summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/39350-tei
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '39350-tei')
-rw-r--r--39350-tei/39350-tei.tei10006
-rw-r--r--39350-tei/images/cover.jpgbin0 -> 81423 bytes
-rw-r--r--39350-tei/images/illu_frontispiece.pngbin0 -> 77547 bytes
-rw-r--r--39350-tei/images/illu_on_p0001.pngbin0 -> 27884 bytes
-rw-r--r--39350-tei/images/illu_opp_p0045.pngbin0 -> 99158 bytes
-rw-r--r--39350-tei/images/illu_opp_p0064.pngbin0 -> 99496 bytes
-rw-r--r--39350-tei/images/illu_opp_p0085.pngbin0 -> 93010 bytes
-rw-r--r--39350-tei/images/illu_opp_p0132.pngbin0 -> 92487 bytes
-rw-r--r--39350-tei/images/illu_opp_p0187.pngbin0 -> 83235 bytes
-rw-r--r--39350-tei/images/illu_opp_p0218.pngbin0 -> 79148 bytes
-rw-r--r--39350-tei/images/illu_opp_p032.pngbin0 -> 97423 bytes
-rw-r--r--39350-tei/images/title.pngbin0 -> 63919 bytes
12 files changed, 10006 insertions, 0 deletions
diff --git a/39350-tei/39350-tei.tei b/39350-tei/39350-tei.tei
new file mode 100644
index 0000000..59941ed
--- /dev/null
+++ b/39350-tei/39350-tei.tei
@@ -0,0 +1,10006 @@
+<?xml version="1.0" encoding="UTF-8" ?>
+<!DOCTYPE TEI.2 SYSTEM "http://www.gutenberg.org/tei/marcello/0.4/dtd/pgtei.dtd">
+<TEI.2 lang="de">
+ <teiHeader>
+ <fileDesc>
+ <titleStmt>
+ <title>Aus Trotzkopf’s Ehe</title>
+ <author><name reg="Wildhagen, Else">Else Wildhagen</name></author>
+ </titleStmt>
+ <publicationStmt>
+ <publisher>Project Gutenberg</publisher>
+ <date value="2012-04-02">April 2, 2012</date>
+ <idno type='etext-no'>39350</idno>
+ <availability>
+ <p>This eBook is for the use of anyone anywhere
+ at no cost and with almost no restrictions whatsoever.
+ You may copy it, give it away or re-use it under
+ the terms of the Project Gutenberg License online at
+ www.gutenberg.org/license</p>
+ </availability>
+ </publicationStmt>
+ <sourceDesc>
+ <bibl>
+ <title>Aus Trotzkopf’s Ehe</title>
+ <author><name reg="Wildhagen, Else">Else Wildhagen</name></author>
+ <edition>40. Auflage.</edition>
+ <imprint>
+ <pubPlace>Stuttgart</pubPlace>
+ <publisher>Gustav Weise Verlag</publisher>
+ </imprint>
+ </bibl>
+ </sourceDesc>
+ </fileDesc>
+ <encodingDesc>
+ </encodingDesc>
+ <profileDesc>
+ <langUsage>
+ <language id="it" />
+ <language id="fr" />
+ <language id="en" />
+ <language id="de" />
+ </langUsage>
+ </profileDesc>
+ <revisionDesc>
+ <change>
+ <date value="2012-04-02">April 2, 2012</date>
+ <respStmt>
+ <resp>Produced by <name>Norbert H. Langkau</name> and the Online Distributed Proofreading Team
+ at http://www.pgdp.net</resp>
+ </respStmt>
+ <item>Project Gutenberg TEI edition 1</item>
+ </change>
+ </revisionDesc>
+ </teiHeader>
+
+ <pgExtensions>
+ <pgStyleSheet>
+ .antiqua { font-style: italic }
+ .gesperrt { letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em }
+ .smallcaps { font-variant: small-caps }
+ figure { text-align: center }
+ .w80 { }
+ @media pdf {
+ .w80 { width: 80%; page-float: 'htp' }
+ }
+ </pgStyleSheet>
+ </pgExtensions>
+
+<text lang="de">
+<front>
+ <div>
+ <divGen type="pgheader"/>
+ </div>
+ <div>
+ <divGen type="encodingDesc" />
+ </div>
+<div rend="page-break-before: always">
+ <figure url="images/cover.jpg" rend="w80"><figDesc>Illustration: Einband</figDesc></figure>
+ <pb/><anchor id='Pga0001'/>
+ <p>
+ <figure url="images/illu_frontispiece.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+ </p>
+ </div>
+<titlePage rend="page-break-before: always; text-align: center">
+<pb/><anchor id='Pga0002'/>
+ <figure url="images/title.png" rend="w80">
+ <figDesc>Illustration: Titelseite</figDesc>
+ </figure>
+ <lb/>
+ <docTitle>
+ <titlePart rend="font-size: xx-large">AUS TROTZKOPF’s<lb/>
+ EHE</titlePart>
+ </docTitle><lb/>
+ <byline rend="font-size: large">VON <docAuthor>ELSE WILDHAGEN geb. FRIEDRICH-FRIEDRICH</docAuthor></byline>
+<byline>VERFASSERIN von „TROTZKOPF’S BRAUTZEIT“</byline>
+ <titlePart><hi rend="font-size: large">DRITTER BAND zum „TROTZKOPF“</hi>
+<lb/>VON EMMY v. RHODEN (EMMY FRIEDRICH-FRIEDRICH)
+<lb/>JLLUSTRIERT von WILLY PLANCK</titlePart>
+ <lb/><lb/>
+ <docEdition>Vierzigste Auflage</docEdition>
+ <lb/><lb/>
+ <docImprint><pubPlace>STUTTGART</pubPlace><lb/>
+ <publisher><hi rend='smallcaps'>Gustav Weise Verlag</hi></publisher></docImprint>
+</titlePage>
+
+<div rend="page-break-before: always">
+<pb/><anchor id='Pga0003'/>
+<p rend="margin-top: 3; font-size: small; text-align: center">Druck der Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei.</p>
+</div>
+</front>
+<body rend="page-break-before: always">
+<pb n='1'/><anchor id='Pgp0001'/>
+<p>
+<figure url="images/illu_on_p0001.png" rend="w80"><figDesc>Illustration: Ornament</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+<q>Onkel Heinz, Onkel Heinz,</q> schallte es von hellen
+Kinderstimmen durcheinander, und ein Junge im
+Alter von zehn Jahren, nebst zwei kleinen Mädchen von
+acht und sieben Jahren, liefen einem Herrn entgegen, der
+die Tür zum Kinderzimmer in Gontraus Hause geöffnet
+hatte und hineinschaute. Sogleich wurde er von den dreien
+mit hellem Jubel umringt, der eine zerrte ihn hierhin,
+der andre dorthin; lachend versuchte er die Ungestümen
+abzuwehren, aber da klammerten sie sich noch fester an
+ihn, und er kam nicht los.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wollt ihr mich wohl loslassen, ihr Trabanten,</q>
+rief er endlich; <q>wartet, ihr Kröten, ich werde euch
+kommen!</q>
+</p>
+
+<p>
+Und er griff nach seinem Stocke. Da flogen sie
+kreischend auseinander; der Junge aber und das älteste
+der beiden Mädchen, ein dunkellockiges Kind mit blitzenden,
+braunen Augen, warfen sich an die Erde und nun
+begann ein Raufen und Balgen, daß sie wie ein Knäuel
+umherkollerten.
+</p>
+
+<pb n='2'/><anchor id='Pgp0002'/>
+
+<p>
+<q>Aber Ruth, schäme dich, gleich stehst du auf!</q> gebot
+Ilse, welche in diesem Augenblicke mit Nellie ebenfalls
+hereingekommen war, und reichte dann Onkel Heinz
+die Hand, der inzwischen die kleine, blonde Marianne
+emporgehoben hatte, welche ihre Ärmchen fest um seinen
+Hals schlang. Ruth aber, Gontraus wilde Älteste und
+ihr Freund Fritz, Rosis Junge, hatten sich hinter seinen
+Rücken geschlichen, ihn zupfend und neckend, und wenn
+er sich umdrehte und sie fortjagen wollte, liefen sie mit
+lautem Geschrei zurück. Das war ein Hauptspaß.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kinder, so seid doch endlich vernünftig,</q> legte sich
+Nellie jetzt ins Mittel, denn Onkel Heinz, der sich mit
+den beiden Frauen unterhalten wollte, hatte keinen Augenblick
+Ruhe.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, nun hört endlich auf,</q> gebot auch Ilse ernstlich,
+und ihr gehorchten die Übermütigen. Dann wandte
+sie sich wieder an Onkel Heinz mit den Worten:
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum waren Sie in den letzten Tagen nicht bei
+uns, Herr Professor?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, das Arbeiten, das leidige Arbeiten, man
+kommt ja zu nichts,</q> gab er zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, Onkel Heinz, sieh mal!</q> rief es nun
+schon wieder, und da stand Ruth in seinem Hut und
+Überzieher, die er beide auf einen Stuhl neben sich gelegt
+hatte. Das war etwas zum Totlachen für die Kinder,
+und bei dem komischen Anblick der kleinen Person
+in dem Hute bis über die Ohren und dem langen Rocke
+konnten auch die Großen nicht ernst bleiben. Natürlich
+<pb n='3'/><anchor id='Pgp0003'/>ging’s nun wieder an ein An- und Ausprobieren der
+Reihe nach, bis Ilse der Sache ein Ende machte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun ist’s genug,</q> sagte sie; <q>kommen Sie, lieber
+Professor, wir gehen in mein Zimmer.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, Onkel Heinz, bleibe bei uns, bleibe bei uns!</q>
+rief es von allen Seiten, und wie die Kletten hingen sich
+die Kleinen an ihn, zupften an seinem Barte, umklammerten
+seine Arme und hielten ihn daran fest, daß er
+nicht von der Stelle konnte.
+</p>
+
+<p>
+Ruth war die Tollste, sie ruhte nicht eher, bis er
+am Boden lag. Im Nu warfen sich die Kinder über ihn
+her, ihn zwickend und kneifend. Das war ein Schreien,
+sie hatten alle hochrote Backen, und der arme Onkel konnte
+vor Lachen nicht dazu kommen, sie abzuwehren, bis er
+schließlich doch Gewalt gebrauchen mußte, und ein Machtwort
+von Frau Ilse ihn von der wilden Horde befreite.
+Selbst Marianne, die zarte, sanfte Kleine, wurde von der
+Ausgelassenheit mit angesteckt, ihr und den übrigen hingen
+die Haare wirr um den Kopf, und aus den lebensprühenden
+Kindergesichtern leuchtete die helle Freude über den gut
+gelungenen Spektakel.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ihr seid eine Gesellschaft,</q> sagte Ilse kopfschüttelnd,
+aber solche Szenen waren ihr nichts Ungewohntes,
+wenn Onkel Heinz auf der Bildfläche erschien.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wie haben die Kinder Sie zerzaust,</q> meinte
+Nellie, als sie den Professor ansah.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, Prügel müssen sie haben,</q> rief er ihnen
+mit scheinbar bösem Gesichte zu, doch sie merkten, wie es
+ <pb n='4'/><anchor id='Pgp0004'/>gemeint war, sie sahen ja seine lustig zwinkernden Augen
+und wußten genau, so schaute er nicht aus, wenn er
+ernstlich böse war.
+</p>
+
+<p>
+Und nun zog er sich seine Manschetten zurecht, die
+ihm bis auf die Hände gerutscht waren, rückte an seiner
+Brille und fuhr mit der Hand über sein kurzgeschorenes
+Haar, als wollte er fühlen, ob diese Stoppeln bei dem
+Kampfe nicht auch in Unordnung geraten wären, aber
+sie standen nach wie vor gerade in die Höhe, tadellos in
+Reih und Glied.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mutter, dürfen wir nicht mit euch gehen, bitte,
+bitte?</q> fragte Ruth, und die andern bettelten ebenfalls.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wir haben Onkel Heinz so lange nicht gesehen,</q>
+quälte sie, als die Mutter keine Miene machte, ihre Bitte
+zu erfüllen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Da lassen Sie man die Kröten mitkommen,</q> legte
+er sich nun auch ins Mittel, denn er konnte nicht gut
+sehen, daß seinem Patenkinde und Liebling Ruth etwas
+abgeschlagen wurde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kinder, da müßt ihr aber auch ruhig und artig
+sein,</q> gebot Nellie, ihnen damit schon ihre Erlaubnis erteilend,
+doch Ilse bestimmte energisch, daß sie in der
+Kinderstube bleiben sollten.
+</p>
+
+<p>
+Ohne weiteres fügten sich Marianne und Fritz, aber
+Ruth zog ein arges Gesicht und gab sich erst dann zufrieden,
+als Onkel Heinz ihr verstohlen zuflüsterte, daß
+sie morgen zu ihm kommen und sich etwas Schönes
+holen sollte.
+</p>
+
+<pb n='5'/><anchor id='Pgp0005'/>
+
+<p>
+Einige Minuten später saßen Ilse und Nellie mit
+dem Professor in dem großen Wohnzimmer in einer behaglichen
+Ecke im lebhaften Gespräche. Seitdem wir sie
+an ihrem Hochzeitstage verließen, hatte Ilse sich wenig verändert.
+Als sie jetzt leicht und schnell durch das Zimmer
+schritt, waren es noch ganz ihre alten Bewegungen; nur
+ihre Gestalt war etwas voller geworden, und die wilden
+Locken von einst wurden in einem Knoten gebändigt.
+Doch ganz waren sie nicht verschwunden; wo es ging,
+kamen sie hervor, kräuselten sich im Nacken, auf der Stirn
+und fielen über ihre reizenden kleinen Ohren, zum Ärger
+Leos, von dem es eine gewohnheitsmäßige Handbewegung
+war, sie fortzustreichen; denn er liebte es, ihr Ohr zu
+sehen, und behauptete, zum Gesichte gehöre auch das Ohr,
+ebensogut wie die Nase, und es verlöre an charakteristischem
+Ausdruck, wenn das Ohr nicht zu sehen wäre. Die frischen
+Farben hatte Frau Ilse noch ebensoschön wie früher, aber
+die energisch geschwungene Linie der Oberlippe schien etwas
+weicher geworden zu sein; ja, es kam vor, daß ihr Ausdruck
+ein geradezu sanfter war, doch das durfte man ihr
+nicht sagen, denn <q>sanft</q> und <q>dumm</q> stellte sie in eine
+Reihe. <q>Eine sanfte Frau bin ich nun einmal nicht und
+werde es auch nie,</q> meinte sie, wenn die Rede darauf
+kam, und da hatte sie auch recht.
+</p>
+
+<p>
+Nur bei einem einzigen Wesen ließ sie <q>sanft</q> ohne
+den wenig schmeichelhaften Zusatz gelten, und das war
+bei ihrer Herzensfreundin Nellie. Diese hatte in allen
+Lebenslagen nur durch Sanftmut geherrscht und gesiegt.
+</p>
+
+<pb n='6'/><anchor id='Pgp0006'/>
+
+<p>
+An ihr waren die Jahre nicht spurlos vorübergegangen
+wie an Ilse. Der alte Schelm in den Grübchen
+kam nicht mehr so oft zum Vorschein wie früher,
+dagegen hatten sich um die Mundwinkel einige scharfe
+Linien eingeprägt, die ihr leicht einen leidenden Zug gaben.
+</p>
+
+<p>
+Seit einigen Jahren lebten die Freundinnen wieder
+an einem Orte zusammen, und vor nicht langer Zeit war
+auch Rosi hinzugekommen, die jetzt eine würdige Frau
+Superintendentin geworden war.
+</p>
+
+<p>
+Althoff hatte als Direktor am städtischen Gymnasium
+Karriere gemacht und konnte sich sein Leben in jeder Beziehung
+angenehm gestalten. Aber leider machten ihm
+seine Nerven manchmal zu schaffen; er war leicht gereizt,
+und da er bei seiner Frau niemals auf Widerstand stieß,
+sondern immer die lebhafteste Teilnahme für die geringfügigste
+Klage fand, nahm er sich auch nicht im mindesten
+zusammen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du verwöhnst deinen Mann zu sehr,</q> bemerkte Ilse
+oft, aber Nellie sah das nicht ein. Warum sollte sie denn
+nicht alles für ihn tun? Kinder, für die sie hätte sorgen
+können, besaß sie zu ihrem größten Kummer nicht, sie
+mußte aber jemand haben, dessen Pflege sie sich ganz und
+gar hingab, das lag nun einmal in ihrer Natur. Zu
+Ilse kam sie fast täglich, spielte mit den Kindern oder
+holte sie zu sich, denn sie hingen mit der größten Liebe
+an ihr.
+</p>
+
+<p>
+In der Dämmerstunde erschien auch häufig der Professor
+bei Gontraus, und meistens forderte Ilse sie
+<pb n='7'/><anchor id='Pgp0007'/>beide auf, zum Tee dazubleiben. Althoff wurde dann
+geholt, d. h. Nellie holte ihn selbst, denn sie mußte ja
+erst sehen, ob er in der Stimmung war auszugehen oder
+nicht. Auch heute nötigte Ilse zum Bleiben.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es ist ein so köstlicher Abend, ihr bleibt hier,</q>
+entschied sie und öffnete weit die Fenster, damit die milde
+Frühlingsluft hereinströmen konnte. Auf der äußersten
+Spitze des Birnbaumes draußen wiegte sich ein Starmätzchen
+und sang aus voller Kehle in klaren und flötenden
+Tönen, ähnlich denen der Nachtigall, nur weniger melancholisch.
+Die Dämmerung senkte sich jetzt wie ein leichter
+Schleier auf die frühlingslichte Natur, und am Horizonte
+erschien mattglänzend die silberne Mondsichel.
+</p>
+
+<p>
+Der Professor hatte wie immer viele Ausflüchte, er
+habe keine Zeit, und zu Hause warte ein Haufen Arbeit
+auf ihn. Aber Ilse ließ nicht locker, sie kannte ihn, er
+ließ sich gerne zureden.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach Gott, Sie haben auch immer zu tun,</q> rief
+sie ungeduldig, denn sie wußte, daß er schließlich doch
+bleiben würde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, Frau Gontrau, ich habe immer zu tun,</q>
+wiederholte er mit einigem Nachdruck, <q>das ist auch recht
+gut.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber heute kann man doch nicht hinter den staubigen
+Büchern sitzen! Sehen Sie doch nur hier diesen
+wonnigen Frühlingsabend, wie das duftet, wie die Vögel
+zwitschern, das ist ja alles viel schöner, als Ihr alter
+Bücherkram.</q>
+</p>
+
+<pb n='8'/><anchor id='Pgp0008'/>
+
+<p>
+<q>Bücherkram? Wieso alter Bücherkram?</q> fragte er,
+die Worte <q>alter</q> und <q>Kram</q> besonders betonend,
+während er anfing die Spitze seines dunklen Kinnbartes
+zu drehen. Das war aber das sicherste Zeichen seines
+Unwillens, Ilse kannte es genau.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mit Bücherkram gebe ich mich nicht ab,</q> fuhr
+er fort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Herrgott, Onkel Heinz, nun seien Sie nicht empfindlich,
+so habe ich das nicht gemeint. Aber Sie dürfen
+nicht immer arbeiten, Sie müssen doch auch mal ausruhen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich weiß am besten, was ich tun muß,</q> erwiderte
+er nicht gerade freundlich, doch Ilse ließ sich dadurch nicht
+einschüchtern, sie kannte seine Art.
+</p>
+
+<p>
+In den sechs Jahren, so lange sie in L. wohnten,
+wo sich Gontrau als Dozent an der Universität niedergelassen
+hatte, nachdem er einige Jahre in B. als Assessor
+tätig gewesen war, kam der Professor Fuchs, oder Onkel
+Heinz, wie ihn die Kinder nannten, als häufigster Gast
+zu ihnen ins Haus. Er hatte sie bei ihrem Einzuge am
+Bahnhof in Empfang genommen, er hatte mitgeholfen die
+Wohnung einzurichten, und jeden Nagel, den Leo mühsam
+in die Wand geschlagen hatte, zog er wieder heraus,
+weil Leo das nämlich nach seiner Meinung absolut nicht
+verstand. Denn er behauptete, zuerst müßte mit dem
+Steinmeißel ein Loch geschlagen werden, da hinein käme
+ein Holzpflöckchen und dann erst der Nagel. Wenn das
+nun auch mit einer großen Umständlichkeit geschah, so
+<pb n='9'/><anchor id='Pgp0009'/>hatte er wenigstens die Genugtuung, daß seine eingeschlagenen
+Nägel sich noch nicht von der Stelle gerührt
+hatten. Trotz aller Gelehrsamkeit war er eine praktischere
+Natur als Leo und ging Ilse mit Rat und Tat zur
+Hand, so daß sie schließlich bei vielen Dingen nicht ohne
+ihn fertig werden konnte. Aber sie kamen fast niemals
+zusammen, ohne einen kleinen Streit miteinander zu haben.
+Er hatte eine rechthaberische und spöttische Art, und wenn
+Ilse nicht gut auf ihn zu sprechen war, nannte sie ihn
+einen <q>wunderlichen alten Junggesellen</q>, obgleich er nur
+wenige Jahre älter als Leo war. Die beiden kannten
+sich noch von der Universität her, hatten in einem Hause
+zusammen gewohnt und sich trotz der Verschiedenheit der
+Charaktere doch immer gut verstanden. Das, was ihm
+in Ilses Herzen einen dauernden Platz verschaffte, war
+seine rührende Liebe zu den Kindern. <q>Sie sind meine
+beste Erholung,</q> pflegte er zu sagen. Er ging mit ihnen
+spazieren, sie besuchten ihn, er zeigte ihnen Bilder, Marken,
+Schmetterlinge, er tollte mit ihnen und war ihr bester
+Freund. Ruth, sein Liebling, durfte sich alles herausnehmen,
+dafür besaß er aber auch die ganze Zuneigung
+ihres Kinderherzens. –
+</p>
+
+<p>
+Nellie hatte sich inzwischen erhoben, um nach Hause
+zu gehen und Fred selbst zu holen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich kann ja das Mädchen schicken,</q> meinte Ilse,
+aber Nellie ließ das nicht zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich weiß nicht recht, ob Fred nicht noch zu tun
+hat heute abend, ich will deshalb lieber selbst gehen,</q>
+<pb n='10'/><anchor id='Pgp0010'/>antwortete sie ausweichend. Doch in Wirklichkeit arbeitete
+Althoff selten abends und war immer gern bereit, nach
+Gontraus zu kommen.
+</p>
+
+<p>
+Als sich Nellie verabschiedete, schickte sich auch der
+Professor zum Gehen an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie bleiben auf jeden Fall,</q> sagte Ilse, ihn zurückhaltend,
+und wies jeden Einwand, den er machen
+wollte, zurück.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wissen Sie was,</q> rief sie plötzlich, <q>ich habe heute
+morgen Waldmeister gekauft, wir brauen uns eine kleine
+Bowle, die erste Maibowle in diesem Jahre, Onkel Heinz
+– können Sie da widerstehen?</q>
+</p>
+
+<p>
+Er lachte.
+</p>
+
+<p>
+Die gemütlichen Bowlen bei Gontraus kannte er zur
+Genüge. Die Geister, die ihnen entstiegen, waren nicht
+trübselig, es waren die des Frohsinns und der Heiterkeit,
+und Onkel Heinz konnte heiter, sogar ausgelassen sein,
+doch nur im intimsten Kreise. Fremde Menschen
+nannten ihn unzugänglich, ja unliebenswürdig, und ließen
+ihn bald als <q>komischen Kauz</q> ganz links liegen. Deshalb
+mied er auch die Menschen, und es kostete stets
+Kämpfe, ihn heranzuziehen, wenn eine größere Gesellschaft
+versammelt war.
+</p>
+
+<p>
+Ilse hatte nicht umsonst die Maibowle als Lockmittel
+gebraucht, denn ohne langes Zaudern willigte der Professor
+nun ein, zu bleiben.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, dann bleibt mir wohl nichts andres übrig als
+dazubleiben,</q> sagte er vergnügt, <q>aber die Bowle will ich
+<pb n='11'/><anchor id='Pgp0011'/>selbst machen, Gontrau kann das nicht, er macht sie regelmäßig
+zu süß.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich, natürlich,</q> sagte Ilse, <q>doch dann müssen
+Sie mit in die Küche kommen, Onkel Heinz.</q>
+</p>
+
+<p>
+Er folgte ihr und traf nun in umständlichster Weise
+seine Vorbereitungen. Die Kinder hatten nur auf den
+Augenblick gewartet, daß Onkel Heinz draußen erschien,
+und jetzt waren sie wieder alle um ihn versammelt. Ruth
+hatte ihm eine große, weiße Küchenschürze umgebunden,
+Marianne kletterte auf einen Stuhl und beugte das
+Köpfchen tief über die Terrine, aus welcher schon der
+aromatische Duft der Maikräuter emporstieg, und Fritz
+fehlte natürlich auch nicht dabei. Endlich, nach vielem
+Probieren von Onkel Heinz, war die Bowle fertig und
+mit Kennermiene führte er <sic>nocheinmal</sic> ein Glas an den
+Mund – sie war gut geraten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, nun wollt ihr Kröten wohl auch schmecken?</q>
+fragte er.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja! ja! bitte, Onkel Heinz!</q> riefen sie durcheinander,
+und zugleich wollten alle nach dem frisch gefüllten
+Glase greifen, das er hoch in der Luft hielt, damit
+sie es ihm nicht entreißen konnten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Herrgott, so wartet doch, einer nach dem andern,
+sonst kriegt ihr gar nichts!</q> Damit drängte er die verlangenden
+Kinderhände zurück, und der Reihe nach bekam
+jedes zu kosten.
+</p>
+
+<p>
+Bei dem einen Glase blieb es natürlich nicht, Onkel
+Heinz füllte noch einige Male nach.
+</p>
+
+<pb n='12'/><anchor id='Pgp0012'/>
+
+<p>
+<q>Das schmeckt wohl, ja, das glaube ich,</q> sagte er
+schmunzelnd und freute sich über den guten Zug des
+Jungen, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, bester Professor, wie können Sie nur den
+Kindern so viel Bowle zu trinken geben,</q> rief Ilse, als
+sie jetzt hinzukam und den kräftigen Schluck, den Fritz
+soeben aus dem vollen Glase tat, bemerkte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das schadet ihnen doch nichts,</q> entgegnete Onkel
+Heinz.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach natürlich, Kinder dürfen keinen Alkohol bekommen,
+der ist ihnen schädlich!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Schädlich? Dummes Zeug! Was soll ihnen dabei
+schädlich sein, wer sagt das?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun unser Arzt behauptet es,</q> gab Ilse zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na ja, die Ärzte!</q> fiel Onkel Heinz mit höhnischem
+Lachen ein; <q>wenn die so etwas behaupten, können
+Sie dreist das Gegenteil tun, denn meistens ist es nur
+<anchor id="corr012"/><corr sic="Unsinn.">Unsinn.</corr></q>
+</p>
+
+<p>
+Ilse ärgerte sich über seine absprechende Weise, aber
+sie schwieg dazu, ihre Laune war an diesem schönen Abend
+eine zu gute, und die wollte sie sich nicht verderben lassen;
+denn wenn sie mit dem Professor einmal über diesen Punkt
+in Streit geriet, wie schon so oft, blieb doch auf beiden
+Seiten eine kleine Mißstimmung zurück.
+</p>
+
+<p>
+Und deshalb sagte sie nichts, schickte Fritz nach Hause
+und die Kinder zu Bett. Dem Quälen und Betteln von
+Ruth, ob sie nicht noch ein wenig aufbleiben könnte,
+setzte sie ein unerschütterliches <q>Nein</q> entgegen.
+</p>
+
+<pb n='13'/><anchor id='Pgp0013'/>
+
+<p>
+Einige Zeit später saßen die Freunde bei der Bowle
+vergnügt zusammen, und Onkel Heinz heimste von allen
+Seiten das Lob über das gute Gelingen derselben ein.
+Im Zimmer wurde es schon ganz dämmerig, aber draußen
+war es noch hell und licht, ein wonniger Frühlingsabend.
+Jeder empfand in seiner Weise den Zauber desselben,
+einer oder der andre saß manchmal stumm und blickte
+durch das offene Fenster hinaus. In dem Birnbaume
+davor flötete jetzt eine Nachtigall ihr melancholisches Lied
+und der Mond hob sich hellglänzend vom Himmel ab.
+</p>
+
+<p>
+<q>Schatz, ist es nicht herrlich heute abend?</q> fragte
+Leo und sah seine Ilse überglücklich an. Die Freude
+über das gemütliche Zusammensein blickte ihm so recht
+lebhaft aus den Augen. <q>Althoff, Sie trinken ja gar
+nicht, trinken Sie doch mal aus,</q> mahnte er den Direktor,
+aber Nellie, die mit Argusaugen darüber wachte, daß
+Fred ja nicht zu viel trank, flüsterte ihm leise zu, daß er
+daran denken solle, wie leicht er nach solchem Getränke
+Kopfschmerzen bekäme.
+</p>
+
+<p>
+Ilse hatte die leise Warnung gehört.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nellie, Nellie, immer mußt du mit deinem Manne
+tuscheln, das ist gar nicht erlaubt,</q> rief sie mahnend und
+schenkte dem Direktor nochmals eigenhändig ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>O,</q> sagte seine Frau mit einem ängstlichen Blick
+auf das frischgefüllte Glas, aber da nahm sie schon wieder
+eine andre Sorge um Fred in Anspruch. Er saß so nahe
+am Fenster, ein leichtes Zusammenziehen seiner Schultern
+hielt sie für Frösteln, und besorgt fragte sie, ob er nicht
+<pb n='14'/><anchor id='Pgp0014'/>lieber den Platz mit ihr wechseln wolle, es käme gerade,
+wo er säße, ein kühler Luftzug herein.
+</p>
+
+<p>
+Leo sprang dienstbereit auf, das Fenster zu schließen,
+Althoff und der Professor waren aber entschieden dagegen,
+letzterer mit einer spöttischen Bemerkung, gegen die niemand
+etwas sagte. Man kannte ihn ja!
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, nein, kein Licht, Marie,</q> rief Ilse, als das
+Mädchen jetzt die Lampe hereinbrachte und sich der bläuliche
+Mondesschimmer mit dem gelblichen Scheine unschön
+vermischte.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt so in der duftigen Helle da draußen hinzuwandern,
+in die frühlingsfrische Nacht hinein, den Berg
+hinauf, durch den lichten Wald, immer weiter, weiter,
+dem matten Glanze folgend, einsam, still, unbelauscht zu
+sein, ganz in der göttlichen Natur, o das wäre eine
+Wonne! So dachte Ilse in diesem Augenblicke, und der
+Zauber dieses Gedankens verfolgte sie fortwährend. Sie
+hörte nur mit halbem Ohre hin, als Althoff von der
+neuesten Unerhörtheit eines Primaners erzählte, über dessen
+Haupte die Entlassung aus der Schule schwebte, und
+Onkel Heinz seine Ansicht über Pädagogik, die von der
+des Direktors sehr abweichend war, kundgab. Sie empfand
+eine Sehnsucht hinaus, einen Drang, etwas Besonderes
+zu unternehmen, wie man ihn fühlt, wenn die
+Begeisterung dem Menschen Flügel zu verleihen scheint,
+sich über das alltägliche zu erheben. In solcher Stimmung
+war Frau Ilse, und während Leo und Nellie glaubten,
+daß sie gleich ihnen den immer lebhafter gewordenen Streit
+<pb n='15'/><anchor id='Pgp0015'/>zwischen dem Direktor und dem Professor verfolgte, entspann
+sich in ihrem Gehirn ein abenteuerlicher Plan.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kinder,</q> rief sie plötzlich laut und erregt, <q>ich
+habe eine Idee!</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz war gerade dabei, dem Direktor lang
+und breit auseinanderzusetzen, inwiefern der Unterricht für
+die Kinder ein andrer werden müsse, als Ilse mit ihrem
+Ausrufe hineinplatzte und alles Interesse sich ihr zuwandte.
+</p>
+
+<p>
+<q><sic>Darling</sic>, was hast du für eine Idee?</q> fragte Nellie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Famos, famos!</q> jubelte Ilse. <q>Aber ihr müßt
+mir versprechen, daß ihr nicht nein sagt, wollt ihr das?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Da könnten wir ja schön reinfallen,</q> sagte Onkel
+Heinz, und Leo lachte: <q>Ja, Schatz, für so unvorsichtig
+wirst du uns doch nicht halten.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Also hört,</q> fuhr Ilse fort, <q>in vier Tagen haben
+wir Vollmond –</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>In fünf Tagen,</q> verbesserte der Professor ruhig.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, in vier, ich habe noch heute im Kalender
+nachgesehen; <anchor id="corr015"/><corr sic="üherhaupt">überhaupt</corr>, Onkel Heinz, unterbrechen Sie
+mich nicht. Also in vier Tagen haben wir Vollmond,
+was meint ihr dazu, wenn wir eine Partie auf den Schneekopf
+machten, aber in der Nacht. Denkt euch doch nur
+– im Mondenscheine, wie poetisch, wie romantisch!</q>
+</p>
+
+<p>
+Man war solche Einfälle von Ilse gewöhnt, aber
+doch erregte dieser plötzliche Vorschlag ein Hin und Wider.
+Man erhob allerlei Einwände, der Weg sei zu weit, zu
+beschwerlich, die Idee zu abenteuerlich, um ausführbar zu
+sein, aber Ilse wußte auf alle Bedenken einen Ausweg,
+<pb n='16'/><anchor id='Pgp0016'/>sie malte ihnen in den glühendsten Farben aus, wie schön
+es sein würde, bis sie schließlich mit ihrer Begeisterung
+ansteckend wirkte.
+</p>
+
+<p>
+Leo war innerlich schon ganz bereit, er fand die
+Idee seiner kleinen Frau außerordentlich verständig und
+ließ deshalb die andern soviel reden, als sie wollten.
+Stillschweigend holte er die Karte und das Kursbuch
+aus seinem Zimmer, und ohne die Zustimmung eines jeden
+abzuwarten, wurde der Plan entworfen. Nellie hegte
+doch einige Bedenken, ob ihrem Fred der nächtliche Weg
+gut bekommen würde, aber sie wollte nicht widersprechen,
+als sie merkte, daß er bereit war, teilzunehmen, eine
+Ausspannung würde ihm ja auch sehr gut sein.
+</p>
+
+<p>
+So war man denn bald im besten Zuge und ging
+schon auf die Einzelheiten der Partie über, die am nächsten
+Sonnabend und Sonntag stattfinden sollte, als Onkel
+Heinz plötzlich damit herausrückte, daß er nicht mitgehen
+würde, er habe zu arbeiten, er könne sich nicht losmachen.
+Da brach aber ein wahrer Sturm über sein Haupt los!
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, Heinz, nun mach keine Geschichten, du gehst
+auf jeden Fall mit,</q> sagte Leo kategorisch, denn er wußte
+genau, daß er es schließlich doch tat.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was mache ich denn für Geschichten, Gontrau,</q>
+erwiderte Onkel Heinz mit einigem Nachdruck, <q>was soll
+das heißen, Geschichten machen? Ich habe eben zu tun
+und kann deshalb nicht mit. Was habt ihr denn überhaupt
+davon, ob ich mitgehe oder nicht!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich haben wir etwas davon,</q> sagte Ilse lustig
+<pb n='17'/><anchor id='Pgp0017'/>herausfordernd, <q>ich hätte ja sonst niemand, den ich ärgern
+könnte.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, da haben Sie recht,</q> gab er zur Antwort und
+der Ton, mit dem er das sagte, hatte fast eine wehmütige
+Färbung.
+</p>
+
+<p>
+<q>Deshalb keine Feindschaft, Onkel Heinz,</q> lachte
+Ilse und erhob ihr Glas, um mit ihm anzustoßen, denn
+sie hatte gemerkt, daß ihn ihre Neckerei empfindlich berührte.
+<q>Und nicht wahr, Sie gehen mit?</q> Dem liebenswürdigen
+Blicke, mit dem Ilse ihre Frage begleitete, konnte
+er nicht widerstehen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, dann kann ich wohl nicht anders,</q> sagte er
+befriedigt.
+</p>
+
+<p>
+Es war spät geworden, als sich die Freunde trennten,
+denn über die bevorstehende Partie gab es noch eine
+Menge zu beraten und zu überlegen. Zum Schluß kam
+Ilse noch auf die Idee, Rosi mit ihrem Manne auch
+aufzufordern.
+</p>
+
+<p>
+<q>Dann bleibe ich doch lieber zu Hause,</q> sagte Onkel
+Heinz, denn die Pastorin war nicht seine beste Freundin.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber glaubst du denn, daß die mitgehen?</q> lachte
+Leo. Er hatte längst erkannt, daß Ilse nur hören wollte,
+was Rosi, die ehrwürdige Superintendentin, zu ihrem
+phantastischen Plane sagen würde. Und so war es auch!
+</p>
+
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+
+<pb n='18'/><anchor id='Pgp0018'/>
+
+<p>
+In dem hübschen Pfarrhause, das der Kirche gegenüber
+lag, saß Frau Rosi auf ihrem erhöhten Platze am
+Fenster. Vor ihr stand ein großer Korb mit Strümpfen;
+einen davon hatte sie gerade über die Hand gezogen, und
+eifrig flog die Nadel auf und nieder. Sie war noch
+immer die alte Rosi! Moden und Neuerungen gingen
+an ihr ziemlich spurlos vorüber, sie war eins von den
+Menschenkindern, die niemals jung aussehen, und bei
+denen man schon als Kind ganz genau wissen konnte, wie
+sie mit 40 Jahren sein würden. Alles trug bei der
+Superintendentin einen konservativen Anstrich; sie war
+kein Kind ihrer Zeit, sie hielt jeden Fortschritt für sündhaft
+und wies ihn mit den Worten zurück: <q>Wir sind so
+lange ohne das fertig geworden, daß wir es jetzt auch
+entbehren können.</q> Wenn es nach ihr ging, hörte alles
+Streben auf. Jetzt, wie sie so da saß, tadellos und gerade,
+wie wir sie kennen, machte sie nicht den Eindruck,
+als ob sie eine Altersgenossin von den Freundinnen wäre.
+</p>
+
+<p>
+In dem Zimmer waren die Möbel in Reihe und
+Glied geordnet, vor dem roten Plüschsofa stand der Tisch
+mit einer ebensolchen Plüschdecke, und vier Plüschsessel
+umgaben ihn steif und langweilig. Alles war gut und gediegen,
+aber man suchte unwillkürlich, ob nicht irgend
+etwas den individuellen Geschmack der Bewohnerin verriete,
+etwa eine Besonderheit in der Ausschmückung der
+Räume, irgend eine Liebhaberei, eine Geschmacksrichtung
+in den Bildern an der Wand – nichts dergleichen. Wie
+eine drückende Atmosphäre lag es über dem Ganzen, und
+<pb n='19'/><anchor id='Pgp0019'/>feinfühlende Seelen würden in diesem Zimmer eine Art
+Niedergeschlagenheit empfunden haben. Pflanzen standen
+nicht am Fenster, Rosi hatte, wie sie behauptete, zuviel
+mit der Pflege ihrer Kinder und mit dem Haushalte zu
+tun, um auch für diese Lebewesen noch sorgen zu können.
+Aber an gestickten und gehäkelten Gegenständen war das
+Zimmer reich, gestickte Sprüche an den Wänden, gestickte
+Kissen auf dem Sofa, auf den Stühlen und an der Erde.
+Der Ofenschirm zeigte ein gesticktes Ritterfräulein auf
+grünem Grunde, gehäkelte Decken lagen überall, wo es
+nur irgend möglich war, gestickt war natürlich auch die
+über die Kanne gezogene Kaffeemütze, kurz überall, wohin
+das Auge blickte, sah man die Spuren stickender, strickender,
+häkelnder Hände, wodurch dem ganzen der Stempel
+des Philiströsen aufgedrückt wurde. Wie viele Tanten
+und Basen waren auch zu Weihnachten für die Pastorin
+tätig! Der Geschmack kam dabei nicht in Betracht, nur
+selbstgearbeitet mußte es sein, darauf legte Rosi den größten
+Wert. Sie selbst war in der Weihnachtszeit von einem
+unheimlichen Fleiße, sie nähte vom Morgen bis zum
+Abende für jeden etwas und wäre es auch noch so unnütz.
+Nach dem Buche war Rosi eine Musterfrau, und was
+ihr der Neid lassen mußte, sie sorgte auch für andre mit
+vieler Umsicht, sie besuchte die Kranken und brachte ihnen
+Stärkendes; sie war auch in allen wohltätigen Vereinen.
+Ob alles dieses aber aus tiefinnerstem Drange geschah,
+oder nur aus Pflichtgefühl, das war zweifelhaft. Sie
+sprach viel von Pflicht, sie führte das Wort immer im
+<pb n='20'/><anchor id='Pgp0020'/>Munde. Auch jetzt schien sie von ihrem Pflichtgefühle
+beseelt zu sein, denn ein Strumpf nach dem andern wurde
+vorgenommen, und ohne Unterbrechung ging das so fort.
+Sie hob kaum den Kopf und hatte keinen Blick für die
+warme Frühlingssonne draußen, die neugierig zu ihr
+hereinsah, in hellen Strahlen auf dem Fußboden spielte,
+und sich sogar an die Plüschsessel wagte, so daß deren
+stumpfes Rot feurig aufleuchtete. Jetzt wurde die Tür
+aufgerissen und Fritz stürmte ins Zimmer. Rosi drehte
+sich unwirsch herum.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du sollst nicht immer so laut hereinkommen,</q> sagte
+sie ärgerlich; <q>wie oft habe ich dir das schon gesagt,
+Fritz!</q>
+</p>
+
+<p>
+Fritz, aus dessen blauen Augen noch eben die volle
+Lust gestrahlt hatte, legte jetzt seine Mappe und Mütze
+still auf den Stuhl und trat zur Mutter, die ihm ihre
+Wange zum Kusse reichte. Dann arbeitete sie weiter.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, wie war es, konntest du deine Sachen?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, Mutter, alles.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wie viele Fehler hast du im Extemporale?</q>
+</p>
+
+<p>
+Kleinlaut flüsterte er: <q>Sieben.</q>
+</p>
+
+<p>
+Jetzt ließ sie die Hand mit dem Strumpf in den
+Schoß fallen und sah ihn an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Siehst du, das kommt davon, wenn man bis in
+die sinkende Nacht fortbleibt und nicht an das Arbeiten
+denkt.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Es war so schön bei Tante Ilse,</q> warf Fritz ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Und da konntest du dich nicht trennen, wie gewöhn<pb n='21'/><anchor id='Pgp0021'/>lich,</q> unterbrach ihn die Mutter mit vielsagendem Blick.
+<q>Aber erst kommt die Pflicht, dann das Vergnügen,</q>
+fuhr sie fort; <q>es ist schrecklich, daß du so leichtsinnig
+bist, immer diese vielen Fehler!</q>
+</p>
+
+<p>
+Fritz sah bei dieser Strafrede ganz betrübt vor sich
+nieder und dachte darüber nach, ob es denn wirklich so
+schlimm sei, lieber in der herrlichen Frühlingsluft draußen
+zu spielen, als über den langweiligen Büchern zu sitzen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun trage nur deine Sachen fort und setze dich
+an den Tisch, wir trinken gleich Kaffee.</q>
+</p>
+
+<p>
+Fritz gehorchte. In der Türe begegnete ihm ein
+kleines Mädchen von acht Jahren, seine Schwester. Ihre
+Ähnlichkeit mit der Mutter war unverkennbar, vielleicht
+war sie auch deshalb deren Liebling.
+</p>
+
+<p>
+<q>Guten Tag, Mama,</q> sagte sie und umarmte diese
+so steif und abgemessen, als wären auch Liebkosungen
+eine Pflicht, als hätte ihr Rosi gesagt, ein Kind umarmt
+seine Mutter, weil sich das so gehört. Aber dennoch war
+die Begrüßung mit der Tochter eine weit wärmere, als
+mit Fritz. Rosi strich ihr über den glatten, blonden
+Scheitel und band eine Schleife fest, die sich an einem
+der kurzen Zöpfchen gelockert hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Bist du auch schon da, Elisabeth?</q> fragte sie zärtlich;
+<q>zeige mal, wie viel hast du denn in der Handarbeitsstunde
+gestrickt?</q>
+</p>
+
+<p>
+Die Kleine zog einen langen Strumpf hervor und
+zeigte der Mutter, wie viel sie heute daran gearbeitet
+hatte.
+</p>
+
+<pb n='22'/><anchor id='Pgp0022'/>
+
+<p>
+<q>Du bist ja ganz fleißig gewesen,</q> sagte Frau Rosi,
+und ein stolzer Blick glitt über sie hin. <q>Jetzt geh und
+rufe den Vater zum Kaffee.</q>
+</p>
+
+<p>
+Nun legte auch die Superintendentin ihre Arbeit beiseite
+und ging an den Kaffeetisch, wo sie die Kanne von
+der wärmenden Hülle befreite. Währenddem öffnete sich
+die Tür lautlos, und lautlos näherte sich dem Tische eine
+hagere, alte Frauengestalt in einem schwarzen Kleide.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, du bist es, Tante Emilie,</q> sagte Rosi und
+schrak ein wenig zusammen, als sie dicht neben sich plötzlich
+den dunklen Schatten bemerkte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, bist du schon zurück, ist die Sitzung vom
+Frauenverein vorbei?</q> fragte sie freundlich.
+</p>
+
+<p>
+Tante Emilie bejahte und setzte sich nieder. Stillschweigend
+zog sie einen großen, grauen Strumpf aus der
+Tasche, und gleich darauf fingen die Nadeln an zu
+klappern.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du bist aber auch immer fleißig, Tante,</q> sagte
+Rosi, und über das faltenreiche Gesicht der Angeredeten
+glitt ein Lächeln der Befriedigung bei diesen Worten.
+Sie war eine Schwester von Rosis verstorbener Mutter
+und lebte seit einigen Jahren ganz bei ihrer Nichte, in
+deren Augen sie als Muster galt, denn bei vielen wohltätigen
+Vereinen saß sie mit im Vorstande. Dem Pastor
+war der stumme, strickende Gast an seinem Tische keine
+angenehme Zugabe, und auch heute, als er eintrat, traf
+sie kein allzu freundlicher Blick. Rosis Mann hatte sich
+wenig verändert, es war noch dasselbe gutmütige Gesicht
+<pb n='23'/><anchor id='Pgp0023'/>mit den blauen Augen, die Fritz von ihm geerbt hatte.
+Nur blickten die seinigen kecker und selbstbewußter in die
+Welt, Lebenslust und Freudigkeit leuchteten daraus hervor,
+zum heimlichen Kummer von Rosi, die immer Leichtsinn
+dahinter witterte. Auch jetzt konnte sie gar nicht begreifen,
+daß der Junge ungeduldig auf dem Stuhle
+herumrutschte; ach, draußen warteten ja schon die Freunde
+auf ihn.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kannst du denn gar nicht ruhig sitzen, Fritz?</q> bemerkte
+Rosi, indem sie den Kaffee einschenkte. <q>Adolf,
+du mußt wirklich mal streng gegen den Jungen sein.
+Und wie ißt er nun wieder! So iß doch nur langsam.</q>
+</p>
+
+<p>
+Sie schüttelte unmutig den Kopf und reichte ihrem
+Manne die Tasse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Liebe Rosi, wollen wir nachher mit den Kindern
+einen Spaziergang machen?</q> fragte der Pastor; <q>es ist
+so herrlich draußen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, nein, das geht nicht,</q> erwiderte sie. <q>Fritz
+muß arbeiten, er hat wieder sieben Fehler im Extemporale.
+Sieben Fehler,</q> wiederholte sie noch einmal eindringlich
+ihrem Manne, als sie sah, daß ihn diese Nachricht
+nicht aus der Fassung brachte, und gab ihm unter
+dem Tisch einen kleinen Stoß, damit er etwas sagen solle.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, Fritz,</q> begann der Pastor, indem er sich räusperte,
+– er tat dies immer, wenn er zu einer ernsten
+Rede den Anlauf nahm, – <q>wie kommt denn das?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, Vater, das Lateinische macht mir einmal kein
+Vergnügen,</q> antwortete der Junge offen.
+</p>
+
+<pb n='24'/><anchor id='Pgp0024'/>
+
+<p>
+<q>Siehst du, da hörst du’s ja, Adolf,</q> fuhr Rosi
+auf, <q>aus Fritz wird nie etwas werden.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, nun,</q> lenkte Adolf ein, denn er sah, wie
+dem Kinde bei diesen Worten das Blut ins Gesicht stieg,
+<q>das wollen wir nicht hoffen.</q> Und er strich ihm beruhigend
+über das blonde Haar.
+</p>
+
+<p>
+Rosi schüttelte den Kopf. Wollte denn ihr Mann
+gar nicht begreifen, daß Fritz streng behandelt werden
+mußte? In ihren Gedanken stand es fest, daß aus ihm
+nichts würde. Wenn sie dagegen Elisabeth nahm, das
+war ein braves Kind, kaum daß sie ermahnt zu werden
+brauchte, der lag das Pflichtgefühl im Blute. Wie
+manierlich und bescheiden sie am Tische saß und ihr
+Brötchen verzehrte; Fritz dagegen konnte überhaupt keinen
+Augenblick still sitzen. Doch es war auch keine Kleinigkeit
+für ihn, hier in der Stube zu hocken. Die Sonnenstrahlen
+wurden immer zudringlicher, sie krochen an ihm
+herauf, schienen ihm jetzt voll ins Gesicht, gerade als
+ob sie ihn ärgern wollten; blinzelnd wich er ihnen aus.
+Mutter Rosi war aber unerbittlich streng, die Kaffeezeit
+durfte nicht abgekürzt werden. Was empfand sie von
+einem Kinderherzen, das sich nach dem Schulzwange in
+die wundervolle Freiheit sehnte? Endlich gab sie das
+Zeichen zum Aufbruche, Elisabeth holte das Präsentierbrett
+und räumte die Tassen zusammen, Fritz schlüpfte
+schnell hinaus.
+</p>
+
+<p>
+<q>Gar kein Ernst steckt in dem Jungen,</q> begann Rosi
+das Thema wieder, unbekümmert um Elisabeths
+Gegen<pb n='25'/><anchor id='Pgp0025'/>wart, die sich im Vollgefühl ihrer Tadellosigkeit sonnte;
+sie wußte genau, daß sie viel besser war als der Bruder,
+die Mutter hatte es ihr ja oft genug gesagt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du solltest nicht zu streng sein, Rosi,</q> beschwichtigte
+der Superintendent; <q>wenn du so viel tadelst, untergräbst
+du sein Ehrgefühl. Ich war auch kein Held in
+der Schule, und es ist doch etwas aus mir geworden.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Du nimmst Fritz doch stets in Schutz, es ist merkwürdig;
+tadle ich ihn wohl zu viel, Tante Emilie?</q>
+fragte Rosi diese erregt.
+</p>
+
+<p>
+Tante Emilies rote Nasenspitze hob sich ein wenig
+und das <q>Nein</q>, das sie hervorbrachte, klang so dumpf,
+als käme es unter dem Tische hervor. Aber das Gespräch
+fing an, sie zu interessieren, denn wenn sie den
+grauen Faden um den Finger legte und dabei etwas
+länger zögerte wie gewöhnlich, so war dies ein Beweis,
+daß ihre Teilnahme auch noch von andrer Seite in Anspruch
+genommen war. Ebenso interessierte Elisabeth die
+Unterhaltung der Eltern aufs höchste, denn auch sie hielt
+in ihrem Eifer, mit welchem sie das Geschirr abzuräumen
+begann, inne und hörte andächtig zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>Elisabeth, mache, daß du fertig wirst, geh dann
+hinaus und spiele mit deinem Bruder,</q> sagte der Vater der
+ihre lauernden Blicke bemerkt hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich muß arbeiten,</q> erwiderte sie trotzig und ging
+hinaus, indem sie das Geschirr stehen ließ.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sage Minna, daß sie den Tisch abräumt,</q> rief ihr
+die Mutter in sanftem Tone nach.
+</p>
+
+<pb n='26'/><anchor id='Pgp0026'/>
+
+<p>
+<q>Warum fährst du das Kind so an, Adolf? Sie
+verdient es viel weniger als Fritz,</q> sagte Rosi vorwurfsvoll.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie soll nicht horchen, wenn wir miteinander solche
+Dinge besprechen, das gehört sich nicht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Elisabeth versteht uns nicht falsch, das weiß ich;
+sie kann dreist so etwas mit anhören.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich will es aber nicht,</q> sagte der Pastor heftig und
+stand erregt auf.
+</p>
+
+<p>
+Tante Emilies Augen folgten ihm hinter der großen
+Brille mit gespanntem Blicke.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nimm dich zusammen, ich bitte dich, Adolf; du bist
+ja stets ärgerlich, wenn ich Fritz tadle, und an Elisabeth
+hast du immer etwas auszusetzen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, du bist ungerecht, gegen Fritz zu strenge und
+gegen das Mädchen schwach.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Bitte, dann erziehe deine Kinder selbst,</q> erwiderte
+Rosi spitz.
+</p>
+
+<p>
+Die vorwitzigen Sonnenstrahlen kamen jetzt auch zu
+ihr und huschten über ihr Gesicht. Ärgerlich stand sie
+auf, ließ das Rouleau herab, und die kecken Eindringlinge
+waren nun ausgesperrt. Nervös rückte sie an den Tassen,
+suchte die Krümchen von der Decke, während der Pastor
+an das Fenster trat, das eben herabgelassene Rouleau
+wieder aufzog und hinausblickte. Tante Emilie schrak
+ordentlich zusammen, als der grelle Lichtschein so plötzlich
+wieder auf das dunkle Grau in ihren Händen fiel.
