
+erhabener und mit bräunlichen Punkten (von thrombotischen Gefäßen
+herrührend) durchsetzter Flecken, welche sich schnell vergrößerten, dann
+zerfielen und scharfrandige, rundliche Geschwüre hinterließen, die sich
+bald vereinigten und in kurzer Zeit die Hautränder der Wunde erreichten.
+Der pulpöse Brand dagegen begann mit dem Auftreten eines grauen Belages
+in einem Teile oder von vornherein in der ganzen Wunde, der nur in
+Fetzen abgerissen werden konnte und eine blutende Fläche hinterließ. Der
+zunächst etwas flache Grund erhob sich bald unter dem Drucke der in der
+Tiefe entwickelten Fäulnisgase, zerfiel und wandelte sich in eine
+schmierige, faulender Gehirnsubstanz ähnliche Masse um. Bald kam es
+infolge von Gefäßstauungen zu heftigen, oft wiederholten kapillären
+Blutungen und zugleich schritt die Zerstörung in die Breite und in die
+Tiefe mehr oder weniger schnell fort. Kein Gewebe widerstand auf die
+Dauer; doch starb am schnellsten das lockere Bindegewebe ab, während
+Faszien, Muskeln und große Gefäßstämme länger Widerstand leisteten. Die
+Knochen wurden ihres Periostes beraubt und verloren in steter Berührung
+mit der faulenden Flüssigkeit teilweise oder auch im ganzen Umfange ihre
+Lebensfähigkeit. Die Wunde verbreitete einen widerwärtigen Geruch, der
+aber dem gewöhnlichen Geruche faulender Gewebe nicht völlig glich. Eine
+Heilung war selbst in vorgeschrittenen Fällen noch möglich wenn auch
+meist mit Hinterlassung schwerer Schädigungen; ein erheblicher
+Prozentsatz der Kranken aber erlag den fortgesetzten Blutungen oder der
+septischen Vergiftung, oft auch einer ausgesprochenen Pyämie.
+
+Die Krankheit hat unverkennbare Ähnlichkeit mit den schweren Fällen von
+Diphtherie, welche nach einem Luftröhrenschnitte auf die äußeren
+Weichteile des Halses übergreift; doch scheint es heute nicht mehr
+möglich, nachdem auch letztere wohl kaum noch zur Beobachtung kommen,
+die Gleichheit oder Verwandtschaft beider Krankheiten bakteriologisch
+festzustellen.
+
+ * * * * *
+
+_Der Wundstarrkrampf oder Tetanus_ ist eine weitere Wundkrankheit, die
+nur selten in größerer Zahl auf einmal, sondern gewöhnlich nur in
+vereinzelten Fällen nicht allein bei der Zusammenhäufung zahlreicher
+Verwundeter in einem Raume, sondern auch bei Menschen vorkommt, die in
+Privathäusern ein Zimmer für sich bewohnen. Ist somit die allgemeine
+Bedeutung des Leidens für Krankenhäuser und Feldlazarette geringer als
+die der meisten anderen Wunderkrankungen, so ist doch das einzelne
+Krankheitsbild so schrecklich, daß es bereits sehr früh die
+Aufmerksamkeit der Ärzte auf sich zog. Schon _Hippokrates_ hat ihm einen
+eigenen Abschnitt gewidmet.
+
+Während man früher neben dem traumatischen noch einen rheumatischen oder
+idiopathischen Tetanus unterschied, ist seit der Entdeckung des
+Tetanusbazillus durch _Nikolaier_ im Jahre 1884 kein Zweifel mehr
+geblieben, daß die Ansteckung durch eine Wunde geschieht, die aber
+zuweilen sehr unbedeutend oder zur Zeit des Krankheitsbeginnes schon
+verheilt ist. In die Fußsohle oder unter die Nägel eingestoßene
+Holzsplitter sind von jeher besonders gefürchtet gewesen. Die Krankheit
+beginnt mit einer Spannung in den Kaumuskeln (Trismus) oder mit
+Schlingbeschwerden; die krampfhafte Zusammenziehung der Gesichtsmuskeln
+(Bisus sardonicus), die gerunzelte Stirn, die harte Spannung der
+Rückenmuskeln (Opisthotonus), sowie der Muskeln der Bauchwand bilden die
+Fortsetzung. Endlich treten von Zeit zu Zeit tonische Krämpfe in den
+genannten Muskelgruppen auf, die auch in stoßartiger Form sich geltend
+machen können. Die Extremitäten bleiben meistens frei; doch gibt es auch
+einen örtlichen Wundstarrkrampf, der dauernd oder in erster Linie auf
+eine einzelne Extremität beschränkt bleibt. In den milden Fällen klingen
+die kurz umrissenen Erscheinungen allmählich ab, in den schwereren
+erfolgt unter steter Steigerung der Krämpfe der Tod durch krampfhaften
+Stillstand der Atemmuskeln, Glottisödem oder Apoplexie im Gehirne.
+
+Daß es sich um eine Giftwirkung, insbesondere auf die Nervensubstanz,
+handle, war längst vermutet worden; die Entdeckung des Tetanusbazillus
+in der Gartenerde, im Straßenstaube, überhaupt in weitester Verbreitung,
+hat diese Annahme bestätigt. Das Studium seiner Lebensbedingungen hat
+als Krankheitserreger ein Toxin erkennen lassen, und die mit dem
+v. _Behring_schen Tetanusantitoxin angestellten Behandlungsformen,
+insbesondere dessen prophylaktische Anwendung, haben nicht nur die
+Sterblichkeit, sondern schon die Häufigkeit der Erkrankung
+außerordentlich vermindert. So sah _Max Martens_, der im Berliner
+Krankenhause Bethanien die prophylaktische Serumeinspritzung seit 1904
+durchgeführt hat, im Laufe von 10 Jahren, abgesehen von eingelieferten
+Erkrankungen, nur einen einzigen Fall, bei dem die übliche Sicherung
+durch Zufall unterlassen worden war; so wird auch von der _Graser_schen
+Klinik in Erlangen berichtet, daß nach Einführung des gleichen
+Verfahrens die Krankenräume seit 5 Jahren von Starrkrampf verschont
+geblieben seien.
+
+ * * * * *
+
+Zu den echten Wundkrankheiten gehört auch die _Wundrose_, das
+Erysipelas, da das Gift, welches sich in den benachbarten Saftkanälen
+und Lymphbahnen ausbreitet, stets und unter allen Umständen durch die
+verletzte Haut eindringt. Allerdings hat diese Erkenntnis sich erst in
+den letzten drei Jahrzehnten zu allgemeiner Anerkennung durchgerungen;
+denn der Umstand, daß sehr unbedeutende Verletzungen der Haut oder der
+Schleimhäute, die, wie leichte Abschürfungen, schon in einem Tage bis
+zur Unerkennbarkeit geheilt sind, die Eingangspforten des Giftes bilden
+können, der fernere Umstand, daß die Wundrose nach _Fehleisens_
+Untersuchungen eine Inkubationszeit von 15-61 Stunden besitzt, während
+deren manche Eingangspforte schon unkenntlich geworden ist, haben der
+richtigen Deutung der Erscheinungen beharrlich im Wege gestanden. Daher
+die bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts hineinreichende
+Unterscheidung zwischen einem chirurgischen, von Wunden ausgehenden und
+einem medizinischen, selbständig im Körper entstehenden Erysipel, als
+dessen Ursache man eine »gallige Schärfe im Blut« neben allerlei
+atmosphärischen und klimatischen Einflüssen anzunehmen pflegte. Wir
+dürfen diese Anschauungen als gänzlich überwunden betrachten, seitdem
+die bakterielle Natur des Leidens festgestellt worden ist. Die
+atmosphärischen Einflüsse sind allerdings insofern nicht gänzlich
+ausgeschaltet worden, als sie zweifellos von Bedeutung für das Wachstum
+der Keime und ihre zeitweilig gesteigerte Giftigkeit sind.
+
+Die Wundrose tritt in der unmittelbaren Umgebung der Eingangspforte in
+Form einer dunkel- oder rosenroten Schwellung auf, die ganz scharf
+abgegrenzt und über der blassen Haut der Nachbarschaft durch Quellung
+etwas erhaben ist. Sie erscheint bei zuvor fieberlosen Kranken nach
+einem mehr oder weniger heftigen Schüttelfroste, dem andauernd hohes,
+morgens etwas abfallendes Fieber folgt. Zugleich breitet sich die
+scharfrandige Rötung in breiten Vorschüben nach verschiedenen Richtungen
+aus, überzieht mehr oder weniger erhebliche Teile der Körperhaut und
+endet meist in wenigen Tagen, zuweilen aber erst nach wochenlangem
+Umherwandern, welches selbst schon einmal befallene Körperstellen nicht
+verschont, mit plötzlichem Temperaturabfalle und meist einer
+Abblätterung, seltener bloßer Abschilferung der Oberhaut.
+
+Gefährlich wird das Leiden, zumal bei alten Leuten, durch die lange, mit
+hohem Fieber verbundene Dauer und durch die Neigung mancher Fälle zu
+metastatischen Eiterungen. Indessen ist das Erysipel unter den neueren
+Wundbehandlungsmethoden nicht nur an Zahl, sondern auch an Gefahr ganz
+erheblich zurückgegangen. In den gutgehaltenen chirurgischen Abteilungen
+großer Krankenhäuser ist die Wundrose als Hospitalkrankheit fast völlig
+verschwunden; doch werden immer noch eine Anzahl von außerhalb
+entstandenen Fällen eingeliefert, die indessen meist einen leichten
+Verlauf nehmen. Ein Todesfall an Wundrose dürfte heute bereits zu den
+Seltenheiten zählen.
+
+ * * * * *
+
+Wir haben hiermit die fünf Hauptkrankheiten erwähnt, welche einst die
+Tätigkeit des Wundarztes und seine Erfolge, zuweilen in
+schreckenerregender Fülle, einengten und bedrohten. Versuchen wir nun,
+ein Bild zu entwerfen von dem _Aussehen einer chirurgischen Abteilung
+vor einem bis zwei Menschenaltern_.
+
+Dem in einen großen Krankensaal Eintretenden fiel zunächst der fade,
+süßliche Eitergeruch, nicht selten sogar ausgesprochener Fäulnisgeruch
+auf, die nur mühsam durch den Duft chemischer oder pflanzlicher
+Verbandmittel der Kamille, des Kampfers, später der Karbolsäure und
+anderer Stoffe gedämpft wurden. Schon die Gesichter der Kranken, an
+deren Betten man vorüberging, verrieten, daß man sich unter
+Schwerleidenden befand. Die hektisch geröteten Wangen, die glänzenden
+Augen und das schweißbedeckte Antlitz der Fiebernden, ihr ängstlicher
+Gesichtsausdruck, daneben die blassen, gleichgültigen Züge der
+Septischen, das Stöhnen und Sprechen in abgerissenen, halb
+unverständlichen Sätzen -- das waren die immer wiederkehrenden Bilder,
+die jedem fühlenden Arzte das Herz zusammenschnürten. Deckte man die
+Wunde auf, so fand man den Verband von Eiter durchtränkt und
+übelriechend. Selbst bei mehrfach am Tage vorgenommenem Verbandwechsel
+durchdrangen die Flüssigkeiten nicht selten den Verband, beschmutzten
+benachbarte Körperteile, verunreinigten die Bettdecke und das Bettuch,
+suchten ihren Weg selbst über Gummiunterlagen hinweg und drangen in die
+Matratze ein. So erforderte jeder Verbandwechsel zugleich einen Wechsel
+der Bettwäsche, selbst der Matratzen; und alles das war nicht möglich,
+ohne den Verletzten vom Lager zu erheben, ihn und seine Wunde zu
+beunruhigen und zuweilen heftige Schmerzen zu erzeugen. Rechnet man
+hinzu, daß in überfüllten Krankenhäusern und Kriegslazaretten die auf
+diese Weise geforderte Arbeitslast oft genug die körperliche
+Leistungsfähigkeit der vorhandenen Ärzte weit überstieg, so begreift es
+sich, daß vieles den weniger geschulten Händen des Wartepersonals
+überlassen wurde, was besser dem Arzte vorbehalten geblieben wäre. Und
+wenn man endlich in Anschlag bringt, daß eine so schwere Fronarbeit
+unter dem steten Drucke zu leisten war, daß doch das meiste an
+ärztlicher Arbeit und Quälerei des Kranken ganz vergeblich sei, daß man
+gegen ein unabwendbares Fatum ankämpfe, daß eine große Anzahl
+Schwerverletzter mit dem Augenblicke als verloren zu betrachten war, in
+welchem sich ihnen die Pforten des mehr oder weniger verseuchten
+Krankenhauses oder Unterkunftsraumes öffneten, so begreift es sich,
+welch eine Fülle von körperlicher Leistungsfähigkeit und Charakterstärke
+dazu gehörte, um auch nur den ärztlichen Gehilfendienst pflichtgemäß zu
+erfüllen. Für den leitenden Arzt aber kam noch das schwere
+Verantwortlichkeitsgefühl bei jedem operativen Eingriff hinzu, um die
+der Seele aufgeladene Last manchmal bis zum Unerträglichen zu steigern.
+Daß unter solchen Umständen so mancher jüngere Arzt unter der Schwere
+seines Berufes fast zusammenbrach, die Unberechenbarkeit seiner
+Tätigkeit nicht mehr zu tragen vermochte und deshalb von der
+Chirurgie, der er sich in glücklicher Unkenntnis zunächst mit
+Begeisterung zugewandt hatte, Abschied nahm, um sich einem minder
+verantwortungsvollen Zweige der Medizin zuzuwenden, kann nicht
+überraschen. Um so bewundernswerter müssen uns aber jene Männer
+erscheinen, welche unter den niederdrückendsten Erfahrungen aller Art,
+im steten und vielfach vergeblichen Kampfe gegen dunkle Hemmnisse, durch
+welche oft genug die an eine wohlgelungene Operation geknüpften
+Hoffnungen aufs grausamste zerstört wurden, unbeirrt ihren Weg
+fortsetzten, um der schweigsamen Natur ihre Geheimnisse abzulauschen,
+ihre Wissenschaft auszubauen und zu retten, soweit es eben möglich war.
+Konnte sich unter allen Schrecken des Krankenhauses doch gelegentlich
+ein Hochmut entwickeln, wie er am verblüffendsten in einem Satze des
+französischen Chirurgen _Boyer_ zutage tritt, der in der Einleitung zu
+seiner »Chirurgie« (1814-1826) folgende Worte findet: »Die Chirurgie
+unserer Tage hat die größten Fortschritte gemacht, so daß sie den
+höchsten oder nahezu den höchsten Grad der Vollkommenheit, deren sie
+überhaupt fähig ist, erreicht zu haben scheint.«
+
+Den meisten anderen Chirurgen hat wohl die in diesem Satze ausgeprägte
+Überhebung ferngelegen; sie übten vielmehr jene Entsagung, der einst
+bereits _Ambroise Paré_ einen schönen Ausdruck gegeben hat, indem er,
+nach dem Befinden eines Kranken gefragt, erwiderte: »Je l'ai opéré, Dieu
+le guérira.«
+
+Diesen unerhörten Zuständen hat _Joseph Listers_ schrittweise
+entwickelte Wundbehandlung ein für allemal ein Ende gemacht. Er erlöste
+die ärztliche Welt von dem Albdrucke unbekannter und unberechenbarer
+Einflüsse auf den Wundverlauf und gab ihr damit eine Freiheit des
+Handelns, wie sie unsere Wissenschaft und Kunst während ihrer mehr als
+2000jährigen Geschichte niemals auch nur entfernt besessen hat. Erst
+jetzt erhielt auch die chirurgisch-operative Phantasie den nötigen
+Spielraum, um immer neue Ausflüge in bisher dunkle und unbekannte
+Gebiete zu unternehmen, sie zu erobern und zu unterwerfen,
+Nachbargebiete der Chirurgie zu befruchten, den Ausbau der
+Hilfswissenschaften anzuregen und selbst ganz neue Wissenszweige ins
+Leben zu rufen.
+
+Wie alles das im einzelnen vor sich gegangen ist, soll in den
+nachfolgenden Blättern geschildert werden.
+
+
+
+
+ _Zweiter Abschnitt._
+
+ Joseph Listers antiseptische Wundbehandlung.
+
+
+
+
+ Kapitel IV.
+
+ Die Vorläufer Listers.
+
+
+Gleich fast allen großen Entdeckungen und Erfindungen ist auch die
+_Lister_sche Wundbehandlung nicht unvermittelt aus dem Kopfe eines
+einzigen hervorragenden Mannes hervorgegangen, sondern zahlreiche
+Arbeiten, Schriften und Entdeckungen bereiteten ihr den Weg. Wir
+Deutsche dürfen stolz darauf sein, daß schon unter den Vorarbeiten der
+deutsche Anteil recht erheblich gewesen ist.
+
+Diese Vorarbeiten suchten auf zwei völlig getrennten Wegen der Aufgabe
+einer Beseitigung oder wenigstens einer Einschränkung der
+Wundkrankheiten und damit einer verständigen Wundbehandlung näher zu
+kommen; nämlich einmal auf dem Wege klinischer Beobachtung und
+Erfahrung, anderseits mit Hilfe der Bakteriologie.
+
+Es war ein Geburtshelfer, der als erster die Wunderkrankungen, hier der
+durch die Vorgänge des Gebärens in eine Wunde verwandelten Innenfläche
+der Gebärmutter, also die verschiedenen Formen der verderblichen
+Wochenbettleiden, zu bekämpfen suchte. Sie waren bisher, d. h. bis in
+die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, von den Geburtshelfern ganz
+allgemein auf sehr unklare miasmatisch-epidemische Einflüsse
+zurückgeführt worden, die auch in den Anschauungen der Chirurgen die
+fehlenden tieferen Kenntnisse der eigentlichen Krankheitsursachen
+ersetzen mußten. Gegen diesen Glauben kämpfte seit dem Jahre 1847 der
+junge deutsch-ungarische Geburtshelfer _Semmelweis_ auf Grund seiner
+Erfahrungen und scharfsinnigen Beobachtungen in der ersten Gebärklinik
+des Allgemeinen Krankenhauses zu Wien, wo er als Assistent tätig
+war. Er erkannte die völlige Gleichartigkeit einer Gruppe von
+Puerperalerkrankungen mit solchen Wundkrankheiten, welche die Chirurgen,
+bis dahin ohne scharfe Abgrenzung, als Pyämie zu bezeichnen pflegten und
+führte als erster die häufigste Entstehung der Krankheit auf den
+untersuchenden Finger des Geburtshelfers oder seiner Gehilfen, also auf
+unmittelbare Übertragung des Krankheitserregers zurück. Neben dieser
+Einimpfung ließ er aber auch eine Verbreitung der Krankheit auf dem
+Luftwege zu. Sehr angesehene Vertreter der Medizin, wie _Rokitansky_,
+_Skoda_ und _Hebra_, traten mehr oder weniger entschieden auf seine
+Seite. Aber an dem starken Widerspruche der Geburtshelfer, der
+_Kiwisch_, _Scanzoni_ und _Seyfert_, scheiterte der ideenreiche und
+kluge Mann bis zu dem Maße, daß er im Jahre 1850 verstimmt und mißmutig
+Wien verließ und in seine Vaterstadt Pest zurückkehrte. Hier wurde er
+1855 Leiter der geburtshilflichen Universitätsklinik, vermochte sich
+aber auch als solcher nicht durchzusetzen, obwohl er im Jahre 1861 seine
+Anschauungen in einem umfangreichen Werke: »Die Ätiologie, der Begriff
+und die Prophylaxis des Kindbettfiebers« niedergelegt hatte. Nachdem
+auch der größere Teil der Chirurgen und unter den pathologischen
+Anatomen _Virchow_ noch im Jahre 1864 sich gegen _Semmelweis_' Lehre
+ausgesprochen hatten, war sein Schicksal entschieden: man verlachte ihn
+als einen unklaren Schwärmer. Er starb in einer Irrenanstalt in Wien im
+Jahre 1865 an Pyämie als Folge einer Fingerverletzung. In so trauriger
+Weise endete das Leben eines Pfadfinders, dessen Anschauungen und Lehren
+erst einige Jahrzehnte später die unumwundene Anerkennung gefunden
+haben.
+
+Es war nicht die Geburtshilfe allein, welche die Kosten dieses
+bedauerlichen Zusammenbruches zu tragen hatte, sondern in gleicher Weise
+wurde auch die Chirurgie auf dem Gebiete der Wundkrankheiten und der
+Wundbehandlung zum Stillstande verdammt. Der beherrschende Einfluß eines
+_Virchow_ machte sich selbst bei Männern wie _Billroth_ und _Otto Weber_
+in der Abweisung des Gedankens einer unmittelbaren Übertragung einer
+äußeren Ansteckung geltend, während _Wilhelm Roser_ die Pyämie durch ein
+Miasma _und_ Kontagium sich fortpflanzen ließ und den pyämischen
+Erkrankungen auch das Kindbettfieber wie die Wundrose zurechnete. Ebenso
+spricht _Pirogoff_ fortgesetzt von miasmatisch-kontagiösen Einflüssen
+als den Erzeugern der Wundkrankheiten. In solchen Vorstellungen blieben
+alle Chirurgen der damaligen Zeit befangen; und dem rückschauenden
+Blicke ist es leicht erkennbar, daß aus ihnen eine gesunde
+Wundbehandlung nicht hervorzukeimen vermochte.
+
+Zu ihr führte aber der zweite Weg, der längst gebahnt, aber von den
+Chirurgen bisher noch nicht betreten worden war: die ersten Anfänge und
+der weitere Ausbau der Keimlehre. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte
+_Gay-Lussac_ in Paris den Sauerstoff der Luft als den Erreger der
+Fäulnis und Gärung und damit als Zerstörer organischer Substanzen
+hingestellt. Dieser Anschauung war auch der größte Teil der damals
+lebenden Chirurgen zugewandt. Sie wurde erst erschüttert, als _Theodor
+Schwann_, damals Gehilfe am anatomischen Museum zu Berlin, der
+hochberühmte Begründer der tierischen Zellenlehre aus den Jahren 1838
+und 1839, mit bedeutsamen Arbeiten über den Anteil lebender Organismen
+an den Gärungs- und Fäulniserscheinungen hervortrat. Sie knüpften an die
+Entdeckung des Hefepilzes (Torula cerevisiae) an, die ihm im Jahre 1837,
+ungefähr gleichzeitig mit dem Franzosen _Cagniard-Latour_, gelungen war.
+So wurde _Schwann_ auch der Begründer einer Keimlehre, die schnell eine
+weitere Entwicklung fand. Im Jahre 1840 veröffentlichte der mit
+_Schwann_ befreundete _Jakob Henle_ eine Abhandlung, die zum erstenmal
+mit aller Bestimmtheit die kontagiösen Krankheiten auf organische
+Krankheitserreger, wahrscheinlich pflanzlicher Natur, zurückführte. Die
+geistvolle Schrift, welche auf deduktivem Wege zu einer Auffassung
+gelangt, die mit unseren heutigen Anschauungen fast vollkommen
+übereinstimmt, erwähnt auch bereits den Grund, der die Entdeckung und
+den Nachweis solcher Organismen bisher verhindert hatte. Sie entzögen
+sich, so sagt _Henle_, wahrscheinlich nur deshalb der mikroskopischen
+Wahrnehmung, weil man sie nicht ohne weiteres von den umgebenden Geweben
+unterscheiden könne. Wie richtig das alles ist, hat die spätere
+Entwicklung der Färbemethoden, durch welche auch die kleinsten
+Organismen dem bewaffneten Auge noch erkennbar geworden sind, vollauf
+bewiesen. -- Auf dem gleichen Gebiet bewegten sich Schriften von
+_Helmholtz_, _Schultz_ und anderen Forschern.
+
+Die _Schwann_schen Versuche über Zersetzung wurden in vollem Umfange
+aufgenommen und nach allen Richtungen erweitert durch _Louis Pasteur_ in
+Paris. Der körperlich kleine, frühzeitig etwas untersetzte Franzose, in
+dessen etwas harten Zügen zwei durchdringende Augen von einer großen
+Schärfe des Verstandes und rastloser Tatkraft redeten, beschäftigte sich
+schon seit der Mitte der fünfziger Jahre mit dem Problem der Gärung und
+Zersetzung. Er wußte es durchzusetzen, daß die Akademie eine Kommission
+ernannte, um seine Versuche zu prüfen; und diese, aus den ersten Männern
+der Naturwissenschaften in Frankreich zusammengesetzte Körperschaft
+zögerte nicht, _Pasteurs_ Vorführungen als beweisend anzusehen. Es lohnt
+sich, seines grundlegenden Versuches mit einigen Worten zu gedenken.
+Eine Anzahl gläserner Behälter mit dünnen Hälsen füllte er zum Teil mit
+einer durchgeseihten, klaren und durchscheinenden Hefenabkochung, die
+eine Zeitlang siedend erhalten wurde, um alle etwa vorhandenen Keime zu
+zerstören. Noch während des Kochens wurde der Hals zugeschmolzen, so daß
+nach der Abkühlung innen ein luftleerer Raum entstehen mußte. Eine
+Anzahl dieser Gefäße wurde dann z. B. in Hörsälen und ohne besondere
+Vorsicht geöffnet, aber sofort wieder mittels des Lötrohres geschlossen:
+regelmäßig trübte und zersetzte sich dann die Flüssigkeit binnen wenigen
+Tagen. Geschah aber die Eröffnung an keimarmen Orten, z. B. auf einem
+hohen Berge, im Wehen des Windes von einem Gletscher her, oder brachte
+man den Hals während des Durchfeilens in eine Spiritusflamme, in der
+auch die zum Abbrechen bestimmte Zange zuvor geglüht worden war, so
+entwickelte sich unter 20 Flaschen nur in einer eine Pilzbildung,
+während 19 ganz klar blieben. -- _Chevreuil_ vervollständigte diesen
+Versuch dahin, daß er den Flaschenhals zu einer feinen Röhre auszog und
+diese zwar mehrmals winklig knickte, aber vollständig offen ließ. Obwohl
+nun ein freier Austausch der eingeschlossenen mit der äußeren Luft
+stattfinden konnte, so blieb doch jede Zersetzung aus, weil nachweisbar
+die Luftkeime an den Winkeln der Röhre mechanisch zurückgehalten wurden.
+
+Der Wahn von der Schädlichkeit des Sauerstoffs war hiermit endgültig
+zerstört; die in ihrer Natur und ihrem Wesen bisher noch fast gänzlich
+unbekannten Keime mußten als die Unheilstifter bei allen Arten der
+Zersetzung angesehen werden.
+
+
+
+
+ Kapitel V.
+
+ Listers Übertragung der Keimlehre auf die Chirurgie.
+
+
+Indessen wußte man in der praktischen Chirurgie mit dieser Entdeckung
+zunächst noch nichts anzufangen, da irgend ein Weg, die Wunden vor dem
+Eindringen von Keimen zu schützen, bisher noch nicht gefunden war. In
+diese Lücke trat _Joseph Lister_ ein, nicht mit dem Vorwärtsstürmen
+eines alle Hindernisse überspringenden Genies, sondern in der langsamen
+Weise des ruhigen Beobachters und ernsten Naturforschers, der keinen
+Schritt vorwärts tut, ohne sich vorher die Grundlage zu sichern, auf die
+er treten will. _Lister_ war mit 42 Jahren auf den Lehrstuhl für
+Chirurgie in Glasgow als Nachfolger seines Schwiegervaters _Syme_
+berufen worden; als er die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen begann, war
+er Professor der Chirurgie in Edinburgh. Der hochgewachsene, kräftige
+Mann von echt germanischem Typus, das Haupt mit leicht gewellten, ein
+wenig lang getragenen Haaren bedeckt in dessen blauen Augen sich neben
+einem etwas schwärmerischen Ausdrucke eine unendliche Güte und nie
+versagende Liebenswürdigkeit widerspiegelte, stand dort im achten
+Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auf der Höhe seines Schaffens. Dort
+empfing er die zahlreichen Besucher aus allen Weltteilen sowohl in
+seiner Klinik, der alten Infirmary, als in seinem Hause immer mit der
+gleichen Gastlichkeit, aber auch stets mit der gleichen wissenschaftlich
+ernsten Sachlichkeit. Denn oft geschah es, daß er nach einem Mittagessen
+in seinem Hause einen oder mehrere seiner Gäste zu einem Vortrage über
+seine Theorie und zur Besichtigung seiner Bakterienzüchtungen einlud;
+und nicht selten holte er noch spät abends einen Gast aus dem Gasthause
+ab, weil eine wichtige Verletzung ihm aus der Klinik gemeldet worden
+war. So wußte er seine Zuhörer stets in kürzester Zeit in Theorie und
+Praxis einzuführen. --
+
+Durch _Pasteurs_ Arbeiten angeregt, hatte sich _Lister_ schon jahrelang
+mit dem Studium der Bakterien und ihrer Beziehungen zu Wunden
+beschäftigt, aber zunächst rein theoretisch. Den Anstoß zur Umsetzung in
+die praktische Tätigkeit erhielt er durch einen Bericht vom Jahre 1865
+über die Wirkungen, welche man auf den Rieselfeldern der Stadt Carlisle
+durch Zusatz von Karbolsäure zu den Abwässern gemacht hatte: fast jede
+Art von Fäulnis wurde auf diese Weise verhindert, tierische und
+pflanzliche Schmarotzer unschädlich gemacht und zerstört. Von diesem
+Antiseptikum, der Karbolsäure, gingen also _Listers_ praktische Versuche
+aus; aber es möge von vornherein betont werden, daß sie einem wesentlich
+anderen Gesichtspunkte Rechnung trugen, als dies bisher geschehen war.
+Seine zahlreichen Gegner, die ihm besonders in England erstanden
+(_Simpson_, _Elliot_ u. v. a.), suchten zu beweisen, daß seine
+»antiseptische Behandlung« nichts weiter sei als die längst bekannte
+Anwendung der Karbolsäure bei der Wundbehandlung. Demgegenüber hat
+_Lister_ stets den grundsätzlichen Unterschied zwischen seiner
+»antiseptischen Wundbehandlung« und der Anwendung antiseptischer Mittel
+als Verbandmaterial hervorgehoben.
+
+Um diesen Unterschied klar hervortreten zu lassen, möge zunächst ein
+kurzer Abriß der Geschichte der bisher üblichen chemischen Wundmittel
+gegeben werden, die von den Gegnern _Listers_ zusammengetragen worden
+ist. Sie ist von _Thamhayn_ (Halle) in seinem unter der Anregung
+_Volkmanns_ geschriebenen Buche: »Der Listersche Verband. 1875«
+verwertet worden. Auf die von _John Colbatch_ (»A treatise on Alkali and
+Acid«) im Jahre 1698 verfaßte Schrift brauchen wir nicht weiter
+einzugehen, da sie nur für Physiologen und innere Mediziner Interesse
+bietet. Aber sie enthält einen Anhang unter dem Titel: Novum lumen
+chirurgicum, in welchem ein Wundpulver dringend empfohlen wird, nicht
+nur als vortreffliches Blutstillungsmittel, sondern zugleich wegen
+seiner Einwirkung auf frische Wunden. Der entscheidende Satz lautet nach
+_Thamhayns_ Übersetzung folgendermaßen: »Ungefähr 4 Tage nach der ersten
+Anwendung des Pulvers wurde die Wunde wegen eines neuen Verbandes
+freigelegt. Sie war in einem sehr guten Zustande, eiterte nicht im
+geringsten, und nur eine dünne wäßrige Flüssigkeit von der ich vermute,
+daß sie aus den Drüsen und Lymphgefäßen ausgeschwitzt sei, kam zum
+Vorschein. Blieb sie eine Zeitlang auf dem Verbände liegen, so fing sie
+an zu riechen; aber das, was aus der Wunde frisch herauskam, war
+wohlriechend wie eine Rose.« Da der Verfasser die Zusammensetzung des
+Pulvers nicht verrät, so ist es müßig, sich darüber den Kopf zu
+zerbrechen; nur so viel sei gesagt, daß die Schilderung des Verhaltens
+der Wunde der Wirkung eines antiseptischen Mittels entspricht ohne daß
+man gerade an Karbolsäure zu denken braucht.
+
+Die Karbolsäure, welche in _Listers_ antiseptischer Behandlung eine so
+hervorragende Rolle gespielt hat, wurde im Anfange der sechziger Jahre
+des 19. Jahrhunderts von Deutschland und Frankreich aus ungefähr
+gleichzeitig empfohlen. Der Franzose _Lemaire_ veröffentlichte 1863 eine
+Abhandlung über das Mittel, die 1865 in erweiterter Ausgabe erschien.
+Eine im Inhalte ähnliche Arbeit lieferte in dem gleichen Jahre _Déclat_;
+doch soll schon im Französisch-Österreichischen Feldzuge von 1859 die
+Karbolsäure in Form eines Pulvers aus Kreide und Steinkohlenteer zur
+Anwendung gekommen sein. Noch früher, als es in Frankreich geschah, hat
+_Küchenmeister_ in Dresden (1860) die Karbolsäure unter dem Namen Spirol
+äußerlich und innerlich benutzt. Er beschreibt das Spirol als einen
+farblosen kristallisierten Körper, der bei 34°C schmilzt, bei 187°
+siedet und den man entweder aus dem Steinkohlenteeröl oder durch
+Destillation des Salizins mit Kreide herstellt.
+
+So hatte die Karbolsäure in Deutschland und Frankreich sich bereits ein
+gewisses Feld erobert, als man auch in England mit der Anwendung des
+Eiterung und Fäulnis hemmenden Mittels begann. Auf diesen Zustand der
+Dinge stieß _Lister_, als er dazu überging, seine theoretischen Studien
+praktisch zu verwerten.
+
+ * * * * *
+
+Es war im Jahre 1867, als _Lister_ mit seinen ersten Erfahrungen über
+die neue Behandlungsmethode bei offenen Knochenbrüchen und Abszessen
+hervortrat; bald folgte ein Vortrag in der British Medical Association
+zu Dublin am 9. August desselben Jahres, in welchem er die Art seiner
+Behandlung aller frischen Wunden darlegte. Und von nun an setzte sich
+fast durch ein Menschenalter hindurch eine ununterbrochene Reihe von
+Äußerungen in Wort und Schrift fort, die dazu dienten, der neuen
+Behandlung den Boden zu bereiten und sie immer weiteren Kreisen
+zuzuführen.
+
+_Lister_ ging von dem Gesichtspunkte aus, daß alle Wundstörungen
+ausschließlich als Bakterienwirkungen zu betrachten seien; demgemäß habe
+die Wundbehandlung nur die Aufgabe, das Eindringen der Schmarotzer in
+die Wunde zu verhüten oder, falls sie bereits während der Verletzung
+eingedrungen seien, ihre Unschädlichkeit herbeizuführen. Diesem
+Gedankengange entsprechend entwarf er seinen Behandlungsplan, den er bei
+wachsender Erfahrung fortgesetzt zu bessern und zu vervollkommnen sich
+bemühte.
+
+Die _Behandlung offener Knochenbrüche_ setzte sich zum Ziele, einen
+aseptischen Schorf auf der Wunde zu erzeugen, der sie vor weiterer
+Verunreinigung schützen und dadurch eine gleiche Gunst der Verhältnisse
+herstellen sollte, wie sie die geschlossenen Brüche genießen. Die Wunde
+wurde mit einem in flüssige Karbolsäure getauchten Lintlappen betupft,
+später sogar in ihrer Tiefe ausgewischt, zum Schluß mit einem neuen, die
+Wundränder nur wenig überragenden, in Karbolsäure getauchten Lintstücke
+bedeckt und dieser so lange angedrückt gehalten, bis er festhaftete. Das
+Läppchen bildete mit Blut und Serum einen die Wunde verschließenden
+Schorf, der nun die Möglichkeit einer Heilung wie bei geschlossenen
+Knochenbrüchen darbot, wenn das verletzte Glied zugleich entsprechend
+geschient worden war; aber in der Weise, daß die Wunde immer leicht
+zugängig blieb. Denn wenn auch _Lister_ von vornherein dem Grundsatze
+huldigte, daß die Wunde nach Möglichkeit in Ruhe gelassen werden müsse,
+so trat dieser Gesichtspunkt doch zurück gegenüber der drohenden Gefahr
+einer Bakterieneinwanderung, wenn bei schneller Verdunstung der
+Karbolsäure und Eintrocknen des Schorfes sich in letzterem Risse
+bildeten, oder wenn der Lintrand sich lockerte. Um dem entgegenzutreten,
+wurde der Schorf entweder täglich von neuem antiseptisch angefeuchtet,
+oder Umschläge mit verdünnter Karbolsäure gemacht, auch wohl, um die
+Verdunstung zu verlangsamen, das ursprüngliche Lintstück mit
+angefeuchtetem Wachstaft (Protective silk), oder Ölpapier, oder endlich
+mit einem dünnen, biegsamen Stücke Zinnblech oder Stanniol überdeckt.
+Diese Behandlung wurde fortgesetzt, selbst wenn etwas Eiterung sich
+einstellte, meistens mit dem Erfolge, daß die Absonderung bald aufhörte
+und die weitere Heilung ungestört verlief.
+
+Die Eiterbildung war häufig nur die Folge der Reizung, welche die starke
+Karbolsäurelösung (20-40 %) auf der Haut hervorrief. Auch zeigte sich
+bald, daß die bisherige Behandlung nur für kleinere Wunden brauchbar
+war, für größere aber ihre Bedenken hatte, weil die weit überdeckte Haut
+unter der ätzenden Wirkung des Heilmittels zu leicht abstarb. Um das zu
+vermeiden, stellte _Lister_ eine dem Glaserkitt gleichende Paste aus
+Schlämmkreide und gekochtem Leinöl her, der im Verhältnis von 1:4
+Karbolsäure zugesetzt wurde; sie war übrigens von ihm schon früher bei
+Abszeßeröffnungen benutzt worden. Diese Paste wurde, auf Zinnblech oder
+Stanniol gestrichen, auf die Wunde gelegt und durch Heftpflaster
+festgehalten; die Kappe sollte so geformt sein, daß der Abfluß der
+Wundfeuchtigkeiten möglich blieb. Sehr bezeichnend ist aber des Meisters
+Furcht vor einer Ansteckung der Wunde durch Luftkeime, die in seinen
+Anschauungen stets eine erhebliche Rolle gespielt hat. Unter die
+Zinn- oder Stanniolkappe, deren Unterseite mit dem Gemisch von Glaserkitt
+und Karbolsäure bestrichen ist, legt er nämlich noch ein mit Karbolsäure
+getränktes Lintstück unmittelbar auf die Wunde; aber nicht, wie man
+denken sollte, um ein seitliches Einwandern von Keimen zu hindern,
+sondern seine Sorge richtet sich vor allen Dingen darauf, daß beim
+täglichen Abheben der Deckplatte jenes Lintstück nicht abgerissen oder
+auch nur gelüftet werde, weil ein auch nur vorübergehend freier Zutritt
+der Luft den verderblichen Luftkeimen den Eingang zur Wunde eröffnen
+könne. Diese Sorge ist auch für die weitere Entwicklung seiner
+Behandlungsmethode maßgebend gewesen. Im übrigen unterscheidet er
+bereits in dieser frühen Periode die durch Bakterienwirkung erzeugte von
+der durch chemische Mittel hervorgerufenen Eiterung.
+
+Die zweite Gruppe von Erkrankungen, auf welche die neue Behandlung
+Anwendung fand, waren die _Abszesse_. Die darüber von _Lister_
+angestellten Betrachtungen sind weniger grundlegend geworden, als die
+Behandlung offener Knochenbrüche und anderer Wunden; denn da der
+Tuberkelbazillus damals noch nicht entdeckt und die infektiöse Grundlage
+der kalten Abszesse demnach noch unbekannt war, so findet nirgends eine
+Scheidung zwischen heißen und kalten Abszessen statt. Die Besprechung
+seiner Behandlung bezieht sich aber fast ausschließlich auf letztere,
+was aus seiner Bemerkung entnommen werden kann, daß im ungeöffneten
+Abszesse der allgemeinen Regel nach keine septischen Lebensformen
+vorhanden seien. Die großen Hoffnungen, welche er an die Anwendung
+seiner Methode auch bei dieser Erkrankung knüpfte, haben sich freilich
+bei ausgedehnterer Erfahrung nicht in dem ursprünglichen Sinne aufrecht
+erhalten lassen, da zwar die Eiterabsonderung mehr oder weniger
+aufhörte, aber an ihre Stelle eine Fistel mit wäßriger Absonderung ohne
+Heilungsneigung zu treten pflegte. Immerhin hat die Methode erst die
+Möglichkeit eröffnet, den Verlauf einer tuberkulösen Eiterung, frei von
+jeder Gefahr einer Ansteckung durch Bakterien anderer Art und Wirkung,
+zu studieren und die Lebensäußerungen dieser gefährlichen Schmarotzer in
+breiterem Rahmen festzustellen.
+
+Die Eröffnung der Abszesse geschah nach den gleichen Grundsätzen der
+Antisepsis, die oben schon dargelegt wurden. Ein Stück Zeug, in eine
+Lösung von 1 Karbolsäure zu 4 gekochten Leinöls getaucht, wird über den
+Hautbezirk gedeckt, in welchem die Eiteransammlung eröffnet werden soll,
+das obere Ende von einem Gehilfen festgehalten, das untere ein wenig
+gelüftet, hier das zuvor in die Lösung getauchte Messer eingeführt, durch
+die Haut gestoßen und sofort zurückgezogen, während die antiseptische
+Decke sogleich wieder angedrückt wird. Der Eiter wird durch die Finger
+unter dem Decklappen herausgepreßt und kann sich durch die
+Schnittöffnung hindurch frei entleeren. Nur bei stärkerer Blutung oder
+sehr dicker Abszeßwand soll man ein Stück getränkten Lints in die
+Öffnung legen. Über diesen tiefsten Schutzverband kommt dann die oben
+beschriebene Kappe des mit antiseptischer Paste bestrichenen Zinnblechs
+oder eines Stückes Stanniol.
+
+Wir sehen also, daß der ursprüngliche antiseptische Verband so
+eingerichtet ist, daß die obere Schicht täglich abgenommen und durch
+Aufträufeln von Karbolsäure auf die tieferen Schichten in seiner
+Wirksamkeit immer von neuem verstärkt werden kann. Die Wundfläche als
+solche bleibt dabei völlig unberührt, die Wunde heilt unter einem
+antiseptischen Schorfe.
+
+Ein weiterer, besonders bedeutungsvoller Schritt wurde durch Abänderung
+und Vervollkommnung der _Unterbindungsfäden_ getan. Die bisher benutzten
+seidenen Fäden, die in ihrem lockeren Gewebe stets eine Menge von Keimen
+enthielten, riefen demgemäß gewöhnlich Eiterung der Umgebung hervor, die
+durch ihren Einfluß auf die Unterbindungsstelle des Gefäßes und seines
+aus einem oder -- bei Kontinuitätsunterbindungen -- aus zwei
+Blutpfröpfen bestehenden Inhaltes bei Arterien zu gefährlichen und oft
+wiederholten Nachblutungen, bei größeren Venen zu pyämischen
+Erscheinungen infolge der Fortschwemmung keimbeladener Thrombenbröckel
+zu führen vermochte. _Lister_ sprach sich zuerst im Jahre 1867 bei noch
+geringer Erfahrung über die Möglichkeit aus, antiseptisch gemachte
+Unterbindungsfäden kurz abzuschneiden und sie in der Wunde zu versenken,
+wo sie durch Aufsaugung oder sonstwie verschwinden möchten. Versuche an
+der umfangreichen äußeren Halsschlagader des Pferdes, die mit
+gewöhnlichen, aber zuvor mit Karbolsäure durchtränkten Seidenfäden
+unterbunden worden war, bestätigten seine Vorstellungen; und seitdem
+wurden alle seidenen Unterbindungsfäden abgeschnitten und versenkt.
+Zugleich machte er dabei die Erfahrung daß die durch Zusammenschnürung
+des Fadens absterbenden Gewebsteile keinerlei Schaden anrichten,
+vorausgesetzt, daß sie keimfrei bleiben. Immerhin war die durch dies
+Verfahren erzielte Sicherheit noch keineswegs vollkommen und wir finden
+daher den fleißigen Forscher jahrelang mit der Verbesserung des
+Unterbindungsmaterials beschäftigt. In der Darmsaite (Catgut), nachdem
+sie eine vorgeschriebene Zeit in Karbolöl gelegen hatte, glaubte er im
+Jahre 1870 einen allen Anforderungen genügenden Stoff gefunden zu haben,
+zumal auch in der Richtung, daß die kurz abgeschnittenen Fäden in der
+geschlossenen Wunde der Aufsaugung verfielen und deshalb außerstande
+wären, später Störungen hervorzurufen. In der Tat hat die
+Karboldarmsaite lange Jahre als ein notwendiger Bestandteil des
+antiseptischen Verbandes gegolten, bis auch hier die immer schärfer
+einsetzende Kritik auf Grund der wachsenden Fortschritte in der
+Bakterienlehre das Karbolcatgut zu Fall brachte, die Karbolsäure durch
+andere Stoffe ersetzte und das Verfahren vielfach änderte; bis man in
+dem ewigen Kreislaufe der Dinge endlich zum seidenen Unterbindungsfaden
+fast allgemein zurückgekehrt ist. Wir werden darauf weiter unten
+zurückzukommen haben.
+
+Inzwischen nehmen wir den Faden der weiteren Entwicklung des
+eigentlichen antiseptischen Verbandes wieder auf, dessen verschiedene
+Abänderungen wir nur kurz zu berühren brauchen, da sie eine dauernde
+Bedeutung nicht gewonnen haben. Die beiden Ziele, welche _Lister_
+verfolgte, waren einerseits die Verhinderung einer fortgesetzten
+Berührung der Karbolsäure mit der Wunde, durch welche erfahrungsgemäß
+eine übermäßige Heizung und Absonderung hervorgerufen wurde, anderseits
+der sichere Abschluß der Wunde gegen Luftkeime. Dazu kam allmählich das
+Bestreben, den täglichen Wechsel der oberen Verbandschichten behufs
+ihrer neuen Durchtränkung mit Karbolsäure zu vermeiden, also einen
+_Dauerverband_ herzustellen, unter dem wenigstens mehrere Tage lang die
+Wunde vor einer Infektion gesichert sein konnte. Das erstgenannte Ziel
+suchte er nun zeitweilig auch auf _dem_ Wege zu erreichen, daß er die
+Karbolsäure durch ein anderes Mittel, das Chlorzink, zu ersetzen
+anstrebte; allein so wertvoll sich dieses bei Wunden erwies, die nicht
+sicher aseptisch zu halten waren, wie solche der Zunge und des
+Oberkiefers, so blieben doch für alle anderen die Eigenschaften der
+Karbolsäure unerreicht Die Schlämmkreide als Trägerin des antiseptischen
+Mittels ersetzte er eine Zeitlang durch Bleipflaster, dem die
+Karbolsäure und etwas Wachs beigemischt waren. Darüber legte er ein mit
+wäßriger Karbolsäurelösung getränktes Stück Kaliko, welches wiederum von
+einem breiten Bleipflasterstreifen festgehalten wurde. Allein als sich
+zeigte, daß durch die wäßrige Lösung die Pflastermasse erweicht und
+allmählich die Sicherheit der Wunde gefährdet wurde, vertauschte er das
+Bleipflaster mit einem Schellackpflaster, welches später noch von einer
+schwachen Lösung von Guttapercha in Schwefelalkohol überpinselt wurde,
+um das unangenehme Ankleben des Schellacks an die Haut zu vermeiden. Ein
+solcher Verband wurde dann bei einer frischen Wunde (offener
+Knochenbruch) in folgender Schichtenfolge angelegt: Einspritzung einer
+reichlichen Menge wäßriger 20%iger Karbolsäurelösung in die Wunde,
+Verbreitung derselben durch Druck und Wiederentfernung eines Teils durch
+Streichen und Drücken; Auflegen eines antiseptisch befeuchteten Stückes
+Zinnblech dessen Bedeckung mit einem weit überragenden Stücke
+Schellackpflaster darüber ein zusammengefaltetes Verbandstück, von
+öliger Karbolsäurelösung 1:4 durchtränkt, endlich Pappschienen, die den
+Knochenbruch sicherten. Die geölte Überlage wurde alle 24 Stunden
+erneuert, blieb aber vom 3. Tage an liegen und wurde nur noch mit
+Karbolöl überstrichen.
+
+Hatte sich das geschilderte Verfahren auch auf das beste für einfachere
+Verwundungen bewährt, so nötigte doch die Vielgestaltigkeit der
+Verletzungen zu immer neuen Maßnahmen. Insbesondere waren es die durch
+Operation erzeugten Wunden, die zu besonderen Vorsichtsmaßregeln
+zwangen, um von dem Kranken jede schädliche Einwirkung fernzuhalten. So
+entstanden neue Vervollkommnungen, die der Unermüdliche in seinem
+Vortrage gelegentlich der 39. Jahressitzung der British Medical
+Association zu Plymouth im August 1871 besprach. Als die unverrückbare
+Grundlage seiner Methode sieht er nach wie vor _Pasteurs_ Versuche an,
+die er selbsttätig fortsetzte und ergänzte. So erweiterte er den auf
+S. 20 geschilderten Versuch _Pasteur-Chevreuils_ in folgender Weise: An
+vier, zum Teil mit frischem Harn gefüllten Flaschen zog er bei dreien
+den Hals lang aus mit mehrmaligen winkligen Knickungen, während er den
+der vierten Flasche noch enger machte, aber kurz und senkrecht stehen
+ließ. Dann wurde der Inhalt aller vier Gefäße 5 Minuten lang gekocht und
+unverschlossen weggestellt. In dem Behälter mit geradem Halse
+entwickelten sich schon nach wenigen Tagen ein Pilzrasen und Zersetzung,
+während der Urin der drei anderen Flaschen noch nach 4 Jahren
+unverändert war. Mit Recht deutet _Lister_ den Versuch dahin, daß die in
+alle vier Gefäße gleichmäßig ein- und ausströmende Luft ihre Keime an
+den Winkeln absetze, während diese durch den zwar engen, aber geraden
+Hals ohne Hindernis zur Flüssigkeit gelangen. Auch physikalisch konnte
+diese Annahme bestätigt werden, indem sich zeigte, daß die in den
+Flaschen enthaltene Luft optisch leer, d. h. ohne alle Staubteilchen
+war.
