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+The Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Achatnen Kugeln
+ Roman
+
+Author: Kasimir Edschmid
+
+Release Date: March 27, 2012 [EBook #39277]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+Die
+Achatnen Kugeln
+
+Roman
+von
+Kasimir Edschmid
+
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+Verlegt bei Paul Cassirer in Berlin 1920
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+Alle Rechte vorbehalten
+Copyright 1920 by Paul Cassirer, Berlin
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+Geschrieben Neunzehnhundertvierzehn bis Neunzehnhundertachtzehn
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+Gruß
+an
+René Schickele
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+Vorspiel
+
+
+Nun stiegen sie schon die zweite Stufenreihe hinunter. Immer sahen sie auf
+der anderen Seite die schwarzen Schatten, die sich wie sie selbst bewegten.
+
+Die Wasser rauschten langsam. Als sie die dritte Terrasse erreichten,
+kehrten sie um nach der anderen Seite, die schwarzen Schatten schwenkten
+und traten auf sie zu. Da kam aus dem See unten ein silberner Strahl, er
+glühte auf, Licht strömte die Neigung der Rasenterrasse herauf.
+
+Das Schloß über ihnen schlug eine Mondflamme in den Himmel.
+
+Zwei Herren traten zur Seite, die anderen bogen Halbkreise um die Gegner,
+die die Mäntel abwarfen und in weißen Samthosen, die Brust offen unter dem
+Hemd, sich gegenüberstanden. Ein flüsterndes Signal überklirrte das Metall.
+Aus dem dunklen Laubgang stöhnte ein Vogel. Ein Mann fiel um, den Säbel in
+der Gurgel, die Augen nach oben gebrochen.
+
+Der andere warf sich aufs Knie. Schob mit dem Daumen die Lider des
+Liegenden probend herunter, sie schnellten wieder über die gläserne Pupille
+zurück und hefteten sich auf den Knauf des Degens, der ihn durch die Kehle
+auf das Rasenbeet kreuzigte. Da stand der andere auf, schüttelte die Haare.
+Das war vorbei.
+
+Er sah sich um, empfand atmend die helle Nacht, die mächtig gewölbt war.
+
+»Mein Herr . . .« sagte der Sekundant des Gegners. Er deutete mit lockerem
+Handgelenk auf den Toten.
+
+Der Marquis neigte den Kopf nach ihm. Was ihn erfüllte, verschwand. Die
+steife Gebärde des Todes löschte die Wut des Abenteuers. Er sah auf, die
+Seele nicht mehr zusammengezogen. Wie schien der Mond feurig und entflammte
+purpurrot die Zweige.
+
+»Zaudern Sie nicht« -- flüsterte der Sekundant, »sofort zu begreifen, daß
+Sie im königlichen Garten sind. Jetzt noch zu leben, heißt nur bedingt und
+halb ein Lebender zu sein.«
+
+Vaudreuil trat mit einer Verbeugung zurück. Ein spöttisches Lächeln kniff
+in seinen abwesenden Mund. Dann kam der Laubengang. Das Dunkel der Nacht
+saß darin, unaufgescheucht vom Licht. Die weißen Hermen glommen aus der
+blauen Dämmerung. Nun paradierte ihn die Wache.
+
+Die Rondells mit den Fontänen waren beinahe rot, und die Tritone schäumten
+vor sich hin. Auf den Seiten verschwammen die Alleen flaumiger Dämmerung.
+Eine quecksilberne Säule stand das Schloß aufgerichtet neben ihm. Zwischen
+dem Schwung von zwei Koniferenästen zog sich der ganze Garten noch einmal
+zusammen. Dicht über dem tiefen Wasserspiegel am Ende der gesenkten
+Terrassen hing riesenhaft der Mond.
+
+Im runden Ausschnitt der Tanne hing eine Spiegelung, wie aus Silber eine
+metallene Platte.
+
+Nächte voll Schwärmerei und Lichtern hoben sich über dem Park, zogen rasch
+vorüber. Zuckende Frauenleiber sträubten sich vor ihm auf. Ein großer Ritt,
+der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die Luft, sein Bein hing blutend in
+der Bügelung. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne Säle . . . Teile
+des Gartens dampften, brachen auf, Nischen entlaubten sich, Gänge warden
+ohne Dunkel. Gab es nicht eine Frau?
+
+Eine Frau, ohne Geheimnis am Körper, verlogenen reizlosen Hirnes, ohne
+Leidenschaft der Erfindung, gut für Lakaien. Dennoch schlug er sich heut um
+ihre roten Haare. Dies ist das Dasein. Er lächelte, als ob er die weiße
+Zofe in den Flieder herunterpfiff oder die Pikardin berührte, die bleich
+durch eine Laube in der Parkecke auf ihn wartete.
+
+Das Bild brach ab.
+
+Aus allen Bosketts flossen Blumenrüche. Eine Nachtigall jagte einen süßen
+wilden Schrei schlaftrunken ins Gebüsch.
+
+Er sah ohne den Schleier der Spiegelung in den Park. Die Grimasse des
+Totengesichts, von seinem stählernen Witzwort in der Gurgel gefaßt, stak am
+Boden, bläkte ihn an. Das Schicksal riß durch sein Herz. Waren diese
+Terrassen nicht verbraucht bis zum Irrsinn, entblättert die Lauben beim
+dritten Knie schon, das er darin geöffnet. Blieb ohne die Erregung des
+eigenen Blutes, das sein Feuer zu fremden Abenteuern sich schuf, nichts
+übrig wie nackte Enttäuschung, schon oft Gelebtes, sinnlos Wiederholtes. Er
+zog den Degen an sich, fror am Eisen. Da sah der Marquis hinuntergleiten in
+den See, was ihn ausgefüllt hatte die Jahre. Die Herren, mit denen er soff
+und spielte und sich schlug, Damen daneben und Hunde, die an ihren Knieen
+wehmütig zitterten und leicht mit dem Kopf nickend ihn verließen. Dann trat
+das alles schon nicht mehr ihm zugehörig von der Neigung der letzten
+Rasenfälle in Berührung mit dem Wasser. Der Mond nahm es auf und bog es aus
+dem Park. Der Marquis sah zu, raffte sich auf, ohne Zorn, ohne Reue.
+
+Als er sich aber umbog, überfiel ihn alles, und er krümmte sich vor Schmerz
+über den Abschied, so sehr hing sein Herz an der Erde, auch wenn sie
+verbraucht war.
+
+Angst kam auf ihn, wenn er bleibe, daß er, eingekerkert in steinerne
+Mauern, keine Sonne mehr sehe. Wie liebte er die Freiheit.
+
+Er machte zwei große Schritte, reckte sich steif, hoch, das Gesicht in
+Ruhe, ging überlegen und sicher . . . . wankte und zog den Mantel über den
+Kopf und weinte. »Nicht weinen Vaudreuil,« rief er sein Herz an, stieß den
+Degen fluchend auf den Boden, biß in den Mantel, zerrte an dem Tuch, »was
+weinst du, Affe . . .« Allein er konnte seinen Schmerz nicht kränken und
+schluchzte, als er, den Seitenflügel umschreitend, den großen Empfangshof
+betrat, der unter seinen Schritten leise aufscholl. Er blieb da stehen.
+Kein Garten stand mehr vor ihm. Das große Gebäude verdeckte ihm den Mond.
+Er hatte noch nie Abschied genommen.
+
+In der Kehle ein Zittern riß ihm den Schmerz bis zu den Zehen. Dies
+flimmernde Weiß an den Rändern des Schlosses, die Pflastersteine, die der
+Mond blau schlug . . . er wollte sich daran halten, sein Herz klammerte
+sich an das Licht, an die Luft. Sie hielt nicht.
+
+Lautlos, taumelnd ging er zum Tor. In weißen Samthosen, die Brust frei
+unter dem zerrauften Hemd. Die Wache trat vor, grüßte und grinste. Ein
+Soldat sprang in seinen Schatten und bog den Bauch in Verrenkungen hin und
+her. Sie hielten ihn für betrunken.
+
+In der Dämmerung rannten die Pferde nach der Küste. Das zweite trug den
+Diener, das dritte Gepäck, Geldrollen, Hemden, Waffen.
+
+Die Stirnen der Gäule wandten sich im Kreis, zuerst gegen Havre zur
+Täuschung, dann ganz herum gedreht nach Dieppe. Paris fiel zurück
+unberührt. Dann warfen sie die Gäule nach Westen, schoben eine südliche
+große Linie nach Rochelle. Als sie bogen, flammte die Sonne über
+Versailles. Tief im Süden sahen sie, rastend in einem Dorf, fern das
+Sommerschloß des Marquis. Er ritt davon weg. Dann von eigenwilligen Dämonen
+getrieben, ging die Fahrt im Zickzack. Eine Erhebung hinauf, schräg
+herunter . . . nach einer schweren Stunde waren sie wieder auf dem Hügel
+von der anderen Richtung her. Baptiste sagte kein Wort und folgte. Gegen
+Mittag fluchte der Marquis, sie jagten um einen See. Durch Schilf, über
+Wiesen mit Rehböcken, die spielten, ging es stundenlang. Baptiste zog die
+Riemen der Ledertaschen auf und zu. Am Mittag brachen sie aus
+Weidenunterholz und waren wieder an dem See. Der Marquis ließ die Gäule
+saufen, ritt rechts in ein Tal, sprang plötzlich wild über einen Gießbach
+und jagte zurück, an dem See vorbei in die Landschaft der Küste. Gegen
+Abend lahmte das Pferd. Baptiste stieg ab, massierte das Bein. Der Marquis
+stieg auf. Er ritt zweimal im Kreis, dann jagte er in den eigenen Spuren
+zurück. Gegen Abend kamen sie an den Hügel, später durch das Dorf. Die
+Sonne ging unter. Links lag das Sommerschloß. Sie ritten direkt darauf zu.
+Sanft stiegen über die Mauern die hellen Bogen der Springbrunnen. Aus der
+einstöckigen Front schimmerten die vielen bis zum Boden gesenkten Fenster.
+Die Kieswege, angelegt für die Zärtlichkeit von Frauenschenkeln, lagen
+träumerisch im Schein des südlichen Abends. Der Marquis ließ Baptiste
+vorreiten. Er ritt in den Bügeln stehend, die Mauer war hoch. Sie hielten
+nicht an, sprengten am Ende die Mauer wieder zurück, dann hatte der Marquis
+ein Messer verloren. Sie fanden es nicht. Sie ritten hinunter, dann in die
+Nacht, die anfing. Die Pferde liefen wie die Teufel.
+
+Das Meer kam, vom Wind geschlagen. Nebel klatschten graue Wellen über die
+Küste. Der Segler lag weit draußen und löste die Anker. Matrosen warfen die
+Mantelsäcke in die Barke, griffen zu den Rudern. Vaudreuil sprang hinein.
+Der Steuermann stieß das eine Bein gegen den Pflock, sah auf. Oben stand
+Baptiste. Der Marquis erbleichte. Der Diener stand schlaff. Dann trat er
+einen Schritt zurück.
+
+»Zwölf Jahre waren Sie bei mir . . . hielt ich Sie nicht wie einen Pagen
+. . .?«
+
+Der Marquis stand aufgerichtet im Boot, das schwankte unter krachenden
+Wellen. Aber der Diener ballte die Faust, wies auf das Meer, das sich
+dunkel donnernd zusammenballte! »Bin ich ein Hund, daß Sie mich mitreißen
+auch da hinaus . . . zwölf Jahre habe ich Bügel gehalten, vor Frauenhäusern
+gelauert . . .«, er röchelte und verzerrte sein Gesicht vor Haß.
+
+Da stieg dem Marquis das Grauenvolle des Abschieds bitter in die Kehle wie
+kein Schmerz. Einen Augenblick hob er wie bittend die Hand. Als er von
+diesem letzten schlechten Stück sich riß, versagte sein Herz, daß er es
+demütigte. Er bat eine Sekunde. Dann warf der Wind ihm die Haare über das
+Gesicht.
+
+»Bleiben Sie ruhig,« sagte er, »behalten Sie die Pferde. Gehen Sie zurück
+nach Versailles.« Er schrie, denn die Flut machte die Luft voll unruhigem
+Geräusch. Das Boot schoß los, sauste eine grüne Welle hinunter. Der Marquis
+nickte vom Rücken der nächsten dem Diener zu.
+
+Der Segler rollte auf hohen Wellen. Der Marquis sah zurück. Auf dem
+erhöhten Hügel der Mole lag Baptiste, das Gesicht stumm gegen den Herrn
+gerichtet, der ihn verließ. Nebel kamen, verwirrten. Lösten sich und immer
+brach sein Bild, auf den Knieen, die Arme verkreuzt, durch den Wasserstaub.
+
+»Wie feig er ist«, sagte der Marquis, »und doch wie groß seine Sehnsucht.«
+Da begann Baptiste zu schreien, als die Barke an den Segler rollte, die
+Arme in die Luft zu stoßen, sein Haß und das Schmierige stritten mit dem
+guten Gefühl. Vaudreuil litt mit dem Niederen. Aber er empfand seine Stärke
+mehr zu leiden mit schmerzlichster Beschwingung. Die Tiefe der
+Erschütterung gab ihm ungeahnte Kraft.
+
+Taue klatschten aufs Wasser. Dreimal schoß eine breite Woge zwischen die
+Fregatte und sie, teilte sie. Dann faßte Vaudreuil die Schlinge. Wie ein
+Affe erkletterte er das Verdeck. Matrosenhände erfaßten seine nasse Taille,
+schoben ihn herein. Das Schiff hatte sich weiß beflaggt, bog sich und
+rauschte. Er sah die Küste nicht mehr. Möven lagen auf den Wellenspitzen.
+Dann kamen Tage, wo die Sonne nur da war, der Himmel sich seidig
+zusammenzog. Er sog den Geruch des Meeres ein, schaute auf das Spielen von
+Welle mit Welle, der letzte Strich des Horizontes gab seinem Gefühl die
+ruhig sich schaukelnde Sicherheit der Ruhe und des Glückes.
+
+Am fünften Tag wurden die Segel gerefft, ein Sturm legte die Fregatte auf
+die andere Seite, stieß ein Leck in den Speicher. Seekrank lag Vaudreuil
+auf einem Haufen Taue in seiner Kabine. Sein Magen spie über Bett und
+Tisch. Sein Geist litt unter der Beschmutzung seiner Kleider. Sein
+kraftloser Körper, den nur einmal in Barbizon nach einer ausschweifenden
+Woche mit Lilotte, der Tänzerin des Dauphin, ein Purgier mit Schweiß
+befreite, litt unter der Ohnmacht und stemmte sich mit Wut dagegen. Aber
+die Dauer des Zustandes führte ihn in die Überwindung. Ohne Zorn fand er
+sich darein, daß seine Kabine stank wie ein Stall, daß er tagelang kotzte.
+Als er geduldig ward, befreiten ihn helle Tage. Die Angel lag auf dem
+spiegeligen Wasser. Matrosen saßen in den Takelungen. Mit weiß knatternden
+Spitzen schlug das Meer gegen den blau aufbrechenden Horizont. Er fing
+Germanen, köpfte sie, warf die Körper den Kabeljaus zum Fressen hinunter,
+briet die Köpfe. Nie aß er früher so weißes Fleisch. Erfinderisch geworden
+in der Ruhe, erfand er neue Speisen. Er röstete Flossen, briet Herzen. Der
+Tag ward ihm phantastisch, spielend überwand er die Melancholie der Abende.
+
+Das Schiff wendete. Die Segel klatschten, standen dick voll Wind. Matrosen
+liefen mit Haken und Büchsen nach Backbord. Da stand am Horizont ein Schiff
+in der Form saletanischer Piraten, das braune Segelzeug schoß scharf
+drachenhoch vor dem Gelb. Der Kapitän schrie. Aus den Verstauräumen kamen
+Kanonen angeschleppt, die sonst das Gleichgewicht des Schiffs gegen den
+Wind stärkten. Da brauste es aus dem Sprachrohr des Drachenschiffs: »Vila«.
+
+Da begannen die Matrosen zu grinsen, einer sang. Sie zogen die Hemden aus
+und winkten in ihren bronzenen Brüsten hell zwischen den Leinen und dem
+blühenden Himmel. Denn das Schiff war gascognisch. Vaudreuil blies die
+Backen auf und ging hin und her den Abend.
+
+Zwischen zwei Felsen fuhren sie in den St. Lorenz. Die Wände standen wie
+Pyramiden. Schwärme langgehalster Vögel hoben sich, zogen endlose Spiralen
+immer höher und schrieen. Morgens booteten sie aus nach Quibek. Vaudreuil
+ging sofort zum Fort. Die Straße war kotig. Mit schmutzigen Schuhen und
+Strümpfen kam er, nach Tang riechend, an die Palisaden und nannte seinen
+Namen.
+
+Abends erschien der Kommandant zum Bankett. Er hatte den ganzen Mittag die
+Finger seiner Hände hin und zurück gezählt, um nicht sofort hinzulaufen.
+Jedoch der Drang seiner Würde war größer als seine Neugier. Auf Vaudreuils
+anderer Seite saß der Bischof in violettblauer Sutane. Ihre Fragen
+umzingelten ihn, faßten ihn von immer neuen Seiten. Sie schlürften jedes
+Wort. Der Geruch Europas war noch an ihm. Sie hielten sich gerade, aßen mit
+Bewegungen, die ihren Namen entsprachen, wenn auch ihre Stoffe derb waren,
+ihre Schuhe aus Rindsleder, das roch. Er gab, was er wußte, vom Hof, den
+Städten, den Frauen, teilnahmslos, halb Gelöschtes aus seinem Gedächtnis.
+Der Bischof riß einen Fisch mit beiden Händen am Schwanz auseinander und
+frug: »Was planen Sie hier?« Aber Vaudreuil zuckte die Schultern. Sie
+wurden verlegen. Der Kommandant trank rasch. Der Bischof leckte an seinen
+fetten Fingern. Sie schwiegen eine Zeitlang.
+
+Beim Dessert verloren sie ihre Haltung. Vaudreuil kam beim Pharao in
+Verlust. Als sie zwei Rollen Louis gewonnen hatten, wurden sie höflicher
+vor seinen Mitteln. Um vier begannen sie, gebranntes Wasser zu saufen. Boys
+brachten Kübel. Um fünf saßen sie hinter den Karten. Vaudreuil hielt Bank,
+gewann zurück. Ein Fähnrich kam in Verlust, man verweigerte seine Bons. Er
+hockte sich in die Ecke, schrie: Germaine . . . sah nur Waden, beschrieb
+sie mit dem Finger, leckte das Maul. Ein Offizier fiel um wie vom Schlag
+gerührt. Der Kommandant zuckte die Achseln: »Er liebt, seinen Gewinst
+festzuhalten.« Seine Hand schrieb eine Anweisung, die er rotglühenden Auges
+Vaudreuil hinüberreichte. Sie machten eine Pause, aßen kleine scharfe
+Fische.
+
+Der Bischof hob den Arm. Schwenkte den andern auf, hob sie und senkte sie
+heftig, bis der Apparat rauschte, seine blecherne Stimme anfing zu singen.
+»Fettes Schwein«, sagte der Kommandant und schlug im Takt die Fäuste auf
+den Tisch. Ein Hauptmann taufte einen Eingeborenen. Das Zimmer dick vor
+Rauch.
+
+Sie kehrten zurück zu den Karten. Die Sonne stand draußen. Der Bischof
+setzte die Sutane. Verlor. Der zweite Fähnrich begann ihn sofort zu
+entkleiden, wollte ihn als Adam durch den Morgen führen. Der Bischof
+quietschte mit Faseltönen, flatterte mit den Händen, umwirbelt von Dampf.
+Er stank aus jeder Pore. Dann weinte er und psalmodierte eine Beichte. Der
+Kommandant bog sich von seinem Stuhl, fiel krachend zurück in die Lehne,
+beugte sich wieder, krampfte die Arme über den Bauch und bekam das Maul
+nicht zu vor Geheul. Vaudreuil ging hinaus.
+
+An der Palisade erreichten ihn Schreie. Die Fähnriche brachten die Sutane
+geschleift. Am Fenster hing der Mondbauch des nackten Bischofs. Eine Hand
+hob sich über ihm, klatschte auf feine fette Schulter. Des Bischofs Arme
+zeterten herunter, er wand sich. Seine Schinken hingen zum Fenster heraus.
+»Also doch . . .« Vaudreuil bot Ohrfeigen mit, der flachen Hand. Sie zogen.
+»Germaine«, brüllte der eine und fuchtelte in der Luft. Vaudreuil schonte
+ihn, wandt sich zum anderen, der stieß ihm, schmalnasig und hager, im
+selben Augenblick leicht in die Achsel, warf seinen Degen weg, salutierte
+mit der Hand. »Es hätte auch die Kehle sein können.« Vaudreuil packte die
+Sutane mit den Fingerspitzen, trug sie hinaus. In der Mitte des Zimmers lag
+ein Haufen Fett, das den Himmel vertrat, vor dessen Umarmung jede trübe
+Zofe flöhe. Er legte den blauen Rock auf den Haufen.
+
+Den Rückweg verlegte der Kommandant an den Palisaden. »Den Degen.« Der
+Fähnrich, zwölf Soldaten hinter ihm. Vaudreuil lachte, denn seine Stimme
+lallte und überschlug sich vor Besäufung. Er richtete die Spitze des Degens
+nach hinten, ging so auf die Wache zu. Sein Lachen steckte an. Zuerst
+prustete ein Soldat. Dann lachten sie alle, schlugen sich auf die
+Schultern, auf den Bauch, ohrfeigten sich, begannen eine Prügelei. Der
+Fähnrich zog ein Lächeln um den dünnen Mund und salutierte. Der Kommandant,
+Sergeant an Wuchs, donnerte wütend, die Soldaten johlten weiter. Der
+Kommandant torkelte einem an den Hals, umarmte ihn, fiel um, ward
+aufgehoben, schlug sich den Bauch vor Lachen. Er kommandierte die Wache zum
+Salutieren, es geschah unter Schwanken. Arm in Arm mit Vaudreuil verließ er
+das Fort.
+
+An der Ecke blieb er stehen, stampfte auf, um fest zu stehen. »Ich muß Sie
+verhaften, ohne Zweifel.« Er stemmte sich mit dem Rücken gegen ein Haus,
+rülpste Gelächter. »Ich warte bis zum Abend.« Sie zogen durch die Kneipen.
+In der dritten entlieh er eine Rolle Louis. Vaudreuil schlug sie ab. Es gab
+einen Skandal. Mitten in der Szene vergaß er es wieder, versprach Vaudreuil
+Weiber, frug nach Paris, schlief schnarchend ein. Die Nase fiel auf den
+Tisch, begann zu bluten. Eine Rinne lief ganz langsam über die Platte,
+schwenkte nach rechts, lief nach links. Vaudreuil blieb sitzen, bis es ihn
+erreichte. Dann stand er auf.
+
+Am Bootshaus lag sein Gepäck. Vor der Mole schaukelte ein großes Segelboot.
+Wohin? Nach Montreal. Er erklomm das Schiff an der Seite, wo Männer
+loteten; setzte sich unter ein Sonnensegel, zog ein Buch aus der
+Manteltasche, begann zu lesen. Die Eingeborenen sangen vor sich hin, indem
+sie die Segel besorgten. In der Stille verengte sich der Fluß, das Meer
+blieb stürmisch mit schlagenden Wellen zurück.
+
+Plötzlich stand ein Mann vor ihm, sprach ihn an, verdrehte die Augen,
+schnitt Fratzen und bog die Nase nach oben. Zuckte mit den Achseln und
+zwitscherte wie ein Vogel. Öffnete die Hand, schloß die Hand, verkrümmte
+sich und blinzelte. Wandt sich von Vaudreuil, der weiter las, nach der
+anderen Seite der Bank, verneigte sich, schwang die Arme nach hinten. Da
+saß ein Offizier mit einem Orden, winkte mit der Hand, das Individuum
+verschwand unter den Fäusten der Matrosen. Vaudreuil sah auf, beugte sich
+etwas gegen den Offizier. Der erhob sich: »Courbisson«, der Gouverneur.
+Vaudreuil blinzelte, schob den Mund schief, begann weiterzulesen. Die
+Adlernase kam im Bogen, hing vor ihm, schnitt die Luft:
+
+»Sie brachen heute mein Gesetz.«
+
+»Es waren Schweine. Soll dieser Irrtum . . .«
+
+»Haben Sie zu verlieren?«
+
+»Das Leben.«
+
+»Sie wissen es einzusetzen.«
+
+»Der Ehre halber.«
+
+»Das genügt nicht. Bei diesen Menschen bedarf es mehr.«
+
+»Ich bin am Ende. Sah den Arsch des Bischofs die erste Nacht.«
+
+Der Gouverneur griff an seinen Hut, grüßte, die Matrosen begannen zu
+schreien. Baumstämme kamen angeschwommen, sie halsten, bogen aus, im
+Schwung umschwebte sie eine betäubende Insel. Der Gouverneur strich den
+Knauf, aus dem ein Löwe in die Luft biß.
+
+»Ich bitte um zwei Fragen . . . haben Sie Mittel?«
+
+»Die Diskretion der ersten läßt mich auf die zweite verzichten.«
+
+»Ich rede in einer dringlichen Sache meines Herzens geschäftlich,« der
+Gouverneur verneigte sich. Ein Haar breit.
+
+»Ich habe keine Geschäfte.«
+
+Da stieß der Gouverneur einen Fluch in die schmalen Lippen. Vaudreuil
+machte eine unwillkürliche Bewegung. »Nein«, sagte der Gouverneur, lächelte
+zerstreut, gewinnend, Unruhe wölkte seine Stirn. Da legte Vaudreuil sein
+Buch hin, kam ihm entgegen: »Verhandeln wir.«
+
+Courbisson errötete gegen die grauen Schläfen, begann sofort mit Charme zu
+reden. Vaudreuil sah ihn aus aufgerissenen Augen an. Beim zweiten Satze des
+Gouverneurs schlief er ein.
+
+Als er erwachte, war es hoch im Mittag. Er war allein. Die Ketten
+rasselten, die Segel hingen eingerefft, gebunden, der Anker hielt. Eine
+Landschaft kam mit Wiesen heruntergespielt zum Fluß. Er sah große Fasane,
+stieg aus zur Jagd. Die Nacht brach er durch Büsche auf dem Rückwege, fand
+ein Blockhaus. Auf Heu schlief er. Morgens lockten die Stimmen der Tiere
+sein Blut, er bestieg das Schiff nicht, blieb acht Tage, streifte, jagte,
+brach in das Dickicht, das ihn schluckte, einsog.
+
+Am neunten Tage trieb er ein Boot auf, fuhr langsam hinunter nach Montreal,
+kaufte fischenden Matrosen ihre Kleider für die Jagd, trat in ein
+Blockhaus, spreizte die Beine, warf den Kopf zurück und zeigte eine
+Landkarte, fixierte ein Stück mit dem Blei am Ufer. Hinter dem Tisch der
+breite Mann zog den Spitzbart. Vaudreuil sah in die Luft. »Das Stück ist
+zehn Klafter breit,« sagte der Verkäufer. Vaudreuil zuckte die Achseln. Der
+andere zog die Lippen nach vorn, schrieb, Vaudreuil zahlte eine halbe
+Goldrolle, drehte um. An der Tür zögerte er kurz, ging hinaus, kehrte nach
+zehn Schritten um, zirkelte zu dem Flußgebiet, das er gekauft hatte, das
+ganze Hinterland dazu, sah fragend auf. Der Verkäufer grinste und schrieb
+ihm den Urwald noch dazu.
+
+Er mietete ein Rudel Gesindel, fuhr mit ihnen hinauf, ließ Hütten bauen.
+Bald kamen Eingeborene. Mit Negern, die er kaufte, gründete er den Kral.
+Dann warf er das Geld gegen den Urwald. Ein wütender Kampf bellte auf. Der
+Wald wucherte mit Sumpf und Pflanzen gegen ihn auf. Tag um Tag fraß seine
+Horde sich in den Wald. Er wirbelte die Äxte hinein, schnitt mit Feuer
+Lücken, brach Boden auf Boden ab. Er umzingelte mit einer Gasse, die die
+Kerle schlugen, die dicksten Plätze, hungerte sie aus, verwüstete sie, ging
+zurück, brach vor. Die Sklaven starben an Fiebern. Er schaffte neue
+Scharen, trieb sie gegen den Wald. Ordnete kleine Gruppen, fiel von den
+Seiten, vom Rücken gegen das nie angegriffene Urstück. Tiere jagten nachts
+heraus. Ein Löwe sprang durch das Dach seines Hauses. Er gab nicht nach.
+Fauchend mit den Stimmen seiner Tiere wich der Wald zurück. Nun sogen
+Weiden das Wasser aus den modrigen Ufern. Pflüge rissen in das Herz des
+Landes. Ochsenwagen zogen nach dem Strom, warfen das Holz in die Boote,
+nahmen Saat zurück. Meer von Weizen schlug in schönen Wellen gegen den
+Wald. Herden suchten morgens, Boden schlagend, den Strom. Das erste Boot
+fuhr nach Quibeck. Zehn folgten. Seine Wolle fuhr über das Meer. Schon war
+der Wald eine ferne Linie am Horizont. In Tonnen und Schuppen stapelten die
+großen Fischzüge. Er legte einen Gürtel Ablagerungshäuser an. Eines Nachts
+flog ein Vogel vom anderen Ufer herüber, seine Flügel hatten eine grüne
+Färbung. Als er am Giebel saß, begann das Dach zu brennen. Es war der
+dreizehnte Schuppen. Vaudreuil ritt zum Inspizieren. Er fand nichts. Nach
+drei Tagen ritt er denselben Weg, ließ es wieder aufbauen. Nach einem
+halben Jahr kam er an einen Zug, der Tonnen Fische hinunterschleifte. Er
+sprach mit dem Führer, sie bogen um eine Waldecke, da nahte ein Zug, es kam
+eine Prozession. Vaudreuil stieg ein wenig in den Bügeln, kniff die Augen.
+Dann führte er seine Leute zurück, in einem Hohlweg mit steilen Wänden ließ
+er eine Tonne leeren, ritt weiter ein Stück, dann wieder zurück. Sie
+erreichten den Weg, als die Läufer der Prozession auf den Fischen
+ausglitten. Sie fielen auf Rücken und Bauch, streckten die Beine hoch, die
+Zungen heraus, rauften sich an den Haaren. Die dicken Priester fielen auf
+den Hintern und rutschten auf den Fischbäuchen die glatte Bahn herunter.
+Geschoß kam auf Geschoß. Den Bischof warf sein Esel ab, er flutschte
+vorüber, schlug mit den Armen wie ein Häher. Vaudreuil zog weiter. Zwei
+Wochen darauf klopfte es nachts an sein Haus.
+
+»Woher?«
+
+»Quibeck«.
+
+Sie machten dem Fremden ein Lager im Flur und lauerten im Halbschlaf mit
+schrägen Augen, daß er nichts unternehme. Am Morgen ging Vaudreuil über die
+Diele. Da stand der Fremde auf, griff in die Mantelbrust und reichte ihm
+ein Papier. »Ich will es quittieren«, sagte Vaudreuil, kramte in Papieren,
+sandte dem Bischof für die Exkommunizierung eine Verschreibung von seiner
+eigenen Hand. Sie ging auf eine violettblaue Sutane. War vor sechs Jahren
+ausgestellt.
+
+Vaudreuil badete, salbte sich ein Stück, zog Strohsandalen unter die
+Schuhe, es war Abend. Ging langsam zum Fluß, nahm ein Paddelboot, fuhr ab,
+legte, als der Flußwinkel überfahren war, an im Gebüsch, kehrte zurück,
+trat hinter einem Baum heraus mit einer Peitsche und verhieb Neger, die im
+Garten tanzten und seine Hüte trugen, entließ den Aufseher, der in der
+Küche sich Pasteten buk. Dann ging er über die Äcker zwei Stunden, bis er
+Wald erreichte. Eine halbe Stunde lang suchte er, die Nase wie ein Hund
+geneigt. Er fand einen Pfad, folgte ihm bis gegen Morgen. Dann schlief er
+ein wenig, lief den ganzen Tag weiter ins Innere. Es wurde Nacht, er roch
+Feuer, schlich sich heran, wartete eine Stunde, schnitt mit dem Messer
+Gestrüpp, verknotete Schlingpflanzen durch, machte einen Bogen, schaffte
+bis Mitternacht. Dann kam er an den Rücken eines Schattens, hob ein Tuch,
+war in einem Zelt, zündete ein Schwefelholz an, hielt es mitten in den
+Raum. Zehn Frauen saßen auf Fellen und schliefen. Eine stand auf, schlanker
+als die anderen, blies das Licht aus. Er nahm sie auf den Arm, trug sie
+durch das Lager in den Wald, das Kupfer ihrer Haut glänzte unter der
+Dunkelheit der Zweige. Sie kamen an sein Boot zum Fluß. »Naimi«, flüsterte
+sie. Ihre Augen der zahmen Antilope stellten sich in Rausch schräg gegen
+die Wipfel, die über den Mondwellen hingen. Das Rindenboot glitt unter
+Ästen mit singenden Vögeln. Ihre Haut roch nach ihren Speisen, nach
+Wildbret und Beeren. Er strich ihre junge Brust hoch. »Perlen«, sie lachte
+gegen die Hand, band sie in die blauschwarzen Haare. »Wie lange?« Er zuckte
+die Achseln. Ihr aus den flimmernden Schatten des Waldes heraus geformter
+goldbraun geschwungener Leib zitterte. Sie hob das Gesicht über den Rand.
+Da sah sie in den Mondwellen die Perlen, warf sich nach vorn in die Knie,
+herüber zu ihm, den Kopf auf seine Hände, die Zunge fuhr über seine Brauen,
+die sich im Dreieck zur Stirne spannten. Er weckte sie aus dem Schlaf:
+»Naimi«. Sie forschte erschreckt in seinen Augen; als sie Liebe sah, begann
+ihre Haut sich zu färben. Sie banden das Boot an. Die Sonne ging über sie.
+Manchmal erhob sie sich, sah scheu nach ihm hinüber. Am Abend fuhren sie
+weiter. Das Rindenboot schlürfte am Ufer hin im leisen Takt des Stroms. Der
+Mond brach weich aus allen Ästen. Ihre Brust war fruchtreif und klein, sie
+flüsterte, erschreckt. Er sah sie an. Sie schlief ein. Sie näherten sich
+seiner Ansiedlung gegen Morgen. Als sie erwachte, ihn erblickte, war ihr
+noch munter. Später hieb er ihr gegen die Schenkel. Sie sah seine Stirn,
+erbleichte, knackte zusammen. Beim Aussteigen drehte sie sich einmal noch
+um, ihr schmales Gesicht sah ohne Ausdruck nach ihm. Dann sprang sie in den
+Wald. Er trieb allein gegen sein Haus.
+
+Er kam in seine Faktorei, kontrollierte das Schreiben der Aufladung. Da
+trat ein Herr herein, grau an den Schläfen. Er ging ein wenig gebückt. »Ich
+treffe Sie doch in Geschäften«, lächelte dünn. Vaudreuil verbeugte sich
+wortlos: »Courbisson«. Der Gouverneur nahm Vaudreuils Arm, sie gingen durch
+den Garten, das Haus, die Anlagen, ritten den Strom herauf, vorbei an den
+Ausladehäusern. Sie gingen um die Schuppen, Courbisson prüfte mit der
+schmalen Hand die Maiskolben, den Weizen. Er hob die Hand, beschattete das
+Auge, blickte ins Innere. Er beugte sich noch tiefer: »Sie wissen nicht,
+daß ich das, was hier geleistet, von Ihnen wollte, als wir das erstemal uns
+trafen. Dies alles war meine Absicht.« Er fuhr mit der Hand im Kreis herum.
+Dann nahm er wieder Vaudreuils Hand, er blieb bis zum Abend. Nach Tisch
+schlief er. Sie tranken Kaffee und spielten. Gegen die Dämmerung redeten
+sie monoton, einfach. Als es dunkel war, brachte Vaudreuil ihn zu seinem
+Schiff. Sie waren noch im Garten, und eine Kröte sprang schwerfällig über
+den Schuh des Gouverneurs. Er stand steifer: »Der Krach mit dem Bischof
+stellt alles in den Einsatz.« »Ich weiß«, sagte Vaudreuil. Der Gouverneur
+ging weiter. Von einem Baum knallte eine Frucht. Das Kinn des Gouverneurs
+berührte einen Augenblick die Brust. Dann hoben sich seine Achseln, er
+atmete tief. Am Schiff gab er ihm die Hand: »Besuchen sie mich.« Vaudreuils
+Brust hob sich hoch, senkte sich.
+
+Am Morgen torkelten über die Felder eine Schar Weiber, kamen in die
+Umzäunung. Unter dem Schmutz erschien ihre weiße Haut. Sie kamen
+halbverhungert aus den Wäldern, wo sie breitschenkligen Huronen
+nachgelaufen waren, verlangten nach Essen. Sie waren derb und saftig, ihre
+Kleider von Dornen zerfetzt, manche fast nackt. Die meisten waren
+betrunken, schimpften vor sich hin. Er ließ sie hinaustreiben: Ein Neger
+erschien mit einem Seil, das ein anderer faßte. Eine nahm ein Federmesser
+und stach es ihm nach der Hüfte. Vaudreuil kam selbst heraus, langsam die
+Treppe herunter. Ließ die Sau auf einen Stuhl schnallen, schlagen. Die
+Neger rissen die Röcke hoch, schlugen ihr die Haut zu Striemen. Sie brüllte
+eine Weile. Dann ward sie still, verkroch sich in ihren Körper wie in eine
+fremde Hülle. Als sie losgebunden ging, öffnete sie den Mund, sang. Ihre
+Stimme war angenehm, nicht mehr rauh. Das Lied war von den Vorstädten von
+Paris. Vaudreuil ging die Treppe hinauf, er hatte sie im Rücken. Sie riß
+das Palais Royal vor ihm auf. Er biß die Lippen, aber er drehte nicht um.
+Sie hatte einen roten Strumpf. Dies verließ ihn nicht.
+
+Im Sommer kamen die Meerwölfe ans Ufer, schlichen hinauf und schliefen. Sie
+fuhren mit ein paar Schiffen hinunter, kamen in der Dämmerung an,
+beschlichen die Plätze in der Frühe, hoben Gruben aus, versteckten sich,
+warteten. Als die Sonne heiß ward, pfiffen sie, sprangen heraus, liefen
+nach dem Strand und schnitten den Tieren den Rückweg ab. Dann schlugen sie
+sie mit Knüppeln tot. Die Tiere gaben kleine Pfiffe, wehrten sich in
+schnappigen Sprüngen mit dem Maul über die Luft rasierend. Müde von der
+Jagd ritt Vaudreuil in die Stadt, suchte ein schlichtes Haus, trat hinein
+zu Courbisson und aß mit ihm. Als er Abschied nahm, sah er, daß der
+Gouverneur sehr grau ward: Er lächelte. In der Hauptstraße standen vor
+kleinen Häusern europäische Weiber, hoben die Röcke, wiegten mit den
+Schenkeln und pfiffen. Er ging weiter, der Geruch gepflegten Fleisches war
+noch nicht aus ihm gewichen, und er, der die süße Frische der dunklen
+Weiber kannte, war der talentlosen Liebe, mit denen Frankreich
+überschwemmte, taub.
+
+Der Mond kam aus den steifen, hohen Bäumen, er ging hinunter, das Pferd am
+Zügel, sah die Strecke an, kam bis an das Ufer, ritt es hinunter, wo der
+Lorenzo umbog. Da sah er zum erstenmal seit Jahren das Meer. Der Mond
+stürzte aus den Palmenwipfeln heraus, sank gegen das Wasser. Da brach aus
+ihm heraus, was er sieben Jahre bezwungen, was aber in der Reibung mit
+seinem Herzen wie ein Wolf gewachsen . . . er drückte sein Gesicht in den
+Bauch der Stute, zuckte mit den Achseln. Das Pferd hielt starr und
+hingebend, obwohl er den Hals mit den Armen ihm verschnürte.
+
+Er sprang auf das Pferd, mit träumerischen Zügen trieb es langsam ins
+Wasser. Wo der Mondstrahl auffiel, spiegelte das Wasser wie Glas, das sich
+drehte: Das Schloß . . . mit buntem Kies, gebaut für die Zärtlichkeit der
+Frauen. Tiefe Fenster wühlten in der wollüstigen Blumendämmerung. Der Park
+stand voll vom Duft der Rosen und Jasminen. Schreibend früh morgens mit
+vier Sekretären, noch feucht von der Haut der Geliebten. Da schoß er Tiere.
+Warf den Körper in das Bassin, das ihn kristallen umschäumte. Dumpfe Nächte
+beim Kartenspiel durchschlug er mit schweißigem Haar. Ein großer Ritt, der
+ihn mit Ruhm behängt . . . eine Intrige, die in London sich kraus
+entfaltete . . . mit großen Orden, den Degen am Fuß empfing er eine
+Fürstin, die Hand am Schlag und sie warf ihm Blicke zu durch das Glas, das
+er geschmeichelt nahm. Dann nichts tun einen Sommer, als den Himmel ansehn
+durch den Regenbogen der Tritone . . . er trieb das Pferd mit Schlägen; das
+seichte Wasser schäumte. Er hob es am Zaum hoch und zwang es tiefer in die
+Flut. Indem begann der Mund sich zu öffnen, zuerst leise im Rhythmus, dann
+schreiend sang er, was von der Hure in ihm war. Das armselige Lied
+befriedigte seine Sehnsucht tief. Als der Gaul versank, schwamm er weiter,
+der Mond lag auf weißen Wellen. Er sang nicht mehr, das Wasser schlug an
+seiner Kehle und erstickte seinen Ton. Sein Herz war so irrsinnig, daß, als
+der Mund die Flamme nicht ausspeien konnte der Sehnsucht, es pochte dumpf
+den Namen der Frau, das Übelste an Erinnerung, die er verachtet, um die er
+sich geschlagen und die er jedem Lakaien gegeben. Das hatte noch sehr
+Gewalt in ihm.
+
+Als die Kraft ihn verließ und er unterging, kam Wehmut über ihn, er
+arbeitete sich hoch, kam mit dem Kopf gegen die Küste, den Mond im Rücken.
+Da, als er das Land sah, verließ ihn alles, er wußte nichts als Leben und
+das Gefühl des Atmens durchstieß ihn so, daß er weinte vor Gier,
+dazubleiben, die Arme zu strecken, nicht zu sterben. Er mühte sich dreimal
+verzweifelt, die Welle schlug ihn zurück. Keuchend erreichte er Grund, kam
+an die Küste. Fand sein Pferd, das mit dem Schweif schlug und wieherte.
+Sein Atem schlug wie eine Säule über den Sand. Er stöhnte, machte drei
+Schritte, erreichte den Gaul nicht, sondern fiel mit dem Gesicht auf die
+Erde, breitete die Arme aus, schlief an ihr wie an einer Frau.
+
+Spät am Morgen wachte er auf, drehte sich, nahm das Pferd am Halfter und
+ging nach der Stadt. Er drehte sich nicht nach dem Meer um, sah es nie
+wieder. Am Eingang zu den Häusern stieg er auf, glättete seine Kleider und
+ritt durch. Am anderen Ende kam ein Reiter ihm entgegen, stellte seinen
+Gaul etwas schräg, daß Vaudreuil halten mußte. Courbisson reichte ihm die
+Hand. Einen Augenblick verweilte des Gouverneurs Auge auf Vaudreuils Stirn.
+Er sah, daß er grau geworden war an der einen Schläfe. Er, täglicher Kämpfe
+hart im Inneren bewußt, lächelte, sagte nichts. In der Nacht in seinem Haus
+wartete Vaudreuil am Fenster. Der Mond flog zärtlich aus der Waldnacht im
+Osten. Er sah ihm nach.
+
+Wochen ließ er sein Geschäft laufen. Er sah nach, aber ohne die Schärfe des
+Blicks. Eines Tags widersetzte sich ihm ein Arbeiter ins Gesicht. Er nahm
+ihn mit sich in sein Büro. Sie sprachen zwei Stunden. Der Arbeiter kam
+heraus mit verändertem Gesicht. Nach drei Tagen übernahm er die Leitung
+einer Abteilung. Vaudreuil rüstete sich aus, schaffte zwei Wochen
+geheimnisvoll. Als er frühmorgens mit seinem Pferd den Garten verließ,
+stand der Arbeiter an dem Pfosten: »Nehmen Sie mich mit?« Vaudreuil ward
+zornig. Dann beherrschte er sich, sein Gesicht ward versteckt, starrte über
+die Bäume nach Norden. Er schüttelte abwesend den Kopf: »Ich muß hier einen
+Vertreter haben«, er gab dem Jungen, dessen Augen hell und ärgerlich über
+die Abweisung waren, die Hand. Mit ein paar Eingeborenen schlug er sich
+durch.
+
+Als die Flüsse auf Rindenbooten durchfahren waren, kamen Steppen. Eines
+Morgens glänzte Weiß. Es war der Churchilriver, den noch kein Europäer sah.
+Er überschritt ihn. Zehn Tage weiter entdeckte er Pelztiere, durchforschte
+die Gegend, legte einen Schuppen, eine Kette Niederlassungen zur Küste an,
+brach weiter auf. Er kam zu einer Erdspalte, überstieg sie. Wie von Öl
+überglänzt, war die Ebene reich gegliedert von großen Seen. Wieder kamen
+Steppen. Am Rand blieben die Eingeborenen stehen und frugen achselzuckend,
+wohin er wolle. Er hieß sie schweigen und deutete nach Norden. Sie sahen
+ihn scheu an, folgten. Sie hatten drei Tage nichts zu trinken. Ein Indianer
+floh. Die anderen fingen ihn wieder. Er ließ ihn laufen mit so viel
+Verachtung, daß der sich hinwarf und flehte, er solle ihn nicht verstoßen.
+Aber er nahm ihn nicht weiter mit. Der Wilde folgte im Abstand, schlief,
+lagerte, aß mit ihnen. Am dritten Tag wurden die Stimmen heiser. Morgens
+tauchten drei blaue Punkte auf. Wilde nahten: hinter den Eisbergen sei das,
+was Menschen tilge . . . Er ward ungeduldig und schrie sie an. Sie senkten
+die Köpfe: er würde ein Greis, bis er die nördliche Küste erreiche. Sie
+wiesen Renntierhörnerkeule: es gäbe keine Tiere mehr zum Jagen, nur
+gefrorene Flüsse . . . Er zog die Brauen zusammen, daß sie im Dreieck
+standen. Es trieb ihn, er hatte keine Macht darüber.
+
+Vier Tage zog er die Eingeborenen mit sich Sie froren die Zehen ab im
+Schnee. Sie wollten zurück. Er schalt: »Hunde.« Sie zeigten ihre Füße. Er
+riß die Brust auf. Sie neigten den Hals. Er entließ sie. Im Abstand nur
+folgte ihm der eine, den er verjagt. Eines Morgens fehlte auch dieser. An
+diesem Tage traf er Eskimos. Er machte ihnen Zeichen. Noch eh er zu trinken
+bat, grub er das Zeichen des Meeres in den Schnee. Sie schüttelten den
+Kopf. Er würde den Punkt nicht erreichen, wo die Unendlichkeit der Ebenen
+und die Einsamkeit seines Herzens Europa am nächsten seien. Er würde nicht
+den magischen Pol seiner Sehnsucht erreichen, den sein Herz unruhig suchte,
+ohne daß er wußte, zu welchem Ziel, in welchem Sinn -- -- -- er sah einmal
+den Kreis langsam herum, dann fiel er ab. Sie schleppten ihn mit sich
+südwärts. Als sie Lagerfeuer sahen, plünderten sie ihn aus, eh er ihnen
+schenken konnte, was sie nahmen, ließen ihn liegen. Halbverhungert wälzte
+er sich weiter, schrie und verlor die Besinnung. Am Morgen sah er, wie die
+Indianer aufbrachen, er erhob sich und winkte. Sie sahen ihn nicht. Als
+aber sein Leben dahinschwand mit den verschwimmenden Konturen der Zelte und
+Haarbüsche, kam die Kraft über ihn, daß er lief wie ein Ochse, sie
+erreichte, dort zusammenbrach. Sie pflegten ihn durch, zwei Monate lang. Es
+waren Iroquois. Als er gesund war, hob er nachts ein Zelttuch, sprang
+hinein, entzündete den Schwefelspan, hielt ihn in die Ecke. Eine Frau stand
+auf, der schlanke Brüste wie Zitronen saßen, die den Shawl mit einer
+gleitenden Leichtigkeit raffte. Sie hob den Kopf, blähte die Nüstern der
+bourbonischen Nase, als röche sie ihn, der Blick der wildsamtenen
+Antilopenaugen verdunkelte. Sie blies mit einer raschen, schönen Bewegung
+das Licht aus. Ihr Körper war glatt wie ein Fisch, golddunkel. Sie frug,
+wie lange, am Morgen. Er schüttelte den Kopf und nahm sie mit. Sie kam als
+erste in sein Haus. Der Arbeiter gab ihm die Übersicht der Bücher und trat
+ein wenig zurück. »Ich danke.« Vaudreuil gab ihm die Hand. Der Arbeiter
+errötete, aber, da Vaudreuil nicht weiter sprach, wies er nochmals auf das
+Neue, seine zehn Pfade am oberen Lorenzo, den Hafen am Ontario. Vaudreuil
+nickte.
+
+»Ist es nicht genug?«
+
+Da sah Vaudreuil wieder über ihn hinaus wie am Morgen, als er aufbrach.
+Seine Sehnsucht hatte das Tätige nicht gestört. Er stapelte auf die
+Verträge von den großen Seen, die Abmachungen, die die Jagd am Sklavensee,
+am Makenziriver in seine Hand gaben. Nun flossen die Felle des Inneren
+nicht mehr zur Hudsonbay, nun durch ein neues Bett strömte das Innere zu
+ihm. Nun liefen die Pelze übers östliche Meer, nach Europa. Seine Besitzung
+am Lorenzo ein Strudel, der das Innere des Landes einsog und herriß. Was
+war das Bisherige gegen diese Leistung, diesen Horizont?
+
+Er sah dem Arbeiter ins Auge: »Organisieren Sie es.« Der zog den Mund
+zusammen, bückte sich einen Augenblick, hielt dann erstarrt mit geöffnetem
+Mund. Dann ging er hart. Nach einem Monat brachte er das Geschaffene. Er
+sah auf: Wegweiser, Faktoren, Dolmetscher zogen ins Eis. Die faule Jugend
+war diszipliniert, stieg in siebenjähriger Probezeit zu höherer Stellung,
+zu Beteiligung, zu Prämien für besondere Leistung. Für Ausdauer stand Lohn,
+für Ehrgeiz Befriedigung. Er machte Kräfte frei in gerechtem Wettstreit
+. . . »Gut,« sagte Vaudreuil. Da nahm der Arbeiter seine Hand, sagte:
+»Verzeihen Sie.« Er wollte kein Lob mehr. Kein Trotz war mehr in ihm. Er
+diente.
+
+Als die Frau ihm einen Sohn ins Bett warf, schreiend, daß die Mägde im Haus
+den ganzen Tag zitterten, schenkte er ihr eine Kette mit gewundenem alten
+Dukatengold.
+
+Daran hingen drei achatne Kugeln.
+
+Courbisson hielt ihn zur Taufe über das Wasser, obwohl die Mutter braun
+war, denn seine Schätzung für den Menschen war noch geringer als die für
+das Beispiel, mit dem Vaudreuil für das Volk schuf. Am Mittag kam ein Bote,
+der die Nachricht hatte, daß ihm die Heimkehr frei sei, daß unter anderem
+Gesetz die Stadt stände. Er ging zurück in den Schatten, wohin die Kerzen
+nicht langten. Er würde Ruhm haben, Vermögen, Macht, Frauen. Er sah durch
+das Fenster, wo die schwere Silhouette des Waldes noch sichtbar in der
+Ferne schwang. Es ging über sein Gesicht von oben nach unten, von den
+Wangen über den Mund. Der Gouverneur zitterte an der Hand, die den Hut
+hielt. Vaudreuil äußerte sich nicht.
+
+Im Frühjahr verschwand er einige Zeit. Rastete an Feuern, an Seen, Flüssen,
+den großen Hauch des Daseins spürend, ging mit Zeit, mit Woche und Jahr.
+Der Erde und ihrem Rücken verschwistert, die ihn mit Blut und Saft bis ins
+Hirn durchspülte, gingen die Nächte über ihn, die Schwingen des
+Sternkreises, der Monde. Er sprang in dieses Zelt, er zündete Hölzer an, er
+verließ es. Er hob das Tuch im Wald, auf der Steppe. Nahm jene, dieses,
+schwankte, ließ liegen, holte zurück unter Lachen. Schichtete um sich in
+Zellen brausend Gelebtes, reich Durchgegangenes, hielt nicht an dieser,
+jener Frau, glich sich aus in der Bewegung.
+
+Am zwölften Geburtstag seines Sohnes kam er von einer Kontrollfahrt. Er
+ging sofort in das Zimmer, wo von einem Hausmeister und Lehrer er das Kind
+erziehen ließ. Von dort durch die Diele, kam er ins Boudoir seiner Frau. Er
+sah sie vom Rücken, sie stand vor einem Spiegel und kämmte ihr Haar. Ihre
+Lippen leuchteten voll und rot, der Nacken fiel mit der Glätte der Schlange
+und als sie sich ihm zudrehte, standen ihre Brüste klein und gegen ihn
+gereckt. Da sah er eine Flechte an ihrem Scheitel weiß, trat zurück,
+erbleichte. Ging vor bis dicht an den Spiegel, sah über den straffen
+dunklen Zügen sein Haar hell durchblitzt, stürzte hinaus. Drei Tage trieb
+er wie irrsinnig durch das Haus, durch den Park.
+
+Des Nachts brach er auf. Am Pfosten der Tür versuchte er seinen Muskel. Er
+warf ihn auf. Sein Gesicht ward sicherer. Am Abend schmerzte ihn sein Fuß.
+Er wurde kleinmütig, ging gesenkten Kopfes, setzte sich auf einen Stein.
+Als er die Stelle untersuchte, war es eine Quetschung. Sein Auge hellte
+auf, als er die Ursache sah. Er kam an den Elkfluß. Zog nördlicher. Kam an
+den Athalaskasee. Schuf die Riesenfaktorei am Winnipegsee, nun würden
+Tauschwaren in alle Eisbezirke laufen. Der Norden war aufgesprengt. Keine
+Aufgabe weiter . . . Am Morgen erhob er sich, drang weiter vor. Unsinnige
+Angst, daß das Alter nahe, daß er nicht mehr folgen könne, wenn sein Herz
+ihn hineinstieß in das Sehnsüchtige, Dunkle. Er übertrieb seine Kraft, sich
+selbst davon zu überzeugen. Er lag zwei Monate krank in einem Hüttenlager.
+Gekräftigt, sofort trieb es ihn hoch hinauf. Er kreuzte durch verschneite
+Prärieen am Hudson. Eingeborene wiesen ihn östlich, wo große Herden der
+Pelztiere seien, Ebenen mit hohem Gras, Ochsen mit gestreifter Haut und
+säulenhohen Hörnern sprängen. Aber sein Herz schlug: Nach Norden . . . Er
+werde sterben. Es kümmerte ihn nicht. Sein Blut klopfte dumpf gegen das
+Dunkle vor ihm, sein Herz kannte nur in ungeheurem Zittern einen Pol.
+
+Er kam an einen Fluß. Aus der Entfernung einer Meile kam sanftes Geräusch.
+Er schlich sich an. Ein Graben deckte ihn.
+
+Wie Affen standen Tiere um einen Baum. Sie stützten sich auf breite
+Schwänze, hatten die Vorderbeine an die Rinde gelegt. Mit weißen Zähnen
+sägten sie nach gleichem Takt den Baum durch zwischen den Spalten ihrer
+Gänsefüße. An der Ecke saßen zwei andere, machten Gesten, schrieen; womit
+sie andere warnten, über die Linie zu treten, in deren Radius der Baum wohl
+fiel. Nach dem Ufer zu zog sich eine geordnete Kolonne, die Äste trugen.
+Der Fluß war eine unmeßbare Wabe, aus der die Kegelhütten hervorstachen mit
+den Spitzen. Dazwischen ein Gewimmel von Tieren, die am Damm bauten, so
+weit er sah.
+
+Auf dem Fluß schaukelten Rosaschatten, der Abend fiel langsam. Die
+Dämmerung hüllte das friedhafte Summen der beständigen Arbeit in stumme
+Seligkeit. Der Mond schwang darüber, es nahm kein Ende. Der Mond bewegte
+sich in der Elegie des tätigen Konzertes, der Baum fiel, aber er stürzte,
+als der brausende Rhythmus der Tiere auf der Spitze der Empfindung schwoll.
+In langen Kantilenen zernagten sie die Äste, bauten, schufen, langsam klang
+die Nacht mit allem Geräusch in die beruhigende Kraft des Tieres.
+
+Er machte eine Skizze, hielt den großen Biberplatz in der Hand, schlich
+zurück, kroch in seinen Schlafsack, warf sich zwei Stunden herum. Dann
+stand er auf. Zerriß den Plan. Hatte genug Vermögen. Langsam begann er zu
+weinen. Etwas stieg auf, erhob ihn und durchdrang den Überschwang an
+Dunklem, das seine Seele mit großen Trieben hinriß da und dort, aber immer
+in einer Richtung, die sinnlos war vor unbewußter Sehnsucht. Das Gefühl
+erfüllte ihn ganz bis in die Kammern des Herzens, bis in die Poren der
+Haut, den Wuchs des Haares und gab ihm eine Schwingung, die er nie gepackt.
+Hingerissen, zwischen den Schwüngen des rastlos Stoßenden, das ihn wegblies
+wie gegen den Mond und zurückstieß gegen den Boden, den er baute . . ., in
+einem unirdischen Ruhepunkt erlebte er die glücklichste Stunde seines
+Lebens. Er rührte kurz an die selige Beruhigung, die als Achse zwischen den
+Wagen seines Herzens stand. Auch dies verließ ihn nie.
