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diff --git a/39529-8.txt b/39529-8.txt new file mode 100644 index 0000000..65691d9 --- /dev/null +++ b/39529-8.txt @@ -0,0 +1,7533 @@ +The Project Gutenberg eBook, Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie, +by Ernst Georg Ferdinand Küster + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie + + +Author: Ernst Georg Ferdinand Küster + + + +Release Date: April 24, 2012 [eBook #39529] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER NEUEREN DEUTSCHEN +CHIRURGIE*** + + +E-text prepared by Juliet Sutherland, Jens Nordmann, and the Online +Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) + + + +Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this + file which includes the original illustrations. + See 39529-h.htm or 39529-h.zip: + (http://www.gutenberg.org/files/39529/39529-h/39529-h.htm) + or + (http://www.gutenberg.org/files/39529/39529-h.zip) + + +Anmerkungen zur Transkription: + + Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der + Schreibweise und Formatierung wurden beibehalten. + + Formatierung: + + Gesperrter Text wurde mit Unterzeichen (_Text_), fett gedruckter + Text mit Gleichheitszeichen (=Text=) und unterstrichener Text mit + Dollarzeichen ($Text$) markiert. + + + + + +VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART. + +* * * * * + +NEUE DEUTSCHE CHIRURGIE + +Herausgegeben von =P. v. Bruns.= + +Die =»Neue Deutsche Chirurgie«= ist als Fortsetzung der »Deutschen +Chirurgie« von dem gegenwärtigen Herausgeber dieses monumentalen, dem +Abschlusse entgegengehenden Sammelwerkes, Exzellenz v. _Bruns_, +begründet worden. + +Die =»Neue Deutsche Chirurgie« erscheint als eine fortlaufende zwanglose +Sammlung von Monographien über ausgewählte Kapitel der modernen +Chirurgie.= Das beigegebene Verzeichnis der bereits erschienenen sowie +in Vorbereitung befindlichen Bände zeigt, daß von den berufensten +Autoren die neuzeitlichen Errungenschaften der Chirurgie sowie die +neuerdings der chirurgischen Behandlung zugänglich gemachten Gebiete in +sorgfältiger Auswahl dargestellt werden. =Nach Bedarf werden immer neue +Bände hinzugefügt.= + +Von der Kritik ist das Erscheinen der =»Neuen Deutschen Chirurgie«= mit +Freude begrüßt und dem großen Werke ein weitgehendes Bedürfnis zuerkannt +worden. Die bisher erschienenen Bände werden sämtlich dem Fachmann als +willkommen und unentbehrlich manche auch dem praktischen Arzte +angelegentlich empfohlen. + +Die =»Neue Deutsche Chirurgie«= hat in der kurzen Zeit ihres Erscheinens +bereits einen außerordentlich großen Kreis von Lesern und besonders von +Abonnenten sich erworben, so daß zu hoffen ist, daß die Sammlung sich +bald jedem Chirurgen als unentbehrlich erweisen wird. + +Im Abonnement auf die =»Neue Deutsche Chirurgie«= -- es ist für dieses +ein etwa 20 Prozent niedrigerer Bandpreis angesetzt -- wird den +Chirurgen die Gelegenheit geboten, allmählich eine wertvolle +Fachbibliothek in sorgfältigster Auswahl und Bearbeitung zu erwerben. + + + Ferdinand Enke, Verlagsbuchhandlung + + Stuttgart. + + + + + $Bisher erschienene Bände:$ + +1. Band. =Die Nagelextension der Knochenbrüche.= Von Privatdoz. Dr. =F. +Steinmann.= Mit 136 Textabbildungen. Lex. 8°. 1912. Preis für Abonnenten +geh. M. 6.80, in Leinw. geb. M. 8.20. =Einzelpreis= geh. M. 8.40, in +Leinw. geb. M. 9.80. + +2. Band. =Chirurgie der Samenblasen.= Von Prof. Dr. =F. Voelcker.= Mit +46 Textabbildungen. Lex. 8°. 1912. Preis für Abonnenten geh. M. 7.80, in +Leinw. geb. M. 9.20. =Einzelpreis= geh. M. 9.60, in Leinw. geb. M. 11.-- + +3. Band. =Chirurgie der Thymusdrüse.= Von Dr. =Heinrich Klose.= Mit 99 +Textabbildungen, 2 Kurven und 3 farbigen Tafeln. Lex. 8°. 1912. Preis +für Abonnenten geh. M. 10.40, in Leinw. geb. M. 11.80. =Einzelpreis= +geh. M. 12.80, in Leinw. geb. M. 14.20. + +4. Band. =Die Verletzungen der Leber und der Gallenwege.= Von Professor +Dr. =F. Thöle.= Lex. 8°. 1912. Preis für Abonnenten geh. M. 6.80, in +Leinw. geb. M. 8.20. =Einzelpreis= geh. M. 8.40, in Leinw. geb. M. 9.80. + +5. Band. =Die Allgemeinnarkose.= Von Professor Dr. =M. v. Brunn.= Mit 91 +Textabbildungen. Lex. 8°. 1913. Preis für Abonnenten geh. M. 15.--, in +Leinw. geb. M. 16.40. =Einzelpreis= geh. M. 18.60, in Leinw. geb. +M. 20.-- + +6. Band. =Die Chirurgie der Nierentuberkulose.= Von Privatdozent Dr. +=H. Wildbolz.= Mit 22 teils farbigen Textabbildungen. Lex. 8°. 1913. Preis +für Abonnenten geh. M. 7.--, in Leinw. geb. M. 8.40. =Einzelpreis= geh. +M. 8.60, in Leinw. geb. M. 10.-- + +7. Band. =Chirurgie der Lebergeschwülste.= Von Professor Dr. =F. Thöle.= +Mit 25 Textabbildungen. Lex. 8°. 1913. Preis für Abonnenten geh. M. +12.--, in Leinw. geb. M. 13.40. =Einzelpreis= geh. M. 14.--, in Leinw. +geb. M. 15.40. + +8. Band. =Chirurgie der Gallenwege.= Von Professor Dr. =H. Kehr.= Mit +137 Textabbildungen, einer farbigen Tafel und einem Bildnis _Carl +Langenbuchs_. Lex. 8°. 1913. Preis für Abonnenten geh. M. 32.--, in +Leinw. geb. M. 34.--. =Einzelpreis= geh. M. 40.--, in Leinw. geb. +M. 42.-- + +9. Band. =Chirurgie der Nebenschilddrüsen (Epithelkörper).= Von +Professor Dr. =N. Guleke.= Mit 22 teils farbigen Textabbildungen. Lex. +8°. 1913. Preis für Abonnenten geh. M. 7.--, in Leinw. geb. M. 8.40. +=Einzelpreis= geh. M. 8.40, in Leinw. geb. M. 9.80. + +10. Band. =Die Krankheiten des Knochensystems im Kindesalter.= Von +Professor Dr. =Paul Frangenheim.= Mit 95 Textabbildungen. Lex. 8°. 1913. +Preis für Abonnenten geh. M. 11.80, in Leinw. geb. M. 13.20. +=Einzelpreis= geh. M. 14.80, in Leinw. geb. M. 16.20. + +11. Band. =Allgemeine Chirurgie der Gehirnkrankheiten.= I. Teil. +Bearbeitet von Professor Dr. =A. Knoblauch=, Professor Dr. =K. Brodmann= +und Priv.-Doz. Dr. =A. Hauptmann.= Redigiert von Professor Dr. +=F. Krause.= Mit 149 teils farbigen Abbildungen und 12 Kurven. Lex. 8°. +1914. Preis für Abonnenten M. 20.--, in Leinw. geb. M. 21.60. +=Einzelpreis= geh. M. 24.--, in Leinw. geb. M. 25.60. + +12. Band. =Allgemeine Chirurgie der Gehirnkrankheiten.= II. Teil. +Bearbeitet von Professor Dr. =G. Anton=, Professor Dr. =L. Bruns=, +Professor Dr. =F. Haasler=, Priv.-Doz. Dr. =A. Hauptmann=, Dr. =W. +Holzmann=, Professor Dr. =F. Krause=, Professor Dr. =F. W. Müller=, +Professor Dr. =M. Nonne= und Professor Dr. =Artur Schüller.= Redigiert +von Professor Dr. =F. Krause.= Mit 106 teils farbigen Abbildungen. Lex. +8°. 1914. Preis für Abonnenten M. 17.20, in Leinw. geb. M. 18.80. +=Einzelpreis= geh. M. 21.--, in Leinw. geb. M. 22.60. + +13. Band. =Die Sportverletzungen.= Von Priv.-Doz. Dr. =G. Freiherrn v. +Saar.= Mit 53 Textabbildungen. Lex. 8°. 1914. Preis für Abonnenten geh. +M. 11.--, in Leinw. geb. M. 12.40. =Einzelpreis= geh. M. 13.40, in +Leinw. geb. M. 14.80. + +14. Band. =Kriegschirurgie in den Balkankriegen 1912/13.= Bearbeitet von +=Alfred Exner=, =Hans Heyrovsky=, =Guido Kronenfels= und =Cornelius +Ritter von Massari.= Redigiert von =Alfred Exner.= Mit 51 +Textabbildungen. Lex. 8°. 1915. Preis für Abonnenten geh. M. 10.--, in +Leinw. geb. M. 11.40. =Einzelpreis= geh. M. 11.60, in Leinw. geb. +M. 13.-- + +15. Band. =Geschichte der neueren deutschen Chirurgie.= Von Prof. Dr. +=Ernst Küster.= Lex. 8°. 1915. Preis für Abonnenten geh. M. 4.40, in +Leinw. geb. M. 5.60. =Einzelpreis= geh. M. 5.20, in Leinw. geb. M. 6.40. + + + + + $In Vorbereitung befindliche Bände:$ + +=Handbuch der Wundbehandlung.= Von Dr. C. _Brunner_. + +=Behandlung der Wundinfektionskrankheiten.= Von Prof. Dr. L. _Wrede_. + +=Immunisierung im Dienste der chirurgischen Diagnostik und Therapie.= +Von Dr. G. _Wolfsohn_. + +=Staphylomykosen und Streptomykosen.= Von Prof. Dr. _Th. Kocher_ und +Priv.-Doz. Dr. F. _Steinmann_. + +=Sporotrichose.= Von Prof. Dr. G. _Arndt_. + +=Tetanus.= Von Prof. Dr. E. _Kreuter_. + +=Traumatische Neurosen.= Von Prof. Dr. O. _Nägeli_. + +=Lokalanästhesie.= Von Prof. Dr. V. _Schmieden_ und Dr. F. _Härtel_. + +=Lumbalanästhesie.= Von Dr. A. _Dönitz_. + +=Künstliche Blutleere.= Von Prof. Dr. F. _Momburg_. + +=Blutuntersuchungen im Dienste der Chirurgie.= Von Prof. Dr. O. _Nägeli_ +und Dr. E. _Fabian_. + +=Bluterkrankheit.= Von Priv.-Doz. Dr. _Schlößmann_. + +=Chirurgische Röntgenlehre.= Von Prof. Dr. R. _Grashey_. + +=Chirurgische Röntgenstrahlenbehandlung.= Von Priv.-Doz. Dr. +H. _Iselin_. + +=Chirurgische Sonnenlichtbehandlung.= Von Dr. O. _Bernhard_ und Dr. +A. _Rollier_. + +=Freie Transplantation.= Von Prof. Dr. E. _Lexer_. + +=Plastische Chirurgie.= Von Prof. Dr. E. _Lexer_. + +=Chirurgische Operationslehre.= Von Prof. Dr. E. _Lexer_. + +=Dringliche Operationen.= Von Prof. Dr. G. _Hirschel_. + +=Verbrennungen und Erfrierungen.= Von Prof. Dr. E. _Sonnenburg_ und Dr. +P. _Tschmarke_. + +=Chirurgie der heißen Länder.= Von Prof. Dr. K. _Goebel_. + +=Echinokokkenkrankheit.= Von Prof. Dr. W. _Müller_, Prof. Dr. A. +_Becker_ und Priv.-Doz. Dr. G. _Hosemann_. + +=Chirurgische Pneumokokkenkrankheiten.= Von Dr. _Th. Nägeli_. + +=Thrombose und Embolie nach Operationen.= Von Prof. Dr. H. _Fehling_. + +=Luft- und Fettembolie.= Von Prof. Dr. P. _Clairmont_. + +=Krebsgeschwülste.= Von Prof. Dr. O. _Lubarsch_, Prof. Dr. _Apolant_ und +Prof. Dr. R. _Werner_. + +=Sarkomgeschwülste.= Von Priv.-Doz. Dr. _Konjetzny_. + +=Chirurgie des Diabetes.= Von Prof. Dr. W. _Kausch_. + +=Chirurgie des Abdominaltyphus.= Von Prof. Dr. O. W. _Madelung_. + +=Behandlung der chirurgischen Tuberkulose.= Von Prof. Dr. M. _Wilms_. + +=Strahlenbehandlung des Hautkrebses und der Hauttuberkulose.= Von Prof. +Dr. P. _Linser_. + +=Chirurgie der Lymphgefäße und Lymphdrüsen.= Von Prof. Dr. A. _Most_. + +=Chirurgie der Blutgefäße.= Von Prof. Dr. A. _Stich_. + +=Chirurgie der Nerven.= Von Prof. Dr. H. _Spitzy_. + +=Chirurgie der Syringomyelie.= Von Prof. Dr. A. F. _Borchard_. + +=Chirurgie der Lähmungen.= Von Prof. Dr. F. _Lange_. + +=Ambulante Behandlung von Knochenbrüchen.= Von Professor Dr. +P. _Hackenbruch_. + +=Operative Behandlung der Knochenbrüche.= Von Prof. Dr. E. _Ranzi_. + +=Knochenbrüche der Gelenke.= Von Priv.-Doz. Dr. B. _Baisch_. + +=Traumatische Epiphysentrennungen.= Von Priv.-Doz. Dr. K. _Fritsch_. + +=Pseudoarthrosen.= Von Priv.-Doz. Dr. A. _Reich_. + +=Neuropathische Knochen- und Gelenkkrankheiten.= Von Dr. R. _Levy_. + +=Knochengeschwülste.= Von Prof. Dr. G. _Axhausen_. + +=Arthritis deformans.= Von Prof. G. _Axhausen_ und Dr. P. _Gläßner_. + +=Gelenkentzündungen bei infektiösen Krankheiten.= Von Dr. G. D. _Zesas_. + +=Ankylose der Gelenke.= Von Prof. Dr. E. _Payr_. + +=Spezielle Chirurgie der Gehirnkrankheiten.= Bearbeitet von Oberarzt Dr. +W. _Braun_, Prof. Dr. R. _Cassirer_, Prof. Dr. P. _Clairmont_, Prof. Dr. +A. _Exner_, Prof. Dr. F. _Haasler_, Priv.-Doz. Dr. K. _Henschen_, +Oberarzt Dr. E. _Heymann_, Prof. Dr. F. _Krause_, Prof. Dr. K. A. +_Passow_, Prof. Dr. A. _Stieda_. Redigiert von Prof. Dr. F. _Krause_. + +=Verletzungen des Gehirns.= Bearbeitet von Prof. Dr. A. F. _Borchard_, +Dr. W. _Braun_, Stabsarzt Dr. A. _Dege_, Prof. Dr. H. _Küttner_, Dr. +E. _Melchior_, Prof. Dr. P. _Schröder_, Dr. H. _Schüller_, Prof. Dr. +A. _Stieda_, Prof. Dr. A. _Tietze_, Dr. _Wrobel_. Redigiert von Prof. Dr. +H. _Küttner_. + +=Chirurgie der Hypophyse.= Von Prof. Dr. A. Freiherrn v. _Eiselsberg_. + +=Chirurgie der Orbita.= Von Prof. Dr. W. _Krauß_ und Priv.-Doz. Dr. +F. _Hohmeier_. + +=Chirurgie des Ohres.= Von Prof. Dr. A. _Hinsberg_. + +=Rhinoskopie.= Von Prof. Dr. P. _Heymann_ und Dr. G. _Ritter_. + +=Chirurgie der Gesichts- und Kiefer-Gaumenspalten.= Von Prof. Dr. +C. _Helbing_. + +=Dentale Kieferoperationen.= Von Prof. Dr. B. _Mayrhofer_. + +=Direkte Endoskopie der Luft- und Speisewege.= Von Prof. Dr. +W. _Brünings_ und Prof. Dr. W. _Albrecht_. + +=Laryngoskopie.= Von Prof. Dr. P. _Heymann_ und Dr. A. _Mayer_. + +=Chirurgische Operationen an Kehlkopf und Luftröhre.= Von Prof. Dr. +O. _Chiari_. + +=Endemischer Kropf.= Von Dr. E. _Bircher_. + +=Chirurgie der Basedowkrankheit.= Von Dr. H. _Klose_ und Dr. Arno Ed. +_Lampé_. + +=Chirurgie der Speiseröhre.= Von Prof. Dr. V. v. _Hacker_ und Primararzt +Dr. G. _Lotheissen_. + +=Chirurgie der Brustdrüse.= Von Prof. Dr. E. _Leser_ und Professor Dr. +A. _Dietrich_. + +=Druckdifferenzverfahren bei Thoraxoperationen.= Von Priv.-Doz. Dr. +L. _Dreyer_. + +=Chirurgie der Pleura.= Von Dr. H. _Burckhardt_. + +=Chirurgie der Lungen.= Von Prof. Dr. P. L. _Friedrich_. + +=Chirurgie des Herzens.= Von Prof. Dr. A. _Häcker_. + +=Chirurgie des Mediastinums und Zwerchfells.= Von Prof. Dr. +F. _Sauerbruch_ und Prof. Dr. K. _Henschen_. + +=Laparotomie und ihre Nachbehandlung.= Von Prof. Dr. H. _Gebele_. + +=Radikaloperation der Nabel- und Bauchwandbrüche.= Von Prof. Dr. +E. _Graser_. + +=Chirurgie der Milz.= Von Prof. Dr. H. _Heineke_ und Dr. E. _Fabian_. + +=Chirurgische Behandlung der Leberzirrhose.= Von Prof. Dr. W. _Kausch_. + +=Chirurgie des Pankreas.= Von Prof. Dr. N. _Guleke_, Dr. O. _Nordmann_ +und Dr. E. _Ruge_. + +=Röntgendiagnostik der Krankheiten des Verdauungskanals.= Von Dr. +E. _Finckh_, Dr. F. M. _Groedel_ und Priv.-Doz. Dr. _Stierlin_. + +=Chirurgie des Magengeschwüres.= Von Prof. Dr. E. _Payr_. + +=Chirurgie des Duodenums.= Von Prof. Dr. H. _Küttner_ und Dr. +E. _Melchior_. + +=Chirurgie der Appendix.= Von . . . . . . . . . + +=Chirurgie der Form- und Lageveränderungen des Darmes= (ausschließlich +der Hernien). Von Prof. Dr. L. _Wrede_. + +=Chirurgie der Funktionsstörungen des Dickdarmes.= Von Prof. Dr. +F. _De Quervain_. + +=Chirurgie des Rektums und Anus.= Von Prof. Dr. N. _Guleke_. + +=Chirurgie der Nebennieren.= Von Priv.-Doz. Dr. K. _Henschen_. + +=Chirurgie der weiblichen Harnorgane.= Von Priv.-Doz. Dr. +A. _Bauereisen_. + +=Chirurgische Nierendiagnostik.= Von Prof. Dr. F. _Voelcker_ und +Priv.-Doz. Dr. A. v. _Lichtenberg_. + +=Chirurgie der Nephritis.= Von Prof. Dr. H. _Kümmell_. + +=Chirurgie des Nierenbeckens und Ureters.= Von Prof. Dr. H. _Kümmell_. + +=Endoskopie der Harnwege.= Von Prof. Dr. G. _Gottstein_. + +=Geschwülste der Harnblase.= Von Prof. Dr. O. _Hildebrand_ und Dr. +H. _Wendriner_. + +=Prostatektomie.= Von Prof. Dr. J. _Tandler_ und Prof. Dr. +O. _Zuckerkandl_. + +=Chirurgie des Hodens und Samenstranges.= Von Prof. Dr. _Th. Kocher_ und +Priv.-Doz. Dr. A. _Kocher_. + +=Chirurgie der Hand.= Von Dr. E. _Melchior_. + +=Verletzungen der unteren Extremitäten.= Von Prof. Dr. C. G. _Ritter_. + + + * * * * * + + Preis für Abonnenten geh. M. 4.40, in Leinw. geb. M. 5.60. + + Einzelpreis geh. M. 5.20, in Leinw. geb. M. 6.40. + + * * * * * + + + + + NEUE + + DEUTSCHE CHIRURGIE + + (HERAUSGEGEBEN VON) + + P. von BRUNS in Tübingen. + + BEARBEITET VON + + +ALBRECHT-Tübingen, ANTON-Halle, APOLANT-Frankfurt a. M., ARNDT-Berlin, +AXHAUSEN-Berlin, BAISCH-Heidelberg, BAUEREISEN-Kiel, BECKER-Rostock, +BERNHARD-St. Moritz, BIRCHER-Aarau, BORCHARD-Posen, BRAUN-Berlin, +BRODMANN-Tübingen, BRÜNINGS-Jena, v. BRUNN-Bochum, BRUNNER-Münsterlingen, +BRUNS-Hannover, BURCKHARDT-Berlin, CASSIRER-Berlin, CHIARI-Wien, +CLAIRMONT-Wien, DÖNITZ-Berlin, DREYER-Breslau, v. EISELSBERG-Wien, +EXNER-Wien, FABIAN-Leipzig, FEHLING-Straßburg, FINCKH-Stuttgart, +FRANGENHEIM-Cöln, FRIEDRICH-Königsberg i. Pr., FRITSCH-Breslau, +GLÄSSNER-Berlin, GOEBEL-Breslau, GOTTSTEIN-Breslau, GRASER-Erlangen, +GRASHEY-München, GROEDEL-Nauheim, GULEKE-Straßburg, HAASLER-Halle, +v. HACKER-Graz, HÄCKER-Essen, HÄRTEL-Berlin, HAUPTMANN-Freiburg, +HEINEKE-Leipzig, HELBING-Berlin, HENSCHEN-Zürich, HEYMANN-Berlin, +HILDEBRAND-Berlin, HINSBERG-Breslau, HIRSCHEL-Heidelberg, +HOHMEIER-Marburg, HOLZMANN-Hamburg, HOSEMANN-Rostock, ISELIN-Basel, +KAUSCH-Berlin, KEHR-Berlin, KLOSE-Frankfurt a. M., KNOBLAUCH-Frankfurt +a. M., KOCHER-Bern, KONJETZNY-Kiel, KRAUSE-Berlin, KRAUSS-Cöln, +KREUTER-Erlangen, KÜMMELL-Hamburg, KÜSTER-Berlin, KÜTTNER-Breslau, +LAMPÉ-München, LANGE-München, LESER-Frankfurt a. M., LEVY-Breslau, +LEXER-Jena, v. LICHTENBERG-Straßburg, LINSER-Tübingen, LOTHEISSEN-Wien, +LUBARSCH-Kiel, MACHOL-Erfurt, MADELUNG-Straßburg, MAYER-Berlin, +MAYRHOFER-Innsbruck, MELCHIOR-Breslau, MOMBURG-Bielefeld, MOST-Breslau, +MÜLLER-Rostock, MÜLLER-Tübingen, O. NÄGELI-Tübingen, TH. NÄGELI-Zürich, +NONNE-Hamburg, NORDMANN-Berlin, PASSOW-Berlin, PAYR-Leipzig, De +QUERVAIN-Basel, RANZI-Wien, REICH-Tübingen, RITTER-Berlin, RITTER-Posen, +ROLLIER-Leysin, RUGE-Frankfurt a. O., v. SAAR-Innsbruck, +SAUERBRUCH-Zürich, SCHLÖSSMANN-Tübingen, SCHMIEDEN-Halle a. S., +SCHÜLLER-Wien, SONNENBURG-Berlin, SPITZY-Graz, STEINMANN-Bern, +STICH-Göttingen, STIEDA-Halle a. S., STIERLIN-Basel, TANDLER-Wien, +THÖLE-Hannover, TSCHMARKE-Magdeburg, VOELCKER-Heidelberg, +WENDRINER-Wien, WERNER-Heidelberg, WILDBOLZ-Bern, WILMS-Heidelberg, +WREDE-Jena, WROBEL-Breslau, ZESAS-Basel, ZUCKERKANDL-Wien. + + * * * * * + + + + + 15. Band: + + Geschichte der neueren deutschen Chirurgie. + + Von + + Dr. ERNST KÜSTER, + + o. ö. Professor der Chirurgie an der Universität Marburg, + in Charlottenburg. + + + + VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART. + 1915. + + * * * * * + + + + + GESCHICHTE + + DER NEUEREN DEUTSCHEN + + CHIRURGIE. + + + VON + + + DR. ERNST KÜSTER, + + o. ö. PROFESSOR DER CHIRURGIE AN DER UNIVERSITÄT MARBURG, + in CHARLOTTENBURG. + + + VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART. + 1915. + + + + ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN. + + COPYRIGHT 1915 BY FERDINAND ENKE, PUBLISHER, STUTTGART. + + + Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. + + + + + DER + + DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR CHIRURGIE + + GEWIDMET. + + * * * * * + + + + + Inhaltsverzeichnis. + + + Seite + Vorwort XV + + + _Erster Abschnitt._ + + =Der Zustand der Chirurgie vor Einführung der antiseptischen + Wundbehandlung.= + + Kapitel I. Zustand der Gesamtmedizin vor der antiseptischen + Wundbehandlung 1 + Beschreibende Anatomie 1 + Topographische Anatomie. Entwicklungsgeschichte 2 + Feinere Anatomie und Physiologie 2 + Pathologische Anatomie 2 + Gesundheitslehre 3 + + Kapitel II. Die Krankenanstalten vor der antiseptischen Wundbehandlung 3 + Alte Krankenhäuser. Massivbau 3 + Das Pavillonsystem 4 + Baracken 5 + Leinwandzelte 6 + Döckersche Zeltbaracke 7 + Das Krankenzerstreuungssystem 8 + + Kapitel III. Die ältere Wundbehandlung und die Wundkrankheiten 8 + Die älteren Wundbehandlungsmethoden 8 + Salben und Pflaster 9 + Offene Wundbehandlung 9 + Charpieverbände 9 + Die Wundkrankheiten 10 + Wundfäulnis, Sepsis 10 + Eiterfieber, Pyämie 11 + Hospitalbrand 12 + Wundstarrkrampf, Tetanus 13 + Wundrose, Erysipelas 14 + Zustände auf älteren chirurgischen Abteilungen 15 + + + _Zweiter Abschnitt._ + + =Joseph Listers antiseptische Wundbehandlung.= + + Kapitel IV. Die Vorläufer Listers 18 + Vorarbeiten. Klinische Beobachtung 18 + Der Geburtshelfer Semmelweis 18 + Gay-Lussac. Der Sauerstoff als Fäulniserreger 19 + Schwanns Begründung der Keimlehre 19 + Pasteurs Versuche über Zersetzung 20 + + Kapitel V. Listers Übertragung der Keimlehre auf die Chirurgie 20 + Behandlung offener Knochenbrüche 23 + Behandlung der Abszesse 24 + Die Unterbindungsfäden 24 + Antiseptischer Dauerverband 25 + Der Zerstäuber (Spray) 26 + Widerstand gegen das Verfahren in England und Frankreich 28 + + + _Dritter Abschnitt._ + + =Der Einzug der Antisepsis in die deutsche Chirurgie. Die Asepsis. + Das Langenbeckhaus.= + + Kapitel VI. Einführung und Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung in + Deutschland 30 + Vortrag des Stabsarztes A. W. Schultze über Antisepsis 30 + Gründung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie 31 + Richard Volkmanns Tätigkeit 32 + Die Bakterienkunde als Hilfsmittel der Chirurgie 33 + Robert Koch. Ätiologie der Wundinfektionskrankheiten 34 + Bedeutung der Bakterien für die praktische Chirurgie 36 + Fehleisen, Rosenbach 37 + Nicolaier 38 + Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung 38 + Änderungen an dem Listerschen Verfahren 39 + Schedes feuchter Blutschorf 42 + + Kapitel VII. Einführung der Asepsis 43 + Veranlassung zur Einführung der Asepsis 44 + Technik der Asepsis nach Schimmelbusch 45 + Wundschutz und Händeschutz 45 + + Kapitel VIII. Die Gründung des Langenbeckhauses 46 + Das Langenbeckhaus und die Kaiserin Augusta 46 + Das Langenbeck-Virchow-Haus 51 + + + _Vierter Abschnitt._ + + =Wandlungen und Eroberungen auf dem Gebiete der allgemeinen Chirurgie.= + + Kapitel IX. Wandlungen der allgemeinen Therapie 52 + Die Methoden zur Herbeiführung der Schmerzlosigkeit 52 + Allgemeine Gefühllosigkeit 53 + Die örtliche Empfindungslosigkeit 56 + Die künstliche Blutleere 58 + Andere Methoden der Blutersparung 58 + Hyperämie als Heilmittel 59 + Die Durchleuchtung nach Röntgen 59 + Radium und Mesothorium 60 + Veränderungen der operativen Technik 60 + Veränderung der Vorstellungen über Wundheilung 61 + + Kapitel X. Wandlungen der Kriegschirurgie 62 + Schußwunden und Kriegschirurgie 62 + Verbesserung und Förderung der Krankenpflege 65 + Krankenzerstreuung auf dem Schlachtfelde 66 + Die Aktinographie im Kriege 68 + + Kapitel XI. Wandlungen auf dem Gebiete spezifischer + Infektionskrankheiten und bösartiger Neubildungen 69 + Wunden in tuberkulösen Geweben 69 + Robert Kochs Tuberkulin 71 + Die Serumtherapie 76 + v. Behrings Diphtherieheilserum 77 + Heilserum gegen Wundstarrkrampf 77 + Lepra, Aktinomykose 78 + Syphilis, Gonorrhöe, weicher Schanker 78 + Hülsenwurm 79 + Bösartige Neubildungen 79 + + + _Fünfter Abschnitt._ + + =Eroberungen auf dem Gebiete der speziellen Chirurgie.= + + Kapitel XII. Ausbau der Eingriffe an schon bisher zugänglichen Organen 81 + Die plastischen Operationen 81 + Eingriffe an großen Gefäßen 83 + Augenheilkunde und Ohrenheilkunde 84 + Nasen-, Rachen- und Kehlkopfkrankheiten 85 + Die Gynäkologie 86 + Die Chirurgie der Harnorgane 86 + Erkrankungen der Knochen und Gelenke 88 + Gelenkresektionen. Orthopädie 89 + + Kapitel XIII. Neue Eingriffe an bisher unzugänglichen Organen 89 + Die serösen Körperhöhlen 89 + Bauchchirurgie 90 + Milz, Leber, Gallenblase 90, 91 + Bauchspeicheldrüse 91 + Magendarmkanal 92 + Entzündung des Wurmfortsatzes 94 + Bauchbrüche 95 + Chirurgie der Brusthöhle 96 + Chirurgie des Schädelinneren 98 + Chirurgie des Rückenmarkes 98 + Erkrankungen der Schild- und Thymusdrüse, der Hypophysis + cerebri 99, 100 + + + _Sechster Abschnitt._ + + =Entwicklung der chirurgischen Literatur in Deutschland.= + + Kapitel XIV. 101 + + _Schlußwort_ 106 + + _Namenverzeichnis_ 107 + + + + + Vorwort. + + +Als mir im Jahre 1911 seitens meines Freundes _Paul v. Bruns_ die +Aufforderung zuging, eine _Geschichte der neueren deutschen Chirurgie_ +zu schreiben, da hat es erst längerer Überlegung bedurft, ehe ich mich +zur Annahme des Anerbietens zu entschließen vermochte. Vor allen Dingen +war es mein Alter, welches immer wieder neue Zweifel darüber wachrief, +ob zu einem solchen Unternehmen noch die rechte Eignung in mir sei. Und +zu diesen persönlichen gesellten sich weiterhin schwerwiegende sachliche +Bedenken, die ich kurz berühren muß. + +Geschichtschreibung ist nichts als die Wiedergabe des Bildes, unter +welchem die Ereignisse früherer Zeiten sich in des Berichterstatters +Seele spiegeln. Mit anderen Worten: Keine geschichtliche Darstellung +kann rein objektiv bleiben, sondern sie muß immer, mehr oder weniger +ausgeprägt, einen persönlichen Stempel tragen, und zwar um so +deutlicher, je mehr sie sich der Gegenwart nähert. Handelt es sich aber +gar um selbsterlebte Dinge, so wird es schier unmöglich, über der +Parteien Haß und Gunst gänzlich hinwegzusehen, Licht und Schatten in +gerechter Weise zu verteilen. + +Wenn ich dennoch zu dem Entschlusse gekommen bin, die Arbeit zu +übernehmen, so geschah es zunächst, weil ich als einer aus der sehr +geringen Zahl der noch lebenden Begründer der Deutschen Gesellschaft für +Chirurgie, unter denen ich nahezu der älteste bin, eine gewisse +Verpflichtung fühlte, die noch sehr lebhaften Erinnerungen einer großen +Zeit nicht mit mir zu Grabe tragen zu lassen. Aber es reizte mich auch, +eine Geschichte zu schreiben, die ich selber als Geschichte erlebt habe, +einem Zeitabschnitte und einer Anzahl von Männern gerecht zu werden, die +ich noch heute von dem goldigen Schimmer der Größe und des Ruhmes +umstrahlt sehe, ein Bild von dem gewaltigen Strome hingebender +Begeisterung zu entwerfen, der vor wenigen Jahrzehnten unser ganzes +wissenschaftliches Leben zu durchfluten begann. Wenn es mir gelungen +sein sollte, in der Seele des Lesers davon eine Vorstellung zu erwecken, +so würde ich meine Aufgabe als erfüllt ansehen. + +Das Büchlein, welches sich _Häsers_ im Jahre 1879 als erste Lieferung +der »Deutschen Chirurgie« erschienener, knapp gehaltener Geschichte der +Chirurgie unmittelbar anschließt, umfaßt nur eine kurze Zeitspanne von +kaum 50 Jahren. Angesichts des mehr als 2000 Jahre alten Bestehens +unserer Wissenschaft mag es gewagt und selbst anmaßend erscheinen, eine +zeitlich so begrenzte Entwicklungsperiode auch noch räumlich dadurch +einzuengen, daß die _deutsche_ Chirurgie in den Vordergrund gestellt und +die fremdländische nur soweit berührt wird, als sie auf den Gang des +Emporblühens in unserem Vaterlande von maßgebendem Einflusse gewesen +ist; denn die geistigen Güter gehören allen Völkern gemeinsam und keines +gibt es, welches in irgend einer Wissenschaft den ganzen Ruhm des +Erfinders und Fortbildners für sich allein in Anspruch nehmen könnte. +Trotzdem läßt sich diese doppelte Beschränkung wohl rechtfertigen. +Zeitlich gewiß: denn die fragliche Periode ist nicht nur durch einen +gewaltigen Wall des Erkennens von früheren Zeitläuften getrennt, sondern +sie bringt auch eine so vollkommene Um- und Neuformung sowohl der +Chirurgie wie der Gesamtmedizin, daß sich in deren ganzer Geschichte +nichts auch nur entfernt Ähnliches vorfindet. Und räumlich gleichfalls, +obwohl der Anstoß zu dieser geistigen Bewegung von einer Großartigkeit +ohnegleichen nicht aus Deutschland, sondern aus dem Auslande kam; denn +durch die schnelle Aufnahme, Weiterentwicklung und Vervollkommnung der +Neuerung hat Deutschland sich vor allen anderen Ländern das Recht +wenigstens der Patenschaft an der Wundbehandlung erworben, zumal da +diese vielfach erst in deutschem Gewande und in deutscher Umformung den +übrigen Kulturvölkern vertraut geworden ist. Alle übrigen Erfindungen, +durch welche späterhin die Chirurgie bereichert wurde, sind fast +ausnahmslos deutschen Ursprunges. So kann es denn unmöglich als +Überhebung gedeutet werden, wenn der Deutsche die Geschichte seiner +Wissenschaft in deutscher Umrahmung zur Anschauung zu bringen sucht. + +Es mag auffallen, daß die in den Vordergrund tretenden Persönlichkeiten +nicht überall in gleicher Ausführlichkeit behandelt sind, manche +Verdienste sogar unbesprochen geblieben sein mögen. Insbesondere sind +die noch lebenden Chirurgen meist nur kurz erwähnt, bei der Besprechung +erheblicher Fortschritte ist oft nur _ein_ Name genannt, des Mannes +nämlich, der einen neuen Gedanken zuerst faßte, oder ihn zuerst in die +Tat umsetzte, während spätere Umformungen und Erweiterungen ohne Nennung +ihrer Urheber einfach aufgezählt werden. Man darf mir daraus nicht den +Vorwurf machen, ein laudator temporis acti zu sein. Der geschichtliche +Sinn verbietet eingehende Betrachtung noch lebender Persönlichkeiten, +die als solche nicht historisch sein können, da sie den natürlichen +Abschluß noch nicht gefunden haben, wenn auch ihre Taten schon der +Geschichte angehören. Besprochen sind deshalb auch für gewöhnlich nicht +die vorübergehenden Erscheinungen, selbst wenn sie für einige Zeit +Aufsehen erregt haben, sondern nur die bleibenden Errungenschaften. Daß +aber die Beurteilung dessen, was erheblich ist, mindestens teilweise dem +subjektiven Ermessen des Berichterstatters überlassen bleiben muß, liegt +auf der Hand. Wenn daher fehlerhafte Auslassungen auf der einen und +Übertreibungen auf der anderen Seite gefunden werden, so hat es +wenigstens nicht an meinem guten Willen gelegen, sie zu vermeiden. + + _Charlottenburg_, den 17. Mai 1914. + + =Ernst Küster.= + + + + + _Erster Abschnitt._ + +Der Zustand der Chirurgie vor Einführung der antiseptischen Wundbehandlung. + + +Das gegenwärtig lebende und wirkende Geschlecht der Chirurgen hat kaum +noch eine Vorstellung von den Zuständen, welchen durch den bald nach der +Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden gewaltigen Umschwung ein Ende +gemacht wurde. Seine Bedeutung, welche darin besteht, daß er in dem +kurzen Zeitraume eines Menschenalters alle Fehler und Irrungen von zwei +Jahrtausenden in der Behandlung der Wunden gutzumachen gewußt hat, kann +aber erst völlig erfaßt werden, wenn wir zunächst nicht nur auf den +Zustand der Chirurgie, sondern auch auf den der gesamten Medizin jener +Zeit einen prüfenden Rückblick werfen. + + + + + Kapitel I. + + Zustand der Gesamtmedizin vor der antiseptischen Wundbehandlung. + + +Die _beschreibende Anatomie_ war seit _Andreas Vesalius_ die +selbstverständliche Grundlage der Chirurgie geblieben, so sehr, daß ein +guter Chirurg ohne genaue anatomische Kenntnisse undenkbar gewesen wäre. +Eine natürliche Folge war, daß nicht wenige der älteren Chirurgen rein +anatomische Untersuchungen veröffentlichten, oder daß sie gar, wie +_Konrad Martin Langenbeck_, _Viktor Bruns_ und _Adolf Bardeleben_, erst +von der Anatomie zur Chirurgie übergingen. Aber an Lehrbüchern der +Anatomie war die deutsche Literatur in der ersten Hälfte des 19. +Jahrhunderts ziemlich arm; und auch die Lehreinrichtungen für dies Fach, +sowie die Art des Unterrichtes ließen in Deutschland sehr viel, zuweilen +fast alles zu wünschen übrig. Es waren zwei Männer, welche nahezu +gleichzeitig Wandel schufen. _Joseph Hyrtl_ in Prag, später in Wien, +wurde mit seinem anziehend geschriebenen, aber in gedrängter Kürze +gehaltenen Lehrbuche, welches von 1846 bis 1884 in 17 Auflagen +erschienen ist, den meisten deutschen Studenten der Medizin ein +zuverlässiger Führer durch die Geheimnisse des menschlichen Körpers. +Neben ihm trat _Jakob Henle_ in Zürich, später in Göttingen, im Jahre +1841 mit seiner Allgemeinen Anatomie und von 1855 an mit einem überaus +fleißigen dreibändigen Werke auf, welches durch zahlreiche Abbildungen +erläutert, für den Chirurgen eine unerschöpfliche Fundgrube anatomischer +Anschaulichkeit geworden ist. + +Indessen trotz ihrer hohen Bedeutung für die Chirurgie hat die +beschreibende Anatomie nur selten neue Anregungen gegeben, zumal seit +sie nach der Mitte des Jahrhunderts in der Anthropologie ein neues Feld +der Betätigung suchte; denn so sehr letztere und mit ihr die +Urgeschichte auch durch sie gefördert wurden, so fiel doch für die +Chirurgie ein sichtbarer Nutzen zunächst nicht ab. In erheblichem Maße +geschah dies aber durch die _topographische Anatomie_, deren geschickte +und durchweg praktischen Zielen zugewandte Bearbeitung durch _Joseph +Hyrtl_ (seit 1847) diesen Zweig der menschlichen Anatomie in Deutschland +erst einführte, soweit nicht Chirurgen bereits stückweise Bearbeitungen +geliefert hatten. Er hat sich für die Chirurgie als überaus fruchtbar +erwiesen. -- Auch die _Entwicklungsgeschichte_ wurde seit _Robert +Remaks_ Keimblätterlehre durch den Nachweis ihrer Beziehungen zu dem +Aufbau einzelner Organe von immer steigender Bedeutung für die +praktische Chirurgie. + +Nicht das gleiche läßt sich von der _feineren Anatomie_ und der +_Physiologie_ sagen. Denn obwohl die gegen Ende der dreißiger Jahre +durch _Schleiden_ und _Schwann_ aufgestellte Zellenlehre und die +Vervollkommnung der optischen Werkzeuge, zumal des Mikroskopes, eine +völlige Umgestaltung der biologischen Anschauungen hervorgerufen hatten, +obwohl seitdem alle Körperorgane aufs fleißigste durchforscht wurden, so +kamen doch diese Ergebnisse der Chirurgie erst auf dem Umwege über die +Physiologie und mehr noch der pathologischen Anatomie zugute. Die +Physiologie nämlich, deren Kenntnis zwar von jedem gebildeten Chirurgen +vorausgesetzt werden mußte und deren Methoden man in den sechziger +Jahren auch für chirurgische Versuche an Tieren bereits zu +verwenden begonnen hatte, konnte doch erst darin den vollen, +befruchtenden Strom ihres Wissens der Chirurgie zuführen, als sichere +Wundbehandlungsmethoden zu Entdeckungsreisen in solche Körpergegenden +den Anreiz gaben, die bisher der Hand des Chirurgen verschlossen +geblieben waren. Seitdem ging eine Wechselwirkung des Erkennens nicht +nur von der Physiologie zur Chirurgie, sondern auch von dieser zu jener. + +Viel früher als die Physiologie übte die _pathologische Anatomie_ einen +anregenden und belebenden Einfluß auf die Chirurgie aus. Mit Recht sagt +_Häser_ (1879), daß die Chirurgie unserer Tage, d. h. im Beginne der +zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gleich allen übrigen Zweigen der +Heilkunde den größten Teil ihres wissenschaftlichen Zuwachses der +pathologischen Anatomie verdanke. Zweier Männer Namen werden mit diesem +Aufschwunge für immer verknüpft bleiben. Es sind das _Karl Rokitansky_ +in Wien, wo er seit 1841 bis zu seinem Tode den Lehrstuhl der +pathologischen Anatomie innehatte, und _Rudolf Virchow_, der, seit 1849 +in Würzburg, seit 1856 als ordentlicher Professor der pathologischen +Anatomie nach Berlin zurückberufen, nunmehr endgültig die Führung in +dieser Wissenschaft übernahm. War durch die Arbeiten beider, zumal des +letzteren, die pathologische Anatomie zu dem Range einer echten +Naturwissenschaft erhoben worden, so geschah dies in noch reicherem Maße +durch den Ausbau der mikroskopischen Pathologie die, durch _Virchow_ +allerlei phantastischen Deutungen entrückt, in seiner im Jahre 1858 +erschienenen und bis zum Jahre 1871 in vier Auflagen weiter ausgebauten +Zellularpathologie, welche zum ersten Male den Lehrsatz: Omnis cellula +e cellula aufstellte, eine feste und unverrückbare Grundlage erhalten +hatte. Als eine weitere Frucht seiner Forschungen veröffentlichte der +Verfasser vom Jahre 1863 an seine leider unvollendet gebliebenen +»Krankhaften Geschwülste«. Eine Welle der Befruchtung ergoß sich von +diesen Arbeiten aus auf die gesamte praktische Medizin, die, bisher im +wesentlichen auf Erfahrungen am Krankenbette gestützt, nunmehr +gleichfalls ihren Teil zu den die Medizin umgestaltenden +naturwissenschaftlichen Bestrebungen beitrug. Auch für die Chirurgie +gilt dies in vollem Umfange, seitdem der erst 29jährige _Theodor +Billroth_ als Assistent der _Langenbeck_schen Klinik und Privatdozent zu +Berlin im Jahre 1858 zuerst den Versuch unternahm, in seinen »Beiträgen +zur pathologischen Histologie« die Forschungsergebnisse auf diesem +Gebiete für die chirurgische Tätigkeit zu verwerten. In noch weiterem +Umfange wirkte sein grundlegendes Werk: »Die allgemeine chirurgische +Pathologie und Therapie in 50 Vorlesungen« vom Jahre 1863, welches +zahlreiche Auflagen erlebte und, in die meisten europäischen, selbst in +asiatische Sprachen übersetzt, nicht wenig zu dem schnell sich +steigernden Ansehen der deutschen Chirurgie im Auslande beitrug. In +diesem Werke benutzte _Billroth_ die durch _Virchows_ Arbeiten +gewonnenen Anschauungen in geistvoller Weise zu einer neuen Anordnung +und Einteilung, sowie zu einer Zusammenfassung sämtlicher Erfahrungen +der praktischen Chirurgie. Die hiermit angebahnten Fortschritte sind nur +auf dem Unterbau der pathologischen Anatomie möglich geworden. + +Die im Beginne der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwar nicht +zuerst, aber nunmehr systematisch auftauchenden Bestrebungen auf dem +Gebiete der _Gesundheitslehre_ blieben zwar zunächst für die Chirurgie +anscheinend ohne große Bedeutung, da sie sich, noch ohne die erst einige +Jahrzehnte später erworbene Kenntnis der Krankheitserreger, d. h. ohne +die Grundlage einer wissenschaftlichen _Bakteriologie_ auf die +Bekämpfung der Seuchen durch Verbesserung der Lebensbedingungen +beschränkte. Immerhin wurden aber wertvolle Erfahrungen über Ernährung, +Bauweise der Häuser und Wohnungen, öffentliche und private +Badeeinrichtungen, Kanalisation und Abfuhr, Benutzung der Abfuhrwässer +zur Berieselung öder und unfruchtbarer Landstrecken gesammelt, die +freilich erst unter den seit 1878 auftretenden Fortschritten der +Bakteriologie ihre volle Bedeutung erkennen ließen. Aber schon früh +begannen diese Bestrebungen doch auch auf die Chirurgie nach zwei +Richtungen hin einzuwirken, da sie einerseits die so wichtigen +Wundinfektionskrankheiten mit in den Kreis ihrer Betrachtungen zogen, +anderseits die für die Behandlungserfolge höchst bedeutungsvolle Anlage +von Krankenhäusern einer neuen Richtung entgegenführten. + + + + + Kapitel II. + + Die Krankenanstalten vor der antiseptischen Wundbehandlung. + + +Die _alten Krankenhäuser_ stellten unter dem Zwange der meist nur +geringen, von Staat, Gemeinde oder Körperschaft zur Verfügung gestellten +Summen je ein einziges steinernes Gebäude dar, welches alle oder fast +alle Räume für die Unterkunft und Behandlung kranker Menschen +einheitlich oder nahezu einheitlich umschloß. So bequem dies für die in +dem gleichen Gebäude untergebrachte Verwaltung war, so große Nachteile +ergaben sich daraus für die Krankenbehandlung, indem genügende Zufuhr +frischer Luft, sichere und unschädliche Beseitigung der Abfallstoffe und +aller Unreinigkeiten, zuverlässige Absonderung ansteckender Krankheiten +und manche andere Dinge ganz erheblich in den Hintergrund traten, auch +bei der mangelnden Kenntnis von Entstehung und Übertragung solcher +Leiden in den Hintergrund treten mußten. Vor allem machten sich diese +ungünstigen Verhältnisse bei Verwundeten, insbesondere bei +Kriegsverwundeten geltend. So konnte der englische Feldarzt _Sir John +Pringle_ schon im Jahre 1753 den Ausspruch tun, daß eine wesentliche +Ursache der Krankheiten und Todesfälle bei einer Armee deren Hospitäler +seien; und noch schärfer drückte sich das »Dekret des Nationalkonvents +aus dem Jahre 1794 für die Hospitäler der französischen Armee« in dem +Satze aus: »Die Spitäler sind ebenso gesundheitswidrig wie die Moräste.« +Aber auch die öffentlichen Krankenanstalten des Friedens wiesen meistens +derartige Zustände auf, daß die Menschheit sie als Pesthöhlen ansah und +von einer fast wahnsinnigen Furcht vor ihnen erfüllt war. Es begreift +sich das, wenn man von der Sterblichkeit höchst angesehener Anstalten +hört. Die _Langenbeck_sche Universitätsklinik zu Berlin hatte nach F. +_Busch_ im Jahre 1869 eine Sterblichkeit von 17 1/3 % und nach Abzug der +zahlreichen Fälle von Diphtherie immerhin noch eine solche von 10¾ %. J. +_Israel_ berichtet aus dem jüdischen Krankenhause von 1873 bis 1875, daß +62,5 % der operierten und 37,5 % der nichtoperierten Kranken von Pyämie +befallen wurden. Im Berliner Diakonissenhause Bethanien starben nach +eigenen Aufzeichnungen des Verfassers der Jahre 1868 und 1869 von 6 +Amputationen des Oberarmes 5, von 5 Absetzungen des Vorderarmes 4, von +15 des Oberschenkels 11, meistens an Pyämie. -- Noch schlimmer lauten +ältere Erfahrungen aus dem Auslande. In einem 5jährigen Berichte aus den +Pariser Hospitälern zählt _Malgaigne_ 300 Todesfälle auf 560 Operationen +und _Pirogoff_ in seinem Jahresberichte von 1852/53 159 Todesfälle auf +400 große Operationen! + +Diese unerhörten Zustände wandten sich erst zum Besseren, als die +Vertreter der Gesundheitslehre mit immer wachsendem Nachdrucke den Bau +neuer und den Fortschritten ihrer Wissenschaft angepaßter Krankenhäuser +forderten, die natürlich viel größere Mittel in Anspruch nahmen, als man +bisher für nötig gehalten hatte. Auch auf diesem Gebiete haben wir +_Rudolf Virchow_ viel zu danken, der in Wort und Schrift bei jeder +Gelegenheit für die Forderung eintrat und bei dem großen Einfluß, den er +als Abgeordneter und Mitglied des städtischen Verwaltungskörpers besaß, +zunächst die Stadt Berlin und demnächst den preußischen Staat zur +Herstellung zweckmäßiger Krankenhäuser zu bewegen wußte. So entstand das +_Pavillonsystem_. In dem Bestreben, die Zusammenhäufung kranker Menschen +nach Möglichkeit zu vermeiden und beste hygienische Bedingungen zu +schaffen, erbaute man zahlreiche kleinere, höchstens zweistöckige +Häuser, die, von Gärten umgeben und über eine große Bodenfläche +verteilt, unter einer gemeinsamen Verwaltung standen. Es war nunmehr +möglich geworden, ansteckende Krankheiten sicher abzusondern und die +leichter erkrankten Menschen vor Ansteckung zu schützen; ebenso die +Genesenden durch langen Aufenthalt in frischer Luft einer schnelleren +Erholung zuzuführen. Aber freilich brachte das Pavillonsystem neben +seinen unleugbaren Vorzügen gegenüber dem alten Massivbau auch +mancherlei Nachteile, ganz abgesehen davon, daß der Bau zahlreicher +Einzelhäuser und deren zweckmäßige Einrichtung an sich erheblich größere +Kosten verursachte. Der steigende Bodenwert großer und selbst mittlerer +und kleiner Städte zwang Gemeinden und Verbände zu immer größeren und +zuletzt fast unerschwinglichen Ausgaben, deren natürliche Folge es war, +daß wenigstens die Neuanlagen in mehr oder weniger großer Entfernung vom +Mittelpunkte der Stadt ihren Platz fanden. Macht eine solche Anordnung +in Städten mit mehreren Krankenhäusern nicht viel aus, so treten bei +wenigen oder gar sonst fehlenden Anstalten gleicher Art sofort große +Übelstände hervor, da dann gleichzeitig für ausgiebige und leichte +Verbindungen gesorgt werden muß; und selbst, wenn diese vorhanden sind, +so bleibt die Notwendigkeit einer weiten und vielleicht umständlichen +Krankenbeförderung nicht ganz ohne Bedenken. In den großen +amerikanischen Städten, zumal in New York, ist man deshalb auf ein +anderes Mittel verfallen, um den Massivbau hygienisch angemessener zu +gestalten, als dies früher der Fall war: man baut die Krankenhäuser bis +zu zwölf und mehr Stockwerken in die Höhe, legt die durch zahlreiche +Aufzüge zu befördernden Kranken, nebst den Operationsräumen, in die +obersten Stockwerke, um dem Straßenstaube zu entgehen, und benutzt die +unteren Stockwerke als Verwaltungsräume. Das einzige schwere Bedenken +gegen solche Anordnungen liegt in der nicht zu unterschätzenden +Feuersgefahr. Auch in Deutschland ist man seit allgemeiner Einführung +zuverlässiger Wundbehandlungsmethoden vielfach von der ganz strengen +Durchführung des Pavillonsystems zurückgekommen und zu einem mehr +gemischten Systeme übergegangen. Es geschieht dies in der Weise, daß ein +großer Massivbau die Verwaltungsräume, die Poliklinik, die besonderen +Untersuchungszimmer, zuweilen auch noch besser ausgestattete +Einzelzimmer aufnimmt, während die meisten Kranken in steinernen +Pavillons oder Baracken ihre Aufnahme finden. + +Die _Baracken_ können aber auch für sich allein oder fast allein die +Grundlage einer Krankenanstalt bilden und stellen dann die dritte Gruppe +der Krankenhausbauten dar. Als Hilfsmittel für die Versorgung +Kriegsverwundeter und Kranker sind sie hier und da, auch in Deutschland, +schon gegen Ende des 18. Jahrhunderts aufgekommen; so schildert der +braunschweig-lüneburgische Feldarzt _Michaelis_ in einer Schrift vom +Jahre 1801 bereits ihre Herstellung und Einrichtung. Aber erst der +amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 brachte sie zu allgemeiner +Verwendung und zwar infolge einer Notlage, da die Unterbringung der +zahllosen Verwundeten aus den überaus mörderischen Schlachten in +steinernen Gebäuden eine Unmöglichkeit war. Denn die Landstriche, in +denen der Krieg vorwiegend tobte, waren dünn bevölkert und enthielten +sowohl auf dem Lande, wie selbst in kleinen und größeren Städten fast +nur Holzbauten, deren sehr billiges Baumaterial überall mit +Leichtigkeit zu beschaffen war. So entschloß sich denn die +Militär-Medizinalverwaltung der nördlichen Bundesstaaten zur Herstellung +hölzerner Baracken; und mit der dem Amerikanertum eigenen praktischen +Energie wurden auf den Schlachtfeldern und in der Nähe der kämpfenden +Heere wahre Lazarettstädte aus Holz erbaut, die schnell +zusammengezimmert und deren Einzelbaracken möglichst einfach +ausgestattet waren. Sie haben sich als eine so segensreiche Einrichtung +bewährt, daß sie in den folgenden europäischen Kriegen, wenigstens von +deutscher Seite, sofort Nachahmung fanden, wenn auch entfernt nicht in +gleichem Umfange wie jenseits des Ozeans. Aus dieser ursprünglich nur +für den Krieg gedachten Bauform ist eine Bereicherung des Lazarettwesens +und der Krankenpflege auch für den Frieden hervorgegangen. Nur einmal +freilich ist der Versuch gemacht worden, die Holzbaracke als +Dauerbaracke zur Herstellung eines ganzen Krankenhauses zu benutzen und +zwar in dem im Jahre 1869 von _Esse_ errichteten Berliner +Augusta-Hospital. Der Versuch hat sich als verfehlt erwiesen, da die +Baracken, wenn sie auch mehr als 40 Jahre benutzt wurden, doch so viele +Nachteile aufwiesen, insbesondere in der Notwendigkeit fortgesetzter +Ausbesserungen und Umänderungen, welche die Verwaltung erheblich +verteuerten, daß sie späterhin sämtlich durch Steingebäude ersetzt +worden sind. Aber hiervon abgesehen hat die Holzbaracke sich auch im +Frieden als ein sehr wertvolles Hilfsmittel in allen den Fällen +erwiesen, in welchen Massenerkrankungen durch Ansteckung, Vergiftungen +und Unglücksfälle die Gemeinden und Behörden zur schleunigen Errichtung +von Nothospitälern zwangen. Auch Dauerhospitäler machen gelegentlich von +dieser Aushilfe Gebrauch, zuweilen selbst für lange Jahre, bis Mittel +zusammengebracht sind, um den Holzbau durch steinerne Gebäude zu +ersetzen. + +Ein wenn auch nicht gleichwertiges, so doch durch die schnelle +Beschaffungsmöglichkeit vielfach unentbehrliches Hilfsmittel stellen die +_Leinwandzelte_ dar. Ihr Gebrauch ist erheblich älter als der der +Baracken, da sie mindestens bereits in den Kriegen des 18. Jahrhunderts +vielfach benutzt worden sind. Auch unter den entsetzlichen hygienischen +Zuständen, welche sich nach der mörderischen Schlacht bei Leipzig am 16. +bis 19. Oktober 1813 entwickelten und über die wir vom 26. Oktober einen +wahrhaft schaudererregenden Bericht des Professors J. C. _Reil_, des +edlen Ostfriesen, wie ihn _Heinrich v. Treitschke_ nennt, besitzen +haben die Leinwandzelte weiterhin die besten Dienste getan. Im +Krimkriege von 1854/55 spielten Zelte und bewegliche Baracken +gleichfalls eine erhebliche Rolle; die dabei gewonnenen Erfahrungen +wurden insbesondere durch die Bemühungen der um die Kriegslazarettpflege +hochverdienten Engländerin _Florence Nightingale_ festgehalten und zu +einem Gemeingute der Krankenpflege aller Völker umgestaltet. + +Seitdem sind die Leinwandzelte zur Krankenbehandlung unentbehrlich +geworden, zumal im Kriege. Preußen hat in seinen großen Kriegen von 1863 +bis 1871 dauernd von ihnen Gebrauch gemacht und gegenwärtig sind alle +deutschen Heereskörper so reichlich mit ihnen ausgestattet, daß +Schwierigkeiten für die erste Unterbringung Verwundeter und Kranker +nicht leicht mehr entstehen können, zumal da das auf eine hohe Stufe der +Vollendung gebrachte Krankentransportwesen unausgesetzt für eine +schnelle Entlastung der Umgebung des Schlachtfeldes und der stehenden +Feldlazarette sorgt. Aber auch in Friedenszeiten hat die schnelle +Aufstellbarkeit solcher Unterkunftsräume eine erhebliche Bedeutung +gewonnen. + +Ihr Hauptmangel liegt in dem Umstande, daß sie, als nicht oder doch nur +unvollkommen mit Heizvorrichtungen versehbar, ausschließlich im Sommer +und bei guter Witterung benutzt werden können. In ungünstigen +Jahreszeiten tritt indessen eine andere Erfindung der Neuzeit an ihre +Stelle, nämlich die v. _Döcker_sche _Zeltbaracke_, die einen Übergang +von der Baracke zum Leinwandzelte bildet, in vollem Umfange zwischen +beiden steht. Der dänische Rittmeister v. _Döcker_ führte seine neue +Vorrichtung zur Krankenlagerung zuerst auf der Berliner Ausstellung von +1883 vor und schenkte das Modell späterhin dem Augusta-Hospital, in +welchem es seit 1884 ausgiebige Verwendung fand. Ebenso hat die +preußische Militär-Medizinalverwaltung sofort eine Prüfung ihrer +Brauchbarkeit vorgenommen. In ihrer ersten Form war die Baracke freilich +auch nur für die Sommermonate brauchbar. Sie besteht nämlich aus einer +Anzahl genau zusammenpassender Holzrahmen, deren Lichtung nur von außen +von einem sehr groben, segeltuchartigen Stoffe geschlossen wird, der an +dem Holzrahmen durch Nägel befestigt ist. An der äußeren Seite ist der +Stoff von einer dicken Schicht Ölfirnis überzogen. Die Rahmen sind +mittels Haken und Ösen leicht zusammenfügbar, so daß ein solcher Bau in +wenigen Stunden aufgestellt, in noch kürzerer Zeit wieder abgebrochen +werden kann. Die leichte Brennbarkeit der benutzten Stoffe machte +selbstverständlich irgendwelche Heizvorrichtungen unmöglich; allein +durch eine wenig kostspielige Umänderung lernte man, wie es scheint +zuerst im Berliner Augusta-Hospital, diesem Übelstande zu begegnen und +die Zeltbaracke auch für den Winter bewohnbar zu machen. Die Wandflächen +wurden nämlich durch Aufnagelung eines zweiten Stoffstückes an der +Innenseite des Rahmens verdoppelt, der Stoff durch Aufstreichen von +Wasserglas an beiden Seiten unverbrennbar gemacht, ein kleiner +verschließbarer Dachreiter für die Ventilation aufgesetzt und endlich +eiserne Öfen in dem nun nahezu feuersicheren Raume angebracht. In dieser +Form ist die _Döcker_sche Baracke für Friedens- und Kriegszeiten in +allgemeinen Gebrauch gekommen. + +Die besprochene Vielgestaltigkeit der Krankenunterkunftsräume, unter +denen bis zum heutigen Tage das Pavillonsystem als das beste, zugleich +aber auch kostspieligste anerkannt werden muß, hatten auf die +Gesundheitsverhältnisse großer Krankenhäuser einen sehr merkbaren +Einfluß in günstiger Richtung ausgeübt: die Sterblichkeitsziffer sank +erheblich, solange die Krankenräume frisch und neu waren. Allein es war +unmöglich sich der Erkenntnis