+
+Auf dieser Grundlage baute er an der Vervollkommnung seiner
+Behandlungsmethode unentwegt weiter. Bei seinen Versuchen hatte er die
+Entdeckung gemacht, daß die durch Watte hindurchströmende Luft ihres
+Gehaltes an Staub und Keimen entkleidet wurde; demgemäß spielte auch die
+»antiseptische Watte« in seinen späteren Verbänden eine hervorragende
+Rolle. Im übrigen gibt er über den dermaligen Stand seiner Maßnahmen
+einen Bericht, dem noch die weiteren Verbesserungen bis zum Jahre 1874
+eingefügt werden sollen.
+
+Als neu ist der Zerstäuber (Spray) eingeführt, ein mit verdünnter
+Karbolsäure gefülltes Glas, dessen Inhalt durch ein Gebläse mit
+doppeltem Gummiballon in Form eines Dunstkegels ausgeworfen wurde und
+den Zweck hatte, die während einer Operation anzulegende Wunde vor dem
+Eindringen von Luftkeimen zu schützen. Zuvor wurde die Oberhaut
+antiseptisch befeuchtet und die zum Gebrauche bestimmten Geräte, sowie
+alle Schwämme zum Reinigen der Wunden in eine Karbolsäurelösung
+getaucht, deren Stärke eine Zeitlang bis auf 1:100 heruntergegangen war,
+späterhin aber wieder auf 1:40 = 2½ % oder selbst auf 5:100 erhöht wurde.
+Wunden, die erst längere Zeit nach der Verletzung zur Behandlung kamen,
+wurden mit einer noch stärkeren Lösung, nämlich 1:5 Weingeist,
+gewaschen.
+
+Schon seit 1870 stellte sich das Bedürfnis heraus, bei genähten und
+unregelmäßigen Wunden für den Abfluß der Wundabsonderungen zu sorgen.
+Das geschah zunächst durch Einführung eines in Karbolöl getauchten
+Lintstreifens, der später durch Gummiröhrchen, endlich durch aufsaugbare
+Drains ersetzt wurde.
+
+So hatte sich denn der eigentliche Wundverband seit jenem Jahre zum
+antiseptischen Dauerverbande entwickelt. Er bestand aus einem
+grobmaschigen Baumwollengewebe, dem antiseptischen Mull, der in eine
+Mischung von Karbolsäure 1, Harz 5 und Paraffin 7 eingetaucht, dann
+zwischen zwei Rollen ausgepreßt und getrocknet wurde. Auf diese Weise
+erreichte man die völlige Durchtränkung der Fäden, die Maschen des
+Gewebes aber blieben offen. Das Harz sollte die antiseptische
+Flüssigkeit längere Zeit festhalten, der Paraffinzusatz das nachteilige
+Ankleben verhindern. Der Verband wurde in folgender Weise angelegt:
+Unter fortgesetzter Karbolzerstäubung legte man auf die offene oder
+genähte Wunde ein Stück Schutzhülle (Protective silk), d. h. ein Stück
+undurchlässigen Stoffes von dem Umfange der Wunde, um diese vor der
+fortdauernden Reizung durch die Karbolsäure des Verbandes zu schützen.
+Darüber kam eine achtfache Lage des antiseptischen Mulls, die Wundränder
+weit überragend, zwischen dessen zwei obersten Lagen wiederum ein Blatt
+guten, wasserdichten Stoffes (Mackintosh-Zeug) eingefügt war. Das Ganze
+wurde später, wenigstens in Deutschland, gewöhnlich noch mit einer
+Schicht antiseptisch gemachter, trockener Watte überdeckt, die
+Verbandstücke durch eine darübergelegte Binde, entweder aus dem gleichen
+antiseptischen Mullstoffe, oder mit steif werdenden Gazebinden
+befestigt. Auf letztere hat später _Volkmann_ einen besonderen Wert
+gelegt, da sie eine Art von Schienung darstellten, welche die Bewegungen
+des verletzten Körperteiles einschränkte. -- Die beschriebene Anordnung
+hatte den Zweck, einesteils die Wunde vor jeder Reizung zu schützen,
+andernteils die Wundflüssigkeiten zu einem weiten Wege durch die
+Verbandstoffe zu zwingen, ehe sie an der Oberfläche erschienen. Geschah
+dies, so mußte der Verband sofort gewechselt werden, entweder ganz oder
+wenigstens in den oberen Schichten; dagegen konnte er bei nur geringer
+Absonderung zuweilen 8 und selbst 14 Tage liegen bleiben, so daß die
+Heilung nicht selten unter einem einzigen Verbande ganz oder doch zum
+größten Teile erfolgte.
+
+Die Karbolsäure wurde damals fast ausschließlich in wäßriger Lösung
+benutzt; nur selten kamen noch ölige Lösungen oder Chlorzink zur
+Anwendung.
+
+Der hier beschriebene Verband ist lange Jahre unter dem Namen des
+»_Lister_schen _Verbandes_« gegangen. Die deutsche Sprache wurde sogar
+um ein Zeitwort bereichert, indem man die Anwendung der Methode mit dem
+Worte »listern« bezeichnete. Ihre Beschreibung dürfte den Beweis
+geliefert haben, daß _Lister_ völlig im Rechte war, als er gegen die
+Gleichstellung seines Verfahrens mit der alten Anwendung antiseptischer
+Mittel auf Wunden Verwahrung einlegte. Es gewährt einen nicht geringen
+ästhetischen Genuß, die in allen Einzelheiten fein ausgeklügelte Methode
+in ihren Entwicklungsstufen zu verfolgen; nicht minder aber, zu sehen,
+mit welcher wachsenden Zuversicht der edle, ganz seinen Zielen sich
+hingebende Mann das Wesen und die Wirksamkeit seiner Behandlung darlegt
+und mit welcher nachdrücklichen, aber trotzdem bescheidenen Weise er von
+deren Erfolgen spricht.
+
+ * * * * *
+
+Man hätte denken sollen, daß ein wissenschaftlich so sorgfältig
+vorbereitetes, bis ins kleinste durchdachtes Behandlungssystem mit
+seinen schon damals glänzenden Ergebnissen, wie sie von _Lister_
+bruchstückweise mitgeteilt wurden, sich die Welt im Fluge hätte erobern
+müssen. Davon war indessen auf lange hinaus nichts zu verspüren. Der
+völlige Bruch mit den hergebrachten Anschauungen und Überlieferungen,
+die menschliche Trägheit, welche es verschmäht, sich in Gedankengänge
+hineinzuarbeiten, denen gegenüber von vornherein ein gewisses Mißtrauen
+erwacht, der bequeme Schlendrian des bisherigen Verfahrens, die
+teilweisen Mißerfolge der ersten halben Versuche und die Furcht, zu
+schaden, die häufigen Abänderungen der Methode, endlich hier und da Neid
+und Mißgunst: alles das kam zusammen, um den Siegeslauf der neuen
+Gedanken in einer Weise zu mäßigen, daß man bei der Rückschau in jene
+Zeit fast vor einem Rätsel steht. In England, zumal in Schottland, und
+sogar in der nächsten Umgebung _Listers_ verhielt man sich ablehnend,
+bestenfalls abwartend. Von seinen chirurgischen Kollegen (Namen wie
+_Watson_, _Spence_, _Annandale_) in der alten Infirmary zu Edinburgh, wo
+jener seine klinische Abteilung hatte, war noch im Jahre 1876 kein
+einziger über die ersten schüchternen Versuche hinausgelangt; meistens
+verhielten sie sich gleichgültig oder gar feindlich. Und noch lange
+darüber hinaus bewährte sich das Wort, daß der Prophet in seinem
+Vaterlande nichts gilt; denn die größere Menge der englischen Chirurgen
+folgte erst nach, als der Ruhm des Landsmannes im Auslande bereits fest
+begründet war.
+
+Noch viel länger freilich als in England dauerte der Widerstand in
+Frankreich. Nicht zum wenigsten trug hierzu der nationale Widerwille
+gegen eine Neuerung bei, die alle Errungenschaften der bis dahin
+führenden französischen Chirurgie umzuwerfen oder auf den Kopf zu
+stellen drohte. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts war Frankreich
+fast unbestritten das Land des chirurgischen Fortschritts gewesen,
+obwohl hervorragende Geister in England wie in Deutschland wiederholt
+den Versuch gemacht hatten, ihre Wissenschaft von der geistlosen und
+unselbständigen Bewunderung des Fremden zu befreien und ihr ein mehr
+völkisches, auf gesunder Kritik beruhendes Gepräge zu geben. Solche Wege
+waren, freilich ohne allzu große Erfolge, schon von _August Gottlieb
+Richter_ und _Vinzenz v. Kern_, späterhin mit größerem Nachdrucke von
+_Karl Ferdinand v. Gräfe_, C. F. _Dieffenbach_ und _Bernhard v.
+Langenbeck_ eingeschlagen worden; aber die hohe Stellung der
+französischen Chirurgie, der Einfluß insbesondere der Schule von Paris
+auf das Urteil der deutschen Ärzte blieb dennoch fast unerschüttert. So
+begreift sich seelisch die Abneigung der Franzosen gegen die Neuerungen
+aus einem Lande, welches man damals noch als Sitz des Erbfeindes zu
+betrachten niemals aufgehört hatte. Freilich hat die französische
+Chirurgie ihr sehr langes Zögern mit der zeitweilig starken Verminderung
+ihres Ansehens bezahlen müssen, obwohl sie späterhin in glänzendem
+Aufschwunge ihre Fehler gutzumachen, das Versäumte einzuholen verstand.
+
+Indessen soll es nicht unsere Aufgabe sein, diese Entwicklung in England
+und Frankreich, bald auch in allen anderen europäischen Ländern und in
+Amerika zu verfolgen; vielmehr müssen wir uns damit begnügen, den
+Umschwung zu schildern, wie er sich in Deutschland vollzog. Denn
+Deutschland ist das Land, dem _Lister_ seine ersten großen Erfolge in
+allgemeiner Anerkennung verdankt, wie er selber es wiederholt
+ausgesprochen hat. Die Hoffnung, der er in einer Julinacht des Jahres
+1874 in Edinburgh dem jungen Dozenten _Otto Madelung_ gegenüber bewegten
+Herzens Worte lieh, daß seine jungen ausländischen Schüler, insbesondere
+die deutschen, ihm helfen würden, alle die Widerstände zu überwinden,
+die ihm in seiner nächsten Umgebung, wie in ganz England, auf Schritt
+und Tritt begegneten, ist denn auch nicht getäuscht worden.
+
+
+
+
+ _Dritter Abschnitt._
+
+ Der Einzug der antiseptischen Behandlung in die deutsche Chirurgie.
+ Die Asepsis. Das Langenbeckhaus.
+
+
+
+
+ Kapitel VI.
+
+ Einführung und Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung in Deutschland.
+
+
+Schon die erste Arbeit _Listers_: Ȇber ein neues Verfahren, offene
+Knochenbrüche und Abszesse zu behandeln, mit Beobachtungen über
+Eiterung«, vom Jahre 1867 war in Deutschland nicht unbeachtet geblieben;
+allein der einzige Gewinn, den man daraus zog, beruhte in der Annahme,
+daß die Karbolsäure in öliger, später auch in wäßriger Lösung ein
+vortreffliches Verbandmittel sei. Nur wenige deutsche Chirurgen wagten
+sich einen Schritt weiter, indem sie an die Stelle der Charpie
+_Listers_ Karbolpflaster zur Bedeckung der kleinen Wunden bei
+Durchstechungsfrakturen setzten. Im Deutsch-Französischen Kriege von
+1870/71 spielten die Karbollösungen in Öl oder Wasser eine große Rolle;
+da man sie aber nur zur Anfeuchtung von Charpie überaus zweifelhafter
+Herkunft benutzte, so rochen zwar die Dauerlazarette innen und außen
+stark nach dem Verbandmittel, aber für die Heilung und das Wohlergehen
+der Kranken war damit nichts gewonnen. Die Wundkrankheiten forderten
+demnach in den überfüllten Kriegslazaretten ebenso regelmäßig ihre
+Opfer, wie dies in alten, verseuchten Krankenhäusern des Friedens bisher
+der Fall gewesen war. Auf das eigentliche Wesen der antiseptischen
+Wundbehandlung war bisher niemand eingegangen.
+
+Ein Umschwung trat erst ein, als der Stabsarzt A. W. _Schultze_, ein
+Schüler der _Bardeleben_schen Klinik in der Berliner Charité, in der
+Sitzung der Militärärztlichen Gesellschaft vom April 1872 einen Vortrag
+über _Listers_ antiseptische Wundbehandlung hielt, als Frucht einer
+Studienreise, die er im Oktober 1871 durch Deutschland, Belgien, Holland
+und England bis Edinburgh unternommen hatte. Dieser Vortrag erschien im
+Februar 1873 in _Volkmanns_ Sammlung klinischer Vorträge. In klarer und
+umfassender Weise ging _Schultze_ auf die Idee ein, welche dem ganzen
+Verfahren zugrunde lag und schilderte letzteres in allen Einzelheiten so
+genau, daß fortan die Verbreitung einer gründlichen Kenntnis bei allen
+deutschen Chirurgen mindestens angebahnt wurde. Der schnelle Aufschwung
+indessen, welchen die _Lister_schen Lehren von nun an in Deutschland
+erfuhren, würde gar nicht zu verstehen sein ohne die Berücksichtigung
+jenes großen, nunmehr zu besprechenden Ereignisses, durch welches die
+deutsche Chirurgie in den Stand gesetzt wurde, binnen wenigen Jahren die
+führende Stelle in den Wettbestrebungen zur Verbesserung des Loses
+verwundeter und erkrankter Menschen zu übernehmen.
+
+Auf eine von _Gustav Simon_ schon im Herbste des Jahres 1871 erfolgte
+Anregung erließen nämlich im März 1872 _Bernhard v. Langenbeck_
+(Berlin), _Gustav Simon_ (Heidelberg) und _Richard Volkmann_ (Halle) ein
+Rundschreiben, welches die Aufforderung zur _Gründung einer Deutschen
+Gesellschaft für Chirurgie_ und zur Abhaltung eines Kongresses in Berlin
+in den Tagen vom 10. bis 14. April enthielt. Man hatte sich zuvor der
+Zustimmung einer größeren Anzahl deutscher Chirurgen versichert,
+zunächst aber noch keine Satzungen entworfen, vielmehr nur in
+allgemeinen Umrissen die Ziele bezeichnet, denen man zustrebte. Die
+Ausarbeitung der Satzungen blieb einem Ausschusse vorbehalten, der in
+der ersten Sitzung des Kongresses gewählt werden sollte. Der Kongreß
+wurde am 10. April 1872 im Hôtel de Rome zu Berlin unter dem Vorsitze v.
+_Langenbecks_ eröffnet, der bei der Wahl des Vorstandes Vorsitzender
+blieb. Eine glücklichere Wahl hätte nicht getroffen werden können, um
+das neue Unternehmen über die ersten Schwierigkeiten hinweg in geordnete
+Bahnen überzuführen. Der gleich vielen großen Deutschen einem
+evangelischen Pfarrhause entsprossene, im hannöverschen Horneburg
+geborene Wundarzt stand damals mit seinen 61 Jahren auf der Höhe seines
+Ruhmes. Aber es waren nicht allein seine Stellung als Leiter der
+angesehensten Universitätsklinik Deutschlands, nicht nur seine hohe
+wissenschaftliche Bedeutung, welche die Wahl auf ihn lenkten, sondern
+mindestens in gleichem Maße die Eigenschaften seines Körpers und
+Charakters. Der kaum mittelgroße zierliche Mann mit vollem, grauem,
+leicht gewelltem Haupthaar hatte in Haltung, Bewegung und Rede etwas so
+ungesucht Vornehmes, daß er auch unter vielen sofort die bewundernden
+Blicke auf sich zog. Dazu kam sein stets verbindliches und maßvolles
+Wesen, welches auch kleinen Geistern gegenüber niemals sein Übergewicht
+hervorkehrte. Mit Recht nennt ihn der im Zentralblatte für Chirurgie
+nach seinem Tode erschienene Nachruf den ersten und edelsten Chirurgen
+seiner Zeit. Ein Mann mit solchen Eigenschaften war der geborene
+Vorsitzende der von ihm gegründeten Gesellschaft und seine
+alljährliche Wiederwahl erschien trotz seinem Widerstreben als eine
+Selbstverständlichkeit, auch als er im Jahre 1881 auf sein Amt als
+Leiter der Klinik verzichtete und seinen Wohnsitz nach Wiesbaden
+verlegte. Erst mit dem Kongreß von 1885 trat er endgültig zurück,
+nachdem die Gesellschaft ihn zum Ehrenmitgliede ernannt hatte. Im
+folgenden Jahre war die Leitung zum erstenmal in anderen Händen, da
+R. v. _Volkmann_ zum ersten Vorsitzenden gewählt worden war; aber keiner
+der Nachfolger _Langenbecks_ auf dem Stuhle des Vorsitzenden hat es zu
+ähnlicher stillschweigender Anerkennung seines Wesens gebracht, wie sie
+jenem entgegengetragen wurde.
+
+Schon die dritte Sitzung des ersten Kongresses wurde nicht mehr im
+Römischen Hofe, sondern in der chirurgischen Universitätsklinik
+abgehalten; von da an bis zum Jahre 1891 stand der Gesellschaft die
+alte Aula im Universitätsgebäude zur Verfügung. Die Übersiedlung in ein
+eigenes Heim soll später erzählt werden.
+
+Die Gesellschaft zählte im Eröffnungsjahre 130 Mitglieder, von denen 81
+sich am Kongresse beteiligten. Dem Ausschusse gehörten außer dem
+Vorsitzenden an: _Viktor v. Bruns_ als stellvertretender Vorsitzender,
+_Volkmann_ und _Gurlt_ als Schriftführer, _Trendelenburg_ als
+Kassenführer. Die Vermehrung der Mitglieder erfolgte in den ersten 10
+Jahren des Bestehens in einem keineswegs überstürzten Zeitmaße; vielmehr
+war auf dem X. Kongreß von 1881 erst die Zahl 287 erreicht. Seitdem aber
+begann ein so schnelles Ansteigen, daß im Jahre 1900 das erste, 10 Jahre
+später bereits das zweite Tausend überstiegen war. Von den
+Schwierigkeiten, welche dadurch für die Unterbringung der Teilnehmer an
+den Kongressen, für die Geschäftsführung und die Verständigung der
+Mitglieder untereinander erwuchsen, soll später gesprochen werden; doch
+wird man ohne Übertreibung sagen können, daß die ersten 15 Jahre die
+glücklichsten der Gesellschaft gewesen sind, da die kleine Zahl allen
+Mitgliedern Gelegenheit zu persönlicher und freundschaftlicher
+Annäherung bot, durch welche manche Schärfe in den Verhandlungen
+vermieden wurde. Und doch gab gerade jene Periode, in der um die
+Einführung der Antisepsis zuweilen erbitterte Kämpfe ausgefochten
+wurden, Gelegenheit genug zu Reibungen aller Art. Niemals wieder hat
+späterhin eine gleich bewegte, fast begeisterte Teilnahme an den
+Verhandlungen stattgefunden, wie damals, als ein großes Ziel des
+Strebens erst in den Umrissen gezeigt, aber noch nicht erreicht war.
+
+ * * * * *
+
+Wenden wir uns nun wiederum der Art und Weise zu, in welcher die neuen
+Lehren Boden suchten und fanden, so müssen wir vor allen Dingen eines
+Mannes gedenken, der mit fast jugendlicher Begeisterung -- er war damals
+42 Jahre alt -- sie ergriff und in stetem, oft überaus lebhaft geführtem
+Kampfe, in welchem sein Geist, seine dichterische Begabung, sowie seine
+Meisterschaft in der Beherrschung der Sprache ihm die schärfsten Waffen
+liehen, die widerstrebende Masse der Ärzte und Chirurgen allmählich zu
+überzeugen und fortzureißen wußte. _Richard Volkmann_, dem mittelgroßen,
+zierlich gebauten, beweglichen Manne mit den stahlblauen Augen, dem
+rötlichen Haupthaare und dem das Kinn freilassenden roten Backenbarte,
+verdankt die deutsche Chirurgie die frühzeitige Erkenntnis des Wertes
+der neuen Behandlung, für die er seine ganze Persönlichkeit einlegte.
+Der Leipziger Professorensohn war in der Tat der rechte Mann zur
+Durchführung einer solchen Aufgabe, für welche ihm neben seiner
+überragenden Klugheit ein schneidender Sarkasmus, der selbst in
+unverhüllte Derbheit übergehen konnte, zu Gebote standen. So geschah es
+denn, daß er bis zu seinem im Jahre 1889 erfolgten Tode nahezu
+unbestritten der Führer der deutschen Chirurgen auf dem Gebiete der
+Wundbehandlung gewesen ist, die alle, einige sehr früh, die meisten erst
+spät, seinen Spuren gefolgt sind.
+
+_Volkmann_ hatte in seiner Klinik zu Halle, die außerordentlich
+ungünstige hygienische Verhältnisse darbot, bisher die offene
+Wundbehandlung geübt, in Verbindung mit einer regelmäßigen Waschung der
+Wunden durch Lösungen von übermangansaurem Kali, Chlorkalk, später
+Karbolsäure. Bei der übergroßen Zahl schwerer Verletzungen, die in dem
+kleinen, überfüllten Krankenhause mit 50 Betten zuweilen bis zu
+45 v. H. aller Aufnahmen betrugen, verschlechterten sich aber die
+Verhältnisse in einem Maße, forderten die Wundkrankheiten so hohe Opfer,
+daß er im Sommer 1871 nahe daran war, die vorübergehende Schließung der
+Anstalt zu beantragen. Nur aus dem Gesichtspunkte einer lästigen, aber
+unabweislichen Pflichterfüllung begann er Ende November 1872 die Prüfung
+der _Lister_schen Methode, in der bestimmten Überzeugung, daß es sich
+nur um einen wenige Wochen dauernden, vergeblichen Versuch handeln
+würde. Die Ergebnisse aber, welche er unter genauer Befolgung aller
+Vorschriften erzielte, waren so verblüffend, daß er nicht wieder davon
+abkam. Am 10. April 1874, den wir mit _Madelung_ als einen denkwürdigen
+Tag in der Geschichte der deutschen Chirurgie ansehen müssen, hielt er
+auf dem III. Kongreß einen Vortrag: »Über den antiseptischen
+Okklusionsverband und seinen Einfluß auf den Heilungsprozeß der Wunden«,
+in welchem er seine seit 15 Monaten gesammelten Erfahrungen besprach.
+Der Vortrag ist in seinen im Jahre 1875 erschienenen Beiträgen zur
+Chirurgie ausführlich wiedergegeben. Eigentümlich berührt in ihm die
+große Vorsicht, mit der der Redner sich gegen den Gedanken einer
+unbedingten Annahme der wissenschaftlichen Grundlage der Antisepsis,
+nämlich der bakteriellen Entstehung von Eiterung und Wundkrankheiten,
+verwahren zu müssen glaubt. Es braucht keineswegs angenommen zu werden,
+daß auch in diesem klaren Kopfe die Idee der Urzeugung der Keime, welche
+bei englischen Ärzten damals noch eine erhebliche Rolle spielte,
+mitgewirkt habe; immerhin hielt er es für geboten, die einfache Tatsache
+einer stark veränderten, besseren Wundheilung hinzunehmen, ohne sich
+durch eine bisher noch umstrittene Theorie die Hände binden zu lassen.
+Dagegen sprach er es unumwunden aus, daß mit den neuesten _Lister_schen
+Abänderungen seines Verbandes noch nicht das letzte Wort gesprochen sein
+könne. Insbesondere hoffe er, daß die Benutzung der Karbolsäure, »eines
+fatalen und nicht einmal ungefährlichen Mittels«, möglichst bald wieder
+aus der Chirurgie verschwinden werde. Darin hat er sich nicht getäuscht.
+
+Seit jenem Tage ist die Frage der allgemeinen Wundbehandlung mehr als
+25 Jahre lang in den Tagesordnungen der Chirurgenkongresse zu finden
+gewesen; denn die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie war das Manometer,
+welches die Hebungen und Senkungen der Anschauungen stets getreulich
+aufzeichnete.
+
+Mit gleichem Eifer wie die Entwicklung der Verbandtechnik behandelte sie
+aber auch dessen wissenschaftliche Grundlage, so sehr ablehnend sich
+_Volkmann_ zunächst auch dagegen verhielt. Wir sind daher genötigt, auf
+das Aufkommen und den Ausbau der _Bakterienkunde_, soweit sie einen
+unmittelbaren Einfluß auf die Chirurgie ausgeübt hat, einen
+zusammenfassenden Rückblick zu werfen.
+
+ * * * * *
+
+Auf S. 19 ist bereits erzählt worden, wie _Schwann_ als erster alle
+Zersetzungsvorgänge auf Luftkeime zurückführte und wie zahlreiche
+Nachfolger er für seine Anschauungen fand. Aber trotz allem Geist und
+Scharfsinn, mit denen diese Theorie vorgetragen, verfochten und durch
+äußerst sinnreiche Versuche bestätigt wurde, blieb sie für die Lehre von
+der Entstehung der Wundkrankheiten dennoch zunächst unfruchtbar. Der
+Grund dafür lag in der schon 1840 von _Henle_ beklagten Unfähigkeit,
+die Erreger der Zersetzung, in denen er kleinste Pflanzen vermutete,
+auch dem bewaffneten Auge sichtbar zu machen. Zwar hatte _Lister_ die
+Pilzrasen auf einem entsprechenden Nährboden zu züchten und die Art
+ihres Wachstumes zu beobachten gelernt; aber auch damit war man über den
+allgemeinen Begriff der »Keime« nicht hinausgekommen.
+
+An diesem toten Punkte erschien die Hilfe in Gestalt der seit dem Jahre
+1855 durch J. v. _Gerlach_ eingeführten Färbemethoden, durch welche es
+möglich wurde, einzelne Gewebe und Gewebsteile derart mit einem
+Farbstoffe zu tränken, daß sie im mikroskopischen Bilde mit Leichtigkeit
+von den Nachbargeweben unterschieden werden konnten. Allerdings dauerte
+es noch mehr als zwei Jahrzehnte, ehe man auch die pflanzlichen
+Schmarotzer zu färben und dem Auge sichtbar zu machen lernte; aber schon
+die in die gleiche Zeit fallende Verbesserung und Vervollkommnung der
+Mikroskope hatte die Forscher zu allerlei beachtenswerten Entdeckungen
+geführt. So hatte _Rindfleisch_ schon im Jahre 1866 das Vorkommen von
+Bakterien in den Organen der an Wundinfektionskrankheiten Gestorbenen
+nachgewiesen, was durch _Waldeyer_ und v. _Recklinghausen_ 1871
+bestätigt wurde. Im gleichen Jahre beschrieb _Klebs_ das Microsporon
+septicum als den Erreger der Eiterung und Gewebsfäulnis, indem er unter
+jenem Namen die Stäbchen- und Kugelbakterien zusammenfaßte, wie es vor
+ihm schon _Karl Hüter_ mit seinen »Monaden« getan hatte. Dagegen stellte
+sich _Billroth_ in seiner sehr umfangreichen und fleißigen, der
+Deutschen Gesellschaft für Chirurgie gewidmeten Arbeit »über die
+Vegetationsformen der Coccobacteria septica« (1874) auf einen wesentlich
+verschiedenen Standpunkt. Auch er fand solche, zuweilen ungemein
+voneinander abweichende Vegetationsformen, die er einheitlich unter
+jenem Namen zusammenfaßte, zwar in allen gärenden und faulenden
+Flüssigkeiten und eiternden Geweben, sah sie aber nicht als die Ursache
+der Zersetzung an, sondern ließ diese aus der akuten Entzündung der
+Gewebe hervorgehen. Erst eine solche führe zur Bildung eines
+»phlogistischen Zymoids«, welches einen sehr günstigen Nährboden für die
+Entwicklung von Kokkobakterien darstelle. -- Eine so geschraubte Deutung
+wird nur erklärlich, wenn man berücksichtigt, daß _Billroths_ an sich
+vortreffliche Bakterienbilder doch sämtlich ohne Färbemittel gewonnen
+sind und daß, mit dem Fehlen der Unterscheidung bestimmter Arten, auch
+eine experimentelle Prüfung der Lebensvorgänge noch nicht hatte
+angebahnt werden können.
+
+Wenn auch die übrigen Forscher sich mehr und mehr der von _Rindfleisch_,
+_Klebs_ und _Karl Hüter_ vertretenen Auffassung zuneigten, daß die in
+den Wundflüssigkeiten vorhandenen pflanzlichen Schmarotzer als Erreger
+der Wundkrankheiten anzusehen seien, so konnte man doch so lange nicht
+weiterkommen, als alle diese Lebewesen einheitlich betrachtet wurden;
+denn bis dahin war es weder möglich, die verschiedenen Formen
+systematisch zu ordnen, noch ihre Lebensäußerungen in nutzbringender
+Weise zu verfolgen. Für die Notwendigkeit einer Scheidung sprachen sich
+zwar einzelne Botaniker wie Pathologen aus; aber nachhaltig gelang dies
+erst durch die bahnbrechende Arbeit _Robert Kochs_ über die Ätiologie
+der Wundinfektionskrankheiten (1878). _Koch_, der als erster in
+umfangreicher Weise mit Färbemitteln und Tierversuchen arbeitete und der
+die in den verschiedenen Wundkrankheiten vorkommenden Bakterien einer
+genauen, durch Reinkulturen unterstützten Untersuchung unterwarf, kommt
+zu dem Schluß, daß die verschiedenen Formen der krankheitserzeugenden
+Keime als verschiedene, unabänderliche Arten anzusehen seien. Hiermit
+trat er dem größten Teile der Botaniker, die, wie vor allen anderen
+_Nägeli_ in München, auf dem Standpunkt standen, daß keinerlei Nötigung
+vorliege, um auch nur _zwei_ spezifische Arten voneinander zu
+unterscheiden, mit voller Schärfe entgegen. Neben den Studien über
+Septichämie, Pyämie, Erysipelas, Gewebsnekrose und fortschreitende
+Abszeßbildung bei Tieren gab _Koch_ auch eine solche über den Milzbrand
+und dessen Erreger, die seitdem in allen ihren Teilen bestätigt worden
+ist.
+
+Die _Koch_schen Untersuchungen und Methoden sind die Grundlagen der
+neueren Bakteriologie geworden und haben eine ganze Reihe der
+wichtigsten und weittragendsten Entdeckungen herbeigeführt. --
+
+Wie bereits erwähnt, beschäftigte sich die Deutsche Gesellschaft für
+Chirurgie von Anfang an auch mit der _Bedeutung der Bakterien für die
+praktische Chirurgie_. Schon auf dem ersten Kongreß wurde ein Schreiben
+_Wilhelm Rosers_ (Marburg) verlesen, in welchem er sich über den
+»Pyämiepilz«, über das Sepsin und das Microsporon septicum ausspricht
+und für die Forschung und Fragestellung auf diesem Gebiete einige Winke
+gibt. Auf dem zweiten Kongreß von 1873 trat _Ernst Bergmann_ (Dorpat),
+der später für die deutsche Chirurgie eine erhebliche Bedeutung gewinnen
+sollte, mit einem experimentellen Beitrage zu der Lehre von den
+septischen Entzündungen in die Reihe der Redner, in welchem er nachwies,
+daß bakterienhaltige Flüssigkeiten in tierische Gewebe eingespritzt,
+tödliche septische Lungenentzündungen hervorzurufen vermöchten. Wie alle
+solche Fragen verlief auch die Besprechung des _Bergmann_schen Vortrages
+nicht ohne starken Widerspruch. -- Auf demselben Kongresse behandelte
+_Martini_ (Hamburg) einen verwandten Gegenstand, die Mikrokokkenembolien
+innerer Organe und die durch sie hervorgerufenen Veränderungen der
+Gefäßwand. Auch auf den nächsten Kongressen setzte sich das Für und
+Wider der Anschauungen über die beiden Hauptfragen: Ob die Bakterien die
+Wundkrankheiten erzeugen, oder sie wenigstens unterstützen, sowie ob die
+in zersetzten Geweben gefundenen Pflänzchen als einheitliche Art
+aufzufassen seien oder nicht, unverändert fort. Die Stellung, welche
+infolge der bis zu den _Koch_schen Entdeckungen immer noch sehr
+unvollkommenen Untersuchungs- und Beobachtungsmethoden ein großer Teil
+der Kongreßmitglieder im Gegensatz zu zahlreichen Rednern einnahm,
+kennzeichnete sehr gut eine Äußerung des geistvollen Humoristen der
+Gesellschaft _Karl Thiersch_ aus Leipzig, der auf einem späteren Kongreß
+am Schlusse einer langen und erregten Debatte seine eigenen Bemerkungen
+mit den Worten schloß: »Mein Herz zieht mich zu den Bakterien, aber mein
+Verstand sagt: Warte noch!«
+
+Die _Koch_schen Arbeiten, seine Reinkulturen der einzelnen
+Bakterienarten, die er nicht nur nach ihrer Form, sondern auch nach
+ihrem biologischen Verhalten unterscheiden lehrte, seine Färbemethoden
+für mikroskopische Untersuchungen, endlich seine Wiedergabe der
+gefärbten Pflänzchen in Lichtbildern führten überall einen mächtigen
+Anstoß zur Beschäftigung mit den neuen Erkenntnissen herbei und wirkten
+in hohem Maße klärend. Grundlegend für die weitere Entwicklung der
+Chirurgie wurden insbesondere die »Mitteilungen aus dem Kaiserlichen
+Gesundheitsamte 1881, Bd. I.«, in denen die beiden Aufsätze R. _Kochs_:
+»Zur Untersuchung von pathogenen Organismen« und: »Über Desinfektion«
+von höchster Bedeutung waren, nicht weniger auch die seiner Mitarbeiter
+_Georg Gaffky_, _Friedrich Löffler_ und vieler anderer. Mit einem
+Schlage waren alle Zweifel gelöst und nur ganz vereinzelt erhoben sich
+noch Stimmen gegen die Artverschiedenheiten der Bakterien, oder gegen
+ihre Auffassung als Krankheitserreger; und wenn auch die oft sehr
+verschlungenen und verdeckten Wege der Körpervergiftung im einzelnen
+nicht ohne weiteres klar zutage traten, so setzte doch nunmehr auf allen
+Gebieten eine so rüstige Forschungsarbeit ein, daß die Umrisse der die
+Chirurgie angehenden Bakterienkrankheiten in wenigen Jahren gezeichnet
+waren. Die Ausfüllung des Rahmens freilich machte noch manche mühevolle
+Untersuchung und eine durch die bisherigen Forschungen geschärfte
+Beobachtung am Krankenbette notwendig.
+
+Diese Bemerkungen treffen auch auf die überaus wertvollen Arbeiten zu,
+welche im Jahre 1884 im II. Bande der »Mitteilungen« veröffentlicht
+worden sind. Er enthält an erster Stelle _Kochs_ berühmte Arbeit: »Die
+Ätiologie der Tuberkulose«, in welcher der staunenden Welt die
+Entdeckung des Tuberkelbazillus, über welche schon zwei Aufsätze vom
+Jahre 1882 berichtet hatten, in erweiterter Form und in meisterhafter
+Darstellung vor Augen geführt wurde. Die ganz vereinzelten Einsprüche
+gegen diese Großtat _Kochs_ sind sehr schnell verstummt; und so bilden
+denn diese seine Arbeiten den Ausgang aller jener Bestrebungen, durch
+welche die schlimmste Geißel des menschlichen Geschlechtes bekämpft, in
+ihren Wirkungen eingeengt und der Heilungsmöglichkeit entgegengeführt
+worden ist. -- Daneben enthält jener Band auch _Löfflers_ ausgezeichnete
+Arbeit über den Diphtheriebazillus.
+
+Der brennende Eifer, mit welchem die Mitglieder der Deutschen
+Gesellschaft für Chirurgie jede Bereicherung ihrer Kenntnisse aufnahmen,
+zeigte sich nicht am wenigsten in der Verfolgung der bakteriologischen
+Forschungen; denn daß die ganze _Lister_sche Wundbehandlung mit ihrer
+bakteriologischen Grundlage stand und fiel, war im Beginne des neunten
+Jahrzehntes des 19. Jahrhunderts auch dem blödesten Auge klar geworden.
+
+Vor allen Dingen suchte man die von _Koch_ im wesentlichen an Tieren
+studierten Infektionskrankheiten auch am Menschen in ihrer bakteriellen
+Bedeutung zu erfassen. Freilich waren es meistens nur Nachprüfungen,
+welche der bei weitem größte Teil der Mitglieder sich erlauben durfte,
+selbst wenn die volle Beherrschung der bakteriellen Technik zuvor
+erworben worden war. Denn der in der praktischen Tätigkeit stehende und
+von ihr in vollstem Maße in Anspruch genommene Wundarzt, dem täglich und
+stündlich am Krankenbette neue Fragen auftauchten, mit denen er sich
+doch praktisch abzufinden hatte, behielt nur selten die Muße, um sich
+mit sehr zeitraubenden Untersuchungen auf dem Gebiete der Keimlehre
+abzugeben. Mehr und mehr wurde es daher Sitte, daß chirurgische
+Kliniken und große Krankenhausabteilungen wenigstens _einen_
+pathologisch-anatomisch und bakteriologisch völlig geschulten Gehilfen
+anstellten, dem die Sonderarbeiten auf diesen Gebieten übertragen werden
+konnten. Auch waren die Vertreter der bald auf allen deutschen
+Universitäten begründeten Professuren für Hygiene und Bakterienforschung
+meistens gern bereit, den chirurgischen Abteilungen die Arbeit entweder
+ganz abzunehmen, oder doch zu erleichtern. Um so beachtenswerter ist
+es, daß auch aus chirurgischen Arbeitsstuben manche wichtige und
+fördernde Entdeckungen hervorgegangen sind. Vor allen anderen sind zwei
+jüngere Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie zu nennen,
+deren Studien berechtigtes Aufsehen erregten.
+
+Der junge Schwabe _Fehleisen_, damals Assistent an _Ernst_ v.
+_Bergmanns_ Universitätsklinik in Berlin, veröffentlichte im Jahre 1883
+eine Einzelschrift unter dem Titel: »Die Ätiologie des Erysipels«, in
+welcher er den Nachweis erbrachte, daß die Wundrose durch eine in die
+Saftkanälchen und Lymphbahnen der Umgebung der Wunde gelangende
+Streptokokkenart erzeugt werde, die er Streptococcus erysipelatis
+benannte und als spezifisch ansah. In letzterer Beziehung hat er sich
+allerdings geirrt, da später durch andere Forscher nachgewiesen wurde,
+daß _Fehleisens_ Kettenkokkus nichts anderes als der überall verbreitete
+und zahlreiche Krankheiten eitriger Art erzeugende Streptococcus
+pyogenes sei; dennoch bleibt _Fehleisens_ Verdienst ungeschmälert, daß
+er jene Wundkrankheit auf eine ganz bestimmte Bakterienart zurückführte
+und deren Verbreitungswege erkannte und schilderte. Um so bedauerlicher
+ist es, daß der Entdecker wenige Jahre später verstimmt und unbefriedigt
+seinem Vaterlande den Rücken kehrte.
+
+Ein Jahr später erschien eine noch bedeutungsvollere Arbeit von
+_Friedrich Julius Rosenbach_ in Göttingen, damals Assistenzarzt der
+_König_schen Klinik, in der er die Poliklinik leitete. Die unter dem
+Titel: »Mikroorganismen bei den Wundinfektionskrankheiten des Menschen«
+erschienene Schrift teilt zunächst sehr sorgfältige Untersuchungen über
+die verschiedenen Schmarotzerformen mit, welche in fast allen eitrigen
+Erkrankungen des Menschen (mit Ausnahme der später zu erwähnenden kalten
+Abszesse) vorkommen. Er bespricht fernerhin die Entstehung der akuten
+Knochenmarkentzündung, die in den meisten Fällen durch den
+Staphylococcus pyogenes aureus, seltener durch den albus hervorgerufen
+werde, und macht darauf aufmerksam, daß diese beiden Schmarotzer durch
+das Vergrößerungsglas allein nicht zu unterscheiden seien, wohl aber im
+Impfstrich auf Gelatine schon durch die verschiedene Färbung leicht
+erkannt werden können; zeigt aber auch, daß noch andere Mikrobien, wie
+die Streptokokken, die Krankheit hervorzurufen vermögen. Demnach ist die
+Osteomyelitis, wie die ihr nahestehende Pyämie, keine einheitliche d. h.
+keine durch einen spezifischen Pilz erzeugte Entzündung. Mit gleicher
+Sorgfalt werden die Fäulnisvorgänge in den Geweben oder die septischen
+Erkrankungen geschildert, sowie dem von anderen Untersuchern bestätigten
+Gedanken Raum gegeben, daß nicht die bloße Vermehrung der Bakterien,
+sondern die von ihnen erzeugten Gifte (Ptomaine) die gefährlichen
+Zufälle veranlassen, und zum Schluß eine neue, ungefährliche Krankheit,
+das Fingererysipeloid, mit ihrem spezifischen Erreger geschildert; alles
+das unter sorgfältiger Benutzung und Besprechung früherer wertvoller
+Arbeiten, unter denen die des Engländers _Ogston_ und _Pasteurs_
+hervorgehoben werden, die bereits mit menschlichem Eiter gearbeitet
+hatten. Auch ist _Rosenbach_ der erste, der _Fehleisens_ Streptococcus
+erysipelatis als einen spezifischen Krankheitserreger abweist.
+
+Ein gewaltiger Schritt vorwärts war mit diesen beiden Arbeiten für die
+praktische Chirurgie getan worden. Wenn auch _Rosenbachs_ Tierversuche,
+sowie die mancher anderer Chirurgen zeigten, daß auch durch Einspritzung
+giftiger Reizmittel ohne Bakteriengehalt, wie des Krotonöles, eine
+Eiterung im Gewebe zu erzeugen möglich sei, so blieb diese Tatsache doch
+praktisch ohne alle Bedeutung. Vielmehr stand es nunmehr unumstößlich
+fest, daß der klinische Betrieb nur mit der Bakterienwirkung als Ursache
+der Eiterung und der verschiedenen Wundkrankheiten zu rechnen habe. Nur
+für den Wundstarrkrampf stand der naturwissenschaftliche Nachweis noch
+aus. Er sollte aber nicht zu lange auf sich warten lassen; denn noch
+gegen Ende des Jahres 1884 trat der erst 22jährige _Nicolaier_, Student
+der Medizin in Göttingen, mit einer im hygienischen Institut der
+Universität angefertigten Arbeit hervor, in welcher als Erreger des
+Wundstarrkrampfes ein in der Erde lebendes stecknadelförmiges Bakterium
+beschrieben wurde. So war auch diese Lücke in der Erkenntnis der
+Entstehungsweise der Wundkrankheiten glücklich geschlossen worden.
+
+ * * * * *
+
+Nach dieser Abschweifung auf das Gebiet der Keimlehre kehren wir zu dem
+weiteren _Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung_ zurück. _Volkmann_
+war nicht der einzige Chirurg geblieben, der unter dem Einflusse der
+_Schultze_schen Arbeit sich der neuen Behandlungsmethode zugewandt
+hatte. Dahin gehörte vor allen Dingen _Adolf Bardeleben_ von der
+Berliner Charité, dessen Assistent der Stabsarzt _Schultze_ damals noch
+war und der deshalb auf des letzteren Veranlassung die _Lister_sche
+Wundbehandlung auf seiner Abteilung ziemlich streng durchführte, nachdem
+er schon einige Zeit zuvor tastende Versuche mit der Karbolpaste gemacht
+hatte. Auf dem gleichen Kongreß von 1874 konnte daher _Bardeleben_, im
+Anschluß an _Volkmanns_ grundlegenden Vortrag, über ziemlich ausgedehnte
+Erfahrungen mit dem _Lister_schen Verbande berichten, ebenso _Schönborn_
+(Königsberg), _Hüter_ (Greifswald) und _Thiersch_ (Leipzig). Aber
+abgesehen von diesen Klinikern hatte das antiseptische Verfahren auch
+schon manche Krankenhausleiter zu Versuchen angespornt; so gehörte der
+kleine, überaus tätige _Hagedorn_ (Magdeburg) schon frühzeitig zu seinen
+eifrigsten Vertretern. Es waren nicht nur die immer häufiger in der
+chirurgischen Literatur auftauchenden Besprechungen des neuen
+Verfahrens, welche werbend wirkten, sondern es kam noch ein anderer
+Umstand hinzu. Einzelne Kliniker und manche Krankenhausleiter folgten
+dem Beispiele _Schultzes_, indem sie sich in Edinburgh selber an der
+Quelle zu unterrichten suchten, oder wenigstens ihre Assistenten
+schickten. Als erster deutscher Kliniker trat _Johann Nepomuk
+v. Nußbaum_ in München bald nach _Schultzes_ und _Volkmanns_
+Veröffentlichungen die Reise an, von der er als ein begeisterter
+Anhänger der Neuerung zurückkehrte. Ihm in erster Linie galt daher der
+Besuch, den _Lister_ im Jahre 1875 Deutschland abstattete, um sich
+persönlich von dem Stande seiner Lehre in diesem Lande zu überzeugen.
+_Nußbaum_ und seine Schüler bereiteten ihm in seiner Klinik, die früher
+in ganz entsetzlicher Weise unter Pyämie und Hospitalbrand gelitten
+hatte, eine erhebende Feier, von der der englische Meister beglückt und
+befriedigt in seine Heimat zurückkehrte. -- Unter den jüngeren Chirurgen
+schrieb _Lesser_ schon im Jahre 1873 über einen Besuch bei _Lister_;
+ferner konnten auf dem Kongreß von 1874 _Schönborn_ und besonders der
+Deutschrusse _Reyher_ eingehend über das Gesehene berichten, während
+_Madelung_, Privatdozent und Assistent der chirurgischen Klinik in Bonn,
+und J. _Israel_, Assistent am jüdischen Krankenhause in Berlin, zwar in
+dem gleichen Frühling Edinburgh besuchten, aber mit ihren Beobachtungen
+zunächst noch zurückhielten. Im Februar 1876 machte auch E. _Küster_
+eine Reise nach Edinburgh, deren Frucht die Einführung der
+antiseptischen Behandlung im Berliner Augusta-Hospital unter genauester
+Beobachtung der _Lister_schen Methoden war. Nach diesen Reisen begann
+ein Strom besserer Erkenntnis sich von der fernen Stadt des Nordens über
+einen großen Teil von Europa zu ergießen; zumal in Deutschland bildeten
+sich immer zahlreichere Mittelpunkte, von denen die neue Lehre in immer
+weitere Kreise getragen wurde.
+
+Aber in den kritisch angelegten Köpfen einzelner deutscher Chirurgen
+regte sich auch, früher wie in anderen Ländern, die Neigung zu
+Abänderungen und Vereinfachungen des immerhin etwas umständlichen,
+schwerfälligen und kostspieligen Verbandes. Dazu hatte freilich _Lister_
+selber die Bahn eröffnet, teils durch seine zahlreichen Verbesserungen,
+teils durch seinen Ausspruch, er hege die Hoffnung, daß die Chemie einen
+der Karbolsäure in der Wirksamkeit ebenbürtigen, aber von deren
+unangenehmen Eigenschaften freien Stoff zu finden imstande sein werde.
+Dem gleichen Gedanken gab _Volkmann_, wie oben erwähnt, schon in seinem
+ersten Vortrage Ausdruck; und auf demselben Kongresse machte sein
+damaliger Assistent _Max Schede_ die Mitteilung, daß in Halle alle nicht
+ganz frischen Verletzungen erst einer Ätzung mit 8%iger Chlorzinklösung
+unterzogen würden, ehe der Okklusivverband zur Anwendung gelange. Alles
+das hielt sich noch in dem von _Lister_ selber vorgetragenen
+Gedankenkreise; wirkliche Neuerungen aber brachten schon bei diesem
+ersten Waffengange auf dem Gebiete der Antisepsis _Bardeleben_ mit
+seiner, freilich etwas zurückhaltenden Empfehlung nasser
+Karbolsäureverbände anstatt der trockenen _Lister_schen, und _Thiersch_
+durch den Vorschlag, die Karbolsäure durch die von dem Chemiker _Kolbe_
+in Leipzig dargestellte Salizylsäure zu ersetzen. In der Tat hat das
+letztgenannte Mittel, zumal nach Veröffentlichung einer größeren Arbeit
+von _Thiersch_ (Klinische Ergebnisse der _Lister_schen Wundbehandlung
+und über den Ersatz der Karbolsäure durch Salizylsäure in _Volkmanns_
+Sammlung klinischer Vorträge 84 und 85) vom Jahre 1875, für eine Reihe
+von Jahren Aufnahme gefunden und zwar sowohl als trockener, wie als
+nasser Watteverband bzw. in der Form der Berieselung bei sonst offener
+Wundbehandlung. Auch der Verbandstoff fand durch ihn, hauptsächlich aus
+Rücksichten der Verbilligung, eine Abänderung, indem er auf den Rat
+v. _Mosengeils_ die Jute, einen aus den Fasern einer ostindischen Tiliazee
+hergestellten Stoff, als Grundlage des antiseptischen Verbandes in
+seiner Klinik einführte. Nunmehr häuften sich die Neuerungen.