+</p>
+
+<p>
+Aber Rosi witterte eine Absicht ihres Mannes
+da<pb n='27'/><anchor id='Pgp0027'/>hinter, als er die eben verbannten Strahlen wieder hereinließ,
+und rief ärgerlich:
+</p>
+
+<p>
+<q>So laß doch das Rouleau zu; du sahst doch, daß ich
+es eben herunterließ, weil mich die dumme Sonne blendete.</q>
+</p>
+
+<p>
+Die Stimmung der beiden Ehegatten war jetzt eine
+sehr gereizte, wie Tante Emilie bemerkte, deren Blicke von
+einem zum andern wanderten, und sicherlich würde es noch
+zu weiteren Auseinandersetzungen gekommen sein, wenn
+in diesem Augenblicke nicht Ilse und Nellie angemeldet
+worden wären.
+</p>
+
+<p>
+Bei der Nennung dieser Namen erhob sich Tante
+Emilie wie auf Befehl, packte ihr Strickzeug zusammen
+und verschwand ebenso lautlos, wie sie gekommen war,
+denn die beiden Pensionsfreundinnen ihrer Nichte waren
+ihr wenig sympathisch, sie nannte Nellie kokett, Ilse keck
+und frei.
+</p>
+
+<p>
+Die Röte der Erbitterung lag noch auf Rosis Wangen,
+als die beiden eintraten, aber sie bezwang sich und ging
+ihnen freundlich entgegen. Ihre Begrüßung war ja nie
+eine stürmische oder auch nur besonders herzliche, wie sie
+sonst meist unter guten Freundinnen zu sein pflegt; die
+Pastorin bewahrte stets eine gewisse Steifheit.
+</p>
+
+<p>
+<q>Bitte, nehmt Platz,</q> nötigte sie, indem sie auf die
+Plüschgarnitur wies, die in dem gedämpften Lichte wieder
+stumpf und farblos war.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wir dachten gar nicht, euch zu Hause zu treffen
+bei dem herrlichen Wetter,</q> sagte Ilse; <q>es ist zu schön,
+man möchte den ganzen Tag draußen sein.</q>
+</p>
+
+<pb n='28'/><anchor id='Pgp0028'/>
+
+<p>
+<q>Dazu habe ich nun leider keine Zeit.</q> Rosi setzte
+solchen Aussprüchen von Ilse immer einen Dämpfer auf,
+auch ließ sie gar zu gern einfließen, wie viel sie zu tun
+habe und wie sehr ihre Zeit in Anspruch genommen sei.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, meine Frau hat viel zu tun,</q> sagte nun auch
+der Pastor; er meinte es wirklich ernst, denn Rosi redete
+es ihm ja fortwährend ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wir sind auch keine Faulpelze,</q> erwiderte Nellie,
+<q>jede Hausfrau hat zu tun.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, Kinder, ich mache es mir furchtbar bequem;
+immer an den Haushalt denken, ist doch zu langweilig,</q>
+rief Ilse übermütig. <q>Manchmal meine ich, daß ich überhaupt
+zu etwas andrem geboren bin, weil mir die Geschichte
+so wenig Spaß macht. Was essen wir heute,
+was essen wir morgen? Das ist das ewige Motto. Leo
+muß oft den Küchenzettel machen, wenn ich keine Lust
+dazu habe.</q>
+</p>
+
+<p>
+Rosis Gesichtsausdruck merkte man es wohl an, wie
+sie über diese Äußerungen dachte, sie antwortete aber
+nichts darauf, denn instinktiv ahnte sie, daß derlei nur
+gesagt wurde, um sie zu reizen. Sie fühlte sich Nellie
+und Ilse innerlich vollkommen fremd, aber sie hielt es
+wiederum für ihre <q>Pflicht</q>, eine Jugendfreundschaft nicht
+einschlafen zu lassen, und schwieg deshalb zu vielem, was
+ihr an den beiden nicht gefiel. Als aber Ilse heute mit
+ihrer Aufforderung zur Teilnahme an der geplanten
+Partie herausrückte, da konnte sie nicht gut dazu schweigen.
+Was war das nun wieder für eine überspannte Idee, im
+<pb n='29'/><anchor id='Pgp0029'/>Mondschein auf den Schneekopf zu steigen! Das fehlte
+noch, daß sie diesen Unsinn mitmachten! Innerlich war
+sie deshalb auch empört über ihren Mann, daß er überhaupt
+darauf einging, und er schien wahrhaftig die größte
+Lust zum Mitgehen zu haben.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lieber Adolf,</q> unterbrach sie das Gespräch, <q>wir
+wollen es doch erst überlegen; du kannst gewiß nicht fort.</q>
+</p>
+
+<p>
+Der Superintendent sah sie an, und aus ihren Blicken
+las er deutlich: Ich will es nicht. Er schwieg daher mit
+einem leichten Seufzer.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber dein Mann sagte doch eben, daß er sehr gut
+könnte,</q> meinte Nellie, und der alte Schelm, den Rosi
+innerlich Bosheit nannte, lachte mal wieder aus ihren
+Grübchen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich gehe keinesfalls mit,</q> entschied die Pastorin.
+<q>Adolf kann ja mitgehen, wenn es ihm Spaß macht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber Rosi!</q> rief Adolf ganz erschrocken über eine
+solche Zumutung.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber denke doch, Rosi, ein solcher Weg im Mondenschein,
+wie poetisch!</q> rief Ilse begeistert.
+</p>
+
+<p>
+Rosi sah sie an und schüttelte unmerklich mit dem
+Kopfe; sie begriff sie eben nicht.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, ihr kommt doch noch mit,</q> sagte lächelnd
+Nellie, als hätte sie Rosis Einwände gar nicht gehört.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein!</q> gab diese schroff zur Antwort. Mit ihrer
+Geduld war es nun zu Ende, und sie kochte innerlich.
+</p>
+
+<p>
+Als die beiden Frauen fort waren, zog sich der
+Superintendent wohlweislich in sein Zimmer zurück, denn
+<pb n='30'/><anchor id='Pgp0030'/>die Wolken auf der Stirne seiner Rosi kündeten nichts
+Gutes. Sie ging ihm aber nach und drückte die Türe
+hinter sich ins Schloß.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich begreife dich nicht, Adolf, daß du immer und
+immer wieder etwas tun willst, was deiner Stellung nur
+schaden kann.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, aber wie so denn, Rosi?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, tue nur nicht so, du weißt recht gut, was ich
+meine. Ilse und Nellie denken eben leider sehr frei,
+was euch Männern natürlich das liebste ist und am
+besten gefällt.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Darin, daß man eine Partie auf den Schneekopf
+macht, sehe ich nichts Freies.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, darin nicht; aber machen sie diese Partie
+wohl, wie es Menschen unsern Standes zukommt? Bei
+Nacht und Nebel wollen sie hinauf.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Im Mondenschein,</q> verbesserte er ruhig.
+</p>
+
+<p>
+<q>Eine solche Albernheit für erwachsene, verheiratete
+Menschen!</q> fuhr Rosi fort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du hast bei allem etwas auszusetzen; es ist oft
+nicht zum aushalten. Dann laß uns doch lieber den
+Verkehr mit deinen Freundinnen abbrechen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das liebste wäre es mir schon, ich tue es nur der
+Leute wegen nicht.</q>
+</p>
+
+<p>
+Adolf antwortete mit einem resignierten Achselzucken;
+er kannte diese Litanei nun schon auswendig, und wenn
+Rosi in dieses Fahrwasser geriet, gab es sobald kein
+Aufhören; er ließ sie deshalb ruhig weiterreden.
+</p>
+
+<pb n='31'/><anchor id='Pgp0031'/>
+
+<p>
+<q>Du solltest mir lieber dankbar sein, daß ich stets
+daran denke, wie die Leute wohl dein Tun und Treiben
+auffassen. Ich halte es sogar für meine Pflicht, dich
+darauf aufmerksam zu machen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Wenn Rosi ihr <q>Pflichtgefühl</q> als letzten Trumpf
+ausspielte, wurde ihre Miene noch um einige Grade
+strenger. Der Pastor kannte auch diesen Schlußeffekt genau,
+und es war am besten zu schweigen, wenn sie bei
+diesem Punkte angelangt war; er setzte sich daher an seinen
+Schreibtisch, holte seine Bücher hervor, schlug sie auf und
+schien eifrig darin zu lesen. Dies war für seine Frau
+das Zeichen, daß er sich auf keine weiteren Erörterungen
+mehr einlassen würde; sie konnte sagen, was sie wollte,
+er blieb stumm.
+</p>
+
+<p>
+<q>Daß du gleich so empfindlich bist,</q> versuchte sie
+doch noch einmal anzufangen.
+</p>
+
+<p>
+Keine Antwort!
+</p>
+
+<p>
+<q>Übrigens, mache doch die Partie mit, wenn dir
+soviel daran liegt. Ich,</q> das Wort betonte sie besonders,
+<q>gebe mich zu solchen Dingen nicht her.</q>
+</p>
+
+<p>
+Wiederum Schweigen!
+</p>
+
+<p>
+Adolf schien vertieft in seine Bücher, aber Rosi war
+heute noch lange nicht fertig; mit nervösen Fingern zupfte
+sie an den Fransen der Tischdecke.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt versuchte sie es mit einem andern Thema.
+</p>
+
+<p>
+<q>Und dann wollte ich dich auch noch bitten, Adolf,
+daß du etwas strenger gegen Fritz bist, wir erleben sonst
+mit ihm noch etwas. Der Umgang mit Gontraus hat
+<pb n='32'/><anchor id='Pgp0032'/>entschieden einen schlechten Einfluß auf den Jungen, und
+von dem eigentümlichen Professor Fuchs, der fast immer
+dort ist und mit den Kindern lauter Unsinn treibt, was
+sich für einen Mann in solcher Stellung doch wahrhaftig
+nicht schickt, lernen sie auch nichts Gutes.</q>
+</p>
+
+<p>
+Doch selbst hiermit konnte sie ihrem Manne keine
+Antwort entlocken, und erregt wandte sie sich zum Gehen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich, wenn ich ernste Dinge mit dir besprechen
+will, dann hast du keine Lust dazu, nicht mal über die
+Kinder kann man sich aussprechen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Der Pastor zuckte zusammen, als die Türe jetzt unsanft
+ins Schloß fiel, stand dann aber auf und steckte
+sich seine Pfeife an.
+</p>
+
+<p>
+Rosi schüttete nun Tante Emilie ihr übervolles Herz
+aus und fand dort für alles einen lebhaften Wiederhall.
+Tante Emilie war mit ihr einer Meinung über den
+Leichtsinn von Fritz, über die große Schwäche seines
+Vaters, über die Tadellosigkeit von Elisabeth und <hi rend='antiqua'>last
+not least</hi>, über das freie Benehmen der beiden Freundinnen.
+Darüber hatte die Tante schon manches gehört,
+was sie heute wie mildernden Balsam in die erregte Seele
+von Rosi träufelte, denn es war doch wenigstens ein
+Trost, daß andre Menschen ebenso dachten, wie sie.
+</p>
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p032.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<pb n='33'/><anchor id='Pgp0034'/>
+<p>
+Ilse betrachtete in den nächsten Tagen den Aprilhimmel
+mit besonderer Spannung; das kleinste Wölkchen
+versetzte sie in lebhafte Unruhe, und wohl hundertmal sah
+sie sich tagsüber das Barometer an, trotzdem ihr Onkel
+Heinz gesagt hatte, daß das gar nicht nötig wäre, denn
+wenn er sage, <q>es bliebe gut,</q> so <q>bliebe es auch gut</q>.
+Er zeigte auf einmal ein lebhaftes Interesse für die Partie
+und sprach alle Tage vor, um dies und jenes zu bringen,
+zu prüfen oder zu besprechen. Ilses Stiefel wurden von
+ihm einer gründlichen Prüfung unterworfen, und dabei
+ließ er eine längere Philippika gegen die Schuster im allgemeinen
+und denjenigen, welcher diese Schuhe verbrochen
+hatte, insbesondere los. <q>Überhaupt welcher Unsinn, so
+spitze Schuhe zu tragen, da müssen ja alle Füße Krüppel
+werden,</q> behauptete er und zeichnete einen normalen Fuß
+auf und einen, der in spitzen Schuhen gesteckt hatte. Beinahe
+wären sie wieder in Streit geraten, als Ilse dagegen
+protestierte und behauptete, trotz der verpönten
+spitzen Schuhe noch einen normalen Fuß zu haben. Doch
+es ging diesmal noch gnädig ab. Sie merkte, daß er
+sich wirklich auf die Partie freute, wenn auch die Vorbereitungen
+mit der gewohnten Umständlichkeit getroffen
+wurden.
+</p>
+
+<p>
+Als Onkel Heinz zur verabredeten Stunde am Sonnabend
+Nachmittag auf dem Bahnhofe erschien, konnten die
+andern kaum ein Lachen unterdrücken. Für eine Expedition
+auf den Großglockner konnte er nicht besser ausgerüstet
+sein, die dichtbeschlagenen Nägelschuhe hallten
+<pb n='34'/><anchor id='Pgp0035'/>bei jedem Schritt wieder, den er auf dem asphaltierten
+Bahnsteig machte. Ilse betrachtete sich seinen ungeheuren
+Rucksack und fragte, ob er denn auch die Steigeisen nicht
+vergessen hätte. Er wurde etwas verlegen, und sie lenkte
+auch sofort schnell wieder ein, als sie bemerkte, daß er
+seinen Bart zu drehen begann, das untrüglichste Zeichen
+seines Unmutes.
+</p>
+
+<p>
+Nellie und Ilse sahen flott und touristenmäßig aus
+mit ihren kurz geschürzten Kleidern, den derben Schuhen
+und den Rucksäcken auf dem Rücken. Althoff und Gontrau
+hatten es sich schon bequem gemacht und ihre Sachen
+ins Coupé gelegt, während sie draußen noch auf und
+ab spazierten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was machst du denn da?</q> fragte Ilse, als sie
+jetzt einstieg und sah, daß Nellie ihres Mannes Rucksack
+geöffnet hatte und demselben eiligst Sachen entnahm,
+die sie in den ihrigen steckte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Fred hat zu schwer zu tragen,</q> sagte sie etwas
+verlegen und band schnell die beiden Säcke wieder zu.
+Derjenige ihres Mannes war nun sehr zusammen
+geschrumpft, ihrer dagegen dick aufgeschwollen, Ilse wog
+sie beide in der Hand.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, Nellie, das willst du schleppen,
+während dein Mann fast gar nichts zu tragen hat?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Laß nur, <hi rend='antiqua'>darling</hi>, laß nur! Fred darf sich nicht
+anstrengen, er ist in letzter Zeit so nervös,</q> erwiderte
+Nellie, und bei dem Gedanken an das Leiden ihres Fred
+stiegen ihr sofort die Tränen in die Augen.
+</p>
+
+<pb n='35'/><anchor id='Pgp0036'/>
+
+<p>
+<q>Aber dein Mann ist doch ganz gesund,</q> sagte
+Ilse; <q>ein bißchen nervös, du lieber Gott, das sind fast
+alle Menschen, das ist nun einmal die Modekrankheit.</q>
+</p>
+
+<p>
+Nellie schüttelte wehmütig den Kopf. Ilse verstand
+sie in diesem Punkte nicht, sie nahm die Sache viel zu
+leicht, <hi rend='gesperrt'>sie</hi> wußte es aber besser.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du verwöhnst deinen Mann viel zu sehr,</q> fuhr
+Ilse fort; sie wußte ja aus dem Munde ihres gemeinschaftlichen
+Arztes, daß Althoff wohl etwas reizbare
+Nerven habe, im übrigen aber kerngesund sei. Sie verstand
+wirklich die Freundin hierin nicht und versuchte,
+sie bald in ernstem, bald in neckischem Tone von der
+übertriebenen Ängstlichkeit abzubringen.
+</p>
+
+<p>
+Die kleine Reise bis zu dem Gebirgsstädtchen, einem
+Badeorte, von wo aus der nächtliche Aufstieg unternommen
+werden sollte, wurde in bester Stimmung zurückgelegt.
+Ilse war ganz besonders in ihrer gehobensten
+Laune und steckte mit ihrer Lustigkeit alle andern an,
+auch Onkel Heinz, der ihr dann und wann unter der
+Brille hervor einen strahlenden und bewundernden Blick
+zuwarf und vergnügt mitlachte.
+</p>
+
+<p>
+Um diese Zeit waren die Touristen in dem beliebten
+Badeorte noch selten, nach der langweiligen Winterzeit
+die Neugierde wahrscheinlich auch größer, jedenfalls sahen
+große und kleine Menschen unsern Wandernden nach, und
+besonders wurden die Damen mit ihren Rucksäcken auf
+dem Rücken vielfach belächelt. Die Kinder liefen sogar
+hinterher und konnten sich nicht satt daran sehen.
+</p>
+
+<pb n='36'/><anchor id='Pgp0037'/>
+
+<p>
+<q>Na, wollt ihr wohl, ihr infamen Kröten!</q> wehrte
+Onkel Heinz sie mit seinem Stocke ab, als sie die Urheber
+ihrer Heiterkeit auf alle mögliche Weise schlecht zu
+behandeln versuchten. Aber ob sie nun sein böses Gesicht
+nicht ernst nahmen, oder in ihm den Kinderfreund witterten,
+jedenfalls stürzten sie wie auf Kommando auf ihn
+los; er setzte sich in Trab, schreiend liefen die Kinder
+hinter ihm her, bis er ganz außer Atem kam und stehen
+blieb, um auf die übrigen zu warten.
+</p>
+
+<p>
+Die Straße, die sie durchschritten, dehnte sich fast
+endlos aus. Villenartige Häuser zu beiden Seiten rüsteten
+sich schon für die Sommergäste; es roch nach frischem
+Farbenanstrich, Fenster und Türen wurden abgewaschen,
+auch schon neue Gardinen aufgesteckt, und in den Gärten
+ward gegraben und gepflanzt. Hinter einzelnen blanken
+Scheiben prangten bereits große Plakate: <q>Logis zu vermieten</q>.
+Nur noch wenige Wochen, und alles war für
+die Fremden bereit, wie aus einer Spielschachtel genommen.
+Dann wogte auch unter den alten Linden, die im Sommer
+der Sammelplatz für die Fremden waren, eine bunte Menge,
+die Kurmusik anhörend, Kaffee trinkend, Kuchen essend,
+lachend und schwatzend, wie ein Bienenschwarm durcheinander
+summend. Jetzt standen vor der Türe des
+eleganten Restaurants die kleinen Kellnerlehrlinge in
+blauen Schürzen und wuschen Tische und Bänke ab.
+Sie hielten in ihrer Beschäftigung inne, als die fünf einsamen
+Gestalten vorüberkamen. Nun wanderten diese die
+Höhe hinauf durch den Buchenwald, dessen zarte Knospen
+<pb n='37'/><anchor id='Pgp0038'/>einen lichtgrünen Schleier über ihnen woben, und aus
+dessen Zweigen fröhliche Vogelstimmen tönten, wie eine
+Verkündigung des nahenden Frühlings.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wie schön! Sieh nur, Fred,</q> sagte Nellie so
+recht aus vollster Seele und hing sich an seinen Arm.
+</p>
+
+<p>
+Bald kamen sie an eine Lichtung, wo zwischen den
+abgehauenen Stämmen ein wahrer Blumenflor wucherte.
+Anemonen, Primeln und Veilchen, zwar nur sogenannte
+Hundsveilchen ohne Duft, aber von entzückender Farbe.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Frauen stürzten darauf los, und im Nu
+hatten sie einen großen Strauß gepflückt. Sie schmückten
+damit sich selbst, die Hüte ihrer Männer und natürlich
+auch den von Onkel Heinz.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was soll ich denn mit den Dingern anfangen?
+Die sind ja im Augenblick verwelkt,</q> sagte er trocken, als
+Ilse ihm ein Sträußchen von Primeln und Veilchen an
+den Hut steckte, aber schmunzelnd ließ er sich doch diesen
+Ausputz seines alten, grauen Filzes gefallen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sehen Sie doch nur diese entzückende Farbenzusammenstellung
+von Blau und Gelb!</q> rief Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kann ich nicht finden, viel zu grell,</q> sagte er
+wieder ablehnend.
+</p>
+
+<p>
+Ilse wandte sich ab.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, denn nicht,</q> meinte sie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, Gontrau, du läufst ja wie ein
+Wilder,</q> rief Onkel Heinz nach einer Weile, <q>man kann
+ja gar nicht mitkommen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, dann gehen wir eben langsamer, Heinz; aber
+<pb n='38'/><anchor id='Pgp0039'/>ich gehe doch wahrhaftig nicht schnell,</q> sagte Gontrau
+liebenswürdig und änderte sofort das Tempo seiner
+Schritte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Langsam gehen ist die erste Regel. Hast du schon
+mal eine ordentliche Bergtour gemacht, Gontrau?</q> fragte
+Onkel Heinz mit einem spöttischen Lächeln.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, ich denke doch! In der Schweiz war ich
+auf dem Monte-Rosa, in Tirol habe ich den Ortler
+bestiegen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, du lieber Gott, diese Hügel, ist ja eine Kleinigkeit!</q>
+rief Onkel Heinz dazwischen und fing nun an, von
+den Besteigungen auf seinen Reisen in andern Weltteilen
+zu erzählen, allerdings an Gefahren und Abenteuern
+reich. Ilse wollte nun auch ihrerseits einige boshafte
+Bemerkungen einschalten, wie er es eben getan hatte,
+aber sie wurde durch seine interessante Erzählung so gefesselt,
+daß sie schwieg und aufmerksam zuhörte. Onkel
+Heinz war ein guter Erzähler, und wenn er so recht im
+Zuge war, dann zeigte sich auch mehr als sonst sein
+Innenleben, und es war durchaus keine verknöcherte
+Junggesellenseele, die zum Vorschein kam. Feine Beobachtungen
+und Stimmungen ließ er durchschimmern,
+die man ihm nicht zugetraut hätte.
+</p>
+
+<p>
+Eine gute Strecke waren sie inzwischen weiter gekommen.
+Die scheidende Sonne vergoldete noch die hohen
+Tannenwipfel und durchleuchtete den Himmel, vom
+feurigen Rot und Orange bis zum hellgoldigen Gelb, an
+das sich in wirksamem Kontrast das duftige Blau und
+<pb n='39'/><anchor id='Pgp0040'/>Violett des westlichen Firmaments anschloß. Wie ein
+leichtes Frösteln ging es durch die Natur, als der farbenprächtige
+Himmel allmählich verblaßte, die goldig warmen
+und die bläulich kühlen Töne in einem nebelhaften Grau
+verschwanden, und die durchsichtige Scheibe des Mondes
+als Alleinherrscherin am Himmel stand.
+</p>
+
+<p>
+Schnell huschte die Dämmerung wie ein leichter
+Schatten herbei, die Gegenstände verschleiernd. Die
+scharfen Umrisse gingen ineinander über, verschwommen
+wurden die fernen Linien, alles löste sich in eine traumhafte
+Weichheit auf, und schlaftrunken zirpten die kleinen
+Sänger des Waldes auf den Zweigen.
+</p>
+
+<p>
+Stumm schritten die Freunde weiter, nur manchmal
+sprachen die beiden Paare im traulichen Flüstertone zu
+einander. Einsam schritt ihnen Onkel Heinz voran.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt kamen sie in einen Tannenwald, hier war es
+schon dunkler als draußen, nur durch die Zweige schimmerte
+noch das helle Grau des Himmels. Ilse wurde es etwas
+bänglich zu Sinne hier zwischen den hohen Bäumen, sie
+glaubte es überall knistern zu hören; bald sah sie sich
+ängstlich um, bald spähte sie nach beiden Seiten in den
+dämmernden Wald. Mit jedem Schritte wurde ihre
+Phantasie erregter, die dunklen Stämme und herabhängenden
+Zweige nahmen alle möglichen Gestalten an, die
+schattenhaft an ihr vorüberzogen. Das Knacken und
+Knistern in den dürren Ästen auf dem Boden wurde
+immer deutlicher, jetzt sah sie auch genau, wie sich etwas
+bewegte. Unwillkürlich klammerte sie sich noch fester an
+<pb n='40'/><anchor id='Pgp0041'/>Leos Arm und starrte mit angstvollen Augen dorthin,
+woher das Geräusch kam. Wie es in Augenblicken großer
+Furcht gewöhnlich ist, wagte sie nicht zu sprechen, kaum
+zu atmen. Wenn sie überfallen würden! Ihre lebhafte
+Einbildungskraft malte ihr die schaurigsten Dinge aus,
+und gerade wollte sie Leo zuflüstern, wie sehr sie sich
+fürchte, als plötzlich zwischen den hohen Stämmen etwas
+hervorkam – ein großer Hirsch, der quer über den Weg
+setzte und nach einer Lichtung zulief, wo er äsend stehen
+blieb. Nun war der Geisterspuk erklärt, Ilse atmete
+auf, aber ein Gefühl der Angst und Unsicherheit blieb
+doch in ihr zurück, und da die lustige Ilse, die sonst
+den Ton angab, schwieg, waren auch die andern
+meistens still.
+</p>
+
+<p>
+Der Abend war nun ganz hereingebrochen, die Luft
+kühl geworden, und dem frühlingsjungen Waldboden entströmte
+ein feuchter Erdgeruch. An der Seite rauschte
+jetzt behende ein Wasser neben ihnen her, einschläfernd
+durch seine eintönige Melodie, die sich anhörte, als sänge
+es der zur Ruhe gehenden Natur ein Schlummerlied.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es wird feucht,</q> sagte Althoff und zog seinen
+Rockkragen in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, du frierst doch nicht?</q> fragte Nellie ängstlich
+und nahm ihr Tuch von den Schultern, um es ihm umzulegen.
+Er wehrte ab, nicht gerade in der liebenswürdigsten
+Weise.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es geht dir doch gut, Fred?</q> fragte sie wieder
+nach einer Weile, und diesmal antwortete er liebevoller.
+</p>
+
+<pb n='41'/><anchor id='Pgp0042'/>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, Kind, nur etwas einseitige Kopfschmerzen,
+wie gewöhnlich.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Soll ich dir ein Antipyrinpulver geben? Ich habe
+welches mitgenommen!</q> fragte Nellie eifrig.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, nehmen Sie doch nicht solches
+Zeugs,</q> rief da Onkel Heinz’ Stimme. <q>Sie vergiften
+sich ja nur damit.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, es hilft Fred aber so gut,</q> meinte Nellie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, dann nehmen Sie Ihr Gift nur,</q> erwiderte
+Onkel Heinz mit Achselzucken, <q>aber hier, trinken Sie
+wenigstens einen Kognak als Gegengift.</q>
+</p>
+
+<p>
+Er reichte ihm seine Flasche hin. Gegen jede Medizin
+hatte er etwas einzuwenden, und wenn die Gontrauschen
+Kinder mal krank waren, lag er mit Ilse stets im
+Kampfe, denn sie tat, was der Arzt anordnete, statt
+seinen Ratschlägen zu folgen, und wenn er auf die <q>dummen
+Kerle</q>, die Ärzte, schalt, machte sie ihn mit seinen Mitteln
+und Mittelchen lächerlich.
+</p>
+
+<p>
+Leo, der mit Ilse ein Stück vorausgegangen war,
+drehte sich jetzt um und rief den andern zu: <q>Menschliche
+Wohnung in Sicht!</q> indem er dabei auf einige helle
+Punkte zeigte, die in der Entfernung durch die Bäume
+blinkten. Nicht lange mehr und sie konnten die Umrisse
+eines Gebäudes erkennen, das wohl das Försterhaus war,
+an welchem sie vorbeikommen mußten. Einsam lag es
+am Waldessaume, hohe, dunkle Tannen ragten majestätisch
+darüber hinweg und hoben sich vom helleren Himmel
+wie scharfe Silhouetten ab. Die Türe des Wildgatters
+<pb n='42'/><anchor id='Pgp0043'/>das den Wald abschloß, fiel mit dumpfem Tone zurück,
+und nun standen die nächtlichen Wanderer in einem Garten,
+der zum Försterhaus gehörte. Ilses feine Nase witterte
+etwas wie Veilchenduft, als sie an den frischen Beeten vorbeigingen.
+Im Erdgeschoß waren die Fenster erleuchtet,
+man konnte ohne Mühe hineinsehen. Die Försterfamilie
+saß um einen runden Tisch versammelt, über dem eine
+Hängelampe brannte, und schien eben zu Abend gegessen
+zu haben, denn das Tischtuch lag noch auf, und von seiner
+blendenden Weiße fiel ein heller Schein auf die rosigen
+Gesichter in der Runde. Echt deutsche Gemütlichkeit durchwehte
+das einfache Zimmer mit den vielen Geweihen und
+den Buntdrucken von dem Kaiser und der Kaiserin an
+den Wänden, sie lachte aus den freundlichen Mienen der
+rotwangigen Hausfrau den blonden Kindern entgegen und
+umgab auch die kräftige Gestalt des Hausherrn, der sich
+gerade seine Pfeife stopfte und die Zeitung vor sich liegen
+hatte. Den Draußenstehenden tat es leid, dieses harmonische
+Bild zu stören, sie rührten sich kaum und betrachteten
+es mit Wohlgefallen. In diesem Augenblicke
+aber wurden die Hunde im Zimmer unruhig, der Förster
+erhob sich, kam zur Türe heraus und nahm die späten
+Gäste freundlich auf. Er war nicht wenig erstaunt, als
+er hörte, daß die Gesellschaft noch in der Nacht auf den
+Schneekopf gehen wollte; so etwas kam wohl im Sommer
+vor, aber zu dieser Zeit selten. Schmunzelnd sah er sich
+die Frauen an, die frisch und unternehmungslustig vor
+ihm standen.
+</p>
+
+<pb n='43'/><anchor id='Pgp0044'/>
+
+<p>
+<q>Das nenne ich aber Mut,</q> sagte er zu ihnen.
+<q>Ein bißchen Schnee wird’s da oben wohl noch geben.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wir fürchten uns nicht davor, Herr Förster,</q> erwiderte
+Ilse lustig und warf ihren Rucksack auf den
+Stuhl.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kann man hier einen guten Kognak haben?</q> fragte
+Onkel Heinz und ließ sich in den alten Lehnstuhl am
+Ofen nieder, daß die lahm gewordenen Federn ächzten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Alles, was Sie wollen! – Frau, die Herrschaften
+wünschen etwas zu genießen,</q> rief er hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Die Försterin kam herein, ihre Blondköpfe hinter ihr
+her, aber diese blieben neugierig an der Türe stehen.
+Nellie holte sich die Kleinen, auch Onkel Heinz erhob sich
+von seinem bequemen Sitze und stellte allerhand lustige
+Fragen an die Kinder. Ilse aber beschäftigte sich mit
+den kleinen, krummbeinigen Dackeln und dem braunen
+Hühnerhund mit den herabhängenden Ohren und den
+treuen, klugen Augen. Er hatte sich ganz nahe an sie
+gedrängt und ließ sich von ihr am Halse krauen, und
+wenn sie einen Augenblick innehielt, stieß er sie mit der
+Schnauze an.
+</p>
+
+<p>
+Die Rast war keine lange, denn Althoff und Leo
+drängten zum Aufbruche. Sie hatten mit dem Förster,
+der ihnen eine kleine Strecke das Geleite geben wollte,
+eingehend den Weg besprochen.
+</p>
+
+<p>
+Auffallend kühl war es geworden, als sie aus dem
+Hause traten, und in den dunklen Tannenwipfeln über
+ihnen rauschte es leise. Am Himmel stand ruhig,
+silber<pb n='44'/><anchor id='Pgp0045'/>glänzend der Mond, tausend und abertausend Sterne
+funkelten. Jetzt verließen sie die Landstraße, die sich als
+heller Streifen durch die Wiese vor ihnen herschlängelte,
+und bogen in den steilen Waldweg ein, der steinig und
+mühsam zu erklettern war. Hier schied der Förster von
+ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Nun ging’s flott weiter, voran die beiden Damen,
+deren Hände sich oftmals krampfhaft zusammenfanden,
+wenn ein Geräusch zu hören war oder sie irgend etwas
+Schreckhaftes zu sehen glaubten. Die Nacht bevölkert den
+Wald für furchtsame Geister ja mit allen möglichen Spukgestalten,
+sie hören, wo nichts zu hören ist, und sehen, wo
+nichts zu sehen ist. Ilse besonders war es nicht behaglich
+zu Mute, aber um keinen Preis wollte sie sich verraten,
+wie würde Onkel Heinz sie sonst wohl verspotten!
+Auf einmal zuckte sie doch zusammen und konnte einen
+lauten Ausruf des Schreckens nicht unterdrücken.
+</p>
+
+<p>
+<q>Da, da!</q> rief sie und zeigte entsetzt nach oben.
+</p>
+
+<p>
+<q>Seht ihr nicht die weiße Gestalt?</q>
+</p>
+
+<p>
+Eine weiße Gestalt war allerdings zu sehen, ja sie
+schien näher zu kommen und zu wachsen; selbst weniger
+Schreckhaften als Ilse wäre es bei diesem Anblick unheimlich
+geworden. In ihrer Herzensangst überhörte sie
+ganz die spöttische Bemerkung von Onkel Heinz, der herzhaft
+weiter- und auf das Gespenst losschritt. Plötzlich
+tönte ein schallendes Gelächter durch die Stille. Onkel
+Heinz war es, der sich neben die weiße Geistergestalt gestellt
+hatte und sich vor Lachen ausschütten wollte.
+</p>
+
+<pb n='45'/><anchor id='Pgp0046'/>
+
+<p>
+<q>Ihr Gespenst ist von Stein, Frau Gontrau, kommen
+Sie nur getrost und sehen Sie es sich an!</q> rief er laut.
+</p>
+
+<p>
+Ilse ärgerte sich im stillen und schämte sich zu
+gleicher Zeit, daß sie ihre Furcht gezeigt hatte. Die vermeintliche
+weiße Gestalt war ein heller Stein, ein großer
+Wegweiser, der in dem matten Mondeslicht blendend
+schimmerte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Von weitem konnte man den Stein ganz gut für
+eine Gestalt halten,</q> meinte Leo, welcher bemerkt hatte,
+daß Ilse dem Weinen nahe war und sie entschuldigen
+wollte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, Gontrau,</q> rief Onkel Heinz, <q>nun fängst du
+wohl auch noch an, an Gespenster zu glauben?</q>
+</p>
+
+<p>
+Und wieder erschallte sein Lachen durch die stille
+Nacht.
+</p>
+
+<p>
+Ilse erschien es in ihrer aufgeregten Gemütsverfassung
+fast teuflisch! Ja, Blößen durfte man sich vor
+Onkel Heinz nicht geben, dann war man verloren. Aber
+Rache ist süß! Der Augenblick würde schon kommen, wo
+Ilse sie ausüben konnte, jetzt war ihre Erregung zu groß,
+um etwas sagen zu können; sie wich nicht von Leos Arm
+und sah sich oftmals scheu nach allen Seiten um.
+</p>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p0045.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+Bei dem Geistersteine verließen sie den Wald, überschritten
+den Fahrweg und waren nun auf der Höhe;
+nur wenig stieg es noch hinan. Ilse atmete tief, der
+frische Höhenwind kam ihnen entgegen, und nach allen
+Seiten war der Blick frei, keine beengenden Bäume mehr,
+zwischen deren Stämmen man allerlei vermuten konnte.
+<pb n='46'/><anchor id='Pgp0048'/>Die Mondscheibe erschien hier oben riesengroß, ihr Glanz
+umgab die Gestalten mit silbernen Rändern und lag
+breit auf dem steinigen Wege und auf den niedrigen
+Föhren, zu deren Füßen unter Steingeröll ein flinkes
+Wässerchen gurgelte, hastend und stürzend, als hätte es
+Eile, ins Tal hinunter zu kommen. Einen Augenblick
+blieben die Wanderer stehen, um auszuruhen. Sie waren
+warm geworden, denn unwillkürlich geht man in der Nacht
+schneller, als am Tage, das Auge wird nicht fortwährend
+abgelenkt, vielleicht treibt auch die geheimnisvolle Heimlichkeit
+der Nacht schneller zum Ziele.
+</p>
+
+<p>
+Die frische Luft kühlte erquickend die erhitzten Wangen.
+Tief unten im Tale blitzten hier und da Lichter auf,
+sonst war nichts zu sehen; einsame Stille herrschte ringsumher.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wenn uns Rosi jetzt sehen könnte!</q> sagte
+Nellie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie würde uns für verrückt halten,</q> meinte Fred.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was die Leute nicht verstehen, das halten sie allemal
+für verrückt,</q> erwiderte Onkel Heinz. <q>Wenn es
+nicht das Herkömmliche ist, blauer Himmel, goldner
+Sonnenschein, grüner Wald u. s. w., dann ist die Natur
+nicht schön, das kennt man ja. Die Menschen urteilen
+eben nur nach dem Äußerlichen; sich in etwas zu vertiefen,
+ist zu langweilig, darum lassen sie es lieber. Das ist
+nun einmal nicht anders.</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz hatte darin wohl trübe Erfahrungen
+gemacht! Auch ihn durfte man nicht nach dem Äußeren
+<pb n='47'/><anchor id='Pgp0049'/>beurteilen; um ihn kennen und schätzen zu lernen, mußte
+man ihn genau studieren, und selbst dann gab es noch
+oft Stellen, wo man ihn nicht verstand, davon konnte
+Ilse ein Liedchen singen. Doch heute fühlte sie sich sehr
+geschmeichelt, daß der sonst stets absprechende Professor
+Gefallen an der nächtlichen Partie fand, wie es sein
+Ausspruch soeben bewies. Nach ihrer Meinung mußte
+aber auch das härteste Gemüt bei dieser Umgebung in
+poetische Stimmung geraten, von der sie ganz erfüllt war.
+Schaudernd und beseligt ergriff sie oft Leos Arm und
+drückte ihn leise, wie sie es gerne tat, wenn ihr etwas
+gefiel.
+</p>
+
+<p>
+Gegen zwölf Uhr sahen sie oben auf dem Bergrücken
+den Giebel eines Hauses auftauchen, einige Schritte weiter
+und es erschienen die Fenster, auf welchen das Mondlicht
+bläulich schimmernd lag. Allmählich wuchs das Haus
+immer höher aus dem Boden empor, bis sie dicht davor
+standen. Ein großer Kasten aus grauen Steinen, kahl
+und ernst! Der Wind rüttelte an den Holzläden vor den
+Fenstern und fuhr pfeifend um die Hausecken, in die
+krummgebeugten Föhren, durch die hohen Gräser. Drinnen
+lag schon alles im tiefsten Schlummer. Die Türe war
+verschlossen, und erst, als man eine Weile mächtig dagegen
+gehämmert harte, wurde ein schlürfender Schritt im Hausflur
+hörbar, und die Türe tat sich auf. Die frühen
+und doch so späten Gäste mußten erst ziemlich lange
+warten und sogar selbst Hand mit anlegen, bevor es gemütlich
+wurde, aber dann ließen sie es sich auch wohl
+<pb n='48'/><anchor id='Pgp0050'/>sein im hellen Zimmer beim knisternden Holzfeuer im
+Ofen, beim Essen und Trinken, dem eine wohlige Müdigkeit
+folgte. Doch diese währte nicht lange, denn Frau
+Ilse war in Stimmung, und das gab den Ausschlag bei
+den übrigen. Sie sprach viel Vernünftiges und Unvernünftiges
+durcheinander, war sprudelnd, lebhaft, witzig
+und verstand es, die andern mit sich fortzureißen.
+</p>
+
+<p>
+Nellies Blicke hingen wie verklärt an ihrem Manne,
+dem die Partie so gut zu bekommen schien. Die Kopfschmerzen
+waren ganz fort, wie sie meinte, durch das
+Pulver, während Onkel Heinz behauptete, durch seinen
+guten Kognak.
+</p>
+
+<p>
+Auch der Professor war heute in seiner besten Laune,
+er stimmte in die Scherze der übrigen mit ein, war selbst
+der Heiterste und setzte allem die Krone auf, als er
+schließlich in poetischer Form eine Rede auf Ilse, die Urheberin
+dieser schönen Partie, hielt, welche mit großem
+Beifall aufgenommen wurde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie so poetisch
+sein können, Onkel Heinz,</q> sagte Ilse, als sie sich für
+diese Aufmerksamkeit bedankte, und um ihre Mundwinkel
+zuckte es spöttisch.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wieso?</q> fragte der Professor erstaunt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, einem so eingefleischten, nüchternen Junggesellen,
+wie Sie es doch sind, traut man alles eher zu,
+als gerade Poesie. Ich dachte, Sie könnten nur über
+alles spotten und höhnen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz sah sie ganz bestürzt an, er ahnte ja
+<pb n='49'/><anchor id='Pgp0051'/>nicht, daß dieser Hieb die Rache dafür war, daß er seine
+Freundin, Frau Ilse, vorhin so herzhaft ausgelacht hatte.
+Wie ein kalter Wasserstrahl wirkten deshalb ihre Worte,
+und es war gut, daß man sich bald trennte, denn um
+seine lustige Stimmung war es nun geschehen.
+</p>
+
+<p>
+Erst spät erloschen die einsamen Lichter in dem einsamen
+Hause auf dem Schneekopf. Aber der sanfte
+Schein des Mondes spielte noch auf den Fensterscheiben,
+bis er im fahlen Dämmer des aufzeigenden Tages verblaßte
+und die glänzende Morgensonne seinen Platz einnahm.
+</p>
+
+<p>
+Nur einmal noch in der Nacht ging jemand durch
+die Haustüre, den Kopf dicht in den Rockkragen vergraben
+– es war Onkel Heinz. Unruhig schritt er auf
+und ab, blieb einige Male stehen, und setzte sich dann
+auf einen der hohen Steine, eifrig seine Bartspitze wirbelnd.
+Die harten Worte von Ilse heute abend hallten
+noch in ihm nach, sie hatten ihn tief geschmerzt, und er
+konnte deshalb keine Ruhe finden. Über seinem Haupte
+jagten die Wolken, vom Sturme getrieben, am Mond
+vorüber, aber Onkel Heinz hatte jetzt keinen Blick für
+solche Naturschauspiele, und er bemerkte deshalb auch
+nicht, daß am östlichen Himmel ein roter Schein zu sehen
+war, der in fortwährender Bewegung bald feurig, bald
+blasser leuchtete und allmählich wieder verschwand.
+</p>
+
+<p>
+Lange noch blieb der Professor draußen.
+</p>
+
+<p>
+Des Morgens erschien er erst, als die andern schon
+beim Kaffee saßen. Es sollte früh aufgebrochen werden.
+<pb n='50'/><anchor id='Pgp0052'/>Onkel Heinz war nicht in der besten Laune, er sagte, daß
+er schlecht geschlafen habe, und schimpfte auf alles. Die
+Betten wären zu kurz, das Zimmer bei geschlossenen
+Läden dumpfig gewesen, und als er sie geöffnet habe,
+hätten sie geklappert, und das helle Mondlicht hätte ihn
+gestört.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, Herr Professor, seien Sie nicht böse,</q> sagte
+Nellie; <q>sehen Sie doch, wie schön es draußen ist.</q> Und
+sie zeigte hinaus in den goldenen Frühlingsmorgen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, das kann mir auch nichts helfen, deshalb habe
+ich doch schlecht geschlafen,</q> erwiderte er mißmutig.
+</p>
+
+<p>
+<q>Alter Freund, du bist wohl mit dem linken Fuße
+zuerst aufgestanden?</q> fragte Leo, indem er ihm auf die
+Schulter klopfte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Dummheit, solches altes Weibergeschwätz auch nur
+zu wiederholen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Es war nichts mit ihm anzustellen heute morgen,
+trotzdem er von allen Seiten um der schlaflosen Nacht
+und der andern Störungen willen lebhaft bedauert
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+Brummend stieg er mit auf den Aussichtsturm, und
+obgleich er sagte, daß es überhaupt ganz gleichgültig sei,
+wie dieser oder jener Berg heiße, oder dieses oder jenes
+Dorf, es käme nur auf den malerischen Eindruck an, so
+stritt er doch bei allem, was gesagt wurde, besonders
+wenn Gontrau etwas behauptete.
+</p>
+
+<p>
+Ilse, welche ahnte, daß sie wohl die Schuld an
+seiner üblen Laune habe, hatte ihm innerlich schon die
+<pb n='51'/><anchor id='Pgp0053'/>schönsten Beinamen gegeben, wie <q>alter Junggeselle</q>,
+<q>Brummbär</q> und dergleichen mehr, aber sie schlug doch
+einen neckischen Ton ihm gegenüber an, in der Hoffnung,
+ihn dadurch umzustimmen.
+</p>
+
+<p>
+Lustig verließ die kleine Gesellschaft etwas später
+den Schneekopf. Der Himmel hatte sich inzwischen bewölkt,
+der auf der Höhe nie rastende Wind trieb mit
+den Wolken sein Spiel, blies den blauen Rauch aus dem
+Schornstein auseinander, rüttelte an dem Eisengestell des
+Turmes und jagte hinter den Gestalten der Wanderer
+her, daß ihre Kleider und Mäntel flatterten. Zu dem
+Aufstieg in der zauberhaft stillen Mondscheinnacht war
+dieser wilde Morgen ein greller Gegensatz. Die schneidende
+Luft trieb Tränen in die Augen und blies die Backen
+feuerrot an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Schneeluft,</q> sagte Althoff.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte recht, nicht lange mehr und die Wolken
+hatten den ganzen Horizont bedeckt. Zuerst fielen nur
+einzelne weiße Flocken hernieder, dann aber wurde es ein
+lustiges Gestöber, wie mitten im Winter. Locker und
+leicht legte sich der Schnee wie eine weiche Flaumdecke
+auf die Frühlingsflur, aber die Zweige und Halme beugten
+sich nicht unter seiner Last; es war ja jetzt kein Ernst
+mehr mit dem Winter, der nächste warme Sonnenstrahl
+nahm ihn wieder mit fort.
+</p>
+
+<p>
+An verschiedenen Stellen lag auch noch der Winterschnee
+fußhoch, und darüber mußten sie hinwegschreiten.
+Fast bei jedem Schritte sanken die Füße bis über die
+<pb n='52'/><anchor id='Pgp0054'/>Knöchel ein, was ein Hauptspaß für Ilse war. Sie
+fand diesen <q>Winter im Frühling</q> herrlich und konnte
+ihr Entzücken nicht laut genug äußern, schon deshalb,
+weil sie bemerkte, wie Onkel Heinz sich höchst ärgerlich
+bis über die Ohren in seinem Rockkragen versteckt hatte,
+so daß nur die Bartspitze herausguckte, und leise vor sich
+hinbrummte, wenn er eine Schneefläche durchwaten mußte.
+Auch Althoff war diese Art von Hindernis nicht angenehm,
+Nellie verfolgte seine Mienen mit besorgten
+Blicken, in denen zu lesen war: wenn es ihm nur gut
+bekommt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Liebster, ich muß dir einen Kuß geben, so himmlisch
+finde ich es hier,</q> rief Ilse begeistert, Leo herzhaft
+küssend, und stampfte mutig weiter, umtanzt von den
+Flocken, die sich in ihre krausen Haare setzten und wie
+Diamanten darin funkelten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, finden Sie es denn auch so schön?</q>
+rief sie herausfordernd und warf ihm eine Handvoll
+Schnee ins Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kann ich nicht finden,</q> versetzte er unwirsch, nahm
+seine Brille ab und wischte die Gläser, die naß angelaufen
+waren, wieder trocken.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ein Unsinn, Gontrau, daß wir diesen Weg machen,
+er ist viel weiter und schauderhaft schlecht; durch den
+Hirschgarten wären wir weit näher gegangen,</q> sagte er
+dann zu Leo.
+</p>
+
+<p>
+Althoff und Leo stritten dagegen, aber Onkel Heinz
+blieb bei seiner Behauptung. Schließlich wurde die
+<pb n='53'/><anchor id='Pgp0055'/>Generalstabskarte herausgeholt, und die drei Männerköpfe
+beugten sich darüber, bis Onkel Heinz zugeben mußte,
+daß er unrecht hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Die Juristen müssen ja immer alles besser wissen,</q>
+sagte er.
+</p>
+
+<p>
+<q>Und die Zoologen sind immer streitsüchtig,</q> entgegnete
+Ilse schlagfertig, Leo aber erwiderte lachend:
+<q>Aber Heinz, du hast dich doch nun auf der Karte überzeugen
+müssen, daß dieser Weg der kürzere ist.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Sind meistens falsch, die Karten, und mir deshalb
+gar nicht maßgebend,</q> entgegnete der Professor in unerschütterlicher
+Streitsucht.
+</p>
+
+<p>
+Nun wurde es aber Ilse zu viel, das Maß war
+voll und lief über. Alle Beinamen, die sie ihm am
+Morgen innerlich gegeben hatte, wiederholte sie jetzt laut.
+Er mußte anhören, daß er ein alter Brummbär sei, der
+jede Gemütlichkeit störe, und daß er doch froh sein sollte,
+wenn zwei so nette Ehepaare, wie sie und Althoffs wären,
+ihn alten wunderlichen Junggesellen in ihrer Mitte duldeten,
+und sie begriffe Leo in der Tat nicht, warum er
+sich die ewige Schulmeisterei von ihm gefallen ließe, sie
+hätte sich dies schon lange nicht mehr von ihm bieten
+lassen. <q>Gott sei Dank, daß Sie keine Frau haben, Onkel
+Heinz, die Ärmste würde ich bedauern,</q> schloß sie ihre
+Strafpredigt, die den andern höchst komisch erschien, denn
+sie lachten laut darüber, von dem Professor aber sehr
+ernst aufgenommen wurde. Er sah sie ganz verdutzt an,
+als sie so lossprudelte, sagte aber nichts dazu, sondern
+<pb n='54'/><anchor id='Pgp0056'/>zog sich seinen Rockkragen noch fester über die Ohren, die
+Mütze tiefer in die Stirn, und schritt weiter.
+</p>
+
+<p>
+<q>Seien Sie froh, Professor, daß Sie nicht verheiratet
+sind, denn so machen es die Frauen, sie halten immer
+Gardinenpredigten,</q> versuchte Althoff zu scherzen, aber
+Onkel Heinz blieb unempfindlich gegen alles, stumm und
+in sich versunken ging er weiter.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Mittag hörte das Schneien auf, die Wolken
+zerrissen, der blaue Himmel kam wieder zum Vorschein,
+und als sie unten im Tale ankamen, schien die Sonne
+hell auf die blühende Frühlingslandschaft. In dem zarten
+Laube hingen noch unzählige funkelnde Regentropfen, der
+samtweiche Moosboden erglänzte unter dem schimmernden
+Naß, und auf den Wiesen, die sich als eine weite, grüne
+Fläche bis zum nächsten Dorfe hinzogen, glitzerten zwischen
+Halmen und Gräsern feuchte Perlen; die Natur schien
+unter Tränen zu lächeln.
+</p>
+
+<p>
+Als unsre Freunde den schmalen Wiesenpfad verließen,
+der in die Dorfstraße einmündete, sahen sie schon
+von weitem eine dunkle Masse sich unruhig hin und her
+bewegen, über die hinweg ein bläulicher Rauch in die
+Höhe zog. Unter den Tränen, die hier noch in den
+Augen erglänzten, gab es kein Lächeln, mit rauher Hand
+hatte das Schicksal eingegriffen und den Bewohnern
+Schrecken und Kummer gebracht. Der rötliche Schein am
+Himmel in letzter Nacht, der bis zum Schneekopf geleuchtet,
+und den Onkel Heinz nicht bemerkt hatte, war der Widerschein
+des großen Feuers gewesen, dem zwanzig Häuser
+<pb n='55'/><anchor id='Pgp0057'/>zu Opfer fielen. Ein wüster Trümmerhaufen, aus dem
+es noch hier und da schwälte und der seinen Brandgeruch
+weit entgegenbrachte, war fast alles, was den Ärmsten von
+ihrer Habe geblieben war. Auf dem regendurchweichten
+Wege stand das Wenige, das hatte gerettet werden können,
+ein paar Stühle, Tische und Schränke, ein Bündel Betten
+und Kleider, armselige Sachen, schlecht und halb zerfallen, und
+doch, von wie großem Werte für ihre Besitzer, die sie immer
+von neuem betrachteten und prüften, ob ihnen auch nichts
+geschehen sei. Glücklicherweise war kein Menschenleben zu
+beklagen, aber das meiste Vieh, Kühe, Ziegen, Schweine, war
+ein Raub der Flammen geworden. Der Pastor und der Ortsvorsteher
+versuchten den Jammernden Mut einzusprechen,
+laut weinend standen die Weiber umher, ängstlich an sie gedrückt
+die Kinder, bleich und verstört sahen die Männer aus.
+</p>
+
+<p>
+Das war ein trauriger Abschluß der schönen Partie
+und ein beschämendes Gefühl schlich sich in die Seelen
+der Freunde bei dem Gedanken, daß sie die Nacht in Lust
+und Fröhlichkeit zugebracht hatten, während nur wenige
+Stunden von ihnen entfernt das Unglück in so verheerender
+Weise hauste. Das trübe Bild verwischte denn
+auch sofort alle Eindrücke der letzten Stunden, man dachte
+an nichts, als an das Feuer, von nichts andrem war
+mehr die Rede. In dem kleinen Wirtshause, wo ihnen
+in aller Eile ein Mittagessen hergerichtet wurde, sah alles
+verschlafen und übernächtig aus, im Bette hatte ja in
+dieser schrecklichen Nacht niemand gelegen, wo jeder in
+hellster Aufregung gewesen war.
+</p>
+
+<pb n='56'/><anchor id='Pgp0058'/>
+
+<p>
+Eintönig verlief das Mahl. – Der Wirt, der sich
+zu ihnen gesetzt hatte, erzählte den genauen Hergang des
+Brandes. Wie das Feuer entstanden, wußte kein Mensch,
+doch hatte sich jeder seine eigene Geschichte darüber zurecht
+gemacht. Der eine wollte wissen, daß ein altes Weib
+mit dem brennenden Licht auf den Boden gegangen sei,
+ein andrer, daß es durch Kinder entstanden wäre, und
+wieder welche zwinkerten geheimnisvoll mit den Augen
+und munkelten, daß es <q>angesteckt</q> sein müsse. So meinte
+auch der Wirt, der sogar einen Racheakt dahinter vermutete.
