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diff --git a/39277-8.txt b/39277-8.txt new file mode 100644 index 0000000..aea60fa --- /dev/null +++ b/39277-8.txt @@ -0,0 +1,7076 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Achatnen Kugeln + Roman + +Author: Kasimir Edschmid + +Release Date: March 27, 2012 [EBook #39277] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + +Die +Achatnen Kugeln + +Roman +von +Kasimir Edschmid + + + +Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin 1920 + + + +Alle Rechte vorbehalten +Copyright 1920 by Paul Cassirer, Berlin + + + + +Geschrieben Neunzehnhundertvierzehn bis Neunzehnhundertachtzehn + + +Gruß +an +René Schickele + + + + + + + + +Vorspiel + + +Nun stiegen sie schon die zweite Stufenreihe hinunter. Immer sahen sie auf +der anderen Seite die schwarzen Schatten, die sich wie sie selbst bewegten. + +Die Wasser rauschten langsam. Als sie die dritte Terrasse erreichten, +kehrten sie um nach der anderen Seite, die schwarzen Schatten schwenkten +und traten auf sie zu. Da kam aus dem See unten ein silberner Strahl, er +glühte auf, Licht strömte die Neigung der Rasenterrasse herauf. + +Das Schloß über ihnen schlug eine Mondflamme in den Himmel. + +Zwei Herren traten zur Seite, die anderen bogen Halbkreise um die Gegner, +die die Mäntel abwarfen und in weißen Samthosen, die Brust offen unter dem +Hemd, sich gegenüberstanden. Ein flüsterndes Signal überklirrte das Metall. +Aus dem dunklen Laubgang stöhnte ein Vogel. Ein Mann fiel um, den Säbel in +der Gurgel, die Augen nach oben gebrochen. + +Der andere warf sich aufs Knie. Schob mit dem Daumen die Lider des +Liegenden probend herunter, sie schnellten wieder über die gläserne Pupille +zurück und hefteten sich auf den Knauf des Degens, der ihn durch die Kehle +auf das Rasenbeet kreuzigte. Da stand der andere auf, schüttelte die Haare. +Das war vorbei. + +Er sah sich um, empfand atmend die helle Nacht, die mächtig gewölbt war. + +»Mein Herr . . .« sagte der Sekundant des Gegners. Er deutete mit lockerem +Handgelenk auf den Toten. + +Der Marquis neigte den Kopf nach ihm. Was ihn erfüllte, verschwand. Die +steife Gebärde des Todes löschte die Wut des Abenteuers. Er sah auf, die +Seele nicht mehr zusammengezogen. Wie schien der Mond feurig und entflammte +purpurrot die Zweige. + +»Zaudern Sie nicht« -- flüsterte der Sekundant, »sofort zu begreifen, daß +Sie im königlichen Garten sind. Jetzt noch zu leben, heißt nur bedingt und +halb ein Lebender zu sein.« + +Vaudreuil trat mit einer Verbeugung zurück. Ein spöttisches Lächeln kniff +in seinen abwesenden Mund. Dann kam der Laubengang. Das Dunkel der Nacht +saß darin, unaufgescheucht vom Licht. Die weißen Hermen glommen aus der +blauen Dämmerung. Nun paradierte ihn die Wache. + +Die Rondells mit den Fontänen waren beinahe rot, und die Tritone schäumten +vor sich hin. Auf den Seiten verschwammen die Alleen flaumiger Dämmerung. +Eine quecksilberne Säule stand das Schloß aufgerichtet neben ihm. Zwischen +dem Schwung von zwei Koniferenästen zog sich der ganze Garten noch einmal +zusammen. Dicht über dem tiefen Wasserspiegel am Ende der gesenkten +Terrassen hing riesenhaft der Mond. + +Im runden Ausschnitt der Tanne hing eine Spiegelung, wie aus Silber eine +metallene Platte. + +Nächte voll Schwärmerei und Lichtern hoben sich über dem Park, zogen rasch +vorüber. Zuckende Frauenleiber sträubten sich vor ihm auf. Ein großer Ritt, +der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die Luft, sein Bein hing blutend in +der Bügelung. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle . . . Teile +des Gartens dampften, brachen auf, Nischen entlaubten sich, Gänge warden +ohne Dunkel. Gab es nicht eine Frau? + +Eine Frau, ohne Geheimnis am Körper, verlogenen reizlosen Hirnes, ohne +Leidenschaft der Erfindung, gut für Lakaien. Dennoch schlug er sich heut um +ihre roten Haare. Dies ist das Dasein. Er lächelte, als ob er die weiße +Zofe in den Flieder herunterpfiff oder die Pikardin berührte, die bleich +durch eine Laube in der Parkecke auf ihn wartete. + +Das Bild brach ab. + +Aus allen Bosketts flossen Blumenrüche. Eine Nachtigall jagte einen süßen +wilden Schrei schlaftrunken ins Gebüsch. + +Er sah ohne den Schleier der Spiegelung in den Park. Die Grimasse des +Totengesichts, von seinem stählernen Witzwort in der Gurgel gefaßt, stak am +Boden, bläkte ihn an. Das Schicksal riß durch sein Herz. Waren diese +Terrassen nicht verbraucht bis zum Irrsinn, entblättert die Lauben beim +dritten Knie schon, das er darin geöffnet. Blieb ohne die Erregung des +eigenen Blutes, das sein Feuer zu fremden Abenteuern sich schuf, nichts +übrig wie nackte Enttäuschung, schon oft Gelebtes, sinnlos Wiederholtes. Er +zog den Degen an sich, fror am Eisen. Da sah der Marquis hinuntergleiten in +den See, was ihn ausgefüllt hatte die Jahre. Die Herren, mit denen er soff +und spielte und sich schlug, Damen daneben und Hunde, die an ihren Knieen +wehmütig zitterten und leicht mit dem Kopf nickend ihn verließen. Dann trat +das alles schon nicht mehr ihm zugehörig von der Neigung der letzten +Rasenfälle in Berührung mit dem Wasser. Der Mond nahm es auf und bog es aus +dem Park. Der Marquis sah zu, raffte sich auf, ohne Zorn, ohne Reue. + +Als er sich aber umbog, überfiel ihn alles, und er krümmte sich vor Schmerz +über den Abschied, so sehr hing sein Herz an der Erde, auch wenn sie +verbraucht war. + +Angst kam auf ihn, wenn er bleibe, daß er, eingekerkert in steinerne +Mauern, keine Sonne mehr sehe. Wie liebte er die Freiheit. + +Er machte zwei große Schritte, reckte sich steif, hoch, das Gesicht in +Ruhe, ging überlegen und sicher . . . . wankte und zog den Mantel über den +Kopf und weinte. »Nicht weinen Vaudreuil,« rief er sein Herz an, stieß den +Degen fluchend auf den Boden, biß in den Mantel, zerrte an dem Tuch, »was +weinst du, Affe . . .« Allein er konnte seinen Schmerz nicht kränken und +schluchzte, als er, den Seitenflügel umschreitend, den großen Empfangshof +betrat, der unter seinen Schritten leise aufscholl. Er blieb da stehen. +Kein Garten stand mehr vor ihm. Das große Gebäude verdeckte ihm den Mond. +Er hatte noch nie Abschied genommen. + +In der Kehle ein Zittern riß ihm den Schmerz bis zu den Zehen. Dies +flimmernde Weiß an den Rändern des Schlosses, die Pflastersteine, die der +Mond blau schlug . . . er wollte sich daran halten, sein Herz klammerte +sich an das Licht, an die Luft. Sie hielt nicht. + +Lautlos, taumelnd ging er zum Tor. In weißen Samthosen, die Brust frei +unter dem zerrauften Hemd. Die Wache trat vor, grüßte und grinste. Ein +Soldat sprang in seinen Schatten und bog den Bauch in Verrenkungen hin und +her. Sie hielten ihn für betrunken. + +In der Dämmerung rannten die Pferde nach der Küste. Das zweite trug den +Diener, das dritte Gepäck, Geldrollen, Hemden, Waffen. + +Die Stirnen der Gäule wandten sich im Kreis, zuerst gegen Havre zur +Täuschung, dann ganz herum gedreht nach Dieppe. Paris fiel zurück +unberührt. Dann warfen sie die Gäule nach Westen, schoben eine südliche +große Linie nach Rochelle. Als sie bogen, flammte die Sonne über +Versailles. Tief im Süden sahen sie, rastend in einem Dorf, fern das +Sommerschloß des Marquis. Er ritt davon weg. Dann von eigenwilligen Dämonen +getrieben, ging die Fahrt im Zickzack. Eine Erhebung hinauf, schräg +herunter . . . nach einer schweren Stunde waren sie wieder auf dem Hügel +von der anderen Richtung her. Baptiste sagte kein Wort und folgte. Gegen +Mittag fluchte der Marquis, sie jagten um einen See. Durch Schilf, über +Wiesen mit Rehböcken, die spielten, ging es stundenlang. Baptiste zog die +Riemen der Ledertaschen auf und zu. Am Mittag brachen sie aus +Weidenunterholz und waren wieder an dem See. Der Marquis ließ die Gäule +saufen, ritt rechts in ein Tal, sprang plötzlich wild über einen Gießbach +und jagte zurück, an dem See vorbei in die Landschaft der Küste. Gegen +Abend lahmte das Pferd. Baptiste stieg ab, massierte das Bein. Der Marquis +stieg auf. Er ritt zweimal im Kreis, dann jagte er in den eigenen Spuren +zurück. Gegen Abend kamen sie an den Hügel, später durch das Dorf. Die +Sonne ging unter. Links lag das Sommerschloß. Sie ritten direkt darauf zu. +Sanft stiegen über die Mauern die hellen Bogen der Springbrunnen. Aus der +einstöckigen Front schimmerten die vielen bis zum Boden gesenkten Fenster. +Die Kieswege, angelegt für die Zärtlichkeit von Frauenschenkeln, lagen +träumerisch im Schein des südlichen Abends. Der Marquis ließ Baptiste +vorreiten. Er ritt in den Bügeln stehend, die Mauer war hoch. Sie hielten +nicht an, sprengten am Ende die Mauer wieder zurück, dann hatte der Marquis +ein Messer verloren. Sie fanden es nicht. Sie ritten hinunter, dann in die +Nacht, die anfing. Die Pferde liefen wie die Teufel. + +Das Meer kam, vom Wind geschlagen. Nebel klatschten graue Wellen über die +Küste. Der Segler lag weit draußen und löste die Anker. Matrosen warfen die +Mantelsäcke in die Barke, griffen zu den Rudern. Vaudreuil sprang hinein. +Der Steuermann stieß das eine Bein gegen den Pflock, sah auf. Oben stand +Baptiste. Der Marquis erbleichte. Der Diener stand schlaff. Dann trat er +einen Schritt zurück. + +»Zwölf Jahre waren Sie bei mir . . . hielt ich Sie nicht wie einen Pagen +. . .?« + +Der Marquis stand aufgerichtet im Boot, das schwankte unter krachenden +Wellen. Aber der Diener ballte die Faust, wies auf das Meer, das sich +dunkel donnernd zusammenballte! »Bin ich ein Hund, daß Sie mich mitreißen +auch da hinaus . . . zwölf Jahre habe ich Bügel gehalten, vor Frauenhäusern +gelauert . . .«, er röchelte und verzerrte sein Gesicht vor Haß. + +Da stieg dem Marquis das Grauenvolle des Abschieds bitter in die Kehle wie +kein Schmerz. Einen Augenblick hob er wie bittend die Hand. Als er von +diesem letzten schlechten Stück sich riß, versagte sein Herz, daß er es +demütigte. Er bat eine Sekunde. Dann warf der Wind ihm die Haare über das +Gesicht. + +»Bleiben Sie ruhig,« sagte er, »behalten Sie die Pferde. Gehen Sie zurück +nach Versailles.« Er schrie, denn die Flut machte die Luft voll unruhigem +Geräusch. Das Boot schoß los, sauste eine grüne Welle hinunter. Der Marquis +nickte vom Rücken der nächsten dem Diener zu. + +Der Segler rollte auf hohen Wellen. Der Marquis sah zurück. Auf dem +erhöhten Hügel der Mole lag Baptiste, das Gesicht stumm gegen den Herrn +gerichtet, der ihn verließ. Nebel kamen, verwirrten. Lösten sich und immer +brach sein Bild, auf den Knieen, die Arme verkreuzt, durch den Wasserstaub. + +»Wie feig er ist«, sagte der Marquis, »und doch wie groß seine Sehnsucht.« +Da begann Baptiste zu schreien, als die Barke an den Segler rollte, die +Arme in die Luft zu stoßen, sein Haß und das Schmierige stritten mit dem +guten Gefühl. Vaudreuil litt mit dem Niederen. Aber er empfand seine Stärke +mehr zu leiden mit schmerzlichster Beschwingung. Die Tiefe der +Erschütterung gab ihm ungeahnte Kraft. + +Taue klatschten aufs Wasser. Dreimal schoß eine breite Woge zwischen die +Fregatte und sie, teilte sie. Dann faßte Vaudreuil die Schlinge. Wie ein +Affe erkletterte er das Verdeck. Matrosenhände erfaßten seine nasse Taille, +schoben ihn herein. Das Schiff hatte sich weiß beflaggt, bog sich und +rauschte. Er sah die Küste nicht mehr. Möven lagen auf den Wellenspitzen. +Dann kamen Tage, wo die Sonne nur da war, der Himmel sich seidig +zusammenzog. Er sog den Geruch des Meeres ein, schaute auf das Spielen von +Welle mit Welle, der letzte Strich des Horizontes gab seinem Gefühl die +ruhig sich schaukelnde Sicherheit der Ruhe und des Glückes. + +Am fünften Tag wurden die Segel gerefft, ein Sturm legte die Fregatte auf +die andere Seite, stieß ein Leck in den Speicher. Seekrank lag Vaudreuil +auf einem Haufen Taue in seiner Kabine. Sein Magen spie über Bett und +Tisch. Sein Geist litt unter der Beschmutzung seiner Kleider. Sein +kraftloser Körper, den nur einmal in Barbizon nach einer ausschweifenden +Woche mit Lilotte, der Tänzerin des Dauphin, ein Purgier mit Schweiß +befreite, litt unter der Ohnmacht und stemmte sich mit Wut dagegen. Aber +die Dauer des Zustandes führte ihn in die Überwindung. Ohne Zorn fand er +sich darein, daß seine Kabine stank wie ein Stall, daß er tagelang kotzte. +Als er geduldig ward, befreiten ihn helle Tage. Die Angel lag auf dem +spiegeligen Wasser. Matrosen saßen in den Takelungen. Mit weiß knatternden +Spitzen schlug das Meer gegen den blau aufbrechenden Horizont. Er fing +Germanen, köpfte sie, warf die Körper den Kabeljaus zum Fressen hinunter, +briet die Köpfe. Nie aß er früher so weißes Fleisch. Erfinderisch geworden +in der Ruhe, erfand er neue Speisen. Er röstete Flossen, briet Herzen. Der +Tag ward ihm phantastisch, spielend überwand er die Melancholie der Abende. + +Das Schiff wendete. Die Segel klatschten, standen dick voll Wind. Matrosen +liefen mit Haken und Büchsen nach Backbord. Da stand am Horizont ein Schiff +in der Form saletanischer Piraten, das braune Segelzeug schoß scharf +drachenhoch vor dem Gelb. Der Kapitän schrie. Aus den Verstauräumen kamen +Kanonen angeschleppt, die sonst das Gleichgewicht des Schiffs gegen den +Wind stärkten. Da brauste es aus dem Sprachrohr des Drachenschiffs: »Vila«. + +Da begannen die Matrosen zu grinsen, einer sang. Sie zogen die Hemden aus +und winkten in ihren bronzenen Brüsten hell zwischen den Leinen und dem +blühenden Himmel. Denn das Schiff war gascognisch. Vaudreuil blies die +Backen auf und ging hin und her den Abend. + +Zwischen zwei Felsen fuhren sie in den St. Lorenz. Die Wände standen wie +Pyramiden. Schwärme langgehalster Vögel hoben sich, zogen endlose Spiralen +immer höher und schrieen. Morgens booteten sie aus nach Quibek. Vaudreuil +ging sofort zum Fort. Die Straße war kotig. Mit schmutzigen Schuhen und +Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die Palisaden und nannte seinen +Namen. + +Abends erschien der Kommandant zum Bankett. Er hatte den ganzen Mittag die +Finger seiner Hände hin und zurück gezählt, um nicht sofort hinzulaufen. +Jedoch der Drang seiner Würde war größer als seine Neugier. Auf Vaudreuils +anderer Seite saß der Bischof in violettblauer Sutane. Ihre Fragen +umzingelten ihn, faßten ihn von immer neuen Seiten. Sie schlürften jedes +Wort. Der Geruch Europas war noch an ihm. Sie hielten sich gerade, aßen mit +Bewegungen, die ihren Namen entsprachen, wenn auch ihre Stoffe derb waren, +ihre Schuhe aus Rindsleder, das roch. Er gab, was er wußte, vom Hof, den +Städten, den Frauen, teilnahmslos, halb Gelöschtes aus seinem Gedächtnis. +Der Bischof riß einen Fisch mit beiden Händen am Schwanz auseinander und +frug: »Was planen Sie hier?« Aber Vaudreuil zuckte die Schultern. Sie +wurden verlegen. Der Kommandant trank rasch. Der Bischof leckte an seinen +fetten Fingern. Sie schwiegen eine Zeitlang. + +Beim Dessert verloren sie ihre Haltung. Vaudreuil kam beim Pharao in +Verlust. Als sie zwei Rollen Louis gewonnen hatten, wurden sie höflicher +vor seinen Mitteln. Um vier begannen sie, gebranntes Wasser zu saufen. Boys +brachten Kübel. Um fünf saßen sie hinter den Karten. Vaudreuil hielt Bank, +gewann zurück. Ein Fähnrich kam in Verlust, man verweigerte seine Bons. Er +hockte sich in die Ecke, schrie: Germaine . . . sah nur Waden, beschrieb +sie mit dem Finger, leckte das Maul. Ein Offizier fiel um wie vom Schlag +gerührt. Der Kommandant zuckte die Achseln: »Er liebt, seinen Gewinst +festzuhalten.« Seine Hand schrieb eine Anweisung, die er rotglühenden Auges +Vaudreuil hinüberreichte. Sie machten eine Pause, aßen kleine scharfe +Fische. + +Der Bischof hob den Arm. Schwenkte den andern auf, hob sie und senkte sie +heftig, bis der Apparat rauschte, seine blecherne Stimme anfing zu singen. +»Fettes Schwein«, sagte der Kommandant und schlug im Takt die Fäuste auf +den Tisch. Ein Hauptmann taufte einen Eingeborenen. Das Zimmer dick vor +Rauch. + +Sie kehrten zurück zu den Karten. Die Sonne stand draußen. Der Bischof +setzte die Sutane. Verlor. Der zweite Fähnrich begann ihn sofort zu +entkleiden, wollte ihn als Adam durch den Morgen führen. Der Bischof +quietschte mit Faseltönen, flatterte mit den Händen, umwirbelt von Dampf. +Er stank aus jeder Pore. Dann weinte er und psalmodierte eine Beichte. Der +Kommandant bog sich von seinem Stuhl, fiel krachend zurück in die Lehne, +beugte sich wieder, krampfte die Arme über den Bauch und bekam das Maul +nicht zu vor Geheul. Vaudreuil ging hinaus. + +An der Palisade erreichten ihn Schreie. Die Fähnriche brachten die Sutane +geschleift. Am Fenster hing der Mondbauch des nackten Bischofs. Eine Hand +hob sich über ihm, klatschte auf feine fette Schulter. Des Bischofs Arme +zeterten herunter, er wand sich. Seine Schinken hingen zum Fenster heraus. +»Also doch . . .« Vaudreuil bot Ohrfeigen mit, der flachen Hand. Sie zogen. +»Germaine«, brüllte der eine und fuchtelte in der Luft. Vaudreuil schonte +ihn, wandt sich zum anderen, der stieß ihm, schmalnasig und hager, im +selben Augenblick leicht in die Achsel, warf seinen Degen weg, salutierte +mit der Hand. »Es hätte auch die Kehle sein können.« Vaudreuil packte die +Sutane mit den Fingerspitzen, trug sie hinaus. In der Mitte des Zimmers lag +ein Haufen Fett, das den Himmel vertrat, vor dessen Umarmung jede trübe +Zofe flöhe. Er legte den blauen Rock auf den Haufen. + +Den Rückweg verlegte der Kommandant an den Palisaden. »Den Degen.« Der +Fähnrich, zwölf Soldaten hinter ihm. Vaudreuil lachte, denn seine Stimme +lallte und überschlug sich vor Besäufung. Er richtete die Spitze des Degens +nach hinten, ging so auf die Wache zu. Sein Lachen steckte an. Zuerst +prustete ein Soldat. Dann lachten sie alle, schlugen sich auf die +Schultern, auf den Bauch, ohrfeigten sich, begannen eine Prügelei. Der +Fähnrich zog ein Lächeln um den dünnen Mund und salutierte. Der Kommandant, +Sergeant an Wuchs, donnerte wütend, die Soldaten johlten weiter. Der +Kommandant torkelte einem an den Hals, umarmte ihn, fiel um, ward +aufgehoben, schlug sich den Bauch vor Lachen. Er kommandierte die Wache zum +Salutieren, es geschah unter Schwanken. Arm in Arm mit Vaudreuil verließ er +das Fort. + +An der Ecke blieb er stehen, stampfte auf, um fest zu stehen. »Ich muß Sie +verhaften, ohne Zweifel.« Er stemmte sich mit dem Rücken gegen ein Haus, +rülpste Gelächter. »Ich warte bis zum Abend.« Sie zogen durch die Kneipen. +In der dritten entlieh er eine Rolle Louis. Vaudreuil schlug sie ab. Es gab +einen Skandal. Mitten in der Szene vergaß er es wieder, versprach Vaudreuil +Weiber, frug nach Paris, schlief schnarchend ein. Die Nase fiel auf den +Tisch, begann zu bluten. Eine Rinne lief ganz langsam über die Platte, +schwenkte nach rechts, lief nach links. Vaudreuil blieb sitzen, bis es ihn +erreichte. Dann stand er auf. + +Am Bootshaus lag sein Gepäck. Vor der Mole schaukelte ein großes Segelboot. +Wohin? Nach Montreal. Er erklomm das Schiff an der Seite, wo Männer +loteten; setzte sich unter ein Sonnensegel, zog ein Buch aus der +Manteltasche, begann zu lesen. Die Eingeborenen sangen vor sich hin, indem +sie die Segel besorgten. In der Stille verengte sich der Fluß, das Meer +blieb stürmisch mit schlagenden Wellen zurück. + +Plötzlich stand ein Mann vor ihm, sprach ihn an, verdrehte die Augen, +schnitt Fratzen und bog die Nase nach oben. Zuckte mit den Achseln und +zwitscherte wie ein Vogel. Öffnete die Hand, schloß die Hand, verkrümmte +sich und blinzelte. Wandt sich von Vaudreuil, der weiter las, nach der +anderen Seite der Bank, verneigte sich, schwang die Arme nach hinten. Da +saß ein Offizier mit einem Orden, winkte mit der Hand, das Individuum +verschwand unter den Fäusten der Matrosen. Vaudreuil sah auf, beugte sich +etwas gegen den Offizier. Der erhob sich: »Courbisson«, der Gouverneur. +Vaudreuil blinzelte, schob den Mund schief, begann weiterzulesen. Die +Adlernase kam im Bogen, hing vor ihm, schnitt die Luft: + +»Sie brachen heute mein Gesetz.« + +»Es waren Schweine. Soll dieser Irrtum . . .« + +»Haben Sie zu verlieren?« + +»Das Leben.« + +»Sie wissen es einzusetzen.« + +»Der Ehre halber.« + +»Das genügt nicht. Bei diesen Menschen bedarf es mehr.« + +»Ich bin am Ende. Sah den Arsch des Bischofs die erste Nacht.« + +Der Gouverneur griff an seinen Hut, grüßte, die Matrosen begannen zu +schreien. Baumstämme kamen angeschwommen, sie halsten, bogen aus, im +Schwung umschwebte sie eine betäubende Insel. Der Gouverneur strich den +Knauf, aus dem ein Löwe in die Luft biß. + +»Ich bitte um zwei Fragen . . . haben Sie Mittel?« + +»Die Diskretion der ersten läßt mich auf die zweite verzichten.« + +»Ich rede in einer dringlichen Sache meines Herzens geschäftlich,« der +Gouverneur verneigte sich. Ein Haar breit. + +»Ich habe keine Geschäfte.« + +Da stieß der Gouverneur einen Fluch in die schmalen Lippen. Vaudreuil +machte eine unwillkürliche Bewegung. »Nein«, sagte der Gouverneur, lächelte +zerstreut, gewinnend, Unruhe wölkte seine Stirn. Da legte Vaudreuil sein +Buch hin, kam ihm entgegen: »Verhandeln wir.« + +Courbisson errötete gegen die grauen Schläfen, begann sofort mit Charme zu +reden. Vaudreuil sah ihn aus aufgerissenen Augen an. Beim zweiten Satze des +Gouverneurs schlief er ein. + +Als er erwachte, war es hoch im Mittag. Er war allein. Die Ketten +rasselten, die Segel hingen eingerefft, gebunden, der Anker hielt. Eine +Landschaft kam mit Wiesen heruntergespielt zum Fluß. Er sah große Fasane, +stieg aus zur Jagd. Die Nacht brach er durch Büsche auf dem Rückwege, fand +ein Blockhaus. Auf Heu schlief er. Morgens lockten die Stimmen der Tiere +sein Blut, er bestieg das Schiff nicht, blieb acht Tage, streifte, jagte, +brach in das Dickicht, das ihn schluckte, einsog. + +Am neunten Tage trieb er ein Boot auf, fuhr langsam hinunter nach Montreal, +kaufte fischenden Matrosen ihre Kleider für die Jagd, trat in ein +Blockhaus, spreizte die Beine, warf den Kopf zurück und zeigte eine +Landkarte, fixierte ein Stück mit dem Blei am Ufer. Hinter dem Tisch der +breite Mann zog den Spitzbart. Vaudreuil sah in die Luft. »Das Stück ist +zehn Klafter breit,« sagte der Verkäufer. Vaudreuil zuckte die Achseln. Der +andere zog die Lippen nach vorn, schrieb, Vaudreuil zahlte eine halbe +Goldrolle, drehte um. An der Tür zögerte er kurz, ging hinaus, kehrte nach +zehn Schritten um, zirkelte zu dem Flußgebiet, das er gekauft hatte, das +ganze Hinterland dazu, sah fragend auf. Der Verkäufer grinste und schrieb +ihm den Urwald noch dazu. + +Er mietete ein Rudel Gesindel, fuhr mit ihnen hinauf, ließ Hütten bauen. +Bald kamen Eingeborene. Mit Negern, die er kaufte, gründete er den Kral. +Dann warf er das Geld gegen den Urwald. Ein wütender Kampf bellte auf. Der +Wald wucherte mit Sumpf und Pflanzen gegen ihn auf. Tag um Tag fraß seine +Horde sich in den Wald. Er wirbelte die Äxte hinein, schnitt mit Feuer +Lücken, brach Boden auf Boden ab. Er umzingelte mit einer Gasse, die die +Kerle schlugen, die dicksten Plätze, hungerte sie aus, verwüstete sie, ging +zurück, brach vor. Die Sklaven starben an Fiebern. Er schaffte neue +Scharen, trieb sie gegen den Wald. Ordnete kleine Gruppen, fiel von den +Seiten, vom Rücken gegen das nie angegriffene Urstück. Tiere jagten nachts +heraus. Ein Löwe sprang durch das Dach seines Hauses. Er gab nicht nach. +Fauchend mit den Stimmen seiner Tiere wich der Wald zurück. Nun sogen +Weiden das Wasser aus den modrigen Ufern. Pflüge rissen in das Herz des +Landes. Ochsenwagen zogen nach dem Strom, warfen das Holz in die Boote, +nahmen Saat zurück. Meer von Weizen schlug in schönen Wellen gegen den +Wald. Herden suchten morgens, Boden schlagend, den Strom. Das erste Boot +fuhr nach Quibeck. Zehn folgten. Seine Wolle fuhr über das Meer. Schon war +der Wald eine ferne Linie am Horizont. In Tonnen und Schuppen stapelten die +großen Fischzüge. Er legte einen Gürtel Ablagerungshäuser an. Eines Nachts +flog ein Vogel vom anderen Ufer herüber, seine Flügel hatten eine grüne +Färbung. Als er am Giebel saß, begann das Dach zu brennen. Es war der +dreizehnte Schuppen. Vaudreuil ritt zum Inspizieren. Er fand nichts. Nach +drei Tagen ritt er denselben Weg, ließ es wieder aufbauen. Nach einem +halben Jahr kam er an einen Zug, der Tonnen Fische hinunterschleifte. Er +sprach mit dem Führer, sie bogen um eine Waldecke, da nahte ein Zug, es kam +eine Prozession. Vaudreuil stieg ein wenig in den Bügeln, kniff die Augen. +Dann führte er seine Leute zurück, in einem Hohlweg mit steilen Wänden ließ +er eine Tonne leeren, ritt weiter ein Stück, dann wieder zurück. Sie +erreichten den Weg, als die Läufer der Prozession auf den Fischen +ausglitten. Sie fielen auf Rücken und Bauch, streckten die Beine hoch, die +Zungen heraus, rauften sich an den Haaren. Die dicken Priester fielen auf +den Hintern und rutschten auf den Fischbäuchen die glatte Bahn herunter. +Geschoß kam auf Geschoß. Den Bischof warf sein Esel ab, er flutschte +vorüber, schlug mit den Armen wie ein Häher. Vaudreuil zog weiter. Zwei +Wochen darauf klopfte es nachts an sein Haus. + +»Woher?« + +»Quibeck«. + +Sie machten dem Fremden ein Lager im Flur und lauerten im Halbschlaf mit +schrägen Augen, daß er nichts unternehme. Am Morgen ging Vaudreuil über die +Diele. Da stand der Fremde auf, griff in die Mantelbrust und reichte ihm +ein Papier. »Ich will es quittieren«, sagte Vaudreuil, kramte in Papieren, +sandte dem Bischof für die Exkommunizierung eine Verschreibung von seiner +eigenen Hand. Sie ging auf eine violettblaue Sutane. War vor sechs Jahren +ausgestellt. + +Vaudreuil badete, salbte sich ein Stück, zog Strohsandalen unter die +Schuhe, es war Abend. Ging langsam zum Fluß, nahm ein Paddelboot, fuhr ab, +legte, als der Flußwinkel überfahren war, an im Gebüsch, kehrte zurück, +trat hinter einem Baum heraus mit einer Peitsche und verhieb Neger, die im +Garten tanzten und seine Hüte trugen, entließ den Aufseher, der in der +Küche sich Pasteten buk. Dann ging er über die Äcker zwei Stunden, bis er +Wald erreichte. Eine halbe Stunde lang suchte er, die Nase wie ein Hund +geneigt. Er fand einen Pfad, folgte ihm bis gegen Morgen. Dann schlief er +ein wenig, lief den ganzen Tag weiter ins Innere. Es wurde Nacht, er roch +Feuer, schlich sich heran, wartete eine Stunde, schnitt mit dem Messer +Gestrüpp, verknotete Schlingpflanzen durch, machte einen Bogen, schaffte +bis Mitternacht. Dann kam er an den Rücken eines Schattens, hob ein Tuch, +war in einem Zelt, zündete ein Schwefelholz an, hielt es mitten in den +Raum. Zehn Frauen saßen auf Fellen und schliefen. Eine stand auf, schlanker +als die anderen, blies das Licht aus. Er nahm sie auf den Arm, trug sie +durch das Lager in den Wald, das Kupfer ihrer Haut glänzte unter der +Dunkelheit der Zweige. Sie kamen an sein Boot zum Fluß. »Naimi«, flüsterte +sie. Ihre Augen der zahmen Antilope stellten sich in Rausch schräg gegen +die Wipfel, die über den Mondwellen hingen. Das Rindenboot glitt unter +Ästen mit singenden Vögeln. Ihre Haut roch nach ihren Speisen, nach +Wildbret und Beeren. Er strich ihre junge Brust hoch. »Perlen«, sie lachte +gegen die Hand, band sie in die blauschwarzen Haare. »Wie lange?« Er zuckte +die Achseln. Ihr aus den flimmernden Schatten des Waldes heraus geformter +goldbraun geschwungener Leib zitterte. Sie hob das Gesicht über den Rand. +Da sah sie in den Mondwellen die Perlen, warf sich nach vorn in die Knie, +herüber zu ihm, den Kopf auf seine Hände, die Zunge fuhr über seine Brauen, +die sich im Dreieck zur Stirne spannten. Er weckte sie aus dem Schlaf: +»Naimi«. Sie forschte erschreckt in seinen Augen; als sie Liebe sah, begann +ihre Haut sich zu färben. Sie banden das Boot an. Die Sonne ging über sie. +Manchmal erhob sie sich, sah scheu nach ihm hinüber. Am Abend fuhren sie +weiter. Das Rindenboot schlürfte am Ufer hin im leisen Takt des Stroms. Der +Mond brach weich aus allen Ästen. Ihre Brust war fruchtreif und klein, sie +flüsterte, erschreckt. Er sah sie an. Sie schlief ein. Sie näherten sich +seiner Ansiedlung gegen Morgen. Als sie erwachte, ihn erblickte, war ihr +noch munter. Später hieb er ihr gegen die Schenkel. Sie sah seine Stirn, +erbleichte, knackte zusammen. Beim Aussteigen drehte sie sich einmal noch +um, ihr schmales Gesicht sah ohne Ausdruck nach ihm. Dann sprang sie in den +Wald. Er trieb allein gegen sein Haus. + +Er kam in seine Faktorei, kontrollierte das Schreiben der Aufladung. Da +trat ein Herr herein, grau an den Schläfen. Er ging ein wenig gebückt. »Ich +treffe Sie doch in Geschäften«, lächelte dünn. Vaudreuil verbeugte sich +wortlos: »Courbisson«. Der Gouverneur nahm Vaudreuils Arm, sie gingen durch +den Garten, das Haus, die Anlagen, ritten den Strom herauf, vorbei an den +Ausladehäusern. Sie gingen um die Schuppen, Courbisson prüfte mit der +schmalen Hand die Maiskolben, den Weizen. Er hob die Hand, beschattete das +Auge, blickte ins Innere. Er beugte sich noch tiefer: »Sie wissen nicht, +daß ich das, was hier geleistet, von Ihnen wollte, als wir das erstemal uns +trafen. Dies alles war meine Absicht.« Er fuhr mit der Hand im Kreis herum. +Dann nahm er wieder Vaudreuils Hand, er blieb bis zum Abend. Nach Tisch +schlief er. Sie tranken Kaffee und spielten. Gegen die Dämmerung redeten +sie monoton, einfach. Als es dunkel war, brachte Vaudreuil ihn zu seinem +Schiff. Sie waren noch im Garten, und eine Kröte sprang schwerfällig über +den Schuh des Gouverneurs. Er stand steifer: »Der Krach mit dem Bischof +stellt alles in den Einsatz.« »Ich weiß«, sagte Vaudreuil. Der Gouverneur +ging weiter. Von einem Baum knallte eine Frucht. Das Kinn des Gouverneurs +berührte einen Augenblick die Brust. Dann hoben sich seine Achseln, er +atmete tief. Am Schiff gab er ihm die Hand: »Besuchen sie mich.« Vaudreuils +Brust hob sich hoch, senkte sich. + +Am Morgen torkelten über die Felder eine Schar Weiber, kamen in die +Umzäunung. Unter dem Schmutz erschien ihre weiße Haut. Sie kamen +halbverhungert aus den Wäldern, wo sie breitschenkligen Huronen +nachgelaufen waren, verlangten nach Essen. Sie waren derb und saftig, ihre +Kleider von Dornen zerfetzt, manche fast nackt. Die meisten waren +betrunken, schimpften vor sich hin. Er ließ sie hinaustreiben: Ein Neger +erschien mit einem Seil, das ein anderer faßte. Eine nahm ein Federmesser +und stach es ihm nach der Hüfte. Vaudreuil kam selbst heraus, langsam die +Treppe herunter. Ließ die Sau auf einen Stuhl schnallen, schlagen. Die +Neger rissen die Röcke hoch, schlugen ihr die Haut zu Striemen. Sie brüllte +eine Weile. Dann ward sie still, verkroch sich in ihren Körper wie in eine +fremde Hülle. Als sie losgebunden ging, öffnete sie den Mund, sang. Ihre +Stimme war angenehm, nicht mehr rauh. Das Lied war von den Vorstädten von +Paris. Vaudreuil ging die Treppe hinauf, er hatte sie im Rücken. Sie riß +das Palais Royal vor ihm auf. Er biß die Lippen, aber er drehte nicht um. +Sie hatte einen roten Strumpf. Dies verließ ihn nicht. + +Im Sommer kamen die Meerwölfe ans Ufer, schlichen hinauf und schliefen. Sie +fuhren mit ein paar Schiffen hinunter, kamen in der Dämmerung an, +beschlichen die Plätze in der Frühe, hoben Gruben aus, versteckten sich, +warteten. Als die Sonne heiß ward, pfiffen sie, sprangen heraus, liefen +nach dem Strand und schnitten den Tieren den Rückweg ab. Dann schlugen sie +sie mit Knüppeln tot. Die Tiere gaben kleine Pfiffe, wehrten sich in +schnappigen Sprüngen mit dem Maul über die Luft rasierend. Müde von der +Jagd ritt Vaudreuil in die Stadt, suchte ein schlichtes Haus, trat hinein +zu Courbisson und aß mit ihm. Als er Abschied nahm, sah er, daß der +Gouverneur sehr grau ward: Er lächelte. In der Hauptstraße standen vor +kleinen Häusern europäische Weiber, hoben die Röcke, wiegten mit den +Schenkeln und pfiffen. Er ging weiter, der Geruch gepflegten Fleisches war +noch nicht aus ihm gewichen, und er, der die süße Frische der dunklen +Weiber kannte, war der talentlosen Liebe, mit denen Frankreich +überschwemmte, taub. + +Der Mond kam aus den steifen, hohen Bäumen, er ging hinunter, das Pferd am +Zügel, sah die Strecke an, kam bis an das Ufer, ritt es hinunter, wo der +Lorenzo umbog. Da sah er zum erstenmal seit Jahren das Meer. Der Mond +stürzte aus den Palmenwipfeln heraus, sank gegen das Wasser. Da brach aus +ihm heraus, was er sieben Jahre bezwungen, was aber in der Reibung mit +seinem Herzen wie ein Wolf gewachsen . . . er drückte sein Gesicht in den +Bauch der Stute, zuckte mit den Achseln. Das Pferd hielt starr und +hingebend, obwohl er den Hals mit den Armen ihm verschnürte. + +Er sprang auf das Pferd, mit träumerischen Zügen trieb es langsam ins +Wasser. Wo der Mondstrahl auffiel, spiegelte das Wasser wie Glas, das sich +drehte: Das Schloß . . . mit buntem Kies, gebaut für die Zärtlichkeit der +Frauen. Tiefe Fenster wühlten in der wollüstigen Blumendämmerung. Der Park +stand voll vom Duft der Rosen und Jasminen. Schreibend früh morgens mit +vier Sekretären, noch feucht von der Haut der Geliebten. Da schoß er Tiere. +Warf den Körper in das Bassin, das ihn kristallen umschäumte. Dumpfe Nächte +beim Kartenspiel durchschlug er mit schweißigem Haar. Ein großer Ritt, der +ihn mit Ruhm behängt . . . eine Intrige, die in London sich kraus +entfaltete . . . mit großen Orden, den Degen am Fuß empfing er eine +Fürstin, die Hand am Schlag und sie warf ihm Blicke zu durch das Glas, das +er geschmeichelt nahm. Dann nichts tun einen Sommer, als den Himmel ansehn +durch den Regenbogen der Tritone . . . er trieb das Pferd mit Schlägen; das +seichte Wasser schäumte. Er hob es am Zaum hoch und zwang es tiefer in die +Flut. Indem begann der Mund sich zu öffnen, zuerst leise im Rhythmus, dann +schreiend sang er, was von der Hure in ihm war. Das armselige Lied +befriedigte seine Sehnsucht tief. Als der Gaul versank, schwamm er weiter, +der Mond lag auf weißen Wellen. Er sang nicht mehr, das Wasser schlug an +seiner Kehle und erstickte seinen Ton. Sein Herz war so irrsinnig, daß, als +der Mund die Flamme nicht ausspeien konnte der Sehnsucht, es pochte dumpf +den Namen der Frau, das Übelste an Erinnerung, die er verachtet, um die er +sich geschlagen und die er jedem Lakaien gegeben. Das hatte noch sehr +Gewalt in ihm. + +Als die Kraft ihn verließ und er unterging, kam Wehmut über ihn, er +arbeitete sich hoch, kam mit dem Kopf gegen die Küste, den Mond im Rücken. +Da, als er das Land sah, verließ ihn alles, er wußte nichts als Leben und +das Gefühl des Atmens durchstieß ihn so, daß er weinte vor Gier, +dazubleiben, die Arme zu strecken, nicht zu sterben. Er mühte sich dreimal +verzweifelt, die Welle schlug ihn zurück. Keuchend erreichte er Grund, kam +an die Küste. Fand sein Pferd, das mit dem Schweif schlug und wieherte. +Sein Atem schlug wie eine Säule über den Sand. Er stöhnte, machte drei +Schritte, erreichte den Gaul nicht, sondern fiel mit dem Gesicht auf die +Erde, breitete die Arme aus, schlief an ihr wie an einer Frau. + +Spät am Morgen wachte er auf, drehte sich, nahm das Pferd am Halfter und +ging nach der Stadt. Er drehte sich nicht nach dem Meer um, sah es nie +wieder. Am Eingang zu den Häusern stieg er auf, glättete seine Kleider und +ritt durch. Am anderen Ende kam ein Reiter ihm entgegen, stellte seinen +Gaul etwas schräg, daß Vaudreuil halten mußte. Courbisson reichte ihm die +Hand. Einen Augenblick verweilte des Gouverneurs Auge auf Vaudreuils Stirn. +Er sah, daß er grau geworden war an der einen Schläfe. Er, täglicher Kämpfe +hart im Inneren bewußt, lächelte, sagte nichts. In der Nacht in seinem Haus +wartete Vaudreuil am Fenster. Der Mond flog zärtlich aus der Waldnacht im +Osten. Er sah ihm nach. + +Wochen ließ er sein Geschäft laufen. Er sah nach, aber ohne die Schärfe des +Blicks. Eines Tags widersetzte sich ihm ein Arbeiter ins Gesicht. Er nahm +ihn mit sich in sein Büro. Sie sprachen zwei Stunden. Der Arbeiter kam +heraus mit verändertem Gesicht. Nach drei Tagen übernahm er die Leitung +einer Abteilung. Vaudreuil rüstete sich aus, schaffte zwei Wochen +geheimnisvoll. Als er frühmorgens mit seinem Pferd den Garten verließ, +stand der Arbeiter an dem Pfosten: »Nehmen Sie mich mit?« Vaudreuil ward +zornig. Dann beherrschte er sich, sein Gesicht ward versteckt, starrte über +die Bäume nach Norden. Er schüttelte abwesend den Kopf: »Ich muß hier einen +Vertreter haben«, er gab dem Jungen, dessen Augen hell und ärgerlich über +die Abweisung waren, die Hand. Mit ein paar Eingeborenen schlug er sich +durch. + +Als die Flüsse auf Rindenbooten durchfahren waren, kamen Steppen. Eines +Morgens glänzte Weiß. Es war der Churchilriver, den noch kein Europäer sah. +Er überschritt ihn. Zehn Tage weiter entdeckte er Pelztiere, durchforschte +die Gegend, legte einen Schuppen, eine Kette Niederlassungen zur Küste an, +brach weiter auf. Er kam zu einer Erdspalte, überstieg sie. Wie von Öl +überglänzt, war die Ebene reich gegliedert von großen Seen. Wieder kamen +Steppen. Am Rand blieben die Eingeborenen stehen und frugen achselzuckend, +wohin er wolle. Er hieß sie schweigen und deutete nach Norden. Sie sahen +ihn scheu an, folgten. Sie hatten drei Tage nichts zu trinken. Ein Indianer +floh. Die anderen fingen ihn wieder. Er ließ ihn laufen mit so viel +Verachtung, daß der sich hinwarf und flehte, er solle ihn nicht verstoßen. +Aber er nahm ihn nicht weiter mit. Der Wilde folgte im Abstand, schlief, +lagerte, aß mit ihnen. Am dritten Tag wurden die Stimmen heiser. Morgens +tauchten drei blaue Punkte auf. Wilde nahten: hinter den Eisbergen sei das, +was Menschen tilge . . . Er ward ungeduldig und schrie sie an. Sie senkten +die Köpfe: er würde ein Greis, bis er die nördliche Küste erreiche. Sie +wiesen Renntierhörnerkeule: es gäbe keine Tiere mehr zum Jagen, nur +gefrorene Flüsse . . . Er zog die Brauen zusammen, daß sie im Dreieck +standen. Es trieb ihn, er hatte keine Macht darüber. + +Vier Tage zog er die Eingeborenen mit sich Sie froren die Zehen ab im +Schnee. Sie wollten zurück. Er schalt: »Hunde.« Sie zeigten ihre Füße. Er +riß die Brust auf. Sie neigten den Hals. Er entließ sie. Im Abstand nur +folgte ihm der eine, den er verjagt. Eines Morgens fehlte auch dieser. An +diesem Tage traf er Eskimos. Er machte ihnen Zeichen. Noch eh er zu trinken +bat, grub er das Zeichen des Meeres in den Schnee. Sie schüttelten den +Kopf. Er würde den Punkt nicht erreichen, wo die Unendlichkeit der Ebenen +und die Einsamkeit seines Herzens Europa am nächsten seien. Er würde nicht +den magischen Pol seiner Sehnsucht erreichen, den sein Herz unruhig suchte, +ohne daß er wußte, zu welchem Ziel, in welchem Sinn -- -- -- er sah einmal +den Kreis langsam herum, dann fiel er ab. Sie schleppten ihn mit sich +südwärts. Als sie Lagerfeuer sahen, plünderten sie ihn aus, eh er ihnen +schenken konnte, was sie nahmen, ließen ihn liegen. Halbverhungert wälzte +er sich weiter, schrie und verlor die Besinnung. Am Morgen sah er, wie die +Indianer aufbrachen, er erhob sich und winkte. Sie sahen ihn nicht. Als +aber sein Leben dahinschwand mit den verschwimmenden Konturen der Zelte und +Haarbüsche, kam die Kraft über ihn, daß er lief wie ein Ochse, sie +erreichte, dort zusammenbrach. Sie pflegten ihn durch, zwei Monate lang. Es +waren Iroquois. Als er gesund war, hob er nachts ein Zelttuch, sprang +hinein, entzündete den Schwefelspan, hielt ihn in die Ecke. Eine Frau stand +auf, der schlanke Brüste wie Zitronen saßen, die den Shawl mit einer +gleitenden Leichtigkeit raffte. Sie hob den Kopf, blähte die Nüstern der +bourbonischen Nase, als röche sie ihn, der Blick der wildsamtenen +Antilopenaugen verdunkelte. Sie blies mit einer raschen, schönen Bewegung +das Licht aus. Ihr Körper war glatt wie ein Fisch, golddunkel. Sie frug, +wie lange, am Morgen. Er schüttelte den Kopf und nahm sie mit. Sie kam als +erste in sein Haus. Der Arbeiter gab ihm die Übersicht der Bücher und trat +ein wenig zurück. »Ich danke.« Vaudreuil gab ihm die Hand. Der Arbeiter +errötete, aber, da Vaudreuil nicht weiter sprach, wies er nochmals auf das +Neue, seine zehn Pfade am oberen Lorenzo, den Hafen am Ontario. Vaudreuil +nickte. + +»Ist es nicht genug?« + +Da sah Vaudreuil wieder über ihn hinaus wie am Morgen, als er aufbrach. +Seine Sehnsucht hatte das Tätige nicht gestört. Er stapelte auf die +Verträge von den großen Seen, die Abmachungen, die die Jagd am Sklavensee, +am Makenziriver in seine Hand gaben. Nun flossen die Felle des Inneren +nicht mehr zur Hudsonbay, nun durch ein neues Bett strömte das Innere zu +ihm. Nun liefen die Pelze übers östliche Meer, nach Europa. Seine Besitzung +am Lorenzo ein Strudel, der das Innere des Landes einsog und herriß. Was +war das Bisherige gegen diese Leistung, diesen Horizont? + +Er sah dem Arbeiter ins Auge: »Organisieren Sie es.« Der zog den Mund +zusammen, bückte sich einen Augenblick, hielt dann erstarrt mit geöffnetem +Mund. Dann ging er hart. Nach einem Monat brachte er das Geschaffene. Er +sah auf: Wegweiser, Faktoren, Dolmetscher zogen ins Eis. Die faule Jugend +war diszipliniert, stieg in siebenjähriger Probezeit zu höherer Stellung, +zu Beteiligung, zu Prämien für besondere Leistung. Für Ausdauer stand Lohn, +für Ehrgeiz Befriedigung. Er machte Kräfte frei in gerechtem Wettstreit +. . . »Gut,« sagte Vaudreuil. Da nahm der Arbeiter seine Hand, sagte: +»Verzeihen Sie.« Er wollte kein Lob mehr. Kein Trotz war mehr in ihm. Er +diente. + +Als die Frau ihm einen Sohn ins Bett warf, schreiend, daß die Mägde im Haus +den ganzen Tag zitterten, schenkte er ihr eine Kette mit gewundenem alten +Dukatengold. + +Daran hingen drei achatne Kugeln. + +Courbisson hielt ihn zur Taufe über das Wasser, obwohl die Mutter braun +war, denn seine Schätzung für den Menschen war noch geringer als die für +das Beispiel, mit dem Vaudreuil für das Volk schuf. Am Mittag kam ein Bote, +der die Nachricht hatte, daß ihm die Heimkehr frei sei, daß unter anderem +Gesetz die Stadt stände. Er ging zurück in den Schatten, wohin die Kerzen +nicht langten. Er würde Ruhm haben, Vermögen, Macht, Frauen. Er sah durch +das Fenster, wo die schwere Silhouette des Waldes noch sichtbar in der +Ferne schwang. Es ging über sein Gesicht von oben nach unten, von den +Wangen über den Mund. Der Gouverneur zitterte an der Hand, die den Hut +hielt. Vaudreuil äußerte sich nicht. + +Im Frühjahr verschwand er einige Zeit. Rastete an Feuern, an Seen, Flüssen, +den großen Hauch des Daseins spürend, ging mit Zeit, mit Woche und Jahr. +Der Erde und ihrem Rücken verschwistert, die ihn mit Blut und Saft bis ins +Hirn durchspülte, gingen die Nächte über ihn, die Schwingen des +Sternkreises, der Monde. Er sprang in dieses Zelt, er zündete Hölzer an, er +verließ es. Er hob das Tuch im Wald, auf der Steppe. Nahm jene, dieses, +schwankte, ließ liegen, holte zurück unter Lachen. Schichtete um sich in +Zellen brausend Gelebtes, reich Durchgegangenes, hielt nicht an dieser, +jener Frau, glich sich aus in der Bewegung. + +Am zwölften Geburtstag seines Sohnes kam er von einer Kontrollfahrt. Er +ging sofort in das Zimmer, wo von einem Hausmeister und Lehrer er das Kind +erziehen ließ. Von dort durch die Diele, kam er ins Boudoir seiner Frau. Er +sah sie vom Rücken, sie stand vor einem Spiegel und kämmte ihr Haar. Ihre +Lippen leuchteten voll und rot, der Nacken fiel mit der Glätte der Schlange +und als sie sich ihm zudrehte, standen ihre Brüste klein und gegen ihn +gereckt. Da sah er eine Flechte an ihrem Scheitel weiß, trat zurück, +erbleichte. Ging vor bis dicht an den Spiegel, sah über den straffen +dunklen Zügen sein Haar hell durchblitzt, stürzte hinaus. Drei Tage trieb +er wie irrsinnig durch das Haus, durch den Park. + +Des Nachts brach er auf. Am Pfosten der Tür versuchte er seinen Muskel. Er +warf ihn auf. Sein Gesicht ward sicherer. Am Abend schmerzte ihn sein Fuß. +Er wurde kleinmütig, ging gesenkten Kopfes, setzte sich auf einen Stein. +Als er die Stelle untersuchte, war es eine Quetschung. Sein Auge hellte +auf, als er die Ursache sah. Er kam an den Elkfluß. Zog nördlicher. Kam an +den Athalaskasee. Schuf die Riesenfaktorei am Winnipegsee, nun würden +Tauschwaren in alle Eisbezirke laufen. Der Norden war aufgesprengt. Keine +Aufgabe weiter . . . Am Morgen erhob er sich, drang weiter vor. Unsinnige +Angst, daß das Alter nahe, daß er nicht mehr folgen könne, wenn sein Herz +ihn hineinstieß in das Sehnsüchtige, Dunkle. Er übertrieb seine Kraft, sich +selbst davon zu überzeugen. Er lag zwei Monate krank in einem Hüttenlager. +Gekräftigt, sofort trieb es ihn hoch hinauf. Er kreuzte durch verschneite +Prärieen am Hudson. Eingeborene wiesen ihn östlich, wo große Herden der +Pelztiere seien, Ebenen mit hohem Gras, Ochsen mit gestreifter Haut und +säulenhohen Hörnern sprängen. Aber sein Herz schlug: Nach Norden . . . Er +werde sterben. Es kümmerte ihn nicht. Sein Blut klopfte dumpf gegen das +Dunkle vor ihm, sein Herz kannte nur in ungeheurem Zittern einen Pol. + +Er kam an einen Fluß. Aus der Entfernung einer Meile kam sanftes Geräusch. +Er schlich sich an. Ein Graben deckte ihn. + +Wie Affen standen Tiere um einen Baum. Sie stützten sich auf breite +Schwänze, hatten die Vorderbeine an die Rinde gelegt. Mit weißen Zähnen +sägten sie nach gleichem Takt den Baum durch zwischen den Spalten ihrer +Gänsefüße. An der Ecke saßen zwei andere, machten Gesten, schrieen; womit +sie andere warnten, über die Linie zu treten, in deren Radius der Baum wohl +fiel. Nach dem Ufer zu zog sich eine geordnete Kolonne, die Äste trugen. +Der Fluß war eine unmeßbare Wabe, aus der die Kegelhütten hervorstachen mit +den Spitzen. Dazwischen ein Gewimmel von Tieren, die am Damm bauten, so +weit er sah. + +Auf dem Fluß schaukelten Rosaschatten, der Abend fiel langsam. Die +Dämmerung hüllte das friedhafte Summen der beständigen Arbeit in stumme +Seligkeit. Der Mond schwang darüber, es nahm kein Ende. Der Mond bewegte +sich in der Elegie des tätigen Konzertes, der Baum fiel, aber er stürzte, +als der brausende Rhythmus der Tiere auf der Spitze der Empfindung schwoll. +In langen Kantilenen zernagten sie die Äste, bauten, schufen, langsam klang +die Nacht mit allem Geräusch in die beruhigende Kraft des Tieres. + +Er machte eine Skizze, hielt den großen Biberplatz in der Hand, schlich +zurück, kroch in seinen Schlafsack, warf sich zwei Stunden herum. Dann +stand er auf. Zerriß den Plan. Hatte genug Vermögen. Langsam begann er zu +weinen. Etwas stieg auf, erhob ihn und durchdrang den Überschwang an +Dunklem, das seine Seele mit großen Trieben hinriß da und dort, aber immer +in einer Richtung, die sinnlos war vor unbewußter Sehnsucht. Das Gefühl +erfüllte ihn ganz bis in die Kammern des Herzens, bis in die Poren der +Haut, den Wuchs des Haares und gab ihm eine Schwingung, die er nie gepackt. +Hingerissen, zwischen den Schwüngen des rastlos Stoßenden, das ihn wegblies +wie gegen den Mond und zurückstieß gegen den Boden, den er baute . . ., in +einem unirdischen Ruhepunkt erlebte er die glücklichste Stunde seines +Lebens. Er rührte kurz an die selige Beruhigung, die als Achse zwischen den +Wagen seines Herzens stand. Auch dies verließ ihn nie. + +Mit hölzernen Schlittschuhen trieb er das Eis der Flüsse südlich. Schon kam +Grün, Frühjahr wucherte aus verhaltenen Ästen. Vögel begannen +unwiderstehlich zu kommen aus den monderhellten Dunkelheiten des Waldes. + +Von einem Hügel sah er zum Strom. Tausende Habitants, Sklaven, die die +Maisfelder dunkel machten. Riesenbogen der Landschaft gegen den Wald +gespannt. Eine Kette wie von ausgelaufenem Öl . . . die Schuppen, die den +Fluß gürteten. Schiffe schwankend zum Meer und zurück, Herden, die brüllend +aus den Weiden zum Wasser stampften . . . ein großes Tagewerk. Langsam +schritt er hinunter. Was blieb noch? + +Er ließ die Äxte Jahre gegen den Urwald trommeln. Feuer qualmte am +Horizont. Menschen eroberten sich Erde, Acker. Es geschah mit Ruhe. Er +verließ sein Haus nur zur Jagd. Sein Auge verschleierte sich langsam. Er +lehrte den Sohn, den Wolf auf die glühenden Augen schießen. Eine Erkältung +schlich ihm von den Beinen gegen die Brust. Er stemmte sich etwas dagegen. +Dann lag er ruhig, als er sah, daß es nutzlos war. Er ließ das Bett +herumstellen. Sein Scheitel stand zum Fluß. Sein Auge sah in die +Landschaft. Bis an die Grenze der Wolken getürmt alles sein Werk. Er hob +die Hand über die Brauen. Die Silhouette des Urwalds war zurückgewichen. Er +sah sie nicht mehr. Dies wurzelte. Was blieb? Der Tod. + +Er wartete acht Tage. Die Wolken staffelten Terrassen und flogen blitzend. +Sein Herz begann zu schmerzen. Aber mit den Schmerzen löste sich der Bann +und die ungeheure Treibkraft brach auf, und besinnungslos überfiel es ihn +vor Angst des Todes. Das Quellende, Heiße, das was flatterte und sich +bäumte, hob sich innen gegen dies kalt werdende Fleisch. Niemand kam zu +ihm. Allein lag er stöhnend, wünschend. Dazwischen fluchte er, kämpfte mit +aller Kraft. Er nahm ein Tuch und band es sich um das Kinn und den Kopf, +daß er keinen Laut gebe. Aber seine Lippen sprengten sich auf und stöhnten: +»Jardins . . . du . . . palais . . . royal. -- -- --« Es war das Lied der +Hure. + +Aber auf der Spitze des Schmerzes fiel das Weh in sich selbst zusammen. Er +ließ den Sohn rufen. Sein Gesicht war klar. Er lebte noch einen Tag. Als +der letzte große Griff gegen das Herz ging, flüsterte er: »Der Biberplatz«. + +»Ich verstehe dich nicht«, sagte der Sohn. + + + + +Der erste Abschnitt + + +Der schlief mit einer Dänin mit gelbem Fjordhaar. Er lebte ruhig, stiller +als Männer, die seinen Stand hatten. Er kannte keine anderen Frauen. War +rundherum sicher, wußte, was er tat. Als der Bogen beendet, starb er mit +gleicher Ruhe, wie er dagewesen. Sein Sohn glich ihm genau. Er hinkte mit +dem linken Fuß, hatte blaue Augen zu dunklem Haar. Der Besitz wuchs, indem +er ihn erhielt. Er hatte drei Söhne, einen erschlug der Blitz, der andere +schoß sich vor den Kopf. Der Letzte blieb. Er spielte am Strand, war +träumerisch und ernst. Sie lebten nach innen in der ganzen Linie. Nichts +stieß sie aus dem Kreis heraus, den Landschaft, Erdgeruch, Besitztum um sie +schlug. In der Pause erholte sich die Generation, schöpfte Atem, schluckte +nach innen, in sich hinein. + +Als Daisy die Mutter verließ, flaggten die Schuppen bis Quibec, pfiffen die +Dampfer Schleifen und Spitzen bis zu den Großen Seen. Die Sonne schlug +durch den Zenith. Am Abend starb die Mutter. + +Der Vater trat ins Zimmer, duckte den Nacken etwas, schwieg. Schalen +flammten in kurzer Nacht, umglänzten Daisys ersten Tag. Der vierte +Vaudreuil nahm die Hand des Bischofs, es sprühte in besinnungsloser Trauer +ihm das Gefühl der Ehre. Chorknaben durchsangen die Räume, schwenkten das +Rauchfaß. Abordnungen des Hudson neigten das Kinn gegen die Brust. Im +Fensterglas spiegelte ein Segler, der mit halbgehißter Fahne vom Ontario +kreuzte. Nach dem Essen legte Vaudreuil die feine hart gebogene Hand auf +die des Bischofs: »Sie irren, Eminenz, ich setze sie im Garten bei.« + +Er stand am Fenster, sah, ungerührt, bewegungslos den Bischof hinabgehn, +die Turbine des Motors schäumte weg von ihm, warf ihm Blasen, Wellen +zurück. Abends kam für Daisy eine eingeborene Nurse. In der Nacht +verbrannte er seine Frau im Garten. Die Nurse senkte die Gardinen. In der +Dämmerung erst ging Vaudreuil zurück ins Haus. Abends trat er in ihr +Zimmer. Als er die leere Bettfülle sah, den faden Geruch spürte, begriff er +erst. + +Blieb die Nacht wieder draußen, baute mit vier Gärtnern eine Hütte über der +Asche. Jeder Windstoß erregte ihn. Morgens ging Brise. Die Angst wuchs, die +Asche werde verweht. Sie war das Letzte. Von Montreal brachte der Bote den +Wagen mittags. Brown, anglikanischer Pastor, sprach Gebete. Früher wagte +Vaudreuil nicht, die Asche zu sammeln, so schmerzlich seinem Herz, das ohne +schlagende Dränge nur Liebe kannte zu Respekt und Hergebrachtem, der +Priester anderer Konfession war. Er trug die Vase selbst ins Zimmer, mit +straffen Beinen. Dort fiel er zusammen, schlug die Arme auf den Tisch. +Langsam, fest wuchs er in Stunden zurück, bis er senkrecht saß. Er würde +weiter leben. Auferlegtes Werk weiter verwalten, dies Schicksal tragen, +dieses und jenes, wie alles, das er, Erbe, trug. Doch ohne diese Frau, +. . . er schloß die Augen. + +Brown zog in die Familie ein. Vaudreuil band ihn an Haus, Besitz und +Tätigkeit. Hätte ihn um sich gehalten, stänke er wie Aas, vergaß ihm das +Gebet nicht. Nichts hätte dies zwischen ihnen herausgejagt. Doch Brown +gewann nicht ganz Boden. Der Lebensschlag verwirrte ihn hier. Liebe aber +wischte ihm das andere immer hinweg. Er sprach eckig, unfrei, seine +Handgelenke, unter flatternden, fliehenden Manschetten, waren gerötet. +Einmal erleichterte er sein Gewissen, schlug den Übertritt vor zu seiner +Konfession, dies eine Mal gab Vaudreuil keine Antwort. Nichts war gesagt +worden. Brown war es los. + +Vaudreuil rief den Vorstand der achten Abteilung, zog aus den Akten ein +Bündel, legte ein Papier auf: »Sie irrten.« »Ich würde bedauern.« Der junge +Bursche trug den Fehler selbstbewußt. + +»Sie haben zum zweitenmal geirrt.« + +»Zu Ihrem Vorteil.« + +»Das spielt keine Rolle. Das dritte Mal entlasse ich Sie, so sehr Ihr Eifer +anerkannt wird.« Er drehte sich um. Der Vorstand trat vor, bleich, einen +Zahn in der Lippe. Vaudreuil nickte über die Schulter, der ging, errötete +vor Freude. Die Ledertür fiel. Vaudreuil senkte sein Gesicht. Das Gehaltene +verließ ihn, die Augen sahen durch die Papiere, Holz, Wand. Er ging in den +Garten. Jeden Tag ward die Frist größer, die er blieb, die Intensität +erschreckender, mit der er die Arbeit zusammendrängte, durchfuhr. Brown +sprang ein, wagte es (was allein er konnte), legte die Hand auf seine +Schulter, schlug einen Wechsel vor, des Wohnorts, der Luft. Vaudreuil +schüttelte es ab. Generationen hatten hier gelebt. Er blieb. Brown deutete +den Kiesweg runter, wo die Nurse das Kind heraufschob. »Es handelt sich +nicht um Sie.