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+<title>Die Achatnen Kugeln</title>
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+The Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Die Achatnen Kugeln
+ Roman
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+Author: Kasimir Edschmid
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+Release Date: March 27, 2012 [EBook #39277]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+<div class="trnote" style="page-break-before: always; margin-top: 5em; margin-bottom: 5em;">
+<p class="center">
+<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches.
+</p>
+</div>
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+Die<br />
+Achatnen Kugeln
+</h1>
+
+<p>&nbsp;</p>
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+<p class="center sperr">
+Roman<br />
+<br />
+<span class="small">von</span><br />
+<br />
+<span class="large">Kasimir Edschmid</span>
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center sperr small">
+Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin 1920
+</p>
+
+<p style="page-break-before: always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center small">
+Alle Rechte vorbehalten<br />
+Copyright 1920 by Paul Cassirer, Berlin
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center small">
+Geschrieben Neunzehnhundertvierzehn bis Neunzehnhundertachtzehn
+</p>
+
+<p style="page-break-before: always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center sperr">
+<span style="letter-spacing:1em;">Gruß</span><br />
+<br />
+an<br />
+<br />
+René Schickele
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<!-- page 007 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Vorspiel
+</h2>
+<!-- page 009 -->
+
+<p>Nun stiegen sie schon die zweite Stufenreihe hinunter.
+Immer sahen sie auf der anderen Seite
+die schwarzen Schatten, die sich wie sie selbst bewegten.
+</p>
+
+<p>Die Wasser rauschten langsam. Als sie die dritte
+Terrasse erreichten, kehrten sie um nach der anderen
+Seite, die schwarzen Schatten schwenkten und traten
+auf sie zu. Da kam aus dem See unten ein silberner
+Strahl, er glühte auf, Licht strömte die Neigung der
+Rasenterrasse herauf.
+</p>
+
+<p>Das Schloß über ihnen schlug eine Mondflamme
+in den Himmel.
+</p>
+
+<p>Zwei Herren traten zur Seite, die anderen bogen
+Halbkreise um die Gegner, die die Mäntel abwarfen
+und in weißen Samthosen, die Brust offen unter dem
+Hemd, sich gegenüberstanden. Ein flüsterndes Signal
+überklirrte das Metall. Aus dem dunklen Laubgang
+stöhnte ein Vogel. Ein Mann fiel um, den Säbel
+in der Gurgel, die Augen nach oben gebrochen.
+</p>
+
+<p>Der andere warf sich aufs Knie. Schob mit dem
+Daumen die Lider des Liegenden probend herunter, sie
+schnellten wieder über die gläserne Pupille zurück und
+<!-- page 010 -->
+hefteten sich auf den Knauf des Degens, der ihn durch
+die Kehle auf das Rasenbeet kreuzigte. Da stand der
+andere auf, schüttelte die Haare. Das war vorbei.
+</p>
+
+<p>Er sah sich um, empfand atmend die helle Nacht, die
+mächtig gewölbt war.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Mein Herr .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; sagte der Sekundant des Gegners.
+Er deutete mit lockerem Handgelenk auf den
+Toten.
+</p>
+
+<p>Der Marquis neigte den Kopf nach ihm. Was
+ihn erfüllte, verschwand. Die steife Gebärde des Todes
+löschte die Wut des Abenteuers. Er sah auf, die Seele
+nicht mehr zusammengezogen. Wie schien der Mond
+feurig und entflammte purpurrot die Zweige.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zaudern Sie nicht&ldquo; &mdash; flüsterte der Sekundant,
+&bdquo;sofort zu begreifen, daß Sie im königlichen Garten
+sind. Jetzt noch zu leben, heißt nur bedingt und halb
+ein Lebender zu sein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Vaudreuil trat mit einer Verbeugung zurück. Ein
+spöttisches Lächeln kniff in seinen abwesenden Mund.
+Dann kam der Laubengang. Das Dunkel der Nacht
+saß darin, unaufgescheucht vom Licht. Die weißen Hermen
+glommen aus der blauen Dämmerung. Nun paradierte
+ihn die Wache.
+</p>
+
+<p>Die Rondells mit den Fontänen waren beinahe rot,
+und die Tritone schäumten vor sich hin. Auf den Seiten
+verschwammen die Alleen flaumiger Dämmerung. Eine
+quecksilberne Säule stand das Schloß aufgerichtet neben
+<!-- page 011 -->
+ihm. Zwischen dem Schwung von zwei Koniferenästen
+zog sich der ganze Garten noch einmal zusammen.
+Dicht über dem tiefen Wasserspiegel am Ende der gesenkten
+Terrassen hing riesenhaft der Mond.
+</p>
+
+<p>Im runden Ausschnitt der Tanne hing eine Spiegelung,
+wie aus Silber eine metallene Platte.
+</p>
+
+<p>Nächte voll Schwärmerei und Lichtern hoben sich
+über dem Park, zogen rasch vorüber. Zuckende Frauenleiber
+sträubten sich vor ihm auf. Ein großer Ritt,
+der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die Luft,
+sein Bein hing blutend in der Bügelung. Ehrgeizige
+Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle .&nbsp;.&nbsp;. Teile
+des Gartens dampften, brachen auf, Nischen entlaubten
+sich, Gänge warden ohne Dunkel. Gab es nicht
+eine Frau?
+</p>
+
+<p>Eine Frau, ohne Geheimnis am Körper, verlogenen
+reizlosen Hirnes, ohne Leidenschaft der Erfindung, gut
+für Lakaien. Dennoch schlug er sich heut um ihre roten
+Haare. Dies ist das Dasein. Er lächelte, als ob
+er die weiße Zofe in den Flieder herunterpfiff oder
+die Pikardin berührte, die bleich durch eine Laube in
+der Parkecke auf ihn wartete.
+</p>
+
+<p>Das Bild brach ab.
+</p>
+
+<p>Aus allen Bosketts flossen Blumenrüche. Eine Nachtigall
+jagte einen süßen wilden Schrei schlaftrunken ins
+Gebüsch.
+</p>
+
+<p>Er sah ohne den Schleier der Spiegelung in den
+<!-- page 012 -->
+Park. Die Grimasse des Totengesichts, von seinem stählernen
+Witzwort in der Gurgel gefaßt, stak am Boden,
+bläkte ihn an. Das Schicksal riß durch sein Herz.
+Waren diese Terrassen nicht verbraucht bis zum Irrsinn,
+entblättert die Lauben beim dritten Knie schon, das
+er darin geöffnet. Blieb ohne die Erregung des eigenen
+Blutes, das sein Feuer zu fremden Abenteuern sich
+schuf, nichts übrig wie nackte Enttäuschung, schon oft
+Gelebtes, sinnlos Wiederholtes. Er zog den Degen
+an sich, fror am Eisen. Da sah der Marquis hinuntergleiten
+in den See, was ihn ausgefüllt hatte die
+Jahre. Die Herren, mit denen er soff und spielte und
+sich schlug, Damen daneben und Hunde, die an ihren
+Knieen wehmütig zitterten und leicht mit dem Kopf
+nickend ihn verließen. Dann trat das alles schon nicht
+mehr ihm zugehörig von der Neigung der letzten Rasenfälle
+in Berührung mit dem Wasser. Der Mond
+nahm es auf und bog es aus dem Park. Der Marquis
+sah zu, raffte sich auf, ohne Zorn, ohne Reue.
+</p>
+
+<p>Als er sich aber umbog, überfiel ihn alles, und er
+krümmte sich vor Schmerz über den Abschied, so sehr
+hing sein Herz an der Erde, auch wenn sie verbraucht war.
+</p>
+
+<p>Angst kam auf ihn, wenn er bleibe, daß er, eingekerkert
+in steinerne Mauern, keine Sonne mehr sehe.
+Wie liebte er die Freiheit.
+</p>
+
+<p>Er machte zwei große Schritte, reckte sich steif, hoch,
+das Gesicht in Ruhe, ging überlegen und sicher .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+<!-- page 013 -->
+wankte und zog den Mantel über den Kopf und
+weinte. &bdquo;Nicht weinen Vaudreuil,&ldquo; rief er sein Herz
+an, stieß den Degen fluchend auf den Boden, biß in
+den Mantel, zerrte an dem Tuch, &bdquo;was weinst du,
+Affe .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Allein er konnte seinen Schmerz nicht
+kränken und schluchzte, als er, den Seitenflügel umschreitend,
+den großen Empfangshof betrat, der unter
+seinen Schritten leise aufscholl. Er blieb da stehen.
+Kein Garten stand mehr vor ihm. Das große Gebäude
+verdeckte ihm den Mond. Er hatte noch nie
+Abschied genommen.
+</p>
+
+<p>In der Kehle ein Zittern riß ihm den Schmerz
+bis zu den Zehen. Dies flimmernde Weiß an den
+Rändern des Schlosses, die Pflastersteine, die der Mond
+blau schlug .&nbsp;.&nbsp;. er wollte sich daran halten, sein Herz
+klammerte sich an das Licht, an die Luft. Sie hielt
+nicht.
+</p>
+
+<p>Lautlos, taumelnd ging er zum Tor. In weißen
+Samthosen, die Brust frei unter dem zerrauften Hemd.
+Die Wache trat vor, grüßte und grinste. Ein Soldat
+sprang in seinen Schatten und bog den Bauch in Verrenkungen
+hin und her. Sie hielten ihn für betrunken.
+</p>
+
+<p>In der Dämmerung rannten die Pferde nach der
+Küste. Das zweite trug den Diener, das dritte Gepäck,
+Geldrollen, Hemden, Waffen.
+</p>
+
+<p>Die Stirnen der Gäule wandten sich im Kreis, zuerst
+gegen Havre zur Täuschung, dann ganz herum gedreht
+<!-- page 014 -->
+nach Dieppe. Paris fiel zurück unberührt. Dann
+warfen sie die Gäule nach Westen, schoben eine
+südliche große Linie nach Rochelle. Als sie bogen,
+flammte die Sonne über Versailles. Tief im Süden
+sahen sie, rastend in einem Dorf, fern das Sommerschloß
+des Marquis. Er ritt davon weg. Dann
+von eigenwilligen Dämonen getrieben, ging die Fahrt
+im Zickzack. Eine Erhebung hinauf, schräg herunter .&nbsp;.&nbsp;.
+nach einer schweren Stunde waren sie wieder auf dem
+Hügel von der anderen Richtung her. Baptiste sagte
+kein Wort und folgte. Gegen Mittag fluchte der
+Marquis, sie jagten um einen See. Durch Schilf,
+über Wiesen mit Rehböcken, die spielten, ging es
+stundenlang. Baptiste zog die Riemen der Ledertaschen
+auf und zu. Am Mittag brachen sie aus
+Weidenunterholz und waren wieder an dem See. Der
+Marquis ließ die Gäule saufen, ritt rechts in ein Tal,
+sprang plötzlich wild über einen Gießbach und jagte
+zurück, an dem See vorbei in die Landschaft der Küste.
+Gegen Abend lahmte das Pferd. Baptiste stieg ab,
+massierte das Bein. Der Marquis stieg auf. Er ritt
+zweimal im Kreis, dann jagte er in den eigenen Spuren
+zurück. Gegen Abend kamen sie an den Hügel, später
+durch das Dorf. Die Sonne ging unter. Links lag
+das Sommerschloß. Sie ritten direkt darauf zu. Sanft
+stiegen über die Mauern die hellen Bogen der Springbrunnen.
+Aus der einstöckigen Front schimmerten die
+<!-- page 015 -->
+vielen bis zum Boden gesenkten Fenster. Die Kieswege,
+angelegt für die Zärtlichkeit von Frauenschenkeln, lagen
+träumerisch im Schein des südlichen Abends. Der
+Marquis ließ Baptiste vorreiten. Er ritt in den <a id="corr-1"></a>Bügeln
+stehend, die Mauer war hoch. Sie hielten nicht
+an, sprengten am Ende die Mauer wieder zurück, dann
+hatte der Marquis ein Messer verloren. Sie fanden
+es nicht. Sie ritten hinunter, dann in die Nacht, die
+anfing. Die Pferde liefen wie die Teufel.
+</p>
+
+<p>Das Meer kam, vom Wind geschlagen. Nebel
+klatschten graue Wellen über die Küste. Der Segler
+lag weit draußen und löste die Anker. Matrosen warfen
+die Mantelsäcke in die Barke, griffen zu den Rudern.
+Vaudreuil sprang hinein. Der Steuermann stieß das
+eine Bein gegen den Pflock, sah auf. Oben stand Baptiste.
+Der Marquis erbleichte. Der Diener stand schlaff.
+Dann trat er einen Schritt zurück.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zwölf Jahre waren Sie bei mir .&nbsp;.&nbsp;. hielt ich Sie
+nicht wie einen Pagen .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Marquis stand aufgerichtet im Boot, das
+schwankte unter krachenden Wellen. Aber der Diener ballte
+die Faust, wies auf das Meer, das sich dunkel donnernd
+zusammenballte! &bdquo;Bin ich ein Hund, daß Sie mich
+mitreißen auch da hinaus .&nbsp;.&nbsp;. zwölf Jahre habe ich
+Bügel gehalten, vor Frauenhäusern gelauert .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, er
+röchelte und verzerrte sein Gesicht vor Haß.
+</p>
+
+<p>Da stieg dem Marquis das Grauenvolle des Abschieds
+<!-- page 016 -->
+bitter in die Kehle wie kein Schmerz. Einen Augenblick
+hob er wie bittend die Hand. Als er von diesem
+letzten schlechten Stück sich riß, versagte sein Herz, daß
+er es demütigte. Er bat eine Sekunde. Dann warf
+der Wind ihm die Haare über das Gesicht.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Bleiben Sie ruhig,&ldquo; sagte er, &bdquo;behalten Sie die
+Pferde. Gehen Sie zurück nach Versailles.&ldquo; Er schrie,
+denn die Flut machte die Luft voll unruhigem Geräusch.
+Das Boot schoß los, sauste eine grüne Welle hinunter.
+Der Marquis nickte vom Rücken der nächsten dem
+Diener zu.
+</p>
+
+<p>Der Segler rollte auf hohen Wellen. Der Marquis
+sah zurück. Auf dem erhöhten Hügel der Mole lag
+Baptiste, das Gesicht stumm gegen den Herrn gerichtet,
+der ihn verließ. Nebel kamen, verwirrten. Lösten sich
+und immer brach sein Bild, auf den Knieen, die Arme verkreuzt,
+durch den Wasserstaub.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wie feig er ist&ldquo;, sagte der Marquis, &bdquo;und doch
+wie groß seine Sehnsucht.&ldquo; Da begann Baptiste zu
+schreien, als die Barke an den Segler rollte, die Arme
+in die Luft zu stoßen, sein Haß und das Schmierige
+stritten mit dem guten Gefühl. Vaudreuil litt mit dem
+Niederen. Aber er empfand seine Stärke mehr zu leiden
+mit schmerzlichster Beschwingung. Die Tiefe der Erschütterung
+gab ihm ungeahnte Kraft.
+</p>
+
+<p>Taue klatschten aufs Wasser. Dreimal schoß eine
+breite Woge zwischen die Fregatte und sie, teilte sie.
+<!-- page 017 -->
+Dann faßte Vaudreuil die Schlinge. Wie ein Affe
+erkletterte er das Verdeck. Matrosenhände erfaßten seine
+nasse Taille, schoben ihn herein. Das Schiff hatte sich
+weiß beflaggt, bog sich und rauschte. Er sah die Küste
+nicht mehr. Möven lagen auf den Wellenspitzen. Dann
+kamen Tage, wo die Sonne nur da war, der Himmel
+sich seidig zusammenzog. Er sog den Geruch des Meeres
+ein, schaute auf das Spielen von Welle mit Welle,
+der letzte Strich des Horizontes gab seinem Gefühl
+die ruhig sich schaukelnde Sicherheit der Ruhe und
+des Glückes.
+</p>
+
+<p>Am fünften Tag wurden die Segel gerefft, ein Sturm
+legte die Fregatte auf die andere Seite, stieß ein Leck
+in den Speicher. Seekrank lag Vaudreuil auf einem
+Haufen Taue in seiner Kabine. Sein Magen spie
+über Bett und Tisch. Sein Geist litt unter der Beschmutzung
+seiner Kleider. Sein kraftloser Körper, den
+nur einmal in Barbizon nach einer ausschweifenden
+Woche mit Lilotte, der Tänzerin des Dauphin, ein
+Purgier mit Schweiß befreite, litt unter der Ohnmacht
+und stemmte sich mit Wut dagegen. Aber die Dauer
+des Zustandes führte ihn in die Überwindung. Ohne
+Zorn fand er sich darein, daß seine Kabine stank wie
+ein Stall, daß er tagelang kotzte. Als er geduldig
+ward, befreiten ihn helle Tage. Die Angel lag auf
+dem spiegeligen Wasser. Matrosen saßen in den Takelungen.
+Mit weiß knatternden Spitzen schlug das Meer
+<!-- page 018 -->
+gegen den blau aufbrechenden Horizont. Er fing Germanen,
+köpfte sie, warf die Körper den Kabeljaus zum Fressen
+hinunter, briet die Köpfe. Nie aß er früher so weißes
+Fleisch. Erfinderisch geworden in der Ruhe, erfand er
+neue Speisen. Er röstete Flossen, briet Herzen. Der
+Tag ward ihm phantastisch, spielend überwand er die
+Melancholie der Abende.
+</p>
+
+<p>Das Schiff wendete. Die Segel klatschten, standen
+dick voll Wind. Matrosen liefen mit Haken und Büchsen
+nach Backbord. Da stand am Horizont ein Schiff
+in der Form saletanischer Piraten, das braune Segelzeug
+schoß scharf drachenhoch vor dem Gelb. Der Kapitän
+schrie. Aus den Verstauräumen kamen Kanonen angeschleppt,
+die sonst das Gleichgewicht des Schiffs gegen
+den Wind stärkten. Da brauste es aus dem Sprachrohr
+des Drachenschiffs: &bdquo;Vila&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Da begannen die Matrosen zu grinsen, einer sang.
+Sie zogen die Hemden aus und winkten in ihren bronzenen
+Brüsten hell zwischen den Leinen und dem blühenden
+Himmel. Denn das Schiff war gascognisch.
+Vaudreuil blies die Backen auf und ging hin und her
+den Abend.
+</p>
+
+<p>Zwischen zwei Felsen fuhren sie in den St. Lorenz.
+Die Wände standen wie Pyramiden. Schwärme langgehalster
+Vögel hoben sich, zogen endlose Spiralen
+immer höher und schrieen. Morgens booteten sie aus
+nach Quibek. Vaudreuil ging sofort zum Fort. Die
+<!-- page 019 -->
+Straße war kotig. Mit schmutzigen Schuhen und
+Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die <a id="corr-2"></a>Palisaden
+und nannte seinen Namen.
+</p>
+
+<p>Abends erschien der Kommandant zum Bankett. Er
+hatte den ganzen Mittag die Finger seiner Hände hin
+und zurück gezählt, um nicht sofort hinzulaufen. Jedoch
+der Drang seiner Würde war größer als seine Neugier.
+Auf Vaudreuils anderer Seite saß der Bischof
+in violettblauer Sutane. Ihre Fragen umzingelten ihn,
+faßten ihn von immer neuen Seiten. Sie schlürften jedes
+Wort. Der Geruch Europas war noch an ihm. Sie
+hielten sich gerade, aßen mit Bewegungen, die ihren
+Namen entsprachen, wenn auch ihre Stoffe derb waren,
+ihre Schuhe aus Rindsleder, das roch. Er gab, was er
+wußte, vom Hof, den Städten, den Frauen, teilnahmslos,
+halb Gelöschtes aus seinem Gedächtnis. Der Bischof
+riß einen Fisch mit beiden Händen am Schwanz auseinander
+und frug: &bdquo;Was planen Sie hier?&ldquo; Aber
+Vaudreuil zuckte die Schultern. Sie wurden verlegen.
+Der Kommandant trank rasch. Der Bischof leckte an
+seinen fetten Fingern. Sie schwiegen eine Zeitlang.
+</p>
+
+<p>Beim Dessert verloren sie ihre Haltung. Vaudreuil
+kam beim Pharao in Verlust. Als sie zwei Rollen
+Louis gewonnen hatten, wurden sie höflicher vor seinen
+Mitteln. Um vier begannen sie, gebranntes Wasser
+zu saufen. Boys brachten Kübel. Um fünf saßen sie
+hinter den Karten. Vaudreuil hielt Bank, gewann
+<!-- page 020 -->
+zurück. Ein Fähnrich kam in Verlust, man verweigerte
+seine Bons. Er hockte sich in die Ecke, schrie: Germaine
+.&nbsp;.&nbsp;. sah nur Waden, beschrieb sie mit dem
+Finger, leckte das Maul. Ein Offizier fiel um wie
+vom Schlag gerührt. Der Kommandant zuckte die
+Achseln: &bdquo;Er liebt, seinen Gewinst festzuhalten.&ldquo; Seine
+Hand schrieb eine Anweisung, die er rotglühenden Auges
+Vaudreuil hinüberreichte. Sie machten eine Pause,
+aßen kleine scharfe Fische.
+</p>
+
+<p>Der Bischof hob den Arm. Schwenkte den andern
+auf, hob sie und senkte sie heftig, bis der Apparat
+rauschte, seine blecherne Stimme anfing zu singen.
+&bdquo;Fettes Schwein&ldquo;, sagte der Kommandant und schlug
+im Takt die Fäuste auf den Tisch. Ein Hauptmann
+taufte einen Eingeborenen. Das Zimmer dick vor
+Rauch.
+</p>
+
+<p>Sie kehrten zurück zu den Karten. Die Sonne stand
+draußen. Der Bischof setzte die Sutane. Verlor. Der
+zweite Fähnrich begann ihn sofort zu entkleiden, wollte
+ihn als Adam durch den Morgen führen. Der Bischof
+quietschte mit Faseltönen, flatterte mit den Händen,
+umwirbelt von Dampf. Er stank aus jeder Pore.
+Dann weinte er und psalmodierte eine Beichte. Der
+Kommandant bog sich von seinem Stuhl, fiel krachend
+zurück in die Lehne, beugte sich wieder, krampfte die
+Arme über den Bauch und bekam das Maul nicht zu
+vor Geheul. Vaudreuil ging hinaus.
+</p>
+<!-- page 021 -->
+
+<p>An der Palisade erreichten ihn Schreie. Die Fähnriche
+brachten die Sutane geschleift. Am Fenster hing
+der Mondbauch des nackten Bischofs. Eine Hand hob
+sich über ihm, klatschte auf feine fette Schulter. Des
+Bischofs Arme zeterten herunter, er wand sich. Seine
+Schinken hingen zum Fenster heraus. &bdquo;Also doch .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+Vaudreuil bot Ohrfeigen mit, der flachen Hand. Sie
+zogen. &bdquo;Germaine&ldquo;, brüllte der eine und fuchtelte in
+der Luft. Vaudreuil schonte ihn, wandt sich zum anderen,
+der stieß ihm, schmalnasig und hager, im selben
+Augenblick leicht in die Achsel, warf seinen Degen weg,
+salutierte mit der Hand. &bdquo;Es hätte auch die Kehle
+sein können.&ldquo; Vaudreuil packte die Sutane mit den
+Fingerspitzen, trug sie hinaus. In der Mitte des Zimmers
+lag ein Haufen Fett, das den Himmel vertrat, vor
+dessen Umarmung jede trübe Zofe flöhe. Er legte den
+blauen Rock auf den Haufen.
+</p>
+
+<p>Den Rückweg verlegte der Kommandant an den
+Palisaden. &bdquo;Den Degen.&ldquo; Der Fähnrich, zwölf
+Soldaten hinter ihm. Vaudreuil lachte, denn seine
+Stimme lallte und überschlug sich vor Besäufung.
+Er richtete die Spitze des Degens nach hinten, ging
+so auf die Wache zu. Sein Lachen steckte an. Zuerst
+prustete ein Soldat. Dann lachten sie alle, schlugen
+sich auf die Schultern, auf den Bauch, ohrfeigten sich,
+begannen eine Prügelei. Der Fähnrich zog ein Lächeln
+um den dünnen Mund und salutierte. Der Kommandant,
+<!-- page 022 -->
+Sergeant an Wuchs, donnerte wütend, die
+Soldaten johlten weiter. Der Kommandant torkelte
+einem an den Hals, umarmte ihn, fiel um, ward
+aufgehoben, schlug sich den Bauch vor Lachen. Er
+kommandierte die Wache zum Salutieren, es geschah
+unter Schwanken. Arm in Arm mit Vaudreuil verließ
+er das Fort.
+</p>
+
+<p>An der Ecke blieb er stehen, stampfte auf, um fest
+zu stehen. &bdquo;Ich muß Sie verhaften, ohne Zweifel.&ldquo;
+Er stemmte sich mit dem Rücken gegen ein Haus,
+rülpste Gelächter. &bdquo;Ich warte bis zum Abend.&ldquo; Sie
+zogen durch die Kneipen. In der dritten entlieh er
+eine Rolle Louis. Vaudreuil schlug sie ab. Es gab
+einen Skandal. Mitten in der Szene vergaß er es
+wieder, versprach Vaudreuil Weiber, frug nach Paris,
+schlief schnarchend ein. Die Nase fiel auf den Tisch,
+begann zu bluten. Eine Rinne lief ganz langsam über
+die Platte, schwenkte nach rechts, lief nach links. Vaudreuil
+blieb sitzen, bis es ihn erreichte. Dann stand er
+auf.
+</p>
+
+<p>Am Bootshaus lag sein Gepäck. Vor der Mole
+schaukelte ein großes Segelboot. Wohin? Nach
+Montreal. Er erklomm das Schiff an der Seite,
+wo Männer loteten; setzte sich unter ein Sonnensegel,
+zog ein Buch aus der Manteltasche, begann
+zu lesen. Die Eingeborenen sangen vor sich hin, indem
+sie die Segel besorgten. In der Stille verengte
+<!-- page 023 -->
+sich der Fluß, das Meer blieb stürmisch mit schlagenden
+Wellen zurück.
+</p>
+
+<p>Plötzlich stand ein Mann vor ihm, sprach ihn an,
+verdrehte die Augen, schnitt Fratzen und bog die Nase
+nach oben. Zuckte mit den Achseln und zwitscherte wie
+ein Vogel. Öffnete die Hand, schloß die Hand, verkrümmte
+sich und blinzelte. Wandt sich von Vaudreuil,
+der weiter las, nach der anderen Seite der Bank,
+verneigte sich, schwang die Arme nach hinten. Da saß
+ein Offizier mit einem Orden, winkte mit der Hand,
+das Individuum verschwand unter den Fäusten der
+Matrosen. Vaudreuil sah auf, beugte sich etwas gegen
+den Offizier. Der erhob sich: &bdquo;Courbisson&ldquo;, der Gouverneur.
+Vaudreuil blinzelte, schob den Mund schief,
+begann weiterzulesen. Die Adlernase kam im Bogen,
+hing vor ihm, schnitt die Luft:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie brachen heute mein Gesetz.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es waren Schweine. Soll dieser Irrtum .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Haben Sie zu verlieren?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Das Leben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie wissen es einzusetzen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Der Ehre halber.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Das genügt nicht. Bei diesen Menschen bedarf es
+mehr.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin am Ende. Sah den Arsch des Bischofs
+die erste Nacht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Gouverneur griff an seinen Hut, grüßte, die
+<!-- page 024 -->
+Matrosen begannen zu schreien. Baumstämme kamen
+angeschwommen, sie halsten, bogen aus, im Schwung
+umschwebte sie eine betäubende Insel. Der Gouverneur
+strich den Knauf, aus dem ein Löwe in die Luft biß.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bitte um zwei Fragen .&nbsp;.&nbsp;. haben Sie Mittel?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Die Diskretion der ersten läßt mich auf die zweite
+verzichten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich rede in einer dringlichen Sache meines Herzens
+geschäftlich,&ldquo; der Gouverneur verneigte sich. Ein Haar
+breit.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe keine Geschäfte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Da stieß der Gouverneur einen Fluch in die schmalen
+Lippen. Vaudreuil machte eine unwillkürliche Bewegung.
+&bdquo;Nein&ldquo;, sagte der Gouverneur, lächelte zerstreut, gewinnend,
+Unruhe wölkte seine Stirn. Da legte Vaudreuil
+sein Buch hin, kam ihm entgegen: &bdquo;Verhandeln
+wir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Courbisson errötete gegen die grauen Schläfen, begann
+sofort mit Charme zu reden. Vaudreuil sah ihn
+aus aufgerissenen Augen an. Beim zweiten Satze des
+Gouverneurs schlief er ein.
+</p>
+
+<p>Als er erwachte, war es hoch im Mittag. Er war
+allein. Die Ketten rasselten, die Segel hingen eingerefft,
+gebunden, der Anker hielt. Eine Landschaft kam
+mit Wiesen heruntergespielt <a id="corr-3"></a>zum Fluß. Er sah große
+Fasane, stieg aus zur Jagd. Die Nacht brach er durch
+<!-- page 025 -->
+Büsche auf dem Rückwege, fand ein Blockhaus. Auf
+Heu schlief er. Morgens lockten die Stimmen der
+Tiere sein Blut, er bestieg das Schiff nicht, blieb acht
+Tage, streifte, jagte, brach in das Dickicht, das ihn
+schluckte, einsog.
+</p>
+
+<p>Am neunten Tage trieb er ein Boot auf, fuhr langsam
+hinunter nach Montreal, kaufte fischenden Matrosen
+ihre Kleider für die Jagd, trat in ein Blockhaus,
+spreizte die Beine, warf den Kopf zurück und
+zeigte eine Landkarte, fixierte ein Stück mit dem Blei
+am Ufer. Hinter dem Tisch der breite Mann zog den
+Spitzbart. Vaudreuil sah in die Luft. &bdquo;Das Stück
+ist zehn Klafter breit,&ldquo; sagte der Verkäufer. Vaudreuil
+zuckte die Achseln. Der andere zog die Lippen nach
+vorn, schrieb, Vaudreuil zahlte eine halbe Goldrolle,
+drehte um. An der Tür zögerte er kurz, ging hinaus,
+kehrte nach zehn Schritten um, zirkelte zu dem Flußgebiet,
+das er gekauft hatte, das ganze Hinterland
+dazu, sah fragend auf. Der Verkäufer grinste und
+schrieb ihm den Urwald noch dazu.
+</p>
+
+<p>Er mietete ein Rudel Gesindel, fuhr mit ihnen hinauf,
+ließ Hütten bauen. Bald kamen Eingeborene. Mit
+Negern, die er kaufte, gründete er den Kral. Dann
+warf er das Geld gegen den Urwald. Ein wütender
+Kampf bellte auf. Der Wald wucherte mit Sumpf
+und Pflanzen gegen ihn auf. Tag um Tag fraß seine
+Horde sich in den Wald. Er wirbelte die Äxte hinein,
+<!-- page 026 -->
+schnitt mit Feuer Lücken, brach Boden auf Boden ab.
+Er umzingelte mit einer Gasse, die die Kerle schlugen,
+die dicksten Plätze, hungerte sie aus, verwüstete sie, ging
+zurück, brach vor. Die Sklaven starben an Fiebern.
+Er schaffte neue Scharen, trieb sie gegen den Wald.
+Ordnete kleine Gruppen, fiel von den Seiten, vom
+Rücken gegen das nie angegriffene Urstück. Tiere jagten
+nachts heraus. Ein Löwe sprang durch das Dach seines
+Hauses. Er gab nicht nach. Fauchend mit den Stimmen
+seiner Tiere wich der Wald zurück. Nun sogen Weiden
+das Wasser aus den modrigen Ufern. Pflüge rissen in
+das Herz des Landes. Ochsenwagen zogen nach dem
+Strom, warfen das Holz in die Boote, nahmen Saat
+zurück. Meer von Weizen schlug in schönen Wellen
+gegen den Wald. Herden suchten morgens, Boden
+schlagend, den Strom. Das erste Boot fuhr nach
+Quibeck. Zehn folgten. Seine Wolle fuhr über das
+Meer. Schon war der Wald eine ferne Linie am
+Horizont. In Tonnen und Schuppen stapelten die
+großen Fischzüge. Er legte einen Gürtel Ablagerungshäuser
+an. Eines Nachts flog ein Vogel vom anderen
+Ufer herüber, seine Flügel hatten eine grüne Färbung.
+Als er am Giebel saß, begann das Dach zu brennen.
+Es war der dreizehnte Schuppen. Vaudreuil ritt zum
+Inspizieren. Er fand nichts. Nach drei Tagen ritt
+er denselben Weg, ließ es wieder aufbauen. Nach einem
+halben Jahr kam er an einen Zug, der Tonnen Fische
+<!-- page 027 -->
+hinunterschleifte. Er sprach mit dem Führer, sie bogen
+um eine Waldecke, da nahte ein Zug, es kam eine
+Prozession. Vaudreuil stieg ein wenig in den Bügeln,
+kniff die Augen. Dann führte er seine Leute zurück, in
+einem Hohlweg mit steilen Wänden ließ er eine Tonne
+leeren, ritt weiter ein Stück, dann wieder zurück. Sie
+erreichten den Weg, als die Läufer der Prozession auf
+den Fischen ausglitten. Sie fielen auf Rücken und
+Bauch, streckten die Beine hoch, die Zungen heraus,
+rauften sich an den Haaren. Die dicken Priester fielen
+auf den Hintern und rutschten auf den Fischbäuchen
+die glatte Bahn herunter. Geschoß kam auf Geschoß.
+Den Bischof warf sein Esel ab, er flutschte vorüber,
+schlug mit den Armen wie ein Häher. Vaudreuil zog
+weiter. Zwei Wochen darauf klopfte es nachts an sein
+Haus.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Woher?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Quibeck&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Sie machten dem Fremden ein Lager im Flur und
+lauerten im Halbschlaf mit schrägen Augen, daß er
+nichts unternehme. Am Morgen ging Vaudreuil über
+die Diele. Da stand der Fremde auf, griff in die
+Mantelbrust und reichte ihm ein Papier. &bdquo;Ich will es
+quittieren&ldquo;, sagte Vaudreuil, kramte in Papieren, sandte
+dem Bischof für die Exkommunizierung eine Verschreibung
+von seiner eigenen Hand. Sie ging auf eine
+violettblaue Sutane. War vor sechs Jahren ausgestellt.
+</p>
+<!-- page 028 -->
+
+<p>Vaudreuil badete, salbte sich ein Stück, zog Strohsandalen
+unter die Schuhe, es war Abend. Ging
+langsam zum Fluß, nahm ein Paddelboot, fuhr ab,
+legte, als der Flußwinkel überfahren war, an im Gebüsch,
+kehrte zurück, trat hinter einem Baum heraus
+mit einer Peitsche und verhieb Neger, die im Garten
+tanzten und seine Hüte trugen, entließ den Aufseher,
+der in der Küche sich Pasteten buk. Dann ging er
+über die Äcker zwei Stunden, bis er Wald erreichte.
+Eine halbe Stunde lang suchte er, die Nase wie ein
+Hund geneigt. Er fand einen Pfad, folgte ihm bis
+gegen Morgen. Dann schlief er ein wenig, lief den
+ganzen Tag weiter ins Innere. Es wurde Nacht, er
+roch Feuer, schlich sich heran, wartete eine Stunde,
+schnitt mit dem Messer Gestrüpp, verknotete Schlingpflanzen
+durch, machte einen Bogen, schaffte bis Mitternacht.
+Dann kam er an den Rücken eines Schattens,
+hob ein Tuch, war in einem Zelt, zündete ein Schwefelholz
+an, hielt es mitten in den Raum. Zehn Frauen
+saßen auf Fellen und schliefen. Eine stand auf, schlanker
+als die anderen, blies das Licht aus. Er nahm sie
+auf den Arm, trug sie durch das Lager in den Wald,
+das Kupfer ihrer Haut glänzte unter der Dunkelheit
+der Zweige. Sie kamen an sein Boot zum Fluß.
+&bdquo;Naimi&ldquo;, flüsterte sie. Ihre Augen der zahmen Antilope
+stellten sich in Rausch schräg gegen die Wipfel, die
+über den Mondwellen hingen. Das Rindenboot glitt
+<!-- page 029 -->
+unter Ästen mit singenden Vögeln. Ihre Haut roch
+nach ihren Speisen, nach Wildbret und Beeren. Er
+strich ihre junge Brust hoch. &bdquo;Perlen&ldquo;, sie lachte gegen
+die Hand, band sie in die blauschwarzen Haare. &bdquo;Wie
+lange?&ldquo; Er zuckte die Achseln. Ihr aus den flimmernden
+Schatten des Waldes heraus geformter goldbraun
+geschwungener Leib zitterte. Sie hob das Gesicht über
+den Rand. Da sah sie in den Mondwellen die Perlen,
+warf sich nach vorn in die Knie, herüber zu ihm, den
+Kopf auf seine Hände, die Zunge fuhr über seine
+Brauen, die sich im Dreieck zur Stirne spannten.
+Er weckte sie aus dem Schlaf: &bdquo;Naimi&ldquo;. Sie forschte
+erschreckt in seinen Augen; als sie Liebe sah, begann
+ihre Haut sich zu färben. Sie banden das Boot an.
+Die Sonne ging über sie. Manchmal erhob sie sich,
+sah scheu nach ihm hinüber. Am Abend fuhren sie
+weiter. Das Rindenboot schlürfte am Ufer hin im leisen
+Takt des Stroms. Der Mond brach weich aus allen
+Ästen. Ihre Brust war fruchtreif und klein, sie flüsterte,
+erschreckt. Er sah sie an. Sie schlief ein. Sie näherten
+sich seiner Ansiedlung gegen Morgen. Als sie erwachte,
+ihn erblickte, war ihr noch munter. Später hieb er
+ihr gegen die Schenkel. Sie sah seine Stirn, erbleichte,
+knackte zusammen. Beim Aussteigen drehte
+sie sich einmal noch um, ihr schmales Gesicht sah ohne
+Ausdruck nach ihm. Dann sprang sie in den Wald.
+Er trieb allein gegen sein Haus.
+</p>
+<!-- page 030 -->
+
+<p>Er kam in seine Faktorei, kontrollierte das Schreiben
+der Aufladung. Da trat ein Herr herein, grau an
+den Schläfen. Er ging ein wenig gebückt. &bdquo;Ich treffe
+Sie doch in Geschäften&ldquo;, lächelte dünn. Vaudreuil
+verbeugte sich wortlos: &bdquo;Courbisson&ldquo;. Der Gouverneur
+nahm Vaudreuils Arm, sie gingen durch den Garten,
+das Haus, die Anlagen, ritten den Strom herauf,
+vorbei an den Ausladehäusern. Sie gingen um die
+Schuppen, Courbisson prüfte mit der schmalen Hand
+die Maiskolben, den Weizen. Er hob die Hand, beschattete
+das Auge, blickte ins Innere. Er beugte sich
+noch tiefer: &bdquo;Sie wissen nicht, daß ich das, was hier
+geleistet, von Ihnen wollte, als wir das erstemal uns
+trafen. Dies alles war meine Absicht.&ldquo; Er fuhr mit
+der Hand im Kreis herum. Dann nahm er wieder
+Vaudreuils Hand, er blieb bis zum Abend. Nach Tisch
+schlief er. Sie tranken Kaffee und spielten. Gegen die
+Dämmerung redeten sie monoton, einfach. Als es
+dunkel war, brachte Vaudreuil ihn zu seinem Schiff.
+Sie waren noch im Garten, und eine Kröte sprang
+schwerfällig über den Schuh des Gouverneurs. Er stand
+steifer: &bdquo;Der Krach mit dem Bischof stellt alles in
+den Einsatz.&ldquo; &bdquo;Ich weiß&ldquo;, sagte Vaudreuil. Der
+Gouverneur ging weiter. Von einem Baum knallte
+eine Frucht. Das Kinn des Gouverneurs berührte einen
+Augenblick die Brust. Dann hoben sich seine Achseln,
+er atmete tief. Am Schiff gab er ihm die Hand:
+<!-- page 031 -->
+&bdquo;Besuchen sie mich.&ldquo; Vaudreuils Brust hob sich hoch,
+senkte sich.
+</p>
+
+<p>Am Morgen torkelten über die Felder eine Schar
+Weiber, kamen in die Umzäunung. Unter dem Schmutz
+erschien ihre weiße Haut. Sie kamen halbverhungert
+aus den Wäldern, wo sie breitschenkligen Huronen nachgelaufen waren,
+verlangten nach Essen. Sie waren derb
+und saftig, ihre Kleider von Dornen zerfetzt, manche
+fast nackt. Die meisten waren betrunken, schimpften vor
+sich hin. Er ließ sie hinaustreiben: Ein Neger erschien
+mit einem Seil, das ein anderer faßte. Eine nahm ein
+Federmesser und stach es ihm nach der Hüfte. Vaudreuil
+kam selbst heraus, langsam die Treppe herunter. Ließ
+die Sau auf einen Stuhl schnallen, schlagen. Die
+Neger rissen die Röcke hoch, schlugen ihr die Haut
+zu Striemen. Sie brüllte eine Weile. Dann ward sie
+still, verkroch sich in ihren Körper wie in eine fremde
+Hülle. Als sie losgebunden ging, öffnete sie den Mund,
+sang. Ihre Stimme war angenehm, nicht mehr rauh.
+Das Lied war von den Vorstädten von Paris. Vaudreuil
+ging die Treppe hinauf, er hatte sie im Rücken.
+Sie riß das Palais Royal vor ihm auf. Er biß die
+Lippen, aber er drehte nicht um. Sie hatte einen
+roten Strumpf. Dies verließ ihn nicht.
+</p>
+
+<p>Im Sommer kamen die Meerwölfe ans Ufer,
+schlichen hinauf und schliefen. Sie fuhren mit ein paar
+Schiffen hinunter, kamen in der Dämmerung an, beschlichen
+<!-- page 032 -->
+die Plätze in der Frühe, hoben Gruben aus,
+versteckten sich, warteten. Als die Sonne heiß ward,
+pfiffen sie, sprangen heraus, liefen nach dem Strand
+und schnitten den Tieren den Rückweg ab. Dann
+schlugen sie sie mit Knüppeln tot. Die Tiere gaben
+kleine Pfiffe, wehrten sich in schnappigen Sprüngen
+mit dem Maul über die Luft rasierend. Müde von
+der Jagd ritt Vaudreuil in die Stadt, suchte ein
+schlichtes Haus, trat hinein zu Courbisson und aß mit
+ihm. Als er Abschied nahm, sah er, daß der Gouverneur
+sehr grau ward: Er lächelte. In der Hauptstraße
+standen vor kleinen Häusern europäische Weiber, hoben
+die Röcke, wiegten mit den Schenkeln und pfiffen. Er
+ging weiter, der Geruch gepflegten Fleisches war noch
+nicht aus ihm gewichen, und er, der die süße Frische
+der dunklen Weiber kannte, war der talentlosen Liebe,
+mit denen Frankreich überschwemmte, taub.
+</p>
+
+<p>Der Mond kam aus den steifen, hohen Bäumen,
+er ging hinunter, das Pferd am Zügel, sah die Strecke
+an, kam bis an das Ufer, ritt es hinunter, wo der
+Lorenzo umbog. Da sah er zum erstenmal seit Jahren
+das Meer. Der Mond stürzte aus den Palmenwipfeln
+heraus, sank gegen das Wasser. Da brach aus ihm
+heraus, was er sieben Jahre bezwungen, was aber
+in der Reibung mit seinem Herzen wie ein Wolf gewachsen
+.&nbsp;.&nbsp;. er drückte sein Gesicht in den Bauch der
+Stute, zuckte mit den Achseln. Das Pferd hielt starr
+<!-- page 033 -->
+und hingebend, obwohl er den Hals mit den Armen
+ihm verschnürte.
+</p>
+
+<p>Er sprang auf das Pferd, mit träumerischen Zügen
+trieb es langsam ins Wasser. Wo der Mondstrahl
+auffiel, spiegelte das Wasser wie Glas, das sich drehte:
+Das Schloß .&nbsp;.&nbsp;. mit buntem Kies, gebaut für die
+Zärtlichkeit der Frauen. Tiefe Fenster wühlten in der
+wollüstigen Blumendämmerung. Der Park stand voll
+vom Duft der Rosen und Jasminen. Schreibend früh
+morgens mit vier Sekretären, noch feucht von der
+Haut der Geliebten. Da schoß er Tiere. Warf den
+Körper in das Bassin, das ihn kristallen umschäumte.
+Dumpfe Nächte beim Kartenspiel durchschlug er mit
+schweißigem Haar. Ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm
+behängt .&nbsp;.&nbsp;. eine Intrige, die in London sich kraus
+entfaltete .&nbsp;.&nbsp;. mit großen Orden, den Degen am Fuß
+empfing er eine Fürstin, die Hand am Schlag und sie
+warf ihm Blicke zu durch das Glas, das er geschmeichelt
+nahm. Dann nichts tun einen Sommer, als den
+Himmel ansehn durch den Regenbogen der Tritone .&nbsp;.&nbsp;.
+er trieb das Pferd mit Schlägen; das seichte Wasser
+schäumte. Er hob es am Zaum hoch und zwang es
+tiefer in die Flut. Indem begann der Mund sich zu
+öffnen, zuerst leise im Rhythmus, dann schreiend sang
+er, was von der Hure in ihm war. Das armselige
+Lied befriedigte seine Sehnsucht tief. Als der Gaul
+versank, schwamm er weiter, der Mond lag auf weißen
+<!-- page 034 -->
+Wellen. Er sang nicht mehr, das Wasser schlug an
+seiner Kehle und erstickte seinen Ton. Sein Herz war
+so irrsinnig, daß, als der Mund die Flamme nicht
+ausspeien konnte der Sehnsucht, es pochte dumpf den
+Namen der Frau, das Übelste an Erinnerung, die er
+verachtet, um die er sich geschlagen und die er jedem
+Lakaien gegeben. Das hatte noch sehr Gewalt in ihm.
+</p>
+
+<p>Als die Kraft ihn verließ und er unterging, kam
+Wehmut über ihn, er arbeitete sich hoch, kam mit
+dem Kopf gegen die Küste, den Mond im Rücken.
+Da, als er das Land sah, verließ ihn alles, er wußte
+nichts als Leben und das Gefühl des Atmens durchstieß
+ihn so, daß er weinte vor Gier, dazubleiben, die
+Arme zu strecken, nicht zu sterben. Er mühte sich dreimal
+verzweifelt, die Welle schlug ihn zurück. Keuchend
+erreichte er Grund, kam an die Küste. Fand sein Pferd,
+das mit dem Schweif schlug und wieherte. Sein Atem
+schlug wie eine Säule über den Sand. Er stöhnte,
+machte drei Schritte, erreichte den Gaul nicht, sondern
+fiel mit dem Gesicht auf die Erde, breitete die Arme
+aus, schlief an ihr wie an einer Frau.
+</p>
+
+<p>Spät am Morgen wachte er auf, drehte sich, nahm
+das Pferd am Halfter und ging nach der Stadt. Er
+drehte sich nicht nach dem Meer um, sah es nie
+wieder. Am Eingang zu den Häusern stieg er auf,
+glättete seine Kleider und ritt durch. Am anderen Ende
+kam ein Reiter ihm entgegen, stellte seinen Gaul etwas
+<!-- page 035 -->
+schräg, daß Vaudreuil halten mußte. Courbisson reichte
+ihm die Hand. Einen Augenblick verweilte des Gouverneurs
+Auge auf Vaudreuils Stirn. Er sah, daß
+er grau geworden war an der einen Schläfe. Er,
+täglicher Kämpfe hart im Inneren bewußt, lächelte,
+sagte nichts. In der Nacht in seinem Haus wartete
+Vaudreuil am Fenster. Der Mond flog zärtlich aus
+der Waldnacht im Osten. Er sah ihm nach.
+</p>
+
+<p>Wochen ließ er sein Geschäft laufen. Er sah nach,
+aber ohne die Schärfe des Blicks. Eines Tags widersetzte
+sich ihm ein Arbeiter ins Gesicht. Er nahm ihn
+mit sich in sein Büro. Sie sprachen zwei Stunden.
+Der Arbeiter kam heraus mit verändertem Gesicht. Nach
+drei Tagen übernahm er die Leitung einer Abteilung.
+Vaudreuil rüstete sich aus, schaffte zwei Wochen geheimnisvoll.
+Als er frühmorgens mit seinem Pferd den
+Garten verließ, stand der Arbeiter an dem Pfosten:
+&bdquo;Nehmen Sie mich mit?&ldquo; Vaudreuil ward zornig.
+Dann beherrschte er sich, sein Gesicht ward versteckt,
+starrte über die Bäume nach Norden. Er schüttelte abwesend
+den Kopf: &bdquo;Ich muß hier einen Vertreter
+haben&ldquo;, er gab dem Jungen, dessen Augen hell und
+ärgerlich über die Abweisung waren, die Hand. Mit
+ein paar Eingeborenen schlug er sich durch.
+</p>
+
+<p>Als die Flüsse auf Rindenbooten durchfahren waren,
+kamen Steppen. Eines Morgens glänzte Weiß. Es
+war der Churchilriver, den noch kein Europäer sah.
+<!-- page 036 -->
+Er überschritt ihn. Zehn Tage weiter entdeckte er Pelztiere,
+durchforschte die Gegend, legte einen Schuppen,
+eine Kette Niederlassungen zur Küste an, brach weiter
+auf. Er kam zu einer Erdspalte, überstieg sie. Wie
+von Öl überglänzt, war die Ebene reich gegliedert von
+großen Seen. Wieder kamen Steppen. Am Rand
+blieben die Eingeborenen stehen und frugen achselzuckend,
+wohin er wolle. Er hieß sie schweigen und deutete
+nach Norden. Sie sahen ihn scheu an, folgten. Sie
+hatten drei Tage nichts zu trinken. Ein Indianer floh.
+Die anderen fingen ihn wieder. Er ließ ihn laufen
+mit so viel Verachtung, daß der sich hinwarf und flehte,
+er solle ihn nicht verstoßen. Aber er nahm ihn nicht
+weiter mit. Der Wilde folgte im Abstand, schlief,
+lagerte, aß mit ihnen. Am dritten Tag wurden die
+Stimmen heiser. Morgens tauchten drei blaue Punkte
+auf. Wilde nahten: hinter den Eisbergen sei das, was
+Menschen tilge .&nbsp;.&nbsp;. Er ward ungeduldig und schrie sie
+an. Sie senkten die Köpfe: er würde ein Greis, bis
+er die nördliche Küste erreiche. Sie wiesen Renntierhörnerkeule:
+es gäbe keine Tiere mehr zum Jagen, nur
+gefrorene Flüsse .&nbsp;.&nbsp;. Er zog die Brauen zusammen,
+daß sie im Dreieck standen. Es trieb ihn, er hatte
+keine Macht darüber.
+</p>
+
+<p>Vier Tage zog er die Eingeborenen mit sich Sie
+froren die Zehen ab im Schnee. Sie wollten zurück.
+Er schalt: &bdquo;Hunde.&ldquo; Sie zeigten ihre Füße. Er riß
+<!-- page 037 -->
+die Brust auf. Sie neigten den Hals. Er entließ sie.
+Im Abstand nur folgte ihm der eine, den er verjagt.
+Eines Morgens fehlte auch dieser. An diesem Tage
+traf er Eskimos. Er machte ihnen Zeichen. Noch eh
+er zu trinken bat, grub er das Zeichen des Meeres in
+den Schnee. Sie schüttelten den Kopf. Er würde den
+Punkt nicht erreichen, wo die Unendlichkeit der Ebenen
+und die Einsamkeit seines Herzens Europa am nächsten
+seien. Er würde nicht den magischen Pol seiner Sehnsucht
+erreichen, den sein Herz unruhig suchte, ohne daß
+er wußte, zu welchem Ziel, in welchem Sinn &mdash; &mdash; &mdash; er
+sah einmal den Kreis langsam herum, dann fiel er ab.
+Sie schleppten ihn mit sich südwärts. Als sie Lagerfeuer
+sahen, plünderten sie ihn aus, eh er ihnen
+schenken konnte, was sie nahmen, ließen ihn liegen.
+Halbverhungert wälzte er sich weiter, schrie und verlor
+die Besinnung. Am Morgen sah er, wie die Indianer
+aufbrachen, er erhob sich und winkte. Sie sahen ihn
+nicht. Als aber sein Leben dahinschwand mit den verschwimmenden
+Konturen der Zelte und Haarbüsche,
+kam die Kraft über ihn, daß er lief wie ein Ochse,
+sie erreichte, dort zusammenbrach. Sie pflegten ihn
+durch, zwei Monate lang. Es waren Iroquois. Als
+er gesund war, hob er nachts ein Zelttuch, sprang hinein,
+entzündete den Schwefelspan, hielt ihn in die Ecke.
+Eine Frau stand auf, der schlanke Brüste wie Zitronen
+saßen, die den Shawl mit einer gleitenden Leichtigkeit
+<!-- page 038 -->
+raffte. Sie hob den Kopf, blähte die Nüstern
+der bourbonischen Nase, als röche sie ihn, der Blick
+der wildsamtenen Antilopenaugen verdunkelte. Sie blies
+mit einer raschen, schönen Bewegung das Licht aus.
+Ihr Körper war glatt wie ein Fisch, golddunkel.
+Sie frug, wie lange, am Morgen. Er schüttelte den
+Kopf und nahm sie mit. Sie kam als erste in sein
+Haus. Der Arbeiter gab ihm die Übersicht der Bücher
+und trat ein wenig zurück. &bdquo;Ich danke.&ldquo; Vaudreuil
+gab ihm die Hand. Der Arbeiter errötete, aber, da
+Vaudreuil nicht weiter sprach, wies er nochmals auf
+das Neue, seine zehn Pfade am oberen Lorenzo, den
+Hafen am Ontario. Vaudreuil nickte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ist es nicht genug?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Da sah Vaudreuil wieder über ihn hinaus wie am
+Morgen, als er aufbrach. Seine Sehnsucht hatte das
+Tätige nicht gestört. Er stapelte auf die Verträge von
+den großen Seen, die Abmachungen, die die Jagd
+am Sklavensee, am Makenziriver in seine Hand gaben.
+Nun flossen die Felle des Inneren nicht mehr zur
+Hudsonbay, nun durch ein neues Bett strömte das
+Innere zu ihm. Nun liefen die Pelze übers östliche
+Meer, nach Europa. Seine Besitzung am Lorenzo
+ein Strudel, der das Innere des Landes einsog und
+herriß. Was war das Bisherige gegen diese Leistung,
+diesen Horizont?
+</p>
+
+<p>Er sah dem Arbeiter ins Auge: &bdquo;Organisieren Sie
+<!-- page 039 -->
+es.&ldquo; Der zog den Mund zusammen, bückte sich einen
+Augenblick, hielt dann erstarrt mit geöffnetem Mund.
+Dann ging er hart. Nach einem Monat brachte
+er das Geschaffene. Er sah auf: Wegweiser, Faktoren,
+Dolmetscher zogen ins Eis. Die faule Jugend war
+diszipliniert, stieg in siebenjähriger Probezeit zu höherer
+Stellung, zu Beteiligung, zu Prämien für besondere
+Leistung. Für Ausdauer stand Lohn, für Ehrgeiz Befriedigung.
+Er machte Kräfte frei in gerechtem Wettstreit
+.&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;Gut,&ldquo; sagte Vaudreuil. Da nahm der
+Arbeiter seine Hand, sagte: &bdquo;Verzeihen Sie.&ldquo; Er
+wollte kein Lob mehr. Kein Trotz war mehr in ihm.
+Er diente.
+</p>
+
+<p>Als die Frau ihm einen Sohn ins Bett warf,
+schreiend, daß die Mägde im Haus den ganzen Tag
+zitterten, schenkte er ihr eine Kette mit gewundenem
+alten Dukatengold.
+</p>
+
+<p>Daran hingen drei achatne Kugeln.
+</p>
+
+<p>Courbisson hielt ihn zur Taufe über das Wasser,
+obwohl die Mutter braun war, denn seine Schätzung
+für den Menschen war noch geringer als die für das
+Beispiel, mit dem Vaudreuil für das Volk schuf. Am
+Mittag kam ein Bote, der die Nachricht hatte, daß
+ihm die Heimkehr frei sei, daß unter anderem Gesetz
+die Stadt stände. Er ging zurück in den Schatten,
+wohin die Kerzen nicht langten. Er würde Ruhm
+haben, Vermögen, Macht, Frauen. Er sah durch das
+<!-- page 040 -->
+Fenster, wo die schwere Silhouette des Waldes noch
+sichtbar in der Ferne schwang. Es ging über sein Gesicht
+von oben nach unten, von den Wangen über
+den Mund. Der Gouverneur zitterte an der Hand,
+die den Hut hielt. Vaudreuil äußerte sich nicht.
+</p>
+
+<p>Im Frühjahr verschwand er einige Zeit. Rastete an
+Feuern, an Seen, Flüssen, den großen Hauch des
+Daseins spürend, ging mit Zeit, mit Woche und Jahr.
+Der Erde und ihrem Rücken verschwistert, die ihn mit
+Blut und Saft bis ins Hirn durchspülte, gingen die
+Nächte über ihn, die Schwingen des Sternkreises, der
+Monde. Er sprang in dieses Zelt, er zündete Hölzer
+an, er verließ es. Er hob das Tuch im Wald, auf der
+Steppe. Nahm jene, dieses, schwankte, ließ liegen, holte
+zurück unter Lachen. Schichtete um sich in Zellen brausend
+Gelebtes, reich Durchgegangenes, hielt nicht an dieser,
+jener Frau, glich sich aus in der Bewegung.
+</p>
+
+<p>Am zwölften Geburtstag seines Sohnes kam er von
+einer Kontrollfahrt. Er ging sofort in das Zimmer, wo
+von einem Hausmeister und Lehrer er das Kind erziehen
+ließ. Von dort durch die Diele, kam er ins Boudoir
+seiner Frau. Er sah sie vom Rücken, sie stand vor einem
+Spiegel und kämmte ihr Haar. Ihre Lippen leuchteten
+voll und rot, der Nacken fiel mit der Glätte der
+Schlange und als sie sich ihm zudrehte, standen ihre
+Brüste klein und gegen ihn gereckt. Da sah er eine
+Flechte an ihrem Scheitel weiß, trat zurück, erbleichte.
+<!-- page 041 -->
+Ging vor bis dicht an den Spiegel, sah über den
+straffen dunklen Zügen sein Haar hell durchblitzt, stürzte
+hinaus. Drei Tage trieb er wie irrsinnig durch das
+Haus, durch den Park.
+</p>
+
+<p>Des Nachts brach er auf. Am Pfosten der Tür
+versuchte er seinen Muskel. Er warf ihn auf. Sein
+Gesicht ward sicherer. Am Abend schmerzte ihn sein
+Fuß. Er wurde kleinmütig, ging gesenkten Kopfes,
+setzte sich auf einen Stein. Als er die Stelle untersuchte,
+war es eine Quetschung. Sein Auge hellte
+auf, als er die Ursache sah. Er kam an den Elkfluß.
+Zog nördlicher. Kam an den Athalaskasee. Schuf die
+Riesenfaktorei am Winnipegsee, nun würden Tauschwaren
+in alle Eisbezirke laufen. Der Norden war aufgesprengt.
+Keine Aufgabe weiter .&nbsp;.&nbsp;. Am Morgen erhob
+er sich, drang weiter vor. Unsinnige Angst, daß
+das Alter nahe, daß er nicht mehr folgen könne, wenn
+sein Herz ihn hineinstieß in das Sehnsüchtige, Dunkle.
+Er übertrieb seine Kraft, sich selbst davon zu überzeugen.
+Er lag zwei Monate krank in einem Hüttenlager.
+Gekräftigt, sofort trieb es ihn hoch hinauf. Er kreuzte
+durch verschneite Prärieen am Hudson. Eingeborene
+wiesen ihn östlich, wo große Herden der Pelztiere seien,
+Ebenen mit hohem Gras, Ochsen mit gestreifter Haut
+und säulenhohen Hörnern sprängen. Aber sein Herz
+schlug: Nach Norden .&nbsp;.&nbsp;. Er werde sterben. Es kümmerte
+ihn nicht. Sein Blut klopfte dumpf gegen das
+<!-- page 042 -->
+Dunkle vor ihm, sein Herz kannte nur in ungeheurem
+Zittern einen Pol.
+</p>
+
+<p>Er kam an einen Fluß. Aus der Entfernung einer
+Meile kam sanftes Geräusch. Er schlich sich an. Ein
+Graben deckte ihn.
+</p>
+
+<p>Wie Affen standen Tiere um einen Baum. Sie
+stützten sich auf breite Schwänze, hatten die Vorderbeine
+an die Rinde gelegt. Mit weißen Zähnen sägten
+sie nach gleichem Takt den Baum durch zwischen den
+Spalten ihrer Gänsefüße. An der Ecke saßen zwei
+andere, machten Gesten, schrieen; womit sie andere
+warnten, über die Linie zu treten, in deren Radius
+der Baum wohl fiel. Nach dem Ufer zu zog sich eine
+geordnete Kolonne, die Äste trugen. Der Fluß war
+eine unmeßbare Wabe, aus der die Kegelhütten hervorstachen
+mit den Spitzen. Dazwischen ein Gewimmel
+von Tieren, die am Damm bauten, so weit er sah.
+</p>
+
+<p>Auf dem Fluß schaukelten Rosaschatten, der Abend
+fiel langsam. Die Dämmerung hüllte das friedhafte
+Summen der beständigen Arbeit in stumme Seligkeit.
+Der Mond schwang darüber, es nahm kein Ende.
+Der Mond bewegte sich in der Elegie des tätigen
+Konzertes, der Baum fiel, aber er stürzte, als der brausende
+Rhythmus der Tiere auf der Spitze der Empfindung
+schwoll. In langen Kantilenen zernagten sie
+die Äste, bauten, schufen, langsam klang die Nacht
+mit allem Geräusch in die beruhigende Kraft des Tieres.
+</p>
+<!-- page 043 -->
+
+<p>Er machte eine Skizze, hielt den großen Biberplatz
+in der Hand, schlich zurück, kroch in seinen Schlafsack,
+warf sich zwei Stunden herum. Dann stand er
+auf. Zerriß den Plan. Hatte genug Vermögen. Langsam
+begann er zu weinen. Etwas stieg auf, erhob
+ihn und durchdrang den Überschwang an Dunklem,
+das seine Seele mit großen Trieben hinriß da und dort,
+aber immer in einer Richtung, die sinnlos war vor
+unbewußter Sehnsucht. Das Gefühl erfüllte ihn ganz
+bis in die Kammern des Herzens, bis in die Poren der
+Haut, den Wuchs des Haares und gab ihm eine
+Schwingung, die er nie gepackt. Hingerissen, zwischen
+den Schwüngen des rastlos Stoßenden, das ihn wegblies
+wie gegen den Mond und zurückstieß gegen den
+Boden, den er baute .&nbsp;.&nbsp;., in einem unirdischen Ruhepunkt
+erlebte er die glücklichste Stunde seines Lebens.
+Er rührte kurz an die selige Beruhigung, die als Achse
+zwischen den Wagen seines Herzens stand. Auch dies
+verließ ihn nie.
+</p>
+
+<p>Mit hölzernen Schlittschuhen trieb er das Eis der
+Flüsse südlich. Schon kam Grün, Frühjahr wucherte
+aus verhaltenen Ästen. Vögel begannen unwiderstehlich
+zu kommen aus den monderhellten Dunkelheiten des
+Waldes.
+</p>
+
+<p>Von einem Hügel sah er zum Strom. Tausende
+Habitants, Sklaven, die die Maisfelder dunkel machten.
+Riesenbogen der Landschaft gegen den Wald gespannt.
+<!-- page 044 -->
+Eine Kette wie von ausgelaufenem Öl .&nbsp;.&nbsp;. die Schuppen,
+die den Fluß gürteten. Schiffe schwankend zum Meer
+und zurück, Herden, die brüllend aus den Weiden zum
+Wasser stampften .&nbsp;.&nbsp;. ein großes Tagewerk. Langsam
+schritt er hinunter. Was blieb noch?
+</p>
+
+<p>Er ließ die Äxte Jahre gegen den Urwald trommeln.
+Feuer qualmte am Horizont. Menschen eroberten
+sich Erde, Acker. Es geschah mit Ruhe.
+Er verließ sein Haus nur zur Jagd. Sein Auge verschleierte
+sich langsam. Er lehrte den Sohn, den Wolf
+auf die glühenden Augen schießen. Eine Erkältung
+schlich ihm von den Beinen gegen die Brust. Er
+stemmte sich etwas dagegen. Dann lag er ruhig, als
+er sah, daß es nutzlos war. Er ließ das Bett herumstellen.
+Sein Scheitel stand zum Fluß. Sein Auge
+sah in die Landschaft. Bis an die Grenze der Wolken
+getürmt alles sein Werk. Er hob die Hand über die
+Brauen. Die Silhouette des Urwalds war zurückgewichen.
+Er sah sie nicht mehr. Dies wurzelte. Was
+blieb? Der Tod.
+</p>
+
+<p>Er wartete acht Tage. Die Wolken staffelten Terrassen
+und flogen blitzend. Sein Herz begann zu schmerzen.
+Aber mit den Schmerzen löste sich der Bann und die
+ungeheure Treibkraft brach auf, und besinnungslos überfiel
+es ihn vor Angst des Todes. Das Quellende, Heiße,
+das was flatterte und sich bäumte, hob sich innen gegen dies
+kalt werdende Fleisch. Niemand kam zu ihm. Allein
+<!-- page 045 -->
+lag er stöhnend, wünschend. Dazwischen fluchte er,
+kämpfte mit aller Kraft. Er nahm ein Tuch und band
+es sich um das Kinn und den Kopf, daß er keinen
+Laut gebe. Aber seine Lippen sprengten sich auf und
+stöhnten: &bdquo;Jardins .&nbsp;.&nbsp;. du .&nbsp;.&nbsp;. palais .&nbsp;.&nbsp;. royal. &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+Es war das Lied der Hure.
+</p>
+
+<p>Aber auf der Spitze des Schmerzes fiel das Weh
+in sich selbst zusammen. Er ließ den Sohn rufen.
+Sein Gesicht war klar. Er lebte noch einen Tag. Als
+der letzte große Griff gegen das Herz ging, flüsterte
+er: &bdquo;Der Biberplatz&ldquo;.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich verstehe dich nicht&ldquo;, sagte der Sohn.
+</p>
+<!-- page 047 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Der erste Abschnitt
+</h2>
+<!-- page 049 -->
+
+<p>Der schlief mit einer Dänin mit gelbem Fjordhaar.
+Er lebte ruhig, stiller als Männer, die seinen
+Stand hatten. Er kannte keine anderen Frauen. War
+rundherum sicher, wußte, was er tat. Als der Bogen
+beendet, starb er mit gleicher Ruhe, wie er dagewesen.
+Sein Sohn glich ihm genau. Er hinkte mit dem
+linken Fuß, hatte blaue Augen zu dunklem Haar.
+Der Besitz wuchs, indem er ihn erhielt. Er hatte drei
+Söhne, einen erschlug der Blitz, der andere schoß sich
+vor den Kopf. Der Letzte blieb. Er spielte am Strand,
+war träumerisch und ernst. Sie lebten nach innen in
+der ganzen Linie. Nichts stieß sie aus dem Kreis heraus,
+den Landschaft, Erdgeruch, Besitztum um sie
+schlug. In der Pause erholte sich die Generation,
+schöpfte Atem, schluckte nach innen, in sich hinein.
+</p>
+
+<p>Als Daisy die Mutter verließ, flaggten die Schuppen
+bis Quibec, pfiffen die Dampfer Schleifen und Spitzen
+bis zu den Großen Seen. Die Sonne schlug durch den
+Zenith. Am Abend starb die Mutter.
+</p>
+
+<p>Der Vater trat ins Zimmer, duckte den Nacken
+etwas, schwieg. Schalen flammten in kurzer Nacht,
+<!-- page 050 -->
+umglänzten Daisys ersten Tag. Der vierte Vaudreuil
+nahm die Hand des Bischofs, es sprühte in besinnungsloser
+Trauer ihm das Gefühl der Ehre. Chorknaben
+durchsangen die Räume, schwenkten das Rauchfaß.
+Abordnungen des Hudson neigten das Kinn gegen die
+Brust. Im Fensterglas spiegelte ein Segler, der mit
+halbgehißter Fahne vom Ontario kreuzte. Nach dem
+Essen legte Vaudreuil die feine hart gebogene Hand
+auf die des Bischofs: &bdquo;Sie irren, Eminenz, ich setze
+sie im Garten bei.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er stand am Fenster, sah, ungerührt, bewegungslos
+den Bischof hinabgehn, die Turbine des Motors
+schäumte weg von ihm, warf ihm Blasen, Wellen
+zurück. Abends kam für Daisy eine eingeborene Nurse.
+In der Nacht verbrannte er seine Frau im Garten.
+Die Nurse senkte die Gardinen. In der Dämmerung
+erst ging Vaudreuil zurück ins Haus. Abends
+trat er in ihr Zimmer. Als er die leere Bettfülle
+sah, den faden Geruch spürte, begriff er erst.
+</p>
+
+<p>Blieb die Nacht wieder draußen, baute mit vier
+Gärtnern eine Hütte über der Asche. Jeder Windstoß
+erregte ihn. Morgens ging Brise. Die Angst wuchs,
+die Asche werde verweht. Sie war das Letzte. Von
+Montreal brachte der Bote den Wagen mittags.
