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Langkau</name> and the Online Distributed Proofreading Team + at http://www.pgdp.net</resp> + </respStmt> + <item>Project Gutenberg TEI edition 1</item> + </change> + </revisionDesc> + </teiHeader> + + <pgExtensions> + <pgStyleSheet> + .antiqua { font-style: italic } + .gesperrt { letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em } + .smallcaps { font-variant: small-caps } + figure { text-align: center } + .w80 { } + @media pdf { + .w80 { width: 80%; page-float: 'htp' } + } + </pgStyleSheet> + </pgExtensions> + +<text lang="de"> +<front> + <div> + <divGen type="pgheader"/> + </div> + <div> + <divGen type="encodingDesc" /> + </div> +<div rend="page-break-before: always"> + <figure url="images/cover.jpg" rend="w80"><figDesc>Illustration: Einband</figDesc></figure> + <pb/><anchor id='Pga0001'/> + <p> + <figure url="images/illu_frontispiece.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> + </p> + </div> +<titlePage rend="page-break-before: always; text-align: center"> +<pb/><anchor id='Pga0002'/> + <figure url="images/title.png" rend="w80"> + <figDesc>Illustration: Titelseite</figDesc> + </figure> + <lb/> + <docTitle> + <titlePart rend="font-size: xx-large">AUS TROTZKOPF’s<lb/> + EHE</titlePart> + </docTitle><lb/> + <byline rend="font-size: large">VON <docAuthor>ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH</docAuthor></byline> +<byline>VERFASSERIN von „TROTZKOPF’S BRAUTZEIT“</byline> + <titlePart><hi rend="font-size: large">DRITTER BAND zum „TROTZKOPF“</hi> +<lb/>VON EMMY v. 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Sogleich wurde er von den dreien +mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte ihn hierhin, +der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestümen +abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an +ihn, und er kam nicht los. +</p> + +<p> +<q>Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten,</q> +rief er endlich; <q>wartet, ihr Kröten, ich werde euch +kommen!</q> +</p> + +<p> +Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie +kreischend auseinander; der Junge aber und das älteste +der beiden Mädchen, ein dunkellockiges Kind mit blitzenden, +braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun +begann ein Raufen und Balgen, daß sie wie ein Knäuel +umherkollerten. +</p> + +<pb n='2'/><anchor id='Pgp0002'/> + +<p> +<q>Aber Ruth, schäme dich, gleich stehst du auf!</q> gebot +Ilse, welche in diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls +hereingekommen war, und reichte dann Onkel Heinz +die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne +emporgehoben hatte, welche ihre Ärmchen fest um seinen +Hals schlang. Ruth aber, Gontraus wilde Älteste und +ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten sich hinter seinen +Rücken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn +er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit +lautem Geschrei zurück. Das war ein Hauptspaß. +</p> + +<p> +<q>Kinder, so seid doch endlich vernünftig,</q> legte sich +Nellie jetzt ins Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit +den beiden Frauen unterhalten wollte, hatte keinen Augenblick +Ruhe. +</p> + +<p> +<q>Ja, nun hört endlich auf,</q> gebot auch Ilse ernstlich, +und ihr gehorchten die Übermütigen. Dann wandte +sie sich wieder an Onkel Heinz mit den Worten: +</p> + +<p> +<q>Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei +uns, Herr Professor?</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man +kommt ja zu nichts,</q> gab er zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!</q> rief es nun +schon wieder, und da stand Ruth in seinem Hut und +Überzieher, die er beide auf einen Stuhl neben sich gelegt +hatte. Das war etwas zum Totlachen für die Kinder, +und bei dem komischen Anblick der kleinen Person +in dem Hute bis über die Ohren und dem langen Rocke +konnten auch die Großen nicht ernst bleiben. Natürlich +<pb n='3'/><anchor id='Pgp0003'/>ging’s nun wieder an ein An- und Ausprobieren der +Reihe nach, bis Ilse der Sache ein Ende machte. +</p> + +<p> +<q>Nun ist’s genug,</q> sagte sie; <q>kommen Sie, lieber +Professor, wir gehen in mein Zimmer.</q> +</p> + +<p> +<q>Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!</q> +rief es von allen Seiten, und wie die Kletten hingen sich +die Kleinen an ihn, zupften an seinem Barte, umklammerten +seine Arme und hielten ihn daran fest, daß er +nicht von der Stelle konnte. +</p> + +<p> +Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er +am Boden lag. Im Nu warfen sich die Kinder über ihn +her, ihn zwickend und kneifend. Das war ein Schreien, +sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte +vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er +schließlich doch Gewalt gebrauchen mußte, und ein Machtwort +von Frau Ilse ihn von der wilden Horde befreite. +Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde von der +Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den übrigen hingen +die Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprühenden +Kindergesichtern leuchtete die helle Freude über den gut +gelungenen Spektakel. +</p> + +<p> +<q>Ihr seid eine Gesellschaft,</q> sagte Ilse kopfschüttelnd, +aber solche Szenen waren ihr nichts Ungewohntes, +wenn Onkel Heinz auf der Bildfläche erschien. +</p> + +<p> +<q>O, wie haben die Kinder Sie zerzaust,</q> meinte +Nellie, als sie den Professor ansah. +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, Prügel müssen sie haben,</q> rief er ihnen +mit scheinbar bösem Gesichte zu, doch sie merkten, wie es + <pb n='4'/><anchor id='Pgp0004'/>gemeint war, sie sahen ja seine lustig zwinkernden Augen +und wußten genau, so schaute er nicht aus, wenn er +ernstlich böse war. +</p> + +<p> +Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die +ihm bis auf die Hände gerutscht waren, rückte an seiner +Brille und fuhr mit der Hand über sein kurzgeschorenes +Haar, als wollte er fühlen, ob diese Stoppeln bei dem +Kampfe nicht auch in Unordnung geraten wären, aber +sie standen nach wie vor gerade in die Höhe, tadellos in +Reih und Glied. +</p> + +<p> +<q>Mutter, dürfen wir nicht mit euch gehen, bitte, +bitte?</q> fragte Ruth, und die andern bettelten ebenfalls. +</p> + +<p> +<q>Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen,</q> +quälte sie, als die Mutter keine Miene machte, ihre Bitte +zu erfüllen. +</p> + +<p> +<q>Da lassen Sie man die Kröten mitkommen,</q> legte +er sich nun auch ins Mittel, denn er konnte nicht gut +sehen, daß seinem Patenkinde und Liebling Ruth etwas +abgeschlagen wurde. +</p> + +<p> +<q>Kinder, da müßt ihr aber auch ruhig und artig +sein,</q> gebot Nellie, ihnen damit schon ihre Erlaubnis erteilend, +doch Ilse bestimmte energisch, daß sie in der +Kinderstube bleiben sollten. +</p> + +<p> +Ohne weiteres fügten sich Marianne und Fritz, aber +Ruth zog ein arges Gesicht und gab sich erst dann zufrieden, +als Onkel Heinz ihr verstohlen zuflüsterte, daß +sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schönes +holen sollte. +</p> + +<pb n='5'/><anchor id='Pgp0005'/> + +<p> +Einige Minuten später saßen Ilse und Nellie mit +dem Professor in dem großen Wohnzimmer in einer behaglichen +Ecke im lebhaften Gespräche. Seitdem wir sie +an ihrem Hochzeitstage verließen, hatte Ilse sich wenig verändert. +Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer +schritt, waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur +ihre Gestalt war etwas voller geworden, und die wilden +Locken von einst wurden in einem Knoten gebändigt. +Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging, +kamen sie hervor, kräuselten sich im Nacken, auf der Stirn +und fielen über ihre reizenden kleinen Ohren, zum Ärger +Leos, von dem es eine gewohnheitsmäßige Handbewegung +war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu +sehen, und behauptete, zum Gesichte gehöre auch das Ohr, +ebensogut wie die Nase, und es verlöre an charakteristischem +Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu sehen wäre. Die frischen +Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschön wie früher, aber +die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas +weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, daß ihr Ausdruck +ein geradezu sanfter war, doch das durfte man ihr +nicht sagen, denn <q>sanft</q> und <q>dumm</q> stellte sie in eine +Reihe. <q>Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und +werde es auch nie,</q> meinte sie, wenn die Rede darauf +kam, und da hatte sie auch recht. +</p> + +<p> +Nur bei einem einzigen Wesen ließ sie <q>sanft</q> ohne +den wenig schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war +bei ihrer Herzensfreundin Nellie. Diese hatte in allen +Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und gesiegt. +</p> + +<pb n='6'/><anchor id='Pgp0006'/> + +<p> +An ihr waren die Jahre nicht spurlos vorübergegangen +wie an Ilse. Der alte Schelm in den Grübchen +kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie früher, +dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe +Linien eingeprägt, die ihr leicht einen leidenden Zug gaben. +</p> + +<p> +Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder +an einem Orte zusammen, und vor nicht langer Zeit war +auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine würdige Frau +Superintendentin geworden war. +</p> + +<p> +Althoff hatte als Direktor am städtischen Gymnasium +Karriere gemacht und konnte sich sein Leben in jeder Beziehung +angenehm gestalten. Aber leider machten ihm +seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt, +und da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stieß, +sondern immer die lebhafteste Teilnahme für die geringfügigste +Klage fand, nahm er sich auch nicht im mindesten +zusammen. +</p> + +<p> +<q>Du verwöhnst deinen Mann zu sehr,</q> bemerkte Ilse +oft, aber Nellie sah das nicht ein. Warum sollte sie denn +nicht alles für ihn tun? Kinder, für die sie hätte sorgen +können, besaß sie zu ihrem größten Kummer nicht, sie +mußte aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und +gar hingab, das lag nun einmal in ihrer Natur. Zu +Ilse kam sie fast täglich, spielte mit den Kindern oder +holte sie zu sich, denn sie hingen mit der größten Liebe +an ihr. +</p> + +<p> +In der Dämmerstunde erschien auch häufig der Professor +bei Gontraus, und meistens forderte Ilse sie +<pb n='7'/><anchor id='Pgp0007'/>beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde dann +geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie mußte ja +erst sehen, ob er in der Stimmung war auszugehen oder +nicht. Auch heute nötigte Ilse zum Bleiben. +</p> + +<p> +<q>Es ist ein so köstlicher Abend, ihr bleibt hier,</q> +entschied sie und öffnete weit die Fenster, damit die milde +Frühlingsluft hereinströmen konnte. Auf der äußersten +Spitze des Birnbaumes draußen wiegte sich ein Starmätzchen +und sang aus voller Kehle in klaren und flötenden +Tönen, ähnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch. +Die Dämmerung senkte sich jetzt wie ein leichter +Schleier auf die frühlingslichte Natur, und am Horizonte +erschien mattglänzend die silberne Mondsichel. +</p> + +<p> +Der Professor hatte wie immer viele Ausflüchte, er +habe keine Zeit, und zu Hause warte ein Haufen Arbeit +auf ihn. Aber Ilse ließ nicht locker, sie kannte ihn, er +ließ sich gerne zureden. +</p> + +<p> +<q>Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun,</q> rief +sie ungeduldig, denn sie wußte, daß er schließlich doch +bleiben würde. +</p> + +<p> +<q>Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun,</q> +wiederholte er mit einigem Nachdruck, <q>das ist auch recht +gut.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen +Büchern sitzen! Sehen Sie doch nur hier diesen +wonnigen Frühlingsabend, wie das duftet, wie die Vögel +zwitschern, das ist ja alles viel schöner, als Ihr alter +Bücherkram.</q> +</p> + +<pb n='8'/><anchor id='Pgp0008'/> + +<p> +<q>Bücherkram? Wieso alter Bücherkram?</q> fragte er, +die Worte <q>alter</q> und <q>Kram</q> besonders betonend, +während er anfing die Spitze seines dunklen Kinnbartes +zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines +Unwillens, Ilse kannte es genau. +</p> + +<p> +<q>Mit Bücherkram gebe ich mich nicht ab,</q> fuhr +er fort. +</p> + +<p> +<q>Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich, +so habe ich das nicht gemeint. Aber Sie dürfen +nicht immer arbeiten, Sie müssen doch auch mal ausruhen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ich weiß am besten, was ich tun muß,</q> erwiderte +er nicht gerade freundlich, doch Ilse ließ sich dadurch nicht +einschüchtern, sie kannte seine Art. +</p> + +<p> +In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten, +wo sich Gontrau als Dozent an der Universität niedergelassen +hatte, nachdem er einige Jahre in B. als Assessor +tätig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel +Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als häufigster Gast +zu ihnen ins Haus. Er hatte sie bei ihrem Einzuge am +Bahnhof in Empfang genommen, er hatte mitgeholfen die +Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mühsam +in die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus, +weil Leo das nämlich nach seiner Meinung absolut nicht +verstand. Denn er behauptete, zuerst müßte mit dem +Steinmeißel ein Loch geschlagen werden, da hinein käme +ein Holzpflöckchen und dann erst der Nagel. Wenn das +nun auch mit einer großen Umständlichkeit geschah, so +<pb n='9'/><anchor id='Pgp0009'/>hatte er wenigstens die Genugtuung, daß seine eingeschlagenen +Nägel sich noch nicht von der Stelle gerührt +hatten. Trotz aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere +Natur als Leo und ging Ilse mit Rat und Tat zur +Hand, so daß sie schließlich bei vielen Dingen nicht ohne +ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals +zusammen, ohne einen kleinen Streit miteinander zu haben. +Er hatte eine rechthaberische und spöttische Art, und wenn +Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war, nannte sie ihn +einen <q>wunderlichen alten Junggesellen</q>, obgleich er nur +wenige Jahre älter als Leo war. Die beiden kannten +sich noch von der Universität her, hatten in einem Hause +zusammen gewohnt und sich trotz der Verschiedenheit der +Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm +in Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war +seine rührende Liebe zu den Kindern. <q>Sie sind meine +beste Erholung,</q> pflegte er zu sagen. Er ging mit ihnen +spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder, Marken, +Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester +Freund. Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen, +dafür besaß er aber auch die ganze Zuneigung +ihres Kinderherzens. – +</p> + +<p> +Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause +zu gehen und Fred selbst zu holen. +</p> + +<p> +<q>Ich kann ja das Mädchen schicken,</q> meinte Ilse, +aber Nellie ließ das nicht zu. +</p> + +<p> +<q>Ich weiß nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun +hat heute abend, ich will deshalb lieber selbst gehen,</q> +<pb n='10'/><anchor id='Pgp0010'/>antwortete sie ausweichend. Doch in Wirklichkeit arbeitete +Althoff selten abends und war immer gern bereit, nach +Gontraus zu kommen. +</p> + +<p> +Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der +Professor zum Gehen an. +</p> + +<p> +<q>Sie bleiben auf jeden Fall,</q> sagte Ilse, ihn zurückhaltend, +und wies jeden Einwand, den er machen +wollte, zurück. +</p> + +<p> +<q>Wissen Sie was,</q> rief sie plötzlich, <q>ich habe heute +morgen Waldmeister gekauft, wir brauen uns eine kleine +Bowle, die erste Maibowle in diesem Jahre, Onkel Heinz +– können Sie da widerstehen?</q> +</p> + +<p> +Er lachte. +</p> + +<p> +Die gemütlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur +Genüge. Die Geister, die ihnen entstiegen, waren nicht +trübselig, es waren die des Frohsinns und der Heiterkeit, +und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein, +doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen +nannten ihn unzugänglich, ja unliebenswürdig, und ließen +ihn bald als <q>komischen Kauz</q> ganz links liegen. Deshalb +mied er auch die Menschen, und es kostete stets +Kämpfe, ihn heranzuziehen, wenn eine größere Gesellschaft +versammelt war. +</p> + +<p> +Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel +gebraucht, denn ohne langes Zaudern willigte der Professor +nun ein, zu bleiben. +</p> + +<p> +<q>Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres übrig als +dazubleiben,</q> sagte er vergnügt, <q>aber die Bowle will ich +<pb n='11'/><anchor id='Pgp0011'/>selbst machen, Gontrau kann das nicht, er macht sie regelmäßig +zu süß.</q> +</p> + +<p> +<q>Natürlich, natürlich,</q> sagte Ilse, <q>doch dann müssen +Sie mit in die Küche kommen, Onkel Heinz.</q> +</p> + +<p> +Er folgte ihr und traf nun in umständlichster Weise +seine Vorbereitungen. Die Kinder hatten nur auf den +Augenblick gewartet, daß Onkel Heinz draußen erschien, +und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth +hatte ihm eine große, weiße Küchenschürze umgebunden, +Marianne kletterte auf einen Stuhl und beugte das +Köpfchen tief über die Terrine, aus welcher schon der +aromatische Duft der Maikräuter emporstieg, und Fritz +fehlte natürlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem +Probieren von Onkel Heinz, war die Bowle fertig und +mit Kennermiene führte er <sic>nocheinmal</sic> ein Glas an den +Mund – sie war gut geraten. +</p> + +<p> +<q>Na, nun wollt ihr Kröten wohl auch schmecken?</q> +fragte er. +</p> + +<p> +<q>Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!</q> riefen sie durcheinander, +und zugleich wollten alle nach dem frisch gefüllten +Glase greifen, das er hoch in der Luft hielt, damit +sie es ihm nicht entreißen konnten. +</p> + +<p> +<q>Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern, +sonst kriegt ihr gar nichts!</q> Damit drängte er die verlangenden +Kinderhände zurück, und der Reihe nach bekam +jedes zu kosten. +</p> + +<p> +Bei dem einen Glase blieb es natürlich nicht, Onkel +Heinz füllte noch einige Male nach. +</p> + +<pb n='12'/><anchor id='Pgp0012'/> + +<p> +<q>Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich,</q> sagte er +schmunzelnd und freute sich über den guten Zug des +Jungen, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte. +</p> + +<p> +<q>Aber, bester Professor, wie können Sie nur den +Kindern so viel Bowle zu trinken geben,</q> rief Ilse, als +sie jetzt hinzukam und den kräftigen Schluck, den Fritz +soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte. +</p> + +<p> +<q>Das schadet ihnen doch nichts,</q> entgegnete Onkel +Heinz. +</p> + +<p> +<q>Ach natürlich, Kinder dürfen keinen Alkohol bekommen, +der ist ihnen schädlich!</q> +</p> + +<p> +<q>Schädlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei +schädlich sein, wer sagt das?</q> +</p> + +<p> +<q>Nun unser Arzt behauptet es,</q> gab Ilse zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Na ja, die Ärzte!</q> fiel Onkel Heinz mit höhnischem +Lachen ein; <q>wenn die so etwas behaupten, können +Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist es nur +<anchor id="corr012"/><corr sic="Unsinn.">Unsinn.</corr></q> +</p> + +<p> +Ilse ärgerte sich über seine absprechende Weise, aber +sie schwieg dazu, ihre Laune war an diesem schönen Abend +eine zu gute, und die wollte sie sich nicht verderben lassen; +denn wenn sie mit dem Professor einmal über diesen Punkt +in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden +Seiten eine kleine Mißstimmung zurück. +</p> + +<p> +Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause +und die Kinder zu Bett. Dem Quälen und Betteln von +Ruth, ob sie nicht noch ein wenig aufbleiben könnte, +setzte sie ein unerschütterliches <q>Nein</q> entgegen. +</p> + +<pb n='13'/><anchor id='Pgp0013'/> + +<p> +Einige Zeit später saßen die Freunde bei der Bowle +vergnügt zusammen, und Onkel Heinz heimste von allen +Seiten das Lob über das gute Gelingen derselben ein. +Im Zimmer wurde es schon ganz dämmerig, aber draußen +war es noch hell und licht, ein wonniger Frühlingsabend. +Jeder empfand in seiner Weise den Zauber desselben, +einer oder der andre saß manchmal stumm und blickte +durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume +davor flötete jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied +und der Mond hob sich hellglänzend vom Himmel ab. +</p> + +<p> +<q>Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?</q> fragte +Leo und sah seine Ilse überglücklich an. Die Freude +über das gemütliche Zusammensein blickte ihm so recht +lebhaft aus den Augen. <q>Althoff, Sie trinken ja gar +nicht, trinken Sie doch mal aus,</q> mahnte er den Direktor, +aber Nellie, die mit Argusaugen darüber wachte, daß +Fred ja nicht zu viel trank, flüsterte ihm leise zu, daß er +daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getränke +Kopfschmerzen bekäme. +</p> + +<p> +Ilse hatte die leise Warnung gehört. +</p> + +<p> +<q>Nellie, Nellie, immer mußt du mit deinem Manne +tuscheln, das ist gar nicht erlaubt,</q> rief sie mahnend und +schenkte dem Direktor nochmals eigenhändig ein. +</p> + +<p> +<q>O,</q> sagte seine Frau mit einem ängstlichen Blick +auf das frischgefüllte Glas, aber da nahm sie schon wieder +eine andre Sorge um Fred in Anspruch. Er saß so nahe +am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern +hielt sie für Frösteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht +<pb n='14'/><anchor id='Pgp0014'/>lieber den Platz mit ihr wechseln wolle, es käme gerade, +wo er säße, ein kühler Luftzug herein. +</p> + +<p> +Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schließen, +Althoff und der Professor waren aber entschieden dagegen, +letzterer mit einer spöttischen Bemerkung, gegen die niemand +etwas sagte. Man kannte ihn ja! +</p> + +<p> +<q>Nein, nein, kein Licht, Marie,</q> rief Ilse, als das +Mädchen jetzt die Lampe hereinbrachte und sich der bläuliche +Mondesschimmer mit dem gelblichen Scheine unschön +vermischte. +</p> + +<p> +Jetzt so in der duftigen Helle da draußen hinzuwandern, +in die frühlingsfrische Nacht hinein, den Berg +hinauf, durch den lichten Wald, immer weiter, weiter, +dem matten Glanze folgend, einsam, still, unbelauscht zu +sein, ganz in der göttlichen Natur, o das wäre eine +Wonne! So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der +Zauber dieses Gedankens verfolgte sie fortwährend. Sie +hörte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff von der +neuesten Unerhörtheit eines Primaners erzählte, über dessen +Haupte die Entlassung aus der Schule schwebte, und +Onkel Heinz seine Ansicht über Pädagogik, die von der +des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie empfand +eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes +zu unternehmen, wie man ihn fühlt, wenn die +Begeisterung dem Menschen Flügel zu verleihen scheint, +sich über das alltägliche zu erheben. In solcher Stimmung +war Frau Ilse, und während Leo und Nellie glaubten, +daß sie gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit +<pb n='15'/><anchor id='Pgp0015'/>zwischen dem Direktor und dem Professor verfolgte, entspann +sich in ihrem Gehirn ein abenteuerlicher Plan. +</p> + +<p> +<q>Kinder,</q> rief sie plötzlich laut und erregt, <q>ich +habe eine Idee!</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang +und breit auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht für +die Kinder ein andrer werden müsse, als Ilse mit ihrem +Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse sich ihr zuwandte. +</p> + +<p> +<q><sic>Darling</sic>, was hast du für eine Idee?</q> fragte Nellie. +</p> + +<p> +<q>Famos, famos!</q> jubelte Ilse. <q>Aber ihr müßt +mir versprechen, daß ihr nicht nein sagt, wollt ihr das?</q> +</p> + +<p> +<q>Da könnten wir ja schön reinfallen,</q> sagte Onkel +Heinz, und Leo lachte: <q>Ja, Schatz, für so unvorsichtig +wirst du uns doch nicht halten.</q> +</p> + +<p> +<q>Also hört,</q> fuhr Ilse fort, <q>in vier Tagen haben +wir Vollmond –</q> +</p> + +<p> +<q>In fünf Tagen,</q> verbesserte der Professor ruhig. +</p> + +<p> +<q>Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender +nachgesehen; <anchor id="corr015"/><corr sic="üherhaupt">überhaupt</corr>, Onkel Heinz, unterbrechen Sie +mich nicht. Also in vier Tagen haben wir Vollmond, +was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf +machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur +– im Mondenscheine, wie poetisch, wie romantisch!</q> +</p> + +<p> +Man war solche Einfälle von Ilse gewöhnt, aber +doch erregte dieser plötzliche Vorschlag ein Hin und Wider. +Man erhob allerlei Einwände, der Weg sei zu weit, zu +beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausführbar zu +sein, aber Ilse wußte auf alle Bedenken einen Ausweg, +<pb n='16'/><anchor id='Pgp0016'/>sie malte ihnen in den glühendsten Farben aus, wie schön +es sein würde, bis sie schließlich mit ihrer Begeisterung +ansteckend wirkte. +</p> + +<p> +Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die +Idee seiner kleinen Frau außerordentlich verständig und +ließ deshalb die andern soviel reden, als sie wollten. +Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch +aus seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden +abzuwarten, wurde der Plan entworfen. Nellie hegte +doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der nächtliche Weg +gut bekommen würde, aber sie wollte nicht widersprechen, +als sie merkte, daß er bereit war, teilzunehmen, eine +Ausspannung würde ihm ja auch sehr gut sein. +</p> + +<p> +So war man denn bald im besten Zuge und ging +schon auf die Einzelheiten der Partie über, die am nächsten +Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte, als Onkel +Heinz plötzlich damit herausrückte, daß er nicht mitgehen +würde, er habe zu arbeiten, er könne sich nicht losmachen. +Da brach aber ein wahrer Sturm über sein Haupt los! +</p> + +<p> +<q>Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst +auf jeden Fall mit,</q> sagte Leo kategorisch, denn er wußte +genau, daß er es schließlich doch tat. +</p> + +<p> +<q>Was mache ich denn für Geschichten, Gontrau,</q> +erwiderte Onkel Heinz mit einigem Nachdruck, <q>was soll +das heißen, Geschichten machen? Ich habe eben zu tun +und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn überhaupt +davon, ob ich mitgehe oder nicht!</q> +</p> + +<p> +<q>Natürlich haben wir etwas davon,</q> sagte Ilse lustig +<pb n='17'/><anchor id='Pgp0017'/>herausfordernd, <q>ich hätte ja sonst niemand, den ich ärgern +könnte.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, da haben Sie recht,</q> gab er zur Antwort und +der Ton, mit dem er das sagte, hatte fast eine wehmütige +Färbung. +</p> + +<p> +<q>Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz,</q> lachte +Ilse und erhob ihr Glas, um mit ihm anzustoßen, denn +sie hatte gemerkt, daß ihn ihre Neckerei empfindlich berührte. +<q>Und nicht wahr, Sie gehen mit?</q> Dem liebenswürdigen +Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte +er nicht widerstehen. +</p> + +<p> +<q>Ja, dann kann ich wohl nicht anders,</q> sagte er +befriedigt. +</p> + +<p> +Es war spät geworden, als sich die Freunde trennten, +denn über die bevorstehende Partie gab es noch eine +Menge zu beraten und zu überlegen. Zum Schluß kam +Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch +aufzufordern. +</p> + +<p> +<q>Dann bleibe ich doch lieber zu Hause,</q> sagte Onkel +Heinz, denn die Pastorin war nicht seine beste Freundin. +</p> + +<p> +<q>Aber glaubst du denn, daß die mitgehen?</q> lachte +Leo. Er hatte längst erkannt, daß Ilse nur hören wollte, +was Rosi, die ehrwürdige Superintendentin, zu ihrem +phantastischen Plane sagen würde. Und so war es auch! +</p> + +<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/> + +<pb n='18'/><anchor id='Pgp0018'/> + +<p> +In dem hübschen Pfarrhause, das der Kirche gegenüber +lag, saß Frau Rosi auf ihrem erhöhten Platze am +Fenster. Vor ihr stand ein großer Korb mit Strümpfen; +einen davon hatte sie gerade über die Hand gezogen, und +eifrig flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch +immer die alte Rosi! Moden und Neuerungen gingen +an ihr ziemlich spurlos vorüber, sie war eins von den +Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei +denen man schon als Kind ganz genau wissen konnte, wie +sie mit 40 Jahren sein würden. Alles trug bei der +Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war +kein Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt für sündhaft +und wies ihn mit den Worten zurück: <q>Wir sind so +lange ohne das fertig geworden, daß wir es jetzt auch +entbehren können.</q> Wenn es nach ihr ging, hörte alles +Streben auf. Jetzt, wie sie so da saß, tadellos und gerade, +wie wir sie kennen, machte sie nicht den Eindruck, +als ob sie eine Altersgenossin von den Freundinnen wäre. +</p> + +<p> +In dem Zimmer waren die Möbel in Reihe und +Glied geordnet, vor dem roten Plüschsofa stand der Tisch +mit einer ebensolchen Plüschdecke, und vier Plüschsessel +umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen, +aber man suchte unwillkürlich, ob nicht irgend +etwas den individuellen Geschmack der Bewohnerin verriete, +etwa eine Besonderheit in der Ausschmückung der +Räume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung +in den Bildern an der Wand – nichts dergleichen. Wie +eine drückende Atmosphäre lag es über dem Ganzen, und +<pb n='19'/><anchor id='Pgp0019'/>feinfühlende Seelen würden in diesem Zimmer eine Art +Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen standen +nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel +mit der Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu +tun, um auch für diese Lebewesen noch sorgen zu können. +Aber an gestickten und gehäkelten Gegenständen war das +Zimmer reich, gestickte Sprüche an den Wänden, gestickte +Kissen auf dem Sofa, auf den Stühlen und an der Erde. +Der Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfräulein auf +grünem Grunde, gehäkelte Decken lagen überall, wo es +nur irgend möglich war, gestickt war natürlich auch die +über die Kanne gezogene Kaffeemütze, kurz überall, wohin +das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender, +häkelnder Hände, wodurch dem ganzen der Stempel +des Philiströsen aufgedrückt wurde. Wie viele Tanten +und Basen waren auch zu Weihnachten für die Pastorin +tätig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur +selbstgearbeitet mußte es sein, darauf legte Rosi den größten +Wert. Sie selbst war in der Weihnachtszeit von einem +unheimlichen Fleiße, sie nähte vom Morgen bis zum +Abende für jeden etwas und wäre es auch noch so unnütz. +Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was +ihr der Neid lassen mußte, sie sorgte auch für andre mit +vieler Umsicht, sie besuchte die Kranken und brachte ihnen +Stärkendes; sie war auch in allen wohltätigen Vereinen. +Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah, +oder nur aus Pflichtgefühl, das war zweifelhaft. Sie +sprach viel von Pflicht, sie führte das Wort immer im +<pb n='20'/><anchor id='Pgp0020'/>Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem Pflichtgefühle +beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde +vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort. +Sie hob kaum den Kopf und hatte keinen Blick für die +warme Frühlingssonne draußen, die neugierig zu ihr +hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fußboden spielte, +und sich sogar an die Plüschsessel wagte, so daß deren +stumpfes Rot feurig aufleuchtete. Jetzt wurde die Tür +aufgerissen und Fritz stürmte ins Zimmer. Rosi drehte +sich unwirsch herum. +</p> + +<p> +<q>Du sollst nicht immer so laut hereinkommen,</q> sagte +sie ärgerlich; <q>wie oft habe ich dir das schon gesagt, +Fritz!</q> +</p> + +<p> +Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle +Lust gestrahlt hatte, legte jetzt seine Mappe und Mütze +still auf den Stuhl und trat zur Mutter, die ihm ihre +Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter. +</p> + +<p> +<q>Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, Mutter, alles.</q> +</p> + +<p> +<q>Wie viele Fehler hast du im Extemporale?</q> +</p> + +<p> +Kleinlaut flüsterte er: <q>Sieben.</q> +</p> + +<p> +Jetzt ließ sie die Hand mit dem Strumpf in den +Schoß fallen und sah ihn an. +</p> + +<p> +<q>Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in +die sinkende Nacht fortbleibt und nicht an das Arbeiten +denkt.</q> +</p> + +<p> +<q>Es war so schön bei Tante Ilse,</q> warf Fritz ein. +</p> + +<p> +<q>Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewöhn<pb n='21'/><anchor id='Pgp0021'/>lich,</q> unterbrach ihn die Mutter mit vielsagendem Blick. +<q>Aber erst kommt die Pflicht, dann das Vergnügen,</q> +fuhr sie fort; <q>es ist schrecklich, daß du so leichtsinnig +bist, immer diese vielen Fehler!</q> +</p> + +<p> +Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrübt vor sich +nieder und dachte darüber nach, ob es denn wirklich so +schlimm sei, lieber in der herrlichen Frühlingsluft draußen +zu spielen, als über den langweiligen Büchern zu sitzen. +</p> + +<p> +<q>Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich +an den Tisch, wir trinken gleich Kaffee.</q> +</p> + +<p> +Fritz gehorchte. In der Türe begegnete ihm ein +kleines Mädchen von acht Jahren, seine Schwester. Ihre +Ähnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar, vielleicht +war sie auch deshalb deren Liebling. +</p> + +<p> +<q>Guten Tag, Mama,</q> sagte sie und umarmte diese +so steif und abgemessen, als wären auch Liebkosungen +eine Pflicht, als hätte ihr Rosi gesagt, ein Kind umarmt +seine Mutter, weil sich das so gehört. Aber dennoch war +die Begrüßung mit der Tochter eine weit wärmere, als +mit Fritz. Rosi strich ihr über den glatten, blonden +Scheitel und band eine Schleife fest, die sich an einem +der kurzen Zöpfchen gelockert hatte. +</p> + +<p> +<q>Bist du auch schon da, Elisabeth?</q> fragte sie zärtlich; +<q>zeige mal, wie viel hast du denn in der Handarbeitsstunde +gestrickt?</q> +</p> + +<p> +Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und +zeigte der Mutter, wie viel sie heute daran gearbeitet +hatte. +</p> + +<pb n='22'/><anchor id='Pgp0022'/> + +<p> +<q>Du bist ja ganz fleißig gewesen,</q> sagte Frau Rosi, +und ein stolzer Blick glitt über sie hin. <q>Jetzt geh und +rufe den Vater zum Kaffee.</q> +</p> + +<p> +Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite +und ging an den Kaffeetisch, wo sie die Kanne von +der wärmenden Hülle befreite. Währenddem öffnete sich +die Tür lautlos, und lautlos näherte sich dem Tische eine +hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide. +</p> + +<p> +<q>Ach, du bist es, Tante Emilie,</q> sagte Rosi und +schrak ein wenig zusammen, als sie dicht neben sich plötzlich +den dunklen Schatten bemerkte. +</p> + +<p> +<q>Nun, bist du schon zurück, ist die Sitzung vom +Frauenverein vorbei?</q> fragte sie freundlich. +</p> + +<p> +Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend +zog sie einen großen, grauen Strumpf aus der +Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln an zu +klappern. +</p> + +<p> +<q>Du bist aber auch immer fleißig, Tante,</q> sagte +Rosi, und über das faltenreiche Gesicht der Angeredeten +glitt ein Lächeln der Befriedigung bei diesen Worten. +Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter +und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in +deren Augen sie als Muster galt, denn bei vielen wohltätigen +Vereinen saß sie mit im Vorstande. Dem Pastor +war der stumme, strickende Gast an seinem Tische keine +angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf +sie kein allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich +wenig verändert, es war noch dasselbe gutmütige Gesicht +<pb n='23'/><anchor id='Pgp0023'/>mit den blauen Augen, die Fritz von ihm geerbt hatte. +Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewußter in die +Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor, +zum heimlichen Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn +dahinter witterte. Auch jetzt konnte sie gar nicht begreifen, +daß der Junge ungeduldig auf dem Stuhle +herumrutschte; ach, draußen warteten ja schon die Freunde +auf ihn. +</p> + +<p> +<q>Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?</q> bemerkte +Rosi, indem sie den Kaffee einschenkte. <q>Adolf, +du mußt wirklich mal streng gegen den Jungen sein. +Und wie ißt er nun wieder! So iß doch nur langsam.</q> +</p> + +<p> +Sie schüttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem +Manne die Tasse. +</p> + +<p> +<q>Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern +einen Spaziergang machen?</q> fragte der Pastor; <q>es ist +so herrlich draußen.</q> +</p> + +<p> +<q>Nein, nein, das geht nicht,</q> erwiderte sie. <q>Fritz +muß arbeiten, er hat wieder sieben Fehler im Extemporale. +Sieben Fehler,</q> wiederholte sie noch einmal eindringlich +ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht +nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter +dem Tisch einen kleinen Stoß, damit er etwas sagen solle. +</p> + +<p> +<q>Ja, Fritz,</q> begann der Pastor, indem er sich räusperte, +– er tat dies immer, wenn er zu einer ernsten +Rede den Anlauf nahm, – <q>wie kommt denn das?</q> +</p> + +<p> +<q>Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein +Vergnügen,</q> antwortete der Junge offen. +</p> + +<pb n='24'/><anchor id='Pgp0024'/> + +<p> +<q>Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,</q> fuhr Rosi +auf, <q>aus Fritz wird nie etwas werden.</q> +</p> + +<p> +<q>Nun, nun,</q> lenkte Adolf ein, denn er sah, wie +dem Kinde bei diesen Worten das Blut ins Gesicht stieg, +<q>das wollen wir nicht hoffen.</q> Und er strich ihm beruhigend +über das blonde Haar. +</p> + +<p> +Rosi schüttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann +gar nicht begreifen, daß Fritz streng behandelt werden +mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß aus ihm +nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das +war ein braves Kind, kaum daß sie ermahnt zu werden +brauchte, der lag das Pflichtgefühl im Blute. Wie +manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr +Brötchen verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen +Augenblick still sitzen. Doch es war auch keine Kleinigkeit +für ihn, hier in der Stube zu hocken. Die Sonnenstrahlen +wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm +herauf, schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als +ob sie ihn ärgern wollten; blinzelnd wich er ihnen aus. +Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die Kaffeezeit +durfte nicht abgekürzt werden. Was empfand sie von +einem Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in +die wundervolle Freiheit sehnte? Endlich gab sie das +Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das Präsentierbrett +und räumte die Tassen zusammen, Fritz schlüpfte +schnell hinaus. +</p> + +<p> +<q>Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,</q> begann Rosi +das Thema wieder, unbekümmert um Elisabeths +Gegen<pb n='25'/><anchor id='Pgp0025'/>wart, die sich im Vollgefühl ihrer Tadellosigkeit sonnte; +sie wußte genau, daß sie viel besser war als der Bruder, +die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt. +</p> + +<p> +<q>Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,</q> beschwichtigte +der Superintendent; <q>wenn du so viel tadelst, untergräbst +du sein Ehrgefühl. Ich war auch kein Held in +der Schule, und es ist doch etwas aus mir geworden.</q> +</p> + +<p> +<q>Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig; +tadle ich ihn wohl zu viel, Tante Emilie?</q> +fragte Rosi diese erregt. +</p> + +<p> +Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig +und das <q>Nein</q>, das sie hervorbrachte, klang so dumpf, +als käme es unter dem Tische hervor. Aber das Gespräch +fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den +grauen Faden um den Finger legte und dabei etwas +länger zögerte wie gewöhnlich, so war dies ein Beweis, +daß ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch +genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die +Unterhaltung der Eltern aufs höchste, denn auch sie hielt +in ihrem Eifer, mit welchem sie das Geschirr abzuräumen +begann, inne und hörte andächtig zu. +</p> + +<p> +<q>Elisabeth, mache, daß du fertig wirst, geh dann +hinaus und spiele mit deinem Bruder,</q> sagte der Vater der +ihre lauernden Blicke bemerkt hatte. +</p> + +<p> +<q>Ich muß arbeiten,</q> erwiderte sie trotzig und ging +hinaus, indem sie das Geschirr stehen ließ. +</p> + +<p> +<q>Sage Minna, daß sie den Tisch abräumt,</q> rief ihr +die Mutter in sanftem Tone nach. +</p> + +<pb n='26'/><anchor id='Pgp0026'/> + +<p> +<q>Warum fährst du das Kind so an, Adolf? Sie +verdient es viel weniger als Fritz,</q> sagte Rosi vorwurfsvoll. +</p> + +<p> +<q>Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche +Dinge besprechen, das gehört sich nicht.</q> +</p> + +<p> +<q>Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiß ich; +sie kann dreist so etwas mit anhören.</q> +</p> + +<p> +<q>Ich will es aber nicht,</q> sagte der Pastor heftig und +stand erregt auf. +</p> + +<p> +Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der großen +Brille mit gespanntem Blicke. +</p> + +<p> +<q>Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist +ja stets ärgerlich, wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth +hast du immer etwas auszusetzen.</q> +</p> + +<p> +<q>Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und +gegen das Mädchen schwach.</q> +</p> + +<p> +<q>Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,</q> erwiderte +Rosi spitz. +</p> + +<p> +Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu +ihr und huschten über ihr Gesicht. Ärgerlich stand sie +auf, ließ das Rouleau herab, und die kecken Eindringlinge +waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den Tassen, +suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor +an das Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau +wieder aufzog und hinausblickte. Tante Emilie schrak +ordentlich zusammen, als der grelle Lichtschein so plötzlich +wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel. +</p> + +<p> +Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes +da<pb n='27'/><anchor id='Pgp0027'/>hinter, als er die eben verbannten Strahlen wieder hereinließ, +und rief ärgerlich: +</p> + +<p> +<q>So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich +es eben herunterließ, weil mich die dumme Sonne blendete.</q> +</p> + +<p> +Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine +sehr gereizte, wie Tante Emilie bemerkte, deren Blicke von +einem zum andern wanderten, und sicherlich würde es noch +zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, wenn +in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet +worden wären. +</p> + +<p> +Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante +Emilie wie auf Befehl, packte ihr Strickzeug zusammen +und verschwand ebenso lautlos, wie sie gekommen war, +denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren +ihr wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck +und frei. +</p> + +<p> +Die Röte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen, +als die beiden eintraten, aber sie bezwang sich und ging +ihnen freundlich entgegen. Ihre Begrüßung war ja nie +eine stürmische oder auch nur besonders herzliche, wie sie +sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die +Pastorin bewahrte stets eine gewisse Steifheit. +</p> + +<p> +<q>Bitte, nehmt Platz,</q> nötigte sie, indem sie auf die +Plüschgarnitur wies, die in dem gedämpften Lichte wieder +stumpf und farblos war. +</p> + +<p> +<q>Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen +bei dem herrlichen Wetter,</q> sagte Ilse; <q>es ist zu schön, +man möchte den ganzen Tag draußen sein.</q> +</p> + +<pb n='28'/><anchor id='Pgp0028'/> + +<p> +<q>Dazu habe ich nun leider keine Zeit.</q> Rosi setzte +solchen Aussprüchen von Ilse immer einen Dämpfer auf, +auch ließ sie gar zu gern einfließen, wie viel sie zu tun +habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei. +</p> + +<p> +<q>Ja, meine Frau hat viel zu tun,</q> sagte nun auch +der Pastor; er meinte es wirklich ernst, denn Rosi redete +es ihm ja fortwährend ein. +</p> + +<p> +<q>O, wir sind auch keine Faulpelze,</q> erwiderte Nellie, +<q>jede Hausfrau hat zu tun.</q> +</p> + +<p> +<q>Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem; +immer an den Haushalt denken, ist doch zu langweilig,</q> +rief Ilse übermütig. <q>Manchmal meine ich, daß ich überhaupt +zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte +so wenig Spaß macht. Was essen wir heute, +was essen wir morgen? Das ist das ewige Motto. Leo +muß oft den Küchenzettel machen, wenn ich keine Lust +dazu habe.</q> +</p> + +<p> +Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie +sie über diese Äußerungen dachte, sie antwortete aber +nichts darauf, denn instinktiv ahnte sie, daß derlei nur +gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fühlte sich Nellie +und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es +wiederum für ihre <q>Pflicht</q>, eine Jugendfreundschaft nicht +einschlafen zu lassen, und schwieg deshalb zu vielem, was +ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber Ilse heute mit +ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten +Partie herausrückte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen. +Was war das nun wieder für eine überspannte Idee, im +<pb n='29'/><anchor id='Pgp0029'/>Mondschein auf den Schneekopf zu steigen! Das fehlte +noch, daß sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war +sie deshalb auch empört über ihren Mann, daß er überhaupt +darauf einging, und er schien wahrhaftig die größte +Lust zum Mitgehen zu haben. +</p> + +<p> +<q>Lieber Adolf,</q> unterbrach sie das Gespräch, <q>wir +wollen es doch erst überlegen; du kannst gewiß nicht fort.