+H. _Ranke_, Assistent der _Volkmann_schen Klinik, berichtete 1878 über den
+Ersatz der Karbolsäure durch Thymol, so daß bereits eine erhebliche
+Vielfältigkeit für die Abänderung des eigentlichen _Lister_verbandes
+vorlag. Eine eingehende Besprechung fand die Frage der Behandlungsform
+auf dem Kongreß von 1878, im Anschluß an einen Vortrag E. _Küsters_:
+»Über die giftigen Eigenschaften der Karbolsäure«, dessen
+Endbetrachtungen darin gipfelten, daß dies Mittel zwar zunächst, als
+sicherstes der bisher angewandten antiseptischen Verbandmittel, noch
+nicht zu entbehren sei, daß es aber nur mit großer Vorsicht gebraucht
+werden dürfe, da es bei manchen Personen gefährliche und selbst tödliche
+Zufälle hervorzurufen imstande sei. In der Tat wurde bei der ausgiebigen
+Erörterung dieses Vortrages die Giftigkeit der Karbolsäure mehr oder
+weniger unumwunden fast von allen Rednern zugestanden.
+
+Bald darauf, im Jahre 1880, erfolgte auch der erste kraftvolle Vorstoß
+gegen den Zerstäuber (Spray) durch _Viktor v. Bruns_ (Tübingen) in
+einem Aufsatze unter dem Titel: »Fort mit dem Spray!« Der Verfasser
+hatte bereits seit zwei Jahren, sowohl bei Operationen wie bei
+Verbandwechseln, auf den Sprühnebel verzichtet und sich auf
+nachträgliche kurze Bespülungen der Wunde mit Karbolsäure beschränkt.
+Die Ergebnisse waren vortrefflich. Freilich war der alte Doppelballon
+nach _Richardson_, der mit Hand oder Fuß in Bewegung gesetzt wurde,
+schon längst durch schmucke Dampfzerstäuber ersetzt worden; aber auch
+diese brachten recht große Unannehmlichkeiten für den Kranken sowohl wie
+für den handelnden Chirurgen und seine Gehilfen mit sich. Denn der
+Körper des Kranken, selbst wenn er sorgfältig mit reinen Leintüchern
+abgedeckt war, wurde doch bei längeren Eingriffen allmählich naß; und
+die ganze Umgebung des Operationstisches befand sich oft 1-2 Stunden
+lang in einem Sprühnebel, der alle freien Körperteile triefend machte
+und mit dem Atemstrome in die Luftwege eingesogen wurde. So waren
+Vergiftungen auf beiden Seiten möglich; und es hat nicht lange gedauert,
+bis die Ärzte selber die unangenehmen Wirkungen zu spüren bekamen, meist
+allerdings nur in Form dunklen Urins nach jedem langen Aufenthalte im
+Operationszimmer. Allein es sind in jenen Jahrzehnten und bald hinterher
+so viele Chirurgen an chronischen Nierenentzündungen zugrunde gegangen
+daß der Verdacht nicht ganz abgewiesen werden kann, sie seien als Opfer
+ihres Berufes und der neuen Behandlungsmethode gefallen. So hat auch
+dieser gewaltige Fortschritt zum Heile der Menschheit nur unter schweren
+Opfern erkämpft werden können.
+
+Hiernach wird es begreiflich, daß nicht wenige Chirurgen sich von der
+lästigen Beigabe des Zerstäubers nach _Bruns_' Beispiel mit Freuden
+losmachten, zumal da die zerstäubte Karbolsäure in Haupt- und Barthaar
+der Ärzte so fest haftete, daß die Träger durch den Geruch schon auf
+weite Entfernungen gekennzeichnet waren. Andere freilich, und wohl noch
+auf Jahre hinaus die Mehrzahl, glaubten den Zerstäuber nicht entbehren
+zu können, wenn auch an die Stelle der giftigen und stark riechenden
+Flüssigkeit vielfach Salizyl- und Thymollösungen gesetzt wurden.
+
+So war denn eine neue Bresche in den scheinbar so fest gefügten Wall der
+_Lister_schen Methode gelegt worden; aber da auch die letzten
+Veränderungen keineswegs allgemeine Befriedigung hervorriefen, so
+konnten weitere Versuche nicht ausbleiben. Insbesondere war es die
+mächtig emporblühende chemische Industrie, die immer neue Mittel mit
+antiseptischen Eigenschaften zu erfinden und den Chirurgen zur Prüfung
+anzubieten nicht müde wurde. Viele dieser neuen Mittel haben nur ein
+kurzes Dasein gehabt, so daß sich nicht einmal ihre Erwähnung lohnt;
+andere aber haben nicht nur jahrelang eine große Rolle gespielt, sondern
+sind auch heute noch nicht bis auf die letzte Spur aus unserem
+Behandlungsschatze ausgetilgt.
+
+Zu letzteren gehört in vorderster Linie das _Jodoform_, welches im Jahre
+1880 zuerst von _Mosetig v. Moorhof_ in Wien als ein ganz vorzügliches
+Pulver zur Behandlung tuberkulöser Wunden und Geschwüre empfohlen, aber
+schon im Jahre darauf auch auf nicht tuberkulöse Verletzungen und
+Operationswunden übertragen wurde. In demselben Jahre berichtete auch
+_Mikulicz_ von _Billroths_ Klinik in Wien über sehr gute Erfolge mit dem
+Jodoformpulververbande, den er als den größten Fortschritt seit der
+Einführung des _Lister_schen Verbandes ansah. In gleicher Weise sprach
+sich _Franz König_ in Göttingen aus, dessen großes Ansehen vor allen
+anderen für die schnelle Verbreitung der Jodoformbehandlung
+ausschlaggebend wurde, zumal da er die Leichtigkeit der Anwendung und
+die Sicherheit des Verfahrens auch für solche Wunden betonte, die wie
+manche Höhlenwunden dem antiseptischen Okklusivverbande nicht zugänglich
+seien. Eine wahre Flut von begeisterten Schriften über den Wert des
+Jodoforms ergoß sich seitdem in alle medizinischen Zeitschriften; aber
+sehr schnell kam auch der Rückschlag. Schon _Mikulicz_ hatte in dem
+obengenannten Aufsatze auf Jodvergiftungen hingewiesen. Da wurden fast
+gleichzeitig mit _Königs_ Arbeit durch _Henry_ (Breslau) bereits zwei
+Todesfälle durch Jodoformvergiftung mitgeteilt; und schon am 21. Januar
+1882 war in einer Arbeit _Max Schedes_ der Satz zu lesen: »Der
+anfängliche Enthusiasmus für das Jodoform ist längst verraucht und hat
+einer sehr vorsichtigen Beurteilung desselben Platz gemacht.« Auch
+_Ernst Küster_ sprach sich ungefähr gleichzeitig in einem Vortrage in
+der Berliner medizinischen Gesellschaft dahin aus, daß die
+Pulververbände, d. h. neben dem Jodoform auch die gepulverte
+Salizylsäure, zwar an sich ein ausgezeichnetes und dabei in der
+Anwendung sehr einfaches Mittel seien, welches für gewisse, schwer
+aseptisch zu haltende Wunden vorläufig noch nicht entbehrt werden könne;
+daß aber beide Pulverarten giftig seien und an Sicherheit dem strengen
+_Lister_schen Verbande nicht gleichkämen. Dabei ist es denn auch auf
+Jahre hinaus geblieben, davon abgesehen, daß an Stelle der Karbolsäure
+und der bald wieder verlassenen Salizylsäure- und Thymollösungen immer
+neue antiseptische Stoffe versucht wurden.
+
+Den Anstoß dazu hatte schon im Jahre 1881 R. _Kochs_ wichtige
+Untersuchung über Desinfektion gegeben, in welcher die gänzliche
+Wirkungslosigkeit öliger Karbollösungen, aber auch eine ungenügende
+Wirksamkeit der Karbolsäure in wäßriger Lösung von 5:100 nachgewiesen
+worden war, soweit es sich um Unschädlichmachung der bei den Versuchen
+hauptsächlich benutzten Milzbrandsporen handelte. Dagegen wurde das
+_Sublimat_ schon in einer Lösung von 1:5000 als durchaus zuverlässig
+erkannt, wenn auch die Giftigkeit des Mittels gewisse Vorsichtsmaßregeln
+unerläßlich machte. So wurde denn Sublimat an die Stelle der Karbolsäure
+im _Lister_schen Verbande gesetzt und begann seinen Nebenbuhler
+allmählich mehr oder weniger zu verdrängen. Aber auch hier blieben üble
+Erfahrungen nicht aus, da das Sublimat selbst in schwacher Lösung sich
+als recht gefährlich erwies. Auch noch andere Arzneistoffe, außer den
+genannten, tauchten weiterhin auf, um gewöhnlich bald wieder zu
+verschwinden, meist als Pulververbände, wie das Naphthalin und das
+Bismuthum hydrico-nitricum. Daneben haben auch die Bemühungen
+fortgedauert, den teuren Baumwollenmull durch billige Stoffe zu
+ersetzen; so entstanden die Versuche mit Torfmull (_Neuber_), Sumpfmoos
+(_Hagedorn_), Holzwolle (P. _Bruns_), Sand, Asche und Glaswolle
+(_Kümmell_), unter denen nur das Sumpfmoos (Sphagnum) und zum Teil die
+Holzwolle als bequem und billig sich einige Jahre eines gewissen
+Ansehens erfreut haben.
+
+Schon längst hatte man den _Gummidrain_ zur Ableitung der von der
+gereizten Wunde gelieferten Flüssigkeiten als eine unangenehme Beigabe
+des antiseptischen Verbandes empfunden, da er teils in die Wunde
+rutschte und dort als aseptischer Fremdkörper gelegentlich einheilte,
+teils den frühzeitigen Schluß einer sonst gut heilenden Wunde
+verzögerte, teils bei einer aus irgendeinem Grunde langsam
+vorschreitenden Heilung als Ansteckungspforte zu dienen vermochte. Es
+wurden daher schon seit dem Jahre 1878 die von _Trendelenburg_ zuerst
+angegebenen resorbierbaren Drains, d. h. Röhrchen aus Knochen
+hergestellt, entkalkt und in antiseptischer Flüssigkeit (Spiritus)
+aufbewahrt, vielfach an ihre Stelle gesetzt. Aber auch dies Verfahren
+genügte nicht, sondern immer neue Versuche wurden angestellt, die
+Anwendung von Ableitungsröhrchen ganz überflüssig zu machen. Dies Ziel
+suchte man in doppelter Weise zu erreichen: einmal dadurch, daß man die
+starke Reizung der Wunden durch antiseptische Mittel einschränkte
+(Weglassung des Zerstäubers, einmalige kurze Waschung der Wunde), oder
+daß man, unter Beseitigung der Drains, nur die Wundwinkel offen ließ,
+wie es _Albert_ (Innsbruck) schon 1884 versuchte, oder die Wunde ganz
+nähte, aber neue Öffnungen von einer Form schuf, die sich nicht leicht
+verstopfen konnten (Locheisenöffnung nach v. _Esmarch_ und _Neuber_).
+Hierher gehört auch der Versuch, die Wunden durch versenkte Darmsaiten
+in der Tiefe zusammenzunähen, um sie dann bis auf den letzten Rest zu
+schließen und sie nur mit Jodoformkollodium zu bepinseln, also eine
+trockene Schorfheilung anzustreben (v. _Esmarch_, _Werth_, _Karl
+Schröder_, E. _Küster_, _Neuber_).
+
+In ganz eigenartiger Weise suchte das gleiche Ziel, die Weglassung jedes
+Fremdkörpers aus der Wunde, die von _Schede_ angegebene neue _Behandlung
+unter dem feuchten Blutschorfe_ zu erreichen. Bis dahin hatte man die
+Ansammlung von Blut in der Wunde als eine Gefahr angesehen und die ganze
+Behandlung auf schnelle Beseitigung des aus den durchtrennten Gefäßen
+hervorsickernden Blutes zugeschnitten. _Schede_ zeigte nun, daß der
+Blutpflock einer aseptisch bleibenden Wunde sich so schnell organisiere,
+insbesondere mit neugebildeten Gefäßen versehe, daß er zur Ausfüllung
+von Höhlen und Gewebsverlusten benutzt werden könne. Die nach
+Möglichkeit aseptisch gemachte Höhle, zumal im Knochen, wurde daher
+absichtlich mit Blut gefüllt, die Wunde bis auf die Wundwinkel durch die
+Naht geschlossen und durch einen Streifen Gummipapier, sowie einen ihn
+deckenden Sublimatverband geschützt. Inzwischen zeigte sich auch
+hierbei, daß die anfänglich gehegten Hoffnungen trogen; denn weder bei
+tuberkulösen Erkrankungen, noch bei der osteomyelitischen Nekrose erwies
+sich das Verfahren als zuverlässig. Demnach blieb seine
+Verallgemeinerung ausgeschlossen so vortrefflich es sich auch in manchen
+Fällen bewährte. Immerhin brachte es aber eine sehr dankenswerte
+Förderung und Erweiterung der bisherigen Anschauungen über die Vorgänge
+der Wundheilung.
+
+Alle diese Änderungen bereiteten eine Wandlung in den Anschauungen vor,
+die mit dem Anfange der neunziger Jahre zu einer grundsätzlichen
+Veränderung der Wundbehandlung führte, insofern, als man die bisher für
+unentbehrlich gehaltenen chemischen Mittel, die sich doch sämtlich als
+mehr oder weniger gefährlich erwiesen hatten, gänzlich zu verbannen
+suchte. Aber trotzdem hörte die Empfehlung neuer Antiseptika keineswegs
+gänzlich auf. So rühmte _Salzwedel_ im Jahre 1894 die Behandlung
+phlegmonöser und ähnlicher Entzündungen mit dauernden Alkoholverbänden
+in der Form, daß der Entzündungsherd mit nur mäßig von Alkohol
+durchtränkten Wattelagen bedeckt und über diese eine durchlöcherte
+Schutzhülle gelegt wurde, um die Verdunstung des Mittels zwar
+einzuschränken, aber nicht ganz aufzuheben; so trat im Jahre 1896
+_Credé_ mit der Besprechung der ausgezeichneten Eigenschaften der
+Silbersalze vor den XXV. Kongreß, deren allgemeine Anwendung als eines
+keimtötenden und dabei ganz ungefährlichen Mittels er auf das
+dringendste anriet. So empfahl 1905 _Schloffer_ (Innsbruck) den
+Perubalsam zur Behandlung unreiner Wunden. Im Jahre 1901 haben
+v. _Bruns_ und _Honsell_ auch noch einmal auf die Karbolsäure
+zurückgegriffen durch Empfehlung des Verfahrens des Amerikaners
+_Phelps_, der septische und eiternde Wunden mit _reiner_ Karbolsäure zu
+ätzen und dann mit Alkohol zu waschen empfahl. Aber alle diese Dinge
+haben den ruhigen Gang der Entwicklung, wenigstens bei frischen Wunden,
+nicht mehr aufzuhalten vermocht; man strebte, unter steter Einwirkung
+der genaueren Kenntnis der Lebensbedingungen aller gefährlichen
+Schmarotzer, möglichster Vereinfachung der Behandlungsmethoden zu, bei
+der man nicht mehr auf die Beihilfe zweifelhafter und in ihren
+pharmakologischen Wirkungen unsicherer chemischer Mittel angewiesen zu
+sein wünschte. An die Stelle der antiseptischen trat fortan die
+aseptische Wundbehandlung, an die Stelle der Ströme antiseptischer
+Flüssigkeiten, welche die Operationsräume jahrelang überflutet und die
+Wundärzte zu besonderen, wasserdichten Fußbekleidungen gezwungen hatten,
+traten Dampfsterilisatoren und Kochapparate.
+
+
+
+
+ Kapitel VII.
+
+ Einführung der Asepsis.
+
+
+Wenn man auf die Zeit des Werdens der neuen Wundbehandlungsmethoden, die
+im Vorstehenden zu schildern versucht worden ist, einen prüfenden
+Rückblick wirft, so mag sie einem späteren Geschlechte als ein
+wissenschaftliches Chaos erscheinen, in welchem Erfindungssucht und
+Wagemut allein das Wort zu führen berufen waren. Indessen muß man sich
+vergegenwärtigen, in welchen Zustand die chirurgische Welt durch
+_Listers_ Mitteilungen der ersten Jahre versetzt worden war. Die
+älteren, über eine große Erfahrung gebietenden Fachgenossen, die schon
+so manchen schönen Traum, so manche Hoffnung auf Besserung der
+Verhältnisse in ein Nichts hatten zerrinnen sehen, lächelten über die
+anscheinend kritiklose Begeisterung, mit der sich das jüngere Geschlecht
+den neuen Ideen hingab. Ihre Zweifel wurden wesentlich durch die
+Beobachtung unterstützt, daß _Lister_ selber seine Erfindung
+fortdauernd abänderte, sie also noch nicht als vollkommen ansah. Aber
+auch bei den überzeugten Anhängern führte die eigene Erfahrung doch
+immer wieder zu dem Schluß, daß die Methode schwache Seiten habe,
+demnach verbesserungsfähig sei. In dieser bald allgemein gewordenen
+Erkenntnis entwickelte sich nun ein edler, aber zuweilen fast atemlos
+machender Wettlauf um die Palme, die dem Sieger im Kampfe winkte. So
+waren es keineswegs Neuerungssucht oder blinder Ehrgeiz, von denen jene
+Entwicklungsperiode beherrscht wurde, sondern die ehrliche, im Kampfe
+mit Krankheit und menschlichem Elend gewonnene Überzeugung der Besten,
+daß über den gewonnenen Boden hinaus noch ein Höheres erreichbar sein
+müsse.
+
+Es ist zweifellos unrichtig, zu sagen, daß von der eigentlich
+_Lister_schen Methode so gut wie nichts übriggeblieben, daß etwas ganz
+Neues an ihre Stelle getreten sei. Vielmehr läßt sich mit vollem Rechte
+behaupten, daß jene Behandlung _mehr_ als nur eine _Anregung_ gegeben
+habe, daß die _Lister_schen Grundsätze auch heute noch Gehirn und Hand
+des Wundarztes lenken. Nur hat die wachsende Erkenntnis gelehrt, daß zu
+dem erhabenen Ziele verschiedene Wege führen, daß es sich daher
+empfiehlt, je nach den Umständen bald diese, bald jene Straße
+einzuschlagen So hat denn auch die neueste Wendung der Dinge dem Ruhme
+des naturwissenschaftlich-philosophischen Kopfes auf dem schottischen
+Lehrstuhle für Chirurgie keinen Abbruch zu tun vermocht. --
+
+Die _Einführung der Asepsis_ bedeutet den Übergang von der bisher
+üblichen chemischen zur physikalischen Desinfektion durch Hitze, wie er
+gleichfalls schon durch R. _Koch_ angebahnt und vorgezeichnet worden
+war. Den unmittelbaren Anstoß zu einem neuen Wechsel der
+Behandlungsmethode gab der Umstand, daß das von _Koch_ empfohlene
+zuverlässigste Antiseptikum, das Sublimat, welches allmählich in sehr
+verstärkter Lösung von 1:1000 in Gebrauch gekommen war, doch so viele
+unangenehme und unerwünschte Nebenwirkungen hatte, daß man auch _dies_
+Mittel loszuwerden versuchen mußte. Dazu kam der Umstand, daß die durch
+_Lister_ eingeführte, keimfrei gemachte Darmsaite, soviel man auch die
+Sicherheit ihrer Herstellung zu erhöhen sich bemühte, dennoch ein
+unzuverlässiges Unterbindungs- und Nahtmaterial geblieben war. Schon
+_Volkmann_ hatte einen Fall mitgeteilt, in welchem er die Einimpfung von
+Milzbrand in eine Wunde durch Catgutfäden nachzuweisen vermochte. Im
+Jahre 1888 folgte die Mitteilung _Kochers_, daß eine Reihe von
+Mißerfolgen der Wundbehandlung in seiner Klinik auf unvollkommen
+sterilisierte Darmsaiten zurückgeführt werden konnte; er schlug daher
+vor, ein so unsicheres Material durch gekochte Seide zu ersetzen. Mehr
+und mehr rang sich die Erkenntnis durch, daß auch die besten
+antiseptischen Mittel nicht imstande seien, Krankheitserreger aus einer
+frischen Wunde fernzuhalten oder sie gänzlich und überall unschädlich zu
+machen, mehr und mehr aber auch die Einsicht, daß nicht, wie _Lister_
+gelehrt hatte, die in der Luft schwebenden Keime die Wunde am meisten
+bedrohen, sondern daß, im Sinne des unglücklichen _Semmelweis_, vor
+allen Dingen die Kontaktinfektion, die Einimpfung durch Berührung mit
+ungenügend entkeimten Fingern, Werkzeugen und Verbandstoffen, die
+Hauptgefahr darstelle. So begann denn eine neue, fieberhafte Arbeit
+unter den Chirurgen, um eine zuverlässige Methode zu finden, welche auch
+ohne chemische Mittel die frische Wunde zu schützen imstande sei. Es
+bleibt ein unvergängliches Verdienst der v. _Bergmann_schen Klinik in
+Berlin, hierfür die Wege gewiesen zu haben, wenngleich manche deutsche
+Chirurgen vor ihm, wie _Bardenheuer_ in Köln schon 1888, die
+Dampfsterilisation für Verbandstoffe eingeführt hatten.
+
+Im Jahre 1891 veröffentlichte der viel zu früh dahingeschiedene
+Assistent jener Klinik, _Kurt Schimmelbusch_, der wenige Jahre später
+seinem Berufe zum Opfer fiel, eine Arbeit unter dem Titel: »Die
+Durchführung der Asepsis in der Klinik des Herrn Geheimrat v. _Bergmann_
+in Berlin«. Sie ist ein Markstein für die Entwicklung der Wundbehandlung
+geblieben; denn von dem Augenblick an war für alle frischen Wunden der
+Sieg der Asepsis über die Antisepsis entschieden. Nach Besprechung
+der Fehlerquellen, welche zu irrigen Auffassungen über die
+Desinfektionskraft der hauptsächlichen Antiseptika geführt haben, sowie
+nach Mitteilung eigener Versuche, welche deren Anwendung am lebenden
+Körper und in der Wunde als ein höchst unsicheres Verfahren
+kennzeichnen, kommt _Schimmelbusch_ zu dem Schluß, daß nur die einfache
+Reinigung auf mechanischem Wege und die Hitze die Beseitigung aller
+gefährlichen Keime gewährleisten. Dann folgen genaue Vorschriften über
+Sterilisation der Verbandstoffe im heißen Dampfe, der Metallinstrumente
+in Sodalösung, sowie endlich über Entkeimung ärztlicher Bürsten, welche,
+in Verbindung mit der Angabe und Beschreibung sehr brauchbarer Apparate,
+in kürzester Zeit eine Ausbreitung fast über die ganze Erde erfahren
+haben. Mit dieser Arbeit war aber zugleich die sichere Grundlage für
+eine weitere Entwicklung geschaffen. Sie richtete sich in erster Linie
+auf die zuverlässige Keimbefreiung der Hände, die mehr und mehr als die
+verdächtigste Quelle der Wundinfektionen von Geburtshelfern und
+Wundärzten angesehen wurden. Schon seit Jahren hatten _Fürbringer_,
+_Ahlfeld_ u. a. sich mit der zweckmäßigsten Form der Händesäuberung vor
+Operationen abgegeben; im Jahre 1897 empfahlen beide als das beste
+Verfahren die Heißwasser-Alkohol-Desinfektion oder das Waschen mit
+Alkohol und einem Antiseptikum, meist Sublimat. In dem gleichen Jahre
+wurde neben dieser Handpflege ein verstärkter Händeschutz bzw.
+Wundschutz angebahnt, indem _Zöge v. Manteuffel_ (Dorpat) Handschuhe
+aus Gummi, _Mikulicz_ (Breslau) solche aus Zwirn, _Perthes_ von
+_Trendelenburgs_ Klinik in Leipzig solche aus Seide empfahlen. Alle aber
+betonten, daß dem Anziehen der Handschuhe stets eine sorgfältige
+Reinigung der Hände voraufzuschicken sei. _Mikulicz_ ging in diesem und
+dem folgenden Jahre in seiner Verstärkung des Wundschutzes noch einen
+Schritt weiter, indem er, um die Wunde vor den in feuchten Tröpfchen
+schwebenden Keimen aus den Atemorganen der bei einer Operation
+beschäftigten Ärzte zu schützen, deren Mund und Nase mit einer Binde
+bedecken ließ. Später hat man auch die in den Haaren der Ärzte haftenden
+Keime durch eine besondere Kappe abzuhalten versucht; und daneben
+spielte ein häufiger Wechsel frischgewaschener Mäntel, Hauben,
+Handschuhe usw. eine erhebliche Rolle. So wurde die äußere Erscheinung
+des modernen Wundarztes in seiner Hülle tadelloser weißer Wäsche
+gegenüber der des alten Chirurgen in seinem nie gewechselten, unsauberen
+Operationsrocke erheblich anziehender gestaltet, ein Wechsel, für den
+_Billroth_ den Ausdruck der »Reinlichkeit bis zur Ausschweifung« prägte.
+Demgemäß stieg der Wäscheverbrauch chirurgischer Abteilungen allmählich
+zu einem sehr ansehnlichen Ausgabeposten an, bei dem Ersparnisse nur
+dadurch erzielt werden, daß man mehr den Besonderheiten des Einzelfalles
+Rechnung zu tragen gelernt hat und nicht überflüssigerweise den großen
+Apparat in Bewegung setzt, wo er nichts nützen kann. Auf diesem Stande
+hat sich die Wundbehandlung bis heute mit geringfügigen Abänderungen
+erhalten; sie bietet, abgesehen von ganz vereinzelten Mißerfolgen, die
+der menschlichen Unvollkommenheit und Ungleichmäßigkeit des Wesens in
+Rechnung gesetzt werden müssen, eine Sicherheit, die dem Kranken mit
+frischer Wunde einen fast vollkommenen Schutz gegen Infektionsgefahr
+gewährt.
+
+Dagegen ist bei der Behandlung bereits eiternder unreiner Wunden, wie
+auch solcher, die gegen nachträgliche Verunreinigung wegen ihrer Lage
+nur schwer oder gar nicht geschützt werden können, dem persönlichen
+Ermessen ein erheblich breiterer Spielraum gelassen. Hier haben auch die
+chemischen Mittel noch keineswegs ihre Berechtigung verloren;
+insbesondere ist das Jodoform bei nicht aseptisch zu haltenden
+Operationswunden dauernd in Gebrauch geblieben.
+
+
+
+
+ Kapitel VIII.
+
+ Die Gründung des Langenbeck-Hauses.
+
+
+Die große Umwälzung, welche in ihren Umrissen geschildert wurde und die
+auf den Kongressen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie jahrelang
+die lebhaftesten Besprechungen und Erörterungen hervorrief, traf die
+Gesellschaft auch in einer bemerkenswerten Umformung des äußeren
+Rahmens, in dem ihr geistiges Leben sich abspielte. Nachdem sie 20 Jahre
+lang als Gast der Berliner Universität ihre Hauptsitzungen in der Aula
+des Universitätsgebäudes abgehalten hatte, während die Demonstrationen
+meist in der chirurgischen Klinik stattfanden, schuf sie sich ein
+eigenes Heim, das _Langenbeckhaus_, in welchem fortan die
+Kongreßverhandlungen in vollem Umfange vor sich gingen.
+
+Die Vorgeschichte dieses Baues ist aus dem Grunde von ganz besonderem
+Interesse, weil der Gedanke nicht von einem Mitgliede der Gesellschaft
+ausgegangen ist, sondern von der höchsten Frau des Deutschen Reiches,
+der _Kaiserin Augusta_. Die Ausführungen, welche E. v. _Bergmann_ auf
+dem Kongresse von 1890 gegeben hat, bedürfen hiernach einer Ergänzung.
+
+Von Anfang an hatte die hohe Frau, die schon während der
+drei voraufgegangenen Kriege und in deren Zwischenzeit mit
+menschenfreundlichen Gründungen in Form von Vereinen (Vaterländischer
+Frauenverein, Berliner Frauenlazarettverein) und Krankenhäusern
+(Barackenlazarett auf dem Tempelhofer Felde, Berliner Augusta-Hospital),
+unter Beihilfe ihrer gleichgesinnten Tochter, der edlen Großherzogin
+_Luise von Baden_, vorangegangen war, der neugegründeten Gesellschaft
+für Chirurgie ein außerordentliches Wohlwollen entgegengebracht. Das
+zeigte sich insbesondere in dem lebhaften Interesse, mit welchem sie
+alle Vorgänge in den Verhandlungen verfolgte, sowie in den alljährlich
+sich wiederholenden Empfängen, durch welche die Führer der deutschen
+Chirurgie immer von neuem ausgezeichnet und zu Äußerungen und kurzen
+Vorträgen über schwebende Tagesfragen veranlaßt wurden. So entstand
+eine Wechselwirkung zwischen dem preußischen Königshause und der
+Gesellschaft für Chirurgie, die nach beiden Seiten anregend und
+belehrend wirkte und die von den Mitgliedern als eine hohe, der
+Gesellschaft angetane Ehre empfunden wurde.
+
+Am 23. Mai 1877 überreichte die Kaiserin ihrem zweiten Leibarzte
+Dr. _Schliep_ in Baden-Baden, mit dem sie tags zuvor eine eingehende
+Besprechung über die ärztlichen Verhältnisse Englands gehabt hatte,
+einen schriftlichen Entwurf mit dem Auftrage, ihn an B. v. _Langenbeck_
+weiterzugeben und diesem die Absichten der hohen Frau mündlich
+auseinanderzusetzen. Im Folgenden ist dies Schriftstück im Wortlaute und
+in der ursprünglichen Schreibweise mitgeteilt. Es enthält den Plan der
+Gründung eines Vereinshauses für die Deutsche Gesellschaft für
+Chirurgie, der erst 15 Jahre später seine Verwirklichung gefunden hat;
+denn wenn auch der scharf umschriebene Entwurf der Kaiserin bereits in
+klarer Fassung die Wege zur Aufbringung der Mittel bespricht, so waren
+doch die Bedenken hinsichtlich der Geldgrundlage eines so bedeutenden
+Unternehmens so stark, daß _Langenbeck_ damit zunächst noch nicht vor
+die Öffentlichkeit zu treten wagte. Die Kaiserin aber hat den Gedanken
+niemals fallen lassen; denn fast bei allen Empfängen besprach sie die
+Angelegenheit mit den zu ihr berufenen Chirurgen und suchte sie, allen
+Schwierigkeiten zum Trotz, bei jeder Gelegenheit zu fördern.
+
+
+ Baden-Baden d. 23. Mai 1877.
+
+ Nr. 1
+
+ Das englische Surgeons College bewährt seine Leistungen in so
+ erfreulicher Weise, daß in Deutschland ein ähnliches Unternehmen
+ rathsam erscheint. Die Triumphe der Wissenschaft dienen dabei den
+ Zwecken der Humanität und fördern die individuelle Wohlfahrt der
+ Männer, welche als Träger der Wissenschaft dem großen geistigen
+ Verbande aller Nationen und Systeme angehören.
+
+ Nr. 2
+
+ Die Gründung eines deutschen Chirurgen-Collegiums mit Bezugnahme auf
+ die englischen Statuten müßte, dem deutschen Vereinswesen
+ entsprechend, an geeigneter Centralstelle durch Mitwirkung Aller,
+ welche den großen Zweck anerkennen und ihm dienstbar sein wollen, ins
+ Leben gerufen werden.
+
+ Nr. 3
+
+ Hierfür wäre ein angemessenes Programm anzufertigen und zu verbreiten,
+ ein Programm, das zunächst die Namen Langenbeck, Esmarch und Billroth
+ als Empfehlung trüge, für Berlin speciell andere hervorragende Namen
+ verschiedener Richtung mit an die Spitze zu stellen hätte. Dieses
+ Programm würde das vorläufige Statut des Vereins und den Vorschlag zur
+ Beschaffung des nöthigen Lokals (zunächst miethsweise) enthalten,
+ worauf je nach erlangtem Erfolge dereinst der Beistand des Reiches in
+ Anspruch genommen werden könnte.
+
+ Nr. 4
+
+ Es käme darauf an dem Unternehmen von vornherein die Popularität der
+ Zweckmäßigkeit und des praktischen Nutzens zu erwerben, wozu der
+ bestehende wichtige Chirurgen-Kongreß die beste Veranlassung bietet
+ u. eine geschäftsmäßige Organisation die nöthige Vertretung gewähren
+ muß.
+
+ Nr. 5
+
+ Es würde nach Beschaffung des Programms und vertraulicher Mittheilung
+ desselben an die geeigneten Personen ein möglichst kurzer Termin zur
+ Einsendung einer schriftlichen Begutachtung desselben festzusetzen
+ sein, damit das Werk _einheitlich_ demnächst in die Oeffentlichkeit
+ trete und keine nachträgliche Diskussion zu gewärtigen habe. Ob die
+ Form der einfachen Beiträge oder der Aktienausgabe dabei die
+ angemessenste wäre, bleibt dem Urtheil der Fachmänner vorbehalten.
+
+ Die Kaiserin würde sich mit einem einmaligen Geschenke von »Eintausend
+ Mark« daran betheiligen.
+
+Als _Bernhard v. Langenbeck_ am 28. September 1887 starb, richtete die
+Kaiserin ein Schreiben an den damaligen Kultusminister v. _Goßler_,
+welches den Vorschlag enthielt, statt eines Denkmales aus Erz oder Stein
+(wie es die Berliner Medizinische Gesellschaft plante) eine Stiftung von
+praktischer Bedeutung für die Entwicklung der Chirurgie anzustreben und
+durch deren Verknüpfung mit _Langenbecks_ Namen das Andenken des großen
+Chirurgen dauernd zu ehren.
+
+So ist der Gedanke eines Vereinshauses für die deutschen Chirurgen und
+des Namens, welchen es trägt, nicht nur ganz ausschließlich aus dem
+Kopfe der ersten Kaiserin des neuen Deutschen Reiches hervorgegangen,
+sondern sie hat auch die Wege gezeigt und die Kräfte in Bewegung
+gesetzt, auf welchen und durch welche das Ziel in erreichbare Nähe
+gerückt wurde. Das außerordentliche Wohlwollen aber, welches die
+_Kaiserin Augusta_ den Bestrebungen der deutschen Chirurgen
+entgegenbrachte, hat sie auch auf ihre Nachkommen zu übertragen gewußt,
+wie Kaiser _Wilhelm_ II. bei den verschiedensten Gelegenheiten und
+Kaiserin _Augusta Viktoria_ bei den alljährlich sich wiederholenden
+Empfängen eines Teiles der zum Kongreß versammelten Chirurgen in reichem
+Maße dargetan haben.
+
+Das bewundernswerte, unbeirrte Festhalten an der Verfolgung des einmal
+als richtig erkannten Zieles hatte schon vor dem Jahre 1890 die
+Durchführung des Baues gesichert; doch sollte die Kaiserin _Augusta_
+dessen Beginn nicht mehr erleben. Am 7. Januar 1890 schloß die edle
+Frau, die liebevolle Beschützerin und fleißige Mitarbeiterin an der
+Entwicklung der deutschen Chirurgie, nach einem Leben voll rastloser
+Tätigkeit die Augen. Ihr Name und ihr Wirken soll und kann unter den
+deutschen Chirurgen niemals vergessen werden, die beim Besuche des
+Langenbeckhauses durch eine Porträtbüste, ein Geschenk ihres Enkels,
+_Kaiser Wilhelms_ II., an die hochherzige Freundin und Beschützerin
+deutscher Kunst und Wissenschaft erinnert werden.
+
+In dem kraftvollen und umsichtigen Nachfolger v. _Langenbecks_ auf dem
+Berliner Lehrstuhle für Chirurgie, in _Ernst v. Bergmann_, fanden die
+deutschen Ärzte den geeigneten Führer zur Durchsetzung des kaiserlichen
+Planes. Der livländische Pfarrerssohn von fast hünenhafter Erscheinung,
+mit scharfgeschnittener Hakennase und langgetragenem schlichtem Haar,
+war von Dorpat über Würzburg nach Berlin gekommen. Klug und begabt, mit
+mächtigen Stimmitteln ausgerüstet, deren Wirkung durch seinen scharfen
+baltischen Dialekt noch erhöht wurde, Beherrscher des Wortes, welches er
+in unerhörter Leichtigkeit und mit dichterischem Schwunge zu meistern
+wußte, Fest- und Gelegenheitsredner ohnegleichen, verband er mit allen
+diesen Eigenschaften eine Tatkraft, die vor keinem Hindernis zurückwich.
+Freilich kamen ihm in dem besonderen Falle mancherlei Umstände zu Hilfe.
+Zunächst hatte die Kaiserin _Augusta_ durch letztwillige Verfügung der
+Deutschen Gesellschaft für Chirurgie eine Summe von 10000 Mark zum Bau
+eines Langenbeckhauses vermacht, welches bald nach ihrem Ableben in
+deren Besitz übergegangen war. Einen noch weit höheren Betrag von
+100000 Mark schenkte der deutsche Kaiser _Wilhelm_ II. Eine Sammlung
+von Beiträgen zu einem Ehrendenkmale für _Bernhard v. Langenbeck_, die
+von der Gesellschaft in Gemeinsamkeit mit der Berliner Medizinischen
+Gesellschaft für ihren langjährigen Vorsitzenden veranstaltet worden
+war, ergab gleichfalls reiche Mittel in Höhe von fast 100000 Mark.
+Ungefähr die gleiche Summe konnte die Kasse der Gesellschaft aus ihren
+Ersparnissen beisteuern, so daß unter Hinzurechnung kleinerer Geschenke
+am 1. April 1891 eine Summe von mehr als 260000 Mark zur Verfügung
+stand. Zur Annahme und Verwaltung dieser Summen war die Gesellschaft
+durch die Erteilung der Korporationsrechte befähigt worden, welche der
+damalige Vorsitzende v. _Bergmann_ schon am 8. April 1888 beantragt
+hatte.
+
+So konnte denn an den Bau des Hauses herangetreten werden. Am 18.
+November 1890 wurde für den Preis von 540000 Mark der Bauplatz in der
+Ziegelstraße 10/11 erworben, dessen südliche, an die Spree stoßende
+Hälfte der Gesellschaft verblieb, während der nördliche Teil für 300000
+Mark in den Besitz des Staates überging. Die technische Ausführung wurde
+dem Berliner Baumeister E. _Schmidt_ übertragen, die Oberaufsicht führte
+der Geheime Oberregierungsrat _Spieker_ vom Ministerium der geistlichen,
+Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten. Am 4. April 1891 legte in
+feierlicher Weise der damalige Vorsitzende _Karl Thiersch_ den
+Grundstein des Gebäudes, welches nunmehr so schnell gefördert wurde, daß
+es in wenig mehr als einem Jahre vollendet und gebrauchsfähig dastand.
+
+Der XXI. Kongreß, den man in Rücksicht auf die Fertigstellung bis in den
+Juni verlegt hatte, wurde am 8. Juni 1892 mit der Einweihung des
+_Langenbeckhauses_ eröffnet. Vor einer glänzenden Versammlung in welcher
+der Kaiser durch den Prinzen _Friedrich Leopold_, die Kaiserin durch den
+Kabinettsrat _Bodo von dem Knesebeck_, vertreten wurden, hielt der
+Vorsitzende _Adolf v. Bardeleben_ die Eröffnungsrede, die in kurzen
+Strichen die Vorgeschichte des Baues darlegte. Ihm folgte _Ernst v.
+Bergmann_ mit einem formvollendeten Rechenschaftsberichte, in welchem
+er in klangvollen Worten, wie sie diesem Meister der Rede bei jeder
+Gelegenheit zu Gebote standen, die neuen Aufgaben der Deutschen
+Gesellschaft für Chirurgie, die ihr mit dem Vereinshause erwachsen
+waren, vorzeichnete. Er schloß mit den Worten: »Wozu v. _Langenbeck_ das
+Haus einst bestimmt hat, dazu wachse und blühe es: ein Hort der
+naturwissenschaftlichen Medizin, zur Ehre, Zier und Macht des ärztlichen
+Standes.«
+
+So war das erste große ärztliche Vereinshaus Deutschlands seiner
+Bestimmung übergeben. --
+
+Indessen blieb die Freude über das neue Heim, welches alle Mitglieder
+der Gesellschaft gleichmäßig erfüllte, nur wenige Jahre ganz ungetrübt.
+Es war wohl eine Folge des ungewöhnlich beschleunigten Baues und die
+Lage des Hauses auf einem wenig festen, moorigen Boden, daß die bei
+allen neuen steinernen Gebäuden unvermeidlichen Senkungen und
+Verschiebungen eine über das Mittelmaß hinausgehende Höhe erreichten.
+Fast alljährlich mußten mehr oder weniger erhebliche Summen für
+Ausbesserungen ausgegeben werden, welche den Jahreshaushalt zunehmend
+belasteten. Und dies war nicht einmal der größte Übelstand, sondern
+schon nach wenigen Jahren zeigte sich, daß die Fassungskraft des großen
+Sitzungssaales für die alljährlich anschwellende Mitgliederzahl in
+seinen Größenverhältnissen zu gering veranschlagt worden sei.
+
+Auf S. 32 ist bereits von dem schnellen, fast lawinenartigen Anwachsen
+der Mitgliederzahl die Rede gewesen, die im Jahre 1900, also 8 Jahre
+nach der Einweihung des Langenbeckhauses, das erste Tausend überschritt,
+um von da an ein immer schnelleres Zeitmaß einzuschlagen. Der Grund
+dafür ist nicht ausschließlich in dem Umstande zu suchen, daß alle Ärzte
+des deutschen Sprachgebietes in Europa, soweit sie sich mit Chirurgie
+befaßten, es allmählich als eine große Ehre einschätzen lernten,
+Mitglieder dieser Gesellschaft zu sein; vielmehr kam als wichtiger
+Umstand hinzu, daß die Satzungen auch allen fremdsprachigen Ausländern
+in weitherzigster Gastfreundschaft die Tore öffneten. Immerhin blieben
+solche Mitglieder, denen das Deutsche nicht Muttersprache war und die
+sich nicht als Deutsche fühlten, zunächst noch vereinzelt; aber mit der
+wachsenden Bedeutung der Verhandlungen und ihrer oft überaus wichtigen
+Entscheidungen in schwebenden Fragen schwoll der Strom der Ausländer
+mehr und mehr an, schickten nicht nur alle Völker Europas und der
+Kulturnationen Amerikas ihre Vertreter, sondern sie kamen aus allen
+Weltteilen. So haben lange Jahre die hervorragendsten Ärzte des
+bildungseifrigen Japans als Mitglieder unserer Gesellschaft angehört.
+Unter allen Fremden aber haben die slawischen Völker des europäischen
+Ostens stets den erheblichsten Bruchteil gestellt.
+
+Es ist nicht ohne Wichtigkeit, sich klar zu machen, in welchem Umfange
+dieser Zustrom Nichtdeutscher zur Mitgliedschaft der Gesellschaft sich
+vollzogen hat. Eine Zählung ist allerdings dadurch sehr erschwert, daß
+weder Name, noch Wohnort des einzelnen einen sicheren Anhalt für sein
+Deutschtum zu geben vermag. Alle Personen zweifelhafter Nationalität
+sind daher als Deutsche gerechnet, so daß die aufgestellten Zahlen nur
+das Mindestmaß der Fremden wiedergeben. Die in Betracht kommenden Zahlen
+betrugen:
+
+ 1872: 130 Mitglieder, darunter 1 Fremder = 0,77 %
+ 1873: 146 " " 5 Fremde = 3,42 %
+ 1880: 278 " " 21 Fremde = 7,57 %
+ 1890: 499 " " 50 Fremde = 10,02 %
+ 1900: 1025 " " 95 Fremde = 9,26 %
+ 1910: 2019 " " 338 Fremde = 16,74 %
+ 1913: 2213 " " 436 Fremde = 19,70 %
+
+Die Übersicht zeigt nicht nur das ständige und seit 1890 ganz
+ungewöhnliche Wachstum der Gesellschaft an Mitgliederzahl, sondern
+zugleich die schon früher, seit 1880 einsetzende und unaufhörlich
+anschwellende Zunahme der Chirurgen fremder Volksstämme bis fast zum
+fünften Teile des Gesamtbestandes. Es ist das ganz gewiß ein Zeichen
+großen Vertrauens zu der wissenschaftlichen Chirurgie unseres
+Vaterlandes und daher als eine große Ehre zu betrachten; doch darf nicht
+übersehen werden, daß darin unter gewissen Umständen auch der Anlaß zu
+allerlei Unzuträglichkeiten gelegen sein könnte.
+
+Gleichgültig, welche Gründe dabei mitwirkten, es blieb eine Tatsache,
+daß der zur Verfügung stehende Sitzungssaal für die Zahl der Besucher
+nicht ausreichte, zumal da man Jahre hindurch auch noch Freikarten für
+viele, nur vorübergehend in Berlin anwesende Ärzte ausgegeben hatte. Und
+wenn auch gewöhnlich nicht einmal die Hälfte der Mitglieder zu den
+Kongreßverhandlungen sich einstellte, so war selbst für diese der Raum
+schon unzureichend. Es blieb ein ungewöhnlicher und geradezu
+unerträglicher Zustand, daß die nach Berlin eilenden Mitglieder mit
+Sicherheit nicht einmal auf einen Stehplatz rechnen durften. Die
+Mißstände wurden endlich so erheblich und die berechtigten Klagen der
+Mitglieder so groß, daß der Vorstand mehrfach bauliche Veränderungen
+versuchte, die zwar kostspielig waren, eine befriedigende Lösung aber
+nicht herbeizuführen vermochten, bis er sich endlich im Jahre 1911
+entschloß, für den nächstjährigen Kongreß den größesten, in Berlin zur
+Verfügung stehenden Saal, den Beethovensaal der Philharmonie in der
+Köthener Straße, zu mieten. In ihm sind die Kongresse von 1912 und 1913
+abgehalten worden; und, da auch hier besonders die Akustik zu wünschen
+übrig ließ, so wurde für das Jahr 1914 ein anderer Saal in der
+Akademischen Hochschule für bildende Künste in der Hardenbergstraße zu
+Charlottenburg gemietet. Hier hat der Kongreß von 1914 stattgefunden.
+Das mit vieler Mühe und großen Kosten erbaute Langenbeckhaus war demnach
+seiner eigentlichen Bestimmung entzogen und diente nur noch für die
+Vorstandsversammlungen und zur Aufbewahrung der allmählich,
+hauptsächlich durch Schenkungen mehr und mehr anwachsenden
+Büchersammlung der Gesellschaft. Auch dieser Notbehelf blieb auf die
+Dauer unerträglich. Alljährlich beschäftigte sich der Vorstand mit neuen
+Plänen, bis unter ihnen einer auftauchte, der langsam festere Gestalt
+annahm.
+
+Bald nach dem Tode _Rudolf Virchows_ am 5. September 1902, des
+langjährigen Vorsitzenden der Berliner Medizinischen Gesellschaft, hatte
+diese den Plan erwogen, gleichfalls ein eigenes Vereinshaus zu gründen
+und ihm den Namen _Rudolf-Virchow-Haus_ beizulegen. Der Gedanke konnte
+nur unter der Bedingung Aussicht auf baldige Gestaltung gewinnen, wenn
+die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie, deren räumliche Nöte nicht
+unbekannt geblieben waren, sich entschloß, mit ihren ziemlich reichen
+Mitteln als gleichwertige Teilhaberin in das Unternehmen einzutreten.
+Der Plan ging dahin, auf einem gemeinsam zu erwerbenden Grundstücke ein
+_Langenbeck-Virchow-Haus_ zu errichten, dessen eine Hälfte je eine der
+beiden Gesellschaften zur ausschließlichen Benutzung erhalten sollte;
+nur der in der Mitte zu erbauende, möglichst umfangreich zu gestaltende
+Sitzungssaal sollte beiden Teilhabern zur Verfügung stehen. Die
+Verhandlungen haben sich jahrelang hingezogen, da die Chirurgen erst
+dann zu festen Abmachungen gelangen konnten, wenn das alte
+Langenbeckhaus zu einem annehmbaren Preise verkauft oder der Verkauf
+gesichert war. An diesem Punkte stockten die Verhandlungen, da das
+preußische Kultusministerium, hinter dem der Finanzminister stand, den
+Ankauf immer von neuem hinausschob. Inzwischen hatte aber die Berliner
+Medizinische Gesellschaft zwei Grundstücke in der Luisenstraße 58/59
+erworben und drängte zum Abschluß, weil jede Verzögerung erhebliche
+Verzugszinsen kostete. Da sie sich während der Verhandlungen, in welchen
+die Umsicht und Tatkraft des ersten Schriftführers der Deutschen
+Gesellschaft für Chirurgie _Werner Körte_ von ausschlaggebendem
+Einflusse war, auch bereit erklärt hatte, den gemeinsamen Saal mit etwa
+900 Sitzplätzen und 100 Stehplätzen zu versehen, wie der Ausschuß der
+Chirurgen es forderte, so wurde am 3. Januar 1914 der bindende Vertrag
+zwischen beiden Gesellschaften abgeschlossen. Freilich war das
+Langenbeckhaus damals noch nicht verkauft; doch kam der Vertrag mit dem
+Kultusministerium am 20. März desselben Jahres endlich zustande. Im Mai
+1915 dürfte der Neubau in Gebrauch genommen werden können und damit ein
+langjähriger Wunsch der an den Kongressen sich beteiligenden Chirurgen
+Erfüllung finden.