« Vaudreuil erblaßte etwas, er erkannte. Schwankte, ohne zu +zeigen, was vorging, einige Tage. Dann entschloß er, ging aufs Ganze. +Teilte; arrangierte die Übersiedlung zu den Ottava-Mühlen. Nachts schlief +er am Lorenz, war sein Plan. Morgens fuhr er im Auto zum anderen Stromhaus, +abends wieder zurück. Er hielt auseinander. Da starb die Frau. Dort lag +sein Werk. So hielt er Gleichgewicht, indem er nicht mischte. + +Brown nickte in der Sitzung: »Sie bleiben auf eignem Boden.« Der Vorsteher +der Büros zog zwei Kreise, die sich durchbohrten: »Der Schwerpunkt der +Affären fällt nach Westen«. Nickte. War Franzose, der Plan war sein alter +Plan. »Es geht um die Gesundheit, Fidley. Zaudern Sie nicht, das zu +begreifen,« sagte Vaudreuil. + +Mittags fuhren sie im Auto den Lorenz hinauf, folgten ihm in Launen, +Schlägen, Schnellen. Der Wald war dicht voll Saft, Sonne spielte in fetter +Luft. Vögel schrieen. Schlugen hämmernd hinaus in Weizenebenen. Kühe +tollten unter Bäumen, grad gesetzt, trächtig von Frucht. Blauer Himmel +stieg vom Waldblock herauf, überflog sich taumelnd. Die Nurse saß neben +Daisy. Der Wagen schwenkte nach Norden, fuhr an neuem Strom. Hinauf, +hinauf. Ein Gartenhaus stand unter Blumen. Ottavagemurmel nickte, schwamm +um jeden Kelch. Der Wagen hielt. Die Nurse packte Daisy. Sie stiegen aus. +Daisy schrie hell und scharf, verstummte, wachte auf. Lange dunkle Wimpern +brachen auf. Grau und stählern nahm der Blick die Landschaft, saugte sie +ein, als besäße er sie. + + * * * + +Kam sie am Arm der Nurse schlenkernd herauf vom Fluß, rollten die weißen +Sonnen der Sägen über ihr im Himmel. Gegen die Dämmerung heulten die +Dampfhähne, Feuersignale schossen aus Schloten herauf, herab. Um sie +wimmelten Menschen, grinsten mit gefletschten Zähnen, verbeugten sich, +trugen Hüte in der Hand an ihr vorbei, Weiber drängten um sie Koseworte +herum. Die Rollketten der Wegbahnen knatterten sich in endlosen Ellipsen um +den Horizont herum. Am Garten begann Duft sie zu überfallen. Aus Kronen +seltsam geformter Bäume schüttelten sich Schatten herunter, trieben im +Geruch. Nachts schlief sie auf dem Geschaukel des Ottavageräuschs. Es +füllte langsam, wachsend ihr Ohr. + +Im Garten suchte sie Syg, Tochter der Nurse, hob die Goldregenzweige, +suchte üppige Grasrosenstände durch, zirpte in Schneeballendickicht, +Salmweiden: Syg. Sie schritten mit langen dünnen Beinen über den schiefrig +blauen Kies; setzten sich auf die Bank in die Sonne, sahen nach dem Haus. +Verschwand der Kopf der Nurse, streckten sie Zungen heraus. Erschien er, +scharrten sie träumerisch mit den Füßen, preßten die Ellenbogen aneinander, +verklucksten sich im Gegen-den-Boden-Lachen lautlos. Plötzlich drückte +Daisys Hand die Sygs hart. Die Zweige hinter ihnen wogten und schluckten, +fuhren rückwärts. Nach der leeren Bank flog der Nurse Geschrei. + +Zuerst liefen sie durch Dickicht, Primelbeete, sodann kam das Hundeloch im +Zaun. Hundert Meter dahinter flimmerte Prärie. Unten tief in der zitternden +blauen Dunstwolke, die die Erdscheibe abbog, kam im Halbbogen das Atmen der +Gräser in endlos wellender Flut sanft herauf. Unsichtbare Vögel sangen +gedämpft aus dem Tau der Halme. Das Licht floß auf der Stille, wiegte, +glitt. Sie schlichen bis zu drei Termitenhaufen. Unordnung kam in die +brausende Stille, vom Zaun kamen Rufe. Sie lagen eine Stunde still im +Zittergras, trauten der eingebrochenen Ruhe nicht, die über sie spielte, +fürchteten das Spähauge, die schlaue Lauer der Nurse. Dann zog Syg die +Mittelfinger aus den Ohren. Sie hatten nichts gehört. Daisy hob die Nase. +Sprangen auf. Draußen kam ihnen Wind immer stärker, und wie sie liefen, +knatternd sturmhaft um die Schläfen. + +Sie banden vom Leib sich Tücher ab, ließen sie hinter sich schwenken. An +der Erhöhung blieben sie stehen, drehten sie um sich langsam im Bogen. Die +Sonne fing an, danach sich zu richten, lief mit ihnen im Kreis, sprang aus +einem Tuch in das andere, mitten stand ein roter Knopf in das Viereck +hineingerollt. + +Hinter der Schanze kam der Nurse Hand, faßte Daisys Gelenk, Sygs Ohr. Auf +Sygs Gequietsch legte Daisy die Hand auf der Nurse Leib, stampfte mit dem +Fuß auf, das Weiß des Auges bekam einen kristallischen Kern. »Do . . . do +. . . Daisy«, lockte die Nurse, knotete den Schürzzipfel, tuschelte damit +zu dem Kind, schnalzte mit der Zunge, hob wie der Kordelhanswurst die Arme. +Die Kinder lachten, hingen an ihren dicken Schenkeln. + +Mit acht Jahren war das Tor frei, das Loch verachtet. Sie trugen +gleicherweise dünne Seide, dieselben Röcke bis zu den Knieen, Shawls über +den Schultern. Draußen zogen sie die Schuhe aus. Daisy bog sich in den +Lenden vor, ging steif auf den Zehen, die Hand mit gerundetem Daumen nach +unten. Sie schoß nach unten, hob eine Echse, genau am Hals gefaßt, ohne den +Schwanz zu beschädigen, hoch. Der grüne Leib zuckte, der Kopf fuhr unruhig +züngelnd herum. Riß einen roten großen Klapprachen auf. Ihn hielt Daisy an +Sygs Hand. Die schrie und machte die Faust. Daisy hielt ihre Linke darüber, +den Zeigefinger hinein. Wurde bleich, aber machte nichts, als es klappte. +Es tat kaum weh. + +Syg lag am Bachrain ohne Mucks. Kroch auf den Vieren weiter, blieb wieder +Beine, Arme weggestreckt. Eine Grille schrie, Sygs Hand machte einen Bogen. +Der Schatten des Armes aber lief eilender, das Tier verschwand. Auf den +Knieen kreist sie herum, hing über dem Mausloch in Parade gegen die Sonne +zu. Dann Ruck auf Ruck kam das Tier. Sie fing es wie eine Mücke ab, fegte +es in die Faust. Stieß mißmutiges Geplärr aus, das Ungeduld bewies. +Schlenkerte zu Daisy, blieb neben ihr, setzte von hinten das Tier ihr in +die Brust. Daisy lief aufschreiend, beide Arme im Busen suchend, ein +schmaler Hund lief mit, bellte leis auf, fraß die Grille, die unten aus dem +Rock fiel. Sie tanzten zu dritt im Kreis, schlugen die Arme jedes quer über +den Bauch vor Entzücken, traten das Gras, das unter ihren Beinen elastisch +wieder sich erhob. + +Tiefer in der Prärie bückte sich Daisy. Syg sprang ihr auf den Rücken, sah +sich um. + +Dann zogen sie die Hemden aus, schlichen, die dünnen schlanken Rücken neben +den Gräsern, zitternd auf hohen Beinen nackt bis zum Baum. Sie legten die +Hemden auf den Termitenberg, warfen zwei Steine hinein, sahen Tausende +darüber wimmeln, Saft darauf spritzen. Erkletterte ein Outsider eine Wade, +hupften sie rehhaft herum, schürten aus Rache neuerdings in dem Haufen. +Dann griffen sie die Hemden heraus, liefen damit weit weg, schälten das +letzte Tier heraus, schnauften, legten die Gesichter in das Leinen und +sogen bis zum Rausch an dem Saftparfum. Als Pferde erklangen, lagen sie +tief im Gras. Fidley ritt aus dem Hochgras. »Sie sehen sich ähnlich.« Sie +sahen sich an. »Syg ist dunkler,« sagte Vaudreuil nach einer Weile. + +Im neunten Jahr brachte Brown die Gouvernante ins Büro. Vaudreuil nickte +hinter dem Schreibtisch. Die harte Figur der Frau schob sich zu einem +Knotengeflecht zusammen. Dann wandte sie sich breit zu den Kindern. Daisy +gab abwesend ihr die Hand. Vor Syg harrte die Frau einen Augenblick im +Zweifel. Was in Daisys Blick an Zögerndem, Zweifelndem schwebte, ward fest. +Sie nahm Sygs Hand, legte sie in die der weißen Frau. Dann trat sie zurück, +lauernd, legte den Arm um die Taille der Nurse. + +Nun lockte die Gouvernante den Widerstand aus Daisy heraus. Überraschte sie +mit neuen Dingen, Sachen, Sprüchen, Bildern. Sie bezog alles, was sie gab, +auf sich, als schenke _sie_ den Eifelturm, _sie_ den Tegernsee. Sie machte +Geschenke, nichtswertendes Zeug, das aber überraschte, einen Haarring, ein +Ericri. Sie sah die anknospenden kleinen Brüste, wo die Warzen schon unter +sanftem Rotsaft standen. Lobte die Glieder, den Hüftschwung zum Becken, die +Länge der Taille, die untadelige Wölbung, mit der der Schenkel abbog, mit +der das Knie in die Wade absank. »Du, du. Welche Größe habt ihr an Land. Da +werden Schiffe anfahren von drüben, Prinzen kommen, Daisy zu sehen, und +diese und diese Fahne wird aufgehißt.« Aber der Reflex war von Daisy ein +stummes Fragen. Anders sah sie das Weib nie an. + +Da machte diese den ersten Umweg und verwöhnte Syg. Sie behandelte sie +gleich einer Dame. Da von Dienstboten Sygs Stellung gleich der Daisys +gehalten ward, solange sie Kind schien, aber nicht gefestigt war für +weiterhin, verwöhnte sie sie damit. »Du fährst dann in Autos. Durch Städte +drüben, sitzest in Konzerten. Du hast Perlen, Syg.« Syg lachte. Ihr +imponierte mehr Kölnisches Wasser, das sie auf die Haut strich, das +bitzelte und kühlte und roch. Ihre einfache Dankbarkeit kam der Frau +entgegen. An Daisy aber glitt Sygs Lobgesang vorbei. + +Nun schlug sie die zweite Umwegstour und machte sich an die Nurse, nannte +sie Miß und schenkte ihr Tücher. Gab ihr einen Spiegel. Schwabbelnd hing +die Nurse an ihren Röcken, sprach nur noch von ihr. Die Kinder lachten. Da +machte das Weib die umgekehrte Taktik, versuchte die Nurse auszutreiben, +weil hier der Liebespol der Kinder lag, den sie umleiten wollte. Sie nannte +die Nurse Diebin, machte aus dem Spiegel eine verdrehte Geschichte. Aber +mit Feuer traten die Kinder vor die Nurse. Das Bild der prallen Brüste, aus +denen sie erstes Blut gesogen, lag ihrem Hirn so eingebrannt, daß kein +Verdacht, selbst keine Tat es hinausgewischt hätte. Dies gab einen vollen +Riß. Über ihn hinüber lauerten die Beiden. Da versuchte die Gouvernante das +letzte, doch es war hirnlos. Sie rückte sich dem Gestirn zu, aus dem +Schatten nach Vaudreuil, suchte ihm aufzufallen, an ihm sich zu halten. Er +sah sie nicht. + +Nachts kratzte es an Daisys Tür. Sie öffnete. Syg gab das Zeichen. Daisy +zog die vom Weib verbotenen alten Seidenkleider an, sie verließen auf +bloßen Zehen die Zimmer, zwischen denen das der Gouvernante lag. Mondlos. +Dünne schwarze Schatten liefen sie unter dem Himmel. Zwischen Sternen +schossen unaufhörlich Wolken. Sie hatten nasse Füße vom Grastau. »Syg +. . . sieh.« Sie hob die Hand über die Augen, die Nasenflügel bebten. +Feuergeruch schwebte mit kleinen Rauchsäulen hintereinander deutlich +herauf. »Weißt du es, Syg?« Syg nickte. + +»Weither?« Syg starrte, sagte leis: »Viele Tage.« Daisy legte die +Handflächen auf den Mund. Aus dem Dunkel kamen breite große Flächen. Um die +Ränder band sich weißer Rauch, sodaß es schien, sie flögen, dazu wellte der +Fluß Nebel in zuckenden Linien um sie hoch. Die offenen Feuer schlugen in +den Dampf hinein; brachten ihn zum Feuerexplodieren, Fächerstrahlen, +Prismenschleudern. Gestalten huschten herum, sprangen schwarz von einem +Ende zum andern. Ein riesenhaftes Ruder ward erfaßt von der +Flammenspiegelung, bis an den Horizont aufgeschwungen. Lautlos glitten die +Flöße so herunter. + +Syg legte sich auf den Bauch. Die Stille summte von den Weiden herab. +»Los«, stampfte Daisy ungeduldig. Syg legte die Wange gegen die Erde, +stellte die Zunge gegen den Backen, ließ sie dann herausfahren. Zwei +wimmernde Töne stiegen steil durch die Luft! »Pha . . . lux.« + +Auf dem Fluß erfror die Stille. Eine Sekunde setzte der Flußlauf aus, gebar +sich Leere, atemlos. Dann flog der gleiche Ton auf, langsam, weich und +gedehnt am Anfang, zitterte auf, sank ab. Das zweite Floß fing ihn auf, +ließ ihn nicht verhallen, setzte in der leisesten Verhallattitüde ein, +schwang ihn hinauf, warf ihn hinter sich. Das dritte bog ihn, ferner schon +und daher wehmütiger. Er schnellte den Fluß hinauf in Springkurven, fiel +irgendwie in den Horizont, dessen Mondaufganglicht ihn hochsog. + +Sie gingen Hände ineinander zurück, Syg mit Tanzzucken, das sie +unterschlug, im Knie. Im Korridor stellte Daisy ihren Fuß genau so, daß sie +mit dem anderen ihn schnitt. Stolperte, schlug mit den Händen gegen die +Wand, stieß einen Säbel herunter. Syg hickelte erschreckt. Halbangekleidet +stand die Gouvernante im Gang, mit strohigen Zöpfen, ein dünnes Nachtlicht +in der Hand: »Woher?« + +»Vom Garten.« + +»Was war im Garten?« Nichts war im Garten. Lauerndes Schweigen. »Syg,« +sagte die Gouvernante, die Stimme überschnappte sich. »Wir waren beide im +Garten,« sagte Daisy schnell. »Syg,« ihr Licht schwankte, sie keifte. +»Hier,« Daisy warf Syg zurück, wiederholte Sygs dunklere Stimme, drang ins +Dunkel vor, empfing zweimal die knochige kalte Hand ins Gesicht. Am Morgen +saß sie auf der Terrassentreppe. Am Auto küßte sie sich mit Vaudreuil, +gingen die Treppe hinauf. Als Vaudreuil sie vorgehen ließ durch die Tür, +sah sie schräg zurück: »Was sagten Sie, wenn die Dame Syg schlüge?« +Eiskalt, neugierig ihr Blick. »Es würde an Syg liegen.« Sie war +stehengeblieben, etwas drängte ihn zurück, das hartnäckig tiefer herkam als +die gleichgültige Frage. »Wenn es nicht an Syg läge . . .« »Es würde wohl +an Syg liegen . . .« Da entfaltete sich ihre Stirn, hochmütig, sie gab es +preis: »Sie irren Papa . . . aber -- wenn sie Daisy schlüge und es läge +nicht an Daisy . . . oder: es läge selbst daran.« Die Frage schwebte +zwischen ihnen, erhielt langsam Spannung. Vaudreuil sah die Wange, die ihm +sich entgegenreckte. Sah kurz zu Boden. »Ich ordne es.« Sie glitt zur +Seite. Er ging hinein. Gegen Mittag fuhr das Auto vor. Die Gouvernante +darin, Brown stieg zu, winkte an der Ecke. Die geröteten Handgelenke +stiegen hoch, die Manschetten waren auf der Flucht. + +Syg lief ein Stück nach, schwenkte eine Pfeifenstrauchrute. »Ich wollte +noch sagen, es ist das gleiche: ich und Syg.« Daisy sah auf ihre Nägel. +Vaudreuil fuhr mit der Hand hoch, als ob er gähne: »Es ist nicht das +gleiche. Aber du kannst es dafür halten.« Sie sah nicht auf. Nach drei +Tagen, als das Auto einfuhr, brachte Brown ein blondes Geschöpf, zitternd +vor Angst, voller Hingebung, dünn an Organ und Haltung. Sie erschrak heftig +vor Daisy, verehrte das Kind, war hilflos, gefällig. Diese Güte belästigte +Daisy. Sie verachtete dieses Wesen ein wenig und bemitleidete es dunkel. +Ein junger Mann tauchte später auf, lehrte alles, wußte alles, trug ein +Pincenez auf kleiner Nase, zog einen steifen Kordon um sich, den seine +korrekte Tätigkeit umschloß. In allem übrigen blieb er entfernt. + +Die Mähder gingen im Blau des Damms wie im Himmel entlang. Kühe dampften +vor den Wagen. Als der Stier brüllte, rasselte der Horizont es rundherum +wie ein fliegendes Gong. Tausend kleine Blitze schossen im Gras die quer. +Sie gingen über die Biberwiesen. »Syg, waren es Chipeways . . . sag.« +»Chipeways.« Sie starrte in das Summen der Hitze. »Fahren sie lange auf den +Flößen?« Syg dachte an die Nurse: »Zwei Monate,« sagte sie unsicher. Daisy +zog einen Halm durch den Mund, kaute, schwieg. + +Die Arme auf dem Rücken schlenderte sie vor die Nurse: »Du . . . du . . . +ei, habe ich Chipewaysblut ein wenig von früher?« »O . . . o . . . do +. . . Daisy . . . das sind Hurons.« + +»Aber sind diese größer?« Kopfschütteln. Sie ging. + +Ging sofort in das Büro, stellte sich neben die Ledertür an die Wand, +lautlos. Der Sekretär raffte zusammen, knickte ein, ging. Ein Vorstand kam, +referierte, ging rückwärts hinaus. An zwei Stenotypistinnen erging ein +niederprasselndes Diktat. Eine Kommission trat ein. Da sah sie Vaudreuil. +Sie ging sofort bis an den Tisch, legte die Hand darauf, sprach. Vaudreuil +kniff die Mundwinkel ein, um kein Zucken zu verraten, nur die Lider +blinzelten. »Du hast es von beiden, durch Mütter und Väter.« Sie blieb +stehen: »Syg hat auch von Chipeways.« + +»Aber du hast edleres.« + +Da errötete sie, ging eilig, sicher hinaus. Sagte Syg nicht, daß sie +edleres habe. Liebte Syg über jedes Schweigen hinaus, wie nichts. + +Zum vierzehnten Geburtstag schenkte Vaudreuil ihr ein eigenes Pferd. Abends +ward sie ohnmächtig. Das Blut verließ zum erstenmal die Muttergrube, +sprudelte aus ihrem Leib. Drei Tage lag sie. Als sie herauskam, war sie +Frau. Auf der Haut saß ein glatter Reiz, um den Gang floß ungewisser +Zauber, wiegte hinter ihr her noch wie Zurückgebliebenes. Nur die Augen +wurden heller, besaßen mehr Kraft und Wissen zu durchdringen. Sonst zog +sich alles von oben zur Brusthügelung, unten von Fuß und Knie und Hüfte zum +Mittelpunkt des Leibes hin zusammen, sodaß das Weibliche, Auffangende und +im Wechsel Hingegebene deutlich ward. + +Das Fräulein spielte große Kantilenen. Die Wochen wurden lang dadurch und +hingezogen. Es war, es käme Erlösendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder. +Die Jahreszeiten änderten sich, öffneten wie Kapseln ihr Gehäus, gebaren, +stäubten ab, doch das Geheimnis, das ihnen innelag, äußerte sich nicht. Das +Haus ward eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick zum Plafond, haßte +Klavier und blonde Haare, aber sagte es nicht aus Bedauern. Auch der Garten +war schon Grenze und selbst das Hinundherreiten, das ins Wunderbare ging +und endete, hatte schon das Bekannte, hatte Meilensteine, Hürden, an denen +es zerschellte und vor denen das Weite erst brüllend vor Verhaltenheit lag. + +Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst. Schon lag der Zauber halb +verblättert, reckte darüber her anderer sich schon bitter, lockender und +schwerer im Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne daß man wüßte, +welcher, woher. In einer Lichtung bekamen sie Durst. Syg fand einen Ahorn, +schälte ihn an, bohrte ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie den +gelblichen Zucker. Als sie, satt, nach den Gäulen sah, umdrehte, starrte +Sygs Kopf glasig und eingefallen. Die Kupferhaut war molkig. Über ihrem +Kopf saß unregbar mit vorgeschossenem Kopf, noch schwebend, die Schlange. +Daisy sprang vor. Nun war ihr, sie fliege. Nun kam, erhob sich +Unbegreifliches, streifte sie mit Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verließ +den Mund, die Augenbrauen standen im Dreieck. Grau und kühl, flimmernd, +neigte ihr Blick sich gegen den des Tieres. Der Baum raschelte, es pfiff +und klapperte im Geäst. Auch Syg drehte sich nun ihr zu, weinte in ihre +Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd, hatte Aufruhr in den Knien, +wogte mit der Brust. Unglücklich verging die Nacht. Es war aufgestanden in +ihr etwas, hatte sie gestreift, sie wußte nicht, wie, wo, welche Sache. Es +hatte gebäumt und sich geduckt. Sie fror. + +Die Siebzehnjährigen bestiegen einen Dampfer, den Brown gechartert hatte, +weiß wie Porzellan. Sie reisten ins Innere. Das Fräulein, der Lehrer +bezogen Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mädchen am Reeling. +Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns Arme schlugen Rudertakt. Daisy +schmollte den Mund schief. Noch einmal: »Komm«. Vaudreuil lachte, +schüttelte den. Kopf. Man fuhr los. »Pa kommt nicht mit«, sagte Syg. In +Daisys Stirn fiel eine Locke: »Du solltest dich nicht weiß anziehen. Du +bist zu dunkel. Nimm blau.« + +Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze um sich, weiß. Abends +ankerten sie spät, um solang als möglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die +Nachthitze traumhaft. Die schwüle Ruhe lastete mit sprengender +Unausgesprochenheit. Spät kam ein Dachs ans Ufer, hob die Ohren, legte den +Kopf fast auf die Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr, +erhob sich das Schlürfen anderer Tiere. Mit jähem Luftdruck schwebte ein +Fregattenvogel von den Wellen glatt übers Deck. Aus dem blauen Dunkel +formte sich Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen vollzog +sich Manches, nicht gesehen, aber gewußt und geahnt. Das Ufer, das versackt +drüben lag, spannte sich herüber, kam hergeschwebt, riß zurück. Das Gebrumm +der Mücken über dem Schlafnetz steigerte sich, bis, mit allem verwoben, es +eine Höhe erreichte, die sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der +Spannung von Masten, Geländerspitzen, kleine blaue Flammen auf. + +Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll. Mit großen Augen +überwanderte sie den Dunkelheitsbogen. Ihr Herz machte sich heran an jeden +Laut, mit jedem Geräusch ging es hoch und tief. Schlug mit dem Gesäusel des +abfahrenden Wassers an Backbord, mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch +kam es auch zurück. Sie fühlte in sich, als geschähe es in ihr, das +träumerische Aufschnellen der Fische und das jagende Husch, wenn ein +Nachtvogel die Seile durchschwamm. Irgendeinmal in solchen Nächten schlief +man dann ein. + +Nun kamen Inseln. Smaragdgrün und gelb war der Strom getupft. Sie loteten +den Tag durch. Gemischtes aus unbekannten Blumen und Wasserfäule lag als +Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen. Betäubendes +Labyrinth von Kanälen umgab sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach +jene, deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten sie die erste +nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es wucherte nur. Nachts hingen +Schlingpflanzen herunter, im Licht, wie Drähte gespannt, die wogten, durch +die von Astlilien Kopfweh heruntersank und ein grausames Süßes, das sich +kaum über dem Wasser trug, einsank, in die Wellen mischte, so schwer war +es. + +Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die Sonne aus dem Wasser am +Horizont, der ruhig, endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete, +befreit. Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen. Aus gewaltigen +Grasbüschen wuchsen Bäume mit kalt geformten Blumen. Schlugen Brücken +miteinander. Die Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen +Regenbogenfische. Oben schwirrten bunte Vögel, ohne Rast in Bewegung und +Getön. Dazwischen wogte blauer heißer Dunst. + +Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend zum Vorderschiff, winkten +hinaus. Schrieen: »Das Meer!« Doch im Untergang brach sich die Sonne in +einem gespaltenen Rubinfächer hinter neuen Inselherden. Sie griffen sich +auf, sammelten sich, umtrieben sie mit Kanälen und Buchten, in denen sie +irrten. Syg holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im Schatten der Pflöcke +bis hinter die Taurolle. Am Reeling stand neben dem Fräulein der Lehrer, +sie sagten nichts, berührten sich nicht. Er wies immer mit dem Kneifer +gegen das Wasser. Da unten schwamm aber auch nichts. Jedoch sprang später +aus einem Baum eine Katze auf Verdeck, fraß neben der Küche zwei Hühner, +die Matrosen machten Jagd, und das Tier sprang durch die Glasscheibe in +Browns Kajüte. Die nackten Beine sehr verhaart, sonst nur im schwarzen +Predigtrock fuhr er entsetzt mit verschlafenen Haaren auf dem Deck herum, +bis man ihn beruhigte. In der Nacht fuhr das Schiff weiter, es gab ziemlich +Licht von oben. + +Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt fest zusammen und machten +einen Kreis. Erst da ward es endlos. »Das Meer«, sagte Daisy. + +»Es ist auf der anderen Seite.« + +»Ich weiß Syg.« Sie machte einen Bogen, am Geländer saß Well, der Wolf des +Steuermanns. Er legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie. + +Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte sich in gebogenem Spiegel +hinauf und in seidiger Biegung abebbend hinab. Im glänzenden Himmel +begannen Striche zu wachsen. Hoch über dem Horizont, fast wolkennah +schwebten drei große Schiffe. Der Mittag ward voller, ging auf wie ein +Gestirn, kam aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont +ward dunkel von Glut. Es ballte sich die Weite, durchdrang sich und lud die +Atmosphäre mit einem gepreßten ausschwingenden Atem. Segler nahten da und +dort, hingen Fahnen heraus, bogen über das glashafte Seidene des Sees +herab. Von eigenen Masten flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal +dahin. Unter der Brise legte das Schiff sich seitlich. Well sprang auf, +knurrte, schnappte nach ihrer Hand, sie zog ihn an der Gurgel wieder +herunter. Schaumdünn zog Land in einer reinen weißen Wölbung heran. Hinter +ihnen sammelte sich das Geweitete, schwang ab in Klarheit mit dem +berstenden Geknäul. In der dünnen singenden Luft begann das Segel über ihr +sich plötzlich zu drehen. Geräusch von Ruder und geschaufeltem Wasser fiel +aus ihr heraus. Mit dem davonschwingenden riesigen Segel flog es in ihr +hoch. Es bäumte sich wieder, überrannte sie, stieg aus ihr und gab sich +hinaus, erschauernd, tastend, eine Sekunde. Als ihre Haut zu zittern anfing +darunter, sprang das Knattern und Schäumen wieder in sie. Vorbei. Sie +bebte. Wandte sich um. Das Gewesene nahm plötzlich Platz in ihr wie vorher. +Aus einem Hafen kamen Drähte, Stangen, Schorne, schoben auf sie zu, +fesselten sie mit ihrer Gegenwart an. Sie fuhren ein in Toronto. + +Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der Mole flaggte es viermal. Sogar +eine Rakete schoß hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt aus einer +schrägfallenden Straße. »Sie kommen«, sagte Brown, rieb sich die Hände, +schmunzelte verschmitzt, es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen standen +nebeneinander. Junge Leute sprangen herum, hatten schiefe Helme auf den +Köpfen, sammelten sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starken +Burschen und schrien Hurras. Der junge Mann sprang im Satz an Bord. Brown +fing ihn auf, umarmte ihn, zog ihn beiseite, wisperte, sprach, kicherte. +Hinter seinen Gesten sah der Bursch herüber, schnitt Fratzen vor Ungeduld, +trippelte, hob den Nacken, grinste ins Blaue. Brown brach ab, schnickte den +Kopf, nahm ihn am Arm, führte ihn sorglich hinüber, stellte ihn vor. Sein +Neffe. + +Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die Peitschen stäupten auf. +Fuhren den Strand entlang, sahen die Muscheln angeschwemmt in Wällen, einen +Fisch, den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespießt von Klippen. Sahen +grünseidene geschnittene Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete. +Sahen von Basalt umstellt eine wütende Quelle, die trommelte, schlug, +aufstieß, im Schweigen noch bebte. Machten einen Korso. Stiegen ab, +empfanden, es war gut, war schön. Sahen sich in die Augen, sahen die Hände, +die Hälse, lachten. Tranken Wein, Schokolade. Lächelten, als Browns Neffe +den Lapin setzte, Brown abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb +im Schwung. Sahen seine Achseln, das Braun des Gesichts, die Hände. Sahen +das weißhelle Blau um die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drähte mit +Gärten, die schwebten. Durch eine Palmenallee, Bosketts mit Hyazinthen, +Springbrunnen, durch Berge Duft. Fuhren durch Straßen mit Riesenfelsen, die +selbst Dynamit nicht zerknackte, unbeugsam blieben. Fuhren unter +Hebelwerken, sausenden Oberbahnen. Fahren durch ein Dickicht, ahnten +Lichtes, spürten Bewegung, sahen dünn wie Lippen Gesträuch sich spalten. +Sagten: »Ontario«. Sahen den See. + +Sygs Tuch fiel. + +Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Männer sahen nach einem alten +Herrn, der ein Ei aufschlug, blieben daran, erröteten, drehten die Hälse +zurück, schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse, verrenkten sich, +sahen zuletzt in die Luft. + +Daisy bückte sich, hob das Tuch selbst, ließ die Lider gesenkt, die +Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte sich ins Polster. Sah Pferdeköpfe, +Pferdehälse, Browns Manschetten kommen, näher, sich vorschieben, bog sich +hinüber: »Zum Hafen«. + +Ging rasch, behend, teilte Handdrücke aus, suchte den Kapitän, ersuchte, +den Abend noch zu fahren, sah nicht zurück, pfiff dem Hund. Der Ontario lag +wie Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten groß im Mondschein vorüber. Das +Wasser wellte, spielte um das Licht in riesigem Blaukreis. Sie schloß die +Augen halb, zog den Kopf des Hundes in den Schoß, einen Zug Leids von der +Braue nach der Stirn. Nicht um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht +durch, den Tag. Fuhren an Dörfern vorüber, wendeten, sahen sie das zweite +Mal vorübergleiten. Kamen an eine Bucht, Gelächter erscholl beim Baden. Die +Linie aber wich nicht von der Stirn, die sich zum erstenmal verbog, +belastete, überschnitt. Sie fuhren nach Hamilton. Nach Oswego. Legten an +bei Port Hope, stellten den Dampfer ins Dock, fuhren nach dem Huron. Zwei +Stunden in der Bahn, erbleichte Daisy an den Schläfen, wimmerte hinter +verbissenen Lippen, fiel in Ohnmacht, erwachte die Nacht, fiebrige Augen im +Dunkel. Sie brachten Essen, Trinken. Sie starb fast unter dem Drängen. +Gegen Morgen frug Brown: »Was willst du?« »Zurück«. + +Sie hielt dort an sich drei Tage, saß still bei der Mahlzeit im Garten, +fixierte manchmal das Auto, das kam, fuhr. Knüpfte nach dem Lunch eine +Hängematte auf die Veranda, stieß den Laden zum Privatbüro zurück, +schaukelte; als Vaudreuils Kopf über ihr war, sprang sie auf, eilte über +die Diele, trat in das Büro, bat, daß er Syg adoptiere, stand mit +ausgebreiteten Armen gegen die Wand. + +Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer auf den Papierstoß, +schnickte das Kinn hoch, zweimal, sah auf das aufgeschlossene Gesicht der +Tochter, aus der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte, +nickte, aber sein Blut, das ohne Dünkel war, sträubte sich gegen das andere +Blut, auf das sein Name, sein Blut sich legen sollte. Sagte: »Sie muß sich +gewöhnen, noch mehr Schmerz aus ihrem Blut zu haben.« Tonlos, ohne Bewegung +schlug Daisy die Lippe auf: »Sie würde es leichter tragen.« Ein Spalt warf +das Lächeln des Vaters über sie, überlegen, kühl: »Das ist kein Vorteil.« +Aber von ihrer Haltung ging es über ihn und was er vorbrachte hinaus: »Sie +wird es stolzer überwinden.« Da beugte der Marquis den angezogenen Nacken, +machte eine Bewegung mit der Hand, unwillkürlich, schwach, aber mit einer +Bedeutung, die sie ehrte und grüßte. Sie wurde rot, das Straffe, das sie +geführt zum Erfolg, zur Sicherheit, ließ ab, entfaltete sich in eine +rührende Bewegung. Sie ging hinaus. + + * * * + +An der Tür sah sie ihn gebückt, er schob eine Kassette auf, vernahm ihren +Namen, weich eingehüllt von ihm. Er zog die Nickelschlüssel, gebogene, +drahtschlanke, barocke, wählte klirrend, schob auf, kam auf sie zu, sie +ging entgegen. Er sprach beiläufig, ruhig, gewohnt: »Die Frauen trugen sie +zur Hochzeit. Dann ihr Leben. Ich gebe sie dir früher.« Sie trug eine Kette +aus gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne Kugeln. + + * * * + +Lief stracks zum Schiff, winkte, kam näher, sprang auf das Brett, rief nach +dem Steuermann. Sah seine Hand, die die Luke aufstieß, zerlegenes Haar, die +Hemdsärmel, die Riemen, geblendete Iris. »Was willst du für Well,« sie +deutete mit dem Fuß auf den Wolfhund. Er fuhr mit dem Unterarm über die +Stirn, rieb den Handrücken über die Augen, zeigte rasch die Zähne, +schüttelte wirbelnd die Hand. Nein. Sie kam in der Dämmerung wieder, hob +die Luke, stieg zur Kajüte, stellte sich in die Tür, ließ sie offen. +Fragte. »Nein«. Sie lachte, kokettierte, betastete sein Messer, das grüne +Glas, den Wandkork, verzog die schelmisch gestreiften Wangen, sagte zweimal +plötzlich: »Ich lasse Sie entlassen,« ging mit hängenden Armen. In der +Nacht bellte es im Garten, ein Hund bellte wie auf der Jagd. Sie öffnete +die Balkontüre. Well im Garten stand naß, triefend, außer sich. Sie öffnete +unten die Haustür, ließ ihn herein, er legte den Kopf auf ihr Knie. Wie auf +dem Schiff. Sie vergaß es nicht. + +Ging früh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es ab, fuhr zurück, rief in die +Luke, sah unten den Kopf des Steuermannes. »Ich bringe Well zurück.« Ging +mit langen Beinen rasch hinauf. »Do . . . do . . . Daisy . . .,« +schnatterte die Nurse, faßte ihr Kleid, küßte es, den Arm, schloß sie an +den Busen an, schmatzte, schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte. +Hatte von Vaudreuil ein kleines Haus, zwei Kühe, eine Magd. Klatschte in +die Hände, summte still vor sich hin, trat mit dem rechten Fuß dazu auf. Im +Gang tollte Well. Sie ließ ihn zurücktreiben. Saß allein in ihrem Zimmer, +schob das Hemd ab, sah im Spiegel über dem bronzenen Körper die Kette mit +den Kugeln, als liefe ihr Blut hinein, ihr Alleinsein, ihr noch +Unbekanntes, Umschwebendes, ungeheuer Verhülltes, glänzender und kühler als +ihre Haut, aber ihr zugehörig. Wie ihr Bein, ihre Warze, ihr Schmerz. + +Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele, zerknitterte den Hut, nickte +mit dem Nacken, breitete das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Büro, +spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe, Städte, Stapel . . . +kaute seine Frau heraus, gab ihr Reiz, Alter, ein schiefes Ohr, +Zufriedenheit . . . riß den Hut hoch, die Tür auf. Well stob herein. Er war +unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben. Er blieb nicht mehr. Er brachte ihn +fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie suchte nach einer Note. Er nahm sie +nicht, hätte ihn nie verkauft. Er wollte ihn nicht mehr. Gab ihn ab. Ging. +»Gib ihm ein besseres Schiff,« sagte Daisy Vaudreuil, »ich will nicht, daß +er mir schenkt.« + +Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal, hoben Syg aus dem Auto, +hoben sie adoptiert hinein, kauften den Tag über, machten Kommissionen, +besahen, beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, häufend, bis er +abbrach, die Dämmerung kam mit Laternen. In einer Schwebebahn glitten sie +aus ihnen heraus. Weiß eingenietet brach die Landschaft gegen den Himmel. +Das Nachtlicht flog eisern über Kanäle. »Halt«. + +Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden ihn, stiegen ein. Am +Trittbrett wandte sie sich langsam herum: »Nehmen Sie vor uns Platz, +Fräulein.« Sie übersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an, schüttelte +sich, legte den Arm auf Sygs Schoß, die ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor +dem Schlafengehen gaben sie sich die Hand. »Du bist froh Syg?« »Ja.« + +Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte mit jedem Tag, den er +vortrieb, das Gedrängte, Erhitzte. Männerstimmen jauchzten aus Schlitten +zu, die die Gegend überkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend, beringte +Frauenhände Tücher. Schellen überflirrten die Nacht. Auf Stahlringen der +Flüsse kerbten Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten, sich +überschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt, verärgert wurden, bis sie +sich verbellten am Schlag wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in +Wintersonne, schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus jedem Loch Licht +stoßend, hingen die Häuser der Seigneurs am Horizont. Kostüme kamen, +bliesen Tuben. + +Vier Fackelträger stiepten die Glut durch die beißende Luft. Alf fuhr sie +in einer Kurve vors Portal, die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten +Schaum. Syg trug blaue Kleider. Diener stürzten auf die Treppe, zwischen +Kerzen über Treppen. Der alte Fribaurt führte Daisy. Syg hatte sein Sohn, +dessen weibische Lippen lächelten, ihre Knabenhände nachbebten, als sie +eine Orange ihm schnitt. Im hohen Fensterbogen sah Daisy sie +vorbeischwimmen, ihre Zähne leuchteten, den Körper eingespannt in den +Schwung des Partners, ihr Gesicht glatt wie Frucht. Sah Syg hineingleiten +in Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne Bewußtsein, aufklingen in der +Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz. Sie zog die leise aufschwebende Linie +zwischen Auge und Schläfe mit dem Finger aus. Im vierten Gang der +Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr Fächer fiel, ein kleiner +Schrei, die Paare verwirrten sich, das Arrangement schoß zum Teufel, die +Augen suchten an ihr. Sie deutete auf den Fächer, der alte Fribaurt küßte +ihr, zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand. Sie aber suchte sich noch einmal +hineinzubegeben in das Umfassende, das sie nicht faßte. Sie spannte sich +ihm entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen. Nahm den Arm des +spanischen Vetters, gab sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner +ungewöhnlichen Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten der +Geschmeidigkeit, trieb mit ihm in die Entfesselung der letzten Äußerung +ihrer Körper. Zog zugleich die Kraft an und den Willen, tastete, drang vor, +erreichte nichts, erreichte Fremdes, glitt ab mit der Seele. Sein Knie +schob sich zwischen ihre Schenkel. Sie ließ die Arme los, die Nasenlinie +ward schärfer. An der Ballustrade erwartete sie Syg. + +Alf auf dem Rücksitz kreuzte die Arme im Muff, Daisy führte, das Eis +schimmerte rosa. An der Ecke der Bucht knirschte das Eis, flimmerte im +Frühlicht, wurde tief, herb, hielt drei Meter, brach. »Pha . . . lux.« + +Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte die Schlinge, zog sie +an. Riß dem Gaul die Adern am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals +des strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die Beine traten immer +mehr Eis hinein. Alf machte eine gewaltige Bewegung, das Tier ward +ohnmächtig, ruhig, ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste +Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern am Halsstrang. Das +Tier röchelte, schnappte tief Atem, sprang plötzlich auf die vier Beine, +fing sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte mit den Nägeln +auf den Daumenballen. Da brach das Eis zum zweitenmal. Alf würgte das Tier, +um es zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben zurück. +Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils Auto, vom Lorenz her, die +Schleife am Fluß. Sie stiegen zugleich aus. + +»Zweimal mußten wir das Tier erdrosseln,« Syg küßte ihn. »Zweimal«, lachte +Vaudreuil, schlitzte die Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber +schöner, gespannter als Syg. + +Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve noch, floß herunter. Ging vor +den Fenstern irgendwie, irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden südlich, +fraß sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson. Irgendwelches geschah, +rauschte, färbte sich mit Männern und Frauen und Pferden hinter dem Glas, +das ihrem Atem sich zuwölbte. Manchmal gings in der Nacht über den Horizont +hin, wälzte sich, glühte sich breit aus, manchmal surrte es in der +Saublutsonne, manchmal war es unter sackendem Schnee, brüllte um den +Himmel, jagte an den Bäumen. Sie hob die Achseln, ging zum Stall. Das Eis +sprang bis hoch in den Norden. Alf wartete mit Gäulen. Abends kamen sie von +der oberen Mühle. Der Boden war fester. Blitzende Wolken flirrten zag und +dünn herbei. Hirsche scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam +heran, schoß nicht. Schoß einen Dachs, trug ihn ins Speisezimmer. Vaudreuil +erlaubte den Ausflug mit Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren +stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die Hüften in beispiellos +abfallender Glätte. Zwei Tage sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran, +zurück. Ordneten, stapelten. Telephonierten, packten die Säcke für die +Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam ein Segler den Ottava herauf. + +Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz. Brown schwebte auf +der Veranda, breitete die Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner +Studenten kamen in einem überlieferten Zug, vorn ein Dudelsack, dann zwei +mit am Rücken gekreuzten Armen, hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind, +unterm Arm einen grün bemalten Hahn. Ans Tor kam der Marquis, empfing, +lächelte ein wenig. Es waren Engländer. + +Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf den Balkonen. Schlachteten +Ziegen, Schweine, Stiere. Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten +eine Hütte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser, warfen um. Lungerten +die Weiber um die Pavillons, schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil +sein Schlafzimmer wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack morgens, +abends, boxten, schrien alle durcheinander, hieben aufeinander ein, +entknäulten sich, zogen blitzschnell in Zweireihen singend ins Wasser. +Spritzten, badeten, rauchten. + +Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen über einer Fuchsspur, folgten +sie über einen Acker, trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der Mann +ihn im Schuß hatte, wich er, als bocke der Gaul, zur Seite. Daisy kam ins +Schußfeld, rümpfte die Nase über die Achsel, schoß nicht. + +Alf wagte nicht zu schießen. Ritten stumm nach Haus. Ostwind hatte sich an +den Pappeln hochgewirbelt, war über den Wald aufgebrochen, losgesaust, +wellig, weiß, fließend ohne Pause stürzte er herunter. Sie fuhren ihm in +Jollen schnäbelnd mit der Pinne entgegen, flogen wie Weberschiffe herauf, +herab. Er faßte herüber nach ihrer Hand, da ließ sie den Fock los, der +Großbaum knallte ihm über den Kopf, er wandte, warf sich herum. Faßte +wieder ihre Hand, ihren Namen, ihren Namen vernahm sie, spürte sie, es +wickelte sie ein, das Segel flatterte um sie wie Vögel. Sie hielt sich +fest. Sie hörte immer ihren Namen flüstern, bis das Segel gegen den Wind +stillstand, er am Anlegeplatz stand, ihr die Hand hinhielt. Sie nahm sie +nicht. Sah durch seine ametystblauen Augen. Er hatte Syg übersehen, als sie +farbig war. Der Tochter Vaudreuils nun, adoptierter, geschätzter, machte er +Reverenz, Verbeugung. Er war feig. Sie wandte sich um, drängte dem +entgegen, was seine Augen an ihre band, ihre zu seinen hintrieb. Fühlte +seine Hand rückwärts an der Schulter, seinen Atem, die Lippen. Die Augen +standen im Dreieck. Ein grauer Schein stieß ihn zurück, verlegen, +stotternd, rot. Armselig und zornig stampfte er auf. Sie ging schon +hochmütig, entfernt. Langsam wich der Raum zwischen ihm, zwischen ihr. Die +Ecke bog am Bootshaus. Sie eilte, sprang hinter den Büschen, eilte auf der +Treppe. Sagte das Essen ab, krümmte die Schultern verzogen zusammen, +wimmerte im Sofa. Gab es eine Pause, kam das Bild zurück. Sie verzog das +Kinn, den Mund wie unter sauren Kirschen, Galläpfeln, die Haut schüttelte +sich. Zog die Bluse herunter, das Mieder ab, streifte das Hemd über den +Rock, wusch Wasser über die Brust und den Nacken. Zog sich aus. Sah zum +Fenster hinaus, legte die Hände mit den Flächen fest ins Gesicht. Sah den +bronzenen, gebogenen Körper aus dem Spiegel entgegenkommen. Da nahm sie die +Kette ab mit den Kugeln, raffte sie zusammen, schob sie in die Schublade. +Schloß ab. + + * * * + +Vom Hügel trieb der Fluß weit und schräg hinunter. Die weiße Fahne Torontos +leckte darauf, Segel schossen in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch über +die Felder. Die weißen Räder standen still im Himmel. Nach zwei Stunden +ließ sie Alf halten, ritt in ein Waldstück, kniete, wusch die Brust, den +Nacken in einem Quell. Sie horchte. Er flüsterte weiter, silberte, +verschwand im Laub. Blumenprärien kamen, ein Orchideenpark. Der Horizont +war manchmal gelb, fast seifig, eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften +Rots, später nahm der Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein +weichkupfernes Abendinstrument, Oboe und Flöte. Mittags wurde er kalt. An +dem Bahnhof verluden sie die Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste +Lager-Station. Ein Pavillon war reserviert, es gab viel Jagd. Alf packte +aus, Teppiche, Säcke, Gepäck. Am Morgen mußte er einpacken, sie ritten den +Tag, kamen in ein Dorf, übernachteten, kamen an die zweite Station. Alf +ging ein paarmal im Viereck um den Raum herum, schwang die Arme, sah unter +sich. Sie ließ nicht auspacken. Als er lange genug gewartet, ging er +hinaus, stieg in seinen Schlafsack, mummelte sich, fluchte, kämmte am +Morgen den Bart nicht. Vor dem Stall knöpfte er sich verdammend seine +langen Gamaschen. Ritt den Morgen hinter ihr her, blieb immer hinten, kam +nie an die Seite ihres Gauls. Sie hob die Hand, äugte nach einem Reh. +Fluchs hielt er seinen an, starrte ebenso. Sie hörte ihn in den Bart reden. +Sie rief ihn heran. Kurz blieb er auf gleicher Höhe, dann sockelte er +zurück, fiel ab, blieb hinten. Mittags trafen sie einen Jäger. Er gab ihnen +Brot, zeichnete mit dem Daumen, da ihm der Zeigefinger fehlte, einen +Halbkreis in die Luft. Sie näherten sich den Ringen. + +Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen spannten sich die +Faktoreien, gleich Wellen anschäumend, gegen das innere Gebiet. Sie lagen +voreinander, Herden gleich, sprangen vor, bestürmten sich, wurden wilder, +angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor die starre +Endlosigkeit, nieteten sich gegen Eis, Horizont, blaue Klippen. Sie kamen +gegen den ersten. Sie mußten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein +Schimmel ging, als lahme er. Sie hörte, er glitt aus Fluchen ins Gejammer: +au . . you . . . wai! Spuckte und flennte. Sie ritt zurück, stellte ihn +gegen ihr Gesicht. »Ich werde entlassen.« + +»Troll dich.« + +Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte nur bis zur zweiten +Faktorei, nicht zu den Bögen. Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da. +Es machte ihm Kummer, er zog den Nacken ein, wurde flau im Magen. Folgte. +Der erste Schuppen kam der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten +sie von rückwärts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie nach. Ein +Angestellter hängte den Hörer des Telephons rasch ein, begann vor sich +hinzusingen. Ein bärtiger Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu +schlagen, hatte lang keine Frau gesehen. Ein anderer flüsterte ihm Namen +ins Ohr. Es war deutlich: Sein Erstaunen war frisiert. + +Sofort bot er Jagdplätze aus, erstand sich ihre Beachtung durch +Hartnäckigkeit, trat sein Zimmer ab. Es war schon geheizt. Sie sah sich mit +Alf an. Offenkundig Komödie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet zu sein. Sie +blieb drei Tage, fing eine große Forelle, mit der sie eine Stunde kämpfte. +Sah sich nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der fünften +Station schon erwartet. An der sechsten stellte man sich unwissend, +ungläubig, die Falte des Vorstehers bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen +machten sie einen Haken, kehrten zur fünften zurück. Sie war fast leer nun. +»Was sind das für Pelze?« frug sie. Schwarze Arbeiter deuteten: für die +Bay. Sie zog die Brauen hoch. Kein Wort. Alf bekam dunkelrote Schläfen und +brummte vor sich hin vor Zorn. So liefen sie das Seil der Schuppen weiter, +bis sie gegen die obere aufgespitzte Sichel kamen. Im Sand sahen sie immer +eine Spur vor sich. + +Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern zogen eine Sehne in +die Serpentine, kamen auf den neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die +Spur wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald sahen sie einen +Mann auf einem Esel, der zu entkommen suchte. Sie holten ihn ein. + +Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge Mann errötete tief, wilde +Augen brachen sich um, staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es +ihnen. Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort für Wort, er prägte +sich es ein, ritt auf seiner Spur zurück, murmelnd, daß er es nicht +vergäße, jedes Wort im Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es +wertvoll, Gold, ein Stein. + +Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter Offizier, zwei +Serpentinen unter sich, rollte die R, strich den parfümierten weißen +Spitzbart, küßte ihr die Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblüffend. Morgens +früh strich sie mit Alf ins Gebüsch, es pfiff, durch die Lücke trat der +Bursche mit dem Esel. Sie nickte. Er nickte wieder. Empfing ein Billet. +Ritt nach Süden, zurück, immer rascher. + +Bol genoß. Seine Spirituosen waren etikettiert, er ließ die Wahl. Fuhr sie +am Weiher, stand er am Ufer, klatschte Applaus. Einen weißen Hirsch gab er +zum Abschuß ihr, den er von Woche zu Woche als Dessert sich aufhob. Lieh +ihr seine Gummiwanne. Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern der +Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die Wasserpfeife stand im Brennpunkt +des Kreises Seidenkissen. In seinen Pelzschuhen, praktischer und wärmer, +kaum größer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf den Teppichen tanzte +Adimokuh, mit Säbelbeinen und Hängebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das +Traurigste der Welt auf seinen Knien. Tränen besternten vor Lachen die +Gesichter der Zuschauer. Bol lächelte. In seinem schmalen Kopf saßen Augen +des Elefanten. Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr +Vorzimmer, ging hinaus. Im Vorzimmer schlief Alf. + +Donnerstags galoppierten sechs Gäule am umgerodeten Lagerplatz. Fidley, der +junge, zog den Hut. Die Jäger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab. +Der Bursche, der südlich geritten, drängte sich heraus, war brauner, +stärker geworden. Ritten zur Station. Aßen Lunch, eine Stunde, zwei. +Tranken die etikettierten Liköre, Wein und wieder etikettierte. Aßen +Geflügel, Braten, Gepökeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken. Tranken +Kaffee. Danach stand Fidley auf, hob das Glas, trank es. Sah Colonel Bol +an: »Du bist entlassen.« + +Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im Stuhl zurück. Fidley +legte ein Papier auf den Tisch, hob die Faust: »Lump. Hund.« Langsam, +vornehm richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter Lippe, zur Seite +geneigt, was den Irrtum ausmache. Fidley schlug auf den Tisch. »Die dritte +Sektion betrügt. Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert zur Bay.« In +der Tür stand der junge Mann, der die Südlichen geholt. + +Bol sah ihn nicht. + +Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte: »Bei Versva verfaulen zehn +Ballen. Im ersten Bogen fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird +ganz bezahlt.« + +Da sah Bol den jungen Mann. + +Stand auf, gefaßt, die Haltung gereckt, schön im Spitzbart, küßte Daisy die +Hand, ging hinaus, schoß sich zweimal durch den Bauch. + +Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes, Anerkennung, +Staunen, Lob, das verwischt und gedämpft kam, zuletzt Befehl: zurück. Sie +wog den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf folgte. Sie putschte +ihn zurück wie einen Hund. Er widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur +bei ihr sein. Weiter hatte er keinen Wunsch, tiefer ging das Hirn nicht. +Zum erstenmal gab sie ihm die Hand. Aufheulend nahm er sie. Sie kam an den +Rand des Hochplateaus. + +Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stück hinunter, ward dann +eingeschlungen in das endlose Getöse, das in den Norden sich einfraß. +Sterne tummelten darüber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist. Serpentinen +jagten zuerst noch in Schlingen voran, blieben dann hängen, schwach, dünn, +nichts. Aus dem grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem sich +etwas in ihr entgegenspannte in einer entscheidenden Bestimmtheit. Etwas +trat aus ihr, machte sie leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt +den juckernden Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand der Brief band sie. +Wog schwerer, hemmte das Überfließende. Staute es zurück, hart und +schmerzlich. Zog sie zurück. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch +des Stroms, der Gartenerde band sich an sie, riß sie zurück. Der junge +Fidley übernahm den ganzen Bezirk. Ihre Abreise feierten die Boys, salbten +sich mit Bols Parfüms, drehten die Haare, die Bärte, pomadisiert, in die +Höhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte bös. Hatte Bol gehaßt, +gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schänden, wo er futsch war, im Weiher +eingescharrt. Fidley gab Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe hatte, daß +mans nicht beschlug. + +Als nach halber Tagestour die Eskorde zurückgeritten, glitt ihr Gaul aus an +einem Bach, sie fiel herunter, verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf +seinem sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmächtig. Er ritt +zurück. Aber obwohl sie in Decken gut und weich gewickelt lag, kam die +Nacht Fieber über sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort. +Eingeborenenweiber, von Fidley geholt, zogen sie aus, warteten sie, +pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im Achselhaar, fanden ein Zeichen am +Arm, Fisch und Pfeil darin, quatschten die Nacht darüber, speichelten, +summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben ihr Milch mit Wurzelzeug, +hineingekocht. Die Nacht gab ihr warmen Schweiß. In wochenlanger Pflege +malten sie ihr mit dünner Nadel eine Sonne um den Nabel mit Strahlen und +Mondzeichen des Tages, an dem sie sie fanden. Kuriere kamen dreimal die +Woche die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten zum Lorenz +wieder runter. Später lag sie in der Sonne vor dem Haus. + +Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vögeln. Einmal umschlich ein Fuchs +das Küchenfenster, wo Hühner hingen. Sie lächelte, gluckste, entsetzt +sprang er zurück. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie lockte, +er kam. Nicht ganz, aber er stand im Kreise ihrer Stimme, die wie ein Lazo +ihn umschlug. Sie erbleichte, rückte zurück, lauschte dem Ton ihrer Stimme, +der nachklang. Versuchte sie wieder, versuchte sie neu. Als ströme aus ihr +hinaus, Gesichertes, Bezähmtes in ein Gefäß der Worte, das sie berauschte +und erregte bis in das Dunkel ihrer innersten Grenzen. Es sang und schwang +das Belastende herauf, machte es leicht, wirbelnd, später sanft und gelöst. +Sie entspannte sich in dem Rausch, hatte eine Macht und eine Befreiung. +Wundersame Ruhe machte ihre Tage lang, klar, gut. + +Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die Stimme. Lernte das Organ +anzupassen, zu biegen in jede Leidenschaft, alle Bewegung. Spürte ihr Herz +klopfen, dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den Weibern den +Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging, trieben die Kleinen hinter ihr her. +Sie scheuchte sie, zog sie zu sich »Go« war: springen. »Fu«: erfroren fast +halten. Mit Vögeln gab es andere Signale. Ein Hase hielt bezaubert von +dünnem glasklarem Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward traurig +bei ihm, denn ihr kam in den Sinn Well. Sie kam schon bis zum +Koniferenbaum. Dann bis zum Plateau. Das nördliche Flimmern tobte irgendwo +unter ihr. Sie ging davon, ungerührt. Ging allein, verschmähte die Flinte, +hatte Unlust zur Jagd. Allein im Gehen, Liegen, erfand sie Ton und Laut, +der wie ihr Blut spritzte, säuselte und bebte. Gab sich hinein in Klang und +Fülle der Vokale, als sei es ihr Anfang, ihr Teil, sich darin zu verbinden. +So kam auch die Gegend ihr näher, wenn sie sie ansprach, du Strauch sagte, +Silberlilie, lieber Dorn, mein Freund. Das wandte sich ihr zu dann, ward +mit ihr gefüllt, lehnte sich hinüber zu ihr, empfing ihren Atem. + +Es kamen Schwäne und Musketen, hinter ihnen mit einem Wagen von der Bay her +Syg. Sie brach in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins brachte +Unruhe, Ahnung irgendwie von Glück. Trieb Altes, den Lorenzfall herüber in +das Spiegeln des Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht das +zu sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes an Daisy, das +Nicht-Miterlebte, der Schauer der Krankheit und der ihr entquollenen großen +Säfte und Ideen. Das lag ein wenig dazwischen. + +Fidley schloß den Wagen. Weiber heulten. Die kleinen Affen liefen eine Zeit +noch neben dem Schlag. Dann fiel es zurück. Ein Stück Land schob sich vor +sie, glitt auch zurück. Ein Staffel Matrosen erreichte sie. Dann faßte sie +fest in die Mähne des Gauls, schrie fast und erbleichte nach innen in einem +Schreck, des sie nicht bewußt ward. + +Unten, unter Dampf lag ein Schiff. + +Dahinter das Meer. + +Der Bogen der Sehnsucht schoß ab, die Sehne brauste. Es trat aus ihr +hinaus, kein Brief, der es hemmte, kein Gedanke, nichts. Irgendwo in der +vor Blau zitternden Unbegrenztheit des Horizontes traf sich das Innerste +ihres Blutes mit etwas, dem sie sich hineingab, in das sie verströmte, die +Lider naß. Alles andere war Spiel, vergessen, lieb, aber ohne Gewicht. Als +das Dunkle in ihr hinrann in das Ausschweifendste und Hellste, an dessen +äußerstem Rand dünn die Erscheinung hing der Städte, Inseln, irgendeines +ungeheuren Daseins, schlug die Schiffuhr. Es war fünf Uhr am Abend. Die +Sonne hatte größte Kraft. Sie ritt bis an den Strand. Dort stieg sie ab. + +Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie eingehüllt schon in ein +fernres Geschehen, vor dem der jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie +kamen in den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch. Der Steg. Palmen +hingen herunter. Kanonen lösten sich. Mövenschwärme in Spiralen. Wagen +wühlten hinter ihr ein Geschiebe. Männer kreischten Namen, Gepäcke. Sie +fühlte des Hundes Druck am Knie. Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die +Hände im Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte dunkel schon +entgegen auf Kilometer. Das Rauschen lag in der Luft wie ein Schneefeld, +sprang in Lawinen ihr leis entgegen. Die Mühlen rochen. Die Schreie der +Nurse blieben hinter Bäumen stecken. Das Gittertor kam, vertraut mit seinem +kalten Eisen. Glitt zurück. + +Des Vaters Hand faßte die ihre. Die Treppe. Sein Mund im Kuß. Er hielt sie +stürmisch mit steifen Armen weg, sie ganz zu beschauen, spürte aus allen +Poren ihres Leibes ihre Richtung, das Hingewandtsein ihrer Seele. Er +erbleichte, senkte den Kopf. Glitt über ihren Leib mit dem Auge, die Brust, +den Hals, das zärtliche und hochmütige Kinn. In ihrem Auge saß, schlagend +und aufgedonnert das Meer. Das Aufgesparte und Vorbereitete in seinem nach +innen gekehrten Leben verstand den Ausbruch. Lächelte. Gab ihr den Arm. Sie +gingen hinein. + + * * * + +Das Lächeln hatte gewährt, Unausgesprochenem sich geneigt, bejaht. Es +erlosch. Nichts gab Erinnerung daran. Es fiel in seine Augen wie in einen +Schlund. Die Woche rollte zurück, wie gewohnt. Vaudreuil hütete sein +Gesicht. Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte ein Reitkleid aus Leder. +Griff vor, erwähnte Zukünftiges, das sich band an Ort und Zusammensein. +Berief einen Unterrichter für ungewohnte Kreise, baute ihr Zimmer an, +Tapeten kamen weiß geädert mit Gold. Besprach eine Überraschung für Sygs +Geburtstag in vier Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts aus auf +Papier, eine Pergola im Bogen vor den Terrassen, Fontänen, Vögel, +glitzernde Fische, sprach vom folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend. +Breitete die Zeit aus vor ihr, vor sich, uferlos, vorübergleitend über den +augenblicklichen Zustand. Ohne Pause, ohne Intervall. Sah sie wenig, +zwischen Mußestunden, bei der Mahlzeit, ging ohne Zögern von ihr. Ihre +Erwartung allein spürte, wie tödlich er an den Sekunden hing. Sonntag +bestellte er die Yacht nach dem Ontario. Sie bereiteten sich vor. + +Montag früh berief er sie in das Büro, brach alles ab. Durch die Maske des +gleichgültig gehaltenen Gesichts stieg von unten tief das Lächeln herauf. +Gab Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschluß. Löste sacht die +Ventile von ihr, gab dem nach, was herausbrach, trieb Mauer und Wand zurück +und bog sie hinter das draußen Strömende und Lockende zu einer tiefen +Wölbung, in die er schmiegte, was aus ihr drang. Diktierte nicht. Folgte +nur. Aber die Führung der Hand hatte die wissende Lindheit, die, +nachgebend, bestimmt. So, als sei sein Plan, sein Wille, was er nur abbog, +behütete. Widerlegte Widersprüche, die sie nicht erhob. Bewies Notwendiges, +das sie nicht bezweifelte. Baute eine Verbindung, die nichts mehr löste +zwischen ihm und ihr, indem er verstand und folgte, und das Kindliche, als +es abtrieb, selber abhieb und damit unverlierbar sich gewann. + +Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrägen Scheibe ward, durch den Raum +rotierte, Fidleys Pensionen, Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber +flimmernd wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierig aufging, +blieb ihr die Stimme Vaudreuils. Ruhig, gelassen wie im Nebel. Einen +Augenblick ertrug sie nicht mehr den trostlosen Schmerz aus der Gefaßtheit +des Tons, sie stand auf, wollte sagen, sie bleibe, nickte, schwieg, ging +hinaus. + +Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den Kopf des Betts, die +Girlande des Balkons. Der Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich, +ausgeatmet ihr entgegen von der Prärie. Hindurch, das Auto blinkte vor der +Halle, stieß sich heraus, die gesiebte, durchlöcherte Brust fauchend, +zermalmend die Luft. Sie beugte sich über den Fluß. Murmeln koste ihr +entgegen, entzog sich ihr, floß tiefer, entfernter, uneinholbar. Drüben +schleuderten am Rand des Vorstellbaren Schiffe, Städte, Bahnen sich vor ihr +hin, rissen sie nach. Das Tiefe, Bleibende der Erde zog sie herunter, zu +sich. Es ging nicht. Aber es riß zu Schmerz mit einer Stille, die +verzehrte. + +Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum Wasser. Über ihrem Nacken +stand schwingend, kreiselnd in der Luft, aufziehend, Glück, Ahnung, in die +sie hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter ihrem Gesicht +brachen Tränen. Zwischen beidem lag sie, faßte die Binsen in die Hand. Sie +wuchsen an ihrer Haut. Sie fühlte, erschüttert, wie sie sich vertauschte +der Landschaft. Ihr Leib wuchs fest mit Geruch und Duft der Erde. Sie faßte +das Gras, riß daran, es hielt. Sie tauchte die Arme ins Wasser, es war +eins. Legte das Gesicht mit der Wange gegen den Weidenstrauch, den +schlanken Baum, da blieb nichts übrig, was trennte, alles floß, verband +sich, gehörte zueinander. Was trennte, riß entzwei. + +Sie spürte plötzlich, das war das Glück. Schon hinter ihr. Nun, wo erkannt, +verdorben, verloren für immer. Je mehr sie sich trennte, um so schärfer +schnitt sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefühl vor ihr auf. +Dies war ihre Heimat, durchspülte sie mit Erdsaft, machte sicher, frei, +groß. Was kommen sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem. Städte +lockten nicht, Menschen fielen schal ab wie von Drähten, Dampferschrauben +wühlten durch ihr Fleisch. Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich löse. +Kraft und Sicherheit gingen aus den Adern. Es brach auseinander in ihr. +Teilte sich. Unaufhörlich ging es von ihr: Geruch der Bäume aus den Adern, +mit singenden Vögeln, lieben Namen von Booten, Wolken, Formen der Wellen. +Spaltete sich ab von ihr. Sie hob das Gesicht aus dem Gras. + +Frühstückte. Das Nickel des Wagens saß in der Sonne gleich einem +schwingenden Insekt. Der Horizont ward heller. Sie ging zurück ins Zimmer. +Schloß die Schublade auf, wühlte aus der Ecke eine Kette aus gelbem +Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie um mit einer langsamen Bewegung. Im +Spiegel schien es zurück. Das Rot des Achats leuchtete glatt und kühl. Ihre +Jugend stand darin, das Entfernte. Was hinter ihr lag. Die Stille, die +sehnende Ruhe des Blutes. Der Umkreis des so Erlebten spiegelte von den +Rundungen herab, das Land, die Wiese, das Gras. Sie warf den Hals im Ruck +herum. Trat hinaus. Biß die Zähne zusammen. Das Auto schlug an. Es ging +nicht anders. Sie folgte. + +Fuhren Schleifen, den Fluß durch. Hielten am Lorenz. Hinter Zypressen ihr +Geburtshaus. Vaudreuil gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab +Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als sie seinen Rücken sah, +begriff sie plötzlich, wie sehr er diese Frau geliebt. Fühlte, was sie +versäumt, stand ohne wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an +Mütterlichem besessen, ganz hell, in einer Sekunde. Die Überlast erhärtete +ihr Herz. Feindlich ging sie durch den Garten. Zedern reckten um die +Bleivase sich in das frühe Rot, Tau perlte in Ketten herab. Die Tür fiel +zu. Zurück, Wind strich über die Mauer, senkte sich brausend einen Moment +herein. Dicker Regen platschte aus einer Fichte. Der Wagen zog an. Bei +Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Plötzlich, daß sie erblaßte. +Zusammengepreßt: »Willst du mich immer lieben?« + +»Ja, Liebling.« Sie gab ihm die kalte Hand. Tränen blieben hinter ihren +Lidern. Fuhr weiter. »Nicht traurig«, spürte Sygs Hand herüberkommen, +zuckte unter dem Schleier, zog ihn hoch. Zu dem blonden Fräulein: »Gehen +Sie gleich aufs Schiff.« Die Koffer stapelten sich. Das Meer schäumte +leicht. Von der Barkasse läutete die Glocke. Neigte sich, küßte Syg. Spürte +an ihrem Leib den Geruch wieder des Waldblocks, des Spiels im Garten, der +Betten, die nebeneinandergestanden. Sie atmete heißer, blieb eine Sekunde. +Dann stieg sie ins Boot. Syg winkte. Es war neblig geworden. Pendelnd, +unsicher schlug Sygs Kopf aus. Bald rückwärts, bald zur Barkasse, die +vorwärts stieß. Winkte noch einmal. Drehte um. Über dem Wagen, den +schiebenden Gäulen stand Abglanz von Blau, Berge, See. Ging ihnen zu. + +Das Ende. + +Es schien ihr, es müsse geschehen etwas, irgendwie. Sie empfand jede Wolke. +Jede Linie der Küste legte sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel +häufte sich dünn vor das Land, Die Barkasse drang weiter in Flut, entfernte +sich, heulte, stieß vor. Nichts geschah. Da überwältigte sie der traurige +Gedanke mit solcher Gewalt, daß sie den Messingknauf des Geländers zwischen +die Hände preßte, die Stirn zusammenbog mit aller Durchdringung, in der +Schmerzlichkeit der Flucht noch die übersinnliche Kraft des Glaubens: nun +reiße die Küste ab, komme herüber, hielte sie. Da schwand das Land. Der +Schrei blieb in der Kehle, erstarrte. Die Faust ballte sich ihr in Haß. +Wandte sich zornig ab vom Boden, den sie liebte. Haßte jede neue +Luftschicht, jede Fahne, Gaffel, Signale um sich. Trank Gift mit dem Atem, +der ihr von der anderen Seite entgegenströmte. Wandte sich aber mit +tieferer Ablehnung weg von dem, was hinter ihr lag. Vorbei. Das Letzte. Die +Augen brannten hell, grau. In rotem Nebel begannen Maschinen zu stampfen, +pufften den Boden auf unterm Fuß mit kleinen rhythmischen Schlägen. Sie +wandte sich um. Die Achseln zuckten. Das Meer vor ihr aufgewölbt von Glut. + + * * * + +Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die Feinen wurden nervös. Ein +Matrose griff fehl, stürzte aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins +Schwimmbad, brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug sich ein Dutzend +um eine braune Hure. Einer hatte einen Bruch, einer schlug hin auf den +Bauch, heulte und schrie »maman«. Ein Weib lief mit halbem Ohr und sammelnd +durch die Klassen. Rotteten sich zusammen, spießten einen Alten auf die +Arme: »Vieux Ga . . ga.« Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser, über ihr +ein singender Tag. + +Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagen drei Malariakranke. Zwei +unterhielten sich den Vormittag, mittags wurden sie gereizt. Trommelten mit +den Daumen, rauchten. Abends machte der eine Vorwürfe, gereizt, heftig, der +andere pfiff leis. Der dritte schwieg. + +Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte sich am Geschauten, +spiegelte sich allein in dem Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen +Körper, rote Haare. Ein Mischling kam, schöner als ein Weib, flüsterte, +verbeugte sich, kam mit Whisky. Der Mann deutete heftig aufs Glas, der +Diener öffnete den Riegel, folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen +hünenhaften Mann, nickte, verschwand. Kam in einer Viertelstunde zurück. +Das Paar passierte von Norden her. Lackaugen vom Mann her wanderten +herüber, blieben. Die Frau gähnte. Zwei Tage ging der Korso, zogen fern +langsam Dampfer vorüber. Das Fieber sank, Temperatur ließ nach. Der Rote +erhob sich. Ging am Arm des Dieners hin und her auf der Promenade, anderen +Tags allein am Stock. Fiel auf, elegant, zerrissen, glatt, Augen voll +Geist. Verschenkte Blumen, grüßte, ließ einen Windhund springen. Trug +keinen Hut, die Haare glühend über dem pockennarbigen Gesicht gescheitelt. +Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla über der Schulter, schmalen blauen +Auges, auf hohen Beinen. + +Warf plötzlich die Quintrone ab. Benutzte einen Moment: Ging vor, ans +Geländer, fuhr mit dem Tuch an die Stirn, knickte ohnmächtig gegen das +Eisen, der Riese stieß einen kleinen Laut aus. In seinem Arm machte er die +Augen auf, streckte sich lässig. Der Riese zog eine grüne Riechflasche, +hielt den Arm rund, weich, damenhaft, den Kopf schräg. Er atmete rasch. Der +Mischling Moki kam zu seinem Herrn, stützte den Roten. Der deutete aufs +Meer, das violett erzitterte, drehte sich um: »Le Beau.« Lächelte. + +»Fribaurt«, sagte der Riese, sah nur den Diener. Le Beau lud den Riesen +ein, zeigte ihm eine Sammlung Säbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die +Billardbälle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen vor der schmiegsamen +Wucht fressenden Metalls. Hörten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm +durch Regen übers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen in grauen Brei, der +innerlich geschwängert Blasen aufstieb, Ballone ins Meer setzte. Le Beau +wickelte ihn ein, führte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki, +trieb ihn enger dem Willenspunkt zu, stieß ihn hinein. + +Verlor Fribaurt, polierte er die Nägel. Gewann er in Bakkarat, Poker, +Sieben, erschien Moki, servierte Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte +die Haut, der Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine +Konzentration, leckte über des Dieners Schenkel. Das Spiel blätterte +auseinander, die beste Karte schlug gegen ihn zurück. Verlor. Spielte +Paroli. Blähte die Nüstern, sog die Luft ein, die ihn verwirrte. Verlor. +Rannte in Paroli. Verlor. Moki verschwand lautlos. Die Summe addiert. +Fribaurt erbleichte. Schrieb einen Wechsel, legte ihn herüber. Le Beau +rührte ihn nicht an. Polierte die Nägel, sah Fribaurt starr in die Pupille, +führte ihn bis an den Rand der Spirale, in die er ihn schlug. Stellte ihn +neben das Zentrum, stieß ihn endlich hinein. Sagte leis drei Sätze, +abgehackt, deutlich, akzentuiert wie ein Ausländer. Fribaurt erblaßte ein +wenig unter der Hypnose des Klangs. Erhob sich. + +Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine. Die Namen fielen. Sie sah +zwischen Pockennarben einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn +durchstieß, unter ihrem gestählten Zorn nicht brach. Von der harten, +dunklen Stimme fielen Vokale mit glattem dunklem Wohllaut. Überrumpelt, +gereizt sprang sie zum Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie +sein Körper, ihren führend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend, hart, +fordernd. Er stützte sich ein wenig auf den Stock. Ihr Schritt ward +rascher, wogte auf und herab mit dem Schiffschaukeln. Er hielt. Über die +Achsel sah sie zurück. Er beugte sich, hob ihr Tuch. »Holen Sie kalten +Tee«. Es war heiß geworden. Er drehte um. Sie ging zur Kabine. Le Beau gab +das Tablett dem Steward, warf sich in den Liegestuhl, wartete. In der Kühle +kam sie herauf. Übersah ihn. Die Ablehnung traf ihn, verzog seinen Mund, +lächelnd. Am Geländer spürte Daisy die Richtung eines Fächers, zog den +Blick vom Rosafisch, der sprang, sah in die weiße Iris der Quintrone, +während die Zähne hell sich öffneten. Sahen beide in das Aufzucken der +Lichter, schlossen die Augen, sahen, wie das Schiff festlich, erhöht, auf +eine Masse Lichter zufuhr, die höher wuchsen und stiegen und an ihnen +vorbeiglitten. Die Dampfer tuteten, Lichtschnüre trennten sich, verblaßten. +Fribaurt und Le Beau gingen vorbei. Die Kreolin neigte den Leib, sprach mit +der ganzen Haut. Das Murmeln kam näher, spanische Missionsweiber +psalmodierten, sahen in die Dämmerung, die fiel. Der Quibekaner flüsterte +einer Frau zu, daß sie Regen beschwörten. Sie schrie auf. Er griff in der +Dunkelheit fest in ihr volles Bein, damit die Bewegung ihn nicht verrate. +Der Schrei deckte das Manöver. Am Schornstein applaudierten die Kanadier, +sie gingen langsam hinüber. + +Da sah sie: im Kreuzschein der großen Signallaternen bewegten sich Fribaurt +und Le Beau wie Ratten, mit Brustschild und Maske, florettierend +gegeneinander. Le Beau lag wundervoll in der Hüfte, bewegte sich in der +Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft. Stieß vor, im Angriff, +schien plötzlich müde. Übersah die Quintrone, die mit aller Haut atmend in +seinen Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwärts, der dirigierte Moki +hinter seinen Rücken ins vollste Licht. Seine hitzig kalte, fast brausende +Geschmeidigkeit verwirrte sich immer mehr in dem weichen unberechenbar +eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Größe und Breite erstaunlichen +fast mit dem Handgelenk gefächerten Etüden heraufwarf. Plötzlich machte Le +Beau eine stumme eindringliche Geste. Mokis Körper schälte sich +bronzeschmal aus der Dämmerung. Beau entblöste die Brust, fing Fribaurts +unsicher schwankende Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die +Gegenlage, schleuderte aufspritzend das Florett des Gegners in die surrende +Dunkelheit. Legte Brustschild, Maske ab, sagte Fribaurt kalt +Schmeichelhaftes. Drehte Wasser an, wusch die Hände. Hob plötzlich den +Kopf. + +Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in den Blick. Warf ihn +mit einem wehenden Ruck herum, mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr +Auge. Traf es mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit, +daß sie wankte. Schmerz spürte, als durchstäche er sie. Ihr Blut aufflammen +fühlte, zurückstürzen. In den Adern eine bäumende, auflösende Kraft. Sie +gab den Blick nicht zurück, schloß über dem Vorgang die Lider herunter, +ging mit dem Gefüllten rasch hinab, unsicher, überwältigt wie ein im Schlaf +begattetes Tier, in der Haltung zart und süß, den Kopf mondhaft, nicht +weinend, zur Seite gebogen. + + * * * + +Sie schnitt ihn. Er übersah es. Sie brüskierte ihn. Er sah es nicht. Sie +reizte ihn, brachte ihn zu keiner Äußerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck, +drehte um. Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum Steward. +Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe, in der er stand. Zeigte ihm ein +Maß der Ablehnung, das sie derart steigerte, daß er ein Lächeln einmal +abends darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte ihn +gleichgültig, suchte seine Nähe, die sie gemieden. Frug ihn nach der Zeit, +lachend nach dem Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der Jagd, +nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es gleichmütig, erinnerte in +nichts an etwas, das traumhaft hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte +von allem. Sie aufhob und ungestüm machte nach einer Entfaltung. Ihr Drang +nach Geben und Zurückströmen des Gefüllten war so groß, daß selbst die +nichtssagende Bewegung ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine +Zugehörigkeit und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebensächlichstes Wort +hatte eine Umkleidung, das ihn stach. Ihr Gespräch mit anderen nahm +Richtung auf ihn. Er blieb gleich, unberührbar in seiner Glätte. + +Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch herauf, trat ihn breit +mit ihm, vermengte, versträhnte ihn, daß Le Beau schweigend hörte. Sie +gähnte nicht mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues heraus, +Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin. »Sie haben durch den Fächer +bei der Quadrille einen Feind in meiner Familie. Mein Vater haßt Sie, daß +er Sie fast liebt.« Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen war. Das +Schweigen neben ihr blieb. Sie lockte es nicht heraus. Sie übernahm sich im +Grauen davor, schob Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte +die Spitze des Erreichbaren: das Gespräch brach ab. Eine Pause fiel. + +Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann auf der anderen Seite +herumzulungern, glitt auf eine Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut, +verschwand Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fühlte sich +verloren. Was sie in ihn überleiten, ihm zurückgeben wollte, den Zwang +. . . es bog sich herum, ward Leere und Fassungsloses in ihr. Sie wartete, +daß er ihre Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte sich nicht +hinein, ließ den Augenblick verklingen. Es kam eine Ruhe über sie. Ihre +Hände ballten sich ein wenig zusammen. Er änderte seine Stimme nicht. In +der Nacht hörte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf ins Erwachen. +Sie bog die Beine herauf, legte das Gesicht darauf in schmerzhafter +Umarmung. Da schlug ihr die Stimme heiß ins Gesicht aus jedem Knie. + +In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte. Es war Schmiegsames, +Zartes, das sich mischte mit Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgänge, +ohne sie anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand. Nichts stieß +ihm entgegen. Gewölbt stand ihm offen das Ganze. Er schmiegte sich hinein. +Warf sein Leben hinaus ans Meer, es prallte zurück, umgab sie. Dämpfte das +Gute, hob das Schwanken. Baute sich aus in ihr, langsam, gespannt, weich +mit einer eindringlichen Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weißem Bogen. +Lauschend bog sie sich über den Tisch. Langsam sammelte es sich bei ihm. +Kam diesmal ohne Wucht, aber mit bis ans Schreien unterdrückter Süßigkeit. +Er flüsterte zwei Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurück. Nickte. + +Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tür der Kreolin schloß sich, bei +Fribaurt glitt es heraus, dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe +hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weißen Lippen vor sich hin, suchte +mit den Augen, den Händen in der Dämmerung des Korridors. Ihr Arm blieb +stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr weiter. Ihre Haut glühte +mit einem Ruck. Da hörte sie neben sich in der Nische ein Geräusch. Sie +bückte sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser. Hinter Gittern +kamen die roten Augen kleiner Hasen an sie heran. Ihr Finger berührte die +bewegte Schnauze. »Go . . .« Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf. +Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre Stimme aber kam auf sie +zu, umfaßte sie selbst wie von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus +und verließ sie wieder in Seligkeit und Erfüllung. Was vorging, was sich +sammelte aus ihr heraus im Ton, der sie umschwamm, brachte Ruhe in sie. +Trieb sie in eine Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem plötzlich alles +in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte. Ihr Blut spannte sich dem +entgegen. Es ging über alles hinaus. Trieb darauf zu mit der Kraft und der +Inbrunst des Ziels. Sie lächelte. Kehrte zurück, fiel in Schlaf wie Traum. + +Abgelenkt, vorbeigeführt innen an ihm, gab sie ihm die Hand. Keine Miene +zeigt, daß ihn etwas enttäuschte, Unter den Sätzen warb seine Stimme um +sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter großer Körper +blieb neben ihr. Hörner heulten aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend. +Blinkfeuer stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen roh, +verquatscht, Hupen. Die Räder gingen langsam, fielen zurück, die Mole hing +voll Menschen gedrängt, wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Fläche. +Unter den rücklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das Schiff stand. Da +sprang plötzlich ihr Herz. + +Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern irrten Passagiere, +auseinandergespritzt. Hände durchglitten ihre. Das Fräulein stieg auf der +Treppe hinunter zum Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf sie +zu. + +Sie gab Le Beau die Hand. »Wohin?« Sie wußte es. Er sagte: Paris. Lächelte +plötzlich: »Wohin fährt ein Franzose . . .« Sie lachte über die Schulter +dem Reeling zu. Sie sah zurück: Versäumtes, Verfehltes lag auf seinem +Gesicht plötzlich gesammelt, Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es +blieb. Verließ sie nicht. »Leben Sie wohl.« Wind bewegte sein rotes Haar. +Den Hut unterm Arm. Von unten sah sie ihn am Geländer verschwimmen. +Zwischen den weißen Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf. +Die Musik spielte über der Sonne. Die Barkasse legte sich fest an Land. + + + + +Der zweite Abschnitt + + +Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung fürchtete den +schlechten Ausgang. Sie genas. In Zackstrahlen von diesem runden +Verharrungspunkt ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen. +Das Fräulein führte die Liste der Stunden. Die Tabellen verengten sich, +gingen bis in die Nacht. Man holte sie. Sie schob sich selbst in das +Drängen. Bald stand ein Defilé vor dem Haus. Mit Holl ging sie in Lewinskys +Generalproben. Vom Bazartee kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das +Abendkleid ins Bad. Das Fräulein reichte die Tabelle. Sie runzelte die +Braue etwas hinauf. Verreiste. Böhmer, Below traf sie bei der Holmberg, +überging sie. Erlebte den Skandal, als Männer auf der Nizzapromenade sich +um deren weißbemaltes Fleisch schlugen. Drei davon starben. Andere hätten +sich gewälzt vor Wonne. Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lächelte. +Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr alles frei, sie folgte +traumhaft. Bei Utö kam von der Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater +auf sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf plötzlich seine Gestalt, spürte in +den Knien, im Auge den Schlag, erblaßte. Lief am Strand auf und ab abends, +allein. Reiste zurück nach Nizza die Nacht. + +Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg, deren Hand schmeichelnd kam, +fuhr mit ihr den Korso, dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand +schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo über ihr, zog etwas daraus fest in +sich Die Gräfin fragte. Sie ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren +Kopf, wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest eines dekadenten +Mitteldeutschen Fürsten die Megrée auf gemeißelten Beinen kommen, auf einem +Wallach, zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger Stefan umarmen, +nicht tanzen, lachend abreiten. Der mit den eisernen Backenmuskeln wandte +sich ruhig um, sah, überstürzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag war +Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station nach, vermochte nicht zu +bitten, versuchte einen Einbruch, setzte sich selbst herab, mußte sie unter +Menschen ihn hören. Seine athletische Brust zuckte zurück vor ihrem grau +geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum. Sie gab sich hin, ließ sich aufnehmen +wie willenlos, von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom Meer, war es +gut. Kam es vom Land war es gut. Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es +war unsichtbar, was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich nicht das +Letzte. Etwas saß darunter, fest zusammengedrängt. Nur, je mehr sie sich +dem Umstrahlenden anschloß, genoß, sog und hintertrieb, bedenkenlos die +Stationen nahm, die sie umwölkten, war etwas in ihrer Hingebung, das sie +dem so heftig Genahten tief entzog. + +Es schwankte herauf und herab in dem Treiben, bald obere, bald untere Welt, +Fahnen und Wagen, auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich, +verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten die Hälse, flüsterten, +trieben Neugier aufs Gesicht. Durch solch gewölbte Gasse kamen Heroen: +Lyonel, Böhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen. Vorbei. +Sie lenkte den Blick kühl darüber, er trieb nicht ab, blieb nicht haften, +kein Drang schlug dort hinaus. Sicher fast, in die Höhe gehoben, blieb er +dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single heraus. Das Lächeln, das +sie zerstreut dem Preisrichter gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht +bekannt. Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan gegen sie. Machte ihr +Fehler hin, sie nutzte nicht aus. Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte +nicht. Schlug einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank sie +zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an ihm vorbei. Gewalt +gegenüber war sie eisig verschlossen. In München schwärmte sie unter herber +südlicher Sonne einen Festabend. Unter der Dielentür sah sie Caspare Symes, +er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht, an den Molen des Innern brach +sich es, schäumte herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses, +Zögerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus, woher sie kam. Sie bog ihr +Gesicht auf, lernte eine Bewegung, die es zurückschlug, was tastend offen +stand, hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte, sammelte sich +dichter unter dem Schleier, ward reifer, fiel fast als Frucht schon heraus. + +Sie saß im Zirkus, wo Sägemehl und Pferdeschaum schwirrte. Mit Steinen um +den verhaltenen Mund neben dem französischen Botschafter. Fuhr im Auto +durch Eifel und Rhön, über Matten, zu den stählern gereckten +Chausseebändern des Bennetrennen. Kinder, Frauen, hinter ihr her, hinter +nie Gesehnem. Offiziere ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie +einen Ring, lachte. »Masseldoff«, flüsterte Holl. Sie sah zurück. Die Zeit +staffelte sich darunter. Es ward klar. Was war das all? Nichts. Die Männer, +es beschäftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund, als sie aufsah. Was +blieb, kannte sie. + +Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben noch wie stets +dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar so auf Straße, Wagen, Park. +Verdichtet aber im Innern. Sie hörte Stimmen, vernahm Dinge, hörte Stefan, +Holls Regie. Wohlig streckte sie sich darin, es ging sie nichts mehr an. In +Christiansand an einer weißen Mauer entschloß sie sich plötzlich, bestimmte +die Rückkehr. An der Reede, von einem Schiff steigend, das kam, traf sie +Symes. Er grüßte. Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber +Ohnmacht überfiel sie, so straff hielt sie unnatürlich die Maske. Es schlug +sie den Fahrtmittag nieder, erweichte ihr Gesicht, das mit den heißen +Wellen ging und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in sich nieder. +Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut hinhielt. Hielt die Richtung ein, +verschärfte sie sogar aus Trotz über die Abschwenkung. Warf alles zurück +auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht fiel reifer heraus, +suchend, ruhig, bestimmt. + +In der Nacht kam sie an. Im Bett früh telephonierte sie nach Lewinsky. Er +war nicht im Theater, nicht in der Wohnung. Sie hörte vom Diener, wo. Fuhr +zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park. Suchte die Wiese ab. Sah +Perlhuhnhunde, des Einladers breite Glatze über Favorits, sah eine +Polonaise am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich beruhigt. +Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein Anruf: die Megrée hatte sich +erschossen. Man rottete sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte +fanatisch, jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam Stefan vorbei, +schwiegen sie. Man hatte den Mut nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete +neben ihr, erzählte den Fall das drittemal. Sie sah in den blauen +Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wie feig sie waren. Sie sah +deutlicher nach Stefan. Eine Stunde blieb sie, überflog die Versammelten, +hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Plötzlich ging Lewinsky, sie sah +den Hut in seiner Hand. Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte, +schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher Lässigkeit auf +Stefans Schulter: »Die Megrée ist tot.« Ihr Gesicht war anders wie das, was +sie sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt die helle Schärfe +eines Vogels. Am Wagen blieb ihr Kleid etwas gerefft hängen. Man sah ihr +Knie. Sie fuhr die Allee hinaus. + +Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen, um das Viereck, nachdem Lewinsky +vor ihr ausgestiegen. Ließ halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf +das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich um, saß noch einige +Minuten am Fenster. Über dem Kiesweg pflückte sie einen Zweig, schwang ihn +hin und her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie ließ sich nicht +anmelden und wurde daraufhin abgelehnt. Da gab sie die Karte ab, die Türen +gingen auf, im Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend, +ging Stefan. Sie stand an der Portiere und brachte Lewinsky aus der +Fassung. Sie hatte ihn den Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war +plötzlich da. Sein Blick strich die Wände hinauf, da hingen große Männer +seiner Zeit. Seine Haare waren in der Stirn geschnitten, er stieß mit der +Zunge an, schlug die Arme über die herausfordernde Brust, um sicher zu +scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet nicht, macht nur eine +Bewegung, die sie ihm ganz öffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat sie +gehört. Sie fühlt sie schweben. Sie spricht eine halbe Stunde vor dem +Gesicht, das an Höflichkeit aufrafft, was es kann. Sie fühlt die Vokale +steigen, glänzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht hinaus. Das +Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine halbe Stunde gesprochen hat, hebt +sie das Auge auf zu ihm, erschrickt. »Es genügt nicht?« Er spaltet den Mund +nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur, herab. Kämpft einen Augenblick +mit den Kinnmuskeln. Dann schüttelt er den Kopf. + + * * * + +Viele Tage verließ sie das Haus nicht. Ihr Mut war so stark, daß der +Mißerfolg sie nicht schlug, sie begriff ihn kaum. Er brachte sie nur +deutlich zu sich, entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte sie +fest. Sie sah durch das Straßenfenster, da ging gedämpft der städtische +Verkehr der Grunewaldstraße, rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum +andern, da war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im Wind ihr zu. Sie +hob den Kopf entgegen dem Geräusch, hob ihm die Stimme entgegen. Es klang +zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete sich daran und bekam +die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte und hinriß. Da war sie ganz +enthalten in den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefühl, das +ausfloß. Da konnte sie Sätze biegen, Wonnen rauschen lassen in blanken +Diphthongen, spielen mit Worten und ungefähren Dingen, die als Sternnebel +um sie waren. Beglückt trat sie zurück. + +Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die wollte sie ablehnen, sah das +gute Kupee unten stehen, ward neugierig, winkte, sie hereinzuführen. Sie +lag mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy mit den runden +Wolfsaugen, leckte die Lippen und führte beide Arme verführerisch nach den +hell gemalten Haaren. Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht +lang, aber eindringlich. Beim ersten Laut spürte sie, es fehle, es stoße +neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht der Schauspielerin sah, +stürzten ihr Tränen in die Augen. Alles verließ sie. Kein Mut, keine +Sicherheit. Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein Taschentuch auf, +das ihr gefallen, und als sie wieder stand, sagte sie nach unten hin: »Ich +hatte mich nicht in der Gewalt.« Wieder suchte sie jenen Ton, den sie +seither immer besaß, der ihr eigentümlich war wie ihre Hand. Sie glaubte, +sie träfe ihn, begann von ihm aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher +ward, half ihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte sie, sah +die große Frau auf dem Diwan zusammengerollt, sie nickte ihr zu. Sie fuhr +fort, schleifte es weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen +Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer schwärmerischen Stimme: +»Gibt es denn nichts, was Sie sonst befriedigt . . .«, kam mit langen +Schritten auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in ihr, sagen. +Es kamen nur Tränen, sie stampfte ein wenig auf. Als sie den Arm der +Florath im Nacken fühlte, wußte sie, daß jene sie mißverstand. Sie schwieg, +verschloß in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort wieder sicher machte. +Demütigung, Verzweiflung bisher, nichts war umsonst gelebt, sie fühlte, es +ward klar. Noch machte an der Tür die Florath eine Bewegung mit dem Kinn, +das rätselhaft herabkam: »Die Welt ist voll Möglichkeiten, reizvollen, wenn +Sie die Ihren suchen . . .«, die runden Wolfsaugen überglitten sie +lächelnd, die Hand glitt über ihre Brust. Sie verneigte sich. Auf der +Treppe ward sie wieder zäh wie vorher. Gelang dies auch nicht, sie spürte +unbedingt, unauslöschlich die Stimme in sich An der Straßenecke stand Moki. +Aus dem Laden trat Fribaurt, bedrängte, behing sie mit Geschwätz. Sie log +ihm Krankheit vor, erklärte ihre Unsichtbarkeit damit, frug ihn, als er +nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte mit den Lippen, verschwand. Zu +Haus fand sie einen Brief. Er riet ihr, zu Löw zu gehen. Rivale Lewinskys. +Sie wußte nicht, von wem. Der Goldfischteich glänzte aus der hellen +Dämmerung. Sie biß die Lippen zusammen über den Eingriff, der in ihr Leben +kam, der Garten stand geweitet wie ein Flußtal, Fischflossen glänzten +manchmal weich und rasch. + +Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute die gesträubten +Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte sich, orangen und grün flimmerte es aus +der Ecke: »Dogo . . . Dogo.« Sie wandte sich von ihm um. Nahm ein gepreßtes +Buch, schlug es auf. Neben Lewinskys gesalbter Glattheit stand das +wohlwollende menschliche Gesicht Löws. Es zog sie an. Sie sah auf den +Boden. Im Garten, sangen Nachtvögel herauf, schwebten ihr mit Wind Flüstern +entgegen und nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie spürte, daß der Brief sie +gut leiten wollte, zog den Finger aus den Blättern, empfand im Schließen, +wie es sich in ihr spannte, und daß vor diesem Kreuzweg Ja und Nein des +Lebens stand. Dann hatte sie etwas plötzlich, was alles vertrieb. + +Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt. Zeigte, wie schön sie +sei. Hinter der Höflichkeit reckte sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes +Buch. Sie wollte es zwingen. »Der Text ist nicht gut.« Ein anderes Spiel. +Sie wechselte. Sie bäumte sich auf, klar und weitschweifend zu sein. Schon +kämpfte sie gegen das Unfaßbare, da ging eine Tür hinter ihr, über den +Spiegel huschte ein Schatten, eine dünne Bewegung. Es löste seine +Oberfläche auf, er stand in Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein +Springbrunn kam hereingeplätschert, ihr Mund spürte Blau und Goldregen und +Baumbewegung. Es kam Geräusch der Ströme. Auf dem Ontario wogten Segel, +hißten Fahnen, grüßten. Rührung und Hingabe legte sich in die Stimme, ward +goldhell, posaunengroß, nun erlebte sich alles. Flog an den Drähten hinauf, +sank zurück ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll und wuchs. +Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte +den Ottawa im Traum, den Erddunst in den Nüstern der Vokale. Hatte ihr +Herz. War voll. War da. + +Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Genügts? Lewinskys Kopf war +entblättert. Macht, Höflichkeit, jede Maske war weg. Um die Lippen stand +eine grausame, bebende Linie. Angst, daß ihm dies entgehe. Er versprach, +was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm. Der Spiegelschatten kam aus dem Polster, +Stefan brachte sie an die Tür, hatte Ersticktes in der Stimme: »Erhielten +Sie meinen Brief?« Sie zögerte, sah Gesenktes an ihm, der Brief war gut. +Dann hob sie schmal das Kinn: »Nein«. Er lachte heiser durch die Zähne. Ihr +Blick blieb verwundert. + +Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann. Lewinsky zeigte klug, was ihr +fehle, wie, was sie in sich trug, nur die Flamme war, die das Gerüst +entzündete und in die obersten Logen der Erfolge trug. Das Gerüst war zu +lernen. Sie sah ein, sie konnte noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem +schnitt es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus entzündete +sich die Lust nach dem Dampf der pochenden Pferdebäuche. Fort gingen die +Bahnen, die Wagen. Sie blieb. + +Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I schärfte, jagte sie in den +Plafond gegen Dogo, daß er flatterte und es zurückschrie. Das A baute sie +zu Brücken, weiten Wölbungen, die funkelten vor Kuppelschwung und Material. +Aus dem O kamen schwingende Trommeln, ferne Gewitterstürze, die erregten. +Die Leidenschaften der Wälder, das Sichsagen der Leiber brannte aus dem U. +Die Diphtonge glitten dazwischen. Sie trat ans Fenster, die Hände, die +Brüste am Gitter. + +Ein Lehrer kam, der den ausländischen Akzent abschliff. Nach acht Tagen +sagte die Zofe ihm, es sei genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte +viel und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie zäh dabei. Das +Regulieren von Zunge und Zähnen, das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis +die Figur sich entschälte, das Hartnäckige und Sichere, das war ihr Fall, +dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr die Bewegung im Raum, teilte ihn +geometrisch, wies ihr die Plätze dekorativ. Stellte ihr die Gebärden, zog +eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stülpte den Ärmel hoch, den Arm auf zur +Ekstase. Sie machte es nach mit der Linken, die Rechte gähnte. »Wozu?«, +frug sie Lewinsky mit ermüdeter Schmerzlichkeit. Da brachte er Statisten, +belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer, suchte durch Lebendes ihre +Verwöhnung zu überwinden. Er machte ein Kabinettstück, bezauberte mit +seiner eigenen Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama. Sie lächelte. +Sie nahm drei Stühle. Sowie sie aus sich selbst sich bewegte, kam Leben in +das Holz, ward Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog beleidigt +die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie den Rücken kehrte. Ließ +sie aber tun, was sie wollte. Überzeugt selbst über seine Eitelkeit hinaus. + +Einmal gönnte sie sich Erholung, als Dogo schrie, sie ihn im Hemd mit +Tintenfischen fütterte auf der Veranda und die Morgenkühle ihr unter dem +Leinen den Körper hinauf tastend lockte. Sie ritt mit Guildendaal und +Rotbefrackten eine Allee hinauf. Die Hunde rannten Hasen nach im Gras. Von +einer Pappelreihe her hob sich ein Staubkreisel, flackte über die Äcker und +Weiden herbei. Als er die Allee berührte, fingen zwei Drosseln an zu +schlagen, unaufhörlich. Da wandte sie um, trabte ohne Abschied herum, wie +im Spiel, kam nach Haus, empfing von rückwärts in die Einsamkeit das +Durchflogene, gab sich hin an das Wehen der Gräser, das Summen, Vorbereiten +und dann dem Ansprung des jungen Winds, entfachte sie. Mit glücklichen +großen Augen und einer ganz beschäftigten Stirn versank sie in die Arbeit. + +Besuche nahm sie nicht an. Selbst machte sie keine. Holl, da er Regie +hatte, traf sie manchmal, doch wünschte sie Tips. Ging sie aus, war es mit +Freude und Spannung schon auf die Rückkehr, wo die Distanz zur Arbeit sie +frischer machte, angriffslustiger, heiterer im Spiel. Moki suchte ihr etwas +zu überreichen, sie nahm es nicht. In einer Gartenstraße schlich ein Mann +und riß an ihrem Beutel. Das kleine Messer aus dem Gürtel in der Hand, +begann sie den Widerstand. Doch ließ sie fast im gleichen Augenblick den +Beutel fahren, steckte das Messer ein. Sie hatte wichtigeres vor, um dies +zu riskieren. Der Dieb lief. Sie kleidete sich um. Fuhr den Abend ins +Theater der Florath. Die war nicht da in der ersten Szene. Im Hintergrund +der Loge bereitete eine Frau sie vor, schilderte ihr Bein, ihren Busen. +Ihre Laster. Da kam sie wie ein Tier, das Kleid schaukelte erregt um sie, +als sei ein Abstand zwischen Haut und Kleid. Selbst im Unsichtbaren war ihr +Körper entblößt. Es war, als säße ihre Seele in den Hüften. Alles strömte +zusammen da, erhielt dort den Ausdruck der Verhaltenheit, der erregte bis +zur Stummheit. Sie lächelte einen Mann zu Tod. Er verschwand mit seinem +blonden Bart. Später dirigierte sie sich gegen einen Slawen mit +Bauernschultern, an seiner Stumpfheit blieb sie hängen. Schwebte eine +Herzspanne in der Luft, das Verhüllte knisterte um sie. Sie sog die Sprache +in sich hinein, hinter dem Marmor leckte schon tosend die Glut. Die +aalglatte Hüfte stand fast ruhig, sie spielte mit einer Dose. Ließ sie +fallen. Bäumte, brüllte wie ein Tiger. + +Entsetzt, mitten in der Szene ging Daisy. Sie sah, was fehlte. Wie +unheimlich jene mehr konnte wie sie. Lächelnd stumm in sich hinein, weil +ihre Inbrunst größer war als die Routine der andern. Sie zog den Schluß: +arbeitete heftiger, tief in die Nacht, schon gierig auf den Morgen. + +Doch war die Nacht auf ihr heißes Decolleté gefallen, die Grippe in der +Nacht zurückgerollt. Weinend, fiebrig, schleppte sie sich zum Diwan. Da +stand die Aufgabe. Sie konnte nicht. Die Zofe schellte den Arzt herbei. Er +frug nach Schmerzen, hielt an langen gepflegten Nägeln das Hörrohr ihr an +die Brust. Sie delirierte: »Sie kann die Übergänge . . .« Der Arzt neigte +sich herunter: »Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver.« Abends zur Zofe +sagte sie: »Nehmen Sie drei.« + +Achtundvierzig Stunden wimmerte sie, die Zofe verstand nichts. Am dritten +Abend schlug sie die Augen auf, besann sich, bekam ein opaliges Licht +hinein, wies auf ein Buch. Als sie es in der Hand hatte, fiel es ihr vor +Schwäche heraus. Sie sagte: »Nehmen Sie vier.« + +»Es ist zu viel.« + +»Ich habe Eile« + +Am fünften Tag war Sonne. Am achten kam sie in den Garten. In Zweigen und +Flüstern bewegten sich sanft und weich die Sätze. Die Melancholie der +Boskette träumte gold umrahmt vom Mondlicht. Ihr Entzücken entlud sich +unaufhörlich quellend, gleitend auf einer wundervollen Bahn, der die +Nachtigallen sich anschlossen, die aus dem abgeschüttelten Schlaf sich mit +aller Inbrunst entfalteten in ihrer Elegie. + +Fand im Garten, wo der Kies lehmig war, Spuren. Folgte mit dem Fräulein. +Sie liefen durch den Busch zum Eisengitter. Sie zog an den goldgespitzten +Lanzen. Drei gaben nach, machten ein Loch. Die Lanzetten waren +angeschraubt. Nachts nun, wenn sie nicht schlief, ging auf der Straße der +Schritt eines Passanten ruhelos auf und ab. Der Schritt gab Regen und +Wolkenwind den Rhythmus, hallte, lief ohne Pause. Wo es schwarz war und +undurchsichtig hinter dem Gebüsch, erschien ihr ein kreideweißes starrendes +Gesicht manchmal, doch es war in ihr, sie sah es nicht nur draußen. Bei +einer Pfütze blieb sie stehen, der Regenbogen darüber entführte sie, mit +geröteten Wangen wickelte sich ihr auf ein Strom von Bildern, die zogen. +Sie kehrte sich scheu ab. Holl warf das Mädchen an die Wand, stürzte +herein, in jeder Hand Orchideen, verzweifelt, weil man ihn abwies. Sie +öffnete die Fenster hinter ihm, das Szenenhafte nahm der Luft die Ruhe. +Vaudreuil schrieb: Schlug Wechsel ihr vor, baute Pläne auf, was sie sehen, +nehmen solle. Syg reiste nach Ägypten, kam an den Hafenstädten vorüber. Sie +konnte mit. Es hob sich schmeichelnd vor ihr, die Schwester und der Bogen, +der die Ferne einfügte in den Punkt, wo die Sehnsucht in ihr sich staute. +Sie schluchzte eine Nacht. Dann war es vorbei. Sie ließ einen Hund in den +Garten setzen, streichelte ihn und führte ihn am Gitter entlang. Die Spur +ihrer Hände an ihm war noch nicht warm, da war er schon verschwunden. Sie +empfing Lewinsky nach ihrer Krankheit erstmals, sprach nicht von dem +Nächsten, der Arbeit, der Hoffnung mit ihm, sondern erzählte ihm, was all +wünsche, sie zu entführen. Sein Augapfel ward grün, das Gesicht schwammig. +Sie zeigte ihm die Gartenspuren. Er zuckte die Achseln: junge Leute +schwärmten für sie. Er erzählte diese Geschichte, jene Geschichte. Erwärmte +sich Sie sah ihm fest, forschend unter die Stirn. Dann schwamm es weiter, +dies und alles. Sie warf sich der Arbeit hin. + +Holte kleine Kinder, die an Konditoreien die Nase platt drückten, erfragte +sie, erfüllte sie, nahm die Laute auf. Nahm von der Straße einen Bettler +herauf, setzte ihn an ihren Speisetisch, wühlte in ihm. »Warum haben Sie +Furcht?«, frug sie erstaunt. Erregt mit sich selbst redend, machte der sich +pulde. Sie eilte ihm verständnislos nach, er war schon fern, sprang und +lief. + +Um zwölf Uhr schlief sie ein. Sie hatte Begeisterung auf der Zunge. Um Fünf +erwachte sie. Alles war blöd und idiotisch. Schlaff sank sie zurück. Um +Acht erhob sie sich, holte Frische und Lust aus dem Muster des Teppichs, +dem Ton der Tapete. Im Schwanken erfuhr sie die Grenzen, erfuhr sie den +Arbeitssinn. Stellte fest, wie weit sie vorkam, wie stark manches sie +zurückwarf. Sie bemühte sich und erkannte, je näher sie kam einem Ziel, wie +größere dahinter standen. Ihre Kindheit kam manchmal, rührte sie zu weichen +Klängen. Manchmal fehlte sie, der Ton ging leer, verpuffte. Hatte sie etwas +sicher, war es schon nicht mehr von Bedeutung, denn ein anderes hemmte. Sie +lernte aus jedem Erfolg erst die rastlose Verantwortung, die Verpflichtung +der Erfolge, das ungeheure kreisende Räderspiel der Kräfte, die sich +bedingten und steigerten in einer nicht meßbaren Form. Sie sah, daß Ziel +kein Punkt war und kein Ende, sondern nur Etappe, nur Weg, nur ein Stück +der endlosen Bemühung, daß die Aufgabe wachse mit der Potenz der Kraft. Am +Versagen spürte sie, was es bedeute genau wie beim Erreichen: heißer, +heftiger zu streben. Aber manchmal, wenn nichts den Ausdruck ihr brachte, +geschah das Wunderbare und Unerklärliche. Von dem Wind, von dem Grastau kam +es. Von dem Teich stieg es auf die Veranda, vom Himmelabschnitt über der +Ulme sank es blau und bebend. Da war es. Unverlangt und unerbeten. Es war +da. Es umflockte sie hell, blau, klar und alles berührend, was sich danach +in ihr streckte und sehnte. Das war das Äußerste und rauschte sie auf wie +einen Baum. + +Die Leistung atmete sich fort, ohne Gespräch, ohne Leitung. Das Geschaffene +drang durch die Poren des Raums, durch die Straßen, die Stadt. Die Leistung +erhielt die Ausbreitung, die Durchschlagkraft jeder Tat. Die Florath lud +sie ein. Sie ging nicht. Lewinsky bat sie, sie kam. Bei Tisch warf Stefan +Böhmer, der neben ihr saß, ein Billett zu. Nach drei Tagen erschoß er ihn. +Das Lächeln, mit dem Böhmer das Papier geöffnet, begleitete sie einige +Tage. Doch kam sie darüber, leicht, als sie sich bemühte, hinein in den +Strom, der sie führte und weiterspielte. Erklomm solche Ausdehnung und +Tiefe in ihm, daß Lewinsky den Schlußstrich zog. Er bereitete das erste +Auftreten, legte Listen der Geladenen vor. Sie war glücklich den Tag, weich +durch das Erreichte, spielte mit seinen Gästen, saß mit Holl bei Pharao, +und, als sich vor Neid ihm die gebrannten Locken lösten, mit Fribaurt bei +Quarante-et-un. Am Bassin traf sie auf Stefan. Er war versunken. Er hatte +bis zum dreißigsten Jahr gekämpft, gelebt, zugeschlagen. Hatte die +Kinnbacken angezogen, war damit über alles getreten, hatte alles sich, jede +Laune, das Verbrecherische, Wüste zugebilligt. War wie ein Eber nach ihrem +Leben gesprungen. Doch dieser Zug ging in die Luft. Er traf nichts. Stand +erschüttert, verzaubert vor dem Widerstand. Sein Leben fiel von der Achse, +formte sich darunter um, erhielt eine neue Einstellung. Es ging ums Ganze. +Sein Auge drehte sich, besann sich. Hier war die Entscheidung. Er wollte +sie erzwingen. Umlagerte sie von allen Seiten, spielte jede Note, die er +beherrschte, zum Erfolg. Sie sah es nicht. Sie ging an ihm vorüber am +Bassin. Er holte sie ein. »Ich war der Bettler.