zu entziehen, daß in den gleichen +Krankenhäusern die Verhältnisse sich von Jahr zu Jahr wieder +verschlechterten, so daß nur ausgedehnte Erneuerungen und jährliche +Neuanstriche, welche die Unterhaltungskosten wesentlich in die Höhe +trieben, imstande waren, zumal auf chirurgischen Abteilungen, die +Wundkrankheiten auf erträglicher Höhe zu erhalten. Das Gespenst des +unbekannten Etwas, welches die Erfolge der Chirurgen seit Jahrhunderten +beeinträchtigt hatte, begann wieder drohend sein Haupt zu erheben. Da +aber in kleinen Krankenanstalten der Krankheitsverlauf sich viel länger +günstig gestaltete als in großen, da insbesondere sich zeigte, daß +Kranke und Verletzte, die in ihrer eigenen Wohnung behandelt wurden, +viel seltener von schweren Wundstörungen heimgesucht wurden als die +Insassen großer Hospitäler, so blieben die Chirurgen bei dem uralten +System der Operationen in Privathäusern, so viele Unbequemlichkeiten +damit auch verknüpft waren; und als das sich immer enger ziehende +Eisenbahnnetz es auch dem weniger Bemittelten möglich machte, angesehene +Chirurgen in fernen Städten aufzusuchen, ging man zu dem +_Krankenzerstreuungssystem_ über, welches zwar schon seit Jahrhunderten +hier und da benutzt, doch erst in sehr eigenartiger Weise von _Nicolai +Pirogoff_ angewandt und bekannt gemacht worden war. + +Unter dem Eindruck sehr schlechter Erfahrungen, welche dieser +bedeutendste und mit der Entwicklung der westlichen Medizin genau +vertraute russische Chirurg in der chirurgischen Klinik zu Dorpat und in +St. Petersburger Krankenhäusern gemacht hatte, begann er auf seinem +großen Gute in Podolien um 1860 ein System einzurichten, das ihm schon +aus seinen Kriegserfahrungen im Kaukasus geläufig geworden war. Die +zahlreichen Kranken, welche hilfesuchend von allen Seiten ihm +zuströmten, verteilte er nach vorgenommener Operation in die elenden +Hütten seiner leibeigenen Bauern, die gegen Bezahlung seitens der +Kranken diese einzeln in den gemeinsamen Wohnraum der Familie aufnahmen +und verpflegten. Dort lagen sie in einem Winkel auf Stroh, oft +wochenlang in der gleichen, mit Blut und Eiter beschmutzten Wäsche, die +Wunde tagelang ohne Verband, oder nur mit eitergetränkten, +übelriechenden Lappen bedeckt. Der Verbandwechsel wurde entweder von den +Kranken selber oder von einem rohen, unwissenden Feldscher vorgenommen; +_Pirogoff_ selber konnte seine Operierten höchstens zweimal in der Woche +besuchen. Trotzdem sah er im Laufe von 1½ Jahren niemals Wundrose oder +»purulente Diathese« und verlor unter einigen Hunderten von Leuten, an +denen große Operationen vorgenommen waren, nur _einen_ Fall nach einer +_Lithothrypsie_. Diese erstaunlichen und von den Erfahrungen der +Behandlung in Hospitälern himmelweit verschiedenen Ergebnisse führt +Pirogoff ausschließlich auf die strenge Verteilung der Kranken zurück, +so daß Hospitalmiasmen und Kontagien, von denen er wiederholt als von +den eigentlichen Ursachen der Krankenhausseuchen spricht, nicht zur +Entwicklung kommen konnten. Ob freilich die verblüffend guten +Ergebnisse, welche er mit seinem Systeme auf dem Lande erzielt hatte, +ihm auch im weiteren Leben treu geblieben sind, ist aus seinen Schriften +nicht sicher zu ersehen; doch darf daran um so mehr gezweifelt werden, +als späterhin kaum noch davon gesprochen wird. Zumal in großen Städten +sicherte auch die Krankenzerstreuung keineswegs ausreichend vor dem +Auftreten von Wundkrankheiten, unter denen die Wundrose auch in +Privatwohnungen eine besonders unliebsame Rolle spielte. Es bedurfte +erst der Entdeckung der letzten Ursachen für Wundeiterung und +Wundkrankheiten bevor man in zweckentsprechender Weise ihre Bekämpfung +in die Hand nehmen konnte. + + + + + Kapitel III. + + Die ältere Wundbehandlung und die Wundkrankheiten. + + +Ehe wir uns indessen der Schilderung dieses Entwicklungsganges zuwenden, +soll eine Darlegung der _Wundbehandlungsmethoden, mit denen unsere +Altvordern arbeiteten_, sowie eine Würdigung der damit erzielten +Ergebnisse Platz greifen, die uns erst über den ungeheuren Abstand +zwischen den Verfahren beider Zeiträume aufklären. + +Die Salben und Pflaster, welche noch bis zum Beginne des 19. +Jahrhunderts den Hauptbestandteil der dem Chirurgen zur Verfügung +stehenden Hilfsmittel für die Behandlung von Wunden bildeten, waren +durch die Bemühungen _Vinzenz v. Kerns_ in Wien in den Jahren 1805 bis +1828 einer einfacheren und naturgemäßeren Behandlung gewichen, wenn sie +auch nicht ganz ausgeschaltet werden konnten. Das _Kern_sche Verfahren +war das gleiche, welches in den fünfziger und sechziger Jahren des 19. +Jahrhunderts unter dem Namen der _offenen Wundbehandlung_ noch einmal +eine gewisse Rolle gespielt hat. _Bartscher_ und _Vezin_ in Osnabrück +1856, _Burow_ in Königsberg 1859, _Volkmann_ in Halle bis Ende 1872, +_Rose_ und sein Assistent _Krönlein_ in Zürich 1872 waren die späten +Vertreter dieser Richtung, die erst bei dem allmählichen Aufkommen der +antiseptischen Wundbehandlung, wenn auch nicht ohne scharfen Kampf, +völlig ihren Boden verlor. Vor _Kern_ wurden die Wunden mit allerlei +Deckverbänden behandelt unter der Vorstellung, daß sie die verletzten +Gewebe vor unmittelbarer Berührung mit der Luft, insbesondere mit dem +als überaus schädlich angesehenen Sauerstoffe, zu schützen, zugleich +aber eine Beschmutzung der Leib- und Bettwäsche durch den ausfließenden +Eiter zu verhindern hätten mittels der Anwendung eines die +Wundflüssigkeiten aufsaugenden Verbandmateriales. Als solches diente +seit dem 18. Jahrhundert die aus der französischen Chirurgie übernommene +Charpie, Fäden aus alter weicher Leinwand gezupft und zu großen und +kleinen Bündeln vereinigt. So stark hydrophile Eigenschaften dieser +Stoff auch besitzt, so gefährlich wurde er durch die Art seiner +Herstellung und seiner Anwendung. Denn die Herstellung geschah vielfach +in den Krankenräumen selber durch die vorher nicht gewaschenen +und gereinigten Finger der Kranken; und nirgends fand ein +besonderer Abschluß, eine zuverlässige Aufbewahrung des aus den +allerverschiedensten Quellen stammenden Verbandmateriales statt. So kam +denn eine nicht einmal äußerlich rein aussehende, jedenfalls mit Keimen +aller Art überladene Charpie auf die Wunden, und zwar meistens in der +Art, daß diese ausgestopft, durch Binden zusammengehalten und zugleich +unter einen nicht immer unbedeutenden Druck gestellt wurden. Die +Notwendigkeit eines mehrmaligen Verbandwechsels täglich, um die +beschmutzten und durchweichten Verbandstücke zu ersetzen, vermehrte nur +das Übel, da jeder Neuverband eine starke Beunruhigung und Reizung der +Wunde, zuweilen selbst mit erheblichen Blutungen aus den üppig +wuchernden Granulationen hervorrufen mußte. + +Es begreift sich, daß unter solchen Umständen das Vorgehen _Kerns_, das +verwundete Glied nur zweckmäßig zu lagern, die Wunde nur mit +Kaltwasserumschlägen zu behandeln, sie offen zu lassen und nur +ausnahmsweise einige wenige Nähte anzulegen, als ein großer Fortschritt +angesehen werden mußte. Aber auf die Dauer vermochte sich dies einfache +Verfahren nicht durchzusetzen. Die große Mehrzahl der Chirurgen suchte +immer noch ihr Heil in den alten, schnell schmutzig werdenden +Deckverbänden und nach _Kerns_ Tode ist auf Jahrzehnte hinaus von der +offenen Wundbehandlung nicht mehr die Rede. Nur die einfachen +Kaltwasserumschläge zur Linderung des brennenden Wundschmerzes blieben +als einzige Erinnerung an die _Kern_sche Behandlungsmethode bei den +Ärzten bis zur Einführung der Antisepsis, bei den Laien bis zum heutigen +Tage in Gebrauch. Die alte Behandlung kehrte in vollem Umfange zurück. +So forderten denn in großen chirurgischen Abteilungen nach wie vor die +Wundkrankheiten allwöchentlich ihre Opfer; zumal die Kriegslazarette +wurden Brutstätten endemischer Seuchen, die so manchem Krieger einen +Soldatentod auf dem Schlachtfelde gegenüber dem Aufenthalte in solchen +Pesthöhlen als das erheblich kleinere Übel erscheinen ließen. + + * * * * * + +Die _Wundkrankheiten_, welche in fast allen größeren Krankenanstalten in +so schreckenerregender Weise auftraten, waren faulige Zersetzung der +Wundflüssigkeiten (Septichämie oder kurzweg Sepsis), die metastasierende +Pyämie, die Wundrose, der Wundstarrkrampf und endlich der Hospitalbrand. +Alle übrigen Störungen, wie Nachblutungen, Phlegmonen, Ekzeme, +Wundscharlach usw., dürfen beiseite gelassen werden, da sie entweder das +Leben nur selten bedrohten, oder nur als Beigaben genannter schwerer +Krankheiten die Gefahr erhöhten. + +Die Pathologie dieser Zustände kann hier nur kurz berührt, darf aber +doch nicht ganz übergangen werden, da einer derselben, der +Hospitalbrand, fast völlig verschwunden, also wirklich geschichtlich +geworden ist, während andere, so die metastasierende Pyämie, selbst die +schweren Formen der Wundrose, so selten geworden sind, daß das jüngere +und jüngste Geschlecht deutscher Chirurgen nur noch ganz ausnahmsweise +Gelegenheit findet, sie kennen zu lernen. Man vergleiche nur einen +Jahresbericht aus älterer Zeit, z. B. von F. _Busch_, _Billroth_, +_Lister_ (vor Einführung der antiseptischen Wundbehandlung) und anderen, +mit einem solchen des letzten Jahrzehntes, um sich zu überzeugen, welche +ungeheure Einschränkung die Besprechung der Wundkrankheiten erfahren +hat, da mit ihrer zahlenmäßigen Verminderung auch das Interesse an ihnen +heruntergegangen, ja nahezu erloschen ist. Freilich ist hervorzuheben +daß die Entstehung aller dieser Krankheiten durch mehr oder weniger +spezifische Bakterien und deren Stoffwechselgifte (Toxine) zu jener Zeit +noch gänzlich unbekannt war; wir beschränken uns also im wesentlichen +auf die Krankheitsbilder, wie sie von unseren Altvordern zuweilen in +überraschender Schärfe, zuweilen aber auch mit verschwommenen Grenzen +gezeichnet worden sind. + +_Wundfäulnis_, _Sepsis_, _Septichämie_, _Sephthämie_ nannte man nach der +Mitte des 19. Jahrhunderts einen Zustand, bei welchem die +Wundflüssigkeiten ein graugelbes, graues, rotbraunes oder dunkelbraunes, +mehr oder weniger blutig gefärbtes Ansehen bekamen und zugleich einen +üblen Geruch annahmen, in einzelnen Fällen selbst aashaften Gestank +verbreiteten. Diese Erscheinungen entwickelten sich nicht plötzlich, +steigerten sich aber doch in wenigen Tagen zur Höhe und gingen nicht nur +mit einer Veränderung der Wunde und ihrer Umgebung, sondern auch mit +einer wachsenden Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens einher. Die +Wundränder nahmen eine blasse Rötung an, schwollen etwas an, waren aber +nicht auffallend empfindlich; in vorgeschrittenen Fällen war häufig +sogar eine erstaunliche Unempfindlichkeit vorhanden, die auf beginnende +und schnell zunehmende Benommenheit des Bewußtseins zurückgeführt werden +mußte. Der Puls wurde schnell, zuweilen schon zu einer Zeit, in welcher +die örtlichen Veränderungen noch nicht in die Augen sprangen, die +Arterien zeigten sich wenig gefüllt. Hand in Hand mit dieser +Pulsveränderung stellte sich ein remittierendes Fieber ein, meistens +mit morgendlichen Abfällen bis zur Norm oder gar weit darunter, und +einem abendlichen Anstiege, dessen Spitzen immer höher reichten, bis mit +dem Nachlassen der Herzkraft oft plötzlich ein bedeutendes Sinken +eintrat. Dies galt bei schneller und kleiner werdendem Pulse als ein +sehr ungünstiges Zeichen und ging meistens dem Tode unmittelbar voran. + +Daß es sich um eine Giftwirkung der in der Wunde sich ansammelnden +fauligen Stoffe handle, war schon um die sechziger Jahre den meisten +Beobachtern nicht zweifelhaft. In der Tat gelang es E. _Bergmann_ und +_Schmiedeberg_ in Straßburg im Jahre 1868, aus faulender Bierhefe ein +Alkaloid, das _Sepsin_ herzustellen, welches, dem Tierkörper in +genügender Menge einverleibt, ein der menschlichen Septichämie sehr +ähnliches Krankheitsbild hervorrief. Für die Behandlung war damit aber +zunächst nichts gewonnen, da einerseits die Ursachen der Wundfäulnis mit +dem Nachweise des Sepsins noch längst keine Erklärung gefunden hatten, +andererseits die einzelnen Fälle, neben mancher Ähnlichkeit in den +Umrissen, doch auch recht erhebliche Verschiedenheiten aufwiesen. +_Billroth_ und seine Schule mühten sich jahrelang vergeblich ab, der +Natur hinter ihr Geheimnis zu kommen, bis er mit seinem Buche »Über die +Cocoobacteria septica« den ersten Schritt auf dem noch sehr unsicheren +und schwankenden Grunde der chirurgischen Bakterienforschung tat. Wir +werden darauf an späterer Stelle im Zusammenhange zurückzukommen haben. + + * * * * * + +Ein in seinen ausgeprägten Formen sehr verschiedenartiges Krankheitsbild +stellte das _Eiterfieber_, die _Pyämie_ oder _Pyohämie_ dar. +Voraussetzung für ihr Auftreten war das Vorhandensein einer meist +größeren Wunde, am häufigsten an den Bewegungsorganen; doch gehörte es +in verseuchten Krankenhäusern keineswegs zu den Seltenheiten, das Leiden +selbst bei kleinen und anscheinend wenig bedeutenden Wunden auftreten zu +sehen. Während aber die Wundfäulnis in langsamer Steigerung ihre Höhe +erreichte, trat die Pyämie meist ohne jede Vorbereitung und ganz +plötzlich in die Erscheinung. Ein Mensch mit einer ganz reinen, von +guten Granulationen bedeckten und einen geruchlosen Eiter absondernden +Wunde erkrankte, zuweilen aus voller Fieberlosigkeit heraus, andere Male +nach nur geringfügigem Anstieg der Körperwärme, mit einem heftigen +Schüttelfroste, dem ein ergiebiger Schweißausbruch folgte. Nach 2-4 +Stunden sank die bis zu 41°C und selbst darüber emporgeschnellte +Körperwärme in steilem Sturze wieder zur Norm oder selbst erheblich +darunter, der Kranke fühlte sich zwar etwas angegriffen, aber doch so +wohl, daß er der Sache keine Bedeutung beizulegen geneigt war, bis die +öftere Wiederkehr der Fröste seinen Gleichmut zu zerstören, sein +Befinden zu verschlechtern begann. + +Nach den ersten Schüttelfrösten nämlich traten auch für den Kranken sehr +merkbare Veränderungen der Wunde auf. Die bis dahin roten und üppigen +Granulationen wurden blaß und flach, viel seltener, infolge einer +Venenthrombose, glasig gequollen, die Wunde sonderte statt des gelben +Eiters eine mehr fleischwasserähnliche, gewöhnlich leicht übelriechende +Flüssigkeit ab; zugleich wurde sie so empfindlich, daß der Kranke bei +jeder Berührung aufschrie, zuweilen schon bei leichter Erschütterung +seines Lagers einen Schmerzensschrei ausstieß. Im Gegensatze zu einem +Septichämischen mit seinem gleichgültigen, stupiden Gesichtsausdrucke +und seinen glanzlosen Augen zeigte der Pyämische auf der Höhe seines +Leidens ein ängstliches, aufgeregtes Gesicht mit leicht verzerrten +Zügen, sowie die glänzenden Augen des fiebernden Menschen. Für den +kundigen Blick war das Krankheitsbild der ausgeprägten Pyämie ohne +weiteres erkennbar. + +Den eigentlichen Stempel aber erhielt die verderbliche Krankheit durch +das Auftreten zahlreicher Eiterherde, meist in inneren, aber auch in +äußeren Organen. Gehirn, Lungen, Leber, Milz, Nieren und Herzfleisch +wiesen ebenso oft große und kleine Eiterherde auf, wie das Bindegewebe, +die Muskeln, die Gelenke und serösen Höhlen. Diese Eiterungen, die +zuweilen zu gewaltigen, schnell wachsenden Herden sich umwandelten, +traten in der Regel im unmittelbaren Anschluß an Schüttelfröste auf; sie +waren, wie _Virchow_ um 1850 als erster nachzuweisen vermochte, die +Folge des Eindringens zerfallender Gefäßthromben in die Blutbahn und +entwickelten sich an solchen Stellen, an denen ein verschleppter Embolus +in feineren Gefäßen stecken blieb. Daß der Zerfall eines in der +Wundebene liegenden Gefäßthrombus durch eindringende Bakterien +vermittelt wurde und daß die mit Bakterien beladenen Gerinnsel oder gar +die im Blutstrome kreisenden und zusammengeballten Bakterien für sich +allein am Orte ihres Haftens Eiterung hervorriefen, wurde erst +wesentlich später erkannt. + +Nicht immer haben die Vorgänge so klar vor Augen gelegen, wie sie hier +geschildert worden sind. Die Schwierigkeiten für die Erkenntnis hatten +zwei Gründe. Zunächst konnte der Zerfall eines Thrombus auch in einer +Wunde sich ereignen, die schon einige Zeit zuvor von Wundfäulnis +heimgesucht war; oder aber letztere gesellte sich den pyämischen +Erscheinungen hinzu. Dann entstanden Mischformen, die zuerst _Karl +Hüter_ mit dem Namen der Septikopyämie belegt hat (1868); und da die +Zeichen beider Krankheiten, bald mit Vorwiegen der Fäulnis, bald der +Metastasen, sich durcheinanderschoben, so war eine reinliche Scheidung +vielfach unmöglich gemacht. Noch mehr aber trug zur Unklarheit und +Verwirrung die Kenntnis einer bis dahin unbekannten Krankheit, der +metastasierenden Osteomyelitis, bei, die zuerst von _Chassaignac_ im +Jahre 1854, bald darauf auch von _Klose_ in Prag unter dem Namen der +akuten Osteomyelitis, späterhin wegen der Ähnlichkeit ihres Verlaufes +mit der Wundpyämie vielfach als Pyaemia interna oder spontanea +beschrieben worden ist. Die Frage hat eine höchst umfangreiche Literatur +hervorgerufen, bis _Rosenbach_ in Göttingen im Jahre 1884 die Krankheit +auf die gleichen Erreger, welche in der Wundpyämie ihre Lebensäußerung +zeigen, zurückzuführen vermochte, nämlich auf den Staphylococcus +pyogenes aureus und verwandte Schmarotzer. + +Der _Hospitalbrand_ scheint eine fast ausgestorbene Krankheit geworden +zu sein, da auch die neuesten, so blutigen und unter den ungünstigsten +hygienischen Bedingungen geführten Kriege sie glücklicherweise fast +nirgends zu neuem Leben zu erwecken vermocht haben. Nur im +Russisch-Japanischen Kriege von 1904 ist sie wieder gesehen worden, ohne +daß Zeit und Umstände für genauere Beobachtungen und bakterielle +Forschung günstig gewesen wären. Und doch war sie einst die +schrecklichste Geißel großer Krankenhäuser des Friedens und +umfangreicher Militärlazarette. Ob sie eine besondere, auf einen eigenen +Erreger zurückzuführende Form der Wundfäulnis darstellt, kann heute +nicht mehr gesagt werden, da sie unter dem Einflusse der antiseptischen +Wundbehandlung so schnell verschwunden ist, daß die bis dahin noch +höchst unvollkommenen bakteriologischen Untersuchungsmethoden nicht mehr +imstande waren, ihr Wesen festzustellen. Um so mehr ist es geboten, ihre +Erscheinungsformen festzuhalten, und zwar nicht nur von rein +geschichtlichen Gesichtspunkten aus; denn wie andere verheerende Seuchen +des menschlichen Geschlechtes, Diphtherie z. B. und Pest, gewissermaßen +unter unseren Augen eine Wiedererstehung erlebt haben, so sind +Verhältnisse auf Erden denkbar, verheerende Ereignisse irgendwelcher +Art, welche auch dem Erreger des Hospitalbrandes aus der bisherigen +Versenkung aufzutauchen erlauben. + +In großen Krankenhäusern des Friedens, besonders aber in +Kriegslazaretten, in denen zahlreiche Verwundete dicht zusammengehäuft +waren, trat die Krankheit gelegentlich in ihren gefährlichsten und +abschreckendsten Bildern auf. Seit _Delpech_ in Montpellier (1815) +unterschied man zwei Formen, den ulzerösen und den pulpösen Brand, die +zwar im Beginne nicht unerhebliche Verschiedenheiten zeigten, im +späteren Verlaufe aber untrennbar ineinander übergingen. Die erste +begann mit dem Auftreten eines oder mehrerer graugelblicher, etwas +erhabener und mit bräunlichen Punkten (von thrombotischen Gefäßen +herrührend) durchsetzter Flecken, welche sich schnell vergrößerten, dann +zerfielen und scharfrandige, rundliche Geschwüre hinterließen, die sich +bald vereinigten und in kurzer Zeit die Hautränder der Wunde erreichten. +Der pulpöse Brand dagegen begann mit dem Auftreten eines grauen Belages +in einem Teile oder von vornherein in der ganzen Wunde, der nur in +Fetzen abgerissen werden konnte und eine blutende Fläche hinterließ. Der +zunächst etwas flache Grund erhob sich bald unter dem Drucke der in der +Tiefe entwickelten Fäulnisgase, zerfiel und wandelte sich in eine +schmierige, faulender Gehirnsubstanz ähnliche Masse um. Bald kam es +infolge von Gefäßstauungen zu heftigen, oft wiederholten kapillären +Blutungen und zugleich schritt die Zerstörung in die Breite und in die +Tiefe mehr oder weniger schnell fort. Kein Gewebe widerstand auf die +Dauer; doch starb am schnellsten das lockere Bindegewebe ab, während +Faszien, Muskeln und große Gefäßstämme länger Widerstand leisteten. Die +Knochen wurden ihres Periostes beraubt und verloren in steter Berührung +mit der faulenden Flüssigkeit teilweise oder auch im ganzen Umfange ihre +Lebensfähigkeit. Die Wunde verbreitete einen widerwärtigen Geruch, der +aber dem gewöhnlichen Geruche faulender Gewebe nicht völlig glich. Eine +Heilung war selbst in vorgeschrittenen Fällen noch möglich wenn auch +meist mit Hinterlassung schwerer Schädigungen; ein erheblicher +Prozentsatz der Kranken aber erlag den fortgesetzten Blutungen oder der +septischen Vergiftung, oft auch einer ausgesprochenen Pyämie. + +Die Krankheit hat unverkennbare Ähnlichkeit mit den schweren Fällen von +Diphtherie, welche nach einem Luftröhrenschnitte auf die äußeren +Weichteile des Halses übergreift; doch scheint es heute nicht mehr +möglich, nachdem auch letztere wohl kaum noch zur Beobachtung kommen, +die Gleichheit oder Verwandtschaft beider Krankheiten bakteriologisch +festzustellen. + + * * * * * + +_Der Wundstarrkrampf oder Tetanus_ ist eine weitere Wundkrankheit, die +nur selten in größerer Zahl auf einmal, sondern gewöhnlich nur in +vereinzelten Fällen nicht allein bei der Zusammenhäufung zahlreicher +Verwundeter in einem Raume, sondern auch bei Menschen vorkommt, die in +Privathäusern ein Zimmer für sich bewohnen. Ist somit die allgemeine +Bedeutung des Leidens für Krankenhäuser und Feldlazarette geringer als +die der meisten anderen Wunderkrankungen, so ist doch das einzelne +Krankheitsbild so schrecklich, daß es bereits sehr früh die +Aufmerksamkeit der Ärzte auf sich zog. Schon _Hippokrates_ hat ihm einen +eigenen Abschnitt gewidmet. + +Während man früher neben dem traumatischen noch einen rheumatischen oder +idiopathischen Tetanus unterschied, ist seit der Entdeckung des +Tetanusbazillus durch _Nikolaier_ im Jahre 1884 kein Zweifel mehr +geblieben, daß die Ansteckung durch eine Wunde geschieht, die aber +zuweilen sehr unbedeutend oder zur Zeit des Krankheitsbeginnes schon +verheilt ist. In die Fußsohle oder unter die Nägel eingestoßene +Holzsplitter sind von jeher besonders gefürchtet gewesen. Die Krankheit +beginnt mit einer Spannung in den Kaumuskeln (Trismus) oder mit +Schlingbeschwerden; die krampfhafte Zusammenziehung der Gesichtsmuskeln +(Bisus sardonicus), die gerunzelte Stirn, die harte Spannung der +Rückenmuskeln (Opisthotonus), sowie der Muskeln der Bauchwand bilden die +Fortsetzung. Endlich treten von Zeit zu Zeit tonische Krämpfe in den +genannten Muskelgruppen auf, die auch in stoßartiger Form sich geltend +machen können. Die Extremitäten bleiben meistens frei; doch gibt es auch +einen örtlichen Wundstarrkrampf, der dauernd oder in erster Linie auf +eine einzelne Extremität beschränkt bleibt. In den milden Fällen klingen +die kurz umrissenen Erscheinungen allmählich ab, in den schwereren +erfolgt unter steter Steigerung der Krämpfe der Tod durch krampfhaften +Stillstand der Atemmuskeln, Glottisödem oder Apoplexie im Gehirne. + +Daß es sich um eine Giftwirkung, insbesondere auf die Nervensubstanz, +handle, war längst vermutet worden; die Entdeckung des Tetanusbazillus +in der Gartenerde, im Straßenstaube, überhaupt in weitester Verbreitung, +hat diese Annahme bestätigt. Das Studium seiner Lebensbedingungen hat +als Krankheitserreger ein Toxin erkennen lassen, und die mit dem +v. _Behring_schen Tetanusantitoxin angestellten Behandlungsformen, +insbesondere dessen prophylaktische Anwendung, haben nicht nur die +Sterblichkeit, sondern schon die Häufigkeit der Erkrankung +außerordentlich vermindert. So sah _Max Martens_, der im Berliner +Krankenhause Bethanien die prophylaktische Serumeinspritzung seit 1904 +durchgeführt hat, im Laufe von 10 Jahren, abgesehen von eingelieferten +Erkrankungen, nur einen einzigen Fall, bei dem die übliche Sicherung +durch Zufall unterlassen worden war; so wird auch von der _Graser_schen +Klinik in Erlangen berichtet, daß nach Einführung des gleichen +Verfahrens die Krankenräume seit 5 Jahren von Starrkrampf verschont +geblieben seien. + + * * * * * + +Zu den echten Wundkrankheiten gehört auch die _Wundrose_, das +Erysipelas, da das Gift, welches sich in den benachbarten Saftkanälen +und Lymphbahnen ausbreitet, stets und unter allen Umständen durch die +verletzte Haut eindringt. Allerdings hat diese Erkenntnis sich erst in +den letzten drei Jahrzehnten zu allgemeiner Anerkennung durchgerungen; +denn der Umstand, daß sehr unbedeutende Verletzungen der Haut oder der +Schleimhäute, die, wie leichte Abschürfungen, schon in einem Tage bis +zur Unerkennbarkeit geheilt sind, die Eingangspforten des Giftes bilden +können, der fernere Umstand, daß die Wundrose nach _Fehleisens_ +Untersuchungen eine Inkubationszeit von 15-61 Stunden besitzt, während +deren manche Eingangspforte schon unkenntlich geworden ist, haben der +richtigen Deutung der Erscheinungen beharrlich im Wege gestanden. Daher +die bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts hineinreichende +Unterscheidung zwischen einem chirurgischen, von Wunden ausgehenden und +einem medizinischen, selbständig im Körper entstehenden Erysipel, als +dessen Ursache man eine »gallige Schärfe im Blut« neben allerlei +atmosphärischen und klimatischen Einflüssen anzunehmen pflegte. Wir +dürfen diese Anschauungen als gänzlich überwunden betrachten, seitdem +die bakterielle Natur des Leidens festgestellt worden ist. Die +atmosphärischen Einflüsse sind allerdings insofern nicht gänzlich +ausgeschaltet worden, als sie zweifellos von Bedeutung für das Wachstum +der Keime und ihre zeitweilig gesteigerte Giftigkeit sind. + +Die Wundrose tritt in der unmittelbaren Umgebung der Eingangspforte in +Form einer dunkel- oder rosenroten Schwellung auf, die ganz scharf +abgegrenzt und über der blassen Haut der Nachbarschaft durch Quellung +etwas erhaben ist. Sie erscheint bei zuvor fieberlosen Kranken nach +einem mehr oder weniger heftigen Schüttelfroste, dem andauernd hohes, +morgens etwas abfallendes Fieber folgt. Zugleich breitet sich die +scharfrandige Rötung in breiten Vorschüben nach verschiedenen Richtungen +aus, überzieht mehr oder weniger erhebliche Teile der Körperhaut und +endet meist in wenigen Tagen, zuweilen aber erst nach wochenlangem +Umherwandern, welches selbst schon einmal befallene Körperstellen nicht +verschont, mit plötzlichem Temperaturabfalle und meist einer +Abblätterung, seltener bloßer Abschilferung der Oberhaut. + +Gefährlich wird das Leiden, zumal bei alten Leuten, durch die lange, mit +hohem Fieber verbundene Dauer und durch die Neigung mancher Fälle zu +metastatischen Eiterungen. Indessen ist das Erysipel unter den neueren +Wundbehandlungsmethoden nicht nur an Zahl, sondern auch an Gefahr ganz +erheblich zurückgegangen. In den gutgehaltenen chirurgischen Abteilungen +großer Krankenhäuser ist die Wundrose als Hospitalkrankheit fast völlig +verschwunden; doch werden immer noch eine Anzahl von außerhalb +entstandenen Fällen eingeliefert, die indessen meist einen leichten +Verlauf nehmen. Ein Todesfall an Wundrose dürfte heute bereits zu den +Seltenheiten zählen. + + * * * * * + +Wir haben hiermit die fünf Hauptkrankheiten erwähnt, welche einst die +Tätigkeit des Wundarztes und seine Erfolge, zuweilen in +schreckenerregender Fülle, einengten und bedrohten. Versuchen wir nun, +ein Bild zu entwerfen von dem _Aussehen einer chirurgischen Abteilung +vor einem bis zwei Menschenaltern_. + +Dem in einen großen Krankensaal Eintretenden fiel zunächst der fade, +süßliche Eitergeruch, nicht selten sogar ausgesprochener Fäulnisgeruch +auf, die nur mühsam durch den Duft chemischer oder pflanzlicher +Verbandmittel der Kamille, des Kampfers, später der Karbolsäure und +anderer Stoffe gedämpft wurden. Schon die Gesichter der Kranken, an +deren Betten man vorüberging, verrieten, daß man sich unter +Schwerleidenden befand. Die hektisch geröteten Wangen, die glänzenden +Augen und das schweißbedeckte Antlitz der Fiebernden, ihr ängstlicher +Gesichtsausdruck, daneben die blassen, gleichgültigen Züge der +Septischen, das Stöhnen und Sprechen in abgerissenen, halb +unverständlichen Sätzen -- das waren die immer wiederkehrenden Bilder, +die jedem fühlenden Arzte das Herz zusammenschnürten. Deckte man die +Wunde auf, so fand man den Verband von Eiter durchtränkt und +übelriechend. Selbst bei mehrfach am Tage vorgenommenem Verbandwechsel +durchdrangen die Flüssigkeiten nicht selten den Verband, beschmutzten +benachbarte Körperteile, verunreinigten die Bettdecke und das Bettuch, +suchten ihren Weg selbst über Gummiunterlagen hinweg und drangen in die +Matratze ein. So erforderte jeder Verbandwechsel zugleich einen Wechsel +der Bettwäsche, selbst der Matratzen; und alles das war nicht möglich, +ohne den Verletzten vom Lager zu erheben, ihn und seine Wunde zu +beunruhigen und zuweilen heftige Schmerzen zu erzeugen. Rechnet man +hinzu, daß in überfüllten Krankenhäusern und Kriegslazaretten die auf +diese Weise geforderte Arbeitslast oft genug die körperliche +Leistungsfähigkeit der vorhandenen Ärzte weit überstieg, so begreift es +sich, daß vieles den weniger geschulten Händen des Wartepersonals +überlassen wurde, was besser dem Arzte vorbehalten geblieben wäre. Und +wenn man endlich in Anschlag bringt, daß eine so schwere Fronarbeit +unter dem steten Drucke zu leisten war, daß doch das meiste an +ärztlicher Arbeit und Quälerei des Kranken ganz vergeblich sei, daß man +gegen ein unabwendbares Fatum ankämpfe, daß eine große Anzahl +Schwerverletzter mit dem Augenblicke als verloren zu betrachten war, in +welchem sich ihnen die Pforten des mehr oder weniger verseuchten +Krankenhauses oder Unterkunftsraumes öffneten, so begreift es sich, +welch eine Fülle von körperlicher Leistungsfähigkeit und Charakterstärke +dazu gehörte, um auch nur den ärztlichen Gehilfendienst pflichtgemäß zu +erfüllen. Für den leitenden Arzt aber kam noch das schwere +Verantwortlichkeitsgefühl bei jedem operativen Eingriff hinzu, um die +der Seele aufgeladene Last manchmal bis zum Unerträglichen zu steigern. +Daß unter solchen Umständen so mancher jüngere Arzt unter der Schwere +seines Berufes fast zusammenbrach, die Unberechenbarkeit seiner +Tätigkeit nicht mehr zu tragen vermochte und deshalb von der +Chirurgie, der er sich in glücklicher Unkenntnis zunächst mit +Begeisterung zugewandt hatte, Abschied nahm, um sich einem minder +verantwortungsvollen Zweige der Medizin zuzuwenden, kann nicht +überraschen. Um so bewundernswerter müssen uns aber jene Männer +erscheinen, welche unter den niederdrückendsten Erfahrungen aller Art, +im steten und vielfach vergeblichen Kampfe gegen dunkle Hemmnisse, durch +welche oft genug die an eine wohlgelungene Operation geknüpften +Hoffnungen aufs grausamste zerstört wurden, unbeirrt ihren Weg +fortsetzten, um der schweigsamen Natur ihre Geheimnisse abzulauschen, +ihre Wissenschaft auszubauen und zu retten, soweit es eben möglich war. +Konnte sich unter allen Schrecken des Krankenhauses doch gelegentlich +ein Hochmut entwickeln, wie er am verblüffendsten in einem Satze des +französischen Chirurgen _Boyer_ zutage tritt, der in der Einleitung zu +seiner »Chirurgie« (1814-1826) folgende Worte findet: »Die Chirurgie +unserer Tage hat die größten Fortschritte gemacht, so daß sie den +höchsten oder nahezu den höchsten Grad der Vollkommenheit, deren sie +überhaupt fähig ist, erreicht zu haben scheint.« + +Den meisten anderen Chirurgen hat wohl die in diesem Satze ausgeprägte +Überhebung ferngelegen; sie übten vielmehr jene Entsagung, der einst +bereits _Ambroise Paré_ einen schönen Ausdruck gegeben hat, indem er, +nach dem Befinden eines Kranken gefragt, erwiderte: »Je l'ai opéré, Dieu +le guérira.« + +Diesen unerhörten Zuständen hat _Joseph Listers_ schrittweise +entwickelte Wundbehandlung ein für allemal ein Ende gemacht. Er erlöste +die ärztliche Welt von dem Albdrucke unbekannter und unberechenbarer +Einflüsse auf den Wundverlauf und gab ihr damit eine Freiheit des +Handelns, wie sie unsere Wissenschaft und Kunst während ihrer mehr als +2000jährigen Geschichte niemals auch nur entfernt besessen hat. Erst +jetzt erhielt auch die chirurgisch-operative Phantasie den nötigen +Spielraum, um immer neue Ausflüge in bisher dunkle und unbekannte +Gebiete zu unternehmen, sie zu erobern und zu unterwerfen, +Nachbargebiete der Chirurgie zu befruchten, den Ausbau der +Hilfswissenschaften anzuregen und selbst ganz neue Wissenszweige ins +Leben zu rufen. + +Wie alles das im einzelnen vor sich gegangen ist, soll in den +nachfolgenden Blättern geschildert werden. + + + + + _Zweiter Abschnitt._ + + Joseph Listers antiseptische Wundbehandlung. + + + + + Kapitel IV. + + Die Vorläufer Listers. + + +Gleich fast allen großen Entdeckungen und Erfindungen ist auch die +_Lister_sche Wundbehandlung nicht unvermittelt aus dem Kopfe eines +einzigen hervorragenden Mannes hervorgegangen, sondern zahlreiche +Arbeiten, Schriften und Entdeckungen bereiteten ihr den Weg. Wir +Deutsche dürfen stolz darauf sein, daß schon unter den Vorarbeiten der +deutsche Anteil recht erheblich gewesen ist. + +Diese Vorarbeiten suchten auf zwei völlig getrennten Wegen der Aufgabe +einer Beseitigung oder wenigstens einer Einschränkung der +Wundkrankheiten und damit einer verständigen Wundbehandlung näher zu +kommen; nämlich einmal auf dem Wege klinischer Beobachtung und +Erfahrung, anderseits mit Hilfe der Bakteriologie. + +Es war ein Geburtshelfer, der als erster die Wunderkrankungen, hier der +durch die Vorgänge des Gebärens in eine Wunde verwandelten Innenfläche +der Gebärmutter, also die verschiedenen Formen der verderblichen +Wochenbettleiden, zu bekämpfen suchte. Sie waren bisher, d. h. bis in +die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts, von den Geburtshelfern ganz +allgemein auf sehr unklare miasmatisch-epidemische Einflüsse +zurückgeführt worden, die auch in den Anschauungen der Chirurgen die +fehlenden tieferen Kenntnisse der eigentlichen Krankheitsursachen +ersetzen mußten. Gegen diesen Glauben kämpfte seit dem Jahre 1847 der +junge deutsch-ungarische Geburtshelfer _Semmelweis_ auf Grund seiner +Erfahrungen und scharfsinnigen Beobachtungen in der ersten Gebärklinik +des Allgemeinen Krankenhauses zu Wien, wo er als Assistent tätig +war. Er erkannte die völlige Gleichartigkeit einer Gruppe von +Puerperalerkrankungen mit solchen Wundkrankheiten, welche die Chirurgen, +bis dahin ohne scharfe Abgrenzung, als Pyämie zu bezeichnen pflegten und +führte als erster die häufigste Entstehung der Krankheit auf den +untersuchenden Finger des Geburtshelfers oder seiner Gehilfen, also auf +unmittelbare Übertragung des Krankheitserregers zurück. Neben dieser +Einimpfung ließ er aber auch eine Verbreitung der Krankheit auf dem +Luftwege zu. Sehr angesehene Vertreter der Medizin, wie _Rokitansky_, +_Skoda_ und _Hebra_, traten mehr oder weniger entschieden auf seine +Seite. Aber an dem starken Widerspruche der Geburtshelfer, der +_Kiwisch_, _Scanzoni_ und _Seyfert_, scheiterte der ideenreiche und +kluge Mann bis zu dem Maße, daß er im Jahre 1850 verstimmt und mißmutig +Wien verließ und in seine Vaterstadt Pest zurückkehrte. Hier wurde er +1855 Leiter der geburtshilflichen Universitätsklinik, vermochte sich +aber auch als solcher nicht durchzusetzen, obwohl er im Jahre 1861 seine +Anschauungen in einem umfangreichen Werke: »Die Ätiologie, der Begriff +und die Prophylaxis des Kindbettfiebers« niedergelegt hatte. Nachdem +auch der größere Teil der Chirurgen und unter den pathologischen +Anatomen _Virchow_ noch im Jahre 1864 sich gegen _Semmelweis_' Lehre +ausgesprochen hatten, war sein Schicksal entschieden: man verlachte ihn +als einen unklaren Schwärmer. Er starb in einer Irrenanstalt in Wien im +Jahre 1865 an Pyämie als Folge einer Fingerverletzung. In so trauriger +Weise endete das Leben eines Pfadfinders, dessen Anschauungen und Lehren +erst einige Jahrzehnte später die unumwundene Anerkennung gefunden +haben. + +Es war nicht die Geburtshilfe allein, welche die Kosten dieses +bedauerlichen Zusammenbruches zu tragen hatte, sondern in gleicher Weise +wurde auch die Chirurgie auf dem Gebiete der Wundkrankheiten und der +Wundbehandlung zum Stillstande verdammt. Der beherrschende Einfluß eines +_Virchow_ machte sich selbst bei Männern wie _Billroth_ und _Otto Weber_ +in der Abweisung des Gedankens einer unmittelbaren Übertragung einer +äußeren Ansteckung geltend, während _Wilhelm Roser_ die Pyämie durch ein +Miasma _und_ Kontagium sich fortpflanzen ließ und den pyämischen +Erkrankungen auch das Kindbettfieber wie die Wundrose zurechnete. Ebenso +spricht _Pirogoff_ fortgesetzt von miasmatisch-kontagiösen Einflüssen +als den Erzeugern der Wundkrankheiten. In solchen Vorstellungen blieben +alle Chirurgen der damaligen Zeit befangen; und dem rückschauenden +Blicke ist es leicht erkennbar, daß aus ihnen eine gesunde +Wundbehandlung nicht hervorzukeimen vermochte. + +Zu ihr führte aber der zweite Weg, der längst gebahnt, aber von den +Chirurgen bisher noch nicht betreten worden war: die ersten Anfänge und +der weitere Ausbau der Keimlehre. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte +_Gay-Lussac_ in Paris den Sauerstoff der Luft als den Erreger der +Fäulnis und Gärung und damit als Zerstörer organischer Substanzen +hingestellt. Dieser Anschauung war auch der größte Teil der damals +lebenden Chirurgen zugewandt. Sie wurde erst erschüttert, als _Theodor +Schwann_, damals Gehilfe am anatomischen Museum zu Berlin, der +hochberühmte Begründer der tierischen Zellenlehre aus den Jahren 1838 +und 1839, mit bedeutsamen Arbeiten über den Anteil lebender Organismen +an den Gärungs- und Fäulniserscheinungen hervortrat. Sie knüpften an die +Entdeckung des Hefepilzes (Torula cerevisiae) an, die ihm im Jahre 1837, +ungefähr gleichzeitig mit dem Franzosen _Cagniard-Latour_, gelungen war. +So wurde _Schwann_ auch der Begründer einer Keimlehre, die schnell eine +weitere Entwicklung fand. Im Jahre 1840 veröffentlichte der mit +_Schwann_ befreundete _Jakob Henle_ eine Abhandlung, die zum erstenmal +mit aller Bestimmtheit die kontagiösen Krankheiten auf organische +Krankheitserreger, wahrscheinlich pflanzlicher Natur, zurückführte. Die +geistvolle Schrift, welche auf deduktivem Wege zu einer Auffassung +gelangt, die mit unseren heutigen Anschauungen fast vollkommen +übereinstimmt, erwähnt auch bereits den Grund, der die Entdeckung und +den Nachweis solcher Organismen bisher verhindert hatte. Sie entzögen +sich, so sagt _Henle_, wahrscheinlich nur deshalb der mikroskopischen +Wahrnehmung, weil man sie nicht ohne weiteres von den umgebenden Geweben +unterscheiden könne. Wie richtig das alles ist, hat die spätere +Entwicklung der Färbemethoden, durch welche auch die kleinsten +Organismen dem bewaffneten Auge noch erkennbar geworden sind, vollauf +bewiesen. -- Auf dem gleichen Gebiet bewegten sich Schriften von +_Helmholtz_, _Schultz_ und anderen Forschern. + +Die _Schwann_schen Versuche über Zersetzung wurden in vollem Umfange +aufgenommen und nach allen Richtungen erweitert durch _Louis Pasteur_ in +Paris. Der körperlich kleine, frühzeitig etwas untersetzte Franzose, in +dessen etwas harten Zügen zwei durchdringende Augen von einer großen +Schärfe des Verstandes und rastloser Tatkraft redeten, beschäftigte sich +schon seit der Mitte der fünfziger Jahre mit dem Problem der Gärung und +Zersetzung. Er wußte es durchzusetzen, daß die Akademie eine Kommission +ernannte, um seine Versuche zu prüfen; und diese, aus den ersten Männern +der Naturwissenschaften in Frankreich zusammengesetzte Körperschaft +zögerte nicht, _Pasteurs_ Vorführungen als beweisend anzusehen. Es lohnt +sich, seines grundlegenden Versuches mit einigen Worten zu gedenken. +Eine Anzahl gläserner Behälter mit dünnen Hälsen füllte er zum Teil mit +einer durchgeseihten, klaren und durchscheinenden Hefenabkochung, die +eine Zeitlang siedend erhalten wurde, um alle etwa vorhandenen Keime zu +zerstören. Noch während des Kochens wurde der Hals zugeschmolzen, so daß +nach der Abkühlung innen ein luftleerer Raum entstehen mußte. Eine +Anzahl dieser Gefäße wurde dann z. B. in Hörsälen und ohne besondere +Vorsicht geöffnet, aber sofort wieder mittels des Lötrohres geschlossen: +regelmäßig trübte und zersetzte sich dann die Flüssigkeit binnen wenigen +Tagen. Geschah aber die Eröffnung an keimarmen Orten, z. B. auf einem +hohen Berge, im Wehen des Windes von einem Gletscher her, oder brachte +man den Hals während des Durchfeilens in eine Spiritusflamme, in der +auch die zum Abbrechen bestimmte Zange zuvor geglüht worden war, so +entwickelte sich unter 20 Flaschen nur in einer eine Pilzbildung, +während 19 ganz klar blieben. -- _Chevreuil_ vervollständigte diesen +Versuch dahin, daß er den Flaschenhals zu einer feinen Röhre auszog und +diese zwar mehrmals winklig knickte, aber vollständig offen ließ. Obwohl +nun ein freier Austausch der eingeschlossenen mit der äußeren Luft +stattfinden konnte, so blieb doch jede Zersetzung aus, weil nachweisbar +die Luftkeime an den Winkeln der Röhre mechanisch zurückgehalten wurden. + +Der Wahn von der Schädlichkeit des Sauerstoffs war hiermit endgültig +zerstört; die in ihrer Natur und ihrem Wesen bisher noch fast gänzlich +unbekannten Keime mußten als die Unheilstifter bei allen Arten der +Zersetzung angesehen werden. + + + + + Kapitel V. + + Listers Übertragung der Keimlehre auf die Chirurgie. + + +Indessen wußte man in der praktischen Chirurgie mit dieser Entdeckung +zunächst noch nichts anzufangen, da irgend ein Weg, die Wunden vor dem +Eindringen von Keimen zu schützen, bisher noch nicht gefunden war. In +diese Lücke trat _Joseph Lister_ ein, nicht mit dem Vorwärtsstürmen +eines alle Hindernisse überspringenden Genies, sondern in der langsamen +Weise des ruhigen Beobachters und ernsten Naturforschers, der keinen +Schritt vorwärts tut, ohne sich vorher die Grundlage zu sichern, auf die +er treten will. _Lister_ war mit 42 Jahren auf den Lehrstuhl für +Chirurgie in Glasgow als Nachfolger seines Schwiegervaters _Syme_ +berufen worden; als er die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen begann, war +er Professor der Chirurgie in Edinburgh. Der hochgewachsene, kräftige +Mann von echt germanischem Typus, das Haupt mit leicht gewellten, ein +wenig lang getragenen Haaren bedeckt in dessen blauen Augen sich neben +einem etwas schwärmerischen Ausdrucke eine unendliche Güte und nie +versagende Liebenswürdigkeit widerspiegelte, stand dort im achten +Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts auf der Höhe seines Schaffens. Dort +empfing er die zahlreichen Besucher aus allen Weltteilen sowohl in +seiner Klinik, der alten Infirmary, als in seinem Hause immer mit der +gleichen Gastlichkeit, aber auch stets mit der gleichen wissenschaftlich +ernsten Sachlichkeit. Denn oft geschah es, daß er nach einem Mittagessen +in seinem Hause einen oder mehrere seiner Gäste zu einem Vortrage über +seine Theorie und zur Besichtigung seiner Bakterienzüchtungen einlud; +und nicht selten holte er noch spät abends einen Gast aus dem Gasthause +ab, weil eine wichtige Verletzung ihm aus der Klinik gemeldet worden +war. So wußte er seine Zuhörer stets in kürzester Zeit in Theorie und +Praxis einzuführen. -- + +Durch _Pasteurs_ Arbeiten angeregt, hatte sich _Lister_ schon jahrelang +mit dem Studium der Bakterien und ihrer Beziehungen zu Wunden +beschäftigt, aber zunächst rein theoretisch. Den Anstoß zur Umsetzung in +die praktische Tätigkeit erhielt er durch einen Bericht vom Jahre 1865 +über die Wirkungen, welche man auf den Rieselfeldern der Stadt Carlisle +durch Zusatz von Karbolsäure zu den Abwässern gemacht hatte: fast jede +Art von Fäulnis wurde auf diese Weise verhindert, tierische und +pflanzliche Schmarotzer unschädlich gemacht und zerstört. Von diesem +Antiseptikum, der Karbolsäure, gingen also _Listers_ praktische Versuche +aus; aber es möge von vornherein betont werden, daß sie einem wesentlich +anderen Gesichtspunkte Rechnung trugen, als dies bisher geschehen war. +Seine zahlreichen Gegner, die ihm besonders in England erstanden +(_Simpson_, _Elliot_ u. v. a.), suchten zu beweisen, daß seine +»antiseptische Behandlung« nichts weiter sei als die längst bekannte +Anwendung der Karbolsäure bei der Wundbehandlung. Demgegenüber hat +_Lister_ stets den grundsätzlichen Unterschied zwischen seiner +»antiseptischen Wundbehandlung« und der Anwendung antiseptischer Mittel +als Verbandmaterial hervorgehoben. + +Um diesen Unterschied klar hervortreten zu lassen, möge zunächst ein +kurzer Abriß der Geschichte der bisher üblichen chemischen Wundmittel +gegeben werden, die von den Gegnern _Listers_ zusammengetragen worden +ist. Sie ist von _Thamhayn_ (Halle) in seinem unter der Anregung +_Volkmanns_ geschriebenen Buche: »Der Listersche Verband. 1875« +verwertet worden. Auf die von _John Colbatch_ (»A treatise on Alkali and +Acid«) im Jahre 1698 verfaßte Schrift brauchen wir nicht weiter +einzugehen, da sie nur für Physiologen und innere Mediziner Interesse +bietet. Aber sie enthält einen Anhang unter dem Titel: Novum lumen +chirurgicum, in welchem ein Wundpulver dringend empfohlen wird, nicht +nur als vortreffliches Blutstillungsmittel, sondern zugleich wegen +seiner Einwirkung auf frische Wunden. Der entscheidende Satz lautet nach +_Thamhayns_ Übersetzung folgendermaßen: »Ungefähr 4 Tage nach der ersten +Anwendung des Pulvers wurde die Wunde wegen eines neuen Verbandes +freigelegt. Sie war in einem sehr guten Zustande, eiterte nicht im +geringsten, und nur eine dünne wäßrige Flüssigkeit von der ich vermute, +daß sie aus den Drüsen und Lymphgefäßen ausgeschwitzt sei, kam zum +Vorschein. Blieb sie eine Zeitlang auf dem Verbände liegen, so fing sie +an zu riechen; aber das, was aus der Wunde frisch herauskam, war +wohlriechend wie eine Rose.