+
+
+
+
+ _Vierter Abschnitt._
+
+ Wandlungen und Eroberungen auf dem Gebiete der allgemeinen Chirurgie.
+
+
+Unter den Entdeckungen und Erfindungen, welche im letzten Drittel des
+19. Jahrhunderts gleich einem mächtigen unterirdischen Strome, der
+plötzlich gewaltsam aus der Erde hervorbricht, die Chirurgie zu
+unerhörten Leistungen emporgetragen haben, ist zunächst nur die eine,
+die neue Form der Wundbehandlung besprochen worden. Und zwar mit Recht;
+denn auf ihr beruht weitaus in erster Linie der ungeheure Aufschwung der
+die rückschauende Seele mit freudigem Erstaunen erfüllt. Immerhin stehen
+neben ihr noch eine Anzahl anderer Kräfte, deren Besprechung zur
+Vervollständigung des entworfenen Bildes nicht übergangen werden darf.
+
+
+
+
+ Kapitel IX.
+
+ Wandlungen der allgemeinen Therapie.
+
+
+_Die Methoden zur Herbeiführung der Schmerzlosigkeit_. Wir nennen an
+erster Stelle die Bemühungen, welche darauf abzielten, die
+wundärztlichen Eingriffe am menschlichen Körper entweder ganz schmerzlos
+oder wenigstens leicht erträglich zu gestalten; und zwar nicht nur
+deshalb, weil sie ein schon älteres, in die Zeit vor _Listers_
+Antisepsis zurückreichendes Hilfsmittel des Chirurgen darstellen,
+sondern zugleich aus dem Grunde, weil manche der durch die neue
+Wundbehandlung möglich gewordenen Eingriffe ohne sie dem Kranken nicht
+hätten zugemutet werden können.
+
+Bis weit ins Altertum hinein lassen sich die in dieser Richtung
+angestellten Versuche verfolgen. Am häufigsten bediente man sich der
+Abkochungen narkotischer Mittel, die dem Kranken innerlich verabreicht
+wurden; und unter diesen stand in erster Linie ein aus der Atropa
+Mandragora bereiteter Trank, einer Pflanze, welche als zauberkräftige
+Alraunwurzel in deutschen Sagen und Märchen während des ganzen
+Mittelalters eine hervorragende Rolle gespielt hat. Durch _Guy de
+Chauliac_ erfahren wir, daß auch narkotische _Einatmungen_ schon von den
+Wundärzten des 13. Jahrhunderts angewandt worden sind; und selbst die
+Versuche _örtliche_ Gefühllosigkeit zu erzeugen, reichen bis in das
+Altertum zurück. Aber alles das blieb in den Anfängen stecken, wurde
+später vergessen und erlebte erst unter der Entwicklung der Chemie im
+19. Jahrhundert einen plötzlichen und nunmehr nachhaltigen Aufschwung.
+
+Die damals beginnende Bewegung setzte sich die Herbeiführung einer
+_allgemeinen Gefühllosigkeit des ganzen Körpers_ zum Ziele. Die ersten
+Versuche betrafen Einatmungen des schon im Jahre 1776 von dem englischen
+Prediger _Priestley_ entdeckten _Stickstoffoxyduls_, in Deutschland
+Lust- oder Lachgas genannt, auf dessen narkotische Eigenschaften im Jahre
+1800 der Chemiker _Humphry Davy_ hinwies. Sehr langsam indessen gewann
+der Gedanke durch Gaseinatmungen die Operationen schmerzlos zu
+gestalten, an Boden, wenn auch hier und da kleinere Eingriffe unter
+Beihilfe dieses Gases vorgenommen wurden. Aber die Unhandlichkeit der
+Verwendung und die Kürze der damit erzielten Betäubung standen einer
+schnellen Ausbreitung des Verfahrens im Wege. So konnte denn auch der
+amerikanische Zahnarzt _Horace Wells_, der sich seit 1844 der Sache
+besonders eifrig angenommen hatte, damit nicht durchdringen und endete
+durch Selbstmord, als er sich des Ruhmes seiner Anstrengungen durch das
+Emporkommen eines neuen Mittels entrissen sah. Dies neue
+Betäubungsmittel war der _Schwefeläther_, welchen als erster der
+deutsche Arzt _Long_ in Athen im Anfange der vierziger Jahre als
+Hilfsmittel bei Operationen gebrauchte, seine Versuche aber so spät
+veröffentlichte, daß zwei Amerikaner, der Chemiker _Jackson_ und der
+Zahnarzt _Morton_, denen sich späterhin als dritter noch der Wundarzt
+_Warren_ vom Massachusettshospital in Boston hinzugesellte, als die
+Väter der Äthernarkose angesehen zu werden pflegen. Auch die beiden
+Erstgenannten wurden von der Erfindertragik ereilt: _Jackson_ wurde
+geisteskrank, _Morton_ starb im Elend. Denn inzwischen war auch dem
+Äther ein neuer und, wie sich bald zeigte, der gefährlichste Gegner
+erwachsen.
+
+Das von _Liebig_ in Gießen und _Soubeiran_ in Paris im Jahre 1831 etwa
+gleichzeitig entdeckte _Chloroform_ wurde nach Tierversuchen des
+Physiologen _Flourens_ als ein sehr wirksames narkotisches Mittel
+anerkannt. Das Verdienst aber, solches in die medizinisch-chirurgische
+Praxis eingeführt zu haben, gebührt dem berühmten Edinburgher
+Gynäkologen _James Young Simpson_, der im März 1847 zuerst die
+Äthernarkose aufgenommen hatte, im November desselben Jahres aber
+bereits das Chloroform als Betäubungsmittel dringend empfahl. Ein
+eigentümlicher Zufall war, wie erzählt wird, nahe daran, noch im letzten
+Augenblicke der Menschheit die ihr bevorstehende Wohltat wenn auch nicht
+auf immer, so doch sicherlich für längere Zeit zu entziehen. _Simpson_
+wollte das neue Mittel zum ersten Male bei der Operation eines
+eingeklemmten Bruches versuchen; durch eine Ungeschicklichkeit ging aber
+der ganze Chloroformvorrat noch vor dem Beginne verloren. Als nun ohne
+Betäubung der erste Schnitt gemacht wurde, sank die Frau zusammen und
+starb. Es handelte sich um einen jener Fälle von tödlicher
+Nervenerschütterung, die in älterer wie in neuerer Zeit, wenn auch
+glücklicherweise sehr selten, beobachtet worden sind. Man stelle sich
+aber die Wirkung vor, wenn bei einer, wahrscheinlich sehr vorsichtigen
+und unvollkommenen Anwendung des Chloroforms, ein gleicher Vorgang sich
+ereignet hätte!
+
+Von nun an trat das Chloroform, ungeachtet aller Anfeindungen, einen
+Siegeszug über die ganze Erde an. In Deutschland war es bereits im 7.
+Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts im allgemeinen und fast ausschließlichen
+Gebrauche, so vollständig, daß der Schwefeläther, dem doch Männer wie
+_Dieffenbach_ in Berlin, _Schuh_ in Wien und _Pirogoff_ in Petersburg
+eingehende Studien gewidmet hatten, nahezu in Vergessenheit geriet. Nur
+in den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Mutterlande der
+Äthernarkose, ist man bis zur Gegenwart dem Äther niemals ganz untreu
+geworden.
+
+Indessen dauerte es nicht allzu lange, bis auch die schlimmen Seiten des
+an sich so überaus wohltätigen neuen Mittels in die Erscheinung traten.
+Todesfälle, zuweilen in entsetzlicher Häufung und um so
+niederschmetternder, als sie nicht selten lange Reihen guter Erfolge
+ablösten, drängten den Wundärzten die Frage nach der Ursache solcher
+Erscheinungen mit brutaler Heftigkeit auf. Wohl gab es einzelne
+Chirurgen, die, durch gute Erfahrungen lange Zeit verwöhnt, alles auf
+Unachtsamkeit und Mißgriffe schoben, bis sie selber vom Schicksale
+ereilt wurden. So erging es _Simpson_, der erst nach langjähriger
+Tätigkeit den ersten Chloroformtod erlebte, so _Gustav Simon_ in
+Heidelberg, der in seinen Vorlesungen immer die Schuld des Chirurgen
+betont hatte, so v. _Dumreicher_ in Wien, der nach einem Chloroformtode
+auf der Nachbarklinik einen klinischen Vortrag gleicher Richtung hielt,
+aber im unmittelbaren Anschluß daran einen Kranken verlor. Keiner blieb
+auf die Dauer verschont, so daß die erfahrenen Ärzte stets mit einem
+leichten Gefühle des Grausens an die Narkose herangingen. Allein wie
+groß die Gefahr denn eigentlich war, das vermochte der einzelne
+Beobachter aus seiner eigenen Erfahrung heraus nicht zu beurteilen. Dazu
+gehörten große, umfassende Zahlen und diese zu beschaffen setzte sich
+die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie zur Aufgabe.
+
+Auf dem XIX. Kongreß von 1890 hielt _Kappeler_, leitender Arzt in dem
+schweizerischen Münsterlingen, einen Vortrag: »Beiträge zur Lehre von
+den Anästheticis«, an dessen Schluß er dem vom Vorsitzenden _Ernst v.
+Bergmann_ lebhaft unterstützten Wunsche Ausdruck gab, die Gesellschaft
+möge eigene Erfahrungen in Gestalt einer Sammelforschung über
+verschiedene Betäubungsmittel aufzubringen versuchen. Die mühsame Arbeit
+der Sichtung und Zusammenstellung übernahm _Ernst Gurlt_, der auf dem
+Kongreß von 1891 seinen ersten, auf dem von 1897 seinen letzten
+zusammenfassenden Bericht erstattete. Er bringt ein Gesamtmaterial von
+330429 Narkosen mit verschiedenen Betäubungsmitteln, die eine
+Sterblichkeit von 1 Todesfall auf 2429 ergeben. Davon entfallen auf das
+Chloroform 240806 Narkosen mit 116 Todesfällen, also 1 Todesfall auf
+2075 Anwendungen, während 56233 Ätherbetäubungen 11 Opfer forderten,
+d. h. 1 auf 5112.
+
+Schon aus diesen Zahlen erhellt die Erkenntnis, daß die Anwendung der
+_Äthernarkosen_, für welche schon auf demselben XIX. Chirurgenkongreß
+P. _Bruns_ auf Grund seiner praktischen Erfahrungen und tachometrischen
+Pulsuntersuchungen entschieden eintrat, erheblich ungefährlicher ist als
+das Chloroform; denn wenn auch die _Gurlt_sche Statistik noch wenig von
+den unangenehmen und nicht selten tödlichen Nachkrankheiten des Äthers
+im Bereiche der Luftwege zu sagen weiß, auf die man bald in immer
+stärkerem Maße aufmerksam wurde, so blieb doch der Eindruck, den sie
+einmal hervorgerufen hatte, mächtig genug, um dem Äther wiederum eine
+umfangreichere Verwendung zu sichern. Selbst _Johann v. Mikulicz_, der
+auf dem Kongreß von 1901 einen ausgezeichneten Vortrag: »Die Methoden
+der Schmerzbetäubung und ihre gegenseitige Abgrenzung« hielt, in welchem
+er über 98539 Inhalationsnarkosen und 103064 örtliche Anästhesien
+schlesischer Ärzte berichtet, stellt zwar, unter Berücksichtigung der
+Nachkrankheiten, für das Chloroform eine Sterblichkeit von 1:1683, für
+den Äther eine erheblich höhere Zahl von 1:1044 fest, nimmt aber dennoch
+auf Grund eigener Beobachtungen für das Chloroform eine größere
+Gefährlichkeit an, als sie dem Äther eignet. Die _Neuber_sche Statistik
+von 1908, welche über 71052 Narkosen berichtet, hat diese Anschauungen
+im allgemeinen bestätigt; sie ergibt für Chloroform eine Sterblichkeit
+von 1:2060, für Äther von 1:5930, für Skopolaminmischnarkosen von
+1:4762, für Mischnarkosen nach _Schleich_, _Körte_, _Parker_, freilich
+nur in der Zahl von 1748 Anwendungen, _keinen_ Todesfall.
+
+Hand in Hand mit dem Studium der Todesursachen in den einzelnen Fällen
+gingen die Versuche, den Gefahren durch eine aufmerksamere Darreichung
+des Betäubungsmittels zu begegnen. In den angelsächsischen Ländern
+bediente man sich schon seit Jahrzehnten des Kunstgriffes, eigene
+Gehilfen nur für die Betäubung zu erziehen, die ihre Aufmerksamkeit
+ausschließlich der Narkose zuzuwenden hatten und für deren guten Verlauf
+verantwortlich waren. Auch in Deutschland ging man hier und da zu diesem
+Verfahren über, mußte aber bald die Überzeugung gewinnen, daß eine
+nennenswerte Abnahme der Todesfälle dennoch nicht erzielt wurde.
+Vielmehr sah man ein neues schweres Bedenken in dem Umstände auftauchen,
+daß manche Gehilfen, um nicht mitten im blutigen Eingriffe eine Störung
+herbeizuführen, die Meldung gefahrdrohender Erscheinungen ungebührlich
+lange verzögerten. Eine große Zahl von neuen Darreichungsmethoden
+mittels zum Teil fein ersonnener Instrumente führten keineswegs zum
+ersehnten Ziele, wenn auch die wachsende Vorsicht manche Besserung der
+Verhältnisse erzwang. So gelangte man denn zu den Mischnarkosen, um die
+notwendige Menge des Einzelgiftes herabzumindern und dennoch die gleiche
+Wirkung zu erzielen. Diesen Weg betrat zuerst, schon im Jahre 1850, der
+Zahnarzt _Weiger_ in Wien mit einer Mischung von 9 Teilen Äther auf 1
+Teil Chloroform. Das englische Chloroformkomitee setzte dem Äther und
+Chloroform noch Alkohol im Verhältnis von 3:2:1 hinzu, welches Gemisch
+_Billroth_ dahin veränderte, daß er auf Chloroform 100 je 30 Teile Äther
+und Alkohol fügte. Endlich stellte _Karl Ludwig Schleich_ in Berlin
+verschiedene Flüssigkeitsmischungen von einem willkürlich gewählten
+Siedepunkte zusammen, von der Voraussetzung ausgehend, daß ein
+Betäubungsmittel um so leichter in den Körper aufgenommen, zugleich aber
+um so leichter wieder ausgeschieden werde, je flüchtiger es sei.
+_Schleichs_ Siedegemische haben sich praktisch als brauchbar erwiesen,
+ohne indessen den genannten Mischungen überlegen zu sein; seine
+physikalischen Voraussetzungen aber sind nicht unbestritten geblieben
+(_Honigmann_, H. _Braun_).
+
+Noch in einer anderer Weise hat man die Menge des zuzuführenden
+Betäubungsmittels und damit auch seine Giftwirkung zu verringern
+versucht, indem man nämlich ein Schlafmittel (Morphin, Skopolamin,
+Veronal) kürzere oder längere Zeit dem Narkotikum vorauf schickte. Es
+scheint in der Tat damit eine Herabminderung der Gefahren erreicht
+worden zu sein. Endlich ist durch Einführung des sogenannten
+_Ätherrausches_ (_Sudeck_), der freilich nur bei ganz kurze Zeit
+dauernden Operationen angewandt werden kann, die Menge des
+Betäubungsmittels so verringert worden, daß fast jede Spur von Gefahr
+vermieden wird.
+
+Daneben haben freilich die Versuche der durch die chemischen Fabriken
+lebhaft unterstützten Ärzte, neue und immer weniger gefährliche
+Betäubungsmittel zu finden, niemals aufgehört. Wie auf einer Wandelbühne
+gingen, für den praktischen Wundarzt fast sinnverwirrend, immer neue
+Mittel auf, um nach einer kurzen Zeitspanne des Glanzes zu verlöschen
+und mehr oder weniger der Vergessenheit zu verfallen. Unter den
+zahllosen Neuerungen der zwei Jahrzehnte nach 1891 seien nur zwei
+genannt, das _Bromäthyl_ und das _Pental_, ersteres, weil manche
+hervorragende Chirurgen längere Zeit an ihm festgehalten haben,
+letzteres, weil es wohl als das gefährlichste aller Betäubungsmittel
+angesehen werden muß. Die _Gurlt_sche Statistik berechnet seine
+Tödlichkeit auf 1:213.
+
+ * * * * *
+
+Blieben so Chloroform und Äther unverrückt auf ihrem hervorragenden
+Platze stehen, so erwuchs ihrer Anwendung doch von anderer Seite her
+eine überaus dankenswerte Ergänzung in den verschiedenen Maßnahmen, um
+eine _örtliche Empfindungslosigkeit_ herbeizuführen. Schon seit dem
+Jahre 1866 war der Zerstäuber des Engländers _Richardson_ dazu benützt
+worden, um durch den schnell verdunstenden Äther eine Vereisungs- und
+Erfrierungszone an der Körperoberfläche zu erzeugen in deren Bereich
+kleine, schnell ausführbare Eingriffe schmerzlos vorgenommen werden
+konnten. Die Methode ist, nur unbedeutend abgeändert, in dauerndem
+Gebrauch geblieben. Aber der durch sie wiederum angeregte Gedanke der
+Herbeiführung einer örtlichen Empfindungslosigkeit erhielt einen neuen
+Anstoß zu weiterer Ausgestaltung, die sich ganz an die Entdeckung des
+Kokains knüpft. Dies von den Andenindianern Südamerikas schon seit
+Jahrhunderten benutzte Mittel wurde in die europäische Medizin im Jahre
+1884 durch den Wiener Arzt C. _Koller_ eingeführt, zunächst nur zu dem
+Zwecke, Schleimhautflächen, insbesondere die Bindehaut des Auges,
+unempfindlich zu machen. Einige Chirurgen hatten auch bereits begonnen,
+das Alkaloid zu Einspritzungen unter die Haut zu verwenden, als _Karl
+Ludwig Schleich_ vor den Kongreß von 1892 mit einer gut ausgearbeiteten
+Methode trat, welche auch ausgedehnte und langdauernde Operationen
+schmerzlos und fast ohne jede Gefahr auszuführen erlaubte. Es ist sehr
+bedauerlich, daß die mindestens etwas unvorsichtige Art des
+Einführungsvortrages den heftigen Widerspruch des damaligen Vorsitzenden
+_Adolf v. Bardeleben_ und mit ihm des gesamten Kongresses hervorrief,
+wodurch _Schleichs_ vorzügliche Idee auf ihrem Wege zur praktischen
+Betätigung für viele Jahre eine starke Behinderung erfuhr; aber
+durchgesetzt hat sie sich trotzdem und dem Erfinder ist der Ruhm
+geblieben, daß er die Chirurgie und damit die leidende Menschheit mit
+einem nahezu gefahrlosen örtlichen Betäubungsmittel beschenkt hat. Wenn
+es ihm auch nicht gelungen ist, die Einatmungsnarkosen zu verdrängen,
+wie er ursprünglich gehofft hatte, so hat er sie doch nicht unwesentlich
+eingeschränkt und damit die Narkosengefahr in sehr merkbarer Weise
+herabgesetzt. Die _Schleich_sche Infiltrationsanästhesie gehört
+zweifellos zu den Ruhmesblättern deutscher Chirurgie.
+
+Es kann diesem Ruhme keinen wesentlichen Eintrag tun, daß die von
+_Schleich_ ausgebildete Methode bereits vielfach überholt worden ist.
+_Heinrich Braun_ (Zwickau), der in einer mustergültigen Arbeit vom Jahre
+1905 (2. Aufl. 1907) alle bei der örtlichen Betäubung in Frage
+kommenden Verhältnisse einer eingehenden Würdigung unterzog, hat durch
+Zusatz von Nebennierenpräparaten die Wirksamkeit und Dauer der
+Kokainanästhesie in ungeahnter Weise erhöht und damit nicht nur die
+Operationen fast unblutig gemacht, sondern auch die Vergiftungsgefahr
+ganz erheblich vermindert. Letztere ist auch dadurch noch weiter
+herabgesetzt worden, daß Ersatzmittel des Kokains, insbesondere das
+Novokain, gefunden wurden, welche an sich erheblich weniger giftig sind
+als das ursprüngliche Alkaloid. So ist das Verfahren selbst bei großen
+und eingreifenden Operationen fast vollkommen unschädlich geworden.
+
+Die _Braun_schen Abänderungen haben sich auch für die Fortbildung
+anderer, älterer wie neuerer Verfahren sehr nützlich erwiesen: so
+zunächst für die von _Oberst_ (Halle) schon im Jahre 1890 angegebene
+Methode der Fingeranästhesie mittels zweier Einspritzungen von Kokain
+längs des Verlaufes der beiden Fingernerven. Sehr viel wichtiger aber,
+weil in unendlich größerer Ausdehnung verwendbar, war die im Jahre 1899
+beschriebene Methode _August Biers_, damals in Kiel, zur _Anästhesierung
+des Rückenmarkes_ mittels Einspritzung des Betäubungsmittels in den Sack
+der harten Rückenmarkshaut, eine Methode, welche im Anschluß an
+_Heinrich Quinckes_ Lumbalpunktion erdacht worden war. Wenn sich auch
+das Kokain als solches bald als zu gefährlich erwies, weil es allerlei
+schwere Erscheinungen, Nachkrankheiten, selbst Todesfälle hervorrief, so
+hat man doch von einem Verfahren nicht absehen zu müssen geglaubt,
+welches ursprünglich nur die Operationen bis zur Nabelhöhe, später aber
+in seiner Vervollkommnung einen noch größeren Teil des Körpers, bei
+Erhaltung des Bewußtseins, unempfindlich zu machen gestattete. Mittels
+Ersatzes des Kokains durch verwandte Stoffe (Novokain und Tropakokain)
+lernte man auch die Gefahren herabmindern, die schließlich auf dem Wege
+der Mischung des Betäubungsmittels mit Adrenalin (H. _Braun_ -- Zwickau)
+oder mit Strychnin (_Jonnescu_) oder einer zweiten Lumbalpunktion zur
+Verminderung des Flüssigkeitsdruckes (E. _Küster_) auf ein so geringes
+Maß herabgesetzt wurden, daß heute _Biers_ Erfindung als eine glänzende
+Errungenschaft der neueren Chirurgie zur Bekämpfung der
+Operationsgefahren angesehen werden muß. Sie ist freilich in neuerer
+Zeit durch die weitere Ausbildung der örtlichen Betäubung in ihrer
+Anwendung etwas beschränkt worden.
+
+Wenn wir zum Schluß auf all die zahlreichen Mittel, welche erdacht
+wurden, um dem Menschengeschlechte den Operationsschmerz zu ersparen
+oder zu lindern, einen prüfenden Rückblick werfen, so sind wir zu dem
+Geständnis gezwungen, daß deren keines vorhanden ist, welches, wie
+_Mikulicz_ sich ausdrückt, im mathematischen Sinn, d. h. gänzlich und
+unter allen Umständen gefahrlos ist. Eines schickt sich nicht für alle.
+Der heutige Wundarzt weiß, daß er stets mit der ungeheuren individuellen
+Verschiedenheit zu rechnen hat, welche die Zellen des menschlichen
+Körpers jeder kraftmindernden Einwirkung, möge sie ererbt oder durch
+Alter, Verletzung und Krankheit erworben sein, an Widerstandskraft
+entgegenzustellen vermögen. Alle diese Veränderungen zu erkennen
+befähigt uns auch heute noch nicht eine aufs feinste entwickelte
+Diagnostik; aber sie hat den Arzt diesem Ziele wenigstens näher
+gebracht. Wenn ihm daraus die Möglichkeit erwachsen ist, jedem Kranken
+ohne Ausnahme den Schmerz zu ersparen, so doch auch zugleich die
+Pflicht, unter der Fülle der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel das für
+den Fall passendste auszuwählen. Das Studium der physiologischen
+Wirkungen aller Betäubungsmittel hat aber nicht allein die Möglichkeit
+geschaffen, unter ihnen von vornherein eine geeignete Wahl zu treffen,
+sondern auch die weitere, ein Mittel durch ein anderes zu ersetzen,
+sobald ersteres irgendwelche bedrohlichen Erscheinungen hervorruft. Nur
+auf diesem Wege ist eine Vervollkommnung der wissenschaftlich geleiteten
+Narkose noch zu erwarten; aber schon jetzt darf der Hoffnung Ausdruck
+gegeben werden, daß das drohende Gespenst des Narkosentodes, welches
+einst den Weg des handelnden Wundarztes bei jedem Schritte begleitete,
+zwar niemals gänzlich verschwinden, aber für gewöhnlich doch zu einer
+freundlichen Lichtgestalt sich umwandeln werde, die den Kranken und
+Elenden mit sanfter Hand über Schmerz und Qual hinaushebt.
+
+ * * * * *
+
+Eins der schönsten Geschenke erhielt die Deutsche Gesellschaft für
+Chirurgie schon auf ihrem zweiten Kongreß vom Jahre 1873 in _Friedrich
+Esmarchs_, des berühmten Kieler Chirurgen, Mitteilung über seine
+_Methode, künstliche Blutleere_ an den Gliedmaßen herbeizuführen und
+Operationen an ihnen dadurch vollkommen blutlos zu gestalten. Die Frage
+der Beherrschung eines allzu reichlichen Blutverlustes hatte die
+Chirurgen schon seit dem Altertum fast fortdauernd beschäftigt, selbst
+in solchen Zeiten, in welchen die Medizin methodische Blutentziehungen,
+sowohl am ganzen Körper, wie insbesondere an erkrankten Gliedern, nicht
+entbehren zu können glaubte. Des Rätsels Lösung, wie dies Ziel
+erreichbar sei, brachte _Esmarchs_ Methode wenigstens für die
+Extremitäten.
+
+Es ist müßig, zu erörtern, ob das Verdienst der Erfindung wirklich
+_Esmarch_, oder nicht vielmehr seinem damaligen Assistenten
+J. _Petersen_ oder gar seinem Oberwärter _Carstens_ zugeschrieben werden
+müsse, da letzterer eines Tages, wie erzählt wird, anstatt der bisher
+üblichen leinenen, eine elastische Gummibinde zum Einwickeln eines
+abzusetzenden Gliedes überreicht habe. Schon Jahre zuvor hatte _Esmarch_
+sich bemüht, durch sehr feste Einwicklung mit leinenen Binden und
+darauffolgende Abschnürung an einem höher hinauf gelegenen Punkte die
+Blutung an den Gliedmaßen auf ein bescheidenes Maß herabzumindern, wie
+es vor ihm wohl auch manche andere Chirurgen schon versucht hatten. Der
+Gedanke gehört also im wesentlichen ihm allein und für diese Auffassung
+spielt das bessere Material, welches ihm oder seinem Assistenten der
+Geistesblitz eines ungebildeten Mannes in die Hand legte, um so weniger
+eine Rolle, als der erfahrene Wundarzt sofort die großen Vorzüge, die
+weit überlegene Benutzbarkeit des neuen Stoffes erkannte. Mit
+fieberhafter Schnelligkeit und mit überraschenden Erfolgen wurde nunmehr
+die Methode ausgebildet, welche seitdem unzählige Kranke vor der durch
+starken Blutverlust erzeugten Schwäche bewahrt und ihnen Gesundheit und
+Leben erhalten hat. Sie gehört zum festen Bestande der Chirurgie der
+gesamten gebildeten Welt.
+
+Daß _Esmarchs_ elastische Binde auch weiter als Mittel zur vorläufigen
+Blutstillung benutzt und daß in seinen Samariterkursen das sehr einfache
+Verfahren zur Verhütung schwerer Blutverluste auch zahlreichen
+Laienhänden eingeübt wurde, sei nur nebenbei erwähnt.
+
+In _Friedrich Trendelenburgs_ Beckenhochlagerung vom Jahre 1892 hat die
+Methode der Blutersparung einen neuen, höchst wertvollen Sproß
+getrieben, und durch die Anwendung der Nebennierenpräparate ist die
+Möglichkeit der Blutersparung für _alle_ Operationen geschaffen worden.
+
+Noch ein weiteres Verfahren entwickelte sich aus der in Schwang
+gekommenen Anwendung der elastischen Binde: ihre Benutzung zur
+Blutstauung, um dadurch heilend auf krankhafte Vorgänge verschiedener
+Art zu wirken.
+
+Schon seit 1895 hatte _Bier_ fortgesetzt Studien über »_Hyperämie als
+Heilmittel_« gemacht, die er in verschiedener Weise, durch heiße Luft,
+heißes Wasser, endlich durch venöse Stauung, hervorbrachte und erprobte.
+Nach vielen kleineren Veröffentlichungen erschien unter genanntem Titel
+im Jahre 1905 eine Einzelschrift, welche seitdem viele Verbesserungen
+und Vermehrungen in zahlreichen Auflagen erlebte, als bester Beweis für
+den großen Anklang, den die neue Behandlungsmethode bei den Fachgenossen
+gefunden hat. Die Einfachheit und Zweckmäßigkeit des Verfahrens, welches
+die elastische Binde möglich machte und welches _Bier_ bis in alle
+Einzelheiten praktisch ausgebildet hatte, gewann der Methode reichlich
+Anhänger, sowohl für die Behandlung akuter Entzündungen, zumal an den
+Fingern, als auch zur Heilung tuberkulöser Erkrankungen, in erster Linie
+der Knochen und Gelenke. Auch die »_Bier_sche _Stauung_« dürfte fortan
+als ein fester Bestand unseres Heilmittelvorrates zu gelten haben.
+
+ * * * * *
+
+Zu den bisher besprochenen Hilfsmitteln der Chirurgie gesellt sich als
+letztes ein solches, welches weniger für die Behandlung als für die
+Erkenntnis der Krankheiten eine stets wachsende Bedeutung gewonnen hat.
+Im Dezember 1895 veröffentliche _Wilhelm Röntgen_, Professor der Physik
+in München, eine kleine Schrift, in welcher er die überraschende
+Mitteilung machte, daß es ihm gelungen sei, unter Benutzung der
+_Hittorf_schen Röhre Kathodenstrahlen zu erzeugen mit der merkwürdigen
+Fähigkeit, jeden Körper, dessen Schichten nicht gar zu dicht sind, zu
+durchdringen. Wie ein Geisterleib erschien der menschliche Körper nur
+in zarten Umrissen auf dem die Strahlen auffangenden Schirme und nur das
+Knochengerüst, sowie alle dicken metallischen Gegenstände und
+dichtgeschichteten Mineralien warfen deutliche Schatten Die Aufnahme des
+Verfahrens in den wundärztlichen Betrieb erfolgte zunächst langsam und
+zögernd. Zwar wurde es bald genug klar, welch ausgezeichnetes Mittel man
+in den _Röntgen_schen Kathodenstrahlen für die Erkenntnis der
+Besonderheiten der Knochenverletzungen und deren rechtzeitiger
+Beeinflussung während der Heilung besaß, daß auch Sitz und Eigenart der
+in den menschlichen Leib eingedrungenen Fremdkörper, soweit sie
+metallischer Natur waren, aufs genaueste festgestellt werden könnten;
+aber es dauerte doch mehrere Jahre, bis die Vervollkommnung der Apparate
+und das verfeinerte Studium der physikalischen Bedingungen auch die
+Zustände innerer Organe dem prüfenden Auge des vorgebildeten Beschauers
+zugängig machen konnten. Und wenn auch die sehr hochgespannten
+Hoffnungen der Laienwelt, daß es fortan möglich sein werde, die
+krankhaften Veränderungen des Körpers wie auf einer Landkarte zu sehen,
+sich nur zu einem kleinen Teile erfüllt haben, so war doch der Gewinn
+für die an eine genaue Erkenntnis geknüpfte Behandlung chirurgischer
+und innerer Leiden so groß, daß weder die Regierungen der einzelnen
+deutschen Bundesstaaten, noch die Gemeindevertretungen, noch Vereine
+sich der Aufgabe entziehen konnten, ihre Kliniken, sowie große und
+kleine Krankenanstalten mit Durchleuchtungsvorrichtungen in vollem
+Umfange zu versehen. Die fast märchenhaft erscheinende Entdeckung
+_Röntgens_, welche den wissenschaftlichen Aufschwung des 19.
+Jahrhunderts würdig abschloß, hat sich von ihrem deutschen Mutterboden
+schnell über die ganze Erde verbreitet. Von ihr erhielten die
+wissenschaftliche und praktische Chirurgie und deren Schmerzenskind, die
+Unfallheilkunde, ferner die innere Medizin, die Geburtskunde, überhaupt
+fast sämtliche Gebiete der praktischen Medizin einen ungeheuren
+Auftrieb; und wenn auch die heilenden Eigenschaften der Röntgenstrahlen
+den Erwartungen, welche menschlicher Optimismus an sie knüpfte, zunächst
+nur in bescheidenem Maße gerecht geworden sind, so ist doch die
+Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß eine immer mehr sich verfeinernde
+Technik der leidenden Menschheit noch manche wertvolle und überraschende
+Gabe zum Geschenk machen werde.
+
+Gleiches läßt sich von den beiden Stoffen sagen, die als Heilmittel in
+neuester Zeit mit den Röntgenstrahlen in Wettbewerb getreten sind, dem
+_Radium_ und _Mesothorium_. Ihre unmittelbare Wirkung ist überraschend
+groß, Art und Dauer derselben aber noch zweifelhaft.
+
+ * * * * *
+
+Die von Anfang an außerordentlichen Erfolge der neuen Wundbehandlung,
+die sich zudem noch von Jahr zu Jahr verbesserten, führten zunächst eine
+Umwandlung und Vermehrung der Werkzeuge, sowie wesentliche
+_Veränderungen der operativen Technik_ herbei. Bald genug wurde es
+nämlich klar, daß die alten Instrumente mit Holz- oder Horngriffen,
+überhaupt alle aus mehreren Stücken zusammengesetzten Vorrichtungen,
+niemals mit Sicherheit keimfrei zu machen waren, weil der fettige,
+keimreiche Schmutz in den Spalten und Ecken weder durch chemische, noch
+durch physikalische Mittel sicher beseitigt werden konnte. Man verfiel
+daher, um der daraus erwachsenden Gefahr zu begegnen, auf ganz metallene
+Werkzeuge, entweder aus einem einzigen Stück gearbeitet oder, wenn dies
+aus irgendeinem Grunde nicht angängig war, mit einem Griffe aus einer
+dünnen Platte, die aufs sorgfältigste an das Hauptstück angelötet wurde.
+Alle Ecken und Winkel mußten nach Möglichkeit vermieden oder wenigstens
+abgerundet sein. So vorgerichtet konnten sie in Sodalösung gekocht, in
+einer antiseptischen Lösung abgekühlt und dann sofort mit der Wunde in
+Berührung gebracht werden.
+
+Auch die _Art zu operieren_ veränderte sich. In der Zeit vor Anwendung
+der Betäubungsmittel stand am höchsten im Ansehen der Wundarzt, der
+seinen Eingriff blitzschnell zu vollenden wußte; und diesem höchsten
+Ziele paßten sich auch die Operationsmethoden an. Sehr hübsch spiegelt
+sich diese übertriebene Wertschätzung der Technik in einer Anekdote
+wider, die _Bernhard v. Langenbeck_ von seinem Oheim _Konrad Martin
+Langenbeck_ in Göttingen zu erzählen liebte. Letzterer hatte für die
+Absetzung des Oberschenkels in der Mitte die Ovalärmethode angegeben und
+wegen der außerordentlich schnellen Ausführbarkeit dringend empfohlen.
+Ein älterer Kollege von einer Nachbaruniversität kommt nach Göttingen,
+um die Methode kennen zu lernen und _Langenbeck_ lädt ihn für den
+nächsten Tag zu einer solchen Operation ein. Der Kranke liegt auf dem
+Tisch, jener ergreift das Messer: da wendet sich der fremde alte Herr
+noch einmal ab, um behaglich eine Prise zu nehmen. Aber welches
+Entsetzen, als er bemerkt, daß die Absetzung inzwischen schon vollendet
+ist!
+
+Mit der allgemeinen Anwendung der Betäubungsmittel verlor die
+Behendigkeit etwas an Ansehen, wiewohl der bei großen Eingriffen schwer
+vermeidbare Blutverlust immer noch zu einer gewissen Eile zwang. Als
+diese Unannehmlichkeit durch die elastische Binde, wenigstens an manchen
+Körperteilen, vollständig überwunden worden war, da glaubte man sich
+mehr Zeit lassen zu dürfen, bis die Vergiftungen unter Anwendung des
+antiseptischen Sprühnebels und die Gefahren, welche man aus langen
+Abkühlungen des Körpers erwachsen sah, die sorglos Langsamen von neuem
+aufrüttelten. Die aseptische Behandlung, das Operieren in warmen Zimmern
+und auf heizbaren Tischen haben auch diese Bedenken fast vollkommen zum
+Schwinden gebracht, wenigstens so weit, daß die Methoden nicht mehr
+ausschließlich nach der Schnelligkeit der Ausführung, sondern vorwiegend
+nach der größeren Zweckmäßigkeit gewählt werden. Aber daß eine
+langdauernde Operation gefährlicher als eine schnell vollendete ist,
+unterliegt gar keinem Zweifel; der Grundsatz: Eile mit Weile gilt
+deshalb auch heute noch für jeden Wundarzt. --
+
+Die bisherigen Vorstellungen über _Wundheilung_ mußten sehr bald einer
+erneuten Prüfung unterzogen werden. War doch bis dahin die Heilung durch
+erste Vereinigung und unter dem trockenen Schorfe, wie sie bei
+verwundeten Vögeln regelmäßig beobachtet werden kann, am menschlichen
+Körper eine ganz seltene und nur bei kleinen und oberflächlichen Wunden
+vorkommende Vereinigungsweise geblieben; der Ehrgeiz des Wundarztes ging
+also bei größeren Wunden auf kein höheres Ziel, als auf Herbeiführung
+eines Pus bonum et laudabile, d. h. eines geruchlosen gelben Eiters, und
+einer dabei langsam fortschreitenden Wundreinigung, da man diese
+Vorgänge als unbedingt notwendig zur Heilung, den Eiter sogar vielfach
+als heilungsbefördernd angesehen hatte. Über die Art, wie eine größere
+Wunde sich langsam schließt und über das Verhalten der einzelnen
+Körpergewebe bei diesem Vorgange hatten schon vor der Entdeckung, daß
+Bakterien die Wundeiterung erzeugten und unterhielten, zahlreiche
+Untersuchungen stattgefunden. Die durch mikroskopische Studien
+herbeigeführten Anschauungen hatten vielfach wechseln müssen, so nach
+_Cohnheims_ Entdeckung der Auswanderung weißer Blutkörperchen durch die
+Gefäßwandungen hindurch, so nach _Metschnikows_ Beschreibung des Wesens
+der Freßzellen. Beide hatten die Arbeiten über Wundheilung von _Karl
+Thiersch_ und _Karl Gussenbauer_ beeinflußt; aber in vollkommenster
+Weise wurde alles das zusammengefaßt und durch eigene Untersuchungen
+erweitert in der vortrefflichen Arbeit _Felix Marchands_: »Der Prozeß
+der Wundheilung mit Einschluß der Transplantation« vom Jahre 1901. Der
+Verfasser unterscheidet zwar auch noch eine Heilung durch direkte
+Vereinigung und eine solche durch Regeneration, welch letztere früher
+ausschließlich unter dem Bilde der eitrigen Entzündung verlief, betont
+aber ausdrücklich, daß ein solcher Unterschied nicht mehr aufrecht
+erhalten werden könne, da jeder Heilungsvorgang ein Regenerationsvorgang
+sei, dem allerdings bei verschiedenen Wunden erhebliche gradweise
+Verschiedenheiten zukommen. Diese Lehre wird an den einzelnen
+Körpergeweben geprüft und bestätigt, so daß _Marchands_ Buch auch heute
+noch als Grundlage der herrschenden Anschauungen über die feineren
+Vorgänge bei der Wundheilung betrachtet werden muß.
+
+
+
+
+ Kapitel X.
+
+ Wandlungen der Kriegschirurgie.
+
+
+Unter der großen Zahl von Wunden aller Art, welche dem Wundarzte unter
+die Hände kommen, haben, solange es eine Geschichte der Medizin gibt,
+die _Schußwunden_ und seit der Erfindung des Schießpulvers vor allen
+anderen die Kugelwunden eine besondere Rolle gespielt, nicht etwa
+deshalb, weil, soweit es sich um Friedensverletzungen handelt,
+Entstehung und Verlauf gegenüber mancherlei Zufallsverwundungen einen
+sehr erheblichen Unterschied darböten, sondern nur der Begleitumstände
+wegen. Denn einerseits führt der Krieg, den _Pirogoff_ eine
+»traumatische Epidemie« genannt hat, zur räumlich und zeitlich
+beschränkten Anhäufung einer so ungeheuren Anzahl von Verwundungen, daß
+zu ihrer sachgemäßen Versorgung nach den Grundsätzen einer
+Friedensbehandlung die zur Verfügung stehenden Kräfte gewöhnlich in
+keiner Weise ausreichen; anderseits hat die Ausbildung der Waffen, die
+geeignet sind, den Gegner kampfunfähig zu machen, ein so schnelles
+Zeitmaß der Entwicklung eingeschlagen, daß sie fortdauernd neue Formen
+des Kampfes und neue Formen der Wundbehandlung erforderlich machte. So
+ist denn auch die _Kriegschirurgie_ in neuerer Zeit zu einer
+Sonderwissenschaft geworden, deren Kenntnis jedem ins Feld ziehenden
+Arzte vertraut sein sollte. Freilich bilden nicht die Schußwunden allein
+den Inhalt der Kriegschirurgie; aber alle anderen Verletzungen, welche
+sonst noch im Kriege vorkommen, wie die Hieb-, Stich- und Quetschwunden,
+sind nur ein so kleiner Bruchteil der Kriegswunden, daß man die
+Schußverletzung als den Typus der Kriegswunde anzusprechen berechtigt
+ist.
+
+Selbstverständlich kann es nicht unsere Aufgabe sein, die Geschichte der
+militärärztlichen Organisation, deren Ziel es war und ist, schon im
+Frieden eine für den Krieg ausreichende Zahl von Ärzten auszubilden und
+bereitzustellen, eingehend zu schildern; doch muß auch sie wenigstens
+gestreift werden, da sie in engster Beziehung zu dem Aufblühen der
+Kriegschirurgie steht. In Preußen, dessen Einrichtungen für die übrigen
+deutschen Staaten seit 50 Jahren vorbildlich geworden sind, war durch
+Errichtung einer militärärztlichen Bildungsanstalt, des Collegium
+medico-chirurgicum in der Pepinière zu Berlin im Jahre 1795 und dessen
+Erweiterung 1797, für geordneten Unterricht und wissenschaftliche
+Erziehung der jungen Militärärzte in ziemlich ausreichender Weise
+gesorgt worden. Auch für eine bessere Ausbildung des niederen
+Heilpersonals, welches bis dahin seine Kenntnisse und Fertigkeiten bei
+Badern und Barbieren erworben hatte, wurde durch endgültige Trennung des
+Barbiergewerbes von der Chirurgie mittels des Gesetzes vom 7. September
+1811 ein wichtiger Schritt getan. Der hierdurch entstehende Mangel an
+Unterchirurgen konnte durch die Kabinettsorder vom Jahre 1820
+ausgeglichen werden, durch welche die jungen Ärzte und Wundärzte
+veranlaßt wurden, ihrer Dienstpflicht im Heere nicht mit der Waffe,
+sondern als Ärzte zu genügen. Die Gründung der Universität Berlin im
+Jahre 1810 drohte freilich eine Zeitlang dem genannten Kollegium den
+Untergang zu bringen; doch gelang es dem damaligen ersten
+Generalstabschirurgen des Heeres und Leiter des Militärmedizinalwesens
+_Johann Görcke_ diese Gefahr abzuwenden und im Jahre 1811 eine neue
+Anstalt unter dem Namen einer medizinisch-chirurgischen Akademie für das
+Militär durchzusetzen, deren Zöglinge die Vorlesungen der
+Universitätsprofessoren zu hören berechtigt waren. Diese Akademie ist im
+Jahre 1852 für die wissenschaftliche Ausbildung der jungen Militärärzte
+der Universität gleichgestellt worden, während für deren praktische
+Erziehung die Charité benutzt wurde. Vom gleichen Zeitpunkte an hörten
+auch die langjährigen und zuweilen höchst gefährlichen Angriffe auf,
+welche gegen die Notwendigkeit der engeren militärärztlichen Ausbildung
+und damit gegen den Fortbestand der seit dem Jahre 1848
+»Militärärztliches Friedrich-Wilhelms-Institut« genannten
+Erziehungsanstalt gerichtet worden waren. Unter der tätigen Fürsorge des
+Generalstabsarztes _Heinrich Gottfried Grimm_ erfuhr das
+Militärsanitätswesen einen besonderen Aufschwung, begünstigt durch die
+Erfahrungen der drei aufeinanderfolgenden Kriege von 1864, 1866 und
+1870/71. Ihm verdankt es die Abschaffung des Kompaniechirurgentums,
+die Hebung des Standes der Lazarettgehilfen, die Einführung
+der Krankenwärter und Krankenträger, die Einrichtung einer
+Militärmedizinalabteilung im Kriegsministerium, der Chefärzte für
+Feld- und Friedenslazarette, die Bildung eines Sanitätskorps und die
+Bezeichnung der Militärärzte als Sanitätsoffiziere. In den Jahren 1905
+bis 1910 ist die alte Friedrich-Wilhelms-Akademie unter dem Namen
+»Kaiser-Wilhelms-Akademie« in ein neues, glänzend erbautes Haus an der
+Ecke der Invaliden- und Scharnhorststraße verlegt worden, ausgestattet
+mit den zweckmäßigsten Ausbildungsmitteln, gesunden Wohnungen und
+umfangreichen Versammlungs- und Festräumen. -- Trotzdem ist auch heute
+der Zustrom junger Ärzte zum militärärztlichen Berufe den ungeheuren
+Anforderungen, welche die außerordentliche Vermehrung des stehenden
+Heeres nötig macht, noch nicht ganz entsprechend. Es ist wohl zu hoffen,
+daß auch in dieser Hinsicht eine Änderung eintreten werde, seitdem im
+Februar 1914 auf Betreiben des Generalstabsarztes v. _Schjerning_ die
+Gleichstellung der Sanitätsoffiziere mit den Offizieren des Heeres fast
+vollkommen durchgeführt worden ist.
+
+Wichtiger aber als dieser äußere Rahmen, in welchem sich die Entwicklung
+des militärärztlichen Standes in Preußen und in einem sehr großen Teile
+Deutschlands abgespielt hat, ist der Aufschwung der _Kriegschirurgie_.
+Ihre Förderung ist jenem Stande in erster Linie anheimgefallen, wenn auch
+die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, der freilich
+auch zahlreiche Militärärzte schon seit ihrer Gründung angehört haben,
+diesem Zweige ihrer Wissenschaft stets ein sehr reges Interesse
+entgegenbrachten.
+
+Schon auf dem II. Kongreß von 1873 trat W. _Busch_ (Bonn) mit einem
+Vortrage über die Ergebnisse von Schießversuchen auf menschliche Leichen
+auf, zu welchen die Kriegserfahrungen von 1866 und 1870/71 mit ihren von
+den bisherigen Anschauungen vielfach stark abweichenden Verwundungen den
+Anstoß gegeben hatten. Gleichfalls über derartige Versuche sprachen
+E. _Küster_ (Berlin) und _Schädel_. Ersterer setzte seine Versuche
+weiterhin an lebenden Tieren fort und berichtete über sie in einer
+Sitzung der Berliner Medizinischen Gesellschaft vom Januar 1874. Seitdem
+wurden wiederholt die Geschoßwirkungen auf den menschlichen und
+tierischen Körper durch andauernde Versuche in allen Einzelheiten
+studiert; unter den zahlreichen Arbeiten dieser Art seien nur die von
+_Bornhaupt_, _Kocher_, _Reger_, _Wahl_ und _Paul v. Bruns_
+hervorgehoben.