+
+Mit hölzernen Schlittschuhen trieb er das Eis der Flüsse südlich. Schon kam
+Grün, Frühjahr wucherte aus verhaltenen Ästen. Vögel begannen
+unwiderstehlich zu kommen aus den monderhellten Dunkelheiten des Waldes.
+
+Von einem Hügel sah er zum Strom. Tausende Habitants, Sklaven, die die
+Maisfelder dunkel machten. Riesenbogen der Landschaft gegen den Wald
+gespannt. Eine Kette wie von ausgelaufenem Öl . . . die Schuppen, die den
+Fluß gürteten. Schiffe schwankend zum Meer und zurück, Herden, die brüllend
+aus den Weiden zum Wasser stampften . . . ein großes Tagewerk. Langsam
+schritt er hinunter. Was blieb noch?
+
+Er ließ die Äxte Jahre gegen den Urwald trommeln. Feuer qualmte am
+Horizont. Menschen eroberten sich Erde, Acker. Es geschah mit Ruhe. Er
+verließ sein Haus nur zur Jagd. Sein Auge verschleierte sich langsam. Er
+lehrte den Sohn, den Wolf auf die glühenden Augen schießen. Eine Erkältung
+schlich ihm von den Beinen gegen die Brust. Er stemmte sich etwas dagegen.
+Dann lag er ruhig, als er sah, daß es nutzlos war. Er ließ das Bett
+herumstellen. Sein Scheitel stand zum Fluß. Sein Auge sah in die
+Landschaft. Bis an die Grenze der Wolken getürmt alles sein Werk. Er hob
+die Hand über die Brauen. Die Silhouette des Urwalds war zurückgewichen. Er
+sah sie nicht mehr. Dies wurzelte. Was blieb? Der Tod.
+
+Er wartete acht Tage. Die Wolken staffelten Terrassen und flogen blitzend.
+Sein Herz begann zu schmerzen. Aber mit den Schmerzen löste sich der Bann
+und die ungeheure Treibkraft brach auf, und besinnungslos überfiel es ihn
+vor Angst des Todes. Das Quellende, Heiße, das was flatterte und sich
+bäumte, hob sich innen gegen dies kalt werdende Fleisch. Niemand kam zu
+ihm. Allein lag er stöhnend, wünschend. Dazwischen fluchte er, kämpfte mit
+aller Kraft. Er nahm ein Tuch und band es sich um das Kinn und den Kopf,
+daß er keinen Laut gebe. Aber seine Lippen sprengten sich auf und stöhnten:
+»Jardins . . . du . . . palais . . . royal. -- -- --« Es war das Lied der
+Hure.
+
+Aber auf der Spitze des Schmerzes fiel das Weh in sich selbst zusammen. Er
+ließ den Sohn rufen. Sein Gesicht war klar. Er lebte noch einen Tag. Als
+der letzte große Griff gegen das Herz ging, flüsterte er: »Der Biberplatz«.
+
+»Ich verstehe dich nicht«, sagte der Sohn.
+
+
+
+
+Der erste Abschnitt
+
+
+Der schlief mit einer Dänin mit gelbem Fjordhaar. Er lebte ruhig, stiller
+als Männer, die seinen Stand hatten. Er kannte keine anderen Frauen. War
+rundherum sicher, wußte, was er tat. Als der Bogen beendet, starb er mit
+gleicher Ruhe, wie er dagewesen. Sein Sohn glich ihm genau. Er hinkte mit
+dem linken Fuß, hatte blaue Augen zu dunklem Haar. Der Besitz wuchs, indem
+er ihn erhielt. Er hatte drei Söhne, einen erschlug der Blitz, der andere
+schoß sich vor den Kopf. Der Letzte blieb. Er spielte am Strand, war
+träumerisch und ernst. Sie lebten nach innen in der ganzen Linie. Nichts
+stieß sie aus dem Kreis heraus, den Landschaft, Erdgeruch, Besitztum um sie
+schlug. In der Pause erholte sich die Generation, schöpfte Atem, schluckte
+nach innen, in sich hinein.
+
+Als Daisy die Mutter verließ, flaggten die Schuppen bis Quibec, pfiffen die
+Dampfer Schleifen und Spitzen bis zu den Großen Seen. Die Sonne schlug
+durch den Zenith. Am Abend starb die Mutter.
+
+Der Vater trat ins Zimmer, duckte den Nacken etwas, schwieg. Schalen
+flammten in kurzer Nacht, umglänzten Daisys ersten Tag. Der vierte
+Vaudreuil nahm die Hand des Bischofs, es sprühte in besinnungsloser Trauer
+ihm das Gefühl der Ehre. Chorknaben durchsangen die Räume, schwenkten das
+Rauchfaß. Abordnungen des Hudson neigten das Kinn gegen die Brust. Im
+Fensterglas spiegelte ein Segler, der mit halbgehißter Fahne vom Ontario
+kreuzte. Nach dem Essen legte Vaudreuil die feine hart gebogene Hand auf
+die des Bischofs: »Sie irren, Eminenz, ich setze sie im Garten bei.«
+
+Er stand am Fenster, sah, ungerührt, bewegungslos den Bischof hinabgehn,
+die Turbine des Motors schäumte weg von ihm, warf ihm Blasen, Wellen
+zurück. Abends kam für Daisy eine eingeborene Nurse. In der Nacht
+verbrannte er seine Frau im Garten. Die Nurse senkte die Gardinen. In der
+Dämmerung erst ging Vaudreuil zurück ins Haus. Abends trat er in ihr
+Zimmer. Als er die leere Bettfülle sah, den faden Geruch spürte, begriff er
+erst.
+
+Blieb die Nacht wieder draußen, baute mit vier Gärtnern eine Hütte über der
+Asche. Jeder Windstoß erregte ihn. Morgens ging Brise. Die Angst wuchs, die
+Asche werde verweht. Sie war das Letzte. Von Montreal brachte der Bote den
+Wagen mittags. Brown, anglikanischer Pastor, sprach Gebete. Früher wagte
+Vaudreuil nicht, die Asche zu sammeln, so schmerzlich seinem Herz, das ohne
+schlagende Dränge nur Liebe kannte zu Respekt und Hergebrachtem, der
+Priester anderer Konfession war. Er trug die Vase selbst ins Zimmer, mit
+straffen Beinen. Dort fiel er zusammen, schlug die Arme auf den Tisch.
+Langsam, fest wuchs er in Stunden zurück, bis er senkrecht saß. Er würde
+weiter leben. Auferlegtes Werk weiter verwalten, dies Schicksal tragen,
+dieses und jenes, wie alles, das er, Erbe, trug. Doch ohne diese Frau,
+. . . er schloß die Augen.
+
+Brown zog in die Familie ein. Vaudreuil band ihn an Haus, Besitz und
+Tätigkeit. Hätte ihn um sich gehalten, stänke er wie Aas, vergaß ihm das
+Gebet nicht. Nichts hätte dies zwischen ihnen herausgejagt. Doch Brown
+gewann nicht ganz Boden. Der Lebensschlag verwirrte ihn hier. Liebe aber
+wischte ihm das andere immer hinweg. Er sprach eckig, unfrei, seine
+Handgelenke, unter flatternden, fliehenden Manschetten, waren gerötet.
+Einmal erleichterte er sein Gewissen, schlug den Übertritt vor zu seiner
+Konfession, dies eine Mal gab Vaudreuil keine Antwort. Nichts war gesagt
+worden. Brown war es los.
+
+Vaudreuil rief den Vorstand der achten Abteilung, zog aus den Akten ein
+Bündel, legte ein Papier auf: »Sie irrten.« »Ich würde bedauern.« Der junge
+Bursche trug den Fehler selbstbewußt.
+
+»Sie haben zum zweitenmal geirrt.«
+
+»Zu Ihrem Vorteil.«
+
+»Das spielt keine Rolle. Das dritte Mal entlasse ich Sie, so sehr Ihr Eifer
+anerkannt wird.« Er drehte sich um. Der Vorstand trat vor, bleich, einen
+Zahn in der Lippe. Vaudreuil nickte über die Schulter, der ging, errötete
+vor Freude. Die Ledertür fiel. Vaudreuil senkte sein Gesicht. Das Gehaltene
+verließ ihn, die Augen sahen durch die Papiere, Holz, Wand. Er ging in den
+Garten. Jeden Tag ward die Frist größer, die er blieb, die Intensität
+erschreckender, mit der er die Arbeit zusammendrängte, durchfuhr. Brown
+sprang ein, wagte es (was allein er konnte), legte die Hand auf seine
+Schulter, schlug einen Wechsel vor, des Wohnorts, der Luft. Vaudreuil
+schüttelte es ab. Generationen hatten hier gelebt. Er blieb. Brown deutete
+den Kiesweg runter, wo die Nurse das Kind heraufschob. »Es handelt sich
+nicht um Sie.« Vaudreuil erblaßte etwas, er erkannte. Schwankte, ohne zu
+zeigen, was vorging, einige Tage. Dann entschloß er, ging aufs Ganze.
+Teilte; arrangierte die Übersiedlung zu den Ottava-Mühlen. Nachts schlief
+er am Lorenz, war sein Plan. Morgens fuhr er im Auto zum anderen Stromhaus,
+abends wieder zurück. Er hielt auseinander. Da starb die Frau. Dort lag
+sein Werk. So hielt er Gleichgewicht, indem er nicht mischte.
+
+Brown nickte in der Sitzung: »Sie bleiben auf eignem Boden.« Der Vorsteher
+der Büros zog zwei Kreise, die sich durchbohrten: »Der Schwerpunkt der
+Affären fällt nach Westen«. Nickte. War Franzose, der Plan war sein alter
+Plan. »Es geht um die Gesundheit, Fidley. Zaudern Sie nicht, das zu
+begreifen,« sagte Vaudreuil.
+
+Mittags fuhren sie im Auto den Lorenz hinauf, folgten ihm in Launen,
+Schlägen, Schnellen. Der Wald war dicht voll Saft, Sonne spielte in fetter
+Luft. Vögel schrieen. Schlugen hämmernd hinaus in Weizenebenen. Kühe
+tollten unter Bäumen, grad gesetzt, trächtig von Frucht. Blauer Himmel
+stieg vom Waldblock herauf, überflog sich taumelnd. Die Nurse saß neben
+Daisy. Der Wagen schwenkte nach Norden, fuhr an neuem Strom. Hinauf,
+hinauf. Ein Gartenhaus stand unter Blumen. Ottavagemurmel nickte, schwamm
+um jeden Kelch. Der Wagen hielt. Die Nurse packte Daisy. Sie stiegen aus.
+Daisy schrie hell und scharf, verstummte, wachte auf. Lange dunkle Wimpern
+brachen auf. Grau und stählern nahm der Blick die Landschaft, saugte sie
+ein, als besäße er sie.
+
+ * * *
+
+Kam sie am Arm der Nurse schlenkernd herauf vom Fluß, rollten die weißen
+Sonnen der Sägen über ihr im Himmel. Gegen die Dämmerung heulten die
+Dampfhähne, Feuersignale schossen aus Schloten herauf, herab. Um sie
+wimmelten Menschen, grinsten mit gefletschten Zähnen, verbeugten sich,
+trugen Hüte in der Hand an ihr vorbei, Weiber drängten um sie Koseworte
+herum. Die Rollketten der Wegbahnen knatterten sich in endlosen Ellipsen um
+den Horizont herum. Am Garten begann Duft sie zu überfallen. Aus Kronen
+seltsam geformter Bäume schüttelten sich Schatten herunter, trieben im
+Geruch. Nachts schlief sie auf dem Geschaukel des Ottavageräuschs. Es
+füllte langsam, wachsend ihr Ohr.
+
+Im Garten suchte sie Syg, Tochter der Nurse, hob die Goldregenzweige,
+suchte üppige Grasrosenstände durch, zirpte in Schneeballendickicht,
+Salmweiden: Syg. Sie schritten mit langen dünnen Beinen über den schiefrig
+blauen Kies; setzten sich auf die Bank in die Sonne, sahen nach dem Haus.
+Verschwand der Kopf der Nurse, streckten sie Zungen heraus. Erschien er,
+scharrten sie träumerisch mit den Füßen, preßten die Ellenbogen aneinander,
+verklucksten sich im Gegen-den-Boden-Lachen lautlos. Plötzlich drückte
+Daisys Hand die Sygs hart. Die Zweige hinter ihnen wogten und schluckten,
+fuhren rückwärts. Nach der leeren Bank flog der Nurse Geschrei.
+
+Zuerst liefen sie durch Dickicht, Primelbeete, sodann kam das Hundeloch im
+Zaun. Hundert Meter dahinter flimmerte Prärie. Unten tief in der zitternden
+blauen Dunstwolke, die die Erdscheibe abbog, kam im Halbbogen das Atmen der
+Gräser in endlos wellender Flut sanft herauf. Unsichtbare Vögel sangen
+gedämpft aus dem Tau der Halme. Das Licht floß auf der Stille, wiegte,
+glitt. Sie schlichen bis zu drei Termitenhaufen. Unordnung kam in die
+brausende Stille, vom Zaun kamen Rufe. Sie lagen eine Stunde still im
+Zittergras, trauten der eingebrochenen Ruhe nicht, die über sie spielte,
+fürchteten das Spähauge, die schlaue Lauer der Nurse. Dann zog Syg die
+Mittelfinger aus den Ohren. Sie hatten nichts gehört. Daisy hob die Nase.
+Sprangen auf. Draußen kam ihnen Wind immer stärker, und wie sie liefen,
+knatternd sturmhaft um die Schläfen.
+
+Sie banden vom Leib sich Tücher ab, ließen sie hinter sich schwenken. An
+der Erhöhung blieben sie stehen, drehten sie um sich langsam im Bogen. Die
+Sonne fing an, danach sich zu richten, lief mit ihnen im Kreis, sprang aus
+einem Tuch in das andere, mitten stand ein roter Knopf in das Viereck
+hineingerollt.
+
+Hinter der Schanze kam der Nurse Hand, faßte Daisys Gelenk, Sygs Ohr. Auf
+Sygs Gequietsch legte Daisy die Hand auf der Nurse Leib, stampfte mit dem
+Fuß auf, das Weiß des Auges bekam einen kristallischen Kern. »Do . . . do
+. . . Daisy«, lockte die Nurse, knotete den Schürzzipfel, tuschelte damit
+zu dem Kind, schnalzte mit der Zunge, hob wie der Kordelhanswurst die Arme.
+Die Kinder lachten, hingen an ihren dicken Schenkeln.
+
+Mit acht Jahren war das Tor frei, das Loch verachtet. Sie trugen
+gleicherweise dünne Seide, dieselben Röcke bis zu den Knieen, Shawls über
+den Schultern. Draußen zogen sie die Schuhe aus. Daisy bog sich in den
+Lenden vor, ging steif auf den Zehen, die Hand mit gerundetem Daumen nach
+unten. Sie schoß nach unten, hob eine Echse, genau am Hals gefaßt, ohne den
+Schwanz zu beschädigen, hoch. Der grüne Leib zuckte, der Kopf fuhr unruhig
+züngelnd herum. Riß einen roten großen Klapprachen auf. Ihn hielt Daisy an
+Sygs Hand. Die schrie und machte die Faust. Daisy hielt ihre Linke darüber,
+den Zeigefinger hinein. Wurde bleich, aber machte nichts, als es klappte.
+Es tat kaum weh.
+
+Syg lag am Bachrain ohne Mucks. Kroch auf den Vieren weiter, blieb wieder
+Beine, Arme weggestreckt. Eine Grille schrie, Sygs Hand machte einen Bogen.
+Der Schatten des Armes aber lief eilender, das Tier verschwand. Auf den
+Knieen kreist sie herum, hing über dem Mausloch in Parade gegen die Sonne
+zu. Dann Ruck auf Ruck kam das Tier. Sie fing es wie eine Mücke ab, fegte
+es in die Faust. Stieß mißmutiges Geplärr aus, das Ungeduld bewies.
+Schlenkerte zu Daisy, blieb neben ihr, setzte von hinten das Tier ihr in
+die Brust. Daisy lief aufschreiend, beide Arme im Busen suchend, ein
+schmaler Hund lief mit, bellte leis auf, fraß die Grille, die unten aus dem
+Rock fiel. Sie tanzten zu dritt im Kreis, schlugen die Arme jedes quer über
+den Bauch vor Entzücken, traten das Gras, das unter ihren Beinen elastisch
+wieder sich erhob.
+
+Tiefer in der Prärie bückte sich Daisy. Syg sprang ihr auf den Rücken, sah
+sich um.
+
+Dann zogen sie die Hemden aus, schlichen, die dünnen schlanken Rücken neben
+den Gräsern, zitternd auf hohen Beinen nackt bis zum Baum. Sie legten die
+Hemden auf den Termitenberg, warfen zwei Steine hinein, sahen Tausende
+darüber wimmeln, Saft darauf spritzen. Erkletterte ein Outsider eine Wade,
+hupften sie rehhaft herum, schürten aus Rache neuerdings in dem Haufen.
+Dann griffen sie die Hemden heraus, liefen damit weit weg, schälten das
+letzte Tier heraus, schnauften, legten die Gesichter in das Leinen und
+sogen bis zum Rausch an dem Saftparfum. Als Pferde erklangen, lagen sie
+tief im Gras. Fidley ritt aus dem Hochgras. »Sie sehen sich ähnlich.« Sie
+sahen sich an. »Syg ist dunkler,« sagte Vaudreuil nach einer Weile.
+
+Im neunten Jahr brachte Brown die Gouvernante ins Büro. Vaudreuil nickte
+hinter dem Schreibtisch. Die harte Figur der Frau schob sich zu einem
+Knotengeflecht zusammen. Dann wandte sie sich breit zu den Kindern. Daisy
+gab abwesend ihr die Hand. Vor Syg harrte die Frau einen Augenblick im
+Zweifel. Was in Daisys Blick an Zögerndem, Zweifelndem schwebte, ward fest.
+Sie nahm Sygs Hand, legte sie in die der weißen Frau. Dann trat sie zurück,
+lauernd, legte den Arm um die Taille der Nurse.
+
+Nun lockte die Gouvernante den Widerstand aus Daisy heraus. Überraschte sie
+mit neuen Dingen, Sachen, Sprüchen, Bildern. Sie bezog alles, was sie gab,
+auf sich, als schenke _sie_ den Eifelturm, _sie_ den Tegernsee. Sie machte
+Geschenke, nichtswertendes Zeug, das aber überraschte, einen Haarring, ein
+Ericri. Sie sah die anknospenden kleinen Brüste, wo die Warzen schon unter
+sanftem Rotsaft standen. Lobte die Glieder, den Hüftschwung zum Becken, die
+Länge der Taille, die untadelige Wölbung, mit der der Schenkel abbog, mit
+der das Knie in die Wade absank. »Du, du. Welche Größe habt ihr an Land. Da
+werden Schiffe anfahren von drüben, Prinzen kommen, Daisy zu sehen, und
+diese und diese Fahne wird aufgehißt.« Aber der Reflex war von Daisy ein
+stummes Fragen. Anders sah sie das Weib nie an.
+
+Da machte diese den ersten Umweg und verwöhnte Syg. Sie behandelte sie
+gleich einer Dame. Da von Dienstboten Sygs Stellung gleich der Daisys
+gehalten ward, solange sie Kind schien, aber nicht gefestigt war für
+weiterhin, verwöhnte sie sie damit. »Du fährst dann in Autos. Durch Städte
+drüben, sitzest in Konzerten. Du hast Perlen, Syg.« Syg lachte. Ihr
+imponierte mehr Kölnisches Wasser, das sie auf die Haut strich, das
+bitzelte und kühlte und roch. Ihre einfache Dankbarkeit kam der Frau
+entgegen. An Daisy aber glitt Sygs Lobgesang vorbei.
+
+Nun schlug sie die zweite Umwegstour und machte sich an die Nurse, nannte
+sie Miß und schenkte ihr Tücher. Gab ihr einen Spiegel. Schwabbelnd hing
+die Nurse an ihren Röcken, sprach nur noch von ihr. Die Kinder lachten. Da
+machte das Weib die umgekehrte Taktik, versuchte die Nurse auszutreiben,
+weil hier der Liebespol der Kinder lag, den sie umleiten wollte. Sie nannte
+die Nurse Diebin, machte aus dem Spiegel eine verdrehte Geschichte. Aber
+mit Feuer traten die Kinder vor die Nurse. Das Bild der prallen Brüste, aus
+denen sie erstes Blut gesogen, lag ihrem Hirn so eingebrannt, daß kein
+Verdacht, selbst keine Tat es hinausgewischt hätte. Dies gab einen vollen
+Riß. Über ihn hinüber lauerten die Beiden. Da versuchte die Gouvernante das
+letzte, doch es war hirnlos. Sie rückte sich dem Gestirn zu, aus dem
+Schatten nach Vaudreuil, suchte ihm aufzufallen, an ihm sich zu halten. Er
+sah sie nicht.
+
+Nachts kratzte es an Daisys Tür. Sie öffnete. Syg gab das Zeichen. Daisy
+zog die vom Weib verbotenen alten Seidenkleider an, sie verließen auf
+bloßen Zehen die Zimmer, zwischen denen das der Gouvernante lag. Mondlos.
+Dünne schwarze Schatten liefen sie unter dem Himmel. Zwischen Sternen
+schossen unaufhörlich Wolken. Sie hatten nasse Füße vom Grastau. »Syg
+. . . sieh.« Sie hob die Hand über die Augen, die Nasenflügel bebten.
+Feuergeruch schwebte mit kleinen Rauchsäulen hintereinander deutlich
+herauf. »Weißt du es, Syg?« Syg nickte.
+
+»Weither?« Syg starrte, sagte leis: »Viele Tage.« Daisy legte die
+Handflächen auf den Mund. Aus dem Dunkel kamen breite große Flächen. Um die
+Ränder band sich weißer Rauch, sodaß es schien, sie flögen, dazu wellte der
+Fluß Nebel in zuckenden Linien um sie hoch. Die offenen Feuer schlugen in
+den Dampf hinein; brachten ihn zum Feuerexplodieren, Fächerstrahlen,
+Prismenschleudern. Gestalten huschten herum, sprangen schwarz von einem
+Ende zum andern. Ein riesenhaftes Ruder ward erfaßt von der
+Flammenspiegelung, bis an den Horizont aufgeschwungen. Lautlos glitten die
+Flöße so herunter.
+
+Syg legte sich auf den Bauch. Die Stille summte von den Weiden herab.
+»Los«, stampfte Daisy ungeduldig. Syg legte die Wange gegen die Erde,
+stellte die Zunge gegen den Backen, ließ sie dann herausfahren. Zwei
+wimmernde Töne stiegen steil durch die Luft! »Pha . . . lux.«
+
+Auf dem Fluß erfror die Stille. Eine Sekunde setzte der Flußlauf aus, gebar
+sich Leere, atemlos. Dann flog der gleiche Ton auf, langsam, weich und
+gedehnt am Anfang, zitterte auf, sank ab. Das zweite Floß fing ihn auf,
+ließ ihn nicht verhallen, setzte in der leisesten Verhallattitüde ein,
+schwang ihn hinauf, warf ihn hinter sich. Das dritte bog ihn, ferner schon
+und daher wehmütiger. Er schnellte den Fluß hinauf in Springkurven, fiel
+irgendwie in den Horizont, dessen Mondaufganglicht ihn hochsog.
+
+Sie gingen Hände ineinander zurück, Syg mit Tanzzucken, das sie
+unterschlug, im Knie. Im Korridor stellte Daisy ihren Fuß genau so, daß sie
+mit dem anderen ihn schnitt. Stolperte, schlug mit den Händen gegen die
+Wand, stieß einen Säbel herunter. Syg hickelte erschreckt. Halbangekleidet
+stand die Gouvernante im Gang, mit strohigen Zöpfen, ein dünnes Nachtlicht
+in der Hand: »Woher?«
+
+»Vom Garten.«
+
+»Was war im Garten?« Nichts war im Garten. Lauerndes Schweigen. »Syg,«
+sagte die Gouvernante, die Stimme überschnappte sich. »Wir waren beide im
+Garten,« sagte Daisy schnell. »Syg,« ihr Licht schwankte, sie keifte.
+»Hier,« Daisy warf Syg zurück, wiederholte Sygs dunklere Stimme, drang ins
+Dunkel vor, empfing zweimal die knochige kalte Hand ins Gesicht. Am Morgen
+saß sie auf der Terrassentreppe. Am Auto küßte sie sich mit Vaudreuil,
+gingen die Treppe hinauf. Als Vaudreuil sie vorgehen ließ durch die Tür,
+sah sie schräg zurück: »Was sagten Sie, wenn die Dame Syg schlüge?«
+Eiskalt, neugierig ihr Blick. »Es würde an Syg liegen.« Sie war
+stehengeblieben, etwas drängte ihn zurück, das hartnäckig tiefer herkam als
+die gleichgültige Frage. »Wenn es nicht an Syg läge . . .« »Es würde wohl
+an Syg liegen . . .« Da entfaltete sich ihre Stirn, hochmütig, sie gab es
+preis: »Sie irren Papa . . . aber -- wenn sie Daisy schlüge und es läge
+nicht an Daisy . . . oder: es läge selbst daran.« Die Frage schwebte
+zwischen ihnen, erhielt langsam Spannung. Vaudreuil sah die Wange, die ihm
+sich entgegenreckte. Sah kurz zu Boden. »Ich ordne es.« Sie glitt zur
+Seite. Er ging hinein. Gegen Mittag fuhr das Auto vor. Die Gouvernante
+darin, Brown stieg zu, winkte an der Ecke. Die geröteten Handgelenke
+stiegen hoch, die Manschetten waren auf der Flucht.
+
+Syg lief ein Stück nach, schwenkte eine Pfeifenstrauchrute. »Ich wollte
+noch sagen, es ist das gleiche: ich und Syg.« Daisy sah auf ihre Nägel.
+Vaudreuil fuhr mit der Hand hoch, als ob er gähne: »Es ist nicht das
+gleiche. Aber du kannst es dafür halten.« Sie sah nicht auf. Nach drei
+Tagen, als das Auto einfuhr, brachte Brown ein blondes Geschöpf, zitternd
+vor Angst, voller Hingebung, dünn an Organ und Haltung. Sie erschrak heftig
+vor Daisy, verehrte das Kind, war hilflos, gefällig. Diese Güte belästigte
+Daisy. Sie verachtete dieses Wesen ein wenig und bemitleidete es dunkel.
+Ein junger Mann tauchte später auf, lehrte alles, wußte alles, trug ein
+Pincenez auf kleiner Nase, zog einen steifen Kordon um sich, den seine
+korrekte Tätigkeit umschloß. In allem übrigen blieb er entfernt.
+
+Die Mähder gingen im Blau des Damms wie im Himmel entlang. Kühe dampften
+vor den Wagen. Als der Stier brüllte, rasselte der Horizont es rundherum
+wie ein fliegendes Gong. Tausend kleine Blitze schossen im Gras die quer.
+Sie gingen über die Biberwiesen. »Syg, waren es Chipeways . . . sag.«
+»Chipeways.« Sie starrte in das Summen der Hitze. »Fahren sie lange auf den
+Flößen?« Syg dachte an die Nurse: »Zwei Monate,« sagte sie unsicher. Daisy
+zog einen Halm durch den Mund, kaute, schwieg.
+
+Die Arme auf dem Rücken schlenderte sie vor die Nurse: »Du . . . du . . .
+ei, habe ich Chipewaysblut ein wenig von früher?« »O . . . o . . . do
+. . . Daisy . . . das sind Hurons.«
+
+»Aber sind diese größer?« Kopfschütteln. Sie ging.
+
+Ging sofort in das Büro, stellte sich neben die Ledertür an die Wand,
+lautlos. Der Sekretär raffte zusammen, knickte ein, ging. Ein Vorstand kam,
+referierte, ging rückwärts hinaus. An zwei Stenotypistinnen erging ein
+niederprasselndes Diktat. Eine Kommission trat ein. Da sah sie Vaudreuil.
+Sie ging sofort bis an den Tisch, legte die Hand darauf, sprach. Vaudreuil
+kniff die Mundwinkel ein, um kein Zucken zu verraten, nur die Lider
+blinzelten. »Du hast es von beiden, durch Mütter und Väter.« Sie blieb
+stehen: »Syg hat auch von Chipeways.«
+
+»Aber du hast edleres.«
+
+Da errötete sie, ging eilig, sicher hinaus. Sagte Syg nicht, daß sie
+edleres habe. Liebte Syg über jedes Schweigen hinaus, wie nichts.
+
+Zum vierzehnten Geburtstag schenkte Vaudreuil ihr ein eigenes Pferd. Abends
+ward sie ohnmächtig. Das Blut verließ zum erstenmal die Muttergrube,
+sprudelte aus ihrem Leib. Drei Tage lag sie. Als sie herauskam, war sie
+Frau. Auf der Haut saß ein glatter Reiz, um den Gang floß ungewisser
+Zauber, wiegte hinter ihr her noch wie Zurückgebliebenes. Nur die Augen
+wurden heller, besaßen mehr Kraft und Wissen zu durchdringen. Sonst zog
+sich alles von oben zur Brusthügelung, unten von Fuß und Knie und Hüfte zum
+Mittelpunkt des Leibes hin zusammen, sodaß das Weibliche, Auffangende und
+im Wechsel Hingegebene deutlich ward.
+
+Das Fräulein spielte große Kantilenen. Die Wochen wurden lang dadurch und
+hingezogen. Es war, es käme Erlösendes, Rufendes von fern. Erlosch wieder.
+Die Jahreszeiten änderten sich, öffneten wie Kapseln ihr Gehäus, gebaren,
+stäubten ab, doch das Geheimnis, das ihnen innelag, äußerte sich nicht. Das
+Haus ward eng unter vieler Musik. Sie schlug den Blick zum Plafond, haßte
+Klavier und blonde Haare, aber sagte es nicht aus Bedauern. Auch der Garten
+war schon Grenze und selbst das Hinundherreiten, das ins Wunderbare ging
+und endete, hatte schon das Bekannte, hatte Meilensteine, Hürden, an denen
+es zerschellte und vor denen das Weite erst brüllend vor Verhaltenheit lag.
+
+Noch ritten sie um das Rondell, sattelten selbst. Schon lag der Zauber halb
+verblättert, reckte darüber her anderer sich schon bitter, lockender und
+schwerer im Blut aus der Unbekanntheit her auf, ohne daß man wüßte,
+welcher, woher. In einer Lichtung bekamen sie Durst. Syg fand einen Ahorn,
+schälte ihn an, bohrte ein Loch hinein. Aus einem dicken Halm sogen sie den
+gelblichen Zucker. Als sie, satt, nach den Gäulen sah, umdrehte, starrte
+Sygs Kopf glasig und eingefallen. Die Kupferhaut war molkig. Über ihrem
+Kopf saß unregbar mit vorgeschossenem Kopf, noch schwebend, die Schlange.
+Daisy sprang vor. Nun war ihr, sie fliege. Nun kam, erhob sich
+Unbegreifliches, streifte sie mit Seligkeit. Ein ganz leiser Schrei verließ
+den Mund, die Augenbrauen standen im Dreieck. Grau und kühl, flimmernd,
+neigte ihr Blick sich gegen den des Tieres. Der Baum raschelte, es pfiff
+und klapperte im Geäst. Auch Syg drehte sich nun ihr zu, weinte in ihre
+Hand. Aber sie fieberte noch auf dem Pferd, hatte Aufruhr in den Knien,
+wogte mit der Brust. Unglücklich verging die Nacht. Es war aufgestanden in
+ihr etwas, hatte sie gestreift, sie wußte nicht, wie, wo, welche Sache. Es
+hatte gebäumt und sich geduckt. Sie fror.
+
+Die Siebzehnjährigen bestiegen einen Dampfer, den Brown gechartert hatte,
+weiß wie Porzellan. Sie reisten ins Innere. Das Fräulein, der Lehrer
+bezogen Kabinen. In hellen Kleidern lehnten die Mädchen am Reeling.
+Vaudreuil winkte herauf vom Land. Browns Arme schlugen Rudertakt. Daisy
+schmollte den Mund schief. Noch einmal: »Komm«. Vaudreuil lachte,
+schüttelte den. Kopf. Man fuhr los. »Pa kommt nicht mit«, sagte Syg. In
+Daisys Stirn fiel eine Locke: »Du solltest dich nicht weiß anziehen. Du
+bist zu dunkel. Nimm blau.«
+
+Vier Tage fuhren sie den Lorenz hinauf, die Hitze um sich, weiß. Abends
+ankerten sie spät, um solang als möglich Fahrtwind zu haben. Dann kam die
+Nachthitze traumhaft. Die schwüle Ruhe lastete mit sprengender
+Unausgesprochenheit. Spät kam ein Dachs ans Ufer, hob die Ohren, legte den
+Kopf fast auf die Luft, so weich, soff dann. Als nichts zu sehen mehr,
+erhob sich das Schlürfen anderer Tiere. Mit jähem Luftdruck schwebte ein
+Fregattenvogel von den Wellen glatt übers Deck. Aus dem blauen Dunkel
+formte sich Figur, Geschehen. In weiten aufschwellenden Kreisen vollzog
+sich Manches, nicht gesehen, aber gewußt und geahnt. Das Ufer, das versackt
+drüben lag, spannte sich herüber, kam hergeschwebt, riß zurück. Das Gebrumm
+der Mücken über dem Schlafnetz steigerte sich, bis, mit allem verwoben, es
+eine Höhe erreichte, die sich selbst nicht mehr ertrug. Da schlugen aus der
+Spannung von Masten, Geländerspitzen, kleine blaue Flammen auf.
+
+Das Erregte ward nun lauschend, erwartungsvoll. Mit großen Augen
+überwanderte sie den Dunkelheitsbogen. Ihr Herz machte sich heran an jeden
+Laut, mit jedem Geräusch ging es hoch und tief. Schlug mit dem Gesäusel des
+abfahrenden Wassers an Backbord, mit jedem Astwedel, der schauerte. Doch
+kam es auch zurück. Sie fühlte in sich, als geschähe es in ihr, das
+träumerische Aufschnellen der Fische und das jagende Husch, wenn ein
+Nachtvogel die Seile durchschwamm. Irgendeinmal in solchen Nächten schlief
+man dann ein.
+
+Nun kamen Inseln. Smaragdgrün und gelb war der Strom getupft. Sie loteten
+den Tag durch. Gemischtes aus unbekannten Blumen und Wasserfäule lag als
+Barriere davor, erstickte sie fast, als sie eindrangen. Betäubendes
+Labyrinth von Kanälen umgab sie. Die Inseln wurden kleiner. Ach diese, ach
+jene, deuteten sie, und schon war alles verwirrt, erkannten sie die erste
+nicht mehr. Sie sahen keinen Boden. Es wucherte nur. Nachts hingen
+Schlingpflanzen herunter, im Licht, wie Drähte gespannt, die wogten, durch
+die von Astlilien Kopfweh heruntersank und ein grausames Süßes, das sich
+kaum über dem Wasser trug, einsank, in die Wellen mischte, so schwer war
+es.
+
+Morgens tat eine Bai sich auf. Silbern trat die Sonne aus dem Wasser am
+Horizont, der ruhig, endlos lag. Sie atmeten tief in das nun Geweitete,
+befreit. Am Mittag schwammen neue Inseln entgegen. Aus gewaltigen
+Grasbüschen wuchsen Bäume mit kalt geformten Blumen. Schlugen Brücken
+miteinander. Die Sonne war weg, der Himmel zu. Unten liefen
+Regenbogenfische. Oben schwirrten bunte Vögel, ohne Rast in Bewegung und
+Getön. Dazwischen wogte blauer heißer Dunst.
+
+Abends kamen sie ins Freie. Sie liefen wehend zum Vorderschiff, winkten
+hinaus. Schrieen: »Das Meer!« Doch im Untergang brach sich die Sonne in
+einem gespaltenen Rubinfächer hinter neuen Inselherden. Sie griffen sich
+auf, sammelten sich, umtrieben sie mit Kanälen und Buchten, in denen sie
+irrten. Syg holte Daisy in der Nacht, sie schlichen im Schatten der Pflöcke
+bis hinter die Taurolle. Am Reeling stand neben dem Fräulein der Lehrer,
+sie sagten nichts, berührten sich nicht. Er wies immer mit dem Kneifer
+gegen das Wasser. Da unten schwamm aber auch nichts. Jedoch sprang später
+aus einem Baum eine Katze auf Verdeck, fraß neben der Küche zwei Hühner,
+die Matrosen machten Jagd, und das Tier sprang durch die Glasscheibe in
+Browns Kajüte. Die nackten Beine sehr verhaart, sonst nur im schwarzen
+Predigtrock fuhr er entsetzt mit verschlafenen Haaren auf dem Deck herum,
+bis man ihn beruhigte. In der Nacht fuhr das Schiff weiter, es gab ziemlich
+Licht von oben.
+
+Morgens erst schlugen Himmel und Wasser entfernt fest zusammen und machten
+einen Kreis. Erst da ward es endlos. »Das Meer«, sagte Daisy.
+
+»Es ist auf der anderen Seite.«
+
+»Ich weiß Syg.« Sie machte einen Bogen, am Geländer saß Well, der Wolf des
+Steuermanns. Er legte den Kopf, als sie sich kauerte, auf ihr Knie.
+
+Gegen Mittag ward der Ontario tiefblau, spannte sich in gebogenem Spiegel
+hinauf und in seidiger Biegung abebbend hinab. Im glänzenden Himmel
+begannen Striche zu wachsen. Hoch über dem Horizont, fast wolkennah
+schwebten drei große Schiffe. Der Mittag ward voller, ging auf wie ein
+Gestirn, kam aus sich selbst und zerrann. Toste von Farben. Der Horizont
+ward dunkel von Glut. Es ballte sich die Weite, durchdrang sich und lud die
+Atmosphäre mit einem gepreßten ausschwingenden Atem. Segler nahten da und
+dort, hingen Fahnen heraus, bogen über das glashafte Seidene des Sees
+herab. Von eigenen Masten flaggten Fahnen, das Deck zog festlich, schmal
+dahin. Unter der Brise legte das Schiff sich seitlich. Well sprang auf,
+knurrte, schnappte nach ihrer Hand, sie zog ihn an der Gurgel wieder
+herunter. Schaumdünn zog Land in einer reinen weißen Wölbung heran. Hinter
+ihnen sammelte sich das Geweitete, schwang ab in Klarheit mit dem
+berstenden Geknäul. In der dünnen singenden Luft begann das Segel über ihr
+sich plötzlich zu drehen. Geräusch von Ruder und geschaufeltem Wasser fiel
+aus ihr heraus. Mit dem davonschwingenden riesigen Segel flog es in ihr
+hoch. Es bäumte sich wieder, überrannte sie, stieg aus ihr und gab sich
+hinaus, erschauernd, tastend, eine Sekunde. Als ihre Haut zu zittern anfing
+darunter, sprang das Knattern und Schäumen wieder in sie. Vorbei. Sie
+bebte. Wandte sich um. Das Gewesene nahm plötzlich Platz in ihr wie vorher.
+Aus einem Hafen kamen Drähte, Stangen, Schorne, schoben auf sie zu,
+fesselten sie mit ihrer Gegenwart an. Sie fuhren ein in Toronto.
+
+Brown brachte ein Tuch. Es ging auf. An der Mole flaggte es viermal. Sogar
+eine Rakete schoß hoch und knallte. Darauf kamen Wagen hergerollt aus einer
+schrägfallenden Straße. »Sie kommen«, sagte Brown, rieb sich die Hände,
+schmunzelte verschmitzt, es ward eine harte Grimasse. Sechs Wagen standen
+nebeneinander. Junge Leute sprangen herum, hatten schiefe Helme auf den
+Köpfen, sammelten sich, stampften, stellten im Kreis sich um einen starken
+Burschen und schrien Hurras. Der junge Mann sprang im Satz an Bord. Brown
+fing ihn auf, umarmte ihn, zog ihn beiseite, wisperte, sprach, kicherte.
+Hinter seinen Gesten sah der Bursch herüber, schnitt Fratzen vor Ungeduld,
+trippelte, hob den Nacken, grinste ins Blaue. Brown brach ab, schnickte den
+Kopf, nahm ihn am Arm, führte ihn sorglich hinüber, stellte ihn vor. Sein
+Neffe.
+
+Drei Stunden Zeit. Sie erkletterten Wagen, die Peitschen stäupten auf.
+Fuhren den Strand entlang, sahen die Muscheln angeschwemmt in Wällen, einen
+Fisch, den Dampfer Skania verkracht, die Kessel gespießt von Klippen. Sahen
+grünseidene geschnittene Rasen abgleiten, Blumenschlangen, geordnete Beete.
+Sahen von Basalt umstellt eine wütende Quelle, die trommelte, schlug,
+aufstieß, im Schweigen noch bebte. Machten einen Korso. Stiegen ab,
+empfanden, es war gut, war schön. Sahen sich in die Augen, sahen die Hände,
+die Hälse, lachten. Tranken Wein, Schokolade. Lächelten, als Browns Neffe
+den Lapin setzte, Brown abschob, bei ihnen landete, das Trittbrett abhieb
+im Schwung. Sahen seine Achseln, das Braun des Gesichts, die Hände. Sahen
+das weißhelle Blau um die Pupille. Fuhren durch Spaliere, hohe Drähte mit
+Gärten, die schwebten. Durch eine Palmenallee, Bosketts mit Hyazinthen,
+Springbrunnen, durch Berge Duft. Fuhren durch Straßen mit Riesenfelsen, die
+selbst Dynamit nicht zerknackte, unbeugsam blieben. Fuhren unter
+Hebelwerken, sausenden Oberbahnen. Fahren durch ein Dickicht, ahnten
+Lichtes, spürten Bewegung, sahen dünn wie Lippen Gesträuch sich spalten.
+Sagten: »Ontario«. Sahen den See.
+
+Sygs Tuch fiel.
+
+Die Augen streiften, erzitterten. Drei junge Männer sahen nach einem alten
+Herrn, der ein Ei aufschlug, blieben daran, erröteten, drehten die Hälse
+zurück, schwiegen, wandten sich immer mehr um die Achse, verrenkten sich,
+sahen zuletzt in die Luft.
+
+Daisy bückte sich, hob das Tuch selbst, ließ die Lider gesenkt, die
+Mundwinkel etwas erschlafft. Lehnte sich ins Polster. Sah Pferdeköpfe,
+Pferdehälse, Browns Manschetten kommen, näher, sich vorschieben, bog sich
+hinüber: »Zum Hafen«.
+
+Ging rasch, behend, teilte Handdrücke aus, suchte den Kapitän, ersuchte,
+den Abend noch zu fahren, sah nicht zurück, pfiff dem Hund. Der Ontario lag
+wie Stahl. Zwei gelbe Segel flauschten groß im Mondschein vorüber. Das
+Wasser wellte, spielte um das Licht in riesigem Blaukreis. Sie schloß die
+Augen halb, zog den Kopf des Hundes in den Schoß, einen Zug Leids von der
+Braue nach der Stirn. Nicht um sich. Sie stand auf. Sie fuhren die Nacht
+durch, den Tag. Fuhren an Dörfern vorüber, wendeten, sahen sie das zweite
+Mal vorübergleiten. Kamen an eine Bucht, Gelächter erscholl beim Baden. Die
+Linie aber wich nicht von der Stirn, die sich zum erstenmal verbog,
+belastete, überschnitt. Sie fuhren nach Hamilton. Nach Oswego. Legten an
+bei Port Hope, stellten den Dampfer ins Dock, fuhren nach dem Huron. Zwei
+Stunden in der Bahn, erbleichte Daisy an den Schläfen, wimmerte hinter
+verbissenen Lippen, fiel in Ohnmacht, erwachte die Nacht, fiebrige Augen im
+Dunkel. Sie brachten Essen, Trinken. Sie starb fast unter dem Drängen.
+Gegen Morgen frug Brown: »Was willst du?« »Zurück«.
+
+Sie hielt dort an sich drei Tage, saß still bei der Mahlzeit im Garten,
+fixierte manchmal das Auto, das kam, fuhr. Knüpfte nach dem Lunch eine
+Hängematte auf die Veranda, stieß den Laden zum Privatbüro zurück,
+schaukelte; als Vaudreuils Kopf über ihr war, sprang sie auf, eilte über
+die Diele, trat in das Büro, bat, daß er Syg adoptiere, stand mit
+ausgebreiteten Armen gegen die Wand.
+
+Der Marquis blieb am Fenster, legte ein Messer auf den Papierstoß,
+schnickte das Kinn hoch, zweimal, sah auf das aufgeschlossene Gesicht der
+Tochter, aus der die Bitte troff, ein Leid sich weit erhob, starrte,
+nickte, aber sein Blut, das ohne Dünkel war, sträubte sich gegen das andere
+Blut, auf das sein Name, sein Blut sich legen sollte. Sagte: »Sie muß sich
+gewöhnen, noch mehr Schmerz aus ihrem Blut zu haben.« Tonlos, ohne Bewegung
+schlug Daisy die Lippe auf: »Sie würde es leichter tragen.« Ein Spalt warf
+das Lächeln des Vaters über sie, überlegen, kühl: »Das ist kein Vorteil.«
+Aber von ihrer Haltung ging es über ihn und was er vorbrachte hinaus: »Sie
+wird es stolzer überwinden.« Da beugte der Marquis den angezogenen Nacken,
+machte eine Bewegung mit der Hand, unwillkürlich, schwach, aber mit einer
+Bedeutung, die sie ehrte und grüßte. Sie wurde rot, das Straffe, das sie
+geführt zum Erfolg, zur Sicherheit, ließ ab, entfaltete sich in eine
+rührende Bewegung. Sie ging hinaus.
+
+ * * *
+
+An der Tür sah sie ihn gebückt, er schob eine Kassette auf, vernahm ihren
+Namen, weich eingehüllt von ihm. Er zog die Nickelschlüssel, gebogene,
+drahtschlanke, barocke, wählte klirrend, schob auf, kam auf sie zu, sie
+ging entgegen. Er sprach beiläufig, ruhig, gewohnt: »Die Frauen trugen sie
+zur Hochzeit. Dann ihr Leben. Ich gebe sie dir früher.« Sie trug eine Kette
+aus gelbem geflochtenem Dukatengold, daran drei achatne Kugeln.
+
+ * * *
+
+Lief stracks zum Schiff, winkte, kam näher, sprang auf das Brett, rief nach
+dem Steuermann. Sah seine Hand, die die Luke aufstieß, zerlegenes Haar, die
+Hemdsärmel, die Riemen, geblendete Iris. »Was willst du für Well,« sie
+deutete mit dem Fuß auf den Wolfhund. Er fuhr mit dem Unterarm über die
+Stirn, rieb den Handrücken über die Augen, zeigte rasch die Zähne,
+schüttelte wirbelnd die Hand. Nein. Sie kam in der Dämmerung wieder, hob
+die Luke, stieg zur Kajüte, stellte sich in die Tür, ließ sie offen.
+Fragte. »Nein«. Sie lachte, kokettierte, betastete sein Messer, das grüne
+Glas, den Wandkork, verzog die schelmisch gestreiften Wangen, sagte zweimal
+plötzlich: »Ich lasse Sie entlassen,« ging mit hängenden Armen. In der
+Nacht bellte es im Garten, ein Hund bellte wie auf der Jagd. Sie öffnete
+die Balkontüre. Well im Garten stand naß, triefend, außer sich. Sie öffnete
+unten die Haustür, ließ ihn herein, er legte den Kopf auf ihr Knie. Wie auf
+dem Schiff. Sie vergaß es nicht.
+
+Ging früh zum Dampfer, trat aufs Brett, zog es ab, fuhr zurück, rief in die
+Luke, sah unten den Kopf des Steuermannes. »Ich bringe Well zurück.« Ging
+mit langen Beinen rasch hinauf. »Do . . . do . . . Daisy . . .,«
+schnatterte die Nurse, faßte ihr Kleid, küßte es, den Arm, schloß sie an
+den Busen an, schmatzte, schlug die flache Hand auf den Mund, tremolierte.
+Hatte von Vaudreuil ein kleines Haus, zwei Kühe, eine Magd. Klatschte in
+die Hände, summte still vor sich hin, trat mit dem rechten Fuß dazu auf. Im
+Gang tollte Well. Sie ließ ihn zurücktreiben. Saß allein in ihrem Zimmer,
+schob das Hemd ab, sah im Spiegel über dem bronzenen Körper die Kette mit
+den Kugeln, als liefe ihr Blut hinein, ihr Alleinsein, ihr noch
+Unbekanntes, Umschwebendes, ungeheuer Verhülltes, glänzender und kühler als
+ihre Haut, aber ihr zugehörig. Wie ihr Bein, ihre Warze, ihr Schmerz.
+
+Der Steuermann am Morgen stand auf der Diele, zerknitterte den Hut, nickte
+mit dem Nacken, breitete das Maul aus, fletschte, hatte einen Sohn im Büro,
+spritzte Kautabak, fuhr Pelze seit Jahren, Schiffe, Städte, Stapel . . .
+kaute seine Frau heraus, gab ihr Reiz, Alter, ein schiefes Ohr,
+Zufriedenheit . . . riß den Hut hoch, die Tür auf. Well stob herein. Er war
+unbrauchbar. Sie hatte ihn verdorben. Er blieb nicht mehr. Er brachte ihn
+fluchend, Zwinkern in einem Auge. Sie suchte nach einer Note. Er nahm sie
+nicht, hätte ihn nie verkauft. Er wollte ihn nicht mehr. Gab ihn ab. Ging.
+»Gib ihm ein besseres Schiff,« sagte Daisy Vaudreuil, »ich will nicht, daß
+er mir schenkt.«
+
+Den zehnten Dezember fuhren sie nach Montreal, hoben Syg aus dem Auto,
+hoben sie adoptiert hinein, kauften den Tag über, machten Kommissionen,
+besahen, beschauten den Mittag, stopften ihn voll, eilend, häufend, bis er
+abbrach, die Dämmerung kam mit Laternen. In einer Schwebebahn glitten sie
+aus ihnen heraus. Weiß eingenietet brach die Landschaft gegen den Himmel.
+Das Nachtlicht flog eisern über Kanäle. »Halt«.
+
+Daisy stieg aus, sie suchten ihren Schleier, fanden ihn, stiegen ein. Am
+Trittbrett wandte sie sich langsam herum: »Nehmen Sie vor uns Platz,
+Fräulein.« Sie übersah den Lehrer, zog die Achseln ein wenig an, schüttelte
+sich, legte den Arm auf Sygs Schoß, die ihre Grausamkeit nicht begriff. Vor
+dem Schlafengehen gaben sie sich die Hand. »Du bist froh Syg?« »Ja.«
+
+Der Winter nahm Kurve auf Karneval, steigerte mit jedem Tag, den er
+vortrieb, das Gedrängte, Erhitzte. Männerstimmen jauchzten aus Schlitten
+zu, die die Gegend überkreuzten. Aus Pelzen hoben, winkend, beringte
+Frauenhände Tücher. Schellen überflirrten die Nacht. Auf Stahlringen der
+Flüsse kerbten Kufe. Damen fuhren mit Meuten, die vorrasten, sich
+überschlugen, Haken bogen, von Lachen aufgereizt, verärgert wurden, bis sie
+sich verbellten am Schlag wie ein Wespenschwarm. Pistolen funkelten in
+Wintersonne, schossen Salut am Portal. Illuminiert, aus jedem Loch Licht
+stoßend, hingen die Häuser der Seigneurs am Horizont. Kostüme kamen,
+bliesen Tuben.
+
+Vier Fackelträger stiepten die Glut durch die beißende Luft. Alf fuhr sie
+in einer Kurve vors Portal, die Pferde stampften in einer Wolke, spritzten
+Schaum. Syg trug blaue Kleider. Diener stürzten auf die Treppe, zwischen
+Kerzen über Treppen. Der alte Fribaurt führte Daisy. Syg hatte sein Sohn,
+dessen weibische Lippen lächelten, ihre Knabenhände nachbebten, als sie
+eine Orange ihm schnitt. Im hohen Fensterbogen sah Daisy sie
+vorbeischwimmen, ihre Zähne leuchteten, den Körper eingespannt in den
+Schwung des Partners, ihr Gesicht glatt wie Frucht. Sah Syg hineingleiten
+in Unbekanntes, ohne Widerstand, ohne Bewußtsein, aufklingen in der
+Saalluft, Fremdenlust, Manngetanz. Sie zog die leise aufschwebende Linie
+zwischen Auge und Schläfe mit dem Finger aus. Im vierten Gang der
+Familienquadrille blieb ihr Blick im Fenster, ihr Fächer fiel, ein kleiner
+Schrei, die Paare verwirrten sich, das Arrangement schoß zum Teufel, die
+Augen suchten an ihr. Sie deutete auf den Fächer, der alte Fribaurt küßte
+ihr, zornkochend, ehrfurchtsvoll die Hand. Sie aber suchte sich noch einmal
+hineinzubegeben in das Umfassende, das sie nicht faßte. Sie spannte sich
+ihm entgegen mit aller Kraft und suchte es zu erreichen. Nahm den Arm des
+spanischen Vetters, gab sich seinen Pas hin, der Eleganz seiner
+ungewöhnlichen Kurven, schaukelte, am Platz drehend, durch alle Voluten der
+Geschmeidigkeit, trieb mit ihm in die Entfesselung der letzten Äußerung
+ihrer Körper. Zog zugleich die Kraft an und den Willen, tastete, drang vor,
+erreichte nichts, erreichte Fremdes, glitt ab mit der Seele. Sein Knie
+schob sich zwischen ihre Schenkel. Sie ließ die Arme los, die Nasenlinie
+ward schärfer. An der Ballustrade erwartete sie Syg.
+
+Alf auf dem Rücksitz kreuzte die Arme im Muff, Daisy führte, das Eis
+schimmerte rosa. An der Ecke der Bucht knirschte das Eis, flimmerte im
+Frühlicht, wurde tief, herb, hielt drei Meter, brach. »Pha . . . lux.«
+
+Sie blieben sitzen. Alf kniete auf dem Eis, haschte die Schlinge, zog sie
+an. Riß dem Gaul die Adern am Hals zusammen, zog sacht, langsam den Hals
+des strampelnden Tieres hoch. Der Bauch schwappte, die Beine traten immer
+mehr Eis hinein. Alf machte eine gewaltige Bewegung, das Tier ward
+ohnmächtig, ruhig, ging unter. Nun zog ers herauf, schleifte es aufs feste
+Eis, schlug die Schlinge ab. Massierte die Schlagadern am Halsstrang. Das
+Tier röchelte, schnappte tief Atem, sprang plötzlich auf die vier Beine,
+fing sich in der Kandare. Sie fuhren weiter. Syg klatschte mit den Nägeln
+auf den Daumenballen. Da brach das Eis zum zweitenmal. Alf würgte das Tier,
+um es zu retten, zog es herauf, frottierte es ins japsende Leben zurück.
+Als sie auf das Haus zu hielten, zog Vaudreuils Auto, vom Lorenz her, die
+Schleife am Fluß. Sie stiegen zugleich aus.
+
+»Zweimal mußten wir das Tier erdrosseln,« Syg küßte ihn. »Zweimal«, lachte
+Vaudreuil, schlitzte die Augen eng zur Seite. Daisy war bleicher, aber
+schöner, gespannter als Syg.
+
+Der Winter kulminierte, schwang auf der Kurve noch, floß herunter. Ging vor
+den Fenstern irgendwie, irgendwo zu Ende, krepierte in den Mulden südlich,
+fraß sich satt noch hinter dem Waldgurt zum Hudson. Irgendwelches geschah,
+rauschte, färbte sich mit Männern und Frauen und Pferden hinter dem Glas,
+das ihrem Atem sich zuwölbte. Manchmal gings in der Nacht über den Horizont
+hin, wälzte sich, glühte sich breit aus, manchmal surrte es in der
+Saublutsonne, manchmal war es unter sackendem Schnee, brüllte um den
+Himmel, jagte an den Bäumen. Sie hob die Achseln, ging zum Stall. Das Eis
+sprang bis hoch in den Norden. Alf wartete mit Gäulen. Abends kamen sie von
+der oberen Mühle. Der Boden war fester. Blitzende Wolken flirrten zag und
+dünn herbei. Hirsche scharrten um eine verdeckte Quelle. Sie umschlich, kam
+heran, schoß nicht. Schoß einen Dachs, trug ihn ins Speisezimmer. Vaudreuil
+erlaubte den Ausflug mit Alf zu den ersten Faktoreien. Ihre Schenkel waren
+stark, sehnig, gereckt vor Grazie und Grausamem, die Hüften in beispiellos
+abfallender Glätte. Zwei Tage sattelten sie. Alf pfiff die Hunde heran,
+zurück. Ordneten, stapelten. Telephonierten, packten die Säcke für die
+Tiere, Teppiche, Pelze. Am vorletzten Tag kam ein Segler den Ottava herauf.
+
+Unter den Hurras wimmelte es an Helmen am Anlegeplatz. Brown schwebte auf
+der Veranda, breitete die Arme, rief, was keiner verstand. Die Torontoner
+Studenten kamen in einem überlieferten Zug, vorn ein Dudelsack, dann zwei
+mit am Rücken gekreuzten Armen, hinten ein Trommler, ein Schaf, ein Kind,
+unterm Arm einen grün bemalten Hahn. Ans Tor kam der Marquis, empfing,
+lächelte ein wenig. Es waren Engländer.
+
+Acht Tage fingen sie Fische. Lagen halbnackt auf den Balkonen. Schlachteten
+Ziegen, Schweine, Stiere. Tranken in einer Mondnacht eine Bowle, steckten
+eine Hütte an, fuhren mit Lampionruderern aufs Wasser, warfen um. Lungerten
+die Weiber um die Pavillons, schrien nachts, quietschten, machten Vaudreuil
+sein Schlafzimmer wechseln, kein Wort sagen. Spielten Dudelsack morgens,
+abends, boxten, schrien alle durcheinander, hieben aufeinander ein,
+entknäulten sich, zogen blitzschnell in Zweireihen singend ins Wasser.