+Brown, anglikanischer Pastor, sprach Gebete. Früher
+wagte Vaudreuil nicht, die Asche zu sammeln, so schmerzlich
+seinem Herz, das ohne schlagende Dränge nur
+<!-- page 051 -->
+Liebe kannte zu Respekt und Hergebrachtem, der Priester
+anderer Konfession war. Er trug die Vase selbst ins
+Zimmer, mit straffen Beinen. Dort fiel er zusammen,
+schlug die Arme auf den Tisch. Langsam, fest wuchs
+er in Stunden zurück, bis er senkrecht saß. Er würde
+weiter leben. Auferlegtes Werk weiter verwalten, dies
+Schicksal tragen, dieses und jenes, wie alles, das er,
+Erbe, trug. Doch ohne diese Frau, .&nbsp;.&nbsp;. er schloß die
+Augen.
+</p>
+
+<p>Brown zog in die Familie ein. Vaudreuil band
+ihn an Haus, Besitz und Tätigkeit. Hätte ihn um
+sich gehalten, stänke er wie Aas, vergaß ihm das Gebet
+nicht. Nichts hätte dies zwischen ihnen herausgejagt.
+Doch Brown gewann nicht ganz Boden. Der
+Lebensschlag verwirrte ihn hier. Liebe aber wischte ihm
+das andere immer hinweg. Er sprach eckig, unfrei,
+seine Handgelenke, unter flatternden, fliehenden Manschetten,
+waren gerötet. Einmal erleichterte er sein Gewissen,
+schlug den Übertritt vor zu seiner Konfession,
+dies eine Mal gab Vaudreuil keine Antwort. Nichts
+war gesagt worden. Brown war es los.
+</p>
+
+<p>Vaudreuil rief den Vorstand der achten Abteilung,
+zog aus den Akten ein Bündel, legte ein Papier auf:
+&bdquo;Sie irrten.&ldquo; &bdquo;Ich würde bedauern.&ldquo; Der junge
+Bursche trug den Fehler selbstbewußt.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie haben zum zweitenmal geirrt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zu Ihrem Vorteil.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 052 -->
+
+<p>&bdquo;Das spielt keine Rolle. Das dritte Mal entlasse
+ich Sie, so sehr Ihr Eifer anerkannt wird.&ldquo; Er drehte
+sich um. Der Vorstand trat vor, bleich, einen Zahn
+in der Lippe. Vaudreuil nickte über die Schulter, der
+ging, errötete vor Freude. Die Ledertür fiel. Vaudreuil
+senkte sein Gesicht. Das Gehaltene verließ ihn, die
+Augen sahen durch die Papiere, Holz, Wand. Er ging
+in den Garten. Jeden Tag ward die Frist größer,
+die er blieb, die Intensität erschreckender, mit der er
+die Arbeit zusammendrängte, durchfuhr. Brown sprang
+ein, wagte es (was allein er konnte), legte die Hand
+auf seine Schulter, schlug einen Wechsel vor, des
+Wohnorts, der Luft. Vaudreuil schüttelte es ab. Generationen
+hatten hier gelebt. Er blieb. Brown deutete
+den Kiesweg runter, wo die Nurse das Kind
+heraufschob. &bdquo;Es handelt sich nicht um Sie.&ldquo; Vaudreuil
+erblaßte etwas, er erkannte. Schwankte, ohne
+zu zeigen, was vorging, einige Tage. Dann entschloß
+er, ging aufs Ganze. Teilte; arrangierte die Übersiedlung
+zu den Ottava-Mühlen. Nachts schlief er am
+Lorenz, war sein Plan. Morgens fuhr er im Auto
+zum anderen Stromhaus, abends wieder zurück. Er
+hielt auseinander. Da starb die Frau. Dort lag sein
+Werk. So hielt er Gleichgewicht, indem er nicht
+mischte.
+</p>
+
+<p>Brown nickte in der Sitzung: &bdquo;Sie bleiben auf
+eignem Boden.&ldquo; Der Vorsteher der Büros zog zwei
+<!-- page 053 -->
+Kreise, die sich durchbohrten: &bdquo;Der Schwerpunkt der
+Affären fällt nach Westen&ldquo;. Nickte. War Franzose,
+der Plan war sein alter Plan. &bdquo;Es geht um die
+Gesundheit, Fidley. Zaudern Sie nicht, das zu begreifen,&ldquo;
+sagte Vaudreuil.
+</p>
+
+<p>Mittags fuhren sie im Auto den Lorenz hinauf,
+folgten ihm in Launen, Schlägen, Schnellen. Der
+Wald war dicht voll Saft, Sonne spielte in fetter
+Luft. Vögel schrieen. Schlugen hämmernd hinaus in
+Weizenebenen. Kühe tollten unter Bäumen, grad gesetzt,
+trächtig von Frucht. Blauer Himmel stieg vom
+Waldblock herauf, überflog sich taumelnd. Die Nurse
+saß neben Daisy. Der Wagen schwenkte nach Norden,
+fuhr an neuem Strom. Hinauf, hinauf. Ein
+Gartenhaus stand unter Blumen. Ottavagemurmel
+nickte, schwamm um jeden Kelch. Der Wagen hielt.
+Die Nurse packte Daisy. Sie stiegen aus. Daisy schrie
+hell und scharf, verstummte, wachte auf. Lange dunkle
+Wimpern brachen auf. Grau und stählern nahm der
+Blick die Landschaft, saugte sie ein, als besäße er sie.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Kam sie am Arm der Nurse schlenkernd herauf
+vom Fluß, rollten die weißen Sonnen der Sägen
+über ihr im Himmel. Gegen die Dämmerung heulten
+die Dampfhähne, Feuersignale schossen aus Schloten
+<!-- page 054 -->
+herauf, herab. Um sie wimmelten Menschen, grinsten
+mit gefletschten Zähnen, verbeugten sich, trugen Hüte
+in der Hand an ihr vorbei, Weiber drängten um sie
+Koseworte herum. Die Rollketten der Wegbahnen
+knatterten sich in endlosen Ellipsen um den Horizont
+herum. Am Garten begann Duft sie zu überfallen.
+Aus Kronen seltsam geformter Bäume schüttelten sich
+Schatten herunter, trieben im Geruch. Nachts schlief
+sie auf dem Geschaukel des Ottavageräuschs. Es füllte
+langsam, wachsend ihr Ohr.
+</p>
+
+<p>Im Garten suchte sie Syg, Tochter der Nurse,
+hob die Goldregenzweige, suchte üppige Grasrosenstände
+durch, zirpte in Schneeballendickicht, Salmweiden: Syg.
+Sie schritten mit langen dünnen Beinen über den schiefrig
+blauen Kies; setzten sich auf die Bank in die Sonne, sahen
+nach dem Haus. Verschwand der Kopf der Nurse, streckten
+sie Zungen heraus. Erschien er, scharrten sie träumerisch mit
+den Füßen, preßten die Ellenbogen aneinander, verklucksten
+sich im Gegen-den-Boden-Lachen lautlos. Plötzlich
+drückte Daisys Hand die Sygs hart. Die Zweige
+hinter ihnen wogten und schluckten, fuhren rückwärts.
+Nach der leeren Bank flog der Nurse Geschrei.
+</p>
+
+<p>Zuerst liefen sie durch Dickicht, Primelbeete, sodann
+kam das Hundeloch im Zaun. Hundert Meter dahinter
+flimmerte Prärie. Unten tief in der zitternden
+blauen Dunstwolke, die die Erdscheibe abbog, kam im
+Halbbogen das Atmen der Gräser in endlos wellender
+<!-- page 055 -->
+Flut sanft herauf. Unsichtbare Vögel sangen gedämpft
+aus dem Tau der Halme. Das Licht floß auf der
+Stille, wiegte, glitt. Sie schlichen bis zu drei Termitenhaufen.
+Unordnung kam in die brausende Stille,
+vom Zaun kamen Rufe. Sie lagen eine Stunde still
+im Zittergras, trauten der eingebrochenen Ruhe nicht,
+die über sie spielte, fürchteten das Spähauge, die schlaue
+Lauer der Nurse. Dann zog Syg die Mittelfinger aus den
+Ohren. Sie hatten nichts gehört. Daisy hob die Nase.
+Sprangen auf. Draußen kam ihnen Wind immer stärker,
+und wie sie liefen, knatternd sturmhaft um die Schläfen.
+</p>
+
+<p>Sie banden vom Leib sich Tücher ab, ließen sie
+hinter sich schwenken. An der Erhöhung blieben sie
+stehen, drehten sie um sich langsam im Bogen. Die
+Sonne fing an, danach sich zu richten, lief mit ihnen
+im Kreis, sprang aus einem Tuch in das andere, mitten
+stand ein roter Knopf in das Viereck hineingerollt.
+</p>
+
+<p>Hinter der Schanze kam der Nurse Hand, faßte
+Daisys Gelenk, Sygs Ohr. Auf Sygs Gequietsch
+legte Daisy die Hand auf der Nurse Leib, stampfte
+mit dem Fuß auf, das Weiß des Auges bekam einen
+kristallischen Kern. &bdquo;Do .&nbsp;.&nbsp;. do .&nbsp;.&nbsp;. Daisy&ldquo;, lockte die
+Nurse, knotete den Schürzzipfel, tuschelte damit zu dem
+Kind, schnalzte mit der Zunge, hob wie der Kordelhanswurst
+die Arme. Die Kinder lachten, hingen an
+ihren dicken Schenkeln.
+</p>
+
+<p>Mit acht Jahren war das Tor frei, das Loch verachtet.
+<!-- page 056 -->
+Sie trugen gleicherweise dünne Seide, dieselben
+Röcke bis zu den Knieen, Shawls über den
+Schultern. Draußen zogen sie die Schuhe aus. Daisy
+bog sich in den Lenden vor, ging steif auf den Zehen,
+die Hand mit gerundetem Daumen nach unten. Sie
+schoß nach unten, hob eine Echse, genau am Hals gefaßt,
+ohne den Schwanz zu beschädigen, hoch. Der
+grüne Leib zuckte, der Kopf fuhr unruhig züngelnd
+herum. Riß einen roten großen Klapprachen auf. Ihn
+hielt Daisy an Sygs Hand. Die schrie und machte
+die Faust. Daisy hielt ihre Linke darüber, den Zeigefinger
+hinein. Wurde bleich, aber machte nichts, als
+es klappte. Es tat kaum weh.
+</p>
+
+<p>Syg lag am Bachrain ohne Mucks. Kroch auf
+den Vieren weiter, blieb wieder Beine, Arme weggestreckt.
+Eine Grille schrie, Sygs Hand machte einen
+Bogen. Der Schatten des Armes aber lief eilender,
+das Tier verschwand. Auf den Knieen kreist sie herum,
+hing über dem Mausloch in Parade gegen die
+Sonne zu. Dann Ruck auf Ruck kam das Tier.
+Sie fing es wie eine Mücke ab, fegte es in die Faust.
+Stieß mißmutiges Geplärr aus, das Ungeduld bewies.
+Schlenkerte zu Daisy, blieb neben ihr, setzte von hinten
+das Tier ihr in die Brust. Daisy lief aufschreiend,
+beide Arme im Busen suchend, ein schmaler Hund lief
+mit, bellte leis auf, fraß die Grille, die unten aus dem
+Rock fiel. Sie tanzten zu dritt im Kreis, schlugen die
+<!-- page 057 -->
+Arme jedes quer über den Bauch vor Entzücken, traten
+das Gras, das unter ihren Beinen elastisch wieder
+sich erhob.
+</p>
+
+<p>Tiefer in der Prärie bückte sich Daisy. Syg sprang
+ihr auf den Rücken, sah sich um.
+</p>
+
+<p>Dann zogen sie die Hemden aus, schlichen, die
+dünnen schlanken Rücken neben den Gräsern, zitternd
+auf hohen Beinen nackt bis zum Baum. Sie legten
+die Hemden auf den Termitenberg, warfen zwei Steine
+hinein, sahen Tausende darüber wimmeln, Saft darauf
+spritzen. Erkletterte ein Outsider eine Wade,
+hupften sie rehhaft herum, schürten aus Rache neuerdings
+in dem Haufen. Dann griffen sie die Hemden
+heraus, liefen damit weit weg, schälten das letzte Tier
+heraus, schnauften, legten die Gesichter in das Leinen
+und sogen bis zum Rausch an dem Saftparfum. Als
+Pferde erklangen, lagen sie tief im Gras. Fidley ritt
+aus dem Hochgras. &bdquo;Sie sehen sich ähnlich.&ldquo; Sie
+sahen sich an. &bdquo;Syg ist dunkler,&ldquo; sagte Vaudreuil
+nach einer Weile.
+</p>
+
+<p>Im neunten Jahr brachte Brown die Gouvernante
+ins Büro. Vaudreuil nickte hinter dem Schreibtisch.
+Die harte Figur der Frau schob sich zu einem Knotengeflecht
+zusammen. Dann wandte sie sich breit zu den
+Kindern. Daisy gab abwesend ihr die Hand. Vor
+Syg harrte die Frau einen Augenblick im Zweifel.
+Was in Daisys Blick an Zögerndem, Zweifelndem
+<!-- page 058 -->
+schwebte, ward fest. Sie nahm Sygs Hand, legte
+sie in die der weißen Frau. Dann trat sie zurück,
+lauernd, legte den Arm um die Taille der Nurse.
+</p>
+
+<p>Nun lockte die Gouvernante den Widerstand aus
+Daisy heraus. Überraschte sie mit neuen Dingen,
+Sachen, Sprüchen, Bildern. Sie bezog alles, was
+sie gab, auf sich, als schenke <i>sie</i> den Eifelturm, <i>sie</i> den
+Tegernsee. Sie machte Geschenke, nichtswertendes
+Zeug, das aber überraschte, einen Haarring, ein Ericri.
+Sie sah die anknospenden kleinen Brüste, wo
+die Warzen schon unter sanftem Rotsaft standen.
+Lobte die Glieder, den Hüftschwung zum Becken, die
+Länge der Taille, die untadelige Wölbung, mit der der
+Schenkel abbog, mit der das Knie in die Wade absank.
+&bdquo;Du, du. Welche Größe habt ihr an Land.
+Da werden Schiffe anfahren von drüben, Prinzen
+kommen, Daisy zu sehen, und diese und diese Fahne
+wird aufgehißt.&ldquo; Aber der Reflex war von Daisy
+ein stummes Fragen. Anders sah sie das Weib nie an.
+</p>
+
+<p>Da machte diese den ersten Umweg und verwöhnte
+Syg. Sie behandelte sie gleich einer Dame. Da von
+Dienstboten Sygs Stellung gleich der Daisys gehalten
+ward, solange sie Kind schien, aber nicht gefestigt
+war für weiterhin, verwöhnte sie sie damit. &bdquo;Du fährst
+dann in Autos. Durch Städte drüben, sitzest in Konzerten.
+Du hast Perlen, Syg.&ldquo; Syg lachte. Ihr imponierte
+mehr Kölnisches Wasser, das sie auf die Haut
+<!-- page 059 -->
+strich, das bitzelte und kühlte und roch. Ihre einfache
+Dankbarkeit kam der Frau entgegen. An Daisy aber
+glitt Sygs Lobgesang vorbei.
+</p>
+
+<p>Nun schlug sie die zweite Umwegstour und machte
+sich an die Nurse, nannte sie Miß und schenkte ihr
+Tücher. Gab ihr einen Spiegel. Schwabbelnd hing
+die Nurse an ihren Röcken, sprach nur noch von ihr.
+Die Kinder lachten. Da machte das Weib die umgekehrte
+Taktik, versuchte die Nurse auszutreiben, weil
+hier der Liebespol der Kinder lag, den sie umleiten
+wollte. Sie nannte die Nurse Diebin, machte aus
+dem Spiegel eine verdrehte Geschichte. Aber mit Feuer
+traten die Kinder vor die Nurse. Das Bild der prallen
+Brüste, aus denen sie erstes Blut gesogen, lag ihrem
+Hirn so eingebrannt, daß kein Verdacht, selbst keine
+Tat es hinausgewischt hätte. Dies gab einen vollen
+Riß. Über ihn hinüber lauerten die Beiden. Da versuchte
+die Gouvernante das letzte, doch es war hirnlos.
+Sie rückte sich dem Gestirn zu, aus dem Schatten
+nach Vaudreuil, suchte ihm aufzufallen, an ihm sich zu
+halten. Er sah sie nicht.
+</p>
+
+<p>Nachts kratzte es an Daisys Tür. Sie öffnete.
+Syg gab das Zeichen. Daisy zog die vom Weib
+verbotenen alten Seidenkleider an, sie verließen auf
+bloßen Zehen die Zimmer, zwischen denen das der
+Gouvernante lag. Mondlos. Dünne schwarze Schatten
+liefen sie unter dem Himmel. Zwischen Sternen
+<!-- page 060 -->
+schossen unaufhörlich Wolken. Sie hatten nasse Füße
+vom Grastau. &bdquo;Syg .&nbsp;.&nbsp;. sieh.&ldquo; Sie hob die Hand
+über die Augen, die Nasenflügel bebten. Feuergeruch
+schwebte mit kleinen Rauchsäulen hintereinander deutlich
+herauf. &bdquo;Weißt du es, Syg?&ldquo; Syg nickte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Weither?&ldquo; Syg starrte, sagte leis: &bdquo;Viele Tage.&ldquo;
+Daisy legte die Handflächen auf den Mund. Aus
+dem Dunkel kamen breite große Flächen. Um die
+Ränder band sich weißer Rauch, sodaß es schien, sie
+flögen, dazu wellte der Fluß Nebel in zuckenden Linien
+um sie hoch. Die offenen Feuer schlugen in den
+Dampf hinein; brachten ihn zum Feuerexplodieren,
+Fächerstrahlen, Prismenschleudern. Gestalten huschten
+herum, sprangen schwarz von einem Ende zum andern.
+Ein riesenhaftes Ruder ward erfaßt von der Flammenspiegelung,
+bis an den Horizont aufgeschwungen. Lautlos
+glitten die Flöße so herunter.
+</p>
+
+<p>Syg legte sich auf den Bauch. Die Stille summte
+von den Weiden herab. &bdquo;Los&ldquo;, stampfte Daisy ungeduldig.
+Syg legte die Wange gegen die Erde, stellte
+die Zunge gegen den Backen, ließ sie dann herausfahren.
+Zwei wimmernde Töne stiegen steil durch die Luft!
+&bdquo;Pha .&nbsp;.&nbsp;. lux.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Auf dem Fluß erfror die Stille. Eine Sekunde
+setzte der Flußlauf aus, gebar sich Leere, atemlos.
+Dann flog der gleiche Ton auf, langsam, weich und
+gedehnt am Anfang, zitterte auf, sank ab. Das zweite
+<!-- page 061 -->
+Floß fing ihn auf, ließ ihn nicht verhallen, setzte in
+der leisesten Verhallattitüde ein, schwang ihn hinauf,
+warf ihn hinter sich. Das dritte bog ihn, ferner schon
+und daher wehmütiger. Er schnellte den Fluß hinauf
+in Springkurven, fiel irgendwie in den Horizont, dessen
+Mondaufganglicht ihn hochsog.
+</p>
+
+<p>Sie gingen Hände ineinander zurück, Syg mit
+Tanzzucken, das sie unterschlug, im Knie. Im Korridor
+stellte Daisy ihren Fuß genau so, daß sie mit
+dem anderen ihn schnitt. Stolperte, schlug mit den
+Händen gegen die Wand, stieß einen Säbel herunter.
+Syg hickelte erschreckt. Halbangekleidet stand die Gouvernante
+im Gang, mit strohigen Zöpfen, ein dünnes
+Nachtlicht in der Hand: &bdquo;Woher?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Vom Garten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was war im Garten?&ldquo; Nichts war im Garten.
+Lauerndes Schweigen. &bdquo;Syg,&ldquo; sagte die Gouvernante,
+die Stimme überschnappte sich. &bdquo;Wir waren beide
+im Garten,&ldquo; sagte Daisy schnell. &bdquo;Syg,&ldquo; ihr Licht
+schwankte, sie keifte. &bdquo;Hier,&ldquo; Daisy warf Syg zurück,
+wiederholte Sygs dunklere Stimme, drang ins Dunkel
+vor, empfing zweimal die knochige kalte Hand ins
+Gesicht. Am Morgen saß sie auf der Terrassentreppe.
+Am Auto küßte sie sich mit Vaudreuil, gingen die
+Treppe hinauf. Als Vaudreuil sie vorgehen ließ durch
+die Tür, sah sie schräg zurück: &bdquo;Was sagten Sie,
+wenn die Dame Syg schlüge?&ldquo; Eiskalt, neugierig ihr
+<!-- page 062 -->
+Blick. &bdquo;Es würde an Syg liegen.&ldquo; Sie war stehengeblieben,
+etwas drängte ihn zurück, das hartnäckig
+tiefer herkam als die gleichgültige Frage. &bdquo;Wenn es
+nicht an Syg läge .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; &bdquo;Es würde wohl an Syg
+liegen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Da entfaltete sich ihre Stirn, hochmütig,
+sie gab es preis: &bdquo;Sie irren Papa .&nbsp;.&nbsp;. aber &mdash; wenn
+sie Daisy schlüge und es läge nicht an Daisy .&nbsp;.&nbsp;.
+oder: es läge selbst daran.&ldquo; Die Frage schwebte zwischen
+ihnen, erhielt langsam Spannung. Vaudreuil sah die
+Wange, die ihm sich entgegenreckte. Sah kurz zu Boden.
+&bdquo;Ich ordne es.&ldquo; Sie glitt zur Seite. Er ging hinein.
+Gegen Mittag fuhr das Auto vor. Die Gouvernante
+darin, Brown stieg zu, winkte an der Ecke. Die
+geröteten Handgelenke stiegen hoch, die Manschetten
+waren auf der Flucht.
+</p>
+
+<p>Syg lief ein Stück nach, schwenkte eine Pfeifenstrauchrute.
+&bdquo;Ich wollte noch sagen, es ist das gleiche:
+ich und Syg.&ldquo; Daisy sah auf ihre Nägel. Vaudreuil
+fuhr mit der Hand hoch, als ob er gähne: &bdquo;Es
+ist nicht das gleiche. Aber du kannst es dafür halten.&ldquo;
+Sie sah nicht auf. Nach drei Tagen, als das Auto
+einfuhr, brachte Brown ein blondes Geschöpf, zitternd
+vor Angst, voller Hingebung, dünn an Organ und
+Haltung. Sie erschrak heftig vor Daisy, verehrte das
+Kind, war hilflos, gefällig. Diese Güte belästigte
+Daisy. Sie verachtete dieses Wesen ein wenig und
+bemitleidete es dunkel. Ein junger Mann tauchte
+<!-- page 063 -->
+später auf, lehrte alles, wußte alles, trug ein Pincenez
+auf kleiner Nase, zog einen steifen Kordon um sich,
+den seine korrekte Tätigkeit umschloß. In allem übrigen
+blieb er entfernt.
+</p>
+
+<p>Die Mähder gingen im Blau des Damms wie im
+Himmel entlang. Kühe dampften vor den Wagen.
+Als der Stier brüllte, rasselte der Horizont es rundherum
+wie ein fliegendes Gong. Tausend kleine Blitze
+schossen im Gras die quer. Sie gingen über die
+Biberwiesen. &bdquo;Syg, waren es Chipeways .&nbsp;.&nbsp;. sag.&ldquo;
+&bdquo;Chipeways.&ldquo; Sie starrte in das Summen der Hitze.
+&bdquo;Fahren sie lange auf den Flößen?&ldquo; Syg dachte
+an die Nurse: &bdquo;Zwei Monate,&ldquo; sagte sie unsicher.
+Daisy zog einen Halm durch den Mund, kaute, schwieg.
+</p>
+
+<p>Die Arme auf dem Rücken schlenderte sie vor die
+Nurse: &bdquo;Du .&nbsp;.&nbsp;. du .&nbsp;.&nbsp;. ei, habe ich Chipewaysblut
+ein wenig von früher?&ldquo; &bdquo;O .&nbsp;.&nbsp;. o .&nbsp;.&nbsp;. do .&nbsp;.&nbsp;.
+Daisy .&nbsp;.&nbsp;. das sind Hurons.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Aber sind diese größer?&ldquo; Kopfschütteln. Sie ging.
+</p>
+
+<p>Ging sofort in das Büro, stellte sich neben die
+Ledertür an die Wand, lautlos. Der Sekretär raffte
+zusammen, knickte ein, ging. Ein Vorstand kam,
+referierte, ging rückwärts hinaus. An zwei Stenotypistinnen
+erging ein niederprasselndes Diktat. Eine
+Kommission trat ein. Da sah sie Vaudreuil. Sie
+ging sofort bis an den Tisch, legte die Hand darauf,
+sprach. Vaudreuil kniff die Mundwinkel ein, um kein
+<!-- page 064 -->
+Zucken zu verraten, nur die Lider blinzelten. &bdquo;Du hast
+es von beiden, durch Mütter und Väter.&ldquo; Sie blieb
+stehen: &bdquo;Syg hat auch von Chipeways.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Aber du hast edleres.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Da errötete sie, ging eilig, sicher hinaus. Sagte
+Syg nicht, daß sie edleres habe. Liebte Syg über
+jedes Schweigen hinaus, wie nichts.
+</p>
+
+<p>Zum vierzehnten Geburtstag schenkte Vaudreuil ihr
+ein eigenes Pferd. Abends ward sie ohnmächtig. Das
+Blut verließ zum erstenmal die Muttergrube, sprudelte
+aus ihrem Leib. Drei Tage lag sie. Als sie
+herauskam, war sie Frau. Auf der Haut saß ein
+glatter Reiz, um den Gang floß ungewisser Zauber,
+wiegte hinter ihr her noch wie Zurückgebliebenes. Nur
+die Augen wurden heller, besaßen mehr Kraft und
+Wissen zu durchdringen. Sonst zog sich alles von
+oben zur Brusthügelung, unten von Fuß und Knie
+und Hüfte zum Mittelpunkt des Leibes hin zusammen,
+sodaß das Weibliche, Auffangende und im Wechsel
+Hingegebene deutlich ward.
+</p>
+
+<p>Das Fräulein spielte große Kantilenen. Die Wochen
+wurden lang dadurch und hingezogen. Es war, es
+käme Erlösendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder.
+Die Jahreszeiten änderten sich, öffneten wie Kapseln
+ihr Gehäus, gebaren, stäubten ab, doch das Geheimnis,
+das ihnen innelag, äußerte sich nicht. Das Haus
+ward eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick
+<!-- page 065 -->
+zum Plafond, haßte Klavier und blonde Haare, aber
+sagte es nicht aus Bedauern. Auch der Garten war
+schon Grenze und selbst das Hinundherreiten, das ins
+Wunderbare ging und endete, hatte schon das Bekannte,
+hatte Meilensteine, Hürden, an denen es zerschellte
+und vor denen das Weite erst brüllend vor
+Verhaltenheit lag.
+</p>
+
+<p>Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst.
+Schon lag der Zauber halb verblättert, reckte darüber
+her anderer sich schon bitter, lockender und schwerer im
+Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne daß man
+wüßte, welcher, woher. In einer Lichtung bekamen sie
+Durst. Syg fand einen Ahorn, schälte ihn an, bohrte
+ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie
+den gelblichen Zucker. Als sie, satt, nach den Gäulen
+sah, umdrehte, starrte Sygs Kopf glasig und eingefallen.
+Die Kupferhaut war molkig. Über ihrem Kopf
+saß unregbar mit vorgeschossenem Kopf, noch schwebend,
+die Schlange. Daisy sprang vor. Nun war ihr, sie
+fliege. Nun kam, erhob sich Unbegreifliches, streifte
+sie mit Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verließ den
+Mund, die Augenbrauen standen im Dreieck. Grau
+und kühl, flimmernd, neigte ihr Blick sich gegen den
+des Tieres. Der Baum raschelte, es pfiff und klapperte
+im Geäst. Auch Syg drehte sich nun ihr zu, weinte
+in ihre Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd,
+hatte Aufruhr in den Knien, wogte mit der Brust.
+<!-- page 066 -->
+Unglücklich verging die Nacht. Es war aufgestanden
+in ihr etwas, hatte sie gestreift, sie wußte nicht, wie,
+wo, welche Sache. Es hatte gebäumt und sich geduckt.
+Sie fror.
+</p>
+
+<p>Die Siebzehnjährigen bestiegen einen Dampfer, den
+Brown gechartert hatte, weiß wie Porzellan. Sie
+reisten ins Innere. Das Fräulein, der Lehrer bezogen
+Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mädchen am
+Reeling. Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns
+Arme schlugen Rudertakt. Daisy schmollte den Mund
+schief. Noch einmal: &bdquo;Komm&ldquo;. Vaudreuil lachte,
+schüttelte den. Kopf. Man fuhr los. &bdquo;Pa kommt
+nicht mit&ldquo;, sagte Syg. In Daisys Stirn fiel eine
+Locke: &bdquo;Du solltest dich nicht weiß anziehen. Du bist
+zu dunkel. Nimm blau.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze
+um sich, weiß. Abends ankerten sie spät, um solang
+als möglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die
+Nachthitze traumhaft. Die schwüle Ruhe lastete mit
+sprengender Unausgesprochenheit. Spät kam ein Dachs
+ans Ufer, hob die Ohren, legte den Kopf fast auf die
+Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr,
+erhob sich das Schlürfen anderer Tiere. Mit jähem
+Luftdruck schwebte ein Fregattenvogel von den Wellen
+glatt übers Deck. Aus dem blauen Dunkel formte sich
+Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen
+vollzog sich Manches, nicht gesehen, aber gewußt und
+<!-- page 067 -->
+geahnt. Das Ufer, das versackt drüben lag, spannte
+sich herüber, kam hergeschwebt, riß zurück. Das Gebrumm
+der Mücken über dem Schlafnetz steigerte sich,
+bis, mit allem verwoben, es eine Höhe erreichte, die
+sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der
+Spannung von Masten, Geländerspitzen, kleine blaue
+Flammen auf.
+</p>
+
+<p>Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll.
+Mit großen Augen überwanderte sie den Dunkelheitsbogen.
+Ihr Herz machte sich heran an jeden Laut,
+mit jedem Geräusch ging es hoch und tief. Schlug
+mit dem Gesäusel des abfahrenden Wassers an Backbord,
+mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch kam es
+auch zurück. Sie fühlte in sich, als geschähe es in
+ihr, das träumerische Aufschnellen der Fische und das
+jagende Husch, wenn ein Nachtvogel die Seile durchschwamm.
+Irgendeinmal in solchen Nächten schlief
+man dann ein.
+</p>
+
+<p>Nun kamen Inseln. Smaragdgrün und gelb war
+der Strom getupft. Sie loteten den Tag durch. Gemischtes
+aus unbekannten Blumen und Wasserfäule
+lag als Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen.
+Betäubendes Labyrinth von Kanälen umgab
+sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach jene,
+deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten
+sie die erste nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es
+wucherte nur. Nachts hingen Schlingpflanzen herunter,
+<!-- page 068 -->
+im Licht, wie Drähte gespannt, die wogten, durch die
+von Astlilien Kopfweh heruntersank und ein grausames
+Süßes, das sich kaum über dem Wasser trug, einsank,
+in die Wellen mischte, so schwer war es.
+</p>
+
+<p>Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die
+Sonne aus dem Wasser am Horizont, der ruhig,
+endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete,
+befreit. Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen.
+Aus gewaltigen Grasbüschen wuchsen Bäume mit kalt
+geformten Blumen. Schlugen Brücken miteinander.
+Die Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen
+Regenbogenfische. Oben schwirrten bunte Vögel, ohne
+Rast in Bewegung und Getön. Dazwischen wogte
+blauer heißer Dunst.
+</p>
+
+<p>Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend
+zum Vorderschiff, winkten hinaus. Schrieen: &bdquo;Das
+Meer!&ldquo; Doch im Untergang brach sich die Sonne
+in einem gespaltenen Rubinfächer hinter neuen Inselherden.
+Sie griffen sich auf, sammelten sich, umtrieben
+sie mit Kanälen und Buchten, in denen sie irrten.
+Syg holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im
+Schatten der Pflöcke bis hinter die Taurolle. Am
+Reeling stand neben dem Fräulein der Lehrer, sie
+sagten nichts, berührten sich nicht. Er wies immer
+mit dem Kneifer gegen das Wasser. Da unten schwamm
+aber auch nichts. Jedoch sprang später aus einem
+Baum eine Katze auf Verdeck, fraß neben der Küche
+<!-- page 069 -->
+zwei Hühner, die Matrosen machten Jagd, und das
+Tier sprang durch die Glasscheibe in Browns Kajüte.
+Die nackten Beine sehr verhaart, sonst nur im schwarzen
+Predigtrock fuhr er entsetzt mit verschlafenen Haaren
+auf dem Deck herum, bis man ihn beruhigte. In
+der Nacht fuhr das Schiff weiter, es gab ziemlich
+Licht von oben.
+</p>
+
+<p>Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt
+fest zusammen und machten einen Kreis. Erst da
+ward es endlos. &bdquo;Das Meer&ldquo;, sagte Daisy.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist auf der anderen Seite.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich weiß Syg.&ldquo; Sie machte einen Bogen, am
+Geländer saß Well, der Wolf des Steuermanns. Er
+legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie.
+</p>
+
+<p>Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte
+sich in gebogenem Spiegel hinauf und in seidiger Biegung
+abebbend hinab. Im glänzenden Himmel begannen
+Striche zu wachsen. Hoch über dem Horizont,
+fast wolkennah schwebten drei große Schiffe. Der
+Mittag ward voller, ging auf wie ein Gestirn, kam
+aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont
+ward dunkel von Glut. Es ballte sich die Weite,
+durchdrang sich und lud die Atmosphäre mit einem
+gepreßten ausschwingenden Atem. Segler nahten da
+und dort, hingen Fahnen heraus, bogen über das glashafte
+Seidene des Sees herab. Von eigenen Masten
+flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal dahin.
+<!-- page 070 -->
+Unter der Brise legte das Schiff sich seitlich. Well
+sprang auf, knurrte, schnappte nach ihrer Hand, sie zog
+ihn an der Gurgel wieder herunter. Schaumdünn zog
+Land in einer reinen weißen Wölbung heran. Hinter
+ihnen sammelte sich das Geweitete, schwang ab in
+Klarheit mit dem berstenden Geknäul. In der dünnen
+singenden Luft begann das Segel über ihr sich plötzlich zu
+drehen. Geräusch von Ruder und geschaufeltem Wasser
+fiel aus ihr heraus. Mit dem davonschwingenden riesigen
+Segel flog es in ihr hoch. Es bäumte sich wieder,
+überrannte sie, stieg aus ihr und gab sich hinaus, erschauernd,
+tastend, eine Sekunde. Als ihre Haut zu
+zittern anfing darunter, sprang das Knattern und
+Schäumen wieder in sie. Vorbei. Sie bebte. Wandte
+sich um. Das Gewesene nahm plötzlich Platz in ihr
+wie vorher. Aus einem Hafen kamen Drähte, Stangen,
+Schorne, schoben auf sie zu, fesselten sie mit ihrer
+Gegenwart an. Sie fuhren ein in Toronto.
+</p>
+
+<p>Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der
+Mole flaggte es viermal. Sogar eine Rakete schoß
+hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt
+aus einer schrägfallenden Straße. &bdquo;Sie kommen&ldquo;,
+sagte Brown, rieb sich die Hände, schmunzelte verschmitzt,
+es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen
+standen nebeneinander. Junge Leute sprangen herum,
+hatten schiefe Helme auf den Köpfen, sammelten
+sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starken
+<!-- page 071 -->
+Burschen und schrien Hurras. Der junge Mann
+sprang im Satz an Bord. Brown fing ihn auf, umarmte
+ihn, zog ihn beiseite, wisperte, sprach, kicherte.
+Hinter seinen Gesten sah der Bursch herüber, schnitt
+Fratzen vor Ungeduld, trippelte, hob den Nacken,
+grinste ins Blaue. Brown brach ab, schnickte den Kopf,
+nahm ihn am Arm, führte ihn sorglich hinüber, stellte
+ihn vor. Sein Neffe.
+</p>
+
+<p>Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die
+Peitschen stäupten auf. Fuhren den Strand entlang,
+sahen die Muscheln angeschwemmt in Wällen, einen
+Fisch, den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespießt
+von Klippen. Sahen grünseidene geschnittene
+Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete.
+Sahen von Basalt umstellt eine wütende Quelle, die
+trommelte, schlug, aufstieß, im Schweigen noch bebte.
+Machten einen Korso. Stiegen ab, empfanden, es war
+gut, war schön. Sahen sich in die Augen, sahen die
+Hände, die Hälse, lachten. Tranken Wein, Schokolade.
+Lächelten, als Browns Neffe den Lapin setzte, Brown
+abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb im
+Schwung. Sahen seine Achseln, das Braun des Gesichts,
+die Hände. Sahen das weißhelle Blau um
+die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drähte mit
+Gärten, die schwebten. Durch eine Palmenallee, Bosketts
+mit Hyazinthen, Springbrunnen, durch Berge
+Duft. Fuhren durch Straßen mit Riesenfelsen, die
+<!-- page 072 -->
+selbst Dynamit nicht zerknackte, unbeugsam blieben.
+Fuhren unter Hebelwerken, sausenden Oberbahnen.
+Fahren durch ein Dickicht, ahnten Lichtes, spürten Bewegung,
+sahen dünn wie Lippen Gesträuch sich spalten.
+Sagten: &bdquo;Ontario&ldquo;. Sahen den See.
+</p>
+
+<p>Sygs Tuch fiel.
+</p>
+
+<p>Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Männer
+sahen nach einem alten Herrn, der ein Ei aufschlug,
+blieben daran, erröteten, drehten die Hälse zurück,
+schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse,
+verrenkten sich, sahen zuletzt in die Luft.
+</p>
+
+<p>Daisy bückte sich, hob das Tuch selbst, ließ die Lider
+gesenkt, die Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte
+sich ins Polster. Sah Pferdeköpfe, Pferdehälse, Browns
+Manschetten kommen, näher, sich vorschieben, bog
+sich hinüber: &bdquo;Zum Hafen&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Ging rasch, behend, teilte Handdrücke aus, suchte
+den Kapitän, ersuchte, den Abend noch zu fahren, sah
+nicht zurück, pfiff dem Hund. Der Ontario lag wie
+Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten groß im Mondschein
+vorüber. Das Wasser wellte, spielte um das
+Licht in riesigem Blaukreis. Sie schloß die Augen
+halb, zog den Kopf des Hundes in den Schoß, einen
+Zug Leids von der Braue nach der Stirn. Nicht
+um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht durch,
+den Tag. Fuhren an Dörfern vorüber, wendeten,
+sahen sie das zweite Mal vorübergleiten. Kamen an
+<!-- page 073 -->
+eine Bucht, Gelächter erscholl beim Baden. Die Linie
+aber wich nicht von der Stirn, die sich zum erstenmal
+verbog, belastete, überschnitt. Sie fuhren nach Hamilton.
+Nach Oswego. Legten an bei Port Hope, stellten den
+Dampfer ins Dock, fuhren nach dem Huron. Zwei
+Stunden in der Bahn, erbleichte Daisy an den Schläfen,
+wimmerte hinter verbissenen Lippen, fiel in Ohnmacht,
+erwachte die Nacht, fiebrige Augen im Dunkel. Sie
+brachten Essen, Trinken. Sie starb fast unter dem
+Drängen. Gegen Morgen frug Brown: &bdquo;Was willst
+du?&ldquo; &bdquo;Zurück&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Sie hielt dort an sich drei Tage, saß still bei der
+Mahlzeit im Garten, fixierte manchmal das Auto, das
+kam, fuhr. Knüpfte nach dem Lunch eine Hängematte auf
+die Veranda, stieß den Laden zum Privatbüro zurück,
+schaukelte; als Vaudreuils Kopf über ihr war, sprang
+sie auf, eilte über die Diele, trat in das Büro, bat,
+daß er Syg adoptiere, stand mit ausgebreiteten Armen
+gegen die Wand.
+</p>
+
+<p>Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer
+auf den Papierstoß, schnickte das Kinn hoch, zweimal,
+sah auf das aufgeschlossene Gesicht der Tochter, aus
+der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte,
+nickte, aber sein Blut, das ohne Dünkel war, sträubte
+sich gegen das andere Blut, auf das sein Name, sein
+Blut sich legen sollte. Sagte: &bdquo;Sie muß sich gewöhnen,
+noch mehr Schmerz aus ihrem Blut zu haben.&ldquo; Tonlos,
+<!-- page 074 -->
+ohne Bewegung schlug Daisy die Lippe auf: &bdquo;Sie
+würde es leichter tragen.&ldquo; Ein Spalt warf das Lächeln
+des Vaters über sie, überlegen, kühl: &bdquo;Das ist kein
+Vorteil.&ldquo; Aber von ihrer Haltung ging es über ihn
+und was er vorbrachte hinaus: &bdquo;Sie wird es stolzer
+überwinden.&ldquo; Da beugte der Marquis den angezogenen
+Nacken, machte eine Bewegung mit der Hand, unwillkürlich,
+schwach, aber mit einer Bedeutung, die sie
+ehrte und grüßte. Sie wurde rot, das Straffe, das
+sie geführt zum Erfolg, zur Sicherheit, ließ ab, entfaltete
+sich in eine rührende Bewegung. Sie ging
+hinaus.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>An der Tür sah sie ihn gebückt, er schob eine Kassette
+auf, vernahm ihren Namen, weich eingehüllt von
+ihm. Er zog die Nickelschlüssel, gebogene, drahtschlanke,
+barocke, wählte klirrend, schob auf, kam auf sie zu,
+sie ging entgegen. Er sprach beiläufig, ruhig, gewohnt:
+&bdquo;Die Frauen trugen sie zur Hochzeit. Dann ihr Leben.
+Ich gebe sie dir früher.&ldquo; Sie trug eine Kette aus
+gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne
+Kugeln.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Lief stracks zum Schiff, winkte, kam näher, sprang
+auf das Brett, rief nach dem Steuermann. Sah seine
+<!-- page 075 -->
+Hand, die die Luke aufstieß, zerlegenes Haar, die Hemdsärmel,
+die Riemen, geblendete Iris. &bdquo;Was willst du
+für Well,&ldquo; sie deutete mit dem Fuß auf den Wolfhund.
+Er fuhr mit dem Unterarm über die Stirn, rieb
+den Handrücken über die Augen, zeigte rasch die Zähne,
+schüttelte wirbelnd die Hand. Nein. Sie kam in der
+Dämmerung wieder, hob die Luke, stieg zur Kajüte,
+stellte sich in die Tür, ließ sie offen. Fragte. &bdquo;Nein&ldquo;.
+Sie lachte, kokettierte, betastete sein Messer, das grüne
+Glas, den Wandkork, verzog die schelmisch gestreiften
+Wangen, sagte zweimal plötzlich: &bdquo;Ich lasse Sie entlassen,&ldquo;
+ging mit hängenden Armen. In der Nacht
+bellte es im Garten, ein Hund bellte wie auf der
+Jagd. Sie öffnete die Balkontüre. Well im Garten
+stand naß, triefend, außer sich. Sie öffnete unten
+die Haustür, ließ ihn herein, er legte den Kopf auf
+ihr Knie. Wie auf dem Schiff. Sie vergaß es
+nicht.
+</p>
+
+<p>Ging früh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es
+ab, fuhr zurück, rief in die Luke, sah unten den Kopf
+des Steuermannes. &bdquo;Ich bringe Well zurück.&ldquo; Ging
+mit langen Beinen rasch hinauf. &bdquo;Do .&nbsp;.&nbsp;. do .&nbsp;.&nbsp;.
+Daisy .&nbsp;.&nbsp;.,&ldquo; schnatterte die Nurse, faßte ihr Kleid, küßte
+es, den Arm, schloß sie an den Busen an, schmatzte,
+schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte.
+Hatte von Vaudreuil ein kleines Haus, zwei Kühe,
+eine Magd. Klatschte in die Hände, summte still vor
+<!-- page 076 -->
+sich hin, trat mit dem rechten Fuß dazu auf. Im
+Gang tollte Well. Sie ließ ihn zurücktreiben. Saß
+allein in ihrem Zimmer, schob das Hemd ab, sah im
+Spiegel über dem bronzenen Körper die Kette mit
+den Kugeln, als liefe ihr Blut hinein, ihr Alleinsein,
+ihr noch Unbekanntes, Umschwebendes, ungeheuer Verhülltes,
+glänzender und kühler als ihre Haut, aber ihr
+zugehörig. Wie ihr Bein, ihre Warze, ihr Schmerz.
+</p>
+
+<p>Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele,
+zerknitterte den Hut, nickte mit dem Nacken, breitete
+das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Büro,
+spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe,
+Städte, Stapel .&nbsp;.&nbsp;. kaute seine Frau heraus, gab ihr
+Reiz, Alter, ein schiefes Ohr, Zufriedenheit .&nbsp;.&nbsp;. riß
+den Hut hoch, die Tür auf. Well stob herein. Er war
+unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben. Er blieb nicht mehr.
+Er brachte ihn fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie
+suchte nach einer Note. Er nahm sie nicht, hätte ihn nie
+verkauft. Er wollte ihn nicht mehr. Gab ihn ab.
+Ging. &bdquo;Gib ihm ein besseres Schiff,&ldquo; sagte Daisy
+Vaudreuil, &bdquo;ich will nicht, daß er mir schenkt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal,
+hoben Syg aus dem Auto, hoben sie adoptiert hinein,
+kauften den Tag über, machten Kommissionen, besahen,
+beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, häufend,
+bis er abbrach, die Dämmerung kam mit Laternen.
+In einer Schwebebahn glitten sie aus ihnen heraus.
+<!-- page 077 -->
+Weiß eingenietet brach die Landschaft gegen den Himmel.
+Das Nachtlicht flog eisern über Kanäle. &bdquo;Halt&ldquo;.
+</p>
+
+<p>Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden
+ihn, stiegen ein. Am Trittbrett wandte sie sich langsam
+herum: &bdquo;Nehmen Sie vor uns Platz, Fräulein.&ldquo; Sie
+übersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an,
+schüttelte sich, legte den Arm auf Sygs Schoß, die
+ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor dem Schlafengehen
+gaben sie sich die Hand. &bdquo;Du bist froh Syg?&ldquo;
+&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte
+mit jedem Tag, den er vortrieb, das Gedrängte, Erhitzte.
+Männerstimmen jauchzten aus Schlitten zu,
+die die Gegend überkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend,
+beringte Frauenhände Tücher. Schellen überflirrten
+die Nacht. Auf Stahlringen der Flüsse kerbten
+Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten,
+sich überschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt,
+verärgert wurden, bis sie sich verbellten am Schlag
+wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in Wintersonne,
+schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus
+jedem Loch Licht stoßend, hingen die Häuser der Seigneurs
+am Horizont. Kostüme kamen, bliesen Tuben.
+</p>
+
+<p>Vier Fackelträger stiepten die Glut durch die beißende
+Luft. Alf fuhr sie in einer Kurve vors Portal,
+die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten Schaum.
+Syg trug blaue Kleider. Diener stürzten auf die Treppe,
+<!-- page 078 -->
+zwischen Kerzen über Treppen. Der alte Fribaurt führte
+Daisy. Syg hatte sein Sohn, dessen weibische Lippen
+lächelten, ihre Knabenhände nachbebten, als sie eine
+Orange ihm schnitt. Im hohen Fensterbogen sah Daisy
+sie vorbeischwimmen, ihre Zähne leuchteten, den Körper
+eingespannt in den Schwung des Partners, ihr Gesicht
+glatt wie Frucht. Sah Syg hineingleiten in
+Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne Bewußtsein, aufklingen
+in der Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz.
+Sie zog die leise aufschwebende Linie zwischen Auge
+und Schläfe mit dem Finger aus. Im vierten Gang
+der Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr
+Fächer fiel, ein kleiner Schrei, die Paare verwirrten
+sich, das Arrangement schoß zum Teufel, die Augen
+suchten an ihr. Sie deutete auf den Fächer, der alte
+Fribaurt küßte ihr, zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand.
+Sie aber suchte sich noch einmal hineinzubegeben in
+das Umfassende, das sie nicht faßte. Sie spannte
+sich ihm entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen.
+Nahm den Arm des spanischen Vetters, gab
+sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner ungewöhnlichen
+Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten
+der Geschmeidigkeit, trieb mit ihm in die Entfesselung
+der letzten Äußerung ihrer Körper. Zog zugleich
+die Kraft an und den Willen, tastete, drang
+vor, erreichte nichts, erreichte Fremdes, glitt ab mit der
+Seele. Sein Knie schob sich zwischen ihre Schenkel.
+<!-- page 079 -->
+Sie ließ die Arme los, die Nasenlinie ward schärfer.
+An der Ballustrade erwartete sie Syg.
+</p>
+
+<p>Alf auf dem Rücksitz kreuzte die Arme im Muff,
+Daisy führte, das Eis schimmerte rosa. An der Ecke der
+Bucht knirschte das Eis, flimmerte im Frühlicht, wurde
+tief, herb, hielt drei Meter, brach. &bdquo;Pha .&nbsp;.&nbsp;. lux.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte
+die Schlinge, zog sie an. Riß dem Gaul die Adern
+am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals des
+strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die
+Beine traten immer mehr Eis hinein. Alf machte eine
+gewaltige Bewegung, das Tier ward ohnmächtig, ruhig,
+ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste
+Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern
+am Halsstrang. Das Tier röchelte, schnappte tief
+Atem, sprang plötzlich auf die vier Beine, fing
+sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte
+mit den Nägeln auf den Daumenballen. Da brach das
+Eis zum zweitenmal. Alf würgte das Tier, um es
+zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben
+zurück. Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils
+Auto, vom Lorenz her, die Schleife am Fluß. Sie
+stiegen zugleich aus.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zweimal mußten wir das Tier erdrosseln,&ldquo; Syg
+küßte ihn. &bdquo;Zweimal&ldquo;, lachte Vaudreuil, schlitzte die
+Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber schöner,
+gespannter als Syg.
+</p>
+<!-- page 080 -->
+
+<p>Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve
+noch, floß herunter. Ging vor den Fenstern irgendwie,
+irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden südlich,
+fraß sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson.
+Irgendwelches geschah, rauschte, färbte sich mit Männern
+und Frauen und Pferden hinter dem Glas, das ihrem
+Atem sich zuwölbte. Manchmal gings in der Nacht
+über den Horizont hin, wälzte sich, glühte sich breit
+aus, manchmal surrte es in der Saublutsonne, manchmal
+war es unter sackendem Schnee, brüllte um den
+Himmel, jagte an den Bäumen. Sie hob die Achseln,
+ging zum Stall. Das Eis sprang bis hoch in
+den Norden. Alf wartete mit Gäulen. Abends kamen
+sie von der oberen Mühle. Der Boden war fester.
+Blitzende Wolken flirrten zag und dünn herbei. Hirsche
+scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam
+heran, schoß nicht. Schoß einen Dachs, trug ihn ins
+Speisezimmer. Vaudreuil erlaubte den Ausflug mit
+Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren
+stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die
+Hüften in beispiellos abfallender Glätte. Zwei Tage
+sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran, zurück. Ordneten,
+stapelten. Telephonierten, packten die Säcke für
+die Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam
+ein Segler den Ottava herauf.
+</p>
+
+<p>Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz.
+Brown schwebte auf der Veranda, breitete
+<!-- page 081 -->
+die Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner
+Studenten kamen in einem überlieferten Zug, vorn ein
+Dudelsack, dann zwei mit am Rücken gekreuzten Armen,
+hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind,
+unterm Arm einen grün bemalten Hahn. Ans Tor
+kam der Marquis, empfing, lächelte ein wenig. Es
+waren Engländer.
+</p>
+
+<p>Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf
+den Balkonen. Schlachteten Ziegen, Schweine, Stiere.
+Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten eine
+Hütte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser,
+warfen um. Lungerten die Weiber um die Pavillons,
+schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil sein Schlafzimmer
+wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack
+morgens, abends, boxten, schrien alle durcheinander,
+hieben aufeinander ein, entknäulten sich, zogen blitzschnell
+in Zweireihen singend ins Wasser. Spritzten, badeten,
+rauchten.
+</p>
+
+<p>Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen
+über einer Fuchsspur, folgten sie über einen Acker,
+trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der
+Mann ihn im Schuß hatte, wich er, als bocke der
+Gaul, zur Seite. Daisy kam ins Schußfeld, rümpfte
+die Nase über die Achsel, schoß nicht.
+</p>
+
+<p>Alf wagte nicht zu schießen. Ritten stumm nach Haus.
+Ostwind hatte sich an den Pappeln hochgewirbelt, war
+über den Wald aufgebrochen, losgesaust, wellig, weiß, fließend
+<!-- page 082 -->
+ohne Pause stürzte er herunter. Sie fuhren ihm in
+Jollen schnäbelnd mit der Pinne entgegen, flogen wie
+Weberschiffe herauf, herab. Er faßte herüber nach ihrer
+Hand, da ließ sie den Fock los, der Großbaum knallte
+ihm über den Kopf, er wandte, warf sich herum. Faßte
+wieder ihre Hand, ihren Namen, ihren Namen vernahm
+sie, spürte sie, es wickelte sie ein, das Segel flatterte
+um sie wie Vögel. Sie hielt sich fest. Sie hörte immer
+ihren Namen flüstern, bis das Segel gegen den Wind stillstand,
+er am Anlegeplatz stand, ihr die Hand hinhielt. Sie
+nahm sie nicht. Sah durch seine ametystblauen Augen.
+Er hatte Syg übersehen, als sie farbig war. Der
+Tochter Vaudreuils nun, adoptierter, geschätzter, machte
+er Reverenz, Verbeugung. Er war feig. Sie wandte
+sich um, drängte dem entgegen, was seine Augen an
+ihre band, ihre zu seinen hintrieb. Fühlte seine Hand
+rückwärts an der Schulter, seinen Atem, die Lippen.
+Die Augen standen im Dreieck. Ein grauer Schein
+stieß ihn zurück, verlegen, stotternd, rot. Armselig und
+zornig stampfte er auf. Sie ging schon hochmütig,
+entfernt. Langsam wich der Raum zwischen ihm, zwischen
+ihr. Die Ecke bog am Bootshaus. Sie eilte,
+sprang hinter den Büschen, eilte auf der Treppe. Sagte
+das Essen ab, krümmte die Schultern verzogen zusammen,
+wimmerte im Sofa. Gab es eine Pause, kam das
+Bild zurück. Sie verzog das Kinn, den Mund wie
+unter sauren Kirschen, Galläpfeln, die Haut schüttelte
+<!-- page 083 -->
+sich. Zog die Bluse herunter, das Mieder ab, streifte
+das Hemd über den Rock, wusch Wasser über die Brust
+und den Nacken. Zog sich aus. Sah zum Fenster
+hinaus, legte die Hände mit den Flächen fest ins Gesicht.
+Sah den bronzenen, gebogenen Körper aus dem
+Spiegel entgegenkommen. Da nahm sie die Kette ab
+mit den Kugeln, raffte sie zusammen, schob sie in die
+Schublade. Schloß ab.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Vom Hügel trieb der Fluß weit und schräg hinunter.
+Die weiße Fahne Torontos leckte darauf, Segel schossen
+in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch über die
+Felder. Die weißen Räder standen still im Himmel.
+Nach zwei Stunden ließ sie Alf halten, ritt in ein
+Waldstück, kniete, wusch die Brust, den Nacken in
+einem Quell. Sie horchte. Er flüsterte weiter, silberte, verschwand
+im Laub. Blumenprärien kamen, ein Orchideenpark.
+Der Horizont war manchmal gelb, fast seifig,
+eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften Rots, später
+nahm der Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein
+weichkupfernes Abendinstrument, Oboe und Flöte. Mittags
+wurde er kalt. An dem Bahnhof verluden sie die
+Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste Lager-Station.
+Ein Pavillon war reserviert, es gab viel Jagd.
+Alf packte aus, Teppiche, Säcke, Gepäck. Am Morgen
+<!-- page 084 -->
+mußte er einpacken, sie ritten den Tag, kamen in ein
+Dorf, übernachteten, kamen an die zweite Station. Alf
+ging ein paarmal im Viereck um den Raum herum,
+schwang die Arme, sah unter sich. Sie ließ nicht auspacken.
+Als er lange genug gewartet, ging er hinaus,
+stieg in seinen Schlafsack, mummelte sich, fluchte, kämmte
+am Morgen den Bart nicht. Vor dem Stall knöpfte
+er sich verdammend seine langen Gamaschen. Ritt den
+Morgen hinter ihr her, blieb immer hinten, kam nie an
+die Seite ihres Gauls. Sie hob die Hand, äugte nach
+einem Reh. Fluchs hielt er seinen an, starrte ebenso.
+Sie hörte ihn in den Bart reden. Sie rief ihn heran.
+Kurz blieb er auf gleicher Höhe, dann sockelte er zurück,
+fiel ab, blieb hinten. Mittags trafen sie einen Jäger.
+Er gab ihnen Brot, zeichnete mit dem Daumen, da
+ihm der Zeigefinger fehlte, einen Halbkreis in die Luft.
+Sie näherten sich den Ringen.
+</p>
+
+<p>Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen
+spannten sich die Faktoreien, gleich Wellen anschäumend,
+gegen das innere Gebiet. Sie lagen voreinander, Herden
+gleich, sprangen vor, bestürmten sich, wurden wilder,
+angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor
+die starre Endlosigkeit, nieteten sich gegen Eis, Horizont,
+blaue Klippen. Sie kamen gegen den ersten. Sie
+mußten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein
+Schimmel ging, als lahme er. Sie hörte, er glitt aus
+Fluchen ins Gejammer: au .&nbsp;. you .&nbsp;.&nbsp;. wai! Spuckte
+<!-- page 085 -->
+und flennte. Sie ritt zurück, stellte ihn gegen ihr Gesicht.
+&bdquo;Ich werde entlassen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Troll dich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte
+nur bis zur zweiten Faktorei, nicht zu den Bögen.
+Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da. Es
+machte ihm Kummer, er zog den Nacken ein, wurde
+flau im Magen. Folgte. Der erste Schuppen kam
+der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten
+sie von rückwärts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie
+nach. Ein Angestellter hängte den Hörer des Telephons
+rasch ein, begann vor sich hinzusingen. Ein bärtiger
+Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu schlagen,
+hatte lang keine Frau gesehen. Ein anderer flüsterte
+ihm Namen ins Ohr. Es war deutlich: Sein Erstaunen
+war frisiert.
+</p>
+
+<p>Sofort bot er Jagdplätze aus, erstand sich ihre Beachtung
+durch Hartnäckigkeit, trat sein Zimmer ab.
+Es war schon geheizt. Sie sah sich mit Alf an.
+Offenkundig Komödie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet
+zu sein. Sie blieb drei Tage, fing eine große
+Forelle, mit der sie eine Stunde kämpfte. Sah
+sich nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der
+fünften Station schon erwartet. An der sechsten stellte man
+sich unwissend, ungläubig, die Falte des Vorstehers
+bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen machten sie einen
+Haken, kehrten zur fünften zurück. Sie war fast leer
+<!-- page 086 -->
+nun. &bdquo;Was sind das für Pelze?&ldquo; frug sie. Schwarze
+Arbeiter deuteten: für die Bay. Sie zog die Brauen
+hoch. Kein Wort. Alf bekam dunkelrote Schläfen
+und brummte vor sich hin vor Zorn. So liefen sie
+das Seil der Schuppen weiter, bis sie gegen die obere
+aufgespitzte Sichel kamen. Im Sand sahen sie immer
+eine Spur vor sich.
+</p>
+
+<p>Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern
+zogen eine Sehne in die Serpentine, kamen auf den
+neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die Spur
+wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald
+sahen sie einen Mann auf einem Esel, der zu entkommen
+suchte. Sie holten ihn ein.
+</p>
+
+<p>Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge
+Mann errötete tief, wilde Augen brachen sich um,
+staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es ihnen.
+Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort für
+Wort, er prägte sich es ein, ritt auf seiner Spur
+zurück, murmelnd, daß er es nicht vergäße, jedes Wort
+im Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es wertvoll,
+Gold, ein Stein.
+</p>
+
+<p>Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter
+Offizier, zwei Serpentinen unter sich, rollte die R,
+strich den parfümierten weißen Spitzbart, küßte ihr die
+Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblüffend. Morgens
+früh strich sie mit Alf ins Gebüsch, es pfiff, durch die
+Lücke trat der Bursche mit dem Esel. Sie nickte. Er
+<!-- page 087 -->
+nickte wieder. Empfing ein Billet. Ritt nach Süden,
+zurück, immer rascher.
+</p>
+
+<p>Bol genoß. Seine Spirituosen waren etikettiert, er
+ließ die Wahl. Fuhr sie am Weiher, stand er am
+Ufer, klatschte Applaus. Einen weißen Hirsch gab
+er zum Abschuß ihr, den er von Woche zu Woche
+als Dessert sich aufhob. Lieh ihr seine Gummiwanne.
+Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern
+der Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die
+Wasserpfeife stand im Brennpunkt des Kreises Seidenkissen.
+In seinen Pelzschuhen, praktischer und wärmer,
+kaum größer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf
+den Teppichen tanzte Adimokuh, mit Säbelbeinen und
+Hängebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das Traurigste
+der Welt auf seinen Knien. Tränen besternten
+vor Lachen die Gesichter der Zuschauer. Bol lächelte.
+In seinem schmalen Kopf saßen Augen des Elefanten.
+Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr
+Vorzimmer, ging hinaus. Im Vorzimmer schlief Alf.
+</p>
+
+<p>Donnerstags galoppierten sechs Gäule am umgerodeten
+Lagerplatz. Fidley, der junge, zog den Hut. Die
+Jäger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab. Der
+Bursche, der südlich geritten, drängte sich heraus, war
+brauner, stärker geworden. Ritten zur Station. Aßen
+Lunch, eine Stunde, zwei. Tranken die etikettierten
+Liköre, Wein und wieder etikettierte. Aßen Geflügel,
+Braten, Gepökeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken.
+<!-- page 088 -->
+Tranken Kaffee. Danach stand Fidley auf, hob das
+Glas, trank es. Sah Colonel Bol an: &bdquo;Du bist entlassen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im
+Stuhl zurück. Fidley legte ein Papier auf den Tisch,
+hob die Faust: &bdquo;Lump. Hund.&ldquo; Langsam, vornehm
+richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter
+Lippe, zur Seite geneigt, was den Irrtum ausmache.
+Fidley schlug auf den Tisch. &bdquo;Die dritte Sektion betrügt.
+Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert
+zur Bay.&ldquo; In der Tür stand der junge Mann, der
+die Südlichen geholt.
+</p>
+
+<p>Bol sah ihn nicht.
+</p>
+
+<p>Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte:
+&bdquo;Bei Versva verfaulen zehn Ballen. Im ersten Bogen
+fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird
+ganz bezahlt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Da sah Bol den jungen Mann.
+</p>
+
+<p>Stand auf, gefaßt, die Haltung gereckt, schön im
+Spitzbart, küßte Daisy die Hand, ging hinaus, schoß
+sich zweimal durch den Bauch.
+</p>
+
+<p>Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes,
+Anerkennung, Staunen, Lob, das verwischt
+und gedämpft kam, zuletzt Befehl: zurück. Sie wog
+den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf
+folgte. Sie putschte ihn zurück wie einen Hund. Er
+widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur bei ihr
+<!-- page 089 -->
+sein. Weiter hatte er keinen Wunsch, tiefer ging das
+Hirn nicht. Zum erstenmal gab sie ihm die Hand.
+Aufheulend nahm er sie. Sie kam an den Rand des
+Hochplateaus.
+</p>
+
+<p>Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stück
+hinunter, ward dann eingeschlungen in das endlose Getöse,
+das in den Norden sich einfraß. Sterne tummelten
+darüber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist.
+Serpentinen jagten zuerst noch in Schlingen voran,
+blieben dann hängen, schwach, dünn, nichts. Aus dem
+grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem
+sich etwas in ihr entgegenspannte in einer entscheidenden
+Bestimmtheit. Etwas trat aus ihr, machte sie
+leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt den
+juckernden Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand
+der Brief band sie. Wog schwerer, hemmte das Überfließende.
+Staute es zurück, hart und schmerzlich. Zog
+sie zurück. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch
+des Stroms, der Gartenerde band sich an sie, riß sie zurück.
+Der junge Fidley übernahm den ganzen Bezirk.
+Ihre Abreise feierten die Boys, salbten sich mit Bols
+Parfüms, drehten die Haare, die Bärte, pomadisiert, in
+die Höhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte bös.
+Hatte Bol gehaßt, gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schänden,
+wo er futsch war, im Weiher eingescharrt. Fidley gab
+Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe hatte, daß mans
+nicht beschlug.
+</p>
+<!-- page 090 -->
+
+<p>Als nach halber Tagestour die Eskorde zurückgeritten,
+glitt ihr Gaul aus an einem Bach, sie fiel herunter,
+verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf
+seinem sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmächtig.
+Er ritt zurück. Aber obwohl sie in Decken
+gut und weich gewickelt lag, kam die Nacht Fieber
+über sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort.
+Eingeborenenweiber, von Fidley geholt, zogen sie aus,
+warteten sie, pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im
+Achselhaar, fanden ein Zeichen am Arm, Fisch und
+Pfeil darin, quatschten die Nacht darüber, speichelten,
+summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben
+ihr Milch mit Wurzelzeug, hineingekocht. Die Nacht
+gab ihr warmen Schweiß. In wochenlanger Pflege
+malten sie ihr mit dünner Nadel eine Sonne um den
+Nabel mit Strahlen und Mondzeichen des Tages,
+an dem sie sie fanden. Kuriere kamen dreimal die Woche
+die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten
+zum Lorenz wieder runter. Später lag sie in der
+Sonne vor dem Haus.
+</p>
+
+<p>Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vögeln. Einmal
+umschlich ein Fuchs das Küchenfenster, wo Hühner
+hingen. Sie lächelte, gluckste, entsetzt sprang er
+zurück. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie
+lockte, er kam. Nicht ganz, aber er stand im Kreise
+ihrer Stimme, die wie ein Lazo ihn umschlug. Sie
+erbleichte, rückte zurück, lauschte dem Ton ihrer Stimme,
+<!-- page 091 -->
+der nachklang. Versuchte sie wieder, versuchte sie neu.
+Als ströme aus ihr hinaus, Gesichertes, Bezähmtes in
+ein Gefäß der Worte, das sie berauschte und erregte
+bis in das Dunkel ihrer innersten Grenzen. Es sang
+und schwang das Belastende herauf, machte es leicht,
+wirbelnd, später sanft und gelöst. Sie entspannte
+sich in dem Rausch, hatte eine Macht und eine Befreiung.
+Wundersame Ruhe machte ihre Tage lang, klar,
+gut.
+</p>
+
+<p>Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die
+Stimme. Lernte das Organ anzupassen, zu biegen in
+jede Leidenschaft, alle Bewegung. Spürte ihr Herz klopfen,
+dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den
+Weibern den Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging,
+trieben die Kleinen hinter ihr her. Sie scheuchte
+sie, zog sie zu sich &bdquo;Go&ldquo; war: springen. &bdquo;Fu&ldquo;: erfroren
+fast halten. Mit Vögeln gab es andere Signale.
+Ein Hase hielt bezaubert von dünnem glasklarem
+Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward
+traurig bei ihm, denn ihr kam in den Sinn Well. Sie
+kam schon bis zum Koniferenbaum. Dann bis zum
+Plateau. Das nördliche Flimmern tobte irgendwo unter
+ihr. Sie ging davon, ungerührt. Ging allein, verschmähte
+die Flinte, hatte Unlust zur Jagd. Allein im
+Gehen, Liegen, erfand sie Ton und Laut, der wie ihr
+Blut spritzte, säuselte und bebte. Gab sich hinein in
+Klang und Fülle der Vokale, als sei es ihr Anfang,
+<!-- page 092 -->
+ihr Teil, sich darin zu verbinden. So kam auch die
+Gegend ihr näher, wenn sie sie ansprach, du Strauch
+sagte, Silberlilie, lieber Dorn, mein Freund. Das
+wandte sich ihr zu dann, ward mit ihr gefüllt, lehnte
+sich hinüber zu ihr, empfing ihren Atem.
+</p>
+
+<p>Es kamen Schwäne und Musketen, hinter ihnen
+mit einem Wagen von der Bay her Syg. Sie brach
+in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins
+brachte Unruhe, Ahnung irgendwie von Glück. Trieb
+Altes, den Lorenzfall herüber in das Spiegeln des
+Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht
+das zu sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes
+an Daisy, das Nicht-Miterlebte, der Schauer
+der Krankheit und der ihr entquollenen großen Säfte
+und Ideen. Das lag ein wenig dazwischen.
+</p>
+
+<p>Fidley schloß den Wagen. Weiber heulten. Die
+kleinen Affen liefen eine Zeit noch neben dem Schlag.
+Dann fiel es zurück. Ein Stück Land schob sich vor
+sie, glitt auch zurück. Ein Staffel Matrosen erreichte
+sie. Dann faßte sie fest in die Mähne des Gauls,
+schrie fast und erbleichte nach innen in einem Schreck,
+des sie nicht bewußt ward.
+</p>
+
+<p>Unten, unter Dampf lag ein Schiff.
+</p>
+
+<p>Dahinter das Meer.