+
+Immer von neuem wurden die Chirurgen gezwungen, diesen Fragen ihre
+Aufmerksamkeit zuzuwenden. Abweichend von dem Gebrauche des alten
+Vorderladers, welcher ursprünglich nur Rundkugeln, später auch
+Spitzkugeln entsandte, hatte Preußen schon im Jahre 1841 das
+_Dreyse_sche Zündnadelgewehr eingeführt, welches in den beiden Feldzügen
+von 1864 und 1866 zur Verwendung kam, einen Hinterlader mit
+Einheitspatrone, Spiegelführung und Langblei von 14-15 mm
+Durchmesser. Mit ihm wurde durch Geschoßlänge und Pulverladung die
+Anfangsgeschwindigkeit, die Treffgenauigkeit, die Totalschußweite und
+die Streckung (Rasanz) der Flugbahn ganz erheblich erhöht. Aber man
+blieb dabei nicht stehen. Bald nach 1866 führte Frankreich das
+_Chassepot_gewehr mit einem Kaliber von 11 mm und einer
+Anfangsgeschwindigkeit von 420 m ein, dem in Deutschland das
+Infanteriegewehr von 1871 gleichfalls von 11 mm Laufweite folgte. Seit
+1888 besitzt das deutsche Heer kleinkalibrige Gewehre von 7-8 mm,
+deren Bleigeschosse von einem Nickelmantel umgeben und deren
+Leistungsfähigkeit im übrigen noch durch Anwendung des rauchlosen
+Pulvers und zugleich dadurch gesteigert worden sind, daß sie
+Patronenkammern haben, welche als Magazingewehre eingerichtet und daher
+als Repetiergewehre benutzbar sind. In manchen Heeren ist man darüber
+hinaus noch zu einem Kleinstkaliber vorgeschritten; so besitzt Rumänien
+ein _Mannlicher_gewehr von 6,5 mm Laufweite mit einem Geschoß von nur
+22,74 g Gewicht, während das Zündnadelgeschoß 40 g, die Chassepotkugel
+noch 32 g wogen. Auch das im Russisch-Japanischen Kriege von 1904/05
+vorwiegend zur Verwendung gekommene _Arusaka_gewehr Modell 94 der
+Japaner ist ein Kleinstkaliber von 6,5 mm Laufweite. Die Leistungen
+dieses Gewehres für die oben genannten Ansprüche sind unübertrefflich
+gewesen; und dennoch hat, wie _Paul v. Bruns_ in überzeugender Weise
+dargetan, der Mandschurische Krieg der weiteren Anwendung eines so
+kleinen Kalibers sehr vernehmlich Halt geboten. Denn in einer, und zwar
+einer sehr wichtigen, Beziehung hat das Kleinstkaliber die Grenze der
+kriegsmäßigen Verwendung bereits überschritten: seine Wirkung ist so
+wenig nachhaltig, daß eine übergroße Zahl der Getroffenen den Kampf
+nicht zu unterbrechen braucht. Voraussichtlich wird daher das deutsche
+Heer bei dem 8-mm-Geschoß bleiben. Für die menschenfreundlichen
+Bestrebungen aber, welche die unvermeidlichen Schrecken des Krieges nach
+Möglichkeit zu mildern suchen, mag es als ein Trost angesehen werden,
+daß die Feuerwirkungen der neuen Gewehre zwar die Todesfälle auf dem
+Schlachtfelde vermöge ihrer Durchschlagskraft vermehren, dafür aber die
+Gesamtverluste eher ab- als zugenommen haben; denn die Sterblichkeit der
+vom Schlachtfeld noch lebend kommenden Verwundeten ist ganz erheblich
+geringer geworden, wodurch _mehr_ als nur ein Ausgleich gegenüber der
+unmittelbar tödlichen Geschoßwirkung herbeigeführt wird.
+
+Alle diese Fragen sind schon im Frieden mit dem größten Eifer gestellt
+und durch Versuche nach Möglichkeit beantwortet worden. An solchen
+Versuchen hat sich, außer den obengenannten Mitgliedern der Deutschen
+Gesellschaft für Chirurgie, in ganz hervorragender Weise die
+Militärmedizinalabteilung des preußischen Kriegsministeriums beteiligt,
+welches allen Veränderungen der kriegsmäßigen Ausrüstung des Heeres die
+größte Aufmerksamkeit zuwandte und durch sehr wertvolle
+Veröffentlichungen die gewonnenen Erfahrungen zum Gemeingute der
+Chirurgen machte. Auf den Chirurgenkongressen haben diese Fragen
+wiederholt ihre Erörterung gefunden. Eine der wichtigsten Mitteilungen
+ist die des Generalarztes _Schjerning_ vom XXX. Kongreß 1901.
+
+Noch in anderer Weise wurde für die Vermehrung der kriegschirurgischen
+Kenntnisse Sorge getragen und zwar durch _Verbesserung und Förderung der
+Krankenpflege_. Sie hing mit den Bestrebungen zusammen, das Los der
+Kriegsverwundeten auf dem Schlachtfelde und in den Kriegslazaretten
+etwas freundlicher zu gestalten als es bisher der Fall gewesen war. Auf
+Anregung eines von reinster Menschenliebe durchglühten Privatmannes
+namens _Henry Dunant_ trat im Jahre 1863 in seiner Vaterstadt Genf ein
+aus Mitgliedern verschiedener Völker gebildeter Ausschuß zur Beratung
+über genannten Gegenstand zusammen, die am 22. August 1864 zum Abschluß
+der sogenannten _Genfer Konvention_ führte. Durch sie verpflichteten
+sich die Staaten gegenseitig, die Kriegsverwundeten, sowie die Ärzte und
+das Pflegepersonal nicht mehr als Feinde zu behandeln, sondern ihnen
+gleiche Pflege und Behandlung angedeihen zu lassen wie den Angehörigen
+des eigenen Landes. Alle Staaten Europas sind im Laufe der Jahre der
+Konvention beigetreten, auch die Türkei unter dem Namen des roten
+Halbmondes, ferner der größere Teil der amerikanischen Staaten und
+Japan. Im Jahre 1906 ist sie einer Neufassung unterzogen worden. -- Eine
+weitere Förderung erhielt die Kriegskrankenpflege durch Gründung von
+Vereinen, die sich ihre Entwicklung und Ausbildung im Kriege und im
+Frieden zum Ziele setzten. So entstand im Kriege von 1864 (6. Febr.) das
+Zentralkomitee des Preußischen Vereins zur Pflege verwundeter und
+erkrankter Krieger, im Jahre 1866 unter der Führung der _Königin
+Augusta_ die Immediatlazarettkommission und, mit Ausbruch des Krieges am
+16. Juni 1866, der Berliner Frauenlazarettverein; endlich nach
+Beendigung des Krieges am 11. November desselben Jahres der
+Vaterländische Frauenverein. Auch die anderen deutschen Staaten blieben
+in der Gründung ähnlicher menschenfreundlicher Vereine nicht zurück, so
+daß ganz Deutschland in immer steigendem Maße mit Vereinen sich überzog,
+deren Aufgabe es war, im Frieden wohltätige Einrichtungen aller Art zu
+fördern und zugleich ein gutgeschultes Heer von Pflegekräften zu
+erziehen die im Kriegsfalle sofort dem Heere zur Verfügung gestellt
+werden können. Besonders wirksam ist diese Einrichtung erst dadurch
+geworden, daß alle solche Vereine sich für den Krieg der
+Militärmedizinalabteilung zur Verfügung gestellt haben, so daß von einer
+Zentralstelle aus eine gleichmäßige Verteilung über die deutschen Heere
+und eine schnelle Ausfüllung aller entstehenden Lücken vorgenommen
+werden kann. So ist der ärztlichen Tätigkeit im Felde eine
+unübertreffliche Hilfe zuteil geworden neben dem ausgebildeten
+Sanitätspersonal, welches _Haase_ schon 1892 auf 45000 Köpfe berechnet
+hat.
+
+Aber auch die kriegsmäßige Ausbildung der Zivilärzte bildet eines der
+Ziele dieser Vereine, die seit ihrer Gründung jeden nahen oder fernen
+Krieg benutzt haben, um wohleingerichtete Kriegslazarette mit Ärzten und
+Pflegepersonal den beiden kämpfenden Heeren zur Verfügung zu stellen.
+Ihre Bestrebungen konnten auch seitens der Deutschen Gesellschaft für
+Chirurgie gefördert werden, da diese nach _Bernhard v. Langenbecks_
+Tode von dessen Nachkommen ein wertvolles Geldgeschenk erhielt, dessen
+Zinsen dazu bestimmt waren, deutschen Ärzten im Falle eines Krieges, an
+dem das Deutsche Reich unbeteiligt bliebe, Gelegenheit zu
+kriegschirurgischen Erfahrungen und Studien zu geben. Zum ersten Male
+ist dieser Grundstock im Mandschurischen Kriege in Anspruch genommen
+worden, in welchem der preußische Oberstabsarzt _Schäfer_ auf russischer
+Seite sehr wertvolle Beobachtungen anstellen und veröffentlichen konnte.
+-- Vor allen Dingen aber war es die Militärmedizinalabteilung der
+deutschen Heere, welche jede Gelegenheit zur Ausbildung in den Kriegen
+der letzten Jahrzehnte durch Entsendung einzelner Militärärzte benutzt
+hat. So ist die Genfer Konvention eine höchst erfolgreiche Handhabe zur
+Förderung der Kriegschirurgie und zur Heranziehung eines Stabes
+vorzüglicher Kriegschirurgen geworden.
+
+Alles das würde indessen nicht ausreichend gewesen sein, um auf dem
+Schlachtfelde selber oder in den nächstgelegenen Verbandplätzen jedem
+einzelnen Verwundeten eine zuverlässige Behandlung zu sichern, wenn es
+inzwischen nicht gelungen wäre, die Wunde in der einfachsten und am
+wenigsten zeitraubenden Weise unter einen vorläufigen Schutz zu stellen;
+denn hätte man die Tausende von Verletzten einer großen Schlacht in
+gleicher Weise behandeln wollen, wie es die umständliche Antiseptik oder
+Aseptik des Friedens verlangt, so wäre keine Macht der Erde imstande
+gewesen, zu verhindern, daß nur einem kleinen Bruchteile die Segnungen
+der neuen Wundbehandlung zuteil geworden wären, während alle übrigen
+nach wie vor den Unbilden der Verunreinigung, der Witterung, des
+Transportes, der Blutungen und der Hospitaleinflüsse ausgesetzt
+geblieben wären.
+
+Die Lösung der hier gestellten Aufgabe ist sowohl von der
+Militärmedizinalverwaltung wie von den im Kongreß vereinigten deutschen
+Chirurgen aufs eifrigste und, soweit es die wechselnden Schwierigkeiten
+der Lage zulassen, mit bestem Erfolge in Angriff genommen worden. Zwei
+Wege waren es, auf welchen man das gesteckte Ziel, wenn nicht völlig zu
+erreichen, so doch ihm möglichst nahe zu kommen suchte.
+
+Den ersten dieser Wege betrat man in Form der _Krankenzerstreuung_, von
+der auf S. 8 bereits die Rede gewesen ist. Dieses schon in früheren
+Kriegen übliche, aber systematisch wohl zuerst von dem hervorragenden
+russischen Chirurgen _Pirogoff_ im Jahre 1847 in den Kriegslazaretten
+des Kaukasus in größerem Umfange angewandte Verfahren ist auch von
+deutscher Seite in den Kriegen von 1864, 1866 und besonders großartig
+1870/71 benutzt worden. Auch auf diesem Felde hat aber die veränderte
+Geschoßwirkung des Kleinkalibers zu Abweichungen von der ursprünglichen
+Handhabung gezwungen, von denen wir teils aus der Deutschen
+Kriegssanitätsordnung, teils aus dem an das Zentralkomitee der deutschen
+Vereine vom Roten Kreuz gesandten Berichte _Walter v. Öttingens_ vom
+September 1905 Näheres erfahren. Nach ihm wurden auf dem
+Sortierungspunkte in Mukden die eingelieferten Verwundeten in drei
+Gruppen geteilt: Leichtverwundete, die so lange an Ort und Stelle
+verblieben, bis sie zu ihren Truppenteilen zurückkehren konnten, und
+Schwerverwundete, die bis zu ihrer Transportfähigkeit gleichfalls dort
+in Behandlung waren. Dagegen wurden die Zugehörigen zur dritten Gruppe,
+nämlich alle jene Fälle, die zwar eine lange Heilungsdauer erheischten,
+aber doch transportfähig waren, möglichst schnell rückwärts gesandt,
+nachdem man sie durch Gipsverband, Operation oder nur gutsitzende
+Verbände dazu fähig gemacht hatte.
+
+Immerhin entspricht auch dies Verfahren bei weitem noch nicht den
+dringenden Anforderungen des Schlachtfeldes selber, wie sie an die
+ärztlichen Begleiter der Truppenteile und deren Krankenträger
+gelegentlich herantreten. In früheren Kriegen haben sich die jungen
+Ärzte wohl damit beschäftigt, Kugeln schon auf dem Kampfplatze
+auszuziehen und herauszuschneiden, weil dies von den Verwundeten selber
+aufs lebhafteste verlangt wurde. Das ist ein in keiner Weise zu
+billigendes Verfahren, weil es die Arbeitskräfte auf unwesentliche
+Nebendinge ablenkt und dem Verletzten niemals nützt, aber vielfach
+schadet. Überhaupt sollten die Operationen auf dem Schlachtfelde und in
+den ersten Verbandplätzen im allgemeinen verboten sein, oder doch sehr
+eingeschränkt werden. Nur die Verletzungen des Bauches und großer Gefäße
+machen eine Ausnahme, zumal wenn letztere so gelegen sind, daß ihnen
+durch Anlegung einer zentralwärts angebrachten elastischen Binde nicht
+beizukommen ist; denn sonst würde der Verwundete während des Transportes
+zum Lazarett sich voraussichtlich verbluten. Alle übrigen Wunden aber
+bedürfen nur eines schnell anzulegenden Schutzverbandes, die
+Knochenschüsse zugleich einer Schienung. Das sind die jetzt wohl
+allgemein geltenden Grundsätze der ersten Behandlung von
+Kriegsverletzungen.
+
+Der Trieb, einen solchen ganz einfachen und doch wirksamen Verband
+herzustellen, hat die deutschen Chirurgen schon seit dem Bestehen der
+Deutschen Gesellschaft für Chirurgie beherrscht. Auf dem V. Kongreß von
+1876 hielt _Friedrich Esmarch_ einen Vortrag: »Die antiseptische
+Wundbehandlung in der Kriegschirurgie«, den er im Jahre 1879
+vervollständigte. In beiden Reden legte er die Grundsätze dar, denen
+zwar einzelne Chirurgen in den vorangegangenen Kriegen, insbesondere
+B. v. _Langenbeck_, bereits gefolgt waren, ohne daß sie aber bei der
+Mehrzahl Anerkennung gefunden hätten -- die Grundsätze: vor allen Dingen
+durch Fingeruntersuchung der Wunden und Sondeneinführung keinen Schaden
+anzurichten, die zerschossenen Knochen ruhigzustellen, endlich den in
+seiner ganzen Strenge auf dem Schlachtfelde und auf dem Notverbandplatze
+nicht durchführbaren antiseptischen Verband aufs äußerste zu
+vereinfachen. _Esmarch_ wurde hier der Urheber des _Verbandpäckchens_,
+welches aus einem antiseptischen Ballen, einem dreieckigen Tuche und
+einer Binde bestehend, in die Uniform eingenäht, jedem ins Gefecht
+ziehenden Krieger mitgegeben wurde, um bei seiner Verwundung sofort zur
+Hand zu sein. Dies Päckchen hat sich, wenn auch vielfach verändert, bis
+heute erhalten; es wird noch in der Kriegssanitätsordnung vom Januar
+1907 als zur Ausrüstung des Feldsoldaten gehörig aufgeführt.
+
+Zahlreiche Chirurgen haben seitdem auf den Schlachtfeldern von vier
+Erdteilen jene Grundsätze praktisch erproben können. Als die ersten
+sind aus dem Russisch-Türkischen Kriege von 1877 _Karl Reyher_ aus
+Dorpat und _Ernst v. Bergmann_ zu nennen, von denen ersterer auf dem
+kleinasiatischen Kriegsschauplatze, letzterer an der Donau tätig war.
+Während aber _Reyher_ in einem wohlausgestatteten Lazarette des Roten
+Kreuzes arbeitete und deshalb den Forderungen der antiseptischen
+Behandlung in vollem Umfange genügen konnte, war _Bergmann_ in den
+mörderischen Schlachten der russischen Donauarmee in wesentlich
+schwierigeren Verhältnissen, in welchen er dennoch durch Befolgung der
+Grundsätze einer konservativen Chirurgie in Verbindung mit einer den
+Umständen angepaßten aseptischen Behandlung ganz überraschende Erfolge
+erzielte. Er wird daher als Begründer der Asepsis in der Kriegschirurgie
+angesehen, was _Esmarch_ gegenüber wohl nicht ganz gerecht ist; denn
+wenn dieser auch noch chemische Mittel in Anwendung zog, so ist doch das
+Verfahren beider sonst ziemlich gleich; und chemische Mittel sind auch
+heute noch nicht ganz aus der Kriegschirurgie geschwunden. So wird von
+_Walter v. Öttingen_ die von R. _Credé_ im Jahre 1896 zuerst
+empfohlene Behandlung mit Silbersalzen (Kollargol) für den ersten
+Verbandplatz außerordentlich gerühmt; und zwar geschah die Anwendung des
+gänzlich ungiftigen Mittels in folgender Weise: die Wunde und ihre
+Umgebung wurde nicht gewaschen, sondern letztere nur mit einer
+Harzlösung bestrichen, um die an Haut und Haaren klebenden Bakterien
+mechanisch festzuhalten, auf die Wunde eine Silbertablette gelegt und
+über dieser ein aseptischer Ballen mit einer Binde befestigt. An
+Einfachheit läßt dieser Verband gewiß nichts zu wünschen übrig.
+
+Noch sei mit kurzen Worten auf die Bedeutung hingewiesen, welche
+_Röntgens_ große Erfindung, die Aktinographie, auch für die
+Kriegschirurgie gewonnen hat. Sie hat vor allen Dingen die
+kriegschirurgische Erkenntnis aller Einzelheiten der Wunde möglich
+gemacht, insbesondere nach der Richtung steckenbleibender Fremdkörper
+und der Knochenverletzungen; und hat solche Feststellung ermöglicht,
+ohne Beunruhigung der Wunde und ohne Schmerz hervorzurufen.
+Selbstverständlich hat dabei auch die Behandlung gewonnen und zwar nicht
+allein der frischen Wunden; denn die Heilungsvorgänge verletzter Knochen
+lassen sich auch durch den Wund- und Gipsverband hindurch in
+regelmäßiger Wiederholung der Durchleuchtung beobachten. Der Wert des
+Verfahrens hat sich schnell als so erheblich erwiesen, daß die
+Militärmedizinalverwaltungen aller Länder sich zur Anschaffung
+entsprechender Apparate bewogen sahen. So besitzen wir denn zurzeit
+bereits aus sieben Kriegen Mitteilungen über diagraphische
+Untersuchungen, zuerst seitens der Italiener im abessinischen Feldzuge
+von 1896, in welchem die Studien freilich erst begannen, nachdem die
+Verwundeten die heimatlichen Lazarette erreicht hatten. Ebenso stammen
+die Berichte von _Küttner_ und _Abbott_ aus dem Griechisch-Türkischen
+Kriege von 1897 nicht vom Schlachtfelde, sondern aus Konstantinopel und
+Phalarus, betreffen also ältere Verwundungen. Dagegen haben die
+nachfolgenden Kriege der Engländer gegen die Afridis und im Sudan, der
+Spanisch-Amerikanische, der Burenkrieg (1899/1900), der Hererokrieg in
+Südwestafrika (1904/07), endlich der Russisch-Japanische Krieg von
+1904/05 ein sehr reiches Beobachtungsmaterial sowohl vom Schlachtfelde,
+wie aus den Reservelazaretten gebracht. Alles das ist in dem vom
+Generalarzt _Schjerning_ und seinen Mitarbeitern _Thöle_ und _Voß_ im
+Jahre 1902 herausgegebenen »Archiv und Atlas der normalen und
+pathologischen Anatomie in Röntgenbildern (Abteilung: Die
+Schußverletzungen)« zusammengefaßt und bearbeitet, der im Jahre 1913
+bereits eine zweite, erweiterte Auflage erfahren hat. Das Werk ist eine
+ausgezeichnete Quelle der Belehrung über alle Formen der
+Schußverletzungen.
+
+So hat denn die Kriegschirurgie nach allen Richtungen Förderung und
+Erweiterung erfahren. Die schnelle Aneignung und Verwertung aller auf
+dem Gebiete der wissenschaftlichen Chirurgie wie der gesamten
+Naturwissenschaften liegenden neuen Errungenschaften, die fleißige und
+unausgesetzte Arbeit der Militärmedizinalverwaltung und der
+Chirurgenkongresse haben sie auf eine Höhe gebracht, die weit von dem
+Zustande um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert verschieden ist und
+der die begründete Hoffnung zuläßt, daß sie im Falle eines neuen
+Krieges, trotz der ungeheuren Entwicklung der Waffentechnik, ihre
+Aufgaben voll und ganz zu erfüllen imstande sein werde.
+
+
+
+
+ Kapitel XI.
+
+ Wandlungen auf dem Gebiete spezifischer Infektionskrankheiten und
+ bösartiger Neubildungen.
+
+
+Noch eine zweite Gruppe von Wunden und Verschwärungen macht eine eigene
+Betrachtung notwendig, nämlich solche, welche in _tuberkulösen Geweben_
+vorkommen. Zwar vermochte _Köster_ in Bonn schon im Jahre 1869 das
+Vorkommen von Knötchen (Tuberkeln) in der Synovialhaut der Gelenke
+nachzuweisen; dennoch hatte man bis zur Entdeckung des Tuberkelbazillus
+im Jahre 1882 nur sehr unbestimmte Vorstellungen von dem eigentlichen
+Wesen gewisser Knochen- und Gelenkkrankheiten, die in der Unterscheidung
+kalter und heißer Abszesse, sowie in der Bezeichnung gewisser, sehr
+langsam verlaufender Gelenkleiden als Tumor albus, weiße
+Gelenkgeschwulst, ihre schüchterne Andeutung fanden. Diese und manche
+andere Erscheinungen, die Unterernährung des Körpers, die Blässe der
+Hautdecken, Lymphdrüsenschwellungen, die Neigung zu mancherlei
+Ausschlägen, zumal am kindlichen Körper, faßte man als Skrophulosis,
+Schweinchenkrankheit, zusammen, unter einem Ausdrucke also, welcher der
+Auftreibung des Halses durch Vergrößerung der zahlreichen dort
+eingebetteten Lymphdrüsenketten eine Ähnlichkeit mit dem kurzen,
+gedrungenen Halse des Ferkels beizulegen sich bemüht. Von einem
+Zusammenhange dieser »Skrofulose« mit der Tuberkulose, der
+Knötchenkrankheit der Lungen, hatte man damals noch keine Vorstellung,
+selbst dann noch nicht, als die Tuberkel als regelmäßiger Befund bei
+Lungenphthise längst entdeckt waren. Erst auf der Münchener
+Naturforscherversammlung von 1877 und auf dem Chirurgenkongreß von 1878
+(_Karl Hüter_) wurde wenigstens eine Verwandtschaft dieser Vorgänge
+wahrscheinlich gemacht. Ebensowenig wußte man Sicheres von der
+tuberkulösen Natur des Lupus, jener entsetzlichen Hautkrankheit, welche
+das menschliche Antlitz in eine abscheuerregende Maske verwandelt,
+obwohl _Friedländer_ schon im Jahre 1872 Tuberkel in lupöser Haut
+beschrieben hatte. Aber nach der Entdeckung des Erregers der Tuberkulose
+folgten die Aufklärungen Schlag auf Schlag. Schon Anfangs 1883 konnte
+_Doutrelepont_ in Bonn über den Nachweis von Tuberkelbazillen im
+Lupusgewebe berichten; und nachdem _Koch_ in seiner großen klassischen
+Arbeit von 1884 auch den Lupus in seine Besprechung miteinbezogen, die
+spezifischen Bazillen innerhalb der Riesenzellen nachgewiesen hatte, war
+ein Zweifel an der Tatsache, daß dieser eine rein tuberkulöse Krankheit
+sei, nicht mehr möglich. In gleicher Weise gelang der Nachweis des
+Tuberkelbazillus in Knochen, Gelenken und in allen Weichteilen, welche
+entweder durch kleine und größere Verletzungen von außen her, oder auf
+dem Wege des Blutstromes mit Bazillen oder ihren Sporen in Berührung
+kamen.
+
+Es war selbstverständlich, daß mit dieser Feststellung den Wundärzten
+die Hoffnung wuchs, die einmal ausgebrochene Krankheit mit Hilfe einer
+immer zuverlässiger werdenden Wundbehandlung zu bezwingen. In der Tat
+hatte schon die _Lister_sche Antisepsis manchen schönen Erfolg bei der
+Operation kalter Abszesse, durch Resektion »skrofulös« erkrankter
+Gelenke, Beseitigung käsiger Knochenherde und ähnlicher Leiden aufweisen
+können; aber die Erwartung, _alle_ mehr peripher gelegenen
+Krankheitsherde operativ und mit Hilfe der Antisepsis der Heilung
+zuführen zu können, mußte schon aus dem Grunde Schiffbruch leiden, weil,
+wie erst spätere Studien festgestellt haben, die Tuberkulose sehr häufig
+in vielen Herden auftritt, indem Ausbrüche an den verschiedensten
+Körperteilen entweder gleichzeitig oder nacheinander erfolgen. Dies
+Verhalten findet seine Erklärung in dem Umstande, daß oft ein tief
+verborgener käsiger Herd die Quelle für die auf dem Blutwege
+erfolgende Vergiftung des Körpers mit Tuberkelbazillen und ihren
+Fortpflanzungsorganen darstellt. Nicht einmal bei einer so oberflächlich
+gelegenen Erkrankungsform, wie dem Lupus der äußeren Haut, gelang in
+vorgeschrittenen Fällen die Heilung, die höchstens bei noch sehr wenig
+umfangreichen, aber frühzeitig erkannten Herden durch vollkommene
+Ausschneidung des veränderten Hautstückes in den meisten Fällen erreicht
+wurde. Die lupöse Hauterkrankung verhielt sich also dem Messer gegenüber
+ganz ähnlich, wie wir es weiterhin von den Hautkrebsen kennen lernen
+werden.
+
+Immerhin ergab die antiseptische Behandlung schon aus dem Grunde
+erheblich bessere Heilungen, wie je zuvor, weil die Infektion
+tuberkulöser Wunden und Geschwüre mit eitererzeugenden Keimen ein
+üppigeres Wachstum der Tuberkelbazillen herbeizuführen scheint. Trotzdem
+blieb die Behandlung unbefriedigend, da doch die meisten Kranken, die
+wegen tuberkulöser Leiden einer Operation unterworfen waren, entweder
+örtlich Rückfälle bekamen, oder nach einiger Zeit gar einer allgemeinen
+Tuberkulose zum Opfer fielen. _Billroth_ berechnete unter seinen wegen
+tuberkulöser Erkrankung ausgeführten Gelenkresektionen nicht weniger wie
+27 %, _König_ (1880) nach einer offenbar zu kurzen Beobachtungszeit
+immerhin schon 21,5 % Todesfälle an miliarer Ausbreitung des Leidens über
+den ganzen Körper. So wuchs denn die Sehnsucht nach einem spezifischen
+Mittel zur Unterdrückung wenigstens örtlicher Tuberkulose; und ein
+solches glaubte _Mosetig v. Moorhof_ in Wien im Jahre 1880 in dem
+Jodoform gefunden zu haben. Überaus schnell kam das Mittel in Aufnahme.
+Man bestreute Wunden in tuberkulösen Geweben dick mit Jodoformpulver und
+nähte darüber zu, man entleerte kalte Abszesse mittels des Trokars oder
+der _Pravaz_schen Saugspritze und füllte den so entstehenden Hohlraum
+zum Teil mit einer Jodoform-Glyzerin-Aufschwemmung. Aber auch hier blieb
+eine gewisse Enttäuschung nicht aus, wie schon auf S. 41 geschildert
+worden. Denn einerseits forderten die Vergiftungen, welche das zumal in
+fetthaltigen Geweben aus der Gebundenheit des Jodoforms freiwerdende Jod
+hervorrief, zu immer größerer Vorsicht auf, anderseits wurden die
+antiseptischen Eigenschaften des Mittels immer zweifelhafter; und selbst
+die spezifische Wirksamkeit auf Tuberkelbazillen blieb nicht
+unangefochten, wenn sie auch niemals gänzlich bestritten worden ist. Man
+benutzte zwar das Jodoform, zuweilen auch reines Jod in Gestalt der
+Jodtinktur noch weiterhin als das beste Mittel gegen tuberkulöse
+Erkrankungen, hat aber die Vorstellungen von einer durchaus sicheren
+Einwirkung auf Entstehung und Ausbreitung der Bazillen, selbst in leicht
+zugängigen Geweben, längst aufgeben müssen. Noch im Jahre 1913 hat
+dieser Gegenstand den Chirurgenkongreß beschäftigt, in dem die schon
+früher von _Rinne_ (1884) angeratene Behandlung eiternder
+Gelenktuberkulosen durch breite Eröffnung und halboffene Ausstopfung der
+Wunde mit Jodoformmull von neuem dringend empfohlen wurde. --
+
+ * * * * *
+
+Aber noch einmal sollte der medizinischen Welt die Hoffnung auf ein
+spezifisches Heilmittel erweckt werden und zwar diesmal in Form einer
+Einwirkung auf bazillenhaltige Gewebe vom Blute aus. Die dabei sich
+abspielenden Vorgänge sind in einer Weise dramatisch belebt und
+erregend, daß sie wie der Höhepunkt einer Schicksalstragödie anmuten.
+Indessen wenn sie auch bei der allein in Betracht kommenden Krankheit
+zunächst mit einer Niederlage, einer grausamen Zerstörung uferloser
+Hoffnungen geendet haben, so wurden sie doch der Ausgang einer neuen
+Entwicklung, die auch der Chirurgie unendliche Vorteile gebracht hat,
+und deren weitere Folgen für die Zukunft noch in keiner Weise übersehen
+werden können.
+
+Es war in der ersten Sitzung vom 4. August 1890 des in Berlin tagenden
+X. Internationalen medizinischen Kongresses, als _Robert Koch_ den von
+ihm angekündigten und mit Spannung erwarteten Vortrag: »Über
+bakteriologische Forschung« hielt. Darin teilte er mit, daß er schon
+bald nach der Entdeckung des Tuberkelbazillus angefangen habe, nach
+Mitteln zu suchen, welche sich zur Behandlung der Tuberkulose verwerten
+ließen. Solche Mittel müßten die Fähigkeit haben, nicht nur Reinkulturen
+von Bazillen in ihrer Entwicklung zu hemmen, sondern auch im lebenden
+Tierkörper die gleiche Wirkung zu entfalten; erst dann dürften Versuche
+am Menschen nachfolgen. Inzwischen sei es ihm gelungen, eine Flüssigkeit
+herzustellen, welche bei der Einverleibung in den Körper gesunder
+Meerschweinchen wirkungslos bleibe, dagegen bei hochgradig tuberkulösen
+Tieren die Krankheit völlig zum Stillstande bringe, ohne den Körper
+nachteilig zu beeinflussen.
+
+Die Art der Zusammensetzung und der Herstellung des Mittels wurde
+zunächst noch verschwiegen. Dennoch rief schon diese Äußerung eine
+bedeutende Erregung hervor, da sie eine große Idee zur Heilung der
+entsetzlichen Krankheit ahnen ließ.
+
+Unter _Kochs_ und seiner Assistenten Leitung wurden nun sofort in
+verschiedenen Krankenanstalten, auch in der Charité und in
+v. _Bergmanns_ chirurgischer Klinik Prüfungen des Verfahrens am lebenden
+Menschen vorgenommen, von denen genug in die Öffentlichkeit drang, um
+die Erwartungen zur Siedehitze zu steigern. Auch fehlte es nicht an
+begeisterten Lobpreisungen der Erfindung und des Erfinders seitens aller
+an den Versuchen beteiligten Ärzte. So veranstaltete _Ernst
+v. Bergmann_ am 16. November 1890 eine außerordentliche Sitzung der
+Freien Vereinigung Berliner Chirurgen, um über die bisherigen
+Beobachtungen Bericht zu erstatten und in Behandlung befindliche Kranke
+vorzuführen. Von nah und fern waren die besten Vertreter der Medizin in
+großer Zahl zusammengeströmt. »Seit den Zeiten des _Hippokrates_ und
+_Galen_,« so sagte v. _Bergmann_ in seiner Einführungsrede, »war es
+keinem gegeben, gleichzeitig die Erscheinungen der Krankheit und ihre
+Ursachen zu erkennen, sowie ihre Heilung zu sichern. Es scheint, als ob
+in _Robert Koch_ unserer Nation dies große Glück geschenkt worden sei.
+Wäre irgend ein anderer aufgetreten mit der Nachricht, daß er ein
+Heilmittel gegen die Tuberkulose gefunden habe, er würde bei uns kein
+Glück gehabt haben.« Der also Gefeierte war allerdings allen Bemühungen
+zum Trotz der Versammlung ferngeblieben; aber wenige Tage zuvor, am 13.
+November, hatte er einen Aufsatz veröffentlicht: »Weitere Mitteilungen
+über ein Heilmittel gegen Tuberkulose«, in welchem er seine bisher
+gewonnenen Anschauungen niederlegte. Das Mittel (welches erst später den
+Namen Tuberkulin erhielt) bleibt in seiner Zusammensetzung noch
+unbesprochen. Fest stehe aber, daß es eine spezifische Wirkung auf
+tuberkulöse Prozesse habe, welcher Art sie auch immer sein mögen; es
+könne daher auch als diagnostisches Hilfsmittel für verborgene
+tuberkulöse Herde dienen. Wichtiger sei seine Bedeutung als Heilmittel;
+freilich töte es nicht die Tuberkelbazillen, sondern nur das tuberkulöse
+Gewebe, welches demnach zwar absterben, aber dennoch Bazillen weiterhin
+enthalten könne. Auf totes Gewebe, Käse, nekrotische Knochen wirke es
+nicht mehr; demnach sei es Aufgabe des Chirurgen, das abgestorbene
+Gewebe möglichst bald aus dem Körper zu entfernen. Da dies bei
+Tuberkulose innerer Organe, zumal bei Lungenphthisis schwer erreichbar
+sei, so könne letztere nur im Beginne mit Sicherheit geheilt werden. --
+Übrigens werde die Flüssigkeit den Ärzten, welche Versuche machen
+wollten, schon jetzt zur Verfügung gestellt.
+
+Man wird sich später nur noch schwer eine Vorstellung davon machen
+können, welch ein Taumel des Entzückens, welch ein jubelnder Aufschrei
+der Wonne durch die ganze Ärztewelt ging; und nicht nur durch diese: die
+gesamte Menschheit, soweit sie den Kulturvölkern angehörte, war wie in
+einem Schwindel der Begeisterung gegenüber der nicht mehr bezweifelten
+Annahme, daß der heimtückische, schlimmste Feind des Menschen, dem
+alljährlich Hunderttausende nach entsetzlichem Siechtum zum Opfer
+fielen, nunmehr niedergerungen, zu Boden gestreckt, vernichtet sei.
+Hatte doch _Koch_ gesprochen, der Mann, der noch niemals eine Entdeckung
+hinausgegeben hatte, ehe sie fest und unantastbar dastand. Gleich einem
+wilden, vom Gewittersturme aufgepeitschten Bergstrome überflutete die
+Erregtheit der öffentlichen Meinung alle Dämme, welche Vorsicht und
+Besonnenheit aufzurichten versuchten. Hunderte von Heilanstalten für
+Tuberkulöse erstanden über Nacht, die mit der Herstellung des Mittels
+beauftragten Ärzte waren der Nachfrage auch nicht entfernt gewachsen,
+die Glücklichen, denen es gelungen war, sich rechtzeitig eine
+angemessene Menge der heilenden Flüssigkeit zu sichern, wurden von
+allen Seiten bestürmt, angefleht, selbst beschimpft, wenn sie sich
+weigerten, ein in seiner Zusammensetzung noch ganz unbekanntes Mittel
+aus der Hand zu geben, ehe sie selber vorsichtige Versuche damit
+angestellt hätten. Die medizinische, unterstützt von der politischen
+Tagesliteratur brachte fast in jeder Nummer Aufsätze über die _Koch_sche
+Behandlung, veranstaltete Sonderausgaben und steigerte die Aufregung. Um
+die Jahreswende 1890/91 schien es zuweilen fast, als habe sich die Welt
+unter der Einwirkung des Tuberkulins in ein Tollhaus verwandelt.
+
+Der erste, aber sehr vernehmliche Halt wurde der Bewegung geboten, als
+_Virchow_ am 7. Januar 1891 in der Berliner Medizinischen Gesellschaft
+über die Wirkung des _Koch_schen Mittels sprach, soweit er sie an
+Leichen von Menschen, die während des Lebens nach _Kochs_ Vorschriften
+behandelt worden waren, bei der Leichenöffnung hatte feststellen können.
+Zum erstenmal wurde hier der bestimmte Verdacht ausgesprochen, daß die
+in den tuberkulösen Herden künstlich erzeugte Blutfülle und Erweichung
+die in den Geweben lagernden Tuberkelbazillen freizumachen und ihre
+Verschleppung in Nachbargewebe, selbst in weite Ferne, herbeizuführen
+vermöge. -- Am 15. Januar erschien dann _Kochs_ dritte Äußerung, welche
+mitteilte, daß der Stoff, mit welchem sein Heilverfahren geübt werde,
+ein Glyzerinextrakt aus den Reinkulturen der Tuberkelbazillen sei. Im
+übrigen hielt der Verfasser durchaus an seinem früheren Standpunkte fest
+und wies vereinzelte Behauptungen, daß die Behandlung nicht nur
+gefährlich werden, sondern geradezu schädlich sein könne, mit aller
+Entschiedenheit ab. Demgemäß wurden die Versuche am Menschen in Kliniken
+und Krankenhäusern ununterbrochen fortgesetzt.
+
+Am 1. April 1891 wurde von dem Vorsitzenden _Karl Thiersch_ der XX.
+Chirurgenkongreß in der Aula der Universität eröffnet, für dessen ersten
+Tag _Ernst v. Bergmann_ einen »Einleitenden Vortrag zu der Besprechung
+über die _Koch_sche Entdeckung« übernommen hatte. _Robert Koch_ war zu
+dieser Sitzung eingeladen und hatte auf der ersten Sitzreihe, dem
+Rednerpulte gegenüber, Platz genommen. In der ihm eigenen schwungvollen
+Redeweise hob v. _Bergmann_ als das Neue und Überraschende der Methode
+hervor, daß die Einverleibung des Mittels an entfernter Körperstelle
+eine Entzündung erzeuge und zwar eine solche, die sich auf tuberkulös
+erkrankte Gewebe beschränke. Für die Besprechung stellte er mehrere
+Thesen auf, deren Bedeutung er selber eingehend erörterte. Man merkte
+dem sehr gewandten Redner eine gewisse Befangenheit an, als er mit dem
+Geständnis schloß, daß man noch nicht so weit gekommen sei, einen
+wesentlichen und vollends den erhofften großen Gewinn für die Kranken
+aus dem neuen Verfahren zu ziehen. Er endete seine Rede mit der Hoffnung
+auf fleißige klinische Arbeit der Zukunft, die vielleicht anderes und
+Besseres bringen werde als bisher.
+
+Als zweiter Redner trat _Franz König_ auf, der hochgewachsene blonde
+Hesse mit dem nur noch wenig behaarten Schädel und dem spitzen
+Kinnbarte, ein ernster, aufrechter Mann, dessen Züge nur selten durch
+ein Lächeln gemildert wurden, während er doch ein menschenfreundliches
+Herz in der Brust trug; der immer nur die Wahrheit suchte und, falls er
+sie gefunden zu haben glaubte, sie rückhaltslos, zuweilen mit einer
+gewissen Herbheit, vertrat. Schon in seiner Göttinger Zeit hatte er
+sich, neben _Richard v. Volkmann_, die größten Verdienste um die
+Ausbildung der Lehre von der Tuberkulose der Knochen und Gelenke
+erworben; er war also zweifellos zur Prüfung der aufgeworfenen Frage
+ganz besonders berufen. Noch mehr aber durch seinen lauteren Charakter;
+denn von Anfang an war er der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, zu
+deren Mitbegründern er zählte, ein volles Menschenalter hindurch der
+getreue Eckart, der scharf, klar und ohne Menschenfurcht jede
+Unvollkommenheit geißelte, jede Überschwenglichkeit dämpfte. In seiner
+ruhigen, geläufigen Redeweise gab er seine Meinung dahin ab, daß in
+derselben Form, wie er früher einmal eine Ausbreitung der Tuberkulose
+als Folge operativer Eingriffe beschrieben habe, das Tuberkulin
+gelegentlich zur Verschleppung der Bazillen und zu deren Aussaat über
+den ganzen Körper den Anlaß geben könne. Aber auch er wünschte dennoch
+einen, wenn auch sehr vorsichtigen Weitergebrauch des Mittels, unter
+gleichzeitiger Benutzung sowohl des Jodoforms, wie der Operation. Von
+ihm fiel der von vielen Zuhörern im stillen bestätigte Ausspruch, das
+Aussehen seiner Klinik sei im Laufe des letzten Winters so gewesen, daß
+er Gewissensbisse gehabt und sich vor fremden Menschen, denen er die
+Klinik zeigen sollte, geschämt habe. Weiterhin sprachen noch _Schede_
+(Hamburg), _Lauenstein_, v. _Eiselsberg_ und _Küster_, von denen keiner
+für die unbedingte Fortsetzung der Versuche sich einlegte; sogar die
+Sicherheit des diagnostischen Wertes des Tuberkulins fand Anzweiflung,
+und _Kochs_ Angabe, daß letzteres die die Bazillen einhüllenden Gewebe
+zum Absterben bringe, konnte auf Grund eingehender Untersuchungen von
+_Schimmelbusch_ und _Karg_ nicht einmal für den eigentlichen Tuberkel
+bestätigt werden. Nur die örtliche Blutfülle und Reizung wurde
+anerkannt. -- Immerhin war die Gesellschaft auf Vorschlag des
+Präsidenten damit einverstanden, daß die weitere Besprechung des
+Gegenstandes auf den nächstjährigen Kongreß verschoben würde.
+
+Während in dieser Weise die Beobachtung am Krankenbette durch den Mund
+ihrer Vertreter, selbstverständlich immer unter ausgesprochener
+Huldigung seines Genius, gegen _Kochs_ Entdeckung und ihre Deutung die
+wuchtigsten Keulenschläge richtete, saß ihr Urheber bleich und wortlos,
+mit versteintem Gesichte, über welches nur hier und da ein Schatten, ein
+leichtes Zucken der Lippen flog, den Rednern gegenüber. Sah er doch in
+der fast einmütigen, wenn auch sehr zurückhaltenden Verurteilung seiner
+Methode durch die Vertreter der deutschen Chirurgie das Ergebnis langer
+mühsamer Forschung, wenn nicht vernichtet, so doch aufs äußerste
+gefährdet und ins Wanken gebracht. Und doch waren die Geschehnisse dem
+bisherigen und auch späteren Vorgehen _Kochs_ so wenig entsprechend, daß
+man sich fragen muß, wie es möglich war, daß der überragende Geist, der
+bisher die großartigsten Geschenke an seine Wissenschaft und an die
+Menschheit erst herausgegeben hatte, nachdem jede, auch die entfernteste
+Möglichkeit einer anderen Deutung auf das Sorgfältigste erwogen und
+entweder abgetan oder richtig erklärt worden war, der also nur völlig
+reife und unantastbare Ergebnisse veröffentlicht hatte, in dieser so
+überaus wichtigen Frage mit einem unreifen, nicht abgeschlossenen
+Erzeugnis vor die ärztliche Welt getreten war. Die Erklärung liegt
+darin, daß Menschliches, Allzumenschliches sich in die stille Werkstatt
+des Gelehrten eingedrängt und seine Zirkel gestört hatte.
+
+_Koch_ selber hat dies mit den Worten angedeutet, es sei zu viel von
+seinen Untersuchungen durchgesickert, als daß sich die Veröffentlichung
+habe aufschieben lassen. Nun stand im Sommer 1890 der Internationale
+medizinische Kongreß bevor, der zum erstenmal in der Hauptstadt des
+geeinigten Deutschen Reiches tagen sollte; da war es begreiflich, daß
+alle Beteiligten den brennenden Wunsch hatten, diese Zusammenkunft der
+medizinischen Gelehrsamkeit der ganzen Erde recht glänzend zu gestalten.
+Als daher der damalige Kultusminister v. _Goßler_, ein Mann von hoher
+Intelligenz und von ungewöhnlichem Verständnis für die Aufgaben
+naturwissenschaftlicher und medizinischer Forschung, durch v. _Bergmann_
+über _Kochs_ Untersuchungen unterrichtet wurde, da erwuchs in beiden
+Männern der Gedanke, durch eine einleitende Rede des Forschers, die der
+Welt eine neue großartige Entdeckung bringe, den Verhandlungen der
+gelehrten Vereinigung einen besonders glanzvollen Auftakt zu geben.
+_Koch_ weigerte sich zunächst mit aller Entschiedenheit, eine in
+keiner Weise abgeschlossene Untersuchung, welche dennoch die
+leidenschaftlichsten Erwartungen wachzurufen geeignet war, bereits in
+die Öffentlichkeit zu tragen; allein den immer stürmischer werdenden
+Überredungskünsten von beiden Seiten hat er auf die Dauer nicht
+widerstehen können. So ist es denn geschehen, daß in seinem Systeme
+nicht nur der Schlußstein, die Prüfung am menschlichen Körper, fehlte,
+sondern daß an den Tieren, welche er durch Tuberkulin geheilt zu haben
+glaubte, niemals Sektionen vorgenommen worden sind[1]. Diese Versäumnis,
+diese bedauernswerte Übereilung hat er mit einem Ikarischen Fluge und
+Sturze zu bezahlen gehabt, der zwar dem Andenken des unvergleichlichen
+Forschers kaum einen Eintrag zu tun vermag, der aber doch, wie heute
+zugestanden werden muß, unzähligen Menschen die Gesundheit zerstört und
+ein frühes Ende bereitet hat. Das tragische Schicksal dieser an sich so
+großartigen Erfindung bleibt für alle Zeiten eine ergreifende Warnung,
+wenn auch nicht leicht wieder so viele ungünstige Umstände
+zusammentreffen werden, um einen Genius gleich _Robert Koch_ zu Falle zu
+bringen.
+
+ [1] _Buchholtz_, Ernst v. Bergmann. Leipzig 1911. -- Die Angaben über
+ die Ereignisse, wie sie oben geschildert worden sind, beruhen zum Teil
+ auf mündlichen Mitteilungen v. Bergmanns an den Verfasser.
+
+Das weitere Schicksal des Tuberkulins ist schnell erzählt. Der Kongreß
+von 1892 brachte nicht etwa eine Wiederaufnahme der Besprechung des
+Vorjahres, sondern an bescheidener Stelle, am Nachmittage des zweiten
+Sitzungstages einen Vortrag _Franz Königs_: »Die moderne Behandlung der
+Gelenktuberkulose«. Er enthält zunächst das Eingeständnis, daß eine
+ideale Heilung, d. h. eine Beseitigung aller Äußerungen der Krankheit an
+den Gelenken, wie an anderen Organen nicht erzielt werden könne und
+deshalb zu übergehen sei. »Weder bei den medikamentösen, noch bei den
+Impfversuchen (Tuberkulin) ist bis jetzt etwas herausgekommen. So sehr
+sie eine Zeitlang die Menschheit aufgeregt haben, sie müssen als
+Zukunftsmusik bezeichnet werden.« Demnach sei die Gelenktuberkulose nach
+wie vor örtlich zu behandeln und zwar in dreifacher Weise: durch
+Absetzung der Glieder oder Ausschneidung der Gelenke, durch subkutane
+Einspritzung von Arzneistoffen (Jodoform); endlich durch
+funktionell-physikalische Einwirkung auf die Glieder. Die erstgenannte
+Gruppe, die Behandlung durch das Messer, sei nach Möglichkeit
+einzuschränken, aber keineswegs zu entbehren. -- Die nachfolgenden
+Redner sprachen sich in ähnlicher Weise aus; so sagte v. _Bergmann_,
+durch die Einführung der Jodoformeinspritzung sei wirklich mehr
+geschaffen, als durch das, was _Koch_, _Liebreich_, _Schüller_ u. a. vom
+Blute aus auf die kranken Gelenke hätten bewirken wollen. -- Die Sitzung
+wurde weiterhin dadurch denkwürdig, daß _August Bier_ (Kiel) sein neues
+Verfahren einer konservativen Behandlung der Gelenktuberkulose durch
+Stauung vortrug.
+
+So war denn für die Chirurgie das Tuberkulin vollständig abgetan und ist
+wenigstens als Heilmittel abgetan geblieben. Die dauernd fortgesetzten
+Versuche, die _Koch_schen Gedanken trotz allem auf anderen Wegen für die
+Menschheit nutzbar zu machen, können daher unser Interesse nur in sehr
+beschränktem Maße in Anspruch nehmen, da sie zur Chirurgie nie mehr
+ernstere Beziehungen gewonnen haben. Ob die in neuester Zeit wiederholt
+angestellten Versuche, die biologisch andersartigen Tuberkelbazillen
+niederer Tierarten zur Herstellung eines Heilmittels für den Menschen zu
+benutzen, greifbare Erfolge haben werden, läßt sich bisher noch nicht
+mit Sicherheit übersehen. Durch den _Koch_schen Zusammenbruch sind die
+Chirurgen zwar um eine glänzende Hoffnung ärmer, aber um eine belehrende
+Erfahrung reicher geworden.
+
+Die Chirurgie ist zu der Behandlung, welche _König_ im Jahre 1892
+umrissen und _Bier_ ergänzt hatte, zurückgekehrt und dabei geblieben.
+Man ist bescheidener in seinen Erwartungen geworden, man weiß, daß nicht
+alle Fälle heilbar und daß die anscheinend Geheilten vor früheren oder
+späteren Rückfällen nicht sicher sind; aber gegenüber dem traurigen Lose
+tuberkulöser Menschen in früheren Zeiten haben Antisepsis und Asepsis,
+Jodoform, physikalische Behandlung und Stauung Ergebnisse erzielt, durch
+welche das Schicksal der von Knochen- und Gelenktuberkulose Befallenen
+denn doch eine ganz erhebliche und sehr erfreuliche Milderung erfahren
+hat.