+Spritzten, badeten, rauchten.
+
+Mittags ritt Daisy mit Alf und Browns Neffen über einer Fuchsspur, folgten
+sie über einen Acker, trieben um einen Wald, durch einen Bach. Als der Mann
+ihn im Schuß hatte, wich er, als bocke der Gaul, zur Seite. Daisy kam ins
+Schußfeld, rümpfte die Nase über die Achsel, schoß nicht.
+
+Alf wagte nicht zu schießen. Ritten stumm nach Haus. Ostwind hatte sich an
+den Pappeln hochgewirbelt, war über den Wald aufgebrochen, losgesaust,
+wellig, weiß, fließend ohne Pause stürzte er herunter. Sie fuhren ihm in
+Jollen schnäbelnd mit der Pinne entgegen, flogen wie Weberschiffe herauf,
+herab. Er faßte herüber nach ihrer Hand, da ließ sie den Fock los, der
+Großbaum knallte ihm über den Kopf, er wandte, warf sich herum. Faßte
+wieder ihre Hand, ihren Namen, ihren Namen vernahm sie, spürte sie, es
+wickelte sie ein, das Segel flatterte um sie wie Vögel. Sie hielt sich
+fest. Sie hörte immer ihren Namen flüstern, bis das Segel gegen den Wind
+stillstand, er am Anlegeplatz stand, ihr die Hand hinhielt. Sie nahm sie
+nicht. Sah durch seine ametystblauen Augen. Er hatte Syg übersehen, als sie
+farbig war. Der Tochter Vaudreuils nun, adoptierter, geschätzter, machte er
+Reverenz, Verbeugung. Er war feig. Sie wandte sich um, drängte dem
+entgegen, was seine Augen an ihre band, ihre zu seinen hintrieb. Fühlte
+seine Hand rückwärts an der Schulter, seinen Atem, die Lippen. Die Augen
+standen im Dreieck. Ein grauer Schein stieß ihn zurück, verlegen,
+stotternd, rot. Armselig und zornig stampfte er auf. Sie ging schon
+hochmütig, entfernt. Langsam wich der Raum zwischen ihm, zwischen ihr. Die
+Ecke bog am Bootshaus. Sie eilte, sprang hinter den Büschen, eilte auf der
+Treppe. Sagte das Essen ab, krümmte die Schultern verzogen zusammen,
+wimmerte im Sofa. Gab es eine Pause, kam das Bild zurück. Sie verzog das
+Kinn, den Mund wie unter sauren Kirschen, Galläpfeln, die Haut schüttelte
+sich. Zog die Bluse herunter, das Mieder ab, streifte das Hemd über den
+Rock, wusch Wasser über die Brust und den Nacken. Zog sich aus. Sah zum
+Fenster hinaus, legte die Hände mit den Flächen fest ins Gesicht. Sah den
+bronzenen, gebogenen Körper aus dem Spiegel entgegenkommen. Da nahm sie die
+Kette ab mit den Kugeln, raffte sie zusammen, schob sie in die Schublade.
+Schloß ab.
+
+ * * *
+
+Vom Hügel trieb der Fluß weit und schräg hinunter. Die weiße Fahne Torontos
+leckte darauf, Segel schossen in die Tiefe hinab. Der Mond schlug noch über
+die Felder. Die weißen Räder standen still im Himmel. Nach zwei Stunden
+ließ sie Alf halten, ritt in ein Waldstück, kniete, wusch die Brust, den
+Nacken in einem Quell. Sie horchte. Er flüsterte weiter, silberte,
+verschwand im Laub. Blumenprärien kamen, ein Orchideenpark. Der Horizont
+war manchmal gelb, fast seifig, eine Sonne wuchs daran sich hoch, sanften
+Rots, später nahm der Wind ihren Glanz an, stimmte sich wie ein
+weichkupfernes Abendinstrument, Oboe und Flöte. Mittags wurde er kalt. An
+dem Bahnhof verluden sie die Tiere. Zwei Tage darauf kamen sie an die erste
+Lager-Station. Ein Pavillon war reserviert, es gab viel Jagd. Alf packte
+aus, Teppiche, Säcke, Gepäck. Am Morgen mußte er einpacken, sie ritten den
+Tag, kamen in ein Dorf, übernachteten, kamen an die zweite Station. Alf
+ging ein paarmal im Viereck um den Raum herum, schwang die Arme, sah unter
+sich. Sie ließ nicht auspacken. Als er lange genug gewartet, ging er
+hinaus, stieg in seinen Schlafsack, mummelte sich, fluchte, kämmte am
+Morgen den Bart nicht. Vor dem Stall knöpfte er sich verdammend seine
+langen Gamaschen. Ritt den Morgen hinter ihr her, blieb immer hinten, kam
+nie an die Seite ihres Gauls. Sie hob die Hand, äugte nach einem Reh.
+Fluchs hielt er seinen an, starrte ebenso. Sie hörte ihn in den Bart reden.
+Sie rief ihn heran. Kurz blieb er auf gleicher Höhe, dann sockelte er
+zurück, fiel ab, blieb hinten. Mittags trafen sie einen Jäger. Er gab ihnen
+Brot, zeichnete mit dem Daumen, da ihm der Zeigefinger fehlte, einen
+Halbkreis in die Luft. Sie näherten sich den Ringen.
+
+Angezogen in ausgebuchteten riesenschweren Halbkreisen spannten sich die
+Faktoreien, gleich Wellen anschäumend, gegen das innere Gebiet. Sie lagen
+voreinander, Herden gleich, sprangen vor, bestürmten sich, wurden wilder,
+angerissener, warfen mit dem letzten Halbring sich vor die starre
+Endlosigkeit, nieteten sich gegen Eis, Horizont, blaue Klippen. Sie kamen
+gegen den ersten. Sie mußten langsamer reiten, Alf kam nicht nach. Sein
+Schimmel ging, als lahme er. Sie hörte, er glitt aus Fluchen ins Gejammer:
+au . . you . . . wai! Spuckte und flennte. Sie ritt zurück, stellte ihn
+gegen ihr Gesicht. »Ich werde entlassen.«
+
+»Troll dich.«
+
+Sie ritt weiter. Alf geknickt hinter ihr. Er durfte nur bis zur zweiten
+Faktorei, nicht zu den Bögen. Die Junge vor ihm ritt, als sei er nicht da.
+Es machte ihm Kummer, er zog den Nacken ein, wurde flau im Magen. Folgte.
+Der erste Schuppen kam der dritten Linie, der zweite kam. Am vierten traten
+sie von rückwärts ein. Alf schlich ins Nebenzimmer, sie nach. Ein
+Angestellter hängte den Hörer des Telephons rasch ein, begann vor sich
+hinzusingen. Ein bärtiger Riese trat ein, begann zu lachen, aufs Bein zu
+schlagen, hatte lang keine Frau gesehen. Ein anderer flüsterte ihm Namen
+ins Ohr. Es war deutlich: Sein Erstaunen war frisiert.
+
+Sofort bot er Jagdplätze aus, erstand sich ihre Beachtung durch
+Hartnäckigkeit, trat sein Zimmer ab. Es war schon geheizt. Sie sah sich mit
+Alf an. Offenkundig Komödie. Sie waren erwartet, ohne gemeldet zu sein. Sie
+blieb drei Tage, fing eine große Forelle, mit der sie eine Stunde kämpfte.
+Sah sich nicht sonderlich um. Sie ritten weiter. Wurden an der fünften
+Station schon erwartet. An der sechsten stellte man sich unwissend,
+ungläubig, die Falte des Vorstehers bebte, gefiel ihr nicht. Am Morgen
+machten sie einen Haken, kehrten zur fünften zurück. Sie war fast leer nun.
+»Was sind das für Pelze?« frug sie. Schwarze Arbeiter deuteten: für die
+Bay. Sie zog die Brauen hoch. Kein Wort. Alf bekam dunkelrote Schläfen und
+brummte vor sich hin vor Zorn. So liefen sie das Seil der Schuppen weiter,
+bis sie gegen die obere aufgespitzte Sichel kamen. Im Sand sahen sie immer
+eine Spur vor sich.
+
+Sie schnitten ab, liefen nicht bis oben hin, sondern zogen eine Sehne in
+die Serpentine, kamen auf den neu geschwungenen Bogen, trafen Mittags die
+Spur wieder, frischer Abwurf zeigte: sie waren nah. Bald sahen sie einen
+Mann auf einem Esel, der zu entkommen suchte. Sie holten ihn ein.
+
+Eine halbe Stunde ging es hin und her. Der junge Mann errötete tief, wilde
+Augen brachen sich um, staunten. Von selbst nahm er ein Papier, gab es
+ihnen. Sah noch einmal um, sie wiederholte ihm Wort für Wort, er prägte
+sich es ein, ritt auf seiner Spur zurück, murmelnd, daß er es nicht
+vergäße, jedes Wort im Mund haltend, wendend, beleckend, als sei es
+wertvoll, Gold, ein Stein.
+
+Abends kamen sie zu Colonel Bol. Er hatte, ein alter Offizier, zwei
+Serpentinen unter sich, rollte die R, strich den parfümierten weißen
+Spitzbart, küßte ihr die Hand. Sie hatte ein Zimmer, verblüffend. Morgens
+früh strich sie mit Alf ins Gebüsch, es pfiff, durch die Lücke trat der
+Bursche mit dem Esel. Sie nickte. Er nickte wieder. Empfing ein Billet.
+Ritt nach Süden, zurück, immer rascher.
+
+Bol genoß. Seine Spirituosen waren etikettiert, er ließ die Wahl. Fuhr sie
+am Weiher, stand er am Ufer, klatschte Applaus. Einen weißen Hirsch gab er
+zum Abschuß ihr, den er von Woche zu Woche als Dessert sich aufhob. Lieh
+ihr seine Gummiwanne. Das Blockhaus roch nach Seife, Talkpuder, Wassern der
+Walstreet. Unter Glas wuchsen Blumen, die Wasserpfeife stand im Brennpunkt
+des Kreises Seidenkissen. In seinen Pelzschuhen, praktischer und wärmer,
+kaum größer als ihre, hielt sie auf dem Anstand. Auf den Teppichen tanzte
+Adimokuh, mit Säbelbeinen und Hängebauch, ein Negerzwerg. Er schleifte das
+Traurigste der Welt auf seinen Knien. Tränen besternten vor Lachen die
+Gesichter der Zuschauer. Bol lächelte. In seinem schmalen Kopf saßen Augen
+des Elefanten. Spielte Whist abends mit Daisy, brachte sie bis an ihr
+Vorzimmer, ging hinaus. Im Vorzimmer schlief Alf.
+
+Donnerstags galoppierten sechs Gäule am umgerodeten Lagerplatz. Fidley, der
+junge, zog den Hut. Die Jäger des Lorenz schossen vor Freude Flinten ab.
+Der Bursche, der südlich geritten, drängte sich heraus, war brauner,
+stärker geworden. Ritten zur Station. Aßen Lunch, eine Stunde, zwei.
+Tranken die etikettierten Liköre, Wein und wieder etikettierte. Aßen
+Geflügel, Braten, Gepökeltes, Rauchfisch, Muscheln, Schinken. Tranken
+Kaffee. Danach stand Fidley auf, hob das Glas, trank es. Sah Colonel Bol
+an: »Du bist entlassen.«
+
+Kreidehell, mit zitternden Armen warf der sich im Stuhl zurück. Fidley
+legte ein Papier auf den Tisch, hob die Faust: »Lump. Hund.« Langsam,
+vornehm richtete Bol sich hoch. Frug hochfahrend, mokanter Lippe, zur Seite
+geneigt, was den Irrtum ausmache. Fidley schlug auf den Tisch. »Die dritte
+Sektion betrügt. Die achte hat siebzig Prozent. Tosson liefert zur Bay.« In
+der Tür stand der junge Mann, der die Südlichen geholt.
+
+Bol sah ihn nicht.
+
+Wandte sich herum im Kreis, zu Daisy. Sie sagte: »Bei Versva verfaulen zehn
+Ballen. Im ersten Bogen fehlt ein Schuppen. Die Staffel Bol ist halb, wird
+ganz bezahlt.«
+
+Da sah Bol den jungen Mann.
+
+Stand auf, gefaßt, die Haltung gereckt, schön im Spitzbart, küßte Daisy die
+Hand, ging hinaus, schoß sich zweimal durch den Bauch.
+
+Vaudreuils Brief, aus Fidleys Tasche, hatte Gemischtes, Anerkennung,
+Staunen, Lob, das verwischt und gedämpft kam, zuletzt Befehl: zurück. Sie
+wog den Brief. Ritt allein los, ihn in der Hand. Alf folgte. Sie putschte
+ihn zurück wie einen Hund. Er widerstand nicht. Wollte nicht bremsen. Nur
+bei ihr sein. Weiter hatte er keinen Wunsch, tiefer ging das Hirn nicht.
+Zum erstenmal gab sie ihm die Hand. Aufheulend nahm er sie. Sie kam an den
+Rand des Hochplateaus.
+
+Unter ihr brach es ab, zackte, wirbelte ein Stück hinunter, ward dann
+eingeschlungen in das endlose Getöse, das in den Norden sich einfraß.
+Sterne tummelten darüber auf wie Sand, der hochgeblasen kreist. Serpentinen
+jagten zuerst noch in Schlingen voran, blieben dann hängen, schwach, dünn,
+nichts. Aus dem grauen blitzenden Gewell kam etwas gegen sie, dem sich
+etwas in ihr entgegenspannte in einer entscheidenden Bestimmtheit. Etwas
+trat aus ihr, machte sie leicht, entstammt, entgegenschwingend. Sie hielt
+den juckernden Gaul mit den Schenkeln. In ihrer Hand der Brief band sie.
+Wog schwerer, hemmte das Überfließende. Staute es zurück, hart und
+schmerzlich. Zog sie zurück. Das Herz, der Mann, der sie gezeugt, Geruch
+des Stroms, der Gartenerde band sich an sie, riß sie zurück. Der junge
+Fidley übernahm den ganzen Bezirk. Ihre Abreise feierten die Boys, salbten
+sich mit Bols Parfüms, drehten die Haare, die Bärte, pomadisiert, in die
+Höhe. Der junge Bursche trat herein, protestierte bös. Hatte Bol gehaßt,
+gehetzt, erledigt. Verbot ihn zu schänden, wo er futsch war, im Weiher
+eingescharrt. Fidley gab Daisy Bols Pferd, das so feste Hufe hatte, daß
+mans nicht beschlug.
+
+Als nach halber Tagestour die Eskorde zurückgeritten, glitt ihr Gaul aus an
+einem Bach, sie fiel herunter, verstauchte sich die Sehne. Alf wollte auf
+seinem sie reiten lassen, der Schmerz machte sie ohnmächtig. Er ritt
+zurück. Aber obwohl sie in Decken gut und weich gewickelt lag, kam die
+Nacht Fieber über sie, durch die Zunge sausten Stiche immerfort.
+Eingeborenenweiber, von Fidley geholt, zogen sie aus, warteten sie,
+pflegten. Wuschen, suchten Pretiosen im Achselhaar, fanden ein Zeichen am
+Arm, Fisch und Pfeil darin, quatschten die Nacht darüber, speichelten,
+summten, suckelten darum hin und her. Sie gaben ihr Milch mit Wurzelzeug,
+hineingekocht. Die Nacht gab ihr warmen Schweiß. In wochenlanger Pflege
+malten sie ihr mit dünner Nadel eine Sonne um den Nabel mit Strahlen und
+Mondzeichen des Tages, an dem sie sie fanden. Kuriere kamen dreimal die
+Woche die Kette der Faktoreien herauf, holten Nachricht, ritten zum Lorenz
+wieder runter. Später lag sie in der Sonne vor dem Haus.
+
+Dabei spielte sie mit Getier, Hunden, Vögeln. Einmal umschlich ein Fuchs
+das Küchenfenster, wo Hühner hingen. Sie lächelte, gluckste, entsetzt
+sprang er zurück. Da rief sie, heller bestimmender, er hielt. Sie lockte,
+er kam. Nicht ganz, aber er stand im Kreise ihrer Stimme, die wie ein Lazo
+ihn umschlug. Sie erbleichte, rückte zurück, lauschte dem Ton ihrer Stimme,
+der nachklang. Versuchte sie wieder, versuchte sie neu. Als ströme aus ihr
+hinaus, Gesichertes, Bezähmtes in ein Gefäß der Worte, das sie berauschte
+und erregte bis in das Dunkel ihrer innersten Grenzen. Es sang und schwang
+das Belastende herauf, machte es leicht, wirbelnd, später sanft und gelöst.
+Sie entspannte sich in dem Rausch, hatte eine Macht und eine Befreiung.
+Wundersame Ruhe machte ihre Tage lang, klar, gut.
+
+Sie spielte mit den Weibern, Kindern durch die Stimme. Lernte das Organ
+anzupassen, zu biegen in jede Leidenschaft, alle Bewegung. Spürte ihr Herz
+klopfen, dann den stillen Mollton des Bluts. Lernte von den Weibern den
+Dialekt. Als sie zum erstenmal ausging, trieben die Kleinen hinter ihr her.
+Sie scheuchte sie, zog sie zu sich »Go« war: springen. »Fu«: erfroren fast
+halten. Mit Vögeln gab es andere Signale. Ein Hase hielt bezaubert von
+dünnem glasklarem Wimmern. Ein wenig blieb sie nachdenklich, ward traurig
+bei ihm, denn ihr kam in den Sinn Well. Sie kam schon bis zum
+Koniferenbaum. Dann bis zum Plateau. Das nördliche Flimmern tobte irgendwo
+unter ihr. Sie ging davon, ungerührt. Ging allein, verschmähte die Flinte,
+hatte Unlust zur Jagd. Allein im Gehen, Liegen, erfand sie Ton und Laut,
+der wie ihr Blut spritzte, säuselte und bebte. Gab sich hinein in Klang und
+Fülle der Vokale, als sei es ihr Anfang, ihr Teil, sich darin zu verbinden.
+So kam auch die Gegend ihr näher, wenn sie sie ansprach, du Strauch sagte,
+Silberlilie, lieber Dorn, mein Freund. Das wandte sich ihr zu dann, ward
+mit ihr gefüllt, lehnte sich hinüber zu ihr, empfing ihren Atem.
+
+Es kamen Schwäne und Musketen, hinter ihnen mit einem Wagen von der Bay her
+Syg. Sie brach in das Verweilen ein, die Windstille des Daseins brachte
+Unruhe, Ahnung irgendwie von Glück. Trieb Altes, den Lorenzfall herüber in
+das Spiegeln des Weihers, blieb aber entfernter als sonst. Wagte nicht das
+zu sagen, nicht jenes, denn sie befremdete Ungekanntes an Daisy, das
+Nicht-Miterlebte, der Schauer der Krankheit und der ihr entquollenen großen
+Säfte und Ideen. Das lag ein wenig dazwischen.
+
+Fidley schloß den Wagen. Weiber heulten. Die kleinen Affen liefen eine Zeit
+noch neben dem Schlag. Dann fiel es zurück. Ein Stück Land schob sich vor
+sie, glitt auch zurück. Ein Staffel Matrosen erreichte sie. Dann faßte sie
+fest in die Mähne des Gauls, schrie fast und erbleichte nach innen in einem
+Schreck, des sie nicht bewußt ward.
+
+Unten, unter Dampf lag ein Schiff.
+
+Dahinter das Meer.
+
+Der Bogen der Sehnsucht schoß ab, die Sehne brauste. Es trat aus ihr
+hinaus, kein Brief, der es hemmte, kein Gedanke, nichts. Irgendwo in der
+vor Blau zitternden Unbegrenztheit des Horizontes traf sich das Innerste
+ihres Blutes mit etwas, dem sie sich hineingab, in das sie verströmte, die
+Lider naß. Alles andere war Spiel, vergessen, lieb, aber ohne Gewicht. Als
+das Dunkle in ihr hinrann in das Ausschweifendste und Hellste, an dessen
+äußerstem Rand dünn die Erscheinung hing der Städte, Inseln, irgendeines
+ungeheuren Daseins, schlug die Schiffuhr. Es war fünf Uhr am Abend. Die
+Sonne hatte größte Kraft. Sie ritt bis an den Strand. Dort stieg sie ab.
+
+Das andere ging fast traumhaft. Zu sehr war sie eingehüllt schon in ein
+fernres Geschehen, vor dem der jetzige Augenblick nur als Pause stand. Sie
+kamen in den Lorenz. Ein Auto wartete. Well sprang hoch. Der Steg. Palmen
+hingen herunter. Kanonen lösten sich. Mövenschwärme in Spiralen. Wagen
+wühlten hinter ihr ein Geschiebe. Männer kreischten Namen, Gepäcke. Sie
+fühlte des Hundes Druck am Knie. Sie bewegte schmerzlich eine Sekunde die
+Hände im Fell des Tieres. Dann kam der Ottava. Rauschte dunkel schon
+entgegen auf Kilometer. Das Rauschen lag in der Luft wie ein Schneefeld,
+sprang in Lawinen ihr leis entgegen. Die Mühlen rochen. Die Schreie der
+Nurse blieben hinter Bäumen stecken. Das Gittertor kam, vertraut mit seinem
+kalten Eisen. Glitt zurück.
+
+Des Vaters Hand faßte die ihre. Die Treppe. Sein Mund im Kuß. Er hielt sie
+stürmisch mit steifen Armen weg, sie ganz zu beschauen, spürte aus allen
+Poren ihres Leibes ihre Richtung, das Hingewandtsein ihrer Seele. Er
+erbleichte, senkte den Kopf. Glitt über ihren Leib mit dem Auge, die Brust,
+den Hals, das zärtliche und hochmütige Kinn. In ihrem Auge saß, schlagend
+und aufgedonnert das Meer. Das Aufgesparte und Vorbereitete in seinem nach
+innen gekehrten Leben verstand den Ausbruch. Lächelte. Gab ihr den Arm. Sie
+gingen hinein.
+
+ * * *
+
+Das Lächeln hatte gewährt, Unausgesprochenem sich geneigt, bejaht. Es
+erlosch. Nichts gab Erinnerung daran. Es fiel in seine Augen wie in einen
+Schlund. Die Woche rollte zurück, wie gewohnt. Vaudreuil hütete sein
+Gesicht. Schenkte ihr ein neues Pferd, bestellte ein Reitkleid aus Leder.
+Griff vor, erwähnte Zukünftiges, das sich band an Ort und Zusammensein.
+Berief einen Unterrichter für ungewohnte Kreise, baute ihr Zimmer an,
+Tapeten kamen weiß geädert mit Gold. Besprach eine Überraschung für Sygs
+Geburtstag in vier Monaten. Malte den Stand der Rosenbosketts aus auf
+Papier, eine Pergola im Bogen vor den Terrassen, Fontänen, Vögel,
+glitzernde Fische, sprach vom folgenden Sommer, dem Herumgehen, dem Abend.
+Breitete die Zeit aus vor ihr, vor sich, uferlos, vorübergleitend über den
+augenblicklichen Zustand. Ohne Pause, ohne Intervall. Sah sie wenig,
+zwischen Mußestunden, bei der Mahlzeit, ging ohne Zögern von ihr. Ihre
+Erwartung allein spürte, wie tödlich er an den Sekunden hing. Sonntag
+bestellte er die Yacht nach dem Ontario. Sie bereiteten sich vor.
+
+Montag früh berief er sie in das Büro, brach alles ab. Durch die Maske des
+gleichgültig gehaltenen Gesichts stieg von unten tief das Lächeln herauf.
+Gab Daisy von sich. Entfernte sie aus eigenem Entschluß. Löste sacht die
+Ventile von ihr, gab dem nach, was herausbrach, trieb Mauer und Wand zurück
+und bog sie hinter das draußen Strömende und Lockende zu einer tiefen
+Wölbung, in die er schmiegte, was aus ihr drang. Diktierte nicht. Folgte
+nur. Aber die Führung der Hand hatte die wissende Lindheit, die,
+nachgebend, bestimmt. So, als sei sein Plan, sein Wille, was er nur abbog,
+behütete. Widerlegte Widersprüche, die sie nicht erhob. Bewies Notwendiges,
+das sie nicht bezweifelte. Baute eine Verbindung, die nichts mehr löste
+zwischen ihm und ihr, indem er verstand und folgte, und das Kindliche, als
+es abtrieb, selber abhieb und damit unverlierbar sich gewann.
+
+Als der Tisch beim Speisen ihr zur schrägen Scheibe ward, durch den Raum
+rotierte, Fidleys Pensionen, Schecks, Tips sie umflackerten, das Silber
+flimmernd wellte, wogte, Sygs Auge schmerzlich, neidlos, neugierig aufging,
+blieb ihr die Stimme Vaudreuils. Ruhig, gelassen wie im Nebel. Einen
+Augenblick ertrug sie nicht mehr den trostlosen Schmerz aus der Gefaßtheit
+des Tons, sie stand auf, wollte sagen, sie bleibe, nickte, schwieg, ging
+hinaus.
+
+Sie lief um das Zimmer, betastete die Wand, den Kopf des Betts, die
+Girlande des Balkons. Der Garten. Wasserdunst lag, hob und senkte sich,
+ausgeatmet ihr entgegen von der Prärie. Hindurch, das Auto blinkte vor der
+Halle, stieß sich heraus, die gesiebte, durchlöcherte Brust fauchend,
+zermalmend die Luft. Sie beugte sich über den Fluß. Murmeln koste ihr
+entgegen, entzog sich ihr, floß tiefer, entfernter, uneinholbar. Drüben
+schleuderten am Rand des Vorstellbaren Schiffe, Städte, Bahnen sich vor ihr
+hin, rissen sie nach. Das Tiefe, Bleibende der Erde zog sie herunter, zu
+sich. Es ging nicht. Aber es riß zu Schmerz mit einer Stille, die
+verzehrte.
+
+Sie legte sich auf den Bauch, senkte den Kopf zum Wasser. Über ihrem Nacken
+stand schwingend, kreiselnd in der Luft, aufziehend, Glück, Ahnung, in die
+sie hineinschwamm, sich hineinbegab, voll, ganz. Unter ihrem Gesicht
+brachen Tränen. Zwischen beidem lag sie, faßte die Binsen in die Hand. Sie
+wuchsen an ihrer Haut. Sie fühlte, erschüttert, wie sie sich vertauschte
+der Landschaft. Ihr Leib wuchs fest mit Geruch und Duft der Erde. Sie faßte
+das Gras, riß daran, es hielt. Sie tauchte die Arme ins Wasser, es war
+eins. Legte das Gesicht mit der Wange gegen den Weidenstrauch, den
+schlanken Baum, da blieb nichts übrig, was trennte, alles floß, verband
+sich, gehörte zueinander. Was trennte, riß entzwei.
+
+Sie spürte plötzlich, das war das Glück. Schon hinter ihr. Nun, wo erkannt,
+verdorben, verloren für immer. Je mehr sie sich trennte, um so schärfer
+schnitt sie der Schmerz, um so hemmungsloser brach dies Gefühl vor ihr auf.
+Dies war ihre Heimat, durchspülte sie mit Erdsaft, machte sicher, frei,
+groß. Was kommen sollte, versackte in Staub, bekam feindlichen Atem. Städte
+lockten nicht, Menschen fielen schal ab wie von Drähten, Dampferschrauben
+wühlten durch ihr Fleisch. Der Tag schien wie Tod, wenn sie sich löse.
+Kraft und Sicherheit gingen aus den Adern. Es brach auseinander in ihr.
+Teilte sich. Unaufhörlich ging es von ihr: Geruch der Bäume aus den Adern,
+mit singenden Vögeln, lieben Namen von Booten, Wolken, Formen der Wellen.
+Spaltete sich ab von ihr. Sie hob das Gesicht aus dem Gras.
+
+Frühstückte. Das Nickel des Wagens saß in der Sonne gleich einem
+schwingenden Insekt. Der Horizont ward heller. Sie ging zurück ins Zimmer.
+Schloß die Schublade auf, wühlte aus der Ecke eine Kette aus gelbem
+Dukatengold mit drei Steinen. Zog sie um mit einer langsamen Bewegung. Im
+Spiegel schien es zurück. Das Rot des Achats leuchtete glatt und kühl. Ihre
+Jugend stand darin, das Entfernte. Was hinter ihr lag. Die Stille, die
+sehnende Ruhe des Blutes. Der Umkreis des so Erlebten spiegelte von den
+Rundungen herab, das Land, die Wiese, das Gras. Sie warf den Hals im Ruck
+herum. Trat hinaus. Biß die Zähne zusammen. Das Auto schlug an. Es ging
+nicht anders. Sie folgte.
+
+Fuhren Schleifen, den Fluß durch. Hielten am Lorenz. Hinter Zypressen ihr
+Geburtshaus. Vaudreuil gab ihr den Arm. Das Tor zum Park. Elastisch gab
+Vaudreuil Platz frei, ging dann rasch vor ihr. Als sie seinen Rücken sah,
+begriff sie plötzlich, wie sehr er diese Frau geliebt. Fühlte, was sie
+versäumt, stand ohne wissendes Blut des Verlustes, ertrug, was sie nie an
+Mütterlichem besessen, ganz hell, in einer Sekunde. Die Überlast erhärtete
+ihr Herz. Feindlich ging sie durch den Garten. Zedern reckten um die
+Bleivase sich in das frühe Rot, Tau perlte in Ketten herab. Die Tür fiel
+zu. Zurück, Wind strich über die Mauer, senkte sich brausend einen Moment
+herein. Dicker Regen platschte aus einer Fichte. Der Wagen zog an. Bei
+Montreal verabschiedete sich Vaudreuil. Plötzlich, daß sie erblaßte.
+Zusammengepreßt: »Willst du mich immer lieben?«
+
+»Ja, Liebling.« Sie gab ihm die kalte Hand. Tränen blieben hinter ihren
+Lidern. Fuhr weiter. »Nicht traurig«, spürte Sygs Hand herüberkommen,
+zuckte unter dem Schleier, zog ihn hoch. Zu dem blonden Fräulein: »Gehen
+Sie gleich aufs Schiff.« Die Koffer stapelten sich. Das Meer schäumte
+leicht. Von der Barkasse läutete die Glocke. Neigte sich, küßte Syg. Spürte
+an ihrem Leib den Geruch wieder des Waldblocks, des Spiels im Garten, der
+Betten, die nebeneinandergestanden. Sie atmete heißer, blieb eine Sekunde.
+Dann stieg sie ins Boot. Syg winkte. Es war neblig geworden. Pendelnd,
+unsicher schlug Sygs Kopf aus. Bald rückwärts, bald zur Barkasse, die
+vorwärts stieß. Winkte noch einmal. Drehte um. Über dem Wagen, den
+schiebenden Gäulen stand Abglanz von Blau, Berge, See. Ging ihnen zu.
+
+Das Ende.
+
+Es schien ihr, es müsse geschehen etwas, irgendwie. Sie empfand jede Wolke.
+Jede Linie der Küste legte sich hart um ihr Herz. Die Pause ging. Nebel
+häufte sich dünn vor das Land, Die Barkasse drang weiter in Flut, entfernte
+sich, heulte, stieß vor. Nichts geschah. Da überwältigte sie der traurige
+Gedanke mit solcher Gewalt, daß sie den Messingknauf des Geländers zwischen
+die Hände preßte, die Stirn zusammenbog mit aller Durchdringung, in der
+Schmerzlichkeit der Flucht noch die übersinnliche Kraft des Glaubens: nun
+reiße die Küste ab, komme herüber, hielte sie. Da schwand das Land. Der
+Schrei blieb in der Kehle, erstarrte. Die Faust ballte sich ihr in Haß.
+Wandte sich zornig ab vom Boden, den sie liebte. Haßte jede neue
+Luftschicht, jede Fahne, Gaffel, Signale um sich. Trank Gift mit dem Atem,
+der ihr von der anderen Seite entgegenströmte. Wandte sich aber mit
+tieferer Ablehnung weg von dem, was hinter ihr lag. Vorbei. Das Letzte. Die
+Augen brannten hell, grau. In rotem Nebel begannen Maschinen zu stampfen,
+pufften den Boden auf unterm Fuß mit kleinen rhythmischen Schlägen. Sie
+wandte sich um. Die Achseln zuckten. Das Meer vor ihr aufgewölbt von Glut.
+
+ * * *
+
+Zwei Tage Nebel vermiesten, das Pack johlte, die Feinen wurden nervös. Ein
+Matrose griff fehl, stürzte aufs Deck. Ein Gaul brach aus, sprang ins
+Schwimmbad, brach den Hals. Abends im Zwischendeck schlug sich ein Dutzend
+um eine braune Hure. Einer hatte einen Bruch, einer schlug hin auf den
+Bauch, heulte und schrie »maman«. Ein Weib lief mit halbem Ohr und sammelnd
+durch die Klassen. Rotteten sich zusammen, spießten einen Alten auf die
+Arme: »Vieux Ga . . ga.« Eine dunkle Kugel schob aus dem Wasser, über ihr
+ein singender Tag.
+
+Am abgesperrten Zipfel des Promenadendecks lagen drei Malariakranke. Zwei
+unterhielten sich den Vormittag, mittags wurden sie gereizt. Trommelten mit
+den Daumen, rauchten. Abends machte der eine Vorwürfe, gereizt, heftig, der
+andere pfiff leis. Der dritte schwieg.
+
+Sah durch ein Glasfenster auf den Korso, langweilte sich am Geschauten,
+spiegelte sich allein in dem Glas: zerrissenes Gesicht, geschmeidigen
+Körper, rote Haare. Ein Mischling kam, schöner als ein Weib, flüsterte,
+verbeugte sich, kam mit Whisky. Der Mann deutete heftig aufs Glas, der
+Diener öffnete den Riegel, folgte dem Zeigefinger, sah eine Frau, einen
+hünenhaften Mann, nickte, verschwand. Kam in einer Viertelstunde zurück.
+Das Paar passierte von Norden her. Lackaugen vom Mann her wanderten
+herüber, blieben. Die Frau gähnte. Zwei Tage ging der Korso, zogen fern
+langsam Dampfer vorüber. Das Fieber sank, Temperatur ließ nach. Der Rote
+erhob sich. Ging am Arm des Dieners hin und her auf der Promenade, anderen
+Tags allein am Stock. Fiel auf, elegant, zerrissen, glatt, Augen voll
+Geist. Verschenkte Blumen, grüßte, ließ einen Windhund springen. Trug
+keinen Hut, die Haare glühend über dem pockennarbigen Gesicht gescheitelt.
+Eine Quintrone neben ihm, Chinchilla über der Schulter, schmalen blauen
+Auges, auf hohen Beinen.
+
+Warf plötzlich die Quintrone ab. Benutzte einen Moment: Ging vor, ans
+Geländer, fuhr mit dem Tuch an die Stirn, knickte ohnmächtig gegen das
+Eisen, der Riese stieß einen kleinen Laut aus. In seinem Arm machte er die
+Augen auf, streckte sich lässig. Der Riese zog eine grüne Riechflasche,
+hielt den Arm rund, weich, damenhaft, den Kopf schräg. Er atmete rasch. Der
+Mischling Moki kam zu seinem Herrn, stützte den Roten. Der deutete aufs
+Meer, das violett erzitterte, drehte sich um: »Le Beau.« Lächelte.
+
+»Fribaurt«, sagte der Riese, sah nur den Diener. Le Beau lud den Riesen
+ein, zeigte ihm eine Sammlung Säbel. Ging mit ihm durch den Lesesaal, die
+Billardbälle. Gingen durch den Maschinensaal. Standen vor der schmiegsamen
+Wucht fressenden Metalls. Hörten die Pfiffe, schritten weiter. Ging mit ihm
+durch Regen übers Verdeck, sahen den Mond einschlucksen in grauen Brei, der
+innerlich geschwängert Blasen aufstieb, Ballone ins Meer setzte. Le Beau
+wickelte ihn ein, führte ihn im Kreis, in einer Spirale, streifte Moki,
+trieb ihn enger dem Willenspunkt zu, stieß ihn hinein.
+
+Verlor Fribaurt, polierte er die Nägel. Gewann er in Bakkarat, Poker,
+Sieben, erschien Moki, servierte Zigaretten, Schnaps, Tee. Fribaurt juckte
+die Haut, der Blick schweifte rechts, schweifte links, hatte keine
+Konzentration, leckte über des Dieners Schenkel. Das Spiel blätterte
+auseinander, die beste Karte schlug gegen ihn zurück. Verlor. Spielte
+Paroli. Blähte die Nüstern, sog die Luft ein, die ihn verwirrte. Verlor.
+Rannte in Paroli. Verlor. Moki verschwand lautlos. Die Summe addiert.
+Fribaurt erbleichte. Schrieb einen Wechsel, legte ihn herüber. Le Beau
+rührte ihn nicht an. Polierte die Nägel, sah Fribaurt starr in die Pupille,
+führte ihn bis an den Rand der Spirale, in die er ihn schlug. Stellte ihn
+neben das Zentrum, stieß ihn endlich hinein. Sagte leis drei Sätze,
+abgehackt, deutlich, akzentuiert wie ein Ausländer. Fribaurt erblaßte ein
+wenig unter der Hypnose des Klangs. Erhob sich.
+
+Nahm Daisy am Arm auf Deck wie eine Kusine. Die Namen fielen. Sie sah
+zwischen Pockennarben einen Blick, der elastisch in ihrem sich bog, ihn
+durchstieß, unter ihrem gestählten Zorn nicht brach. Von der harten,
+dunklen Stimme fielen Vokale mit glattem dunklem Wohllaut. Überrumpelt,
+gereizt sprang sie zum Englischen. Er folgte mit gleicher Gewandtheit, wie
+sein Körper, ihren führend, neben ihr ging, gebogen, nachgebend, hart,
+fordernd. Er stützte sich ein wenig auf den Stock. Ihr Schritt ward
+rascher, wogte auf und herab mit dem Schiffschaukeln. Er hielt. Über die
+Achsel sah sie zurück. Er beugte sich, hob ihr Tuch. »Holen Sie kalten
+Tee«. Es war heiß geworden. Er drehte um. Sie ging zur Kabine. Le Beau gab
+das Tablett dem Steward, warf sich in den Liegestuhl, wartete. In der Kühle
+kam sie herauf. Übersah ihn. Die Ablehnung traf ihn, verzog seinen Mund,
+lächelnd. Am Geländer spürte Daisy die Richtung eines Fächers, zog den
+Blick vom Rosafisch, der sprang, sah in die weiße Iris der Quintrone,
+während die Zähne hell sich öffneten. Sahen beide in das Aufzucken der
+Lichter, schlossen die Augen, sahen, wie das Schiff festlich, erhöht, auf
+eine Masse Lichter zufuhr, die höher wuchsen und stiegen und an ihnen
+vorbeiglitten. Die Dampfer tuteten, Lichtschnüre trennten sich, verblaßten.
+Fribaurt und Le Beau gingen vorbei. Die Kreolin neigte den Leib, sprach mit
+der ganzen Haut. Das Murmeln kam näher, spanische Missionsweiber
+psalmodierten, sahen in die Dämmerung, die fiel. Der Quibekaner flüsterte
+einer Frau zu, daß sie Regen beschwörten. Sie schrie auf. Er griff in der
+Dunkelheit fest in ihr volles Bein, damit die Bewegung ihn nicht verrate.
+Der Schrei deckte das Manöver. Am Schornstein applaudierten die Kanadier,
+sie gingen langsam hinüber.
+
+Da sah sie: im Kreuzschein der großen Signallaternen bewegten sich Fribaurt
+und Le Beau wie Ratten, mit Brustschild und Maske, florettierend
+gegeneinander. Le Beau lag wundervoll in der Hüfte, bewegte sich in der
+Lendenwage nach oben gedreht mit fesselloser Kraft. Stieß vor, im Angriff,
+schien plötzlich müde. Übersah die Quintrone, die mit aller Haut atmend in
+seinen Blickkreis kam. Warf nur einen Blick seitwärts, der dirigierte Moki
+hinter seinen Rücken ins vollste Licht. Seine hitzig kalte, fast brausende
+Geschmeidigkeit verwirrte sich immer mehr in dem weichen unberechenbar
+eleganten Schlag, den Fribaurt in zu seiner Größe und Breite erstaunlichen
+fast mit dem Handgelenk gefächerten Etüden heraufwarf. Plötzlich machte Le
+Beau eine stumme eindringliche Geste. Mokis Körper schälte sich
+bronzeschmal aus der Dämmerung. Beau entblöste die Brust, fing Fribaurts
+unsicher schwankende Spitze in letzter Sekunde auf, pfiff von unten die
+Gegenlage, schleuderte aufspritzend das Florett des Gegners in die surrende
+Dunkelheit. Legte Brustschild, Maske ab, sagte Fribaurt kalt
+Schmeichelhaftes. Drehte Wasser an, wusch die Hände. Hob plötzlich den
+Kopf.
+
+Sammelte das Gesicht zum erstenmal ganz, legte es in den Blick. Warf ihn
+mit einem wehenden Ruck herum, mitten in Daisys Gesicht. Entjungferte ihr
+Auge. Traf es mit einer Gewalt und Absicht in einer eindeutigen Sicherheit,
+daß sie wankte. Schmerz spürte, als durchstäche er sie. Ihr Blut aufflammen
+fühlte, zurückstürzen. In den Adern eine bäumende, auflösende Kraft. Sie
+gab den Blick nicht zurück, schloß über dem Vorgang die Lider herunter,
+ging mit dem Gefüllten rasch hinab, unsicher, überwältigt wie ein im Schlaf
+begattetes Tier, in der Haltung zart und süß, den Kopf mondhaft, nicht
+weinend, zur Seite gebogen.
+
+ * * *
+
+Sie schnitt ihn. Er übersah es. Sie brüskierte ihn. Er sah es nicht. Sie
+reizte ihn, brachte ihn zu keiner Äußerung. Sie traf ihn auf Vorderdeck,
+drehte um. Am Lunchsaal strich sie ihn fast, sprach abgewendet zum Steward.
+Fuhr in seinen Satz, sprengte die Gruppe, in der er stand. Zeigte ihm ein
+Maß der Ablehnung, das sie derart steigerte, daß er ein Lächeln einmal
+abends darauf gab. Sie setzte die Kiefer fest aufeinander, behandelte ihn
+gleichgültig, suchte seine Nähe, die sie gemieden. Frug ihn nach der Zeit,
+lachend nach dem Barometer, scherzend, als glaube sie, es sei von der Jagd,
+nach den Narben seines Gesichts. Er nahm es gleichmütig, erinnerte in
+nichts an etwas, das traumhaft hinter ihrem Leben nun stand, sie trennte
+von allem. Sie aufhob und ungestüm machte nach einer Entfaltung. Ihr Drang
+nach Geben und Zurückströmen des Gefüllten war so groß, daß selbst die
+nichtssagende Bewegung ihres Ganges, die Haltung ihrer Zigarette eine
+Zugehörigkeit und Verbindung mit ihm annahm. Ihr nebensächlichstes Wort
+hatte eine Umkleidung, das ihn stach. Ihr Gespräch mit anderen nahm
+Richtung auf ihn. Er blieb gleich, unberührbar in seiner Glätte.
+
+Sie wandte sich Fribaurt entgegen, holte den Klatsch herauf, trat ihn breit
+mit ihm, vermengte, versträhnte ihn, daß Le Beau schweigend hörte. Sie
+gähnte nicht mehr in des Riesen weibisches Gesicht. Holte neues heraus,
+Unerfindliches, Entferntes und breitete es hin. »Sie haben durch den Fächer
+bei der Quadrille einen Feind in meiner Familie. Mein Vater haßt Sie, daß
+er Sie fast liebt.« Sie lachte ein Lachen, das kein Lachen war. Das
+Schweigen neben ihr blieb. Sie lockte es nicht heraus. Sie übernahm sich im
+Grauen davor, schob Fribaurt in Dialoge, denen er kaum folgte, erreichte
+die Spitze des Erreichbaren: das Gespräch brach ab. Eine Pause fiel.
+
+Da machte Le Beau eine Bewegung. Moki begann auf der anderen Seite
+herumzulungern, glitt auf eine Bank. Fribaurt stotterte, zog den Hut,
+verschwand Ihr Alleinsein machte sie wortlos, verlegen, fühlte sich
+verloren. Was sie in ihn überleiten, ihm zurückgeben wollte, den Zwang
+. . . es bog sich herum, ward Leere und Fassungsloses in ihr. Sie wartete,
+daß er ihre Hilflosigkeit erkenne, benutze. Allein er schmiegte sich nicht
+hinein, ließ den Augenblick verklingen. Es kam eine Ruhe über sie. Ihre
+Hände ballten sich ein wenig zusammen. Er änderte seine Stimme nicht. In
+der Nacht hörte sie sie im Schlaf, sie stieg mit ihr herauf ins Erwachen.
+Sie bog die Beine herauf, legte das Gesicht darauf in schmerzhafter
+Umarmung. Da schlug ihr die Stimme heiß ins Gesicht aus jedem Knie.
+
+In ihre Augen, Schalen, legte er, was er wollte. Es war Schmiegsames,
+Zartes, das sich mischte mit Stahl. Auf ihr Gesicht schrieb er Vorgänge,
+ohne sie anzusehen. In sie hinein sprach er, ohne Widerstand. Nichts stieß
+ihm entgegen. Gewölbt stand ihm offen das Ganze. Er schmiegte sich hinein.
+Warf sein Leben hinaus ans Meer, es prallte zurück, umgab sie. Dämpfte das
+Gute, hob das Schwanken. Baute sich aus in ihr, langsam, gespannt, weich
+mit einer eindringlichen Unerbittlichkeit. Die Sonne ging in weißem Bogen.
+Lauschend bog sie sich über den Tisch. Langsam sammelte es sich bei ihm.
+Kam diesmal ohne Wucht, aber mit bis ans Schreien unterdrückter Süßigkeit.
+Er flüsterte zwei Worte. Sie gab den Blick langsam, schwer zurück. Nickte.
+
+Sie stand nachts auf. Es schlug zwei. Die Tür der Kreolin schloß sich, bei
+Fribaurt glitt es heraus, dunkel und braun, verschwand. Sie ging die Treppe
+hinauf, sagte die Nummer der Kabine mit weißen Lippen vor sich hin, suchte
+mit den Augen, den Händen in der Dämmerung des Korridors. Ihr Arm blieb
+stehen. Ihr Bein, magisch gezogen, ging unter ihr weiter. Ihre Haut glühte
+mit einem Ruck. Da hörte sie neben sich in der Nische ein Geräusch. Sie
+bückte sich, durch die Luke kam Nickellicht vom Wasser. Hinter Gittern
+kamen die roten Augen kleiner Hasen an sie heran. Ihr Finger berührte die
+bewegte Schnauze. »Go . . .« Die Tiere hoben sich, neigten sich herauf.
+Begannen sich zu bewegen im Ruf, der sie traf. Ihre Stimme aber kam auf sie
+zu, umfaßte sie selbst wie von anderen gesprochen, breitete sich in ihr aus
+und verließ sie wieder in Seligkeit und Erfüllung. Was vorging, was sich
+sammelte aus ihr heraus im Ton, der sie umschwamm, brachte Ruhe in sie.
+Trieb sie in eine Klarheit. Stellte irgendwo etwas auf, dem plötzlich alles
+in ihr wie an Fahnen hingeweht sich zubewegte. Ihr Blut spannte sich dem
+entgegen. Es ging über alles hinaus. Trieb darauf zu mit der Kraft und der
+Inbrunst des Ziels. Sie lächelte. Kehrte zurück, fiel in Schlaf wie Traum.
+
+Abgelenkt, vorbeigeführt innen an ihm, gab sie ihm die Hand. Keine Miene
+zeigt, daß ihn etwas enttäuschte, Unter den Sätzen warb seine Stimme um
+sie, um jeden, er blieb gleich. Sein katzenhaft gestraffter großer Körper
+blieb neben ihr. Hörner heulten aus dem gegen die Wellen trommelnden Abend.
+Blinkfeuer stachen kreuzend ins Licht. Aus Landduft quollen roh,
+verquatscht, Hupen. Die Räder gingen langsam, fielen zurück, die Mole hing
+voll Menschen gedrängt, wimmelnd, sich verlierend auf der tiefen Fläche.
+Unter den rücklaufenden Wogen schellten die Bojen los. Das Schiff stand. Da
+sprang plötzlich ihr Herz.
+
+Die Barkasse legte an. Zwischen gestapelten Koffern irrten Passagiere,
+auseinandergespritzt. Hände durchglitten ihre. Das Fräulein stieg auf der
+Treppe hinunter zum Wasser. Sie sah scharf nach dem Ufer. Es kam auf sie
+zu.
+
+Sie gab Le Beau die Hand. »Wohin?« Sie wußte es. Er sagte: Paris. Lächelte
+plötzlich: »Wohin fährt ein Franzose . . .« Sie lachte über die Schulter
+dem Reeling zu. Sie sah zurück: Versäumtes, Verfehltes lag auf seinem
+Gesicht plötzlich gesammelt, Schmerzhaftes zog es tief in ihn hinein. Es
+blieb. Verließ sie nicht. »Leben Sie wohl.« Wind bewegte sein rotes Haar.
+Den Hut unterm Arm. Von unten sah sie ihn am Geländer verschwimmen.
+Zwischen den weißen Hosen der Kapelle brach der flackernde Untergang auf.
+Die Musik spielte über der Sonne. Die Barkasse legte sich fest an Land.
+
+
+
+
+Der zweite Abschnitt
+
+
+Da war Berlin, sie erkrankte an Grippe, ihre Umgebung fürchtete den
+schlechten Ausgang. Sie genas. In Zackstrahlen von diesem runden
+Verharrungspunkt ausgeschleudert, durchschwebte sie die neuen Schichtungen.
+Das Fräulein führte die Liste der Stunden. Die Tabellen verengten sich,
+gingen bis in die Nacht. Man holte sie. Sie schob sich selbst in das
+Drängen. Bald stand ein Defilé vor dem Haus. Mit Holl ging sie in Lewinskys
+Generalproben. Vom Bazartee kam sie mit Rosen, die Zofe brachte das
+Abendkleid ins Bad. Das Fräulein reichte die Tabelle. Sie runzelte die
+Braue etwas hinauf. Verreiste. Böhmer, Below traf sie bei der Holmberg,
+überging sie. Erlebte den Skandal, als Männer auf der Nizzapromenade sich
+um deren weißbemaltes Fleisch schlugen. Drei davon starben. Andere hätten
+sich gewälzt vor Wonne. Fuhr weiter. Drang von Schicht zu Zelle, lächelte.
+Es gab keine Grenze, Geld, Wille machten vor ihr alles frei, sie folgte
+traumhaft. Bei Utö kam von der Regatta Symes herauf, schlenkerte im Sweater
+auf sie zu. Sie sah zuerst vorbei, traf plötzlich seine Gestalt, spürte in
+den Knien, im Auge den Schlag, erblaßte. Lief am Strand auf und ab abends,
+allein. Reiste zurück nach Nizza die Nacht.
+
+Bezauberte drei Tage von neuem die Holmberg, deren Hand schmeichelnd kam,
+fuhr mit ihr den Korso, dessen Blumenwoge symphonisch in den Himmelrand
+schlug. Ihr Blick hing fest irgendwo über ihr, zog etwas daraus fest in
+sich Die Gräfin fragte. Sie ward scheu, umschwebte mit dem Blick ihren
+Kopf, wich der Hand aus, verschwand. Sah in dem Parkfest eines dekadenten
+Mitteldeutschen Fürsten die Megrée auf gemeißelten Beinen kommen, auf einem
+Wallach, zwei Messer im Mund, abspringen, den Norweger Stefan umarmen,
+nicht tanzen, lachend abreiten. Der mit den eisernen Backenmuskeln wandte
+sich ruhig um, sah, überstürzte den Blick nach Daisy. Seit dem Tag war
+Stefan hinter ihr her, reiste Station auf Station nach, vermochte nicht zu
+bitten, versuchte einen Einbruch, setzte sich selbst herab, mußte sie unter
+Menschen ihn hören. Seine athletische Brust zuckte zurück vor ihrem grau
+geworfenen Auge. Sie sah ihn kaum. Sie gab sich hin, ließ sich aufnehmen
+wie willenlos, von diesem bald, von jenem Hauch. Kam es vom Meer, war es
+gut. Kam es vom Land war es gut. Ihr Gesicht selbst war verschleiert. Es
+war unsichtbar, was sich vollzog. Nur war das Obere deutlich nicht das
+Letzte. Etwas saß darunter, fest zusammengedrängt. Nur, je mehr sie sich
+dem Umstrahlenden anschloß, genoß, sog und hintertrieb, bedenkenlos die
+Stationen nahm, die sie umwölkten, war etwas in ihrer Hingebung, das sie
+dem so heftig Genahten tief entzog.
+
+Es schwankte herauf und herab in dem Treiben, bald obere, bald untere Welt,
+Fahnen und Wagen, auch Meer. Sah Heringsdorf, Menschen bogen sich,
+verkrampften den Blick, sahen in die Sonne, neigten die Hälse, flüsterten,
+trieben Neugier aufs Gesicht. Durch solch gewölbte Gasse kamen Heroen:
+Lyonel, Böhmer, Brandt, Below. Umzischelt, vertuscht, aufgerissen. Vorbei.
+Sie lenkte den Blick kühl darüber, er trieb nicht ab, blieb nicht haften,
+kein Drang schlug dort hinaus. Sicher fast, in die Höhe gehoben, blieb er
+dort. Haftete. Sie spielte einen Preis im Single heraus. Das Lächeln, das
+sie zerstreut dem Preisrichter gab, lief durch Revuen, machte ihr Gesicht
+bekannt. Darauf, in Zopott, trat im Doppel Stefan gegen sie. Machte ihr
+Fehler hin, sie nutzte nicht aus. Schlug erstaunliche Drifs, sie bewunderte
+nicht. Schlug einen Ball gegen ihren Schenkel, mit einem Wehlaut sank sie
+zusammen. Seine Entschuldigung lenkte den Blick an ihm vorbei. Gewalt
+gegenüber war sie eisig verschlossen. In München schwärmte sie unter herber
+südlicher Sonne einen Festabend. Unter der Dielentür sah sie Caspare Symes,
+er sah sie nicht. Da schwankte ihr Gesicht, an den Molen des Innern brach
+sich es, schäumte herum. Sie stieg hinauf. Nahm den Spiegel. Ungewisses,
+Zögerndes stand vor ihr, schlug dort hinaus, woher sie kam. Sie bog ihr
+Gesicht auf, lernte eine Bewegung, die es zurückschlug, was tastend offen
+stand, hinein fuhr in die Tiefe. Das Harte, Gespannte, sammelte sich
+dichter unter dem Schleier, ward reifer, fiel fast als Frucht schon heraus.
+
+Sie saß im Zirkus, wo Sägemehl und Pferdeschaum schwirrte. Mit Steinen um
+den verhaltenen Mund neben dem französischen Botschafter. Fuhr im Auto
+durch Eifel und Rhön, über Matten, zu den stählern gereckten
+Chausseebändern des Bennetrennen. Kinder, Frauen, hinter ihr her, hinter
+nie Gesehnem. Offiziere ritten neben ihr im Herbst. Im Lunapark verlor sie
+einen Ring, lachte. »Masseldoff«, flüsterte Holl. Sie sah zurück. Die Zeit
+staffelte sich darunter. Es ward klar. Was war das all? Nichts. Die Männer,
+es beschäftigte sie nicht. Hochmut sprang um den Mund, als sie aufsah. Was
+blieb, kannte sie.
+
+Noch blieb sie in der Schwebe, blieb sich gleich, hingegeben noch wie stets
+dem, was bereits vorbei war. Unbestimmbar so auf Straße, Wagen, Park.
+Verdichtet aber im Innern. Sie hörte Stimmen, vernahm Dinge, hörte Stefan,
+Holls Regie. Wohlig streckte sie sich darin, es ging sie nichts mehr an. In
+Christiansand an einer weißen Mauer entschloß sie sich plötzlich, bestimmte
+die Rückkehr. An der Reede, von einem Schiff steigend, das kam, traf sie
+Symes. Er grüßte. Ihr Gesicht blieb kalt, wie sie es sich gelehrt. Aber
+Ohnmacht überfiel sie, so straff hielt sie unnatürlich die Maske. Es schlug
+sie den Fahrtmittag nieder, erweichte ihr Gesicht, das mit den heißen
+Wellen ging und kam. Gegen Abend warf sie den Aufruhr in sich nieder.
+Erreichte den Punkt wieder, wo ihr Blut hinhielt. Hielt die Richtung ein,
+verschärfte sie sogar aus Trotz über die Abschwenkung. Warf alles zurück
+auf das Zentrum. Der Schleier fiel ab. Das Gesicht fiel reifer heraus,
+suchend, ruhig, bestimmt.
+
+In der Nacht kam sie an. Im Bett früh telephonierte sie nach Lewinsky. Er
+war nicht im Theater, nicht in der Wohnung. Sie hörte vom Diener, wo. Fuhr
+zu Guildendaal aufs Morgenfest im Park. Suchte die Wiese ab. Sah
+Perlhuhnhunde, des Einladers breite Glatze über Favorits, sah eine
+Polonaise am Teich. Darin am Ende Lewinsky. Da setzte sie sich beruhigt.
+Doch unterbrach ein Skandal. Es kam ein Anruf: die Megrée hatte sich
+erschossen. Man rottete sich zusammen. Holl eiferte gegen Stefan, hetzte
+fanatisch, jetzt noch in ihre tierhafte Anmut verliebt. Kam Stefan vorbei,
+schwiegen sie. Man hatte den Mut nicht, es ihm zu sagen. Fribaurt kniete
+neben ihr, erzählte den Fall das drittemal. Sie sah in den blauen
+Himmelausschnitt zwischen den Rotbuchen: wie feig sie waren. Sie sah
+deutlicher nach Stefan. Eine Stunde blieb sie, überflog die Versammelten,
+hielt Zusammenhang immer mit einem Kopf. Plötzlich ging Lewinsky, sie sah
+den Hut in seiner Hand. Da stand sie mit einemmal leicht auf. Sie legte,
+schon halb herumgewandt, die Hand mit unnachahmlicher Lässigkeit auf
+Stefans Schulter: »Die Megrée ist tot.« Ihr Gesicht war anders wie das, was
+sie sagte. Fern nach anderen Dingen gewandt, erhielt die helle Schärfe
+eines Vogels. Am Wagen blieb ihr Kleid etwas gerefft hängen. Man sah ihr
+Knie. Sie fuhr die Allee hinaus.