« Zerriß ihren Weg. Es war +spielerisch, was sie unternahm. Sie gab nicht dem Elenden, half nicht dem +Gestank. Sie durchforschte ihn nur und das war ihm widerlich. Sie trat +zurück, wütend. Da sah sie an seiner Haltung: es war gut, was er wollte. +Hinter ihm trat hervor, was er geleistet: er war das Gesicht in den +Büschen, die Spur im Garten. An seinem Knie rieb sich der verschwundene +Hund. Sie spürte die Kraft, die auf ihr Ziel eindrang, es formen wollte, +abreißen, hinüberzwingen zu sich Es kam mit Beherrschung, gezähmt zu Güte +fast, es machte sie aufsehn, bedenken, es rührte sie, sie reichte ihm zum +Ausgleich etwas zurück, eine Lüge, einen Trotz: »Ich danke für Ihren +Brief.« Langsam, leis. Es beeindruckte sie tief, wie er es nahm. Aber im +gleichen Augenblick war nie der Widerstand stärker gegen das, was männlich +sie hemmte, den Weg kreuzte. Sie hob sich, fast wild, übersprang es, schlug +es zurück. Es blieb im Boskett, als sie darüber war. Kühle, Befreiung kam. +Wie klar die Luft. Weich hingegeben, vom Erfolg und Sicherheit empfänglich +und aufnehmend gemacht, sog sie Hyazinthen ein, die toll aufdufteten. Da +sah sie zwischen Lampions einen Mann. Caspare Symes. Der Garten stürzte +hell mit einer Flut Apfelbäume in die Nacht. + +Aus ihrer Brust riß alles mit. Die Knie standen eng aneinander. Alles war +Bewegung aus ihr hinaus. Nur sein dunkler Kopf kam. Sie nahm ihn auf, in +die Hände, öffnete die hochmütigen Lippen. Sein Mund war schmal, weich. Sie +gingen, es gab keine Leidenschaft, keinen Zorn. »Caspare«. Der Garten +glättete sich in der Lichtwelle. Besinnungslos hing die Minute um sie, kam +auf sie zu. Alles bot sich an, voll Glück. Die Büsche stiegen in +dunkelrotem Ring bis zum Goldbogen auf. Die Äste flammten mit einem Netz +von seidenen Strahlen an den Lauben. Die Schläfen lagen fest aneinander. Es +kam die Obstflut. Da fielen Blüten ins Gras ohne Pause. Es war der Fall +seines Bluts, das von der Ader seiner Schläfe herübersprang. Ihr Blut hörte +auf und setzte in seinen Takt ein. In diesen Bogen spannte sich alles ein, +das Ende sah sie nicht, aber sie spürte, daß es gegen den Rand ihres Lebens +hinunter sich neigte. Aber von der anderen Seite kam zum erstenmal wieder +die Jugend herauf. Unbefangen, ganz das Ohr erfüllt, kam von fern die +Lawine des Ottava und die Flöße. Der Ontario schliff sich blau mit +wiegenden Segeln. Dazwischen stand die Sekunde, in der sie atmete, als sei +sie dem Vergangenen zugehörig. Da fielen die Rosaenden der Blüten sanft +herab, die Erde wogte mit Wurzeln innen entgegen. Und die Bäume bewegten +sich nach dem Tempo ihres Atems. So war durch das Blut, das zusammen floß, +diese Zeit und die andere vereinigt. Das unbefangene Glück der Kindheit zog +an diesem Glück, zog es hinüber, als sei es abgeklärt, schön geworden und +still. Sie schloß die Augen, ein Arm faßte fest um ihre Brust. + +Sie wimmerte, stieß den Fuß auf, beugte den Leib nach vorn, zog ihn zurück, +drückte den Nacken ein paar mal zum Rücken. Dann riß sie sich los, öffnete +die Lider, lief den Kiesweg hinauf, das Tor. Sie sprang in den Wagen, der +zuerst stand. Ein lahmer Klepper. Sie weinte, brüllte in das Tuch des +Kleids. Der Horizont war angefüllt von einem Donner: Caspare . . . es würde +klingen bis in die letzte Süßigkeit alles, was noch kommen konnte. Sie +hielt nicht an, fuhr weiter. Ihr Garten kam. Ihr Zimmer. Die Onyxschale mit +den drei Kugeln, es stach stumm wie von Augen nach ihr. Der Park grollte +den Wipfelwurf ihr zu: den Namen. Die Spiegel fauchten ihn ihr zu. Sie +zuckte die Schenkel, legte die Stirn ans Glas. Verloren. Bis in die +Todesstunde nicht einzuholen. Sie lächelte: es war nicht gewesen, war +drüben vor sich gegangen, wo alles lag, was schön war, sie befreite, die +Jugend. Bis in das Ende des Haares, bis in die Höhle der Achseln empfand +sie: dies war das Höchste, ihr Glück. Träumte sie es zurück, lag +tausendfach Geschichtetes dazwischen. Noch unerreichbar, Arbeit und +Erlösung und Bemühung lagen vor die Möglichkeit allein geschichtet. +Irgendwo wie ein Lichtkegel öffnete diese Sekunde die Ruhe, das Später, +oder vielmehr das Zurück, den einzigen Glückszustand, als die Ströme das +Kind umrauschten. Es war so weit, daß sie die Sekunde kaum noch mit dem +Bewußtsein erreichte. + +Sie stellte drei Stühle auf. Gab jedem einen Partner. Erhob sich daran, +aber mußte sich bald unterbrechen, denn die Tränen kamen mit einer wilden +Wucht, die sie umwarf. Sie lag nur und weinte. Erst nach Stunden, gegen +Morgen, gewann sie die grausame Ruhe, die nötig war zu solchem Gespräch. + + * * * + +Das gab Öl in die Sätze, Mark in das Wort, die große Kraft in die Bewegung. +Das machte einen Boden, aus dem das Spiel der letzten Tage reif und sehr +süchtig schoß. Sie probte den Tag vorher, in einer saftigen Linie lag der +Akt. Sie war gefüllt mit Zufriedenheit, ohne Triumph. Am Abend kamen ihr +die Köpfe des Parketts wie ein Strudel entgegen. Sie ging vor ein Bild, vor +einen Boudoirtisch, nahm die Puderquaste, ihr Körper rauschte sehnig und +voll gedrängtem Saft. Als sie zu sprechen begann, verließ sie etwas. + +Sie starrte in den Raum, faßte sich, sprach weiter. Sie ließ den +Silberstift, das Spiel ging nun in Tragödie. Sie machte den Aufschwung. +Aber unter dem, was geschah, hörte sie dumpf, daß ihr entflog, was sie +suchte. Der dunkle Ton, der Erguß, das selige Gefühl des Hingegebenhabens +in die Worte . . . es fehlte. Sie suchte. Fand es nicht. Die Stimme flog +voll Schmerz, aber das Blut spielte nicht mit. + +Sie wartete, verzweifelt. Sie zwang es. Ging auf und ab, ganz neu und +unerwartet. Warf Worte ein, die der Text nicht hatte. Die Taille verjüngte +sich zu einer Wildheit, die die schmächtige Szene anriß und dehnte. Die +Souffleuse hustetete, verwirrt. Ihr Bein stand federnd, abgezeichnet im +Kleid, ins bleiche Gesicht des Partners drang sie vor, zerstörte es. Brach +mit Leidenschaft ein in das schwankende Schicksal, die die Gefühlshöhe +erweiterte, ihren Ausbruch und die Dichtung abhob. Grenzenloser wurde unter +ihr das Leere. + +Dabei spürte sie, ihr Spiel war gut. Augen hefteten sich gefesselt daran. +Atmosphäre der Erregung band sie an das Parkett. Es genügte nicht. Eine +Traurigkeit, die ihr Bewußtsein nicht traf, da es spielte, das es ahnte +aber, wölkte wie unter ihren Füßen herauf. Sie brachte es fertig, nebenher +zu denken, zu wünschen und herzurufen, was die Inbrunst wecken konnte. Was +ihr Schönes seither gegeben, Zärtlichkeit, Pa und Syg und Brown und das +Porzellanschiff. Es blieb entfernt. Ihr Gehör verdoppelte sich, sie vernahm +sich selbst. Ihr Auge schärfte sich, sie sah sich spielen. Das Bewußtsein +spaltete sich, war nur zur Hälfte beteiligt. Da spielte sie. Dort sah sie +Köpfe, beschaute es müßig: Die Florath, vorgebeugt, der Kopf eine schamlose +Entblößung. Fribaurt mit weibischem Lächeln gebannt an ihr Bein. +Guildendaal, über den Favorits Froschaugen, Holls nervöse spielerische +Stirn. Sie sah, sie hatte sie im Bann. Doch sie selbst, sie selbst . . . Es +sank ab vor ihr, verschwand in der Tiefe. Ein Riß ging durch sie, doch sie +verstand. Sie spielte die Szene zu Ende, sie steigerte sich, schmiß die +Effekte, sah den Erfolg in der Pupille der Florath. Aber in einer +Traurigkeit, die ihr Herz erreichte, wußte sie, es genügte nicht. Der große +Ruf versagte. Es war vorbei. + +Was war ihr Beifall? Erfolg? Nichts drängte sich dazu. Sie wollte, daß ihr +Spiel ihr inneres Wesen erfülle. Daß sich darin restlos und ohne +Sehnsuchtsrest ergieße, was sich aus ihr hob und senkte, was sie gegen das +Meer getrieben und darüber geführt. Sie suchte, daß es in ihr klar werde. +Nicht daß sie nach außen Wirkungen leiste, deren Sinn sie nicht faßte. Dies +war ohne Bedeutung. Es zählte nicht. Und nun begriff sie, daß nicht zu +zwingen sei, was vor den Menschen sich versagte. Es war das Wunderbare, das +aus der Mondnacht, am Fluß und aus den Büschen manchmal schwankte und sie +erhob bis an die Spitze der Sehnsucht. So umflog es sie. Aber sie hatte +keinen Teil. Was in rollenden Kreisen sehnsüchtig, lockend und treibend vor +ihr sich schwemmte, das war noch nicht gefüllt. Doch dies da war nicht der +Weg. Umsonst. Vorbei. + +Es stürzte ab mit jähem Ruck. Wehmütig kam es, für was sie sich bemüht. Das +Erwachen am Morgen, die Seligkeit des Schaffens, die Befriedigung und der +Stolz. Es war noch nicht am Ende. Irgendwo lag es, noch unfaßbar. Blieb ein +Zwiegespräch zwischen ihr und der Ulme. Weiter nichts. Kein Ziel, keine +Erfüllung. Ein Irrtum der Weg. Verworfen. Was erfolgreich daran war, hatte +für sie keinen Sinn. + +So entzog sie sich dem Beifall, entriß sich den Menschen, sah Lewinskys +gerötetes Gesicht, kam durch den Seiteneingang ins Vestibül, auf die +Straße. Ging weiter. Menschen quollen aus Toren, Gehsteigen, Häusern. +Hindurch. Sie hielt nicht. Es röchelte neben ihr. Ein Pferd. Sie strich ihm +über die Stirn. Ein Licht schien grell heraus. Im Spalt saß ein Paar, sie +weinte, er senkte den Nacken. Die Steife blieb um ihren Mund. Dennoch +empfand sie, daß sie mit nichts tiefer verbunden als diesen beiden. Ein +Strom faßte sich an von ihr zu ihnen. Und zurück. Eine Sekunde empfand sie +den Anschluß, das Mitleid, es löste sie fast aus. Doch es währte nur kurz. +War noch nicht so weit. Eiskalt vor Schmerz ging sie weiter, bis an den +Rand gefüllt mit sich selbst, verschlossen wieder. Sie hatte einundzwanzig +Jahre, die Brust war herrlich, der Körper braun, schlank, schön. Sie begann +zu laufen. Alles fiel von ihr ab. Nur der Geruch ihrer Möbel, die Wände +ihres Zimmers lockten, waren da, waren ein Punkt, der stützte, wohltat, +barg. Im Vestibül saß das Fräulein und stickte. Sie hielt kurz an bei der +Pforte. Dann ging sie langsam auf das blonde Geschöpf zu, fiel hin, tat den +Kopf in ihre Knie. Die Schultern zuckten. + +Das Fräulein saß da, die Beine auseinandergerissen. Das Gesicht von nichts +tief gezeichnet, blöd und sinnig, an dünner Sehnsucht erstickt. Sie war +übersehen im Leben, zu einem Bündel gemacht, das Mitleid umspülte, +Verachtung, kleiner Lohn. Kompost für Überfluß, häßlicher armer Lappen. +Badete nicht täglich, war schlecht gekleidet, roch nach Korsett. In ihrem +Gesicht entbrannte ein Staunen: »Auch sie muß weinen.« Dumm sah sie in die +Luft, stierte, faßte es nicht. Doch vom Elend einer Kreatur gereizt, +gerührt, beginnt der ganze Erdball aufzuzucken, mitzuleiden. Sie heulte +nicht. Es ging in die Hände. Die strichen sehr zart über den Kopf zwischen +ihren spitzen Knien. Falteten die Strähnen auseinander, legten alles von +ihr selbst Vernachlässigte, Versäumte in die Bewegung, flochten Zöpfe, +berührten das Haar als seis ein Kind. So kam die Liebe über sie. Die Zunge +machte einen Ruck, machte den Zug der Nurse, schnalzte, wiegte die Hüften, +summte: »Do . . . do . . . do . . . Daisy.« Pfiffs auf den Zähnen. Eine +Sehnsucht gebar sich riesengroß. Wollte gern ihren Backen an Daisys Wange +legen. Aber rührte sich nicht, obwohls nie heißer in ihr gezündet. Wagte es +nicht. Tat es nicht. Sie brachte das Mädchen hinüber, machte Licht, zog es +aus, legte es ins Bett. Löschte das Licht. Morgens fuhr Daisy ans Meer. + + * * * + +Windstille war. An den zweitausend Metern Grundschnur fuhren Kähne raus, +man zog die Angeln an, warf die Kabeljaus ins Boot. Zwei große Ewer hielten +die Schleppnetze ein, ließen Bramsegel vor den Wind fallen, kamen gegen +Land, hochgeschwebt. Seeschwalben überjagten Steingebröckel, zuckten am +Wasser, hakten mit gebogenen Schnäbeln: griä. Jüns hielt eine geschwollene +Aalmutter in der Faust, drückte den Bauch, spritzte durch den Eiergang +junge Zentimeterfische, eins nach dem andern. Sie waren durchsichtig und +quallig, ein Darm ging durch und Aderfäden. Sie lachte mit ihm. Wind ging +den Abend los, pfiff leis, klatschte an, strudelte schon hundert Meter hohe +Pfeifen und Rollen. Krebse schoben über Miesmuschelkolonien, rolzten, +ballten sich, schossen hinunter. Regenpfeifer sausten über den Sand. +Hahnenfuß und Binsenkraut verschlangen sich Die feigen Sturmvögel +klatschten sich an Häuser und Raine. Strandnelken und Butterloch knallten +gegen Dünengras, die Weidenstümpfe. Die Wimmermöve schlägt an, der +korallenrote Schnabel fliegt vor dem samtdunklen Kopf, ehs dunkelt hört +sich nur noch ihr Schrein: gräik . . . gra . . . ik. Das Meer steht toll +verliebt die Nacht vorm Gedün, dehnt sich und schlägt hinten am Horizont +sich fest, beißt dann ans Land, türmt sich haushoch davor. Die Bäume im +Binnenland liegen platt am Boden, die Amseln haben sich verkrochen in +Mauslöcher und Ritzen. Die Keller stecken voll Fledermäuse. Das faulende +Leberzeug der Maischollen duftet weg. Die Fenster sind geschlossen, +Kugelblitze laufen über die Dünung, die weißkochend vor dem zerwühlten +Meerbauch hängt. Daisy legt sich. Die Nacht spielt das Getös geil mit ihrem +Bein, ihrem Ohr, treibt in ihr Blut. Die Kiesel knirschen draus ineinander. + +Von einer hellen Flamme ist der Tag aufgerissen. Es ist der Wind, der blau, +böig, bleibt. Es gibt Lärm, Stimmrufen. Ein Schellfischkahn, der getrieben, +will beilegen. Es gelingt nicht. Sie stehen mit hochgekrämpten Hosen bis an +die Hoden im Wasser, schreien und hantieren und es wird nichts draus. Sie +kämpft sich durch den Wind gegen das Meer runter. Sie kommt durchs Getümpel +noch geschützt, muß aber Schuhe, Strümpfe zurücklassen. An den Erlen hängt +das Wassermerk fest, Berle und Hahnenfuß liegt klatschnaß. Im flachen Sand +faßt der Wind sie, reißt unter die Röcke, nimmt sie vor, gattet sich an +sie, schont den Busen nicht. Sie läuft gerötet durch die Tümpel. Taufrösche +verschwinden schweigend, murren, grunzen hinterher. Feuerkröten wie aus +einer Glasglocke donnern: ku . . . uh, lassen die angewachsene kreisrunde +Zunge auf dem Paukenfell schlagen. Wasserläufer gleiten wie auf der Eisbahn +über die Pfützen, in denen Flohkrebse, Steinsack, Laich liegt. Sie steigt, +hält sich an Gras, versinkt im Sand, hält sich an Hahnenkamm, gelber +Stranddistel. Wie sie den Kopf über den Damm hebt, kocht das Meer, rast +drauf besinnungslos unter ganz blauem Himmel. Sie steigt gänzlich hinauf, +bekommt einen Windschlag, springt hoch, lacht, fällt um, rollt zurück. +Triebsand rutscht nach, verschüttet Knoblauchkröten unten, die wie Katzen +jammern, sehr bunt waren. Eine Möve ist vom Sturm erschlagen worden. Zwölf +Federn am Schwanz, die Brust pelzig im Gefieder. Der Wind hält durch, kommt +jetzt vom Land, stößt das brüllende Wasser zurück. + +Jüns wirft eine Muschel hin. Sie haben in dem Fischhaufen, Makrelen, +Goldbutten, Affheringen, Schollen Aufruhr bemerkt, einen Seewolf mit +grünlichen Jungen im Tang entdeckt. Voll rasender Wut wirft er sich, mit +dem Schwanz hauend, herüber, beißt knackend die Muschel auf. Die +Fischhaufen laufen schwammig aus, kriechen zum Strand und blenden mit den +Schollenflecken. Die Milcher strotzen von Samen, die Weiber haben den Bauch +voll Eier. Das Schellfischfleisch ist heller und weißer als das Fettbraun +der Dorsche. Frauen heben den aufgestülpten Arm aus den Bütten. Kinder +schmeißen die Körper in Kästen, hängen die Eingeweide an Angeln, fangen +unter Wasser andere damit. Der Wind läßt nicht nach. Die Seeschwalben +taumeln in Rudeln hoch. Der Strand ist freigeblasen. + +Die Männer stechen draus Butten, Jungens hüpfen von Tümpel zu Tümpel und +sammeln auf. Im Sand ist in der Ebbe viel geblieben. Froschkraut tastet +wieder nach Grund, zuckt die Wurzeln zum Boden. Sattelmuscheln liegen fest, +Wandermuscheln und wie Eier Steinbohrer. Das Wasser hat sich so gesenkt, +daß die Pfahlgruppen von Ellern mit unsichtbaren Gärten auftauchen, von +Miesmuscheln im Gezweig bedeckt. Schon fahren Kähne, die die Bäume +aufzuziehen. Ein Taschenkrebs hängt an einem Rogen, schmaust, die Asseln +zappeln da und dort. Das Riedohr stellt sich. Dahinter brummen die Kühe, +die Körbe voll Kabeljauköpfen aufgeschüttet riechen, kauen und fressen. +Schon stehen Segel drauf, Leberblumen fachen sich an, werden hell, trocken +und sinken zurück. Sie geht nun durch Tang, Linsen. Seegras dörrt +losgerissen unter der weiß und hoch stehenden Sonne. Sie kommt um die Düne. +Nun hat sie weißen Sand unterm Fuß, der braunrosa sich eindrückt. Moosenten +fallen hinter ihr ab. Auf den Granitklippen stehen blau und rot Gerüste. An +Schwänzen hängen Fische in Bündeln daran, klinkern singend im Wind. Sie +kommt an die Nehrung, muß steigen, fällt. Der kleine Schmerz macht sie +irgendwie verrückt. Sie macht die Arme weit auf, preßt sie an die Seiten. +Lachmöwen gauzen los. Eine Sturzentenschnur, blaugrün und weiß rauscht auf, +zischt noch fern: rädzsch -- -- -- räb . . . wek. Da steht alles voll +Tümpeln. Im Schlick lauern eingebuddelte Klieschen auf die Flut. Die +flachen Bäuche wackeln im Flugsand. Die nach oben verschmitzt stehenden +Augen zucken mit der Stikhaut, verschleiert. Sie kniet, schaut hinein: sie +sind grau. Ihr Auge fällt in sie zurück. Sie hält das Tuch darüber: sie +sind weiß. Die Uhr: sie sind gold. Hinter ihr gehen Raben herunter, hacken +sie auf. Landkrabben nehmen Deckung, graben sich im Sand vor, greifen mit +den Klauen die Sandhupfer. Sie lacht. Ein Faß steht da und Jüns mit +Merlans, weißblitzenden Bäuchen. Hinter der Bucht liegen Raubschwalben, wie +nachts, betäubt vom Wind mit ausgebreiteten Flügeln im erwärmten Sand. Nun +stoßen sie hoch. Alles schwebt nachher, auch das Wasser schwebt in der +Sonne, die es wie von unten her hochschaukelt und hält. Es wird groß und +unermeßlich am Knick. Wie sie es so sieht, zum erstenmal wieder, ist sie +klar und frisch. Gleichgewicht durchbricht ihren Aderngang, die +Enttäuschung ist weg, der Wind war an ihr, hat in den Saft gegriffen. Die +Warzen tun ihr weh. Sie neigt plötzlich sich zurück. Was an Hals zum +Vorschein kommt, ist heller wie all andere Haut an ihr. Sie faßt hinter +sich einen Baum. Der Rücken lehnt daran. Schon tritt der Saft, der nach +oben rauscht, in ihr Blut. Die Hüften fangen an, eine Bewegung zu bekommen, +werden entdeckt, glühen etwas. An der Schlankheit des Baums wie an einem +Tierrücken gleitet sie ab in den Sand, die Knie geöffnet. Die Sonne schlägt +ihr in den Leib. Die Schenkel biegen sich lang und schön, als schliefe sie. +Sie zittert, etwas ist freier geworden, entschwebt, durchbrochen am +Horizont. Himmel und Meer haben sich vereinigt, wölben sich herüber. Sie +springt auf und lacht, die Haut ist glatter geworden, das Auge von innen +her feucht. + +Sie fährt zurück, findet den Wagen nicht, nimmt die Tram, steigt aus, um +den Rest zu Fuß zu gehen. Auf diesem Stück Trottoir sieht sie von einer +Menschenmenge vorbeigespült, in ihr langsam wandelnd, Caspare Symes. Sie +bleibt angedonnert, wiegt den Kopf hin und her, als sei sie alt geworden. +Dann reckt sie sich, fährt um, ihm nach. Sucht ihn zu erreichen. Sie bohrt +sich durch, hört Schelte, Wut, sieht den Schirm, den eine Frau nach ihr +sticht. Sie kommt näher, kann seine Schulter fassen. Alles an ihr ist +durchblutet, entfacht. Da läßt sie die Hand sinken. Es fehlt ihr die Kraft +mit einemmal, ihre Bewegung wird armselig, er aber wächst und steigt +maßlos, daß sie erblaßt. Sie findet den Mut nicht, jetzt das zu fordern, +was sie überging, als sie noch erstrebte, was sie nun abgeworfen. Es geht +süß durch sie hin, während sie stehen bleibt. Sie tut eine große Tat, indem +sie sich nicht rührt, fühlt sie im Blut; was sie opfert, erhebt sie. Sie +nimmt etwas auf sich, während ihr Auge dunkel wird. Sie bleibt immer +stehen, sieht ihn zum letztenmal für immer, weiß daß dies das Höchste ist. +Er biegt um einen Wagen, betrachtet einen Erker, geht über die Straße, ist +verdeckt. Taucht auf zwischen hellen Mützen, dann dreht er ab. Mit einer +unnachahmlichen Bewegung des Halses zieht sie die Linie nach, als er um die +Ecke geht. Dann ist es vorbei. + + * * * + +Sie stellte den Fuß in die Schnur des Vogelbauer und hörte zu. Zuckte die +Achseln. Sie wollte nicht. Als Lewinsky sie bedrängte, drehte sie um, ihre +Ringe klirrten. Die Karte der Florath wies sie ab. Sollte sie am Neid der +Wolfsaugen sehen, wie sehr diese sie fürchtete? Vom Tisch entfernten sich +Bücher und Rollen. Mit diesem Tag verschwand das all. Einen Augenblick +kreuzten sich ihre Blicke mit denen des Fräulein. Ein rascher Blick suchte +in ihren Wärme, klatschte ab. Daisys Augen wurden schmaler, visierten die +Schleife ihres Schuhs. Dann frug sie, das Fräulein stammelte. Ging hinaus, +kam wieder, legte ein Blatt auf den Tisch. Es war Dienstag. Daisy schrieb +einen Brief. Dann legte sie das Blatt der Gouvernante beiseite, hob es +wieder, als röche sie daran. Ging hinaus in den Garten. Donnerstag früh kam +Le Beau. Am Abend besuchte er sie wieder. Als er ging, löste sich ein +Schatten im Garten, er pfiff. Der Schatten bewegte sich hinter ihm. Freitag +brachte er sie aus dem Theater, half beim Aussteigen, steckte den Schlüssel +ins Gartentor. Als sie sich umdrehte im weißen bauschigen Mantel, küßte er +sie mitten in die Brust. Er machte dabei einen kleinen Schrei, sein langer, +katzenhaft geschnellter Körper riß ihren mit allen Muskeln in seinen +hinein. Der Nebel dampfte um sie, abenteuerlich durchschwammen Gebüsche den +Laternenschein des Wagens. Langsam und wild wogte ihr Leib gegen seinen, +sie seufzte, schrie ein wenig, aber heiser. Auf dem Parkweg lag Dunkel. +»Ich bekam heute deinen Brief«, flüsterte Le Beau. Sie verstand ihn nicht. +Er war durch Zufall gekommen . . . Er wies auf den Schatten, Moki. Er hatte +ihn hergegeben, selbst Fribaurt, sich schüttelnd zwar, aber er war so nie +ohne Tip von ihr. Sie schloß die Lider, sah doppelt, schwankte, warf sich +über ihn, zog mit den zarten Schultern den Kopf herunter, fand seinen Mund, +öffnete ihn. + +Nachts sah sie, im Traum, einen Mann. Der kam aus einer engelhaften +Beleuchtung. Trat heraus, machte eine Bewegung, die ihr wehtat, aus dem +Herz was herausriß. Es ward leer in ihr, Traurigkeit schwemmte sich hoch. +Sie fing im Schlaf an zu weinen. Er sah sie zornig an, sie ertrug diesen +Blick nicht. Er sah aus gleich einem Skandinaven, gescheitelt, blond, mit +einer jungen gefurchten Stirn. Es fehlte nicht viel, er ähnelte Symes. Das +machte ihr sofort Ruhe, sie schlief weiter, wachte aber über Tränen auf. Le +Beau lag neben ihr. Ihre Hand an seinem Mund. Er streichelte ihr Knie, den +Muskel des Schenkels, der sich straffte, als sie das Bein aufstellte. Er +küßte ihre lange braune Hand. Küßte jeden Zwischenraum der Finger, hing an +jeder Hautphase, sog sie an, als stürbe er mit ihr, löste sich kaum von der +Pore hier, der Pore da. Küßte Kreise um die Gelenke, legte den Knöchel +wunderbar damit frei, umflutete ihn mit den Lippen, empfing ihn dann im +Mund köstlich und rasend erregt. Wo sie Flaum hatte, blieb er, es strich +seine Haut, er atmete schwer, flocht ihn um den Finger. Über den Leib glitt +die Hand hoch, machte die Schwebung mit, die unerklärlich schön hinauflief, +blieb an den zärtlichen Hügeln. Berührte wirbelnd mit dem kleinen Finger +die Warze, sie spürte die Zunge. Das Zittern nahm ihr den Atem, sie stieß +die Luft fest aus, und nun kam ihr Leib an seinen, entgegengeflogen, die +aufgelösten Gelenke suchten Schutz an seinen. Ihr Blick brach, sie sah nur +noch sein Bild unter dem Lid. »Sprich«, flüsterte sie. Es war zuviel. Er +schwieg. Die Lippen trafen sich, bleich, wortlos. Sein Körper, ohne viel +Fleisch und groß hingelegt, wie ein Römer, spielte auch in der Ekstase +achtungsvoll mit, ward lasterhaft und verehrte zugleich. Die Küsse reizten +sie langsam, wie er sie setzte. Sie verlor die Besinnung, blieb länger +unter dem Bewußtsein, als er wollte, er küßte sie wieder heraus, preßte den +Zahn in die Weiche, sog und fuhr mit der Hand die Rückenwirbel herab. Sie +stürzte höher ins Unerträgliche: »Mehr«. Sein Kopf glühte zwischen ihren +Knien. Seine Hände suchten ihren Rücken herunter, hielten das schmale +Becken hoch. Ihre Haut ward nicht feucht, glättete sich unter den +Umarmungen, dehnte sich so, daß er daran glitt wie an einer Frucht. Sie +wimmerte nur noch, die Lenden zuckten. Da nahm er die Sehnsucht von ihr. +Sie lag dann still, nur manchmal erschüttert von Schauern, die abflogen. +Das Silber der Bürsten, der Draht der Ampel kamen in die Glückseligkeit. +Die Vögel der Tapete musizierten paradiesisch durch die Seide, sie +lächelte, drehte seinen Kopf dahin und streckte Wange an Wange, die Hände +danach aus. Er flocht seine Kragenspange in ihren Flaum. Langsam begann er +entzückte Dinge. Sagte über ihre Brust Vergleiche. Die schwarze kleine +Warze der braunen Brust entflammte ihn wieder. Sie lauschte atemlos. Er +erbebte unter seinen Worten, seine Hände entzündeten sich daran. So nahm er +ihr Kinn, ihr Knie und genoß es mit den Augen, mit den Fingern. Durch die +Dämmerung griff er aus der Schale eine der drei Kugeln, rollte sie über die +Wade, die Bucht an der Lende, zwischen der Brust bis an das Ohr. Von da +führte er es an den Mund, sie schluckte die Kugel. Er grub sie mit der +Zunge heraus, küßte sie, steckte sie in die Tasche seines Pyjama. Der Wind +warf die Gardine ein wenig auf, der Wind kam herein, malte dunkle rote +Schatten auf die Bronzehaut. Sie erzitterte. Die Frauen ihres Geschlechts +hatten die Steine alle vor ihr getragen, es gab eine Lücke im Hirn. Da kam +seine Hand, suchte, liebkoste. Sie fiel zurück, stöhnend. Die Hand gewöhnte +sich an eine Stelle des Fußes, strich weiter, blieb in der Mitte des +Körpers. Die schlanken Hüften erbebten, hoben sich ein wenig. Ihm entgegen. +Die Welle ging über sie. + +Ein einzelner Baum stand wie Glas im Sternlicht, dann aber schwellte eine +helle Flut heran. Sie zog den Kimono um den Hals fest. Die Terrasse bog +sich mit den Stufen entgegen, krampfte sich unter dem Licht, was +herauftrieb. Nun fiel das Tor zu. Sie schwenkte die Ampel noch einmal. Ging +zurück, warf ihm eine Klavierwelle nach. + +Die Sonne ging höher. Die Untergrundbahn rollte durch schmale Korridore. +Sie empfand Le Beau durch die Körper, die sich zwischen sie keilten. Die +Schienen gleißten stahlweiß, verschwanden. Die Türen knallten. Die Körper +standen reglos aneinander gebäumt. Da sah sie in Stefans Gesicht. Er grüßte +mit den Augen. Sie hörte seine rauhe Stimme gedämpft reden, aber es war zu +weit, sie verstand sie nicht. Rückte gequält den Kopf zur Seite. Wie ein +Vogel. Magnetisch wie eine Viper holte er ihn herum. Er hatte einen Koffer, +einen Mantel, die Stirn flackerte. Er machte Zeichen. Sie verstand sie +nicht. Die Station kam. Nun wuchs sein Kinn, strebte auf sie zu. Es gab +keine Hemmung, der Gartenabend hatte ihr Leben irgendwie gebunden, +aneinandergelegt. »Geben Sie . . . Geld.« Sie nestelte an der Tasche, +drängte sie gegen ihn, er faßte sie. Der Wagen hielt an, Er brach sich die +Schulter frei, der Ruck warf ihn brutal herüber. Nahm es mit allem auf. Ein +Mann stand noch zwischen ihnen. Rasch: »Leben Sie wohl!« Sie ward verwirrt +über ihre Kühnheit. Im Vorübergehen hörte sie seine Stimme, aber entfernt: +»Es geht eben schlecht. Ich sehe Sie wieder.« Als der Zug anfuhr, sah sie +durch die Scheibe, daß er, draus auf dem Perron vorwärts strebend, bleich +war. Er sauste ab. Hinunter. Le Beau riß es hoch zu ihr. Sie zuckte ein +wenig die Achseln. Ihr Ohr vergaß aber nicht, was der andere gesagt, ihr +Auge nicht, wie entfärbt er war. Dann drehte sie sich herum, glitt auf +Claudius zu, es war leer geworden. + +Er brachte ihr Katzen, sie behielt eine. Sie spielte mit ihr im Garten. Zog +einen Strich, rief, sie sprangen beide über das Hyazinthenbeet. Drüben, im +Sprung, fing sie das Tier wieder auf. Es legte sich an ihre linke Brust, +hielt sich mit den Pfoten am Schlüsselbein und reckte sich in die Kurve der +Weiche. »Anjá«, rief sie, fuhr mit der Hand blitzschnell gegen den Strich +durch das elektrisch aufschäumende Fell. Das Tier bäumte den Rücken, daß +Vorder- und Hinterfüße nebeneinander standen, sah in die Luft, mit +gerecktem Schweif. Laue Schatten lagen um die rostbraun fallende Sonne, +Raben standen zwischen unruhvoll blauen Wolken. + +Anjá sprang auf die Schulter, von dort in einen Baum. Gegen jeden außer +Daisy ward sie feindlich. Sie tauchte auf, sprang, man sah sie nicht. +Steckte den Kopf in den Lichtschein um ihr Haar, legte die Schnauze auf den +Brustansatz. Aus dem Horizont kamen schwarze Punkte, ruderten herauf, +begannen rauh zu schreien. Daisy gähnte, hielt Anjá nieder, daß sie nicht +fauche, die auf ihrer Hüfte sonnte. Le Beau stand vor ihnen. Ein Hauch +schoß in ihre Haut. Sie sprang auf, gab ihm rasch die Katze hinüber, gab +ihm das Warme, das das Tier von ihrer Lende noch an sich trug. Die Nüstern +schwebten nach außen. Anjá sprang zurück. Sie sah sie bös an, warf sie +zurück an Le Beaus Brust. Das laue faule Treiben der Natur um sie, das +scholl und geschah und sie umkreiste, schwang ab. In den Kreis war Blut +getreten, ihre Schulter hing untrennbar an der Le Beaus. + +Mittags querte sie einen Platz, kein Mensch ging durch die Glut, dünne +Bäume wagten keinen Schatten, ausgedörrt, elend, daß Hunde nicht einmal sie +näßten. Der Kies und Sand flimmerte trocken und müd. Plötzlich sah sie eine +Figur, ein Gesicht. Es schien auf sie zuzugehen, ja fast in sie hinein. Sie +wich aus. Sah sich um, in der Mitte des Platzes ging eine Frau, sonst +niemand, da kam der Mann wieder auf sie zu aus der anderen Richtung, ging +an ihr vorbei. Sie sah ihm nach. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt er auf +die Bäume zu, er hatte sie nicht gesehen. Es war das Gesicht des Traums. +Ihre Augen drückten sie, als seien sie von Blut überfüllt. Sie stieß den +dünnen Stock in den Sand und sah rasch auf. Der Mann war echt. Ihr Schreck +hatte ihr eine Vision gegeben. Sie zuckte die Achseln, spürte die +Müdigkeit, die voll und groß abschwemmt, von der Nacht her. Schlief ein den +Abend, aber im Augenblick, wo der Schlaf den Halbtraum abtrennt und +hinunterreißt, standen die Augen des Skandinaven über ihr, quälten sie. + +In der Dämmerung wachte sie auf. Die Vorhänge bogen sich auseinander. Le +Beaus Kopf, sein Knie standen in der Morgenleuchte, er lachte, sprang +herein. Er näherte sich ihrem Bett. Sie zitterte unter der frischen Luft. +Er kam geschmeidig über den Teppich. Sie zog die Beine herauf bis unter die +Brust. Aus seinem Mund kam so viel Frische und um die Raubtierzähne lag das +Rosa des Fleisches so fruchtreif, duftend und voll schönem Saft, daß sie +daran alles vergaß. Er hob sie mit den Kissen auf, schwebte sie schaukelnd +hin und her, setzte sie auf den Diwan: »Sie werden auf die Zofe verzichten +müssen.« Er schloß das Strumpfband an ihr Korsett. + +»Was ist?«, frug Daisy, in Strümpfen und einem Beinkleid, das großfaltig +mit dünnen zahlreichen Plissees ihre schmalen Hüften umzischte. Sie +bürstete das Haar zurück, die Muskeln liefen aus dem Arm in den Rücken mit +einer Kraft und Grazie wie Meer. Er hob den Mund in die freie Achselhöhle. + +»Auch auf das Bad.« Er lächelte und stieß den Löffel in den Schuh. Er pfiff +leise vor sich hin, suchte im Boudoir den kleinen Koffer, wählte in ihren +Strümpfen, Dessous, warf zwei Necessaires hinein. Der Geruch der +aufgewühlten Sachen erfüllte das Zimmer. »Wohin?«, frug sie ratlos, von +innen lachend. Er schob Schubladen zu mit dem Knie, besah sich im Spiegel, +riß sie an sich: »Du wirst es jede halbe Stunde dem Chauffeur sagen.« Alles +gepackt. Er gab den Koffer durchs Fenster. Eine Hand faßte ihn draußen, +während Daisy die Nägel einrieb. Vögel schlugen herein, immer lauter, zogen +sich an Rufen höher, immer andere fielen ein, kreisten auf. Büsche dufteten +herüber, herein mit einer Gewalt und Hingabe, daß sie stehen blieb, +ergriffen, gehalten. Sie sah um auf der Terrasse, das Gitter, die Päonien. +Sie faßte den Schaukelstuhl. Verweilte auf dem Tisch, dem Springbrunn, der +Flosse eines Goldfischs. Le Beaus Arme faßten unter ihre Kniekehlen, der +Schwung in die Luft riß sie los. Nun fing er an zu laufen, schrie wieder +etwas, mit großen Sätzen, sprang in den Wagen. Unter den tutenden +Raubvogelrufen der Hupe brach wie ein gläsernes Gebäude die Stille, das +Haus, der Park mit einem Ruck entzwei. + + * * * + +Sie schwankte, schmiegte sich in die Atmosphäre, reckte sich, faßte Fuß. +Wirkung ging von ihr aus. Ihre Wünsche erfüllten sich, eh sie sie dachte. +Die Inbrunst einer Blutwelle hüllte sie ein, verließ sie nie. So stieß sie +an alles, durch die Wolke verhüllt. Die Lippen hochrot, die Finger voll +Gestein, fuhr sie auf der Rue de Rivoli. Sie hatte den Hauterfolg. Trotz +dunkler Tönung war sie durchsichtiger als die französische, schimmerte weiß +auf Silber. Zwischen alten Tapeten, in Musik, bei den gepflegtesten Frauen +fiel ihre Bewegung, selbst wenn sie den Finger nur hob, den Fuß umrückte, +wild heraus, schlug ein, machte sie zur Mitte, lenkte das andere ab, schob +alles gegen sie. Es verwirrte am Anfang sie etwas. Doch schloß die Welle +sie ab. Sie hatte nur Klang und Richtung nach Einem. Es genügte. Gab der +große Schneider, während Ballen vor ihr sich häuften . . . Manekins +paradierten, um ihren ermüdeten Blick zu erfrischen, durchs Fenster im +Parkschatten das Bild eines tanzenden Balletts, erstaunte sie nichts mehr, +es glitt ab. Vorüber strich es, neigten sich Akteure bedeutenden Namens, +Dichter ihr, selbst d'Annunzios Nelke. Es ging durch sie, wenn Frauen heiße +Blicke warfen. Es blieb nur Kälte und Hochmut, lehnten die Herren an der +Brüstung, sagten Eitelkeiten in die Loge, hatten aber hinter dem Blick, +flüsterten innen kaum verhehlt: bichette, loulou, ma crotte en or. Le Beau +umspannte ihren Horizont mit hartnäckiger Leidenschaft, erfüllte das +Erdenkbarste für ihren Körper, jede Möglichkeit ihrem Geist. Zofen im +Korridor, Wagen, Diener standen dressiert auf ihren Blick, ihre Hand, ihre +Haut. Seine Nerven lauerten auf die Ahnung eines Wechsels, heut stürzte er +in die bunte Pfauflamme der Folies Bergères, morgen sah sie steifstes +klassisches Theater, am Abend fuhren sie vorn auf dem Seinedampfer in +Geruch von Bäumen und Wassernacht. Stieß etwas aus ihr gegen die Welt, +stieß es auf Le Beau. Es gab keine unvereinigte Sekunde. Im Musée Cluny +begeisterte sie sich an alten Spitzen. Sie besaß sie am folgenden Morgen. + +Sie kleidete sich an im Boudoir: »Es reizt mich nicht, wenn Sie Ihr +Vermögen verschwenden . . . noch weniger aber, wenn Sie sich exponieren. +Polizei ist mir widerlich.« Er erbleichte ein wenig. »Es geschieht nicht +Ihretwegen«, sagte er höflich. »Es ist eine Leidenschaft.« + +Er griff in die Tasche, sein großer Körper funkelte in drei Spiegeln, das +rote Haar war ein wenig in die Stirn gestrichen. Er gab ihr Briefe an sie, +die auf verdächtige Weise kamen. Sie legte sie ihm vor, zurück, errötet vor +Zorn, der seidene Unterrock umglockte sie, als sie sich bog. Er lachte. Das +Haus ward Mitte von Versuchung. Sie gaben sich Handikap darum. Wo Daisy +auftauchte, geschah ein Start. Breschen wurden versucht, leichte Minen +gelegt. Le Beau suchte man zu übersehen. Er lächelte. Sie spürte es kaum. +Ward es aufdringlich, schürzte sie den Mund ein wenig, ging darüber. Ihre +Wirkung ward aufreizend; tauchte sie auf, war sie Zentrum, schloß um den +Kreis, sich angliedernd, immer weiteres Herströmen. Vor der Oper fuhr mit +rascher Biegung vor ihren Wagen ein fremder. Hände streckten sich ihr +entgegen. Le Beau riß sie zurück. Nun trug er eine Falte, spürte Gefahr, +streckte sich in eine wunderbare Abwehr. Es begeisterte sie, wie er +Witterung nahm, ohne daß sie begriff, was vorging. Sie ruhte nur nach ihm +hin. Als er bei ihr war, nachts, rief er etwas, sprang hoch und schoß durch +das Fenster. Am Nachmittag, als er den Korridor querte, fing ein Diener an +zu zittern, verbarg etwas, sank gegen die Wand. Er untersuchte nichts, +hatte genug. Wartete nicht mehr. + +Er löschte alle Lichter, ließ die Bedienung für den Abend ausgehn, +veränderte sich, gab Daisy die Kleider einer kleinen Mimi, sich selbst die +abgelegte Eleganz eines Alphonse. Durch den Garten aus dem Haus, im +Boulevard tauchten sie unter. Wagen rollten, sie sprangen heraus, nahmen +andere. Straßen schäumten auf, fielen donnernd zurück, Schatten bog sie in +Parkviertel, Schleifen von Laternenstraßen schwangen vor ihnen stumm hinaus +gegen das Ende. Sie griff nach seiner Hand, begriff plötzlich, wie es um +sie herum sich sammelte. Nichts Freund war, nur Jagd. Aus der Weite, dem +rotumhängten Horizont sammelte sich alles in sie zurück, verweilte eine +Minute und schenkte sich ihm ganz hinein, wie nie. Als Reisende aus Tiflis +bewohnten sie den Mont Martre, als kleine Juden zogen sie zur Concorde. Ein +chilenischer Politiker führte im lateinischen Viertel sein Knie unterm +Tisch an ihren Schenkel, zog es rasch zurück, winkte mit den Brauen, +flüsterte mit seinem Nachbar. Um ihn lag eine Sinnlichkeit aufgespart, wie +nur Weiber sie dicht an die Haut, an den Atem gebunden tragen. Erstaunt, +abgelenkt einen Augenblick streifte sie ihn. Da öffnete sich der Mund, +bebte mit den Lippen: »Zwei Uhr.« Das Blut wallte in ihren Hals, in ihren +Kopf. + +Nachts klirrte die Klinke, Le Beau ging dem Geräusch nach, auf nackten +Sohlen entflog ein Umriß. Sie lockte ihn zurück. Aber er folgte, hatte +endlich eine Spur, setzte auf diese Nummer, lief einer Figur nach im +spitzen Hut, die am Boulevard bald hochschwamm, bald untertauchte. Daisy +wachte. Schon drang das Licht vom Haus ab, ergriff in einer weichen Spirale +Notre Dame. Die silberne Brust schwankte, die Rippen starr gebläht wie von +Glas trieb die Kathedrale in die Mondwelle, glänzte mit Porzellan aus allen +Fenstern und schwebte. Bald auch waren die Türme eingelullt. Das Licht +stieg weiter, ergriff die Seine, das breite Flußband schwang am Horizont +hinauf und Kähne liefen gegen die Sternbilder hin. Dann fiel das Licht in +einen Park und hatte es mit den Bäumen, fiel kurz darauf gegen das Haus. Es +ward fast weiß. Die Gurte der Balkone herunter von einem entfernten Haus +her, wo die Linien der Eisenschnüre schon fast zusammentrafen in einem +spitzen Winkel, kam ein weißer Ballen, geschnellt, gesprungen. Es schlug +zwei Uhr. Er tauchte in Mauerschatten, schwang ins Licht, überkletterte +Barrikaden, klammerte sich an die Hausfront. Das Licht hob ihn, spülte ihn +herüber, er war am dritten Haus. Von unten stieg es herauf, der Schritt Le +Beaus hielt vor der Tür. Er kam, die Stirn mit der Hand umklammert. Ein +Sandsack hatte ihn in einer Torflucht, in die er folgte, +zusammengeschlagen. Nach der Ohnmacht kehrte er sofort zurück, sie hatte +nur zwei Sekunden gedauert, denn im Augenblick des Schlags wußte er, er +müsse zurück. »Du mußtest zurück,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen, +die Angst um ihn stieß sie gegen ihn hin. Sie umschloß seinen Nacken, trat +mit ihm auf den Balkon, flüsterte seinen Namen in die Nacht, besinnungslos: +»Chéri . . . doudou . . .«, umwärmte ihn mit ihrem Körper, liebkoste sein +Ohr, seinen Mund. + +Ein weißer Ballen bäumte zurück am Nachbarbalkon. Durch die halboffenen +Lider sah sie gehetzt vom Teufel eine Figur im Nachtweiß zurückfliehen. +Zerrissen in der Balkonecke lag ein Tuch, von Speichel feucht. Sie trug es +hinein. + +Sie konzentrierte alles auf Flucht. Er widerstand, schon halb in neuer +Ohnmacht. Die Zähne entblösten sich gierig, er war im Kampf, blieb auf dem +Posten. Sie streichelte ihn: er stand nicht auf. Sie frug, was er mehr +liebe, seine Eitelkeit gegen Gefahr oder sie, Daisy. Schmollte mit dem Mund +und lächelte, und lauschte, während sie überredete, auf jedes Geräusch. +Sein Blick fiel in den Spiegel, blieb am Bild seiner Kopfkompresse, +schüttelte fiebrig den Kopf. Sie bat. Sie befahl. Unter dem Ton zuckte er +zusammen, durchschaute den Klang, wehrte ab: »Kein Mitleid«. Je tapfrer er +sich wehrte, wuchs in ihr das feste Ziel: ihn in Sicherheit zu wissen, das +andere all war Abgrund. Sie drehte den Plan um, kam mit List, während er +fasziniert vor sich hinsah. Sie lockte ihn weg von seiner Fechterei. Sprach +von seinem Haus, dem Park, den Zimmern. Sprach, wie alles zerfließe, die +Jagd ihr Ruhe nehme und Freude, wie sie in Sehnsucht ihr Leben sich anders +gedacht. Wo sie froh gewesen, ihm entgegengereist, sei dort gewesen. Sie +sah in ihren Schoß. Er nickte langsam, schwer überzeugt. + +Sie wartete eine Stunde, verriet ihre Erfolgfreude nicht. In seinem Haus +war wenigstens ein Wechsel des Orts, parierte Gefahr. Sie fuhren dann Place +St. Michel, nahmen den Métro, erreichten Mont Parnasse, fuhren umsteigend +zur Etoile, nahmen einen antrabenden Fiaker, stiegen irgendwo aus in einer +Gasse, deren Dunkel sie selbst unbekannt umschwirrte, liefen, an den Händen +gefaßt, in den Schattenbogen, drangen in ihn ein so tief, daß hinter ihnen +nichts blieb, alles zurückfiel, nicht die Idee einer Verfolgung in der Luft +hing. Vor einer Taverne standen Wagen. Bis dorthin hielt Le Beau sich. Vorm +Einsteigen schwankte er wieder. Sie legte, während die Gassen, Straßen +zurückblieben, in das Schwindelgewoge um ihn den Körper, die Hand in sein +Gesicht, ihren Mund an sein Ohr: »Ich bin bei dir.« Voll, scharf umrissen +kam sein Gesicht ihrem entgegen. + +Über die Dienertreppe stieg sie zum zweitenmal ins Haus des, der sie zuerst +aufgebrochen. Ihr Blut suchte ihn sofort. Hier lebten sie nun. Niemand +wußte es, es drang nicht nach außen. Ein alter Arzt behandelte ihn von der +Erschütterung. Sie wartete, bis dies vorüber war, dann lockte sie jeder +Platz, selbst der fernste, denn dort war Sicherheit. Aber als selbst der +Siebzigjährige beim Untersuchen eine Schmeichelei hatte für ihren Arm, +brach sie in Weinen aus, verließ das Zimmer, warf sich auf ihren Diwan, +schloß ab, öffnete nicht vorm Abend. Maß sich die Schuld zu, ihrer Haut, +dem Wuchs, dem Duft ihres Haares, daß Le Beau leide. Denn um ihretwillen +zog er sich Feinde, erlitt er Angriff. Sie spürte, so lange sie da sei, +schiebe sich dies und dies zwischen ihn und sie und bohre ihn weg, weil sie +auffiel, weil sie reizte. Er aber trat ein, faßte das überall an, sagte: +»Liebe ich das nicht, warum verletzt du es?« + +Sie traten in die Parklauben, der Sommerduft strich darin herum, sie blieb +stehen, an der Stirn getroffen, machte die Augen zu, küßte ihn +besinnungslos. Gewärtig eines Überfalls hielt sie den Kuß an bis zum +Ersticken, sah lauschende Köpfe aus dem Rosenbeet kommen, Leitern nachts +gegen die Wand sich stellen. Von der Silberkugel zwischen den Staketen, +wogte aus der Metalltiefe Zwielichtiges, Schatten, gedämpftes Ungeheures +heran, gegen sie. Dies drängte ihr Leben zusammen, zielte es in einer +unbekannten Verdichtung gegen ihn allein. Bleich vor Erregung strömte sie +ihre Seele mit der Zunge in seinen Mund. Dachte nicht, selbst nie im +Halbtraum, der fremde, sehnsüchtige Glieder formt, an andere Männer, ja +haßte sie, wurden sie aufdringlich deutlich in der Phantasie. Die +geschmeidige Stoßkraft seines Körpers gab ihr jede Seligkeit, die ihr +Körper verlangte. Er trieb sie höher noch, als sie vermochte, schleifte sie +in die letzte Wollust, schon besinnungslos. Oft lag sie über seinem Gesicht +nachts, bog die Haare ihm aus der Stirn, lauschte, ob sie sein Traum sei. +Legte die Hand auf sein Herz und zog mit dem Finger ihren Namen auf die +Haut der Grube. Ging er von ihr, nur in das nächste Zimmer, war ihr, es sei +für immer. An ihrer Angst wuchs ihre Liebe höher, weiter, als sie von ihm +empfand. Er gesundete, war gefährdeter, je mehr er sich bewegte. Mit jedem +Tag ward ihr Auge größer, erwartender, eingestellter auf Unheil. Er aber +blieb gleich, umschürfte ihr Fleisch mit Witterung, griff an, quälte sie, +liebte sie ohne Änderung, ein Marder, ein edles Tier, voll Geist, der nie +die Beherrschung verlor, nie mit ihr sich traf in einer Höhe, die nur die +übersinnliche wahnsinnige Angst ihrer Seele erreichte. Da blieb das +Männliche zurück, sank zurück, wenn er sich ihr ergossen, flog nicht zu dem +erlösenden Wort, das ihr Mut gab jenseits der Umschlingung der Körper. +Während sie sich noch auftat, ihm entgegenatmete, durch seine Umarmung das +Hemmungslose durchbrach und aufgeschleudert flog in eine leiblose +Ergriffenheit, spürte sie unter wütenden Küssen das Zurückgleitende, Fremde +an ihm, das, was sich nicht gab: _den Mann_. Sie schlug verschleiert die +schräg gebrochenen Augen auf: »Du mußt mich mehr lieben.« Schmeichelnd +umwand sein Körper sie wieder, sein Geist begleitete seine Hände, gab ihnen +Linde und glatte Bewegung, sagte ihr Worte der Liebe, toll, +ausschweifender, als ihr Hirn es träumte, machte sie hingeflossen, in jeder +Blutfaser geöffnet nach seinem Angriff -- er trieb sie in den Abgrund, +erhob sie aus den kleinen Seufzern und Stammeln zu Geschrei, bis ihr Kopf +besinnungslos ward . . . aber erwachend spürte sie unsinnige Angst um ihn, +daß sein Herz das letzte Zerschmelzen kühle, und empfand verzweifelt, was +er nicht zu geben vermochte, was fehlte, und daß sie ihn darum auch lieben +mußte, mehr als er sie. + +Nachts kam er spät zurück. Zwei Arme fielen in der Pergola um seinen +Nacken, eine Stimme, die kaum sprechen konnte, flüsterte seinen Namen. +Zugleich strömte der Weiße-Flieder-Duft mit einem Hauch herunter, Dolden +bebten am Parktor nieder und berührten ihre Gesichter. »Lieber«, atmete +sie. Er hob ihr Gesicht ins Helle. Da hing es, nur sammelnd und aufnehmend, +was sie erwartete, was auch kam. In den Tränen, die es übergossen, sah er +mehr, als was sie bot. Es leuchtete tief in der Stunde und seinem guten +Willen kam es entgegen herauf und er spürte ihr Warten, ihre Angst, die sie +verschwieg. Sie hatte die halbe Nacht am Tor gewartet. In eins zerflossen +gingen sie hinein. Weich von den Tränen und gerührt von seiner Milde mahnte +sie sein Versprechen zum erstenmal die Nacht. Er spürte, wie schwer es ihr +ward. Stand auf, hingegeben an solche Innigkeit, schob den Hochmut +beiseite, brachte aus dem Nachtblau gelb aufflimmernd vom Fenster den +Globus, legte ihn in ihren Schoß, brachte den lauen Blütenwind mit in ihr +Bett: »Was willst du?«, frug er und bot ihr jeden Fleck, den sie benennen +wollte mit dem Fingernagel. Dorthin führen sie morgen. Schon der +Sonnenaufgang hieß Abreise, schon der Mittag Sicherheit. Ihre Liebe stieg +aufs Äußerste. Sie verschmähte es. + +Sie wählte nicht, nahm nicht. Sie schenkte ihm ihre Angst. Verzichtete auf +die Ruhe, um zu leiden für ihre Liebe. Es war das Höchste. Unverlierbar +nahm ihn ihr Auge; als sie ihm die Kugel zurückgab: »Ich will es nicht«, +sagte sie, ihre Stimme trug keinen Laut mehr vor Verwebtheit. Legte sich +zurück, unter ihm kaum mehr lebend, der über sie kam mit ungekannter +Leidenschaft und grausamen Lippen. Was blieb noch, konnte noch kommen? +Entzücken selbst der Tod. + +Tage, Wochen kamen, gingen in der Erwartung. Sie lauerte auf eine Gefahr, +die nicht kam. Manchmal glaubte sie sie nah, gewiß, schon im Vorsaal. Das +stieg und fiel mit den Graden der Hingebung, die sie dem Mann verband. +Manchmal, wenn sie ihm ferner war in ihrer Blutwoche, vergaß sie es, schrak +aber dann zurück. Da die Wochen aber leer waren, ermüdete sich die +Spannung, ihre Augen wurden beruhigter, matter. Menschen streiften das +Haus, sie mischten sich an die ersten Vorposten heran, es ging ohne +Zwischenfall. Ihr Name mit seinem hatte schon Patina in der Verschmelzung, +keinen hörte man allein. Man achtete, nahm hin, was hier fest vereint +schien, etwas resigniert, ein wenig gelangweilt. Es war ihnen fern schon, +gegründet, kein Raub mehr. Nichts geschah. Kein Schrei, keine Hand gehoben +zu ihrer Entführung. Niemand warf sich in Abenteuer. Die Lust umschlich sie +kühl. Sie ermüdete mit einemmal. Aber Le Beau federte die Sicherheit erst +recht, gab ihm knabenhafte Wildheit. Das Raubtierhafte, das verteidigte und +lauerte, spielte nun mit dem Gefühl, tollte darin, daß er sie hatte. Allein +der Bogen der Angst war zusammengewachsen mit ihrer Liebe. Es löste sich +nicht ohne Lockerung auf dem Grund des Gefühls. + +Sie ging spazieren, allein, ruderte einmal am Bois, ritt hin und wieder. +Als ihre Schenkel den Gaul erstmals fühlten, traf sich ihr Herzschlag mit +Entferntem, sie, wußte nicht mit was, war es ein Schwan im Uferduft, eine +Mispel in der Pappelkrone, ein Auto, das den Horizont anrannte. Sie kam +anders zurück. Als sie die Bibliothek kreuzte, wich ein bohnender Arbeiter +aus, glitt ab, stürzte hinter ihr aufs Parkett, wobei er sich an ihrem +Ärmel instinktiv hielt. Aufschreiend blieb sie zitternd an der Wand. Am +Mittag in der Sonne lachte sie über die plötzliche Furcht, aber die +komische Bewegung der Abwehr, die sie gesehen, verbreitete sich, machte sie +düster, schweigsam. Ihre Liebe gliederte sich darin. Der Überschwang kehrte +zurück. Der Schwung dämpfte sich. Was sie aus der innersten Tiefe gehoben, +gefürchtet, die Angst und die Sorge, standen allein, kühl entfernt, die +äußerste Spitze des, was sie durchlebt, war nichts, ein Betrug. Sie tötete +diesen Gedanken und lächelte. Aber wartete nicht mehr in die Ferne, +zitterte nicht mehr um ihn, wenn er ging und kam. Ein Gleichgewicht kam. +Sie reisten. + +Er frug nach Plänen, Wünschen, lauschte auf Ungesagtes, was ihr selbst +nicht bewußt war, verwöhnte sie namenlos. Dirigierte die Reise, zeigte ihr +kaleidoskopisch, kennerisch, abwechselnd, Wirkungen vertauschend, +untermalend das Hauchdünne, verwischend das Grobe, die Schichtung der Welt, +die man einsog, bewunderte, genoß. Suchte nach Flüssen, die im Rauschen ihr +genehm, Wälder, deren Schattenfall ihrer Lunge lieb waren, Ebenen, die das +Auto kielte, Gebirg, in dem der Aufschwung mit dem Tagaufgang über die +Jacken rann. Doch einte die Landschaft sie nicht noch tiefer, die Bilder +glitten harmonisch. Wo aber die Kontraste stiegen und rasten, gab es keinen +Brennpunkt, in den ihr Gefühl zusammenfloß, sondern sie jagten auseinander, +so dies und so das. An einem Abend sahen sie eine italienische Oper. In der +Nacht sah Daisy Le Beau im hellen Licht neben sich. + +Seine Beine wie aus Bronze spielten den Rumpf hinauf, der den Fechter +zeigte, zusammengerissener und stählerner in der Spannung wie in den +Marmorsälen die Ringer. Sein kluger Kopf war voll Geist, auch wenn die +Lider sich schlossen. Sie sah es klar, zum erstenmal. Denn es trat in sie +in dieser Nacht, zu sehen ohne Rausch und ohne Haß. + +Das Licht flimmerte kühl, und es banden sich die Enden der großen +Kantilenen der Sängerin an das Ende ihres erwachten Bewußtseins, und an der +Höhe der Kantilenen ermaß sie die Höhe des, was sie erstrebt, erglüht, als +ihre Stimme noch das Ziel war und ihre kindliche Sehnsucht glaubte, dort +sei der Ruf. Sie drehte um. Sie sah den Körper neben sich, edel und schön +wie wenige, auch liebte sie ihn. Sie fühlte alles, was von ihm zu ihr +gekommen, Begeisterung, Hingabe und Wollust, aber es blieb unten. Genügte +es? War es so viel, daß es sie erfüllte? Es war, was ein Mann an Liebe ihr +geben konnte, fast mehr. Aber sie spürte wie Ziehendes, sie Beschwingendes +und Reißendes die Spitze des abends eingeatmeten Gefühls über sich +schweben, sah alles sich hinneigen nach der Höhe, erblaßt fiel ihr Kopf +zurück. Die lange Strecke, die lag, zwischen dem, was sie erträumt und dem +was sie erreicht und besaß, traf sie vernichtend. Lange lag sie kalt, halb +schlafend. Ein Gesicht tauchte auf, sie lächelte, es verblaßte wieder. +Lange lag sie gewiegt von Dingen, die sie streiften, nie entfachten. Aber +im langen Wachen erkannte sie unerbittlich, wie leer ihr Zustand schwebe +und daß dies nicht sie erfülle, und wie unendlich überlegen ihr Gefühl +schon dem Augenblick geworden, in dem sie war. + + + + +Der dritte Abschnitt + + +Ein rotbärtiger Mann wartete. Der Vorsteher meldete das Verbot des Zuges. +Der Parlamentarier ließ sich nicht sabotieren, stieg auf den Tender und +verlangte eine Lokomotive. Das Personal machte ihm eine Ovation, fuhr sie +heran. Es war Abend. Er redete von der Feuerung herunter. Dann gab er ganz +behutsam Daisy die Hand, sie stieg herauf, bald waren die Lichter hinter +ihnen. Sie fuhren durch die Provinz. Durch den Süden sprach er von Stadt zu +Stadt. Dann kamen sie quer durch die Bretagne. Ein Telegramm rief ihn von +St. Malo zurück. Wieder kamen Olivenbäume. Jeden Tag liefen +rückwärtsgeschleudert erleuchtete Säle mit Menschenmassen zurück. Er kam +aus dem Handdrücken der Komitees direkt in den Wagen. Sie gab ihm die Hände +heraus, er stieg ein. Neue Chausseen bäumten sich, der Mond schwankte +langsam durch die dünnen Alleebäume. Einmal küßte er ihr die Hand, sie +lachte eine Zeitlang über seine Zärtlichkeit. Sie saß in der ersten Reihe, +als in Valence er während des Sprechens die Budjetrede aus Paris erfuhr und +eine wilde Kavalkade dagegen aufmachte. Er aß dann den ganzen Abend. +Unterwegs stieg seine Wut. Abends nahten drei Laternen, sein Geburtsort +Libourne. Seine Vettern erwarteten ihn mit den Weibern, die in Holzschuhen +von einem Bein aufs andere sprangen. Sie staunten sie an, indem sie sich in +den Taillen weit vorneigten, die Arme auf den Rücken schlugen. Er wurde +verlegen, legte ungeschickt den Arm, daß sie fast zusammenbrach, auf ihre +Schulter. Sie lächelte mit den Weibern, nahm sie unter den Arm. Als sie +ihnen ein Schlafzimmer zu zweit anboten, lachte sie, ging hinaus und fuhr +ins Hotel. Die Weiber klatschten auf die Schenkel, grinsten, verhöhnten den +Rotbart. Er ging voll Wut ins Hotel, sie abzuholen, vor ihrem Gesicht +begann er die Hände zu bewegen, als sei sie aus Glas. Er sprach kein Wort. +In der Versammlung stellte er eine Resolution auf, die dem Budjetredner ein +Wort ins Gesicht setzte, das man nur in Libourne verstand. Die Männer +stampften wie die Ochsen und rissen die Mäuler bis gegen das Ohr auf. Sein +Cousin Louis trug es aufs Postamt. Der Beamte weigerte sich. Da holte er +den ganzen Saal, sie steckten die Gartenhütte an, legten ihn auf den Rücken +und spritzten ihm aus einem Winzergummi Schnaps in die Gurgel, bis er es +tickte. Am Mittag schlachtete er ein Schwein. Mit blutigen Armen stand er +breitbeinig im Hof, hob den Kopf und sah sie mit seinen weit +auseinanderliegenden Augen an, seine bloße Brust dampfte. Mittags spät +saßen sie im Auto. Er strahlte und wagte sich zum erstenmal dicht neben sie +zu setzen. Sie zog den Mund spitz, hob den Finger und streckte ihn nach dem +Polster auf der anderen Seite. Sofort glitt er hinüber. In Toulouse zog er +den Rock aus im überfüllten Saal, lief auf dem Podium herum und schrie wie +ein Bär, er war fast heiser, sein Publikum raste. Dem Saaldiener schlug er +in guter Laune auf den Rücken, der bekam einen Hustenanfall, wurde auf drei +Stühle gelegt, bekam die Arme gehoben, den Bauch massiert. Sie ärgerte sich +und beachtete ihn einen Tag nicht. Sie fuhren nach Nizza zu einer +Kundgebung der italienischen Irredentisten. Da sie nicht mit ihm sprach, +räusperte er sich nach der Uhr jede fünfte Minute. Sie sah hinaus. Die +Bläue spielte um die Äste mit einer Leichtigkeit, als durchdrängen sie +sich. Er benutzte den Augenblick, die Hand herüber auf ihr Knie zu legen. +Zornig sah sie ihn an. Sein schwerer Nacken zog sich ein, die schmalen +Augen wurden ängstlich. Er tat ihr leid, sie griff mit der Faust in seinen +Bart, zog ihn von der einen Seite zur anderen, schüttelte ihn und ließ ihn +fahren, er versuchte einen Griff wie nach einer Magd. Sofort zog er sich in +die Ecke zurück, fragte traurig und kindisch: »Sie haben einen Zug um den +Mund, was ist?