+
+ * * * * *
+
+Durch das ganze 17. und 18. Jahrhundert ziehen sich in allen
+Kulturländern der Erde und selbst bei rohen Völkern Versuche, die darauf
+abzielen die Übertragung der Kuhpocken zu einem Heilmittel gegen die
+damals zu einer schlimmen Geißel des Menschengeschlechtes
+herangewachsene Blatternkrankheit zu machen. Sie fanden eine
+Zusammenfassung und Fortentwicklung zu einer geschlossenen Heilmethode
+seit dem Jahre 1798 durch den Engländer _Edward Jenner_, der sie
+erfolgreich in die medizinische Praxis einzuführen wußte. Die _Koch_sche
+Tuberkulinbehandlung beruht auf dem gleichen, wenn auch geläuterten
+Grundsatze der Einführung eines für den Menschen unschädlicheren Giftes
+in den Kreislauf, um damit einer gefährlichen Krankheit vorzubeugen,
+oder sie nachhaltig zu bekämpfen. Wenn aber auch die von _Koch_ gewählte
+Form sich nicht bewährt hat, so ist doch der zugrunde liegende Gedanke
+so zwingend, daß die Versuche, ihn für solche ansteckende Krankheiten,
+deren Erreger entdeckt worden waren, zu verwerten, niemals aufgehört und
+vielfach die schönsten Früchte hervorgebracht haben, freilich zum Teil
+auf wesentlich anderen Wegen, als sie die Tuberkulinforschung betreten
+hatte. Wie weit diese Bemühungen zur Erzielung einer wirksamen
+_Blutserumtherapie_ auch der Chirurgie Nutzen und Förderung gebracht
+haben, soll zunächst besprochen werden.
+
+Der Bazillus der _Diphtherie_, jener furchtbaren Kinderkrankheit, der
+bereits im Altertum zahllose Kinder umfangreicher Länderstrecken zum
+Opfer gefallen waren, wurde von _Klebs_ schon vor 1883 mikroskopisch
+gesehen, von _Löffler_ 1884 bakteriologisch festgestellt und eingehend
+beschrieben. An diese Entdeckung knüpften sich seit 1891 _Emil Behrings_
+Versuche einer Heilung diphtheriekranker Versuchstiere durch
+Einverleibung des Serums immun gewordener Tierkörper, die er zuerst mit
+_Erich Wernicke_ zusammen unternahm. Aus den ersten Versuchen über die
+Anwendbarkeit einer solchen Serumbehandlung auf den Menschen ist das
+v. _Behring_sche _Diphtherieheilserum_ hervorgegangen, welches eine der
+großartigsten Entdeckungen aller Zeiten auf dem Gebiete der
+Krankheitsheilungen darstellt. Auch die Chirurgie hat aus ihr ungeahnte
+Vorteile gezogen; denn die schweren Fälle des schrecklichen Leidens,
+welches seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wiederum Hekatomben von
+kindlichen Opfern forderte, waren dem Messer des Chirurgen
+anheimgefallen, um den drohenden Erstickungstod durch einen
+rechtzeitigen Luftröhrenschnitt zu bekämpfen. In der Tat gelang es auf
+diese Weise, je nach der Schwere und den besonderen Eigentümlichkeiten
+der verschiedenen Endemien, 25-50 v. H. der Operierten und selbst
+darüber hinaus am Leben zu erhalten; aber in den siebziger und achtziger
+Jahren schien die Bösartigkeit des Leidens und damit die allgemeine
+Sterblichkeit sich noch immerfort zu steigern.
+
+Diesen überaus traurigen und beängstigenden Zuständen hat _Emil
+v. Behrings_ Diphtherieheilserum ein Ende gemacht. Freilich ist das neue
+Heilmittel, da die ärztliche Welt kurz zuvor die große Enttäuschung mit
+dem Tuberkulin erlebt hatte, ohne lebhaften Widerstand und heftige
+Erörterungen nicht aufgenommen worden; auch hat der unausrottbare
+Optimismus des menschlichen Geschlechtes, welches in jedem neuen
+Heilmittel sofort ein _All_heilmittel zu erblicken sich anschickt,
+manche Enttäuschung herbeigeführt. Trotzdem ist das v. _Behring_sche
+Serum in wenigen Jahren zu einer starken und schneidigen Waffe gegen
+eine der verderblichsten Krankheiten geworden. Die Erkrankungsziffer
+ist, wahrscheinlich allerdings nicht ausschließlich unter dem Einflüsse
+der Heilserumbehandlung, erheblich heruntergegangen, die schweren Fälle
+mit ausgiebigen Zerstörungen der Weichteile sind fast verschwunden, weil
+zurzeit fast jeder Erkrankungsfall von dem behandelnden Arzte schon im
+ersten Beginn mit einer Einspritzung versehen wird, die allgemeine
+Sterblichkeit ist stark gesunken und die der Operation unterworfenen
+Fälle zeigen einen Verlust von höchstens noch 30 v. H., so daß die
+Operationsstatistik seit jener Zeit sich um etwa 40 v. H. gebessert hat.
+Krankenhäuser und Kliniken sind von der niederdrückenden Behandlung
+diphtherischer Kinder erheblich entlastet worden und der Wundarzt sieht
+die Erfolge seiner Operationen nicht mehr durch die langen Zahlenreihen
+der Todesfälle nach Tracheotomien entstellt.
+
+Noch einen zweiten großen und unvergeßlichen Dienst hat _Emil
+v. Behring_ der leidenden Menschheit durch Erfindung seines _Heilserums
+gegen Wundstarrkrampf_ geleistet. Zur Bekämpfung der Wirkungen des im
+Jahre 1884 von _Nicolaier_ entdeckten und im Jahre 1889 von dem Japaner
+_Kitasato_ in Reinkultur gezüchteten Tetanusbazillus stellte
+v. _Behring_ im Jahre 1895 nach den gleichen Grundsätzen wie beim
+Diphtherieheilserum ein Tetanusantitoxin dar, welches bei dieser zwar
+nicht eben häufigen, aber um so furchtbareren Krankheit seitdem
+allgemeine Anwendung gefunden hat. Wenn auch das Mittel in
+vorgeschrittenen Fällen keineswegs imstande ist unter allen Umständen
+den tödlichen Ausgang zu verhindern, so gewinnt es doch an Sicherheit,
+je frühzeitiger die Einverleibung in das erkrankte Glied vorgenommen
+wird und scheint bei der auf S. 14 bereits erwähnten prophylaktischen
+Einspritzung einen fast vollkommenen Schutz gegen den Ausbruch der
+Krankheit zu gewähren.
+
+Die auf fast alle, durch bekannte Mikrobien hervorgerufenen Krankheiten
+ausgedehnte Serumbehandlung kann hier nur so weit berührt werden, als
+chirurgische Leiden in Betracht kommen. Für diese stehen im Vordergrunde
+der Wichtigkeit die verschiedenen, in Deutschland, Frankreich und
+anderen Ländern hergestellten _Streptokokkensera_ von etwas anderer
+Zusammensetzung, als die vorgenannten. Indessen ist das ganze Verfahren
+noch so wenig ausgebaut, daß von einer sicheren Heilwirkung noch nicht
+gesprochen werden kann. Immerhin wird man schon jetzt sagen dürfen, daß
+die Serumbehandlung, wie sie der Chirurgie schon bisher glänzende
+Erfolge eingebracht hat, ihr auch für die Zukunft noch manche
+beachtenswerte Förderung in Aussicht stellt.
+
+Für einige, durch pflanzliche Schmarotzer hervorgerufene Krankheiten,
+wie Lepra und Aktinomykose, deren Erreger, der Leprabazillus, im Jahre
+1884 von dem Norweger _Armauer Hansen_ und der Strahlenpilz, zuerst von
+_Bernhard Langenbeck_ gesehen, im Jahre 1877 von _Bollinger_ in München
+genau beschrieben wurden, ist ein Heilmittel bisher noch nicht
+aufgefunden worden, soweit nicht chirurgische Eingriffe möglich sind.
+
+Eine besondere Stellung nimmt die _Syphilis_ ein, deren Erreger erst
+nach langer, von zahlreichen Forschern aufgebotener Mühe _Schaudinn_ und
+_Hoffmann_ im Jahre 1905 in einer Spirille, der Spirochaeta pallida,
+entdeckten und damit ihre ätiologische Selbständigkeit gegenüber den
+beiden anderen Geschlechtskrankheiten, dem weichen Schanker und dem
+Tripper, feststellten. Wenn auch diese drei Leiden, wenigstens in ihren
+ersten Anfängen, längst von der Chirurgie spezialistisch gesondert
+worden sind, so haben sie doch in ihrem weiteren Verlaufe so viele
+Berührungspunkte mit ihr, daß sie in einer Geschichte der Chirurgie
+nicht übergangen werden dürfen. So ist es denn auch für diese von hoher
+Bedeutung geworden, daß durch _Paul Ehrlichs_ chemotherapeutische
+Untersuchungen ein zwar altes Mittel, das Arsen, aber in neuer Form als
+Salvarsan (Ehrlich 606), d. h. ein organisches Arsenpräparat, in Form
+von Einspritzungen in die Behandlung eingeführt wurde. Das Mittel hat
+sich als außerordentlich wirksam, zugleich aber als gefährlich erwiesen,
+indem es doch auch mehrfach Todesfälle veranlaßt zu haben scheint. Ob es
+möglich sein wird, durch Abänderung des Verfahrens diese zu beseitigen,
+oder wenigstens einzuschränken, ist gegenwärtig noch nicht zu
+beurteilen; doch ist wenigstens an der Wirksamkeit des Mittels ein
+Zweifel nicht mehr möglich.
+
+Der Erreger der Gonorrhoe, der Gonokokkus, wurde 1879 von _Albert
+Neißer_ in Breslau, der Erreger des weichen Schankers, der
+Streptobacillus ulceris mollis, 1889 von dem Franzosen _Ducrey_ und
+etwas später, aber unabhängig von diesem, von den Deutschen _Krefting_
+und _Unna_ entdeckt. Die Feststellung der Entstehungsart dieser Leiden
+hat deren Behandlung wesentlich wirksamer und sachgemäßer gemacht, als
+dies jemals vorher der Fall gewesen war, zugleich aber auch der seit
+Jahrhunderten dauernden Verwirrung über Wesen und Zusammengehörigkeit
+der Geschlechtskrankheiten glücklich ein Ende gemacht.
+
+ * * * * *
+
+Eine für die Chirurgie ungemein wichtige Krankheit, die durch
+Einwanderung der Zwischenform einer Bandwurmart, der Taenia
+echinococcus, in den menschlichen Körper hervorgerufene
+_Echinokokkenkrankheit_ hat in den letzten Jahrzehnten eine nachhaltige
+und wirksame Bekämpfung gefunden. Seitdem durch den Berliner _Peter
+Simon Pallas_ im Jahre 1760 die schon dem Altertume bekannten großen
+Blasen bei Ochsen und Schafen als tierische Schmarotzer erkannt, und von
+_Bremser_ in Wien 1821 auch beim Menschen bestätigt worden waren, haben
+sich zahlreiche, vorwiegend deutsche Forscher, unter denen
+_Küchenmeister_, _Heller_ und _Leuckart_ zu nennen sind, mit der
+Aufklärung des Lebensganges des Hülsenwurmes, eine große Anzahl von
+Ärzten mit der klinischen Seite des Leidens beschäftigt. Die Behandlung
+blieb aber höchst unvollkommen, selbst nachdem in den sechziger Jahren
+des vorigen Jahrhunderts die operative Bekämpfung des Wurmleidens ihren
+Anfang genommen hatte. Erst die Antisepsis schuf auch hier Wandel, so
+daß ohne große Gefahren die operative Beseitigung der Blasen fast an
+allen Körperteilen hat in Angriff genommen werden können. Zu den
+erfolgreichsten Schriftstellern auf diesem Gebiete gehört _Otto
+Madelung_, 1885. Seitdem zählt die Ausräumung der gefährlichen
+Wurmhülsen zu den dankbarsten Aufgaben des Wundarztes.
+
+ * * * * *
+
+Die bisher besprochenen Verwundungs- und Erkrankungsgruppen haben das
+Gemeinsame, daß bei ihnen der Nachweis der letzten Ursachen der Leiden
+zu einer höchst erfolgreichen, den Entstehungsbedingungen angepaßten
+Abänderung der Behandlungsweise geführt hat. Anders liegt die Sache mit
+einer letzten, höchst bedeutungsvollen Sippe pathologischer
+Veränderungen, den _bösartigen Neubildungen_, unter denen die _Krebse_
+und _Sarkome_ wegen ihrer verhängnisvollen Einwirkung auf den
+menschlichen Körper an Wichtigkeit allen übrigen voranstehen.
+
+Schon seit dem Beginne bakteriologischer und tierisch-parasitärer
+Forschungen hat sich immer von neuem der Gedanke aufgedrängt, daß die
+Ursache des Krebses in der Einwanderung pflanzlicher oder tierischer
+Schmarotzer in den Körper gesucht werden müsse. Indessen darf heute
+gesagt werden, daß diese Vorstellungen fast vollkommen Schiffbruch
+erlitten haben, indem alle Anstrengungen, ihre Wirklichkeit zu beweisen,
+gänzlich ergebnislos gewesen sind. So ist denn bis zum heutigen Tage,
+obwohl die pathologische Anatomie alles getan hat, um den feineren
+Aufbau, die Wachstumsverhältnisse und die biologischen Eigenschaften der
+bösartigen Neubildungen bis auf die letzte Einzelheit zu klären, das
+eigentliche Wesen des Krebses, soweit seine Entstehung in Frage kommt,
+noch fast so unbekannt, wie vor 2000 Jahren, als man ihn als einen dem
+Körper fremden Parasiten ansah. Gemeinsam ist in den Anschauungen der
+neuesten Zeit nur die Betrachtung des Krebses vom ätiologischen
+Standpunkte aus; aber darüber hinaus scheiden sich die Wege mit voller
+Entschiedenheit. Man braucht nur die Auffassungen zweier Forscher, wie
+_Ribbert_ und v. _Hansemann_, miteinander zu vergleichen, um darüber
+nicht im Zweifel zu bleiben.
+
+Selbstverständlich kann an dieser Stelle auf die schwebenden
+Streitfragen nicht eingegangen werden. Es genüge daher zu bemerken, daß
+die Behandlung bösartiger Geschwülste davon bisher keinen
+bemerkenswerten Nutzen gezogen hat. Aus eigener praktischer Erfahrung
+heraus waren die Chirurgen schon seit Jahrzehnten zu dem Schluß
+gekommen, daß eine möglichst frühzeitige und möglichst ausgedehnte
+Ausschälung der wachsenden Geschwulst, wie sie insbesondere durch die
+schöne Arbeit _Lothar Heidenhains_ vom Jahre 1889 für den Brustkrebs
+festgelegt worden ist, die sicherste und am meisten vor Rückfällen
+schützende Behandlung darstelle. Diese Anschauung ist von der
+pathologischen Anatomie in vollem Umfange bestätigt und von der
+biologisch-therapeutischen Forschung nicht erschüttert worden. So ist
+zurzeit noch alles Heil der von Krebs befallenen Unglücklichen an das
+rechtzeitig und geschickt geführte Messer gebunden; und die damit
+erzielten Ergebnisse sind wahrlich beachtenswert genug, da selbst bei
+einer so gefährlichen Form, wie dem Brustkrebse, 30-40 v. H.
+Dauerheilungen durch sorgfältige statistische Untersuchungen und
+Nachforschungen festgestellt wurden.
+
+Dementsprechend kann vorläufig kein gewissenhafter Wundarzt die
+Verantwortung übernehmen, einem Kranken mit beginnender bösartiger
+Neubildung eine andere Behandlung als die der blutigen Operation zu
+empfehlen; denn weder die Durchleuchtung, noch die Behandlung mit Radium
+oder Mesothorium haben bisher verhältnismäßig gleich sichere Ergebnisse
+geliefert wie das Messer. Auch die von _Ehrlich_ in den letzten Jahren
+eingeleiteten Immunisierungsversuche haben vorläufig noch keine
+verwertbaren Erfolge gezeitigt. Immerhin ist die Hoffnung nicht
+ausgeschlossen, daß auf dem einen oder anderen dieser Wege der Schutz zu
+haben sein wird, durch welchen dereinst eine der furchtbarsten Geißeln
+des menschlichen Geschlechtes erfolgreich bekämpft werden kann.
+
+
+
+
+ _Fünfter Abschnitt._
+
+ Eroberungen auf dem Gebiete der speziellen Chirurgie.
+
+
+Die Wandlung der Anschauungen, welche sich unter der sicheren Hut der
+antiseptischen und aseptischen Wundbehandlung vollzog, hat auch zu einem
+völligen Umsturz der Behandlung in den Organgruppen und den einzelnen
+Organen geführt. Die Chirurgie trat einen Siegeszug an, der ohnegleichen
+in ihrer langen Geschichte ist, der vor keinem Hindernis Halt machte und
+eine große Anzahl von Krankheiten in ihren Bereich zog, an deren
+Zugehörigkeit zur inneren Medizin bisher kaum ein leiser Zweifel sich
+geltend gemacht hatte. So gibt es denn fast keinen Punkt mehr des
+menschlichen Körpers, den nicht chirurgische Werkzeuge am lebenden
+Menschen zu erreichen und unmittelbar oder mittelbar zu beeinflussen
+versucht hätten; und auf diese Weise vollzog sich eine Verschiebung der
+Örtlichkeit chirurgischer Erkrankungen, die der heutigen Chirurgie einen
+von dem vor einem halben Jahrhundert eingenommenen Standpunkte gänzlich
+verschiedenen Inhalt gegeben hat. Ihr Kennzeichen besteht darin, daß die
+meisten Lehrfächer der praktischen Medizin einen mehr oder weniger
+chirurgischen Anstrich bekommen haben.
+
+Für die geschichtliche Besprechung können zwei Gruppen unterschieden
+werden: Krankheiten von Organen und Organsystemen, welche man bereits
+vor Einführung der Antisepsis sachgemäß zu behandeln begonnen hatte, bei
+denen also nur ein Ausbau und eine Vervollkommnung in Frage kam; und
+solche, bei denen chirurgische Einwirkungen erst durch die _Lister_sche
+Behandlung möglich geworden sind. Sie bilden die glänzendste Seite der
+neuen Entwicklung der Wundarzneikunst.
+
+
+
+
+ Kapitel XII.
+
+ Ausbau der Eingriffe an schon bisher zugänglichen Organen.
+
+
+Zur ersten Gruppe gehören die Bemühungen, angeborene oder erworbene
+Mängel der äußeren Decken oder der Organe durch Einpflanzung
+entsprechender Gewebe der gleichen oder ähnlichen Art zu beseitigen, die
+_plastischen Operationen_. Die ersten Versuche stammen schon aus dem
+Altertume; doch hat die Lehre eine so wechselreiche Geschichte
+durchzumachen gehabt, daß sie zeitweilig fast vollkommen vergessen war.
+Erst im 19. Jahrhundert ist sie durch _Ferdinand v. Gräfe_ und _Johann
+Friedrich Dieffenbach_ ganz erheblich gefördert worden und erhielt nach
+Erfindung der Betäubungsmittel durch _Bernhard v. Langenbeck_ einen
+neuen mächtigen Auftrieb, der unter dem Schutze der antiseptischen
+Wundbehandlung sich dahin auswuchs, daß sie zu einem Gemeingut aller
+Chirurgen geworden ist. Seitdem ist die operative Technik der
+plastischen Operationen durch so viele neue Ideen bereichert worden, daß
+ihre Leistungen weit über die Bemühungen früherer Zeiten sich erhoben
+und auf vielen Gebieten großen und dauernden Nutzen gestiftet haben.
+
+Die meisten neueren Chirurgen bezeichnen alle plastischen Operationen
+ohne Ausnahme als Überpflanzungen, Transplantationen; nur einzelne
+unterscheiden freie und gestielte Überpflanzungen. Andere haben sich
+bemüht, die beiden Formen, in denen der Ersatz in die Erscheinung tritt,
+schon durch das Hauptwort kenntlich zu machen. Nach diesem ohne Frage
+zweckmäßigeren Verfahren heißt Überpflanzung (Transplantatio) nur eine
+solche Operation, bei welcher ein _gestielter_ Lappen, aus der
+Nachbarschaft oder aus weiterer Entfernung entnommen, auf eine neue
+Wundfläche übertragen wird, um erst nach der Aufheilung, wenn überhaupt,
+von seinem Mutterboden gänzlich abgeschnitten zu werden. Dagegen heißt
+die Einpflanzung eines von seinem Mutterboden sofort vollkommen
+losgelösten Lappens, des Pfropfstückes, auf eine andere Körperstelle
+Pfropfung (Insitio), da dieser Vorgang mit der gleichnamigen Übertragung
+abgeschnittener Reiser auf andere Bäume Verwandtschaft hat. Die
+Überpflanzung ist das ältere Verfahren, welches schon durch
+_Dieffenbach_ zu einer ziemlich hohen Vollendung gebracht worden ist. In
+B. v. _Langenbecks_ Gaumennaht (Uranoplastik) hat es 1862 eine seiner
+schönsten Früchte gezeitigt, da es nicht nur einen die Sprache schwer
+beeinträchtigenden Fehler in vielen Fällen vollkommen zu beseitigen
+erlaubt, sondern auch für die Heilung mancher ähnlicher Störungen
+vorbildlich geworden ist. Überdies ist sie durch _Edmund Roses_
+Erfindung der Operationen am hängenden Kopfe vom Jahre 1874 zahlreicher
+Unannehmlichkeiten und Gefahren entkleidet worden. In neuerer Zeit hat
+die Transplantation an den verschiedensten Körperteilen durch den im
+Jahre 1902 verstorbenen _Karl Nicoladoni_ in Graz eine außerordentliche
+Förderung erfahren. Als besonders fruchtbar erwies sich auch die
+_Müller-König_sche Methode zum Ersatze von Schädeldefekten. An sie
+schließen sich die osteoplastischen Aufmeißelungen eiternder Höhlen an,
+wie sie _Küster_ für den Warzenfortsatz, die Stirnhöhle und die von
+Osteomyelitis befallenen Markhöhlen der langen Röhrenknochen empfohlen
+hat.
+
+Wesentlich jünger ist die Pfropfung völlig getrennter Hautstücke, welche
+auf Grund einer aus Indien stammenden Anregung für den Nasenersatz zum
+ersten Male von dem Anatomen und Chirurgen _Bünger_ in Marburg im Jahre
+1818 am lebenden Menschen und mit teilweisem Erfolge versucht wurde.
+
+Die wertvollste Fortbildung erhielt die Methode, als _Jaques Reverdin_
+in Genf im Jahre 1869 mit seiner Epidermispfropfung (Greffe épidermique)
+hervortrat, die von _Karl Thiersch_ mit Hilfe der inzwischen
+ausgebildeten antiseptischen Behandlung im Jahre 1886 zu einer erheblich
+brauchbareren _Haut_pfropfung umgeformt wurde, welche es erlaubte
+umfangreiche Hautverluste durch eine größere Anzahl von fettlosen
+Hautstreifen schnell zu heilen. Daneben hatte _Thiersch_ sich schon 1874
+mit der Aufpflanzung großer Hautstücke beschäftigt, welche von
+J. R. _Wolfe_ ein Jahr später als eine neue Methode der Plastik
+beschrieben worden ist. Sie ist seit 1893 durch _Fedor Krause_ vielfach
+verbessert und in hervorragendem Maße gefördert worden. Auch sind
+erfolgreiche Versuche angestellt, nicht nur stundenlang vom Körper
+getrennte und in Kochsalzlösung aufbewahrte größere Hautstücke, sondern
+auch ganz oder fast ganz abgelöste Körperteile sofort wieder zur
+Anheilung zu bringen. In neuester Zeit hat die Pfropfung von
+Knochenteilen, Elfenbein, Zelluloid in Knochendefekte eine besonders
+große Ausdehnung gewonnen.
+
+Beide Gruppen der Plastik haben für den Ersatz von Gesichtsdefekten,
+insbesondere für die Wiederherstellung verloren gegangener Nasen eine
+immer wachsende Bedeutung bekommen; die Verschönerung des menschlichen
+Antlitzes hat sich fast zu einer besonderen Kunst entwickelt, für deren
+Ausübung sogar Spezialisten auf den Plan getreten sind. --
+
+ * * * * *
+
+Alt wie die Plastik sind auch die _Eingriffe an großen Gefäßen_, teils
+zur Blutstillung, teils zur Beseitigung gewisser Erkrankungen,
+insbesondere der Aneurysmen. An die großen Venenstämme hat man sich
+freilich in älterer Zeit nicht leicht herangewagt, da man mit Recht die
+von dem Unterbindungsfaden ausgehende Eiterung und die Fortschwemmung
+des verunreinigten Blutpflockes fürchtete. Ist man doch in dieser Furcht
+so weit gegangen, bei zufälligen Verletzungen großer Venen nicht diese,
+sondern die daneben liegende Hauptschlagader des Gliedes behufs
+Blutstillung zu unterbinden, also einen damals noch recht gefährlichen
+Eingriff zur Bekämpfung einer kaum größeren Gefahr zu setzen
+(v. _Langenbeck_, 1861). Die antiseptische und aseptische Wundbehandlung
+hat diese Furcht verscheucht. Man scheut sich nicht mehr, die großen
+Venenlichtungen in Amputationswunden zu unterbinden, man ist von der
+zeitweiligen Abklemmung seitlicher Venenwunden (E. _Küster_, 1873) zur
+seitlichen Venenunterbindung (_Schede_, 1882) und zur seitlichen
+Venennaht übergegangen, man öffnet die Venen seitlich, um sie behufs
+Wegschaffung septischer Gerinnsel auf längere Strecken zu durchspülen
+(E. _Küster_) oder Neubildungsthromben aus ihnen herauszuziehen
+(v. _Zöge-Manteuffel_) und um sie nachträglich durch die Naht wiederum
+zu schließen. Als der kühnste dieser Eingriffe an Gefäßen, welche
+Venenblut führen, ist _Friedrich Trendelenburgs_ Eröffnung der Arteria
+pulmonalis zur Beseitigung eines das Gefäß verschließenden Embolus vom
+Jahre 1908 anzusehen.
+
+Auch die Schlagaderversorgung zur Bekämpfung von Blutungen und
+Aneurysmen hat durch die neue Wundbehandlung ein anderes Ansehen
+bekommen. So bewundernswert die Kühnheit älterer Chirurgen erscheint,
+welche ihre Unterbindungsfäden selbst an den tiefsten Abschnitt der
+Bauchaorta und an die dem Herzen nahen großen Gefäßstämme herantrieben,
+so wurde sie doch nur selten durch Erfolg belohnt, der meistens durch
+Nachblutungen und Wundkrankheiten vereitelt worden ist. Die neue
+Chirurgie kennt solche Gefahren kaum noch. Ohne Bedenken wird der
+umschnürende Faden in der unmittelbaren Nachbarschaft eines stärkeren
+Seitenastes angelegt; und in der seitlichen Naht der Schlagadern hat die
+Wundarzneikunst ein Hilfsmittel gewonnen, um die Unterbindung in solchen
+Fällen zu umgehen, in denen die schnelle Ausbildung eines
+Kollateralkreislaufes nicht gesichert erscheint. Selbst die
+Zusammenfügung völlig quer durchtrennter Arterienstücke hat schon
+gewisse Erfolge aufzuweisen. Aber als die glänzendste Widerspiegelung
+des mit Kühnheit gepaarten Wissens und Könnens deutscher Chirurgie ist
+_Ludwig Rehns_ im Jahre 1897 kundgemachte und glücklich verlaufene
+Herznaht nach Herzverwundung anzusehen, welche seitdem bereits eine
+erhebliche Anzahl von Menschen, die dem sicheren Tode verfallen
+schienen, dem Leben zurückzugeben vermocht hat. Hierher gehört auch
+_Anton v. Eiselsbergs_ Naht der durch Stich verletzten Arteria
+pulmonalis vom Jahre 1909.
+
+ * * * * *
+
+Zu den ältesten Teilen der Chirurgie zählt die _Augenheilkunde_, deren
+operative Technik schon im Altertume eine beachtenswerte Grundlage
+erhalten hatte. Die enge Verknüpfung beider Lehren, welche in
+Deutschland durch _August Gottlieb Richter_ angebahnt worden war, wurde
+indessen gelöst, als mit der Errichtung eigener Professuren der
+Augenheilkunde in Frankreich und Österreich deren selbständige
+Entwicklung anerkannt und begünstigt worden war. In Deutschland geschah
+dies erst mit _Albrecht v. Gräfes_ Ernennung zum außerordentlichen
+Professor der Augenheilkunde an der Berliner Universität im Jahre 1857;
+denn damit wurde die Trennung von der Chirurgie, mit der sie bisher in
+einer Hand vereinigt gewesen war, endgültig vollzogen. Aber so sehr auch
+v. _Gräfe_ und seine Nachfolger ihre Wissenschaft in allen übrigen
+Fragen gefördert haben: der vollständige Ausbau der Technik und deren
+Beherrschung ist der Ophthalmologie erst gekommen, seitdem Antisepsis
+und Asepsis ihren schützenden Schild über den erkrankten Augen
+hielten. --
+
+Noch deutlicher tritt dies bei einer zweiten Tochterwissenschaft der
+Chirurgie hervor. Die deutsche _Ohrenheilkunde_, welche auch für andere
+Völker vorbildlich geworden ist, wurde seit 1855 durch _Anton Friedrich
+Freiherrn v. Tröltsch_, der seit 1860 dies Lehrfach an der Universität
+Würzburg vertrat, einer Erneuerung und Vervollkommnung zugeführt, bei
+der nicht nur die physikalischen Untersuchungsmethoden sondern auch die
+Anatomie und später die pathologische Anatomie als Hilfswissenschaften
+herangezogen sind. Indessen der häufigsten und gefährlichsten Krankheit
+des Ohres gegenüber, der eitrigen Entzündung des Mittelohres, der Höhle
+des Warzenfortsatzes und dieses Knochenteiles selber, welche nicht nur
+das Gehörorgan, sondern oft auch das Leben bedroht, blieben die
+Bemühungen zunächst ziemlich machtlos. Denn auch die Wiederaufnahme
+älterer Behandlungsmethoden, wie des Stiches durch das Trommelfell und
+der operativen Eröffnung des Warzenfortsatzes, vermochte das Verhängnis
+nur ausnahmsweise aufzuhalten, weil wenigstens die letztgenannte
+Operation, die schon 1649 von dem französischen Anatomen _Jean Riolan_
+vorgeschlagen wurde, bis dahin in ganz ungeeigneter Weise zur Ausführung
+gekommen war. Selbst die von H. _Schwartze_ im Jahre 1873 angegebene
+Trepanation des Warzenfortsatzes hat sich nicht dauernd zu behaupten
+gewußt, da sie mit einem unzweckmäßigen Werkzeuge ausgeführt jede
+Übersicht des Operationsfeldes und der Ausdehnung der Knochenerkrankung
+vermissen läßt. Erst mit dem chirurgischen Grundsatze der breiten und
+übersichtlichen Eröffnung des Warzenfortsatzes mittels Meißel und
+Hammer, welchen im Jahre 1889 zuerst _Ernst Küster_ einführte, bald
+darauf auch _Ernst v. Bergmann_ befürwortete, wurde eine
+leistungsfähige Operationsmethode geschaffen, die später zwar mehrfache
+Abänderungen erfuhr, aber in ihren Grundzügen doch unverändert blieb.
+Da sie zweifellos den bei weitem häufigsten blutigen Eingriff in der
+Ohrenheilkunde darstellt, so ist sie unter der fleißigen Arbeit der
+Ohrenärzte zu einem hochbedeutsamen Hilfsmittel für die Erhaltung des
+Gehörorganes geworden.
+
+Die _Nasen-_, _Rachen-_ und _Kehlkopfkrankheiten_, die sich gleichfalls
+zu einer sehr wichtigen Sonderwissenschaft entwickelt haben, verdanken
+nicht minder ihren Aufschwung der Einführung der Antisepsis. Am
+deutlichsten tritt dies bei den Kehlkopfkrankheiten hervor, die im Jahre
+1857 von _Türck_ in Wien und bald darauf auch von _Czermak_ durch
+Einführung des Kehlkopfspiegels erst einer sachgemäßen Beobachtung und
+Behandlung zugeführt und durch _Viktor v. Bruns_ in Tübingen im Jahre
+1862 mit der endolaryngealen Operationsmethode beschenkt, doch erst nach
+Einführung der Antisepsis ihre volle Bedeutung für die chirurgische
+Pathologie errangen. Denn auf Grund von Tierversuchen, welche sein
+Assistent _Vinzenz Czerny_ im Jahre 1870 angestellt hatte, wagte
+_Theodor Billroth_ 1873 die erste vollkommene Ausschälung des krebsig
+erkrankten Kehlkopfes am lebenden Menschen und erzielte vollkommenen
+Erfolg. Der Fall wurde auf dem III. Chirurgenkongreß von 1874 von _Karl
+Gussenbauer_ besprochen und zugleich ein von ihm erdachter künstlicher
+Kehlkopf vorgelegt, mit dem der seines Stimmorgans beraubte Mann laut,
+wenn auch eintönig zu sprechen imstande war. Spätere Abänderungen dieses
+Ersatzes, an denen sich _Paul Bruns_, _Julius Wolff_ u. a. beteiligten,
+haben ihn bis zu einer solchen Vollkommenheit gebracht, daß auch eine
+beschränkte Modulation der Stimme möglich geworden ist.
+
+Auch damit hat man sich nicht begnügt. Schon _Billroth_ nahm im Jahre
+1878 nur den halben Kehlkopf fort und _Heine_ hatte bereits 1874 die
+sogenannte Resektion des Stimmorgans in Vorschlag gebracht, um nur
+wirklich kranke Teile zu beseitigen und die lästige Prothese überflüssig
+zu machen. Um ihren Ausbau hat sich vor allen anderen _Eugen Hahn_ in
+Berlin verdient gemacht. So ist es denn gelungen, die Sterblichkeit
+stark herabzumindern, einen Ersatz überflüssig zu machen und selbst die
+Stimme bis zu einem gewissen Grade zu erhalten[2]. Damit hat die
+deutsche Kehlkopfchirurgie voraussichtlich den Gipfel ihrer
+Leistungsfähigkeit erstiegen. Daß es ihr nicht vergönnt gewesen ist,
+diese in dem Trauerspiele von 1887/88 zu erweisen, welches sich mit dem
+Namen des Engländers _Mackenzie_, unseligen Angedenkens, verknüpft,
+während wir uns mit Stolz unseres wackeren _Fritz v. Bramann_ erinnern
+dürfen, der durch einen Luftröhrenschnitt unter den denkbar
+schwierigsten Verhältnissen wenigstens die Erstickungsgefahr von dem
+hohen Dulder, dem Kronprinzen des Deutschen Reiches, abzuwenden wußte,
+wird noch heute jedem Vaterlandsfreunde das Herz schwer machen.
+
+ [2] Verfasser operierte 1881 und 1889 wegen bösartiger Neubildungen des
+ Kehlkopfes zwei Ärzte, deren Schicksale er weiterhin hat verfolgen
+ können. Dem ersten wurde der halbe Kehlkopf weggenommen. Er bekam eine
+ zwar rauhe, aber laute und meist tönende Stimme, die durchaus
+ verständlich war und ihn weder in der Unterhaltung, noch im Berufe
+ hinderte. Dem zweiten, der ein eben beginnendes Krebsgeschwür unter dem
+ linken Stimmbande hatte, wurde nur letzteres bis auf den Knorpel
+ umschnitten und ausgeschält. Einige Jahre später stellte er sich mit
+ tönender Stimme vor, die ihm sogar zu singen erlaubte; das _Stimmband_
+ hatte eine Neubildung erfahren. Beide haben nie einen Ersatz getragen,
+ waren in ihrem Berufe lange Jahre tätig und sind noch heute am Leben.
+
+Schließlich möge noch erwähnt sein, daß die durch _Gustav Killian_ seit
+1902 eingeführte und zu hoher Vollendung gebrachte Bronchoskopie, behufs
+Beseitigung von Fremdkörpern aus den tiefen Luftwegen, eine
+bewundernswerte Erweiterung der Technik auf dem Gebiete der Krankheiten
+der Atemorgane darstellt.
+
+Die _Gynäkologie_ hat gleichfalls ihre eigenen Wege eingeschlagen; aber
+auch bei ihr beginnt ein höherer Flug erst von dem Augenblick an, in
+welchem sie ein chirurgisches Gewand anlegte. Das geschah freilich schon
+längere Zeit vor dem Beginne der neuen Wundbehandlung; und diese Wendung
+ist nicht auf deutschem Boden zustande gekommen, sondern dem
+angelsächsischen Geiste zu danken.
+
+Es war in einem einfachen Holzhause eines Städtchens im Staate Kentucky,
+wo der in England vorgebildete amerikanische Arzt _MacDowell_ im Jahre
+1809 zum erstenmal die Operation der Oophorektomie an einer Negerin mit
+Vorbedacht ausführte und vollen Erfolg erzielte. Sehr langsam
+verbreitete sich die Operation in Amerika und weiterhin in England, wo
+bis 1842 erst 10 glücklich verlaufene Fälle bekannt geworden waren.
+Früher als dort wurde aber der Eingriff in Deutschland gewagt, so von
+_Chrysmar_ in Isny (Württemberg) bis 1820 bereits 3mal. Ausschlaggebend
+wurde indessen erst der chirurgisch ausgebildete Engländer _Spencer
+Wells_, der, seit 1858 seine Laufbahn beginnend, schon zur Zeit des
+Auftretens _Listers_ Hunderte von Operationen hinter sich hatte. Ihm ist
+die schnelle Ausbreitung des Verfahrens mit dem Beginne der neuen
+Wundbehandlung über alle Länder der Erde zu verdanken; sie ist ein
+Gemeingut aller operierenden Frauenärzte geworden.
+
+_MacDowells_ bewußte Eröffnung der Bauchhöhle reizte zur Nachfolge auch
+auf dem Gebiete der sehr häufigen Neubildungen der Gebärmutter, soweit
+sie nicht von der Scheide her angreifbar waren. Nach zahlreichen, nur
+durch diagnostische Irrtümer veranlaßten und vielfach unglücklich
+verlaufenen Operationen in verschiedenen Ländern wagte zum erstenmale im
+Jahre 1853 der Amerikaner _Kimball_ eine Wegnahme der durch Fibromyom
+vergrößerten Gebärmutter, welche glücklich ablief. Später haben, immer
+noch in vorantiseptischer Zeit, der elsässische Alemanne _Köberlé_ in
+Straßburg, _Péan_ in Paris und vor allen anderen der Amerikaner _Marion
+Sims_ die Erkenntnis und Behandlung dieser Neubildungen gefördert, deren
+Operation nach Einführung der antiseptischen Behandlung ganz erheblich
+an Sicherheit gewann. Unter den deutschen Gynäkologen sind insbesondere
+_Wilhelm Alexander Freund_ als Erfinder der Ausrottungsmethode
+einer krebsigen Gebärmutter, _Billroth_ mit seiner vaginalen
+Gebärmutterausschälung und _Karl Schröder_ als Bahnbrecher auf diesem
+Gebiete zu nennen. Die operative Gynäkologie ist seitdem eine wohl
+abgerundete Wissenschaft geworden, mit der Fachchirurgen sich nur noch
+ausnahmsweise beschäftigen. Sie hat auch die ihr nahestehende
+Geburtshilfe dahin beeinflußt, daß der natürliche Vorgang der Entbindung
+von einer, zu manchen Zeiten und an manchen Orten recht hohen
+Lebensgefahr befreit worden ist. --
+
+ * * * * *
+
+Eine besonders glänzende Eroberung stellt die _Chirurgie der Harnorgane_
+dar. Allerdings war der Blasenschnitt zur Beseitigung von Steinen und
+anderen Fremdkörpern des Hohlorganes schon eine uralte Operation, der im
+19. Jahrhundert die Steinzertrümmerung, die Lithothrypsie, als
+leistungsfähige Gehilfin an die Seite trat. Sie war auf Grund einer von
+dem Salzburger Arzte _Gruithuisen_ im Jahre 1813 ausgehenden Anregung
+zum erstenmal im Januar 1824 von _Civiale_ in Paris am lebenden Menschen
+mit Erfolg ausgeführt worden. Aber den nachhaltigsten Aufschwung nahm
+die Lehre von den Krankheiten der Harnorgane erst von dem Zeitpunkte an,
+als auch die Erkrankungen der Niere, die bisher nahezu unbestritten in
+den Händen der inneren Mediziner gewesen waren, in weitem Umfange von
+der Chirurgie in Anspruch genommen wurden. Es war am 2. August 1869, als
+_Gustav Simon_ in Heidelberg wegen einer Harnleiter-Bauchdeckenfistel
+zum erstenmal am lebenden Menschen eine Nierenausrottung unternahm und
+damit vollen Erfolg erzielte. Erst zwei Jahre später machte er eine
+zweite Operation gleicher Art, die aber durch pyämische Ansteckung zum
+Tode führte. Die an _Simons_ Vorgehen sich knüpfende schnelle
+Entwicklung der Nierenchirurgie, welche in kaum 15 Jahren den größten
+Teil der Nierenkrankheiten zu einem erfolgreich bearbeiteten Ackerlande
+der Wundärzte machte, würde aber wohl kaum möglich gewesen sein ohne die
+in die gleiche Zeit fallende Anerkennung der _Lister_schen
+Wundbehandlung, welche die Nierenausschälung schnell über die Grenzen
+ihres Heimatlandes hinausführte. So konnte schon im Jahre 1885 der
+Engländer _Henry Morris_ vom Middlesexhospital in London ein Lehrbuch
+der chirurgischen Nierenerkrankungen schreiben, welchem Beispiele 1886
+der Franzose _Brodeur_ und 1889 _Le Dentu_ gefolgt sind. In Deutschland
+gab erst 1893 _Paul Wagner_ in Leipzig die erste, noch in bescheidenem
+Umfange gehaltene Nierenchirurgie heraus, der von 1896 bis 1902 _Ernst
+Küsters_ umfassende Chirurgie der Nieren und 1901 _James Israels_
+Chirurgische Klinik der Nierenkrankheiten nachfolgten. Die von _Eugen
+Hahn_ im Jahre 1881 erdachte, sehr wertvolle Methode der Anheftung
+beweglicher Nieren verdient besondere Erwähnung. Seitdem ist die
+Nierenchirurgie in Deutschland unter der eifrigen Arbeit junger
+Kräfte, unter denen _Arthur Barth_ mit seinen vortrefflichen
+pathologisch-anatomischen Studien hervorzuheben ist, zu einer nahezu
+selbständigen Wissenschaft geworden. Sie wurden dabei unterstützt durch
+die schnelle Entwicklung der Blasenbeleuchtung, welche von _Christopher
+Heaths_ und _Gustav Simons_ Methode der schnellen Erweiterung der
+weiblichen Harnröhre zu des letzteren frühesten Versuchen des
+Harnleiterkatheterismus dann zu _Nitzes_ Kystoskop und nach dessen
+Vervollkommnung durch Einführung der _Edison_schen Glühlämpchen bald zu
+einer sicheren Methode des Harnleiterkatheterismus führte, um dessen
+Technik sich vor allen _Guyon_ in Paris und _Leopold Casper_ in Berlin
+große Verdienste erworben haben. Die überaus wertvolle Erfindung hat die
+Erkenntnis der Nierenkrankheiten und die Sicherheit operativer Eingriffe
+durch die Möglichkeit der getrennten Harnuntersuchung beider Nieren aufs
+beste gefördert; ihr dauernder Aufschwung ist durch Gründung
+urologischer Gesellschaften und durch Schaffung einer umfangreichen
+Literatur in sichere Aussicht gestellt worden. Diese Entwicklung der
+Lehre von den Nierenkrankheiten ist natürlich auch den unteren
+Harnwegen, den Erkrankungen der Harnleiter, der Blase, der Prostata und
+der Harnröhre zugute gekommen. Die bis dahin wenig beachteten
+Geschwülste der Harnblase wurden 1884 von _Ernst Küster_ in einer
+pathologisch-anatomischen und klinischen Studie eingehend besprochen.
+Daran hat sich eine schnelle Entwicklung der operativen Behandlung
+geknüpft, in deren Verlaufe die Ausschälung der ganzen Harnblase und die
+Auslösung von Prostatageschwülsten glänzende Marksteine des
+erfolgreichen Fortschreitens auf dem eingeschlagenen Wege geworden sind. --
+
+ * * * * *
+
+Als letzte Sippe dieser Gruppe von Erkrankungen seien die der _Knochen
+und Gelenke_ genannt. Allerdings hat ihre Behandlung keineswegs eine so
+grundstürzende Veränderung erlitten, als die der vorangehend
+besprochenen Leiden; immerhin sind auch hier recht erhebliche
+Umformungen zu verzeichnen, die, soweit sie die Pathologie betreffen,
+schon früher erwähnt wurden; es erübrigt also nur, der Wandlung der
+Behandlung und ihrer Erfolge mit wenigen Worten zu gedenken.
+
+Die Absetzung der Glieder innerhalb der Gelenke oder mit Durchsägung der
+Knochen gehört zwar zu den ältesten Operationen, hat aber über 2000
+Jahre lang unter den Schwierigkeiten der Blutstillung und unter den
+Gefahren der Wundkrankheiten schwer zu leiden gehabt. Die
+Unbehilflichkeit gegenüber der Blutung hat jahrhundertelang die
+Wundärzte zu höchst grausamen Verfahren, oder zur Absetzung nur am Rande
+abgestorbener Gliedteile gezwungen, bis durch _Ambroise Paré_ und den
+Italiener _Maggi_ die seit dem Altertum völlig vergessene
+Gefäßunterbindung eine Neubelebung erfuhr. In Deutschland wurde durch
+_Wilhelm Fabry_ aus Hilden bei Düsseldorf (Fabricius Hildanus) diese
+Lehre um die Wende des 16. zum 17. Jahrhundert zuerst auf Amputationen
+im lebenden Gewebe übertragen; er machte auch die erste Exartikulation
+im Kniegelenke. Die trotzdem sehr zögernde Entwicklung der
+Absetzungslehre hat erst seit _Listers_ Wundbehandlung und _Esmarchs_
+elastischer Binde einen schnellen und glänzenden Aufschwung genommen. Er
+war bedingt durch die Beseitigung der beiden erwähnten Gefahren, womit
+die Sterblichkeit nach solchen Eingriffen, eine richtige Anzeige und
+fehlerlose Ausführung vorausgesetzt, fast auf den Nullpunkt
+herabgedrückt wurde. Hierdurch verschwanden zunächst die lange
+fortgeführten Streitigkeiten über den Wert der Exartikulation gegenüber
+der Amputation; vielmehr trat der Grundsatz in seine Rechte, den Stumpf
+so lang zu erhalten, als Verletzung oder Erkrankung es eben erlaubten.
+Ebenso verschwanden die Erörterungen über die beste Absetzungsmethode,
+da die beiden, aus anderen Gesichtspunkten erdachten Amputationsformen,
+der Ovalär- und der Zirkelschnitt, hinter dem Lappenschnitte
+zurücktreten mußten, der für die Anlegung einer Prothese, wenigstens am
+Beine, die günstigsten Verhältnisse schuf. So wurde es denn auch
+möglich, die Absetzung ohne Gefahr bis unmittelbar an den Stamm
+heranzuschieben, oder gar auf diesen noch übergreifen zu lassen. Die
+Auslösung des Beines im Hüftgelenke sowie die Auslösung des Armes
+zusammen mit dem ganzen Schultergürtel haben dadurch für den Wundarzt
+die Schrecken verloren, welche einst mit solchen Eingriffen wegen ihrer
+sehr hohen Sterblichkeit verbunden waren.
+
+Endlich sind auch die Operationsmethoden für jeden einzelnen
+Gliedabschnitt so vielgestaltig geworden, daß sie sich bequem der
+Forderung auf Erhaltung eines möglichst langen und tragfähigen Stumpfes
+anpassen lassen. Unter ihnen sind drei, welche vollständig
+neue Gesichtspunkte in der operativen Behandlung zur Geltung
+brachten, nämlich _Nikolas Pirogoffs_ osteoplastische Amputation
+des Unterschenkels (1853), die in der Fußamputation nach
+_Wladimirow-Mikulicz_ (1880) und in _August Biers_ plastischer Bildung
+eines künstlichen Fußes (1892) eine weitere Ausgestaltung gefunden hat,
+_Edmund Roses_ Exartikulation im Hüftgelenke mit kleinen Schnitten und
+kleinem Messer (1890), endlich _Ernst Küsters_ osteoplastische
+Exartikulation im Fußgelenke (1896) als Ersatz der von _Le Fort_ (Paris)
+angegebenen osteoplastischen Amputation. Sie erfüllt das Bestreben der
+Erhaltung einer möglichst langen Körperstütze in weitgehendster
+Weise. --
+
+Der neueren Zeit gehören die _Ausschneidungen der Gelenke, die
+Resektionen_ an, welche auf den Engländer _Charles White_ 1768
+zurückgeführt zu werden pflegen, obwohl dieser nachweislich nur das
+obere Ende der Oberarmdiaphyse fortgenommen hat. Die Lehre wurde aber
+erst bald nach der Mitte des 19. Jahrhunderts durch _Bernhard
+v. Langenbeck_ und _Ollier_ (Lyon) mächtig gefördert; insbesondere hat
+ersterer für lange Jahre geltende Operationsmethoden ausgebildet, die
+freilich bei der damals noch unbekannten Natur der fungös-tuberkulösen
+Gelenkerkrankungen manchen Mißerfolg nicht zu hindern vermochten. Die
+Gelenkresektionen haben in neuerer Zeit wesentliche Einschränkungen
+erfahren, da einerseits Gelenkwunden weniger gefährlich geworden sind,
+als sie es vordem waren, und da anderseits die tuberkulösen Gelenke,
+welche einst im 8. und 9. Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts im Übermaße
+der Operation unterworfen wurden, späterhin durch eine schonendere
+Behandlung, insbesondere mit Jodoformeinspritzungen, in großer Zahl zur
+Heilung gebracht werden. Dafür haben aber die Gelenkeröffnungen ohne und
+mit Knochenverletzung zur Beseitigung krankhafter Vorgänge in der
+Gelenkhöhle an Zahl ganz erheblich zugenommen. Die Resektion ist bei
+Kapselerkrankungen vielfach auf die Ausschälung der erkrankten
+Synovialhaut beschränkt, die Beweglichkeit versteifter Gelenke durch
+Einpflanzung von Muskel- oder Fettlappen zwischen die Gelenkenden
+gesichert worden.
