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+<title>Der Hasenroman</title>
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+The Project Gutenberg EBook of Der Hasenroman, by Francis Jammes
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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+Title: Der Hasenroman
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+Author: Francis Jammes
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+Translator: Jakob Hegner
+
+Release Date: April 6, 2012 [EBook #39391]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HASENROMAN ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="center"><span class="upper"><span class="sperr">
+Jammes · Hasenroman
+</span></span>
+</p>
+
+<p style="page-break-before: always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="center"><span class="upper"><span class="sperr">
+Siebentes und achtes Tausend
+</span></span>
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+
+<h1 style="page-break-before:always;">
+<br />
+<br />
+Francis Jammes<br />
+Der Hasenroman
+</h1>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="font-size: 110%">
+MCMXXII<br />
+Bei Jakob Hegner in Hellerau
+</p>
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center"><span class="upper">
+Berechtigte Übertragung<br />
+von Jakob Hegner
+</span></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center"><span class="small">
+Copyright 1916 by Hellerauer Verlag,<br />
+Dresden-Hellerau
+</span></p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<!-- page 007 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Erstes Buch
+<!-- page 009 --></h2>
+
+<p class="first"><span class="upper">In dem Thymian und dem Tau des
+</span>
+Fabeldichters vernahm Langohr die
+Jagd; er entlief über den aufgeweichten
+lehmigen Pfad, denn er fürchtete
+seinen Schatten, die Heidekräuter
+kamen ihm eilig entgegen, die blauen
+Kirchtürme standen von Tal zu Tal
+auf, er rannte hinab, stürmte bergan,
+und seine Sprünge bogen die Halme,
+wo die Tropfen ineinanderflossen. In
+diesem geflügelten Lauf wurde der
+Hase ein Bruder der Lerchen, er flog
+über die Bezirksstraßen hinweg, und
+am Wegweiser überlegte er einen
+Augenblick lang, eh er dem Feldweg
+folgte, der aus dem blendenden
+Sonnenlicht und der geräuschvollen
+Kreuzung in das dunkle stille Moos
+führt.
+</p>
+
+<p>An diesem Tag war er beinahe an den
+zwölften Kilometerstein angestoßen,
+<!-- page 010 -->
+zwischen Markt Kastetis und Balansun,
+denn seine Augen, in denen die
+Angst wohnt, stehn seitwärts. Noch
+konnte er einhalten. Seine natürlich
+gespaltne Oberlippe zitterte unmerklich
+und entblößte die langen Nager.
+Dann reckten sich seine gelben Landstreichergamaschen
+mit den vom Laufen
+abgestumpften Fußnägeln: er
+hüpfte über die Hecke, in Kugelform,
+die Ohren auf dem Hinterteil.
+</p>
+
+<p>Eine gute Weile noch trug er seine
+Haut aufwärts, indes die beunruhigten
+Hunde seine Spur verloren, und
+wieder abwärts, bis zur Landstraße
+in die Pyrenäen, wo er ein Pferd mit
+einem Karren herankommen sah. In
+der Ferne, auf dem Weg, wirbelte der
+Staub wie im Märchen vom Blaubart,
+wenn die Schwester fragt: Schwester
+Anna, siehst du noch nichts? Die silberne
+<!-- page 011 -->
+Trockenheit, wie war sie prächtig
+und duftete bitter nach Minze.
+Nicht lange, so stand das Pferd vor
+dem Hasen.
+</p>
+
+<p>Es war ein armseliger Gaul vor einem
+zweirädrigen Gefährt, und er konnte
+nur noch im Galopp und ruckweise
+ziehn. Jeder Schritt erschütterte sein
+gelockertes Gerippe, daß das Geschirr
+klirrte, und die helle Mähne flatterte
+in der Luft, grünlich wie der Bart eines
+alten Seemanns. Mühsam, als wären
+es Pflastersteine, hob das Tier seine
+geschwulstig aufgetriebenen Hufe.
+Langohr erschrak vor der großen lebendigen
+Maschine und ihrem lauten
+Geräusch. Er tat einen Satz und floh
+weiter über die Wiesen, die Stirn gegen
+das Gebirge, den Schwanz gegen die
+Heide, das rechte Auge gegen die steigende
+Sonne, das linke dem Dorf zu.
+</p>
+<!-- page 012 -->
+
+<p>Endlich verkroch er sich in einem
+Stoppelfeld, unweit einer Wachtel,
+die in der Art der Hennen mit dem
+Bauch im Sande schlief und, von der
+Wärme betäubt, durch die Federn
+hindurch ihr Fett ausschwitzte.
+</p>
+
+<p>Der Tag funkelte im Süden. Der Himmel
+erblaßte unter der Hitze und wurde
+perlgrau. Ein Mäusefalk schwebte
+mühlosen Fluges in immer höhern,
+immer weitern Kreisen. Wenige hundert
+Schritte geradeaus, und die pfauengleich
+schillernde Fläche eines Flusses
+wälzte das Spiegelbild von Erlen
+mit sich; ihren klebrigen Blättern
+entsickerte ein herber Duft, und ihre
+gewalttätige Schwärze brach schneidend
+in den klaren Glanz des Wassers.
+Nahe dem Damm glitten die Fische
+in Rudeln vorüber. Der Mariengruß
+rührte mit seiner himmelblauen
+<!-- page 013 -->
+Schwinge an den Sonnenbrand eines
+Kirchturms, und Langohrs Mittagsruhe
+begann.
+</p>
+
+<!-- page 014 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Regungslos blieb er bis zum
+</span>
+Abend in seinem Stoppelfeld, nur ein
+Mückenschwarm belästigte ihn ein
+wenig, ein Flimmern wie ein Weg in
+der Sonne. Erst in der Dämmerung
+hüpfte er zweimal leicht nach vorn
+und dann zwei andere Male nach
+links und nach rechts.
+</p>
+
+<p>Die Nacht war da. Er wagte sich an
+den Fluß, wo im Mondlicht an den
+Spindeln des Schilfrohrs das Gespinst
+der Silbernebel hing.
+</p>
+
+<p>Mitten im blumigen Gras nahm er
+seinen Platz, erfreut, daß zu dieser
+Stunde die Töne reiner Wohlklang
+waren und man nicht wußte, lockten
+Wachteln oder Quellen.
+</p>
+
+<p>Waren die Menschen alle tot? Nur
+einer wachte draußen; geschäftig
+über dem Wasser holte er unhörbar
+sein strahlenrieselndes Netz heraus.
+<!-- page 015 -->
+Aber er störte nur das Herz
+der Welle, das des Hasen blieb in
+Frieden.
+</p>
+
+<p>Und da geschah es, daß zwischen den
+Engelwurzdolden behutsam eine Kugel
+erschien. Es war die nahende
+Freundin. Langohr lief ihr entgegen,
+bis er sie tief im bläulichen Heu erreicht
+hatte. Ihre Nasen kamen
+aneinander. Und einen Augenblick
+lang, mitten im wilden Ampfer,
+tauschten sie Küsse. Sie trieben ihr
+Spiel. Dann wandten sie sich, vom
+Hunger geleitet, gemächlich und Seite
+an Seite, gegen eine dunkel hingestreckte
+Meierei. In dem ärmlichen
+Gemüsegarten, wohin sie eingedrungen
+waren, gab es knisternden Kohl
+und würzigen Thymian. Nebenan
+hauchte der Stall seinen Atem; hinter
+der Tür des Verschlages ließ das
+<!-- page 016 -->
+Schwein sein bewegliches Grunzen
+hören und sein Schnüffeln.
+</p>
+
+<p>So verstrich die Nacht mit Essen und
+Lieben. Allmählich, im Morgenrot,
+regte sich die Finsternis. Flecken
+leuchteten von fernher. Alles begann
+zu schwanken. Ein Gockel auf dem
+Hühnerstall zerriß die stille Luft. Er
+krähte wie besessen und klatschte sich
+Beifall mit seinen Flügelstumpfen.
+</p>
+
+<p>Langohr und seine Frau verließen
+einander an der Schwelle der Dornen-
+und Rosenhecke. Kristallen
+tauchte ein Dorf aus dem Nebel,
+und im Felde zeigten sich hastende
+Rüden, deren Ruten wie straffe Seile
+schaukelten; in der Minze und zwischen
+den Halmen mühten sie sich, die
+von dem lieblichen Paar geistvoll geschlungenen
+Schleifen zu entwirren.
+</p>
+<!-- page 017 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Unter Maulbeeren, in einer Grube,
+</span>
+schlug dann Langohr sein Lager
+auf, hier verweilte er bis zum
+Abend, mit offenen Augen. Hier saß
+er wie ein König unter dem Spitzbogen
+der Zweige, die ein Regenguß mit
+hellblauen Perlen geschmückt hatte.
+Endlich schlief er ein. Doch sein
+Traum war unruhig und nicht so, wie
+ihn der stille Schlummer des schwülen
+Nachmittags beschert. Fremd war
+ihm die starre Schlaftrunkenheit der
+Eidechse, die kaum zuckt, wenn sie
+das Leben der alten Mauern träumt;
+und fremd die zutrauliche Feierstunde
+des Dachses, der da in seinem lichtlosen
+Erdbau sitzt und es kühl hat.
+</p>
+
+<p>Jedes noch so kleine Geräusch raunt
+ihm von der Gefährlichkeit dessen,
+was sich rührt, fällt und stößt; ein
+Schatten bewegt sich unerwartet:
+<!-- page 018 -->
+naht ein Feind? Er weiß, daß man
+im Nest nur dann glücklich sein darf,
+wenn alles jetzt ebenso ist, wie es vorher
+war. Daher kommt seine Liebe
+zur Ordnung und verhilft ihm zu seiner
+Behaglichkeit.