+</p>
+
+<p>Der Bogen der Sehnsucht schoß ab, die Sehne brauste.
+Es trat aus ihr hinaus, kein Brief, der es hemmte, kein
+Gedanke, nichts. Irgendwo in der vor Blau zitternden
+<!-- page 093 -->
+Unbegrenztheit des Horizontes traf sich das Innerste ihres
+Blutes mit etwas, dem sie sich hineingab, in das sie verströmte,
+die Lider naß. Alles andere war Spiel, vergessen,
+lieb, aber ohne Gewicht. Als das Dunkle in ihr hinrann
+in das Ausschweifendste und Hellste, an dessen äußerstem
+Rand dünn die Erscheinung hing der Städte,
+Inseln, irgendeines ungeheuren Daseins, schlug die
+Schiffuhr. Es war fünf Uhr am Abend. Die Sonne
+hatte größte Kraft. Sie ritt bis an den Strand.
+Dort stieg sie ab.
+</p>
+
+<p>Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie
+eingehüllt schon in ein fernres Geschehen, vor dem der
+jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie kamen
+in den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch.
+Der Steg. Palmen hingen herunter. Kanonen lösten
+sich. Mövenschwärme in Spiralen. Wagen wühlten
+hinter ihr ein Geschiebe. Männer kreischten Namen,
+Gepäcke. Sie fühlte des Hundes Druck am Knie.
+Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die Hände im
+Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte
+dunkel schon entgegen auf Kilometer. Das Rauschen
+lag in der Luft wie ein Schneefeld, sprang in Lawinen
+ihr leis entgegen. Die Mühlen rochen. Die Schreie
+der Nurse blieben hinter Bäumen stecken. Das Gittertor
+kam, vertraut mit seinem kalten Eisen. Glitt zurück.
+</p>
+
+<p>Des Vaters Hand faßte die ihre. Die Treppe. Sein
+Mund im Kuß. Er hielt sie stürmisch mit steifen
+<!-- page 094 -->
+Armen weg, sie ganz zu beschauen, spürte aus allen
+Poren ihres Leibes ihre Richtung, das Hingewandtsein
+ihrer Seele. Er erbleichte, senkte den Kopf. Glitt
+über ihren Leib mit dem Auge, die Brust, den Hals,
+das zärtliche und hochmütige Kinn. In ihrem Auge
+saß, schlagend und aufgedonnert das Meer. Das
+Aufgesparte und Vorbereitete in seinem nach innen gekehrten
+Leben verstand den Ausbruch. Lächelte. Gab
+ihr den Arm. Sie gingen hinein.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Das Lächeln hatte gewährt, Unausgesprochenem
+sich geneigt, bejaht. Es erlosch. Nichts gab Erinnerung
+daran. Es fiel in seine Augen wie in einen Schlund.
+Die Woche rollte zurück, wie gewohnt. Vaudreuil
+hütete sein Gesicht. Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte
+ein Reitkleid aus Leder. Griff vor, erwähnte
+Zukünftiges, das sich band an Ort und Zusammensein.
+Berief einen Unterrichter für ungewohnte Kreise, baute
+ihr Zimmer an, Tapeten kamen weiß geädert mit
+Gold. Besprach eine Überraschung für Sygs Geburtstag
+in vier Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts
+aus auf Papier, eine Pergola im Bogen vor
+den Terrassen, Fontänen, Vögel, glitzernde Fische, sprach
+vom folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend.
+Breitete die Zeit aus vor ihr, vor sich, uferlos, vorübergleitend
+<!-- page 095 -->
+über den augenblicklichen Zustand. Ohne
+Pause, ohne Intervall. Sah sie wenig, zwischen
+Mußestunden, bei der Mahlzeit, ging ohne Zögern
+von ihr. Ihre Erwartung allein spürte, wie tödlich er
+an den Sekunden hing. Sonntag bestellte er die Yacht
+nach dem Ontario. Sie bereiteten sich vor.
+</p>
+
+<p>Montag früh berief er sie in das Büro, brach
+alles ab. Durch die Maske des gleichgültig gehaltenen
+Gesichts stieg von unten tief das Lächeln herauf. Gab
+Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschluß.
+Löste sacht die Ventile von ihr, gab dem nach, was
+herausbrach, trieb Mauer und Wand zurück und bog
+sie hinter das draußen Strömende und Lockende zu einer
+tiefen Wölbung, in die er schmiegte, was aus ihr
+drang. Diktierte nicht. Folgte nur. Aber die Führung
+der Hand hatte die wissende Lindheit, die, nachgebend,
+bestimmt. So, als sei sein Plan, sein Wille, was er
+nur abbog, behütete. Widerlegte Widersprüche, die sie
+nicht erhob. Bewies Notwendiges, das sie nicht bezweifelte.
+Baute eine Verbindung, die nichts mehr löste
+zwischen ihm und ihr, indem er verstand und folgte,
+und das Kindliche, als es abtrieb, selber abhieb und
+damit unverlierbar sich gewann.
+</p>
+
+<p>Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrägen Scheibe
+ward, durch den Raum rotierte, Fidleys Pensionen,
+Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber flimmernd
+wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierig
+<!-- page 096 -->
+aufging, blieb ihr die Stimme Vaudreuils.
+Ruhig, gelassen wie im Nebel. Einen Augenblick ertrug
+sie nicht mehr den trostlosen Schmerz aus der
+Gefaßtheit des Tons, sie stand auf, wollte sagen, sie
+bleibe, nickte, schwieg, ging hinaus.
+</p>
+
+<p>Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den
+Kopf des Betts, die Girlande des Balkons. Der
+Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich, ausgeatmet
+ihr entgegen von der Prärie. Hindurch, das
+Auto blinkte vor der Halle, stieß sich heraus, die gesiebte,
+durchlöcherte Brust fauchend, zermalmend die
+Luft. Sie beugte sich über den Fluß. Murmeln koste
+ihr entgegen, entzog sich ihr, floß tiefer, entfernter, uneinholbar.
+Drüben schleuderten am Rand des Vorstellbaren
+Schiffe, Städte, Bahnen sich vor ihr hin, rissen
+sie nach. Das Tiefe, Bleibende der Erde zog sie herunter,
+zu sich. Es ging nicht. Aber es riß zu Schmerz
+mit einer Stille, die verzehrte.
+</p>
+
+<p>Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum
+Wasser. Über ihrem Nacken stand schwingend, kreiselnd
+in der Luft, aufziehend, Glück, Ahnung, in die sie
+hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter
+ihrem Gesicht brachen Tränen. Zwischen beidem lag
+sie, faßte die Binsen in die Hand. Sie wuchsen
+an ihrer Haut. Sie fühlte, erschüttert, wie sie
+sich vertauschte der Landschaft. Ihr Leib wuchs fest
+mit Geruch und Duft der Erde. Sie faßte das
+<!-- page 097 -->
+Gras, riß daran, es hielt. Sie tauchte die Arme ins
+Wasser, es war eins. Legte das Gesicht mit der
+Wange gegen den Weidenstrauch, den schlanken Baum,
+da blieb nichts übrig, was trennte, alles floß, verband
+sich, gehörte zueinander. Was trennte, riß entzwei.
+</p>
+
+<p>Sie spürte plötzlich, das war das Glück. Schon
+hinter ihr. Nun, wo erkannt, verdorben, verloren für
+immer. Je mehr sie sich trennte, um so schärfer schnitt
+sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefühl
+vor ihr auf. Dies war ihre Heimat, durchspülte
+sie mit Erdsaft, machte sicher, frei, groß. Was kommen
+sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem.
+Städte lockten nicht, Menschen fielen schal ab wie von
+Drähten, Dampferschrauben wühlten durch ihr Fleisch.
+Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich löse. Kraft
+und Sicherheit gingen aus den Adern. Es brach auseinander
+in ihr. Teilte sich. Unaufhörlich ging es von
+ihr: Geruch der Bäume aus den Adern, mit singenden
+Vögeln, lieben Namen von Booten, Wolken,
+Formen der Wellen. Spaltete sich ab von ihr. Sie
+hob das Gesicht aus dem Gras.
+</p>
+
+<p>Frühstückte. Das Nickel des Wagens saß in der
+Sonne gleich einem schwingenden Insekt. Der Horizont
+ward heller. Sie ging zurück ins Zimmer. Schloß
+die Schublade auf, wühlte aus der Ecke eine Kette
+aus gelbem Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie
+um mit einer langsamen Bewegung. Im Spiegel
+<!-- page 098 -->
+schien es zurück. Das Rot des Achats leuchtete glatt
+und kühl. Ihre Jugend stand darin, das Entfernte.
+Was hinter ihr lag. Die Stille, die sehnende Ruhe
+des Blutes. Der Umkreis des so Erlebten spiegelte
+von den Rundungen herab, das Land, die Wiese, das
+Gras. Sie warf den Hals im Ruck herum. Trat
+hinaus. Biß die Zähne zusammen. Das Auto schlug
+an. Es ging nicht anders. Sie folgte.
+</p>
+
+<p>Fuhren Schleifen, den Fluß durch. Hielten am
+Lorenz. Hinter Zypressen ihr Geburtshaus. Vaudreuil
+gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab
+Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als
+sie seinen Rücken sah, begriff sie plötzlich, wie sehr er
+diese Frau geliebt. Fühlte, was sie versäumt, stand ohne
+wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an
+Mütterlichem besessen, ganz hell, in einer Sekunde.
+Die Überlast erhärtete ihr Herz. Feindlich ging sie
+durch den Garten. Zedern reckten um die Bleivase
+sich in das frühe Rot, Tau perlte in Ketten herab. Die
+Tür fiel zu. Zurück, Wind strich über die Mauer,
+senkte sich brausend einen Moment herein. Dicker Regen
+platschte aus einer Fichte. Der Wagen zog an. Bei
+Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Plötzlich, daß
+sie erblaßte. Zusammengepreßt: &bdquo;Willst du mich immer
+lieben?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, Liebling.&ldquo; Sie gab ihm die kalte Hand. Tränen
+blieben hinter ihren Lidern. Fuhr weiter. &bdquo;Nicht
+<!-- page 099 -->
+traurig&ldquo;, spürte Sygs Hand herüberkommen, zuckte
+unter dem Schleier, zog ihn hoch. Zu dem blonden
+Fräulein: &bdquo;Gehen Sie gleich aufs Schiff.&ldquo; Die Koffer
+stapelten sich. Das Meer schäumte leicht. Von der
+Barkasse läutete die Glocke. Neigte sich, küßte Syg.
+Spürte an ihrem Leib den Geruch wieder des Waldblocks,
+des Spiels im Garten, der Betten, die nebeneinandergestanden.
+Sie atmete heißer, blieb eine Sekunde.
+Dann stieg sie ins Boot. Syg winkte. Es war
+neblig geworden. Pendelnd, unsicher schlug Sygs
+Kopf aus. Bald rückwärts, bald zur Barkasse, die
+vorwärts stieß. Winkte noch einmal. Drehte um.
+Über dem Wagen, den schiebenden Gäulen stand Abglanz
+von Blau, Berge, See. Ging ihnen zu.
+</p>
+
+<p>Das Ende.
+</p>
+
+<p>Es schien ihr, es müsse geschehen etwas, irgendwie.
+Sie empfand jede Wolke. Jede Linie der Küste legte
+sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel
+häufte sich dünn vor das Land, Die Barkasse drang
+weiter in Flut, entfernte sich, heulte, stieß vor. Nichts
+geschah. Da überwältigte sie der traurige Gedanke
+mit solcher Gewalt, daß sie den Messingknauf des
+Geländers zwischen die Hände preßte, die Stirn zusammenbog
+mit aller Durchdringung, in der Schmerzlichkeit
+der Flucht noch die übersinnliche Kraft des
+Glaubens: nun reiße die Küste ab, komme herüber,
+hielte sie. Da schwand das Land. Der Schrei blieb
+<!-- page 100 -->
+in der Kehle, erstarrte. Die Faust ballte sich ihr in
+Haß. Wandte sich zornig ab vom Boden, den sie
+liebte. Haßte jede neue Luftschicht, jede Fahne, Gaffel,
+Signale um sich. Trank Gift mit dem Atem, der ihr
+von der anderen Seite entgegenströmte. Wandte
+sich aber mit tieferer Ablehnung weg von dem, was hinter
+ihr lag. Vorbei. Das Letzte. Die Augen brannten
+hell, grau. In rotem Nebel begannen Maschinen zu
+stampfen, pufften den Boden auf unterm Fuß mit
+kleinen rhythmischen Schlägen. Sie wandte sich um.
+Die Achseln zuckten. Das Meer vor ihr aufgewölbt
+von Glut.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die
+Feinen wurden nervös. Ein Matrose griff fehl, stürzte
+aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins Schwimmbad,
+brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug
+sich ein Dutzend um eine braune Hure. Einer hatte
+einen Bruch, einer schlug hin auf den Bauch, heulte
+und schrie &bdquo;maman&ldquo;. Ein Weib lief mit halbem Ohr
+und sammelnd durch die Klassen. Rotteten sich zusammen,
+spießten einen Alten auf die Arme: &bdquo;Vieux
+Ga .&nbsp;. ga.&ldquo; Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser,
+über ihr ein singender Tag.
+</p>
+
+<p>Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagen
+<!-- page 101 -->
+drei Malariakranke. Zwei unterhielten sich den Vormittag,
+mittags wurden sie gereizt. Trommelten mit
+den Daumen, rauchten. Abends machte der eine Vorwürfe,
+gereizt, heftig, der andere pfiff leis. Der dritte
+schwieg.
+</p>
+
+<p>Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte
+sich am Geschauten, spiegelte sich allein in dem
+Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen Körper, rote
+Haare. Ein Mischling kam, schöner als ein Weib,
+flüsterte, verbeugte sich, kam mit Whisky. Der Mann
+deutete heftig aufs Glas, der Diener öffnete den Riegel,
+folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen
+hünenhaften Mann, nickte, verschwand. Kam in einer
+Viertelstunde zurück. Das Paar passierte von Norden
+her. Lackaugen vom Mann her wanderten herüber,
+blieben. Die Frau gähnte. Zwei Tage ging der Korso,
+zogen fern langsam Dampfer vorüber. Das Fieber
+sank, Temperatur ließ nach. Der Rote erhob
+sich. Ging am Arm des Dieners hin und her auf der
+Promenade, anderen Tags allein am Stock. Fiel auf,
+elegant, zerrissen, glatt, Augen voll Geist. Verschenkte
+Blumen, grüßte, ließ einen Windhund springen. Trug
+keinen Hut, die Haare glühend über dem pockennarbigen
+Gesicht gescheitelt. Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla
+über der Schulter, schmalen blauen Auges, auf
+hohen Beinen.
+</p>
+
+<p>Warf plötzlich die Quintrone ab. Benutzte einen
+<!-- page 102 -->
+Moment: Ging vor, ans Geländer, fuhr mit dem
+Tuch an die Stirn, knickte ohnmächtig gegen das Eisen,
+der Riese stieß einen kleinen Laut aus. In seinem Arm
+machte er die Augen auf, streckte sich lässig. Der
+Riese zog eine grüne Riechflasche, hielt den Arm rund,
+weich, damenhaft, den Kopf schräg. Er atmete rasch.
+Der Mischling Moki kam zu seinem Herrn, stützte
+den Roten. Der deutete aufs Meer, das violett erzitterte,
+drehte sich um: &bdquo;Le Beau.&ldquo; Lächelte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Fribaurt&ldquo;, sagte der Riese, sah nur den Diener.
+Le Beau lud den Riesen ein, zeigte ihm eine Sammlung
+Säbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die
+Billardbälle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen
+vor der schmiegsamen Wucht fressenden Metalls.
+Hörten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm durch
+Regen übers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen
+in grauen Brei, der innerlich geschwängert Blasen aufstieb,
+Ballone ins Meer setzte. Le Beau wickelte ihn ein,
+führte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki,
+trieb ihn enger dem Willenspunkt zu, stieß ihn hinein.
+</p>
+
+<p>Verlor Fribaurt, polierte er die Nägel. Gewann
+er in Bakkarat, Poker, Sieben, erschien Moki, servierte
+Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte die Haut,
+der Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine
+Konzentration, leckte über des Dieners Schenkel. Das
+Spiel blätterte auseinander, die beste Karte schlug gegen
+ihn zurück. Verlor. Spielte Paroli. Blähte die Nüstern,
+<!-- page 103 -->
+sog die Luft ein, die ihn verwirrte. Verlor. Rannte
+in Paroli. Verlor. Moki verschwand lautlos. Die
+Summe addiert. Fribaurt erbleichte. Schrieb einen
+Wechsel, legte ihn herüber. Le Beau rührte ihn nicht
+an. Polierte die Nägel, sah Fribaurt starr in die
+Pupille, führte ihn bis an den Rand der Spirale, in
+die er ihn schlug. Stellte ihn neben das Zentrum,
+stieß ihn endlich hinein. Sagte leis drei Sätze, abgehackt,
+deutlich, akzentuiert wie ein Ausländer. Fribaurt erblaßte
+ein wenig unter der Hypnose des Klangs. Erhob
+sich.
+</p>
+
+<p>Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine.
+Die Namen fielen. Sie sah zwischen Pockennarben
+einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn durchstieß,
+unter ihrem gestählten Zorn nicht brach. Von
+der harten, dunklen Stimme fielen Vokale mit glattem
+dunklem Wohllaut. Überrumpelt, gereizt sprang sie zum
+Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie sein
+Körper, ihren führend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend,
+hart, fordernd. Er stützte sich ein wenig auf
+den Stock. Ihr Schritt ward rascher, wogte auf und
+herab mit dem Schiffschaukeln. Er hielt. Über die Achsel
+sah sie zurück. Er beugte sich, hob ihr Tuch. &bdquo;Holen
+Sie kalten Tee&ldquo;. Es war heiß geworden. Er drehte
+um. Sie ging zur Kabine. Le Beau gab das Tablett
+dem Steward, warf sich in den Liegestuhl, wartete.
+In der Kühle kam sie herauf. Übersah ihn. Die Ablehnung
+traf ihn, verzog seinen Mund, lächelnd. Am
+<!-- page 104 -->
+Geländer spürte Daisy die Richtung eines Fächers,
+zog den Blick vom Rosafisch, der sprang, sah in die
+weiße Iris der Quintrone, während die Zähne hell
+sich öffneten. Sahen beide in das Aufzucken der Lichter,
+schlossen die Augen, sahen, wie das Schiff festlich, erhöht,
+auf eine Masse Lichter zufuhr, die höher wuchsen
+und stiegen und an ihnen vorbeiglitten. Die Dampfer
+tuteten, Lichtschnüre trennten sich, verblaßten. Fribaurt
+und Le Beau gingen vorbei. Die Kreolin neigte den
+Leib, sprach mit der ganzen Haut. Das Murmeln
+kam näher, spanische Missionsweiber psalmodierten, sahen
+in die Dämmerung, die fiel. Der Quibekaner flüsterte
+einer Frau zu, daß sie Regen beschwörten. Sie schrie auf.
+Er griff in der Dunkelheit fest in ihr volles Bein,
+damit die Bewegung ihn nicht verrate. Der Schrei
+deckte das Manöver. Am Schornstein applaudierten
+die Kanadier, sie gingen langsam hinüber.
+</p>
+
+<p>Da sah sie: im Kreuzschein der großen Signallaternen
+bewegten sich Fribaurt und Le Beau wie Ratten, mit
+Brustschild und Maske, florettierend gegeneinander.
+Le Beau lag wundervoll in der Hüfte, bewegte sich in
+der Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft.
+Stieß vor, im Angriff, schien plötzlich müde. Übersah
+die Quintrone, die mit aller Haut atmend in seinen
+Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwärts, der
+dirigierte Moki hinter seinen Rücken ins vollste Licht.
+Seine hitzig kalte, fast brausende Geschmeidigkeit verwirrte
+<!-- page 105 -->
+sich immer mehr in dem weichen unberechenbar
+eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Größe
+und Breite erstaunlichen fast mit dem Handgelenk gefächerten
+Etüden heraufwarf. Plötzlich machte Le Beau
+eine stumme eindringliche Geste. Mokis Körper schälte
+sich bronzeschmal aus der Dämmerung. Beau entblöste
+die Brust, fing Fribaurts unsicher schwankende
+Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die Gegenlage,
+schleuderte aufspritzend das Florett des Gegners
+in die surrende Dunkelheit. Legte Brustschild, Maske
+ab, sagte Fribaurt kalt Schmeichelhaftes. Drehte Wasser
+an, wusch die Hände. Hob plötzlich den Kopf.
+</p>
+
+<p>Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in
+den Blick. Warf ihn mit einem wehenden Ruck herum,
+mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr Auge. Traf es
+mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit,
+daß sie wankte. Schmerz spürte, als durchstäche
+er sie. Ihr Blut aufflammen fühlte, zurückstürzen. In
+den Adern eine bäumende, auflösende Kraft. Sie gab
+den Blick nicht zurück, schloß über dem Vorgang die
+Lider herunter, ging mit dem Gefüllten rasch hinab,
+unsicher, überwältigt wie ein im Schlaf begattetes Tier,
+in der Haltung zart und süß, den Kopf mondhaft,
+nicht weinend, zur Seite gebogen.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 106 -->
+
+<p>Sie schnitt ihn. Er übersah es. Sie brüskierte ihn.
+Er sah es nicht. Sie reizte ihn, brachte ihn zu keiner
+Äußerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck, drehte um.
+Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum
+Steward. Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe,
+in der er stand. Zeigte ihm ein Maß der Ablehnung,
+das sie derart steigerte, daß er ein Lächeln einmal abends
+darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte
+ihn gleichgültig, suchte seine Nähe, die sie gemieden.
+Frug ihn nach der Zeit, lachend nach dem
+Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der
+Jagd, nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es
+gleichmütig, erinnerte in nichts an etwas, das traumhaft
+hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte von allem.
+Sie aufhob und ungestüm machte nach einer Entfaltung.
+Ihr Drang nach Geben und Zurückströmen des Gefüllten
+war so groß, daß selbst die nichtssagende Bewegung
+ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine Zugehörigkeit
+und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebensächlichstes
+Wort hatte eine Umkleidung, das ihn stach.
+Ihr Gespräch mit anderen nahm Richtung auf ihn.
+Er blieb gleich, unberührbar in seiner Glätte.
+</p>
+
+<p>Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch
+herauf, trat ihn breit mit ihm, vermengte, versträhnte
+ihn, daß Le Beau schweigend hörte. Sie gähnte nicht
+mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues
+heraus, Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin.
+<!-- page 107 -->
+&bdquo;Sie haben durch den Fächer bei der Quadrille einen
+Feind in meiner Familie. Mein Vater haßt Sie, daß
+er Sie fast liebt.&ldquo; Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen
+war. Das Schweigen neben ihr blieb. Sie lockte es
+nicht heraus. Sie übernahm sich im Grauen davor,
+schob Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte
+die Spitze des <a id="corr-4"></a>Erreichbaren: das Gespräch brach
+ab. Eine Pause fiel.
+</p>
+
+<p>Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann
+auf der anderen Seite herumzulungern, glitt auf eine
+Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut, verschwand
+Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fühlte
+sich verloren. Was sie in ihn überleiten, ihm zurückgeben
+wollte, den Zwang .&nbsp;.&nbsp;. es bog sich herum, ward Leere
+und Fassungsloses in ihr. Sie wartete, daß er ihre
+Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte
+sich nicht hinein, ließ den Augenblick verklingen. Es kam
+eine Ruhe über sie. Ihre Hände ballten sich ein wenig
+zusammen. Er änderte seine Stimme nicht. In der
+Nacht hörte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf
+ins Erwachen. Sie bog die Beine herauf, legte das
+Gesicht darauf in schmerzhafter Umarmung. Da schlug
+ihr die Stimme heiß ins Gesicht aus jedem Knie.
+</p>
+
+<p>In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte.
+Es war Schmiegsames, Zartes, das sich mischte mit
+Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgänge, ohne sie
+anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand.
+<!-- page 108 -->
+Nichts stieß ihm entgegen. Gewölbt stand ihm offen
+das Ganze. Er schmiegte sich hinein. Warf sein Leben
+hinaus ans Meer, es prallte zurück, umgab sie. Dämpfte
+das Gute, hob das Schwanken. Baute sich aus in
+ihr, langsam, gespannt, weich mit einer eindringlichen
+Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weißem Bogen.
+Lauschend bog sie sich über den Tisch. Langsam sammelte
+es sich bei ihm. Kam diesmal ohne Wucht, aber mit
+bis ans Schreien unterdrückter Süßigkeit. Er flüsterte
+zwei Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurück.
+Nickte.
+</p>
+
+<p>Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tür
+der Kreolin schloß sich, bei Fribaurt glitt es heraus,
+dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe
+hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weißen
+Lippen vor sich hin, suchte mit den Augen, den Händen
+in der Dämmerung des Korridors. Ihr Arm blieb
+stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr
+weiter. Ihre Haut glühte mit einem Ruck. Da hörte
+sie neben sich in der Nische ein Geräusch. Sie bückte
+sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser.
+Hinter Gittern kamen die roten Augen kleiner Hasen
+an sie heran. Ihr Finger berührte die bewegte Schnauze.
+&bdquo;Go .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf.
+Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre
+Stimme aber kam auf sie zu, umfaßte sie selbst wie
+von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus und verließ
+<!-- page 109 -->
+sie wieder in Seligkeit und Erfüllung. Was vorging,
+was sich sammelte aus ihr heraus im Ton, der
+sie umschwamm, brachte Ruhe in sie. Trieb sie in eine
+Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem plötzlich
+alles in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte.
+Ihr Blut spannte sich dem entgegen. Es ging über
+alles hinaus. Trieb darauf zu mit der Kraft und der
+Inbrunst des Ziels. Sie lächelte. Kehrte zurück, fiel
+in Schlaf wie Traum.
+</p>
+
+<p>Abgelenkt, vorbeigeführt innen an ihm, gab sie ihm
+die Hand. Keine Miene zeigt, daß ihn etwas enttäuschte,
+Unter den Sätzen warb seine Stimme
+um sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter
+großer Körper blieb neben ihr. Hörner heulten
+aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend. Blinkfeuer
+stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen
+roh, verquatscht, Hupen. Die Räder gingen langsam,
+fielen zurück, die Mole hing voll Menschen gedrängt,
+wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Fläche. Unter
+den rücklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das
+Schiff stand. Da sprang plötzlich ihr Herz.
+</p>
+
+<p>Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern
+irrten Passagiere, auseinandergespritzt. Hände durchglitten
+ihre. Das Fräulein stieg auf der Treppe hinunter zum
+Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf
+sie zu.
+</p>
+
+<p>Sie gab Le Beau die Hand. &bdquo;Wohin?&ldquo; Sie
+<!-- page 110 -->
+wußte es. Er sagte: Paris. Lächelte plötzlich: &bdquo;Wohin
+fährt ein Franzose .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Sie lachte über die Schulter
+dem Reeling zu. Sie sah zurück: Versäumtes, Verfehltes
+lag auf seinem Gesicht plötzlich gesammelt,
+Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es blieb. Verließ
+sie nicht. &bdquo;Leben Sie wohl.&ldquo; Wind bewegte sein
+rotes Haar. Den Hut unterm Arm. Von unten sah
+sie ihn am Geländer verschwimmen. Zwischen den weißen
+Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf.
+Die Musik spielte über der Sonne. Die Barkasse legte
+sich fest an Land.
+</p>
+<!-- page 111 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">Der zweite Abschnitt
+</h2>
+<!-- page 113 -->
+
+<p>Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung
+fürchtete den schlechten Ausgang. Sie
+<a id="corr-5"></a>genas. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt
+ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen.
+Das Fräulein führte die Liste der Stunden.
+Die Tabellen verengten sich, gingen bis in die Nacht.
+Man holte sie. Sie schob sich selbst in das Drängen.
+Bald stand ein Defilé vor dem Haus. Mit Holl
+ging sie in Lewinskys Generalproben. Vom Bazartee
+kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das Abendkleid
+ins Bad. Das Fräulein reichte die Tabelle. Sie
+runzelte die Braue etwas hinauf. Verreiste. Böhmer,
+Below traf sie bei der Holmberg, überging sie. Erlebte
+den Skandal, als Männer auf der Nizzapromenade
+sich um deren weißbemaltes Fleisch schlugen. Drei
+davon starben. Andere hätten sich gewälzt vor Wonne.
+Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lächelte.
+Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr
+alles frei, sie folgte traumhaft. Bei Utö kam von der
+Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater auf
+sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf plötzlich seine Gestalt,
+<!-- page 114 -->
+spürte in den Knien, im Auge den Schlag, erblaßte.
+Lief am Strand auf und ab abends, allein.
+Reiste zurück nach Nizza die Nacht.
+</p>
+
+<p>Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg,
+deren Hand schmeichelnd kam, fuhr mit ihr den Korso,
+dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand
+schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo über ihr, zog
+etwas daraus fest in sich Die Gräfin fragte. Sie
+ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren Kopf,
+wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest
+eines dekadenten Mitteldeutschen Fürsten die Megrée
+auf gemeißelten Beinen kommen, auf einem Wallach,
+zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger
+Stefan umarmen, nicht tanzen, lachend abreiten. Der
+mit den eisernen Backenmuskeln wandte sich ruhig um,
+sah, überstürzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag
+war Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station
+nach, vermochte nicht zu bitten, versuchte einen Einbruch,
+setzte sich selbst herab, mußte sie unter Menschen
+ihn hören. Seine athletische Brust zuckte zurück vor
+ihrem grau geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum.
+Sie gab sich hin, ließ sich aufnehmen wie willenlos,
+von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom
+Meer, war es gut. Kam es vom Land war es gut.
+Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es war unsichtbar,
+was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich
+nicht das Letzte. Etwas saß darunter, fest zusammengedrängt.
+<!-- page 115 -->
+Nur, je mehr sie sich dem Umstrahlenden
+anschloß, genoß, sog und hintertrieb, bedenkenlos die
+Stationen nahm, die sie umwölkten, war etwas in
+ihrer Hingebung, das sie dem so heftig Genahten tief
+entzog.
+</p>
+
+<p>Es schwankte herauf und herab in dem Treiben,
+bald obere, bald untere Welt, Fahnen und Wagen,
+auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich,
+verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten
+die Hälse, flüsterten, trieben Neugier aufs Gesicht.
+Durch solch gewölbte Gasse kamen Heroen: Lyonel,
+Böhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen.
+Vorbei. Sie lenkte den Blick kühl darüber,
+er trieb nicht ab, blieb nicht haften, kein Drang schlug
+dort hinaus. Sicher fast, in die Höhe gehoben, blieb
+er dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single
+heraus. Das Lächeln, das sie zerstreut dem Preisrichter
+gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht bekannt.
+Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan
+gegen sie. Machte ihr Fehler hin, sie nutzte nicht aus.
+Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte nicht. Schlug
+einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank
+sie zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an
+ihm vorbei. Gewalt gegenüber war sie eisig verschlossen.
+In München schwärmte sie unter herber südlicher Sonne
+einen Festabend. Unter der Dielentür sah sie Caspare
+Symes, er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht,
+<!-- page 116 -->
+an den Molen des Innern brach sich es, schäumte
+herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses,
+Zögerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus,
+woher sie kam. Sie bog ihr Gesicht auf, lernte eine
+Bewegung, die es zurückschlug, was tastend offen stand,
+hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte,
+sammelte sich dichter unter dem Schleier, ward reifer,
+fiel fast als Frucht schon heraus.
+</p>
+
+<p>Sie saß im Zirkus, wo Sägemehl und Pferdeschaum
+schwirrte. Mit Steinen um den verhaltenen Mund
+neben dem französischen Botschafter. Fuhr im Auto
+durch Eifel und Rhön, über Matten, zu den stählern
+gereckten Chausseebändern des Bennetrennen. Kinder,
+Frauen, hinter ihr her, hinter nie Gesehnem. Offiziere
+ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie
+einen Ring, lachte. &bdquo;Masseldoff&ldquo;, flüsterte Holl. Sie
+sah zurück. Die Zeit staffelte sich darunter. Es ward
+klar. Was war das all? Nichts. Die Männer,
+es beschäftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund,
+als sie aufsah. Was blieb, kannte sie.
+</p>
+
+<p>Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben
+noch wie stets dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar
+so auf Straße, Wagen, Park. Verdichtet
+aber im Innern. Sie hörte Stimmen, vernahm Dinge,
+hörte Stefan, Holls Regie. Wohlig streckte sie sich
+darin, es ging sie nichts mehr an. In Christiansand
+an einer weißen Mauer entschloß sie sich plötzlich, bestimmte
+<!-- page 117 -->
+die Rückkehr. An der Reede, von einem
+Schiff steigend, das kam, traf sie Symes. Er grüßte.
+Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber
+Ohnmacht überfiel sie, so straff hielt sie unnatürlich
+die Maske. Es schlug sie den Fahrtmittag nieder,
+erweichte ihr Gesicht, das mit den heißen Wellen ging
+und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in
+sich nieder. Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut
+hinhielt. Hielt die Richtung ein, verschärfte sie sogar
+aus Trotz über die Abschwenkung. Warf alles zurück
+auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht
+fiel reifer heraus, suchend, ruhig, bestimmt.
+</p>
+
+<p>In der Nacht kam sie an. Im Bett früh telephonierte
+sie nach Lewinsky. Er war nicht im Theater,
+nicht in der Wohnung. Sie hörte vom Diener, wo.
+Fuhr zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park.
+Suchte die Wiese ab. Sah Perlhuhnhunde, des Einladers
+breite Glatze über Favorits, sah eine Polonaise
+am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich
+beruhigt. Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein
+Anruf: die Megrée hatte sich erschossen. Man rottete
+sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte fanatisch,
+jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam
+Stefan vorbei, schwiegen sie. Man hatte den Mut
+nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete neben ihr,
+erzählte den Fall das drittemal. Sie sah in den
+blauen Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wie
+<!-- page 118 -->
+feig sie waren. Sie sah deutlicher nach Stefan.
+Eine Stunde blieb sie, überflog die Versammelten,
+hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Plötzlich
+ging Lewinsky, sie sah den Hut in seiner Hand.
+Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte,
+schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher
+Lässigkeit auf Stefans Schulter: &bdquo;Die Megrée
+ist tot.&ldquo; Ihr Gesicht war anders wie das, was sie
+sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt
+die helle Schärfe eines Vogels. Am Wagen blieb ihr
+Kleid etwas gerefft hängen. Man sah ihr Knie. Sie
+fuhr die Allee hinaus.
+</p>
+
+<p>Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen,
+um das Viereck, nachdem Lewinsky vor ihr ausgestiegen.
+Ließ halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf
+das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich
+um, saß noch einige Minuten am Fenster. Über dem
+Kiesweg pflückte sie einen Zweig, schwang ihn hin und
+her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie
+ließ sich nicht anmelden und wurde daraufhin abgelehnt.
+Da gab sie die Karte ab, die Türen gingen auf, im
+Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend,
+ging Stefan. Sie stand an der Portiere und
+brachte Lewinsky aus der Fassung. Sie hatte ihn den
+Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war plötzlich
+da. Sein Blick strich die Wände hinauf, da hingen
+große Männer seiner Zeit. Seine Haare waren in
+<!-- page 119 -->
+der Stirn geschnitten, er stieß mit der Zunge an,
+schlug die Arme über die herausfordernde Brust, um
+sicher zu scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet
+nicht, macht nur eine Bewegung, die sie ihm
+ganz öffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat
+sie gehört. Sie fühlt sie schweben. Sie spricht eine
+halbe Stunde vor dem Gesicht, das an Höflichkeit
+aufrafft, was es kann. Sie fühlt die Vokale steigen,
+glänzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht
+hinaus. Das Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine
+halbe Stunde gesprochen hat, hebt sie das Auge auf
+zu ihm, erschrickt. &bdquo;Es genügt nicht?&ldquo; Er spaltet
+den Mund nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur,
+herab. Kämpft einen Augenblick mit den Kinnmuskeln.
+Dann schüttelt er den Kopf.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Viele Tage verließ sie das Haus nicht. Ihr Mut
+war so stark, daß der Mißerfolg sie nicht schlug, sie
+begriff ihn kaum. Er brachte sie nur deutlich zu sich,
+entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte
+sie fest. Sie sah durch das Straßenfenster, da ging
+gedämpft der städtische Verkehr der Grunewaldstraße,
+rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum andern, da
+war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im
+Wind ihr zu. Sie hob den Kopf entgegen dem Geräusch,
+<!-- page 120 -->
+hob ihm die Stimme entgegen. Es klang
+zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete
+sich daran und bekam die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte
+und hinriß. Da war sie ganz enthalten in
+den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefühl,
+das ausfloß. Da konnte sie Sätze biegen, Wonnen
+rauschen lassen in blanken Diphthongen, spielen mit
+Worten und ungefähren Dingen, die als Sternnebel um
+sie waren. Beglückt trat sie zurück.
+</p>
+
+<p>Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die
+wollte sie ablehnen, sah das gute Kupee unten stehen,
+ward neugierig, winkte, sie hereinzuführen. Sie lag
+mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy
+mit den runden Wolfsaugen, leckte die Lippen und führte
+beide Arme verführerisch nach den hell gemalten Haaren.
+Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht lang,
+aber eindringlich. Beim ersten Laut spürte sie, es fehle,
+es stoße neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht
+der Schauspielerin sah, stürzten ihr Tränen in
+die Augen. Alles verließ sie. Kein Mut, keine Sicherheit.
+Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein
+Taschentuch auf, das ihr gefallen, und als sie wieder
+stand, sagte sie nach unten hin: &bdquo;Ich hatte mich nicht
+in der Gewalt.&ldquo; Wieder suchte sie jenen Ton, den sie
+seither immer besaß, der ihr eigentümlich war wie ihre
+Hand. Sie glaubte, sie träfe ihn, begann von ihm
+aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher ward, half
+<!-- page 121 -->
+ihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte
+sie, sah die große Frau auf dem Diwan zusammengerollt,
+sie nickte ihr zu. Sie fuhr fort, schleifte es
+weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen
+Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer
+schwärmerischen Stimme: &bdquo;Gibt es denn nichts, was
+Sie sonst befriedigt .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, kam mit langen Schritten
+auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in
+ihr, sagen. Es kamen nur Tränen, sie stampfte ein
+wenig auf. Als sie den Arm der Florath im Nacken
+fühlte, wußte sie, daß jene sie mißverstand. Sie schwieg,
+verschloß in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort
+wieder sicher machte. Demütigung, Verzweiflung bisher,
+nichts war umsonst gelebt, sie fühlte, es ward klar.
+Noch machte an der Tür die Florath eine Bewegung
+mit dem Kinn, das rätselhaft herabkam: &bdquo;Die Welt
+ist voll Möglichkeiten, reizvollen, wenn Sie die Ihren
+suchen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, die runden Wolfsaugen überglitten sie
+lächelnd, die Hand glitt über ihre Brust. Sie verneigte
+sich. Auf der Treppe ward sie wieder zäh wie
+vorher. Gelang dies auch nicht, sie spürte unbedingt,
+unauslöschlich die Stimme in sich An der Straßenecke
+stand Moki. Aus dem Laden trat Fribaurt,
+bedrängte, behing sie mit Geschwätz. Sie log ihm
+Krankheit vor, erklärte ihre Unsichtbarkeit damit, frug
+ihn, als er nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte
+mit den Lippen, verschwand. Zu Haus fand sie einen
+<!-- page 122 -->
+Brief. Er riet ihr, zu Löw zu gehen. Rivale Lewinskys.
+Sie wußte nicht, von wem. Der Goldfischteich glänzte
+aus der hellen Dämmerung. Sie biß die Lippen zusammen
+über den Eingriff, der in ihr Leben kam, der
+Garten stand geweitet wie ein Flußtal, Fischflossen
+glänzten manchmal weich und rasch.
+</p>
+
+<p>Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute
+die gesträubten Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte
+sich, orangen und grün flimmerte es aus der Ecke:
+&bdquo;Dogo .&nbsp;.&nbsp;. Dogo.&ldquo; Sie wandte sich von ihm um.
+Nahm ein gepreßtes Buch, schlug es auf. Neben
+Lewinskys gesalbter Glattheit stand das wohlwollende
+menschliche Gesicht Löws. Es zog sie an. Sie sah
+auf den Boden. Im Garten, sangen Nachtvögel herauf,
+schwebten ihr mit Wind Flüstern entgegen und
+nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie spürte, daß
+der Brief sie gut leiten wollte, zog den Finger aus
+den Blättern, empfand im Schließen, wie es sich in
+ihr spannte, und daß vor diesem Kreuzweg Ja und
+Nein des Lebens stand. Dann hatte sie etwas plötzlich,
+was alles vertrieb.
+</p>
+
+<p>Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt.
+Zeigte, wie schön sie sei. Hinter der Höflichkeit reckte
+sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes Buch. Sie
+wollte es zwingen. &bdquo;Der Text ist nicht gut.&ldquo; Ein
+anderes Spiel. Sie wechselte. Sie bäumte sich auf,
+klar und weitschweifend zu sein. Schon kämpfte sie
+<!-- page 123 -->
+gegen das Unfaßbare, da ging eine Tür hinter ihr,
+über den Spiegel huschte ein Schatten, eine dünne
+Bewegung. Es löste seine Oberfläche auf, er stand in
+Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein Springbrunn
+kam hereingeplätschert, ihr Mund spürte Blau
+und Goldregen und Baumbewegung. Es kam Geräusch
+der Ströme. Auf dem Ontario wogten Segel,
+hißten Fahnen, grüßten. Rührung und Hingabe legte
+sich in die Stimme, ward goldhell, posaunengroß, nun
+erlebte sich alles. Flog an den Drähten hinauf, sank
+zurück ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll
+und wuchs. Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu
+den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte den Ottawa
+im Traum, den Erddunst in den Nüstern der Vokale.
+Hatte ihr Herz. War voll. War da.
+</p>
+
+<p>Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Genügts?
+Lewinskys Kopf war entblättert. Macht, Höflichkeit,
+jede Maske war weg. Um die Lippen stand
+eine grausame, bebende Linie. Angst, daß ihm dies entgehe.
+Er versprach, was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm.
+Der Spiegelschatten kam aus dem Polster, Stefan
+brachte sie an die Tür, hatte Ersticktes in der Stimme:
+&bdquo;Erhielten Sie meinen Brief?&ldquo; Sie zögerte, sah Gesenktes
+an ihm, der Brief war gut. Dann hob sie
+schmal das Kinn: &bdquo;Nein&ldquo;. Er lachte heiser durch
+die Zähne. Ihr Blick blieb verwundert.
+</p>
+
+<p>Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann.
+<!-- page 124 -->
+Lewinsky zeigte klug, was ihr fehle, wie, was sie in
+sich trug, nur die Flamme war, die das Gerüst entzündete
+und in die obersten Logen der Erfolge trug.
+Das Gerüst war zu lernen. Sie sah ein, sie konnte
+noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem schnitt
+es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus
+entzündete sich die Lust nach dem Dampf der
+pochenden Pferdebäuche. Fort gingen die Bahnen, die
+Wagen. Sie blieb.
+</p>
+
+<p>Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I
+schärfte, jagte sie in den Plafond gegen Dogo, daß er
+flatterte und es zurückschrie. Das A baute sie zu
+Brücken, weiten Wölbungen, die funkelten vor Kuppelschwung
+und Material. Aus dem O kamen schwingende
+Trommeln, ferne Gewitterstürze, die erregten.
+Die Leidenschaften der Wälder, das Sichsagen der
+Leiber brannte aus dem U. Die Diphtonge glitten dazwischen.
+Sie trat ans Fenster, die Hände, die Brüste
+am Gitter.
+</p>
+
+<p>Ein Lehrer kam, der den ausländischen Akzent abschliff.
+Nach acht Tagen sagte die Zofe ihm, es sei
+genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte viel
+und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie
+zäh dabei. Das Regulieren von Zunge und Zähnen,
+das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis die Figur
+sich entschälte, das Hartnäckige und Sichere, das war
+ihr Fall, dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr die
+<!-- page 125 -->
+Bewegung im Raum, teilte ihn geometrisch, wies ihr
+die Plätze dekorativ. Stellte ihr die Gebärden, zog
+eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stülpte den Ärmel
+hoch, den Arm auf zur Ekstase. Sie machte es nach
+mit der Linken, die Rechte gähnte. &bdquo;Wozu?&ldquo;, frug
+sie Lewinsky mit ermüdeter Schmerzlichkeit. Da brachte
+er Statisten, belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer,
+suchte durch Lebendes ihre Verwöhnung zu überwinden.
+Er machte ein Kabinettstück, bezauberte mit seiner eigenen
+Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama.
+Sie lächelte. Sie nahm drei Stühle. Sowie sie aus
+sich selbst sich bewegte, kam Leben in das Holz, ward
+Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog
+beleidigt die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie
+den Rücken kehrte. Ließ sie aber tun, was sie wollte.
+Überzeugt selbst über seine Eitelkeit hinaus.
+</p>
+
+<p>Einmal gönnte sie sich Erholung, als Dogo schrie,
+sie ihn im Hemd mit Tintenfischen fütterte auf der
+Veranda und die Morgenkühle ihr unter dem Leinen
+den Körper hinauf tastend lockte. Sie ritt mit Guildendaal
+und Rotbefrackten eine Allee hinauf. Die
+Hunde rannten Hasen nach im Gras. Von einer
+Pappelreihe her hob sich ein Staubkreisel, flackte über
+die Äcker und Weiden herbei. Als er die Allee berührte,
+fingen zwei Drosseln an zu schlagen, unaufhörlich.
+Da wandte sie um, trabte ohne Abschied
+herum, wie im Spiel, kam nach Haus, empfing von
+<!-- page 126 -->
+rückwärts in die Einsamkeit das Durchflogene, gab sich
+hin an das Wehen der Gräser, das Summen, Vorbereiten
+und dann dem Ansprung des jungen Winds,
+entfachte sie. Mit glücklichen großen Augen und einer
+ganz beschäftigten Stirn versank sie in die Arbeit.
+</p>
+
+<p>Besuche nahm sie nicht an. Selbst machte sie keine.
+Holl, da er Regie hatte, traf sie manchmal, doch
+wünschte sie Tips. Ging sie aus, war es mit Freude
+und Spannung schon auf die Rückkehr, wo die Distanz
+zur Arbeit sie frischer machte, angriffslustiger, heiterer im
+Spiel. Moki suchte ihr etwas zu überreichen, sie nahm
+es nicht. In einer Gartenstraße schlich ein Mann und
+riß an ihrem Beutel. Das kleine Messer aus dem
+Gürtel in der Hand, begann sie den Widerstand. Doch
+ließ sie fast im gleichen Augenblick den Beutel fahren,
+steckte das Messer ein. Sie hatte wichtigeres vor, um
+dies zu riskieren. Der Dieb lief. Sie kleidete sich um.
+Fuhr den Abend ins Theater der Florath. Die war
+nicht da in der ersten Szene. Im Hintergrund der
+Loge bereitete eine Frau sie vor, schilderte ihr Bein,
+ihren Busen. Ihre Laster. Da kam sie wie ein Tier,
+das Kleid schaukelte erregt um sie, als sei ein Abstand
+zwischen Haut und Kleid. Selbst im Unsichtbaren war
+ihr Körper entblößt. Es war, als säße ihre Seele in
+den Hüften. Alles strömte zusammen da, erhielt dort
+den Ausdruck der Verhaltenheit, der erregte bis zur
+Stummheit. Sie lächelte einen Mann zu Tod. Er
+<!-- page 127 -->
+verschwand mit seinem blonden Bart. Später dirigierte
+sie sich gegen einen Slawen mit Bauernschultern, an
+seiner Stumpfheit blieb sie hängen. Schwebte eine
+Herzspanne in der Luft, das Verhüllte knisterte um sie.
+Sie sog die Sprache in sich hinein, hinter dem Marmor
+leckte schon tosend die Glut. Die aalglatte Hüfte
+stand fast ruhig, sie spielte mit einer Dose. Ließ sie
+fallen. Bäumte, brüllte wie ein Tiger.
+</p>
+
+<p>Entsetzt, mitten in der Szene ging Daisy. Sie sah,
+was fehlte. Wie unheimlich jene mehr konnte wie sie.
+Lächelnd stumm in sich hinein, weil ihre Inbrunst
+größer war als die Routine der andern. Sie zog den
+Schluß: arbeitete heftiger, tief in die Nacht, schon
+gierig auf den Morgen.
+</p>
+
+<p>Doch war die Nacht auf ihr heißes Decolleté gefallen,
+die Grippe in der Nacht zurückgerollt. Weinend,
+fiebrig, schleppte sie sich zum Diwan. Da stand
+die Aufgabe. Sie konnte nicht. Die Zofe schellte den
+Arzt herbei. Er frug nach Schmerzen, hielt an langen
+gepflegten Nägeln das Hörrohr ihr an die Brust.
+Sie delirierte: &bdquo;Sie kann die Übergänge .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Der
+Arzt neigte sich herunter: &bdquo;Nehmen Sie alle zwei
+Stunden ein Pulver.&ldquo; Abends zur Zofe sagte sie:
+&bdquo;Nehmen Sie drei.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Achtundvierzig Stunden wimmerte sie, die Zofe verstand
+nichts. Am dritten Abend schlug sie die Augen
+auf, besann sich, bekam ein opaliges Licht hinein, wies
+<!-- page 128 -->
+auf ein Buch. Als sie es in der Hand hatte, fiel es
+ihr vor Schwäche heraus. Sie sagte: &bdquo;Nehmen Sie
+vier.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist zu viel.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe Eile&ldquo;
+</p>
+
+<p>Am fünften Tag war Sonne. Am achten kam sie
+in den Garten. In Zweigen und Flüstern bewegten
+sich sanft und weich die Sätze. Die Melancholie der
+Boskette träumte gold umrahmt vom Mondlicht. Ihr
+Entzücken entlud sich unaufhörlich quellend, gleitend
+auf einer wundervollen Bahn, der die Nachtigallen
+sich anschlossen, die aus dem abgeschüttelten Schlaf sich
+mit aller Inbrunst entfalteten in ihrer Elegie.
+</p>
+
+<p>Fand im Garten, wo der Kies lehmig war, Spuren.
+Folgte mit dem Fräulein. Sie liefen durch den
+Busch zum Eisengitter. Sie zog an den goldgespitzten
+Lanzen. Drei gaben nach, machten ein Loch. Die
+Lanzetten waren angeschraubt. Nachts nun, wenn sie
+nicht schlief, ging auf der Straße der Schritt eines
+Passanten ruhelos auf und ab. Der Schritt gab Regen
+und Wolkenwind den Rhythmus, hallte, lief ohne
+Pause. Wo es schwarz war und undurchsichtig hinter
+dem Gebüsch, erschien ihr ein kreideweißes starrendes
+Gesicht manchmal, doch es war in ihr, sie sah es nicht
+nur draußen. Bei einer Pfütze blieb sie stehen, der
+Regenbogen darüber entführte sie, mit geröteten Wangen
+wickelte sich ihr auf ein Strom von Bildern, die
+<!-- page 129 -->
+zogen. Sie kehrte sich scheu ab. Holl warf das Mädchen
+an die Wand, stürzte herein, in jeder Hand
+Orchideen, verzweifelt, weil man ihn abwies. Sie öffnete
+die Fenster hinter ihm, das Szenenhafte nahm der Luft
+die Ruhe. Vaudreuil schrieb: Schlug Wechsel ihr vor,
+baute Pläne auf, was sie sehen, nehmen solle. Syg
+reiste nach Ägypten, kam an den Hafenstädten vorüber.
+Sie konnte mit. Es hob sich schmeichelnd vor ihr,
+die Schwester und der Bogen, der die Ferne einfügte
+in den Punkt, wo die Sehnsucht in ihr sich staute.
+Sie schluchzte eine Nacht. Dann war es vorbei. Sie
+ließ einen Hund in den Garten setzen, streichelte ihn
+und führte ihn am Gitter entlang. Die Spur ihrer
+Hände an ihm war noch nicht warm, da war er
+schon verschwunden. Sie empfing Lewinsky nach ihrer
+Krankheit erstmals, sprach nicht von dem Nächsten,
+der Arbeit, der Hoffnung mit ihm, sondern erzählte ihm,
+was all wünsche, sie zu entführen. Sein Augapfel
+ward grün, das Gesicht schwammig. Sie zeigte ihm
+die Gartenspuren. Er zuckte die Achseln: junge Leute
+schwärmten für sie. Er erzählte diese Geschichte, jene
+Geschichte. Erwärmte sich Sie sah ihm fest, forschend
+unter die Stirn. Dann schwamm es weiter, dies und
+alles. Sie warf sich der Arbeit hin.
+</p>
+
+<p>Holte kleine Kinder, die an Konditoreien die Nase
+platt drückten, erfragte sie, erfüllte sie, nahm die Laute
+auf. Nahm von der Straße einen Bettler herauf,
+<!-- page 130 -->
+setzte ihn an ihren Speisetisch, wühlte in ihm. &bdquo;Warum
+haben Sie Furcht?&ldquo;, frug sie erstaunt. Erregt mit
+sich selbst redend, machte der sich pulde. Sie eilte ihm
+verständnislos nach, er war schon fern, sprang und lief.
+</p>
+
+<p>Um zwölf Uhr schlief sie ein. Sie hatte Begeisterung
+auf der Zunge. Um Fünf erwachte sie. Alles war blöd
+und idiotisch. Schlaff sank sie zurück. Um Acht erhob
+sie sich, holte Frische und Lust aus dem Muster des
+Teppichs, dem Ton der Tapete. Im Schwanken erfuhr
+sie die Grenzen, erfuhr sie den Arbeitssinn. Stellte
+fest, wie weit sie vorkam, wie stark manches sie zurückwarf.
+Sie bemühte sich und erkannte, je näher sie kam
+einem Ziel, wie größere dahinter standen. Ihre Kindheit
+kam manchmal, rührte sie zu weichen Klängen.
+Manchmal fehlte sie, der Ton ging leer, verpuffte.
+Hatte sie etwas sicher, war es schon nicht mehr von
+Bedeutung, denn ein anderes hemmte. Sie lernte aus
+jedem Erfolg erst die rastlose Verantwortung, die Verpflichtung
+der Erfolge, das ungeheure kreisende Räderspiel
+der Kräfte, die sich bedingten und steigerten in
+einer nicht meßbaren Form. Sie sah, daß Ziel kein
+Punkt war und kein Ende, sondern nur Etappe, nur
+Weg, nur ein Stück der endlosen Bemühung, daß
+die Aufgabe wachse mit der Potenz der Kraft. Am
+Versagen spürte sie, was es bedeute genau wie beim
+Erreichen: heißer, heftiger zu streben. Aber manchmal,
+wenn nichts den Ausdruck ihr brachte, geschah das
+<!-- page 131 -->
+Wunderbare und Unerklärliche. Von dem Wind, von
+dem Grastau kam es. Von dem Teich stieg es auf
+die Veranda, vom Himmelabschnitt über der Ulme sank
+es blau und bebend. Da war es. Unverlangt und unerbeten.
+Es war da. Es umflockte sie hell, blau, klar
+und alles berührend, was sich danach in ihr streckte und
+sehnte. Das war das Äußerste und rauschte sie auf
+wie einen Baum.
+</p>
+
+<p>Die Leistung atmete sich fort, ohne Gespräch, ohne
+Leitung. Das Geschaffene drang durch die Poren des
+Raums, durch die Straßen, die Stadt. Die Leistung
+erhielt die Ausbreitung, die Durchschlagkraft jeder Tat.
+Die Florath lud sie ein. Sie ging nicht. Lewinsky
+bat sie, sie kam. Bei Tisch warf Stefan Böhmer, der
+neben ihr saß, ein Billett zu. Nach drei Tagen erschoß
+er ihn. Das Lächeln, mit dem Böhmer das Papier
+geöffnet, begleitete sie einige Tage. Doch kam sie darüber,
+leicht, als sie sich bemühte, hinein in den Strom, der
+sie führte und weiterspielte. Erklomm solche Ausdehnung
+und Tiefe in ihm, daß Lewinsky den Schlußstrich zog.
+Er bereitete das erste Auftreten, legte Listen der Geladenen
+vor. Sie war glücklich den Tag, weich durch
+das Erreichte, spielte mit seinen Gästen, saß mit Holl
+bei Pharao, und, als sich vor Neid ihm die gebrannten
+Locken lösten, mit Fribaurt bei Quarante-et-un.
+Am Bassin traf sie auf Stefan. Er war versunken.
+Er hatte bis zum dreißigsten Jahr gekämpft, gelebt,
+<!-- page 132 -->
+zugeschlagen. Hatte die Kinnbacken angezogen, war damit
+über alles getreten, hatte alles sich, jede Laune, das
+Verbrecherische, Wüste zugebilligt. War wie ein Eber
+nach ihrem Leben gesprungen. Doch dieser Zug ging in
+die Luft. Er traf nichts. Stand erschüttert, verzaubert vor
+dem Widerstand. Sein Leben fiel von der Achse, formte
+sich darunter um, erhielt eine neue Einstellung. Es
+ging ums Ganze. Sein Auge drehte sich, besann sich.
+Hier war die Entscheidung. Er wollte sie erzwingen.
+Umlagerte sie von allen Seiten, spielte jede Note, die
+er beherrschte, zum Erfolg. Sie sah es nicht. Sie ging
+an ihm vorüber am Bassin. Er holte sie ein. &bdquo;Ich
+war der Bettler.&ldquo; Zerriß ihren Weg. Es war spielerisch,
+was sie unternahm. Sie gab nicht dem Elenden,
+half nicht dem Gestank. Sie durchforschte ihn nur
+und das war ihm widerlich. Sie trat zurück, wütend.
+Da sah sie an seiner Haltung: es war gut, was er
+wollte. Hinter ihm trat hervor, was er geleistet: er
+war das Gesicht in den Büschen, die Spur im Garten.
+An seinem Knie rieb sich der verschwundene Hund. Sie
+spürte die Kraft, die auf ihr Ziel eindrang, es formen
+wollte, abreißen, hinüberzwingen zu sich Es kam mit Beherrschung,
+gezähmt zu Güte fast, es machte sie aufsehn,
+bedenken, es rührte sie, sie reichte ihm zum Ausgleich etwas
+zurück, eine Lüge, einen Trotz: &bdquo;Ich danke für Ihren
+Brief.&ldquo; Langsam, leis. Es beeindruckte sie tief, wie
+er es nahm. Aber im gleichen Augenblick war nie der
+<!-- page 133 -->
+Widerstand stärker gegen das, was männlich sie hemmte,
+den Weg kreuzte. Sie hob sich, fast wild, übersprang
+es, schlug es zurück. Es blieb im Boskett, als sie darüber
+war. Kühle, Befreiung kam. Wie klar die Luft.
+Weich hingegeben, vom Erfolg und Sicherheit empfänglich
+und aufnehmend gemacht, sog sie Hyazinthen
+ein, die toll aufdufteten. Da sah sie zwischen Lampions
+einen Mann. Caspare Symes. Der Garten stürzte
+hell mit einer Flut Apfelbäume in die Nacht.
+</p>
+
+<p>Aus ihrer Brust riß alles mit. Die Knie standen
+eng aneinander. Alles war Bewegung aus ihr hinaus.
+Nur sein dunkler Kopf kam. Sie nahm ihn auf, in
+die Hände, öffnete die hochmütigen Lippen. Sein Mund
+war schmal, weich. Sie gingen, es gab keine Leidenschaft,
+keinen Zorn. &bdquo;Caspare&ldquo;. Der Garten glättete
+sich in der Lichtwelle. Besinnungslos hing die Minute
+um sie, kam auf sie zu. Alles bot sich an, voll Glück.
+Die Büsche stiegen in dunkelrotem Ring bis zum Goldbogen
+auf. Die Äste flammten mit einem Netz von
+seidenen Strahlen an den Lauben. Die Schläfen lagen
+fest aneinander. Es kam die Obstflut. Da fielen Blüten
+ins Gras ohne Pause. Es war der Fall seines Bluts,
+das von der Ader seiner Schläfe herübersprang. Ihr
+Blut hörte auf und setzte in seinen Takt ein. In diesen
+Bogen spannte sich alles ein, das Ende sah sie nicht,
+aber sie spürte, daß es gegen den Rand ihres Lebens
+hinunter sich neigte. Aber von der anderen Seite kam
+<!-- page 134 -->
+zum erstenmal wieder die Jugend herauf. Unbefangen,
+ganz das Ohr erfüllt, kam von fern die Lawine des
+Ottava und die Flöße. Der Ontario schliff sich blau
+mit wiegenden Segeln. Dazwischen stand die Sekunde,
+in der sie atmete, als sei sie dem Vergangenen zugehörig.
+Da fielen die Rosaenden der Blüten sanft herab,
+die Erde wogte mit Wurzeln innen entgegen. Und die
+Bäume bewegten sich nach dem Tempo ihres Atems.
+So war durch das Blut, das zusammen floß, diese
+Zeit und die andere vereinigt. Das unbefangene Glück
+der Kindheit zog an diesem Glück, zog es hinüber,
+als sei es abgeklärt, schön geworden und still. Sie
+schloß die Augen, ein Arm faßte fest um ihre Brust.
+</p>
+
+<p>Sie wimmerte, stieß den Fuß auf, beugte den Leib
+nach vorn, zog ihn zurück, drückte den Nacken ein paar
+mal zum Rücken. Dann riß sie sich los, öffnete die
+Lider, lief den Kiesweg hinauf, das Tor. Sie sprang
+in den Wagen, der zuerst stand. Ein lahmer Klepper.
+Sie weinte, brüllte in das Tuch des Kleids. Der Horizont
+war angefüllt von einem Donner: Caspare .&nbsp;.&nbsp;. es
+würde klingen bis in die letzte Süßigkeit alles, was
+noch kommen konnte. Sie hielt nicht an, fuhr weiter.
+Ihr Garten kam. Ihr Zimmer. Die Onyxschale mit
+den drei Kugeln, es stach stumm wie von Augen nach
+ihr. Der Park grollte den Wipfelwurf ihr zu: den
+Namen. Die Spiegel fauchten ihn ihr zu. Sie zuckte
+die Schenkel, legte die Stirn ans Glas. Verloren.
+<!-- page 135 -->
+Bis in die Todesstunde nicht einzuholen. Sie lächelte:
+es war nicht gewesen, war drüben vor sich gegangen,
+wo alles lag, was schön war, sie befreite, die Jugend.
+Bis in das Ende des Haares, bis in die Höhle der
+Achseln empfand sie: dies war das Höchste, ihr Glück.
+Träumte sie es zurück, lag tausendfach Geschichtetes
+dazwischen. Noch unerreichbar, Arbeit und Erlösung
+und Bemühung lagen vor die Möglichkeit allein geschichtet.
+Irgendwo wie ein Lichtkegel öffnete diese
+Sekunde die Ruhe, das Später, oder vielmehr das
+Zurück, den einzigen Glückszustand, als die Ströme das
+Kind umrauschten. Es war so weit, daß sie die Sekunde
+kaum noch mit dem Bewußtsein erreichte.
+</p>
+
+<p>Sie stellte drei Stühle auf. Gab jedem einen Partner.
+Erhob sich daran, aber mußte sich bald unterbrechen,
+denn die Tränen kamen mit einer wilden Wucht,
+die sie umwarf. Sie lag nur und weinte. Erst nach
+Stunden, gegen Morgen, gewann sie die grausame
+Ruhe, die nötig war zu solchem Gespräch.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Das gab Öl in die Sätze, Mark in das Wort,
+die große Kraft in die Bewegung. Das machte einen
+Boden, aus dem das Spiel der letzten Tage reif und
+sehr süchtig schoß. Sie probte den Tag vorher, in
+einer saftigen Linie lag der Akt. Sie war gefüllt mit
+<!-- page 136 -->
+Zufriedenheit, ohne Triumph. Am Abend kamen ihr
+die Köpfe des Parketts wie ein Strudel entgegen. Sie
+ging vor ein Bild, vor einen Boudoirtisch, nahm die
+Puderquaste, ihr Körper rauschte sehnig und voll gedrängtem
+Saft. Als sie zu sprechen begann, verließ sie
+etwas.
+</p>
+
+<p>Sie starrte in den Raum, faßte sich, sprach weiter.
+Sie ließ den Silberstift, das Spiel ging nun in Tragödie.
+Sie machte den Aufschwung. Aber unter dem,
+was geschah, hörte sie dumpf, daß ihr entflog, was sie
+suchte. Der dunkle Ton, der Erguß, das selige Gefühl
+des Hingegebenhabens in die Worte .&nbsp;.&nbsp;. es fehlte. Sie
+suchte. Fand es nicht. Die Stimme flog voll Schmerz,
+aber das Blut spielte nicht mit.
+</p>
+
+<p>Sie wartete, verzweifelt. Sie zwang es. Ging auf
+und ab, ganz neu und unerwartet. Warf Worte ein,
+die der Text nicht hatte. Die Taille verjüngte sich zu
+einer Wildheit, die die schmächtige Szene anriß und
+dehnte. Die Souffleuse hustetete, verwirrt. Ihr Bein
+stand federnd, abgezeichnet im Kleid, ins bleiche Gesicht
+des Partners drang sie vor, zerstörte es. Brach mit
+Leidenschaft ein in das schwankende Schicksal, die die
+Gefühlshöhe erweiterte, ihren Ausbruch und die Dichtung
+abhob. Grenzenloser wurde unter ihr das Leere.
+</p>
+
+<p>Dabei spürte sie, ihr Spiel war gut. Augen hefteten
+sich gefesselt daran. Atmosphäre der Erregung band
+sie an das Parkett. Es genügte nicht. Eine Traurigkeit,
+<!-- page 137 -->
+die ihr Bewußtsein nicht traf, da es spielte, das
+es ahnte aber, wölkte wie unter ihren Füßen herauf.
+Sie brachte es fertig, nebenher zu denken, zu wünschen
+und herzurufen, was die Inbrunst wecken konnte. Was
+ihr Schönes seither gegeben, Zärtlichkeit, Pa und Syg
+und Brown und das Porzellanschiff. Es blieb entfernt.
+Ihr Gehör verdoppelte sich, sie vernahm sich selbst.
+Ihr Auge schärfte sich, sie sah sich spielen. Das Bewußtsein
+spaltete sich, war nur zur Hälfte beteiligt.
+Da spielte sie. Dort sah sie Köpfe, beschaute es müßig:
+Die Florath, vorgebeugt, der Kopf eine schamlose Entblößung.
+Fribaurt mit weibischem Lächeln gebannt an
+ihr Bein. Guildendaal, über den Favorits Froschaugen,
+Holls nervöse spielerische Stirn. Sie sah, sie hatte sie
+im Bann. Doch sie selbst, sie selbst .&nbsp;.&nbsp;. Es sank ab
+vor ihr, verschwand in der Tiefe. Ein Riß ging durch
+sie, doch sie verstand. Sie spielte die Szene zu Ende,
+sie steigerte sich, schmiß die Effekte, sah den Erfolg
+in der Pupille der Florath. Aber in einer Traurigkeit,
+die ihr Herz erreichte, wußte sie, es genügte nicht.
+Der große Ruf versagte. Es war vorbei.
+</p>
+
+<p>Was war ihr Beifall? Erfolg? Nichts drängte
+sich dazu. Sie wollte, daß ihr Spiel ihr inneres
+Wesen erfülle. Daß sich darin restlos und ohne Sehnsuchtsrest
+ergieße, was sich aus ihr hob und senkte, was sie
+gegen das Meer getrieben und darüber geführt. Sie
+suchte, daß es in ihr klar werde. Nicht daß sie nach
+<!-- page 138 -->
+außen Wirkungen leiste, deren Sinn sie nicht faßte.
+Dies war ohne Bedeutung. Es zählte nicht. Und
+nun begriff sie, daß nicht zu zwingen sei, was vor den
+Menschen sich versagte. Es war das Wunderbare,
+das aus der Mondnacht, am Fluß und aus den
+Büschen manchmal schwankte und sie erhob bis an die
+Spitze der Sehnsucht. So umflog es sie. Aber sie
+hatte keinen Teil. Was in rollenden Kreisen sehnsüchtig,
+lockend und treibend vor ihr sich schwemmte, das war
+noch nicht gefüllt. Doch dies da war nicht der Weg.
+Umsonst. Vorbei.
+</p>
+
+<p>Es stürzte ab mit jähem Ruck. Wehmütig kam
+es, für was sie sich bemüht. Das Erwachen am
+Morgen, die Seligkeit des Schaffens, die Befriedigung
+und der Stolz. Es war noch nicht am Ende. Irgendwo
+lag es, noch unfaßbar. Blieb ein Zwiegespräch
+zwischen ihr und der Ulme. Weiter nichts. Kein
+Ziel, keine Erfüllung. Ein Irrtum der Weg. Verworfen.
+Was erfolgreich daran war, hatte für sie
+keinen Sinn.
+</p>
+
+<p>So entzog sie sich dem Beifall, entriß sich den
+Menschen, sah Lewinskys gerötetes Gesicht, kam durch
+den Seiteneingang ins Vestibül, auf die Straße. Ging
+weiter. Menschen quollen aus Toren, Gehsteigen,
+Häusern. Hindurch. Sie hielt nicht. Es röchelte
+neben ihr. Ein Pferd. Sie strich ihm über die Stirn.
+Ein Licht schien grell heraus. Im Spalt saß ein
+<!-- page 139 -->
+Paar, sie weinte, er senkte den Nacken. Die Steife
+blieb um ihren Mund. Dennoch empfand sie, daß
+sie mit nichts tiefer verbunden als diesen beiden. Ein
+Strom faßte sich an von ihr zu ihnen. Und zurück.