« Da der Verfasser die Zusammensetzung des +Pulvers nicht verrät, so ist es müßig, sich darüber den Kopf zu +zerbrechen; nur so viel sei gesagt, daß die Schilderung des Verhaltens +der Wunde der Wirkung eines antiseptischen Mittels entspricht ohne daß +man gerade an Karbolsäure zu denken braucht. + +Die Karbolsäure, welche in _Listers_ antiseptischer Behandlung eine so +hervorragende Rolle gespielt hat, wurde im Anfange der sechziger Jahre +des 19. Jahrhunderts von Deutschland und Frankreich aus ungefähr +gleichzeitig empfohlen. Der Franzose _Lemaire_ veröffentlichte 1863 eine +Abhandlung über das Mittel, die 1865 in erweiterter Ausgabe erschien. +Eine im Inhalte ähnliche Arbeit lieferte in dem gleichen Jahre _Déclat_; +doch soll schon im Französisch-Österreichischen Feldzuge von 1859 die +Karbolsäure in Form eines Pulvers aus Kreide und Steinkohlenteer zur +Anwendung gekommen sein. Noch früher, als es in Frankreich geschah, hat +_Küchenmeister_ in Dresden (1860) die Karbolsäure unter dem Namen Spirol +äußerlich und innerlich benutzt. Er beschreibt das Spirol als einen +farblosen kristallisierten Körper, der bei 34°C schmilzt, bei 187° +siedet und den man entweder aus dem Steinkohlenteeröl oder durch +Destillation des Salizins mit Kreide herstellt. + +So hatte die Karbolsäure in Deutschland und Frankreich sich bereits ein +gewisses Feld erobert, als man auch in England mit der Anwendung des +Eiterung und Fäulnis hemmenden Mittels begann. Auf diesen Zustand der +Dinge stieß _Lister_, als er dazu überging, seine theoretischen Studien +praktisch zu verwerten. + + * * * * * + +Es war im Jahre 1867, als _Lister_ mit seinen ersten Erfahrungen über +die neue Behandlungsmethode bei offenen Knochenbrüchen und Abszessen +hervortrat; bald folgte ein Vortrag in der British Medical Association +zu Dublin am 9. August desselben Jahres, in welchem er die Art seiner +Behandlung aller frischen Wunden darlegte. Und von nun an setzte sich +fast durch ein Menschenalter hindurch eine ununterbrochene Reihe von +Äußerungen in Wort und Schrift fort, die dazu dienten, der neuen +Behandlung den Boden zu bereiten und sie immer weiteren Kreisen +zuzuführen. + +_Lister_ ging von dem Gesichtspunkte aus, daß alle Wundstörungen +ausschließlich als Bakterienwirkungen zu betrachten seien; demgemäß habe +die Wundbehandlung nur die Aufgabe, das Eindringen der Schmarotzer in +die Wunde zu verhüten oder, falls sie bereits während der Verletzung +eingedrungen seien, ihre Unschädlichkeit herbeizuführen. Diesem +Gedankengange entsprechend entwarf er seinen Behandlungsplan, den er bei +wachsender Erfahrung fortgesetzt zu bessern und zu vervollkommnen sich +bemühte. + +Die _Behandlung offener Knochenbrüche_ setzte sich zum Ziele, einen +aseptischen Schorf auf der Wunde zu erzeugen, der sie vor weiterer +Verunreinigung schützen und dadurch eine gleiche Gunst der Verhältnisse +herstellen sollte, wie sie die geschlossenen Brüche genießen. Die Wunde +wurde mit einem in flüssige Karbolsäure getauchten Lintlappen betupft, +später sogar in ihrer Tiefe ausgewischt, zum Schluß mit einem neuen, die +Wundränder nur wenig überragenden, in Karbolsäure getauchten Lintstücke +bedeckt und dieser so lange angedrückt gehalten, bis er festhaftete. Das +Läppchen bildete mit Blut und Serum einen die Wunde verschließenden +Schorf, der nun die Möglichkeit einer Heilung wie bei geschlossenen +Knochenbrüchen darbot, wenn das verletzte Glied zugleich entsprechend +geschient worden war; aber in der Weise, daß die Wunde immer leicht +zugängig blieb. Denn wenn auch _Lister_ von vornherein dem Grundsatze +huldigte, daß die Wunde nach Möglichkeit in Ruhe gelassen werden müsse, +so trat dieser Gesichtspunkt doch zurück gegenüber der drohenden Gefahr +einer Bakterieneinwanderung, wenn bei schneller Verdunstung der +Karbolsäure und Eintrocknen des Schorfes sich in letzterem Risse +bildeten, oder wenn der Lintrand sich lockerte. Um dem entgegenzutreten, +wurde der Schorf entweder täglich von neuem antiseptisch angefeuchtet, +oder Umschläge mit verdünnter Karbolsäure gemacht, auch wohl, um die +Verdunstung zu verlangsamen, das ursprüngliche Lintstück mit +angefeuchtetem Wachstaft (Protective silk), oder Ölpapier, oder endlich +mit einem dünnen, biegsamen Stücke Zinnblech oder Stanniol überdeckt. +Diese Behandlung wurde fortgesetzt, selbst wenn etwas Eiterung sich +einstellte, meistens mit dem Erfolge, daß die Absonderung bald aufhörte +und die weitere Heilung ungestört verlief. + +Die Eiterbildung war häufig nur die Folge der Reizung, welche die starke +Karbolsäurelösung (20-40 %) auf der Haut hervorrief. Auch zeigte sich +bald, daß die bisherige Behandlung nur für kleinere Wunden brauchbar +war, für größere aber ihre Bedenken hatte, weil die weit überdeckte Haut +unter der ätzenden Wirkung des Heilmittels zu leicht abstarb. Um das zu +vermeiden, stellte _Lister_ eine dem Glaserkitt gleichende Paste aus +Schlämmkreide und gekochtem Leinöl her, der im Verhältnis von 1:4 +Karbolsäure zugesetzt wurde; sie war übrigens von ihm schon früher bei +Abszeßeröffnungen benutzt worden. Diese Paste wurde, auf Zinnblech oder +Stanniol gestrichen, auf die Wunde gelegt und durch Heftpflaster +festgehalten; die Kappe sollte so geformt sein, daß der Abfluß der +Wundfeuchtigkeiten möglich blieb. Sehr bezeichnend ist aber des Meisters +Furcht vor einer Ansteckung der Wunde durch Luftkeime, die in seinen +Anschauungen stets eine erhebliche Rolle gespielt hat. Unter die +Zinn- oder Stanniolkappe, deren Unterseite mit dem Gemisch von Glaserkitt +und Karbolsäure bestrichen ist, legt er nämlich noch ein mit Karbolsäure +getränktes Lintstück unmittelbar auf die Wunde; aber nicht, wie man +denken sollte, um ein seitliches Einwandern von Keimen zu hindern, +sondern seine Sorge richtet sich vor allen Dingen darauf, daß beim +täglichen Abheben der Deckplatte jenes Lintstück nicht abgerissen oder +auch nur gelüftet werde, weil ein auch nur vorübergehend freier Zutritt +der Luft den verderblichen Luftkeimen den Eingang zur Wunde eröffnen +könne. Diese Sorge ist auch für die weitere Entwicklung seiner +Behandlungsmethode maßgebend gewesen. Im übrigen unterscheidet er +bereits in dieser frühen Periode die durch Bakterienwirkung erzeugte von +der durch chemische Mittel hervorgerufenen Eiterung. + +Die zweite Gruppe von Erkrankungen, auf welche die neue Behandlung +Anwendung fand, waren die _Abszesse_. Die darüber von _Lister_ +angestellten Betrachtungen sind weniger grundlegend geworden, als die +Behandlung offener Knochenbrüche und anderer Wunden; denn da der +Tuberkelbazillus damals noch nicht entdeckt und die infektiöse Grundlage +der kalten Abszesse demnach noch unbekannt war, so findet nirgends eine +Scheidung zwischen heißen und kalten Abszessen statt. Die Besprechung +seiner Behandlung bezieht sich aber fast ausschließlich auf letztere, +was aus seiner Bemerkung entnommen werden kann, daß im ungeöffneten +Abszesse der allgemeinen Regel nach keine septischen Lebensformen +vorhanden seien. Die großen Hoffnungen, welche er an die Anwendung +seiner Methode auch bei dieser Erkrankung knüpfte, haben sich freilich +bei ausgedehnterer Erfahrung nicht in dem ursprünglichen Sinne aufrecht +erhalten lassen, da zwar die Eiterabsonderung mehr oder weniger +aufhörte, aber an ihre Stelle eine Fistel mit wäßriger Absonderung ohne +Heilungsneigung zu treten pflegte. Immerhin hat die Methode erst die +Möglichkeit eröffnet, den Verlauf einer tuberkulösen Eiterung, frei von +jeder Gefahr einer Ansteckung durch Bakterien anderer Art und Wirkung, +zu studieren und die Lebensäußerungen dieser gefährlichen Schmarotzer in +breiterem Rahmen festzustellen. + +Die Eröffnung der Abszesse geschah nach den gleichen Grundsätzen der +Antisepsis, die oben schon dargelegt wurden. Ein Stück Zeug, in eine +Lösung von 1 Karbolsäure zu 4 gekochten Leinöls getaucht, wird über den +Hautbezirk gedeckt, in welchem die Eiteransammlung eröffnet werden soll, +das obere Ende von einem Gehilfen festgehalten, das untere ein wenig +gelüftet, hier das zuvor in die Lösung getauchte Messer eingeführt, durch +die Haut gestoßen und sofort zurückgezogen, während die antiseptische +Decke sogleich wieder angedrückt wird. Der Eiter wird durch die Finger +unter dem Decklappen herausgepreßt und kann sich durch die +Schnittöffnung hindurch frei entleeren. Nur bei stärkerer Blutung oder +sehr dicker Abszeßwand soll man ein Stück getränkten Lints in die +Öffnung legen. Über diesen tiefsten Schutzverband kommt dann die oben +beschriebene Kappe des mit antiseptischer Paste bestrichenen Zinnblechs +oder eines Stückes Stanniol. + +Wir sehen also, daß der ursprüngliche antiseptische Verband so +eingerichtet ist, daß die obere Schicht täglich abgenommen und durch +Aufträufeln von Karbolsäure auf die tieferen Schichten in seiner +Wirksamkeit immer von neuem verstärkt werden kann. Die Wundfläche als +solche bleibt dabei völlig unberührt, die Wunde heilt unter einem +antiseptischen Schorfe. + +Ein weiterer, besonders bedeutungsvoller Schritt wurde durch Abänderung +und Vervollkommnung der _Unterbindungsfäden_ getan. Die bisher benutzten +seidenen Fäden, die in ihrem lockeren Gewebe stets eine Menge von Keimen +enthielten, riefen demgemäß gewöhnlich Eiterung der Umgebung hervor, die +durch ihren Einfluß auf die Unterbindungsstelle des Gefäßes und seines +aus einem oder -- bei Kontinuitätsunterbindungen -- aus zwei +Blutpfröpfen bestehenden Inhaltes bei Arterien zu gefährlichen und oft +wiederholten Nachblutungen, bei größeren Venen zu pyämischen +Erscheinungen infolge der Fortschwemmung keimbeladener Thrombenbröckel +zu führen vermochte. _Lister_ sprach sich zuerst im Jahre 1867 bei noch +geringer Erfahrung über die Möglichkeit aus, antiseptisch gemachte +Unterbindungsfäden kurz abzuschneiden und sie in der Wunde zu versenken, +wo sie durch Aufsaugung oder sonstwie verschwinden möchten. Versuche an +der umfangreichen äußeren Halsschlagader des Pferdes, die mit +gewöhnlichen, aber zuvor mit Karbolsäure durchtränkten Seidenfäden +unterbunden worden war, bestätigten seine Vorstellungen; und seitdem +wurden alle seidenen Unterbindungsfäden abgeschnitten und versenkt. +Zugleich machte er dabei die Erfahrung daß die durch Zusammenschnürung +des Fadens absterbenden Gewebsteile keinerlei Schaden anrichten, +vorausgesetzt, daß sie keimfrei bleiben. Immerhin war die durch dies +Verfahren erzielte Sicherheit noch keineswegs vollkommen und wir finden +daher den fleißigen Forscher jahrelang mit der Verbesserung des +Unterbindungsmaterials beschäftigt. In der Darmsaite (Catgut), nachdem +sie eine vorgeschriebene Zeit in Karbolöl gelegen hatte, glaubte er im +Jahre 1870 einen allen Anforderungen genügenden Stoff gefunden zu haben, +zumal auch in der Richtung, daß die kurz abgeschnittenen Fäden in der +geschlossenen Wunde der Aufsaugung verfielen und deshalb außerstande +wären, später Störungen hervorzurufen. In der Tat hat die +Karboldarmsaite lange Jahre als ein notwendiger Bestandteil des +antiseptischen Verbandes gegolten, bis auch hier die immer schärfer +einsetzende Kritik auf Grund der wachsenden Fortschritte in der +Bakterienlehre das Karbolcatgut zu Fall brachte, die Karbolsäure durch +andere Stoffe ersetzte und das Verfahren vielfach änderte; bis man in +dem ewigen Kreislaufe der Dinge endlich zum seidenen Unterbindungsfaden +fast allgemein zurückgekehrt ist. Wir werden darauf weiter unten +zurückzukommen haben. + +Inzwischen nehmen wir den Faden der weiteren Entwicklung des +eigentlichen antiseptischen Verbandes wieder auf, dessen verschiedene +Abänderungen wir nur kurz zu berühren brauchen, da sie eine dauernde +Bedeutung nicht gewonnen haben. Die beiden Ziele, welche _Lister_ +verfolgte, waren einerseits die Verhinderung einer fortgesetzten +Berührung der Karbolsäure mit der Wunde, durch welche erfahrungsgemäß +eine übermäßige Heizung und Absonderung hervorgerufen wurde, anderseits +der sichere Abschluß der Wunde gegen Luftkeime. Dazu kam allmählich das +Bestreben, den täglichen Wechsel der oberen Verbandschichten behufs +ihrer neuen Durchtränkung mit Karbolsäure zu vermeiden, also einen +_Dauerverband_ herzustellen, unter dem wenigstens mehrere Tage lang die +Wunde vor einer Infektion gesichert sein konnte. Das erstgenannte Ziel +suchte er nun zeitweilig auch auf _dem_ Wege zu erreichen, daß er die +Karbolsäure durch ein anderes Mittel, das Chlorzink, zu ersetzen +anstrebte; allein so wertvoll sich dieses bei Wunden erwies, die nicht +sicher aseptisch zu halten waren, wie solche der Zunge und des +Oberkiefers, so blieben doch für alle anderen die Eigenschaften der +Karbolsäure unerreicht Die Schlämmkreide als Trägerin des antiseptischen +Mittels ersetzte er eine Zeitlang durch Bleipflaster, dem die +Karbolsäure und etwas Wachs beigemischt waren. Darüber legte er ein mit +wäßriger Karbolsäurelösung getränktes Stück Kaliko, welches wiederum von +einem breiten Bleipflasterstreifen festgehalten wurde. Allein als sich +zeigte, daß durch die wäßrige Lösung die Pflastermasse erweicht und +allmählich die Sicherheit der Wunde gefährdet wurde, vertauschte er das +Bleipflaster mit einem Schellackpflaster, welches später noch von einer +schwachen Lösung von Guttapercha in Schwefelalkohol überpinselt wurde, +um das unangenehme Ankleben des Schellacks an die Haut zu vermeiden. Ein +solcher Verband wurde dann bei einer frischen Wunde (offener +Knochenbruch) in folgender Schichtenfolge angelegt: Einspritzung einer +reichlichen Menge wäßriger 20%iger Karbolsäurelösung in die Wunde, +Verbreitung derselben durch Druck und Wiederentfernung eines Teils durch +Streichen und Drücken; Auflegen eines antiseptisch befeuchteten Stückes +Zinnblech dessen Bedeckung mit einem weit überragenden Stücke +Schellackpflaster darüber ein zusammengefaltetes Verbandstück, von +öliger Karbolsäurelösung 1:4 durchtränkt, endlich Pappschienen, die den +Knochenbruch sicherten. Die geölte Überlage wurde alle 24 Stunden +erneuert, blieb aber vom 3. Tage an liegen und wurde nur noch mit +Karbolöl überstrichen. + +Hatte sich das geschilderte Verfahren auch auf das beste für einfachere +Verwundungen bewährt, so nötigte doch die Vielgestaltigkeit der +Verletzungen zu immer neuen Maßnahmen. Insbesondere waren es die durch +Operation erzeugten Wunden, die zu besonderen Vorsichtsmaßregeln +zwangen, um von dem Kranken jede schädliche Einwirkung fernzuhalten. So +entstanden neue Vervollkommnungen, die der Unermüdliche in seinem +Vortrage gelegentlich der 39. Jahressitzung der British Medical +Association zu Plymouth im August 1871 besprach. Als die unverrückbare +Grundlage seiner Methode sieht er nach wie vor _Pasteurs_ Versuche an, +die er selbsttätig fortsetzte und ergänzte. So erweiterte er den auf +S. 20 geschilderten Versuch _Pasteur-Chevreuils_ in folgender Weise: An +vier, zum Teil mit frischem Harn gefüllten Flaschen zog er bei dreien +den Hals lang aus mit mehrmaligen winkligen Knickungen, während er den +der vierten Flasche noch enger machte, aber kurz und senkrecht stehen +ließ. Dann wurde der Inhalt aller vier Gefäße 5 Minuten lang gekocht und +unverschlossen weggestellt. In dem Behälter mit geradem Halse +entwickelten sich schon nach wenigen Tagen ein Pilzrasen und Zersetzung, +während der Urin der drei anderen Flaschen noch nach 4 Jahren +unverändert war. Mit Recht deutet _Lister_ den Versuch dahin, daß die in +alle vier Gefäße gleichmäßig ein- und ausströmende Luft ihre Keime an +den Winkeln absetze, während diese durch den zwar engen, aber geraden +Hals ohne Hindernis zur Flüssigkeit gelangen. Auch physikalisch konnte +diese Annahme bestätigt werden, indem sich zeigte, daß die in den +Flaschen enthaltene Luft optisch leer, d. h. ohne alle Staubteilchen +war. + +Auf dieser Grundlage baute er an der Vervollkommnung seiner +Behandlungsmethode unentwegt weiter. Bei seinen Versuchen hatte er die +Entdeckung gemacht, daß die durch Watte hindurchströmende Luft ihres +Gehaltes an Staub und Keimen entkleidet wurde; demgemäß spielte auch die +»antiseptische Watte« in seinen späteren Verbänden eine hervorragende +Rolle. Im übrigen gibt er über den dermaligen Stand seiner Maßnahmen +einen Bericht, dem noch die weiteren Verbesserungen bis zum Jahre 1874 +eingefügt werden sollen. + +Als neu ist der Zerstäuber (Spray) eingeführt, ein mit verdünnter +Karbolsäure gefülltes Glas, dessen Inhalt durch ein Gebläse mit +doppeltem Gummiballon in Form eines Dunstkegels ausgeworfen wurde und +den Zweck hatte, die während einer Operation anzulegende Wunde vor dem +Eindringen von Luftkeimen zu schützen. Zuvor wurde die Oberhaut +antiseptisch befeuchtet und die zum Gebrauche bestimmten Geräte, sowie +alle Schwämme zum Reinigen der Wunden in eine Karbolsäurelösung +getaucht, deren Stärke eine Zeitlang bis auf 1:100 heruntergegangen war, +späterhin aber wieder auf 1:40 = 2½ % oder selbst auf 5:100 erhöht wurde. +Wunden, die erst längere Zeit nach der Verletzung zur Behandlung kamen, +wurden mit einer noch stärkeren Lösung, nämlich 1:5 Weingeist, +gewaschen. + +Schon seit 1870 stellte sich das Bedürfnis heraus, bei genähten und +unregelmäßigen Wunden für den Abfluß der Wundabsonderungen zu sorgen. +Das geschah zunächst durch Einführung eines in Karbolöl getauchten +Lintstreifens, der später durch Gummiröhrchen, endlich durch aufsaugbare +Drains ersetzt wurde. + +So hatte sich denn der eigentliche Wundverband seit jenem Jahre zum +antiseptischen Dauerverbande entwickelt. Er bestand aus einem +grobmaschigen Baumwollengewebe, dem antiseptischen Mull, der in eine +Mischung von Karbolsäure 1, Harz 5 und Paraffin 7 eingetaucht, dann +zwischen zwei Rollen ausgepreßt und getrocknet wurde. Auf diese Weise +erreichte man die völlige Durchtränkung der Fäden, die Maschen des +Gewebes aber blieben offen. Das Harz sollte die antiseptische +Flüssigkeit längere Zeit festhalten, der Paraffinzusatz das nachteilige +Ankleben verhindern. Der Verband wurde in folgender Weise angelegt: +Unter fortgesetzter Karbolzerstäubung legte man auf die offene oder +genähte Wunde ein Stück Schutzhülle (Protective silk), d. h. ein Stück +undurchlässigen Stoffes von dem Umfange der Wunde, um diese vor der +fortdauernden Reizung durch die Karbolsäure des Verbandes zu schützen. +Darüber kam eine achtfache Lage des antiseptischen Mulls, die Wundränder +weit überragend, zwischen dessen zwei obersten Lagen wiederum ein Blatt +guten, wasserdichten Stoffes (Mackintosh-Zeug) eingefügt war. Das Ganze +wurde später, wenigstens in Deutschland, gewöhnlich noch mit einer +Schicht antiseptisch gemachter, trockener Watte überdeckt, die +Verbandstücke durch eine darübergelegte Binde, entweder aus dem gleichen +antiseptischen Mullstoffe, oder mit steif werdenden Gazebinden +befestigt. Auf letztere hat später _Volkmann_ einen besonderen Wert +gelegt, da sie eine Art von Schienung darstellten, welche die Bewegungen +des verletzten Körperteiles einschränkte. -- Die beschriebene Anordnung +hatte den Zweck, einesteils die Wunde vor jeder Reizung zu schützen, +andernteils die Wundflüssigkeiten zu einem weiten Wege durch die +Verbandstoffe zu zwingen, ehe sie an der Oberfläche erschienen. Geschah +dies, so mußte der Verband sofort gewechselt werden, entweder ganz oder +wenigstens in den oberen Schichten; dagegen konnte er bei nur geringer +Absonderung zuweilen 8 und selbst 14 Tage liegen bleiben, so daß die +Heilung nicht selten unter einem einzigen Verbande ganz oder doch zum +größten Teile erfolgte. + +Die Karbolsäure wurde damals fast ausschließlich in wäßriger Lösung +benutzt; nur selten kamen noch ölige Lösungen oder Chlorzink zur +Anwendung. + +Der hier beschriebene Verband ist lange Jahre unter dem Namen des +»_Lister_schen _Verbandes_« gegangen. Die deutsche Sprache wurde sogar +um ein Zeitwort bereichert, indem man die Anwendung der Methode mit dem +Worte »listern« bezeichnete. Ihre Beschreibung dürfte den Beweis +geliefert haben, daß _Lister_ völlig im Rechte war, als er gegen die +Gleichstellung seines Verfahrens mit der alten Anwendung antiseptischer +Mittel auf Wunden Verwahrung einlegte. Es gewährt einen nicht geringen +ästhetischen Genuß, die in allen Einzelheiten fein ausgeklügelte Methode +in ihren Entwicklungsstufen zu verfolgen; nicht minder aber, zu sehen, +mit welcher wachsenden Zuversicht der edle, ganz seinen Zielen sich +hingebende Mann das Wesen und die Wirksamkeit seiner Behandlung darlegt +und mit welcher nachdrücklichen, aber trotzdem bescheidenen Weise er von +deren Erfolgen spricht. + + * * * * * + +Man hätte denken sollen, daß ein wissenschaftlich so sorgfältig +vorbereitetes, bis ins kleinste durchdachtes Behandlungssystem mit +seinen schon damals glänzenden Ergebnissen, wie sie von _Lister_ +bruchstückweise mitgeteilt wurden, sich die Welt im Fluge hätte erobern +müssen. Davon war indessen auf lange hinaus nichts zu verspüren. Der +völlige Bruch mit den hergebrachten Anschauungen und Überlieferungen, +die menschliche Trägheit, welche es verschmäht, sich in Gedankengänge +hineinzuarbeiten, denen gegenüber von vornherein ein gewisses Mißtrauen +erwacht, der bequeme Schlendrian des bisherigen Verfahrens, die +teilweisen Mißerfolge der ersten halben Versuche und die Furcht, zu +schaden, die häufigen Abänderungen der Methode, endlich hier und da Neid +und Mißgunst: alles das kam zusammen, um den Siegeslauf der neuen +Gedanken in einer Weise zu mäßigen, daß man bei der Rückschau in jene +Zeit fast vor einem Rätsel steht. In England, zumal in Schottland, und +sogar in der nächsten Umgebung _Listers_ verhielt man sich ablehnend, +bestenfalls abwartend. Von seinen chirurgischen Kollegen (Namen wie +_Watson_, _Spence_, _Annandale_) in der alten Infirmary zu Edinburgh, wo +jener seine klinische Abteilung hatte, war noch im Jahre 1876 kein +einziger über die ersten schüchternen Versuche hinausgelangt; meistens +verhielten sie sich gleichgültig oder gar feindlich. Und noch lange +darüber hinaus bewährte sich das Wort, daß der Prophet in seinem +Vaterlande nichts gilt; denn die größere Menge der englischen Chirurgen +folgte erst nach, als der Ruhm des Landsmannes im Auslande bereits fest +begründet war. + +Noch viel länger freilich als in England dauerte der Widerstand in +Frankreich. Nicht zum wenigsten trug hierzu der nationale Widerwille +gegen eine Neuerung bei, die alle Errungenschaften der bis dahin +führenden französischen Chirurgie umzuwerfen oder auf den Kopf zu +stellen drohte. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts war Frankreich +fast unbestritten das Land des chirurgischen Fortschritts gewesen, +obwohl hervorragende Geister in England wie in Deutschland wiederholt +den Versuch gemacht hatten, ihre Wissenschaft von der geistlosen und +unselbständigen Bewunderung des Fremden zu befreien und ihr ein mehr +völkisches, auf gesunder Kritik beruhendes Gepräge zu geben. Solche Wege +waren, freilich ohne allzu große Erfolge, schon von _August Gottlieb +Richter_ und _Vinzenz v. Kern_, späterhin mit größerem Nachdrucke von +_Karl Ferdinand v. Gräfe_, C. F. _Dieffenbach_ und _Bernhard v. +Langenbeck_ eingeschlagen worden; aber die hohe Stellung der +französischen Chirurgie, der Einfluß insbesondere der Schule von Paris +auf das Urteil der deutschen Ärzte blieb dennoch fast unerschüttert. So +begreift sich seelisch die Abneigung der Franzosen gegen die Neuerungen +aus einem Lande, welches man damals noch als Sitz des Erbfeindes zu +betrachten niemals aufgehört hatte. Freilich hat die französische +Chirurgie ihr sehr langes Zögern mit der zeitweilig starken Verminderung +ihres Ansehens bezahlen müssen, obwohl sie späterhin in glänzendem +Aufschwunge ihre Fehler gutzumachen, das Versäumte einzuholen verstand. + +Indessen soll es nicht unsere Aufgabe sein, diese Entwicklung in England +und Frankreich, bald auch in allen anderen europäischen Ländern und in +Amerika zu verfolgen; vielmehr müssen wir uns damit begnügen, den +Umschwung zu schildern, wie er sich in Deutschland vollzog. Denn +Deutschland ist das Land, dem _Lister_ seine ersten großen Erfolge in +allgemeiner Anerkennung verdankt, wie er selber es wiederholt +ausgesprochen hat. Die Hoffnung, der er in einer Julinacht des Jahres +1874 in Edinburgh dem jungen Dozenten _Otto Madelung_ gegenüber bewegten +Herzens Worte lieh, daß seine jungen ausländischen Schüler, insbesondere +die deutschen, ihm helfen würden, alle die Widerstände zu überwinden, +die ihm in seiner nächsten Umgebung, wie in ganz England, auf Schritt +und Tritt begegneten, ist denn auch nicht getäuscht worden. + + + + + _Dritter Abschnitt._ + + Der Einzug der antiseptischen Behandlung in die deutsche Chirurgie. + Die Asepsis. Das Langenbeckhaus. + + + + + Kapitel VI. + + Einführung und Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung in Deutschland. + + +Schon die erste Arbeit _Listers_: »Über ein neues Verfahren, offene +Knochenbrüche und Abszesse zu behandeln, mit Beobachtungen über +Eiterung«, vom Jahre 1867 war in Deutschland nicht unbeachtet geblieben; +allein der einzige Gewinn, den man daraus zog, beruhte in der Annahme, +daß die Karbolsäure in öliger, später auch in wäßriger Lösung ein +vortreffliches Verbandmittel sei. Nur wenige deutsche Chirurgen wagten +sich einen Schritt weiter, indem sie an die Stelle der Charpie +_Listers_ Karbolpflaster zur Bedeckung der kleinen Wunden bei +Durchstechungsfrakturen setzten. Im Deutsch-Französischen Kriege von +1870/71 spielten die Karbollösungen in Öl oder Wasser eine große Rolle; +da man sie aber nur zur Anfeuchtung von Charpie überaus zweifelhafter +Herkunft benutzte, so rochen zwar die Dauerlazarette innen und außen +stark nach dem Verbandmittel, aber für die Heilung und das Wohlergehen +der Kranken war damit nichts gewonnen. Die Wundkrankheiten forderten +demnach in den überfüllten Kriegslazaretten ebenso regelmäßig ihre +Opfer, wie dies in alten, verseuchten Krankenhäusern des Friedens bisher +der Fall gewesen war. Auf das eigentliche Wesen der antiseptischen +Wundbehandlung war bisher niemand eingegangen. + +Ein Umschwung trat erst ein, als der Stabsarzt A. W. _Schultze_, ein +Schüler der _Bardeleben_schen Klinik in der Berliner Charité, in der +Sitzung der Militärärztlichen Gesellschaft vom April 1872 einen Vortrag +über _Listers_ antiseptische Wundbehandlung hielt, als Frucht einer +Studienreise, die er im Oktober 1871 durch Deutschland, Belgien, Holland +und England bis Edinburgh unternommen hatte. Dieser Vortrag erschien im +Februar 1873 in _Volkmanns_ Sammlung klinischer Vorträge. In klarer und +umfassender Weise ging _Schultze_ auf die Idee ein, welche dem ganzen +Verfahren zugrunde lag und schilderte letzteres in allen Einzelheiten so +genau, daß fortan die Verbreitung einer gründlichen Kenntnis bei allen +deutschen Chirurgen mindestens angebahnt wurde. Der schnelle Aufschwung +indessen, welchen die _Lister_schen Lehren von nun an in Deutschland +erfuhren, würde gar nicht zu verstehen sein ohne die Berücksichtigung +jenes großen, nunmehr zu besprechenden Ereignisses, durch welches die +deutsche Chirurgie in den Stand gesetzt wurde, binnen wenigen Jahren die +führende Stelle in den Wettbestrebungen zur Verbesserung des Loses +verwundeter und erkrankter Menschen zu übernehmen. + +Auf eine von _Gustav Simon_ schon im Herbste des Jahres 1871 erfolgte +Anregung erließen nämlich im März 1872 _Bernhard v. Langenbeck_ +(Berlin), _Gustav Simon_ (Heidelberg) und _Richard Volkmann_ (Halle) ein +Rundschreiben, welches die Aufforderung zur _Gründung einer Deutschen +Gesellschaft für Chirurgie_ und zur Abhaltung eines Kongresses in Berlin +in den Tagen vom 10. bis 14. April enthielt. Man hatte sich zuvor der +Zustimmung einer größeren Anzahl deutscher Chirurgen versichert, +zunächst aber noch keine Satzungen entworfen, vielmehr nur in +allgemeinen Umrissen die Ziele bezeichnet, denen man zustrebte. Die +Ausarbeitung der Satzungen blieb einem Ausschusse vorbehalten, der in +der ersten Sitzung des Kongresses gewählt werden sollte. Der Kongreß +wurde am 10. April 1872 im Hôtel de Rome zu Berlin unter dem Vorsitze v. +_Langenbecks_ eröffnet, der bei der Wahl des Vorstandes Vorsitzender +blieb. Eine glücklichere Wahl hätte nicht getroffen werden können, um +das neue Unternehmen über die ersten Schwierigkeiten hinweg in geordnete +Bahnen überzuführen. Der gleich vielen großen Deutschen einem +evangelischen Pfarrhause entsprossene, im hannöverschen Horneburg +geborene Wundarzt stand damals mit seinen 61 Jahren auf der Höhe seines +Ruhmes. Aber es waren nicht allein seine Stellung als Leiter der +angesehensten Universitätsklinik Deutschlands, nicht nur seine hohe +wissenschaftliche Bedeutung, welche die Wahl auf ihn lenkten, sondern +mindestens in gleichem Maße die Eigenschaften seines Körpers und +Charakters. Der kaum mittelgroße zierliche Mann mit vollem, grauem, +leicht gewelltem Haupthaar hatte in Haltung, Bewegung und Rede etwas so +ungesucht Vornehmes, daß er auch unter vielen sofort die bewundernden +Blicke auf sich zog. Dazu kam sein stets verbindliches und maßvolles +Wesen, welches auch kleinen Geistern gegenüber niemals sein Übergewicht +hervorkehrte. Mit Recht nennt ihn der im Zentralblatte für Chirurgie +nach seinem Tode erschienene Nachruf den ersten und edelsten Chirurgen +seiner Zeit. Ein Mann mit solchen Eigenschaften war der geborene +Vorsitzende der von ihm gegründeten Gesellschaft und seine +alljährliche Wiederwahl erschien trotz seinem Widerstreben als eine +Selbstverständlichkeit, auch als er im Jahre 1881 auf sein Amt als +Leiter der Klinik verzichtete und seinen Wohnsitz nach Wiesbaden +verlegte. Erst mit dem Kongreß von 1885 trat er endgültig zurück, +nachdem die Gesellschaft ihn zum Ehrenmitgliede ernannt hatte. Im +folgenden Jahre war die Leitung zum erstenmal in anderen Händen, da +R. v. _Volkmann_ zum ersten Vorsitzenden gewählt worden war; aber keiner +der Nachfolger _Langenbecks_ auf dem Stuhle des Vorsitzenden hat es zu +ähnlicher stillschweigender Anerkennung seines Wesens gebracht, wie sie +jenem entgegengetragen wurde. + +Schon die dritte Sitzung des ersten Kongresses wurde nicht mehr im +Römischen Hofe, sondern in der chirurgischen Universitätsklinik +abgehalten; von da an bis zum Jahre 1891 stand der Gesellschaft die +alte Aula im Universitätsgebäude zur Verfügung. Die Übersiedlung in ein +eigenes Heim soll später erzählt werden. + +Die Gesellschaft zählte im Eröffnungsjahre 130 Mitglieder, von denen 81 +sich am Kongresse beteiligten. Dem Ausschusse gehörten außer dem +Vorsitzenden an: _Viktor v. Bruns_ als stellvertretender Vorsitzender, +_Volkmann_ und _Gurlt_ als Schriftführer, _Trendelenburg_ als +Kassenführer. Die Vermehrung der Mitglieder erfolgte in den ersten 10 +Jahren des Bestehens in einem keineswegs überstürzten Zeitmaße; vielmehr +war auf dem X. Kongreß von 1881 erst die Zahl 287 erreicht. Seitdem aber +begann ein so schnelles Ansteigen, daß im Jahre 1900 das erste, 10 Jahre +später bereits das zweite Tausend überstiegen war. Von den +Schwierigkeiten, welche dadurch für die Unterbringung der Teilnehmer an +den Kongressen, für die Geschäftsführung und die Verständigung der +Mitglieder untereinander erwuchsen, soll später gesprochen werden; doch +wird man ohne Übertreibung sagen können, daß die ersten 15 Jahre die +glücklichsten der Gesellschaft gewesen sind, da die kleine Zahl allen +Mitgliedern Gelegenheit zu persönlicher und freundschaftlicher +Annäherung bot, durch welche manche Schärfe in den Verhandlungen +vermieden wurde. Und doch gab gerade jene Periode, in der um die +Einführung der Antisepsis zuweilen erbitterte Kämpfe ausgefochten +wurden, Gelegenheit genug zu Reibungen aller Art. Niemals wieder hat +späterhin eine gleich bewegte, fast begeisterte Teilnahme an den +Verhandlungen stattgefunden, wie damals, als ein großes Ziel des +Strebens erst in den Umrissen gezeigt, aber noch nicht erreicht war. + + * * * * * + +Wenden wir uns nun wiederum der Art und Weise zu, in welcher die neuen +Lehren Boden suchten und fanden, so müssen wir vor allen Dingen eines +Mannes gedenken, der mit fast jugendlicher Begeisterung -- er war damals +42 Jahre alt -- sie ergriff und in stetem, oft überaus lebhaft geführtem +Kampfe, in welchem sein Geist, seine dichterische Begabung, sowie seine +Meisterschaft in der Beherrschung der Sprache ihm die schärfsten Waffen +liehen, die widerstrebende Masse der Ärzte und Chirurgen allmählich zu +überzeugen und fortzureißen wußte. _Richard Volkmann_, dem mittelgroßen, +zierlich gebauten, beweglichen Manne mit den stahlblauen Augen, dem +rötlichen Haupthaare und dem das Kinn freilassenden roten Backenbarte, +verdankt die deutsche Chirurgie die frühzeitige Erkenntnis des Wertes +der neuen Behandlung, für die er seine ganze Persönlichkeit einlegte. +Der Leipziger Professorensohn war in der Tat der rechte Mann zur +Durchführung einer solchen Aufgabe, für welche ihm neben seiner +überragenden Klugheit ein schneidender Sarkasmus, der selbst in +unverhüllte Derbheit übergehen konnte, zu Gebote standen. So geschah es +denn, daß er bis zu seinem im Jahre 1889 erfolgten Tode nahezu +unbestritten der Führer der deutschen Chirurgen auf dem Gebiete der +Wundbehandlung gewesen ist, die alle, einige sehr früh, die meisten erst +spät, seinen Spuren gefolgt sind. + +_Volkmann_ hatte in seiner Klinik zu Halle, die außerordentlich +ungünstige hygienische Verhältnisse darbot, bisher die offene +Wundbehandlung geübt, in Verbindung mit einer regelmäßigen Waschung der +Wunden durch Lösungen von übermangansaurem Kali, Chlorkalk, später +Karbolsäure. Bei der übergroßen Zahl schwerer Verletzungen, die in dem +kleinen, überfüllten Krankenhause mit 50 Betten zuweilen bis zu +45 v. H. aller Aufnahmen betrugen, verschlechterten sich aber die +Verhältnisse in einem Maße, forderten die Wundkrankheiten so hohe Opfer, +daß er im Sommer 1871 nahe daran war, die vorübergehende Schließung der +Anstalt zu beantragen. Nur aus dem Gesichtspunkte einer lästigen, aber +unabweislichen Pflichterfüllung begann er Ende November 1872 die Prüfung +der _Lister_schen Methode, in der bestimmten Überzeugung, daß es sich +nur um einen wenige Wochen dauernden, vergeblichen Versuch handeln +würde. Die Ergebnisse aber, welche er unter genauer Befolgung aller +Vorschriften erzielte, waren so verblüffend, daß er nicht wieder davon +abkam. Am 10. April 1874, den wir mit _Madelung_ als einen denkwürdigen +Tag in der Geschichte der deutschen Chirurgie ansehen müssen, hielt er +auf dem III. Kongreß einen Vortrag: »Über den antiseptischen +Okklusionsverband und seinen Einfluß auf den Heilungsprozeß der Wunden«, +in welchem er seine seit 15 Monaten gesammelten Erfahrungen besprach. +Der Vortrag ist in seinen im Jahre 1875 erschienenen Beiträgen zur +Chirurgie ausführlich wiedergegeben. Eigentümlich berührt in ihm die +große Vorsicht, mit der der Redner sich gegen den Gedanken einer +unbedingten Annahme der wissenschaftlichen Grundlage der Antisepsis, +nämlich der bakteriellen Entstehung von Eiterung und Wundkrankheiten, +verwahren zu müssen glaubt. Es braucht keineswegs angenommen zu werden, +daß auch in diesem klaren Kopfe die Idee der Urzeugung der Keime, welche +bei englischen Ärzten damals noch eine erhebliche Rolle spielte, +mitgewirkt habe; immerhin hielt er es für geboten, die einfache Tatsache +einer stark veränderten, besseren Wundheilung hinzunehmen, ohne sich +durch eine bisher noch umstrittene Theorie die Hände binden zu lassen. +Dagegen sprach er es unumwunden aus, daß mit den neuesten _Lister_schen +Abänderungen seines Verbandes noch nicht das letzte Wort gesprochen sein +könne. Insbesondere hoffe er, daß die Benutzung der Karbolsäure, »eines +fatalen und nicht einmal ungefährlichen Mittels«, möglichst bald wieder +aus der Chirurgie verschwinden werde. Darin hat er sich nicht getäuscht. + +Seit jenem Tage ist die Frage der allgemeinen Wundbehandlung mehr als +25 Jahre lang in den Tagesordnungen der Chirurgenkongresse zu finden +gewesen; denn die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie war das Manometer, +welches die Hebungen und Senkungen der Anschauungen stets getreulich +aufzeichnete. + +Mit gleichem Eifer wie die Entwicklung der Verbandtechnik behandelte sie +aber auch dessen wissenschaftliche Grundlage, so sehr ablehnend sich +_Volkmann_ zunächst auch dagegen verhielt. Wir sind daher genötigt, auf +das Aufkommen und den Ausbau der _Bakterienkunde_, soweit sie einen +unmittelbaren Einfluß auf die Chirurgie ausgeübt hat, einen +zusammenfassenden Rückblick zu werfen. + + * * * * * + +Auf S. 19 ist bereits erzählt worden, wie _Schwann_ als erster alle +Zersetzungsvorgänge auf Luftkeime zurückführte und wie zahlreiche +Nachfolger er für seine Anschauungen fand. Aber trotz allem Geist und +Scharfsinn, mit denen diese Theorie vorgetragen, verfochten und durch +äußerst sinnreiche Versuche bestätigt wurde, blieb sie für die Lehre von +der Entstehung der Wundkrankheiten dennoch zunächst unfruchtbar. Der +Grund dafür lag in der schon 1840 von _Henle_ beklagten Unfähigkeit, +die Erreger der Zersetzung, in denen er kleinste Pflanzen vermutete, +auch dem bewaffneten Auge sichtbar zu machen. Zwar hatte _Lister_ die +Pilzrasen auf einem entsprechenden Nährboden zu züchten und die Art +ihres Wachstumes zu beobachten gelernt; aber auch damit war man über den +allgemeinen Begriff der »Keime« nicht hinausgekommen. + +An diesem toten Punkte erschien die Hilfe in Gestalt der seit dem Jahre +1855 durch J. v. _Gerlach_ eingeführten Färbemethoden, durch welche es +möglich wurde, einzelne Gewebe und Gewebsteile derart mit einem +Farbstoffe zu tränken, daß sie im mikroskopischen Bilde mit Leichtigkeit +von den Nachbargeweben unterschieden werden konnten. Allerdings dauerte +es noch mehr als zwei Jahrzehnte, ehe man auch die pflanzlichen +Schmarotzer zu färben und dem Auge sichtbar zu machen lernte; aber schon +die in die gleiche Zeit fallende Verbesserung und Vervollkommnung der +Mikroskope hatte die Forscher zu allerlei beachtenswerten Entdeckungen +geführt. So hatte _Rindfleisch_ schon im Jahre 1866 das Vorkommen von +Bakterien in den Organen der an Wundinfektionskrankheiten Gestorbenen +nachgewiesen, was durch _Waldeyer_ und v. _Recklinghausen_ 1871 +bestätigt wurde. Im gleichen Jahre beschrieb _Klebs_ das Microsporon +septicum als den Erreger der Eiterung und Gewebsfäulnis, indem er unter +jenem Namen die Stäbchen- und Kugelbakterien zusammenfaßte, wie es vor +ihm schon _Karl Hüter_ mit seinen »Monaden« getan hatte. Dagegen stellte +sich _Billroth_ in seiner sehr umfangreichen und fleißigen, der +Deutschen Gesellschaft für Chirurgie gewidmeten Arbeit »über die +Vegetationsformen der Coccobacteria septica« (1874) auf einen wesentlich +verschiedenen Standpunkt. Auch er fand solche, zuweilen ungemein +voneinander abweichende Vegetationsformen, die er einheitlich unter +jenem Namen zusammenfaßte, zwar in allen gärenden und faulenden +Flüssigkeiten und eiternden Geweben, sah sie aber nicht als die Ursache +der Zersetzung an, sondern ließ diese aus der akuten Entzündung der +Gewebe hervorgehen. Erst eine solche führe zur Bildung eines +»phlogistischen Zymoids«, welches einen sehr günstigen Nährboden für die +Entwicklung von Kokkobakterien darstelle. -- Eine so geschraubte Deutung +wird nur erklärlich, wenn man berücksichtigt, daß _Billroths_ an sich +vortreffliche Bakterienbilder doch sämtlich ohne Färbemittel gewonnen +sind und daß, mit dem Fehlen der Unterscheidung bestimmter Arten, auch +eine experimentelle Prüfung der Lebensvorgänge noch nicht hatte +angebahnt werden können. + +Wenn auch die übrigen Forscher sich mehr und mehr der von _Rindfleisch_, +_Klebs_ und _Karl Hüter_ vertretenen Auffassung zuneigten, daß die in +den Wundflüssigkeiten vorhandenen pflanzlichen Schmarotzer als Erreger +der Wundkrankheiten anzusehen seien, so konnte man doch so lange nicht +weiterkommen, als alle diese Lebewesen einheitlich betrachtet wurden; +denn bis dahin war es weder möglich, die verschiedenen Formen +systematisch zu ordnen, noch ihre Lebensäußerungen in nutzbringender +Weise zu verfolgen. Für die Notwendigkeit einer Scheidung sprachen sich +zwar einzelne Botaniker wie Pathologen aus; aber nachhaltig gelang dies +erst durch die bahnbrechende Arbeit _Robert Kochs_ über die Ätiologie +der Wundinfektionskrankheiten (1878). _Koch_, der als erster in +umfangreicher Weise mit Färbemitteln und Tierversuchen arbeitete und der +die in den verschiedenen Wundkrankheiten vorkommenden Bakterien einer +genauen, durch Reinkulturen unterstützten Untersuchung unterwarf, kommt +zu dem Schluß, daß die verschiedenen Formen der krankheitserzeugenden +Keime als verschiedene, unabänderliche Arten anzusehen seien. Hiermit +trat er dem größten Teile der Botaniker, die, wie vor allen anderen +_Nägeli_ in München, auf dem Standpunkt standen, daß keinerlei Nötigung +vorliege, um auch nur _zwei_ spezifische Arten voneinander zu +unterscheiden, mit voller Schärfe entgegen. Neben den Studien über +Septichämie, Pyämie, Erysipelas, Gewebsnekrose und fortschreitende +Abszeßbildung bei Tieren gab _Koch_ auch eine solche über den Milzbrand +und dessen Erreger, die seitdem in allen ihren Teilen bestätigt worden +ist. + +Die _Koch_schen Untersuchungen und Methoden sind die Grundlagen der +neueren Bakteriologie geworden und haben eine ganze Reihe der +wichtigsten und weittragendsten Entdeckungen herbeigeführt. -- + +Wie bereits erwähnt, beschäftigte sich die Deutsche Gesellschaft für +Chirurgie von Anfang an auch mit der _Bedeutung der Bakterien für die +praktische Chirurgie_. Schon auf dem ersten Kongreß wurde ein Schreiben +_Wilhelm Rosers_ (Marburg) verlesen, in welchem er sich über den +»Pyämiepilz«, über das Sepsin und das Microsporon septicum ausspricht +und für die Forschung und Fragestellung auf diesem Gebiete einige Winke +gibt. Auf dem zweiten Kongreß von 1873 trat _Ernst Bergmann_ (Dorpat), +der später für die deutsche Chirurgie eine erhebliche Bedeutung gewinnen +sollte, mit einem experimentellen Beitrage zu der Lehre von den +septischen Entzündungen in die Reihe der Redner, in welchem er nachwies, +daß bakterienhaltige Flüssigkeiten in tierische Gewebe eingespritzt, +tödliche septische Lungenentzündungen hervorzurufen vermöchten. Wie alle +solche Fragen verlief auch die Besprechung des _Bergmann_schen Vortrages +nicht ohne starken Widerspruch. -- Auf demselben Kongresse behandelte +_Martini_ (Hamburg) einen verwandten Gegenstand, die Mikrokokkenembolien +innerer Organe und die durch sie hervorgerufenen Veränderungen der +Gefäßwand. Auch auf den nächsten Kongressen setzte sich das Für und +Wider der Anschauungen über die beiden Hauptfragen: Ob die Bakterien die +Wundkrankheiten erzeugen, oder sie wenigstens unterstützen, sowie ob die +in zersetzten Geweben gefundenen Pflänzchen als einheitliche Art +aufzufassen seien oder nicht, unverändert fort. Die Stellung, welche +infolge der bis zu den _Koch_schen Entdeckungen immer noch sehr +unvollkommenen Untersuchungs- und Beobachtungsmethoden ein großer Teil +der Kongreßmitglieder im Gegensatz zu zahlreichen Rednern einnahm, +kennzeichnete sehr gut eine Äußerung des geistvollen Humoristen der +Gesellschaft _Karl Thiersch_ aus Leipzig, der auf einem späteren Kongreß +am Schlusse einer langen und erregten Debatte seine eigenen Bemerkungen +mit den Worten schloß: »Mein Herz zieht mich zu den Bakterien, aber mein +Verstand sagt: Warte noch!« + +Die _Koch_schen Arbeiten, seine Reinkulturen der einzelnen +Bakterienarten, die er nicht nur nach ihrer Form, sondern auch nach +ihrem biologischen Verhalten unterscheiden lehrte, seine Färbemethoden +für mikroskopische Untersuchungen, endlich seine Wiedergabe der +gefärbten Pflänzchen in Lichtbildern führten überall einen mächtigen +Anstoß zur Beschäftigung mit den neuen Erkenntnissen herbei und wirkten +in hohem Maße klärend. Grundlegend für die weitere Entwicklung der +Chirurgie wurden insbesondere die »Mitteilungen aus dem Kaiserlichen +Gesundheitsamte 1881, Bd. I.«, in denen die beiden Aufsätze R. _Kochs_: +»Zur Untersuchung von pathogenen Organismen« und: »Über Desinfektion« +von höchster Bedeutung waren, nicht weniger auch die seiner Mitarbeiter +_Georg Gaffky_, _Friedrich Löffler_ und vieler anderer. Mit einem +Schlage waren alle Zweifel gelöst und nur ganz vereinzelt erhoben sich +noch Stimmen gegen die Artverschiedenheiten der Bakterien, oder gegen +ihre Auffassung als Krankheitserreger; und wenn auch die oft sehr +verschlungenen und verdeckten Wege der Körpervergiftung im einzelnen +nicht ohne weiteres klar zutage traten, so setzte doch nunmehr auf allen +Gebieten eine so rüstige Forschungsarbeit ein, daß die Umrisse der die +Chirurgie angehenden Bakterienkrankheiten in wenigen Jahren gezeichnet +waren. Die Ausfüllung des Rahmens freilich machte noch manche mühevolle +Untersuchung und eine durch die bisherigen Forschungen geschärfte +Beobachtung am Krankenbette notwendig. + +Diese Bemerkungen treffen auch auf die überaus wertvollen Arbeiten zu, +welche im Jahre 1884 im II. Bande der »Mitteilungen« veröffentlicht +worden sind. Er enthält an erster Stelle _Kochs_ berühmte Arbeit: »Die +Ätiologie der Tuberkulose«, in welcher der staunenden Welt die +Entdeckung des Tuberkelbazillus, über welche schon zwei Aufsätze vom +Jahre 1882 berichtet hatten, in erweiterter Form und in meisterhafter +Darstellung vor Augen geführt wurde. Die ganz vereinzelten Einsprüche +gegen diese Großtat _Kochs_ sind sehr schnell verstummt; und so bilden +denn diese seine Arbeiten den Ausgang aller jener Bestrebungen, durch +welche die schlimmste Geißel des menschlichen Geschlechtes bekämpft, in +ihren Wirkungen eingeengt und der Heilungsmöglichkeit entgegengeführt +worden ist. -- Daneben enthält jener Band auch _Löfflers_ ausgezeichnete +Arbeit über den Diphtheriebazillus. + +Der brennende Eifer, mit welchem die Mitglieder der Deutschen +Gesellschaft für Chirurgie jede Bereicherung ihrer Kenntnisse aufnahmen, +zeigte sich nicht am wenigsten in der Verfolgung der bakteriologischen +Forschungen; denn daß die ganze _Lister_sche Wundbehandlung mit ihrer +bakteriologischen Grundlage stand und fiel, war im Beginne des neunten +Jahrzehntes des 19. Jahrhunderts auch dem blödesten Auge klar geworden. + +Vor allen Dingen suchte man die von _Koch_ im wesentlichen an Tieren +studierten Infektionskrankheiten auch am Menschen in ihrer bakteriellen +Bedeutung zu erfassen. Freilich waren es meistens nur Nachprüfungen, +welche der bei weitem größte Teil der Mitglieder sich erlauben durfte, +selbst wenn die volle Beherrschung der bakteriellen Technik zuvor +erworben worden war. Denn der in der praktischen Tätigkeit stehende und +von ihr in vollstem Maße in Anspruch genommene Wundarzt, dem täglich und +stündlich am Krankenbette neue Fragen auftauchten, mit denen er sich +doch praktisch abzufinden hatte, behielt nur selten die Muße, um sich +mit sehr zeitraubenden Untersuchungen auf dem Gebiete der Keimlehre +abzugeben. Mehr und mehr wurde es daher Sitte, daß chirurgische +Kliniken und große Krankenhausabteilungen wenigstens _einen_ +pathologisch-anatomisch und bakteriologisch völlig geschulten Gehilfen +anstellten, dem die Sonderarbeiten auf diesen Gebieten übertragen werden +konnten. Auch waren die Vertreter der bald auf allen deutschen +Universitäten begründeten Professuren für Hygiene und Bakterienforschung +meistens gern bereit, den chirurgischen Abteilungen die Arbeit entweder +ganz abzunehmen, oder doch zu erleichtern. Um so beachtenswerter ist +es, daß auch aus chirurgischen Arbeitsstuben manche wichtige und +fördernde Entdeckungen hervorgegangen sind. Vor allen anderen sind zwei +jüngere Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie zu nennen, +deren Studien berechtigtes Aufsehen erregten. + +Der junge Schwabe _Fehleisen_, damals Assistent an _Ernst_ v. +_Bergmanns_ Universitätsklinik in Berlin, veröffentlichte im Jahre 1883 +eine Einzelschrift unter dem Titel: »Die Ätiologie des Erysipels«, in +welcher er den Nachweis erbrachte, daß die Wundrose durch eine in die +Saftkanälchen und Lymphbahnen der Umgebung der Wunde gelangende +Streptokokkenart erzeugt werde, die er Streptococcus erysipelatis +benannte und als spezifisch ansah. In letzterer Beziehung hat er sich +allerdings geirrt, da später durch andere Forscher nachgewiesen wurde, +daß _Fehleisens_ Kettenkokkus nichts anderes als der überall verbreitete +und zahlreiche Krankheiten eitriger Art erzeugende Streptococcus +pyogenes sei; dennoch bleibt _Fehleisens_ Verdienst ungeschmälert, daß +er jene Wundkrankheit auf eine ganz bestimmte Bakterienart zurückführte +und deren Verbreitungswege erkannte und schilderte. Um so bedauerlicher +ist es, daß der Entdecker wenige Jahre später verstimmt und unbefriedigt +seinem Vaterlande den Rücken kehrte. + +Ein Jahr später erschien eine noch bedeutungsvollere Arbeit von +_Friedrich Julius Rosenbach_ in Göttingen, damals Assistenzarzt der +_König_schen Klinik, in der er die Poliklinik leitete. Die unter dem +Titel: »Mikroorganismen bei den Wundinfektionskrankheiten des Menschen« +erschienene Schrift teilt zunächst sehr sorgfältige Untersuchungen über +die verschiedenen Schmarotzerformen mit, welche in fast allen eitrigen +Erkrankungen des Menschen (mit Ausnahme der später zu erwähnenden kalten +Abszesse) vorkommen. Er bespricht fernerhin die Entstehung der akuten +Knochenmarkentzündung, die in den meisten Fällen durch den +Staphylococcus pyogenes aureus, seltener durch den albus hervorgerufen +werde, und macht darauf aufmerksam, daß diese beiden Schmarotzer durch +das Vergrößerungsglas allein nicht zu unterscheiden seien, wohl aber im +Impfstrich auf Gelatine schon durch die verschiedene Färbung leicht +erkannt werden können; zeigt aber auch, daß noch andere Mikrobien, wie +die Streptokokken, die Krankheit hervorzurufen vermögen. Demnach ist die +Osteomyelitis, wie die ihr nahestehende Pyämie, keine einheitliche d. h. +keine durch einen spezifischen Pilz erzeugte Entzündung. Mit gleicher +Sorgfalt werden die Fäulnisvorgänge in den Geweben oder die septischen +Erkrankungen geschildert, sowie dem von anderen Untersuchern bestätigten +Gedanken Raum gegeben, daß nicht die bloße Vermehrung der Bakterien, +sondern die von ihnen erzeugten Gifte (Ptomaine) die gefährlichen +Zufälle veranlassen, und zum Schluß eine neue, ungefährliche Krankheit, +das Fingererysipeloid, mit ihrem spezifischen Erreger geschildert; alles +das unter sorgfältiger Benutzung und Besprechung früherer wertvoller +Arbeiten, unter denen die des Engländers _Ogston_ und _Pasteurs_ +hervorgehoben werden, die bereits mit menschlichem Eiter gearbeitet +hatten. Auch ist _Rosenbach_ der erste, der _Fehleisens_ Streptococcus +erysipelatis als einen spezifischen Krankheitserreger abweist. + +Ein gewaltiger Schritt vorwärts war mit diesen beiden Arbeiten für die +praktische Chirurgie getan worden. Wenn auch _Rosenbachs_ Tierversuche, +sowie die mancher anderer Chirurgen zeigten, daß auch durch Einspritzung +giftiger Reizmittel ohne Bakteriengehalt, wie des Krotonöles, eine +Eiterung im Gewebe zu erzeugen möglich sei, so blieb diese Tatsache doch +praktisch ohne alle Bedeutung. Vielmehr stand es nunmehr unumstößlich +fest, daß der klinische Betrieb nur mit der Bakterienwirkung als Ursache +der Eiterung und der verschiedenen Wundkrankheiten zu rechnen habe. Nur +für den Wundstarrkrampf stand der naturwissenschaftliche Nachweis noch +aus. Er sollte aber nicht zu lange auf sich warten lassen; denn noch +gegen Ende des Jahres 1884 trat der erst 22jährige _Nicolaier_, Student +der Medizin in Göttingen, mit einer im hygienischen Institut der +Universität angefertigten Arbeit hervor, in welcher als Erreger des +Wundstarrkrampfes ein in der Erde lebendes stecknadelförmiges Bakterium +beschrieben wurde. So war auch diese Lücke in der Erkenntnis der +Entstehungsweise der Wundkrankheiten glücklich geschlossen worden. + + * * * * * + +Nach dieser Abschweifung auf das Gebiet der Keimlehre kehren wir zu dem +weiteren _Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung_ zurück. _Volkmann_ +war nicht der einzige Chirurg geblieben, der unter dem Einflusse der +_Schultze_schen Arbeit sich der neuen Behandlungsmethode zugewandt +hatte. Dahin gehörte vor allen Dingen _Adolf Bardeleben_ von der +Berliner Charité, dessen Assistent der Stabsarzt _Schultze_ damals noch +war und der deshalb auf des letzteren Veranlassung die _Lister_sche +Wundbehandlung auf seiner Abteilung ziemlich streng durchführte, nachdem +er schon einige Zeit zuvor tastende Versuche mit der Karbolpaste gemacht +hatte. Auf dem gleichen Kongreß von 1874 konnte daher _Bardeleben_, im +Anschluß an _Volkmanns_ grundlegenden Vortrag, über ziemlich ausgedehnte +Erfahrungen mit dem _Lister_schen Verbande berichten, ebenso _Schönborn_ +(Königsberg), _Hüter_ (Greifswald) und _Thiersch_ (Leipzig). Aber +abgesehen von diesen Klinikern hatte das antiseptische Verfahren auch +schon manche Krankenhausleiter zu Versuchen angespornt; so gehörte der +kleine, überaus tätige _Hagedorn_ (Magdeburg) schon frühzeitig zu seinen +eifrigsten Vertretern. Es waren nicht nur die immer häufiger in der +chirurgischen Literatur auftauchenden Besprechungen des neuen +Verfahrens, welche werbend wirkten, sondern es kam noch ein anderer +Umstand hinzu. Einzelne Kliniker und manche Krankenhausleiter folgten +dem Beispiele _Schultzes_, indem sie sich in Edinburgh selber an der +Quelle zu unterrichten suchten, oder wenigstens ihre Assistenten +schickten. Als erster deutscher Kliniker trat _Johann Nepomuk +v. Nußbaum_ in München bald nach _Schultzes_ und _Volkmanns_ +Veröffentlichungen die Reise an, von der er als ein begeisterter +Anhänger der Neuerung zurückkehrte. Ihm in erster Linie galt daher der +Besuch, den _Lister_ im Jahre 1875 Deutschland abstattete, um sich +persönlich von dem Stande seiner Lehre in diesem Lande zu überzeugen. +_Nußbaum_ und seine Schüler bereiteten ihm in seiner Klinik, die früher +in ganz entsetzlicher Weise unter Pyämie und Hospitalbrand gelitten +hatte, eine erhebende Feier, von der der englische Meister beglückt und +befriedigt in seine Heimat zurückkehrte. -- Unter den jüngeren Chirurgen +schrieb _Lesser_ schon im Jahre 1873 über einen Besuch bei _Lister_; +ferner konnten auf dem Kongreß von 1874 _Schönborn_ und besonders der +Deutschrusse _Reyher_ eingehend über das Gesehene berichten, während +_Madelung_, Privatdozent und Assistent der chirurgischen Klinik in Bonn, +und J. _Israel_, Assistent am jüdischen Krankenhause in Berlin, zwar in +dem gleichen Frühling Edinburgh besuchten, aber mit ihren Beobachtungen +zunächst noch zurückhielten. Im Februar 1876 machte auch E. _Küster_ +eine Reise nach Edinburgh, deren Frucht die Einführung der +antiseptischen Behandlung im Berliner Augusta-Hospital unter genauester +Beobachtung der _Lister_schen Methoden war. Nach diesen Reisen begann +ein Strom besserer Erkenntnis sich von der fernen Stadt des Nordens über +einen großen Teil von Europa zu ergießen; zumal in Deutschland bildeten +sich immer zahlreichere Mittelpunkte, von denen die neue Lehre in immer +weitere Kreise getragen wurde. + +Aber in den kritisch angelegten Köpfen einzelner deutscher Chirurgen +regte sich auch, früher wie in anderen Ländern, die Neigung zu +Abänderungen und Vereinfachungen des immerhin etwas umständlichen, +schwerfälligen und kostspieligen Verbandes. Dazu hatte freilich _Lister_ +selber die Bahn eröffnet, teils durch seine zahlreichen Verbesserungen, +teils durch seinen Ausspruch, er hege die Hoffnung, daß die Chemie einen +der Karbolsäure in der Wirksamkeit ebenbürtigen, aber von deren +unangenehmen Eigenschaften freien Stoff zu finden imstande sein werde. +Dem gleichen Gedanken gab _Volkmann_, wie oben erwähnt, schon in seinem +ersten Vortrage Ausdruck; und auf demselben Kongresse machte sein +damaliger Assistent _Max Schede_ die Mitteilung, daß in Halle alle nicht +ganz frischen Verletzungen erst einer Ätzung mit 8%iger Chlorzinklösung +unterzogen würden, ehe der Okklusivverband zur Anwendung gelange. Alles +das hielt sich noch in dem von _Lister_ selber vorgetragenen +Gedankenkreise; wirkliche Neuerungen aber brachten schon bei diesem +ersten Waffengange auf dem Gebiete der Antisepsis _Bardeleben_ mit +seiner, freilich etwas zurückhaltenden Empfehlung nasser +Karbolsäureverbände anstatt der trockenen _Lister_schen, und _Thiersch_ +durch den Vorschlag, die Karbolsäure durch die von dem Chemiker _Kolbe_ +in Leipzig dargestellte Salizylsäure zu ersetzen. In der Tat hat das +letztgenannte Mittel, zumal nach Veröffentlichung einer größeren Arbeit +von _Thiersch_ (Klinische Ergebnisse der _Lister_schen Wundbehandlung +und über den Ersatz der Karbolsäure durch Salizylsäure in _Volkmanns_ +Sammlung klinischer Vorträge 84 und 85) vom Jahre 1875, für eine Reihe +von Jahren Aufnahme gefunden und zwar sowohl als trockener, wie als +nasser Watteverband bzw. in der Form der Berieselung bei sonst offener +Wundbehandlung. Auch der Verbandstoff fand durch ihn, hauptsächlich aus +Rücksichten der Verbilligung, eine Abänderung, indem er auf den Rat +v. _Mosengeils_ die Jute, einen aus den Fasern einer ostindischen Tiliazee +hergestellten Stoff, als Grundlage des antiseptischen Verbandes in +seiner Klinik einführte. Nunmehr häuften sich die Neuerungen. +H. _Ranke_, Assistent der _Volkmann_schen Klinik, berichtete 1878 über den +Ersatz der Karbolsäure durch Thymol, so daß bereits eine erhebliche +Vielfältigkeit für die Abänderung des eigentlichen _Lister_verbandes +vorlag. Eine eingehende Besprechung fand die Frage der Behandlungsform +auf dem Kongreß von 1878, im Anschluß an einen Vortrag E. _Küsters_: +»Über die giftigen Eigenschaften der Karbolsäure«, dessen +Endbetrachtungen darin gipfelten, daß dies Mittel zwar zunächst, als +sicherstes der bisher angewandten antiseptischen Verbandmittel, noch +nicht zu entbehren sei, daß es aber nur mit großer Vorsicht gebraucht +werden dürfe, da es bei manchen Personen gefährliche und selbst tödliche +Zufälle hervorzurufen imstande sei. In der Tat wurde bei der ausgiebigen +Erörterung dieses Vortrages die Giftigkeit der Karbolsäure mehr oder +weniger unumwunden fast von allen Rednern zugestanden. + +Bald darauf, im Jahre 1880, erfolgte auch der erste kraftvolle Vorstoß +gegen den Zerstäuber (Spray) durch _Viktor v. Bruns_ (Tübingen) in +einem Aufsatze unter dem Titel: »Fort mit dem Spray!