+
+Sie fuhr ein paarmal, um Zeit zu gewinnen, um das Viereck, nachdem Lewinsky
+vor ihr ausgestiegen. Ließ halten vor ihrer Villa, ging unter Flieder auf
+das gelb leuchtende Haus. Im Boudoir zog sie sich um, saß noch einige
+Minuten am Fenster. Über dem Kiesweg pflückte sie einen Zweig, schwang ihn
+hin und her. Der Gaul wieherte, als sie wieder losfuhr. Sie ließ sich nicht
+anmelden und wurde daraufhin abgelehnt. Da gab sie die Karte ab, die Türen
+gingen auf, im Arbeitszimmer stand Lewinsky, an ihr vorbei, ihn verlassend,
+ging Stefan. Sie stand an der Portiere und brachte Lewinsky aus der
+Fassung. Sie hatte ihn den Morgen getroffen, sich nicht annonciert, war
+plötzlich da. Sein Blick strich die Wände hinauf, da hingen große Männer
+seiner Zeit. Seine Haare waren in der Stirn geschnitten, er stieß mit der
+Zunge an, schlug die Arme über die herausfordernde Brust, um sicher zu
+scheinen. Er fragte, was sie will. Sie antwortet nicht, macht nur eine
+Bewegung, die sie ihm ganz öffnet. Erhebt ihre Stimme. Kein Mensch hat sie
+gehört. Sie fühlt sie schweben. Sie spricht eine halbe Stunde vor dem
+Gesicht, das an Höflichkeit aufrafft, was es kann. Sie fühlt die Vokale
+steigen, glänzen, singen. Es entspannt sich in ihr, vieles geht hinaus. Das
+Beste bleibt, ist gehemmt. Als sie eine halbe Stunde gesprochen hat, hebt
+sie das Auge auf zu ihm, erschrickt. »Es genügt nicht?« Er spaltet den Mund
+nach den Seiten, schaut herauf ihre Figur, herab. Kämpft einen Augenblick
+mit den Kinnmuskeln. Dann schüttelt er den Kopf.
+
+ * * *
+
+Viele Tage verließ sie das Haus nicht. Ihr Mut war so stark, daß der
+Mißerfolg sie nicht schlug, sie begriff ihn kaum. Er brachte sie nur
+deutlich zu sich, entfernte sie von dem Hin- und Herbewegen und legte sie
+fest. Sie sah durch das Straßenfenster, da ging gedämpft der städtische
+Verkehr der Grunewaldstraße, rasch, verwirrend, elegant. Sie ging zum
+andern, da war rauschender Park. Baumwipfel bogen sich im Wind ihr zu. Sie
+hob den Kopf entgegen dem Geräusch, hob ihm die Stimme entgegen. Es klang
+zusammen. Belebte sie, gab ihr Resonanz, sie kettete sich daran und bekam
+die Leichtigkeit, die sie selbst bezauberte und hinriß. Da war sie ganz
+enthalten in den Lauten, wenn sie allein sich preisgab dem Gefühl, das
+ausfloß. Da konnte sie Sätze biegen, Wonnen rauschen lassen in blanken
+Diphthongen, spielen mit Worten und ungefähren Dingen, die als Sternnebel
+um sie waren. Beglückt trat sie zurück.
+
+Am vierzehnten Tag fuhr sie zur Florath. Die wollte sie ablehnen, sah das
+gute Kupee unten stehen, ward neugierig, winkte, sie hereinzuführen. Sie
+lag mit gelockerten Beinen auf dem Diwan, musterte Daisy mit den runden
+Wolfsaugen, leckte die Lippen und führte beide Arme verführerisch nach den
+hell gemalten Haaren. Daisy begann, ohne sich zu setzen, sprach, nicht
+lang, aber eindringlich. Beim ersten Laut spürte sie, es fehle, es stoße
+neben hinaus, was sie wollte. Als sie ins Gesicht der Schauspielerin sah,
+stürzten ihr Tränen in die Augen. Alles verließ sie. Kein Mut, keine
+Sicherheit. Mit kindisch unsicherer Haltung raffte sie ein Taschentuch auf,
+das ihr gefallen, und als sie wieder stand, sagte sie nach unten hin: »Ich
+hatte mich nicht in der Gewalt.« Wieder suchte sie jenen Ton, den sie
+seither immer besaß, der ihr eigentümlich war wie ihre Hand. Sie glaubte,
+sie träfe ihn, begann von ihm aus sich aufzuschwingen. Als sie unsicher
+ward, half ihr der Trotz zu einer intensiven Kraft. Einmal stockte sie, sah
+die große Frau auf dem Diwan zusammengerollt, sie nickte ihr zu. Sie fuhr
+fort, schleifte es weiter und brach ab. Die Florath reckte die langen
+Beine, erhob sich, zog die Knie an, sagte mit ihrer schwärmerischen Stimme:
+»Gibt es denn nichts, was Sie sonst befriedigt . . .«, kam mit langen
+Schritten auf sie zu. Sie sah auf, wollte, was sich sprengte in ihr, sagen.
+Es kamen nur Tränen, sie stampfte ein wenig auf. Als sie den Arm der
+Florath im Nacken fühlte, wußte sie, daß jene sie mißverstand. Sie schwieg,
+verschloß in sich das Geheimnisvolle, das sie sofort wieder sicher machte.
+Demütigung, Verzweiflung bisher, nichts war umsonst gelebt, sie fühlte, es
+ward klar. Noch machte an der Tür die Florath eine Bewegung mit dem Kinn,
+das rätselhaft herabkam: »Die Welt ist voll Möglichkeiten, reizvollen, wenn
+Sie die Ihren suchen . . .«, die runden Wolfsaugen überglitten sie
+lächelnd, die Hand glitt über ihre Brust. Sie verneigte sich. Auf der
+Treppe ward sie wieder zäh wie vorher. Gelang dies auch nicht, sie spürte
+unbedingt, unauslöschlich die Stimme in sich An der Straßenecke stand Moki.
+Aus dem Laden trat Fribaurt, bedrängte, behing sie mit Geschwätz. Sie log
+ihm Krankheit vor, erklärte ihre Unsichtbarkeit damit, frug ihn, als er
+nicht wich, nach dem Diener. Er schmollte mit den Lippen, verschwand. Zu
+Haus fand sie einen Brief. Er riet ihr, zu Löw zu gehen. Rivale Lewinskys.
+Sie wußte nicht, von wem. Der Goldfischteich glänzte aus der hellen
+Dämmerung. Sie biß die Lippen zusammen über den Eingriff, der in ihr Leben
+kam, der Garten stand geweitet wie ein Flußtal, Fischflossen glänzten
+manchmal weich und rasch.
+
+Der Papagei schrie lang und heiser. Sie kraute die gesträubten
+Haubenfedern. Der Schnabel kreuzte sich, orangen und grün flimmerte es aus
+der Ecke: »Dogo . . . Dogo.« Sie wandte sich von ihm um. Nahm ein gepreßtes
+Buch, schlug es auf. Neben Lewinskys gesalbter Glattheit stand das
+wohlwollende menschliche Gesicht Löws. Es zog sie an. Sie sah auf den
+Boden. Im Garten, sangen Nachtvögel herauf, schwebten ihr mit Wind Flüstern
+entgegen und nassem Buschzeug aus dem Blau. Sie spürte, daß der Brief sie
+gut leiten wollte, zog den Finger aus den Blättern, empfand im Schließen,
+wie es sich in ihr spannte, und daß vor diesem Kreuzweg Ja und Nein des
+Lebens stand. Dann hatte sie etwas plötzlich, was alles vertrieb.
+
+Sie fuhr zu Lewinsky. Er hatte sie einmal besiegt. Zeigte, wie schön sie
+sei. Hinter der Höflichkeit reckte sich seine Macht. Er gab ihr ein anderes
+Buch. Sie wollte es zwingen. »Der Text ist nicht gut.« Ein anderes Spiel.
+Sie wechselte. Sie bäumte sich auf, klar und weitschweifend zu sein. Schon
+kämpfte sie gegen das Unfaßbare, da ging eine Tür hinter ihr, über den
+Spiegel huschte ein Schatten, eine dünne Bewegung. Es löste seine
+Oberfläche auf, er stand in Wellen, wurde tief und voll Horizont. Ein
+Springbrunn kam hereingeplätschert, ihr Mund spürte Blau und Goldregen und
+Baumbewegung. Es kam Geräusch der Ströme. Auf dem Ontario wogten Segel,
+hißten Fahnen, grüßten. Rührung und Hingabe legte sich in die Stimme, ward
+goldhell, posaunengroß, nun erlebte sich alles. Flog an den Drähten hinauf,
+sank zurück ins Blattgepischper. Trug eine Kraft, die schwoll und wuchs.
+Sprach zu den Tieren: Ihr Lieben. Zu den Weibern: ei welche Sonne da. Hatte
+den Ottawa im Traum, den Erddunst in den Nüstern der Vokale. Hatte ihr
+Herz. War voll. War da.
+
+Ihr Auge frug nicht, ihr Mund hatte kein: Genügts? Lewinskys Kopf war
+entblättert. Macht, Höflichkeit, jede Maske war weg. Um die Lippen stand
+eine grausame, bebende Linie. Angst, daß ihm dies entgehe. Er versprach,
+was sie wolle: Erfolg, Geld, Ruhm. Der Spiegelschatten kam aus dem Polster,
+Stefan brachte sie an die Tür, hatte Ersticktes in der Stimme: »Erhielten
+Sie meinen Brief?« Sie zögerte, sah Gesenktes an ihm, der Brief war gut.
+Dann hob sie schmal das Kinn: »Nein«. Er lachte heiser durch die Zähne. Ihr
+Blick blieb verwundert.
+
+Dies war der Durchbruch. Die Arbeit begann. Lewinsky zeigte klug, was ihr
+fehle, wie, was sie in sich trug, nur die Flamme war, die das Gerüst
+entzündete und in die obersten Logen der Erfolge trug. Das Gerüst war zu
+lernen. Sie sah ein, sie konnte noch nichts. Nun gab es nur dies. Von allem
+schnitt es sie ab. Keine Segelfahrten lockten, an keinem Zirkus entzündete
+sich die Lust nach dem Dampf der pochenden Pferdebäuche. Fort gingen die
+Bahnen, die Wagen. Sie blieb.
+
+Die Brauen bogen sich vor Spannung. Das I schärfte, jagte sie in den
+Plafond gegen Dogo, daß er flatterte und es zurückschrie. Das A baute sie
+zu Brücken, weiten Wölbungen, die funkelten vor Kuppelschwung und Material.
+Aus dem O kamen schwingende Trommeln, ferne Gewitterstürze, die erregten.
+Die Leidenschaften der Wälder, das Sichsagen der Leiber brannte aus dem U.
+Die Diphtonge glitten dazwischen. Sie trat ans Fenster, die Hände, die
+Brüste am Gitter.
+
+Ein Lehrer kam, der den ausländischen Akzent abschliff. Nach acht Tagen
+sagte die Zofe ihm, es sei genug. Lewinsky sandte andere. Sie verbrauchte
+viel und rasch. Fand sie, wo sie einhaken konnte, blieb sie zäh dabei. Das
+Regulieren von Zunge und Zähnen, das Siebenmaldurchsprechen der Rolle, bis
+die Figur sich entschälte, das Hartnäckige und Sichere, das war ihr Fall,
+dem blieb sie treu. Ein Lehrer wies ihr die Bewegung im Raum, teilte ihn
+geometrisch, wies ihr die Plätze dekorativ. Stellte ihr die Gebärden, zog
+eine Kurve. Sie sah vorbei. Er stülpte den Ärmel hoch, den Arm auf zur
+Ekstase. Sie machte es nach mit der Linken, die Rechte gähnte. »Wozu?«,
+frug sie Lewinsky mit ermüdeter Schmerzlichkeit. Da brachte er Statisten,
+belebte mit Fleisch, mit Blut das Zimmer, suchte durch Lebendes ihre
+Verwöhnung zu überwinden. Er machte ein Kabinettstück, bezauberte mit
+seiner eigenen Regie, hetzte das Zimmer, die Luft zu Drama. Sie lächelte.
+Sie nahm drei Stühle. Sowie sie aus sich selbst sich bewegte, kam Leben in
+das Holz, ward Aufruhr und Ergebung. Sie entflammte es. Er zog beleidigt
+die Unterlippe ein, grinste impertinent, als sie den Rücken kehrte. Ließ
+sie aber tun, was sie wollte. Überzeugt selbst über seine Eitelkeit hinaus.
+
+Einmal gönnte sie sich Erholung, als Dogo schrie, sie ihn im Hemd mit
+Tintenfischen fütterte auf der Veranda und die Morgenkühle ihr unter dem
+Leinen den Körper hinauf tastend lockte. Sie ritt mit Guildendaal und
+Rotbefrackten eine Allee hinauf. Die Hunde rannten Hasen nach im Gras. Von
+einer Pappelreihe her hob sich ein Staubkreisel, flackte über die Äcker und
+Weiden herbei. Als er die Allee berührte, fingen zwei Drosseln an zu
+schlagen, unaufhörlich. Da wandte sie um, trabte ohne Abschied herum, wie
+im Spiel, kam nach Haus, empfing von rückwärts in die Einsamkeit das
+Durchflogene, gab sich hin an das Wehen der Gräser, das Summen, Vorbereiten
+und dann dem Ansprung des jungen Winds, entfachte sie. Mit glücklichen
+großen Augen und einer ganz beschäftigten Stirn versank sie in die Arbeit.
+
+Besuche nahm sie nicht an. Selbst machte sie keine. Holl, da er Regie
+hatte, traf sie manchmal, doch wünschte sie Tips. Ging sie aus, war es mit
+Freude und Spannung schon auf die Rückkehr, wo die Distanz zur Arbeit sie
+frischer machte, angriffslustiger, heiterer im Spiel. Moki suchte ihr etwas
+zu überreichen, sie nahm es nicht. In einer Gartenstraße schlich ein Mann
+und riß an ihrem Beutel. Das kleine Messer aus dem Gürtel in der Hand,
+begann sie den Widerstand. Doch ließ sie fast im gleichen Augenblick den
+Beutel fahren, steckte das Messer ein. Sie hatte wichtigeres vor, um dies
+zu riskieren. Der Dieb lief. Sie kleidete sich um. Fuhr den Abend ins
+Theater der Florath. Die war nicht da in der ersten Szene. Im Hintergrund
+der Loge bereitete eine Frau sie vor, schilderte ihr Bein, ihren Busen.
+Ihre Laster. Da kam sie wie ein Tier, das Kleid schaukelte erregt um sie,
+als sei ein Abstand zwischen Haut und Kleid. Selbst im Unsichtbaren war ihr
+Körper entblößt. Es war, als säße ihre Seele in den Hüften. Alles strömte
+zusammen da, erhielt dort den Ausdruck der Verhaltenheit, der erregte bis
+zur Stummheit. Sie lächelte einen Mann zu Tod. Er verschwand mit seinem
+blonden Bart. Später dirigierte sie sich gegen einen Slawen mit
+Bauernschultern, an seiner Stumpfheit blieb sie hängen. Schwebte eine
+Herzspanne in der Luft, das Verhüllte knisterte um sie. Sie sog die Sprache
+in sich hinein, hinter dem Marmor leckte schon tosend die Glut. Die
+aalglatte Hüfte stand fast ruhig, sie spielte mit einer Dose. Ließ sie
+fallen. Bäumte, brüllte wie ein Tiger.
+
+Entsetzt, mitten in der Szene ging Daisy. Sie sah, was fehlte. Wie
+unheimlich jene mehr konnte wie sie. Lächelnd stumm in sich hinein, weil
+ihre Inbrunst größer war als die Routine der andern. Sie zog den Schluß:
+arbeitete heftiger, tief in die Nacht, schon gierig auf den Morgen.
+
+Doch war die Nacht auf ihr heißes Decolleté gefallen, die Grippe in der
+Nacht zurückgerollt. Weinend, fiebrig, schleppte sie sich zum Diwan. Da
+stand die Aufgabe. Sie konnte nicht. Die Zofe schellte den Arzt herbei. Er
+frug nach Schmerzen, hielt an langen gepflegten Nägeln das Hörrohr ihr an
+die Brust. Sie delirierte: »Sie kann die Übergänge . . .« Der Arzt neigte
+sich herunter: »Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver.« Abends zur Zofe
+sagte sie: »Nehmen Sie drei.«
+
+Achtundvierzig Stunden wimmerte sie, die Zofe verstand nichts. Am dritten
+Abend schlug sie die Augen auf, besann sich, bekam ein opaliges Licht
+hinein, wies auf ein Buch. Als sie es in der Hand hatte, fiel es ihr vor
+Schwäche heraus. Sie sagte: »Nehmen Sie vier.«
+
+»Es ist zu viel.«
+
+»Ich habe Eile«
+
+Am fünften Tag war Sonne. Am achten kam sie in den Garten. In Zweigen und
+Flüstern bewegten sich sanft und weich die Sätze. Die Melancholie der
+Boskette träumte gold umrahmt vom Mondlicht. Ihr Entzücken entlud sich
+unaufhörlich quellend, gleitend auf einer wundervollen Bahn, der die
+Nachtigallen sich anschlossen, die aus dem abgeschüttelten Schlaf sich mit
+aller Inbrunst entfalteten in ihrer Elegie.
+
+Fand im Garten, wo der Kies lehmig war, Spuren. Folgte mit dem Fräulein.
+Sie liefen durch den Busch zum Eisengitter. Sie zog an den goldgespitzten
+Lanzen. Drei gaben nach, machten ein Loch. Die Lanzetten waren
+angeschraubt. Nachts nun, wenn sie nicht schlief, ging auf der Straße der
+Schritt eines Passanten ruhelos auf und ab. Der Schritt gab Regen und
+Wolkenwind den Rhythmus, hallte, lief ohne Pause. Wo es schwarz war und
+undurchsichtig hinter dem Gebüsch, erschien ihr ein kreideweißes starrendes
+Gesicht manchmal, doch es war in ihr, sie sah es nicht nur draußen. Bei
+einer Pfütze blieb sie stehen, der Regenbogen darüber entführte sie, mit
+geröteten Wangen wickelte sich ihr auf ein Strom von Bildern, die zogen.
+Sie kehrte sich scheu ab. Holl warf das Mädchen an die Wand, stürzte
+herein, in jeder Hand Orchideen, verzweifelt, weil man ihn abwies. Sie
+öffnete die Fenster hinter ihm, das Szenenhafte nahm der Luft die Ruhe.
+Vaudreuil schrieb: Schlug Wechsel ihr vor, baute Pläne auf, was sie sehen,
+nehmen solle. Syg reiste nach Ägypten, kam an den Hafenstädten vorüber. Sie
+konnte mit. Es hob sich schmeichelnd vor ihr, die Schwester und der Bogen,
+der die Ferne einfügte in den Punkt, wo die Sehnsucht in ihr sich staute.
+Sie schluchzte eine Nacht. Dann war es vorbei. Sie ließ einen Hund in den
+Garten setzen, streichelte ihn und führte ihn am Gitter entlang. Die Spur
+ihrer Hände an ihm war noch nicht warm, da war er schon verschwunden. Sie
+empfing Lewinsky nach ihrer Krankheit erstmals, sprach nicht von dem
+Nächsten, der Arbeit, der Hoffnung mit ihm, sondern erzählte ihm, was all
+wünsche, sie zu entführen. Sein Augapfel ward grün, das Gesicht schwammig.
+Sie zeigte ihm die Gartenspuren. Er zuckte die Achseln: junge Leute
+schwärmten für sie. Er erzählte diese Geschichte, jene Geschichte. Erwärmte
+sich Sie sah ihm fest, forschend unter die Stirn. Dann schwamm es weiter,
+dies und alles. Sie warf sich der Arbeit hin.
+
+Holte kleine Kinder, die an Konditoreien die Nase platt drückten, erfragte
+sie, erfüllte sie, nahm die Laute auf. Nahm von der Straße einen Bettler
+herauf, setzte ihn an ihren Speisetisch, wühlte in ihm. »Warum haben Sie
+Furcht?«, frug sie erstaunt. Erregt mit sich selbst redend, machte der sich
+pulde. Sie eilte ihm verständnislos nach, er war schon fern, sprang und
+lief.
+
+Um zwölf Uhr schlief sie ein. Sie hatte Begeisterung auf der Zunge. Um Fünf
+erwachte sie. Alles war blöd und idiotisch. Schlaff sank sie zurück. Um
+Acht erhob sie sich, holte Frische und Lust aus dem Muster des Teppichs,
+dem Ton der Tapete. Im Schwanken erfuhr sie die Grenzen, erfuhr sie den
+Arbeitssinn. Stellte fest, wie weit sie vorkam, wie stark manches sie
+zurückwarf. Sie bemühte sich und erkannte, je näher sie kam einem Ziel, wie
+größere dahinter standen. Ihre Kindheit kam manchmal, rührte sie zu weichen
+Klängen. Manchmal fehlte sie, der Ton ging leer, verpuffte. Hatte sie etwas
+sicher, war es schon nicht mehr von Bedeutung, denn ein anderes hemmte. Sie
+lernte aus jedem Erfolg erst die rastlose Verantwortung, die Verpflichtung
+der Erfolge, das ungeheure kreisende Räderspiel der Kräfte, die sich
+bedingten und steigerten in einer nicht meßbaren Form. Sie sah, daß Ziel
+kein Punkt war und kein Ende, sondern nur Etappe, nur Weg, nur ein Stück
+der endlosen Bemühung, daß die Aufgabe wachse mit der Potenz der Kraft. Am
+Versagen spürte sie, was es bedeute genau wie beim Erreichen: heißer,
+heftiger zu streben. Aber manchmal, wenn nichts den Ausdruck ihr brachte,
+geschah das Wunderbare und Unerklärliche. Von dem Wind, von dem Grastau kam
+es. Von dem Teich stieg es auf die Veranda, vom Himmelabschnitt über der
+Ulme sank es blau und bebend. Da war es. Unverlangt und unerbeten. Es war
+da. Es umflockte sie hell, blau, klar und alles berührend, was sich danach
+in ihr streckte und sehnte. Das war das Äußerste und rauschte sie auf wie
+einen Baum.
+
+Die Leistung atmete sich fort, ohne Gespräch, ohne Leitung. Das Geschaffene
+drang durch die Poren des Raums, durch die Straßen, die Stadt. Die Leistung
+erhielt die Ausbreitung, die Durchschlagkraft jeder Tat. Die Florath lud
+sie ein. Sie ging nicht. Lewinsky bat sie, sie kam. Bei Tisch warf Stefan
+Böhmer, der neben ihr saß, ein Billett zu. Nach drei Tagen erschoß er ihn.
+Das Lächeln, mit dem Böhmer das Papier geöffnet, begleitete sie einige
+Tage. Doch kam sie darüber, leicht, als sie sich bemühte, hinein in den
+Strom, der sie führte und weiterspielte. Erklomm solche Ausdehnung und
+Tiefe in ihm, daß Lewinsky den Schlußstrich zog. Er bereitete das erste
+Auftreten, legte Listen der Geladenen vor. Sie war glücklich den Tag, weich
+durch das Erreichte, spielte mit seinen Gästen, saß mit Holl bei Pharao,
+und, als sich vor Neid ihm die gebrannten Locken lösten, mit Fribaurt bei
+Quarante-et-un. Am Bassin traf sie auf Stefan. Er war versunken. Er hatte
+bis zum dreißigsten Jahr gekämpft, gelebt, zugeschlagen. Hatte die
+Kinnbacken angezogen, war damit über alles getreten, hatte alles sich, jede
+Laune, das Verbrecherische, Wüste zugebilligt. War wie ein Eber nach ihrem
+Leben gesprungen. Doch dieser Zug ging in die Luft. Er traf nichts. Stand
+erschüttert, verzaubert vor dem Widerstand. Sein Leben fiel von der Achse,
+formte sich darunter um, erhielt eine neue Einstellung. Es ging ums Ganze.
+Sein Auge drehte sich, besann sich. Hier war die Entscheidung. Er wollte
+sie erzwingen. Umlagerte sie von allen Seiten, spielte jede Note, die er
+beherrschte, zum Erfolg. Sie sah es nicht. Sie ging an ihm vorüber am
+Bassin. Er holte sie ein. »Ich war der Bettler.« Zerriß ihren Weg. Es war
+spielerisch, was sie unternahm. Sie gab nicht dem Elenden, half nicht dem
+Gestank. Sie durchforschte ihn nur und das war ihm widerlich. Sie trat
+zurück, wütend. Da sah sie an seiner Haltung: es war gut, was er wollte.
+Hinter ihm trat hervor, was er geleistet: er war das Gesicht in den
+Büschen, die Spur im Garten. An seinem Knie rieb sich der verschwundene
+Hund. Sie spürte die Kraft, die auf ihr Ziel eindrang, es formen wollte,
+abreißen, hinüberzwingen zu sich Es kam mit Beherrschung, gezähmt zu Güte
+fast, es machte sie aufsehn, bedenken, es rührte sie, sie reichte ihm zum
+Ausgleich etwas zurück, eine Lüge, einen Trotz: »Ich danke für Ihren
+Brief.« Langsam, leis. Es beeindruckte sie tief, wie er es nahm. Aber im
+gleichen Augenblick war nie der Widerstand stärker gegen das, was männlich
+sie hemmte, den Weg kreuzte. Sie hob sich, fast wild, übersprang es, schlug
+es zurück. Es blieb im Boskett, als sie darüber war. Kühle, Befreiung kam.
+Wie klar die Luft. Weich hingegeben, vom Erfolg und Sicherheit empfänglich
+und aufnehmend gemacht, sog sie Hyazinthen ein, die toll aufdufteten. Da
+sah sie zwischen Lampions einen Mann. Caspare Symes. Der Garten stürzte
+hell mit einer Flut Apfelbäume in die Nacht.
+
+Aus ihrer Brust riß alles mit. Die Knie standen eng aneinander. Alles war
+Bewegung aus ihr hinaus. Nur sein dunkler Kopf kam. Sie nahm ihn auf, in
+die Hände, öffnete die hochmütigen Lippen. Sein Mund war schmal, weich. Sie
+gingen, es gab keine Leidenschaft, keinen Zorn. »Caspare«. Der Garten
+glättete sich in der Lichtwelle. Besinnungslos hing die Minute um sie, kam
+auf sie zu. Alles bot sich an, voll Glück. Die Büsche stiegen in
+dunkelrotem Ring bis zum Goldbogen auf. Die Äste flammten mit einem Netz
+von seidenen Strahlen an den Lauben. Die Schläfen lagen fest aneinander. Es
+kam die Obstflut. Da fielen Blüten ins Gras ohne Pause. Es war der Fall
+seines Bluts, das von der Ader seiner Schläfe herübersprang. Ihr Blut hörte
+auf und setzte in seinen Takt ein. In diesen Bogen spannte sich alles ein,
+das Ende sah sie nicht, aber sie spürte, daß es gegen den Rand ihres Lebens
+hinunter sich neigte. Aber von der anderen Seite kam zum erstenmal wieder
+die Jugend herauf. Unbefangen, ganz das Ohr erfüllt, kam von fern die
+Lawine des Ottava und die Flöße. Der Ontario schliff sich blau mit
+wiegenden Segeln. Dazwischen stand die Sekunde, in der sie atmete, als sei
+sie dem Vergangenen zugehörig. Da fielen die Rosaenden der Blüten sanft
+herab, die Erde wogte mit Wurzeln innen entgegen. Und die Bäume bewegten
+sich nach dem Tempo ihres Atems. So war durch das Blut, das zusammen floß,
+diese Zeit und die andere vereinigt. Das unbefangene Glück der Kindheit zog
+an diesem Glück, zog es hinüber, als sei es abgeklärt, schön geworden und
+still. Sie schloß die Augen, ein Arm faßte fest um ihre Brust.
+
+Sie wimmerte, stieß den Fuß auf, beugte den Leib nach vorn, zog ihn zurück,
+drückte den Nacken ein paar mal zum Rücken. Dann riß sie sich los, öffnete
+die Lider, lief den Kiesweg hinauf, das Tor. Sie sprang in den Wagen, der
+zuerst stand. Ein lahmer Klepper. Sie weinte, brüllte in das Tuch des
+Kleids. Der Horizont war angefüllt von einem Donner: Caspare . . . es würde
+klingen bis in die letzte Süßigkeit alles, was noch kommen konnte. Sie
+hielt nicht an, fuhr weiter. Ihr Garten kam. Ihr Zimmer. Die Onyxschale mit
+den drei Kugeln, es stach stumm wie von Augen nach ihr. Der Park grollte
+den Wipfelwurf ihr zu: den Namen. Die Spiegel fauchten ihn ihr zu. Sie
+zuckte die Schenkel, legte die Stirn ans Glas. Verloren. Bis in die
+Todesstunde nicht einzuholen. Sie lächelte: es war nicht gewesen, war
+drüben vor sich gegangen, wo alles lag, was schön war, sie befreite, die
+Jugend. Bis in das Ende des Haares, bis in die Höhle der Achseln empfand
+sie: dies war das Höchste, ihr Glück. Träumte sie es zurück, lag
+tausendfach Geschichtetes dazwischen. Noch unerreichbar, Arbeit und
+Erlösung und Bemühung lagen vor die Möglichkeit allein geschichtet.
+Irgendwo wie ein Lichtkegel öffnete diese Sekunde die Ruhe, das Später,
+oder vielmehr das Zurück, den einzigen Glückszustand, als die Ströme das
+Kind umrauschten. Es war so weit, daß sie die Sekunde kaum noch mit dem
+Bewußtsein erreichte.
+
+Sie stellte drei Stühle auf. Gab jedem einen Partner. Erhob sich daran,
+aber mußte sich bald unterbrechen, denn die Tränen kamen mit einer wilden
+Wucht, die sie umwarf. Sie lag nur und weinte. Erst nach Stunden, gegen
+Morgen, gewann sie die grausame Ruhe, die nötig war zu solchem Gespräch.
+
+ * * *
+
+Das gab Öl in die Sätze, Mark in das Wort, die große Kraft in die Bewegung.
+Das machte einen Boden, aus dem das Spiel der letzten Tage reif und sehr
+süchtig schoß. Sie probte den Tag vorher, in einer saftigen Linie lag der
+Akt. Sie war gefüllt mit Zufriedenheit, ohne Triumph. Am Abend kamen ihr
+die Köpfe des Parketts wie ein Strudel entgegen. Sie ging vor ein Bild, vor
+einen Boudoirtisch, nahm die Puderquaste, ihr Körper rauschte sehnig und
+voll gedrängtem Saft. Als sie zu sprechen begann, verließ sie etwas.
+
+Sie starrte in den Raum, faßte sich, sprach weiter. Sie ließ den
+Silberstift, das Spiel ging nun in Tragödie. Sie machte den Aufschwung.
+Aber unter dem, was geschah, hörte sie dumpf, daß ihr entflog, was sie
+suchte. Der dunkle Ton, der Erguß, das selige Gefühl des Hingegebenhabens
+in die Worte . . . es fehlte. Sie suchte. Fand es nicht. Die Stimme flog
+voll Schmerz, aber das Blut spielte nicht mit.
+
+Sie wartete, verzweifelt. Sie zwang es. Ging auf und ab, ganz neu und
+unerwartet. Warf Worte ein, die der Text nicht hatte. Die Taille verjüngte
+sich zu einer Wildheit, die die schmächtige Szene anriß und dehnte. Die
+Souffleuse hustetete, verwirrt. Ihr Bein stand federnd, abgezeichnet im
+Kleid, ins bleiche Gesicht des Partners drang sie vor, zerstörte es. Brach
+mit Leidenschaft ein in das schwankende Schicksal, die die Gefühlshöhe
+erweiterte, ihren Ausbruch und die Dichtung abhob. Grenzenloser wurde unter
+ihr das Leere.
+
+Dabei spürte sie, ihr Spiel war gut. Augen hefteten sich gefesselt daran.
+Atmosphäre der Erregung band sie an das Parkett. Es genügte nicht. Eine
+Traurigkeit, die ihr Bewußtsein nicht traf, da es spielte, das es ahnte
+aber, wölkte wie unter ihren Füßen herauf. Sie brachte es fertig, nebenher
+zu denken, zu wünschen und herzurufen, was die Inbrunst wecken konnte. Was
+ihr Schönes seither gegeben, Zärtlichkeit, Pa und Syg und Brown und das
+Porzellanschiff. Es blieb entfernt. Ihr Gehör verdoppelte sich, sie vernahm
+sich selbst. Ihr Auge schärfte sich, sie sah sich spielen. Das Bewußtsein
+spaltete sich, war nur zur Hälfte beteiligt. Da spielte sie. Dort sah sie
+Köpfe, beschaute es müßig: Die Florath, vorgebeugt, der Kopf eine schamlose
+Entblößung. Fribaurt mit weibischem Lächeln gebannt an ihr Bein.
+Guildendaal, über den Favorits Froschaugen, Holls nervöse spielerische
+Stirn. Sie sah, sie hatte sie im Bann. Doch sie selbst, sie selbst . . . Es
+sank ab vor ihr, verschwand in der Tiefe. Ein Riß ging durch sie, doch sie
+verstand. Sie spielte die Szene zu Ende, sie steigerte sich, schmiß die
+Effekte, sah den Erfolg in der Pupille der Florath. Aber in einer
+Traurigkeit, die ihr Herz erreichte, wußte sie, es genügte nicht. Der große
+Ruf versagte. Es war vorbei.
+
+Was war ihr Beifall? Erfolg? Nichts drängte sich dazu. Sie wollte, daß ihr
+Spiel ihr inneres Wesen erfülle. Daß sich darin restlos und ohne
+Sehnsuchtsrest ergieße, was sich aus ihr hob und senkte, was sie gegen das
+Meer getrieben und darüber geführt. Sie suchte, daß es in ihr klar werde.
+Nicht daß sie nach außen Wirkungen leiste, deren Sinn sie nicht faßte. Dies
+war ohne Bedeutung. Es zählte nicht. Und nun begriff sie, daß nicht zu
+zwingen sei, was vor den Menschen sich versagte. Es war das Wunderbare, das
+aus der Mondnacht, am Fluß und aus den Büschen manchmal schwankte und sie
+erhob bis an die Spitze der Sehnsucht. So umflog es sie. Aber sie hatte
+keinen Teil. Was in rollenden Kreisen sehnsüchtig, lockend und treibend vor
+ihr sich schwemmte, das war noch nicht gefüllt. Doch dies da war nicht der
+Weg. Umsonst. Vorbei.
+
+Es stürzte ab mit jähem Ruck. Wehmütig kam es, für was sie sich bemüht. Das
+Erwachen am Morgen, die Seligkeit des Schaffens, die Befriedigung und der
+Stolz. Es war noch nicht am Ende. Irgendwo lag es, noch unfaßbar. Blieb ein
+Zwiegespräch zwischen ihr und der Ulme. Weiter nichts. Kein Ziel, keine
+Erfüllung. Ein Irrtum der Weg. Verworfen. Was erfolgreich daran war, hatte
+für sie keinen Sinn.
+
+So entzog sie sich dem Beifall, entriß sich den Menschen, sah Lewinskys
+gerötetes Gesicht, kam durch den Seiteneingang ins Vestibül, auf die
+Straße. Ging weiter. Menschen quollen aus Toren, Gehsteigen, Häusern.
+Hindurch. Sie hielt nicht. Es röchelte neben ihr. Ein Pferd. Sie strich ihm
+über die Stirn. Ein Licht schien grell heraus. Im Spalt saß ein Paar, sie
+weinte, er senkte den Nacken. Die Steife blieb um ihren Mund. Dennoch
+empfand sie, daß sie mit nichts tiefer verbunden als diesen beiden. Ein
+Strom faßte sich an von ihr zu ihnen. Und zurück. Eine Sekunde empfand sie
+den Anschluß, das Mitleid, es löste sie fast aus. Doch es währte nur kurz.
+War noch nicht so weit. Eiskalt vor Schmerz ging sie weiter, bis an den
+Rand gefüllt mit sich selbst, verschlossen wieder. Sie hatte einundzwanzig
+Jahre, die Brust war herrlich, der Körper braun, schlank, schön. Sie begann
+zu laufen. Alles fiel von ihr ab. Nur der Geruch ihrer Möbel, die Wände
+ihres Zimmers lockten, waren da, waren ein Punkt, der stützte, wohltat,
+barg. Im Vestibül saß das Fräulein und stickte. Sie hielt kurz an bei der
+Pforte. Dann ging sie langsam auf das blonde Geschöpf zu, fiel hin, tat den
+Kopf in ihre Knie. Die Schultern zuckten.
+
+Das Fräulein saß da, die Beine auseinandergerissen. Das Gesicht von nichts
+tief gezeichnet, blöd und sinnig, an dünner Sehnsucht erstickt. Sie war
+übersehen im Leben, zu einem Bündel gemacht, das Mitleid umspülte,
+Verachtung, kleiner Lohn. Kompost für Überfluß, häßlicher armer Lappen.
+Badete nicht täglich, war schlecht gekleidet, roch nach Korsett. In ihrem
+Gesicht entbrannte ein Staunen: »Auch sie muß weinen.« Dumm sah sie in die
+Luft, stierte, faßte es nicht. Doch vom Elend einer Kreatur gereizt,
+gerührt, beginnt der ganze Erdball aufzuzucken, mitzuleiden. Sie heulte
+nicht. Es ging in die Hände. Die strichen sehr zart über den Kopf zwischen
+ihren spitzen Knien. Falteten die Strähnen auseinander, legten alles von
+ihr selbst Vernachlässigte, Versäumte in die Bewegung, flochten Zöpfe,
+berührten das Haar als seis ein Kind. So kam die Liebe über sie. Die Zunge
+machte einen Ruck, machte den Zug der Nurse, schnalzte, wiegte die Hüften,
+summte: »Do . . . do . . . do . . . Daisy.« Pfiffs auf den Zähnen. Eine
+Sehnsucht gebar sich riesengroß. Wollte gern ihren Backen an Daisys Wange
+legen. Aber rührte sich nicht, obwohls nie heißer in ihr gezündet. Wagte es
+nicht. Tat es nicht. Sie brachte das Mädchen hinüber, machte Licht, zog es
+aus, legte es ins Bett. Löschte das Licht. Morgens fuhr Daisy ans Meer.
+
+ * * *
+
+Windstille war. An den zweitausend Metern Grundschnur fuhren Kähne raus,
+man zog die Angeln an, warf die Kabeljaus ins Boot. Zwei große Ewer hielten
+die Schleppnetze ein, ließen Bramsegel vor den Wind fallen, kamen gegen
+Land, hochgeschwebt. Seeschwalben überjagten Steingebröckel, zuckten am
+Wasser, hakten mit gebogenen Schnäbeln: griä. Jüns hielt eine geschwollene
+Aalmutter in der Faust, drückte den Bauch, spritzte durch den Eiergang
+junge Zentimeterfische, eins nach dem andern. Sie waren durchsichtig und
+quallig, ein Darm ging durch und Aderfäden. Sie lachte mit ihm. Wind ging
+den Abend los, pfiff leis, klatschte an, strudelte schon hundert Meter hohe
+Pfeifen und Rollen. Krebse schoben über Miesmuschelkolonien, rolzten,
+ballten sich, schossen hinunter. Regenpfeifer sausten über den Sand.
+Hahnenfuß und Binsenkraut verschlangen sich Die feigen Sturmvögel
+klatschten sich an Häuser und Raine. Strandnelken und Butterloch knallten
+gegen Dünengras, die Weidenstümpfe. Die Wimmermöve schlägt an, der
+korallenrote Schnabel fliegt vor dem samtdunklen Kopf, ehs dunkelt hört
+sich nur noch ihr Schrein: gräik . . . gra . . . ik. Das Meer steht toll
+verliebt die Nacht vorm Gedün, dehnt sich und schlägt hinten am Horizont
+sich fest, beißt dann ans Land, türmt sich haushoch davor. Die Bäume im
+Binnenland liegen platt am Boden, die Amseln haben sich verkrochen in
+Mauslöcher und Ritzen. Die Keller stecken voll Fledermäuse. Das faulende
+Leberzeug der Maischollen duftet weg. Die Fenster sind geschlossen,
+Kugelblitze laufen über die Dünung, die weißkochend vor dem zerwühlten
+Meerbauch hängt. Daisy legt sich. Die Nacht spielt das Getös geil mit ihrem
+Bein, ihrem Ohr, treibt in ihr Blut. Die Kiesel knirschen draus ineinander.
+
+Von einer hellen Flamme ist der Tag aufgerissen. Es ist der Wind, der blau,
+böig, bleibt. Es gibt Lärm, Stimmrufen. Ein Schellfischkahn, der getrieben,
+will beilegen. Es gelingt nicht. Sie stehen mit hochgekrämpten Hosen bis an
+die Hoden im Wasser, schreien und hantieren und es wird nichts draus. Sie
+kämpft sich durch den Wind gegen das Meer runter. Sie kommt durchs Getümpel
+noch geschützt, muß aber Schuhe, Strümpfe zurücklassen. An den Erlen hängt
+das Wassermerk fest, Berle und Hahnenfuß liegt klatschnaß. Im flachen Sand
+faßt der Wind sie, reißt unter die Röcke, nimmt sie vor, gattet sich an
+sie, schont den Busen nicht. Sie läuft gerötet durch die Tümpel. Taufrösche
+verschwinden schweigend, murren, grunzen hinterher. Feuerkröten wie aus
+einer Glasglocke donnern: ku . . . uh, lassen die angewachsene kreisrunde
+Zunge auf dem Paukenfell schlagen. Wasserläufer gleiten wie auf der Eisbahn
+über die Pfützen, in denen Flohkrebse, Steinsack, Laich liegt. Sie steigt,
+hält sich an Gras, versinkt im Sand, hält sich an Hahnenkamm, gelber
+Stranddistel. Wie sie den Kopf über den Damm hebt, kocht das Meer, rast
+drauf besinnungslos unter ganz blauem Himmel. Sie steigt gänzlich hinauf,
+bekommt einen Windschlag, springt hoch, lacht, fällt um, rollt zurück.
+Triebsand rutscht nach, verschüttet Knoblauchkröten unten, die wie Katzen
+jammern, sehr bunt waren. Eine Möve ist vom Sturm erschlagen worden. Zwölf
+Federn am Schwanz, die Brust pelzig im Gefieder. Der Wind hält durch, kommt
+jetzt vom Land, stößt das brüllende Wasser zurück.
+
+Jüns wirft eine Muschel hin. Sie haben in dem Fischhaufen, Makrelen,
+Goldbutten, Affheringen, Schollen Aufruhr bemerkt, einen Seewolf mit
+grünlichen Jungen im Tang entdeckt. Voll rasender Wut wirft er sich, mit
+dem Schwanz hauend, herüber, beißt knackend die Muschel auf. Die
+Fischhaufen laufen schwammig aus, kriechen zum Strand und blenden mit den
+Schollenflecken. Die Milcher strotzen von Samen, die Weiber haben den Bauch
+voll Eier. Das Schellfischfleisch ist heller und weißer als das Fettbraun
+der Dorsche. Frauen heben den aufgestülpten Arm aus den Bütten. Kinder
+schmeißen die Körper in Kästen, hängen die Eingeweide an Angeln, fangen
+unter Wasser andere damit. Der Wind läßt nicht nach. Die Seeschwalben
+taumeln in Rudeln hoch. Der Strand ist freigeblasen.
+
+Die Männer stechen draus Butten, Jungens hüpfen von Tümpel zu Tümpel und
+sammeln auf. Im Sand ist in der Ebbe viel geblieben. Froschkraut tastet
+wieder nach Grund, zuckt die Wurzeln zum Boden. Sattelmuscheln liegen fest,
+Wandermuscheln und wie Eier Steinbohrer. Das Wasser hat sich so gesenkt,
+daß die Pfahlgruppen von Ellern mit unsichtbaren Gärten auftauchen, von
+Miesmuscheln im Gezweig bedeckt. Schon fahren Kähne, die die Bäume
+aufzuziehen. Ein Taschenkrebs hängt an einem Rogen, schmaust, die Asseln
+zappeln da und dort. Das Riedohr stellt sich. Dahinter brummen die Kühe,
+die Körbe voll Kabeljauköpfen aufgeschüttet riechen, kauen und fressen.
+Schon stehen Segel drauf, Leberblumen fachen sich an, werden hell, trocken
+und sinken zurück. Sie geht nun durch Tang, Linsen. Seegras dörrt
+losgerissen unter der weiß und hoch stehenden Sonne. Sie kommt um die Düne.
+Nun hat sie weißen Sand unterm Fuß, der braunrosa sich eindrückt. Moosenten
+fallen hinter ihr ab. Auf den Granitklippen stehen blau und rot Gerüste. An
+Schwänzen hängen Fische in Bündeln daran, klinkern singend im Wind. Sie
+kommt an die Nehrung, muß steigen, fällt. Der kleine Schmerz macht sie
+irgendwie verrückt. Sie macht die Arme weit auf, preßt sie an die Seiten.
+Lachmöwen gauzen los. Eine Sturzentenschnur, blaugrün und weiß rauscht auf,
+zischt noch fern: rädzsch -- -- -- räb . . . wek. Da steht alles voll
+Tümpeln. Im Schlick lauern eingebuddelte Klieschen auf die Flut. Die
+flachen Bäuche wackeln im Flugsand. Die nach oben verschmitzt stehenden
+Augen zucken mit der Stikhaut, verschleiert. Sie kniet, schaut hinein: sie
+sind grau. Ihr Auge fällt in sie zurück. Sie hält das Tuch darüber: sie
+sind weiß. Die Uhr: sie sind gold. Hinter ihr gehen Raben herunter, hacken
+sie auf. Landkrabben nehmen Deckung, graben sich im Sand vor, greifen mit
+den Klauen die Sandhupfer. Sie lacht. Ein Faß steht da und Jüns mit
+Merlans, weißblitzenden Bäuchen. Hinter der Bucht liegen Raubschwalben, wie
+nachts, betäubt vom Wind mit ausgebreiteten Flügeln im erwärmten Sand. Nun
+stoßen sie hoch. Alles schwebt nachher, auch das Wasser schwebt in der
+Sonne, die es wie von unten her hochschaukelt und hält. Es wird groß und
+unermeßlich am Knick. Wie sie es so sieht, zum erstenmal wieder, ist sie
+klar und frisch. Gleichgewicht durchbricht ihren Aderngang, die
+Enttäuschung ist weg, der Wind war an ihr, hat in den Saft gegriffen. Die
+Warzen tun ihr weh. Sie neigt plötzlich sich zurück. Was an Hals zum
+Vorschein kommt, ist heller wie all andere Haut an ihr. Sie faßt hinter
+sich einen Baum. Der Rücken lehnt daran. Schon tritt der Saft, der nach
+oben rauscht, in ihr Blut. Die Hüften fangen an, eine Bewegung zu bekommen,
+werden entdeckt, glühen etwas. An der Schlankheit des Baums wie an einem
+Tierrücken gleitet sie ab in den Sand, die Knie geöffnet. Die Sonne schlägt
+ihr in den Leib. Die Schenkel biegen sich lang und schön, als schliefe sie.
+Sie zittert, etwas ist freier geworden, entschwebt, durchbrochen am
+Horizont. Himmel und Meer haben sich vereinigt, wölben sich herüber. Sie
+springt auf und lacht, die Haut ist glatter geworden, das Auge von innen
+her feucht.
+
+Sie fährt zurück, findet den Wagen nicht, nimmt die Tram, steigt aus, um
+den Rest zu Fuß zu gehen. Auf diesem Stück Trottoir sieht sie von einer
+Menschenmenge vorbeigespült, in ihr langsam wandelnd, Caspare Symes. Sie
+bleibt angedonnert, wiegt den Kopf hin und her, als sei sie alt geworden.
+Dann reckt sie sich, fährt um, ihm nach. Sucht ihn zu erreichen. Sie bohrt
+sich durch, hört Schelte, Wut, sieht den Schirm, den eine Frau nach ihr
+sticht. Sie kommt näher, kann seine Schulter fassen. Alles an ihr ist
+durchblutet, entfacht. Da läßt sie die Hand sinken. Es fehlt ihr die Kraft
+mit einemmal, ihre Bewegung wird armselig, er aber wächst und steigt
+maßlos, daß sie erblaßt. Sie findet den Mut nicht, jetzt das zu fordern,
+was sie überging, als sie noch erstrebte, was sie nun abgeworfen. Es geht
+süß durch sie hin, während sie stehen bleibt. Sie tut eine große Tat, indem
+sie sich nicht rührt, fühlt sie im Blut; was sie opfert, erhebt sie. Sie
+nimmt etwas auf sich, während ihr Auge dunkel wird. Sie bleibt immer
+stehen, sieht ihn zum letztenmal für immer, weiß daß dies das Höchste ist.
+Er biegt um einen Wagen, betrachtet einen Erker, geht über die Straße, ist
+verdeckt. Taucht auf zwischen hellen Mützen, dann dreht er ab. Mit einer
+unnachahmlichen Bewegung des Halses zieht sie die Linie nach, als er um die
+Ecke geht. Dann ist es vorbei.
+
+ * * *
+
+Sie stellte den Fuß in die Schnur des Vogelbauer und hörte zu. Zuckte die
+Achseln. Sie wollte nicht. Als Lewinsky sie bedrängte, drehte sie um, ihre
+Ringe klirrten. Die Karte der Florath wies sie ab. Sollte sie am Neid der
+Wolfsaugen sehen, wie sehr diese sie fürchtete? Vom Tisch entfernten sich
+Bücher und Rollen. Mit diesem Tag verschwand das all. Einen Augenblick
+kreuzten sich ihre Blicke mit denen des Fräulein. Ein rascher Blick suchte
+in ihren Wärme, klatschte ab. Daisys Augen wurden schmaler, visierten die
+Schleife ihres Schuhs. Dann frug sie, das Fräulein stammelte. Ging hinaus,
+kam wieder, legte ein Blatt auf den Tisch. Es war Dienstag. Daisy schrieb
+einen Brief. Dann legte sie das Blatt der Gouvernante beiseite, hob es
+wieder, als röche sie daran. Ging hinaus in den Garten. Donnerstag früh kam
+Le Beau. Am Abend besuchte er sie wieder. Als er ging, löste sich ein
+Schatten im Garten, er pfiff. Der Schatten bewegte sich hinter ihm. Freitag
+brachte er sie aus dem Theater, half beim Aussteigen, steckte den Schlüssel
+ins Gartentor. Als sie sich umdrehte im weißen bauschigen Mantel, küßte er
+sie mitten in die Brust. Er machte dabei einen kleinen Schrei, sein langer,
+katzenhaft geschnellter Körper riß ihren mit allen Muskeln in seinen
+hinein. Der Nebel dampfte um sie, abenteuerlich durchschwammen Gebüsche den
+Laternenschein des Wagens. Langsam und wild wogte ihr Leib gegen seinen,
+sie seufzte, schrie ein wenig, aber heiser. Auf dem Parkweg lag Dunkel.
+»Ich bekam heute deinen Brief«, flüsterte Le Beau. Sie verstand ihn nicht.
+Er war durch Zufall gekommen . . . Er wies auf den Schatten, Moki. Er hatte
+ihn hergegeben, selbst Fribaurt, sich schüttelnd zwar, aber er war so nie
+ohne Tip von ihr. Sie schloß die Lider, sah doppelt, schwankte, warf sich
+über ihn, zog mit den zarten Schultern den Kopf herunter, fand seinen Mund,
+öffnete ihn.
+
+Nachts sah sie, im Traum, einen Mann. Der kam aus einer engelhaften
+Beleuchtung. Trat heraus, machte eine Bewegung, die ihr wehtat, aus dem
+Herz was herausriß. Es ward leer in ihr, Traurigkeit schwemmte sich hoch.
+Sie fing im Schlaf an zu weinen. Er sah sie zornig an, sie ertrug diesen
+Blick nicht. Er sah aus gleich einem Skandinaven, gescheitelt, blond, mit
+einer jungen gefurchten Stirn. Es fehlte nicht viel, er ähnelte Symes. Das
+machte ihr sofort Ruhe, sie schlief weiter, wachte aber über Tränen auf. Le
+Beau lag neben ihr. Ihre Hand an seinem Mund. Er streichelte ihr Knie, den
+Muskel des Schenkels, der sich straffte, als sie das Bein aufstellte. Er
+küßte ihre lange braune Hand. Küßte jeden Zwischenraum der Finger, hing an
+jeder Hautphase, sog sie an, als stürbe er mit ihr, löste sich kaum von der
+Pore hier, der Pore da. Küßte Kreise um die Gelenke, legte den Knöchel
+wunderbar damit frei, umflutete ihn mit den Lippen, empfing ihn dann im
+Mund köstlich und rasend erregt. Wo sie Flaum hatte, blieb er, es strich
+seine Haut, er atmete schwer, flocht ihn um den Finger. Über den Leib glitt
+die Hand hoch, machte die Schwebung mit, die unerklärlich schön hinauflief,
+blieb an den zärtlichen Hügeln. Berührte wirbelnd mit dem kleinen Finger
+die Warze, sie spürte die Zunge. Das Zittern nahm ihr den Atem, sie stieß
+die Luft fest aus, und nun kam ihr Leib an seinen, entgegengeflogen, die
+aufgelösten Gelenke suchten Schutz an seinen. Ihr Blick brach, sie sah nur
+noch sein Bild unter dem Lid. »Sprich«, flüsterte sie. Es war zuviel. Er
+schwieg. Die Lippen trafen sich, bleich, wortlos. Sein Körper, ohne viel
+Fleisch und groß hingelegt, wie ein Römer, spielte auch in der Ekstase
+achtungsvoll mit, ward lasterhaft und verehrte zugleich. Die Küsse reizten
+sie langsam, wie er sie setzte. Sie verlor die Besinnung, blieb länger
+unter dem Bewußtsein, als er wollte, er küßte sie wieder heraus, preßte den
+Zahn in die Weiche, sog und fuhr mit der Hand die Rückenwirbel herab. Sie
+stürzte höher ins Unerträgliche: »Mehr«. Sein Kopf glühte zwischen ihren
+Knien. Seine Hände suchten ihren Rücken herunter, hielten das schmale
+Becken hoch. Ihre Haut ward nicht feucht, glättete sich unter den
+Umarmungen, dehnte sich so, daß er daran glitt wie an einer Frucht. Sie
+wimmerte nur noch, die Lenden zuckten. Da nahm er die Sehnsucht von ihr.
+Sie lag dann still, nur manchmal erschüttert von Schauern, die abflogen.
+Das Silber der Bürsten, der Draht der Ampel kamen in die Glückseligkeit.
+Die Vögel der Tapete musizierten paradiesisch durch die Seide, sie
+lächelte, drehte seinen Kopf dahin und streckte Wange an Wange, die Hände
+danach aus. Er flocht seine Kragenspange in ihren Flaum. Langsam begann er
+entzückte Dinge. Sagte über ihre Brust Vergleiche. Die schwarze kleine
+Warze der braunen Brust entflammte ihn wieder. Sie lauschte atemlos. Er
+erbebte unter seinen Worten, seine Hände entzündeten sich daran. So nahm er
+ihr Kinn, ihr Knie und genoß es mit den Augen, mit den Fingern. Durch die
+Dämmerung griff er aus der Schale eine der drei Kugeln, rollte sie über die
+Wade, die Bucht an der Lende, zwischen der Brust bis an das Ohr. Von da
+führte er es an den Mund, sie schluckte die Kugel. Er grub sie mit der
+Zunge heraus, küßte sie, steckte sie in die Tasche seines Pyjama. Der Wind
+warf die Gardine ein wenig auf, der Wind kam herein, malte dunkle rote
+Schatten auf die Bronzehaut. Sie erzitterte. Die Frauen ihres Geschlechts
+hatten die Steine alle vor ihr getragen, es gab eine Lücke im Hirn. Da kam
+seine Hand, suchte, liebkoste. Sie fiel zurück, stöhnend. Die Hand gewöhnte
+sich an eine Stelle des Fußes, strich weiter, blieb in der Mitte des
+Körpers. Die schlanken Hüften erbebten, hoben sich ein wenig. Ihm entgegen.
+Die Welle ging über sie.
+
+Ein einzelner Baum stand wie Glas im Sternlicht, dann aber schwellte eine
+helle Flut heran. Sie zog den Kimono um den Hals fest. Die Terrasse bog
+sich mit den Stufen entgegen, krampfte sich unter dem Licht, was
+herauftrieb. Nun fiel das Tor zu. Sie schwenkte die Ampel noch einmal. Ging
+zurück, warf ihm eine Klavierwelle nach.
+
+Die Sonne ging höher. Die Untergrundbahn rollte durch schmale Korridore.
+Sie empfand Le Beau durch die Körper, die sich zwischen sie keilten. Die
+Schienen gleißten stahlweiß, verschwanden. Die Türen knallten. Die Körper
+standen reglos aneinander gebäumt. Da sah sie in Stefans Gesicht. Er grüßte
+mit den Augen. Sie hörte seine rauhe Stimme gedämpft reden, aber es war zu
+weit, sie verstand sie nicht. Rückte gequält den Kopf zur Seite. Wie ein
+Vogel. Magnetisch wie eine Viper holte er ihn herum. Er hatte einen Koffer,
+einen Mantel, die Stirn flackerte. Er machte Zeichen. Sie verstand sie
+nicht. Die Station kam. Nun wuchs sein Kinn, strebte auf sie zu. Es gab
+keine Hemmung, der Gartenabend hatte ihr Leben irgendwie gebunden,
+aneinandergelegt. »Geben Sie . . . Geld.« Sie nestelte an der Tasche,
+drängte sie gegen ihn, er faßte sie. Der Wagen hielt an, Er brach sich die
+Schulter frei, der Ruck warf ihn brutal herüber. Nahm es mit allem auf. Ein
+Mann stand noch zwischen ihnen. Rasch: »Leben Sie wohl!« Sie ward verwirrt
+über ihre Kühnheit. Im Vorübergehen hörte sie seine Stimme, aber entfernt:
+»Es geht eben schlecht. Ich sehe Sie wieder.« Als der Zug anfuhr, sah sie
+durch die Scheibe, daß er, draus auf dem Perron vorwärts strebend, bleich
+war. Er sauste ab. Hinunter. Le Beau riß es hoch zu ihr. Sie zuckte ein
+wenig die Achseln. Ihr Ohr vergaß aber nicht, was der andere gesagt, ihr
+Auge nicht, wie entfärbt er war. Dann drehte sie sich herum, glitt auf
+Claudius zu, es war leer geworden.