+Eine Sekunde empfand sie den Anschluß, das Mitleid,
+es löste sie fast aus. Doch es währte nur kurz.
+War noch nicht so weit. Eiskalt vor Schmerz ging
+sie weiter, bis an den Rand gefüllt mit sich selbst,
+verschlossen wieder. Sie hatte einundzwanzig Jahre,
+die Brust war herrlich, der Körper braun, schlank,
+schön. Sie begann zu laufen. Alles fiel von ihr ab.
+Nur der Geruch ihrer Möbel, die Wände ihres Zimmers
+lockten, waren da, waren ein Punkt, der stützte,
+wohltat, barg. Im Vestibül saß das Fräulein und
+stickte. Sie hielt kurz an bei der Pforte. Dann ging
+sie langsam auf das blonde Geschöpf zu, fiel hin, tat
+den Kopf in ihre Knie. Die Schultern zuckten.
+</p>
+
+<p>Das Fräulein saß da, die Beine auseinandergerissen.
+Das Gesicht von nichts tief gezeichnet, blöd und sinnig,
+an dünner Sehnsucht erstickt. Sie war übersehen im
+Leben, zu einem Bündel gemacht, das Mitleid umspülte,
+Verachtung, kleiner Lohn. Kompost für Überfluß,
+häßlicher armer Lappen. Badete nicht täglich,
+war schlecht gekleidet, roch nach Korsett. In ihrem
+Gesicht entbrannte ein Staunen: &bdquo;Auch sie muß
+weinen.&ldquo; Dumm sah sie in die Luft, stierte, faßte es
+nicht. Doch vom Elend einer Kreatur gereizt, gerührt,
+<!-- page 140 -->
+beginnt der ganze Erdball aufzuzucken, mitzuleiden. Sie
+heulte nicht. Es ging in die Hände. Die strichen
+sehr zart über den Kopf zwischen ihren spitzen Knien.
+Falteten die Strähnen auseinander, legten alles von ihr
+selbst Vernachlässigte, Versäumte in die Bewegung,
+flochten Zöpfe, berührten das Haar als seis ein Kind.
+So kam die Liebe über sie. Die Zunge machte einen
+Ruck, machte den Zug der Nurse, schnalzte, wiegte
+die Hüften, summte: &bdquo;Do .&nbsp;.&nbsp;. do .&nbsp;.&nbsp;. do .&nbsp;.&nbsp;. Daisy.&ldquo;
+Pfiffs auf den Zähnen. Eine Sehnsucht gebar sich
+riesengroß. Wollte gern ihren Backen an Daisys
+Wange legen. Aber rührte sich nicht, obwohls nie
+heißer in ihr gezündet. Wagte es nicht. Tat es nicht.
+Sie brachte das Mädchen hinüber, machte Licht, zog
+es aus, legte es ins Bett. Löschte das Licht. Morgens
+fuhr Daisy ans Meer.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Windstille war. An den zweitausend Metern Grundschnur
+fuhren Kähne raus, man zog die Angeln an, warf
+die Kabeljaus ins Boot. Zwei große Ewer hielten
+die Schleppnetze ein, ließen Bramsegel vor den Wind
+fallen, kamen gegen Land, hochgeschwebt. Seeschwalben
+überjagten Steingebröckel, zuckten am Wasser, hakten
+mit gebogenen Schnäbeln: griä. Jüns hielt eine geschwollene
+Aalmutter in der Faust, drückte den Bauch,
+<!-- page 141 -->
+spritzte durch den Eiergang junge Zentimeterfische, eins
+nach dem andern. Sie waren durchsichtig und quallig,
+ein Darm ging durch und Aderfäden. Sie lachte
+mit ihm. Wind ging den Abend los, pfiff leis, klatschte
+an, strudelte schon hundert Meter hohe Pfeifen und
+Rollen. Krebse schoben über Miesmuschelkolonien,
+rolzten, ballten sich, schossen hinunter. Regenpfeifer
+sausten über den Sand. Hahnenfuß und Binsenkraut
+verschlangen sich Die feigen Sturmvögel klatschten
+sich an Häuser und Raine. Strandnelken und Butterloch
+knallten gegen Dünengras, die Weidenstümpfe.
+Die Wimmermöve schlägt an, der korallenrote Schnabel
+fliegt vor dem samtdunklen Kopf, ehs dunkelt hört sich
+nur noch ihr Schrein: gräik .&nbsp;.&nbsp;. gra .&nbsp;.&nbsp;. ik. Das
+Meer steht toll verliebt die Nacht vorm Gedün, dehnt
+sich und schlägt hinten am Horizont sich fest, beißt
+dann ans Land, türmt sich haushoch davor. Die
+Bäume im Binnenland liegen platt am Boden, die
+Amseln haben sich verkrochen in Mauslöcher und
+Ritzen. Die Keller stecken voll Fledermäuse. Das
+faulende Leberzeug der Maischollen duftet weg. Die
+Fenster sind geschlossen, Kugelblitze laufen über die
+Dünung, die weißkochend vor dem zerwühlten Meerbauch
+hängt. Daisy legt sich. Die Nacht spielt das
+Getös geil mit ihrem Bein, ihrem Ohr, treibt in ihr
+Blut. Die Kiesel knirschen draus ineinander.
+</p>
+
+<p>Von einer hellen Flamme ist der Tag aufgerissen.
+<!-- page 142 -->
+Es ist der Wind, der blau, böig, bleibt. Es gibt
+Lärm, Stimmrufen. Ein Schellfischkahn, der getrieben,
+will beilegen. Es gelingt nicht. Sie stehen mit hochgekrämpten
+Hosen bis an die Hoden im Wasser,
+schreien und hantieren und es wird nichts draus. Sie
+kämpft sich durch den Wind gegen das Meer runter.
+Sie kommt durchs Getümpel noch geschützt, muß aber
+Schuhe, Strümpfe zurücklassen. An den Erlen hängt
+das Wassermerk fest, Berle und Hahnenfuß liegt klatschnaß.
+Im flachen Sand faßt der Wind sie, reißt
+unter die Röcke, nimmt sie vor, gattet sich an sie,
+schont den Busen nicht. Sie läuft gerötet durch die
+Tümpel. Taufrösche verschwinden schweigend, murren,
+grunzen hinterher. Feuerkröten wie aus einer Glasglocke
+donnern: ku .&nbsp;.&nbsp;. uh, lassen die angewachsene
+kreisrunde Zunge auf dem Paukenfell schlagen. Wasserläufer
+gleiten wie auf der Eisbahn über die Pfützen,
+in denen Flohkrebse, Steinsack, Laich liegt. Sie steigt,
+hält sich an Gras, versinkt im Sand, hält sich an
+Hahnenkamm, gelber Stranddistel. Wie sie den Kopf
+über den Damm hebt, kocht das Meer, rast drauf
+besinnungslos unter ganz blauem Himmel. Sie steigt
+gänzlich hinauf, bekommt einen Windschlag, springt hoch,
+lacht, fällt um, rollt zurück. Triebsand rutscht nach,
+verschüttet Knoblauchkröten unten, die wie Katzen jammern,
+sehr bunt waren. Eine Möve ist vom Sturm erschlagen
+worden. Zwölf Federn am Schwanz, die
+<!-- page 143 -->
+Brust pelzig im Gefieder. Der Wind hält durch,
+kommt jetzt vom Land, stößt das brüllende Wasser zurück.
+</p>
+
+<p>Jüns wirft eine Muschel hin. Sie haben in dem
+Fischhaufen, Makrelen, Goldbutten, Affheringen, Schollen
+Aufruhr bemerkt, einen Seewolf mit grünlichen Jungen
+im Tang entdeckt. Voll rasender Wut wirft er sich,
+mit dem Schwanz hauend, herüber, beißt knackend die
+Muschel auf. Die Fischhaufen laufen schwammig aus,
+kriechen zum Strand und blenden mit den Schollenflecken.
+Die Milcher strotzen von Samen, die Weiber
+haben den Bauch voll Eier. Das Schellfischfleisch ist
+heller und weißer als das Fettbraun der Dorsche.
+Frauen heben den aufgestülpten Arm aus den Bütten.
+Kinder schmeißen die Körper in Kästen, hängen die
+Eingeweide an Angeln, fangen unter Wasser andere
+damit. Der Wind läßt nicht nach. Die Seeschwalben
+taumeln in Rudeln hoch. Der Strand ist freigeblasen.
+</p>
+
+<p>Die Männer stechen draus Butten, Jungens hüpfen
+von Tümpel zu Tümpel und sammeln auf. Im Sand
+ist in der Ebbe viel geblieben. Froschkraut tastet wieder
+nach Grund, zuckt die Wurzeln zum Boden. Sattelmuscheln
+liegen fest, Wandermuscheln und wie Eier
+Steinbohrer. Das Wasser hat sich so gesenkt, daß
+die Pfahlgruppen von Ellern mit unsichtbaren Gärten
+auftauchen, von Miesmuscheln im Gezweig bedeckt.
+Schon fahren Kähne, die die Bäume aufzuziehen. Ein
+Taschenkrebs hängt an einem Rogen, schmaust, die
+<!-- page 144 -->
+Asseln zappeln da und dort. Das Riedohr stellt sich.
+Dahinter brummen die Kühe, die Körbe voll Kabeljauköpfen
+aufgeschüttet riechen, kauen und fressen. Schon
+stehen Segel drauf, Leberblumen fachen sich an, werden
+hell, trocken und sinken zurück. Sie geht nun durch
+Tang, Linsen. Seegras dörrt losgerissen unter der
+weiß und hoch stehenden Sonne. Sie kommt um die
+Düne. Nun hat sie weißen Sand unterm Fuß, der
+braunrosa sich eindrückt. Moosenten fallen hinter ihr
+ab. Auf den Granitklippen stehen blau und rot Gerüste.
+An Schwänzen hängen Fische in Bündeln daran,
+klinkern singend im Wind. Sie kommt an die Nehrung,
+muß steigen, fällt. Der kleine Schmerz macht sie
+irgendwie verrückt. Sie macht die Arme weit auf,
+preßt sie an die Seiten. Lachmöwen gauzen los. Eine
+Sturzentenschnur, blaugrün und weiß rauscht auf, zischt
+noch fern: rädzsch &mdash; &mdash; &mdash; räb .&nbsp;.&nbsp;. wek. Da steht alles
+voll Tümpeln. Im Schlick lauern eingebuddelte Klieschen
+auf die Flut. Die flachen Bäuche wackeln im Flugsand.
+Die nach oben verschmitzt stehenden Augen zucken
+mit der Stikhaut, verschleiert. Sie kniet, schaut hinein:
+sie sind grau. Ihr Auge fällt in sie zurück. Sie
+hält das Tuch darüber: sie sind weiß. Die Uhr: sie
+sind gold. Hinter ihr gehen Raben herunter, hacken
+sie auf. Landkrabben nehmen Deckung, graben sich
+im Sand vor, greifen mit den Klauen die Sandhupfer.
+Sie lacht. Ein Faß steht da und Jüns mit Merlans,
+<!-- page 145 -->
+weißblitzenden Bäuchen. Hinter der Bucht liegen
+Raubschwalben, wie nachts, betäubt vom Wind mit
+ausgebreiteten Flügeln im erwärmten Sand. Nun
+stoßen sie hoch. Alles schwebt nachher, auch das Wasser
+schwebt in der Sonne, die es wie von unten her hochschaukelt
+und hält. Es wird groß und unermeßlich am
+Knick. Wie sie es so sieht, zum erstenmal wieder,
+ist sie klar und frisch. Gleichgewicht durchbricht ihren
+Aderngang, die Enttäuschung ist weg, der Wind war
+an ihr, hat in den Saft gegriffen. Die Warzen tun
+ihr weh. Sie neigt plötzlich sich zurück. Was an
+Hals zum Vorschein kommt, ist heller wie all andere
+Haut an ihr. Sie faßt hinter sich einen Baum.
+Der Rücken lehnt daran. Schon tritt der Saft, der
+nach oben rauscht, in ihr Blut. Die Hüften fangen
+an, eine Bewegung zu bekommen, werden entdeckt,
+glühen etwas. An der Schlankheit des Baums wie
+an einem Tierrücken gleitet sie ab in den Sand, die
+Knie geöffnet. Die Sonne schlägt ihr in den Leib.
+Die Schenkel biegen sich lang und schön, als schliefe
+sie. Sie zittert, etwas ist freier geworden, entschwebt,
+durchbrochen am Horizont. Himmel und Meer haben
+sich vereinigt, wölben sich herüber. Sie springt auf
+und lacht, die Haut ist glatter geworden, das Auge
+von innen her feucht.
+</p>
+
+<p>Sie fährt zurück, findet den Wagen nicht, nimmt
+die Tram, steigt aus, um den Rest zu Fuß zu gehen.
+<!-- page 146 -->
+Auf diesem Stück Trottoir sieht sie von einer Menschenmenge
+vorbeigespült, in ihr langsam wandelnd, Caspare
+Symes. Sie bleibt angedonnert, wiegt den Kopf hin
+und her, als sei sie alt geworden. Dann reckt sie sich,
+fährt um, ihm nach. Sucht ihn zu erreichen. Sie
+bohrt sich durch, hört Schelte, Wut, sieht den Schirm,
+den eine Frau nach ihr sticht. Sie kommt näher,
+kann seine Schulter fassen. Alles an ihr ist durchblutet,
+entfacht. Da läßt sie die Hand sinken. Es
+fehlt ihr die Kraft mit einemmal, ihre Bewegung
+wird armselig, er aber wächst und steigt maßlos, daß
+sie erblaßt. Sie findet den Mut nicht, jetzt das zu
+fordern, was sie überging, als sie noch erstrebte, was
+sie nun abgeworfen. Es geht süß durch sie hin, während
+sie stehen bleibt. Sie tut eine große Tat, indem sie
+sich nicht rührt, fühlt sie im Blut; was sie opfert,
+erhebt sie. Sie nimmt etwas auf sich, während ihr
+Auge dunkel wird. Sie bleibt immer stehen, sieht ihn
+zum letztenmal für immer, weiß daß dies das Höchste
+ist. Er biegt um einen Wagen, betrachtet einen
+Erker, geht über die Straße, ist verdeckt. Taucht auf
+zwischen hellen Mützen, dann dreht er ab. Mit einer
+unnachahmlichen Bewegung des Halses zieht sie die
+Linie nach, als er um die Ecke geht. Dann ist es
+vorbei.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 147 -->
+
+<p>Sie stellte den Fuß in die Schnur des Vogelbauer
+und hörte zu. Zuckte die Achseln. Sie wollte nicht.
+Als Lewinsky sie bedrängte, drehte sie um, ihre Ringe
+klirrten. Die Karte der Florath wies sie ab. Sollte
+sie am Neid der Wolfsaugen sehen, wie sehr diese sie
+fürchtete? Vom Tisch entfernten sich Bücher und
+Rollen. Mit diesem Tag verschwand das all. Einen
+Augenblick kreuzten sich ihre Blicke mit denen des
+Fräulein. Ein rascher Blick suchte in ihren Wärme,
+klatschte ab. Daisys Augen wurden schmaler, visierten
+die Schleife ihres Schuhs. Dann frug sie, das Fräulein
+stammelte. Ging hinaus, kam wieder, legte ein
+Blatt auf den Tisch. Es war Dienstag. Daisy schrieb
+einen Brief. Dann legte sie das Blatt der Gouvernante
+beiseite, hob es wieder, als röche sie daran.
+Ging hinaus in den Garten. Donnerstag früh kam
+Le Beau. Am Abend besuchte er sie wieder. Als er ging,
+löste sich ein Schatten im Garten, er pfiff. Der
+Schatten bewegte sich hinter ihm. Freitag brachte er
+sie aus dem Theater, half beim Aussteigen, steckte den
+Schlüssel ins Gartentor. Als sie sich umdrehte im
+weißen bauschigen Mantel, küßte er sie mitten in die
+Brust. Er machte dabei einen kleinen Schrei, sein
+langer, katzenhaft geschnellter Körper riß ihren mit allen
+Muskeln in seinen hinein. Der Nebel dampfte um
+sie, abenteuerlich durchschwammen Gebüsche den Laternenschein
+des Wagens. Langsam und wild wogte ihr
+<!-- page 148 -->
+Leib gegen seinen, sie seufzte, schrie ein wenig, aber
+heiser. Auf dem Parkweg lag Dunkel. &bdquo;Ich bekam
+heute deinen Brief&ldquo;, flüsterte Le Beau. Sie verstand
+ihn nicht. Er war durch Zufall gekommen .&nbsp;.&nbsp;. Er
+wies auf den Schatten, Moki. Er hatte ihn hergegeben,
+selbst Fribaurt, sich schüttelnd zwar, aber er war
+so nie ohne Tip von ihr. Sie schloß die Lider, sah
+doppelt, schwankte, warf sich über ihn, zog mit den
+zarten Schultern den Kopf herunter, fand seinen Mund,
+öffnete ihn.
+</p>
+
+<p>Nachts sah sie, im Traum, einen Mann. Der
+kam aus einer engelhaften Beleuchtung. Trat heraus,
+machte eine Bewegung, die ihr wehtat, aus dem Herz
+was herausriß. Es ward leer in ihr, Traurigkeit
+schwemmte sich hoch. Sie fing im Schlaf an zu weinen.
+Er sah sie zornig an, sie ertrug diesen Blick nicht. Er
+sah aus gleich einem Skandinaven, gescheitelt, blond,
+mit einer jungen gefurchten Stirn. Es fehlte nicht viel,
+er ähnelte Symes. Das machte ihr sofort Ruhe, sie
+schlief weiter, wachte aber über Tränen auf. Le Beau
+lag neben ihr. Ihre Hand an seinem Mund. Er
+streichelte ihr Knie, den Muskel des Schenkels, der
+sich straffte, als sie das Bein aufstellte. Er küßte ihre
+lange braune Hand. Küßte jeden Zwischenraum der
+Finger, hing an jeder Hautphase, sog sie an, als
+stürbe er mit ihr, löste sich kaum von der Pore hier,
+der Pore da. Küßte Kreise um die Gelenke, legte den
+<!-- page 149 -->
+Knöchel wunderbar damit frei, umflutete ihn mit den
+Lippen, empfing ihn dann im Mund köstlich und rasend
+erregt. Wo sie Flaum hatte, blieb er, es strich seine
+Haut, er atmete schwer, flocht ihn um den Finger.
+Über den Leib glitt die Hand hoch, machte die Schwebung
+mit, die unerklärlich schön hinauflief, blieb an
+den zärtlichen Hügeln. Berührte wirbelnd mit dem
+kleinen Finger die Warze, sie spürte die Zunge. Das
+Zittern nahm ihr den Atem, sie stieß die Luft fest aus,
+und nun kam ihr Leib an seinen, entgegengeflogen, die
+aufgelösten Gelenke suchten Schutz an seinen. Ihr
+Blick brach, sie sah nur noch sein Bild unter dem Lid.
+&bdquo;Sprich&ldquo;, flüsterte sie. Es war zuviel. Er schwieg.
+Die Lippen trafen sich, bleich, wortlos. Sein Körper,
+ohne viel Fleisch und groß hingelegt, wie ein Römer,
+spielte auch in der Ekstase achtungsvoll mit, ward
+lasterhaft und verehrte zugleich. Die Küsse reizten sie
+langsam, wie er sie setzte. Sie verlor die Besinnung,
+blieb länger unter dem Bewußtsein, als er wollte, er
+küßte sie wieder heraus, preßte den Zahn in die Weiche,
+sog und fuhr mit der Hand die Rückenwirbel herab.
+Sie stürzte höher ins Unerträgliche: &bdquo;Mehr&ldquo;. Sein
+Kopf glühte zwischen ihren Knien. Seine Hände suchten
+ihren Rücken herunter, hielten das schmale Becken hoch.
+Ihre Haut ward nicht feucht, glättete sich unter den
+Umarmungen, dehnte sich so, daß er daran glitt wie an
+einer Frucht. Sie wimmerte nur noch, die Lenden
+<!-- page 150 -->
+zuckten. Da nahm er die Sehnsucht von ihr. Sie lag
+dann still, nur manchmal erschüttert von Schauern,
+die abflogen. Das Silber der Bürsten, der Draht der
+Ampel kamen in die Glückseligkeit. Die Vögel der
+Tapete musizierten paradiesisch durch die Seide, sie
+lächelte, drehte seinen Kopf dahin und streckte Wange
+an Wange, die Hände danach aus. Er flocht seine
+Kragenspange in ihren Flaum. Langsam begann er
+entzückte Dinge. Sagte über ihre Brust Vergleiche.
+Die schwarze kleine Warze der braunen Brust entflammte
+ihn wieder. Sie lauschte atemlos. Er erbebte
+unter seinen Worten, seine Hände entzündeten sich daran.
+So nahm er ihr Kinn, ihr Knie und genoß es mit
+den Augen, mit den Fingern. Durch die Dämmerung
+griff er aus der Schale eine der drei Kugeln, rollte
+sie über die Wade, die Bucht an der Lende, zwischen
+der Brust bis an das Ohr. Von da führte er es an
+den Mund, sie schluckte die Kugel. Er grub sie mit
+der Zunge heraus, küßte sie, steckte sie in die Tasche
+seines Pyjama. Der Wind warf die Gardine ein
+wenig auf, der Wind kam herein, malte dunkle rote
+Schatten auf die Bronzehaut. Sie erzitterte. Die
+Frauen ihres Geschlechts hatten die Steine alle vor
+ihr getragen, es gab eine Lücke im Hirn. Da kam
+seine Hand, suchte, liebkoste. Sie fiel zurück, stöhnend.
+Die Hand gewöhnte sich an eine Stelle des Fußes,
+strich weiter, blieb in der Mitte des Körpers. Die
+<!-- page 151 -->
+schlanken Hüften erbebten, hoben sich ein wenig. Ihm
+entgegen. Die Welle ging über sie.
+</p>
+
+<p>Ein einzelner Baum stand wie Glas im Sternlicht,
+dann aber schwellte eine helle Flut heran. Sie zog
+den Kimono um den Hals fest. Die Terrasse bog sich
+mit den Stufen entgegen, krampfte sich unter dem Licht,
+was herauftrieb. Nun fiel das Tor zu. Sie schwenkte
+die Ampel noch einmal. Ging zurück, warf ihm eine
+Klavierwelle nach.
+</p>
+
+<p>Die Sonne ging höher. Die Untergrundbahn rollte
+durch schmale Korridore. Sie empfand Le Beau durch
+die Körper, die sich zwischen sie keilten. Die Schienen
+gleißten stahlweiß, verschwanden. Die Türen knallten.
+Die Körper standen reglos aneinander gebäumt. Da
+sah sie in Stefans Gesicht. Er grüßte mit den Augen.
+Sie hörte seine rauhe Stimme gedämpft reden, aber
+es war zu weit, sie verstand sie nicht. Rückte gequält
+den Kopf zur Seite. Wie ein Vogel. Magnetisch
+wie eine Viper holte er ihn herum. Er hatte einen
+Koffer, einen Mantel, die Stirn flackerte. Er machte
+Zeichen. Sie verstand sie nicht. Die Station kam.
+Nun wuchs sein Kinn, strebte auf sie zu. Es gab
+keine Hemmung, der Gartenabend hatte ihr Leben
+irgendwie gebunden, aneinandergelegt. &bdquo;Geben Sie .&nbsp;.&nbsp;.
+Geld.&ldquo; Sie nestelte an der Tasche, drängte sie
+gegen ihn, er faßte sie. Der Wagen hielt an, Er
+brach sich die Schulter frei, der Ruck warf ihn brutal
+<!-- page 152 -->
+herüber. Nahm es mit allem auf. Ein Mann stand
+noch zwischen ihnen. Rasch: &bdquo;Leben Sie wohl!&ldquo; Sie
+ward verwirrt über ihre Kühnheit. Im Vorübergehen
+hörte sie seine Stimme, aber entfernt: &bdquo;Es geht eben
+schlecht. Ich sehe Sie wieder.&ldquo; Als der Zug anfuhr,
+sah sie durch die Scheibe, daß er, draus auf dem
+Perron vorwärts strebend, bleich war. Er sauste ab.
+Hinunter. Le Beau riß es hoch zu ihr. Sie zuckte
+ein wenig die Achseln. Ihr Ohr vergaß aber nicht,
+was der andere gesagt, ihr Auge nicht, wie entfärbt
+er war. Dann drehte sie sich herum, glitt auf Claudius
+zu, es war leer geworden.
+</p>
+
+<p>Er brachte ihr Katzen, sie behielt eine. Sie spielte
+mit ihr im Garten. Zog einen Strich, rief, sie sprangen
+beide über das Hyazinthenbeet. Drüben, im Sprung,
+fing sie das Tier wieder auf. Es legte sich an ihre linke
+Brust, hielt sich mit den Pfoten am Schlüsselbein und
+reckte sich in die Kurve der Weiche. &bdquo;Anjá&ldquo;, rief sie, fuhr
+mit der Hand blitzschnell gegen den Strich durch das elektrisch
+aufschäumende Fell. Das Tier bäumte den Rücken,
+daß Vorder- und Hinterfüße nebeneinander standen, sah
+in die Luft, mit gerecktem Schweif. Laue Schatten
+lagen um die rostbraun fallende Sonne, Raben standen
+zwischen unruhvoll blauen Wolken.
+</p>
+
+<p>Anjá sprang auf die Schulter, von dort in einen
+Baum. Gegen jeden außer Daisy ward sie feindlich.
+Sie tauchte auf, sprang, man sah sie nicht. Steckte
+<!-- page 153 -->
+den Kopf in den Lichtschein um ihr Haar, legte die
+Schnauze auf den Brustansatz. Aus dem Horizont
+kamen schwarze Punkte, ruderten herauf, begannen rauh
+zu schreien. Daisy gähnte, hielt Anjá nieder, daß sie
+nicht fauche, die auf ihrer Hüfte sonnte. Le Beau
+stand vor ihnen. Ein Hauch schoß in ihre Haut. Sie
+sprang auf, gab ihm rasch die Katze hinüber, gab ihm
+das Warme, das das Tier von ihrer Lende noch an
+sich trug. Die Nüstern schwebten nach außen. Anjá
+sprang zurück. Sie sah sie bös an, warf sie zurück
+an Le Beaus Brust. Das laue faule Treiben der
+Natur um sie, das scholl und geschah und sie umkreiste,
+schwang ab. In den Kreis war Blut getreten, ihre
+Schulter hing untrennbar an der Le Beaus.
+</p>
+
+<p>Mittags querte sie einen Platz, kein Mensch ging
+durch die Glut, dünne Bäume wagten keinen Schatten,
+ausgedörrt, elend, daß Hunde nicht einmal sie näßten.
+Der Kies und Sand flimmerte trocken und müd.
+Plötzlich sah sie eine Figur, ein Gesicht. Es schien
+auf sie zuzugehen, ja fast in sie hinein. Sie wich aus.
+Sah sich um, in der Mitte des Platzes ging eine
+Frau, sonst niemand, da kam der Mann wieder auf
+sie zu aus der anderen Richtung, ging an ihr vorbei.
+Sie sah ihm nach. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt
+er auf die Bäume zu, er hatte sie nicht gesehen. Es
+war das Gesicht des Traums. Ihre Augen drückten
+sie, als seien sie von Blut überfüllt. Sie stieß den
+<!-- page 154 -->
+dünnen Stock in den Sand und sah rasch auf. Der
+Mann war echt. Ihr Schreck hatte ihr eine Vision
+gegeben. Sie zuckte die Achseln, spürte die Müdigkeit,
+die voll und groß abschwemmt, von der Nacht her.
+Schlief ein den Abend, aber im Augenblick, wo der
+Schlaf den Halbtraum abtrennt und hinunterreißt,
+standen die Augen des Skandinaven über ihr, quälten
+sie.
+</p>
+
+<p>In der Dämmerung wachte sie auf. Die Vorhänge
+bogen sich auseinander. Le Beaus Kopf, sein Knie
+standen in der Morgenleuchte, er lachte, sprang herein.
+Er näherte sich ihrem Bett. Sie zitterte unter der
+frischen Luft. Er kam geschmeidig über den Teppich.
+Sie zog die Beine herauf bis unter die Brust. Aus
+seinem Mund kam so viel Frische und um die Raubtierzähne
+lag das Rosa des Fleisches so fruchtreif, duftend
+und voll schönem Saft, daß sie daran alles vergaß.
+Er hob sie mit den Kissen auf, schwebte sie
+schaukelnd hin und her, setzte sie auf den Diwan:
+&bdquo;Sie werden auf die Zofe verzichten müssen.&ldquo; Er
+schloß das Strumpfband an ihr Korsett.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was ist?&ldquo;, frug Daisy, in Strümpfen und einem
+Beinkleid, das großfaltig mit dünnen zahlreichen Plissees
+ihre schmalen Hüften umzischte. Sie bürstete das Haar
+zurück, die Muskeln liefen aus dem Arm in den
+Rücken mit einer Kraft und Grazie wie Meer. Er
+hob den Mund in die freie Achselhöhle.
+</p>
+<!-- page 155 -->
+
+<p>&bdquo;Auch auf das Bad.&ldquo; Er lächelte und stieß den
+Löffel in den Schuh. Er pfiff leise vor sich hin, suchte
+im Boudoir den kleinen Koffer, wählte in ihren
+Strümpfen, Dessous, warf zwei Necessaires hinein.
+Der Geruch der aufgewühlten Sachen erfüllte das
+Zimmer. &bdquo;Wohin?&ldquo;, frug sie ratlos, von innen lachend.
+Er schob Schubladen zu mit dem Knie, besah sich im
+Spiegel, riß sie an sich: &bdquo;Du wirst es jede halbe
+Stunde dem Chauffeur sagen.&ldquo; Alles gepackt. Er gab
+den Koffer durchs Fenster. Eine Hand faßte ihn draußen,
+während Daisy die Nägel einrieb. Vögel schlugen
+herein, immer lauter, zogen sich an Rufen höher, immer
+andere fielen ein, kreisten auf. Büsche dufteten herüber,
+herein mit einer Gewalt und Hingabe, daß sie stehen
+blieb, ergriffen, gehalten. Sie sah um auf der Terrasse,
+das Gitter, die Päonien. Sie faßte den Schaukelstuhl.
+Verweilte auf dem Tisch, dem Springbrunn, der Flosse
+eines Goldfischs. Le Beaus Arme faßten unter ihre
+Kniekehlen, der Schwung in die Luft riß sie los.
+Nun fing er an zu laufen, schrie wieder etwas, mit
+großen Sätzen, sprang in den Wagen. Unter den
+tutenden Raubvogelrufen der Hupe brach wie ein gläsernes
+Gebäude die Stille, das Haus, der Park mit
+einem Ruck entzwei.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 156 -->
+
+<p>Sie schwankte, schmiegte sich in die Atmosphäre,
+reckte sich, faßte Fuß. Wirkung ging von ihr aus.
+Ihre Wünsche erfüllten sich, eh sie sie dachte. Die
+Inbrunst einer Blutwelle hüllte sie ein, verließ sie nie.
+So stieß sie an alles, durch die Wolke verhüllt. Die
+Lippen hochrot, die Finger voll Gestein, fuhr sie auf
+der Rue de Rivoli. Sie hatte den Hauterfolg. Trotz
+dunkler Tönung war sie durchsichtiger als die französische,
+schimmerte weiß auf Silber. Zwischen alten
+Tapeten, in Musik, bei den gepflegtesten Frauen fiel
+ihre Bewegung, selbst wenn sie den Finger nur hob,
+den Fuß umrückte, wild heraus, schlug ein, machte sie
+zur Mitte, lenkte das andere ab, schob alles gegen sie.
+Es verwirrte am Anfang sie etwas. Doch schloß die
+Welle sie ab. Sie hatte nur Klang und Richtung
+nach Einem. Es genügte. Gab der große Schneider,
+während Ballen vor ihr sich häuften .&nbsp;.&nbsp;. Manekins
+paradierten, um ihren ermüdeten Blick zu erfrischen,
+durchs Fenster im Parkschatten das Bild eines tanzenden
+<a id="corr-6"></a>Balletts, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber
+strich es, neigten sich Akteure bedeutenden Namens,
+Dichter ihr, selbst d&rsquo;Annunzios Nelke. Es ging durch
+sie, wenn Frauen heiße Blicke warfen. Es blieb nur
+Kälte und Hochmut, lehnten die Herren an der Brüstung,
+sagten Eitelkeiten in die Loge, hatten aber hinter dem
+Blick, flüsterten innen kaum verhehlt: bichette, loulou,
+ma crotte en or. Le Beau umspannte ihren Horizont
+<!-- page 157 -->
+mit hartnäckiger Leidenschaft, erfüllte das Erdenkbarste
+für ihren Körper, jede Möglichkeit ihrem Geist.
+Zofen im Korridor, Wagen, Diener standen dressiert
+auf ihren Blick, ihre Hand, ihre Haut. Seine Nerven
+lauerten auf die Ahnung eines Wechsels, heut stürzte
+er in die bunte Pfauflamme der Folies Bergères,
+morgen sah sie steifstes klassisches Theater, am Abend
+fuhren sie vorn auf dem Seinedampfer in Geruch von
+Bäumen und Wassernacht. Stieß etwas aus ihr
+gegen die Welt, stieß es auf Le Beau. Es gab keine
+unvereinigte Sekunde. Im Musée Cluny begeisterte
+sie sich an alten Spitzen. Sie besaß sie am folgenden
+Morgen.
+</p>
+
+<p>Sie kleidete sich an im Boudoir: &bdquo;Es reizt mich
+nicht, wenn Sie Ihr Vermögen verschwenden .&nbsp;.&nbsp;. noch
+weniger aber, wenn Sie sich exponieren. Polizei ist
+mir widerlich.&ldquo; Er erbleichte ein wenig. &bdquo;Es geschieht
+nicht Ihretwegen&ldquo;, sagte er höflich. &bdquo;Es ist
+eine Leidenschaft.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er griff in die Tasche, sein großer Körper funkelte
+in drei Spiegeln, das rote Haar war ein wenig in
+die Stirn gestrichen. Er gab ihr Briefe an sie, die
+auf verdächtige Weise kamen. Sie legte sie ihm
+vor, zurück, errötet vor Zorn, der seidene Unterrock
+umglockte sie, als sie sich bog. Er lachte. Das
+Haus ward Mitte von Versuchung. Sie gaben sich
+Handikap darum. Wo Daisy auftauchte, geschah
+<!-- page 158 -->
+ein Start. Breschen wurden versucht, leichte Minen
+gelegt. Le Beau suchte man zu übersehen. Er lächelte.
+Sie spürte es kaum. Ward es aufdringlich, schürzte
+sie den Mund ein wenig, ging darüber. Ihre Wirkung
+ward aufreizend; tauchte sie auf, war sie Zentrum,
+schloß um den Kreis, sich angliedernd, immer weiteres
+Herströmen. Vor der Oper fuhr mit rascher Biegung
+vor ihren Wagen ein fremder. Hände streckten sich
+ihr entgegen. Le Beau riß sie zurück. Nun trug er
+eine Falte, spürte Gefahr, streckte sich in eine wunderbare
+Abwehr. Es begeisterte sie, wie er Witterung
+nahm, ohne daß sie begriff, was vorging. Sie ruhte
+nur nach ihm hin. Als er bei ihr war, nachts, rief
+er etwas, sprang hoch und schoß durch das Fenster.
+Am Nachmittag, als er den Korridor querte, fing ein
+Diener an zu zittern, verbarg etwas, sank gegen die
+Wand. Er untersuchte nichts, hatte genug. Wartete
+nicht mehr.
+</p>
+
+<p>Er löschte alle Lichter, ließ die Bedienung für den
+Abend ausgehn, veränderte sich, gab Daisy die Kleider
+einer kleinen Mimi, sich selbst die abgelegte Eleganz
+eines Alphonse. Durch den Garten aus dem Haus,
+im Boulevard tauchten sie unter. Wagen rollten, sie
+sprangen heraus, nahmen andere. Straßen schäumten
+auf, fielen donnernd zurück, Schatten bog sie in Parkviertel,
+Schleifen von Laternenstraßen schwangen vor
+ihnen stumm hinaus gegen das Ende. Sie griff nach
+<!-- page 159 -->
+seiner Hand, begriff plötzlich, wie es um sie herum sich
+sammelte. Nichts Freund war, nur Jagd. Aus der
+Weite, dem rotumhängten Horizont sammelte sich alles
+in sie zurück, verweilte eine Minute und schenkte sich
+ihm ganz hinein, wie nie. Als Reisende aus Tiflis
+bewohnten sie den Mont Martre, als kleine Juden
+zogen sie zur Concorde. Ein chilenischer Politiker führte
+im lateinischen Viertel sein Knie unterm Tisch an
+ihren Schenkel, zog es rasch zurück, winkte mit den
+Brauen, flüsterte mit seinem Nachbar. Um ihn lag
+eine Sinnlichkeit aufgespart, wie nur Weiber sie dicht
+an die Haut, an den Atem gebunden tragen. Erstaunt,
+abgelenkt einen Augenblick streifte sie ihn. Da
+öffnete sich der Mund, bebte mit den Lippen: &bdquo;Zwei
+Uhr.&ldquo; Das Blut wallte in ihren Hals, in ihren Kopf.
+</p>
+
+<p>Nachts klirrte die Klinke, Le Beau ging dem Geräusch
+nach, auf nackten Sohlen entflog ein Umriß.
+Sie lockte ihn zurück. Aber er folgte, hatte endlich
+eine Spur, setzte auf diese Nummer, lief einer Figur
+nach im spitzen Hut, die am Boulevard bald hochschwamm,
+bald untertauchte. Daisy wachte. Schon
+drang das Licht vom Haus ab, ergriff in einer weichen
+Spirale Notre Dame. Die silberne Brust schwankte,
+die Rippen starr gebläht wie von Glas trieb die Kathedrale
+in die Mondwelle, glänzte mit Porzellan aus
+allen Fenstern und schwebte. Bald auch waren die
+Türme eingelullt. Das Licht stieg weiter, ergriff die
+<!-- page 160 -->
+Seine, das breite Flußband schwang am Horizont
+hinauf und Kähne liefen gegen die Sternbilder hin.
+Dann fiel das Licht in einen Park und hatte es mit
+den Bäumen, fiel kurz darauf gegen das Haus. Es
+ward fast weiß. Die Gurte der Balkone herunter von
+einem entfernten Haus her, wo die Linien der Eisenschnüre
+schon fast zusammentrafen in einem spitzen
+Winkel, kam ein weißer Ballen, geschnellt, gesprungen.
+Es schlug zwei Uhr. Er tauchte in Mauerschatten,
+schwang ins Licht, überkletterte Barrikaden, klammerte
+sich an die Hausfront. Das Licht hob ihn, spülte
+ihn herüber, er war am dritten Haus. Von unten
+stieg es herauf, der Schritt Le Beaus hielt vor der
+Tür. Er kam, die Stirn mit der Hand umklammert.
+Ein Sandsack hatte ihn in einer Torflucht, in die er
+folgte, zusammengeschlagen. Nach der Ohnmacht kehrte
+er sofort zurück, sie hatte nur zwei Sekunden gedauert,
+denn im Augenblick des Schlags wußte er, er müsse
+zurück. &bdquo;Du mußtest zurück,&ldquo; flüsterte sie mit geschlossenen
+Augen, die Angst um ihn stieß sie gegen
+ihn hin. Sie umschloß seinen Nacken, trat mit ihm
+auf den Balkon, flüsterte seinen Namen in die Nacht,
+besinnungslos: &bdquo;Chéri .&nbsp;.&nbsp;. doudou .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, umwärmte ihn
+mit ihrem Körper, liebkoste sein Ohr, seinen Mund.
+</p>
+
+<p>Ein weißer Ballen bäumte zurück am Nachbarbalkon.
+Durch die halboffenen Lider sah sie gehetzt
+vom Teufel eine Figur im Nachtweiß zurückfliehen.
+<!-- page 161 -->
+Zerrissen in der Balkonecke lag ein Tuch, von Speichel
+feucht. Sie trug es hinein.
+</p>
+
+<p>Sie konzentrierte alles auf Flucht. Er widerstand,
+schon halb in neuer Ohnmacht. Die Zähne entblösten
+sich gierig, er war im Kampf, blieb auf dem Posten.
+Sie streichelte ihn: er stand nicht auf. Sie frug,
+was er mehr liebe, seine Eitelkeit gegen Gefahr oder
+sie, Daisy. Schmollte mit dem Mund und lächelte,
+und lauschte, während sie überredete, auf jedes Geräusch.
+Sein Blick fiel in den Spiegel, blieb am Bild seiner
+Kopfkompresse, schüttelte fiebrig den Kopf. Sie bat.
+Sie befahl. Unter dem Ton zuckte er zusammen,
+durchschaute den Klang, wehrte ab: &bdquo;Kein Mitleid&ldquo;.
+Je tapfrer er sich wehrte, wuchs in ihr das feste Ziel:
+ihn in Sicherheit zu wissen, das andere all war Abgrund.
+Sie drehte den Plan um, kam mit List,
+während er fasziniert vor sich hinsah. Sie lockte ihn
+weg von seiner Fechterei. Sprach von seinem Haus,
+dem Park, den Zimmern. Sprach, wie alles zerfließe,
+die Jagd ihr Ruhe nehme und Freude, wie sie in
+Sehnsucht ihr Leben sich anders gedacht. Wo sie
+froh gewesen, ihm entgegengereist, sei dort gewesen.
+Sie sah in ihren Schoß. Er nickte langsam, schwer
+überzeugt.
+</p>
+
+<p>Sie wartete eine Stunde, verriet ihre Erfolgfreude
+nicht. In seinem Haus war wenigstens ein Wechsel
+des Orts, parierte Gefahr. Sie fuhren dann Place
+<!-- page 162 -->
+St. Michel, nahmen den Métro, erreichten Mont
+Parnasse, fuhren umsteigend zur Etoile, nahmen einen
+antrabenden Fiaker, stiegen irgendwo aus in einer Gasse,
+deren Dunkel sie selbst unbekannt umschwirrte, liefen,
+an den Händen gefaßt, in den Schattenbogen, drangen
+in ihn ein so tief, daß hinter ihnen nichts blieb, alles
+zurückfiel, nicht die Idee einer Verfolgung in der Luft
+hing. Vor einer Taverne standen Wagen. Bis
+dorthin hielt Le Beau sich. Vorm Einsteigen schwankte
+er wieder. Sie legte, während die Gassen, Straßen
+zurückblieben, in das Schwindelgewoge um ihn den
+Körper, die Hand in sein Gesicht, ihren Mund an
+sein Ohr: &bdquo;Ich bin bei dir.&ldquo; Voll, scharf umrissen
+kam sein Gesicht ihrem entgegen.
+</p>
+
+<p>Über die Dienertreppe stieg sie zum zweitenmal ins
+Haus des, der sie zuerst aufgebrochen. Ihr Blut
+suchte ihn sofort. Hier lebten sie nun. Niemand
+wußte es, es drang nicht nach außen. Ein alter Arzt
+behandelte ihn von der Erschütterung. Sie wartete,
+bis dies vorüber war, dann lockte sie jeder Platz, selbst
+der fernste, denn dort war Sicherheit. Aber als selbst
+der Siebzigjährige beim Untersuchen eine Schmeichelei
+hatte für ihren Arm, brach sie in Weinen aus, verließ
+das Zimmer, warf sich auf ihren Diwan, schloß
+ab, öffnete nicht vorm Abend. Maß sich die Schuld
+zu, ihrer Haut, dem Wuchs, dem Duft ihres Haares,
+daß Le Beau leide. Denn um ihretwillen zog er sich
+<!-- page 163 -->
+Feinde, erlitt er Angriff. Sie spürte, so lange sie da
+sei, schiebe sich dies und dies zwischen ihn und sie und
+bohre ihn weg, weil sie auffiel, weil sie reizte. Er aber
+trat ein, faßte das überall an, sagte: &bdquo;Liebe ich das
+nicht, warum verletzt du es?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie traten in die Parklauben, der Sommerduft
+strich darin herum, sie blieb stehen, an der Stirn getroffen,
+machte die Augen zu, küßte ihn besinnungslos.
+Gewärtig eines Überfalls hielt sie den Kuß an bis
+zum Ersticken, sah lauschende Köpfe aus dem Rosenbeet
+kommen, Leitern nachts gegen die Wand sich
+stellen. Von der Silberkugel zwischen den Staketen,
+wogte aus der Metalltiefe Zwielichtiges, Schatten,
+gedämpftes Ungeheures heran, gegen sie. Dies drängte
+ihr Leben zusammen, zielte es in einer unbekannten Verdichtung
+gegen ihn allein. Bleich vor Erregung strömte
+sie ihre Seele mit der Zunge in seinen Mund. Dachte
+nicht, selbst nie im Halbtraum, der fremde, sehnsüchtige
+Glieder formt, an andere Männer, ja haßte sie,
+wurden sie aufdringlich deutlich in der Phantasie. Die
+geschmeidige Stoßkraft seines Körpers gab ihr jede
+Seligkeit, die ihr Körper verlangte. Er trieb sie höher
+noch, als sie vermochte, schleifte sie in die letzte Wollust,
+schon besinnungslos. Oft lag sie über seinem Gesicht
+nachts, bog die Haare ihm aus der Stirn, lauschte,
+ob sie sein Traum sei. Legte die Hand auf sein Herz
+und zog mit dem Finger ihren Namen auf die Haut
+<!-- page 164 -->
+der Grube. Ging er von ihr, nur in das nächste
+Zimmer, war ihr, es sei für immer. An ihrer Angst
+wuchs ihre Liebe höher, weiter, als sie von ihm empfand.
+Er gesundete, war gefährdeter, je mehr er sich bewegte.
+Mit jedem Tag ward ihr Auge größer, erwartender,
+eingestellter auf Unheil. Er aber blieb gleich, umschürfte
+ihr Fleisch mit Witterung, griff an, quälte
+sie, liebte sie ohne Änderung, ein Marder, ein edles
+Tier, voll Geist, der nie die Beherrschung verlor, nie
+mit ihr sich traf in einer Höhe, die nur die übersinnliche
+wahnsinnige Angst ihrer Seele erreichte. Da
+blieb das Männliche zurück, sank zurück, wenn er sich
+ihr ergossen, flog nicht zu dem erlösenden Wort, das
+ihr Mut gab jenseits der Umschlingung der Körper.
+Während sie sich noch auftat, ihm entgegenatmete,
+durch seine Umarmung das Hemmungslose durchbrach
+und aufgeschleudert flog in eine leiblose Ergriffenheit,
+spürte sie unter wütenden Küssen das Zurückgleitende,
+Fremde an ihm, das, was sich nicht gab: <i>den Mann</i>.
+Sie schlug verschleiert die schräg gebrochenen Augen
+auf: &bdquo;Du mußt mich mehr lieben.&ldquo; Schmeichelnd
+umwand sein Körper sie wieder, sein Geist begleitete
+seine Hände, gab ihnen Linde und glatte Bewegung,
+sagte ihr Worte der Liebe, toll, ausschweifender, als
+ihr Hirn es träumte, machte sie hingeflossen, in jeder
+Blutfaser geöffnet nach seinem Angriff &mdash; er trieb sie
+in den Abgrund, erhob sie aus den kleinen Seufzern
+<!-- page 165 -->
+und Stammeln zu Geschrei, bis ihr Kopf besinnungslos
+ward .&nbsp;.&nbsp;. aber erwachend spürte sie unsinnige Angst
+um ihn, daß sein Herz das letzte Zerschmelzen kühle,
+und empfand verzweifelt, was er nicht zu geben vermochte,
+was fehlte, und daß sie ihn darum auch lieben
+mußte, mehr als er sie.
+</p>
+
+<p>Nachts kam er spät zurück. Zwei Arme fielen in
+der Pergola um seinen Nacken, eine Stimme, die kaum
+sprechen konnte, flüsterte seinen Namen. Zugleich strömte
+der Weiße-Flieder-Duft mit einem Hauch herunter, Dolden
+bebten am Parktor nieder und berührten ihre Gesichter.
+&bdquo;Lieber&ldquo;, atmete sie. Er hob ihr Gesicht ins
+Helle. Da hing es, nur sammelnd und aufnehmend,
+was sie erwartete, was auch kam. In den Tränen, die
+es übergossen, sah er mehr, als was sie bot. Es leuchtete
+tief in der Stunde und seinem guten Willen kam
+es entgegen herauf und er spürte ihr Warten, ihre
+Angst, die sie verschwieg. Sie hatte die halbe Nacht
+am Tor gewartet. In eins zerflossen gingen sie hinein.
+Weich von den Tränen und gerührt von seiner Milde
+mahnte sie sein Versprechen zum erstenmal die Nacht.
+Er spürte, wie schwer es ihr ward. Stand auf, hingegeben
+an solche Innigkeit, schob den Hochmut beiseite,
+brachte aus dem Nachtblau gelb aufflimmernd
+vom Fenster den Globus, legte ihn in ihren Schoß,
+brachte den lauen Blütenwind mit in ihr Bett: &bdquo;Was
+willst du?&ldquo;, frug er und bot ihr jeden Fleck, den sie
+<!-- page 166 -->
+benennen wollte mit dem Fingernagel. Dorthin führen
+sie morgen. Schon der Sonnenaufgang hieß Abreise,
+schon der Mittag Sicherheit. Ihre Liebe stieg aufs
+Äußerste. Sie verschmähte es.
+</p>
+
+<p>Sie wählte nicht, nahm nicht. Sie schenkte ihm
+ihre Angst. Verzichtete auf die Ruhe, um zu leiden für
+ihre Liebe. Es war das Höchste. Unverlierbar nahm
+ihn ihr Auge; als sie ihm die Kugel zurückgab: &bdquo;Ich
+will es nicht&ldquo;, sagte sie, ihre Stimme trug keinen Laut
+mehr vor Verwebtheit. Legte sich zurück, unter ihm
+kaum mehr lebend, der über sie kam mit ungekannter
+Leidenschaft und grausamen Lippen. Was blieb noch,
+konnte noch kommen? Entzücken selbst der Tod.
+</p>
+
+<p>Tage, Wochen kamen, gingen in der Erwartung.
+Sie lauerte auf eine Gefahr, die nicht kam. Manchmal
+glaubte sie sie nah, gewiß, schon im Vorsaal. Das
+stieg und fiel mit den Graden der Hingebung, die sie
+dem Mann verband. Manchmal, wenn sie ihm ferner
+war in ihrer Blutwoche, vergaß sie es, schrak aber
+dann zurück. Da die Wochen aber leer waren, ermüdete
+sich die Spannung, ihre Augen wurden beruhigter,
+matter. Menschen streiften das Haus, sie mischten sich
+an die ersten Vorposten heran, es ging ohne Zwischenfall.
+Ihr Name mit seinem hatte schon Patina in der
+Verschmelzung, keinen hörte man allein. Man achtete,
+nahm hin, was hier fest vereint schien, etwas resigniert,
+ein wenig gelangweilt. Es war ihnen fern schon,
+<!-- page 167 -->
+gegründet, kein Raub mehr. Nichts geschah. Kein
+Schrei, keine Hand gehoben zu ihrer Entführung. Niemand
+warf sich in Abenteuer. Die Lust umschlich sie
+kühl. Sie ermüdete mit einemmal. Aber Le Beau
+federte die Sicherheit erst recht, gab ihm knabenhafte
+Wildheit. Das Raubtierhafte, das verteidigte und lauerte,
+spielte nun mit dem Gefühl, tollte darin, daß er sie
+hatte. Allein der Bogen der Angst war zusammengewachsen
+mit ihrer Liebe. Es löste sich nicht ohne
+Lockerung auf dem Grund des Gefühls.
+</p>
+
+<p>Sie ging spazieren, allein, ruderte einmal am Bois,
+ritt hin und wieder. Als ihre Schenkel den Gaul
+erstmals fühlten, traf sich ihr Herzschlag mit Entferntem,
+sie, wußte nicht mit was, war es ein Schwan im
+Uferduft, eine Mispel in der Pappelkrone, ein Auto,
+das den Horizont anrannte. Sie kam anders zurück.
+Als sie die Bibliothek kreuzte, wich ein bohnender
+Arbeiter aus, glitt ab, stürzte hinter ihr aufs Parkett,
+wobei er sich an ihrem Ärmel instinktiv hielt. Aufschreiend
+blieb sie zitternd an der Wand. Am Mittag
+in der Sonne lachte sie über die plötzliche Furcht, aber
+die komische Bewegung der Abwehr, die sie gesehen,
+verbreitete sich, machte sie düster, schweigsam. Ihre
+Liebe gliederte sich darin. Der Überschwang kehrte zurück.
+Der Schwung dämpfte sich. Was sie aus der
+innersten Tiefe gehoben, gefürchtet, die Angst und die
+Sorge, standen allein, kühl entfernt, die äußerste Spitze
+<!-- page 168 -->
+des, was sie durchlebt, war nichts, ein Betrug. Sie
+tötete diesen Gedanken und lächelte. Aber wartete nicht
+mehr in die Ferne, zitterte nicht mehr um ihn, wenn
+er ging und kam. Ein Gleichgewicht kam. Sie reisten.
+</p>
+
+<p>Er frug nach Plänen, Wünschen, lauschte auf Ungesagtes,
+was ihr selbst nicht bewußt war, verwöhnte sie
+namenlos. Dirigierte die Reise, zeigte ihr kaleidoskopisch,
+kennerisch, abwechselnd, Wirkungen vertauschend,
+untermalend das Hauchdünne, verwischend das Grobe,
+die Schichtung der Welt, die man einsog, bewunderte,
+genoß. Suchte nach Flüssen, die im Rauschen ihr genehm,
+Wälder, deren Schattenfall ihrer Lunge lieb
+waren, Ebenen, die das Auto kielte, Gebirg, in dem
+der Aufschwung mit dem Tagaufgang über die Jacken
+rann. Doch einte die Landschaft sie nicht noch tiefer,
+die Bilder glitten harmonisch. Wo aber die Kontraste
+stiegen und rasten, gab es keinen Brennpunkt, in den
+ihr Gefühl zusammenfloß, sondern sie jagten auseinander,
+so dies und so das. An einem Abend sahen sie eine italienische
+Oper. In der Nacht sah Daisy Le Beau im
+hellen Licht neben sich.
+</p>
+
+<p>Seine Beine wie aus Bronze spielten den Rumpf hinauf,
+der den Fechter zeigte, zusammengerissener und stählerner in
+der Spannung wie in den Marmorsälen die Ringer. Sein
+kluger Kopf war voll Geist, auch wenn die Lider sich schlossen.
+Sie sah es klar, zum erstenmal. Denn es trat in sie in
+dieser Nacht, zu sehen ohne Rausch und ohne Haß.
+</p>
+<!-- page 169 -->
+
+<p>Das Licht flimmerte kühl, und es banden sich die
+Enden der großen Kantilenen der Sängerin an das
+Ende ihres erwachten Bewußtseins, und an der Höhe
+der Kantilenen ermaß sie die Höhe des, was sie erstrebt,
+erglüht, als ihre Stimme noch das Ziel war und ihre
+kindliche Sehnsucht glaubte, dort sei der Ruf. Sie
+drehte um. Sie sah den Körper neben sich, edel
+und schön wie wenige, auch liebte sie ihn. Sie
+fühlte alles, was von ihm zu ihr gekommen, Begeisterung,
+Hingabe und Wollust, aber es blieb unten.
+Genügte es? War es so viel, daß es sie erfüllte? Es
+war, was ein Mann an Liebe ihr geben konnte, fast
+mehr. Aber sie spürte wie Ziehendes, sie Beschwingendes
+und Reißendes die Spitze des abends eingeatmeten
+Gefühls über sich schweben, sah alles sich hinneigen
+nach der Höhe, erblaßt fiel ihr Kopf zurück.
+Die lange Strecke, die lag, zwischen dem, was sie erträumt
+und dem was sie erreicht und besaß, traf sie
+vernichtend. Lange lag sie kalt, halb schlafend. Ein
+Gesicht tauchte auf, sie lächelte, es verblaßte wieder.
+Lange lag sie gewiegt von Dingen, die sie streiften, nie
+entfachten. Aber im langen Wachen erkannte sie unerbittlich,
+wie leer ihr Zustand schwebe und daß dies
+nicht sie erfülle, und wie unendlich überlegen ihr Gefühl
+schon dem Augenblick geworden, in dem sie war.
+</p>
+<!-- page 171 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-4">Der dritte Abschnitt
+</h2>
+<!-- page 173 -->
+
+<p>Ein rotbärtiger Mann wartete. Der Vorsteher meldete
+das Verbot des Zuges. Der Parlamentarier ließ
+sich nicht sabotieren, stieg auf den Tender und verlangte
+eine Lokomotive. Das Personal machte ihm eine Ovation,
+fuhr sie heran. Es war Abend. Er redete von der
+Feuerung herunter. Dann gab er ganz behutsam Daisy
+die Hand, sie stieg herauf, bald waren die Lichter
+hinter ihnen. Sie fuhren durch die Provinz. Durch
+den Süden sprach er von Stadt zu Stadt. Dann kamen
+sie quer durch die Bretagne. Ein Telegramm rief ihn
+von St. Malo zurück. Wieder kamen Olivenbäume.
+Jeden Tag liefen rückwärtsgeschleudert erleuchtete Säle
+mit Menschenmassen zurück. Er kam aus dem Handdrücken
+der Komitees direkt in den Wagen. Sie gab
+ihm die Hände heraus, er stieg ein. Neue Chausseen
+bäumten sich, der Mond schwankte langsam durch die
+dünnen Alleebäume. Einmal küßte er ihr die Hand,
+sie lachte eine Zeitlang über seine Zärtlichkeit. Sie
+saß in der ersten Reihe, als in Valence er während
+des Sprechens die Budjetrede aus Paris erfuhr und
+eine wilde Kavalkade dagegen aufmachte. Er aß dann
+<!-- page 174 -->
+den ganzen Abend. Unterwegs stieg seine Wut. Abends
+nahten drei Laternen, sein Geburtsort Libourne. Seine
+Vettern erwarteten ihn mit den Weibern, die in Holzschuhen
+von einem Bein aufs andere sprangen. Sie
+staunten sie an, indem sie sich in den Taillen weit
+vorneigten, die Arme auf den Rücken schlugen. Er
+wurde verlegen, legte ungeschickt den Arm, daß sie fast
+zusammenbrach, auf ihre Schulter. Sie lächelte mit
+den Weibern, nahm sie unter den Arm. Als sie ihnen
+ein Schlafzimmer zu zweit anboten, lachte sie, ging
+hinaus und fuhr ins Hotel. Die Weiber klatschten
+auf die Schenkel, grinsten, verhöhnten den Rotbart.
+Er ging voll Wut ins Hotel, sie abzuholen, vor
+ihrem Gesicht begann er die Hände zu bewegen,
+als sei sie aus Glas. Er sprach kein Wort. In
+der Versammlung stellte er eine Resolution auf, die
+dem Budjetredner ein Wort ins Gesicht setzte, das
+man nur in Libourne verstand. Die Männer stampften
+wie die Ochsen und rissen die Mäuler bis gegen das
+Ohr auf. Sein Cousin Louis trug es aufs Postamt. Der
+Beamte weigerte sich. Da holte er den ganzen Saal,
+sie steckten die Gartenhütte an, legten ihn auf den
+Rücken und spritzten ihm aus einem Winzergummi
+Schnaps in die Gurgel, bis er es tickte. Am Mittag
+schlachtete er ein Schwein. Mit blutigen Armen stand
+er breitbeinig im Hof, hob den Kopf und sah sie mit
+seinen weit auseinanderliegenden Augen an, seine bloße
+<!-- page 175 -->
+Brust dampfte. Mittags spät saßen sie im Auto.
+Er strahlte und wagte sich zum erstenmal dicht neben
+sie zu setzen. Sie zog den Mund spitz, hob den
+Finger und streckte ihn nach dem Polster auf der
+anderen Seite. Sofort glitt er hinüber. In Toulouse
+zog er den Rock aus im überfüllten Saal, lief auf
+dem Podium herum und schrie wie ein Bär, er war
+fast heiser, sein Publikum raste. Dem Saaldiener
+schlug er in guter Laune auf den Rücken, der bekam
+einen Hustenanfall, wurde auf drei Stühle gelegt, bekam
+die Arme gehoben, den Bauch massiert. Sie
+ärgerte sich und beachtete ihn einen Tag nicht. Sie
+fuhren nach Nizza zu einer Kundgebung der italienischen
+Irredentisten. Da sie nicht mit ihm sprach, räusperte er
+sich nach der Uhr jede fünfte Minute. Sie sah hinaus.
+Die Bläue spielte um die Äste mit einer Leichtigkeit,
+als durchdrängen sie sich. Er benutzte den Augenblick,
+die Hand herüber auf ihr Knie zu legen. Zornig
+sah sie ihn an. Sein schwerer Nacken zog sich ein,
+die schmalen Augen wurden ängstlich. Er tat ihr leid, sie
+griff mit der Faust in seinen Bart, zog ihn von der
+einen Seite zur anderen, schüttelte ihn und ließ ihn
+fahren, er versuchte einen Griff wie nach einer Magd.
+Sofort zog er sich in die Ecke zurück, fragte traurig
+und kindisch: &bdquo;Sie haben einen Zug um den Mund,
+was ist?&ldquo; Sie lachte. Er schüttelte sich vor Behagen
+und strich den Bart glatt.
+</p>
+<!-- page 176 -->
+
+<p>Vom Zug kamen sie direkt ins Theater. Ein
+trentiner Dichter sprach eine Hymne an das italienische
+Meer. Der Raum war mit italienischen Flaggen
+geschmückt neben den französischen. Der Dichter trat
+einen Augenblick in die Loge, den Parlamentarier zu
+begrüßen. Ihre Blicke kreuzten sich einen Moment.
+Doch der Franzose stellte ihn ihr nicht vor. Sie sah
+einen Schatten von seinem Auge, als er hinausging.
+Die Verse langweilten den Parlamentarier, er wurde
+müde und schnarchte, aber er mußte bleiben, da er
+nachher sprach. Daisy stand auf bei der zweiten Nummer,
+ging leis hinaus. Sie ging durch das Foyer. Nun
+schritt sie gegen einen Spiegel, sah sich, erreichte die
+Treppe. Als sie den Pelz um den Hals fester zog an
+der Tür, trat mit zwei großen, aber langsamen Schritten
+der Dichter von dem Pfeiler. Sie nahm seinen
+Wagen.
+</p>
+
+<p>Der Frühling stieg mit sehr blauen zarten Morgenstunden
+aus dem Luxembourg. An einem Abend, den
+die Boulevardbäume mit einer blassen Schwermut
+trugen, stiegen Ballone aus einem Hoteldach, stiegen
+mit kleinen Kerzen und erleuchteten an dem Ende der
+schwärmerischen Kurve den Himmel mit ihrem Namenszug.
+Vor Fontainebleau machte ein Torpedoauto eine
+ovale Schleife, ihr Wagen bremste und fuhr in den
+Graben auf zwei schleifenden Hinterrädern. Der kleine
+Spritzer hatte gedreht und verschwand hinter einer
+<!-- page 177 -->
+grauen Staubwand. Auf der Chaussee lag ein Strauß
+Narzissen mit einer italienischen Schleife. Später
+fand sie einen Brief darin.
+</p>
+
+<p>Er kam am Morgen. Selbst sein Parfüm fragte
+nach ihren Wünschen, die er erriet, daß es sie bestürzte,
+denn er brachte ihr keine Geschenke, aber er
+lauerte auch auf das Unbewußte jedes Reizes in ihrer
+Seele. In seinen Arbeiten kam ihr mit aller Genauigkeit
+dieser und jener Tag und Gedanke wieder,
+nur aus der Frage zum Endgültigen geführt, entgegen.
+Seine Schöpferkraft sammelte sich in Verkleidungen
+um sie, er drang in das Dunkelste und Träumerischste
+ihres Lebens und erregte mit der tastenden Verführung
+seines Geistes. Sein Kopf war antik-haarlos, die
+Augen tief und umschattet, aber der Zauber seines
+Hirns verstrickte mit einer Überlegenheit, selbst wo er
+bat, daß er sich aufhob. Als sie ihn nicht empfing,
+sandte er ihr das Gedicht, das die Adria zur Revolte
+aufrief, aus dem Theater in Nizza, um ihr zu zeigen,
+daß dieser Ehrgeiz und sie das Verehrungswürdigste
+seien in seinem Leben. Die Aufrichtigkeit führte sie
+dicht zu ihm.
+</p>
+
+<p>Der französische Staat ließ ihm als Gast Notre
+Dame allein läuten. Er kam zu ihr: &bdquo;Es war keine
+Schönheit, da du fehltest.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er sagte drei Stunden vor Beginn der Premiere
+ab, denn Daisy lag an Grippe. Das Telephon
+<!-- page 178 -->
+rasselte ohne Unterlaß. Er stellte es ab. Vor dem
+Zimmer stand ein Boy, der niemand einließ.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Drei Monate Reklame .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; flüsterte der eine
+der Direktoren, als sie den Boy bestochen hatten, im
+Salon. Er zuckte die Achseln, als sie den Tantiemensatz
+um fünf in die Höhe hoben. &bdquo;Acht&ldquo;, sagte der andere
+leis und bebend vor Wut, denn sein Gegenüber nahm
+den Finger nicht von der Lippe. Daisy schellte. Er
+ging hinein. Sie war aufgewacht: &bdquo;Gehen Sie doch&ldquo;.
+Er machte eine geringschätzige Gebärde, er sagte ihr,
+es läge nichts daran, denn diesen Ruhm verachte er,
+es gäbe nur jenen einen, der ihn in der Öffentlichkeit
+reize, und er wies auf das Gedicht, das sie auf dem
+Tisch liegen hatte. Er ging leis hinaus, als sie die
+Augen schloß.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zehne&ldquo;, sagte der Direktor vom Fenster her, wo
+er mit den Nägeln das Glas zum Zittern brachte.
+Er schüttelte stumm den Kopf. Da bekam der andere
+einen Kopf wie ein Puter, der erstickt, hob die Stimme
+und schrie nach ihm: &bdquo;Schieber&ldquo;.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Buffone&ldquo;, er hatte Schaum auf den Lippen.
+&bdquo;Marquis de la bouche.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Mit einer aalglatten Bewegung gab er sofort nach,
+zog sie auf den Korridor, besprach sich, sagte zu, vergaß
+die Beleidigung &mdash; denn er fürchtete, daß ihre
+Stimmen Daisy weckten.
+</p>
+
+<p>Gegen Morgen kam er zurück, niedergeschlagen.
+<!-- page 179 -->
+Sie wagte nicht zu fragen, es schien eine Niederlage.
+Sie war frischer, machte Puppen aus den Kissenenden,
+schmollte mit ihnen, ließ sie tanzen, lächelte nach der
+Seite, bis er auf den Knien lag. Mit dem Frühstück
+kamen Zeitungen. Sie sah, daß sein Erfolg
+riesig war. Er sagte, da sein Blick den ihren nicht
+traf in der Loge, habe er die Niederlage gewünscht.
+Denn ihr Auge allein habe ihm sagen können, daß
+dieses Rufen bedeutend für ihn, ja eine Freude sei.
+</p>
+
+<p>Er saß auf dem gelben Stuhl ohne Lehne und
+plauderte den Nachmittag mit ihr, den sie noch lag.
+Ein Brief kam, er erbrach ihn, biß die Zähne in die
+Oberlippe, drehte sich um und schlug die Hände vor
+das Gesicht.
+</p>
+
+<p>Sie las den Brief. Er kam bis ans Bett, als
+die Augen sich trafen, sah sie, wie er schwankte. In
+der Tiefe, hinter den goldbraunen Ringen entfernte es
+sich. Zwei Falten preßten die Augenschlitze gegen die
+Nase. &bdquo;Laß packen&ldquo;, sagte sie.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Du bist noch krank.&ldquo; Sie nickte ein wenig und
+schellte der Zofe. Er senkte den Kopf, ging hinaus.
+</p>
+
+<p>Im Zug schmerzte sie der Rücken bis zum Knie,
+dann die Arme. Wie sie sich legte, linderte sie nur
+die Sekunde. Im Tunnel verlor sich das Fieber, gegen
+Mittag kam es heftig zurück. Im Schlafwagen lag
+sie eine Stunde. Das Decklicht irrte in blauen Kreisen
+um sie. Sie setzte sich in die Ecke, in Decken gehüllt.
+<!-- page 180 -->
+&bdquo;Laß dich nicht stören&ldquo;, sagte sie. Seine Augen waren
+feucht, kalt nach innen gerichtet, wo er angespannt sich
+beschäftigte. Sie nahm eine Zeitung, hielt sie vor
+das Gesicht, als lese sie, damit er ihre Schwäche nicht
+sehe. Er hielt die Hände nebeneinander und sah durch
+die dünne Haut auf sie. Die roten Lichtreflexe machten
+eine unruhige Zartheit auf ihren Gliedern durch dies
+Transparent von rosanem Blut.
+</p>
+
+<p>Sie kamen bei Regen an. Ein Kommissionär mit
+schwachsinnigen Augen umkreiste sie wie ein Hund und
+fing plötzlich mit den Armen zu drehen und zu schreien
+an. Hinten begann eine rasende Musik. Der Regen
+ward so toll, daß, als sie auf der Terrasse standen,
+über den Platz die Herangelaufenen mit hochgeschlagenen
+Kragen in die Cafés zurückstürzten. Schwarze Männer
+standen auf der Treppe, ein langer Frack warf vom
+Gaskandelaber den Hut hoch, knickte die Knie, fuhr
+hoch, stank aus dem Mund wie ein Fisch. Im Wagen
+begann Daisy zu weinen vor Müdigkeit. An der
+Ecke sah sie die dünne Erscheinung über den leeren
+Platz rennen.