« Der Verfasser +hatte bereits seit zwei Jahren, sowohl bei Operationen wie bei +Verbandwechseln, auf den Sprühnebel verzichtet und sich auf +nachträgliche kurze Bespülungen der Wunde mit Karbolsäure beschränkt. +Die Ergebnisse waren vortrefflich. Freilich war der alte Doppelballon +nach _Richardson_, der mit Hand oder Fuß in Bewegung gesetzt wurde, +schon längst durch schmucke Dampfzerstäuber ersetzt worden; aber auch +diese brachten recht große Unannehmlichkeiten für den Kranken sowohl wie +für den handelnden Chirurgen und seine Gehilfen mit sich. Denn der +Körper des Kranken, selbst wenn er sorgfältig mit reinen Leintüchern +abgedeckt war, wurde doch bei längeren Eingriffen allmählich naß; und +die ganze Umgebung des Operationstisches befand sich oft 1-2 Stunden +lang in einem Sprühnebel, der alle freien Körperteile triefend machte +und mit dem Atemstrome in die Luftwege eingesogen wurde. So waren +Vergiftungen auf beiden Seiten möglich; und es hat nicht lange gedauert, +bis die Ärzte selber die unangenehmen Wirkungen zu spüren bekamen, meist +allerdings nur in Form dunklen Urins nach jedem langen Aufenthalte im +Operationszimmer. Allein es sind in jenen Jahrzehnten und bald hinterher +so viele Chirurgen an chronischen Nierenentzündungen zugrunde gegangen +daß der Verdacht nicht ganz abgewiesen werden kann, sie seien als Opfer +ihres Berufes und der neuen Behandlungsmethode gefallen. So hat auch +dieser gewaltige Fortschritt zum Heile der Menschheit nur unter schweren +Opfern erkämpft werden können. + +Hiernach wird es begreiflich, daß nicht wenige Chirurgen sich von der +lästigen Beigabe des Zerstäubers nach _Bruns_' Beispiel mit Freuden +losmachten, zumal da die zerstäubte Karbolsäure in Haupt- und Barthaar +der Ärzte so fest haftete, daß die Träger durch den Geruch schon auf +weite Entfernungen gekennzeichnet waren. Andere freilich, und wohl noch +auf Jahre hinaus die Mehrzahl, glaubten den Zerstäuber nicht entbehren +zu können, wenn auch an die Stelle der giftigen und stark riechenden +Flüssigkeit vielfach Salizyl- und Thymollösungen gesetzt wurden. + +So war denn eine neue Bresche in den scheinbar so fest gefügten Wall der +_Lister_schen Methode gelegt worden; aber da auch die letzten +Veränderungen keineswegs allgemeine Befriedigung hervorriefen, so +konnten weitere Versuche nicht ausbleiben. Insbesondere war es die +mächtig emporblühende chemische Industrie, die immer neue Mittel mit +antiseptischen Eigenschaften zu erfinden und den Chirurgen zur Prüfung +anzubieten nicht müde wurde. Viele dieser neuen Mittel haben nur ein +kurzes Dasein gehabt, so daß sich nicht einmal ihre Erwähnung lohnt; +andere aber haben nicht nur jahrelang eine große Rolle gespielt, sondern +sind auch heute noch nicht bis auf die letzte Spur aus unserem +Behandlungsschatze ausgetilgt. + +Zu letzteren gehört in vorderster Linie das _Jodoform_, welches im Jahre +1880 zuerst von _Mosetig v. Moorhof_ in Wien als ein ganz vorzügliches +Pulver zur Behandlung tuberkulöser Wunden und Geschwüre empfohlen, aber +schon im Jahre darauf auch auf nicht tuberkulöse Verletzungen und +Operationswunden übertragen wurde. In demselben Jahre berichtete auch +_Mikulicz_ von _Billroths_ Klinik in Wien über sehr gute Erfolge mit dem +Jodoformpulververbande, den er als den größten Fortschritt seit der +Einführung des _Lister_schen Verbandes ansah. In gleicher Weise sprach +sich _Franz König_ in Göttingen aus, dessen großes Ansehen vor allen +anderen für die schnelle Verbreitung der Jodoformbehandlung +ausschlaggebend wurde, zumal da er die Leichtigkeit der Anwendung und +die Sicherheit des Verfahrens auch für solche Wunden betonte, die wie +manche Höhlenwunden dem antiseptischen Okklusivverbande nicht zugänglich +seien. Eine wahre Flut von begeisterten Schriften über den Wert des +Jodoforms ergoß sich seitdem in alle medizinischen Zeitschriften; aber +sehr schnell kam auch der Rückschlag. Schon _Mikulicz_ hatte in dem +obengenannten Aufsatze auf Jodvergiftungen hingewiesen. Da wurden fast +gleichzeitig mit _Königs_ Arbeit durch _Henry_ (Breslau) bereits zwei +Todesfälle durch Jodoformvergiftung mitgeteilt; und schon am 21. Januar +1882 war in einer Arbeit _Max Schedes_ der Satz zu lesen: »Der +anfängliche Enthusiasmus für das Jodoform ist längst verraucht und hat +einer sehr vorsichtigen Beurteilung desselben Platz gemacht.« Auch +_Ernst Küster_ sprach sich ungefähr gleichzeitig in einem Vortrage in +der Berliner medizinischen Gesellschaft dahin aus, daß die +Pulververbände, d. h. neben dem Jodoform auch die gepulverte +Salizylsäure, zwar an sich ein ausgezeichnetes und dabei in der +Anwendung sehr einfaches Mittel seien, welches für gewisse, schwer +aseptisch zu haltende Wunden vorläufig noch nicht entbehrt werden könne; +daß aber beide Pulverarten giftig seien und an Sicherheit dem strengen +_Lister_schen Verbande nicht gleichkämen. Dabei ist es denn auch auf +Jahre hinaus geblieben, davon abgesehen, daß an Stelle der Karbolsäure +und der bald wieder verlassenen Salizylsäure- und Thymollösungen immer +neue antiseptische Stoffe versucht wurden. + +Den Anstoß dazu hatte schon im Jahre 1881 R. _Kochs_ wichtige +Untersuchung über Desinfektion gegeben, in welcher die gänzliche +Wirkungslosigkeit öliger Karbollösungen, aber auch eine ungenügende +Wirksamkeit der Karbolsäure in wäßriger Lösung von 5:100 nachgewiesen +worden war, soweit es sich um Unschädlichmachung der bei den Versuchen +hauptsächlich benutzten Milzbrandsporen handelte. Dagegen wurde das +_Sublimat_ schon in einer Lösung von 1:5000 als durchaus zuverlässig +erkannt, wenn auch die Giftigkeit des Mittels gewisse Vorsichtsmaßregeln +unerläßlich machte. So wurde denn Sublimat an die Stelle der Karbolsäure +im _Lister_schen Verbande gesetzt und begann seinen Nebenbuhler +allmählich mehr oder weniger zu verdrängen. Aber auch hier blieben üble +Erfahrungen nicht aus, da das Sublimat selbst in schwacher Lösung sich +als recht gefährlich erwies. Auch noch andere Arzneistoffe, außer den +genannten, tauchten weiterhin auf, um gewöhnlich bald wieder zu +verschwinden, meist als Pulververbände, wie das Naphthalin und das +Bismuthum hydrico-nitricum. Daneben haben auch die Bemühungen +fortgedauert, den teuren Baumwollenmull durch billige Stoffe zu +ersetzen; so entstanden die Versuche mit Torfmull (_Neuber_), Sumpfmoos +(_Hagedorn_), Holzwolle (P. _Bruns_), Sand, Asche und Glaswolle +(_Kümmell_), unter denen nur das Sumpfmoos (Sphagnum) und zum Teil die +Holzwolle als bequem und billig sich einige Jahre eines gewissen +Ansehens erfreut haben. + +Schon längst hatte man den _Gummidrain_ zur Ableitung der von der +gereizten Wunde gelieferten Flüssigkeiten als eine unangenehme Beigabe +des antiseptischen Verbandes empfunden, da er teils in die Wunde +rutschte und dort als aseptischer Fremdkörper gelegentlich einheilte, +teils den frühzeitigen Schluß einer sonst gut heilenden Wunde +verzögerte, teils bei einer aus irgendeinem Grunde langsam +vorschreitenden Heilung als Ansteckungspforte zu dienen vermochte. Es +wurden daher schon seit dem Jahre 1878 die von _Trendelenburg_ zuerst +angegebenen resorbierbaren Drains, d. h. Röhrchen aus Knochen +hergestellt, entkalkt und in antiseptischer Flüssigkeit (Spiritus) +aufbewahrt, vielfach an ihre Stelle gesetzt. Aber auch dies Verfahren +genügte nicht, sondern immer neue Versuche wurden angestellt, die +Anwendung von Ableitungsröhrchen ganz überflüssig zu machen. Dies Ziel +suchte man in doppelter Weise zu erreichen: einmal dadurch, daß man die +starke Reizung der Wunden durch antiseptische Mittel einschränkte +(Weglassung des Zerstäubers, einmalige kurze Waschung der Wunde), oder +daß man, unter Beseitigung der Drains, nur die Wundwinkel offen ließ, +wie es _Albert_ (Innsbruck) schon 1884 versuchte, oder die Wunde ganz +nähte, aber neue Öffnungen von einer Form schuf, die sich nicht leicht +verstopfen konnten (Locheisenöffnung nach v. _Esmarch_ und _Neuber_). +Hierher gehört auch der Versuch, die Wunden durch versenkte Darmsaiten +in der Tiefe zusammenzunähen, um sie dann bis auf den letzten Rest zu +schließen und sie nur mit Jodoformkollodium zu bepinseln, also eine +trockene Schorfheilung anzustreben (v. _Esmarch_, _Werth_, _Karl +Schröder_, E. _Küster_, _Neuber_). + +In ganz eigenartiger Weise suchte das gleiche Ziel, die Weglassung jedes +Fremdkörpers aus der Wunde, die von _Schede_ angegebene neue _Behandlung +unter dem feuchten Blutschorfe_ zu erreichen. Bis dahin hatte man die +Ansammlung von Blut in der Wunde als eine Gefahr angesehen und die ganze +Behandlung auf schnelle Beseitigung des aus den durchtrennten Gefäßen +hervorsickernden Blutes zugeschnitten. _Schede_ zeigte nun, daß der +Blutpflock einer aseptisch bleibenden Wunde sich so schnell organisiere, +insbesondere mit neugebildeten Gefäßen versehe, daß er zur Ausfüllung +von Höhlen und Gewebsverlusten benutzt werden könne. Die nach +Möglichkeit aseptisch gemachte Höhle, zumal im Knochen, wurde daher +absichtlich mit Blut gefüllt, die Wunde bis auf die Wundwinkel durch die +Naht geschlossen und durch einen Streifen Gummipapier, sowie einen ihn +deckenden Sublimatverband geschützt. Inzwischen zeigte sich auch +hierbei, daß die anfänglich gehegten Hoffnungen trogen; denn weder bei +tuberkulösen Erkrankungen, noch bei der osteomyelitischen Nekrose erwies +sich das Verfahren als zuverlässig. Demnach blieb seine +Verallgemeinerung ausgeschlossen so vortrefflich es sich auch in manchen +Fällen bewährte. Immerhin brachte es aber eine sehr dankenswerte +Förderung und Erweiterung der bisherigen Anschauungen über die Vorgänge +der Wundheilung. + +Alle diese Änderungen bereiteten eine Wandlung in den Anschauungen vor, +die mit dem Anfange der neunziger Jahre zu einer grundsätzlichen +Veränderung der Wundbehandlung führte, insofern, als man die bisher für +unentbehrlich gehaltenen chemischen Mittel, die sich doch sämtlich als +mehr oder weniger gefährlich erwiesen hatten, gänzlich zu verbannen +suchte. Aber trotzdem hörte die Empfehlung neuer Antiseptika keineswegs +gänzlich auf. So rühmte _Salzwedel_ im Jahre 1894 die Behandlung +phlegmonöser und ähnlicher Entzündungen mit dauernden Alkoholverbänden +in der Form, daß der Entzündungsherd mit nur mäßig von Alkohol +durchtränkten Wattelagen bedeckt und über diese eine durchlöcherte +Schutzhülle gelegt wurde, um die Verdunstung des Mittels zwar +einzuschränken, aber nicht ganz aufzuheben; so trat im Jahre 1896 +_Credé_ mit der Besprechung der ausgezeichneten Eigenschaften der +Silbersalze vor den XXV. Kongreß, deren allgemeine Anwendung als eines +keimtötenden und dabei ganz ungefährlichen Mittels er auf das +dringendste anriet. So empfahl 1905 _Schloffer_ (Innsbruck) den +Perubalsam zur Behandlung unreiner Wunden. Im Jahre 1901 haben +v. _Bruns_ und _Honsell_ auch noch einmal auf die Karbolsäure +zurückgegriffen durch Empfehlung des Verfahrens des Amerikaners +_Phelps_, der septische und eiternde Wunden mit _reiner_ Karbolsäure zu +ätzen und dann mit Alkohol zu waschen empfahl. Aber alle diese Dinge +haben den ruhigen Gang der Entwicklung, wenigstens bei frischen Wunden, +nicht mehr aufzuhalten vermocht; man strebte, unter steter Einwirkung +der genaueren Kenntnis der Lebensbedingungen aller gefährlichen +Schmarotzer, möglichster Vereinfachung der Behandlungsmethoden zu, bei +der man nicht mehr auf die Beihilfe zweifelhafter und in ihren +pharmakologischen Wirkungen unsicherer chemischer Mittel angewiesen zu +sein wünschte. An die Stelle der antiseptischen trat fortan die +aseptische Wundbehandlung, an die Stelle der Ströme antiseptischer +Flüssigkeiten, welche die Operationsräume jahrelang überflutet und die +Wundärzte zu besonderen, wasserdichten Fußbekleidungen gezwungen hatten, +traten Dampfsterilisatoren und Kochapparate. + + + + + Kapitel VII. + + Einführung der Asepsis. + + +Wenn man auf die Zeit des Werdens der neuen Wundbehandlungsmethoden, die +im Vorstehenden zu schildern versucht worden ist, einen prüfenden +Rückblick wirft, so mag sie einem späteren Geschlechte als ein +wissenschaftliches Chaos erscheinen, in welchem Erfindungssucht und +Wagemut allein das Wort zu führen berufen waren. Indessen muß man sich +vergegenwärtigen, in welchen Zustand die chirurgische Welt durch +_Listers_ Mitteilungen der ersten Jahre versetzt worden war. Die +älteren, über eine große Erfahrung gebietenden Fachgenossen, die schon +so manchen schönen Traum, so manche Hoffnung auf Besserung der +Verhältnisse in ein Nichts hatten zerrinnen sehen, lächelten über die +anscheinend kritiklose Begeisterung, mit der sich das jüngere Geschlecht +den neuen Ideen hingab. Ihre Zweifel wurden wesentlich durch die +Beobachtung unterstützt, daß _Lister_ selber seine Erfindung +fortdauernd abänderte, sie also noch nicht als vollkommen ansah. Aber +auch bei den überzeugten Anhängern führte die eigene Erfahrung doch +immer wieder zu dem Schluß, daß die Methode schwache Seiten habe, +demnach verbesserungsfähig sei. In dieser bald allgemein gewordenen +Erkenntnis entwickelte sich nun ein edler, aber zuweilen fast atemlos +machender Wettlauf um die Palme, die dem Sieger im Kampfe winkte. So +waren es keineswegs Neuerungssucht oder blinder Ehrgeiz, von denen jene +Entwicklungsperiode beherrscht wurde, sondern die ehrliche, im Kampfe +mit Krankheit und menschlichem Elend gewonnene Überzeugung der Besten, +daß über den gewonnenen Boden hinaus noch ein Höheres erreichbar sein +müsse. + +Es ist zweifellos unrichtig, zu sagen, daß von der eigentlich +_Lister_schen Methode so gut wie nichts übriggeblieben, daß etwas ganz +Neues an ihre Stelle getreten sei. Vielmehr läßt sich mit vollem Rechte +behaupten, daß jene Behandlung _mehr_ als nur eine _Anregung_ gegeben +habe, daß die _Lister_schen Grundsätze auch heute noch Gehirn und Hand +des Wundarztes lenken. Nur hat die wachsende Erkenntnis gelehrt, daß zu +dem erhabenen Ziele verschiedene Wege führen, daß es sich daher +empfiehlt, je nach den Umständen bald diese, bald jene Straße +einzuschlagen So hat denn auch die neueste Wendung der Dinge dem Ruhme +des naturwissenschaftlich-philosophischen Kopfes auf dem schottischen +Lehrstuhle für Chirurgie keinen Abbruch zu tun vermocht. -- + +Die _Einführung der Asepsis_ bedeutet den Übergang von der bisher +üblichen chemischen zur physikalischen Desinfektion durch Hitze, wie er +gleichfalls schon durch R. _Koch_ angebahnt und vorgezeichnet worden +war. Den unmittelbaren Anstoß zu einem neuen Wechsel der +Behandlungsmethode gab der Umstand, daß das von _Koch_ empfohlene +zuverlässigste Antiseptikum, das Sublimat, welches allmählich in sehr +verstärkter Lösung von 1:1000 in Gebrauch gekommen war, doch so viele +unangenehme und unerwünschte Nebenwirkungen hatte, daß man auch _dies_ +Mittel loszuwerden versuchen mußte. Dazu kam der Umstand, daß die durch +_Lister_ eingeführte, keimfrei gemachte Darmsaite, soviel man auch die +Sicherheit ihrer Herstellung zu erhöhen sich bemühte, dennoch ein +unzuverlässiges Unterbindungs- und Nahtmaterial geblieben war. Schon +_Volkmann_ hatte einen Fall mitgeteilt, in welchem er die Einimpfung von +Milzbrand in eine Wunde durch Catgutfäden nachzuweisen vermochte. Im +Jahre 1888 folgte die Mitteilung _Kochers_, daß eine Reihe von +Mißerfolgen der Wundbehandlung in seiner Klinik auf unvollkommen +sterilisierte Darmsaiten zurückgeführt werden konnte; er schlug daher +vor, ein so unsicheres Material durch gekochte Seide zu ersetzen. Mehr +und mehr rang sich die Erkenntnis durch, daß auch die besten +antiseptischen Mittel nicht imstande seien, Krankheitserreger aus einer +frischen Wunde fernzuhalten oder sie gänzlich und überall unschädlich zu +machen, mehr und mehr aber auch die Einsicht, daß nicht, wie _Lister_ +gelehrt hatte, die in der Luft schwebenden Keime die Wunde am meisten +bedrohen, sondern daß, im Sinne des unglücklichen _Semmelweis_, vor +allen Dingen die Kontaktinfektion, die Einimpfung durch Berührung mit +ungenügend entkeimten Fingern, Werkzeugen und Verbandstoffen, die +Hauptgefahr darstelle. So begann denn eine neue, fieberhafte Arbeit +unter den Chirurgen, um eine zuverlässige Methode zu finden, welche auch +ohne chemische Mittel die frische Wunde zu schützen imstande sei. Es +bleibt ein unvergängliches Verdienst der v. _Bergmann_schen Klinik in +Berlin, hierfür die Wege gewiesen zu haben, wenngleich manche deutsche +Chirurgen vor ihm, wie _Bardenheuer_ in Köln schon 1888, die +Dampfsterilisation für Verbandstoffe eingeführt hatten. + +Im Jahre 1891 veröffentlichte der viel zu früh dahingeschiedene +Assistent jener Klinik, _Kurt Schimmelbusch_, der wenige Jahre später +seinem Berufe zum Opfer fiel, eine Arbeit unter dem Titel: »Die +Durchführung der Asepsis in der Klinik des Herrn Geheimrat v. _Bergmann_ +in Berlin«. Sie ist ein Markstein für die Entwicklung der Wundbehandlung +geblieben; denn von dem Augenblick an war für alle frischen Wunden der +Sieg der Asepsis über die Antisepsis entschieden. Nach Besprechung +der Fehlerquellen, welche zu irrigen Auffassungen über die +Desinfektionskraft der hauptsächlichen Antiseptika geführt haben, sowie +nach Mitteilung eigener Versuche, welche deren Anwendung am lebenden +Körper und in der Wunde als ein höchst unsicheres Verfahren +kennzeichnen, kommt _Schimmelbusch_ zu dem Schluß, daß nur die einfache +Reinigung auf mechanischem Wege und die Hitze die Beseitigung aller +gefährlichen Keime gewährleisten. Dann folgen genaue Vorschriften über +Sterilisation der Verbandstoffe im heißen Dampfe, der Metallinstrumente +in Sodalösung, sowie endlich über Entkeimung ärztlicher Bürsten, welche, +in Verbindung mit der Angabe und Beschreibung sehr brauchbarer Apparate, +in kürzester Zeit eine Ausbreitung fast über die ganze Erde erfahren +haben. Mit dieser Arbeit war aber zugleich die sichere Grundlage für +eine weitere Entwicklung geschaffen. Sie richtete sich in erster Linie +auf die zuverlässige Keimbefreiung der Hände, die mehr und mehr als die +verdächtigste Quelle der Wundinfektionen von Geburtshelfern und +Wundärzten angesehen wurden. Schon seit Jahren hatten _Fürbringer_, +_Ahlfeld_ u. a. sich mit der zweckmäßigsten Form der Händesäuberung vor +Operationen abgegeben; im Jahre 1897 empfahlen beide als das beste +Verfahren die Heißwasser-Alkohol-Desinfektion oder das Waschen mit +Alkohol und einem Antiseptikum, meist Sublimat. In dem gleichen Jahre +wurde neben dieser Handpflege ein verstärkter Händeschutz bzw. +Wundschutz angebahnt, indem _Zöge v. Manteuffel_ (Dorpat) Handschuhe +aus Gummi, _Mikulicz_ (Breslau) solche aus Zwirn, _Perthes_ von +_Trendelenburgs_ Klinik in Leipzig solche aus Seide empfahlen. Alle aber +betonten, daß dem Anziehen der Handschuhe stets eine sorgfältige +Reinigung der Hände voraufzuschicken sei. _Mikulicz_ ging in diesem und +dem folgenden Jahre in seiner Verstärkung des Wundschutzes noch einen +Schritt weiter, indem er, um die Wunde vor den in feuchten Tröpfchen +schwebenden Keimen aus den Atemorganen der bei einer Operation +beschäftigten Ärzte zu schützen, deren Mund und Nase mit einer Binde +bedecken ließ. Später hat man auch die in den Haaren der Ärzte haftenden +Keime durch eine besondere Kappe abzuhalten versucht; und daneben +spielte ein häufiger Wechsel frischgewaschener Mäntel, Hauben, +Handschuhe usw. eine erhebliche Rolle. So wurde die äußere Erscheinung +des modernen Wundarztes in seiner Hülle tadelloser weißer Wäsche +gegenüber der des alten Chirurgen in seinem nie gewechselten, unsauberen +Operationsrocke erheblich anziehender gestaltet, ein Wechsel, für den +_Billroth_ den Ausdruck der »Reinlichkeit bis zur Ausschweifung« prägte. +Demgemäß stieg der Wäscheverbrauch chirurgischer Abteilungen allmählich +zu einem sehr ansehnlichen Ausgabeposten an, bei dem Ersparnisse nur +dadurch erzielt werden, daß man mehr den Besonderheiten des Einzelfalles +Rechnung zu tragen gelernt hat und nicht überflüssigerweise den großen +Apparat in Bewegung setzt, wo er nichts nützen kann. Auf diesem Stande +hat sich die Wundbehandlung bis heute mit geringfügigen Abänderungen +erhalten; sie bietet, abgesehen von ganz vereinzelten Mißerfolgen, die +der menschlichen Unvollkommenheit und Ungleichmäßigkeit des Wesens in +Rechnung gesetzt werden müssen, eine Sicherheit, die dem Kranken mit +frischer Wunde einen fast vollkommenen Schutz gegen Infektionsgefahr +gewährt. + +Dagegen ist bei der Behandlung bereits eiternder unreiner Wunden, wie +auch solcher, die gegen nachträgliche Verunreinigung wegen ihrer Lage +nur schwer oder gar nicht geschützt werden können, dem persönlichen +Ermessen ein erheblich breiterer Spielraum gelassen. Hier haben auch die +chemischen Mittel noch keineswegs ihre Berechtigung verloren; +insbesondere ist das Jodoform bei nicht aseptisch zu haltenden +Operationswunden dauernd in Gebrauch geblieben. + + + + + Kapitel VIII. + + Die Gründung des Langenbeck-Hauses. + + +Die große Umwälzung, welche in ihren Umrissen geschildert wurde und die +auf den Kongressen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie jahrelang +die lebhaftesten Besprechungen und Erörterungen hervorrief, traf die +Gesellschaft auch in einer bemerkenswerten Umformung des äußeren +Rahmens, in dem ihr geistiges Leben sich abspielte. Nachdem sie 20 Jahre +lang als Gast der Berliner Universität ihre Hauptsitzungen in der Aula +des Universitätsgebäudes abgehalten hatte, während die Demonstrationen +meist in der chirurgischen Klinik stattfanden, schuf sie sich ein +eigenes Heim, das _Langenbeckhaus_, in welchem fortan die +Kongreßverhandlungen in vollem Umfange vor sich gingen. + +Die Vorgeschichte dieses Baues ist aus dem Grunde von ganz besonderem +Interesse, weil der Gedanke nicht von einem Mitgliede der Gesellschaft +ausgegangen ist, sondern von der höchsten Frau des Deutschen Reiches, +der _Kaiserin Augusta_. Die Ausführungen, welche E. v. _Bergmann_ auf +dem Kongresse von 1890 gegeben hat, bedürfen hiernach einer Ergänzung. + +Von Anfang an hatte die hohe Frau, die schon während der +drei voraufgegangenen Kriege und in deren Zwischenzeit mit +menschenfreundlichen Gründungen in Form von Vereinen (Vaterländischer +Frauenverein, Berliner Frauenlazarettverein) und Krankenhäusern +(Barackenlazarett auf dem Tempelhofer Felde, Berliner Augusta-Hospital), +unter Beihilfe ihrer gleichgesinnten Tochter, der edlen Großherzogin +_Luise von Baden_, vorangegangen war, der neugegründeten Gesellschaft +für Chirurgie ein außerordentliches Wohlwollen entgegengebracht. Das +zeigte sich insbesondere in dem lebhaften Interesse, mit welchem sie +alle Vorgänge in den Verhandlungen verfolgte, sowie in den alljährlich +sich wiederholenden Empfängen, durch welche die Führer der deutschen +Chirurgie immer von neuem ausgezeichnet und zu Äußerungen und kurzen +Vorträgen über schwebende Tagesfragen veranlaßt wurden. So entstand +eine Wechselwirkung zwischen dem preußischen Königshause und der +Gesellschaft für Chirurgie, die nach beiden Seiten anregend und +belehrend wirkte und die von den Mitgliedern als eine hohe, der +Gesellschaft angetane Ehre empfunden wurde. + +Am 23. Mai 1877 überreichte die Kaiserin ihrem zweiten Leibarzte +Dr. _Schliep_ in Baden-Baden, mit dem sie tags zuvor eine eingehende +Besprechung über die ärztlichen Verhältnisse Englands gehabt hatte, +einen schriftlichen Entwurf mit dem Auftrage, ihn an B. v. _Langenbeck_ +weiterzugeben und diesem die Absichten der hohen Frau mündlich +auseinanderzusetzen. Im Folgenden ist dies Schriftstück im Wortlaute und +in der ursprünglichen Schreibweise mitgeteilt. Es enthält den Plan der +Gründung eines Vereinshauses für die Deutsche Gesellschaft für +Chirurgie, der erst 15 Jahre später seine Verwirklichung gefunden hat; +denn wenn auch der scharf umschriebene Entwurf der Kaiserin bereits in +klarer Fassung die Wege zur Aufbringung der Mittel bespricht, so waren +doch die Bedenken hinsichtlich der Geldgrundlage eines so bedeutenden +Unternehmens so stark, daß _Langenbeck_ damit zunächst noch nicht vor +die Öffentlichkeit zu treten wagte. Die Kaiserin aber hat den Gedanken +niemals fallen lassen; denn fast bei allen Empfängen besprach sie die +Angelegenheit mit den zu ihr berufenen Chirurgen und suchte sie, allen +Schwierigkeiten zum Trotz, bei jeder Gelegenheit zu fördern. + + + Baden-Baden d. 23. Mai 1877. + + Nr. 1 + + Das englische Surgeons College bewährt seine Leistungen in so + erfreulicher Weise, daß in Deutschland ein ähnliches Unternehmen + rathsam erscheint. Die Triumphe der Wissenschaft dienen dabei den + Zwecken der Humanität und fördern die individuelle Wohlfahrt der + Männer, welche als Träger der Wissenschaft dem großen geistigen + Verbande aller Nationen und Systeme angehören. + + Nr. 2 + + Die Gründung eines deutschen Chirurgen-Collegiums mit Bezugnahme auf + die englischen Statuten müßte, dem deutschen Vereinswesen + entsprechend, an geeigneter Centralstelle durch Mitwirkung Aller, + welche den großen Zweck anerkennen und ihm dienstbar sein wollen, ins + Leben gerufen werden. + + Nr. 3 + + Hierfür wäre ein angemessenes Programm anzufertigen und zu verbreiten, + ein Programm, das zunächst die Namen Langenbeck, Esmarch und Billroth + als Empfehlung trüge, für Berlin speciell andere hervorragende Namen + verschiedener Richtung mit an die Spitze zu stellen hätte. Dieses + Programm würde das vorläufige Statut des Vereins und den Vorschlag zur + Beschaffung des nöthigen Lokals (zunächst miethsweise) enthalten, + worauf je nach erlangtem Erfolge dereinst der Beistand des Reiches in + Anspruch genommen werden könnte. + + Nr. 4 + + Es käme darauf an dem Unternehmen von vornherein die Popularität der + Zweckmäßigkeit und des praktischen Nutzens zu erwerben, wozu der + bestehende wichtige Chirurgen-Kongreß die beste Veranlassung bietet + u. eine geschäftsmäßige Organisation die nöthige Vertretung gewähren + muß. + + Nr. 5 + + Es würde nach Beschaffung des Programms und vertraulicher Mittheilung + desselben an die geeigneten Personen ein möglichst kurzer Termin zur + Einsendung einer schriftlichen Begutachtung desselben festzusetzen + sein, damit das Werk _einheitlich_ demnächst in die Oeffentlichkeit + trete und keine nachträgliche Diskussion zu gewärtigen habe. Ob die + Form der einfachen Beiträge oder der Aktienausgabe dabei die + angemessenste wäre, bleibt dem Urtheil der Fachmänner vorbehalten. + + Die Kaiserin würde sich mit einem einmaligen Geschenke von »Eintausend + Mark« daran betheiligen. + +Als _Bernhard v. Langenbeck_ am 28. September 1887 starb, richtete die +Kaiserin ein Schreiben an den damaligen Kultusminister v. _Goßler_, +welches den Vorschlag enthielt, statt eines Denkmales aus Erz oder Stein +(wie es die Berliner Medizinische Gesellschaft plante) eine Stiftung von +praktischer Bedeutung für die Entwicklung der Chirurgie anzustreben und +durch deren Verknüpfung mit _Langenbecks_ Namen das Andenken des großen +Chirurgen dauernd zu ehren. + +So ist der Gedanke eines Vereinshauses für die deutschen Chirurgen und +des Namens, welchen es trägt, nicht nur ganz ausschließlich aus dem +Kopfe der ersten Kaiserin des neuen Deutschen Reiches hervorgegangen, +sondern sie hat auch die Wege gezeigt und die Kräfte in Bewegung +gesetzt, auf welchen und durch welche das Ziel in erreichbare Nähe +gerückt wurde. Das außerordentliche Wohlwollen aber, welches die +_Kaiserin Augusta_ den Bestrebungen der deutschen Chirurgen +entgegenbrachte, hat sie auch auf ihre Nachkommen zu übertragen gewußt, +wie Kaiser _Wilhelm_ II. bei den verschiedensten Gelegenheiten und +Kaiserin _Augusta Viktoria_ bei den alljährlich sich wiederholenden +Empfängen eines Teiles der zum Kongreß versammelten Chirurgen in reichem +Maße dargetan haben. + +Das bewundernswerte, unbeirrte Festhalten an der Verfolgung des einmal +als richtig erkannten Zieles hatte schon vor dem Jahre 1890 die +Durchführung des Baues gesichert; doch sollte die Kaiserin _Augusta_ +dessen Beginn nicht mehr erleben. Am 7. Januar 1890 schloß die edle +Frau, die liebevolle Beschützerin und fleißige Mitarbeiterin an der +Entwicklung der deutschen Chirurgie, nach einem Leben voll rastloser +Tätigkeit die Augen. Ihr Name und ihr Wirken soll und kann unter den +deutschen Chirurgen niemals vergessen werden, die beim Besuche des +Langenbeckhauses durch eine Porträtbüste, ein Geschenk ihres Enkels, +_Kaiser Wilhelms_ II., an die hochherzige Freundin und Beschützerin +deutscher Kunst und Wissenschaft erinnert werden. + +In dem kraftvollen und umsichtigen Nachfolger v. _Langenbecks_ auf dem +Berliner Lehrstuhle für Chirurgie, in _Ernst v. Bergmann_, fanden die +deutschen Ärzte den geeigneten Führer zur Durchsetzung des kaiserlichen +Planes. Der livländische Pfarrerssohn von fast hünenhafter Erscheinung, +mit scharfgeschnittener Hakennase und langgetragenem schlichtem Haar, +war von Dorpat über Würzburg nach Berlin gekommen. Klug und begabt, mit +mächtigen Stimmitteln ausgerüstet, deren Wirkung durch seinen scharfen +baltischen Dialekt noch erhöht wurde, Beherrscher des Wortes, welches er +in unerhörter Leichtigkeit und mit dichterischem Schwunge zu meistern +wußte, Fest- und Gelegenheitsredner ohnegleichen, verband er mit allen +diesen Eigenschaften eine Tatkraft, die vor keinem Hindernis zurückwich. +Freilich kamen ihm in dem besonderen Falle mancherlei Umstände zu Hilfe. +Zunächst hatte die Kaiserin _Augusta_ durch letztwillige Verfügung der +Deutschen Gesellschaft für Chirurgie eine Summe von 10000 Mark zum Bau +eines Langenbeckhauses vermacht, welches bald nach ihrem Ableben in +deren Besitz übergegangen war. Einen noch weit höheren Betrag von +100000 Mark schenkte der deutsche Kaiser _Wilhelm_ II. Eine Sammlung +von Beiträgen zu einem Ehrendenkmale für _Bernhard v. Langenbeck_, die +von der Gesellschaft in Gemeinsamkeit mit der Berliner Medizinischen +Gesellschaft für ihren langjährigen Vorsitzenden veranstaltet worden +war, ergab gleichfalls reiche Mittel in Höhe von fast 100000 Mark. +Ungefähr die gleiche Summe konnte die Kasse der Gesellschaft aus ihren +Ersparnissen beisteuern, so daß unter Hinzurechnung kleinerer Geschenke +am 1. April 1891 eine Summe von mehr als 260000 Mark zur Verfügung +stand. Zur Annahme und Verwaltung dieser Summen war die Gesellschaft +durch die Erteilung der Korporationsrechte befähigt worden, welche der +damalige Vorsitzende v. _Bergmann_ schon am 8. April 1888 beantragt +hatte. + +So konnte denn an den Bau des Hauses herangetreten werden. Am 18. +November 1890 wurde für den Preis von 540000 Mark der Bauplatz in der +Ziegelstraße 10/11 erworben, dessen südliche, an die Spree stoßende +Hälfte der Gesellschaft verblieb, während der nördliche Teil für 300000 +Mark in den Besitz des Staates überging. Die technische Ausführung wurde +dem Berliner Baumeister E. _Schmidt_ übertragen, die Oberaufsicht führte +der Geheime Oberregierungsrat _Spieker_ vom Ministerium der geistlichen, +Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten. Am 4. April 1891 legte in +feierlicher Weise der damalige Vorsitzende _Karl Thiersch_ den +Grundstein des Gebäudes, welches nunmehr so schnell gefördert wurde, daß +es in wenig mehr als einem Jahre vollendet und gebrauchsfähig dastand. + +Der XXI. Kongreß, den man in Rücksicht auf die Fertigstellung bis in den +Juni verlegt hatte, wurde am 8. Juni 1892 mit der Einweihung des +_Langenbeckhauses_ eröffnet. Vor einer glänzenden Versammlung in welcher +der Kaiser durch den Prinzen _Friedrich Leopold_, die Kaiserin durch den +Kabinettsrat _Bodo von dem Knesebeck_, vertreten wurden, hielt der +Vorsitzende _Adolf v. Bardeleben_ die Eröffnungsrede, die in kurzen +Strichen die Vorgeschichte des Baues darlegte. Ihm folgte _Ernst v. +Bergmann_ mit einem formvollendeten Rechenschaftsberichte, in welchem +er in klangvollen Worten, wie sie diesem Meister der Rede bei jeder +Gelegenheit zu Gebote standen, die neuen Aufgaben der Deutschen +Gesellschaft für Chirurgie, die ihr mit dem Vereinshause erwachsen +waren, vorzeichnete. Er schloß mit den Worten: »Wozu v. _Langenbeck_ das +Haus einst bestimmt hat, dazu wachse und blühe es: ein Hort der +naturwissenschaftlichen Medizin, zur Ehre, Zier und Macht des ärztlichen +Standes.« + +So war das erste große ärztliche Vereinshaus Deutschlands seiner +Bestimmung übergeben. -- + +Indessen blieb die Freude über das neue Heim, welches alle Mitglieder +der Gesellschaft gleichmäßig erfüllte, nur wenige Jahre ganz ungetrübt. +Es war wohl eine Folge des ungewöhnlich beschleunigten Baues und die +Lage des Hauses auf einem wenig festen, moorigen Boden, daß die bei +allen neuen steinernen Gebäuden unvermeidlichen Senkungen und +Verschiebungen eine über das Mittelmaß hinausgehende Höhe erreichten. +Fast alljährlich mußten mehr oder weniger erhebliche Summen für +Ausbesserungen ausgegeben werden, welche den Jahreshaushalt zunehmend +belasteten. Und dies war nicht einmal der größte Übelstand, sondern +schon nach wenigen Jahren zeigte sich, daß die Fassungskraft des großen +Sitzungssaales für die alljährlich anschwellende Mitgliederzahl in +seinen Größenverhältnissen zu gering veranschlagt worden sei. + +Auf S. 32 ist bereits von dem schnellen, fast lawinenartigen Anwachsen +der Mitgliederzahl die Rede gewesen, die im Jahre 1900, also 8 Jahre +nach der Einweihung des Langenbeckhauses, das erste Tausend überschritt, +um von da an ein immer schnelleres Zeitmaß einzuschlagen. Der Grund +dafür ist nicht ausschließlich in dem Umstande zu suchen, daß alle Ärzte +des deutschen Sprachgebietes in Europa, soweit sie sich mit Chirurgie +befaßten, es allmählich als eine große Ehre einschätzen lernten, +Mitglieder dieser Gesellschaft zu sein; vielmehr kam als wichtiger +Umstand hinzu, daß die Satzungen auch allen fremdsprachigen Ausländern +in weitherzigster Gastfreundschaft die Tore öffneten. Immerhin blieben +solche Mitglieder, denen das Deutsche nicht Muttersprache war und die +sich nicht als Deutsche fühlten, zunächst noch vereinzelt; aber mit der +wachsenden Bedeutung der Verhandlungen und ihrer oft überaus wichtigen +Entscheidungen in schwebenden Fragen schwoll der Strom der Ausländer +mehr und mehr an, schickten nicht nur alle Völker Europas und der +Kulturnationen Amerikas ihre Vertreter, sondern sie kamen aus allen +Weltteilen. So haben lange Jahre die hervorragendsten Ärzte des +bildungseifrigen Japans als Mitglieder unserer Gesellschaft angehört. +Unter allen Fremden aber haben die slawischen Völker des europäischen +Ostens stets den erheblichsten Bruchteil gestellt. + +Es ist nicht ohne Wichtigkeit, sich klar zu machen, in welchem Umfange +dieser Zustrom Nichtdeutscher zur Mitgliedschaft der Gesellschaft sich +vollzogen hat. Eine Zählung ist allerdings dadurch sehr erschwert, daß +weder Name, noch Wohnort des einzelnen einen sicheren Anhalt für sein +Deutschtum zu geben vermag. Alle Personen zweifelhafter Nationalität +sind daher als Deutsche gerechnet, so daß die aufgestellten Zahlen nur +das Mindestmaß der Fremden wiedergeben. Die in Betracht kommenden Zahlen +betrugen: + + 1872: 130 Mitglieder, darunter 1 Fremder = 0,77 % + 1873: 146 " " 5 Fremde = 3,42 % + 1880: 278 " " 21 Fremde = 7,57 % + 1890: 499 " " 50 Fremde = 10,02 % + 1900: 1025 " " 95 Fremde = 9,26 % + 1910: 2019 " " 338 Fremde = 16,74 % + 1913: 2213 " " 436 Fremde = 19,70 % + +Die Übersicht zeigt nicht nur das ständige und seit 1890 ganz +ungewöhnliche Wachstum der Gesellschaft an Mitgliederzahl, sondern +zugleich die schon früher, seit 1880 einsetzende und unaufhörlich +anschwellende Zunahme der Chirurgen fremder Volksstämme bis fast zum +fünften Teile des Gesamtbestandes. Es ist das ganz gewiß ein Zeichen +großen Vertrauens zu der wissenschaftlichen Chirurgie unseres +Vaterlandes und daher als eine große Ehre zu betrachten; doch darf nicht +übersehen werden, daß darin unter gewissen Umständen auch der Anlaß zu +allerlei Unzuträglichkeiten gelegen sein könnte. + +Gleichgültig, welche Gründe dabei mitwirkten, es blieb eine Tatsache, +daß der zur Verfügung stehende Sitzungssaal für die Zahl der Besucher +nicht ausreichte, zumal da man Jahre hindurch auch noch Freikarten für +viele, nur vorübergehend in Berlin anwesende Ärzte ausgegeben hatte. Und +wenn auch gewöhnlich nicht einmal die Hälfte der Mitglieder zu den +Kongreßverhandlungen sich einstellte, so war selbst für diese der Raum +schon unzureichend. Es blieb ein ungewöhnlicher und geradezu +unerträglicher Zustand, daß die nach Berlin eilenden Mitglieder mit +Sicherheit nicht einmal auf einen Stehplatz rechnen durften. Die +Mißstände wurden endlich so erheblich und die berechtigten Klagen der +Mitglieder so groß, daß der Vorstand mehrfach bauliche Veränderungen +versuchte, die zwar kostspielig waren, eine befriedigende Lösung aber +nicht herbeizuführen vermochten, bis er sich endlich im Jahre 1911 +entschloß, für den nächstjährigen Kongreß den größesten, in Berlin zur +Verfügung stehenden Saal, den Beethovensaal der Philharmonie in der +Köthener Straße, zu mieten. In ihm sind die Kongresse von 1912 und 1913 +abgehalten worden; und, da auch hier besonders die Akustik zu wünschen +übrig ließ, so wurde für das Jahr 1914 ein anderer Saal in der +Akademischen Hochschule für bildende Künste in der Hardenbergstraße zu +Charlottenburg gemietet. Hier hat der Kongreß von 1914 stattgefunden. +Das mit vieler Mühe und großen Kosten erbaute Langenbeckhaus war demnach +seiner eigentlichen Bestimmung entzogen und diente nur noch für die +Vorstandsversammlungen und zur Aufbewahrung der allmählich, +hauptsächlich durch Schenkungen mehr und mehr anwachsenden +Büchersammlung der Gesellschaft. Auch dieser Notbehelf blieb auf die +Dauer unerträglich. Alljährlich beschäftigte sich der Vorstand mit neuen +Plänen, bis unter ihnen einer auftauchte, der langsam festere Gestalt +annahm. + +Bald nach dem Tode _Rudolf Virchows_ am 5. September 1902, des +langjährigen Vorsitzenden der Berliner Medizinischen Gesellschaft, hatte +diese den Plan erwogen, gleichfalls ein eigenes Vereinshaus zu gründen +und ihm den Namen _Rudolf-Virchow-Haus_ beizulegen. Der Gedanke konnte +nur unter der Bedingung Aussicht auf baldige Gestaltung gewinnen, wenn +die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie, deren räumliche Nöte nicht +unbekannt geblieben waren, sich entschloß, mit ihren ziemlich reichen +Mitteln als gleichwertige Teilhaberin in das Unternehmen einzutreten. +Der Plan ging dahin, auf einem gemeinsam zu erwerbenden Grundstücke ein +_Langenbeck-Virchow-Haus_ zu errichten, dessen eine Hälfte je eine der +beiden Gesellschaften zur ausschließlichen Benutzung erhalten sollte; +nur der in der Mitte zu erbauende, möglichst umfangreich zu gestaltende +Sitzungssaal sollte beiden Teilhabern zur Verfügung stehen. Die +Verhandlungen haben sich jahrelang hingezogen, da die Chirurgen erst +dann zu festen Abmachungen gelangen konnten, wenn das alte +Langenbeckhaus zu einem annehmbaren Preise verkauft oder der Verkauf +gesichert war. An diesem Punkte stockten die Verhandlungen, da das +preußische Kultusministerium, hinter dem der Finanzminister stand, den +Ankauf immer von neuem hinausschob. Inzwischen hatte aber die Berliner +Medizinische Gesellschaft zwei Grundstücke in der Luisenstraße 58/59 +erworben und drängte zum Abschluß, weil jede Verzögerung erhebliche +Verzugszinsen kostete. Da sie sich während der Verhandlungen, in welchen +die Umsicht und Tatkraft des ersten Schriftführers der Deutschen +Gesellschaft für Chirurgie _Werner Körte_ von ausschlaggebendem +Einflusse war, auch bereit erklärt hatte, den gemeinsamen Saal mit etwa +900 Sitzplätzen und 100 Stehplätzen zu versehen, wie der Ausschuß der +Chirurgen es forderte, so wurde am 3. Januar 1914 der bindende Vertrag +zwischen beiden Gesellschaften abgeschlossen. Freilich war das +Langenbeckhaus damals noch nicht verkauft; doch kam der Vertrag mit dem +Kultusministerium am 20. März desselben Jahres endlich zustande. Im Mai +1915 dürfte der Neubau in Gebrauch genommen werden können und damit ein +langjähriger Wunsch der an den Kongressen sich beteiligenden Chirurgen +Erfüllung finden. + + + + + _Vierter Abschnitt._ + + Wandlungen und Eroberungen auf dem Gebiete der allgemeinen Chirurgie. + + +Unter den Entdeckungen und Erfindungen, welche im letzten Drittel des +19. Jahrhunderts gleich einem mächtigen unterirdischen Strome, der +plötzlich gewaltsam aus der Erde hervorbricht, die Chirurgie zu +unerhörten Leistungen emporgetragen haben, ist zunächst nur die eine, +die neue Form der Wundbehandlung besprochen worden. Und zwar mit Recht; +denn auf ihr beruht weitaus in erster Linie der ungeheure Aufschwung der +die rückschauende Seele mit freudigem Erstaunen erfüllt. Immerhin stehen +neben ihr noch eine Anzahl anderer Kräfte, deren Besprechung zur +Vervollständigung des entworfenen Bildes nicht übergangen werden darf. + + + + + Kapitel IX. + + Wandlungen der allgemeinen Therapie. + + +_Die Methoden zur Herbeiführung der Schmerzlosigkeit_. Wir nennen an +erster Stelle die Bemühungen, welche darauf abzielten, die +wundärztlichen Eingriffe am menschlichen Körper entweder ganz schmerzlos +oder wenigstens leicht erträglich zu gestalten; und zwar nicht nur +deshalb, weil sie ein schon älteres, in die Zeit vor _Listers_ +Antisepsis zurückreichendes Hilfsmittel des Chirurgen darstellen, +sondern zugleich aus dem Grunde, weil manche der durch die neue +Wundbehandlung möglich gewordenen Eingriffe ohne sie dem Kranken nicht +hätten zugemutet werden können. + +Bis weit ins Altertum hinein lassen sich die in dieser Richtung +angestellten Versuche verfolgen. Am häufigsten bediente man sich der +Abkochungen narkotischer Mittel, die dem Kranken innerlich verabreicht +wurden; und unter diesen stand in erster Linie ein aus der Atropa +Mandragora bereiteter Trank, einer Pflanze, welche als zauberkräftige +Alraunwurzel in deutschen Sagen und Märchen während des ganzen +Mittelalters eine hervorragende Rolle gespielt hat. Durch _Guy de +Chauliac_ erfahren wir, daß auch narkotische _Einatmungen_ schon von den +Wundärzten des 13. Jahrhunderts angewandt worden sind; und selbst die +Versuche _örtliche_ Gefühllosigkeit zu erzeugen, reichen bis in das +Altertum zurück. Aber alles das blieb in den Anfängen stecken, wurde +später vergessen und erlebte erst unter der Entwicklung der Chemie im +19. Jahrhundert einen plötzlichen und nunmehr nachhaltigen Aufschwung. + +Die damals beginnende Bewegung setzte sich die Herbeiführung einer +_allgemeinen Gefühllosigkeit des ganzen Körpers_ zum Ziele. Die ersten +Versuche betrafen Einatmungen des schon im Jahre 1776 von dem englischen +Prediger _Priestley_ entdeckten _Stickstoffoxyduls_, in Deutschland +Lust- oder Lachgas genannt, auf dessen narkotische Eigenschaften im Jahre +1800 der Chemiker _Humphry Davy_ hinwies. Sehr langsam indessen gewann +der Gedanke durch Gaseinatmungen die Operationen schmerzlos zu +gestalten, an Boden, wenn auch hier und da kleinere Eingriffe unter +Beihilfe dieses Gases vorgenommen wurden. Aber die Unhandlichkeit der +Verwendung und die Kürze der damit erzielten Betäubung standen einer +schnellen Ausbreitung des Verfahrens im Wege. So konnte denn auch der +amerikanische Zahnarzt _Horace Wells_, der sich seit 1844 der Sache +besonders eifrig angenommen hatte, damit nicht durchdringen und endete +durch Selbstmord, als er sich des Ruhmes seiner Anstrengungen durch das +Emporkommen eines neuen Mittels entrissen sah. Dies neue +Betäubungsmittel war der _Schwefeläther_, welchen als erster der +deutsche Arzt _Long_ in Athen im Anfange der vierziger Jahre als +Hilfsmittel bei Operationen gebrauchte, seine Versuche aber so spät +veröffentlichte, daß zwei Amerikaner, der Chemiker _Jackson_ und der +Zahnarzt _Morton_, denen sich späterhin als dritter noch der Wundarzt +_Warren_ vom Massachusettshospital in Boston hinzugesellte, als die +Väter der Äthernarkose angesehen zu werden pflegen. Auch die beiden +Erstgenannten wurden von der Erfindertragik ereilt: _Jackson_ wurde +geisteskrank, _Morton_ starb im Elend. Denn inzwischen war auch dem +Äther ein neuer und, wie sich bald zeigte, der gefährlichste Gegner +erwachsen. + +Das von _Liebig_ in Gießen und _Soubeiran_ in Paris im Jahre 1831 etwa +gleichzeitig entdeckte _Chloroform_ wurde nach Tierversuchen des +Physiologen _Flourens_ als ein sehr wirksames narkotisches Mittel +anerkannt. Das Verdienst aber, solches in die medizinisch-chirurgische +Praxis eingeführt zu haben, gebührt dem berühmten Edinburgher +Gynäkologen _James Young Simpson_, der im März 1847 zuerst die +Äthernarkose aufgenommen hatte, im November desselben Jahres aber +bereits das Chloroform als Betäubungsmittel dringend empfahl. Ein +eigentümlicher Zufall war, wie erzählt wird, nahe daran, noch im letzten +Augenblicke der Menschheit die ihr bevorstehende Wohltat wenn auch nicht +auf immer, so doch sicherlich für längere Zeit zu entziehen. _Simpson_ +wollte das neue Mittel zum ersten