+
+Außerordentliche Fortschritte hat auch die _Orthopädie_ gemacht. Ihre
+Glanzleistung ist die Heilung der angeborenen Hüftgelenkverrenkung, die
+um 1890 durch _Hoffa_ zunächst mittels blutiger Operation angestrebt,
+später von _Lorenz_ (Wien), seit 1896, durch unblutigen Eingriff zu
+einem für viele Fälle ungemein segensreichen Verfahren ausgebildet
+wurde. Auch die Verpflanzungen von Muskeln, Sehnen und Nerven zur
+Heilung von Lähmungen und Kontrakturen sind zu einer vielgeübten und
+sehr heilsamen Methode fortentwickelt worden.
+
+
+
+
+ Kapitel XIII.
+
+ Neue Eingriffe in bisher unzugängliche Organe.
+
+
+Die zweite Gruppe umfaßt die Krankheiten solcher Organe und
+Organsysteme, welche vordem in noch kaum merkbarer Weise dem
+chirurgischen Messer zugänglich gemacht worden waren; die also erst
+durch die Antisepsis in den Kreis des chirurgischen Schaffens gezogen
+worden sind. Daß freilich die hier vorgenommene Trennung nicht ganz
+scharf sein kann, liegt auf der Hand.
+
+Zu ihr gehört vor allen Dingen das Gebiet der _serösen Körperhöhlen_,
+von denen die Gelenkhöhlen bereits in der vorigen Gruppe besprochen
+worden sind. Unter ihnen steht nach der Häufigkeit und der Wichtigkeit
+der an ihr vorzunehmenden Eingriffe die _Bauchhöhle_ im Vordergrunde;
+denn erst durch die _Lister_sche Wundbehandlung ist sie in ganzem
+Umfange und mit allen von ihr umschlossenen Organen für die operative
+Einwirkung frei geworden.
+
+Zahlreiche und zum Teil schwere Verletzungen des Bauches hatten die
+Chirurgen schon längst darüber belehrt, daß das Bauchfell keineswegs so
+empfindlich sei, als man fast überall anzunehmen pflegte. Auch zeigten
+die seit Anfang des vorigen Jahrhunderts sich ausbreitenden Operationen
+an Eierstock und Gebärmutter, daß die kunstgerechte Eröffnung des
+Bauchfelles zwar gefährlich sei, aber doch in einer ansehnlichen Zahl
+von Fällen eine schnelle und dauernde Heilung nicht ausschließe.
+Trotzdem waren die Wundärzte noch jahrzehntelang von der Vorstellung
+beherrscht, daß die in die Bauchhöhle eintretende Luft als die Ursache
+der in ihr sich abspielenden Entzündungs- und Eiterungsvorgänge
+anzusehen sei. Diese Vorstellung kam erst zu Fall, als _Georg Wegner_
+auf dem V. Kongreß von 1876 die Ergebnisse einer ausgezeichneten
+Versuchsreihe an Tieren besprach, aus der hervorging, daß man die
+Bauchhöhle von Kaninchen bis zur trommelartigen Auftreibung in
+wochen-und monatelang fortgesetzter Wiederholung mit atmosphärischer
+Luft füllen könne, ohne die Tiere dadurch an Leben und Gesundheit zu
+gefährden. Zugleich wies er nach, daß die Hauptgefahr bei stundenlanger
+Eröffnung des Bauchraumes in der starken Wärmestrahlung der vom
+Bauchfelle überzogenen Körperteile, in der sehr erheblichen Herabsetzung
+der Körperwärme zu suchen sei. Auch machte er auf die unheilvolle
+Bedeutung von Flüssigkeitsansammlungen in der Bauchhöhle bei deren
+operativer Eröffnung, sowie auf die heilsame Wirkung einer frühzeitigen
+Ableitung solcher Ergüsse aufmerksam. _Wegners_ Arbeit ist für die
+Chirurgie der Bauchhöhle ein bedeutungsvoller Markstein geworden; denn
+wenn auch angelsächsische Frauenärzte schon 15 Jahre zuvor begonnen
+hatten, die Gefahren der Abkühlung durch Erwärmung der Operationszimmer
+und entsprechende Bekleidung der Kranken, die Flüssigkeitsansammlungen
+im Bauche durch Einrichtung einer Ableitung nach der Scheide hin zu
+bekämpfen, so hat doch erst _Wegner_ die wissenschaftliche Grundlage für
+jene Verfahren geschaffen, die seit 1878 durch den Aufschwung der
+Bakteriologie verstärkt und befestigt wurden.
+
+Die Entwicklung der Bauchchirurgie drängt sich in wenige Jahrzehnte
+zusammen; ihre geschichtliche Übersicht dürfte daher am klarsten werden,
+wenn man sie nicht chronologisch, sondern topographisch betrachtet.
+
+Zu den am frühesten in Angriff genommenen Organen der Bauchhöhle gehört
+die _Milz_. Während man sich aber in früheren Zeiten bis zum 16.
+Jahrhundert zurück mit der Ausrottung des durch eine Wunde vorgefallenen
+Organs begnügte, war der Rostocker Wundarzt _Quittenbaum_ der erste, der
+im Jahre 1826 die erkrankte Milz in der Bauchhöhle aufzusuchen wagte.
+Ihm folgte 1855 _Küchler_ in Darmstadt; doch verliefen beide Fälle
+unglücklich. Die erste glücklich verlaufene Milzausrottung gelang in
+demselben Jahre dem Amerikaner _Volney-Dorsay_, dem _Péan_ im Jahre 1867
+eine zweite Heilung hinzufügte. Die antiseptische Wundbehandlung hat die
+Zahlen glücklicher Heilung außerordentlich vermehrt, zugleich aber die
+Anzeigen für die Operation klarer zu stellen und damit deren Sicherheit
+ungemein zu erhöhen erlaubt.
+
+Die _Chirurgie der Leber_ hat schon mit der Operation der in diesem
+Organe besonders häufigen Ansiedlungen des Hülsenwurms, von dem auf
+S. 79 die Rede gewesen ist, ihren Anfang genommen. Seitdem hat auch
+dieser Zweig der operativen Betätigung eine wesentliche Ausbreitung
+gewonnen, die aber mit den Erkrankungen der Gallenwege und ihrer
+Bekämpfung eng verknüpft ist.
+
+Die _Chirurgie der Gallenblase und der Gallengänge_ nimmt ihren Ausgang
+von der ersten erfolgreichen Ausrottung einer steinhaltigen Gallenblase,
+welche _Karl Langenbuch_, Leiter des Berliner Lazaruskrankenhauses, am
+15. Juli 1882 unternahm. Die Versuche freilich mit der erkrankten
+Gallenblase sich abzufinden, sind wesentlich älter; doch wagte man vor
+dem Eingriffe nur an dem mit der Bauchwand verwachsenen oder zur
+Verwachsung gebrachten Hohlorgane und auch nur in Form der einfachen
+Eröffnung zur Entleerung der Steine. Den ersten planmäßigen Angriff auf
+die verwachsene Blase machte schon der Franzose _Jean Louis Petit_ in
+der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts; die erste erfolgreiche
+zweizeitige Operation zur Anlegung einer Gallenblasenfistel wurde,
+bereits unter dem Schutze der Antisepsis, von _Franz König_ in Göttingen
+1882 ausgeführt. Aber erst _Langenbuchs_ Operation gab den Anstoß zu
+einem bisher ungeahnten Aufschwunge chirurgischer Behandlung des so
+überaus häufigen und gefährlichen Leidens, der freilich in stetem Kampfe
+mit den meisten Vertretern der inneren Medizin zustande kam. Seitdem ist
+die chirurgische Literatur über Erkrankungen der Gallenwege ungemein
+reichhaltig geworden. Die Geschichte der in Betracht kommenden
+Operationen wurde insbesondere durch _Courvoisier_ in Basel gefördert,
+der als erster _Langenbuchs_ Operation nachmachte. Unter der fast
+erdrückenden Zahl von Schriften, welche die Lehre von den
+Gallensteinerkrankungen und deren zweckmäßigste Bekämpfung gefördert
+haben, mögen nur die Arbeiten von _Werner Körte_ in Berlin und von
+_Kehr_ in Halberstadt, später in Berlin, als besonders umfassend und
+belehrend hervorgehoben werden.
+
+Unter den Organen der Bauchhöhle, welche erst durch die antiseptische
+Behandlung dem wundärztlichen Messer zugänglich gemacht worden sind, ist
+zunächst die _Bauchspeicheldrüse_ zu nennen. Von einer Chirurgie des
+Pankreas kann erst seit 1883 gesprochen werden, als _Karl Gussenbauer_,
+damals in Prag, auf dem XII. Kongreß seinen schönen Vortrag: »Zur
+operativen Behandlung der Pankreaszysten« gehalten hatte. Mit großem
+Eifer wurde auch dies neue Gebiet sofort in Angriff genommen. Indessen
+blieb man bei der Behandlung der Zysten, welche als häufigste
+chirurgische Erkrankung in erster Linie die Aufmerksamkeit auf sich
+gezogen hatten, keineswegs stehen; vielmehr erfuhren Anatomie und
+Physiologie, sowie die gesamte Pathologie des tief verborgenen und doch
+so wichtigen Organes sehr erhebliche Förderungen. Als deren
+bedeutungsvollste sind seine Beziehungen zur Zuckerruhr und zur
+Fettgewebsnekrose anzusehen. In seinem im Jahre 1898 erschienenen und
+bisher unübertroffenen Werke: »Die chirurgischen Erkrankungen und
+Verletzungen des Pankreas« faßte _Werner Körte_ den damaligen Stand der
+Dinge zusammen, der seitdem wohl kleine Verschiebungen und Erweiterungen
+erfahren hat, aber doch auch heute noch als maßgebend angesehen werden
+muß.
+
+Zu dem zweifellos wichtigsten Abschnitte der Chirurgie der Bauchhöhle
+haben sich, schon wegen ihrer außerordentlichen Häufigkeit, die
+_Erkrankungen des Magendarmkanals_ entwickelt. Allerdings hatten auch in
+vorantiseptischer Zeit die so häufigen Brucheinklemmungen, große
+Fremdkörper im Magen, Verwundungen durch Stich und Schuß, ausnahmsweise
+auch Neubildungen, die Wundärzte zur Eröffnung der Bauchhöhle gezwungen,
+ohne daß, mit Ausnahme der Lehre von den Brüchen, es zu festen
+Grundsätzen für die Behandlung des Verdauungskanals gekommen wäre.
+
+Der besseren Übersicht wegen beginnen wir die Besprechung vom Magen an
+nach abwärts, obwohl hierbei nicht immer die geschichtliche Reihenfolge
+gewahrt werden kann.
+
+Den Anstoß zur Entwicklung der neueren Magendarmchirurgie gab der
+geistvolle und ideenreiche Pfarrerssohn der Ostseeinsel Rügen, _Theodor
+Billroth_, der auf seiner wissenschaftlichen Wanderung vom Meer zum
+Gebirge das letzte Drittel seines fruchtbaren Lebens in dem von
+Waldbergen umkränzten herrlichen Wien zubrachte. _Billroth_, der Mann
+mit dem vornehmen Kopfe, aus dem kluge und zugleich unendlich gütige
+Augen hervorleuchteten, ist wohl als der glanzvollste Vertreter
+deutscher Chirurgie in der neueren Medizin anzusehen; denn obwohl er der
+_Lister_schen Wundbehandlung jahrelang Widerstand leistete, so war er
+doch später einer ihrer besten Förderer. Und mit ihrer Hilfe wußte er
+auf allen Gebieten der Wundarzneikunst dem Reichtum seiner Ideen in
+einer Weise Geltung zu verschaffen, in der er weder vorher noch nachher
+von einem seiner Fachgenossen erreicht worden ist. In Wien hatte er eine
+Schar von Schülern um sich gesammelt, die mit feurigem Eifer und
+ausgezeichnetem Verständnis sich den umfassenden Gedanken ihres Meisters
+anzupassen und deren Umsetzung in chirurgische Taten vorzubereiten
+wußte. So schuf er eine Schule, aus der eine erhebliche Zahl
+hervorragender Chirurgen Deutschlands und Österreichs hervorgegangen
+ist. Zwei derselben, _Karl Gussenbauer_ und _Alexander v. Winiwarter_,
+legten durch eine im Februar 1874 begonnene und unter dem Titel: »Die
+partielle Magenresektion« im Jahre 1876 veröffentlichte experimentelle
+Studie den Grundstein des Gebäudes, welches, zunächst zur Bekämpfung des
+Magenkrebses errichtet, inzwischen zu einer großzügigen Magenchirurgie
+erweitert worden ist. Genannte Tierversuche erfuhren sofort eine
+Ergänzung in _Vinzenz Czernys_ Heidelberger Klinik, dessen Assistent
+F. _Kaiser_ mit Erfolg die vollkommene Ausrottung des Hundemagens
+unternahm. Daraufhin machten _Péan_ in Paris, 1879, und _Rydygier_ im
+westpreußischen Kulm im gleichen Jahre die ersten Resektionen am
+menschlichen Magen, die indessen beide unglücklich verliefen. Da trat
+_Billroth_ selber auf den Plan. Am 29. Januar 1881 führte er die erste
+erfolgreiche Magenresektion am lebenden Menschen aus, der freilich bald
+zwei Mißerfolge sich anreihten, wie _Mikulicz_ auf dem X.
+Chirurgenkongreß berichten konnte. Aber der Beweis der Möglichkeit einer
+Heilung war geliefert und fortan gab es kein Halten mehr auf dem einmal
+betretenen Wege. Bald wurde die Operation Gemeingut aller Fachchirurgen;
+und wenn auch ihre Endergebnisse, entsprechend der verderblichen Natur
+der Krankheit, gegen welche sie sich richtete, noch nicht in jeder
+Hinsicht befriedigend sind, so steht doch die Tatsache der Heilbarkeit
+eines so entsetzlichen Leidens durch chirurgische Hilfe nunmehr
+unerschütterlich fest. Der Ausbau des Verfahrens hat niemals einen
+Stillstand erlebt; selbst die Ausrottung des ganzen Magens ist mit
+vollem Erfolge versucht und zu Ende geführt worden. Unter den
+zahlreichen Methoden aber, welche zur Bekämpfung der verschiedensten
+Magenleiden erdacht sind, hat sich die operative Verbindung zwischen
+Magen und Darm, die Gastroenterostomie, zu einem wenig gefährlichen, bei
+Krebs hinhaltenden, bei nicht krebsigen Erkrankungen meist zu dauernder
+Heilung führenden Eingriffe emporgearbeitet.
+
+Lange vor diesem Aufblühen einer Magenchirurgie und nahezu 40 Jahre vor
+der ersten praktischen Verwertung der _Lister_schen Wundbehandlung hatte
+sich chirurgische Kühnheit bereits an die operative Behandlung der
+Darmkrebse herangewagt. Im Jahre 1833 machte _Reybard_ in Lyon die
+erste, von Erfolg gekrönte _Dickdarmresektion_, deren Beschreibung erst
+1844 der Pariser Académie de Médecine eingesandt wurde, unter
+gleichzeitiger Beifügung der Beschreibung von Darmresektionen bei
+Tieren. Der geheilte Kranke war 10½ Monate später an der Wiederkehr
+seines krebsigen Grundleidens gestorben. Trotz der vorläufigen Heilung
+hat aber _Reybards_ kühnes Vorgehen zunächst keine Nachahmung gefunden;
+denn die schlimmen Zustände in den Krankenräumen damaliger Zeit, wie sie
+auf S. 15 und 16 geschildert worden sind, stempelten das Unternehmen zu
+einem so kühnen Wagnis, daß selbst der überzeugteste Wundarzt einer
+solchen Gefahr sich und seinen Kranken auszusetzen sich scheuen mußte.
+Hat doch _Reybard_ selber seine erfolgreiche Operation nicht wiederholt;
+sie ist daher fast unbekannt geblieben, hat auch auf die spätere
+Entwicklung der Dinge keinen Einfluß ausgeübt.
+
+Der neue Anstoß ging wiederum von der _Billroth_schen Schule aus. Die
+oben erwähnte, auf Tierversuche gestützte Studie über Magenresektion
+hatte noch nicht praktische Verwertung gefunden, als _Karl Gussenbauer_,
+der willensstarke, kluge und gelehrte Sohn des oberkärntnerischen
+Hochgebirges, damals Professor in Lüttich, sich im Dezember 1877, ohne
+Kenntnis der _Reybard_schen Operation, zu einer Übertragung seiner
+Versuche auf einen Fall von Dickdarmkrebs entschloß. Die erste, unter
+antiseptischen Vorsichtsmaßregeln unternommene Dickdarmresektion endete
+zwar schon nach 15 Stunden mit einer schnell verlaufenden
+Bauchfellsepsis; aber dennoch gab sie der Darmchirurgie einen mächtigen
+Antrieb. Die bis dahin nur selten und widerwillig gemachte Eröffnung des
+absteigenden Dickdarmes wegen Verschlusses in den noch tiefer gelegenen
+Darmabschnitten wurde schnell auch auf den Dünndarm übertragen
+(v. _Langenbeck_, 1878), die Darmresektionen auch zur Beseitigung
+brandiger Darmstücke nach Einklemmungen benutzt (_Ernst Küster_, 1878),
+die Ausschneidung und Naht von Dünndarmstücken zur Heilung des
+widernatürlichen Afters, mittels der von _Max Schede_ im gleichen Jahre
+benutzten Methode der zeitweiligen Lagerung der genähten Darmschlingen
+außerhalb des Bauches, einem hohen Grade von Sicherheit zugeführt. Ganz
+erheblich wurde diese aber noch erhöht durch _Vinzenz Czernys_
+doppelreihige Darmnaht von 1880, die seitdem die beherrschende Methode
+für alle Darmoperationen geblieben ist; ferner durch _Karl Gussenbauers_
+Achternaht und die von _Otto Madelung_, 1881, vorgeschlagenen
+Verbesserungen. Erst an diese hat sich die Methode der Ausschaltung von
+Darmteilen ohne Ausschneidung geknüpft, welche die Umgehung verengerter
+Darmabschnitte durch Herstellung von Nebenleitungen gestattet. Alles das
+hat die Sicherheit der Technik auch nach der Richtung hin entwickelt und
+erhöht, daß der Wundarzt, welcher die Bauchhöhle öffnet, selbst
+unerwarteten Befunden gegenüber stets gewappnet ist. So sind die
+Knickungen, Achsendrehungen, Einstülpungen und inneren Einklemmungen des
+Darmes nicht nur in ihren pathologischen Verhältnissen ganz erheblich
+geklärt und in ihrer Erkenntnis gefördert worden, sondern auch ihre
+chirurgische Bekämpfung ist bis zu einem hohen Grade der Vollkommenheit
+gediehen.
+
+Die außerhalb des Bauchfells gelegenen unteren Abschnitte des
+Darmkanals waren schon seit _Lisfranc_, 1830, einer erfolgreichen
+Behandlungsmethode zugeführt worden. Dagegen blieben die oberen Teile
+des Mastdarmes und des S Romanum, sowie die unteren Teile des
+absteigenden Dickdarmes noch nach Einführung der antiseptischen
+Behandlung längere Jahre fast unantastbar. In _Paul Kraskes_
+(Freiburg i. B.) Operationsmethode hochsitzender Mastdarmkrebse
+vermittels Wegnahme der unteren Abschnitte des Kreuzbeins vom Jahre 1885
+wurde aber ein Verfahren geschaffen, in dessen weiterer Ausbildung nicht
+nur der ganze Mastdarm, sondern auch die darüber gelegenen Darmteile dem
+chirurgischen Messer zugängig gemacht worden sind, zuweilen freilich
+erst nach gleichzeitiger Eröffnung der Bauchhöhle von der Vorderseite
+her. So ist denn der Darm in seiner ganzen Länge ein Feld für
+chirurgische Eingriffe aller Art geworden. --
+
+Eine besondere Berücksichtigung erfordern zwei Krankheiten des
+Darmkanals, weil die von ihnen erzeugte Operationswelle im Laufe der
+letzten Jahrzehnte alle anderen an Zahl überflutet und zeitweilig etwas
+beiseite gespült hat: die Operationen am Wurmfortsatze und an den freien
+Brüchen.
+
+Die Entzündung am Wurmfortsatze, die _Epityphlitis_, wie wir sie im
+Gegensatze zu der häßlichen amerikanischen, aber durch unsere
+Hauptschriftsteller leider auch in die deutsche Literatur eingeführten
+Wortbildung »Appendicitis« nennen, ist in ihrer verhängnisvollen
+Bedeutung für den Bauchraum erst vor kaum 30 Jahren vollständig erkannt
+worden. Bis dahin hatte weder die pathologische Anatomie, noch die
+innere Medizin, deren Vertreter bis gegen Ende der achtziger Jahre fast
+ausschließlich die Behandlung leiteten, die Frage wesentlich gefördert;
+erst mit dem vollen Eintreten der antiseptischen und aseptischen
+Chirurgie ist sie nicht nur nach der pathologisch-anatomischen, sondern
+auch nach der Seite der Behandlung in dem Maße geklärt worden, daß
+gegenwärtig die Abtragung des Wurmfortsatzes zu den häufigsten
+Operationen eines beschäftigten Chirurgen gehört, von denen manche schon
+über eine Erfahrung von vielen Tausenden von Eingriffen verfügen können.
+
+Die schon im Altertum bekannte Krankheit wurde durch _Morgagni_ und
+_Boerhave_ auf eine Kotstauung im Dickdarme bezogen und deshalb
+allgemein als Typhlitis stercoralis bezeichnet. Der Heidelberger
+Professor der inneren Medizin _Puchelt_ führte im Jahre 1829 den Namen
+Perityphlitis ein, der seitdem neben der Typhlitis stercoralis in
+Gebrauch kam; letztere, als Name für eine bestimmte pathologische
+Vorstellung, ist im wesentlichen erst durch _Sahli_, den Direktor der
+inneren Klinik in Bern, im Jahre 1895 zu Fall gebracht worden. -- Die
+Chirurgen haben sich, natürlich langsam und zögernd, erst im achten
+Jahrzehnt unter dem Schutze der Antisepsis wenigstens an die Eröffnung
+der in der Leistengrube entstehenden Eiteransammlungen herangewagt,
+dabei gelegentlich auch einen durchgebrochenen Kotstein ausgezogen.
+Trotzdem rückte die Entwicklung der Frage nur sehr langsam voran. Einen
+neuen Anstoß gaben die Vorträge, welche _Johann Mikulicz_, damals in
+Krakau, bei Gelegenheit der Naturforscherversammlung zu Magdeburg (1885)
+und in demselben Jahre _Rudolf Ulrich Krönlein_ in Zürich über die
+Eröffnung des Bauches bei eitrigen Bauchfellentzündungen hielten. Damit
+war der weitere Schritt, die Aufsuchung und Abtragung des erkrankten
+Wurmfortsatzes, aufs beste vorbereitet. Es ist nicht mehr mit Sicherheit
+festzustellen, ob _Krönlein_ recht hat, wenn er sich die erste, mit
+Bewußtsein und Überlegung ausgeführte Operation dieser Art zuschreibt;
+aber sicher ist, daß verschiedene Wundärzte unabhängig voneinander zu
+dem gleichen Ergebnis gekommen sind. Das Hauptverdienst gebührt indessen
+unzweifelhaft _Eduard Sonnenburg_ in Berlin, der seit der zweiten Hälfte
+des neunten Jahrzehntes kühn und bewußt diesem Ziele zusteuerte und der
+im Jahre 1894 die erste zusammenfassende Arbeit über den Gegenstand
+erscheinen ließ. Seitdem ist eine nahezu erdrückende Literatur über
+Epityphlitis und ihre operative Behandlung entstanden, die von _Otto
+Sprengel_ in Braunschweig 1906 in einer inhaltsvollen, kritischen und an
+eigenen Erfahrungen reichen Arbeit, freilich unter dem leidigen Titel
+»Appendicitis«, zusammengefaßt worden ist. Um die Jahrhundertwende herum
+widerhallten die Mauern des alten Langenbeckhauses immer von neuem von
+erregten Erörterungen über den gleichen Gegenstand; unter den
+Wortführern mögen, außer den schon Genannten, noch _Hermann Kümmell_
+(Hamburg), _Theodor Kocher_ (Bern) und der französische Schweizer _Roux_
+(Lausanne) genannt werden, abgesehen von den zahllosen Männern, die
+gleichfalls ihr mehr oder weniger erhebliches Scherflein zur Klärung der
+Frage beigetragen haben und unter denen auch andere Völker, Franzosen,
+Angelsachsen, Skandinavier usw., reichlich vertreten sind. Als Ergebnis
+all des heißen Bemühens sind folgende zwei Grundsätze festgestellt
+worden: 1. die akuten, zur Eiterung neigenden Erkrankungen sollen
+rechtzeitig, d. h. so früh wie möglich der Operation unterzogen werden;
+2. die chronischen, milde verlaufenden Fälle können zunächst abwartend
+behandelt, müssen aber bei Wiederholung der Symptome ebenfalls, am
+besten im entzündungs- und schmerzfreien Intervall, operiert werden.
+
+Damit ist die Behandlung der Epityphlitis im wesentlichen in die Hände
+des Wundarztes gelegt worden. Die Operation wird heutigentags über die
+ganze Erde hinweg alljährlich in vielen Tausenden von Fällen mit dem
+besten Erfolge geübt; sie gehört schon ihrer Zahl nach zu den
+wichtigsten Eroberungen der neueren Chirurgie.
+
+Hatten wir es bei der Epityphlitis mit einer Erkrankung zu tun, zu deren
+Bekämpfung das chirurgische Messer erst vor einer kurzen Zeitspanne
+seine Wirksamkeit entfaltet hat, so geht die operative Behandlung der
+_freien Brüche_ bereits weit in das Altertum zurück; denn schon zur Zeit
+der klassischen Höchstblüte griechischer Medizin scheint es
+handwerksmäßig gebildete und zu einer Körperschaft zusammengeschlossene
+Bruchschneider gegeben zu haben. Herumziehende Schneidekünstler machten
+während des ganzen Mittelalters Städte und Dörfer, zumal die Märkte und
+Messen unsicher; daß dabei aber keinerlei Förderung auch nur der
+gröbsten pathologisch-anatomischen Anschauungen herauskam, beweist schon
+die noch heute übliche Bezeichnung der Krankheit als Bruch (Ruptura), da
+man sie bis auf _Matthäus Gottfried Purmann_ gegen Ende des 17.
+Jahrhunderts durch Zerreißung des Bauchfells entstehen ließ. Die
+pathologische Anatomie und das Studium der Bruchpforten sind erst seit
+den Arbeiten des Franzosen _Jules Cloquet_ 1819 zu ihrem Rechte
+gekommen, unter den Deutschen insbesondere durch _Wilhelm Roser_ sehr
+gefördert worden, hauptsächlich allerdings immer nur im Hinblick auf
+eingeklemmte Brüche, während man die freien Brüche seit Erfindung der
+Bruchbänder nicht mehr anzugreifen wagte. Indessen begannen neue
+Bestrebungen in der Richtung der sogenannten Radikalheilung schon in
+vorantiseptischer Zeit, in Deutschland mit _Franz Christoph
+v. Rothmund_ in München um 1843, die aber erst durch _Otto Risel_ in
+Breslau im Jahre 1871 mit dem gleichzeitigen Aufkommen der _Lister_schen
+Wundbehandlung eine nachhaltige Förderung erhielten. Bald darauf
+operierte auch v. _Nußbaum_ (München) in der Art, daß er den befreiten
+Bruchsack unterband und abschnitt. Weitere Förderungen brachte _Vinzenz
+Czerny_ von 1877 an, der durch seine innere Naht bei angeborenen
+Leistenbrüchen einen neuen Grundsatz in die Operation einführte. In der
+Deutschen Gesellschaft für Chirurgie wurde der Gegenstand zuerst auf dem
+Kongreß von 1879 durch _August Socin_ in Basel besprochen; er betonte
+die Notwendigkeit, auch eingeklemmte Brüche radikal zu operieren, was
+übrigens von anderen Chirurgen schon mehrfach geschehen war.
+Bemerkenswert ist die Äußerung des damaligen Vorsitzenden _Bernhard
+v. Langenbeck_, daß er an die Auffindung einer sicheren Methode zur
+dauernden Beseitigung eines Bruchleidens nicht zu glauben vermöge.
+
+Darin hat sich der Altmeister deutscher Chirurgie glücklicherweise
+getäuscht. Von Jahr zu Jahr sind seitdem die endgültigen Ergebnisse
+besser und die Methoden sind so zahlreich geworden, daß auch die
+schwierigsten Bruchformen noch eine Heilung erhoffen lassen. Wenn unter
+letzteren hier und da noch Mißerfolge unterlaufen, so sind dafür die
+Brüche mit engerem Bruchhalse der dauernden Heilung fast mit voller
+Sicherheit zuführbar; und ein Mißerfolg bedeutet heute um so weniger,
+als die Ungefährlichkeit des Eingriffes immer wieder neue und bessere
+Versuche zuläßt. So ist die Radikaloperation der Brüche ein überaus
+häufiges Verfahren geworden und die lästigen Bruchbänder, einst eine
+Haupteinnahmequelle für die Händler, sind, wenn auch noch nicht gerade
+im Verschwinden begriffen, doch unendlich viel seltener geworden. --
+
+ * * * * *
+
+Auch die _Chirurgie der Brusthöhle_ mit ihrem Inhalte, insbesondere
+ihren drei serösen Höhlen, hat seit 40 Jahren einen gewaltigen Aufstieg
+genommen. Herz und Herzbeutel sind bereits besprochen worden; es
+erübrigt also nur, der Wandlungen in der Behandlung des Brustfells und
+der Lunge mit einigen Worten zu gedenken.
+
+Unter den Erkrankungen der Brusthöhle hat am frühesten die Entzündung
+des Brustfells, zumal deren eitrige Form, das Empyem, chirurgische Hilfe
+herausgefordert. Indessen ist die in der _Hippokratischen_ Schrift: »De
+morbis« genau beschriebene blutige Eröffnung der Eiteransammlung mittels
+des Messers späterhin gänzlich vergessen gewesen. Erst der kluge und
+vielseitige Schwabe _Wilhelm Roser_ in Marburg hat die Operation in Form
+der Resektion einer Rippe im Jahre 1859 empfohlen und im Jahr 1865 zum
+erstenmal am lebenden Menschen ausgeführt. Seitdem ist der Eingriff auch
+von anderen Chirurgen wiederholt gemacht worden. Einen bescheidenen
+Anteil an der Weiterentwicklung glaubt auch der _Verfasser_ in Anspruch
+nehmen zu dürfen, da er bei der seit 1873 von ihm geübten Operation
+nicht nur den neuen Grundsatz der systematischen Aufsuchung des tiefsten
+Punktes der eiternden Höhle zur Anwendung brachte, sondern auch für den
+Eingriff auf das wärmste zu einer Zeit sich einlegte, als die Vertreter
+der inneren Medizin sich noch vollkommen ablehnend verhielten. Mit
+Bewußtsein hat er auch zuerst Empyeme auf tuberkulöser Grundlage
+operativ angegriffen. Die späteren Methoden von _Franz König_, _Wilhelm
+Baum_ und anderen Chirurgen befolgen genannten Grundsatz nicht, nötigen
+daher den Kranken zu langer Rückenlage. Auch das Verfahren der Resektion
+mehrerer Rippen zur Heilung alter Empyeme und Brustfisteln, welches von
+dem Schweden _Estlander_ in Helsingfors 1879 veröffentlicht wurde, ist
+von _Ernst Küster_ schon 1877 beschrieben, späterhin von _Max Schede_ in
+besonders kühner Weise ausgebaut worden. Der Grundsatz einer
+frühzeitigen und zweckmäßigen Eröffnung der Brusthöhle hat
+glücklicherweise solche Zustände selten gemacht.
+
+Das Verfahren der Rippenresektion erzielte auch bei
+Hülsenwurmerkrankungen des Brustfells und der Lunge, selbst des oberen
+Leberumfanges, ausgezeichnete Ergebnisse.
+
+Die eigentliche Lungenchirurgie aber hat erst durch zwei Erfindungen
+einen hohen Aufschwung genommen, welche das Zusammenfallen der Lunge
+nach Eröffnung des Brustfellraumes verhindern und daher das ungestörte
+Weiteratmen erlauben. Auf dem Chirurgenkongreß von 1904 veröffentlichte
+_Sauerbruch_, damals Assistent an der Klinik _Johann v. Mikulicz_' in
+Breslau, seine Studien über Über- und Unterdruck an den Atemorganen und
+zeigte zugleich seine pneumatische Kammer vor, in welcher der Kranke
+unter der Wirkung eines Unterdruckes operiert werden konnte. Im Anschluß
+daran führte _Brauer_ (Marburg) einen für den Wundarzt wesentlich
+bequemeren Apparat vor, der die Lungen des zu operierenden Kranken unter
+Überdruck setzte. Beide Methoden haben sich als brauchbar erwiesen, und
+mit ihrer Hilfe ist es gelungen eine der wesentlichsten Gefahren bei
+Eingriffen am Brustkorbe, das Zusammenfallen einer oder gar beider
+Lungen nach Eröffnung des gesunden Brustfells, auszuschalten. Seitdem
+sind Verwundungen und Erkrankungen des Herzens und der von ihm
+ausgehenden großen Gefäße, große Geschwülste am Brustkorbe, deren
+Beseitigung nicht ohne Eröffnung des Brustfellraumes geschehen kann,
+Lungenabszesse, Neubildungen und Hülsenwürmer der Lunge, selbst die auf
+einen Lappen oder gar die auf einen Lungenflügel beschränkte Tuberkulose
+(_Friedrich_) mit immer steigendem Erfolge operativen Eingriffen
+unterzogen worden. Auch die von _Vinzenz Czerny_ auf Grund
+vorausgeschickter Tierversuche im Jahre 1877 zuerst mit glücklichem
+Erfolge am Menschen geübte Resektion der Speiseröhre erhielt damit einen
+neuen Anstoß zu befriedigender Entwicklung, die heutigentags durch kühne
+plastische Operationen an der Speiseröhre (v. _Hacker_) eine besondere
+Förderung erfahren hat. --
+
+ * * * * *
+
+Die wechselseitigen Beziehungen zwischen innerer Medizin und Chirurgie,
+die sich seit dem Beginne der _Lister_schen Wundbehandlung angebahnt und
+nach beiden Seiten zu großartigen Erfolgen geführt hatten, zeigen sich
+im glänzendsten Lichte in der Entwicklung der Krankheiten des
+Zentralnervensystems, wie des Nervensystems überhaupt. Sie haben erst
+den Aufbau einer _Nervenchirurgie_ möglich gemacht, die an Kühnheit und
+Großartigkeit der Leistungen alle anderen Zweige der neueren Chirurgie
+mindestens erreicht, sie vielfach sogar übertrifft.
+
+Von einer _Chirurgie des Schädelinneren_, insbesondere des _Gehirns_,
+kann, abgesehen von den so häufigen Kopfverletzungen, bei denen der
+Wundarzt auch dem Gehirn näher zu treten gezwungen war, bis zum Anfange
+des neunten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts kaum gesprochen werden.
+Immerhin hatte aber die antiseptische Wundbehandlung die Wirkung gehabt,
+daß die uralte Operation der Trepanation, im Laufe der Jahrhunderte
+zeitweilig übertrieben, dann wieder fast vergessen oder wenigstens mit
+berechtigtem Mißtrauen angesehen, von neuem aufgenommen wurde und bald
+genug ihre Schrecken vollkommen verlor. Die unbegrenzte Zugängigkeit zum
+Gehirn wurde aber erst im Jahre 1889 geschaffen, als der hochbegabte
+Hesse _Wilhelm Wagner_, damals Chirurg in Königshütte (Oberschlesien),
+seine temporäre Resektion des Schädeldaches veröffentlichte. Sie war
+durch Versuche an Tieren, wie sie lange zuvor _Julius Wolff_ in Berlin
+anstellte, vorbereitet worden, ohne daß _Wagner_ davon Kenntnis hatte.
+
+Der erste Anstoß zur Erweiterung der Gehirnchirurgie erfolgte aber schon
+früher und zwar von medizinischer Seite. _Fritsch_ und _Hitzig_ schufen
+im Jahre 1870 die Lokalisationslehre der Hirnrinde und im Anschluß an
+sie erörterte _Karl Wernicke_, damals Privatdozent für Neuropathologie
+in Berlin, 1881 zum erstenmal die Möglichkeit, eine Neubildung des
+Gehirns durch operativen Eingriff zu beseitigen. Die erste
+Verwirklichung dieses Gedankens aber geschah durch die Engländer
+_Bennet_ und _Godlee_ (1885), allerdings mit unglücklichem Ausgange. Mit
+besserem Erfolge nahm _Victor Horsley_ in London die Operation wieder
+auf und wußte ihr in kurzer Zeit allgemeine Anerkennung zu verschaffen.
+In Deutschland war zwar der Aufschwung etwas langsamer, entwickelte sich
+aber unter _Hugo Oppenheims_ Gehirnforschungen und _Ernst
+v. Bergmanns_ tatkräftigem Eintreten für die Gehirnchirurgie schon im
+letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zu hoher Blüte. In neuester Zeit
+ist sie am nachhaltigsten durch _Fedor Krause_ gefördert worden, der in
+seiner »Chirurgie des Gehirns und Rückenmarks«, sowie in seinem
+Lehrbuche der chirurgischen Operationen 1914 eine ausgezeichnete
+Darstellung der chirurgischen Gehirnerkrankungen und der durch sie nötig
+werdenden Eingriffe am Gehirn gegeben hat. Er ist auch der Schöpfer
+einer zuverlässigen Methode zur Ausrottung des _Gasser_schen
+Nervenknotens bei schweren Neuralgien im Gebiete des Nervus trigeminus
+geworden. _Lothar Heidenhains_ Umstechungsmethode der Kopfhaut hat, in
+Verbindung mit H. _Brauns_ Suprarenin, den Blutverlust bei Schädel- und
+Gehirnoperationen wirksam zu beschränken gewußt. Unter den besten
+Förderern der Gehirnchirurgie müssen aber auch R. U. _Krönlein_ in
+Zürich und _Theodor Kocher_ in Bern genannt werden.
+
+Etwas später erfolgte die Entwicklung der _Chirurgie des Rückenmarkes_.
+Auch hier kam der erste Anstoß von einem inneren Mediziner, indem _Ernst
+Leyden_, damals in Straßburg, schon im Jahre 1874 die am Rückenmarke
+auftretenden Geschwülste den Chirurgen zu überweisen empfahl. Der erste
+Wundarzt, welcher auf den Plan trat, war wiederum der Engländer
+_Horsley_, der im Vereine mit _Gowers_ im Jahre 1887 die erste
+erfolgreiche Ausrottung einer das Rückenmark beengenden Geschwulst der
+harten Rückenmarkshaut unternahm. Die hierzu nötige Voroperation, die
+Resektion einiger Wirbelbögen oder die Laminektomie, wie sie mit einem
+erbärmlich gebildeten Worte bezeichnet zu werden pflegt, gab auch für
+andere Krankheiten im Bereiche der Wirbelsäule und ihres Inhaltes dem
+Chirurgen eine wirksame Waffe in die Hand, mit der er in immer
+steigendem Maße Erfolge zu erzielen verstanden hat.
+
+Früher als mit dem Zentralnervensysteme hat sich die Chirurgie mit den
+Erkrankungen der peripheren Nerven abgegeben. Indessen neben den
+erwähnten Großtaten erscheinen die Arbeiten in diesem Gebiete doch nur
+als Kleinwerk, obwohl auch hier mancher fruchtbare Gedanke in die Tat
+umgesetzt worden ist.
+
+ * * * * *
+
+Zu den chirurgischen Großtaten der letzten Jahrzehnte ist auch der
+Ausbau der Pathologie und Behandlung der _Schild-_ und _Thymusdrüse_ zu
+rechnen, um so mehr, als bei ihnen die Kenntnis der Physiologie dieser
+Organe ursprünglich fast vollkommen versagte. Die Chirurgie hat hier die
+doppelte Aufgabe übernommen, nicht nur diese Lücke auszufüllen, sondern
+auch die an jenen Drüsen ohne Ausführungsgang auftretenden Erkrankungen
+mehr oder weniger unschädlich zu machen; sie ist in erstgenannter
+Aufgabe von Physiologen und inneren Medizinern aufs kräftigste
+unterstützt worden.
+
+Unter dem Namen Kropf, Struma, hat man schon seit dem Altertum sehr
+verschiedenartige Schwellungen der Schilddrüse zusammengefaßt, die teils
+durch Druck auf die Luftröhre Gesundheit und Leben gefährden, teils das
+Äußere des Trägers als unangenehmer Schönheitsfehler beeinträchtigen.
+Beide Gründe haben bereits im 18. Jahrhundert das Messer des Chirurgen
+in Bewegung gesetzt; allein infolge der kaum zu beherrschenden Blutung
+wirkten doch diese Operationen so abschreckend, daß sie fast hundert
+Jahre lang nicht mehr vorgenommen worden sind. Erst _Rudolf Virchows_
+ausgezeichnete Besprechung der pathologischen Anatomie der
+Schilddrüsengeschwülste vom Jahre 1863 (Krankhafte Geschwülste, III) hat
+den Chirurgen wieder Mut gemacht, sich mit der Behandlung der Kröpfe
+abzugeben, zunächst freilich nur mit Operationen, wie Eröffnung
+oberflächlich gelegener Zysten, Jodeinspritzungen in die Geschwulst,
+Gefäßunterbindungen, welche heute als überwunden zu betrachten sind.
+Dafür hat man sich mit der Einführung der Antisepsis im achten Jahrzehnt
+an die Ausrottung der ganzen, oder eines Teiles der Drüse, oder
+einzelner Knoten herangemacht; und mit der damit herbeigeführten
+Gelegenheit zu Untersuchungen frischer Kröpfe wuchs auch die bessere
+Kenntnis der physiologischen und pathologischen Vorgänge. _Anton
+Wölfler_, damals Assistent an _Billroths_ Klinik in Wien, förderte seit
+1878 die Kenntnis vom Bau und der Entwicklung der Schilddrüse und
+stellte ein System der in der Drüse vorkommenden Geschwulstbildungen
+auf, welches im wesentlichen noch heute unseren Kenntnissen als
+Grundlage dient. Ein anderer Schüler _Billroths_, _Anton_ Freiherr
+v. _Eiselsberg_, hat sich in neuester Zeit ganz besonders um die
+Physiologie und Pathologie der Schilddrüse verdient gemacht. Die
+Hauptergebnisse der von allen Seiten in Angriff genommenen Forschungen
+sind folgende: die Kenntnis der Ausfallserscheinungen bei Verlust der
+ganzen Schilddrüse (Cachexia strumipriva) nach J. _Reverdin_ in Genf und
+_Theodor Kocher_ in Bern; die damit in Zusammenhang stehende Jod- und
+Organotherapie; die Kenntnis der Nebenkröpfe und der Nebenschilddrüsen,
+sowie der mit ihrem Ausfall verknüpften Tetanie; die Aufklärung der
+physiologischen Bedeutung der Drüse, sowie des Myxödems und des
+Kretinismus; endlich die bessere Kenntnis der Entstehungsursachen der
+Krankheit. In letztgenannter Beziehung bleibt allerdings noch am meisten
+zu wünschen übrig. -- Inzwischen hat auch die Technik eine so vollkommene
+Entwicklung erfahren, daß die Kropfoperationen nahezu ungefährlich
+geworden sind und einen überaus häufig geübten Eingriff darstellen.
+
+Die Fortschritte auf dem Gebiete der Schilddrüsenerkrankungen knüpfen
+sich, außer den schon genannten, an die Namen: _Albert Lücke_
+(Straßburg), _Edmund Rose_ (Berlin) und _August Socin_ (Basel). Aber
+auch zahlreiche andere Schriftsteller haben höchst dankenswerte
+Anregungen gegeben.
+
+Der von dem Merseburger Arzte _Karl v. Basedow_ im Jahre 1840
+beschriebene Symptomenkomplex, in welchem die Veränderungen der
+Schilddrüse eine große, wahrscheinlich die entscheidende Rolle spielen,
+ist im Jahre 1880 zuerst durch den Pariser Chirurgen _Tillaux_ der
+operativen Chirurgie gewonnen worden. _Ludwig Rehn_ in Frankfurt war der
+erste deutsche Chirurg, der über Heilungen auf operativem Wege zu
+berichten wußte; weitere Förderungen brachten _Johann v. Mikulicz_,
+_Theodor Kocher_, R. U. _Krönlein_, _Friedrich Trendelenburg_ u. a. Die
+Behandlung der _Basedow_schen Krankheit ist vorerst noch ein Grenzgebiet
+geblieben; doch neigen sich die Ansichten mehr und mehr dahin, die
+teilweise Ausschälung der Schilddrüse wenigstens in allen solchen Fällen
+als das zuverlässigste Verfahren zu betrachten, in welchen eine andere
+Behandlung versagt hat. Weitere Fortschritte sind erst nach völliger
+Aufklärung der Schilddrüsenfunktion zu erwarten.
+
+Noch eine andere Drüse, die mit der Schilddrüse in einem bestimmten
+Zusammenhang zu stehen scheint, deren Erkrankung man neuerdings sogar
+die Hauptveranlassung zu den _Basedow_schen Erscheinungen beilegen
+möchte, die _Thymusdrüse_, ist 1906 durch _Ludwig Rehn_ behufs Heilung
+der durch ihre Vergrößerung veranlaßten Verengung der Luftröhre
+chirurgischen Eingriffen zugeführt worden.
+
+Auch hat sich an einer dritten, bisher in gänzlicher Verborgenheit
+lebenden Drüse eine _Chirurgie der Hypophysis cerebri_ entwickelt,
+seitdem _Otto Madelung_ auf dem Kongreß von 1904 zum erstenmal die
+allgemeine Fettleibigkeit, wahrscheinlich auch den Riesenwuchs
+(Akromegalie) auf Verletzungen und Veränderungen jenes Organes
+zurückzuführen vermochte. Die inzwischen aus den verschiedensten
+Veranlassungen vorgenommenen Operationen nähern sich bereits der Zahl
+100; eine sehr brauchbare Methode zur operativen Freilegung der Drüse
+hat _Schloffer_ angegeben.
+
+
+
+
+ _Sechster Abschnitt._
+
+ Entwicklung der chirurgischen Literatur in Deutschland.
+
+
+
+
+ Kapitel XIV.
+
+
+Das Bild, welches wir in den beiden vorangehenden Abschnitten von dem
+Stande der Chirurgie in den letzten 50 Jahren zu entwerfen versucht
+haben, würde unvollständig bleiben, wenn es nicht durch eine Besprechung
+der in dieser Zeit sich entwickelnden _rein chirurgischen Literatur_
+seine Vervollständigung fände. Denn wie jede schnell aufblühende
+Wissenschaft teils als Verständigungsmittel, teils als Speicher der
+erworbenen Kenntnisse eine Literatur braucht, so hatte auch die uralte
+Chirurgie in dem Jungbrunnen der antiseptischen Wundbehandlung sich eine
+solche geschaffen, die in Fülle und Reichhaltigkeit des Inhaltes alle
+bisherigen Leistungen weit überstrahlte. Wenn diese Erscheinung auch in
+kurzen Abständen nacheinander in allen Kulturländern der Erde zu
+beobachten ist, so beschränken wir uns, entsprechend dem Plane des
+Buches, doch ganz auf eine Übersicht über die Entwicklung der
+chirurgischen Schriften in Deutschland.
+
+An _Hand-_ und _Lehrbüchern_ der Wundarznei war Deutschland auch in der
+vorantiseptischen Zeit, zumal seit _August Gottlieb Richters_
+grundlegendem Werke, aus den Jahren 1789-1804 nicht eben arm gewesen.
+Die Lehrbücher aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nehmen
+zuweilen die Form eines Handwörterbuches für Chirurgie und
+Augenheilkunde an, wie das von _Joh. Nepomuk Rust_ 1830-1836, von
+_Ernst Blasius_ 1836-1838 und ein drittes von _Walther_, _Jäger_ und
+_Radius_ aus den Jahren 1836-1840. Daneben aber erschienen nicht wenige
+Einzelbearbeitungen der Chirurgie, unter deren Verfassern die Namen
+_Konrad Martin Langenbeck_, 1822, _Max Joseph Chelius_, 1822, _Philipp
+v. Walther_, 1843, und insbesondere _Wilhelm Roser_, 1844, _Ludwig
+Stromeyer_, 1844, und _Adolf Wernher_, 1846, hervorzuheben sind; nach
+1850 _Viktor v. Bruns_, 1854, _Wilhelm Busch_, 1857, und endlich
+_Adolf Bardeleben_ mit seiner ursprünglichen Übersetzung von _Vidals_
+Chirurgie (seit 1852), welche in 7. Auflage bei selbständiger
+Bearbeitung ausschließlich unter _Bardelebens_ Namen ging. Die nach 1860
+erscheinenden Lehrbücher stehen mehr oder weniger bereits unter dem
+Einflusse der antiseptischen Wundbehandlung; unter ihnen ragt am meisten
+hervor _Franz Königs_ Spezielle Chirurgie, die einen großen Einfluß
+ausgeübt hat und mehrfache Auflagen erlebte. Vortrefflich ist auch
+_Erich Lexers_ Lehrbuch der allgemeinen Chirurgie, die bereits in 6
+Auflagen erschienen ist.