+</p>
+
+<p>Denn warum sollte in der blauen
+Windstille träger Tage am wilden
+Rosenstrauch ein Blatt erzittern?
+Warum, wenn die Schatten des Unterholzes
+so langsam vorrücken, als
+ob sie den Tag festhalten wollten,
+warum sollten sie sich plötzlich regen?
+Und warum hätte er sich zu
+den Menschen begeben sollen, die
+nicht fern von seiner Zufluchtstätte
+die Maiskolben einsammelten, darin
+die Sonne ihre fahlen Lichtkörner
+enthüllte? Seine Lider ohne schützende
+Wimpern vertrugen nicht die
+verwirrenden Wellen der Mittage,
+<!-- page 019 -->
+gewiß nur darum verbot sich ihm die
+Nähe der Wesen, die ungeblendet in
+die weißen Flammen der Sicheln
+sehn.
+</p>
+
+<p>Nichts lockte ihn, ehe nicht die Zeit
+gekommen war, wo er von selbst ausging.
+Seine Weisheit war eins mit
+den Dingen. Das Leben war ihm ein
+Tonwerk, und jeder Mißklang riet
+ihm zur Vorsicht. Er verwechselte
+niemals das Geläute der Hunde mit
+einem fernen Glockenschall; auch
+nicht die Bewegung des Menschen
+mit der des wehenden Baumes; den
+Knall des Gewehrs und den des knatternden
+Blitzes; den Blitz und das
+Rollen der Karren; den Ruf des Sperbers
+und die Dampfpfeife im Dorfe.
+So gab es eine ganze Sprache, und
+ihre Wörter waren ihm bekannt als
+Feinde.
+</p>
+<!-- page 020 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Wer in der Welt hätte zu sagen
+</span>
+vermocht, woher Langohr diese Klugheit
+und solches Wissen besaß? Keiner
+wohl, und keiner kennt ihre geheimen
+Wege. Denn sein Ursprung verliert
+sich in der Nacht der Zeiten, wo
+die Geschichten alle eins sind.
+</p>
+
+<p>Kam er vielleicht aus der Arche des
+Noah, vom Berg Ararat, an dem Tage,
+da die Taube, die in ihrem Gurren
+noch heute das Rauschen der großen
+Wasser bewahrt, den Ölzweig brachte,
+das Zeichen, daß die Flut abnahm?
+Oder war er, so wie er ist, geschaffen
+worden, der Kurzschwanz, der Strohpelz,
+die Spaltnase, der Langohr, der
+Graustrumpf? Die Hand des Ewigen,
+hatte sie ihn fertig unter die Lorbeeren
+des Paradieses gesetzt?
+</p>
+
+<p>Gelagert unter einem Rosenstrauch,
+hatte er vielleicht Eva belauscht?
+<!-- page 021 -->
+Wie sie sich bäumte gleich einem
+Füllen, zwischen den Schwertlilien
+die Anmut ihrer gebräunten Beine
+auf und nieder führte und vor den
+verbotnen Granatbäumen ihre goldenen
+Brüste spannte? Oder war er
+damals bloß ein weiß glühender Nebelstreif?
+Lebte er schon im Herzen
+der Porphyre, war er, unverbrennlich,
+ihrer Lava entronnen, um nach und
+nach, eh er sich mit seiner Nase in die
+Welt wagte, den Granit und dann die
+Zelle der Alge zu bewohnen? Verdankte
+er dem geschmolzenen Jaspis
+seine Pechaugen? Dem lehmigen
+Morast sein Fell? Dem Seetang seine
+nachgiebigen Ohren? Dem flüssigen
+Feuer sein Fieberblut?
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. Was bekümmerte ihn seine Herkunft!
+Still begnügt lag er in seiner
+Grube. Es war im August, ein gewitterschwüler,
+<!-- page 022 -->
+zermürbender Nachmittag,
+der Himmel dunkel, pflaumenblau,
+hie und da geschwellt, als sollte
+er im nächsten Augenblick über der
+Ebene bersten.
+</p>
+
+<p>Und schon hallte der Regen auf den
+Brombeerblättern. Immer schneller
+trommelten die schlanken Wasserstäbe.
+Langohr aber fürchtete sich
+nicht, denn die Regentropfen folgten
+aufeinander in einer ihm längst vertrauten
+Ordnung. Und die Nässe fühlte
+er nicht, denn das Wasser fiel auf
+die dichte Pflanzenwölbung. Nur ein
+einzelner Tropfen kam bis zum Grunde
+der Grube und schlug immer wieder
+auf dieselbe Stelle.
+</p>
+
+<p>Und so bangte dem Graustrumpf
+nicht vor diesem Zusammenspiele.
+Wohl bekannt war ihm das Lied, worin
+die Tränen des Regens die langen
+<!-- page 023 -->
+Strophen bilden, und er wußte, daß
+weder Hund noch Mensch, noch
+Fuchs oder Falke daran teil haben.
+Der Himmel war wie eine Harfe, die
+Silberfäden des strömenden Regens
+waren von oben hinunter gespannt.
+Und hier unten ließ jedes Ding sie
+auf eine besondere Art ertönen und
+nahm dann wieder seine ihm eigene
+Weise auf. Von den grünen Fingern
+der Blätter rauschten die gläsernen
+Saiten hoch und dumpf. Hatten die
+Nebel Seele und Stimme erhalten?
+</p>
+
+<p>Die von ihnen erweichte Erde
+schluchzte auf wie eine vom Südwind
+gepeinigte Frau, und dort, wo der
+Boden am rissigsten war und am trockensten,
+ließ sich das fortwährende
+Geräusch des Aufsaugens vernehmen,
+die Inbrunst brennender, dem vollen
+Ungewitter hingegebener Lippen.
+</p>
+<!-- page 024 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Die Nacht nach dem Gewitter
+</span>
+war klar. Der Regen war fast aufgesogen.
+Auf dem Rasen, wo Langohr
+sonst seine Freundin begegnete,
+schwebte das Wasser nur noch in dichten
+Nebelballen. Es sah aus wie unirdische
+Baumwollstauden, die ihre
+Hülsen in der Flut des Mondlichts
+gesprengt hatten. Längs den Böschungen
+standen die regenschweren
+Büsche reihenweise wie Pilger, vornübergebeugt
+unter der Last ihrer
+Säcke und Schläuche. Ringsum Friede.
+In eine Hand legte sich die Stirn
+des Engels. Das Morgengrauen harrte
+frostdurchschauert auf die rosenfingerige
+Schwester, und das niedergesunkene
+Gras betete zum Morgen
+auf.
+</p>
+
+<p>Da plötzlich sah Langohr auf seiner
+Wiese einen Mann nahen, und er
+<!-- page 025 -->
+erschrak gar nicht. Ein erstes Mal seit
+Urzeiten, seitdem der Mensch Fallen
+stellt und Bogen spannt, erlosch der
+Trieb zur Flucht in der Seele des
+Leichtfüßigen.
+</p>
+
+<p>Der Mann, der herankam, war angetan
+wie ein Baumstamm im Winter,
+wie mit wolligem Moos bekleidet.
+Er hatte eine Kapuze auf dem
+Kopf und Sandalen an den Füßen.
+Er trug keinen Stock. Seine Hände
+lagen verschränkt in den Ärmeln seines
+Mantels, ein Strick diente ihm
+als Gürtel. Sein bleiches, knochiges
+Gesicht hielt er dem Mond entgegen,
+und der Mond war minder blaß.
+Deutlich sah man die Adlernase, die
+Augen, tief wie die der Esel, und den
+schwarzen Bart, worin die Büsche
+Flocken von Schäfchenwolle hinterlassen
+hatten.
+</p>
+<!-- page 026 -->
+
+<p>Zwei Tauben begleiteten ihn. Sie
+glitten von Ast zu Ast, hinein in die
+mildtätige Nacht. Das verliebte Haschen
+ihrer Flügel war wie der Kelch
+einer entblätterten Blume: als wollte
+er sich wieder vereinigen und sich
+von neuem zur Krone entfalten.
+</p>
+
+<p>Drei ärmliche Hunde mit Stachelhalsbändern
+trabten ihm schweifwedelnd
+voran, und ein alter Wolf beleckte
+ihm den Kleidsaum. Ein Schaf
+und sein Junges drangen zwischen
+Krokus vor und stampften blökend,
+unsicher und entzückt, auf smaragdgrünen
+Traubenhyazinthen, indes
+drei Sperber mit den beiden Tauben
+zu spielen begannen. Ein schüchterner
+Nachtvogel pfiff jubelnd inmitten
+der Eicheln, dann schwang er
+sich auf und holte den Sperber ein
+und die Tauben, das Lamm und das
+<!-- page 027 -->
+Schaf, die Hunde, den Wolf und
+den Mann.
+</p>
+
+<p>Und der Mann trat heran zu dem
+Hasen und sprach zu ihm:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin Franziskus. Ich liebe dich,
+und ich grüße dich, Bruder. Ich grüße
+dich im Namen des Himmels, der die
+Wasser spiegelt und die glitzernden
+Steine, im Namen des Sauerampfers,
+der Rinden und der Körner, womit du
+deinen Hunger stillst. Komm und
+folge diesen Unschuldigen, die mich
+begleiten und sich an meine Schritte
+hängen, so gläubig wie der Efeu, der
+den Baum umklammert und nicht
+daran denkt, daß sich, vielleicht bald
+schon, der Holzfäller zeigen wird. O
+Hase, ich bringe dir den Glauben, wie
+wir ihn der eine in den andern setzen,
+den Glauben, der das Leben selbst ist,
+alles das, was wir doch nicht wissen,
+<!-- page 028 -->
+aber woran wir glauben. O Hase, liebes
+freundliches Tier, sanfter Wanderer,
+willst du dich unserm Glauben
+anschließen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und solange Franziskus sprach, verhielten
+sich die Tiere still, sie lagen
+und saßen in den Zweigen, im Vertraun
+auf diese Worte, die sie nicht
+begriffen.