Male bei der Operation eines +eingeklemmten Bruches versuchen; durch eine Ungeschicklichkeit ging aber +der ganze Chloroformvorrat noch vor dem Beginne verloren. Als nun ohne +Betäubung der erste Schnitt gemacht wurde, sank die Frau zusammen und +starb. Es handelte sich um einen jener Fälle von tödlicher +Nervenerschütterung, die in älterer wie in neuerer Zeit, wenn auch +glücklicherweise sehr selten, beobachtet worden sind. Man stelle sich +aber die Wirkung vor, wenn bei einer, wahrscheinlich sehr vorsichtigen +und unvollkommenen Anwendung des Chloroforms, ein gleicher Vorgang sich +ereignet hätte! + +Von nun an trat das Chloroform, ungeachtet aller Anfeindungen, einen +Siegeszug über die ganze Erde an. In Deutschland war es bereits im 7. +Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts im allgemeinen und fast ausschließlichen +Gebrauche, so vollständig, daß der Schwefeläther, dem doch Männer wie +_Dieffenbach_ in Berlin, _Schuh_ in Wien und _Pirogoff_ in Petersburg +eingehende Studien gewidmet hatten, nahezu in Vergessenheit geriet. Nur +in den Vereinigten Staaten von Amerika, dem Mutterlande der +Äthernarkose, ist man bis zur Gegenwart dem Äther niemals ganz untreu +geworden. + +Indessen dauerte es nicht allzu lange, bis auch die schlimmen Seiten des +an sich so überaus wohltätigen neuen Mittels in die Erscheinung traten. +Todesfälle, zuweilen in entsetzlicher Häufung und um so +niederschmetternder, als sie nicht selten lange Reihen guter Erfolge +ablösten, drängten den Wundärzten die Frage nach der Ursache solcher +Erscheinungen mit brutaler Heftigkeit auf. Wohl gab es einzelne +Chirurgen, die, durch gute Erfahrungen lange Zeit verwöhnt, alles auf +Unachtsamkeit und Mißgriffe schoben, bis sie selber vom Schicksale +ereilt wurden. So erging es _Simpson_, der erst nach langjähriger +Tätigkeit den ersten Chloroformtod erlebte, so _Gustav Simon_ in +Heidelberg, der in seinen Vorlesungen immer die Schuld des Chirurgen +betont hatte, so v. _Dumreicher_ in Wien, der nach einem Chloroformtode +auf der Nachbarklinik einen klinischen Vortrag gleicher Richtung hielt, +aber im unmittelbaren Anschluß daran einen Kranken verlor. Keiner blieb +auf die Dauer verschont, so daß die erfahrenen Ärzte stets mit einem +leichten Gefühle des Grausens an die Narkose herangingen. Allein wie +groß die Gefahr denn eigentlich war, das vermochte der einzelne +Beobachter aus seiner eigenen Erfahrung heraus nicht zu beurteilen. Dazu +gehörten große, umfassende Zahlen und diese zu beschaffen setzte sich +die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie zur Aufgabe. + +Auf dem XIX. Kongreß von 1890 hielt _Kappeler_, leitender Arzt in dem +schweizerischen Münsterlingen, einen Vortrag: »Beiträge zur Lehre von +den Anästheticis«, an dessen Schluß er dem vom Vorsitzenden _Ernst v. +Bergmann_ lebhaft unterstützten Wunsche Ausdruck gab, die Gesellschaft +möge eigene Erfahrungen in Gestalt einer Sammelforschung über +verschiedene Betäubungsmittel aufzubringen versuchen. Die mühsame Arbeit +der Sichtung und Zusammenstellung übernahm _Ernst Gurlt_, der auf dem +Kongreß von 1891 seinen ersten, auf dem von 1897 seinen letzten +zusammenfassenden Bericht erstattete. Er bringt ein Gesamtmaterial von +330429 Narkosen mit verschiedenen Betäubungsmitteln, die eine +Sterblichkeit von 1 Todesfall auf 2429 ergeben. Davon entfallen auf das +Chloroform 240806 Narkosen mit 116 Todesfällen, also 1 Todesfall auf +2075 Anwendungen, während 56233 Ätherbetäubungen 11 Opfer forderten, +d. h. 1 auf 5112. + +Schon aus diesen Zahlen erhellt die Erkenntnis, daß die Anwendung der +_Äthernarkosen_, für welche schon auf demselben XIX. Chirurgenkongreß +P. _Bruns_ auf Grund seiner praktischen Erfahrungen und tachometrischen +Pulsuntersuchungen entschieden eintrat, erheblich ungefährlicher ist als +das Chloroform; denn wenn auch die _Gurlt_sche Statistik noch wenig von +den unangenehmen und nicht selten tödlichen Nachkrankheiten des Äthers +im Bereiche der Luftwege zu sagen weiß, auf die man bald in immer +stärkerem Maße aufmerksam wurde, so blieb doch der Eindruck, den sie +einmal hervorgerufen hatte, mächtig genug, um dem Äther wiederum eine +umfangreichere Verwendung zu sichern. Selbst _Johann v. Mikulicz_, der +auf dem Kongreß von 1901 einen ausgezeichneten Vortrag: »Die Methoden +der Schmerzbetäubung und ihre gegenseitige Abgrenzung« hielt, in welchem +er über 98539 Inhalationsnarkosen und 103064 örtliche Anästhesien +schlesischer Ärzte berichtet, stellt zwar, unter Berücksichtigung der +Nachkrankheiten, für das Chloroform eine Sterblichkeit von 1:1683, für +den Äther eine erheblich höhere Zahl von 1:1044 fest, nimmt aber dennoch +auf Grund eigener Beobachtungen für das Chloroform eine größere +Gefährlichkeit an, als sie dem Äther eignet. Die _Neuber_sche Statistik +von 1908, welche über 71052 Narkosen berichtet, hat diese Anschauungen +im allgemeinen bestätigt; sie ergibt für Chloroform eine Sterblichkeit +von 1:2060, für Äther von 1:5930, für Skopolaminmischnarkosen von +1:4762, für Mischnarkosen nach _Schleich_, _Körte_, _Parker_, freilich +nur in der Zahl von 1748 Anwendungen, _keinen_ Todesfall. + +Hand in Hand mit dem Studium der Todesursachen in den einzelnen Fällen +gingen die Versuche, den Gefahren durch eine aufmerksamere Darreichung +des Betäubungsmittels zu begegnen. In den angelsächsischen Ländern +bediente man sich schon seit Jahrzehnten des Kunstgriffes, eigene +Gehilfen nur für die Betäubung zu erziehen, die ihre Aufmerksamkeit +ausschließlich der Narkose zuzuwenden hatten und für deren guten Verlauf +verantwortlich waren. Auch in Deutschland ging man hier und da zu diesem +Verfahren über, mußte aber bald die Überzeugung gewinnen, daß eine +nennenswerte Abnahme der Todesfälle dennoch nicht erzielt wurde. +Vielmehr sah man ein neues schweres Bedenken in dem Umstände auftauchen, +daß manche Gehilfen, um nicht mitten im blutigen Eingriffe eine Störung +herbeizuführen, die Meldung gefahrdrohender Erscheinungen ungebührlich +lange verzögerten. Eine große Zahl von neuen Darreichungsmethoden +mittels zum Teil fein ersonnener Instrumente führten keineswegs zum +ersehnten Ziele, wenn auch die wachsende Vorsicht manche Besserung der +Verhältnisse erzwang. So gelangte man denn zu den Mischnarkosen, um die +notwendige Menge des Einzelgiftes herabzumindern und dennoch die gleiche +Wirkung zu erzielen. Diesen Weg betrat zuerst, schon im Jahre 1850, der +Zahnarzt _Weiger_ in Wien mit einer Mischung von 9 Teilen Äther auf 1 +Teil Chloroform. Das englische Chloroformkomitee setzte dem Äther und +Chloroform noch Alkohol im Verhältnis von 3:2:1 hinzu, welches Gemisch +_Billroth_ dahin veränderte, daß er auf Chloroform 100 je 30 Teile Äther +und Alkohol fügte. Endlich stellte _Karl Ludwig Schleich_ in Berlin +verschiedene Flüssigkeitsmischungen von einem willkürlich gewählten +Siedepunkte zusammen, von der Voraussetzung ausgehend, daß ein +Betäubungsmittel um so leichter in den Körper aufgenommen, zugleich aber +um so leichter wieder ausgeschieden werde, je flüchtiger es sei. +_Schleichs_ Siedegemische haben sich praktisch als brauchbar erwiesen, +ohne indessen den genannten Mischungen überlegen zu sein; seine +physikalischen Voraussetzungen aber sind nicht unbestritten geblieben +(_Honigmann_, H. _Braun_). + +Noch in einer anderer Weise hat man die Menge des zuzuführenden +Betäubungsmittels und damit auch seine Giftwirkung zu verringern +versucht, indem man nämlich ein Schlafmittel (Morphin, Skopolamin, +Veronal) kürzere oder längere Zeit dem Narkotikum vorauf schickte. Es +scheint in der Tat damit eine Herabminderung der Gefahren erreicht +worden zu sein. Endlich ist durch Einführung des sogenannten +_Ätherrausches_ (_Sudeck_), der freilich nur bei ganz kurze Zeit +dauernden Operationen angewandt werden kann, die Menge des +Betäubungsmittels so verringert worden, daß fast jede Spur von Gefahr +vermieden wird. + +Daneben haben freilich die Versuche der durch die chemischen Fabriken +lebhaft unterstützten Ärzte, neue und immer weniger gefährliche +Betäubungsmittel zu finden, niemals aufgehört. Wie auf einer Wandelbühne +gingen, für den praktischen Wundarzt fast sinnverwirrend, immer neue +Mittel auf, um nach einer kurzen Zeitspanne des Glanzes zu verlöschen +und mehr oder weniger der Vergessenheit zu verfallen. Unter den +zahllosen Neuerungen der zwei Jahrzehnte nach 1891 seien nur zwei +genannt, das _Bromäthyl_ und das _Pental_, ersteres, weil manche +hervorragende Chirurgen längere Zeit an ihm festgehalten haben, +letzteres, weil es wohl als das gefährlichste aller Betäubungsmittel +angesehen werden muß. Die _Gurlt_sche Statistik berechnet seine +Tödlichkeit auf 1:213. + + * * * * * + +Blieben so Chloroform und Äther unverrückt auf ihrem hervorragenden +Platze stehen, so erwuchs ihrer Anwendung doch von anderer Seite her +eine überaus dankenswerte Ergänzung in den verschiedenen Maßnahmen, um +eine _örtliche Empfindungslosigkeit_ herbeizuführen. Schon seit dem +Jahre 1866 war der Zerstäuber des Engländers _Richardson_ dazu benützt +worden, um durch den schnell verdunstenden Äther eine Vereisungs- und +Erfrierungszone an der Körperoberfläche zu erzeugen in deren Bereich +kleine, schnell ausführbare Eingriffe schmerzlos vorgenommen werden +konnten. Die Methode ist, nur unbedeutend abgeändert, in dauerndem +Gebrauch geblieben. Aber der durch sie wiederum angeregte Gedanke der +Herbeiführung einer örtlichen Empfindungslosigkeit erhielt einen neuen +Anstoß zu weiterer Ausgestaltung, die sich ganz an die Entdeckung des +Kokains knüpft. Dies von den Andenindianern Südamerikas schon seit +Jahrhunderten benutzte Mittel wurde in die europäische Medizin im Jahre +1884 durch den Wiener Arzt C. _Koller_ eingeführt, zunächst nur zu dem +Zwecke, Schleimhautflächen, insbesondere die Bindehaut des Auges, +unempfindlich zu machen. Einige Chirurgen hatten auch bereits begonnen, +das Alkaloid zu Einspritzungen unter die Haut zu verwenden, als _Karl +Ludwig Schleich_ vor den Kongreß von 1892 mit einer gut ausgearbeiteten +Methode trat, welche auch ausgedehnte und langdauernde Operationen +schmerzlos und fast ohne jede Gefahr auszuführen erlaubte. Es ist sehr +bedauerlich, daß die mindestens etwas unvorsichtige Art des +Einführungsvortrages den heftigen Widerspruch des damaligen Vorsitzenden +_Adolf v. Bardeleben_ und mit ihm des gesamten Kongresses hervorrief, +wodurch _Schleichs_ vorzügliche Idee auf ihrem Wege zur praktischen +Betätigung für viele Jahre eine starke Behinderung erfuhr; aber +durchgesetzt hat sie sich trotzdem und dem Erfinder ist der Ruhm +geblieben, daß er die Chirurgie und damit die leidende Menschheit mit +einem nahezu gefahrlosen örtlichen Betäubungsmittel beschenkt hat. Wenn +es ihm auch nicht gelungen ist, die Einatmungsnarkosen zu verdrängen, +wie er ursprünglich gehofft hatte, so hat er sie doch nicht unwesentlich +eingeschränkt und damit die Narkosengefahr in sehr merkbarer Weise +herabgesetzt. Die _Schleich_sche Infiltrationsanästhesie gehört +zweifellos zu den Ruhmesblättern deutscher Chirurgie. + +Es kann diesem Ruhme keinen wesentlichen Eintrag tun, daß die von +_Schleich_ ausgebildete Methode bereits vielfach überholt worden ist. +_Heinrich Braun_ (Zwickau), der in einer mustergültigen Arbeit vom Jahre +1905 (2. Aufl. 1907) alle bei der örtlichen Betäubung in Frage +kommenden Verhältnisse einer eingehenden Würdigung unterzog, hat durch +Zusatz von Nebennierenpräparaten die Wirksamkeit und Dauer der +Kokainanästhesie in ungeahnter Weise erhöht und damit nicht nur die +Operationen fast unblutig gemacht, sondern auch die Vergiftungsgefahr +ganz erheblich vermindert. Letztere ist auch dadurch noch weiter +herabgesetzt worden, daß Ersatzmittel des Kokains, insbesondere das +Novokain, gefunden wurden, welche an sich erheblich weniger giftig sind +als das ursprüngliche Alkaloid. So ist das Verfahren selbst bei großen +und eingreifenden Operationen fast vollkommen unschädlich geworden. + +Die _Braun_schen Abänderungen haben sich auch für die Fortbildung +anderer, älterer wie neuerer Verfahren sehr nützlich erwiesen: so +zunächst für die von _Oberst_ (Halle) schon im Jahre 1890 angegebene +Methode der Fingeranästhesie mittels zweier Einspritzungen von Kokain +längs des Verlaufes der beiden Fingernerven. Sehr viel wichtiger aber, +weil in unendlich größerer Ausdehnung verwendbar, war die im Jahre 1899 +beschriebene Methode _August Biers_, damals in Kiel, zur _Anästhesierung +des Rückenmarkes_ mittels Einspritzung des Betäubungsmittels in den Sack +der harten Rückenmarkshaut, eine Methode, welche im Anschluß an +_Heinrich Quinckes_ Lumbalpunktion erdacht worden war. Wenn sich auch +das Kokain als solches bald als zu gefährlich erwies, weil es allerlei +schwere Erscheinungen, Nachkrankheiten, selbst Todesfälle hervorrief, so +hat man doch von einem Verfahren nicht absehen zu müssen geglaubt, +welches ursprünglich nur die Operationen bis zur Nabelhöhe, später aber +in seiner Vervollkommnung einen noch größeren Teil des Körpers, bei +Erhaltung des Bewußtseins, unempfindlich zu machen gestattete. Mittels +Ersatzes des Kokains durch verwandte Stoffe (Novokain und Tropakokain) +lernte man auch die Gefahren herabmindern, die schließlich auf dem Wege +der Mischung des Betäubungsmittels mit Adrenalin (H. _Braun_ -- Zwickau) +oder mit Strychnin (_Jonnescu_) oder einer zweiten Lumbalpunktion zur +Verminderung des Flüssigkeitsdruckes (E. _Küster_) auf ein so geringes +Maß herabgesetzt wurden, daß heute _Biers_ Erfindung als eine glänzende +Errungenschaft der neueren Chirurgie zur Bekämpfung der +Operationsgefahren angesehen werden muß. Sie ist freilich in neuerer +Zeit durch die weitere Ausbildung der örtlichen Betäubung in ihrer +Anwendung etwas beschränkt worden. + +Wenn wir zum Schluß auf all die zahlreichen Mittel, welche erdacht +wurden, um dem Menschengeschlechte den Operationsschmerz zu ersparen +oder zu lindern, einen prüfenden Rückblick werfen, so sind wir zu dem +Geständnis gezwungen, daß deren keines vorhanden ist, welches, wie +_Mikulicz_ sich ausdrückt, im mathematischen Sinn, d. h. gänzlich und +unter allen Umständen gefahrlos ist. Eines schickt sich nicht für alle. +Der heutige Wundarzt weiß, daß er stets mit der ungeheuren individuellen +Verschiedenheit zu rechnen hat, welche die Zellen des menschlichen +Körpers jeder kraftmindernden Einwirkung, möge sie ererbt oder durch +Alter, Verletzung und Krankheit erworben sein, an Widerstandskraft +entgegenzustellen vermögen. Alle diese Veränderungen zu erkennen +befähigt uns auch heute noch nicht eine aufs feinste entwickelte +Diagnostik; aber sie hat den Arzt diesem Ziele wenigstens näher +gebracht. Wenn ihm daraus die Möglichkeit erwachsen ist, jedem Kranken +ohne Ausnahme den Schmerz zu ersparen, so doch auch zugleich die +Pflicht, unter der Fülle der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel das für +den Fall passendste auszuwählen. Das Studium der physiologischen +Wirkungen aller Betäubungsmittel hat aber nicht allein die Möglichkeit +geschaffen, unter ihnen von vornherein eine geeignete Wahl zu treffen, +sondern auch die weitere, ein Mittel durch ein anderes zu ersetzen, +sobald ersteres irgendwelche bedrohlichen Erscheinungen hervorruft. Nur +auf diesem Wege ist eine Vervollkommnung der wissenschaftlich geleiteten +Narkose noch zu erwarten; aber schon jetzt darf der Hoffnung Ausdruck +gegeben werden, daß das drohende Gespenst des Narkosentodes, welches +einst den Weg des handelnden Wundarztes bei jedem Schritte begleitete, +zwar niemals gänzlich verschwinden, aber für gewöhnlich doch zu einer +freundlichen Lichtgestalt sich umwandeln werde, die den Kranken und +Elenden mit sanfter Hand über Schmerz und Qual hinaushebt. + + * * * * * + +Eins der schönsten Geschenke erhielt die Deutsche Gesellschaft für +Chirurgie schon auf ihrem zweiten Kongreß vom Jahre 1873 in _Friedrich +Esmarchs_, des berühmten Kieler Chirurgen, Mitteilung über seine +_Methode, künstliche Blutleere_ an den Gliedmaßen herbeizuführen und +Operationen an ihnen dadurch vollkommen blutlos zu gestalten. Die Frage +der Beherrschung eines allzu reichlichen Blutverlustes hatte die +Chirurgen schon seit dem Altertum fast fortdauernd beschäftigt, selbst +in solchen Zeiten, in welchen die Medizin methodische Blutentziehungen, +sowohl am ganzen Körper, wie insbesondere an erkrankten Gliedern, nicht +entbehren zu können glaubte. Des Rätsels Lösung, wie dies Ziel +erreichbar sei, brachte _Esmarchs_ Methode wenigstens für die +Extremitäten. + +Es ist müßig, zu erörtern, ob das Verdienst der Erfindung wirklich +_Esmarch_, oder nicht vielmehr seinem damaligen Assistenten +J. _Petersen_ oder gar seinem Oberwärter _Carstens_ zugeschrieben werden +müsse, da letzterer eines Tages, wie erzählt wird, anstatt der bisher +üblichen leinenen, eine elastische Gummibinde zum Einwickeln eines +abzusetzenden Gliedes überreicht habe. Schon Jahre zuvor hatte _Esmarch_ +sich bemüht, durch sehr feste Einwicklung mit leinenen Binden und +darauffolgende Abschnürung an einem höher hinauf gelegenen Punkte die +Blutung an den Gliedmaßen auf ein bescheidenes Maß herabzumindern, wie +es vor ihm wohl auch manche andere Chirurgen schon versucht hatten. Der +Gedanke gehört also im wesentlichen ihm allein und für diese Auffassung +spielt das bessere Material, welches ihm oder seinem Assistenten der +Geistesblitz eines ungebildeten Mannes in die Hand legte, um so weniger +eine Rolle, als der erfahrene Wundarzt sofort die großen Vorzüge, die +weit überlegene Benutzbarkeit des neuen Stoffes erkannte. Mit +fieberhafter Schnelligkeit und mit überraschenden Erfolgen wurde nunmehr +die Methode ausgebildet, welche seitdem unzählige Kranke vor der durch +starken Blutverlust erzeugten Schwäche bewahrt und ihnen Gesundheit und +Leben erhalten hat. Sie gehört zum festen Bestande der Chirurgie der +gesamten gebildeten Welt. + +Daß _Esmarchs_ elastische Binde auch weiter als Mittel zur vorläufigen +Blutstillung benutzt und daß in seinen Samariterkursen das sehr einfache +Verfahren zur Verhütung schwerer Blutverluste auch zahlreichen +Laienhänden eingeübt wurde, sei nur nebenbei erwähnt. + +In _Friedrich Trendelenburgs_ Beckenhochlagerung vom Jahre 1892 hat die +Methode der Blutersparung einen neuen, höchst wertvollen Sproß +getrieben, und durch die Anwendung der Nebennierenpräparate ist die +Möglichkeit der Blutersparung für _alle_ Operationen geschaffen worden. + +Noch ein weiteres Verfahren entwickelte sich aus der in Schwang +gekommenen Anwendung der elastischen Binde: ihre Benutzung zur +Blutstauung, um dadurch heilend auf krankhafte Vorgänge verschiedener +Art zu wirken. + +Schon seit 1895 hatte _Bier_ fortgesetzt Studien über »_Hyperämie als +Heilmittel_« gemacht, die er in verschiedener Weise, durch heiße Luft, +heißes Wasser, endlich durch venöse Stauung, hervorbrachte und erprobte. +Nach vielen kleineren Veröffentlichungen erschien unter genanntem Titel +im Jahre 1905 eine Einzelschrift, welche seitdem viele Verbesserungen +und Vermehrungen in zahlreichen Auflagen erlebte, als bester Beweis für +den großen Anklang, den die neue Behandlungsmethode bei den Fachgenossen +gefunden hat. Die Einfachheit und Zweckmäßigkeit des Verfahrens, welches +die elastische Binde möglich machte und welches _Bier_ bis in alle +Einzelheiten praktisch ausgebildet hatte, gewann der Methode reichlich +Anhänger, sowohl für die Behandlung akuter Entzündungen, zumal an den +Fingern, als auch zur Heilung tuberkulöser Erkrankungen, in erster Linie +der Knochen und Gelenke. Auch die »_Bier_sche _Stauung_« dürfte fortan +als ein fester Bestand unseres Heilmittelvorrates zu gelten haben. + + * * * * * + +Zu den bisher besprochenen Hilfsmitteln der Chirurgie gesellt sich als +letztes ein solches, welches weniger für die Behandlung als für die +Erkenntnis der Krankheiten eine stets wachsende Bedeutung gewonnen hat. +Im Dezember 1895 veröffentliche _Wilhelm Röntgen_, Professor der Physik +in München, eine kleine Schrift, in welcher er die überraschende +Mitteilung machte, daß es ihm gelungen sei, unter Benutzung der +_Hittorf_schen Röhre Kathodenstrahlen zu erzeugen mit der merkwürdigen +Fähigkeit, jeden Körper, dessen Schichten nicht gar zu dicht sind, zu +durchdringen. Wie ein Geisterleib erschien der menschliche Körper nur +in zarten Umrissen auf dem die Strahlen auffangenden Schirme und nur das +Knochengerüst, sowie alle dicken metallischen Gegenstände und +dichtgeschichteten Mineralien warfen deutliche Schatten Die Aufnahme des +Verfahrens in den wundärztlichen Betrieb erfolgte zunächst langsam und +zögernd. Zwar wurde es bald genug klar, welch ausgezeichnetes Mittel man +in den _Röntgen_schen Kathodenstrahlen für die Erkenntnis der +Besonderheiten der Knochenverletzungen und deren rechtzeitiger +Beeinflussung während der Heilung besaß, daß auch Sitz und Eigenart der +in den menschlichen Leib eingedrungenen Fremdkörper, soweit sie +metallischer Natur waren, aufs genaueste festgestellt werden könnten; +aber es dauerte doch mehrere Jahre, bis die Vervollkommnung der Apparate +und das verfeinerte Studium der physikalischen Bedingungen auch die +Zustände innerer Organe dem prüfenden Auge des vorgebildeten Beschauers +zugängig machen konnten. Und wenn auch die sehr hochgespannten +Hoffnungen der Laienwelt, daß es fortan möglich sein werde, die +krankhaften Veränderungen des Körpers wie auf einer Landkarte zu sehen, +sich nur zu einem kleinen Teile erfüllt haben, so war doch der Gewinn +für die an eine genaue Erkenntnis geknüpfte Behandlung chirurgischer +und innerer Leiden so groß, daß weder die Regierungen der einzelnen +deutschen Bundesstaaten, noch die Gemeindevertretungen, noch Vereine +sich der Aufgabe entziehen konnten, ihre Kliniken, sowie große und +kleine Krankenanstalten mit Durchleuchtungsvorrichtungen in vollem +Umfange zu versehen. Die fast märchenhaft erscheinende Entdeckung +_Röntgens_, welche den wissenschaftlichen Aufschwung des 19. +Jahrhunderts würdig abschloß, hat sich von ihrem deutschen Mutterboden +schnell über die ganze Erde verbreitet. Von ihr erhielten die +wissenschaftliche und praktische Chirurgie und deren Schmerzenskind, die +Unfallheilkunde, ferner die innere Medizin, die Geburtskunde, überhaupt +fast sämtliche Gebiete der praktischen Medizin einen ungeheuren +Auftrieb; und wenn auch die heilenden Eigenschaften der Röntgenstrahlen +den Erwartungen, welche menschlicher Optimismus an sie knüpfte, zunächst +nur in bescheidenem Maße gerecht geworden sind, so ist doch die +Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß eine immer mehr sich verfeinernde +Technik der leidenden Menschheit noch manche wertvolle und überraschende +Gabe zum Geschenk machen werde. + +Gleiches läßt sich von den beiden Stoffen sagen, die als Heilmittel in +neuester Zeit mit den Röntgenstrahlen in Wettbewerb getreten sind, dem +_Radium_ und _Mesothorium_. Ihre unmittelbare Wirkung ist überraschend +groß, Art und Dauer derselben aber noch zweifelhaft. + + * * * * * + +Die von Anfang an außerordentlichen Erfolge der neuen Wundbehandlung, +die sich zudem noch von Jahr zu Jahr verbesserten, führten zunächst eine +Umwandlung und Vermehrung der Werkzeuge, sowie wesentliche +_Veränderungen der operativen Technik_ herbei. Bald genug wurde es +nämlich klar, daß die alten Instrumente mit Holz- oder Horngriffen, +überhaupt alle aus mehreren Stücken zusammengesetzten Vorrichtungen, +niemals mit Sicherheit keimfrei zu machen waren, weil der fettige, +keimreiche Schmutz in den Spalten und Ecken weder durch chemische, noch +durch physikalische Mittel sicher beseitigt werden konnte. Man verfiel +daher, um der daraus erwachsenden Gefahr zu begegnen, auf ganz metallene +Werkzeuge, entweder aus einem einzigen Stück gearbeitet oder, wenn dies +aus irgendeinem Grunde nicht angängig war, mit einem Griffe aus einer +dünnen Platte, die aufs sorgfältigste an das Hauptstück angelötet wurde. +Alle Ecken und Winkel mußten nach Möglichkeit vermieden oder wenigstens +abgerundet sein. So vorgerichtet konnten sie in Sodalösung gekocht, in +einer antiseptischen Lösung abgekühlt und dann sofort mit der Wunde in +Berührung gebracht werden. + +Auch die _Art zu operieren_ veränderte sich. In der Zeit vor Anwendung +der Betäubungsmittel stand am höchsten im Ansehen der Wundarzt, der +seinen Eingriff blitzschnell zu vollenden wußte; und diesem höchsten +Ziele paßten sich auch die Operationsmethoden an. Sehr hübsch spiegelt +sich diese übertriebene Wertschätzung der Technik in einer Anekdote +wider, die _Bernhard v. Langenbeck_ von seinem Oheim _Konrad Martin +Langenbeck_ in Göttingen zu erzählen liebte. Letzterer hatte für die +Absetzung des Oberschenkels in der Mitte die Ovalärmethode angegeben und +wegen der außerordentlich schnellen Ausführbarkeit dringend empfohlen. +Ein älterer Kollege von einer Nachbaruniversität kommt nach Göttingen, +um die Methode kennen zu lernen und _Langenbeck_ lädt ihn für den +nächsten Tag zu einer solchen Operation ein. Der Kranke liegt auf dem +Tisch, jener ergreift das Messer: da wendet sich der fremde alte Herr +noch einmal ab, um behaglich eine Prise zu nehmen. Aber welches +Entsetzen, als er bemerkt, daß die Absetzung inzwischen schon vollendet +ist! + +Mit der allgemeinen Anwendung der Betäubungsmittel verlor die +Behendigkeit etwas an Ansehen, wiewohl der bei großen Eingriffen schwer +vermeidbare Blutverlust immer noch zu einer gewissen Eile zwang. Als +diese Unannehmlichkeit durch die elastische Binde, wenigstens an manchen +Körperteilen, vollständig überwunden worden war, da glaubte man sich +mehr Zeit lassen zu dürfen, bis die Vergiftungen unter Anwendung des +antiseptischen Sprühnebels und die Gefahren, welche man aus langen +Abkühlungen des Körpers erwachsen sah, die sorglos Langsamen von neuem +aufrüttelten. Die aseptische Behandlung, das Operieren in warmen Zimmern +und auf heizbaren Tischen haben auch diese Bedenken fast vollkommen zum +Schwinden gebracht, wenigstens so weit, daß die Methoden nicht mehr +ausschließlich nach der Schnelligkeit der Ausführung, sondern vorwiegend +nach der größeren Zweckmäßigkeit gewählt werden. Aber daß eine +langdauernde Operation gefährlicher als eine schnell vollendete ist, +unterliegt gar keinem Zweifel; der Grundsatz: Eile mit Weile gilt +deshalb auch heute noch für jeden Wundarzt. -- + +Die bisherigen Vorstellungen über _Wundheilung_ mußten sehr bald einer +erneuten Prüfung unterzogen werden. War doch bis dahin die Heilung durch +erste Vereinigung und unter dem trockenen Schorfe, wie sie bei +verwundeten Vögeln regelmäßig beobachtet werden kann, am menschlichen +Körper eine ganz seltene und nur bei kleinen und oberflächlichen Wunden +vorkommende Vereinigungsweise geblieben; der Ehrgeiz des Wundarztes ging +also bei größeren Wunden auf kein höheres Ziel, als auf Herbeiführung +eines Pus bonum et laudabile, d. h. eines geruchlosen gelben Eiters, und +einer dabei langsam fortschreitenden Wundreinigung, da man diese +Vorgänge als unbedingt notwendig zur Heilung, den Eiter sogar vielfach +als heilungsbefördernd angesehen hatte. Über die Art, wie eine größere +Wunde sich langsam schließt und über das Verhalten der einzelnen +Körpergewebe bei diesem Vorgange hatten schon vor der Entdeckung, daß +Bakterien die Wundeiterung erzeugten und unterhielten, zahlreiche +Untersuchungen stattgefunden. Die durch mikroskopische Studien +herbeigeführten Anschauungen hatten vielfach wechseln müssen, so nach +_Cohnheims_ Entdeckung der Auswanderung weißer Blutkörperchen durch die +Gefäßwandungen hindurch, so nach _Metschnikows_ Beschreibung des Wesens +der Freßzellen. Beide hatten die Arbeiten über Wundheilung von _Karl +Thiersch_ und _Karl Gussenbauer_ beeinflußt; aber in vollkommenster +Weise wurde alles das zusammengefaßt und durch eigene Untersuchungen +erweitert in der vortrefflichen Arbeit _Felix Marchands_: »Der Prozeß +der Wundheilung mit Einschluß der Transplantation« vom Jahre 1901. Der +Verfasser unterscheidet zwar auch noch eine Heilung durch direkte +Vereinigung und eine solche durch Regeneration, welch letztere früher +ausschließlich unter dem Bilde der eitrigen Entzündung verlief, betont +aber ausdrücklich, daß ein solcher Unterschied nicht mehr aufrecht +erhalten werden könne, da jeder Heilungsvorgang ein Regenerationsvorgang +sei, dem allerdings bei verschiedenen Wunden erhebliche gradweise +Verschiedenheiten zukommen. Diese Lehre wird an den einzelnen +Körpergeweben geprüft und bestätigt, so daß _Marchands_ Buch auch heute +noch als Grundlage der herrschenden Anschauungen über die feineren +Vorgänge bei der Wundheilung betrachtet werden muß. + + + + + Kapitel X. + + Wandlungen der Kriegschirurgie. + + +Unter der großen Zahl von Wunden aller Art, welche dem Wundarzte unter +die Hände kommen, haben, solange es eine Geschichte der Medizin gibt, +die _Schußwunden_ und seit der Erfindung des Schießpulvers vor allen +anderen die Kugelwunden eine besondere Rolle gespielt, nicht etwa +deshalb, weil, soweit es sich um Friedensverletzungen handelt, +Entstehung und Verlauf gegenüber mancherlei Zufallsverwundungen einen +sehr erheblichen Unterschied darböten, sondern nur der Begleitumstände +wegen. Denn einerseits führt der Krieg, den _Pirogoff_ eine +»traumatische Epidemie« genannt hat, zur räumlich und zeitlich +beschränkten Anhäufung einer so ungeheuren Anzahl von Verwundungen, daß +zu ihrer sachgemäßen Versorgung nach den Grundsätzen einer +Friedensbehandlung die zur Verfügung stehenden Kräfte gewöhnlich in +keiner Weise ausreichen; anderseits hat die Ausbildung der Waffen, die +geeignet sind, den Gegner kampfunfähig zu machen, ein so schnelles +Zeitmaß der Entwicklung eingeschlagen, daß sie fortdauernd neue Formen +des Kampfes und neue Formen der Wundbehandlung erforderlich machte. So +ist denn auch die _Kriegschirurgie_ in neuerer Zeit zu einer +Sonderwissenschaft geworden, deren Kenntnis jedem ins Feld ziehenden +Arzte vertraut sein sollte. Freilich bilden nicht die Schußwunden allein +den Inhalt der Kriegschirurgie; aber alle anderen Verletzungen, welche +sonst noch im Kriege vorkommen, wie die Hieb-, Stich- und Quetschwunden, +sind nur ein so kleiner Bruchteil der Kriegswunden, daß man die +Schußverletzung als den Typus der Kriegswunde anzusprechen berechtigt +ist. + +Selbstverständlich kann es nicht unsere Aufgabe sein, die Geschichte der +militärärztlichen Organisation, deren Ziel es war und ist, schon im +Frieden eine für den Krieg ausreichende Zahl von Ärzten auszubilden und +bereitzustellen, eingehend zu schildern; doch muß auch sie wenigstens +gestreift werden, da sie in engster Beziehung zu dem Aufblühen der +Kriegschirurgie steht. In Preußen, dessen Einrichtungen für die übrigen +deutschen Staaten seit 50 Jahren vorbildlich geworden sind, war durch +Errichtung einer militärärztlichen Bildungsanstalt, des Collegium +medico-chirurgicum in der Pepinière zu Berlin im Jahre 1795 und dessen +Erweiterung 1797, für geordneten Unterricht und wissenschaftliche +Erziehung der jungen Militärärzte in ziemlich ausreichender Weise +gesorgt worden. Auch für eine bessere Ausbildung des niederen +Heilpersonals, welches bis dahin seine Kenntnisse und Fertigkeiten bei +Badern und Barbieren erworben hatte, wurde durch endgültige Trennung des +Barbiergewerbes von der Chirurgie mittels des Gesetzes vom 7. September +1811 ein wichtiger Schritt getan. Der hierdurch entstehende Mangel an +Unterchirurgen konnte durch die Kabinettsorder vom Jahre 1820 +ausgeglichen werden, durch welche die jungen Ärzte und Wundärzte +veranlaßt wurden, ihrer Dienstpflicht im Heere nicht mit der Waffe, +sondern als Ärzte zu genügen. Die Gründung der Universität Berlin im +Jahre 1810 drohte freilich eine Zeitlang dem genannten Kollegium den +Untergang zu bringen; doch gelang es dem damaligen ersten +Generalstabschirurgen des Heeres und Leiter des Militärmedizinalwesens +_Johann Görcke_ diese Gefahr abzuwenden und im Jahre 1811 eine neue +Anstalt unter dem Namen einer medizinisch-chirurgischen Akademie für das +Militär durchzusetzen, deren Zöglinge die Vorlesungen der +Universitätsprofessoren zu hören berechtigt waren. Diese Akademie ist im +Jahre 1852 für die wissenschaftliche Ausbildung der jungen Militärärzte +der Universität gleichgestellt worden, während für deren praktische +Erziehung die Charité benutzt wurde. Vom gleichen Zeitpunkte an hörten +auch die langjährigen und zuweilen höchst gefährlichen Angriffe auf, +welche gegen die Notwendigkeit der engeren militärärztlichen Ausbildung +und damit gegen den Fortbestand der seit dem Jahre 1848 +»Militärärztliches Friedrich-Wilhelms-Institut« genannten +Erziehungsanstalt gerichtet worden waren. Unter der tätigen Fürsorge des +Generalstabsarztes _Heinrich Gottfried Grimm_ erfuhr das +Militärsanitätswesen einen besonderen Aufschwung, begünstigt durch die +Erfahrungen der drei aufeinanderfolgenden Kriege von 1864, 1866 und +1870/71. Ihm verdankt es die Abschaffung des Kompaniechirurgentums, +die Hebung des Standes der Lazarettgehilfen, die Einführung +der Krankenwärter und Krankenträger, die Einrichtung einer +Militärmedizinalabteilung im Kriegsministerium, der Chefärzte für +Feld- und Friedenslazarette, die Bildung eines Sanitätskorps und die +Bezeichnung der Militärärzte als Sanitätsoffiziere. In den Jahren 1905 +bis 1910 ist die alte Friedrich-Wilhelms-Akademie unter dem Namen +»Kaiser-Wilhelms-Akademie« in ein neues, glänzend erbautes Haus an der +Ecke der Invaliden- und Scharnhorststraße verlegt worden, ausgestattet +mit den zweckmäßigsten Ausbildungsmitteln, gesunden Wohnungen und +umfangreichen Versammlungs- und Festräumen. -- Trotzdem ist auch heute +der Zustrom junger Ärzte zum militärärztlichen Berufe den ungeheuren +Anforderungen, welche die außerordentliche Vermehrung des stehenden +Heeres nötig macht, noch nicht ganz entsprechend. Es ist wohl zu hoffen, +daß auch in dieser Hinsicht eine Änderung eintreten werde, seitdem im +Februar 1914 auf Betreiben des Generalstabsarztes v. _Schjerning_ die +Gleichstellung der Sanitätsoffiziere mit den Offizieren des Heeres fast +vollkommen durchgeführt worden ist. + +Wichtiger aber als dieser äußere Rahmen, in welchem sich die Entwicklung +des militärärztlichen Standes in Preußen und in einem sehr großen Teile +Deutschlands abgespielt hat, ist der Aufschwung der _Kriegschirurgie_. +Ihre Förderung ist jenem Stande in erster Linie anheimgefallen, wenn auch +die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, der freilich +auch zahlreiche Militärärzte schon seit ihrer Gründung angehört haben, +diesem Zweige ihrer Wissenschaft stets ein sehr reges Interesse +entgegenbrachten. + +Schon auf dem II. Kongreß von 1873 trat W. _Busch_ (Bonn) mit einem +Vortrage über die Ergebnisse von Schießversuchen auf menschliche Leichen +auf, zu welchen die Kriegserfahrungen von 1866 und 1870/71 mit ihren von +den bisherigen Anschauungen vielfach stark abweichenden Verwundungen den +Anstoß gegeben hatten. Gleichfalls über derartige Versuche sprachen +E. _Küster_ (Berlin) und _Schädel_. Ersterer setzte seine Versuche +weiterhin an lebenden Tieren fort und berichtete über sie in einer +Sitzung der Berliner Medizinischen Gesellschaft vom Januar 1874. Seitdem +wurden wiederholt die Geschoßwirkungen auf den menschlichen und +tierischen Körper durch andauernde Versuche in allen Einzelheiten +studiert; unter den zahlreichen Arbeiten dieser Art seien nur die von +_Bornhaupt_, _Kocher_, _Reger_, _Wahl_ und _Paul v. Bruns_ +hervorgehoben. + +Immer von neuem wurden die Chirurgen gezwungen, diesen Fragen ihre +Aufmerksamkeit zuzuwenden. Abweichend von dem Gebrauche des alten +Vorderladers, welcher ursprünglich nur Rundkugeln, später auch +Spitzkugeln entsandte, hatte Preußen schon im Jahre 1841 das +_Dreyse_sche Zündnadelgewehr eingeführt, welches in den beiden Feldzügen +von 1864 und 1866 zur Verwendung kam, einen Hinterlader mit +Einheitspatrone, Spiegelführung und Langblei von 14-15 mm +Durchmesser. Mit ihm wurde durch Geschoßlänge und Pulverladung die +Anfangsgeschwindigkeit, die Treffgenauigkeit, die Totalschußweite und +die Streckung (Rasanz) der Flugbahn ganz erheblich erhöht. Aber man +blieb dabei nicht stehen. Bald nach 1866 führte Frankreich das +_Chassepot_gewehr mit einem Kaliber von 11 mm und einer +Anfangsgeschwindigkeit von 420 m ein, dem in Deutschland das +Infanteriegewehr von 1871 gleichfalls von 11 mm Laufweite folgte. Seit +1888 besitzt das deutsche Heer kleinkalibrige Gewehre von 7-8 mm, +deren Bleigeschosse von einem Nickelmantel umgeben und deren +Leistungsfähigkeit im übrigen noch durch Anwendung des rauchlosen +Pulvers und zugleich dadurch gesteigert worden sind, daß sie +Patronenkammern haben, welche als Magazingewehre eingerichtet und daher +als Repetiergewehre benutzbar sind. In manchen Heeren ist man darüber +hinaus noch zu einem Kleinstkaliber vorgeschritten; so besitzt Rumänien +ein _Mannlicher_gewehr von 6,5 mm Laufweite mit einem Geschoß von nur +22,74 g Gewicht, während das Zündnadelgeschoß 40 g, die Chassepotkugel +noch 32 g wogen. Auch das im Russisch-Japanischen Kriege von 1904/05 +vorwiegend zur Verwendung gekommene _Arusaka_gewehr Modell 94 der +Japaner ist ein Kleinstkaliber von 6,5 mm Laufweite. Die Leistungen +dieses Gewehres für die oben genannten Ansprüche sind unübertrefflich +gewesen; und dennoch hat, wie _Paul v. Bruns_ in überzeugender Weise +dargetan, der Mandschurische Krieg der weiteren Anwendung eines so +kleinen Kalibers sehr vernehmlich Halt geboten. Denn in einer, und zwar +einer sehr wichtigen, Beziehung hat das Kleinstkaliber die Grenze der +kriegsmäßigen Verwendung bereits überschritten: seine Wirkung ist so +wenig nachhaltig, daß eine übergroße Zahl der Getroffenen den Kampf +nicht zu unterbrechen braucht. Voraussichtlich wird daher das deutsche +Heer bei dem 8-mm-Geschoß bleiben. Für die menschenfreundlichen +Bestrebungen aber, welche die unvermeidlichen Schrecken des Krieges nach +Möglichkeit zu mildern suchen, mag es als ein Trost angesehen werden, +daß die Feuerwirkungen der neuen Gewehre zwar die Todesfälle auf dem +Schlachtfelde vermöge ihrer Durchschlagskraft vermehren, dafür aber die +Gesamtverluste eher ab- als zugenommen haben; denn die Sterblichkeit der +vom Schlachtfeld noch lebend kommenden Verwundeten ist ganz erheblich +geringer geworden, wodurch _mehr_ als nur ein Ausgleich gegenüber der +unmittelbar tödlichen Geschoßwirkung herbeigeführt wird. + +Alle diese Fragen sind schon im Frieden mit dem größten Eifer gestellt +und durch Versuche nach Möglichkeit beantwortet worden. An solchen +Versuchen hat sich, außer den obengenannten Mitgliedern der Deutschen +Gesellschaft für Chirurgie, in ganz hervorragender Weise die +Militärmedizinalabteilung des preußischen Kriegsministeriums beteiligt, +welches allen Veränderungen der kriegsmäßigen Ausrüstung des Heeres die +größte Aufmerksamkeit zuwandte und durch sehr wertvolle +Veröffentlichungen die gewonnenen Erfahrungen zum Gemeingute der +Chirurgen machte. Auf den Chirurgenkongressen haben diese Fragen +wiederholt ihre Erörterung gefunden. Eine der wichtigsten Mitteilungen +ist die des Generalarztes _Schjerning_ vom XXX. Kongreß 1901. + +Noch in anderer Weise wurde für die Vermehrung der kriegschirurgischen +Kenntnisse Sorge getragen und zwar durch _Verbesserung und Förderung der +Krankenpflege_. Sie hing mit den Bestrebungen zusammen, das Los der +Kriegsverwundeten auf dem Schlachtfelde und in den Kriegslazaretten +etwas freundlicher zu gestalten als es bisher der Fall gewesen war. Auf +Anregung eines von reinster Menschenliebe durchglühten Privatmannes +namens _Henry Dunant_ trat im Jahre 1863 in seiner Vaterstadt Genf ein +aus Mitgliedern verschiedener Völker gebildeter Ausschuß zur Beratung +über genannten Gegenstand zusammen, die am 22. August 1864 zum Abschluß +der sogenannten _Genfer Konvention_ führte. Durch sie verpflichteten +sich die Staaten gegenseitig, die Kriegsverwundeten, sowie die Ärzte und +das Pflegepersonal nicht mehr als Feinde zu behandeln, sondern ihnen +gleiche Pflege und Behandlung angedeihen zu lassen wie den Angehörigen +des eigenen Landes. Alle Staaten Europas sind im Laufe der Jahre der +Konvention beigetreten, auch die Türkei unter dem Namen des roten +Halbmondes, ferner der größere Teil der amerikanischen Staaten und +Japan. Im Jahre 1906 ist sie einer Neufassung unterzogen worden. -- Eine +weitere Förderung erhielt die Kriegskrankenpflege durch Gründung von +Vereinen, die sich ihre Entwicklung und Ausbildung im Kriege und im +Frieden zum Ziele setzten. So entstand im Kriege von 1864 (6. Febr.) das +Zentralkomitee des Preußischen Vereins zur Pflege verwundeter und +erkrankter Krieger, im Jahre 1866 unter der Führung der _Königin +Augusta_ die Immediatlazarettkommission und, mit Ausbruch des Krieges am +16. Juni 1866, der Berliner Frauenlazarettverein; endlich nach +Beendigung des Krieges am 11. November desselben Jahres der +Vaterländische Frauenverein. Auch die anderen deutschen Staaten blieben +in der Gründung ähnlicher menschenfreundlicher Vereine nicht zurück, so +daß ganz Deutschland in immer steigendem Maße mit Vereinen sich überzog, +deren Aufgabe es war, im Frieden wohltätige Einrichtungen aller Art zu +fördern und zugleich ein gutgeschultes Heer von Pflegekräften zu +erziehen die im Kriegsfalle sofort dem Heere zur Verfügung gestellt +werden können. Besonders wirksam ist diese Einrichtung erst dadurch +geworden, daß alle solche Vereine sich für den Krieg der +Militärmedizinalabteilung zur Verfügung gestellt haben, so daß von einer +Zentralstelle aus eine gleichmäßige Verteilung über die deutschen Heere +und eine schnelle Ausfüllung aller entstehenden Lücken vorgenommen +werden kann. So ist der ärztlichen Tätigkeit im Felde eine +unübertreffliche Hilfe zuteil geworden neben dem ausgebildeten +Sanitätspersonal, welches _Haase_ schon 1892 auf 45000 Köpfe berechnet +hat. + +Aber auch die kriegsmäßige Ausbildung der Zivilärzte bildet eines der +Ziele dieser Vereine, die seit ihrer Gründung jeden nahen oder fernen +Krieg benutzt haben, um wohleingerichtete Kriegslazarette mit Ärzten und +Pflegepersonal den beiden kämpfenden Heeren zur Verfügung zu stellen. +Ihre Bestrebungen konnten auch seitens der Deutschen Gesellschaft für +Chirurgie gefördert werden, da diese nach _Bernhard v. Langenbecks_ +Tode von dessen Nachkommen ein wertvolles Geldgeschenk erhielt, dessen +Zinsen dazu bestimmt waren, deutschen Ärzten im Falle eines Krieges, an +dem das Deutsche Reich unbeteiligt bliebe, Gelegenheit zu +kriegschirurgischen Erfahrungen und Studien zu geben. Zum ersten Male +ist dieser Grundstock im Mandschurischen Kriege in Anspruch genommen +worden, in welchem der preußische Oberstabsarzt _Schäfer_ auf russischer +Seite sehr wertvolle Beobachtungen anstellen und veröffentlichen konnte. +-- Vor allen Dingen aber war es die Militärmedizinalabteilung der +deutschen Heere, welche jede Gelegenheit zur Ausbildung in den Kriegen +der letzten Jahrzehnte durch Entsendung einzelner Militärärzte benutzt +hat. So ist die Genfer Konvention eine höchst erfolgreiche Handhabe zur +Förderung der Kriegschirurgie und zur Heranziehung eines Stabes +vorzüglicher Kriegschirurgen geworden. + +Alles das würde indessen nicht ausreichend gewesen sein, um auf dem +Schlachtfelde selber oder in den nächstgelegenen Verbandplätzen jedem +einzelnen Verwundeten eine zuverlässige Behandlung zu sichern, wenn es +inzwischen nicht gelungen wäre, die Wunde in der einfachsten und am +wenigsten zeitraubenden Weise unter einen vorläufigen Schutz zu stellen; +denn hätte man die Tausende von Verletzten einer großen Schlacht in +gleicher Weise behandeln wollen, wie es die umständliche Antiseptik oder +Aseptik des Friedens verlangt, so wäre keine Macht der Erde imstande +gewesen, zu verhindern, daß nur einem kleinen Bruchteile die Segnungen +der neuen Wundbehandlung zuteil geworden wären, während alle übrigen +nach wie vor den Unbilden der Verunreinigung, der Witterung, des +Transportes, der Blutungen und der Hospitaleinflüsse ausgesetzt +geblieben wären. + +Die Lösung der hier gestellten Aufgabe ist sowohl von der +Militärmedizinalverwaltung wie von den im Kongreß vereinigten deutschen +Chirurgen aufs eifrigste und, soweit es die wechselnden Schwierigkeiten +der Lage zulassen, mit bestem Erfolge in Angriff genommen worden. Zwei +Wege waren es, auf welchen man das gesteckte Ziel, wenn nicht völlig zu +erreichen, so doch ihm möglichst nahe zu kommen suchte. + +Den ersten dieser Wege betrat man in Form der _Krankenzerstreuung_, von +der auf S. 8 bereits die Rede gewesen ist. Dieses schon in früheren +Kriegen übliche, aber systematisch wohl zuerst von dem hervorragenden +russischen Chirurgen _Pirogoff_ im Jahre 1847 in den Kriegslazaretten +des Kaukasus in größerem Umfange angewandte Verfahren ist auch von +deutscher Seite in den Kriegen von 1864, 1866 und besonders großartig +1870/71 benutzt worden. Auch auf diesem Felde hat aber die veränderte +Geschoßwirkung des Kleinkalibers zu Abweichungen von der ursprünglichen +Handhabung gezwungen, von denen wir teils aus der Deutschen +Kriegssanitätsordnung, teils aus dem an das Zentralkomitee der deutschen +Vereine vom Roten Kreuz gesandten Berichte _Walter v. Öttingens_ vom +September 1905 Näheres erfahren. Nach ihm wurden auf dem +Sortierungspunkte in Mukden die eingelieferten Verwundeten in drei +Gruppen geteilt: Leichtverwundete, die so lange an Ort und Stelle +verblieben, bis sie zu ihren Truppenteilen zurückkehren konnten, und +Schwerverwundete, die bis zu ihrer Transportfähigkeit gleichfalls dort +in Behandlung waren. Dagegen wurden die Zugehörigen zur dritten Gruppe, +nämlich alle jene Fälle, die zwar eine lange Heilungsdauer erheischten, +aber doch transportfähig waren, möglichst schnell rückwärts gesandt, +nachdem man sie durch Gipsverband, Operation oder nur gutsitzende +Verbände dazu fähig gemacht hatte. + +Immerhin entspricht auch dies Verfahren bei weitem noch nicht den +dringenden Anforderungen des Schlachtfeldes selber, wie sie an die +ärztlichen Begleiter der Truppenteile und deren Krankenträger +gelegentlich herantreten. In früheren Kriegen haben sich die jungen +Ärzte wohl damit beschäftigt, Kugeln schon auf dem Kampfplatze +auszuziehen und herauszuschneiden, weil dies von den Verwundeten selber +aufs lebhafteste verlangt wurde. Das ist ein in keiner Weise zu +billigendes Verfahren, weil es die Arbeitskräfte auf unwesentliche +Nebendinge ablenkt und dem Verletzten niemals nützt, aber vielfach +schadet. Überhaupt sollten die Operationen auf dem Schlachtfelde und in +den ersten Verbandplätzen im allgemeinen verboten sein, oder doch sehr +eingeschränkt werden. Nur die Verletzungen des Bauches und großer Gefäße +machen eine Ausnahme, zumal wenn letztere so gelegen sind, daß ihnen +durch Anlegung einer zentralwärts angebrachten elastischen Binde nicht +beizukommen ist; denn sonst würde der Verwundete während des Transportes +zum Lazarett sich voraussichtlich verbluten. Alle übrigen Wunden aber +bedürfen nur eines schnell anzulegenden Schutzverbandes, die +Knochenschüsse zugleich einer Schienung. Das sind die jetzt wohl +allgemein geltenden Grundsätze der ersten Behandlung von +Kriegsverletzungen. + +Der Trieb, einen solchen ganz einfachen und doch wirksamen Verband +herzustellen, hat die deutschen Chirurgen schon seit dem Bestehen der +Deutschen Gesellschaft für Chirurgie beherrscht. Auf dem V. Kongreß von +1876 hielt _Friedrich Esmarch_ einen Vortrag: »Die antiseptische +Wundbehandlung in der Kriegschirurgie«, den er im Jahre 1879 +vervollständigte. In beiden Reden legte er die Grundsätze dar, denen +zwar einzelne Chirurgen in den vorangegangenen Kriegen, insbesondere +B. v. _Langenbeck_, bereits gefolgt waren, ohne daß sie aber bei der +Mehrzahl Anerkennung gefunden hätten -- die Grundsätze: vor allen Dingen +durch Fingeruntersuchung der Wunden und Sondeneinführung keinen Schaden +anzurichten, die zerschossenen Knochen ruhigzustellen, endlich den in +seiner ganzen Strenge auf dem Schlachtfelde und auf dem Notverbandplatze +nicht durchführbaren antiseptischen Verband aufs äußerste zu +vereinfachen. _Esmarch_ wurde hier der Urheber des _Verbandpäckchens_, +welches aus einem antiseptischen Ballen, einem dreieckigen Tuche und +einer Binde bestehend, in die Uniform eingenäht, jedem ins Gefecht +ziehenden Krieger mitgegeben wurde, um bei seiner Verwundung sofort zur +Hand zu sein. Dies Päckchen hat sich, wenn auch vielfach verändert, bis +heute erhalten; es wird noch in der Kriegssanitätsordnung vom Januar +1907 als zur Ausrüstung des Feldsoldaten gehörig aufgeführt. + +Zahlreiche Chirurgen haben seitdem auf den Schlachtfeldern von vier +Erdteilen jene Grundsätze praktisch erproben können. Als die ersten +sind aus dem Russisch-Türkischen Kriege von 1877 _Karl Reyher_ aus +Dorpat und _Ernst v. Bergmann_ zu nennen, von denen ersterer auf dem +kleinasiatischen Kriegsschauplatze, letzterer an der Donau tätig war. +Während aber _Reyher_ in einem wohlausgestatteten Lazarette des Roten +Kreuzes arbeitete und deshalb den Forderungen der antiseptischen +Behandlung in vollem Umfange genügen konnte, war _Bergmann_ in den +mörderischen Schlachten der russischen Donauarmee in wesentlich +schwierigeren Verhältnissen, in welchen er dennoch durch Befolgung der +Grundsätze einer konservativen Chirurgie in Verbindung mit einer den +Umständen angepaßten aseptischen Behandlung ganz überraschende Erfolge +erzielte. Er wird daher als Begründer der Asepsis in der Kriegschirurgie +angesehen, was _Esmarch_ gegenüber wohl nicht ganz gerecht ist; denn +wenn dieser auch noch chemische Mittel in Anwendung zog, so ist doch das +Verfahren beider sonst ziemlich gleich; und chemische Mittel