+
+Er brachte ihr Katzen, sie behielt eine. Sie spielte mit ihr im Garten. Zog
+einen Strich, rief, sie sprangen beide über das Hyazinthenbeet. Drüben, im
+Sprung, fing sie das Tier wieder auf. Es legte sich an ihre linke Brust,
+hielt sich mit den Pfoten am Schlüsselbein und reckte sich in die Kurve der
+Weiche. »Anjá«, rief sie, fuhr mit der Hand blitzschnell gegen den Strich
+durch das elektrisch aufschäumende Fell. Das Tier bäumte den Rücken, daß
+Vorder- und Hinterfüße nebeneinander standen, sah in die Luft, mit
+gerecktem Schweif. Laue Schatten lagen um die rostbraun fallende Sonne,
+Raben standen zwischen unruhvoll blauen Wolken.
+
+Anjá sprang auf die Schulter, von dort in einen Baum. Gegen jeden außer
+Daisy ward sie feindlich. Sie tauchte auf, sprang, man sah sie nicht.
+Steckte den Kopf in den Lichtschein um ihr Haar, legte die Schnauze auf den
+Brustansatz. Aus dem Horizont kamen schwarze Punkte, ruderten herauf,
+begannen rauh zu schreien. Daisy gähnte, hielt Anjá nieder, daß sie nicht
+fauche, die auf ihrer Hüfte sonnte. Le Beau stand vor ihnen. Ein Hauch
+schoß in ihre Haut. Sie sprang auf, gab ihm rasch die Katze hinüber, gab
+ihm das Warme, das das Tier von ihrer Lende noch an sich trug. Die Nüstern
+schwebten nach außen. Anjá sprang zurück. Sie sah sie bös an, warf sie
+zurück an Le Beaus Brust. Das laue faule Treiben der Natur um sie, das
+scholl und geschah und sie umkreiste, schwang ab. In den Kreis war Blut
+getreten, ihre Schulter hing untrennbar an der Le Beaus.
+
+Mittags querte sie einen Platz, kein Mensch ging durch die Glut, dünne
+Bäume wagten keinen Schatten, ausgedörrt, elend, daß Hunde nicht einmal sie
+näßten. Der Kies und Sand flimmerte trocken und müd. Plötzlich sah sie eine
+Figur, ein Gesicht. Es schien auf sie zuzugehen, ja fast in sie hinein. Sie
+wich aus. Sah sich um, in der Mitte des Platzes ging eine Frau, sonst
+niemand, da kam der Mann wieder auf sie zu aus der anderen Richtung, ging
+an ihr vorbei. Sie sah ihm nach. Langsam, den Kopf gesenkt, schritt er auf
+die Bäume zu, er hatte sie nicht gesehen. Es war das Gesicht des Traums.
+Ihre Augen drückten sie, als seien sie von Blut überfüllt. Sie stieß den
+dünnen Stock in den Sand und sah rasch auf. Der Mann war echt. Ihr Schreck
+hatte ihr eine Vision gegeben. Sie zuckte die Achseln, spürte die
+Müdigkeit, die voll und groß abschwemmt, von der Nacht her. Schlief ein den
+Abend, aber im Augenblick, wo der Schlaf den Halbtraum abtrennt und
+hinunterreißt, standen die Augen des Skandinaven über ihr, quälten sie.
+
+In der Dämmerung wachte sie auf. Die Vorhänge bogen sich auseinander. Le
+Beaus Kopf, sein Knie standen in der Morgenleuchte, er lachte, sprang
+herein. Er näherte sich ihrem Bett. Sie zitterte unter der frischen Luft.
+Er kam geschmeidig über den Teppich. Sie zog die Beine herauf bis unter die
+Brust. Aus seinem Mund kam so viel Frische und um die Raubtierzähne lag das
+Rosa des Fleisches so fruchtreif, duftend und voll schönem Saft, daß sie
+daran alles vergaß. Er hob sie mit den Kissen auf, schwebte sie schaukelnd
+hin und her, setzte sie auf den Diwan: »Sie werden auf die Zofe verzichten
+müssen.« Er schloß das Strumpfband an ihr Korsett.
+
+»Was ist?«, frug Daisy, in Strümpfen und einem Beinkleid, das großfaltig
+mit dünnen zahlreichen Plissees ihre schmalen Hüften umzischte. Sie
+bürstete das Haar zurück, die Muskeln liefen aus dem Arm in den Rücken mit
+einer Kraft und Grazie wie Meer. Er hob den Mund in die freie Achselhöhle.
+
+»Auch auf das Bad.« Er lächelte und stieß den Löffel in den Schuh. Er pfiff
+leise vor sich hin, suchte im Boudoir den kleinen Koffer, wählte in ihren
+Strümpfen, Dessous, warf zwei Necessaires hinein. Der Geruch der
+aufgewühlten Sachen erfüllte das Zimmer. »Wohin?«, frug sie ratlos, von
+innen lachend. Er schob Schubladen zu mit dem Knie, besah sich im Spiegel,
+riß sie an sich: »Du wirst es jede halbe Stunde dem Chauffeur sagen.« Alles
+gepackt. Er gab den Koffer durchs Fenster. Eine Hand faßte ihn draußen,
+während Daisy die Nägel einrieb. Vögel schlugen herein, immer lauter, zogen
+sich an Rufen höher, immer andere fielen ein, kreisten auf. Büsche dufteten
+herüber, herein mit einer Gewalt und Hingabe, daß sie stehen blieb,
+ergriffen, gehalten. Sie sah um auf der Terrasse, das Gitter, die Päonien.
+Sie faßte den Schaukelstuhl. Verweilte auf dem Tisch, dem Springbrunn, der
+Flosse eines Goldfischs. Le Beaus Arme faßten unter ihre Kniekehlen, der
+Schwung in die Luft riß sie los. Nun fing er an zu laufen, schrie wieder
+etwas, mit großen Sätzen, sprang in den Wagen. Unter den tutenden
+Raubvogelrufen der Hupe brach wie ein gläsernes Gebäude die Stille, das
+Haus, der Park mit einem Ruck entzwei.
+
+ * * *
+
+Sie schwankte, schmiegte sich in die Atmosphäre, reckte sich, faßte Fuß.
+Wirkung ging von ihr aus. Ihre Wünsche erfüllten sich, eh sie sie dachte.
+Die Inbrunst einer Blutwelle hüllte sie ein, verließ sie nie. So stieß sie
+an alles, durch die Wolke verhüllt. Die Lippen hochrot, die Finger voll
+Gestein, fuhr sie auf der Rue de Rivoli. Sie hatte den Hauterfolg. Trotz
+dunkler Tönung war sie durchsichtiger als die französische, schimmerte weiß
+auf Silber. Zwischen alten Tapeten, in Musik, bei den gepflegtesten Frauen
+fiel ihre Bewegung, selbst wenn sie den Finger nur hob, den Fuß umrückte,
+wild heraus, schlug ein, machte sie zur Mitte, lenkte das andere ab, schob
+alles gegen sie. Es verwirrte am Anfang sie etwas. Doch schloß die Welle
+sie ab. Sie hatte nur Klang und Richtung nach Einem. Es genügte. Gab der
+große Schneider, während Ballen vor ihr sich häuften . . . Manekins
+paradierten, um ihren ermüdeten Blick zu erfrischen, durchs Fenster im
+Parkschatten das Bild eines tanzenden Balletts, erstaunte sie nichts mehr,
+es glitt ab. Vorüber strich es, neigten sich Akteure bedeutenden Namens,
+Dichter ihr, selbst d'Annunzios Nelke. Es ging durch sie, wenn Frauen heiße
+Blicke warfen. Es blieb nur Kälte und Hochmut, lehnten die Herren an der
+Brüstung, sagten Eitelkeiten in die Loge, hatten aber hinter dem Blick,
+flüsterten innen kaum verhehlt: bichette, loulou, ma crotte en or. Le Beau
+umspannte ihren Horizont mit hartnäckiger Leidenschaft, erfüllte das
+Erdenkbarste für ihren Körper, jede Möglichkeit ihrem Geist. Zofen im
+Korridor, Wagen, Diener standen dressiert auf ihren Blick, ihre Hand, ihre
+Haut. Seine Nerven lauerten auf die Ahnung eines Wechsels, heut stürzte er
+in die bunte Pfauflamme der Folies Bergères, morgen sah sie steifstes
+klassisches Theater, am Abend fuhren sie vorn auf dem Seinedampfer in
+Geruch von Bäumen und Wassernacht. Stieß etwas aus ihr gegen die Welt,
+stieß es auf Le Beau. Es gab keine unvereinigte Sekunde. Im Musée Cluny
+begeisterte sie sich an alten Spitzen. Sie besaß sie am folgenden Morgen.
+
+Sie kleidete sich an im Boudoir: »Es reizt mich nicht, wenn Sie Ihr
+Vermögen verschwenden . . . noch weniger aber, wenn Sie sich exponieren.
+Polizei ist mir widerlich.« Er erbleichte ein wenig. »Es geschieht nicht
+Ihretwegen«, sagte er höflich. »Es ist eine Leidenschaft.«
+
+Er griff in die Tasche, sein großer Körper funkelte in drei Spiegeln, das
+rote Haar war ein wenig in die Stirn gestrichen. Er gab ihr Briefe an sie,
+die auf verdächtige Weise kamen. Sie legte sie ihm vor, zurück, errötet vor
+Zorn, der seidene Unterrock umglockte sie, als sie sich bog. Er lachte. Das
+Haus ward Mitte von Versuchung. Sie gaben sich Handikap darum. Wo Daisy
+auftauchte, geschah ein Start. Breschen wurden versucht, leichte Minen
+gelegt. Le Beau suchte man zu übersehen. Er lächelte. Sie spürte es kaum.
+Ward es aufdringlich, schürzte sie den Mund ein wenig, ging darüber. Ihre
+Wirkung ward aufreizend; tauchte sie auf, war sie Zentrum, schloß um den
+Kreis, sich angliedernd, immer weiteres Herströmen. Vor der Oper fuhr mit
+rascher Biegung vor ihren Wagen ein fremder. Hände streckten sich ihr
+entgegen. Le Beau riß sie zurück. Nun trug er eine Falte, spürte Gefahr,
+streckte sich in eine wunderbare Abwehr. Es begeisterte sie, wie er
+Witterung nahm, ohne daß sie begriff, was vorging. Sie ruhte nur nach ihm
+hin. Als er bei ihr war, nachts, rief er etwas, sprang hoch und schoß durch
+das Fenster. Am Nachmittag, als er den Korridor querte, fing ein Diener an
+zu zittern, verbarg etwas, sank gegen die Wand. Er untersuchte nichts,
+hatte genug. Wartete nicht mehr.
+
+Er löschte alle Lichter, ließ die Bedienung für den Abend ausgehn,
+veränderte sich, gab Daisy die Kleider einer kleinen Mimi, sich selbst die
+abgelegte Eleganz eines Alphonse. Durch den Garten aus dem Haus, im
+Boulevard tauchten sie unter. Wagen rollten, sie sprangen heraus, nahmen
+andere. Straßen schäumten auf, fielen donnernd zurück, Schatten bog sie in
+Parkviertel, Schleifen von Laternenstraßen schwangen vor ihnen stumm hinaus
+gegen das Ende. Sie griff nach seiner Hand, begriff plötzlich, wie es um
+sie herum sich sammelte. Nichts Freund war, nur Jagd. Aus der Weite, dem
+rotumhängten Horizont sammelte sich alles in sie zurück, verweilte eine
+Minute und schenkte sich ihm ganz hinein, wie nie. Als Reisende aus Tiflis
+bewohnten sie den Mont Martre, als kleine Juden zogen sie zur Concorde. Ein
+chilenischer Politiker führte im lateinischen Viertel sein Knie unterm
+Tisch an ihren Schenkel, zog es rasch zurück, winkte mit den Brauen,
+flüsterte mit seinem Nachbar. Um ihn lag eine Sinnlichkeit aufgespart, wie
+nur Weiber sie dicht an die Haut, an den Atem gebunden tragen. Erstaunt,
+abgelenkt einen Augenblick streifte sie ihn. Da öffnete sich der Mund,
+bebte mit den Lippen: »Zwei Uhr.« Das Blut wallte in ihren Hals, in ihren
+Kopf.
+
+Nachts klirrte die Klinke, Le Beau ging dem Geräusch nach, auf nackten
+Sohlen entflog ein Umriß. Sie lockte ihn zurück. Aber er folgte, hatte
+endlich eine Spur, setzte auf diese Nummer, lief einer Figur nach im
+spitzen Hut, die am Boulevard bald hochschwamm, bald untertauchte. Daisy
+wachte. Schon drang das Licht vom Haus ab, ergriff in einer weichen Spirale
+Notre Dame. Die silberne Brust schwankte, die Rippen starr gebläht wie von
+Glas trieb die Kathedrale in die Mondwelle, glänzte mit Porzellan aus allen
+Fenstern und schwebte. Bald auch waren die Türme eingelullt. Das Licht
+stieg weiter, ergriff die Seine, das breite Flußband schwang am Horizont
+hinauf und Kähne liefen gegen die Sternbilder hin. Dann fiel das Licht in
+einen Park und hatte es mit den Bäumen, fiel kurz darauf gegen das Haus. Es
+ward fast weiß. Die Gurte der Balkone herunter von einem entfernten Haus
+her, wo die Linien der Eisenschnüre schon fast zusammentrafen in einem
+spitzen Winkel, kam ein weißer Ballen, geschnellt, gesprungen. Es schlug
+zwei Uhr. Er tauchte in Mauerschatten, schwang ins Licht, überkletterte
+Barrikaden, klammerte sich an die Hausfront. Das Licht hob ihn, spülte ihn
+herüber, er war am dritten Haus. Von unten stieg es herauf, der Schritt Le
+Beaus hielt vor der Tür. Er kam, die Stirn mit der Hand umklammert. Ein
+Sandsack hatte ihn in einer Torflucht, in die er folgte,
+zusammengeschlagen. Nach der Ohnmacht kehrte er sofort zurück, sie hatte
+nur zwei Sekunden gedauert, denn im Augenblick des Schlags wußte er, er
+müsse zurück. »Du mußtest zurück,« flüsterte sie mit geschlossenen Augen,
+die Angst um ihn stieß sie gegen ihn hin. Sie umschloß seinen Nacken, trat
+mit ihm auf den Balkon, flüsterte seinen Namen in die Nacht, besinnungslos:
+»Chéri . . . doudou . . .«, umwärmte ihn mit ihrem Körper, liebkoste sein
+Ohr, seinen Mund.
+
+Ein weißer Ballen bäumte zurück am Nachbarbalkon. Durch die halboffenen
+Lider sah sie gehetzt vom Teufel eine Figur im Nachtweiß zurückfliehen.
+Zerrissen in der Balkonecke lag ein Tuch, von Speichel feucht. Sie trug es
+hinein.
+
+Sie konzentrierte alles auf Flucht. Er widerstand, schon halb in neuer
+Ohnmacht. Die Zähne entblösten sich gierig, er war im Kampf, blieb auf dem
+Posten. Sie streichelte ihn: er stand nicht auf. Sie frug, was er mehr
+liebe, seine Eitelkeit gegen Gefahr oder sie, Daisy. Schmollte mit dem Mund
+und lächelte, und lauschte, während sie überredete, auf jedes Geräusch.
+Sein Blick fiel in den Spiegel, blieb am Bild seiner Kopfkompresse,
+schüttelte fiebrig den Kopf. Sie bat. Sie befahl. Unter dem Ton zuckte er
+zusammen, durchschaute den Klang, wehrte ab: »Kein Mitleid«. Je tapfrer er
+sich wehrte, wuchs in ihr das feste Ziel: ihn in Sicherheit zu wissen, das
+andere all war Abgrund. Sie drehte den Plan um, kam mit List, während er
+fasziniert vor sich hinsah. Sie lockte ihn weg von seiner Fechterei. Sprach
+von seinem Haus, dem Park, den Zimmern. Sprach, wie alles zerfließe, die
+Jagd ihr Ruhe nehme und Freude, wie sie in Sehnsucht ihr Leben sich anders
+gedacht. Wo sie froh gewesen, ihm entgegengereist, sei dort gewesen. Sie
+sah in ihren Schoß. Er nickte langsam, schwer überzeugt.
+
+Sie wartete eine Stunde, verriet ihre Erfolgfreude nicht. In seinem Haus
+war wenigstens ein Wechsel des Orts, parierte Gefahr. Sie fuhren dann Place
+St. Michel, nahmen den Métro, erreichten Mont Parnasse, fuhren umsteigend
+zur Etoile, nahmen einen antrabenden Fiaker, stiegen irgendwo aus in einer
+Gasse, deren Dunkel sie selbst unbekannt umschwirrte, liefen, an den Händen
+gefaßt, in den Schattenbogen, drangen in ihn ein so tief, daß hinter ihnen
+nichts blieb, alles zurückfiel, nicht die Idee einer Verfolgung in der Luft
+hing. Vor einer Taverne standen Wagen. Bis dorthin hielt Le Beau sich. Vorm
+Einsteigen schwankte er wieder. Sie legte, während die Gassen, Straßen
+zurückblieben, in das Schwindelgewoge um ihn den Körper, die Hand in sein
+Gesicht, ihren Mund an sein Ohr: »Ich bin bei dir.« Voll, scharf umrissen
+kam sein Gesicht ihrem entgegen.
+
+Über die Dienertreppe stieg sie zum zweitenmal ins Haus des, der sie zuerst
+aufgebrochen. Ihr Blut suchte ihn sofort. Hier lebten sie nun. Niemand
+wußte es, es drang nicht nach außen. Ein alter Arzt behandelte ihn von der
+Erschütterung. Sie wartete, bis dies vorüber war, dann lockte sie jeder
+Platz, selbst der fernste, denn dort war Sicherheit. Aber als selbst der
+Siebzigjährige beim Untersuchen eine Schmeichelei hatte für ihren Arm,
+brach sie in Weinen aus, verließ das Zimmer, warf sich auf ihren Diwan,
+schloß ab, öffnete nicht vorm Abend. Maß sich die Schuld zu, ihrer Haut,
+dem Wuchs, dem Duft ihres Haares, daß Le Beau leide. Denn um ihretwillen
+zog er sich Feinde, erlitt er Angriff. Sie spürte, so lange sie da sei,
+schiebe sich dies und dies zwischen ihn und sie und bohre ihn weg, weil sie
+auffiel, weil sie reizte. Er aber trat ein, faßte das überall an, sagte:
+»Liebe ich das nicht, warum verletzt du es?«
+
+Sie traten in die Parklauben, der Sommerduft strich darin herum, sie blieb
+stehen, an der Stirn getroffen, machte die Augen zu, küßte ihn
+besinnungslos. Gewärtig eines Überfalls hielt sie den Kuß an bis zum
+Ersticken, sah lauschende Köpfe aus dem Rosenbeet kommen, Leitern nachts
+gegen die Wand sich stellen. Von der Silberkugel zwischen den Staketen,
+wogte aus der Metalltiefe Zwielichtiges, Schatten, gedämpftes Ungeheures
+heran, gegen sie. Dies drängte ihr Leben zusammen, zielte es in einer
+unbekannten Verdichtung gegen ihn allein. Bleich vor Erregung strömte sie
+ihre Seele mit der Zunge in seinen Mund. Dachte nicht, selbst nie im
+Halbtraum, der fremde, sehnsüchtige Glieder formt, an andere Männer, ja
+haßte sie, wurden sie aufdringlich deutlich in der Phantasie. Die
+geschmeidige Stoßkraft seines Körpers gab ihr jede Seligkeit, die ihr
+Körper verlangte. Er trieb sie höher noch, als sie vermochte, schleifte sie
+in die letzte Wollust, schon besinnungslos. Oft lag sie über seinem Gesicht
+nachts, bog die Haare ihm aus der Stirn, lauschte, ob sie sein Traum sei.
+Legte die Hand auf sein Herz und zog mit dem Finger ihren Namen auf die
+Haut der Grube. Ging er von ihr, nur in das nächste Zimmer, war ihr, es sei
+für immer. An ihrer Angst wuchs ihre Liebe höher, weiter, als sie von ihm
+empfand. Er gesundete, war gefährdeter, je mehr er sich bewegte. Mit jedem
+Tag ward ihr Auge größer, erwartender, eingestellter auf Unheil. Er aber
+blieb gleich, umschürfte ihr Fleisch mit Witterung, griff an, quälte sie,
+liebte sie ohne Änderung, ein Marder, ein edles Tier, voll Geist, der nie
+die Beherrschung verlor, nie mit ihr sich traf in einer Höhe, die nur die
+übersinnliche wahnsinnige Angst ihrer Seele erreichte. Da blieb das
+Männliche zurück, sank zurück, wenn er sich ihr ergossen, flog nicht zu dem
+erlösenden Wort, das ihr Mut gab jenseits der Umschlingung der Körper.
+Während sie sich noch auftat, ihm entgegenatmete, durch seine Umarmung das
+Hemmungslose durchbrach und aufgeschleudert flog in eine leiblose
+Ergriffenheit, spürte sie unter wütenden Küssen das Zurückgleitende, Fremde
+an ihm, das, was sich nicht gab: _den Mann_. Sie schlug verschleiert die
+schräg gebrochenen Augen auf: »Du mußt mich mehr lieben.« Schmeichelnd
+umwand sein Körper sie wieder, sein Geist begleitete seine Hände, gab ihnen
+Linde und glatte Bewegung, sagte ihr Worte der Liebe, toll,
+ausschweifender, als ihr Hirn es träumte, machte sie hingeflossen, in jeder
+Blutfaser geöffnet nach seinem Angriff -- er trieb sie in den Abgrund,
+erhob sie aus den kleinen Seufzern und Stammeln zu Geschrei, bis ihr Kopf
+besinnungslos ward . . . aber erwachend spürte sie unsinnige Angst um ihn,
+daß sein Herz das letzte Zerschmelzen kühle, und empfand verzweifelt, was
+er nicht zu geben vermochte, was fehlte, und daß sie ihn darum auch lieben
+mußte, mehr als er sie.
+
+Nachts kam er spät zurück. Zwei Arme fielen in der Pergola um seinen
+Nacken, eine Stimme, die kaum sprechen konnte, flüsterte seinen Namen.
+Zugleich strömte der Weiße-Flieder-Duft mit einem Hauch herunter, Dolden
+bebten am Parktor nieder und berührten ihre Gesichter. »Lieber«, atmete
+sie. Er hob ihr Gesicht ins Helle. Da hing es, nur sammelnd und aufnehmend,
+was sie erwartete, was auch kam. In den Tränen, die es übergossen, sah er
+mehr, als was sie bot. Es leuchtete tief in der Stunde und seinem guten
+Willen kam es entgegen herauf und er spürte ihr Warten, ihre Angst, die sie
+verschwieg. Sie hatte die halbe Nacht am Tor gewartet. In eins zerflossen
+gingen sie hinein. Weich von den Tränen und gerührt von seiner Milde mahnte
+sie sein Versprechen zum erstenmal die Nacht. Er spürte, wie schwer es ihr
+ward. Stand auf, hingegeben an solche Innigkeit, schob den Hochmut
+beiseite, brachte aus dem Nachtblau gelb aufflimmernd vom Fenster den
+Globus, legte ihn in ihren Schoß, brachte den lauen Blütenwind mit in ihr
+Bett: »Was willst du?«, frug er und bot ihr jeden Fleck, den sie benennen
+wollte mit dem Fingernagel. Dorthin führen sie morgen. Schon der
+Sonnenaufgang hieß Abreise, schon der Mittag Sicherheit. Ihre Liebe stieg
+aufs Äußerste. Sie verschmähte es.
+
+Sie wählte nicht, nahm nicht. Sie schenkte ihm ihre Angst. Verzichtete auf
+die Ruhe, um zu leiden für ihre Liebe. Es war das Höchste. Unverlierbar
+nahm ihn ihr Auge; als sie ihm die Kugel zurückgab: »Ich will es nicht«,
+sagte sie, ihre Stimme trug keinen Laut mehr vor Verwebtheit. Legte sich
+zurück, unter ihm kaum mehr lebend, der über sie kam mit ungekannter
+Leidenschaft und grausamen Lippen. Was blieb noch, konnte noch kommen?
+Entzücken selbst der Tod.
+
+Tage, Wochen kamen, gingen in der Erwartung. Sie lauerte auf eine Gefahr,
+die nicht kam. Manchmal glaubte sie sie nah, gewiß, schon im Vorsaal. Das
+stieg und fiel mit den Graden der Hingebung, die sie dem Mann verband.
+Manchmal, wenn sie ihm ferner war in ihrer Blutwoche, vergaß sie es, schrak
+aber dann zurück. Da die Wochen aber leer waren, ermüdete sich die
+Spannung, ihre Augen wurden beruhigter, matter. Menschen streiften das
+Haus, sie mischten sich an die ersten Vorposten heran, es ging ohne
+Zwischenfall. Ihr Name mit seinem hatte schon Patina in der Verschmelzung,
+keinen hörte man allein. Man achtete, nahm hin, was hier fest vereint
+schien, etwas resigniert, ein wenig gelangweilt. Es war ihnen fern schon,
+gegründet, kein Raub mehr. Nichts geschah. Kein Schrei, keine Hand gehoben
+zu ihrer Entführung. Niemand warf sich in Abenteuer. Die Lust umschlich sie
+kühl. Sie ermüdete mit einemmal. Aber Le Beau federte die Sicherheit erst
+recht, gab ihm knabenhafte Wildheit. Das Raubtierhafte, das verteidigte und
+lauerte, spielte nun mit dem Gefühl, tollte darin, daß er sie hatte. Allein
+der Bogen der Angst war zusammengewachsen mit ihrer Liebe. Es löste sich
+nicht ohne Lockerung auf dem Grund des Gefühls.
+
+Sie ging spazieren, allein, ruderte einmal am Bois, ritt hin und wieder.
+Als ihre Schenkel den Gaul erstmals fühlten, traf sich ihr Herzschlag mit
+Entferntem, sie, wußte nicht mit was, war es ein Schwan im Uferduft, eine
+Mispel in der Pappelkrone, ein Auto, das den Horizont anrannte. Sie kam
+anders zurück. Als sie die Bibliothek kreuzte, wich ein bohnender Arbeiter
+aus, glitt ab, stürzte hinter ihr aufs Parkett, wobei er sich an ihrem
+Ärmel instinktiv hielt. Aufschreiend blieb sie zitternd an der Wand. Am
+Mittag in der Sonne lachte sie über die plötzliche Furcht, aber die
+komische Bewegung der Abwehr, die sie gesehen, verbreitete sich, machte sie
+düster, schweigsam. Ihre Liebe gliederte sich darin. Der Überschwang kehrte
+zurück. Der Schwung dämpfte sich. Was sie aus der innersten Tiefe gehoben,
+gefürchtet, die Angst und die Sorge, standen allein, kühl entfernt, die
+äußerste Spitze des, was sie durchlebt, war nichts, ein Betrug. Sie tötete
+diesen Gedanken und lächelte. Aber wartete nicht mehr in die Ferne,
+zitterte nicht mehr um ihn, wenn er ging und kam. Ein Gleichgewicht kam.
+Sie reisten.
+
+Er frug nach Plänen, Wünschen, lauschte auf Ungesagtes, was ihr selbst
+nicht bewußt war, verwöhnte sie namenlos. Dirigierte die Reise, zeigte ihr
+kaleidoskopisch, kennerisch, abwechselnd, Wirkungen vertauschend,
+untermalend das Hauchdünne, verwischend das Grobe, die Schichtung der Welt,
+die man einsog, bewunderte, genoß. Suchte nach Flüssen, die im Rauschen ihr
+genehm, Wälder, deren Schattenfall ihrer Lunge lieb waren, Ebenen, die das
+Auto kielte, Gebirg, in dem der Aufschwung mit dem Tagaufgang über die
+Jacken rann. Doch einte die Landschaft sie nicht noch tiefer, die Bilder
+glitten harmonisch. Wo aber die Kontraste stiegen und rasten, gab es keinen
+Brennpunkt, in den ihr Gefühl zusammenfloß, sondern sie jagten auseinander,
+so dies und so das. An einem Abend sahen sie eine italienische Oper. In der
+Nacht sah Daisy Le Beau im hellen Licht neben sich.
+
+Seine Beine wie aus Bronze spielten den Rumpf hinauf, der den Fechter
+zeigte, zusammengerissener und stählerner in der Spannung wie in den
+Marmorsälen die Ringer. Sein kluger Kopf war voll Geist, auch wenn die
+Lider sich schlossen. Sie sah es klar, zum erstenmal. Denn es trat in sie
+in dieser Nacht, zu sehen ohne Rausch und ohne Haß.
+
+Das Licht flimmerte kühl, und es banden sich die Enden der großen
+Kantilenen der Sängerin an das Ende ihres erwachten Bewußtseins, und an der
+Höhe der Kantilenen ermaß sie die Höhe des, was sie erstrebt, erglüht, als
+ihre Stimme noch das Ziel war und ihre kindliche Sehnsucht glaubte, dort
+sei der Ruf. Sie drehte um. Sie sah den Körper neben sich, edel und schön
+wie wenige, auch liebte sie ihn. Sie fühlte alles, was von ihm zu ihr
+gekommen, Begeisterung, Hingabe und Wollust, aber es blieb unten. Genügte
+es? War es so viel, daß es sie erfüllte? Es war, was ein Mann an Liebe ihr
+geben konnte, fast mehr. Aber sie spürte wie Ziehendes, sie Beschwingendes
+und Reißendes die Spitze des abends eingeatmeten Gefühls über sich
+schweben, sah alles sich hinneigen nach der Höhe, erblaßt fiel ihr Kopf
+zurück. Die lange Strecke, die lag, zwischen dem, was sie erträumt und dem
+was sie erreicht und besaß, traf sie vernichtend. Lange lag sie kalt, halb
+schlafend. Ein Gesicht tauchte auf, sie lächelte, es verblaßte wieder.
+Lange lag sie gewiegt von Dingen, die sie streiften, nie entfachten. Aber
+im langen Wachen erkannte sie unerbittlich, wie leer ihr Zustand schwebe
+und daß dies nicht sie erfülle, und wie unendlich überlegen ihr Gefühl
+schon dem Augenblick geworden, in dem sie war.
+
+
+
+
+Der dritte Abschnitt
+
+
+Ein rotbärtiger Mann wartete. Der Vorsteher meldete das Verbot des Zuges.
+Der Parlamentarier ließ sich nicht sabotieren, stieg auf den Tender und
+verlangte eine Lokomotive. Das Personal machte ihm eine Ovation, fuhr sie
+heran. Es war Abend. Er redete von der Feuerung herunter. Dann gab er ganz
+behutsam Daisy die Hand, sie stieg herauf, bald waren die Lichter hinter
+ihnen. Sie fuhren durch die Provinz. Durch den Süden sprach er von Stadt zu
+Stadt. Dann kamen sie quer durch die Bretagne. Ein Telegramm rief ihn von
+St. Malo zurück. Wieder kamen Olivenbäume. Jeden Tag liefen
+rückwärtsgeschleudert erleuchtete Säle mit Menschenmassen zurück. Er kam
+aus dem Handdrücken der Komitees direkt in den Wagen. Sie gab ihm die Hände
+heraus, er stieg ein. Neue Chausseen bäumten sich, der Mond schwankte
+langsam durch die dünnen Alleebäume. Einmal küßte er ihr die Hand, sie
+lachte eine Zeitlang über seine Zärtlichkeit. Sie saß in der ersten Reihe,
+als in Valence er während des Sprechens die Budjetrede aus Paris erfuhr und
+eine wilde Kavalkade dagegen aufmachte. Er aß dann den ganzen Abend.
+Unterwegs stieg seine Wut. Abends nahten drei Laternen, sein Geburtsort
+Libourne. Seine Vettern erwarteten ihn mit den Weibern, die in Holzschuhen
+von einem Bein aufs andere sprangen. Sie staunten sie an, indem sie sich in
+den Taillen weit vorneigten, die Arme auf den Rücken schlugen. Er wurde
+verlegen, legte ungeschickt den Arm, daß sie fast zusammenbrach, auf ihre
+Schulter. Sie lächelte mit den Weibern, nahm sie unter den Arm. Als sie
+ihnen ein Schlafzimmer zu zweit anboten, lachte sie, ging hinaus und fuhr
+ins Hotel. Die Weiber klatschten auf die Schenkel, grinsten, verhöhnten den
+Rotbart. Er ging voll Wut ins Hotel, sie abzuholen, vor ihrem Gesicht
+begann er die Hände zu bewegen, als sei sie aus Glas. Er sprach kein Wort.
+In der Versammlung stellte er eine Resolution auf, die dem Budjetredner ein
+Wort ins Gesicht setzte, das man nur in Libourne verstand. Die Männer
+stampften wie die Ochsen und rissen die Mäuler bis gegen das Ohr auf. Sein
+Cousin Louis trug es aufs Postamt. Der Beamte weigerte sich. Da holte er
+den ganzen Saal, sie steckten die Gartenhütte an, legten ihn auf den Rücken
+und spritzten ihm aus einem Winzergummi Schnaps in die Gurgel, bis er es
+tickte. Am Mittag schlachtete er ein Schwein. Mit blutigen Armen stand er
+breitbeinig im Hof, hob den Kopf und sah sie mit seinen weit
+auseinanderliegenden Augen an, seine bloße Brust dampfte. Mittags spät
+saßen sie im Auto. Er strahlte und wagte sich zum erstenmal dicht neben sie
+zu setzen. Sie zog den Mund spitz, hob den Finger und streckte ihn nach dem
+Polster auf der anderen Seite. Sofort glitt er hinüber. In Toulouse zog er
+den Rock aus im überfüllten Saal, lief auf dem Podium herum und schrie wie
+ein Bär, er war fast heiser, sein Publikum raste. Dem Saaldiener schlug er
+in guter Laune auf den Rücken, der bekam einen Hustenanfall, wurde auf drei
+Stühle gelegt, bekam die Arme gehoben, den Bauch massiert. Sie ärgerte sich
+und beachtete ihn einen Tag nicht. Sie fuhren nach Nizza zu einer
+Kundgebung der italienischen Irredentisten. Da sie nicht mit ihm sprach,
+räusperte er sich nach der Uhr jede fünfte Minute. Sie sah hinaus. Die
+Bläue spielte um die Äste mit einer Leichtigkeit, als durchdrängen sie
+sich. Er benutzte den Augenblick, die Hand herüber auf ihr Knie zu legen.
+Zornig sah sie ihn an. Sein schwerer Nacken zog sich ein, die schmalen
+Augen wurden ängstlich. Er tat ihr leid, sie griff mit der Faust in seinen
+Bart, zog ihn von der einen Seite zur anderen, schüttelte ihn und ließ ihn
+fahren, er versuchte einen Griff wie nach einer Magd. Sofort zog er sich in
+die Ecke zurück, fragte traurig und kindisch: »Sie haben einen Zug um den
+Mund, was ist?« Sie lachte. Er schüttelte sich vor Behagen und strich den
+Bart glatt.
+
+Vom Zug kamen sie direkt ins Theater. Ein trentiner Dichter sprach eine
+Hymne an das italienische Meer. Der Raum war mit italienischen Flaggen
+geschmückt neben den französischen. Der Dichter trat einen Augenblick in
+die Loge, den Parlamentarier zu begrüßen. Ihre Blicke kreuzten sich einen
+Moment. Doch der Franzose stellte ihn ihr nicht vor. Sie sah einen Schatten
+von seinem Auge, als er hinausging. Die Verse langweilten den
+Parlamentarier, er wurde müde und schnarchte, aber er mußte bleiben, da er
+nachher sprach. Daisy stand auf bei der zweiten Nummer, ging leis hinaus.
+Sie ging durch das Foyer. Nun schritt sie gegen einen Spiegel, sah sich,
+erreichte die Treppe. Als sie den Pelz um den Hals fester zog an der Tür,
+trat mit zwei großen, aber langsamen Schritten der Dichter von dem Pfeiler.
+Sie nahm seinen Wagen.
+
+Der Frühling stieg mit sehr blauen zarten Morgenstunden aus dem Luxembourg.
+An einem Abend, den die Boulevardbäume mit einer blassen Schwermut trugen,
+stiegen Ballone aus einem Hoteldach, stiegen mit kleinen Kerzen und
+erleuchteten an dem Ende der schwärmerischen Kurve den Himmel mit ihrem
+Namenszug. Vor Fontainebleau machte ein Torpedoauto eine ovale Schleife,
+ihr Wagen bremste und fuhr in den Graben auf zwei schleifenden
+Hinterrädern. Der kleine Spritzer hatte gedreht und verschwand hinter einer
+grauen Staubwand. Auf der Chaussee lag ein Strauß Narzissen mit einer
+italienischen Schleife. Später fand sie einen Brief darin.
+
+Er kam am Morgen. Selbst sein Parfüm fragte nach ihren Wünschen, die er
+erriet, daß es sie bestürzte, denn er brachte ihr keine Geschenke, aber er
+lauerte auch auf das Unbewußte jedes Reizes in ihrer Seele. In seinen
+Arbeiten kam ihr mit aller Genauigkeit dieser und jener Tag und Gedanke
+wieder, nur aus der Frage zum Endgültigen geführt, entgegen. Seine
+Schöpferkraft sammelte sich in Verkleidungen um sie, er drang in das
+Dunkelste und Träumerischste ihres Lebens und erregte mit der tastenden
+Verführung seines Geistes. Sein Kopf war antik-haarlos, die Augen tief und
+umschattet, aber der Zauber seines Hirns verstrickte mit einer
+Überlegenheit, selbst wo er bat, daß er sich aufhob. Als sie ihn nicht
+empfing, sandte er ihr das Gedicht, das die Adria zur Revolte aufrief, aus
+dem Theater in Nizza, um ihr zu zeigen, daß dieser Ehrgeiz und sie das
+Verehrungswürdigste seien in seinem Leben. Die Aufrichtigkeit führte sie
+dicht zu ihm.
+
+Der französische Staat ließ ihm als Gast Notre Dame allein läuten. Er kam
+zu ihr: »Es war keine Schönheit, da du fehltest.«
+
+Er sagte drei Stunden vor Beginn der Premiere ab, denn Daisy lag an Grippe.
+Das Telephon rasselte ohne Unterlaß. Er stellte es ab. Vor dem Zimmer stand
+ein Boy, der niemand einließ.
+
+»Drei Monate Reklame . . . .« flüsterte der eine der Direktoren, als sie
+den Boy bestochen hatten, im Salon. Er zuckte die Achseln, als sie den
+Tantiemensatz um fünf in die Höhe hoben. »Acht«, sagte der andere leis und
+bebend vor Wut, denn sein Gegenüber nahm den Finger nicht von der Lippe.
+Daisy schellte. Er ging hinein. Sie war aufgewacht: »Gehen Sie doch«. Er
+machte eine geringschätzige Gebärde, er sagte ihr, es läge nichts daran,
+denn diesen Ruhm verachte er, es gäbe nur jenen einen, der ihn in der
+Öffentlichkeit reize, und er wies auf das Gedicht, das sie auf dem Tisch
+liegen hatte. Er ging leis hinaus, als sie die Augen schloß.
+
+»Zehne«, sagte der Direktor vom Fenster her, wo er mit den Nägeln das Glas
+zum Zittern brachte. Er schüttelte stumm den Kopf. Da bekam der andere
+einen Kopf wie ein Puter, der erstickt, hob die Stimme und schrie nach ihm:
+»Schieber«.
+
+»Buffone«, er hatte Schaum auf den Lippen. »Marquis de la bouche.«
+
+Mit einer aalglatten Bewegung gab er sofort nach, zog sie auf den Korridor,
+besprach sich, sagte zu, vergaß die Beleidigung -- denn er fürchtete, daß
+ihre Stimmen Daisy weckten.
+
+Gegen Morgen kam er zurück, niedergeschlagen. Sie wagte nicht zu fragen, es
+schien eine Niederlage. Sie war frischer, machte Puppen aus den
+Kissenenden, schmollte mit ihnen, ließ sie tanzen, lächelte nach der Seite,
+bis er auf den Knien lag. Mit dem Frühstück kamen Zeitungen. Sie sah, daß
+sein Erfolg riesig war. Er sagte, da sein Blick den ihren nicht traf in der
+Loge, habe er die Niederlage gewünscht. Denn ihr Auge allein habe ihm sagen
+können, daß dieses Rufen bedeutend für ihn, ja eine Freude sei.
+
+Er saß auf dem gelben Stuhl ohne Lehne und plauderte den Nachmittag mit
+ihr, den sie noch lag. Ein Brief kam, er erbrach ihn, biß die Zähne in die
+Oberlippe, drehte sich um und schlug die Hände vor das Gesicht.
+
+Sie las den Brief. Er kam bis ans Bett, als die Augen sich trafen, sah sie,
+wie er schwankte. In der Tiefe, hinter den goldbraunen Ringen entfernte es
+sich. Zwei Falten preßten die Augenschlitze gegen die Nase. »Laß packen«,
+sagte sie.
+
+»Du bist noch krank.« Sie nickte ein wenig und schellte der Zofe. Er senkte
+den Kopf, ging hinaus.
+
+Im Zug schmerzte sie der Rücken bis zum Knie, dann die Arme. Wie sie sich
+legte, linderte sie nur die Sekunde. Im Tunnel verlor sich das Fieber,
+gegen Mittag kam es heftig zurück. Im Schlafwagen lag sie eine Stunde. Das
+Decklicht irrte in blauen Kreisen um sie. Sie setzte sich in die Ecke, in
+Decken gehüllt. »Laß dich nicht stören«, sagte sie. Seine Augen waren
+feucht, kalt nach innen gerichtet, wo er angespannt sich beschäftigte. Sie
+nahm eine Zeitung, hielt sie vor das Gesicht, als lese sie, damit er ihre
+Schwäche nicht sehe. Er hielt die Hände nebeneinander und sah durch die
+dünne Haut auf sie. Die roten Lichtreflexe machten eine unruhige Zartheit
+auf ihren Gliedern durch dies Transparent von rosanem Blut.
+
+Sie kamen bei Regen an. Ein Kommissionär mit schwachsinnigen Augen
+umkreiste sie wie ein Hund und fing plötzlich mit den Armen zu drehen und
+zu schreien an. Hinten begann eine rasende Musik. Der Regen ward so toll,
+daß, als sie auf der Terrasse standen, über den Platz die Herangelaufenen
+mit hochgeschlagenen Kragen in die Cafés zurückstürzten. Schwarze Männer
+standen auf der Treppe, ein langer Frack warf vom Gaskandelaber den Hut
+hoch, knickte die Knie, fuhr hoch, stank aus dem Mund wie ein Fisch. Im
+Wagen begann Daisy zu weinen vor Müdigkeit. An der Ecke sah sie die dünne
+Erscheinung über den leeren Platz rennen.
+
+Gegen Abend blickte sie vom Balkon, der Nebel erfrischte. Eine Ziegenherde
+kam aus der Nebengasse. Ein Radfahrer bog um und fuhr dem Leittier in die
+Beine. Es sprang um, jagte auf die Straße. Die Tiere liefen mit geblendeten
+Augen an die Häuser. Einige Geiße bockten, liefen irrsinnig im Kreis,
+warfen Kinder um, verletzten einen Gendarmen im Gesicht. Der Hirte suchte
+das Leittier, sprang durch die Gruppen und pfiff auf dem Fingergelenk. Da
+nahte Musik, alles verlief sich Die Musik hielt vor dem Hotel. Daisy ließ
+sich auskleiden.
+
+Später drang rote Glut in die Fenster. Als er vom Balkon hereinkam, hob sie
+den Kopf aus den Kissen. »Die Unterbeamten«, rief er, schon im Salon. Sie
+schloß die Augen unter der Müdigkeit der Schlafpulver. Dann gingen im
+Nebenzimmer immer Türen, ein Organ sprach, als gurgle es den Mund voll, das
+schläferte ein. Die Türen klappten rascher, die Reden gingen wie ein Bad,
+es umplätscherte sie aus der Ferne. Sie hatte Durst, bog den Kopf zur Seite
+zum Trinken. Da sauste er vorbei, sie griff nach seiner Hand.
+»Deputationen«, flüsterte die Zofe. In der halbgeöffneten Tür, als sie
+hinausging, stand ein fetter Herr und verbeugte sich tief mit einem fiesen
+Lächeln.
+
+Immer ging seine Stimme wie ein Uhrzeiger durch die anderen, die
+herumwanderten, leis klangen, bald spitz, manchmal quatschisch schäumten.
+Sie bekam Sehnsucht, ihn zu sehen. Sie sah ihn nur im Sprung. Später
+erwachte sie, es war Lärm auf der Straße, sie sah in sein überhitztes
+Gesicht. »Der vierte Zug«, rief er ihr zu, als er auf den Balkon stürzte.
+Als er zurückkam, frug sie: »Was war es«; sie hatte geschlafen in der
+Zwischenzeit. »Studenten«, stöhnte er. Sie verstand ihn nicht. »Was wollen
+sie?« »Provinzen.« Sie begriff im Halbschlaf die Zusammenhänge nicht mehr
+und schlief sofort ein.
+
+Sie sah in tiefblauen Himmel, gewölbt und fließend wie Glas. Er stand an
+ihrem Bett. Sie sah hinunter. Singende irredentistische Vereine zogen zum
+Hafen. Der Schlaf hatte sie erholt, sie legte sich herum, um liegen zu
+bleiben. Er nahm sie an der Hand, sie stand auf. Beim Anziehen bekam sie
+Fieber. Sie hielt ihm den Puls hin. Er fühlte, verfärbte sich ein wenig,
+dann drehte er sich um. Sie sah nicht, was vorging. Es dauerte nur kurz.
+Dann sah er sie fragend an. Sie zog sich weiter an, eine solche Spannung
+lag in seinem Blick. Er hob sie hinüber ins Boot. Die Molen waren schwarz.
+Auf der Triere ward eine Fahne gelegt. Er trat darauf. Sie hörte jedes Wort
+aus dem Theater. Die Schärpen standen grell über den Hemden wie auf
+Schilder gelegt. In der weißen Glut platzten die Köpfe fast. Sie standen
+wie Zinkknöpfe, heiß und schwitzend. Um sie herum lagen Schiffe mit
+Tribünen, von denen die Photos unaufhörlich knackten. Ein amerikanisches
+Boot suchte ständig die Sperre zu durchfahren. Die Menge wartete, bis die
+Glocken den Berg herunterkamen. Dann schaukelten Tücher über dem Schwarz.
+Eine Brandung erhob sich am Ufer. Aus Marmor stieg ein Adler von der
+Klippe. Eine dumpfe Salve knatterte hinter der Halbinsel. Dann sprach er
+jene mystische Revolte, hatte die Hände gegen die Brust gestemmt, die Beine
+eine kleine Spanne auseinander. Auf seinem Kopf lag eine Entschlossenheit
+der Wollust, als wiege sein Hirn sich in dem Gedanken, den er mit großen
+Rhythmen durchmaß. Unter seinen Sätzen aber, die ihm die Höhe seines Lebens
+waren, kam aus der Tiefe des Meeres der Glanz langsam herauf. Aber wie er
+schloß, überkam sie eine sinnlose Traurigkeit, sie fiel fast zusammen.
+
+Das Meer schäumte ein wenig, als sie zurückfuhren. So lange sie fuhren,
+streichelte er unter dem Mantel ihre Hand. Sie ging sofort in ihr Zimmer,
+schloß ab, kleidete sich aus. Dann sprang sie heraus, ließ sich anders
+anziehen, legte sich auf den Rücken. Im Nebenzimmer telephonierte er nach
+dem Arzt. Er verlangte Rom, einen Spezialisten, rief Summen ins Telephon,
+trommelte an ihre Tür. »Öffnen Sie«, sagte sie der Zofe. Im Halbdunkel
+beugte er sich über das Bett. Sie brachte den Blick nicht gegen seinen zum
+Fixieren. »Welches Unglück«, stöhnte er. Er fluchte, verwünschte den Tag,
+maß sich die Schuld zu, daß sie hierher gefolgt, aufs Meer gekommen. Sie
+lächelte. Das Telephon rief ihn hinaus. Im Dämmern sah sie auf dem Tisch
+etwas Helles. Es mußte vom Mittag liegen. »Schließen Sie«, sagte sie der
+Zofe. Sie machte das Telegramm auf, las, bückte sich, krümmte sich wie eine
+Katze.
+
+Er klopfte an die Tür. Er rief durch das Schlüsselloch, er störe sie nicht,
+nur bitte er, daß sie den Arzt empfange, wenn er komme. Dann ward es still.
+Später kam er noch einmal, sie hörte ihn hin und hergehen, sein Schritt war
+beängstend leis, verhalten.
+
+Nur sie habe Sinn für ihn, murmelte er. Er sprach lange mit sich, die
+Portiere dämpfte es. Auf dem Tisch stand sein Bild. Daisy sprang auf. »Der
+Arzt«, schrie es im Gang, im Nebenzimmer flog das Fenster auf, sie hörte
+einen stehenbleibenden Motor. Sie nahm eine Nadel, zielte dreimal nach dem
+Bild, steckte sie rasch in ihr Haar, sie kam durch ihre Tür zum Korridor,
+durch die zweite Treppe auf den Gang, dann in das Vestibül. Sie fuhr über
+Mailand nach Turin. Dann nach Lyon. Das Fieber ließ nach, sobald sie
+härtere Luft atmete, in einer Stunde war es vorbei. Von da fuhr sie bis
+Calais. Mit dem Fünf-Uhr-Dampfer kam Syg. Sie schritt mit dem Tuch, ohne
+aufzuhören, winkend über den Steg auf sie zu.
+
+ * * *
+
+Der Mond flog, ein Vogel, durch den Apfelbaum; Die Syringen hingen schwer
+und rot über den Kies; Über den Hyazinthen strudelte die Luft in einer
+Kupferfäule. Zwischen den Zweigen des Gebüschs fing das Dunkel erst an und
+bebte. Bienen stürzten in die Höhe und von ihren übervollen Poren
+schaukelten hochgetragene Blüten langsam und taumelnd in das Wasser zurück.
+Die tiefgesenkten Gartenfenster brachen mit runden Quecksilberbogen aus den
+Säulen heraus. Die magische Tiefe des Glases blätterte sich nach innen in
+den schimmernden Kreisen und sog den Kiesweg mit den Tulpen in einer
+Spirale hoch und in sich auf. Aus der Gartenhütte taumelte ein Gegenstand
+mit unheimlichem Schütteln, schlug wild gegen den Apfelbaum, kam in den
+Mondschein, torkelte in ihm über die Wiese nach einer Maus. Dann hielt er,
+verdrehte die Augen, schrie »Do . . . go -- -- go. Dogo . . .«, schnurrte
+und steckte den Schnabel zwischen die Flügel. Der Mond, wie ein unsichtbar
+geschlagenes Schild, war weiß von Metall, zitterte durch den Himmel.
+
+Dies alles brachte ihr die Heimat nahe, wenn sie Sygs Hand hielt. Sie
+gingen angeschmiegt durch den blauen Dunst der angefachten Nacht. Aber es
+trug sie nicht hinüber, sie hatte nur Abwehr. Die Unruhe war gewichen,
+sobald sie Syg sah und spürte. Dies aber, dachte sie im Bett, was sie froh
+machte, war nur die Gegenwart der Schwester, Sygs Figur und Stimme, vor
+deren naher Gewalt das Gelebte zurückfiel. Sie empfand Ruhe und Stille. Sie
+empfand sogar in Vaudreuils Grüßen das geheime Suchen und Fragen, aber sie
+war so sicher, daß sie sie unbefangen zurückgab.
+
+Elfmal schlug die Uhr, dünn und silbern. Der Ton ging hinaus, wo der Glanz
+nicht nachließ. Syg konnte nicht schlafen, legte sich herum. Sie lächelten
+sich in das Gesicht. Der große helle Raum stand voll Mondstaub. Vor dem
+Fenster schwankten Weidengerten auf und nieder, obwohl kein Wind ging, wie
+der bebende Rücken eines Tieres. Nun begannen im Boudoir die Silbersachen
+zu leuchten, die Bettseide wurde ein Netz von zartestem Weiß, nun stand der
+Mond mitten im Rahmenkreuz und durchstieß gelb und flutend das Fenster.
+
+Daisy richtete sich auf, als lausche sie: »Und Well?« frug sie und horchte
+hinterher . . . »und Well? . . .« Syg sprang aus dem Bett. Der Balkon war
+mit wogendem Lichtnebel über den Kletterrosen zugezogen. Die Nacht wurde
+immer wärmer und durchsichtiger, schon traten die Figuren vor der
+hintersten Hecke deutlich heraus. »O«, flüsterte Syg und führte die flache
+Hand über das Geländer. Stück auf Stück der Jugend gaben sie sich in die
+Hände, hinüber, herüber wie Bälle, und spielten sie sich zu . . . die
+Bäume, die Gouvernante, die vertrocknete Fischkugel, den Ameisenbau. Wie
+sich die kleinen Dinge, deren zärtliche Erinnerung sie am sorgfältigsten
+erfüllte, aus ihrer Erinnerung hoben, schmolz sie das Gefühl zusammen, daß
+die Jahre hinaustraten zwischen ihnen . . . Tage flogen auf und hoben sich
+in sanften Farben wie aus Strohhalmen abgesandte Kugeln und schwammen in
+den Garten hinein. Im Scheitel der Nacht hing der Mond fröstelnd und starr.
+
+Die Uhr schlug. Vögel sangen, den Kopf noch an der Brust, in das wollüstige
+Grauen. Das Gras begann zu leben, und der Tau glühte mit einer hingegebenen
+Leidenschaft an der Erde. Daisy bog sich aus ihrem Bett über Sygs klares
+Gesicht. Sie empfand, daß ihr Kopf wie ein Spiegel denselben Ausdruck
+trage. Sie empfand das Glück dieser Gegenwart mit einem berückenden Gefühl.
+
+»Wie lange hattest du Fieber, Syg?«
+
+»Acht Wochen.«
+
+»Arme, doch wirst du in Firenze nichts tun wie liegen und blaue Luft
+atmen.« Sie legte den Kopf an Sygs Brust und liebkoste sie mit der Wange,
+denn die Erinnerung der Schmerzen, die Syg gelitten, quälte sie in dieser
+Stunde der Seligkeit mehr, als sei es ein eigenes Leid.
+
+Die Uhr schlug. Syg gähnte; zog die Beine herauf und schüttelte die Locken,
+reckte die Arme. Sie war zu faul zum Aufstehen. Sie schellten nach dem
+Frühstück. Die Zofe brachte es zuerst Daisy an die linke Seite des mit
+breiten Stäben gegliederten Messingbettes. Sie wies nach Syg. Das Mädchen
+sah verwirrt von einer zur anderen. Sygs blaues Haar wallte um das ovale
+Gesicht, sie hatte das Kinn auf die Hand gestützt. Sie sah mit den Augen,
+die tief und wundervoll ausgeschnitten und mit leidenschaftlichen Schatten
+befiedert waren, dem Mädchen zu. In ihrem Weiß lag ein violetter Schimmer.
+
+Sie wurden ohne Pause verwechselt. Die Bonnen kannten sich nicht aus. Der
+Kutscher stammelte. Ärgerlich rief Daisy: Pha . . . lux . . . Freunde
+vertauschten sie. Aber dies band sie nun erst aneinander, denn in jenem
+Wechseln der Körper und Erscheinung fühlten sie hingegebener die Harmonie.
+Sie lachten sich an vor dem Spiegel. Sie zogen sich verschieden an, machten
+sich unähnlich.
+
+Syg trug die Haare hoch um einen dreigezackten Pfeil, Daisy zog sie unter
+einer Perle, die über der Stirn lag, halb über die Ohren und scheitelte den
+Kopf. Syg trug dunkle Seide. Daisy ging ganz weiß, der Wind schmiegte sich
+in die kleinen Blumen des Battists und der Boa.
+
+Umsonst.
+
+Sie tauschten den Puder, die Korsetts, die Rotstifte. Syg blaßte ab wie ein
+Pierrot. Daisy ging mit anmutig erhellten Wangen. Doch wie sie sich
+bemühten, stieg die Verwirrung. Da gaben sie nach, Syg hatte eine Grimasse,
+sie tauschten die Rollen.
+
+»Sie baten mich, die Kette zu besorgen«, sagte ein junger Kanadier, reichte
+Daisy ein Etui.
+
+»Es war meine Schwester«, sagte sie. Sie trug ein silbriges Abendkleid mit
+Schwarz, ging hinaus, Syg zu rufen.
+
+Sie kam zurück mit Goldpuder und einem roten Samt. Er überreichte es ihr.
+Sie dankte. Die Tür ging auf. Syg kam in einem blauen Schneiderkleid wie
+von der Straße, gab ihm die Hand und frug: »Haben Sie meine, Kette, John?«
+
+Verblüfft sprang der junge Mann auf: »Haben Sie noch eine Schwester und wel
+. . .« Syg klatschte in die Hände, nahm ihn bei den Ohren, schenkte einen
+Kognak ein.
+
+Jeden Tag schob Syg die Abreise hinaus, jeden Morgen freute sich Daisy und
+jeden Abend litt ihr Gefühl, das um Syg Sorge trug und doch nicht
+vermochte, sich von ihr zu trennen. Die Tage gingen wie ein blauer Mond
+nach dem anderen am Fenster vorüber, und Dogo saß in jedem, auf dem Zweig
+des Faulbaums sich schaukelnd.