+</p>
+
+<p>Nur der Hase, das Auge weit geöffnet,
+schien jetzt durch das Geräusch der
+Menschenlippen beunruhigt zu sein.
+Das eine Ohr nach vorn, das andere
+nach rückwärts gerichtet, war er unschlüssig,
+ob er fliehn solle oder bleiben.
+</p>
+
+<p>Dies sah Franziskus. Er rupfte von
+der Wiese eine Handvoll Gras, reichte
+es dem Leichtfüßigen, und der
+folgte ihm nun.
+</p>
+<!-- page 029 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Von dieser Nacht an blieben sie
+</span>
+Gefährten.
+</p>
+
+<p>Niemand vermochte ihnen zu schaden,
+denn der Glaube beschützte sie.
+Wenn Franz mit seinen Freunden
+halt machte, auf einem Dorfplatz,
+wo die Leute beim Gedudel einer
+Sackpfeife tanzten, dann, wenn die
+Ulmen zerfließen und auf den dunkeln
+Wirtshaustischen die Mädchen
+ihr Glas lachend in den Abendwind
+heben, bildete man einen Kreis um
+sie. Und das junge Volk mit Bogen
+oder Armbrust dachte nicht daran,
+Langohr zu töten, so verwunderte sie
+sein ruhiges Wandeln, so grausam erschien
+ihnen, ein armes Tier zu hintergehn,
+das ihnen sein Zutrauen zu Füßen
+legte. Sie hielten Franziskus für
+einen Fremden, dessen Gewerb es war,
+die Tiere zu zähmen, sie öffneten ihm
+<!-- page 030 -->
+für die Nacht ihre Scheunen und reichten
+ihm Almosen, wofür er seinen Tieren
+ihre Lieblingsspeisen kaufte.
+</p>
+
+<p>Auch fanden die Fahrenden mühlos
+ihren Unterhalt, denn der Herbst,
+durch den sie zogen, war freigebig,
+die Speicher bogen sich, man ließ sie
+auf den Maisfeldern Nachlese halten
+und teilnehmen an der Weinernte,
+mit den Gesängen bei Sonnenuntergang.
+Die blonden Mägde drückten
+Trauben an ihre lichtumspielten
+Brüste. Ihre Ellbogen leuchteten emporgehoben.
+Oben über dem blauen
+Dunkel der Kastanienhaine, in Ruhe,
+glitten fallende Sterne. Das Heidekraut
+in seinem Samt wurde schwärzer.
+Wie seufzten die Röcke ferne in
+den Laubgängen.
+</p>
+
+<p>Jene schauten vor sich das Meer, ein
+Gemälde an der Himmelswand, und
+<!-- page 031 -->
+die geneigten Segel, den weißen Sand
+mit seinen Flecken von den Schatten
+der Tamarisken, der Erdbeerbäume
+und der Pinien. Sie wanderten über
+heitere Matten, wo, herabgefallen
+aus der Unbeflecktheit des Schnees,
+die Sturzwässer zu Bächen werden,
+doch glitzernd die Erinnerung noch
+bewahren an den Spießglanz und die
+Firne.
+</p>
+
+<p>Selbst wenn das Jagdhorn erklang,
+blieb Langohr jetzt unerschrocken
+und bei seinen Gesellen. Sie schützten
+ihn und er sie. Eines Tages wagte
+sich eine Meute heran und entfloh
+beim Anblick des Wolfes, ein anderesmal
+wieder schlich eine Katze den
+Tauben nach, entwich aber vor den
+Hunden mit dem Stachelhalsband,
+und ein Wiesel auf der Lauer nach
+dem Lämmchen versteckte sich vor
+<!-- page 032 -->
+den Raubvögeln. Langohr schreckte
+Schwalben ab, die auf die Eule losstürmten.
+</p>
+<!-- page 033 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Langohrs bester Freund war
+</span>
+einer der drei Hunde mit den Stacheln,
+eine Jagdhündin, gutmütig, kleinen
+und gedrungenen Baus, mit gestutztem
+Schwanz, hängenden Ohren und
+gebogenen Beinen. Sie war artig und
+umgänglich. Ihre Wiege war ein
+Schweinekoben gewesen, bei einem
+Schuster, der des Sonntags jagte. Nun
+war der Schuster tot, und niemand
+nahm sie auf. So jagte sie in den Feldern,
+wo sie zuletzt an Franz kam.
+</p>
+
+<p>Langohr hielt sich immer an ihrer
+Seite, und wenn sie schlafen wollte,
+legte sie ihre Schnauze auf ihn, worauf
+auch er einschlummerte. Denn
+alle pflegten der Mittagsruhe, und
+Träume erfüllten ihren Schlaf in dem
+stumpfen Feuer der Sonne.
+</p>
+
+<p>Franz schaute dann wieder das Paradies,
+das er hinter sich gelassen hatte.
+<!-- page 034 -->
+Ihm war, als beträte er durch das große
+Tor die himmlische Hauptstraße
+mit ihren Häusern der Auserkornen.
+Es waren niedrige Holzbuden, jede
+gleich der andern, in einem Schatten,
+der, hell erstrahlend, zu Tränen der
+Freude rührte. Aus dem Innern hervor
+leuchteten da ein Hobel, dort ein
+Hammer oder eine Feile. Hier auch
+war kein Ende der erhebenden Müh.
+Denn wenn Gott die Menschen bei
+ihrer Ankunft in den Himmel fragte,
+womit er ihre irdischen Werke belohnen
+solle, wollten sie immer das behalten,
+was ihnen zum Paradiese mit verholfen
+hatte. Und da war auf einmal
+eines jeden schlichtes Wirken irgendwie
+wunderbar geworden. Handwerker
+traten auf ihre Schwellen, und
+die Tische waren hinausgetragen für
+die Abendmahlzeit. Man hörte den
+<!-- page 035 -->
+Frohsinn der himmlischen Brunnen.
+Und auf den offnen Plätzen entfalteten
+sich die Engel wie Segelboote
+und neigten sich in der Seligkeit der
+andämmernden Nacht.
+</p>
+
+<p>Die Tiere aber sahn in ihren Träumen
+die Erde und das Paradies nicht
+so, wie wir beides kennen und sehn.
+Sie träumten von unzusammenhängenden
+Ebnen, worin ihre Sinne irre
+wurden. Nebel fiel in sie. In Langohr
+wurde das Hundegebell ganz eins mit
+der Sonnenhitze, mit jähem Knallen,
+mit einem Schwitzen der Läufe, mit
+dem Taumel der Flucht, dem Schrecken,
+Lehmgeruch, hellem Wasser,
+hin- und herschwankenden Mohren,
+knisterndem Mais, Mondschein und
+freudiger Aufregung beim Anblick
+des Weibchens, wie es mitten im Duft
+der Waldmeister erschien.
+</p>
+<!-- page 036 -->
+
+<p>Sie alle erblickten hinter den geschlossnen
+Lidern die bewegten Abbilder
+ihrer Lebensläufe. Nur die
+Tauben schützten vor der Sonne
+ihre lebhaften unruhigen Köpfchen:
+sie erschauten im Schatten ihrer Flügel
+ihr Paradies.
+</p>
+
+<!-- page 037 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Zweites Buch
+<!-- page 039 --></h2>
+
+<p class="first"><span class="upper">Als der Winter kam, sagte Franziskus
+</span>
+zu seinen Freunden:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Segen über euch, denn ihr seid Gottes.
+Doch bin ich in Unruhe, denn
+der Schrei der ziehenden Gänse verkündet
+eine Hungersnot, und daß es
+nicht in den Absichten des Himmels
+liegt, euch die Erde zum Wohltäter
+zu machen. Gelobt seien die verborgenen
+Ratschlüsse des Herrn.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Das Land um sie war wirklich verödet.
+Aus seinen straffen Schläuchen
+voll Schnee träufelte der Himmel ein
+fahles Licht. Alle Früchte in den Hecken
+waren abgestorben und alle in
+den Gärten. Und die Körner hatten
+ihre Schoten verlassen, um in den
+Schoß der Erde einzugehn.
+</p>
+
+<p>.&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;Gelobt seien die verborgenen
+Ratschlüsse des Herrn,&ldquo; sagte Franziskus.
+&bdquo;Vielleicht will er, ihr sollet
+<!-- page 040 -->
+mich verlassen und ein jeglicher seines
+Weges ziehn, auf der Suche nach Nahrung.
+Trennet euch also von mir, der
+ich nicht allen zugleich folgen kann,
+wenn euch der Trieb jeden wo andershin
+führt. Denn ihr seid im Leben
+und bedürfet der Speise, ich jedoch
+bin auferstanden und bin hier durch
+die Gnade, den leiblichen Bedürfnissen
+enthoben, und Gott ließ mich erscheinen,
+damit ihr von mir geleitet
+wäret bis an diesen Tag. Aber ich
+weiß nicht mehr, was tun, und kann
+nicht länger mehr für euch sorgen.
+Wollt ihr mich also verlassen, so sei
+einem jeden von euch die Zunge gelöst,
+und er sag es offen.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 041 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Der erste, der sprach, war der
+</span>
+Wolf.
+</p>
+
+<p>Er hob seine Schnauze gegen Franziskus.
+In seinem zerzausten Schweif
+fegte der Wind. Er hustete. Lang
+war das Kleid seines Elends. Sein kläglicher
+Pelz gab ihm das Aussehn eines
+entthronten Königs. Er zögerte und
+blickte im Kreise um sich, von Freund
+zu Freund. Endlich kam seine Stimme
+aus dem Schlund, der rauhe Laut des
+Winterschnees. Und wie er seine Lefzen
+öffnete, sah man seine ganze frühere
+Entbehrung an der Länge seiner
+Zähne. So wild war sein Ausdruck, daß
+man nicht wußte, ob er seinen Herrn
+beißen oder ihn liebkosen wolle.