+Ein Knecht, der von seinem Bauern vor einigen
+Tagen fortgejagt worden war, Drohungen ausgestoßen
+und sich noch einige Tage im Dorfe umhergetrieben hatte,
+dann aber plötzlich verschwunden war, sollte am vorigen
+Abend gesehen worden sein; auf ihn lenkte sich der Verdacht.
+Nun, in der Untersuchung würde es ja herauskommen,
+wer der Anstifter gewesen sei, so schloß der
+Wirt seine Rede.
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Essen wurde der Brandplatz noch einmal
+aufgesucht. Althoff und Gontrau besichtigten die Brandstätte
+mit dem Pastor zusammen, Nellie und Ilse gaben
+den Frauen einiges Geld und sprachen tröstende Worte
+zu ihnen, die Ilse trivial und nichtig fand; in diesem
+Augenblicke, wo den Leuten alles genommen war, da
+konnte ihnen nur durch die Tat geholfen werden, denn
+auch die besten Trostesworte würden ihnen das Verlorene
+nicht wieder bringen. Hilfe muß auf jeden Fall geschaffen
+werden! Ja, aber wie? Das war die Frage,
+<pb n='57'/><anchor id='Pgp0059'/>die sich jeder einzelne stellte, als Ilse auf dem Heimwege
+die Rede darauf brachte. Mit Wenigem war hier nichts
+auszurichten. Allerhand Vorschläge wurden gemacht und
+wieder verworfen. Nellie riet zu einem Bazar, aber vor
+nicht langer Zeit hatte erst einer zum Besten der Waisenkinder
+stattgefunden, da würde jetzt wohl ein zweiter nicht
+viel Anklang finden. Althoff wollte ein Schülerkonzert
+veranstalten, das war schon eher etwas, Ilse meinte, man
+sollte einfach sammeln, Onkel Heinz aber sagte gar nichts;
+er schwieg zu allem und sah auf der Eisenbahnfahrt hartnäckig
+aus dem Fenster hinaus. Doch man war viel zu
+sehr mit dem neuesten Ereignisse beschäftigt und schenkte
+seiner Schweigsamkeit deshalb keine Beachtung. Die Vorschläge
+wurden nochmals überlegt und geprüft, bei dem
+einen war dies, beim andern jenes auszusetzen, so recht
+schien noch keiner zu gefallen, als Leo plötzlich auf den
+Einfall kam: eine Dilettantenvorstellung im Theater! Das
+Wort wirkte zündend, besonders auf Ilse, welche die
+Idee mit Begeisterung ergriff.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ein famoser Gedanke!</q> rief sie ein über das andre
+Mal, und auch die übrigen stimmten ihr bei, ausgenommen
+Onkel Heinz, dessen spöttisches Zucken um die Mundwinkel
+Ilse glücklicherweise nicht bemerkte. Sie war Feuer
+und Flamme! Eine Dilettantenvorstellung war etwas
+ganz Neues, das mußte ziehen. Sicher würde man ihnen
+zu diesem guten Zwecke das Theater gern überlassen,
+meinte Leo, und Ilse drängte, daß er schon gleich morgen
+Schritte dazu tun sollte. Sie konnte es kaum mehr
+er<pb n='58'/><anchor id='Pgp0060'/>warten, bis die Geschichte in Gang kam. Nun aber war
+die wichtige Frage, die natürlich auch sofort erörtert wurde,
+<q>welches Stück?</q> Das war gar nicht so einfach, denn
+was für Schauspieler gut und passend war, brauchte
+für Dilettanten noch lange nicht geeignet zu sein. Da
+gab es mancherlei zu bedenken und zu überlegen. Wenn
+der eine dies oder jenes Stück vorschlug, hatte wieder der
+andre alles mögliche daran auszusetzen, und so ging es
+fort, ohne daß sie zum Schluß kamen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Herr Professor, wissen Sie denn kein Stück, das
+Dilettanten spielen könnten?</q> fragte Althoff endlich den
+schweigsamen Onkel Heinz, der die Telegraphenstangen zu
+zählen schien, so beharrlich sah er nach ihnen hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Da kam der Direktor aber an den Rechten; für Komödienspiel
+hatte der Professor nie viel übrig gehabt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mit Theaterstücken weiß ich nicht Bescheid, ich habe
+mein Lebtag mehr zu tun gehabt, als solche Narrheiten
+zu treiben,</q> war die scharf betonte Antwort.
+</p>
+
+<p>
+Hu, wie grob! Aber Althoff kannte Onkel Heinz
+hinreichend und war weit davon entfernt, ihm seine unfreundliche
+Antwort übel zu nehmen. Er lachte darüber,
+und die andern lachten auch, bis auf Ilse, die dem Professor
+einen Blick zusandte, der sehr beredt war. –
+</p>
+
+<p>
+Der Mond strahlte wieder ruhig und sanft, als die
+beiden Ehepaare und der schweigsame Hagestolz vom Bahnhof
+nach Hause gingen. Beim Anblick des milden Lichtes
+hoch über ihnen kehrte die Erinnerung an den gestrigen
+Abend lebhaft zurück und verdrängte für einige Zeit das
+<pb n='59'/><anchor id='Pgp0061'/>letzte Erlebnis. Es war doch herrlich gewesen, draußen
+zu wandern im Mondenscheine, der heller, reiner gestrahlt
+hatte, als heute abend bei der nebligen Luft, die über
+der Stadt lagerte und ihn nicht zur vollen Wirkung
+kommen ließ. Matt lag er auf den Schieferdächern, auf
+den hellen Hauswänden und den grauen Straßen, an den
+erleuchteten Fenstern erlosch er ganz zum blassen Schimmer.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz verließ die übrigen nach kurzem Gutenachtgruße
+an der Straße, die nach seinem Hause führte.
+Einsam verhallten seine Schritte durch die stille Nacht.
+</p>
+
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+
+<p>
+Mit einem wahren Feuereifer betrieb Ilse die Vorbereitungen
+zu der Wohltätigkeitsvorstellung. Leo hatte
+am Tage nach der Partie das Nötigste besorgt, und das
+Theater war ihm zu diesem Zwecke gern überlassen worden.
+Täglich wanderten Stöße von Büchern aus der Leihbibliothek
+in das Gontrausche Haus, jeden freien Augenblick benutzte
+Ilse, um zu lesen, zu wählen. Nachmittags
+kam regelmäßig Nellie, und der Abend wurde dazu verwandt,
+bei ihr oder Gontraus großen Kriegsrat zu halten.
+Und wen die Sache noch aufs höchste interessierte, das
+war Ruth! Mutter und Vater wollten Theater spielen,
+darin lag für sie ein großer Zauber! Schon einige Male
+war sie in Kindervorstellungen gewesen, dann hatte sie
+aber vor Aufregung nicht einschlafen können, und die
+nächsten Tage wurde nichts anderes gespielt als Theater.
+<pb n='60'/><anchor id='Pgp0062'/>Leo hatte schließlich verboten, sie wieder mitzunehmen,
+aber das, was sich in ihrem kleinen Hirne weiter fortspann,
+konnte er doch nicht verhindern. Heimlich stellte
+sie sich vor den Spiegel, ordnete die Haare phantastisch,
+sprach oder sang laut und begleitete Rede und Gesang
+mit lebhaftem Mienenspiel; so trieb sie es eine Zeitlang,
+bis andre Eindrücke diesen in ihrer jungen Seele verwischten.
+Doch jetzt erwachte der Sinn dafür plötzlich
+wieder aufs lebhafteste, sie horchte mit neugierigen Augen
+und Ohren auf alles, was die Eltern sprachen. Das
+glänzende Haus mit den vielen Lichtern, der geheimnisvolle
+Vorhang, der sich beim Klingelzeichen aufrollte und
+sie in eine Märchenwelt eingeführt hatte mit all ihrem
+bunten Glanz und Flimmer, das stand wieder deutlich
+vor ihrem Geiste, und sie war ganz erfüllt von dem Kommenden.
+Auch der Schwester versuchte sie etwas von dem
+zauberhaften Reize des Theaters beizubringen. Vergebens!
+Marianne sah sie mit ihren großen, blauen Augen verständnislos
+an, sie hatte mehr Sinn dafür, ihre Puppen
+wie eine richtige kleine Mutter zu hegen und zu pflegen.
+Ruth dagegen führte allerhand Komödien mit denen, die
+ihr gehörten, auf, und wenn das Personal zu ihren Vorstellungen
+nicht ausreichte, dann nahm sie in ihrem Eifer
+Mariannes Puppen, die meistens gerade schliefen oder
+krank im Bette liegen mußten, und schleppte sie aus ihrem
+behaglich stillen Leben mitten zwischen ihr Theatervolk
+hinein. Tränen, Streit und ein Richterspruch von Ilse
+bildeten meist den Schluß.
+</p>
+
+<pb n='61'/><anchor id='Pgp0063'/>
+
+<p>
+Nach langem Wählen hatte man sich endlich für drei
+Einakter entschieden: <q>die Jugendliebe</q> von Wilbrandt,
+<q>das erste Mittagessen</q> von Görlitz und <q>die Hochzeitsreise</q>
+von Benedix. Die Stücke hatte man nun glücklich,
+doch jetzt kam etwas nicht minder Wichtiges, für das zu
+sorgen war, nämlich: die Darsteller. Mit wieviel Schwierigkeiten
+da zu kämpfen ist, kann nur derjenige nachfühlen, der
+einmal eine Dilettantenvorstellung zustandegebracht hat.
+</p>
+
+<p>
+Im Geiste hatten Ilse und Nellie schon alle Rollen
+besetzt, und wie erstere glaubte, brauchte man nur an die
+Türen zu klopfen, um gefällige Mitwirkung zu bitten,
+und mit Freuden würde jeder einwilligen, sich für einen
+so guten Zweck herzugeben.
+</p>
+
+<p>
+Deshalb wanderten auch die beiden Freundinnen –
+zu zweien geht so etwas viel besser – eines Tages wohlgemut
+los, um sich ihre Künstlerinnen zusammen zu holen.
+</p>
+
+<p>
+Ihr Mut sank schon nach den ersten Versuchen um
+etliche Grad tiefer, und Ilse hatte sich bereits einige Male
+sehr energisch über die kleinlichen, engherzigen Ansichten
+der Menschen ergangen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Theaterspielen auf einer öffentlichen Bühne!</q> Das
+war fast in allen Häusern dasselbe Stichwort, und ein
+gewisses Nasenrümpfen dabei, als ob von den höheren
+Töchtern etwas Unerhörtes verlangt würde, brachte Ilses
+Blut in Wallung.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, meine Liebe,</q> sagte z. B. Frau So und So,
+<q>das können Sie nicht von meinen Töchtern verlangen,
+sich der öffentlichen Kritik auszusetzen.</q>
+</p>
+
+<pb n='62'/><anchor id='Pgp0064'/>
+
+<p>
+<q>Ja, aber Ihre Töchter reichten doch im Bazar Bier
+und belegte Brötchen herum,</q> gab Ilse zur Antwort.
+<q>Haben sie sich denn da nicht auch der öffentlichen Kritik
+ausgesetzt?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, sehen Sie, das war doch nicht im Theater,
+das ist etwas ganz andres.</q>
+</p>
+
+<p>
+Inwiefern das <q>etwas andres</q> war, konnte Ilse
+nicht herausbekommen, trotz einer längeren Erklärung
+der Dame, die es wohl selbst nicht wußte. Die beiden
+gaben jeden weiteren Versuch auf.
+</p>
+
+<p>
+Eine junge Frau, welche aufgefordert wurde, meinte,
+das ginge doch nicht, daß sie sich auf einer öffentlichen
+Bühne zeigte, denn ihr Schuster, ihre Schneiderin könnten
+ja nachher sagen: <q>Gnädige Frau, was haben Sie aber
+schön gespielt!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O,</q> erwiderte Nellie mit ihrem liebenswürdigsten
+Schelmengesicht, das sie stets aufsetzte, wenn sie einen besonders
+guten Trumpf ausspielte, <q>Sie brauchten sich doch
+darüber nur zu ärgern, wenn Ihr Schuster und Ihre
+Schneiderin fänden, daß Sie schlecht gespielt hätten.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, aber ich bitte, meinen Sie denn, daß mir
+überhaupt an dem Urteile solcher Leute etwas liegt?</q>
+erwiderte die junge Frau pikiert. <q>Ich will mich nur
+ihrer Kritik nicht aussetzen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Schuster und Schneiderinnen sind doch auch Menschen,
+und es ist doch keine Schande, ihr Urteil anzuhören,</q>
+sagte Ilse, innerlich empört über solche Anschauungen.
+</p>
+
+<pb n='63'/><anchor id='Pgp0065'/>
+
+<p>
+Die junge Frau zuckte mit den Achseln und meinte,
+darüber dächte sie nun einmal anders.
+</p>
+
+<p>
+Mit kühlem Gruß verabschiedeten sich die beiden.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, was ist sie verrückt,</q> sagte Nellie laut lachend,
+als sie auf der Straße standen, aber Ilse war schon ganz
+kleinmütig geworden und wollte die Sache aufgeben. Sie
+kam sich vor, als ginge sie an den Türen betteln und
+würde überall abgewiesen. Der gute Zweck allein hatte
+ihnen doch den Gedanken an eine Aufführung eingegeben,
+und mit freudigem Herzen hatten sie das Werk begonnen.
+Ilse war im höchsten Grade aufgeregt; beinahe fing sie
+an zu weinen und wollte schon die Flinte ins Korn
+werfen, aber die viel ruhigere Nellie gab die Sache noch
+lange nicht auf.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, so leicht geht das nicht; Fred meinte das gleich.
+Nur Mut, <hi rend='antiqua'>darling</hi>,</q> tröstete sie.
+</p>
+
+<p>
+Bei der nächsten Anfrage hatten sie denn auch wirklich
+mehr Glück; ja die Idee wurde sogar mit großer Begeisterung
+aufgenommen. Man tat gern etwas für die
+armen Leute, von deren Unglück die Zeitungen schon viel
+berichtet hatten. Die Dame, welche ihre Zustimmung
+gab, die sich wie ein lindernder Balsam auf Ilses leidenschaftliche
+Erregung legte, war allerdings schon in den
+Jahren, wo ein junges Mädchen anfängt, <q>ein älteres
+junges Mädchen</q> zu werden, aber im Vergleich zu ihren
+beiden noch älteren Schwestern und ihrer betagten Mutter
+blieb sie doch immer die jüngste und wurde <q>das Kind</q>
+genannt. <q>Das Kind</q> hatte eine schöngeistig angelegte
+<pb n='64'/><anchor id='Pgp0066'/>Natur, sie dichtete sogar in stillen Stunden, hatte reges
+Interesse für das Theater, selbst – <q>mit vielem Talent</q>,
+wie die Schwestern einschalteten, – schon oft gespielt,
+und war gern bereit, eine Rolle zu übernehmen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Vielen, vielen Dank für Ihre liebenswürdige Zusage,
+Fräulein Born,</q> sagte Ilse mit einem herzlichen
+Händedruck beim Fortgehen und versprach ihr, bald Nachricht
+zu geben, wann die Leseprobe stattfinden sollte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das alte Fräulein kann die taube Tante in der
+Jugendliebe geben,</q> sagte Ilse draußen zu Nellie, während
+das <q>alte Fräulein</q> drinnen bereits mit der jungen
+Frau in der <q>Hochzeitsreise</q> liebäugelte und die Schwestern
+sogar meinten, den Backfisch in der Jugendliebe
+könnte sie auch noch sehr gut spielen, sie hätte sogar das
+richtige Temperament dazu.
+</p>
+
+<p>
+Ilse war hoch erfreut über den Erfolg in diesem
+Hause, sie dachte ja mit keinem Gedanken daran, daß
+dieser gefangene Fisch noch gewaltig im Netze zappeln
+würde, wenn sich ihm das Schicksal in Gestalt der <q>tauben
+Tante</q> nahte.
+</p>
+
+<p>
+Bei dem Doktor Schmidt, dem gemeinschaftlichen
+Hausarzte von Althoffs und Gontraus, klopften sie auch
+nicht vergeblich an. Die Eltern hatten nichts dagegen,
+und die beiden Töchter nahmen das Anerbieten mit
+großer Lebhaftigkeit auf; sie versprachen auch noch eine
+Freundin mitzubringen, ein frisches Mädchen, die gewiß
+gern eine Rolle übernehmen würde.
+</p>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p0064.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+Der Rundgang konnte nun als beendigt gelten, da
+<pb n='65'/><anchor id='Pgp0068'/>die Rollen so ziemlich besetzt waren. Für die Herren
+sorgten Althoff und Gontrau; bei ihnen ging es viel einfacher,
+als bei den Damen. Ein <q>Ja</q> oder <q>Nein</q>,
+und die Sache war abgemacht.
+</p>
+
+<p>
+Ilse und Nellie erzählten, als sie heimgekommen
+waren, beim Mittagessen ihren Männern die Erlebnisse
+des Vormittags. Ein klein wenig war Ilses Begeisterung,
+die vorher den höchsten Gipfel erreicht hatte, doch schon
+herabgesunken. Sie hatte geglaubt, ein jeder würde die
+Idee mit ihren Augen ansehen, und an etwaige Hindernisse,
+die in den Weg kommen könnten, gar nicht einmal
+gedacht. Nach der Leseprobe aber überzeugte sie sich noch
+mehr, daß eine Dilettantenaufführung zustande zu bringen
+nicht so schön und leicht ist, wie sie es sich ausgemalt
+hatte, und Leo mußte ihr immer wieder Mut einsprechen.
+Er übernahm die Regie, Althoff war Inspizient und
+Requisitenmeister.
+</p>
+
+<p>
+Endlich fand die Leseprobe glücklich statt. Glücklich?
+</p>
+
+<p>
+Nein, das ist zuviel gesagt, denn glatt ging sie nicht ab.
+Die <q>taube Tante</q> in der <q>Jugendliebe</q> wurde mit Entrüstung
+von Fräulein Born zurückgewiesen, und die beiden
+Fräulein Schmidt zogen lange Gesichter, als ihrer Freundin,
+die sie doch erst eingeführt hatten, die reizende
+Backfischrolle der Adelheid in der <q>Jugendliebe</q> gegeben
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, das Dienstmädchen soll ich spielen?</q> sagte
+Erna, die älteste Schmidt, im langgezogenen Tone, und
+ihre Schwester Mietze meinte, die Rolle der sanften
+<pb n='66'/><anchor id='Pgp0069'/><q>Betty</q> in der <q>Jugendliebe</q> passe ihr auch nicht recht
+und wäre doch zu kurz.
+</p>
+
+<p>
+Da stiegen schon wieder Wolken auf, und erst, nachdem
+Leo ziemlich bestimmt seine Rechte als Regisseur geltend
+gemacht hatte, kam die Sache etwas in Gang.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, meine Damen,</q> hatte er gesagt, <q>wenn Sie
+sich nicht in die Rolle fügen wollen, die ich Ihnen bestimme,
+dann wird aus der Geschichte nichts. Wir müssen
+vor einem großen Publikum auftreten und wollen uns
+doch nicht blamieren.</q>
+</p>
+
+<p>
+Das war ziemlich deutlich, niemand wagte dagegen
+etwas einzuwenden, und es wurde mit verteilten Rollen
+gelesen. Ilse sollte die junge Frau im <q>ersten Mittagessen</q>
+geben, Nellie die in der <q>Hochzeitsreise</q>; die beiden
+Ehemänner wollte Gontrau spielen. Althoff hatte es abgelehnt,
+aktiv mitzuwirken, aber er wollte bei den Proben
+zugegen und ein scharfer Kritiker sein.
+</p>
+
+<p>
+Am Tage nach der Leseprobe erhielt Ilse zwei Briefchen.
+Ahnungslos öffnete sie dieselben, aber gleich darauf erschien
+sie beinahe weinend bei Leo, der gerade in der
+tiefsten Arbeit steckte, da er voraussah, daß ihm in den
+nächsten Tagen wenig Zeit übrig bleiben würde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was gibt’s denn schon wieder?</q> fragte er ärgerlich
+über die Störung.
+</p>
+
+<p>
+<q>Da, hier lies,</q> rief Ilse. <q>Fräulein Born will
+die taube Tante nicht spielen, und dann schreibt mir auch
+Erna Schmidt, ihre Mutter wünsche nicht, daß sie als
+Dienstmädchen in die Öffentlichkeit trete. Wenn sie später
+<pb n='67'/><anchor id='Pgp0070'/>wieder mit den ihr bekannten Herren auf den Bällen zusammenträfe,
+könnte das zu Mißverständnissen führen.
+Was sollen wir nun tun? Es wird ja nichts, es wird
+sicher nichts, Leo! Laß uns die Sache aufstecken,</q> jammerte
+sie.
+</p>
+
+<p>
+Zur rechten Zeit erschien Nellie, und es gelang ihr
+im Verein mit Leo, Ilse zu trösten und zu beruhigen,
+bis sie schließlich auf dem Standpunkt der beiden anlangte
+und sich mit ihnen zusammen über alles lustig machte,
+denn im Grunde genommen war es doch höchst amüsant,
+die Menschen auch mal bei solcher Gelegenheit kennen
+zu lernen.
+</p>
+
+<p>
+Nellie überbrachte einen Vorschlag ihres Gatten, der
+mit Gontraus Einwilligung bereit war, einen Prolog zu
+verfassen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Herrlich, herrlich,</q> rief Leo, <q>und wie wäre es,
+wenn wir Fräulein Born als Köder den Prolog gäben,
+damit sie uns dann die taube Tante spielt?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, das tut sie, das tut sie gewiß!</q> meinte
+Nellie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, und das Dienstmädchen im ‚ersten Mittagessen‘,
+wer wird das übernehmen?</q> fragte Leo.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das spiele ich und gebe Erna Schmidt die junge
+Frau in demselben Stück,</q> sagte Ilse plötzlich. <q>Die
+Rolle des Dienstmädchens ist ja eigentlich viel hübscher;
+daß ich daran nicht gleich gedacht habe!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wie schade, du würdest als junge Frau so nett
+sein,</q> sagte Nellie. <q>Kann ich nicht das Mädchen spielen?
+<pb n='68'/><anchor id='Pgp0071'/>Aber ein Dienstmädchen mit englischem Akzent paßt doch
+wohl nicht?</q>
+</p>
+
+<p>
+Nein, nein, wie Ilse sagte, sollte es bleiben, sie übernahm
+das Dienstmädchen.
+</p>
+
+<p>
+Beide Freundinnen machten sich nun abermals auf
+den Weg, um die verlorenen Kräfte wieder einzufangen.
+</p>
+
+<p>
+Erna wollte mit Freuden die Rolle der jungen Frau
+geben, und mit einigem Zureden gelang es auch, Mietze
+zu überzeugen, daß die Rolle der sanften Betty in der
+<q>Jugendliebe</q> zwar klein, aber doch sehr hübsch sei.
+</p>
+
+<p>
+Gott sei Dank, das war in Ordnung gebracht!
+</p>
+
+<p>
+Etwas schwieriger wurde die Situation bei Fräulein
+Born. Die jungen Frauen wurden von den beiden
+älteren Schwestern empfangen, das <q>Kind</q> war in der
+Singstunde, mußte aber jeden Augenblick kommen. Steif
+und unnahbar saßen die beiden Fräulein Born da, und
+die Unterhaltung mit ihnen bereitete einige Verlegenheit.
+Die <q>taube Tante</q> flog wie ein Fangball zwischen beiden
+Parteien hin und her. Die ältlichen Schwestern meinten,
+zu einer solchen Rolle sei denn das <q>Kind</q> doch noch zu
+jung, warum gerade sie diese Rolle spielen sollte, während
+Ilse ihnen ziemlich heftig die Vorzüge derselben auseinandersetzte.
+</p>
+
+<p>
+Das <q>Kind</q> erschien, und mit aller Entschiedenheit
+wies sie die <q>taube Tante</q> von sich, indem sie erklärte,
+überhaupt nicht mitspielen zu wollen.
+</p>
+
+<p>
+<q>O,</q> rief Nellie mit gut geheucheltem Bedauern,
+<q>mein Mann hat einen schönen Prolog gedichtet und
+<pb n='69'/><anchor id='Pgp0072'/>hoffte, daß Sie ihn als Muse sprechen sollten; o, wie
+schade, daß Sie nicht mitwirken wollen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Einen Prolog?</q> fragte Fräulein Born einlenkend,
+und über ihr Gesicht ging es wie ein Leuchten. Sie sah
+sich im Geiste schon als Muse dastehen, weißes Gewand,
+klassischer Faltenwurf, grüner Epheukranz auf dem griechischen
+Haarknoten. Das war etwas, ja, das war das
+Richtige für sie!
+</p>
+
+<p>
+Ohne langes Zögern gab sie ihr Jawort – wenn es
+auch leider noch nicht vor dem Altare war – und erklärte
+sich nun ohne weiteren Widerspruch bereit, die <q>taube
+Tante</q> mit in den Kauf zu nehmen. Schließlich, damit
+tröstete sie sich, war es doch nur eine große Selbstverleugnung
+von ihr, die Rolle einer Alten zu spielen,
+und das würde man auch gewiß allgemein anerkennen.
+</p>
+
+<p>
+Mit einem Seufzer der Erleichterung gingen die
+beiden jungen Frauen wieder aus dem Hause; vor diesem
+Gange hatten sie besonders große Angst gehabt.
+</p>
+
+<p>
+Die Aufregungen, in welche ein lebhaftes Gemüt
+durch solche Vorbereitungen versetzt wird, blieben auch bei
+Ilse nicht aus; wachend und schlafend beschäftigte sie sich
+nur mit dem Theater, nachts hielt sie öfters längere
+Selbstgespräche, bald heiterer, meist aber angstvoller Art.
+Daß sie die Sache auf die leichte Schulter nahm, konnte
+man nicht behaupten, sie hatte eine große Angst, ob alles
+gut gehen würde.
+</p>
+
+<p>
+Einige Proben waren bereits bei Gontraus im Hause
+<pb n='70'/><anchor id='Pgp0073'/>gewesen, heute sollte nun die erste auf der Bühne stattfinden.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mutter, laß mich mitgehen,</q> bettelte Ruth mit
+glänzenden Augen, aber Ilse wies ihre Bitte zurück.
+Kinder konnte man nicht auch noch gebrauchen, wo so
+wie so schon alles etwas kunterbunt herging, sie wurde
+deshalb bis zur Generalprobe vertröstet.
+</p>
+
+<p>
+Laut weinend ging Ruth ins Kinderzimmer zu
+Marianne und klagte dieser leidenschaftlich ihr Leid, die
+so etwas nicht begreifen konnte. –
+</p>
+
+<p>
+Das Theater, von der Bühne aus gesehen, kannte
+fast keiner der Mitwirkenden, und mit neugierigen Blicken
+wurde es deshalb gemustert. Heute trug es ein andres
+Ansehen, als wenn es abends bei den Vorstellungen im
+hellen Lichterglanze strahlte. Der Vorhang war hoch gezogen,
+dunkel und tot lag der Zuschauerraum vor ihnen,
+welchen sonst das vielköpfige Ungeheuer Publikum belebte,
+das auf den roten, jetzt mit grauen Hüllen überzogenen
+Samtsitzen saß und über die goldverzierten Brüstungen
+lehnte. Da wurde sonst geplaudert, gelacht, kritisiert, da
+sah man heitere Gesichter, wenn es ein Lustspiel gab, und
+traurige, wenn die Muse ernst war. Da wurden Blicke
+ausgetauscht, und manches Opernglas richtete sich nach
+dem Platze, wo ein blühendes junges Mädchenantlitz zu
+sehen war. Wie bekannt erschien das alles und doch
+wieder wie fremd! Man zeigte sich untereinander die
+Plätze, wo man auch oft gesessen und erwartungsvoll nach
+dem Vorhange geschaut hatte, hinter dem sie nun diesmal
+<pb n='71'/><anchor id='Pgp0074'/>selbst stehen sollten, um vor den neugierigen Blicken der
+großen Menge draußen zu erscheinen. Etwas Herzklopfen
+machte sich bei diesem Gedanken bemerkbar, einige beschlich
+schon heute das Lampenfieber. Und als man das Interesse
+der Bühne zulenkte – das waren nun also die
+Bretter, welche die Welt bedeuten! Neugierig wurde die
+Bühne von allen Seiten betrachtet; nüchtern, öde, geschäftsmäßig
+sah es hinter den Kulissen aus, das hatten
+sich die meisten doch anders gedacht! Man mußte sich in
+acht nehmen, nicht über Geräte und Stricke zu stolpern,
+und wie grellfarbig erschienen die Kulissen, die abends
+beim Lampenscheine so wunderbar wirkten und die Natur
+täuschend nachahmten. Ein bühnenkundiger Herr zeigte
+die Donnermaschine, ließ es regnen und den Wind unheimlich
+heulen, erklärte den Schnürboden, stieg in die
+Versenkung und kam wieder herauf, und konnte die vielen
+wißbegierigen Fragen, die an ihn gestellt wurden, kaum
+alle beantworten. Aber trotz mancher Enttäuschung über
+das <q>hinter den Kulissen</q> blieb doch die Wirkung des gewissen
+<q>Etwas</q>, was man Theaterluft nennt, nicht aus,
+die der eine mehr, der andre weniger empfand. Ilse
+atmete sie mit vollen Zügen ein; Fräulein Born aber
+war vor die Rampe getreten und probierte im Geiste
+ihre Stellung als prologsprechende Muse. Mit schwärmerischen
+Augen sah sie in das leere Haus!
+</p>
+
+<p>
+Leo ließ eine Weile dem Treiben freien Lauf; die
+Neugierde mußte erst befriedigt sein, dann aber begann er
+mit der Probe. Die Nichtbeteiligten und Direktor Althoff
+<pb n='72'/><anchor id='Pgp0075'/>saßen verteilt in den Parkettreihen, gespenstisch leuchteten
+die weißen Gesichter in der Dunkelheit.
+</p>
+
+<p>
+Zuerst sollte der Prolog gesprochen werden. Das
+<q>Kind</q> überkam ein leises Zittern, als jetzt das Klingelzeichen
+ertönte und sie nun sprechen mußte. Leise, mit
+unsicherer Stimme fing sie an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lauter, lauter,</q> rief Leo aus den Kulissen hervor;
+als Echo ertönte im gleichen Augenblick dieselbe Mahnung
+von Althoff, und auch aus den hintersten Reihen des
+Parketts ließ sich eine Stimme vernehmen:
+</p>
+
+<p>
+<q>Man versteht hier kein Wort, nichts ist zu hören!</q>
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Born wurde verwirrt, fing an zu holpern
+und mußte auf Leos Geheiß noch einmal von vorn anfangen.
+</p>
+
+<p>
+Sie war empört darüber! Zu Hause hatte sie den
+Prolog den Schwestern und der Mutter verschiedene Male
+vorgesprochen; sie waren entzückt gewesen und nun diese
+Zurechtweisungen! Als aber gar an ihrem Ausdruck, an
+der Betonung, die sie über allen Zweifel erhaben glaubte,
+ohne Schonung herumgetadelt wurde, da brach es los;
+sie konnte die aufsteigenden Tränen nicht zurückhalten,
+das <q>Kind</q> fing an, wie ein Kind zu weinen.
+</p>
+
+<p>
+Siedendheiß überlief es Ilse, der Anfang war ja
+wieder gut! Doch es half nichts, der Kelch mußte geleert
+werden, wenn er auch noch so bitter war.
+</p>
+
+<p>
+So lief sie denn hinter die Kulissen und suchte Fräulein
+Born auf, welche schluchzend in ihrer Garderobe saß.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber ich bitte Sie um Gottes willen, liebes
+<pb n='73'/><anchor id='Pgp0076'/>Fräulein, warum weinen Sie denn?</q> redete ihr
+Ilse zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>Soll ich da nicht weinen, wenn ich öffentlich blamiert
+werde?</q> gab das Kind außer sich zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber das ist doch keine Blamage, mein Mann
+meint es doch gut,</q> tröstete Ilse krampfhaft, aber ihre
+Worte waren in den Wind gesprochen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es wäre besser, ich spielte gar nicht mit, wenn ich
+es doch zu schlecht mache! Gerade mein Vortrag wurde
+immer besonders gerühmt, und meine Schwestern fanden,
+daß ich den Prolog mit sehr viel Ausdruck spräche; aber
+wenn man nur Tadel und kein Lob hört, verliert man
+alle Lust.</q>
+</p>
+
+<p>
+Ilse konnte gegen diesen Ausbruch, den sie einige
+Male unterbrechen wollte, nicht aufkommen, auch flossen
+die Tränen eher noch reichlicher, als zuvor.
+</p>
+
+<p>
+In ihrer Verzweiflung ging sie zu Leo, der von der
+Unterbrechung keine Notiz genommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, sei vorsichtig mit deinen Äußerungen,</q>
+sagte sie nervös zu ihm. <q>Die Born sitzt in
+der Garderobe und weint und will nicht mitspielen, du
+hast sie furchtbar beleidigt.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, dann laß die alte Schachtel nur, sie spricht ja
+auch gräßlich,</q> gab er eilig zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja was sollen wir denn aber tun, wir haben doch
+keine andre!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie wird sich schon wieder trösten, Schatz,</q> sagte
+Leo flüchtig; er hatte jetzt keine Zeit zu längeren
+Aus<pb n='74'/><anchor id='Pgp0077'/>einandersetzungen, denn die Probe zur <q>Jugendliebe</q> sollte
+im Augenblick beginnen.
+</p>
+
+<p>
+Der Inspizient, Direktor Althoff, mußte verschiedene
+Male an die Türe von Fräulein Borns Garderobe klopfen,
+bevor diese sich öffnete und das <q>Kind</q> auf der Schwelle
+erschien, mit geröteten Augen und mit den Blicken einer
+erzürnten Göttin.
+</p>
+
+<p>
+Ilse war froh, als die gekränkte Muse wieder sichtbar
+wurde, sie hatte schon geglaubt, daß dieselbe im Ernst
+ihre Drohung ausführen und nicht mitspielen würde.
+Leo, der auch jetzt nicht die geringste Notiz von dem Vorhergegangenen
+nahm, wies Fräulein Born ihren Platz an.
+Marionettenhaft tat sie alles, was er sagte, und leierte
+die Rolle der <q>tauben Tante</q> in einem Tone herunter,
+der genügend von ihrem innern Zustande zeugte. Sie
+hatte sich in eine Art von Resignation begeben, oder
+besser gesagt, sie <q>muckte</q>, wie ein störrisches Droschkenpferd,
+und selbst die Peitschenhiebe, deren Stelle in diesem
+Falle die Kritik ersetzte, konnten sie nicht aufrütteln.
+</p>
+
+<p>
+<q>Viel mehr Ausdruck, die Taubheit muß besser zur
+Geltung kommen,</q> rief Althoff ein über das andremal,
+und wirklich fing das <q>Kind</q> auf einmal an, die <q>taube
+Tante</q> sehr natürlich zu spielen, d. h. sie schien nichts
+von dem zu hören, was ihr gesagt wurde. Leo ließ sie
+denn für heute auch in Ruhe, als er merkte, daß alle
+seine Bemühungen vergeblich waren.
+</p>
+
+<p>
+Ob nun der Stumpfsinn der <q>tauben Tante</q> die
+andern Mitspielenden ansteckte oder ob es an sonst etwas
+<pb n='75'/><anchor id='Pgp0078'/>lag, kurz es war kein Zug in der Geschichte. Steif und
+unbeholfen dargestellt, schlecht memoriert wurde das reizende
+Lustspiel zu einer Karrikatur herabgezogen. Leo und Althoff
+mußten immer tadeln und verbessern; aber trotzdem
+wurde alles verkehrt gemacht; es war ein schrecklicher
+Wirrwarr. Der Backfisch, der in den ersten Proben zu
+den besten Hoffnungen berechtigt hatte, war heute abend
+unausstehlich; er fand den richtigen Ton nicht und wirkte
+manchmal geradezu albern. Leo bewahrte eine bewunderungswürdige
+Geduld, er zeigte immer wieder, ließ immer
+wiederholen, während Althoff schon längst auf seinem
+Sitze unruhig hin und her rückte.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wie soll das werden!</q> sagte Ilse seufzend zu
+Nellie, der es bei dieser Probe auch etwas bänglich zu
+Mute wurde.
+</p>
+
+<p>
+Die Liebesszene zwischen <q>Adelheid</q> und <q>Ferdinand
+von Bruck</q> fiel glänzend ins Wasser, bei jeder Annäherung
+des Liebhabers zuckte der Backfisch wie von einer Viper
+gestochen zusammen, und bei der schüchternen Umarmung
+steckte er die Miene eines Opferlammes auf und ließ das
+<q>Schreckliche</q>, ohne ein Glied zu rühren, über sich ergehen.
+Für die Zuschauer ein höchst spaßhafter Anblick,
+für Leo aber auf die Dauer eine Qual. Er hatte es unzählige
+Male selbst vorgemacht, er hatte zugeredet, scherzend,
+liebenswürdig, ernst, aber nun riß endlich sein Geduldsfaden,
+seine Stimme klang lauter, erregter, seine Worte
+wurden weniger gewählt.
+</p>
+
+<p>
+<q>So geht das nicht, liebes Fräulein, wenn Sie –</q>,
+<pb n='76'/><anchor id='Pgp0079'/>er verbesserte sich schnell und sagte: <q>wir so spielen,
+blamieren wir uns.</q>
+</p>
+
+<p>
+Die <q>taube Tante</q> zeigte eine schadenfrohe Miene
+bei dieser Zurechtweisung – Gott sei Dank war sie nicht
+die einzige, die so angefahren wurde; wenigstens ein
+schwacher Trost. Dem blonden Backfisch aber, der reizenden
+Freundin der beiden <anchor id="corr076"/><corr sic="Schmids">Schmidts</corr>, Erika Blum, stieg
+das rote Blut bis unter die hellen Haarwurzeln bei Leos
+Worten; einige Minuten später saß auch sie in der Garderobe,
+wie vorhin das <q>Kind</q>, weinend und schluchzend.
+Nummer zwei an diesem Abend.
+</p>
+
+<p>
+Diesmal übernahm es Nellie, Trost zu bringen, aber
+Ilse war ihr gefolgt und ging nun erregt auf und ab,
+mit geteilten Gefühlen. Einesteils fand sie, daß Leo
+wirklich etwas zu barsch geworden war, andrerseits schien
+ihr die große Empfindlichkeit der Mitwirkenden geradezu
+lächerlich.
+</p>
+
+<p>
+Das <q>Kind</q> war auch hereingeschlüpft, mit ihr die
+andern jungen Mädchen, sie mußten doch ebenfalls alles
+sehen und hören, was da vorging.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, weine doch nicht, Erika,</q> redete Mietze Schmidt
+ihr zu, <q>wir haben doch alle unser Teil bekommen, das
+nächste Mal werden wir es schon besser machen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, es haben auch noch andre ihr Teil bekommen,</q>
+sagte Fräulein Born mit spitziger Betonung und Beziehung.
+<q>Der Herr Gontrau nimmt gerade keine besondere
+Rücksicht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Stück,
+<pb n='77'/><anchor id='Pgp0080'/>wenn ich dran komme,</q> meinte Erna Schmidt. <q>Das
+kann heute noch gut werden.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber ich bitte Sie, meine Damen,</q> fuhr Ilse erregt
+dazwischen; <q>wenn Sie eben keinen Tadel vertragen
+können, wollen wir die Geschichte lieber aufgeben, die
+so viel Mühe und bis jetzt so wenig Freude macht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ihr Herr Gemahl wird nicht zufrieden zu stellen
+sein,</q> erwiderte Fräulein Born, indem sie dabei an den
+Prolog dachte, den sie nach ihrer Meinung doch ausgezeichnet
+gesprochen hatte. <q>Und ich spiele doch wahrhaftig
+nicht deshalb Theater, um mich nur zu ärgern;
+Ihr Herr Gemahl scheint zu glauben, daß er dumme
+Schulkinder vor sich hat.</q>
+</p>
+
+<p>
+Hierauf gab Ilse eine erregte Antwort und verteidigte
+den Angegriffenen mit der Heftigkeit, wie ungefähr eine
+Löwin ihr Junges verteidigt. Ein Wort gab das andre,
+die übrigen mischten sich mit hinein, schließlich sprachen
+alle durcheinander, und nur einzelne Schlagworte, wie
+<q>nicht mitspielen</q>, <q>rücksichtslos</q> usw., tauchten wie
+Froschköpfe in einem Teiche aus diesen Redewellen auf.
+Die Garderobe war nur eng und klein, für zwei Personen
+berechnet, jetzt aber liefen sechs aufgeregte Menschenkinder
+durcheinander, deren heftige Gestikulationen als groteske
+Schattenbilder an den weißgetünchten Wänden erschienen.
+Die hellen Gasflammen zu beiden Seiten des Spiegels
+und das dicht verhängte Fenster, durch welches kein Luftzug
+dringen konnte, verursachten eine wahrhaft tropische
+Hitze in dem Raum, und da war es denn kein Wunder,
+<pb n='78'/><anchor id='Pgp0081'/>daß sich nicht nur die Gemüter, sondern auch die Köpfe
+erhitzten. Erika Blum saß auf dem einen der beiden
+einzigen Stühle, Nellie daneben auf dem andern und
+sprach ihr liebevoll zu. Die Tränen versiegten auch
+wirklich bald, und einige Male hatte sie sogar schon
+gelächelt.
+</p>
+
+<p>
+Das Verschwinden der sämtlichen weiblichen Mitspielenden
+war schließlich Leo und Althoff aufgefallen;
+auch sollte mit dem zweiten Stücke begonnen werden. Als
+sie jetzt in den Gang eintraten, in welchen die Damengarderoben
+mündeten, hörten sie durch die Türe ein lebhaftes
+Stimmengewirr, das sich von draußen wie das
+Summen von vielen, in einer Schachtel eingesperrten Maikäfern
+anhörte. Alles Rufen, Klopfen, Rütteln an der
+verschlossenen Türe wurde von den eifrigen Streiterinnen
+vollkommen überhört; erst als das Klopfen zu einem
+donnerähnlichen Dröhnen anschwoll, glätteten sich die aufgeregten
+Wogen. Fräulein Borns Flacon, das sie stets,
+mit kölnischem Wasser gefüllt bei sich trug, wanderte von
+einer zur andern, die Taschentücher wurden getränkt und
+mußten die Wangen kühlen. Dann erst wurde die Türe
+geöffnet.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mein Gott, wo bleibt ihr denn?</q> fragte Leo seine
+Frau etwas ärgerlich, aber er verstummte, als er in ihr
+bittendes und zugleich aufgeregtes Gesicht sah.
+</p>
+
+<p>
+Die jungen Herren waren schon ungeduldig geworden
+und hatten nicht viel Zeit mehr, es mußte deshalb schnell
+zu Ende geprobt werden.
+</p>
+
+<pb n='79'/><anchor id='Pgp0082'/>
+
+<p>
+Auch die beiden andern Stücke wurden nicht viel
+besser gespielt; es herrschte durchweg keine besondere
+Stimmung, und so viel auch Leo redete und ermahnte,
+es ging eben heute nicht. Ilse spielte das Dienstmädchen
+im <q>ersten Mittagessen</q> so tragisch, daß man
+über diese komische Rolle eher zu weinen, als zu lachen
+versucht war. Der Darstellerin war es aber auch keineswegs
+lustig zumute; bei den fortwährenden unangenehmen
+Zwischenfällen konnte man unmöglich seine gute Laune
+behalten. Die junge Frau, Erna Schmidt, mußte ebenfalls
+noch viel vertrauter mit ihrer Rolle werden, und
+Nellie sprach heute mit so starkem Akzent, daß es weit
+bemerkbarer war, als man erwartet hatte. Leo als
+Professor, zwei Referendare als Famulus und Stiefelputzer
+in der <q>Hochzeitsreise</q> ließen die unter Null gesunkene
+Hoffnung auf das Gelingen der Aufführung
+durch ihr Spiel wieder etwas steigen; es wurde sogar
+einige Male herzhaft gelacht.
+</p>
+
+<p>
+Ilse lachte nicht mit, sie war im höchsten Grade
+aufgeregt. Da – zwischen den Kulissen stand die
+Born, im Kreise um sie herum die andern; sie sprach
+und gestikulierte mit hochroten Wangen, und aus den
+Blicken, die oftmals nach Leo hinüberflogen, konnte
+man schließen, daß von ihm, und zwar nicht in der
+liebenswürdigsten Weise, die Rede war. Das alles
+bemerkte Ilse; am liebsten wäre sie hingegangen und
+hätte die zischelnde Gruppe gesprengt, aber sie hielt
+doch an sich. Sie war froh, als die Probe jetzt
+<pb n='80'/><anchor id='Pgp0083'/>zu Ende war und sie mit Leo und Althoffs heimgehen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Der Direktor hatte unterwegs noch sehr viel auszusetzen,
+auch Ilse und Nellie mußten manche Rüge,
+manchen Tadel einstecken.
+</p>
+
+<p>
+Immer höher schien der Berg zu wachsen, der sich
+heute abend schon als unüberwindliches Hindernis vor
+Frau Ilses Augen aufgebaut hatte. In sechs Tagen
+schon sollte die Aufführung sein – das war ja ein Ding
+der Unmöglichkeit! Und sie erzählte im Verein mit Nellie
+von den Szenen, die sich hinter den Kulissen, nämlich
+in der weiblichen Garderobe abgespielt hatten.
+</p>
+
+<p>
+Leo brach in ein lautes Gelächter aus, und Althoff
+meinte, ohne Zank könne es bei den Weibern nun einmal
+nicht abgehen.
+</p>
+
+<p>
+Ilse jedoch ließ ihren Tränen freien Lauf, sie war
+abgespannt und nervös von dem Tumulte der letzten
+Tage; es kam so vieles zusammen.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, <hi rend='antiqua'>darling</hi>, du mußt dir die Sache nicht so zu
+Herzen nehmen,</q> beruhigte Nellie; <q>an allem ist die
+dumme Born schuld. O, was war sie giftig in der
+Garderobe!</q>
+</p>
+
+<p>
+Aber der Freundin Kummer mußte sich austoben.
+Der einzige, der ihr recht gab und dergleichen auch höchst
+ärgerlich fand, war Althoff; er stimmte ihr vollständig
+bei, während Leo die Sache von der komischen Seite
+auffaßte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Paßt auf, morgen bekommen wir wieder einige
+<pb n='81'/><anchor id='Pgp0084'/>Absagebriefchen,</q> sagte Ilse, <q>und was machen wir
+dann?</q>
+</p>
+
+<p>
+Leo lachte sie aus.
+</p>
+
+<p>
+<q>Im Gegenteil, sie werden nach den heutigen Erfahrungen
+in sich gehen und sich die Sache überlegen;
+das Theaterspielen hat doch zu großen Reiz für alle.
+Komm, Schatz, und sei nicht so tragisch,</q> sagte er liebevoll
+und zog sie in seine Arme.
+</p>
+
+<p>
+Dennoch begab sich Ilse mit banger Sorge zur
+Ruhe, und in der Nacht litt sie an Alpdrücken. Sie träumte,
+daß sie in der engen Garderobe mit den andern zusammen,
+wie in einer Sardinenbüchse hermetisch eingeschlossen
+sei. Die Born, <q>das Kind</q>, hatte eine Teufelsmaske
+vor dem Gesicht und Krallen an den Fingern;
+dabei kam sie ihr so nahe, daß sie fürchtete, erdrückt zu
+werden; auch konnte sie keinen Atem holen; weder rückwärts
+noch vorwärts sich bewegen, nicht schreien oder
+rufen – es war ein entsetzlicher Zustand. Dann wieder
+standen sie auf der Bühne, die Vorstellung sollte beginnen,
+das Publikum wurde bereits ungeduldig, aber
+nichts war in Ordnung, niemand war zur Stelle; Ilse
+konnte kein Wort von ihrer Rolle, die Klingel ertönte,
+der Vorhang hob sich. Gott sei Dank, in diesem Augenblicke
+der höchsten Qual erwachte sie. Die helle Frühlingssonne
+schien herein, und durch die offenen Fenster
+strich erquickend die frische Morgenluft. Vor ihrem Bette
+standen die Kinder, Ruth mit einem Veilchenstrauße in
+der Hand, den sie eben aus dem Garten geholt hatte.
+<pb n='82'/><anchor id='Pgp0085'/>Wie himmlisch war das Erwachen nach einem so bösartigen
+Traume! Sie wollte nun auch den ganzen
+Morgen nichts von der Theaterangelegenheit hören. Nachdem
+sie sich angezogen hatte, ging sie mit Ruth und
+Marianne hinaus in den lachenden Frühlingsmorgen.
+Seit einigen Tagen war sie nur im Hause gewesen oder
+in der staubigen Stadt umhergelaufen, da hatte sie nicht
+bemerken können, wie weit das Grünen und Blühen
+draußen gediehen war. Und die Kinder hatten ihr so
+viel zu erzählen – sie kam sich als eine ganz schlechte
+Mutter vor, weil sie die Kleinen in der letzten Zeit etwas
+hatte vernachlässigen müssen. Aber bald würde alles vorbei
+sein, und dann war sie wieder ganz ungeteilt für sie
+allein da.
+</p>
+
+<p>
+Auch von Onkel Heinz war die Rede, Ruth hatte
+ihn einige Male besucht, aber seine Türe war verschlossen
+gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz! Selbst für den alten Freund hatte Ilse
+in diesen Tagen keinen Gedanken übrig gehabt; es war
+ihr nicht einmal aufgefallen, daß er sich nach der Partie
+noch nicht hatte sehen lassen. Einesteils aber war sie
+ganz froh darüber, denn jetzt auch noch seinen Spott zu
+hören, hätte sie nicht ertragen, und an Spott würde er
+es sicher nicht haben fehlen lassen.
+</p>
+
+<p>
+Der Spaziergang tat ihr ungemein wohl und beruhigte
+ihre aufgeregten Nerven. Sie besuchte auch Nellie,
+die ihr blondes Patenkind Marianne bis zu Abend bei
+sich behielt. Auf dem Rückweg begegnete ihnen Rosi.
+</p>
+
+<pb n='83'/><anchor id='Pgp0086'/>
+
+<p>
+<q>Nun, ich höre, ihr wollt Theater spielen?</q> fragte
+sie mit einem leisen Anflug von Spott in der Stimme.
+Wie die Pastorin darüber urteilen würde, konnte sich Ilse
+ganz genau denken, dennoch ärgerte sie die Art, in welcher
+Rosi danach fragte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es ist nur gut, daß ihr es wenigstens für einen
+guten Zweck tut,</q> fuhr sie fort; <q>mein Mann hat auch
+schon für die armen Leute sammeln lassen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Das <q>nur gut</q> und <q>wenigstens</q> brachte Ilses
+Blut in Wallung, aber sie bezwang sich und fragte:
+<q>Ihr kommt doch auch?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich weiß noch nicht, ob Adolf Zeit hat.</q>
+</p>
+
+<p>
+Innerlich war sie fest entschlossen hinzugehen; die
+Neugierde war doch zu groß und siegte über die sonstige
+Abneigung gegen das Theater.
+</p>
+
+<p>
+Vor der nächsten Probe hatte Ilse eine förmliche
+Angst. Doch es schien wahrhaftig, als sollte Leo Recht
+behalten. Man hatte besser gelernt, die Bewegungen
+waren freier, ungezwungener, das Sprechen ging flotter,
+und nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden
+waren, stellte sich auch die Lust und Begeisterung
+wieder ein.
+</p>
+
+<p>
+Das <q>Kind</q> hatte sich diesmal ihre beiden Schwestern
+mitgebracht, und trotzdem es andern als den Mitspielern
+untersagt war, an den Proben teilzunehmen, mußte
+man sie dulden, da man sie doch nicht hinausweisen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+Wie zwei gestrenge Wächterinnen nahmen sie in der
+<pb n='84'/><anchor id='Pgp0087'/>ersten Parkettreihe Platz und blieben dort den ganzen
+Abend über sitzen.
+</p>
+
+<p>
+Täglich wurde jetzt geprobt, und allmählich trat die
+richtige Stimmung ein, wie sie sonst in Dilettantenproben
+zu herrschen pflegt. Es wurde gelacht, gescherzt und Unsinn
+getrieben, und man nahm sich auch laute Kritiken
+nicht mehr übel.
+</p>
+
+<p>
+Sogar Fräulein Born hatte sich mit der <q>tauben
+Tante</q> etwas angefreundet und behandelte sie nicht mehr
+so gleichgültig; auch der Backfisch war bei der <q>schrecklichen
+Umarmung</q>, wie sie es nannte, etwas gefühlvoller
+als das erste Mal.
+</p>
+
+<p>
+So war man glücklich bis zur Generalprobe gelangt,
+die wie gewöhnlich nicht zum besten verlief. Am
+Tage danach sollte die Aufführung stattfinden.
+</p>
+
+<p>
+Es herrschte keine geringe Aufregung unter den Mitwirkenden,
+und doch konnten sie kaum die Zeit erwarten,
+bis der Abend erschien und sie zur verabredeten Stunde
+ins Theater gehen konnten. Um ½6 Uhr sollte man
+dort sein, als aber Ilse und Nellie gleich nach 5 Uhr
+eintrafen, fanden sie fast alle schon versammelt, und ein
+reges Leben und Treiben war im Gange.
+</p>
+
+<p>
+Das helle Tageslicht drang nicht in diese Räume;
+wo ja ein lichter Strahl von draußen sich herein verirren
+konnte, wurde er durch dichte Vorhänge daran verhindert.
+In dieser Welt des Scheins regierten nur die Gasflammen.
+</p>
+
+<pb n='85'/><anchor id='Pgp0088'/>
+
+<p>
+Von der Bühne her tönte Sprechen und Hämmern.