+</p>
+
+<p>Gegen Abend blickte sie vom Balkon, der Nebel
+erfrischte. Eine Ziegenherde kam aus der Nebengasse.
+Ein Radfahrer bog um und fuhr dem Leittier in die
+Beine. Es sprang um, jagte auf die Straße. Die
+Tiere liefen mit geblendeten Augen an die Häuser.
+Einige Geiße bockten, liefen irrsinnig im Kreis, warfen
+<!-- page 181 -->
+Kinder um, verletzten einen Gendarmen im Gesicht.
+Der Hirte suchte das Leittier, sprang durch die Gruppen
+und pfiff auf dem Fingergelenk. Da nahte Musik,
+alles verlief sich Die Musik hielt vor dem Hotel.
+Daisy ließ sich auskleiden.
+</p>
+
+<p>Später drang rote Glut in die Fenster. Als er
+vom Balkon hereinkam, hob sie den Kopf aus den
+Kissen. &bdquo;Die Unterbeamten&ldquo;, rief er, schon im Salon.
+Sie schloß die Augen unter der Müdigkeit der Schlafpulver.
+Dann gingen im Nebenzimmer immer Türen,
+ein Organ sprach, als gurgle es den Mund voll,
+das schläferte ein. Die Türen klappten rascher, die
+Reden gingen wie ein Bad, es umplätscherte sie aus
+der Ferne. Sie hatte Durst, bog den Kopf zur Seite
+zum Trinken. Da sauste er vorbei, sie griff nach
+seiner Hand. &bdquo;Deputationen&ldquo;, flüsterte die Zofe. In
+der halbgeöffneten Tür, als sie hinausging, stand ein
+fetter Herr und verbeugte sich tief mit einem fiesen
+Lächeln.
+</p>
+
+<p>Immer ging seine Stimme wie ein Uhrzeiger durch
+die anderen, die herumwanderten, leis klangen, bald
+spitz, manchmal quatschisch schäumten. Sie bekam Sehnsucht,
+ihn zu sehen. Sie sah ihn nur im Sprung.
+Später erwachte sie, es war Lärm auf der Straße,
+sie sah in sein überhitztes Gesicht. &bdquo;Der vierte Zug&ldquo;,
+rief er ihr zu, als er auf den Balkon stürzte. Als
+er zurückkam, frug sie: &bdquo;Was war es&ldquo;; sie hatte geschlafen
+<!-- page 182 -->
+in der Zwischenzeit. &bdquo;Studenten&ldquo;, stöhnte er.
+Sie verstand ihn nicht. &bdquo;Was wollen sie?&ldquo; &bdquo;Provinzen.&ldquo;
+Sie begriff im Halbschlaf die Zusammenhänge
+nicht mehr und schlief sofort ein.
+</p>
+
+<p>Sie sah in tiefblauen Himmel, gewölbt und fließend
+wie Glas. Er stand an ihrem Bett. Sie sah hinunter.
+Singende irredentistische Vereine zogen zum
+Hafen. Der Schlaf hatte sie erholt, sie legte sich
+herum, um liegen zu bleiben. Er nahm sie an der
+Hand, sie stand auf. Beim Anziehen bekam sie Fieber.
+Sie hielt ihm den Puls hin. Er fühlte, verfärbte
+sich ein wenig, dann drehte er sich um. Sie sah
+nicht, was vorging. Es dauerte nur kurz. Dann
+sah er sie fragend an. Sie zog sich weiter an, eine
+solche Spannung lag in seinem Blick. Er hob sie
+hinüber ins Boot. Die Molen waren schwarz. Auf
+der Triere ward eine Fahne gelegt. Er trat darauf.
+Sie hörte jedes Wort aus dem Theater. Die Schärpen
+standen grell über den Hemden wie auf Schilder gelegt.
+In der weißen Glut platzten die Köpfe fast.
+Sie standen wie Zinkknöpfe, heiß und schwitzend. Um
+sie herum lagen Schiffe mit Tribünen, von denen die
+Photos unaufhörlich knackten. Ein amerikanisches Boot
+suchte ständig die Sperre zu durchfahren. Die Menge
+wartete, bis die Glocken den Berg herunterkamen.
+Dann schaukelten Tücher über dem Schwarz. Eine
+Brandung erhob sich am Ufer. Aus Marmor stieg
+<!-- page 183 -->
+ein Adler von der Klippe. Eine dumpfe Salve knatterte
+hinter der Halbinsel. Dann sprach er jene mystische
+Revolte, hatte die Hände gegen die Brust gestemmt,
+die Beine eine kleine Spanne auseinander. Auf seinem
+Kopf lag eine Entschlossenheit der Wollust, als wiege sein
+Hirn sich in dem Gedanken, den er mit großen Rhythmen
+durchmaß. Unter seinen Sätzen aber, die ihm die Höhe
+seines Lebens waren, kam aus der Tiefe des Meeres der
+Glanz langsam herauf. Aber wie er schloß, überkam sie
+eine sinnlose Traurigkeit, sie fiel fast zusammen.
+</p>
+
+<p>Das Meer schäumte ein wenig, als sie zurückfuhren.
+So lange sie fuhren, streichelte er unter dem Mantel
+ihre Hand. Sie ging sofort in ihr Zimmer, schloß
+ab, kleidete sich aus. Dann sprang sie heraus, ließ
+sich anders anziehen, legte sich auf den Rücken. Im
+Nebenzimmer telephonierte er nach dem Arzt. Er verlangte
+Rom, einen Spezialisten, rief Summen ins Telephon,
+trommelte an ihre Tür. &bdquo;Öffnen Sie&ldquo;, sagte sie der
+Zofe. Im Halbdunkel beugte er sich über das Bett.
+Sie brachte den Blick nicht gegen seinen zum Fixieren.
+&bdquo;Welches Unglück&ldquo;, stöhnte er. Er fluchte, verwünschte
+den Tag, maß sich die Schuld zu, daß sie hierher gefolgt,
+aufs Meer gekommen. Sie lächelte. Das Telephon rief
+ihn hinaus. Im Dämmern sah sie auf dem Tisch etwas
+Helles. Es mußte vom Mittag liegen. &bdquo;Schließen Sie&ldquo;,
+sagte sie der Zofe. Sie machte das Telegramm auf, las,
+bückte sich, krümmte sich wie eine Katze.
+</p>
+<!-- page 184 -->
+
+<p>Er klopfte an die Tür. Er rief durch das Schlüsselloch,
+er störe sie nicht, nur bitte er, daß sie den Arzt
+empfange, wenn er komme. Dann ward es still.
+Später kam er noch einmal, sie hörte ihn hin und hergehen,
+sein Schritt war beängstend leis, verhalten.
+</p>
+
+<p>Nur sie habe Sinn für ihn, murmelte er. Er
+sprach lange mit sich, die Portiere dämpfte es. Auf
+dem Tisch stand sein Bild. Daisy sprang auf. &bdquo;Der
+Arzt&ldquo;, schrie es im Gang, im Nebenzimmer flog das
+Fenster auf, sie hörte einen stehenbleibenden Motor.
+Sie nahm eine Nadel, zielte dreimal nach dem Bild,
+steckte sie rasch in ihr Haar, sie kam durch ihre Tür
+zum Korridor, durch die zweite Treppe auf den Gang,
+dann in das Vestibül. Sie fuhr über Mailand nach
+Turin. Dann nach Lyon. Das Fieber ließ nach, sobald
+sie härtere Luft atmete, in einer Stunde war es
+vorbei. Von da fuhr sie bis Calais. Mit dem Fünf-Uhr-Dampfer
+kam Syg. Sie schritt mit dem Tuch,
+ohne aufzuhören, winkend über den Steg auf sie zu.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Der Mond flog, ein Vogel, durch den Apfelbaum;
+Die Syringen hingen schwer und rot über den Kies;
+Über den Hyazinthen strudelte die Luft in einer Kupferfäule.
+Zwischen den Zweigen des Gebüschs fing das
+Dunkel erst an und bebte. Bienen stürzten in die Höhe
+<!-- page 185 -->
+und von ihren übervollen Poren schaukelten hochgetragene
+Blüten langsam und taumelnd in das Wasser zurück.
+Die tiefgesenkten Gartenfenster brachen mit runden
+Quecksilberbogen aus den Säulen heraus. Die magische
+Tiefe des Glases blätterte sich nach innen in den
+schimmernden Kreisen und sog den Kiesweg mit den
+Tulpen in einer Spirale hoch und in sich auf. Aus
+der Gartenhütte taumelte ein Gegenstand mit unheimlichem
+Schütteln, schlug wild gegen den Apfelbaum,
+kam in den Mondschein, torkelte in ihm über die Wiese
+nach einer Maus. Dann hielt er, verdrehte die Augen,
+schrie &bdquo;Do .&nbsp;.&nbsp;. go &mdash; &mdash; go. Dogo .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, schnurrte
+und steckte den Schnabel zwischen die Flügel. Der
+Mond, wie ein unsichtbar geschlagenes Schild, war
+weiß von Metall, zitterte durch den Himmel.
+</p>
+
+<p>Dies alles brachte ihr die Heimat nahe, wenn sie
+Sygs Hand hielt. Sie gingen angeschmiegt durch den
+blauen Dunst der angefachten Nacht. Aber es trug
+sie nicht hinüber, sie hatte nur Abwehr. Die Unruhe
+war gewichen, sobald sie Syg sah und spürte. Dies
+aber, dachte sie im Bett, was sie froh machte, war
+nur die Gegenwart der Schwester, Sygs Figur und
+Stimme, vor deren naher Gewalt das Gelebte zurückfiel.
+Sie empfand Ruhe und Stille. Sie empfand
+sogar in Vaudreuils Grüßen das geheime Suchen und
+Fragen, aber sie war so sicher, daß sie sie unbefangen
+zurückgab.
+</p>
+<!-- page 186 -->
+
+<p>Elfmal schlug die Uhr, dünn und silbern. Der
+Ton ging hinaus, wo der Glanz nicht nachließ. Syg
+konnte nicht schlafen, legte sich herum. Sie lächelten
+sich in das Gesicht. Der große helle Raum stand voll
+Mondstaub. Vor dem Fenster schwankten Weidengerten
+auf und nieder, obwohl kein Wind ging, wie
+der bebende Rücken eines Tieres. Nun begannen im
+Boudoir die Silbersachen zu leuchten, die Bettseide
+wurde ein Netz von zartestem Weiß, nun stand der
+Mond mitten im Rahmenkreuz und durchstieß gelb
+und flutend das Fenster.
+</p>
+
+<p>Daisy richtete sich auf, als lausche sie: &bdquo;Und Well?&ldquo;
+frug sie und horchte hinterher .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;und Well? .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+Syg sprang aus dem Bett. Der Balkon war mit
+wogendem Lichtnebel über den Kletterrosen zugezogen.
+Die Nacht wurde immer wärmer und durchsichtiger,
+schon traten die Figuren vor der hintersten Hecke deutlich
+heraus. &bdquo;O&ldquo;, flüsterte Syg und führte die flache
+Hand über das Geländer. Stück auf Stück der Jugend
+gaben sie sich in die Hände, hinüber, herüber wie Bälle,
+und spielten sie sich zu .&nbsp;.&nbsp;. die Bäume, die Gouvernante,
+die vertrocknete Fischkugel, den Ameisenbau.
+Wie sich die kleinen Dinge, deren zärtliche Erinnerung
+sie am sorgfältigsten erfüllte, aus ihrer Erinnerung
+hoben, schmolz sie das Gefühl zusammen, daß die Jahre
+hinaustraten zwischen ihnen .&nbsp;.&nbsp;. Tage flogen auf und
+hoben sich in sanften Farben wie aus Strohhalmen
+<!-- page 187 -->
+abgesandte Kugeln und schwammen in den Garten
+hinein. Im Scheitel der Nacht hing der Mond
+fröstelnd und starr.
+</p>
+
+<p>Die Uhr schlug. Vögel sangen, den Kopf noch an
+der Brust, in das wollüstige Grauen. Das Gras begann
+zu leben, und der Tau glühte mit einer hingegebenen
+Leidenschaft an der Erde. Daisy bog sich aus
+ihrem Bett über Sygs klares Gesicht. Sie empfand,
+daß ihr Kopf wie ein Spiegel denselben Ausdruck
+trage. Sie empfand das Glück dieser Gegenwart mit
+einem berückenden Gefühl.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wie lange hattest du Fieber, Syg?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Acht Wochen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Arme, doch wirst du in Firenze nichts tun wie
+liegen und blaue Luft atmen.&ldquo; Sie legte den Kopf
+an Sygs Brust und liebkoste sie mit der Wange,
+denn die Erinnerung der Schmerzen, die Syg gelitten,
+quälte sie in dieser Stunde der Seligkeit mehr, als
+sei es ein eigenes Leid.
+</p>
+
+<p>Die Uhr schlug. Syg gähnte; zog die Beine herauf
+und schüttelte die Locken, reckte die Arme. Sie
+war zu faul zum Aufstehen. Sie schellten nach dem
+Frühstück. Die Zofe brachte es zuerst Daisy an die
+linke Seite des mit breiten Stäben gegliederten Messingbettes.
+Sie wies nach Syg. Das Mädchen sah verwirrt
+von einer zur anderen. Sygs blaues Haar wallte
+um das ovale Gesicht, sie hatte das Kinn auf die
+<!-- page 188 -->
+Hand gestützt. Sie sah mit den Augen, die tief und
+wundervoll ausgeschnitten und mit leidenschaftlichen
+Schatten befiedert waren, dem Mädchen zu. In ihrem
+Weiß lag ein violetter Schimmer.
+</p>
+
+<p>Sie wurden ohne Pause verwechselt. Die Bonnen
+kannten sich nicht aus. Der Kutscher stammelte. Ärgerlich
+rief Daisy: Pha .&nbsp;.&nbsp;. lux .&nbsp;.&nbsp;. Freunde vertauschten
+sie. Aber dies band sie nun erst aneinander, denn in jenem
+Wechseln der Körper und Erscheinung fühlten sie hingegebener
+die Harmonie. Sie lachten sich an vor dem
+Spiegel. Sie zogen sich verschieden an, machten sich
+unähnlich.
+</p>
+
+<p>Syg trug die Haare hoch um einen dreigezackten
+Pfeil, Daisy zog sie unter einer Perle, die über der
+Stirn lag, halb über die Ohren und scheitelte den
+Kopf. Syg trug dunkle Seide. Daisy ging ganz
+weiß, der Wind schmiegte sich in die kleinen Blumen
+des Battists und der Boa.
+</p>
+
+<p>Umsonst.
+</p>
+
+<p>Sie tauschten den Puder, die Korsetts, die Rotstifte.
+Syg blaßte ab wie ein Pierrot. Daisy ging mit anmutig
+erhellten Wangen. Doch wie sie sich bemühten,
+stieg die Verwirrung. Da gaben sie nach, Syg hatte
+eine Grimasse, sie tauschten die Rollen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie baten mich, die Kette zu besorgen&ldquo;, sagte ein
+junger Kanadier, reichte Daisy ein Etui.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es war meine Schwester&ldquo;, sagte sie. Sie trug
+<!-- page 189 -->
+ein silbriges Abendkleid mit Schwarz, ging hinaus, Syg
+zu rufen.
+</p>
+
+<p>Sie kam zurück mit Goldpuder und einem roten
+Samt. Er überreichte es ihr. Sie dankte. Die Tür
+ging auf. Syg kam in einem blauen Schneiderkleid
+wie von der Straße, gab ihm die Hand und frug:
+&bdquo;Haben Sie meine, Kette, John?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Verblüfft sprang der junge Mann auf: &bdquo;Haben
+Sie noch eine Schwester und wel .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Syg klatschte
+in die Hände, nahm ihn bei den Ohren, schenkte einen
+Kognak ein.
+</p>
+
+<p>Jeden Tag schob Syg die Abreise hinaus, jeden
+Morgen freute sich Daisy und jeden Abend litt ihr
+Gefühl, das um Syg Sorge trug und doch nicht
+vermochte, sich von ihr zu trennen. Die Tage gingen
+wie ein blauer Mond nach dem anderen am Fenster
+vorüber, und Dogo saß in jedem, auf dem Zweig des
+Faulbaums sich schaukelnd.
+</p>
+
+<p>Fribaurt rief an auf der Durchreise, Syg nahm den
+Hörer. Er kam nach einer halben Stunde. Daisy empfing
+ihn. Er sah ihr von unten in die Augen, und da er
+ein geschärftes Ohr hatte für das herbere in Sygs
+Organ, frug er, den Rücken weich, hündisch, biegend:
+&bdquo;Wozu die Komödie?&ldquo; Sie gingen auf die Veranda.
+Sie hob den Finger an die Lippen.
+</p>
+
+<p>Unter ihnen stand Syg, vor ihr ein junger, schlanker
+Gärtner. Sie tollte und sprang um ihn herum, verzog
+<!-- page 190 -->
+das Gesicht, schüttelte den Kopf. Sie frug ihn, er sagte
+etwas. Sie preßte die Hände in die Hüften, daß die
+Ellenbogen nach auswärts standen und lachte. Ihre
+Bewegungen waren in diesem Augenblick ganz unerlöst
+und kindlich. Dann frug sie wieder. Er sagte einen
+slawischen Namen und zischte. Sie schüttelte den Kopf
+und lachte noch heller. Sie faßte ihn unter dem Kinn,
+richtete sein Auge nach ihrem (denn er schlug es nieder)
+und horchte angespannt, dabei bewegte sie die Nüstern
+in Spott.
+</p>
+
+<p>Er errötete, dann schrie er mit voller Stimme:
+&bdquo;Zsigis&ldquo;. Syg blieb ganz ernst, hob die Hand, fuhr
+ihm die Grenze der Stirn entlang, sagte ihm etwas
+ins Ohr und ging lachend die Treppen zur Veranda
+hinauf. Oben blieb sie stehen: &bdquo;Pony&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. rief sie. Er
+hielt an, wandte sich um, errötete und blickte hinauf.
+Dann wurde er ganz blaß. Sie winkte. Er ging.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Warum nennst du ihn Pony?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wegen der Haare.&ldquo; Auch ihre Locken hingen gefächert
+in die Stirn.
+</p>
+
+<p>Daisy preßte plötzlich die Hände fest zusammen:
+&bdquo;Fribaurt fährt Donnerstag nach Italien .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Sie
+stockte. Mit einem seltsamen und nie gesehenen Ausdruck
+sah Syg an Fribaurt hinauf und wieder herab,
+zuckte kaum deutlich die Schultern. Aber Fribaurt, der stark
+nach einem süßen Wasser roch, sah es nicht, denn sein
+Blick folgte dem Gärtner, der in den Büschen verschwand.
+</p>
+<!-- page 191 -->
+
+<p>Aber Daisy vergaß den Ausdruck nicht, mit dem
+Syg den anderen angesehen. Sie blieb den ganzen
+Tag dicht neben ihr, als ob schon die Entfernung
+eines Zimmers, der Raum einer Wand sie trenne.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich danke, daß du bleibst&ldquo;, sagte sie stockend, als
+sie in den breiten Mondstrom hineingingen. Sie kamen
+dreimal um das Bassin, dessen Rotunde in Marmor
+glühte. Das Gras war blau und Dogo hing in
+einem Kreis von Fächerschatten. Als sie um die Hecken
+bogen, stand der Mondschein gezackt als Segel über
+dem Garten, der unter ihren Füßen schwebte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;O&ldquo;, sagte Syg mit plötzlich ganz erhelltem Gesicht,
+&bdquo;ich freue mich, daß du dies sagst.&ldquo;, Sie gingen
+hinein, Daisy stumm vor dem Glücksgefühl, das diese
+Antwort ihr gab. Aber auf der Treppe zögerte ihr
+Fuß. Sie spürte, wie unrecht es sei, daß auch ihr
+Wunsch nur Syg halte. Aber sie sagte nichts.
+</p>
+
+<p>Am nächsten Tag fuhr Syg im Métro zur Etoile,
+besuchte eine Dame in der Avenue Wagram, schloß
+das Tor, fuhr zur Seine, stieg an der Madeleine aus
+und suchte zur Oper zu ein Geschäft. Sie sah in ein
+vorübergleitendes Auto. Ein Herr sprang heraus, in
+höchster Erregung auf sie einsprechend, sie sah seinen
+Bart zittern, die Leute blieben stehen, als er schrie. Sie
+nahm ihr kleines Stilet, drängte ihn bis an den Rand,
+er sprang in sein Auto, verdeckte das Gesicht. Sie
+sah um. Ein Photograph knipste und kurbelte neben
+<!-- page 192 -->
+ihr. Ein Herr mit einem Notizbuch zog den Hut.
+Sie machte eine rasche gewandte Bewegung, glitt
+zwischen dem Haufen durch, mitten in ein Orchester,
+das vor dem Café konzertierte. Sie saß eine halbe
+Stunde vor einem Whisky. Dann fuhr sie heim.
+</p>
+
+<p>Zwei Tage sprach sie kein Wort über den Vorfall.
+Sie lebte neben Daisy. Aber die Worte, die sie gehört
+und die nicht ihr galten, sondern Daisys Leben
+herausrissen aus Stunden, die sie nicht ahnte, entfielen
+ihr nicht. Nachts setzte sie sich neben Daisys Bett
+und sah sie stumm an. Aber die Worte spannten sich
+zwischen sie und die Schwester und trieben sie auseinander.
+Sie vermochte nicht mehr, den Blick unbefangen
+auf Daisy zu heften.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Du hustest?&ldquo; frug Daisy und fuhr aus dem Schlaf.
+</p>
+
+<p>Syg schüttelte den Kopf. Daisy preßte die Lippen,
+als die Schwester schlief. Sie fühlte, wie die Unbefangenheit
+riß, die Ruhe wankte, sie bangte um die
+Schwester und wagte nichts zu sagen, denn sie fürchtete,
+daß dann das Helle aus dem Himmel falle und
+die Kraft daraus lösche. Sie lag lange wach. Plötzlich
+öffnete Syg die Augen, schloß sie wieder. Mittwoch
+Nacht sagte sie, daß sie reise. Daisy sagte kein
+Wort. Sie gingen nebeneinander durch den Garten,
+als sie fuhr. Zwischen den Winden und Bohnen
+stand mit hohen, schlanken Beinen der Gärtner. Sie
+stiegen ein.
+</p>
+<!-- page 193 -->
+
+<p>Die Räder rollten.
+</p>
+
+<p>Sie fuhr zurück.
+</p>
+
+<p>Eine schmutzige Faust reckte sich in ihren Wagen.
+Sie nahm die Zeitung. Der Wagen stockte im Lauf
+eine Sekunde. Sie gab den Sou. Wieder spannten
+die Motore sich an. Sie las, ihre Lippen verzerrten
+sich. Sie verstand zum erstenmal. Ein maßloser
+Schreck, dann Zorn verdeckten ihr die Augen. Ekel
+schüttelte sie, daß sie die eine Hand mit der anderen
+festhielt und geschlossenen Auges zurück sich warf in
+das Polster. &mdash; Sie sah die Karikaturen auf den
+Parlamentarier, sah die Photos, die die Kinos von
+seinem Überfall her spielten, sie begriff die Verwechslung
+.&nbsp;.&nbsp;. die Folies Bergères trugen die Nummer
+in ihrer Revue. In der Ecke unten unflätige Telegramme,
+die er aus der Provinz, wohin er vor
+dem Skandal geflohen, gedrahtet. Sie biß auf den
+Daumen vor Schmerz, der Wagen rauschte in den
+Garten.
+</p>
+
+<p>Sie saß auf der Diele. Das tiefe Fenster hinaus nach
+dem Bassin lag wie ein niedergelassener Vorhang. In
+der Tiefe des Gartens stand Pony und arbeitete. Seine
+Beine und seine trainierte Brust wiegten mit den
+elastischen Ruten der Büsche und Stauden. Der Abendnebel
+flammte den Geruch der Erde rötlich um seine
+Hüften hinauf.
+</p>
+
+<p>Sie warf die Hände gegen die Brust und empfand
+<!-- page 194 -->
+zum erstenmal, wie sie, gleich einem verlassenen Tier,
+allein sei. Sygs Zug glitt irgendwo in die Dämmerung
+und aus ihrem Leben. Sie blieb zurück, um
+eine Lüge beraubt, die sie sich vorgeredet jede Sekunde
+des Daseins und der Gegenwart der Schwester.
+Sie fröstelte. Jugend und Heimat fielen an ihr
+nieder, hart, als klirrten Ringe auf der Diele.
+Woran ihr Herz (sei es auch nur wie ein Traum)
+und unwissentlich trotz des Hasses gehangen, nun
+lag es nackt verschwunden. Mit kaltem Grauen
+empfand sie die Einsamkeit, aus der die zarten Gefühle
+weggeschwungen. Einsamer und verzweifelter
+schluchzte sie auf als jede Stunde, die sie gelebt.
+</p>
+
+<p>Es kam ihr, wie lind es sei, wenn sie weinen könne.
+Aber sie konnte es nicht.
+</p>
+
+<p>Es genügte noch nicht.
+</p>
+
+<p>Sie fühlte sich frei und verantwortungslos mit einem
+Male. Aus der Tiefe des Blutes kam ein Strom, der
+sie zu einer Unbedingtheit zwang, deren zügelloses.
+Streifen sie zu Gelöstheit erhob, die den Atem benahm.
+Die Lippen bebten übereinander. Nichts hielt
+sie, bedingte ihr Tun, gab Verantwortung für ihre
+Handlung. Mit einer zerstörerischen Wollust empfand
+sie ihr Ausgestoßensein, das ihr eine Kühnheit verlieh,
+die sie fast berauscht empfand. Nun trat Pony aus
+dem Dampf ins Helle. Sie begann zu winken. Das
+Fenster lag wie eine aufgeschlagene Terrasse in dem
+<!-- page 195 -->
+Garten. Tritte schlichen herauf. Dogo schrie in
+seinem Ring und stieß die Flügel gegen die Wand,
+als zerbräche er Glas. Sie stand auf.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Zwischen dem dritten und vierten Tanz hob die Kleine,
+die zwischen den Stühlen schaukelte, stehend die Hand
+nach der Seite. Daisy ging hinüber. In der Toilette
+brannte eine weiße Flamme. Sie hob den Schleier,
+zog Rot über die Lippen. Im Spiegel sah sie die
+zögernd Eintretende. Ihre Augen trafen sich in dem
+Glas. In dem Gesicht der Tänzerin ging ein Schreck
+auf, sie flüsterte etwas und glitt zurück. Daisy ging
+zu Léons Tisch hinaus. Beim Hinausgehen fragte sie
+den Kabarettportier nach ihrem Namen. Sie bestellte
+sie in das Hotel. Sie kam und bat, zart wie eine
+Libelle, daß Daisy ihr den Mann nicht nehme. Sie
+sah zitternd auf den gefalteten wollüstigen Mund der
+Frau vor ihr. Daisy nickte gleichmütig, prüfte sie
+mit einem Blick, schenkte ihr Strümpfe, Hosen, Dessous.
+Oft, wenn sie abends frei war, kam Renée herauf, ein
+Band umgab sie. Bald hatten sie kein Geheimnis.
+Daisy wußte jede Bewegung des Attachés, seine Lieblingsworte,
+seine geheimen Sätze, aber es reizte sie nicht.
+Sie fuhr mit Léon baden, sie stieg in das Wasser,
+das ihren Körper aufsog; ihre Haut aus dem Wasser
+<!-- page 196 -->
+heraus selbst trübte ihm die Augen vor Erregung. Auf
+der Rückfahrt suchte seine Hand nach ihrer. &bdquo;Das
+andere Ufer&ldquo;, kommandierte sie, er mußte wenden. Sie
+ging am Abend mit Renée in den Florissant.
+</p>
+
+<p>Zwischen orangenen Lampions drehten Matrosen
+und Mädchen. Als ihre Hüfte unter den anderen erschien
+und in der abendlichen Dämmerung in die Tanzschleife
+wogte, umgab sie Gedränge, Blicke, Augen.
+Ein großer Steuermann von der savoyischen Linie faßte
+sie, brach die Finger fast an ihren Korsettstäben. Sie
+tanzte mit starrem Blick, ihr Zofenkleid machte sie noch
+herber, sie bog in den Vorsaal. Er taumelte, fiel in
+das Knie, schäumte, erhob sich, sie führte, sie schwindelten,
+sie tanzten in den Garten. Er konnte sich nicht helfen
+und stammelte Flüche. Sein Kopf fiel auf ihre Schulter
+und er schlug sie auf den Arm. Sie ließ nicht nach,
+bis sie langsam mit zitternden Knien hineinging in den
+Dampf, der Mann besinnungslos auf dem Kiesbeet
+lag. &mdash; Ein Kolonialoffizier erschoß sich, einen Ring
+von ihr auf der Brust, durch den er die Kugel gesandt
+hatte. Kam sie mit hochroten Lippen durch die Rue
+du Purgatoire, ward der See eine Tönung blässer, der
+Montblanc steiler am Horizont. Die Augen der Männer
+wanderten ruhelos nach ihr. Verkleidet im Mannskostüm
+bei einem Ball jeute sie im Kursaal, trat hinaus vor
+die Schnüre von Lichtern, die die Fassade umlohten,
+ihr Blick tauchte in den eines ganz jungen Studenten,
+<!-- page 197 -->
+er fuhr sie hinaus. Ihre langgeformten Knie, die
+eine wundervolle Sehnsucht in seine Seele zeichneten,
+verzückten ihn, daß er ins Wasser sprang und am
+Ufer schreiend davonlief. Sie ging mit zwei weißen
+Windhunden durch die Palmgefieder des Parc des
+Eaux Vives. Sie blieb stehen, kehrte langsam um.
+Auf einer Bank saßen Léon und Renée. Ein Zug
+seines Mundes erinnerte sie den Abend lang an
+Pony.
+</p>
+
+<p>Sie fuhr zu ihm. Er hatte den Garten, den sie
+ihm geschenkt, geschnitten, begossen, bestellt. Ihren
+Namen mit Ranunkeln gesetzt, in die vier Bäume
+des Eingangs geschnitten. Auf der Höhe des Belchens
+ihr Wappen mit Steinen zusammengesetzt. All seine
+einsamen Tage erstanden als Monument seiner Liebe.
+Hinter dem Strohdach sank die Vogesennacht feucht
+und traurig. Sie stiegen hinunter am Morgen. Kuheuter
+und Wiesen rochen unter dem roten Mond, über
+dem Rhein lagen die Schwarzwaldtage mit silbernen
+Wolken. Über den Grat der Vogesen rollte die purpurne
+Kugel groß und träg.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Hast du die Harmonika?&ldquo; Er nickte. Nur ein
+scheuer Blick nach aufflatternden Vögeln zeigte, daß
+er Sehnsucht hatte. &bdquo;Ich schreibe deiner Schwester&ldquo;,
+sagte sie am Morgen. Sie arrangierte ihren Hutkauf,
+sogar eine Stelle und nahm ihm mit einem Brief die
+große Sorge. Aus den Weinbergen glühte blau die
+<!-- page 198 -->
+Sonne. Sie lockte unter seinem Fenster. Als er in die
+Hecke ihr nachstieg, ließ sie seine Lippen ihn aufmachen
+und legte ihm seidenschwarze Brombeeren eine nach der
+anderen in den Mund, der feucht und schmal und rot
+war. Seine Tierischkeit, die die einfältigen schönen Formen
+der Natur edel befolgte, gab ihr jeden Tag das
+Neue. Ringe kamen, Nadeln für ihn. Er spiegelte
+sich im Rücken seines Zigarettenetuis.
+</p>
+
+<p>Er erbrach sich nachdem er zu viel gefressen. Sie
+saß an seinem Bett, er fürchtete sich vor dem Unbekannten,
+das ihm Leiden brachte, verehrte sie wie eine
+Mutter, indem seine Seele zum Schutz dicht an ihre
+sich schmiegte. Er tollte in die Gesundung, riß den
+Schwanz der Hühner aus, saß auf den Bäumen, ward
+traurig am Abend, wusch sich nicht, roch nach Schweiß
+und Erde, sie fand ihn schöner als je.
+</p>
+
+<p>Sie bekam Sehnsucht nach Wasser, als nach einem
+Gewitter ein Bach neben dem Haus herabstürzte. Sie
+fuhren zurück, zusammen diesmal. Neben ihr zwischen
+den Hunden schritt Pony in weißen Hosen und Schuhen
+durch die Rue du Rhône. Er blieb am Geländer
+stehen, schaute träumerisch in den tiefblauen Schuß,
+der aus der Brücke kam, die Insel umrahmte und
+überschwungen blieb von unwahrscheinlichen Schwanenherden.
+Sie pfiff durch die Zähne. Zwei Passanten
+blieben stehen, sahen nach. An der Brücke flog eine
+Autotür auf, ein Herr, indem er die Kurve nahm, als
+<!-- page 199 -->
+sause eine Kugel in einer gebogenen Schiene, starrte sie
+an. &mdash; Auf dem Balkon saß Renée im Lederstuhl, die
+Knie hochgezogen. Ihre Atropinaugen, tief untermalt,
+glänzten einen milden Schein, sie starrte auf Pony,
+flog darauf Daisy an den Hals. Der Abend schoß durch
+die Platanen. Renée legte die Gabel hin, kniff ein
+Fünffrancstück ins Auge, legte dem Kellner den Absynthstrohhalm
+über das Ohr und breitete die Arme aus.
+Pony sah auf das Wasser. Die Küste wich zurück.
+Schwärmerische Raketen überwanderten den immer neu
+geäderten Himmel. Ein Konzertstück wie eine rosa
+Wolke lag mitten im See. Auf den Fußspitzen wiegte
+Renée erwartend den ganzen Körper langsam über die
+Lehne, blieb einige Minuten von einem unaufhörlichen
+Zittern durchflossen. Plötzlich wühlte sie den Bauch
+in den Mondschein, bebte in der Wage der Hüften
+in einer pfeilschnellen Schwingung, tauchte aus dem
+Licht, fuhr mit einer kreisenden tollen überschwingenden
+Eile wieder hinein &mdash; dann kamen die Lenden in ein
+glücklicheres beruhigtes Schweifen, die Muskeln des
+Leibes ebbten zurück und wurden spiegelglatt, fast ohne
+Atmung. Sie tanzte nur noch mit den Knien, die den
+Körper in einem fast gläsernen Taumel ertrugen. Die
+Hüften malten sich unbeweglich und zart in die Schatten.
+Nur der Rock rauschte, Daisy preßte dagegen, sie
+schwangen atemlos, ihre Leiber bedeckten sich, sie küßten
+sich &mdash; &bdquo;Warum brachtest du mich her?&ldquo; frug Pony
+<!-- page 200 -->
+schauernd in ihrem Arm die Nacht. Sie lachte: &bdquo;Reizt
+es dich nicht zu größerer Liebe?&ldquo; Sie zog ihn auf
+ihren Mund: &bdquo;Pony.&ldquo; Er schloß die Augen.
+</p>
+
+<p>Eines Nachts brachte sie von den Anlegeplätzen vor
+Versoix Jérôme mit, im Sweater ohne Kragen und
+Ärmel. Selbst wenn er flüsterte, war seine Stimme
+rauh und biß sich durch die Dunkelheit. Im Zimmer
+nebenan lag Pony, die Wand war so dünn, daß das
+Geräusch einer Fliege im einen Raum im anderen noch
+lauter scholl. Sie legte die Kleider langsam ab. Am
+anderen Tag mußte Jérôme sie rudern, hinaus, zurück,
+in die Rhône, um die Insel, dann immer um ihr
+Haus. Eine Kette von Schwänen verfolgte das Boot,
+ihre Weiße verblich am Abend mählich der Blässe ihrer
+schimmernden Haut. Sie sah immer auf Jérômes
+Nacken, wo die braunen Halsmuskeln wie Fächer zusammenschnellten.
+Abends ging sie einsam und allein nach
+Haus. Die Schwäne geleiteten sie noch eine Weile in der
+Dunkelheit am Ufer. Als Léon von der Gesandtschaft
+in Bern zurückkam, lag er verzweifelt im Boot vor
+ihr, berührte ihre Hände, ihre Schuhe. Sie schüttelte
+den Kopf. Sogar das Wasser erhielt eine Feierlichkeit
+und schäumte leicht in dunkler Erregung, wie sie
+mit langen braunen Beinen immer tiefer hineinstieg.
+Auf der Terrasse des Café du Nord ballte Léon die
+Hände und hörte auf zu atmen nach seiner Frage. Sie
+ging hinweg über Pony, schaute ihn einen Augenblick
+<!-- page 201 -->
+an, die Bernsteinkörper in seinen Augen ihr gegenüber
+erstarrten, sie ließ eine Sekunde schweben, dann sagte
+sie auf sein Drängen, wie er es wage, mit ihr zu
+reden, habe er doch Renée. Ihr Hochmut ließ ihn
+bei diesem Namen eine Bewegung machen, als lege er
+dies nebenhin als ohne Gewicht für sein Leben. Sie
+zeigte nichts, aber er strich sich damit aus ihrem Dasein.
+Aber Renées Geschrei machte sie müde am anderen
+Tage, denn sie tobte in ihren Zimmern, weil sie Léon
+liebte. Die Zarte irrte wie ein Vogel auf den Balkon
+gegen das Blaue und zurück in das Zimmer. Daisy
+sah sie lange an. Sie sagte kein Wort, gab ihr Geld
+und zwei Koffer. Am Abend ging sie zum Zug. Renée
+weinte gerührt an ihrem Hals. Als der Zug weg
+war, sah sie einen Männerschatten am Bahnhofeingang,
+sie nickte mit dem Kopf. Zu sich selbst.
+</p>
+
+<p>Léon griff sie stürmischer an, befreiter, beim Segeln,
+auf den Quais. Sie bedeutete ihn ruhig, daß das Opfer,
+mit dem er sich brüste, ihr nichts bedeute, denn es sei eine
+Selbstverständlichkeit und ohne die kleinste Verpflichtung
+für sie. Sie kam mit Pony wieder und den Hunden am
+Abend die Anlage her, als die Rhône sanft, tiefblau
+vorüberströmte, schon die Dämmerung aufnehmend, während
+ihr Anfang noch biegsam und stählern mit den
+Schneebergen glühte. Léon flehte sie an, Pony zu verlassen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Gab ich nicht Renée?&ldquo; Es verstörte sie eine Sekunde,
+<!-- page 202 -->
+an die Tänzerin zu denken. Doch glitt es schon
+weiter, hinter sie. Sie zog die Augen an, daß sie schräg
+standen.
+</p>
+
+<p>Am Morgen war sie verreist. Enttäuscht von der
+Brust eines glatten Fischers kam sie von Beaurivage.
+Der Morgen fiel prall und von seraphischer Bläue
+in die Schwebe getragen auf den weißen Ufersand.
+Erstaunt sah sie Genf wieder auftauchen. In der Betäubung
+des irrsinnigen Suchens fiel Gelebtes sofort hinter
+sie, Leidenschaften verschwammen wie nie geatmet
+nach Tagen. Die Landschaft der Woche vorher, das
+Haus, ihre Gedanken prallten schon im Wesenlosen.
+Als Léon, die Hand am Steuer, den Großschot in
+der anderen seilend, in ekstatisch erhellter Nacht, in der
+der Mont Blanc wie ein weißer Ballon schwamm,
+schwor, Pony zu erschießen, wenn sie ihn nicht verjage,
+sein Auge den fiebrigen Wahnsinn bestätigte,
+wies sie ihn zurück mit Nein. Kalt vor Zorn verließ
+sie ihn über die Drohung, mehr voll Liebe zu
+Pony wie je. In dieser Nacht weigerte sich Pony
+zum erstenmal, sein gequälter Körper gab ihm Mut,
+den sein Geist nicht hatte. Sie sprang aus dem
+Bett: &bdquo;Gut .&nbsp;.&nbsp;. du wirst Bonnen wieder haben.&ldquo;
+Am Abend kreuzte Léon Ponys Abreise, sie hatte
+ihn nicht begleitet. Er nahm einen Wagen, jagte.
+Er kam als Sieger. Auf dem Tablett kam mit ihm
+ein Brief, Daisy nahm ihn, als Léon eintrat und legte
+<!-- page 203 -->
+ihn sofort wieder zurück. &bdquo;Welche Eitelkeit in Ihrem
+Gesicht&ldquo;, höhnte sie und wandte sich um nach dem
+Shawl und dem Spiegel. Bestürzt, zerschmettert kehrte
+Léon um. Am Ende des Zimmers hielt er, nahm eine
+Vase und schlug sie hin, blickte starr und ging hinaus.
+Daisy trat auf die Rampe des dunkel gewordenen
+Hauses, um das die Brust des Wassers langsam stieg
+und fiel. Sie pfiff. Zwei grüne Lichter bewegten sich
+auf dem Anlegeplatz, stachen ins Wasser, kamen im
+Bogen heran. An Léon vorbei, strich Jérôme in das
+Haus. Plötzlich hob er den wirren braunen Kopf und
+lauschte. Im untersten Fenster sang eine weiche berückende
+Männerstimme: &bdquo;Andulko me dite &mdash;vy se mne
+libite .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; &bdquo;Was ist das?&ldquo; frug Jérôme. Sie
+lauschte. Pony war zurückgekehrt. Sie lachte, zog ihn
+wie einen Hammel am Fell. &bdquo;Einer der Hunde?&ldquo;
+frug sie ihn; er fletschte die Zähne. Sie bückte sich,
+hob den Brief auf. Die Schrift war von Syg. Sie
+ließ ihn in das pfaublaue Wasser hinunterflattern.
+Am Morgen brachte sie Pony selbst in die Bahn.
+</p>
+
+<p>Ringe in Blumen .&nbsp;.&nbsp;. sie gab die Buketts, ohne
+sie zu sehen, dem Zimmermädchen. Ein Kreuz mit
+Ametyst auf Rosenholz, vom Athos, lag auf ihren
+Kissen. Ein Pferd stände bereit, schrieb man. Léon
+schmiegte sich manchmal durch die Dämmerungsschatten
+draußen. Eine Yacht trug ihren Namen am Lee
+unter dem Fenster vorbei. Eine kalte Verschwendung
+<!-- page 204 -->
+trug die Luft jedem aus ihrem Leben zu, die erzittern
+machte, wer in ihren Kreis trat. Sie atmete, sah
+Augen, Tage, blaue Ausschnitte über dem Salève,
+kurz und farbig blitzten Blicke in ihren, schon entrann
+es zu anderem. Es floß zurück wie in einen Bogen,
+in dessen Kurve ihre Seele unermüdlich schwang. Irrsinnig
+eines Abends erstürmte Léon die Treppen, kam
+in ein Zimmer, wo sie las, streifte die Kleider ab.
+Sie eilte hinaus, schloß ab, klingelte. Er flehte. Sie
+wollte den Skandal. Dann überlegte sie, sie schloß
+einen Vertrag, legte ihm auf, daß er sie mitnahm
+auf die Gesandtschaft in Bern. Er kompromittierte
+seinen Namen, die Stellung. Doch er sah sie nur
+entfernt wie immer. Sein Diener erzählte ihm von
+dem Kreis und den Monden auf ihrem Leib, er ward
+ohnmächtig. Sie frug ihn nach seiner Arbeit, den
+Geheimnissen des Berufs, sein Leben. Seine Nägel
+ballten sich in die Handflächen, aber sie sah die geheimsten
+Akten. &bdquo;Wäre ich eine Agentin?&ldquo; Er
+zuckte die Achseln, schon war ihm alles gleich. Seine
+Familie steckte ihn in ein Sanatorium. Er folgte.
+Vorher bestach er die Zofe, erhielt eine ihrer Hosen,
+schluchzend fuhr er damit im Zug. Er hatte sie nicht
+gehabt. Er hatte wenigstens dies. Am Abend spielte
+sie in einen Mann verkleidet auf einem Kostümfest,
+an den &bdquo;Kleinen Pferden&ldquo;, verlor, konnte nicht alles
+zahlen, bat ihren Partner mitzukommen. Er wartete
+<!-- page 205 -->
+im Vestibül. Als sie die Treppe zurück herunterkam,
+erstarrte er. Sie kam als Frau.
+</p>
+
+<p>Er neigte sich über ihre langen Finger. Wie sie
+in den Wagen stieg, sprang Jérôme hinter einem
+Busch heraus und schrie: &bdquo;Hure&ldquo;. Etwas blaß,
+unsichtbar durchglüht trat sie zögernd ein wenig
+zurück. Als sie ihn aber ansah, ließ er die Hände
+sinken, schlug sie um den Nacken und lief brüllend
+davon. Der Wagen rollte. Sie trat mit ihrem
+Partner ein Treppenhaus mit Marmor hinauf. Die
+rote Weste eines Dieners leuchtete hinauf neben ihr
+unter einem zehnkerzigen Halter. Die Fräcke im Saal
+glitten durch einen dünnen silberbläulichen Rauch, den
+der Atem des Tanzes und der Getränke schon zum
+Rausch gemacht hatten. Sie legte den Arm auf eine
+Schulter, der blasse Schein einer Nische umglitt sie.
+Ein Mund fiel auf ihre Achsel. Sie zuckte zusammen.
+Ihre Glieder wurden kalt und abwesend wie oft in
+unerklärlichem Wechsel. Sie starrte vor sich hin.
+Sie hatte einen Brief eingesteckt, als sie sich umzog.
+Es fiel ihr ein, sie öffnete ihn. Sie stand auf.
+Der Mann hielt sie. &bdquo;Was?&ldquo; Ein verzweifeltes
+Gesicht krallte sich in ihr Auge. &bdquo;Hast du mich
+nicht wahnsinnig gemacht?&ldquo; Sie schüttelte den Kopf.
+Sie hatte ihn kaum bemerkt, ihre Gedanken kreisten
+irgendwo entfernt, es fiel ihr nicht ein. Mitten im Saal
+schrie der Mann ihr nach: &bdquo;Hure&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. Sie zuckte kaum
+<!-- page 206 -->
+merkbar die Schultern. Sie hörte es zum zweitenmal
+heute. Allein es drang auf keinen Punkt in ihr ein, der
+ihr Gefühl bewegte. Vorbei schon. &bdquo;Ein Opfer&ldquo;, lächelte
+ein übergroßer lässig gebeugter Herr im Monokel. Schon
+suchten an seinem Mund vorüber gleichmütig ihre
+Augen nach Neuem. Ein olivenfarbener Jüngling,
+der wie ein Mädchen tanzte, legte den Arm um sie.
+Lächelnd glitten sie Ring auf Ring herum, gewiegt
+von einer Klarheit der Füße wie nie in diesen Sekunden.
+An einer Ecke des Saals fiel ihr das zweifach
+gesagte Wort mit einem Mal ein und sie setzte sich.
+Es war, als zerschmetterte es etwas in ihr. Sie trat
+an das Fenster. Unten im Garten hörte sie deutlich
+eine Frau weinen. Das faßte sie wie mit Schrauben,
+sie glitt hinaus. Eine Bank. Es war, als ströme
+mit dem Weinen in dem Busch, ihr Leben weg, bräche
+ein wie in Eis, zerrinne haltlos zwischen ihren Händen.
+Sie sah, wie sie Stück auf Stück verloren hatte,
+unter dem Schmerzenston brach es zusammen. Sie
+versuchte nicht, sich zu wehren. Perlmutten flauschte
+im Mondschein ein Segel vorüber und rückte ins
+Dunkel. Zerfetzte Trümmer lagen um sie, was sie
+gesehnt, gedacht, begehrt im Blut .&nbsp;.&nbsp;. es knallte um
+sie zusammen.
+</p>
+
+<p>Da erst, wie angezogen von der anderen Stimme,
+konnte sie weinen und je länger die Tränen über ihr
+Gesicht strömten, fühlte sie, wie in ihr die Verzweiflung
+<!-- page 207 -->
+und das gierige Suchen brach. Sie fühlte sich elend
+wie nie, aber gleichzeitig verband sie ein Strom ungekannter
+Süßigkeit mit der anderen Weinenden. Es
+war ihr, wie, als sie erkannte, daß die Stimme versage,
+und jedes Leidende, jede Kreatur dicht ihr Herz berühre.
+Sie stand in einer wunderbaren Empfindung. Schon
+rissen die Wochen hinter ihr wie unwirklich und ihrem
+Wesen ungehörig sich ab und stießen ins Wesenlose.
+Aus der Tiefe des Elends aber zog sie ein Gefühl von
+einer ergreifenden Harmonie in die Höhe. Sie empfand,
+als stehe sie auf anderem Boden, wie plötzlich
+ihr Schicksal sich zusammenlegte mit Tausenden von
+Menschen, an die sie nie gedacht, daß ihr Schmerz
+sie erhob und verband, und daß, wie sie verzweifelt
+gesucht auf der Jagd und mit den greifenden Händen,
+in ihr lag mit einer stillen Verantwortung, die nichts
+übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. <a id="corr-7"></a>Es
+stieg eine Kraft aus ihrem Elend, die sich in ihr
+bäumte. Ein Glücksgefühl überfloß sie. Demütig
+grüßte sie den Fall der Jetée, die Neigung der Berge,
+das träumerische Schleifen der Schwäne. Herauf
+kam der Kleinen Gesicht, aber die Schuld, die sie
+empfand, drückte sie nicht, sondern entflammte sie zur
+vollen Anspannung. Ihr war, als ruhe die Achse
+alles, was Hülfe bedurfte, in ihrem Herzen in dieser
+Nacht und ihr Herz drehte es in einem wunderbaren
+Stolz. Sie schaute lange unter der vorgehaltenen
+<!-- page 208 -->
+Hand ins Wasser. Ein Gesicht kam zurück von der
+glatten Fläche. Sie schauten sich an. Dann ging
+sie hinein.
+</p>
+
+<p>Sie hatte ein anderes Gesicht gesehen.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Sie ließ ihre Sachen verteilen. Jérôme sandte sie
+einen Ring. &bdquo;Ay .&nbsp;.&nbsp;. ay .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; rief sie an der Gasse.
+Die arabischen Weiber küßten ihre Hände und Füße.
+Die Zofen kamen, nahmen. Die Bonnen gingen mit
+Ballen, zitternden Händen. Die Kostbarkeiten wurden
+versteigert. Die Depots sperrte sie. Die Spitzen
+rannen ihr durch die Finger. Eine frische stolze Hure
+in einem Kleid, daß ihrer Haltung zu gering war, zog
+sie aus dem Tanzsaal. Die Hosen, deren Plissees
+rauschten, in matter Seide zu Dutzenden fielen, durchfühlte
+sie mit der Hand, gab sie ihr. Mit jedem
+Stück, das sie verließ, schenkte sie sich zurück. Und
+die Wollust des Hingebens verband sie den Dingen
+um sie. Gebend lebte sie drei Tage und fühlte, wie
+unter dem Hinweggehen ihres seitherigen Daseins Freiheit
+in sie strömte.
+</p>
+
+<p>Eine kleine Summe füllte sie in ihr Portemonnaie.
+Sie besaß einen Koffer noch und ein weiches helles
+Kleid aus indischer Seide. Sie schellte Marguerite,
+<!-- page 209 -->
+die Manikure. Vor dem Spiegel die Figur und den
+Kleidschnitt abmessend, bot sie ihr den Tausch an. Die
+lehnte ab, da es zu kostbar war, errötete, ließ sich
+langsam zwingen, küßte Daisys Hand. Mit kleinen
+Sachen ging sie auf die Straße, gab dem, jenem,
+Frauen, Kindern. Es reizte sie nicht, zu wissen, wer
+es besaß, denn jede Tat der Entäußerung entlastete sie
+zu Glück. Sie beschäftigte ein halbes Dutzend Agenten.
+Ihre Pariser Wohnung ward verkauft. Pferde untergebracht.
+Möbel, Schmuck versteigert. Die Summen
+festgelegt, geschlossen. Selig fühlte sie alles entgleiten.
+Dem prächtigen Körper eines verlotterten Mädchens,
+dessen Anmut sie rührte, schenkte sie ihr Kleid. Sie
+stand in Hosen plötzlich am Badestrand abends. Verlegen
+ging sie in die Kabine, sandte ein Kind mit dem
+Portemonnaie zu der Manikure. Das Kind kam mit
+einem Kleid, brachte das Geld zurück. Sie zog ihr
+Armband aus, es Marguerite zu senden, runzelte die
+Stirn und blieb eine Minute in einem merkwürdig
+erhellten Zustand. Darauf schenkte sie es dem Kind
+für sich selbst. Küßte es, tief getroffen. Mit der
+Entledigung zog die Einsamkeit des Reichtums aus ihr.
+Sie besaß noch zwei Ringe. Einen warf sie den
+Schwänen zu, vom Geländer, abends.
+</p>
+<!-- page 211 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-5">Der vierte Abschnitt
+</h2>
+<!-- page 213 -->
+
+<p>Vierzehn Tage wohnte sie Mont Martre, stieg
+hinab zu den Hallen, nach drei Wochen war
+sie Mont Parnasse, geriet in ein falsches Haus; ein
+Kind fiel die Treppe herunter, sie nahm es hoch, es
+schrie. Ein Mann brüllte sie von oben herunter an,
+ging in sinnloser Wut auf sie zu. Sie strich das
+Kind über den Kopf, legte es der Frau an die Brust.
+&bdquo;Verzeihen Sie&ldquo;, sagte sie, schlug die Augen herunter
+und ging mit einer Stille, daß der Mann, verstummt,
+sie grüßte. Sie wohnte Rue Bonaparte, die so eng
+war, daß vor der Ecole des Beaux Arts nur eine
+Linie der Autos vom rechten zum linken Seineufer
+durchfuhr, und die ohne Pause zitterte. Sie bewohnte
+die Hotels am Boulevard Sebastobol, wo Huren und
+Apachen nachts schrien. Sie ging durch die Straßen,
+früh, mittags, die Nacht. Beim Löwen von Belfort
+sah sie Ringer und Stemmer in Trikots unter den
+Bäumen turnen. Kokotten pfiffen ihr nach. Rue Richelieu
+schlugen Huren sie nachts, weil sie glaubten,
+sie breche marodierend in ihr Männerquartier. Abends
+in der Olympia Bar fletschten vierzig Mulattinnen die
+<!-- page 214 -->
+Zähne um sie, im Saale der roten Papageien und
+drei Kapellen drehte sie sich, tanzte, ging allein, als
+die Rudel schönbeiniger Frauen lachend aus der Revue
+mit dem Geruch ihrer Haut und der Tierbewegung
+der Hüften und langen Schenkel kamen. Auf
+Imperials rollte sie von Quartier zu Quartier, Liebespaare,
+Trunkene, Studenten mit zerrissenen Schuhen,
+Russen, alte Böcke, aufgegeilt hinter Midinettes her,
+neben sich. Im Hotel des Etrangers schrie ihr Nachbar
+in Herzkrämpfen auf. Sie saß drei Nächte, kühlte
+ihm die Brust mit Eis. Als er hochkam, beschloß er
+sie dankbar unter die Decke zu ziehen, griff in ihr
+Bein. Am Panthéon erschoß sich ihr Visavis, ein
+blonder Student, der morgens mit roten Lippen gleichzeitig
+wie sie die Milchkaraffe in Unterkleidern in
+seine Tür hineinzog, an Syphilis. Sie wohnte Rue
+Monsieur Le Prince, Vaugirard, Champollion, zählte
+die Schornsteine, Betrunkene an ihrer Tür, die Fenster,
+Mondaufgänge.
+</p>
+
+<p>Sie wohnte Rue Gay Lussac. Ihr Geburtstag
+trüb Quai de Valmy. Kehrte zurück, als die Seine
+sie drückte, zu Mme Fleurquin, in das Zittern der
+Rue Bonaparte, Bäume schwankten Boulevard St.
+Germain. Square Monge erlebte die Überschwemmung.
+Rue des Bernardins verließ sie das Hotel im Kahn,
+half Emigranten retten, ward als Diebin verhaftet,
+lächelte sich frei. Ging auf die Mairie neunzehntes
+<!-- page 215 -->
+Arrondissement, vierundsiebzigstes Quartier, gab sich
+hin für Überschwemmtenhilfe, empfing ein ironisches
+Ziehen des Mundes, ging wieder. &bdquo;Geben Sie, Notre
+Dame des Lorettes willen, einen Sou zum Métro,
+damit ich die Kaserne erreiche,&ldquo; flehte in der Rue Pigalle
+ein Piou-Piou. Sie gab ein Fünfzig-Centimes Stück.
+Er lachte sie aus, suchte sie zu umarmen. &bdquo;Kommen
+Sie, es ist warm darin,&ldquo; sagte ein großer Mann,
+glaubend, sie friere, nahm sie mit in das Café Cluny,
+las die Zeitung, ignorierte sie, zahlte für beide, ging
+mit einem Gruß. Erstaunt suchte sie ihn drei Tage,
+fand ihn nie wieder. Sie wohnte gegenüber Ecole
+Polytechnique, wo nach Regen Abenddächer mit weißen
+ovalen Schilden blitzten, dumpf Seinehörner tuteten,
+sah die Zöglinge der höchsten Artillerieschule farbig an
+Kanonen seltsame Bewegungen machen. Saß Closerie
+des Lilas, hörte die Revolte der Kunst. Aux trois Poulards
+schlug ein Mann einer Frau durch den Schädel,
+nahe den Hallen, warf sich heulend über sie. Sie belauschte
+das Gespräch zweier Absynthe-Weiber, Ausgedörrte,
+die gleich Hyänen gegeneinander stürzten und von
+der Berührung des Fingers schon umfielen, in den Pausen
+der Schlacht, wo sie, unfähig aufzustehen, nebeneinander
+in der Gosse lagen. Sie machte dem Trio an der
+Sorbonne Platz, dem Star-Mann, dem beinlosen
+Singenden auf dem Räderbrett, dem jungen Louis,
+sie warfen ihr Schlüpfriges nach. Sie aß mit der Papageienverkäuferin,
+<!-- page 216 -->
+studierenden Negern, österreichischen
+Spitzeln, Lesbierinnen der Place St. Michel, mit
+spanischen Zöglingen der Schneiderakademie, Chauffeuren,
+Gasarbeitern, Deutschen.
+</p>
+
+<p>Sie ging zum Löwen von Belfort, wo Ringer und
+Stemmer unter den Bäumen turnten. &bdquo;Wie elend
+zum Kotzen dies Leben&ldquo;, sagte ein gesunder Mann,
+der Postkarten verkaufte, mit weißen Zähnen lachte.
+Da brach eine fremde Frau in Tränen aus. &bdquo;Haben
+Sie Hunger?&ldquo; frug Daisy mit einem Blick auf den
+Ellenbogen der Frau; die aber stieß ihr durch das
+Kreisloch den spitzen Knochen in den Leib, schrie, fluchte,
+drückte sich hinaus. Sie wohnte Porte Maillot, wo
+Métros aus der Erde stießen, Menschenmassen aufquollen,
+Korsos zum Bois wallfahrten, selige Benzingerüche
+in Parkwipfeln schäumten, lange Frauenketten
+in Wagen unhörbar, mit Pelzen und süßen Pferden
+zu Wiesen zogen. Sie wohnte Impasse Bérthier,
+Rue de la Rochefoucauld mit der Grabesruhe und
+Sacré Coeur blitzend darüber mit weißen Türmen,
+Rosenkränzen, Zitronen. Moulin Rouge brannte das
+Parterre aus, vom dritten Stock sprang ein dicker
+Offizier ab, zerschellte unter dem Flammenschein. Sie
+wohnte Quartier Ternes, fleißige kleine Bürger arbeiteten
+in offenen Fenstern. Stand Champs Elysées vor
+Luxushotels, sah Autos anfahren, gepflegte Frauen,
+helle Glacés, Skunks, weiße wundervolle Füchse. Sah
+<!-- page 217 -->
+an sich herunter. Sah gespannter lang hinüber.
+Wohnte Rue Delambre, zweiter Hof, dritte Baracke,
+Numéro Vierundachtzig. Wohnte neben Jardin du
+Luxembourg. Wohnte Parc Monceau, diese Nacht
+selig von Bodengerüchen. Wohnte Bastille-Platz.
+Wohnte zwei Nächte nirgends. Wohnte St. Germain
+des Près, sah um sich Pfauenräder der Lichtkaskaden
+zum Himmel brennen über dem rötlichen
+süßen Straßengefieber, folgte einem Ruf, stieg zwei
+Treppen zu Musik, sah sich um, prüfte, wer gerufen,
+ging zurück. Am zweiten Tage hier folgte sie einer
+Bluse in ein Kaffeekonzert.
+</p>
+
+<p>Einen warfen sie heraus neben ihr, zehn Meter unter
+der Erde, der zweite Keller, schrieen: &bdquo;Sortez-le!!
+Peschärsche, Affenschwänze, Bauchzimbel, Irrgebrunste,
+Saligots!!&ldquo; Im Rauch fiel ein Sergeant gegen die
+bemalte Kalkwand, weiß im Gesicht, beugte sich im
+Gesäß. &bdquo;Rotz-Lumpen&ldquo;, er verschwand. Ein ungarisches
+Violinstück kam aus der Ecke. Sie ging über den
+Boden, in dessen Lehm ihr Absatz leicht sank, saß
+nieder der Bühne gegenüber unter dem zweiten Lampion.
+Ein Rosablusenmädchen besah im Spiegel die
+Zungenwurzel genau und angespannt, schüttelte den
+Kopf lachend gegen den Rauch. Eine unsichtbare
+Stimme, siehe, rief: &bdquo;Schlaf mit mir, süße Freundin.&ldquo;
+Sie erhob sich und warf sich einer sanften
+Schwimmenden gleich in den Dampf.
+</p>
+<!-- page 218 -->
+
+<p>Daisy stand mit ihr auf, ging zwischen gesäten
+Tischen, den Blick fest nach vorn. Ein altes Weib
+neben den Kulissen auf einem Faß zog über ihre
+schamlosen Beine einen Keuschheitsgürtel, stampfte im
+Tanz, grimassierte den Bauch, zwischen gelben Zähnen:
+&bdquo;Elle avait un petit cadnaz .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Auf der Bütte in
+dem Winkel gegenüber schwang die Kitschfanfare eines
+militaristischen Fanfarengauls. Sozialisten schrien sich
+am Ausgang zu: &bdquo;Allons Camerades&ldquo;, stürmten,
+warfen die Bütte um, schwangen einen Kreis um die
+Alte. Daisy stand auf, ging weiter nach vorn. Sie
+saß in der ersten Reihe. Auf der Rampe über ihr
+stand ein Mädchen, und die ungewöhnliche Zierlichkeit
+und Anmut ihrer Beine machte ein Loch in den Lärm.
+Daisys Blick blieb lange an der Biegung ihrer Lippen,
+dem Schwung ihres Leibes, der kindlichen aufreizenden
+Geste, mit der sie sich entzog. Sie saß nun
+ganz an der Spitze des ersten Tisches. Als im Vorgang
+des Schattenspieles ein schwarzes Mädchen
+ohnmächtig ward, der Mittelpunkt des Abends unter
+Gemurre schwankte, sagte sie entschlossen: &bdquo;Ich&ldquo;, trat
+hinter das aufgespannte Leinentuch, fand dort Renée,
+die den Stoff ihres Kleides prüfte, ihre Augen dicht
+ansah, lachte und sie küßte, neben dem Conférencier
+Philippe.
+</p>
+
+<p>Sie lieh ihre Stimme einem Schwan hin, der an
+Philippes Hand grotesk in Schatten verzogen auf der
+<!-- page 219 -->
+Fläche tanzte und es nicht unterließ, in heftigen Perfidien
+dem Präsidenten der Republik nahezutreten, den
+Abend zu retten.
+</p>
+
+<p>Sie gingen eingehängt zum Boulevard St. Michel,
+überquerten den Platz, hielten an der Boulangerie.
+Trabten weiter. Stießen auf d&rsquo;Harcourt, passierten,
+liefen zur Bar, standen vor der Luxembourg-Fontäne,
+gingen in die Source, trieben heraus. Wurden aufgehalten,
+Philipp erkannt, umringt. Studenten schwenkten
+die Biretts, drückten aus ihren Mimis süße Schreie.
+Einer löschte die Laterne, einer kitzelte den Sergant de
+Ville. Sie zogen durchs Croissant, grüßten mit Zuruf
+Jaurès, stoben im Hinterzimmer über das Klappern
+der Jetons, warfen einen Spieltisch um, beknurrt
+vom Haß der Tische hinaus. Zurück zu d&rsquo;Harcourt.
+Dann zur Source. Reichere Studenten schrien den
+Mimis Preise zu. Im Panthéon fiel ein Mann
+klatschend auf einen rundoffenen lackierten Hurenmund.
+Damen von dreißig bis sechzig Franken stießen verächtliche
+Parfümwolken aus gegen die Mimis, die frech
+und ängstlich an den Armen ihrer Freunde schwebten.
+Auf dem Boulmich verdrehte die Mimi Madeleine
+die Augen, fiel um, blutete aus einem Achselgeschwür.
+Sie schafften sie in die Brasserie Lorraine, gaben sie
+ab, saßen um einen Tisch, klatschten in die Hände,
+hoch im Rhythmus, wieder herunter und dann monoton
+in einer Schleife. Daisy schlich hinaus, vermochte
+<!-- page 220 -->
+sich nicht zu entziehen, denn am Ausgang stieß sie neben
+der Kranken auf Philippe. Sein Gesicht, wie er,
+unermüdlich, helfend, gekniet, beschäftigt war, hielt sie
+fest. Sie beugte sich vor, ging überflüssig zurück.
+Renée tanzte schon auf dem Tisch, die blanken hellen
+Scheitel der Dänen blendeten in einem Kreis um sie,
+wieder sah sie ihre unvergleichlich schönen Beine. Man
+ging Rue des Ecoles, Notre Dame, eine Brücke,
+Place St. Michel, Rue St. Jaques, Rue des Etrangers,
+wühlte sich ins Dreieckkreuzfeuer der Lichter vor
+der Nacht-Boulangerie. Zwei wurden abgefaßt beim
+Gebäckdiebstahl. Die Spionin, die im Gewühl der
+aus allen schließenden Cafés sich hier um warme Hörnchen
+massierenden Massen lauerte, griff die Gelenke,
+die Kassadame keifte, vom Pult brüllte der fette Chef
+mit aufgeschlagenen Ärmeln: &bdquo;Steck ihr Pferdäpfel
+ins Maul. Kanalsau.&ldquo; Man riß einige mit aus dem
+Haufen, wechselte ein blombiertes Fünffrancsstück, warf
+ein Pißhaus um, rollte es über die Trottoirs. Man
+kam Rue Guijas. Die Droschke mit Madeleine kam
+an. Man rettete sich aus der Clique ins Hotel, trug
+Madeleine vornher, riß Renée aus den Armen der
+Studenten in den Chauffeurmänteln, knallte die Tür
+hinter sich zu, riegelte ab.
+</p>
+
+<p>Sie stiegen durch die drei Hurenetagen zur sechsten
+der Artisten und Studenten, trugen Madeleine ins
+Zimmer Philippes. Er schlug sein Bett für sie auf,
+<!-- page 221 -->
+legte ein reines Taschentuch auf das Kissen. Beim Abstieg
+zum zweiten Stock in Renées Couloir gab es im
+dritten Skandal. Zwei Weiber, eine im Korsett, eine
+im Hemd, die schimpfte, standen vor zwei Männern
+mit Zylindern im Genick, die Kerzen hielten, und einer
+sagte: &bdquo;Alte Sau .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Die Hure hieb zu, traf nicht
+den Hut, sondern das Licht. Das Dunkel stürzte, eine
+Tür knallte, es schoß. Aus den Gängen quollen Weiber.
+Männer in Pyjamas fluchten, drückten Knipslaternen.
+Atemloses Geschrei verwirrte alles, plötzlich lief man.
+An Daisys Körper griff eine Hand.
+</p>
+
+<p>Sie flog an einen schlanken Körper, der sie rasend
+küßte. Erstarrt hielt sie in dem Zug, der sie einsog,
+in Besitz nahm mit den Lippen, plötzlich schrie sie.
+In Renées Alkoven aber schlief sie im Traum die
+Nacht mit jenem blonden Skandinavier, der die erste
+Nacht, wo sie auf den Mann traf, bei Le Beaus
+Umarmung ihr die Nacht zerfleischte, sie hinaushob
+über die Seligkeit des Franzosen und sie an eine Wonne
+hochstieß, gegen die nichts im späteren auch nur gering
+bestand. Der mit der Hand aus ihr streng heraushob,
+was ihr Schmerzen machte bis dahin. Er tat nichts,
+was ihr zurückgab, aber er küßte ihr Bauch und Bein,
+durchwühlte sie, ward blitzscharf am Rande des Körpers,
+aber im Gesicht milder, als er sie verließ. Dies
+blieb in ihrem Schlaf, so daß sie aus dem Traum mit
+dem Engel glücklicher und befreiter erwachte als je aus
+<!-- page 222 -->
+einer Männernacht. Sie stellte die Schüssel auf die
+Kiste, wusch sich, schüttete das Wasser in den Schacht,
+aus dem mit einer Wolke das Gekeif in das kurz geöffnete
+Fenster hineinstieß. Sie schloß auf zu Renée,
+sah Bewegungen in ihrem Bett, roch den Schweiß
+des Kampfes. Sie wartete still, geduldig. &bdquo;Hundert
+Sous&ldquo; im Nebenzimmer. Die Tür klappte. Sie trat
+hinein zu Renée, die sich müde im Rücken nach der
+Schüssel bückte. &bdquo;Nein,&ldquo; sagte Daisy mit unbegreiflichem
+Lächeln, &bdquo;laß mich&ldquo;, und sie hob die Schüssel
+auf ihre Knie und wusch Renée das Gesicht und die
+Brust. Erbleichend sah sie am eigenen Hals, wie sie
+sich vorneigte, die Dukatenkette vorschwingen. Es fehlte
+seit der Nacht eine Kugel.