sind auch +heute noch nicht ganz aus der Kriegschirurgie geschwunden. So wird von +_Walter v. Öttingen_ die von R. _Credé_ im Jahre 1896 zuerst +empfohlene Behandlung mit Silbersalzen (Kollargol) für den ersten +Verbandplatz außerordentlich gerühmt; und zwar geschah die Anwendung des +gänzlich ungiftigen Mittels in folgender Weise: die Wunde und ihre +Umgebung wurde nicht gewaschen, sondern letztere nur mit einer +Harzlösung bestrichen, um die an Haut und Haaren klebenden Bakterien +mechanisch festzuhalten, auf die Wunde eine Silbertablette gelegt und +über dieser ein aseptischer Ballen mit einer Binde befestigt. An +Einfachheit läßt dieser Verband gewiß nichts zu wünschen übrig. + +Noch sei mit kurzen Worten auf die Bedeutung hingewiesen, welche +_Röntgens_ große Erfindung, die Aktinographie, auch für die +Kriegschirurgie gewonnen hat. Sie hat vor allen Dingen die +kriegschirurgische Erkenntnis aller Einzelheiten der Wunde möglich +gemacht, insbesondere nach der Richtung steckenbleibender Fremdkörper +und der Knochenverletzungen; und hat solche Feststellung ermöglicht, +ohne Beunruhigung der Wunde und ohne Schmerz hervorzurufen. +Selbstverständlich hat dabei auch die Behandlung gewonnen und zwar nicht +allein der frischen Wunden; denn die Heilungsvorgänge verletzter Knochen +lassen sich auch durch den Wund- und Gipsverband hindurch in +regelmäßiger Wiederholung der Durchleuchtung beobachten. Der Wert des +Verfahrens hat sich schnell als so erheblich erwiesen, daß die +Militärmedizinalverwaltungen aller Länder sich zur Anschaffung +entsprechender Apparate bewogen sahen. So besitzen wir denn zurzeit +bereits aus sieben Kriegen Mitteilungen über diagraphische +Untersuchungen, zuerst seitens der Italiener im abessinischen Feldzuge +von 1896, in welchem die Studien freilich erst begannen, nachdem die +Verwundeten die heimatlichen Lazarette erreicht hatten. Ebenso stammen +die Berichte von _Küttner_ und _Abbott_ aus dem Griechisch-Türkischen +Kriege von 1897 nicht vom Schlachtfelde, sondern aus Konstantinopel und +Phalarus, betreffen also ältere Verwundungen. Dagegen haben die +nachfolgenden Kriege der Engländer gegen die Afridis und im Sudan, der +Spanisch-Amerikanische, der Burenkrieg (1899/1900), der Hererokrieg in +Südwestafrika (1904/07), endlich der Russisch-Japanische Krieg von +1904/05 ein sehr reiches Beobachtungsmaterial sowohl vom Schlachtfelde, +wie aus den Reservelazaretten gebracht. Alles das ist in dem vom +Generalarzt _Schjerning_ und seinen Mitarbeitern _Thöle_ und _Voß_ im +Jahre 1902 herausgegebenen »Archiv und Atlas der normalen und +pathologischen Anatomie in Röntgenbildern (Abteilung: Die +Schußverletzungen)« zusammengefaßt und bearbeitet, der im Jahre 1913 +bereits eine zweite, erweiterte Auflage erfahren hat. Das Werk ist eine +ausgezeichnete Quelle der Belehrung über alle Formen der +Schußverletzungen. + +So hat denn die Kriegschirurgie nach allen Richtungen Förderung und +Erweiterung erfahren. Die schnelle Aneignung und Verwertung aller auf +dem Gebiete der wissenschaftlichen Chirurgie wie der gesamten +Naturwissenschaften liegenden neuen Errungenschaften, die fleißige und +unausgesetzte Arbeit der Militärmedizinalverwaltung und der +Chirurgenkongresse haben sie auf eine Höhe gebracht, die weit von dem +Zustande um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert verschieden ist und +der die begründete Hoffnung zuläßt, daß sie im Falle eines neuen +Krieges, trotz der ungeheuren Entwicklung der Waffentechnik, ihre +Aufgaben voll und ganz zu erfüllen imstande sein werde. + + + + + Kapitel XI. + + Wandlungen auf dem Gebiete spezifischer Infektionskrankheiten und + bösartiger Neubildungen. + + +Noch eine zweite Gruppe von Wunden und Verschwärungen macht eine eigene +Betrachtung notwendig, nämlich solche, welche in _tuberkulösen Geweben_ +vorkommen. Zwar vermochte _Köster_ in Bonn schon im Jahre 1869 das +Vorkommen von Knötchen (Tuberkeln) in der Synovialhaut der Gelenke +nachzuweisen; dennoch hatte man bis zur Entdeckung des Tuberkelbazillus +im Jahre 1882 nur sehr unbestimmte Vorstellungen von dem eigentlichen +Wesen gewisser Knochen- und Gelenkkrankheiten, die in der Unterscheidung +kalter und heißer Abszesse, sowie in der Bezeichnung gewisser, sehr +langsam verlaufender Gelenkleiden als Tumor albus, weiße +Gelenkgeschwulst, ihre schüchterne Andeutung fanden. Diese und manche +andere Erscheinungen, die Unterernährung des Körpers, die Blässe der +Hautdecken, Lymphdrüsenschwellungen, die Neigung zu mancherlei +Ausschlägen, zumal am kindlichen Körper, faßte man als Skrophulosis, +Schweinchenkrankheit, zusammen, unter einem Ausdrucke also, welcher der +Auftreibung des Halses durch Vergrößerung der zahlreichen dort +eingebetteten Lymphdrüsenketten eine Ähnlichkeit mit dem kurzen, +gedrungenen Halse des Ferkels beizulegen sich bemüht. Von einem +Zusammenhange dieser »Skrofulose« mit der Tuberkulose, der +Knötchenkrankheit der Lungen, hatte man damals noch keine Vorstellung, +selbst dann noch nicht, als die Tuberkel als regelmäßiger Befund bei +Lungenphthise längst entdeckt waren. Erst auf der Münchener +Naturforscherversammlung von 1877 und auf dem Chirurgenkongreß von 1878 +(_Karl Hüter_) wurde wenigstens eine Verwandtschaft dieser Vorgänge +wahrscheinlich gemacht. Ebensowenig wußte man Sicheres von der +tuberkulösen Natur des Lupus, jener entsetzlichen Hautkrankheit, welche +das menschliche Antlitz in eine abscheuerregende Maske verwandelt, +obwohl _Friedländer_ schon im Jahre 1872 Tuberkel in lupöser Haut +beschrieben hatte. Aber nach der Entdeckung des Erregers der Tuberkulose +folgten die Aufklärungen Schlag auf Schlag. Schon Anfangs 1883 konnte +_Doutrelepont_ in Bonn über den Nachweis von Tuberkelbazillen im +Lupusgewebe berichten; und nachdem _Koch_ in seiner großen klassischen +Arbeit von 1884 auch den Lupus in seine Besprechung miteinbezogen, die +spezifischen Bazillen innerhalb der Riesenzellen nachgewiesen hatte, war +ein Zweifel an der Tatsache, daß dieser eine rein tuberkulöse Krankheit +sei, nicht mehr möglich. In gleicher Weise gelang der Nachweis des +Tuberkelbazillus in Knochen, Gelenken und in allen Weichteilen, welche +entweder durch kleine und größere Verletzungen von außen her, oder auf +dem Wege des Blutstromes mit Bazillen oder ihren Sporen in Berührung +kamen. + +Es war selbstverständlich, daß mit dieser Feststellung den Wundärzten +die Hoffnung wuchs, die einmal ausgebrochene Krankheit mit Hilfe einer +immer zuverlässiger werdenden Wundbehandlung zu bezwingen. In der Tat +hatte schon die _Lister_sche Antisepsis manchen schönen Erfolg bei der +Operation kalter Abszesse, durch Resektion »skrofulös« erkrankter +Gelenke, Beseitigung käsiger Knochenherde und ähnlicher Leiden aufweisen +können; aber die Erwartung, _alle_ mehr peripher gelegenen +Krankheitsherde operativ und mit Hilfe der Antisepsis der Heilung +zuführen zu können, mußte schon aus dem Grunde Schiffbruch leiden, weil, +wie erst spätere Studien festgestellt haben, die Tuberkulose sehr häufig +in vielen Herden auftritt, indem Ausbrüche an den verschiedensten +Körperteilen entweder gleichzeitig oder nacheinander erfolgen. Dies +Verhalten findet seine Erklärung in dem Umstande, daß oft ein tief +verborgener käsiger Herd die Quelle für die auf dem Blutwege +erfolgende Vergiftung des Körpers mit Tuberkelbazillen und ihren +Fortpflanzungsorganen darstellt. Nicht einmal bei einer so oberflächlich +gelegenen Erkrankungsform, wie dem Lupus der äußeren Haut, gelang in +vorgeschrittenen Fällen die Heilung, die höchstens bei noch sehr wenig +umfangreichen, aber frühzeitig erkannten Herden durch vollkommene +Ausschneidung des veränderten Hautstückes in den meisten Fällen erreicht +wurde. Die lupöse Hauterkrankung verhielt sich also dem Messer gegenüber +ganz ähnlich, wie wir es weiterhin von den Hautkrebsen kennen lernen +werden. + +Immerhin ergab die antiseptische Behandlung schon aus dem Grunde +erheblich bessere Heilungen, wie je zuvor, weil die Infektion +tuberkulöser Wunden und Geschwüre mit eitererzeugenden Keimen ein +üppigeres Wachstum der Tuberkelbazillen herbeizuführen scheint. Trotzdem +blieb die Behandlung unbefriedigend, da doch die meisten Kranken, die +wegen tuberkulöser Leiden einer Operation unterworfen waren, entweder +örtlich Rückfälle bekamen, oder nach einiger Zeit gar einer allgemeinen +Tuberkulose zum Opfer fielen. _Billroth_ berechnete unter seinen wegen +tuberkulöser Erkrankung ausgeführten Gelenkresektionen nicht weniger wie +27 %, _König_ (1880) nach einer offenbar zu kurzen Beobachtungszeit +immerhin schon 21,5 % Todesfälle an miliarer Ausbreitung des Leidens über +den ganzen Körper. So wuchs denn die Sehnsucht nach einem spezifischen +Mittel zur Unterdrückung wenigstens örtlicher Tuberkulose; und ein +solches glaubte _Mosetig v. Moorhof_ in Wien im Jahre 1880 in dem +Jodoform gefunden zu haben. Überaus schnell kam das Mittel in Aufnahme. +Man bestreute Wunden in tuberkulösen Geweben dick mit Jodoformpulver und +nähte darüber zu, man entleerte kalte Abszesse mittels des Trokars oder +der _Pravaz_schen Saugspritze und füllte den so entstehenden Hohlraum +zum Teil mit einer Jodoform-Glyzerin-Aufschwemmung. Aber auch hier blieb +eine gewisse Enttäuschung nicht aus, wie schon auf S. 41 geschildert +worden. Denn einerseits forderten die Vergiftungen, welche das zumal in +fetthaltigen Geweben aus der Gebundenheit des Jodoforms freiwerdende Jod +hervorrief, zu immer größerer Vorsicht auf, anderseits wurden die +antiseptischen Eigenschaften des Mittels immer zweifelhafter; und selbst +die spezifische Wirksamkeit auf Tuberkelbazillen blieb nicht +unangefochten, wenn sie auch niemals gänzlich bestritten worden ist. Man +benutzte zwar das Jodoform, zuweilen auch reines Jod in Gestalt der +Jodtinktur noch weiterhin als das beste Mittel gegen tuberkulöse +Erkrankungen, hat aber die Vorstellungen von einer durchaus sicheren +Einwirkung auf Entstehung und Ausbreitung der Bazillen, selbst in leicht +zugängigen Geweben, längst aufgeben müssen. Noch im Jahre 1913 hat +dieser Gegenstand den Chirurgenkongreß beschäftigt, in dem die schon +früher von _Rinne_ (1884) angeratene Behandlung eiternder +Gelenktuberkulosen durch breite Eröffnung und halboffene Ausstopfung der +Wunde mit Jodoformmull von neuem dringend empfohlen wurde. -- + + * * * * * + +Aber noch einmal sollte der medizinischen Welt die Hoffnung auf ein +spezifisches Heilmittel erweckt werden und zwar diesmal in Form einer +Einwirkung auf bazillenhaltige Gewebe vom Blute aus. Die dabei sich +abspielenden Vorgänge sind in einer Weise dramatisch belebt und +erregend, daß sie wie der Höhepunkt einer Schicksalstragödie anmuten. +Indessen wenn sie auch bei der allein in Betracht kommenden Krankheit +zunächst mit einer Niederlage, einer grausamen Zerstörung uferloser +Hoffnungen geendet haben, so wurden sie doch der Ausgang einer neuen +Entwicklung, die auch der Chirurgie unendliche Vorteile gebracht hat, +und deren weitere Folgen für die Zukunft noch in keiner Weise übersehen +werden können. + +Es war in der ersten Sitzung vom 4. August 1890 des in Berlin tagenden +X. Internationalen medizinischen Kongresses, als _Robert Koch_ den von +ihm angekündigten und mit Spannung erwarteten Vortrag: »Über +bakteriologische Forschung« hielt. Darin teilte er mit, daß er schon +bald nach der Entdeckung des Tuberkelbazillus angefangen habe, nach +Mitteln zu suchen, welche sich zur Behandlung der Tuberkulose verwerten +ließen. Solche Mittel müßten die Fähigkeit haben, nicht nur Reinkulturen +von Bazillen in ihrer Entwicklung zu hemmen, sondern auch im lebenden +Tierkörper die gleiche Wirkung zu entfalten; erst dann dürften Versuche +am Menschen nachfolgen. Inzwischen sei es ihm gelungen, eine Flüssigkeit +herzustellen, welche bei der Einverleibung in den Körper gesunder +Meerschweinchen wirkungslos bleibe, dagegen bei hochgradig tuberkulösen +Tieren die Krankheit völlig zum Stillstande bringe, ohne den Körper +nachteilig zu beeinflussen. + +Die Art der Zusammensetzung und der Herstellung des Mittels wurde +zunächst noch verschwiegen. Dennoch rief schon diese Äußerung eine +bedeutende Erregung hervor, da sie eine große Idee zur Heilung der +entsetzlichen Krankheit ahnen ließ. + +Unter _Kochs_ und seiner Assistenten Leitung wurden nun sofort in +verschiedenen Krankenanstalten, auch in der Charité und in +v. _Bergmanns_ chirurgischer Klinik Prüfungen des Verfahrens am lebenden +Menschen vorgenommen, von denen genug in die Öffentlichkeit drang, um +die Erwartungen zur Siedehitze zu steigern. Auch fehlte es nicht an +begeisterten Lobpreisungen der Erfindung und des Erfinders seitens aller +an den Versuchen beteiligten Ärzte. So veranstaltete _Ernst +v. Bergmann_ am 16. November 1890 eine außerordentliche Sitzung der +Freien Vereinigung Berliner Chirurgen, um über die bisherigen +Beobachtungen Bericht zu erstatten und in Behandlung befindliche Kranke +vorzuführen. Von nah und fern waren die besten Vertreter der Medizin in +großer Zahl zusammengeströmt. »Seit den Zeiten des _Hippokrates_ und +_Galen_,« so sagte v. _Bergmann_ in seiner Einführungsrede, »war es +keinem gegeben, gleichzeitig die Erscheinungen der Krankheit und ihre +Ursachen zu erkennen, sowie ihre Heilung zu sichern. Es scheint, als ob +in _Robert Koch_ unserer Nation dies große Glück geschenkt worden sei. +Wäre irgend ein anderer aufgetreten mit der Nachricht, daß er ein +Heilmittel gegen die Tuberkulose gefunden habe, er würde bei uns kein +Glück gehabt haben.« Der also Gefeierte war allerdings allen Bemühungen +zum Trotz der Versammlung ferngeblieben; aber wenige Tage zuvor, am 13. +November, hatte er einen Aufsatz veröffentlicht: »Weitere Mitteilungen +über ein Heilmittel gegen Tuberkulose«, in welchem er seine bisher +gewonnenen Anschauungen niederlegte. Das Mittel (welches erst später den +Namen Tuberkulin erhielt) bleibt in seiner Zusammensetzung noch +unbesprochen. Fest stehe aber, daß es eine spezifische Wirkung auf +tuberkulöse Prozesse habe, welcher Art sie auch immer sein mögen; es +könne daher auch als diagnostisches Hilfsmittel für verborgene +tuberkulöse Herde dienen. Wichtiger sei seine Bedeutung als Heilmittel; +freilich töte es nicht die Tuberkelbazillen, sondern nur das tuberkulöse +Gewebe, welches demnach zwar absterben, aber dennoch Bazillen weiterhin +enthalten könne. Auf totes Gewebe, Käse, nekrotische Knochen wirke es +nicht mehr; demnach sei es Aufgabe des Chirurgen, das abgestorbene +Gewebe möglichst bald aus dem Körper zu entfernen. Da dies bei +Tuberkulose innerer Organe, zumal bei Lungenphthisis schwer erreichbar +sei, so könne letztere nur im Beginne mit Sicherheit geheilt werden. -- +Übrigens werde die Flüssigkeit den Ärzten, welche Versuche machen +wollten, schon jetzt zur Verfügung gestellt. + +Man wird sich später nur noch schwer eine Vorstellung davon machen +können, welch ein Taumel des Entzückens, welch ein jubelnder Aufschrei +der Wonne durch die ganze Ärztewelt ging; und nicht nur durch diese: die +gesamte Menschheit, soweit sie den Kulturvölkern angehörte, war wie in +einem Schwindel der Begeisterung gegenüber der nicht mehr bezweifelten +Annahme, daß der heimtückische, schlimmste Feind des Menschen, dem +alljährlich Hunderttausende nach entsetzlichem Siechtum zum Opfer +fielen, nunmehr niedergerungen, zu Boden gestreckt, vernichtet sei. +Hatte doch _Koch_ gesprochen, der Mann, der noch niemals eine Entdeckung +hinausgegeben hatte, ehe sie fest und unantastbar dastand. Gleich einem +wilden, vom Gewittersturme aufgepeitschten Bergstrome überflutete die +Erregtheit der öffentlichen Meinung alle Dämme, welche Vorsicht und +Besonnenheit aufzurichten versuchten. Hunderte von Heilanstalten für +Tuberkulöse erstanden über Nacht, die mit der Herstellung des Mittels +beauftragten Ärzte waren der Nachfrage auch nicht entfernt gewachsen, +die Glücklichen, denen es gelungen war, sich rechtzeitig eine +angemessene Menge der heilenden Flüssigkeit zu sichern, wurden von +allen Seiten bestürmt, angefleht, selbst beschimpft, wenn sie sich +weigerten, ein in seiner Zusammensetzung noch ganz unbekanntes Mittel +aus der Hand zu geben, ehe sie selber vorsichtige Versuche damit +angestellt hätten. Die medizinische, unterstützt von der politischen +Tagesliteratur brachte fast in jeder Nummer Aufsätze über die _Koch_sche +Behandlung, veranstaltete Sonderausgaben und steigerte die Aufregung. Um +die Jahreswende 1890/91 schien es zuweilen fast, als habe sich die Welt +unter der Einwirkung des Tuberkulins in ein Tollhaus verwandelt. + +Der erste, aber sehr vernehmliche Halt wurde der Bewegung geboten, als +_Virchow_ am 7. Januar 1891 in der Berliner Medizinischen Gesellschaft +über die Wirkung des _Koch_schen Mittels sprach, soweit er sie an +Leichen von Menschen, die während des Lebens nach _Kochs_ Vorschriften +behandelt worden waren, bei der Leichenöffnung hatte feststellen können. +Zum erstenmal wurde hier der bestimmte Verdacht ausgesprochen, daß die +in den tuberkulösen Herden künstlich erzeugte Blutfülle und Erweichung +die in den Geweben lagernden Tuberkelbazillen freizumachen und ihre +Verschleppung in Nachbargewebe, selbst in weite Ferne, herbeizuführen +vermöge. -- Am 15. Januar erschien dann _Kochs_ dritte Äußerung, welche +mitteilte, daß der Stoff, mit welchem sein Heilverfahren geübt werde, +ein Glyzerinextrakt aus den Reinkulturen der Tuberkelbazillen sei. Im +übrigen hielt der Verfasser durchaus an seinem früheren Standpunkte fest +und wies vereinzelte Behauptungen, daß die Behandlung nicht nur +gefährlich werden, sondern geradezu schädlich sein könne, mit aller +Entschiedenheit ab. Demgemäß wurden die Versuche am Menschen in Kliniken +und Krankenhäusern ununterbrochen fortgesetzt. + +Am 1. April 1891 wurde von dem Vorsitzenden _Karl Thiersch_ der XX. +Chirurgenkongreß in der Aula der Universität eröffnet, für dessen ersten +Tag _Ernst v. Bergmann_ einen »Einleitenden Vortrag zu der Besprechung +über die _Koch_sche Entdeckung« übernommen hatte. _Robert Koch_ war zu +dieser Sitzung eingeladen und hatte auf der ersten Sitzreihe, dem +Rednerpulte gegenüber, Platz genommen. In der ihm eigenen schwungvollen +Redeweise hob v. _Bergmann_ als das Neue und Überraschende der Methode +hervor, daß die Einverleibung des Mittels an entfernter Körperstelle +eine Entzündung erzeuge und zwar eine solche, die sich auf tuberkulös +erkrankte Gewebe beschränke. Für die Besprechung stellte er mehrere +Thesen auf, deren Bedeutung er selber eingehend erörterte. Man merkte +dem sehr gewandten Redner eine gewisse Befangenheit an, als er mit dem +Geständnis schloß, daß man noch nicht so weit gekommen sei, einen +wesentlichen und vollends den erhofften großen Gewinn für die Kranken +aus dem neuen Verfahren zu ziehen. Er endete seine Rede mit der Hoffnung +auf fleißige klinische Arbeit der Zukunft, die vielleicht anderes und +Besseres bringen werde als bisher. + +Als zweiter Redner trat _Franz König_ auf, der hochgewachsene blonde +Hesse mit dem nur noch wenig behaarten Schädel und dem spitzen +Kinnbarte, ein ernster, aufrechter Mann, dessen Züge nur selten durch +ein Lächeln gemildert wurden, während er doch ein menschenfreundliches +Herz in der Brust trug; der immer nur die Wahrheit suchte und, falls er +sie gefunden zu haben glaubte, sie rückhaltslos, zuweilen mit einer +gewissen Herbheit, vertrat. Schon in seiner Göttinger Zeit hatte er +sich, neben _Richard v. Volkmann_, die größten Verdienste um die +Ausbildung der Lehre von der Tuberkulose der Knochen und Gelenke +erworben; er war also zweifellos zur Prüfung der aufgeworfenen Frage +ganz besonders berufen. Noch mehr aber durch seinen lauteren Charakter; +denn von Anfang an war er der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, zu +deren Mitbegründern er zählte, ein volles Menschenalter hindurch der +getreue Eckart, der scharf, klar und ohne Menschenfurcht jede +Unvollkommenheit geißelte, jede Überschwenglichkeit dämpfte. In seiner +ruhigen, geläufigen Redeweise gab er seine Meinung dahin ab, daß in +derselben Form, wie er früher einmal eine Ausbreitung der Tuberkulose +als Folge operativer Eingriffe beschrieben habe, das Tuberkulin +gelegentlich zur Verschleppung der Bazillen und zu deren Aussaat über +den ganzen Körper den Anlaß geben könne. Aber auch er wünschte dennoch +einen, wenn auch sehr vorsichtigen Weitergebrauch des Mittels, unter +gleichzeitiger Benutzung sowohl des Jodoforms, wie der Operation. Von +ihm fiel der von vielen Zuhörern im stillen bestätigte Ausspruch, das +Aussehen seiner Klinik sei im Laufe des letzten Winters so gewesen, daß +er Gewissensbisse gehabt und sich vor fremden Menschen, denen er die +Klinik zeigen sollte, geschämt habe. Weiterhin sprachen noch _Schede_ +(Hamburg), _Lauenstein_, v. _Eiselsberg_ und _Küster_, von denen keiner +für die unbedingte Fortsetzung der Versuche sich einlegte; sogar die +Sicherheit des diagnostischen Wertes des Tuberkulins fand Anzweiflung, +und _Kochs_ Angabe, daß letzteres die die Bazillen einhüllenden Gewebe +zum Absterben bringe, konnte auf Grund eingehender Untersuchungen von +_Schimmelbusch_ und _Karg_ nicht einmal für den eigentlichen Tuberkel +bestätigt werden. Nur die örtliche Blutfülle und Reizung wurde +anerkannt. -- Immerhin war die Gesellschaft auf Vorschlag des +Präsidenten damit einverstanden, daß die weitere Besprechung des +Gegenstandes auf den nächstjährigen Kongreß verschoben würde. + +Während in dieser Weise die Beobachtung am Krankenbette durch den Mund +ihrer Vertreter, selbstverständlich immer unter ausgesprochener +Huldigung seines Genius, gegen _Kochs_ Entdeckung und ihre Deutung die +wuchtigsten Keulenschläge richtete, saß ihr Urheber bleich und wortlos, +mit versteintem Gesichte, über welches nur hier und da ein Schatten, ein +leichtes Zucken der Lippen flog, den Rednern gegenüber. Sah er doch in +der fast einmütigen, wenn auch sehr zurückhaltenden Verurteilung seiner +Methode durch die Vertreter der deutschen Chirurgie das Ergebnis langer +mühsamer Forschung, wenn nicht vernichtet, so doch aufs äußerste +gefährdet und ins Wanken gebracht. Und doch waren die Geschehnisse dem +bisherigen und auch späteren Vorgehen _Kochs_ so wenig entsprechend, daß +man sich fragen muß, wie es möglich war, daß der überragende Geist, der +bisher die großartigsten Geschenke an seine Wissenschaft und an die +Menschheit erst herausgegeben hatte, nachdem jede, auch die entfernteste +Möglichkeit einer anderen Deutung auf das Sorgfältigste erwogen und +entweder abgetan oder richtig erklärt worden war, der also nur völlig +reife und unantastbare Ergebnisse veröffentlicht hatte, in dieser so +überaus wichtigen Frage mit einem unreifen, nicht abgeschlossenen +Erzeugnis vor die ärztliche Welt getreten war. Die Erklärung liegt +darin, daß Menschliches, Allzumenschliches sich in die stille Werkstatt +des Gelehrten eingedrängt und seine Zirkel gestört hatte. + +_Koch_ selber hat dies mit den Worten angedeutet, es sei zu viel von +seinen Untersuchungen durchgesickert, als daß sich die Veröffentlichung +habe aufschieben lassen. Nun stand im Sommer 1890 der Internationale +medizinische Kongreß bevor, der zum erstenmal in der Hauptstadt des +geeinigten Deutschen Reiches tagen sollte; da war es begreiflich, daß +alle Beteiligten den brennenden Wunsch hatten, diese Zusammenkunft der +medizinischen Gelehrsamkeit der ganzen Erde recht glänzend zu gestalten. +Als daher der damalige Kultusminister v. _Goßler_, ein Mann von hoher +Intelligenz und von ungewöhnlichem Verständnis für die Aufgaben +naturwissenschaftlicher und medizinischer Forschung, durch v. _Bergmann_ +über _Kochs_ Untersuchungen unterrichtet wurde, da erwuchs in beiden +Männern der Gedanke, durch eine einleitende Rede des Forschers, die der +Welt eine neue großartige Entdeckung bringe, den Verhandlungen der +gelehrten Vereinigung einen besonders glanzvollen Auftakt zu geben. +_Koch_ weigerte sich zunächst mit aller Entschiedenheit, eine in +keiner Weise abgeschlossene Untersuchung, welche dennoch die +leidenschaftlichsten Erwartungen wachzurufen geeignet war, bereits in +die Öffentlichkeit zu tragen; allein den immer stürmischer werdenden +Überredungskünsten von beiden Seiten hat er auf die Dauer nicht +widerstehen können. So ist es denn geschehen, daß in seinem Systeme +nicht nur der Schlußstein, die Prüfung am menschlichen Körper, fehlte, +sondern daß an den Tieren, welche er durch Tuberkulin geheilt zu haben +glaubte, niemals Sektionen vorgenommen worden sind[1]. Diese Versäumnis, +diese bedauernswerte Übereilung hat er mit einem Ikarischen Fluge und +Sturze zu bezahlen gehabt, der zwar dem Andenken des unvergleichlichen +Forschers kaum einen Eintrag zu tun vermag, der aber doch, wie heute +zugestanden werden muß, unzähligen Menschen die Gesundheit zerstört und +ein frühes Ende bereitet hat. Das tragische Schicksal dieser an sich so +großartigen Erfindung bleibt für alle Zeiten eine ergreifende Warnung, +wenn auch nicht leicht wieder so viele ungünstige Umstände +zusammentreffen werden, um einen Genius gleich _Robert Koch_ zu Falle zu +bringen. + + [1] _Buchholtz_, Ernst v. Bergmann. Leipzig 1911. -- Die Angaben über + die Ereignisse, wie sie oben geschildert worden sind, beruhen zum Teil + auf mündlichen Mitteilungen v. Bergmanns an den Verfasser. + +Das weitere Schicksal des Tuberkulins ist schnell erzählt. Der Kongreß +von 1892 brachte nicht etwa eine Wiederaufnahme der Besprechung des +Vorjahres, sondern an bescheidener Stelle, am Nachmittage des zweiten +Sitzungstages einen Vortrag _Franz Königs_: »Die moderne Behandlung der +Gelenktuberkulose«. Er enthält zunächst das Eingeständnis, daß eine +ideale Heilung, d. h. eine Beseitigung aller Äußerungen der Krankheit an +den Gelenken, wie an anderen Organen nicht erzielt werden könne und +deshalb zu übergehen sei. »Weder bei den medikamentösen, noch bei den +Impfversuchen (Tuberkulin) ist bis jetzt etwas herausgekommen. So sehr +sie eine Zeitlang die Menschheit aufgeregt haben, sie müssen als +Zukunftsmusik bezeichnet werden.« Demnach sei die Gelenktuberkulose nach +wie vor örtlich zu behandeln und zwar in dreifacher Weise: durch +Absetzung der Glieder oder Ausschneidung der Gelenke, durch subkutane +Einspritzung von Arzneistoffen (Jodoform); endlich durch +funktionell-physikalische Einwirkung auf die Glieder. Die erstgenannte +Gruppe, die Behandlung durch das Messer, sei nach Möglichkeit +einzuschränken, aber keineswegs zu entbehren. -- Die nachfolgenden +Redner sprachen sich in ähnlicher Weise aus; so sagte v. _Bergmann_, +durch die Einführung der Jodoformeinspritzung sei wirklich mehr +geschaffen, als durch das, was _Koch_, _Liebreich_, _Schüller_ u. a. vom +Blute aus auf die kranken Gelenke hätten bewirken wollen. -- Die Sitzung +wurde weiterhin dadurch denkwürdig, daß _August Bier_ (Kiel) sein neues +Verfahren einer konservativen Behandlung der Gelenktuberkulose durch +Stauung vortrug. + +So war denn für die Chirurgie das Tuberkulin vollständig abgetan und ist +wenigstens als Heilmittel abgetan geblieben. Die dauernd fortgesetzten +Versuche, die _Koch_schen Gedanken trotz allem auf anderen Wegen für die +Menschheit nutzbar zu machen, können daher unser Interesse nur in sehr +beschränktem Maße in Anspruch nehmen, da sie zur Chirurgie nie mehr +ernstere Beziehungen gewonnen haben. Ob die in neuester Zeit wiederholt +angestellten Versuche, die biologisch andersartigen Tuberkelbazillen +niederer Tierarten zur Herstellung eines Heilmittels für den Menschen zu +benutzen, greifbare Erfolge haben werden, läßt sich bisher noch nicht +mit Sicherheit übersehen. Durch den _Koch_schen Zusammenbruch sind die +Chirurgen zwar um eine glänzende Hoffnung ärmer, aber um eine belehrende +Erfahrung reicher geworden. + +Die Chirurgie ist zu der Behandlung, welche _König_ im Jahre 1892 +umrissen und _Bier_ ergänzt hatte, zurückgekehrt und dabei geblieben. +Man ist bescheidener in seinen Erwartungen geworden, man weiß, daß nicht +alle Fälle heilbar und daß die anscheinend Geheilten vor früheren oder +späteren Rückfällen nicht sicher sind; aber gegenüber dem traurigen Lose +tuberkulöser Menschen in früheren Zeiten haben Antisepsis und Asepsis, +Jodoform, physikalische Behandlung und Stauung Ergebnisse erzielt, durch +welche das Schicksal der von Knochen- und Gelenktuberkulose Befallenen +denn doch eine ganz erhebliche und sehr erfreuliche Milderung erfahren +hat. + + * * * * * + +Durch das ganze 17. und 18. Jahrhundert ziehen sich in allen +Kulturländern der Erde und selbst bei rohen Völkern Versuche, die darauf +abzielen die Übertragung der Kuhpocken zu einem Heilmittel gegen die +damals zu einer schlimmen Geißel des Menschengeschlechtes +herangewachsene Blatternkrankheit zu machen. Sie fanden eine +Zusammenfassung und Fortentwicklung zu einer geschlossenen Heilmethode +seit dem Jahre 1798 durch den Engländer _Edward Jenner_, der sie +erfolgreich in die medizinische Praxis einzuführen wußte. Die _Koch_sche +Tuberkulinbehandlung beruht auf dem gleichen, wenn auch geläuterten +Grundsatze der Einführung eines für den Menschen unschädlicheren Giftes +in den Kreislauf, um damit einer gefährlichen Krankheit vorzubeugen, +oder sie nachhaltig zu bekämpfen. Wenn aber auch die von _Koch_ gewählte +Form sich nicht bewährt hat, so ist doch der zugrunde liegende Gedanke +so zwingend, daß die Versuche, ihn für solche ansteckende Krankheiten, +deren Erreger entdeckt worden waren, zu verwerten, niemals aufgehört und +vielfach die schönsten Früchte hervorgebracht haben, freilich zum Teil +auf wesentlich anderen Wegen, als sie die Tuberkulinforschung betreten +hatte. Wie weit diese Bemühungen zur Erzielung einer wirksamen +_Blutserumtherapie_ auch der Chirurgie Nutzen und Förderung gebracht +haben, soll zunächst besprochen werden. + +Der Bazillus der _Diphtherie_, jener furchtbaren Kinderkrankheit, der +bereits im Altertum zahllose Kinder umfangreicher Länderstrecken zum +Opfer gefallen waren, wurde von _Klebs_ schon vor 1883 mikroskopisch +gesehen, von _Löffler_ 1884 bakteriologisch festgestellt und eingehend +beschrieben. An diese Entdeckung knüpften sich seit 1891 _Emil Behrings_ +Versuche einer Heilung diphtheriekranker Versuchstiere durch +Einverleibung des Serums immun gewordener Tierkörper, die er zuerst mit +_Erich Wernicke_ zusammen unternahm. Aus den ersten Versuchen über die +Anwendbarkeit einer solchen Serumbehandlung auf den Menschen ist das +v. _Behring_sche _Diphtherieheilserum_ hervorgegangen, welches eine der +großartigsten Entdeckungen aller Zeiten auf dem Gebiete der +Krankheitsheilungen darstellt. Auch die Chirurgie hat aus ihr ungeahnte +Vorteile gezogen; denn die schweren Fälle des schrecklichen Leidens, +welches seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wiederum Hekatomben von +kindlichen Opfern forderte, waren dem Messer des Chirurgen +anheimgefallen, um den drohenden Erstickungstod durch einen +rechtzeitigen Luftröhrenschnitt zu bekämpfen. In der Tat gelang es auf +diese Weise, je nach der Schwere und den besonderen Eigentümlichkeiten +der verschiedenen Endemien, 25-50 v. H. der Operierten und selbst +darüber hinaus am Leben zu erhalten; aber in den siebziger und achtziger +Jahren schien die Bösartigkeit des Leidens und damit die allgemeine +Sterblichkeit sich noch immerfort zu steigern. + +Diesen überaus traurigen und beängstigenden Zuständen hat _Emil +v. Behrings_ Diphtherieheilserum ein Ende gemacht. Freilich ist das neue +Heilmittel, da die ärztliche Welt kurz zuvor die große Enttäuschung mit +dem Tuberkulin erlebt hatte, ohne lebhaften Widerstand und heftige +Erörterungen nicht aufgenommen worden; auch hat der unausrottbare +Optimismus des menschlichen Geschlechtes, welches in jedem neuen +Heilmittel sofort ein _All_heilmittel zu erblicken sich anschickt, +manche Enttäuschung herbeigeführt. Trotzdem ist das v. _Behring_sche +Serum in wenigen Jahren zu einer starken und schneidigen Waffe gegen +eine der verderblichsten Krankheiten geworden. Die Erkrankungsziffer +ist, wahrscheinlich allerdings nicht ausschließlich unter dem Einflüsse +der Heilserumbehandlung, erheblich heruntergegangen, die schweren Fälle +mit ausgiebigen Zerstörungen der Weichteile sind fast verschwunden, weil +zurzeit fast jeder Erkrankungsfall von dem behandelnden Arzte schon im +ersten Beginn mit einer Einspritzung versehen wird, die allgemeine +Sterblichkeit ist stark gesunken und die der Operation unterworfenen +Fälle zeigen einen Verlust von höchstens noch 30 v. H., so daß die +Operationsstatistik seit jener Zeit sich um etwa 40 v. H. gebessert hat. +Krankenhäuser und Kliniken sind von der niederdrückenden Behandlung +diphtherischer Kinder erheblich entlastet worden und der Wundarzt sieht +die Erfolge seiner Operationen nicht mehr durch die langen Zahlenreihen +der Todesfälle nach Tracheotomien entstellt. + +Noch einen zweiten großen und unvergeßlichen Dienst hat _Emil +v. Behring_ der leidenden Menschheit durch Erfindung seines _Heilserums +gegen Wundstarrkrampf_ geleistet. Zur Bekämpfung der Wirkungen des im +Jahre 1884 von _Nicolaier_ entdeckten und im Jahre 1889 von dem Japaner +_Kitasato_ in Reinkultur gezüchteten Tetanusbazillus stellte +v. _Behring_ im Jahre 1895 nach den gleichen Grundsätzen wie beim +Diphtherieheilserum ein Tetanusantitoxin dar, welches bei dieser zwar +nicht eben häufigen, aber um so furchtbareren Krankheit seitdem +allgemeine Anwendung gefunden hat. Wenn auch das Mittel in +vorgeschrittenen Fällen keineswegs imstande ist unter allen Umständen +den tödlichen Ausgang zu verhindern, so gewinnt es doch an Sicherheit, +je frühzeitiger die Einverleibung in das erkrankte Glied vorgenommen +wird und scheint bei der auf S. 14 bereits erwähnten prophylaktischen +Einspritzung einen fast vollkommenen Schutz gegen den Ausbruch der +Krankheit zu gewähren. + +Die auf fast alle, durch bekannte Mikrobien hervorgerufenen Krankheiten +ausgedehnte Serumbehandlung kann hier nur so weit berührt werden, als +chirurgische Leiden in Betracht kommen. Für diese stehen im Vordergrunde +der Wichtigkeit die verschiedenen, in Deutschland, Frankreich und +anderen Ländern hergestellten _Streptokokkensera_ von etwas anderer +Zusammensetzung, als die vorgenannten. Indessen ist das ganze Verfahren +noch so wenig ausgebaut, daß von einer sicheren Heilwirkung noch nicht +gesprochen werden kann. Immerhin wird man schon jetzt sagen dürfen, daß +die Serumbehandlung, wie sie der Chirurgie schon bisher glänzende +Erfolge eingebracht hat, ihr auch für die Zukunft noch manche +beachtenswerte Förderung in Aussicht stellt. + +Für einige, durch pflanzliche Schmarotzer hervorgerufene Krankheiten, +wie Lepra und Aktinomykose, deren Erreger, der Leprabazillus, im Jahre +1884 von dem Norweger _Armauer Hansen_ und der Strahlenpilz, zuerst von +_Bernhard Langenbeck_ gesehen, im Jahre 1877 von _Bollinger_ in München +genau beschrieben wurden, ist ein Heilmittel bisher noch nicht +aufgefunden worden, soweit nicht chirurgische Eingriffe möglich sind. + +Eine besondere Stellung nimmt die _Syphilis_ ein, deren Erreger erst +nach langer, von zahlreichen Forschern aufgebotener Mühe _Schaudinn_ und +_Hoffmann_ im Jahre 1905 in einer Spirille, der Spirochaeta pallida, +entdeckten und damit ihre ätiologische Selbständigkeit gegenüber den +beiden anderen Geschlechtskrankheiten, dem weichen Schanker und dem +Tripper, feststellten. Wenn auch diese drei Leiden, wenigstens in ihren +ersten Anfängen, längst von der Chirurgie spezialistisch gesondert +worden sind, so haben sie doch in ihrem weiteren Verlaufe so viele +Berührungspunkte mit ihr, daß sie in einer Geschichte der Chirurgie +nicht übergangen werden dürfen. So ist es denn auch für diese von hoher +Bedeutung geworden, daß durch _Paul Ehrlichs_ chemotherapeutische +Untersuchungen ein zwar altes Mittel, das Arsen, aber in neuer Form als +Salvarsan (Ehrlich 606), d. h. ein organisches Arsenpräparat, in Form +von Einspritzungen in die Behandlung eingeführt wurde. Das Mittel hat +sich als außerordentlich wirksam, zugleich aber als gefährlich erwiesen, +indem es doch auch mehrfach Todesfälle veranlaßt zu haben scheint. Ob es +möglich sein wird, durch Abänderung des Verfahrens diese zu beseitigen, +oder wenigstens einzuschränken, ist gegenwärtig noch nicht zu +beurteilen; doch ist wenigstens an der Wirksamkeit des Mittels ein +Zweifel nicht mehr möglich. + +Der Erreger der Gonorrhoe, der Gonokokkus, wurde 1879 von _Albert +Neißer_ in Breslau, der Erreger des weichen Schankers, der +Streptobacillus ulceris mollis, 1889 von dem Franzosen _Ducrey_ und +etwas später, aber unabhängig von diesem, von den Deutschen _Krefting_ +und _Unna_ entdeckt. Die Feststellung der Entstehungsart dieser Leiden +hat deren Behandlung wesentlich wirksamer und sachgemäßer gemacht, als +dies jemals vorher der Fall gewesen war, zugleich aber auch der seit +Jahrhunderten dauernden Verwirrung über Wesen und Zusammengehörigkeit +der Geschlechtskrankheiten glücklich ein Ende gemacht. + + * * * * * + +Eine für die Chirurgie ungemein wichtige Krankheit, die durch +Einwanderung der Zwischenform einer Bandwurmart, der Taenia +echinococcus, in den menschlichen Körper hervorgerufene +_Echinokokkenkrankheit_ hat in den letzten Jahrzehnten eine nachhaltige +und wirksame Bekämpfung gefunden. Seitdem durch den Berliner _Peter +Simon Pallas_ im Jahre 1760 die schon dem Altertume bekannten großen +Blasen bei Ochsen und Schafen als tierische Schmarotzer erkannt, und von +_Bremser_ in Wien 1821 auch beim Menschen bestätigt worden waren, haben +sich zahlreiche, vorwiegend deutsche Forscher, unter denen +_Küchenmeister_, _Heller_ und _Leuckart_ zu nennen sind, mit der +Aufklärung des Lebensganges des Hülsenwurmes, eine große Anzahl von +Ärzten mit der klinischen Seite des Leidens beschäftigt. Die Behandlung +blieb aber höchst unvollkommen, selbst nachdem in den sechziger Jahren +des vorigen Jahrhunderts die operative Bekämpfung des Wurmleidens ihren +Anfang genommen hatte. Erst die Antisepsis schuf auch hier Wandel, so +daß ohne große Gefahren die operative Beseitigung der Blasen fast an +allen Körperteilen hat in Angriff genommen werden können. Zu den +erfolgreichsten Schriftstellern auf diesem Gebiete gehört _Otto +Madelung_, 1885. Seitdem zählt die Ausräumung der gefährlichen +Wurmhülsen zu den dankbarsten Aufgaben des Wundarztes. + + * * * * * + +Die bisher besprochenen Verwundungs- und Erkrankungsgruppen haben das +Gemeinsame, daß bei ihnen der Nachweis der letzten Ursachen der Leiden +zu einer höchst erfolgreichen, den Entstehungsbedingungen angepaßten +Abänderung der Behandlungsweise geführt hat. Anders liegt die Sache mit +einer letzten, höchst bedeutungsvollen Sippe pathologischer +Veränderungen, den _bösartigen Neubildungen_, unter denen die _Krebse_ +und _Sarkome_ wegen ihrer verhängnisvollen Einwirkung auf den +menschlichen Körper an Wichtigkeit allen übrigen voranstehen. + +Schon seit dem Beginne bakteriologischer und tierisch-parasitärer +Forschungen hat sich immer von neuem der Gedanke aufgedrängt, daß die +Ursache des Krebses in der Einwanderung pflanzlicher oder tierischer +Schmarotzer in den Körper gesucht werden müsse. Indessen darf heute +gesagt werden, daß diese Vorstellungen fast vollkommen Schiffbruch +erlitten haben, indem alle Anstrengungen, ihre Wirklichkeit zu beweisen, +gänzlich ergebnislos gewesen sind. So ist denn bis zum heutigen Tage, +obwohl die pathologische Anatomie alles getan hat, um den feineren +Aufbau, die Wachstumsverhältnisse und die biologischen Eigenschaften der +bösartigen Neubildungen bis auf die letzte Einzelheit zu klären, das +eigentliche Wesen des Krebses, soweit seine Entstehung in Frage kommt, +noch fast so unbekannt, wie vor 2000 Jahren, als man ihn als einen dem +Körper fremden Parasiten ansah. Gemeinsam ist in den Anschauungen der +neuesten Zeit nur die Betrachtung des Krebses vom ätiologischen +Standpunkte aus; aber darüber hinaus scheiden sich die Wege mit voller +Entschiedenheit. Man braucht nur die Auffassungen zweier Forscher, wie +_Ribbert_ und v. _Hansemann_, miteinander zu vergleichen, um darüber +nicht im Zweifel zu bleiben. + +Selbstverständlich kann an dieser Stelle auf die schwebenden +Streitfragen nicht eingegangen werden. Es genüge daher zu bemerken, daß +die Behandlung bösartiger Geschwülste davon bisher keinen +bemerkenswerten Nutzen gezogen hat. Aus eigener praktischer Erfahrung +heraus waren die Chirurgen schon seit Jahrzehnten zu dem Schluß +gekommen, daß eine möglichst frühzeitige und möglichst ausgedehnte +Ausschälung der wachsenden Geschwulst, wie sie insbesondere durch die +schöne Arbeit _Lothar Heidenhains_ vom Jahre 1889 für den Brustkrebs +festgelegt worden ist, die sicherste und am meisten vor Rückfällen +schützende Behandlung darstelle. Diese Anschauung ist von der +pathologischen Anatomie in vollem Umfange bestätigt und von der +biologisch-therapeutischen Forschung nicht erschüttert worden. So ist +zurzeit noch alles Heil der von Krebs befallenen Unglücklichen an das +rechtzeitig und geschickt geführte Messer gebunden; und die damit +erzielten Ergebnisse sind wahrlich beachtenswert genug, da selbst bei +einer so gefährlichen Form, wie dem Brustkrebse, 30-40 v. H. +Dauerheilungen durch sorgfältige statistische Untersuchungen und +Nachforschungen festgestellt wurden. + +Dementsprechend kann vorläufig kein gewissenhafter Wundarzt die +Verantwortung übernehmen, einem Kranken mit beginnender bösartiger +Neubildung eine andere Behandlung als die der blutigen Operation zu +empfehlen; denn weder die Durchleuchtung, noch die Behandlung mit Radium +oder Mesothorium haben bisher verhältnismäßig gleich sichere Ergebnisse +geliefert wie das Messer. Auch die von _Ehrlich_ in den letzten Jahren +eingeleiteten Immunisierungsversuche haben vorläufig noch keine +verwertbaren Erfolge gezeitigt. Immerhin ist die Hoffnung nicht +ausgeschlossen, daß auf dem einen oder anderen dieser Wege der Schutz zu +haben sein wird, durch welchen dereinst eine der furchtbarsten Geißeln +des menschlichen Geschlechtes erfolgreich bekämpft werden kann. + + + + + _Fünfter Abschnitt._ + + Eroberungen auf dem Gebiete der speziellen Chirurgie. + + +Die Wandlung der Anschauungen, welche sich unter der sicheren Hut der +antiseptischen und aseptischen Wundbehandlung vollzog, hat auch zu einem +völligen Umsturz der Behandlung in den Organgruppen und den einzelnen +Organen geführt. Die Chirurgie trat einen Siegeszug an, der ohnegleichen +in ihrer langen Geschichte ist, der vor keinem Hindernis Halt machte und +eine große Anzahl von Krankheiten in ihren Bereich zog, an deren +Zugehörigkeit zur inneren Medizin bisher kaum ein leiser Zweifel sich +geltend gemacht hatte. So gibt es denn fast keinen Punkt mehr des +menschlichen Körpers, den nicht chirurgische Werkzeuge am lebenden +Menschen zu erreichen und unmittelbar oder mittelbar zu beeinflussen +versucht hätten; und auf diese Weise vollzog sich eine Verschiebung der +Örtlichkeit chirurgischer Erkrankungen, die der heutigen Chirurgie einen +von dem vor einem halben Jahrhundert eingenommenen Standpunkte gänzlich +verschiedenen Inhalt gegeben hat. Ihr Kennzeichen besteht darin, daß die +meisten Lehrfächer der praktischen Medizin einen mehr oder weniger +chirurgischen Anstrich bekommen haben. + +Für die geschichtliche Besprechung können zwei Gruppen unterschieden +werden: Krankheiten von Organen und Organsystemen, welche man bereits +vor Einführung der Antisepsis sachgemäß zu behandeln begonnen hatte, bei +denen also nur ein Ausbau und eine Vervollkommnung in Frage kam; und +solche, bei denen chirurgische Einwirkungen erst durch die _Lister_sche +Behandlung möglich geworden sind. Sie bilden die glänzendste Seite der +neuen Entwicklung der Wundarzneikunst. + + + + + Kapitel XII. + + Ausbau der Eingriffe an schon bisher zugänglichen Organen. + + +Zur ersten Gruppe gehören die Bemühungen, angeborene oder erworbene +Mängel der äußeren Decken oder der Organe durch Einpflanzung +entsprechender Gewebe der gleichen oder ähnlichen Art zu beseitigen, die +_plastischen Operationen_. Die ersten Versuche stammen schon aus dem +Altertume; doch hat die Lehre eine so wechselreiche Geschichte +durchzumachen gehabt, daß sie zeitweilig fast vollkommen vergessen war. +Erst im 19. Jahrhundert ist sie durch _Ferdinand v. Gräfe_ und _Johann +Friedrich Dieffenbach_ ganz erheblich gefördert worden und erhielt nach +Erfindung der Betäubungsmittel durch _Bernhard v. Langenbeck_ einen +neuen mächtigen Auftrieb, der unter dem Schutze der antiseptischen +Wundbehandlung sich dahin auswuchs, daß sie zu einem Gemeingut aller +Chirurgen geworden ist. Seitdem ist die operative Technik der +plastischen Operationen durch so viele neue Ideen bereichert worden, daß +ihre Leistungen weit über die Bemühungen früherer Zeiten sich erhoben +und auf vielen Gebieten großen und dauernden Nutzen gestiftet haben. + +Die meisten neueren Chirurgen bezeichnen alle plastischen Operationen +ohne Ausnahme als Überpflanzungen, Transplantationen; nur einzelne +unterscheiden freie und gestielte Überpflanzungen. Andere haben sich +bemüht, die beiden Formen, in denen der Ersatz in die Erscheinung tritt, +schon durch das Hauptwort kenntlich zu machen. Nach diesem ohne Frage +zweckmäßigeren Verfahren heißt Überpflanzung (Transplantatio) nur eine +solche Operation, bei welcher ein _gestielter_ Lappen, aus der +Nachbarschaft oder aus weiterer Entfernung entnommen, auf eine neue +Wundfläche übertragen wird, um erst nach der Aufheilung, wenn überhaupt, +von seinem Mutterboden gänzlich abgeschnitten zu werden. Dagegen heißt +die Einpflanzung eines von seinem Mutterboden sofort vollkommen +losgelösten Lappens, des Pfropfstückes, auf eine andere Körperstelle +Pfropfung (Insitio), da dieser Vorgang mit der gleichnamigen Übertragung +abgeschnittener Reiser auf andere Bäume Verwandtschaft hat. Die +Überpflanzung ist das ältere Verfahren, welches schon durch +_Dieffenbach_ zu einer ziemlich hohen Vollendung gebracht worden ist. In +B. v. _Langenbecks_ Gaumennaht (Uranoplastik) hat es 1862 eine seiner +schönsten Früchte gezeitigt, da es nicht nur einen die Sprache schwer +beeinträchtigenden Fehler in vielen Fällen vollkommen zu beseitigen +erlaubt, sondern auch für die Heilung mancher ähnlicher Störungen +vorbildlich geworden ist. Überdies ist sie durch _Edmund Roses_ +Erfindung der Operationen am hängenden Kopfe vom Jahre 1874 zahlreicher +Unannehmlichkeiten und Gefahren entkleidet worden. In neuerer Zeit hat +die Transplantation an den verschiedensten Körperteilen durch den im +Jahre 1902 verstorbenen _Karl Nicoladoni_ in Graz eine außerordentliche +Förderung erfahren. Als besonders fruchtbar erwies sich auch die +_Müller-König_sche Methode zum Ersatze von Schädeldefekten. An sie +schließen sich die osteoplastischen Aufmeißelungen eiternder Höhlen an, +wie sie _Küster_ für den Warzenfortsatz, die Stirnhöhle und die von +Osteomyelitis befallenen Markhöhlen der langen Röhrenknochen empfohlen +hat. + +Wesentlich jünger ist die Pfropfung völlig getrennter Hautstücke, welche +auf Grund einer aus Indien stammenden Anregung für den Nasenersatz zum +ersten Male von dem Anatomen und Chirurgen _Bünger_ in Marburg im Jahre +1818 am lebenden Menschen und mit teilweisem Erfolge versucht wurde. + +Die wertvollste Fortbildung erhielt die Methode, als _Jaques Reverdin_ +in Genf im Jahre 1869 mit seiner Epidermispfropfung (Greffe épidermique) +hervortrat, die von _Karl Thiersch_ mit Hilfe der inzwischen +ausgebildeten antiseptischen Behandlung im Jahre 1886 zu einer erheblich +brauchbareren _Haut_pfropfung umgeformt wurde, welche es erlaubte +umfangreiche Hautverluste durch eine größere Anzahl von fettlosen +Hautstreifen schnell zu heilen. Daneben hatte _Thiersch_ sich schon 1874 +mit der Aufpflanzung großer Hautstücke beschäftigt, welche von +J. R. _Wolfe_ ein Jahr später als eine neue Methode der Plastik +beschrieben worden ist. Sie ist seit 1893 durch _Fedor Krause_ vielfach +verbessert und in hervorragendem Maße gefördert worden. Auch sind +erfolgreiche Versuche angestellt, nicht nur stundenlang vom Körper +getrennte und in Kochsalzlösung aufbewahrte größere Hautstücke, sondern +auch ganz oder fast ganz abgelöste Körperteile sofort wieder zur +Anheilung zu bringen. In neuester Zeit hat die Pfropfung von +Knochenteilen, Elfenbein, Zelluloid in Knochendefekte eine besonders +große Ausdehnung gewonnen. + +Beide Gruppen der Plastik haben für den Ersatz von Gesichtsdefekten, +insbesondere für die Wiederherstellung verloren gegangener Nasen eine +immer wachsende Bedeutung bekommen; die Verschönerung des menschlichen +Antlitzes hat sich fast zu einer besonderen Kunst entwickelt, für deren +Ausübung sogar Spezialisten auf den Plan getreten sind. -- + + * * * * * + +Alt wie die Plastik sind auch die _Eingriffe an großen Gefäßen_, teils +zur Blutstillung, teils zur Beseitigung gewisser Erkrankungen, +insbesondere der Aneurysmen. An die großen Venenstämme hat man sich +freilich in älterer Zeit nicht leicht herangewagt, da man mit Recht die +von dem Unterbindungsfaden ausgehende Eiterung und die Fortschwemmung +des verunreinigten Blutpflockes fürchtete. Ist man doch in dieser Furcht +so weit gegangen, bei zufälligen Verletzungen großer Venen nicht diese, +sondern die daneben liegende Hauptschlagader des Gliedes behufs +Blutstillung zu unterbinden, also einen damals noch recht gefährlichen +Eingriff zur Bekämpfung einer kaum größeren Gefahr zu setzen +(v. _Langenbeck_, 1861). Die antiseptische und aseptische Wundbehandlung +hat diese Furcht verscheucht. Man scheut sich nicht mehr, die großen +Venenlichtungen in Amputationswunden zu unterbinden, man ist von der +zeitweiligen Abklemmung seitlicher Venenwunden (E. _Küster_, 