+</p>
+
+<p>Er sagte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;O Honig ohne Stacheln! O Armer!
+O Sohn Gottes! Wie könnte ich dich
+verlassen? Mein Leben war elend, und
+<!-- page 042 -->
+du hast es mit Freude erfüllt. In den
+Nächten, wie mußte ich da den Atem
+der Hunde, der Hirten und der Feuerbrände
+belauschen, um dann im richtigen
+Augenblick meine Krallen in
+die Kehle der schlafenden Lämmer
+zu versenken. Du lehrtest mich, o
+Seliger, die Milde der Obstgärten kennen.
+Ja eben noch, da sich mir der
+Bauch in der Lust nach Fleischesspeise
+höhlte, ernährte mich deine
+Liebe zu mir. Wie so oft war mir
+doch mein Hunger willkommen,
+wenn ich meinen Kopf auf deinen
+Schuh legte, denn diesen Hunger, ich
+ertrage ihn, um dir zu folgen, und aus
+Liebe zu dir will ich gerne sterben.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 043 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Und die Tauben gurrten.
+</span>
+</p>
+
+<p>Sie beendeten ihren frierenden Doppelflug
+in den Zweigen eines vertrockneten
+Baumes. Sie konnten sich nicht
+zum Sprechen entschließen. Jeden
+Augenblick, so schien es, wollten sie
+zustimmen, dann wieder, in Schrecken,
+erfüllten sie von neuem mit ihren
+weißen aufschluchzenden Zärtlichkeiten
+den Wald, der dieser Anmut
+lauschte. Sie zuckten wie junge Mädchen,
+die ihre Tränen und ihre Arme
+vereinen. Sie sprachen beide zu gleicher
+Zeit, als hätten sie nur eine einzige,
+gemeinsame Stimme:
+</p>
+
+<p>&bdquo;O Franz, milder als der Schimmer
+des Leuchtkäfers im Moose, lieblicher
+als der Bach, der uns sein Lied singt,
+wenn wir unser laues Nest in den würzigen
+Schatten der jungen Pappeln
+hängen. Was kümmert uns, daß Reif
+<!-- page 044 -->
+und Not uns aus deiner Nähe verbannen
+und uns vertreiben wollen, hinweg
+zu fruchtbaren Strichen? Um
+deinetwillen werden wir die Not lieben
+und Frost und Reif. Und deiner
+Liebe willen wollen wir auf unsre
+Neigungen verzichten. Und müssen
+wir vor Kälte sterben, so wird es Herz
+an Herz geschehn, o Herr.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 045 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Und einer der Hunde mit dem
+</span>
+Stachelhalsband trat hervor. Es war
+die Jagdhündin, die Freundin des
+Hasen. Wie der Wolf, hatte auch sie
+schon hart unter dem Hunger gelitten
+und klapperte mit den Zähnen.
+Ihre Ohren runzelten sich, auch wenn
+sie sie hob; ihr Schwanz, zerfahren
+wie eine Baumwollspindel, hielt sich
+unbewegt wagrecht. Die rotgelben
+Augen richteten sich auf Franziskus
+mit der Glut des unbedingten Glaubens.
+Und ihre beiden Genossen, die
+sich anschickten, vertrauensvoll zuzuhören,
+senkten gutmütig und unwissend
+den Kopf. Und sie, die Hirtenhunde,
+die niemals was anderes
+gehört hatten als das Greinen der
+Schellen, das Blöken der Herden und
+den Geißelschlag des Blitzes auf den
+Gipfeln, sie warteten ab, glücklich
+<!-- page 046 -->
+und stolz darüber, daß die kleine
+Jagdhündin bekannte.
+</p>
+
+<p>Da versuchte diese einen Schritt, aber
+kein Laut kam aus ihrer Kehle. Sie
+leckte die Hand des Heiligen, dann
+legte sie sich ihm zu Füßen.
+</p>
+<!-- page 047 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Und das Schaf blökte.
+</span>
+</p>
+
+<p>Sein Blöken war so traurig, als hauchte
+es seine Seele dem Tod entgegen,
+schon bei dem bloßen Gedanken an
+eine Trennung von Franz. Als es nun
+schwieg, hörte man auf einmal sein
+von einer befremdlichen Schwermut
+ergriffenes Lämmchen weinen wie
+ein Kind. Und das Schaf sprach:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Nicht die Munterkeit der Matten,
+die der Morgen mit seinem Brodem
+dämpft, nicht in den Bergen das
+Süßholz, das der Nebel mit seinem
+Silberseim beperlt, noch die Streu in
+der verräucherten Hütte, sie alle sind
+nicht zu vergleichen mit den Almen
+deines Herzens. Lieber als dich zu
+verlassen, ist uns das blutige und ekle
+Schlachthaus, das Schwanken auf
+dem Karren, der uns dorthin bringt,
+blökend und die Füße gebunden und
+<!-- page 048 -->
+die Rippen und die Wange auf dein
+Brett. O Franz, unser Tod wäre, dich
+zu verlieren, denn wir lieben dich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und während dieser Rede hielten
+Uhu und Sperber beisammen hockend
+unbeweglich stand, die Augen
+voll Angst und, um nicht fortzufliegen,
+die Flügel fest an den Leib gepreßt.
+</p>
+<!-- page 049 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Der letzte, der sprach, war der
+</span>
+Hase.
+</p>
+
+<p>In seinem stroh- und erdfarbenen
+Haarkleid nahm er sich aus wie eine
+Gottheit der Fluren. Inmitten dieser
+winterlichen Wüste glich er einer
+Scholle zur Sommerzeit. Er rief graue
+Erinnerung wach an einen Straßenarbeiter
+oder an einen Landbriefträger.
+In den Schnecken seiner Löffel
+trug er aufrecht mit sich die Erschütterung
+aller Geräusche. Sein linker
+Löffel horchte, zu Boden gesenkt, auf
+das Knistern des Frostes, indessen der
+andre, in die Ferne gestreckt, die Axtschläge
+aufsammelte, von denen der
+tote Wald widerhallte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wahrlich&ldquo;, sprach er, &bdquo;o Franz, ich
+kann mich begnügen mit der moosigen
+Rinde, die unter den Liebkosungen
+der Schneeflocken aufgeweicht
+<!-- page 050 -->
+und von den winterlichen Sonnenaufgängen
+durchduftet ist. Öfters schon
+sättigte ich mich daran jetzt in diesen
+Unglückstagen, wo die Brombeerzweige
+nur rosige Kristalle sind und
+die wippende Bachstelze ihren heftigen
+Schrei gegen die Larven unter
+dem Ufereis ausstößt, die ihr Schnabel
+nun nicht mehr erreicht. Und diese
+Rinden, ich will sie weiter kauen.
+Denn, o Franz, ich mag nicht hinsterben
+mit den sanften Freunden in
+ihrem Todeskampf, sondern leben
+will ich neben dir und mich nähren
+von den bittern Fasern des Bastes.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 051 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Demnach, und weil die Heimat
+</span>
+eines jeden eine andre und nur für
+ihn allein bewohnbar gewesen wäre,
+zogen es also die Genossen des Hasen
+vor, sich nicht zu trennen, vielmehr
+in diesem Lande des mörderischen
+Winters miteinander zu sterben.
+</p>
+
+<p>Eines Abends waren die Tauben verwelkt
+und fielen wie Blätter von
+ihrem Zweige, auch der Wolf schloß
+seine Augen dem Leben, die Schnauze
+auf den Schuh des Heiligen gelegt:
+schon seit zwei Tagen hatte der Hals
+den Kopf nicht mehr aufrecht halten
+können, und das Rückgrat war wie
+ein Brombeerzweig geworden, mit
+Kot belastet, im Winde zitternd; sein
+Herr küßte ihn auf die Stirn.
+</p>
+
+<p>Danach gaben die Wächterhunde,
+das Schaf, die Sperber, der Uhu und
+das Lamm ihren Geist auf, und zuletzt
+<!-- page 052 -->
+die zierliche Jagdhündin, die der
+Hase vergeblich zu erwärmen trachtete.
+Sie verschied wedelnd, und Langohr
+war darüber so tief betrübt, daß
+er bis zum nächsten Tag nicht imstande
+war, an die Eichenrinde zu rühren.
+</p>
+<!-- page 053 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Und Franziskus, in dieser Verheerung,
+</span>
+betete, die Stirn in die Hand
+geschmiegt, so wie im Übermaß des
+Leidens ein Dichter sein Herz abermals
+schwinden fühlt.
+</p>
+
+<p>Dann, zum Hasen gewandt, sprach er:
+&bdquo;O Langohr, ich höre eine Stimme
+mir eröffnen, daß du diese hier (und
+er wies auf die Tierleichen) in die
+ewige Seligkeit bringen mußt. O
+Langohr, wisse, es gibt für die Tiere
+ein Paradies: aber ich kenne es nicht.
+Kein Mensch wird es jemals betreten.
+O Langohr, führe du dorthin
+die Freunde, die mir Gott gegeben
+und wieder genommen hat. Du bist
+verständig unter allen, und deinem
+Verstande vertrau ich die Weggenossen
+an.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Franzens Worte stiegen auf in den
+erhellten Himmel. Das harte Winterblau
+<!-- page 054 -->
+war allmählich wieder durchsichtig
+geworden. Und in dieser Helligkeit
+wollt es scheinen, als ob die
+reizende Jagdhündin nochmals ihre
+geschmeidigen Seidenohren aufrichten
+werde.