« Sie lachte. Er schüttelte sich vor Behagen und strich den +Bart glatt. + +Vom Zug kamen sie direkt ins Theater. Ein trentiner Dichter sprach eine +Hymne an das italienische Meer. Der Raum war mit italienischen Flaggen +geschmückt neben den französischen. Der Dichter trat einen Augenblick in +die Loge, den Parlamentarier zu begrüßen. Ihre Blicke kreuzten sich einen +Moment. Doch der Franzose stellte ihn ihr nicht vor. Sie sah einen Schatten +von seinem Auge, als er hinausging. Die Verse langweilten den +Parlamentarier, er wurde müde und schnarchte, aber er mußte bleiben, da er +nachher sprach. Daisy stand auf bei der zweiten Nummer, ging leis hinaus. +Sie ging durch das Foyer. Nun schritt sie gegen einen Spiegel, sah sich, +erreichte die Treppe. Als sie den Pelz um den Hals fester zog an der Tür, +trat mit zwei großen, aber langsamen Schritten der Dichter von dem Pfeiler. +Sie nahm seinen Wagen. + +Der Frühling stieg mit sehr blauen zarten Morgenstunden aus dem Luxembourg. +An einem Abend, den die Boulevardbäume mit einer blassen Schwermut trugen, +stiegen Ballone aus einem Hoteldach, stiegen mit kleinen Kerzen und +erleuchteten an dem Ende der schwärmerischen Kurve den Himmel mit ihrem +Namenszug. Vor Fontainebleau machte ein Torpedoauto eine ovale Schleife, +ihr Wagen bremste und fuhr in den Graben auf zwei schleifenden +Hinterrädern. Der kleine Spritzer hatte gedreht und verschwand hinter einer +grauen Staubwand. Auf der Chaussee lag ein Strauß Narzissen mit einer +italienischen Schleife. Später fand sie einen Brief darin. + +Er kam am Morgen. Selbst sein Parfüm fragte nach ihren Wünschen, die er +erriet, daß es sie bestürzte, denn er brachte ihr keine Geschenke, aber er +lauerte auch auf das Unbewußte jedes Reizes in ihrer Seele. In seinen +Arbeiten kam ihr mit aller Genauigkeit dieser und jener Tag und Gedanke +wieder, nur aus der Frage zum Endgültigen geführt, entgegen. Seine +Schöpferkraft sammelte sich in Verkleidungen um sie, er drang in das +Dunkelste und Träumerischste ihres Lebens und erregte mit der tastenden +Verführung seines Geistes. Sein Kopf war antik-haarlos, die Augen tief und +umschattet, aber der Zauber seines Hirns verstrickte mit einer +Überlegenheit, selbst wo er bat, daß er sich aufhob. Als sie ihn nicht +empfing, sandte er ihr das Gedicht, das die Adria zur Revolte aufrief, aus +dem Theater in Nizza, um ihr zu zeigen, daß dieser Ehrgeiz und sie das +Verehrungswürdigste seien in seinem Leben. Die Aufrichtigkeit führte sie +dicht zu ihm. + +Der französische Staat ließ ihm als Gast Notre Dame allein läuten. Er kam +zu ihr: »Es war keine Schönheit, da du fehltest.« + +Er sagte drei Stunden vor Beginn der Premiere ab, denn Daisy lag an Grippe. +Das Telephon rasselte ohne Unterlaß. Er stellte es ab. Vor dem Zimmer stand +ein Boy, der niemand einließ. + +»Drei Monate Reklame . . . .« flüsterte der eine der Direktoren, als sie +den Boy bestochen hatten, im Salon. Er zuckte die Achseln, als sie den +Tantiemensatz um fünf in die Höhe hoben. »Acht«, sagte der andere leis und +bebend vor Wut, denn sein Gegenüber nahm den Finger nicht von der Lippe. +Daisy schellte. Er ging hinein. Sie war aufgewacht: »Gehen Sie doch«. Er +machte eine geringschätzige Gebärde, er sagte ihr, es läge nichts daran, +denn diesen Ruhm verachte er, es gäbe nur jenen einen, der ihn in der +Öffentlichkeit reize, und er wies auf das Gedicht, das sie auf dem Tisch +liegen hatte. Er ging leis hinaus, als sie die Augen schloß. + +»Zehne«, sagte der Direktor vom Fenster her, wo er mit den Nägeln das Glas +zum Zittern brachte. Er schüttelte stumm den Kopf. Da bekam der andere +einen Kopf wie ein Puter, der erstickt, hob die Stimme und schrie nach ihm: +»Schieber«. + +»Buffone«, er hatte Schaum auf den Lippen. »Marquis de la bouche.« + +Mit einer aalglatten Bewegung gab er sofort nach, zog sie auf den Korridor, +besprach sich, sagte zu, vergaß die Beleidigung -- denn er fürchtete, daß +ihre Stimmen Daisy weckten. + +Gegen Morgen kam er zurück, niedergeschlagen. Sie wagte nicht zu fragen, es +schien eine Niederlage. Sie war frischer, machte Puppen aus den +Kissenenden, schmollte mit ihnen, ließ sie tanzen, lächelte nach der Seite, +bis er auf den Knien lag. Mit dem Frühstück kamen Zeitungen. Sie sah, daß +sein Erfolg riesig war. Er sagte, da sein Blick den ihren nicht traf in der +Loge, habe er die Niederlage gewünscht. Denn ihr Auge allein habe ihm sagen +können, daß dieses Rufen bedeutend für ihn, ja eine Freude sei. + +Er saß auf dem gelben Stuhl ohne Lehne und plauderte den Nachmittag mit +ihr, den sie noch lag. Ein Brief kam, er erbrach ihn, biß die Zähne in die +Oberlippe, drehte sich um und schlug die Hände vor das Gesicht. + +Sie las den Brief. Er kam bis ans Bett, als die Augen sich trafen, sah sie, +wie er schwankte. In der Tiefe, hinter den goldbraunen Ringen entfernte es +sich. Zwei Falten preßten die Augenschlitze gegen die Nase. »Laß packen«, +sagte sie. + +»Du bist noch krank.« Sie nickte ein wenig und schellte der Zofe. Er senkte +den Kopf, ging hinaus. + +Im Zug schmerzte sie der Rücken bis zum Knie, dann die Arme. Wie sie sich +legte, linderte sie nur die Sekunde. Im Tunnel verlor sich das Fieber, +gegen Mittag kam es heftig zurück. Im Schlafwagen lag sie eine Stunde. Das +Decklicht irrte in blauen Kreisen um sie. Sie setzte sich in die Ecke, in +Decken gehüllt. »Laß dich nicht stören«, sagte sie. Seine Augen waren +feucht, kalt nach innen gerichtet, wo er angespannt sich beschäftigte. Sie +nahm eine Zeitung, hielt sie vor das Gesicht, als lese sie, damit er ihre +Schwäche nicht sehe. Er hielt die Hände nebeneinander und sah durch die +dünne Haut auf sie. Die roten Lichtreflexe machten eine unruhige Zartheit +auf ihren Gliedern durch dies Transparent von rosanem Blut. + +Sie kamen bei Regen an. Ein Kommissionär mit schwachsinnigen Augen +umkreiste sie wie ein Hund und fing plötzlich mit den Armen zu drehen und +zu schreien an. Hinten begann eine rasende Musik. Der Regen ward so toll, +daß, als sie auf der Terrasse standen, über den Platz die Herangelaufenen +mit hochgeschlagenen Kragen in die Cafés zurückstürzten. Schwarze Männer +standen auf der Treppe, ein langer Frack warf vom Gaskandelaber den Hut +hoch, knickte die Knie, fuhr hoch, stank aus dem Mund wie ein Fisch. Im +Wagen begann Daisy zu weinen vor Müdigkeit. An der Ecke sah sie die dünne +Erscheinung über den leeren Platz rennen. + +Gegen Abend blickte sie vom Balkon, der Nebel erfrischte. Eine Ziegenherde +kam aus der Nebengasse. Ein Radfahrer bog um und fuhr dem Leittier in die +Beine. Es sprang um, jagte auf die Straße. Die Tiere liefen mit geblendeten +Augen an die Häuser. Einige Geiße bockten, liefen irrsinnig im Kreis, +warfen Kinder um, verletzten einen Gendarmen im Gesicht. Der Hirte suchte +das Leittier, sprang durch die Gruppen und pfiff auf dem Fingergelenk. Da +nahte Musik, alles verlief sich Die Musik hielt vor dem Hotel. Daisy ließ +sich auskleiden. + +Später drang rote Glut in die Fenster. Als er vom Balkon hereinkam, hob sie +den Kopf aus den Kissen. »Die Unterbeamten«, rief er, schon im Salon. Sie +schloß die Augen unter der Müdigkeit der Schlafpulver. Dann gingen im +Nebenzimmer immer Türen, ein Organ sprach, als gurgle es den Mund voll, das +schläferte ein. Die Türen klappten rascher, die Reden gingen wie ein Bad, +es umplätscherte sie aus der Ferne. Sie hatte Durst, bog den Kopf zur Seite +zum Trinken. Da sauste er vorbei, sie griff nach seiner Hand. +»Deputationen«, flüsterte die Zofe. In der halbgeöffneten Tür, als sie +hinausging, stand ein fetter Herr und verbeugte sich tief mit einem fiesen +Lächeln. + +Immer ging seine Stimme wie ein Uhrzeiger durch die anderen, die +herumwanderten, leis klangen, bald spitz, manchmal quatschisch schäumten. +Sie bekam Sehnsucht, ihn zu sehen. Sie sah ihn nur im Sprung. Später +erwachte sie, es war Lärm auf der Straße, sie sah in sein überhitztes +Gesicht. »Der vierte Zug«, rief er ihr zu, als er auf den Balkon stürzte. +Als er zurückkam, frug sie: »Was war es«; sie hatte geschlafen in der +Zwischenzeit. »Studenten«, stöhnte er. Sie verstand ihn nicht. »Was wollen +sie?« »Provinzen.« Sie begriff im Halbschlaf die Zusammenhänge nicht mehr +und schlief sofort ein. + +Sie sah in tiefblauen Himmel, gewölbt und fließend wie Glas. Er stand an +ihrem Bett. Sie sah hinunter. Singende irredentistische Vereine zogen zum +Hafen. Der Schlaf hatte sie erholt, sie legte sich herum, um liegen zu +bleiben. Er nahm sie an der Hand, sie stand auf. Beim Anziehen bekam sie +Fieber. Sie hielt ihm den Puls hin. Er fühlte, verfärbte sich ein wenig, +dann drehte er sich um. Sie sah nicht, was vorging. Es dauerte nur kurz. +Dann sah er sie fragend an. Sie zog sich weiter an, eine solche Spannung +lag in seinem Blick. Er hob sie hinüber ins Boot. Die Molen waren schwarz. +Auf der Triere ward eine Fahne gelegt. Er trat darauf. Sie hörte jedes Wort +aus dem Theater. Die Schärpen standen grell über den Hemden wie auf +Schilder gelegt. In der weißen Glut platzten die Köpfe fast. Sie standen +wie Zinkknöpfe, heiß und schwitzend. Um sie herum lagen Schiffe mit +Tribünen, von denen die Photos unaufhörlich knackten. Ein amerikanisches +Boot suchte ständig die Sperre zu durchfahren. Die Menge wartete, bis die +Glocken den Berg herunterkamen. Dann schaukelten Tücher über dem Schwarz. +Eine Brandung erhob sich am Ufer. Aus Marmor stieg ein Adler von der +Klippe. Eine dumpfe Salve knatterte hinter der Halbinsel. Dann sprach er +jene mystische Revolte, hatte die Hände gegen die Brust gestemmt, die Beine +eine kleine Spanne auseinander. Auf seinem Kopf lag eine Entschlossenheit +der Wollust, als wiege sein Hirn sich in dem Gedanken, den er mit großen +Rhythmen durchmaß. Unter seinen Sätzen aber, die ihm die Höhe seines Lebens +waren, kam aus der Tiefe des Meeres der Glanz langsam herauf. Aber wie er +schloß, überkam sie eine sinnlose Traurigkeit, sie fiel fast zusammen. + +Das Meer schäumte ein wenig, als sie zurückfuhren. So lange sie fuhren, +streichelte er unter dem Mantel ihre Hand. Sie ging sofort in ihr Zimmer, +schloß ab, kleidete sich aus. Dann sprang sie heraus, ließ sich anders +anziehen, legte sich auf den Rücken. Im Nebenzimmer telephonierte er nach +dem Arzt. Er verlangte Rom, einen Spezialisten, rief Summen ins Telephon, +trommelte an ihre Tür. »Öffnen Sie«, sagte sie der Zofe. Im Halbdunkel +beugte er sich über das Bett. Sie brachte den Blick nicht gegen seinen zum +Fixieren. »Welches Unglück«, stöhnte er. Er fluchte, verwünschte den Tag, +maß sich die Schuld zu, daß sie hierher gefolgt, aufs Meer gekommen. Sie +lächelte. Das Telephon rief ihn hinaus. Im Dämmern sah sie auf dem Tisch +etwas Helles. Es mußte vom Mittag liegen. »Schließen Sie«, sagte sie der +Zofe. Sie machte das Telegramm auf, las, bückte sich, krümmte sich wie eine +Katze. + +Er klopfte an die Tür. Er rief durch das Schlüsselloch, er störe sie nicht, +nur bitte er, daß sie den Arzt empfange, wenn er komme. Dann ward es still. +Später kam er noch einmal, sie hörte ihn hin und hergehen, sein Schritt war +beängstend leis, verhalten. + +Nur sie habe Sinn für ihn, murmelte er. Er sprach lange mit sich, die +Portiere dämpfte es. Auf dem Tisch stand sein Bild. Daisy sprang auf. »Der +Arzt«, schrie es im Gang, im Nebenzimmer flog das Fenster auf, sie hörte +einen stehenbleibenden Motor. Sie nahm eine Nadel, zielte dreimal nach dem +Bild, steckte sie rasch in ihr Haar, sie kam durch ihre Tür zum Korridor, +durch die zweite Treppe auf den Gang, dann in das Vestibül. Sie fuhr über +Mailand nach Turin. Dann nach Lyon. Das Fieber ließ nach, sobald sie +härtere Luft atmete, in einer Stunde war es vorbei. Von da fuhr sie bis +Calais. Mit dem Fünf-Uhr-Dampfer kam Syg. Sie schritt mit dem Tuch, ohne +aufzuhören, winkend über den Steg auf sie zu. + + * * * + +Der Mond flog, ein Vogel, durch den Apfelbaum; Die Syringen hingen schwer +und rot über den Kies; Über den Hyazinthen strudelte die Luft in einer +Kupferfäule. Zwischen den Zweigen des Gebüschs fing das Dunkel erst an und +bebte. Bienen stürzten in die Höhe und von ihren übervollen Poren +schaukelten hochgetragene Blüten langsam und taumelnd in das Wasser zurück. +Die tiefgesenkten Gartenfenster brachen mit runden Quecksilberbogen aus den +Säulen heraus. Die magische Tiefe des Glases blätterte sich nach innen in +den schimmernden Kreisen und sog den Kiesweg mit den Tulpen in einer +Spirale hoch und in sich auf. Aus der Gartenhütte taumelte ein Gegenstand +mit unheimlichem Schütteln, schlug wild gegen den Apfelbaum, kam in den +Mondschein, torkelte in ihm über die Wiese nach einer Maus. Dann hielt er, +verdrehte die Augen, schrie »Do . . . go -- -- go. Dogo . . .«, schnurrte +und steckte den Schnabel zwischen die Flügel. Der Mond, wie ein unsichtbar +geschlagenes Schild, war weiß von Metall, zitterte durch den Himmel. + +Dies alles brachte ihr die Heimat nahe, wenn sie Sygs Hand hielt. Sie +gingen angeschmiegt durch den blauen Dunst der angefachten Nacht. Aber es +trug sie nicht hinüber, sie hatte nur Abwehr. Die Unruhe war gewichen, +sobald sie Syg sah und spürte. Dies aber, dachte sie im Bett, was sie froh +machte, war nur die Gegenwart der Schwester, Sygs Figur und Stimme, vor +deren naher Gewalt das Gelebte zurückfiel. Sie empfand Ruhe und Stille. Sie +empfand sogar in Vaudreuils Grüßen das geheime Suchen und Fragen, aber sie +war so sicher, daß sie sie unbefangen zurückgab. + +Elfmal schlug die Uhr, dünn und silbern. Der Ton ging hinaus, wo der Glanz +nicht nachließ. Syg konnte nicht schlafen, legte sich herum. Sie lächelten +sich in das Gesicht. Der große helle Raum stand voll Mondstaub. Vor dem +Fenster schwankten Weidengerten auf und nieder, obwohl kein Wind ging, wie +der bebende Rücken eines Tieres. Nun begannen im Boudoir die Silbersachen +zu leuchten, die Bettseide wurde ein Netz von zartestem Weiß, nun stand der +Mond mitten im Rahmenkreuz und durchstieß gelb und flutend das Fenster. + +Daisy richtete sich auf, als lausche sie: »Und Well?« frug sie und horchte +hinterher . . . »und Well? . . .« Syg sprang aus dem Bett. Der Balkon war +mit wogendem Lichtnebel über den Kletterrosen zugezogen. Die Nacht wurde +immer wärmer und durchsichtiger, schon traten die Figuren vor der +hintersten Hecke deutlich heraus. »O«, flüsterte Syg und führte die flache +Hand über das Geländer. Stück auf Stück der Jugend gaben sie sich in die +Hände, hinüber, herüber wie Bälle, und spielten sie sich zu . . . die +Bäume, die Gouvernante, die vertrocknete Fischkugel, den Ameisenbau. Wie +sich die kleinen Dinge, deren zärtliche Erinnerung sie am sorgfältigsten +erfüllte, aus ihrer Erinnerung hoben, schmolz sie das Gefühl zusammen, daß +die Jahre hinaustraten zwischen ihnen . . . Tage flogen auf und hoben sich +in sanften Farben wie aus Strohhalmen abgesandte Kugeln und schwammen in +den Garten hinein. Im Scheitel der Nacht hing der Mond fröstelnd und starr. + +Die Uhr schlug. Vögel sangen, den Kopf noch an der Brust, in das wollüstige +Grauen. Das Gras begann zu leben, und der Tau glühte mit einer hingegebenen +Leidenschaft an der Erde. Daisy bog sich aus ihrem Bett über Sygs klares +Gesicht. Sie empfand, daß ihr Kopf wie ein Spiegel denselben Ausdruck +trage. Sie empfand das Glück dieser Gegenwart mit einem berückenden Gefühl. + +»Wie lange hattest du Fieber, Syg?« + +»Acht Wochen.« + +»Arme, doch wirst du in Firenze nichts tun wie liegen und blaue Luft +atmen.« Sie legte den Kopf an Sygs Brust und liebkoste sie mit der Wange, +denn die Erinnerung der Schmerzen, die Syg gelitten, quälte sie in dieser +Stunde der Seligkeit mehr, als sei es ein eigenes Leid. + +Die Uhr schlug. Syg gähnte; zog die Beine herauf und schüttelte die Locken, +reckte die Arme. Sie war zu faul zum Aufstehen. Sie schellten nach dem +Frühstück. Die Zofe brachte es zuerst Daisy an die linke Seite des mit +breiten Stäben gegliederten Messingbettes. Sie wies nach Syg. Das Mädchen +sah verwirrt von einer zur anderen. Sygs blaues Haar wallte um das ovale +Gesicht, sie hatte das Kinn auf die Hand gestützt. Sie sah mit den Augen, +die tief und wundervoll ausgeschnitten und mit leidenschaftlichen Schatten +befiedert waren, dem Mädchen zu. In ihrem Weiß lag ein violetter Schimmer. + +Sie wurden ohne Pause verwechselt. Die Bonnen kannten sich nicht aus. Der +Kutscher stammelte. Ärgerlich rief Daisy: Pha . . . lux . . . Freunde +vertauschten sie. Aber dies band sie nun erst aneinander, denn in jenem +Wechseln der Körper und Erscheinung fühlten sie hingegebener die Harmonie. +Sie lachten sich an vor dem Spiegel. Sie zogen sich verschieden an, machten +sich unähnlich. + +Syg trug die Haare hoch um einen dreigezackten Pfeil, Daisy zog sie unter +einer Perle, die über der Stirn lag, halb über die Ohren und scheitelte den +Kopf. Syg trug dunkle Seide. Daisy ging ganz weiß, der Wind schmiegte sich +in die kleinen Blumen des Battists und der Boa. + +Umsonst. + +Sie tauschten den Puder, die Korsetts, die Rotstifte. Syg blaßte ab wie ein +Pierrot. Daisy ging mit anmutig erhellten Wangen. Doch wie sie sich +bemühten, stieg die Verwirrung. Da gaben sie nach, Syg hatte eine Grimasse, +sie tauschten die Rollen. + +»Sie baten mich, die Kette zu besorgen«, sagte ein junger Kanadier, reichte +Daisy ein Etui. + +»Es war meine Schwester«, sagte sie. Sie trug ein silbriges Abendkleid mit +Schwarz, ging hinaus, Syg zu rufen. + +Sie kam zurück mit Goldpuder und einem roten Samt. Er überreichte es ihr. +Sie dankte. Die Tür ging auf. Syg kam in einem blauen Schneiderkleid wie +von der Straße, gab ihm die Hand und frug: »Haben Sie meine, Kette, John?« + +Verblüfft sprang der junge Mann auf: »Haben Sie noch eine Schwester und wel +. . .« Syg klatschte in die Hände, nahm ihn bei den Ohren, schenkte einen +Kognak ein. + +Jeden Tag schob Syg die Abreise hinaus, jeden Morgen freute sich Daisy und +jeden Abend litt ihr Gefühl, das um Syg Sorge trug und doch nicht +vermochte, sich von ihr zu trennen. Die Tage gingen wie ein blauer Mond +nach dem anderen am Fenster vorüber, und Dogo saß in jedem, auf dem Zweig +des Faulbaums sich schaukelnd. + +Fribaurt rief an auf der Durchreise, Syg nahm den Hörer. Er kam nach einer +halben Stunde. Daisy empfing ihn. Er sah ihr von unten in die Augen, und da +er ein geschärftes Ohr hatte für das herbere in Sygs Organ, frug er, den +Rücken weich, hündisch, biegend: »Wozu die Komödie?« Sie gingen auf die +Veranda. Sie hob den Finger an die Lippen. + +Unter ihnen stand Syg, vor ihr ein junger, schlanker Gärtner. Sie tollte +und sprang um ihn herum, verzog das Gesicht, schüttelte den Kopf. Sie frug +ihn, er sagte etwas. Sie preßte die Hände in die Hüften, daß die Ellenbogen +nach auswärts standen und lachte. Ihre Bewegungen waren in diesem +Augenblick ganz unerlöst und kindlich. Dann frug sie wieder. Er sagte einen +slawischen Namen und zischte. Sie schüttelte den Kopf und lachte noch +heller. Sie faßte ihn unter dem Kinn, richtete sein Auge nach ihrem (denn +er schlug es nieder) und horchte angespannt, dabei bewegte sie die Nüstern +in Spott. + +Er errötete, dann schrie er mit voller Stimme: »Zsigis«. Syg blieb ganz +ernst, hob die Hand, fuhr ihm die Grenze der Stirn entlang, sagte ihm etwas +ins Ohr und ging lachend die Treppen zur Veranda hinauf. Oben blieb sie +stehen: »Pony« . . . rief sie. Er hielt an, wandte sich um, errötete und +blickte hinauf. Dann wurde er ganz blaß. Sie winkte. Er ging. + +»Warum nennst du ihn Pony?« + +»Wegen der Haare.« Auch ihre Locken hingen gefächert in die Stirn. + +Daisy preßte plötzlich die Hände fest zusammen: »Fribaurt fährt Donnerstag +nach Italien . . .« Sie stockte. Mit einem seltsamen und nie gesehenen +Ausdruck sah Syg an Fribaurt hinauf und wieder herab, zuckte kaum deutlich +die Schultern. Aber Fribaurt, der stark nach einem süßen Wasser roch, sah +es nicht, denn sein Blick folgte dem Gärtner, der in den Büschen +verschwand. + +Aber Daisy vergaß den Ausdruck nicht, mit dem Syg den anderen angesehen. +Sie blieb den ganzen Tag dicht neben ihr, als ob schon die Entfernung eines +Zimmers, der Raum einer Wand sie trenne. + +»Ich danke, daß du bleibst«, sagte sie stockend, als sie in den breiten +Mondstrom hineingingen. Sie kamen dreimal um das Bassin, dessen Rotunde in +Marmor glühte. Das Gras war blau und Dogo hing in einem Kreis von +Fächerschatten. Als sie um die Hecken bogen, stand der Mondschein gezackt +als Segel über dem Garten, der unter ihren Füßen schwebte. + +»O«, sagte Syg mit plötzlich ganz erhelltem Gesicht, »ich freue mich, daß +du dies sagst.«, Sie gingen hinein, Daisy stumm vor dem Glücksgefühl, das +diese Antwort ihr gab. Aber auf der Treppe zögerte ihr Fuß. Sie spürte, wie +unrecht es sei, daß auch ihr Wunsch nur Syg halte. Aber sie sagte nichts. + +Am nächsten Tag fuhr Syg im Métro zur Etoile, besuchte eine Dame in der +Avenue Wagram, schloß das Tor, fuhr zur Seine, stieg an der Madeleine aus +und suchte zur Oper zu ein Geschäft. Sie sah in ein vorübergleitendes Auto. +Ein Herr sprang heraus, in höchster Erregung auf sie einsprechend, sie sah +seinen Bart zittern, die Leute blieben stehen, als er schrie. Sie nahm ihr +kleines Stilet, drängte ihn bis an den Rand, er sprang in sein Auto, +verdeckte das Gesicht. Sie sah um. Ein Photograph knipste und kurbelte +neben ihr. Ein Herr mit einem Notizbuch zog den Hut. Sie machte eine rasche +gewandte Bewegung, glitt zwischen dem Haufen durch, mitten in ein +Orchester, das vor dem Café konzertierte. Sie saß eine halbe Stunde vor +einem Whisky. Dann fuhr sie heim. + +Zwei Tage sprach sie kein Wort über den Vorfall. Sie lebte neben Daisy. +Aber die Worte, die sie gehört und die nicht ihr galten, sondern Daisys +Leben herausrissen aus Stunden, die sie nicht ahnte, entfielen ihr nicht. +Nachts setzte sie sich neben Daisys Bett und sah sie stumm an. Aber die +Worte spannten sich zwischen sie und die Schwester und trieben sie +auseinander. Sie vermochte nicht mehr, den Blick unbefangen auf Daisy zu +heften. + +»Du hustest?« frug Daisy und fuhr aus dem Schlaf. + +Syg schüttelte den Kopf. Daisy preßte die Lippen, als die Schwester +schlief. Sie fühlte, wie die Unbefangenheit riß, die Ruhe wankte, sie +bangte um die Schwester und wagte nichts zu sagen, denn sie fürchtete, daß +dann das Helle aus dem Himmel falle und die Kraft daraus lösche. Sie lag +lange wach. Plötzlich öffnete Syg die Augen, schloß sie wieder. Mittwoch +Nacht sagte sie, daß sie reise. Daisy sagte kein Wort. Sie gingen +nebeneinander durch den Garten, als sie fuhr. Zwischen den Winden und +Bohnen stand mit hohen, schlanken Beinen der Gärtner. Sie stiegen ein. + +Die Räder rollten. + +Sie fuhr zurück. + +Eine schmutzige Faust reckte sich in ihren Wagen. Sie nahm die Zeitung. Der +Wagen stockte im Lauf eine Sekunde. Sie gab den Sou. Wieder spannten die +Motore sich an. Sie las, ihre Lippen verzerrten sich. Sie verstand zum +erstenmal. Ein maßloser Schreck, dann Zorn verdeckten ihr die Augen. Ekel +schüttelte sie, daß sie die eine Hand mit der anderen festhielt und +geschlossenen Auges zurück sich warf in das Polster. -- Sie sah die +Karikaturen auf den Parlamentarier, sah die Photos, die die Kinos von +seinem Überfall her spielten, sie begriff die Verwechslung . . . die Folies +Bergères trugen die Nummer in ihrer Revue. In der Ecke unten unflätige +Telegramme, die er aus der Provinz, wohin er vor dem Skandal geflohen, +gedrahtet. Sie biß auf den Daumen vor Schmerz, der Wagen rauschte in den +Garten. + +Sie saß auf der Diele. Das tiefe Fenster hinaus nach dem Bassin lag wie ein +niedergelassener Vorhang. In der Tiefe des Gartens stand Pony und +arbeitete. Seine Beine und seine trainierte Brust wiegten mit den +elastischen Ruten der Büsche und Stauden. Der Abendnebel flammte den Geruch +der Erde rötlich um seine Hüften hinauf. + +Sie warf die Hände gegen die Brust und empfand zum erstenmal, wie sie, +gleich einem verlassenen Tier, allein sei. Sygs Zug glitt irgendwo in die +Dämmerung und aus ihrem Leben. Sie blieb zurück, um eine Lüge beraubt, die +sie sich vorgeredet jede Sekunde des Daseins und der Gegenwart der +Schwester. Sie fröstelte. Jugend und Heimat fielen an ihr nieder, hart, als +klirrten Ringe auf der Diele. Woran ihr Herz (sei es auch nur wie ein +Traum) und unwissentlich trotz des Hasses gehangen, nun lag es nackt +verschwunden. Mit kaltem Grauen empfand sie die Einsamkeit, aus der die +zarten Gefühle weggeschwungen. Einsamer und verzweifelter schluchzte sie +auf als jede Stunde, die sie gelebt. + +Es kam ihr, wie lind es sei, wenn sie weinen könne. Aber sie konnte es +nicht. + +Es genügte noch nicht. + +Sie fühlte sich frei und verantwortungslos mit einem Male. Aus der Tiefe +des Blutes kam ein Strom, der sie zu einer Unbedingtheit zwang, deren +zügelloses. Streifen sie zu Gelöstheit erhob, die den Atem benahm. Die +Lippen bebten übereinander. Nichts hielt sie, bedingte ihr Tun, gab +Verantwortung für ihre Handlung. Mit einer zerstörerischen Wollust empfand +sie ihr Ausgestoßensein, das ihr eine Kühnheit verlieh, die sie fast +berauscht empfand. Nun trat Pony aus dem Dampf ins Helle. Sie begann zu +winken. Das Fenster lag wie eine aufgeschlagene Terrasse in dem Garten. +Tritte schlichen herauf. Dogo schrie in seinem Ring und stieß die Flügel +gegen die Wand, als zerbräche er Glas. Sie stand auf. + + * * * + +Zwischen dem dritten und vierten Tanz hob die Kleine, die zwischen den +Stühlen schaukelte, stehend die Hand nach der Seite. Daisy ging hinüber. In +der Toilette brannte eine weiße Flamme. Sie hob den Schleier, zog Rot über +die Lippen. Im Spiegel sah sie die zögernd Eintretende. Ihre Augen trafen +sich in dem Glas. In dem Gesicht der Tänzerin ging ein Schreck auf, sie +flüsterte etwas und glitt zurück. Daisy ging zu Léons Tisch hinaus. Beim +Hinausgehen fragte sie den Kabarettportier nach ihrem Namen. Sie bestellte +sie in das Hotel. Sie kam und bat, zart wie eine Libelle, daß Daisy ihr den +Mann nicht nehme. Sie sah zitternd auf den gefalteten wollüstigen Mund der +Frau vor ihr. Daisy nickte gleichmütig, prüfte sie mit einem Blick, +schenkte ihr Strümpfe, Hosen, Dessous. Oft, wenn sie abends frei war, kam +Renée herauf, ein Band umgab sie. Bald hatten sie kein Geheimnis. Daisy +wußte jede Bewegung des Attachés, seine Lieblingsworte, seine geheimen +Sätze, aber es reizte sie nicht. Sie fuhr mit Léon baden, sie stieg in das +Wasser, das ihren Körper aufsog; ihre Haut aus dem Wasser heraus selbst +trübte ihm die Augen vor Erregung. Auf der Rückfahrt suchte seine Hand nach +ihrer. »Das andere Ufer«, kommandierte sie, er mußte wenden. Sie ging am +Abend mit Renée in den Florissant. + +Zwischen orangenen Lampions drehten Matrosen und Mädchen. Als ihre Hüfte +unter den anderen erschien und in der abendlichen Dämmerung in die +Tanzschleife wogte, umgab sie Gedränge, Blicke, Augen. Ein großer +Steuermann von der savoyischen Linie faßte sie, brach die Finger fast an +ihren Korsettstäben. Sie tanzte mit starrem Blick, ihr Zofenkleid machte +sie noch herber, sie bog in den Vorsaal. Er taumelte, fiel in das Knie, +schäumte, erhob sich, sie führte, sie schwindelten, sie tanzten in den +Garten. Er konnte sich nicht helfen und stammelte Flüche. Sein Kopf fiel +auf ihre Schulter und er schlug sie auf den Arm. Sie ließ nicht nach, bis +sie langsam mit zitternden Knien hineinging in den Dampf, der Mann +besinnungslos auf dem Kiesbeet lag. -- Ein Kolonialoffizier erschoß sich, +einen Ring von ihr auf der Brust, durch den er die Kugel gesandt hatte. Kam +sie mit hochroten Lippen durch die Rue du Purgatoire, ward der See eine +Tönung blässer, der Montblanc steiler am Horizont. Die Augen der Männer +wanderten ruhelos nach ihr. Verkleidet im Mannskostüm bei einem Ball jeute +sie im Kursaal, trat hinaus vor die Schnüre von Lichtern, die die Fassade +umlohten, ihr Blick tauchte in den eines ganz jungen Studenten, er fuhr sie +hinaus. Ihre langgeformten Knie, die eine wundervolle Sehnsucht in seine +Seele zeichneten, verzückten ihn, daß er ins Wasser sprang und am Ufer +schreiend davonlief. Sie ging mit zwei weißen Windhunden durch die +Palmgefieder des Parc des Eaux Vives. Sie blieb stehen, kehrte langsam um. +Auf einer Bank saßen Léon und Renée. Ein Zug seines Mundes erinnerte sie +den Abend lang an Pony. + +Sie fuhr zu ihm. Er hatte den Garten, den sie ihm geschenkt, geschnitten, +begossen, bestellt. Ihren Namen mit Ranunkeln gesetzt, in die vier Bäume +des Eingangs geschnitten. Auf der Höhe des Belchens ihr Wappen mit Steinen +zusammengesetzt. All seine einsamen Tage erstanden als Monument seiner +Liebe. Hinter dem Strohdach sank die Vogesennacht feucht und traurig. Sie +stiegen hinunter am Morgen. Kuheuter und Wiesen rochen unter dem roten +Mond, über dem Rhein lagen die Schwarzwaldtage mit silbernen Wolken. Über +den Grat der Vogesen rollte die purpurne Kugel groß und träg. + +»Hast du die Harmonika?« Er nickte. Nur ein scheuer Blick nach +aufflatternden Vögeln zeigte, daß er Sehnsucht hatte. »Ich schreibe deiner +Schwester«, sagte sie am Morgen. Sie arrangierte ihren Hutkauf, sogar eine +Stelle und nahm ihm mit einem Brief die große Sorge. Aus den Weinbergen +glühte blau die Sonne. Sie lockte unter seinem Fenster. Als er in die Hecke +ihr nachstieg, ließ sie seine Lippen ihn aufmachen und legte ihm +seidenschwarze Brombeeren eine nach der anderen in den Mund, der feucht und +schmal und rot war. Seine Tierischkeit, die die einfältigen schönen Formen +der Natur edel befolgte, gab ihr jeden Tag das Neue. Ringe kamen, Nadeln +für ihn. Er spiegelte sich im Rücken seines Zigarettenetuis. + +Er erbrach sich nachdem er zu viel gefressen. Sie saß an seinem Bett, er +fürchtete sich vor dem Unbekannten, das ihm Leiden brachte, verehrte sie +wie eine Mutter, indem seine Seele zum Schutz dicht an ihre sich schmiegte. +Er tollte in die Gesundung, riß den Schwanz der Hühner aus, saß auf den +Bäumen, ward traurig am Abend, wusch sich nicht, roch nach Schweiß und +Erde, sie fand ihn schöner als je. + +Sie bekam Sehnsucht nach Wasser, als nach einem Gewitter ein Bach neben dem +Haus herabstürzte. Sie fuhren zurück, zusammen diesmal. Neben ihr zwischen +den Hunden schritt Pony in weißen Hosen und Schuhen durch die Rue du Rhône. +Er blieb am Geländer stehen, schaute träumerisch in den tiefblauen Schuß, +der aus der Brücke kam, die Insel umrahmte und überschwungen blieb von +unwahrscheinlichen Schwanenherden. Sie pfiff durch die Zähne. Zwei +Passanten blieben stehen, sahen nach. An der Brücke flog eine Autotür auf, +ein Herr, indem er die Kurve nahm, als sause eine Kugel in einer gebogenen +Schiene, starrte sie an. -- Auf dem Balkon saß Renée im Lederstuhl, die +Knie hochgezogen. Ihre Atropinaugen, tief untermalt, glänzten einen milden +Schein, sie starrte auf Pony, flog darauf Daisy an den Hals. Der Abend +schoß durch die Platanen. Renée legte die Gabel hin, kniff ein +Fünffrancstück ins Auge, legte dem Kellner den Absynthstrohhalm über das +Ohr und breitete die Arme aus. Pony sah auf das Wasser. Die Küste wich +zurück. Schwärmerische Raketen überwanderten den immer neu geäderten +Himmel. Ein Konzertstück wie eine rosa Wolke lag mitten im See. Auf den +Fußspitzen wiegte Renée erwartend den ganzen Körper langsam über die Lehne, +blieb einige Minuten von einem unaufhörlichen Zittern durchflossen. +Plötzlich wühlte sie den Bauch in den Mondschein, bebte in der Wage der +Hüften in einer pfeilschnellen Schwingung, tauchte aus dem Licht, fuhr mit +einer kreisenden tollen überschwingenden Eile wieder hinein -- dann kamen +die Lenden in ein glücklicheres beruhigtes Schweifen, die Muskeln des +Leibes ebbten zurück und wurden spiegelglatt, fast ohne Atmung. Sie tanzte +nur noch mit den Knien, die den Körper in einem fast gläsernen Taumel +ertrugen. Die Hüften malten sich unbeweglich und zart in die Schatten. Nur +der Rock rauschte, Daisy preßte dagegen, sie schwangen atemlos, ihre Leiber +bedeckten sich, sie küßten sich -- »Warum brachtest du mich her?« frug Pony +schauernd in ihrem Arm die Nacht. Sie lachte: »Reizt es dich nicht zu +größerer Liebe?« Sie zog ihn auf ihren Mund: »Pony.« Er schloß die Augen. + +Eines Nachts brachte sie von den Anlegeplätzen vor Versoix Jérôme mit, im +Sweater ohne Kragen und Ärmel. Selbst wenn er flüsterte, war seine Stimme +rauh und biß sich durch die Dunkelheit. Im Zimmer nebenan lag Pony, die +Wand war so dünn, daß das Geräusch einer Fliege im einen Raum im anderen +noch lauter scholl. Sie legte die Kleider langsam ab. Am anderen Tag mußte +Jérôme sie rudern, hinaus, zurück, in die Rhône, um die Insel, dann immer +um ihr Haus. Eine Kette von Schwänen verfolgte das Boot, ihre Weiße +verblich am Abend mählich der Blässe ihrer schimmernden Haut. Sie sah immer +auf Jérômes Nacken, wo die braunen Halsmuskeln wie Fächer +zusammenschnellten. Abends ging sie einsam und allein nach Haus. Die +Schwäne geleiteten sie noch eine Weile in der Dunkelheit am Ufer. Als Léon +von der Gesandtschaft in Bern zurückkam, lag er verzweifelt im Boot vor +ihr, berührte ihre Hände, ihre Schuhe. Sie schüttelte den Kopf. Sogar das +Wasser erhielt eine Feierlichkeit und schäumte leicht in dunkler Erregung, +wie sie mit langen braunen Beinen immer tiefer hineinstieg. Auf der +Terrasse des Café du Nord ballte Léon die Hände und hörte auf zu atmen nach +seiner Frage. Sie ging hinweg über Pony, schaute ihn einen Augenblick an, +die Bernsteinkörper in seinen Augen ihr gegenüber erstarrten, sie ließ eine +Sekunde schweben, dann sagte sie auf sein Drängen, wie er es wage, mit ihr +zu reden, habe er doch Renée. Ihr Hochmut ließ ihn bei diesem Namen eine +Bewegung machen, als lege er dies nebenhin als ohne Gewicht für sein Leben. +Sie zeigte nichts, aber er strich sich damit aus ihrem Dasein. Aber Renées +Geschrei machte sie müde am anderen Tage, denn sie tobte in ihren Zimmern, +weil sie Léon liebte. Die Zarte irrte wie ein Vogel auf den Balkon gegen +das Blaue und zurück in das Zimmer. Daisy sah sie lange an. Sie sagte kein +Wort, gab ihr Geld und zwei Koffer. Am Abend ging sie zum Zug. Renée weinte +gerührt an ihrem Hals. Als der Zug weg war, sah sie einen Männerschatten am +Bahnhofeingang, sie nickte mit dem Kopf. Zu sich selbst. + +Léon griff sie stürmischer an, befreiter, beim Segeln, auf den Quais. Sie +bedeutete ihn ruhig, daß das Opfer, mit dem er sich brüste, ihr nichts +bedeute, denn es sei eine Selbstverständlichkeit und ohne die kleinste +Verpflichtung für sie. Sie kam mit Pony wieder und den Hunden am Abend die +Anlage her, als die Rhône sanft, tiefblau vorüberströmte, schon die +Dämmerung aufnehmend, während ihr Anfang noch biegsam und stählern mit den +Schneebergen glühte. Léon flehte sie an, Pony zu verlassen. + +»Gab ich nicht Renée?« Es verstörte sie eine Sekunde, an die Tänzerin zu +denken. Doch glitt es schon weiter, hinter sie. Sie zog die Augen an, daß +sie schräg standen. + +Am Morgen war sie verreist. Enttäuscht von der Brust eines glatten Fischers +kam sie von Beaurivage. Der Morgen fiel prall und von seraphischer Bläue in +die Schwebe getragen auf den weißen Ufersand. Erstaunt sah sie Genf wieder +auftauchen. In der Betäubung des irrsinnigen Suchens fiel Gelebtes sofort +hinter sie, Leidenschaften verschwammen wie nie geatmet nach Tagen. Die +Landschaft der Woche vorher, das Haus, ihre Gedanken prallten schon im +Wesenlosen. Als Léon, die Hand am Steuer, den Großschot in der anderen +seilend, in ekstatisch erhellter Nacht, in der der Mont Blanc wie ein +weißer Ballon schwamm, schwor, Pony zu erschießen, wenn sie ihn nicht +verjage, sein Auge den fiebrigen Wahnsinn bestätigte, wies sie ihn zurück +mit Nein. Kalt vor Zorn verließ sie ihn über die Drohung, mehr voll Liebe +zu Pony wie je. In dieser Nacht weigerte sich Pony zum erstenmal, sein +gequälter Körper gab ihm Mut, den sein Geist nicht hatte. Sie sprang aus +dem Bett: »Gut . . . du wirst Bonnen wieder haben.« Am Abend kreuzte Léon +Ponys Abreise, sie hatte ihn nicht begleitet. Er nahm einen Wagen, jagte. +Er kam als Sieger. Auf dem Tablett kam mit ihm ein Brief, Daisy nahm ihn, +als Léon eintrat und legte ihn sofort wieder zurück. »Welche Eitelkeit in +Ihrem Gesicht«, höhnte sie und wandte sich um nach dem Shawl und dem +Spiegel. Bestürzt, zerschmettert kehrte Léon um. Am Ende des Zimmers hielt +er, nahm eine Vase und schlug sie hin, blickte starr und ging hinaus. Daisy +trat auf die Rampe des dunkel gewordenen Hauses, um das die Brust des +Wassers langsam stieg und fiel. Sie pfiff. Zwei grüne Lichter bewegten sich +auf dem Anlegeplatz, stachen ins Wasser, kamen im Bogen heran. An Léon +vorbei, strich Jérôme in das Haus. Plötzlich hob er den wirren braunen Kopf +und lauschte. Im untersten Fenster sang eine weiche berückende +Männerstimme: »Andulko me dite --vy se mne libite . . .« »Was ist das?« +frug Jérôme. Sie lauschte. Pony war zurückgekehrt. Sie lachte, zog ihn wie +einen Hammel am Fell. »Einer der Hunde?« frug sie ihn; er fletschte die +Zähne. Sie bückte sich, hob den Brief auf. Die Schrift war von Syg. Sie +ließ ihn in das pfaublaue Wasser hinunterflattern. Am Morgen brachte sie +Pony selbst in die Bahn. + +Ringe in Blumen . . . sie gab die Buketts, ohne sie zu sehen, dem +Zimmermädchen. Ein Kreuz mit Ametyst auf Rosenholz, vom Athos, lag auf +ihren Kissen. Ein Pferd stände bereit, schrieb man. Léon schmiegte sich +manchmal durch die Dämmerungsschatten draußen. Eine Yacht trug ihren Namen +am Lee unter dem Fenster vorbei. Eine kalte Verschwendung trug die Luft +jedem aus ihrem Leben zu, die erzittern machte, wer in ihren Kreis trat. +Sie atmete, sah Augen, Tage, blaue Ausschnitte über dem Salève, kurz und +farbig blitzten Blicke in ihren, schon entrann es zu anderem. Es floß +zurück wie in einen Bogen, in dessen Kurve ihre Seele unermüdlich schwang. +Irrsinnig eines Abends erstürmte Léon die Treppen, kam in ein Zimmer, wo +sie las, streifte die Kleider ab. Sie eilte hinaus, schloß ab, klingelte. +Er flehte. Sie wollte den Skandal. Dann überlegte sie, sie schloß einen +Vertrag, legte ihm auf, daß er sie mitnahm auf die Gesandtschaft in Bern. +Er kompromittierte seinen Namen, die Stellung. Doch er sah sie nur entfernt +wie immer. Sein Diener erzählte ihm von dem Kreis und den Monden auf ihrem +Leib, er ward ohnmächtig. Sie frug ihn nach seiner Arbeit, den Geheimnissen +des Berufs, sein Leben. Seine Nägel ballten sich in die Handflächen, aber +sie sah die geheimsten Akten. »Wäre ich eine Agentin?« Er zuckte die +Achseln, schon war ihm alles gleich. Seine Familie steckte ihn in ein +Sanatorium. Er folgte. Vorher bestach er die Zofe, erhielt eine ihrer +Hosen, schluchzend fuhr er damit im Zug. Er hatte sie nicht gehabt. Er +hatte wenigstens dies. Am Abend spielte sie in einen Mann verkleidet auf +einem Kostümfest, an den »Kleinen Pferden«, verlor, konnte nicht alles +zahlen, bat ihren Partner mitzukommen. Er wartete im Vestibül. Als sie die +Treppe zurück herunterkam, erstarrte er. Sie kam als Frau. + +Er neigte sich über ihre langen Finger. Wie sie in den Wagen stieg, sprang +Jérôme hinter einem Busch heraus und schrie: »Hure«. Etwas blaß, unsichtbar +durchglüht trat sie zögernd ein wenig zurück. Als sie ihn aber ansah, ließ +er die Hände sinken, schlug sie um den Nacken und lief brüllend davon. Der +Wagen rollte. Sie trat mit ihrem Partner ein Treppenhaus mit Marmor hinauf. +Die rote Weste eines Dieners leuchtete hinauf neben ihr unter einem +zehnkerzigen Halter. Die Fräcke im Saal glitten durch einen dünnen +silberbläulichen Rauch, den der Atem des Tanzes und der Getränke schon zum +Rausch gemacht hatten. Sie legte den Arm auf eine Schulter, der blasse +Schein einer Nische umglitt sie. Ein Mund fiel auf ihre Achsel. Sie zuckte +zusammen. Ihre Glieder wurden kalt und abwesend wie oft in unerklärlichem +Wechsel. Sie starrte vor sich hin. Sie hatte einen Brief eingesteckt, als +sie sich umzog. Es fiel ihr ein, sie öffnete ihn. Sie stand auf. Der Mann +hielt sie. »Was?« Ein verzweifeltes Gesicht krallte sich in ihr Auge. »Hast +du mich nicht wahnsinnig gemacht?« Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte ihn +kaum bemerkt, ihre Gedanken kreisten irgendwo entfernt, es fiel ihr nicht +ein. Mitten im Saal schrie der Mann ihr nach: »Hure« . . . Sie zuckte kaum +merkbar die Schultern. Sie hörte es zum zweitenmal heute. Allein es drang +auf keinen Punkt in ihr ein, der ihr Gefühl bewegte. Vorbei schon. »Ein +Opfer«, lächelte ein übergroßer lässig gebeugter Herr im Monokel. Schon +suchten an seinem Mund vorüber gleichmütig ihre Augen nach Neuem. Ein +olivenfarbener Jüngling, der wie ein Mädchen tanzte, legte den Arm um sie. +Lächelnd glitten sie Ring auf Ring herum, gewiegt von einer Klarheit der +Füße wie nie in diesen Sekunden. An einer Ecke des Saals fiel ihr das +zweifach gesagte Wort mit einem Mal ein und sie setzte sich. Es war, als +zerschmetterte es etwas in ihr. Sie trat an das Fenster. Unten im Garten +hörte sie deutlich eine Frau weinen. Das faßte sie wie mit Schrauben, sie +glitt hinaus. Eine Bank. Es war, als ströme mit dem Weinen in dem Busch, +ihr Leben weg, bräche ein wie in Eis, zerrinne haltlos zwischen ihren +Händen. Sie sah, wie sie Stück auf Stück verloren hatte, unter dem +Schmerzenston brach es zusammen. Sie versuchte nicht, sich zu wehren. +Perlmutten flauschte im Mondschein ein Segel vorüber und rückte ins Dunkel. +Zerfetzte Trümmer lagen um sie, was sie gesehnt, gedacht, begehrt im Blut +. . . es knallte um sie zusammen. + +Da erst, wie angezogen von der anderen Stimme, konnte sie weinen und je +länger die Tränen über ihr Gesicht strömten, fühlte sie, wie in ihr die +Verzweiflung und das gierige Suchen brach. Sie fühlte sich elend wie nie, +aber gleichzeitig verband sie ein Strom ungekannter Süßigkeit mit der +anderen Weinenden. Es war ihr, wie, als sie erkannte, daß die Stimme +versage, und jedes Leidende, jede Kreatur dicht ihr Herz berühre. Sie stand +in einer wunderbaren Empfindung. Schon rissen die Wochen hinter ihr wie +unwirklich und ihrem Wesen ungehörig sich ab und stießen ins Wesenlose. Aus +der Tiefe des Elends aber zog sie ein Gefühl von einer ergreifenden +Harmonie in die Höhe. Sie empfand, als stehe sie auf anderem Boden, wie +plötzlich ihr Schicksal sich zusammenlegte mit Tausenden von Menschen, an +die sie nie gedacht, daß ihr Schmerz sie erhob und verband, und daß, wie +sie verzweifelt gesucht auf der Jagd und mit den greifenden Händen, in ihr +lag mit einer stillen Verantwortung, die nichts übertraf. Sie sah die Welt +plötzlich anders. Es stieg eine Kraft aus ihrem Elend, die sich in ihr +bäumte. Ein Glücksgefühl überfloß sie. Demütig grüßte sie den Fall der +Jetée, die Neigung der Berge, das träumerische Schleifen der Schwäne. +Herauf kam der Kleinen Gesicht, aber die Schuld, die sie empfand, drückte +sie nicht, sondern entflammte sie zur vollen Anspannung. Ihr war, als ruhe +die Achse alles, was Hülfe bedurfte, in ihrem Herzen in dieser Nacht und +ihr Herz drehte es in einem wunderbaren Stolz. Sie schaute lange unter der +vorgehaltenen Hand ins Wasser. Ein Gesicht kam zurück von der glatten +Fläche. Sie schauten sich an. Dann ging sie hinein. + +Sie hatte ein anderes Gesicht gesehen. + + * * * + +Sie ließ ihre Sachen verteilen. Jérôme sandte sie einen Ring. »Ay . . . ay +. . .« rief sie an der Gasse. Die arabischen Weiber küßten ihre Hände und +Füße. Die Zofen kamen, nahmen. Die Bonnen gingen mit Ballen, zitternden +Händen. Die Kostbarkeiten wurden versteigert. Die Depots sperrte sie. Die +Spitzen rannen ihr durch die Finger. Eine frische stolze Hure in einem +Kleid, daß ihrer Haltung zu gering war, zog sie aus dem Tanzsaal. Die +Hosen, deren Plissees rauschten, in matter Seide zu Dutzenden fielen, +durchfühlte sie mit der Hand, gab sie ihr. Mit jedem Stück, das sie +verließ, schenkte sie sich zurück. Und die Wollust des Hingebens verband +sie den Dingen um sie. Gebend lebte sie drei Tage und fühlte, wie unter dem +Hinweggehen ihres seitherigen Daseins Freiheit in sie strömte. + +Eine kleine Summe füllte sie in ihr Portemonnaie. Sie besaß einen Koffer +noch und ein weiches helles Kleid aus indischer Seide. Sie schellte +Marguerite, die Manikure. Vor dem Spiegel die Figur und den Kleidschnitt +abmessend, bot sie ihr den Tausch an. Die lehnte ab, da es zu kostbar war, +errötete, ließ sich langsam zwingen, küßte Daisys Hand. Mit kleinen Sachen +ging sie auf die Straße, gab dem, jenem, Frauen, Kindern. Es reizte sie +nicht, zu wissen, wer es besaß, denn jede Tat der Entäußerung entlastete +sie zu Glück. Sie beschäftigte ein halbes Dutzend Agenten. Ihre Pariser +Wohnung ward verkauft. Pferde untergebracht. Möbel, Schmuck versteigert. +Die Summen festgelegt, geschlossen. Selig fühlte sie alles entgleiten. Dem +prächtigen Körper eines verlotterten Mädchens, dessen Anmut sie rührte, +schenkte sie ihr Kleid. Sie stand in Hosen plötzlich am Badestrand abends. +Verlegen ging sie in die Kabine, sandte ein Kind mit dem Portemonnaie zu +der Manikure. Das Kind kam mit einem Kleid, brachte das Geld zurück. Sie +zog ihr Armband aus, es Marguerite zu senden, runzelte die Stirn und blieb +eine Minute in einem merkwürdig erhellten Zustand. Darauf schenkte sie es +dem Kind für sich selbst. Küßte es, tief getroffen. Mit der Entledigung zog +die Einsamkeit des Reichtums aus ihr. Sie besaß noch zwei Ringe. Einen warf +sie den Schwänen zu, vom Geländer, abends. + + + + +Der vierte Abschnitt + + +Vierzehn Tage wohnte sie Mont Martre, stieg hinab zu den Hallen, nach drei +Wochen war sie Mont Parnasse, geriet in ein falsches Haus; ein Kind fiel +die Treppe herunter, sie nahm es hoch, es schrie. Ein Mann brüllte sie von +oben herunter an, ging in sinnloser Wut auf sie zu. Sie strich das Kind +über den Kopf, legte es der Frau an die Brust. »Verzeihen Sie«, sagte sie, +schlug die Augen herunter und ging mit einer Stille, daß der Mann, +verstummt, sie grüßte. Sie wohnte Rue Bonaparte, die so eng war, daß vor +der Ecole des Beaux Arts nur eine Linie der Autos vom rechten zum linken +Seineufer durchfuhr, und die ohne Pause zitterte. Sie bewohnte die Hotels +am Boulevard Sebastobol, wo Huren und Apachen nachts schrien. Sie ging +durch die Straßen, früh, mittags, die Nacht. Beim Löwen von Belfort sah sie +Ringer und Stemmer in Trikots unter den Bäumen turnen. Kokotten pfiffen ihr +nach. Rue Richelieu schlugen Huren sie nachts, weil sie glaubten, sie +breche marodierend in ihr Männerquartier. Abends in der Olympia Bar +fletschten vierzig Mulattinnen die Zähne um sie, im Saale der roten +Papageien und drei Kapellen drehte sie sich, tanzte, ging allein, als die +Rudel schönbeiniger Frauen lachend aus der Revue mit dem Geruch ihrer Haut +und der Tierbewegung der Hüften und langen Schenkel kamen. Auf Imperials +rollte sie von Quartier zu Quartier, Liebespaare, Trunkene, Studenten mit +zerrissenen Schuhen, Russen, alte Böcke, aufgegeilt hinter Midinettes her, +neben sich. Im Hotel des Etrangers schrie ihr Nachbar in Herzkrämpfen auf. +Sie saß drei Nächte, kühlte ihm die Brust mit Eis. Als er hochkam, beschloß +er sie dankbar unter die Decke zu ziehen, griff in ihr Bein. Am Panthéon +erschoß sich ihr Visavis, ein blonder Student, der morgens mit roten Lippen +gleichzeitig wie sie die Milchkaraffe in Unterkleidern in seine Tür +hineinzog, an Syphilis. Sie wohnte Rue Monsieur Le Prince, Vaugirard, +Champollion, zählte die Schornsteine, Betrunkene an ihrer Tür, die Fenster, +Mondaufgänge. + +Sie wohnte Rue Gay Lussac. Ihr Geburtstag trüb Quai de Valmy. Kehrte +zurück, als die Seine sie drückte, zu Mme Fleurquin, in das Zittern der Rue +Bonaparte, Bäume schwankten Boulevard St. Germain. Square Monge erlebte die +Überschwemmung. Rue des Bernardins verließ sie das Hotel im Kahn, half +Emigranten retten, ward als Diebin verhaftet, lächelte sich frei. Ging auf +die Mairie neunzehntes Arrondissement, vierundsiebzigstes Quartier, gab +sich hin für Überschwemmtenhilfe, empfing ein ironisches Ziehen des Mundes, +ging wieder. »Geben Sie, Notre Dame des Lorettes willen, einen Sou zum +Métro, damit ich die Kaserne erreiche,« flehte in der Rue Pigalle ein +Piou-Piou. Sie gab ein Fünfzig-Centimes Stück. Er lachte sie aus, suchte +sie zu umarmen. »Kommen Sie, es ist warm darin,« sagte ein großer Mann, +glaubend, sie friere, nahm sie mit in das Café Cluny, las die Zeitung, +ignorierte sie, zahlte für beide, ging mit einem Gruß. Erstaunt suchte sie +ihn drei Tage, fand ihn nie wieder. Sie wohnte gegenüber Ecole +Polytechnique, wo nach Regen Abenddächer mit weißen ovalen Schilden +blitzten, dumpf Seinehörner tuteten, sah die Zöglinge der höchsten +Artillerieschule farbig an Kanonen seltsame Bewegungen machen. Saß Closerie +des Lilas, hörte die Revolte der Kunst. Aux trois Poulards schlug ein Mann +einer Frau durch den Schädel, nahe den Hallen, warf sich heulend über sie. +Sie belauschte das Gespräch zweier Absynthe-Weiber, Ausgedörrte, die gleich +Hyänen gegeneinander stürzten und von der Berührung des Fingers schon +umfielen, in den Pausen der Schlacht, wo sie, unfähig aufzustehen, +nebeneinander in der Gosse lagen. Sie machte dem Trio an der Sorbonne +Platz, dem Star-Mann, dem beinlosen Singenden auf dem Räderbrett, dem +jungen Louis, sie warfen ihr Schlüpfriges nach. Sie aß mit der +Papageienverkäuferin, studierenden Negern, österreichischen Spitzeln, +Lesbierinnen der Place St. Michel, mit spanischen Zöglingen der +Schneiderakademie, Chauffeuren, Gasarbeitern, Deutschen. + +Sie ging zum Löwen von Belfort, wo Ringer und Stemmer unter den Bäumen +turnten. »Wie elend zum Kotzen dies Leben«, sagte ein gesunder Mann, der +Postkarten verkaufte, mit weißen Zähnen lachte. Da brach eine fremde Frau +in Tränen aus. »Haben Sie Hunger?« frug Daisy mit einem Blick auf den +Ellenbogen der Frau; die aber stieß ihr durch das Kreisloch den spitzen +Knochen in den Leib, schrie, fluchte, drückte sich hinaus. Sie wohnte Porte +Maillot, wo Métros aus der Erde stießen, Menschenmassen aufquollen, Korsos +zum Bois wallfahrten, selige Benzingerüche in Parkwipfeln schäumten, lange +Frauenketten in Wagen unhörbar, mit Pelzen und süßen Pferden zu Wiesen +zogen. Sie wohnte Impasse Bérthier, Rue de la Rochefoucauld mit der +Grabesruhe und Sacré Coeur blitzend darüber mit weißen Türmen, +Rosenkränzen, Zitronen. Moulin Rouge brannte das Parterre aus, vom dritten +Stock sprang ein dicker Offizier ab, zerschellte unter dem Flammenschein. +Sie wohnte Quartier Ternes, fleißige kleine Bürger arbeiteten in offenen +Fenstern. Stand Champs Elysées vor Luxushotels, sah Autos anfahren, +gepflegte Frauen, helle Glacés, Skunks, weiße wundervolle Füchse. Sah an +sich herunter. Sah gespannter lang hinüber. Wohnte Rue Delambre, zweiter +Hof, dritte Baracke, Numéro Vierundachtzig. Wohnte neben Jardin du +Luxembourg. Wohnte Parc Monceau, diese Nacht selig von Bodengerüchen. +Wohnte Bastille-Platz. Wohnte zwei Nächte nirgends. Wohnte St. Germain des +Près, sah um sich Pfauenräder der Lichtkaskaden zum Himmel brennen über dem +rötlichen süßen Straßengefieber, folgte einem Ruf, stieg zwei Treppen zu +Musik, sah sich um, prüfte, wer gerufen, ging zurück. Am zweiten Tage hier +folgte sie einer Bluse in ein Kaffeekonzert. + +Einen warfen sie heraus neben ihr, zehn Meter unter der Erde, der zweite +Keller, schrieen: »Sortez-le!! Peschärsche, Affenschwänze, Bauchzimbel, +Irrgebrunste, Saligots!!