1873) zur +seitlichen Venenunterbindung (_Schede_, 1882) und zur seitlichen +Venennaht übergegangen, man öffnet die Venen seitlich, um sie behufs +Wegschaffung septischer Gerinnsel auf längere Strecken zu durchspülen +(E. _Küster_) oder Neubildungsthromben aus ihnen herauszuziehen +(v. _Zöge-Manteuffel_) und um sie nachträglich durch die Naht wiederum +zu schließen. Als der kühnste dieser Eingriffe an Gefäßen, welche +Venenblut führen, ist _Friedrich Trendelenburgs_ Eröffnung der Arteria +pulmonalis zur Beseitigung eines das Gefäß verschließenden Embolus vom +Jahre 1908 anzusehen. + +Auch die Schlagaderversorgung zur Bekämpfung von Blutungen und +Aneurysmen hat durch die neue Wundbehandlung ein anderes Ansehen +bekommen. So bewundernswert die Kühnheit älterer Chirurgen erscheint, +welche ihre Unterbindungsfäden selbst an den tiefsten Abschnitt der +Bauchaorta und an die dem Herzen nahen großen Gefäßstämme herantrieben, +so wurde sie doch nur selten durch Erfolg belohnt, der meistens durch +Nachblutungen und Wundkrankheiten vereitelt worden ist. Die neue +Chirurgie kennt solche Gefahren kaum noch. Ohne Bedenken wird der +umschnürende Faden in der unmittelbaren Nachbarschaft eines stärkeren +Seitenastes angelegt; und in der seitlichen Naht der Schlagadern hat die +Wundarzneikunst ein Hilfsmittel gewonnen, um die Unterbindung in solchen +Fällen zu umgehen, in denen die schnelle Ausbildung eines +Kollateralkreislaufes nicht gesichert erscheint. Selbst die +Zusammenfügung völlig quer durchtrennter Arterienstücke hat schon +gewisse Erfolge aufzuweisen. Aber als die glänzendste Widerspiegelung +des mit Kühnheit gepaarten Wissens und Könnens deutscher Chirurgie ist +_Ludwig Rehns_ im Jahre 1897 kundgemachte und glücklich verlaufene +Herznaht nach Herzverwundung anzusehen, welche seitdem bereits eine +erhebliche Anzahl von Menschen, die dem sicheren Tode verfallen +schienen, dem Leben zurückzugeben vermocht hat. Hierher gehört auch +_Anton v. Eiselsbergs_ Naht der durch Stich verletzten Arteria +pulmonalis vom Jahre 1909. + + * * * * * + +Zu den ältesten Teilen der Chirurgie zählt die _Augenheilkunde_, deren +operative Technik schon im Altertume eine beachtenswerte Grundlage +erhalten hatte. Die enge Verknüpfung beider Lehren, welche in +Deutschland durch _August Gottlieb Richter_ angebahnt worden war, wurde +indessen gelöst, als mit der Errichtung eigener Professuren der +Augenheilkunde in Frankreich und Österreich deren selbständige +Entwicklung anerkannt und begünstigt worden war. In Deutschland geschah +dies erst mit _Albrecht v. Gräfes_ Ernennung zum außerordentlichen +Professor der Augenheilkunde an der Berliner Universität im Jahre 1857; +denn damit wurde die Trennung von der Chirurgie, mit der sie bisher in +einer Hand vereinigt gewesen war, endgültig vollzogen. Aber so sehr auch +v. _Gräfe_ und seine Nachfolger ihre Wissenschaft in allen übrigen +Fragen gefördert haben: der vollständige Ausbau der Technik und deren +Beherrschung ist der Ophthalmologie erst gekommen, seitdem Antisepsis +und Asepsis ihren schützenden Schild über den erkrankten Augen +hielten. -- + +Noch deutlicher tritt dies bei einer zweiten Tochterwissenschaft der +Chirurgie hervor. Die deutsche _Ohrenheilkunde_, welche auch für andere +Völker vorbildlich geworden ist, wurde seit 1855 durch _Anton Friedrich +Freiherrn v. Tröltsch_, der seit 1860 dies Lehrfach an der Universität +Würzburg vertrat, einer Erneuerung und Vervollkommnung zugeführt, bei +der nicht nur die physikalischen Untersuchungsmethoden sondern auch die +Anatomie und später die pathologische Anatomie als Hilfswissenschaften +herangezogen sind. Indessen der häufigsten und gefährlichsten Krankheit +des Ohres gegenüber, der eitrigen Entzündung des Mittelohres, der Höhle +des Warzenfortsatzes und dieses Knochenteiles selber, welche nicht nur +das Gehörorgan, sondern oft auch das Leben bedroht, blieben die +Bemühungen zunächst ziemlich machtlos. Denn auch die Wiederaufnahme +älterer Behandlungsmethoden, wie des Stiches durch das Trommelfell und +der operativen Eröffnung des Warzenfortsatzes, vermochte das Verhängnis +nur ausnahmsweise aufzuhalten, weil wenigstens die letztgenannte +Operation, die schon 1649 von dem französischen Anatomen _Jean Riolan_ +vorgeschlagen wurde, bis dahin in ganz ungeeigneter Weise zur Ausführung +gekommen war. Selbst die von H. _Schwartze_ im Jahre 1873 angegebene +Trepanation des Warzenfortsatzes hat sich nicht dauernd zu behaupten +gewußt, da sie mit einem unzweckmäßigen Werkzeuge ausgeführt jede +Übersicht des Operationsfeldes und der Ausdehnung der Knochenerkrankung +vermissen läßt. Erst mit dem chirurgischen Grundsatze der breiten und +übersichtlichen Eröffnung des Warzenfortsatzes mittels Meißel und +Hammer, welchen im Jahre 1889 zuerst _Ernst Küster_ einführte, bald +darauf auch _Ernst v. Bergmann_ befürwortete, wurde eine +leistungsfähige Operationsmethode geschaffen, die später zwar mehrfache +Abänderungen erfuhr, aber in ihren Grundzügen doch unverändert blieb. +Da sie zweifellos den bei weitem häufigsten blutigen Eingriff in der +Ohrenheilkunde darstellt, so ist sie unter der fleißigen Arbeit der +Ohrenärzte zu einem hochbedeutsamen Hilfsmittel für die Erhaltung des +Gehörorganes geworden. + +Die _Nasen-_, _Rachen-_ und _Kehlkopfkrankheiten_, die sich gleichfalls +zu einer sehr wichtigen Sonderwissenschaft entwickelt haben, verdanken +nicht minder ihren Aufschwung der Einführung der Antisepsis. Am +deutlichsten tritt dies bei den Kehlkopfkrankheiten hervor, die im Jahre +1857 von _Türck_ in Wien und bald darauf auch von _Czermak_ durch +Einführung des Kehlkopfspiegels erst einer sachgemäßen Beobachtung und +Behandlung zugeführt und durch _Viktor v. Bruns_ in Tübingen im Jahre +1862 mit der endolaryngealen Operationsmethode beschenkt, doch erst nach +Einführung der Antisepsis ihre volle Bedeutung für die chirurgische +Pathologie errangen. Denn auf Grund von Tierversuchen, welche sein +Assistent _Vinzenz Czerny_ im Jahre 1870 angestellt hatte, wagte +_Theodor Billroth_ 1873 die erste vollkommene Ausschälung des krebsig +erkrankten Kehlkopfes am lebenden Menschen und erzielte vollkommenen +Erfolg. Der Fall wurde auf dem III. Chirurgenkongreß von 1874 von _Karl +Gussenbauer_ besprochen und zugleich ein von ihm erdachter künstlicher +Kehlkopf vorgelegt, mit dem der seines Stimmorgans beraubte Mann laut, +wenn auch eintönig zu sprechen imstande war. Spätere Abänderungen dieses +Ersatzes, an denen sich _Paul Bruns_, _Julius Wolff_ u. a. beteiligten, +haben ihn bis zu einer solchen Vollkommenheit gebracht, daß auch eine +beschränkte Modulation der Stimme möglich geworden ist. + +Auch damit hat man sich nicht begnügt. Schon _Billroth_ nahm im Jahre +1878 nur den halben Kehlkopf fort und _Heine_ hatte bereits 1874 die +sogenannte Resektion des Stimmorgans in Vorschlag gebracht, um nur +wirklich kranke Teile zu beseitigen und die lästige Prothese überflüssig +zu machen. Um ihren Ausbau hat sich vor allen anderen _Eugen Hahn_ in +Berlin verdient gemacht. So ist es denn gelungen, die Sterblichkeit +stark herabzumindern, einen Ersatz überflüssig zu machen und selbst die +Stimme bis zu einem gewissen Grade zu erhalten[2]. Damit hat die +deutsche Kehlkopfchirurgie voraussichtlich den Gipfel ihrer +Leistungsfähigkeit erstiegen. Daß es ihr nicht vergönnt gewesen ist, +diese in dem Trauerspiele von 1887/88 zu erweisen, welches sich mit dem +Namen des Engländers _Mackenzie_, unseligen Angedenkens, verknüpft, +während wir uns mit Stolz unseres wackeren _Fritz v. Bramann_ erinnern +dürfen, der durch einen Luftröhrenschnitt unter den denkbar +schwierigsten Verhältnissen wenigstens die Erstickungsgefahr von dem +hohen Dulder, dem Kronprinzen des Deutschen Reiches, abzuwenden wußte, +wird noch heute jedem Vaterlandsfreunde das Herz schwer machen. + + [2] Verfasser operierte 1881 und 1889 wegen bösartiger Neubildungen des + Kehlkopfes zwei Ärzte, deren Schicksale er weiterhin hat verfolgen + können. Dem ersten wurde der halbe Kehlkopf weggenommen. Er bekam eine + zwar rauhe, aber laute und meist tönende Stimme, die durchaus + verständlich war und ihn weder in der Unterhaltung, noch im Berufe + hinderte. Dem zweiten, der ein eben beginnendes Krebsgeschwür unter dem + linken Stimmbande hatte, wurde nur letzteres bis auf den Knorpel + umschnitten und ausgeschält. Einige Jahre später stellte er sich mit + tönender Stimme vor, die ihm sogar zu singen erlaubte; das _Stimmband_ + hatte eine Neubildung erfahren. Beide haben nie einen Ersatz getragen, + waren in ihrem Berufe lange Jahre tätig und sind noch heute am Leben. + +Schließlich möge noch erwähnt sein, daß die durch _Gustav Killian_ seit +1902 eingeführte und zu hoher Vollendung gebrachte Bronchoskopie, behufs +Beseitigung von Fremdkörpern aus den tiefen Luftwegen, eine +bewundernswerte Erweiterung der Technik auf dem Gebiete der Krankheiten +der Atemorgane darstellt. + +Die _Gynäkologie_ hat gleichfalls ihre eigenen Wege eingeschlagen; aber +auch bei ihr beginnt ein höherer Flug erst von dem Augenblick an, in +welchem sie ein chirurgisches Gewand anlegte. Das geschah freilich schon +längere Zeit vor dem Beginne der neuen Wundbehandlung; und diese Wendung +ist nicht auf deutschem Boden zustande gekommen, sondern dem +angelsächsischen Geiste zu danken. + +Es war in einem einfachen Holzhause eines Städtchens im Staate Kentucky, +wo der in England vorgebildete amerikanische Arzt _MacDowell_ im Jahre +1809 zum erstenmal die Operation der Oophorektomie an einer Negerin mit +Vorbedacht ausführte und vollen Erfolg erzielte. Sehr langsam +verbreitete sich die Operation in Amerika und weiterhin in England, wo +bis 1842 erst 10 glücklich verlaufene Fälle bekannt geworden waren. +Früher als dort wurde aber der Eingriff in Deutschland gewagt, so von +_Chrysmar_ in Isny (Württemberg) bis 1820 bereits 3mal. Ausschlaggebend +wurde indessen erst der chirurgisch ausgebildete Engländer _Spencer +Wells_, der, seit 1858 seine Laufbahn beginnend, schon zur Zeit des +Auftretens _Listers_ Hunderte von Operationen hinter sich hatte. Ihm ist +die schnelle Ausbreitung des Verfahrens mit dem Beginne der neuen +Wundbehandlung über alle Länder der Erde zu verdanken; sie ist ein +Gemeingut aller operierenden Frauenärzte geworden. + +_MacDowells_ bewußte Eröffnung der Bauchhöhle reizte zur Nachfolge auch +auf dem Gebiete der sehr häufigen Neubildungen der Gebärmutter, soweit +sie nicht von der Scheide her angreifbar waren. Nach zahlreichen, nur +durch diagnostische Irrtümer veranlaßten und vielfach unglücklich +verlaufenen Operationen in verschiedenen Ländern wagte zum erstenmale im +Jahre 1853 der Amerikaner _Kimball_ eine Wegnahme der durch Fibromyom +vergrößerten Gebärmutter, welche glücklich ablief. Später haben, immer +noch in vorantiseptischer Zeit, der elsässische Alemanne _Köberlé_ in +Straßburg, _Péan_ in Paris und vor allen anderen der Amerikaner _Marion +Sims_ die Erkenntnis und Behandlung dieser Neubildungen gefördert, deren +Operation nach Einführung der antiseptischen Behandlung ganz erheblich +an Sicherheit gewann. Unter den deutschen Gynäkologen sind insbesondere +_Wilhelm Alexander Freund_ als Erfinder der Ausrottungsmethode +einer krebsigen Gebärmutter, _Billroth_ mit seiner vaginalen +Gebärmutterausschälung und _Karl Schröder_ als Bahnbrecher auf diesem +Gebiete zu nennen. Die operative Gynäkologie ist seitdem eine wohl +abgerundete Wissenschaft geworden, mit der Fachchirurgen sich nur noch +ausnahmsweise beschäftigen. Sie hat auch die ihr nahestehende +Geburtshilfe dahin beeinflußt, daß der natürliche Vorgang der Entbindung +von einer, zu manchen Zeiten und an manchen Orten recht hohen +Lebensgefahr befreit worden ist. -- + + * * * * * + +Eine besonders glänzende Eroberung stellt die _Chirurgie der Harnorgane_ +dar. Allerdings war der Blasenschnitt zur Beseitigung von Steinen und +anderen Fremdkörpern des Hohlorganes schon eine uralte Operation, der im +19. Jahrhundert die Steinzertrümmerung, die Lithothrypsie, als +leistungsfähige Gehilfin an die Seite trat. Sie war auf Grund einer von +dem Salzburger Arzte _Gruithuisen_ im Jahre 1813 ausgehenden Anregung +zum erstenmal im Januar 1824 von _Civiale_ in Paris am lebenden Menschen +mit Erfolg ausgeführt worden. Aber den nachhaltigsten Aufschwung nahm +die Lehre von den Krankheiten der Harnorgane erst von dem Zeitpunkte an, +als auch die Erkrankungen der Niere, die bisher nahezu unbestritten in +den Händen der inneren Mediziner gewesen waren, in weitem Umfange von +der Chirurgie in Anspruch genommen wurden. Es war am 2. August 1869, als +_Gustav Simon_ in Heidelberg wegen einer Harnleiter-Bauchdeckenfistel +zum erstenmal am lebenden Menschen eine Nierenausrottung unternahm und +damit vollen Erfolg erzielte. Erst zwei Jahre später machte er eine +zweite Operation gleicher Art, die aber durch pyämische Ansteckung zum +Tode führte. Die an _Simons_ Vorgehen sich knüpfende schnelle +Entwicklung der Nierenchirurgie, welche in kaum 15 Jahren den größten +Teil der Nierenkrankheiten zu einem erfolgreich bearbeiteten Ackerlande +der Wundärzte machte, würde aber wohl kaum möglich gewesen sein ohne die +in die gleiche Zeit fallende Anerkennung der _Lister_schen +Wundbehandlung, welche die Nierenausschälung schnell über die Grenzen +ihres Heimatlandes hinausführte. So konnte schon im Jahre 1885 der +Engländer _Henry Morris_ vom Middlesexhospital in London ein Lehrbuch +der chirurgischen Nierenerkrankungen schreiben, welchem Beispiele 1886 +der Franzose _Brodeur_ und 1889 _Le Dentu_ gefolgt sind. In Deutschland +gab erst 1893 _Paul Wagner_ in Leipzig die erste, noch in bescheidenem +Umfange gehaltene Nierenchirurgie heraus, der von 1896 bis 1902 _Ernst +Küsters_ umfassende Chirurgie der Nieren und 1901 _James Israels_ +Chirurgische Klinik der Nierenkrankheiten nachfolgten. Die von _Eugen +Hahn_ im Jahre 1881 erdachte, sehr wertvolle Methode der Anheftung +beweglicher Nieren verdient besondere Erwähnung. Seitdem ist die +Nierenchirurgie in Deutschland unter der eifrigen Arbeit junger +Kräfte, unter denen _Arthur Barth_ mit seinen vortrefflichen +pathologisch-anatomischen Studien hervorzuheben ist, zu einer nahezu +selbständigen Wissenschaft geworden. Sie wurden dabei unterstützt durch +die schnelle Entwicklung der Blasenbeleuchtung, welche von _Christopher +Heaths_ und _Gustav Simons_ Methode der schnellen Erweiterung der +weiblichen Harnröhre zu des letzteren frühesten Versuchen des +Harnleiterkatheterismus dann zu _Nitzes_ Kystoskop und nach dessen +Vervollkommnung durch Einführung der _Edison_schen Glühlämpchen bald zu +einer sicheren Methode des Harnleiterkatheterismus führte, um dessen +Technik sich vor allen _Guyon_ in Paris und _Leopold Casper_ in Berlin +große Verdienste erworben haben. Die überaus wertvolle Erfindung hat die +Erkenntnis der Nierenkrankheiten und die Sicherheit operativer Eingriffe +durch die Möglichkeit der getrennten Harnuntersuchung beider Nieren aufs +beste gefördert; ihr dauernder Aufschwung ist durch Gründung +urologischer Gesellschaften und durch Schaffung einer umfangreichen +Literatur in sichere Aussicht gestellt worden. Diese Entwicklung der +Lehre von den Nierenkrankheiten ist natürlich auch den unteren +Harnwegen, den Erkrankungen der Harnleiter, der Blase, der Prostata und +der Harnröhre zugute gekommen. Die bis dahin wenig beachteten +Geschwülste der Harnblase wurden 1884 von _Ernst Küster_ in einer +pathologisch-anatomischen und klinischen Studie eingehend besprochen. +Daran hat sich eine schnelle Entwicklung der operativen Behandlung +geknüpft, in deren Verlaufe die Ausschälung der ganzen Harnblase und die +Auslösung von Prostatageschwülsten glänzende Marksteine des +erfolgreichen Fortschreitens auf dem eingeschlagenen Wege geworden sind. -- + + * * * * * + +Als letzte Sippe dieser Gruppe von Erkrankungen seien die der _Knochen +und Gelenke_ genannt. Allerdings hat ihre Behandlung keineswegs eine so +grundstürzende Veränderung erlitten, als die der vorangehend +besprochenen Leiden; immerhin sind auch hier recht erhebliche +Umformungen zu verzeichnen, die, soweit sie die Pathologie betreffen, +schon früher erwähnt wurden; es erübrigt also nur, der Wandlung der +Behandlung und ihrer Erfolge mit wenigen Worten zu gedenken. + +Die Absetzung der Glieder innerhalb der Gelenke oder mit Durchsägung der +Knochen gehört zwar zu den ältesten Operationen, hat aber über 2000 +Jahre lang unter den Schwierigkeiten der Blutstillung und unter den +Gefahren der Wundkrankheiten schwer zu leiden gehabt. Die +Unbehilflichkeit gegenüber der Blutung hat jahrhundertelang die +Wundärzte zu höchst grausamen Verfahren, oder zur Absetzung nur am Rande +abgestorbener Gliedteile gezwungen, bis durch _Ambroise Paré_ und den +Italiener _Maggi_ die seit dem Altertum völlig vergessene +Gefäßunterbindung eine Neubelebung erfuhr. In Deutschland wurde durch +_Wilhelm Fabry_ aus Hilden bei Düsseldorf (Fabricius Hildanus) diese +Lehre um die Wende des 16. zum 17. Jahrhundert zuerst auf Amputationen +im lebenden Gewebe übertragen; er machte auch die erste Exartikulation +im Kniegelenke. Die trotzdem sehr zögernde Entwicklung der +Absetzungslehre hat erst seit _Listers_ Wundbehandlung und _Esmarchs_ +elastischer Binde einen schnellen und glänzenden Aufschwung genommen. Er +war bedingt durch die Beseitigung der beiden erwähnten Gefahren, womit +die Sterblichkeit nach solchen Eingriffen, eine richtige Anzeige und +fehlerlose Ausführung vorausgesetzt, fast auf den Nullpunkt +herabgedrückt wurde. Hierdurch verschwanden zunächst die lange +fortgeführten Streitigkeiten über den Wert der Exartikulation gegenüber +der Amputation; vielmehr trat der Grundsatz in seine Rechte, den Stumpf +so lang zu erhalten, als Verletzung oder Erkrankung es eben erlaubten. +Ebenso verschwanden die Erörterungen über die beste Absetzungsmethode, +da die beiden, aus anderen Gesichtspunkten erdachten Amputationsformen, +der Ovalär- und der Zirkelschnitt, hinter dem Lappenschnitte +zurücktreten mußten, der für die Anlegung einer Prothese, wenigstens am +Beine, die günstigsten Verhältnisse schuf. So wurde es denn auch +möglich, die Absetzung ohne Gefahr bis unmittelbar an den Stamm +heranzuschieben, oder gar auf diesen noch übergreifen zu lassen. Die +Auslösung des Beines im Hüftgelenke sowie die Auslösung des Armes +zusammen mit dem ganzen Schultergürtel haben dadurch für den Wundarzt +die Schrecken verloren, welche einst mit solchen Eingriffen wegen ihrer +sehr hohen Sterblichkeit verbunden waren. + +Endlich sind auch die Operationsmethoden für jeden einzelnen +Gliedabschnitt so vielgestaltig geworden, daß sie sich bequem der +Forderung auf Erhaltung eines möglichst langen und tragfähigen Stumpfes +anpassen lassen. Unter ihnen sind drei, welche vollständig +neue Gesichtspunkte in der operativen Behandlung zur Geltung +brachten, nämlich _Nikolas Pirogoffs_ osteoplastische Amputation +des Unterschenkels (1853), die in der Fußamputation nach +_Wladimirow-Mikulicz_ (1880) und in _August Biers_ plastischer Bildung +eines künstlichen Fußes (1892) eine weitere Ausgestaltung gefunden hat, +_Edmund Roses_ Exartikulation im Hüftgelenke mit kleinen Schnitten und +kleinem Messer (1890), endlich _Ernst Küsters_ osteoplastische +Exartikulation im Fußgelenke (1896) als Ersatz der von _Le Fort_ (Paris) +angegebenen osteoplastischen Amputation. Sie erfüllt das Bestreben der +Erhaltung einer möglichst langen Körperstütze in weitgehendster +Weise. -- + +Der neueren Zeit gehören die _Ausschneidungen der Gelenke, die +Resektionen_ an, welche auf den Engländer _Charles White_ 1768 +zurückgeführt zu werden pflegen, obwohl dieser nachweislich nur das +obere Ende der Oberarmdiaphyse fortgenommen hat. Die Lehre wurde aber +erst bald nach der Mitte des 19. Jahrhunderts durch _Bernhard +v. Langenbeck_ und _Ollier_ (Lyon) mächtig gefördert; insbesondere hat +ersterer für lange Jahre geltende Operationsmethoden ausgebildet, die +freilich bei der damals noch unbekannten Natur der fungös-tuberkulösen +Gelenkerkrankungen manchen Mißerfolg nicht zu hindern vermochten. Die +Gelenkresektionen haben in neuerer Zeit wesentliche Einschränkungen +erfahren, da einerseits Gelenkwunden weniger gefährlich geworden sind, +als sie es vordem waren, und da anderseits die tuberkulösen Gelenke, +welche einst im 8. und 9. Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts im Übermaße +der Operation unterworfen wurden, späterhin durch eine schonendere +Behandlung, insbesondere mit Jodoformeinspritzungen, in großer Zahl zur +Heilung gebracht werden. Dafür haben aber die Gelenkeröffnungen ohne und +mit Knochenverletzung zur Beseitigung krankhafter Vorgänge in der +Gelenkhöhle an Zahl ganz erheblich zugenommen. Die Resektion ist bei +Kapselerkrankungen vielfach auf die Ausschälung der erkrankten +Synovialhaut beschränkt, die Beweglichkeit versteifter Gelenke durch +Einpflanzung von Muskel- oder Fettlappen zwischen die Gelenkenden +gesichert worden. + +Außerordentliche Fortschritte hat auch die _Orthopädie_ gemacht. Ihre +Glanzleistung ist die Heilung der angeborenen Hüftgelenkverrenkung, die +um 1890 durch _Hoffa_ zunächst mittels blutiger Operation angestrebt, +später von _Lorenz_ (Wien), seit 1896, durch unblutigen Eingriff zu +einem für viele Fälle ungemein segensreichen Verfahren ausgebildet +wurde. Auch die Verpflanzungen von Muskeln, Sehnen und Nerven zur +Heilung von Lähmungen und Kontrakturen sind zu einer vielgeübten und +sehr heilsamen Methode fortentwickelt worden. + + + + + Kapitel XIII. + + Neue Eingriffe in bisher unzugängliche Organe. + + +Die zweite Gruppe umfaßt die Krankheiten solcher Organe und +Organsysteme, welche vordem in noch kaum merkbarer Weise dem +chirurgischen Messer zugänglich gemacht worden waren; die also erst +durch die Antisepsis in den Kreis des chirurgischen Schaffens gezogen +worden sind. Daß freilich die hier vorgenommene Trennung nicht ganz +scharf sein kann, liegt auf der Hand. + +Zu ihr gehört vor allen Dingen das Gebiet der _serösen Körperhöhlen_, +von denen die Gelenkhöhlen bereits in der vorigen Gruppe besprochen +worden sind. Unter ihnen steht nach der Häufigkeit und der Wichtigkeit +der an ihr vorzunehmenden Eingriffe die _Bauchhöhle_ im Vordergrunde; +denn erst durch die _Lister_sche Wundbehandlung ist sie in ganzem +Umfange und mit allen von ihr umschlossenen Organen für die operative +Einwirkung frei geworden. + +Zahlreiche und zum Teil schwere Verletzungen des Bauches hatten die +Chirurgen schon längst darüber belehrt, daß das Bauchfell keineswegs so +empfindlich sei, als man fast überall anzunehmen pflegte. Auch zeigten +die seit Anfang des vorigen Jahrhunderts sich ausbreitenden Operationen +an Eierstock und Gebärmutter, daß die kunstgerechte Eröffnung des +Bauchfelles zwar gefährlich sei, aber doch in einer ansehnlichen Zahl +von Fällen eine schnelle und dauernde Heilung nicht ausschließe. +Trotzdem waren die Wundärzte noch jahrzehntelang von der Vorstellung +beherrscht, daß die in die Bauchhöhle eintretende Luft als die Ursache +der in ihr sich abspielenden Entzündungs- und Eiterungsvorgänge +anzusehen sei. Diese Vorstellung kam erst zu Fall, als _Georg Wegner_ +auf dem V. Kongreß von 1876 die Ergebnisse einer ausgezeichneten +Versuchsreihe an Tieren besprach, aus der hervorging, daß man die +Bauchhöhle von Kaninchen bis zur trommelartigen Auftreibung in +wochen-und monatelang fortgesetzter Wiederholung mit atmosphärischer +Luft füllen könne, ohne die Tiere dadurch an Leben und Gesundheit zu +gefährden. Zugleich wies er nach, daß die Hauptgefahr bei stundenlanger +Eröffnung des Bauchraumes in der starken Wärmestrahlung der vom +Bauchfelle überzogenen Körperteile, in der sehr erheblichen Herabsetzung +der Körperwärme zu suchen sei. Auch machte er auf die unheilvolle +Bedeutung von Flüssigkeitsansammlungen in der Bauchhöhle bei deren +operativer Eröffnung, sowie auf die heilsame Wirkung einer frühzeitigen +Ableitung solcher Ergüsse aufmerksam. _Wegners_ Arbeit ist für die +Chirurgie der Bauchhöhle ein bedeutungsvoller Markstein geworden; denn +wenn auch angelsächsische Frauenärzte schon 15 Jahre zuvor begonnen +hatten, die Gefahren der Abkühlung durch Erwärmung der Operationszimmer +und entsprechende Bekleidung der Kranken, die Flüssigkeitsansammlungen +im Bauche durch Einrichtung einer Ableitung nach der Scheide hin zu +bekämpfen, so hat doch erst _Wegner_ die wissenschaftliche Grundlage für +jene Verfahren geschaffen, die seit 1878 durch den Aufschwung der +Bakteriologie verstärkt und befestigt wurden. + +Die Entwicklung der Bauchchirurgie drängt sich in wenige Jahrzehnte +zusammen; ihre geschichtliche Übersicht dürfte daher am klarsten werden, +wenn man sie nicht chronologisch, sondern topographisch betrachtet. + +Zu den am frühesten in Angriff genommenen Organen der Bauchhöhle gehört +die _Milz_. Während man sich aber in früheren Zeiten bis zum 16. +Jahrhundert zurück mit der Ausrottung des durch eine Wunde vorgefallenen +Organs begnügte, war der Rostocker Wundarzt _Quittenbaum_ der erste, der +im Jahre 1826 die erkrankte Milz in der Bauchhöhle aufzusuchen wagte. +Ihm folgte 1855 _Küchler_ in Darmstadt; doch verliefen beide Fälle +unglücklich. Die erste glücklich verlaufene Milzausrottung gelang in +demselben Jahre dem Amerikaner _Volney-Dorsay_, dem _Péan_ im Jahre 1867 +eine zweite Heilung hinzufügte. Die antiseptische Wundbehandlung hat die +Zahlen glücklicher Heilung außerordentlich vermehrt, zugleich aber die +Anzeigen für die Operation klarer zu stellen und damit deren Sicherheit +ungemein zu erhöhen erlaubt. + +Die _Chirurgie der Leber_ hat schon mit der Operation der in diesem +Organe besonders häufigen Ansiedlungen des Hülsenwurms, von dem auf +S. 79 die Rede gewesen ist, ihren Anfang genommen. Seitdem hat auch +dieser Zweig der operativen Betätigung eine wesentliche Ausbreitung +gewonnen, die aber mit den Erkrankungen der Gallenwege und ihrer +Bekämpfung eng verknüpft ist. + +Die _Chirurgie der Gallenblase und der Gallengänge_ nimmt ihren Ausgang +von der ersten erfolgreichen Ausrottung einer steinhaltigen Gallenblase, +welche _Karl Langenbuch_, Leiter des Berliner Lazaruskrankenhauses, am +15. Juli 1882 unternahm. Die Versuche freilich mit der erkrankten +Gallenblase sich abzufinden, sind wesentlich älter; doch wagte man vor +dem Eingriffe nur an dem mit der Bauchwand verwachsenen oder zur +Verwachsung gebrachten Hohlorgane und auch nur in Form der einfachen +Eröffnung zur Entleerung der Steine. Den ersten planmäßigen Angriff auf +die verwachsene Blase machte schon der Franzose _Jean Louis Petit_ in +der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts; die erste erfolgreiche +zweizeitige Operation zur Anlegung einer Gallenblasenfistel wurde, +bereits unter dem Schutze der Antisepsis, von _Franz König_ in Göttingen +1882 ausgeführt. Aber erst _Langenbuchs_ Operation gab den Anstoß zu +einem bisher ungeahnten Aufschwunge chirurgischer Behandlung des so +überaus häufigen und gefährlichen Leidens, der freilich in stetem Kampfe +mit den meisten Vertretern der inneren Medizin zustande kam. Seitdem ist +die chirurgische Literatur über Erkrankungen der Gallenwege ungemein +reichhaltig geworden. Die Geschichte der in Betracht kommenden +Operationen wurde insbesondere durch _Courvoisier_ in Basel gefördert, +der als erster _Langenbuchs_ Operation nachmachte. Unter der fast +erdrückenden Zahl von Schriften, welche die Lehre von den +Gallensteinerkrankungen und deren zweckmäßigste Bekämpfung gefördert +haben, mögen nur die Arbeiten von _Werner Körte_ in Berlin und von +_Kehr_ in Halberstadt, später in Berlin, als besonders umfassend und +belehrend hervorgehoben werden. + +Unter den Organen der Bauchhöhle, welche erst durch die antiseptische +Behandlung dem wundärztlichen Messer zugänglich gemacht worden sind, ist +zunächst die _Bauchspeicheldrüse_ zu nennen. Von einer Chirurgie des +Pankreas kann erst seit 1883 gesprochen werden, als _Karl Gussenbauer_, +damals in Prag, auf dem XII. Kongreß seinen schönen Vortrag: »Zur +operativen Behandlung der Pankreaszysten« gehalten hatte. Mit großem +Eifer wurde auch dies neue Gebiet sofort in Angriff genommen. Indessen +blieb man bei der Behandlung der Zysten, welche als häufigste +chirurgische Erkrankung in erster Linie die Aufmerksamkeit auf sich +gezogen hatten, keineswegs stehen; vielmehr erfuhren Anatomie und +Physiologie, sowie die gesamte Pathologie des tief verborgenen und doch +so wichtigen Organes sehr erhebliche Förderungen. Als deren +bedeutungsvollste sind seine Beziehungen zur Zuckerruhr und zur +Fettgewebsnekrose anzusehen. In seinem im Jahre 1898 erschienenen und +bisher unübertroffenen Werke: »Die chirurgischen Erkrankungen und +Verletzungen des Pankreas« faßte _Werner Körte_ den damaligen Stand der +Dinge zusammen, der seitdem wohl kleine Verschiebungen und Erweiterungen +erfahren hat, aber doch auch heute noch als maßgebend angesehen werden +muß. + +Zu dem zweifellos wichtigsten Abschnitte der Chirurgie der Bauchhöhle +haben sich, schon wegen ihrer außerordentlichen Häufigkeit, die +_Erkrankungen des Magendarmkanals_ entwickelt. Allerdings hatten auch in +vorantiseptischer Zeit die so häufigen Brucheinklemmungen, große +Fremdkörper im Magen, Verwundungen durch Stich und Schuß, ausnahmsweise +auch Neubildungen, die Wundärzte zur Eröffnung der Bauchhöhle gezwungen, +ohne daß, mit Ausnahme der Lehre von den Brüchen, es zu festen +Grundsätzen für die Behandlung des Verdauungskanals gekommen wäre. + +Der besseren Übersicht wegen beginnen wir die Besprechung vom Magen an +nach abwärts, obwohl hierbei nicht immer die geschichtliche Reihenfolge +gewahrt werden kann. + +Den Anstoß zur Entwicklung der neueren Magendarmchirurgie gab der +geistvolle und ideenreiche Pfarrerssohn der Ostseeinsel Rügen, _Theodor +Billroth_, der auf seiner wissenschaftlichen Wanderung vom Meer zum +Gebirge das letzte Drittel seines fruchtbaren Lebens in dem von +Waldbergen umkränzten herrlichen Wien zubrachte. _Billroth_, der Mann +mit dem vornehmen Kopfe, aus dem kluge und zugleich unendlich gütige +Augen hervorleuchteten, ist wohl als der glanzvollste Vertreter +deutscher Chirurgie in der neueren Medizin anzusehen; denn obwohl er der +_Lister_schen Wundbehandlung jahrelang Widerstand leistete, so war er +doch später einer ihrer besten Förderer. Und mit ihrer Hilfe wußte er +auf allen Gebieten der Wundarzneikunst dem Reichtum seiner Ideen in +einer Weise Geltung zu verschaffen, in der er weder vorher noch nachher +von einem seiner Fachgenossen erreicht worden ist. In Wien hatte er eine +Schar von Schülern um sich gesammelt, die mit feurigem Eifer und +ausgezeichnetem Verständnis sich den umfassenden Gedanken ihres Meisters +anzupassen und deren Umsetzung in chirurgische Taten vorzubereiten +wußte. So schuf er eine Schule, aus der eine erhebliche Zahl +hervorragender Chirurgen Deutschlands und Österreichs hervorgegangen +ist. Zwei derselben, _Karl Gussenbauer_ und _Alexander v. Winiwarter_, +legten durch eine im Februar 1874 begonnene und unter dem Titel: »Die +partielle Magenresektion« im Jahre 1876 veröffentlichte experimentelle +Studie den Grundstein des Gebäudes, welches, zunächst zur Bekämpfung des +Magenkrebses errichtet, inzwischen zu einer großzügigen Magenchirurgie +erweitert worden ist. Genannte Tierversuche erfuhren sofort eine +Ergänzung in _Vinzenz Czernys_ Heidelberger Klinik, dessen Assistent +F. _Kaiser_ mit Erfolg die vollkommene Ausrottung des Hundemagens +unternahm. Daraufhin machten _Péan_ in Paris, 1879, und _Rydygier_ im +westpreußischen Kulm im gleichen Jahre die ersten Resektionen am +menschlichen Magen, die indessen beide unglücklich verliefen. Da trat +_Billroth_ selber auf den Plan. Am 29. Januar 1881 führte er die erste +erfolgreiche Magenresektion am lebenden Menschen aus, der freilich bald +zwei Mißerfolge sich anreihten, wie _Mikulicz_ auf dem X. +Chirurgenkongreß berichten konnte. Aber der Beweis der Möglichkeit einer +Heilung war geliefert und fortan gab es kein Halten mehr auf dem einmal +betretenen Wege. Bald wurde die Operation Gemeingut aller Fachchirurgen; +und wenn auch ihre Endergebnisse, entsprechend der verderblichen Natur +der Krankheit, gegen welche sie sich richtete, noch nicht in jeder +Hinsicht befriedigend sind, so steht doch die Tatsache der Heilbarkeit +eines so entsetzlichen Leidens durch chirurgische Hilfe nunmehr +unerschütterlich fest. Der Ausbau des Verfahrens hat niemals einen +Stillstand erlebt; selbst die Ausrottung des ganzen Magens ist mit +vollem Erfolge versucht und zu Ende geführt worden. Unter den +zahlreichen Methoden aber, welche zur Bekämpfung der verschiedensten +Magenleiden erdacht sind, hat sich die operative Verbindung zwischen +Magen und Darm, die Gastroenterostomie, zu einem wenig gefährlichen, bei +Krebs hinhaltenden, bei nicht krebsigen Erkrankungen meist zu dauernder +Heilung führenden Eingriffe emporgearbeitet. + +Lange vor diesem Aufblühen einer Magenchirurgie und nahezu 40 Jahre vor +der ersten praktischen Verwertung der _Lister_schen Wundbehandlung hatte +sich chirurgische Kühnheit bereits an die operative Behandlung der +Darmkrebse herangewagt. Im Jahre 1833 machte _Reybard_ in Lyon die +erste, von Erfolg gekrönte _Dickdarmresektion_, deren Beschreibung erst +1844 der Pariser Académie de Médecine eingesandt wurde, unter +gleichzeitiger Beifügung der Beschreibung von Darmresektionen bei +Tieren. Der geheilte Kranke war 10½ Monate später an der Wiederkehr +seines krebsigen Grundleidens gestorben. Trotz der vorläufigen Heilung +hat aber _Reybards_ kühnes Vorgehen zunächst keine Nachahmung gefunden; +denn die schlimmen Zustände in den Krankenräumen damaliger Zeit, wie sie +auf S. 15 und 16 geschildert worden sind, stempelten das Unternehmen zu +einem so kühnen Wagnis, daß selbst der überzeugteste Wundarzt einer +solchen Gefahr sich und seinen Kranken auszusetzen sich scheuen mußte. +Hat doch _Reybard_ selber seine erfolgreiche Operation nicht wiederholt; +sie ist daher fast unbekannt geblieben, hat auch auf die spätere +Entwicklung der Dinge keinen Einfluß ausgeübt. + +Der neue Anstoß ging wiederum von der _Billroth_schen Schule aus. Die +oben erwähnte, auf Tierversuche gestützte Studie über Magenresektion +hatte noch nicht praktische Verwertung gefunden, als _Karl Gussenbauer_, +der willensstarke, kluge und gelehrte Sohn des oberkärntnerischen +Hochgebirges, damals Professor in Lüttich, sich im Dezember 1877, ohne +Kenntnis der _Reybard_schen Operation, zu einer Übertragung seiner +Versuche auf einen Fall von Dickdarmkrebs entschloß. Die erste, unter +antiseptischen Vorsichtsmaßregeln unternommene Dickdarmresektion endete +zwar schon nach 15 Stunden mit einer schnell verlaufenden +Bauchfellsepsis; aber dennoch gab sie der Darmchirurgie einen mächtigen +Antrieb. Die bis dahin nur selten und widerwillig gemachte Eröffnung des +absteigenden Dickdarmes wegen Verschlusses in den noch tiefer gelegenen +Darmabschnitten wurde schnell auch auf den Dünndarm übertragen +(v. _Langenbeck_, 1878), die Darmresektionen auch zur Beseitigung +brandiger Darmstücke nach Einklemmungen benutzt (_Ernst Küster_, 1878), +die Ausschneidung und Naht von Dünndarmstücken zur Heilung des +widernatürlichen Afters, mittels der von _Max Schede_ im gleichen Jahre +benutzten Methode der zeitweiligen Lagerung der genähten Darmschlingen +außerhalb des Bauches, einem hohen Grade von Sicherheit zugeführt. Ganz +erheblich wurde diese aber noch erhöht durch _Vinzenz Czernys_ +doppelreihige Darmnaht von 1880, die seitdem die beherrschende Methode +für alle Darmoperationen geblieben ist; ferner durch _Karl Gussenbauers_ +Achternaht und die von _Otto Madelung_, 1881, vorgeschlagenen +Verbesserungen. Erst an diese hat sich die Methode der Ausschaltung von +Darmteilen ohne Ausschneidung geknüpft, welche die Umgehung verengerter +Darmabschnitte durch Herstellung von Nebenleitungen gestattet. Alles das +hat die Sicherheit der Technik auch nach der Richtung hin entwickelt und +erhöht, daß der Wundarzt, welcher die Bauchhöhle öffnet, selbst +unerwarteten Befunden gegenüber stets gewappnet ist. So sind die +Knickungen, Achsendrehungen, Einstülpungen und inneren Einklemmungen des +Darmes nicht nur in ihren pathologischen Verhältnissen ganz erheblich +geklärt und in ihrer Erkenntnis gefördert worden, sondern auch ihre +chirurgische Bekämpfung ist bis zu einem hohen Grade der Vollkommenheit +gediehen. + +Die außerhalb des Bauchfells gelegenen unteren Abschnitte des +Darmkanals waren schon seit _Lisfranc_, 1830, einer erfolgreichen +Behandlungsmethode zugeführt worden. Dagegen blieben die oberen Teile +des Mastdarmes und des S Romanum, sowie die unteren Teile des +absteigenden Dickdarmes noch nach Einführung der antiseptischen +Behandlung längere Jahre fast unantastbar. In _Paul Kraskes_ +(Freiburg i. B.) Operationsmethode hochsitzender Mastdarmkrebse +vermittels Wegnahme der unteren Abschnitte des Kreuzbeins vom Jahre 1885 +wurde aber ein Verfahren geschaffen, in dessen weiterer Ausbildung nicht +nur der ganze Mastdarm, sondern auch die darüber gelegenen Darmteile dem +chirurgischen Messer zugängig gemacht worden sind, zuweilen freilich +erst nach gleichzeitiger Eröffnung der Bauchhöhle von der Vorderseite +her. So ist denn der Darm in seiner ganzen Länge ein Feld für +chirurgische Eingriffe aller Art geworden. -- + +Eine besondere Berücksichtigung erfordern zwei Krankheiten des +Darmkanals, weil die von ihnen erzeugte Operationswelle im Laufe der +letzten Jahrzehnte alle anderen an Zahl überflutet und zeitweilig etwas +beiseite gespült hat: die Operationen am Wurmfortsatze und an den freien +Brüchen. + +Die Entzündung am Wurmfortsatze, die _Epityphlitis_, wie wir sie im +Gegensatze zu der häßlichen amerikanischen, aber durch unsere +Hauptschriftsteller leider auch in die deutsche Literatur eingeführten +Wortbildung »Appendicitis« nennen, ist in ihrer verhängnisvollen +Bedeutung für den Bauchraum erst vor kaum 30 Jahren vollständig erkannt +worden. Bis dahin hatte weder die pathologische Anatomie, noch die +innere Medizin, deren Vertreter bis gegen Ende der achtziger Jahre fast +ausschließlich die Behandlung leiteten, die Frage wesentlich gefördert; +erst mit dem vollen Eintreten der antiseptischen und aseptischen +Chirurgie ist sie nicht nur nach der pathologisch-anatomischen, sondern +auch nach der Seite der Behandlung in dem Maße geklärt worden, daß +gegenwärtig die Abtragung des Wurmfortsatzes zu den häufigsten +Operationen eines beschäftigten Chirurgen gehört, von denen manche schon +über eine Erfahrung von vielen Tausenden von Eingriffen verfügen können. + +Die schon im Altertum bekannte Krankheit wurde durch _Morgagni_ und +_Boerhave_ auf eine Kotstauung im Dickdarme bezogen und deshalb +allgemein als Typhlitis stercoralis bezeichnet. Der Heidelberger +Professor der inneren Medizin _Puchelt_ führte im Jahre 1829 den Namen +Perityphlitis ein, der seitdem neben der Typhlitis stercoralis in +Gebrauch kam; letztere, als Name für eine bestimmte pathologische +Vorstellung, ist im wesentlichen erst durch _Sahli_, den Direktor der +inneren Klinik in Bern, im Jahre 1895 zu Fall gebracht worden. -- Die +Chirurgen haben sich, natürlich langsam und zögernd, erst im achten +Jahrzehnt unter dem Schutze der Antisepsis wenigstens an die Eröffnung +der in der Leistengrube entstehenden Eiteransammlungen herangewagt, +dabei gelegentlich auch einen durchgebrochenen Kotstein ausgezogen. +Trotzdem rückte die Entwicklung der Frage nur sehr langsam voran. Einen +neuen Anstoß gaben die Vorträge, welche _Johann Mikulicz_, damals in +Krakau, bei Gelegenheit der Naturforscherversammlung zu Magdeburg (1885) +und in demselben Jahre _Rudolf Ulrich Krönlein_ in Zürich über die +Eröffnung des Bauches bei eitrigen Bauchfellentzündungen hielten. Damit +war der weitere Schritt, die Aufsuchung und Abtragung des erkrankten +Wurmfortsatzes, aufs beste vorbereitet. Es ist nicht mehr mit Sicherheit +festzustellen, ob _Krönlein_ recht hat, wenn er sich die erste, mit +Bewußtsein und Überlegung ausgeführte Operation dieser Art zuschreibt; +aber sicher ist, daß verschiedene Wundärzte unabhängig voneinander zu +dem gleichen Ergebnis gekommen sind. Das Hauptverdienst gebührt indessen +unzweifelhaft _Eduard Sonnenburg_ in Berlin, der seit der zweiten Hälfte +des neunten Jahrzehntes kühn und bewußt diesem Ziele zusteuerte und der +im Jahre 1894 die erste zusammenfassende Arbeit über den Gegenstand +erscheinen ließ. Seitdem ist eine nahezu erdrückende Literatur über +Epityphlitis und ihre operative Behandlung entstanden, die von _Otto +Sprengel_ in Braunschweig 1906 in einer inhaltsvollen, kritischen und an +eigenen Erfahrungen reichen Arbeit, freilich unter dem leidigen Titel +»Appendicitis«, zusammengefaßt worden ist. Um die Jahrhundertwende herum +widerhallten die Mauern des alten Langenbeckhauses immer von neuem von +erregten Erörterungen über den gleichen Gegenstand; unter den +Wortführern mögen, außer den schon Genannten, noch _Hermann Kümmell_ +(Hamburg), _Theodor Kocher_ (Bern) und der französische Schweizer _Roux_ +(Lausanne) genannt werden, abgesehen von den zahllosen Männern, die +gleichfalls ihr mehr oder weniger erhebliches Scherflein zur Klärung der +Frage beigetragen haben und unter denen auch andere Völker, Franzosen, +Angelsachsen, Skandinavier usw., reichlich vertreten sind. Als Ergebnis +all des heißen Bemühens sind folgende zwei Grundsätze festgestellt +worden: 1. die akuten, zur Eiterung neigenden Erkrankungen sollen +rechtzeitig, d. h. so früh wie möglich der Operation unterzogen werden; +2. die chronischen, milde verlaufenden Fälle können zunächst abwartend +behandelt, müssen aber bei Wiederholung der Symptome ebenfalls, am +besten im entzündungs- und schmerzfreien Intervall, operiert werden. + +Damit ist die Behandlung der Epityphlitis im wesentlichen in die Hände +des Wundarztes gelegt worden. Die Operation wird heutigentags über die +ganze Erde hinweg alljährlich in vielen Tausenden von Fällen mit dem +besten Erfolge geübt; sie gehört schon ihrer Zahl nach zu den +wichtigsten Eroberungen der neueren Chirurgie. + +Hatten wir es bei der Epityphlitis mit einer Erkrankung zu tun, zu deren +Bekämpfung das chirurgische Messer erst vor einer kurzen Zeitspanne +seine Wirksamkeit entfaltet hat, so geht die operative Behandlung der +_freien Brüche_ bereits weit in das Altertum zurück; denn schon zur Zeit +der klassischen Höchstblüte griechischer Medizin scheint es +handwerksmäßig gebildete und zu einer Körperschaft zusammengeschlossene +Bruchschneider gegeben zu haben. Herumziehende Schneidekünstler machten +während des ganzen Mittelalters Städte und Dörfer, zumal die Märkte und +Messen unsicher; daß dabei aber keinerlei Förderung auch nur der +gröbsten pathologisch-anatomischen Anschauungen herauskam, beweist schon +die noch heute übliche Bezeichnung der Krankheit als Bruch (Ruptura), da +man sie bis auf _Matthäus Gottfried Purmann_ gegen Ende des 17. +Jahrhunderts durch Zerreißung des Bauchfells entstehen ließ. Die +pathologische Anatomie und das Studium der Bruchpforten sind erst seit +den Arbeiten des Franzosen _Jules Cloquet_ 1819 zu ihrem Rechte +gekommen, unter den Deutschen insbesondere durch _Wilhelm Roser_ sehr +gefördert worden, hauptsächlich allerdings immer nur im Hinblick auf +eingeklemmte Brüche, während man die freien Brüche seit Erfindung der +Bruchbänder nicht mehr anzugreifen wagte. Indessen begannen neue +Bestrebungen in der Richtung der sogenannten Radikalheilung schon in +vorantiseptischer Zeit, in Deutschland mit _Franz Christoph +v. Rothmund_ in München um 1843, die aber erst durch _Otto Risel_ in +Breslau im Jahre 1871 mit dem gleichzeitigen Aufkommen der _Lister_schen +Wundbehandlung eine nachhaltige Förderung erhielten. Bald darauf +operierte auch v. _Nußbaum_ (München) in der Art, daß er den befreiten +Bruchsack unterband und abschnitt. Weitere Förderungen brachte _Vinzenz +Czerny_ von 1877 an, der durch seine innere Naht bei angeborenen +Leistenbrüchen einen neuen Grundsatz in die Operation einführte. In der +Deutschen Gesellschaft für Chirurgie wurde der Gegenstand zuerst auf dem +Kongreß von 1879 durch _August Socin_ in Basel besprochen; er betonte +die Notwendigkeit, auch eingeklemmte Brüche radikal zu operieren, was +übrigens von anderen Chirurgen schon mehrfach geschehen war. +Bemerkenswert ist die Äußerung des damaligen Vorsitzenden _Bernhard +v. Langenbeck_, daß er an die Auffindung einer sicheren Methode zur +dauernden Beseitigung eines Bruchleidens nicht zu glauben vermöge. + +Darin hat sich der Altmeister deutscher Chirurgie glücklicherweise +getäuscht. Von Jahr zu Jahr sind seitdem die endgültigen Ergebnisse +besser und die Methoden sind so zahlreich geworden, daß auch die +schwierigsten Bruchformen noch eine Heilung erhoffen lassen. Wenn unter +letzteren hier und da noch Mißerfolge unterlaufen, so sind dafür die +Brüche mit engerem Bruchhalse der dauernden Heilung fast mit voller +Sicherheit zuführbar; und ein Mißerfolg bedeutet heute um so weniger, +als die Ungefährlichkeit des Eingriffes immer wieder neue und bessere +Versuche zuläßt. So ist die Radikaloperation der Brüche ein überaus +häufiges Verfahren geworden und die lästigen Bruchbänder, einst eine +Haupteinnahmequelle für die Händler, sind, wenn auch noch nicht gerade +im Verschwinden begriffen, doch unendlich viel seltener geworden. -- + + * * * * * + +Auch die _Chirurgie der Brusthöhle_ mit ihrem Inhalte, insbesondere +ihren drei serösen Höhlen, hat seit 40 Jahren einen gewaltigen Aufstieg +genommen. Herz und Herzbeutel sind bereits besprochen worden; es +erübrigt also nur, der Wandlungen in der Behandlung des Brustfells und +der Lunge mit einigen Worten zu gedenken. + +Unter den Erkrankungen der Brusthöhle hat am frühesten die Entzündung +des Brustfells, zumal deren eitrige Form, das Empyem, chirurgische Hilfe +herausgefordert. Indessen ist die in der _Hippokratischen_ Schrift: »De +morbis« genau beschriebene blutige Eröffnung der Eiteransammlung mittels +des Messers späterhin gänzlich vergessen gewesen. Erst der kluge und +vielseitige Schwabe _Wilhelm Roser_ in Marburg hat die Operation in Form +der Resektion einer Rippe im Jahre 1859 empfohlen und im Jahr 1865 zum +erstenmal am lebenden Menschen ausgeführt. Seitdem ist der Eingriff auch +von anderen Chirurgen wiederholt gemacht worden. Einen bescheidenen +Anteil an der Weiterentwicklung glaubt auch der _Verfasser_ in Anspruch +nehmen zu dürfen, da er bei der seit 1873 von ihm geübten Operation +nicht nur den neuen Grundsatz der systematischen Aufsuchung des tiefsten +Punktes der eiternden Höhle zur Anwendung brachte, sondern auch für den +Eingriff auf das wärmste zu einer Zeit sich einlegte, als die Vertreter +der inneren Medizin sich noch vollkommen ablehnend verhielten. Mit +Bewußtsein hat er auch zuerst Empyeme auf tuberkulöser Grundlage +operativ angegriffen. Die späteren Methoden von _Franz König_, _Wilhelm +Baum_ und anderen Chirurgen befolgen genannten Grundsatz nicht, nötigen +daher den Kranken zu langer Rückenlage. Auch das Verfahren der Resektion +mehrerer Rippen zur Heilung alter Empyeme und Brustfisteln, welches von +dem Schweden _Estlander_ in Helsingfors 1879 veröffentlicht wurde, ist +von _Ernst Küster_ schon 1877 beschrieben, späterhin von _Max Schede_ in +besonders kühner Weise ausgebaut worden. Der Grundsatz einer +frühzeitigen und zweckmäßigen Eröffnung der Brusthöhle hat +glücklicherweise solche Zustände selten gemacht. + +Das Verfahren der Rippenresektion erzielte auch bei +Hülsenwurmerkrankungen des Brustfells und der Lunge, selbst des oberen +Leberumfanges, ausgezeichnete Ergebnisse. + +Die eigentliche Lungenchirurgie aber hat erst durch zwei Erfindungen +einen hohen Aufschwung genommen, welche das Zusammenfallen der Lunge +nach Eröffnung des Brustfellraumes verhindern und daher das ungestörte +Weiteratmen erlauben. Auf dem Chirurgenkongreß von 1904 veröffentlichte +_Sauerbruch_, damals Assistent an der Klinik _Johann v. Mikulicz_' in +Breslau, seine Studien über Über- und Unterdruck an den Atemorganen und +zeigte zugleich seine pneumatische Kammer vor, in welcher der Kranke +unter der Wirkung eines Unterdruckes operiert werden konnte. Im Anschluß +daran führte _Brauer_ (Marburg) einen für den Wundarzt wesentlich +bequemeren Apparat vor, der die Lungen des zu operierenden Kranken unter +Überdruck setzte. Beide Methoden haben sich als brauchbar erwiesen, und +mit ihrer Hilfe ist es gelungen eine der wesentlichsten Gefahren bei +Eingriffen am Brustkorbe, das Zusammenfallen einer oder gar beider +Lungen nach Eröffnung des gesunden Brustfells, auszuschalten. Seitdem +sind Verwundungen und Erkrankungen des Herzens und der von ihm +ausgehenden großen Gefäße, große Geschwülste am Brustkorbe, deren +Beseitigung nicht ohne Eröffnung des Brustfellraumes geschehen kann, +Lungenabszesse, Neubildungen und Hülsenwürmer der Lunge, selbst die auf +einen Lappen oder gar die auf einen Lungenflügel beschränkte Tuberkulose +(_Friedrich_) mit immer steigendem Erfolge operativen Eingriffen +unterzogen worden. Auch die von _Vinzenz Czerny_ auf Grund +vorausgeschickter Tierversuche im Jahre 1877 zuerst mit glücklichem +Erfolge am Menschen geübte Resektion der Speiseröhre erhielt damit einen +neuen Anstoß zu befriedigender Entwicklung, die heutigentags durch kühne +plastische Operationen an der Speiseröhre (v. _Hacker_) eine besondere +Förderung erfahren hat. -- + + * * * * * + +Die wechselseitigen Beziehungen zwischen innerer Medizin und Chirurgie, +die sich seit dem Beginne der _Lister_schen Wundbehandlung angebahnt und +nach beiden Seiten zu großartigen Erfolgen geführt hatten, zeigen sich +im glänzendsten Lichte