+</p>
+
+<p>&bdquo;O meine Freunde, ihr Toten,&ldquo; sagte
+Franziskus, &bdquo;seid ihr denn tot, dieweil
+ich allein von euerm Tode weiß? Wodurch
+könntet ihr dem Schlaf beweisen,
+daß ihr nicht bloß eingeschlummert
+seid? Schläft denn die Frucht
+der Waldrebe oder ist sie tot, wenn
+der Wind nicht mehr ihre leichten
+Wimpern beschwingt? Vielleicht, o
+Wolf, geht vom Himmel nur nicht
+mehr Hauches genug, um deine Flanken
+zu heben? Und ihr, Tauben, damit
+ihr wie ein Seufzen anschwellt?
+Und ihr, Schäflein, damit eure sanfte
+Klage die Sanftheit noch der überschwemmten
+<!-- page 055 -->
+Wiesen erhöhe? Und
+du, mein Uhu, damit dein Ruf wieder
+erwache, der Liebesseufzer der Nacht
+selbst? Und ihr, Sperber, damit ihr
+euch aufschwingt vom Boden? Und
+ihr, Wachthunde, daß euer Schnappen
+zusammenströme mit dem Rauschen
+der Schleusen? Und du, Hündin,
+damit deine köstliche Einsicht neu
+auferstehe und du wieder spielen dürftest
+mit dem Graustrumpf da?&ldquo;
+</p>
+<!-- page 056 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Auf einmal, von dem Maulwurfshügel,
+</span>
+wohin er sich gelagert hatte,
+tat Langohr einen Sprung ins Blaue
+und fiel nicht zurück; und dann noch
+einmal, so leicht als ging es über eine
+Wiese von blauem Klee, sprang er in
+das Leere hinein, in das Engelreich.
+Kaum hatte er diesen Sprung vollführt,
+als er neben sich die kleine
+Jagdhündin gewahrte, und er fragte
+sie voll Freude:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Warst du denn nicht tot?&ldquo;
+Worauf sie aufhüpfend zur Antwort
+gab:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich begreife nicht, was das heißt.
+Mein Schlaf heute war ruhevoll und
+hell.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und Langohr sah, daß auch die andern
+Tiere ihm in den Raum nachfolgten,
+während auf einer zweiten
+Himmelsstraße Franziskus ausschritt
+<!-- page 057 -->
+und dem Wolf mit der Hand ein Zeichen
+gab, er möge dem Graustrumpf
+vertraun. Und Isegrim, gelehrig und
+beruhigten Sinnes, fühlte, wie ihn der
+Glaube abermals überkam, und er
+schloß sich an seine Freunde, nach
+einem langen Blick auf seinen Herrn
+und in dem Bewußtsein, daß für die
+Auserwählten sogar das Abschiednehmen
+göttlich ist.
+</p>
+<!-- page 058 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Sie ließen den Winter hinter
+</span>
+sich. Sie staunten über ihren Gang
+durch diese Wiesen, die ehemals unerreichbar
+waren und so hoch über
+ihnen. Doch das Verlangen nach dem
+Paradiese gab ihnen Halt und Sicherheit
+in dem Himmel.
+</p>
+
+<p>Auf den Pfaden der Seraphim, die
+Lichtspaliere entlang, auf den Milchstraßen,
+wo der Komet eine Garbe ist,
+leitete Langohr seine Genossen; Franziskus
+hatte sie ihm anvertraut, ihn zu
+ihrem Führer erwählt, weil er Langohrs
+Klugheit kannte. Und hatte denn
+Langohr seinem Herrn nicht bei verschiedenen
+Gelegenheiten Proben erbracht
+von jener Furcht, die der Anfang
+der Weisheit ist? Hatte er bei
+der Begegnung mit Franziskus und
+bei der Aufforderung zum Mitgehn
+nicht gewartet, bis ihm der Heilige
+<!-- page 059 -->
+ein Büschel frisches Gras zu fressen
+reichte? Und als alle seine Gefährten
+sich aus Liebe zueinander dem
+Tode weihten, hatte da er, der Graustrumpf,
+nicht weiter die bittere
+Baumrinde gekaut?
+</p>
+
+<p>Darum konnte es dem Hasen auch
+im Himmel an seiner Klugheit nicht
+fehlen; wich man ab, so kam er immer
+wieder auf die rechte Straße,
+verstand es, Irrwege zu vermeiden,
+und wußte, wie man weder an die
+Sonne noch an den Mond stößt, auch
+wie man den fallenden Sternen ausweicht,
+die so gefährlich sind wie
+die Steine aus den Schleudern; und
+sich zurechtzufinden mit all den
+Pfählen, die die Zahl der zurückgelegten
+Kilometer anzeigen und die
+Namen der himmlischen Dörfer.
+</p>
+<!-- page 060 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Die Landschaften, die Langohr
+</span>
+und seine Genossen bereisten, erschienen
+ihnen hinreißend und begeisternd,
+und dies um so mehr, als sie,
+anders gerichtet als die Menschen,
+niemals die Schönheiten des Himmels
+geahnt, sondern ihn immer nur
+von der Seite erblickt hatten, doch
+nicht in der Höhe über sich, was ein
+Vorrecht des Herrn der Tiere bleibt.
+</p>
+
+<p>Also, Kurzschwanz, Wolf, Schaf,
+Lämmchen, Vogel, Herdenwächter
+und Jägerin stellten fest, daß der
+Himmel nicht minder schön war als
+die Erde. Und alle, außer Langohr,
+dem die Marschrichtung zuweilen
+Sorge machte, genossen einer ungemischten
+Freude auf dieser Pilgerung
+zu Gott, wo an Stelle des Himmelfeldes,
+noch kürzlich unerreichbar
+über ihren Häuptern, jetzt langsam
+<!-- page 061 -->
+die Erde unerreichbar wurde unter
+ihren Füßen. Und in dem Maße, wie
+sie sich von ihr entfernten, ward ihnen
+diese Erde zu ihrer neuen Himmelskugel.
+Das Blau der Meere ballte dort
+Wolken Schaumes, und die Lichter
+in den Buden besternten dort die
+Weite der Nacht.
+</p>
+<!-- page 062 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Allmählich näherten sie sich
+</span>
+den Ländern, die ihnen Franziskus
+verheißen hatte. Bereits zergingen
+der rosenrote Klee der Sonnenuntergänge
+und die leuchtenden Früchte
+des Dunkels, ihre Speise, größer immer
+und voller, in ihren Seelen zu
+paradiesischen Süßen.
+</p>
+
+<p>Die Blätter, die brennenden Säfte
+flößten in ihr Blut eine sommerliche
+Kraft, einen frohen Überschwang,
+wovon die Herzen schneller schlugen
+bei der Annäherung an die künftigen
+Herrlichkeiten.
+</p>
+<!-- page 063 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Endlich gelangten sie zu dem
+</span>
+Aufenthalt der seligen Tiere, zum ersten
+Paradies, dem der Hunde.
+</p>
+
+<p>Eine Weile schon vernahm man ein
+Bellen. Sie kamen an den Stumpf
+einer zerfressenen Eiche und sahn
+darin eine Dogge sitzen wie in einer
+Nische. An ihrem abweisenden und
+zugleich sanften Blick merkte man,
+daß sich ihr Gehirn ein wenig in Unordnung
+befand. Es war die Dogge
+des Diogenes, der Gott eine Einsamkeit
+geschenkt hatte in dieser aus dem
+ganzen Baum gehöhlten Tonne. Unbewegt
+sah sie die Stachelhunde vorbeiziehn.
+Danach, zu deren großer
+Verwunderung, trat sie auf einen
+Augenblick aus ihrer moosbewachsenen
+Behausung und knotete sich
+selbst wieder an, indem sie mit dem
+Maule nachhalf &mdash; denn ihre Leine
+<!-- page 064 -->
+hatte sich gelockert &mdash; kehrte dann
+in ihr Holzgewölbe zurück und sagte:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Hier findet jeder seine</p>
+<p class="line">Lust, wo er sie sucht.</p>
+</div>
+
+<p>Und wirklich erblickten Langohr
+und seine Freunde eine Anzahl Hunde
+auf der Suche nach vorgestellten,
+verlornen Wanderern. Sie wagten den
+Abstieg in tiefe Schlünde, um die Verunglückten
+dort zu finden, ihnen ein
+wenig Brühe zu bringen, Fleisch und
+Branntwein, in den kleinen Fässern
+an ihrem Hals.
+</p>
+
+<p>Andre wieder warfen sich in vereiste
+Seen, in der immer getäuschten Hoffnung,
+einen Schiffbrüchigen daraus
+hervorzuziehn. Sie schwammen zurück
+ans Ufer, zitternd und betäubt,
+jedoch befriedigt von ihrer nutzlosen
+<!-- page 065 -->
+Treue und bereit, sich aufs neue
+hinauszustürzen.
+</p>
+
+<p>Wieder andre bettelten hartnäckig
+um ein paar alte Knochen vor der
+Schwelle verlassner Hütten an der
+Straße und warteten auf die Fußtritte,
+die ihren Blicken eine verehrungswürdige
+Schwermut verleihen
+sollten.
+</p>
+
+<p>Da war auch ein Scherenschleiferhund,
+der drehte freudig, mit hängender
+Zunge, an dem Räderwerk
+eines Steines, auf dem sich kein Messer
+glatt schliff. Aber seine Augen
+glänzten von dem hinnehmenden
+Glauben an seine erfüllte Pflicht, und
+er unterbrach seine Anstrengung nur,
+um Atem zu holen und sich wiederum
+anzustrengen.
+</p>
+
+<p>Dann gab es da einen Wächterhund,
+der wollte ewig verirrte Schafe in ihre
+<!-- page 066 -->
+Hürde zurückführen. Er jagte nach
+ihnen am Rand eines Baches, der am
+Hang eines wiesengrünen Hügels
+leuchtete.