+Ilse lief schnell erst einmal dorthin, um Leo zu begrüßen,
+der mit Althoff zusammen noch alle möglichen Anordnungen
+zu treffen hatte. Es bebte ihr das Herz, wenn
+sie daran dachte, daß sie binnen wenigen Stunden hier
+stehen sollte, und doch – welcher Zauber lag in dem
+Gedanken!
+</p>
+
+<p>
+In den Damengarderoben schwirrte es durcheinander
+von erregten Stimmen. Die Türen standen offen; man
+ging bald hier-, bald dorthin; die Toiletten wurden nochmals
+einer genauen Prüfung unterworfen, diese und jene
+kleine Änderung vorgenommen, und eine Wolke von
+Schminke- und Parfümduft lagerte über dem Ganzen.
+Das <q>Kind</q> saß im Frisiermantel in seiner Garderobe
+mit aufgelöstem Haare, das die eine der beiden Schwestern
+mit Bürste und Kamm bearbeitete, während die andre
+geräuschvoll ein Ei mit Zucker in einem Glase zusammenquirlte.
+Das war gut für die Stimme und wurde der
+Erregten löffelweise eingegeben; außerdem standen noch eine
+Flasche Wein auf dem Tische und ein Teller mit belegten
+Brötchen, um die Kräfte der vom Lampenfieber Ergriffenen
+zu erhalten. Die Rolle hielt sie krampfhaft in den
+Händen und memorierte fortwährend.
+</p>
+
+<p>
+<q>Unsre arme Schwester ist so erregt,</q> sagte das
+älteste Fräulein Born, als Ilse jetzt eintrat, um Gutenabend
+zu sagen. <q>Aber sie braucht doch wahrhaftig keine
+Angst zu haben, wer seine Sache so gut kann wie sie!</q>
+</p>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p0085.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+<q>O, Angst habe ich auch nicht, liebe Anna, du lieber
+<pb n='86'/><anchor id='Pgp0090'/>Gott, wie oft habe ich schon Theater gespielt,</q> fuhr das
+<q>Kind</q> dazwischen.
+</p>
+
+<p>
+Und in der Tat, was das <q>Können</q> betrifft, hatte
+sie keine Angst, so etwas fühlten nach ihrer Meinung
+nur gewöhnliche Sterbliche, Künstlerseelen, wie sie, waren
+über dergleichen erhaben. Sie hatte keine Ahnung, daß
+selbst die größten Künstler das Lampenfieber niemals ganz
+verlieren, und daß, wenn man sie auf den Brettern so
+sicher und selbstbewußt auftreten sieht, diese Ruhe schwer
+erkauft ist. Dem wahren Künstler bleibt die Kunst stets
+ein Ringen, ein Kampf, denn nur er kennt die Schwierigkeiten,
+über welche der Dilettant in sorgloser Unwissenheit
+hinwegschreitet.
+</p>
+
+<p>
+In den Garderoben der jungen Mädchen herrschte
+ein lustiges Durcheinander. Auch hier erwiesen sich Mütter
+und Tanten als helfende Engel; es gab ja so vielerlei
+zu tun. Erika Blum ließ sich noch einmal ihre Rolle
+überhören; besonders die eine dumme Stelle, wo sie immer
+stecken blieb; der Souffleur hatte sich schon einen dicken
+Strich darunter machen müssen. Wenn es nur heute
+abend gut ging! Sie sah übrigens reizend aus, die
+hübsche Erika. Das blonde Haar hing nach Backfischmanier
+als dicker blonder Zopf über den Rücken herunter
+und wurde von einer rosaseidenen Schleife zusammengehalten.
+Von derselben Farbe war das duftige Kleid,
+das sorgfältig ausgebreitet über dem Stuhle lag. Das
+wichtige Geschäft des Ankleidens mußte nun beginnen,
+denn schon war der Friseur hinter Fräulein Borns
+<pb n='87'/><anchor id='Pgp0091'/>Türe verschwunden und würde gleich zu den andern
+kommen.
+</p>
+
+<p>
+Die letzten Stunden in der Damengarderobe vor
+einer Dilettantenaufführung würden einem objektiven Beobachter
+eine Fülle von komischen Eindrücken bieten. Da
+löst sich alles in ein buntes Chaos auf; von menschlicher
+Nächstenliebe ist nichts mehr zu bemerken, statt dessen
+kommt der Egoismus zu Tage, jeder denkt nur an sich
+selbst, jeder möchte zuerst fertig sein, zuerst den Friseur
+haben, zuerst geschminkt werden; das ist ein Rufen,
+Fragen, Schwatzen ohne Ende!
+</p>
+
+<p>
+In der Garderobe von Erika Blum und den Schmidtschen
+Mädchen führten zwei Mütter einen heftigen Wettkampf
+auf, denn jede wollte, daß ihre Tochter die schönste
+sei, und trotz des Eifers und der großen Eile flogen doch
+verstohlene, prüfende Blicke hinüber und herüber.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt erschien der Friseur mit Schminke und Puderbüchse;
+er wurde sofort förmlich umringt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Bitte, erst mich, ich komme zuerst dran.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Meine Haarfrisur hält aber solange auf, Sie müssen
+mich zuerst frisieren!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Sehen Sie doch, bitte, ich habe mich schon selbst
+geschminkt; ist es so richtig, oder muß der schwarze
+Strich unter den Augen stärker sein?</q>
+</p>
+
+<p>
+Der parfümierte Jüngling konnte sich vor so vielen
+Fragen und Anforderungen kaum retten, hilfeflehend sah
+er von einer zur andern; endlich schoß Erika den Vogel
+ab; sie wurde die erste.
+</p>
+
+<pb n='88'/><anchor id='Pgp0092'/>
+
+<p>
+<q>Nur nicht so rote Backen,</q> sagte sie, denn schon
+im gewöhnlichen Leben waren ihre frischen Farben ihr
+größter Kummer, sie fand es interessanter, etwas blaß
+auszusehen. Endlich war sie fertig und kam sich mit dem
+angemalten Gesicht wie ein Puppenkopf vor, aber der
+duftende Haarkünstler versicherte immer wieder, daß sie
+ausgezeichnet <q>wirken</q> würde, und die Freundinnen fanden
+den Backfisch Erika <q>reizend, süß, entzückend!</q> Auch
+Frau Dr. Schmidt sagte der Mutter von Erika viel Angenehmes
+über das reizende Töchterchen, und Frau Blum
+behauptete mit gleicher Liebenswürdigkeit, daß Erna und
+Mietze doch noch viel hübscher aussähen.
+</p>
+
+<p>
+In demselben Augenblick flog die Türe auf, das
+zweite Fräulein Born stürzte aufgeregt herein, und der
+Friseur wurde noch einmal zum <q>Kinde</q> zurückgeholt,
+denn die blonde klassische Perücke hatte sich verschoben,
+als sie den Epheukranz darin befestigen wollte; außerdem
+war das Schminken noch nicht zur vollen Zufriedenheit
+ausgefallen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Gott, Sie sind schon alle fertig?</q> fragte Fräulein
+Born ängstlich, als die jungen Mädchen jetzt zu ihr
+kamen und auch Ilse in ihrem einfachen Dienstmädchenkleid
+erschien.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber Sie fassen doch Ihre Rolle zu realistisch auf,
+liebste Frau Gontrau, sich so rote Arme zu schminken!</q>
+bemerkte sie leichthin zu Ilse, wandte dann aber sofort
+ihre Aufmerksamkeit wieder sich selbst zu. <q>Bitte, nun
+sagt mir mal ehrlich, sehe ich wirklich nicht gräßlich aus?</q>
+</p>
+
+<pb n='89'/><anchor id='Pgp0093'/>
+
+<p>
+Daß diese Frage nicht im Ernste gestellt war, daran
+zweifelte keine von den Gefragten, sie selbst aber am
+wenigsten, denn sie lächelte ihrem Spiegelbilde wohlgefällig
+zu, und ihre beiden Schwestern versicherten fortwährend,
+wie reizend sie aussähe. Dabei legten sie immer wieder
+die weichen Falten des Gewandes zurecht, wenn sie sich
+bei den unruhigen und keineswegs klassischen Bewegungen
+seiner Trägerin verschoben.
+</p>
+
+<p>
+Wirklich war denn auch mit dem Kinde eine vorteilhafte
+Verwandlung vor sich gegangen. Die blonde
+Perücke, die Schminke und das griechische Gewand hatten
+Wunder vollbracht und ihr ein jugendliches Ansehen verliehen,
+das sie sonst im Leben nicht mehr besaß. Für
+die übrigen hatte die aufgeregte Muse nur wenig Zeit
+und Interesse, herablassend klopfte sie Erika auf die
+Wange.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wie niedlich Sie aussehen, Kleine; na, da werde
+ich als alte Tante schön von Ihnen abstechen!</q>
+</p>
+
+<p>
+Und mißmutig glitten ihre Blicke über das graue
+Kleid der <q>tauben Tante</q>, das schlaff und dunkel an
+der weißen Wand hing. Dahinein mußte sie nachher
+und ihr poetisches Gewand mit diesem unkleidsamen vertauschen,
+es war eigentlich zu ärgerlich.
+</p>
+
+<p>
+Aus ihren Betrachtungen wurde sie durch die elektrische
+Glocke gerissen, deren schriller Klang wie ein Zauberzeichen
+wirkte. Jetzt wurde es Ernst, jetzt mußten alle
+Gedanken zusammengenommen werden. Nur noch ein
+prüfender Blick in den Spiegel.
+</p>
+
+<pb n='90'/><anchor id='Pgp0094'/>
+
+<p>
+<q>Liebste Anna, noch etwas Puder auf den Hals –
+noch eine Haarnadel – schnell – hier diese Falte bauscht
+sich doch zu sehr, stecke sie lieber fest. Mein Gott, sitzt
+denn wohl alles ordentlich?</q>
+</p>
+
+<p>
+Annas Hände flogen, während die andre Schwester
+mit dem roten Stärkungstranke bereit stand. <q>Nur einen
+Schluck,</q> drängte sie und hielt der Muse das volle
+Weinglas an die Lippen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Vorsichtig, vorsichtig, daß die Schminke nicht abgeht,</q>
+gebot das Kind, – dann rauschte es hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Die andern waren schon auf der, zu einem Garten
+verwandelten Bühne versammelt. Man drängte sich an
+die kleinen Löcher im Vorhang, um ins Publikum sehen
+zu können, man entdeckte Verwandte, Freunde und Bekannte
+in dem lichterstrahlenden Raume, der fast schon
+ganz besetzt schien, und doch strömte es noch fortwährend
+herein. In der ersten Reihe saßen die beiden Gontrauschen
+Kinder. Ruths Augen starrten groß und erwartungsvoll
+auf den bunten Vorhang; sie malte sich aus, wie es
+wohl jetzt dahinter aussehen mochte; denn während der
+Generalprobe hatte sie einen Blick in die Kulissen tun
+dürfen – o, das war eine Wonne gewesen!
+</p>
+
+<p>
+Wie fernes Meeresrauschen tönte das Stimmengewirr
+im Zuschauerraum zu den Mitwirkenden hinter den Vorhang.
+Dann und wann konnte man eine besonders laute
+Stimme heraushören, oder ein kurzes helles Lachen, dazwischen
+tönten einzelne <anchor id="corr090"/><corr sic="langezogene">langgezogene</corr> Geigenstriche aus
+dem Orchester, das seine Instrumente stimmte.
+</p>
+
+<pb n='91'/><anchor id='Pgp0095'/>
+
+<p>
+Alle diese Geräusche verstummten augenblicklich, als
+das Klingelzeichen zum Beginn ertönte und mit vollem
+harmonischen Akkord die Musik einsetzte.
+</p>
+
+<p>
+Nur wer einmal eine solche Aufführung mit durchgemacht
+hat, kann die allgemeine bange Stimmung der
+letzten Minuten, bevor sich der Vorhang zum ersten Male
+hebt, nachfühlen!
+</p>
+
+<p>
+Die Bühne, auf der noch lachende, plaudernde Gruppen
+umherstanden, wurde im schnellsten Laufschritte verlassen,
+als die Glocke ertönte; voll Spannung standen nun alle
+hinter den Kulissen und warteten. Eiskalte Hände und
+Füße, hämmerndes Herzklopfen, momentane vollständige
+Gedächtnislosigkeit, Zittern in allen Gliedern, das waren
+die Symptome des Lampenfiebers, welches, trotz aller
+Prahlerei vorher, doch alle mehr oder weniger ergriffen
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Die Ouvertüre neigte sich ihrem Ende zu, jetzt, jetzt
+verhallte der letzte Ton, noch ein Klingelzeichen, dann
+ein leises Rauschen wie ein Flügelschlag, – der Vorhang
+ging in die Höhe.
+</p>
+
+<p>
+Das Gefühl, welches Fräulein Born beim Beschreiten
+der Bühne hatte, war demjenigen sehr ähnlich, welches
+man empfindet, wenn man sich in den Marterstuhl eines
+Zahnarztes niederläßt. Vor ihren Augen tanzte das vielköpfige
+Publikum wie in einem Kaleidoskop durcheinander.
+Die ersten Worte blieben ihr fast in der Kehle stecken und
+kamen nur als Flüstern über die Lippen. Aber mehr und
+mehr schwand die Befangenheit, die Stimme wurde
+<pb n='92'/><anchor id='Pgp0096'/>lauter, und ohne besonderen Zwischenfall ging alles
+vorüber.
+</p>
+
+<p>
+<q>Einige falsche Betonungen, zuviel Pathos,</q> kritisierte
+Leo hinter den Kulissen, aber das Publikum nahm die herzlichen
+Worte doch sehr warm auf, und wie Sphärenmusik
+klang das laute Händeklatschen an das Ohr des <q>Kindes</q>,
+als der Vorhang gefallen war. Zweimal mußte er sich
+wieder heben, zweimal durfte sie sich tief verbeugen – wer
+kann die Wonne eines solchen Augenblicks beschreiben!
+</p>
+
+<p>
+Mit geöffneten Armen und einem dicken Tuche empfing
+Schwester Anna die tief Bewegte, während die andre
+schon wieder den bewußten Labetrank bereit hielt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Schnell, schnell umkleiden,</q> rief Leo ihr zu, und
+nun kam sie sich wirklich wie eine große Künstlerin vor,
+als an allen Ecken und Enden helfende Hände bereit waren,
+die Muse in die <q>taube Tante</q> umzuwandeln. Hinein
+mußte sie ins prosaische Alltagskleid, auf die gepuderten
+Haare wurde ein Spitzenhäubchen gesteckt. Der Friseur
+tänzelte um sie herum, und unter seinen flinken Händen
+entstand ein würdiges Matronenantlitz.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hier noch einige Falten, meine Schwester sieht noch
+viel zu jung aus,</q> sagte Anna und zeigte mit dem Finger
+auf deren Stirn.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, nein, keine künstlichen Falten, es wird sonst
+zu viel,</q> erwiderte der gelockte Jüngling und besah prüfend
+sein Werk, hier und da noch einen kleinen Strich aufsetzend
+oder mit dem Puderquast tupfend.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lassen Sie nur, Sie können gehen,</q> sagte das
+<pb n='93'/><anchor id='Pgp0097'/>Kind, mit hoheitsvoller Miene sich erhebend, und nannte
+ihn, als er draußen war, einen widerlichen, unverschämten
+Menschen.
+</p>
+
+<p>
+Die <q>Jugendliebe</q> wurde gut und flott gespielt, die
+blonde Erika entwickelte viel mehr Temperament, als in
+irgend einer der Proben, und auch die Umarmungsszene
+geriet weit natürlicher als bisher. Mietze Schmidt und
+ihr komischer Liebhaber paßten vortrefflich zusammen, und
+die <q>taube Tante</q> hörte es mit Genugtuung an, wie
+man über ihre Schwerhörigkeit lachte.
+</p>
+
+<p>
+Der Beifall war geradezu stürmisch, als das reizende
+Lustspiel zu Ende war, und als Erika auf der Bühne
+erschien, flog ein wundervoller Strauß, ganz aus Rosen
+und Maiblumen bestehend, zu ihren Füßen nieder. Galant
+überreichte ihn Ferdinand von Bruck der Gefeierten, und
+trotz der Schminke konnte man doch bemerken, wie tief
+sie errötete.
+</p>
+
+<p>
+<q>Von wem, von wem?</q> rief und fragte es durcheinander,
+als sie hinter den Kulissen erschien. Sie konnte
+kaum die Karte lesen, die in den Blumen steckte, und auf
+welcher nur die Worte standen: <q>Der reizenden Adelheid</q>,
+so eilig hatten es die übrigen, den Strauß zu sehen und
+zu bewundern. Er wanderte von einer Hand in die andre,
+und die zarten Maiblumen fingen bereits an, ihre Glöckchen
+zu senken, als sich so viele Nasen darüber beugten. Dieser
+Strauß war ein Ereignis, und wer ihn wohl geschickt
+haben mochte, darüber zerbrach man sich die Köpfe. Erika
+mußte viel mit anhören. Sie wußte ja natürlich, von
+<pb n='94'/><anchor id='Pgp0098'/><q>wem</q> diese Blumenspende kam, sie wollte es nur nicht
+sagen, und was dergleichen Reden mehr waren.
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Born aber meinte, anonyme Geschenke dürfe
+ein junges Mädchen eigentlich gar nicht annehmen, sie
+fände es wenigstens nicht schicklich und würde es sicher
+nicht tun.
+</p>
+
+<p>
+Erika wurde es bei dem vielen Hin- und Herreden
+ganz unbehaglich zu Mute, sie wünschte schon, sie hätte
+die Blumen lieber nicht bekommen, die jetzt die Ursache
+so heftiger Debatten waren, und hielt die duftenden Blüten
+ganz traurig in der Hand, als ihr Nellie zuraunte, sie
+möge sich nur ja darüber freuen, die andern wären alle
+nur neidisch auf sie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wahrscheinlich wieder so eine Anbändelei von der
+Erika; sie hat eben doch ein etwas leichtes Wesen,</q> sagte
+das Kind später zu den Schwestern, und die hübsche Erika
+wurde von den dreien tüchtig durchgenommen und zerlegt.
+Der Refrain lautete immer: <q>Es ist schade um das
+hübsche Mädchen!</q>
+</p>
+
+<p>
+Als Ilse im <q>ersten Mittagessen</q> in ihrer Dienstmädchenrolle
+erschien, erklang plötzlich das helle Lachen
+einer Kinderstimme laut durch das Haus. Es war
+Marianne, welche ihre Mama in diesem Anzuge zu
+komisch fand und sich gar nicht darüber beruhigen konnte,
+bis Ruth sie energisch am Ärmel zupfte und zur Ruhe
+verwies.
+</p>
+
+<p>
+Übrigens kam auch das Publikum nicht aus dem
+Lachen heraus bei der wirklichen Komik, die Ilse in ihrem
+<pb n='95'/><anchor id='Pgp0099'/>Spiel entfaltete; sie wurde sogar einige Male bei offener
+Szene gerufen. – Es war nun schon eine gewisse Dreistigkeit
+über die Mitspielenden gekommen, man zitterte nicht
+mehr, wenn der Vorhang in die Höhe ging, sondern fühlte
+sich schon ganz heimisch auf den Brettern, und in den
+Pausen wurde auf der Bühne nach der Musik getanzt.
+Freunde und Bekannte erschienen hinter den Kulissen,
+lobten die Darsteller, überbrachten die Kritiken aus dem
+Publikum – natürlich nur die guten – und besahen
+neugierig sich das bunte Treiben.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie spielen aber wirklich famos, deine Freundin
+Ilse hat viel Talent,</q> sagte auch der Pastor im Parkett
+zu Rosi, die einige Male gelächelt hatte, aber zu einem
+wahren Genuß nicht gekommen war.
+</p>
+
+<p>
+<q>Passend finde ich es nicht, daß eine Frau noch
+Theater spielt,</q> warf sie ein, <q>aber freilich, Ilse und
+Nellie denken über so etwas anders!</q>
+</p>
+
+<p>
+Die Betonung dieser Worte ließ erraten, welchen
+Sinn sie hineinlegte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber bedenke doch den guten Zweck, Röschen; sie
+nehmen eine Menge Geld ein für die armen Abgebrannten,</q>
+meinte ihr Mann und sah sich in dem vollen Hause um.
+</p>
+
+<p>
+Es war bis auf den letzten Platz besetzt – lauter
+mitleidige, wohltätige Seelen? Wenn mit einem Schlage
+die Beweggründe eines jeden auf seiner Stirn zu lesen
+gewesen wären, die ihn heute abend ins Theater geführt
+hatten, so würde wahrscheinlich bei vielen die Neugierde
+über die Wohltätigkeit den Sieg davon getragen haben.
+<pb n='96'/><anchor id='Pgp0100'/>Gute Bekannte in der Öffentlichkeit wirken zu sehen, hat
+ja immer einen großen Reiz.
+</p>
+
+<p>
+Zum dritten und letzten Male ertönte jetzt die Klingel.
+Die <q>Hochzeitsreise</q> von Benedix wurde fast noch flotter
+als die andern Stücke gegeben. Nellie und Leo spielten
+das Professoren-Ehepaar, und ebenso wie diese waren die
+andern Rollen, sowohl der Famulus und der Stiefelputzer,
+als das Kammermädchen, vorzüglich besetzt. Der Beifall
+war ein großer, und zum Schlusse mußten die Spielenden
+vier- bis fünfmal erscheinen; unermüdlich rührten sich die
+Hände der Zuschauer, und einzelne Begeisterte dankten
+sogar mit lauten Bravorufen. –
+</p>
+
+<p>
+Nun war alles vorbei! Der eiserne Vorhang rasselte
+herab, die beiden Welten wieder voneinander trennend.
+Die Lichter erloschen in dem leeren Zuschauerraume, und
+den roten Samtsitzen wurden die grauen Kappen übergezogen.
+In den Garderoben hantierte man eifrig mit
+Cold Cream, Seife und Waschwasser; damit wurde das
+blendende Theatergesicht bearbeitet und wieder in das
+alltägliche verwandelt.
+</p>
+
+<p>
+Mit wehmütig zärtlichen Blicken betrachtete das
+<q>Kind</q> ihr griechisches Gewand, das die Schwestern soeben
+sorgfältig in den Korb einpackten. Wie schade, daß
+der schöne Traum aus und die lustige Zeit vorbei war!
+Das bedauerten auch alle andern, indem sie dem Ehepaare
+Gontrau einstimmig versicherten, wie herrlich das
+Theaterspielen gewesen sei.
+</p>
+
+<p>
+Ilse schien aber doch ganz froh darüber zu sein, daß
+<pb n='97'/><anchor id='Pgp0101'/>die aufgeregte Zeit ein Ende hatte, so sehr sie auch mit
+Leib und Seele dabei gewesen war – vielleicht zu sehr,
+denn bis zum letzten Augenblicke hatte sie noch immer
+gezweifelt, ob es gelingen würde und geseufzt: <q>Ach,
+wenn es nur gelingt.</q>
+</p>
+
+<p>
+Und wie war es gelungen! Für allen Ärger im
+Anfang, für alle Mühe, war der Lohn wenigstens nicht
+ausgeblieben, und man konnte den Obdachlosen 800 Mark
+übermitteln; das war doch ein gutes Ergebnis. Ein
+rührendes Dankschreiben vom dortigen Pastor traf sofort
+danach ein, welches die Runde unter denen machte, die
+mitgewirkt hatten. Es war doch ein schönes Gefühl, für
+ein gutes Werk etwas getan und dazu beigetragen zu
+haben, so viel Jammer und Elend zu lindern.
+</p>
+
+<p>
+In den ersten Tagen nach der Dilettantenaufführung
+gab es natürlich nur dies eine Thema, wenn Gontraus
+Bekannte sahen und trafen. Bei den meisten klang die
+Kritik überraschend ähnlich, da sie sich eben nur in Gemeinplätzen
+bewegten. Einige schmeichelten dagegen so
+verständnislos, daß man genau wußte, hinter dem Rücken
+sprachen sie ganz anders. Nur wenige äußerten ein Urteil,
+dem man entnehmen konnte, daß sie in die Sache
+eingedrungen waren; auch daß sie dies oder jenes tadelten,
+sich manches anders gewünscht hätten, war ein Beweis,
+daß man der Wahrheit ihrer Worte trauen konnte. Den
+größten Spaß bereitete es Ilse und Nellie, wenn sie die
+oft zutreffende Kritik aus den unteren Volksschichten hörten;
+wie sehr würde darüber die betreffende Dame, welcher
+<pb n='98'/><anchor id='Pgp0102'/>gerade dieser Umstand einen triftigen Grund abgegeben
+hatte, nicht mitzuwirken, die Nase gerümpft haben. –
+</p>
+
+<p>
+Fritz war am Tage nach der Aufführung heimlich
+in aller Eile gekommen und hatte sich von Ruth erzählen
+lassen, denn er selbst war natürlich nicht im Theater gewesen.
+Rosi behandelte ihn überhaupt jetzt unerbittlich
+strenge, die Erholungszeit wurde ihm sehr knapp zugemessen
+und auf jedes mangelhafte Extemporale eine
+empfindliche Strafe gesetzt. <q>Es muß und soll etwas
+Tüchtiges aus dem Jungen werden,</q> sagte Rosi zu Tante
+Emilie; <q>wenn Adolf eben zu schwach ist, werde ich die
+Erziehung allein in die Hand nehmen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Tante Emilie hatte diesen Ausspruch mit beifälligem
+Kopfnicken begleitet und gab dann mit vieler Wichtigkeit
+ihre Ansichten über Kindererziehung zum besten, die in der
+Theorie nichts zu wünschen übrig ließen, jedoch in der
+Praxis wohl zu einem kläglichen Resultat geführt haben
+würden. Aber für Rosi war so etwas wie ein Evangelium.
+Oftmals fragte sie sich, warum ihre Erziehung bei
+Elisabeth so herrlich einschlug und bei Fritz so ganz und
+gar nicht? <q>Weil du ihn nicht verstehst, weil du auf
+seine Eigenheiten nicht eingehst,</q> hätte man ihr zur
+Antwort geben müssen. Bei Tante Ilse fühlte er sich
+so wohl, sie hatte Verständnis für den aufgeweckten
+Jungen und war ihm ebenso zugetan, wie ihn Ruth
+liebte, die sich dagegen mit Elisabeth durchaus nicht anfreunden
+wollte. Das stille Mädchen erregte stets ihren
+Widerspruchsgeist; mit dem feinen Instinkt, den Kinder
+<pb n='99'/><anchor id='Pgp0103'/>besitzen, hatte sie deren schwache Seiten längst erkannt,
+und zwischen den beiden war ein ewiger Kampf. Rosi
+nannte Ruth ein herrschsüchtiges Kind, Ilse dagegen
+fand Elisabeth unsympathisch.
+</p>
+
+<p>
+Fritz hörte mit offenem Munde Ruths Erzählung
+über das Theaterspielen an. Ach, das mußte doch herrlich
+gewesen sein, wenn er es doch auch hätte sehen
+können! Einige Darsteller ahmte Ruth so deutlich nach,
+daß selbst Ilse, die eben dazu kam, darüber lachen mußte,
+und dann berichtete sie, welche Gesichter die Zuschauer
+gemacht und was die Leute gesagt hätten. Aber warum
+mochte wohl Onkel Heinz nicht dagewesen sein? Sie
+hatte ihn vergeblich auf allen Plätzen gesucht. Das
+fragte sie jetzt die Mutter.
+</p>
+
+<p>
+Ilse lächelte zu dieser Frage. Daß sich Onkel Heinz
+solchen <q>Mummenschanz</q>, wie er es nannte, nicht ansehen
+würde, hatte sie wohl gewußt, aber auffallend war
+es, daß er sich gar nicht sehen ließ. War er noch böse?
+Sie hatte darüber in den letzten Tagen wenig nachdenken
+können, aber jetzt kam ihr der Gedanke plötzlich, und alles
+stand wieder deutlich vor ihrer Seele; der Streit mit ihm,
+seine Schweigsamkeit den ganzen übrigen Tag, sein kurzer
+Abschied am Abend und dann sein Fortbleiben. Sonst
+vergingen kaum einige Tage, ohne daß er kam – natürlich:
+<q>er brummte wohl mal wieder!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach Gott, was doch solche Junggesellen empfindlich
+sind,</q> sagte Ilse später zu Leo, als sie mit ihm darüber sprach
+und auch er die Meinung äußerte, daß der Professor zürne.
+</p>
+
+<pb n='100'/><anchor id='Pgp0104'/>
+
+<p>
+<q>Ja natürlich, Ehemänner müssen sich das Übelnehmen
+mit der Zeit abgewöhnen,</q> erwiderte er seufzend,
+aber die glücklichen Augen, mit denen er seine Frau
+ansah, straften ihn Lügen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Die Ehemänner, welche sich am glücklichsten fühlen,
+beklagen sich am meisten,</q> gab Ilse zurück, die selten um
+eine Antwort verlegen war. <q>Eine Frau, die zu allem
+Ja und Amen sagt, wäre dir doch auch mit der Zeit
+langweilig gewesen, Schatz, aber wie bin ich gegen früher
+doch ganz anders geworden, nicht wahr?</q>
+</p>
+
+<p>
+Er zögerte mit der Antwort und neckte sie noch eine
+Weile, bis er sah, daß sie Ernst machte, denn sie war
+in diesem Punkte etwas empfindlich, weil sie sich des
+einstigen Trotzkopfes schämte und sich nicht gern daran
+erinnern ließ.
+</p>
+
+<p>
+Die Sache mit Onkel Heinz ging Ilse doch gewaltig
+im Kopfe herum, sie rief sich alles wieder ins Gedächtnis
+zurück, was er gesagt und was sie erwidert hatte, und
+ihre Endbetrachtung war: <q>Warum mußte er sie auch
+immer so reizen!</q>
+</p>
+
+<p>
+Als Leo am Nachmittage den Professor besuchen
+wollte, fand er die Wohnung verschlossen und erfuhr
+von den Wirtsleuten, daß er schon seit längerer Zeit
+schwer krank in der Klinik lag, da er im Hause nicht
+die nötige Pflege hätte finden können. Leo suchte ihn
+dort sofort auf.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz war bereits wieder aufgestanden,
+sah aber schlecht aus und mußte sich noch sehr schonen,
+<pb n='101'/><anchor id='Pgp0105'/>so lautete Leos Bericht, als er gegen Abend heimkehrte.
+</p>
+
+<p>
+Das Mitleid verdrängte bei Ilse sofort jeden andern
+Gedanken, sie war ganz von freundschaftlichster Teilnahme
+erfüllt und malte sich das Bild des einsamen, kranken
+Junggesellen in den trübsten Farben aus. Warum hatte
+er auch nicht zu ihnen geschickt!
+</p>
+
+<p>
+<q>Da wohnt man nun in einer und derselben Stadt,
+ist intim befreundet, und doch könnte einer sterben und verderben,
+ohne daß man etwas davon merkt!</q> rief sie mit
+Tränen in den Augen, und auch die Kinder fingen an
+zu weinen, als sie erfuhren, daß ihr geliebter Onkel krank
+sei. Ruth in ihrer leidenschaftlichen Art fragte fortwährend
+unter Schluchzen, ob Onkel Heinz nicht am
+Ende sterben würde, und ließ sich kaum beruhigen.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Tage mußte Leo auf Ilses Bitten noch
+einmal in die Klinik gehen und fragen, ob sie den Professor
+besuchen dürfe.
+</p>
+
+<p>
+Mit einem <q>Nein</q> kam ihr Mann zurück und erzählte,
+daß sich der Professor durch Ilse tief gekränkt
+fühle und durchaus nichts von ihrem Besuche wissen wolle.
+Darüber war die junge Frau sehr traurig und mit ihr
+Ruth, deren lebhaften Fragen, <q>warum sie der Onkel denn
+nicht sehen wolle,</q> sie mit der Antwort auswich, daß er
+sich noch zu krank dazu fühle.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich will den lieben kranken Onkel sehen,</q> sagte
+auch Marianne, und Ilse hatte Not, die betrübten Kleinen
+wieder zu trösten und zu erheitern. Jetzt empfand sie so recht,
+<pb n='102'/><anchor id='Pgp0106'/>wie gut und treu doch der Freund sein müsse, der sich
+in solcher Weise in die Kinderherzen eingeschlichen hatte,
+welche ihn nächst ihren Eltern am meisten liebten.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen des übernächsten Tages kam Ruth
+strahlend zur Mutter gelaufen, einen Brief hoch in der
+Luft schwenkend.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mutti, Mutti, lies doch – von Onkel Heinz –
+wir sollen ihn besuchen – heute – in der Klinik –
+an mich ist der Brief,</q> kam es in hastig abgebrochenen
+Sätzen aus ihrem Munde, und ihre Augen lachten in
+heller Freude.
+</p>
+
+<p>
+Ilse nahm ihr den Brief aus der Hand und las
+ihn. Wahrhaftig, da schrieb er in seinem alten neckischen
+Tone an Ruth, daß er sie am Nachmittage mit Mutter
+und Schwester erwarten würde.
+</p>
+
+<p>
+Fragend sah Ilse ihr Töchterchen an, die selbst auch
+kaum erwarten konnte, ihre Heldentat zu erzählen. Sie
+hatte ganz allein an Onkel Heinz geschrieben und den
+Brief durch einen Dienstmann in die Klinik geschickt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Mutti, dem Dienstmann habe ich 20 Pfennig aus
+meiner Sparbüchse gegeben. Ist das wohl zu viel?</q>
+fragte sie lebhaft.
+</p>
+
+<p>
+Das Kind war voller Stolz über diese eigenmächtige
+Tat und erzählte immer wieder von neuem, wie sie das
+alles gemacht habe. Niemand hätte ihr geholfen, sie
+wäre ganz allein an die Straßenecke gegangen, wo die
+Dienstleute immer ständen, und hätte einem davon den
+Brief gegeben.
+</p>
+
+<pb n='103'/><anchor id='Pgp0107'/>
+
+<p>
+<q>Willst du ihn mal lesen?</q> fragte sie dann plötzlich,
+und ohne eine Antwort abzuwarten, flog sie hinaus,
+um ihn zu holen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie hat doch ein gutes Herz, das tolle Ding,</q>
+dachte Ilse voll Rührung. Oft genug hatte sie ihr ja
+schon Kummer bereitet, wenn sie beim Spielen mit der
+kleinen Schwester so egoistisch und auffahrend war, was
+sie allerdings im nächsten Augenblicke schon wieder bereute.
+Im Lieben und Hassen war sie gleich stark. Für Onkel
+Heinz, den sie liebte, würde sie alles tun, dagegen gab
+es Leute, die sie nicht leiden konnte, und gegen die sie
+sich geradezu unliebenswürdig zeigte.
+</p>
+
+<p>
+Ruth kam nach wenigen Minuten mit ihrer Tafel
+zurück, auf welcher der Entwurf zu dem Briefe an Onkel
+Heinz stand, der folgendermaßen lautete:
+</p>
+
+<p>
+<text>
+<body>
+<salute rend="margin-left: 4">„Lieber Onkel Heinz!</salute>
+
+<p>
+<q rend="post: none">Es tuht mir so leit das Du Krank bist aber
+Mutter sagt schterben wördest du nicht es giebt chetzt auch
+schon Maiblumen und Marichane ist gestern aufs Knie
+gefallen und Mutter und ich möchten Dich so gern in der
+Klinick besuchen und heute mußte eine in unser Schule
+nach bleiben die hat aber gebrült. Lieber Onkel ich schicke
+Dir fiele grüse ich brüle aber nicht wen ich nach bleiben
+mus das ist zu dum. Lieber Onkel Tut Dier fieles weh
+Mutter weis nicht das ich Dir schreibe ich habe den Dienstmann
+20 Pfennig gegeben für den weg.</q>
+</p>
+
+<salute rend="text-align: center">Es grüst Dich</salute>
+
+<signed rend="text-align: right">Deine libe Ruth.“</signed>
+</body>
+</text>
+</p>
+
+<pb n='104'/><anchor id='Pgp0108'/>
+
+<p>
+Diesem Briefe hatte er nicht widerstehen können;
+Ruth war nun einmal sein erklärter Liebling. Diese
+beiden so verschiedenartigen Naturen waren fürs Leben
+verbunden, die Liebe des Kindes, des späteren jungen
+Mädchens, sie war der erhellende Sonnenstrahl auf dem
+einsamen Lebenswege von Onkel Heinz.
+</p>
+
+<p>
+Ruth konnte kaum den Nachmittag erwarten und
+war voll Unruhe. Bald lief sie durch alle Zimmer,
+singend und trällernd, oder in den Garten, wo sie einen
+großen Maiblumenstrauß für den geliebten Onkel pflückte.
+Jubelnd brachte sie Ilse den ersten Maikäfer, den sie
+eben gefangen und in eine leere Streichholzschachtel auf
+zarte, grüne Blätter gebettet hatte – er sollte auch mit
+zu Onkel Heinz wandern.
+</p>
+
+<p>
+<q>Da wird er sich drüber freuen,</q> meinte sie strahlend.
+Welches Opfer aber auch für ein Kind, den ersten Maikäfer
+zu verschenken, den es so eifrig gesucht, auf den
+es sich so lange gefreut hat!
+</p>
+
+<p>
+Gegen drei Uhr, die Besuchszeit in der Klinik, machte
+sich Ilse mit ihren beiden Kleinen auf den Weg. Ihre
+aufgeregte Älteste hatte unterwegs in einem fort zu fragen;
+sie wollte wissen, wie eine Klinik aussähe, ob da viele
+kranke Menschen wären und wer weiß, was noch alles;
+ihr Plappermäulchen stand keinen Augenblick still, und
+Ilse mußte sie schließlich ganz energisch zur Ruhe verweisen,
+als sie vor der Türe standen und die Glocke
+gezogen hatten.
+</p>
+
+<p>
+Neugierig sahen die beiden Kinder auf die
+barm<pb n='105'/><anchor id='Pgp0109'/>herzige Schwester, die ihnen öffnete und mit sanfter
+Stimme nach ihren Wünschen fragte.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz hatte schon die Anweisung gegeben, daß
+Ilse gleich hinaufgeführt werden solle, wenn sie käme, und
+die Schwester mit dem milden Gesicht unter dem weißen
+Häubchen führte sie deshalb ohne weitere Anmeldung
+die Treppe hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Ihre Schritte verhallten lautlos auf den dicken
+Läufern. Geheimnisvoll still war es im ganzen Hause.
+In dem langen Korridor befand sich Zimmer an Zimmer,
+und wattierte grüne Türen davor hielten jeden Ton,
+der störend nach innen wirken konnte, fern. Ruhig glitten
+die Schwestern, alle in der gleichen dunklen Tracht, auf
+ihrem Wege aneinander vorüber. Eine peinliche Sauberkeit
+herrschte überall, und in den großen, hellen Fenstern
+standen blühende Pflanzen – ebenfalls Pfleglinge der
+Schwestern –, die dem Ganzen etwas von dem Charakter
+des Strengen und Ernsten benahmen.
+</p>
+
+<p>
+Hinter einer der vielen Türen verschwand nun die
+Schwester, und nach einigen Augenblicken kam sie mit
+dem Bescheid zurück, daß der Herr Professor bitten
+ließe einzutreten.
+</p>
+
+<p>
+Zögernd überschritt Ilse die Schwelle, Ruth und
+Marianne an der Hand haltend, welche beide schweigsam
+die fremde Umgebung mit großen Augen musterten. Wie
+hatte Ruth sich auf den Augenblick gefreut, Onkel Heinz
+wiederzusehen, und nun sie am Ziele ihrer Wünsche angelangt
+war, wurde sie zaghaft und scheu.
+</p>
+
+<pb n='106'/><anchor id='Pgp0110'/>
+
+<p>
+Die Gestalt, die dort in dem kleinen, hellen Zimmer
+am Fenster auf einem Krankenstuhle saß, eingehüllt in
+warme Decken, mit dem Aussehen von jemand, der
+schwere Krankheit überstanden hat, glich auch wenig dem
+alten Onkel Heinz, der sich mit den Kindern auf der Erde
+herumkugelte und zu jedem Spaße bereit war.
+</p>
+
+<p>
+Aber sein Gesicht hellte sich doch auf, als er jetzt die
+Eintretenden sah, besonders beim Anblick von Ruth. Ilse
+hatte er mit einem flüchtigen Händedruck begrüßt und dabei
+versucht, eine linkische Verbeugung zu machen. Marianne
+aber zog er neben sich und nahm sie in seine
+Arme, dann wandte er sich wieder an Ruth, welche
+zögernd stehen geblieben war und ihn betrachtete.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, nun komm doch näher, alte Kröte!</q> rief er
+endlich herzlich.
+</p>
+
+<p>
+Bei dem vertrauten Klang seiner Stimme schwand
+ihre Scheu, sie lief zu ihm hin und warf sich stürmisch
+in seine Arme.
+</p>
+
+<p>
+<q>Halt, sachte, sachte,</q> wehrte er den Wildfang ab,
+aber als Ilse sie zurückziehen wollte, hielt er sie doch
+wieder fest, und sie schmiegte sich noch enger an ihn.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt hatte er wieder sein altes Kinderonkelgesicht!
+Marianne erzählte von ihrer Puppe, die neulich auch so
+sehr krank gewesen sei, Ruth zeigte ihm den ersten Maikäfer
+in seinem engen Gefängnis, und konnte nicht genug
+berichten, wie schön es im Theater gewesen sei.
+</p>
+
+<p>
+<q>Habe von der Mimerei gehört,</q> sagte Onkel
+Heinz kurz.
+</p>
+
+<pb n='107'/><anchor id='Pgp0111'/>
+
+<p>
+Ilse hatte inzwischen die Maiblumen ins Wasser
+und neben ihn gestellt; mit den duftenden Blüten kam
+ein Stückchen Frühling in das nüchterne Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+<q>Bitte, Frau Gontrau, wollen Sie nicht Platz
+nehmen? Ruth, hole deiner Mutter einen Stuhl; fix,
+Mädel!</q> rief er und konnte eine gewisse Verlegenheit
+nicht verbergen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich danke,</q> sagte Ilse und setzte sich ihm gegenüber.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte schon einige Male versucht ein Gespräch
+anzufangen, aber er ging nicht so recht darauf ein. Es
+schien eher, als vermeide er, sie anzusehen, denn nur
+scheu streifte sie sein Blick, dagegen beschäftigte er sich
+eifrig mit den Kindern, die in einem fort kicherten und
+schwatzten.
+</p>
+
+<p>
+Ilse hatte sich eigentlich dieses Wiedersehen in ihrer
+Phantasie weit poetischer vorgestellt, ja sogar etwas romanhaft
+ausgeschmückt, und war nun enttäuscht, daß der
+Professor jede Annäherung abwehrte und auch nicht die
+Spur weich gestimmt zu sein schien. Doch wie kam sie
+auch auf so verwegene Gedanken! Sie hätte ihn doch
+hinreichend kennen sollen, um zu wissen, daß er nicht
+der Mann war, sich in einer solchen Situation geschickt
+zu benehmen.
+</p>
+
+<p>
+Mit aufrichtiger Teilnahme wollte sie ihm entgegenkommen.
+Freilich leugnete er immer sehr bestimmt ab,
+daß er irgend etwas vermisse, wenn sie ihn bedauerte,
+weil er so allein sei. War das nun wirklich Wahrheit
+oder täuschte er sich selbst? Darüber war sie oft im
+<pb n='108'/><anchor id='Pgp0112'/>Zweifel, aber doch neigte sie sich mehr der Ansicht zu,
+daß er, um glücklich zu sein, weiter nichts brauche, als
+seine Arbeit, seine Bücher.
+</p>
+
+<p>
+Und doch – ein eingefleischter Büchermensch hatte
+nicht das warme Herz, das Verständnis für die Kinder,
+wie er es besaß! Er ging auf ihre Ideen ein, wie es
+niemand besser verstand.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, wie ist es denn jetzt in der Schule, Ruth, bist
+du immer noch die letzte?</q> fragte er in diesem Augenblick.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, Onkel Heinz,</q> rief Ruth entrüstet, <q>ich bin
+niemals die letzte gewesen!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich, du Faulpelz, du kannst und weißt ja
+nie etwas, du bist die Dümmste in der ganzen Klasse ..</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das ist nicht wahr – das ist nicht wahr!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Schweig, du Kröte, ich weiß es besser!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, du weißt gar nichts, Onkel Heinz.</q>
+</p>
+
+<p>
+Wenn der Professor diesen Ton mit den Kindern
+anschlug, wußten sie genau, daß sie sich alles mögliche
+herausnehmen durften, und meistens endete eine solche
+Neckerei mit einer kameradschaftlichen Balgerei. Auch
+heute tat Ruth alles mögliche, um Onkel Heinz herauszufordern,
+aber er schien doch noch zu hinfällig zu sein,
+um mit seiner kleinen Freundin sich in einen Kampf einlassen
+zu können.
+</p>
+
+<p>
+Wiederholt versuchte Ilse ein Gespräch anzuknüpfen
+doch er wandte sein ganzes Interesse den Kindern zu und
+antwortete ihr nur kurz – sie mußte ihn tief, tief gekränkt
+haben, wie er ja auch Leo eingestanden hatte.
+</p>
+
+<pb n='109'/><anchor id='Pgp0113'/>
+
+<p>
+<q>Sie waren recht krank, lieber Professor?</q> fragte
+sie nach einer Weile in ihrem sanftesten Tone.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, na diesmal bin ich noch mit dem Leben davongekommen!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie hatten ein schweres gastrisches Fieber?</q> fuhr
+Ilse fort.
+</p>
+
+<p>
+<q>So nannten es die Ärzte wenigstens. Warte du
+Strick,</q> wandte er sich dann sofort wieder an Ruth, die
+ihm den Maikäfer in den Bart gesetzt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Diese Unterbrechung der von Ilse aufs neue begonnenen
+Unterhaltung schien ihm sehr angenehm zu sein
+– fürchtete er etwa eine Auseinandersetzung? Doch Frau
+Ilse wollte nun einmal sprechen, sie hatte ihn gekränkt
+und mußte ihn wieder versöhnen. Auf einmal kam er
+in seiner ganzen Lage ihr so verlassen vor, so trostlos
+traurig, daß sie nur der eine Wunsch beseelte, er möchte
+ihr verzeihen. Aber die Kinder mußten erst fort sein, er
+hätte bei ihnen sonst immer wieder eine Ablenkung gesucht
+und gefunden. Sie schickte sie deshalb auf den kleinen
+Balkon vor dem Fenster mit dem Befehle, sich dort ruhig
+und artig zu verhalten, bis sie gerufen würden.
+</p>
+
+<p>
+Ruth wollte sich wie gewöhnlich widersetzen, wenn
+sie aus der Nähe ihres Onkel Heinz verbannt werden
+sollte, aber diesmal genügte ein Blick auf Ilse, um ihr
+zu zeigen, daß mit der Mutter jetzt nicht zu spaßen war;
+daher ging sie ganz still mit Marianne hinaus.
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum lassen Sie denn die Kinder nicht hier?</q>
+fragte der Professor.
+</p>
+
+<pb n='110'/><anchor id='Pgp0114'/>
+
+<p>
+<q>Sie machen zuviel Spektakel, und Sie sind doch
+seit Ihrer Krankheit gewiß die größte Ruhe gewohnt.
+Aber nicht wahr, es geht Ihnen doch schon viel besser?
+Wenigstens sehen Sie recht gut aus.</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz brummte etwas Unverständliches in den
+Bart, wobei er unverwandt durch das Glasfenster in der
+Türe auf den Balkon blickte, wo seine kleinen Freundinnen
+den Maikäfer nochmals einer genauen Besichtigung
+unterwarfen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum haben Sie uns denn gar nicht wissen lassen,
+daß Sie krank waren?</q> fragte Ilse wieder.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das hätte mir auch nichts nützen können, wenn
+Sie das gewußt hätten,</q> antwortete er nicht gerade
+liebenswürdig.
+</p>
+
+<p>
+Dann schwiegen wieder beide.
+</p>
+
+<p>
+Auf diese Weise kamen sie nicht weiter, das sah
+Ilse ein und beschloß deshalb, direkt auf ihr Ziel loszusteuern.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nicht wahr, Sie sind mir noch sehr böse, Onkel
+Heinz?</q> fing sie an.
+</p>
+
+<p>
+Er antwortete nicht.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich wollte Sie ja nicht kränken,</q> fuhr sie fort.
+</p>
+
+<p>
+<q>O – Sie kränken mich oft, sehr oft, wenn ich es
+mir auch nicht immer merken lasse,</q> unterbrach er sie
+nun fast heftig.
+</p>
+
+<p>
+Hierauf wollte Ilse ihm erwidern, daß er sie durch
+sein Benehmen oft reize und auch letzthin gereizt habe,
+aber sie unterdrückte doch lieber diese Bemerkung.
+</p>
+
+<pb n='111'/><anchor id='Pgp0115'/>
+
+<p>
+<q>Mein Gott, Sie necken mich, ich necke Sie wieder,
+weiter ist doch nichts dabei,</q> gab sie statt dessen freundlich
+zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ihre Neckereien haben meistens einen bitteren Beigeschmack,</q>
+warf er ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, aber wieso denn?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, bald nennen Sie mich einen alten eingefleischten
+Junggesellen, oder Sie sagen, ich sollte froh
+sein, daß ich nicht verheiratet wäre, denn ich würde eine
+Frau nur unglücklich machen, na – und ähnliche Redensarten
+mehr!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, das ist doch alles nur Scherz!</q>
+</p>
+
+<p>
+Ilse mußte beinahe lachen, als er so getreulich wiederholte,
+was sie oft zu ihm gesagt hatte, aber es war ihr
+bei diesem Gespräch doch zu ernsthaft zumute.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie trauen mir wenig feines Gefühl zu, wenn Sie
+glauben, daß ich den Stachel in solchen Bemerkungen
+nicht empfinde, der oft recht, recht tief sitzt,</q> erwiderte
+Onkel Heinz mit bewegter Stimme.
+</p>
+
+<p>
+Es entstand abermals eine Pause, beide sahen nachdenklich
+vor sich hin. Nach einer Weile fuhr er fort:
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie sind glücklich, Frau Gontrau, Sie sind verwöhnt,
+zu verwöhnt, – denn offen gestanden behandelt
+Sie Gontrau nach meiner Meinung oft gar nicht
+richtig – Sie sind verheiratet, haben Kinder,</q> fuhr
+er fort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, bester Professor,</q> unterbrach ihn Ilse, <q>dieses
+Glück könnten Sie doch auch haben, wenn Sie wollten!
+<pb n='112'/><anchor id='Pgp0116'/>Ich denke immer, es läge Ihnen nichts daran und Sie
+hätten nur Interesse für Ihre Bücher.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Meinen Sie?</q> fragte er langsam und gedehnt und
+sah ihr zum ersten Male voll in die Augen mit einem
+Ausdruck, vor welchem sie die ihrigen senken mußte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Halten Sie mich solcher Gefühle nicht für würdig
+oder nicht für fähig?</q> fing er wieder an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Daß Sie ein warmes Herz haben, beweist mir Ihre
+Liebe zu den Kindern,</q> erwiderte Ilse etwas verlegen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Glauben Sie mir, auch ich kenne Stunden, wo mir
+kein Buch, keine Arbeit über das Gefühl der Einsamkeit
+hinweghilft. – Sie kennen so etwas natürlich nicht, Sie
+werden es wahrscheinlich auch nicht begreifen, daß Ihr
+alter ‚eingefleischter Junggeselle‘ solche Empfindungen
+haben kann, und hinter meinem Rücken werden Sie gewiß
+darüber spotten und lachen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Ein leichter Seufzer begleitete seine Worte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, Onkel Heinz, was trauen Sie mir da alles
+zu, halten Sie mich denn für so falsch?</q> fragte Ilse mit
+trauriger Stimme. <q>Und dann noch eins,</q> fuhr sie nach
+einer kleinen Weile fort, <q>Sie sagten vorhin, mein Mann
+behandle mich nicht richtig, wie meinen Sie das?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, wie ich schon sagte, er verwöhnt Sie zu sehr,
+er läßt Ihnen zuviel Ihren Willen; Gontrau ist zu schwach.
+Sie werden dadurch egoistisch – Sie hätten ganz anders
+erzogen werden müssen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Erzogen, erzogen!</q> brauste Ilse auf und glich in
+diesem Augenblick auf ein Haar dem Trotzkopf von früher,
+<pb n='113'/><anchor id='Pgp0117'/><q>Ich bin doch kein Kind mehr, das ‚Erziehen‘ würde ich
+mir von meinem Manne recht hübsch verbitten.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, wenn Sie nicht ruhig bleiben können, Frau
+Gontrau, dann wollen wir dieses Thema lieber verlassen,</q>
+sagte Onkel Heinz in jenem Schulmeistertone, der Ilse
+schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte.
+</p>
+
+<p>
+Aber sie bezwang sich heute, es wäre sonst wieder zu
+einem neuen Streite statt zur Versöhnung gekommen.
+Auch hallten seine Worte, durch welche er ihr vorhin
+sein Inneres erschlossen hatte, tief in ihr nach. Also so
+dachte und fühlte er oft!
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum heiraten Sie nicht, Onkel Heinz?</q> fragte
+sie plötzlich, <q>warum nicht?</q>
+</p>
+
+<p>
+Er gab keine Antwort, aber eigentümlich war der
+Blick, den er Ilse zuwarf. Sie konnte sich denselben nicht
+recht erklären, dennoch fühlte sie instinktiv, was er ausdrückte
+– es beunruhigte – es verwirrte sie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie halten mich wohl für recht schlecht?</q> platzte
+sie in ihrer Verlegenheit heraus. <q>Sagen Sie mir nur
+meine Fehler immer offen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich halte Sie für gut, Frau Gontrau,</q> erwiderte
+der Professor einfach, <q>sonst würde ich überhaupt Ihr
+Freund nicht sein, und der bin ich doch, nicht wahr?