in der Entwicklung der Krankheiten des +Zentralnervensystems, wie des Nervensystems überhaupt. Sie haben erst +den Aufbau einer _Nervenchirurgie_ möglich gemacht, die an Kühnheit und +Großartigkeit der Leistungen alle anderen Zweige der neueren Chirurgie +mindestens erreicht, sie vielfach sogar übertrifft. + +Von einer _Chirurgie des Schädelinneren_, insbesondere des _Gehirns_, +kann, abgesehen von den so häufigen Kopfverletzungen, bei denen der +Wundarzt auch dem Gehirn näher zu treten gezwungen war, bis zum Anfange +des neunten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts kaum gesprochen werden. +Immerhin hatte aber die antiseptische Wundbehandlung die Wirkung gehabt, +daß die uralte Operation der Trepanation, im Laufe der Jahrhunderte +zeitweilig übertrieben, dann wieder fast vergessen oder wenigstens mit +berechtigtem Mißtrauen angesehen, von neuem aufgenommen wurde und bald +genug ihre Schrecken vollkommen verlor. Die unbegrenzte Zugängigkeit zum +Gehirn wurde aber erst im Jahre 1889 geschaffen, als der hochbegabte +Hesse _Wilhelm Wagner_, damals Chirurg in Königshütte (Oberschlesien), +seine temporäre Resektion des Schädeldaches veröffentlichte. Sie war +durch Versuche an Tieren, wie sie lange zuvor _Julius Wolff_ in Berlin +anstellte, vorbereitet worden, ohne daß _Wagner_ davon Kenntnis hatte. + +Der erste Anstoß zur Erweiterung der Gehirnchirurgie erfolgte aber schon +früher und zwar von medizinischer Seite. _Fritsch_ und _Hitzig_ schufen +im Jahre 1870 die Lokalisationslehre der Hirnrinde und im Anschluß an +sie erörterte _Karl Wernicke_, damals Privatdozent für Neuropathologie +in Berlin, 1881 zum erstenmal die Möglichkeit, eine Neubildung des +Gehirns durch operativen Eingriff zu beseitigen. Die erste +Verwirklichung dieses Gedankens aber geschah durch die Engländer +_Bennet_ und _Godlee_ (1885), allerdings mit unglücklichem Ausgange. Mit +besserem Erfolge nahm _Victor Horsley_ in London die Operation wieder +auf und wußte ihr in kurzer Zeit allgemeine Anerkennung zu verschaffen. +In Deutschland war zwar der Aufschwung etwas langsamer, entwickelte sich +aber unter _Hugo Oppenheims_ Gehirnforschungen und _Ernst +v. Bergmanns_ tatkräftigem Eintreten für die Gehirnchirurgie schon im +letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zu hoher Blüte. In neuester Zeit +ist sie am nachhaltigsten durch _Fedor Krause_ gefördert worden, der in +seiner »Chirurgie des Gehirns und Rückenmarks«, sowie in seinem +Lehrbuche der chirurgischen Operationen 1914 eine ausgezeichnete +Darstellung der chirurgischen Gehirnerkrankungen und der durch sie nötig +werdenden Eingriffe am Gehirn gegeben hat. Er ist auch der Schöpfer +einer zuverlässigen Methode zur Ausrottung des _Gasser_schen +Nervenknotens bei schweren Neuralgien im Gebiete des Nervus trigeminus +geworden. _Lothar Heidenhains_ Umstechungsmethode der Kopfhaut hat, in +Verbindung mit H. _Brauns_ Suprarenin, den Blutverlust bei Schädel- und +Gehirnoperationen wirksam zu beschränken gewußt. Unter den besten +Förderern der Gehirnchirurgie müssen aber auch R. U. _Krönlein_ in +Zürich und _Theodor Kocher_ in Bern genannt werden. + +Etwas später erfolgte die Entwicklung der _Chirurgie des Rückenmarkes_. +Auch hier kam der erste Anstoß von einem inneren Mediziner, indem _Ernst +Leyden_, damals in Straßburg, schon im Jahre 1874 die am Rückenmarke +auftretenden Geschwülste den Chirurgen zu überweisen empfahl. Der erste +Wundarzt, welcher auf den Plan trat, war wiederum der Engländer +_Horsley_, der im Vereine mit _Gowers_ im Jahre 1887 die erste +erfolgreiche Ausrottung einer das Rückenmark beengenden Geschwulst der +harten Rückenmarkshaut unternahm. Die hierzu nötige Voroperation, die +Resektion einiger Wirbelbögen oder die Laminektomie, wie sie mit einem +erbärmlich gebildeten Worte bezeichnet zu werden pflegt, gab auch für +andere Krankheiten im Bereiche der Wirbelsäule und ihres Inhaltes dem +Chirurgen eine wirksame Waffe in die Hand, mit der er in immer +steigendem Maße Erfolge zu erzielen verstanden hat. + +Früher als mit dem Zentralnervensysteme hat sich die Chirurgie mit den +Erkrankungen der peripheren Nerven abgegeben. Indessen neben den +erwähnten Großtaten erscheinen die Arbeiten in diesem Gebiete doch nur +als Kleinwerk, obwohl auch hier mancher fruchtbare Gedanke in die Tat +umgesetzt worden ist. + + * * * * * + +Zu den chirurgischen Großtaten der letzten Jahrzehnte ist auch der +Ausbau der Pathologie und Behandlung der _Schild-_ und _Thymusdrüse_ zu +rechnen, um so mehr, als bei ihnen die Kenntnis der Physiologie dieser +Organe ursprünglich fast vollkommen versagte. Die Chirurgie hat hier die +doppelte Aufgabe übernommen, nicht nur diese Lücke auszufüllen, sondern +auch die an jenen Drüsen ohne Ausführungsgang auftretenden Erkrankungen +mehr oder weniger unschädlich zu machen; sie ist in erstgenannter +Aufgabe von Physiologen und inneren Medizinern aufs kräftigste +unterstützt worden. + +Unter dem Namen Kropf, Struma, hat man schon seit dem Altertum sehr +verschiedenartige Schwellungen der Schilddrüse zusammengefaßt, die teils +durch Druck auf die Luftröhre Gesundheit und Leben gefährden, teils das +Äußere des Trägers als unangenehmer Schönheitsfehler beeinträchtigen. +Beide Gründe haben bereits im 18. Jahrhundert das Messer des Chirurgen +in Bewegung gesetzt; allein infolge der kaum zu beherrschenden Blutung +wirkten doch diese Operationen so abschreckend, daß sie fast hundert +Jahre lang nicht mehr vorgenommen worden sind. Erst _Rudolf Virchows_ +ausgezeichnete Besprechung der pathologischen Anatomie der +Schilddrüsengeschwülste vom Jahre 1863 (Krankhafte Geschwülste, III) hat +den Chirurgen wieder Mut gemacht, sich mit der Behandlung der Kröpfe +abzugeben, zunächst freilich nur mit Operationen, wie Eröffnung +oberflächlich gelegener Zysten, Jodeinspritzungen in die Geschwulst, +Gefäßunterbindungen, welche heute als überwunden zu betrachten sind. +Dafür hat man sich mit der Einführung der Antisepsis im achten Jahrzehnt +an die Ausrottung der ganzen, oder eines Teiles der Drüse, oder +einzelner Knoten herangemacht; und mit der damit herbeigeführten +Gelegenheit zu Untersuchungen frischer Kröpfe wuchs auch die bessere +Kenntnis der physiologischen und pathologischen Vorgänge. _Anton +Wölfler_, damals Assistent an _Billroths_ Klinik in Wien, förderte seit +1878 die Kenntnis vom Bau und der Entwicklung der Schilddrüse und +stellte ein System der in der Drüse vorkommenden Geschwulstbildungen +auf, welches im wesentlichen noch heute unseren Kenntnissen als +Grundlage dient. Ein anderer Schüler _Billroths_, _Anton_ Freiherr +v. _Eiselsberg_, hat sich in neuester Zeit ganz besonders um die +Physiologie und Pathologie der Schilddrüse verdient gemacht. Die +Hauptergebnisse der von allen Seiten in Angriff genommenen Forschungen +sind folgende: die Kenntnis der Ausfallserscheinungen bei Verlust der +ganzen Schilddrüse (Cachexia strumipriva) nach J. _Reverdin_ in Genf und +_Theodor Kocher_ in Bern; die damit in Zusammenhang stehende Jod- und +Organotherapie; die Kenntnis der Nebenkröpfe und der Nebenschilddrüsen, +sowie der mit ihrem Ausfall verknüpften Tetanie; die Aufklärung der +physiologischen Bedeutung der Drüse, sowie des Myxödems und des +Kretinismus; endlich die bessere Kenntnis der Entstehungsursachen der +Krankheit. In letztgenannter Beziehung bleibt allerdings noch am meisten +zu wünschen übrig. -- Inzwischen hat auch die Technik eine so vollkommene +Entwicklung erfahren, daß die Kropfoperationen nahezu ungefährlich +geworden sind und einen überaus häufig geübten Eingriff darstellen. + +Die Fortschritte auf dem Gebiete der Schilddrüsenerkrankungen knüpfen +sich, außer den schon genannten, an die Namen: _Albert Lücke_ +(Straßburg), _Edmund Rose_ (Berlin) und _August Socin_ (Basel). Aber +auch zahlreiche andere Schriftsteller haben höchst dankenswerte +Anregungen gegeben. + +Der von dem Merseburger Arzte _Karl v. Basedow_ im Jahre 1840 +beschriebene Symptomenkomplex, in welchem die Veränderungen der +Schilddrüse eine große, wahrscheinlich die entscheidende Rolle spielen, +ist im Jahre 1880 zuerst durch den Pariser Chirurgen _Tillaux_ der +operativen Chirurgie gewonnen worden. _Ludwig Rehn_ in Frankfurt war der +erste deutsche Chirurg, der über Heilungen auf operativem Wege zu +berichten wußte; weitere Förderungen brachten _Johann v. Mikulicz_, +_Theodor Kocher_, R. U. _Krönlein_, _Friedrich Trendelenburg_ u. a. Die +Behandlung der _Basedow_schen Krankheit ist vorerst noch ein Grenzgebiet +geblieben; doch neigen sich die Ansichten mehr und mehr dahin, die +teilweise Ausschälung der Schilddrüse wenigstens in allen solchen Fällen +als das zuverlässigste Verfahren zu betrachten, in welchen eine andere +Behandlung versagt hat. Weitere Fortschritte sind erst nach völliger +Aufklärung der Schilddrüsenfunktion zu erwarten. + +Noch eine andere Drüse, die mit der Schilddrüse in einem bestimmten +Zusammenhang zu stehen scheint, deren Erkrankung man neuerdings sogar +die Hauptveranlassung zu den _Basedow_schen Erscheinungen beilegen +möchte, die _Thymusdrüse_, ist 1906 durch _Ludwig Rehn_ behufs Heilung +der durch ihre Vergrößerung veranlaßten Verengung der Luftröhre +chirurgischen Eingriffen zugeführt worden. + +Auch hat sich an einer dritten, bisher in gänzlicher Verborgenheit +lebenden Drüse eine _Chirurgie der Hypophysis cerebri_ entwickelt, +seitdem _Otto Madelung_ auf dem Kongreß von 1904 zum erstenmal die +allgemeine Fettleibigkeit, wahrscheinlich auch den Riesenwuchs +(Akromegalie) auf Verletzungen und Veränderungen jenes Organes +zurückzuführen vermochte. Die inzwischen aus den verschiedensten +Veranlassungen vorgenommenen Operationen nähern sich bereits der Zahl +100; eine sehr brauchbare Methode zur operativen Freilegung der Drüse +hat _Schloffer_ angegeben. + + + + + _Sechster Abschnitt._ + + Entwicklung der chirurgischen Literatur in Deutschland. + + + + + Kapitel XIV. + + +Das Bild, welches wir in den beiden vorangehenden Abschnitten von dem +Stande der Chirurgie in den letzten 50 Jahren zu entwerfen versucht +haben, würde unvollständig bleiben, wenn es nicht durch eine Besprechung +der in dieser Zeit sich entwickelnden _rein chirurgischen Literatur_ +seine Vervollständigung fände. Denn wie jede schnell aufblühende +Wissenschaft teils als Verständigungsmittel, teils als Speicher der +erworbenen Kenntnisse eine Literatur braucht, so hatte auch die uralte +Chirurgie in dem Jungbrunnen der antiseptischen Wundbehandlung sich eine +solche geschaffen, die in Fülle und Reichhaltigkeit des Inhaltes alle +bisherigen Leistungen weit überstrahlte. Wenn diese Erscheinung auch in +kurzen Abständen nacheinander in allen Kulturländern der Erde zu +beobachten ist, so beschränken wir uns, entsprechend dem Plane des +Buches, doch ganz auf eine Übersicht über die Entwicklung der +chirurgischen Schriften in Deutschland. + +An _Hand-_ und _Lehrbüchern_ der Wundarznei war Deutschland auch in der +vorantiseptischen Zeit, zumal seit _August Gottlieb Richters_ +grundlegendem Werke, aus den Jahren 1789-1804 nicht eben arm gewesen. +Die Lehrbücher aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nehmen +zuweilen die Form eines Handwörterbuches für Chirurgie und +Augenheilkunde an, wie das von _Joh. Nepomuk Rust_ 1830-1836, von +_Ernst Blasius_ 1836-1838 und ein drittes von _Walther_, _Jäger_ und +_Radius_ aus den Jahren 1836-1840. Daneben aber erschienen nicht wenige +Einzelbearbeitungen der Chirurgie, unter deren Verfassern die Namen +_Konrad Martin Langenbeck_, 1822, _Max Joseph Chelius_, 1822, _Philipp +v. Walther_, 1843, und insbesondere _Wilhelm Roser_, 1844, _Ludwig +Stromeyer_, 1844, und _Adolf Wernher_, 1846, hervorzuheben sind; nach +1850 _Viktor v. Bruns_, 1854, _Wilhelm Busch_, 1857, und endlich +_Adolf Bardeleben_ mit seiner ursprünglichen Übersetzung von _Vidals_ +Chirurgie (seit 1852), welche in 7. Auflage bei selbständiger +Bearbeitung ausschließlich unter _Bardelebens_ Namen ging. Die nach 1860 +erscheinenden Lehrbücher stehen mehr oder weniger bereits unter dem +Einflusse der antiseptischen Wundbehandlung; unter ihnen ragt am meisten +hervor _Franz Königs_ Spezielle Chirurgie, die einen großen Einfluß +ausgeübt hat und mehrfache Auflagen erlebte. Vortrefflich ist auch +_Erich Lexers_ Lehrbuch der allgemeinen Chirurgie, die bereits in 6 +Auflagen erschienen ist. + +Neben diesen zusammenfassenden Werken einzelner wurde durch _Theodor +Billroth_, der auch literarisch sein Leben lang unermüdlich tätig +gewesen ist, eine neue Form der Veröffentlichungen ins Leben gerufen, +die man als Sammellehrbücher bezeichnen kann. Sie waren notwendig +geworden, weil das gewaltige Anschwellen des chirurgischen Könnens und +Wissens es dem einzelnen Schriftsteller immer schwerer machte, das ganze +Gebiet der klinischen Chirurgie wissenschaftlich und praktisch +gleichmäßig zu beherrschen; es mußte daher eine Aufteilung des Stoffes +an mehr oder weniger zahlreiche Mitarbeiter vorgenommen werden. Als das +erste Beispiel dieser Literatur in Deutschland erschien in den Jahren +1865 bis 1882 das von v. _Pitha_ und _Billroth_ herausgegebene Lehrbuch +der allgemeinen und speziellen Chirurgie. Indessen zeigte sich sehr bald +als bedenklicher Nachteil dieses Verfahrens der Umstand, daß die +zahlreichen Mitarbeiter mit sehr verschiedener Schnelligkeit arbeiteten, +die einzelnen Abschnitte daher ganz unregelmäßig erschienen und die +fleißigsten und frühesten Arbeiten oft schon überholt und veraltet +waren, ehe das Sammelwerk noch seinen Abschluß gefunden hatte. So +geschah es bereits bei diesem ersten Versuche, dessen Beendigung +_Billroth_ nicht abzuwarten die Geduld besaß; denn schon im Jahre 1879 +erschien das erste Heft eines neuen Unternehmens, welches er in +Verbindung mit _Albert Lücke_ unter dem Namen: »Deutsche Chirurgie« +begründete. Dies Werk schleppt sich nun bereits 35 Jahre hin, ohne daß +der Zeitpunkt der Beendigung auch nur mit einiger Sicherheit übersehen +werden könnte. Die beiden ersten Herausgeber sind gestorben; an ihre +Stelle traten _Ernst v. Bergmann_ und _Paul v. Bruns_; und nachdem +auch der Erstgenannte aus dem Leben geschieden ist, führt _Bruns_ die +Schriftleitung allein weiter. Auch die Mitarbeiter haben vielfach +gewechselt, immer neue Teilungen des riesenhaften Stoffes haben sich als +notwendig erwiesen und dennoch kann das Werk nur langsam vorankommen, da +jeder neue Mitarbeiter sich erst einzuleben genötigt ist. So +unerfreulich dieser Zustand auch sein mag, so scheint er doch bei einem +derartig angelegten Unternehmen auf dem Gebiete einer schnell sich +entwickelnden Wissenschaft fast unvermeidlich zu sein; und ungeachtet +dieser Mängel ist die »Deutsche Chirurgie« ein stolzes Denkmal deutschen +Wissens und deutscher Gewissenhaftigkeit geworden. + +Ein solcher Stand der Dinge mußte unfehlbar zu neuen Unternehmungen +reizen, bei deren Anlage man die Fehler der älteren Werke zu vermeiden +suchte. So erschien unter der Leitung von v. _Bergmann_, v. _Bruns_ und +v. _Mikulicz_ in den Jahren 1898-1901 ein vierbändiges Handbuch der +praktischen Chirurgie, welches 1903 bereits eine 2. Auflage benötigte. +Die kürzere und möglichst zusammengedrängte Fassung, bei strengster +Berücksichtigung alles Wissenswerten, hatte den Mitarbeitern eine +rechtzeitige Ablieferung der übernommenen Artikel möglich gemacht. Es +ist das führende Handbuch der Chirurgie geworden und eben in 4. Auflage +in 5 Bänden erschienen. -- Ein weiterer Versuch zur Vereinfachung und zu +schneller Ablieferung ist die von _Th. Kocher_ und _Quervain_ in den +Jahren 1902/03 herausgegebene Enzyklopädie der gesamten Chirurgie. + +Neben diesen mehr oder weniger umfangreichen Sammelwerken über +allgemeine und spezielle Chirurgie, den Krankenhausberichten, sowie den +der Operationslehre gewidmeten Schriften steht eine schier +unübersehbare Menge von Einzelschriften aller Art, teils umfassenderen +Arbeiten über besondere Gebiete, die sich nicht in den Rahmen einer +Sammelchirurgie eingeordnet haben, teils kleineren oder größeren +Artikeln, die in den Zeitschriften ihren Unterschlupf fanden. Bis zum +Jahre 1860 gab es aber im ganzen Gebiete der deutschen Sprache so +außerordentlich wenige ausschließlich chirurgische _Zeitschriften_, daß +die meisten kleineren Aufsätze in den gewöhnlichen Wochenschriften +erschienen, die unterschiedslos allen medizinischen Fächern gerecht zu +werden sich bemühten. So konnte es geschehen, daß die wichtigsten +chirurgischen Arbeiten über eine größere Zahl von Zeitschriften sich +verstreuten, was deren Verbreitung in chirurgischen Kreisen nicht wenig +im Wege stand. Um diesem Zustande ein Ende zu machen und der deutschen +Chirurgie einen Sammel- und Treffpunkt zu bereiten, gründete _Bernhard +Langenbeck_ im Jahre 1861 das Archiv für klinische Chirurgie, dessen +Hauptleitung _Ernst Gurlt_ übernahm; unter dem geläufigeren Namen +»Langenbecks Archiv« hat es in der Tat lange Jahre eine Art von +Sprechsaal für die deutsche Chirurgie gebildet und hat heute unter einer +Schriftleitung, deren Hauptarbeit _Werner Körte_ leistet, den +hundertsten Band längst überschritten. Allein den wachsenden +Bedürfnissen genügte auch diese Einrichtung bald nicht mehr, da zumal +die jüngeren Chirurgen nicht ohne Grund die Klage erhoben, daß wegen +Platzmangels die Veröffentlichung der von ihnen eingesandten Arbeiten +ungebührlich lange hinausgeschoben würde. So konnten denn im Jahre 1872 +_Karl Hüter_ und _Albert Lücke_ mit einem neuen Organe, der »Deutschen +Zeitschrift für Chirurgie« dem älteren Archiv einen Wettbewerb bereiten. +Und da trotzdem nach einem Jahrzehnt die gleichen Klagen laut wurden, so +konnte P. _Bruns_ in den »Beiträgen zur klinischen Chirurgie« im Jahre +1884 noch ein drittes Archiv gründen, welches in kurzer Zeit zahlreichen +Kliniken und Krankenhäusern zu ihren Veröffentlichungen diente und zu +hoher Blüte gelangte. + +Zu diesen Sammelorganen kommen die Veröffentlichungen aus +chirurgisch-wissenschaftlichen Gesellschaften. Unter diesen steht die +Deutsche Gesellschaft für Chirurgie weitaus im Vordergrunde; ihre +gedruckten Verhandlungen liefern alljährlich einen Band, der allmählich +zu erheblichem Umfange angeschwollen ist und dessen Inhalt uns die +Entwicklung der deutschen Chirurgie fast wie in einem Museum geordnet +vor Augen führt. Dazu kommen die Verhandlungen der Freien Vereinigung +der Chirurgen Berlins, die, seit 1888 bestehend, vor drei Jahren den +Namen: Berliner chirurgische Gesellschaft angenommen hat. -- Auch die +Deutsche Röntgengesellschaft, die Deutsche Gesellschaft für Urologie und +manche andere Vereinigungen geben besondere Sitzungsberichte heraus, da +auch die sonderwissenschaftlichen Zeitschriften die Fülle des Stoffes +nicht zu bewältigen imstande sind. + +Und doch hat die Chirurgie durch Gründung besonderer Vereine für +Nebengebiete mit den dazu gehörigen Zeitschriften eine ganz erhebliche +Entlastung erfahren. Weit vorangegangen war die Augenheilkunde, bald +auch die Ohrenheilkunde, die schon 1864 ein eigenes Archiv schuf, 1867 +eine Monatsschrift hinzufügte. In ähnlicher fruchtbarer Weise ist die +Sache in allen Sonderwissenschaften verlaufen, welche durch die +antiseptische Wundbehandlung einen mächtigen und nachhaltigen Antrieb +zur Weiterentwicklung erfahren hatten. + +Als eine Erscheinung eigener Art sind die von _Richard v. Volkmann_ +seit dem Jahre 1869 begründeten »Klinischen Vorträge« anzusehen, in +welchen das Ziel verfolgt wurde, den Fortschritten auf allen Gebieten +der klinischen Medizin durch fortlaufende Veröffentlichungen von +Vorträgen, wie sie dem jeweils neuesten Stande der Wissenschaft +entsprechend in Kliniken und Vereinen gehalten waren, oder wenigstens +sich der Form nach ihnen angliederten, Rechnung zu tragen. Der +chirurgische Teil des Unternehmens wird noch heute von _Otto Hildebrand_ +geleitet. + +Ähnlichen Gedankengängen paßt sich die von P. v. _Bruns_ 1912 begründete +»Neue deutsche Chirurgie« an, von der diese Arbeit einen Teil bildet. +Sie ist als Fortsetzung der »Deutschen Chirurgie« gedacht und erscheint +als eine zwanglose Sammlung von Einzelschriften, die allen Fortschritten +unserer Wissenschaft Rechnung tragen sollen und die mit der Zeit eine +wertvolle Fachbibliothek in sorgfältiger Auswahl und Bearbeitung werden +dürfte. -- + +Eine etwas schwerflüssige und doch überaus wichtige Quelle der Belehrung +bilden die klinischen Berichte aus Kliniken und Krankenhäusern. In deren +älterer Form teilte der Berichterstatter nur mit, was ihm in seinen +Erfahrungen besonders wichtig erschien, unter Auslassung alles dessen, +was den Glanz seiner Tätigkeit zu verdunkeln geeignet war. Diese mehr +oder weniger schön gefärbten Mitteilungen erfuhren durch _Theodor +Billroths_ rücksichtslose Wahrheitsliebe eine grundsätzliche +Veränderung, indem er in den seit 1860 herausgegebenen Berichten über +seine Kliniken in Zürich und später in Wien nicht nur das sogenannte +Interessante besprach, dessen Begrenzung von jedem Leser in anderer Form +vorgenommen wird, sondern einfach alles erwähnte, was er beobachtet +hatte. Nur so war es möglich, einen klaren Überblick nicht allein über +seine eigene Tätigkeit, sondern auch über die anderer Chirurgen zu +gewinnen; und da es feststeht, daß eigene und fremde Fehler am meisten +belehren, so hat _Billroths_ Vorgehen eine nicht hoch genug zu +schätzende Säule der chirurgischen Ethik geschaffen. Er fand bald +Nachfolger, und heutigentags ist die Methode der unbedingten +Wahrhaftigkeit so weit entwickelt, daß ein Berichterstatter es nur unter +schweren Gefahren für Ruf und Ehre wagen dürfte, von ihren Grundsätzen +abzuweichen. -- Für das Studium von Einzelfragen bilden solche Berichte +eine unschätzbare Grundlage. + +Aus diesem Anschwellen der Literatur, welches einer geistigen +Übererzeugung zuweilen bedenklich nahe kam, entwickelte sich nun ein +neuer Literaturzweig mit der Aufgabe, die zerstreuten Arbeiten auf den +einzelnen medizinischen Gebieten zu sammeln, zu ordnen und in Form einer +kurzen, aber alles Wesentliche wiedergebenden Inhaltsangabe dem Leser +darzubieten. Auf dem Gesamtgebiete der Medizin hatten _Canstatts_ +Jahresberichte bereits 25 Jahre lang dem Bedürfnis wissenschaftlich +arbeitender Ärzte Rechnung zu tragen gesucht, als sie im Jahre 1866 +durch die von _Rudolf Virchow_ und _August Hirsch_ herausgegebenen +Jahresberichte über die Leistungen und Fortschritte in der gesamten +Medizin ersetzt wurden. Aber für die auf Sondergebieten Belehrung +suchenden Männer waren solche Übersichten auf der einen Seite zu +umfassend, da sie das Auffinden bestimmter Arbeiten und die Erkenntnis +ihres Zusammenhanges mit anderen ähnlichen erschwerten, auf der anderen +Seite zu eng, da sie inhaltlich viel zu wenig boten. + +Aus dem unabweislichen Bedürfnis heraus, dem Chirurgen seine +literarischen Arbeiten zu erleichtern, schufen daher L. _Lesser_ in +Berlin, M. _Schede_ in Halle und H. _Tillmanns_ in Leipzig, unter dem +Rate und der tätigen Beihilfe _Richard v. Volkmanns_, im Jahre 1874 +das Zentralblatt für Chirurgie, dessen allwöchentlich erscheinende Hefte +nicht nur mehr oder weniger schnelle Berichte über die chirurgische +Weltliteratur, sondern auch gewöhnlich kurze Uraufsätze und sogar +öffentliche Anfragen brachten. So ausgezeichnet sich das Unternehmen +bewährt hat, so ist es doch im Jahre 1913 durch ein unter ständiger +Aufsicht der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie stehendes Zentralblatt +für die gesamte Chirurgie und ihre Grenzgebiete, dessen Schriftleitung +L. _Franz_ übernommen hat, nicht ersetzt, aber doch ergänzt worden. Das +neue Blatt strebt nicht nur eine Vollständigkeit der Berichte aus der +gesamten Weltliteratur, sondern auch deren denkbar schnellstes +Erscheinen an. + +Wie einst das Archiv für klinische Chirurgie, so hat auch das +Zentralblatt für Chirurgie schnelle Nachahmung gefunden. Alle +Nebenfächer der Wundarzneikunst, sogar die Grenzgebiete zwischen Medizin +und Chirurgie haben ihr eigenes Zentralblatt erhalten, so daß eine +eigene Literatur der Zentralblätter zustande gekommen ist. Daneben +entwickelten sich noch weiterhin auf engere Gebiete beschränkte +Jahresberichte, entweder über die ganze Chirurgie sich erstreckend, wie +_Otto Hildebrands_ seit 1895 erscheinender Jahresbericht der Chirurgie, +oder zusammenfassende engere Berichte, wie die der Krankheiten des +Urogenitalapparates seit 1906. + +Das lebhafte Interesse, welches sich in diesen zahlreichen Gründungen +und deren Gedeihen bekundet, hat die Arbeiten auf allen Gebieten der +Chirurgie wesentlich erleichtert. Aber es ist nicht zu verkennen, daß +diese Massenhaftigkeit der literarischen Neuschöpfungen doch auch ihre +bedenkliche Seite hat. Die Anlegung einer chirurgischen Privatbücherei, +welche alle wesentlichen Erscheinungen der neueren Literatur umfaßt, ist +jetzt vom Gesichtspunkte des Raumes und der Kosten schon fast unmöglich +geworden, selbst für einen Chirurgen mit eigenem Hause und großen +Mitteln. Damit leidet aber die stille Gelehrtenstube früherer Zeiten; +und der wundärztliche Schriftsteller, welcher öffentliche Büchereien in +größerem Umfange zu benutzen gezwungen ist, verliert auch noch den +letzten Rest der für die Sammlung der Gedanken so nötigen beschaulichen +Ruhe, den ihm sein immer unruhiger und aufregender werdender Beruf eben +noch gelassen hatte. + +Trotz dieser etwas schwermütigen Betrachtung bietet auch das +literarische Schaffen auf chirurgischem Gebiete in seiner Rührigkeit und +seiner überquellenden Fruchtbarkeit ein überaus erfreuliches Bild dar. + + + + + Schlußwort. + + +Wir sind am Schluß unserer Darlegungen angelangt. Aber es ist kein +geschichtlicher Abschluß, kein Wendepunkt, an welchem eine umschriebene +Periode zu Ende geht, eine neue in Sicht steht, oder soeben begonnen +hat; denn _Listers_ System einer chemischen Wundbehandlung, für welche +die Anfänge der Keimlehre die Grundlage darboten, ist zwar von Grund aus +umgeändert und verbessert, aber doch nicht als vollendet und fortan +unabänderlich anzusehen. Dazu sind weitere neue Gedanken und +wissenschaftliche Erfindungen gekommen, deren Tragweite für das Gebiet +der Wundarzneikunde noch keineswegs schon nach allen Beziehungen hin +feststeht. Demgemäß sehen wir in der deutschen Chirurgie überall eine +angespannte Arbeit, ein eifriges Streben, einen nie ermüdenden Fleiß. +Das sind keine Zeichen eines Niederganges, sondern der klarste Beweis, +daß die jetzt lebenden Chirurgen das Erbe ihrer Vorgänger gut verwalten, +daß sie dem gleichen Boden, auf welchem jene tätig waren, im Schweiße +ihres Angesichtes immer reichere Erträge zu entlocken sich bemühen. Noch +ist fast alles im Fluß; wohin aber die stolze Bewegung in weiteren 50 +Jahren geführt haben wird, vermag heute niemand auch nur zu ahnen. +Immerhin dürfen wir die Hoffnung hegen, daß der Weg weiter aufwärts +führt, selbst wenn unser Vaterland schweren Prüfungen entgegengehen +sollte, denen mit Ruhe und Entschlossenheit zu begegnen das deutsche +Volk auch in der hohen Entwicklung seiner Chirurgie eine nicht zu +verachtende Waffe, besitzt. + + + + + Namenverzeichnis. + + + =A.= + + Abbott 68. + Ahlfeld 45. + Albert 42. + Annandale 28. + Arusakagewehr 64. + Augusta, Kaiserin 46. 47. 48. 65. + Auguste Viktoria, Kaiserin 48. + + + =B.= + + Bardeleben, v. 1. 38. 39. 49. 56. 101. + Bardenheuer 45. + Barth, Arthur 87. + Bartscher 9. + Basedow, v. 100. + Baum, Wilhelm 97. + Behring, v. 14. 77. + Bennet 98. + Bergmann, v. 11. 35. 37. 45. 46. 48. 49. 54. 68. 71. 72. 73. 75. 84. 98. + 102. + Bier 57. 59. 76. 89. + Billroth 3. 10. 11. 19. 34. 41. 45. 55. 70. 85. 92. 93. 99. 102. 104. + Blasius 101. + Boerhave 94. + Bollinger 78. + Bornhaupt 64. + Boyer 16. + Bramann, v. 85. + Brauer 97. + Braun, Heinrich (Zwickau) 55. 56. 57. 98. + Bremser 79. + Brodeur 87. + Bruns, Paul v. 42. 43. 54. 64. 85. 102. 103. 104. + -- Viktor v. 1. 32. 40. 85. 101. + Bünger 82. + Burow 9. + Busch, Friedrich 4. 10. + -- Wilhelm 63. 101. + + + =C.= + + Cagniard-Latour 19. + Canstatt 104. + Carstens 58. + Casper 87. + Chassaignac 12. + Chassepotgewehr 64. + Chauliac, Guy de 52. + Chelius 101. + Chevreuil 20. 26. + Chrysmar 86. + Civiale 87. + Cloquet 96. + Cohnheim 61. + Colbatch 21. + Courvoisier 91. + Credé 43. 68. + Czermak 85. + Czerny, Vinzenz v. 85. 92. 93. 96. 97. + + + =D.= + + Davy, Humphry 53. + Déclat 22. + Delpech 13. + Dieffenbach 28. 53. 81. 82. + Döcker, v. 7. + Doutrelepont 70. + Dreysegewehr 64. + Ducrey 78. + Dumreicher, v. 54. + Dunant 65. + + + =E.= + + Edison 87. + Ehrlich 78. 80. + Eiselsberg, Frh. v. 74. 84. 99. + Elliot 21. + Esmarch, v. 42. 58. 67. 88. + Esse 6. + Estlander 97. + + + =F.= + + Fabry, Wilhelm 88. + Fehleisen 15. 37. + Flourens 53. + Franz 105. + Freund, Wilh. Al. 86. + Friedländer 69. + Friedrich 97. + Friedrich Leopold v. Preußen 49. + Fritsch 98. + Fürbringer 45. + + + =G.= + + Gaffky 36. + Galenus 72. + Gasser 98. + Gay-Lussac 19. + Gerlach, v. 34. + Godlee 98. + Görcke 63. + Goßler, v. 75. + Gowers 99. + Gräfe, Albrecht v. 84. + -- Karl Ferd. v. 28. 81. + Graser 14. + Grimm 63. + Gruithuisen 87. + Gurlt 32. 54. 103. + Gussenbauer 61. 85. 92. 93. + Guyon 87. + + + =H.= + + Haase 65. + Hacker, v. 97. + Häser XV. 2. + Hagedorn 38. 42. + Hahn 85. 87. + Hansemann, v. 80. + Hansen 78. + Heath 87. + Hebra 18. + Heidenhain 80. 98. + Heine 85. + Heller 79. + Helmholtz 20. + Henle 1. 19. 20. 33. + Henry 41. + Hildebrand 104. 105. + Hippokrates 14. 72. + Hirsch 104. + Hittorf 59. + Hitzig 98. + Hoffa 89. + Hoffmann 78. + Honigmann 55. + Honsell 43. + Horsley 98. 99, + Hüter 12. 34. 38. 69. 103. + Hyrtl 1. 2. + + + =I.= + + Israel 4. 39. 87. + + + =J.= + + Jackson 53. + Jäger 101. + Jenner 76. + Jonnescu 57. + + + =K.= + + Kaiser 92. + Kappeler 54. + Karg 74. + Kehr 91. + Kern, v. 9. 28. + Killian 86. + Kimball 86. + Kitasato 77. + Kiwisch 18. + Klebs 34. 77. + Klose 12. + Knesebeck, v. d. 49. + Koch, Robert 34. 35. 36. 41. 44. 70. 71. 72. 73. 74. 75. 76. + Kocher 64. 95. 98. 100. 102. + Köberlé 86. + König, Franz 37. 41. 70. 73. 75. 76. 82. 91. 97. 101. + Körte 51. 55. 91. 103. + Köster 69. + Kolbe 39. + Koller 56. + Kraske 94. + Krause 83. 98. + Krefting 78, + Krönlein 9. 95. 98. 100. + Küchenmeister 22. 79. + Küchler 90. + Kümmell 42. 95. + Küster 39. 41. 42. 57. 64. 74. 83. 84. 87. 89. 93. 97. + Küttner 68. + + + =L.= + + Langenbeck, Bernhard v. 3. 4. 28. 31. 46. 47. 48. 49. 60. 66. 67. 78. 82. + 83. 89. 93. 96. 103. + -- Konrad Martin 1. 60. 61. 101. + Langenbuch 91. + Lauenstein 74. + Le Dentu 87. + Le Fort 89. + Lemaire 22. + Lesser 38. 105. + Leuckart 79. + Lexer 101. + Leyden 98. + Liebig 53. + Liebreich 76. + Lisfranc 94. + Lister 10. 17. 18. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 33. 34. + 36. 38. 39. 40. 41. 43. 44. 52. 70. 81. 86. 87. 88. 90. 92. 93. 96. + 97. 106. + Löffler 36. 77. + Long 53. + Lorenz 89. + Lücke 100. 102. 103. + Luise, Großherzogin von Baden 46. + + + =M.= + + MacDowell 86. + Mackenzie 85. + Madelung 29. 33. 39. 79. 93. 100. + Maggi 88. + Malgaigne 4. + Mannlichergewehr 64. + Marchand 61. 62. + Martens 14. + Martini 35. + Metschnikow 61. + Michaelis 5. + Mikulicz, v. 41. 45. 54. 57. 89. 92. 95. 97. 100. 102. + Morgagni 94. + Morris 87. + Morton 53. + Mosengeil, v. 39. + Mosetig v. Moorhof 41. 70. + Müller, W. (Rostock) 82. + + + =N.= + + Nägeli 35. + Neißer 78. + Neuber 42. 55. + Nicoladoni 82. + Nicolaier 14. 77. + Nightingale, Miß 6. + Nitze 87. + Nußbaum, v. 38. 96. + + + =O.= + + Oberst 57. + Öttingen, v. 66. 68. + Ogston 37. + Ollier 89. + Oppenheim 98. + + + =P.= + + Pallas 79. + Paré 17. 88. + Parker 55. + Pasteur 20. 21. 26. 37. + Péan 86. 90. + Perthes 45. + Petersen 58. + Petit 91. + Phelps 43. + Pirogoff 4. 8. 19. 53. 62. 66. 89. + Pitha, v. 102. + Pravaz 70. + Priestley 53. + Pringle 4. + Puchelt 94. + Purmann 95. + + + =Q.= + + Quervain 102. + Quincke 57. + Quittenbaum 90. + + + =R.= + + Radius 101. + Ranke 39. + Recklinghausen, v. 34. + Reger 64. + Rehn 84. 100. + Reil 6. + Remak 2. + Reverdin, Jaques 82. 100. + Reybard 93. + Reyher 39. 68. + Ribbert 80. + Richardson 40. 56. + Richter, A. G. 28. 84. 101. + Rindfleisch 34. + Rinne 71. + Riolan 84. + Risel 96. + Röntgen 59. 60. 68. + Rokitansky 2. 18. + Rose 9. 82. 89. 100. + Rosenbach 12. 37. + Roser 19. 96. 101. + Rothmund, v. 96. + Roux 95. + Rust 101. + Rydygier 92. + + + =S.= + + Sahli 94. + Salzwedel 43. + Sauerbruch 97. + Scanzoni 18, + Schädel 64. + Schäfer 66. + Schaudinn 78. + Schede 39. 41. 42. 74. 93. 97. 105. + Schimmelbusch 45. 74. + Schjerning, v. 63. 65. 68. + Schleich 55. 56. + Schleiden 2. + Schliep 47. + Schloffer 43. 100. + Schmidt, E. 49. + Schmiedeberg 11. + Schönborn 38, 39. + Schröder 42. 86. + Schüller 76. + Schuh 53. + Schultz 20. + Schultze, A. W. 30. 38. + Schwann 2. 19. 20. 33. + Schwartze, H. 84. + Semmelweis 18. 19. 44. + Seyfert 19. + Simon 31. 54. 87. + Simpson 21. 53. 54. + Sims, Marion 86. + Skoda 18. + Socin 96. 100. + Sonnenburg 95. + Soubeiran 53. + Spence 28. + Spieker 49. + Sprengel 95. + Stromeyer 101. + Sudeck 55. + Syme 21. + + + =T.= + + Thamhayn 21. 22. + Thiersch 35. 38. 39. 49. 61. 73. 82. + Thöle 68. + Tillaux 100. + Tillmanns 105. + Treitschke, v. 6. + Trendelenburg 32. 42. 58. 83. 100. + Tröltsch, Freiherr v. 84. + Türck 85. + + + =U.= + + Unna 78. + + + =V.= + + Vesalius, Andreas 1. + Vezin 9. + Vidal 101. + Virchow 2. 3. 4. 12. 19. 51. 73. 99. 104. + Volkmann, v. 9. 21. 27. 30. 31. 32. 33. 38. 39. 44. 73. 104. 105. + Volney-Dorsay 90. + Voß 68. + + + =W.= + + Wagner, Paul 87. + -- Wilhelm 98. + Wahl 64. + Waldeyer 34. + Walther, v. 101. + Warren 53. + Watson 28. + Weber, Otto 19. + Wegner, Georg 90. + Weiger 55. + Wells, Horace 53. + -- Spencer 86. + Wernher 101. + Wernicke, Erich 77. + -- Karl 98. + Werth 42. + White 89. + Wilhelm II., Deutscher Kaiser 48. + Winiwarter, v. 92. + Wladimirow 89. + Wölfler 99. + Wolfe 83. + Wolff, Julius 85. 98. + + + =Z.= + + Zöge-Manteuffel, v. 45. 83. + + * * * * * + + =Verlag von _FERDINAND ENKE_ in Stuttgart.= + + * * * * * + + =Übersicht der Geschichte der Chirurgie und des chirurgischen Standes.= + + Von + + =Prof. Dr. H. _HAESER_.= + + Lex. 8°. 1879. geh. M. 1.20. + + (Deutsche Chirurgie, Lieferung 1.) + + * * * * * + +=Baas=, Prof. Dr. J. H., =Leitfaden der Geschichte der Medizin.= Mit +Bildnissen in Holzschnitt und Faksimiles von Autographen. Lex. 8°. 1880. +geh. M. 3.60. + +=Baas=, Prof. Dr. J. H., =William Harvey=, der Entdecker des +Blutkreislaufes und dessen anatomisch-experimentelle Studie über die +Herz- und Blutbewegung bei den Tieren. Kulturhist.-med. Abhandlung zur +Feier des dreihundertjährigen Gedenktages der Geburt Harveys (1. April +1578). Mit Harveys Bildnis, Faksimile und den Abbildungen des Originals +in Lithographie. Lex. 8°. 1878. geh. M. 5.20. + +=Bauer=, Hofrat Prof. Dr. A., =Naturhistorisch-biographische Essays.= +Mit 3 Tafelabbildungen, gr. 8°. 1911. geh. M. 3.80. + +=Brüning=, Privatdoz. Dr. H., =Geschichte der Methodik der künstlichen +Säuglingsernährung.= Nach medizin-, kultur- und kunstgeschichtlichen +Studien zusammenfassend bearbeitet. Mit 78 Textabbildungen. Lex. 8°. +1908. geh. M. 6.--; in Leinw. geb. M. 7.20. + +=Dragendorff=, Prof. Dr. G., =Die Heilpflanzen der verschiedenen Völker +und Zeiten.= Ein Handbuch für Aerzte, Apotheker, Botaniker und +Droguisten. Lex. 8°. 1898. geh. M. 22.--; in Halbfranz geb. M. 24.50. + +=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Charlatanerie und Kurpfuscher= im +Deutschen Reiche. Lex. 8°. 1905. geh. M. 2.-- + +=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Gicht des Chemikers Jacob +Berzelius und anderer hervorragender Männer.= Mit 1 Abbildung. Lex. 8°. +1904. geh. M. 2.40. + +=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Krankheiten im Feldzuge gegen +Rußland (1812).= Eine geschichtlich-medizinische Studie mit 1 Kärtchen. +Lex. 8°. 1902. geh. M. 2.40. + +=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Leben und Streben in der inneren +Medizin.= Klinische Vorlesung, gehalten am 9. November 1899. Lex. 8°. +1899. geh M. 1.-- + +=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Dr. Martin Luthers Krankheiten und +deren Einfluß auf seinen körperlichen und geistigen Zustand.= Lex. 8°. +1908. geb. M. 2.-- + +=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Medizin im alten Testament.= +gr. 8°. 1900. geh. M. 5.-- + +=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Medizin im neuen Testament und +im Talmud.= gr. 8°. 1903. geh. M. 8.-- + +=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Die Pest des Thukydides.= (Die +Attische Seuche.) Eine geschichtlich-medizinische Studie. Mit +1 Kärtchen. Lex. 8°. 1899. geh. M. 2.-- + +=Ebstein=, Geheimrat Prof. Dr. W., =Rudolf Virchow als Arzt.= Lex. 8°. +1903. geh. M. 2.40. + +=Fasbender=, Prof. Dr. H., =Entwickelungslehre, Geburtshülfe und +Gynäkologie in den Hippokratischen Schriften.= Eine kritische Studie. +gr. 8°. 1895. geh. M. 10.-- + +=Fossel=, Prof. Dr. V., =Studien zur Geschichte der Medizin.= Lex. 8°. +1909. geh. M. 6.-- + +=Greeff=, Prof. Dr. R., =Rembrandts Darstellungen der Tobiasheilung.= +Nebst Beiträgen zur Geschichte des Starstichs. Mit 14 Tafeln und +9 Textabbildungen. Lex. 8°. 1907. geh. M. 6.-- + +=Hirsch=, Prof. Dr. A., =Handbuch der historisch-geographischen +Pathologie. Zweite, vollständig neue Bearbeitung.= Drei Abteilungen. + + I. Abt.: Die allgem. akuten Infektionskrankheiten. Lex. 8°. 1881. geh. + M. 12.-- + + II. Abt.: Die chronischen Infektions- und Intoxikationskrankheiten. + Parasitäre Krankheiten, infektiöse Wundkrankheiten und + chronische Ernährungs-Anomalien. Lex. 8°. 1883. geh. M. 12.-- + + III. Abt.: Die Organkrankheiten. Nebst einem Register über die drei + Abteilungen. Lex. 8°. 1886. geh. M. 14.-- + +=Politzer=, Prof. Dr. A., =Geschichte der Ohrenheilkunde.= _Zwei Bände_. + + Band I: Von den ersten Anfängen bis zur Mitte des neunzehnten + Jahrhunderts. Mit 31 Bildnissen auf Tafeln und 19 Textfiguren. Lex. 8°. + 1907. geh. M. 20.--; in Leinw. geb. M. 22.-- + + Band II: Von 1850-1911. Unter Mitwirkung bewährter Fachkräfte. Mit 29 + Bildnissen auf 29 Tafeln. Preis geh. M. 24.--; in Leinw. geb. M. 26.-- + +=Koelsch=, Kgl. Landesgewerbearzt Dr. F., =Bernardino Ramazzini.= Der +Vater der Gewerbehygiene (1633-1714). Sein Leben und seine Werke. Mit +einem Bildnis. Lex. 8°. 1911 geh. M. 1.40. + +=Marcuse=, Dr. med. Jul., =Bäder und Badewesen in Vergangenheit und +Gegenwart.= Eine kulturhistorische Studie. Lex. 8°. 1903. geh. M. 5.-- + +=Marcuse=, Dr. med. Jul., =Hydrotherapie im Altertum.= Eine +historisch-medizinische Studie. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. +W. _Winternitz_. gr. 8°. 1900. geh. M. 2.-- + +=Müllerheim=, Dr. R., =Die Wochenstube in der Kunst.= Eine +kulturhistorische Studie. Mit 138 Abbildungen. hoch 4°. 1904. kart. +M. 16.--; in Leinw. geb. M. 18.-- + +=Neuburger=, Prof. Dr. M., =Johann Christian Reil.= Gedenkrede, gehalten +auf der 85. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Wien am +26. September 1913. Mit einem Bildnis und 9 Textabbildungen. Lex. 8°. 1913. +geh. M. 4.-- + +=Neuburger=, Prof. Dr. M., =Geschichte der Medizin.= _Zwei Bände_. + + I. Band. Lex. 8°. 1906. geh. M. 9.--; in Leinw. geb. M. 10.40. + + II. Band, I. Teil. Mit 8 Tafeln. Lex. 8°. 1911. geh. M. 13.60; in Leinw. + geb. M. 15.-- + +=Neuburger=, Prof. Dr. M., =Die historische Entwickelung der +experimentellen Gehirn- und Rückenmarksphysiologie vor Flourens.= +gr. 8°. 1897. geh. M. 10.-- + +=Neuburger=, Prof. Dr. M., =Die Vorgeschichte der antitoxischen Therapie +der akuten Infektionskrankheiten.= Vortrag, gehalten auf der 73. +Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Hamburg. In erweiterter +Form herausgegeben. gr. 8°. 1901. geh. M. 1.60. + +=Opitz=, Dr. K. =Die Medizin im Koran.= gr. 8°. 1906. geh. M. 3.-- + +=Strunz=, Privatdoz. Dr. F., =Geschichte der Naturwissenschaften im +Mittelalter.= Im Grundriß dargestellt. Mit 1 Abbildung. Lex. 8°. 1910. +geh. M. 4.-- + + * * * * * + + Prof. Dr. E. HOLLÄNDER. + + =Die Karikatur und Satire in der Medizin.= + + =Medikokunsthistorische Studie.= + + Mit 10 farbigen Tafeln und 223 Abbildungen im Text. + hoch 4°. 1905. kart. M. 24.--; in Leinw. geb. M. 27.-- + + * * * * * + + =Die Medizin in der klassischen Malerei.= + + Mit 272 in den Text gedruckten Abbildungen. =Zweite Auflage.= + hoch 4°. 1913. geh. M. 28.--; fein in Leinw. geb. M. 31.-- + + * * * * * + + =Plastik und Medizin.= + + Mit 1 Tafel und 433 Abbildungen im Text. + hoch 4°. 1912. kart. M. 28.--; elegant geb. M. 30.-- + + * * * * * + + _VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART._ + + * * * * * + + =Der Gesichtsausdruck des Menschen.= + + +----+ +----+ + |1913| von |1913| + +----+ +----+ + + =Dr. med. H. Krukenberg.= + + Mit 203 Textabbildungen meist nach Originalzeichnungen und + photographischen Aufnahmen des Verfassers. + + Lex. 8°. 1913. Geheftet M. 6.--, in Leinwand gebunden M. 7.40. + +Das vorliegende Werk gibt in allgemein verständlicher Form eine +Übersicht über die Entwicklung und die einzelnen Formen der +Ausdrucksweise des menschlichen Antlitzes In der Einleitung werden die +Lehren und Irrlehren vom Gesichtsausdruck, wie sie sich in den Werken +früherer Jahrhunderte bis auf Lavater und Gall vorfinden, behandelt, und +es wird dann gezeigt, wie sich am menschlichen Antlitz nach bestimmten +ehernen Gesetzen allmähliche Wandlungen vollziehen, wie sich nicht nur +der Gesichtsausdruck des einzelnen, sondern auch der der ganzen +Menschheit im Strome der Zeit allmählich verändert. Die Merkmale der +einzelnen Rassen werden kurz berührt, ausführlicher werden die durch +Alter und Geschlecht bedingten charakteristischen Gesichtsmerkmale +behandelt. An einzelnen Beispielen wird die Entwicklung des +Gesichtausdrucks vom Säugling bis zum Erwachsenen erläutert. Die durch +den Ernährungszustand, durch Krankheit, durch geistige Verblödung und +Geisteskrankheiten bedingten Veränderungen werden eingehend behandelt +und durch zahlreiche zum Teil sehr markante Abbildungen erläutert. +Weiter werden die Merkmale welche das Schicksal, die Kämpfe des Geistes +und der Seele dem Antlitz aufdrücken, behandelt, es wird gezeigt, wie +häufig wiederholte vorübergehende Ausdrucksformen des Antlitzes +allmählich dauernde Veränderungen hervorrufen, wie auch hier der Geist +es ist, der sich den Körper baut. Die einzelnen vorübergehenden +Veränderungen des Mienenspiels werden ausführlich behandelt und +analysiert und ihre Entstehung auf rein sinnliche Reize zurückgeführt. +Das Mienenspiel des Kindes wird in seiner rein elementaren Form dem +durch Erziehung und konventionelle Rücksichten modifizierten +Gesichtsausdruck des Erwachsenen gegenübergestellt. Es wird gezeigt, wie +beim Kinde noch rein sinnliche Eindrücke vorherrschen, während im +späteren Alter die seelischen Eindrücke, die Arbeit des Geistes und die +Lebensschicksale das Gesicht immer mehr modifizieren und ihre +unverwischbaren Spuren darin hinterlassen. Die Art und Weise, wie das +Gesicht auf plötzliche reelle oder ideelle Reize reagiert, wird an +photographischen Aufnahmen in drastischer Form demonstriert. + +[Illustration: Erika S. Freudiges Lachen.] + +[Illustration: Erika S. Schalkhaftes Lachen.] + +[Illustration: Erika S. Geschmeicheltes Lächeln.] + +[Illustration: Unschön wirkende, durch Ernährungsrückgang bedingte +Altersfalten.] + +[Illustration: Künstlerisch schön wirkende, durch das Seelenleben +bedingte Altersfalten.] + +=Der Verfasser verwirft die künstliche Hervorbringung gewollter +Gesichtsausdrücke als unzuverlässig, er hat sein Material ausschließlich +_nach wirklich vorhandenen geistigen Erregungen_ gesammelt. Das, was der +Verfasser bietet, macht daher Anspruch auf absolute Naturwahrheit.= + +Der künstlerische Standpunkt wird darüber nicht vernachlässigt. Der +Verfasser weist immer wieder darauf hin, welche Veränderungen des +Gesichtsausdruckes durch das Seelenleben, welche durch rein zufälligen +körperlichen Bau bedingt sind, welche unserm Schönheitssinn entsprechen +und welche nicht. Auch der Schönheitssinn und die Verschönerungsversuche +anderer Rassen werden berücksichtigt. + +[Illustration: Knabe, anderthalb Jahre alt.] + +[Illustration: Derselbe, acht Jahre alt.] + +[Illustration: Derselbe erwachsen, neunzehn Jahre alt.] + +Ohne den Boden der Allgemeinverständlichkeit zu verlassen, deduziert der +Verfasser die Entwicklung und die notwendigen Folgen der Veränderungen +des Antlitzes vom streng wissenschaftlichen Standpunkte aus und wirft, +zuweilen nicht ohne treffenden Sarkasmus, die Lehren der +»Physiognomiker« über Bord. + +[Illustration: Erika S. Süßer Geschmack.] + +[Illustration: Erika S. Widerwärtiger Geschmack.] + +=Für diejenigen, welche sich vom künstlerischen Standpunkte aus, seien +es darstellende oder bildende Künstler, mit dem Gesichtsausdruck zu +befassen haben, dürfte das Buch bald ein unentbehrlicher Ratgeber +werden, für jeden Gebildeten, der sich mit den Gesetzen der äußeren +Ausdrucksweise unseres Seelenlebens bekannt machen will, wird das +Studium des Buches eine anregende und lohnende Lektüre bilden.= + + + _BESPRECHUNG._ + +Der Wert der physiognomischen Forschung ergibt sich ohne weiteres aus +der Wahrnehmung, daß das Mienenspiel des Menschen in seinen Grundzügen +bei allen Völkern das gleiche ist, daß aber Gesichtszüge wie auch +Gesichtsausdruck mit der fortschreitenden Kultur gewisse Veränderungen +erfahren haben, aus denen sich wichtige Schlüsse auf den vorherrschenden +oder den augenblicklichen Gemütszustand ziehen lassen. Dr. Krukenberg +zeigt nun an einer großen Anzahl vorzüglicher Bilder, daß der Grad, in +dem sich seelische oder körperliche Reize im Gesicht zu erkennen geben, +durch mehrere Faktoren bestimmt wird; dieser hängt nämlich von ihrer +Stärke, von ihrer Plötzlichkeit und, soweit sie den Gesichtsausdruck +dauernd verändern, außerdem noch von ihrer Nachhaltigkeit ab. Nicht nur +Künstler, Richter und Ärzte, die der Physiognomik von Berufs wegen ihre +Aufmerksamkeit zu schenken haben, sondern jeder Gebildete, der etwas +tiefer in die Geheimnisse "Spiegels der Seele" eindringen möchte, wird +in dem schönen Werke reiche Anregung finden. + + =Köln. Zeitung 1913. 1206.= + + + _INHALTSVERZEICHNIS._ + +I. Einleitung. -- II. Literaturverzeichnis. -- III. Historisches. Kritik +der bisherigen Schriften über Physiognomik. -- IV. Mimik der Tiere. -- +V. Entwicklung der Physiognomie. Anthropologisches. Entwicklung +der einzelnen Rassenmerkmale. Entwicklung des Individuums. +Geschlechtsmerkmale. Altersmerkmale. Pathologisches. -- VI. Entstehung +des menschlichen Mienenspiels. Entwicklungsgeschichte. Physiologie. +Ausfallerscheinungen. Pathologie. -- VII. Die Haut. -- VIII. Das Auge. +-- IX. Das Ohr. -- X. Die Nase. -- XI. Der Mund. -- XII. Zusammenfassung +der einzelnen Ausdrucksweisen. Register. + +[Illustration] + +[Illustration: Angeborene Blindheit.] + +[Illustration: Erika S. Wut.] + +[Illustration: Fünfjähriges ausgehungertes Kind.] + +[Illustration: Dasselbe, vier Monate später nach Nahrungszufuhr.] + + +----------------+-----------------------------------+ + | BESTELLZETTEL. | Der Unterzeichnete bestellt | + +----------------+ bei der Buchhandlung von | + | | + | .................................................. | + | | + | aus dem Verlag von _Ferdinand Enke_ in _Stuttgart_ | + | | + | =KRUKENBERG, Der Gesichtsausdruck des Menschen.= | + | Geh. M. 6.--, in Leinw. geb. M. 7.40. | + | | + | Ort und Datum: Name: | + | | + | | + | .................................................. | + | | + +----------------------------------------------------+ + + +[Illustration: Erika S. Rührung (seelischer Schmerz).] + + * * * * * + + =Die Schönheit des weiblichen Körpers= + + Den Müttern, Ärzten und Künstlern gewidmet. + + Von =Dr. C. H. STRATZ.= + + =Zweiundzwanzigste, vermehrte und verbesserte Auflage= + + Mit 303 Abbildungen und 8 Tafeln. Lex. 8°. 1913. geh. M. 18.--, + in Leinw. geb. M. 20.-- + +Die vorliegende Auflage der "Schönheit" ist um mehr als 30 neue +Abbildungen durchweg Photographien nach dem Leben bereichert und auch +textlich erweitert worden. Die früheren Auflagen des Werkes haben in der +Presse die wärmste Anerkennung gefunden. + +Das Werk kann in seinem geschmackvollen Gewande auch zu Geschenken für +Künstler, Kunstfreunde, Ärzte und Mütter, für welche Kreise es +geschrieben ist, bestens empfohlen werden. + +=Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder vom Verlag von FERDINAND ENKE +in Stuttgart.= + + + + + * * * * * + + + + +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + + S. II: in Leinw. geb. M. 13.-- [Punkt entfernt] + S. III: Pseudarthrosen -> Pseudoarthrosen + S. 19: Cagniard Latour -> Cagniard-Latour + S. 23: maßgebend gewesen. -> [Punkt hinzugefügt] + S. 106: Schlusswort. -> Schlußwort + S. 108: Jaeger -> Jäger + S. 108: Köberle -> Köberlé + S. 109: Oettingen -> Öttingen + S. 112: Lex. 8° -> [Leerzeichen hinzugefügt] + S. 112: kart. -> [Punkt hinzugefügt] + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER NEUEREN DEUTSCHEN +CHIRURGIE*** + + +******* This file should be named 39529-8.txt or 39529-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/5/2/39529 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License available with this file or online at + www.gutenberg.org/license. + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation information page at www.gutenberg.org + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 +North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email +contact links and up to date contact information can be found at the +Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For forty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