+
+Fribaurt rief an auf der Durchreise, Syg nahm den Hörer. Er kam nach einer
+halben Stunde. Daisy empfing ihn. Er sah ihr von unten in die Augen, und da
+er ein geschärftes Ohr hatte für das herbere in Sygs Organ, frug er, den
+Rücken weich, hündisch, biegend: »Wozu die Komödie?« Sie gingen auf die
+Veranda. Sie hob den Finger an die Lippen.
+
+Unter ihnen stand Syg, vor ihr ein junger, schlanker Gärtner. Sie tollte
+und sprang um ihn herum, verzog das Gesicht, schüttelte den Kopf. Sie frug
+ihn, er sagte etwas. Sie preßte die Hände in die Hüften, daß die Ellenbogen
+nach auswärts standen und lachte. Ihre Bewegungen waren in diesem
+Augenblick ganz unerlöst und kindlich. Dann frug sie wieder. Er sagte einen
+slawischen Namen und zischte. Sie schüttelte den Kopf und lachte noch
+heller. Sie faßte ihn unter dem Kinn, richtete sein Auge nach ihrem (denn
+er schlug es nieder) und horchte angespannt, dabei bewegte sie die Nüstern
+in Spott.
+
+Er errötete, dann schrie er mit voller Stimme: »Zsigis«. Syg blieb ganz
+ernst, hob die Hand, fuhr ihm die Grenze der Stirn entlang, sagte ihm etwas
+ins Ohr und ging lachend die Treppen zur Veranda hinauf. Oben blieb sie
+stehen: »Pony« . . . rief sie. Er hielt an, wandte sich um, errötete und
+blickte hinauf. Dann wurde er ganz blaß. Sie winkte. Er ging.
+
+»Warum nennst du ihn Pony?«
+
+»Wegen der Haare.« Auch ihre Locken hingen gefächert in die Stirn.
+
+Daisy preßte plötzlich die Hände fest zusammen: »Fribaurt fährt Donnerstag
+nach Italien . . .« Sie stockte. Mit einem seltsamen und nie gesehenen
+Ausdruck sah Syg an Fribaurt hinauf und wieder herab, zuckte kaum deutlich
+die Schultern. Aber Fribaurt, der stark nach einem süßen Wasser roch, sah
+es nicht, denn sein Blick folgte dem Gärtner, der in den Büschen
+verschwand.
+
+Aber Daisy vergaß den Ausdruck nicht, mit dem Syg den anderen angesehen.
+Sie blieb den ganzen Tag dicht neben ihr, als ob schon die Entfernung eines
+Zimmers, der Raum einer Wand sie trenne.
+
+»Ich danke, daß du bleibst«, sagte sie stockend, als sie in den breiten
+Mondstrom hineingingen. Sie kamen dreimal um das Bassin, dessen Rotunde in
+Marmor glühte. Das Gras war blau und Dogo hing in einem Kreis von
+Fächerschatten. Als sie um die Hecken bogen, stand der Mondschein gezackt
+als Segel über dem Garten, der unter ihren Füßen schwebte.
+
+»O«, sagte Syg mit plötzlich ganz erhelltem Gesicht, »ich freue mich, daß
+du dies sagst.«, Sie gingen hinein, Daisy stumm vor dem Glücksgefühl, das
+diese Antwort ihr gab. Aber auf der Treppe zögerte ihr Fuß. Sie spürte, wie
+unrecht es sei, daß auch ihr Wunsch nur Syg halte. Aber sie sagte nichts.
+
+Am nächsten Tag fuhr Syg im Métro zur Etoile, besuchte eine Dame in der
+Avenue Wagram, schloß das Tor, fuhr zur Seine, stieg an der Madeleine aus
+und suchte zur Oper zu ein Geschäft. Sie sah in ein vorübergleitendes Auto.
+Ein Herr sprang heraus, in höchster Erregung auf sie einsprechend, sie sah
+seinen Bart zittern, die Leute blieben stehen, als er schrie. Sie nahm ihr
+kleines Stilet, drängte ihn bis an den Rand, er sprang in sein Auto,
+verdeckte das Gesicht. Sie sah um. Ein Photograph knipste und kurbelte
+neben ihr. Ein Herr mit einem Notizbuch zog den Hut. Sie machte eine rasche
+gewandte Bewegung, glitt zwischen dem Haufen durch, mitten in ein
+Orchester, das vor dem Café konzertierte. Sie saß eine halbe Stunde vor
+einem Whisky. Dann fuhr sie heim.
+
+Zwei Tage sprach sie kein Wort über den Vorfall. Sie lebte neben Daisy.
+Aber die Worte, die sie gehört und die nicht ihr galten, sondern Daisys
+Leben herausrissen aus Stunden, die sie nicht ahnte, entfielen ihr nicht.
+Nachts setzte sie sich neben Daisys Bett und sah sie stumm an. Aber die
+Worte spannten sich zwischen sie und die Schwester und trieben sie
+auseinander. Sie vermochte nicht mehr, den Blick unbefangen auf Daisy zu
+heften.
+
+»Du hustest?« frug Daisy und fuhr aus dem Schlaf.
+
+Syg schüttelte den Kopf. Daisy preßte die Lippen, als die Schwester
+schlief. Sie fühlte, wie die Unbefangenheit riß, die Ruhe wankte, sie
+bangte um die Schwester und wagte nichts zu sagen, denn sie fürchtete, daß
+dann das Helle aus dem Himmel falle und die Kraft daraus lösche. Sie lag
+lange wach. Plötzlich öffnete Syg die Augen, schloß sie wieder. Mittwoch
+Nacht sagte sie, daß sie reise. Daisy sagte kein Wort. Sie gingen
+nebeneinander durch den Garten, als sie fuhr. Zwischen den Winden und
+Bohnen stand mit hohen, schlanken Beinen der Gärtner. Sie stiegen ein.
+
+Die Räder rollten.
+
+Sie fuhr zurück.
+
+Eine schmutzige Faust reckte sich in ihren Wagen. Sie nahm die Zeitung. Der
+Wagen stockte im Lauf eine Sekunde. Sie gab den Sou. Wieder spannten die
+Motore sich an. Sie las, ihre Lippen verzerrten sich. Sie verstand zum
+erstenmal. Ein maßloser Schreck, dann Zorn verdeckten ihr die Augen. Ekel
+schüttelte sie, daß sie die eine Hand mit der anderen festhielt und
+geschlossenen Auges zurück sich warf in das Polster. -- Sie sah die
+Karikaturen auf den Parlamentarier, sah die Photos, die die Kinos von
+seinem Überfall her spielten, sie begriff die Verwechslung . . . die Folies
+Bergères trugen die Nummer in ihrer Revue. In der Ecke unten unflätige
+Telegramme, die er aus der Provinz, wohin er vor dem Skandal geflohen,
+gedrahtet. Sie biß auf den Daumen vor Schmerz, der Wagen rauschte in den
+Garten.
+
+Sie saß auf der Diele. Das tiefe Fenster hinaus nach dem Bassin lag wie ein
+niedergelassener Vorhang. In der Tiefe des Gartens stand Pony und
+arbeitete. Seine Beine und seine trainierte Brust wiegten mit den
+elastischen Ruten der Büsche und Stauden. Der Abendnebel flammte den Geruch
+der Erde rötlich um seine Hüften hinauf.
+
+Sie warf die Hände gegen die Brust und empfand zum erstenmal, wie sie,
+gleich einem verlassenen Tier, allein sei. Sygs Zug glitt irgendwo in die
+Dämmerung und aus ihrem Leben. Sie blieb zurück, um eine Lüge beraubt, die
+sie sich vorgeredet jede Sekunde des Daseins und der Gegenwart der
+Schwester. Sie fröstelte. Jugend und Heimat fielen an ihr nieder, hart, als
+klirrten Ringe auf der Diele. Woran ihr Herz (sei es auch nur wie ein
+Traum) und unwissentlich trotz des Hasses gehangen, nun lag es nackt
+verschwunden. Mit kaltem Grauen empfand sie die Einsamkeit, aus der die
+zarten Gefühle weggeschwungen. Einsamer und verzweifelter schluchzte sie
+auf als jede Stunde, die sie gelebt.
+
+Es kam ihr, wie lind es sei, wenn sie weinen könne. Aber sie konnte es
+nicht.
+
+Es genügte noch nicht.
+
+Sie fühlte sich frei und verantwortungslos mit einem Male. Aus der Tiefe
+des Blutes kam ein Strom, der sie zu einer Unbedingtheit zwang, deren
+zügelloses. Streifen sie zu Gelöstheit erhob, die den Atem benahm. Die
+Lippen bebten übereinander. Nichts hielt sie, bedingte ihr Tun, gab
+Verantwortung für ihre Handlung. Mit einer zerstörerischen Wollust empfand
+sie ihr Ausgestoßensein, das ihr eine Kühnheit verlieh, die sie fast
+berauscht empfand. Nun trat Pony aus dem Dampf ins Helle. Sie begann zu
+winken. Das Fenster lag wie eine aufgeschlagene Terrasse in dem Garten.
+Tritte schlichen herauf. Dogo schrie in seinem Ring und stieß die Flügel
+gegen die Wand, als zerbräche er Glas. Sie stand auf.
+
+ * * *
+
+Zwischen dem dritten und vierten Tanz hob die Kleine, die zwischen den
+Stühlen schaukelte, stehend die Hand nach der Seite. Daisy ging hinüber. In
+der Toilette brannte eine weiße Flamme. Sie hob den Schleier, zog Rot über
+die Lippen. Im Spiegel sah sie die zögernd Eintretende. Ihre Augen trafen
+sich in dem Glas. In dem Gesicht der Tänzerin ging ein Schreck auf, sie
+flüsterte etwas und glitt zurück. Daisy ging zu Léons Tisch hinaus. Beim
+Hinausgehen fragte sie den Kabarettportier nach ihrem Namen. Sie bestellte
+sie in das Hotel. Sie kam und bat, zart wie eine Libelle, daß Daisy ihr den
+Mann nicht nehme. Sie sah zitternd auf den gefalteten wollüstigen Mund der
+Frau vor ihr. Daisy nickte gleichmütig, prüfte sie mit einem Blick,
+schenkte ihr Strümpfe, Hosen, Dessous. Oft, wenn sie abends frei war, kam
+Renée herauf, ein Band umgab sie. Bald hatten sie kein Geheimnis. Daisy
+wußte jede Bewegung des Attachés, seine Lieblingsworte, seine geheimen
+Sätze, aber es reizte sie nicht. Sie fuhr mit Léon baden, sie stieg in das
+Wasser, das ihren Körper aufsog; ihre Haut aus dem Wasser heraus selbst
+trübte ihm die Augen vor Erregung. Auf der Rückfahrt suchte seine Hand nach
+ihrer. »Das andere Ufer«, kommandierte sie, er mußte wenden. Sie ging am
+Abend mit Renée in den Florissant.
+
+Zwischen orangenen Lampions drehten Matrosen und Mädchen. Als ihre Hüfte
+unter den anderen erschien und in der abendlichen Dämmerung in die
+Tanzschleife wogte, umgab sie Gedränge, Blicke, Augen. Ein großer
+Steuermann von der savoyischen Linie faßte sie, brach die Finger fast an
+ihren Korsettstäben. Sie tanzte mit starrem Blick, ihr Zofenkleid machte
+sie noch herber, sie bog in den Vorsaal. Er taumelte, fiel in das Knie,
+schäumte, erhob sich, sie führte, sie schwindelten, sie tanzten in den
+Garten. Er konnte sich nicht helfen und stammelte Flüche. Sein Kopf fiel
+auf ihre Schulter und er schlug sie auf den Arm. Sie ließ nicht nach, bis
+sie langsam mit zitternden Knien hineinging in den Dampf, der Mann
+besinnungslos auf dem Kiesbeet lag. -- Ein Kolonialoffizier erschoß sich,
+einen Ring von ihr auf der Brust, durch den er die Kugel gesandt hatte. Kam
+sie mit hochroten Lippen durch die Rue du Purgatoire, ward der See eine
+Tönung blässer, der Montblanc steiler am Horizont. Die Augen der Männer
+wanderten ruhelos nach ihr. Verkleidet im Mannskostüm bei einem Ball jeute
+sie im Kursaal, trat hinaus vor die Schnüre von Lichtern, die die Fassade
+umlohten, ihr Blick tauchte in den eines ganz jungen Studenten, er fuhr sie
+hinaus. Ihre langgeformten Knie, die eine wundervolle Sehnsucht in seine
+Seele zeichneten, verzückten ihn, daß er ins Wasser sprang und am Ufer
+schreiend davonlief. Sie ging mit zwei weißen Windhunden durch die
+Palmgefieder des Parc des Eaux Vives. Sie blieb stehen, kehrte langsam um.
+Auf einer Bank saßen Léon und Renée. Ein Zug seines Mundes erinnerte sie
+den Abend lang an Pony.
+
+Sie fuhr zu ihm. Er hatte den Garten, den sie ihm geschenkt, geschnitten,
+begossen, bestellt. Ihren Namen mit Ranunkeln gesetzt, in die vier Bäume
+des Eingangs geschnitten. Auf der Höhe des Belchens ihr Wappen mit Steinen
+zusammengesetzt. All seine einsamen Tage erstanden als Monument seiner
+Liebe. Hinter dem Strohdach sank die Vogesennacht feucht und traurig. Sie
+stiegen hinunter am Morgen. Kuheuter und Wiesen rochen unter dem roten
+Mond, über dem Rhein lagen die Schwarzwaldtage mit silbernen Wolken. Über
+den Grat der Vogesen rollte die purpurne Kugel groß und träg.
+
+»Hast du die Harmonika?« Er nickte. Nur ein scheuer Blick nach
+aufflatternden Vögeln zeigte, daß er Sehnsucht hatte. »Ich schreibe deiner
+Schwester«, sagte sie am Morgen. Sie arrangierte ihren Hutkauf, sogar eine
+Stelle und nahm ihm mit einem Brief die große Sorge. Aus den Weinbergen
+glühte blau die Sonne. Sie lockte unter seinem Fenster. Als er in die Hecke
+ihr nachstieg, ließ sie seine Lippen ihn aufmachen und legte ihm
+seidenschwarze Brombeeren eine nach der anderen in den Mund, der feucht und
+schmal und rot war. Seine Tierischkeit, die die einfältigen schönen Formen
+der Natur edel befolgte, gab ihr jeden Tag das Neue. Ringe kamen, Nadeln
+für ihn. Er spiegelte sich im Rücken seines Zigarettenetuis.
+
+Er erbrach sich nachdem er zu viel gefressen. Sie saß an seinem Bett, er
+fürchtete sich vor dem Unbekannten, das ihm Leiden brachte, verehrte sie
+wie eine Mutter, indem seine Seele zum Schutz dicht an ihre sich schmiegte.
+Er tollte in die Gesundung, riß den Schwanz der Hühner aus, saß auf den
+Bäumen, ward traurig am Abend, wusch sich nicht, roch nach Schweiß und
+Erde, sie fand ihn schöner als je.
+
+Sie bekam Sehnsucht nach Wasser, als nach einem Gewitter ein Bach neben dem
+Haus herabstürzte. Sie fuhren zurück, zusammen diesmal. Neben ihr zwischen
+den Hunden schritt Pony in weißen Hosen und Schuhen durch die Rue du Rhône.
+Er blieb am Geländer stehen, schaute träumerisch in den tiefblauen Schuß,
+der aus der Brücke kam, die Insel umrahmte und überschwungen blieb von
+unwahrscheinlichen Schwanenherden. Sie pfiff durch die Zähne. Zwei
+Passanten blieben stehen, sahen nach. An der Brücke flog eine Autotür auf,
+ein Herr, indem er die Kurve nahm, als sause eine Kugel in einer gebogenen
+Schiene, starrte sie an. -- Auf dem Balkon saß Renée im Lederstuhl, die
+Knie hochgezogen. Ihre Atropinaugen, tief untermalt, glänzten einen milden
+Schein, sie starrte auf Pony, flog darauf Daisy an den Hals. Der Abend
+schoß durch die Platanen. Renée legte die Gabel hin, kniff ein
+Fünffrancstück ins Auge, legte dem Kellner den Absynthstrohhalm über das
+Ohr und breitete die Arme aus. Pony sah auf das Wasser. Die Küste wich
+zurück. Schwärmerische Raketen überwanderten den immer neu geäderten
+Himmel. Ein Konzertstück wie eine rosa Wolke lag mitten im See. Auf den
+Fußspitzen wiegte Renée erwartend den ganzen Körper langsam über die Lehne,
+blieb einige Minuten von einem unaufhörlichen Zittern durchflossen.
+Plötzlich wühlte sie den Bauch in den Mondschein, bebte in der Wage der
+Hüften in einer pfeilschnellen Schwingung, tauchte aus dem Licht, fuhr mit
+einer kreisenden tollen überschwingenden Eile wieder hinein -- dann kamen
+die Lenden in ein glücklicheres beruhigtes Schweifen, die Muskeln des
+Leibes ebbten zurück und wurden spiegelglatt, fast ohne Atmung. Sie tanzte
+nur noch mit den Knien, die den Körper in einem fast gläsernen Taumel
+ertrugen. Die Hüften malten sich unbeweglich und zart in die Schatten. Nur
+der Rock rauschte, Daisy preßte dagegen, sie schwangen atemlos, ihre Leiber
+bedeckten sich, sie küßten sich -- »Warum brachtest du mich her?« frug Pony
+schauernd in ihrem Arm die Nacht. Sie lachte: »Reizt es dich nicht zu
+größerer Liebe?« Sie zog ihn auf ihren Mund: »Pony.« Er schloß die Augen.
+
+Eines Nachts brachte sie von den Anlegeplätzen vor Versoix Jérôme mit, im
+Sweater ohne Kragen und Ärmel. Selbst wenn er flüsterte, war seine Stimme
+rauh und biß sich durch die Dunkelheit. Im Zimmer nebenan lag Pony, die
+Wand war so dünn, daß das Geräusch einer Fliege im einen Raum im anderen
+noch lauter scholl. Sie legte die Kleider langsam ab. Am anderen Tag mußte
+Jérôme sie rudern, hinaus, zurück, in die Rhône, um die Insel, dann immer
+um ihr Haus. Eine Kette von Schwänen verfolgte das Boot, ihre Weiße
+verblich am Abend mählich der Blässe ihrer schimmernden Haut. Sie sah immer
+auf Jérômes Nacken, wo die braunen Halsmuskeln wie Fächer
+zusammenschnellten. Abends ging sie einsam und allein nach Haus. Die
+Schwäne geleiteten sie noch eine Weile in der Dunkelheit am Ufer. Als Léon
+von der Gesandtschaft in Bern zurückkam, lag er verzweifelt im Boot vor
+ihr, berührte ihre Hände, ihre Schuhe. Sie schüttelte den Kopf. Sogar das
+Wasser erhielt eine Feierlichkeit und schäumte leicht in dunkler Erregung,
+wie sie mit langen braunen Beinen immer tiefer hineinstieg. Auf der
+Terrasse des Café du Nord ballte Léon die Hände und hörte auf zu atmen nach
+seiner Frage. Sie ging hinweg über Pony, schaute ihn einen Augenblick an,
+die Bernsteinkörper in seinen Augen ihr gegenüber erstarrten, sie ließ eine
+Sekunde schweben, dann sagte sie auf sein Drängen, wie er es wage, mit ihr
+zu reden, habe er doch Renée. Ihr Hochmut ließ ihn bei diesem Namen eine
+Bewegung machen, als lege er dies nebenhin als ohne Gewicht für sein Leben.
+Sie zeigte nichts, aber er strich sich damit aus ihrem Dasein. Aber Renées
+Geschrei machte sie müde am anderen Tage, denn sie tobte in ihren Zimmern,
+weil sie Léon liebte. Die Zarte irrte wie ein Vogel auf den Balkon gegen
+das Blaue und zurück in das Zimmer. Daisy sah sie lange an. Sie sagte kein
+Wort, gab ihr Geld und zwei Koffer. Am Abend ging sie zum Zug. Renée weinte
+gerührt an ihrem Hals. Als der Zug weg war, sah sie einen Männerschatten am
+Bahnhofeingang, sie nickte mit dem Kopf. Zu sich selbst.
+
+Léon griff sie stürmischer an, befreiter, beim Segeln, auf den Quais. Sie
+bedeutete ihn ruhig, daß das Opfer, mit dem er sich brüste, ihr nichts
+bedeute, denn es sei eine Selbstverständlichkeit und ohne die kleinste
+Verpflichtung für sie. Sie kam mit Pony wieder und den Hunden am Abend die
+Anlage her, als die Rhône sanft, tiefblau vorüberströmte, schon die
+Dämmerung aufnehmend, während ihr Anfang noch biegsam und stählern mit den
+Schneebergen glühte. Léon flehte sie an, Pony zu verlassen.
+
+»Gab ich nicht Renée?« Es verstörte sie eine Sekunde, an die Tänzerin zu
+denken. Doch glitt es schon weiter, hinter sie. Sie zog die Augen an, daß
+sie schräg standen.
+
+Am Morgen war sie verreist. Enttäuscht von der Brust eines glatten Fischers
+kam sie von Beaurivage. Der Morgen fiel prall und von seraphischer Bläue in
+die Schwebe getragen auf den weißen Ufersand. Erstaunt sah sie Genf wieder
+auftauchen. In der Betäubung des irrsinnigen Suchens fiel Gelebtes sofort
+hinter sie, Leidenschaften verschwammen wie nie geatmet nach Tagen. Die
+Landschaft der Woche vorher, das Haus, ihre Gedanken prallten schon im
+Wesenlosen. Als Léon, die Hand am Steuer, den Großschot in der anderen
+seilend, in ekstatisch erhellter Nacht, in der der Mont Blanc wie ein
+weißer Ballon schwamm, schwor, Pony zu erschießen, wenn sie ihn nicht
+verjage, sein Auge den fiebrigen Wahnsinn bestätigte, wies sie ihn zurück
+mit Nein. Kalt vor Zorn verließ sie ihn über die Drohung, mehr voll Liebe
+zu Pony wie je. In dieser Nacht weigerte sich Pony zum erstenmal, sein
+gequälter Körper gab ihm Mut, den sein Geist nicht hatte. Sie sprang aus
+dem Bett: »Gut . . . du wirst Bonnen wieder haben.« Am Abend kreuzte Léon
+Ponys Abreise, sie hatte ihn nicht begleitet. Er nahm einen Wagen, jagte.
+Er kam als Sieger. Auf dem Tablett kam mit ihm ein Brief, Daisy nahm ihn,
+als Léon eintrat und legte ihn sofort wieder zurück. »Welche Eitelkeit in
+Ihrem Gesicht«, höhnte sie und wandte sich um nach dem Shawl und dem
+Spiegel. Bestürzt, zerschmettert kehrte Léon um. Am Ende des Zimmers hielt
+er, nahm eine Vase und schlug sie hin, blickte starr und ging hinaus. Daisy
+trat auf die Rampe des dunkel gewordenen Hauses, um das die Brust des
+Wassers langsam stieg und fiel. Sie pfiff. Zwei grüne Lichter bewegten sich
+auf dem Anlegeplatz, stachen ins Wasser, kamen im Bogen heran. An Léon
+vorbei, strich Jérôme in das Haus. Plötzlich hob er den wirren braunen Kopf
+und lauschte. Im untersten Fenster sang eine weiche berückende
+Männerstimme: »Andulko me dite --vy se mne libite . . .« »Was ist das?«
+frug Jérôme. Sie lauschte. Pony war zurückgekehrt. Sie lachte, zog ihn wie
+einen Hammel am Fell. »Einer der Hunde?« frug sie ihn; er fletschte die
+Zähne. Sie bückte sich, hob den Brief auf. Die Schrift war von Syg. Sie
+ließ ihn in das pfaublaue Wasser hinunterflattern. Am Morgen brachte sie
+Pony selbst in die Bahn.
+
+Ringe in Blumen . . . sie gab die Buketts, ohne sie zu sehen, dem
+Zimmermädchen. Ein Kreuz mit Ametyst auf Rosenholz, vom Athos, lag auf
+ihren Kissen. Ein Pferd stände bereit, schrieb man. Léon schmiegte sich
+manchmal durch die Dämmerungsschatten draußen. Eine Yacht trug ihren Namen
+am Lee unter dem Fenster vorbei. Eine kalte Verschwendung trug die Luft
+jedem aus ihrem Leben zu, die erzittern machte, wer in ihren Kreis trat.
+Sie atmete, sah Augen, Tage, blaue Ausschnitte über dem Salève, kurz und
+farbig blitzten Blicke in ihren, schon entrann es zu anderem. Es floß
+zurück wie in einen Bogen, in dessen Kurve ihre Seele unermüdlich schwang.
+Irrsinnig eines Abends erstürmte Léon die Treppen, kam in ein Zimmer, wo
+sie las, streifte die Kleider ab. Sie eilte hinaus, schloß ab, klingelte.
+Er flehte. Sie wollte den Skandal. Dann überlegte sie, sie schloß einen
+Vertrag, legte ihm auf, daß er sie mitnahm auf die Gesandtschaft in Bern.
+Er kompromittierte seinen Namen, die Stellung. Doch er sah sie nur entfernt
+wie immer. Sein Diener erzählte ihm von dem Kreis und den Monden auf ihrem
+Leib, er ward ohnmächtig. Sie frug ihn nach seiner Arbeit, den Geheimnissen
+des Berufs, sein Leben. Seine Nägel ballten sich in die Handflächen, aber
+sie sah die geheimsten Akten. »Wäre ich eine Agentin?« Er zuckte die
+Achseln, schon war ihm alles gleich. Seine Familie steckte ihn in ein
+Sanatorium. Er folgte. Vorher bestach er die Zofe, erhielt eine ihrer
+Hosen, schluchzend fuhr er damit im Zug. Er hatte sie nicht gehabt. Er
+hatte wenigstens dies. Am Abend spielte sie in einen Mann verkleidet auf
+einem Kostümfest, an den »Kleinen Pferden«, verlor, konnte nicht alles
+zahlen, bat ihren Partner mitzukommen. Er wartete im Vestibül. Als sie die
+Treppe zurück herunterkam, erstarrte er. Sie kam als Frau.
+
+Er neigte sich über ihre langen Finger. Wie sie in den Wagen stieg, sprang
+Jérôme hinter einem Busch heraus und schrie: »Hure«. Etwas blaß, unsichtbar
+durchglüht trat sie zögernd ein wenig zurück. Als sie ihn aber ansah, ließ
+er die Hände sinken, schlug sie um den Nacken und lief brüllend davon. Der
+Wagen rollte. Sie trat mit ihrem Partner ein Treppenhaus mit Marmor hinauf.
+Die rote Weste eines Dieners leuchtete hinauf neben ihr unter einem
+zehnkerzigen Halter. Die Fräcke im Saal glitten durch einen dünnen
+silberbläulichen Rauch, den der Atem des Tanzes und der Getränke schon zum
+Rausch gemacht hatten. Sie legte den Arm auf eine Schulter, der blasse
+Schein einer Nische umglitt sie. Ein Mund fiel auf ihre Achsel. Sie zuckte
+zusammen. Ihre Glieder wurden kalt und abwesend wie oft in unerklärlichem
+Wechsel. Sie starrte vor sich hin. Sie hatte einen Brief eingesteckt, als
+sie sich umzog. Es fiel ihr ein, sie öffnete ihn. Sie stand auf. Der Mann
+hielt sie. »Was?« Ein verzweifeltes Gesicht krallte sich in ihr Auge. »Hast
+du mich nicht wahnsinnig gemacht?« Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte ihn
+kaum bemerkt, ihre Gedanken kreisten irgendwo entfernt, es fiel ihr nicht
+ein. Mitten im Saal schrie der Mann ihr nach: »Hure« . . . Sie zuckte kaum
+merkbar die Schultern. Sie hörte es zum zweitenmal heute. Allein es drang
+auf keinen Punkt in ihr ein, der ihr Gefühl bewegte. Vorbei schon. »Ein
+Opfer«, lächelte ein übergroßer lässig gebeugter Herr im Monokel. Schon
+suchten an seinem Mund vorüber gleichmütig ihre Augen nach Neuem. Ein
+olivenfarbener Jüngling, der wie ein Mädchen tanzte, legte den Arm um sie.
+Lächelnd glitten sie Ring auf Ring herum, gewiegt von einer Klarheit der
+Füße wie nie in diesen Sekunden. An einer Ecke des Saals fiel ihr das
+zweifach gesagte Wort mit einem Mal ein und sie setzte sich. Es war, als
+zerschmetterte es etwas in ihr. Sie trat an das Fenster. Unten im Garten
+hörte sie deutlich eine Frau weinen. Das faßte sie wie mit Schrauben, sie
+glitt hinaus. Eine Bank. Es war, als ströme mit dem Weinen in dem Busch,
+ihr Leben weg, bräche ein wie in Eis, zerrinne haltlos zwischen ihren
+Händen. Sie sah, wie sie Stück auf Stück verloren hatte, unter dem
+Schmerzenston brach es zusammen. Sie versuchte nicht, sich zu wehren.
+Perlmutten flauschte im Mondschein ein Segel vorüber und rückte ins Dunkel.
+Zerfetzte Trümmer lagen um sie, was sie gesehnt, gedacht, begehrt im Blut
+. . . es knallte um sie zusammen.
+
+Da erst, wie angezogen von der anderen Stimme, konnte sie weinen und je
+länger die Tränen über ihr Gesicht strömten, fühlte sie, wie in ihr die
+Verzweiflung und das gierige Suchen brach. Sie fühlte sich elend wie nie,
+aber gleichzeitig verband sie ein Strom ungekannter Süßigkeit mit der
+anderen Weinenden. Es war ihr, wie, als sie erkannte, daß die Stimme
+versage, und jedes Leidende, jede Kreatur dicht ihr Herz berühre. Sie stand
+in einer wunderbaren Empfindung. Schon rissen die Wochen hinter ihr wie
+unwirklich und ihrem Wesen ungehörig sich ab und stießen ins Wesenlose. Aus
+der Tiefe des Elends aber zog sie ein Gefühl von einer ergreifenden
+Harmonie in die Höhe. Sie empfand, als stehe sie auf anderem Boden, wie
+plötzlich ihr Schicksal sich zusammenlegte mit Tausenden von Menschen, an
+die sie nie gedacht, daß ihr Schmerz sie erhob und verband, und daß, wie
+sie verzweifelt gesucht auf der Jagd und mit den greifenden Händen, in ihr
+lag mit einer stillen Verantwortung, die nichts übertraf. Sie sah die Welt
+plötzlich anders. Es stieg eine Kraft aus ihrem Elend, die sich in ihr
+bäumte. Ein Glücksgefühl überfloß sie. Demütig grüßte sie den Fall der
+Jetée, die Neigung der Berge, das träumerische Schleifen der Schwäne.
+Herauf kam der Kleinen Gesicht, aber die Schuld, die sie empfand, drückte
+sie nicht, sondern entflammte sie zur vollen Anspannung. Ihr war, als ruhe
+die Achse alles, was Hülfe bedurfte, in ihrem Herzen in dieser Nacht und
+ihr Herz drehte es in einem wunderbaren Stolz. Sie schaute lange unter der
+vorgehaltenen Hand ins Wasser. Ein Gesicht kam zurück von der glatten
+Fläche. Sie schauten sich an. Dann ging sie hinein.
+
+Sie hatte ein anderes Gesicht gesehen.
+
+ * * *
+
+Sie ließ ihre Sachen verteilen. Jérôme sandte sie einen Ring. »Ay . . . ay
+. . .« rief sie an der Gasse. Die arabischen Weiber küßten ihre Hände und
+Füße. Die Zofen kamen, nahmen. Die Bonnen gingen mit Ballen, zitternden
+Händen. Die Kostbarkeiten wurden versteigert. Die Depots sperrte sie. Die
+Spitzen rannen ihr durch die Finger. Eine frische stolze Hure in einem
+Kleid, daß ihrer Haltung zu gering war, zog sie aus dem Tanzsaal. Die
+Hosen, deren Plissees rauschten, in matter Seide zu Dutzenden fielen,
+durchfühlte sie mit der Hand, gab sie ihr. Mit jedem Stück, das sie
+verließ, schenkte sie sich zurück. Und die Wollust des Hingebens verband
+sie den Dingen um sie. Gebend lebte sie drei Tage und fühlte, wie unter dem
+Hinweggehen ihres seitherigen Daseins Freiheit in sie strömte.
+
+Eine kleine Summe füllte sie in ihr Portemonnaie. Sie besaß einen Koffer
+noch und ein weiches helles Kleid aus indischer Seide. Sie schellte
+Marguerite, die Manikure. Vor dem Spiegel die Figur und den Kleidschnitt
+abmessend, bot sie ihr den Tausch an. Die lehnte ab, da es zu kostbar war,
+errötete, ließ sich langsam zwingen, küßte Daisys Hand. Mit kleinen Sachen
+ging sie auf die Straße, gab dem, jenem, Frauen, Kindern. Es reizte sie
+nicht, zu wissen, wer es besaß, denn jede Tat der Entäußerung entlastete
+sie zu Glück. Sie beschäftigte ein halbes Dutzend Agenten. Ihre Pariser
+Wohnung ward verkauft. Pferde untergebracht. Möbel, Schmuck versteigert.
+Die Summen festgelegt, geschlossen. Selig fühlte sie alles entgleiten. Dem
+prächtigen Körper eines verlotterten Mädchens, dessen Anmut sie rührte,
+schenkte sie ihr Kleid. Sie stand in Hosen plötzlich am Badestrand abends.
+Verlegen ging sie in die Kabine, sandte ein Kind mit dem Portemonnaie zu
+der Manikure. Das Kind kam mit einem Kleid, brachte das Geld zurück. Sie
+zog ihr Armband aus, es Marguerite zu senden, runzelte die Stirn und blieb
+eine Minute in einem merkwürdig erhellten Zustand. Darauf schenkte sie es
+dem Kind für sich selbst. Küßte es, tief getroffen. Mit der Entledigung zog
+die Einsamkeit des Reichtums aus ihr. Sie besaß noch zwei Ringe. Einen warf
+sie den Schwänen zu, vom Geländer, abends.
+
+
+
+
+Der vierte Abschnitt
+
+
+Vierzehn Tage wohnte sie Mont Martre, stieg hinab zu den Hallen, nach drei
+Wochen war sie Mont Parnasse, geriet in ein falsches Haus; ein Kind fiel
+die Treppe herunter, sie nahm es hoch, es schrie. Ein Mann brüllte sie von
+oben herunter an, ging in sinnloser Wut auf sie zu. Sie strich das Kind
+über den Kopf, legte es der Frau an die Brust. »Verzeihen Sie«, sagte sie,
+schlug die Augen herunter und ging mit einer Stille, daß der Mann,
+verstummt, sie grüßte. Sie wohnte Rue Bonaparte, die so eng war, daß vor
+der Ecole des Beaux Arts nur eine Linie der Autos vom rechten zum linken
+Seineufer durchfuhr, und die ohne Pause zitterte. Sie bewohnte die Hotels
+am Boulevard Sebastobol, wo Huren und Apachen nachts schrien. Sie ging
+durch die Straßen, früh, mittags, die Nacht. Beim Löwen von Belfort sah sie
+Ringer und Stemmer in Trikots unter den Bäumen turnen. Kokotten pfiffen ihr
+nach. Rue Richelieu schlugen Huren sie nachts, weil sie glaubten, sie
+breche marodierend in ihr Männerquartier. Abends in der Olympia Bar
+fletschten vierzig Mulattinnen die Zähne um sie, im Saale der roten
+Papageien und drei Kapellen drehte sie sich, tanzte, ging allein, als die
+Rudel schönbeiniger Frauen lachend aus der Revue mit dem Geruch ihrer Haut
+und der Tierbewegung der Hüften und langen Schenkel kamen. Auf Imperials
+rollte sie von Quartier zu Quartier, Liebespaare, Trunkene, Studenten mit
+zerrissenen Schuhen, Russen, alte Böcke, aufgegeilt hinter Midinettes her,
+neben sich. Im Hotel des Etrangers schrie ihr Nachbar in Herzkrämpfen auf.
+Sie saß drei Nächte, kühlte ihm die Brust mit Eis. Als er hochkam, beschloß
+er sie dankbar unter die Decke zu ziehen, griff in ihr Bein. Am Panthéon
+erschoß sich ihr Visavis, ein blonder Student, der morgens mit roten Lippen
+gleichzeitig wie sie die Milchkaraffe in Unterkleidern in seine Tür
+hineinzog, an Syphilis. Sie wohnte Rue Monsieur Le Prince, Vaugirard,
+Champollion, zählte die Schornsteine, Betrunkene an ihrer Tür, die Fenster,
+Mondaufgänge.
+
+Sie wohnte Rue Gay Lussac. Ihr Geburtstag trüb Quai de Valmy. Kehrte
+zurück, als die Seine sie drückte, zu Mme Fleurquin, in das Zittern der Rue
+Bonaparte, Bäume schwankten Boulevard St. Germain. Square Monge erlebte die
+Überschwemmung. Rue des Bernardins verließ sie das Hotel im Kahn, half
+Emigranten retten, ward als Diebin verhaftet, lächelte sich frei. Ging auf
+die Mairie neunzehntes Arrondissement, vierundsiebzigstes Quartier, gab
+sich hin für Überschwemmtenhilfe, empfing ein ironisches Ziehen des Mundes,
+ging wieder. »Geben Sie, Notre Dame des Lorettes willen, einen Sou zum
+Métro, damit ich die Kaserne erreiche,« flehte in der Rue Pigalle ein
+Piou-Piou. Sie gab ein Fünfzig-Centimes Stück. Er lachte sie aus, suchte
+sie zu umarmen. »Kommen Sie, es ist warm darin,« sagte ein großer Mann,
+glaubend, sie friere, nahm sie mit in das Café Cluny, las die Zeitung,
+ignorierte sie, zahlte für beide, ging mit einem Gruß. Erstaunt suchte sie
+ihn drei Tage, fand ihn nie wieder. Sie wohnte gegenüber Ecole
+Polytechnique, wo nach Regen Abenddächer mit weißen ovalen Schilden
+blitzten, dumpf Seinehörner tuteten, sah die Zöglinge der höchsten
+Artillerieschule farbig an Kanonen seltsame Bewegungen machen. Saß Closerie
+des Lilas, hörte die Revolte der Kunst. Aux trois Poulards schlug ein Mann
+einer Frau durch den Schädel, nahe den Hallen, warf sich heulend über sie.
+Sie belauschte das Gespräch zweier Absynthe-Weiber, Ausgedörrte, die gleich
+Hyänen gegeneinander stürzten und von der Berührung des Fingers schon
+umfielen, in den Pausen der Schlacht, wo sie, unfähig aufzustehen,
+nebeneinander in der Gosse lagen. Sie machte dem Trio an der Sorbonne
+Platz, dem Star-Mann, dem beinlosen Singenden auf dem Räderbrett, dem
+jungen Louis, sie warfen ihr Schlüpfriges nach. Sie aß mit der
+Papageienverkäuferin, studierenden Negern, österreichischen Spitzeln,
+Lesbierinnen der Place St. Michel, mit spanischen Zöglingen der
+Schneiderakademie, Chauffeuren, Gasarbeitern, Deutschen.
+
+Sie ging zum Löwen von Belfort, wo Ringer und Stemmer unter den Bäumen
+turnten. »Wie elend zum Kotzen dies Leben«, sagte ein gesunder Mann, der
+Postkarten verkaufte, mit weißen Zähnen lachte. Da brach eine fremde Frau
+in Tränen aus. »Haben Sie Hunger?« frug Daisy mit einem Blick auf den
+Ellenbogen der Frau; die aber stieß ihr durch das Kreisloch den spitzen
+Knochen in den Leib, schrie, fluchte, drückte sich hinaus. Sie wohnte Porte
+Maillot, wo Métros aus der Erde stießen, Menschenmassen aufquollen, Korsos
+zum Bois wallfahrten, selige Benzingerüche in Parkwipfeln schäumten, lange
+Frauenketten in Wagen unhörbar, mit Pelzen und süßen Pferden zu Wiesen
+zogen. Sie wohnte Impasse Bérthier, Rue de la Rochefoucauld mit der
+Grabesruhe und Sacré Coeur blitzend darüber mit weißen Türmen,
+Rosenkränzen, Zitronen. Moulin Rouge brannte das Parterre aus, vom dritten
+Stock sprang ein dicker Offizier ab, zerschellte unter dem Flammenschein.
+Sie wohnte Quartier Ternes, fleißige kleine Bürger arbeiteten in offenen
+Fenstern. Stand Champs Elysées vor Luxushotels, sah Autos anfahren,
+gepflegte Frauen, helle Glacés, Skunks, weiße wundervolle Füchse. Sah an
+sich herunter. Sah gespannter lang hinüber. Wohnte Rue Delambre, zweiter
+Hof, dritte Baracke, Numéro Vierundachtzig. Wohnte neben Jardin du
+Luxembourg. Wohnte Parc Monceau, diese Nacht selig von Bodengerüchen.
+Wohnte Bastille-Platz. Wohnte zwei Nächte nirgends. Wohnte St. Germain des
+Près, sah um sich Pfauenräder der Lichtkaskaden zum Himmel brennen über dem
+rötlichen süßen Straßengefieber, folgte einem Ruf, stieg zwei Treppen zu
+Musik, sah sich um, prüfte, wer gerufen, ging zurück. Am zweiten Tage hier
+folgte sie einer Bluse in ein Kaffeekonzert.
+
+Einen warfen sie heraus neben ihr, zehn Meter unter der Erde, der zweite
+Keller, schrieen: »Sortez-le!! Peschärsche, Affenschwänze, Bauchzimbel,
+Irrgebrunste, Saligots!!« Im Rauch fiel ein Sergeant gegen die bemalte
+Kalkwand, weiß im Gesicht, beugte sich im Gesäß. »Rotz-Lumpen«, er
+verschwand. Ein ungarisches Violinstück kam aus der Ecke. Sie ging über den
+Boden, in dessen Lehm ihr Absatz leicht sank, saß nieder der Bühne
+gegenüber unter dem zweiten Lampion. Ein Rosablusenmädchen besah im Spiegel
+die Zungenwurzel genau und angespannt, schüttelte den Kopf lachend gegen
+den Rauch. Eine unsichtbare Stimme, siehe, rief: »Schlaf mit mir, süße
+Freundin.« Sie erhob sich und warf sich einer sanften Schwimmenden gleich
+in den Dampf.
+
+Daisy stand mit ihr auf, ging zwischen gesäten Tischen, den Blick fest nach
+vorn. Ein altes Weib neben den Kulissen auf einem Faß zog über ihre
+schamlosen Beine einen Keuschheitsgürtel, stampfte im Tanz, grimassierte
+den Bauch, zwischen gelben Zähnen: »Elle avait un petit cadnaz . . .« Auf
+der Bütte in dem Winkel gegenüber schwang die Kitschfanfare eines
+militaristischen Fanfarengauls. Sozialisten schrien sich am Ausgang zu:
+»Allons Camerades«, stürmten, warfen die Bütte um, schwangen einen Kreis um
+die Alte. Daisy stand auf, ging weiter nach vorn. Sie saß in der ersten
+Reihe. Auf der Rampe über ihr stand ein Mädchen, und die ungewöhnliche
+Zierlichkeit und Anmut ihrer Beine machte ein Loch in den Lärm. Daisys
+Blick blieb lange an der Biegung ihrer Lippen, dem Schwung ihres Leibes,
+der kindlichen aufreizenden Geste, mit der sie sich entzog. Sie saß nun
+ganz an der Spitze des ersten Tisches. Als im Vorgang des Schattenspieles
+ein schwarzes Mädchen ohnmächtig ward, der Mittelpunkt des Abends unter
+Gemurre schwankte, sagte sie entschlossen: »Ich«, trat hinter das
+aufgespannte Leinentuch, fand dort Renée, die den Stoff ihres Kleides
+prüfte, ihre Augen dicht ansah, lachte und sie küßte, neben dem
+Conférencier Philippe.
+
+Sie lieh ihre Stimme einem Schwan hin, der an Philippes Hand grotesk in
+Schatten verzogen auf der Fläche tanzte und es nicht unterließ, in heftigen
+Perfidien dem Präsidenten der Republik nahezutreten, den Abend zu retten.
+
+Sie gingen eingehängt zum Boulevard St. Michel, überquerten den Platz,
+hielten an der Boulangerie. Trabten weiter. Stießen auf d'Harcourt,
+passierten, liefen zur Bar, standen vor der Luxembourg-Fontäne, gingen in
+die Source, trieben heraus. Wurden aufgehalten, Philipp erkannt, umringt.
+Studenten schwenkten die Biretts, drückten aus ihren Mimis süße Schreie.
+Einer löschte die Laterne, einer kitzelte den Sergant de Ville. Sie zogen
+durchs Croissant, grüßten mit Zuruf Jaurès, stoben im Hinterzimmer über das
+Klappern der Jetons, warfen einen Spieltisch um, beknurrt vom Haß der
+Tische hinaus. Zurück zu d'Harcourt. Dann zur Source. Reichere Studenten
+schrien den Mimis Preise zu. Im Panthéon fiel ein Mann klatschend auf einen
+rundoffenen lackierten Hurenmund. Damen von dreißig bis sechzig Franken
+stießen verächtliche Parfümwolken aus gegen die Mimis, die frech und
+ängstlich an den Armen ihrer Freunde schwebten. Auf dem Boulmich verdrehte
+die Mimi Madeleine die Augen, fiel um, blutete aus einem Achselgeschwür.
+Sie schafften sie in die Brasserie Lorraine, gaben sie ab, saßen um einen
+Tisch, klatschten in die Hände, hoch im Rhythmus, wieder herunter und dann
+monoton in einer Schleife. Daisy schlich hinaus, vermochte sich nicht zu
+entziehen, denn am Ausgang stieß sie neben der Kranken auf Philippe. Sein
+Gesicht, wie er, unermüdlich, helfend, gekniet, beschäftigt war, hielt sie
+fest. Sie beugte sich vor, ging überflüssig zurück. Renée tanzte schon auf
+dem Tisch, die blanken hellen Scheitel der Dänen blendeten in einem Kreis
+um sie, wieder sah sie ihre unvergleichlich schönen Beine. Man ging Rue des
+Ecoles, Notre Dame, eine Brücke, Place St. Michel, Rue St. Jaques, Rue des
+Etrangers, wühlte sich ins Dreieckkreuzfeuer der Lichter vor der
+Nacht-Boulangerie. Zwei wurden abgefaßt beim Gebäckdiebstahl. Die Spionin,
+die im Gewühl der aus allen schließenden Cafés sich hier um warme Hörnchen
+massierenden Massen lauerte, griff die Gelenke, die Kassadame keifte, vom
+Pult brüllte der fette Chef mit aufgeschlagenen Ärmeln: »Steck ihr
+Pferdäpfel ins Maul. Kanalsau.« Man riß einige mit aus dem Haufen,
+wechselte ein blombiertes Fünffrancsstück, warf ein Pißhaus um, rollte es
+über die Trottoirs. Man kam Rue Guijas. Die Droschke mit Madeleine kam an.
+Man rettete sich aus der Clique ins Hotel, trug Madeleine vornher, riß
+Renée aus den Armen der Studenten in den Chauffeurmänteln, knallte die Tür
+hinter sich zu, riegelte ab.
+
+Sie stiegen durch die drei Hurenetagen zur sechsten der Artisten und
+Studenten, trugen Madeleine ins Zimmer Philippes. Er schlug sein Bett für
+sie auf, legte ein reines Taschentuch auf das Kissen. Beim Abstieg zum
+zweiten Stock in Renées Couloir gab es im dritten Skandal. Zwei Weiber,
+eine im Korsett, eine im Hemd, die schimpfte, standen vor zwei Männern mit
+Zylindern im Genick, die Kerzen hielten, und einer sagte: »Alte Sau . . .«
+Die Hure hieb zu, traf nicht den Hut, sondern das Licht. Das Dunkel
+stürzte, eine Tür knallte, es schoß. Aus den Gängen quollen Weiber. Männer
+in Pyjamas fluchten, drückten Knipslaternen. Atemloses Geschrei verwirrte
+alles, plötzlich lief man. An Daisys Körper griff eine Hand.
+
+Sie flog an einen schlanken Körper, der sie rasend küßte. Erstarrt hielt
+sie in dem Zug, der sie einsog, in Besitz nahm mit den Lippen, plötzlich
+schrie sie. In Renées Alkoven aber schlief sie im Traum die Nacht mit jenem
+blonden Skandinavier, der die erste Nacht, wo sie auf den Mann traf, bei Le
+Beaus Umarmung ihr die Nacht zerfleischte, sie hinaushob über die Seligkeit
+des Franzosen und sie an eine Wonne hochstieß, gegen die nichts im späteren
+auch nur gering bestand. Der mit der Hand aus ihr streng heraushob, was ihr
+Schmerzen machte bis dahin. Er tat nichts, was ihr zurückgab, aber er küßte
+ihr Bauch und Bein, durchwühlte sie, ward blitzscharf am Rande des Körpers,
+aber im Gesicht milder, als er sie verließ. Dies blieb in ihrem Schlaf, so
+daß sie aus dem Traum mit dem Engel glücklicher und befreiter erwachte als
+je aus einer Männernacht. Sie stellte die Schüssel auf die Kiste, wusch
+sich, schüttete das Wasser in den Schacht, aus dem mit einer Wolke das
+Gekeif in das kurz geöffnete Fenster hineinstieß. Sie schloß auf zu Renée,
+sah Bewegungen in ihrem Bett, roch den Schweiß des Kampfes. Sie wartete
+still, geduldig. »Hundert Sous« im Nebenzimmer. Die Tür klappte. Sie trat
+hinein zu Renée, die sich müde im Rücken nach der Schüssel bückte. »Nein,«
+sagte Daisy mit unbegreiflichem Lächeln, »laß mich«, und sie hob die
+Schüssel auf ihre Knie und wusch Renée das Gesicht und die Brust.
+Erbleichend sah sie am eigenen Hals, wie sie sich vorneigte, die
+Dukatenkette vorschwingen. Es fehlte seit der Nacht eine Kugel.
+
+Sie hatte nur noch eine.
+
+ * * *
+
+Für Madeleine, die ins St. Denis-Hospital gefahren ward, sprach sie
+allabendlich im Schattenspiel Philippes Sätze. Ward seine Angestellte,
+Vertraute, Sekretärin. Sie erlitt das Kneifen ins Bein zwischen den Tischen
+durchgehend, Zurufe Besoffener, während sie sprach und ihre Stimme einen
+Schmelz annahm, der sie nie beflügelt. Sie schrieb unter der Petrollampe
+seine Briefe, sein Diktat. Sie schloß, war er weg, die Dachluke, räumte
+sein Zimmer, besorgte seine armselige Wäsche. Wurde ihr Auge verzerrt von
+Gesehenem, gab seines ihr Haltung. Rief er, Kommis und Louis zu ergötzen,
+die Nummern des Programms in fanatisch heldischer Pose, las sie zu Haus,
+was er schrieb. Ging sie mit ihm neben den Bahnen, verschleierte die Straße
+sich in wohltuenden Nebel. Als im Jardin des Plantes der Tiger aus
+aufgeklafftem Rachen heulte und sie mit ihm ans Gitter trat, sah sie die
+Jungen, nur an den Zitzen spielend, ruhig saufen. Er wehrte jede Hilfe ab,
+bot ihr als Ausgleich von seinen sieben Centimes, blieb streng dabei, als
+sie lächelte. Bald konnte sie nur tun für ihn, was er nicht merkte.
+
+Am Tage des Bastillesturms gab er drei Vorstellungen. Am Mittag darauf kam
+sie in sein Zimmer. Er schlief auf dem Stuhl. Sie suchte bis mitten in das
+Zimmer zu kommen. Dann schlich sie hinaus. Nach einer Stunde kam sie
+wieder. Er schlief noch. Sie preßte das Kinn wider die Brust, weckte ihn,
+gab ihm den offenen Brief, ihre Augen trafen sich, er nickte.
+
+Sie gingen durch den Park, wo Kinder kleine Segelboote fahren ließen, durch
+Rosahüte, Militärmusik, sanfte Alleen mit Dogcarts. Kamen in Gassen, Geruch
+von Fischen, Kartoffeln, süßlichem Kinderschmutz. Eine Wolke Karbol umstand
+sie. Eine Schwester mit spöttisch grünem Blick versagte den Eintritt,
+Philippe sah sie an, nahm ihre Hand. Sie schwankte, öffnete die Tür. Als
+sie eintraten, lauerte eisiges Schweigen, eine Frau wälzte sich lautlos auf
+dem Rücken im Kot. Zwei fuhren auf aus den linealstarren Bettkolonnen,
+schrien, mit Armen die Kissen zerreißend, nach dem Mann: »Reiß die Mempel
+aus! Schlammbeißer, Creusot!« Sie rülpsten, ihre Köpfe waren verbunden und
+geschwollen, Eifersüchtige sich wähnend, schmissen die im letzten Stadium
+Irren über sechs Betten, die sie trennten, sich ihren Schleim, ihre Wut ins
+Gesicht. Er trat heran, sie zu beruhigen, indem er die Schwester leicht
+zurückdrängte. Aber als er der einen sich näherte und das Gesicht
+herabsenkte, begann sie zu zittern, fiel auf den Rücken, zog das Hemd auf
+und stülpte den zerfressenen Schoß ihm entgegen. Er wollte etwas sagen,
+doch die Schwester riß ihn zurück, hinaus. Daisys Rock ward gezogen. Eine
+dünne Stimme: »Zu mir?« Aus grauenhafter Sehnsucht kehrte ein gläserner
+Blick wieder zum Plafond zurück. Die Frau vom Boden stieß sie zur Seite,
+lief bis an die Tür, wo der Mann verschwunden, wimmerte, brach zusammen,
+umfaßte mit den Fingern die Klinke, die er berührt. Links war die Krankheit
+schon Agonie bei einer Kette Betten, rechts saß ein Kind und lächelte,
+vierzehn Jahre. Nun kam Daisy zum Fenster, blieb fünf Minuten bei
+Madeleine, gab ihr Äpfel, Rosinen, Bananen, Brot. Dann gingen sie auf die
+Nachbarbetten zu, legte bald auf jenes Kissen, bald auf dieses Tuch Frucht,
+und wie sie austeilte mit einer Armbewegung, die fast nicht da war vor
+innerer Inanspruchnahme, begann, ohne daß sie sprach, es immer stiller zu
+werden. Als sie fertig war, peitschte ein Schrei, stand, stieß, zerbrach.
+Zwei neueingekleidete Mimis, die Kette mit der Indikation der Maladie um
+den Hals, die frech herein kamen, bekamen andere Augen, andere Bewegungen,
+zerbrachen irgendwie unter dem Schrei. Neben der Toten stand die Schwester.
+Madeleine sah auf das Grün im Garten, zurück zu Daisy, ließ ihre Hand nicht
+bis zur Türe. »Zu mir?« frug die gläserne Stimme, wandte das zarte Profil
+sich hinauf. In die geklemmte Tür noch zwängte Madeleine den Hals, sah
+Daisy nach, bis sie verschwand.
+
+»Dies ist ein Zuchthaus.«
+
+»Aber auch von St. Denis sehen sie den Himmel«, sagte Philippe.
+
+Ihr Blick blieb nachdenklich, zugeschüttet, an dem glänzenden Lack der
+Kinderhüte und dem weißen Crepe, der die Hemden der Croquetspieler leuchten
+ließ auf der Luxembourgterrasse, als streichle er empört ihre Zartheit.
+
+Abends nahmen und sperrten Apachen unter Jeannot das Café Guijas ihres
+Hotels. Sie blieben mit einem Teil, während die meisten Studenten und Mimis
+durch den Keller flohen. Jeannot mit sympathischen Augen aß mit Kameraden
+um einen Tisch, drei standen Wache. Nach dem Dessert zog er die schmale Ly
+herüber, knutschte sie durch, fuhr ihr an den Bauch, lachte, legte sie aufs
+Billard. Alle umstellten es im Kreis, sahen zu, reichten ihre Röcke nach
+rückwärts. Jeannot strich seine Mouche, herrenhaft amusiert und wandte sich
+schon wieder ab, lachend über die Kuriosität der Hermaphrodite, als diese,
+außer sich, ihm einen Siffon an den Kopf schmiß. Kellner und Wirt, bleich
+vor Angst, dienernd vor Jeannot, schrien sie an. Der irische Aufwischer
+faßte sie wie ein Schwein, tat den größten Schimpf, warf sie aus der Tür.
+Sie wehrte sich, weinte, biß, kratzte, hielt sich an jedem Tisch, an jedem
+Arm. »Gut zum Schlafen, wäre sie nicht . . .« sagte Jeannot achselzuckend
+zum Ringkampf, dem er lässig zusah, wandte sich ab. Sie schlug vor den
+Scheiben in die Gosse, das Gesicht im abspülenden Regenstrom, wimmernd: »On
+m'a sortie.« »Fiaker?« frug ein Kutscher, der vorbeifuhr, gröhlte in sich
+hinein, hieb die Gäule um die Ecke. »Hilf«, sagte Daisy leis, als sie
+rangen. Aber Philippe blieb unbeweglich, bis sie im Schmutz lag, ging dann
+hinaus, tröstete sie, nahm sie am Arm, führte sie zurück vorbei an Jeannot,
+der die Pfauenbrauen zuckte, umdrehte, dem Iren mit der flachen Handkante
+ins rote Genick schlug, daß der in die Knie schoß und über ihn kindlich
+herüberlächelte.
+
+Sie legten sie in Daisys Zimmer. Um Zwei klopfte es. Philippe brachte zwei
+Männer, einer betrunken, der andere fiebernd. Sie teilte die Matratzen. Sie
+machte mit Freundlichkeit Platz, haßte ihn nachts, morgens schlich sie in
+sein Zimmer, alles aus ihr stürzte in sein Wesen zurück.