+Schöne Redensarten kann ich nun einmal nicht machen,
+will es auch nicht, aber ich meine es trotzdem gut mit
+Ihnen. Oder glauben Sie das nicht?</q>
+</p>
+
+<p>
+Abwechselnd klang seine Stimme weich und dann
+wieder schroff, als kämpfe er mit seinen <anchor id="corr113"/><corr sic="Gefühlen">Gefühlen.</corr>
+</p>
+
+<pb n='114'/><anchor id='Pgp0118'/>
+
+<p>
+<q>Gewiß, gewiß, Onkel Heinz,</q> sagte Ilse schnell;
+<q>aber oft sind Sie zu absprechend, und nicht allein gegen
+mich, auch gegen Leo; wie machen Sie seine Wissenschaft
+manchmal herunter!</q>
+</p>
+
+<p>
+Ironisch lächelnd drehte Onkel Heinz seine Bartspitze.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, die Juristen sind nun einmal einseitig, verstehen
+nicht viel andres.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>So?</q> unterbrach ihn Ilse lebhaft; <q>wenn also die
+Juristen einseitig sind, dann sind die Zoologen eingebildet,
+Onkel Heinz, das will ich Ihnen nur sagen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Da sehen Sie ja, wie Sie mich immer mißverstehen,
+Frau Gontrau. Nun wollen wir das Thema lieber ruhen
+lassen, sonst streiten wir uns wieder. Wenn ich so etwas
+sage, meine ich es doch nicht persönlich, es gibt ja doch
+Ausnahmen unter den Juristen!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Leo ist eine Ausnahme, nicht wahr?</q> fragte Ilse
+schnell.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sonst wäre er mein Freund nicht,</q> gab Onkel
+Heinz wieder mit Nachdruck zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+Ilse amüsierte sich innerlich über die gute Meinung,
+die er von sich hatte, aber gleichviel; was waren seine
+Eigentümlichkeiten gegen seine wahre Freundschaft für sie
+und ihre Familie! Er hatte nur wenige, mit denen er
+verkehrte, fast gar keine Freunde, war ohne Verwandte,
+er würde mit der Welt ganz abschließen und ein Einsiedler
+werden, wenn die Freundschaft mit Gontraus durch irgend
+etwas zerstört werden sollte. War es deshalb nicht auch
+eine heilige Pflicht, hier ein Menschenleben zu retten, das
+<pb n='115'/><anchor id='Pgp0119'/>allerdings nicht in Lebensgefahr, wohl aber in Gefahr
+war, sich selbst durch seine vollkommene Abgeschlossenheit
+in der Welt zu verlieren?
+</p>
+
+<p>
+Der Professor hatte nun einmal kein glattes Wesen,
+das den Verkehr zwar erleichtert, aber zu einem wirklichen
+Freundschaftsverhältnis doch nicht ausreichend ist. Er bekannte
+offen und frei ins Gesicht, was er dachte, jedoch
+hinter dem Rücken verteidigte er seine Freunde, selbst
+wenn es gegen seine Überzeugung ging.
+</p>
+
+<p>
+Dies alles fuhr jetzt Ilse durch den Sinn; sie fühlte,
+daß sie ihm heute, in diesem Augenblicke viel, viel näher
+gerückt war als je zuvor, denn in solchem Maße hatte er
+ihr noch niemals sein Vertrauen geschenkt, so offen hatte
+er sein Inneres noch nicht vor ihr gezeigt. Gab es eine
+Wunde darin, hatte auch Onkel Heinz eine schmerzhafte
+Stelle?
+</p>
+
+<p>
+Nach Frauenart war Ilse neugierig geworden und
+hätte gern mehr darüber erfahren. Das beunruhigende,
+verwirrende Gefühl, das sie vorhin unter seinem Blicke
+beschlichen hatte, war vollständig gewichen, sonst hätte sie
+wohl keine Lust zu weiteren Fragen empfunden.
+</p>
+
+<p>
+Handelte es sich bei Onkel Heinz etwa gar um eine
+unglückliche Liebe?
+</p>
+
+<p>
+Sie sah ihn sich daraufhin an, und wollte schon den
+Faden wieder aufnehmen, aber sein veränderter Ausdruck
+belehrte sie eines Besseren, und das war gut.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz sah aus wie jemand, der es bereut, seine
+Gefühle zu offen gezeigt zu haben, ein ironischer Zug
+<pb n='116'/><anchor id='Pgp0120'/>lagerte sich um seinen Mund, als mache er sich über sich
+selbst lustig, was er auch tat, – aber mit einem wahren
+Galgenhumor.
+</p>
+
+<p>
+Unaufhörlich drehte er seine Bartspitze und sah hinaus
+in die helle, sonnige Luft, welche die beiden Kinderköpfe
+auf dem Balkon duftig umwob.
+</p>
+
+<p>
+Laut rief er sie bei Namen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ruth, Marianne, kommt herein!</q>
+</p>
+
+<p>
+Die beiden ließen sich das nicht zweimal sagen, ungestüm
+stürmten sie ins Zimmer.
+</p>
+
+<p>
+<q>Laßt die Türe offen, Kröten, es ist eine dumpfe
+Luft hier!</q>
+</p>
+
+<p>
+Ilse öffnete Fenster und Türe weit – sie und Onkel
+Heinz atmeten tief auf, als der frische Zug von draußen
+hereinwehte – belebend, ermutigend!
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz,</q> rief Ruth fröhlich, <q>gestern haben wir
+uns den Rasenabhang – weißt du den, wo die vielen
+Veilchen stehen – heruntergekugelt. Wie schade, daß du
+nicht dabei warst, ich sage dir, es war himmlisch! Wenn
+du erst wieder gesund bist, nicht wahr, dann kugelst du
+dich auch mit herunter?</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz versprach es und noch viel mehr, alles,
+was die Kinder von ihm verlangten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz,</q> sagte Ilse auf einmal lachend und
+einer plötzlichen Eingebung folgend, <q>wie haben Sie sich
+denn hier mit den Ärzten vertragen, die Sie ja doch so
+sehr verabscheuen?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja,</q> erwiderte er in resigniertem Tone, aber gut
+<pb n='117'/><anchor id='Pgp0121'/>gelaunt, <q>was soll man denn machen, wenn sie einen in
+völlig wehrlosem Zustande in die Klinik schleppen? Ihren
+Klauen entgeht man nun einmal nicht!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Unter diesen ‚Klauen‘ sind Sie aber Gott sei Dank
+wieder gesund geworden, Onkel Heinz, und das ist die
+Hauptsache!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Haben die Ärzte nicht Schuld, sondern nur meine
+gute Natur!</q>
+</p>
+
+<p>
+Streiten mußte er nun einmal immer.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wenn Sie erst wieder ausgehen können, werden
+Sie sich gewiß schnell erholen in der himmlischen Frühlingsluft.
+Dürfen wir bald mal wiederkommen?</q>
+</p>
+
+<p>
+Ilse fragte mit bestechender Liebenswürdigkeit; in dem
+unklaren Gefühl, daß sie trotz allem einen nicht geringen
+Einfluß auf Onkel Heinz ausübe; so empfindlich derselbe
+sich manchmal ihrer Schroffheit gegenüber zeigte, ebenso
+empfänglich war er andrerseits auch für die geringste
+Freundlichkeit.
+</p>
+
+<p>
+So schieden die beiden denn im besten Einvernehmen.
+</p>
+
+<p>
+Beim Fortgehen sagte Ilse leise:
+</p>
+
+<p>
+<q>Seien Sie nicht mehr böse, wir wollen stets gute
+Freundschaft halten.</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz wußte, was es sie kostete, eine solche
+Bitte über ihre Lippen zu bringen, kannte er sie doch auch
+ganz genau. Desto wertvoller waren ihm ihre Worte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Auf gute Freundschaft!</q> erwiderte er herzlich und
+reichte ihr seine Hand.
+</p>
+
+<p>
+Der Abschied von den Kindern war ein sehr
+zärt<pb n='118'/><anchor id='Pgp0122'/>licher, namentlich von Ruth, die sich gar nicht trennen
+konnte, bis Ilse energisch ein Ende machte.
+</p>
+
+<p>
+Als sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, war
+es wie zuvor still und ruhig im Zimmer. Onkel Heinz
+lehnte sich zurück und schloß die Augen. Worüber er nachdachte?
+Wir wissen ja, daß er sein Inneres gut verbarg.
+Den Einblick, den Ilse heute hinein getan hatte, verdankte
+sie dem Zufall, wie er denjenigen manchmal begünstigt,
+der auf hohem Berge steht und sehnsüchtig in
+die von grauem Nebel verhüllte Tiefe schaut, wenn er auf
+einmal die dichten Schleier zerreißen sieht. Neugierig
+späht er hinab, sieht unter sich ein blühendes Tal – hier
+ein Dorf – dort ein Schloß auf der Höhe. Was liegt
+nun noch dort drüben? Was dort? Das möchte er wissen,
+möchte alles sehen, aber schon ist es wieder vorbei! Von
+neuem schieben sich die Wolken davor, alles verbergend
+und verhüllend.
+</p>
+
+<p>
+So hatte sich auch über die Gedankenwelt von Onkel
+Heinz die undurchdringliche Wand wieder vorgeschoben,
+welche sein Inneres jedem Blicke verbarg.
+</p>
+
+<p>
+Nach einiger Zeit trat die barmherzige Schwester
+ein, lautlos wie immer, und brachte seine Abendmahlzeit.
+</p>
+
+<p>
+<q>Soll ich das Fenster schließen? Es wird zu kühl,
+Sie könnten sich sonst erkälten, Herr Professor,</q> sagte
+sie freundlich.
+</p>
+
+<p>
+Er erwachte wie aus einem Traume!
+</p>
+
+<p>
+<q>Lassen Sie nur offen! Erkälten – erkälten – ist ja
+Unsinn – Luft schadet nichts, will mich nicht verpimpeln.</q>
+</p>
+
+<pb n='119'/><anchor id='Pgp0123'/>
+
+<p>
+Die Schwester, an alle erdenklichen Launen und Ausbrüche
+der Kranken gewöhnt, tat trotz dieser Rede doch,
+was sie für ihre Pflicht hielt; sie schloß die Türe und
+zog das Fenster etwas mehr zu. Die Sonne war im
+Scheiden, und noch waren die Abende frisch und kühl. –
+</p>
+
+<p>
+Ilse ging an demselben Abend mit Leo hinaus
+in die Anlagen vor der Stadt, um den Maitag in seinem
+Zauber bis zuletzt zu genießen, und dabei erzählte sie ihrem
+Schatz den Besuch bei Onkel Heinz mit allen seinen Einzelheiten.
+Das, was er ihr heute gesagt, hatte einen tiefen
+Eindruck auf sie gemacht, und sie nahm sich vor, ihn von
+jetzt ab mit viel mehr Rücksicht zu behandeln als bisher.
+</p>
+
+<p>
+Die Frühlingsstimmung ringsumher, der schwermütige
+Gesang der Nachtigallen machten sie heute weicher,
+als es sonst ihre Art war; ihre Phantasie spann einen
+ganzen Roman um die Gestalt von Onkel Heinz. Er
+erschien ihr auf einmal in einem ganz andern Lichte;
+seine äußere Rauheit war nur Schein, dahinter verbargen
+sich schmerzliche Gefühle von Einsamkeit, Verlassenheit,
+ja vielleicht eine betrogene Hoffnung! Sie wollte ihn
+künftig zarter anfassen und ihm zeigen, daß sie des ihr
+geschenkten Vertrauens würdig war.
+</p>
+
+<p>
+Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken immer wieder
+zurück zu dem kleinen Krankenzimmer in der Klinik, sie
+sah ihn vor sich, betrübt und nachdenklich, und faßte den
+festen Vorsatz, ihm eine treue Freundin zu sein. –
+</p>
+
+<p>
+Die gerührte Stimmung, in welche Onkel Heinz Frau
+Ilse versetzt hatte, hielt zum Glück nicht lange an.
+</p>
+
+<pb n='120'/><anchor id='Pgp0124'/>
+
+<p>
+Er war nun wieder wohl, auch sehr vergnügt, ganz
+der Alte, und jedes mitleidige Wort, das Ilse über seine
+Krankheit, über sein einsames Leben an ihn richtete, schnitt
+er mit der Bemerkung ab, daß dabei gar nichts zu bedauern
+sei, denn er wäre nicht sentimental angelegt und
+wüßte sich mit den Tatsachen abzufinden.
+</p>
+
+<p>
+So geriet allmählich der Verkehr zwischen den beiden
+wieder in das alte Geleise, sie neckten und stritten sich
+wie zuvor, aber dennoch nahm sich Ilse mehr zusammen,
+und Worte wie: <q>alter Junggeselle, Brummbär</q> usw.,
+die ihn so tief gekränkt hatten, bekam er nicht mehr
+zu hören.
+</p>
+
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+<p>
+Die Rosen standen schon in voller Blüte, die Tage
+waren heiß, das frische Grün der Gärten wurde durch
+eine graue Staubdecke gedämpft – der Sommer war
+eingezogen und hatte den Frühling verdrängt.
+</p>
+
+<p>
+Aber der Rosenmonat wurde jetzt ebenso als der
+schönste gepriesen, wie kurz vorher sein Vorgänger, der
+wonnige Mai.
+</p>
+
+<p>
+Eines Morgens fand Ilse auf dem Kaffeetische einen
+Brief von Flora mit vielen engbeschriebenen Seiten vor,
+nachdem dieselbe lange nichts hatte von sich hören lassen.
+</p>
+
+<p>
+Seitdem wir Flora als schwergeprüfte junge Witwe
+verließen, war eine Wandlung mit ihr vorgegangen. Sie
+schien eine Zeitlang wie gebrochen zu sein, und ihr Kummer
+war auch ein aufrichtiger, denn sie rührte keine Feder
+<pb n='121'/><anchor id='Pgp0125'/>an, sie verfaßte keine Trauergedichte, sie klagte nicht mit
+überschwenglichen Worten. Der erste große Schicksalsschlag
+ging nicht spurlos an ihr vorüber, er rüttelte sie
+aus ihren törichten Ideen auf, das Leben nahm für sie
+seine wirkliche Gestalt an, und ihre schemenhaften Ideale
+zerflossen davor in nichts. So war sie denn, ohne daß
+es ihr eigentlich zum Bewußtsein gekommen wäre, eine
+andre geworden, als sie den Witwenschleier wieder ablegte.
+Vor allen Dingen versuchte sie nun Käthchens
+Herz zu gewinnen, sie machte ihre Mutterrechte geltend
+und holte sie von der Großmama zurück. Nach und nach
+gewöhnte sich die Kleine mehr an sie, doch hatte sie
+manchen Kampf mit ihr zu bestehen und war oft nahe
+daran zu verzweifeln, denn Käthchen schien es nicht vergessen
+zu haben, wie sie früher an ihr gehandelt hatte.
+Aber endlich wurde Floras Mühe und Ausdauer durch
+Erfolg belohnt, und das Verhältnis zwischen Mutter
+und Stieftochter gestaltete sich mit der Zeit sogar zu
+einem sehr herzlichen.
+</p>
+
+<p>
+So vergingen einige Jahre, als Flora sich zum
+zweiten Male mit einem Gutsbesitzer, Namens Werner,
+verheiratete. Die poetische Flora und ein Landwirt!
+Was das für ein Kontrast sein mußte, malten sich Ilse
+und Nellie oft aus, aber sie hatten doch schon aus Floras
+Briefen ersehen, daß diese sich geändert haben mußte,
+denn sie klangen ganz vernünftig, und nur selten noch erging
+sie sich in überspannten Schwärmereien. Über ihre
+zwei kleinen Mädchen von sechs Jahren, ein
+Zwillings<pb n='122'/><anchor id='Pgp0126'/>pärchen, schrieb sie glücklich und stolz und brannte darauf,
+sie den Freundinnen zeigen zu können. Fast jeder ihrer
+Briefe enthielt eine dringende Einladung. Die Freundinnen
+hatten sich seit Jahren nicht wiedergesehen, und
+Flora schien nicht vergessen zu haben, in welcher Weise
+Ilse und Nellie ihr einst in der schweren Zeit beigestanden
+hatten.
+</p>
+
+<p>
+Auch heute bat sie wieder in dem Briefe, den Ilse
+soeben zu Ende gelesen hatte, um ihren und der Kinder
+Besuch; sie schilderte verlockend, wie herrlich jetzt das
+Landleben sei, und schrieb, daß sie auch Nellie gebeten
+habe, mitzukommen.
+</p>
+
+<p>
+Leo riet seiner Frau dringend, die Einladung anzunehmen,
+und nach einigem Hin- und Herüberlegen entschloß
+sich Ilse auch dazu und antwortete Flora, daß sie
+kommen und, wenn es ihr paßte, um die und die Zeit
+mit den Kindern eintreffen würde. Ruths Ferien sollten
+in den nächsten Tagen beginnen, und auch ihr und
+Marianne würde ein Aufenthalt in der reinen Landluft
+sehr gut tun.
+</p>
+
+<p>
+Nun galt es aber, auch Nellie zum Mitkommen zu
+bewegen, die es zunächst als eine Unmöglichkeit hinstellte,
+ihren Mann zu verlassen. Was sollte Fred ohne ihre
+stets sorgende Hand anfangen, nur allein auf das Dienstmädchen
+angewiesen! Nein, nein, das ginge nicht, erklärte
+sie rund heraus.
+</p>
+
+<p>
+Aber Ilse gab sich damit nicht zufrieden; sie steckte
+sich hinter den Direktor, sagte ihm, sie fände Nellie schlecht
+<pb n='123'/><anchor id='Pgp0127'/>aussehend, und stellte ihm dies so beharrlich vor, bis er
+schließlich selbst fand, daß seine Frau erholungsbedürftig sei.
+Nellie war deshalb nicht wenig erstaunt, als er plötzlich
+darauf bestand, sie solle mitreisen und sich erholen. Seine
+Sorge für ihre Gesundheit war etwas ganz Ungewöhnliches
+und, wie sie meinte, Unnötiges. Sie war ja gesund,
+aber der arme Fred, der sich so abquälen mußte,
+der mußte gepflegt und gehegt werden, machten ihm seine
+dummen Nerven doch so oft zu schaffen. Und nun sollte
+sie ihn verlassen, er wollte in der staubigen, heißen Stadt
+allein zurückbleiben und arbeiten, immer arbeiten; niemand
+würde da sein, der für ihn sorgte, wenn er müde
+und abgespannt nach Hause käme, niemand, der an eine
+Erholung für ihn dächte und seine Wünsche, ehe sie nur
+ausgesprochen wurden, zu erfüllen suchte. O, sie würde
+keine ruhige Minute auf der Reise haben, nicht die Spur
+von Vergnügen, sie würde fortwährend voller Sorge an
+ihn denken.
+</p>
+
+<p>
+Das alles klagte sie Ilse unter Tränen und ahnte
+nicht, daß diese sich heimlich ins Fäustchen lachte, als sie
+sah, daß ihre Bemühungen erfolgreich gewesen waren.
+Sie fand es ganz heilsam für den nervösen Direktor, daß
+er einmal ohne Nellie fertig werden sollte, denn nach ihrer
+Meinung war er sich noch viel zu wenig bewußt, was
+er an dieser Frau besaß, die ganz und gar in ihm aufging
+und nur für ihn auf der Welt zu sein schien. Mit
+Vorstellungen und Ratschlägen war bei Nellie nichts auszurichten;
+sie gab stets zur Antwort, daß Ilse gar nicht
+<pb n='124'/><anchor id='Pgp0128'/>wisse und beurteilen könne, wie elend ihr Fred oft sei
+und trotz aller Liebe für die Freundin fand sie dennoch,
+daß diese solche Dinge zu leicht nehme.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, ich bitte dich,</q> flehte sie Ilse an, <q>rede es
+Fred aus, daß ich fort soll, sage ihm, daß du mich frisch
+und gesund fändest, und daß ich keine Erholungsreise
+nötig hätte, denn er gibt so viel auf dich.</q>
+</p>
+
+<p>
+Ilse würde sich wohl hüten, so etwas zu tun, das
+erklärte sie ganz offen gegen Nellie. So mußte sich diese
+denn ins Unvermeidliche fügen. Fred hatte ihre Bitten
+zuerst geduldig angehört, aber bei den immer neuen und
+durch Tränen verstärkten Auflagen derselben war er
+schließlich so nervös und ungeduldig geworden, daß sie
+endlich hatte nachgeben müssen. Wie ein Schatten schlich
+sie die Tage vor der Abreise im Hause umher und schrieb
+ellenlange Zettel, auf welchen die bis ins kleinste gehenden
+Anordnungen für das Dienstmädchen während ihrer Abwesenheit
+standen. Alle seine Lieblingsgerichte sollten
+gekocht werden, außerdem sollten zum Frühstück und
+Abendessen noch besondere Leckerbissen auf den Tisch
+kommen, so daß der arme, verlassene Mann wenigstens
+nicht zu darben brauchte.
+</p>
+
+<p>
+Endlich war die Stunde der Abreise gekommen, und
+der Direktor und Leo begleiteten ihre Frauen zum Bahnhofe.
+Ersterer mußte noch unzählige Ermahnungen über
+sich ergehen lassen, und mit schwerem Herzen nahm Nellie
+von ihm Abschied. Auch Onkel Heinz erschien noch im
+letzten Augenblicke; aus jeder seiner Rocktaschen guckte eine
+<pb n='125'/><anchor id='Pgp0129'/>Düte heraus, die von den Kindern mit Jubel begrüßt
+wurde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich bin überzeugt, die beiden Strohwitwer werden
+sich herrlich amüsieren,</q> sagte Ilse, um Nellie etwas aufzuheitern,
+und im gleichen Augenblicke rief Gontrau ihr
+neckend zu, daß er ihren Mann jeden Abend zur Kneipe
+abholen würde, denn sie müßten doch ihre Freiheit
+genießen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Siehst du wohl,</q> lachte Ilse.
+</p>
+
+<p>
+Aber spaßhaft war es Nellie keineswegs zumute,
+im Gegenteil bat sie Leo in vollem Ernst, ihren Fred
+doch ja nicht zu verführen, er könne so wenig vertragen
+und müsse es nachher immer büßen, wenn er je einmal
+des Guten zu viel getan hätte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Seien Sie nur ganz ruhig, Frau Althoff,</q> sagte
+Onkel Heinz mit pfiffigem Lächeln, <q>ich werde auf die
+beiden Männer achten.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, Sie sind mir der Rechte,</q> erwiderte Nellie, die
+den Spott aus seinen Worten gut herausfühlte. –
+</p>
+
+<p>
+Als sich der Zug in Bewegung setzte, flatterten noch
+lange die Taschentücher aus dem Coupéfenster den Zurückbleibenden
+zum Abschiedsgruße zu.
+</p>
+
+<p>
+Nellies gedrückte Stimmung hielt nicht lange an,
+denn die Freude der beiden Kinder wirkte ansteckend. Sie
+hatten fortwährend zu fragen und zu zeigen, wollten bald
+dies, bald jenes wissen, bald essen, bald trinken, kurz und
+gut, es bedurfte der ungeteilten Aufmerksamkeit beider
+Frauen, um sie zufrieden zu stellen.
+</p>
+
+<pb n='126'/><anchor id='Pgp0130'/>
+
+<p>
+So verflog denn die Zeit mit Windeseile, und schon
+hielt der Zug auf der letzten Station an, wo Flora sie
+mit dem Wagen erwartete.
+</p>
+
+<p>
+Ihre Freude über das Wiedersehen war eine aufrichtige;
+sie konnte sich an Ruth und Marianne gar nicht
+satt sehen, und fragte und küßte sie immer wieder.
+</p>
+
+<p>
+Und dann, als sie behaglich im Wagen saßen,
+musterten sich die Freundinnen untereinander mit großem
+Interesse. <q>Du hast dich aber gar nicht verändert,</q> hieß
+es. <q>Etwas stärker bist du geworden.</q> <q>Und du siehst
+viel wohler aus, als früher,</q> und ähnliche Redensarten
+mehr wurden ausgetauscht, wie es zu geschehen pflegt,
+wenn man sich nach jahrelanger Trennung wiedersieht.
+</p>
+
+<p>
+Flora hatte sich in der Tat sehr zu ihrem Vorteile
+verändert. Durch die Landluft hatte sie frischere
+Farben bekommen, was ihr sehr gut stand, auch paßte
+der Vergleich mit einer Hopfenstange nicht mehr auf sie.
+Nur der Ausdruck ihrer wasserblauen Augen war derselbe
+geblieben, und als der Wagen durch blühende Wiesen
+und üppige Kornfelder dahinfuhr, und sie den Freundinnen
+zeigte, was davon zu ihrem Besitztum gehörte, hatte sie
+wieder den alten schwärmerischen Blick in die nebelgraue
+Ferne gerichtet, als ob sie von dort etwas Besonderes
+erwarte.
+</p>
+
+<p>
+Die Fahrt in der frischen Luft nach der staubigen
+Eisenbahn war herrlich. Zwar brannte noch heißer
+Sonnenschein herab, aber hier in der freien Natur war
+derselbe weit erträglicher, als vorhin im Coupé, in
+<pb n='127'/><anchor id='Pgp0131'/>dem eine Temperatur wie in einem Backofen geherrscht
+hatte.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt fuhren sie durch ein kleines Tannenwäldchen,
+das unter den warmen Strahlen einen köstlichen Duft
+ausströmte, dann bogen sie wieder in die staubige Chaussee
+ein und konnten nun schon die ersten Häuser des Dorfes
+erblicken, an dessen Ende sich das Gut befand.
+</p>
+
+<p>
+Als sie die sauberen Häuschen erreicht hatten, hinter
+deren blumengeschmückten Fenstern neugierige Gesichter
+zum Vorschein kamen, während barfüßige Bauernkinder
+lustig schreiend hinter dem Wagen herliefen, da schien
+sich Flora doch wie eine Königin in ihrem Reiche zu
+fühlen.
+</p>
+
+<p>
+Sie nickte den Leuten freundlich, aber doch mit hoheitsvoller
+Miene zu, und wehrte drohend die Kinder ab, die
+zu nahe an den Wagen herankamen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie kennen mich alle,</q> sagte sie stolz, <q>und ich
+darf auch wohl sagen, daß ich ihnen eine brave Gutsherrin
+bin.</q> <q>Wie geht’s dem Vater?</q> fragte sie im
+Vorbeifahren ein halbwüchsiges Mädchen, deren Antwort
+in dem Geräusche der Räder erstarb, aber Flora rief
+ihr noch zu: <q>Ich komme in diesen Tagen und bringe
+ihm wieder Wein.</q>
+</p>
+
+<p>
+Die Dorfstraße war bald zu Ende, jetzt durchkreuzten
+sie noch einen kurzen Feldweg, kamen dann an einigen
+großen Scheunen vorbei, hinter denen stattliche Misthaufen
+den tüchtigen Landwirt erraten ließen, und fuhren nun
+in den Gutshof ein.
+</p>
+
+<pb n='128'/><anchor id='Pgp0132'/>
+
+<p>
+<q>Vor das Schloß fahren,</q> befahl Flora mit komischer
+Grandezza.
+</p>
+
+<p>
+Der Kutscher lenkte in einen breiten Weg ein, der
+mitten durch den Garten führte, und hielt vor einem großen
+kastenartigen Gebäude – es war das sogenannte <q>Schloß</q>.
+– Nur gut, daß ihm Flora selbst diese Bezeichnung gegeben
+hatte, denn Nellie und Ilse hätten es sicher nicht
+mit dem stolzen Namen belegt. Es zeigte eine lange
+Front mit vielen Fenstern, aber ohne jeden Zierat. Nur
+ein in Stein gemeißeltes Wappen über der Eingangstür
+ließ erraten, daß die früheren Bewohner Adelige gewesen
+waren.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es gehörte einem Baron v. H.,</q> erklärte Flora,
+als sie bemerkte, daß die Freundinnen das Wappen,
+welches einen Eberkopf darstellte, aufmerksam betrachteten.
+In demselben Augenblick öffnete sich die Türe, ein
+schlankes, junges Mädchen trat heraus, an jeder Hand
+einen kleinen Blondkopf führend – Käthe mit Floras
+Zwillingen. Nun gab es wieder eine Menge Fragen,
+die bunt durcheinander schwirrten. Also das war Käthe!
+Das verschüchterte Kind hatte sich zu einem hübschen
+Mädchen entwickelt, Nellie und Ilse mußten sie immer
+wieder betrachten. Und dann die Zwillinge, glichen sie
+wohl Flora? Ruth war sofort zu ihnen gelaufen und
+erzählte ihnen von der Reise, von Onkel Heinz und den
+Bonbons, die er ihnen geschenkt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Aber die beiden Kleinen sahen sie und Marianne
+nur scheu an und gaben keine Antwort.
+</p>
+
+<pb n='129'/><anchor id='Pgp0133'/>
+
+<p>
+<q>Thusnelda, Hildegard, so gebt doch eure Händchen,</q>
+rief Flora, als sie sah, wie sich Ruth umsonst
+mit ihnen abmühte.
+</p>
+
+<p>
+Nach diesen hochtrabenden Namen sahen die Kinder
+allerdings nicht aus, sondern sie glichen eher den beiden
+Reuterschen lütten Druwäppeln <q>Lining</q> und <q>Mining</q>;
+ländlich gesund erschienen sie, mit prallen roten Backen,
+hellen blauen Augen und strähnig blondem Haar.
+</p>
+
+<p>
+Ilse ertappte Flora auf demselben vergleichenden
+Blicke, den auch sie in diesem Moment über die vier
+Kinder gleiten ließ, als sie so beisammen standen. Fast
+jede Mutter ist eitel und findet ihre Kinder am hübschesten!
+So mochte wohl auch Floras Urteil zu Gunsten
+ihrer Zwillinge ausfallen, aber daß Ilses Mädchen einen
+feineren Eindruck machten, schien ihr doch unwillkürlich
+aufzufallen, denn sie fand plötzlich, Thusnelda und
+Hildegard müßten wohl sehr umhergetollt sein, weil sie
+so hochrote Wangen hätten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sonst haben sie nämlich frische, aber zarte Farben,</q>
+wandte sie sich an Ilse und Nellie, und dann schalt sie,
+daß Käthe ihnen die Haare so glatt gekämmt habe, und
+fuhr mit einem Blick auf Ruths Locken über die Blondköpfe,
+als könnten sich unter dieser Berührung die glatten
+Strähnen in Locken verwandeln.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber nun kommt herein,</q> sagte sie, als die Begrüßung
+vorüber war, und fragte ihre Kinder: <q>Wo ist
+denn der Papa?</q>
+</p>
+
+<pb n='130'/><anchor id='Pgp0134'/>
+
+<p>
+<q>Vater ist im Schweinestall bei den kleinen Ferkelchen,</q>
+berichtete Thusnelda mit lauter Stimme; es war
+das erste Wort, welches sie sprach.
+</p>
+
+<p>
+Flora konnte eine kleine Verlegenheit bei dieser prosaischen
+Auskunft nicht verbergen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, liebe Tante Flora, wo sind die kleinen Ferkelchen,
+ich möchte sie gerne sehen,</q> bettelte nun Ruth,
+für die ein solcher Anblick hochinteressant war.
+</p>
+
+<p>
+<q>Später, später,</q> antwortete Flora flüchtig.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte ihre Gäste mittlerweile die Treppe hinaufgeführt
+und in die Fremdenzimmer geleitet. Das Innere
+des Hauses glich ganz dem Äußeren. Die weiß getünchten
+Wände sahen sauber, aber nüchtern und kahl
+aus, der helle Estrich und die frisch gescheuerten Treppen
+brachten ebenfalls keine Abwechslung in die Eintönigkeit
+der Farben. Auch die Zimmer schienen soeben erst aus
+den reinigenden Wasserstürzen hervorgegangen zu sein,
+denn ein feuchter Geruch schlug den Eintretenden entgegen.
+Aufdringlich wirkten die Tapeten, deren grelles Muster
+selbst die farbenreichen Öldruckbilder an den Wänden
+um alle Wirkung brachten. Altmodische, steifbeinige
+Möbel, mit buntem Kattun überzogen, bildeten die Einrichtung;
+über die Tischdecke, schwarz mit großen roten
+Blumen, war als Schutz noch eine weiße Serviette gebreitet,
+und auf dieser stand ein großer Feldblumenstrauß
+– das einzig Geschmackvolle in dieser Umgebung.
+</p>
+
+<p>
+Aber gleichviel! Schon die peinliche Sauberkeit war
+darin nicht verwöhnten Städtern eine Wohltat, und
+<pb n='131'/><anchor id='Pgp0135'/>mit noch größerer Wonne sogen sie die herrliche Landluft
+ein, welche durch die offenen Fenster strömte.
+</p>
+
+<p>
+Nellie las auf Floras gespanntem Gesicht die Frage:
+Nun, wie gefällt es euch hier? und deshalb lobte sie in
+ihrer Gutmütigkeit alles.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nicht wahr, es ist recht gemütlich hier? Die Möbel
+stammen noch von den Großeltern des Barons, sind also
+ganz antik,</q> erwiderte Flora und zeigte dabei stolz auf
+die kattunbezogenen Steifbeine. <q>Aber nun will ich nicht
+weiter stören, ihr werdet euch erfrischen wollen. Wenn
+ihr fertig seid, erwarte ich euch im Eßzimmer – im
+unteren Flur die Türe rechts.</q>
+</p>
+
+<p>
+Und mit freundlichem Nicken ging sie hinaus.
+Marianne hatte die frischen Zwillinge gleich in ihr kleines
+Herz geschlossen, während Ruth die kleinen Ferkel, nach
+denen sie sich immer wieder erkundigte, vorläufig noch
+viel mehr zu interessieren schienen, als die neuen Freundinnen,
+denn sie meinte, die hätte sie noch gar nicht
+gern, sie sprächen ja nichts und sähen genau so aus,
+wie die Bauernkinder, welche ihnen vorhin begegnet
+wären.
+</p>
+
+<p>
+Mit aller Entschiedenheit verwies Ilse der vorlauten
+Tochter ihr rasches Urteil, indem sie ihr klar machte, daß
+sie dergleichen ja nicht etwa zu Tante Flora, überhaupt
+nicht zu andern sagen dürfe.
+</p>
+
+<p>
+Als die beiden Frauen mit den Kindern einige Zeit
+später ins Eßzimmer, einen großen hellen Raum, traten,
+fanden sie hier neben Flora, Käthe und den Zwillingen
+<pb n='132'/><anchor id='Pgp0136'/>ihren Wirt, auf dessen Bekanntschaft sie begreiflicherweise
+höchst neugierig waren.
+</p>
+
+<p>
+Nur flüchtig glitten deshalb Ilses Blicke über die
+prächtigen Geweihe an den Wänden, die sie sich als Kennerin
+sonst gewiß eingehend betrachtet haben würde, und
+blieben an der mächtigen Gestalt des Hausherrn haften,
+neben welcher seine schmächtige Frau vollständig verschwand.
+Die ästhetische Flora und dieser Koloß, den Ilse auf 200
+Pfund taxierte, – einen größeren Gegensatz konnte man
+sich nicht vorstellen. Auf den breiten Schultern saß ein
+kugelrunder Kopf, dessen rosige Haut durch die hellen kurzgeschorenen
+Haare schimmerte; rot war auch sein joviales
+Gesicht und seine kräftigen Hände; breit und energisch der
+Nacken, der in einer dicken Falte über dem Rockkragen lag.
+Wie kam Flora zu diesem verkörperten Bilde der Prosa!
+Sah sie ihn etwa durch die verklärende Brille der Poesie an?
+</p>
+
+<p>
+Ob sie nun die forschenden Blicke von Nellie und
+Ilse bemerkte, oder ob ihr von selbst die rosige Rundlichkeit
+ihres Gatten auffiel, genug, sie strich über seine Stirn
+und fand, daß er sehr erhitzt wäre. Hatte er wohl sonst
+auch so zarte Farben, wie die Zwillinge?
+</p>
+
+<p>
+Diese Frage konnte man unausgesprochen hinter dem
+schelmischen Lächeln von Nellie vermuten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Der Ärmste hat in der großen Hitze auf den Feldern
+sein müssen,</q> wandte sich Flora an die Freundinnen,
+während man sich um den Tisch zum Essen niedersetzte.
+</p>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p0132.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+<q>Ja, ja, es ist zum Braten draußen,</q> erwiderte er
+und wischte sich die hellen Perlen von der Stirn. <q>War
+<pb n='133'/><anchor id='Pgp0138'/>wohl auch ’ne nette Temperatur in den Coupés, was?</q>
+wandte er sich an seine Nachbarinnen.
+</p>
+
+<p>
+<q>O ja,</q> lachte Ilse, <q>aber dafür haben wir’s auch
+jetzt gut, hier ist es ja herrlich kühl. In der Stadt fanden
+wir es unerträglich und freuten uns deshalb sehr, als Ihre
+liebenswürdige Einladung ankam.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wenn das Wetter nur gut bleibt, damit wir Ausflüge
+machen können! Die Umgegend ist so schön,</q> sagte
+Flora.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was? Wetter schön bleiben! Regen müssen wir
+haben, es ist die höchste Zeit. Der ist so nötig, wie ’s
+liebe Brot. Das Land ist wie ausgedorrt, alles vertrocknet;
+wenn’s so fortgeht, werden wir bald kein Futter
+fürs Vieh mehr haben.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber August, jetzt, wo wir so liebe Gäste haben,
+dürfen wir uns doch keinen Regen wünschen,</q> erwiderte
+Flora vorwurfsvoll. Es war ihr offenbar peinlich, daß
+er so sprach.
+</p>
+
+<p>
+Doch Ilse enthob sie ihrer Verlegenheit und sagte:
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich bitte dich, Flora, dein Mann müßte kein guter
+Landwirt sein, wenn er nicht so dächte. Als einstiges
+Landkind weiß ich ganz genau, was es bedeutet: kein
+Regen!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>So, Sie haben auf dem Lande gewohnt?</q> fragte
+der Gutsbesitzer voll Teilnahme und sah sich Ilse daraufhin
+noch einmal genauer an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, August,</q> rief Flora, <q>ich habe dir doch alles
+von Frau Gontrau und Frau Althoff erzählt.</q>
+</p>
+
+<pb n='134'/><anchor id='Pgp0139'/>
+
+<p>
+<q>Ja, Kind, das habe ich, offen gestanden, wieder vergessen.
+Mir geht so vieles durch den Kopf, daß ich für
+so etwas kein Gedächtnis habe.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>August!</q> Sie warf ihm einen bedeutungsvollen
+Blick zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, das kenne ich von Fred genau,</q> tröstete Nellie.
+<q>Der arme Mann ist oft so vergeßlich! Das kommt von
+seinem anstrengenden Berufe, dadurch sind seine Nerven
+auch sehr herunter.</q>
+</p>
+
+<p>
+Hieran anknüpfend erzählte sie die ganze Leidensgeschichte
+des armen vielgeplagten Fred, und wie schwer
+es ihr geworden wäre, ihn zu verlassen, da er ihrer Pflege
+so sehr bedürfe.
+</p>
+
+<p>
+Flora hörte geduldig zu und tröstete so gut sie es
+verstand.
+</p>
+
+<p>
+Währenddem entspann sich auch zwischen Ilse und
+Herrn Werner eine längere Unterhaltung, die ihn aber
+nicht hinderte, dem Essen und Trinken tüchtig zuzusprechen.
+Voll Erstaunen sah die junge Frau die großen Portionen
+verschwinden; trotz der Hitze schmeckte es ihm herrlich.
+Übrigens wurde ihr Floras Riesenmann mit jedem Worte
+sympathischer; die feinen Umgangsformen eines Salonmenschen
+fehlten ihm allerdings, dafür war er zu derb,
+dabei aber natürlich, offen und in seiner Art liebenswürdig,
+das Urbild der Kraft und Gesundheit. Er schien
+sehr erfreut, in der Freundin seiner Frau eine Liebhaberin
+und Kennerin der Landwirtschaft zu finden, die für alles
+was dazu gehört, viel Verständnis hatte. Sie erzählte
+<pb n='135'/><anchor id='Pgp0140'/>ihm unter anderm, daß ihr Vater jetzt einen großen Teil
+seiner Ländereien mit Zuckerrüben bebaut habe, und daß
+er zur bequemen Beförderung der Rüben eine kleine Bahn
+über die Felder legen ließe; sie konnte ihm über alle Einzelheiten,
+nach denen er fragte, Auskunft geben, was ihn
+sehr interessierte, da auch er gerade im Begriffe stand,
+einen Teil seiner Felder zur Rübenkultur vorzubereiten.
+Sie sprach über die neuen landwirtschaftlichen Maschinen,
+über die besten Düngemittel wie ein Fachmann, und folgte
+aufmerksam seinen Ausführungen, als er ihr von seiner
+Schweinezucht berichtete, die, wie er hoffte, recht einträglich
+werden würde.
+</p>
+
+<p>
+Flora hörte nur noch mit halbem Ohr auf Nellie,
+verstohlen beobachtete sie die beiden andern und zwar zuerst
+nicht sehr erbaut, daß August seine Nachbarin nicht über
+andre Gegenstände unterhielt. Als sie aber merkte, daß
+Ilse ganz zufrieden aussah und lebhaftes Interesse zeigte,
+da beruhigte sie sich wieder. Dabei war sie jedoch immer
+noch in einiger Aufregung darüber, welchen Eindruck ihr
+August wohl auf die Freundinnen gemacht habe, und sie
+nahm sich vor, sie nachher offen darüber auszufragen.
+</p>
+
+<p>
+Die Kinder hatten sich inzwischen auch angefreundet
+und saßen nicht mehr so schüchtern und still auf ihren
+Stühlen, wie zu Beginn der Mahlzeit. Ruth besonders
+rückte ungeduldig hin und her, sie konnte ja den Augenblick
+nicht abwarten, bis sie die kleinen Schweinchen sehen
+durfte; deshalb war niemand froher als sie, als Flora
+jetzt aufstand und verkündete, daß der Kaffee unter der
+<pb n='136'/><anchor id='Pgp0141'/>großen schattigen Kastanie im Garten getrunken werden
+sollte.
+</p>
+
+<p>
+Dort war es köstlich! Die breiten herabhängenden
+Äste wölbten sich zum schützenden Dach über dem Platze,
+aber die Sonne stahl sich doch durch die kleinen Ritzen
+und Löcher in dem grünen Blättergewirr und malte helle
+Flecke auf den beschatteten Kiesweg, die gelben Gartenstühle
+und Bänke, auf die blanken Tassen und Teller, und
+als sich Werners mit ihren Gästen niederließen, tanzten
+und flimmerten sie auch auf den Gesichtern, den Haaren
+und Kleidern. Von dem großen Rasenplatz vor dem Hause
+sandte ein Rosenbeet seine süßen Düfte herüber, vermischt
+mit dem Wohlgeruch der Reseda, womit die Beete eingefaßt
+waren.
+</p>
+
+<p>
+Ilse und Nellie konnten des Lobes kein Ende finden
+über den wonnigen Platz, und letztere dachte im stillen,
+daß diese grüne farbige Umgebung, die freie Luft einen
+weit besseren Hintergrund für den rosigen Hausherrn und
+seine ebenso rosigen Töchter abgeben, als es die gedämpften
+Töne im Zimmer taten.
+</p>
+
+<p>
+In lustiger Stimmung wurde der Kaffee getrunken
+und der riesengroße Napfkuchen verzehrt, der mitten auf
+dem Tische prangte und für die Kinder eine wahrhaft
+magnetische Anziehungskraft zu haben schien, denn bis
+jedes ein Stück davon auf dem Teller hatte, ließen sie ihn
+nicht aus den Augen.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Abend forderte Herr Werner zu einem Rundgange
+durch sein Besitztum auf, was besonders von Ruth
+<pb n='137'/><anchor id='Pgp0142'/>jauchzend aufgenommen wurde, sollte sie nun doch endlich
+zu dem heiß ersehnten Anblick der Ferkelchen gelangen.
+Überhaupt was gab es da alles für die Kinder zu sehen!
+Aber unbekannt waren ihnen diese Dinge nicht, sie wußten
+ganz gut Bescheid, da sie ja fast alle Jahre zum Besuche
+bei den Großeltern in Moosdorf gewesen waren und das
+Leben auf dem Lande recht gut kannten.
+</p>
+
+<p>
+Es wurden die Scheunen besehen, die Ställe, man
+ging über den Geflügelhof, alles war in bester Ordnung,
+und wenn die große Gestalt des Besitzers erschien, konnte
+man aus den Mienen der Untergebenen merken, daß er
+ein strenges, aber gerechtes Regiment führte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Unsere Konzerte bestehen hier nur aus Naturlauten,</q>
+sagte Flora scherzend, als das Blöken der Kühe, das
+Wiehern der Pferde und Grunzen der Schweine ihnen
+noch nachtönte, während sie die Wirtschaftsgebäude verließen
+und in den Wiesenweg einbogen, um noch einen
+kurzen Spaziergang über die Felder zu machen. Ein
+starker Heugeruch kam ihnen entgegen, die Leute waren
+gerade dabei, das Heu mit der Harke zu wenden; morgen
+in aller Frühe sollte es eingefahren werden. Und wie
+prachtvoll und üppig standen die Felder, die Ähren waren
+straff und voll! Kornblumen und leuchtend roter Mohn,
+auch Kornraden und zarte rosige Winden faßten wie eine
+Guirlande die Felder ein; achtlos gingen Thusnelda und
+Hildegard daran vorüber, aber Ruths dunkler Lockenkopf
+und Mariannes blondes Köpfchen tauchten bald hier, bald
+dort zwischen den Ähren auf. Das Blumenpflücken war
+<pb n='138'/><anchor id='Pgp0143'/>für die Stadtkinder ja eine wahre Wonne! Mit ganzen
+Händen voll bunter Blumen kamen sie zurück, und Käthe,
+die nicht mitgegangen war, weil sie im Hause beschäftigt
+gewesen, nahm ihnen die duftige Bürde ab, und ordnete
+sie zu einem großen Strauße, den sie auf die gedeckte
+Abendtafel unter der Kastanie stellte.
+</p>
+
+<p>
+Der etwas befangene und fremde Ton, der am
+Mittag geherrscht hatte, machte heute abend einer ganz
+andern Stimmung Platz, im lebhaften Gespräch unterhielten
+sich die Erwachsenen, während die Kinder geradezu
+übermütig umhertollten und Käthe ihre liebe Not hatte,
+sie zu bändigen. Um neun Uhr wurde die kleine Gesellschaft
+trotz allem Betteln und Quälen zu Bett geschickt,
+ihr Sprechen und Lachen hörte man aber noch lange durch
+die offenen Fenster; es tönte mit dem Zirpen der Grille
+und dem Froschquaken um die Wette durch die abendliche
+Stille.
+</p>
+
+<p>
+Pünktlich um 10 Uhr erhob sich auch der Hausherr,
+um zur Ruhe zu gehen, worauf auch Nellie und Ilse ebenfalls
+pflichtschuldig aufstanden. Wie schade, sie hätten den
+Abend so gerne noch genossen, jetzt erst wurde es ja kühler
+hier draußen. Daher waren sie sehr erfreut, als Flora sie
+fragte, ob sie nicht noch aufbleiben wollten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Gerne, gerne,</q> riefen sie beide mit einem fragenden
+Blick auf Herrn Werner.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, deshalb brauchen wir noch nicht schlafen zu
+gehen,</q> erwiderte Flora. <q>August steht des Morgens jetzt
+schon um vier Uhr auf, da ist er abends natürlich müde.
+<pb n='139'/><anchor id='Pgp0144'/>Die Damen entschuldigen dich gern, lieber Mann, nicht
+wahr?</q> wandte sie sich an die beiden.
+</p>
+
+<p>
+<q>Selbstverständlich,</q> gaben sie zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, dann schlafen Sie recht gut,</q> sagte der Hausherr
+und reichte den jungen Frauen die derbe Rechte.
+<q>Und erzählen Sie mir morgen früh, was Sie geträumt
+haben; das geht ja wohl in Erfüllung, wenigstens sagt
+es meine Frau, die weiß ja in solchen Dingen gut Bescheid.
+Ich kenne keine Träume! Gute Nacht, Frau,</q>
+sagte er dann freundlich zu Flora. <q>Vergiß nicht,
+morgen früh mit der Mamsell das Milchgeld abzuzählen,
+ob’s stimmt, die mogelt gern ein bißchen; und dann sorge
+dafür, daß Hesse mit der Butter nicht zu spät fortfährt,
+damit er nicht in die Hitze kommt; er ist auch etwas
+bummelig. Und nun nochmals gute Nacht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, es wird schon alles besorgt werden,</q> entgegnete
+Flora leicht errötend – die Aufträge schienen ihr
+nicht gerade angenehm zu sein.
+</p>
+
+<p>
+Als die schweren Tritte von Herrn Werner auf dem
+knirschenden Kies verhallt waren, hörte man noch eine
+Weile seine laute Stimme, wie er mit dem Verwalter
+sprach, und dann wurde drinnen ein Fenster zugeschlagen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Er hat ein Herz wie Gold, wenn er auch manchmal
+etwas barsch erscheint; das meint er gar nicht so,</q>
+fing Flora auf einmal ohne äußeren Zusammenhang an
+aber ihren inneren Ideengang errieten die Freundinnen
+in diesem Augenblicke leicht, und beide versicherten sie
+<pb n='140'/><anchor id='Pgp0145'/>deshalb zu gleicher Zeit, wie gut ihnen Herr Werner gefiele,
+und wie glücklich sie im Besitze eines so prächtigen
+Mannes und so lieber Kinder sein könne.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, das bin ich auch,</q> erwiderte Flora in aufrichtigem
+Tone, blickte dann aber gedankenvoll, wohl in
+Erinnerung an die Vergangenheit versunken, vor sich hin.
+Vieles, vieles ging ihr in dieser Minute durch den Sinn.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ihr habt immer treu zu mir gehalten, ihr Lieben,</q>
+sagte sie nach einer Weile plötzlich zu den Freundinnen,
+ihnen herzlich die Hände drückend, und fuhr dann fort:
+<q>Ich glaube, daß wir uns jetzt auch noch besser verstehen
+werden, als früher. Ich habe mich in manchen Dingen
+geändert, denn ich sah ein, daß ich mit meinen idealen
+Anschauungen nicht in diese materielle Welt paßte. Ihr
+habt mich ja oft verlacht und verspottet – ja, ja, das
+weiß ich – aber es war mir wirklich ernst mit meinen
+Gefühlen. Durch den Tod meines ersten Mannes bin
+ich eine andre geworden, Gewissensbisse und Vorwürfe
+haben so lange an mir genagt, bis sich mir das Glück
+zum zweiten Male mit der Hand meines guten August
+darbot. Er ist ein echter Landmann und hat auch nur
+Interesse für seinen Beruf. Im Anfange unsrer Ehe versuchte
+ich, ihn in die Welt der Poesie einzuführen, und
+habe ihm häufig abends vorgelesen, doch er war zu müde
+und schlief dabei ein. Aber da habe ich mir gesagt, es
+sind ja nicht nur diejenigen poetisch veranlagt, die Gedichte
+lesen und schreiben; wenn man nur sucht, kann man
+auch dem praktischen Leben ideale Seiten abgewinnen.</q>
+</p>
+
+<pb n='141'/><anchor id='Pgp0146'/>
+
+<p>
+<q>Bravo, bravo!</q> rief Ilse; so vernünftig hatte sie
+Flora noch niemals sprechen hören.
+</p>
+
+<p>
+<q>Und wie ist es mit Käthe?</q> fragte Nellie.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wir verstehen uns prächtig. Sie ist und bleibt
+ja ein verschlossenes Mädchen, aber für die Zwillinge
+sorgt sie rührend, denn Kinder liebt sie über alles.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wie schön für dich,</q> sagte Nellie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, anfangs hatte ich meine liebe Not mit Käthe,
+sie war so störrisch, sie wollte nichts von mir wissen,
+doch das wißt ihr ja alles. Wir wollen nun nicht mehr
+von der vergangenen traurigen Zeit sprechen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Sie sagte das mit einem tiefen Seufzer; dem neuen
+Wendepunkt in ihrem Leben mochten wohl viele heiße
+Kämpfe gefolgt sein, bis aus dem überspannten Wesen
+eine normal denkende Frau geworden war.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, und Orla?</q> fragte sie plötzlich. <q>Was habt
+ihr von der gehört? Bis in meine ländliche Einsamkeit
+dringen ihre Briefe nicht. Übrigens, etwas hochfahrend
+war sie immer, trotzdem mochte ich sie gerne leiden, hatten
+wir doch viele gemeinsame Interessen, denn sie strebte ja
+ebenso wie ich nach etwas Höherem.</q>
+</p>
+
+<p>
+Also für ähnlich veranlagt, wie Orla, hielt sich Flora
+immer noch! Nun, diesen Spaß konnte man ihr lassen,
+wenn sie nur in ihrem Handeln verständig war und blieb.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, Orla, der geht es ausgezeichnet!</q> rief Ilse.
+<q>Ihr Mann hat durch die Vermittlung ihrer einflußreichen
+Verwandten am Hospital in Petersburg eine
+Stellung bekommen, die mit großen Einnahmen verbunden
+<pb n='142'/><anchor id='Pgp0147'/>ist. Durch den Tod eines alten Onkels von Orla ist ihnen
+auch noch ein ziemlich bedeutendes Vermögen zugefallen; da
+kannst du dir denken, daß sie ein großartiges Leben führen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ein Leben im großen Stile!</q> sagte Flora, wie zu
+sich selbst. <q>Davon habe ich auch oft geträumt! Natürlich
+Dienerschaft in Menge?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Jedenfalls,</q> lachte Ilse; <q>darüber schreibt sie aber
+nichts. Du weißt ja, das Dienstbotenkapitel, wenn es je
+mal aufs Tapet kam, interessierte Orla nicht im mindesten.