</q> +</p> + +<p> +Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken +las er deutlich: Ich will es nicht. Er schwieg daher mit +einem leichten Seufzer. +</p> + +<p> +<q>Aber dein Mann sagte doch eben, daß er sehr gut +könnte,</q> meinte Nellie, und der alte Schelm, den Rosi +innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder aus ihren +Grübchen. +</p> + +<p> +<q>Ich gehe keinesfalls mit,</q> entschied die Pastorin. +<q>Adolf kann ja mitgehen, wenn es ihm Spaß macht.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber Rosi!</q> rief Adolf ganz erschrocken über eine +solche Zumutung. +</p> + +<p> +<q>Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein, +wie poetisch!</q> rief Ilse begeistert. +</p> + +<p> +Rosi sah sie an und schüttelte unmerklich mit dem +Kopfe; sie begriff sie eben nicht. +</p> + +<p> +<q>Ach, ihr kommt doch noch mit,</q> sagte lächelnd +Nellie, als hätte sie Rosis Einwände gar nicht gehört. +</p> + +<p> +<q>Nein!</q> gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer +Geduld war es nun zu Ende, und sie kochte innerlich. +</p> + +<p> +Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der +Superintendent wohlweislich in sein Zimmer zurück, denn +<pb n='30'/><anchor id='Pgp0030'/>die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kündeten nichts +Gutes. Sie ging ihm aber nach und drückte die Türe +hinter sich ins Schloß. +</p> + +<p> +<q>Ich begreife dich nicht, Adolf, daß du immer und +immer wieder etwas tun willst, was deiner Stellung nur +schaden kann.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, aber wie so denn, Rosi?</q> +</p> + +<p> +<q>Ach, tue nur nicht so, du weißt recht gut, was ich +meine. Ilse und Nellie denken eben leider sehr frei, +was euch Männern natürlich das liebste ist und am +besten gefällt.</q> +</p> + +<p> +<q>Darin, daß man eine Partie auf den Schneekopf +macht, sehe ich nichts Freies.</q> +</p> + +<p> +<q>Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie +wohl, wie es Menschen unsern Standes zukommt? Bei +Nacht und Nebel wollen sie hinauf.</q> +</p> + +<p> +<q>Im Mondenschein,</q> verbesserte er ruhig. +</p> + +<p> +<q>Eine solche Albernheit für erwachsene, verheiratete +Menschen!</q> fuhr Rosi fort. +</p> + +<p> +<q>Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft +nicht zum aushalten. Dann laß uns doch lieber den +Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen.</q> +</p> + +<p> +<q>Das liebste wäre es mir schon, ich tue es nur der +Leute wegen nicht.</q> +</p> + +<p> +Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken; +er kannte diese Litanei nun schon auswendig, und wenn +Rosi in dieses Fahrwasser geriet, gab es sobald kein +Aufhören; er ließ sie deshalb ruhig weiterreden. +</p> + +<pb n='31'/><anchor id='Pgp0031'/> + +<p> +<q>Du solltest mir lieber dankbar sein, daß ich stets +daran denke, wie die Leute wohl dein Tun und Treiben +auffassen. Ich halte es sogar für meine Pflicht, dich +darauf aufmerksam zu machen.</q> +</p> + +<p> +Wenn Rosi ihr <q>Pflichtgefühl</q> als letzten Trumpf +ausspielte, wurde ihre Miene noch um einige Grade +strenger. Der Pastor kannte auch diesen Schlußeffekt genau, +und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei +diesem Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen +Schreibtisch, holte seine Bücher hervor, schlug sie auf und +schien eifrig darin zu lesen. Dies war für seine Frau +das Zeichen, daß er sich auf keine weiteren Erörterungen +mehr einlassen würde; sie konnte sagen, was sie wollte, +er blieb stumm. +</p> + +<p> +<q>Daß du gleich so empfindlich bist,</q> versuchte sie +doch noch einmal anzufangen. +</p> + +<p> +Keine Antwort! +</p> + +<p> +<q>Übrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir +soviel daran liegt. Ich,</q> das Wort betonte sie besonders, +<q>gebe mich zu solchen Dingen nicht her.</q> +</p> + +<p> +Wiederum Schweigen! +</p> + +<p> +Adolf schien vertieft in seine Bücher, aber Rosi war +heute noch lange nicht fertig; mit nervösen Fingern zupfte +sie an den Fransen der Tischdecke. +</p> + +<p> +Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema. +</p> + +<p> +<q>Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf, +daß du etwas strenger gegen Fritz bist, wir erleben sonst +mit ihm noch etwas. Der Umgang mit Gontraus hat +<pb n='32'/><anchor id='Pgp0032'/>entschieden einen schlechten Einfluß auf den Jungen, und +von dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer +dort ist und mit den Kindern lauter Unsinn treibt, was +sich für einen Mann in solcher Stellung doch wahrhaftig +nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes.</q> +</p> + +<p> +Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine +Antwort entlocken, und erregt wandte sie sich zum Gehen. +</p> + +<p> +<q>Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen +will, dann hast du keine Lust dazu, nicht mal über die +Kinder kann man sich aussprechen.</q> +</p> + +<p> +Der Pastor zuckte zusammen, als die Türe jetzt unsanft +ins Schloß fiel, stand dann aber auf und steckte +sich seine Pfeife an. +</p> + +<p> +Rosi schüttete nun Tante Emilie ihr übervolles Herz +aus und fand dort für alles einen lebhaften Wiederhall. +Tante Emilie war mit ihr einer Meinung über den +Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines +Vaters, über die Tadellosigkeit von Elisabeth und <hi rend='antiqua'>last +not least</hi>, über das freie Benehmen der beiden Freundinnen. +Darüber hatte die Tante schon manches gehört, +was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele +von Rosi träufelte, denn es war doch wenigstens ein +Trost, daß andre Menschen ebenso dachten, wie sie. +</p> +<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p032.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<pb n='33'/><anchor id='Pgp0034'/> +<p> +Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel +mit besonderer Spannung; das kleinste Wölkchen +versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl hundertmal sah +sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel +Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn +wenn er sage, <q>es bliebe gut,</q> so <q>bliebe es auch gut</q>. +Er zeigte auf einmal ein lebhaftes Interesse für die Partie +und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu bringen, +zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von +ihm einer gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei +ließ er eine längere Philippika gegen die Schuster im allgemeinen +und denjenigen, welcher diese Schuhe verbrochen +hatte, insbesondere los. <q>Überhaupt welcher Unsinn, so +spitze Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel +werden,</q> behauptete er und zeichnete einen normalen Fuß +auf und einen, der in spitzen Schuhen gesteckt hatte. Beinahe +wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse dagegen +protestierte und behauptete, trotz der verpönten +spitzen Schuhe noch einen normalen Fuß zu haben. Doch +es ging diesmal noch gnädig ab. Sie merkte, daß er +sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die Vorbereitungen +mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen +wurden. +</p> + +<p> +Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend +Nachmittag auf dem Bahnhofe erschien, konnten die +andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für eine Expedition +auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet +sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten +<pb n='34'/><anchor id='Pgp0035'/>bei jedem Schritt wieder, den er auf dem asphaltierten +Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich seinen ungeheuren +Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen nicht +vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte +auch sofort schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er +seinen Bart zu drehen begann, das untrüglichste Zeichen +seines Unmutes. +</p> + +<p> +Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus +mit ihren kurz geschürzten Kleidern, den derben Schuhen +und den Rucksäcken auf dem Rücken. Althoff und Gontrau +hatten es sich schon bequem gemacht und ihre Sachen +ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und +ab spazierten. +</p> + +<p> +<q>Was machst du denn da?</q> fragte Ilse, als sie +jetzt einstieg und sah, daß Nellie ihres Mannes Rucksack +geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen entnahm, +die sie in den ihrigen steckte. +</p> + +<p> +<q>Fred hat zu schwer zu tragen,</q> sagte sie etwas +verlegen und band schnell die beiden Säcke wieder zu. +Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen +geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog +sie beide in der Hand. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen, +während dein Mann fast gar nichts zu tragen hat?</q> +</p> + +<p> +<q>Laß nur, <hi rend='antiqua'>darling</hi>, laß nur! Fred darf sich nicht +anstrengen, er ist in letzter Zeit so nervös,</q> erwiderte +Nellie, und bei dem Gedanken an das Leiden ihres Fred +stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen. +</p> + +<pb n='35'/><anchor id='Pgp0036'/> + +<p> +<q>Aber dein Mann ist doch ganz gesund,</q> sagte +Ilse; <q>ein bißchen nervös, du lieber Gott, das sind fast +alle Menschen, das ist nun einmal die Modekrankheit.</q> +</p> + +<p> +Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand +sie in diesem Punkte nicht, sie nahm die Sache viel zu +leicht, <hi rend='gesperrt'>sie</hi> wußte es aber besser. +</p> + +<p> +<q>Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,</q> fuhr +Ilse fort; sie wußte ja aus dem Munde ihres gemeinschaftlichen +Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare +Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand +wirklich die Freundin hierin nicht und versuchte, +sie bald in ernstem, bald in neckischem Tone von der +übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen. +</p> + +<p> +Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem +Badeorte, von wo aus der nächtliche Aufstieg unternommen +werden sollte, wurde in bester Stimmung zurückgelegt. +Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten +Laune und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an, +auch Onkel Heinz, der ihr dann und wann unter der +Brille hervor einen strahlenden und bewundernden Blick +zuwarf und vergnügt mitlachte. +</p> + +<p> +Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten +Badeorte noch selten, nach der langweiligen Winterzeit +die Neugierde wahrscheinlich auch größer, jedenfalls sahen +große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und +besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf +dem Rücken vielfach belächelt. Die Kinder liefen sogar +hinterher und konnten sich nicht satt daran sehen. +</p> + +<pb n='36'/><anchor id='Pgp0037'/> + +<p> +<q>Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!</q> wehrte +Onkel Heinz sie mit seinem Stocke ab, als sie die Urheber +ihrer Heiterkeit auf alle mögliche Weise schlecht zu +behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht +nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten, +jedenfalls stürzten sie wie auf Kommando auf ihn +los; er setzte sich in Trab, schreiend liefen die Kinder +hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und stehen +blieb, um auf die übrigen zu warten. +</p> + +<p> +Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast +endlos aus. Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten +sich schon für die Sommergäste; es roch nach frischem +Farbenanstrich, Fenster und Türen wurden abgewaschen, +auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den Gärten +ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken +Scheiben prangten bereits große Plakate: <q>Logis zu vermieten</q>. +Nur noch wenige Wochen, und alles war für +die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel genommen. +Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer +der Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge, +die Kurmusik anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend, +lachend und schwatzend, wie ein Bienenschwarm durcheinander +summend. Jetzt standen vor der Türe des +eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in +blauen Schürzen und wuschen Tische und Bänke ab. +Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als die fünf einsamen +Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die +Höhe hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen +<pb n='37'/><anchor id='Pgp0038'/>einen lichtgrünen Schleier über ihnen woben, und aus +dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen tönten, wie eine +Verkündigung des nahenden Frühlings. +</p> + +<p> +<q>O, wie schön! Sieh nur, Fred,</q> sagte Nellie so +recht aus vollster Seele und hing sich an seinen Arm. +</p> + +<p> +Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den +abgehauenen Stämmen ein wahrer Blumenflor wucherte. +Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur sogenannte +Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe. +</p> + +<p> +Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu +hatten sie einen großen Strauß gepflückt. Sie schmückten +damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer und natürlich +auch den von Onkel Heinz. +</p> + +<p> +<q>Was soll ich denn mit den Dingern anfangen? +Die sind ja im Augenblick verwelkt,</q> sagte er trocken, als +Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und Veilchen an +den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen +Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen. +</p> + +<p> +<q>Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung +von Blau und Gelb!</q> rief Ilse. +</p> + +<p> +<q>Kann ich nicht finden, viel zu grell,</q> sagte er +wieder ablehnend. +</p> + +<p> +Ilse wandte sich ab. +</p> + +<p> +<q>Na, denn nicht,</q> meinte sie. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein +Wilder,</q> rief Onkel Heinz nach einer Weile, <q>man kann +ja gar nicht mitkommen.</q> +</p> + +<p> +<q>Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber +<pb n='38'/><anchor id='Pgp0039'/>ich gehe doch wahrhaftig nicht schnell,</q> sagte Gontrau +liebenswürdig und änderte sofort das Tempo seiner +Schritte. +</p> + +<p> +<q>Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon +mal eine ordentliche Bergtour gemacht, Gontrau?</q> fragte +Onkel Heinz mit einem spöttischen Lächeln. +</p> + +<p> +<q>Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich +auf dem Monte-Rosa, in Tirol habe ich den Ortler +bestiegen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine Kleinigkeit!</q> +rief Onkel Heinz dazwischen und fing nun an, von +den Besteigungen auf seinen Reisen in andern Weltteilen +zu erzählen, allerdings an Gefahren und Abenteuern +reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte +Bemerkungen einschalten, wie er es eben getan hatte, +aber sie wurde durch seine interessante Erzählung so gefesselt, +daß sie schwieg und aufmerksam zuhörte. Onkel +Heinz war ein guter Erzähler, und wenn er so recht im +Zuge war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein +Innenleben, und es war durchaus keine verknöcherte +Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. Feine Beobachtungen +und Stimmungen ließ er durchschimmern, +die man ihm nicht zugetraut hätte. +</p> + +<p> +Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen. +Die scheidende Sonne vergoldete noch die hohen +Tannenwipfel und durchleuchtete den Himmel, vom +feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an +das sich in wirksamem Kontrast das duftige Blau und +<pb n='39'/><anchor id='Pgp0040'/>Violett des westlichen Firmaments anschloß. Wie ein +leichtes Frösteln ging es durch die Natur, als der farbenprächtige +Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen +und die bläulich kühlen Töne in einem nebelhaften Grau +verschwanden, und die durchsichtige Scheibe des Mondes +als Alleinherrscherin am Himmel stand. +</p> + +<p> +Schnell huschte die Dämmerung wie ein leichter +Schatten herbei, die Gegenstände verschleiernd. Die +scharfen Umrisse gingen ineinander über, verschwommen +wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine traumhafte +Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen +Sänger des Waldes auf den Zweigen. +</p> + +<p> +Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal +sprachen die beiden Paare im traulichen Flüstertone zu +einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz voran. +</p> + +<p> +Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es +schon dunkler als draußen, nur durch die Zweige schimmerte +noch das helle Grau des Himmels. Ilse wurde es etwas +bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie +glaubte es überall knistern zu hören; bald sah sie sich +ängstlich um, bald spähte sie nach beiden Seiten in den +dämmernden Wald. Mit jedem Schritte wurde ihre +Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden +Zweige nahmen alle möglichen Gestalten an, die +schattenhaft an ihr vorüberzogen. Das Knacken und +Knistern in den dürren Ästen auf dem Boden wurde +immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas +bewegte. Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an +<pb n='40'/><anchor id='Pgp0041'/>Leos Arm und starrte mit angstvollen Augen dorthin, +woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken großer +Furcht gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum +zu atmen. Wenn sie überfallen würden! Ihre lebhafte +Einbildungskraft malte ihr die schaurigsten Dinge aus, +und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr sie sich +fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas +hervorkam – ein großer Hirsch, der quer über den Weg +setzte und nach einer Lichtung zulief, wo er äsend stehen +blieb. Nun war der Geisterspuk erklärt, Ilse atmete +auf, aber ein Gefühl der Angst und Unsicherheit blieb +doch in ihr zurück, und da die lustige Ilse, die sonst +den Ton angab, schwieg, waren auch die andern +meistens still. +</p> + +<p> +Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft +kühl geworden, und dem frühlingsjungen Waldboden entströmte +ein feuchter Erdgeruch. An der Seite rauschte +jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd +durch seine eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge +es der zur Ruhe gehenden Natur ein Schlummerlied. +</p> + +<p> +<q>Es wird feucht,</q> sagte Althoff und zog seinen +Rockkragen in die Höhe. +</p> + +<p> +<q>O, du frierst doch nicht?</q> fragte Nellie ängstlich +und nahm ihr Tuch von den Schultern, um es ihm umzulegen. +Er wehrte ab, nicht gerade in der liebenswürdigsten +Weise. +</p> + +<p> +<q>Es geht dir doch gut, Fred?</q> fragte sie wieder +nach einer Weile, und diesmal antwortete er liebevoller. +</p> + +<pb n='41'/><anchor id='Pgp0042'/> + +<p> +<q>Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen, +wie gewöhnlich.</q> +</p> + +<p> +<q>Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe +welches mitgenommen!</q> fragte Nellie eifrig. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches +Zeugs,</q> rief da Onkel Heinz’ Stimme. <q>Sie vergiften +sich ja nur damit.</q> +</p> + +<p> +<q>O, es hilft Fred aber so gut,</q> meinte Nellie. +</p> + +<p> +<q>Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,</q> erwiderte +Onkel Heinz mit Achselzucken, <q>aber hier, trinken Sie +wenigstens einen Kognak als Gegengift.</q> +</p> + +<p> +Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin +hatte er etwas einzuwenden, und wenn die Gontrauschen +Kinder mal krank waren, lag er mit Ilse stets im +Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt +seinen Ratschlägen zu folgen, und wenn er auf die <q>dummen +Kerle</q>, die Ärzte, schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln +und Mittelchen lächerlich. +</p> + +<p> +Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war, +drehte sich jetzt um und rief den andern zu: <q>Menschliche +Wohnung in Sicht!</q> indem er dabei auf einige helle +Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume +blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse +eines Gebäudes erkennen, das wohl das Försterhaus war, +an welchem sie vorbeikommen mußten. Einsam lag es +am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten majestätisch +darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel +wie scharfe Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters +<pb n='42'/><anchor id='Pgp0043'/>das den Wald abschloß, fiel mit dumpfem Tone zurück, +und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem Garten, +der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte +etwas wie Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen. +Im Erdgeschoß waren die Fenster erleuchtet, +man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die Försterfamilie +saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine +Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen +zu haben, denn das Tischtuch lag noch auf, und von seiner +blendenden Weiße fiel ein heller Schein auf die rosigen +Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit durchwehte +das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und +den Buntdrucken von dem Kaiser und der Kaiserin an +den Wänden, sie lachte aus den freundlichen Mienen der +rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen und +umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich +gerade seine Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen +hatte. Den Draußenstehenden tat es leid, dieses harmonische +Bild zu stören, sie rührten sich kaum und betrachteten +es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke +aber wurden die Hunde im Zimmer unruhig, der Förster +erhob sich, kam zur Türe heraus und nahm die späten +Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als +er hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den +Schneekopf gehen wollte; so etwas kam wohl im Sommer +vor, aber zu dieser Zeit selten. Schmunzelnd sah er sich +die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig vor +ihm standen. +</p> + +<pb n='43'/><anchor id='Pgp0044'/> + +<p> +<q>Das nenne ich aber Mut,</q> sagte er zu ihnen. +<q>Ein bißchen Schnee wird’s da oben wohl noch geben.</q> +</p> + +<p> +<q>Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,</q> erwiderte +Ilse lustig und warf ihren Rucksack auf den +Stuhl. +</p> + +<p> +<q>Kann man hier einen guten Kognak haben?</q> fragte +Onkel Heinz und ließ sich in den alten Lehnstuhl am +Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn ächzten. +</p> + +<p> +<q>Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften +wünschen etwas zu genießen,</q> rief er hinaus. +</p> + +<p> +Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr +her, aber diese blieben neugierig an der Türe stehen. +Nellie holte sich die Kleinen, auch Onkel Heinz erhob sich +von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand lustige +Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit +den kleinen, krummbeinigen Dackeln und dem braunen +Hühnerhund mit den herabhängenden Ohren und den +treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie +gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und +wenn sie einen Augenblick innehielt, stieß er sie mit der +Schnauze an. +</p> + +<p> +Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo +drängten zum Aufbruche. Sie hatten mit dem Förster, +der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben wollte, +eingehend den Weg besprochen. +</p> + +<p> +Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem +Hause traten, und in den dunklen Tannenwipfeln über +ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig, +silber<pb n='44'/><anchor id='Pgp0045'/>glänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne +funkelten. Jetzt verließen sie die Landstraße, die sich als +heller Streifen durch die Wiese vor ihnen herschlängelte, +und bogen in den steilen Waldweg ein, der steinig und +mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von +ihnen. +</p> + +<p> +Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen, +deren Hände sich oftmals krampfhaft zusammenfanden, +wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend etwas +Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den +Wald für furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten, +sie hören, wo nichts zu hören ist, und sehen, wo +nichts zu sehen ist. Ilse besonders war es nicht behaglich +zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten, +wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten! +Auf einmal zuckte sie doch zusammen und konnte einen +lauten Ausruf des Schreckens nicht unterdrücken. +</p> + +<p> +<q>Da, da!</q> rief sie und zeigte entsetzt nach oben. +</p> + +<p> +<q>Seht ihr nicht die weiße Gestalt?</q> +</p> + +<p> +Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie +schien näher zu kommen und zu wachsen; selbst weniger +Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem Anblick unheimlich +geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie +ganz die spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft +weiter- und auf das Gespenst losschritt. Plötzlich +tönte ein schallendes Gelächter durch die Stille. Onkel +Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt gestellt +hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte. +</p> + +<pb n='45'/><anchor id='Pgp0046'/> + +<p> +<q>Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen +Sie nur getrost und sehen Sie es sich an!</q> rief er laut. +</p> + +<p> +Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu +gleicher Zeit, daß sie ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche +weiße Gestalt war ein heller Stein, ein großer +Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend +schimmerte. +</p> + +<p> +<q>Von weitem konnte man den Stein ganz gut für +eine Gestalt halten,</q> meinte Leo, welcher bemerkt hatte, +daß Ilse dem Weinen nahe war und sie entschuldigen +wollte. +</p> + +<p> +<q>Na, Gontrau,</q> rief Onkel Heinz, <q>nun fängst du +wohl auch noch an, an Gespenster zu glauben?</q> +</p> + +<p> +Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille +Nacht. +</p> + +<p> +Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung +fast teuflisch! Ja, Blößen durfte man sich vor +Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. Aber +Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo +Ilse sie ausüben konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß, +um etwas sagen zu können; sie wich nicht von Leos Arm +und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um. +</p> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p0045.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<p> +Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten +den Fahrweg und waren nun auf der Höhe; +nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete tief, der +frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen +Seiten war der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr, +zwischen deren Stämmen man allerlei vermuten konnte. +<pb n='46'/><anchor id='Pgp0048'/>Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß, ihr Glanz +umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag +breit auf dem steinigen Wege und auf den niedrigen +Föhren, zu deren Füßen unter Steingeröll ein flinkes +Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als hätte es +Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick +blieben die Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren +warm geworden, denn unwillkürlich geht man in der Nacht +schneller, als am Tage, das Auge wird nicht fortwährend +abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle Heimlichkeit +der Nacht schneller zum Ziele. +</p> + +<p> +Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen. +Tief unten im Tale blitzten hier und da Lichter auf, +sonst war nichts zu sehen; einsame Stille herrschte ringsumher. +</p> + +<p> +<q>O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!</q> sagte +Nellie. +</p> + +<p> +<q>Sie würde uns für verrückt halten,</q> meinte Fred. +</p> + +<p> +<q>Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal +für verrückt,</q> erwiderte Onkel Heinz. <q>Wenn es +nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel, goldner +Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur +nicht schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen +eben nur nach dem Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen, +ist zu langweilig, darum lassen sie es lieber. Das ist +nun einmal nicht anders.</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen +gemacht! Auch ihn durfte man nicht nach dem Äußeren +<pb n='47'/><anchor id='Pgp0049'/>beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu lernen, mußte +man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch +oft Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte +Ilse ein Liedchen singen. Doch heute fühlte sie sich sehr +geschmeichelt, daß der sonst stets absprechende Professor +Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es sein +Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte +aber auch das härteste Gemüt bei dieser Umgebung in +poetische Stimmung geraten, von der sie ganz erfüllt war. +Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und +drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas +gefiel. +</p> + +<p> +Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken +den Giebel eines Hauses auftauchen, einige Schritte weiter +und es erschienen die Fenster, auf welchen das Mondlicht +bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus +immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor +standen. Ein großer Kasten aus grauen Steinen, kahl +und ernst! Der Wind rüttelte an den Holzläden vor den +Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die +krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen +lag schon alles im tiefsten Schlummer. Die Türe war +verschlossen, und erst, als man eine Weile mächtig dagegen +gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im Hausflur +hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen +und doch so späten Gäste mußten erst ziemlich lange +warten und sogar selbst Hand mit anlegen, bevor es gemütlich +wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl +<pb n='48'/><anchor id='Pgp0050'/>sein im hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im +Ofen, beim Essen und Trinken, dem eine wohlige Müdigkeit +folgte. Doch diese währte nicht lange, denn Frau +Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei +den übrigen. Sie sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges +durcheinander, war sprudelnd, lebhaft, witzig +und verstand es, die andern mit sich fortzureißen. +</p> + +<p> +Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne, +dem die Partie so gut zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen +waren ganz fort, wie sie meinte, durch das +Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen +guten Kognak. +</p> + +<p> +Auch der Professor war heute in seiner besten Laune, +er stimmte in die Scherze der übrigen mit ein, war selbst +der Heiterste und setzte allem die Krone auf, als er +schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die Urheberin +dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem +Beifall aufgenommen wurde. +</p> + +<p> +<q>Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch +sein können, Onkel Heinz,</q> sagte Ilse, als sie sich für +diese Aufmerksamkeit bedankte, und um ihre Mundwinkel +zuckte es spöttisch. +</p> + +<p> +<q>Wieso?</q> fragte der Professor erstaunt. +</p> + +<p> +<q>Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen, +wie Sie es doch sind, traut man alles eher zu, +als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten nur über +alles spotten und höhnen.</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja +<pb n='49'/><anchor id='Pgp0051'/>nicht, daß dieser Hieb die Rache dafür war, daß er seine +Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft ausgelacht hatte. +Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte, +und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um +seine lustige Stimmung war es nun geschehen. +</p> + +<p> +Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen +Hause auf dem Schneekopf. Aber der sanfte +Schein des Mondes spielte noch auf den Fensterscheiben, +bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte +und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm. +</p> + +<p> +Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch +die Haustüre, den Kopf dicht in den Rockkragen vergraben +– es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er auf +und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann +auf einen der hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd. +Die harten Worte von Ilse heute abend hallten +noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und er +konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte +jagten die Wolken, vom Sturme getrieben, am Mond +vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen Blick für +solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch +nicht, daß am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen +war, der in fortwährender Bewegung bald feurig, bald +blasser leuchtete und allmählich wieder verschwand. +</p> + +<p> +Lange noch blieb der Professor draußen. +</p> + +<p> +Des Morgens erschien er erst, als die andern schon +beim Kaffee saßen. Es sollte früh aufgebrochen werden. +<pb n='50'/><anchor id='Pgp0052'/>Onkel Heinz war nicht in der besten Laune, er sagte, daß +er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. Die +Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen +Läden dumpfig gewesen, und als er sie geöffnet habe, +hätten sie geklappert, und das helle Mondlicht hätte ihn +gestört. +</p> + +<p> +<q>O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,</q> sagte +Nellie; <q>sehen Sie doch, wie schön es draußen ist.</q> Und +sie zeigte hinaus in den goldenen Frühlingsmorgen. +</p> + +<p> +<q>Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe +ich doch schlecht geschlafen,</q> erwiderte er mißmutig. +</p> + +<p> +<q>Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße +zuerst aufgestanden?</q> fragte Leo, indem er ihm auf die +Schulter klopfte. +</p> + +<p> +<q>Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur +zu wiederholen.</q> +</p> + +<p> +Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen, +trotzdem er von allen Seiten um der schlaflosen Nacht +und der andern Störungen willen lebhaft bedauert +wurde. +</p> + +<p> +Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und +obgleich er sagte, daß es überhaupt ganz gleichgültig sei, +wie dieser oder jener Berg heiße, oder dieses oder jenes +Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so +stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders +wenn Gontrau etwas behauptete. +</p> + +<p> +Ilse, welche ahnte, daß sie wohl die Schuld an +seiner üblen Laune habe, hatte ihm innerlich schon die +<pb n='51'/><anchor id='Pgp0053'/>schönsten Beinamen gegeben, wie <q>alter Junggeselle</q>, +<q>Brummbär</q> und dergleichen mehr, aber sie schlug doch +einen neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung, +ihn dadurch umzustimmen. +</p> + +<p> +Lustig verließ die kleine Gesellschaft etwas später +den Schneekopf. Der Himmel hatte sich inzwischen bewölkt, +der auf der Höhe nie rastende Wind trieb mit +den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem +Schornstein auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des +Turmes und jagte hinter den Gestalten der Wanderer +her, daß ihre Kleider und Mäntel flatterten. Zu dem +Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war +dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende +Luft trieb Tränen in die Augen und blies die Backen +feuerrot an. +</p> + +<p> +<q>Schneeluft,</q> sagte Althoff. +</p> + +<p> +Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken +hatten den ganzen Horizont bedeckt. Zuerst fielen nur +einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber wurde es ein +lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und +leicht legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke +auf die Frühlingsflur, aber die Zweige und Halme beugten +sich nicht unter seiner Last; es war ja jetzt kein Ernst +mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl +nahm ihn wieder mit fort. +</p> + +<p> +An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee +fußhoch, und darüber mußten sie hinwegschreiten. +Fast bei jedem Schritte sanken die Füße bis über die +<pb n='52'/><anchor id='Pgp0054'/>Knöchel ein, was ein Hauptspaß für Ilse war. Sie +fand diesen <q>Winter im Frühling</q> herrlich und konnte +ihr Entzücken nicht laut genug äußern, schon deshalb, +weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich höchst ärgerlich +bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte, +so daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich +hinbrummte, wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte. +Auch Althoff war diese Art von Hindernis nicht angenehm, +Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten +Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut +bekommt. +</p> + +<p> +<q>Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch +finde ich es hier,</q> rief Ilse begeistert, Leo herzhaft +küssend, und stampfte mutig weiter, umtanzt von den +Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie +Diamanten darin funkelten. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?</q> +rief sie herausfordernd und warf ihm eine Handvoll +Schnee ins Gesicht. +</p> + +<p> +<q>Kann ich nicht finden,</q> versetzte er unwirsch, nahm +seine Brille ab und wischte die Gläser, die naß angelaufen +waren, wieder trocken. +</p> + +<p> +<q>Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen, +er ist viel weiter und schauderhaft schlecht; durch den +Hirschgarten wären wir weit näher gegangen,</q> sagte er +dann zu Leo. +</p> + +<p> +Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz +blieb bei seiner Behauptung. Schließlich wurde die +<pb n='53'/><anchor id='Pgp0055'/>Generalstabskarte herausgeholt, und die drei Männerköpfe +beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte, +daß er unrecht hatte. +</p> + +<p> +<q>Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,</q> +sagte er. +</p> + +<p> +<q>Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,</q> entgegnete +Ilse schlagfertig, Leo aber erwiderte lachend: +<q>Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der Karte überzeugen +müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.</q> +</p> + +<p> +<q>Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb +gar nicht maßgebend,</q> entgegnete der Professor in unerschütterlicher +Streitsucht. +</p> + +<p> +Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war +voll und lief über. Alle Beinamen, die sie ihm am +Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie jetzt laut. +Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der +jede Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte, +wenn zwei so nette Ehepaare, wie sie und Althoffs wären, +ihn alten wunderlichen Junggesellen in ihrer Mitte duldeten, +und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er +sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie +hätte sich dies schon lange nicht mehr von ihm bieten +lassen. <q>Gott sei Dank, daß Sie keine Frau haben, Onkel +Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,</q> schloß sie ihre +Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn +sie lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr +ernst aufgenommen wurde. Er sah sie ganz verdutzt an, +als sie so lossprudelte, sagte aber nichts dazu, sondern +<pb n='54'/><anchor id='Pgp0056'/>zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die +Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter. +</p> + +<p> +<q>Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet +sind, denn so machen es die Frauen, sie halten immer +Gardinenpredigten,</q> versuchte Althoff zu scherzen, aber +Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und +in sich versunken ging er weiter. +</p> + +<p> +Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken +zerrissen, der blaue Himmel kam wieder zum Vorschein, +und als sie unten im Tale ankamen, schien die Sonne +hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten +Laube hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der +samtweiche Moosboden erglänzte unter dem schimmernden +Naß, und auf den Wiesen, die sich als eine weite, grüne +Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten zwischen +Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien +unter Tränen zu lächeln. +</p> + +<p> +Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen, +der in die Dorfstraße einmündete, sahen sie schon +von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin und her +bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die +Höhe zog. Unter den Tränen, die hier noch in den +Augen erglänzten, gab es kein Lächeln, mit rauher Hand +hatte das Schicksal eingegriffen und den Bewohnern +Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am +Himmel in letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet, +und den Onkel Heinz nicht bemerkt hatte, war der Widerschein +des großen Feuers gewesen, dem zwanzig Häuser +<pb n='55'/><anchor id='Pgp0057'/>zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem +es noch hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch +weit entgegenbrachte, war fast alles, was den Ärmsten von +ihrer Habe geblieben war. Auf dem regendurchweichten +Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden können, +ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten +und Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und +doch, von wie großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer +von neuem betrachteten und prüften, ob ihnen auch nichts +geschehen sei. Glücklicherweise war kein Menschenleben zu +beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, war +ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher +versuchten den Jammernden Mut einzusprechen, +laut weinend standen die Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt +die Kinder, bleich und verstört sahen die Männer aus. +</p> + +<p> +Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie +und ein beschämendes Gefühl schlich sich in die Seelen +der Freunde bei dem Gedanken, daß sie die Nacht in Lust +und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige +Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender +Weise hauste. Das trübe Bild verwischte denn +auch sofort alle Eindrücke der letzten Stunden, man dachte +an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war +mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen +in aller Eile ein Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles +verschlafen und übernächtig aus, im Bette hatte ja in +dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder in +hellster Aufregung gewesen war. +</p> + +<pb n='56'/><anchor id='Pgp0058'/> + +<p> +Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich +zu ihnen gesetzt hatte, erzählte den genauen Hergang des +Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte kein Mensch, +doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht +gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib +mit dem brennenden Licht auf den Boden gegangen sei, +ein andrer, daß es durch Kinder entstanden wäre, und +wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen +und munkelten, daß es <q>angesteckt</q> sein müsse. So meinte +auch der Wirt, der sogar einen Racheakt dahinter vermutete. +Ein Knecht, der von seinem Bauern vor einigen +Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen +und sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte, +dann aber plötzlich verschwunden war, sollte am vorigen +Abend gesehen worden sein; auf ihn lenkte sich der Verdacht. +Nun, in der Untersuchung würde es ja herauskommen, +wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der +Wirt seine Rede. +</p> + +<p> +Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal +aufgesucht. Althoff und Gontrau besichtigten die Brandstätte +mit dem Pastor zusammen, Nellie und Ilse gaben +den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte +zu ihnen, die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem +Augenblicke, wo den Leuten alles genommen war, da +konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, denn +auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene +nicht wieder bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen +werden! Ja, aber wie? Das war die Frage, +<pb n='57'/><anchor id='Pgp0059'/>die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege +die Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts +auszurichten. Allerhand Vorschläge wurden gemacht und +wieder verworfen. Nellie riet zu einem Bazar, aber vor +nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der Waisenkinder +stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht +viel Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert +veranstalten, das war schon eher etwas, Ilse meinte, man +sollte einfach sammeln, Onkel Heinz aber sagte gar nichts; +er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt hartnäckig +aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu +sehr mit dem neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte +seiner Schweigsamkeit deshalb keine Beachtung. Die Vorschläge +wurden nochmals überlegt und geprüft, bei dem +einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht +schien noch keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den +Einfall kam: eine Dilettantenvorstellung im Theater! Das +Wort wirkte zündend, besonders auf Ilse, welche die +Idee mit Begeisterung ergriff. +</p> + +<p> +<q>Ein famoser Gedanke!