+
+Sie ward seine Begleiterin, nichts geschah ohne sie. An Betten, bei Kranken
+war sie hinter ihm. Sein Ausdruck flog ihr an. Mit seinem Wort gab sie
+Erhebung. Sie stand unsichtbar, ein sorgender Schatten, vor seiner
+täglichen Existenz. Sie wies Renée aus dem Zimmer, die mit den Waden nach
+einem Literaten kokettierte, die Stunde störte, wo er sich gab. Sie stand
+an der Wand, las er seinem Publikum, Russen, Kranken, Bettlern, Studenten.
+Ihre Seele schwang mit, glühte fromm mit seiner, pries er das Unglück, das
+tiefer forme, Hunde inniger, Pferde schöner mache. Sie bewunderte ihn, wie
+er gab, schenkte, sich teilte und verdoppelte mit einer Freude, die seinem
+Gesicht nie die weiche Erfülltheit nahm.
+
+Sie strebte, ihm zu gleichen.
+
+Sie warf jeden Gedanken aus dem Hirn, der von seiner Richtung abwich,
+kasteite sich, übertraf eine Stunde mit der anderen. Sie gab das Letzte,
+was sie trug, den Ring an Ly, die ihn bewunderte wie eine Legende, ihn vor
+Freude in den Mund steckte, darauf biß und ihn fast verschlang. Sie
+begleitete ihn zu Guigui, sprach mit ihr hinter dem Gitter des
+Gefängnisses, vergaß nicht den Zug des Rehhalses am Eisen, kam über die
+Korridore mit ihm heraus und begann, als die Sonne herabströmte, zu weinen.
+
+Doch die unbewegliche Güte seines Gesichts brachte sie ins Gleichgewicht
+zurück und sie vergaß die Auflehnung und den Druck, mühte sich stark zu
+sein, ihn zu übertreffen.
+
+Sie mogelte Geld in seine Kasse, hungerte um ihn, kürzte den Schlaf,
+brachte ihm Menschen, die sie instinktiv auflas, in seinen Abend, gab ihm,
+wenn sie beschwingter ihm folgten, einen Wirkungskreis, der öffentlich ihm
+fehlte, da er Elend lobte.
+
+Sie sah ihn, Vorbild, gerührt ins Letzte, den Vorschuß des Café-Konzert an
+ein Kleid Renées geben, Essen für Guigui. Er speiste auf einer Bank im
+Monceau, damit sie nicht sah, daß er trockenes Brot aß. Sein Bett lieh er
+aus, blieb die Nacht im Stuhl. Er sprach freundlich zur Concièrge, obwohl
+er wußte, daß sie seine Manschettenknöpfe stahl. Lächelte, als das Sopha
+unter ihm brach. Ging still neben Ly, ohne Protest, als sie unschuldig
+wegen des Ringes als Diebin abgeführt ward. Sie sah mit einem schaudernden
+Mitleid, wie er sich verschwendete, Unfruchtbares tat jeden Tag, ohne Tat
+und Ziel, das half, wie er Hohn bekam, belacht, verschimpft ward, aber
+unrührbar blieb in seiner Weise.
+
+Die Liebe aber zu seinem Vorbild wuchs daran über jeden Begriff, wuchs an
+jedem höhnischen Lächeln, das man auf ihn zielte. Bedenkenloser stellte sie
+sich vor ihn. Sie suchte noch mehr, ihm alles leicht zu bereiten. Sie sah,
+wie er sich quälte, das neue Schattenspiel zu stellen, Ordinäres und
+Geistloses aus den Tageskämpfen zog, Unterleib und Hirn des Pöbels zu
+reizen, um so die armseligen Sous für sein Leben zu gewinnen, die er doch
+wieder weggab. Und schien ihr sein Kampf verfehlt und schlecht eingesetzt
+am ungünstigen Hebel in mancher Sekunde, so schien die Stärke, die ihn
+überwindend führte, doch ungeheuerlich im Großen, daß sie über alles hinweg
+sich diesem hingab, restloser bemüht, zu sein wie er, Übel zu vergessen,
+Trost zu geben, ihm Stütze zu sein. Sie überwand sogar, was schwerer schien
+wie das andere, was ihr Geist vollbrachte, sie überwand ihren Körper. Holte
+Leder und Federn, übte die Tänze ihrer Heimat, deren Bauchkonvulsionen
+hinrissen, um seine schwache Nummer zu stützen und gab ihren Leib den
+geilsten Blicken.
+
+Aber ihr Hirn erreichte selbst in der Opferung kein Glück.
+
+Sie konnte, wo er sie gelehrt, tiefer zu schauen, die Abgründe nicht mit
+ihren Händen zusammenschweißen, die aus der Not verfluchter Zeit und dem
+Zwang, sie zu lindern, sich ergaben, und Dienen und Helfen schlugen ihr
+gleich Gewichten aus der Hand, wenn bei aller Hingabe keine letzte
+Befriedigung kam.
+
+Sie blieb allein. Lief durch die Gassen. Erbleichte unter seinem Anblick,
+schloß sich ihm demütig an. Sie kamen ins Café, als Ly von einem Krampf
+ergriffen auf dem Rücken lag und schrie. Philippe ging auf sie zu und,
+indem er die Hand ausstreckte nach ihrer Stirn, gelang es, daß sie beruhigt
+aufstand. Daisy neben ihr auf dem Barstuhl. Renée verkaufte sich einem
+blassen Deutschen feilschend um ihre Taxe: hundert Sous. Sie frug nach
+Luison. Achselzucken. Sylvie, die mit einem Amerikaner zog, der ihr Opium
+ins Gedärm gab, eh er mit ihr schlief . . . »May?« »Die Krankheit.«
+»Riette?« »Die Krankheit.«
+
+St. Denis.
+
+Das Wort schlug wie ein Hammer sekündlich in ihre Seele. Verheerte,
+verwüstete sie, trieb Wut heraus und Auflehnung, bis sie flammte.
+Schlichtete ihr Glaube sich an Philippes Nähe sanfter und demütig, ein
+jeder Besuch, ein jeder Tag rieb sie an der Unvollkommenheit, dem Irrsinn
+der Welt. Bald sah sie nur noch so, daß sie Kontraste maß, Distanzen
+spürte, das Riesige, was die Menschen schied und sie unglücklich machte,
+nur als geringe Strecke, als kleine Unterscheidung empfand und unverstehend
+blieb an der Hartnäckigkeit, mit der gestempelte Dummheit das Glück
+hintertrieb.
+
+Samstag verschwand Renée, sie sah sie nicht wieder. Abends brach eine
+kastilische Mimi zusammen, spie das Lokal voll Blut. Man warf sie in einen
+Karren, er rollte los. Herauf schwankte ein Beerdigungswagen, ein Auto mit
+bemalten Kokotten schnitt die Bahn. Da fiel sie ohnmächtig zurück, wie vom
+Blitz zerschmettert von dem einstürzenden Gefühl der Unzulänglichkeit ihres
+seitherigen Lebens.
+
+Die Nacht kam sie zu Philippe. Er hatte die Augen weit und sehnsüchtig auf
+sie gerichtet, wie sie, das Licht über dem nackten Arm, hereintrat. Sie
+ging bis an sein Bett, kniete auf das Holz. Sie neigte sich zu ihm, und es
+fiel ihr schwer zu sagen: »Wäre es nicht schöner, Philippe, du hättest Ly
+geholfen, statt mit ihr zu gehen?«
+
+Er schwieg.
+
+Dann sagte er: »Ich kann nicht bestimmen, auch du nicht, was ihr Glück ist.
+Aber ich suchte zu helfen, als sie litt.« Es gab für ihn keinen anderen
+Weg.
+
+Sie ging, sagte nie mehr ein Wort. Von ihrem Gesicht nahm stets sein Auge
+die Auflehnung hinweg.
+
+Aber sie sah, wie das Café mit neuen Mimis sich füllte, wie die wieder
+verschwanden, zu rasch durchgekeltert, zerbrochen, verbraucht. Wie neue
+Wellen der Boulevard hereinwarf. Die Lues wütete. St. Denis sich füllte,
+gespeist aus tausend Lokalen, Schicksal sich vollzog, in der Maschine des
+Hospitals das Fleisch gesiebt ward, die beiden ersten Stadien noch mit
+Grazie vergingen, das dritte aber wie Pestilenz die jungen Körper
+durchwütete . . . . wie Verlebtes herausschoß, Angenagtes hineinkam, wie
+die Maschine kaute, fraß, schlang -- -- und nichts half an der Wurzel,
+nichts umstülpte, was gemeinhin half. Gott nicht unterstützte. Was blieb
+als helfen? Nachts bohrte ihr Hirn, sie schlug an die Wand, riß an der
+Tapete. Ging sie mit Philippe, gab sie Hingebung, Duldung, Erquickung. Ihr
+Lächeln bezauberte. Louison beantwortete es zwischen einer Hungerohnmacht.
+Madeleine schien es, sie empfange mit ihren Bananen Himmel, Musik,
+Freiheit. In Philippes Leben stand sie und fühlte, daß er es brach wie
+Brot, zu heben, finden zu lernen, Stärke in Ruinen zu bauen.
+
+Ihr Hirn jedoch bäumte sich dagegen und ihr Blut, das frisch mit den Dingen
+des Daseins strömte, daß er dem Ende der Tragödie sich nur hingab, in schon
+Zerschlagenem erst das Menschliche züchtete, statt an der Quelle groß und
+sicher die alten Schleußen zu zerschlagen und neue aufzubauen. Und mit Haß
+empfand sie seine große Begrenzung, die wohl das Eigentliche wollte und im
+Zerbrochenen gleich das Geläuterte sah, aber keinen Sinn hatte für Anfang
+und Ende des qualvollen Weges, der das Menschliche verdarb und vergeudete
+in einer ungeheuerlichen Preisgabe. Sie konnte nicht unterlassen zu denken,
+während er Madeleine sein Geld gab, ihre Geschwüre seien nicht, flöge ein
+Paragraph in die Luft; Guigui sei frei, blase ein Tapferer ein dünnes
+Vorurteil auf wie Seifenschaum. Wohl empfand sie süß aus jeder hilfreichen
+Bewegung, das Wichtigste sei, die Menschen zu bessern am Beginn, Menschen
+zu schaffen mit Vorbild und Beispiel, aber was half es, dauerte es
+Jahrhunderte. Ihr Herz, das mit tausend Fasern in die Zeit schlug, bewegte
+bei jedem Zusammenstoß mit dem Elend ihres Cafés, ihres Hotels, ihres
+Zimmers sie, einzugreifen, statt mitzuleiden, und der Irrsinn, der Hundert
+zerschmetterte, um wenige sinnlos zu heben, benahm ihr den Atem und ließ
+sie in Gedanken sündigen stündlich gegen seinen Sinn. Denn da im Umschwung
+des Daseins sie aus der oberen Kuppel des Theaters hinabgestürzt aus dem
+Willen ihres Blutes in die hintersten Parterre, empfand sie die Kontraste
+deutlicher und schicksalshafter wie er, der im Bodensatz nur lebend liebte
+und tröstete.
+
+Und mit der Berührung des Primäraffekts erlebte sie erst die ganze Rundheit
+des Daseins und mehr als je klaffte ihr von dieser Tiefe ihrer Existenz nur
+die eine Losung: »Hilfe dem Menschen«, und aus Dreck und Kot und Unzucht
+kamen die Übersicht und die Entscheidung in ihr Leben.
+
+Noch hielt sie seine Güte, noch brach nicht aus, was sich wehrte, noch
+rührte die Liebe zu ihm und sein Bild sie zu solchem Mitleid, daß sie
+nachts hinausschlich, seine Schuhe reinigte, dem Kaffee, wenn er morgens an
+ihrer Etage vorbei ihn sich durch den Garçon bringen ließ, einen Zucker
+noch, den er liebte, hinzufügte, wozu sie eine halbe Stunde harrend auf der
+Treppe stand. Sie mühte sich, in die Seineantiquariate zu laufen, Kolibris,
+Lederfransen und Muscheln zu kaufen, ihr Kostüm heller zu verzieren und
+ihren Tanz zu Schleifen zu bringen, die das Letzte, was Scham ihr noch
+ließ, preisgaben, damit sie seine Premiere sichere und ihm Ruhe gebe. Sie
+schwieg, während ihr Innerstes sich elementar schon empörte, rückte näher
+an ihn, schmiegte sich in seine verborgensten Falten, lebte selbst in
+seinem eingeschlafenen Gesicht.
+
+Am Abend der Neuaufführung glühte der Kellereingang phantastisch. Die
+Stühle um zwanzig vermehrt. Sie stand im Kostüm halbnackt. Da arretierte
+ein Sergeant de Ville ihm die unersetzbare Sprecherin des Uhu. Das Spiel
+fiel aus sieben Minuten vor Beginn. Das Weib war im achten Monat, der
+Sergeant riß sie schleifend die Treppe hinauf.
+
+Da überstieg der Zorn über das, was er am Guten verfehlte, an falschen
+Plätzen vergeudete und verpraßte und nicht aufhob für das Donnernde, das
+seinem Leben Ziel und Erhebung geben konnte, all das in ihr einen
+Augenblick lang, das an ihm hing. Geröteten Gesichts unter der Schminke bat
+sie heftiger, er solle sich wehren, nicht gefalteter Hand sich selbst
+zerstören und abbauen, statt zu schaffen. Aber er wehrte sie mit der Hand
+leicht ab und einem Ausdruck um den schöngeschlossenen Mund, daß ihre Hand,
+Verzeihung erbittend, die seine strich.
+
+Aber sie verlor nicht das Gefühl, wie sehr die Unzulänglichkeit seines
+Lebens das ihre bedränge und daß sie sich zerstöre und fessele, lebte sie
+weiterhin wie seither. Sie verstummte verzweifelt. Sie empfand zum ersten
+Male die Ungenügendheit der Menschen, in denen die Führer taub und falsch
+gerichtet lagen und an denen zerbrach, was glühte.
+
+Sie tanzte mit einem Lächeln, das sein Gesicht nicht ausließ, steigerte
+sich zu den schamlosesten Gebärden, hob Bauch und Schenkel, daß nichts ihr
+blieb, alles ins Publikum fiel an Reiz und Erregung ihres unbegreiflich
+schönen gebogenen Körpers. Während ihre Füße in Unzucht gingen, lobte ihr
+Mund nur sein Gesicht, forderte ihr Auge sein Lächeln.
+
+Sie sammelte, durchbrach die knatternden Applause, stellte den gehäuften
+Teller vor ihn, strich über seine Hand. Ging.
+
+In seinem Zimmer begann sie zu schluchzen. Sie sah sich um, verließ es.
+
+Sie lebte vor Cafés, auf Imperials. Lebte Rue Richelieu, Rue Bonaparte. Kam
+Quartier Ternes, fuhr auf einem Karussell mit Affen am Etoile. Glühender
+Scheibe gleich sauste der Kreis des Daseins vorbei. Sie blieb draußen.
+Atemlos. Ohne Besinnung. Die Zähne aufeinander. Ohnmächtig Knie an Knie.
+Immer wars, es stürze wie über Terrassen das Gesehene und Erlebte ab von
+ihr. Ihre Verzweiflung trieb die hellsten Tage zurück. Der Papagei der
+Savoyardin im Luxembourg, der sie kannte und liebte und dessen Hals sie
+kraute seit Wochen in schöner Zärtlichkeit, rieb den grünen Kopf an ihrer
+Hand. Sie sah ihn nicht. Sie fuhr nach St. Germain. Vom Imperial brach die
+Stange vor der Station, ein Latschmützer sauste ab, hielt sich, stürzte
+eine alte Frau auf die Chaussee, sie brach die Beine, schrie aus
+kreisrundem Mund »Adolphe«. Kondukteur und Arzt herbei, der Apache bestach,
+blieb an der Ecke, höhnte: »un plomb«, der Schaffner warf das Bleistück
+wütend auf die Erde, ging mit roten Fäusten auf die Apachen, die die
+Zigaretten in den anderen Mundwinkel steckten, ihn über einen Zaun
+schmissen. Der Arzt reinigte sich, unter Gequietsch rollte ein Handwagen
+mit der Frau ab, die Männer sagten »merde«, schlenderten weiter. Die Vögel
+sangen toll. Aus einer blauen Woge trieb sich der Park gleich einer Wolke
+heran und stand zitternd in der duftenden Luft. Der Wind wogte golden um
+den Hochstieg der Sonne. Die Boskettes fluteten vor Licht. Sie nahm eine
+Bank. Hinter dem Brunnen ward der rote Strumpf eines Mädchens deutlicher,
+stieg, die Hand eines Mannes hob, der Rock flog auf wie ein Pfau. Als die
+kristallene Abendwölbung kam, hing eine rote Windfahne über dem Schloß, ein
+Mandelbaum, der fast weiß ward vor Hingabe, roch wie im Traum.
+
+Frierend fuhr sie zurück.
+
+Wohnte Trocadero, sah Flugzeuge silbern am Himmel surren. Rue du Château
+d'eau schlief sie bei der Concièrge, spielte abends in Porte St. Martin.
+Stand mit Heiligenbildern vor St. Sulpice. Wohnte Porte de Bercy, Bois de
+Vincennes. In einer Gärtnerei Neuillys goß sie Blumen, hütete ein Kind, bis
+es schrie und lief unter dem Schreien plötzlich davon. Stand fest vor der
+Porte Maillot mit »Intransigeant«, »La Presse«, empfing das Trinkgeld der
+Soldaten, hielt unter den Wasserpalmwedeln durchsausender Automobile,
+spielte Karten mit den Zollwächtern der Barrikade. War eine Negerin im
+Odeon, entblößte den Bauch und schwang ihn wie ein kupfernes Schild
+zwischen den zärtlichen Hüften. Hielt Narzissen in einem Kiosk der Place
+des Vosges. Stand auf dem Wagen der demonstrierenden Studenten der
+juristischen Fakultät, umbrüllt von Jugend, Benzin, Fleisch. Verkaufte »Les
+Trois Couleurs«, mit denen der »Matin« den
+Deutschland-Frankreich-Rekordflugpreis des »Journal« bekämpfte. Wohnte Rue
+St. Jaques, die barock vom Panthéon steil und dämmerig zum Boulevard de
+Port Royal steigt. Sah Madeleine aus einem Auto, verhüllte ihr Gesicht.
+Fiel zurück in das Getriebe, sah Gare St. Lazare die Auslandszüge über den
+starren Friedhof brausen, drückte Blériots schwielige Faust. Stieß im
+Louvre auf Guigui, die mit schwarzem Lorgnon, elegant gekleidet, an ihr
+vorbei auf einen zottigen Rumänen sich lanzierte. Sah die blauen Monde
+elektrischer Laternen die Sommernacht der Boulevards schwärmerisch
+durchschwimmen. Wohnte Tuilerien zwischen Hecken und Marmorbildern. Kam in
+ein Musikcafé, eine Geige riß ihr ins Herz, löste sie wundervoll auf und
+zog aus dem Verschütteten mit dem schon über das Menschliche hinausgehenden
+Hinreißenden ihrer Stimme sie in die Höhe. Sie ging hinaus, begann zu
+weinen, kam auf die Bahnhofsbank des Boulevard Montparnasse. »Kommen Sie«,
+sagte eine Stimme hinter ihr. Durch Tränen sah sie den Mann, der im Café
+Cluny neben ihr die Zeitung gelesen, ihren Kaffee bezahlt hatte. Atemlos
+nahm sie seinen Arm. Da sie ausgedurstet war nach einer menschlichen
+Stimme, wäre sie gefolgt, wäre sie rauher noch und befehlender gewesen wie
+diese. Verscholl.
+
+ * * *
+
+Aus den Sonnenblumen des Rangunschen Weibergemeinschaftshauses brechend,
+schlug Stefan ihr die Arme um den Hals von rückwärts, drückte, schob einen
+Knebel in ihren Mund, warf sie auf einen Gaul, das Tier lag in den Knien,
+ein anderer Pferdekopf schob sich vor, sie war frei, da rasten die Gäule,
+eine Hand riß ihren Zaum. Sie ritten die Nacht durch. Ihre Augen zählten
+die Äcker, sieben Bäche, sie lauschte. Geräusche. Alarm. Wasserzüge
+leuchteten Metall. Mond über einem Ölbaum. Der Mann schlug Schleifen, ritt
+ein Stück mit ihr im Fluß. Der Küstenstrich war alarmiert, er ritt zurück.
+Eine Finte. Seine Ohren standen steif vor Anspannung. Die Gäule stoben
+durch Gestein zurück auf einen Hügel. Vor dem Himmel gebrochen hingen
+Bergzüge in die Weißnacht, darüber eine Kuppe wie ein Segel geflaggt. Hinzu
+trieben sie in Wälder. Als sie den Gurt durchbrachen, Zweige um sie
+schnellten, flammte die Sonne auf. Sie kamen an ein Bambushaus. Er stellte
+die Leiter an, ging in den Verschlag, zog die Leiter hinter ihr ab. Als er
+sich umdrehte, ward sie unwohl, die Periode erfüllte sie mit Nebel, warf
+sie um. Abends, als sie die Augen aufschlug, entdeckte er es. »Vier Jahre«,
+sagte er, seine Hände zitterten. Sie sah an seinen Fingern hinauf, hinab,
+schlief ein. Anderen Tages mußte sie reiten. Sie ritt.
+
+Sie ritt mit ihm, der unter holländischem Lampenhut das Kostüm des
+nördlichen Chinesen trug, um die Wette. Schlief bei Tage. Fuhren nachts in
+Lagerfeuer. Eingeborene zwischen spritzenden Spänen sausten, die Fäuste in
+den Augen, in die blonden Felder. Ölbäume zitterten erregt unten in Ebenen.
+Sprach kein Wort mit ihm, nur an seinen Händen sah sie die Sehnsucht von
+Jahren. Als sie wohl ward, kniete sie, beugte sich über den Kopf, der
+quadratisch geschlossen schnarchte. Beugte sich tiefer, roch ihn, empfand
+die Gewalt, schlug die Zweige zurück, auf Schuhspitzen und Handflächen
+schlich sie in eine Rinne, kam an den Rand, pfiff die Gäule, ritt nach der
+Küste zurück. Hielt am Mittag. Von ihrem Gesicht fiel ab, was sie gelebt
+das Jahr und was sie erwartete. Sie lauerte, überströmte sich mit Blut.
+Kehrte um, wandte den Rücken, schlug Stefan einen Pfiff, machte Bogen,
+führte die Gäule rechts und links am Halfter, rannte mit ihnen ins
+Wiesenwachs, ließ los . . . zwei Bogen sausten in den Horizont. Sie schlug
+sich morgens zu einer Karawane. Um sie Sand. Nach dem Berg zu. Allein.
+
+Mitten trugen sie einen Alligator, vorn ein Parah mit Weibern für
+Bergradjahs. Die Armenier liefen beim Halt nach vorn, starrten in das
+Kattun. Daisy gab einem Ceylonier ein Messer für einen Esel. Er sah auf
+ihre Weiberhand, mißtraute ihr in dem Jünglingsrock mit abgeschnittenen
+Haaren, bedachte, es sei ein politischer Emissär, meckerte, sah Rebbach in
+der Beziehung, blieb treu neben ihr. Abends hob sich der Kattun des
+Vorderkamels. Hüften schaukelten prall und weiß. Ein Tuch fiel. Eine Auge
+grell nach Fleisch suchte das ihre, die Lider senkten sich, der Kattun
+verschluckte nicht das Zeichen. Es galt ihrer männlichen Kleidung, der
+tänzerinnenhaften Bronzeschlankheit. Am Morgen kreuzte sie eine Karawane.
+In der zweiten Reihe ritt Stefan auf sie zu, sie erstiegen einen Palankin,
+sie schloß die Augen. Wieder roch sie seinen Körper, dessen breite Muskeln
+sie fast zerbrachen. Demütig nahm sie seinen Zorn, seine Beglückung. Sie
+hoben sich aus den Knien. Der Kattun beim Vorderkamel stieg in die Höhe,
+das Zeichen des ersten Feuers kam. Dolche sahen in den erhellten Palankin.
+Wütend schlug der Kattun zurück. Das Weib heulte die Nacht, geschändet in
+ihrem Geschlecht, denn das Tun der beiden Männer im Palankin war ein
+Greuel. Am Gebirge bremsten sie, trennten sich von der Masse, schlugen sich
+in die Täler. Ein sanftes Gesicht wandte sich ihm zu, als sie allein hinter
+einer Düne standen. Allein die Fremdheit dieser Ergebung füllte ihn mit
+Mißtrauen so, daß er sie mehr beobachtete, als hätte sie Fäuste in sein
+Gesicht geschlagen. Doch sie tat keinen Laut, ergab sich und war in ihrem
+Erleiden und sich Schenken von einer Entferntheit, die ihn rasend machte
+hinter seinem steinernen Gesicht. Entfernte sie sich: »Halt«. Ging er vor
+ihr, sahen zwanzig Augen aus seinem Rücken. Führte sie, fraß sie sein
+Blick. Doch je mehr er sich bemühte, um so mehr gab sie sich ihm
+schrankenlos in die Hand. Allein er empfand auch hierin nur, was sie
+verschwieg.
+
+Als ihr die Milz schwoll vor Feuchtigkeit, Fieber ihr Hirn verwirrte, trug
+er sie am Leib an einen Sonnenabhang. Das gesteigerte Blut wehrte sich, sie
+schlug ihm das Gesicht auf. Als das Licht das Fieber aus ihrem Körper warf,
+sah sie das Blut. »Ich schlug dich nicht«, sagte sie. Er schwieg. Da küßte
+sie seine Hand; »Verzeih.« Sie lag wie ein Kind an ihn geschmiegt. Er sagte
+nichts, denn er besaß.
+
+Je mehr er besaß, um so stärker zog er sie in den Kreis, den seine Kraft um
+sie schloß und sie bedingungslos ihm gab. Bronzekörper fielen hinter sie
+zurück, Geschlitzte trieben Yaks auf Abhänge, tranken Alkohol, schrieen die
+Nacht. Er band sie mit jedem Gedanken, als es schneefrei ward. Ihren Willen
+schied er aus. Seinen pumpte er ein. Ihr Schritt ward bestimmt. Das Moos
+für den Fuß bezeichnet. Selbst ihren Gang, da das Unaussprechliche ihrer
+Ergebung ihn wie mit tausend Widerständen peinigte, regelte er nach Tempo,
+Biegung, er hätte versucht, sein Blut ihren Adern einzuführen, das dunkle
+Letzte suchend, was er besitzen wollte. Die Nacht nahm er ihr die letzte
+der achatnen Kugeln. Im Morgengewölk entblätterte die Spitze. Ein
+schnurgerader Weg in Fels gemeißelt blitzte hinauf. Links, rechts sausten
+Abgründe. Am Ende oben stand ein Bau. Zweimal stieß Stefan vor, kam zurück.
+Das drittemal war er bleich. Er untersuchte die Abstürze, den Stein, blieb
+die Nacht weg. Am Morgen kam er: Aus. Rot im Weiß des Auges. Die Hände
+hingen schlaff. Sein Mund murmelte die Stationen, die in vier Jahren die
+Sehnsucht ins Irrsinnige gesteigert: »Paris . . . Marseille . . . Kalkutta
+. . . Pegu.«
+
+Sie lächelte, band den Gürtel schräg, torkelte, strich die Sandalen ab und
+ging mit einem kühlen Schatten neben sich los. Auf das Tor zu. Klopfte den
+vierfachen Rhythmus, es schloß sich hinter ihr. Sie glitt in die Welle, die
+im Kreis des Hofes brauste. Senkte den Kopf, schritt mit, strich nach zwei
+Stunden von der Peripherie, sah ein gelbes Band, kam in den zweiten Stern,
+sprach eine Minute, glitt durch die Barriere in die innere Drehung. Die
+gelbe Binde verschwand, bückte sich. Ein anderer wiegte an der Seite. Sie
+kam näher der Kuppel am Mittag. Der Kreislauf faßte sie enger um die Mitte,
+schlang sie ein, trieb sie in den innersten Kern, sie flog von Schleife in
+Schleife, glitt an ein Metall, es erzitterte, nach fünf Minuten kam sie
+bleich mit einer Tafel. Den Kopf gesenkt, die Welle nahm sie auf. Langsamer
+und vorsichtiger spie sie sie aus. Ihr Bein tat weh im Torkeln, aber das
+vergangene Jahr verließ sie nicht. Sie strömte durch das Brausen, die
+Flügel des Umschwungs geleiteten sie mählich, hochmütiger aus dem Herz des
+Sternes. Gegen Abend zog die Menschen-Mühle mit Schweigen, sie bog in die
+äußerste Peripherie, stand abgestoßen vor dem Tor.
+
+Es war dunkel. »Komm«, sagte sie.
+
+Sie überschritten den Steg, ein schmales Tal schmiegte sich entlang, am
+Ende ein Tor. Die Türen sperrten, die Nacht zischte in der Laterne, die ihr
+Gesicht überflog, das Licht fiel auf die Tafel, das Gegentor schoß auf. Die
+Ebene lag vor ihnen. Sie lächelte. In seine Hand gab sie die Tafel, sie
+konnte sein Gesicht nicht sehen, später erst ward der Himmel heller, fiel
+weiß im Bogen gegen den Grenzfluß. Unter dieser Bewegung spürte er, daß das
+Unwägbare in ihr, was er gesucht und nie erreicht, solang er gezwungen, ihm
+näher nun, wo sie sich über ihn schwang, war als je. Dies schlug ihn ganz
+zusammen. Sie übersah es. Blieb die gleiche. Frug ihn nach Weg, Leitung,
+gab ihm die Führung, folgte ohne Zögern. Sprach ruhig zu ihm von Wäldern
+und Flüssen und Dingen, die sie umgaben. Von sonst nichts. Sie häufte alles
+auf ihn, was ihm das Ansehen, den Ausschlag, die Leitung gab. Als es ihn zu
+sehr bedrückte, ergab sich eine stillschweigende Harmonie, sie wünschte, er
+tat, aber sie zeigten, sprachen es nicht aus. Er verstauchte das Knie eines
+Tags. Sie blieb erschrocken, da fraß ihn das, was ihm Komödie schien, ans
+Herz, er brauste auf, die Schläfen wölbten sich, die Fäuste wuchsen. Sie
+aber unterzog sich dem ohne Betonung, demütig, nahm es hin wie vorher. Dies
+wischte seine Erregung weg, und von diesem Augenblick blieb er in einer
+gefaßten Ruhe, die jede Schwingung seines Blutes in einer ehrfürchtigen
+Entfernung hielt. In diesem Gefühl fand er sich wieder, wurde stolzer,
+sicherer, und so empfand er die Entfernung, die sie wirklich von seinem
+Erleben trennte und zu deren Aufstieg der große Weg ihn noch trennte. Von
+weißem Licht bespült, fast unirdisch in der Ruhe der Fächerabende kreiselte
+ihr Floß, dessen Ränder sie bewohnten. Der Himmel hatte die Farbe des
+Perlhuhns, seiden in der Berückung der Flötendämmerung. So entglitt sie ihm
+immer ferner, je tiefer er sie in Wahrheit erkannt und empfand, und indem
+sie das sprengte, was er bis zu diesem Tage als höchstes Vertrauen seiner
+Kraft in sich hielt, befreite sie in ihm die Freiheit, die mit
+schmerzlicher Glut ihn ganz erfüllte. Aus einem Abend stachen
+Dampferlichter. Unter senkrechter Flamme entzündete sich ein Hafen. Eine
+Stadt mit Musik, Cafés, Papierlaternen und Lichtern kam aus der Wölbung.
+Als sie in der Bahn abfuhr, sagte er wie im Garten Guildendaals: »Du bist
+der Wirbel, der mein Leben einfängt«, aber er sagte es mit einem
+schmerzlich veränderten, zu anderen Entschlüssen umgebrochenem Gesicht. Sie
+nickte zurück. Aus dem Aufschlag ihres groß bewimperten Auges blieb eine
+träumerische Bewegung in der Luft, die bald rot ward. Die Ebene glitt in
+dunklem Samt zurück, der Himmel berauscht, bebend wie eine Trommel, grau
+mit tierischem Glänzen der Fluß. Sie schloß die Augen und es kam nur das
+lösende Gefühl mit grenzenloser und gütiger Kraft: Schlaf.
+
+ * * *
+
+Sie sieht ihren schmalen bronzenen Körper im tiefen Glanz des Spiegels
+erscheinen. Sie reißt das einzige, was außer der leeren Halskette an ihrem
+Leib ist, von ihrem langen Schenkel über dem Knie das Band, zieht die
+Schließen an. Verkauft die zwei Perlen. Im Palankin fährt sie ins
+Hafenquartier, klopft, verschwindet. Fährt im Männeranzug im Wagen zurück,
+mit dem kurzgeschnittenen Haar einem Mischling gleichend, zu einem Magazin,
+füllt einen Koffer, fährt zu einer Pension, nimmt einen Raum. Dort klirrt
+die Glocke des Rockes um ihre Hüften, zögert die wundervolle kleine Brust
+in der Bluse. Da reitet, ißt sie als Herr.
+
+Ihr Mund hat einen hinreißenden aufbrechenden Zug. Das Auge sucht, hebt
+sich, erstarrt, sinkt. Von zwei Seiten durchwühlt sie den Menschenhaufen.
+Er fällt nicht vor ihr zurück, gleitet nicht mehr ab. Sie reißt, aus der
+Einsamkeit her gesammelt und hoch schon über jeder Enttäuschung, zu sich
+jetzt, was sie erwittert. Das Auge glättet, schmeißt auf, enthüllt, zerlegt
+. . . die Pupille sinkt. Innerlich voll Spannung, fiebernd erregt. Nach
+außen, von vieler Erfahrung her, demütig überlegen. Als Frau zieht sie den
+Mann an allen Instinkten, reizt ihn mit Geist, mit der Drehung der Hüfte.
+Spürt seinen Blick im Ausschnitt, im Nacken. Sieht den Mut seiner Erregung,
+führt ihn, zieht ihn nach, sieht endgültig vor Zielen, Aufgaben ihn
+entflammt -- spürt aber, mäßigt sie ihr Blut zu Kühle, ihn zurückgeschraubt
+im Thermometer seiner Begierde. Die Pupille sinkt. Sie bohrt von der
+anderen Seite sich ins Geheimnis. Selbst in der Maske des Mannes
+desavouiert sie ihn in seiner Beziehung zur Frau. Erst hinter dem Weib, das
+ihn aufschwänzt, in der Einstellung auf Bauch und Besitz ihn als Klasse
+sofort uniform macht (wohl auch riskant und alles in die Wagschale werfend,
+doch nur spielerisch und daher unbestimmt und ohne Verlaß), dahinter erst
+entdeckt sie den Mann. Ungestört von weiblicher Schwingung trifft sie die
+Nüchternheit seiner grauen Stunden, die Lüge seiner Frische gegenüber
+Weiblichem. Teilt seine Barnächte, Dürftigkeit seines Spiels, die
+Phantasielosigkeit seines Hirns. Außerhalb der Polspannung der Geschlechter
+empfindet sie die Indiskretion gegen jede Frau, seine Kameradschaft gegen
+das Weib. Sie konsumiert mehr Menschen, ihr Auge wird heißer im Erkennen,
+die Pupille sinkt. Ihr Leben wird rastloser. Sie weiß, der Mensch versagt,
+und Enttäuschung peitscht sie auf. Lauschend sitzt sie in den Ecken.
+Aufmerksam verfolgt sie die Ereignisse der Straße. Sie mischt sich, wo
+Meinungen kreuzen, Kräfte aufeinanderstoßen. In Nankingkleidern treibt sie
+sich am Hafen hin, kommt arbeitend an die, welche der Instinkt der anderen
+als Überlegene, Wollende, Visierende zeigt. Treibt mit Smith vier Tage um
+die Fischeransiedlungen, hört, öffnet ihr Ohr weiter, stärker, erreicht die
+Grenze. Starrt ihn an, die Pupille sinkt. Kehrt zurück zu den Baggern,
+Transportern, aufgeregter Meute in großer körperlicher Bewegtheit
+Schaffender. Schwenkt ab zu den Stillen, Vergrabenen, an Maschinen, in
+Kellern, Hangars Angeschmiedeten. Findet Abgegrenztes. Wo Ziele sind,
+schwach fundiert. Erstrebtes nur im automatischen Gang. Hinter dem Programm
+das Nackte, Ehrgeiz, Erfolg des Ich. Sie rettet sich in einem Bogen, mischt
+sich unter die Weiber, trägt Armband, Ringe, duftet, rauscht mit Dessous.
+Nur Holzbein, Titus und Zwicker denken, und die Ergebnislosigkeit solch
+nüchternen Schwungs stößt zurück. Doch sie läßt sich nicht schrecken. Die
+Menschen versagen. Aber sie hält nicht. Will. Muß.
+
+Mischt sich in einen Streik, schmiegt sich an die Leitung, spürt, wittert,
+die Pupille sinkt. Schon mißt sie den Einzelnen, den sie sieht, auf seine
+Befähigung, richtet ihn nach ihrer Forderung, fast nach dem Geruch, durch
+den untrüglichen Instinkt, der sie vorwärts führt. Sie sieht einen
+Gentleman einen Hund mit Lebensgefahr retten, pflegen, säubern. Sie
+schließt sich ihm an. Sein gutes Herz sieht nur den blinden Einzelfall,
+spannt sich nicht aus. Sie zuckt die Achseln. Nicht genug. Die Pupille
+sinkt. Im Klub mit Abenteurern spürt sie Fabelhaftes, aber es vollzieht
+sich nur aus Rausch. Verschwenderisch, doch unbrauchbar. In der Tiefe die
+wilde Grimasse aus Kneipe und Bordell, die sich einsetzt und stirbt, nur
+Aufflammen ungezügelten Instinkts. Traf sie auf Ideen, waren es
+Schwächlinge, Schwärmer, die Locken nach der Sternansammlung schwenkten.
+Kein Handgelenk und Griff. Die Pupille sinkt. Sie sucht nicht für sich,
+denkt nicht für sich, wird unermüdlicher, gläubiger. Leid, das sie aus
+jeder Stunde anschreit, wirft sie nicht um, hetzt, feuert sie an.
+Empfindsam, gleich einem Apparat, zeichnet sich auf sie ab die Struktur des
+Daseins, sie mißt, urteilt, findet den Hebelpunkt -- weint, daß sie eine
+Frau ist. Lächelt über die Hilflosigkeit des Geschlechts, beißt den Mund
+fest und sucht heftiger, strackser. Schon wachsen Ansätze zu Plänen. In der
+Dürre des Erfolgs selbst beschwingt sich ihre Seele zu größerem farbigstem
+Feuer. Wohnt in Baracken, wohnt im Hotel als Dame, wohnt an der Quarantäne.
+Wohnt ein Stück im Lande. Sieht fischende Frauen im Abendlicht mit
+Bastkörben von Stein zu Stein springen. Boote vorüberfahren. Dampfer
+rauschen. In der Pension als Reiter. Seglerin des Hotels. Lernt aus jeder
+der Sekunden. Sieht den Saft aus der Erfahrung, bekommt schärferen Glanz,
+mildere Schönheit ins Auge, reift mit Brust und Hüfte in eine schlanke
+Rundung. Prüft, hofft, verwirft. Spannt sich in den Glauben mächtig zum
+Dehnen. Die Pupille sinkt. Das Lid hebt sich. Die Figur eines Kapitäns
+schneidet sich aus einem Dampfer. Der Schall eines Agitators verzückt
+erregt. Das Raunen einen Slowenen in einem asyle de nuit sinkt ins Blut.
+Die Haltung eines Kaufmanns zu seinem Diener verblüfft. Der Blick wird
+grau, das Dreieck spannt sich über die Stirn. Die Pupille erweitert sich,
+erschlafft. Sinkt. In einer Barnacht singt die unsterbliche Stimme eines
+Dichters die Brüderlichkeit. Am Meer ist seine Seele läpsch wie ein
+Schalet. Sie folgt einer Revolte. Es sind Betrunkene. Sie wohnt an dem
+Segelhalteplatz, beim Sport. Wohnt in einem kleinen Garten mit Holzhaus,
+wird braun wie die Eingeborenen, sieht die Haut der englischen, indischen,
+französischen Frauen. Folgt zwei singenden Vögeln. Die Heide schlägt sich
+um sie auf im Abend. In der stürzenden Dunkelheit bauen zwei Parteien ein
+Duell, legen Knipslaternen auf Steine, reißen zwei Lichtkegel zwei Figuren
+aus der Dämmerung.
+
+Ein Schuß pitscht. Sie weicht zurück, fast umgeschleudert. Ein Auto biegt
+vor dem, welcher schießen will. Ein Arm aus dem Auto greift die Hand,
+schleudert die Pistole mit einer unbeschreiblich ablehnenden Gebärde auf
+den Rasen, springt hinaus, tritt darauf, reißt den Mann mit sich in den
+Wagen. Sie hört ihn sagen: »Ich habe andere Aufgaben für dich.«
+
+Die Pupillen stehen weit in Kreisen glasig erhellt, offen, bekommen
+Facetten, glühen vor Licht.
+
+Sinken nicht. Sie springt in den Wagen. Sie nehmen sie kühl auf. Sie sieht
+nur den einen. Sie sitzt den Abend zusammen mit Gordon, Raffaeli, Di Conti.
+Die anderen schweigen. Di Conti spricht. Gegen Mitternacht werden außer
+seinem die Gesichter mißtrauisch. Ihres glüht. Mit schief im schwarzen Bart
+gestrecktem Mund fragt Raffaeli: »Was geben Sie?« »Mich!« Gordon umreißt
+mit gierigem Blick ihre Figur. Raffaeli zuckt die Achseln, die Nase biegt
+sich skeptisch in den Flügeln, vibriert. Di Conti wiederholt die Frage
+kalt. Da lächelt sie, verschenkt sich an sein Gesicht mit aller
+grenzenlosen Hingabe. Die von keinem Sou des Angehäuften seither nahm und
+lebte, sperrt auf die gesamten Depots.
+
+ * * *
+
+Jeden Traum sah sie in seiner Hand schon fertige Waffe. Keine Ahnung, die
+ihm nicht schon zum Abfeuern geladener Plan. Sein Glaube war so ungeheuer,
+daß er ihn schon jenseits der Ekstase mathematisch beherrschte. Aus dem
+Herz die Flamme gerann ihm im Hirn. Seine Kühle war unbeschreiblich über
+dem barbarischen Feuer, das gebändigt darunter tobte. Selbst Raffaelis
+fanatische Unerbittlichkeit schmolz, Gordons nicht ausmeßbare Aktivität
+folgte nur seinem Druck. Ihr schwindelte, wenn der Tag sie in die
+fassungslose Nacht entließ, wo ohne die Gemeinschaft das Ganze in
+Schlagschatten zerrann. Ihm war, was sie als Entfernung der Welten ohne
+Brücke sah, aus ungeheurem Wollen geringe Distanz geworden, ihm gab es
+keine Hemmungen in seinem Bau. Hatte gewogen, geschaut, gedacht, die
+Rechnung gefertigt, die Summe gezogen. War kalt geworden, bedacht vor
+Ergebnissen. Trieb nun vor. Sah in dem Ruhenden, Daseienden, im Pathos
+bloßer Tradition den Feind, das Erwürgende, sprach gelassen gegen die
+Schwerkraft, gegen die Anziehung der Kräfte. Stemmt gegen die drehende Erde
+sich mit der Kühle des Überlegenen wie am Schalter eines Automaten. Ihr kam
+nachts, daß aus der ungeheuren Kraft seines Wollens, die alle überströmte,
+er in die See hinaus, die Tag und Nacht die Fahrt umschäumte, neue
+Bewegungen, seinen Rhythmus und Zweck dem Schiff, den Schornen und der
+Flutung diktieren könnte. Er stand am Schalter, wies ihr die Spannungen,
+die Drähte, sogar die Klingelzeichen der unterirdischen Erregungen. Der
+Traum machte ihr sein Bild wahnsinnig. Gordon, der von Marokko bekannt,
+verfolgt war wegen Desertion, Aufruhr, Agitation, ging morgens neben ihr
+auf dem Verdeck, ließ sie das Spiel seiner Muskeln spüren, Feuer und Lust
+seiner Kraft, in diesem Kampf zu führen. Doch Di Conti gewann ohne Kampf,
+besaß mit Nichts. An ihm fand sie die Lösung. Er drahtete vom Schiff,
+diktierte, erklärte, schrieb, zeichnete Karten, sah auf, lächelte
+beherrscht. Gordon trat mit englischem Backenbart aus der Kajüte, ging
+geschnellt auf den Ballen, sprach deutschen Dialekt, hatte einen Steckbrief
+wegen Agitation im Heer. Raffaeli sah das Meer nicht, sah nach innen. Das
+eigene Vaterland ließ Di Conti kühl, es lag an der Peripherie, entwickelte
+sich im Lauf des Zentralproblems, fiel später unter Raffaelis
+Durcharbeitung. Er selbst zielte aufs Herz Europas, stach nach Paris, um
+von dort das Blut in den Körper des Erdteils zu treiben. Für die asiatische
+Welle hatte er Aufmerksamkeit, nicht mehr, empfing Depeschen aus Genf,
+lauschte auf Berichte der Vertrauensmänner, verglich, maß die Stadien der
+Siedespannungen am Barometer, verglich die Leidenschaft der Massen, gab
+Ordres, zögerte, tat einen Ruck, setzte andere Spieler ein. Zielte zuerst
+gegen den Kitt, die umfangenden Reifen, die Macht, das Militär. Rettete
+darum Gordon, der den menschlichen Bruch und Riß trug, im Persönlichen so
+schwach zu sein, daß seine Eitelkeit ihn in eigenen Dingen das allgemeine
+verleugnen, in jede Tollheit sich werfen ließ. Hatte die Organisation es
+aufzuschälen, die Schaukel dann aufzutreiben, die aus Jahrhunderten
+rotierende Gesinnung zu stürzen, Massen aufzuwerfen, gerecht die Erde zu
+nivellieren. Das Leid der Irren, Kranken, Sklaven, falscher Sehnsucht
+endete hier. Sein Paradies war willkürlich, geschaffen, diktiert, es
+kümmerte ihn nicht. Gegen Raffaeli hatte er die Kühnheit zum weiteren
+Schritt, die Gerechtigkeit zu verleugnen, um sie endgültig einzusetzen.
+Sein fachlicher Befehl, der Definitionen verachtete und aus der Berechnung,
+die tausendfaches Gefühl ihm geformt, sprach, war bestimmender als
+Raffaelis Glut. Er kannte nur kalt Herrschende und Blinde, die sich nicht
+befreien konnten, da ihre törichten Herzen die Erkenntnis zum Handeln nicht
+zu fassen wagten. Er trug darum die Verantwortung seines Entschlusses mit
+präziser Automatigkeit. Zwei Tage vor der Landung kamen Nachrichten von
+Gärungen in Lyon, am folgenden putschte Marseille im Hafen, in Nancy
+erschoß ein Unbekannter einen Oberst. Mit zusammengepreßtem Herzen,
+zitternd, sahen sie das Land. »Es ginge nicht ohne Sie«, verbeugte sich
+durch die Dämmerung Raffaeli mit Schätzung und Verachtung zugleich auf das
+Geld, mit dem er arbeiten mußte. Es wurde dunkler, Laternen blitzten. Di
+Conti stand an der Reeling, hielt ein Papier in der Hand. »Gott selbst
+könnte sich nicht widersetzen. Wagte er das Sinnlose, seine Welt liefe taub
+aus. Eine furchtbare Gonorrhöe.« Er hatte den Kopf zurückgeworfen, sein
+Mund war blaß geworden vor Zusammengedrängtem. Die Nacht sprach er mit ihr
+zum erstenmal allein und lang. Sie ward erfüllt von dieser Stunde, daß ihr
+Leben sich verankerte in ihr. Nie verließ sie das, nahm Besitz von Blut und
+Kräften in einer Durchdringung, die fast den Mond und den Meerraum mit
+hineingab in sie. Bei der Ankunft wehte irgendwo eine Flagge. Ein Kind
+strauchelte und stieß Raffaeli. Der Portier hatte Briefe, nahm eine Perücke
+ab mit einem Zeichen innen. Drei Tage darauf meuterte ein Regiment in der
+Aube. Gordon wurde verhaftet. Di Conti schlug zu.
+
+ * * *
+
+Als sie den Boulevard heraufkam, stand, die Hände über den Augen, Raffaeli
+an der Ecke. Sie nickte. Er verschwand. Um zehn Uhr betrat sie das Cafe Rue
+Guijas. Drückte sich bis zur Wand, schob die Achsel vor. Vier Frauen
+standen am Schießapparat, zielten, schnellten den Hebel, schossen für einen
+Sou die Freimarke zum Café für vier. Sie gelangte ans Büfett, ein Mann
+stieg vom hohen Stuhl. Sie kletterte, der Neger im Hufeisen ließ eine Tasse
+in der Schiene gleiten, ein Porzellan mit Gebäck, erhaschte sie mit einem
+Schielblick, schob einen Brief nach. Sie hatte Röte an den Schläfen. Sah
+fest nach dem Eingang. Während Mädchen an den Wänden hingen, sangen,
+plärrten, Queues das Billard umkreuzten, trieb trotz der Frühe eine
+Unterschicht herein, breitete sich aus, füllte heftiger, ein Zittern
+durchlief die Körper der Gruppen. Sie drängte weiter. Auf der Erde wieder
+wand sie sich herum auf dem Absatz. Der Ire stieß sie zur Seite, brach sich
+zum Apparat durch, griff den Studenten am Apparat, der, eingeschossen,
+gewann, an seine Brust, stemmte ihn hoch, warf ihn hinaus. Sie sagte etwas,
+fast laut. Ein Mann nickte. Ein Mann sah sie fragend an. Sie gab ihm einen
+Zettel. Sie hörte Worte, helle, gedämpfte, zischten vorbei, schlugen
+vorüber. Eine Gruppe löste sich, ward um sie ein Kreis. Sie kniff die Augen
+zusammen, sah in die Höhe. Stieß ein Weib an, versehens, neigte rasch den
+Kopf, beglückte eine Sekunde mit den Augen. Hob rasch die Lider, schloß sie
+fest, öffnete groß und sah dasselbe in dem Gesicht eines großen Mannes. Sie
+durchdrückte die Welle, die auch um die Dominotische schon brauste. Mimis
+saßen, setzten, bauten, die sie nicht kannte. Wie von St. Denis hierher die
+Kette heraufschwang, ihr Gefühl faßte, der Rachen aufbrach, schlang, wütete
+in diesem Fleisch, glomm Stolz in ihrem Auge. Sicher ging sie vorüber.
+Etwas schwankte von ihr wie Trost fest um den Tisch. Ihre Hände berührten
+Hüften. Eine Stimme drehte sich ihr zu, ohne Ton, heiser wie Blech. Der
+Mund war noch schön: Ly. Es bohrte hinter den glasigen Augen, faßte es
+nicht, schluchzte in der Gurgel. Das Hirn faßte das Gefühl nicht, sie
+heulte auf, erkannte Daisy nicht genau, wußte nur dies und dies und die,
+nichts Eindeutiges, bückte sich: »Gib mir zehn Sous.« Sie gab. In der
+Bewegung der Hand erfüllte sie das Geben ganz zu Glück. Trat aus ihr
+hinaus, sie fühlte, daß in diesen Tag ihr Leben Fülle und Bedeutung
+erhielt. Zwei Männer hielten sie an, einer küßte ihre Hand. Sie hörte,
+während er sprach, Lys Stimme dahinter: »Combien . . .? Trapez mit dir --
+Sau von Geiz . . .« Bleich vor Angst ein Preuße vor ihr, sie steigerte ihn
+über die Taxe. Sie löste sich, schon war sie darüber. Nichts drückte sie
+mehr. Glühend flog es auf in ihr. Am letzten Tisch verwirrte sich ihr Auge
+in einen Glanz. Le Beau stand gegen die Wand, ein Mann neben ihm, der auf
+sie zeigte. Durch Gedränge und Stimmen hielt ihr Atem, ihr Sichsehen fest.
+Das Gefühl floß, sie wußte, es würde sie immer verbinden bis in den Tod.
+Das erste Erleben des Blutes hielt sie zusammen, nichts wischte das weg,
+keine Tiefe. Ein Trauring lag um seinen Finger. »Ruiniert.« Sein Auge war
+voll Geist, stolz. Über den Plafond strich es aus Jahren: Autos, Feste, das
+Haus des Boulevard Raspail . . . es lag zurück wie tot. Sein Blick tastete
+atemlos nach ihr, mißverstand die Pause, die sie ihm gönnte, bog eine Frage
+aus ihr heraus. Der Punkt, den sie festhielt, war der Eingang. Dorther
+füllte es sich mit einem Maß reifer und übermütiger Freude. Bleich sah er
+die Linie der Nase, zog die Luft nach, die sie zurückließ, ging mit dem
+Detektiv hinaus. Er hatte sie gesehen. Abgewandt, ihm gehörig,
+hoffnungslos. Sie aber, entzündet weit und hoch über ihm und seinem
+Lebenskreis, durchbrach die Barrikade von vier Männern, deren Leiber alles
+abhielten. Sie kam durch. Ein luftleerer Raum kam, ein Stern von Stühlen.
+Sie stellte sich daneben, kam endlich mit dem Rücken an die Wand.
+
+Da begann ein Wirbel von der Tür her durch die Menge durchzufluten. Der
+Raum zitterte, die Luft kam ins Wogen, die Masse brach nicht. Eine Kette
+schob vorbei zu den Nischen, eh der Kern sichtbar ward. Sie wurde gegen die
+Wand geschüttelt. Fester sog sie sich an dem Eingang fest, mehr glühte ihr
+Auge dorthin, ihr Leib streckte sich unmerklich in diese Richtung. Dabei
+drehte die abgeschobene Kette neben ihr um, es gab freieren Raum, im
+Vorbeihuschen sah sie einen Augenblick Philippes Gesicht. Zum erstenmal
+grüßten sie gegeneinander wieder. Da sie nicht mit Worten dastand, unter
+denen sie litt, sondern wie an keinem Tage heute zur Höhe getrieben,
+entflammt, kam einen Augenblick Triumph in ihren Mund. Doch sie hielt ihn
+nicht. Wurde sanfter in den Lippen. Was sie erfüllte, gab ihrem Hochmut
+Duldung für ihn. Er hatte sie schauen gelernt, die Liebe gezeigt. Sie sah
+ihn abgeglitten von der steileren Aufgabe, rechnete nicht mit ihm, der sich
+lächelnd nach innen hinein abwandte . . . Schon löste sich ihr Auge
+hiervon. Im Vorderteil hob sich Tumult. Die Mitte drehte sich in einer
+Spirale, durchdrang sich. Aus der Eingangstür kamen Kommandos. Sie reckte
+sich ganz hoch. Bestimmungen erschollen. Parolen. Ein Schild schwankte.
+Meerhaft wogte die Gruppe. Noch höher, unbedingter wuchs sie in die
+Richtung. Häusernamen kamen herüber, scharf die Straßenreihen. Arme hoben
+sich. Die Masse zuckte auf, riß, ein Gang wölbte sich. Langsam trat ein
+häßlicher kleiner schwarzer Mann heraus, es traf sie das Auge Di Contis.
+
+In ihrer Hand lag der Brief. Er las nicht, nickte, sprach schon zur Seite.
+Nur wie er zur Uhr, hastig und scharf, sah, bewies ihr, wie heftig er sie
+erwarte. Sie ging. St. Sulpice schlug halb zwölf. Quetschte sich durch die
+Haufen, eilte, bog in Rue Monsieur Le Prince. An der Ecke kam in das
+Fliegende, Stolze in ihr eine Traurigkeit, die ihr Gesicht rötete. Sie ging
+durch den sonnenleeren Garten, durch die Wolke Karbol. Stand an Renées
+Bett. Die Schwester beugte sich darüber, nahm ein Tuch weg. Das Gesicht im
+Krampf zerrissen, in der Mitte eine Höhle, aus der pilzig Fleisch wucherte.
+Die Lider fielen Daisy, sie suchte einen Ton. Fand keinen Ton. Die
+Schwester suchte Renée zu wecken. Unmöglich seit Tagen. Sie atmete, stank,
+sprach nicht mehr. Drei Jahre spannten sich von dem Gesicht zu dem ihren.
+Wie sie sich bückte, blitzte der Glanz vor ihrem Auge, mit dem,
+unvergleichlich und bezaubernd in der Schönheit der Beine, Renée die
+Hüfttänze in Genf gewiegt. Sie sah das andere nicht mehr, bog sich tiefer,
+mit dem Mund zum Ohr: »Es wird gut sein, Geduld.« Malte, schilderte,
+versprach, hörte nicht auf mit der Tröstung. Aber Renée hörte nichts,
+sperrte röchelnd den Mund kreisrund, roch nach fauligem Gewebe. Sie sprach
+weiter, sah verzerrt plötzlich das Gesicht, schwieg langsam, drehte um. An
+der Tür hielt eine Hand ihren Rock, aus dem Kopf eines jungen Mädchens traf
+sie ein verzweifelter Ausdruck: »Zu mir?« Zwei Augen kehrten starr
+enttäuscht, zur Decke zurück. Es traf, verwundete Daisy nicht.
+
+Schatten fielen aus den feuchten dumpfen Gassen, in Lücken glitzerte
+gewitterig die Sonne. Sie spürte das Stück Schuld, das, neben der Welt, sie
+an diesem Kadaver trug, aber wie alles Elend dieses Tages löste es Freude
+in ihr, trieb in ihr hinauf, denn sie empfand es als Ende. Von hier begann
+das Glück. Freude ging über ihre Zunge, Verantwortung und Glaube machten
+eine Sicherheit in ihr, die undurchdringlich ward. Gordon befreit, Kasernen
+gestürzt, europäische Mauern gesprengt . . . neue Beziehungen trafen von
+Herz zu Herz. Es kam als Strom, sie empfand Contis Herz. Sie empfand, wie
+er sie besaß und erhob. Eilte, fing alles Unglück ein, nahm es mit,
+verarbeitete es . . . nichts konnte es antun ihrer Entzückung. Keine schöne
+Taube würde sinnlos zerstört, kein Schoß zertrümmert, kein Wahnsinn
+herrschte, tat Unrecht, verdarb, sie kämpfte sich weiter auf den Boulevard,
+traumhaft befestigt in klarer Ruhe, machte Bogen. Die Straßen hingen voll
+Gedränge. Um Eins kam sie Rue Guijas, sprang in einen Wagen. Sie hörte
+Erfolg. Streiks im Borinage, in Brest, in Perpignan, auf der Loire. Unruhen
+in Bordeaux. Eine rote Fahne auf Marseille. Sympathieausstand in Mailand.