+</p>
+
+<p>Sie hatte nur noch eine.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Für Madeleine, die ins St. Denis-Hospital gefahren
+ward, sprach sie allabendlich im Schattenspiel Philippes
+Sätze. Ward seine Angestellte, Vertraute, Sekretärin.
+Sie erlitt das Kneifen ins Bein zwischen den Tischen
+durchgehend, Zurufe Besoffener, während sie sprach
+und ihre Stimme einen Schmelz annahm, der sie nie
+beflügelt. Sie schrieb unter der Petrollampe seine Briefe,
+sein Diktat. Sie schloß, war er weg, die Dachluke,
+räumte sein Zimmer, besorgte seine armselige Wäsche.
+<!-- page 223 -->
+Wurde ihr Auge verzerrt von Gesehenem, gab seines
+ihr Haltung. Rief er, Kommis und Louis zu ergötzen,
+die Nummern des Programms in fanatisch heldischer
+Pose, las sie zu Haus, was er schrieb. Ging sie mit
+ihm neben den Bahnen, verschleierte die Straße sich
+in wohltuenden Nebel. Als im Jardin des Plantes
+der Tiger aus aufgeklafftem Rachen heulte und sie mit
+ihm ans Gitter trat, sah sie die Jungen, nur an den Zitzen
+spielend, ruhig saufen. Er wehrte jede Hilfe ab, bot
+ihr als Ausgleich von seinen sieben Centimes, blieb
+streng dabei, als sie lächelte. Bald konnte sie nur tun
+für ihn, was er nicht merkte.
+</p>
+
+<p>Am Tage des Bastillesturms gab er drei Vorstellungen.
+Am Mittag darauf kam sie in sein Zimmer. Er
+schlief auf dem Stuhl. Sie suchte bis mitten in das
+Zimmer zu kommen. Dann schlich sie hinaus. Nach
+einer Stunde kam sie wieder. Er schlief noch. Sie
+preßte das Kinn wider die Brust, weckte ihn, gab ihm
+den offenen Brief, ihre Augen trafen sich, er nickte.
+</p>
+
+<p>Sie gingen durch den Park, wo Kinder kleine Segelboote
+fahren ließen, durch Rosahüte, Militärmusik,
+sanfte Alleen mit Dogcarts. Kamen in Gassen, Geruch
+von Fischen, Kartoffeln, süßlichem Kinderschmutz.
+Eine Wolke Karbol umstand sie. Eine Schwester mit
+spöttisch grünem Blick versagte den Eintritt, Philippe
+sah sie an, nahm ihre Hand. Sie schwankte, öffnete
+die Tür. Als sie eintraten, lauerte eisiges Schweigen,
+<!-- page 224 -->
+eine Frau wälzte sich lautlos auf dem Rücken im Kot.
+Zwei fuhren auf aus den linealstarren Bettkolonnen,
+schrien, mit Armen die Kissen zerreißend, nach dem
+Mann: &bdquo;Reiß die Mempel aus! Schlammbeißer,
+Creusot!&ldquo; Sie rülpsten, ihre Köpfe waren verbunden
+und geschwollen, Eifersüchtige sich wähnend, schmissen
+die im letzten Stadium Irren über sechs Betten, die
+sie trennten, sich ihren Schleim, ihre Wut ins Gesicht.
+Er trat heran, sie zu beruhigen, indem er die Schwester
+leicht zurückdrängte. Aber als er der einen sich näherte
+und das Gesicht herabsenkte, begann sie zu zittern, fiel
+auf den Rücken, zog das Hemd auf und stülpte den
+zerfressenen Schoß ihm entgegen. Er wollte etwas sagen,
+doch die Schwester riß ihn zurück, hinaus. Daisys
+Rock ward gezogen. Eine dünne Stimme: &bdquo;Zu mir?&ldquo;
+Aus grauenhafter Sehnsucht kehrte ein gläserner Blick
+wieder zum Plafond zurück. Die Frau vom Boden
+stieß sie zur Seite, lief bis an die Tür, wo der Mann
+verschwunden, wimmerte, brach zusammen, umfaßte mit
+den Fingern die Klinke, die er berührt. Links war die
+Krankheit schon Agonie bei einer Kette Betten, rechts
+saß ein Kind und lächelte, vierzehn Jahre. Nun kam
+Daisy zum Fenster, blieb fünf Minuten bei Madeleine,
+gab ihr Äpfel, Rosinen, Bananen, Brot. Dann
+gingen sie auf die Nachbarbetten zu, legte bald auf
+jenes Kissen, bald auf dieses Tuch Frucht, und wie
+sie austeilte mit einer Armbewegung, die fast nicht da
+<!-- page 225 -->
+war vor innerer Inanspruchnahme, begann, ohne daß
+sie sprach, es immer stiller zu werden. Als sie fertig
+war, peitschte ein Schrei, stand, stieß, zerbrach. Zwei
+neueingekleidete Mimis, die Kette mit der Indikation
+der Maladie um den Hals, die frech herein kamen,
+bekamen andere Augen, andere Bewegungen, zerbrachen
+irgendwie unter dem Schrei. Neben der Toten stand
+die Schwester. Madeleine sah auf das Grün im Garten,
+zurück zu Daisy, ließ ihre Hand nicht bis zur
+Türe. &bdquo;Zu mir?&ldquo; frug die gläserne Stimme, wandte
+das zarte Profil sich hinauf. In die geklemmte Tür
+noch zwängte Madeleine den Hals, sah Daisy nach,
+bis sie verschwand.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Dies ist ein Zuchthaus.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Aber auch von St. Denis sehen sie den Himmel&ldquo;,
+sagte Philippe.
+</p>
+
+<p>Ihr Blick blieb nachdenklich, zugeschüttet, an dem
+glänzenden Lack der Kinderhüte und dem weißen Crepe,
+der die Hemden der Croquetspieler leuchten ließ auf
+der Luxembourgterrasse, als streichle er empört ihre
+Zartheit.
+</p>
+
+<p>Abends nahmen und sperrten Apachen unter Jeannot
+das Café Guijas ihres Hotels. Sie blieben mit einem
+Teil, während die meisten Studenten und Mimis durch
+den Keller flohen. Jeannot mit sympathischen Augen
+aß mit Kameraden um einen Tisch, drei standen Wache.
+Nach dem Dessert zog er die schmale Ly herüber,
+<!-- page 226 -->
+knutschte sie durch, fuhr ihr an den Bauch, lachte,
+legte sie aufs Billard. Alle umstellten es im Kreis,
+sahen zu, reichten ihre Röcke nach rückwärts. Jeannot
+strich seine Mouche, herrenhaft amusiert und wandte
+sich schon wieder ab, lachend über die Kuriosität der
+Hermaphrodite, als diese, außer sich, ihm einen Siffon
+an den Kopf schmiß. Kellner und Wirt, bleich vor
+Angst, dienernd vor Jeannot, schrien sie an. Der
+irische Aufwischer faßte sie wie ein Schwein, tat den
+größten Schimpf, warf sie aus der Tür. Sie wehrte
+sich, weinte, biß, kratzte, hielt sich an jedem Tisch, an
+jedem Arm. &bdquo;Gut zum Schlafen, wäre sie nicht .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+sagte Jeannot achselzuckend zum Ringkampf, dem er
+lässig zusah, wandte sich ab. Sie schlug vor den
+Scheiben in die Gosse, das Gesicht im abspülenden
+Regenstrom, wimmernd: &bdquo;On m&rsquo;a sortie.&ldquo; &bdquo;Fiaker?&ldquo;
+frug ein Kutscher, der vorbeifuhr, gröhlte in sich hinein,
+hieb die Gäule um die Ecke. &bdquo;Hilf&ldquo;, sagte Daisy leis,
+als sie rangen. Aber Philippe blieb unbeweglich, bis
+sie im Schmutz lag, ging dann hinaus, tröstete sie,
+nahm sie am Arm, führte sie zurück vorbei an Jeannot,
+der die Pfauenbrauen zuckte, umdrehte, dem Iren mit
+der flachen Handkante ins rote Genick schlug, daß der
+in die Knie schoß und über ihn kindlich herüberlächelte.
+</p>
+
+<p>Sie legten sie in Daisys Zimmer. Um Zwei klopfte
+es. Philippe brachte zwei Männer, einer betrunken,
+der andere fiebernd. Sie teilte die Matratzen. Sie
+<!-- page 227 -->
+machte mit Freundlichkeit Platz, haßte ihn nachts,
+morgens schlich sie in sein Zimmer, alles aus ihr stürzte
+in sein Wesen zurück.
+</p>
+
+<p>Sie ward seine Begleiterin, nichts geschah ohne sie.
+An Betten, bei Kranken war sie hinter ihm. Sein Ausdruck
+flog ihr an. Mit seinem Wort gab sie Erhebung.
+Sie stand unsichtbar, ein sorgender Schatten, vor seiner
+täglichen Existenz. Sie wies Renée aus dem Zimmer, die
+mit den Waden nach einem Literaten kokettierte, die Stunde
+störte, wo er sich gab. Sie stand an der Wand, las er
+seinem Publikum, Russen, Kranken, Bettlern, Studenten.
+Ihre Seele schwang mit, glühte fromm mit seiner, pries
+er das Unglück, das tiefer forme, Hunde inniger, Pferde
+schöner mache. Sie bewunderte ihn, wie er gab, schenkte,
+sich teilte und verdoppelte mit einer Freude, die seinem
+Gesicht nie die weiche Erfülltheit nahm.
+</p>
+
+<p>Sie strebte, ihm zu gleichen.
+</p>
+
+<p>Sie warf jeden Gedanken aus dem Hirn, der von
+seiner Richtung abwich, kasteite sich, übertraf eine
+Stunde mit der anderen. Sie gab das Letzte, was sie
+trug, den Ring an Ly, die ihn bewunderte wie eine
+Legende, ihn vor Freude in den Mund steckte, darauf
+biß und ihn fast verschlang. Sie begleitete ihn zu
+Guigui, sprach mit ihr hinter dem Gitter des Gefängnisses,
+vergaß nicht den Zug des Rehhalses am
+Eisen, kam über die Korridore mit ihm heraus und
+begann, als die Sonne herabströmte, zu weinen.
+</p>
+<!-- page 228 -->
+
+<p>Doch die unbewegliche Güte seines Gesichts brachte
+sie ins Gleichgewicht zurück und sie vergaß die Auflehnung
+und den Druck, mühte sich stark zu sein,
+ihn zu übertreffen.
+</p>
+
+<p>Sie mogelte Geld in seine Kasse, hungerte um ihn,
+kürzte den Schlaf, brachte ihm Menschen, die sie instinktiv
+auflas, in seinen Abend, gab ihm, wenn sie
+beschwingter ihm folgten, einen Wirkungskreis, der öffentlich
+ihm fehlte, da er Elend lobte.
+</p>
+
+<p>Sie sah ihn, Vorbild, gerührt ins Letzte, den Vorschuß
+des Café-Konzert an ein Kleid Renées geben,
+Essen für Guigui. Er speiste auf einer Bank im
+Monceau, damit sie nicht sah, daß er trockenes Brot
+aß. Sein Bett lieh er aus, blieb die Nacht im Stuhl.
+Er sprach freundlich zur Concièrge, obwohl er wußte,
+daß sie seine Manschettenknöpfe stahl. Lächelte, als
+das Sopha unter ihm brach. Ging still neben Ly,
+ohne Protest, als sie unschuldig wegen des Ringes als
+Diebin abgeführt ward. Sie sah mit einem schaudernden
+Mitleid, wie er sich verschwendete, Unfruchtbares
+tat jeden Tag, ohne Tat und Ziel, das half, wie er
+Hohn bekam, belacht, verschimpft ward, aber unrührbar
+blieb in seiner Weise.
+</p>
+
+<p>Die Liebe aber zu seinem Vorbild wuchs daran über
+jeden Begriff, wuchs an jedem höhnischen Lächeln, das
+man auf ihn zielte. Bedenkenloser stellte sie sich vor
+ihn. Sie suchte noch mehr, ihm alles leicht zu bereiten.
+<!-- page 229 -->
+Sie sah, wie er sich quälte, das neue Schattenspiel zu
+stellen, Ordinäres und Geistloses aus den Tageskämpfen
+zog, Unterleib und Hirn des Pöbels zu reizen, um so
+die armseligen Sous für sein Leben zu gewinnen, die
+er doch wieder weggab. Und schien ihr sein Kampf
+verfehlt und schlecht eingesetzt am ungünstigen Hebel in
+mancher Sekunde, so schien die Stärke, die ihn überwindend
+führte, doch ungeheuerlich im Großen, daß
+sie über alles hinweg sich diesem hingab, restloser bemüht,
+zu sein wie er, Übel zu vergessen, Trost zu geben,
+ihm Stütze zu sein. Sie überwand sogar, was schwerer
+schien wie das andere, was ihr Geist vollbrachte, sie
+überwand ihren Körper. Holte Leder und Federn, übte
+die Tänze ihrer Heimat, deren Bauchkonvulsionen hinrissen,
+um seine schwache Nummer zu stützen und gab
+ihren Leib den geilsten Blicken.
+</p>
+
+<p>Aber ihr Hirn erreichte selbst in der Opferung kein
+Glück.
+</p>
+
+<p>Sie konnte, wo er sie gelehrt, tiefer zu schauen, die
+Abgründe nicht mit ihren Händen zusammenschweißen,
+die aus der Not verfluchter Zeit und dem Zwang, sie
+zu lindern, sich ergaben, und Dienen und Helfen schlugen
+ihr gleich Gewichten aus der Hand, wenn bei aller
+Hingabe keine letzte Befriedigung kam.
+</p>
+
+<p>Sie blieb allein. Lief durch die Gassen. Erbleichte
+unter seinem Anblick, schloß sich ihm demütig an. Sie
+kamen ins Café, als Ly von einem Krampf ergriffen
+<!-- page 230 -->
+auf dem Rücken lag und schrie. Philippe ging auf
+sie zu und, indem er die Hand ausstreckte nach ihrer
+Stirn, gelang es, daß sie beruhigt aufstand. Daisy
+neben ihr auf dem Barstuhl. Renée verkaufte sich
+einem blassen Deutschen feilschend um ihre Taxe: hundert
+Sous. Sie frug nach Luison. Achselzucken. Sylvie,
+die mit einem Amerikaner zog, der ihr Opium ins
+Gedärm gab, eh er mit ihr schlief .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;May?&ldquo;
+&bdquo;Die Krankheit.&ldquo; &bdquo;Riette?&ldquo; &bdquo;Die Krankheit.&ldquo;
+</p>
+
+<p>St. Denis.
+</p>
+
+<p>Das Wort schlug wie ein Hammer sekündlich in
+ihre Seele. Verheerte, verwüstete sie, trieb Wut heraus
+und Auflehnung, bis sie flammte. Schlichtete ihr
+Glaube sich an Philippes Nähe sanfter und demütig,
+ein jeder Besuch, ein jeder Tag rieb sie an der Unvollkommenheit,
+dem Irrsinn der Welt. Bald sah
+sie nur noch so, daß sie Kontraste maß, Distanzen
+spürte, das Riesige, was die Menschen schied und
+sie unglücklich machte, nur als geringe Strecke, als
+kleine Unterscheidung empfand und unverstehend blieb
+an der Hartnäckigkeit, mit der gestempelte Dummheit
+das Glück hintertrieb.
+</p>
+
+<p>Samstag verschwand Renée, sie sah sie nicht wieder.
+Abends brach eine kastilische Mimi zusammen, spie
+das Lokal voll Blut. Man warf sie in einen Karren,
+er rollte los. Herauf schwankte ein Beerdigungswagen,
+ein Auto mit bemalten Kokotten schnitt die Bahn.
+<!-- page 231 -->
+Da fiel sie ohnmächtig zurück, wie vom Blitz zerschmettert
+von dem einstürzenden Gefühl der Unzulänglichkeit
+ihres seitherigen Lebens.
+</p>
+
+<p>Die Nacht kam sie zu Philippe. Er hatte die
+Augen weit und sehnsüchtig auf sie gerichtet, wie sie,
+das Licht über dem nackten Arm, hereintrat. Sie
+ging bis an sein Bett, kniete auf das Holz. Sie
+neigte sich zu ihm, und es fiel ihr schwer zu sagen:
+&bdquo;Wäre es nicht schöner, Philippe, du hättest Ly geholfen,
+statt mit ihr zu gehen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er schwieg.
+</p>
+
+<p>Dann sagte er: &bdquo;Ich kann nicht bestimmen, auch
+du nicht, was ihr Glück ist. Aber ich suchte zu
+helfen, als sie litt.&ldquo; Es gab für ihn keinen anderen Weg.
+</p>
+
+<p>Sie ging, sagte nie mehr ein Wort. Von ihrem
+Gesicht nahm stets sein Auge die Auflehnung hinweg.
+</p>
+
+<p>Aber sie sah, wie das Café mit neuen Mimis sich
+füllte, wie die wieder verschwanden, zu rasch durchgekeltert,
+zerbrochen, verbraucht. Wie neue Wellen der
+Boulevard hereinwarf. Die Lues wütete. St. Denis
+sich füllte, gespeist aus tausend Lokalen, Schicksal sich
+vollzog, in der Maschine des Hospitals das Fleisch gesiebt
+ward, die beiden ersten Stadien noch mit Grazie
+vergingen, das dritte aber wie Pestilenz die jungen
+Körper durchwütete .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. wie Verlebtes herausschoß,
+Angenagtes hineinkam, wie die Maschine kaute, fraß,
+schlang &mdash; &mdash; und nichts half an der Wurzel, nichts
+<!-- page 232 -->
+umstülpte, was gemeinhin half. Gott nicht unterstützte.
+Was blieb als helfen? Nachts bohrte ihr
+Hirn, sie schlug an die Wand, riß an der Tapete.
+Ging sie mit Philippe, gab sie Hingebung, Duldung,
+Erquickung. Ihr Lächeln bezauberte. Louison beantwortete
+es zwischen einer Hungerohnmacht. Madeleine
+schien es, sie empfange mit ihren Bananen Himmel,
+Musik, Freiheit. In Philippes Leben stand sie und
+fühlte, daß er es brach wie Brot, zu heben, finden
+zu lernen, Stärke in Ruinen zu bauen.
+</p>
+
+<p>Ihr Hirn jedoch bäumte sich dagegen und ihr Blut,
+das frisch mit den Dingen des Daseins strömte, daß
+er dem Ende der Tragödie sich nur hingab, in schon
+Zerschlagenem erst das Menschliche züchtete, statt an
+der Quelle groß und sicher die alten Schleußen zu zerschlagen
+und neue aufzubauen. Und mit Haß empfand
+sie seine große Begrenzung, die wohl das Eigentliche
+wollte und im Zerbrochenen gleich das Geläuterte sah,
+aber keinen Sinn hatte für Anfang und Ende des
+qualvollen Weges, der das Menschliche verdarb und
+vergeudete in einer ungeheuerlichen Preisgabe. Sie
+konnte nicht unterlassen zu denken, während er Madeleine
+sein Geld gab, ihre Geschwüre seien nicht, flöge
+ein Paragraph in die Luft; Guigui sei frei, blase ein
+Tapferer ein dünnes Vorurteil auf wie Seifenschaum.
+Wohl empfand sie süß aus jeder hilfreichen Bewegung,
+das Wichtigste sei, die Menschen zu bessern am Beginn,
+<!-- page 233 -->
+Menschen zu schaffen mit Vorbild und Beispiel,
+aber was half es, dauerte es Jahrhunderte. Ihr Herz,
+das mit tausend Fasern in die Zeit schlug, bewegte bei
+jedem Zusammenstoß mit dem Elend ihres Cafés, ihres
+Hotels, ihres Zimmers sie, einzugreifen, statt mitzuleiden,
+und der Irrsinn, der Hundert zerschmetterte, um wenige
+sinnlos zu heben, benahm ihr den Atem und ließ sie
+in Gedanken sündigen stündlich gegen seinen Sinn.
+Denn da im Umschwung des Daseins sie aus der
+oberen Kuppel des Theaters hinabgestürzt aus dem
+Willen ihres Blutes in die hintersten Parterre, empfand
+sie die Kontraste deutlicher und schicksalshafter wie er,
+der im Bodensatz nur lebend liebte und tröstete.
+</p>
+
+<p>Und mit der Berührung des Primäraffekts erlebte
+sie erst die ganze Rundheit des Daseins und mehr als
+je klaffte ihr von dieser Tiefe ihrer Existenz nur die
+eine Losung: &bdquo;Hilfe dem Menschen&ldquo;, und aus Dreck
+und Kot und Unzucht kamen die Übersicht und die
+Entscheidung in ihr Leben.
+</p>
+
+<p>Noch hielt sie seine Güte, noch brach nicht aus,
+was sich wehrte, noch rührte die Liebe zu ihm und
+sein Bild sie zu solchem Mitleid, daß sie nachts hinausschlich,
+seine Schuhe reinigte, dem Kaffee, wenn er
+morgens an ihrer Etage vorbei ihn sich durch den
+Garçon bringen ließ, einen Zucker noch, den er liebte,
+hinzufügte, wozu sie eine halbe Stunde harrend auf
+der Treppe stand. Sie mühte sich, in die Seineantiquariate
+<!-- page 234 -->
+zu laufen, Kolibris, Lederfransen und
+Muscheln zu kaufen, ihr Kostüm heller zu verzieren
+und ihren Tanz zu Schleifen zu bringen, die das Letzte,
+was Scham ihr noch ließ, preisgaben, damit sie seine
+Premiere sichere und ihm Ruhe gebe. Sie schwieg,
+während ihr Innerstes sich elementar schon empörte,
+rückte näher an ihn, schmiegte sich in seine verborgensten
+Falten, lebte selbst in seinem eingeschlafenen Gesicht.
+</p>
+
+<p>Am Abend der Neuaufführung glühte der Kellereingang
+phantastisch. Die Stühle um zwanzig vermehrt.
+Sie stand im Kostüm halbnackt. Da arretierte
+ein Sergeant de Ville ihm die unersetzbare Sprecherin
+des Uhu. Das Spiel fiel aus sieben Minuten vor
+Beginn. Das Weib war im achten Monat, der
+Sergeant riß sie schleifend die Treppe hinauf.
+</p>
+
+<p>Da überstieg der Zorn über das, was er am Guten
+verfehlte, an falschen Plätzen vergeudete und verpraßte
+und nicht aufhob für das Donnernde, das seinem Leben
+Ziel und Erhebung geben konnte, all das in ihr einen
+Augenblick lang, das an ihm hing. Geröteten Gesichts
+unter der Schminke bat sie heftiger, er solle sich
+wehren, nicht gefalteter Hand sich selbst zerstören und
+abbauen, statt zu schaffen. Aber er wehrte sie mit der
+Hand leicht ab und einem Ausdruck um den schöngeschlossenen
+Mund, daß ihre Hand, Verzeihung erbittend,
+die seine strich.
+</p>
+
+<p>Aber sie verlor nicht das Gefühl, wie sehr die Unzulänglichkeit
+<!-- page 235 -->
+seines Lebens das ihre bedränge und daß
+sie sich zerstöre und fessele, lebte sie weiterhin wie seither.
+Sie verstummte verzweifelt. Sie empfand zum
+ersten Male die Ungenügendheit der Menschen, in denen
+die Führer taub und falsch gerichtet lagen und an denen
+zerbrach, was glühte.
+</p>
+
+<p>Sie tanzte mit einem Lächeln, das sein Gesicht nicht
+ausließ, steigerte sich zu den schamlosesten Gebärden,
+hob Bauch und Schenkel, daß nichts ihr blieb, alles
+ins Publikum fiel an Reiz und Erregung ihres unbegreiflich
+schönen gebogenen Körpers. Während ihre
+Füße in Unzucht gingen, lobte ihr Mund nur sein
+Gesicht, forderte ihr Auge sein Lächeln.
+</p>
+
+<p>Sie sammelte, durchbrach die knatternden Applause,
+stellte den gehäuften Teller vor ihn, strich über seine
+Hand. Ging.
+</p>
+
+<p>In seinem Zimmer begann sie zu schluchzen. Sie
+sah sich um, verließ es.
+</p>
+
+<p>Sie lebte vor Cafés, auf Imperials. Lebte Rue
+Richelieu, Rue Bonaparte. Kam Quartier Ternes,
+fuhr auf einem Karussell mit Affen am Etoile. Glühender
+Scheibe gleich sauste der Kreis des Daseins vorbei. Sie
+blieb draußen. Atemlos. Ohne Besinnung. Die
+Zähne aufeinander. Ohnmächtig Knie an Knie. Immer
+wars, es stürze wie über Terrassen das Gesehene und
+Erlebte ab von ihr. Ihre Verzweiflung trieb die
+hellsten Tage zurück. Der Papagei der Savoyardin
+<!-- page 236 -->
+im Luxembourg, der sie kannte und liebte und dessen
+Hals sie kraute seit Wochen in schöner Zärtlichkeit,
+rieb den grünen Kopf an ihrer Hand. Sie sah ihn
+nicht. Sie fuhr nach St. Germain. Vom Imperial
+brach die Stange vor der Station, ein Latschmützer
+sauste ab, hielt sich, stürzte eine alte Frau auf die
+Chaussee, sie brach die Beine, schrie aus kreisrundem
+Mund &bdquo;Adolphe&ldquo;. Kondukteur und Arzt herbei, der
+Apache bestach, blieb an der Ecke, höhnte: &bdquo;un plomb&ldquo;,
+der Schaffner warf das Bleistück wütend auf die
+Erde, ging mit roten Fäusten auf die Apachen, die
+die Zigaretten in den anderen Mundwinkel steckten,
+ihn über einen Zaun schmissen. Der Arzt reinigte sich,
+unter Gequietsch rollte ein Handwagen mit der Frau
+ab, die Männer sagten &bdquo;merde&ldquo;, schlenderten weiter.
+Die Vögel sangen toll. Aus einer blauen Woge trieb
+sich der Park gleich einer Wolke heran und stand
+zitternd in der duftenden Luft. Der Wind wogte
+golden um den Hochstieg der Sonne. Die Boskettes
+fluteten vor Licht. Sie nahm eine Bank. Hinter
+dem Brunnen ward der rote Strumpf eines Mädchens
+deutlicher, stieg, die Hand eines Mannes hob, der Rock
+flog auf wie ein Pfau. Als die kristallene Abendwölbung
+kam, hing eine rote Windfahne über dem
+Schloß, ein Mandelbaum, der fast weiß ward vor
+Hingabe, roch wie im Traum.
+</p>
+
+<p>Frierend fuhr sie zurück.
+</p>
+<!-- page 237 -->
+
+<p>Wohnte Trocadero, sah Flugzeuge silbern am Himmel
+surren. Rue du Château d&rsquo;eau schlief sie bei der
+Concièrge, spielte abends in Porte St. Martin. Stand
+mit <a id="corr-8"></a>Heiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte
+de Bercy, Bois de Vincennes. In einer Gärtnerei
+Neuillys goß sie Blumen, hütete ein Kind, bis es
+schrie und lief unter dem Schreien plötzlich davon.
+Stand fest vor der Porte Maillot mit &bdquo;Intransigeant&ldquo;,
+&bdquo;La Presse&ldquo;, empfing das Trinkgeld der Soldaten, hielt
+unter den Wasserpalmwedeln durchsausender Automobile,
+spielte Karten mit den Zollwächtern der Barrikade.
+War eine Negerin im Odeon, entblößte den Bauch
+und schwang ihn wie ein kupfernes Schild zwischen
+den zärtlichen Hüften. Hielt Narzissen in einem Kiosk
+der Place des Vosges. Stand auf dem Wagen der
+demonstrierenden Studenten der juristischen Fakultät, umbrüllt
+von Jugend, Benzin, Fleisch. Verkaufte &bdquo;Les Trois
+Couleurs&ldquo;, mit denen der &bdquo;Matin&ldquo; den Deutschland-Frankreich-Rekordflugpreis
+des &bdquo;Journal&ldquo; bekämpfte.
+Wohnte Rue St. Jaques, die <a id="corr-9"></a>barock vom Panthéon
+steil und dämmerig zum Boulevard de Port Royal
+steigt. Sah Madeleine aus einem Auto, verhüllte
+ihr Gesicht. Fiel zurück in das Getriebe, sah Gare
+St. Lazare die Auslandszüge über den starren Friedhof
+brausen, drückte Blériots schwielige Faust. Stieß im
+Louvre auf Guigui, die mit schwarzem Lorgnon, elegant
+gekleidet, an ihr vorbei auf einen zottigen Rumänen sich
+<!-- page 238 -->
+lanzierte. Sah die blauen Monde elektrischer Laternen
+die Sommernacht der Boulevards schwärmerisch durchschwimmen.
+Wohnte Tuilerien zwischen Hecken und
+Marmorbildern. Kam in ein Musikcafé, eine Geige
+riß ihr ins Herz, löste sie wundervoll auf und zog aus
+dem Verschütteten mit dem schon über das Menschliche
+hinausgehenden Hinreißenden ihrer Stimme sie in die
+Höhe. Sie ging hinaus, begann zu weinen, kam auf die
+Bahnhofsbank des Boulevard Montparnasse. &bdquo;Kommen
+Sie&ldquo;, sagte eine Stimme hinter ihr. Durch Tränen
+sah sie den Mann, der im Café Cluny neben ihr die
+Zeitung gelesen, ihren Kaffee bezahlt hatte. Atemlos
+nahm sie seinen Arm. Da sie ausgedurstet war nach
+einer menschlichen Stimme, wäre sie gefolgt, wäre sie
+rauher noch und befehlender gewesen wie diese. Verscholl.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Aus den Sonnenblumen des Rangunschen Weibergemeinschaftshauses
+brechend, schlug Stefan ihr die
+Arme um den Hals von rückwärts, drückte, schob einen
+Knebel in ihren Mund, warf sie auf einen Gaul, das
+Tier lag in den Knien, ein anderer Pferdekopf schob
+sich vor, sie war frei, da rasten die Gäule, eine Hand
+riß ihren Zaum. Sie ritten die Nacht durch. Ihre
+Augen zählten die Äcker, sieben Bäche, sie lauschte.
+Geräusche. Alarm. Wasserzüge leuchteten Metall.
+<!-- page 239 -->
+Mond über einem Ölbaum. Der Mann schlug Schleifen,
+ritt ein Stück mit ihr im Fluß. Der Küstenstrich
+war alarmiert, er ritt zurück. Eine Finte. Seine
+Ohren standen steif vor Anspannung. Die Gäule stoben
+durch Gestein zurück auf einen Hügel. Vor dem Himmel
+gebrochen hingen Bergzüge in die Weißnacht, darüber
+eine Kuppe wie ein Segel geflaggt. Hinzu trieben
+sie in Wälder. Als sie den Gurt durchbrachen,
+Zweige um sie schnellten, flammte die Sonne auf. Sie
+kamen an ein Bambushaus. Er stellte die Leiter an,
+ging in den Verschlag, zog die Leiter hinter ihr ab.
+Als er sich umdrehte, ward sie unwohl, die Periode
+erfüllte sie mit Nebel, warf sie um. Abends, als sie
+die Augen aufschlug, entdeckte er es. &bdquo;Vier Jahre&ldquo;,
+sagte er, seine Hände zitterten. Sie sah an seinen
+Fingern hinauf, hinab, schlief ein. Anderen Tages mußte
+sie reiten. Sie ritt.
+</p>
+
+<p>Sie ritt mit ihm, der unter holländischem Lampenhut
+das Kostüm des nördlichen Chinesen trug, um die
+Wette. Schlief bei Tage. Fuhren nachts in Lagerfeuer.
+Eingeborene zwischen spritzenden Spänen sausten, die
+Fäuste in den Augen, in die blonden Felder. Ölbäume
+zitterten erregt unten in Ebenen. Sprach kein Wort
+mit ihm, nur an seinen Händen sah sie die Sehnsucht
+von Jahren. Als sie wohl ward, kniete sie, beugte
+sich über den Kopf, der quadratisch geschlossen schnarchte.
+Beugte sich tiefer, roch ihn, empfand die Gewalt,
+<!-- page 240 -->
+schlug die Zweige zurück, auf Schuhspitzen und Handflächen
+schlich sie in eine Rinne, kam an den Rand,
+pfiff die Gäule, ritt nach der Küste zurück. Hielt am
+Mittag. Von ihrem Gesicht fiel ab, was sie gelebt
+das Jahr und was sie erwartete. Sie lauerte, überströmte
+sich mit Blut. Kehrte um, wandte den Rücken,
+schlug Stefan einen Pfiff, machte Bogen, führte die
+Gäule rechts und links am Halfter, rannte mit ihnen
+ins Wiesenwachs, ließ los .&nbsp;.&nbsp;. zwei Bogen sausten
+in den Horizont. Sie schlug sich morgens zu einer
+Karawane. Um sie Sand. Nach dem Berg zu.
+Allein.
+</p>
+
+<p>Mitten trugen sie einen Alligator, vorn ein Parah mit
+Weibern für Bergradjahs. Die Armenier liefen beim
+Halt nach vorn, starrten in das Kattun. Daisy gab
+einem Ceylonier ein Messer für einen Esel. Er sah
+auf ihre Weiberhand, mißtraute ihr in dem Jünglingsrock
+mit abgeschnittenen Haaren, bedachte, es sei ein
+politischer Emissär, meckerte, sah Rebbach in der Beziehung,
+blieb treu neben ihr. Abends hob sich der
+Kattun des Vorderkamels. Hüften schaukelten prall
+und weiß. Ein Tuch fiel. Eine Auge grell nach
+Fleisch suchte das ihre, die Lider senkten sich, der Kattun
+verschluckte nicht das Zeichen. Es galt ihrer männlichen
+Kleidung, der tänzerinnenhaften Bronzeschlankheit.
+Am Morgen kreuzte sie eine Karawane. In
+der zweiten Reihe ritt Stefan auf sie zu, sie erstiegen
+<!-- page 241 -->
+einen Palankin, sie schloß die Augen. Wieder roch sie
+seinen Körper, dessen breite Muskeln sie fast zerbrachen.
+Demütig nahm sie seinen Zorn, seine Beglückung. Sie
+hoben sich aus den Knien. Der Kattun beim Vorderkamel
+stieg in die Höhe, das Zeichen des ersten
+Feuers kam. Dolche sahen in den erhellten Palankin.
+Wütend schlug der Kattun zurück. Das Weib heulte die
+Nacht, geschändet in ihrem Geschlecht, denn das Tun der
+beiden Männer im Palankin war ein Greuel. Am Gebirge
+bremsten sie, trennten sich von der Masse, schlugen
+sich in die Täler. Ein sanftes Gesicht wandte sich ihm
+zu, als sie allein hinter einer Düne standen. Allein die
+Fremdheit dieser Ergebung füllte ihn mit Mißtrauen
+so, daß er sie mehr beobachtete, als hätte sie Fäuste
+in sein Gesicht geschlagen. Doch sie tat keinen Laut,
+ergab sich und war in ihrem Erleiden und sich Schenken
+von einer Entferntheit, die ihn rasend machte hinter
+seinem steinernen Gesicht. Entfernte sie sich: &bdquo;Halt&ldquo;.
+Ging er vor ihr, sahen zwanzig Augen aus seinem
+Rücken. Führte sie, fraß sie sein Blick. Doch je mehr
+er sich bemühte, um so mehr gab sie sich ihm schrankenlos
+in die Hand. Allein er empfand auch hierin
+nur, was sie verschwieg.
+</p>
+
+<p>Als ihr die Milz schwoll vor Feuchtigkeit, Fieber
+ihr Hirn verwirrte, trug er sie am Leib an einen Sonnenabhang.
+Das gesteigerte Blut wehrte sich, sie schlug
+ihm das Gesicht auf. Als das Licht das Fieber aus
+<!-- page 242 -->
+ihrem Körper warf, sah sie das Blut. &bdquo;Ich schlug
+dich nicht&ldquo;, sagte sie. Er schwieg. Da küßte sie
+seine Hand; &bdquo;Verzeih.&ldquo; Sie lag wie ein Kind an
+ihn geschmiegt. Er sagte nichts, denn er besaß.
+</p>
+
+<p>Je mehr er besaß, um so stärker zog er sie in den
+Kreis, den seine Kraft um sie schloß und sie bedingungslos
+ihm gab. Bronzekörper fielen hinter sie zurück,
+Geschlitzte trieben Yaks auf Abhänge, tranken Alkohol,
+schrieen die Nacht. Er band sie mit jedem Gedanken,
+als es schneefrei ward. Ihren Willen schied
+er aus. Seinen pumpte er ein. Ihr Schritt ward
+bestimmt. Das Moos für den Fuß bezeichnet. Selbst
+ihren Gang, da das Unaussprechliche ihrer Ergebung
+ihn wie mit tausend Widerständen peinigte, regelte er
+nach Tempo, Biegung, er hätte versucht, sein Blut
+ihren Adern einzuführen, das dunkle Letzte suchend,
+was er besitzen wollte. Die Nacht nahm er ihr die
+letzte der achatnen Kugeln. Im Morgengewölk entblätterte
+die Spitze. Ein schnurgerader Weg in Fels gemeißelt
+blitzte hinauf. Links, rechts sausten Abgründe. Am Ende
+oben stand ein Bau. Zweimal stieß Stefan vor, kam zurück.
+Das drittemal war er bleich. Er untersuchte die
+Abstürze, den Stein, blieb die Nacht weg. Am Morgen
+kam er: Aus. Rot im Weiß des Auges. Die Hände
+hingen schlaff. Sein Mund murmelte die Stationen,
+die in vier Jahren die Sehnsucht ins Irrsinnige gesteigert:
+&bdquo;Paris .&nbsp;.&nbsp;. Marseille .&nbsp;.&nbsp;. Kalkutta .&nbsp;.&nbsp;. Pegu.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 243 -->
+
+<p>Sie lächelte, band den Gürtel schräg, torkelte, strich
+die Sandalen ab und ging mit einem kühlen Schatten
+neben sich los. Auf das Tor zu. Klopfte den vierfachen
+Rhythmus, es schloß sich hinter ihr. Sie glitt
+in die Welle, die im Kreis des Hofes brauste. Senkte
+den Kopf, schritt mit, strich nach zwei Stunden von
+der Peripherie, sah ein gelbes Band, kam in den zweiten
+Stern, sprach eine Minute, glitt durch die Barriere
+in die innere Drehung. Die gelbe Binde verschwand,
+bückte sich. Ein anderer wiegte an der Seite. Sie
+kam näher der Kuppel am Mittag. Der Kreislauf
+faßte sie enger um die Mitte, schlang sie ein, trieb
+sie in den innersten Kern, sie flog von Schleife in
+Schleife, glitt an ein Metall, es erzitterte, nach fünf
+Minuten kam sie bleich mit einer Tafel. Den Kopf
+gesenkt, die Welle nahm sie auf. Langsamer und vorsichtiger
+spie sie sie aus. Ihr Bein tat weh im
+Torkeln, aber das vergangene Jahr verließ sie nicht.
+Sie strömte durch das Brausen, die Flügel des Umschwungs
+geleiteten sie mählich, hochmütiger aus dem
+Herz des Sternes. Gegen Abend zog die Menschen-Mühle
+mit Schweigen, sie bog in die äußerste Peripherie,
+stand abgestoßen vor dem Tor.
+</p>
+
+<p>Es war dunkel. &bdquo;Komm&ldquo;, sagte sie.
+</p>
+
+<p>Sie überschritten den Steg, ein schmales Tal schmiegte
+sich entlang, am Ende ein Tor. Die Türen sperrten,
+die Nacht zischte in der Laterne, die ihr Gesicht überflog,
+<!-- page 244 -->
+das Licht fiel auf die Tafel, das Gegentor schoß
+auf. Die Ebene lag vor ihnen. Sie lächelte. In
+seine Hand gab sie die Tafel, sie konnte sein Gesicht
+nicht sehen, später erst ward der Himmel heller, fiel
+weiß im Bogen gegen den Grenzfluß. Unter dieser
+Bewegung spürte er, daß das Unwägbare in ihr, was
+er gesucht und nie erreicht, solang er gezwungen, ihm
+näher nun, wo sie sich über ihn schwang, war als je. Dies
+schlug ihn ganz zusammen. Sie übersah es. Blieb die
+gleiche. Frug ihn nach Weg, Leitung, gab ihm die Führung,
+folgte ohne Zögern. Sprach ruhig zu ihm von Wäldern
+und Flüssen und Dingen, die sie umgaben. Von sonst
+nichts. Sie häufte alles auf ihn, was ihm das Ansehen,
+den Ausschlag, die Leitung gab. Als es ihn zu sehr bedrückte,
+ergab sich eine stillschweigende Harmonie, sie
+wünschte, er tat, aber sie zeigten, sprachen es nicht aus.
+Er verstauchte das Knie eines Tags. Sie blieb erschrocken,
+da fraß ihn das, was ihm Komödie schien, ans Herz,
+er brauste auf, die Schläfen wölbten sich, die Fäuste
+wuchsen. Sie aber unterzog sich dem ohne Betonung,
+demütig, nahm es hin wie vorher. Dies wischte seine
+Erregung weg, und von diesem Augenblick blieb er in
+einer gefaßten Ruhe, die jede Schwingung seines Blutes
+in einer ehrfürchtigen Entfernung hielt. In diesem
+Gefühl fand er sich wieder, wurde stolzer, sicherer, und
+so empfand er die Entfernung, die sie wirklich von
+seinem Erleben trennte und zu deren Aufstieg der große
+<!-- page 245 -->
+Weg ihn noch trennte. Von weißem Licht bespült,
+fast unirdisch in der Ruhe der Fächerabende kreiselte
+ihr Floß, dessen Ränder sie bewohnten. Der Himmel
+hatte die Farbe des Perlhuhns, seiden in der Berückung
+der Flötendämmerung. So entglitt sie ihm immer
+ferner, je tiefer er sie in Wahrheit erkannt und empfand, und
+indem sie das sprengte, was er bis zu diesem Tage als höchstes
+Vertrauen seiner Kraft in sich hielt, befreite sie in ihm
+die Freiheit, die mit schmerzlicher Glut ihn ganz erfüllte.
+Aus einem Abend stachen Dampferlichter. Unter senkrechter
+Flamme entzündete sich ein Hafen. Eine Stadt
+mit Musik, Cafés, Papierlaternen und Lichtern kam
+aus der Wölbung. Als sie in der Bahn abfuhr, sagte
+er wie im Garten Guildendaals: &bdquo;Du bist der Wirbel,
+der mein Leben einfängt&ldquo;, aber er sagte es mit einem
+schmerzlich veränderten, zu anderen Entschlüssen umgebrochenem
+Gesicht. Sie nickte zurück. Aus dem Aufschlag
+ihres groß bewimperten Auges blieb eine träumerische
+Bewegung in der Luft, die bald rot ward. Die
+Ebene glitt in dunklem Samt zurück, der Himmel
+berauscht, bebend wie eine Trommel, grau mit tierischem
+Glänzen der Fluß. Sie schloß die Augen und
+es kam nur das lösende Gefühl mit grenzenloser und
+gütiger Kraft: Schlaf.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+<!-- page 246 -->
+
+<p>Sie sieht ihren schmalen bronzenen Körper im tiefen
+Glanz des Spiegels erscheinen. Sie reißt das einzige,
+was außer der leeren Halskette an ihrem Leib ist, von
+ihrem langen Schenkel über dem Knie das Band,
+zieht die Schließen an. Verkauft die zwei Perlen.
+Im Palankin fährt sie ins Hafenquartier, klopft,
+verschwindet. Fährt im Männeranzug im Wagen zurück,
+mit dem kurzgeschnittenen Haar einem Mischling
+gleichend, zu einem Magazin, füllt einen Koffer, fährt
+zu einer Pension, nimmt einen Raum. Dort klirrt
+die Glocke des Rockes um ihre Hüften, zögert die
+wundervolle kleine Brust in der Bluse. Da reitet, ißt
+sie als Herr.
+</p>
+
+<p>Ihr Mund hat einen hinreißenden aufbrechenden
+Zug. Das Auge sucht, hebt sich, erstarrt, sinkt. Von
+zwei Seiten durchwühlt sie den Menschenhaufen. Er
+fällt nicht vor ihr zurück, gleitet nicht mehr ab. Sie reißt,
+aus der Einsamkeit her gesammelt und hoch schon über
+jeder Enttäuschung, zu sich jetzt, was sie erwittert. Das
+Auge glättet, schmeißt auf, enthüllt, zerlegt .&nbsp;.&nbsp;. die
+Pupille sinkt. Innerlich voll Spannung, fiebernd erregt.
+Nach außen, von vieler Erfahrung her, demütig
+überlegen. Als Frau zieht sie den Mann an allen
+Instinkten, reizt ihn mit Geist, mit der Drehung der
+Hüfte. Spürt seinen Blick im Ausschnitt, im Nacken.
+Sieht den Mut seiner Erregung, führt ihn, zieht ihn
+nach, sieht endgültig vor Zielen, Aufgaben ihn entflammt
+<!-- page 247 -->
+&mdash; spürt aber, mäßigt sie ihr Blut zu Kühle,
+ihn zurückgeschraubt im Thermometer seiner Begierde.
+Die Pupille sinkt. Sie bohrt von der anderen Seite
+sich ins Geheimnis. Selbst in der Maske des Mannes
+desavouiert sie ihn in seiner Beziehung zur Frau. Erst
+hinter dem Weib, das ihn aufschwänzt, in der Einstellung
+auf Bauch und Besitz ihn als Klasse sofort
+uniform macht (wohl auch riskant und alles in die
+Wagschale werfend, doch nur spielerisch und daher unbestimmt
+und ohne Verlaß), dahinter erst entdeckt sie
+den Mann. Ungestört von weiblicher Schwingung
+trifft sie die Nüchternheit seiner grauen Stunden, die
+Lüge seiner Frische gegenüber Weiblichem. Teilt seine
+Barnächte, Dürftigkeit seines Spiels, die Phantasielosigkeit
+seines Hirns. Außerhalb der Polspannung der
+Geschlechter empfindet sie die Indiskretion gegen jede
+Frau, seine Kameradschaft gegen das Weib. Sie konsumiert
+mehr Menschen, ihr Auge wird heißer im
+Erkennen, die Pupille sinkt. Ihr Leben wird rastloser.
+Sie weiß, der Mensch versagt, und Enttäuschung
+peitscht sie auf. Lauschend sitzt sie in den Ecken. Aufmerksam
+verfolgt sie die Ereignisse der Straße. Sie
+mischt sich, wo Meinungen kreuzen, Kräfte aufeinanderstoßen.
+In Nankingkleidern treibt sie sich am Hafen
+hin, kommt arbeitend an die, welche der Instinkt der
+anderen als Überlegene, Wollende, Visierende zeigt.
+Treibt mit Smith vier Tage um die Fischeransiedlungen,
+<!-- page 248 -->
+hört, öffnet ihr Ohr weiter, stärker, erreicht
+die Grenze. Starrt ihn an, die Pupille sinkt. Kehrt
+zurück zu den Baggern, Transportern, aufgeregter
+Meute in großer körperlicher Bewegtheit Schaffender.
+Schwenkt ab zu den Stillen, Vergrabenen, an Maschinen,
+in Kellern, Hangars Angeschmiedeten. Findet
+Abgegrenztes. Wo Ziele sind, schwach fundiert. Erstrebtes
+nur im automatischen Gang. Hinter dem
+Programm das Nackte, Ehrgeiz, Erfolg des Ich. Sie
+rettet sich in einem Bogen, mischt sich unter die Weiber,
+trägt Armband, Ringe, duftet, rauscht mit Dessous.
+Nur Holzbein, Titus und Zwicker denken, und die
+Ergebnislosigkeit solch nüchternen Schwungs stößt zurück.
+Doch sie läßt sich nicht schrecken. Die Menschen
+versagen. Aber sie hält nicht. Will. Muß.
+</p>
+
+<p>Mischt sich in einen Streik, schmiegt sich an die
+Leitung, spürt, wittert, die Pupille sinkt. Schon mißt
+sie den Einzelnen, den sie sieht, auf seine Befähigung,
+richtet ihn nach ihrer Forderung, fast nach dem Geruch,
+durch den untrüglichen Instinkt, der sie vorwärts führt.
+Sie sieht einen Gentleman einen Hund mit Lebensgefahr
+retten, pflegen, säubern. Sie schließt sich ihm an. Sein
+gutes Herz sieht nur den blinden Einzelfall, spannt sich
+nicht aus. Sie zuckt die Achseln. Nicht genug. Die
+Pupille sinkt. Im Klub mit Abenteurern spürt sie
+Fabelhaftes, aber es vollzieht sich nur aus Rausch.
+Verschwenderisch, doch unbrauchbar. In der Tiefe die
+<!-- page 249 -->
+wilde Grimasse aus Kneipe und Bordell, die sich einsetzt
+und stirbt, nur Aufflammen ungezügelten Instinkts.
+Traf sie auf Ideen, waren es Schwächlinge, Schwärmer,
+die Locken nach der Sternansammlung schwenkten. Kein
+Handgelenk und Griff. Die Pupille sinkt. Sie sucht
+nicht für sich, denkt nicht für sich, wird unermüdlicher,
+gläubiger. Leid, das sie aus jeder Stunde anschreit,
+wirft sie nicht um, hetzt, feuert sie an. Empfindsam,
+gleich einem Apparat, zeichnet sich auf sie ab die Struktur
+des Daseins, sie mißt, urteilt, findet den Hebelpunkt
+&mdash; weint, daß sie eine Frau ist. Lächelt über die Hilflosigkeit
+des Geschlechts, beißt den Mund fest und sucht
+heftiger, strackser. Schon wachsen Ansätze zu Plänen.
+In der Dürre des Erfolgs selbst beschwingt sich ihre
+Seele zu größerem farbigstem Feuer. Wohnt in Baracken,
+wohnt im Hotel als Dame, wohnt an der Quarantäne.
+Wohnt ein Stück im Lande. Sieht fischende
+Frauen im Abendlicht mit Bastkörben von Stein zu
+Stein springen. Boote vorüberfahren. Dampfer rauschen.
+In der Pension als Reiter. Seglerin des Hotels. Lernt
+aus jeder der Sekunden. Sieht den Saft aus der Erfahrung,
+bekommt schärferen Glanz, mildere Schönheit
+ins Auge, reift mit Brust und Hüfte in eine schlanke
+Rundung. Prüft, hofft, verwirft. Spannt sich in den
+Glauben mächtig zum Dehnen. Die Pupille sinkt. Das
+Lid hebt sich. Die Figur eines Kapitäns schneidet sich
+aus einem Dampfer. Der Schall eines Agitators verzückt
+<!-- page 250 -->
+erregt. Das Raunen einen Slowenen in einem
+asyle de nuit sinkt ins Blut. Die Haltung eines Kaufmanns
+zu seinem Diener verblüfft. Der Blick wird
+grau, das Dreieck spannt sich über die Stirn. Die
+Pupille erweitert sich, erschlafft. Sinkt. In einer
+Barnacht singt die unsterbliche Stimme eines Dichters
+die Brüderlichkeit. Am Meer ist seine Seele läpsch
+wie ein Schalet. Sie folgt einer Revolte. Es sind
+Betrunkene. Sie wohnt an dem Segelhalteplatz, beim
+Sport. Wohnt in einem kleinen Garten mit Holzhaus,
+wird braun wie die Eingeborenen, sieht die Haut
+der englischen, indischen, französischen Frauen. Folgt
+zwei singenden Vögeln. Die Heide schlägt sich um sie
+auf im Abend. In der stürzenden Dunkelheit bauen
+zwei Parteien ein Duell, legen Knipslaternen auf Steine,
+reißen zwei Lichtkegel zwei Figuren aus der Dämmerung.
+</p>
+
+<p>Ein Schuß pitscht. Sie weicht zurück, fast umgeschleudert.
+Ein Auto biegt vor dem, welcher schießen
+will. Ein Arm aus dem Auto greift die Hand,
+schleudert die Pistole mit einer unbeschreiblich ablehnenden
+Gebärde auf den Rasen, springt hinaus, tritt darauf,
+reißt den Mann mit sich in den Wagen. Sie hört
+ihn sagen: &bdquo;Ich habe andere Aufgaben für dich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Die Pupillen stehen weit in Kreisen glasig erhellt,
+offen, bekommen Facetten, glühen vor Licht.
+</p>
+
+<p>Sinken nicht. Sie springt in den Wagen. Sie nehmen
+<!-- page 251 -->
+sie kühl auf. Sie sieht nur den einen. Sie sitzt den Abend
+zusammen mit Gordon, Raffaeli, Di Conti. Die anderen
+schweigen. Di Conti spricht. Gegen Mitternacht werden
+außer seinem die Gesichter mißtrauisch. Ihres glüht.
+Mit schief im schwarzen Bart gestrecktem Mund fragt
+Raffaeli: &bdquo;Was geben Sie?&ldquo; &bdquo;Mich!&ldquo; Gordon umreißt
+mit gierigem Blick ihre Figur. Raffaeli zuckt die
+Achseln, die Nase biegt sich skeptisch in den Flügeln,
+vibriert. Di Conti wiederholt die Frage kalt. Da
+lächelt sie, verschenkt sich an sein Gesicht mit aller
+grenzenlosen Hingabe. Die von keinem Sou des Angehäuften
+seither nahm und lebte, sperrt auf die gesamten
+Depots.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Jeden Traum sah sie in seiner Hand schon fertige
+Waffe. Keine Ahnung, die ihm nicht schon zum Abfeuern
+geladener Plan. Sein Glaube war so ungeheuer,
+daß er ihn schon jenseits der Ekstase mathematisch beherrschte.
+Aus dem Herz die Flamme gerann ihm im
+Hirn. Seine Kühle war unbeschreiblich über dem barbarischen
+Feuer, das gebändigt darunter tobte. Selbst
+Raffaelis fanatische Unerbittlichkeit schmolz, Gordons
+nicht ausmeßbare Aktivität folgte nur seinem Druck. Ihr
+schwindelte, wenn der Tag sie in die fassungslose Nacht
+entließ, wo ohne die Gemeinschaft das Ganze in Schlagschatten
+<!-- page 252 -->
+zerrann. Ihm war, was sie als Entfernung
+der Welten ohne Brücke sah, aus ungeheurem Wollen
+geringe Distanz geworden, ihm gab es keine Hemmungen
+in seinem Bau. Hatte gewogen, geschaut, gedacht, die
+Rechnung gefertigt, die Summe gezogen. War kalt
+geworden, bedacht vor Ergebnissen. Trieb nun vor.
+Sah in dem Ruhenden, Daseienden, im Pathos bloßer
+Tradition den Feind, das Erwürgende, sprach gelassen
+gegen die Schwerkraft, gegen die Anziehung der Kräfte.
+Stemmt gegen die drehende Erde sich mit der Kühle des
+Überlegenen wie am Schalter eines Automaten. Ihr
+kam nachts, daß aus der ungeheuren Kraft seines
+Wollens, die alle überströmte, er in die See hinaus,
+die Tag und Nacht die Fahrt umschäumte, neue
+Bewegungen, seinen Rhythmus und Zweck dem Schiff,
+den Schornen und der Flutung diktieren könnte. Er
+stand am Schalter, wies ihr die Spannungen, die
+Drähte, sogar die Klingelzeichen der unterirdischen Erregungen.
+Der Traum machte ihr sein Bild wahnsinnig.
+Gordon, der von Marokko bekannt, verfolgt
+war wegen Desertion, Aufruhr, Agitation, ging
+morgens neben ihr auf dem Verdeck, ließ sie das
+Spiel seiner Muskeln spüren, Feuer und Lust seiner
+Kraft, in diesem Kampf zu führen. Doch Di Conti
+gewann ohne Kampf, besaß mit Nichts. An ihm
+fand sie die Lösung. Er drahtete vom Schiff, diktierte,
+erklärte, schrieb, zeichnete Karten, sah auf, lächelte
+<!-- page 253 -->
+beherrscht. Gordon trat mit englischem Backenbart
+aus der Kajüte, ging geschnellt auf den Ballen, sprach
+deutschen Dialekt, hatte einen Steckbrief wegen Agitation
+im Heer. Raffaeli sah das Meer nicht, sah nach innen.
+Das eigene Vaterland ließ Di Conti kühl, es lag an
+der Peripherie, entwickelte sich im Lauf des Zentralproblems,
+fiel später unter Raffaelis Durcharbeitung.
+Er selbst zielte aufs Herz Europas, stach nach Paris,
+um von dort das Blut in den Körper des Erdteils zu
+treiben. Für die asiatische Welle hatte er Aufmerksamkeit,
+nicht mehr, empfing Depeschen aus Genf,
+lauschte auf Berichte der Vertrauensmänner, verglich,
+maß die Stadien der Siedespannungen am Barometer,
+verglich die Leidenschaft der Massen, gab Ordres,
+zögerte, tat einen Ruck, setzte andere Spieler ein. Zielte
+zuerst gegen den Kitt, die umfangenden Reifen, die
+Macht, das Militär. Rettete darum Gordon, der den
+menschlichen Bruch und Riß trug, im Persönlichen so
+schwach zu sein, daß seine Eitelkeit ihn in eigenen Dingen
+das allgemeine verleugnen, in jede Tollheit sich werfen
+ließ. Hatte die Organisation es aufzuschälen, die Schaukel
+dann aufzutreiben, die aus Jahrhunderten rotierende
+Gesinnung zu stürzen, Massen aufzuwerfen, gerecht die
+Erde zu nivellieren. Das Leid der Irren, Kranken,
+Sklaven, falscher Sehnsucht endete hier. Sein Paradies
+war willkürlich, geschaffen, diktiert, es kümmerte ihn nicht.
+Gegen Raffaeli hatte er die Kühnheit zum weiteren
+<!-- page 254 -->
+Schritt, die Gerechtigkeit zu verleugnen, um sie endgültig
+einzusetzen. Sein fachlicher Befehl, der Definitionen
+verachtete und aus der Berechnung, die tausendfaches Gefühl
+ihm geformt, sprach, war bestimmender als Raffaelis
+Glut. Er kannte nur kalt Herrschende und Blinde,
+die sich nicht befreien konnten, da ihre törichten Herzen
+die Erkenntnis zum Handeln nicht zu fassen wagten.
+Er trug darum die Verantwortung seines Entschlusses
+mit präziser Automatigkeit. Zwei Tage vor der Landung
+kamen Nachrichten von Gärungen in Lyon, am
+folgenden putschte Marseille im Hafen, in Nancy erschoß
+ein Unbekannter einen Oberst. Mit zusammengepreßtem
+Herzen, zitternd, sahen sie das Land. &bdquo;Es
+ginge nicht ohne Sie&ldquo;, verbeugte sich durch die Dämmerung
+Raffaeli mit Schätzung und Verachtung zugleich
+auf das Geld, mit dem er arbeiten mußte. Es
+wurde dunkler, Laternen blitzten. Di Conti stand an der
+Reeling, hielt ein Papier in der Hand. &bdquo;Gott selbst
+könnte sich nicht widersetzen. Wagte er das Sinnlose,
+seine Welt liefe taub aus. Eine furchtbare Gonorrhöe.&ldquo;
+Er hatte den Kopf zurückgeworfen, sein Mund war
+blaß geworden vor Zusammengedrängtem. Die Nacht
+sprach er mit ihr zum erstenmal allein und lang. Sie
+ward erfüllt von dieser Stunde, daß ihr Leben sich
+verankerte in ihr. Nie verließ sie das, nahm Besitz
+von Blut und Kräften in einer Durchdringung, die
+fast den Mond und den Meerraum mit hineingab in
+<!-- page 255 -->
+sie. Bei der Ankunft wehte irgendwo eine Flagge. Ein
+Kind strauchelte und stieß Raffaeli. Der Portier hatte
+Briefe, nahm eine Perücke ab mit einem Zeichen innen.
+Drei Tage darauf meuterte ein Regiment in der Aube.
+Gordon wurde verhaftet. Di Conti schlug zu.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Als sie den Boulevard heraufkam, stand, die Hände
+über den Augen, Raffaeli an der Ecke. Sie nickte.
+Er verschwand. Um zehn Uhr betrat sie das Cafe Rue
+Guijas. Drückte sich bis zur Wand, schob die Achsel
+vor. Vier Frauen standen am Schießapparat, zielten,
+schnellten den Hebel, <a id="corr-10"></a>schossen für einen Sou die Freimarke
+zum Café für vier. Sie gelangte ans Büfett,
+ein Mann stieg vom hohen Stuhl. Sie kletterte, der
+Neger im Hufeisen ließ eine Tasse in der Schiene
+gleiten, ein Porzellan mit Gebäck, erhaschte sie mit einem
+Schielblick, schob einen Brief nach. Sie hatte Röte
+an den Schläfen. Sah fest nach dem Eingang.
+Während Mädchen an den Wänden hingen, sangen,
+plärrten, Queues das Billard umkreuzten, trieb trotz
+der Frühe eine Unterschicht herein, breitete sich aus,
+füllte heftiger, ein Zittern durchlief die Körper der
+Gruppen. Sie drängte weiter. Auf der Erde wieder
+wand sie sich herum auf dem Absatz. Der Ire stieß
+sie zur Seite, brach sich zum Apparat durch, griff
+<!-- page 256 -->
+den Studenten am Apparat, der, eingeschossen, gewann,
+an seine Brust, stemmte ihn hoch, warf ihn
+hinaus. Sie sagte etwas, fast laut. Ein Mann nickte.
+Ein Mann sah sie fragend an. Sie gab ihm einen
+Zettel. Sie hörte Worte, helle, gedämpfte, zischten
+vorbei, schlugen vorüber. Eine Gruppe löste sich, ward
+um sie ein Kreis. Sie kniff die Augen zusammen, sah
+in die Höhe. Stieß ein Weib an, versehens, neigte
+rasch den Kopf, beglückte eine Sekunde mit den Augen.
+Hob rasch die Lider, schloß sie fest, öffnete groß und
+sah dasselbe in dem Gesicht eines großen Mannes.
+Sie durchdrückte die Welle, die auch um die Dominotische
+schon brauste. Mimis saßen, setzten, bauten, die
+sie nicht kannte. Wie von St. Denis hierher die Kette
+heraufschwang, ihr Gefühl faßte, der Rachen aufbrach,
+schlang, wütete in diesem Fleisch, glomm Stolz in
+ihrem Auge. Sicher ging sie vorüber. Etwas schwankte
+von ihr wie Trost fest um den Tisch. Ihre Hände berührten
+Hüften. Eine Stimme drehte sich ihr zu, ohne
+Ton, heiser wie Blech. Der Mund war noch schön:
+Ly. Es bohrte hinter den glasigen Augen, faßte es nicht,
+schluchzte in der Gurgel. Das Hirn faßte das Gefühl
+nicht, sie heulte auf, erkannte Daisy nicht genau, wußte
+nur dies und dies und die, nichts Eindeutiges, bückte sich:
+&bdquo;Gib mir zehn Sous.&ldquo; Sie gab. In der Bewegung der
+Hand erfüllte sie das Geben ganz zu Glück. Trat aus
+ihr hinaus, sie fühlte, daß in diesen Tag ihr Leben Fülle
+<!-- page 257 -->
+und Bedeutung erhielt. Zwei Männer hielten sie an,
+einer küßte ihre Hand. Sie hörte, während er sprach,
+Lys Stimme dahinter: &bdquo;Combien .&nbsp;.&nbsp;.? Trapez mit
+dir &mdash; Sau von Geiz .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Bleich vor Angst ein Preuße
+vor ihr, sie steigerte ihn über die Taxe. Sie löste sich,
+schon war sie darüber. Nichts drückte sie mehr. Glühend
+flog es auf in ihr. Am letzten Tisch verwirrte sich ihr
+Auge in einen Glanz. Le Beau stand gegen die
+Wand, ein Mann neben ihm, der auf sie zeigte. Durch
+Gedränge und Stimmen hielt ihr Atem, ihr Sichsehen
+fest. Das Gefühl floß, sie wußte, es würde sie immer
+verbinden bis in den Tod. Das erste Erleben des Blutes
+hielt sie zusammen, nichts wischte das weg, keine Tiefe.
+Ein Trauring lag um seinen Finger. &bdquo;Ruiniert.&ldquo; Sein
+Auge war voll Geist, stolz. Über den Plafond strich es
+aus Jahren: Autos, Feste, das Haus des Boulevard
+Raspail .&nbsp;.&nbsp;. es lag zurück wie tot. Sein Blick tastete
+atemlos nach ihr, mißverstand die Pause, die sie ihm
+gönnte, bog eine Frage aus ihr heraus. Der Punkt, den
+sie festhielt, war der Eingang. Dorther füllte es sich mit
+einem Maß reifer und übermütiger Freude. Bleich sah
+er die Linie der Nase, zog die Luft nach, die sie zurückließ,
+ging mit dem Detektiv hinaus. Er hatte sie gesehen.
+Abgewandt, ihm gehörig, hoffnungslos. Sie aber, entzündet
+weit und hoch über ihm und seinem Lebenskreis,
+durchbrach die Barrikade von vier Männern, deren Leiber
+alles abhielten. Sie kam durch. Ein luftleerer Raum
+<!-- page 258 -->
+kam, ein Stern von Stühlen. Sie stellte sich daneben,
+kam endlich mit dem Rücken an die Wand.
+</p>
+
+<p>Da begann ein Wirbel von der Tür her durch die
+Menge durchzufluten. Der Raum zitterte, die Luft
+kam ins Wogen, die Masse brach nicht. Eine Kette schob
+vorbei zu den Nischen, eh der Kern sichtbar ward. Sie
+wurde gegen die Wand geschüttelt. Fester sog sie sich
+an dem Eingang fest, mehr glühte ihr Auge dorthin,
+ihr Leib streckte sich unmerklich in diese Richtung. Dabei
+drehte die abgeschobene Kette neben ihr um, es gab
+freieren Raum, im Vorbeihuschen sah sie einen Augenblick
+Philippes Gesicht. Zum erstenmal grüßten sie gegeneinander
+wieder. Da sie nicht mit Worten dastand,
+unter denen sie litt, sondern wie an keinem Tage heute
+zur Höhe getrieben, entflammt, kam einen Augenblick
+Triumph in ihren Mund. Doch sie hielt ihn nicht.
+Wurde sanfter in den Lippen. Was sie erfüllte, gab
+ihrem Hochmut Duldung für ihn. Er hatte sie schauen
+gelernt, die Liebe gezeigt. Sie sah ihn abgeglitten von
+der steileren Aufgabe, rechnete nicht mit ihm, der sich
+lächelnd nach innen hinein abwandte .&nbsp;.&nbsp;. Schon löste sich
+ihr Auge hiervon. Im Vorderteil hob sich Tumult.
+Die Mitte drehte sich in einer Spirale, durchdrang sich.
+Aus der Eingangstür kamen Kommandos. Sie reckte
+sich ganz hoch. Bestimmungen erschollen. Parolen.
+Ein Schild schwankte. Meerhaft wogte die Gruppe.
+Noch höher, unbedingter wuchs sie in die Richtung.
+<!-- page 259 -->
+Häusernamen kamen herüber, scharf die Straßenreihen.
+Arme hoben sich. Die Masse zuckte auf, riß, ein Gang
+wölbte sich. Langsam trat ein häßlicher kleiner schwarzer
+Mann heraus, es traf sie das Auge Di Contis.
+</p>
+
+<p>In ihrer Hand lag der Brief. Er las nicht, nickte,
+sprach schon zur Seite. Nur wie er zur Uhr, hastig
+und scharf, sah, bewies ihr, wie heftig er sie erwarte.
+Sie ging. St. Sulpice schlug halb zwölf. Quetschte
+sich durch die Haufen, eilte, bog in Rue Monsieur
+Le Prince. An der Ecke kam in das Fliegende, Stolze
+in ihr eine Traurigkeit, die ihr Gesicht rötete. Sie
+ging durch den sonnenleeren Garten, durch die Wolke
+Karbol. Stand an Renées Bett. Die Schwester
+beugte sich darüber, nahm ein Tuch weg. Das Gesicht
+im Krampf zerrissen, in der Mitte eine Höhle,
+aus der pilzig Fleisch wucherte. Die Lider fielen Daisy,
+sie suchte einen Ton. Fand keinen Ton. Die Schwester
+suchte Renée zu wecken. Unmöglich seit Tagen. Sie
+atmete, stank, sprach nicht mehr. Drei Jahre spannten
+sich von dem Gesicht zu dem ihren. Wie sie sich
+bückte, blitzte der Glanz vor ihrem Auge, mit dem, unvergleichlich
+und bezaubernd in der Schönheit der Beine,
+Renée die Hüfttänze in Genf gewiegt. Sie sah das
+andere nicht mehr, bog sich tiefer, mit dem Mund zum
+Ohr: &bdquo;Es wird gut sein, Geduld.&ldquo; Malte, schilderte,
+versprach, hörte nicht auf mit der Tröstung. Aber
+Renée hörte nichts, sperrte röchelnd den Mund kreisrund,
+<!-- page 260 -->
+roch nach fauligem Gewebe. Sie sprach weiter, sah
+verzerrt plötzlich das Gesicht, schwieg langsam, drehte
+um. An der Tür hielt eine Hand ihren Rock, aus dem
+Kopf eines jungen Mädchens traf sie ein verzweifelter
+Ausdruck: &bdquo;Zu mir?&ldquo; Zwei Augen kehrten starr enttäuscht,
+zur Decke zurück. Es traf, verwundete Daisy
+nicht.