</q> rief sie ein über das andre +Mal, und auch die übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen +Onkel Heinz, dessen spöttisches Zucken um die Mundwinkel +Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war Feuer +und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas +ganz Neues, das mußte ziehen. Sicher würde man ihnen +zu diesem guten Zwecke das Theater gern überlassen, +meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen +Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr +er<pb n='58'/><anchor id='Pgp0060'/>warten, bis die Geschichte in Gang kam. Nun aber war +die wichtige Frage, die natürlich auch sofort erörtert wurde, +<q>welches Stück?</q> Das war gar nicht so einfach, denn +was für Schauspieler gut und passend war, brauchte +für Dilettanten noch lange nicht geeignet zu sein. Da +gab es mancherlei zu bedenken und zu überlegen. Wenn +der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der +andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es +fort, ohne daß sie zum Schluß kamen. +</p> + +<p> +<q>Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das +Dilettanten spielen könnten?</q> fragte Althoff endlich den +schweigsamen Onkel Heinz, der die Telegraphenstangen zu +zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen hinaus. +</p> + +<p> +Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel +hatte der Professor nie viel übrig gehabt. +</p> + +<p> +<q>Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe +mein Lebtag mehr zu tun gehabt, als solche Narrheiten +zu treiben,</q> war die scharf betonte Antwort. +</p> + +<p> +Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz +hinreichend und war weit davon entfernt, ihm seine unfreundliche +Antwort übel zu nehmen. Er lachte darüber, +und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor +einen Blick zusandte, der sehr beredt war. – +</p> + +<p> +Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die +beiden Ehepaare und der schweigsame Hagestolz vom Bahnhof +nach Hause gingen. Beim Anblick des milden Lichtes +hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen +Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das +<pb n='59'/><anchor id='Pgp0061'/>letzte Erlebnis. Es war doch herrlich gewesen, draußen +zu wandern im Mondenscheine, der heller, reiner gestrahlt +hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die über +der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung +kommen ließ. Matt lag er auf den Schieferdächern, auf +den hellen Hauswänden und den grauen Straßen, an den +erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen Schimmer. +</p> + +<p> +Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße +an der Straße, die nach seinem Hause führte. +Einsam verhallten seine Schritte durch die stille Nacht. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/> + +<p> +Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen +zu der Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte +am Tage nach der Partie das Nötigste besorgt, und das +Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden. +Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek +in das Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte +Ilse, um zu lesen, zu wählen. Nachmittags +kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu verwandt, +bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten. +Und wen die Sache noch aufs höchste interessierte, das +war Ruth! Mutter und Vater wollten Theater spielen, +darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige Male +war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie +aber vor Aufregung nicht einschlafen können, und die +nächsten Tage wurde nichts anderes gespielt als Theater. +<pb n='60'/><anchor id='Pgp0062'/>Leo hatte schließlich verboten, sie wieder mitzunehmen, +aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann, +konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte +sie sich vor den Spiegel, ordnete die Haare phantastisch, +sprach oder sang laut und begleitete Rede und Gesang +mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine Zeitlang, +bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten. +Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich +wieder aufs lebhafteste, sie horchte mit neugierigen Augen +und Ohren auf alles, was die Eltern sprachen. Das +glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle +Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und +sie in eine Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem +bunten Glanz und Flimmer, das stand wieder deutlich +vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem Kommenden. +Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem +zauberhaften Reize des Theaters beizubringen. Vergebens! +Marianne sah sie mit ihren großen, blauen Augen verständnislos +an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre Puppen +wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen. +Ruth dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die +ihr gehörten, auf, und wenn das Personal zu ihren Vorstellungen +nicht ausreichte, dann nahm sie in ihrem Eifer +Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder +krank im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem +behaglich stillen Leben mitten zwischen ihr Theatervolk +hinein. Tränen, Streit und ein Richterspruch von Ilse +bildeten meist den Schluß. +</p> + +<pb n='61'/><anchor id='Pgp0063'/> + +<p> +Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei +Einakter entschieden: <q>die Jugendliebe</q> von Wilbrandt, +<q>das erste Mittagessen</q> von Görlitz und <q>die Hochzeitsreise</q> +von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich, +doch jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu +sorgen war, nämlich: die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten +da zu kämpfen ist, kann nur derjenige nachfühlen, der +einmal eine Dilettantenvorstellung zustandegebracht hat. +</p> + +<p> +Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen +besetzt, und wie erstere glaubte, brauchte man nur an die +Türen zu klopfen, um gefällige Mitwirkung zu bitten, +und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für einen +so guten Zweck herzugeben. +</p> + +<p> +Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen – +zu zweien geht so etwas viel besser – eines Tages wohlgemut +los, um sich ihre Künstlerinnen zusammen zu holen. +</p> + +<p> +Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um +etliche Grad tiefer, und Ilse hatte sich bereits einige Male +sehr energisch über die kleinlichen, engherzigen Ansichten +der Menschen ergangen. +</p> + +<p> +<q>Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!</q> Das +war fast in allen Häusern dasselbe Stichwort, und ein +gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob von den höheren +Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses +Blut in Wallung. +</p> + +<p> +<q>Nein, meine Liebe,</q> sagte z. B. Frau So und So, +<q>das können Sie nicht von meinen Töchtern verlangen, +sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.</q> +</p> + +<pb n='62'/><anchor id='Pgp0064'/> + +<p> +<q>Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier +und belegte Brötchen herum,</q> gab Ilse zur Antwort. +<q>Haben sie sich denn da nicht auch der öffentlichen Kritik +ausgesetzt?</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater, +das ist etwas ganz andres.</q> +</p> + +<p> +Inwiefern das <q>etwas andres</q> war, konnte Ilse +nicht herausbekommen, trotz einer längeren Erklärung +der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die beiden +gaben jeden weiteren Versuch auf. +</p> + +<p> +Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte, +das ginge doch nicht, daß sie sich auf einer öffentlichen +Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre Schneiderin könnten +ja nachher sagen: <q>Gnädige Frau, was haben Sie aber +schön gespielt!</q> +</p> + +<p> +<q>O,</q> erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten +Schelmengesicht, das sie stets aufsetzte, wenn sie einen besonders +guten Trumpf ausspielte, <q>Sie brauchten sich doch +darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre +Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir +überhaupt an dem Urteile solcher Leute etwas liegt?</q> +erwiderte die junge Frau pikiert. <q>Ich will mich nur +ihrer Kritik nicht aussetzen.</q> +</p> + +<p> +<q>Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen, +und es ist doch keine Schande, ihr Urteil anzuhören,</q> +sagte Ilse, innerlich empört über solche Anschauungen. +</p> + +<pb n='63'/><anchor id='Pgp0065'/> + +<p> +Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte, +darüber dächte sie nun einmal anders. +</p> + +<p> +Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden. +</p> + +<p> +<q>O, was ist sie verrückt,</q> sagte Nellie laut lachend, +als sie auf der Straße standen, aber Ilse war schon ganz +kleinmütig geworden und wollte die Sache aufgeben. Sie +kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln und +würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte +ihnen doch den Gedanken an eine Aufführung eingegeben, +und mit freudigem Herzen hatten sie das Werk begonnen. +Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing sie +an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn +werfen, aber die viel ruhigere Nellie gab die Sache noch +lange nicht auf. +</p> + +<p> +<q>O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich. +Nur Mut, <hi rend='antiqua'>darling</hi>,</q> tröstete sie. +</p> + +<p> +Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich +mehr Glück; ja die Idee wurde sogar mit großer Begeisterung +aufgenommen. Man tat gern etwas für die +armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel +berichtet hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung +gab, die sich wie ein lindernder Balsam auf Ilses leidenschaftliche +Erregung legte, war allerdings schon in den +Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt, <q>ein älteres +junges Mädchen</q> zu werden, aber im Vergleich zu ihren +beiden noch älteren Schwestern und ihrer betagten Mutter +blieb sie doch immer die jüngste und wurde <q>das Kind</q> +genannt. <q>Das Kind</q> hatte eine schöngeistig angelegte +<pb n='64'/><anchor id='Pgp0066'/>Natur, sie dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges +Interesse für das Theater, selbst – <q>mit vielem Talent</q>, +wie die Schwestern einschalteten, – schon oft gespielt, +und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen. +</p> + +<p> +<q>Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage, +Fräulein Born,</q> sagte Ilse mit einem herzlichen +Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr, bald Nachricht +zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte. +</p> + +<p> +<q>Das alte Fräulein kann die taube Tante in der +Jugendliebe geben,</q> sagte Ilse draußen zu Nellie, während +das <q>alte Fräulein</q> drinnen bereits mit der jungen +Frau in der <q>Hochzeitsreise</q> liebäugelte und die Schwestern +sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe +könnte sie auch noch sehr gut spielen, sie hätte sogar das +richtige Temperament dazu. +</p> + +<p> +Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem +Hause, sie dachte ja mit keinem Gedanken daran, daß +dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze zappeln +würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der <q>tauben +Tante</q> nahte. +</p> + +<p> +Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen +Hausarzte von Althoffs und Gontraus, klopften sie auch +nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts dagegen, +und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit +großer Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine +Freundin mitzubringen, ein frisches Mädchen, die gewiß +gern eine Rolle übernehmen würde. +</p> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p0064.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<p> +Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da +<pb n='65'/><anchor id='Pgp0068'/>die Rollen so ziemlich besetzt waren. Für die Herren +sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging es viel einfacher, +als bei den Damen. Ein <q>Ja</q> oder <q>Nein</q>, +und die Sache war abgemacht. +</p> + +<p> +Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen +waren, beim Mittagessen ihren Männern die Erlebnisse +des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses Begeisterung, +die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon +herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die +Idee mit ihren Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse, +die in den Weg kommen könnten, gar nicht einmal +gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch +mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen +nicht so schön und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt +hatte, und Leo mußte ihr immer wieder Mut einsprechen. +Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und +Requisitenmeister. +</p> + +<p> +Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich? +</p> + +<p> +Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab. +Die <q>taube Tante</q> in der <q>Jugendliebe</q> wurde mit Entrüstung +von Fräulein Born zurückgewiesen, und die beiden +Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als ihrer Freundin, +die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende +Backfischrolle der Adelheid in der <q>Jugendliebe</q> gegeben +wurde. +</p> + +<p> +<q>Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?</q> sagte +Erna, die älteste Schmidt, im langgezogenen Tone, und +ihre Schwester Mietze meinte, die Rolle der sanften +<pb n='66'/><anchor id='Pgp0069'/><q>Betty</q> in der <q>Jugendliebe</q> passe ihr auch nicht recht +und wäre doch zu kurz. +</p> + +<p> +Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem +Leo ziemlich bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend +gemacht hatte, kam die Sache etwas in Gang. +</p> + +<p> +<q>Ja, meine Damen,</q> hatte er gesagt, <q>wenn Sie +sich nicht in die Rolle fügen wollen, die ich Ihnen bestimme, +dann wird aus der Geschichte nichts. Wir müssen +vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns +doch nicht blamieren.</q> +</p> + +<p> +Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen +etwas einzuwenden, und es wurde mit verteilten Rollen +gelesen. Ilse sollte die junge Frau im <q>ersten Mittagessen</q> +geben, Nellie die in der <q>Hochzeitsreise</q>; die beiden +Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt, +aktiv mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben +zugegen und ein scharfer Kritiker sein. +</p> + +<p> +Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen. +Ahnungslos öffnete sie dieselben, aber gleich darauf erschien +sie beinahe weinend bei Leo, der gerade in der +tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den +nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde. +</p> + +<p> +<q>Was gibt’s denn schon wieder?</q> fragte er ärgerlich +über die Störung. +</p> + +<p> +<q>Da, hier lies,</q> rief Ilse. <q>Fräulein Born will +die taube Tante nicht spielen, und dann schreibt mir auch +Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche nicht, daß sie als +Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie später +<pb n='67'/><anchor id='Pgp0070'/>wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe, +könnte das zu Mißverständnissen führen. +Was sollen wir nun tun? Es wird ja nichts, es wird +sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,</q> jammerte +sie. +</p> + +<p> +Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr +im Verein mit Leo, Ilse zu trösten und zu beruhigen, +bis sie schließlich auf dem Standpunkt der beiden anlangte +und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte, +denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant, +die Menschen auch mal bei solcher Gelegenheit kennen +zu lernen. +</p> + +<p> +Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der +mit Gontraus Einwilligung bereit war, einen Prolog zu +verfassen. +</p> + +<p> +<q>Herrlich, herrlich,</q> rief Leo, <q>und wie wäre es, +wenn wir Fräulein Born als Köder den Prolog gäben, +damit sie uns dann die taube Tante spielt?</q> +</p> + +<p> +<q>O, das tut sie, das tut sie gewiß!</q> meinte +Nellie. +</p> + +<p> +<q>Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘, +wer wird das übernehmen?</q> fragte Leo. +</p> + +<p> +<q>Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge +Frau in demselben Stück,</q> sagte Ilse plötzlich. <q>Die +Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel hübscher; +daß ich daran nicht gleich gedacht habe!</q> +</p> + +<p> +<q>O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett +sein,</q> sagte Nellie. <q>Kann ich nicht das Mädchen spielen? +<pb n='68'/><anchor id='Pgp0071'/>Aber ein Dienstmädchen mit englischem Akzent paßt doch +wohl nicht?</q> +</p> + +<p> +Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie übernahm +das Dienstmädchen. +</p> + +<p> +Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf +den Weg, um die verlorenen Kräfte wieder einzufangen. +</p> + +<p> +Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau +geben, und mit einigem Zureden gelang es auch, Mietze +zu überzeugen, daß die Rolle der sanften Betty in der +<q>Jugendliebe</q> zwar klein, aber doch sehr hübsch sei. +</p> + +<p> +Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht! +</p> + +<p> +Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fräulein +Born. Die jungen Frauen wurden von den beiden +älteren Schwestern empfangen, das <q>Kind</q> war in der +Singstunde, mußte aber jeden Augenblick kommen. Steif +und unnahbar saßen die beiden Fräulein Born da, und +die Unterhaltung mit ihnen bereitete einige Verlegenheit. +Die <q>taube Tante</q> flog wie ein Fangball zwischen beiden +Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten, +zu einer solchen Rolle sei denn das <q>Kind</q> doch noch zu +jung, warum gerade sie diese Rolle spielen sollte, während +Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge derselben auseinandersetzte. +</p> + +<p> +Das <q>Kind</q> erschien, und mit aller Entschiedenheit +wies sie die <q>taube Tante</q> von sich, indem sie erklärte, +überhaupt nicht mitspielen zu wollen. +</p> + +<p> +<q>O,</q> rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern, +<q>mein Mann hat einen schönen Prolog gedichtet und +<pb n='69'/><anchor id='Pgp0072'/>hoffte, daß Sie ihn als Muse sprechen sollten; o, wie +schade, daß Sie nicht mitwirken wollen.</q> +</p> + +<p> +<q>Einen Prolog?</q> fragte Fräulein Born einlenkend, +und über ihr Gesicht ging es wie ein Leuchten. Sie sah +sich im Geiste schon als Muse dastehen, weißes Gewand, +klassischer Faltenwurf, grüner Epheukranz auf dem griechischen +Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das +Richtige für sie! +</p> + +<p> +Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es +auch leider noch nicht vor dem Altare war – und erklärte +sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, die <q>taube +Tante</q> mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit +tröstete sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung +von ihr, die Rolle einer Alten zu spielen, +und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen. +</p> + +<p> +Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die +beiden jungen Frauen wieder aus dem Hause; vor diesem +Gange hatten sie besonders große Angst gehabt. +</p> + +<p> +Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt +durch solche Vorbereitungen versetzt wird, blieben auch bei +Ilse nicht aus; wachend und schlafend beschäftigte sie sich +nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere +Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art. +Daß sie die Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte +man nicht behaupten, sie hatte eine große Angst, ob alles +gut gehen würde. +</p> + +<p> +Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause +<pb n='70'/><anchor id='Pgp0073'/>gewesen, heute sollte nun die erste auf der Bühne stattfinden. +</p> + +<p> +<q>Mutter, laß mich mitgehen,</q> bettelte Ruth mit +glänzenden Augen, aber Ilse wies ihre Bitte zurück. +Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo so +wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde +deshalb bis zur Generalprobe vertröstet. +</p> + +<p> +Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu +Marianne und klagte dieser leidenschaftlich ihr Leid, die +so etwas nicht begreifen konnte. – +</p> + +<p> +Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte +fast keiner der Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken +wurde es deshalb gemustert. Heute trug es ein andres +Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen im +hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen, +dunkel und tot lag der Zuschauerraum vor ihnen, +welchen sonst das vielköpfige Ungeheuer Publikum belebte, +das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen überzogenen +Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen +lehnte. Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da +sah man heitere Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und +traurige, wenn die Muse ernst war. Da wurden Blicke +ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich nach +dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu +sehen war. Wie bekannt erschien das alles und doch +wieder wie fremd! Man zeigte sich untereinander die +Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach +dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal +<pb n='71'/><anchor id='Pgp0074'/>selbst stehen sollten, um vor den neugierigen Blicken der +großen Menge draußen zu erscheinen. Etwas Herzklopfen +machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, einige beschlich +schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse +der Bühne zulenkte – das waren nun also die +Bretter, welche die Welt bedeuten! Neugierig wurde die +Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern, öde, geschäftsmäßig +sah es hinter den Kulissen aus, das hatten +sich die meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in +acht nehmen, nicht über Geräte und Stricke zu stolpern, +und wie grellfarbig erschienen die Kulissen, die abends +beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur +täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte +die Donnermaschine, ließ es regnen und den Wind unheimlich +heulen, erklärte den Schnürboden, stieg in die +Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen +wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum +alle beantworten. Aber trotz mancher Enttäuschung über +das <q>hinter den Kulissen</q> blieb doch die Wirkung des gewissen +<q>Etwas</q>, was man Theaterluft nennt, nicht aus, +die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse +atmete sie mit vollen Zügen ein; Fräulein Born aber +war vor die Rampe getreten und probierte im Geiste +ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen +Augen sah sie in das leere Haus! +</p> + +<p> +Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die +Neugierde mußte erst befriedigt sein, dann aber begann er +mit der Probe. Die Nichtbeteiligten und Direktor Althoff +<pb n='72'/><anchor id='Pgp0075'/>saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch leuchteten +die weißen Gesichter in der Dunkelheit. +</p> + +<p> +Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das +<q>Kind</q> überkam ein leises Zittern, als jetzt das Klingelzeichen +ertönte und sie nun sprechen mußte. Leise, mit +unsicherer Stimme fing sie an. +</p> + +<p> +<q>Lauter, lauter,</q> rief Leo aus den Kulissen hervor; +als Echo ertönte im gleichen Augenblick dieselbe Mahnung +von Althoff, und auch aus den hintersten Reihen des +Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen: +</p> + +<p> +<q>Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hören!</q> +</p> + +<p> +Fräulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern +und mußte auf Leos Geheiß noch einmal von vorn anfangen. +</p> + +<p> +Sie war empört darüber! Zu Hause hatte sie den +Prolog den Schwestern und der Mutter verschiedene Male +vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und nun diese +Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an +der Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte, +ohne Schonung herumgetadelt wurde, da brach es los; +sie konnte die aufsteigenden Tränen nicht zurückhalten, +das <q>Kind</q> fing an, wie ein Kind zu weinen. +</p> + +<p> +Siedendheiß überlief es Ilse, der Anfang war ja +wieder gut! Doch es half nichts, der Kelch mußte geleert +werden, wenn er auch noch so bitter war. +</p> + +<p> +So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fräulein +Born auf, welche schluchzend in ihrer Garderobe saß. +</p> + +<p> +<q>Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes +<pb n='73'/><anchor id='Pgp0076'/>Fräulein, warum weinen Sie denn?</q> redete ihr +Ilse zu. +</p> + +<p> +<q>Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert +werde?</q> gab das Kind außer sich zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann +meint es doch gut,</q> tröstete Ilse krampfhaft, aber ihre +Worte waren in den Wind gesprochen. +</p> + +<p> +<q>Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich +es doch zu schlecht mache! Gerade mein Vortrag wurde +immer besonders gerühmt, und meine Schwestern fanden, +daß ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spräche; aber +wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert man +alle Lust.</q> +</p> + +<p> +Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige +Male unterbrechen wollte, nicht aufkommen, auch flossen +die Tränen eher noch reichlicher, als zuvor. +</p> + +<p> +In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der +Unterbrechung keine Notiz genommen hatte. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,</q> +sagte sie nervös zu ihm. <q>Die Born sitzt in +der Garderobe und weint und will nicht mitspielen, du +hast sie furchtbar beleidigt.</q> +</p> + +<p> +<q>Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja +auch gräßlich,</q> gab er eilig zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch +keine andre!</q> +</p> + +<p> +<q>Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,</q> sagte +Leo flüchtig; er hatte jetzt keine Zeit zu längeren +Aus<pb n='74'/><anchor id='Pgp0077'/>einandersetzungen, denn die Probe zur <q>Jugendliebe</q> sollte +im Augenblick beginnen. +</p> + +<p> +Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene +Male an die Türe von Fräulein Borns Garderobe klopfen, +bevor diese sich öffnete und das <q>Kind</q> auf der Schwelle +erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer +erzürnten Göttin. +</p> + +<p> +Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar +wurde, sie hatte schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst +ihre Drohung ausführen und nicht mitspielen würde. +Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem Vorhergegangenen +nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an. +Marionettenhaft tat sie alles, was er sagte, und leierte +die Rolle der <q>tauben Tante</q> in einem Tone herunter, +der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie +hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder +besser gesagt, sie <q>muckte</q>, wie ein störrisches Droschkenpferd, +und selbst die Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem +Falle die Kritik ersetzte, konnten sie nicht aufrütteln. +</p> + +<p> +<q>Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur +Geltung kommen,</q> rief Althoff ein über das andremal, +und wirklich fing das <q>Kind</q> auf einmal an, die <q>taube +Tante</q> sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts +von dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie +denn für heute auch in Ruhe, als er merkte, daß alle +seine Bemühungen vergeblich waren. +</p> + +<p> +Ob nun der Stumpfsinn der <q>tauben Tante</q> die +andern Mitspielenden ansteckte oder ob es an sonst etwas +<pb n='75'/><anchor id='Pgp0078'/>lag, kurz es war kein Zug in der Geschichte. Steif und +unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das reizende +Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff +mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem +wurde alles verkehrt gemacht; es war ein schrecklicher +Wirrwarr. Der Backfisch, der in den ersten Proben zu +den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend +unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte +manchmal geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige +Geduld, er zeigte immer wieder, ließ immer +wiederholen, während Althoff schon längst auf seinem +Sitze unruhig hin und her rückte. +</p> + +<p> +<q>O, wie soll das werden!</q> sagte Ilse seufzend zu +Nellie, der es bei dieser Probe auch etwas bänglich zu +Mute wurde. +</p> + +<p> +Die Liebesszene zwischen <q>Adelheid</q> und <q>Ferdinand +von Bruck</q> fiel glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung +des Liebhabers zuckte der Backfisch wie von einer Viper +gestochen zusammen, und bei der schüchternen Umarmung +steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das +<q>Schreckliche</q>, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen. +Für die Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick, +für Leo aber auf die Dauer eine Qual. Er hatte es unzählige +Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, scherzend, +liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden, +seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte +wurden weniger gewählt. +</p> + +<p> +<q>So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –</q>, +<pb n='76'/><anchor id='Pgp0079'/>er verbesserte sich schnell und sagte: <q>wir so spielen, +blamieren wir uns.</q> +</p> + +<p> +Die <q>taube Tante</q> zeigte eine schadenfrohe Miene +bei dieser Zurechtweisung – Gott sei Dank war sie nicht +die einzige, die so angefahren wurde; wenigstens ein +schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden +Freundin der beiden <anchor id="corr076"/><corr sic="Schmids">Schmidts</corr>, Erika Blum, stieg +das rote Blut bis unter die hellen Haarwurzeln bei Leos +Worten; einige Minuten später saß auch sie in der Garderobe, +wie vorhin das <q>Kind</q>, weinend und schluchzend. +Nummer zwei an diesem Abend. +</p> + +<p> +Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber +Ilse war ihr gefolgt und ging nun erregt auf und ab, +mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand sie, daß Leo +wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien +ihr die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu +lächerlich. +</p> + +<p> +Das <q>Kind</q> war auch hereingeschlüpft, mit ihr die +andern jungen Mädchen, sie mußten doch ebenfalls alles +sehen und hören, was da vorging. +</p> + +<p> +<q>Ach, weine doch nicht, Erika,</q> redete Mietze Schmidt +ihr zu, <q>wir haben doch alle unser Teil bekommen, das +nächste Mal werden wir es schon besser machen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,</q> +sagte Fräulein Born mit spitziger Betonung und Beziehung. +<q>Der Herr Gontrau nimmt gerade keine besondere +Rücksicht.</q> +</p> + +<p> +<q>Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück, +<pb n='77'/><anchor id='Pgp0080'/>wenn ich dran komme,</q> meinte Erna Schmidt. <q>Das +kann heute noch gut werden.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber ich bitte Sie, meine Damen,</q> fuhr Ilse erregt +dazwischen; <q>wenn Sie eben keinen Tadel vertragen +können, wollen wir die Geschichte lieber aufgeben, die +so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.</q> +</p> + +<p> +<q>Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen +sein,</q> erwiderte Fräulein Born, indem sie dabei an den +Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung doch ausgezeichnet +gesprochen hatte. <q>Und ich spiele doch wahrhaftig +nicht deshalb Theater, um mich nur zu ärgern; +Ihr Herr Gemahl scheint zu glauben, daß er dumme +Schulkinder vor sich hat.</q> +</p> + +<p> +Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte +den Angegriffenen mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine +Löwin ihr Junges verteidigt. Ein Wort gab das andre, +die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich sprachen +alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie +<q>nicht mitspielen</q>, <q>rücksichtslos</q> usw., tauchten wie +Froschköpfe in einem Teiche aus diesen Redewellen auf. +Die Garderobe war nur eng und klein, für zwei Personen +berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder +durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske +Schattenbilder an den weißgetünchten Wänden erschienen. +Die hellen Gasflammen zu beiden Seiten des Spiegels +und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein Luftzug +dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische +Hitze in dem Raum, und da war es denn kein Wunder, +<pb n='78'/><anchor id='Pgp0081'/>daß sich nicht nur die Gemüter, sondern auch die Köpfe +erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden +einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und +sprach ihr liebevoll zu. Die Tränen versiegten auch +wirklich bald, und einige Male hatte sie sogar schon +gelächelt. +</p> + +<p> +Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden +war schließlich Leo und Althoff aufgefallen; +auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen werden. Als +sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die Damengarderoben +mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes +Stimmengewirr, das sich von draußen wie das +Summen von vielen, in einer Schachtel eingesperrten Maikäfern +anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln an der +verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen +vollkommen überhört; erst als das Klopfen zu einem +donnerähnlichen Dröhnen anschwoll, glätteten sich die aufgeregten +Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie stets, +mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von +einer zur andern, die Taschentücher wurden getränkt und +mußten die Wangen kühlen. Dann erst wurde die Türe +geöffnet. +</p> + +<p> +<q>Mein Gott, wo bleibt ihr denn?</q> fragte Leo seine +Frau etwas ärgerlich, aber er verstummte, als er in ihr +bittendes und zugleich aufgeregtes Gesicht sah. +</p> + +<p> +Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden +und hatten nicht viel Zeit mehr, es mußte deshalb schnell +zu Ende geprobt werden. +</p> + +<pb n='79'/><anchor id='Pgp0082'/> + +<p> +Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel +besser gespielt; es herrschte durchweg keine besondere +Stimmung, und so viel auch Leo redete und ermahnte, +es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen +im <q>ersten Mittagessen</q> so tragisch, daß man +über diese komische Rolle eher zu weinen, als zu lachen +versucht war. Der Darstellerin war es aber auch keineswegs +lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen +Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune +behalten. Die junge Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls +noch viel vertrauter mit ihrer Rolle werden, und +Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit +bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als +Professor, zwei Referendare als Famulus und Stiefelputzer +in der <q>Hochzeitsreise</q> ließen die unter Null gesunkene +Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung +durch ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar +einige Male herzhaft gelacht. +</p> + +<p> +Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade +aufgeregt. Da – zwischen den Kulissen stand die +Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach +und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den +Blicken, die oftmals nach Leo hinüberflogen, konnte +man schließen, daß von ihm, und zwar nicht in der +liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles +bemerkte Ilse; am liebsten wäre sie hingegangen und +hätte die zischelnde Gruppe gesprengt, aber sie hielt +doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt +<pb n='80'/><anchor id='Pgp0083'/>zu Ende war und sie mit Leo und Althoffs heimgehen +konnte. +</p> + +<p> +Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen, +auch Ilse und Nellie mußten manche Rüge, +manchen Tadel einstecken. +</p> + +<p> +Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich +heute abend schon als unüberwindliches Hindernis vor +Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs Tagen +schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding +der Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie +von den Szenen, die sich hinter den Kulissen, nämlich +in der weiblichen Garderobe abgespielt hatten. +</p> + +<p> +Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff +meinte, ohne Zank könne es bei den Weibern nun einmal +nicht abgehen. +</p> + +<p> +Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war +abgespannt und nervös von dem Tumulte der letzten +Tage; es kam so vieles zusammen. +</p> + +<p> +<q>O, <hi rend='antiqua'>darling</hi>, du mußt dir die Sache nicht so zu +Herzen nehmen,</q> beruhigte Nellie; <q>an allem ist die +dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der +Garderobe!</q> +</p> + +<p> +Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben. +Der einzige, der ihr recht gab und dergleichen auch höchst +ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte ihr vollständig +bei, während Leo die Sache von der komischen Seite +auffaßte. +</p> + +<p> +<q>Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige +<pb n='81'/><anchor id='Pgp0084'/>Absagebriefchen,</q> sagte Ilse, <q>und was machen wir +dann?</q> +</p> + +<p> +Leo lachte sie aus. +</p> + +<p> +<q>Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen +in sich gehen und sich die Sache überlegen; +das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für alle. +Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,</q> sagte er liebevoll +und zog sie in seine Arme. +</p> + +<p> +Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur +Ruhe, und in der Nacht litt sie an Alpdrücken. Sie träumte, +daß sie in der engen Garderobe mit den andern zusammen, +wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen +sei. Die Born, <q>das Kind</q>, hatte eine Teufelsmaske +vor dem Gesicht und Krallen an den Fingern; +dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete, erdrückt zu +werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts +noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder +rufen – es war ein entsetzlicher Zustand. Dann wieder +standen sie auf der Bühne, die Vorstellung sollte beginnen, +das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber +nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse +konnte kein Wort von ihrer Rolle, die Klingel ertönte, +der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in diesem Augenblicke +der höchsten Qual erwachte sie. Die helle Frühlingssonne +schien herein, und durch die offenen Fenster +strich erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette +standen die Kinder, Ruth mit einem Veilchenstrauße in +der Hand, den sie eben aus dem Garten geholt hatte. +<pb n='82'/><anchor id='Pgp0085'/>Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen +Traume! Sie wollte nun auch den ganzen +Morgen nichts von der Theaterangelegenheit hören. Nachdem +sie sich angezogen hatte, ging sie mit Ruth und +Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen. +Seit einigen Tagen war sie nur im Hause gewesen oder +in der staubigen Stadt umhergelaufen, da hatte sie nicht +bemerken können, wie weit das Grünen und Blühen +draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so +viel zu erzählen – sie kam sich als eine ganz schlechte +Mutter vor, weil sie die Kleinen in der letzten Zeit etwas +hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles vorbei +sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie +allein da. +</p> + +<p> +Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte +ihn einige Male besucht, aber seine Türe war verschlossen +gewesen. +</p> + +<p> +Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse +in diesen Tagen keinen Gedanken übrig gehabt; es war +ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich nach der Partie +noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie +ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu +hören, hätte sie nicht ertragen, und an Spott würde er +es sicher nicht haben fehlen lassen. +</p> + +<p> +Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte +ihre aufgeregten Nerven. Sie besuchte auch Nellie, +die ihr blondes Patenkind Marianne bis zu Abend bei +sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi. +</p> + +<pb n='83'/><anchor id='Pgp0086'/> + +<p> +<q>Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?</q> fragte +sie mit einem leisen Anflug von Spott in der Stimme. +Wie die Pastorin darüber urteilen würde, konnte sich Ilse +ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in welcher +Rosi danach fragte. +</p> + +<p> +<q>Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen +guten Zweck tut,</q> fuhr sie fort; <q>mein Mann hat auch +schon für die armen Leute sammeln lassen.</q> +</p> + +<p> +Das <q>nur gut</q> und <q>wenigstens</q> brachte Ilses +Blut in Wallung, aber sie bezwang sich und fragte: +<q>Ihr kommt doch auch?</q> +</p> + +<p> +<q>Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.</q> +</p> + +<p> +Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die +Neugierde war doch zu groß und siegte über die sonstige +Abneigung gegen das Theater. +</p> + +<p> +Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche +Angst. Doch es schien wahrhaftig, als sollte Leo Recht +behalten. Man hatte besser gelernt, die Bewegungen +waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter, +und nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden +waren, stellte sich auch die Lust und Begeisterung +wieder ein. +</p> + +<p> +Das <q>Kind</q> hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern +mitgebracht, und trotzdem es andern als den Mitspielern +untersagt war, an den Proben teilzunehmen, mußte +man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen +konnte. +</p> + +<p> +Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der +<pb n='84'/><anchor id='Pgp0087'/>ersten Parkettreihe Platz und blieben dort den ganzen +Abend über sitzen. +</p> + +<p> +Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die +richtige Stimmung ein, wie sie sonst in Dilettantenproben +zu herrschen pflegt. Es wurde gelacht, gescherzt und Unsinn +getrieben, und man nahm sich auch laute Kritiken +nicht mehr übel. +</p> + +<p> +Sogar Fräulein Born hatte sich mit der <q>tauben +Tante</q> etwas angefreundet und behandelte sie nicht mehr +so gleichgültig; auch der Backfisch war bei der <q>schrecklichen +Umarmung</q>, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller +als das erste Mal. +</p> + +<p> +So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt, +die wie gewöhnlich nicht zum besten verlief. Am +Tage danach sollte die Aufführung stattfinden. +</p> + +<p> +Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden, +und doch konnten sie kaum die Zeit erwarten, +bis der Abend erschien und sie zur verabredeten Stunde +ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man +dort sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr +eintrafen, fanden sie fast alle schon versammelt, und ein +reges Leben und Treiben war im Gange. +</p> + +<p> +Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume; +wo ja ein lichter Strahl von draußen sich herein verirren +konnte, wurde er durch dichte Vorhänge daran verhindert. +In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen. +</p> + +<pb n='85'/><anchor id='Pgp0088'/> + +<p> +Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern. +Ilse lief schnell erst einmal dorthin, um Leo zu begrüßen, +der mit Althoff zusammen noch alle möglichen Anordnungen +zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn +sie daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier +stehen sollte, und doch – welcher Zauber lag in dem +Gedanken! +</p> + +<p> +In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander +von erregten Stimmen. Die Türen standen offen; man +ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten wurden nochmals +einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene +kleine Änderung vorgenommen, und eine Wolke von +Schminke- und Parfümduft lagerte über dem Ganzen. +Das <q>Kind</q> saß im Frisiermantel in seiner Garderobe +mit aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern +mit Bürste und Kamm bearbeitete, während die andre +geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem Glase zusammenquirlte. +Das war gut für die Stimme und wurde der +Erregten löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine +Flasche Wein auf dem Tische und ein Teller mit belegten +Brötchen, um die Kräfte der vom Lampenfieber Ergriffenen +zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in den +Händen und memorierte fortwährend. +</p> + +<p> +<q>Unsre arme Schwester ist so erregt,</q> sagte das +älteste Fräulein Born, als Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend +zu sagen. <q>Aber sie braucht doch wahrhaftig keine +Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!