+</p>
+
+<p>Von diesem grünen Hügel, und aus
+Unterholz hervorbrechend, stieg eine
+Meute nieder, die den ganzen Tag
+Traumhindinnen und Traumgazellen
+verfolgt hatte. Ihr Geläute, festgehalten
+auf alten Spuren, erklang
+wie beglückte Glocken an einem blühenden
+Ostermorgen.
+</p>
+
+<p>Nicht weit von dieser Stelle richteten
+sich die Wachthunde und die kleine
+Jägerin häuslich ein. Aber als diese
+von Langohr zärtlichen Abschied
+nehmen wollte, gewahrte sie, daß
+er sich aus dem Staub gemacht hatte,
+schon seit dem Anschlagen der
+Meute.
+</p>
+
+<p>Und so mußten ohne ihn die Sperber,
+<!-- page 067 -->
+die Eule, die Tauben, der Wolf
+und die Lämmer ihren Flug wieder
+aufnehmen. Sie begriffen gar wohl,
+daß er, ein kleingläubiger Hase, nicht
+wie sie zu sterben verstanden hatte,
+und daß er lieber, als sich durch Gott
+gerettet zu sehn, sich selber retten
+wollte.
+</p>
+<!-- page 068 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Das zweite Paradies war das
+</span>
+der Vögel; es lag in einem kühlen
+Wäldchen, ihr Sang tropfte auf die
+Erlen und kräuselte die Blätter. Und
+von den Erlen strömten die Lieder
+hinab in den Fluß und erfüllten ihn
+so mit Musik, daß er auf den Schilfrohren
+spielte.
+</p>
+
+<p>In der Ferne zog sich ein Hügel hin,
+voll Frühling und Schatten. Sein Bau
+war von einer unvergleichlichen Anmut.
+Er duftete nach Einsamkeit:
+nach nächtlichem Flieder und dem
+Odem aus dem Herzen dunkler Rosen,
+woraus die heiße weiße Sonne
+trinkt.
+</p>
+
+<p>Nun mit einemmal, in Pausen, als
+wären die kristallenen Sterne, ihr
+Licht brechend, auf Wasser gefallen,
+hörte man den Sang der Nachtigall
+aufgehn. Nichts hörte man als den
+<!-- page 069 -->
+Sang der Nachtigall. Auf dem ganzen
+weiten stillen Hügel hörte man
+bloß den Sang der Nachtigall. Die
+Nacht war bloß das Seufzen der Nachtigall.
+</p>
+
+<p>Da, in dem Wäldchen, stieg die Morgenstunde
+auf, errötend wegen ihrer
+Nacktheit inmitten der gefiederten
+Sänger, die noch nicht daran dachten,
+ihr Zwitschern abzustimmen,
+so schwer waren ihre Flügel von Gefühl
+und Morgentau. Noch schlugen
+die Wachteln nicht in den grünen
+Halmen. Die Meisen mit ihren
+schwarzen Köpfchen rauschten in
+dem Feigendickicht wie Kiesel in
+der Strömung. Ein Grünspecht, beinahe
+wie ein Büschel Gras von goldschimmernden
+Wiesen, eine Kleeblüte
+auf dem Kopf, zerriß mit seinem
+Schrei die Himmelsbläue. Dann richtete
+<!-- page 070 -->
+er seinen Flug auf die alten, blendend
+blühenden Apfelbäume.
+</p>
+
+<p>Die drei Sperber und die Eule gingen
+ein in diese Blumenweiden, und nicht
+ein Rotkehlchen, nicht ein Distelfink,
+nicht ein Hänfling erschraken
+vor ihnen. Die Raubvögel hockten
+sich nieder ins Geäst, in anmaßender
+und schwermütiger Haltung, und
+das Auge zur Sonne gekehrt, schlugen
+sie dann und wann mit ihren
+Stahlschwingen gegen den scheckigen
+Kiel ihrer Brust.
+</p>
+
+<p>Die Eule aber suchte den Schattenhügel
+auf, um zurückgezogen in einer
+Höhlung, und zufrieden mit ihrem
+Dunkel und ihrer Einsicht, die Nachtigall
+klagen zu hören.
+</p>
+<!-- page 071 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Doch die köstlichste Zuflucht
+</span>
+hatten sich die Tauben erwählt. Sie
+saßen auf würzigen Ölbäumen im
+Abendwehn. In diesem Garten lebten
+junge Mädchen, die man wegen
+ihrer tierhaften Anmut eingelassen
+hatte, alle die jungen Mädchen, seufzend
+und wie Jelänger-Jelieber, alle
+die jungen Mädchen, die mit den
+empfindsamen Tauben schmachten,
+von den Tauben Venetiens an, die den
+gelangweilten Dogaressen fächelten,
+bis zu den Tauben Westindiens, mit
+dem neckischen Feuer ihrer orangen- und
+tabakfarbenen Fischerinnenschnäbel;
+alle die Tauben der Träume
+und alle die träumenden Tauben:
+die Taube, die Beatrice aufzog
+und der Dante ein Korn reichte;
+und jene, die in der Nacht von der
+enttäuschten Quitteria vernommen
+<!-- page 072 -->
+ward; und jene, die aufschluchzen
+mußte auf der Schulter Virginiens,
+als sie im nächtlichen Quell, im Schatten
+der Kokospalme, vergebens ihre
+Liebesglut zu kühlen versuchte; und
+noch die Taube, der die Siebzehnjährige,
+bedrückt von der Schwüle
+des Sommers, im Hausgarten bei den
+reifenden Pfirsichen zärtlich wilde
+Botschaft anvertraut, damit sie sie
+mit forttrage, auf ihrem Flug ins
+Ungewisse.
+</p>
+
+<p>Und dann waren hier die Tauben
+der alten, rosenumsponnenen Pfarrkirchen:
+die Tauben, die aus seiner
+weihrauchduftenden Hand Jocelyn
+nährte, während seine Gedanken bei
+Laurence weilten. Und die Taube,
+die man dem sterbenden kleinen
+Mädchen bringt; und die Taube, die
+man in manchen Gegenden auf die
+<!-- page 073 -->
+heiße Stirn der Kranken legt; und
+die geblendete Taube, die so schmerzlich
+aufstöhnt, daß sie den Zug ihrer
+wilden Schwestern in den Hinterhalt
+des Jägers lockt; und die beste aller
+Tauben, die in seiner Dachkammer
+den alten vergessenen Dichter tröstet.
+</p>
+<!-- page 074 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Das dritte Paradies war das
+</span>
+der Schäfchen.
+</p>
+
+<p>Im Schoße eines Smaragdtales, bewässert
+von Bächen, die unter ihrem
+besonnten Kristall eine Decke unerhörten
+Grüns zeigten; nahe bei
+einem perlmutternen, pfauengleich
+schillernden See, tiefblau und wie
+Glimmerschiefer, wie die Kehle der
+Kolibri und die Flügel der Schmetterlinge:
+hier, wo sie das ungetrübte
+Salz von dem goldgekörnten Granit
+geleckt hatten, unter dem Dach ihres
+dichten Wollvließes wie Blatt und
+Ast unter Schnee, träumten die Lämmer
+ihren langen Traum.
+</p>
+
+<p>Diese Landschaft war so rein, so
+traumhaft klar, daß sie die Wimpern
+der Schäfchen angesilbert hatte,
+als sie hineingeglitten war in das
+Gold ihrer Augen. Darin schien
+<!-- page 075 -->
+alles so durchsichtig, daß man tief in
+ihrem Wasser, so deutlich enthüllten
+sich die Umrisse, die gelbgestreiften
+Kalkgipfel zu erblicken vermeinte.
+In die Teppiche der Buchen- und
+Tannenwälder waren Blüten eingewirkt,
+von Reif, von Himmel und
+von Blut, und der sanfte Wind, wenn
+er darüber hinweggeweht hatte, zog
+noch leichter, noch bedufteter, noch
+eisesklarer von dannen.
+</p>
+
+<p>Gleich einer blauen Meerflut wallten
+die köstlichen Kegel der Bäume hoch,
+mit verflochtenem Silbertang. Abwärts
+von den felsigen Zähnen des Gebirges
+dampften Wasserfälle. Und auf
+einmal blökten die himmlischen Herden
+Gott entgegen; die verzückten
+Schellen weinten um den Schatten der
+Farnkräuter. Und das dunkle Wasser
+der Grotten brach sich im Licht.
+</p>
+<!-- page 076 -->
+
+<p>Gelagert unter wilden Lorbeerbüschen
+erschien das wiedergewonnene
+Lamm der Bibel. Seine Pforte ruhte
+auf seinem Mund und blutete noch.
+Seine Wege waren hart gewesen,
+bald aber sollte es an dem leicht gesäuerten
+Zucker der Myrten wieder
+gesund werden. Schon zitterte es
+bei dem Laut seiner zerstreuten Gefährten.
+</p>
+
+<p>Einziehend in dieses gelobte Land,
+ihren bleibenden Aufenthalt, gewahrten
+die franziskanischen Schäfchen
+das Lamm aus der Fabel des
+Lafontaine, wie es unter Vergißmeinnicht
+an der spiegelhellen Welle
+graste. Nicht mehr stritt es mit dem
+Wolf des Gedichtes. Es trank, und
+das Wässerlein wurde nicht trübe davon.
+Die ungefaßte Quelle, für das
+Gefühl durch einen zweihundertjahrlangen
+<!-- page 077 -->
+Epheu-Schatten verdüstert,
+strömte über den Rasen hin
+ihre zerbrochenen Wellchen und,
+fortgerissen mit ihrem Glitzern, das
+schneeige Beben des Lammes.