+</p>
+
+<p>Schatten fielen aus den feuchten dumpfen Gassen, in
+Lücken glitzerte gewitterig die Sonne. Sie spürte das
+Stück Schuld, das, neben der Welt, sie an diesem Kadaver
+trug, aber wie alles Elend dieses Tages löste es Freude
+in ihr, trieb in ihr hinauf, denn sie empfand es als
+Ende. Von hier begann das Glück. Freude ging über
+ihre Zunge, Verantwortung und Glaube machten eine
+Sicherheit in ihr, die undurchdringlich ward. Gordon
+befreit, Kasernen gestürzt, europäische Mauern gesprengt .&nbsp;.&nbsp;.
+neue Beziehungen trafen von Herz zu Herz. Es kam
+als Strom, sie empfand Contis Herz. Sie empfand, wie
+er sie besaß und erhob. Eilte, fing alles Unglück ein,
+nahm es mit, verarbeitete es .&nbsp;.&nbsp;. nichts konnte es antun
+ihrer Entzückung. Keine schöne Taube würde sinnlos zerstört,
+kein Schoß zertrümmert, kein Wahnsinn herrschte, tat
+Unrecht, verdarb, sie kämpfte sich weiter auf den Boulevard,
+traumhaft befestigt in klarer Ruhe, machte Bogen.
+Die Straßen hingen voll Gedränge. Um Eins kam
+sie Rue Guijas, sprang in einen Wagen. Sie hörte
+Erfolg. Streiks im Borinage, in Brest, in Perpignan,
+<!-- page 261 -->
+auf der Loire. Unruhen in Bordeaux. Eine rote Fahne
+auf Marseille. Sympathieausstand in Mailand. Meuterei
+in der Dauphinée. Sie bückte sich, legte die Stirn auf
+das Hebelrad, nickte, küßte Contis Hand. Um Zwei begann
+die Demonstration.
+</p>
+
+<p>Der Verkehr stockte. Um halb Drei sperrte Gendarmerie
+die Eingänge der Seitenstraßen. Die Seitenstraßen
+standen gepfropft mit Menschen. Der Boulevard stand
+kilometerweit schwarz. Fahnen zeigten die Kolonnen.
+Plakate riefen das Volk auf. Eine dünne Kette Polizei
+stand zwischen der wogenden Masse des Boulevard und
+dem Druck der Nebengassen. Um drei brach die Masse
+los. In der ersten Reihe Gordons Bild. Malerei
+gegen die Legion. Hinter den Führern mit Schärpen
+Di Conti. Der Zug schwankte, zog langsam zum
+Montparnasse, machte eine Schleife, stand um Vier wieder
+am Observatoire, eine Lawine. Um dreiviertel Vier
+waren die Häute gerissen, die Gendarmerie überschritten.
+Alle Seitenstraßen mit hermetischem Druck in den Boulevard
+hineingeplatzt. Die Masse brodelte an der Spitze.
+Einer sprang vor, reckte etwas, immer höher. Es
+schoß los.
+</p>
+
+<p>Alte Gesichter kamen, junge kamen, Weiber. Straßenbahnwagen,
+hunderte, hintereinander, besät. Automobile
+dazwischen. Ohne Musik. Schritte gingen in dem
+Boulevard, vereinigten sich, gaben einen einzigen Ton, der sich
+band, hallte, brauste. Die hellen Normannen, ehemalige
+<!-- page 262 -->
+dunkle Soldaten, die Kokotten der Hallen, Apachen mit
+Tüchern, Araber, Studenten des Quartiers gingen in
+dem sausenden Ton. Er ward dumpfer in der Tiefe,
+schlug hinauf die Häuser. Die Straße vor dem Zug
+war ausgestorben, glühte. Vor dem Zug schlossen sich
+die Fenster, Läden der Verkaufshäuser rasten herunter.
+Die Kolonnen drängten sich, verbogen sich, kreuzten Rue
+Monsieur Le Prince, Rue Guijas, Rue des Etrangers.
+Aus den Gassen bohrten Keile herein. Ein Knabe von
+einem Baum schrie: &bdquo;Es lebe die Freiheit.&ldquo; Eine
+Lawine kam vom Luxembourg. Der Zug stockte, verdunkelte
+in der Gedrängtheit, löste sich ein wenig, ballte
+sich tiefer zusammen. Verfing sich in sich selbst, hing
+wie ein Haken im eigenen Fleisch. Sie brüllten sich
+zu: dein Kopf, deine Hand, die Schulter. Hand hing
+so dicht an Hand, daß sie sie nicht rührten. Eine
+Wolke Schweiß brach aus. Zwei große Fahnen
+flaggten über sieben Etagen herunter. Sie lasen die
+Inschrift, eine donnernde Stimme rief über den leeren
+Raum die Straße herauf etwas, das die erste Woge
+traf, sie bäumte. Die Häuser zitterten unter dem Druck,
+in oberen Stöcken klirrten die Scheiben. Die Fahnen
+hingen starr herunter, erregten, die Stimme ward lauter.
+Da brach die Masse, fast schreiend, schwankte, mußte
+nach vorwärts, dehnte sich auf die Seite, daß der Stein
+an den Hüften knirschte, bewegte sich, flutete. Laternen
+standen, Bäume im Weg. Eine Sekunde zitterte die
+<!-- page 263 -->
+Barriere. Dann gingen die Kolonnen als Fluß, strömten,
+unwiderstehlich. In ihrer Mitte hoch, vor den Wagen,
+den Autos, schwankten die Laternen, Bäume. Reißend
+goß es sich auf die Place St. Michel, füllte sie voll
+und rund.
+</p>
+
+<p>Di Conti sprach.
+</p>
+
+<p>Die Kühle war gerissen, die Flamme schlug vom
+Denkmalrand. Der Donner machte das gefüllte Platzbassin
+totstill. Er bückte sich wie ein Ringer, stieß
+den Arm zum Kreis, zwang die Stille noch tiefer
+herunter. Sprach. Formte im Reden die Gesichter
+unten, zerrte sie auseinander, wischte sie aus, entleerte
+sie. Riß sie rasend hinauf, verklärte sie langsam, füllte
+begeistert an. Zog die Reihen, sanft einander verschmolzen,
+dichter heran. Wuchs. Stieg höher, stand am oberen
+Rand des Denkmals, bog den Nacken zurück, rang
+einen Augenblick die Hände, entfaltete sich mit einer
+ungeheueren Bewegung, zog die Masse mit auf, warf
+sie auf, über sich ihre Herzen, stemmte sie höher, fabelhaft
+sich entfaltend, hoch die Arme geschleudert, wankte
+und wuchs mit der Last, die er hielt.
+</p>
+
+<p>Sprach.
+</p>
+
+<p>Ging auf der schmalen Leiste des Bassins hin und her,
+atmete wie ein Pferd, zog die Menge im Krampf zusammen,
+quetschte sie aus, hieb das Bittere in ihre Visagen,
+machte Drohung, bestürzte Wut aus den Mäulern,
+donnerte, roch den Zorn aufgeballt. Faßte rückwärts,
+<!-- page 264 -->
+packte hinter sich den Kopf der Chimäre mit beiden
+Fäusten, fiel nach vorn, schräg, kam näher, tief
+herunter mit dem Gesicht gegen die Masse, war fast
+bei ihnen. Einigte sie in eine atemlose Pause.
+Sprach. Warf die Drohung aus den Augen.
+Scheinwerfer zuckten die Sätze. Sprach. Sie drangen
+in die Herzen. Sprach. Sie drangen durch die
+Kleider, die Hemden, die Röcke, trieben in die Pulse,
+gaben sich von Leib zu Leib. Das Blut bekam eine
+Bahn, einzige Wärme, gleichen Schlag. Floß den
+Boulevard hinauf, löste, machte Spiralen, schlug aus,
+blühte aus jeder Haut. Die Lawine brach los, Stöße
+kamen herunter, keilten gewaltig, drängten den Platz
+ab bis zum Kordon. Dort stemmte es sich zurück.
+Conti sprach. Die neue Woge wälzte heran, erstarrte.
+Sprach. Die Hände Schallbecher vor dem Mund.
+Erreichte größere Distanz, durchmaß mehr Menschen.
+Es rollte herunter vom Montparnasse. Daisy hielt
+mit beiden Armen am Sockelstein sich, die Beine wurden
+mitgerissen, der Leib drehte sich, die Augen kamen zum
+Himmel. Sie sah Di Conti, lächelte, faßte wieder
+Fuß. Der Druck der Dreikilometersäule platzte den
+Pfropfen, schmiß viertausend gegen die Seine. Conti
+sprach. Warf sich in die neue Welle, inbrünstig,
+verzehrte die Kraft, warb, zerfetzte, diktierte, sänftete,
+riß die Herzen plötzlich steil, unnachahmlich erschütternd,
+hoch, über sich mit beispiellos schmerzendem Ruck. Die
+<!-- page 265 -->
+Säule stieß weiter vom Boulevard herunter, warf,
+schoß die Menge vom Platz, stürzte sie gegen die
+Massen vor dem Kordon, Bäume, Laternen kamen
+über den Kolonnen gegen die Seine an. Stießen
+den Druck unaufhaltsam weiter. Gegen den Kordon
+Gendarmerie.
+</p>
+
+<p>Er verschwand unter ihren Füßen.
+</p>
+
+<p>Das Ufer herauf, rechts, links, ritten Kürassiere,
+Haarschwänze vom Kupferhelm auf dem Rücken tanzend,
+Karabiner auf dem Schenkel, warfen sich vor die
+Brücke, bewachten vor der Emeute des linken das
+rechte Ufer, das Herz der Stadt, Boulevards der
+Bourgeoisie. Die Wellen kamen, gedrängt, gedrückt,
+spieen heftiger an, schlugen wider die Gäule. Sie
+riefen: &bdquo;Camarades, Freiheit, Hunde, Hunde.&ldquo; Sie
+sahen in die kleinen dunklen Löcher, auf das Metall
+der Drücker. Der Stoß in ihrem Rücken stürzte sie
+in Massen gegen die Pferdeköpfe. Ein Pflasterstein flog.
+Es knallte. Steine stoben durch das Licht, sausten.
+Eine dünne Stimme rief: &bdquo;Tirez.&ldquo; Die Kürassiere
+zitterten, die dunklen Löcher hoben sich über den Schenkeln
+höher, steiler, feuerten in die Luft. Vom Blut der
+Stürmenden ging es hinüber auf die anderen, durchdrang
+sie, säugte sie. Die dünne Stimme schrie wie
+ein Triller. Ein Mann gab einem Soldaten die Hand.
+Die Säule stieß durch, ein ungeheurer Schrei. Körper
+an Körper gedrängt, Soldaten, Arbeiter, hatten einen
+<!-- page 266 -->
+Sinn nur, eine Richtung, gleichen Herzschlag. Ein
+spitzes Winseln, sie steckten brennende Zigarren dem
+Gaul unter den Schwanz, der Unteroffizier zeigte ein
+kalkweißes Gesicht, das Tier klatschte hinunter ins
+Wasser. Gäule zerstampft. Fraternisierend strudelte
+die Masse, wälzte über die kupferrote Abendbrücke in
+die Stadt.
+</p>
+
+<p>Vom Brunnen fiel Di Conti, einen Schuß in der
+Weiche. Von der unteren Seineseite durchstach eine
+Kompagnie von hinten enge Gassen, kam seitlings auf
+den Platz, trieb einen Keil in die dünne Masse. &bdquo;Weg
+du&ldquo;, schrie ein roter Bart. Eine Frau hielt vor
+Schmerz blaß die Hand zwischen die Knie. Die
+Masse floß in den Brückenstrudel, abgelenkt, gerissen.
+Das Denkmal ward umzingelt. Di Conti aufgehoben
+.&nbsp;.&nbsp;. hinter Bajonetten gesichert. Daisy warf sich auf
+ihn. Sie schlugen ihr eine Koppel auf den Kopf.
+Sie konnte die Hand nicht rühren, ließ nicht nach,
+biß sich in seinen Rock. Ein Druck kam auf ihren
+Kopf, das Gesicht von ihr ward schwarz, noch einmal
+flüsterte sie: &bdquo;Conti &mdash;.&ldquo; Die Masse begriff, schäumte
+auf, warf sich herüber, gegen den neuen Kordon, feuerte
+ihn zurück, Daisy ward zurückgetragen. Conti schleppten
+Soldaten durch die Gassen in die Métrohalle. Zu spät.
+</p>
+
+<p>Aber er lebte. Zwei Tage war Daisy irrsinnig.
+Dann empfing sie. Kühl, Dame, Freunde nahmen
+ihre Hand: &bdquo;Wir werden ihn befreien.&ldquo; Deputierte
+<!-- page 267 -->
+sprachen: &bdquo;Wir werden ihn befreien.&ldquo; Der Schlag
+der Masse pulste herauf zu ihr: &bdquo;Wir werden ihn befreien.&ldquo;
+Sie hörte, die Verwundung wär leicht .&nbsp;.&nbsp;.
+Ihm werde des Volkes Stimme dauernder Ruhm. Sie
+reckte sich, steif, ging zurück, lachte. Ruhm? Bot
+man so Geringes? Glaubte jemand, dies sei ein Wort
+für dies Gefäß? Maß für diese Tat? Dies Geschenk
+für Narren und Kinder wagte Geschwätzigkeit
+hinzugeben für Blut? Behängte diese Maske ihn
+nicht zum Komödianten .&nbsp;.&nbsp;. stand sein Gesicht doch,
+das schlicht nur dem Ganzen wirkte, brüllend und wie
+aus Marmor vor dem Gewissen der Macht. Sie
+winkte ab, ging auf und nieder, steckte die Hände in
+die Taschen, die Augen im Dreieck. Ein eisgrauer
+Glanz kam aus dem Blick. Hinab mit Geschwätz
+und Trauer. Eins war zu tun, das Ziel erreichen,
+die Leistung verdoppeln, Angriff steiler schrauben, unbedingter
+sich mühen. Di Conti mußte frei sein.
+Hierfür war zuerst zu leben. Sie nahm es auf sich.
+Allein. Ging einen festen graden Weg.
+</p>
+
+<p>Die Lichtflut stieß Breschen ins Dunkel. Die Seine
+floß gläsern unten. Sie sah einen Schatten, er löste sich
+von der Pforte und glitt an ihr vorbei. Sie drückte ihre
+Hand fest in seine, das Papier knitterte. Ein Wachtraum
+im Keller sprang auf, dreigezackt brannte ein grünes Gaslicht
+schmetternd gegen den Kalk. Sie legte ihre Hand auf
+den Tisch. Als sie sie zurückzog, blieb etwas.
+</p>
+<!-- page 268 -->
+
+<p>Sie trat in das Büro ihrer Gesandtschaft. Sie
+ging durch drei Räume. Ihre Karte lief vor ihr.
+Fünf Minuten sprach sie mit einem eleganten Herrn
+mit exotisch flimmernden Augen. Sie gab ein Telegramm
+auf an ihren Vater. Darauf gab ihr der
+Herr seine Karte mit einigen Worten.
+</p>
+
+<p>Damit fuhr sie die Champs Elysées hinunter, Bäume
+streichelten die Luft, Helligkeit und Süße wob in den
+Zweigen. Sie fuhr darunter hin, unbeteiligt. In einer
+Schleife glitt der Wagen ins Riesenbassin der Concorde
+.&nbsp;.&nbsp;. der Wagen glitt, bog, hielt. Über die
+Teppichstufen des Ministeriums. Aufgehalten, mit der
+Karte durchbrechend, gehemmt, vor Achselzucken, lächelnd,
+die Karte vor sich .&nbsp;.&nbsp;. sie stand in einem Salon.
+Ein schöner Mann im schwarzen Schnurrbart, der
+elegisch das Kinn rahmte, trat ein, stutzte. Sie
+ging mit raschen Schritten an den Tisch, legte ein
+Bündel in perlgeschmücktem Etui auf die Kante. Sein
+Blick leckte nach ihrem Hals, zögerte, fiel auf den
+Tisch, er verneigte sich, stieß eine Tür auf. Ein größerer
+Salon. In der Mitte eine Jungfrau, die auf einem
+Brabanter ritt. Die blaue Seide der Wände, der geschwungenen
+Stühle verwirrte, sie lernte die Teppichmuster,
+sagte immer ein Wort, ein Wort, ein Wort.
+Eine Stunde. Ein grauer schmaler Herr trat ein,
+hinkte, ein Monokel an schwarzer Schnur flog ins
+Auge. Er war nicht groß, kam langsam näher, äugte,
+<!-- page 269 -->
+bis er genau sie sah, schob mit drei Fingern einen
+Lehnstuhl zurecht, indem er ihn kaum berührte. In
+seiner mageren Hand spielte ihre Karte, er las, sah ihr
+mitten ins Gesicht. Blut schoß ihr auf unter dem
+jähen Anprall. Er sah auf die Erde neben seinem
+Schuh: &bdquo;Ausländer? .&nbsp;.&nbsp;. Italiener .&nbsp;.&nbsp;. in der Tat.&ldquo;
+Sie sah nur seine Brauen. Er notierte den Namen,
+flüsterte ihn nochmals, stand auf, ging ans Fenster,
+trommelte mit den Fingerspitzen ans Glas, murmelte,
+sah auf ein knallendes Buchenholz im Kamin zerstreut.
+Die Lippen Daisys saßen wie Tiere aufeinander, die
+Brauen seidenschmiegsam ineinander sich wölbend. Er
+trat zurück. Ein drittes Gesicht sprach mit ihr, die
+Stimme schlürfte etwas, stieß an die Zunge, die Handbewegung
+voll zarter Höflichkeit. Er führte immer,
+sie folgte. Lauernd. Erschreckt. Er blieb gleich. Kanadische
+Jagd, die Quadrille Fribaurts, er kannte es.
+Versailles wuchs zwischen seiner Geste, schmeichlerisch,
+mit Märzwind. Eine Fahrt über St. Malo. Er
+neigte das Kinn: daß die Oper Ballette belebe, welcher
+Zug. Er stand auf, ging zum Fenster, elastisch in dem
+Knie, hinkte nicht &mdash; ob ihr Wagen warte, Pelze darin
+seien. Setzte sich wieder, ruhig, besorgt. Sie wartete,
+faltete die Lippen, daß es käme. Er spielte, lauerte,
+führte herauf, hinunter, eilte, pausierte, sie sah sein
+Gesicht nicht. Seine Grazie schmeichelte sich in ihre
+Haut. Plötzlich schlug er die weiße Hand, die nicht
+<!-- page 270 -->
+welk war, laß gegen das Knie, der Kopf fuhr auf,
+sein Blick prallte ihr wieder ins Gesicht. Sie stand
+auf. Er hob sich halb: &bdquo;Wann darf ich den Wagen
+senden?&ldquo; Sie knotete die Hände: &bdquo;Neun Uhr.&ldquo; Er
+läutete, als sie sich schon wandte, ein kakadufarbener
+Page öffnete geräuschlos eine Tapetentür.
+</p>
+
+<p>Vierundzwanzig Stunden vorher speiste Conti, verdrehte
+die Iris, schwankte, bekam Kälte in die Finger,
+Blei in die Knie, verzerrte die Zähne über die Regie der
+dritten Republik, die selbst die Einrichtungen der Küche
+pragmatisch ordnete. Als Daisy morgens heimkam, war
+Di Conti tot. Sie kam hin mit einem Gehenlassen der
+Glieder, das alles hinter sich hat, abgeschüttelt, selbst
+ohne Erkenntnis und Bedeutung des Opfers, innerlich
+lediglich gerichtet auf das Ziel.
+</p>
+
+<p>Sie bog die Lippen tiefer, versteinte an den Schläfen,
+zwischen Wange und Mund. Was konnte noch kommen?
+Ein Telegramm Fidleys: Pa tot. Sie legte
+das Papier auseinander, legte es zu dem anderen, frühstückte,
+badete, ließ sich massieren. Fuhr in den Luxembourg,
+fuhr zurück. Am Abend in die Oper, Verdi
+rauschte, Sommerhimmel erbrausten, sie speiste, schlief.
+Stand auf am Morgen. Nichts war zu schlagen. Je
+mehr sie spürte, was sie verlor, um so ungeheuerlicher
+fühlte sie aus sich brechen das Bewußtsein der Stärke
+und der Sammlung. Allein nun empfand sie, wie gefüllt
+und selbst sie war, voll, traubenhaft geschwellt, ausbiegend
+<!-- page 271 -->
+aus ihr mit einer Glut, die sie erblaßte. Di Conti war
+in ihr, mehr heute als je. Geballter als im Menschlichen.
+Unverlierbar. Vermächtnis besaß sie, beherrschte und
+durchtrieb sie unausdenkbar an Berufung. Sie ging gestärkt,
+wunderbar entzügelt. Eine Ruhe umgab sie, die
+den Schmelz der sehnigen Schenkel und das flimmernde
+Spiel der Hüften unter der kleinen Brust begehrenswerter,
+zarter heraushob. Sie verlor kein Glück. Sie
+besaß sein Werk.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Pa tot. Fidleys Telegramme, Weisungen stäubten.
+Es geschah am Horizont. Syg einem Mann gefolgt.
+Es geschah in der Ferne. Ihr Mittelpunkt blieb unerregt.
+Der Körper hielt stand. Der Geist sah manchmal
+Bilder. Raffaelis Bruder, Arzt, sagte, wünschte, befahl
+Erholung. Sie machte eine kindliche Gebärde. Er verstand.
+Sie wurde klug verführt. Sie fuhr mit Briefen,
+Papieren Contis zu Freunden nach Kopenhagen.
+Der Platz der Zusammenkunft war leer. Die Fahrt im
+Zug war dumpf, ausgespieen fuhr sie, allein, dennoch
+voll Glut. Sie mußte weiter nach Christiania. Nach
+zwei Tagen stand sie am Hafen, traf Fribaurt nach einer
+schmerzlichen Sitzung. Er fuhr mit der Segelyacht
+nach einem ungewissen nördlichen Punkt. Sie nahm es
+sofort. &bdquo;Ich komme mit.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 272 -->
+
+<p>Die Tage füllten sich mit dem und jenem, Ungenauem,
+doch ungeheuer in der Berührung mit schrankenloser
+Natur, Menschen, deren Geist abgewandt war, mit
+denen der eigene sich schön traf beim Rauchen, dem
+Reffen der Leinen, Hinaussehen auf glatte See bis zu
+entfernten Dampferwolken. Inseln kamen. Riffe türmten
+sich wie steigende Esel. Gedörrte Fische hingen an
+den Felswänden, wie sie die Ufer hinausfuhren. Granit,
+Urblasen erstarrt, schaukelte bunte, rote, grüne Häuser
+wie Spielzeug. Auf den Klippen saßen Rypen: &bdquo;ka .&nbsp;.&nbsp;.
+bauh.&ldquo; Schneehühner: &bdquo;j .&nbsp;.&nbsp;. ak &mdash; j .&nbsp;.&nbsp;. ak.&ldquo; Es
+rauschte. Ein Kreis mit heißen Wallungen bäumte um
+sie. Sie badeten in einem Fjord, abends ward das
+Wasser papageirot. Jerkins, Christianias größter Jäger,
+stieß auf ein Signal mit der Kupfertrompete dazu. Kam
+mit Schneeschuhen aus dem Gebirge. Stunden, ehe er
+einlief, sahen sie ihn im Glas oben wie ein metallenes
+Insekt flitzen in Stemmbogen und Telemarks. Ein
+Tal kam aus den Felsen gegen das Meer geflossen, grün,
+schwärmerisch. Sie übernachteten im Dorf. Am Ende,
+eingekeilt, schon zur Ebene zu, hing über Sandwüsten
+ein weißes, Licht schleuderndes Haus. Jerkins führte im
+Bogen heran, sein Finger überschrieb die Gegend:
+&bdquo;Nördliche Lepra&ldquo;. Der Kreis war verseucht. Er
+zuckte die Achseln unwillig, sah Daisy ins Gesicht,
+führte sie dennoch heran. Zerfressene Gesichter sahen
+aus den Fenstern: &bdquo;Hüten Sie sich.&ldquo; Ein Schrei.
+<!-- page 273 -->
+Sie gingen zurück, warfen den Fock aus. Das Morgenwasser
+zischelte .&nbsp;.&nbsp;. Die Nordsee leckte gierig, blau
+an Lee. Die Windtrommel saß in dem Segel,
+schmetterte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Geh in meine Kajüte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Schiffsjunge schloß die entzündeten Augen, kroch
+in die Kabine und schlief sich aus. Sie lag unter dem
+Segeldach und gab statt seiner acht. Das Steuer war
+angebunden, die Luft ging ganz stät. Die Lappin wurde
+aufs vordere Verdeck gerufen. Die Sonne malte auf den
+Holzplanken. Fribaurt und Jerkins lagen auf dem
+Bauch. Das Weib mußte sich legen, äugte schielend
+mit schrägen grünen Augen nach Daisy. Sie spielten
+Karten, lernten die Lappin zum siebentenmal an, schlugen
+Atouts auf den Boden, das Weib lauerte, bekam einen
+Rippenstoß, zuckte, legte klatschend mit fetter Hand ihre
+Karte nach. Die Segel schlappten plötzlich, klatschten
+hohl hin und zurück zum Großbaum .&nbsp;.&nbsp;. eine Musik
+umschwirrte sie .&nbsp;.&nbsp;. eine Wolke Papageitaucher, die wie
+Rypen zirpten, flog eilig nach dem Land. Jerkins
+schoß, auf dem Rücken liegend, eine Möve, die hinter
+ihnen her war, fischte sie herein, zog ihr, die schrie, Kopf
+und Atlas ein wenig auseinander. Vorbei. Er fuhr
+mit der Hand in den orangegelben Flaum und ließ die
+Federn einzeln zu Daisy fliegen. &bdquo;Schöne Frau von
+der Seefahrt.&ldquo; Fribaurt sang mit dunklem Bariton.
+Der schaukelnde Wind ließ nach, das Meer ward
+<!-- page 274 -->
+tierisch faul, eine Brise kam, schwand. Sie lagen still.
+&bdquo;Welche Harmonie,&ldquo; gähnte Fribaurt, stieß einen Pfiff
+aus, hielt die Shagpfeife in der Hand und warf die
+Karten auf, &bdquo;wir haben maßlose Zeit, meine Freunde.&ldquo;
+Das Segel aufgerefft, die Lappin in Hosen an der Gaffel
+mit klebriger Behendigkeit .&nbsp;.&nbsp;. der Tag stand still. Fribaurt
+band ein rotes Tuch um den Kopf. Jerkins hob
+das Weib hoch, legte es wieder auf den Bauch. Dann
+bluffte er wie toll, verlor einen Haufen Geld und lachte,
+bei jedem Verlust aus Vergnügen. Fribaurt lächelte ein
+Diplomatengesicht: &bdquo;Zu grob.&ldquo; Er legte auf: &bdquo;Street.&ldquo;
+Die anderen warfen zusammen, zuckten die Achseln.
+Plötzlich schob Jerkins auseinander, runzelte die Stirn,
+griff hinüber, legte die Karten der Lappin nebeneinander:
+&bdquo;Zu früh .&nbsp;.&nbsp;. zu schick .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; er bog sich vor
+Lachen über Fribaurt. Umgewendet: &bdquo;Die Sau .&nbsp;.&nbsp;.
+die Sau .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Die Lappin kroch ein Stück davon aus
+Angst auf dem Leib. &bdquo;Was hat sie?&ldquo; Jerkins hob
+die Hand von der Kartenflöte. Sie wälzten sich zu
+zweit: &bdquo;Royal Fluch.&ldquo; Fribaurt zur Lappin geneigt:
+&bdquo;Süße Freundin, welch verschwenderische Tollkühnheit
+des Glückes .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Jerkins teilte aus, schaute zu Daisy:
+&bdquo;Die phantastische Quote .&nbsp;.&nbsp;. und hat es nicht gewußt.&ldquo;
+Weißbrüstig hing eine Brise vor dem Meer. Geigen
+im Baum, ein dunkler Frühstrich vor ihr her wirbelte
+das Meer mit einem bläulichen Schatten, der Bogen
+sauste heran. Jerkins sprang auf, leierte am Großschot,
+<!-- page 275 -->
+die Lappin ließ das Segel zwischen zwei Tauen herab,
+Jerkins wickelte, machte einen Schifferknoten mit den
+Daumen, das Segel wechselte, flog hinaus .&nbsp;.&nbsp;. der
+Stoß kam und erzitterte jeden Nagel, Fribaurt schmiß
+das Ruder herum, tänzelnd lief das Boot, sie kamen
+dem Ufer näher, die Gaffel wechselte .&nbsp;.&nbsp;. nun fuhren
+sie in der Windschwankung parallel.
+</p>
+
+<p>Das Ufer neben ihnen, ein hoher Damm, scharf
+vor den Himmel gelegt. Auf ihm fuhr in gleicher
+Linie wie sie ein Pferd. Es zog ein Karreol, flach
+und groß wie ein Kanoe. Drin saß ein Mann. Sie
+fuhren nebeneinander. Fribaurt deutete mit der Spitze
+der Pfeife nach ihm. Der Wind zog stärker. Die
+Blase des Segels neigte sich schaumig gegen das
+Wasser. In silbernem Regenbogen hing eine Springwelle
+an Lee. Sie starrten hinüber. Es war, als bewege
+sich keines, nicht sie, nicht das Pferd, .&nbsp;.&nbsp;. als
+blieben sie festgehaftet wie Brennpunkte in dieser Ovalen
+von Himmel und See. Fribaurt zog die Augen zu
+Schlitzen zusammen. Jerkins, die Hände vor dem
+Mund, die Brust aufgesogen wie ein Schwamm:
+&bdquo;Hall .&nbsp;.&nbsp;. lo .&nbsp;.&nbsp;. o!&ldquo; Sein Organ schlug den Wind
+mitten durch und traf drüben auf. Der Wall schickte
+vier Echos herüber. Keine Antwort von dem Mann.
+Jerkins quoll blau am Hals: &bdquo;Hallo .&nbsp;.&nbsp;. y .&nbsp;.&nbsp;. lo!&ldquo;
+Eine Pause zitterte, die dünnen Echos quirlten .&nbsp;.&nbsp;. dann
+kam die Antwort, kalt: &bdquo;Holla!&ldquo; Jerkins stand am
+<!-- page 276 -->
+Großbaum, klemmte die Wange ans Holz. &bdquo;Haltet
+Ihr die Wette nach Aarvik?&ldquo; Sie lauschten. Dann
+eine schneidende helle Stimme: &bdquo;Am Arsch.&ldquo; Sein
+Pferd sprang über eine Wolke, Staub ringelte sich in
+einer umgelegten Säule hinter ihm. Der Damm bog
+landeinwärts, eine rötliche Spirale. Daisy verstand
+nicht, was er norwegisch rief. Sie sah nach Jerkins.
+Er machte ein verschlossenes Gesicht. Der Schiffsjunge
+fletschte ein Grinsen von Ohr zu Ohr. Daran verstand
+Fribaurt die Antwort. Sein Schnurrbart zuckte,
+er wandte sich zu Daisy und lobte die Farbe der
+Mövenfedern.
+</p>
+
+<p>Jerkins warf das Ruder herum, halste, das Ufer
+zog sich tief zurück .&nbsp;.&nbsp;. um eine Halbinsel, einen kleinen
+Fjord. Der Berg hob sich von zwei Seiten. Auf
+der jenseitigen mitten in der Spirale peitschte der Fahrer
+sein Pferd, am Ende des anderen Abfalls lag unten
+Aarvik. Sie warfen Anker, gingen im Beiboot
+ans Land. Ein helles Wirtshaus mit einem Garten,
+die Terrasse mit Bäumen, dahinter die Ebene vom
+Morgen .&nbsp;.&nbsp;. die flimmerte .&nbsp;.&nbsp;. unten am Fluß mit
+roten Dächern Aarvik .&nbsp;.&nbsp;. idyllisch unter dem Berg.
+Auf seiner Spitze hob sich eine Flamme Staub, das
+Pferd kulminierte, die Karriole kam in die Schleifen
+des ihnen zugewandten abfallenden Teils, verschwand
+in einer Schlinge. Nach einer Viertelstunde klapperte
+sie an hinter dem Haus. Ein Schock Matrosen lungerte
+<!-- page 277 -->
+um die Kneipe, graue Zipfelmützen im Nacken.
+Der Wirt schmiß sie heraus. Sie drängten nach.
+Einer stieß mit dem Knie einer Magd in den Hintern,
+sie schrie: &bdquo;Dumme Schicksen.&ldquo; Der Wirt zeigte auf
+ein Holzbrett, sie schüttelten die Fäuste. Er nahm es
+herunter, hielt es sich vor den Bauch. &bdquo;Ein kleines
+Faß,&ldquo; schrieen sie, &bdquo;wir scheißen auf das Verbot.&ldquo;
+&bdquo;Dåd og Pine .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; mit Knie und Faust drückte sie
+der Wirt die Steintreppe runter. Sie maulten, einer
+zog den Wirt an einem Westenknopf neben sein rothaariges
+Gesicht und flüsterte in sein Ohr. Der Wirt
+brüllte auf, stieß ihn in den Magen, daß er wie ein
+Messer einknickte. &bdquo;Kotzt Lumpen&ldquo;, seine Zunge hing
+raus vor Wut, er trat dem Mann auf die Schenkel,
+der sich verkroch. Da fuhr die Karriole auf den
+Hof. Sie sahen den Aussteigenden nur vom Rücken.
+Er schrie durch den Radau, seine Matrosen rieben sich
+die Hände an den Hosen. Er rief nach dem Weg
+über die Brücke. &bdquo;Abgerissen.&ldquo; Wieder gab es einen
+kurzen Krach, da die Matrosen sich beschwerten. Der
+Wirt dienerte. Zwei der Leute schirrten den Gaul
+aus. Der Geprügelte riß plötzlich dem Wirt die Hosen
+auf die Knie. &bdquo;Had djävelen .&nbsp;.&nbsp;. ich schlag dir in die
+Fresse.&ldquo; Die Matrosen gröhlten, steckten die Hände in
+die Taschen und johlten, bewegten sich mit den Hüften
+vor und zurück. Ein Faß rumpelte. Der Fremde
+winkte, die Matrosen kicherten und verrollten sich langsam.
+<!-- page 278 -->
+Der Wirt verzog das Maul, stellte das Brett
+zur Seite, schielte giftig zu den Abtrollenden. Der
+Fremde warf seine Gamaschen einer Magd zu. &bdquo;Hafer
+.&nbsp;.&nbsp;. mir ein Bett .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Der Gaul hob den Schwanz
+und strich einen großen Furz. Die Matrosen quakten
+herüber, schlugen sich die Schenkel vor Lachen. Der
+Fremde sprang ins Haus.
+</p>
+
+<p>Jerkins schlenderte, die Hände in den Taschen, ins
+Haus, kam zurück. &bdquo;Wer?&ldquo; fragte Fribaurt. &bdquo;Sven
+Mair.&ldquo; Daisy bog sich zu Fribaurt: &bdquo;Wer ist
+Sven Mair?&ldquo; Fribaurt lächelte mit dem Schnurrbart,
+strich seine Hand mit der anderen: &bdquo;Jerkins Feind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Die Zimmer lagen nach der Seite des Flusses. Eine
+lange Nacht voll Geräusche. Die Hunde bellten, wurden
+plötzlich still. Aus dem Bootshaus soffen die Matrosen
+in die Gegend, sangen, rollten langsam in ihre
+Kabinen. Kurz die Stimme des Fremden unter seinen
+Leuten, dann Stille wie Blei. Das Meer stand in
+uferlosem Schweigen. Die Felsen kühl und geheimnisvoll
+über dem Wasser, panische Stille .&nbsp;.&nbsp;. sie schloß
+unter ihrem Druck die Augen. Stunden gingen.
+Schlaf und Wachsein verschwebten in einander. Plötzlich
+riß sie wilder Spektakel auf. Sie eilte ans Fenster.
+Zwei Karriolen rollten vor das Haus. Die Nacht war
+weiß. Kupfriger Schein spann über die Landschaft.
+Drei Burschen bläkten die Zähne, schrieen:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sven.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 279 -->
+
+<p>Schritte gingen über ihr, die Gesichter schauten hinauf.
+Ein Pfiff, ein gedämpfter Ruf von oben: &bdquo;Skideriks.&ldquo;
+Sie grinsten nach oben. Ihre Nasen, ihre
+Ohren, die Farbe der Augen &mdash; alles sichtbar. Angelgeräte
+auf den Wagen, die Pferde bissen schaumkauend
+auf dem Eisen. &bdquo;Sven .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Da trat er heraus aus
+der Tür unter ihr, ein Schatten lief vor ihm rasch über
+den bläulichen Boden. Er hatte Lachszeug über der
+Schulter, schmiß es in seine Karriole, krempte die Hosenbeine
+bis zum Bauch, nahm zwei Pferde, trieb sie in
+den Fluß. Schreiend warfen die aus den anderen Karriolen
+sich auf die Gäule. Der Fremde drehte sich um,
+sah nach dem dritten Gaul, bis an die Knie im
+Wasser. In der Helligkeit sah sie sein Gesicht. Da
+wuchs aus der Nacht der Schlag, hieb besinnungslos
+in sie, stürzte wie eine Feuersbrunst zum Herz:
+</p>
+
+<p><i>Dies Gesicht ähnelte Caspare Symes.</i>
+</p>
+
+<p>Sie ging vom Fenster zurück, fiel mit dem Rücken
+auf das Bett, hörte Pferdegeplätscher im Wasser,
+zwei Rufe, bleierne Stille. Im Plafond über sich
+sah sie das Gesicht. Sie warf sich herum. Eingebrannt
+im Boden glühte es sie an. Sie starrte durchs
+Fenster. Es füllte den Rahmen, peitschte sie auf. Erschöpft
+sank sie in die Kissen, schloß die Augen. Da
+stand es innen in den Lidern mit einer Zärtlichkeit
+des tiefsten Schmerzes und sah durch die Iris ihr
+in die Brust. Ihr Herz zog sich zusammen. Stunden,
+<!-- page 280 -->
+die sie lag. Kämpfte mit dem Kopf. Derselbe Ausdruck
+in seinen Zügen mit dem Unbekannten, der im
+Traum ihren Bauch umschlungen in der Nacht Le
+Beaus, im Traum des Hotels neben Renée. Mit
+tödlicher Schärfe riß ihr Dasein herauf, sie erkannte
+die Rechenschaft über ihr eigenes Lebens, die er brachte,
+kannte, forderte, ungestüm. Er schlug als Zentrum
+in den Kreis, den sie gelebt. Kein Leid, das sie gelitten,
+ohne daß es bestimmt war für dies. Keine
+Sehnsucht, keine Handlung, die nicht zielte in diesen
+magischen Punkt. Er hob sich, als sie am entferntesten
+schien, und wie von einem Wellenbrecher rauschte ihr Leben
+davor zurück. Nichts blieb außer ihm für sie: Dinge
+eitel, Menschen verworfen. Das Meiste umsonst getan.
+Höllischer Schmerz verzehrte ihr Auge, ihr Blut.
+So unerbittlich klar stand in dem Kontur das Glück,
+Bestimmung des Leibes, der Sehnsucht unerfüllbar,
+nicht erfüllt seither, .&nbsp;.&nbsp;. sie schrie um Gerechtigkeit, starr,
+ohne die Glieder zu bewegen, wandte sich an Gott,
+wandte sich ab, verzweifelte. Der Schmerz ward so
+tief, daß sie ihn nicht mehr ertrug, glaubte, sie sterbe.
+Da drehte er um und erfüllte sie mit Seligkeit, die
+alles an sich rief, was sie erduldet.
+</p>
+
+<p>Langsam wuchs sie aus dem Zweifel, überwand ihre
+Sehnsucht, sah weit vor sich die Aufgabe, das Gestreckte,
+Winkende, Rufende, was sie größer füllte.
+Und je mehr es in ihr glühte und Di Contis Glaube
+<!-- page 281 -->
+und Ziel sich erhellte auf einer Seite, sank der Kopf
+auf der anderen, das Spiel der Wage ging hinab.
+Wohl lag zwischen dem Kopf und allem Geschehen
+eine Kluft, die nichts überbrückte: nur ihr Blut. Sie
+gab es. Litt. Gab es hinüber in das Unbedingtere, gab
+sich auf und ganz in die Aufgabe. Verzichtete. Sah zum
+ersten Male das Unbeschreiblichste, erkannte, am Nichtgewesen,
+an allem, was sie versäumte, ihr großes
+Glück. Gab es auf, ließ es. Legte den Kopf weinend
+in die Hände. Entsagte. Aus Di Contis Atem kam
+die Befreiung, lösend, hart, aber tief.
+</p>
+
+<p>Das Silber zitterte heller. Sie lag, die Augen
+wie Stein. Dann stand sie auf, als ein Boot unten
+vorbeifuhr. Ging hinaus über die Schwelle.
+</p>
+
+<p>Die Arme standen etwas ab. Die Sonne kam.
+Eine Fahne wehte, das Georgskreuz, schon vorüber.
+Welch unendliche Kühle des Sommermorgens.
+Welche Frische des Blaues. Sie ging weiter. Der
+Staub ward rötlich. Die Riffe des Kessels ballten
+sich dunkel, unerreicht noch vom Licht. Sie ging.
+Gezackte Wolken am Horizont .&nbsp;.&nbsp;. Mövenflügel in
+Spiralen hoch sich schleudernd .&nbsp;.&nbsp;. die Eidern weich geschaukelt
+in der Bucht &mdash; &mdash; &mdash; der Tag stieg, wölbte
+Licht. Aus der Wiese kam ein Gaul auf sie zugelaufen,
+hielt, hob das rosane frische Maul, legte es
+auf ihre Schulter. Lief davon.
+</p>
+
+<p>Das Kupferbergwerk glühte aus dem Fels. Sand .&nbsp;.&nbsp;.
+<!-- page 282 -->
+Sonne leckte darauf .&nbsp;.&nbsp;. die Ebene kam. Oben das
+spitze Tal. Sie ging hindurch. Fahlweißes Licht
+prallte ihr entgegen. Sie stand vor dem Haus wieder,
+von der anderen Seite, das, ein Nabel, zwischen
+der Ebene und dem Gebirge lag. Aus einem oberen
+Fenster sah ein blauzerquollenes Gesicht. Ungetrübt
+durch Schmerz wehte es rein in ihr auf, durch sie hin.
+Die Liebe quoll verdichteter in ihr. Sie schlug die
+Augen auf. Mit unerbittlich weichen Buchstaben
+stand über dem Eingang vor dem Himmel geschrieben:
+Hilfe den Menschen.
+</p>
+
+<p>Eine grelle Stimme: &bdquo;Was wollen Sie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Hinein.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 283 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-6">Der fünfte Abschnitt
+</h2>
+<!-- page 285 -->
+
+<p>Die zwanzigste Schüssel .&nbsp;.&nbsp;. sie hing das Tuch an
+den Ständer, goß den Zuber aus, stülpte die letzte
+auf die Neunzehn. &mdash; &bdquo;Durst.&ldquo; Sie brachte Wasser an
+ein Bett. Sie schaukelte den Zuber in die Badewanne,
+ließ heißes Wasser einlaufen, nahm Soda, griff in
+Schmierseife, schlug Schaum mit einer Bürste. Nun
+kamen die Näpfe. Mit einem Zangenpinsel fuhr sie in den
+Hals der Urinenten, bog den Draht, schabte den Kalk innen
+ab. Das Wasser sprudelte. Sie wusch den Nachtstuhl
+aus. Die Tür weit offen .&nbsp;.&nbsp;. es dampfte nach Kaffee.
+Sie schaukelte das Wasser in die Wanne, wusch die
+Wanne aus mit Seife und Sand, schaukelte den Zuber
+mit den Henkeln auf der Wanne unter den Hahn.
+</p>
+
+<p>Neues heißes Wasser .&nbsp;.&nbsp;. es lief nicht mehr. Sie
+schob den Schalter langsam herum und hielt ein Streichholz
+daran. Der schmale Gasofen an der Wand spie nach unten
+Ruß, nach oben die blaue Flamme, es donnerte. Sie sprang
+in die Flamme, schob den Schalter zurück. &bdquo;Langsamer
+öffnen&ldquo;, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie öffnete
+langsam, entzündete das Holz. Der Ofen explodierte.
+&bdquo;Langsamer sage ich .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Ihr rußiges Gesicht sah
+<!-- page 286 -->
+um. Langsam öffnete sie, die Stichflamme schoß in
+das Zimmer, das Gas knatterte irrsinnig, an der
+Decke das Licht losch aus.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Schreiben Sie auf: der Ofen wird repariert.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie nahm ihr Buch, notierte es. Es stand zum
+drittenmal mit Blei geschrieben. Jedesmal untereinander.
+Der Ofen wurde nicht repariert.
+</p>
+
+<p>Die Türe fiel hinter dem Arzt.
+</p>
+
+<p>In der Dämmerung wusch sie die Becken im kalten
+Wasser. Dann trug sie Bürste, Pinsel, Stuhl hinaus.
+Auf dem Gang standen Sechs vor einem Tisch
+in Hemden und wuschen sich Hals und Brust. &bdquo;Meine
+Zahnbürste.&ldquo; &bdquo;Schlappmaul .&nbsp;.&nbsp;. meine.&ldquo; Ein Rippenstoß
+.&nbsp;.&nbsp;. sie torkelten im Korridor. &bdquo;Laßt mich durch.&ldquo;
+Sofort wichen sie zur Seite. Das Klosett verschlossen: &bdquo;nicht
+in Ruhe einmal scheißen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Sie wartete ruhig. Sie
+bückte sich unter den Tisch. &bdquo;Deine Zahnbürste &mdash; &mdash; &mdash;&ldquo;
+Der Mann winselte. Im Klosett keifte es. In hängenden
+Hosen erschien er dann in der Tür, ungekämmt, rieb
+sich die Augen mürrisch. Als er sie sah, ging er auf
+die Seite, wich ihr aus, senkte den Blick. &bdquo;Falle
+nicht,&ldquo; sagte sie, &bdquo;der Boden ist naß.&ldquo; Die sich
+wuschen, tuschelten nur noch miteinander, Mund an
+Ohr. Sie machte das Fenster auf im Klosett, zog
+die Wasserspülung, wusch den Boden auf, rieb das
+Porzellan glatt. Der Schnee draußen schimmerte frostig.
+Sie schloß das Fenster.
+</p>
+<!-- page 287 -->
+
+<p>Ihr Name flatterte zweimal im Flur. Sie stand
+neben einem Bett. Sie nahm zwei Beine, hob sie hoch.
+Die dicke Schwester, die den Kopf hielt, schrie den
+Mann an mit drohendem Baß, die andere band ihm
+die Hände fest. Der Schwären auf seiner Weiche
+juckte ihn so, daß er nun hüpfte im Bett. Die Dicke
+gab ihm Kaffee in den Mund, das Brot.
+</p>
+
+<p>Sie fuhren die Betten in die Ecke. Achtzehn. Die
+freie Seite kehrten sie, wanden Lumpen um die Besen,
+wuschen auf, ließen trocknen, fuhren die Betten herüber,
+bewältigten die andere Seite.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Daisy .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Bittender Ruf. Sie ging mit. Naga
+hing in ihrem Arm. Sie gingen über zwei Korridore
+in den höheren Stock. &bdquo;Bist du müde?&ldquo; Die Brust
+der kleinen festen Schwester schmiegte sich an ihren
+Arm. In dem Zimmer standen zwei Kolonnen Betten,
+alle belegt. Die Luft roch scharf nach nassem Tuch.
+Große Scheiben gingen ins Land. Aus jedem Bett
+ragte ein Bein, ein Arm .&nbsp;.&nbsp;. und lag in einem Gefäß mit
+Wasser. Naga hielt Bein um Bein, Arm um Arm.
+Daisy trug die Wannen hinaus, leerte sie von eitrigem
+Gerinnsel, scheuerte sie, füllte sie neu. Das siebente
+Bett .&nbsp;.&nbsp;. ein junger Mann warf sich im Fieber herum
+&mdash; &mdash; &mdash; &bdquo;Ja, wir werden deiner Mutter schreiben.&ldquo;
+Das elfte Bett .&nbsp;.&nbsp;. die Fieberkurve gestiegen &mdash; sie machte
+ein Kreuz auf das Brett, drückte auf einen Knopf.
+Der Kranke kannte die Bewegung, begann zu winseln,
+<!-- page 288 -->
+das Bein blau, geschwollen .&nbsp;.&nbsp;. er warf sich knirschend
+herum. Sie drückte wieder auf den Knopf. Jeder
+kannte die Bewegung. &bdquo;Nur ein kleiner Schnitt.&ldquo; Er
+lächelte ungläubig, sie nickte.
+</p>
+
+<p>Ihr Name auf der Treppe.
+</p>
+
+<p>Sie trug mit der großen breiten Schwester Mann
+auf Mann ins Bad. Sie hielt sie unter den Armen,
+die andere an den Knöcheln. Im Bad stand ein
+Schemel. Darauf lag wechselnd ein verbundenes Bein,
+ein Knie, ein Arm. Einer lag darübergekrümmt auf
+der Seite. Sie wuschen die Leute ab mit Seife und
+dicken Bürsten. Sie hoben sie heraus auf den Stuhl,
+trockneten sie mit den Fingerspitzen ab:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Du hast Naga geholfen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie nickte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie soll es nicht tun, wenn sie der Aufgabe nicht
+gewachsen ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe nichts versäumt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie trugen einen anderen herein. Als sie schruppten,
+ging die Haut ihm ab wie einer Schlange. Er hatte
+sich gekratzt, &bdquo;Du Schwein .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Er sah die große
+Schwester an, er sprach kein Wort. Daisy rieb vier
+Leuten den Rücken, die Schenkel ab mit Spiritus,
+gab Puder darauf, ging zu Nagas Station, setzte sich
+zu dem Fiebernden, horchte, sprach, schrieb .&nbsp;.&nbsp;.: &bdquo;Liebe
+Mutter &mdash; &mdash; &mdash; ich bin nicht schuld .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie aß zu Mittag, ging vor das Haus auf einen
+<!-- page 289 -->
+Liegestuhl, deckte sich zu und schloß die Augen. Die
+Sonne brannte auf den Schnee und färbte ihr Gesicht.
+Sie ließ die Glieder sich lösen, Müdigkeit floß an ihr
+herab, halb schlafend flog ein Zug zufriedenen Liegens
+ihr an den Mund.
+</p>
+
+<p>Sie stand neben dem Arzt. Ein neuer Kranker
+ward eingeliefert, ein junger Prediger, der entsetzt in
+die Brille des Arztes stierte: &bdquo;Sie werden gut tun,
+sich damit auseinanderzusetzen, daß Sie hier bleiben.
+Die Welt draußen ist vorbei. Sie werden hier sterben.
+Wenn Sie so denken, werden Sie ruhiger leben, weil
+Sie ein kluger Mensch sind.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie ging still mit dem Arzt hinaus, trat von dem
+Flur in das Nebenzimmer. Ein Raum dick voll Rauch.
+Gesichter schwankten mit Bärten zerfließend in der geballten
+Luft .&nbsp;.&nbsp;. deutsche Matrosen mit Scharbock von
+Grönland. Die leichte Abteilung, nichts gegen die
+Tragödie drüben. Gesang:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Isch un du</p>
+<p class="line">Mir hawwe uns so gern</p>
+<p class="line">un leck&rsquo;st de misch bei Dag am Arsch</p>
+<p class="line">da brauchst de kei Laddern.</p>
+</div>
+
+<p>Sie stand auf dem Sims, wusch mit <a id="corr-11"></a>Petroleum
+das Lambris, wusch das Fenster. Sie zog ein Spinnweb
+aus der Ecke. Sie kehrte die Asche der Zigarren am
+Boden zusammen, unter der Heizung jagte sie Flocken, putzte
+<!-- page 290 -->
+das Messing der Klinken. Immer ein freier Raum um
+sie. Immer der fremde Gesang. Die Männer kaum
+sichtbar in dem Qualm:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Isch un du</p>
+<p class="line">mir hawwe uns so gern</p>
+<p class="line">un leck&rsquo;st de misch bei Nacht am Arsch</p>
+<p class="line">da scheine der die Schdern.</p>
+</div>
+
+<p>Sie ging auf den Zehen an das Bett des Geistlichen.
+Sein Auge sah starr, gebrochen vor Melancholie
+in die Ecke. Er spürte nichts wie die Vernichtung.
+Hier Ende seines Lebens. Aufgezogen von einer
+schönen Frau, seiner Mutter, hier nun verfaulen. Unmöglich
+zu fassen, das konnte nicht sein, seine guten Glieder .&nbsp;.&nbsp;.
+dieser Mund, der schöne und tapfere Dinge sagte .&nbsp;.&nbsp;.
+wenn Gott war, so war dies unbegreiflich .&nbsp;.&nbsp;. ein
+schwaches Lächeln &mdash; er glaubte es nicht &mdash; .&nbsp;.&nbsp;. als die
+Lippen anschwollen, starrte er vor sich hin. Fassungslos
+dies große Ungeheure vor sich, sein Geist zu enge Öffnung,
+als daß so Maßloses sich in ihn schon so rasch
+ergösse. Zu klein sein Hirn für solchen ungeahnten
+Gott. Acht Tage lag er steif. Dann fraß ihn das
+Neue, indem es ihn an sich gewöhnte. Da gab er
+sich Wochen der Wut und der Anklage. Der Ausschnitt
+seines Zimmers, das Stück kümmerliche Landschaft
+ward ihm die Welt. Der Mond, entsetzlich
+aufsteigend .&nbsp;.&nbsp;. er würde ihn nie mehr sehen von anderem
+<!-- page 291 -->
+Ort, die Blumengerüche, der Dampf der regenbeschwerten
+Erde .&nbsp;.&nbsp;. ein Bauernmädchen, das vorbeiging
+.&nbsp;.&nbsp;. nichts zu halten, in die Ferne gerückt, nie
+zu berühren und zu haben .&nbsp;.&nbsp;. welches Schicksal. An
+das Fenster treten, dies alles inbrünstig sehen, nie haben
+werden, mit aller Wildheit begehren, kein Gott, der
+es ihm in die Hände geben würde .&nbsp;.&nbsp;. warum diese
+Grausamkeit .&nbsp;.&nbsp;. warum ihm .&nbsp;.&nbsp;. &mdash; &mdash; Jahre stiegen
+auf in dem Fensterbogen, entfalteten sich, zeigten jede
+Sekunde mit einer Eindringlichkeit, die die Augen
+schmerzte .&nbsp;.&nbsp;. Spiele der Jugend .&nbsp;.&nbsp;. eine schmale Frau
+trat an sein Bett, ein Garten abends .&nbsp;.&nbsp;. er hielt es
+nicht mehr .&nbsp;.&nbsp;. schrie. Daisy kam, stellte Wasser neben
+ihn, rückte einen Stuhl zurecht, legte Bücher darauf &mdash;
+und ging. Er folgte ihr mit dem Blick, bog ihn zu
+dem Fenster. Da stand seine Jugend. Wie war es
+zu tragen .&nbsp;.&nbsp;. Nun litt er mit geschlossenem Gesicht.
+Als der Pendel durchschwang, der Kern des Leides
+durchlitten war, löste es sich in schmerzliche Seligkeit,
+er begann beim Abebben des Zorns eines Nachts zu
+weinen. Hell wie ein Kind. Das ganze Haus hörte
+ihn. Nach Wochen sagte er zu Daisy: &bdquo;Wenn ich
+begreife, daß ein Körper wie meiner verfault &mdash; &mdash; wie
+soll ich fassen, daß Sie in einer Arbeit wie dieser leben
+können.&ldquo; Da sah er ihren Blick zum erstenmal, der
+mehr Abgeschlossenes hatte mit den Dingen wie der
+seine, fuhr hoch. &bdquo;Was wundert Sie?&ldquo; fragte Daisy.
+<!-- page 292 -->
+Da begann sein Blick an ihrem sich zu erstaunen und
+zu kräftigen. Ihm schien Sterben nicht mehr schwer
+von dieser Sekunde. Sein Auge folgte dieser Schwester,
+wo es sie sah.
+</p>
+
+<p>Der Arzt nahm sie mit in sein Kabinett: &bdquo;Sie
+werden mir operieren helfen. Sie sind ohne Laune,
+ruhig.&ldquo; Die große Schwester haßte sie von diesem
+Tag. Sie hetzte einen Saal auf. Nachts auf dem
+Korridor umarmte sie einer von hinten, fiel unter ihrer
+Parade schreiend zurück. Licht fiel auf sein Gesicht:
+&bdquo;Ich sage es diesmal nicht dem Arzt.&ldquo; Er verkroch
+sich. Auf diesen Mann konnte sie sich verlassen von
+nun ab, unbedingt.
+</p>
+
+<p>Sie hatte das Zimmer über dem Operationsraum,
+eine Glaswand trennte diesen in Manneshöhe von ihr.
+Sie sah nachts einen Schatten, der die Instrumente
+beschmutzte und zerwühlte. Sie stand früh auf und
+ordnete es wie neu.
+</p>
+
+<p>Es kam eine alte Frau, saß an dem Bett des Fiebernden:
+&bdquo;Ist das mein Sohn?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ihr Sohn.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist ungeheuerlich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Kloß verdrehte die Augen, flüsterte, schlug die
+roten Deckel zurück, die, ohne Lider, nur im engen
+Schlitz sich noch öffneten. &bdquo;Das ist ungeheuerlich. Das
+ist nicht mein Sohn. Das soll ein Mensch sein .&nbsp;.&nbsp;.
+Warum erschlägt man das nicht. Ist das Gottes
+<!-- page 293 -->
+Güte? .&nbsp;.&nbsp;. Mein Sohn, den ich auf die Steuerschule
+schickte .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Haben Sie den Mut, es leicht zu nehmen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sind sie wahnsinnig, Schwester?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;So haben sie &mdash; zum mindesten &mdash; soviel Liebe, tapfer zu
+sein.&ldquo; Die Frau blieb starr unter dieser plötzlich harten
+Stimme, neigte den Kopf. Daisy legte ein nasses
+Tuch auf die Augen des Kranken, wischte sie aus und
+ging. Sie ging durch den Flur. Auf der Schwelle saßen
+Zwei und droschen Karten: &bdquo;Mitspielen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Verschmitzte
+Gesichter. Sie lachte hell: &bdquo;Ihr Dorsche .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+Tief befriedigt brüllten die Zwei in sich hinein. Im
+Garten der Frühling. Grün überall leuchtend .&nbsp;.&nbsp;.
+Eine Amsel schlug an, hob den silbernen Lauf und bog
+ihn elegisch in die Höhe. Daisy wiederholte. Die
+Amsel pfiff die Läufe zarter und inniger zurück.
+</p>
+
+<p>Die Uhr schlug. In einem weißen Zimmer allein stand
+eine Wanne. Der Zigeuner darin schlief, die Arme auf
+den Rändern aufgestützt. Sie band das Wachstuch weg,
+legte eine Glocke mit einem Rohr in das Wasser, sog an
+dem Schlauch, hing das Ende in einen Eimer, ließ Eimer
+auf Eimer heraus. Dann wusch sie mit Spiritus und
+Watte den Körper ab, immer im Bogen um die offenen
+Stellen. Sie nahm die Füße, rieb sie mit Äther aus
+und gab gelbe Vaseline darauf. Sie waren im Wasser
+wie Hirne geworden, weiß, tief gefurcht. Dann trug
+sie die Eimer heißes Wasser in die Wanne.
+</p>
+<!-- page 294 -->
+
+<p>Der Kranke ließ seinen Urin hinein.
+</p>
+
+<p>Sie setzte die Glocke an, leerte aus, goß wieder
+neues Wasser ein. Eine Stunde. Der Kranke sah zu,
+folgte jeder ihrer Bewegungen katzenhaft. Ein Pfarrer
+kam, wandte sich zu ihm, allein er schloß die Augen,
+als schlafe er. Als Daisy fertig war, grinste er und
+gab seinen Darm in das frische Wasser; Daisy sog
+das Wasser heraus, gab wieder neues zu. Wohltätiger
+Besuch kam aus der Stadt. Der Zigeuner zog das
+Wachstuch weg und zeigte, um zu größeren Geschenken
+zu rühren, seinen zerfleischten Körper. Die Dame
+schluckte, übergab sich noch im Zimmer und eilte hinaus.
+Daisy zog das Erbrochene auf, der Zigeuner
+warf wütende Blicke.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie mißt mich falsch&ldquo;, sagte er dem Arzt.
+</p>
+
+<p>&bdquo;So .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, sagte er und zog den Mund herunter.
+Der Zigeuner sah zur Seite.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Scheißen&ldquo;, rief er. Sie ließ das Wasser aus, zog
+den Gummiring unter ihm weg, schob den Stechnapf
+hinein. Es war eine Lüge. Sie gab ihm neues
+Wasser.
+</p>
+
+<p>Er ließ den Arzt holen. Sie petze ihn .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;Du
+Schwein&ldquo;, sagte der Arzt und schlug ihn aufs Ohr.
+Zwei Tage darauf vertraute er der großen Schwester
+an, indem er weinte und sie zu Fragen zwang, er sei
+traurig, Daisy speise ihm sein Essen. Sie meldete es,
+der Pflicht folgend, dem Arzt. &bdquo;Wie können Sie .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo;
+<!-- page 295 -->
+Sie sagte gegen sein Brausen: &bdquo;Das Statut.&ldquo; Der
+Arzt untersuchte und gab dem Zigeuner wegen Verleumdung
+einen Tag Hunger. An diesem Tag speiste
+ihn Daisy mit ihrem Essen. Bei der Morgenvisite
+zeigte er es an. Seine Stimme lauerte auf den Verweis.
+Der Arzt tat ihm nicht den Gefallen, sondern
+bestrafte die Bosheit mit zwei Tage Hunger. &bdquo;Es wird
+durchgeführt.&ldquo; Ein Blick in die Runde. Die Tür
+fiel zu.
+</p>
+
+<p>Daisy folgte, setzte sich für ihn ein: &bdquo;Warum?&ldquo;
+Zwei Brillengläser funkelten sie an. Sie lehnte an den
+Tisch: &bdquo;Er wird sein Leben im Wasser liegen. Sein
+Haß gegen alles andere ist natürlich. Aber &mdash; Strafe
+wird ihn nie bessern.&ldquo; &bdquo;Nein,&ldquo; sagte der Arzt &bdquo;das
+ist nicht meine Sache .&nbsp;.&nbsp;. aber die Autorität wird
+gewahrt.&ldquo; In diesen zwei Tagen ließ Daisy von Naga
+sich vertreten, tauschte mit ihr die Station. Sie wohnte
+in Nagas Zimmer. Ein Gartenbusch lehnte herein.
+Die Blumenterrasse dahinter schwoll herein, der Rasen
+roch. Morgens die Luft blau und gold, Vögel darin,
+die unsichtbar sangen. Im Garten Naga, in den
+Hüften gebeugt. Eine Eidechse lief über den Kies,
+grün, glatt, rollte sich über einen heißen Stein, hob
+die Augen, züngelte herauf, lief weiter. Naga bückte
+sich, huschte rasch, geschmeidig die Hand darauf, hob
+die Faust, aus der oben der toderschreckte Tierkopf,
+unten steif der Schwanz heraussah, federte den schlanken
+<!-- page 296 -->
+Körper herum .&nbsp;.&nbsp;. ein Gesicht fassungslos aufgegangen
+in der Freude. &bdquo;Bleib&ldquo;, sagte Daisy, ging hinauf auf
+ihre Station, besorgte das Nötige auf der Nagas,
+die hinter einem Busch saß, Wolken ansah, die aus
+dem Meer stiegen.
+</p>
+
+<p>Zwei Männer kamen durch den Garten. Sie wiesen
+ihre Papiere. Sie kamen von einem spanischen Segler.
+&bdquo;Scharbockabteilung. In vier Wochen kommt Ihr
+wieder raus.&ldquo; Naga führte sie hinauf. Sie wurden
+ausgekleidet, gebadet, geräuchert, frisch gekleidet. Naga
+überwachte es. In der Nacht wiegte ein Gemurmel,
+lange halb undeutlich, als striche Wind mit Bäumen.
+Dann schwoll die Bewegung, die Wände des Gebäudes
+gaben sie weiter, echoten leis, knaxten. Stimmen
+schwebten hindurch, mischten sich. Plötzlich sang einer
+heiser und laut.
+</p>
+
+<p>Naga ging dem Geräusch nach, blitzte mit der
+Laterne auf leere Betten, kam durch Tür und Türen
+näher. Sie stand vor dem Operationssaal. Den
+Schlüssel vergessen abzuziehen .&nbsp;.&nbsp;. sie erbleichte. &bdquo;Coño&ldquo;,
+rief der eine Spanier und warf seinen Mantel auf
+den Tisch. Links lagen Flaschen auf dem Boden. Eingeschmuggelt
+.&nbsp;.&nbsp;. zu wenig Achtung auf ihre Mäntel .&nbsp;.&nbsp;.
+der Garten. Sie ging hinein, rasch, fest. Die Fenster
+waren geöffnet, die Bettücher hingen als Flaggen hinaus.
+Patienten der Lepra mit Flaschen am Mund, taumelnd,
+in der Hand .&nbsp;.&nbsp;. die Spanier tanzend und krähend
+<!-- page 297 -->
+eine Orgie .&nbsp;.&nbsp;. Naga stand stumm eine Sekunde, verzog
+den Mund zum Weinen und ging starr auf den
+Spanier zu, riß an der Flasche, da ging der Schwarze
+in das Knie, zupfte mit kurzen Rucken an ihrem Rock,
+er fiel nieder, er preßte den Kopf an ihre Knie. Entsetzt
+fühlte sie den Druck, schon nach der Tür .&nbsp;.&nbsp;.
+Geheul .&nbsp;.&nbsp;. versperrt der Ausgang. Sie sah die Leine,
+hing sich daran, schellte Alarm, riß die Schnur ab .&nbsp;.&nbsp;.
+die Patienten machten Jagd, stöhnten ihr nach .&nbsp;.&nbsp;.
+um den Operationstisch. &mdash; &mdash; Da schnitt eine Stimme
+herein. Das Licht wurde dreifach, ein Reflektor
+glühte aus der offenen Tür. Weit geöffnet schrie der
+Mund des hereinkommenden Arztes. Sie wurde ohnmächtig.
+Schwestern, Gehilfen drangen herein. Der
+Spanier ward gefesselt, ein Lepröser in die Zwangsjacke
+gesteckt, er schäumte. &bdquo;Still hinüber&ldquo;; zwei kurze
+Befehle: &bdquo;Me caco de la puñedra y jodida alma de
+la grandissima puda madre qué te caco .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Ein
+steiler Arm hob sich kurz vor Daisy, die ihn unter
+dem Tisch entdeckte. Hinaus .&nbsp;.&nbsp;. Einen Augenblick
+stand ein Kreis noch erregt plaudernd um den Arzt,
+der sich in Sublimat wusch. Dann gingen Türen.
+Als alles still war, öffnete sich leis Daisys Tür. Naga
+kam, schmiegte sich auf dem Bett an sie: &bdquo;Ich kann
+nicht mehr .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Es war dunkel: &bdquo;Wie lange hast du Kontrakt?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Oktober.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 298 -->
+
+<p>&bdquo;Geh sofort.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getröstet
+werden wollten, gehalten, die noch nicht gehen
+wollten: &bdquo;Aber du kannst es doch. Arbeitest du nicht
+wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrängen.
+Hast du dazu nicht mehr gesehen, erlebt wie
+wir?&ldquo; Sie zog sie neben sich: &bdquo;Der Wille genügt
+nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh,
+lebe. Kommst du nicht wieder, fandest du Gegebeneres
+für dein Schicksal. Kommst du wieder, ist nichts so
+entsetzlich, du trügest es nicht mit einem Lächeln.&ldquo;
+Nagas verweintes Gesicht suchte auf dem Kissen nach
+ihrem. Tränen an ihrem Mund. Schluchzen .&nbsp;.&nbsp;. was
+sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere .&nbsp;.&nbsp;.
+was das Leben zärtlich und schön macht. &bdquo;Geh.&ldquo;
+Naga ging schlafen. Die Nacht darauf hatte Daisy
+Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich fiebrig, damit
+sie nicht zum Schlafen komme. Es klirrte im Nebenraum.
+Daisy ging hinein, schloß die Tür hinter sich,
+reichte Pakete hinaus, ein Kuß mit Tränen, die im
+Mund blieben. &bdquo;Mut&ldquo;, geflüstert ein heißes Wort
+zurück, kaum verständlich vor Weinen. Das Fenster
+geschlossen .&nbsp;.&nbsp;. zurück zu dem Zigeuner .&nbsp;.&nbsp;. auch dies
+vorüber. Naga würde nun fehlen. Kein Lächeln mehr
+im Hause sein.
+</p>
+
+<p>Der Zigeuner fluchte. Sie lächelte, einzige Antwort.
+Bosheit verzerrte sein Gesicht, er klotzte wie ein Neger.