</q> +</p> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p0085.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<p> +<q>O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber +<pb n='86'/><anchor id='Pgp0090'/>Gott, wie oft habe ich schon Theater gespielt,</q> fuhr das +<q>Kind</q> dazwischen. +</p> + +<p> +Und in der Tat, was das <q>Können</q> betrifft, hatte +sie keine Angst, so etwas fühlten nach ihrer Meinung +nur gewöhnliche Sterbliche, Künstlerseelen, wie sie, waren +über dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, daß +selbst die größten Künstler das Lampenfieber niemals ganz +verlieren, und daß, wenn man sie auf den Brettern so +sicher und selbstbewußt auftreten sieht, diese Ruhe schwer +erkauft ist. Dem wahren Künstler bleibt die Kunst stets +ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten, +über welche der Dilettant in sorgloser Unwissenheit +hinwegschreitet. +</p> + +<p> +In den Garderoben der jungen Mädchen herrschte +ein lustiges Durcheinander. Auch hier erwiesen sich Mütter +und Tanten als helfende Engel; es gab ja so vielerlei +zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle +überhören; besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer +stecken blieb; der Souffleur hatte sich schon einen dicken +Strich darunter machen müssen. Wenn es nur heute +abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus, die +hübsche Erika. Das blonde Haar hing nach Backfischmanier +als dicker blonder Zopf über den Rücken herunter +und wurde von einer rosaseidenen Schleife zusammengehalten. +Von derselben Farbe war das duftige Kleid, +das sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das +wichtige Geschäft des Ankleidens mußte nun beginnen, +denn schon war der Friseur hinter Fräulein Borns +<pb n='87'/><anchor id='Pgp0091'/>Türe verschwunden und würde gleich zu den andern +kommen. +</p> + +<p> +Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor +einer Dilettantenaufführung würden einem objektiven Beobachter +eine Fülle von komischen Eindrücken bieten. Da +löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher +Nächstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen +kommt der Egoismus zu Tage, jeder denkt nur an sich +selbst, jeder möchte zuerst fertig sein, zuerst den Friseur +haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen, +Fragen, Schwatzen ohne Ende! +</p> + +<p> +In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen +Mädchen führten zwei Mütter einen heftigen Wettkampf +auf, denn jede wollte, daß ihre Tochter die schönste +sei, und trotz des Eifers und der großen Eile flogen doch +verstohlene, prüfende Blicke hinüber und herüber. +</p> + +<p> +Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbüchse; +er wurde sofort förmlich umringt. +</p> + +<p> +<q>Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran.</q> +</p> + +<p> +<q>Meine Haarfrisur hält aber solange auf, Sie müssen +mich zuerst frisieren!</q> +</p> + +<p> +<q>Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst +geschminkt; ist es so richtig, oder muß der schwarze +Strich unter den Augen stärker sein?</q> +</p> + +<p> +Der parfümierte Jüngling konnte sich vor so vielen +Fragen und Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah +er von einer zur andern; endlich schoß Erika den Vogel +ab; sie wurde die erste. +</p> + +<pb n='88'/><anchor id='Pgp0092'/> + +<p> +<q>Nur nicht so rote Backen,</q> sagte sie, denn schon +im gewöhnlichen Leben waren ihre frischen Farben ihr +größter Kummer, sie fand es interessanter, etwas blaß +auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem +angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der +duftende Haarkünstler versicherte immer wieder, daß sie +ausgezeichnet <q>wirken</q> würde, und die Freundinnen fanden +den Backfisch Erika <q>reizend, süß, entzückend!</q> Auch +Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes +über das reizende Töchterchen, und Frau Blum +behauptete mit gleicher Liebenswürdigkeit, daß Erna und +Mietze doch noch viel hübscher aussähen. +</p> + +<p> +In demselben Augenblick flog die Türe auf, das +zweite Fräulein Born stürzte aufgeregt herein, und der +Friseur wurde noch einmal zum <q>Kinde</q> zurückgeholt, +denn die blonde klassische Perücke hatte sich verschoben, +als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; außerdem +war das Schminken noch nicht zur vollen Zufriedenheit +ausgefallen. +</p> + +<p> +<q>Gott, Sie sind schon alle fertig?</q> fragte Fräulein +Born ängstlich, als die jungen Mädchen jetzt zu ihr +kamen und auch Ilse in ihrem einfachen Dienstmädchenkleid +erschien. +</p> + +<p> +<q>Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf, +liebste Frau Gontrau, sich so rote Arme zu schminken!</q> +bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte dann aber sofort +ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. <q>Bitte, nun +sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht gräßlich aus?</q> +</p> + +<pb n='89'/><anchor id='Pgp0093'/> + +<p> +Daß diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran +zweifelte keine von den Gefragten, sie selbst aber am +wenigsten, denn sie lächelte ihrem Spiegelbilde wohlgefällig +zu, und ihre beiden Schwestern versicherten fortwährend, +wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder +die weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich +bei den unruhigen und keineswegs klassischen Bewegungen +seiner Trägerin verschoben. +</p> + +<p> +Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte +Verwandlung vor sich gegangen. Die blonde +Perücke, die Schminke und das griechische Gewand hatten +Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen, +das sie sonst im Leben nicht mehr besaß. Für +die übrigen hatte die aufgeregte Muse nur wenig Zeit +und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die +Wange. +</p> + +<p> +<q>Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde +ich als alte Tante schön von Ihnen abstechen!</q> +</p> + +<p> +Und mißmutig glitten ihre Blicke über das graue +Kleid der <q>tauben Tante</q>, das schlaff und dunkel an +der weißen Wand hing. Dahinein mußte sie nachher +und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen, +es war eigentlich zu ärgerlich. +</p> + +<p> +Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische +Glocke gerissen, deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen +wirkte. Jetzt wurde es Ernst, jetzt mußten alle +Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein +prüfender Blick in den Spiegel. +</p> + +<pb n='90'/><anchor id='Pgp0094'/> + +<p> +<q>Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals – +noch eine Haarnadel – schnell – hier diese Falte bauscht +sich doch zu sehr, stecke sie lieber fest. Mein Gott, sitzt +denn wohl alles ordentlich?</q> +</p> + +<p> +Annas Hände flogen, während die andre Schwester +mit dem roten Stärkungstranke bereit stand. <q>Nur einen +Schluck,</q> drängte sie und hielt der Muse das volle +Weinglas an die Lippen. +</p> + +<p> +<q>Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht abgeht,</q> +gebot das Kind, – dann rauschte es hinaus. +</p> + +<p> +Die andern waren schon auf der, zu einem Garten +verwandelten Bühne versammelt. Man drängte sich an +die kleinen Löcher im Vorhang, um ins Publikum sehen +zu können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte +in dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon +ganz besetzt schien, und doch strömte es noch fortwährend +herein. In der ersten Reihe saßen die beiden Gontrauschen +Kinder. Ruths Augen starrten groß und erwartungsvoll +auf den bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es +wohl jetzt dahinter aussehen mochte; denn während der +Generalprobe hatte sie einen Blick in die Kulissen tun +dürfen – o, das war eine Wonne gewesen! +</p> + +<p> +Wie fernes Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr +im Zuschauerraum zu den Mitwirkenden hinter den Vorhang. +Dann und wann konnte man eine besonders laute +Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen +tönten einzelne <anchor id="corr090"/><corr sic="langezogene">langgezogene</corr> Geigenstriche aus +dem Orchester, das seine Instrumente stimmte. +</p> + +<pb n='91'/><anchor id='Pgp0095'/> + +<p> +Alle diese Geräusche verstummten augenblicklich, als +das Klingelzeichen zum Beginn ertönte und mit vollem +harmonischen Akkord die Musik einsetzte. +</p> + +<p> +Nur wer einmal eine solche Aufführung mit durchgemacht +hat, kann die allgemeine bange Stimmung der +letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum ersten Male +hebt, nachfühlen! +</p> + +<p> +Die Bühne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen +umherstanden, wurde im schnellsten Laufschritte verlassen, +als die Glocke ertönte; voll Spannung standen nun alle +hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände und +Füße, hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige +Gedächtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren +die Symptome des Lampenfiebers, welches, trotz aller +Prahlerei vorher, doch alle mehr oder weniger ergriffen +hatte. +</p> + +<p> +Die Ouvertüre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt +verhallte der letzte Ton, noch ein Klingelzeichen, dann +ein leises Rauschen wie ein Flügelschlag, – der Vorhang +ging in die Höhe. +</p> + +<p> +Das Gefühl, welches Fräulein Born beim Beschreiten +der Bühne hatte, war demjenigen sehr ähnlich, welches +man empfindet, wenn man sich in den Marterstuhl eines +Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das vielköpfige +Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander. +Die ersten Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und +kamen nur als Flüstern über die Lippen. Aber mehr und +mehr schwand die Befangenheit, die Stimme wurde +<pb n='92'/><anchor id='Pgp0096'/>lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles +vorüber. +</p> + +<p> +<q>Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,</q> kritisierte +Leo hinter den Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen +Worte doch sehr warm auf, und wie Sphärenmusik +klang das laute Händeklatschen an das Ohr des <q>Kindes</q>, +als der Vorhang gefallen war. Zweimal mußte er sich +wieder heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen – wer +kann die Wonne eines solchen Augenblicks beschreiben! +</p> + +<p> +Mit geöffneten Armen und einem dicken Tuche empfing +Schwester Anna die tief Bewegte, während die andre +schon wieder den bewußten Labetrank bereit hielt. +</p> + +<p> +<q>Schnell, schnell umkleiden,</q> rief Leo ihr zu, und +nun kam sie sich wirklich wie eine große Künstlerin vor, +als an allen Ecken und Enden helfende Hände bereit waren, +die Muse in die <q>taube Tante</q> umzuwandeln. Hinein +mußte sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten +Haare wurde ein Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur +tänzelte um sie herum, und unter seinen flinken Händen +entstand ein würdiges Matronenantlitz. +</p> + +<p> +<q>Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch +viel zu jung aus,</q> sagte Anna und zeigte mit dem Finger +auf deren Stirn. +</p> + +<p> +<q>Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst +zu viel,</q> erwiderte der gelockte Jüngling und besah prüfend +sein Werk, hier und da noch einen kleinen Strich aufsetzend +oder mit dem Puderquast tupfend. +</p> + +<p> +<q>Lassen Sie nur, Sie können gehen,</q> sagte das +<pb n='93'/><anchor id='Pgp0097'/>Kind, mit hoheitsvoller Miene sich erhebend, und nannte +ihn, als er draußen war, einen widerlichen, unverschämten +Menschen. +</p> + +<p> +Die <q>Jugendliebe</q> wurde gut und flott gespielt, die +blonde Erika entwickelte viel mehr Temperament, als in +irgend einer der Proben, und auch die Umarmungsszene +geriet weit natürlicher als bisher. Mietze Schmidt und +ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich zusammen, und +die <q>taube Tante</q> hörte es mit Genugtuung an, wie +man über ihre Schwerhörigkeit lachte. +</p> + +<p> +Der Beifall war geradezu stürmisch, als das reizende +Lustspiel zu Ende war, und als Erika auf der Bühne +erschien, flog ein wundervoller Strauß, ganz aus Rosen +und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant +überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und +trotz der Schminke konnte man doch bemerken, wie tief +sie errötete. +</p> + +<p> +<q>Von wem, von wem?</q> rief und fragte es durcheinander, +als sie hinter den Kulissen erschien. Sie konnte +kaum die Karte lesen, die in den Blumen steckte, und auf +welcher nur die Worte standen: <q>Der reizenden Adelheid</q>, +so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und +zu bewundern. Er wanderte von einer Hand in die andre, +und die zarten Maiblumen fingen bereits an, ihre Glöckchen +zu senken, als sich so viele Nasen darüber beugten. Dieser +Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt +haben mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika +mußte viel mit anhören. Sie wußte ja natürlich, von +<pb n='94'/><anchor id='Pgp0098'/><q>wem</q> diese Blumenspende kam, sie wollte es nur nicht +sagen, und was dergleichen Reden mehr waren. +</p> + +<p> +Fräulein Born aber meinte, anonyme Geschenke dürfe +ein junges Mädchen eigentlich gar nicht annehmen, sie +fände es wenigstens nicht schicklich und würde es sicher +nicht tun. +</p> + +<p> +Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden +ganz unbehaglich zu Mute, sie wünschte schon, sie hätte +die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt die Ursache +so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten +ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie +möge sich nur ja darüber freuen, die andern wären alle +nur neidisch auf sie. +</p> + +<p> +<q>Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der +Erika; sie hat eben doch ein etwas leichtes Wesen,</q> sagte +das Kind später zu den Schwestern, und die hübsche Erika +wurde von den dreien tüchtig durchgenommen und zerlegt. +Der Refrain lautete immer: <q>Es ist schade um das +hübsche Mädchen!</q> +</p> + +<p> +Als Ilse im <q>ersten Mittagessen</q> in ihrer Dienstmädchenrolle +erschien, erklang plötzlich das helle Lachen +einer Kinderstimme laut durch das Haus. Es war +Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu +komisch fand und sich gar nicht darüber beruhigen konnte, +bis Ruth sie energisch am Ärmel zupfte und zur Ruhe +verwies. +</p> + +<p> +Übrigens kam auch das Publikum nicht aus dem +Lachen heraus bei der wirklichen Komik, die Ilse in ihrem +<pb n='95'/><anchor id='Pgp0099'/>Spiel entfaltete; sie wurde sogar einige Male bei offener +Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse Dreistigkeit +über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht +mehr, wenn der Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte +sich schon ganz heimisch auf den Brettern, und in den +Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik getanzt. +Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen, +lobten die Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem +Publikum – natürlich nur die guten – und besahen +neugierig sich das bunte Treiben. +</p> + +<p> +<q>Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin +Ilse hat viel Talent,</q> sagte auch der Pastor im Parkett +zu Rosi, die einige Male gelächelt hatte, aber zu einem +wahren Genuß nicht gekommen war. +</p> + +<p> +<q>Passend finde ich es nicht, daß eine Frau noch +Theater spielt,</q> warf sie ein, <q>aber freilich, Ilse und +Nellie denken über so etwas anders!</q> +</p> + +<p> +Die Betonung dieser Worte ließ erraten, welchen +Sinn sie hineinlegte. +</p> + +<p> +<q>Aber bedenke doch den guten Zweck, Röschen; sie +nehmen eine Menge Geld ein für die armen Abgebrannten,</q> +meinte ihr Mann und sah sich in dem vollen Hause um. +</p> + +<p> +Es war bis auf den letzten Platz besetzt – lauter +mitleidige, wohltätige Seelen? Wenn mit einem Schlage +die Beweggründe eines jeden auf seiner Stirn zu lesen +gewesen wären, die ihn heute abend ins Theater geführt +hatten, so würde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde +über die Wohltätigkeit den Sieg davon getragen haben. +<pb n='96'/><anchor id='Pgp0100'/>Gute Bekannte in der Öffentlichkeit wirken zu sehen, hat +ja immer einen großen Reiz. +</p> + +<p> +Zum dritten und letzten Male ertönte jetzt die Klingel. +Die <q>Hochzeitsreise</q> von Benedix wurde fast noch flotter +als die andern Stücke gegeben. Nellie und Leo spielten +das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie diese waren die +andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer, +als das Kammermädchen, vorzüglich besetzt. Der Beifall +war ein großer, und zum Schlusse mußten die Spielenden +vier- bis fünfmal erscheinen; unermüdlich rührten sich die +Hände der Zuschauer, und einzelne Begeisterte dankten +sogar mit lauten Bravorufen. – +</p> + +<p> +Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte +herab, die beiden Welten wieder voneinander trennend. +Die Lichter erloschen in dem leeren Zuschauerraume, und +den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen übergezogen. +In den Garderoben hantierte man eifrig mit +Cold Cream, Seife und Waschwasser; damit wurde das +blendende Theatergesicht bearbeitet und wieder in das +alltägliche verwandelt. +</p> + +<p> +Mit wehmütig zärtlichen Blicken betrachtete das +<q>Kind</q> ihr griechisches Gewand, das die Schwestern soeben +sorgfältig in den Korb einpackten. Wie schade, daß +der schöne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war! +Das bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare +Gontrau einstimmig versicherten, wie herrlich das +Theaterspielen gewesen sei. +</p> + +<p> +Ilse schien aber doch ganz froh darüber zu sein, daß +<pb n='97'/><anchor id='Pgp0101'/>die aufgeregte Zeit ein Ende hatte, so sehr sie auch mit +Leib und Seele dabei gewesen war – vielleicht zu sehr, +denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer +gezweifelt, ob es gelingen würde und geseufzt: <q>Ach, +wenn es nur gelingt.</q> +</p> + +<p> +Und wie war es gelungen! Für allen Ärger im +Anfang, für alle Mühe, war der Lohn wenigstens nicht +ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800 Mark +übermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein +rührendes Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort +danach ein, welches die Runde unter denen machte, die +mitgewirkt hatten. Es war doch ein schönes Gefühl, für +ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu +haben, so viel Jammer und Elend zu lindern. +</p> + +<p> +In den ersten Tagen nach der Dilettantenaufführung +gab es natürlich nur dies eine Thema, wenn Gontraus +Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten klang die +Kritik überraschend ähnlich, da sie sich eben nur in Gemeinplätzen +bewegten. Einige schmeichelten dagegen so +verständnislos, daß man genau wußte, hinter dem Rücken +sprachen sie ganz anders. Nur wenige äußerten ein Urteil, +dem man entnehmen konnte, daß sie in die Sache +eingedrungen waren; auch daß sie dies oder jenes tadelten, +sich manches anders gewünscht hätten, war ein Beweis, +daß man der Wahrheit ihrer Worte trauen konnte. Den +größten Spaß bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die +oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hörten; +wie sehr würde darüber die betreffende Dame, welcher +<pb n='98'/><anchor id='Pgp0102'/>gerade dieser Umstand einen triftigen Grund abgegeben +hatte, nicht mitzuwirken, die Nase gerümpft haben. – +</p> + +<p> +Fritz war am Tage nach der Aufführung heimlich +in aller Eile gekommen und hatte sich von Ruth erzählen +lassen, denn er selbst war natürlich nicht im Theater gewesen. +Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich +strenge, die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen +und auf jedes mangelhafte Extemporale eine +empfindliche Strafe gesetzt. <q>Es muß und soll etwas +Tüchtiges aus dem Jungen werden,</q> sagte Rosi zu Tante +Emilie; <q>wenn Adolf eben zu schwach ist, werde ich die +Erziehung allein in die Hand nehmen.</q> +</p> + +<p> +Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifälligem +Kopfnicken begleitet und gab dann mit vieler Wichtigkeit +ihre Ansichten über Kindererziehung zum besten, die in der +Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in der +Praxis wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben +würden. Aber für Rosi war so etwas wie ein Evangelium. +Oftmals fragte sie sich, warum ihre Erziehung bei +Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz und +gar nicht? <q>Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf +seine Eigenheiten nicht eingehst,</q> hätte man ihr zur +Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse fühlte er sich +so wohl, sie hatte Verständnis für den aufgeweckten +Jungen und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth +liebte, die sich dagegen mit Elisabeth durchaus nicht anfreunden +wollte. Das stille Mädchen erregte stets ihren +Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder +<pb n='99'/><anchor id='Pgp0103'/>besitzen, hatte sie deren schwache Seiten längst erkannt, +und zwischen den beiden war ein ewiger Kampf. Rosi +nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind, Ilse dagegen +fand Elisabeth unsympathisch. +</p> + +<p> +Fritz hörte mit offenem Munde Ruths Erzählung +über das Theaterspielen an. Ach, das mußte doch herrlich +gewesen sein, wenn er es doch auch hätte sehen +können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach, +daß selbst Ilse, die eben dazu kam, darüber lachen mußte, +und dann berichtete sie, welche Gesichter die Zuschauer +gemacht und was die Leute gesagt hätten. Aber warum +mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie +hatte ihn vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das +fragte sie jetzt die Mutter. +</p> + +<p> +Ilse lächelte zu dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz +solchen <q>Mummenschanz</q>, wie er es nannte, nicht ansehen +würde, hatte sie wohl gewußt, aber auffallend war +es, daß er sich gar nicht sehen ließ. War er noch böse? +Sie hatte darüber in den letzten Tagen wenig nachdenken +können, aber jetzt kam ihr der Gedanke plötzlich, und alles +stand wieder deutlich vor ihrer Seele; der Streit mit ihm, +seine Schweigsamkeit den ganzen übrigen Tag, sein kurzer +Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. Sonst +vergingen kaum einige Tage, ohne daß er kam – natürlich: +<q>er brummte wohl mal wieder!</q> +</p> + +<p> +<q>Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich +sind,</q> sagte Ilse später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach +und auch er die Meinung äußerte, daß der Professor zürne. +</p> + +<pb n='100'/><anchor id='Pgp0104'/> + +<p> +<q>Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen +mit der Zeit abgewöhnen,</q> erwiderte er seufzend, +aber die glücklichen Augen, mit denen er seine Frau +ansah, straften ihn Lügen. +</p> + +<p> +<q>Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen, +beklagen sich am meisten,</q> gab Ilse zurück, die selten um +eine Antwort verlegen war. <q>Eine Frau, die zu allem +Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit +langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen früher +doch ganz anders geworden, nicht wahr?</q> +</p> + +<p> +Er zögerte mit der Antwort und neckte sie noch eine +Weile, bis er sah, daß sie Ernst machte, denn sie war +in diesem Punkte etwas empfindlich, weil sie sich des +einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran +erinnern ließ. +</p> + +<p> +Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig +im Kopfe herum, sie rief sich alles wieder ins Gedächtnis +zurück, was er gesagt und was sie erwidert hatte, und +ihre Endbetrachtung war: <q>Warum mußte er sie auch +immer so reizen!</q> +</p> + +<p> +Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen +wollte, fand er die Wohnung verschlossen und erfuhr +von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer Zeit +schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht +die nötige Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn +dort sofort auf. +</p> + +<p> +Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden, +sah aber schlecht aus und mußte sich noch sehr schonen, +<pb n='101'/><anchor id='Pgp0105'/>so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend heimkehrte. +</p> + +<p> +Das Mitleid verdrängte bei Ilse sofort jeden andern +Gedanken, sie war ganz von freundschaftlichster Teilnahme +erfüllt und malte sich das Bild des einsamen, kranken +Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte +er auch nicht zu ihnen geschickt! +</p> + +<p> +<q>Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt, +ist intim befreundet, und doch könnte einer sterben und verderben, +ohne daß man etwas davon merkt!</q> rief sie mit +Tränen in den Augen, und auch die Kinder fingen an +zu weinen, als sie erfuhren, daß ihr geliebter Onkel krank +sei. Ruth in ihrer leidenschaftlichen Art fragte fortwährend +unter Schluchzen, ob Onkel Heinz nicht am +Ende sterben würde, und ließ sich kaum beruhigen. +</p> + +<p> +Am andern Tage mußte Leo auf Ilses Bitten noch +einmal in die Klinik gehen und fragen, ob sie den Professor +besuchen dürfe. +</p> + +<p> +Mit einem <q>Nein</q> kam ihr Mann zurück und erzählte, +daß sich der Professor durch Ilse tief gekränkt +fühle und durchaus nichts von ihrem Besuche wissen wolle. +Darüber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr +Ruth, deren lebhaften Fragen, <q>warum sie der Onkel denn +nicht sehen wolle,</q> sie mit der Antwort auswich, daß er +sich noch zu krank dazu fühle. +</p> + +<p> +<q>Ich will den lieben kranken Onkel sehen,</q> sagte +auch Marianne, und Ilse hatte Not, die betrübten Kleinen +wieder zu trösten und zu erheitern. Jetzt empfand sie so recht, +<pb n='102'/><anchor id='Pgp0106'/>wie gut und treu doch der Freund sein müsse, der sich +in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte, +welche ihn nächst ihren Eltern am meisten liebten. +</p> + +<p> +Am Morgen des übernächsten Tages kam Ruth +strahlend zur Mutter gelaufen, einen Brief hoch in der +Luft schwenkend. +</p> + +<p> +<q>Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz – +wir sollen ihn besuchen – heute – in der Klinik – +an mich ist der Brief,</q> kam es in hastig abgebrochenen +Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in +heller Freude. +</p> + +<p> +Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las +ihn. Wahrhaftig, da schrieb er in seinem alten neckischen +Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit Mutter +und Schwester erwarten würde. +</p> + +<p> +Fragend sah Ilse ihr Töchterchen an, die selbst auch +kaum erwarten konnte, ihre Heldentat zu erzählen. Sie +hatte ganz allein an Onkel Heinz geschrieben und den +Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt. +</p> + +<p> +<q>Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus +meiner Sparbüchse gegeben. Ist das wohl zu viel?</q> +fragte sie lebhaft. +</p> + +<p> +Das Kind war voller Stolz über diese eigenmächtige +Tat und erzählte immer wieder von neuem, wie sie das +alles gemacht habe. Niemand hätte ihr geholfen, sie +wäre ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die +Dienstleute immer ständen, und hätte einem davon den +Brief gegeben. +</p> + +<pb n='103'/><anchor id='Pgp0107'/> + +<p> +<q>Willst du ihn mal lesen?</q> fragte sie dann plötzlich, +und ohne eine Antwort abzuwarten, flog sie hinaus, +um ihn zu holen. +</p> + +<p> +<q>Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,</q> +dachte Ilse voll Rührung. Oft genug hatte sie ihr ja +schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen mit der +kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was +sie allerdings im nächsten Augenblicke schon wieder bereute. +Im Lieben und Hassen war sie gleich stark. Für Onkel +Heinz, den sie liebte, würde sie alles tun, dagegen gab +es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen die sie +sich geradezu unliebenswürdig zeigte. +</p> + +<p> +Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel +zurück, auf welcher der Entwurf zu dem Briefe an Onkel +Heinz stand, der folgendermaßen lautete: +</p> + +<p> +<text> +<body> +<salute rend="margin-left: 4">„Lieber Onkel Heinz!</salute> + +<p> +<q rend="post: none">Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber +Mutter sagt schterben wördest du nicht es giebt chetzt auch +schon Maiblumen und Marichane ist gestern aufs Knie +gefallen und Mutter und ich möchten Dich so gern in der +Klinick besuchen und heute mußte eine in unser Schule +nach bleiben die hat aber gebrült. Lieber Onkel ich schicke +Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen ich nach bleiben +mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh +Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann +20 Pfennig gegeben für den weg.</q> +</p> + +<salute rend="text-align: center">Es grüst Dich</salute> + +<signed rend="text-align: right">Deine libe Ruth.“</signed> +</body> +</text> +</p> + +<pb n='104'/><anchor id='Pgp0108'/> + +<p> +Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen können; +Ruth war nun einmal sein erklärter Liebling. Diese +beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs Leben +verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen +Mädchens, sie war der erhellende Sonnenstrahl auf dem +einsamen Lebenswege von Onkel Heinz. +</p> + +<p> +Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und +war voll Unruhe. Bald lief sie durch alle Zimmer, +singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie einen +großen Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte. +Jubelnd brachte sie Ilse den ersten Maikäfer, den sie +eben gefangen und in eine leere Streichholzschachtel auf +zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er sollte auch mit +zu Onkel Heinz wandern. +</p> + +<p> +<q>Da wird er sich drüber freuen,</q> meinte sie strahlend. +Welches Opfer aber auch für ein Kind, den ersten Maikäfer +zu verschenken, den es so eifrig gesucht, auf den +es sich so lange gefreut hat! +</p> + +<p> +Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte +sich Ilse mit ihren beiden Kleinen auf den Weg. Ihre +aufgeregte Älteste hatte unterwegs in einem fort zu fragen; +sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da viele +kranke Menschen wären und wer weiß, was noch alles; +ihr Plappermäulchen stand keinen Augenblick still, und +Ilse mußte sie schließlich ganz energisch zur Ruhe verweisen, +als sie vor der Türe standen und die Glocke +gezogen hatten. +</p> + +<p> +Neugierig sahen die beiden Kinder auf die +barm<pb n='105'/><anchor id='Pgp0109'/>herzige Schwester, die ihnen öffnete und mit sanfter +Stimme nach ihren Wünschen fragte. +</p> + +<p> +Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, daß +Ilse gleich hinaufgeführt werden solle, wenn sie käme, und +die Schwester mit dem milden Gesicht unter dem weißen +Häubchen führte sie deshalb ohne weitere Anmeldung +die Treppe hinauf. +</p> + +<p> +Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken +Läufern. Geheimnisvoll still war es im ganzen Hause. +In dem langen Korridor befand sich Zimmer an Zimmer, +und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton, +der störend nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten +die Schwestern, alle in der gleichen dunklen Tracht, auf +ihrem Wege aneinander vorüber. Eine peinliche Sauberkeit +herrschte überall, und in den großen, hellen Fenstern +standen blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der +Schwestern –, die dem Ganzen etwas von dem Charakter +des Strengen und Ernsten benahmen. +</p> + +<p> +Hinter einer der vielen Türen verschwand nun die +Schwester, und nach einigen Augenblicken kam sie mit +dem Bescheid zurück, daß der Herr Professor bitten +ließe einzutreten. +</p> + +<p> +Zögernd überschritt Ilse die Schwelle, Ruth und +Marianne an der Hand haltend, welche beide schweigsam +die fremde Umgebung mit großen Augen musterten. Wie +hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz +wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt +war, wurde sie zaghaft und scheu. +</p> + +<pb n='106'/><anchor id='Pgp0110'/> + +<p> +Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer +am Fenster auf einem Krankenstuhle saß, eingehüllt in +warme Decken, mit dem Aussehen von jemand, der +schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem +alten Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde +herumkugelte und zu jedem Spaße bereit war. +</p> + +<p> +Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die +Eintretenden sah, besonders beim Anblick von Ruth. Ilse +hatte er mit einem flüchtigen Händedruck begrüßt und dabei +versucht, eine linkische Verbeugung zu machen. Marianne +aber zog er neben sich und nahm sie in seine +Arme, dann wandte er sich wieder an Ruth, welche +zögernd stehen geblieben war und ihn betrachtete. +</p> + +<p> +<q>Na, nun komm doch näher, alte Kröte!</q> rief er +endlich herzlich. +</p> + +<p> +Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand +ihre Scheu, sie lief zu ihm hin und warf sich stürmisch +in seine Arme. +</p> + +<p> +<q>Halt, sachte, sachte,</q> wehrte er den Wildfang ab, +aber als Ilse sie zurückziehen wollte, hielt er sie doch +wieder fest, und sie schmiegte sich noch enger an ihn. +</p> + +<p> +Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht! +Marianne erzählte von ihrer Puppe, die neulich auch so +sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm den ersten Maikäfer +in seinem engen Gefängnis, und konnte nicht genug +berichten, wie schön es im Theater gewesen sei. +</p> + +<p> +<q>Habe von der Mimerei gehört,</q> sagte Onkel +Heinz kurz. +</p> + +<pb n='107'/><anchor id='Pgp0111'/> + +<p> +Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser +und neben ihn gestellt; mit den duftenden Blüten kam +ein Stückchen Frühling in das nüchterne Zimmer. +</p> + +<p> +<q>Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz +nehmen? Ruth, hole deiner Mutter einen Stuhl; fix, +Mädel!</q> rief er und konnte eine gewisse Verlegenheit +nicht verbergen. +</p> + +<p> +<q>Ich danke,</q> sagte Ilse und setzte sich ihm gegenüber. +</p> + +<p> +Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespräch +anzufangen, aber er ging nicht so recht darauf ein. Es +schien eher, als vermeide er, sie anzusehen, denn nur +scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschäftigte er sich +eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und +schwatzten. +</p> + +<p> +Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer +Phantasie weit poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft +ausgeschmückt, und war nun enttäuscht, daß der +Professor jede Annäherung abwehrte und auch nicht die +Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie +auch auf so verwegene Gedanken! Sie hätte ihn doch +hinreichend kennen sollen, um zu wissen, daß er nicht +der Mann war, sich in einer solchen Situation geschickt +zu benehmen. +</p> + +<p> +Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen. +Freilich leugnete er immer sehr bestimmt ab, +daß er irgend etwas vermisse, wenn sie ihn bedauerte, +weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit +oder täuschte er sich selbst? Darüber war sie oft im +<pb n='108'/><anchor id='Pgp0112'/>Zweifel, aber doch neigte sie sich mehr der Ansicht zu, +daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts brauche, als +seine Arbeit, seine Bücher. +</p> + +<p> +Und doch – ein eingefleischter Büchermensch hatte +nicht das warme Herz, das Verständnis für die Kinder, +wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen ein, wie es +niemand besser verstand. +</p> + +<p> +<q>Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist +du immer noch die letzte?</q> fragte er in diesem Augenblick. +</p> + +<p> +<q>Aber, Onkel Heinz,</q> rief Ruth entrüstet, <q>ich bin +niemals die letzte gewesen!</q> +</p> + +<p> +<q>Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja +nie etwas, du bist die Dümmste in der ganzen Klasse ..</q> +</p> + +<p> +<q>Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!</q> +</p> + +<p> +<q>Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!</q> +</p> + +<p> +<q>Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.</q> +</p> + +<p> +Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern +anschlug, wußten sie genau, daß sie sich alles mögliche +herausnehmen durften, und meistens endete eine solche +Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch +heute tat Ruth alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern, +aber er schien doch noch zu hinfällig zu sein, +um mit seiner kleinen Freundin sich in einen Kampf einlassen +zu können. +</p> + +<p> +Wiederholt versuchte Ilse ein Gespräch anzuknüpfen +doch er wandte sein ganzes Interesse den Kindern zu und +antwortete ihr nur kurz – sie mußte ihn tief, tief gekränkt +haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte. +</p> + +<pb n='109'/><anchor id='Pgp0113'/> + +<p> +<q>Sie waren recht krank, lieber Professor?</q> fragte +sie nach einer Weile in ihrem sanftesten Tone. +</p> + +<p> +<q>Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!</q> +</p> + +<p> +<q>Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?</q> fuhr +Ilse fort. +</p> + +<p> +<q>So nannten es die Ärzte wenigstens. Warte du +Strick,</q> wandte er sich dann sofort wieder an Ruth, die +ihm den Maikäfer in den Bart gesetzt hatte. +</p> + +<p> +Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen +Unterhaltung schien ihm sehr angenehm zu sein +– fürchtete er etwa eine Auseinandersetzung? Doch Frau +Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekränkt +und mußte ihn wieder versöhnen. Auf einmal kam er +in seiner ganzen Lage ihr so verlassen vor, so trostlos +traurig, daß sie nur der eine Wunsch beseelte, er möchte +ihr verzeihen. Aber die Kinder mußten erst fort sein, er +hätte bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht +und gefunden. Sie schickte sie deshalb auf den kleinen +Balkon vor dem Fenster mit dem Befehle, sich dort ruhig +und artig zu verhalten, bis sie gerufen würden. +</p> + +<p> +Ruth wollte sich wie gewöhnlich widersetzen, wenn +sie aus der Nähe ihres Onkel Heinz verbannt werden +sollte, aber diesmal genügte ein Blick auf Ilse, um ihr +zu zeigen, daß mit der Mutter jetzt nicht zu spaßen war; +daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus. +</p> + +<p> +<q>Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?</q> +fragte der Professor. +</p> + +<pb n='110'/><anchor id='Pgp0114'/> + +<p> +<q>Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch +seit Ihrer Krankheit gewiß die größte Ruhe gewohnt. +Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel besser? +Wenigstens sehen Sie recht gut aus.</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz brummte etwas Unverständliches in den +Bart, wobei er unverwandt durch das Glasfenster in der +Türe auf den Balkon blickte, wo seine kleinen Freundinnen +den Maikäfer nochmals einer genauen Besichtigung +unterwarfen. +</p> + +<p> +<q>Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen, +daß Sie krank waren?</q> fragte Ilse wieder. +</p> + +<p> +<q>Das hätte mir auch nichts nützen können, wenn +Sie das gewußt hätten,</q> antwortete er nicht gerade +liebenswürdig. +</p> + +<p> +Dann schwiegen wieder beide. +</p> + +<p> +Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah +Ilse ein und beschloß deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern. +</p> + +<p> +<q>Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr böse, Onkel +Heinz?</q> fing sie an. +</p> + +<p> +Er antwortete nicht. +</p> + +<p> +<q>Ich wollte Sie ja nicht kränken,</q> fuhr sie fort. +</p> + +<p> +<q>O – Sie kränken mich oft, sehr oft, wenn ich es +mir auch nicht immer merken lasse,</q> unterbrach er sie +nun fast heftig. +</p> + +<p> +Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, daß er sie durch +sein Benehmen oft reize und auch letzthin gereizt habe, +aber sie unterdrückte doch lieber diese Bemerkung. +</p> + +<pb n='111'/><anchor id='Pgp0115'/> + +<p> +<q>Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder, +weiter ist doch nichts dabei,</q> gab sie statt dessen freundlich +zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack,</q> +warf er ein. +</p> + +<p> +<q>Ja, aber wieso denn?</q> +</p> + +<p> +<q>Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten +Junggesellen, oder Sie sagen, ich sollte froh +sein, daß ich nicht verheiratet wäre, denn ich würde eine +Frau nur unglücklich machen, na – und ähnliche Redensarten +mehr!</q> +</p> + +<p> +<q>Aber, das ist doch alles nur Scherz!</q> +</p> + +<p> +Ilse mußte beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte, +was sie oft zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr +bei diesem Gespräch doch zu ernsthaft zumute. +</p> + +<p> +<q>Sie trauen mir wenig feines Gefühl zu, wenn Sie +glauben, daß ich den Stachel in solchen Bemerkungen +nicht empfinde, der oft recht, recht tief sitzt,</q> erwiderte +Onkel Heinz mit bewegter Stimme. +</p> + +<p> +Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich +vor sich hin. Nach einer Weile fuhr er fort: +</p> + +<p> +<q>Sie sind glücklich, Frau Gontrau, Sie sind verwöhnt, +zu verwöhnt, – denn offen gestanden behandelt +Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht +richtig – Sie sind verheiratet, haben Kinder,</q> fuhr +er fort. +</p> + +<p> +<q>Aber, bester Professor,</q> unterbrach ihn Ilse, <q>dieses +Glück könnten Sie doch auch haben, wenn Sie wollten! +<pb n='112'/><anchor id='Pgp0116'/>Ich denke immer, es läge Ihnen nichts daran und Sie +hätten nur Interesse für Ihre Bücher.</q> +</p> + +<p> +<q>Meinen Sie?</q> fragte er langsam und gedehnt und +sah ihr zum ersten Male voll in die Augen mit einem +Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken mußte. +</p> + +<p> +<q>Halten Sie mich solcher Gefühle nicht für würdig +oder nicht für fähig?</q> fing er wieder an. +</p> + +<p> +<q>Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre +Liebe zu den Kindern,</q> erwiderte Ilse etwas verlegen. +</p> + +<p> +<q>Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir +kein Buch, keine Arbeit über das Gefühl der Einsamkeit +hinweghilft. – Sie kennen so etwas natürlich nicht, Sie +werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, daß Ihr +alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche Empfindungen +haben kann, und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß +darüber spotten und lachen.</q> +</p> + +<p> +Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte. +</p> + +<p> +<q>Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles +zu, halten Sie mich denn für so falsch?</q> fragte Ilse mit +trauriger Stimme. <q>Und dann noch eins,</q> fuhr sie nach +einer kleinen Weile fort, <q>Sie sagten vorhin, mein Mann +behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?</q> +</p> + +<p> +<q>Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr, +er läßt Ihnen zuviel Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach. +Sie werden dadurch egoistisch – Sie hätten ganz anders +erzogen werden müssen.</q> +</p> + +<p> +<q>Erzogen, erzogen!</q> brauste Ilse auf und glich in +diesem Augenblick auf ein Haar dem Trotzkopf von früher, +<pb n='113'/><anchor id='Pgp0117'/><q>Ich bin doch kein Kind mehr, das ‚Erziehen‘ würde ich +mir von meinem Manne recht hübsch verbitten.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau +Gontrau, dann wollen wir dieses Thema lieber verlassen,</q> +sagte Onkel Heinz in jenem Schulmeistertone, der Ilse +schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte. +</p> + +<p> +Aber sie bezwang sich heute, es wäre sonst wieder zu +einem neuen Streite statt zur Versöhnung gekommen. +Auch hallten seine Worte, durch welche er ihr vorhin +sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so +dachte und fühlte er oft! +</p> + +<p> +<q>Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?</q> fragte +sie plötzlich, <q>warum nicht?</q> +</p> + +<p> +Er gab keine Antwort, aber eigentümlich war der +Blick, den er Ilse zuwarf. Sie konnte sich denselben nicht +recht erklären, dennoch fühlte sie instinktiv, was er ausdrückte +– es beunruhigte – es verwirrte sie. +</p> + +<p> +<q>Sie halten mich wohl für recht schlecht?</q> platzte +sie in ihrer Verlegenheit heraus. <q>Sagen Sie mir nur +meine Fehler immer offen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ich halte Sie für gut, Frau Gontrau,</q> erwiderte +der Professor einfach, <q>sonst würde ich überhaupt Ihr +Freund nicht sein, und der bin ich doch, nicht wahr? +Schöne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen, +will es auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit +Ihnen. Oder glauben Sie das nicht?</q> +</p> + +<p> +Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann +wieder schroff, als kämpfe er mit seinen <anchor id="corr113"/><corr sic="Gefühlen">Gefühlen.</corr> +</p> + +<pb n='114'/><anchor id='Pgp0118'/> + +<p> +<q>Gewiß, gewiß, Onkel Heinz,</q> sagte Ilse schnell; +<q>aber oft sind Sie zu absprechend, und nicht allein gegen +mich, auch gegen Leo; wie machen Sie seine Wissenschaft +manchmal herunter!</q> +</p> + +<p> +Ironisch lächelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze. +</p> + +<p> +<q>Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen +nicht viel andres.</q> +</p> + +<p> +<q>So?</q> unterbrach ihn Ilse lebhaft; <q>wenn also die +Juristen einseitig sind, dann sind die Zoologen eingebildet, +Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur sagen.