+</p>
+
+<p>An den Halden der Glückseligkeit
+hochhängende Schafe, die Schafe
+sahn sie jener Helden des Cervantes,
+die aus Liebesgram alle wegen ein- und
+derselben Schönheit ihre Stadt
+verlassen hatten, um in der Ferne
+ein Hirtenleben zu vollbringen. Die
+Stimmen dieser Tiere waren die
+allersanftesten: Stimmen von Herzen,
+die insgeheim ihr eigenes Leiden
+lieben. Sie schlürften von den
+Quendelbeeten die immer neuen
+brennenden Tränen, die ihre bukolischen
+Dichter wie Tau hatten fallen
+lassen aus dem Kelche der Augen.
+</p>
+
+<p>Am Rande dieses Paradieses erhob
+<!-- page 078 -->
+sich ein undeutliches Geräusch gleich
+dem unendlichen Wellenschlag. Es
+war der Flöten und der Klarinetten
+immer wieder stockendes Schluchzen,
+ein Rufen, von den Abgründen
+zurückgeschnellt, Gebell der unruhigen
+Hunde, der Sturz eines umgrünten
+Steines ins Leere. Es war der
+Schwall der Wasserfälle hoch über
+den tosenden Wildbächen. Wie die
+Sprache war es eines Volkes auf dem
+Wege zu seinem gelobten Land,
+namenlosen Weintrauben entgegen,
+brennenden Dornbüschen entgegen,
+Laute, untermischt mit dem Aufschrei
+trächtiger Eselinnen, die die
+Last der vollen Milchkannen trugen
+und die Hirtenmäntel und das Salz
+und den schieferig abblätternden
+Käse.
+</p>
+<!-- page 079 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Das vierte Paradies, in seiner
+</span>
+fast unbeschreiblichen Nacktheit, gehörte
+den Wölfen.
+</p>
+
+<p>Auf dem Gipfel eines baumlosen Berges,
+in der Öde des Windes, in durchdringenden
+Nebeldämpfen, genossen
+sie des Glückes der Märtyrer. Sich
+also verlassen zu fühlen, empfanden
+sie als eine herbe Freude und ebenso
+dies, daß sie niemals länger als einen
+Augenblick lang &mdash; und unter welchen
+Qualen! &mdash; ihrem Blutdurst
+hatten entsagen können. Sie waren
+die Enterbten mit dem ewig unverwirklichtem
+Traum. Schon seit langem
+konnten sie nicht mehr heran
+an die himmlischen Lämmer, deren
+blanke Augenwimpern in dem grünen
+Lichte auf- und niederschlugen.
+Und dann, da keines dieser Tiere starb,
+durften sie auch nicht länger den Leib
+<!-- page 080 -->
+erwarten, daß ihn der Schäfer ihnen
+hinwürfe an den immer lachenden
+Bach.
+</p>
+
+<p>Und die Wölfe hatten sich bescheiden
+gelernt. Ihr Pelz, rauh wie ihr Fels,
+war zum Erbarmen. Eine Art von
+kläglicher Größe herrschte an dem
+seltsamen Ort. So tragisch, so unselig
+wirkte ihr Erlöstsein &mdash; man hätte
+sie, o Mitgefühl!, selbst wenn man
+sie beim Lämmermord ertappte, auf
+die Stirne küssen mögen, voll Zärtlichkeit,
+diese armen Fleischfresser.
+Die Schönheit ihres Paradieses, wo
+nun auch der Herzenswolf des Franziskus
+Wohnung nahm, war in der
+Trostlosigkeit beschlossen und in der
+hoffnungslosen Verzweiflung.
+</p>
+
+<p>Über dieses Gebiet hinaus aber erstreckte
+sich der Tierhimmel ins Unendliche.
+</p>
+<!-- page 081 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">Drittes Buch
+<!-- page 083 --></h2>
+
+<p class="first"><span class="upper">Der Hase nun, der hatte beim
+</span>
+Anblick der himmlischen Hundeschar
+klüglich das Panier ergriffen.
+Solange Franziskus bei ihm war,
+glaubte er an Franziskus. Bald aber,
+und wenn auch in den Gefilden der
+Seligen, hatte seine mißtrauische
+Bauernnatur wieder Gewalt über
+ihn gewonnen. Und da er sich hier
+nicht so recht in seinem Paradies
+fühlte, weder eine vollkommene Seligkeit
+auskostete, noch den Reiz
+der bekannten Gefahr, gegen die
+man ankämpfen konnte, war er irre
+geworden.
+</p>
+
+<p>Er lief also hin und her, mit Unbehagen,
+er kannte sich nicht aus, fand
+sich nicht zurecht und suchte vergebens,
+was er doch immer wieder
+floh und was ihn geflohen hatte.
+Was war das nur? War denn der
+<!-- page 084 -->
+Himmel nicht das Glück? Wo mochte
+die Stille noch stiller sein? In welchem
+andern Nest hätte der Spaltnasige
+einen unbedrohten Schlaf besser
+träumen können als in diesen
+wollenen Wiegen, die der Windhauch
+hinbreitete unter das beblütete
+Strauchwerk der Sterne?
+</p>
+
+<p>Doch schlief er hier nicht, ihm fehlte
+die Unruhe und noch manches andere.
+In den Gräben des Himmels hockend,
+spürte er unter dem weißen
+Fleck seines Stummelschwanzes nicht
+mehr, wie ihn die Feuchtigkeit mit
+Schauern durchdrang. Die Mücken,
+weit weg in ihrem Teichparadies,
+gewährten seinen immer offenen
+Augenlidern nicht länger das beizende
+Brennen des Sommers. Wohin
+war dieses Fiebern geschwunden?
+Sein Herz schlug nicht mehr mit
+<!-- page 085 -->
+jener Kraft von ehemals, wenn auf
+den Kuppen der flammendroten Heiden
+das Feuerrohr einen Erdregen
+um ihn herum versprühte. Unter
+der weichen Liebkosung des Rasens
+sproßte ihm sein sonst spärliches
+Haar aus den Schwielen der Pfoten.
+Und er begann den Überfluß des
+Himmels zu bedauern. Ihm war
+wie dem Gärtner, der, König geworden,
+purpurne Sandalen tragen
+muß und sich seine Holzschuhe zurückwünscht,
+mit ihrem Schwergewicht
+von Lehm und Armut.
+</p>
+<!-- page 086 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Und Franziskus in seinem Paradies
+</span>
+erfuhr von den Bedrängnissen
+des Hasen und von seiner Verwirrung.
+Und sein Herz litt darunter,
+daß einer seiner alten Genossen nicht
+glücklich war. Seitdem schienen ihm
+die Gassen des himmlischen Dorfes,
+seines Wohnortes, nicht mehr so
+friedlich, die abendlichen Schatten
+nicht mehr so milde, nicht mehr so
+weiß der Atem der Lilien, nicht
+mehr so heilig der Schein des Werkzeugs
+in den Schuppen, nicht mehr
+so hell die singenden Krüge, deren
+Wasser in frischen Garben auseinanderstrahlte,
+kühlespendend über die
+Leiber der Engel, die an den Brunnenrändern
+saßen.
+</p>
+<!-- page 087 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Also begab sich Franziskus zum
+</span>
+lieben Gott, und er empfing ihn in
+seinem Garten bei sinkendem Tag.
+Es war dieser Garten Gottes der einfachste
+und schönste. Woher das
+Wunder seiner Schönheit kam, war
+unerklärlich. Vielleicht wuchs darin
+nichts anderes als die Liebe. Über
+die Mauern, ausgekerbt von den
+Weltaltern, wucherte dunkler Flieder.
+Entzückt trugen die Steine ihre
+lächelnden Moose, deren goldne Köpfchen
+an der schattigen Brust der Veilchen
+sogen.
+</p>
+
+<p>In einem zerstreuten Schimmer, der
+nichts von Morgenlicht noch von
+Abenddämmerung an sich hatte,
+denn er war noch zarter als diese,
+inmitten eines Beetes blühte ein
+blauer Lauch. Ein Geheimnis umgab
+die blaue Kugel seines Blütenstandes,
+<!-- page 088 -->
+der sich unbewegt in sich
+verschlossen hielt auf seinem hohen
+Stengel. Man begriff, daß diese Pflanze
+träumte. Wo von wohl? Vielleicht
+von dem Werk ihrer Seele, die am
+Winterabend in dem Topfe summt,
+worin die Suppe der Armen kocht.
+O göttliches Los! Nicht weit von
+den Buchsbaumzäunen strahlten die
+Zungen des Lattichs lautlose Worte,
+während ein gedämpftes Licht um
+den Schatten entschlafener Gießkannen
+lag. Ihre Arbeit war getan.
+</p>
+
+<p>Und zu Gott, voll heitern Vertrauens,
+nicht hochmütig noch kriechend, erhob
+ein Salbei sein geringes Rüchlein.
+</p>
+<!-- page 089 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Franziskus setze sich neben
+</span>
+Gott auf eine Bank unter eine mit
+Efeu umwachsene Esche. Und Gott
+sprach zu Franziskus:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich weiß, was dich herführt. Man
+soll nicht sagen, daß hier einer, Hase
+oder Milbe, sein Paradies nicht finde.
+Geh also zu dem Schnellfüßigen und
+frage ihn, was er begehrt. Und sobald
+er es dir gesagt hat, will ich es
+ihm gewähren. Wenn er nicht wie
+die andern zu sterben und zu entsagen
+verstanden hat, gewiß, so war
+es, weil sein Herz allzusehr an meiner
+geliebten Erde hängt. Denn, o
+Franz, gleich diesem Langohr liebe
+ich die Erde mit einer tiefen Liebe.
+Ich liebe die Erde der Menschen, der
+Tiere, der Pflanzen und der Steine.