« Im Rauch fiel ein Sergeant gegen die bemalte +Kalkwand, weiß im Gesicht, beugte sich im Gesäß. »Rotz-Lumpen«, er +verschwand. Ein ungarisches Violinstück kam aus der Ecke. Sie ging über den +Boden, in dessen Lehm ihr Absatz leicht sank, saß nieder der Bühne +gegenüber unter dem zweiten Lampion. Ein Rosablusenmädchen besah im Spiegel +die Zungenwurzel genau und angespannt, schüttelte den Kopf lachend gegen +den Rauch. Eine unsichtbare Stimme, siehe, rief: »Schlaf mit mir, süße +Freundin.« Sie erhob sich und warf sich einer sanften Schwimmenden gleich +in den Dampf. + +Daisy stand mit ihr auf, ging zwischen gesäten Tischen, den Blick fest nach +vorn. Ein altes Weib neben den Kulissen auf einem Faß zog über ihre +schamlosen Beine einen Keuschheitsgürtel, stampfte im Tanz, grimassierte +den Bauch, zwischen gelben Zähnen: »Elle avait un petit cadnaz . . .« Auf +der Bütte in dem Winkel gegenüber schwang die Kitschfanfare eines +militaristischen Fanfarengauls. Sozialisten schrien sich am Ausgang zu: +»Allons Camerades«, stürmten, warfen die Bütte um, schwangen einen Kreis um +die Alte. Daisy stand auf, ging weiter nach vorn. Sie saß in der ersten +Reihe. Auf der Rampe über ihr stand ein Mädchen, und die ungewöhnliche +Zierlichkeit und Anmut ihrer Beine machte ein Loch in den Lärm. Daisys +Blick blieb lange an der Biegung ihrer Lippen, dem Schwung ihres Leibes, +der kindlichen aufreizenden Geste, mit der sie sich entzog. Sie saß nun +ganz an der Spitze des ersten Tisches. Als im Vorgang des Schattenspieles +ein schwarzes Mädchen ohnmächtig ward, der Mittelpunkt des Abends unter +Gemurre schwankte, sagte sie entschlossen: »Ich«, trat hinter das +aufgespannte Leinentuch, fand dort Renée, die den Stoff ihres Kleides +prüfte, ihre Augen dicht ansah, lachte und sie küßte, neben dem +Conférencier Philippe. + +Sie lieh ihre Stimme einem Schwan hin, der an Philippes Hand grotesk in +Schatten verzogen auf der Fläche tanzte und es nicht unterließ, in heftigen +Perfidien dem Präsidenten der Republik nahezutreten, den Abend zu retten. + +Sie gingen eingehängt zum Boulevard St. Michel, überquerten den Platz, +hielten an der Boulangerie. Trabten weiter. Stießen auf d'Harcourt, +passierten, liefen zur Bar, standen vor der Luxembourg-Fontäne, gingen in +die Source, trieben heraus. Wurden aufgehalten, Philipp erkannt, umringt. +Studenten schwenkten die Biretts, drückten aus ihren Mimis süße Schreie. +Einer löschte die Laterne, einer kitzelte den Sergant de Ville. Sie zogen +durchs Croissant, grüßten mit Zuruf Jaurès, stoben im Hinterzimmer über das +Klappern der Jetons, warfen einen Spieltisch um, beknurrt vom Haß der +Tische hinaus. Zurück zu d'Harcourt. Dann zur Source. Reichere Studenten +schrien den Mimis Preise zu. Im Panthéon fiel ein Mann klatschend auf einen +rundoffenen lackierten Hurenmund. Damen von dreißig bis sechzig Franken +stießen verächtliche Parfümwolken aus gegen die Mimis, die frech und +ängstlich an den Armen ihrer Freunde schwebten. Auf dem Boulmich verdrehte +die Mimi Madeleine die Augen, fiel um, blutete aus einem Achselgeschwür. +Sie schafften sie in die Brasserie Lorraine, gaben sie ab, saßen um einen +Tisch, klatschten in die Hände, hoch im Rhythmus, wieder herunter und dann +monoton in einer Schleife. Daisy schlich hinaus, vermochte sich nicht zu +entziehen, denn am Ausgang stieß sie neben der Kranken auf Philippe. Sein +Gesicht, wie er, unermüdlich, helfend, gekniet, beschäftigt war, hielt sie +fest. Sie beugte sich vor, ging überflüssig zurück. Renée tanzte schon auf +dem Tisch, die blanken hellen Scheitel der Dänen blendeten in einem Kreis +um sie, wieder sah sie ihre unvergleichlich schönen Beine. Man ging Rue des +Ecoles, Notre Dame, eine Brücke, Place St. Michel, Rue St. Jaques, Rue des +Etrangers, wühlte sich ins Dreieckkreuzfeuer der Lichter vor der +Nacht-Boulangerie. Zwei wurden abgefaßt beim Gebäckdiebstahl. Die Spionin, +die im Gewühl der aus allen schließenden Cafés sich hier um warme Hörnchen +massierenden Massen lauerte, griff die Gelenke, die Kassadame keifte, vom +Pult brüllte der fette Chef mit aufgeschlagenen Ärmeln: »Steck ihr +Pferdäpfel ins Maul. Kanalsau.« Man riß einige mit aus dem Haufen, +wechselte ein blombiertes Fünffrancsstück, warf ein Pißhaus um, rollte es +über die Trottoirs. Man kam Rue Guijas. Die Droschke mit Madeleine kam an. +Man rettete sich aus der Clique ins Hotel, trug Madeleine vornher, riß +Renée aus den Armen der Studenten in den Chauffeurmänteln, knallte die Tür +hinter sich zu, riegelte ab. + +Sie stiegen durch die drei Hurenetagen zur sechsten der Artisten und +Studenten, trugen Madeleine ins Zimmer Philippes. Er schlug sein Bett für +sie auf, legte ein reines Taschentuch auf das Kissen. Beim Abstieg zum +zweiten Stock in Renées Couloir gab es im dritten Skandal. Zwei Weiber, +eine im Korsett, eine im Hemd, die schimpfte, standen vor zwei Männern mit +Zylindern im Genick, die Kerzen hielten, und einer sagte: »Alte Sau . . .« +Die Hure hieb zu, traf nicht den Hut, sondern das Licht. Das Dunkel +stürzte, eine Tür knallte, es schoß. Aus den Gängen quollen Weiber. Männer +in Pyjamas fluchten, drückten Knipslaternen. Atemloses Geschrei verwirrte +alles, plötzlich lief man. An Daisys Körper griff eine Hand. + +Sie flog an einen schlanken Körper, der sie rasend küßte. Erstarrt hielt +sie in dem Zug, der sie einsog, in Besitz nahm mit den Lippen, plötzlich +schrie sie. In Renées Alkoven aber schlief sie im Traum die Nacht mit jenem +blonden Skandinavier, der die erste Nacht, wo sie auf den Mann traf, bei Le +Beaus Umarmung ihr die Nacht zerfleischte, sie hinaushob über die Seligkeit +des Franzosen und sie an eine Wonne hochstieß, gegen die nichts im späteren +auch nur gering bestand. Der mit der Hand aus ihr streng heraushob, was ihr +Schmerzen machte bis dahin. Er tat nichts, was ihr zurückgab, aber er küßte +ihr Bauch und Bein, durchwühlte sie, ward blitzscharf am Rande des Körpers, +aber im Gesicht milder, als er sie verließ. Dies blieb in ihrem Schlaf, so +daß sie aus dem Traum mit dem Engel glücklicher und befreiter erwachte als +je aus einer Männernacht. Sie stellte die Schüssel auf die Kiste, wusch +sich, schüttete das Wasser in den Schacht, aus dem mit einer Wolke das +Gekeif in das kurz geöffnete Fenster hineinstieß. Sie schloß auf zu Renée, +sah Bewegungen in ihrem Bett, roch den Schweiß des Kampfes. Sie wartete +still, geduldig. »Hundert Sous« im Nebenzimmer. Die Tür klappte. Sie trat +hinein zu Renée, die sich müde im Rücken nach der Schüssel bückte. »Nein,« +sagte Daisy mit unbegreiflichem Lächeln, »laß mich«, und sie hob die +Schüssel auf ihre Knie und wusch Renée das Gesicht und die Brust. +Erbleichend sah sie am eigenen Hals, wie sie sich vorneigte, die +Dukatenkette vorschwingen. Es fehlte seit der Nacht eine Kugel. + +Sie hatte nur noch eine. + + * * * + +Für Madeleine, die ins St. Denis-Hospital gefahren ward, sprach sie +allabendlich im Schattenspiel Philippes Sätze. Ward seine Angestellte, +Vertraute, Sekretärin. Sie erlitt das Kneifen ins Bein zwischen den Tischen +durchgehend, Zurufe Besoffener, während sie sprach und ihre Stimme einen +Schmelz annahm, der sie nie beflügelt. Sie schrieb unter der Petrollampe +seine Briefe, sein Diktat. Sie schloß, war er weg, die Dachluke, räumte +sein Zimmer, besorgte seine armselige Wäsche. Wurde ihr Auge verzerrt von +Gesehenem, gab seines ihr Haltung. Rief er, Kommis und Louis zu ergötzen, +die Nummern des Programms in fanatisch heldischer Pose, las sie zu Haus, +was er schrieb. Ging sie mit ihm neben den Bahnen, verschleierte die Straße +sich in wohltuenden Nebel. Als im Jardin des Plantes der Tiger aus +aufgeklafftem Rachen heulte und sie mit ihm ans Gitter trat, sah sie die +Jungen, nur an den Zitzen spielend, ruhig saufen. Er wehrte jede Hilfe ab, +bot ihr als Ausgleich von seinen sieben Centimes, blieb streng dabei, als +sie lächelte. Bald konnte sie nur tun für ihn, was er nicht merkte. + +Am Tage des Bastillesturms gab er drei Vorstellungen. Am Mittag darauf kam +sie in sein Zimmer. Er schlief auf dem Stuhl. Sie suchte bis mitten in das +Zimmer zu kommen. Dann schlich sie hinaus. Nach einer Stunde kam sie +wieder. Er schlief noch. Sie preßte das Kinn wider die Brust, weckte ihn, +gab ihm den offenen Brief, ihre Augen trafen sich, er nickte. + +Sie gingen durch den Park, wo Kinder kleine Segelboote fahren ließen, durch +Rosahüte, Militärmusik, sanfte Alleen mit Dogcarts. Kamen in Gassen, Geruch +von Fischen, Kartoffeln, süßlichem Kinderschmutz. Eine Wolke Karbol umstand +sie. Eine Schwester mit spöttisch grünem Blick versagte den Eintritt, +Philippe sah sie an, nahm ihre Hand. Sie schwankte, öffnete die Tür. Als +sie eintraten, lauerte eisiges Schweigen, eine Frau wälzte sich lautlos auf +dem Rücken im Kot. Zwei fuhren auf aus den linealstarren Bettkolonnen, +schrien, mit Armen die Kissen zerreißend, nach dem Mann: »Reiß die Mempel +aus! Schlammbeißer, Creusot!« Sie rülpsten, ihre Köpfe waren verbunden und +geschwollen, Eifersüchtige sich wähnend, schmissen die im letzten Stadium +Irren über sechs Betten, die sie trennten, sich ihren Schleim, ihre Wut ins +Gesicht. Er trat heran, sie zu beruhigen, indem er die Schwester leicht +zurückdrängte. Aber als er der einen sich näherte und das Gesicht +herabsenkte, begann sie zu zittern, fiel auf den Rücken, zog das Hemd auf +und stülpte den zerfressenen Schoß ihm entgegen. Er wollte etwas sagen, +doch die Schwester riß ihn zurück, hinaus. Daisys Rock ward gezogen. Eine +dünne Stimme: »Zu mir?« Aus grauenhafter Sehnsucht kehrte ein gläserner +Blick wieder zum Plafond zurück. Die Frau vom Boden stieß sie zur Seite, +lief bis an die Tür, wo der Mann verschwunden, wimmerte, brach zusammen, +umfaßte mit den Fingern die Klinke, die er berührt. Links war die Krankheit +schon Agonie bei einer Kette Betten, rechts saß ein Kind und lächelte, +vierzehn Jahre. Nun kam Daisy zum Fenster, blieb fünf Minuten bei +Madeleine, gab ihr Äpfel, Rosinen, Bananen, Brot. Dann gingen sie auf die +Nachbarbetten zu, legte bald auf jenes Kissen, bald auf dieses Tuch Frucht, +und wie sie austeilte mit einer Armbewegung, die fast nicht da war vor +innerer Inanspruchnahme, begann, ohne daß sie sprach, es immer stiller zu +werden. Als sie fertig war, peitschte ein Schrei, stand, stieß, zerbrach. +Zwei neueingekleidete Mimis, die Kette mit der Indikation der Maladie um +den Hals, die frech herein kamen, bekamen andere Augen, andere Bewegungen, +zerbrachen irgendwie unter dem Schrei. Neben der Toten stand die Schwester. +Madeleine sah auf das Grün im Garten, zurück zu Daisy, ließ ihre Hand nicht +bis zur Türe. »Zu mir?« frug die gläserne Stimme, wandte das zarte Profil +sich hinauf. In die geklemmte Tür noch zwängte Madeleine den Hals, sah +Daisy nach, bis sie verschwand. + +»Dies ist ein Zuchthaus.« + +»Aber auch von St. Denis sehen sie den Himmel«, sagte Philippe. + +Ihr Blick blieb nachdenklich, zugeschüttet, an dem glänzenden Lack der +Kinderhüte und dem weißen Crepe, der die Hemden der Croquetspieler leuchten +ließ auf der Luxembourgterrasse, als streichle er empört ihre Zartheit. + +Abends nahmen und sperrten Apachen unter Jeannot das Café Guijas ihres +Hotels. Sie blieben mit einem Teil, während die meisten Studenten und Mimis +durch den Keller flohen. Jeannot mit sympathischen Augen aß mit Kameraden +um einen Tisch, drei standen Wache. Nach dem Dessert zog er die schmale Ly +herüber, knutschte sie durch, fuhr ihr an den Bauch, lachte, legte sie aufs +Billard. Alle umstellten es im Kreis, sahen zu, reichten ihre Röcke nach +rückwärts. Jeannot strich seine Mouche, herrenhaft amusiert und wandte sich +schon wieder ab, lachend über die Kuriosität der Hermaphrodite, als diese, +außer sich, ihm einen Siffon an den Kopf schmiß. Kellner und Wirt, bleich +vor Angst, dienernd vor Jeannot, schrien sie an. Der irische Aufwischer +faßte sie wie ein Schwein, tat den größten Schimpf, warf sie aus der Tür. +Sie wehrte sich, weinte, biß, kratzte, hielt sich an jedem Tisch, an jedem +Arm. »Gut zum Schlafen, wäre sie nicht . . .« sagte Jeannot achselzuckend +zum Ringkampf, dem er lässig zusah, wandte sich ab. Sie schlug vor den +Scheiben in die Gosse, das Gesicht im abspülenden Regenstrom, wimmernd: »On +m'a sortie.« »Fiaker?« frug ein Kutscher, der vorbeifuhr, gröhlte in sich +hinein, hieb die Gäule um die Ecke. »Hilf«, sagte Daisy leis, als sie +rangen. Aber Philippe blieb unbeweglich, bis sie im Schmutz lag, ging dann +hinaus, tröstete sie, nahm sie am Arm, führte sie zurück vorbei an Jeannot, +der die Pfauenbrauen zuckte, umdrehte, dem Iren mit der flachen Handkante +ins rote Genick schlug, daß der in die Knie schoß und über ihn kindlich +herüberlächelte. + +Sie legten sie in Daisys Zimmer. Um Zwei klopfte es. Philippe brachte zwei +Männer, einer betrunken, der andere fiebernd. Sie teilte die Matratzen. Sie +machte mit Freundlichkeit Platz, haßte ihn nachts, morgens schlich sie in +sein Zimmer, alles aus ihr stürzte in sein Wesen zurück. + +Sie ward seine Begleiterin, nichts geschah ohne sie. An Betten, bei Kranken +war sie hinter ihm. Sein Ausdruck flog ihr an. Mit seinem Wort gab sie +Erhebung. Sie stand unsichtbar, ein sorgender Schatten, vor seiner +täglichen Existenz. Sie wies Renée aus dem Zimmer, die mit den Waden nach +einem Literaten kokettierte, die Stunde störte, wo er sich gab. Sie stand +an der Wand, las er seinem Publikum, Russen, Kranken, Bettlern, Studenten. +Ihre Seele schwang mit, glühte fromm mit seiner, pries er das Unglück, das +tiefer forme, Hunde inniger, Pferde schöner mache. Sie bewunderte ihn, wie +er gab, schenkte, sich teilte und verdoppelte mit einer Freude, die seinem +Gesicht nie die weiche Erfülltheit nahm. + +Sie strebte, ihm zu gleichen. + +Sie warf jeden Gedanken aus dem Hirn, der von seiner Richtung abwich, +kasteite sich, übertraf eine Stunde mit der anderen. Sie gab das Letzte, +was sie trug, den Ring an Ly, die ihn bewunderte wie eine Legende, ihn vor +Freude in den Mund steckte, darauf biß und ihn fast verschlang. Sie +begleitete ihn zu Guigui, sprach mit ihr hinter dem Gitter des +Gefängnisses, vergaß nicht den Zug des Rehhalses am Eisen, kam über die +Korridore mit ihm heraus und begann, als die Sonne herabströmte, zu weinen. + +Doch die unbewegliche Güte seines Gesichts brachte sie ins Gleichgewicht +zurück und sie vergaß die Auflehnung und den Druck, mühte sich stark zu +sein, ihn zu übertreffen. + +Sie mogelte Geld in seine Kasse, hungerte um ihn, kürzte den Schlaf, +brachte ihm Menschen, die sie instinktiv auflas, in seinen Abend, gab ihm, +wenn sie beschwingter ihm folgten, einen Wirkungskreis, der öffentlich ihm +fehlte, da er Elend lobte. + +Sie sah ihn, Vorbild, gerührt ins Letzte, den Vorschuß des Café-Konzert an +ein Kleid Renées geben, Essen für Guigui. Er speiste auf einer Bank im +Monceau, damit sie nicht sah, daß er trockenes Brot aß. Sein Bett lieh er +aus, blieb die Nacht im Stuhl. Er sprach freundlich zur Concièrge, obwohl +er wußte, daß sie seine Manschettenknöpfe stahl. Lächelte, als das Sopha +unter ihm brach. Ging still neben Ly, ohne Protest, als sie unschuldig +wegen des Ringes als Diebin abgeführt ward. Sie sah mit einem schaudernden +Mitleid, wie er sich verschwendete, Unfruchtbares tat jeden Tag, ohne Tat +und Ziel, das half, wie er Hohn bekam, belacht, verschimpft ward, aber +unrührbar blieb in seiner Weise. + +Die Liebe aber zu seinem Vorbild wuchs daran über jeden Begriff, wuchs an +jedem höhnischen Lächeln, das man auf ihn zielte. Bedenkenloser stellte sie +sich vor ihn. Sie suchte noch mehr, ihm alles leicht zu bereiten. Sie sah, +wie er sich quälte, das neue Schattenspiel zu stellen, Ordinäres und +Geistloses aus den Tageskämpfen zog, Unterleib und Hirn des Pöbels zu +reizen, um so die armseligen Sous für sein Leben zu gewinnen, die er doch +wieder weggab. Und schien ihr sein Kampf verfehlt und schlecht eingesetzt +am ungünstigen Hebel in mancher Sekunde, so schien die Stärke, die ihn +überwindend führte, doch ungeheuerlich im Großen, daß sie über alles hinweg +sich diesem hingab, restloser bemüht, zu sein wie er, Übel zu vergessen, +Trost zu geben, ihm Stütze zu sein. Sie überwand sogar, was schwerer schien +wie das andere, was ihr Geist vollbrachte, sie überwand ihren Körper. Holte +Leder und Federn, übte die Tänze ihrer Heimat, deren Bauchkonvulsionen +hinrissen, um seine schwache Nummer zu stützen und gab ihren Leib den +geilsten Blicken. + +Aber ihr Hirn erreichte selbst in der Opferung kein Glück. + +Sie konnte, wo er sie gelehrt, tiefer zu schauen, die Abgründe nicht mit +ihren Händen zusammenschweißen, die aus der Not verfluchter Zeit und dem +Zwang, sie zu lindern, sich ergaben, und Dienen und Helfen schlugen ihr +gleich Gewichten aus der Hand, wenn bei aller Hingabe keine letzte +Befriedigung kam. + +Sie blieb allein. Lief durch die Gassen. Erbleichte unter seinem Anblick, +schloß sich ihm demütig an. Sie kamen ins Café, als Ly von einem Krampf +ergriffen auf dem Rücken lag und schrie. Philippe ging auf sie zu und, +indem er die Hand ausstreckte nach ihrer Stirn, gelang es, daß sie beruhigt +aufstand. Daisy neben ihr auf dem Barstuhl. Renée verkaufte sich einem +blassen Deutschen feilschend um ihre Taxe: hundert Sous. Sie frug nach +Luison. Achselzucken. Sylvie, die mit einem Amerikaner zog, der ihr Opium +ins Gedärm gab, eh er mit ihr schlief . . . »May?« »Die Krankheit.« +»Riette?« »Die Krankheit.« + +St. Denis. + +Das Wort schlug wie ein Hammer sekündlich in ihre Seele. Verheerte, +verwüstete sie, trieb Wut heraus und Auflehnung, bis sie flammte. +Schlichtete ihr Glaube sich an Philippes Nähe sanfter und demütig, ein +jeder Besuch, ein jeder Tag rieb sie an der Unvollkommenheit, dem Irrsinn +der Welt. Bald sah sie nur noch so, daß sie Kontraste maß, Distanzen +spürte, das Riesige, was die Menschen schied und sie unglücklich machte, +nur als geringe Strecke, als kleine Unterscheidung empfand und unverstehend +blieb an der Hartnäckigkeit, mit der gestempelte Dummheit das Glück +hintertrieb. + +Samstag verschwand Renée, sie sah sie nicht wieder. Abends brach eine +kastilische Mimi zusammen, spie das Lokal voll Blut. Man warf sie in einen +Karren, er rollte los. Herauf schwankte ein Beerdigungswagen, ein Auto mit +bemalten Kokotten schnitt die Bahn. Da fiel sie ohnmächtig zurück, wie vom +Blitz zerschmettert von dem einstürzenden Gefühl der Unzulänglichkeit ihres +seitherigen Lebens. + +Die Nacht kam sie zu Philippe. Er hatte die Augen weit und sehnsüchtig auf +sie gerichtet, wie sie, das Licht über dem nackten Arm, hereintrat. Sie +ging bis an sein Bett, kniete auf das Holz. Sie neigte sich zu ihm, und es +fiel ihr schwer zu sagen: »Wäre es nicht schöner, Philippe, du hättest Ly +geholfen, statt mit ihr zu gehen?« + +Er schwieg. + +Dann sagte er: »Ich kann nicht bestimmen, auch du nicht, was ihr Glück ist. +Aber ich suchte zu helfen, als sie litt.« Es gab für ihn keinen anderen +Weg. + +Sie ging, sagte nie mehr ein Wort. Von ihrem Gesicht nahm stets sein Auge +die Auflehnung hinweg. + +Aber sie sah, wie das Café mit neuen Mimis sich füllte, wie die wieder +verschwanden, zu rasch durchgekeltert, zerbrochen, verbraucht. Wie neue +Wellen der Boulevard hereinwarf. Die Lues wütete. St. Denis sich füllte, +gespeist aus tausend Lokalen, Schicksal sich vollzog, in der Maschine des +Hospitals das Fleisch gesiebt ward, die beiden ersten Stadien noch mit +Grazie vergingen, das dritte aber wie Pestilenz die jungen Körper +durchwütete . . . . wie Verlebtes herausschoß, Angenagtes hineinkam, wie +die Maschine kaute, fraß, schlang -- -- und nichts half an der Wurzel, +nichts umstülpte, was gemeinhin half. Gott nicht unterstützte. Was blieb +als helfen? Nachts bohrte ihr Hirn, sie schlug an die Wand, riß an der +Tapete. Ging sie mit Philippe, gab sie Hingebung, Duldung, Erquickung. Ihr +Lächeln bezauberte. Louison beantwortete es zwischen einer Hungerohnmacht. +Madeleine schien es, sie empfange mit ihren Bananen Himmel, Musik, +Freiheit. In Philippes Leben stand sie und fühlte, daß er es brach wie +Brot, zu heben, finden zu lernen, Stärke in Ruinen zu bauen. + +Ihr Hirn jedoch bäumte sich dagegen und ihr Blut, das frisch mit den Dingen +des Daseins strömte, daß er dem Ende der Tragödie sich nur hingab, in schon +Zerschlagenem erst das Menschliche züchtete, statt an der Quelle groß und +sicher die alten Schleußen zu zerschlagen und neue aufzubauen. Und mit Haß +empfand sie seine große Begrenzung, die wohl das Eigentliche wollte und im +Zerbrochenen gleich das Geläuterte sah, aber keinen Sinn hatte für Anfang +und Ende des qualvollen Weges, der das Menschliche verdarb und vergeudete +in einer ungeheuerlichen Preisgabe. Sie konnte nicht unterlassen zu denken, +während er Madeleine sein Geld gab, ihre Geschwüre seien nicht, flöge ein +Paragraph in die Luft; Guigui sei frei, blase ein Tapferer ein dünnes +Vorurteil auf wie Seifenschaum. Wohl empfand sie süß aus jeder hilfreichen +Bewegung, das Wichtigste sei, die Menschen zu bessern am Beginn, Menschen +zu schaffen mit Vorbild und Beispiel, aber was half es, dauerte es +Jahrhunderte. Ihr Herz, das mit tausend Fasern in die Zeit schlug, bewegte +bei jedem Zusammenstoß mit dem Elend ihres Cafés, ihres Hotels, ihres +Zimmers sie, einzugreifen, statt mitzuleiden, und der Irrsinn, der Hundert +zerschmetterte, um wenige sinnlos zu heben, benahm ihr den Atem und ließ +sie in Gedanken sündigen stündlich gegen seinen Sinn. Denn da im Umschwung +des Daseins sie aus der oberen Kuppel des Theaters hinabgestürzt aus dem +Willen ihres Blutes in die hintersten Parterre, empfand sie die Kontraste +deutlicher und schicksalshafter wie er, der im Bodensatz nur lebend liebte +und tröstete. + +Und mit der Berührung des Primäraffekts erlebte sie erst die ganze Rundheit +des Daseins und mehr als je klaffte ihr von dieser Tiefe ihrer Existenz nur +die eine Losung: »Hilfe dem Menschen«, und aus Dreck und Kot und Unzucht +kamen die Übersicht und die Entscheidung in ihr Leben. + +Noch hielt sie seine Güte, noch brach nicht aus, was sich wehrte, noch +rührte die Liebe zu ihm und sein Bild sie zu solchem Mitleid, daß sie +nachts hinausschlich, seine Schuhe reinigte, dem Kaffee, wenn er morgens an +ihrer Etage vorbei ihn sich durch den Garçon bringen ließ, einen Zucker +noch, den er liebte, hinzufügte, wozu sie eine halbe Stunde harrend auf der +Treppe stand. Sie mühte sich, in die Seineantiquariate zu laufen, Kolibris, +Lederfransen und Muscheln zu kaufen, ihr Kostüm heller zu verzieren und +ihren Tanz zu Schleifen zu bringen, die das Letzte, was Scham ihr noch +ließ, preisgaben, damit sie seine Premiere sichere und ihm Ruhe gebe. Sie +schwieg, während ihr Innerstes sich elementar schon empörte, rückte näher +an ihn, schmiegte sich in seine verborgensten Falten, lebte selbst in +seinem eingeschlafenen Gesicht. + +Am Abend der Neuaufführung glühte der Kellereingang phantastisch. Die +Stühle um zwanzig vermehrt. Sie stand im Kostüm halbnackt. Da arretierte +ein Sergeant de Ville ihm die unersetzbare Sprecherin des Uhu. Das Spiel +fiel aus sieben Minuten vor Beginn. Das Weib war im achten Monat, der +Sergeant riß sie schleifend die Treppe hinauf. + +Da überstieg der Zorn über das, was er am Guten verfehlte, an falschen +Plätzen vergeudete und verpraßte und nicht aufhob für das Donnernde, das +seinem Leben Ziel und Erhebung geben konnte, all das in ihr einen +Augenblick lang, das an ihm hing. Geröteten Gesichts unter der Schminke bat +sie heftiger, er solle sich wehren, nicht gefalteter Hand sich selbst +zerstören und abbauen, statt zu schaffen. Aber er wehrte sie mit der Hand +leicht ab und einem Ausdruck um den schöngeschlossenen Mund, daß ihre Hand, +Verzeihung erbittend, die seine strich. + +Aber sie verlor nicht das Gefühl, wie sehr die Unzulänglichkeit seines +Lebens das ihre bedränge und daß sie sich zerstöre und fessele, lebte sie +weiterhin wie seither. Sie verstummte verzweifelt. Sie empfand zum ersten +Male die Ungenügendheit der Menschen, in denen die Führer taub und falsch +gerichtet lagen und an denen zerbrach, was glühte. + +Sie tanzte mit einem Lächeln, das sein Gesicht nicht ausließ, steigerte +sich zu den schamlosesten Gebärden, hob Bauch und Schenkel, daß nichts ihr +blieb, alles ins Publikum fiel an Reiz und Erregung ihres unbegreiflich +schönen gebogenen Körpers. Während ihre Füße in Unzucht gingen, lobte ihr +Mund nur sein Gesicht, forderte ihr Auge sein Lächeln. + +Sie sammelte, durchbrach die knatternden Applause, stellte den gehäuften +Teller vor ihn, strich über seine Hand. Ging. + +In seinem Zimmer begann sie zu schluchzen. Sie sah sich um, verließ es. + +Sie lebte vor Cafés, auf Imperials. Lebte Rue Richelieu, Rue Bonaparte. Kam +Quartier Ternes, fuhr auf einem Karussell mit Affen am Etoile. Glühender +Scheibe gleich sauste der Kreis des Daseins vorbei. Sie blieb draußen. +Atemlos. Ohne Besinnung. Die Zähne aufeinander. Ohnmächtig Knie an Knie. +Immer wars, es stürze wie über Terrassen das Gesehene und Erlebte ab von +ihr. Ihre Verzweiflung trieb die hellsten Tage zurück. Der Papagei der +Savoyardin im Luxembourg, der sie kannte und liebte und dessen Hals sie +kraute seit Wochen in schöner Zärtlichkeit, rieb den grünen Kopf an ihrer +Hand. Sie sah ihn nicht. Sie fuhr nach St. Germain. Vom Imperial brach die +Stange vor der Station, ein Latschmützer sauste ab, hielt sich, stürzte +eine alte Frau auf die Chaussee, sie brach die Beine, schrie aus +kreisrundem Mund »Adolphe«. Kondukteur und Arzt herbei, der Apache bestach, +blieb an der Ecke, höhnte: »un plomb«, der Schaffner warf das Bleistück +wütend auf die Erde, ging mit roten Fäusten auf die Apachen, die die +Zigaretten in den anderen Mundwinkel steckten, ihn über einen Zaun +schmissen. Der Arzt reinigte sich, unter Gequietsch rollte ein Handwagen +mit der Frau ab, die Männer sagten »merde«, schlenderten weiter. Die Vögel +sangen toll. Aus einer blauen Woge trieb sich der Park gleich einer Wolke +heran und stand zitternd in der duftenden Luft. Der Wind wogte golden um +den Hochstieg der Sonne. Die Boskettes fluteten vor Licht. Sie nahm eine +Bank. Hinter dem Brunnen ward der rote Strumpf eines Mädchens deutlicher, +stieg, die Hand eines Mannes hob, der Rock flog auf wie ein Pfau. Als die +kristallene Abendwölbung kam, hing eine rote Windfahne über dem Schloß, ein +Mandelbaum, der fast weiß ward vor Hingabe, roch wie im Traum. + +Frierend fuhr sie zurück. + +Wohnte Trocadero, sah Flugzeuge silbern am Himmel surren. Rue du Château +d'eau schlief sie bei der Concièrge, spielte abends in Porte St. Martin. +Stand mit Heiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte de Bercy, Bois de +Vincennes. In einer Gärtnerei Neuillys goß sie Blumen, hütete ein Kind, bis +es schrie und lief unter dem Schreien plötzlich davon. Stand fest vor der +Porte Maillot mit »Intransigeant«, »La Presse«, empfing das Trinkgeld der +Soldaten, hielt unter den Wasserpalmwedeln durchsausender Automobile, +spielte Karten mit den Zollwächtern der Barrikade. War eine Negerin im +Odeon, entblößte den Bauch und schwang ihn wie ein kupfernes Schild +zwischen den zärtlichen Hüften. Hielt Narzissen in einem Kiosk der Place +des Vosges. Stand auf dem Wagen der demonstrierenden Studenten der +juristischen Fakultät, umbrüllt von Jugend, Benzin, Fleisch. Verkaufte »Les +Trois Couleurs«, mit denen der »Matin« den +Deutschland-Frankreich-Rekordflugpreis des »Journal« bekämpfte. Wohnte Rue +St. Jaques, die barock vom Panthéon steil und dämmerig zum Boulevard de +Port Royal steigt. Sah Madeleine aus einem Auto, verhüllte ihr Gesicht. +Fiel zurück in das Getriebe, sah Gare St. Lazare die Auslandszüge über den +starren Friedhof brausen, drückte Blériots schwielige Faust. Stieß im +Louvre auf Guigui, die mit schwarzem Lorgnon, elegant gekleidet, an ihr +vorbei auf einen zottigen Rumänen sich lanzierte. Sah die blauen Monde +elektrischer Laternen die Sommernacht der Boulevards schwärmerisch +durchschwimmen. Wohnte Tuilerien zwischen Hecken und Marmorbildern. Kam in +ein Musikcafé, eine Geige riß ihr ins Herz, löste sie wundervoll auf und +zog aus dem Verschütteten mit dem schon über das Menschliche hinausgehenden +Hinreißenden ihrer Stimme sie in die Höhe. Sie ging hinaus, begann zu +weinen, kam auf die Bahnhofsbank des Boulevard Montparnasse. »Kommen Sie«, +sagte eine Stimme hinter ihr. Durch Tränen sah sie den Mann, der im Café +Cluny neben ihr die Zeitung gelesen, ihren Kaffee bezahlt hatte. Atemlos +nahm sie seinen Arm. Da sie ausgedurstet war nach einer menschlichen +Stimme, wäre sie gefolgt, wäre sie rauher noch und befehlender gewesen wie +diese. Verscholl. + + * * * + +Aus den Sonnenblumen des Rangunschen Weibergemeinschaftshauses brechend, +schlug Stefan ihr die Arme um den Hals von rückwärts, drückte, schob einen +Knebel in ihren Mund, warf sie auf einen Gaul, das Tier lag in den Knien, +ein anderer Pferdekopf schob sich vor, sie war frei, da rasten die Gäule, +eine Hand riß ihren Zaum. Sie ritten die Nacht durch. Ihre Augen zählten +die Äcker, sieben Bäche, sie lauschte. Geräusche. Alarm. Wasserzüge +leuchteten Metall. Mond über einem Ölbaum. Der Mann schlug Schleifen, ritt +ein Stück mit ihr im Fluß. Der Küstenstrich war alarmiert, er ritt zurück. +Eine Finte. Seine Ohren standen steif vor Anspannung. Die Gäule stoben +durch Gestein zurück auf einen Hügel. Vor dem Himmel gebrochen hingen +Bergzüge in die Weißnacht, darüber eine Kuppe wie ein Segel geflaggt. Hinzu +trieben sie in Wälder. Als sie den Gurt durchbrachen, Zweige um sie +schnellten, flammte die Sonne auf. Sie kamen an ein Bambushaus. Er stellte +die Leiter an, ging in den Verschlag, zog die Leiter hinter ihr ab. Als er +sich umdrehte, ward sie unwohl, die Periode erfüllte sie mit Nebel, warf +sie um. Abends, als sie die Augen aufschlug, entdeckte er es. »Vier Jahre«, +sagte er, seine Hände zitterten. Sie sah an seinen Fingern hinauf, hinab, +schlief ein. Anderen Tages mußte sie reiten. Sie ritt. + +Sie ritt mit ihm, der unter holländischem Lampenhut das Kostüm des +nördlichen Chinesen trug, um die Wette. Schlief bei Tage. Fuhren nachts in +Lagerfeuer. Eingeborene zwischen spritzenden Spänen sausten, die Fäuste in +den Augen, in die blonden Felder. Ölbäume zitterten erregt unten in Ebenen. +Sprach kein Wort mit ihm, nur an seinen Händen sah sie die Sehnsucht von +Jahren. Als sie wohl ward, kniete sie, beugte sich über den Kopf, der +quadratisch geschlossen schnarchte. Beugte sich tiefer, roch ihn, empfand +die Gewalt, schlug die Zweige zurück, auf Schuhspitzen und Handflächen +schlich sie in eine Rinne, kam an den Rand, pfiff die Gäule, ritt nach der +Küste zurück. Hielt am Mittag. Von ihrem Gesicht fiel ab, was sie gelebt +das Jahr und was sie erwartete. Sie lauerte, überströmte sich mit Blut. +Kehrte um, wandte den Rücken, schlug Stefan einen Pfiff, machte Bogen, +führte die Gäule rechts und links am Halfter, rannte mit ihnen ins +Wiesenwachs, ließ los . . . zwei Bogen sausten in den Horizont. Sie schlug +sich morgens zu einer Karawane. Um sie Sand. Nach dem Berg zu. Allein. + +Mitten trugen sie einen Alligator, vorn ein Parah mit Weibern für +Bergradjahs. Die Armenier liefen beim Halt nach vorn, starrten in das +Kattun. Daisy gab einem Ceylonier ein Messer für einen Esel. Er sah auf +ihre Weiberhand, mißtraute ihr in dem Jünglingsrock mit abgeschnittenen +Haaren, bedachte, es sei ein politischer Emissär, meckerte, sah Rebbach in +der Beziehung, blieb treu neben ihr. Abends hob sich der Kattun des +Vorderkamels. Hüften schaukelten prall und weiß. Ein Tuch fiel. Eine Auge +grell nach Fleisch suchte das ihre, die Lider senkten sich, der Kattun +verschluckte nicht das Zeichen. Es galt ihrer männlichen Kleidung, der +tänzerinnenhaften Bronzeschlankheit. Am Morgen kreuzte sie eine Karawane. +In der zweiten Reihe ritt Stefan auf sie zu, sie erstiegen einen Palankin, +sie schloß die Augen. Wieder roch sie seinen Körper, dessen breite Muskeln +sie fast zerbrachen. Demütig nahm sie seinen Zorn, seine Beglückung. Sie +hoben sich aus den Knien. Der Kattun beim Vorderkamel stieg in die Höhe, +das Zeichen des ersten Feuers kam. Dolche sahen in den erhellten Palankin. +Wütend schlug der Kattun zurück. Das Weib heulte die Nacht, geschändet in +ihrem Geschlecht, denn das Tun der beiden Männer im Palankin war ein +Greuel. Am Gebirge bremsten sie, trennten sich von der Masse, schlugen sich +in die Täler. Ein sanftes Gesicht wandte sich ihm zu, als sie allein hinter +einer Düne standen. Allein die Fremdheit dieser Ergebung füllte ihn mit +Mißtrauen so, daß er sie mehr beobachtete, als hätte sie Fäuste in sein +Gesicht geschlagen. Doch sie tat keinen Laut, ergab sich und war in ihrem +Erleiden und sich Schenken von einer Entferntheit, die ihn rasend machte +hinter seinem steinernen Gesicht. Entfernte sie sich: »Halt«. Ging er vor +ihr, sahen zwanzig Augen aus seinem Rücken. Führte sie, fraß sie sein +Blick. Doch je mehr er sich bemühte, um so mehr gab sie sich ihm +schrankenlos in die Hand. Allein er empfand auch hierin nur, was sie +verschwieg. + +Als ihr die Milz schwoll vor Feuchtigkeit, Fieber ihr Hirn verwirrte, trug +er sie am Leib an einen Sonnenabhang. Das gesteigerte Blut wehrte sich, sie +schlug ihm das Gesicht auf. Als das Licht das Fieber aus ihrem Körper warf, +sah sie das Blut. »Ich schlug dich nicht«, sagte sie. Er schwieg. Da küßte +sie seine Hand; »Verzeih.« Sie lag wie ein Kind an ihn geschmiegt. Er sagte +nichts, denn er besaß. + +Je mehr er besaß, um so stärker zog er sie in den Kreis, den seine Kraft um +sie schloß und sie bedingungslos ihm gab. Bronzekörper fielen hinter sie +zurück, Geschlitzte trieben Yaks auf Abhänge, tranken Alkohol, schrieen die +Nacht. Er band sie mit jedem Gedanken, als es schneefrei ward. Ihren Willen +schied er aus. Seinen pumpte er ein. Ihr Schritt ward bestimmt. Das Moos +für den Fuß bezeichnet. Selbst ihren Gang, da das Unaussprechliche ihrer +Ergebung ihn wie mit tausend Widerständen peinigte, regelte er nach Tempo, +Biegung, er hätte versucht, sein Blut ihren Adern einzuführen, das dunkle +Letzte suchend, was er besitzen wollte. Die Nacht nahm er ihr die letzte +der achatnen Kugeln. Im Morgengewölk entblätterte die Spitze. Ein +schnurgerader Weg in Fels gemeißelt blitzte hinauf. Links, rechts sausten +Abgründe. Am Ende oben stand ein Bau. Zweimal stieß Stefan vor, kam zurück. +Das drittemal war er bleich. Er untersuchte die Abstürze, den Stein, blieb +die Nacht weg. Am Morgen kam er: Aus. Rot im Weiß des Auges. Die Hände +hingen schlaff. Sein Mund murmelte die Stationen, die in vier Jahren die +Sehnsucht ins Irrsinnige gesteigert: »Paris . . . Marseille . . . Kalkutta +. . . Pegu.« + +Sie lächelte, band den Gürtel schräg, torkelte, strich die Sandalen ab und +ging mit einem kühlen Schatten neben sich los. Auf das Tor zu. Klopfte den +vierfachen Rhythmus, es schloß sich hinter ihr. Sie glitt in die Welle, die +im Kreis des Hofes brauste. Senkte den Kopf, schritt mit, strich nach zwei +Stunden von der Peripherie, sah ein gelbes Band, kam in den zweiten Stern, +sprach eine Minute, glitt durch die Barriere in die innere Drehung. Die +gelbe Binde verschwand, bückte sich. Ein anderer wiegte an der Seite. Sie +kam näher der Kuppel am Mittag. Der Kreislauf faßte sie enger um die Mitte, +schlang sie ein, trieb sie in den innersten Kern, sie flog von Schleife in +Schleife, glitt an ein Metall, es erzitterte, nach fünf Minuten kam sie +bleich mit einer Tafel. Den Kopf gesenkt, die Welle nahm sie auf. Langsamer +und vorsichtiger spie sie sie aus. Ihr Bein tat weh im Torkeln, aber das +vergangene Jahr verließ sie nicht. Sie strömte durch das Brausen, die +Flügel des Umschwungs geleiteten sie mählich, hochmütiger aus dem Herz des +Sternes. Gegen Abend zog die Menschen-Mühle mit Schweigen, sie bog in die +äußerste Peripherie, stand abgestoßen vor dem Tor. + +Es war dunkel. »Komm«, sagte sie. + +Sie überschritten den Steg, ein schmales Tal schmiegte sich entlang, am +Ende ein Tor. Die Türen sperrten, die Nacht zischte in der Laterne, die ihr +Gesicht überflog, das Licht fiel auf die Tafel, das Gegentor schoß auf. Die +Ebene lag vor ihnen. Sie lächelte. In seine Hand gab sie die Tafel, sie +konnte sein Gesicht nicht sehen, später erst ward der Himmel heller, fiel +weiß im Bogen gegen den Grenzfluß. Unter dieser Bewegung spürte er, daß das +Unwägbare in ihr, was er gesucht und nie erreicht, solang er gezwungen, ihm +näher nun, wo sie sich über ihn schwang, war als je. Dies schlug ihn ganz +zusammen. Sie übersah es. Blieb die gleiche. Frug ihn nach Weg, Leitung, +gab ihm die Führung, folgte ohne Zögern. Sprach ruhig zu ihm von Wäldern +und Flüssen und Dingen, die sie umgaben. Von sonst nichts. Sie häufte alles +auf ihn, was ihm das Ansehen, den Ausschlag, die Leitung gab. Als es ihn zu +sehr bedrückte, ergab sich eine stillschweigende Harmonie, sie wünschte, er +tat, aber sie zeigten, sprachen es nicht aus. Er verstauchte das Knie eines +Tags. Sie blieb erschrocken, da fraß ihn das, was ihm Komödie schien, ans +Herz, er brauste auf, die Schläfen wölbten sich, die Fäuste wuchsen. Sie +aber unterzog sich dem ohne Betonung, demütig, nahm es hin wie vorher. Dies +wischte seine Erregung weg, und von diesem Augenblick blieb er in einer +gefaßten Ruhe, die jede Schwingung seines Blutes in einer ehrfürchtigen +Entfernung hielt. In diesem Gefühl fand er sich wieder, wurde stolzer, +sicherer, und so empfand er die Entfernung, die sie wirklich von seinem +Erleben trennte und zu deren Aufstieg der große Weg ihn noch trennte. Von +weißem Licht bespült, fast unirdisch in der Ruhe der Fächerabende kreiselte +ihr Floß, dessen Ränder sie bewohnten. Der Himmel hatte die Farbe des +Perlhuhns, seiden in der Berückung der Flötendämmerung. So entglitt sie ihm +immer ferner, je tiefer er sie in Wahrheit erkannt und empfand, und indem +sie das sprengte, was er bis zu diesem Tage als höchstes Vertrauen seiner +Kraft in sich hielt, befreite sie in ihm die Freiheit, die mit +schmerzlicher Glut ihn ganz erfüllte. Aus einem Abend stachen +Dampferlichter. Unter senkrechter Flamme entzündete sich ein Hafen. Eine +Stadt mit Musik, Cafés, Papierlaternen und Lichtern kam aus der Wölbung. +Als sie in der Bahn abfuhr, sagte er wie im Garten Guildendaals: »Du bist +der Wirbel, der mein Leben einfängt«, aber er sagte es mit einem +schmerzlich veränderten, zu anderen Entschlüssen umgebrochenem Gesicht. Sie +nickte zurück. Aus dem Aufschlag ihres groß bewimperten Auges blieb eine +träumerische Bewegung in der Luft, die bald rot ward. Die Ebene glitt in +dunklem Samt zurück, der Himmel berauscht, bebend wie eine Trommel, grau +mit tierischem Glänzen der Fluß. Sie schloß die Augen und es kam nur das +lösende Gefühl mit grenzenloser und gütiger Kraft: Schlaf. + + * * * + +Sie sieht ihren schmalen bronzenen Körper im tiefen Glanz des Spiegels +erscheinen. Sie reißt das einzige, was außer der leeren Halskette an ihrem +Leib ist, von ihrem langen Schenkel über dem Knie das Band, zieht die +Schließen an. Verkauft die zwei Perlen. Im Palankin fährt sie ins +Hafenquartier, klopft, verschwindet. Fährt im Männeranzug im Wagen zurück, +mit dem kurzgeschnittenen Haar einem Mischling gleichend, zu einem Magazin, +füllt einen Koffer, fährt zu einer Pension, nimmt einen Raum. Dort klirrt +die Glocke des Rockes um ihre Hüften, zögert die wundervolle kleine Brust +in der Bluse. Da reitet, ißt sie als Herr. + +Ihr Mund hat einen hinreißenden aufbrechenden Zug. Das Auge sucht, hebt +sich, erstarrt, sinkt. Von zwei Seiten durchwühlt sie den Menschenhaufen. +Er fällt nicht vor ihr zurück, gleitet nicht mehr ab. Sie reißt, aus der +Einsamkeit her gesammelt und hoch schon über jeder Enttäuschung, zu sich +jetzt, was sie erwittert. Das Auge glättet, schmeißt auf, enthüllt, zerlegt +. . . die Pupille sinkt. Innerlich voll Spannung, fiebernd erregt. Nach +außen, von vieler Erfahrung her, demütig überlegen. Als Frau zieht sie den +Mann an allen Instinkten, reizt ihn mit Geist, mit der Drehung der Hüfte. +Spürt seinen Blick im Ausschnitt, im Nacken. Sieht den Mut seiner Erregung, +führt ihn, zieht ihn nach, sieht endgültig vor Zielen, Aufgaben ihn +entflammt -- spürt aber, mäßigt sie ihr Blut zu Kühle, ihn zurückgeschraubt +im Thermometer seiner Begierde. Die Pupille sinkt. Sie bohrt von der +anderen Seite sich ins Geheimnis. Selbst in der Maske des Mannes +desavouiert sie ihn in seiner Beziehung zur Frau. Erst hinter dem Weib, das +ihn aufschwänzt, in der Einstellung auf Bauch und Besitz ihn als Klasse +sofort uniform macht (wohl auch riskant und alles in die Wagschale werfend, +doch nur spielerisch und daher unbestimmt und ohne Verlaß), dahinter erst +entdeckt sie den Mann. Ungestört von weiblicher Schwingung trifft sie die +Nüchternheit seiner grauen Stunden, die Lüge seiner Frische gegenüber +Weiblichem. Teilt seine Barnächte, Dürftigkeit seines Spiels, die +Phantasielosigkeit seines Hirns. Außerhalb der Polspannung der Geschlechter +empfindet sie die Indiskretion gegen jede Frau, seine Kameradschaft gegen +das Weib. Sie konsumiert mehr Menschen, ihr Auge wird heißer im Erkennen, +die Pupille sinkt. Ihr Leben wird rastloser. Sie weiß, der Mensch versagt, +und Enttäuschung peitscht sie auf. Lauschend sitzt sie in den Ecken. +Aufmerksam verfolgt sie die Ereignisse der Straße. Sie mischt sich, wo +Meinungen kreuzen, Kräfte aufeinanderstoßen. In Nankingkleidern treibt sie +sich am Hafen hin, kommt arbeitend an die, welche der Instinkt der anderen +als Überlegene, Wollende, Visierende zeigt. Treibt mit Smith vier Tage um +die Fischeransiedlungen, hört, öffnet ihr Ohr weiter, stärker, erreicht die +Grenze. Starrt ihn an, die Pupille sinkt. Kehrt zurück zu den Baggern, +Transportern, aufgeregter Meute in großer körperlicher Bewegtheit +Schaffender. Schwenkt ab zu den Stillen, Vergrabenen, an Maschinen, in +Kellern, Hangars Angeschmiedeten. Findet Abgegrenztes. Wo Ziele sind, +schwach fundiert. Erstrebtes nur im automatischen Gang. Hinter dem Programm +das Nackte, Ehrgeiz, Erfolg des Ich. Sie rettet sich in einem Bogen, mischt +sich unter die Weiber, trägt Armband, Ringe, duftet, rauscht mit Dessous. +Nur Holzbein, Titus und Zwicker denken, und die Ergebnislosigkeit solch +nüchternen Schwungs stößt zurück. Doch sie läßt sich nicht schrecken. Die +Menschen versagen. Aber sie hält nicht. Will. Muß. + +Mischt sich in einen Streik, schmiegt sich an die Leitung, spürt, wittert, +die Pupille sinkt. Schon mißt sie den Einzelnen, den sie sieht, auf seine +Befähigung, richtet ihn nach ihrer Forderung, fast nach dem Geruch, durch +den untrüglichen Instinkt, der sie vorwärts führt. Sie sieht einen +Gentleman einen Hund mit Lebensgefahr retten, pflegen, säubern. Sie +schließt sich ihm an. Sein gutes Herz sieht nur den blinden Einzelfall, +spannt sich nicht aus. Sie zuckt die Achseln. Nicht genug. Die Pupille +sinkt. Im Klub mit Abenteurern spürt sie Fabelhaftes, aber es vollzieht +sich nur aus Rausch. Verschwenderisch, doch unbrauchbar. In der Tiefe die +wilde Grimasse aus Kneipe und Bordell, die sich einsetzt und stirbt, nur +Aufflammen ungezügelten Instinkts. Traf sie auf Ideen, waren es +Schwächlinge, Schwärmer, die Locken nach der Sternansammlung schwenkten. +Kein Handgelenk und Griff. Die Pupille sinkt. Sie sucht nicht für sich, +denkt nicht für sich, wird unermüdlicher, gläubiger. Leid, das sie aus +jeder Stunde anschreit, wirft sie nicht um, hetzt, feuert sie an. +Empfindsam, gleich einem Apparat, zeichnet sich auf sie ab die Struktur des +Daseins, sie mißt, urteilt, findet den Hebelpunkt -- weint, daß sie eine +Frau ist. Lächelt über die Hilflosigkeit des Geschlechts, beißt den Mund +fest und sucht heftiger, strackser. Schon wachsen Ansätze zu Plänen. In der +Dürre des Erfolgs selbst beschwingt sich ihre Seele zu größerem farbigstem +Feuer. Wohnt in Baracken, wohnt im Hotel als Dame, wohnt an der Quarantäne. +Wohnt ein Stück im Lande. Sieht fischende Frauen im Abendlicht mit +Bastkörben von Stein zu Stein springen. Boote vorüberfahren. Dampfer +rauschen. In der Pension als Reiter. Seglerin des Hotels. Lernt aus jeder +der Sekunden. Sieht den Saft aus der Erfahrung, bekommt schärferen Glanz, +mildere Schönheit ins Auge, reift mit Brust und Hüfte in eine schlanke +Rundung. Prüft, hofft, verwirft. Spannt sich in den Glauben mächtig zum +Dehnen. Die Pupille sinkt. Das Lid hebt sich. Die Figur eines Kapitäns +schneidet sich aus einem Dampfer. Der Schall eines Agitators verzückt +erregt. Das Raunen einen Slowenen in einem asyle de nuit sinkt ins Blut. +Die Haltung eines Kaufmanns zu seinem Diener verblüfft. Der Blick wird +grau, das Dreieck spannt sich über die Stirn. Die Pupille erweitert sich, +erschlafft. Sinkt. In einer Barnacht singt die unsterbliche Stimme eines +Dichters die Brüderlichkeit. Am Meer ist seine Seele läpsch wie ein +Schalet. Sie folgt einer Revolte. Es sind Betrunkene. Sie wohnt an dem +Segelhalteplatz, beim Sport. Wohnt in einem kleinen Garten mit Holzhaus, +wird braun wie die Eingeborenen, sieht die Haut der englischen, indischen, +französischen Frauen. Folgt zwei singenden Vögeln. Die Heide schlägt sich +um sie auf im Abend. In der stürzenden Dunkelheit bauen zwei Parteien ein +Duell, legen Knipslaternen auf Steine, reißen zwei Lichtkegel zwei Figuren +aus der Dämmerung. + +Ein Schuß pitscht. Sie weicht zurück, fast umgeschleudert. Ein Auto biegt +vor dem, welcher schießen will. Ein Arm aus dem Auto greift die Hand, +schleudert die Pistole mit einer unbeschreiblich ablehnenden Gebärde auf +den Rasen, springt hinaus, tritt darauf, reißt den Mann mit sich in den +Wagen. Sie hört ihn sagen: »Ich habe andere Aufgaben für dich.« + +Die Pupillen stehen weit in Kreisen glasig erhellt, offen, bekommen +Facetten, glühen vor Licht. + +Sinken nicht. Sie springt in den Wagen. Sie nehmen sie kühl auf. Sie sieht +nur den einen. Sie sitzt den Abend zusammen mit Gordon, Raffaeli, Di Conti. +Die anderen schweigen. Di Conti spricht. Gegen Mitternacht werden außer +seinem die Gesichter mißtrauisch. Ihres glüht. Mit schief im schwarzen Bart +gestrecktem Mund fragt Raffaeli: »Was geben Sie?« »Mich!« Gordon umreißt +mit gierigem Blick ihre Figur. Raffaeli zuckt die Achseln, die Nase biegt +sich skeptisch in den Flügeln, vibriert. Di Conti wiederholt die Frage +kalt. Da lächelt sie, verschenkt sich an sein Gesicht mit aller +grenzenlosen Hingabe. Die von keinem Sou des Angehäuften seither nahm und +lebte, sperrt auf die gesamten Depots. + + * * * + +Jeden Traum sah sie in seiner Hand schon fertige Waffe. Keine Ahnung, die +ihm nicht schon zum Abfeuern geladener Plan. Sein Glaube war so ungeheuer, +daß er ihn schon jenseits der Ekstase mathematisch beherrschte. Aus dem +Herz die Flamme gerann ihm im Hirn. Seine Kühle war unbeschreiblich über +dem barbarischen Feuer, das gebändigt darunter tobte. Selbst Raffaelis +fanatische Unerbittlichkeit schmolz, Gordons nicht ausmeßbare Aktivität +folgte nur seinem Druck. Ihr schwindelte, wenn der Tag sie in die +fassungslose Nacht entließ, wo ohne die Gemeinschaft das Ganze in +Schlagschatten zerrann. Ihm war, was sie als Entfernung der Welten ohne +Brücke sah, aus ungeheurem Wollen geringe Distanz geworden, ihm gab es +keine Hemmungen in seinem Bau. Hatte gewogen, geschaut, gedacht, die +Rechnung gefertigt, die Summe gezogen. War kalt geworden, bedacht vor +Ergebnissen. Trieb nun vor. Sah in dem Ruhenden, Daseienden, im Pathos +bloßer Tradition den Feind, das Erwürgende, sprach gelassen gegen die +Schwerkraft, gegen die Anziehung der Kräfte. Stemmt gegen die drehende Erde +sich mit der Kühle des Überlegenen wie am Schalter eines Automaten. Ihr kam +nachts, daß aus der ungeheuren Kraft seines Wollens, die alle überströmte, +er in die See hinaus, die Tag und Nacht die Fahrt umschäumte, neue +Bewegungen, seinen Rhythmus und Zweck dem Schiff, den Schornen und der +Flutung diktieren könnte. Er stand am Schalter, wies ihr die Spannungen, +die Drähte, sogar die Klingelzeichen der unterirdischen Erregungen. Der +Traum machte ihr sein Bild wahnsinnig. Gordon, der von Marokko bekannt, +verfolgt war wegen Desertion, Aufruhr, Agitation, ging morgens neben ihr +auf dem Verdeck, ließ sie das Spiel seiner Muskeln spüren, Feuer und Lust +seiner Kraft, in diesem Kampf zu führen. Doch Di Conti gewann ohne Kampf, +besaß mit Nichts. An ihm fand sie die Lösung. Er drahtete vom Schiff, +diktierte, erklärte, schrieb, zeichnete Karten, sah auf, lächelte +beherrscht. Gordon trat mit englischem Backenbart aus der Kajüte, ging +geschnellt auf den Ballen, sprach deutschen Dialekt, hatte einen Steckbrief +wegen Agitation im Heer. Raffaeli sah das Meer nicht, sah nach innen. Das +eigene Vaterland ließ Di Conti kühl, es lag an der Peripherie, entwickelte +sich im Lauf des Zentralproblems, fiel später unter Raffaelis +Durcharbeitung. Er selbst zielte aufs Herz Europas, stach nach Paris, um +von dort das Blut in den Körper des Erdteils zu treiben. Für die asiatische +Welle hatte er Aufmerksamkeit, nicht mehr, empfing Depeschen aus Genf, +lauschte auf Berichte der Vertrauensmänner, verglich, maß die Stadien der +Siedespannungen am Barometer, verglich die Leidenschaft der Massen, gab +Ordres, zögerte, tat einen Ruck, setzte andere Spieler ein. Zielte zuerst +gegen den Kitt, die umfangenden Reifen, die Macht, das Militär. Rettete +darum Gordon, der den menschlichen Bruch und Riß trug, im Persönlichen so +schwach zu sein, daß seine Eitelkeit ihn in eigenen Dingen das allgemeine +verleugnen, in jede Tollheit sich werfen ließ. Hatte die Organisation es +aufzuschälen, die Schaukel dann aufzutreiben, die aus Jahrhunderten +rotierende Gesinnung zu stürzen, Massen aufzuwerfen, gerecht die Erde zu +nivellieren. Das Leid der Irren, Kranken, Sklaven, falscher Sehnsucht +endete hier. Sein Paradies war willkürlich, geschaffen, diktiert, es +kümmerte ihn nicht. Gegen Raffaeli hatte er die Kühnheit zum weiteren +Schritt, die Gerechtigkeit zu verleugnen, um sie endgültig einzusetzen. +Sein fachlicher Befehl, der Definitionen verachtete und aus der Berechnung, +die tausendfaches Gefühl ihm geformt, sprach, war bestimmender als +Raffaelis Glut. Er kannte nur kalt Herrschende und Blinde, die sich nicht +befreien konnten, da ihre törichten Herzen die Erkenntnis zum Handeln nicht +zu fassen wagten. Er trug darum die Verantwortung seines Entschlusses mit +präziser Automatigkeit. Zwei Tage vor der Landung kamen Nachrichten von +Gärungen in Lyon, am folgenden putschte Marseille im Hafen, in Nancy +erschoß ein Unbekannter einen Oberst. Mit zusammengepreßtem Herzen, +zitternd, sahen sie das Land. »Es ginge nicht ohne Sie«, verbeugte sich +durch die Dämmerung Raffaeli mit Schätzung und Verachtung zugleich auf das +Geld, mit dem er arbeiten mußte. Es wurde dunkler, Laternen blitzten. Di +Conti stand an der Reeling, hielt ein Papier in der Hand. »Gott selbst +könnte sich nicht widersetzen. Wagte er das Sinnlose, seine Welt liefe taub +aus. Eine furchtbare Gonorrhöe.« Er hatte den Kopf zurückgeworfen, sein +Mund war blaß geworden vor Zusammengedrängtem. Die Nacht sprach er mit ihr +zum erstenmal allein und lang. Sie ward erfüllt von dieser Stunde, daß ihr +Leben sich verankerte in ihr. Nie verließ sie das, nahm Besitz von Blut und +Kräften in einer Durchdringung, die fast den Mond und den Meerraum mit +hineingab in sie. Bei der Ankunft wehte irgendwo eine Flagge. Ein Kind +strauchelte und stieß Raffaeli. Der Portier hatte Briefe, nahm eine Perücke +ab mit einem Zeichen innen. Drei Tage darauf meuterte ein Regiment in der +Aube. Gordon wurde verhaftet. Di Conti schlug zu. + + * * * + +Als sie den Boulevard heraufkam, stand, die Hände über den Augen, Raffaeli +an der Ecke. Sie nickte. Er verschwand. Um zehn Uhr betrat sie das Cafe Rue +Guijas. Drückte sich bis zur Wand, schob die Achsel vor. Vier Frauen +standen am Schießapparat, zielten, schnellten den Hebel, schossen für einen +Sou die Freimarke zum Café für vier. Sie gelangte ans Büfett, ein Mann +stieg vom hohen Stuhl. Sie kletterte, der Neger im Hufeisen ließ eine Tasse +in der Schiene gleiten, ein Porzellan mit Gebäck, erhaschte sie mit einem +Schielblick, schob einen Brief nach. Sie hatte Röte an den Schläfen. Sah +fest nach dem Eingang. Während Mädchen an den Wänden hingen, sangen, +plärrten, Queues das Billard umkreuzten, trieb trotz der Frühe eine +Unterschicht herein, breitete sich aus, füllte heftiger, ein Zittern +durchlief die Körper der Gruppen. Sie drängte weiter. Auf der Erde wieder +wand sie sich herum auf dem Absatz. Der Ire stieß sie zur Seite, brach sich +zum Apparat durch, griff den Studenten am Apparat, der, eingeschossen, +gewann, an seine Brust, stemmte ihn hoch, warf ihn hinaus. Sie sagte etwas, +fast laut. Ein Mann nickte. Ein Mann sah sie fragend an. Sie gab ihm einen +Zettel. Sie hörte Worte, helle, gedämpfte, zischten vorbei, schlugen +vorüber. Eine Gruppe löste sich, ward um sie ein Kreis. Sie kniff die Augen +zusammen, sah in die Höhe. Stieß ein Weib an, versehens, neigte rasch den +Kopf, beglückte eine Sekunde mit den Augen. Hob rasch die Lider, schloß sie +fest, öffnete groß und sah dasselbe in dem Gesicht eines großen Mannes. Sie +durchdrückte die Welle, die auch um die Dominotische schon brauste. Mimis +saßen, setzten, bauten, die sie nicht kannte. Wie von St. Denis hierher die +Kette heraufschwang, ihr Gefühl faßte, der Rachen aufbrach, schlang, wütete +in diesem Fleisch, glomm Stolz in ihrem Auge. Sicher ging sie vorüber. +Etwas schwankte von ihr wie Trost fest um den Tisch. Ihre Hände berührten +Hüften. Eine Stimme drehte sich ihr zu, ohne Ton, heiser wie Blech. Der +Mund war noch schön: Ly. Es bohrte hinter den glasigen Augen, faßte es +nicht, schluchzte in der Gurgel. Das Hirn faßte das Gefühl nicht, sie +heulte auf, erkannte Daisy nicht genau, wußte nur dies und dies und die, +nichts Eindeutiges, bückte sich: »Gib mir zehn Sous.