</q> +</p> + +<p> +<q>Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer mißverstehen, +Frau Gontrau. Nun wollen wir das Thema lieber ruhen +lassen, sonst streiten wir uns wieder. Wenn ich so etwas +sage, meine ich es doch nicht persönlich, es gibt ja doch +Ausnahmen unter den Juristen!</q> +</p> + +<p> +<q>Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?</q> fragte Ilse +schnell. +</p> + +<p> +<q>Sonst wäre er mein Freund nicht,</q> gab Onkel +Heinz wieder mit Nachdruck zur Antwort. +</p> + +<p> +Ilse amüsierte sich innerlich über die gute Meinung, +die er von sich hatte, aber gleichviel; was waren seine +Eigentümlichkeiten gegen seine wahre Freundschaft für sie +und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit denen er +verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte, +er würde mit der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler +werden, wenn die Freundschaft mit Gontraus durch irgend +etwas zerstört werden sollte. War es deshalb nicht auch +eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu retten, das +<pb n='115'/><anchor id='Pgp0119'/>allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr +war, sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit +in der Welt zu verlieren? +</p> + +<p> +Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen, +das den Verkehr zwar erleichtert, aber zu einem wirklichen +Freundschaftsverhältnis doch nicht ausreichend ist. Er bekannte +offen und frei ins Gesicht, was er dachte, jedoch +hinter dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst +wenn es gegen seine Überzeugung ging. +</p> + +<p> +Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte, +daß sie ihm heute, in diesem Augenblicke viel, viel näher +gerückt war als je zuvor, denn in solchem Maße hatte er +ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen hatte +er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine +Wunde darin, hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte +Stelle? +</p> + +<p> +Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und +hätte gern mehr darüber erfahren. Das beunruhigende, +verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter seinem Blicke +beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie +wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden. +</p> + +<p> +Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine +unglückliche Liebe? +</p> + +<p> +Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den +Faden wieder aufnehmen, aber sein veränderter Ausdruck +belehrte sie eines Besseren, und das war gut. +</p> + +<p> +Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine +Gefühle zu offen gezeigt zu haben, ein ironischer Zug +<pb n='116'/><anchor id='Pgp0120'/>lagerte sich um seinen Mund, als mache er sich über sich +selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem wahren +Galgenhumor. +</p> + +<p> +Unaufhörlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus +in die helle, sonnige Luft, welche die beiden Kinderköpfe +auf dem Balkon duftig umwob. +</p> + +<p> +Laut rief er sie bei Namen. +</p> + +<p> +<q>Ruth, Marianne, kommt herein!</q> +</p> + +<p> +Die beiden ließen sich das nicht zweimal sagen, ungestüm +stürmten sie ins Zimmer. +</p> + +<p> +<q>Laßt die Türe offen, Kröten, es ist eine dumpfe +Luft hier!</q> +</p> + +<p> +Ilse öffnete Fenster und Türe weit – sie und Onkel +Heinz atmeten tief auf, als der frische Zug von draußen +hereinwehte – belebend, ermutigend! +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz,</q> rief Ruth fröhlich, <q>gestern haben wir +uns den Rasenabhang – weißt du den, wo die vielen +Veilchen stehen – heruntergekugelt. Wie schade, daß du +nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn +du erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du +dich auch mit herunter?</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles, +was die Kinder von ihm verlangten. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz,</q> sagte Ilse auf einmal lachend und +einer plötzlichen Eingebung folgend, <q>wie haben Sie sich +denn hier mit den Ärzten vertragen, die Sie ja doch so +sehr verabscheuen?</q> +</p> + +<p> +<q>Ja,</q> erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut +<pb n='117'/><anchor id='Pgp0121'/>gelaunt, <q>was soll man denn machen, wenn sie einen in +völlig wehrlosem Zustande in die Klinik schleppen? Ihren +Klauen entgeht man nun einmal nicht!</q> +</p> + +<p> +<q>Unter diesen ‚Klauen‘ sind Sie aber Gott sei Dank +wieder gesund geworden, Onkel Heinz, und das ist die +Hauptsache!</q> +</p> + +<p> +<q>Haben die Ärzte nicht Schuld, sondern nur meine +gute Natur!</q> +</p> + +<p> +Streiten mußte er nun einmal immer. +</p> + +<p> +<q>Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden +Sie sich gewiß schnell erholen in der himmlischen Frühlingsluft. +Dürfen wir bald mal wiederkommen?</q> +</p> + +<p> +Ilse fragte mit bestechender Liebenswürdigkeit; in dem +unklaren Gefühl, daß sie trotz allem einen nicht geringen +Einfluß auf Onkel Heinz ausübe; so empfindlich derselbe +sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte, ebenso +empfänglich war er andrerseits auch für die geringste +Freundlichkeit. +</p> + +<p> +So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen. +</p> + +<p> +Beim Fortgehen sagte Ilse leise: +</p> + +<p> +<q>Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute +Freundschaft halten.</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz wußte, was es sie kostete, eine solche +Bitte über ihre Lippen zu bringen, kannte er sie doch auch +ganz genau. Desto wertvoller waren ihm ihre Worte. +</p> + +<p> +<q>Auf gute Freundschaft!</q> erwiderte er herzlich und +reichte ihr seine Hand. +</p> + +<p> +Der Abschied von den Kindern war ein sehr +zärt<pb n='118'/><anchor id='Pgp0122'/>licher, namentlich von Ruth, die sich gar nicht trennen +konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte. +</p> + +<p> +Als sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, war +es wie zuvor still und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz +lehnte sich zurück und schloß die Augen. Worüber er nachdachte? +Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg. +Den Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte +sie dem Zufall, wie er denjenigen manchmal begünstigt, +der auf hohem Berge steht und sehnsüchtig in +die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf +einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig +späht er hinab, sieht unter sich ein blühendes Tal – hier +ein Dorf – dort ein Schloß auf der Höhe. Was liegt +nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er wissen, +möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von +neuem schieben sich die Wolken davor, alles verbergend +und verhüllend. +</p> + +<p> +So hatte sich auch über die Gedankenwelt von Onkel +Heinz die undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben, +welche sein Inneres jedem Blicke verbarg. +</p> + +<p> +Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester +ein, lautlos wie immer, und brachte seine Abendmahlzeit. +</p> + +<p> +<q>Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl, +Sie könnten sich sonst erkälten, Herr Professor,</q> sagte +sie freundlich. +</p> + +<p> +Er erwachte wie aus einem Traume! +</p> + +<p> +<q>Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja +Unsinn – Luft schadet nichts, will mich nicht verpimpeln.</q> +</p> + +<pb n='119'/><anchor id='Pgp0123'/> + +<p> +Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrüche +der Kranken gewöhnt, tat trotz dieser Rede doch, +was sie für ihre Pflicht hielt; sie schloß die Türe und +zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im +Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kühl. – +</p> + +<p> +Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus +in die Anlagen vor der Stadt, um den Maitag in seinem +Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte sie ihrem +Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten. +Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen +Eindruck auf sie gemacht, und sie nahm sich vor, ihn von +jetzt ab mit viel mehr Rücksicht zu behandeln als bisher. +</p> + +<p> +Die Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige +Gesang der Nachtigallen machten sie heute weicher, +als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann einen +ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er +erschien ihr auf einmal in einem ganz andern Lichte; +seine äußere Rauheit war nur Schein, dahinter verbargen +sich schmerzliche Gefühle von Einsamkeit, Verlassenheit, +ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn +künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr +geschenkten Vertrauens würdig war. +</p> + +<p> +Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken immer wieder +zurück zu dem kleinen Krankenzimmer in der Klinik, sie +sah ihn vor sich, betrübt und nachdenklich, und faßte den +festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu sein. – +</p> + +<p> +Die gerührte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau +Ilse versetzt hatte, hielt zum Glück nicht lange an. +</p> + +<pb n='120'/><anchor id='Pgp0124'/> + +<p> +Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnügt, ganz +der Alte, und jedes mitleidige Wort, das Ilse über seine +Krankheit, über sein einsames Leben an ihn richtete, schnitt +er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu bedauern +sei, denn er wäre nicht sentimental angelegt und +wüßte sich mit den Tatsachen abzufinden. +</p> + +<p> +So geriet allmählich der Verkehr zwischen den beiden +wieder in das alte Geleise, sie neckten und stritten sich +wie zuvor, aber dennoch nahm sich Ilse mehr zusammen, +und Worte wie: <q>alter Junggeselle, Brummbär</q> usw., +die ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht mehr +zu hören. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/> +<p> +Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage +waren heiß, das frische Grün der Gärten wurde durch +eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer war +eingezogen und hatte den Frühling verdrängt. +</p> + +<p> +Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der +schönste gepriesen, wie kurz vorher sein Vorgänger, der +wonnige Mai. +</p> + +<p> +Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen +Brief von Flora mit vielen engbeschriebenen Seiten vor, +nachdem dieselbe lange nichts hatte von sich hören lassen. +</p> + +<p> +Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe +verließen, war eine Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie +schien eine Zeitlang wie gebrochen zu sein, und ihr Kummer +war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine Feder +<pb n='121'/><anchor id='Pgp0125'/>an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit +überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag +ging nicht spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie +aus ihren törichten Ideen auf, das Leben nahm für sie +seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften Ideale +zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß +es ihr eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine +andre geworden, als sie den Witwenschleier wieder ablegte. +Vor allen Dingen versuchte sie nun Käthchens +Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend +und holte sie von der Großmama zurück. Nach und nach +gewöhnte sich die Kleine mehr an sie, doch hatte sie +manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe +daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen +zu haben, wie sie früher an ihr gehandelt hatte. +Aber endlich wurde Floras Mühe und Ausdauer durch +Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter +und Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu +einem sehr herzlichen. +</p> + +<p> +So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum +zweiten Male mit einem Gutsbesitzer, Namens Werner, +verheiratete. Die poetische Flora und ein Landwirt! +Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse +und Nellie oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras +Briefen ersehen, daß diese sich geändert haben mußte, +denn sie klangen ganz vernünftig, und nur selten noch erging +sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre +zwei kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein +Zwillings<pb n='122'/><anchor id='Pgp0126'/>pärchen, schrieb sie glücklich und stolz und brannte darauf, +sie den Freundinnen zeigen zu können. Fast jeder ihrer +Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die Freundinnen +hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und +Flora schien nicht vergessen zu haben, in welcher Weise +Ilse und Nellie ihr einst in der schweren Zeit beigestanden +hatten. +</p> + +<p> +Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse +soeben zu Ende gelesen hatte, um ihren und der Kinder +Besuch; sie schilderte verlockend, wie herrlich jetzt das +Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten +habe, mitzukommen. +</p> + +<p> +Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen, +und nach einigem Hin- und Herüberlegen entschloß +sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, daß sie +kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit +mit den Kindern eintreffen würde. Ruths Ferien sollten +in den nächsten Tagen beginnen, und auch ihr und +Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft +sehr gut tun. +</p> + +<p> +Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu +bewegen, die es zunächst als eine Unmöglichkeit hinstellte, +ihren Mann zu verlassen. Was sollte Fred ohne ihre +stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das Dienstmädchen +angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte +sie rund heraus. +</p> + +<p> +Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte +sich hinter den Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht +<pb n='123'/><anchor id='Pgp0127'/>aussehend, und stellte ihm dies so beharrlich vor, bis er +schließlich selbst fand, daß seine Frau erholungsbedürftig sei. +Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er plötzlich +darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine +Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches +und, wie sie meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund, +aber der arme Fred, der sich so abquälen mußte, +der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine +dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte +sie ihn verlassen, er wollte in der staubigen, heißen Stadt +allein zurückbleiben und arbeiten, immer arbeiten; niemand +würde da sein, der für ihn sorgte, wenn er müde +und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine +Erholung für ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur +ausgesprochen wurden, zu erfüllen suchte. O, sie würde +keine ruhige Minute auf der Reise haben, nicht die Spur +von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an +ihn denken. +</p> + +<p> +Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte +nicht, daß diese sich heimlich ins Fäustchen lachte, als sie +sah, daß ihre Bemühungen erfolgreich gewesen waren. +Sie fand es ganz heilsam für den nervösen Direktor, daß +er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer +Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was +er an dieser Frau besaß, die ganz und gar in ihm aufging +und nur für ihn auf der Welt zu sein schien. Mit +Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts auszurichten; +sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht +<pb n='124'/><anchor id='Pgp0128'/>wisse und beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei +und trotz aller Liebe für die Freundin fand sie dennoch, +daß diese solche Dinge zu leicht nehme. +</p> + +<p> +<q>O, ich bitte dich,</q> flehte sie Ilse an, <q>rede es +Fred aus, daß ich fort soll, sage ihm, daß du mich frisch +und gesund fändest, und daß ich keine Erholungsreise +nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.</q> +</p> + +<p> +Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das +erklärte sie ganz offen gegen Nellie. So mußte sich diese +denn ins Unvermeidliche fügen. Fred hatte ihre Bitten +zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und +durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er +schließlich so nervös und ungeduldig geworden, daß sie +endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein Schatten schlich +sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb +ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden +Anordnungen für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit +standen. Alle seine Lieblingsgerichte sollten +gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück und +Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch +kommen, so daß der arme, verlassene Mann wenigstens +nicht zu darben brauchte. +</p> + +<p> +Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und +der Direktor und Leo begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe. +Ersterer mußte noch unzählige Ermahnungen über +sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie +von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im +letzten Augenblicke; aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine +<pb n='125'/><anchor id='Pgp0129'/>Düte heraus, die von den Kindern mit Jubel begrüßt +wurde. +</p> + +<p> +<q>Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden +sich herrlich amüsieren,</q> sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern, +und im gleichen Augenblicke rief Gontrau ihr +neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur Kneipe +abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit +genießen. +</p> + +<p> +<q>Siehst du wohl,</q> lachte Ilse. +</p> + +<p> +Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute, +im Gegenteil bat sie Leo in vollem Ernst, ihren Fred +doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig vertragen +und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal +des Guten zu viel getan hätte. +</p> + +<p> +<q>Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,</q> sagte +Onkel Heinz mit pfiffigem Lächeln, <q>ich werde auf die +beiden Männer achten.</q> +</p> + +<p> +<q>O, Sie sind mir der Rechte,</q> erwiderte Nellie, die +den Spott aus seinen Worten gut herausfühlte. – +</p> + +<p> +Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch +lange die Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden +zum Abschiedsgruße zu. +</p> + +<p> +Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an, +denn die Freude der beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie +hatten fortwährend zu fragen und zu zeigen, wollten bald +dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, kurz und +gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider +Frauen, um sie zufrieden zu stellen. +</p> + +<pb n='126'/><anchor id='Pgp0130'/> + +<p> +So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon +hielt der Zug auf der letzten Station an, wo Flora sie +mit dem Wagen erwartete. +</p> + +<p> +Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige; +sie konnte sich an Ruth und Marianne gar nicht +satt sehen, und fragte und küßte sie immer wieder. +</p> + +<p> +Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen, +musterten sich die Freundinnen untereinander mit großem +Interesse. <q>Du hast dich aber gar nicht verändert,</q> hieß +es. <q>Etwas stärker bist du geworden.</q> <q>Und du siehst +viel wohler aus, als früher,</q> und ähnliche Redensarten +mehr wurden ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt, +wenn man sich nach jahrelanger Trennung wiedersieht. +</p> + +<p> +Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile +verändert. Durch die Landluft hatte sie frischere +Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch paßte +der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie. +Nur der Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe +geblieben, und als der Wagen durch blühende Wiesen +und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den Freundinnen +zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie +wieder den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue +Ferne gerichtet, als ob sie von dort etwas Besonderes +erwarte. +</p> + +<p> +Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen +Eisenbahn war herrlich. Zwar brannte noch heißer +Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur war +derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in +<pb n='127'/><anchor id='Pgp0131'/>dem eine Temperatur wie in einem Backofen geherrscht +hatte. +</p> + +<p> +Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen, +das unter den warmen Strahlen einen köstlichen Duft +ausströmte, dann bogen sie wieder in die staubige Chaussee +ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes +erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand. +</p> + +<p> +Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter +deren blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter +zum Vorschein kamen, während barfüßige Bauernkinder +lustig schreiend hinter dem Wagen herliefen, da schien +sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu +fühlen. +</p> + +<p> +Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller +Miene zu, und wehrte drohend die Kinder ab, die +zu nahe an den Wagen herankamen. +</p> + +<p> +<q>Sie kennen mich alle,</q> sagte sie stolz, <q>und ich +darf auch wohl sagen, daß ich ihnen eine brave Gutsherrin +bin.</q> <q>Wie geht’s dem Vater?</q> fragte sie im +Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort +in dem Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief +ihr noch zu: <q>Ich komme in diesen Tagen und bringe +ihm wieder Wein.</q> +</p> + +<p> +Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten +sie noch einen kurzen Feldweg, kamen dann an einigen +großen Scheunen vorbei, hinter denen stattliche Misthaufen +den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren nun +in den Gutshof ein. +</p> + +<pb n='128'/><anchor id='Pgp0132'/> + +<p> +<q>Vor das Schloß fahren,</q> befahl Flora mit komischer +Grandezza. +</p> + +<p> +Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der +mitten durch den Garten führte, und hielt vor einem großen +kastenartigen Gebäude – es war das sogenannte <q>Schloß</q>. +– Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung gegeben +hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht +mit dem stolzen Namen belegt. Es zeigte eine lange +Front mit vielen Fenstern, aber ohne jeden Zierat. Nur +ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür +ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen +waren. +</p> + +<p> +<q>Es gehörte einem Baron v. H.,</q> erklärte Flora, +als sie bemerkte, daß die Freundinnen das Wappen, +welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam betrachteten. +In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein +schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand +einen kleinen Blondkopf führend – Käthe mit Floras +Zwillingen. Nun gab es wieder eine Menge Fragen, +die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe! +Das verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen +Mädchen entwickelt, Nellie und Ilse mußten sie immer +wieder betrachten. Und dann die Zwillinge, glichen sie +wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und +erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den +Bonbons, die er ihnen geschenkt hatte. +</p> + +<p> +Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne +nur scheu an und gaben keine Antwort. +</p> + +<pb n='129'/><anchor id='Pgp0133'/> + +<p> +<q>Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,</q> +rief Flora, als sie sah, wie sich Ruth umsonst +mit ihnen abmühte. +</p> + +<p> +Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder +allerdings nicht aus, sondern sie glichen eher den beiden +Reuterschen lütten Druwäppeln <q>Lining</q> und <q>Mining</q>; +ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen, +hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar. +</p> + +<p> +Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden +Blicke, den auch sie in diesem Moment über die vier +Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen standen. Fast +jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten! +So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten +ihrer Zwillinge ausfallen, aber daß Ilses Mädchen einen +feineren Eindruck machten, schien ihr doch unwillkürlich +aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und +Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie +so hochrote Wangen hätten. +</p> + +<p> +<q>Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,</q> +wandte sie sich an Ilse und Nellie, und dann schalt sie, +daß Käthe ihnen die Haare so glatt gekämmt habe, und +fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die Blondköpfe, +als könnten sich unter dieser Berührung die glatten +Strähnen in Locken verwandeln. +</p> + +<p> +<q>Aber nun kommt herein,</q> sagte sie, als die Begrüßung +vorüber war, und fragte ihre Kinder: <q>Wo ist +denn der Papa?</q> +</p> + +<pb n='130'/><anchor id='Pgp0134'/> + +<p> +<q>Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen,</q> +berichtete Thusnelda mit lauter Stimme; es war +das erste Wort, welches sie sprach. +</p> + +<p> +Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen +Auskunft nicht verbergen. +</p> + +<p> +<q>Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen, +ich möchte sie gerne sehen,</q> bettelte nun Ruth, +für die ein solcher Anblick hochinteressant war. +</p> + +<p> +<q>Später, später,</q> antwortete Flora flüchtig. +</p> + +<p> +Sie hatte ihre Gäste mittlerweile die Treppe hinaufgeführt +und in die Fremdenzimmer geleitet. Das Innere +des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die weiß getünchten +Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl +aus, der helle Estrich und die frisch gescheuerten Treppen +brachten ebenfalls keine Abwechslung in die Eintönigkeit +der Farben. Auch die Zimmer schienen soeben erst aus +den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein, +denn ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen. +Aufdringlich wirkten die Tapeten, deren grelles Muster +selbst die farbenreichen Öldruckbilder an den Wänden +um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige +Möbel, mit buntem Kattun überzogen, bildeten die Einrichtung; +über die Tischdecke, schwarz mit großen roten +Blumen, war als Schutz noch eine weiße Serviette gebreitet, +und auf dieser stand ein großer Feldblumenstrauß +– das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung. +</p> + +<p> +Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war +darin nicht verwöhnten Städtern eine Wohltat, und +<pb n='131'/><anchor id='Pgp0135'/>mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche Landluft +ein, welche durch die offenen Fenster strömte. +</p> + +<p> +Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage: +Nun, wie gefällt es euch hier? und deshalb lobte sie in +ihrer Gutmütigkeit alles. +</p> + +<p> +<q>Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel +stammen noch von den Großeltern des Barons, sind also +ganz antik,</q> erwiderte Flora und zeigte dabei stolz auf +die kattunbezogenen Steifbeine. <q>Aber nun will ich nicht +weiter stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn +ihr fertig seid, erwarte ich euch im Eßzimmer – im +unteren Flur die Türe rechts.</q> +</p> + +<p> +Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus. +Marianne hatte die frischen Zwillinge gleich in ihr kleines +Herz geschlossen, während Ruth die kleinen Ferkel, nach +denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch +viel mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen, +denn sie meinte, die hätte sie noch gar nicht +gern, sie sprächen ja nichts und sähen genau so aus, +wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet +wären. +</p> + +<p> +Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten +Tochter ihr rasches Urteil, indem sie ihr klar machte, daß +sie dergleichen ja nicht etwa zu Tante Flora, überhaupt +nicht zu andern sagen dürfe. +</p> + +<p> +Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit +später ins Eßzimmer, einen großen hellen Raum, traten, +fanden sie hier neben Flora, Käthe und den Zwillingen +<pb n='132'/><anchor id='Pgp0136'/>ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise +höchst neugierig waren. +</p> + +<p> +Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die +prächtigen Geweihe an den Wänden, die sie sich als Kennerin +sonst gewiß eingehend betrachtet haben würde, und +blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften, +neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand. +Die ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200 +Pfund taxierte, – einen größeren Gegensatz konnte man +sich nicht vorstellen. Auf den breiten Schultern saß ein +kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen kurzgeschorenen +Haare schimmerte; rot war auch sein joviales +Gesicht und seine kräftigen Hände; breit und energisch der +Nacken, der in einer dicken Falte über dem Rockkragen lag. +Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde der Prosa! +Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an? +</p> + +<p> +Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und +Ilse bemerkte, oder ob ihr von selbst die rosige Rundlichkeit +ihres Gatten auffiel, genug, sie strich über seine Stirn +und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl sonst +auch so zarte Farben, wie die Zwillinge? +</p> + +<p> +Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem +schelmischen Lächeln von Nellie vermuten. +</p> + +<p> +<q>Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern +sein müssen,</q> wandte sich Flora an die Freundinnen, +während man sich um den Tisch zum Essen niedersetzte. +</p> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p0132.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<p> +<q>Ja, ja, es ist zum Braten draußen,</q> erwiderte er +und wischte sich die hellen Perlen von der Stirn. <q>War +<pb n='133'/><anchor id='Pgp0138'/>wohl auch ’ne nette Temperatur in den Coupés, was?</q> +wandte er sich an seine Nachbarinnen. +</p> + +<p> +<q>O ja,</q> lachte Ilse, <q>aber dafür haben wir’s auch +jetzt gut, hier ist es ja herrlich kühl. In der Stadt fanden +wir es unerträglich und freuten uns deshalb sehr, als Ihre +liebenswürdige Einladung ankam.</q> +</p> + +<p> +<q>Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge +machen können! Die Umgegend ist so schön,</q> sagte +Flora. +</p> + +<p> +<q>Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir +haben, es ist die höchste Zeit. Der ist so nötig, wie ’s +liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt, alles vertrocknet; +wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein Futter +fürs Vieh mehr haben.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben, +dürfen wir uns doch keinen Regen wünschen,</q> erwiderte +Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar peinlich, daß +er so sprach. +</p> + +<p> +Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte: +</p> + +<p> +<q>Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter +Landwirt sein, wenn er nicht so dächte. Als einstiges +Landkind weiß ich ganz genau, was es bedeutet: kein +Regen!</q> +</p> + +<p> +<q>So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?</q> fragte +der Gutsbesitzer voll Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin +noch einmal genauer an. +</p> + +<p> +<q>Aber, August,</q> rief Flora, <q>ich habe dir doch alles +von Frau Gontrau und Frau Althoff erzählt.</q> +</p> + +<pb n='134'/><anchor id='Pgp0139'/> + +<p> +<q>Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen. +Mir geht so vieles durch den Kopf, daß ich für +so etwas kein Gedächtnis habe.</q> +</p> + +<p> +<q>August!</q> Sie warf ihm einen bedeutungsvollen +Blick zu. +</p> + +<p> +<q>O, das kenne ich von Fred genau,</q> tröstete Nellie. +<q>Der arme Mann ist oft so vergeßlich! Das kommt von +seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind seine Nerven +auch sehr herunter.</q> +</p> + +<p> +Hieran anknüpfend erzählte sie die ganze Leidensgeschichte +des armen vielgeplagten Fred, und wie schwer +es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen, da er ihrer Pflege +so sehr bedürfe. +</p> + +<p> +Flora hörte geduldig zu und tröstete so gut sie es +verstand. +</p> + +<p> +Währenddem entspann sich auch zwischen Ilse und +Herrn Werner eine längere Unterhaltung, die ihn aber +nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig zuzusprechen. +Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen +verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich. +Übrigens wurde ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte +sympathischer; die feinen Umgangsformen eines Salonmenschen +fehlten ihm allerdings, dafür war er zu derb, +dabei aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig, +das Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien +sehr erfreut, in der Freundin seiner Frau eine Liebhaberin +und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, die für alles +was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte +<pb n='135'/><anchor id='Pgp0140'/>ihm unter anderm, daß ihr Vater jetzt einen großen Teil +seiner Ländereien mit Zuckerrüben bebaut habe, und daß +er zur bequemen Beförderung der Rüben eine kleine Bahn +über die Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle Einzelheiten, +nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn +sehr interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand, +einen Teil seiner Felder zur Rübenkultur vorzubereiten. +Sie sprach über die neuen landwirtschaftlichen Maschinen, +über die besten Düngemittel wie ein Fachmann, und folgte +aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner +Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich +werden würde. +</p> + +<p> +Flora hörte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie, +verstohlen beobachtete sie die beiden andern und zwar zuerst +nicht sehr erbaut, daß August seine Nachbarin nicht über +andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte, daß +Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte, +da beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer +noch in einiger Aufregung darüber, welchen Eindruck ihr +August wohl auf die Freundinnen gemacht habe, und sie +nahm sich vor, sie nachher offen darüber auszufragen. +</p> + +<p> +Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet +und saßen nicht mehr so schüchtern und still auf ihren +Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. Ruth besonders +rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick +nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen +durfte; deshalb war niemand froher als sie, als Flora +jetzt aufstand und verkündete, daß der Kaffee unter der +<pb n='136'/><anchor id='Pgp0141'/>großen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden +sollte. +</p> + +<p> +Dort war es köstlich! Die breiten herabhängenden +Äste wölbten sich zum schützenden Dach über dem Platze, +aber die Sonne stahl sich doch durch die kleinen Ritzen +und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle +Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle +und Bänke, auf die blanken Tassen und Teller, und +als sich Werners mit ihren Gästen niederließen, tanzten +und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den Haaren +und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause +sandte ein Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt +mit dem Wohlgeruch der Reseda, womit die Beete eingefaßt +waren. +</p> + +<p> +Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden +über den wonnigen Platz, und letztere dachte im stillen, +daß diese grüne farbige Umgebung, die freie Luft einen +weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn und +seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften +Töne im Zimmer taten. +</p> + +<p> +In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken +und der riesengroße Napfkuchen verzehrt, der mitten auf +dem Tische prangte und für die Kinder eine wahrhaft +magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis +jedes ein Stück davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn +nicht aus den Augen. +</p> + +<p> +Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange +durch sein Besitztum auf, was besonders von Ruth +<pb n='137'/><anchor id='Pgp0142'/>jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun doch endlich +zu dem heiß ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen. +Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu sehen! +Aber unbekannt waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten +ganz gut Bescheid, da sie ja fast alle Jahre zum Besuche +bei den Großeltern in Moosdorf gewesen waren und das +Leben auf dem Lande recht gut kannten. +</p> + +<p> +Es wurden die Scheunen besehen, die Ställe, man +ging über den Geflügelhof, alles war in bester Ordnung, +und wenn die große Gestalt des Besitzers erschien, konnte +man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er +ein strenges, aber gerechtes Regiment führte. +</p> + +<p> +<q>Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,</q> +sagte Flora scherzend, als das Blöken der Kühe, das +Wiehern der Pferde und Grunzen der Schweine ihnen +noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude verließen +und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen +kurzen Spaziergang über die Felder zu machen. Ein +starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die Leute waren +gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen +in aller Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie +prachtvoll und üppig standen die Felder, die Ähren waren +straff und voll! Kornblumen und leuchtend roter Mohn, +auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine +Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und +Hildegard daran vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf +und Mariannes blondes Köpfchen tauchten bald hier, bald +dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken war +<pb n='138'/><anchor id='Pgp0143'/>für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen +Händen voll bunter Blumen kamen sie zurück, und Käthe, +die nicht mitgegangen war, weil sie im Hause beschäftigt +gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete +sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte +Abendtafel unter der Kastanie stellte. +</p> + +<p> +Der etwas befangene und fremde Ton, der am +Mittag geherrscht hatte, machte heute abend einer ganz +andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch unterhielten +sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu +übermütig umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte, +sie zu bändigen. Um neun Uhr wurde die kleine Gesellschaft +trotz allem Betteln und Quälen zu Bett geschickt, +ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch +die offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille +und dem Froschquaken um die Wette durch die abendliche +Stille. +</p> + +<p> +Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr, +um zur Ruhe zu gehen, worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls +pflichtschuldig aufstanden. Wie schade, sie hätten den +Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es ja kühler +hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie +fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten. +</p> + +<p> +<q>Gerne, gerne,</q> riefen sie beide mit einem fragenden +Blick auf Herrn Werner. +</p> + +<p> +<q>O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu +gehen,</q> erwiderte Flora. <q>August steht des Morgens jetzt +schon um vier Uhr auf, da ist er abends natürlich müde. +<pb n='139'/><anchor id='Pgp0144'/>Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht +wahr?</q> wandte sie sich an die beiden. +</p> + +<p> +<q>Selbstverständlich,</q> gaben sie zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Na, dann schlafen Sie recht gut,</q> sagte der Hausherr +und reichte den jungen Frauen die derbe Rechte. +<q>Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie geträumt +haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt +es meine Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid. +Ich kenne keine Träume! Gute Nacht, Frau,</q> +sagte er dann freundlich zu Flora. <q>Vergiß nicht, +morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen, +ob’s stimmt, die mogelt gern ein bißchen; und dann sorge +dafür, daß Hesse mit der Butter nicht zu spät fortfährt, +damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch etwas +bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,</q> entgegnete +Flora leicht errötend – die Aufträge schienen ihr +nicht gerade angenehm zu sein. +</p> + +<p> +Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem +knirschenden Kies verhallt waren, hörte man noch eine +Weile seine laute Stimme, wie er mit dem Verwalter +sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen. +</p> + +<p> +<q>Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal +etwas barsch erscheint; das meint er gar nicht so,</q> +fing Flora auf einmal ohne äußeren Zusammenhang an +aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen +in diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie +<pb n='140'/><anchor id='Pgp0145'/>deshalb zu gleicher Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele, +und wie glücklich sie im Besitze eines so prächtigen +Mannes und so lieber Kinder sein könne. +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, das bin ich auch,</q> erwiderte Flora in aufrichtigem +Tone, blickte dann aber gedankenvoll, wohl in +Erinnerung an die Vergangenheit versunken, vor sich hin. +Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn. +</p> + +<p> +<q>Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,</q> +sagte sie nach einer Weile plötzlich zu den Freundinnen, +ihnen herzlich die Hände drückend, und fuhr dann fort: +<q>Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen +werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen +geändert, denn ich sah ein, daß ich mit meinen idealen +Anschauungen nicht in diese materielle Welt paßte. Ihr +habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das +weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen +Gefühlen. Durch den Tod meines ersten Mannes bin +ich eine andre geworden, Gewissensbisse und Vorwürfe +haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück +zum zweiten Male mit der Hand meines guten August +darbot. Er ist ein echter Landmann und hat auch nur +Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe versuchte +ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und +habe ihm häufig abends vorgelesen, doch er war zu müde +und schlief dabei ein. Aber da habe ich mir gesagt, es +sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die Gedichte +lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man +auch dem praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.</q> +</p> + +<pb n='141'/><anchor id='Pgp0146'/> + +<p> +<q>Bravo, bravo!</q> rief Ilse; so vernünftig hatte sie +Flora noch niemals sprechen hören. +</p> + +<p> +<q>Und wie ist es mit Käthe?</q> fragte Nellie. +</p> + +<p> +<q>O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt +ja ein verschlossenes Mädchen, aber für die Zwillinge +sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie über alles.</q> +</p> + +<p> +<q>Wie schön für dich,</q> sagte Nellie. +</p> + +<p> +<q>Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe, +sie war so störrisch, sie wollte nichts von mir wissen, +doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen nun nicht mehr +von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.</q> +</p> + +<p> +Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen +Wendepunkt in ihrem Leben mochten wohl viele heiße +Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem überspannten Wesen +eine normal denkende Frau geworden war. +</p> + +<p> +<q>Nun, und Orla?</q> fragte sie plötzlich. <q>Was habt +ihr von der gehört? Bis in meine ländliche Einsamkeit +dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas hochfahrend +war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten +wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja +ebenso wie ich nach etwas Höherem.</q> +</p> + +<p> +Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora +immer noch! Nun, diesen Spaß konnte man ihr lassen, +wenn sie nur in ihrem Handeln verständig war und blieb. +</p> + +<p> +<q>O, Orla, der geht es ausgezeichnet!</q> rief Ilse. +<q>Ihr Mann hat durch die Vermittlung ihrer einflußreichen +Verwandten am Hospital in Petersburg eine +Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden +<pb n='142'/><anchor id='Pgp0147'/>ist. Durch den Tod eines alten Onkels von Orla ist ihnen +auch noch ein ziemlich bedeutendes Vermögen zugefallen; da +kannst du dir denken, daß sie ein großartiges Leben führen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ein Leben im großen Stile!</q> sagte Flora, wie zu +sich selbst. <q>Davon habe ich auch oft geträumt! Natürlich +Dienerschaft in Menge?</q> +</p> + +<p> +<q>Jedenfalls,</q> lachte Ilse; <q>darüber schreibt sie aber +nichts. Du weißt ja, das Dienstbotenkapitel, wenn es je +mal aufs Tapet kam, interessierte Orla nicht im mindesten. +Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche Briefe, +und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich +fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder +in ihrem geliebten Rußland leben kann. Künstler und +Gelehrte verkehren bei ihr, kurzum, sie ist ganz in ihrem +Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie eine gefeierte +Frau ist, – klug, schön, reich.