+
+Neben diesen zusammenfassenden Werken einzelner wurde durch _Theodor
+Billroth_, der auch literarisch sein Leben lang unermüdlich tätig
+gewesen ist, eine neue Form der Veröffentlichungen ins Leben gerufen,
+die man als Sammellehrbücher bezeichnen kann. Sie waren notwendig
+geworden, weil das gewaltige Anschwellen des chirurgischen Könnens und
+Wissens es dem einzelnen Schriftsteller immer schwerer machte, das ganze
+Gebiet der klinischen Chirurgie wissenschaftlich und praktisch
+gleichmäßig zu beherrschen; es mußte daher eine Aufteilung des Stoffes
+an mehr oder weniger zahlreiche Mitarbeiter vorgenommen werden. Als das
+erste Beispiel dieser Literatur in Deutschland erschien in den Jahren
+1865 bis 1882 das von v. _Pitha_ und _Billroth_ herausgegebene Lehrbuch
+der allgemeinen und speziellen Chirurgie. Indessen zeigte sich sehr bald
+als bedenklicher Nachteil dieses Verfahrens der Umstand, daß die
+zahlreichen Mitarbeiter mit sehr verschiedener Schnelligkeit arbeiteten,
+die einzelnen Abschnitte daher ganz unregelmäßig erschienen und die
+fleißigsten und frühesten Arbeiten oft schon überholt und veraltet
+waren, ehe das Sammelwerk noch seinen Abschluß gefunden hatte. So
+geschah es bereits bei diesem ersten Versuche, dessen Beendigung
+_Billroth_ nicht abzuwarten die Geduld besaß; denn schon im Jahre 1879
+erschien das erste Heft eines neuen Unternehmens, welches er in
+Verbindung mit _Albert Lücke_ unter dem Namen: »Deutsche Chirurgie«
+begründete. Dies Werk schleppt sich nun bereits 35 Jahre hin, ohne daß
+der Zeitpunkt der Beendigung auch nur mit einiger Sicherheit übersehen
+werden könnte. Die beiden ersten Herausgeber sind gestorben; an ihre
+Stelle traten _Ernst v. Bergmann_ und _Paul v. Bruns_; und nachdem
+auch der Erstgenannte aus dem Leben geschieden ist, führt _Bruns_ die
+Schriftleitung allein weiter. Auch die Mitarbeiter haben vielfach
+gewechselt, immer neue Teilungen des riesenhaften Stoffes haben sich als
+notwendig erwiesen und dennoch kann das Werk nur langsam vorankommen, da
+jeder neue Mitarbeiter sich erst einzuleben genötigt ist. So
+unerfreulich dieser Zustand auch sein mag, so scheint er doch bei einem
+derartig angelegten Unternehmen auf dem Gebiete einer schnell sich
+entwickelnden Wissenschaft fast unvermeidlich zu sein; und ungeachtet
+dieser Mängel ist die »Deutsche Chirurgie« ein stolzes Denkmal deutschen
+Wissens und deutscher Gewissenhaftigkeit geworden.
+
+Ein solcher Stand der Dinge mußte unfehlbar zu neuen Unternehmungen
+reizen, bei deren Anlage man die Fehler der älteren Werke zu vermeiden
+suchte. So erschien unter der Leitung von v. _Bergmann_, v. _Bruns_ und
+v. _Mikulicz_ in den Jahren 1898-1901 ein vierbändiges Handbuch der
+praktischen Chirurgie, welches 1903 bereits eine 2. Auflage benötigte.
+Die kürzere und möglichst zusammengedrängte Fassung, bei strengster
+Berücksichtigung alles Wissenswerten, hatte den Mitarbeitern eine
+rechtzeitige Ablieferung der übernommenen Artikel möglich gemacht. Es
+ist das führende Handbuch der Chirurgie geworden und eben in 4. Auflage
+in 5 Bänden erschienen. -- Ein weiterer Versuch zur Vereinfachung und zu
+schneller Ablieferung ist die von _Th. Kocher_ und _Quervain_ in den
+Jahren 1902/03 herausgegebene Enzyklopädie der gesamten Chirurgie.
+
+Neben diesen mehr oder weniger umfangreichen Sammelwerken über
+allgemeine und spezielle Chirurgie, den Krankenhausberichten, sowie den
+der Operationslehre gewidmeten Schriften steht eine schier
+unübersehbare Menge von Einzelschriften aller Art, teils umfassenderen
+Arbeiten über besondere Gebiete, die sich nicht in den Rahmen einer
+Sammelchirurgie eingeordnet haben, teils kleineren oder größeren
+Artikeln, die in den Zeitschriften ihren Unterschlupf fanden. Bis zum
+Jahre 1860 gab es aber im ganzen Gebiete der deutschen Sprache so
+außerordentlich wenige ausschließlich chirurgische _Zeitschriften_, daß
+die meisten kleineren Aufsätze in den gewöhnlichen Wochenschriften
+erschienen, die unterschiedslos allen medizinischen Fächern gerecht zu
+werden sich bemühten. So konnte es geschehen, daß die wichtigsten
+chirurgischen Arbeiten über eine größere Zahl von Zeitschriften sich
+verstreuten, was deren Verbreitung in chirurgischen Kreisen nicht wenig
+im Wege stand. Um diesem Zustande ein Ende zu machen und der deutschen
+Chirurgie einen Sammel- und Treffpunkt zu bereiten, gründete _Bernhard
+Langenbeck_ im Jahre 1861 das Archiv für klinische Chirurgie, dessen
+Hauptleitung _Ernst Gurlt_ übernahm; unter dem geläufigeren Namen
+»Langenbecks Archiv« hat es in der Tat lange Jahre eine Art von
+Sprechsaal für die deutsche Chirurgie gebildet und hat heute unter einer
+Schriftleitung, deren Hauptarbeit _Werner Körte_ leistet, den
+hundertsten Band längst überschritten. Allein den wachsenden
+Bedürfnissen genügte auch diese Einrichtung bald nicht mehr, da zumal
+die jüngeren Chirurgen nicht ohne Grund die Klage erhoben, daß wegen
+Platzmangels die Veröffentlichung der von ihnen eingesandten Arbeiten
+ungebührlich lange hinausgeschoben würde. So konnten denn im Jahre 1872
+_Karl Hüter_ und _Albert Lücke_ mit einem neuen Organe, der »Deutschen
+Zeitschrift für Chirurgie« dem älteren Archiv einen Wettbewerb bereiten.
+Und da trotzdem nach einem Jahrzehnt die gleichen Klagen laut wurden, so
+konnte P. _Bruns_ in den »Beiträgen zur klinischen Chirurgie« im Jahre
+1884 noch ein drittes Archiv gründen, welches in kurzer Zeit zahlreichen
+Kliniken und Krankenhäusern zu ihren Veröffentlichungen diente und zu
+hoher Blüte gelangte.
+
+Zu diesen Sammelorganen kommen die Veröffentlichungen aus
+chirurgisch-wissenschaftlichen Gesellschaften. Unter diesen steht die
+Deutsche Gesellschaft für Chirurgie weitaus im Vordergrunde; ihre
+gedruckten Verhandlungen liefern alljährlich einen Band, der allmählich
+zu erheblichem Umfange angeschwollen ist und dessen Inhalt uns die
+Entwicklung der deutschen Chirurgie fast wie in einem Museum geordnet
+vor Augen führt. Dazu kommen die Verhandlungen der Freien Vereinigung
+der Chirurgen Berlins, die, seit 1888 bestehend, vor drei Jahren den
+Namen: Berliner chirurgische Gesellschaft angenommen hat. -- Auch die
+Deutsche Röntgengesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Urologie und
+manche andere Vereinigungen geben besondere Sitzungsberichte heraus, da
+auch die sonderwissenschaftlichen Zeitschriften die Fülle des Stoffes
+nicht zu bewältigen imstande sind.
+
+Und doch hat die Chirurgie durch Gründung besonderer Vereine für
+Nebengebiete mit den dazu gehörigen Zeitschriften eine ganz erhebliche
+Entlastung erfahren. Weit vorangegangen war die Augenheilkunde, bald
+auch die Ohrenheilkunde, die schon 1864 ein eigenes Archiv schuf, 1867
+eine Monatsschrift hinzufügte. In ähnlicher fruchtbarer Weise ist die
+Sache in allen Sonderwissenschaften verlaufen, welche durch die
+antiseptische Wundbehandlung einen mächtigen und nachhaltigen Antrieb
+zur Weiterentwicklung erfahren hatten.
+
+Als eine Erscheinung eigener Art sind die von _Richard v. Volkmann_
+seit dem Jahre 1869 begründeten »Klinischen Vorträge« anzusehen, in
+welchen das Ziel verfolgt wurde, den Fortschritten auf allen Gebieten
+der klinischen Medizin durch fortlaufende Veröffentlichungen von
+Vorträgen, wie sie dem jeweils neuesten Stande der Wissenschaft
+entsprechend in Kliniken und Vereinen gehalten waren, oder wenigstens
+sich der Form nach ihnen angliederten, Rechnung zu tragen. Der
+chirurgische Teil des Unternehmens wird noch heute von _Otto Hildebrand_
+geleitet.
+
+Ähnlichen Gedankengängen paßt sich die von P. v. _Bruns_ 1912 begründete
+»Neue deutsche Chirurgie« an, von der diese Arbeit einen Teil bildet.
+Sie ist als Fortsetzung der »Deutschen Chirurgie« gedacht und erscheint
+als eine zwanglose Sammlung von Einzelschriften, die allen Fortschritten
+unserer Wissenschaft Rechnung tragen sollen und die mit der Zeit eine
+wertvolle Fachbibliothek in sorgfältiger Auswahl und Bearbeitung werden
+dürfte. --
+
+Eine etwas schwerflüssige und doch überaus wichtige Quelle der Belehrung
+bilden die klinischen Berichte aus Kliniken und Krankenhäusern. In deren
+älterer Form teilte der Berichterstatter nur mit, was ihm in seinen
+Erfahrungen besonders wichtig erschien, unter Auslassung alles dessen,
+was den Glanz seiner Tätigkeit zu verdunkeln geeignet war. Diese mehr
+oder weniger schön gefärbten Mitteilungen erfuhren durch _Theodor
+Billroths_ rücksichtslose Wahrheitsliebe eine grundsätzliche
+Veränderung, indem er in den seit 1860 herausgegebenen Berichten über
+seine Kliniken in Zürich und später in Wien nicht nur das sogenannte
+Interessante besprach, dessen Begrenzung von jedem Leser in anderer Form
+vorgenommen wird, sondern einfach alles erwähnte, was er beobachtet
+hatte. Nur so war es möglich, einen klaren Überblick nicht allein über
+seine eigene Tätigkeit, sondern auch über die anderer Chirurgen zu
+gewinnen; und da es feststeht, daß eigene und fremde Fehler am meisten
+belehren, so hat _Billroths_ Vorgehen eine nicht hoch genug zu
+schätzende Säule der chirurgischen Ethik geschaffen. Er fand bald
+Nachfolger, und heutigentags ist die Methode der unbedingten
+Wahrhaftigkeit so weit entwickelt, daß ein Berichterstatter es nur unter
+schweren Gefahren für Ruf und Ehre wagen dürfte, von ihren Grundsätzen
+abzuweichen. -- Für das Studium von Einzelfragen bilden solche Berichte
+eine unschätzbare Grundlage.
+
+Aus diesem Anschwellen der Literatur, welches einer geistigen
+Übererzeugung zuweilen bedenklich nahe kam, entwickelte sich nun ein
+neuer Literaturzweig mit der Aufgabe, die zerstreuten Arbeiten auf den
+einzelnen medizinischen Gebieten zu sammeln, zu ordnen und in Form einer
+kurzen, aber alles Wesentliche wiedergebenden Inhaltsangabe dem Leser
+darzubieten. Auf dem Gesamtgebiete der Medizin hatten _Canstatts_
+Jahresberichte bereits 25 Jahre lang dem Bedürfnis wissenschaftlich
+arbeitender Ärzte Rechnung zu tragen gesucht, als sie im Jahre 1866
+durch die von _Rudolf Virchow_ und _August Hirsch_ herausgegebenen
+Jahresberichte über die Leistungen und Fortschritte in der gesamten
+Medizin ersetzt wurden. Aber für die auf Sondergebieten Belehrung
+suchenden Männer waren solche Übersichten auf der einen Seite zu
+umfassend, da sie das Auffinden bestimmter Arbeiten und die Erkenntnis
+ihres Zusammenhanges mit anderen ähnlichen erschwerten, auf der anderen
+Seite zu eng, da sie inhaltlich viel zu wenig boten.
+
+Aus dem unabweislichen Bedürfnis heraus, dem Chirurgen seine
+literarischen Arbeiten zu erleichtern, schufen daher L. _Lesser_ in
+Berlin, M. _Schede_ in Halle und H. _Tillmanns_ in Leipzig, unter dem
+Rate und der tätigen Beihilfe _Richard v. Volkmanns_, im Jahre 1874
+das Zentralblatt für Chirurgie, dessen allwöchentlich erscheinende Hefte
+nicht nur mehr oder weniger schnelle Berichte über die chirurgische
+Weltliteratur, sondern auch gewöhnlich kurze Uraufsätze und sogar
+öffentliche Anfragen brachten. So ausgezeichnet sich das Unternehmen
+bewährt hat, so ist es doch im Jahre 1913 durch ein unter ständiger
+Aufsicht der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie stehendes Zentralblatt
+für die gesamte Chirurgie und ihre Grenzgebiete, dessen Schriftleitung
+L. _Franz_ übernommen hat, nicht ersetzt, aber doch ergänzt worden. Das
+neue Blatt strebt nicht nur eine Vollständigkeit der Berichte aus der
+gesamten Weltliteratur, sondern auch deren denkbar schnellstes
+Erscheinen an.
+
+Wie einst das Archiv für klinische Chirurgie, so hat auch das
+Zentralblatt für Chirurgie schnelle Nachahmung gefunden. Alle
+Nebenfächer der Wundarzneikunst, sogar die Grenzgebiete zwischen Medizin
+und Chirurgie haben ihr eigenes Zentralblatt erhalten, so daß eine
+eigene Literatur der Zentralblätter zustande gekommen ist. Daneben
+entwickelten sich noch weiterhin auf engere Gebiete beschränkte
+Jahresberichte, entweder über die ganze Chirurgie sich erstreckend, wie
+_Otto Hildebrands_ seit 1895 erscheinender Jahresbericht der Chirurgie,
+oder zusammenfassende engere Berichte, wie die der Krankheiten des
+Urogenitalapparates seit 1906.
+
+Das lebhafte Interesse, welches sich in diesen zahlreichen Gründungen
+und deren Gedeihen bekundet, hat die Arbeiten auf allen Gebieten der
+Chirurgie wesentlich erleichtert. Aber es ist nicht zu verkennen, daß
+diese Massenhaftigkeit der literarischen Neuschöpfungen doch auch ihre
+bedenkliche Seite hat. Die Anlegung einer chirurgischen Privatbücherei,
+welche alle wesentlichen Erscheinungen der neueren Literatur umfaßt, ist
+jetzt vom Gesichtspunkte des Raumes und der Kosten schon fast unmöglich
+geworden, selbst für einen Chirurgen mit eigenem Hause und großen
+Mitteln. Damit leidet aber die stille Gelehrtenstube früherer Zeiten;
+und der wundärztliche Schriftsteller, welcher öffentliche Büchereien in
+größerem Umfange zu benutzen gezwungen ist, verliert auch noch den
+letzten Rest der für die Sammlung der Gedanken so nötigen beschaulichen
+Ruhe, den ihm sein immer unruhiger und aufregender werdender Beruf eben
+noch gelassen hatte.
+
+Trotz dieser etwas schwermütigen Betrachtung bietet auch das
+literarische Schaffen auf chirurgischem Gebiete in seiner Rührigkeit und
+seiner überquellenden Fruchtbarkeit ein überaus erfreuliches Bild dar.
+
+
+
+
+ Schlußwort.
+
+
+Wir sind am Schluß unserer Darlegungen angelangt. Aber es ist kein
+geschichtlicher Abschluß, kein Wendepunkt, an welchem eine umschriebene
+Periode zu Ende geht, eine neue in Sicht steht, oder soeben begonnen
+hat; denn _Listers_ System einer chemischen Wundbehandlung, für welche
+die Anfänge der Keimlehre die Grundlage darboten, ist zwar von Grund aus
+umgeändert und verbessert, aber doch nicht als vollendet und fortan
+unabänderlich anzusehen. Dazu sind weitere neue Gedanken und
+wissenschaftliche Erfindungen gekommen, deren Tragweite für das Gebiet
+der Wundarzneikunde noch keineswegs schon nach allen Beziehungen hin
+feststeht. Demgemäß sehen wir in der deutschen Chirurgie überall eine
+angespannte Arbeit, ein eifriges Streben, einen nie ermüdenden Fleiß.
+Das sind keine Zeichen eines Niederganges, sondern der klarste Beweis,
+daß die jetzt lebenden Chirurgen das Erbe ihrer Vorgänger gut verwalten,
+daß sie dem gleichen Boden, auf welchem jene tätig waren, im Schweiße
+ihres Angesichtes immer reichere Erträge zu entlocken sich bemühen. Noch
+ist fast alles im Fluß; wohin aber die stolze Bewegung in weiteren 50
+Jahren geführt haben wird, vermag heute niemand auch nur zu ahnen.
+Immerhin dürfen wir die Hoffnung hegen, daß der Weg weiter aufwärts
+führt, selbst wenn unser Vaterland schweren Prüfungen entgegengehen
+sollte, denen mit Ruhe und Entschlossenheit zu begegnen das deutsche
+Volk auch in der hohen Entwicklung seiner Chirurgie eine nicht zu
+verachtende Waffe, besitzt.
+
+
+
+
+ Namenverzeichnis.
+
+
+ =A.=
+
+ Abbott 68.
+ Ahlfeld 45.
+ Albert 42.
+ Annandale 28.
+ Arusakagewehr 64.
+ Augusta, Kaiserin 46. 47. 48. 65.
+ Auguste Viktoria, Kaiserin 48.
+
+
+ =B.=
+
+ Bardeleben, v. 1. 38. 39. 49. 56. 101.
+ Bardenheuer 45.
+ Barth, Arthur 87.
+ Bartscher 9.
+ Basedow, v. 100.
+ Baum, Wilhelm 97.
+ Behring, v. 14. 77.
+ Bennet 98.
+ Bergmann, v. 11. 35. 37. 45. 46. 48. 49. 54. 68. 71. 72. 73. 75. 84. 98.
+ 102.
+ Bier 57. 59. 76. 89.
+ Billroth 3. 10. 11. 19. 34. 41. 45. 55. 70. 85. 92. 93. 99. 102. 104.
+ Blasius 101.
+ Boerhave 94.
+ Bollinger 78.
+ Bornhaupt 64.
+ Boyer 16.
+ Bramann, v. 85.
+ Brauer 97.
+ Braun, Heinrich (Zwickau) 55. 56. 57. 98.
+ Bremser 79.
+ Brodeur 87.
+ Bruns, Paul v. 42. 43. 54. 64. 85. 102. 103. 104.
+ -- Viktor v. 1. 32. 40. 85. 101.
+ Bünger 82.
+ Burow 9.
+ Busch, Friedrich 4. 10.
+ -- Wilhelm 63. 101.
+
+
+ =C.=
+
+ Cagniard-Latour 19.
+ Canstatt 104.
+ Carstens 58.
+ Casper 87.
+ Chassaignac 12.
+ Chassepotgewehr 64.
+ Chauliac, Guy de 52.
+ Chelius 101.
+ Chevreuil 20. 26.
+ Chrysmar 86.
+ Civiale 87.
+ Cloquet 96.
+ Cohnheim 61.
+ Colbatch 21.
+ Courvoisier 91.
+ Credé 43. 68.
+ Czermak 85.
+ Czerny, Vinzenz v. 85. 92. 93. 96. 97.
+
+
+ =D.=
+
+ Davy, Humphry 53.
+ Déclat 22.
+ Delpech 13.
+ Dieffenbach 28. 53. 81. 82.
+ Döcker, v. 7.
+ Doutrelepont 70.
+ Dreysegewehr 64.
+ Ducrey 78.
+ Dumreicher, v. 54.
+ Dunant 65.
+
+
+ =E.=
+
+ Edison 87.
+ Ehrlich 78. 80.
+ Eiselsberg, Frh. v. 74. 84. 99.
+ Elliot 21.
+ Esmarch, v. 42. 58. 67. 88.
+ Esse 6.
+ Estlander 97.
+
+
+ =F.=
+
+ Fabry, Wilhelm 88.
+ Fehleisen 15. 37.
+ Flourens 53.
+ Franz 105.
+ Freund, Wilh. Al. 86.
+ Friedländer 69.
+ Friedrich 97.
+ Friedrich Leopold v. Preußen 49.
+ Fritsch 98.
+ Fürbringer 45.
+
+
+ =G.=
+
+ Gaffky 36.
+ Galenus 72.
+ Gasser 98.
+ Gay-Lussac 19.
+ Gerlach, v. 34.
+ Godlee 98.
+ Görcke 63.
+ Goßler, v. 75.
+ Gowers 99.
+ Gräfe, Albrecht v. 84.
+ -- Karl Ferd. v. 28. 81.
+ Graser 14.
+ Grimm 63.
+ Gruithuisen 87.
+ Gurlt 32. 54. 103.
+ Gussenbauer 61. 85. 92. 93.
+ Guyon 87.
+
+
+ =H.=
+
+ Haase 65.
+ Hacker, v. 97.
+ Häser XV. 2.
+ Hagedorn 38. 42.
+ Hahn 85. 87.
+ Hansemann, v. 80.
+ Hansen 78.
+ Heath 87.
+ Hebra 18.
+ Heidenhain 80. 98.
+ Heine 85.
+ Heller 79.
+ Helmholtz 20.
+ Henle 1. 19. 20. 33.
+ Henry 41.
+ Hildebrand 104. 105.
+ Hippokrates 14. 72.
+ Hirsch 104.
+ Hittorf 59.
+ Hitzig 98.
+ Hoffa 89.
+ Hoffmann 78.
+ Honigmann 55.
+ Honsell 43.
+ Horsley 98. 99,
+ Hüter 12. 34. 38. 69. 103.
+ Hyrtl 1. 2.
+
+
+ =I.=
+
+ Israel 4. 39. 87.
+
+
+ =J.=
+
+ Jackson 53.
+ Jäger 101.
+ Jenner 76.
+ Jonnescu 57.
+
+
+ =K.=
+
+ Kaiser 92.
+ Kappeler 54.
+ Karg 74.
+ Kehr 91.
+ Kern, v. 9. 28.
+ Killian 86.
+ Kimball 86.
+ Kitasato 77.
+ Kiwisch 18.
+ Klebs 34. 77.
+ Klose 12.
+ Knesebeck, v. d. 49.
+ Koch, Robert 34. 35. 36. 41. 44. 70. 71. 72. 73. 74. 75. 76.
+ Kocher 64. 95. 98. 100. 102.
+ Köberlé 86.
+ König, Franz 37. 41. 70. 73. 75. 76. 82. 91. 97. 101.
+ Körte 51. 55. 91. 103.
+ Köster 69.
+ Kolbe 39.
+ Koller 56.
+ Kraske 94.
+ Krause 83. 98.
+ Krefting 78,
+ Krönlein 9. 95. 98. 100.
+ Küchenmeister 22. 79.
+ Küchler 90.
+ Kümmell 42. 95.
+ Küster 39. 41. 42. 57. 64. 74. 83. 84. 87. 89. 93. 97.
+ Küttner 68.
+
+
+ =L.=
+
+ Langenbeck, Bernhard v. 3. 4. 28. 31. 46. 47. 48. 49. 60. 66. 67. 78. 82.
+ 83. 89. 93. 96. 103.
+ -- Konrad Martin 1. 60. 61. 101.
+ Langenbuch 91.
+ Lauenstein 74.
+ Le Dentu 87.
+ Le Fort 89.
+ Lemaire 22.
+ Lesser 38. 105.
+ Leuckart 79.
+ Lexer 101.
+ Leyden 98.
+ Liebig 53.
+ Liebreich 76.
+ Lisfranc 94.
+ Lister 10. 17. 18. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 33. 34.
+ 36. 38. 39. 40. 41. 43. 44. 52. 70. 81. 86. 87. 88. 90. 92. 93. 96.
+ 97. 106.
+ Löffler 36. 77.
+ Long 53.
+ Lorenz 89.
+ Lücke 100. 102. 103.
+ Luise, Großherzogin von Baden 46.
+
+
+ =M.=
+
+ MacDowell 86.
+ Mackenzie 85.
+ Madelung 29. 33. 39. 79. 93. 100.
+ Maggi 88.
+ Malgaigne 4.
+ Mannlichergewehr 64.
+ Marchand 61. 62.
+ Martens 14.
+ Martini 35.
+ Metschnikow 61.
+ Michaelis 5.
+ Mikulicz, v. 41. 45. 54. 57. 89. 92. 95. 97. 100. 102.
+ Morgagni 94.
+ Morris 87.
+ Morton 53.
+ Mosengeil, v. 39.
+ Mosetig v. Moorhof 41. 70.
+ Müller, W. (Rostock) 82.
+
+
+ =N.=
+
+ Nägeli 35.
+ Neißer 78.
+ Neuber 42. 55.
+ Nicoladoni 82.
+ Nicolaier 14. 77.
+ Nightingale, Miß 6.
+ Nitze 87.
+ Nußbaum, v. 38. 96.
+
+
+ =O.=
+
+ Oberst 57.
+ Öttingen, v. 66. 68.
+ Ogston 37.
+ Ollier 89.
+ Oppenheim 98.
+
+
+ =P.=
+
+ Pallas 79.
+ Paré 17. 88.
+ Parker 55.
+ Pasteur 20. 21. 26. 37.
+ Péan 86. 90.
+ Perthes 45.
+ Petersen 58.
+ Petit 91.
+ Phelps 43.
+ Pirogoff 4. 8. 19. 53. 62. 66. 89.
+ Pitha, v. 102.
+ Pravaz 70.
+ Priestley 53.
+ Pringle 4.
+ Puchelt 94.
+ Purmann 95.
+
+
+ =Q.=
+
+ Quervain 102.
+ Quincke 57.
+ Quittenbaum 90.
+
+
+ =R.=
+
+ Radius 101.
+ Ranke 39.
+ Recklinghausen, v. 34.
+ Reger 64.
+ Rehn 84. 100.
+ Reil 6.
+ Remak 2.
+ Reverdin, Jaques 82. 100.
+ Reybard 93.
+ Reyher 39. 68.
+ Ribbert 80.
+ Richardson 40. 56.
+ Richter, A. G. 28. 84. 101.
+ Rindfleisch 34.
+ Rinne 71.
+ Riolan 84.
+ Risel 96.
+ Röntgen 59. 60. 68.
+ Rokitansky 2. 18.
+ Rose 9. 82. 89. 100.
+ Rosenbach 12. 37.
+ Roser 19. 96. 101.
+ Rothmund, v. 96.
+ Roux 95.
+ Rust 101.
+ Rydygier 92.
+
+
+ =S.=
+
+ Sahli 94.
+ Salzwedel 43.
+ Sauerbruch 97.
+ Scanzoni 18,
+ Schädel 64.
+ Schäfer 66.
+ Schaudinn 78.
+ Schede 39. 41. 42. 74. 93. 97. 105.
+ Schimmelbusch 45. 74.
+ Schjerning, v. 63. 65. 68.
+ Schleich 55. 56.
+ Schleiden 2.
+ Schliep 47.
+ Schloffer 43. 100.
+ Schmidt, E. 49.
+ Schmiedeberg 11.
+ Schönborn 38, 39.
+ Schröder 42. 86.
+ Schüller 76.
+ Schuh 53.
+ Schultz 20.
+ Schultze, A. W. 30. 38.
+ Schwann 2. 19. 20. 33.
+ Schwartze, H. 84.
+ Semmelweis 18. 19. 44.
+ Seyfert 19.
+ Simon 31. 54. 87.
+ Simpson 21. 53. 54.
+ Sims, Marion 86.
+ Skoda 18.
+ Socin 96. 100.
+ Sonnenburg 95.
+ Soubeiran 53.
+ Spence 28.
+ Spieker 49.
+ Sprengel 95.
+ Stromeyer 101.
+ Sudeck 55.
+ Syme 21.
+
+
+ =T.=
+
+ Thamhayn 21. 22.
+ Thiersch 35. 38. 39. 49. 61. 73. 82.
+ Thöle 68.
+ Tillaux 100.
+ Tillmanns 105.
+ Treitschke, v. 6.
+ Trendelenburg 32. 42. 58. 83. 100.
+ Tröltsch, Freiherr v. 84.
+ Türck 85.
+
+
+ =U.=
+
+ Unna 78.
+
+
+ =V.=
+
+ Vesalius, Andreas 1.
+ Vezin 9.
+ Vidal 101.
+ Virchow 2. 3. 4. 12. 19. 51. 73. 99. 104.
+ Volkmann, v. 9. 21. 27. 30. 31. 32. 33. 38. 39. 44. 73. 104. 105.
+ Volney-Dorsay 90.
+ Voß 68.
+
+
+ =W.=
+
+ Wagner, Paul 87.
+ -- Wilhelm 98.
+ Wahl 64.
+ Waldeyer 34.
+ Walther, v. 101.
+ Warren 53.
+ Watson 28.
+ Weber, Otto 19.
+ Wegner, Georg 90.
+ Weiger 55.
+ Wells, Horace 53.
+ -- Spencer 86.
+ Wernher 101.
+ Wernicke, Erich 77.
+ -- Karl 98.
+ Werth 42.
+ White 89.
+ Wilhelm II., Deutscher Kaiser 48.
+ Winiwarter, v. 92.
+ Wladimirow 89.
+ Wölfler 99.
+ Wolfe 83.
+ Wolff, Julius 85. 98.
+
+
+ =Z.=
+
+ Zöge-Manteuffel, v. 45. 83.
+
+ * * * * *
+
+ =Verlag von _FERDINAND ENKE_ in Stuttgart.=
+
+ * * * * *
+
+ =Übersicht der Geschichte der Chirurgie und des chirurgischen Standes.=
+
+ Von
+
+ =Prof. Dr. H. _HAESER_.=
+
+ Lex. 8°. 1879. geh. M. 1.20.
+
+ (Deutsche Chirurgie, Lieferung 1.)
+
+ * * * * *
+
+=Baas=, Prof. Dr. J. H., =Leitfaden der Geschichte der Medizin.= Mit
+Bildnissen in Holzschnitt und Faksimiles von Autographen. Lex. 8°. 1880.
+geh. M. 3.60.
+
+=Baas=, Prof. Dr. J. H., =William Harvey=, der Entdecker des
+Blutkreislaufes und dessen anatomisch-experimentelle Studie über die
+Herz- und Blutbewegung bei den Tieren. Kulturhist.-med. Abhandlung zur
+Feier des dreihundertjährigen Gedenktages der Geburt Harveys (1. April
+1578). Mit Harveys Bildnis, Faksimile und den Abbildungen des Originals
+in Lithographie. Lex. 8°. 1878. geh. M. 5.20.
+
+=Bauer=, Hofrat Prof. Dr. A., =Naturhistorisch-biographische Essays.=
+Mit 3 Tafelabbildungen, gr. 8°. 1911. geh. M. 3.80.
+
+=Brüning=, Privatdoz. Dr. H., =Geschichte der Methodik der künstlichen
+Säuglingsernährung.= Nach medizin-, kultur- und kunstgeschichtlichen
+Studien zusammenfassend bearbeitet. Mit 78 Textabbildungen. Lex. 8°.
+1908. geh. M. 6.--; in Leinw. geb. M. 7.20.
+
+=Dragendorff=, Prof. Dr. G., =Die Heilpflanzen der verschiedenen Völker
+und Zeiten.= Ein Handbuch für Aerzte, Apotheker, Botaniker und
+Droguisten. Lex. 8°. 1898. geh. M. 22.--; in Halbfranz geb. M. 24.50.
+
+=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Charlatanerie und Kurpfuscher= im
+Deutschen Reiche. Lex. 8°. 1905. geh. M. 2.--
+
+=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Gicht des Chemikers Jacob
+Berzelius und anderer hervorragender Männer.= Mit 1 Abbildung. Lex. 8°.
+1904. geh. M. 2.40.
+
+=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Krankheiten im Feldzuge gegen
+Rußland (1812).= Eine geschichtlich-medizinische Studie mit 1 Kärtchen.
+Lex. 8°. 1902. geh. M. 2.40.
+
+=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Leben und Streben in der inneren
+Medizin.= Klinische Vorlesung, gehalten am 9. November 1899. Lex. 8°.
+1899. geh M. 1.--
+
+=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Dr. Martin Luthers Krankheiten und
+deren Einfluß auf seinen körperlichen und geistigen Zustand.= Lex. 8°.
+1908. geb. M. 2.--
+
+=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Medizin im alten Testament.=
+gr. 8°. 1900. geh. M. 5.--
+
+=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Medizin im neuen Testament und
+im Talmud.= gr. 8°. 1903. geh. M. 8.--
+
+=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Pest des Thukydides.= (Die
+Attische Seuche.) Eine geschichtlich-medizinische Studie. Mit
+1 Kärtchen. Lex. 8°. 1899. geh. M. 2.--
+
+=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Rudolf Virchow als Arzt.= Lex. 8°.
+1903. geh. M. 2.40.
+
+=Fasbender=, Prof. Dr. H., =Entwickelungslehre, Geburtshülfe und
+Gynäkologie in den Hippokratischen Schriften.= Eine kritische Studie.
+gr. 8°. 1895. geh. M. 10.--
+
+=Fossel=, Prof. Dr. V., =Studien zur Geschichte der Medizin.= Lex. 8°.
+1909. geh. M. 6.--
+
+=Greeff=, Prof. Dr. R., =Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung.=
+Nebst Beiträgen zur Geschichte des Starstichs. Mit 14 Tafeln und
+9 Textabbildungen. Lex. 8°. 1907. geh. M. 6.--
+
+=Hirsch=, Prof. Dr. A., =Handbuch der historisch-geographischen
+Pathologie. Zweite, vollständig neue Bearbeitung.= Drei Abteilungen.
+
+ I. Abt.: Die allgem. akuten Infektionskrankheiten. Lex. 8°. 1881. geh.
+ M. 12.--
+
+ II. Abt.: Die chronischen Infektions- und Intoxikationskrankheiten.
+ Parasitäre Krankheiten, infektiöse Wundkrankheiten und
+ chronische Ernährungs-Anomalien. Lex. 8°. 1883. geh. M. 12.--
+
+ III. Abt.: Die Organkrankheiten. Nebst einem Register über die drei
+ Abteilungen. Lex. 8°. 1886. geh. M. 14.--
+
+=Politzer=, Prof. Dr. A., =Geschichte der Ohrenheilkunde.= _Zwei Bände_.
+
+ Band I: Von den ersten Anfängen bis zur Mitte des neunzehnten
+ Jahrhunderts. Mit 31 Bildnissen auf Tafeln und 19 Textfiguren. Lex. 8°.
+ 1907. geh. M. 20.--; in Leinw. geb. M. 22.--
+
+ Band II: Von 1850-1911. Unter Mitwirkung bewährter Fachkräfte. Mit 29
+ Bildnissen auf 29 Tafeln. Preis geh. M. 24.--; in Leinw. geb. M. 26.--
+
+=Koelsch=, Kgl. Landesgewerbearzt Dr. F., =Bernardino Ramazzini.= Der
+Vater der Gewerbehygiene (1633-1714). Sein Leben und seine Werke. Mit
+einem Bildnis. Lex. 8°. 1911 geh. M. 1.40.
+
+=Marcuse=, Dr. med. Jul., =Bäder und Badewesen in Vergangenheit und
+Gegenwart.= Eine kulturhistorische Studie. Lex. 8°. 1903. geh. M. 5.--
+
+=Marcuse=, Dr. med. Jul., =Hydrotherapie im Altertum.= Eine
+historisch-medizinische Studie. Mit einem Vorwort von Prof. Dr.
+W. _Winternitz_. gr. 8°. 1900. geh. M. 2.--
+
+=Müllerheim=, Dr. R., =Die Wochenstube in der Kunst.= Eine
+kulturhistorische Studie. Mit 138 Abbildungen. hoch 4°. 1904. kart.
+M. 16.--; in Leinw. geb. M. 18.--
+
+=Neuburger=, Prof. Dr. M., =Johann Christian Reil.= Gedenkrede, gehalten
+auf der 85. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Wien am
+26. September 1913. Mit einem Bildnis und 9 Textabbildungen. Lex. 8°. 1913.
+geh. M. 4.--
+
+=Neuburger=, Prof. Dr. M., =Geschichte der Medizin.= _Zwei Bände_.
+
+ I. Band. Lex. 8°. 1906. geh. M. 9.--; in Leinw. geb. M. 10.40.
+
+ II. Band, I. Teil. Mit 8 Tafeln. Lex. 8°. 1911. geh. M. 13.60; in Leinw.
+ geb. M. 15.--
+
+=Neuburger=, Prof. Dr. M., =Die historische Entwickelung der
+experimentellen Gehirn- und Rückenmarksphysiologie vor Flourens.=
+gr. 8°. 1897. geh. M. 10.--
+
+=Neuburger=, Prof. Dr. M., =Die Vorgeschichte der antitoxischen Therapie
+der akuten Infektionskrankheiten.= Vortrag, gehalten auf der 73.
+Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Hamburg. In erweiterter
+Form herausgegeben. gr. 8°. 1901. geh. M. 1.60.
+
+=Opitz=, Dr. K. =Die Medizin im Koran.= gr. 8°. 1906. geh. M. 3.--
+
+=Strunz=, Privatdoz. Dr. F., =Geschichte der Naturwissenschaften im
+Mittelalter.= Im Grundriß dargestellt. Mit 1 Abbildung. Lex. 8°. 1910.
+geh. M. 4.--
+
+ * * * * *
+
+ Prof. Dr. E. HOLLÄNDER.
+
+ =Die Karikatur und Satire in der Medizin.=
+
+ =Medikokunsthistorische Studie.=
+
+ Mit 10 farbigen Tafeln und 223 Abbildungen im Text.
+ hoch 4°. 1905. kart. M. 24.--; in Leinw. geb. M. 27.--
+
+ * * * * *
+
+ =Die Medizin in der klassischen Malerei.=
+
+ Mit 272 in den Text gedruckten Abbildungen. =Zweite Auflage.=
+ hoch 4°. 1913. geh. M. 28.--; fein in Leinw. geb. M. 31.--
+
+ * * * * *
+
+ =Plastik und Medizin.=
+
+ Mit 1 Tafel und 433 Abbildungen im Text.
+ hoch 4°. 1912. kart. M. 28.--; elegant geb. M. 30.--
+
+ * * * * *
+
+ _VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART._
+
+ * * * * *
+
+ =Der Gesichtsausdruck des Menschen.=
+
+ +----+ +----+
+ |1913| von |1913|
+ +----+ +----+
+
+ =Dr. med. H. Krukenberg.=
+
+ Mit 203 Textabbildungen meist nach Originalzeichnungen und
+ photographischen Aufnahmen des Verfassers.
+
+ Lex. 8°. 1913. Geheftet M. 6.--, in Leinwand gebunden M. 7.40.
+
+Das vorliegende Werk gibt in allgemein verständlicher Form eine
+Übersicht über die Entwicklung und die einzelnen Formen der
+Ausdrucksweise des menschlichen Antlitzes In der Einleitung werden die
+Lehren und Irrlehren vom Gesichtsausdruck, wie sie sich in den Werken
+früherer Jahrhunderte bis auf Lavater und Gall vorfinden, behandelt, und
+es wird dann gezeigt, wie sich am menschlichen Antlitz nach bestimmten
+ehernen Gesetzen allmähliche Wandlungen vollziehen, wie sich nicht nur
+der Gesichtsausdruck des einzelnen, sondern auch der der ganzen
+Menschheit im Strome der Zeit allmählich verändert. Die Merkmale der
+einzelnen Rassen werden kurz berührt, ausführlicher werden die durch
+Alter und Geschlecht bedingten charakteristischen Gesichtsmerkmale
+behandelt. An einzelnen Beispielen wird die Entwicklung des
+Gesichtausdrucks vom Säugling bis zum Erwachsenen erläutert. Die durch
+den Ernährungszustand, durch Krankheit, durch geistige Verblödung und
+Geisteskrankheiten bedingten Veränderungen werden eingehend behandelt
+und durch zahlreiche zum Teil sehr markante Abbildungen erläutert.
+Weiter werden die Merkmale welche das Schicksal, die Kämpfe des Geistes
+und der Seele dem Antlitz aufdrücken, behandelt, es wird gezeigt, wie
+häufig wiederholte vorübergehende Ausdrucksformen des Antlitzes
+allmählich dauernde Veränderungen hervorrufen, wie auch hier der Geist
+es ist, der sich den Körper baut. Die einzelnen vorübergehenden
+Veränderungen des Mienenspiels werden ausführlich behandelt und
+analysiert und ihre Entstehung auf rein sinnliche Reize zurückgeführt.
+Das Mienenspiel des Kindes wird in seiner rein elementaren Form dem
+durch Erziehung und konventionelle Rücksichten modifizierten
+Gesichtsausdruck des Erwachsenen gegenübergestellt. Es wird gezeigt, wie
+beim Kinde noch rein sinnliche Eindrücke vorherrschen, während im
+späteren Alter die seelischen Eindrücke, die Arbeit des Geistes und die
+Lebensschicksale das Gesicht immer mehr modifizieren und ihre
+unverwischbaren Spuren darin hinterlassen. Die Art und Weise, wie das
+Gesicht auf plötzliche reelle oder ideelle Reize reagiert, wird an
+photographischen Aufnahmen in drastischer Form demonstriert.
+
+[Illustration: Erika S. Freudiges Lachen.]
+
+[Illustration: Erika S. Schalkhaftes Lachen.]
+
+[Illustration: Erika S. Geschmeicheltes Lächeln.]
+
+[Illustration: Unschön wirkende, durch Ernährungsrückgang bedingte
+Altersfalten.]
+
+[Illustration: Künstlerisch schön wirkende, durch das Seelenleben
+bedingte Altersfalten.]
+
+=Der Verfasser verwirft die künstliche Hervorbringung gewollter
+Gesichtsausdrücke als unzuverlässig, er hat sein Material ausschließlich
+_nach wirklich vorhandenen geistigen Erregungen_ gesammelt. Das, was der
+Verfasser bietet, macht daher Anspruch auf absolute Naturwahrheit.=
+
+Der künstlerische Standpunkt wird darüber nicht vernachlässigt. Der
+Verfasser weist immer wieder darauf hin, welche Veränderungen des
+Gesichtsausdruckes durch das Seelenleben, welche durch rein zufälligen
+körperlichen Bau bedingt sind, welche unserm Schönheitssinn entsprechen
+und welche nicht. Auch der Schönheitssinn und die Verschönerungsversuche
+anderer Rassen werden berücksichtigt.
+
+[Illustration: Knabe, anderthalb Jahre alt.]
+
+[Illustration: Derselbe, acht Jahre alt.]
+
+[Illustration: Derselbe erwachsen, neunzehn Jahre alt.]
+
+Ohne den Boden der Allgemeinverständlichkeit zu verlassen, deduziert der
+Verfasser die Entwicklung und die notwendigen Folgen der Veränderungen
+des Antlitzes vom streng wissenschaftlichen Standpunkte aus und wirft,
+zuweilen nicht ohne treffenden Sarkasmus, die Lehren der
+»Physiognomiker« über Bord.
+
+[Illustration: Erika S. Süßer Geschmack.]
+
+[Illustration: Erika S. Widerwärtiger Geschmack.]
+
+=Für diejenigen, welche sich vom künstlerischen Standpunkte aus, seien
+es darstellende oder bildende Künstler, mit dem Gesichtsausdruck zu
+befassen haben, dürfte das Buch bald ein unentbehrlicher Ratgeber
+werden, für jeden Gebildeten, der sich mit den Gesetzen der äußeren
+Ausdrucksweise unseres Seelenlebens bekannt machen will, wird das
+Studium des Buches eine anregende und lohnende Lektüre bilden.=
+
+
+ _BESPRECHUNG._
+
+Der Wert der physiognomischen Forschung ergibt sich ohne weiteres aus
+der Wahrnehmung, daß das Mienenspiel des Menschen in seinen Grundzügen
+bei allen Völkern das gleiche ist, daß aber Gesichtszüge wie auch
+Gesichtsausdruck mit der fortschreitenden Kultur gewisse Veränderungen
+erfahren haben, aus denen sich wichtige Schlüsse auf den vorherrschenden
+oder den augenblicklichen Gemütszustand ziehen lassen. Dr. Krukenberg
+zeigt nun an einer großen Anzahl vorzüglicher Bilder, daß der Grad, in
+dem sich seelische oder körperliche Reize im Gesicht zu erkennen geben,
+durch mehrere Faktoren bestimmt wird; dieser hängt nämlich von ihrer
+Stärke, von ihrer Plötzlichkeit und, soweit sie den Gesichtsausdruck
+dauernd verändern, außerdem noch von ihrer Nachhaltigkeit ab. Nicht nur
+Künstler, Richter und Ärzte, die der Physiognomik von Berufs wegen ihre
+Aufmerksamkeit zu schenken haben, sondern jeder Gebildete, der etwas
+tiefer in die Geheimnisse "Spiegels der Seele" eindringen möchte, wird
+in dem schönen Werke reiche Anregung finden.
+
+ =Köln. Zeitung 1913. 1206.=
+
+
+ _INHALTSVERZEICHNIS._
+
+I. Einleitung. -- II. Literaturverzeichnis. -- III. Historisches. Kritik
+der bisherigen Schriften über Physiognomik. -- IV. Mimik der Tiere. --
+V. Entwicklung der Physiognomie. Anthropologisches. Entwicklung
+der einzelnen Rassenmerkmale. Entwicklung des Individuums.
+Geschlechtsmerkmale. Altersmerkmale. Pathologisches. -- VI. Entstehung
+des menschlichen Mienenspiels. Entwicklungsgeschichte. Physiologie.
+Ausfallerscheinungen. Pathologie. -- VII. Die Haut. -- VIII. Das Auge.
+-- IX. Das Ohr. -- X. Die Nase. -- XI. Der Mund. -- XII. Zusammenfassung
+der einzelnen Ausdrucksweisen. Register.
+
+[Illustration]
+
+[Illustration: Angeborene Blindheit.]
+
+[Illustration: Erika S. Wut.]
+
+[Illustration: Fünfjähriges ausgehungertes Kind.]
+
+[Illustration: Dasselbe, vier Monate später nach Nahrungszufuhr.]
+
+ +----------------+-----------------------------------+
+ | BESTELLZETTEL. | Der Unterzeichnete bestellt |
+ +----------------+ bei der Buchhandlung von |
+ | |
+ | .................................................. |
+ | |
+ | aus dem Verlag von _Ferdinand Enke_ in _Stuttgart_ |
+ | |
+ | =KRUKENBERG, Der Gesichtsausdruck des Menschen.= |
+ | Geh. M. 6.--, in Leinw. geb. M. 7.40. |
+ | |
+ | Ort und Datum: Name: |
+ | |
+ | |
+ | .................................................. |
+ | |
+ +----------------------------------------------------+
+
+
+[Illustration: Erika S. Rührung (seelischer Schmerz).]
+
+ * * * * *
+
+ =Die Schönheit des weiblichen Körpers=
+
+ Den Müttern, Ärzten und Künstlern gewidmet.
+
+ Von =Dr. C. H. STRATZ.=
+
+ =Zweiundzwanzigste, vermehrte und verbesserte Auflage=
+
+ Mit 303 Abbildungen und 8 Tafeln. Lex. 8°. 1913. geh. M. 18.--,
+ in Leinw. geb. M. 20.--
+
+Die vorliegende Auflage der "Schönheit" ist um mehr als 30 neue
+Abbildungen durchweg Photographien nach dem Leben bereichert und auch
+textlich erweitert worden. Die früheren Auflagen des Werkes haben in der
+Presse die wärmste Anerkennung gefunden.
+
+Das Werk kann in seinem geschmackvollen Gewande auch zu Geschenken für
+Künstler, Kunstfreunde, Ärzte und Mütter, für welche Kreise es
+geschrieben ist, bestens empfohlen werden.
+
+=Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder vom Verlag von FERDINAND ENKE
+in Stuttgart.=
+
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
+Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+ S. II: in Leinw. geb. M. 13.-- [Punkt entfernt]
+ S. III: Pseudarthrosen -> Pseudoarthrosen
+ S. 19: Cagniard Latour -> Cagniard-Latour
+ S. 23: maßgebend gewesen. -> [Punkt hinzugefügt]
+ S. 106: Schlusswort. -> Schlußwort
+ S. 108: Jaeger -> Jäger
+ S. 108: Köberle -> Köberlé
+ S. 109: Oettingen -> Öttingen
+ S. 112: Lex. 8° -> [Leerzeichen hinzugefügt]
+ S. 112: kart. -> [Punkt hinzugefügt]
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER NEUEREN DEUTSCHEN
+CHIRURGIE***
+
+
+******* This file should be named 39529-8.txt or 39529-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/5/2/39529
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License available with this file or online at
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+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
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+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
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+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
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+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation information page at www.gutenberg.org
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809
+North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
+contact links and up to date contact information can be found at the
+Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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