+<!-- page 299 -->
+Sie hatte ihn kurz verlassen .&nbsp;.&nbsp;. er beschimpfte sie.
+Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie
+nahm seinen Vorwurf hin: Du hast recht. Unbeugsam
+blieb ihr Mund durch seine Tücke. Er kam in Raserei,
+gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. &bdquo;Schlaf&ldquo;, sagte
+sie mild. Er spie ihr in das Gesicht. &bdquo;Du Armer.&ldquo;
+Sie setzte sich in eine Ecke. Dunkel nun im Raum,
+halb licht vom Morgen. Ganz allein in der Nacht
+ihr Wachen .&nbsp;.&nbsp;. unendliche Stille ausgegossen in ihr.
+Die Fenstergardinen schwankten .&nbsp;.&nbsp;. Di Contis Atem
+ging mit dem Wind durch den Raum. Die Liebe
+ging auf in ihrem Gesicht. Sie saß bis tief in den
+Morgen.
+</p>
+
+<p>Die Sonne kam weiß aus dem Meer. Das Wasser
+ward spiegelig grau mit einem dunklen Rand. Der
+Sommer auf der Höhe .&nbsp;.&nbsp;. das Wasser stank faulig.
+Die Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer,
+Gebirge: eine Ebene erstickendster Trockenheit, von der
+ein giftiger Hauch am Mittag gegen das Haus fiel.
+Aus heißem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven
+zitternd, in den Operationsraum .&nbsp;.&nbsp;. Puls halten,
+Apparate reichen .&nbsp;.&nbsp;. sie hielt an einer Zange ein Bein.
+Zwei Finger des Arztes bohrten im Fleisch, suchten
+einen Knochen. Da riß der Gummi des Handschuhs.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Äther&ldquo;, schrie der Arzt.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Hier.&ldquo; Er riß den Stöpsel ab, leerte es über die
+Hand, stöhnte auf.
+</p>
+<!-- page 300 -->
+
+<p>&bdquo;Jod .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;, schrie er, die Augen quollen. &bdquo;Schlafsenkel
+.&nbsp;.&nbsp;. Gans .&nbsp;.&nbsp;. ist das Jod?&ldquo; Schon verbanden
+ihn andere. Über dem Waschbecken knurrte er weiter.
+Vor dem Weggehen warf er ihr einen wütenden Blick
+zu. Unter den anderen stehend nickte sie mit dem Kopf.
+Was war das Unrecht? Hätte sie nicht wissen müssen,
+daß er irrte, klüger sein wie er in der Stunde der
+Not .&nbsp;.&nbsp;. auch dies. War es ein Unrecht .&nbsp;.&nbsp;. sie
+nahm es mit in den Dienst. Es reichte nicht an ihre
+Ruhe.
+</p>
+
+<p>Zwanzigmal das Wasser leeren .&nbsp;.&nbsp;. Gestank. Das
+eitrige Wasser faulte unter der Hand. Geruch von
+Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schweiß
+in den Krankenräumen .&nbsp;.&nbsp;. ein satanischer Sommer.
+Die Fenster, weit ausgehängt, lauerten auf Zugluft.
+Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die Kranken
+badeten in ihrem Schweiß, der sie anfraß. Die offenen
+Schenkel wurden brandig. Die Gurgeln wurden trocken,
+krächzten. Einmal begann einer zu schreien, besinnungslos.
+Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie
+kam zu dem Fiebernden: &bdquo;Nimm dir Wasser.&ldquo; Er
+hob den Hals, konnte sie nicht ansehen, die umschlossenen,
+nie mehr zu öffnenden Augen winselten Dankbarkeit.
+Sie spritzte mit einer Blumenfontäne Wasser
+ohne Pause in die Luft. Dünner Regen kam aromatisch
+nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug Glück .&nbsp;.&nbsp;.
+vorbei. Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzlose
+<!-- page 301 -->
+Auge des jungen Priesters. Erstaunt: &bdquo;Auch
+Sie .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Er schüttelte den Kopf, kein Kleinmut, er
+lächelte, solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche
+Gewöhnung gelernt, zu schätzen, dies: &bdquo;Der Geruch.&ldquo;
+Ihr linkes Augenlid senkte sich kurz. Sie brachte eine
+Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die Flasche, roch
+sie, Tränen schon in den Augen: dies war die Welt.
+Er drehte sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen
+senkte sich ein maulender struppiger Banditenkopf gebändigt.
+&bdquo;Ein Gewitter kommt,&ldquo; sagte sie, mit dem
+Leinentuch wehend zum anderen Ende, &bdquo;den Abend
+wird es frisch vom Meer.&ldquo; Im Nebenzimmer, wie
+Fledermäuse ausgetrocknet, hockten die Matrosen, sangen
+nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen. Lächelnd:
+&bdquo;Geduld, Struppige .&nbsp;.&nbsp;. Wind.&ldquo; Sie bekamen Ausdruck
+in die Blickwinkel, schielten sich an, stießen die
+Ellenbogen sich in die Seiten, grinsten, schaukelten auf
+den Stühlen. &bdquo;Geduld&ldquo;, sie wehte zeigend mit dem
+Tuch nach dem Himmel. Alle sahen hin, alle in
+Spannung, sahen nach einer Wolke. Der ganze Saal
+sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer.
+Sie stand im Zimmer: &bdquo;Mut.&ldquo; Der Glaube trat
+aus ihr heraus. Trat in zwanzig Halbverweste. Vierzig
+Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer
+Hoffnung, klammerten sich an sie, schauten gläubig,
+mit ihrem Mut gestärkt, nach der Erlösung. Rochen
+nicht mehr ihren Eiter, spürten nicht mehr Schweiß,
+<!-- page 302 -->
+der ihr Geschwür biß. Keiner, der haderte, niemandes
+Schmerzruf .&nbsp;.&nbsp;. ganz verhaltene Stille. Der Glaube
+von zwanzig Unglücklichen ballte sich heftiger als von
+tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglücklichen
+stand in dem Zimmer, wuchs in den Räumen. In
+allen Zimmern stand er auf. Bald das Ende der
+Qual, bald Wind und Mut, weiter das andere zu
+tragen. Ein kleiner Windhauch nur .&nbsp;.&nbsp;. welch ein
+Trost. Die Zimmer verbanden sich mit einer Schicht
+Vertrauen, die früher nicht herrschte. Die einzelnen
+kamen sich näher, fühlten sich als Genossen, lachten
+sich zu. Die Deutschen sangen wieder. Freude stand
+über den Betten. &bdquo;Dank.&ldquo; Sie rief zurück: &bdquo;Mut.&ldquo;
+Der Tag vorüber, die Nacht rot vor Hitze, der Morgen
+graublau, entsetzliche Last. Durch die Zimmer
+gehen, immer ein Lächeln. Hinaussehen zum Horizont.
+Die, die nachts nicht geschlafen, die halb irrsinnig
+waren vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu
+lästern .&nbsp;.&nbsp;. alle einigten sich an diesem Lächeln, unternahmen
+nichts, wurden still, sahen hinaus auf den Horizont.
+Sie beruhigte, entflammte still, flüsternd von Ohr zu Ohr,
+wenn sie sich bückte: &bdquo;Geduld .&nbsp;.&nbsp;. es kommt.&ldquo; Der
+Glaube wuchs in den Zimmern, heftiger, tiefer .&nbsp;.&nbsp;.
+der Glaube der vierzig Augen stieg, die anderen glaubten,
+wuchs in die Räume, ballte sich den Tag .&nbsp;.&nbsp;. die
+ganze Nacht. Schaum am nächsten Morgen am Meer,
+am Mittag die lähmendste Stille. Gegen Abend
+<!-- page 303 -->
+wuchs ein Segel, schoß in den Himmel wie ein Gaul,
+bäumte, riß in einem Rad den Himmel als Strudel
+in sich .&nbsp;.&nbsp;. Blitze zuckten flatternd, irr .&nbsp;.&nbsp;. Kühlung
+kam. Die Augen geschlossen .&nbsp;.&nbsp;. die Hingabe erhob
+sich zu ihr, aller Gefühl: &bdquo;Dank.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wofür .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo; Sie starrte hinaus.
+</p>
+
+<p>Ein Wagen traf ein. Ein Brief.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Das Verhängte lockte. Das Elend des Einzelnen,
+der ihr Blut berührt, riß sie von dem, was sie hielt.
+Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel Unterwerfung.
+Ihr Herz rührte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste
+drei Tage, fuhr eine Mauer unter Oliven, hörte das
+Meer, traf in dem Park vor einem kleinen einstöckigen
+Schloß Stefan, den sie tödlich getroffen glaubte, er
+wandte sich um, warf eine Bananenscheibe weg, kam
+über den Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll
+Schmerz und Wut. Hörte seine Stimme. Er log
+nicht, sie kam nicht umsonst. Sie kannte sein Leben,
+das zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen
+feststampfte, sieben Balken im Schweben hielt. Er
+hatte Minen um sich gelegt. Flog eine, sauste er mit.
+Er hatte genug, ließ sie fliegen. Es reizte ihn nichts
+mehr. Er lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen,
+ehe er verreckte.
+</p>
+<!-- page 304 -->
+
+<p>Ihr Herz war festgebohrt. Es genügte nicht. Sie
+drehte ganz. Seine Stimme holte sie ein. Das Raubliebende
+besaß einen Klang, der sie bannte: &bdquo;Nimmst
+du mir den Rest Erlösung?&ldquo; Sie sah das Zerrissene
+seines Lebens darin, das nun der Erfüllung nahe war.
+Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah, hineingeschrieben
+in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich
+seine Bestimmung. Wie diese Fahrt seines
+Blutes nun landete in Reue, sich selbst verwarf, und
+das Starke sich hinschmiß und bat, ergriff sie mit
+Rührung, die alles hinüberneigte zu ihm, zagend und
+nicht ohne Befremden, doch bezaubert: &bdquo;Gehen wir
+hinein.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewußten
+die Last, fühlte seinen Schmerz, seine Seligkeit,
+sah die Grenze, die bald alles schloß, kannte sie nicht,
+roch die Katastrophe, bäumte sich vor ihr, legte in ihn
+hinein, was ihm das Letzte klar machte, beruhigend,
+sicher, Aufflug und Klarheit.
+</p>
+
+<p>Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen
+und Salbe. Sie rieb sich die langen schlanken Beine.
+Durch Gras, durch Fliederhecken, ein Bogen. Ein verfallener
+Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus
+der Frauen des passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen
+Terrassen. Vor den tiefen Fenstern des Schlosses
+tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen, bliesen
+aus Hörnern in den blauen Abend. Sie ging zurück,
+<!-- page 305 -->
+zog sich ins Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn morgens.
+Er saß über Papieren, schrieb. Sie wich zurück. Er
+sah den Schatten, fuhr herum: &bdquo;Du störst nicht. Nie.&ldquo;
+Das Geschriebene flog vom Tisch. &bdquo;Doch.&ldquo; Sie
+wollte gegen seinen Willen, ihm es leicht machen,
+wandte sich. Er, ihr sich hingebend, wußte nichts
+anderes: &bdquo;Bleib.&ldquo; Sie blieb.
+</p>
+
+<p>Die Luft ward silberblau. Blüten rochen herüber
+in der Nacht. Im gläsernen Bauch des Sommers
+stand noch der Frühling mit Kastanie und Flieder. Es
+rauschte Tag auf Tag über die Hängematte. Morgens
+beim Frühstück frug Stefan: &bdquo;Reiten wir?&ldquo; Sie
+nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm. Nach
+einem Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter
+ihrem Auge, verstand sie, ihre Woche, verlangte, daß sie
+sofort absteige: &bdquo;Welch ein Irrsinn .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Doch sie log.
+Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden vergällen.
+Lächelnd: &bdquo;Du irrst.&ldquo; Weiterreiten unter Schmerzen.
+Reden mit frischen Lippen. Seine Schläfe lief dick
+an vor Qual.
+</p>
+
+<p>Sie stand am Morgen früh auf, öffnete die Tür ihres
+Zimmers, ging hinaus auf den Rasen, die hohe Mauer
+entlang. Der Morgen, dunkelrot, verführte mit Pracht,
+sie ging um das Moorstück mit den dunklen Blumen, bog
+um den Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurück
+auf die Terrasse. An dem Rondell setzte ein Schmetterling
+sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich herum, da
+<!-- page 306 -->
+trat Stefan hinter einer Figur vor. &bdquo;So früh?&ldquo; sagte
+er, der spät aufstand. &bdquo;Nicht sehr!&ldquo; sagte sie, verschwieg
+den Weg, den er ihr ansah.
+</p>
+
+<p>Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar.
+Der Horizont gewölbt, kreisrund und stählern, süß die
+Luft darunter, schwärmerisch die Verzückung des Abends.
+Eine Lampe auf der Terrasse .&nbsp;.&nbsp;. der samtene Rasen blau
+in der Dämmerung. Eine Syrinx flog über die Mauer.
+Sie stand auf, müde. Er begleitete sie bis an ihr Zimmer.
+Sie drehte sich halb um .&nbsp;.&nbsp;. er folgte nicht.
+</p>
+
+<p>Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm
+der Mond. Das Silber der Stutzuhr im Dunkeln .&nbsp;.&nbsp;.
+Bilder entblößter Damen, degentragender Herren steif
+an den Wänden, undeutlich im Dunkel .&nbsp;.&nbsp;. ein Spiegel
+glomm tiefer und ungründiger in seinen matten Glanz
+hinein auf dem Toilettetisch .&nbsp;.&nbsp;. kein Geräusch. Kein
+Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich
+der Park. Sie wartete.
+</p>
+
+<p>Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die
+Stunde seines Aufstehens. Als sie hinauskam, sah sie ihn
+über die Terrasse herkommen. Sie errötete. &bdquo;So früh?&ldquo;
+Er sah auf seine verstaubten Schuhe. &bdquo;Nicht sehr!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Ein weißer Blitz setzte über ihre Hängematte am
+Mittag, schoß über das Rondell, flitzte in den Mittelpavillon.
+Sie sprang ihm nach. Nach links war der
+Flügel geschlossen, nach rechts folgten Räume, große
+Zimmer, vorüber im Lauf bemalte Wände, goldene
+<!-- page 307 -->
+Rebstöcke, japanische Tapeten, Mosaike, silberne Leuchter
+.&nbsp;.&nbsp;. die Fenster gingen bis zu dem Rasen .&nbsp;.&nbsp;. da
+stand Stefan neben einer kleinen Fontäne mitten im
+Zimmer. Auf seine Schultern hatte ein weißer Windhund
+die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem geschmeidig
+zitternden Rücken herunter. Er sah ihr Gesicht
+in der Portiere, ging ungestüm auf sie zu, unterdrückte
+eine Wallung: &bdquo;Nimm den Hund. Ich gab
+ihn weg, weil ich zu sehr ihn verzog. Heute kam er
+zurück &mdash;.&ldquo; &bdquo;Ach,&ldquo; sagte sie, &bdquo;nein, ich bitte dich,
+ihn zu behalten.&ldquo; Er liebte ihn, wie konnte sie ihn
+nehmen! Blieb fest Beim Abendspeisen sah sie, daß
+er litt. Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen.
+&bdquo;Verzeih&ldquo;, sagte sie an der Schwelle ihrer Tür, berührte
+schwach seinen Arm, sah über die Schulter.
+Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tür schloß, er
+folgte nicht. Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos
+bei aufgerührtem Herzen. Wohin trieben solche Konflikte,
+helfen wollen und verletzen .&nbsp;.&nbsp;. annehmen und
+gegen das Opferbereite verstoßen .&nbsp;.&nbsp;. Leid auf jedem
+der Wege .&nbsp;.&nbsp;. Brausen der Springbrunnen in der
+Nacht .&nbsp;.&nbsp;. diese Erquickung. Sie sprang hinaus, löste
+am Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das
+Wasser. Eine Wasserrose trug eine Tauperle. Sie
+stieß daran, das Kristall flutete vor Licht, zerbrach, der
+Himmel ward erschüttert von diesem Fall. Die Büsche
+schlugen auseinander. Stefan im Pyjama, den Ginster
+<!-- page 308 -->
+auseinanderbiegend, oben über den Figuren .&nbsp;. sie
+schloß die Augen zitternd .&nbsp;.&nbsp;. sie sah auf. Stefan
+war fort. Nichts in seinem Gesicht, das davon sprach
+den Mittag. Keine Gebärde anders in diesem Kopf.
+An seiner Ruhe spürte sie die Gespanntheit vor dem
+Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn verwüsteten,
+die Erwartung der tötlichen Minute, vielleicht schon
+aus dem Wipfel eines Baums gezückt. Blieb er unrührbar,
+lief sie heftiger in ihn ein, erschütterte sie seine
+Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal schoß sein
+Blick unverhüllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel.
+Sofort bändigte er ihn wie ein Tier. Sie spürte,
+wieviel ihm fehle, was er unterdrücke und wie es ihn
+fast sprengte, daß er sich überwand, sie nicht nahm. Ihr
+Mitleid erreichte die Tiefe, der blitzhafte Aufriß seines Herzens,
+das demütig solche Kraft überwand, wies sie zu vertiefterer
+Aufgabe. Sie mußte den Himmel ihm schöner
+überrunden, sich unendlicher mit dem Blut unter ihn
+betten, ganz sich verschenken an das, was sie verschmähte.
+In der Nacht, als sie schlief, öffnete ein Gewitterwind
+die nach innen geschliffenen Rundfenster, stürzte sich
+auf sie, schreiend fuhr sie auf, ergriff den Leuchter,
+rannte los, sah Stefan an einer Portiere, lief in seinen
+Arm, entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm
+kam. Entfesseltes schlang um ihre Taille, noch tastend,
+zag. Dem Zögernden unterzog sie sich, gab sich hinein.
+Ein seltsamer Ruf, es schwoll heraus, ihr Hemd schwand,
+<!-- page 309 -->
+ein Mund nahm ihren. Hände über ihrem Bauch,
+die langen Beine fuhr es hinunter. Die Kissen schwollen
+über ihr. Lippen zogen über ihren Leib, küßten die
+Sonne, die um den Nebel lag, alle Strahlen, die rot
+wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand, unverlierbar
+nahm sie, ließ wieder, erfaßte Neues. Tiefster
+Schmerz durchjubelte die Hingabe. &bdquo;Daisy.&ldquo; Hell,
+hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren Frage,
+ohne Zögern: &bdquo;Ja.&ldquo; Die Hand über den Hüften griff
+zu, Nebel riß über den Augen. Haare lagen zerstört
+und locker um den Körper, dessen feuchte glänzende
+Bronze das Kerzenflackern überschwemmte. Sie lag,
+als er schlief. Sie lächelte über das Geschenk, das sie
+ihm gab. Es war das Letzte, was sie konnte. Vom
+verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht
+den Raum. Es war ihr, sie erreiche die verschlossenste
+Grenze seines Wesens, habe ihn erfüllt.
+Am Morgen öffnete er ihr den versperrten linken
+Flügel. &bdquo;Ich sparte es auf bis heute.&ldquo; Sie trat ein.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zündete die Kerze
+an. Schlug das Buch auf, zerfuhr es mit den Fingern,
+blickte um mit einem rätselvollen Gesicht. Einen Augenblick
+trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstöcke
+aus Gold. Fontänenwasser kam in die verzehrende
+<!-- page 310 -->
+perlmutterne Schale. Es kamen gerade Herren,
+golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete
+und Jäger mit demantener Agraffe. Es kam ein
+Degen. Zersplittert, in den Trümmern gerahmt ein
+Spiegel mit dem <a id="corr-12"></a>Pistolenschuß in der Mitte. Es
+kam auf dem Tabourett in Wachs mit blauen Adern
+ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat wieder aus ihr hinaus.
+Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das
+eigene, kam herauf aus den gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte
+unten im Schoß der Generation. Ihr Blut griff zu,
+vermählte sich. Saß über holzgeschnittenen Signets.
+Es kamen ungeschickte, gestammelte Worte. Geschnörkelte
+Zeichnungen machten den Übergang unsicher. Hochmütige
+Sätze kamen, Buchstaben großer Form. Der
+Wahlspruch schien auf: Wenn ihr mit Männern spielt,
+so wißt mit wem .&nbsp;.&nbsp;. Und ist es mit Frauen, um was
+ihr spielt. &mdash; Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten.
+Der Raum erhielt Gewalt. Aus den Blättern der
+Miniaturen quoll der angesammelte Atem der Generationen.
+Die Farbe der Gewänder bekam Gewalt und blühte.
+</p>
+
+<p>Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich
+reckten. Der Stolz der Frauen sprengte die Taillen
+und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die Wangen
+röteten sich unter dem Puder und glühten, Lider hoben
+sich schwarz und flammten sie an. Degen und brokatene
+Mäntel zuckten. Ein kühnes Auge traf sie wild.
+Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunter
+<!-- page 311 -->
+in der Galerie der Frauen. Von da ab waren
+die Köpfe ähnlich wie der ihre, wie ihres Vaters.
+</p>
+
+<p>Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute.
+Sein Körper war größer und gewandter wie der der
+anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei großen
+leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges
+fingen die Spiegel des Raumes zu leuchten an, in
+ihrem verschleierten Glanz begannen weiche Hüften der
+Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen.
+Atem wilden Genusses rauschte mit Lachen in
+der Seide. Dies Gesicht führte ihr Geschlecht auf den
+höchsten Punkt ihres Blutes.
+</p>
+
+<p>Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber
+wandten sich ihm zu und sträubten sich auf vor ihm.
+Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle .&nbsp;.&nbsp;.
+ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängte, glitt
+durch die Luft. An einem heißen Abend begann er,
+dies Schloß zu bauen für den Sommer und die Zärtlichkeit
+der Frauen. Er stand davor, als er ankam.
+Die tiefen Fenster wühlten in der wollüstigen Nacht.
+Terrassen bogen sich kühl hinunter zwischen dem Taxus
+und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft der
+Rosen und Jasminen. Fontänen bohrten sprühende
+Lanzen in die blaue Blumendämmerung. Ein Zimmer
+war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat hinein.
+Am Morgen schrieb er mit vier Sekretären, noch
+feucht von der Haut der Geliebten. Dann ging die
+<!-- page 312 -->
+Sonne auf, er erhob sich und weckte sie aus Träumen
+von ihm. Da jagte er die Tiere. Die Sommer
+wechselten und fielen heiß herunter einer in die Spur
+des anderen. Da liebte er Dirnen. Er schoß die Saue.
+Das Pferd rannte unter dem Spiel seiner Schenkel.
+Kerzen blitzten um nächtliche Spiele. Lange Profile
+hingen wie Glas gegen den Schatten. Die Edelleute
+naher Höfe schwitzten um seinen Kartenschlag. Da
+fuhr er in Wagen. Da schlug er Hunde und küßte
+die Nägel ungeliebter Frauen. Ein einsamer Sommer
+umgab ihn ganz allein. Er wanderte, die Arme über
+die Brust gekreuzt, die Wege herauf, die Wege herunter.
+Seine Augenbrauen schoben sich im Dreieck
+zueinander. In einem zitronen trockenen Juli sah er
+auf der Landstraße ein braunes Kind, das in den
+Himmel lachte und nicht sprach. Er nahm es mit
+sich. Aus heißen Ritten warf er den Körper in das
+Bassin, das kristallen um ihn schäumte. Dumpfe
+Nächte durchschlief er mit schweißigem Haar. Mit
+großen Orden, den Degen zum Knie gesenkt, empfing
+er eine Fürstin, den Fuß am Schlag. Sie warf ihm
+Blicke zu durch das Glas ihrer Equipage, die er geschmeichelt
+nahm. Er diktierte Briefe, Befehle, Politik.
+Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich
+kraus gestaltete. &mdash; Dann schlief er allein durch einen
+ganzen Sommer sich durch, locker in der Kleidung,
+zufrieden und still das Gesicht .&nbsp;. nichts weiter tuend,
+<!-- page 313 -->
+als den Himmel ansehen durch den Regenbogen der
+Tritone .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich
+nach innen. Der Raum trat aus ihr heraus, wie die
+Fenster sich öffneten alle in den Parkmorgen. Stefan
+rief herein, sie ging neben ihm. Blätter, Büsche, Esel
+tanzten vorbei. Sie gingen. Das Ende kannte sie,
+seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte ihre Jugend durchdrungen,
+ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam
+sie. Das Vorspiel war neu, unwichtig, aber bestimmend.
+Er ging vor ihr her, die gleiche Kurve unten
+am Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt
+führte sie wie ihn. Aus dem Knax kam sein Werk.
+Sein Rausch wurde Sinn, als die Gegenströmung in
+seine Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus
+dem Entsagen. Sie reckte sich, spürte sich mit ihm
+durchblutet. Er ging vor ihr, war der Vordere, ließ
+ihr ein Vermächtnis. Sie lächelte, sicher genug in
+sich, aber die Rechtfertigung ihres Daseins aus dieser
+mystischen Quelle bog sie auf vor Befriedigung. Sie
+gingen. Luft strömte frischer, die Beeren leuchteten.
+Sie gingen rascher. Er hatte gelitten, geschafft, die
+Lippen zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner
+Minuten. Das Vermächtnis wuchs. Von Vaudreuils
+Herzschlag vorwärtsgeschnellt fühlte sie sich getrieben.
+Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause
+des Geschlechts, nach der Ruhe. Sie führte zurück
+<!-- page 314 -->
+in die Gemeinschaft, was er restlos erwarb. Er eroberte.
+Sie half. Das Angehäufte veredelte nun. Er
+schuf Platz für Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie
+aber befreite, die Sklaven geworden in diesem Beruf. In
+ihrem Blut saß die Vertrautheit seines Schicksals so,
+als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinübergeführt
+in ihre. Und jeder Tropfen Blut trieb, forderte,
+verhieß Vollendung, Wirkung, aufbäumenden Zwang zur
+Tat. Die neue Kraft, die bestätigte, bestürzte sie, machte sie
+gierig nach Tätigkeit, wenn diese Mission vollendet, die sie
+noch umfing. Sie neigte sich zur Seite, nahm Stefans
+Hand. Es würde vorübergehen. Sie gingen.
+</p>
+
+<p>Das Gefühl durchdrang den Tag, machte Weichheit
+hingegebener an das Umgebende, das Umgebende
+tiefer verliebt in sie. Die Riesennelken der Beete
+brachen auf unter ihrer Berührung, die Zinnfiguren
+trugen ihr Lächeln, die Mauern wichen tief vor ihrem
+Blick in den Himmel. Das Tor fiel auf. Unter den
+Lerchen flog betäubend der Horizont auf. Bienen
+schossen in dunklen Bogen, die Wiese, die sie berührte,
+flammt gelb und zart. Sie gingen, nahmen auf, gaben
+aus. Liebkosten Rehe, scheuten die Saue auf, lachten
+sie zurück. Nahmen Pferde an der Ferme, trabten
+durch die Feigen, um den dreizackigen Wolkenberg,
+speisten Zwiebel, Butter, Brot, sanken im tiefen
+Schatten in Schlaf. In die violette Dämmerung
+ergoß sich ihre Ruhe. Kein Wort. Er hielt ihren
+<!-- page 315 -->
+Halfter, sie gaben die Gäule ab. Ein Fasan lief
+über den Weg, Pfaue gingen in einer Kette. Die
+Bäume der Allee fielen in rosane Glut. Stefan nahm
+eine Göttin, hob sie auf die Erde ins Gebüsch, stellte
+Daisy auf den Sockel. Sie senkte die Beine in
+einer von Anmut so erfüllten Bewegung, daß ihr Knie
+seine Stirn traf, dann seinen Mund. Sie spürte
+ihn, war plötzlich allein. Suchte, rief seinen Namen.
+Kam an den Pavillon, verwirrte sich in den Gladiolen, lief
+in der Gartenstrecke, kam an die Lichtung. Die Terrassen
+hingen beleuchtet. Ein Fest. Die Fenster hell, Springbrunnen
+fluteten durch die Nacht. Atemlose Stille. Ihr
+Name kam breit und voll Sehnsucht geworfen. Sie ging
+hinein in den Namen, besinnungslos.
+</p>
+
+<p>Sie verließ ihn, ging hinaus, sah den roten Mond
+durch die Pappel schwimmen. Das Wasser. Das Bassin
+überschäumte weiß, bläulich ihre Haut. Tritone sangen
+über ihr. Den breiten Guß eines Löwen fing sie mit
+der Brust. Die Blumen schwelgten in der heißen
+Luft. Das silberne Füllhorn schäumte unter der
+Sichel. Es überkam sie Sehnsucht, mehr ihm sich
+noch zu geben, Furcht, etwas zu versäumen, Schreck,
+daß das Schicksal niedersause. Sie überließ sich dem
+Wasser. Langsam kam die Ruhe, die einbezog sie in
+das Geschehen der Nacht. Im Stillerwerden der
+Luft ward es klarer in ihr, bis sie den Ausgleich erreichte,
+wo nichts sie rührte, alles sie verband. Sie
+<!-- page 316 -->
+ging hinein, suchte, traf ihn in seinem Schlafzimmer,
+die Stirn am Fenster, er hatte ihr zugesehen. Sie
+lächelte. Ihr Blick sah hinter ihm im Kreis der
+Lampe eine Schale. Sie erbleichte. Zog zwei Kugeln
+heraus, nickte zu einer, hielt die andere sprachlos ihm
+auf der offenen Hand entgegen. Ihr Augen säumten
+sich, wurden klein.
+</p>
+
+<p>Sie frug mit dem Blick.
+</p>
+
+<p>Ihre Lippen trugen den Namen.
+</p>
+
+<p>Heiser sagte er:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Le Beau.&ldquo;
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Befreite er ihn, klappte das Messer, riß die Schlinge,
+flog die Mine, die ihn erledigte. Er hatte noch kurze
+Zeit, bis das Schicksal fiel, lebte, die Uhr in der
+Hand. Solange bedurfte er die Sicherheit gegen
+jede Möglichkeit. Er hatte Jahre sie gesucht. Paris,
+Marseille, Kalkutta, Pegu .&nbsp;.&nbsp;. hatte sein Leben
+umgestülpt, auf sie gerichtet, wurde gut an ihr. Was
+wog die Ausnahme gegen das Ganze? Nichts. Das
+Gewaltige seiner Änderung umfing sie, als sie verglich,
+trieb sie zu ihm, unter ihn: &bdquo;Ich bin bei dir.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Nachts stand der andere auf, forderte. Sie tat
+Unrecht, um Liebe zu erweisen. Sie hörte die fadendünne
+Stutzuhr, sah die Sonne prallen gegen die
+Rideaux. Wischte die Nacht weg. Aus den mähnigen,
+<!-- page 317 -->
+windgestrählten <a id="corr-13"></a>Sonnenblumen trat Stefan. Sie
+sah über ihm die Katastrophe. Was galt Überlegung vorm
+Tod. Es flog aus ihr, bedingungslos, hinweg.
+</p>
+
+<p>Sie grübelte den Abend, die Ausnahme drückte
+sie. Sie maß ihr keinen Sinn zu. In der Nacht
+wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Größe,
+nur auf den Sinn. Da sprang durch die Portiere der
+Windhund, den er ihr geschenkt, weil er ihn liebte,
+den sie zurückwies aus Rührung. Der schmale lange
+Kopf strich an ihrer Wange. Sie hielt, was Güte
+an Stefan sie fesselte. Kein Gedanke quälte mehr.
+Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein
+Mensch litt um sie. Sie ertrug es nicht. Schleifte
+den Hund aus dem Nebenzimmer herein. Der Hund
+genügte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah
+ihr Ohr im Spiegel, pflückte Glyzinen am Fenster,
+bückte sich, wechselte die Farbe. Stieg die Leiter
+zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete,
+sah in den Park. Legte sich nieder. Erhob sich, packte
+einige Dinge in einen kleinen Koffer. Ging an die
+Portiere seines Zimmers, sah ihn schlafen, schwer,
+fest, Mücken um seinen Kopf. Sein Schicksal, das
+er kindlich nahm, wühlte sie so auf, daß sie erbleichte.
+Als er erwachte, konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten.
+Als er den Arm reckte, war seine Not eine
+Sekunde so groß, daß sie ihn nicht verließ, hineinging
+wieder in sein Schicksal. Als sie erwachte in
+<!-- page 318 -->
+seinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte, bog die Brust
+aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurück. Sah
+nichts mehr als das Unrecht, sah nur den Gefangenen,
+der litt. Nahm das Gepackte. Hörte einen Wagen
+in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das
+Dorf, in die Stadt. Schrieb ein Telegramm, das
+Le Beau befreite. Hob die Brust, nun atmete sie
+sicher, sah zurück aus dem Wagen. Konnte nicht
+anders. Das flog nun in die Luft. Vorbei. Es
+mußte sein &mdash; und getragen werden. Von beiden.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen
+Fluß. Der Motor stockte. Am Mittag saß sie in der
+Nische über einem kleinen See. Die weißen Hotelwände
+prallten von Sonne .&nbsp;.&nbsp;. Sie denkt: Nun ist Le Beau
+frei. Er fragt: durch wen? Sieht die Depesche.
+Weiß: durch sie. Macht sich auf. Noch einmal
+fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er
+fragt sich durch, beschäftigt Menschen. Er kommt an
+das Hotel, fordert. Sie will auch ihm dienen, seiner
+Enttäuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah
+sein .&nbsp;.&nbsp;. Ein Raum schiebt sich zwischen sie und den
+See. Sie schaut durch die geschlossenen Lider. Sie
+kommt gegangen über die Terrasse, geht durch das
+Zimmer des Ahnen, öffnet das Schiebfach, hebt die
+<!-- page 319 -->
+Kerze hinein. Sieht seinen Kopf, beginnt zu weinen.
+Eine Stimme aus dem Dunkel: &bdquo;Ist es Sommer?&ldquo;
+Sie ist tapfer, sagt hell: &bdquo;Ja, Claudius.&ldquo; Sie fährt
+mit der Hand über sein rötliches Haar: &bdquo;Ché .&nbsp;.&nbsp;.
+mon ami .&nbsp;.&nbsp;. ché .&nbsp;.&nbsp;. doudoux.&ldquo; Er lächelte: &bdquo;Mit
+Gewalt macht es der andere nie.&ldquo; Sie sagt: &bdquo;Ich
+befreie dich.&ldquo; Sie kommt mit einem Dolch, versucht
+das Fenster aufzubrechen. Unmöglich. Sie nimmt
+den Spaten, gräbt ein Loch von außen. Da steht Stefan
+im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die
+Augen geschlossen. Sie stürzt in sein Zimmer, er liegt,
+schläft. Sie beißt die Zähne, zurück, stößt das Messer
+ins Schloß, das wie ein Kuhmagen gefächert ist, die
+Spitze bricht ab. Er ist bleich, lächelte aus dem verwüsteten
+Gesicht. Sie schreit laut: &bdquo;Ich befreie dich.&ldquo;
+Er lächelt mehr: &bdquo;Das sollst du nicht.&ldquo; Fast in der
+Ohnmacht fragt sie: &bdquo;Was .&nbsp;.&nbsp;. was kann ich tun?&ldquo;
+Sie ist außer sich. Sein Auge schließt sich:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Denk an mich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ja.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor
+bleiernem Himmel, Duft der Syringen lüstern auf die
+Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebüsch. &bdquo;Traurig?&ldquo;
+&bdquo;Nein, da du mich liebst.&ldquo; Sie beginnt mit den
+Drähten, arbeitet eine Stunde, es ist der letzte Plan,
+in der Pause erschöpft: &bdquo;Daß du so leidest.&ldquo; Er hebt
+die an ihren Händen verkrampften Augen: &bdquo;Leide
+<!-- page 320 -->
+ich, wenn du mich liebst?&ldquo; Sie beginnt wieder, steif vor
+Verzweiflung. Sie schafft eine halbe Stunde, Uhren
+schlagen, der Haken faßt, es gelingt die Flucht. Ein Gewitter
+bricht über den Wagen, weiße geballte Kugel
+saust überm Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie haben
+ein Haus. Fischerboote laufen unter ihrem Fenster,
+Motore überspielen delphinisch die Bucht, der Fjord wird
+größer, schlägt sich auf. Sie sehen sich an. Wochen,
+Monate. Sie gibt sich jedem Druck seiner Seele,
+scheucht das Gewesene, Trauer fällt ab, Stille umgibt
+sie. Atmet er ruhig, beglückt sie es, streift seine Hand
+sie, fühlt sie sein Glück. Eine Nacht wartet sie auf
+ihn. Er kommt nicht, sie wartet die Minuten, Stunden,
+zählt die tickende Uhr. Am Morgen erscheint er
+Sie ruft: &bdquo;Deine Frau?&ldquo; Er winkt ab. Sie ist erledigt,
+kein Gedanke streift sie. Aber der Schatten
+gräbt sich in ihre Seele. Sie übergeht ihn. Im
+Unterdrückten wächst er. Sie bekämpft ihn. Sie hat
+diesen befreit, will ihm Jahre ersetzen, Glück, das er
+Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz leidet mit der
+Verstoßenen, sieht den Ring im Traum an Claudius
+Hand vor der Demonstration, schreit im Schlaf. Sie
+kann nicht leben auf Kosten der Frau. Aber sein Gesicht
+ist heiß, beschwört sie, fordert Liebe. Sie lächelt,
+gibt ihm aufmerksamer. Doch er will mehr. Er will
+das Strömende, nicht das Bewußte. Nicht das gut
+Gegebene, will den freiwilligen Akt. Sie sieht auf
+<!-- page 321 -->
+ihre leeren Hände. Sie hat es nicht, verstellt sich,
+macht, als seien sie gefüllt. Allein er sieht ihre leeren
+Hände, schreit verzweifelt. Sie hört den Ton, er reißt
+den Raum weg.
+</p>
+
+<p>Sie hebt die Lider .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Ein Traum erließ ihr, was sie mit Stefan an
+Partie gespielt, verloren, dasselbe mit Le Beau.
+</p>
+
+<p>Die feinen samtenen Lider senkten sich über den
+eisgrauen Blick. Der schmale ovale Kopf hob sich
+scharf. Schrieb ein Billet, für den Fall, daß er
+käme, sie suche, das ihn zurücktrieb und ihn anfeuerte
+zugleich. &bdquo;Du bist elend. Bin ich glücklich?
+Suche nach Befriedigung wie ich. Um dich wie
+um mich stehen Ungezählte. Der Gedanke, daß wir
+da sind, hilft uns beiden. Mehr kann der Einzelne
+nicht tun.&ldquo; Sie packte, fuhr. Ihre Mission,
+ihr Abschweifung, war zu Ende. Sie kehrte zurück,
+der große Schwung riß sie zu sich. Die beiden, die
+ihr Blut unvergeßlich zuerst erregt, fielen aus, schieden,
+sie hatte geirrt, ins Einzelne sich verwirrt, versagt.
+Erkannte die magische Grenze der Kraft, die sie zurückzog.
+Wollte sich nicht verlieren, konnte nicht, apokalyptischer
+Hure gleich, dem, jenem, diesem, Schoß
+des Mitleids sein, sich verzetteln, sündigen gegen das
+Ziel. Sie reckte sich, befreit, jeder Verantwortung ledig
+gegen ihr Leben. Die beiden, die ihr Dasein immer
+gekreuzt, bis in die Tiefe der Demut durchgelebt ihr
+<!-- page 322 -->
+Schicksal, stürzten zurück. Was blieb: das Werk.
+Sie fuhr, stieg steiler. Saugte sich voll des Horizonts,
+der perlgrau vor sie sich schmiedete. War voll Gewinnst
+bis zum Rand. Trieb über die Nächsten ihres
+Bluts, die überwunden, dem Ganzen zu. Wie frei
+die Bahn vor ihr. Wie geschleudert die Straße gegen
+den Himmel hinaufgestreckt. Fuhr auf den Scheitel
+der Chaussee hinauf, fast schwingend. Gestrafft in
+jeder Muskel der Seele. Sicherer wie jede Sekunde,
+die sie gelebt. Angezogen auf der Sehne des eigenen
+Blutes ein Pfeil, der sich zum Losschwung spannte.
+Fuhr über den Scheitel der Straße. In der Senkung
+blieben die beiden: Wegweiser &mdash; &mdash; &mdash; hin zu
+den Menschen. Da standen Tausende.
+</p>
+
+<p class="tb">&nbsp;</p>
+
+<p>Sie ließ Minsk, kam mit Empfehlungen nach
+Kiew, sah Contis Liste nach, traf die Zentrale, ward
+nicht abgewiesen, mißtrauisch behandelt, trat in ein
+offizielles Büro, sah die Taktiken, kam durch politische
+Korridors höher, spürte den Gegenschlag, enträtselte
+ihn nicht ganz, fiel vor der letzten Erkenntnis,
+zog eine Meute Männer, über die sie gesprungen,
+hinter sich her, verschwand. Bedurfte nichts weiter,
+hatte den Kernpunkt nicht, spürte aber die Maschinerie,
+das System. Es genügte. Gab es nach Minsk,
+<!-- page 323 -->
+blieb acht Tage im Südviertel, schaltete die Organisation
+nach der offiziellen, verzichtete auf Begleiter. Legte das
+erste Hebelwerk, pumpte es entgegen, in der gespanntesten
+Atmosphäre der Länder, der verfolgenden, war im Vorsprung,
+da die Technik die gleiche, Kenntnis der anderen
+nur bei ihnen. Glitt die Fäden weiter, wechselte Pässe.
+Sah in den Listen nach, machte Abschriften aus Angst,
+sie zu verlieren, legte die mit Contis Handschrift in den
+Safe einer Mittelstadt. Folgte der Linie, Tyska
+legatione, Stockholm, in Upsala eine Verschwörung
+gegen Lund, tastete tiefer, traf den letzten Zirkel der
+Jungsozialisten, maß die Spannung zu Wallenberg
+drüben, Undên, Branting auf der Gegenseite. Tauchte
+in Genua auf, studierte Quarantänen, Auswandererbaracken,
+Krankenhäuser. Erhielt Verstärkung, Staffetten,
+Abwechslung der Reviere. Spannte ein Seil
+nach Minsk. Vervollständigte die Listen, füllte Skizzen
+aus. Kaufte ein kleines Haus Rue du Purgatoire,
+Genf, aus Holz, vier Zimmer. Setzte Gordon hinein,
+beobachtete durch die Zentrale jede Kaserne, jeden Offizier,
+Stimmung der Eingekleideten, führte darüber Buch,
+bohrte, trieb, jagte den Geist, Auflehnung, Umstülpung,
+Bessern in jede Lücke. Rue St. Jacques hinter der
+Sorbonne kontrollierte sich die Presse, Gerichte, suchte
+Menschen auf, setzte sie in Stand, sondierte, suchte,
+setzte sie ein, entflammte. Fühlte mit neuen Kräften
+die äußersten Spitzen radikaler Kräfte ab. Schob
+<!-- page 324 -->
+Raffaeli vor. Trieb weiter, wo Geistiges verkalkte,
+Soziales verfettete, Unehrliches scharfes Ziel verfälschte.
+Zog die Linie von hüben und drüben. Sah die Listen
+nach. Schuf eine Mauer, machte, wurde klar. Schoß
+Druckschriften durch die Netze, Löcher der zementenen
+Mauer, hörte die Explosion. Sah Bordelle Budapests,
+Kaschemmen Altonas, Vorhäuser Bergens. Tabellen,
+Pläne verquickten sich, es rollte sich mehr rundend
+ein Ganzes gegen die Hebel. Kam der Schlag, der
+schleuderte, fuhr es auf, glitt in die neue Form. Sauste
+die Schaukel herunter, flog die andere auf, schmolz die
+letzte Etappe des Unglücks, verengte sich die Distanz
+unter Menschen, erstickte Ungerechtigkeit, irgendwo war
+Paradies, weiter. Sah vieles, verstand an den Wurzeln
+Gutes, Gemeines &mdash; alles fuhr in das Bild, das Conti
+in der Pupille trug von der Welt, das sein Hirn
+dachte: Umschwung der Erde. Traf im Coupé eine
+Frau, die zu kreißen begann, gab ihr ein Papier. Ein
+Mann sprach sie an, schlicht, sachlich, vornehm, strich
+über das schwarze Haar, erbat Mittel für eine Mission.
+Sie lächelte, das linke Auge schloß sich. Der Mann
+erbleichte, begriff ein Überlegenes, ohne daß er verstand.
+Sie setzte nur auf den großen Schlag, hielt dicht
+die Depots zusammen, verbesserte nicht. Wollte ändern.
+Traf nicht die Haut, wollte das Herz. Gab nicht
+verschlampter heuchlerischer Wohltätigkeit verlogener Gesellschaft
+einen Sou, tat nichts in verlorenes verspätetes
+<!-- page 325 -->
+Spiel. Sah in die Listen. Spürte durch die Zeilen
+das zischende vulkanische Geräusch aufsteigender Kräfte.
+Sie sagten ihr: Wohlfahrt der Massen. Sagten:
+Erleichterung der Bürden. Sie horchte: Bildung des
+Volkes. Verzog den Mund, höhnisch. Züchtete
+junges Fleisch, legte nichts mit lächerlicher Gebärde
+ins Faule. Ein Mann kam, eine Mütze mit Metallschild
+funkelte in den Händen. Sie unterzeichnete ein
+Papier: Administration des Prisons. Empfing ein
+Paket, &bdquo;als ihr Eigentum bezeichnet&ldquo;. Öffnete. Es
+waren die Haare, die Stefan bei der Flucht in die Berge
+ihr abschnitt, daß sie einem Jüngling glich. Er trug sie
+in seinen Kleidern. Sie kamen zurück. Sie lächelte,
+nur die Augenecken bebten. Führte die Fäden in ein
+Netz, legte es in Raffaelis Hand. Zog neue Linien.
+Vom Grabe Di Contis drang ungeheure Kraft. Gab
+Wind in sie, Sturm, nie Pause. Ging in ihre
+Sprache, ihre Ordnung, ihren Befehl, ihr Unterwerfen.
+Sein Geist schnellte von ihrer Zunge, trieb hoch, erwählte,
+forderte Unbedingtes &mdash; ging in ihrem Bein,
+entzündete durch ihr Herz. Bauern starrten blöd auf
+die Agierende, lachten sich an breitmäulig, gespalten,
+gingen heim, vergaßen es nie. Traf mit ihrem Blick
+ins Schwankende, vollführte die Entscheidung. Stieß,
+wie als Kind die Schlange, Falsches zurück, riß Geeignetes
+an sich, mit sich hoch. Männer nahmen den
+Blick von ihrer Hüfte. Jünglinge gaben sich ihr mit
+<!-- page 326 -->
+einem Ruck vorbehaltlos: nimm. Sah die Listen, ließ
+die Zentren, teilte Kreise, Quadrate, suchte Provinz,
+begann Kleines, spritzte Agenten aus aufs Land, schuf
+Agitatoren, die es nicht wußten, ließ erkennen, hatte
+Vertrauensleute, die es nicht ahnten. Warf Summen
+in die Siedepole, weißglühende Spannung, Rußland, Indien.
+Blieb im Hintergrund, schaffte, verbarg sich, war
+kleine Agentin, wußte nicht, wann ereignet es sich, wann
+gewinnt mein Ziel. Sah in die Listen. Es genügte. Führte
+sie. Sie tat das Vermächtnis. Es war genug.
+</p>
+
+<p>Trat in eine Förderation, die kleine Huren erquickte,
+ihren Bauch ausruhte. Raffaeli schob den Mund schief
+im Bart: &bdquo;Sie sind eine Frau.&ldquo; Sie schüttelte die Haare,
+lachend, machte die Ausnahme, stellte sich gegen die Polizei
+der Gesinnung, sah das Blödsinnige wohl ihrer Handlung,
+in diesem Falle Aussichtslose der Besserung. Tat es dennoch,
+hatte zu viel hier gesehen, zu sehr selbst erlebt, konnte
+nicht warten, bis das Leben sich umdrehte, empfand
+Linderung im Gedanken, es werde gelindert. Belog
+sich, wußte es, sah Raffaeli an, er senkte das Auge.
+Sie zwang Vertrauen auch im Traum. Blieb sonst
+eisig. Blieb verborgen, Reisende, spanische Tänzerin,
+Studentin, Dame. Sah die Listen, folgte der Kurve,
+sie ging nach aufwärts. Noch nicht die Höhe. Erweiterte
+das Einzelne, vervollkommnete, verlängerte. Strich
+durch, verwarf, erneuerte, erhöhte. Gründete ein Restaurant
+Rue Monsieur Le Prince, wo gegen Ausweis
+<!-- page 327 -->
+Abgemühte ihres Geistes Essen erhielten. Gab Raffaeli
+das Schloß, bog den Rausch des alten Vaudreuil ein
+in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der
+Frauen hinaus. Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen
+auf den Terrassen. Sie selbst sah es nie mehr. Studierte
+die Krankenhäuser großer, kleiner Städte, machte eine
+Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte
+Verzeichnisse, wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne
+einem schmalen Dichter aus Renées Genfer Kabarett
+zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im
+Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug
+ihm Geld ab, gab Anweisung auf Brot: &bdquo;Schwärmen
+Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie, damit Sie
+tauchen.&ldquo; Raffaeli schluckte, errötete, schloß die Augen
+zum Schlitz: &bdquo;Verzeihen Sie wegen der Förderation.&ldquo;
+Sie schlug einen Kreis um das Grab Di Contis, befreite.
+Sprach mit einem Sergeanten, ließ ein Haus
+reinigen, gab es einem Balten, machte damit eine
+Kulisse, brachte die Häuser an sich, besiedelte sie mit
+seinen Leuten, armen Menschen. Empfing, ließ gehen,
+erhielt, gab aus. Reiste, erschien wieder, blitzte auf,
+verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das Netz.
+Hatte einen Reiz auf Menschen, der unwiderstehlich
+entzündete, gierig machte, umschlug, die Augen veränderte,
+das Leben. Tätig machte mit ihr, fortzog, dienend,
+hochmütig vor Verantwortung. Reiste nördlich. Zog
+am Todestag Contis die Liste heraus. Verglich, zeichnete,
+<!-- page 328 -->
+ging ans Fenster, sah die Maste und Schorne steif
+nebeneinander, ein Wald gereckt. Schloß die Liste.
+Legte den Kopf zurück: Fast erreicht, fast erfüllt.
+</p>
+
+<p>Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab
+sich preis dem Hafen, dem ungeheuer Kommenden,
+Gehenden. Fühlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen
+des Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus,
+kehrte sie voll zurück. Traf ein kleines braunes Kind,
+das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die
+silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm
+es mit, badete es, legte es zu sich, hörte die Nacht
+wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward nachdenklich,
+suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf
+über Christiania, fahles Licht prallte ihr entgegen. Die
+Schiebetür des Lazaretts tat sich auf. Sie sprach den
+Arzt, die Brillengläser standen scharf auf ihr, er prüfte,
+legte beiseite. Sie blieb ein paar Tage. Ihr
+Zimmer stand leer. Andere Pläne umgaben sie, andere
+Pflichten. Sie blieb dennoch. Sie war nicht draußen
+nötig, hatte erfüllt, was ihre weibliche Kraft konnte:
+angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwärts getrieben
+unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter
+zum Saal: &bdquo;Ist Naga hier?&ldquo; &bdquo;Nein.&ldquo; Am Morgen
+trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte
+schweigend: &bdquo;Durst.&ldquo; Sie brachte Wasser. Er schiffte
+in die Wanne. Sie schöpfte sie aus. Grinsend ließ
+er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke ins
+<!-- page 329 -->
+Wasser, sog den Schlauch an, ließ altes Wasser
+heraus, neues hinein. Er lallte einen Fluch. Die
+Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach undeutlich.
+Sie ging in Nagas Saal. Daß sie fehlte. Gut .&nbsp;.&nbsp;.
+wie schön, das Leben heiter und reizvoll zu nehmen. Der
+Fiebernde zog an den Lidern. Sie gingen nicht mehr auf.
+Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett.
+&bdquo;Deine Mutter?&ldquo; &bdquo;Tot.&ldquo; Ihre Hand auf seiner Stirn
+.&nbsp;.&nbsp;. er erkannte sie. Licht ging hoch auf seinem Gesicht.
+Unruhige Schatten schwankten, wenn sie sie löste.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie .&nbsp;.&nbsp;. da&ldquo;, des Predigers Auge irrte unstät von
+ihr zum Fenster. Er sah die Welt hinter ihr, roch
+sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen schlug
+sich von ihrer Schulter übers Meer: dort die Welt,
+unmeßbar gepreßt, verführerisch, sein Schicksal! Haß
+kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie neigte sich
+zurück: &bdquo;Glauben Sie es immer schön .&nbsp;.&nbsp;. leicht?&ldquo;
+Er wollte es nicht hören: &bdquo;Nur dort sein.&ldquo; Sie
+lächelte: &bdquo;Und dann?&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Weiter. Auf
+und ab die Räume. Blicke gebannt an ihr .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+die Hitze kam. Der Wind ihres Atems brachte Ergebung,
+Ruhe. &bdquo;Wasser&ldquo;, sie eilte, kühlte, verband.
+Wie leicht das Schwerste zu tragen, stand sie daneben.
+Welches Glück im Verzweifeln, sah man sie nur fern.
+Sie teilte aus, schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt
+auch durch Trotz, Feindschaft prallte ab, ward Neigung.
+Die große Schwester kam in der Tür mit ihr zusammen.
+<!-- page 330 -->
+&bdquo;Verzeih,&ldquo; sagte sie, neigte den Kopf, &bdquo;daß
+ich deine Instrumente einmal beschmutzte.&ldquo; &bdquo;Schon
+damals verzieh ich.&ldquo; Die Schwester küßte ungeschickt
+nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke.
+Aus dem Garten ein Zug .&nbsp;.&nbsp;. ein neuer Kranker, den
+Blick wie ein Fisch, resigniert ohne Kampf &mdash; &mdash; &mdash;
+unmögliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm
+täglich das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder
+von Karussells und Kirmis. Seine Sehnsucht wuchs,
+stieg, ward tödlich. Als sie vorbei war, gefestigt in
+dem Überwundenen, hatte er Heiterkeit. &mdash; &mdash; &mdash; Sie
+machte Schaum aus Soda, Schmierseife, heißem
+Wasser. Tag auf Tag beginnend mit Schüssel und
+Schüssel .&nbsp;.&nbsp;. trotz der Hitze sangen die Matrosen: &bdquo;Es
+kommt Gewitter.&ldquo; Sie sagte es zehnmal, jedesmal
+mit erneut gesteigerter Kraft. In der Unmöglichkeit
+wuchs der Glaube nur stärker, verbreitete sich, trat aus.
+War das Haus eine Kasematte schmelzenden Bleies in
+weißer Hitze, lauschten schon halb erquickt die Insassen
+dem Regenfall, den sie versprach. Der Glaube der
+Männer stieg, stand in dem Raum wie eine Wolke.
+Der Blick des Predigers traf sie, erstaunt, ohne Haß.
+&bdquo;Ich sollte nicht Kraft haben, zu dulden, wo Sie
+Ungeheures vermögen?&ldquo; Sie schnitt ihm das Fleisch,
+legte die Messer hin: &bdquo;Wie gering ist das alles.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Nachts beim Füllen des Wassers fiel sie ohnmächtig
+um neben der Wanne des Zigeuners. Sie sah auf,
+<!-- page 331 -->
+erwacht. Die große Schwester drückte ihr ein kaltes
+Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen
+zwinkernd nach der Seite, ein noch nie erblicktes Lächeln
+um den harten Mund. Der Zigeuner saß in größter
+Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich.
+Als sie allein mit ihm war, stammelte er, Sprechens
+kaum mehr fähig: &bdquo;Die .&nbsp;.&nbsp;. vorher .&nbsp;.&nbsp;. schlug mich.&ldquo;
+Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie zu
+verlieren, löste ihn. Er schlug in die Hände: &bdquo;Bitte
+.&nbsp;.&nbsp;. bitte .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Dann schwieg er.
+</p>
+
+<p>Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin,
+der vor Bösem strotzte, überwand sie.
+</p>
+
+<p>In diesem Augenblick fühlte sie verzweifelt, daß etwas
+fehle. Schwer atmend ging sie durch den schwülen
+Raum. Die Luft vor der Küste war zusammengezogen
+von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte
+zarteste Glut. Sie ging, erschrak, öffnete sich mit
+maßlosem Entzücken: das Meer. Es lag hinter dem
+Schleier, schlug groß und dumpf. Ein Vogel flog
+auf, stob über den Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte
+ihn. Er flog zur anderen Seite, wischte den
+Nebel zu großen Strudeln. &bdquo;Rype&ldquo;, rief sie ihm.
+Ein Hase mit hell leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen,
+stählern. Langsam das Rauschen einer schwimmenden
+Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging heller,
+von seinem Dunst ins Gespenstische zugezogen. Möven
+schlugen sich hoch. O Möven. Der Mond fiel platt
+<!-- page 332 -->
+auf das Wasser. Dunkelblau gemeißelt stieg das Meer,
+ungeheuer gereckt mit metallen gekühlter Wut. Die
+Möven, hochgerollt, hingen eine unbewegliche Schlange
+vor dem Himmel. Alles trug ihren demütigen Sieg
+ihr zu. Am höchsten Triumph spürte sie die Lücke.
+Es genügte nicht. Das Letzte fehlte. Woher?
+</p>
+
+<p>Sie hatte Sehnsucht, wußte nicht wohin.
+</p>
+
+<p>Was Menschliches zu tun war, flammend war es getan.
+Sie war zufrieden. Nichts störte ihr Treiben. Im
+Lallen des leprosen Idioten formte sich glühend ein
+Glück. Hatte entsagt dem Eigenen. Nichts Einzelnes
+sog, lockte, begehrte. Entwichenes pries nur ihre Unermüdlichkeit.
+Kein Phantastisches, Gewähntes verwirrte.
+Dennoch fehlt das <a id="corr-14"></a>Letzte, stieg das Sehnsüchtige unerträglich.
+Dreieck spannte sich aus den Brauen, ihr
+eisgrauer Blick streifte das Meer.
+</p>
+
+<p>Ihr Rücken stieß an etwas.
+</p>
+
+<p>Ein Baum.
+</p>
+
+<p>Der Saft zog in sie, ihren Leib, die Schenkel, das
+Herz. Das Meer ward ein Spiegel, scharf, nebellos:
+Smaragdene Inseln tauchten aus Fächern der Sonne.
+Abends kamen sie ins Freie. &bdquo;Meer&ldquo;, schrieen sie.
+Die Sonne sank blutrot über Herden neuer Inseln.
+Phalux. Der Ottava rauschte, Flöße und Feuer. Warum
+flog der Körper nicht über das Segel. Tausend Klüver
+wiegten auf dem Ontario, schliffen träumerisch den
+Horizont stahlblau .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+<!-- page 333 -->
+
+<p>Sie senkte die Lider, hielt die Sehnsucht fest im Innern,
+sie durchdrang sie mit dem Saft in jeder Pore. Ihr Leib
+und der Baum hoben sich, ineinandergeflochten, zum schlankesten
+Instrument der Sehnsucht. Standen im Traumgrau
+der Landschaft aufgerichtet, eine Flöte. Der Klang
+des Blutes, weich sich hebend, nur nach Getrenntem gierig,
+war Schmerz des Rohrs nach der Weide, aus der es geformt.
+Wurde tigerhaft, stürzte durch die Gefäße, ein Aufschrei:
+zurück zur Heimat.
+</p>
+
+<p>Der Morgen ging auf.
+</p>
+
+<p>Ein Segelschiff bootete aus. Sie nahm es. Eine Stadt
+entschwand. Nebel rollten unter der Sonne. Unter braunen
+Segeln entschwand glühend das Kupferbergwerk in die
+Klippe. Noch einmal standen die Flaggen starr. Dann
+fraß das Meer mit einem Ruck das Ganze.
+</p>
+
+<p>Stand am Schornstein, ging auf Verdeck mit großen
+raschen Schritten, schaukelte mit jeder großen Woge,
+ging hinunter, hinauf, es kam ihr entgegen. Der
+magische Pol ihrer Jugend streifte ihr zu, je näher sie
+rückte. Studierte Barometer, Karten, die Lotung.
+Traf Beamte, frug, sah den Kapitän, lächelte. Wind
+trug ihr Frische zu. Schaum, vom Bug heraufgeschlagen,
+legte sich köstlich auf ihre Haut, Schmelz
+blühte sie hoch. Abends unter der eingeholten Fahne kam
+es: Sie hatte Kraft verbraucht, ihr Leben hingegeben,
+Stück für Stück vergeben, gezahlt im Guten wie im
+Bösen. Die Spannung blieb wohl, die sie schnellte.
+<!-- page 334 -->
+Aber erst der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang
+sie neu, strebte ihr entgegen. Kräftigte sie und machte
+sie schön, glühend, auf langen Beinen die zarterhaltenen
+Brüste, der wilde Zug um den demütigen Mund,
+die heißen großen Lippen: daß sie die Stärke habe,
+tätig und unermüdlich wachsend und handelnd zu warten,
+Di Contis Vermächtnis erfüllend, daß irgendetwas,
+Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar
+und kokottenhaft noch lächelnd in ihrer Raserei), durchwühle
+und stürze, daß Schicksal sich balle und sie
+selbst zurückkehre, die Maschine zu entfachen in den
+großen Kreis der Tat, gespeist aus dem Atem ihrer
+Jugenderde zu Mut und unentspannbarer Dauer.
+</p>
+
+<p>Ein Mittag scholl. Klippen. Der Lorenzo. Möven
+in Spiralen durchwälzten die Luft. Kanonen brüllten.
+Der erste Halteplatz kam. Sie raffte die Plaids. Langsam
+zählte sie die Koffer, etikettierte, ging über den Steg
+ins Boot, ans Land. Das Gepäck häufte sich um sie
+in der Morgendämmerung, noch grau unter Bäumen.
+Ein Park von Wagen scharrte um sie. &bdquo;Hinweg
+.&nbsp;.&nbsp;. hinweg &mdash;&ldquo;, ein Diener stieß sie an, rief einen
+Namen, rief den Namen, rief ihn dreimal. Hinter
+ihr Kommende drückten, kamen vor sie, verdeckten. Da
+dienerte ein Neger. &bdquo;Nein.&ldquo; Er lutschte die Zunge
+zurück, steckte die kleinen Finger in die Ohren, wiegte
+auf den Beinen. Über ihrer Achsel schwebte etwas,
+ein Eselmaul schrie, den Hals hoch neben ihrem Ohr.
+<!-- page 335 -->
+Etwas fiel vor ihr hin, als klatsche ein nasser Fisch
+auf Stein. Sie bückte sich, faßte ihr Paket, sah
+rasch auf. Ein Schatten blitzte vorüber. Sofort
+schloß sie die Augen, griff namenlos entsetzt an die
+Brust. Es spielte sich beißend ab unter den geschlossenen
+Lidern: Ein Mann mit Lichtkonturen machte eine Bewegung,
+aber er riß nichts heraus, sondern streifte die
+Hand nach ihr, schob etwas in sie hinein. Eine Beglückung
+durchfuhr sie, stieg in ihre Haut, in die Warzen
+der Brust. Sie schwebte. Sein Gesicht war blond, gescheitelt,
+das eines Skandinaven, die Figur ihres Traumes,
+ihrer Sehnsucht. Ihre Augen hoben sich, es verschwand,
+das Erhobene, Blutsüße blieb. Gepäckträger häuften ihre
+Koffer auf einen Wagen. Sonne stach durch das Grau,
+brauste mit einer Welle durch die Zweige. Ein Wagen
+streifte ihre Schulter, schmiß sie fast um. Sie drehte
+unter der Gewalt des Stoßes sich um die Achse. Eine
+rauhe Stimme brüllte: &bdquo;Idiot.&ldquo; Sie steckte das Paket
+in die Manteltasche, wieder blitzte der Schatten, nur
+ähnlicher, sie erbleichte. Zitternd hob sie mit der Hand
+aus der Tasche die drei achatenen Kugeln. Zurück?
+Sie dreht sich wild herum. Die Wagen scharren
+alle, bewegen sich, ein Gewölk unter den Palmen.
+Eine Lichtung entsteht.
+</p>
+
+<p>Da steht darin Caspare Symes. Neben ihm ein Pferd.
+</p>
+
+<p>Die Kluft ist zu groß &mdash; ihr Herz erstarrt &mdash; zwischen
+ihm und ihrem Leben. Sie hat überwunden, längst.
+<!-- page 336 -->
+Die unbefangenen Gefühle fehlen zu dem, was im
+Menschlichen ihr am erstrebenswertesten schien. Vorbei.
+Sie zieht den Mund ein.
+</p>
+
+<p>Als er den Kopf bewegt, hebt sie die Achseln, ein wenig,
+zuckend. Sie schüttelt den Kopf. Nun rast ihr Herz.
+</p>
+
+<p>Da sieht sie erschreckend, daß sein Gesicht verändert
+ist. Di Contis Atem schlägt ihm aus der Haut, sein
+Geist vom Auge. Seuche, Leidenschaft, Erlebnis haben
+ihn geschlossen zu unsterblich menschlicher Schönheit.
+</p>
+
+<p>Da erkennt sie in ihrer tiefsten Minute plötzlich: Daß
+dies ihr aufgespart war, damit sie vor eigenem Glück das
+Größere, Menschliche erst erfahre. Und da sie tapfer gekämpft
+bis auf die Höhe, schlägt der andere Pol ihres
+Lebens ins Zentrum, wächst, beglückt, ist da, ist da.
+</p>
+
+<p>Und da sie nicht enttäuscht und feig vom Dasein
+kam, sondern durch größte Bemühung nur der Weisheit
+näher ein Geringes gekommen, geladen mit Kraft,
+gegen die Welt zu stoßen, sie zu ändern und Contis
+Hebel aufzuschlagen aus dem nun unfehlbaren Gehäuse,
+wandte sie ihm, der auf sie zuging, kurz und heiß die
+Hand zu:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Komm.&ldquo;
+</p>
+
+
+<div class="trnote">
+<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p>
+
+<p class="noindent">
+<br />Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:
+</p>
+
+<ul>
+
+<li>
+... Marquis ließ Baptiste vorreiten. Er ritt in den <span class="underline">Bügel</span> ...<br />
+... Marquis ließ Baptiste vorreiten. Er ritt in den <a href="#corr-1"><span class="underline">Bügeln</span></a> ...
+</li>
+
+<li>
+... Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die <span class="underline">Pallisaden</span> ...<br />
+... Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die <a href="#corr-2"><span class="underline">Palisaden</span></a> ...
+</li>
+
+<li>
+... mit Wiesen heruntergespielt <span class="underline">zu</span> Fluß. Er sah große ...<br />
+... mit Wiesen heruntergespielt <a href="#corr-3"><span class="underline">zum</span></a> Fluß. Er sah große ...
+</li>
+
+<li>
+... die Spitze des <span class="underline">Ereichbaren</span>: das Gespräch brach ...<br />
+... die Spitze des <a href="#corr-4"><span class="underline">Erreichbaren</span></a>: das Gespräch brach ...
+</li>
+
+<li>
+... <span class="underline">genaß</span>. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt ...<br />
+... <a href="#corr-5"><span class="underline">genas</span></a>. In Zackstrahlen von diesem runden Verharrungspunkt ...
+</li>
+
+<li>
+... <span class="underline">Ballets</span>, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber ...<br />
+... <a href="#corr-6"><span class="underline">Balletts</span></a>, erstaunte sie nichts mehr, es glitt ab. Vorüber ...
+</li>
+
+<li>
+... übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. <span class="underline">Er</span> ...<br />
+... übertraf. Sie sah die Welt plötzlich anders. <a href="#corr-7"><span class="underline">Es</span></a> ...
+</li>
+
+<li>
+... mit <span class="underline">Heiligenbilder</span> vor St. Sulpice. Wohnte Porte ...<br />
+... mit <a href="#corr-8"><span class="underline">Heiligenbildern</span></a> vor St. Sulpice. Wohnte Porte ...
+</li>
+
+<li>
+... Wohnte Rue St. Jaques, die <span class="underline">barok</span> vom Panthéon ...<br />
+... Wohnte Rue St. Jaques, die <a href="#corr-9"><span class="underline">barock</span></a> vom Panthéon ...
+</li>
+
+<li>
+... schnellten den Hebel, <span class="underline">schoßen</span> für einen Sou die Freimarke ...<br />
+... schnellten den Hebel, <a href="#corr-10"><span class="underline">schossen</span></a> für einen Sou die Freimarke ...
+</li>
+
+<li>
+... Sie stand auf dem Sims, wusch mit <span class="underline">Pertoleum</span> ...<br />
+... Sie stand auf dem Sims, wusch mit <a href="#corr-11"><span class="underline">Petroleum</span></a> ...
+</li>
+
+<li>
+... Spiegel mit dem <span class="underline">Pistolenschoß</span> in der Mitte. Es ...<br />
+... Spiegel mit dem <a href="#corr-12"><span class="underline">Pistolenschuß</span></a> in der Mitte. Es ...
+</li>
+
+<li>
+... windgestrählten <span class="underline">Sonnenblummen</span> trat Stefan. Sie ...<br />
+... windgestrählten <a href="#corr-13"><span class="underline">Sonnenblumen</span></a> trat Stefan. Sie ...
+</li>
+
+<li>
+... Dennoch fehlt das <span class="underline">Letztre</span>, stieg das Sehnsüchtige unerträglich. ...<br />
+... Dennoch fehlt das <a href="#corr-14"><span class="underline">Letzte</span></a>, stieg das Sehnsüchtige unerträglich. ...
+</li>
+
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN ***
+
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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