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, ihr ist es geglückt,</q> sagte die Gutsbesitzersfrau +seufzend. <q>Sie lebt in der großen Welt, wird bewundert, +gilt etwas, während andre in der Einsamkeit +verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich +auch als Nihilistin eine Rolle?</q> +</p> + +<p> +<q>Warum nicht?</q> meinte Ilse, <q>zuzutrauen wäre es +ihr schon, das Zeug hätte sie dazu.</q> +</p> + +<p> +<q>O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn – +Orla eine Nihilistin!</q> warf hier Nellie ein. +</p> + +<p> +<q>Aber ich bitte dich,</q> sagte Flora, <q>unmöglich ist es +doch nicht. Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines +Tages nach Sibirien verbannt würde.</q> +</p> + +<pb n='143'/><anchor id='Pgp0148'/> + +<p> +<q>O, o!</q> rief Nellie entsetzt, <q>deine Phantasie geht +mit dir durch, Flora. Sprich doch nicht von so etwas, +was sollten da wohl Orlas liebe Jungen anfangen!</q> +</p> + +<p> +<q>Wie viel Kinder hat sie eigentlich?</q> fragte Flora; +<q>in meiner Einsamkeit erfahre ich ja gar nichts.</q> +</p> + +<p> +<q>Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter +Prachtkerls, sage ich dir,</q> antwortete Ilse. +</p> + +<p> +<q>O, süß!</q> schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger +Schatten überflog ihr Gesicht. <q>Ich habe das +Bild mit und will es dir morgen zeigen.</q> +</p> + +<p> +<q>Heute abend noch, bitte, heute abend noch,</q> bettelte +Flora, die zu neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal +erfüllte sie doch mit etwas Neid, den sie nicht ganz +unterdrücken konnte. Aber schneller als früher kam sie +darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren +Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied +war der, daß diese als Schauplatz die große geräuschvolle +Welt hatte, während der ihrige hier in der +stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und +Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost, +die einzige Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! – +</p> + +<p> +Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die +Freundinnen saßen noch immer unter der traulichen +Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, die zwischen +den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie +wollte auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem +Blätterwerk mischte sich in den Klang der Stimmen; es +ließ das Licht im Windleuchter, der auf der bunten +<pb n='144'/><anchor id='Pgp0149'/>Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme +nach den herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in +dieser künstlichen Beleuchtung fast wie auf dem Theater +wirkte. Die jugendlichen Gestalten in ihren hellen Sommerkleidern +hoben sich in dem kleinen Lichtkreise malerisch +von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand +das anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon +im tiefsten Schlummer, die Lichter im Hause, auf dem +Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und die +kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt +in der Runde. Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer +am klaren Nachthimmel! – +</p> + +<p> +Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen! +Wenn man sich nach langer Trennung wiedersieht, +dann sind die ersten Fragen, die ersten Gespräche +meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem +Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer +Beredsamkeit einmal geöffnet waren, konnten sie kein +Ende finden. – Der würdigen Frau Superintendentin +Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen +haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als +das linke, denn viel Gutes wurde nicht über sie gesprochen, +desto mehr wurden ihr Mann und Fritz gerühmt. +</p> + +<p> +Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken +gewordenen Kehlen noch einer Erquickung; Flora holte +deshalb einen großen Korb voll frisch gepflückter Kirschen +heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber, +als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es +<pb n='145'/><anchor id='Pgp0150'/>ihr plötzlich ein, daß ihre Gäste gewiß von der Reise +müde sein würden, und es wurde beschlossen, die Sitzung +bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren Gästen +noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur +Ruhe. +</p> + +<p> +Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte +Langschläferinnen. – +</p> + +<p> +Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und +Marianne schliefen, fanden sie das Nest leer, aber aus +dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen heraufschallen, +und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke +Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. – +</p> + +<p> +Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume +hergerichtet; bei dem Erscheinen der beiden schüttelte +er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte er sagen: wie +lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die +rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend, +herbeigelaufen, und Flora erhob sich von ihrem Sitz am +Tische. Sie hatte ein Buch vor sich liegen, in welchem +sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in ihrem +hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus. +</p> + +<p> +<q>O, was magst du von uns denken,</q> entschuldigte +Nellie, und Ilse meinte: <q>Dein Mann wird sich schön +über die faulen Städterinnen lustig gemacht haben!</q> +</p> + +<p> +Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August +tränke fast nie des Morgens mit ihnen Kaffee, er wäre +schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim Heuaufladen +zugegen zu sein. +</p> + +<pb n='146'/><anchor id='Pgp0151'/> + +<p> +<q>Nun, stimmt die Milchrechnung?</q> fragte Nellie +lächelnd mit einer Handbewegung nach dem Buche, das +vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche Lektüre bei +der ehemaligen Dichterin! +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch +tun,</q> sagte Flora, die aus Nellies Frage einen leichten +Spott herauszuhören glaubte. <q>Poesie und Prosa gehen +Hand in Hand auf dem Lande.</q> +</p> + +<p> +<q>O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,</q> +antwortete Ilse. +</p> + +<p> +<q>Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in +freier, natürlicher Umgebung aufwachsen,</q> fuhr Flora +fort; <q>es wird dadurch der Sinn für die Natur geweckt. +Thusnelda</q> – sie sprach den Namen immer mit der +Betonung einer Klara Ziegler aus – <q>ist poetisch veranlagt, +das Kind hat eine ganz merkwürdige Auffassung, +ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht, über den +Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den +grünen Wald.</q> +</p> + +<p> +Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht +aus, und man konnte auch nur wünschen, daß er in +dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter <q>erblich +belastet</q> sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja +auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten +waren sie ihm. +</p> + +<p> +<q>Ja, aber wo ist denn Ruth?</q> fragte Ilse plötzlich, +sich nach allen Seiten umsehend. +</p> + +<p> +In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und +<pb n='147'/><anchor id='Pgp0152'/>lachend einem großen, mit Heu beladenen Wagen entgegen, +der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, eben +in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern +zusammen hoch oben in dem weichen duftenden Neste, +fröhlich singend, wie eine Lerche in der Morgenfrühe? +Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie +herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen +Arme von Herrn Werner, der sie lachend auffing und +auf einen der breiten Pferderücken setzte. +</p> + +<p> +Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde +ihr ein Spiegel vorgehalten und sie sähe sich, die wilde +Hummel von einst, wie ein Junge auf dem Pferde vor +dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das +war der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von +dem aus ihr Leben eine neue Wendung nahm, – kleine +Ursachen, große Wirkungen! +</p> + +<p> +Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch +wieder nicht. Durch den gänzlichen Mangel an Erziehung, +durch das ungebundene Aufwachsen auf dem Lande, war +aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen +geworden, während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich +verfeinert hatten, so daß man sie in <q>temperamentvoll, +eigenartig und willensstark</q> übersetzen konnte. Flora +witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite +ihr eine große Zukunft. – +</p> + +<p> +Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth +jetzt herbeigelaufen und umarmte ihre Mutter unter stürmischen +Küssen. Sprudelnd und sich überhastend erzählte +<pb n='148'/><anchor id='Pgp0153'/>sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und als +sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner +unten im Garten gewesen und hätte ihr zugerufen, ob +sie mit wolle auf die Wiese zum Heumachen. Da hätte +sie sich schnell angezogen, ganz allein. <q>O, ganz ordentlich,</q> +versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren +Anzug glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf +aus: <q>Himmlisch war’s!</q> +</p> + +<p> +<q>Wo ist dein Mann geblieben?</q> fragte Nellie und +sah suchend umher, denn der Gutsbesitzer war nicht mehr +zu sehen. +</p> + +<p> +<q>Er wird erst Toilette machen, um würdig vor +euch zu erscheinen,</q> erklärte Flora, aber in der gleichen +Sekunde erscholl seine laute Stimme von den Ställen +her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn +einzelne Kraftworte, wie <q>Donnerwetter, infame Wirtschaft, +Dummköpfe</q>, drangen bis zu der Kastanie herüber, +zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot lachen +wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten +Gatten sehr unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die +Kinder aus, weil sie lachten, und wollte selbst nachsehen, +was es denn gäbe. Aber da kam auch schon August +den Kiesweg heraufgegangen. +</p> + +<p> +Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und +der graue Drellanzug schien zwar sehr bequem zu sein, +elegant sah er aber nicht aus. Schlaff und schlappig +hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das +farbige Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen, +<pb n='149'/><anchor id='Pgp0154'/>der ebenso, wie das Gesicht, vor + <anchor id="corr149"/><corr sic="Arger">Ärger</corr> und Hitze blaurot +war. +</p> + +<p> +Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman, +aber wohl der eines viel beschäftigten Landmannes, und +hatte für Ilse daher durchaus nichts Fremdes. +</p> + +<p> +Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf, +schien er nicht zu bemerken, denn ungeniert ging +er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und Ilse. +</p> + +<p> +<q>Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,</q> +sagte er; <q>sie hat mir vielen Spaß gemacht heute früh. +Das wird mal eine gute Landwirtin!</q> +</p> + +<p> +Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese +teilnehmend: +</p> + +<p> +<q>O, haben Sie Ärger gehabt?</q> +</p> + +<p> +<q>Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum +Tollwerden! Lassen die dummen Kerls die Sau mit +ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei davon +tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,</q> setzte er noch hinzu +und legte seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das +Geschirr klirrend zusammenschlug. +</p> + +<p> +<q>Ärgere dich doch nicht so, lieber August,</q> sagte +Flora und strich ihm besänftigend über die Stirn. +</p> + +<p> +<q>Hesse ist auch ein Esel,</q> fing er wieder an; <q>bringt +beinahe die Hälfte der Butter wieder mit, die bei der +Hitze natürlich schon zu einem Matsch geworden ist. Wie +ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß +tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen +<pb n='150'/><anchor id='Pgp0155'/>auch die Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine +Menge davon gestohlen worden in der letzten Nacht.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber +nun stärke und erhole dich erst,</q> versuchte ihn seine Frau +zu beruhigen, indem sie ihm mit eigener Hand appetitlich +belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus schickte, +um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen. +</p> + +<p> +O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen! +Mit Staunen bemerkten es die Freundinnen immer von +neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß +aus der oft verlachten und verspotteten <q>Dichterin</q> eine +vernünftige Frau werden könnte, denn soweit es Floras +Beanlagung zuließ, war sie wirklich eine solche geworden. +Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel +ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer +könnte auch seine innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit +war nun einmal der Grundzug von Floras +Charakter. – +</p> + +<p> +Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben +behagte den großen und kleinen Gästen herrlich. +Den ganzen Tag draußen in der guten Luft, Abendspaziergänge +durch das Dorf, die Felder und Wiesen, +Spazierfahrten in die Umgegend, Picknicks im Walde, und +dann, um das beste nicht zu vergessen, die vielen traulichen +Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, denen +der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der +Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und +auch diese hatten ihn trotz seiner etwas derben Manieren +<pb n='151'/><anchor id='Pgp0156'/>lieb gewonnen. Oftmals aber fragten sich Ilse und +Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen +Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn +von der Frau, die aus dem Rahmen des Gewöhnlichen +heraustritt, wollte August nichts wissen. +</p> + +<p> +<q>Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,</q> sagte er, +als eines Tages wieder die Rede darauf kam. +</p> + +<p> +Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm, +das konnte man merken. +</p> + +<p> +<q>Aber, August,</q> widersprach sie ihm, <q>eine Frau +kann sich für alles Schöne und Erhabene interessieren, +und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin und Mutter +doch nicht zu versäumen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken +und gut kochen können, das ist die Hauptsache.</q> +</p> + +<p> +Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora. +Über diesen Punkt würden sie sich ja doch nicht einigen. +</p> + +<p> +Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von +ihrem Fred gewöhnt, sie blühte hier ordentlich auf, und +daran konnte man am besten sehen, daß sie in der Tat +einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft +und so vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach +auch die Angst und Sorge um ihn etwas verringerte. +Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin mit +allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde: +Wie geht es dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst +du dich genug? Arbeitest du nicht zu viel? Wirst du +auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so +stunden<pb n='152'/><anchor id='Pgp0157'/>lang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja, +sie hatte gut reden, ihr Mann war gesund und kräftig, +und konnte mit dem armen leidenden Fred nicht verglichen +werden. +</p> + +<p> +Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen +Ehepaar ebenfalls ein reger. Ilse schilderte ihrem +Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und neckte ihn damit, +daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe. +Er erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume +fühle, und wie angenehm es sei, einmal nicht +am Gängelbande geführt zu werden. Dann kam auch +eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden +Frauen, der wahre Schauergeschichten über das Leben und +Treiben ihrer Ehemänner berichtete. Darauf erhielt er +natürlich eine passende Antwort von Ilse. Der Wildfang +Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen +Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von +ihr bekommen, und sie natürlich auch von ihm. Übrigens +erschien das kleine lebhafte Ding den Zwillingen und den +Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern +ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten, +daß sie Mund und Nase aufsperrten, und sang die +Lieder, welche sie in der Schule gelernt hatte, mit so +reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten. +Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne +weit mehr und waren ihr zärtlich zugetan, denn diese verstanden +sie, was bei Ruth nicht immer der Fall war. – +</p> + +<p> +Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt +<pb n='153'/><anchor id='Pgp0158'/>einige Besuche im Dorfe bei ihren Kranken machen müsse, +und fragte, ob die Freundinnen sie begleiten wollten, +was sie natürlich von Herzen gern taten. +</p> + +<p> +So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg; +eine Menge Wein, Fleisch und andre stärkende Sachen +wurden, in Körben verpackt, mitgenommen. +</p> + +<p> +<q>Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals +kann ich den Armen genug geben,</q> sagte die Gutsbesitzerin, +als sie mit Ilse und Nellie durch die Dorfstraße +schritt. +</p> + +<p> +Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten +Regen gebracht, der wie ein erfrischendes Bad +für die erschlaffte Natur gewesen war; begierig hatte +der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt +hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne +spiegelte sich in den vielen großen und kleinen +Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg schreiten +und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig +in die Höhe nahmen. +</p> + +<p> +Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu +sehen, sie blieb bald hier, bald dort stehen, fragte nach +diesem und jenem, und kannte fast von jedem einzelnen +die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre Freundlichkeit, +ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten +doch einen leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen, +und manchmal begegnete sie völlig verständnislosen Blicken, +wenn sie sich ihrer hochtrabenden Ausdrücke bediente. Doch, +das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und Nellie +<pb n='154'/><anchor id='Pgp0159'/>bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war +ein tief innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld +der Tätigkeit, das sie sich geschaffen hatte, war ein segensreiches +und trug viel gute Früchte. +</p> + +<p> +Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten +Bauernstuben eintraten, flog es wie ein heller Schein über +die Gesichter der alten Weiblein und Männlein, die im +Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der Stube lag, +hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den +Korb, der stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den +jungen Müttern erkundigte sich Flora nach den kleinen +Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder Hilfe +bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung +Reformen einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten +mehr abgehärtet werden, im zarten Lebensalter nicht alles +zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da aber fand +sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt +gaben ihr die Bauernfrauen verständnislose Antworten, +indem sie sie dabei dumm gutmütig anlachten, und alles +blieb beim alten. +</p> + +<p> +Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges +Haus, in welchem die junge Witwe eines Knechts +wohnte, der im letzten Winter verunglückt war und seine +Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter +zu einem Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen +hatte. Hier in dieser armseligen Hütte traten jetzt +die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine warme, +schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige +<pb n='155'/><anchor id='Pgp0160'/>Türe zu dem Raume öffneten, welcher der Familie zum +Wohnen und Kochen diente und in dem ein grenzenloses +Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen erhob +sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche +Gestalt und versuchte schnell etwas Ordnung zu machen, +aber Flora hielt sie davon zurück. +</p> + +<p> +<q>Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig +sitzen, die Damen hier wissen schon, wie es in einer +Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,</q> sagte Flora +freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen +schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe, +zerbrochenes Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche +Dinge umherlagen. +</p> + +<p> +<q>Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil +ich Gäste habe; aber die Sachen, die ich Ihnen schickte, +haben Sie doch bekommen, nicht wahr? Na, und wie +geht’s denn heute, Frau Tolle?</q> fragte Flora, indem +sie sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete. +</p> + +<p> +Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht +war eine flüchtige Röte gegangen, die es merkwürdig +verschönte, als sie den fremden Besuch gewahrte, der +heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst +brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft +und kannte sie so gut, die war ihr keine Fremde. +</p> + +<p> +<q>Schlecht, schlecht,</q> antwortete sie leise, <q>es geht +immer schlechter.</q> +</p> + +<p> +<q>I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel +wohler aus, verlieren Sie nur den Mut nicht, der liebe +<pb n='156'/><anchor id='Pgp0161'/>Gott wird Ihnen schon helfen,</q> tröstete Flora sanft und +liebevoll. +</p> + +<p> +Ein Kopfschütteln war die Antwort, und ein trauriger +Blick streifte dabei die Kinder, die sich in die Ecken +gedrückt hatten und neugierig die Fremden anstarrten. Sie +sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut gekleidet +wären es gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei +dem zweitjüngsten, einem kleinen Mädchen von zwei Jahren, +wirkten die Lumpen geradezu malerisch zu der Schönheit +des Kindes. Es saß der ältesten Schwester auf dem Schoß; +wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief über ihr Gesichtchen, +das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger +Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen +großen braunen Augen Nellie an, welche mit ihm sprach +und liebkosend die nackten braunen Füßchen streichelte. +</p> + +<p> +<q>O, wie süß ist das <hi rend='antiqua'>baby</hi>,</q> sagte sie zu Ilse. +<q>Wie heißt du?</q> fragte sie das Kind. +</p> + +<p> +<q>Ännchen,</q> antwortete die ältere Schwester. +</p> + +<p> +<q>Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?</q> +fragte sie weiter. +</p> + +<p> +Das weiche Kinderpatschchen legte sich zögernd in die +Hand der jungen Frau, aber ohne Widerstreben ließ sich +die Kleine dann von ihr auf den Schoß nehmen. Zärtlich +strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn. +</p> + +<p> +Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein für die +Kranke aus dem Korbe genommen und versprach für die +Kinder abgelegtes Zeug zu schicken. +</p> + +<p> +Müde und apathisch dankte die Frau. +</p> + +<pb n='157'/><anchor id='Pgp0162'/> + +<p> +Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken; +Ilse, die kaum Atem zu holen wagte, wollte das Fenster +öffnen, aber fröstelnd schauerte die Kranke zusammen +und sie ließ es geschlossen. +</p> + +<p> +<q>Wo ist denn die Mutter?</q> fragte Flora sich umblickend. +</p> + +<p> +<q>Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,</q> +entgegnete die junge Witwe. +</p> + +<p> +<q>Kommt sie denn bald wieder?</q> forschte Flora +weiter. <q>Sie können doch in Ihrem elenden Zustande +nicht allein bleiben.</q> +</p> + +<p> +<q>Die Kinder sind ja da.</q> +</p> + +<p> +<q>Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die +müssen Sie ja noch dazu achtgeben, Frau Tolle. Nein, +nein, so geht das nicht länger,</q> sagte Flora. <q>Und den +Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt +alle Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund, +passen Sie nur auf.</q> +</p> + +<p> +<q>Der kann mir auch nicht mehr helfen ...</q> Unendlich +schmerzlich klangen diese Worte. +</p> + +<p> +<q>Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken +Sie nur tüchtig von dem Wein, der kräftigt Sie, und +wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich komme bald +wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott. +Guten Abend und recht, recht gute Besserung.</q> +</p> + +<p> +Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch +Ilse und Nellie entgegenstreckte, und dann verließ sie +mit den Freundinnen diese Stätte menschlichen Elends. +</p> + +<pb n='158'/><anchor id='Pgp0163'/> + +<p> +Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die +frische Abendluft empfing, und sie nicht mehr das jammervolle +Bild vor Augen hatten. Ilse konnte sich über die +Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen Eindruck +bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach +in einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora +erzählte die Krankheits- und Leidensgeschichte der armen +Frau Tolle ausführlich. Alle drei waren von dem, was +sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen. +</p> + +<p> +<q>Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen +können; der Doktor sagt, es wäre ein schweres +Herzleiden und nicht zu heilen,</q> berichte Flora. <q>Ach, +wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.</q> +</p> + +<p> +Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! – +</p> + +<p> +Bei dem abendlichen Zusammensein unter der +Kastanie wurde der traurige Fall eingehend erörtert, und +in den folgenden Tagen für die unglückliche Familie +ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der +Kranken sehen, und eine tüchtige Pflegerin besorgte +Flora ebenfalls. Diese freundliche Fürsorge erhellte die +letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde liebreich +gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen, +und so empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer +von Glück. +</p> + +<p> +Eines Abends, als die untergehende Sonne auch +den armseligen Raum, wo die Kranke lag, mit ihrem +lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen für +immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. – +</p> + +<pb n='159'/><anchor id='Pgp0164'/> + +<p> +Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft +gerade, als sie mit ihren Gästen fröhlich +plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich auf +dem Platze unter der Kastanie. +</p> + +<p> +<q>O, die armen Kinder, das süße <hi rend='antiqua'>baby</hi>, was wird +daraus?</q> rief Nellie mit Tränen in den Augen. +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, wir müssen helfen,</q> sagte Herr Werner +überlegend. Dann fragte er seine Frau: <q>Wie viel +Kinder sind da?</q> +</p> + +<p> +<q>Sechs,</q> antwortete sie. <q>Es ist ein Jammer! Bei +der halb blödsinnigen Großmutter können sie nicht bleiben, +und alle die Kleinen dem Waisenhaus übergeben – es +ist zu traurig!</q> +</p> + +<p> +<q>Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen +kann,</q> sagte ihr Mann. <q>Deichmanns auf der Domäne +könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben Geld +und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na, +und dann denke ich, wir könnten auch eins annehmen, +was meinst du dazu, Frau? Natürlich mußt du dir’s +reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s zufrieden.</q> +</p> + +<p> +<q>O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine +Ännchen; o, es ist ein zu wonniges <hi rend='antiqua'>baby</hi>!</q> rief Nellie +begeistert, während Ilse mit aufrichtiger Bewunderung +den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und +auch Floras Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte. +</p> + +<p> +Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie +still und nachdenklich, und als sie abends mit Ilse allein +<pb n='160'/><anchor id='Pgp0165'/>in ihrem Zimmer war, da erfuhr die letztere, daß die +Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich +ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde, +wenn es hier erst mit den Zwillingen zusammen wäre. +Mit einem tiefen Seufzer schloß sie ihre Betrachtungen. +</p> + +<p> +<q>Höre, Nellie,</q> rief Ilse plötzlich, <q>wenn dir das +Kind so gut gefällt, so nehmt ihr es doch zu euch.</q> +</p> + +<p> +So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf +gefahren war, hatte sie ihn auch ausgesprochen. Aber +Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es schien +beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken +ertappt; doch heftig schüttelte sie den Kopf. +</p> + +<p> +<q>Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!</q> rief +sie aus. +</p> + +<p> +<q>Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.</q> +</p> + +<p> +<q>O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht +nicht.</q> +</p> + +<p> +<q>Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar +nicht, aber möchtest <hi rend='gesperrt'>du</hi> es denn?</q> fragte Ilse, die +Freundin scharf beobachtend. +</p> + +<p> +<q>O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe +die <hi rend='antiqua'>babys</hi> so sehr,</q> erwiderte Nellie leise. <q>Aber es +geht nicht, es geht nicht!</q> fuhr sie lauter fort. <q>Ich +habe auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred nimmt +meine Pflege ganz in Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen, +o, und das ginge doch nicht.</q> +</p> + +<p> +Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch +hin und her gesprochen wurde, Nellie blieb dabei, <q>es +<pb n='161'/><anchor id='Pgp0166'/>ginge nicht.</q> Ganz aufgeregt begaben sich die beiden zur +Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. +</p> + +<p> +Aber Ilse ließ sich von ihrem <q>guten Gedanken</q>, +wie sie ihn nannte, nicht abbringen, wenigstens in ihrem +Innern nicht, auch nachdem Nellie sie gebeten hatte, +darüber für immer zu schweigen. +</p> + +<p> +Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau +und Frau Flora Werner merkwürdig oft zusammen zu +tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine Ahnung hatte, +worüber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war, +zog sich dann jedesmal mit den Kindern zurück, um mit +ihnen zu spielen. +</p> + +<p> +Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der +letzteren. Flora hatte einen Briefbogen vor sich liegen, +auf welchem sie eifrig schrieb, während Ilse diktierte. +</p> + +<p> +<q>Nein, so doch nicht, lieber so,</q> unterbrach sie sich +dabei oft, und dann wieder ließ Flora ihre Bedenken +einfließen. Auf diese Manier wurde viel geschrieben, +beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen. +Was mochte das wohl für ein wichtiges +Schreiben sein! Endlich aber war es fertig, Ilse hatte +es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde +es diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den +Brief ja ordentlich und pünktlich zu besorgen. +</p> + +<p> +Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese +Fragen tauschten die beiden Geheimnisvollen in den +nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit Spannung +sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen. +</p> + +<pb n='162'/><anchor id='Pgp0167'/> + +<p> +Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder +wie gewöhnlich den Kaffee unter dem grünen Blätterdach +einnahmen. Für Ilse hatte er nichts, aber Nellie +gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm. +</p> + +<p> +<q>Von Fred,</q> sagte sie leicht errötend, worauf sie +sich erhob und ins Haus ging, um den Brief dort zu +lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die Episteln +von ihrem Fred studierte. +</p> + +<p> +Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun +sie so unmittelbar vor der Entscheidung standen, hatten +sie keine geringe Angst, denn es war doch ein kühnes +Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte. +</p> + +<p> +Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür +mit dem Briefe in der Hand, und kam eiligst den Kiesweg +daher geschritten. Ilse und Flora klopfte das Herz, +und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie +vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen +noch die hellen Tränen standen, aber zugleich umspielte +ein glückliches Lächeln ihre Lippen. +</p> + +<p> +<q>O Ilse, was bist du eine <hi rend='antiqua'>darling</hi>, o was bist du +gut, was hast du für mir getan!</q> rief sie, indem sie +die Freundin umarmte und küßte. In ihrer Erregung lag +sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren +fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie +früher mißhandelte sie dieselbe in der komischsten Weise, +als sie jetzt hastig weiter sprach, freudig und gerührt zugleich. +Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred und +<anchor id="corr162"/><corr sic="(a auf dem Kopf stehend)">las</corr> ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin: +<pb n='163'/><anchor id='Pgp0168'/>daß er nichts dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste +Kind zu sich nehmen wolle, es wäre ihm sogar sehr lieb, +wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie einsam +und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und +Zerstreuung hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf +einiges Leben in ihr stilles Haus bringen würde. +</p> + +<p> +Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte +er, was sie ihm geschrieben hatte. +</p> + +<p> +<q>Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut +gemacht?</q> fragte Ilse, als diese zu Ende gelesen hatte. +</p> + +<p> +<q>O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie +soll ich dich danken, lieb Ilschen,</q> antwortete sie überglücklich +und als ob sie ein Gelübde ablegte, fuhr sie +leise fort: <q>O, wie will ich die kleine <hi rend='antiqua'>baby</hi> lieb haben, +und wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er +eine gute Mutter aus mich macht. Ilse, wie soll ich +dich das wieder gut machen?</q> +</p> + +<p> +<q>Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,</q> +wehrte diese ab. <q>Was du an dem einstigen Trotzkopf +getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder vergelten.</q> +</p> + +<p> +Innig umarmten sich die beiden Freundinnen. +</p> + +<p> +Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte +und dem einzigen Fred schrieb. Bis die äußeren +Formalitäten erledigt waren, flog zwischen den Ehegatten +noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr +mit Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst +gekommen, um seine Frau und das Pflegetöchterchen zu +holen. – +</p> + +<pb n='164'/><anchor id='Pgp0169'/> + +<p> +Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage +zu ihrer neuen Mutter über, und frisch gewaschen, sorgfältig +gekämmt, in einem neuen Kleidchen, sah das Kind +wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so +gut wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen +Werners zu sich und wollten ihn etwas Tüchtiges lernen +lassen. +</p> + +<p> +So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück +in die arme Hütte eingekehrt und suchte sich unter den +Waisen seine Lieblinge heraus, um sie ihrem bisherigen +Elend zu entreißen. +</p> + +<p> +Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen +ereignisreichen Abschluß gefunden, und das Band, das +die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal ein +unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr +schwer, und die vielen Tränen, die dabei vergossen +wurden, waren wohl der beste Beweis, daß die Freundschaft +von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/> +<p> +Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar +Althoff wahre Wunderdinge zustande. Nellie mußte +ihre Pflege von nun an teilen und, was sie nie geglaubt +hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden +besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt +nach Hause kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten +Fragen seiner Frau das erste, was ihn empfing +– zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und +<pb n='165'/><anchor id='Pgp0170'/>darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen. +Was die Kleine nicht alles verstand und wußte! Beide +konnten ihre Vorzüge nicht genug rühmen, es gab kein +aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das <q>Erziehen</q> +hätte leicht ein <q>Verziehen</q> werden können, wenn nicht +Frau Ilse und Onkel Heinz auch noch dagewesen wären. +Die Vorträge des letzteren über Kindererziehung waren +allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu wirken, aber +desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin, +welche Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und +schwach dem Kinde gegenüber sei, das schon jetzt manchmal +versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber trotzdem +hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern +gebracht, es war der Mittelpunkt, um den sich alles +drehte, und wuchs frisch und fröhlich auf, nicht ahnend, +aus welcher trostlosen Umgebung einst sein junges Leben +hierher verpflanzt worden war. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/> +<p> +So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge! +Sie brachten Freuden und Leiden in ihrem Gefolge mit +sich und teilten diese Gaben bald nach Verdienst, bald +ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der +andre mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das +Glück früher, dem andern später und manchem nie. +</p> + +<p> +Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem +Wechsel vorüber, frohe und trübe Tage waren in das +Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem +<pb n='166'/><anchor id='Pgp0171'/>andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber +unerbittlich hart war es nur in der Familie des Superintendenten +aufgetreten, als dunkle, schwere Wolke lagerte +es jahrelang über ihnen. +</p> + +<p> +Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter +Strenge erziehen zu müssen, und so wurde aus dem fröhlichen, +frischen Kinde schließlich ein stiller, verschlossener +Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden +durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule +mit ihm noch immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise, +denn infolge der zu großen Strenge fehlte ihm +jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An seinem +Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe +in den letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet +und konnte sich seiner Familie nicht so widmen, wie er +wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit geschlagen! +Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen +zu können und ahnte nicht, was sie damit in der +jungen Seele anrichtete. Fritz stand wie unter einem +schweren Drucke, und doch regte sich die Lebenslust mächtig +in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er fühlte +oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu +zerreißen. Und immer häufiger kamen solche Gedanken +wieder, und nahmen mehr und mehr Besitz von ihm. Die +weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen Blicken. – +</p> + +<p> +Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach +Hause – er war damals fünfzehn Jahre alt. Tage, +Wochen, Monate vergingen, ohne daß die angestellten +<pb n='167'/><anchor id='Pgp0172'/>Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten – +er war und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte +Rosi immer die Worte: <q>Gottes Hand ruht schwer auf +uns.</q> Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe machte, oder +das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah? +Von ihrem Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er, +den die schwere Prüfung ganz niederdrückte, suchte doch +immer nach einem Troste für Rosi und klagte sich selbst +wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die +Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben. +Tante Emilie ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel +dadurch zu benehmen, daß sie sagte, Fritz wäre nun +einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe so +etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte +fanden doch nur einen kurzen Wiederhall in dem betrübten +Mutterherzen. Eine drückende Schwüle herrschte in dem +Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren +noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen +war, konnten sich Rosi und ihr Mann nicht +entschließen, sie in die Welt einzuführen. – +</p> + +<p> +Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort +brachten Ruth und Marianne, jetzt im achtzehnten und +siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und Fröhlichkeit +ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren +sie herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als +diese beiden Schwestern, konnte man sich nicht denken. +Die jüngere blond, rosig, zierlich, die ältere groß, schlank, +eigenartig, mit dunklen, sprechenden Augen und einem +<pb n='168'/><anchor id='Pgp0173'/>ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne +schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes +Wesen beitrug. Ruth dagegen mit ihrem lebhaften Temperament +war nicht so bequem für den Verkehr, und Ilse +hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen, +aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft +mußte sie sich von Leo necken lassen, wenn sie über Ruth +klagte und er antwortete: <q>Ganz die Mutter.</q> Aber daß +aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es einst +gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde +dadurch viel schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft +zwischen Onkel Heinz und Ruth bestand noch +immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte +sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis +er in dem jungen Mädchenherzen zu lesen wußte. +Wenn man sie fragte: <q>Wer ist deine beste Freundin?</q> +antwortete sie: <q>Onkel Heinz!</q> Von ihm ließ sie sich weit +mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade +den rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine +Frau Professor geworden, aber auch unter dieser neuen +Würde hatte sie sich ihren frischen, natürlichen Sinn erhalten. +Die Jahre hatten ihr wohl äußere und innere +Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres +Charakters konnten sie nicht verwischen. Sie war der +Mittelpunkt im Hause, um den sich alles drehte, ihr +Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter +liebten sie, wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben +können; sie war ihnen Mutter und Freundin zugleich. +</p> + +<pb n='169'/><anchor id='Pgp0174'/> + +<p> +So war denn der Tag herangekommen, den Leo +schon herbeigesehnt hatte, als Ruth und Marianne noch +kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf den +ersten Ball führen konnte. +</p> + +<p> +Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges +Mädchenherz! Marianne und Floras Zwillinge, die schon +seit einigen Wochen bei Gontraus zum Besuche waren, +befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse +schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar +Leo war nicht ganz unberührt davon geblieben; als er +aber beim Mittagessen fragte, ob die Toiletten der Kinder +auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in +ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage +von ihm war etwas ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth +fand es lächerlich, sich um einen <q>lumpigen Ball</q>, wie +sie sagte, so aufzuregen. +</p> + +<p> +Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit +Ännchen, das inzwischen ein großes Mädchen geworden +war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu tun +gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten, +war keine Kleinigkeit. +</p> + +<p> +<q>Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht +fertig,</q> sagte die Direktorin, als dieselbe noch immer +keine Miene machte, mit ihrer Toilette zu beginnen. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir +verhaßt, ich werde noch früh genug fertig,</q> rief das +junge Mädchen und sah etwas spöttisch lächelnd auf die +Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei +<pb n='170'/><anchor id='Pgp0175'/>waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer +glühten. Sie war doch ganz anders geartet, als sonst +die Mädchen ihres Alters, deren Interessen sie meist +nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit +Marianne nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen, +was diese sehnlich wünschte. +</p> + +<p> +<q>Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,</q> +hatte Ruth gesagt, als die Rede davon war, +<q>wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau, daß +wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen +würden, fügen aber würde ich mich nicht. Was würdest +du z. B. für eine Farbe wählen, Marianne?