+Sie schreibt nicht oft, aber dann lange ausführliche Briefe,
+und aus jeder Zeile klingt es heraus, daß sie sich glücklich
+fühlt! Glücklich in ihrer Ehe, glücklich, daß sie wieder
+in ihrem geliebten Rußland leben kann. Künstler und
+Gelehrte verkehren bei ihr, kurzum, sie ist ganz in ihrem
+Element! O, ich kann mir vorstellen, daß sie eine gefeierte
+Frau ist, – klug, schön, reich.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ihr ist es geglückt,</q> sagte die Gutsbesitzersfrau
+seufzend. <q>Sie lebt in der großen Welt, wird bewundert,
+gilt etwas, während andre in der Einsamkeit
+verschimmeln und verbauern. – Orla spielt womöglich
+auch als Nihilistin eine Rolle?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum nicht?</q> meinte Ilse, <q>zuzutrauen wäre es
+ihr schon, das Zeug hätte sie dazu.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, mein Gott, was redet ihr da für Unsinn –
+Orla eine Nihilistin!</q> warf hier Nellie ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber ich bitte dich,</q> sagte Flora, <q>unmöglich ist es
+doch nicht. Schrecklich wäre es nur, wenn sie eines
+Tages nach Sibirien verbannt würde.</q>
+</p>
+
+<pb n='143'/><anchor id='Pgp0148'/>
+
+<p>
+<q>O, o!</q> rief Nellie entsetzt, <q>deine Phantasie geht
+mit dir durch, Flora. Sprich doch nicht von so etwas,
+was sollten da wohl Orlas liebe Jungen anfangen!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wie viel Kinder hat sie eigentlich?</q> fragte Flora;
+<q>in meiner Einsamkeit erfahre ich ja gar nichts.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Vier Stück, acht, sechs, vier, zwei Jahre alt, lauter
+Prachtkerls, sage ich dir,</q> antwortete Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, süß!</q> schwärmte auch Nellie, und ein wehmütiger
+Schatten überflog ihr Gesicht. <q>Ich habe das
+Bild mit und will es dir morgen zeigen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Heute abend noch, bitte, heute abend noch,</q> bettelte
+Flora, die zu neugierig war, es zu sehen. Orlas Schicksal
+erfüllte sie doch mit etwas Neid, den sie nicht ganz
+unterdrücken konnte. Aber schneller als früher kam sie
+darüber hinweg in dem Bewußtsein, daß sie ja auch ihren
+Wirkungskreis habe, genau wie Orla; der einzige Unterschied
+war der, daß diese als Schauplatz die große geräuschvolle
+Welt hatte, während der ihrige hier in der
+stillen Abgeschiedenheit lag. Was sollten die Armen und
+Kranken in der Umgegend, denen sie oft der einzige Trost,
+die einzige Hilfe war, wohl ohne sie anfangen! –
+</p>
+
+<p>
+Die Nacht war schon weit vorgeschritten, und die
+Freundinnen saßen noch immer unter der traulichen
+Kastanie, welche alle die alten Erinnerungen, die zwischen
+den dreien ausgekramt wurden, mit anhörte. Aber sie
+wollte auch mitsprechen, und das leise Rauschen in dem
+Blätterwerk mischte sich in den Klang der Stimmen; es
+ließ das Licht im Windleuchter, der auf der bunten
+<pb n='144'/><anchor id='Pgp0149'/>Tischdecke stand, höher aufflackern, so daß die Flamme
+nach den herabhängenden Zweigen leckte, deren Grün in
+dieser künstlichen Beleuchtung fast wie auf dem Theater
+wirkte. Die jugendlichen Gestalten in ihren hellen Sommerkleidern
+hoben sich in dem kleinen Lichtkreise malerisch
+von der Dunkelheit ringsherum ab. Schade, daß niemand
+das anziehende Bild sah, aber alles lag ja schon
+im tiefsten Schlummer, die Lichter im Hause, auf dem
+Hofe, in dem Dorfe waren lange verlöscht, und die
+kleine einsame Gartenlampe war der einzige Lichtpunkt
+in der Runde. Droben aber, da glänzte helles Sterngeflimmer
+am klaren Nachthimmel! –
+</p>
+
+<p>
+Vieles, vieles hatten sich die Freundinnen zu erzählen!
+Wenn man sich nach langer Trennung wiedersieht,
+dann sind die ersten Fragen, die ersten Gespräche
+meist sehr gleichgültiger Art, so war es auch bei unsrem
+Dreiblatt hier gewesen. Nun aber die Schleusen ihrer
+Beredsamkeit einmal geöffnet waren, konnten sie kein
+Ende finden. – Der würdigen Frau Superintendentin
+Rosi mochten an diesem Abend wohl die Ohren geklungen
+haben, aber wahrscheinlich das rechte mehr als
+das linke, denn viel Gutes wurde nicht über sie gesprochen,
+desto mehr wurden ihr Mann und Fritz gerühmt.
+</p>
+
+<p>
+Schließlich jedoch bedurften die vom Sprechen trocken
+gewordenen Kehlen noch einer Erquickung; Flora holte
+deshalb einen großen Korb voll frisch gepflückter Kirschen
+heraus, und ein lustiges Schmausen begann. Dann aber,
+als sie Nellie einigemal verstohlen gähnen sah, fiel es
+<pb n='145'/><anchor id='Pgp0150'/>ihr plötzlich ein, daß ihre Gäste gewiß von der Reise
+müde sein würden, und es wurde beschlossen, die Sitzung
+bis auf morgen zu vertagen. Flora leuchtete ihren Gästen
+noch bis in ihre Zimmer und ging dann selbst zur
+Ruhe.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Morgen waren Ilse und Nellie rechte
+Langschläferinnen. –
+</p>
+
+<p>
+Als sie ins Nebenzimmer kamen, wo Ruth und
+Marianne schliefen, fanden sie das Nest leer, aber aus
+dem Garten hörten sie helle Kinderstimmen heraufschallen,
+und bei einem Blick durchs Fenster sahen sie flinke
+Beinchen über den taufrischen Rasen laufen. –
+</p>
+
+<p>
+Der Kaffeetisch war wieder unter dem Kastanienbaume
+hergerichtet; bei dem Erscheinen der beiden schüttelte
+er leise das ehrwürdige Haupt, als wollte er sagen: wie
+lange habt ihr Faulpelze geschlafen. Jubelnd kamen die
+rotbackigen Zwillinge, in ihrer Mitte Marianne führend,
+herbeigelaufen, und Flora erhob sich von ihrem Sitz am
+Tische. Sie hatte ein Buch vor sich liegen, in welchem
+sie eifrig gelesen und gerechnet hatte, und sah in ihrem
+hellblauen Morgenkleide frisch und nett aus.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, was magst du von uns denken,</q> entschuldigte
+Nellie, und Ilse meinte: <q>Dein Mann wird sich schön
+über die faulen Städterinnen lustig gemacht haben!</q>
+</p>
+
+<p>
+Aber Flora beruhigte sie ganz und gar. August
+tränke fast nie des Morgens mit ihnen Kaffee, er wäre
+schon seit 5 Uhr fort auf die Wiesen, um beim Heuaufladen
+zugegen zu sein.
+</p>
+
+<pb n='146'/><anchor id='Pgp0151'/>
+
+<p>
+<q>Nun, stimmt die Milchrechnung?</q> fragte Nellie
+lächelnd mit einer Handbewegung nach dem Buche, das
+vor Flora auf dem Tische lag. Eine solche Lektüre bei
+der ehemaligen Dichterin!
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, Kinder, so etwas muß eine Gutsfrau auch
+tun,</q> sagte Flora, die aus Nellies Frage einen leichten
+Spott herauszuhören glaubte. <q>Poesie und Prosa gehen
+Hand in Hand auf dem Lande.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, nicht nur auf dem Lande, überall im Leben,</q>
+antwortete Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich bin übrigens recht froh, daß die Kinder in
+freier, natürlicher Umgebung aufwachsen,</q> fuhr Flora
+fort; <q>es wird dadurch der Sinn für die Natur geweckt.
+Thusnelda</q> – sie sprach den Namen immer mit der
+Betonung einer Klara Ziegler aus – <q>ist poetisch veranlagt,
+das Kind hat eine ganz merkwürdige Auffassung,
+ihr solltet nur hören, wie sie über alles spricht, über den
+Gesang der Vögel, über den Sonnenschein, über den
+grünen Wald.</q>
+</p>
+
+<p>
+Danach sah der lütte Druwappel allerdings nicht
+aus, und man konnte auch nur wünschen, daß er in
+dieser Beziehung lieber nicht von der Mutter <q>erblich
+belastet</q> sein möchte. Äußerlich glichen die Zwillinge ja
+auffallend dem Vater, wie aus dem Gesicht geschnitten
+waren sie ihm.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, aber wo ist denn Ruth?</q> fragte Ilse plötzlich,
+sich nach allen Seiten umsehend.
+</p>
+
+<p>
+In derselben Minute liefen die Kinder jubelnd und
+<pb n='147'/><anchor id='Pgp0152'/>lachend einem großen, mit Heu beladenen Wagen entgegen,
+der, von zwei mächtigen Pferden gezogen, eben
+in den Hof einfuhr. Und wer saß mit Bauernkindern
+zusammen hoch oben in dem weichen duftenden Neste,
+fröhlich singend, wie eine Lerche in der Morgenfrühe?
+Niemand anders als Ruth! Wie eine Katze kletterte sie
+herunter und warf sich ungestüm in die bereit gehaltenen
+Arme von Herrn Werner, der sie lachend auffing und
+auf einen der breiten Pferderücken setzte.
+</p>
+
+<p>
+Ilse kam es in diesem Augenblicke vor, als würde
+ihr ein Spiegel vorgehalten und sie sähe sich, die wilde
+Hummel von einst, wie ein Junge auf dem Pferde vor
+dem Heuwagen reiten, gerade so wie jetzt Ruth. Das
+war der verhängnisvolle Ausgangspunkt gewesen, von
+dem aus ihr Leben eine neue Wendung nahm, – kleine
+Ursachen, große Wirkungen!
+</p>
+
+<p>
+Und Ruth glich ihr fast auf ein Haar – und doch
+wieder nicht. Durch den gänzlichen Mangel an Erziehung,
+durch das ungebundene Aufwachsen auf dem Lande, war
+aus ihr das unbändige, jungenhafte, trotzige Mädchen
+geworden, während bei Ruth dieselben Eigenschaften sich
+verfeinert hatten, so daß man sie in <q>temperamentvoll,
+eigenartig und willensstark</q> übersetzen konnte. Flora
+witterte sogar etwas Besonderes hinter ihr, und prophezeite
+ihr eine große Zukunft. –
+</p>
+
+<p>
+Bestaubt, erhitzt, mit glühenden Wangen kam Ruth
+jetzt herbeigelaufen und umarmte ihre Mutter unter stürmischen
+Küssen. Sprudelnd und sich überhastend erzählte
+<pb n='148'/><anchor id='Pgp0153'/>sie, daß sie schon ganz früh wach gewesen sei, und als
+sie zum Fenster hinausgesehen habe, wäre Herr Werner
+unten im Garten gewesen und hätte ihr zugerufen, ob
+sie mit wolle auf die Wiese zum Heumachen. Da hätte
+sie sich schnell angezogen, ganz allein. <q>O, ganz ordentlich,</q>
+versetzte sie, als Ilses prüfender Blick über ihren
+Anzug glitt, und brach dann in den begeisterten Ausruf
+aus: <q>Himmlisch war’s!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wo ist dein Mann geblieben?</q> fragte Nellie und
+sah suchend umher, denn der Gutsbesitzer war nicht mehr
+zu sehen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Er wird erst Toilette machen, um würdig vor
+euch zu erscheinen,</q> erklärte Flora, aber in der gleichen
+Sekunde erscholl seine laute Stimme von den Ställen
+her. Er schien mit den Knechten zu schelten, denn
+einzelne Kraftworte, wie <q>Donnerwetter, infame Wirtschaft,
+Dummköpfe</q>, drangen bis zu der Kastanie herüber,
+zum Gaudium der Zwillinge, die sich halbtot lachen
+wollten. Flora waren diese Ausbrüche ihres erzürnten
+Gatten sehr unangenehm; sie wurde verlegen, schalt die
+Kinder aus, weil sie lachten, und wollte selbst nachsehen,
+was es denn gäbe. Aber da kam auch schon August
+den Kiesweg heraufgegangen.
+</p>
+
+<p>
+Seine hohen Stulpenstiefel waren voller Staub, und
+der graue Drellanzug schien zwar sehr bequem zu sein,
+elegant sah er aber nicht aus. Schlaff und schlappig
+hing die Joppe über seine breiten Schultern, und das
+farbige Sporthemd ließ seinen starken Hals frei sehen,
+<pb n='149'/><anchor id='Pgp0154'/>der ebenso, wie das Gesicht, vor
+ <anchor id="corr149"/><corr sic="Arger">Ärger</corr> und Hitze blaurot
+war.
+</p>
+
+<p>
+Sein Anblick war keineswegs der eines Gentleman,
+aber wohl der eines viel beschäftigten Landmannes, und
+hatte für Ilse daher durchaus nichts Fremdes.
+</p>
+
+<p>
+Floras deutlich sprechende Blicke, die sie ihm zuwarf,
+schien er nicht zu bemerken, denn ungeniert ging
+er auf den Tisch zu und begrüßte Nellie und Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ein ganz famoses Mädel haben Sie, Frau Gontrau,</q>
+sagte er; <q>sie hat mir vielen Spaß gemacht heute früh.
+Das wird mal eine gute Landwirtin!</q>
+</p>
+
+<p>
+Als er der Direktorin die Hand reichte, fragte diese
+teilnehmend:
+</p>
+
+<p>
+<q>O, haben Sie Ärger gehabt?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach ja, es gibt immer Ärger, manchmal ist’s zum
+Tollwerden! Lassen die dummen Kerls die Sau mit
+ihren Jungen zusammen, natürlich hat sie drei davon
+tot gebissen. Schafsköpfe sind’s,</q> setzte er noch hinzu
+und legte seine Hand so kräftig auf den Tisch, daß das
+Geschirr klirrend zusammenschlug.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ärgere dich doch nicht so, lieber August,</q> sagte
+Flora und strich ihm besänftigend über die Stirn.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hesse ist auch ein Esel,</q> fing er wieder an; <q>bringt
+beinahe die Hälfte der Butter wieder mit, die bei der
+Hitze natürlich schon zu einem Matsch geworden ist. Wie
+ist es mit dem Milchgeld, stimmt’s? Der Mamsell muß
+tüchtig auf die Finger gesehen werden! Und dann müssen
+<pb n='150'/><anchor id='Pgp0155'/>auch die Sauerkirschen gepflückt werden, sind schon eine
+Menge davon gestohlen worden in der letzten Nacht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, lieber Mann, es soll alles geschehen, aber
+nun stärke und erhole dich erst,</q> versuchte ihn seine Frau
+zu beruhigen, indem sie ihm mit eigener Hand appetitlich
+belegte Brötchen bereitete und Käthe ins Haus schickte,
+um ihm etwas Erfrischendes zum Trinken zu holen.
+</p>
+
+<p>
+O, welche Wandlung war mit Flora vorgegangen!
+Mit Staunen bemerkten es die Freundinnen immer von
+neuem. Sie hätten es kaum für möglich gehalten, daß
+aus der oft verlachten und verspotteten <q>Dichterin</q> eine
+vernünftige Frau werden könnte, denn soweit es Floras
+Beanlagung zuließ, war sie wirklich eine solche geworden.
+Zwar kamen dann und wann noch einige Überbleibsel
+ihrer einstigen Überspanntheit zum Vorschein, aber wer
+könnte auch seine innerste Natur ganz verleugnen? Überschwenglichkeit
+war nun einmal der Grundzug von Floras
+Charakter. –
+</p>
+
+<p>
+Die nächsten Tage vergingen schnell, und das Landleben
+behagte den großen und kleinen Gästen herrlich.
+Den ganzen Tag draußen in der guten Luft, Abendspaziergänge
+durch das Dorf, die Felder und Wiesen,
+Spazierfahrten in die Umgegend, Picknicks im Walde, und
+dann, um das beste nicht zu vergessen, die vielen traulichen
+Plauderstunden unter dem Kastanienbaum, denen
+der Hausherr auch öfter beiwohnte. Er schien sich in der
+Gesellschaft der beiden Frauen sehr wohl zu fühlen, und
+auch diese hatten ihn trotz seiner etwas derben Manieren
+<pb n='151'/><anchor id='Pgp0156'/>lieb gewonnen. Oftmals aber fragten sich Ilse und
+Nellie untereinander, wie diese beiden so verschiedenen
+Menschen nur zusammengekommen sein mochten? Denn
+von der Frau, die aus dem Rahmen des Gewöhnlichen
+heraustritt, wollte August nichts wissen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Gelehrte Weiber kann ich nicht leiden,</q> sagte er,
+als eines Tages wieder die Rede darauf kam.
+</p>
+
+<p>
+Flora waren derartige Gespräche immer sehr unangenehm,
+das konnte man merken.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, August,</q> widersprach sie ihm, <q>eine Frau
+kann sich für alles Schöne und Erhabene interessieren,
+und braucht deshalb ihre Pflichten als Gattin und Mutter
+doch nicht zu versäumen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach was, Firlefanzereien! Strümpfe soll sie stricken
+und gut kochen können, das ist die Hauptsache.</q>
+</p>
+
+<p>
+Mit einem leichten Achselzucken schwieg Flora.
+Über diesen Punkt würden sie sich ja doch nicht einigen.
+</p>
+
+<p>
+Nellie hatte sich nun auch an die Trennung von
+ihrem Fred gewöhnt, sie blühte hier ordentlich auf, und
+daran konnte man am besten sehen, daß sie in der Tat
+einer Erholung bedurft hatte. Der Direktor schrieb oft
+und so vergnügt und zufrieden, daß sich nach und nach
+auch die Angst und Sorge um ihn etwas verringerte.
+Sie verfaßte natürlich täglich lange Briefe, worin mit
+allen möglichen Variationen das Thema behandelt wurde:
+Wie geht es dir? Fühlst du dich auch wohl! Schonst
+du dich genug? Arbeitest du nicht zu viel? Wirst du
+auch gut versorgt? Ilses Neckereien, wenn sie so
+stunden<pb n='152'/><anchor id='Pgp0157'/>lang über einem Briefe saß, ertrug sie geduldig. Ja,
+sie hatte gut reden, ihr Mann war gesund und kräftig,
+und konnte mit dem armen leidenden Fred nicht verglichen
+werden.
+</p>
+
+<p>
+Übrigens war der Briefwechsel zwischen dem Gontrauschen
+Ehepaar ebenfalls ein reger. Ilse schilderte ihrem
+Schatz lebhaft alle neuen Eindrücke und neckte ihn damit,
+daß sie nicht die Spur von Sehnsucht nach ihm habe.
+Er erzählte dagegen, wie wohl er sich in seinem Strohwitwertume
+fühle, und wie angenehm es sei, einmal nicht
+am Gängelbande geführt zu werden. Dann kam auch
+eines Tages ein Brief von Onkel Heinz an die beiden
+Frauen, der wahre Schauergeschichten über das Leben und
+Treiben ihrer Ehemänner berichtete. Darauf erhielt er
+natürlich eine passende Antwort von Ilse. Der Wildfang
+Ruth hatte ihren lieben Onkel auch in dieser, für sie neuen
+Welt nicht vergessen, er hatte schon einige Briefchen von
+ihr bekommen, und sie natürlich auch von ihm. Übrigens
+erschien das kleine lebhafte Ding den Zwillingen und den
+Dorfkindern als ein Wesen höherer Art, und wie gern
+ließ sie sich anstaunen! Sie erzählte ihnen Geschichten,
+daß sie Mund und Nase aufsperrten, und sang die
+Lieder, welche sie in der Schule gelernt hatte, mit so
+reizender Stimme vor, daß auch die Großen gern zuhörten.
+Trotzdem aber liebten die Zwillinge Marianne
+weit mehr und waren ihr zärtlich zugetan, denn diese verstanden
+sie, was bei Ruth nicht immer der Fall war. –
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages sagte Flora, daß sie heute unbedingt
+<pb n='153'/><anchor id='Pgp0158'/>einige Besuche im Dorfe bei ihren Kranken machen müsse,
+und fragte, ob die Freundinnen sie begleiten wollten,
+was sie natürlich von Herzen gern taten.
+</p>
+
+<p>
+So machten sie sich denn gegen Abend auf den Weg;
+eine Menge Wein, Fleisch und andre stärkende Sachen
+wurden, in Körben verpackt, mitgenommen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ihr glaubt nicht, wie mildtätig August ist, niemals
+kann ich den Armen genug geben,</q> sagte die Gutsbesitzerin,
+als sie mit Ilse und Nellie durch die Dorfstraße
+schritt.
+</p>
+
+<p>
+Ein starkes Gewitter hatte am Tage vorher den ersehnten
+Regen gebracht, der wie ein erfrischendes Bad
+für die erschlaffte Natur gewesen war; begierig hatte
+der trockene Boden jeden Tropfen eingesogen. Jetzt
+hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt, und die Abendsonne
+spiegelte sich in den vielen großen und kleinen
+Pfützen, über welche die drei Frauen hinweg schreiten
+und springen mußten, indem sie die Kleider sorgfältig
+in die Höhe nahmen.
+</p>
+
+<p>
+Wirklich schien man Flora Werner überall gern zu
+sehen, sie blieb bald hier, bald dort stehen, fragte nach
+diesem und jenem, und kannte fast von jedem einzelnen
+die Verhältnisse genau. Aber merkwürdig! Ihre Freundlichkeit,
+ihre Art, mit den Leuten zu sprechen, konnten
+doch einen leisen, theatralischen Anstrich nicht verleugnen,
+und manchmal begegnete sie völlig verständnislosen Blicken,
+wenn sie sich ihrer hochtrabenden Ausdrücke bediente. Doch,
+das waren nur Äußerlichkeiten, wie sich Ilse und Nellie
+<pb n='154'/><anchor id='Pgp0159'/>bald überzeugen konnten. Floras Wohltätigkeitssinn war
+ein tief innerlicher, er kam von Herzen, und dieses Feld
+der Tätigkeit, das sie sich geschaffen hatte, war ein segensreiches
+und trug viel gute Früchte.
+</p>
+
+<p>
+Meistens, wenn sie in die engen, schlecht gelüfteten
+Bauernstuben eintraten, flog es wie ein heller Schein über
+die Gesichter der alten Weiblein und Männlein, die im
+Winkel hockten, oder wenn ein Kranker in der Stube lag,
+hefteten sich seine Augen fragend und suchend auf den
+Korb, der stets etwas Gutes für ihn enthielt. Bei den
+jungen Müttern erkundigte sich Flora nach den kleinen
+Kindern, gab gute Ratschläge und war mit jeder Hilfe
+bereit. Ja, sie ging sogar so weit, in der Kindererziehung
+Reformen einführen zu wollen, z. B. die Kinder sollten
+mehr abgehärtet werden, im zarten Lebensalter nicht alles
+zu essen bekommen und ähnliches mehr. Da aber fand
+sie keinen fruchtbaren Boden. In ihrem breiten Platt
+gaben ihr die Bauernfrauen verständnislose Antworten,
+indem sie sie dabei dumm gutmütig anlachten, und alles
+blieb beim alten.
+</p>
+
+<p>
+Ganz am Ende des Dorfes stand ein kleines baufälliges
+Haus, in welchem die junge Witwe eines Knechts
+wohnte, der im letzten Winter verunglückt war und seine
+Frau mit sechs Kindern, im Alter von acht bis herunter
+zu einem Jahre, in größter Not krank und elend zurückgelassen
+hatte. Hier in dieser armseligen Hütte traten jetzt
+die drei Freundinnen über die Schwelle. Eine warme,
+schlechte Luft drang ihnen entgegen, als sie die niedrige
+<pb n='155'/><anchor id='Pgp0160'/>Türe zu dem Raume öffneten, welcher der Familie zum
+Wohnen und Kochen diente und in dem ein grenzenloses
+Durcheinander herrschte. Beim Eintritt der Frauen erhob
+sich von einem alten wackeligen Sofa eine gebrechliche
+Gestalt und versuchte schnell etwas Ordnung zu machen,
+aber Flora hielt sie davon zurück.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lassen Sie nur, Frau Tolle, bleiben Sie ruhig
+sitzen, die Damen hier wissen schon, wie es in einer
+Stube aussieht, wo Kinder sich aufhalten,</q> sagte Flora
+freundlich und räumte selbst drei Stühle ab, auf denen
+schmutzige Wäsche, in allen Farben gestopfte Strümpfe,
+zerbrochenes Spielzeug, abgeknabberte Brotreste und ähnliche
+Dinge umherlagen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich konnte leider die letzten Tage nicht kommen, weil
+ich Gäste habe; aber die Sachen, die ich Ihnen schickte,
+haben Sie doch bekommen, nicht wahr? Na, und wie
+geht’s denn heute, Frau Tolle?</q> fragte Flora, indem
+sie sich neben dieselbe setzte und sie prüfend betrachtete.
+</p>
+
+<p>
+Über das bleiche, abgezehrte und abgehärmte Gesicht
+war eine flüchtige Röte gegangen, die es merkwürdig
+verschönte, als sie den fremden Besuch gewahrte, der
+heute mit der Gutsfrau gekommen war. Vor dieser selbst
+brauchte sie sich ja nicht zu schämen, die kam ja so oft
+und kannte sie so gut, die war ihr keine Fremde.
+</p>
+
+<p>
+<q>Schlecht, schlecht,</q> antwortete sie leise, <q>es geht
+immer schlechter.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>I bewahre, Frau Tolle, Sie sehen ja schon viel
+wohler aus, verlieren Sie nur den Mut nicht, der liebe
+<pb n='156'/><anchor id='Pgp0161'/>Gott wird Ihnen schon helfen,</q> tröstete Flora sanft und
+liebevoll.
+</p>
+
+<p>
+Ein Kopfschütteln war die Antwort, und ein trauriger
+Blick streifte dabei die Kinder, die sich in die Ecken
+gedrückt hatten und neugierig die Fremden anstarrten. Sie
+sahen schmutzig und zerlumpt aus, sauber und gut gekleidet
+wären es gewiß hübsche Kinder gewesen. Nur bei
+dem zweitjüngsten, einem kleinen Mädchen von zwei Jahren,
+wirkten die Lumpen geradezu malerisch zu der Schönheit
+des Kindes. Es saß der ältesten Schwester auf dem Schoß;
+wirre, ungepflegte blonde Löckchen fielen tief über ihr Gesichtchen,
+das unter den zurückgelassenen Spuren schmutziger
+Finger dennoch rosig schimmerte. Scheu sah es mit seinen
+großen braunen Augen Nellie an, welche mit ihm sprach
+und liebkosend die nackten braunen Füßchen streichelte.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, wie süß ist das <hi rend='antiqua'>baby</hi>,</q> sagte sie zu Ilse.
+<q>Wie heißt du?</q> fragte sie das Kind.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ännchen,</q> antwortete die ältere Schwester.
+</p>
+
+<p>
+<q>Willst du der Tante nicht ein Händchen geben?</q>
+fragte sie weiter.
+</p>
+
+<p>
+Das weiche Kinderpatschchen legte sich zögernd in die
+Hand der jungen Frau, aber ohne Widerstreben ließ sich
+die Kleine dann von ihr auf den Schoß nehmen. Zärtlich
+strich ihr Nellie die hellen Ringeln von der Stirn.
+</p>
+
+<p>
+Flora hatte inzwischen Fleisch und Wein für die
+Kranke aus dem Korbe genommen und versprach für die
+Kinder abgelegtes Zeug zu schicken.
+</p>
+
+<p>
+Müde und apathisch dankte die Frau.
+</p>
+
+<pb n='157'/><anchor id='Pgp0162'/>
+
+<p>
+Die Luft in dem kleinen Raume war zum Ersticken;
+Ilse, die kaum Atem zu holen wagte, wollte das Fenster
+öffnen, aber fröstelnd schauerte die Kranke zusammen
+und sie ließ es geschlossen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wo ist denn die Mutter?</q> fragte Flora sich umblickend.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, die holt ein bißchen Futter für die Ziege,</q>
+entgegnete die junge Witwe.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kommt sie denn bald wieder?</q> forschte Flora
+weiter. <q>Sie können doch in Ihrem elenden Zustande
+nicht allein bleiben.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Die Kinder sind ja da.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Die können Ihnen doch nichts helfen, auf die
+müssen Sie ja noch dazu achtgeben, Frau Tolle. Nein,
+nein, so geht das nicht länger,</q> sagte Flora. <q>Und den
+Arzt schicke ich Ihnen morgen auch wieder, er soll jetzt
+alle Tage kommen, der macht Sie bald wieder gesund,
+passen Sie nur auf.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Der kann mir auch nicht mehr helfen ...</q> Unendlich
+schmerzlich klangen diese Worte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das müssen Sie nicht sagen, Frau Tolle! Trinken
+Sie nur tüchtig von dem Wein, der kräftigt Sie, und
+wenn er zu Ende ist, bringe ich mehr. Ich komme bald
+wieder und sehe nach Ihnen, hoffen Sie nur auf Gott.
+Guten Abend und recht, recht gute Besserung.</q>
+</p>
+
+<p>
+Flora ergriff die magere, knochige Hand, die sich auch
+Ilse und Nellie entgegenstreckte, und dann verließ sie
+mit den Freundinnen diese Stätte menschlichen Elends.
+</p>
+
+<pb n='158'/><anchor id='Pgp0163'/>
+
+<p>
+Alle drei atmeten erleichtert auf, als sie draußen die
+frische Abendluft empfing, und sie nicht mehr das jammervolle
+Bild vor Augen hatten. Ilse konnte sich über die
+Armseligkeit in dem Häuschen, die einen tiefen Eindruck
+bei ihr hinterlassen hatte, nicht beruhigen; Nellie sprach
+in einem fort von dem armen, süßen Ännchen, und Flora
+erzählte die Krankheits- und Leidensgeschichte der armen
+Frau Tolle ausführlich. Alle drei waren von dem, was
+sie eben gesehen hatten, schmerzlich ergriffen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie hat sich nach dem letzten Kinde nicht mehr erholen
+können; der Doktor sagt, es wäre ein schweres
+Herzleiden und nicht zu heilen,</q> berichte Flora. <q>Ach,
+wenn sie dann nur bald erlöst würde, die Ärmste.</q>
+</p>
+
+<p>
+Dieser Wunsch sollte bald in Erfüllung gehen! –
+</p>
+
+<p>
+Bei dem abendlichen Zusammensein unter der
+Kastanie wurde der traurige Fall eingehend erörtert, und
+in den folgenden Tagen für die unglückliche Familie
+ausgiebig gesorgt. Der Arzt mußte täglich nach der
+Kranken sehen, und eine tüchtige Pflegerin besorgte
+Flora ebenfalls. Diese freundliche Fürsorge erhellte die
+letzten Tage der Schwergeprüften; sie wurde liebreich
+gepflegt, samt ihren Kindern mit allem Nötigen versehen,
+und so empfand sie noch einmal einen schwachen Schimmer
+von Glück.
+</p>
+
+<p>
+Eines Abends, als die untergehende Sonne auch
+den armseligen Raum, wo die Kranke lag, mit ihrem
+lichten Glanze erfüllte, schlossen sich ihre Augen für
+immer – ruhig und sanft schlummerte sie ein. –
+</p>
+
+<pb n='159'/><anchor id='Pgp0164'/>
+
+<p>
+Die Nachricht von ihrem Tode erreichte die Gutsherrschaft
+gerade, als sie mit ihren Gästen fröhlich
+plaudernd zusammensaß, und zwar wie gewöhnlich auf
+dem Platze unter der Kastanie.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, die armen Kinder, das süße <hi rend='antiqua'>baby</hi>, was wird
+daraus?</q> rief Nellie mit Tränen in den Augen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, wir müssen helfen,</q> sagte Herr Werner
+überlegend. Dann fragte er seine Frau: <q>Wie viel
+Kinder sind da?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Sechs,</q> antwortete sie. <q>Es ist ein Jammer! Bei
+der halb blödsinnigen Großmutter können sie nicht bleiben,
+und alle die Kleinen dem Waisenhaus übergeben – es
+ist zu traurig!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich will sehen, ob ich nicht einige unterbringen
+kann,</q> sagte ihr Mann. <q>Deichmanns auf der Domäne
+könnten ganz gut eins zu sich nehmen, die haben Geld
+und keine Kinder. – Das will ich schon machen. Na,
+und dann denke ich, wir könnten auch eins annehmen,
+was meinst du dazu, Frau? Natürlich mußt du dir’s
+reiflich überlegen, aber wenn du willst – ich bin’s zufrieden.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, Herr Werner, dann nehmen Sie das kleine
+Ännchen; o, es ist ein zu wonniges <hi rend='antiqua'>baby</hi>!</q> rief Nellie
+begeistert, während Ilse mit aufrichtiger Bewunderung
+den großen Mann mit dem guten Herzen anblickte und
+auch Floras Gesicht einen freudig stolzen Ausdruck zeigte.
+</p>
+
+<p>
+Den ganzen Tag nach diesem Gespräche blieb Nellie
+still und nachdenklich, und als sie abends mit Ilse allein
+<pb n='160'/><anchor id='Pgp0165'/>in ihrem Zimmer war, da erfuhr die letztere, daß die
+Direktorin fortwährend an klein Ännchen dachte und sich
+ausmalte, wie das liebliche Geschöpf wohl aufblühen würde,
+wenn es hier erst mit den Zwillingen zusammen wäre.
+Mit einem tiefen Seufzer schloß sie ihre Betrachtungen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Höre, Nellie,</q> rief Ilse plötzlich, <q>wenn dir das
+Kind so gut gefällt, so nehmt ihr es doch zu euch.</q>
+</p>
+
+<p>
+So schnell wie ihr der Gedanke durch den Kopf
+gefahren war, hatte sie ihn auch ausgesprochen. Aber
+Nellie wurde blutrot bei diesen Worten, und es schien
+beinahe, als hätte Ilse sie bei ihrem eigenen Gedanken
+ertappt; doch heftig schüttelte sie den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, o nein, Ilse, denke doch – Fred!</q> rief
+sie aus.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, dein Mann wird doch nicht nein sagen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, Fred würde es nicht wollen; nein, das geht
+nicht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ob dein Mann das nicht will, weißt du ja gar
+nicht, aber möchtest <hi rend='gesperrt'>du</hi> es denn?</q> fragte Ilse, die
+Freundin scharf beobachtend.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, ich möchte sehr gern, gewiß möchte ich, ich liebe
+die <hi rend='antiqua'>babys</hi> so sehr,</q> erwiderte Nellie leise. <q>Aber es
+geht nicht, es geht nicht!</q> fuhr sie lauter fort. <q>Ich
+habe auch keine Zeit für solch kleines Ding; Fred nimmt
+meine Pflege ganz in Anspruch, ich müßte ihn vernachlässigen,
+o, und das ginge doch nicht.</q>
+</p>
+
+<p>
+Und wieviel auch Ilse dagegen sagte, wieviel auch
+hin und her gesprochen wurde, Nellie blieb dabei, <q>es
+<pb n='161'/><anchor id='Pgp0166'/>ginge nicht.</q> Ganz aufgeregt begaben sich die beiden zur
+Ruhe, jede lebhaft mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.
+</p>
+
+<p>
+Aber Ilse ließ sich von ihrem <q>guten Gedanken</q>,
+wie sie ihn nannte, nicht abbringen, wenigstens in ihrem
+Innern nicht, auch nachdem Nellie sie gebeten hatte,
+darüber für immer zu schweigen.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Tage da hatten Frau Ilse Gontrau
+und Frau Flora Werner merkwürdig oft zusammen zu
+tuscheln, und die diskrete Nellie, die keine Ahnung hatte,
+worüber sie sprachen, und auch gar nicht neugierig war,
+zog sich dann jedesmal mit den Kindern zurück, um mit
+ihnen zu spielen.
+</p>
+
+<p>
+Nach Tische saßen Ilse und Flora im Zimmer der
+letzteren. Flora hatte einen Briefbogen vor sich liegen,
+auf welchem sie eifrig schrieb, während Ilse diktierte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, so doch nicht, lieber so,</q> unterbrach sie sich
+dabei oft, und dann wieder ließ Flora ihre Bedenken
+einfließen. Auf diese Manier wurde viel geschrieben,
+beinahe ebensoviel gestrichen und wieder von vorn angefangen.
+Was mochte das wohl für ein wichtiges
+Schreiben sein! Endlich aber war es fertig, Ilse hatte
+es abgeschrieben, und als der Briefträger kam, wurde
+es diesem übergeben mit der ausdrücklichen Weisung, den
+Brief ja ordentlich und pünktlich zu besorgen.
+</p>
+
+<p>
+Was er wohl dazu sagt, ob er es wohl tut? Diese
+Fragen tauschten die beiden Geheimnisvollen in den
+nächsten Tagen unzählige Male aus, und mit Spannung
+sahen sie jeden Morgen dem Briefträger entgegen.
+</p>
+
+<pb n='162'/><anchor id='Pgp0167'/>
+
+<p>
+Eines Tages erschien er, als die Freundinnen wieder
+wie gewöhnlich den Kaffee unter dem grünen Blätterdach
+einnahmen. Für Ilse hatte er nichts, aber Nellie
+gab er einen Brief, den sie ihm hastig abnahm.
+</p>
+
+<p>
+<q>Von Fred,</q> sagte sie leicht errötend, worauf sie
+sich erhob und ins Haus ging, um den Brief dort zu
+lesen, denn sie war gern allein, wenn sie die Episteln
+von ihrem Fred studierte.
+</p>
+
+<p>
+Voller Erwartung blieben die beiden zurück. Nun
+sie so unmittelbar vor der Entscheidung standen, hatten
+sie keine geringe Angst, denn es war doch ein kühnes
+Wagestück gewesen, das Ilse unternommen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Nach kurzer Zeit erschien Nellie in der Haustür
+mit dem Briefe in der Hand, und kam eiligst den Kiesweg
+daher geschritten. Ilse und Flora klopfte das Herz,
+und sie wagten die junge Frau erst anzusehen, als sie
+vor ihnen stand. Sie hatte rotgeweinte Augen, in welchen
+noch die hellen Tränen standen, aber zugleich umspielte
+ein glückliches Lächeln ihre Lippen.
+</p>
+
+<p>
+<q>O Ilse, was bist du eine <hi rend='antiqua'>darling</hi>, o was bist du
+gut, was hast du für mir getan!</q> rief sie, indem sie
+die Freundin umarmte und küßte. In ihrer Erregung lag
+sie mit der deutschen Sprache, die sie in den letzten Jahren
+fehlerlos beherrschte, auf einmal wieder im Kampfe. Wie
+früher mißhandelte sie dieselbe in der komischsten Weise,
+als sie jetzt hastig weiter sprach, freudig und gerührt zugleich.
+Endlich entfaltete sie den Brief ihres Fred und
+<anchor id="corr162"/><corr sic="(a auf dem Kopf stehend)">las</corr> ihn mit zitternder Stimme vor. Es stand darin:
+<pb n='163'/><anchor id='Pgp0168'/>daß er nichts dagegen habe, wenn sie das kleine verwaiste
+Kind zu sich nehmen wolle, es wäre ihm sogar sehr lieb,
+wenn sie, Nellie, in den vielen Stunden, die sie einsam
+und allein zubringen müßte, etwas Unterhaltung und
+Zerstreuung hätte, und er hoffe auch, daß das kleine Geschöpf
+einiges Leben in ihr stilles Haus bringen würde.
+</p>
+
+<p>
+Ilse sah Flora lächelnd an. Fast wörtlich wiederholte
+er, was sie ihm geschrieben hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun Nellie, bist du zufrieden? Habe ich es gut
+gemacht?</q> fragte Ilse, als diese zu Ende gelesen hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, o, was für ein gutes Mann habe ich, und wie
+soll ich dich danken, lieb Ilschen,</q> antwortete sie überglücklich
+und als ob sie ein Gelübde ablegte, fuhr sie
+leise fort: <q>O, wie will ich die kleine <hi rend='antiqua'>baby</hi> lieb haben,
+und wie will ich den lieben Gott recht bitten, daß er
+eine gute Mutter aus mich macht. Ilse, wie soll ich
+dich das wieder gut machen?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, nein, Nellie, so darfst du nicht sprechen,</q>
+wehrte diese ab. <q>Was du an dem einstigen Trotzkopf
+getan hast, kann ich dir ja doch nie wieder vergelten.</q>
+</p>
+
+<p>
+Innig umarmten sich die beiden Freundinnen.
+</p>
+
+<p>
+Das erste war dann, daß sich die Direktorin hinsetzte
+und dem einzigen Fred schrieb. Bis die äußeren
+Formalitäten erledigt waren, flog zwischen den Ehegatten
+noch mancher Brief hin und her. Althoff war zu sehr
+mit Arbeit überhäuft, wie er schrieb, sonst wäre er selbst
+gekommen, um seine Frau und das Pflegetöchterchen zu
+holen. –
+</p>
+
+<pb n='164'/><anchor id='Pgp0169'/>
+
+<p>
+Klein Ännchen aber siedelte schon am nächsten Tage
+zu ihrer neuen Mutter über, und frisch gewaschen, sorgfältig
+gekämmt, in einem neuen Kleidchen, sah das Kind
+wirklich reizend aus. Die andern Geschwister wurden so
+gut wie möglich untergebracht; den einen Jungen nahmen
+Werners zu sich und wollten ihn etwas Tüchtiges lernen
+lassen.
+</p>
+
+<p>
+So war mit dem düsteren Tod zugleich das Glück
+in die arme Hütte eingekehrt und suchte sich unter den
+Waisen seine Lieblinge heraus, um sie ihrem bisherigen
+Elend zu entreißen.
+</p>
+
+<p>
+Die schöne Zeit bei Flora hatte nun noch einen
+ereignisreichen Abschluß gefunden, und das Band, das
+die Freundinnen an Flora knüpfte, war diesmal ein
+unauflösliches geworden. Der Abschied fiel allen sehr
+schwer, und die vielen Tränen, die dabei vergossen
+wurden, waren wohl der beste Beweis, daß die Freundschaft
+von neuem feste Wurzeln gefaßt hatte.
+</p>
+
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+<p>
+Klein Ännchens Anwesenheit brachte bei dem Ehepaar
+Althoff wahre Wunderdinge zustande. Nellie mußte
+ihre Pflege von nun an teilen und, was sie nie geglaubt
+hätte, ihr Fred kam dabei nicht zu kurz, ja, seine Leiden
+besserten sich sogar in auffallender Weise. Wenn er abgespannt
+nach Hause kam, waren jetzt nicht mehr die besorgten
+Fragen seiner Frau das erste, was ihn empfing
+– zunächst war da klein Ännchen die Hauptsache, und
+<pb n='165'/><anchor id='Pgp0170'/>darüber vergaß Fred seine Klagen und Nellie ihre Fragen.
+Was die Kleine nicht alles verstand und wußte! Beide
+konnten ihre Vorzüge nicht genug rühmen, es gab kein
+aufgeweckteres und hübscheres Kind, und das <q>Erziehen</q>
+hätte leicht ein <q>Verziehen</q> werden können, wenn nicht
+Frau Ilse und Onkel Heinz auch noch dagewesen wären.
+Die Vorträge des letzteren über Kindererziehung waren
+allerdings oft zu theoretisch gehalten, um zu wirken, aber
+desto mehr fruchteten die Ermahnungen der Freundin,
+welche Nellie vorwarf, daß sie viel zu gutmütig und
+schwach dem Kinde gegenüber sei, das schon jetzt manchmal
+versuchte, die andern zu tyrannisieren. Aber trotzdem
+hatte es helles Glück in das Heim seiner Pflegeeltern
+gebracht, es war der Mittelpunkt, um den sich alles
+drehte, und wuchs frisch und fröhlich auf, nicht ahnend,
+aus welcher trostlosen Umgebung einst sein junges Leben
+hierher verpflanzt worden war.
+</p>
+
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+<p>
+So vergingen die Jahre – schnell, wie im Fluge!
+Sie brachten Freuden und Leiden in ihrem Gefolge mit
+sich und teilten diese Gaben bald nach Verdienst, bald
+ungerecht aus. Der eine bekam mehr vom Regen, der
+andre mehr vom Sonnenschein, dem einen erschien das
+Glück früher, dem andern später und manchem nie.
+</p>
+
+<p>
+Auch an unsern Freunden zog die Zeit in buntem
+Wechsel vorüber, frohe und trübe Tage waren in das
+Meer der Vergangenheit gesunken – einer nach dem
+<pb n='166'/><anchor id='Pgp0171'/>andern. Ganz verschont hatte das Schicksal keinen, aber
+unerbittlich hart war es nur in der Familie des Superintendenten
+aufgetreten, als dunkle, schwere Wolke lagerte
+es jahrelang über ihnen.
+</p>
+
+<p>
+Wie wir wissen, glaubte Rosi ihren Fritz mit harter
+Strenge erziehen zu müssen, und so wurde aus dem fröhlichen,
+frischen Kinde schließlich ein stiller, verschlossener
+Junge. An den Vergnügungen seiner Schulkameraden
+durfte er meistens nicht teilnehmen, weil es in der Schule
+mit ihm noch immer nicht besser gehen wollte. Begreiflicherweise,
+denn infolge der zu großen Strenge fehlte ihm
+jeder Eifer, alle Lust und Liebe zum Lernen. An seinem
+Vater hatte er nur einen schwachen Halt, auch war derselbe
+in den letzten Jahren mit Arbeit sehr überbürdet
+und konnte sich seiner Familie nicht so widmen, wie er
+wohl wünschte. Rosi war wie mit Blindheit geschlagen!
+Durch fortwährende Strafpredigten glaubte sie etwas erreichen
+zu können und ahnte nicht, was sie damit in der
+jungen Seele anrichtete. Fritz stand wie unter einem
+schweren Drucke, und doch regte sich die Lebenslust mächtig
+in ihm; er hätte hinauslaufen mögen, weit weg; er fühlte
+oft den unwiderstehlichen Drang, die strengen Fesseln zu
+zerreißen. Und immer häufiger kamen solche Gedanken
+wieder, und nahmen mehr und mehr Besitz von ihm. Die
+weite Welt stand verführerisch lockend vor seinen Blicken. –
+</p>
+
+<p>
+Eines Tages kam er aus der Schule nicht mehr nach
+Hause – er war damals fünfzehn Jahre alt. Tage,
+Wochen, Monate vergingen, ohne daß die angestellten
+<pb n='167'/><anchor id='Pgp0172'/>Nachforschungen irgend einen Erfolg gehabt hätten –
+er war und blieb verschollen. Tief gebeugt wiederholte
+Rosi immer die Worte: <q>Gottes Hand ruht schwer auf
+uns.</q> Ob sie sich wohl innerlich Vorwürfe machte, oder
+das Unglück nur als eine Fügung des Himmels ansah?
+Von ihrem Manne hörte sie kein Wort des Tadels. Er,
+den die schwere Prüfung ganz niederdrückte, suchte doch
+immer nach einem Troste für Rosi und klagte sich selbst
+wegen seiner Schwäche an, ihr in den letzten Jahren die
+Erziehung des Jungen fast allein überlassen zu haben.
+Tante Emilie ihrerseits versuchte Rosi jeden Zweifel
+dadurch zu benehmen, daß sie sagte, Fritz wäre nun
+einmal leichtsinnig veranlagt gewesen und sie habe so
+etwas schon immer kommen sehen. Aber solche Worte
+fanden doch nur einen kurzen Wiederhall in dem betrübten
+Mutterherzen. Eine drückende Schwüle herrschte in dem
+Pastorenhause seit dem Unglück. Auch jetzt nach Jahren
+noch, als Elisabeth zu einem jungen Mädchen herangewachsen
+war, konnten sich Rosi und ihr Mann nicht
+entschließen, sie in die Welt einzuführen. –
+</p>
+
+<p>
+Freundlicher sah es bei Gontraus aus. Dort
+brachten Ruth und Marianne, jetzt im achtzehnten und
+siebenzehnten Lebensjahre stehend, Lust und Fröhlichkeit
+ins Haus. Zu blühenden, lieblichen Geschöpfen waren
+sie herangewachsen; etwas Verschiedenartigeres aber, als
+diese beiden Schwestern, konnte man sich nicht denken.
+Die jüngere blond, rosig, zierlich, die ältere groß, schlank,
+eigenartig, mit dunklen, sprechenden Augen und einem
+<pb n='168'/><anchor id='Pgp0173'/>ewig wechselnden Mienenspiel. Viele fanden Marianne
+schöner, wozu auch wohl ihr liebenswürdiges, sanftes
+Wesen beitrug. Ruth dagegen mit ihrem lebhaften Temperament
+war nicht so bequem für den Verkehr, und Ilse
+hatte manchmal ihre liebe Not, den leidenschaftlichen,
+aufbrausenden Sinn derselben zu dämmen. Wie oft
+mußte sie sich von Leo necken lassen, wenn sie über Ruth
+klagte und er antwortete: <q>Ganz die Mutter.</q> Aber daß
+aus ihr nicht ein gleicher Trotzkopf wurde, wie sie es einst
+gewesen war, dafür hatte sie gesorgt und ihrem Kinde
+dadurch viel schwere Stunden erspart. Die alte Kinderfreundschaft
+zwischen Onkel Heinz und Ruth bestand noch
+immer, er war ihr bester Vertrauter, und man mußte
+sich nur wundern, mit welcher Liebe, mit welchem Verständnis
+er in dem jungen Mädchenherzen zu lesen wußte.
+Wenn man sie fragte: <q>Wer ist deine beste Freundin?</q>
+antwortete sie: <q>Onkel Heinz!</q> Von ihm ließ sie sich weit
+mehr sagen, als von andern, trotzdem er oft nicht gerade
+den rücksichtsvollsten Ton anschlug. Ilse war jetzt eine
+Frau Professor geworden, aber auch unter dieser neuen
+Würde hatte sie sich ihren frischen, natürlichen Sinn erhalten.
+Die Jahre hatten ihr wohl äußere und innere
+Veränderungen gebracht, aber den Grundton ihres
+Charakters konnten sie nicht verwischen. Sie war der
+Mittelpunkt im Hause, um den sich alles drehte, ihr
+Mann vergötterte sie noch immer, und ihre Töchter
+liebten sie, wie nur Kinder eine Mutter zärtlich lieben
+können; sie war ihnen Mutter und Freundin zugleich.
+</p>
+
+<pb n='169'/><anchor id='Pgp0174'/>
+
+<p>
+So war denn der Tag herangekommen, den Leo
+schon herbeigesehnt hatte, als Ruth und Marianne noch
+kleine Mädchen waren, der Tag, an dem er sie auf den
+ersten Ball führen konnte.
+</p>
+
+<p>
+Der erste Ball! Welches Zauberwort für ein junges
+Mädchenherz! Marianne und Floras Zwillinge, die schon
+seit einigen Wochen bei Gontraus zum Besuche waren,
+befanden sich denn auch in heller Aufregung, selbst Ilse
+schien von dem Ballfieber mit angesteckt zu sein. Sogar
+Leo war nicht ganz unberührt davon geblieben; als er
+aber beim Mittagessen fragte, ob die Toiletten der Kinder
+auch in Ordnung wären, brachen die jungen Mädchen in
+ein unsinniges Gelächter aus, denn eine solche Frage
+von ihm war etwas ganz Ungewöhnliches. Nur Ruth
+fand es lächerlich, sich um einen <q>lumpigen Ball</q>, wie
+sie sagte, so aufzuregen.
+</p>
+
+<p>
+Gegen Abend kam Nellie, die treue Seele, mit
+Ännchen, das inzwischen ein großes Mädchen geworden
+war, um, wie immer, wenn es etwas Besonderes zu tun
+gab, zu helfen, denn vier kleine Balldamen herzurichten,
+war keine Kleinigkeit.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun fang nur auch an, Ruth, du wirst sonst nicht
+fertig,</q> sagte die Direktorin, als dieselbe noch immer
+keine Miene machte, mit ihrer Toilette zu beginnen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, Tante, langes Anziehen ist mir
+verhaßt, ich werde noch früh genug fertig,</q> rief das
+junge Mädchen und sah etwas spöttisch lächelnd auf die
+Schwester und die Freundinnen, die schon eifrig dabei
+<pb n='170'/><anchor id='Pgp0175'/>waren, sich zu putzen, und deren Wangen vor Eifer
+glühten. Sie war doch ganz anders geartet, als sonst
+die Mädchen ihres Alters, deren Interessen sie meist
+nicht teilte. So hatte sie auch darauf bestanden, mit
+Marianne nicht gleich gekleidet auf den Ball zu gehen,
+was diese sehnlich wünschte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Himmels willen, nur nicht wie zwei Inseparables,</q>
+hatte Ruth gesagt, als die Rede davon war,
+<q>wir sind so grundverschieden, und ich weiß genau, daß
+wir in der Auswahl der Farben nicht übereinstimmen
+würden, fügen aber würde ich mich nicht. Was würdest
+du z. B. für eine Farbe wählen, Marianne?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ruth, Ruth, nur nicht gleich so herrschsüchtig,</q>
+hatte Ilse gemahnt; aber als Marianne antwortete, sie
+liebe rosa so sehr, da war sie doch wieder aufgebraust.
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich rosa! Ich dachte es mir doch; da
+würde ich dir ja hübsch zur Folie dienen. Ich und ein
+rosa Kleid mit meinem Teint! Eine solche Geschmacklosigkeit!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Einem jungen Mädchen steht alles,</q> hatte Marianne
+in weisem Tone erwidert.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na ja, natürlich! Wie kann man nur eine solche
+Phrase wiederholen, das ist einfach dumm. Natürlich du
+mit deiner rosigen Haut wirst wie ein Pfingströschen
+aussehen – aber ich! Mache doch nur die Augen auf
+und denke dir eine solche Farbenzusammenstellung!</q>
+</p>
+
+<p>
+Und so war es fortgegangen, bis Marianne in
+Tränen ausbrach und Ruth sie nun auf alle Weise zu
+<pb n='171'/><anchor id='Pgp0176'/>trösten versuchte, denn sie liebte ihre blonde Schwester
+trotzdem zärtlich. Doch dazwischen hatte sie geklagt, ihr
+würde immer gleich alles übelgenommen, niemand verstände
+sie. Warum gerade sie wie eine Vogelscheuche aussehen
+sollte, während Marianne natürlich einem Engel
+gleichen würde. Hätte nicht Nellie mit der trockenen
+Bemerkung: sie habe noch nie eine Vogelscheuche in einem
+rosenroten Ballkleide gesehen, Ruths Redefluß ein Ende
+gemacht, so wären deren leidenschaftliche Ansprüche und
+Mariannes Tränen gewiß noch lange nicht versiegt. So
+aber hatten beide lachen müssen, und die Toilettenfrage
+hatte in Ruhe erledigt werden können.