« Sie gab. In der +Bewegung der Hand erfüllte sie das Geben ganz zu Glück. Trat aus ihr +hinaus, sie fühlte, daß in diesen Tag ihr Leben Fülle und Bedeutung +erhielt. Zwei Männer hielten sie an, einer küßte ihre Hand. Sie hörte, +während er sprach, Lys Stimme dahinter: »Combien . . .? Trapez mit dir -- +Sau von Geiz . . .« Bleich vor Angst ein Preuße vor ihr, sie steigerte ihn +über die Taxe. Sie löste sich, schon war sie darüber. Nichts drückte sie +mehr. Glühend flog es auf in ihr. Am letzten Tisch verwirrte sich ihr Auge +in einen Glanz. Le Beau stand gegen die Wand, ein Mann neben ihm, der auf +sie zeigte. Durch Gedränge und Stimmen hielt ihr Atem, ihr Sichsehen fest. +Das Gefühl floß, sie wußte, es würde sie immer verbinden bis in den Tod. +Das erste Erleben des Blutes hielt sie zusammen, nichts wischte das weg, +keine Tiefe. Ein Trauring lag um seinen Finger. »Ruiniert.« Sein Auge war +voll Geist, stolz. Über den Plafond strich es aus Jahren: Autos, Feste, das +Haus des Boulevard Raspail . . . es lag zurück wie tot. Sein Blick tastete +atemlos nach ihr, mißverstand die Pause, die sie ihm gönnte, bog eine Frage +aus ihr heraus. Der Punkt, den sie festhielt, war der Eingang. Dorther +füllte es sich mit einem Maß reifer und übermütiger Freude. Bleich sah er +die Linie der Nase, zog die Luft nach, die sie zurückließ, ging mit dem +Detektiv hinaus. Er hatte sie gesehen. Abgewandt, ihm gehörig, +hoffnungslos. Sie aber, entzündet weit und hoch über ihm und seinem +Lebenskreis, durchbrach die Barrikade von vier Männern, deren Leiber alles +abhielten. Sie kam durch. Ein luftleerer Raum kam, ein Stern von Stühlen. +Sie stellte sich daneben, kam endlich mit dem Rücken an die Wand. + +Da begann ein Wirbel von der Tür her durch die Menge durchzufluten. Der +Raum zitterte, die Luft kam ins Wogen, die Masse brach nicht. Eine Kette +schob vorbei zu den Nischen, eh der Kern sichtbar ward. Sie wurde gegen die +Wand geschüttelt. Fester sog sie sich an dem Eingang fest, mehr glühte ihr +Auge dorthin, ihr Leib streckte sich unmerklich in diese Richtung. Dabei +drehte die abgeschobene Kette neben ihr um, es gab freieren Raum, im +Vorbeihuschen sah sie einen Augenblick Philippes Gesicht. Zum erstenmal +grüßten sie gegeneinander wieder. Da sie nicht mit Worten dastand, unter +denen sie litt, sondern wie an keinem Tage heute zur Höhe getrieben, +entflammt, kam einen Augenblick Triumph in ihren Mund. Doch sie hielt ihn +nicht. Wurde sanfter in den Lippen. Was sie erfüllte, gab ihrem Hochmut +Duldung für ihn. Er hatte sie schauen gelernt, die Liebe gezeigt. Sie sah +ihn abgeglitten von der steileren Aufgabe, rechnete nicht mit ihm, der sich +lächelnd nach innen hinein abwandte . . . Schon löste sich ihr Auge +hiervon. Im Vorderteil hob sich Tumult. Die Mitte drehte sich in einer +Spirale, durchdrang sich. Aus der Eingangstür kamen Kommandos. Sie reckte +sich ganz hoch. Bestimmungen erschollen. Parolen. Ein Schild schwankte. +Meerhaft wogte die Gruppe. Noch höher, unbedingter wuchs sie in die +Richtung. Häusernamen kamen herüber, scharf die Straßenreihen. Arme hoben +sich. Die Masse zuckte auf, riß, ein Gang wölbte sich. Langsam trat ein +häßlicher kleiner schwarzer Mann heraus, es traf sie das Auge Di Contis. + +In ihrer Hand lag der Brief. Er las nicht, nickte, sprach schon zur Seite. +Nur wie er zur Uhr, hastig und scharf, sah, bewies ihr, wie heftig er sie +erwarte. Sie ging. St. Sulpice schlug halb zwölf. Quetschte sich durch die +Haufen, eilte, bog in Rue Monsieur Le Prince. An der Ecke kam in das +Fliegende, Stolze in ihr eine Traurigkeit, die ihr Gesicht rötete. Sie ging +durch den sonnenleeren Garten, durch die Wolke Karbol. Stand an Renées +Bett. Die Schwester beugte sich darüber, nahm ein Tuch weg. Das Gesicht im +Krampf zerrissen, in der Mitte eine Höhle, aus der pilzig Fleisch wucherte. +Die Lider fielen Daisy, sie suchte einen Ton. Fand keinen Ton. Die +Schwester suchte Renée zu wecken. Unmöglich seit Tagen. Sie atmete, stank, +sprach nicht mehr. Drei Jahre spannten sich von dem Gesicht zu dem ihren. +Wie sie sich bückte, blitzte der Glanz vor ihrem Auge, mit dem, +unvergleichlich und bezaubernd in der Schönheit der Beine, Renée die +Hüfttänze in Genf gewiegt. Sie sah das andere nicht mehr, bog sich tiefer, +mit dem Mund zum Ohr: »Es wird gut sein, Geduld.« Malte, schilderte, +versprach, hörte nicht auf mit der Tröstung. Aber Renée hörte nichts, +sperrte röchelnd den Mund kreisrund, roch nach fauligem Gewebe. Sie sprach +weiter, sah verzerrt plötzlich das Gesicht, schwieg langsam, drehte um. An +der Tür hielt eine Hand ihren Rock, aus dem Kopf eines jungen Mädchens traf +sie ein verzweifelter Ausdruck: »Zu mir?« Zwei Augen kehrten starr +enttäuscht, zur Decke zurück. Es traf, verwundete Daisy nicht. + +Schatten fielen aus den feuchten dumpfen Gassen, in Lücken glitzerte +gewitterig die Sonne. Sie spürte das Stück Schuld, das, neben der Welt, sie +an diesem Kadaver trug, aber wie alles Elend dieses Tages löste es Freude +in ihr, trieb in ihr hinauf, denn sie empfand es als Ende. Von hier begann +das Glück. Freude ging über ihre Zunge, Verantwortung und Glaube machten +eine Sicherheit in ihr, die undurchdringlich ward. Gordon befreit, Kasernen +gestürzt, europäische Mauern gesprengt . . . neue Beziehungen trafen von +Herz zu Herz. Es kam als Strom, sie empfand Contis Herz. Sie empfand, wie +er sie besaß und erhob. Eilte, fing alles Unglück ein, nahm es mit, +verarbeitete es . . . nichts konnte es antun ihrer Entzückung. Keine schöne +Taube würde sinnlos zerstört, kein Schoß zertrümmert, kein Wahnsinn +herrschte, tat Unrecht, verdarb, sie kämpfte sich weiter auf den Boulevard, +traumhaft befestigt in klarer Ruhe, machte Bogen. Die Straßen hingen voll +Gedränge. Um Eins kam sie Rue Guijas, sprang in einen Wagen. Sie hörte +Erfolg. Streiks im Borinage, in Brest, in Perpignan, auf der Loire. Unruhen +in Bordeaux. Eine rote Fahne auf Marseille. Sympathieausstand in Mailand. +Meuterei in der Dauphinée. Sie bückte sich, legte die Stirn auf das +Hebelrad, nickte, küßte Contis Hand. Um Zwei begann die Demonstration. + +Der Verkehr stockte. Um halb Drei sperrte Gendarmerie die Eingänge der +Seitenstraßen. Die Seitenstraßen standen gepfropft mit Menschen. Der +Boulevard stand kilometerweit schwarz. Fahnen zeigten die Kolonnen. Plakate +riefen das Volk auf. Eine dünne Kette Polizei stand zwischen der wogenden +Masse des Boulevard und dem Druck der Nebengassen. Um drei brach die Masse +los. In der ersten Reihe Gordons Bild. Malerei gegen die Legion. Hinter den +Führern mit Schärpen Di Conti. Der Zug schwankte, zog langsam zum +Montparnasse, machte eine Schleife, stand um Vier wieder am Observatoire, +eine Lawine. Um dreiviertel Vier waren die Häute gerissen, die Gendarmerie +überschritten. Alle Seitenstraßen mit hermetischem Druck in den Boulevard +hineingeplatzt. Die Masse brodelte an der Spitze. Einer sprang vor, reckte +etwas, immer höher. Es schoß los. + +Alte Gesichter kamen, junge kamen, Weiber. Straßenbahnwagen, hunderte, +hintereinander, besät. Automobile dazwischen. Ohne Musik. Schritte gingen +in dem Boulevard, vereinigten sich, gaben einen einzigen Ton, der sich +band, hallte, brauste. Die hellen Normannen, ehemalige dunkle Soldaten, die +Kokotten der Hallen, Apachen mit Tüchern, Araber, Studenten des Quartiers +gingen in dem sausenden Ton. Er ward dumpfer in der Tiefe, schlug hinauf +die Häuser. Die Straße vor dem Zug war ausgestorben, glühte. Vor dem Zug +schlossen sich die Fenster, Läden der Verkaufshäuser rasten herunter. Die +Kolonnen drängten sich, verbogen sich, kreuzten Rue Monsieur Le Prince, Rue +Guijas, Rue des Etrangers. Aus den Gassen bohrten Keile herein. Ein Knabe +von einem Baum schrie: »Es lebe die Freiheit.« Eine Lawine kam vom +Luxembourg. Der Zug stockte, verdunkelte in der Gedrängtheit, löste sich +ein wenig, ballte sich tiefer zusammen. Verfing sich in sich selbst, hing +wie ein Haken im eigenen Fleisch. Sie brüllten sich zu: dein Kopf, deine +Hand, die Schulter. Hand hing so dicht an Hand, daß sie sie nicht rührten. +Eine Wolke Schweiß brach aus. Zwei große Fahnen flaggten über sieben Etagen +herunter. Sie lasen die Inschrift, eine donnernde Stimme rief über den +leeren Raum die Straße herauf etwas, das die erste Woge traf, sie bäumte. +Die Häuser zitterten unter dem Druck, in oberen Stöcken klirrten die +Scheiben. Die Fahnen hingen starr herunter, erregten, die Stimme ward +lauter. Da brach die Masse, fast schreiend, schwankte, mußte nach vorwärts, +dehnte sich auf die Seite, daß der Stein an den Hüften knirschte, bewegte +sich, flutete. Laternen standen, Bäume im Weg. Eine Sekunde zitterte die +Barriere. Dann gingen die Kolonnen als Fluß, strömten, unwiderstehlich. In +ihrer Mitte hoch, vor den Wagen, den Autos, schwankten die Laternen, Bäume. +Reißend goß es sich auf die Place St. Michel, füllte sie voll und rund. + +Di Conti sprach. + +Die Kühle war gerissen, die Flamme schlug vom Denkmalrand. Der Donner +machte das gefüllte Platzbassin totstill. Er bückte sich wie ein Ringer, +stieß den Arm zum Kreis, zwang die Stille noch tiefer herunter. Sprach. +Formte im Reden die Gesichter unten, zerrte sie auseinander, wischte sie +aus, entleerte sie. Riß sie rasend hinauf, verklärte sie langsam, füllte +begeistert an. Zog die Reihen, sanft einander verschmolzen, dichter heran. +Wuchs. Stieg höher, stand am oberen Rand des Denkmals, bog den Nacken +zurück, rang einen Augenblick die Hände, entfaltete sich mit einer +ungeheueren Bewegung, zog die Masse mit auf, warf sie auf, über sich ihre +Herzen, stemmte sie höher, fabelhaft sich entfaltend, hoch die Arme +geschleudert, wankte und wuchs mit der Last, die er hielt. + +Sprach. + +Ging auf der schmalen Leiste des Bassins hin und her, atmete wie ein Pferd, +zog die Menge im Krampf zusammen, quetschte sie aus, hieb das Bittere in +ihre Visagen, machte Drohung, bestürzte Wut aus den Mäulern, donnerte, roch +den Zorn aufgeballt. Faßte rückwärts, packte hinter sich den Kopf der +Chimäre mit beiden Fäusten, fiel nach vorn, schräg, kam näher, tief +herunter mit dem Gesicht gegen die Masse, war fast bei ihnen. Einigte sie +in eine atemlose Pause. Sprach. Warf die Drohung aus den Augen. +Scheinwerfer zuckten die Sätze. Sprach. Sie drangen in die Herzen. Sprach. +Sie drangen durch die Kleider, die Hemden, die Röcke, trieben in die Pulse, +gaben sich von Leib zu Leib. Das Blut bekam eine Bahn, einzige Wärme, +gleichen Schlag. Floß den Boulevard hinauf, löste, machte Spiralen, schlug +aus, blühte aus jeder Haut. Die Lawine brach los, Stöße kamen herunter, +keilten gewaltig, drängten den Platz ab bis zum Kordon. Dort stemmte es +sich zurück. Conti sprach. Die neue Woge wälzte heran, erstarrte. Sprach. +Die Hände Schallbecher vor dem Mund. Erreichte größere Distanz, durchmaß +mehr Menschen. Es rollte herunter vom Montparnasse. Daisy hielt mit beiden +Armen am Sockelstein sich, die Beine wurden mitgerissen, der Leib drehte +sich, die Augen kamen zum Himmel. Sie sah Di Conti, lächelte, faßte wieder +Fuß. Der Druck der Dreikilometersäule platzte den Pfropfen, schmiß +viertausend gegen die Seine. Conti sprach. Warf sich in die neue Welle, +inbrünstig, verzehrte die Kraft, warb, zerfetzte, diktierte, sänftete, riß +die Herzen plötzlich steil, unnachahmlich erschütternd, hoch, über sich mit +beispiellos schmerzendem Ruck. Die Säule stieß weiter vom Boulevard +herunter, warf, schoß die Menge vom Platz, stürzte sie gegen die Massen vor +dem Kordon, Bäume, Laternen kamen über den Kolonnen gegen die Seine an. +Stießen den Druck unaufhaltsam weiter. Gegen den Kordon Gendarmerie. + +Er verschwand unter ihren Füßen. + +Das Ufer herauf, rechts, links, ritten Kürassiere, Haarschwänze vom +Kupferhelm auf dem Rücken tanzend, Karabiner auf dem Schenkel, warfen sich +vor die Brücke, bewachten vor der Emeute des linken das rechte Ufer, das +Herz der Stadt, Boulevards der Bourgeoisie. Die Wellen kamen, gedrängt, +gedrückt, spieen heftiger an, schlugen wider die Gäule. Sie riefen: +»Camarades, Freiheit, Hunde, Hunde.« Sie sahen in die kleinen dunklen +Löcher, auf das Metall der Drücker. Der Stoß in ihrem Rücken stürzte sie in +Massen gegen die Pferdeköpfe. Ein Pflasterstein flog. Es knallte. Steine +stoben durch das Licht, sausten. Eine dünne Stimme rief: »Tirez.« Die +Kürassiere zitterten, die dunklen Löcher hoben sich über den Schenkeln +höher, steiler, feuerten in die Luft. Vom Blut der Stürmenden ging es +hinüber auf die anderen, durchdrang sie, säugte sie. Die dünne Stimme +schrie wie ein Triller. Ein Mann gab einem Soldaten die Hand. Die Säule +stieß durch, ein ungeheurer Schrei. Körper an Körper gedrängt, Soldaten, +Arbeiter, hatten einen Sinn nur, eine Richtung, gleichen Herzschlag. Ein +spitzes Winseln, sie steckten brennende Zigarren dem Gaul unter den +Schwanz, der Unteroffizier zeigte ein kalkweißes Gesicht, das Tier +klatschte hinunter ins Wasser. Gäule zerstampft. Fraternisierend strudelte +die Masse, wälzte über die kupferrote Abendbrücke in die Stadt. + +Vom Brunnen fiel Di Conti, einen Schuß in der Weiche. Von der unteren +Seineseite durchstach eine Kompagnie von hinten enge Gassen, kam seitlings +auf den Platz, trieb einen Keil in die dünne Masse. »Weg du«, schrie ein +roter Bart. Eine Frau hielt vor Schmerz blaß die Hand zwischen die Knie. +Die Masse floß in den Brückenstrudel, abgelenkt, gerissen. Das Denkmal ward +umzingelt. Di Conti aufgehoben . . . hinter Bajonetten gesichert. Daisy +warf sich auf ihn. Sie schlugen ihr eine Koppel auf den Kopf. Sie konnte +die Hand nicht rühren, ließ nicht nach, biß sich in seinen Rock. Ein Druck +kam auf ihren Kopf, das Gesicht von ihr ward schwarz, noch einmal flüsterte +sie: »Conti --.« Die Masse begriff, schäumte auf, warf sich herüber, gegen +den neuen Kordon, feuerte ihn zurück, Daisy ward zurückgetragen. Conti +schleppten Soldaten durch die Gassen in die Métrohalle. Zu spät. + +Aber er lebte. Zwei Tage war Daisy irrsinnig. Dann empfing sie. Kühl, Dame, +Freunde nahmen ihre Hand: »Wir werden ihn befreien.« Deputierte sprachen: +»Wir werden ihn befreien.« Der Schlag der Masse pulste herauf zu ihr: »Wir +werden ihn befreien.« Sie hörte, die Verwundung wär leicht . . . Ihm werde +des Volkes Stimme dauernder Ruhm. Sie reckte sich, steif, ging zurück, +lachte. Ruhm? Bot man so Geringes? Glaubte jemand, dies sei ein Wort für +dies Gefäß? Maß für diese Tat? Dies Geschenk für Narren und Kinder wagte +Geschwätzigkeit hinzugeben für Blut? Behängte diese Maske ihn nicht zum +Komödianten . . . stand sein Gesicht doch, das schlicht nur dem Ganzen +wirkte, brüllend und wie aus Marmor vor dem Gewissen der Macht. Sie winkte +ab, ging auf und nieder, steckte die Hände in die Taschen, die Augen im +Dreieck. Ein eisgrauer Glanz kam aus dem Blick. Hinab mit Geschwätz und +Trauer. Eins war zu tun, das Ziel erreichen, die Leistung verdoppeln, +Angriff steiler schrauben, unbedingter sich mühen. Di Conti mußte frei +sein. Hierfür war zuerst zu leben. Sie nahm es auf sich. Allein. Ging einen +festen graden Weg. + +Die Lichtflut stieß Breschen ins Dunkel. Die Seine floß gläsern unten. Sie +sah einen Schatten, er löste sich von der Pforte und glitt an ihr vorbei. +Sie drückte ihre Hand fest in seine, das Papier knitterte. Ein Wachtraum im +Keller sprang auf, dreigezackt brannte ein grünes Gaslicht schmetternd +gegen den Kalk. Sie legte ihre Hand auf den Tisch. Als sie sie zurückzog, +blieb etwas. + +Sie trat in das Büro ihrer Gesandtschaft. Sie ging durch drei Räume. Ihre +Karte lief vor ihr. Fünf Minuten sprach sie mit einem eleganten Herrn mit +exotisch flimmernden Augen. Sie gab ein Telegramm auf an ihren Vater. +Darauf gab ihr der Herr seine Karte mit einigen Worten. + +Damit fuhr sie die Champs Elysées hinunter, Bäume streichelten die Luft, +Helligkeit und Süße wob in den Zweigen. Sie fuhr darunter hin, unbeteiligt. +In einer Schleife glitt der Wagen ins Riesenbassin der Concorde . . . der +Wagen glitt, bog, hielt. Über die Teppichstufen des Ministeriums. +Aufgehalten, mit der Karte durchbrechend, gehemmt, vor Achselzucken, +lächelnd, die Karte vor sich . . . sie stand in einem Salon. Ein schöner +Mann im schwarzen Schnurrbart, der elegisch das Kinn rahmte, trat ein, +stutzte. Sie ging mit raschen Schritten an den Tisch, legte ein Bündel in +perlgeschmücktem Etui auf die Kante. Sein Blick leckte nach ihrem Hals, +zögerte, fiel auf den Tisch, er verneigte sich, stieß eine Tür auf. Ein +größerer Salon. In der Mitte eine Jungfrau, die auf einem Brabanter ritt. +Die blaue Seide der Wände, der geschwungenen Stühle verwirrte, sie lernte +die Teppichmuster, sagte immer ein Wort, ein Wort, ein Wort. Eine Stunde. +Ein grauer schmaler Herr trat ein, hinkte, ein Monokel an schwarzer Schnur +flog ins Auge. Er war nicht groß, kam langsam näher, äugte, bis er genau +sie sah, schob mit drei Fingern einen Lehnstuhl zurecht, indem er ihn kaum +berührte. In seiner mageren Hand spielte ihre Karte, er las, sah ihr mitten +ins Gesicht. Blut schoß ihr auf unter dem jähen Anprall. Er sah auf die +Erde neben seinem Schuh: »Ausländer? . . . Italiener . . . in der Tat.« Sie +sah nur seine Brauen. Er notierte den Namen, flüsterte ihn nochmals, stand +auf, ging ans Fenster, trommelte mit den Fingerspitzen ans Glas, murmelte, +sah auf ein knallendes Buchenholz im Kamin zerstreut. Die Lippen Daisys +saßen wie Tiere aufeinander, die Brauen seidenschmiegsam ineinander sich +wölbend. Er trat zurück. Ein drittes Gesicht sprach mit ihr, die Stimme +schlürfte etwas, stieß an die Zunge, die Handbewegung voll zarter +Höflichkeit. Er führte immer, sie folgte. Lauernd. Erschreckt. Er blieb +gleich. Kanadische Jagd, die Quadrille Fribaurts, er kannte es. Versailles +wuchs zwischen seiner Geste, schmeichlerisch, mit Märzwind. Eine Fahrt über +St. Malo. Er neigte das Kinn: daß die Oper Ballette belebe, welcher Zug. Er +stand auf, ging zum Fenster, elastisch in dem Knie, hinkte nicht -- ob ihr +Wagen warte, Pelze darin seien. Setzte sich wieder, ruhig, besorgt. Sie +wartete, faltete die Lippen, daß es käme. Er spielte, lauerte, führte +herauf, hinunter, eilte, pausierte, sie sah sein Gesicht nicht. Seine +Grazie schmeichelte sich in ihre Haut. Plötzlich schlug er die weiße Hand, +die nicht welk war, laß gegen das Knie, der Kopf fuhr auf, sein Blick +prallte ihr wieder ins Gesicht. Sie stand auf. Er hob sich halb: »Wann darf +ich den Wagen senden?« Sie knotete die Hände: »Neun Uhr.« Er läutete, als +sie sich schon wandte, ein kakadufarbener Page öffnete geräuschlos eine +Tapetentür. + +Vierundzwanzig Stunden vorher speiste Conti, verdrehte die Iris, schwankte, +bekam Kälte in die Finger, Blei in die Knie, verzerrte die Zähne über die +Regie der dritten Republik, die selbst die Einrichtungen der Küche +pragmatisch ordnete. Als Daisy morgens heimkam, war Di Conti tot. Sie kam +hin mit einem Gehenlassen der Glieder, das alles hinter sich hat, +abgeschüttelt, selbst ohne Erkenntnis und Bedeutung des Opfers, innerlich +lediglich gerichtet auf das Ziel. + +Sie bog die Lippen tiefer, versteinte an den Schläfen, zwischen Wange und +Mund. Was konnte noch kommen? Ein Telegramm Fidleys: Pa tot. Sie legte das +Papier auseinander, legte es zu dem anderen, frühstückte, badete, ließ sich +massieren. Fuhr in den Luxembourg, fuhr zurück. Am Abend in die Oper, Verdi +rauschte, Sommerhimmel erbrausten, sie speiste, schlief. Stand auf am +Morgen. Nichts war zu schlagen. Je mehr sie spürte, was sie verlor, um so +ungeheuerlicher fühlte sie aus sich brechen das Bewußtsein der Stärke und +der Sammlung. Allein nun empfand sie, wie gefüllt und selbst sie war, voll, +traubenhaft geschwellt, ausbiegend aus ihr mit einer Glut, die sie +erblaßte. Di Conti war in ihr, mehr heute als je. Geballter als im +Menschlichen. Unverlierbar. Vermächtnis besaß sie, beherrschte und +durchtrieb sie unausdenkbar an Berufung. Sie ging gestärkt, wunderbar +entzügelt. Eine Ruhe umgab sie, die den Schmelz der sehnigen Schenkel und +das flimmernde Spiel der Hüften unter der kleinen Brust begehrenswerter, +zarter heraushob. Sie verlor kein Glück. Sie besaß sein Werk. + + * * * + +Pa tot. Fidleys Telegramme, Weisungen stäubten. Es geschah am Horizont. Syg +einem Mann gefolgt. Es geschah in der Ferne. Ihr Mittelpunkt blieb +unerregt. Der Körper hielt stand. Der Geist sah manchmal Bilder. Raffaelis +Bruder, Arzt, sagte, wünschte, befahl Erholung. Sie machte eine kindliche +Gebärde. Er verstand. Sie wurde klug verführt. Sie fuhr mit Briefen, +Papieren Contis zu Freunden nach Kopenhagen. Der Platz der Zusammenkunft +war leer. Die Fahrt im Zug war dumpf, ausgespieen fuhr sie, allein, dennoch +voll Glut. Sie mußte weiter nach Christiania. Nach zwei Tagen stand sie am +Hafen, traf Fribaurt nach einer schmerzlichen Sitzung. Er fuhr mit der +Segelyacht nach einem ungewissen nördlichen Punkt. Sie nahm es sofort. »Ich +komme mit.« + +Die Tage füllten sich mit dem und jenem, Ungenauem, doch ungeheuer in der +Berührung mit schrankenloser Natur, Menschen, deren Geist abgewandt war, +mit denen der eigene sich schön traf beim Rauchen, dem Reffen der Leinen, +Hinaussehen auf glatte See bis zu entfernten Dampferwolken. Inseln kamen. +Riffe türmten sich wie steigende Esel. Gedörrte Fische hingen an den +Felswänden, wie sie die Ufer hinausfuhren. Granit, Urblasen erstarrt, +schaukelte bunte, rote, grüne Häuser wie Spielzeug. Auf den Klippen saßen +Rypen: »ka . . . bauh.« Schneehühner: »j . . . ak -- j . . . ak.« Es +rauschte. Ein Kreis mit heißen Wallungen bäumte um sie. Sie badeten in +einem Fjord, abends ward das Wasser papageirot. Jerkins, Christianias +größter Jäger, stieß auf ein Signal mit der Kupfertrompete dazu. Kam mit +Schneeschuhen aus dem Gebirge. Stunden, ehe er einlief, sahen sie ihn im +Glas oben wie ein metallenes Insekt flitzen in Stemmbogen und Telemarks. +Ein Tal kam aus den Felsen gegen das Meer geflossen, grün, schwärmerisch. +Sie übernachteten im Dorf. Am Ende, eingekeilt, schon zur Ebene zu, hing +über Sandwüsten ein weißes, Licht schleuderndes Haus. Jerkins führte im +Bogen heran, sein Finger überschrieb die Gegend: »Nördliche Lepra«. Der +Kreis war verseucht. Er zuckte die Achseln unwillig, sah Daisy ins Gesicht, +führte sie dennoch heran. Zerfressene Gesichter sahen aus den Fenstern: +»Hüten Sie sich.« Ein Schrei. Sie gingen zurück, warfen den Fock aus. Das +Morgenwasser zischelte . . . Die Nordsee leckte gierig, blau an Lee. Die +Windtrommel saß in dem Segel, schmetterte. + +»Geh in meine Kajüte.« + +Der Schiffsjunge schloß die entzündeten Augen, kroch in die Kabine und +schlief sich aus. Sie lag unter dem Segeldach und gab statt seiner acht. +Das Steuer war angebunden, die Luft ging ganz stät. Die Lappin wurde aufs +vordere Verdeck gerufen. Die Sonne malte auf den Holzplanken. Fribaurt und +Jerkins lagen auf dem Bauch. Das Weib mußte sich legen, äugte schielend mit +schrägen grünen Augen nach Daisy. Sie spielten Karten, lernten die Lappin +zum siebentenmal an, schlugen Atouts auf den Boden, das Weib lauerte, bekam +einen Rippenstoß, zuckte, legte klatschend mit fetter Hand ihre Karte nach. +Die Segel schlappten plötzlich, klatschten hohl hin und zurück zum Großbaum +. . . eine Musik umschwirrte sie . . . eine Wolke Papageitaucher, die wie +Rypen zirpten, flog eilig nach dem Land. Jerkins schoß, auf dem Rücken +liegend, eine Möve, die hinter ihnen her war, fischte sie herein, zog ihr, +die schrie, Kopf und Atlas ein wenig auseinander. Vorbei. Er fuhr mit der +Hand in den orangegelben Flaum und ließ die Federn einzeln zu Daisy +fliegen. »Schöne Frau von der Seefahrt.« Fribaurt sang mit dunklem Bariton. +Der schaukelnde Wind ließ nach, das Meer ward tierisch faul, eine Brise +kam, schwand. Sie lagen still. »Welche Harmonie,« gähnte Fribaurt, stieß +einen Pfiff aus, hielt die Shagpfeife in der Hand und warf die Karten auf, +»wir haben maßlose Zeit, meine Freunde.« Das Segel aufgerefft, die Lappin +in Hosen an der Gaffel mit klebriger Behendigkeit . . . der Tag stand +still. Fribaurt band ein rotes Tuch um den Kopf. Jerkins hob das Weib hoch, +legte es wieder auf den Bauch. Dann bluffte er wie toll, verlor einen +Haufen Geld und lachte, bei jedem Verlust aus Vergnügen. Fribaurt lächelte +ein Diplomatengesicht: »Zu grob.« Er legte auf: »Street.« Die anderen +warfen zusammen, zuckten die Achseln. Plötzlich schob Jerkins auseinander, +runzelte die Stirn, griff hinüber, legte die Karten der Lappin +nebeneinander: »Zu früh . . . zu schick . . .« er bog sich vor Lachen über +Fribaurt. Umgewendet: »Die Sau . . . die Sau . . .« Die Lappin kroch ein +Stück davon aus Angst auf dem Leib. »Was hat sie?« Jerkins hob die Hand von +der Kartenflöte. Sie wälzten sich zu zweit: »Royal Fluch.« Fribaurt zur +Lappin geneigt: »Süße Freundin, welch verschwenderische Tollkühnheit des +Glückes . . .« Jerkins teilte aus, schaute zu Daisy: »Die phantastische +Quote . . . und hat es nicht gewußt.« Weißbrüstig hing eine Brise vor dem +Meer. Geigen im Baum, ein dunkler Frühstrich vor ihr her wirbelte das Meer +mit einem bläulichen Schatten, der Bogen sauste heran. Jerkins sprang auf, +leierte am Großschot, die Lappin ließ das Segel zwischen zwei Tauen herab, +Jerkins wickelte, machte einen Schifferknoten mit den Daumen, das Segel +wechselte, flog hinaus . . . der Stoß kam und erzitterte jeden Nagel, +Fribaurt schmiß das Ruder herum, tänzelnd lief das Boot, sie kamen dem Ufer +näher, die Gaffel wechselte . . . nun fuhren sie in der Windschwankung +parallel. + +Das Ufer neben ihnen, ein hoher Damm, scharf vor den Himmel gelegt. Auf ihm +fuhr in gleicher Linie wie sie ein Pferd. Es zog ein Karreol, flach und +groß wie ein Kanoe. Drin saß ein Mann. Sie fuhren nebeneinander. Fribaurt +deutete mit der Spitze der Pfeife nach ihm. Der Wind zog stärker. Die Blase +des Segels neigte sich schaumig gegen das Wasser. In silbernem Regenbogen +hing eine Springwelle an Lee. Sie starrten hinüber. Es war, als bewege sich +keines, nicht sie, nicht das Pferd, . . . als blieben sie festgehaftet wie +Brennpunkte in dieser Ovalen von Himmel und See. Fribaurt zog die Augen zu +Schlitzen zusammen. Jerkins, die Hände vor dem Mund, die Brust aufgesogen +wie ein Schwamm: »Hall . . . lo . . . o!« Sein Organ schlug den Wind mitten +durch und traf drüben auf. Der Wall schickte vier Echos herüber. Keine +Antwort von dem Mann. Jerkins quoll blau am Hals: »Hallo . . . y . . . lo!« +Eine Pause zitterte, die dünnen Echos quirlten . . . dann kam die Antwort, +kalt: »Holla!« Jerkins stand am Großbaum, klemmte die Wange ans Holz. +»Haltet Ihr die Wette nach Aarvik?« Sie lauschten. Dann eine schneidende +helle Stimme: »Am Arsch.« Sein Pferd sprang über eine Wolke, Staub ringelte +sich in einer umgelegten Säule hinter ihm. Der Damm bog landeinwärts, eine +rötliche Spirale. Daisy verstand nicht, was er norwegisch rief. Sie sah +nach Jerkins. Er machte ein verschlossenes Gesicht. Der Schiffsjunge +fletschte ein Grinsen von Ohr zu Ohr. Daran verstand Fribaurt die Antwort. +Sein Schnurrbart zuckte, er wandte sich zu Daisy und lobte die Farbe der +Mövenfedern. + +Jerkins warf das Ruder herum, halste, das Ufer zog sich tief zurück . . . +um eine Halbinsel, einen kleinen Fjord. Der Berg hob sich von zwei Seiten. +Auf der jenseitigen mitten in der Spirale peitschte der Fahrer sein Pferd, +am Ende des anderen Abfalls lag unten Aarvik. Sie warfen Anker, gingen im +Beiboot ans Land. Ein helles Wirtshaus mit einem Garten, die Terrasse mit +Bäumen, dahinter die Ebene vom Morgen . . . die flimmerte . . . unten am +Fluß mit roten Dächern Aarvik . . . idyllisch unter dem Berg. Auf seiner +Spitze hob sich eine Flamme Staub, das Pferd kulminierte, die Karriole kam +in die Schleifen des ihnen zugewandten abfallenden Teils, verschwand in +einer Schlinge. Nach einer Viertelstunde klapperte sie an hinter dem Haus. +Ein Schock Matrosen lungerte um die Kneipe, graue Zipfelmützen im Nacken. +Der Wirt schmiß sie heraus. Sie drängten nach. Einer stieß mit dem Knie +einer Magd in den Hintern, sie schrie: »Dumme Schicksen.« Der Wirt zeigte +auf ein Holzbrett, sie schüttelten die Fäuste. Er nahm es herunter, hielt +es sich vor den Bauch. »Ein kleines Faß,« schrieen sie, »wir scheißen auf +das Verbot.« »Dåd og Pine . . .« mit Knie und Faust drückte sie der Wirt +die Steintreppe runter. Sie maulten, einer zog den Wirt an einem +Westenknopf neben sein rothaariges Gesicht und flüsterte in sein Ohr. Der +Wirt brüllte auf, stieß ihn in den Magen, daß er wie ein Messer einknickte. +»Kotzt Lumpen«, seine Zunge hing raus vor Wut, er trat dem Mann auf die +Schenkel, der sich verkroch. Da fuhr die Karriole auf den Hof. Sie sahen +den Aussteigenden nur vom Rücken. Er schrie durch den Radau, seine Matrosen +rieben sich die Hände an den Hosen. Er rief nach dem Weg über die Brücke. +»Abgerissen.« Wieder gab es einen kurzen Krach, da die Matrosen sich +beschwerten. Der Wirt dienerte. Zwei der Leute schirrten den Gaul aus. Der +Geprügelte riß plötzlich dem Wirt die Hosen auf die Knie. »Had djävelen +. . . ich schlag dir in die Fresse.« Die Matrosen gröhlten, steckten die +Hände in die Taschen und johlten, bewegten sich mit den Hüften vor und +zurück. Ein Faß rumpelte. Der Fremde winkte, die Matrosen kicherten und +verrollten sich langsam. Der Wirt verzog das Maul, stellte das Brett zur +Seite, schielte giftig zu den Abtrollenden. Der Fremde warf seine Gamaschen +einer Magd zu. »Hafer . . . mir ein Bett . . .« Der Gaul hob den Schwanz +und strich einen großen Furz. Die Matrosen quakten herüber, schlugen sich +die Schenkel vor Lachen. Der Fremde sprang ins Haus. + +Jerkins schlenderte, die Hände in den Taschen, ins Haus, kam zurück. »Wer?« +fragte Fribaurt. »Sven Mair.« Daisy bog sich zu Fribaurt: »Wer ist Sven +Mair?« Fribaurt lächelte mit dem Schnurrbart, strich seine Hand mit der +anderen: »Jerkins Feind.« + +Die Zimmer lagen nach der Seite des Flusses. Eine lange Nacht voll +Geräusche. Die Hunde bellten, wurden plötzlich still. Aus dem Bootshaus +soffen die Matrosen in die Gegend, sangen, rollten langsam in ihre Kabinen. +Kurz die Stimme des Fremden unter seinen Leuten, dann Stille wie Blei. Das +Meer stand in uferlosem Schweigen. Die Felsen kühl und geheimnisvoll über +dem Wasser, panische Stille . . . sie schloß unter ihrem Druck die Augen. +Stunden gingen. Schlaf und Wachsein verschwebten in einander. Plötzlich riß +sie wilder Spektakel auf. Sie eilte ans Fenster. Zwei Karriolen rollten vor +das Haus. Die Nacht war weiß. Kupfriger Schein spann über die Landschaft. +Drei Burschen bläkten die Zähne, schrieen: + +»Sven.« + +Schritte gingen über ihr, die Gesichter schauten hinauf. Ein Pfiff, ein +gedämpfter Ruf von oben: »Skideriks.« Sie grinsten nach oben. Ihre Nasen, +ihre Ohren, die Farbe der Augen -- alles sichtbar. Angelgeräte auf den +Wagen, die Pferde bissen schaumkauend auf dem Eisen. »Sven . . .« Da trat +er heraus aus der Tür unter ihr, ein Schatten lief vor ihm rasch über den +bläulichen Boden. Er hatte Lachszeug über der Schulter, schmiß es in seine +Karriole, krempte die Hosenbeine bis zum Bauch, nahm zwei Pferde, trieb sie +in den Fluß. Schreiend warfen die aus den anderen Karriolen sich auf die +Gäule. Der Fremde drehte sich um, sah nach dem dritten Gaul, bis an die +Knie im Wasser. In der Helligkeit sah sie sein Gesicht. Da wuchs aus der +Nacht der Schlag, hieb besinnungslos in sie, stürzte wie eine Feuersbrunst +zum Herz: + +_Dies Gesicht ähnelte Caspare Symes._ + +Sie ging vom Fenster zurück, fiel mit dem Rücken auf das Bett, hörte +Pferdegeplätscher im Wasser, zwei Rufe, bleierne Stille. Im Plafond über +sich sah sie das Gesicht. Sie warf sich herum. Eingebrannt im Boden glühte +es sie an. Sie starrte durchs Fenster. Es füllte den Rahmen, peitschte sie +auf. Erschöpft sank sie in die Kissen, schloß die Augen. Da stand es innen +in den Lidern mit einer Zärtlichkeit des tiefsten Schmerzes und sah durch +die Iris ihr in die Brust. Ihr Herz zog sich zusammen. Stunden, die sie +lag. Kämpfte mit dem Kopf. Derselbe Ausdruck in seinen Zügen mit dem +Unbekannten, der im Traum ihren Bauch umschlungen in der Nacht Le Beaus, im +Traum des Hotels neben Renée. Mit tödlicher Schärfe riß ihr Dasein herauf, +sie erkannte die Rechenschaft über ihr eigenes Lebens, die er brachte, +kannte, forderte, ungestüm. Er schlug als Zentrum in den Kreis, den sie +gelebt. Kein Leid, das sie gelitten, ohne daß es bestimmt war für dies. +Keine Sehnsucht, keine Handlung, die nicht zielte in diesen magischen +Punkt. Er hob sich, als sie am entferntesten schien, und wie von einem +Wellenbrecher rauschte ihr Leben davor zurück. Nichts blieb außer ihm für +sie: Dinge eitel, Menschen verworfen. Das Meiste umsonst getan. Höllischer +Schmerz verzehrte ihr Auge, ihr Blut. So unerbittlich klar stand in dem +Kontur das Glück, Bestimmung des Leibes, der Sehnsucht unerfüllbar, nicht +erfüllt seither, . . . sie schrie um Gerechtigkeit, starr, ohne die Glieder +zu bewegen, wandte sich an Gott, wandte sich ab, verzweifelte. Der Schmerz +ward so tief, daß sie ihn nicht mehr ertrug, glaubte, sie sterbe. Da drehte +er um und erfüllte sie mit Seligkeit, die alles an sich rief, was sie +erduldet. + +Langsam wuchs sie aus dem Zweifel, überwand ihre Sehnsucht, sah weit vor +sich die Aufgabe, das Gestreckte, Winkende, Rufende, was sie größer füllte. +Und je mehr es in ihr glühte und Di Contis Glaube und Ziel sich erhellte +auf einer Seite, sank der Kopf auf der anderen, das Spiel der Wage ging +hinab. Wohl lag zwischen dem Kopf und allem Geschehen eine Kluft, die +nichts überbrückte: nur ihr Blut. Sie gab es. Litt. Gab es hinüber in das +Unbedingtere, gab sich auf und ganz in die Aufgabe. Verzichtete. Sah zum +ersten Male das Unbeschreiblichste, erkannte, am Nichtgewesen, an allem, +was sie versäumte, ihr großes Glück. Gab es auf, ließ es. Legte den Kopf +weinend in die Hände. Entsagte. Aus Di Contis Atem kam die Befreiung, +lösend, hart, aber tief. + +Das Silber zitterte heller. Sie lag, die Augen wie Stein. Dann stand sie +auf, als ein Boot unten vorbeifuhr. Ging hinaus über die Schwelle. + +Die Arme standen etwas ab. Die Sonne kam. Eine Fahne wehte, das +Georgskreuz, schon vorüber. Welch unendliche Kühle des Sommermorgens. +Welche Frische des Blaues. Sie ging weiter. Der Staub ward rötlich. Die +Riffe des Kessels ballten sich dunkel, unerreicht noch vom Licht. Sie ging. +Gezackte Wolken am Horizont . . . Mövenflügel in Spiralen hoch sich +schleudernd . . . die Eidern weich geschaukelt in der Bucht -- -- -- der +Tag stieg, wölbte Licht. Aus der Wiese kam ein Gaul auf sie zugelaufen, +hielt, hob das rosane frische Maul, legte es auf ihre Schulter. Lief davon. + +Das Kupferbergwerk glühte aus dem Fels. Sand . . . Sonne leckte darauf +. . . die Ebene kam. Oben das spitze Tal. Sie ging hindurch. Fahlweißes +Licht prallte ihr entgegen. Sie stand vor dem Haus wieder, von der anderen +Seite, das, ein Nabel, zwischen der Ebene und dem Gebirge lag. Aus einem +oberen Fenster sah ein blauzerquollenes Gesicht. Ungetrübt durch Schmerz +wehte es rein in ihr auf, durch sie hin. Die Liebe quoll verdichteter in +ihr. Sie schlug die Augen auf. Mit unerbittlich weichen Buchstaben stand +über dem Eingang vor dem Himmel geschrieben: Hilfe den Menschen. + +Eine grelle Stimme: »Was wollen Sie?« + +»Hinein.« + + + + +Der fünfte Abschnitt + + +Die zwanzigste Schüssel . . . sie hing das Tuch an den Ständer, goß den +Zuber aus, stülpte die letzte auf die Neunzehn. -- »Durst.« Sie brachte +Wasser an ein Bett. Sie schaukelte den Zuber in die Badewanne, ließ heißes +Wasser einlaufen, nahm Soda, griff in Schmierseife, schlug Schaum mit einer +Bürste. Nun kamen die Näpfe. Mit einem Zangenpinsel fuhr sie in den Hals +der Urinenten, bog den Draht, schabte den Kalk innen ab. Das Wasser +sprudelte. Sie wusch den Nachtstuhl aus. Die Tür weit offen . . . es +dampfte nach Kaffee. Sie schaukelte das Wasser in die Wanne, wusch die +Wanne aus mit Seife und Sand, schaukelte den Zuber mit den Henkeln auf der +Wanne unter den Hahn. + +Neues heißes Wasser . . . es lief nicht mehr. Sie schob den Schalter +langsam herum und hielt ein Streichholz daran. Der schmale Gasofen an der +Wand spie nach unten Ruß, nach oben die blaue Flamme, es donnerte. Sie +sprang in die Flamme, schob den Schalter zurück. »Langsamer öffnen«, sagte +eine Stimme hinter ihr. Sie öffnete langsam, entzündete das Holz. Der Ofen +explodierte. »Langsamer sage ich . . .« Ihr rußiges Gesicht sah um. Langsam +öffnete sie, die Stichflamme schoß in das Zimmer, das Gas knatterte +irrsinnig, an der Decke das Licht losch aus. + +»Schreiben Sie auf: der Ofen wird repariert.« + +Sie nahm ihr Buch, notierte es. Es stand zum drittenmal mit Blei +geschrieben. Jedesmal untereinander. Der Ofen wurde nicht repariert. + +Die Türe fiel hinter dem Arzt. + +In der Dämmerung wusch sie die Becken im kalten Wasser. Dann trug sie +Bürste, Pinsel, Stuhl hinaus. Auf dem Gang standen Sechs vor einem Tisch in +Hemden und wuschen sich Hals und Brust. »Meine Zahnbürste.« »Schlappmaul +. . . meine.« Ein Rippenstoß . . . sie torkelten im Korridor. »Laßt mich +durch.« Sofort wichen sie zur Seite. Das Klosett verschlossen: »nicht in +Ruhe einmal scheißen . . .« Sie wartete ruhig. Sie bückte sich unter den +Tisch. »Deine Zahnbürste -- -- --« Der Mann winselte. Im Klosett keifte es. +In hängenden Hosen erschien er dann in der Tür, ungekämmt, rieb sich die +Augen mürrisch. Als er sie sah, ging er auf die Seite, wich ihr aus, senkte +den Blick. »Falle nicht,« sagte sie, »der Boden ist naß.« Die sich wuschen, +tuschelten nur noch miteinander, Mund an Ohr. Sie machte das Fenster auf im +Klosett, zog die Wasserspülung, wusch den Boden auf, rieb das Porzellan +glatt. Der Schnee draußen schimmerte frostig. Sie schloß das Fenster. + +Ihr Name flatterte zweimal im Flur. Sie stand neben einem Bett. Sie nahm +zwei Beine, hob sie hoch. Die dicke Schwester, die den Kopf hielt, schrie +den Mann an mit drohendem Baß, die andere band ihm die Hände fest. Der +Schwären auf seiner Weiche juckte ihn so, daß er nun hüpfte im Bett. Die +Dicke gab ihm Kaffee in den Mund, das Brot. + +Sie fuhren die Betten in die Ecke. Achtzehn. Die freie Seite kehrten sie, +wanden Lumpen um die Besen, wuschen auf, ließen trocknen, fuhren die Betten +herüber, bewältigten die andere Seite. + +»Daisy . . .« Bittender Ruf. Sie ging mit. Naga hing in ihrem Arm. Sie +gingen über zwei Korridore in den höheren Stock. »Bist du müde?« Die Brust +der kleinen festen Schwester schmiegte sich an ihren Arm. In dem Zimmer +standen zwei Kolonnen Betten, alle belegt. Die Luft roch scharf nach nassem +Tuch. Große Scheiben gingen ins Land. Aus jedem Bett ragte ein Bein, ein +Arm . . . und lag in einem Gefäß mit Wasser. Naga hielt Bein um Bein, Arm +um Arm. Daisy trug die Wannen hinaus, leerte sie von eitrigem Gerinnsel, +scheuerte sie, füllte sie neu. Das siebente Bett . . . ein junger Mann warf +sich im Fieber herum -- -- -- »Ja, wir werden deiner Mutter schreiben.« Das +elfte Bett . . . die Fieberkurve gestiegen -- sie machte ein Kreuz auf das +Brett, drückte auf einen Knopf. Der Kranke kannte die Bewegung, begann zu +winseln, das Bein blau, geschwollen . . . er warf sich knirschend herum. +Sie drückte wieder auf den Knopf. Jeder kannte die Bewegung. »Nur ein +kleiner Schnitt.« Er lächelte ungläubig, sie nickte. + +Ihr Name auf der Treppe. + +Sie trug mit der großen breiten Schwester Mann auf Mann ins Bad. Sie hielt +sie unter den Armen, die andere an den Knöcheln. Im Bad stand ein Schemel. +Darauf lag wechselnd ein verbundenes Bein, ein Knie, ein Arm. Einer lag +darübergekrümmt auf der Seite. Sie wuschen die Leute ab mit Seife und +dicken Bürsten. Sie hoben sie heraus auf den Stuhl, trockneten sie mit den +Fingerspitzen ab: + +»Du hast Naga geholfen.« + +Sie nickte. + +»Sie soll es nicht tun, wenn sie der Aufgabe nicht gewachsen ist.« + +»Ich habe nichts versäumt.« + +Sie trugen einen anderen herein. Als sie schruppten, ging die Haut ihm ab +wie einer Schlange. Er hatte sich gekratzt, »Du Schwein . . .« Er sah die +große Schwester an, er sprach kein Wort. Daisy rieb vier Leuten den Rücken, +die Schenkel ab mit Spiritus, gab Puder darauf, ging zu Nagas Station, +setzte sich zu dem Fiebernden, horchte, sprach, schrieb . . .: »Liebe +Mutter -- -- -- ich bin nicht schuld . . .« + +Sie aß zu Mittag, ging vor das Haus auf einen Liegestuhl, deckte sich zu +und schloß die Augen. Die Sonne brannte auf den Schnee und färbte ihr +Gesicht. Sie ließ die Glieder sich lösen, Müdigkeit floß an ihr herab, halb +schlafend flog ein Zug zufriedenen Liegens ihr an den Mund. + +Sie stand neben dem Arzt. Ein neuer Kranker ward eingeliefert, ein junger +Prediger, der entsetzt in die Brille des Arztes stierte: »Sie werden gut +tun, sich damit auseinanderzusetzen, daß Sie hier bleiben. Die Welt draußen +ist vorbei. Sie werden hier sterben. Wenn Sie so denken, werden Sie ruhiger +leben, weil Sie ein kluger Mensch sind.« + +Sie ging still mit dem Arzt hinaus, trat von dem Flur in das Nebenzimmer. +Ein Raum dick voll Rauch. Gesichter schwankten mit Bärten zerfließend in +der geballten Luft . . . deutsche Matrosen mit Scharbock von Grönland. Die +leichte Abteilung, nichts gegen die Tragödie drüben. Gesang: + + Isch un du + Mir hawwe uns so gern + un leck'st de misch bei Dag am Arsch + da brauchst de kei Laddern. + +Sie stand auf dem Sims, wusch mit Petroleum das Lambris, wusch das Fenster. +Sie zog ein Spinnweb aus der Ecke. Sie kehrte die Asche der Zigarren am +Boden zusammen, unter der Heizung jagte sie Flocken, putzte das Messing der +Klinken. Immer ein freier Raum um sie. Immer der fremde Gesang. Die Männer +kaum sichtbar in dem Qualm: + + Isch un du + mir hawwe uns so gern + un leck'st de misch bei Nacht am Arsch + da scheine der die Schdern. + +Sie ging auf den Zehen an das Bett des Geistlichen. Sein Auge sah starr, +gebrochen vor Melancholie in die Ecke. Er spürte nichts wie die +Vernichtung. Hier Ende seines Lebens. Aufgezogen von einer schönen Frau, +seiner Mutter, hier nun verfaulen. Unmöglich zu fassen, das konnte nicht +sein, seine guten Glieder . . . dieser Mund, der schöne und tapfere Dinge +sagte . . . wenn Gott war, so war dies unbegreiflich . . . ein schwaches +Lächeln -- er glaubte es nicht -- . . . als die Lippen anschwollen, starrte +er vor sich hin. Fassungslos dies große Ungeheure vor sich, sein Geist zu +enge Öffnung, als daß so Maßloses sich in ihn schon so rasch ergösse. Zu +klein sein Hirn für solchen ungeahnten Gott. Acht Tage lag er steif. Dann +fraß ihn das Neue, indem es ihn an sich gewöhnte. Da gab er sich Wochen der +Wut und der Anklage. Der Ausschnitt seines Zimmers, das Stück kümmerliche +Landschaft ward ihm die Welt. Der Mond, entsetzlich aufsteigend . . . er +würde ihn nie mehr sehen von anderem Ort, die Blumengerüche, der Dampf der +regenbeschwerten Erde . . . ein Bauernmädchen, das vorbeiging . . . nichts +zu halten, in die Ferne gerückt, nie zu berühren und zu haben . . . welches +Schicksal. An das Fenster treten, dies alles inbrünstig sehen, nie haben +werden, mit aller Wildheit begehren, kein Gott, der es ihm in die Hände +geben würde . . . warum diese Grausamkeit . . . warum ihm . . . -- -- Jahre +stiegen auf in dem Fensterbogen, entfalteten sich, zeigten jede Sekunde mit +einer Eindringlichkeit, die die Augen schmerzte . . . Spiele der Jugend +. . . eine schmale Frau trat an sein Bett, ein Garten abends . . . er hielt +es nicht mehr . . . schrie. Daisy kam, stellte Wasser neben ihn, rückte +einen Stuhl zurecht, legte Bücher darauf -- und ging. Er folgte ihr mit dem +Blick, bog ihn zu dem Fenster. Da stand seine Jugend. Wie war es zu tragen +. . . Nun litt er mit geschlossenem Gesicht. Als der Pendel durchschwang, +der Kern des Leides durchlitten war, löste es sich in schmerzliche +Seligkeit, er begann beim Abebben des Zorns eines Nachts zu weinen. Hell +wie ein Kind. Das ganze Haus hörte ihn. Nach Wochen sagte er zu Daisy: +»Wenn ich begreife, daß ein Körper wie meiner verfault -- -- wie soll ich +fassen, daß Sie in einer Arbeit wie dieser leben können.« Da sah er ihren +Blick zum erstenmal, der mehr Abgeschlossenes hatte mit den Dingen wie der +seine, fuhr hoch. »Was wundert Sie?« fragte Daisy. Da begann sein Blick an +ihrem sich zu erstaunen und zu kräftigen. Ihm schien Sterben nicht mehr +schwer von dieser Sekunde. Sein Auge folgte dieser Schwester, wo es sie +sah. + +Der Arzt nahm sie mit in sein Kabinett: »Sie werden mir operieren helfen. +Sie sind ohne Laune, ruhig.« Die große Schwester haßte sie von diesem Tag. +Sie hetzte einen Saal auf. Nachts auf dem Korridor umarmte sie einer von +hinten, fiel unter ihrer Parade schreiend zurück. Licht fiel auf sein +Gesicht: »Ich sage es diesmal nicht dem Arzt.« Er verkroch sich. Auf diesen +Mann konnte sie sich verlassen von nun ab, unbedingt. + +Sie hatte das Zimmer über dem Operationsraum, eine Glaswand trennte diesen +in Manneshöhe von ihr. Sie sah nachts einen Schatten, der die Instrumente +beschmutzte und zerwühlte. Sie stand früh auf und ordnete es wie neu. + +Es kam eine alte Frau, saß an dem Bett des Fiebernden: »Ist das mein Sohn?« + +»Ihr Sohn.« + +»Das ist ungeheuerlich.« + +Der Kloß verdrehte die Augen, flüsterte, schlug die roten Deckel zurück, +die, ohne Lider, nur im engen Schlitz sich noch öffneten. »Das ist +ungeheuerlich. Das ist nicht mein Sohn. Das soll ein Mensch sein . . . +Warum erschlägt man das nicht. Ist das Gottes Güte? . . . Mein Sohn, den +ich auf die Steuerschule schickte . . .« + +»Haben Sie den Mut, es leicht zu nehmen.« + +»Sind sie wahnsinnig, Schwester?« + +»So haben sie -- zum mindesten -- soviel Liebe, tapfer zu sein.« Die Frau +blieb starr unter dieser plötzlich harten Stimme, neigte den Kopf. Daisy +legte ein nasses Tuch auf die Augen des Kranken, wischte sie aus und ging. +Sie ging durch den Flur. Auf der Schwelle saßen Zwei und droschen Karten: +»Mitspielen . . .« Verschmitzte Gesichter. Sie lachte hell: »Ihr Dorsche +. . .« Tief befriedigt brüllten die Zwei in sich hinein. Im Garten der +Frühling. Grün überall leuchtend . . . Eine Amsel schlug an, hob den +silbernen Lauf und bog ihn elegisch in die Höhe. Daisy wiederholte. Die +Amsel pfiff die Läufe zarter und inniger zurück. + +Die Uhr schlug. In einem weißen Zimmer allein stand eine Wanne. Der +Zigeuner darin schlief, die Arme auf den Rändern aufgestützt. Sie band das +Wachstuch weg, legte eine Glocke mit einem Rohr in das Wasser, sog an dem +Schlauch, hing das Ende in einen Eimer, ließ Eimer auf Eimer heraus. Dann +wusch sie mit Spiritus und Watte den Körper ab, immer im Bogen um die +offenen Stellen. Sie nahm die Füße, rieb sie mit Äther aus und gab gelbe +Vaseline darauf. Sie waren im Wasser wie Hirne geworden, weiß, tief +gefurcht. Dann trug sie die Eimer heißes Wasser in die Wanne. + +Der Kranke ließ seinen Urin hinein. + +Sie setzte die Glocke an, leerte aus, goß wieder neues Wasser ein. Eine +Stunde. Der Kranke sah zu, folgte jeder ihrer Bewegungen katzenhaft. Ein +Pfarrer kam, wandte sich zu ihm, allein er schloß die Augen, als schlafe +er. Als Daisy fertig war, grinste er und gab seinen Darm in das frische +Wasser; Daisy sog das Wasser heraus, gab wieder neues zu. Wohltätiger +Besuch kam aus der Stadt. Der Zigeuner zog das Wachstuch weg und zeigte, um +zu größeren Geschenken zu rühren, seinen zerfleischten Körper. Die Dame +schluckte, übergab sich noch im Zimmer und eilte hinaus. Daisy zog das +Erbrochene auf, der Zigeuner warf wütende Blicke. + +»Sie mißt mich falsch«, sagte er dem Arzt. + +»So . . .«, sagte er und zog den Mund herunter. Der Zigeuner sah zur Seite. + +»Scheißen«, rief er. Sie ließ das Wasser aus, zog den Gummiring unter ihm +weg, schob den Stechnapf hinein. Es war eine Lüge. Sie gab ihm neues +Wasser. + +Er ließ den Arzt holen. Sie petze ihn . . . »Du Schwein«, sagte der Arzt +und schlug ihn aufs Ohr. Zwei Tage darauf vertraute er der großen Schwester +an, indem er weinte und sie zu Fragen zwang, er sei traurig, Daisy speise +ihm sein Essen. Sie meldete es, der Pflicht folgend, dem Arzt. »Wie können +Sie . . .?« Sie sagte gegen sein Brausen: »Das Statut.« Der Arzt +untersuchte und gab dem Zigeuner wegen Verleumdung einen Tag Hunger. An +diesem Tag speiste ihn Daisy mit ihrem Essen. Bei der Morgenvisite zeigte +er es an. Seine Stimme lauerte auf den Verweis. Der Arzt tat ihm nicht den +Gefallen, sondern bestrafte die Bosheit mit zwei Tage Hunger. »Es wird +durchgeführt.« Ein Blick in die Runde. Die Tür fiel zu. + +Daisy folgte, setzte sich für ihn ein: »Warum?« Zwei Brillengläser +funkelten sie an. Sie lehnte an den Tisch: »Er wird sein Leben im Wasser +liegen. Sein Haß gegen alles andere ist natürlich. Aber -- Strafe wird ihn +nie bessern.« »Nein,« sagte der Arzt »das ist nicht meine Sache . . . aber +die Autorität wird gewahrt.« In diesen zwei Tagen ließ Daisy von Naga sich +vertreten, tauschte mit ihr die Station. Sie wohnte in Nagas Zimmer. Ein +Gartenbusch lehnte herein. Die Blumenterrasse dahinter schwoll herein, der +Rasen roch. Morgens die Luft blau und gold, Vögel darin, die unsichtbar +sangen. Im Garten Naga, in den Hüften gebeugt. Eine Eidechse lief über den +Kies, grün, glatt, rollte sich über einen heißen Stein, hob die Augen, +züngelte herauf, lief weiter. Naga bückte sich, huschte rasch, geschmeidig +die Hand darauf, hob die Faust, aus der oben der toderschreckte Tierkopf, +unten steif der Schwanz heraussah, federte den schlanken Körper herum +. . . ein Gesicht fassungslos aufgegangen in der Freude. »Bleib«, sagte +Daisy, ging hinauf auf ihre Station, besorgte das Nötige auf der Nagas, die +hinter einem Busch saß, Wolken ansah, die aus dem Meer stiegen. + +Zwei Männer kamen durch den Garten. Sie wiesen ihre Papiere. Sie kamen von +einem spanischen Segler. »Scharbockabteilung. In vier Wochen kommt Ihr +wieder raus.« Naga führte sie hinauf. Sie wurden ausgekleidet, gebadet, +geräuchert, frisch gekleidet. Naga überwachte es. In der Nacht wiegte ein +Gemurmel, lange halb undeutlich, als striche Wind mit Bäumen. Dann schwoll +die Bewegung, die Wände des Gebäudes gaben sie weiter, echoten leis, +knaxten. Stimmen schwebten hindurch, mischten sich. Plötzlich sang einer +heiser und laut. + +Naga ging dem Geräusch nach, blitzte mit der Laterne auf leere Betten, kam +durch Tür und Türen näher. Sie stand vor dem Operationssaal. Den Schlüssel +vergessen abzuziehen . . . sie erbleichte. »Coño«, rief der eine Spanier +und warf seinen Mantel auf den Tisch. Links lagen Flaschen auf dem Boden. +Eingeschmuggelt . . . zu wenig Achtung auf ihre Mäntel . . . der Garten. +Sie ging hinein, rasch, fest. Die Fenster waren geöffnet, die Bettücher +hingen als Flaggen hinaus. Patienten der Lepra mit Flaschen am Mund, +taumelnd, in der Hand . . . die Spanier tanzend und krähend eine Orgie +. . . Naga stand stumm eine Sekunde, verzog den Mund zum Weinen und ging +starr auf den Spanier zu, riß an der Flasche, da ging der Schwarze in das +Knie, zupfte mit kurzen Rucken an ihrem Rock, er fiel nieder, er preßte den +Kopf an ihre Knie. Entsetzt fühlte sie den Druck, schon nach der Tür +. . . Geheul . . . versperrt der Ausgang. Sie sah die Leine, hing sich +daran, schellte Alarm, riß die Schnur ab . . . die Patienten machten Jagd, +stöhnten ihr nach . . . um den Operationstisch. -- -- Da schnitt eine +Stimme herein. Das Licht wurde dreifach, ein Reflektor glühte aus der +offenen Tür. Weit geöffnet schrie der Mund des hereinkommenden Arztes. Sie +wurde ohnmächtig. Schwestern, Gehilfen drangen herein. Der Spanier ward +gefesselt, ein Lepröser in die Zwangsjacke gesteckt, er schäumte. »Still +hinüber«; zwei kurze Befehle: »Me caco de la puñedra y jodida alma de la +grandissima puda madre qué te caco . . .« Ein steiler Arm hob sich kurz vor +Daisy, die ihn unter dem Tisch entdeckte. Hinaus . . . Einen Augenblick +stand ein Kreis noch erregt plaudernd um den Arzt, der sich in Sublimat +wusch. Dann gingen Türen. Als alles still war, öffnete sich leis Daisys +Tür. Naga kam, schmiegte sich auf dem Bett an sie: »Ich kann nicht mehr +. . .« + +Es war dunkel: »Wie lange hast du Kontrakt?« + +»Oktober.« + +»Geh sofort.« + +Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getröstet werden wollten, +gehalten, die noch nicht gehen wollten: »Aber du kannst es doch. Arbeitest +du nicht wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrängen. Hast +du dazu nicht mehr gesehen, erlebt wie wir?« Sie zog sie neben sich: »Der +Wille genügt nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh, lebe. Kommst du +nicht wieder, fandest du Gegebeneres für dein Schicksal. Kommst du wieder, +ist nichts so entsetzlich, du trügest es nicht mit einem Lächeln.« Nagas +verweintes Gesicht suchte auf dem Kissen nach ihrem. Tränen an ihrem Mund. +Schluchzen . . . was sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere +. . . was das Leben zärtlich und schön macht. »Geh.« Naga ging schlafen. +Die Nacht darauf hatte Daisy Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich +fiebrig, damit sie nicht zum Schlafen komme. Es klirrte im Nebenraum. Daisy +ging hinein, schloß die Tür hinter sich, reichte Pakete hinaus, ein Kuß mit +Tränen, die im Mund blieben. »Mut«, geflüstert ein heißes Wort zurück, kaum +verständlich vor Weinen. Das Fenster geschlossen . . . zurück zu dem +Zigeuner . . . auch dies vorüber. Naga würde nun fehlen. Kein Lächeln mehr +im Hause sein. + +Der Zigeuner fluchte. Sie lächelte, einzige Antwort. Bosheit verzerrte sein +Gesicht, er klotzte wie ein Neger. Sie hatte ihn kurz verlassen . . . er +beschimpfte sie. Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie nahm +seinen Vorwurf hin: Du hast recht. Unbeugsam blieb ihr Mund durch seine +Tücke. Er kam in Raserei, gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. »Schlaf«, +sagte sie mild. Er spie ihr in das Gesicht. »Du Armer.« Sie setzte sich in +eine Ecke. Dunkel nun im Raum, halb licht vom Morgen. Ganz allein in der +Nacht ihr Wachen . . . unendliche Stille ausgegossen in ihr. Die +Fenstergardinen schwankten . . . Di Contis Atem ging mit dem Wind durch den +Raum. Die Liebe ging auf in ihrem Gesicht. Sie saß bis tief in den Morgen. + +Die Sonne kam weiß aus dem Meer. Das Wasser ward spiegelig grau mit einem +dunklen Rand. Der Sommer auf der Höhe . . . das Wasser stank faulig. Die +Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer, Gebirge: eine Ebene +erstickendster Trockenheit, von der ein giftiger Hauch am Mittag gegen das +Haus fiel. Aus heißem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven +zitternd, in den Operationsraum . . . Puls halten, Apparate reichen . . . +sie hielt an einer Zange ein Bein. Zwei Finger des Arztes bohrten im +Fleisch, suchten einen Knochen. Da riß der Gummi des Handschuhs. + +»Äther«, schrie der Arzt. + +»Hier.« Er riß den Stöpsel ab, leerte es über die Hand, stöhnte auf. + +»Jod . . .«, schrie er, die Augen quollen. »Schlafsenkel . . . Gans . . . +ist das Jod?« Schon verbanden ihn andere. Über dem Waschbecken knurrte er +weiter. Vor dem Weggehen warf er ihr einen wütenden Blick zu. Unter den +anderen stehend nickte sie mit dem Kopf. Was war das Unrecht? Hätte sie +nicht wissen müssen, daß er irrte, klüger sein wie er in der Stunde der Not +. . . auch dies. War es ein Unrecht . . . sie nahm es mit in den Dienst. Es +reichte nicht an ihre Ruhe. + +Zwanzigmal das Wasser leeren . . . Gestank. Das eitrige Wasser faulte unter +der Hand. Geruch von Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schweiß in +den Krankenräumen . . . ein satanischer Sommer. Die Fenster, weit +ausgehängt, lauerten auf Zugluft. Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die +Kranken badeten in ihrem Schweiß, der sie anfraß. Die offenen Schenkel +wurden brandig. Die Gurgeln wurden trocken, krächzten. Einmal begann einer +zu schreien, besinnungslos. Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie kam +zu dem Fiebernden: »Nimm dir Wasser.« Er hob den Hals, konnte sie nicht +ansehen, die umschlossenen, nie mehr zu öffnenden Augen winselten +Dankbarkeit. Sie spritzte mit einer Blumenfontäne Wasser ohne Pause in die +Luft. Dünner Regen kam aromatisch nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug +Glück . . . vorbei. Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzlose Auge +des jungen Priesters. Erstaunt: »Auch Sie . . .« Er schüttelte den Kopf, +kein Kleinmut, er lächelte, solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche +Gewöhnung gelernt, zu schätzen, dies: »Der Geruch.« Ihr linkes Augenlid +senkte sich kurz. Sie brachte eine Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die +Flasche, roch sie, Tränen schon in den Augen: dies war die Welt. Er drehte +sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen senkte sich ein maulender struppiger +Banditenkopf gebändigt. »Ein Gewitter kommt,« sagte sie, mit dem Leinentuch +wehend zum anderen Ende, »den Abend wird es frisch vom Meer.« Im +Nebenzimmer, wie Fledermäuse ausgetrocknet, hockten die Matrosen, sangen +nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen. Lächelnd: »Geduld, Struppige +. . . Wind.« Sie bekamen Ausdruck in die Blickwinkel, schielten sich an, +stießen die Ellenbogen sich in die Seiten, grinsten, schaukelten auf den +Stühlen. »Geduld«, sie wehte zeigend mit dem Tuch nach dem Himmel. Alle +sahen hin, alle in Spannung, sahen nach einer Wolke. Der ganze Saal +sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer. Sie stand im Zimmer: +»Mut.« Der Glaube trat aus ihr heraus. Trat in zwanzig Halbverweste. +Vierzig Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer Hoffnung, +klammerten sich an sie, schauten gläubig, mit ihrem Mut gestärkt, nach der +Erlösung. Rochen nicht mehr ihren Eiter, spürten nicht mehr Schweiß, der +ihr Geschwür biß. Keiner, der haderte, niemandes Schmerzruf . . . ganz +verhaltene Stille. Der Glaube von zwanzig Unglücklichen ballte sich +heftiger als von tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglücklichen +stand in dem Zimmer, wuchs in den Räumen. In allen Zimmern stand er auf. +Bald das Ende der Qual, bald Wind und Mut, weiter das andere zu tragen. Ein +kleiner Windhauch nur . . . welch ein Trost. Die Zimmer verbanden sich mit +einer Schicht Vertrauen, die früher nicht herrschte. Die einzelnen kamen +sich näher, fühlten sich als Genossen, lachten sich zu. Die Deutschen +sangen wieder. Freude stand über den Betten. »Dank.« Sie rief zurück: +»Mut.« Der Tag vorüber, die Nacht rot vor Hitze, der Morgen graublau, +entsetzliche Last. Durch die Zimmer gehen, immer ein Lächeln. Hinaussehen +zum Horizont. Die, die nachts nicht geschlafen, die halb irrsinnig waren +vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu lästern . . . alle einigten +sich an diesem Lächeln, unternahmen nichts, wurden still, sahen hinaus auf +den Horizont. Sie beruhigte, entflammte still, flüsternd von Ohr zu Ohr, +wenn sie sich bückte: »Geduld . . . es kommt.« Der Glaube wuchs in den +Zimmern, heftiger, tiefer . . . der Glaube der vierzig Augen stieg, die +anderen glaubten, wuchs in die Räume, ballte sich den Tag . . . die ganze +Nacht. Schaum am nächsten Morgen am Meer, am Mittag die lähmendste Stille. +Gegen Abend wuchs ein Segel, schoß in den Himmel wie ein Gaul, bäumte, riß +in einem Rad den Himmel als Strudel in sich . . . Blitze zuckten flatternd, +irr . . . Kühlung kam. Die Augen geschlossen . . . die Hingabe erhob sich +zu ihr, aller Gefühl: »Dank.« + +»Wofür . . .?« Sie starrte hinaus. + +Ein Wagen traf ein. Ein Brief. + + * * * + +Das Verhängte lockte. Das Elend des Einzelnen, der ihr Blut berührt, riß +sie von dem, was sie hielt. Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel +Unterwerfung. Ihr Herz rührte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste drei +Tage, fuhr eine Mauer unter Oliven, hörte das Meer, traf in dem Park vor +einem kleinen einstöckigen Schloß Stefan, den sie tödlich getroffen +glaubte, er wandte sich um, warf eine Bananenscheibe weg, kam über den +Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll Schmerz und Wut. Hörte seine +Stimme. Er log nicht, sie kam nicht umsonst. Sie kannte sein Leben, das +zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen feststampfte, sieben +Balken im Schweben hielt. Er hatte Minen um sich gelegt. Flog eine, sauste +er mit. Er hatte genug, ließ sie fliegen. Es reizte ihn nichts mehr. Er +lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen, ehe er verreckte. + +Ihr Herz war festgebohrt. Es genügte nicht. Sie drehte ganz. Seine Stimme +holte sie ein. Das Raubliebende besaß einen Klang, der sie bannte: »Nimmst +du mir den Rest Erlösung?« Sie sah das Zerrissene seines Lebens darin, das +nun der Erfüllung nahe war. Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah, +hineingeschrieben in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich seine +Bestimmung. Wie diese Fahrt seines Blutes nun landete in Reue, sich selbst +verwarf, und das Starke sich hinschmiß und bat, ergriff sie mit Rührung, +die alles hinüberneigte zu ihm, zagend und nicht ohne Befremden, doch +bezaubert: »Gehen wir hinein.« + +Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewußten die Last, fühlte +seinen Schmerz, seine Seligkeit, sah die Grenze, die bald alles schloß, +kannte sie nicht, roch die Katastrophe, bäumte sich vor ihr, legte in ihn +hinein, was ihm das Letzte klar machte, beruhigend, sicher, Aufflug und +Klarheit. + +Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen und Salbe. Sie rieb +sich die langen schlanken Beine. Durch Gras, durch Fliederhecken, ein +Bogen. Ein verfallener Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus der +Frauen des passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen Terrassen. Vor den +tiefen Fenstern des Schlosses tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen, +bliesen aus Hörnern in den blauen Abend. Sie ging zurück, zog sich ins +Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn morgens. Er saß über Papieren, +schrieb. Sie wich zurück. Er sah den Schatten, fuhr herum: »Du störst +nicht. Nie.« Das Geschriebene flog vom Tisch. »Doch.« Sie wollte gegen +seinen Willen, ihm es leicht machen, wandte sich. Er, ihr sich hingebend, +wußte nichts anderes: »Bleib.« Sie blieb. + +Die Luft ward silberblau. Blüten rochen herüber in der Nacht. Im gläsernen +Bauch des Sommers stand noch der Frühling mit Kastanie und Flieder. Es +rauschte Tag auf Tag über die Hängematte. Morgens beim Frühstück frug +Stefan: »Reiten wir?« Sie nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm. +Nach einem Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter ihrem Auge, verstand +sie, ihre Woche, verlangte, daß sie sofort absteige: »Welch ein Irrsinn +. . .« Doch sie log. Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden +vergällen. Lächelnd: »Du irrst.« Weiterreiten unter Schmerzen. Reden mit +frischen Lippen. Seine Schläfe lief dick an vor Qual. + +Sie stand am Morgen früh auf, öffnete die Tür ihres Zimmers, ging hinaus +auf den Rasen, die hohe Mauer entlang. Der Morgen, dunkelrot, verführte mit +Pracht, sie ging um das Moorstück mit den dunklen Blumen, bog um den +Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurück auf die Terrasse. An dem +Rondell setzte ein Schmetterling sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich +herum, da trat Stefan hinter einer Figur vor. »So früh?« sagte er, der spät +aufstand. »Nicht sehr!« sagte sie, verschwieg den Weg, den er ihr ansah. + +Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar. Der Horizont gewölbt, +kreisrund und stählern, süß die Luft darunter, schwärmerisch die Verzückung +des Abends. Eine Lampe auf der Terrasse . . . der samtene Rasen blau in der +Dämmerung. Eine Syrinx flog über die Mauer. Sie stand auf, müde. Er +begleitete sie bis an ihr Zimmer. Sie drehte sich halb um . . . er folgte +nicht. + +Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm der Mond. Das Silber der +Stutzuhr im Dunkeln . . . Bilder entblößter Damen, degentragender Herren +steif an den Wänden, undeutlich im Dunkel . . . ein Spiegel glomm tiefer +und ungründiger in seinen matten Glanz hinein auf dem Toilettetisch . . . +kein Geräusch. Kein Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich +der Park. Sie wartete. + +Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die Stunde seines +Aufstehens. Als sie hinauskam, sah sie ihn über die Terrasse herkommen. Sie +errötete. »So früh?« Er sah auf seine verstaubten Schuhe. »Nicht sehr!« + +Ein weißer Blitz setzte über ihre Hängematte am Mittag, schoß über das +Rondell, flitzte in den Mittelpavillon. Sie sprang ihm nach. Nach links war +der Flügel geschlossen, nach rechts folgten Räume, große Zimmer, vorüber im +Lauf bemalte Wände, goldene Rebstöcke, japanische Tapeten, Mosaike, +silberne Leuchter . . . die Fenster gingen bis zu dem Rasen . . . da stand +Stefan neben einer kleinen Fontäne mitten im Zimmer. Auf seine Schultern +hatte ein weißer Windhund die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem +geschmeidig zitternden Rücken herunter. Er sah ihr Gesicht in der Portiere, +ging ungestüm auf sie zu, unterdrückte eine Wallung: »Nimm den Hund. Ich +gab ihn weg, weil ich zu sehr ihn verzog. Heute kam er zurück --.« »Ach,« +sagte sie, »nein, ich bitte dich, ihn zu behalten.« Er liebte ihn, wie +konnte sie ihn nehmen! Blieb fest Beim Abendspeisen sah sie, daß er litt. +Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen. »Verzeih«, sagte sie an der +Schwelle ihrer Tür, berührte schwach seinen Arm, sah über die Schulter. +Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tür schloß, er folgte nicht. +Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos bei aufgerührtem Herzen. Wohin +trieben solche Konflikte, helfen wollen und verletzen . . . annehmen und +gegen das Opferbereite verstoßen . . . Leid auf jedem der Wege . . . +Brausen der Springbrunnen in der Nacht . . . diese Erquickung. Sie sprang +hinaus, löste am Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das Wasser. +Eine Wasserrose trug eine Tauperle. Sie stieß daran, das Kristall flutete +vor Licht, zerbrach, der Himmel ward erschüttert von diesem Fall. Die +Büsche schlugen auseinander. Stefan im Pyjama, den Ginster +auseinanderbiegend, oben über den Figuren . . sie schloß die Augen zitternd +. . . sie sah auf. Stefan war fort. Nichts in seinem Gesicht, das davon +sprach den Mittag. Keine Gebärde anders in diesem Kopf. An seiner Ruhe +spürte sie die Gespanntheit vor dem Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn +verwüsteten, die Erwartung der tötlichen Minute, vielleicht schon aus dem +Wipfel eines Baums gezückt. Blieb er unrührbar, lief sie heftiger in ihn +ein, erschütterte sie seine Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal schoß +sein Blick unverhüllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel. Sofort +bändigte er ihn wie ein Tier. Sie spürte, wieviel ihm fehle, was er +unterdrücke und wie es ihn fast sprengte, daß er sich überwand, sie nicht +nahm. Ihr Mitleid erreichte die Tiefe, der blitzhafte Aufriß seines +Herzens, das demütig solche Kraft überwand, wies sie zu vertiefterer +Aufgabe. Sie mußte den Himmel ihm schöner überrunden, sich unendlicher mit +dem Blut unter ihn betten, ganz sich verschenken an das, was sie +verschmähte. In der Nacht, als sie schlief, öffnete ein Gewitterwind die +nach innen geschliffenen Rundfenster, stürzte sich auf sie, schreiend fuhr +sie auf, ergriff den Leuchter, rannte los, sah Stefan an einer Portiere, +lief in seinen Arm, entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm kam. +Entfesseltes schlang um ihre Taille, noch tastend, zag. Dem Zögernden +unterzog sie sich, gab sich hinein. Ein seltsamer Ruf, es schwoll heraus, +ihr Hemd schwand, ein Mund nahm ihren. Hände über ihrem Bauch, die langen +Beine fuhr es hinunter. Die Kissen schwollen über ihr. Lippen zogen über +ihren Leib, küßten die Sonne, die um den Nebel lag, alle Strahlen, die rot +wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand, unverlierbar nahm sie, ließ +wieder, erfaßte Neues. Tiefster Schmerz durchjubelte die Hingabe. »Daisy.« +Hell, hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren Frage, ohne Zögern: +»Ja.« Die Hand über den Hüften griff zu, Nebel riß über den Augen. Haare +lagen zerstört und locker um den Körper, dessen feuchte glänzende Bronze +das Kerzenflackern überschwemmte. Sie lag, als er schlief. Sie lächelte +über das Geschenk, das sie ihm gab. Es war das Letzte, was sie konnte. Vom +verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht den Raum. Es +war ihr, sie erreiche die verschlossenste Grenze seines Wesens, habe ihn +erfüllt. Am Morgen öffnete er ihr den versperrten linken Flügel. »Ich +sparte es auf bis heute.« Sie trat ein. + + * * * + +Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zündete die Kerze an. Schlug das Buch +auf, zerfuhr es mit den Fingern, blickte um mit einem rätselvollen Gesicht. +Einen Augenblick trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstöcke aus +Gold. Fontänenwasser kam in die verzehrende perlmutterne Schale. Es kamen +gerade Herren, golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete und +Jäger mit demantener Agraffe. Es kam ein Degen. Zersplittert, in den +Trümmern gerahmt ein Spiegel mit dem Pistolenschuß in der Mitte. Es kam auf +dem Tabourett in Wachs mit blauen Adern ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat +wieder aus ihr hinaus. Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das eigene, +kam herauf aus den gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte unten im Schoß der +Generation. Ihr Blut griff zu, vermählte sich. Saß über holzgeschnittenen +Signets. Es kamen ungeschickte, gestammelte Worte. Geschnörkelte +Zeichnungen machten den Übergang unsicher. Hochmütige Sätze kamen, +Buchstaben großer Form. Der Wahlspruch schien auf: Wenn ihr mit Männern +spielt, so wißt mit wem . . . Und ist es mit Frauen, um was ihr spielt. -- +Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten. Der Raum erhielt Gewalt. Aus den +Blättern der Miniaturen quoll der angesammelte Atem der Generationen. Die +Farbe der Gewänder bekam Gewalt und blühte. + +Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich reckten. Der Stolz der +Frauen sprengte die Taillen und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die +Wangen röteten sich unter dem Puder und glühten, Lider hoben sich schwarz +und flammten sie an. Degen und brokatene Mäntel zuckten. Ein kühnes Auge +traf sie wild. Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunter in +der Galerie der Frauen. Von da ab waren die Köpfe ähnlich wie der ihre, wie +ihres Vaters. + +Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute. Sein Körper war größer und +gewandter wie der der anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei +großen leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges fingen die +Spiegel des Raumes zu leuchten an, in ihrem verschleierten Glanz begannen +weiche Hüften der Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen. +Atem wilden Genusses rauschte mit Lachen in der Seide. Dies Gesicht führte +ihr Geschlecht auf den höchsten Punkt ihres Blutes. + +Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber wandten sich ihm zu und +sträubten sich auf vor ihm. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne +Säle . . . ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die +Luft. An einem heißen Abend begann er, dies Schloß zu bauen für den Sommer +und die Zärtlichkeit der Frauen. Er stand davor, als er ankam. Die tiefen +Fenster wühlten in der wollüstigen Nacht. Terrassen bogen sich kühl +hinunter zwischen dem Taxus und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft +der Rosen und Jasminen. Fontänen bohrten sprühende Lanzen in die blaue +Blumendämmerung. Ein Zimmer war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat +hinein. Am Morgen schrieb er mit vier Sekretären, noch feucht von der Haut +der Geliebten. Dann ging die Sonne auf, er erhob sich und weckte sie aus +Träumen von ihm. Da jagte er die Tiere. Die Sommer wechselten und fielen +heiß herunter einer in die Spur des anderen. Da liebte er Dirnen. Er schoß +die Saue. Das Pferd rannte unter dem Spiel seiner Schenkel. Kerzen blitzten +um nächtliche Spiele. Lange Profile hingen wie Glas gegen den Schatten. Die +Edelleute naher Höfe schwitzten um seinen Kartenschlag. Da fuhr er in +Wagen. Da schlug er Hunde und küßte die Nägel ungeliebter Frauen. Ein +einsamer Sommer umgab ihn ganz allein. Er wanderte, die Arme über die Brust +gekreuzt, die Wege herauf, die Wege herunter. Seine Augenbrauen schoben +sich im Dreieck zueinander. In einem zitronen trockenen Juli sah er auf der +Landstraße ein braunes Kind, das in den Himmel lachte und nicht sprach. Er +nahm es mit sich. Aus heißen Ritten warf er den Körper in das Bassin, das +kristallen um ihn schäumte. Dumpfe Nächte durchschlief er mit schweißigem +Haar. Mit großen Orden, den Degen zum Knie gesenkt, empfing er eine +Fürstin, den Fuß am Schlag. Sie warf ihm Blicke zu durch das Glas ihrer +Equipage, die er geschmeichelt nahm. Er diktierte Briefe, Befehle, Politik. +Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich kraus gestaltete. -- Dann +schlief er allein durch einen ganzen Sommer sich durch, locker in der +Kleidung, zufrieden und still das Gesicht . . nichts weiter tuend, als den +Himmel ansehen durch den Regenbogen der Tritone . . . + +Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich nach innen. Der Raum +trat aus ihr heraus, wie die Fenster sich öffneten alle in den Parkmorgen. +Stefan rief herein, sie ging neben ihm. Blätter, Büsche, Esel tanzten +vorbei. Sie gingen. Das Ende kannte sie, seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte +ihre Jugend durchdrungen, ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam sie. +Das Vorspiel war neu, unwichtig, aber bestimmend. Er ging vor ihr her, die +gleiche Kurve unten am Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt +führte sie wie ihn. Aus dem Knax kam sein Werk. Sein Rausch wurde Sinn, als +die Gegenströmung in seine Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus dem +Entsagen. Sie reckte sich, spürte sich mit ihm durchblutet. Er ging vor +ihr, war der Vordere, ließ ihr ein Vermächtnis. Sie lächelte, sicher genug +in sich, aber die Rechtfertigung ihres Daseins aus dieser mystischen Quelle +bog sie auf vor Befriedigung. Sie gingen. Luft strömte frischer, die Beeren +leuchteten. Sie gingen rascher. Er hatte gelitten, geschafft, die Lippen +zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner Minuten. Das Vermächtnis +wuchs. Von Vaudreuils Herzschlag vorwärtsgeschnellt fühlte sie sich +getrieben. Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause des +Geschlechts, nach der Ruhe. Sie führte zurück in die Gemeinschaft, was er +restlos erwarb. Er eroberte. Sie half. Das Angehäufte veredelte nun. Er +schuf Platz für Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie aber befreite, die +Sklaven geworden in diesem Beruf. In ihrem Blut saß die Vertrautheit seines +Schicksals so, als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinübergeführt +in ihre. Und jeder Tropfen Blut trieb, forderte, verhieß Vollendung, +Wirkung, aufbäumenden Zwang zur Tat. Die neue Kraft, die bestätigte, +bestürzte sie, machte sie gierig nach Tätigkeit, wenn diese Mission +vollendet, die sie noch umfing. Sie neigte sich zur Seite, nahm Stefans +Hand. Es würde vorübergehen. Sie gingen. + +Das Gefühl durchdrang den Tag, machte Weichheit hingegebener an das +Umgebende, das Umgebende tiefer verliebt in sie. Die Riesennelken der Beete +brachen auf unter ihrer Berührung, die Zinnfiguren trugen ihr Lächeln, die +Mauern wichen tief vor ihrem Blick in den Himmel. Das Tor fiel auf. Unter +den Lerchen flog betäubend der Horizont auf. Bienen schossen in dunklen +Bogen, die Wiese, die sie berührte, flammt gelb und zart. Sie gingen, +nahmen auf, gaben aus. Liebkosten Rehe, scheuten die Saue auf, lachten sie +zurück. Nahmen Pferde an der Ferme, trabten durch die Feigen, um den +dreizackigen Wolkenberg, speisten Zwiebel, Butter, Brot, sanken im tiefen +Schatten in Schlaf. In die violette Dämmerung ergoß sich ihre Ruhe. Kein +Wort. Er hielt ihren Halfter, sie gaben die Gäule ab. Ein Fasan lief über +den Weg, Pfaue gingen in einer Kette. Die Bäume der Allee fielen in rosane +Glut. Stefan nahm eine Göttin, hob sie auf die Erde ins Gebüsch, stellte +Daisy auf den Sockel. Sie senkte die Beine in einer von Anmut so erfüllten +Bewegung, daß ihr Knie seine Stirn traf, dann seinen Mund. Sie spürte ihn, +war plötzlich allein. Suchte, rief seinen Namen. Kam an den Pavillon, +verwirrte sich in den Gladiolen, lief in der Gartenstrecke, kam an die +Lichtung. Die Terrassen hingen beleuchtet. Ein Fest. Die Fenster hell, +Springbrunnen fluteten durch die Nacht. Atemlose Stille. Ihr Name kam breit +und voll Sehnsucht geworfen. Sie ging hinein in den Namen, besinnungslos. + +Sie verließ ihn, ging hinaus, sah den roten Mond durch die Pappel +schwimmen. Das Wasser. Das Bassin überschäumte weiß, bläulich ihre Haut. +Tritone sangen über ihr. Den breiten Guß eines Löwen fing sie mit der +Brust. Die Blumen schwelgten in der heißen Luft. Das silberne Füllhorn +schäumte unter der Sichel. Es überkam sie Sehnsucht, mehr ihm sich noch zu +geben, Furcht, etwas zu versäumen, Schreck, daß das Schicksal niedersause. +Sie überließ sich dem Wasser. Langsam kam die Ruhe, die einbezog sie in das +Geschehen der Nacht. Im Stillerwerden der Luft ward es klarer in ihr, bis +sie den Ausgleich erreichte, wo nichts sie rührte, alles sie verband. Sie +ging hinein, suchte, traf ihn in seinem Schlafzimmer, die Stirn am Fenster, +er hatte ihr zugesehen. Sie lächelte. Ihr Blick sah hinter ihm im Kreis der +Lampe eine Schale. Sie erbleichte. Zog zwei Kugeln heraus, nickte zu einer, +hielt die andere sprachlos ihm auf der offenen Hand entgegen. Ihr Augen +säumten sich, wurden klein. + +Sie frug mit dem Blick. + +Ihre Lippen trugen den Namen. + +Heiser sagte er: + +»Le Beau.« + + * * * + +Befreite er ihn, klappte das Messer, riß die Schlinge, flog die Mine, die +ihn erledigte. Er hatte noch kurze Zeit, bis das Schicksal fiel, lebte, die +Uhr in der Hand. Solange bedurfte er die Sicherheit gegen jede Möglichkeit. +Er hatte Jahre sie gesucht. Paris, Marseille, Kalkutta, Pegu . . . hatte +sein Leben umgestülpt, auf sie gerichtet, wurde gut an ihr. Was wog die +Ausnahme gegen das Ganze? Nichts. Das Gewaltige seiner Änderung umfing sie, +als sie verglich, trieb sie zu ihm, unter ihn: »Ich bin bei dir.« + +Nachts stand der andere auf, forderte. Sie tat Unrecht, um Liebe zu +erweisen. Sie hörte die fadendünne Stutzuhr, sah die Sonne prallen gegen +die Rideaux. Wischte die Nacht weg. Aus den mähnigen, windgestrählten +Sonnenblumen trat Stefan. Sie sah über ihm die Katastrophe. Was galt +Überlegung vorm Tod. Es flog aus ihr, bedingungslos, hinweg. + +Sie grübelte den Abend, die Ausnahme drückte sie. Sie maß ihr keinen Sinn +zu. In der Nacht wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Größe, nur auf +den Sinn. Da sprang durch die Portiere der Windhund, den er ihr geschenkt, +weil er ihn liebte, den sie zurückwies aus Rührung. Der schmale lange Kopf +strich an ihrer Wange. Sie hielt, was Güte an Stefan sie fesselte. Kein +Gedanke quälte mehr. Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein Mensch +litt um sie. Sie ertrug es nicht. Schleifte den Hund aus dem Nebenzimmer +herein. Der Hund genügte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah ihr +Ohr im Spiegel, pflückte Glyzinen am Fenster, bückte sich, wechselte die +Farbe. Stieg die Leiter zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete, +sah in den Park. Legte sich nieder. Erhob sich, packte einige Dinge in +einen kleinen Koffer. Ging an die Portiere seines Zimmers, sah ihn +schlafen, schwer, fest, Mücken um seinen Kopf. Sein Schicksal, das er +kindlich nahm, wühlte sie so auf, daß sie erbleichte. Als er erwachte, +konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten. Als er den Arm reckte, war seine +Not eine Sekunde so groß, daß sie ihn nicht verließ, hineinging wieder in +sein Schicksal. Als sie erwachte in seinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte, +bog die Brust aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurück. Sah nichts +mehr als das Unrecht, sah nur den Gefangenen, der litt. Nahm das Gepackte. +Hörte einen Wagen in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das Dorf, in +die Stadt. Schrieb ein Telegramm, das Le Beau befreite. Hob die Brust, nun +atmete sie sicher, sah zurück aus dem Wagen. Konnte nicht anders. Das flog +nun in die Luft. Vorbei. Es mußte sein -- und getragen werden. Von beiden. + + * * * + +Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen Fluß. Der Motor stockte. +Am Mittag saß sie in der Nische über einem kleinen See. Die weißen +Hotelwände prallten von Sonne . . . Sie denkt: Nun ist Le Beau frei. Er +fragt: durch wen? Sieht die Depesche. Weiß: durch sie. Macht sich auf. Noch +einmal fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er fragt sich durch, +beschäftigt Menschen. Er kommt an das Hotel, fordert. Sie will auch ihm +dienen, seiner Enttäuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah sein +. . . Ein Raum schiebt sich zwischen sie und den See. Sie schaut durch die +geschlossenen Lider. Sie kommt gegangen über die Terrasse, geht durch das +Zimmer des Ahnen, öffnet das Schiebfach, hebt die Kerze hinein. Sieht +seinen Kopf, beginnt zu weinen. Eine Stimme aus dem Dunkel: »Ist es +Sommer?« Sie ist tapfer, sagt hell: »Ja, Claudius.« Sie fährt mit der Hand +über sein rötliches Haar: »Ché . . . mon ami . . . ché . . . doudoux.« Er +lächelte: »Mit Gewalt macht es der andere nie.« Sie sagt: »Ich befreie +dich.« Sie kommt mit einem Dolch, versucht das Fenster aufzubrechen. +Unmöglich. Sie nimmt den Spaten, gräbt ein Loch von außen. Da steht Stefan +im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die Augen geschlossen. +Sie stürzt in sein Zimmer, er liegt, schläft. Sie beißt die Zähne, zurück, +stößt das Messer ins Schloß, das wie ein Kuhmagen gefächert ist, die Spitze +bricht ab. Er ist bleich, lächelte aus dem verwüsteten Gesicht. Sie schreit +laut: »Ich befreie dich.« Er lächelt mehr: »Das sollst du nicht.« Fast in +der Ohnmacht fragt sie: »Was . . . was kann ich tun?« Sie ist außer sich. +Sein Auge schließt sich: + +»Denk an mich.« + +»Ja.« + +Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor bleiernem Himmel, Duft der +Syringen lüstern auf die Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebüsch. +»Traurig?« »Nein, da du mich liebst.« Sie beginnt mit den Drähten, arbeitet +eine Stunde, es ist der letzte Plan, in der Pause erschöpft: »Daß du so +leidest.« Er hebt die an ihren Händen verkrampften Augen: »Leide ich, wenn +du mich liebst?« Sie beginnt wieder, steif vor Verzweiflung. Sie schafft +eine halbe Stunde, Uhren schlagen, der Haken faßt, es gelingt die Flucht. +Ein Gewitter bricht über den Wagen, weiße geballte Kugel saust überm +Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie haben ein Haus. Fischerboote laufen +unter ihrem Fenster, Motore überspielen delphinisch die Bucht, der Fjord +wird größer, schlägt sich auf. Sie sehen sich an. Wochen, Monate. Sie gibt +sich jedem Druck seiner Seele, scheucht das Gewesene, Trauer fällt ab, +Stille umgibt sie. Atmet er ruhig, beglückt sie es, streift seine Hand sie, +fühlt sie sein Glück. Eine Nacht wartet sie auf ihn. Er kommt nicht, sie +wartet die Minuten, Stunden, zählt die tickende Uhr. Am Morgen erscheint er +Sie ruft: »Deine Frau?« Er winkt ab. Sie ist erledigt, kein Gedanke streift +sie. Aber der Schatten gräbt sich in ihre Seele. Sie übergeht ihn. Im +Unterdrückten wächst er. Sie bekämpft ihn. Sie hat diesen befreit, will ihm +Jahre ersetzen, Glück, das er Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz +leidet mit der Verstoßenen, sieht den Ring im Traum an Claudius Hand vor +der Demonstration, schreit im Schlaf. Sie kann nicht leben auf Kosten der +Frau. Aber sein Gesicht ist heiß, beschwört sie, fordert Liebe. Sie +lächelt, gibt ihm aufmerksamer. Doch er will mehr. Er will das Strömende, +nicht das Bewußte. Nicht das gut Gegebene, will den freiwilligen Akt. Sie +sieht auf ihre leeren Hände. Sie hat es nicht, verstellt sich, macht, als +seien sie gefüllt. Allein er sieht ihre leeren Hände, schreit verzweifelt. +Sie hört den Ton, er reißt den Raum weg. + +Sie hebt die Lider . . . . -- -- + +Ein Traum erließ ihr, was sie mit Stefan an Partie gespielt, verloren, +dasselbe mit Le Beau. + +Die feinen samtenen Lider senkten sich über den eisgrauen Blick. Der +schmale ovale Kopf hob sich scharf. Schrieb ein Billet, für den Fall, daß +er käme, sie suche, das ihn zurücktrieb und ihn anfeuerte zugleich. »Du +bist elend. Bin ich glücklich? Suche nach Befriedigung wie ich. Um dich wie +um mich stehen Ungezählte. Der Gedanke, daß wir da sind, hilft uns beiden. +Mehr kann der Einzelne nicht tun.« Sie packte, fuhr. Ihre Mission, ihr +Abschweifung, war zu Ende. Sie kehrte zurück, der große Schwung riß sie zu +sich. Die beiden, die ihr Blut unvergeßlich zuerst erregt, fielen aus, +schieden, sie hatte geirrt, ins Einzelne sich verwirrt, versagt. Erkannte +die magische Grenze der Kraft, die sie zurückzog. Wollte sich nicht +verlieren, konnte nicht, apokalyptischer Hure gleich, dem, jenem, diesem, +Schoß des Mitleids sein, sich verzetteln, sündigen gegen das Ziel. Sie +reckte sich, befreit, jeder Verantwortung ledig gegen ihr Leben. Die +beiden, die ihr Dasein immer gekreuzt, bis in die Tiefe der Demut +durchgelebt ihr Schicksal, stürzten zurück. Was blieb: das Werk. Sie fuhr, +stieg steiler. Saugte sich voll des Horizonts, der perlgrau vor sie sich +schmiedete. War voll Gewinnst bis zum Rand. Trieb über die Nächsten ihres +Bluts, die überwunden, dem Ganzen zu. Wie frei die Bahn vor ihr. Wie +geschleudert die Straße gegen den Himmel hinaufgestreckt. Fuhr auf den +Scheitel der Chaussee hinauf, fast schwingend. Gestrafft in jeder Muskel +der Seele. Sicherer wie jede Sekunde, die sie gelebt. Angezogen auf der +Sehne des eigenen Blutes ein Pfeil, der sich zum Losschwung spannte. Fuhr +über den Scheitel der Straße. In der Senkung blieben die beiden: Wegweiser +-- -- -- hin zu den Menschen. Da standen Tausende. + + * * * + +Sie ließ Minsk, kam mit Empfehlungen nach Kiew, sah Contis Liste nach, traf +die Zentrale, ward nicht abgewiesen, mißtrauisch behandelt, trat in ein +offizielles Büro, sah die Taktiken, kam durch politische Korridors höher, +spürte den Gegenschlag, enträtselte ihn nicht ganz, fiel vor der letzten +Erkenntnis, zog eine Meute Männer, über die sie gesprungen, hinter sich +her, verschwand. Bedurfte nichts weiter, hatte den Kernpunkt nicht, spürte +aber die Maschinerie, das System. Es genügte. Gab es nach Minsk, blieb acht +Tage im Südviertel, schaltete die Organisation nach der offiziellen, +verzichtete auf Begleiter. Legte das erste Hebelwerk, pumpte es entgegen, +in der gespanntesten Atmosphäre der Länder, der verfolgenden, war im +Vorsprung, da die Technik die gleiche, Kenntnis der anderen nur bei ihnen. +Glitt die Fäden weiter, wechselte Pässe. Sah in den Listen nach, machte +Abschriften aus Angst, sie zu verlieren, legte die mit Contis Handschrift +in den Safe einer Mittelstadt. Folgte der Linie, Tyska legatione, +Stockholm, in Upsala eine Verschwörung gegen Lund, tastete tiefer, traf den +letzten Zirkel der Jungsozialisten, maß die Spannung zu Wallenberg drüben, +Undên, Branting auf der Gegenseite. Tauchte in Genua auf, studierte +Quarantänen, Auswandererbaracken, Krankenhäuser. Erhielt Verstärkung, +Staffetten, Abwechslung der Reviere. Spannte ein Seil nach Minsk. +Vervollständigte die Listen, füllte Skizzen aus. Kaufte ein kleines Haus +Rue du Purgatoire, Genf, aus Holz, vier Zimmer. Setzte Gordon hinein, +beobachtete durch die Zentrale jede Kaserne, jeden Offizier, Stimmung der +Eingekleideten, führte darüber Buch, bohrte, trieb, jagte den Geist, +Auflehnung, Umstülpung, Bessern in jede Lücke. Rue St. Jacques hinter der +Sorbonne kontrollierte sich die Presse, Gerichte, suchte Menschen auf, +setzte sie in Stand, sondierte, suchte, setzte sie ein, entflammte. Fühlte +mit neuen Kräften die äußersten Spitzen radikaler Kräfte ab. Schob Raffaeli +vor. Trieb weiter, wo Geistiges verkalkte, Soziales verfettete, Unehrliches +scharfes Ziel verfälschte. Zog die Linie von hüben und drüben. Sah die +Listen nach. Schuf eine Mauer, machte, wurde klar. Schoß Druckschriften +durch die Netze, Löcher der zementenen Mauer, hörte die Explosion. Sah +Bordelle Budapests, Kaschemmen Altonas, Vorhäuser Bergens. Tabellen, Pläne +verquickten sich, es rollte sich mehr rundend ein Ganzes gegen die Hebel. +Kam der Schlag, der schleuderte, fuhr es auf, glitt in die neue Form. +Sauste die Schaukel herunter, flog die andere auf, schmolz die letzte +Etappe des Unglücks, verengte sich die Distanz unter Menschen, erstickte +Ungerechtigkeit, irgendwo war Paradies, weiter. Sah vieles, verstand an den +Wurzeln Gutes, Gemeines -- alles fuhr in das Bild, das Conti in der Pupille +trug von der Welt, das sein Hirn dachte: Umschwung der Erde. Traf im Coupé +eine Frau, die zu kreißen begann, gab ihr ein Papier. Ein Mann sprach sie +an, schlicht, sachlich, vornehm, strich über das schwarze Haar, erbat +Mittel für eine Mission. Sie lächelte, das linke Auge schloß sich. Der Mann +erbleichte, begriff ein Überlegenes, ohne daß er verstand. Sie setzte nur +auf den großen Schlag, hielt dicht die Depots zusammen, verbesserte nicht. +Wollte ändern. Traf nicht die Haut, wollte das Herz. Gab nicht +verschlampter heuchlerischer Wohltätigkeit verlogener Gesellschaft einen +Sou, tat nichts in verlorenes verspätetes Spiel. Sah in die Listen. Spürte +durch die Zeilen das zischende vulkanische Geräusch aufsteigender Kräfte. +Sie sagten ihr: Wohlfahrt der Massen. Sagten: Erleichterung der Bürden. Sie +horchte: Bildung des Volkes. Verzog den Mund, höhnisch. Züchtete junges +Fleisch, legte nichts mit lächerlicher Gebärde ins Faule. Ein Mann kam, +eine Mütze mit Metallschild funkelte in den Händen. Sie unterzeichnete ein +Papier: Administration des Prisons. Empfing ein Paket, »als ihr Eigentum +bezeichnet«. Öffnete. Es waren die Haare, die Stefan bei der Flucht in die +Berge ihr abschnitt, daß sie einem Jüngling glich. Er trug sie in seinen +Kleidern. Sie kamen zurück. Sie lächelte, nur die Augenecken bebten. Führte +die Fäden in ein Netz, legte es in Raffaelis Hand. Zog neue Linien. Vom +Grabe Di Contis drang ungeheure Kraft. Gab Wind in sie, Sturm, nie Pause. +Ging in ihre Sprache, ihre Ordnung, ihren Befehl, ihr Unterwerfen. Sein +Geist schnellte von ihrer Zunge, trieb hoch, erwählte, forderte Unbedingtes +-- ging in ihrem Bein, entzündete durch ihr Herz. Bauern starrten blöd auf +die Agierende, lachten sich an breitmäulig, gespalten, gingen heim, +vergaßen es nie. Traf mit ihrem Blick ins Schwankende, vollführte die +Entscheidung. Stieß, wie als Kind die Schlange, Falsches zurück, riß +Geeignetes an sich, mit sich hoch. Männer nahmen den Blick von ihrer Hüfte. +Jünglinge gaben sich ihr mit einem Ruck vorbehaltlos: nimm. Sah die Listen, +ließ die Zentren, teilte Kreise, Quadrate, suchte Provinz, begann Kleines, +spritzte Agenten aus aufs Land, schuf Agitatoren, die es nicht wußten, ließ +erkennen, hatte Vertrauensleute, die es nicht ahnten. Warf Summen in die +Siedepole, weißglühende Spannung, Rußland, Indien. Blieb im Hintergrund, +schaffte, verbarg sich, war kleine Agentin, wußte nicht, wann ereignet es +sich, wann gewinnt mein Ziel. Sah in die Listen. Es genügte. Führte sie. +Sie tat das Vermächtnis. Es war genug. + +Trat in eine Förderation, die kleine Huren erquickte, ihren Bauch ausruhte. +Raffaeli schob den Mund schief im Bart: »Sie sind eine Frau.« Sie +schüttelte die Haare, lachend, machte die Ausnahme, stellte sich gegen die +Polizei der Gesinnung, sah das Blödsinnige wohl ihrer Handlung, in diesem +Falle Aussichtslose der Besserung. Tat es dennoch, hatte zu viel hier +gesehen, zu sehr selbst erlebt, konnte nicht warten, bis das Leben sich +umdrehte, empfand Linderung im Gedanken, es werde gelindert. Belog sich, +wußte es, sah Raffaeli an, er senkte das Auge. Sie zwang Vertrauen auch im +Traum. Blieb sonst eisig. Blieb verborgen, Reisende, spanische Tänzerin, +Studentin, Dame. Sah die Listen, folgte der Kurve, sie ging nach aufwärts. +Noch nicht die Höhe. Erweiterte das Einzelne, vervollkommnete, verlängerte. +Strich durch, verwarf, erneuerte, erhöhte. Gründete ein Restaurant Rue +Monsieur Le Prince, wo gegen Ausweis Abgemühte ihres Geistes Essen +erhielten. Gab Raffaeli das Schloß, bog den Rausch des alten Vaudreuil ein +in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der Frauen hinaus. +Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen auf den Terrassen. Sie selbst sah +es nie mehr. Studierte die Krankenhäuser großer, kleiner Städte, machte +eine Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte Verzeichnisse, +wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne einem schmalen Dichter aus Renées +Genfer Kabarett zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im +Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug ihm Geld ab, gab +Anweisung auf Brot: »Schwärmen Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie, +damit Sie tauchen.« Raffaeli schluckte, errötete, schloß die Augen zum +Schlitz: »Verzeihen Sie wegen der Förderation.« Sie schlug einen Kreis um +das Grab Di Contis, befreite. Sprach mit einem Sergeanten, ließ ein Haus +reinigen, gab es einem Balten, machte damit eine Kulisse, brachte die +Häuser an sich, besiedelte sie mit seinen Leuten, armen Menschen. Empfing, +ließ gehen, erhielt, gab aus. Reiste, erschien wieder, blitzte auf, +verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das Netz. Hatte einen Reiz auf +Menschen, der unwiderstehlich entzündete, gierig machte, umschlug, die +Augen veränderte, das Leben. Tätig machte mit ihr, fortzog, dienend, +hochmütig vor Verantwortung. Reiste nördlich. Zog am Todestag Contis die +Liste heraus. Verglich, zeichnete, ging ans Fenster, sah die Maste und +Schorne steif nebeneinander, ein Wald gereckt. Schloß die Liste. Legte den +Kopf zurück: Fast erreicht, fast erfüllt. + +Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab sich preis dem Hafen, dem +ungeheuer Kommenden, Gehenden. Fühlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen des +Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus, kehrte sie voll zurück. Traf +ein kleines braunes Kind, das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die +silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm es mit, badete es, +legte es zu sich, hörte die Nacht wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward +nachdenklich, suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf über +Christiania, fahles Licht prallte ihr entgegen. Die Schiebetür des +Lazaretts tat sich auf. Sie sprach den Arzt, die Brillengläser standen +scharf auf ihr, er prüfte, legte beiseite. Sie blieb ein paar Tage. Ihr +Zimmer stand leer. Andere Pläne umgaben sie, andere Pflichten. Sie blieb +dennoch. Sie war nicht draußen nötig, hatte erfüllt, was ihre weibliche +Kraft konnte: angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwärts getrieben +unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter zum Saal: »Ist Naga +hier?« »Nein.« Am Morgen trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte +schweigend: »Durst.« Sie brachte Wasser. Er schiffte in die Wanne. Sie +schöpfte sie aus. Grinsend ließ er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke +ins Wasser, sog den Schlauch an, ließ altes Wasser heraus, neues hinein. Er +lallte einen Fluch. Die Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach +undeutlich. Sie ging in Nagas Saal. Daß sie fehlte. Gut . . . wie schön, +das Leben heiter und reizvoll zu nehmen. Der Fiebernde zog an den Lidern. +Sie gingen nicht mehr auf. Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett. +»Deine Mutter?« »Tot.« Ihre Hand auf seiner Stirn . . . er erkannte sie. +Licht ging hoch auf seinem Gesicht. Unruhige Schatten schwankten, wenn sie +sie löste. + +»Sie . . . da«, des Predigers Auge irrte unstät von ihr zum Fenster. Er sah +die Welt hinter ihr, roch sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen +schlug sich von ihrer Schulter übers Meer: dort die Welt, unmeßbar gepreßt, +verführerisch, sein Schicksal! Haß kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie +neigte sich zurück: »Glauben Sie es immer schön . . . leicht?« Er wollte es +nicht hören: »Nur dort sein.« Sie lächelte: »Und dann?« . . . . . . . . . . +Weiter. Auf und ab die Räume. Blicke gebannt an ihr . . . . . . die Hitze +kam. Der Wind ihres Atems brachte Ergebung, Ruhe. »Wasser«, sie eilte, +kühlte, verband. Wie leicht das Schwerste zu tragen, stand sie daneben. +Welches Glück im Verzweifeln, sah man sie nur fern. Sie teilte aus, +schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt auch durch Trotz, Feindschaft +prallte ab, ward Neigung. Die große Schwester kam in der Tür mit ihr +zusammen. »Verzeih,« sagte sie, neigte den Kopf, »daß ich deine Instrumente +einmal beschmutzte.« »Schon damals verzieh ich.« Die Schwester küßte +ungeschickt nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke. Aus dem +Garten ein Zug . . . ein neuer Kranker, den Blick wie ein Fisch, resigniert +ohne Kampf -- -- -- unmögliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm +täglich das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder von Karussells und +Kirmis. Seine Sehnsucht wuchs, stieg, ward tödlich. Als sie vorbei war, +gefestigt in dem Überwundenen, hatte er Heiterkeit. -- -- -- Sie machte +Schaum aus Soda, Schmierseife, heißem Wasser. Tag auf Tag beginnend mit +Schüssel und Schüssel . . . trotz der Hitze sangen die Matrosen: »Es kommt +Gewitter.« Sie sagte es zehnmal, jedesmal mit erneut gesteigerter Kraft. In +der Unmöglichkeit wuchs der Glaube nur stärker, verbreitete sich, trat aus. +War das Haus eine Kasematte schmelzenden Bleies in weißer Hitze, lauschten +schon halb erquickt die Insassen dem Regenfall, den sie versprach. Der +Glaube der Männer stieg, stand in dem Raum wie eine Wolke. Der Blick des +Predigers traf sie, erstaunt, ohne Haß. »Ich sollte nicht Kraft haben, zu +dulden, wo Sie Ungeheures vermögen?« Sie schnitt ihm das Fleisch, legte die +Messer hin: »Wie gering ist das alles.« + +Nachts beim Füllen des Wassers fiel sie ohnmächtig um neben der Wanne des +Zigeuners. Sie sah auf, erwacht. Die große Schwester drückte ihr ein kaltes +Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen zwinkernd nach der +Seite, ein noch nie erblicktes Lächeln um den harten Mund. Der Zigeuner saß +in größter Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich. Als sie +allein mit ihm war, stammelte er, Sprechens kaum mehr fähig: »Die . . . +vorher . . . schlug mich.« Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie +zu verlieren, löste ihn. Er schlug in die Hände: »Bitte . . . bitte . . .« +Dann schwieg er. + +Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin, der vor Bösem strotzte, +überwand sie. + +In diesem Augenblick fühlte sie verzweifelt, daß etwas fehle. Schwer atmend +ging sie durch den schwülen Raum. Die Luft vor der Küste war +zusammengezogen von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte zarteste +Glut. Sie ging, erschrak, öffnete sich mit maßlosem Entzücken: das Meer. Es +lag hinter dem Schleier, schlug groß und dumpf. Ein Vogel flog auf, stob +über den Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte ihn. Er flog zur anderen +Seite, wischte den Nebel zu großen Strudeln. »Rype«, rief sie ihm. Ein Hase +mit hell leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen, stählern. Langsam das +Rauschen einer schwimmenden Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging +heller, von seinem Dunst ins Gespenstische zugezogen. Möven schlugen sich +hoch. O Möven. Der Mond fiel platt auf das Wasser. Dunkelblau gemeißelt +stieg das Meer, ungeheuer gereckt mit metallen gekühlter Wut. Die Möven, +hochgerollt, hingen eine unbewegliche Schlange vor dem Himmel. Alles trug +ihren demütigen Sieg ihr zu. Am höchsten Triumph spürte sie die Lücke. Es +genügte nicht. Das Letzte fehlte. Woher? + +Sie hatte Sehnsucht, wußte nicht wohin. + +Was Menschliches zu tun war, flammend war es getan. Sie war zufrieden. +Nichts störte ihr Treiben. Im Lallen des leprosen Idioten formte sich +glühend ein Glück. Hatte entsagt dem Eigenen. Nichts Einzelnes sog, lockte, +begehrte. Entwichenes pries nur ihre Unermüdlichkeit. Kein Phantastisches, +Gewähntes verwirrte. Dennoch fehlt das Letzte, stieg das Sehnsüchtige +unerträglich. Dreieck spannte sich aus den Brauen, ihr eisgrauer Blick +streifte das Meer. + +Ihr Rücken stieß an etwas. + +Ein Baum. + +Der Saft zog in sie, ihren Leib, die Schenkel, das Herz. Das Meer ward ein +Spiegel, scharf, nebellos: Smaragdene Inseln tauchten aus Fächern der +Sonne. Abends kamen sie ins Freie. »Meer«, schrieen sie. Die Sonne sank +blutrot über Herden neuer Inseln. Phalux. Der Ottava rauschte, Flöße und +Feuer. Warum flog der Körper nicht über das Segel. Tausend Klüver wiegten +auf dem Ontario, schliffen träumerisch den Horizont stahlblau . . . . + +Sie senkte die Lider, hielt die Sehnsucht fest im Innern, sie durchdrang +sie mit dem Saft in jeder Pore. Ihr Leib und der Baum hoben sich, +ineinandergeflochten, zum schlankesten Instrument der Sehnsucht. Standen im +Traumgrau der Landschaft aufgerichtet, eine Flöte. Der Klang des Blutes, +weich sich hebend, nur nach Getrenntem gierig, war Schmerz des Rohrs nach +der Weide, aus der es geformt. Wurde tigerhaft, stürzte durch die Gefäße, +ein Aufschrei: zurück zur Heimat. + +Der Morgen ging auf. + +Ein Segelschiff bootete aus. Sie nahm es. Eine Stadt entschwand. Nebel +rollten unter der Sonne. Unter braunen Segeln entschwand glühend das +Kupferbergwerk in die Klippe. Noch einmal standen die Flaggen starr. Dann +fraß das Meer mit einem Ruck das Ganze. + +Stand am Schornstein, ging auf Verdeck mit großen raschen Schritten, +schaukelte mit jeder großen Woge, ging hinunter, hinauf, es kam ihr +entgegen. Der magische Pol ihrer Jugend streifte ihr zu, je näher sie +rückte. Studierte Barometer, Karten, die Lotung. Traf Beamte, frug, sah den +Kapitän, lächelte. Wind trug ihr Frische zu. Schaum, vom Bug +heraufgeschlagen, legte sich köstlich auf ihre Haut, Schmelz blühte sie +hoch. Abends unter der eingeholten Fahne kam es: Sie hatte Kraft +verbraucht, ihr Leben hingegeben, Stück für Stück vergeben, gezahlt im +Guten wie im Bösen. Die Spannung blieb wohl, die sie schnellte. Aber erst +der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang sie neu, strebte ihr +entgegen. Kräftigte sie und machte sie schön, glühend, auf langen Beinen +die zarterhaltenen Brüste, der wilde Zug um den demütigen Mund, die heißen +großen Lippen: daß sie die Stärke habe, tätig und unermüdlich wachsend und +handelnd zu warten, Di Contis Vermächtnis erfüllend, daß irgendetwas, +Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar und kokottenhaft +noch lächelnd in ihrer Raserei), durchwühle und stürze, daß Schicksal sich +balle und sie selbst zurückkehre, die Maschine zu entfachen in den großen +Kreis der Tat, gespeist aus dem Atem ihrer Jugenderde zu Mut und +unentspannbarer Dauer. + +Ein Mittag scholl. Klippen. Der Lorenzo. Möven in Spiralen durchwälzten die +Luft. Kanonen brüllten. Der erste Halteplatz kam. Sie raffte die Plaids. +Langsam zählte sie die Koffer, etikettierte, ging über den Steg ins Boot, +ans Land. Das Gepäck häufte sich um sie in der Morgendämmerung, noch grau +unter Bäumen. Ein Park von Wagen scharrte um sie. »Hinweg . . . hinweg --«, +ein Diener stieß sie an, rief einen Namen, rief den Namen, rief ihn +dreimal. Hinter ihr Kommende drückten, kamen vor sie, verdeckten. Da +dienerte ein Neger. »Nein.« Er lutschte die Zunge zurück, steckte die +kleinen Finger in die Ohren, wiegte auf den Beinen. Über ihrer Achsel +schwebte etwas, ein Eselmaul schrie, den Hals hoch neben ihrem Ohr. Etwas +fiel vor ihr hin, als klatsche ein nasser Fisch auf Stein. Sie bückte sich, +faßte ihr Paket, sah rasch auf. Ein Schatten blitzte vorüber. Sofort schloß +sie die Augen, griff namenlos entsetzt an die Brust. Es spielte sich +beißend ab unter den geschlossenen Lidern: Ein Mann mit Lichtkonturen +machte eine Bewegung, aber er riß nichts heraus, sondern streifte die Hand +nach ihr, schob etwas in sie hinein. Eine Beglückung durchfuhr sie, stieg +in ihre Haut, in die Warzen der Brust. Sie schwebte. Sein Gesicht war +blond, gescheitelt, das eines Skandinaven, die Figur ihres Traumes, ihrer +Sehnsucht. Ihre Augen hoben sich, es verschwand, das Erhobene, Blutsüße +blieb. Gepäckträger häuften ihre Koffer auf einen Wagen. Sonne stach durch +das Grau, brauste mit einer Welle durch die Zweige. Ein Wagen streifte ihre +Schulter, schmiß sie fast um. Sie drehte unter der Gewalt des Stoßes sich +um die Achse. Eine rauhe Stimme brüllte: »Idiot.« Sie steckte das Paket in +die Manteltasche, wieder blitzte der Schatten, nur ähnlicher, sie +erbleichte. Zitternd hob sie mit der Hand aus der Tasche die drei achatenen +Kugeln. Zurück? Sie dreht sich wild herum. Die Wagen scharren alle, bewegen +sich, ein Gewölk unter den Palmen. Eine Lichtung entsteht. + +Da steht darin Caspare Symes. Neben ihm ein Pferd. + +Die Kluft ist zu groß -- ihr Herz erstarrt -- zwischen ihm und ihrem Leben. +Sie hat überwunden, längst. Die unbefangenen Gefühle fehlen zu dem, was im +Menschlichen ihr am erstrebenswertesten schien. Vorbei. Sie zieht den Mund +ein. + +Als er den Kopf bewegt, hebt sie die Achseln, ein wenig, zuckend. Sie +schüttelt den Kopf. Nun rast ihr Herz. + +Da sieht sie erschreckend, daß sein Gesicht verändert ist. Di Contis Atem +schlägt ihm aus der Haut, sein Geist vom Auge. Seuche, Leidenschaft, +Erlebnis haben ihn geschlossen zu unsterblich menschlicher Schönheit. + +Da erkennt sie in ihrer tiefsten Minute plötzlich: Daß dies ihr aufgespart +war, damit sie vor eigenem Glück das Größere, Menschliche erst erfahre. Und +da sie tapfer gekämpft bis auf die Höhe, schlägt der andere Pol ihres +Lebens ins Zentrum, wächst, beglückt, ist da, ist da. + +Und da sie nicht enttäuscht und feig vom Dasein kam, sondern durch größte +Bemühung nur der Weisheit näher ein Geringes gekommen, geladen mit Kraft, +gegen die Welt zu stoßen, sie zu ändern und Contis Hebel aufzuschlagen aus +dem nun unfehlbaren Gehäuse, wandte sie ihm, der auf sie zuging, kurz und +heiß die Hand zu: + +»Komm.« + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN *** + +***** This file should be named 39277-8.txt or 39277-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/9/2/7/39277/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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