</q> +</p> + +<p> +<q>Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,</q> +hatte Ilse gemahnt; aber als Marianne antwortete, sie +liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder aufgebraust. +</p> + +<p> +<q>Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da +würde ich dir ja hübsch zur Folie dienen. Ich und ein +rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche Geschmacklosigkeit!</q> +</p> + +<p> +<q>Einem jungen Mädchen steht alles,</q> hatte Marianne +in weisem Tone erwidert. +</p> + +<p> +<q>Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche +Phrase wiederholen, das ist einfach dumm. Natürlich du +mit deiner rosigen Haut wirst wie ein Pfingströschen +aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf +und denke dir eine solche Farbenzusammenstellung!</q> +</p> + +<p> +Und so war es fortgegangen, bis Marianne in +Tränen ausbrach und Ruth sie nun auf alle Weise zu +<pb n='171'/><anchor id='Pgp0176'/>trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde Schwester +trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr +würde immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände +sie. Warum gerade sie wie eine Vogelscheuche aussehen +sollte, während Marianne natürlich einem Engel +gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen +Bemerkung: sie habe noch nie eine Vogelscheuche in einem +rosenroten Ballkleide gesehen, Ruths Redefluß ein Ende +gemacht, so wären deren leidenschaftliche Ansprüche und +Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So +aber hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage +hatte in Ruhe erledigt werden können. +</p> + +<p> +Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige +Mädchen geworden, wie sie zwei frische, rotbäckige +Kinder gewesen waren, und als sie jetzt in ihren +blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten +Marianne standen, mußte man sich über diese drei anmutigen +Mädchenblüten freuen. Und was war natürlicher, +als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen +Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum +ersten Balle in der Pension geschmückt hatten, und daß +sie nun zum Ergötzen der Kinder davon erzählten. +</p> + +<p> +Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein +ertönten plötzlich aus dem Nebenzimmer die Klänge eines +Flügels und Ruths Stimme. +</p> + +<p> +<q>Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und +singt und denkt gar nicht an den Ball; am liebsten säße +sie überhaupt den ganzen Tag am Flügel. Es ist ja +<pb n='172'/><anchor id='Pgp0177'/>die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,</q> sagte Ilse, aber +unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile +auf die vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen +zu der Sängerin, fanden sie dieselbe schon fix +und fertig angezogen. Neugierig wurde sie von der +Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und +bewundert. In ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie +reizend aus; ohne jeden Schmuck, ohne Blumen hatte +sie etwas Keusches, Unnahbares. +</p> + +<p> +Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die +Nase über den gar zu einfachen Anzug; die eine riet +noch zu einer Korallenkette um den Hals, die andre zu +Blumen im Haar. +</p> + +<p> +Ruth lehnte alles ab. +</p> + +<p> +<q>Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was +ich will!</q> rief sie. +</p> + +<p> +In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit +zwei wundervollen Bouquets, das eine ganz aus rosa, +das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie mit +Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den +Blumen steckte. <q>Von Herrn Jansen,</q> sagte sie strahlend +und betrachtete das weiße Blättchen Papier noch eingehender, +als den kostbaren Strauß. +</p> + +<p> +Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes +von Onkel Heinz war vor einiger Zeit aus den Tropen +zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein bedeutendes +Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei +Gontraus einführt worden. Er verkehrte in dieser +<pb n='173'/><anchor id='Pgp0178'/>Familie ebensoviel und ebensogern, wie Onkel Heinz, und +auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner +Töchter eingeladen worden. +</p> + +<p> +Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die +duftende Spende in den Händen. +</p> + +<p> +<q>Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,</q> +rief Ruth, und Marianne zeigte Nellie wohl zum zehnten +Male schon, wie herrlich die roten Kamelien in ihrem +Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen +der Zwillinge: <q>O, wie reizend, himmlisch, süß,</q> und +Ännchen lief bald hierhin, bald dorthin, um alles aufs +Genaueste zu sehen und zu hören. +</p> + +<p> +Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern +war in der Tat ein entzückender Anblick, und +selbst Onkel Heinz schien Empfindung dafür zu haben, +denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie angewurzelt +in derselben stehen. +</p> + +<p> +<q>Alle Wetter, ist das ein Staat!</q> rief er endlich +laut. +</p> + +<p> +Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen. +Mit Lachen und Jubeln, wie sie es als Kinder getan, +umzingelten ihn nun auch die andern jungen Dinger. +Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal +wurde einem alten Junggesellen nicht so leicht geboten, +und er konnte sich wohl darüber freuen. Im Grunde +genommen schien er das auch zu tun, denn sein schmunzelndes +Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen. +Zwischen den hellen Farben rings um ihn +<pb n='174'/><anchor id='Pgp0179'/>herum stach seine dunkle Gestalt ab, wie ein schwarzer +Käfer auf bunten Blütenblättern. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, gefalle ich dir?</q> – <q>Wie findest du +mein Kleid, steht es mir wohl gut?</q> +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?</q> +So rief und fragte es von allen Seiten, und immer enger +wurde er von den jungen Mädchen umschlossen, immer +eindringlicher bestürmten sie ihn mit Fragen; er wußte +schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden +Händen die Ohren zu. +</p> + +<p> +<q>Scheußlich seht ihr alle aus,</q> platzte er endlich +hervor und hoffte wahrscheinlich durch diese derbe Kritik +von den Quälgeistern befreit zu werden; aber darin hatte +er sich getäuscht, nun ging es erst recht los. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich +scheußlich aus?</q> – <q>Ist das dein Ernst?</q> – <q>Gefallen +wir dir nicht?</q> so schwirrte es von neuem durcheinander. +</p> + +<p> +<q>Findest du, daß mir Rosa gut steht?</q> fragte +Marianne, und ihre Augen hatten dabei einen so süß +bittenden Ausdruck, daß der Professor nicht widerstehen +konnte. +</p> + +<p> +<q>Na, es geht!</q> antwortete er und betrachtete sie +eingehend. <q>Aber sage mal, du mußt etwas um den +Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr Gott, was +ist das überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen! +In euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr +werdet euch mit dem bloßen Hals und den nackten Armen +einen schönen Schnupfen holen.</q> +</p> + +<pb n='175'/><anchor id='Pgp0180'/> + +<p> +Da gab es wieder zu lachen über eine solche +Ansicht. +</p> + +<p> +<q>Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?</q> +fragte Thusnelda. +</p> + +<p> +Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem +Lieblinge Ruth haften; er brauchte deshalb gar keine +Antwort zu geben. +</p> + +<p> +<q>Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!</q> +riefen sie alle. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein +weißes Kleid hübscher gefunden?</q> fragte Marianne. +</p> + +<p> +<q>Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle +angezogen sein müssen, weiß ich wahrhaftig nicht, das +verstehe ich nicht.</q> +</p> + +<p> +<q>Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?</q> fragte +Marianne. +</p> + +<p> +Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches +Gelächter ausbrach. +</p> + +<p> +<q>Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten +habe ich mein Lebtag keine Zeit gehabt, ich +hatte Besseres zu tun.</q> +</p> + +<p> +<q>Weißt du was, Onkel Heinz,</q> schlug Ruth vor, +<q>komm mit auf den Ball, denn bevor du einmal einen +kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht darüber +urteilen.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, komm mit!</q> riefen nun auch die andern. +</p> + +<p> +<q>Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du willst.</q> +</p> + +<p> +<q>Und ich bringe dir den schönsten Kotillonorden.</q> +</p> + +<pb n='176'/><anchor id='Pgp0181'/> + +<p> +<q>Mich darfst du zu Tische führen.</q> +</p> + +<p> +<q>Wir wollen überhaupt tun, was du willst.</q> +</p> + +<p> +Sie überboten sich in verlockenden Aussichten, und +wieder ragte der Professor als schwarzer Punkt aus ihrer +hellen, duftigen Mitte hervor. +</p> + +<p> +<q>Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja +außer Rand und Band!</q> rief er, sie zurückdrängend. +</p> + +<p> +Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man +ganz überhört, daß die Türe geöffnet wurde, bis Ilse +plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der Schwelle stehen +sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte, +und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel +Heinz in dem blühenden Mädchenkranze. +</p> + +<p> +Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen +stoben nach allen Seiten auseinander, als die hohe Gestalt +näher kam. In Mariannes Antlitz aber stieg eine +heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch +bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren +Hand noch in des Professors Arm lag. Die schlanke, +weiße Gestalt schien ihn ungemein zu fesseln, und er +nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer +Wärme entgegen. +</p> + +<p> +<q>Du bist zu beneiden, Onkel,</q> sagte er halblaut. +</p> + +<p> +Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen +Anzuge, mit weißer Krawatte, und drängte zur Eile, die +Wagen ständen bereits vor der Türe. +</p> + +<p> +<q>Ja, nun macht nur,</q> mahnte sogar Onkel Heinz, +<q>Tänzer werdet ihr wohl nicht mehr bekommen.</q> +</p> + +<pb n='177'/><anchor id='Pgp0182'/> + +<p> +<q>Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber +doch jammerschade; jetzt habe ich gar keine Lust mehr zu +dem Balle,</q> meinte Ruth. +</p> + +<p> +<q>Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn +keine Lust, ist wenigstens mal ein vernünftiges +Wort,</q> erwiderte der Professor. <q>Aber es geht nun +doch nicht anders, du mußt mit, du armes Opferlamm.</q> +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz,</q> rief Ruth freudig, als hätte sie +plötzlich einen guten Einfall bekommen, <q>weißt du was? +Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, und wir beide +verleben einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach, +das wäre reizend!</q> +</p> + +<p> +<q>Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?</q> +fragte Herr Jansen. +</p> + +<p> +<q>O, da könnte mich ja Marianne vertreten,</q> gab +sie zur Antwort und schmiegte sich zärtlich an den Professor. +<q>Onkel Heinz, ich bleibe bei dir und singe dir +alle deine Lieblingslieder vor.</q> +</p> + +<p> +Etwas wie Rührung flog nun doch über das Gesicht +von Onkel Heinz, und seine Stimme klang seltsam +weich, als er sagte: +</p> + +<p> +<q>Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch +wohl besser amüsieren, als mit mir alten, langweiligen +Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur, dieser +Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so viele +andre unnütze Geschichten. Ich gehe nach Hause und +lese, das ist mir doch das liebste. Morgen vormittag +<pb n='178'/><anchor id='Pgp0183'/>komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer +Hopserei berichten. Alte, gute Kröte du!</q> +</p> + +<p> +Er klopfte sie zärtlich auf die Backe. +</p> + +<p> +Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm +eingepackt worden, was für sie wieder eine Sache von +größter Wichtigkeit gewesen war. Diese Angst, daß die +Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es +war eine große Not. Leo stand mit der Uhr in der +Hand dabei, während die geschäftigen Hände in fieberhafter +Unruhe flogen, und durcheinander rief es: +</p> + +<p> +<q>Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?</q> +</p> + +<p> +<q>Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe +nicht gesehen?</q> +</p> + +<p> +<q>Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer +in der Hand!</q> +</p> + +<p> +<q>Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch +gelegt, wer hat es denn fortgenommen?</q> +</p> + +<p> +Dazwischen drängte Leo, es sei die höchste Zeit, daß +sie fortkämen; Ilse schalt über die Unordnung, Ännchen +suchte überall herum, trat dabei auf Hildegards Kleid +und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren +Strauß gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den +Tisch auf den Fußboden ergoß und alle flüchten mußten +– kurz und gut, richtete mit ihrer gutgemeinten Hilfe +nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt, +sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles +Fehlende gefunden. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich +<pb n='179'/><anchor id='Pgp0184'/>mache mich aus dem Staube,</q> sagte Onkel Heinz. <q>Adieu, +Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel Vergnügen zu +der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kröte?</q> +fragte er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das +weißseidene Kopftuch noch tiefer in die Stirn. +</p> + +<p> +Die übrigen waren bereits die Treppe hinabgestürmt, +nur Nellie stand noch oben und verabschiedete sich von +Ännchen. Immer wieder küßten sich die beiden und +konnten sich nicht von einander trennen, bis es von +unten rief: +</p> + +<p> +<q>Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr +denn?</q> +</p> + +<p> +<q>Wir kommen, wir kommen!</q> +</p> + +<p> +Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen +Onkel Heinz. Von der Straße her schallten noch lebhafte +Stimmen, dann hörte man das Zuklappen der Wagentüren, +das schnelle Rollen der Räder, und nun war +alles still. – +</p> + +<p> +Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht über die +Ohren gezogen und die Hände tief in die warmen Taschen +vergraben. Gemessenen Schrittes ging er die Straße +hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr +eilig zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in +den hellerleuchteten Straßen umher, und ging dann in das +Lokal, wo er seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte. Einsam +verzehrte er sein Nachtessen und blieb den Abend über +da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen, +er legte sie aber beiseite und schaute – die eine +<pb n='180'/><anchor id='Pgp0185'/>Hand am Henkel seines Bierglases – nachdenklich vor +sich hin. Ein paar Male schüttelte er den Kopf und sagte +leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen +erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie +ein lichter Punkt, der aus dem Dunkel auftauchte; und +dieser Punkt nahm eine feste Gestalt an, und diese Gestalt +schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend, verschönend +umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer, +in welchem ein Mann saß und arbeitete. Und +auf einmal wurde alles freundlich und glänzend, und der +Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes, der +davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher und +Schriften liegen und ging ihm nach, bis er in einen lichten +Raum kam, wo das Feuer im Ofen knisterte, Blumen +dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle Hände +bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkürlich +machte Onkel Heinz eine heftige Bewegung, als er zum +Bewußtsein dieser Träume gelangte, und nun flohen die +Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es +erschien wieder sein düsteres Studierzimmer mit den strengen, +langen Bücherreihen, der ausgegangene Ofen und die +schlechtbrennende Lampe. Dieses letzte Bild sollte bald +zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel Heinz sein +Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in +seinen Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half, +und ging dann heim. Doch zum Arbeiten und Lesen +konnte er sich heute abend nicht mehr entschließen; auch +war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie +<pb n='181'/><anchor id='Pgp0186'/>gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe hatte – wie +gewöhnlich – gequalmt. Er begab sich deshalb zur Ruhe, +aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl versuchte er, +sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es +gelang nicht, denn er sah fortwährend luftige Gestalten +an sich vorübergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte +sich noch einmal. <q>Unsinn, Unsinn,</q> murmelte er +und warf sich im Bett umher, bis er endlich doch einschlief. +</p> + +<p> +Am andern Morgen, als es noch dämmerte, wurde +er von seiner Aufwärterin geweckt, wie an jedem andern +Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich darüber und +mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage +wiederholt Anlaß, ihrer Busenfreundin, der Müllern, ihr +Herz auszuschütten und ihr zu klagen, wie böse der Herr +Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte er sie noch +niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft, +der Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe +müsse besser geputzt werden. Und sogar über den Staub +im Zimmer, von dem er noch nie etwas bemerkt habe, +hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht gewesen. +</p> + +<p> +Während Onkel Heinz einen so ungemütlichen Abend +verbrachte, hatte seine Freunde Lust und Lebensfreude +umgeben. +</p> + +<p> +Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und +Marianne den Ballsaal betreten, und selbst Ruths Herz +schlug höher, als sie in dem glänzenden Raume stand. +Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald +<pb n='182'/><anchor id='Pgp0187'/>überhoben, denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich +untereinander die mit Namen dicht besetzten Ballkarten. +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,</q> sagte +Ilse lachend, als sie in den Reihen, welche für die +älteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen. +</p> + +<p> +<q>Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist +auch fein,</q> sagte Nellie; aber als die beiden unzertrennlichen +Freundinnen jetzt so beisammensaßen, sahen sie +durchaus noch nicht aus wie <q>alte Mütter</q>. Das Glück, +das aus beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne +im Tanze anmutig an ihnen vorbeischwebten, der Stolz, +mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte und verschönte +sie merkwürdig. +</p> + +<p> +Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten +Treiben zugesehen, zogen sich dann aber ins Nebenzimmer +zurück, wo sie bei einem Glase Bier gemütlich ihre +Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von +Anfang bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht +eben nur eine Mutter. +</p> + +<p> +Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert +von Ruth. Seine Blicke suchten sie, wenn sie im bunten +Gewühle verschwand, bis er sie gefunden hatte, und so +oft es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und +lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden. +Aber wenn ihn Ruth auf dieses oder jenes hübsche +Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie alle häßlich +oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug, +wen er einzig und allein schön fände. Konnte er nicht +<pb n='183'/><anchor id='Pgp0188'/>mit ihr plaudern oder tanzen, so suchte er Marianne +auf, um so bald als möglich das Gespräch auf ihre +Schwester zu bringen. +</p> + +<p> +Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist +dir die Augen öffnen möchte! Es ist nur zu wahr, die +Liebe macht blind. +</p> + +<p> +In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten +Tage an, als Onkel Heinz Herrn Jansen bei ihren Eltern +einführte, eine stille Neigung für diesen eingeschlichen, +die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen +mehr und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie +Tau auf diese Herzensblume, seine Freundlichkeiten waren +der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh und immer +festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme +Marianne! +</p> + +<p> +So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche +Herr Jansen ihr erwies, neue Nahrung für ihre +Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die +Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen +hielt. +</p> + +<p> +Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge +hatten sich erhitzt und erschöpft mit hochroten Wangen auf +einem der Diwans niedergelassen und tauschten gegenseitig +ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und +Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes +Gesicht sprach deutlich genug von den Gefühlen, welche +ihr Inneres erfüllten. Währenddem hatte sich Ruth von +Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen lassen, das sie nun, +<pb n='184'/><anchor id='Pgp0189'/>nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz +genommen hatte, mit Behagen verzehrte. +</p> + +<p> +<q>Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich +amüsiere mich wenigstens herrlich, Sie auch?</q> fragte Ruth +vergnügt den jungen Mann, der sich an ihrer Seite +niedergelassen hatte. +</p> + +<p> +<q>Für mich war es der schönste Abend meines Lebens, +Fräulein Ruth,</q> erwiderte er. +</p> + +<p> +<q>Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht? +In Indien gibt es wahrscheinlich so etwas +nicht?</q> erkundigte sie sich. +</p> + +<p> +<q>Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so +würde dieser doch der schönste für mich sein,</q> antwortete +er mit Nachdruck. +</p> + +<p> +<q>So, und warum denn?</q> +</p> + +<p> +Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen, +denn Ruth war wirklich gänzlich ohne Arg über die Beziehung, +welche seine Worte enthalten hatten. Er war +ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie +sehr ins Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von +Onkel Heinz. Aus diesem Grunde war sie stets zuvorkommend +und freundlich gegen ihn gewesen; aber daß er +etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin, +war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak +sie auch im höchsten Grade, als er ihr jetzt mit +vor Erregung zitternder Stimme antwortete: <q>Weil Sie +hier sind!</q> und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte: +<q>Haben Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?</q> +</p> + +<pb n='185'/><anchor id='Pgp0190'/> + +<p> +Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute, +verlegen stand sie auf und wünschte zu den Ihrigen geführt +zu werden. +</p> + +<p> +<q>Haben Sie mich denn nicht gern?</q> wiederholte er +eindringlich seine vorige Frage, und mechanisch antwortete +sie hastig: <q>O ja, doch, natürlich.</q> +</p> + +<p> +Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte +sie nach diesen Worten rasch voraus. +</p> + +<p> +Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den +Wagen stieg, nahm er ihre Hand und drückte sie zärtlich +an seine Lippen. Während aber die Schwester und die +Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom +heutigen Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig. +Aus Mariannes Mund tönte der Name dessen, +mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an ihr Ohr. +Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte; +aber schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen, +ob sie ihn gern habe? Und darauf konnte sie ihm doch +nur mit einem <q>Ja</q> antworten; sie hatte ihn ja wirklich +gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter +Mann, ganz anders wie die meisten Herren ihrer +Bekanntschaft; sie konnte sich mit ihm prächtig unterhalten +und empfand eine Art schwesterlicher Zuneigung für ihn. +Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig +harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine +Liebeserklärung ganz anders lautete, – wie sollte er +überhaupt dazu kommen, ihr einen Antrag zu machen? +Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte. +<pb n='186'/><anchor id='Pgp0191'/>Mit diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe +und schlief bald vollständig beruhigt ein in dem festen +Glauben, daß Herr Jansen nur eine freundschaftliche +Frage an sie gerichtet habe. +</p> + +<p> +Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich +aufgehört hatten zu schwatzen, noch lange wach. Selige, +beglückende Gedanken verursachten ihr Herzklopfen und +raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste +jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief +sich jeden seiner Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter +spann sie ihre Träume, die ihr eine unbeschreiblich schöne +Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät gegen +Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender +Schein auf dem holden Mädchenantlitz. +</p> + +<p> +So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern +in dieser Nacht lebhaft mit dem jungen Freunde von +Onkel Heinz. Beide setzten ihre Hoffnung auf ihn. +Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte, +wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche +Gefühle hegen möchte. – +</p> + +<p> +Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte +Ruhe. Wie schon erzählt wurde, schalt er seine Aufwärterin +ein über das andre Mal aus, und als sie fort +war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier +und da stellte er einen Stuhl anders, dann rückte er die +Bilder, die schief an der Wand hingen, zurecht, sortierte +die unzähligen Papiere, die zerstreut und bestaubt auf +dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den +Papier<pb n='187'/><anchor id='Pgp0192'/>korb und legte das übrige ordentlich zusammen; auch +seinen Schreibtisch unterwarf er einer gründlichen Besichtigung, +deren er wahrlich nötig genug bedurfte. Seiner +Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort +entgegengedonnert: <q>Auf dem Schreibtische ein für allemal +nichts anrühren!</q> was diese auch schnell begriff, +hatte sie doch viele einzelne Herren zu bedienen und kannte +diese schwache Seite der Männer hinreichend. Deshalb +ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer +in Ruhe, und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen +war, konnte ihn also eigentlich nicht wundern, war +ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male bemerkte, +noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und +Schriften, daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe +flogen, schüttelte den Aschenbecher, der bis zum Rande mit +Asche und Zigarrenresten gefüllt war, in den Kohlenkasten, +nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und +Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in +die Hand und betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren +fast undurchsichtig, er wischte sie mit seinem Ärmel ab +und stellte sie dann wieder an seinen Platz zurück. Schließlich +ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische nieder, +um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen +nicht recht gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit +mit dem Herumstöbern verbummelt, denn als er nach der +Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er hatte versprochen, +gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich deshalb +fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne, +<pb n='188'/><anchor id='Pgp0194'/>die seinen Pelz nicht gerade in die günstigste Beleuchtung +setzte, nach den Freunden hin. +</p> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p0187.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<p> +Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu +finden hoffte, so hatte er sich getäuscht. +</p> + +<p> +Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er +in den Flur trat, ging vorsichtig die Türe auf, die zu +dem Zimmer der beiden jungen Mädchen führte, und +Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz,</q> rief sie leise, <q>bitte, bitte, komm erst +zu mir herein.</q> +</p> + +<p> +Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer +Augen und fragte, was denn geschehen sei. +</p> + +<p> +Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog +ihn zu sich ins Zimmer herein. +</p> + +<p> +<q>Was ist denn nur los?</q> fragte er nochmals, als +sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte. +</p> + +<p> +Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus +der Tasche und gab ihn dem Professor. +</p> + +<p> +<q>Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief +von Herrn Jansen, der eben für mich abgegeben worden +ist,</q> sagte sie mit bebender Stimme und fuhr dann leidenschaftlich +fort: <q>Aber siehst du, ich kann ganz gewiß nichts +dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß +ich ihn gern hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht +zu heiraten, nicht wahr, Onkel Heinz?</q> +</p> + +<p> +<q>Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch +von gar nichts,</q> unterbrach er sie, indem er den Brief +auseinanderfaltete und zu lesen begann. +</p> + +<pb n='189'/><anchor id='Pgp0195'/> + +<p> +<q>Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!</q> klagte +sie, während er las, und diesen Ausruf wiederholte sie +in einem fort, während sie erregt im Zimmer auf und +ab wandelte. +</p> + +<p> +<q>Ja,</q> – sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war, +fuhr mit der Hand über seine grauen Stoppeln und +drehte an seiner Bartspitze. +</p> + +<p> +<q>Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht +schrecklich?</q> fragte sie angstvoll. +</p> + +<p> +<q>Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade finden,</q> +gab er lächelnd zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Was soll ich denn aber tun?</q> +</p> + +<p> +<q>Ja –</q> sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und +kratzte sich hinterm Ohr, indem er sein Gesicht in nachdenkliche +Falten legte; <q>da ist nun schwer etwas zu +sagen.</q> +</p> + +<p> +Ruth hing sich an seinen Arm. +</p> + +<p> +<q>Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster +Onkel, du weißt ja doch immer alles,</q> sagte sie, ihn +vertrauensvoll anblickend. +</p> + +<p> +Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten +Manier losplatzen, <q>daß er besseres zu tun hätte, als +über solche Dummheiten nachzudenken,</q> hatte aber doch +wohl das Gefühl, als ob es eine große Ehre für ihn +wäre, von einem jungen Mädchen in einer so wichtigen +Angelegenheit um Rat gefragt zu werden. Auch konnte +er den ängstlich fragenden Augen seines Lieblings nicht +widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber +<pb n='190'/><anchor id='Pgp0196'/>leicht war die Sache nicht – wie sollte er denn nur +anfangen? Überlegend ging er einige Male im Zimmer +auf und ab. +</p> + +<p> +<q>Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?</q> +fragte er endlich. +</p> + +<p> +<q>Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,</q> lautete +die Antwort. +</p> + +<p> +<q>Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann +heirate ihn doch.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber, Onkel Heinz,</q> unterbrach ihn Ruth hastig, +<q>wenn man jemand auch leiden kann, braucht man ihn +deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder – meinst du +doch?</q> +</p> + +<p> +Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen +Abend war ihr auf einmal wieder zentnerschwer aufs +Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine Zusage genommen, +wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb +– überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen +Tage kommen und bei den Eltern um ihre Hand anhalten. +Siedendheiß überlief es sie bei diesem Gedanken; +sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz +sagte auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig +ratlos. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du +dazu?</q> wiederholte sie ihre Frage noch einmal dringlich. +</p> + +<p> +Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte +aber nur die nichtssagenden Worte heraus: +</p> + +<p> +<q>Ja, das ist nicht so leicht,</q> und fuhr dann +plötz<pb n='191'/><anchor id='Pgp0197'/>lich fort, als wäre ihm auf einmal etwas Wichtiges eingefallen: +<q>Wie kommt denn Jansen überhaupt dazu, dich +heiraten zu wollen?</q> +</p> + +<p> +<q>Das war so, Onkel Heinz,</q> begann Ruth; <q>gestern +abend auf dem Balle fragte er mich, ob ich ihn gern +hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es ist doch auch +wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da +ist es mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint +hat. Muß ich ihn denn nun wohl heiraten?</q> +</p> + +<p> +Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es +war ja wahrhaftig viel schwerer, hier eine richtige Lösung +zu finden, als bei irgend einer noch so verwickelten, wissenschaftlichen +Frage. Er wußte nicht ein noch aus, und +Ruth wurde immer dringender. +</p> + +<p> +<q>Ach, gib mir doch eine Antwort,</q> bat sie +flehentlich. +</p> + +<p> +<q>Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein +Ball ist; nun muß man sich den Kopf über so dummes +Zeug zerbrechen,</q> fuhr er barsch heraus; als er aber sah, +daß Ruth in ihrer Herzensangst die Tränen in die Augen +stiegen, lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen konnte +er nicht sehen, am wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei +Dank nur selten weinte. +</p> + +<p> +<q>Na – wir wollen mal sehen, Kröte,</q> sagte er zärtlich, +<q>was in dieser Sache noch zu machen ist. Ich will +mit Jansen sprechen, ob er sich darauf einläßt.</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz selbst fühlte, daß seine Antwort etwas +dunkel und unklar, auch wohl sonst nicht ganz die richtige +<pb n='192'/><anchor id='Pgp0198'/>war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, denn in diesem +Augenblicke ertönte draußen die Klingel. +</p> + +<p> +<q>Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn +nur tun? Lieber Onkel Heinz, hilf mir doch,</q> rief sie +und klammerte sich angstvoll an seinen Arm. +</p> + +<p> +<q>Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen, +Ruth?</q> fragte er und empfand dabei die Beruhigung, +daß er diesmal etwas ganz Vernünftiges gesagt habe. +</p> + +<p> +<q>Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade +mit dem Briefe zu ihr gehen, da kamst du, und da wollte +ich doch erst deine Meinung hören. Jetzt will ich ihr +aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was +ich tun muß.</q> +</p> + +<p> +Und mit diesen Worten eilte sie zur Türe hinaus. +</p> + +<p> +Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm +ja das schwere Amt des Beraters in Heiratsangelegenheiten +abgenommen; es war ihm ordentlich heiß dabei +geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth +stürzte aufgeregt herein. +</p> + +<p> +<q>Na, was ist denn schon wieder los?</q> fragte +Onkel Heinz. +</p> + +<p> +<q>Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!</q> jammerte +sie laut. +</p> + +<p> +<q>Ja, was ist denn zu spät?</q> fragte er. +</p> + +<p> +<q>Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und +Mutter ging gerade hinein, als ich in den Flur trat +– ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll ich nun +tun, was soll ich anfangen?</q> +</p> + +<pb n='193'/><anchor id='Pgp0199'/> + +<p> +Onkel Heinz schwieg. Er wußte keinen Rat zu geben, +trotzdem Ruth ganz unglücklich schien; im nächsten Moment +schon würde man ja von ihr vielleicht eine wichtige Entscheidung +fordern, eine Lebensfrage an sie richten, und +das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in +lautem Selbstgespräch, das Onkel Heinz mit fortwährenden +Randbemerkungen begleitete. +</p> + +<p> +<q>Ich werde überhaupt nicht heiraten,</q> fing sie an. +</p> + +<p> +<q>Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest, +aber bei euch Frauenzimmern ist es nun doch einmal +die Hauptsache, das Heiraten,</q> sagte er. +</p> + +<p> +<q>Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde +einen Mann nur quälen und unglücklich machen,</q> fuhr +sie fort. +</p> + +<p> +Der Professor lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis +einer edlen Seele. +</p> + +<p> +<q>Na – das müßte man doch erst mal abwarten, +du bist noch lange nicht die schlechteste,</q> sagte er. +</p> + +<p> +<q>Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten, +– du bist ja auch nicht verheiratet, Onkel Heinz!</q> +</p> + +<p> +Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das +<q>Nein, nein, Gott sei Dank nicht,</q> kam doch in einem +Tone heraus, der halb wie ein Erleichterungsseufzer, halb +wie Bedauern klang, denn auf einmal stand wieder der +Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte +wieder die freundlichen hellen Räume und als +Gegensatz sein einsames Studierzimmer. Eifrig fing er +an, seinen Bart zu drehen, der zwar im Verhältnis zu +<pb n='194'/><anchor id='Pgp0200'/>dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch +schon von manchem Silberfaden durchzogen war. +</p> + +<p> +<q>Weißt du, Onkel Heinz,</q> rief Ruth plötzlich und +sah ihn mit ihren großen, braunen Augen an, <q>wenn ich +überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest nur du +es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.</q> +</p> + +<p> +Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang +ihn mit beiden Armen und ließ ihren Kopf auf seiner +Schulter ruhen. – +</p> + +<p> +Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine +Liebeserklärung sein oder nicht? Nein, in was für Situationen +und Verlegenheiten brachte ihn auch heute morgen +diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in +dieser neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb +zog er vor zu schweigen und hielt ganz still unter dieser +zärtlichen Umarmung; aber seine Augen blickten mit hilfesuchendem +Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor; +zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber, +legte er seinen Arm um ihre Taille. +</p> + +<p> +In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie +bald darauf hereinkam. In solcher Pose hatte sie den +alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und ihr +Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun +geschah auch noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz +auf seine alten Tage unter dem forschenden Blicke seiner +besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich fast wie ein +ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das +geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen +<pb n='195'/><anchor id='Pgp0201'/>mußte. Daß Ruth ihn umarmte und küßte, war nichts +Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung doch wohl +einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh, +als sie ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme +sank. Das war ja auch der richtige Platz, um ihr bedrängtes +Herz zu erleichtern. Unter Weinen und Schluchzen +erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte +den Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige +Male wiederholen, daß man jemand noch nicht zu heiraten +brauche, wenn man ihn auch gern hätte. <q>Gernhaben</q> +und <q>Liebhaben</q> wäre doch ein großer Unterschied, +erklärte Ruth. +</p> + +<p> +Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch; +woher wußten nun wohl solche Kröten so etwas! +</p> + +<p> +<q>Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen, +daß ich ihn nicht heiraten könnte,</q> drängte Ruth. +</p> + +<p> +<q>Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm +schreiben, er soll gar nicht erst kommen, denn das würde +dem jungen Manne doch sonst eine große Verlegenheit +bereiten,</q> sagte Ilse. +</p> + +<p> +<q>Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei +Vater im Zimmer?</q> fragte Ruth. +</p> + +<p> +<q>Bewahre.</q> +</p> + +<p> +<q>Ihr spracht doch mit einem Herrn.</q> +</p> + +<p> +<q>Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater +und mir seinen Besuch machen wollte,</q> setzte Ilse auseinander. +</p> + +<p> +<q>Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so +<pb n='196'/><anchor id='Pgp0202'/>schlimm,</q> sagte Onkel Heinz, <q>und ich werde auch noch +mit Jansen sprechen.</q> +</p> + +<p> +In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse +ihre erregte Tochter, indem sie ihr zärtlich die erhitzten +Wangen streichelte, und erleichtert atmete dieselbe auf, +als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele gelastet +hatte, von ihr genommen wurde. +</p> + +<p> +Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch +noch auf ihrem Gesichte zu lesen, als jetzt Marianne eintrat, +die mit den Zwillingen zusammen einige Freundinnen +besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball +nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern. +</p> + +<p> +Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und +Schwester und dann wieder Onkel Heinz an, der unaufhörlich +an seinem Barte drehte und ein Gesicht machte, +das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem +Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht +in kritischen Augenblicken. +</p> + +<p> +Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft +gleichwie eine Erquickung in das warme Zimmer gedrungen. +Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr Gesichtchen +unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm, +worauf sie auch das Jäckchen auszog. +</p> + +<p> +Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt, +fragend wandte sie sich an Ilse und Ruth. +</p> + +<p> +<q>Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?</q> +Und voller Sorge blickte sie die Schwester dabei an. +</p> + +<p> +Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten +<pb n='197'/><anchor id='Pgp0203'/>Brief hin, den Marianne ahnungslos entfaltete und las. +Doch schon nach den ersten Worten legte es sich wie ein +Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand +leise an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem +die Buchstaben durcheinander zu tanzen schienen. Es +begann ein Sausen in den Ohren – die Gegenstände +wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl +hemmte den Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen +– und sie wäre unfehlbar umgesunken, wenn nicht +Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und hinzugesprungen +wären. Marianne war ohnmächtig geworden. – +</p> + +<p> +Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die +Schläfen mit einer stärkenden Essenz, während Ruth hinauslief, +um Wasser zu holen. Beide befanden sich in höchster +Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; er +stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht +der Ohnmächtigen, in das noch kein Schimmer von +Röte zurückkehren wollte. Jetzt kam Ruth mit dem Wasser +herein, hinter ihr her stürmten die Zwillinge ins Zimmer, +mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der +bewußtlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen, +während sich Thusnelda über sie beugte und ihr laut +ins Ohr schrie: +</p> + +<p> +<q>O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!</q> +</p> + +<p> +Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen. +</p> + +<p> +Inzwischen war Ilse fortwährend ängstlich um +Marianne bemüht, bei der das Bewußtsein immer noch +nicht zurückkehren wollte. +</p> + +<pb n='198'/><anchor id='Pgp0204'/> + +<p> +<q>Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt +sie nicht wieder zu sich,</q> sagte Onkel Heinz auf einmal, +nachdem er eine Weile zugesehen hatte. +</p> + +<p> +<q>Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,</q> meinte +Ilse besorgt. +</p> + +<p> +<q>Ach was, der kann auch nichts helfen,</q> erwiderte +der Professor. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben? +Woher kommt es nur?</q> fragte Ruth voller Angst. +</p> + +<p> +<q>Woher das kommt?</q> wiederholte er bedeutungsvoll. +<q>Woher das kommt? An allem ist der verrückte Ball +schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng geschnürt, habt +unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die +Kälte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr +unkluge Geschichten gemacht haben. Davon kommen dann +am andern Tage Ohnmachten und dergleichen, das ist +kein Wunder.</q> +</p> + +<p> +Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er +von dem Unheil sprach, welches dieser verrückte Ball +angerichtet habe, dann wandte er sich wieder der Ohnmächtigen +zu. +</p> + +<p> +<q>Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen, +hilft nichts,</q> fing er wieder an. +</p> + +<p> +<q>Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen +Sie doch,</q> sagte Ilse ungeduldig und gereizt durch +seinen Ton. +</p> + +<p> +<q>Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort, +daß dieser tiefer liegt und wieder Blut ins Gehirn kommt. +<pb n='199'/><anchor id='Pgp0205'/>So ist es recht! Alles Beengende haben Sie wohl aufgemacht, +nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da +gibt es doch nichts zu jammern,</q> rief er dann den +Zwillingen zu, die ein wahres Heulkonzert aufführten. +</p> + +<p> +<q>Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,</q> +konnte Ilse trotz ihrer augenblicklichen Sorge doch nicht +unterlassen ihm zu sagen, denn das war jetzt mal wieder +einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte. +</p> + +<p> +<q>Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich +man hat kein Gefühl,</q> erwiderte er ruhig. +</p> + +<p> +Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort +schuldig geblieben, wenn nicht gerade jetzt Marianne die +Augen aufgeschlagen und ihre ganze Aufmerksamkeit in +Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort +wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat, +Marianne zärtlich auf die Backe klopfte und sagte: <q>Na, +Kröte, wie geht’s denn? Was machst du aber auch für +Geschichten!