+Franz, suche den Hasen auf und sage
+ihm, daß ich sein Freund bin.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 090 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Und Fransiskus schritt auf das
+</span>
+Paradies der Tiere los, das, von den
+jungen Mädchen abgesehn, niemals
+vorher ein Menschenkind betreten
+hatte. Dort fand er den Hasen untröstlich
+umherirren; sowie aber das
+Tier seinen alten Herrn auf sich zukommen
+sah, verspürte es eine so
+große Freude, daß es sich niederhockte,
+die Augen erschrockener als
+je, die Nase kaum merklich zitternd.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sei gegrüßt, mein Bruder,&ldquo; sagte
+Franziskus. &bdquo;Ich habe dein Herz klagen
+gehört, und ich bin gekommen,
+den Grund deiner Betrübnis zu erfahren.
+Hast du zu viel bittere Körner
+gegessen? Warum genießest du nicht
+den Frieden der Tauben und der ebenso
+weißen Lämmer .&nbsp;.&nbsp;.? O Mäher
+hinter der Ernte, was suchest du also
+unruhig hier, wo doch keine Unruhe
+<!-- page 091 -->
+mehr ist und wo du niemals wieder
+das Keuchen der Rüden fühlen wirst,
+wie sie herjagen hinter deinem Landstreicherfell?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Mein Freund,&ldquo; gab der Spaltnasige
+zur Antwort, &bdquo;was ich suche? ich suche
+meinen Gott. Solange du mein
+Gott warst auf der Erde, fühlte ich
+mich befriedigt. Aber in diesem Paradies,
+wo ich verloren bin, weil ich
+deine Gegenwart entbehre, du göttlicher
+Bruder der Tiere, erstickt meine
+Seele, denn hier finde ich ihn nicht.&ldquo;
+&bdquo;Meintest du denn,&ldquo; versetzte darauf
+Franziskus, &bdquo;daß Gott die Hasen
+verläßt und daß sie allein in der
+Welt kein Recht auf das Paradies
+haben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Dieses nicht,&ldquo; erwiderte ihm der
+Graustrumpf. &bdquo;Darüber habe ich mir
+keine Gedanken gemacht. Dir wäre
+<!-- page 092 -->
+ich nachgegangen, denn ich habe gelernt,
+mich in dir so gut auszukennen
+wie in der irdischen Hecke mit ihren
+Flocken warmen Lämmerschnees,
+der mein Nest wohnlich macht. Vergeblich
+habe ich über diese Himmelswiesen
+hin den Gott gesucht, von dem
+du da redest. Doch während ihn meine
+Freunde sogleich entdeckten und ihr
+Paradies fanden, irre ich umher. Von
+dem Tage an, da wir von dir schieden,
+und in der Stunde schon meines Eingangs
+in den Himmel schlug mein
+kindisch wildes Herz in Heimweh
+nach der Erde.
+</p>
+
+<p>O Franz, mein Freund, du einziger,
+an den ich glaube, gib mir meine
+Erde wieder. Ich fühle, daß ich hier
+nicht zu Hause bin. Gib mir meine
+Furchen wieder voll Kot, meine
+lehmigen Pfade. Das heimische Tal
+<!-- page 093 -->
+gib mir zurück, wo die Jagdhörner
+den Nebel aufrühren; die Wagenspur,
+von wo aus ich mein Abendläuten
+hörte, die Meute mit den hängenden
+Ohren. Gib mir meine Angst
+wieder. Gib mir meinen Schrecken
+wieder. Gib mir wieder die Erregung,
+die mich ergriff, wenn plötzlich ein
+Schuß unter meinem Sprunge die
+duftenden Minzen hinwegfegte oder
+wenn im Strauch unter den Quittenbäumen
+mein Mund an das Kupfer
+der kalten Schlinge stieß. Gib mir
+die Wiese wieder, wo du mich entdeckt
+hast. Gib mir wieder die morgenroten
+Wasser, aus denen der gewandte
+Fischer seine Netze schwer
+von Aalen herauszieht. Gib mir die
+blaue Nachlese im Monde zurück und
+mein furchtsames heimliches Liebesspiel
+in den wilden Ampfern, wenn
+<!-- page 094 -->
+ich nicht mehr unterscheiden konnte
+zwischen einem Blumenblatt, das
+mit Tau überlastet ins Gras glitt,
+und der rosigen Zunge meiner Freundin.
+Gib mir, o du mein Herz, gib
+mir meine Schwäche zurück. Und
+sage dem lieben Gott, daß ich nicht
+länger bei ihm leben kann.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;O Graustrumpf,&ldquo; erwiderte ihm
+darauf Franziskus, &bdquo;mein Freund,
+sanfter mißtrauischer Bauer, kleingläubiger
+Hase, der du lästerst; du
+konntest deinen Gott nicht finden?
+so wisse, um diesem Gott zu begegnen,
+hättest du sterben müssen wie
+deine Genossen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Aber wenn ich sterbe, was soll aus
+mir werden?&ldquo; schrie der Strohpelz.
+</p>
+
+<p>Und Franziskus sagte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn du stirbst, wird aus dir dein
+Paradies.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 095 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Während sie sich so besprachen,
+</span>
+gelangten die ans Ende des Tierparadieses.
+Hier begann das Paradies der
+Menschen. Langohr neigte den Kopf
+und las über einem Pfahl auf einer
+blauen, gußeisernen Tafel mit einem
+Pfeil, der die Wegrichtung anzeigte:
+</p>
+
+<p class="center">Von Kastetis nach Balansun<br />
+5 Kilometer
+</p>
+
+<p>Der Tag war so heiß, daß die Schrift
+in dem stumpfen Sommerlicht zu
+zittern schien. In der Ferne, auf dem
+Weg, wirbelte der Staub wie im Märchen
+vom Blaubart, wenn die Schwester
+fragt: Schwester Anna, siehst du
+noch nichts? Die silberne Trockenheit,
+wie war sie prächtig und duftete
+bitter nach Minze.
+</p>
+
+<p>Und Langohr sah ein Pferd mit einem
+Karren herankommen.
+</p>
+<!-- page 096 -->
+
+<p>Es war ein armseliger Gaul vor einem
+zweirädrigen Gefährt, und er konnte
+nur noch im Galopp und ruckweise
+ziehn. Jeder Schritt erschütterte sein
+gelockertes Gerippe, daß das Geschirr
+klirrte, und die helle Mähne flatterte
+in der Luft, grünlich wie der Bart
+eines alten Seemanns. Mühsam, als
+wären es Pflastersteine, hob das Tier
+seine geschwulstig aufgetriebenen
+Hufe .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Da überfiel ein Zweifel, stärker als
+alle bisherigen Zweifel, die Seele des
+Hasen und durchbohrte sie.
+</p>
+<!-- page 097 -->
+
+<p class="first"><span class="upper">Dieser Zweifel war ein Schrotkorn,
+</span>
+das soeben durch den Nacken
+in das Hirn des Löffelmanns drang.
+Ein Blutschleier, schöner als der glühende
+Herbst, schwebte vor seinen
+Augen, darin die Schatten der Ewigkeit
+aufstiegen. Er schrie. Die Finger
+eines Jägers schnürten ihm die
+Kehle zu, würgten ihn, erstickten
+ihn. Es verlangsamte sich sein Herz,
+das ehemals flatterte wie im Wind
+die bleiche wilde Rose, wenn sie zergeht
+um die Stunde, da es Morgen
+wird und die Hecke die süßen Lämmer
+liebkost. Einen Augenblick blieb
+er unbeweglich in der Faust seines
+Mörders, matt ausgestreckt, lang
+wie der Tod. Dann schnellte er auf.
+Seine Klauen krallten vergebens nach
+dem Boden, sie erreichten ihn nicht
+mehr, denn der Mann ließ nicht
+<!-- page 098 -->
+los. Langohr verrann, Tropfen um
+Tropfen.
+</p>
+
+<p>Auf einmal sträubte sich sein Haar,
+und er wurde den sommerlichen
+Stoppeln gleich, worin er einst gelegen
+hatte neben seiner Schwester,
+der Wachtel, und neben seinem Bruder,
+dem Mohn; gleich auch der lehmigen
+Erde, die seine Bettlerfüße
+benetzt hatten; gleich dem Braun,
+womit die Septembertage den Hügel
+bekleiden, dessen Gestalt er angenommen
+hat; gleich der Kutte des Franziskus;
+gleich der Wagenspur, von
+wo aus er sein Abendläuten hörte,
+die Meute mit den hängenden Ohren;
+gleich dem starren Felsen, wie ihn
+der Quendel liebt; er glich in seinem
+Blick, worin jetzt ein Hauch nächtlichen
+Blaus schwamm, dem gesegneten
+Rasenplatz, auf dem ihn einst
+<!-- page 099 -->
+das Herz seiner Freundin im Herzen
+der wilden Ampfer erwartet hatte;
+in den Tränen, die er vergoß, glich
+er dem Engelquell, an dem der alte
+Aalfischer sitzt und seine Netze ausbessert;
+er glich dem Leben; er glich
+dem Tode; er glich sich selbst; er
+glich seinem Paradies.
+</p>
+
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center">
+<span class="upper">
+Schluß des Hasenromans
+</span>
+</p>
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="margin-left: 20%; margin-right: 20%; text-indent: 0;">
+<span class="upper">
+Von Francis Jammes sind
+im Verlag Jakob Hegner
+in Hellerau erschienen:
+Almaide oder der Roman
+der Leidenschaft eines
+jungen Mädchens, Röslein
+oder der Roman
+eines leicht hinkenden
+jungen Mädchens,
+Klara oder der Roman
+eines jungen Mädchens<br />
+aus der alten<br />
+Zeit
+</span>
+</p>
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="margin-left: 30%; margin-right: 30%; text-indent: 0;">
+<span class="upper">
+Gedruckt bei
+Jakob Hegner
+in Hellerau
+bei Dresden
+</span>
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Hasenroman, by Francis Jammes
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER HASENROMAN ***
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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