+</p>
+
+<p>
+Floras Zwillinge waren zwei ebenso frische, rotbäckige
+Mädchen geworden, wie sie zwei frische, rotbäckige
+Kinder gewesen waren, und als sie jetzt in ihren
+blauen Ballgewändern neben der in rosa Seide gekleideten
+Marianne standen, mußte man sich über diese drei anmutigen
+Mädchenblüten freuen. Und was war natürlicher,
+als daß in Ilse sowohl als in Nellie durch diesen
+Anblick die Erinnerung geweckt wurde, wie sie sich zum
+ersten Balle in der Pension geschmückt hatten, und daß
+sie nun zum Ergötzen der Kinder davon erzählten.
+</p>
+
+<p>
+Mitten in das lebhafte Sprechen und Lachen hinein
+ertönten plötzlich aus dem Nebenzimmer die Klänge eines
+Flügels und Ruths Stimme.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das ist wieder echt wie Ruth, setzt sich hin und
+singt und denkt gar nicht an den Ball; am liebsten säße
+sie überhaupt den ganzen Tag am Flügel. Es ist ja
+<pb n='172'/><anchor id='Pgp0177'/>die höchste Zeit, daß sie sich anzieht,</q> sagte Ilse, aber
+unwillkürlich lauschte sie doch mit den andern eine Weile
+auf die vollen herrlichen Töne, und als sie endlich eindrangen
+zu der Sängerin, fanden sie dieselbe schon fix
+und fertig angezogen. Neugierig wurde sie von der
+Schwester und den Freundinnen umringt, besehen und
+bewundert. In ihrem einfachen, weißen Kleide sah sie
+reizend aus; ohne jeden Schmuck, ohne Blumen hatte
+sie etwas Keusches, Unnahbares.
+</p>
+
+<p>
+Die andern drei Balldamen rümpften allerdings die
+Nase über den gar zu einfachen Anzug; die eine riet
+noch zu einer Korallenkette um den Hals, die andre zu
+Blumen im Haar.
+</p>
+
+<p>
+Ruth lehnte alles ab.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kinder, laßt mich in Ruhe, ich tue ja doch, was
+ich will!</q> rief sie.
+</p>
+
+<p>
+In diesem Augenblick erschien das Mädchen mit
+zwei wundervollen Bouquets, das eine ganz aus rosa,
+das andre aus weißen Blüten. Marianne wurde wie mit
+Purpur übergossen, als sie die Karte las, die in den
+Blumen steckte. <q>Von Herrn Jansen,</q> sagte sie strahlend
+und betrachtete das weiße Blättchen Papier noch eingehender,
+als den kostbaren Strauß.
+</p>
+
+<p>
+Herr Jansen, der Sohn des besten Jugendfreundes
+von Onkel Heinz war vor einiger Zeit aus den Tropen
+zurückgekehrt, wo er sich als Kaufmann ein bedeutendes
+Vermögen erworben hatte, und durch den Professor bei
+Gontraus einführt worden. Er verkehrte in dieser
+<pb n='173'/><anchor id='Pgp0178'/>Familie ebensoviel und ebensogern, wie Onkel Heinz, und
+auch heute war er von Leo zu dem ersten Balle seiner
+Töchter eingeladen worden.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden jungen Mädchen hielten noch immer die
+duftende Spende in den Händen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sieh nur, Mama, der entzückende weiße Flieder,</q>
+rief Ruth, und Marianne zeigte Nellie wohl zum zehnten
+Male schon, wie herrlich die roten Kamelien in ihrem
+Strauße wären. Dazwischen tönten die kräftigen Stimmen
+der Zwillinge: <q>O, wie reizend, himmlisch, süß,</q> und
+Ännchen lief bald hierhin, bald dorthin, um alles aufs
+Genaueste zu sehen und zu hören.
+</p>
+
+<p>
+Der Kranz von strahlenden, freudig erregten Mädchengesichtern
+war in der Tat ein entzückender Anblick, und
+selbst Onkel Heinz schien Empfindung dafür zu haben,
+denn als er jetzt die Türe öffnete, blieb er wie angewurzelt
+in derselben stehen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Alle Wetter, ist das ein Staat!</q> rief er endlich
+laut.
+</p>
+
+<p>
+Alle drehten sich um, und Ruth flog ihm entgegen.
+Mit Lachen und Jubeln, wie sie es als Kinder getan,
+umzingelten ihn nun auch die andern jungen Dinger.
+Wahrhaftig, so viel Jugend und Lieblichkeit auf einmal
+wurde einem alten Junggesellen nicht so leicht geboten,
+und er konnte sich wohl darüber freuen. Im Grunde
+genommen schien er das auch zu tun, denn sein schmunzelndes
+Gesicht paßte nicht recht zu seinen abwehrenden Bewegungen.
+Zwischen den hellen Farben rings um ihn
+<pb n='174'/><anchor id='Pgp0179'/>herum stach seine dunkle Gestalt ab, wie ein schwarzer
+Käfer auf bunten Blütenblättern.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, gefalle ich dir?</q> – <q>Wie findest du
+mein Kleid, steht es mir wohl gut?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, habe ich auch nicht zu rote Backen?</q>
+So rief und fragte es von allen Seiten, und immer enger
+wurde er von den jungen Mädchen umschlossen, immer
+eindringlicher bestürmten sie ihn mit Fragen; er wußte
+schließlich weder aus noch ein und hielt sich mit beiden
+Händen die Ohren zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>Scheußlich seht ihr alle aus,</q> platzte er endlich
+hervor und hoffte wahrscheinlich durch diese derbe Kritik
+von den Quälgeistern befreit zu werden; aber darin hatte
+er sich getäuscht, nun ging es erst recht los.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, sage doch ehrlich, sehen wir wirklich
+scheußlich aus?</q> – <q>Ist das dein Ernst?</q> – <q>Gefallen
+wir dir nicht?</q> so schwirrte es von neuem durcheinander.
+</p>
+
+<p>
+<q>Findest du, daß mir Rosa gut steht?</q> fragte
+Marianne, und ihre Augen hatten dabei einen so süß
+bittenden Ausdruck, daß der Professor nicht widerstehen
+konnte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, es geht!</q> antwortete er und betrachtete sie
+eingehend. <q>Aber sage mal, du mußt etwas um den
+Hals binden, du erkältest dich ja sonst. Herr Gott, was
+ist das überhaupt für eine Verrücktheit, sich so anzuziehen!
+In euren Hauskleidern gefallt ihr mir viel besser. Ihr
+werdet euch mit dem bloßen Hals und den nackten Armen
+einen schönen Schnupfen holen.</q>
+</p>
+
+<pb n='175'/><anchor id='Pgp0180'/>
+
+<p>
+Da gab es wieder zu lachen über eine solche
+Ansicht.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wen findest du denn am hübschesten, Onkel Heinz?</q>
+fragte Thusnelda.
+</p>
+
+<p>
+Seine Blicke schweiften umher und blieben an seinem
+Lieblinge Ruth haften; er brauchte deshalb gar keine
+Antwort zu geben.
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich Ruth, das haben wir uns gleich gedacht!</q>
+riefen sie alle.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, hättest du für mich vielleicht ein
+weißes Kleid hübscher gefunden?</q> fragte Marianne.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja Kind, wie die Frauenzimmer zu einem Balle
+angezogen sein müssen, weiß ich wahrhaftig nicht, das
+verstehe ich nicht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Bist du denn nie auf einem Balle gewesen?</q> fragte
+Marianne.
+</p>
+
+<p>
+Nun war es Onkel Heinz, der in ein homerisches
+Gelächter ausbrach.
+</p>
+
+<p>
+<q>Gott sei Dank, nein! Zu solchen unnützen Geschichten
+habe ich mein Lebtag keine Zeit gehabt, ich
+hatte Besseres zu tun.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Weißt du was, Onkel Heinz,</q> schlug Ruth vor,
+<q>komm mit auf den Ball, denn bevor du einmal einen
+kennen gelernt hast, kannst du doch gar nicht darüber
+urteilen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, komm mit!</q> riefen nun auch die andern.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich tanze so viel Tänze mit dir, wie du willst.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Und ich bringe dir den schönsten Kotillonorden.</q>
+</p>
+
+<pb n='176'/><anchor id='Pgp0181'/>
+
+<p>
+<q>Mich darfst du zu Tische führen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wir wollen überhaupt tun, was du willst.</q>
+</p>
+
+<p>
+Sie überboten sich in verlockenden Aussichten, und
+wieder ragte der Professor als schwarzer Punkt aus ihrer
+hellen, duftigen Mitte hervor.
+</p>
+
+<p>
+<q>Kröten, so laßt mich endlich in Ruhe, ihr seid ja
+außer Rand und Band!</q> rief er, sie zurückdrängend.
+</p>
+
+<p>
+Bei dem lebhaften Durcheinandersprechen hatte man
+ganz überhört, daß die Türe geöffnet wurde, bis Ilse
+plötzlich Herrn Jansen andächtig auf der Schwelle stehen
+sah. Ihn bannte dort das reizende Bild, das er erblickte,
+und mit neidischen Augen betrachtete er Onkel
+Heinz in dem blühenden Mädchenkranze.
+</p>
+
+<p>
+Ilse ging ihm entgegen, und die kleinen Balldamen
+stoben nach allen Seiten auseinander, als die hohe Gestalt
+näher kam. In Mariannes Antlitz aber stieg eine
+heiße Blutwelle bei seiner herzlichen Begrüßung, doch
+bewundernd blieb sein Blick an Ruth hängen, deren
+Hand noch in des Professors Arm lag. Die schlanke,
+weiße Gestalt schien ihn ungemein zu fesseln, und er
+nahm ihre zum Gruße dargebotene Rechte mit großer
+Wärme entgegen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du bist zu beneiden, Onkel,</q> sagte er halblaut.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt kam auch Leo ins Zimmer, im feierlich schwarzen
+Anzuge, mit weißer Krawatte, und drängte zur Eile, die
+Wagen ständen bereits vor der Türe.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, nun macht nur,</q> mahnte sogar Onkel Heinz,
+<q>Tänzer werdet ihr wohl nicht mehr bekommen.</q>
+</p>
+
+<pb n='177'/><anchor id='Pgp0182'/>
+
+<p>
+<q>Onkel, daß du nicht mitkommen willst, ist aber
+doch jammerschade; jetzt habe ich gar keine Lust mehr zu
+dem Balle,</q> meinte Ruth.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, daß du sagst, du habest zu solchem Unsinn
+keine Lust, ist wenigstens mal ein vernünftiges
+Wort,</q> erwiderte der Professor. <q>Aber es geht nun
+doch nicht anders, du mußt mit, du armes Opferlamm.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz,</q> rief Ruth freudig, als hätte sie
+plötzlich einen guten Einfall bekommen, <q>weißt du was?
+Du bleibst hier, und ich bleibe bei dir, und wir beide
+verleben einen recht gemütlichen Abend zusammen. Ach,
+das wäre reizend!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Und was würde aus meinem versprochenen Walzer?</q>
+fragte Herr Jansen.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, da könnte mich ja Marianne vertreten,</q> gab
+sie zur Antwort und schmiegte sich zärtlich an den Professor.
+<q>Onkel Heinz, ich bleibe bei dir und singe dir
+alle deine Lieblingslieder vor.</q>
+</p>
+
+<p>
+Etwas wie Rührung flog nun doch über das Gesicht
+von Onkel Heinz, und seine Stimme klang seltsam
+weich, als er sagte:
+</p>
+
+<p>
+<q>Alte Kröte du! Auf dem Ball wirst du dich doch
+wohl besser amüsieren, als mit mir alten, langweiligen
+Knaben hier zu Hause. Nein, nein, gehe nur, dieser
+Unsinn gehört nun einmal mit zum Leben, wie so viele
+andre unnütze Geschichten. Ich gehe nach Hause und
+lese, das ist mir doch das liebste. Morgen vormittag
+<pb n='178'/><anchor id='Pgp0183'/>komme ich dann mal vor und lasse mir von eurer
+Hopserei berichten. Alte, gute Kröte du!</q>
+</p>
+
+<p>
+Er klopfte sie zärtlich auf die Backe.
+</p>
+
+<p>
+Marianne und die Zwillinge waren inzwischen warm
+eingepackt worden, was für sie wieder eine Sache von
+größter Wichtigkeit gewesen war. Diese Angst, daß die
+Kleider und Blumen zerdrückt werden möchten – es
+war eine große Not. Leo stand mit der Uhr in der
+Hand dabei, während die geschäftigen Hände in fieberhafter
+Unruhe flogen, und durcheinander rief es:
+</p>
+
+<p>
+<q>Wo habt ihr denn meinen Strauß hingelegt?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Beste Tante Nellie, hast du meine Handschuhe
+nicht gesehen?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Thusnelda, du hattest doch noch eben meinen Fächer
+in der Hand!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Mein Taschentuch hatte ich hier auf den Tisch
+gelegt, wer hat es denn fortgenommen?</q>
+</p>
+
+<p>
+Dazwischen drängte Leo, es sei die höchste Zeit, daß
+sie fortkämen; Ilse schalt über die Unordnung, Ännchen
+suchte überall herum, trat dabei auf Hildegards Kleid
+und warf eine Blumenvase um, in welche Marianne ihren
+Strauß gestellt hatte, so daß sich das Wasser über den
+Tisch auf den Fußboden ergoß und alle flüchten mußten
+– kurz und gut, richtete mit ihrer gutgemeinten Hilfe
+nur Unheil an. Nellie aber hatte gar nichts gesagt,
+sondern stillschweigend gesucht und in kurzer Zeit alles
+Fehlende gefunden.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, ist das eine Wirtschaft! Ich
+<pb n='179'/><anchor id='Pgp0184'/>mache mich aus dem Staube,</q> sagte Onkel Heinz. <q>Adieu,
+Frau Ilse, adieu, Kinder! Na, und viel Vergnügen zu
+der Geschichte. Bist du denn auch warm genug, Kröte?</q>
+fragte er seinen Liebling Ruth und zog ihr dabei das
+weißseidene Kopftuch noch tiefer in die Stirn.
+</p>
+
+<p>
+Die übrigen waren bereits die Treppe hinabgestürmt,
+nur Nellie stand noch oben und verabschiedete sich von
+Ännchen. Immer wieder küßten sich die beiden und
+konnten sich nicht von einander trennen, bis es von
+unten rief:
+</p>
+
+<p>
+<q>Ruth und Nellie, so kommt doch, wo bleibt ihr
+denn?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wir kommen, wir kommen!</q>
+</p>
+
+<p>
+Eiligst liefen beide hinunter, langsamer folgte ihnen
+Onkel Heinz. Von der Straße her schallten noch lebhafte
+Stimmen, dann hörte man das Zuklappen der Wagentüren,
+das schnelle Rollen der Räder, und nun war
+alles still. –
+</p>
+
+<p>
+Der Professor hatte seinen Pelzkragen dicht über die
+Ohren gezogen und die Hände tief in die warmen Taschen
+vergraben. Gemessenen Schrittes ging er die Straße
+hinab. Mit dem Lesen heute abend schien er es nicht sehr
+eilig zu haben, denn er schlenderte noch eine Zeitlang in
+den hellerleuchteten Straßen umher, und ging dann in das
+Lokal, wo er seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte. Einsam
+verzehrte er sein Nachtessen und blieb den Abend über
+da. Der Kellner brachte ihm wie gewöhnlich die Zeitungen,
+er legte sie aber beiseite und schaute – die eine
+<pb n='180'/><anchor id='Pgp0185'/>Hand am Henkel seines Bierglases – nachdenklich vor
+sich hin. Ein paar Male schüttelte er den Kopf und sagte
+leise: Unsinn, Unsinn. Aber in der Seele dieses Hagestolzen
+erschien doch in dem verstecktesten Winkel etwas wie
+ein lichter Punkt, der aus dem Dunkel auftauchte; und
+dieser Punkt nahm eine feste Gestalt an, und diese Gestalt
+schwebte in hellen, gemütlichen Räumen ordnend, verschönend
+umher und drang auch in ein stilles Studierzimmer,
+in welchem ein Mann saß und arbeitete. Und
+auf einmal wurde alles freundlich und glänzend, und der
+Lichtschein fiel auf die Gestalt des einsamen Mannes, der
+davon wie magisch angezogen wurde; er ließ Bücher und
+Schriften liegen und ging ihm nach, bis er in einen lichten
+Raum kam, wo das Feuer im Ofen knisterte, Blumen
+dufteten, ein gedeckter Tisch stand, und liebevolle Hände
+bereit waren ihn zu hegen und zu pflegen. Unwillkürlich
+machte Onkel Heinz eine heftige Bewegung, als er zum
+Bewußtsein dieser Träume gelangte, und nun flohen die
+Bilder und Gestalten, der helle Glanz verblaßte, und es
+erschien wieder sein düsteres Studierzimmer mit den strengen,
+langen Bücherreihen, der ausgegangene Ofen und die
+schlechtbrennende Lampe. Dieses letzte Bild sollte bald
+zur Wirklichkeit werden, denn nachdem Onkel Heinz sein
+Bier ausgetrunken und bezahlt hatte, kroch er wieder in
+seinen Pelz, den ihm der Kellner diensteifrig anziehen half,
+und ging dann heim. Doch zum Arbeiten und Lesen
+konnte er sich heute abend nicht mehr entschließen; auch
+war es zu kalt dazu im Zimmer, der Ofen war – wie
+<pb n='181'/><anchor id='Pgp0186'/>gewöhnlich – ausgegangen, und die Lampe hatte – wie
+gewöhnlich – gequalmt. Er begab sich deshalb zur Ruhe,
+aber der Schlaf wollte nicht kommen; wohl versuchte er,
+sich in eine wissenschaftliche Idee zu versenken, aber es
+gelang nicht, denn er sah fortwährend luftige Gestalten
+an sich vorübergaukeln, und sein Traum von vorhin wiederholte
+sich noch einmal. <q>Unsinn, Unsinn,</q> murmelte er
+und warf sich im Bett umher, bis er endlich doch einschlief.
+</p>
+
+<p>
+Am andern Morgen, als es noch dämmerte, wurde
+er von seiner Aufwärterin geweckt, wie an jedem andern
+Morgen auch. Aber heute war er ärgerlich darüber und
+mit nichts zufrieden. Die Frau hatte an diesem Tage
+wiederholt Anlaß, ihrer Busenfreundin, der Müllern, ihr
+Herz auszuschütten und ihr zu klagen, wie böse der Herr
+Professor heute gewesen sei, so schlecht hätte er sie noch
+niemals behandelt. Über den Kaffee habe er geschimpft,
+der Ofen sei nicht schnell genug warm geworden, die Lampe
+müsse besser geputzt werden. Und sogar über den Staub
+im Zimmer, von dem er noch nie etwas bemerkt habe,
+hätte er heute gescholten, kurz, nichts sei ihm recht gewesen.
+</p>
+
+<p>
+Während Onkel Heinz einen so ungemütlichen Abend
+verbrachte, hatte seine Freunde Lust und Lebensfreude
+umgeben.
+</p>
+
+<p>
+Mit Zittern und Zagen hatten die Zwillinge und
+Marianne den Ballsaal betreten, und selbst Ruths Herz
+schlug höher, als sie in dem glänzenden Raume stand.
+Der Sorge um Tänzer waren die jungen Mädchen bald
+<pb n='182'/><anchor id='Pgp0187'/>überhoben, denn schon nach kurzer Zeit zeigten sie sich
+untereinander die mit Namen dicht besetzten Ballkarten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, Nellie, nun sind wir Ballmütter,</q> sagte
+Ilse lachend, als sie in den Reihen, welche für die
+älteren Damen bestimmt waren, Platz nahmen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Macht nichts, wenn wir alte Mütter werden, ist
+auch fein,</q> sagte Nellie; aber als die beiden unzertrennlichen
+Freundinnen jetzt so beisammensaßen, sahen sie
+durchaus noch nicht aus wie <q>alte Mütter</q>. Das Glück,
+das aus beider Augen strahlte, als Ruth und Marianne
+im Tanze anmutig an ihnen vorbeischwebten, der Stolz,
+mit dem sie ihnen nachblickten, verjüngte und verschönte
+sie merkwürdig.
+</p>
+
+<p>
+Leo und Althoff hatten eine Zeitlang dem bunten
+Treiben zugesehen, zogen sich dann aber ins Nebenzimmer
+zurück, wo sie bei einem Glase Bier gemütlich ihre
+Zigarre rauchten und schwatzten. Den Ballstaub von
+Anfang bis zum Ende geduldig zu schlucken, versteht
+eben nur eine Mutter.
+</p>
+
+<p>
+Herr Jansen schien an diesem Abend wie bezaubert
+von Ruth. Seine Blicke suchten sie, wenn sie im bunten
+Gewühle verschwand, bis er sie gefunden hatte, und so
+oft es ging, näherte er sich ihr; dann plauderten und
+lachten sie zusammen und kritisierten die Anwesenden.
+Aber wenn ihn Ruth auf dieses oder jenes hübsche
+Mädchen aufmerksam machte, so fand er sie alle häßlich
+oder unbedeutend, und seine Augen sagten deutlich genug,
+wen er einzig und allein schön fände. Konnte er nicht
+<pb n='183'/><anchor id='Pgp0188'/>mit ihr plaudern oder tanzen, so suchte er Marianne
+auf, um so bald als möglich das Gespräch auf ihre
+Schwester zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Arme, kleine Marianne, wenn doch ein guter Geist
+dir die Augen öffnen möchte! Es ist nur zu wahr, die
+Liebe macht blind.
+</p>
+
+<p>
+In dem Herzen von Marianne hatte sich vom ersten
+Tage an, als Onkel Heinz Herrn Jansen bei ihren Eltern
+einführte, eine stille Neigung für diesen eingeschlichen,
+die von Tag zu Tag wie ein gut gehegtes Pflänzchen
+mehr und mehr emporwuchs. Seine Worte fielen wie
+Tau auf diese Herzensblume, seine Freundlichkeiten waren
+der Sonnenschein, unter welchem sie gedieh und immer
+festere Wurzeln in der jungen Seele faßte. Arme
+Marianne!
+</p>
+
+<p>
+So waren auch heute abend die Artigkeiten, welche
+Herr Jansen ihr erwies, neue Nahrung für ihre
+Neigung und sie merkte nicht, daß es ja die
+Schwester war, welche sein Herz ganz und gar gefangen
+hielt.
+</p>
+
+<p>
+Der Ball nahte sich seinem Ende! Die Zwillinge
+hatten sich erhitzt und erschöpft mit hochroten Wangen auf
+einem der Diwans niedergelassen und tauschten gegenseitig
+ihre Erlebnisse aus; Marianne wandelte mit Ilse und
+Tante Nellie zusammen auf und ab, und ihr glückstrahlendes
+Gesicht sprach deutlich genug von den Gefühlen, welche
+ihr Inneres erfüllten. Währenddem hatte sich Ruth von
+Herrn Jansen ein Gläschen Eis holen lassen, das sie nun,
+<pb n='184'/><anchor id='Pgp0189'/>nachdem sie in einer der kleinen Pflanzennischen Platz
+genommen hatte, mit Behagen verzehrte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es ist doch sehr, sehr hübsch heute abend; ich
+amüsiere mich wenigstens herrlich, Sie auch?</q> fragte Ruth
+vergnügt den jungen Mann, der sich an ihrer Seite
+niedergelassen hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Für mich war es der schönste Abend meines Lebens,
+Fräulein Ruth,</q> erwiderte er.
+</p>
+
+<p>
+<q>Da haben Sie wohl noch nicht viel Bälle mitgemacht?
+In Indien gibt es wahrscheinlich so etwas
+nicht?</q> erkundigte sie sich.
+</p>
+
+<p>
+<q>Und wenn ich hundert Bälle mitgemacht hätte, so
+würde dieser doch der schönste für mich sein,</q> antwortete
+er mit Nachdruck.
+</p>
+
+<p>
+<q>So, und warum denn?</q>
+</p>
+
+<p>
+Diese Frage klang durchaus einfach und unbefangen,
+denn Ruth war wirklich gänzlich ohne Arg über die Beziehung,
+welche seine Worte enthalten hatten. Er war
+ein Freund ihrer Eltern, ihres Hauses, und was für sie
+sehr ins Gewicht fiel, der Sohn des Jugendfreundes von
+Onkel Heinz. Aus diesem Grunde war sie stets zuvorkommend
+und freundlich gegen ihn gewesen; aber daß er
+etwas andres in ihr erblicken könnte als eine Freundin,
+war ihr noch nie in den Sinn gekommen. Deshalb erschrak
+sie auch im höchsten Grade, als er ihr jetzt mit
+vor Erregung zitternder Stimme antwortete: <q>Weil Sie
+hier sind!</q> und die verhängnisvolle Frage daran knüpfte:
+<q>Haben Sie mich denn nicht gern, Fräulein Ruth?</q>
+</p>
+
+<pb n='185'/><anchor id='Pgp0190'/>
+
+<p>
+Da wurde es ihr auf einmal ganz ängstlich zu Mute,
+verlegen stand sie auf und wünschte zu den Ihrigen geführt
+zu werden.
+</p>
+
+<p>
+<q>Haben Sie mich denn nicht gern?</q> wiederholte er
+eindringlich seine vorige Frage, und mechanisch antwortete
+sie hastig: <q>O ja, doch, natürlich.</q>
+</p>
+
+<p>
+Ohne seinen Arm, den er ihr bot, anzunehmen, eilte
+sie nach diesen Worten rasch voraus.
+</p>
+
+<p>
+Als sie kurze Zeit darauf zur Heimfahrt in den
+Wagen stieg, nahm er ihre Hand und drückte sie zärtlich
+an seine Lippen. Während aber die Schwester und die
+Zwillinge unterwegs lebhaft über ihre Erlebnisse vom
+heutigen Abend plauderten, war sie schweigsam und einsilbig.
+Aus Mariannes Mund tönte der Name dessen,
+mit dem sie sich gerade beschäftigte, oftmals an ihr Ohr.
+Ganz klar war es ihr doch nicht, was er gewollt hatte;
+aber schließlich – warum sollte er sie denn nicht fragen,
+ob sie ihn gern habe? Und darauf konnte sie ihm doch
+nur mit einem <q>Ja</q> antworten; sie hatte ihn ja wirklich
+gern, sehr gern sogar. Er war ein kluger, interessanter
+Mann, ganz anders wie die meisten Herren ihrer
+Bekanntschaft; sie konnte sich mit ihm prächtig unterhalten
+und empfand eine Art schwesterlicher Zuneigung für ihn.
+Und er? Ach was, er hatte seine Frage gewiß völlig
+harmlos gemeint, so viel wußte sie doch auch, daß eine
+Liebeserklärung ganz anders lautete, – wie sollte er
+überhaupt dazu kommen, ihr einen Antrag zu machen?
+Nein, nein, es würde schon so sein, wie sie dachte.
+<pb n='186'/><anchor id='Pgp0191'/>Mit diesen tröstlichen Gedanken begab sie sich zur Ruhe
+und schlief bald vollständig beruhigt ein in dem festen
+Glauben, daß Herr Jansen nur eine freundschaftliche
+Frage an sie gerichtet habe.
+</p>
+
+<p>
+Marianne dagegen lag, nachdem die Zwillinge endlich
+aufgehört hatten zu schwatzen, noch lange wach. Selige,
+beglückende Gedanken verursachten ihr Herzklopfen und
+raubten ihr den Schlaf; sie wiederholte sich im Geiste
+jedes Wort, das der geliebte Mann gesprochen, und rief
+sich jeden seiner Blicke ins Gedächtnis zurück. Und weiter
+spann sie ihre Träume, die ihr eine unbeschreiblich schöne
+Zukunft vorzauberten, und als sie endlich spät gegen
+Morgen eingeschlafen war, lag es wie ein verklärender
+Schein auf dem holden Mädchenantlitz.
+</p>
+
+<p>
+So beschäftigten sich die Gedanken beider Schwestern
+in dieser Nacht lebhaft mit dem jungen Freunde von
+Onkel Heinz. Beide setzten ihre Hoffnung auf ihn.
+Während aber die eine fest an seine Liebe glaubte,
+wünschte die andre sehnlichst, daß er für sie nur freundschaftliche
+Gefühle hegen möchte. –
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz hatte am andern Morgen keine rechte
+Ruhe. Wie schon erzählt wurde, schalt er seine Aufwärterin
+ein über das andre Mal aus, und als sie fort
+war, ging er prüfend in seinem Zimmer umher. Hier
+und da stellte er einen Stuhl anders, dann rückte er die
+Bilder, die schief an der Wand hingen, zurecht, sortierte
+die unzähligen Papiere, die zerstreut und bestaubt auf
+dem Tische lagen, warf einen Teil davon in den
+Papier<pb n='187'/><anchor id='Pgp0192'/>korb und legte das übrige ordentlich zusammen; auch
+seinen Schreibtisch unterwarf er einer gründlichen Besichtigung,
+deren er wahrlich nötig genug bedurfte. Seiner
+Aufwärterin hatte er bei ihrem Antritte das Machtwort
+entgegengedonnert: <q>Auf dem Schreibtische ein für allemal
+nichts anrühren!</q> was diese auch schnell begriff,
+hatte sie doch viele einzelne Herren zu bedienen und kannte
+diese schwache Seite der Männer hinreichend. Deshalb
+ließ sie auch den Schreibtisch von Onkel Heinz für immer
+in Ruhe, und daß er mit einer dicken Staubschicht überzogen
+war, konnte ihn also eigentlich nicht wundern, war
+ihm auch bis heute, wo er es zum ersten Male bemerkte,
+noch nie aufgefallen. Er blies über die Bücher und
+Schriften, daß die kleinen Staubteilchen lustig in die Höhe
+flogen, schüttelte den Aschenbecher, der bis zum Rande mit
+Asche und Zigarrenresten gefüllt war, in den Kohlenkasten,
+nahm die Bilder der Familie Gontrau – von Ruth und
+Marianne in allen Stadien ihres jungen Lebens – in
+die Hand und betrachtete sie eingehend. Die Gläser waren
+fast undurchsichtig, er wischte sie mit seinem Ärmel ab
+und stellte sie dann wieder an seinen Platz zurück. Schließlich
+ließ er sich an dem gesäuberten Schreibtische nieder,
+um zu arbeiten, aber damit wollte es auch heute morgen
+nicht recht gehen. Überdies hatte er schon eine Menge Zeit
+mit dem Herumstöbern verbummelt, denn als er nach der
+Uhr sah, war es bereits elf Uhr, und er hatte versprochen,
+gegen Mittag bei Gontraus zu sein. Er machte sich deshalb
+fertig und wanderte in der warmen Mittagssonne,
+<pb n='188'/><anchor id='Pgp0194'/>die seinen Pelz nicht gerade in die günstigste Beleuchtung
+setzte, nach den Freunden hin.
+</p>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p0187.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+Aber wenn er hier eitel Lust und Fröhlichkeit zu
+finden hoffte, so hatte er sich getäuscht.
+</p>
+
+<p>
+Als ihm auf sein Klingeln geöffnet wurde und er
+in den Flur trat, ging vorsichtig die Türe auf, die zu
+dem Zimmer der beiden jungen Mädchen führte, und
+Ruths blasses Gesicht wurde in der offenen Spalte sichtbar.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz,</q> rief sie leise, <q>bitte, bitte, komm erst
+zu mir herein.</q>
+</p>
+
+<p>
+Erstaunt sah er den angstvollen Ausdruck ihrer
+Augen und fragte, was denn geschehen sei.
+</p>
+
+<p>
+Sie legte ihm die Hand auf den Mund und zog
+ihn zu sich ins Zimmer herein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was ist denn nur los?</q> fragte er nochmals, als
+sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.
+</p>
+
+<p>
+Statt aller Antwort holte Ruth einen Brief aus
+der Tasche und gab ihn dem Professor.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lies nur, lies nur, Onkel Heinz, es ist ein Brief
+von Herrn Jansen, der eben für mich abgegeben worden
+ist,</q> sagte sie mit bebender Stimme und fuhr dann leidenschaftlich
+fort: <q>Aber siehst du, ich kann ganz gewiß nichts
+dafür, und nicht wahr, wenn ich auch gesagt habe, daß
+ich ihn gern hätte, brauche ich ihn deshalb doch noch nicht
+zu heiraten, nicht wahr, Onkel Heinz?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, nun man sachte, man sachte, ich weiß ja noch
+von gar nichts,</q> unterbrach er sie, indem er den Brief
+auseinanderfaltete und zu lesen begann.
+</p>
+
+<pb n='189'/><anchor id='Pgp0195'/>
+
+<p>
+<q>Ach Gott, es ist schrecklich, ganz schrecklich!</q> klagte
+sie, während er las, und diesen Ausruf wiederholte sie
+in einem fort, während sie erregt im Zimmer auf und
+ab wandelte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja,</q> – sagte Onkel Heinz, als er zu Ende war,
+fuhr mit der Hand über seine grauen Stoppeln und
+drehte an seiner Bartspitze.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun, was sagst du, Onkel Heinz, ist es nicht
+schrecklich?</q> fragte sie angstvoll.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun – schrecklich kann ich das nicht gerade finden,</q>
+gab er lächelnd zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Was soll ich denn aber tun?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja –</q> sagte Onkel Heinz wieder lakonisch und
+kratzte sich hinterm Ohr, indem er sein Gesicht in nachdenkliche
+Falten legte; <q>da ist nun schwer etwas zu
+sagen.</q>
+</p>
+
+<p>
+Ruth hing sich an seinen Arm.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du mußt doch wissen, was ich tun soll, liebster
+Onkel, du weißt ja doch immer alles,</q> sagte sie, ihn
+vertrauensvoll anblickend.
+</p>
+
+<p>
+Der Professor wollte gerade in seiner gewohnten
+Manier losplatzen, <q>daß er besseres zu tun hätte, als
+über solche Dummheiten nachzudenken,</q> hatte aber doch
+wohl das Gefühl, als ob es eine große Ehre für ihn
+wäre, von einem jungen Mädchen in einer so wichtigen
+Angelegenheit um Rat gefragt zu werden. Auch konnte
+er den ängstlich fragenden Augen seines Lieblings nicht
+widerstehen und besann sich deshalb eines andern. Aber
+<pb n='190'/><anchor id='Pgp0196'/>leicht war die Sache nicht – wie sollte er denn nur
+anfangen? Überlegend ging er einige Male im Zimmer
+auf und ab.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, sage mal, Kröte, magst du Jansen denn leiden?</q>
+fragte er endlich.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja natürlich, gewiß, ich habe ihn sehr gern,</q> lautete
+die Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na – dann ist es ja aber ganz einfach, dann
+heirate ihn doch.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber, Onkel Heinz,</q> unterbrach ihn Ruth hastig,
+<q>wenn man jemand auch leiden kann, braucht man ihn
+deshalb ja nicht gleich zu heiraten, oder – meinst du
+doch?</q>
+</p>
+
+<p>
+Ihre Antwort auf Herrn Jansens Frage vom gestrigen
+Abend war ihr auf einmal wieder zentnerschwer aufs
+Herz gefallen. Er hatte dieselbe als eine Zusage genommen,
+wie er in dem soeben erhaltenen Briefe schrieb
+– überglücklich schrieb – und wollte noch am heutigen
+Tage kommen und bei den Eltern um ihre Hand anhalten.
+Siedendheiß überlief es sie bei diesem Gedanken;
+sie wußte gar nicht, was sie tun sollte, und Onkel Heinz
+sagte auch nichts, gab ihr keine Antwort, sie war völlig
+ratlos.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, bitte, sage mir doch, was meinst du
+dazu?</q> wiederholte sie ihre Frage noch einmal dringlich.
+</p>
+
+<p>
+Er machte wieder ein nachdenkliches Gesicht, brachte
+aber nur die nichtssagenden Worte heraus:
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, das ist nicht so leicht,</q> und fuhr dann
+plötz<pb n='191'/><anchor id='Pgp0197'/>lich fort, als wäre ihm auf einmal etwas Wichtiges eingefallen:
+<q>Wie kommt denn Jansen überhaupt dazu, dich
+heiraten zu wollen?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das war so, Onkel Heinz,</q> begann Ruth; <q>gestern
+abend auf dem Balle fragte er mich, ob ich ihn gern
+hätte, und da habe ich ja gesagt, denn es ist doch auch
+wahr. Als ich aber jetzt den Brief von ihm bekam, da
+ist es mir erst klar geworden, wie er seine Frage gemeint
+hat. Muß ich ihn denn nun wohl heiraten?</q>
+</p>
+
+<p>
+Der Professor geriet in keine geringe Klemme. Es
+war ja wahrhaftig viel schwerer, hier eine richtige Lösung
+zu finden, als bei irgend einer noch so verwickelten, wissenschaftlichen
+Frage. Er wußte nicht ein noch aus, und
+Ruth wurde immer dringender.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, gib mir doch eine Antwort,</q> bat sie
+flehentlich.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das kommt nun von solchem Unsinn, wie es ein
+Ball ist; nun muß man sich den Kopf über so dummes
+Zeug zerbrechen,</q> fuhr er barsch heraus; als er aber sah,
+daß Ruth in ihrer Herzensangst die Tränen in die Augen
+stiegen, lenkte er sofort wieder ein. Weibertränen konnte
+er nicht sehen, am wenigsten bei Ruth, die ja Gott sei
+Dank nur selten weinte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na – wir wollen mal sehen, Kröte,</q> sagte er zärtlich,
+<q>was in dieser Sache noch zu machen ist. Ich will
+mit Jansen sprechen, ob er sich darauf einläßt.</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz selbst fühlte, daß seine Antwort etwas
+dunkel und unklar, auch wohl sonst nicht ganz die richtige
+<pb n='192'/><anchor id='Pgp0198'/>war; jedoch Ruth bemerkte das nicht, denn in diesem
+Augenblicke ertönte draußen die Klingel.
+</p>
+
+<p>
+<q>Um Gottes willen, jetzt kommt er, was soll ich denn
+nur tun? Lieber Onkel Heinz, hilf mir doch,</q> rief sie
+und klammerte sich angstvoll an seinen Arm.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hast du denn mit deiner Mutter schon gesprochen,
+Ruth?</q> fragte er und empfand dabei die Beruhigung,
+daß er diesmal etwas ganz Vernünftiges gesagt habe.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, nein, Onkel Heinz! Ich wollte ja gerade
+mit dem Briefe zu ihr gehen, da kamst du, und da wollte
+ich doch erst deine Meinung hören. Jetzt will ich ihr
+aber alles sagen; ach ja, Mutter wird wohl wissen, was
+ich tun muß.</q>
+</p>
+
+<p>
+Und mit diesen Worten eilte sie zur Türe hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Der Professor atmete erleichtert auf; nun war ihm
+ja das schwere Amt des Beraters in Heiratsangelegenheiten
+abgenommen; es war ihm ordentlich heiß dabei
+geworden – da flog die Türe wieder auf, und Ruth
+stürzte aufgeregt herein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, was ist denn schon wieder los?</q> fragte
+Onkel Heinz.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nun ist es zu spät, nun ist es zu spät!</q> jammerte
+sie laut.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, was ist denn zu spät?</q> fragte er.
+</p>
+
+<p>
+<q>Herr Jansen ist da, bei Vater im Zimmer, und
+Mutter ging gerade hinein, als ich in den Flur trat
+– ich konnte sie nicht mehr sprechen. Was soll ich nun
+tun, was soll ich anfangen?</q>
+</p>
+
+<pb n='193'/><anchor id='Pgp0199'/>
+
+<p>
+Onkel Heinz schwieg. Er wußte keinen Rat zu geben,
+trotzdem Ruth ganz unglücklich schien; im nächsten Moment
+schon würde man ja von ihr vielleicht eine wichtige Entscheidung
+fordern, eine Lebensfrage an sie richten, und
+das war doch keine Kleinigkeit. Sie erging sich nun in
+lautem Selbstgespräch, das Onkel Heinz mit fortwährenden
+Randbemerkungen begleitete.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich werde überhaupt nicht heiraten,</q> fing sie an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Das wäre das Vernünftigste, was du tun könntest,
+aber bei euch Frauenzimmern ist es nun doch einmal
+die Hauptsache, das Heiraten,</q> sagte er.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich passe ja gar nicht für die Ehe, ich würde
+einen Mann nur quälen und unglücklich machen,</q> fuhr
+sie fort.
+</p>
+
+<p>
+Der Professor lächelte ironisch über dieses Selbstbekenntnis
+einer edlen Seele.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na – das müßte man doch erst mal abwarten,
+du bist noch lange nicht die schlechteste,</q> sagte er.
+</p>
+
+<p>
+<q>Es brauchen doch nicht alle Menschen zu heiraten,
+– du bist ja auch nicht verheiratet, Onkel Heinz!</q>
+</p>
+
+<p>
+Er machte eine abwehrende Bewegung, aber das
+<q>Nein, nein, Gott sei Dank nicht,</q> kam doch in einem
+Tone heraus, der halb wie ein Erleichterungsseufzer, halb
+wie Bedauern klang, denn auf einmal stand wieder der
+Traum von gestern abend vor seiner Seele – er erblickte
+wieder die freundlichen hellen Räume und als
+Gegensatz sein einsames Studierzimmer. Eifrig fing er
+an, seinen Bart zu drehen, der zwar im Verhältnis zu
+<pb n='194'/><anchor id='Pgp0200'/>dem grauen Kopfe noch dunkel erschien, aber doch auch
+schon von manchem Silberfaden durchzogen war.
+</p>
+
+<p>
+<q>Weißt du, Onkel Heinz,</q> rief Ruth plötzlich und
+sah ihn mit ihren großen, braunen Augen an, <q>wenn ich
+überhaupt je einen Mann nehmen würde, könntest nur du
+es sein, aber Herrn Jansen kann ich nicht heiraten.</q>
+</p>
+
+<p>
+Und weinend flog sie an seinen Hals, umschlang
+ihn mit beiden Armen und ließ ihren Kopf auf seiner
+Schulter ruhen. –
+</p>
+
+<p>
+Nun wußte der Professor nicht, sollte das eine
+Liebeserklärung sein oder nicht? Nein, in was für Situationen
+und Verlegenheiten brachte ihn auch heute morgen
+diese Kröte! Er wußte gar nicht, wie er sich nun in
+dieser neuen Lage wieder benehmen sollte. Und deshalb
+zog er vor zu schweigen und hielt ganz still unter dieser
+zärtlichen Umarmung; aber seine Augen blickten mit hilfesuchendem
+Ausdruck hinter der goldnen Brille hervor;
+zaghaft und unbeholfen, wie ein schüchterner Liebhaber,
+legte er seinen Arm um ihre Taille.
+</p>
+
+<p>
+In dieser Stellung fand Ilse die beiden, als sie
+bald darauf hereinkam. In solcher Pose hatte sie den
+alten Freund denn doch noch nicht gesehen, und ihr
+Gesicht drückte daher ein gerechtes Erstaunen aus. Nun
+geschah auch noch das Unglaubliche, daß Onkel Heinz
+auf seine alten Tage unter dem forschenden Blicke seiner
+besten Freundin, Frau Ilse, errötete und sich fast wie ein
+ertappter alter Sünder vorkam, obgleich er doch nicht das
+geringste dafür konnte, wenn er jetzt so vor ihr stehen
+<pb n='195'/><anchor id='Pgp0201'/>mußte. Daß Ruth ihn umarmte und küßte, war nichts
+Seltenes, aber heute mußte ihre Umarmung doch wohl
+einen ungewöhnlichen Eindruck machen, und er war froh,
+als sie ihn jetzt freigab und ihrer Mutter in die Arme
+sank. Das war ja auch der richtige Platz, um ihr bedrängtes
+Herz zu erleichtern. Unter Weinen und Schluchzen
+erfuhr Ilse bald die ganze Leidensgeschichte; sie mußte
+den Brief lesen, und Ruth ließ sich von ihr unzählige
+Male wiederholen, daß man jemand noch nicht zu heiraten
+brauche, wenn man ihn auch gern hätte. <q>Gernhaben</q>
+und <q>Liebhaben</q> wäre doch ein großer Unterschied,
+erklärte Ruth.
+</p>
+
+<p>
+Bei diesen Worten lächelte Onkel Heinz spöttisch;
+woher wußten nun wohl solche Kröten so etwas!
+</p>
+
+<p>
+<q>Liebste Mutter, sage es nur gleich Herrn Jansen,
+daß ich ihn nicht heiraten könnte,</q> drängte Ruth.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, mein liebes Kind, das werden wir ihm
+schreiben, er soll gar nicht erst kommen, denn das würde
+dem jungen Manne doch sonst eine große Verlegenheit
+bereiten,</q> sagte Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, aber ist denn Herr Jansen nicht drüben bei
+Vater im Zimmer?</q> fragte Ruth.
+</p>
+
+<p>
+<q>Bewahre.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ihr spracht doch mit einem Herrn.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das war Herr Geheimrat Braun, der Vater
+und mir seinen Besuch machen wollte,</q> setzte Ilse auseinander.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na – siehst du, nun ist es doch gar nicht so
+<pb n='196'/><anchor id='Pgp0202'/>schlimm,</q> sagte Onkel Heinz, <q>und ich werde auch noch
+mit Jansen sprechen.</q>
+</p>
+
+<p>
+In liebevollster Weise tröstete und beruhigte Ilse
+ihre erregte Tochter, indem sie ihr zärtlich die erhitzten
+Wangen streichelte, und erleichtert atmete dieselbe auf,
+als der schwere Druck, der auf ihrer jungen Seele gelastet
+hatte, von ihr genommen wurde.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Spuren der heftigen Aufregung waren doch
+noch auf ihrem Gesichte zu lesen, als jetzt Marianne eintrat,
+die mit den Zwillingen zusammen einige Freundinnen
+besucht hatte, um mit ihnen über den gestrigen Ball
+nebst allen seinen Einzelheiten zu plaudern.
+</p>
+
+<p>
+Verwundert sah Marianne abwechselnd Mutter und
+Schwester und dann wieder Onkel Heinz an, der unaufhörlich
+an seinem Barte drehte und ein Gesicht machte,
+das ein Mittelding zwischen Rührsamkeit und mephistophelischem
+Lächeln war. Diesen Ausdruck zeigte es leicht
+in kritischen Augenblicken.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem jungen Mädchen war die kalte Winterluft
+gleichwie eine Erquickung in das warme Zimmer gedrungen.
+Frisch und rosig angehaucht leuchtete ihr Gesichtchen
+unter der dunklen Pelzmütze hervor, die sie jetzt abnahm,
+worauf sie auch das Jäckchen auszog.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz wurde heute nur flüchtig begrüßt,
+fragend wandte sie sich an Ilse und Ruth.
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum hat Ruth geweint, was ist denn geschehen?</q>
+Und voller Sorge blickte sie die Schwester dabei an.
+</p>
+
+<p>
+Statt aller Antwort reichte ihr diese den bewußten
+<pb n='197'/><anchor id='Pgp0203'/>Brief hin, den Marianne ahnungslos entfaltete und las.
+Doch schon nach den ersten Worten legte es sich wie ein
+Schleier über ihre Augen, das Blatt fing in ihrer Hand
+leise an zu zittern, aber mechanisch las sie weiter, trotzdem
+die Buchstaben durcheinander zu tanzen schienen. Es
+begann ein Sausen in den Ohren – die Gegenstände
+wurden verschwommen – ein beängstigendes Gefühl
+hemmte den Herzschlag und schnürte ihr die Kehle zusammen
+– und sie wäre unfehlbar umgesunken, wenn nicht
+Ilse und Ruth ihre Schwäche bemerkt hätten und hinzugesprungen
+wären. Marianne war ohnmächtig geworden. –
+</p>
+
+<p>
+Sie wurde auf das Sofa gelegt, Ilse rieb ihr die
+Schläfen mit einer stärkenden Essenz, während Ruth hinauslief,
+um Wasser zu holen. Beide befanden sich in höchster
+Aufregung. Nur Onkel Heinz bewahrte seine Ruhe; er
+stand dabei und betrachtete aufmerksam das blasse Gesicht
+der Ohnmächtigen, in das noch kein Schimmer von
+Röte zurückkehren wollte. Jetzt kam Ruth mit dem Wasser
+herein, hinter ihr her stürmten die Zwillinge ins Zimmer,
+mit vor Neugier hochroten Backen. Beim Anblick der
+bewußtlosen Freundin fing Hildegard laut an zu weinen,
+während sich Thusnelda über sie beugte und ihr laut
+ins Ohr schrie:
+</p>
+
+<p>
+<q>O Gott, o Gott, sie ist doch nicht tot!</q>
+</p>
+
+<p>
+Ruth zog sie weg und gebot ihr zu schweigen.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen war Ilse fortwährend ängstlich um
+Marianne bemüht, bei der das Bewußtsein immer noch
+nicht zurückkehren wollte.
+</p>
+
+<pb n='198'/><anchor id='Pgp0204'/>
+
+<p>
+<q>Ja – durch das Reiben und Wasserschlucken kommt
+sie nicht wieder zu sich,</q> sagte Onkel Heinz auf einmal,
+nachdem er eine Weile zugesehen hatte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wir wollen lieber nach dem Arzt schicken,</q> meinte
+Ilse besorgt.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach was, der kann auch nichts helfen,</q> erwiderte
+der Professor.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, was mag Marianne nur haben?
+Woher kommt es nur?</q> fragte Ruth voller Angst.
+</p>
+
+<p>
+<q>Woher das kommt?</q> wiederholte er bedeutungsvoll.
+<q>Woher das kommt? An allem ist der verrückte Ball
+schuld! Natürlich habt ihr euch zu eng geschnürt, habt
+unsinnig getanzt, euch dabei erhitzt, seid dann in die
+Kälte gegangen und werdet wahrscheinlich noch mehr
+unkluge Geschichten gemacht haben. Davon kommen dann
+am andern Tage Ohnmachten und dergleichen, das ist
+kein Wunder.</q>
+</p>
+
+<p>
+Der Professor sah ordentlich grimmig aus, als er
+von dem Unheil sprach, welches dieser verrückte Ball
+angerichtet habe, dann wandte er sich wieder der Ohnmächtigen
+zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>Frau Gontrau, was Sie da mit Marianne machen,
+hilft nichts,</q> fing er wieder an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, was soll ich denn aber tun, so sprechen
+Sie doch,</q> sagte Ilse ungeduldig und gereizt durch
+seinen Ton.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nehmen Sie mal das Kissen unter dem Kopf fort,
+daß dieser tiefer liegt und wieder Blut ins Gehirn kommt.
+<pb n='199'/><anchor id='Pgp0205'/>So ist es recht! Alles Beengende haben Sie wohl aufgemacht,
+nicht wahr? – Warum heult ihr denn so? Da
+gibt es doch nichts zu jammern,</q> rief er dann den
+Zwillingen zu, die ein wahres Heulkonzert aufführten.
+</p>
+
+<p>
+<q>Die Kinder haben eben mehr Gefühl als Sie,</q>
+konnte Ilse trotz ihrer augenblicklichen Sorge doch nicht
+unterlassen ihm zu sagen, denn das war jetzt mal wieder
+einer der Augenblicke, wo sie sich über ihn ärgerte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wenn man nicht sentimental ist, heißt es gleich
+man hat kein Gefühl,</q> erwiderte er ruhig.
+</p>
+
+<p>
+Ilse wäre ihm sicher auch darauf keine Antwort
+schuldig geblieben, wenn nicht gerade jetzt Marianne die
+Augen aufgeschlagen und ihre ganze Aufmerksamkeit in
+Anspruch genommen hätte; es versöhnte sie auch sofort
+wieder mit dem alten Freunde, als er jetzt näher trat,
+Marianne zärtlich auf die Backe klopfte und sagte: <q>Na,
+Kröte, wie geht’s denn? Was machst du aber auch für
+Geschichten!</q>
+</p>
+
+<p>
+Als das junge Mädchen wieder zum Bewußtsein
+gekommen war, blickte sie erstaunt um sich und fing bitterlich
+an zu schluchzen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Liebe Marianne, wie ist es dir jetzt?</q> rief Thusnelda
+mit Stentorstimme, – einem Erbteile des Vaters
+– und trat mit der Schwester herzu. Der Professor
+drängte sie aber mit einer bezeichnenden Geste, daß sie
+schweigen möchten, zurück.
+</p>
+
+<p>
+Ilse rief Marianne tränenden Auges mit den zärtlichsten
+Schmeichelnamen, Ruth kniete leise weinend vor
+<pb n='200'/><anchor id='Pgp0206'/>ihr, dazwischen tönte das Schluchzen von Marianne, das
+herzbrechende Geheul der Zwillinge. – Dem Professor
+wurde bei alledem plötzlich sehr unbehaglich zu Mute.