</q> +</p> + +<p> +Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein +gekommen war, blickte sie erstaunt um sich und fing bitterlich +an zu schluchzen. +</p> + +<p> +<q>Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?</q> rief Thusnelda +mit Stentorstimme, – einem Erbteile des Vaters +– und trat mit der Schwester herzu. Der Professor +drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie +schweigen möchten, zurück. +</p> + +<p> +Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten +Schmeichelnamen, Ruth kniete leise weinend vor +<pb n='200'/><anchor id='Pgp0206'/>ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von Marianne, das +herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor +wurde bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute. +Wohin er blickte, sah er Weibertränen, und da er sich +unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf einmal +sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich +zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein +flüchtiges Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm +innig die Hand. – +</p> + +<p> +Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung +anlangte, betrat er sie mit einem angenehmeren +Gefühl, als er sie verlassen hatte. Das Feuer +brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die +Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen +einen gewissen Glanz. Vor allem empfing ihn hier die +Ruhe wie eine Wohltat nach der eben stattgefundenen +Szene bei Gontraus. <q>Ja, ja, so etwas würde auch +vorkommen,</q> schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und +im Selbstgespräche antwortete er darauf: <q>es ist schon +besser so.</q> Er hatte seinen Pelz abgezogen und hielt die +kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden waren, +setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun +ging es wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die +gestern und heute vor den Lichtgestalten geflohen waren, +erschienen wieder, und in ihrer Gesellschaft fühlte sich +Onkel Heinz doch am wohlsten. +</p> + +<p> +Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur +das Geräusch der schreibenden Feder, und wie das Papier +<pb n='201'/><anchor id='Pgp0207'/>knitterte, oder das Feuer im Ofen lustig knackte und +knisterte. +</p> + +<p> +Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt +bei seiner Arbeit sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich +vor, wollte er noch einmal nach Gontraus gehen, um sich +nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm zuvor. +Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte +ihn wieder aus seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das +war aber auch ein Tag heute, was sich da alles zutrug! +Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die eigentliche +Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie +ihr den verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben +habe, ohne die geringste Ahnung davon, welches +Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte nämlich +ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt +gewesen, daß er dasselbe erwidere. +</p> + +<p> +Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals +den Kopf geschüttelt und seine Bartspitze so zusammengedreht, +daß man sie hätte durch ein Nadelöhr einfädeln +können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte +an diesem Tage – zwei unglückliche Lieben! +</p> + +<p> +Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte +von Onkel Heinz konnten sie nicht beruhigen, so +sehr war sie ergriffen von dem Kummer der Schwester +und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen +erfuhr der <anchor id="corr201"/><corr sic="Profossor">Professor</corr>, daß Marianne krank im Bett liege, daß +man einen Arzt habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung +konstatiert und größte Ruhe anempfohlen habe. +</p> + +<pb n='202'/><anchor id='Pgp0208'/> + +<p> +<q>Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen +Liebe!</q> rief Ruth laut jammernd aus. +</p> + +<p> +<q>Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in +verrückten Romanen vor, aber im Leben nicht,</q> entgegnete +Onkel Heinz. +</p> + +<p> +<q>Sie ist aber so elend.</q> +</p> + +<p> +<q>Wird sich schon wieder erholen.</q> +</p> + +<p> +<q>Glaubst du wirklich?</q> +</p> + +<p> +<q>Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,</q> redete +er ihr liebevoll zu. +</p> + +<p> +<q>Warum mußte es auch so kommen?</q> klagte Ruth. +<q>Warum liebt Herr Jansen nicht Marianne statt mich?</q> +</p> + +<p> +Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wußte es doch +auch nicht. +</p> + +<p> +<q>Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich +liebte?</q> fragte das junge Mädchen den alten +Hagestolz in ernstem Tone. +</p> + +<p> +Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort. +</p> + +<p> +Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor +sich hin. +</p> + +<p> +<q>Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?</q> fragte sie +dann wieder. +</p> + +<p> +Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich +zusammen. +</p> + +<p> +<q>Dummes Zeug! Unsinn!</q> sagte er dann ziemlich +schroff. +</p> + +<p> +<q>Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?</q> Und +<pb n='203'/><anchor id='Pgp0209'/>als er nicht antwortete, fuhr sie fort: <q>Weißt du, Onkel +Heinz, ich glaube, ich kann überhaupt nicht lieben.</q> +</p> + +<p> +<q>Was die Kröte da heute doch immer von Liebe +schwatzt,</q> dachte der Professor bei sich. +</p> + +<p> +<q>Willst du wissen, was ich wohl möchte?</q> fragte +Ruth nach einer kleinen Weile lebhaft, und ihre noch +feuchten Augen blitzten auf. <q>Willst du es wissen? Ich +möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin, +ich möchte – eine Künstlerin werden.</q> +</p> + +<p> +Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt +hatte sie diese Worte ausgerufen. +</p> + +<p> +<q>Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was +eine Künstlerin ist?</q> fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘ +nicht gerade in der schmeichelhaftesten Weise betonend. +</p> + +<p> +Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an +mit höchst wichtiger Miene. +</p> + +<p> +Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort: +</p> + +<p> +<q>Siehst du, Onkel, hier – hier –,</q> sie zeigte auf +ihr Herz, <q>da ist es oft so komisch, so – ich weiß nicht +wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas heraus, +als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich +und unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann +hinsetze und singe, dann wird’s mir leichter, dann kommt +es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der Erde, als +trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann +denke ich edel – dann – dann wird mir erst wieder +wohl – ich kann dir gar nicht beschreiben, wie wohl! +Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche Freude +<pb n='204'/><anchor id='Pgp0210'/>an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir +traurig.</q> +</p> + +<p> +Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte +sie bei jedem Worte erstaunter an. Was sprach da diese +Kröte! Dieses Kind! Solche Redensarten konnte es +machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er empfand +doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung +funkelnden Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind +kein Kind mehr war, daß es eigene Anschauungen, eigene +Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, – ja, ja, jetzt +kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz +sah sich das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine +alte Kröte noch immer schweigend und so prüfend an, +als erblicke er sie heute zum ersten Male. So sah er +sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie +noch nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine +andre, nicht mehr das kleine Mädchen, das er bisher noch +immer in ihr erblickt hatte, sondern eine Jungfrau, die +da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das plötzlich +über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr +losreißen. +</p> + +<p> +<q>Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?</q> +bemerkte sie lächelnd. +</p> + +<p> +Da erwachte er aus seinen Gedanken. +</p> + +<p> +<q>Hm!</q> brummte er nur und fuhr sich über seine +Stoppeln, das sollte so viel heißen, als: es ist nun einmal +so. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz,</q> fing sie wieder an und schmiegte +<pb n='205'/><anchor id='Pgp0211'/>sich in zärtlicher Vertraulichkeit an ihren alten Freund. +<q>Ich habe eine große Bitte an dich, aber – du mußt +mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.</q> +</p> + +<p> +<q>Da werde ich mich schön hüten,</q> warf er ein und +lächelte spöttisch. Vorher versprechen, so etwas zu +verlangen, konnte auch nur ein Frauenzimmer fertig +bringen. +</p> + +<p> +<q>Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll +ich denn tun?</q> fragte er aber dennoch. +</p> + +<p> +Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß +er wie gewöhnlich nicht widerstehen konnte. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz,</q> kam es etwas zaghaft und zögernd +von ihren Lippen, <q>wenn du doch nur mal mit den Eltern +sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme nicht ausbilden +lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich, +und siehst du,</q> fuhr sie leidenschaftlich fort, <q>ich möchte +so gern etwas Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein, +will mir so viele Mühe geben, will ganz und gar nur +der Kunst leben.</q> +</p> + +<p> +<q>Das ist ja Unsinn,</q> sagte der Professor ausweichend, +aber sie unterbrach ihn ernsthaft. +</p> + +<p> +<q>Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein +Unsinn, wenn ich so spreche, das ist mein heiligster Ernst. +Ich bin jetzt wirklich nicht zum Scherzen aufgelegt.</q> +</p> + +<p> +Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein, +Tränen stiegen ihr in die Augen, und das – das konnte +er nun einmal nicht sehen. +</p> + +<p> +<q>Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch +<pb n='206'/><anchor id='Pgp0212'/>immer gleich flennen müßt,</q> sagte er etwas unmutig, +streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die wellig gescheitelt +bis tief in die Schläfen fielen und das feine, +schön geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen +ließen. <q>Aber das mit der Künstlerin schlage +dir nur aus dem Sinn,</q> fuhr er fort, <q>das geht nicht, +das geht auf keinen Fall.</q> +</p> + +<p> +Sie sah ihn bittend, fast flehend an. +</p> + +<p> +<q>Aber Onkel Heinz!</q> +</p> + +<p> +<q>Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin +werden? Willst du etwa Mummenschanz treiben? Hm?</q> +Er sagte das sehr geringschätzig, denn unter dem ‚Mummenschanztreiben‘ +verstand er, ob sie vielleicht zur Bühne +gehen wolle. <q>Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut +dazu, Kröte, da gehörst du nicht hin, das geben die +Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht, daraus +wird nichts!</q> +</p> + +<p> +Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten, +denn daß Ruth vielleicht eine solche Absicht haben könnte, +war ihm ein furchtbarer Gedanke. <q>Ja, ja, wenn das +alles so wäre, wie es sein sollte,</q> setzte er wie im Selbstgespräche +fort, <q>aber das ist es eben nicht, der bunte Flitterkram, +das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache. +Kunst, Kunst! Davon haben ja die wenigsten +Menschen überhaupt einen Begriff!</q> +</p> + +<p> +Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte +schon ein paarmal versucht, ihn zu unterbrechen, ohne daß +es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt sie ihn am Arme fest. +</p> + +<pb n='207'/><anchor id='Pgp0213'/> + +<p> +<q>Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht, +darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Vorläufig möchte +ich nur lernen, mich meinen Gesangsstudien ganz hingeben +können, an nichts andres zu denken brauchen. +Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den +Hausgebrauch, wie es heißt, das macht mir wenig Spaß, +das befriedigt mich nicht, weil ich fühle, daß es nur +oberflächlich und nicht das Richtige ist.</q> +</p> + +<p> +<q>Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine +Stimme ist nicht übel, das ist wahr,</q> sagte er einlenkend. +</p> + +<p> +Diese Worte nahm sie schon für eine Zusage und +fragte nun freudig und zuversichtlich: +</p> + +<p> +<q>Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?</q> +</p> + +<p> +<q>Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch +lange nicht,</q> sagte er abwehrend. +</p> + +<p> +<q>Einziger, süßer Onkel, tue es doch!</q> bat sie und +hing sich an seinen Arm. Er entgegnete nichts, drehte +aber seine Bartspitze mit großer Geschwindigkeit. +</p> + +<p> +<q>Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß +zum Lohn,</q> versprach sie. +</p> + +<p> +<q>Will ich gar nicht,</q> brummte er vor sich hin. +</p> + +<p> +<q>Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,</q> rief sie +lächelnd und fragte dann, als ob schon alles bestimmt +abgemacht wäre: <q>Wann willst du denn mit den Eltern +sprechen?</q> +</p> + +<p> +<q>Gar nicht,</q> erwiderte er kurz. +</p> + +<p> +Ruth schien diese Antwort zu überhören und sagte +weiter: +</p> + +<pb n='208'/><anchor id='Pgp0214'/> + +<p> +<q>Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne +krank ist, aber sobald es ihr wieder besser geht, nicht +wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?</q> +</p> + +<p> +<q>Nein!</q> +</p> + +<p> +<q>Bitte, bitte, sage ja.</q> +</p> + +<p> +<q>Nein, nein, nein!</q> widersprach er heftig. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz!</q> +</p> + +<p> +Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen +Augen widerstehen können! Der Professor konnte es +wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch abwandte. +</p> + +<p> +<q>Lieber Onkel Heinz.</q> +</p> + +<p> +Er antwortete nicht. +</p> + +<p> +<q>Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!</q> +</p> + +<p> +Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und +liebkosend, bis er schließlich nachgab – er konnte der +Kröte nun einmal nichts <anchor id="corr208"/><corr sic="abschlagen.«">abschlagen.</corr> +</p> + +<p> +<q>Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!</q> rief er laut. +</p> + +<p> +Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und +trotzdem er sich sträubte, heimste er doch den Kuß – +den versprochenen Lohn – gern ein. – +</p> + +<p> +Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig. +Marianne lag krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele +wollte sich gar nicht wieder erheben, geistig und körperlich +schien sie gebrochen zu sein. Nur der unermüdlichen Pflege, +der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und nach +wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht +hatte, daß die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne, +weil ihre Ansichten über diesen Punkt so weit auseinander +<pb n='209'/><anchor id='Pgp0215'/>gingen, so überzeugte sie sich jetzt von dem Gegenteil, als +sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am +Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man +kaum wieder, wie sie sich jetzt ebenso sanft und liebevoll +gegen die Schwester zeigte, als sie früher manchmal herrschsüchtig +und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der Professor +aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als +treuer, zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach +natürlich bei allem, was der Arzt verordnete, wußte alles +besser, tröstete aber Ilse, wenn sie niedergedrückt und mutlos +war, und sprach mit der Kranken in seiner alten gewohnten +Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang, +sogar ein Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern. +</p> + +<p> +Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist. +Wie Onkel Heinz Ilse und Leo erzählte, hatte er kürzlich +von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, wo er sich +einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach +Indien zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst +bei Gontraus nicht genannt, weil derselbe bei Ruth ein +peinliches und bei Marianne ein schmerzliches Gefühl +hervorgerufen haben würde. +</p> + +<p> +Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte +Onkel Heinz sein Versprechen, das ja durch den Kuß von +Ruth besiegelt worden war, einlösen. Im Verein mit +dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie +ihre Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der +Prüfung für sehr bedeutend erklärt wurde, sollte sie eine +künstlerische Ausbildung erhalten. Mit Fleiß und Liebe, +<pb n='210'/><anchor id='Pgp0216'/>und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst +des Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium. +</p> + +<p> +Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich +war sie ganz hergestellt, und auch ihr Geist fing +wieder an, leise seine Schwingen zu entfalten, allmählich, +ganz allmählich gesundete er. Den zarten Blütenhauch +aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte +Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck +in ihren Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches +Lachen ertönte nicht mehr so oft wie früher. Ganz +tief im innersten Herzen trug sie noch immer das Bild +des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie +noch manchmal, aber das Leben machte doch seine Rechte +wieder geltend, und sie war glücklicherweise in dem Alter, +wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr verlebte sie +bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande, +den Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst +aber machte sie mit den Eltern, Ruth und Onkel Heinz +eine herrliche Reise nach Italien bis nach Sizilien hinunter. +Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er +kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste +und beherrschte vollkommen die italienische Sprache, +konnte deshalb auch den Freunden manchen Vorteil verschaffen. +Na, und wenn er mit den beiden Kröten am +Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die +Kunstwerke der alten Meister zu zeigen – er war ein +geschworener Feind der modernen Malerei, über die er +mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden +<pb n='211'/><anchor id='Pgp0217'/>hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann +zeigte sich auf seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln, +und er erzählte es später Ilse voller Stolz. +</p> + +<p> +Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen +trüben Tagen eingezogen war und die Bäume entlaubt +hatte, kehrten sie heim, reich an schönen Eindrücken und +Erlebnissen. Mit noch größerer Begeisterungsfähigkeit +nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber hatte +frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so +daß ihr die Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde +erschien, wie es noch vor kurzer Zeit der Fall gewesen +war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen +denken, wie an einen fernen lieben Freund. +</p> + +<p> +So verging der Winter und der Sommer und noch +ein Winter und Sommer, bis es wiederum Herbst war. +– Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz vergessen +ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn +in seinem warmen Sonnenscheine wurde das Herz von +Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen strömten +hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten +schönen Frühlingstage nach dem langen, langen Winter. +</p> + +<p> +An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte +Onkel Heinz mit seiner Freundin Ilse einen Spaziergang +hinaus in das Freie, in den bunten Wald. Die klare Luft +war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben, roten +und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen +Zelte über ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein +welkes Laub, nur dann und wann flatterte, durch einen +<pb n='212'/><anchor id='Pgp0218'/>Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und leicht vor ihre +Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald +und Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne +erst jetzt die Zeit des Wachsens und Werdens, aber diese +Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose geschlungen +war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben +verknüpfte, locker hingen alle die buntgemalten Blätter an +den Zweigen, und nur unter dem warmen Kuß der Sonne, +umgeben von der milden, sanften Luft, wagten sich im +Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle +hervor. Schein war alles! Und diese blendende +Herrlichkeit würde mit einem Schlage vorbei sein, wenn +das allmächtige Himmelslicht droben hinter Wolken verschwand +und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr +und daran rüttelte – dann begann mit einem Schlage +das große gewaltige Sterben. Unverschleiert war die +Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien abhob, und +gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige +Weite. Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für +den herzerquickenden Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt +aus, als beschäftige sie etwas lebhaft. +</p> + +<p> +<q>Wenn nur alles gut geht,</q> sagte sie seufzend zu +dem Professor. +</p> + +<p> +Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete: +</p> + +<p> +<q>Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig +gelernt, die kann ja was.</q> +</p> + +<p> +<q>Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas +zu erreichen! Mit Begabung und Fleiß allein kann das +<pb n='213'/><anchor id='Pgp0219'/>nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen. Nun, +was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth +immer und immer wieder davon zu überzeugen, mit wieviel +Kämpfen und Schwierigkeiten der Beruf einer Künstlerin +erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt, +sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als +auf Erfolge, denn guten Mut hat sie selbst genug. Na, +und Onkel Heinz, für eine tüchtige Ausbildung haben wir +doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige +Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen +den letzten Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine +Sängerin fertig ist, dauert es lange.</q> +</p> + +<p> +<q>Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu +etwas Tüchtigem, das weiß ich,</q> versicherte Onkel Heinz +mit wichtiger Miene, als könne daran nicht mehr gezweifelt +werden, wenn er es einmal gesagt habe. +</p> + +<p> +<q>Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,</q> +meinte Ilse und holte tief Atem. +</p> + +<p> +<q>Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu +haben brauchen, so haben Sie es auch nicht nötig, liebe +Frau Gontrau,</q> sagte Onkel Heinz und legte einen +Augenblick seine Hand auf ihren Arm. +</p> + +<p> +Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen +wollte, und sah ihn dankbar an. Er war doch ein treuer, +ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde, destomehr befestigte +sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige +Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das +man hüten muß wie einen großen Schatz. Sie hatte in +<pb n='214'/><anchor id='Pgp0220'/>ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft erfahren und +ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die +wahre Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel +ihrer einzigen Nellie lernte sie Selbstbeherrschung +und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich hatte durch seine +unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren +Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie +oft genug in sich ging, über sich nachdachte, fortwährend +selbsterzieherisch tätig war und sich immer mehr daran +gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht zu nehmen; +sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht +man einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das +ungebändigte Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles +dies ging Ilse jetzt durch den Sinn und noch viel mehr. +Der Professor aber, der sie so nachdenklich an seiner Seite +schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit beschäftige, +wie wohl das Konzert ausfallen würde, in +welchem Ruth heute abend zum ersten Male öffentlich in +der Kirche singen sollte. Und deshalb beschloß er, ein +neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken +zu bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber +nach, auf welche Weise dies am besten geschehe, denn +Diplomatie war nicht seine starke Seite. +</p> + +<p> +<q>Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,</q> fing er dann +plötzlich an, <q>bei Superintendents ist man wohl überglücklich, +daß der Ausreißer wieder da ist? Ist übrigens +ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern +bei mir.</q> +</p> + +<pb n='215'/><anchor id='Pgp0221'/> + +<p> +<q>Ja,</q> entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde, +<q>Gott sei Dank, daß er wieder da ist! Und wie +hat er sich durchgearbeitet, von der Picke auf gedient, und +was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran +gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.</q> +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, die <hi rend='antiqua'>selfmade men</hi>, das sind die besten,</q> +warf Onkel Heinz ein. +</p> + +<p> +<q>Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt +hat, nicht wahr?</q> fragte Ilse. +</p> + +<p> +<q>Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich +sehr interessiert. Der Junge hat übrigens viel Glück gehabt, +denn da drüben gibt’s nur zweierlei, entweder man +wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die +amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der +Germania, auf welcher sich Fritz als Schiffsjunge verdungen +hatte, gleich für ihn so lebhaft interessierte, ist +doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die +Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an +Vorurteilen, die denken freier als wir; ich bin ja lange +drüben gewesen und kenne die Verhältnisse genau. Daß +der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute eben gar +nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith +sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen +Deutschen in seinem Geschäft gebrauchen könne, na, und +da war die Sache bald abgemacht.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,</q> +warf Ilse ein. <q>Er hatte es so gut bei den Leuten, +die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter, und bloß, +<pb n='216'/><anchor id='Pgp0222'/>weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache +des Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er +nicht tun sollen.</q> +</p> + +<p> +<q>Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig +von ihm,</q> widersprach Onkel Heinz, <q>so wird das da +drüben gemacht, da kennt man keine Sentimentalitäten. +Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen +ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du +lieber Gott, schlechte Zeiten muß der <hi rend='antiqua'>selfmade man</hi> auch +mit in den Kauf nehmen, das gehört dazu. Er ist ja +nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter +diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen +und Barone.</q> +</p> + +<p> +<q>Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause +in San Franzisko eine brillante Stellung haben. +Rosi erzählte mir strahlend davon,</q> meinte Ilse. +</p> + +<p> +<q>Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls +ist er ganz anders geworden, als wenn er in dem +Pastorenhause weiter herangewachsen wäre, unter den +spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,</q> gab Onkel +Heinz zur Antwort. +</p> + +<p> +<q>Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab +all die Jahre hindurch,</q> wandte Ilse vorwurfsvoll ein. +</p> + +<p> +<q>Da hatte er ganz recht,</q> unterbrach sie der Professor +von neuem; <q>er wollte erst was ordentliches werden. +Und für Ihre Freundin Rosi war diese Sorge sehr heilsam, +sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der +hätte ganz anders behandelt werden müssen.</q> +</p> + +<pb n='217'/><anchor id='Pgp0223'/> + +<p> +<q>Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer +dafür büßen müssen; für die ganze Familie waren es +schreckliche Jahre,</q> erwiderte Ilse. +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr +leid getan; ich mag ihn gern leiden, nur müßte er eine +andre Frau haben, denn er ist schwach – wie überhaupt +alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß +mich der Himmel vor einer Frau bewahrt hat,</q> neckte +Onkel Heinz seine alte Freundin mit einem pfiffigen +Seitenblick auf sie. +</p> + +<p> +<q>Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr, +Onkel Heinz?</q> rief Ilse lachend. +</p> + +<p> +Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um +seinen Mund bewies, wie er darüber dachte. +</p> + +<p> +<q>Sind Sie denn nun ruhiger?</q> fragte er nach einer +kleinen Pause, während sie den Heimweg antraten, und +als Ilse nickte, fuhr er fort: <q>Na, sehen Sie wohl, wie +gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz +genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang +in der frischen Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls +viel besser als Ihr altes Zuckerwasser, das Sie vorhin +zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie, +Gott sei Dank, noch verhindern konnte.</q> +</p> + +<p> +<q>Aber das war doch kein Zuckerwasser,</q> berichtigte +sie lachend, <q>das war ja Bromkali –</q> +</p> + +<p> +<q>Weiß schon, weiß schon,</q> unterbrach er sie schnell. +<q>Ich kenne das Zeugs alles ganz genau, es hilft auch +nicht mehr wie Brauselimonade oder Zuckerwasser. +Ver<pb n='218'/><anchor id='Pgp0224'/>schonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das +kann ihr eher schaden als nützen.</q> +</p> + +<p> +<q>O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,</q> sagte +Ilse; <q>bei der ist es nur die Freude, welche sie unruhig +macht. Gehen Sie mit herein?</q> fragte sie dann den +Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem +Hause angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber +heim gehen und sie dann später in der Kirche treffen +wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch nicht sprechen, +die müsse Ruhe haben. +</p> +<p> +<figure url="images/illu_opp_p0218.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure> +</p> +<p> +Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als +er die Uhr herauszog, bemerkte er, daß bis zum Anfange +des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig war, und er +überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen +würde, vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und +da fiel ihm dann auch ein, daß es wohl besser wäre, +wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo +er für Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge, +ob alles in Ordnung sei. Die Verkäuferin hatte +sich schon am Morgen über den <q>wunderlichen alten +Herrn</q> amüsiert, der in umständlichster Weise seine Bestellung +gemacht und ganz genau angegeben hatte, in +welcher Art die Blumen geordnet werden sollten. Alle +Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen +und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen +aus und gab an, so und so sollte die Farbenzusammenstellung +sein und nicht ein Tüpfelchen anders. +Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den +<pb n='219'/><anchor id='Pgp0226'/>fertigen Korb angesehen, und ein Etui hineingesteckt, +das eine kleine Brosche ganz aus Türkisen und Brillanten +enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen +wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das +Blumenarrangement ganz genau nach seiner Angabe gemacht +worden war, hatte er doch daran zu mäkeln und +zog hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus, +die nach seiner Meinung in die Farbenharmonie nicht +paßten. Wer wohl diese Gabe, die dem alten Herrn soviel +Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das junge +Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine +Frau besaß er nicht, das hatte ihr kundiger Blick gleich +erkannt, na, und für einen Bräutigam war er doch zu +alt. Als der Professor jetzt wieder erschien – zum dritten +Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich +lachen; sie gab ihm aber auf seine bis ins kleinste gehenden +Fragen, ob die Bestellung auch richtig und pünktlich +besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte +sie jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten +jemand vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen +Menschen verkehren mußte. +</p> + +<p> +Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte, +schlug er langsamen Schrittes die Straße ein, die nach +der Magdalenenkirche, in welcher das Konzert stattfinden +sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb +und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte +Ruhe, das erste Auftreten seines Patenkindes ging ihm +sehr im Kopfe herum, denn es war doch keine Kleinigkeit +<pb n='220'/><anchor id='Pgp0227'/>und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen +gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster +schon erleuchtet, und über die breite Treppe, die +nach dem Eingang führte, schritten viele Leute hinauf; +er blickte ihnen nach, bis sie durch die große Tür verschwunden +waren, ging dann noch ein Weilchen auf und +ab und trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete +Portal. Der mächtige Raum war mit Menschen bereits +dicht gefüllt. Die flackernden Lichter warfen einen matten +Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren +Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle +Holzvertäfelung der Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte +beim Eintreten seinen Hut abgenommen und betrachtete +sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen, +worauf seine Augen suchend umherblickten. Unten im +Schiff sah er Gontraus sitzen, Althoffs mit Ännchen, +Flora mit den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst Familie – +und wer saß da neben Marianne? Ein junger, blonder +Mann, bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und +kecken, blauen Augen. Wir erkennen ihn wieder – es +war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner Jugendgespielin, +und bewundernd hingen seine Blicke oft an der +reizenden Mädchengestalt neben ihm, während auch sie ihn +manchmal verstohlen von der Seite anblickte – er gefiel +ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. Der Professor +fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah, +als er sich jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre +Aufregung zu verbergen suchte. Auch Leo war still und +<pb n='221'/><anchor id='Pgp0228'/>in sich gekehrt, und auf die Scherze, mit denen Onkel +Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung hinweg +zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem +Chore sah man die Köpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten +sich eifrig hin und her bewegen, während die Instrumente +gestimmt wurden. Der Professor blickte, so lange +nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes +Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung +von Haydn, wußte er nicht zu würdigen, denn er war gänzlich +unmusikalisch, und nur Gesang konnte ihn erfreuen. +Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre gesungen +wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an, +seine Bartspitze zu drehen, und während er gespannt hinhorchte, +waren seine Augen unverwandt auf sie gerichtet. +Im Anfang verriet ein leises Beben der Stimme die +Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu +glitten die Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze +Zeit, dann wurden sie in reinen, mächtigen Schwingungen +durch den Raum getragen und fanden in den Herzen der +Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet +hatte, ging ein Murmeln durch die Reihen; fast +einstimmig war das Lob über die herrliche Stimme, +deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit besonders +hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte, +daß sich die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo +hielt Ilses Hand in der seinen, Onkel Heinz aber blickte +sie voll triumphierender Freude an und flüsterte ihr zu: +<q>Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben +<pb n='222'/><anchor id='Pgp0229'/>brauchten, hatte ich nun nicht recht?</q> Sie lächelte wie +verklärt, sagte aber nichts, denn in diesem Augenblick trat +Ruth wieder hervor und sang die schöne Arie: ‚Nun beut +die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise +Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes +Hüsteln unterbrach manchmal die fast lautlose Stille. +Freudestrahlend saß jetzt Ilse da. Ihre Angst schwand +mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die +frohe Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten +könne und würde. Aber trotzdem vergaß sie nicht, scharf +aufzupassen, wie sie sich fest vorgenommen hatte. Nur +keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten streben, +niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie +Ruth immer und immer wieder vorhielt und einprägte. +Als das Konzert sein Ende erreicht hatte, entstand eine +förmliche Aufregung im Publikum, und der Andrang zu +Gontraus war groß: Freunde, Bekannte, selbst Fremde +traten heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer +Tochter zu gratulieren. Der Professor war dem Gewühl +entflohen und hatte sich in eine Ecke geflüchtet, um da zu +warten, bis sich die Menge verlaufen hätte, welche die +Treppe von den Emporen herunterkam. Neugierig spähte +er, ob er nicht Ruths Köpfchen dazwischen entdecken könne, +aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm vorbei. Nach +und nach hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus +seiner Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe +heran, um sie besser übersehen zu können und Ruth ja +nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die Mitwirkenden, unter +<pb n='223'/><anchor id='Pgp0230'/>ihnen die sehnsüchtig Erwartete, mit erhitzen Wangen +und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte sie herunter, +und als sie Onkel Heinz gewahr wurde, sprang sie behende +die letzten Stufen herab und gerade in seine Arme. +Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er +klopfte und streichelte sie fortwährend; sprechen konnte er +nicht viel, nur die Worte: <q>Alte, gute Kröte,</q> wiederholte +er immer wieder, und eine rührende väterliche Liebe +klang aus ihnen hervor. Innig hielt der grauköpfige +Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber +dann machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In +den Augen Ilses schimmerte es feucht, voll stolzer Freude +hielt sie das geliebte Kind lange in den Armen. Auch +Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, die <anchor id="corr223"/><corr sic="Zwillinge">Zwillinge,</corr> +alle die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die +Debütantin, jeder wollte sie zuerst beglückwünschen, ihr +zuerst die Hand drücken. Nellie war ganz gerührt, und +Flora erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche +ihr einst eine große Zukunft prophezeit hatte, darauf war +sie sehr stolz. Auch Rosi und ihr Mann sagten der +jungen Künstlerin viel lobende Worte. Die letzten Jahre +waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen; +Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte +zurückgelassen, und der glatte, blonde Scheitel war +grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz ansah, der neben +Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch +freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand. +</p> + +<p> +<q>O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,</q> sagte +<pb n='224'/><anchor id='Pgp0231'/>Nellie zu ihrem Manne, als die beiden blonden Gestalten +so nebeneinander standen. Direktor Althoff war +aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen, +die er am Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte. +Er sah frisch und gesund aus, ebenso wie auch +Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren Jahren +leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz +geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden +Ehegatten doch anders gestaltet, seitdem das junge +Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo wanderten den +langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der +Kirche lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre +Taille gelegt, und sie sprachen eifrig miteinander. Was +sich die beiden alles zu sagen hatten, wissen wir nicht, +aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl sein, +denn sie sahen froh und glücklich aus. Während diese +Stimmungen noch die Gemüter in der verschiedensten +Weise beherrschten, hörte man plötzlich das absichtlich +laute und auffällige Klappern eines Schlüsselbundes, +und mit harten Schritten ging der Kastellan über die +Steinfliesen, um die Lichter auszudrehen, und gab damit +zu verstehen, daß es jetzt an der Zeit sei, heimzugehen. +</p> + +<p> +Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit +den Freunden aus der Kirche ins Freie traten. Und +das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an +einem schönen Sommerabend, niemand schien im Hause +bleiben zu wollen. Plaudernd und lachend schritt das +<pb n='225'/><anchor id='Pgp0232'/>junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, die Gefeierte; +bedächtig gingen die Alten hinterher. +</p> + +<p> +<q>Ja, ja, aus Kindern werden Leute,</q> sagte Ilse +zu dem Professor, indem sie auf die Jugend vor ihnen +zeigte, und wehmütig fügte sie hinzu mit einem Blick +auf Ruth und Marianne: <q>Wie lange wird’s dauern, +und eines Tages fliegen beide aus dem Neste.</q> +</p> + +<p> +<q>Über so etwas muß man eben nicht sentimental +denken,</q> erwiderte Onkel Heinz, aber in seinem Innern +hatte doch auch er ein sehr unangenehmes Gefühl, wenn +er daran dachte, seine beiden Kröten einmal hergeben zu +müssen. +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir +mal allein sein werden?</q> fragte Ilse den alten Freund +schmerzlich bewegt von diesen Gedanken. +</p> + +<p> +<q>Ja, was fangen wir an?</q> wiederholte er und sah +sie forschend an. Auf einmal flog ein spöttisches Lächeln +über sein Gesicht, und er sagte: <q>Dann schreiben Sie +doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.</q> +</p> + +<p> +Es war natürlich nur ein Scherz, womit er sie und +sich über die Stimmung hinwegbringen wollte, die etwas +rührselig zu werden drohte, und das liebte er nicht. Ilse +ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen +Vorschlag ein. +</p> + +<p> +<q>Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,</q> rief sie; +<q>vielleicht tue ich das wirklich noch mal. Ja, ja, sehen +Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie haben mich da +auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen +<pb n='226'/><anchor id='Pgp0233'/>auch mit vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar +eine Hauptrolle darin spielen, Onkel Heinz.</q> +</p> + +<p> +<q>Na, das wird was Schönes werden,</q> gab der +Professor zur Antwort, <q>eine schreibende Frau? Brr!</q> +</p> + +<p> +<q>Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie +doch, wie interessant es für Sie sein wird, wenn Sie +bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war – +eigensinnig, unbeugsam, wild und unbändig, ein rechter +böser Trotzkopf. Und was ich dann alles leiden und +ertragen mußte, und wie ich geheilt wurde durch alle +meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und +auch durch Sie, Onkel Heinz.</q> +</p> + +<p> +<q>Durch mich?</q> fragte er, sie ungläubig ansehend. +</p> + +<p> +<q>Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es +mir nur,</q> gab sie mit ernstem Gesicht zur Antwort, und +der dankbare Blick, der ihn traf, bewies ihm, daß sie +die volle Wahrheit gesprochen hatte. +</p> +<p rend="margin-top: 4"> +<hi rend="font-size: small">Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen +haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses +Bandes unter dem Titel <q>Trotzkopf als Großmutter</q> in gleichem +Verlag erschienen ist.</hi> +</p> + </body> + <back> + <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> + <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head> + + <pgIf output="txt"> + <then> + <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. 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