+Wohin er blickte, sah er Weibertränen, und da er sich
+unter den weinenden, schluchzenden Frauen auf einmal
+sehr überflüssig fühlte, hielt er es für das beste, sich
+zurückzuziehen. Die besorgte Ilse hatte heute nur ein
+flüchtiges Abschiedsnicken für ihn, aber Ruth drückte ihm
+innig die Hand. –
+</p>
+
+<p>
+Als er einige Zeit später wieder in seiner Junggesellenwohnung
+anlangte, betrat er sie mit einem angenehmeren
+Gefühl, als er sie verlassen hatte. Das Feuer
+brannte hell im Ofen, es war behaglich warm, und die
+Sonnenstrahlen, die hereindrangen, verliehen dem Ganzen
+einen gewissen Glanz. Vor allem empfing ihn hier die
+Ruhe wie eine Wohltat nach der eben stattgefundenen
+Szene bei Gontraus. <q>Ja, ja, so etwas würde auch
+vorkommen,</q> schien es ihm leise ins Ohr zu raunen und
+im Selbstgespräche antwortete er darauf: <q>es ist schon
+besser so.</q> Er hatte seinen Pelz abgezogen und hielt die
+kalten Hände an den Ofen; als sie warm geworden waren,
+setzte er sich an seinen Schreibtisch, um zu arbeiten. Nun
+ging es wieder! Die strengen Geister der Arbeit, die
+gestern und heute vor den Lichtgestalten geflohen waren,
+erschienen wieder, und in ihrer Gesellschaft fühlte sich
+Onkel Heinz doch am wohlsten.
+</p>
+
+<p>
+Still und ruhig war’s im Zimmer, man hörte nur
+das Geräusch der schreibenden Feder, und wie das Papier
+<pb n='201'/><anchor id='Pgp0207'/>knitterte, oder das Feuer im Ofen lustig knackte und
+knisterte.
+</p>
+
+<p>
+Der Professor blieb den ganzen Tag über angestrengt
+bei seiner Arbeit sitzen. Gegen Abend, so nahm er sich
+vor, wollte er noch einmal nach Gontraus gehen, um sich
+nach Marianne zu erkundigen, aber Ruth kam ihm zuvor.
+Als es dämmerte, erschien sie bei ihm und rüttelte
+ihn wieder aus seiner schwer erkauften Ruhe auf. Das
+war aber auch ein Tag heute, was sich da alles zutrug!
+Ruth berichtete unter Tränen, daß sie die eigentliche
+Ursache von Mariannes Ohnmacht gewesen sei, weil sie
+ihr den verhängnisvollen Brief von Herrn Jansen gegeben
+habe, ohne die geringste Ahnung davon, welches
+Unheil sie damit anrichten würde. Marianne hätte nämlich
+ein tiefes Interesse für Jansen und sei überzeugt
+gewesen, daß er dasselbe erwidere.
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz hatte während dieser Erzählung mehrmals
+den Kopf geschüttelt und seine Bartspitze so zusammengedreht,
+daß man sie hätte durch ein Nadelöhr einfädeln
+können. Das war nun die zweite Liebesgeschichte
+an diesem Tage – zwei unglückliche Lieben!
+</p>
+
+<p>
+Ruth weinte leidenschaftlich, und selbst die Trostworte
+von Onkel Heinz konnten sie nicht beruhigen, so
+sehr war sie ergriffen von dem Kummer der Schwester
+und voll ängstlicher Sorge über deren Zustand. In Absätzen
+erfuhr der <anchor id="corr201"/><corr sic="Profossor">Professor</corr>, daß Marianne krank im Bett liege, daß
+man einen Arzt habe holen müssen, der eine Nervenerschütterung
+konstatiert und größte Ruhe anempfohlen habe.
+</p>
+
+<pb n='202'/><anchor id='Pgp0208'/>
+
+<p>
+<q>Wenn sie nur nicht stirbt an ihrer unglücklichen
+Liebe!</q> rief Ruth laut jammernd aus.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach was, dummes Zeug, so etwas kommt nur in
+verrückten Romanen vor, aber im Leben nicht,</q> entgegnete
+Onkel Heinz.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sie ist aber so elend.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Wird sich schon wieder erholen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Glaubst du wirklich?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich! Beruhige dich nur, alte Kröte,</q> redete
+er ihr liebevoll zu.
+</p>
+
+<p>
+<q>Warum mußte es auch so kommen?</q> klagte Ruth.
+<q>Warum liebt Herr Jansen nicht Marianne statt mich?</q>
+</p>
+
+<p>
+Onkel Heinz zuckte die Achseln, er wußte es doch
+auch nicht.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hast du schon mal jemand kennen gelernt, der unglücklich
+liebte?</q> fragte das junge Mädchen den alten
+Hagestolz in ernstem Tone.
+</p>
+
+<p>
+Der Professor wandte sich ab und gab keine Antwort.
+</p>
+
+<p>
+Ruth bemerkte es nicht, gedankenvoll blickte sie vor
+sich hin.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hast du niemals geliebt, Onkel Heinz?</q> fragte sie
+dann wieder.
+</p>
+
+<p>
+Das war eine Gewissensfrage! Er zuckte unmerklich
+zusammen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Dummes Zeug! Unsinn!</q> sagte er dann ziemlich
+schroff.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hältst du die Liebe wirklich nur für Unsinn?</q> Und
+<pb n='203'/><anchor id='Pgp0209'/>als er nicht antwortete, fuhr sie fort: <q>Weißt du, Onkel
+Heinz, ich glaube, ich kann überhaupt nicht lieben.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Was die Kröte da heute doch immer von Liebe
+schwatzt,</q> dachte der Professor bei sich.
+</p>
+
+<p>
+<q>Willst du wissen, was ich wohl möchte?</q> fragte
+Ruth nach einer kleinen Weile lebhaft, und ihre noch
+feuchten Augen blitzten auf. <q>Willst du es wissen? Ich
+möchte singen können, singen wie eine richtige Sängerin,
+ich möchte – eine Künstlerin werden.</q>
+</p>
+
+<p>
+Der Professor prallte ordentlich zurück, so erregt
+hatte sie diese Worte ausgerufen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Weißt du denn überhaupt, du Kickindiewelt, was
+eine Künstlerin ist?</q> fragte er, das Wort ‚Künstlerin‘
+nicht gerade in der schmeichelhaftesten Weise betonend.
+</p>
+
+<p>
+Dann kam er wieder näher und sah sie scharf an
+mit höchst wichtiger Miene.
+</p>
+
+<p>
+Sie entgegnete nichts darauf, sondern fuhr fort:
+</p>
+
+<p>
+<q>Siehst du, Onkel, hier – hier –,</q> sie zeigte auf
+ihr Herz, <q>da ist es oft so komisch, so – ich weiß nicht
+wie! Ich habe das Gefühl, als müßte etwas heraus,
+als müßte ich jauchzen oder weinen, ich fühle mich glücklich
+und unglücklich zugleich. Und wenn ich mich dann
+hinsetze und singe, dann wird’s mir leichter, dann kommt
+es mir vor, als wäre ich gar nicht auf der Erde, als
+trügen mich Flügel empor – dann bin ich gut – dann
+denke ich edel – dann – dann wird mir erst wieder
+wohl – ich kann dir gar nicht beschreiben, wie wohl!
+Und siehst du, Onkel Heinz, deshalb habe ich solche Freude
+<pb n='204'/><anchor id='Pgp0210'/>an meiner Stimme, die jubelt mit mir und ist mit mir
+traurig.</q>
+</p>
+
+<p>
+Der Professor hatte sich vor sie hingestellt und blickte
+sie bei jedem Worte erstaunter an. Was sprach da diese
+Kröte! Dieses Kind! Solche Redensarten konnte es
+machen, da hörte ja einfach alles auf. Aber er empfand
+doch mit einem Male, als er in die vor Begeisterung
+funkelnden Augen seines Lieblings sah, daß dieses Kind
+kein Kind mehr war, daß es eigene Anschauungen, eigene
+Gedanken hatte wie ein erwachsener Mensch, – ja, ja, jetzt
+kam die junge Generation an die Reihe. Onkel Heinz
+sah sich das junge Mädchen, seinen Sonnenschein, seine
+alte Kröte noch immer schweigend und so prüfend an,
+als erblicke er sie heute zum ersten Male. So sah er
+sie ja auch wirklich zum ersten Male, so kannte er sie
+noch nicht: es war noch die alte Ruth und doch eine
+andre, nicht mehr das kleine Mädchen, das er bisher noch
+immer in ihr erblickt hatte, sondern eine Jungfrau, die
+da vor ihm stand. Wie eine Offenbarung kam das plötzlich
+über ihn, und er konnte seine Blicke nicht von ihr
+losreißen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber Onkel Heinz, warum starrst du mich so an?</q>
+bemerkte sie lächelnd.
+</p>
+
+<p>
+Da erwachte er aus seinen Gedanken.
+</p>
+
+<p>
+<q>Hm!</q> brummte er nur und fuhr sich über seine
+Stoppeln, das sollte so viel heißen, als: es ist nun einmal
+so.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz,</q> fing sie wieder an und schmiegte
+<pb n='205'/><anchor id='Pgp0211'/>sich in zärtlicher Vertraulichkeit an ihren alten Freund.
+<q>Ich habe eine große Bitte an dich, aber – du mußt
+mir versprechen, daß du sie erfüllen willst.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Da werde ich mich schön hüten,</q> warf er ein und
+lächelte spöttisch. Vorher versprechen, so etwas zu
+verlangen, konnte auch nur ein Frauenzimmer fertig
+bringen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, dann sprich mal, was ist es denn, was soll
+ich denn tun?</q> fragte er aber dennoch.
+</p>
+
+<p>
+Sie sah ihm ja so schmeichelnd in die Augen, daß
+er wie gewöhnlich nicht widerstehen konnte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz,</q> kam es etwas zaghaft und zögernd
+von ihren Lippen, <q>wenn du doch nur mal mit den Eltern
+sprechen möchtest, ob – ob sie meine Stimme nicht ausbilden
+lassen wollen. Du kannst das viel besser als ich,
+und siehst du,</q> fuhr sie leidenschaftlich fort, <q>ich möchte
+so gern etwas Ordentliches lernen, ich will so fleißig sein,
+will mir so viele Mühe geben, will ganz und gar nur
+der Kunst leben.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das ist ja Unsinn,</q> sagte der Professor ausweichend,
+aber sie unterbrach ihn ernsthaft.
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, Onkel Heinz, sage das nicht, das ist kein
+Unsinn, wenn ich so spreche, das ist mein heiligster Ernst.
+Ich bin jetzt wirklich nicht zum Scherzen aufgelegt.</q>
+</p>
+
+<p>
+Dabei fiel ihr wieder die arme kranke Schwester ein,
+Tränen stiegen ihr in die Augen, und das – das konnte
+er nun einmal nicht sehen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Weine doch nicht, Kröte; daß ihr Weiber doch
+<pb n='206'/><anchor id='Pgp0212'/>immer gleich flennen müßt,</q> sagte er etwas unmutig,
+streichelte dabei aber ihre dunklen Haare, die wellig gescheitelt
+bis tief in die Schläfen fielen und das feine,
+schön geschnittene Gesicht dadurch noch interessanter erscheinen
+ließen. <q>Aber das mit der Künstlerin schlage
+dir nur aus dem Sinn,</q> fuhr er fort, <q>das geht nicht,
+das geht auf keinen Fall.</q>
+</p>
+
+<p>
+Sie sah ihn bittend, fast flehend an.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber Onkel Heinz!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Was willst du denn überhaupt für eine Künstlerin
+werden? Willst du etwa Mummenschanz treiben? Hm?</q>
+Er sagte das sehr geringschätzig, denn unter dem ‚Mummenschanztreiben‘
+verstand er, ob sie vielleicht zur Bühne
+gehen wolle. <q>Da bist du denn doch wahrhaftig zu gut
+dazu, Kröte, da gehörst du nicht hin, das geben die
+Eltern überhaupt nicht zu und ich auch nicht, daraus
+wird nichts!</q>
+</p>
+
+<p>
+Er hatte sich ordentlich ereifert bei diesen Worten,
+denn daß Ruth vielleicht eine solche Absicht haben könnte,
+war ihm ein furchtbarer Gedanke. <q>Ja, ja, wenn das
+alles so wäre, wie es sein sollte,</q> setzte er wie im Selbstgespräche
+fort, <q>aber das ist es eben nicht, der bunte Flitterkram,
+das ist die Hauptsache, und die Kunst ist Nebensache.
+Kunst, Kunst! Davon haben ja die wenigsten
+Menschen überhaupt einen Begriff!</q>
+</p>
+
+<p>
+Erregt schritt er auf und ab, Ruth folgte ihm und hatte
+schon ein paarmal versucht, ihn zu unterbrechen, ohne daß
+es ihr gelungen wäre. Jetzt hielt sie ihn am Arme fest.
+</p>
+
+<pb n='207'/><anchor id='Pgp0213'/>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, das alles weiß ich ja noch nicht,
+darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Vorläufig möchte
+ich nur lernen, mich meinen Gesangsstudien ganz hingeben
+können, an nichts andres zu denken brauchen.
+Siehst du, was ich jetzt lerne in den Stunden, für den
+Hausgebrauch, wie es heißt, das macht mir wenig Spaß,
+das befriedigt mich nicht, weil ich fühle, daß es nur
+oberflächlich und nicht das Richtige ist.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das ist ja ganz vernünftig gedacht; na, und deine
+Stimme ist nicht übel, das ist wahr,</q> sagte er einlenkend.
+</p>
+
+<p>
+Diese Worte nahm sie schon für eine Zusage und
+fragte nun freudig und zuversichtlich:
+</p>
+
+<p>
+<q>Nicht wahr, du sprichst mit den Eltern?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Halt, Halt – man sachte, soweit sind wir noch
+lange nicht,</q> sagte er abwehrend.
+</p>
+
+<p>
+<q>Einziger, süßer Onkel, tue es doch!</q> bat sie und
+hing sich an seinen Arm. Er entgegnete nichts, drehte
+aber seine Bartspitze mit großer Geschwindigkeit.
+</p>
+
+<p>
+<q>Du bekommst auch schon vorher einen schönen Kuß
+zum Lohn,</q> versprach sie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Will ich gar nicht,</q> brummte er vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ach, Onkel Heinz, nun tu nur nicht so,</q> rief sie
+lächelnd und fragte dann, als ob schon alles bestimmt
+abgemacht wäre: <q>Wann willst du denn mit den Eltern
+sprechen?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Gar nicht,</q> erwiderte er kurz.
+</p>
+
+<p>
+Ruth schien diese Antwort zu überhören und sagte
+weiter:
+</p>
+
+<pb n='208'/><anchor id='Pgp0214'/>
+
+<p>
+<q>Jetzt geht es natürlich nicht, solange Marianne
+krank ist, aber sobald es ihr wieder besser geht, nicht
+wahr, Onkel Heinz, dann? dann tust du es?</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Bitte, bitte, sage ja.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Nein, nein, nein!</q> widersprach er heftig.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz!</q>
+</p>
+
+<p>
+Wer hätte wohl diesem Blick der schönen dunklen
+Augen widerstehen können! Der Professor konnte es
+wenigstens nicht, trotzdem er sich unwirsch abwandte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lieber Onkel Heinz.</q>
+</p>
+
+<p>
+Er antwortete nicht.
+</p>
+
+<p>
+<q>Lieber, guter, einziger Onkel Heinz, sage doch ja!</q>
+</p>
+
+<p>
+Und sie quälte solange, ihn dabei streichelnd und
+liebkosend, bis er schließlich nachgab – er konnte der
+Kröte nun einmal nichts <anchor id="corr208"/><corr sic="abschlagen.«">abschlagen.</corr>
+</p>
+
+<p>
+<q>Meinetwegen denn ja! Quälgeist du!</q> rief er laut.
+</p>
+
+<p>
+Sie jubelte auf, als sie ihn endlich besiegt hatte und
+trotzdem er sich sträubte, heimste er doch den Kuß –
+den versprochenen Lohn – gern ein. –
+</p>
+
+<p>
+Die nächste Zeit verlief für Gontraus still und traurig.
+Marianne lag krank darnieder, ihre junge gebeugte Seele
+wollte sich gar nicht wieder erheben, geistig und körperlich
+schien sie gebrochen zu sein. Nur der unermüdlichen Pflege,
+der zarten Sorgfalt von Ilse gelang es, sie nach und nach
+wieder aufzurichten, und wenn Nellie oft innerlich gedacht
+hatte, daß die Freundin keine rechte Pflegerin sein könne,
+weil ihre Ansichten über diesen Punkt so weit auseinander
+<pb n='209'/><anchor id='Pgp0215'/>gingen, so überzeugte sie sich jetzt von dem Gegenteil, als
+sie sah, mit welcher Aufopferung Ilse Tag und Nacht am
+Krankenlager ausharrte. Und auch Ruth erkannte man
+kaum wieder, wie sie sich jetzt ebenso sanft und liebevoll
+gegen die Schwester zeigte, als sie früher manchmal herrschsüchtig
+und aufbrausend gegen sie sein konnte. Der Professor
+aber erwies sich in der schweren Zeit wieder als
+treuer, zuverlässiger Freund. Er kam täglich, widersprach
+natürlich bei allem, was der Arzt verordnete, wußte alles
+besser, tröstete aber Ilse, wenn sie niedergedrückt und mutlos
+war, und sprach mit der Kranken in seiner alten gewohnten
+Weise, sodaß es ihm einzig und allein manchmal gelang,
+sogar ein Lächeln auf das blasse, ernste Gesicht zu zaubern.
+</p>
+
+<p>
+Herr Jansen war bald nach dem Balle abgereist.
+Wie Onkel Heinz Ilse und Leo erzählte, hatte er kürzlich
+von ihm einen Brief aus Amerika erhalten, wo er sich
+einige Zeit aufhalten und von wo er dann wieder nach
+Indien zurückkehren wollte. Sein Name wurde sonst
+bei Gontraus nicht genannt, weil derselbe bei Ruth ein
+peinliches und bei Marianne ein schmerzliches Gefühl
+hervorgerufen haben würde.
+</p>
+
+<p>
+Als letztere einigermaßen wieder hergestellt war, mußte
+Onkel Heinz sein Versprechen, das ja durch den Kuß von
+Ruth besiegelt worden war, einlösen. Im Verein mit
+dieser gelang es ihm, ihre Eltern zu bestimmen, daß sie
+ihre Stimme prüfen ließen, und da dieselbe bei der
+Prüfung für sehr bedeutend erklärt wurde, sollte sie eine
+künstlerische Ausbildung erhalten. Mit Fleiß und Liebe,
+<pb n='210'/><anchor id='Pgp0216'/>und ganz durchdrungen von der Schwere und dem Ernst
+des Künstlerberufs begann Ruth ihr Studium.
+</p>
+
+<p>
+Währenddem erholte sich Marianne langsam. Körperlich
+war sie ganz hergestellt, und auch ihr Geist fing
+wieder an, leise seine Schwingen zu entfalten, allmählich,
+ganz allmählich gesundete er. Den zarten Blütenhauch
+aber der ersten, unberührten Jugend hatte diese getäuschte
+Hoffnung mit fortgenommen, der kindlich unbefangene Ausdruck
+in ihren Augen war gewichen, und ihr helles, glückliches
+Lachen ertönte nicht mehr so oft wie früher. Ganz
+tief im innersten Herzen trug sie noch immer das Bild
+des geliebten Mannes, in einsamen Stunden weinte sie
+noch manchmal, aber das Leben machte doch seine Rechte
+wieder geltend, und sie war glücklicherweise in dem Alter,
+wo sie noch vergessen konnte. Das Frühjahr verlebte sie
+bei ihren Freundinnen, den Zwillingen, auf dem Lande,
+den Sommer bei den Großeltern in Moosdorf, im Herbst
+aber machte sie mit den Eltern, Ruth und Onkel Heinz
+eine herrliche Reise nach Italien bis nach Sizilien hinunter.
+Der Professor war ein vortrefflicher Cicerone, er
+kannte den Süden durch seine vielen Reisen auf das genaueste
+und beherrschte vollkommen die italienische Sprache,
+konnte deshalb auch den Freunden manchen Vorteil verschaffen.
+Na, und wenn er mit den beiden Kröten am
+Arm zuweilen auf eigene Faust losging, um ihnen die
+Kunstwerke der alten Meister zu zeigen – er war ein
+geschworener Feind der modernen Malerei, über die er
+mit Ilse viel und oftmals stritt – und den beiden
+<pb n='211'/><anchor id='Pgp0217'/>hübschen Mädchen bewundernde Blicke nachflogen, dann
+zeigte sich auf seinem Gesicht ein freudiges Schmunzeln,
+und er erzählte es später Ilse voller Stolz.
+</p>
+
+<p>
+Erst spät im Herbst, der im Norden schon mit grauen
+trüben Tagen eingezogen war und die Bäume entlaubt
+hatte, kehrten sie heim, reich an schönen Eindrücken und
+Erlebnissen. Mit noch größerer Begeisterungsfähigkeit
+nahm Ruth ihr Studium wieder auf, Marianne aber hatte
+frische Kräfte gesammelt und neuen Mut mitgebracht, so
+daß ihr die Zukunft nicht mehr als eine trostlose Öde
+erschien, wie es noch vor kurzer Zeit der Fall gewesen
+war; sie konnte jetzt ohne Schmerz an Herrn Jansen
+denken, wie an einen fernen lieben Freund.
+</p>
+
+<p>
+So verging der Winter und der Sommer und noch
+ein Winter und Sommer, bis es wiederum Herbst war.
+– Ein lachender, trügerischer Herbst, der es ganz vergessen
+ließ, daß er der Vorbote des Winters war, denn
+in seinem warmen Sonnenscheine wurde das Herz von
+Frühlingsgedanken erfaßt und die Menschen strömten
+hinaus in die strahlende Natur wie an einem ersten
+schönen Frühlingstage nach dem langen, langen Winter.
+</p>
+
+<p>
+An einem dieser sonnendurchfluteten Herbsttage machte
+Onkel Heinz mit seiner Freundin Ilse einen Spaziergang
+hinaus in das Freie, in den bunten Wald. Die klare Luft
+war von weißen Fäden durchzogen, und die gelben, roten
+und braunen Blätter wölbten sich zum farbenprächtigen
+Zelte über ihnen; noch raschelte unter ihren Tritten kein
+welkes Laub, nur dann und wann flatterte, durch einen
+<pb n='212'/><anchor id='Pgp0218'/>Luftzug abgepflückt, ein Blatt luftig und leicht vor ihre
+Füße. Heiter, strahlend und hoffnungsfreudig lag Wald
+und Flur vor ihren Blicken ausgebreitet, als begänne
+erst jetzt die Zeit des Wachsens und Werdens, aber diese
+Hoffnung war doch nur Täuschung. Lose geschlungen
+war das Band, welches die Natur noch mit dem Leben
+verknüpfte, locker hingen alle die buntgemalten Blätter an
+den Zweigen, und nur unter dem warmen Kuß der Sonne,
+umgeben von der milden, sanften Luft, wagten sich im
+Garten die Rosenspätlinge aus ihrer schützenden Knospenhülle
+hervor. Schein war alles! Und diese blendende
+Herrlichkeit würde mit einem Schlage vorbei sein, wenn
+das allmächtige Himmelslicht droben hinter Wolken verschwand
+und der Herbstwind brausend darüber hinfuhr
+und daran rüttelte – dann begann mit einem Schlage
+das große gewaltige Sterben. Unverschleiert war die
+Ferne, die sich in scharfen, bestimmten Linien abhob, und
+gedankenvoll schweiften Ilses Augen in die durchsichtige
+Weite. Aber ihr fehlte heute das rechte Interesse für
+den herzerquickenden Herbsttag, ihr Gesicht sah erregt
+aus, als beschäftige sie etwas lebhaft.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wenn nur alles gut geht,</q> sagte sie seufzend zu
+dem Professor.
+</p>
+
+<p>
+Er lächelte mit überlegener Miene und entgegnete:
+</p>
+
+<p>
+<q>Ich habe gar keine Angst, die Kröte hat ja tüchtig
+gelernt, die kann ja was.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Was gehört aber auch heutzutage dazu, um etwas
+zu erreichen! Mit Begabung und Fleiß allein kann das
+<pb n='213'/><anchor id='Pgp0219'/>nicht geschehen, das Glück muß auch mit helfen. Nun,
+was in meinen Kräften steht, habe ich getan, um Ruth
+immer und immer wieder davon zu überzeugen, mit wieviel
+Kämpfen und Schwierigkeiten der Beruf einer Künstlerin
+erkauft werden muß. Ich habe sie stets ermahnt,
+sich viel mehr auf Enttäuschungen gefaßt zu machen, als
+auf Erfolge, denn guten Mut hat sie selbst genug. Na,
+und Onkel Heinz, für eine tüchtige Ausbildung haben wir
+doch auch gesorgt; im Winter aber muß sie noch einige
+Zeit in Paris Unterricht nehmen, um ihrer Stimme sozusagen
+den letzten Schliff zu geben. Ach ja, bevor eine
+Sängerin fertig ist, dauert es lange.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Frau Gontrau, Ruth hat Talent, die bringt es zu
+etwas Tüchtigem, das weiß ich,</q> versicherte Onkel Heinz
+mit wichtiger Miene, als könne daran nicht mehr gezweifelt
+werden, wenn er es einmal gesagt habe.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wäre das Konzert nur erst glücklich vorüber,</q>
+meinte Ilse und holte tief Atem.
+</p>
+
+<p>
+<q>Wenn ich Ihnen sage, daß Sie keine Angst zu
+haben brauchen, so haben Sie es auch nicht nötig, liebe
+Frau Gontrau,</q> sagte Onkel Heinz und legte einen
+Augenblick seine Hand auf ihren Arm.
+</p>
+
+<p>
+Sie fühlte, daß er sie auf seine Art beruhigen
+wollte, und sah ihn dankbar an. Er war doch ein treuer,
+ehrlicher Freund! Und je älter sie wurde, destomehr befestigte
+sich in ihr die Überzeugung, daß wahre, aufrichtige
+Freundschaft ein köstliches, seltenes Gut ist, das
+man hüten muß wie einen großen Schatz. Sie hatte in
+<pb n='214'/><anchor id='Pgp0220'/>ihrem Leben viel Liebe und Freundschaft erfahren und
+ihren Freunden viel zu verdanken. Leo hatte sie die
+wahre Liebe des Weibes gelehrt; durch das sanfte Beispiel
+ihrer einzigen Nellie lernte sie Selbstbeherrschung
+und Nachgiebigkeit. Onkel Heinz endlich hatte durch seine
+unumwundene Offenheit sie zwar häufig gereizt und ihren
+Widerspruch hervorgerufen, zugleich aber bewirkt, daß sie
+oft genug in sich ging, über sich nachdachte, fortwährend
+selbsterzieherisch tätig war und sich immer mehr daran
+gewöhnte, auf die Eigenschaften andrer Rücksicht zu nehmen;
+sie brauchte ja nur daran zu denken, wieviel Nachsicht
+man einst mit ihr hatte haben müssen, als sie noch das
+ungebändigte Menschenkind, der Trotzkopf, war. Alles
+dies ging Ilse jetzt durch den Sinn und noch viel mehr.
+Der Professor aber, der sie so nachdenklich an seiner Seite
+schreiten sah, glaubte, daß sie sich noch immer damit beschäftige,
+wie wohl das Konzert ausfallen würde, in
+welchem Ruth heute abend zum ersten Male öffentlich in
+der Kirche singen sollte. Und deshalb beschloß er, ein
+neues Gespräch anzufangen, um sie auf andre Gedanken
+zu bringen. Seine Bartspitze drehend, grübelte er darüber
+nach, auf welche Weise dies am besten geschehe, denn
+Diplomatie war nicht seine starke Seite.
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, sagen Sie mal, Frau Gontrau,</q> fing er dann
+plötzlich an, <q>bei Superintendents ist man wohl überglücklich,
+daß der Ausreißer wieder da ist? Ist übrigens
+ein famoser Kerl geworden, der Fritz; er war gestern
+bei mir.</q>
+</p>
+
+<pb n='215'/><anchor id='Pgp0221'/>
+
+<p>
+<q>Ja,</q> entgegnete Ilse so recht aus tiefstem Herzensgrunde,
+<q>Gott sei Dank, daß er wieder da ist! Und wie
+hat er sich durchgearbeitet, von der Picke auf gedient, und
+was ist aus ihm geworden! Ich habe übrigens nie daran
+gezweifelt, daß ein tüchtiger Kern in ihm stecke.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, die <hi rend='antiqua'>selfmade men</hi>, das sind die besten,</q>
+warf Onkel Heinz ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Er hat Ihnen wohl erzählt, was er alles erlebt
+hat, nicht wahr?</q> fragte Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja wohl, alles ganz ausführlich, und es hat mich
+sehr interessiert. Der Junge hat übrigens viel Glück gehabt,
+denn da drüben gibt’s nur zweierlei, entweder man
+wird was Rechtes, oder man geht zu Grunde. Daß die
+amerikanische Familie sich bei der Überfahrt auf der
+Germania, auf welcher sich Fritz als Schiffsjunge verdungen
+hatte, gleich für ihn so lebhaft interessierte, ist
+doch ein seltener Zufall zu nennen. Na, ja, aber die
+Amerikaner sind darin andre Leute, die kleben nicht an
+Vorurteilen, die denken freier als wir; ich bin ja lange
+drüben gewesen und kenne die Verhältnisse genau. Daß
+der Bengel ausgekniffen war, genierte die Leute eben gar
+nicht, als praktischer Geschäftsmann erkannte Mister Smith
+sofort, als er ihn sah, daß er den aufgeweckten jungen
+Deutschen in seinem Geschäft gebrauchen könne, na, und
+da war die Sache bald abgemacht.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber ein Tollkopf scheint der Fritz doch zu sein,</q>
+warf Ilse ein. <q>Er hatte es so gut bei den Leuten,
+die Frau sorgte für ihn wie eine Mutter, und bloß,
+<pb n='216'/><anchor id='Pgp0222'/>weil ihn die andern im Geschäfte wegen seiner Aussprache
+des Englischen hänselten, ging er fort, – das hätte er
+nicht tun sollen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Das mußte er wohl tun, das war ganz verständig
+von ihm,</q> widersprach Onkel Heinz, <q>so wird das da
+drüben gemacht, da kennt man keine Sentimentalitäten.
+Er handelte ganz richtig, daß er mehr nach dem Westen
+ging, wo man noch leichter zu etwas kommen kann. Du
+lieber Gott, schlechte Zeiten muß der <hi rend='antiqua'>selfmade man</hi> auch
+mit in den Kauf nehmen, das gehört dazu. Er ist ja
+nicht einmal bis zum Stiefelputzer gesunken, und unter
+diesen findet man oft sehr aristokratische Namen, Grafen
+und Barone.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Er muß jetzt als Prokurist in dem großen Bankhause
+in San Franzisko eine brillante Stellung haben.
+Rosi erzählte mir strahlend davon,</q> meinte Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Natürlich, jetzt ist er der gemachte Mann! Jedenfalls
+ist er ganz anders geworden, als wenn er in dem
+Pastorenhause weiter herangewachsen wäre, unter den
+spießbürgerlichen Ansichten seiner Mutter,</q> gab Onkel
+Heinz zur Antwort.
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber daß er seinen Eltern nicht einmal Nachricht gab
+all die Jahre hindurch,</q> wandte Ilse vorwurfsvoll ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Da hatte er ganz recht,</q> unterbrach sie der Professor
+von neuem; <q>er wollte erst was ordentliches werden.
+Und für Ihre Freundin Rosi war diese Sorge sehr heilsam,
+sie hat ja den Jungen ganz verrückt erzogen, der
+hätte ganz anders behandelt werden müssen.</q>
+</p>
+
+<pb n='217'/><anchor id='Pgp0223'/>
+
+<p>
+<q>Sie ist hart genug bestraft worden und hat schwer
+dafür büßen müssen; für die ganze Familie waren es
+schreckliche Jahre,</q> erwiderte Ilse.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, das ist wahr, der Mann hat mir auch sehr
+leid getan; ich mag ihn gern leiden, nur müßte er eine
+andre Frau haben, denn er ist schwach – wie überhaupt
+alle verheirateten Männer. Gott sei Dank, daß
+mich der Himmel vor einer Frau bewahrt hat,</q> neckte
+Onkel Heinz seine alte Freundin mit einem pfiffigen
+Seitenblick auf sie.
+</p>
+
+<p>
+<q>Oho, Fuchs! Die Trauben sind sauer, nicht wahr,
+Onkel Heinz?</q> rief Ilse lachend.
+</p>
+
+<p>
+Er erwiderte nichts, aber der sarkastische Zug um
+seinen Mund bewies, wie er darüber dachte.
+</p>
+
+<p>
+<q>Sind Sie denn nun ruhiger?</q> fragte er nach einer
+kleinen Pause, während sie den Heimweg antraten, und
+als Ilse nickte, fuhr er fort: <q>Na, sehen Sie wohl, wie
+gut es war, daß ich Sie abholte, ich weiß doch auch ganz
+genau, was für Sie das Richtige ist. Ein Spaziergang
+in der frischen Herbstluft ist für erregte Gemüter jedenfalls
+viel besser als Ihr altes Zuckerwasser, das Sie vorhin
+zu Hause einnehmen wollten und woran ich Sie,
+Gott sei Dank, noch verhindern konnte.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Aber das war doch kein Zuckerwasser,</q> berichtigte
+sie lachend, <q>das war ja Bromkali –</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Weiß schon, weiß schon,</q> unterbrach er sie schnell.
+<q>Ich kenne das Zeugs alles ganz genau, es hilft auch
+nicht mehr wie Brauselimonade oder Zuckerwasser.
+Ver<pb n='218'/><anchor id='Pgp0224'/>schonen Sie nur Ruth mit dergleichen Geschichten, das
+kann ihr eher schaden als nützen.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>O, die ist lange nicht so aufgeregt als ich,</q> sagte
+Ilse; <q>bei der ist es nur die Freude, welche sie unruhig
+macht. Gehen Sie mit herein?</q> fragte sie dann den
+Professor, denn sie waren in diesem Augenblick an ihrem
+Hause angelangt. Er gab zur Antwort, daß er lieber
+heim gehen und sie dann später in der Kirche treffen
+wolle, seine Kröte könne er ja jetzt doch nicht sprechen,
+die müsse Ruhe haben.
+</p>
+<p>
+<figure url="images/illu_opp_p0218.png" rend="w80"><figDesc>Illustration</figDesc></figure>
+</p>
+<p>
+Onkel Heinz ging aber nicht nach Hause, denn als
+er die Uhr herauszog, bemerkte er, daß bis zum Anfange
+des Konzerts nur noch wenig Zeit übrig war, und er
+überlegte sich deshalb, daß es sich gar nicht lohnen
+würde, vorher noch seine Wohnung aufzusuchen. Und
+da fiel ihm dann auch ein, daß es wohl besser wäre,
+wenn er noch mal bei dem Blumenladen vorginge, wo
+er für Ruth den Blumenkorb bestellt hatte, und nachfrüge,
+ob alles in Ordnung sei. Die Verkäuferin hatte
+sich schon am Morgen über den <q>wunderlichen alten
+Herrn</q> amüsiert, der in umständlichster Weise seine Bestellung
+gemacht und ganz genau angegeben hatte, in
+welcher Art die Blumen geordnet werden sollten. Alle
+Vorschläge, die sie machte, wurden von ihm verworfen
+und geschmacklos gefunden; er suchte selbst die Blumen
+aus und gab an, so und so sollte die Farbenzusammenstellung
+sein und nicht ein Tüpfelchen anders.
+Am Mittag war er wieder gekommen, hatte sich den
+<pb n='219'/><anchor id='Pgp0226'/>fertigen Korb angesehen, und ein Etui hineingesteckt,
+das eine kleine Brosche ganz aus Türkisen und Brillanten
+enthielt, welche er seiner Kröte zum heutigen
+wichtigen Tage schenken wollte. Aber trotzdem das
+Blumenarrangement ganz genau nach seiner Angabe gemacht
+worden war, hatte er doch daran zu mäkeln und
+zog hier noch eine Blüte, dort noch ein Blatt heraus,
+die nach seiner Meinung in die Farbenharmonie nicht
+paßten. Wer wohl diese Gabe, die dem alten Herrn soviel
+Kopfzerbrechen machte, bekam? Das hätte das junge
+Mädchen in dem Laden gar zu gern gewußt, denn eine
+Frau besaß er nicht, das hatte ihr kundiger Blick gleich
+erkannt, na, und für einen Bräutigam war er doch zu
+alt. Als der Professor jetzt wieder erschien – zum dritten
+Male an diesem Tage – da mußte sie unwillkürlich
+lachen; sie gab ihm aber auf seine bis ins kleinste gehenden
+Fragen, ob die Bestellung auch richtig und pünktlich
+besorgt sei, geduldig Antwort. In ihrem Innern meinte
+sie jedoch, daß so komisch, wie dieser Herr, ihr noch selten
+jemand vorgekommen wäre, trotzdem sie mit allen möglichen
+Menschen verkehren mußte.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem der Professor den Laden verlassen hatte,
+schlug er langsamen Schrittes die Straße ein, die nach
+der Magdalenenkirche, in welcher das Konzert stattfinden
+sollte, führte, indem er hier und da noch stehen blieb
+und sich die Schaufenster ansah. Er hatte ja keine rechte
+Ruhe, das erste Auftreten seines Patenkindes ging ihm
+sehr im Kopfe herum, denn es war doch keine Kleinigkeit
+<pb n='220'/><anchor id='Pgp0227'/>und wichtig für ihr ganzes Leben. Als er den hohen
+gotischen Bau erreicht hatte, sah er die bunten Glasfenster
+schon erleuchtet, und über die breite Treppe, die
+nach dem Eingang führte, schritten viele Leute hinauf;
+er blickte ihnen nach, bis sie durch die große Tür verschwunden
+waren, ging dann noch ein Weilchen auf und
+ab und trat endlich gleichfalls durch das weit geöffnete
+Portal. Der mächtige Raum war mit Menschen bereits
+dicht gefüllt. Die flackernden Lichter warfen einen matten
+Schein auf die unruhige Menge und streiften mit ihren
+Strahlen die grauen Pfeiler und Säulen und die dunkle
+Holzvertäfelung der Kirchenstühle. Onkel Heinz hatte
+beim Eintreten seinen Hut abgenommen und betrachtete
+sich mit Wohlgefallen das malerische Bild des Ganzen,
+worauf seine Augen suchend umherblickten. Unten im
+Schiff sah er Gontraus sitzen, Althoffs mit Ännchen,
+Flora mit den kräftigen Zwillingen, Rosi nebst Familie –
+und wer saß da neben Marianne? Ein junger, blonder
+Mann, bartlos, mit energisch geschnittenem Gesicht und
+kecken, blauen Augen. Wir erkennen ihn wieder – es
+war Fritz. Lebhaft sprach er mit Marianne, seiner Jugendgespielin,
+und bewundernd hingen seine Blicke oft an der
+reizenden Mädchengestalt neben ihm, während auch sie ihn
+manchmal verstohlen von der Seite anblickte – er gefiel
+ihr gut mit seinem frischen, offenen Wesen. Der Professor
+fand, daß Ilse heute einen Schein blasser aussah,
+als er sich jetzt an ihrer Seite niederließ, trotzdem sie ihre
+Aufregung zu verbergen suchte. Auch Leo war still und
+<pb n='221'/><anchor id='Pgp0228'/>in sich gekehrt, und auf die Scherze, mit denen Onkel
+Heinz den Freunden etwas über ihre Stimmung hinweg
+zu helfen hoffte, gingen sie nicht ein. Oben auf dem
+Chore sah man die Köpfe der Mitwirkenden wie Silhouetten
+sich eifrig hin und her bewegen, während die Instrumente
+gestimmt wurden. Der Professor blickte, so lange
+nur die Orgel und das Orchester spielten, ohne besonderes
+Interesse vor sich hin. Das herrliche Werk: die Schöpfung
+von Haydn, wußte er nicht zu würdigen, denn er war gänzlich
+unmusikalisch, und nur Gesang konnte ihn erfreuen.
+Aufmerksamer hörte er schon zu, als die Chöre gesungen
+wurden; sobald aber Ruth da oben erschien, fing er an,
+seine Bartspitze zu drehen, und während er gespannt hinhorchte,
+waren seine Augen unverwandt auf sie gerichtet.
+Im Anfang verriet ein leises Beben der Stimme die
+Befangenheit der jungen Sängerin, zaghaft und scheu
+glitten die Töne über ihre Lippen; aber nur eine kurze
+Zeit, dann wurden sie in reinen, mächtigen Schwingungen
+durch den Raum getragen und fanden in den Herzen der
+Zuhörer einen lebhaften Widerhall. Und als sie geendet
+hatte, ging ein Murmeln durch die Reihen; fast
+einstimmig war das Lob über die herrliche Stimme,
+deren jugendlicher Schmelz, Kraft und Weichheit besonders
+hervorgehoben wurde. Nur der heilige Ort verhinderte,
+daß sich die Hände zu begeistertem Beifall rührten. Leo
+hielt Ilses Hand in der seinen, Onkel Heinz aber blickte
+sie voll triumphierender Freude an und flüsterte ihr zu:
+<q>Sehen Sie wohl, daß Sie keine Angst zu haben
+<pb n='222'/><anchor id='Pgp0229'/>brauchten, hatte ich nun nicht recht?</q> Sie lächelte wie
+verklärt, sagte aber nichts, denn in diesem Augenblick trat
+Ruth wieder hervor und sang die schöne Arie: ‚Nun beut
+die Flur.‘ Andächtig lauschte die Menge, nur das leise
+Rascheln der Programme oder ein kurzes, unterdrücktes
+Hüsteln unterbrach manchmal die fast lautlose Stille.
+Freudestrahlend saß jetzt Ilse da. Ihre Angst schwand
+mit jeder Minute mehr, und an deren Stelle trat die
+frohe Zuversicht, daß ihr Kind etwas Bedeutendes leisten
+könne und würde. Aber trotzdem vergaß sie nicht, scharf
+aufzupassen, wie sie sich fest vorgenommen hatte. Nur
+keine Halbheit, immer nach dem Vollkommensten streben,
+niemals zufrieden mit sich sein, das war es, was sie
+Ruth immer und immer wieder vorhielt und einprägte.
+Als das Konzert sein Ende erreicht hatte, entstand eine
+förmliche Aufregung im Publikum, und der Andrang zu
+Gontraus war groß: Freunde, Bekannte, selbst Fremde
+traten heran, um zu dem ersten großen Erfolge ihrer
+Tochter zu gratulieren. Der Professor war dem Gewühl
+entflohen und hatte sich in eine Ecke geflüchtet, um da zu
+warten, bis sich die Menge verlaufen hätte, welche die
+Treppe von den Emporen herunterkam. Neugierig spähte
+er, ob er nicht Ruths Köpfchen dazwischen entdecken könne,
+aber lauter fremde Gesichter gingen an ihm vorbei. Nach
+und nach hörte das Gedränge etwas auf, er kroch aus
+seiner Ecke hervor und wagte sich nun nahe an die Treppe
+heran, um sie besser übersehen zu können und Ruth ja
+nicht zu verfehlen. Jetzt kamen die Mitwirkenden, unter
+<pb n='223'/><anchor id='Pgp0230'/>ihnen die sehnsüchtig Erwartete, mit erhitzen Wangen
+und glänzenden Augen. Leichtfüßig hüpfte sie herunter,
+und als sie Onkel Heinz gewahr wurde, sprang sie behende
+die letzten Stufen herab und gerade in seine Arme.
+Sie jubelte, lachte und weinte in einem Atem, und er
+klopfte und streichelte sie fortwährend; sprechen konnte er
+nicht viel, nur die Worte: <q>Alte, gute Kröte,</q> wiederholte
+er immer wieder, und eine rührende väterliche Liebe
+klang aus ihnen hervor. Innig hielt der grauköpfige
+Hagestolz das junge, blühende Mädchen umschlossen. Aber
+dann machte sie sich los und eilte zu den Eltern. In
+den Augen Ilses schimmerte es feucht, voll stolzer Freude
+hielt sie das geliebte Kind lange in den Armen. Auch
+Leo küßte sie und Marianne, Nellie, Flora, die <anchor id="corr223"/><corr sic="Zwillinge">Zwillinge,</corr>
+alle die guten Freunde, sie bildeten einen Kreis um die
+Debütantin, jeder wollte sie zuerst beglückwünschen, ihr
+zuerst die Hand drücken. Nellie war ganz gerührt, und
+Flora erinnerte daran, daß sie es gewesen war, welche
+ihr einst eine große Zukunft prophezeit hatte, darauf war
+sie sehr stolz. Auch Rosi und ihr Mann sagten der
+jungen Künstlerin viel lobende Worte. Die letzten Jahre
+waren an der Pastorin nicht wirkungslos vorübergegangen;
+Kummer und Sorgen hatten ihre Spuren in ihrem Gesichte
+zurückgelassen, und der glatte, blonde Scheitel war
+grau geworden. Aber als sie jetzt Fritz ansah, der neben
+Marianne stand, da leuchtete es in ihren Augen doch
+freudig auf, und unwillkürlich ergriff sie seine Hand.
+</p>
+
+<p>
+<q>O, was ein schönes Paar, sieh nur Fred,</q> sagte
+<pb n='224'/><anchor id='Pgp0231'/>Nellie zu ihrem Manne, als die beiden blonden Gestalten
+so nebeneinander standen. Direktor Althoff war
+aber von seiner Pflegetochter ganz in Anspruch genommen,
+die er am Arme hatte und mit der er sich munter herumneckte.
+Er sah frisch und gesund aus, ebenso wie auch
+Nellie; der wehmütige Zug, der ihr in früheren Jahren
+leicht einen leidenden Ausdruck gegeben hatte, war ganz
+geschwunden. Wie hatte sich das Leben für die beiden
+Ehegatten doch anders gestaltet, seitdem das junge
+Wesen ihr Haus erhellte! Ilse und Leo wanderten den
+langen Gang, der in der Mitte durch das Schiff der
+Kirche lief, auf und ab, er hatte seinen Arm um ihre
+Taille gelegt, und sie sprachen eifrig miteinander. Was
+sich die beiden alles zu sagen hatten, wissen wir nicht,
+aber viel Liebes und Schönes mußte es wohl sein,
+denn sie sahen froh und glücklich aus. Während diese
+Stimmungen noch die Gemüter in der verschiedensten
+Weise beherrschten, hörte man plötzlich das absichtlich
+laute und auffällige Klappern eines Schlüsselbundes,
+und mit harten Schritten ging der Kastellan über die
+Steinfliesen, um die Lichter auszudrehen, und gab damit
+zu verstehen, daß es jetzt an der Zeit sei, heimzugehen.
+</p>
+
+<p>
+Der Abend war mild und warm, als Gontraus mit
+den Freunden aus der Kirche ins Freie traten. Und
+das Leben und Treiben auf den Straßen war wie an
+einem schönen Sommerabend, niemand schien im Hause
+bleiben zu wollen. Plaudernd und lachend schritt das
+<pb n='225'/><anchor id='Pgp0232'/>junge Volk voran, in ihrer Mitte Ruth, die Gefeierte;
+bedächtig gingen die Alten hinterher.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, ja, aus Kindern werden Leute,</q> sagte Ilse
+zu dem Professor, indem sie auf die Jugend vor ihnen
+zeigte, und wehmütig fügte sie hinzu mit einem Blick
+auf Ruth und Marianne: <q>Wie lange wird’s dauern,
+und eines Tages fliegen beide aus dem Neste.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Über so etwas muß man eben nicht sentimental
+denken,</q> erwiderte Onkel Heinz, aber in seinem Innern
+hatte doch auch er ein sehr unangenehmes Gefühl, wenn
+er daran dachte, seine beiden Kröten einmal hergeben zu
+müssen.
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, was fangen wir denn an, wenn wir
+mal allein sein werden?</q> fragte Ilse den alten Freund
+schmerzlich bewegt von diesen Gedanken.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, was fangen wir an?</q> wiederholte er und sah
+sie forschend an. Auf einmal flog ein spöttisches Lächeln
+über sein Gesicht, und er sagte: <q>Dann schreiben Sie
+doch Ihre Memoiren nieder, Frau Gontrau.</q>
+</p>
+
+<p>
+Es war natürlich nur ein Scherz, womit er sie und
+sich über die Stimmung hinwegbringen wollte, die etwas
+rührselig zu werden drohte, und das liebte er nicht. Ilse
+ging aber wider sein Erwarten ganz ernsthaft auf seinen
+Vorschlag ein.
+</p>
+
+<p>
+<q>Spotten Sie nur nicht, Onkel Heinz,</q> rief sie;
+<q>vielleicht tue ich das wirklich noch mal. Ja, ja, sehen
+Sie mich nur nicht so erstaunt an, Sie haben mich da
+auf einen guten Gedanken gebracht. Und Sie kommen
+<pb n='226'/><anchor id='Pgp0233'/>auch mit vor in meiner Lebensgeschichte, Sie sollen sogar
+eine Hauptrolle darin spielen, Onkel Heinz.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Na, das wird was Schönes werden,</q> gab der
+Professor zur Antwort, <q>eine schreibende Frau? Brr!</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Onkel Heinz, das sagen Sie nicht. Denken Sie
+doch, wie interessant es für Sie sein wird, wenn Sie
+bei dieser Gelegenheit erfahren, wie ich einst war –
+eigensinnig, unbeugsam, wild und unbändig, ein rechter
+böser Trotzkopf. Und was ich dann alles leiden und
+ertragen mußte, und wie ich geheilt wurde durch alle
+meine Lieben und Freunde, durch Leo, durch Nellie und
+auch durch Sie, Onkel Heinz.</q>
+</p>
+
+<p>
+<q>Durch mich?</q> fragte er, sie ungläubig ansehend.
+</p>
+
+<p>
+<q>Ja, auch durch Sie, Onkel Heinz, glauben Sie es
+mir nur,</q> gab sie mit ernstem Gesicht zur Antwort, und
+der dankbare Blick, der ihn traf, bewies ihm, daß sie
+die volle Wahrheit gesprochen hatte.
+</p>
+<p rend="margin-top: 4">
+<hi rend="font-size: small">Die jungen Leserinnen, welche die Personen dieser Erzählung liebgewonnen
+haben, werden gerne erfahren, daß die Fortsetzung dieses
+Bandes unter dem Titel <q>Trotzkopf als Großmutter</q> in gleichem
+Verlag erschienen ist.</hi>
+</p>
+ </body>
+ <back>
+ <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+ <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head>
+
+ <pgIf output="txt">
+ <then>
+ <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+ einzelne Wörter aus
+ fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet,
+ ebenso wie gesperrt gesetzte Wörter.</p>
+ </then>
+ <else>
+ <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+ einzelne Wörter aus
+ fremden Sprachen (hier kursiv wiedergegeben).</p>
+ </else>
+ </pgIf>
+ <p>Varianten bei Schreibweisen oder Zeichensetzung wurden nicht vereinheitlicht.</p>
+ <p>Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern:</p>
+ <list>
+<item><ref target="corr012">Seite 12</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „Unsinn.“</item>
+<item><ref target="corr015">Seite 15</ref>: „üherhaupt“ geändert in „überhaupt“</item>
+<item><ref target="corr076">Seite 76</ref>: „Schmids“ geändert in „Schmidts“</item>
+<item><ref target="corr090">Seite 90</ref>: „langezogene“ geändert in „langgezogene“</item>
+<item><ref target="corr113">Seite 113</ref>: Punkt ergänzt hinter „Gefühlen“</item>
+<item><ref target="corr149">Seite 149</ref>: „Arger“ geändert in „Ärger“</item>
+<item><ref target="corr162">Seite 162</ref>: auf dem Kopf stehendes „a“ korrigiert in „las“</item>
+<item><ref target="corr201">Seite 201</ref>: „Profossor“ geändert in „Professor“</item>
+<item><ref target="corr208">Seite 208</ref>: überflüssiges Anführungszeichen entfernt hinter „abschlagen.“</item>
+<item><ref target="corr223">Seite 223</ref>: Komma ergänzt hinter „Zwillinge“</item>
+
+ </list>
+
+ </div>
+ <div rend="page-break-before: right">
+ <divGen type="pgfooter" />
+ </div>
+ </back>
+ </text>
+</TEI.2>
diff --git a/39350-tei/images/cover.jpg b/39350-tei/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..8cddf8c
--- /dev/null
+++ b/39350-tei/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/39350-tei/images/illu_frontispiece.png b/39350-tei/images/illu_frontispiece.png
new file mode 100644
index 0000000..6411162
--- /dev/null
+++ b/39350-tei/images/illu_frontispiece.png
Binary files differ
diff --git a/39350-tei/images/illu_on_p0001.png b/39350-tei/images/illu_on_p0001.png
new file mode 100644
index 0000000..f5aca64
--- /dev/null
+++ b/39350-tei/images/illu_on_p0001.png
Binary files differ
diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p0045.png b/39350-tei/images/illu_opp_p0045.png
new file mode 100644
index 0000000..6225d4a
--- /dev/null
+++ b/39350-tei/images/illu_opp_p0045.png
Binary files differ
diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p0064.png b/39350-tei/images/illu_opp_p0064.png
new file mode 100644
index 0000000..0270a07
--- /dev/null
+++ b/39350-tei/images/illu_opp_p0064.png
Binary files differ
diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p0085.png b/39350-tei/images/illu_opp_p0085.png
new file mode 100644
index 0000000..ef99379
--- /dev/null
+++ b/39350-tei/images/illu_opp_p0085.png
Binary files differ
diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p0132.png b/39350-tei/images/illu_opp_p0132.png
new file mode 100644
index 0000000..2960a26
--- /dev/null
+++ b/39350-tei/images/illu_opp_p0132.png
Binary files differ
diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p0187.png b/39350-tei/images/illu_opp_p0187.png
new file mode 100644
index 0000000..428cff0
--- /dev/null
+++ b/39350-tei/images/illu_opp_p0187.png
Binary files differ
diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p0218.png b/39350-tei/images/illu_opp_p0218.png
new file mode 100644
index 0000000..29c1a04
--- /dev/null
+++ b/39350-tei/images/illu_opp_p0218.png
Binary files differ
diff --git a/39350-tei/images/illu_opp_p032.png b/39350-tei/images/illu_opp_p032.png
new file mode 100644
index 0000000..5a83d4f
--- /dev/null
+++ b/39350-tei/images/illu_opp_p032.png
Binary files differ
diff --git a/39350-tei/images/title.png b/39350-tei/images/title.png
new file mode 100644
index 0000000..0c823d1
--- /dev/null
+++ b/39350-tei/images/title.png
Binary files differ