+Meuterei in der Dauphinée. Sie bückte sich, legte die Stirn auf das
+Hebelrad, nickte, küßte Contis Hand. Um Zwei begann die Demonstration.
+
+Der Verkehr stockte. Um halb Drei sperrte Gendarmerie die Eingänge der
+Seitenstraßen. Die Seitenstraßen standen gepfropft mit Menschen. Der
+Boulevard stand kilometerweit schwarz. Fahnen zeigten die Kolonnen. Plakate
+riefen das Volk auf. Eine dünne Kette Polizei stand zwischen der wogenden
+Masse des Boulevard und dem Druck der Nebengassen. Um drei brach die Masse
+los. In der ersten Reihe Gordons Bild. Malerei gegen die Legion. Hinter den
+Führern mit Schärpen Di Conti. Der Zug schwankte, zog langsam zum
+Montparnasse, machte eine Schleife, stand um Vier wieder am Observatoire,
+eine Lawine. Um dreiviertel Vier waren die Häute gerissen, die Gendarmerie
+überschritten. Alle Seitenstraßen mit hermetischem Druck in den Boulevard
+hineingeplatzt. Die Masse brodelte an der Spitze. Einer sprang vor, reckte
+etwas, immer höher. Es schoß los.
+
+Alte Gesichter kamen, junge kamen, Weiber. Straßenbahnwagen, hunderte,
+hintereinander, besät. Automobile dazwischen. Ohne Musik. Schritte gingen
+in dem Boulevard, vereinigten sich, gaben einen einzigen Ton, der sich
+band, hallte, brauste. Die hellen Normannen, ehemalige dunkle Soldaten, die
+Kokotten der Hallen, Apachen mit Tüchern, Araber, Studenten des Quartiers
+gingen in dem sausenden Ton. Er ward dumpfer in der Tiefe, schlug hinauf
+die Häuser. Die Straße vor dem Zug war ausgestorben, glühte. Vor dem Zug
+schlossen sich die Fenster, Läden der Verkaufshäuser rasten herunter. Die
+Kolonnen drängten sich, verbogen sich, kreuzten Rue Monsieur Le Prince, Rue
+Guijas, Rue des Etrangers. Aus den Gassen bohrten Keile herein. Ein Knabe
+von einem Baum schrie: »Es lebe die Freiheit.« Eine Lawine kam vom
+Luxembourg. Der Zug stockte, verdunkelte in der Gedrängtheit, löste sich
+ein wenig, ballte sich tiefer zusammen. Verfing sich in sich selbst, hing
+wie ein Haken im eigenen Fleisch. Sie brüllten sich zu: dein Kopf, deine
+Hand, die Schulter. Hand hing so dicht an Hand, daß sie sie nicht rührten.
+Eine Wolke Schweiß brach aus. Zwei große Fahnen flaggten über sieben Etagen
+herunter. Sie lasen die Inschrift, eine donnernde Stimme rief über den
+leeren Raum die Straße herauf etwas, das die erste Woge traf, sie bäumte.
+Die Häuser zitterten unter dem Druck, in oberen Stöcken klirrten die
+Scheiben. Die Fahnen hingen starr herunter, erregten, die Stimme ward
+lauter. Da brach die Masse, fast schreiend, schwankte, mußte nach vorwärts,
+dehnte sich auf die Seite, daß der Stein an den Hüften knirschte, bewegte
+sich, flutete. Laternen standen, Bäume im Weg. Eine Sekunde zitterte die
+Barriere. Dann gingen die Kolonnen als Fluß, strömten, unwiderstehlich. In
+ihrer Mitte hoch, vor den Wagen, den Autos, schwankten die Laternen, Bäume.
+Reißend goß es sich auf die Place St. Michel, füllte sie voll und rund.
+
+Di Conti sprach.
+
+Die Kühle war gerissen, die Flamme schlug vom Denkmalrand. Der Donner
+machte das gefüllte Platzbassin totstill. Er bückte sich wie ein Ringer,
+stieß den Arm zum Kreis, zwang die Stille noch tiefer herunter. Sprach.
+Formte im Reden die Gesichter unten, zerrte sie auseinander, wischte sie
+aus, entleerte sie. Riß sie rasend hinauf, verklärte sie langsam, füllte
+begeistert an. Zog die Reihen, sanft einander verschmolzen, dichter heran.
+Wuchs. Stieg höher, stand am oberen Rand des Denkmals, bog den Nacken
+zurück, rang einen Augenblick die Hände, entfaltete sich mit einer
+ungeheueren Bewegung, zog die Masse mit auf, warf sie auf, über sich ihre
+Herzen, stemmte sie höher, fabelhaft sich entfaltend, hoch die Arme
+geschleudert, wankte und wuchs mit der Last, die er hielt.
+
+Sprach.
+
+Ging auf der schmalen Leiste des Bassins hin und her, atmete wie ein Pferd,
+zog die Menge im Krampf zusammen, quetschte sie aus, hieb das Bittere in
+ihre Visagen, machte Drohung, bestürzte Wut aus den Mäulern, donnerte, roch
+den Zorn aufgeballt. Faßte rückwärts, packte hinter sich den Kopf der
+Chimäre mit beiden Fäusten, fiel nach vorn, schräg, kam näher, tief
+herunter mit dem Gesicht gegen die Masse, war fast bei ihnen. Einigte sie
+in eine atemlose Pause. Sprach. Warf die Drohung aus den Augen.
+Scheinwerfer zuckten die Sätze. Sprach. Sie drangen in die Herzen. Sprach.
+Sie drangen durch die Kleider, die Hemden, die Röcke, trieben in die Pulse,
+gaben sich von Leib zu Leib. Das Blut bekam eine Bahn, einzige Wärme,
+gleichen Schlag. Floß den Boulevard hinauf, löste, machte Spiralen, schlug
+aus, blühte aus jeder Haut. Die Lawine brach los, Stöße kamen herunter,
+keilten gewaltig, drängten den Platz ab bis zum Kordon. Dort stemmte es
+sich zurück. Conti sprach. Die neue Woge wälzte heran, erstarrte. Sprach.
+Die Hände Schallbecher vor dem Mund. Erreichte größere Distanz, durchmaß
+mehr Menschen. Es rollte herunter vom Montparnasse. Daisy hielt mit beiden
+Armen am Sockelstein sich, die Beine wurden mitgerissen, der Leib drehte
+sich, die Augen kamen zum Himmel. Sie sah Di Conti, lächelte, faßte wieder
+Fuß. Der Druck der Dreikilometersäule platzte den Pfropfen, schmiß
+viertausend gegen die Seine. Conti sprach. Warf sich in die neue Welle,
+inbrünstig, verzehrte die Kraft, warb, zerfetzte, diktierte, sänftete, riß
+die Herzen plötzlich steil, unnachahmlich erschütternd, hoch, über sich mit
+beispiellos schmerzendem Ruck. Die Säule stieß weiter vom Boulevard
+herunter, warf, schoß die Menge vom Platz, stürzte sie gegen die Massen vor
+dem Kordon, Bäume, Laternen kamen über den Kolonnen gegen die Seine an.
+Stießen den Druck unaufhaltsam weiter. Gegen den Kordon Gendarmerie.
+
+Er verschwand unter ihren Füßen.
+
+Das Ufer herauf, rechts, links, ritten Kürassiere, Haarschwänze vom
+Kupferhelm auf dem Rücken tanzend, Karabiner auf dem Schenkel, warfen sich
+vor die Brücke, bewachten vor der Emeute des linken das rechte Ufer, das
+Herz der Stadt, Boulevards der Bourgeoisie. Die Wellen kamen, gedrängt,
+gedrückt, spieen heftiger an, schlugen wider die Gäule. Sie riefen:
+»Camarades, Freiheit, Hunde, Hunde.« Sie sahen in die kleinen dunklen
+Löcher, auf das Metall der Drücker. Der Stoß in ihrem Rücken stürzte sie in
+Massen gegen die Pferdeköpfe. Ein Pflasterstein flog. Es knallte. Steine
+stoben durch das Licht, sausten. Eine dünne Stimme rief: »Tirez.« Die
+Kürassiere zitterten, die dunklen Löcher hoben sich über den Schenkeln
+höher, steiler, feuerten in die Luft. Vom Blut der Stürmenden ging es
+hinüber auf die anderen, durchdrang sie, säugte sie. Die dünne Stimme
+schrie wie ein Triller. Ein Mann gab einem Soldaten die Hand. Die Säule
+stieß durch, ein ungeheurer Schrei. Körper an Körper gedrängt, Soldaten,
+Arbeiter, hatten einen Sinn nur, eine Richtung, gleichen Herzschlag. Ein
+spitzes Winseln, sie steckten brennende Zigarren dem Gaul unter den
+Schwanz, der Unteroffizier zeigte ein kalkweißes Gesicht, das Tier
+klatschte hinunter ins Wasser. Gäule zerstampft. Fraternisierend strudelte
+die Masse, wälzte über die kupferrote Abendbrücke in die Stadt.
+
+Vom Brunnen fiel Di Conti, einen Schuß in der Weiche. Von der unteren
+Seineseite durchstach eine Kompagnie von hinten enge Gassen, kam seitlings
+auf den Platz, trieb einen Keil in die dünne Masse. »Weg du«, schrie ein
+roter Bart. Eine Frau hielt vor Schmerz blaß die Hand zwischen die Knie.
+Die Masse floß in den Brückenstrudel, abgelenkt, gerissen. Das Denkmal ward
+umzingelt. Di Conti aufgehoben . . . hinter Bajonetten gesichert. Daisy
+warf sich auf ihn. Sie schlugen ihr eine Koppel auf den Kopf. Sie konnte
+die Hand nicht rühren, ließ nicht nach, biß sich in seinen Rock. Ein Druck
+kam auf ihren Kopf, das Gesicht von ihr ward schwarz, noch einmal flüsterte
+sie: »Conti --.« Die Masse begriff, schäumte auf, warf sich herüber, gegen
+den neuen Kordon, feuerte ihn zurück, Daisy ward zurückgetragen. Conti
+schleppten Soldaten durch die Gassen in die Métrohalle. Zu spät.
+
+Aber er lebte. Zwei Tage war Daisy irrsinnig. Dann empfing sie. Kühl, Dame,
+Freunde nahmen ihre Hand: »Wir werden ihn befreien.« Deputierte sprachen:
+»Wir werden ihn befreien.« Der Schlag der Masse pulste herauf zu ihr: »Wir
+werden ihn befreien.« Sie hörte, die Verwundung wär leicht . . . Ihm werde
+des Volkes Stimme dauernder Ruhm. Sie reckte sich, steif, ging zurück,
+lachte. Ruhm? Bot man so Geringes? Glaubte jemand, dies sei ein Wort für
+dies Gefäß? Maß für diese Tat? Dies Geschenk für Narren und Kinder wagte
+Geschwätzigkeit hinzugeben für Blut? Behängte diese Maske ihn nicht zum
+Komödianten . . . stand sein Gesicht doch, das schlicht nur dem Ganzen
+wirkte, brüllend und wie aus Marmor vor dem Gewissen der Macht. Sie winkte
+ab, ging auf und nieder, steckte die Hände in die Taschen, die Augen im
+Dreieck. Ein eisgrauer Glanz kam aus dem Blick. Hinab mit Geschwätz und
+Trauer. Eins war zu tun, das Ziel erreichen, die Leistung verdoppeln,
+Angriff steiler schrauben, unbedingter sich mühen. Di Conti mußte frei
+sein. Hierfür war zuerst zu leben. Sie nahm es auf sich. Allein. Ging einen
+festen graden Weg.
+
+Die Lichtflut stieß Breschen ins Dunkel. Die Seine floß gläsern unten. Sie
+sah einen Schatten, er löste sich von der Pforte und glitt an ihr vorbei.
+Sie drückte ihre Hand fest in seine, das Papier knitterte. Ein Wachtraum im
+Keller sprang auf, dreigezackt brannte ein grünes Gaslicht schmetternd
+gegen den Kalk. Sie legte ihre Hand auf den Tisch. Als sie sie zurückzog,
+blieb etwas.
+
+Sie trat in das Büro ihrer Gesandtschaft. Sie ging durch drei Räume. Ihre
+Karte lief vor ihr. Fünf Minuten sprach sie mit einem eleganten Herrn mit
+exotisch flimmernden Augen. Sie gab ein Telegramm auf an ihren Vater.
+Darauf gab ihr der Herr seine Karte mit einigen Worten.
+
+Damit fuhr sie die Champs Elysées hinunter, Bäume streichelten die Luft,
+Helligkeit und Süße wob in den Zweigen. Sie fuhr darunter hin, unbeteiligt.
+In einer Schleife glitt der Wagen ins Riesenbassin der Concorde . . . der
+Wagen glitt, bog, hielt. Über die Teppichstufen des Ministeriums.
+Aufgehalten, mit der Karte durchbrechend, gehemmt, vor Achselzucken,
+lächelnd, die Karte vor sich . . . sie stand in einem Salon. Ein schöner
+Mann im schwarzen Schnurrbart, der elegisch das Kinn rahmte, trat ein,
+stutzte. Sie ging mit raschen Schritten an den Tisch, legte ein Bündel in
+perlgeschmücktem Etui auf die Kante. Sein Blick leckte nach ihrem Hals,
+zögerte, fiel auf den Tisch, er verneigte sich, stieß eine Tür auf. Ein
+größerer Salon. In der Mitte eine Jungfrau, die auf einem Brabanter ritt.
+Die blaue Seide der Wände, der geschwungenen Stühle verwirrte, sie lernte
+die Teppichmuster, sagte immer ein Wort, ein Wort, ein Wort. Eine Stunde.
+Ein grauer schmaler Herr trat ein, hinkte, ein Monokel an schwarzer Schnur
+flog ins Auge. Er war nicht groß, kam langsam näher, äugte, bis er genau
+sie sah, schob mit drei Fingern einen Lehnstuhl zurecht, indem er ihn kaum
+berührte. In seiner mageren Hand spielte ihre Karte, er las, sah ihr mitten
+ins Gesicht. Blut schoß ihr auf unter dem jähen Anprall. Er sah auf die
+Erde neben seinem Schuh: »Ausländer? . . . Italiener . . . in der Tat.« Sie
+sah nur seine Brauen. Er notierte den Namen, flüsterte ihn nochmals, stand
+auf, ging ans Fenster, trommelte mit den Fingerspitzen ans Glas, murmelte,
+sah auf ein knallendes Buchenholz im Kamin zerstreut. Die Lippen Daisys
+saßen wie Tiere aufeinander, die Brauen seidenschmiegsam ineinander sich
+wölbend. Er trat zurück. Ein drittes Gesicht sprach mit ihr, die Stimme
+schlürfte etwas, stieß an die Zunge, die Handbewegung voll zarter
+Höflichkeit. Er führte immer, sie folgte. Lauernd. Erschreckt. Er blieb
+gleich. Kanadische Jagd, die Quadrille Fribaurts, er kannte es. Versailles
+wuchs zwischen seiner Geste, schmeichlerisch, mit Märzwind. Eine Fahrt über
+St. Malo. Er neigte das Kinn: daß die Oper Ballette belebe, welcher Zug. Er
+stand auf, ging zum Fenster, elastisch in dem Knie, hinkte nicht -- ob ihr
+Wagen warte, Pelze darin seien. Setzte sich wieder, ruhig, besorgt. Sie
+wartete, faltete die Lippen, daß es käme. Er spielte, lauerte, führte
+herauf, hinunter, eilte, pausierte, sie sah sein Gesicht nicht. Seine
+Grazie schmeichelte sich in ihre Haut. Plötzlich schlug er die weiße Hand,
+die nicht welk war, laß gegen das Knie, der Kopf fuhr auf, sein Blick
+prallte ihr wieder ins Gesicht. Sie stand auf. Er hob sich halb: »Wann darf
+ich den Wagen senden?« Sie knotete die Hände: »Neun Uhr.« Er läutete, als
+sie sich schon wandte, ein kakadufarbener Page öffnete geräuschlos eine
+Tapetentür.
+
+Vierundzwanzig Stunden vorher speiste Conti, verdrehte die Iris, schwankte,
+bekam Kälte in die Finger, Blei in die Knie, verzerrte die Zähne über die
+Regie der dritten Republik, die selbst die Einrichtungen der Küche
+pragmatisch ordnete. Als Daisy morgens heimkam, war Di Conti tot. Sie kam
+hin mit einem Gehenlassen der Glieder, das alles hinter sich hat,
+abgeschüttelt, selbst ohne Erkenntnis und Bedeutung des Opfers, innerlich
+lediglich gerichtet auf das Ziel.
+
+Sie bog die Lippen tiefer, versteinte an den Schläfen, zwischen Wange und
+Mund. Was konnte noch kommen? Ein Telegramm Fidleys: Pa tot. Sie legte das
+Papier auseinander, legte es zu dem anderen, frühstückte, badete, ließ sich
+massieren. Fuhr in den Luxembourg, fuhr zurück. Am Abend in die Oper, Verdi
+rauschte, Sommerhimmel erbrausten, sie speiste, schlief. Stand auf am
+Morgen. Nichts war zu schlagen. Je mehr sie spürte, was sie verlor, um so
+ungeheuerlicher fühlte sie aus sich brechen das Bewußtsein der Stärke und
+der Sammlung. Allein nun empfand sie, wie gefüllt und selbst sie war, voll,
+traubenhaft geschwellt, ausbiegend aus ihr mit einer Glut, die sie
+erblaßte. Di Conti war in ihr, mehr heute als je. Geballter als im
+Menschlichen. Unverlierbar. Vermächtnis besaß sie, beherrschte und
+durchtrieb sie unausdenkbar an Berufung. Sie ging gestärkt, wunderbar
+entzügelt. Eine Ruhe umgab sie, die den Schmelz der sehnigen Schenkel und
+das flimmernde Spiel der Hüften unter der kleinen Brust begehrenswerter,
+zarter heraushob. Sie verlor kein Glück. Sie besaß sein Werk.
+
+ * * *
+
+Pa tot. Fidleys Telegramme, Weisungen stäubten. Es geschah am Horizont. Syg
+einem Mann gefolgt. Es geschah in der Ferne. Ihr Mittelpunkt blieb
+unerregt. Der Körper hielt stand. Der Geist sah manchmal Bilder. Raffaelis
+Bruder, Arzt, sagte, wünschte, befahl Erholung. Sie machte eine kindliche
+Gebärde. Er verstand. Sie wurde klug verführt. Sie fuhr mit Briefen,
+Papieren Contis zu Freunden nach Kopenhagen. Der Platz der Zusammenkunft
+war leer. Die Fahrt im Zug war dumpf, ausgespieen fuhr sie, allein, dennoch
+voll Glut. Sie mußte weiter nach Christiania. Nach zwei Tagen stand sie am
+Hafen, traf Fribaurt nach einer schmerzlichen Sitzung. Er fuhr mit der
+Segelyacht nach einem ungewissen nördlichen Punkt. Sie nahm es sofort. »Ich
+komme mit.«
+
+Die Tage füllten sich mit dem und jenem, Ungenauem, doch ungeheuer in der
+Berührung mit schrankenloser Natur, Menschen, deren Geist abgewandt war,
+mit denen der eigene sich schön traf beim Rauchen, dem Reffen der Leinen,
+Hinaussehen auf glatte See bis zu entfernten Dampferwolken. Inseln kamen.
+Riffe türmten sich wie steigende Esel. Gedörrte Fische hingen an den
+Felswänden, wie sie die Ufer hinausfuhren. Granit, Urblasen erstarrt,
+schaukelte bunte, rote, grüne Häuser wie Spielzeug. Auf den Klippen saßen
+Rypen: »ka . . . bauh.« Schneehühner: »j . . . ak -- j . . . ak.« Es
+rauschte. Ein Kreis mit heißen Wallungen bäumte um sie. Sie badeten in
+einem Fjord, abends ward das Wasser papageirot. Jerkins, Christianias
+größter Jäger, stieß auf ein Signal mit der Kupfertrompete dazu. Kam mit
+Schneeschuhen aus dem Gebirge. Stunden, ehe er einlief, sahen sie ihn im
+Glas oben wie ein metallenes Insekt flitzen in Stemmbogen und Telemarks.
+Ein Tal kam aus den Felsen gegen das Meer geflossen, grün, schwärmerisch.
+Sie übernachteten im Dorf. Am Ende, eingekeilt, schon zur Ebene zu, hing
+über Sandwüsten ein weißes, Licht schleuderndes Haus. Jerkins führte im
+Bogen heran, sein Finger überschrieb die Gegend: »Nördliche Lepra«. Der
+Kreis war verseucht. Er zuckte die Achseln unwillig, sah Daisy ins Gesicht,
+führte sie dennoch heran. Zerfressene Gesichter sahen aus den Fenstern:
+»Hüten Sie sich.« Ein Schrei. Sie gingen zurück, warfen den Fock aus. Das
+Morgenwasser zischelte . . . Die Nordsee leckte gierig, blau an Lee. Die
+Windtrommel saß in dem Segel, schmetterte.
+
+»Geh in meine Kajüte.«
+
+Der Schiffsjunge schloß die entzündeten Augen, kroch in die Kabine und
+schlief sich aus. Sie lag unter dem Segeldach und gab statt seiner acht.
+Das Steuer war angebunden, die Luft ging ganz stät. Die Lappin wurde aufs
+vordere Verdeck gerufen. Die Sonne malte auf den Holzplanken. Fribaurt und
+Jerkins lagen auf dem Bauch. Das Weib mußte sich legen, äugte schielend mit
+schrägen grünen Augen nach Daisy. Sie spielten Karten, lernten die Lappin
+zum siebentenmal an, schlugen Atouts auf den Boden, das Weib lauerte, bekam
+einen Rippenstoß, zuckte, legte klatschend mit fetter Hand ihre Karte nach.
+Die Segel schlappten plötzlich, klatschten hohl hin und zurück zum Großbaum
+. . . eine Musik umschwirrte sie . . . eine Wolke Papageitaucher, die wie
+Rypen zirpten, flog eilig nach dem Land. Jerkins schoß, auf dem Rücken
+liegend, eine Möve, die hinter ihnen her war, fischte sie herein, zog ihr,
+die schrie, Kopf und Atlas ein wenig auseinander. Vorbei. Er fuhr mit der
+Hand in den orangegelben Flaum und ließ die Federn einzeln zu Daisy
+fliegen. »Schöne Frau von der Seefahrt.« Fribaurt sang mit dunklem Bariton.
+Der schaukelnde Wind ließ nach, das Meer ward tierisch faul, eine Brise
+kam, schwand. Sie lagen still. »Welche Harmonie,« gähnte Fribaurt, stieß
+einen Pfiff aus, hielt die Shagpfeife in der Hand und warf die Karten auf,
+»wir haben maßlose Zeit, meine Freunde.« Das Segel aufgerefft, die Lappin
+in Hosen an der Gaffel mit klebriger Behendigkeit . . . der Tag stand
+still. Fribaurt band ein rotes Tuch um den Kopf. Jerkins hob das Weib hoch,
+legte es wieder auf den Bauch. Dann bluffte er wie toll, verlor einen
+Haufen Geld und lachte, bei jedem Verlust aus Vergnügen. Fribaurt lächelte
+ein Diplomatengesicht: »Zu grob.« Er legte auf: »Street.« Die anderen
+warfen zusammen, zuckten die Achseln. Plötzlich schob Jerkins auseinander,
+runzelte die Stirn, griff hinüber, legte die Karten der Lappin
+nebeneinander: »Zu früh . . . zu schick . . .« er bog sich vor Lachen über
+Fribaurt. Umgewendet: »Die Sau . . . die Sau . . .« Die Lappin kroch ein
+Stück davon aus Angst auf dem Leib. »Was hat sie?« Jerkins hob die Hand von
+der Kartenflöte. Sie wälzten sich zu zweit: »Royal Fluch.« Fribaurt zur
+Lappin geneigt: »Süße Freundin, welch verschwenderische Tollkühnheit des
+Glückes . . .« Jerkins teilte aus, schaute zu Daisy: »Die phantastische
+Quote . . . und hat es nicht gewußt.« Weißbrüstig hing eine Brise vor dem
+Meer. Geigen im Baum, ein dunkler Frühstrich vor ihr her wirbelte das Meer
+mit einem bläulichen Schatten, der Bogen sauste heran. Jerkins sprang auf,
+leierte am Großschot, die Lappin ließ das Segel zwischen zwei Tauen herab,
+Jerkins wickelte, machte einen Schifferknoten mit den Daumen, das Segel
+wechselte, flog hinaus . . . der Stoß kam und erzitterte jeden Nagel,
+Fribaurt schmiß das Ruder herum, tänzelnd lief das Boot, sie kamen dem Ufer
+näher, die Gaffel wechselte . . . nun fuhren sie in der Windschwankung
+parallel.
+
+Das Ufer neben ihnen, ein hoher Damm, scharf vor den Himmel gelegt. Auf ihm
+fuhr in gleicher Linie wie sie ein Pferd. Es zog ein Karreol, flach und
+groß wie ein Kanoe. Drin saß ein Mann. Sie fuhren nebeneinander. Fribaurt
+deutete mit der Spitze der Pfeife nach ihm. Der Wind zog stärker. Die Blase
+des Segels neigte sich schaumig gegen das Wasser. In silbernem Regenbogen
+hing eine Springwelle an Lee. Sie starrten hinüber. Es war, als bewege sich
+keines, nicht sie, nicht das Pferd, . . . als blieben sie festgehaftet wie
+Brennpunkte in dieser Ovalen von Himmel und See. Fribaurt zog die Augen zu
+Schlitzen zusammen. Jerkins, die Hände vor dem Mund, die Brust aufgesogen
+wie ein Schwamm: »Hall . . . lo . . . o!« Sein Organ schlug den Wind mitten
+durch und traf drüben auf. Der Wall schickte vier Echos herüber. Keine
+Antwort von dem Mann. Jerkins quoll blau am Hals: »Hallo . . . y . . . lo!«
+Eine Pause zitterte, die dünnen Echos quirlten . . . dann kam die Antwort,
+kalt: »Holla!« Jerkins stand am Großbaum, klemmte die Wange ans Holz.
+»Haltet Ihr die Wette nach Aarvik?« Sie lauschten. Dann eine schneidende
+helle Stimme: »Am Arsch.« Sein Pferd sprang über eine Wolke, Staub ringelte
+sich in einer umgelegten Säule hinter ihm. Der Damm bog landeinwärts, eine
+rötliche Spirale. Daisy verstand nicht, was er norwegisch rief. Sie sah
+nach Jerkins. Er machte ein verschlossenes Gesicht. Der Schiffsjunge
+fletschte ein Grinsen von Ohr zu Ohr. Daran verstand Fribaurt die Antwort.
+Sein Schnurrbart zuckte, er wandte sich zu Daisy und lobte die Farbe der
+Mövenfedern.
+
+Jerkins warf das Ruder herum, halste, das Ufer zog sich tief zurück . . .
+um eine Halbinsel, einen kleinen Fjord. Der Berg hob sich von zwei Seiten.
+Auf der jenseitigen mitten in der Spirale peitschte der Fahrer sein Pferd,
+am Ende des anderen Abfalls lag unten Aarvik. Sie warfen Anker, gingen im
+Beiboot ans Land. Ein helles Wirtshaus mit einem Garten, die Terrasse mit
+Bäumen, dahinter die Ebene vom Morgen . . . die flimmerte . . . unten am
+Fluß mit roten Dächern Aarvik . . . idyllisch unter dem Berg. Auf seiner
+Spitze hob sich eine Flamme Staub, das Pferd kulminierte, die Karriole kam
+in die Schleifen des ihnen zugewandten abfallenden Teils, verschwand in
+einer Schlinge. Nach einer Viertelstunde klapperte sie an hinter dem Haus.
+Ein Schock Matrosen lungerte um die Kneipe, graue Zipfelmützen im Nacken.
+Der Wirt schmiß sie heraus. Sie drängten nach. Einer stieß mit dem Knie
+einer Magd in den Hintern, sie schrie: »Dumme Schicksen.« Der Wirt zeigte
+auf ein Holzbrett, sie schüttelten die Fäuste. Er nahm es herunter, hielt
+es sich vor den Bauch. »Ein kleines Faß,« schrieen sie, »wir scheißen auf
+das Verbot.« »Dåd og Pine . . .« mit Knie und Faust drückte sie der Wirt
+die Steintreppe runter. Sie maulten, einer zog den Wirt an einem
+Westenknopf neben sein rothaariges Gesicht und flüsterte in sein Ohr. Der
+Wirt brüllte auf, stieß ihn in den Magen, daß er wie ein Messer einknickte.
+»Kotzt Lumpen«, seine Zunge hing raus vor Wut, er trat dem Mann auf die
+Schenkel, der sich verkroch. Da fuhr die Karriole auf den Hof. Sie sahen
+den Aussteigenden nur vom Rücken. Er schrie durch den Radau, seine Matrosen
+rieben sich die Hände an den Hosen. Er rief nach dem Weg über die Brücke.
+»Abgerissen.« Wieder gab es einen kurzen Krach, da die Matrosen sich
+beschwerten. Der Wirt dienerte. Zwei der Leute schirrten den Gaul aus. Der
+Geprügelte riß plötzlich dem Wirt die Hosen auf die Knie. »Had djävelen
+. . . ich schlag dir in die Fresse.« Die Matrosen gröhlten, steckten die
+Hände in die Taschen und johlten, bewegten sich mit den Hüften vor und
+zurück. Ein Faß rumpelte. Der Fremde winkte, die Matrosen kicherten und
+verrollten sich langsam. Der Wirt verzog das Maul, stellte das Brett zur
+Seite, schielte giftig zu den Abtrollenden. Der Fremde warf seine Gamaschen
+einer Magd zu. »Hafer . . . mir ein Bett . . .« Der Gaul hob den Schwanz
+und strich einen großen Furz. Die Matrosen quakten herüber, schlugen sich
+die Schenkel vor Lachen. Der Fremde sprang ins Haus.
+
+Jerkins schlenderte, die Hände in den Taschen, ins Haus, kam zurück. »Wer?«
+fragte Fribaurt. »Sven Mair.« Daisy bog sich zu Fribaurt: »Wer ist Sven
+Mair?« Fribaurt lächelte mit dem Schnurrbart, strich seine Hand mit der
+anderen: »Jerkins Feind.«
+
+Die Zimmer lagen nach der Seite des Flusses. Eine lange Nacht voll
+Geräusche. Die Hunde bellten, wurden plötzlich still. Aus dem Bootshaus
+soffen die Matrosen in die Gegend, sangen, rollten langsam in ihre Kabinen.
+Kurz die Stimme des Fremden unter seinen Leuten, dann Stille wie Blei. Das
+Meer stand in uferlosem Schweigen. Die Felsen kühl und geheimnisvoll über
+dem Wasser, panische Stille . . . sie schloß unter ihrem Druck die Augen.
+Stunden gingen. Schlaf und Wachsein verschwebten in einander. Plötzlich riß
+sie wilder Spektakel auf. Sie eilte ans Fenster. Zwei Karriolen rollten vor
+das Haus. Die Nacht war weiß. Kupfriger Schein spann über die Landschaft.
+Drei Burschen bläkten die Zähne, schrieen:
+
+»Sven.«
+
+Schritte gingen über ihr, die Gesichter schauten hinauf. Ein Pfiff, ein
+gedämpfter Ruf von oben: »Skideriks.« Sie grinsten nach oben. Ihre Nasen,
+ihre Ohren, die Farbe der Augen -- alles sichtbar. Angelgeräte auf den
+Wagen, die Pferde bissen schaumkauend auf dem Eisen. »Sven . . .« Da trat
+er heraus aus der Tür unter ihr, ein Schatten lief vor ihm rasch über den
+bläulichen Boden. Er hatte Lachszeug über der Schulter, schmiß es in seine
+Karriole, krempte die Hosenbeine bis zum Bauch, nahm zwei Pferde, trieb sie
+in den Fluß. Schreiend warfen die aus den anderen Karriolen sich auf die
+Gäule. Der Fremde drehte sich um, sah nach dem dritten Gaul, bis an die
+Knie im Wasser. In der Helligkeit sah sie sein Gesicht. Da wuchs aus der
+Nacht der Schlag, hieb besinnungslos in sie, stürzte wie eine Feuersbrunst
+zum Herz:
+
+_Dies Gesicht ähnelte Caspare Symes._
+
+Sie ging vom Fenster zurück, fiel mit dem Rücken auf das Bett, hörte
+Pferdegeplätscher im Wasser, zwei Rufe, bleierne Stille. Im Plafond über
+sich sah sie das Gesicht. Sie warf sich herum. Eingebrannt im Boden glühte
+es sie an. Sie starrte durchs Fenster. Es füllte den Rahmen, peitschte sie
+auf. Erschöpft sank sie in die Kissen, schloß die Augen. Da stand es innen
+in den Lidern mit einer Zärtlichkeit des tiefsten Schmerzes und sah durch
+die Iris ihr in die Brust. Ihr Herz zog sich zusammen. Stunden, die sie
+lag. Kämpfte mit dem Kopf. Derselbe Ausdruck in seinen Zügen mit dem
+Unbekannten, der im Traum ihren Bauch umschlungen in der Nacht Le Beaus, im
+Traum des Hotels neben Renée. Mit tödlicher Schärfe riß ihr Dasein herauf,
+sie erkannte die Rechenschaft über ihr eigenes Lebens, die er brachte,
+kannte, forderte, ungestüm. Er schlug als Zentrum in den Kreis, den sie
+gelebt. Kein Leid, das sie gelitten, ohne daß es bestimmt war für dies.
+Keine Sehnsucht, keine Handlung, die nicht zielte in diesen magischen
+Punkt. Er hob sich, als sie am entferntesten schien, und wie von einem
+Wellenbrecher rauschte ihr Leben davor zurück. Nichts blieb außer ihm für
+sie: Dinge eitel, Menschen verworfen. Das Meiste umsonst getan. Höllischer
+Schmerz verzehrte ihr Auge, ihr Blut. So unerbittlich klar stand in dem
+Kontur das Glück, Bestimmung des Leibes, der Sehnsucht unerfüllbar, nicht
+erfüllt seither, . . . sie schrie um Gerechtigkeit, starr, ohne die Glieder
+zu bewegen, wandte sich an Gott, wandte sich ab, verzweifelte. Der Schmerz
+ward so tief, daß sie ihn nicht mehr ertrug, glaubte, sie sterbe. Da drehte
+er um und erfüllte sie mit Seligkeit, die alles an sich rief, was sie
+erduldet.
+
+Langsam wuchs sie aus dem Zweifel, überwand ihre Sehnsucht, sah weit vor
+sich die Aufgabe, das Gestreckte, Winkende, Rufende, was sie größer füllte.
+Und je mehr es in ihr glühte und Di Contis Glaube und Ziel sich erhellte
+auf einer Seite, sank der Kopf auf der anderen, das Spiel der Wage ging
+hinab. Wohl lag zwischen dem Kopf und allem Geschehen eine Kluft, die
+nichts überbrückte: nur ihr Blut. Sie gab es. Litt. Gab es hinüber in das
+Unbedingtere, gab sich auf und ganz in die Aufgabe. Verzichtete. Sah zum
+ersten Male das Unbeschreiblichste, erkannte, am Nichtgewesen, an allem,
+was sie versäumte, ihr großes Glück. Gab es auf, ließ es. Legte den Kopf
+weinend in die Hände. Entsagte. Aus Di Contis Atem kam die Befreiung,
+lösend, hart, aber tief.
+
+Das Silber zitterte heller. Sie lag, die Augen wie Stein. Dann stand sie
+auf, als ein Boot unten vorbeifuhr. Ging hinaus über die Schwelle.
+
+Die Arme standen etwas ab. Die Sonne kam. Eine Fahne wehte, das
+Georgskreuz, schon vorüber. Welch unendliche Kühle des Sommermorgens.
+Welche Frische des Blaues. Sie ging weiter. Der Staub ward rötlich. Die
+Riffe des Kessels ballten sich dunkel, unerreicht noch vom Licht. Sie ging.
+Gezackte Wolken am Horizont . . . Mövenflügel in Spiralen hoch sich
+schleudernd . . . die Eidern weich geschaukelt in der Bucht -- -- -- der
+Tag stieg, wölbte Licht. Aus der Wiese kam ein Gaul auf sie zugelaufen,
+hielt, hob das rosane frische Maul, legte es auf ihre Schulter. Lief davon.
+
+Das Kupferbergwerk glühte aus dem Fels. Sand . . . Sonne leckte darauf
+. . . die Ebene kam. Oben das spitze Tal. Sie ging hindurch. Fahlweißes
+Licht prallte ihr entgegen. Sie stand vor dem Haus wieder, von der anderen
+Seite, das, ein Nabel, zwischen der Ebene und dem Gebirge lag. Aus einem
+oberen Fenster sah ein blauzerquollenes Gesicht. Ungetrübt durch Schmerz
+wehte es rein in ihr auf, durch sie hin. Die Liebe quoll verdichteter in
+ihr. Sie schlug die Augen auf. Mit unerbittlich weichen Buchstaben stand
+über dem Eingang vor dem Himmel geschrieben: Hilfe den Menschen.
+
+Eine grelle Stimme: »Was wollen Sie?«
+
+»Hinein.«
+
+
+
+
+Der fünfte Abschnitt
+
+
+Die zwanzigste Schüssel . . . sie hing das Tuch an den Ständer, goß den
+Zuber aus, stülpte die letzte auf die Neunzehn. -- »Durst.« Sie brachte
+Wasser an ein Bett. Sie schaukelte den Zuber in die Badewanne, ließ heißes
+Wasser einlaufen, nahm Soda, griff in Schmierseife, schlug Schaum mit einer
+Bürste. Nun kamen die Näpfe. Mit einem Zangenpinsel fuhr sie in den Hals
+der Urinenten, bog den Draht, schabte den Kalk innen ab. Das Wasser
+sprudelte. Sie wusch den Nachtstuhl aus. Die Tür weit offen . . . es
+dampfte nach Kaffee. Sie schaukelte das Wasser in die Wanne, wusch die
+Wanne aus mit Seife und Sand, schaukelte den Zuber mit den Henkeln auf der
+Wanne unter den Hahn.
+
+Neues heißes Wasser . . . es lief nicht mehr. Sie schob den Schalter
+langsam herum und hielt ein Streichholz daran. Der schmale Gasofen an der
+Wand spie nach unten Ruß, nach oben die blaue Flamme, es donnerte. Sie
+sprang in die Flamme, schob den Schalter zurück. »Langsamer öffnen«, sagte
+eine Stimme hinter ihr. Sie öffnete langsam, entzündete das Holz. Der Ofen
+explodierte. »Langsamer sage ich . . .« Ihr rußiges Gesicht sah um. Langsam
+öffnete sie, die Stichflamme schoß in das Zimmer, das Gas knatterte
+irrsinnig, an der Decke das Licht losch aus.
+
+»Schreiben Sie auf: der Ofen wird repariert.«
+
+Sie nahm ihr Buch, notierte es. Es stand zum drittenmal mit Blei
+geschrieben. Jedesmal untereinander. Der Ofen wurde nicht repariert.
+
+Die Türe fiel hinter dem Arzt.
+
+In der Dämmerung wusch sie die Becken im kalten Wasser. Dann trug sie
+Bürste, Pinsel, Stuhl hinaus. Auf dem Gang standen Sechs vor einem Tisch in
+Hemden und wuschen sich Hals und Brust. »Meine Zahnbürste.« »Schlappmaul
+. . . meine.« Ein Rippenstoß . . . sie torkelten im Korridor. »Laßt mich
+durch.« Sofort wichen sie zur Seite. Das Klosett verschlossen: »nicht in
+Ruhe einmal scheißen . . .« Sie wartete ruhig. Sie bückte sich unter den
+Tisch. »Deine Zahnbürste -- -- --« Der Mann winselte. Im Klosett keifte es.
+In hängenden Hosen erschien er dann in der Tür, ungekämmt, rieb sich die
+Augen mürrisch. Als er sie sah, ging er auf die Seite, wich ihr aus, senkte
+den Blick. »Falle nicht,« sagte sie, »der Boden ist naß.« Die sich wuschen,
+tuschelten nur noch miteinander, Mund an Ohr. Sie machte das Fenster auf im
+Klosett, zog die Wasserspülung, wusch den Boden auf, rieb das Porzellan
+glatt. Der Schnee draußen schimmerte frostig. Sie schloß das Fenster.
+
+Ihr Name flatterte zweimal im Flur. Sie stand neben einem Bett. Sie nahm
+zwei Beine, hob sie hoch. Die dicke Schwester, die den Kopf hielt, schrie
+den Mann an mit drohendem Baß, die andere band ihm die Hände fest. Der
+Schwären auf seiner Weiche juckte ihn so, daß er nun hüpfte im Bett. Die
+Dicke gab ihm Kaffee in den Mund, das Brot.
+
+Sie fuhren die Betten in die Ecke. Achtzehn. Die freie Seite kehrten sie,
+wanden Lumpen um die Besen, wuschen auf, ließen trocknen, fuhren die Betten
+herüber, bewältigten die andere Seite.
+
+»Daisy . . .« Bittender Ruf. Sie ging mit. Naga hing in ihrem Arm. Sie
+gingen über zwei Korridore in den höheren Stock. »Bist du müde?« Die Brust
+der kleinen festen Schwester schmiegte sich an ihren Arm. In dem Zimmer
+standen zwei Kolonnen Betten, alle belegt. Die Luft roch scharf nach nassem
+Tuch. Große Scheiben gingen ins Land. Aus jedem Bett ragte ein Bein, ein
+Arm . . . und lag in einem Gefäß mit Wasser. Naga hielt Bein um Bein, Arm
+um Arm. Daisy trug die Wannen hinaus, leerte sie von eitrigem Gerinnsel,
+scheuerte sie, füllte sie neu. Das siebente Bett . . . ein junger Mann warf
+sich im Fieber herum -- -- -- »Ja, wir werden deiner Mutter schreiben.« Das
+elfte Bett . . . die Fieberkurve gestiegen -- sie machte ein Kreuz auf das
+Brett, drückte auf einen Knopf. Der Kranke kannte die Bewegung, begann zu
+winseln, das Bein blau, geschwollen . . . er warf sich knirschend herum.
+Sie drückte wieder auf den Knopf. Jeder kannte die Bewegung. »Nur ein
+kleiner Schnitt.« Er lächelte ungläubig, sie nickte.
+
+Ihr Name auf der Treppe.
+
+Sie trug mit der großen breiten Schwester Mann auf Mann ins Bad. Sie hielt
+sie unter den Armen, die andere an den Knöcheln. Im Bad stand ein Schemel.
+Darauf lag wechselnd ein verbundenes Bein, ein Knie, ein Arm. Einer lag
+darübergekrümmt auf der Seite. Sie wuschen die Leute ab mit Seife und
+dicken Bürsten. Sie hoben sie heraus auf den Stuhl, trockneten sie mit den
+Fingerspitzen ab:
+
+»Du hast Naga geholfen.«
+
+Sie nickte.
+
+»Sie soll es nicht tun, wenn sie der Aufgabe nicht gewachsen ist.«
+
+»Ich habe nichts versäumt.«
+
+Sie trugen einen anderen herein. Als sie schruppten, ging die Haut ihm ab
+wie einer Schlange. Er hatte sich gekratzt, »Du Schwein . . .« Er sah die
+große Schwester an, er sprach kein Wort. Daisy rieb vier Leuten den Rücken,
+die Schenkel ab mit Spiritus, gab Puder darauf, ging zu Nagas Station,
+setzte sich zu dem Fiebernden, horchte, sprach, schrieb . . .: »Liebe
+Mutter -- -- -- ich bin nicht schuld . . .«
+
+Sie aß zu Mittag, ging vor das Haus auf einen Liegestuhl, deckte sich zu
+und schloß die Augen. Die Sonne brannte auf den Schnee und färbte ihr
+Gesicht. Sie ließ die Glieder sich lösen, Müdigkeit floß an ihr herab, halb
+schlafend flog ein Zug zufriedenen Liegens ihr an den Mund.
+
+Sie stand neben dem Arzt. Ein neuer Kranker ward eingeliefert, ein junger
+Prediger, der entsetzt in die Brille des Arztes stierte: »Sie werden gut
+tun, sich damit auseinanderzusetzen, daß Sie hier bleiben. Die Welt draußen
+ist vorbei. Sie werden hier sterben. Wenn Sie so denken, werden Sie ruhiger
+leben, weil Sie ein kluger Mensch sind.«
+
+Sie ging still mit dem Arzt hinaus, trat von dem Flur in das Nebenzimmer.
+Ein Raum dick voll Rauch. Gesichter schwankten mit Bärten zerfließend in
+der geballten Luft . . . deutsche Matrosen mit Scharbock von Grönland. Die
+leichte Abteilung, nichts gegen die Tragödie drüben. Gesang:
+
+ Isch un du
+ Mir hawwe uns so gern
+ un leck'st de misch bei Dag am Arsch
+ da brauchst de kei Laddern.
+
+Sie stand auf dem Sims, wusch mit Petroleum das Lambris, wusch das Fenster.
+Sie zog ein Spinnweb aus der Ecke. Sie kehrte die Asche der Zigarren am
+Boden zusammen, unter der Heizung jagte sie Flocken, putzte das Messing der
+Klinken. Immer ein freier Raum um sie. Immer der fremde Gesang. Die Männer
+kaum sichtbar in dem Qualm:
+
+ Isch un du
+ mir hawwe uns so gern
+ un leck'st de misch bei Nacht am Arsch
+ da scheine der die Schdern.
+
+Sie ging auf den Zehen an das Bett des Geistlichen. Sein Auge sah starr,
+gebrochen vor Melancholie in die Ecke. Er spürte nichts wie die
+Vernichtung. Hier Ende seines Lebens. Aufgezogen von einer schönen Frau,
+seiner Mutter, hier nun verfaulen. Unmöglich zu fassen, das konnte nicht
+sein, seine guten Glieder . . . dieser Mund, der schöne und tapfere Dinge
+sagte . . . wenn Gott war, so war dies unbegreiflich . . . ein schwaches
+Lächeln -- er glaubte es nicht -- . . . als die Lippen anschwollen, starrte
+er vor sich hin. Fassungslos dies große Ungeheure vor sich, sein Geist zu
+enge Öffnung, als daß so Maßloses sich in ihn schon so rasch ergösse. Zu
+klein sein Hirn für solchen ungeahnten Gott. Acht Tage lag er steif. Dann
+fraß ihn das Neue, indem es ihn an sich gewöhnte. Da gab er sich Wochen der
+Wut und der Anklage. Der Ausschnitt seines Zimmers, das Stück kümmerliche
+Landschaft ward ihm die Welt. Der Mond, entsetzlich aufsteigend . . . er
+würde ihn nie mehr sehen von anderem Ort, die Blumengerüche, der Dampf der
+regenbeschwerten Erde . . . ein Bauernmädchen, das vorbeiging . . . nichts
+zu halten, in die Ferne gerückt, nie zu berühren und zu haben . . . welches
+Schicksal. An das Fenster treten, dies alles inbrünstig sehen, nie haben
+werden, mit aller Wildheit begehren, kein Gott, der es ihm in die Hände
+geben würde . . . warum diese Grausamkeit . . . warum ihm . . . -- -- Jahre
+stiegen auf in dem Fensterbogen, entfalteten sich, zeigten jede Sekunde mit
+einer Eindringlichkeit, die die Augen schmerzte . . . Spiele der Jugend
+. . . eine schmale Frau trat an sein Bett, ein Garten abends . . . er hielt
+es nicht mehr . . . schrie. Daisy kam, stellte Wasser neben ihn, rückte
+einen Stuhl zurecht, legte Bücher darauf -- und ging. Er folgte ihr mit dem
+Blick, bog ihn zu dem Fenster. Da stand seine Jugend. Wie war es zu tragen
+. . . Nun litt er mit geschlossenem Gesicht. Als der Pendel durchschwang,
+der Kern des Leides durchlitten war, löste es sich in schmerzliche
+Seligkeit, er begann beim Abebben des Zorns eines Nachts zu weinen. Hell
+wie ein Kind. Das ganze Haus hörte ihn. Nach Wochen sagte er zu Daisy:
+»Wenn ich begreife, daß ein Körper wie meiner verfault -- -- wie soll ich
+fassen, daß Sie in einer Arbeit wie dieser leben können.« Da sah er ihren
+Blick zum erstenmal, der mehr Abgeschlossenes hatte mit den Dingen wie der
+seine, fuhr hoch. »Was wundert Sie?« fragte Daisy. Da begann sein Blick an
+ihrem sich zu erstaunen und zu kräftigen. Ihm schien Sterben nicht mehr
+schwer von dieser Sekunde. Sein Auge folgte dieser Schwester, wo es sie
+sah.
+
+Der Arzt nahm sie mit in sein Kabinett: »Sie werden mir operieren helfen.
+Sie sind ohne Laune, ruhig.« Die große Schwester haßte sie von diesem Tag.
+Sie hetzte einen Saal auf. Nachts auf dem Korridor umarmte sie einer von
+hinten, fiel unter ihrer Parade schreiend zurück. Licht fiel auf sein
+Gesicht: »Ich sage es diesmal nicht dem Arzt.« Er verkroch sich. Auf diesen
+Mann konnte sie sich verlassen von nun ab, unbedingt.
+
+Sie hatte das Zimmer über dem Operationsraum, eine Glaswand trennte diesen
+in Manneshöhe von ihr. Sie sah nachts einen Schatten, der die Instrumente
+beschmutzte und zerwühlte. Sie stand früh auf und ordnete es wie neu.
+
+Es kam eine alte Frau, saß an dem Bett des Fiebernden: »Ist das mein Sohn?«
+
+»Ihr Sohn.«
+
+»Das ist ungeheuerlich.«
+
+Der Kloß verdrehte die Augen, flüsterte, schlug die roten Deckel zurück,
+die, ohne Lider, nur im engen Schlitz sich noch öffneten. »Das ist
+ungeheuerlich. Das ist nicht mein Sohn. Das soll ein Mensch sein . . .
+Warum erschlägt man das nicht. Ist das Gottes Güte? . . . Mein Sohn, den
+ich auf die Steuerschule schickte . . .«
+
+»Haben Sie den Mut, es leicht zu nehmen.«
+
+»Sind sie wahnsinnig, Schwester?«
+
+»So haben sie -- zum mindesten -- soviel Liebe, tapfer zu sein.« Die Frau
+blieb starr unter dieser plötzlich harten Stimme, neigte den Kopf. Daisy
+legte ein nasses Tuch auf die Augen des Kranken, wischte sie aus und ging.
+Sie ging durch den Flur. Auf der Schwelle saßen Zwei und droschen Karten:
+»Mitspielen . . .« Verschmitzte Gesichter. Sie lachte hell: »Ihr Dorsche
+. . .« Tief befriedigt brüllten die Zwei in sich hinein. Im Garten der
+Frühling. Grün überall leuchtend . . . Eine Amsel schlug an, hob den
+silbernen Lauf und bog ihn elegisch in die Höhe. Daisy wiederholte. Die
+Amsel pfiff die Läufe zarter und inniger zurück.
+
+Die Uhr schlug. In einem weißen Zimmer allein stand eine Wanne. Der
+Zigeuner darin schlief, die Arme auf den Rändern aufgestützt. Sie band das
+Wachstuch weg, legte eine Glocke mit einem Rohr in das Wasser, sog an dem
+Schlauch, hing das Ende in einen Eimer, ließ Eimer auf Eimer heraus. Dann
+wusch sie mit Spiritus und Watte den Körper ab, immer im Bogen um die
+offenen Stellen. Sie nahm die Füße, rieb sie mit Äther aus und gab gelbe
+Vaseline darauf. Sie waren im Wasser wie Hirne geworden, weiß, tief
+gefurcht. Dann trug sie die Eimer heißes Wasser in die Wanne.
+
+Der Kranke ließ seinen Urin hinein.
+
+Sie setzte die Glocke an, leerte aus, goß wieder neues Wasser ein. Eine
+Stunde. Der Kranke sah zu, folgte jeder ihrer Bewegungen katzenhaft. Ein
+Pfarrer kam, wandte sich zu ihm, allein er schloß die Augen, als schlafe
+er. Als Daisy fertig war, grinste er und gab seinen Darm in das frische
+Wasser; Daisy sog das Wasser heraus, gab wieder neues zu. Wohltätiger
+Besuch kam aus der Stadt. Der Zigeuner zog das Wachstuch weg und zeigte, um
+zu größeren Geschenken zu rühren, seinen zerfleischten Körper. Die Dame
+schluckte, übergab sich noch im Zimmer und eilte hinaus. Daisy zog das
+Erbrochene auf, der Zigeuner warf wütende Blicke.
+
+»Sie mißt mich falsch«, sagte er dem Arzt.
+
+»So . . .«, sagte er und zog den Mund herunter. Der Zigeuner sah zur Seite.
+
+»Scheißen«, rief er. Sie ließ das Wasser aus, zog den Gummiring unter ihm
+weg, schob den Stechnapf hinein. Es war eine Lüge. Sie gab ihm neues
+Wasser.
+
+Er ließ den Arzt holen. Sie petze ihn . . . »Du Schwein«, sagte der Arzt
+und schlug ihn aufs Ohr. Zwei Tage darauf vertraute er der großen Schwester
+an, indem er weinte und sie zu Fragen zwang, er sei traurig, Daisy speise
+ihm sein Essen. Sie meldete es, der Pflicht folgend, dem Arzt. »Wie können
+Sie . . .?« Sie sagte gegen sein Brausen: »Das Statut.« Der Arzt
+untersuchte und gab dem Zigeuner wegen Verleumdung einen Tag Hunger. An
+diesem Tag speiste ihn Daisy mit ihrem Essen. Bei der Morgenvisite zeigte
+er es an. Seine Stimme lauerte auf den Verweis. Der Arzt tat ihm nicht den
+Gefallen, sondern bestrafte die Bosheit mit zwei Tage Hunger. »Es wird
+durchgeführt.« Ein Blick in die Runde. Die Tür fiel zu.
+
+Daisy folgte, setzte sich für ihn ein: »Warum?« Zwei Brillengläser
+funkelten sie an. Sie lehnte an den Tisch: »Er wird sein Leben im Wasser
+liegen. Sein Haß gegen alles andere ist natürlich. Aber -- Strafe wird ihn
+nie bessern.« »Nein,« sagte der Arzt »das ist nicht meine Sache . . . aber
+die Autorität wird gewahrt.« In diesen zwei Tagen ließ Daisy von Naga sich
+vertreten, tauschte mit ihr die Station. Sie wohnte in Nagas Zimmer. Ein
+Gartenbusch lehnte herein. Die Blumenterrasse dahinter schwoll herein, der
+Rasen roch. Morgens die Luft blau und gold, Vögel darin, die unsichtbar
+sangen. Im Garten Naga, in den Hüften gebeugt. Eine Eidechse lief über den
+Kies, grün, glatt, rollte sich über einen heißen Stein, hob die Augen,
+züngelte herauf, lief weiter. Naga bückte sich, huschte rasch, geschmeidig
+die Hand darauf, hob die Faust, aus der oben der toderschreckte Tierkopf,
+unten steif der Schwanz heraussah, federte den schlanken Körper herum
+. . . ein Gesicht fassungslos aufgegangen in der Freude. »Bleib«, sagte
+Daisy, ging hinauf auf ihre Station, besorgte das Nötige auf der Nagas, die
+hinter einem Busch saß, Wolken ansah, die aus dem Meer stiegen.
+
+Zwei Männer kamen durch den Garten. Sie wiesen ihre Papiere. Sie kamen von
+einem spanischen Segler. »Scharbockabteilung. In vier Wochen kommt Ihr
+wieder raus.« Naga führte sie hinauf. Sie wurden ausgekleidet, gebadet,
+geräuchert, frisch gekleidet. Naga überwachte es. In der Nacht wiegte ein
+Gemurmel, lange halb undeutlich, als striche Wind mit Bäumen. Dann schwoll
+die Bewegung, die Wände des Gebäudes gaben sie weiter, echoten leis,
+knaxten. Stimmen schwebten hindurch, mischten sich. Plötzlich sang einer
+heiser und laut.
+
+Naga ging dem Geräusch nach, blitzte mit der Laterne auf leere Betten, kam
+durch Tür und Türen näher. Sie stand vor dem Operationssaal. Den Schlüssel
+vergessen abzuziehen . . . sie erbleichte. »Coño«, rief der eine Spanier
+und warf seinen Mantel auf den Tisch. Links lagen Flaschen auf dem Boden.
+Eingeschmuggelt . . . zu wenig Achtung auf ihre Mäntel . . . der Garten.
+Sie ging hinein, rasch, fest. Die Fenster waren geöffnet, die Bettücher
+hingen als Flaggen hinaus. Patienten der Lepra mit Flaschen am Mund,
+taumelnd, in der Hand . . . die Spanier tanzend und krähend eine Orgie
+. . . Naga stand stumm eine Sekunde, verzog den Mund zum Weinen und ging
+starr auf den Spanier zu, riß an der Flasche, da ging der Schwarze in das
+Knie, zupfte mit kurzen Rucken an ihrem Rock, er fiel nieder, er preßte den
+Kopf an ihre Knie. Entsetzt fühlte sie den Druck, schon nach der Tür
+. . . Geheul . . . versperrt der Ausgang. Sie sah die Leine, hing sich
+daran, schellte Alarm, riß die Schnur ab . . . die Patienten machten Jagd,
+stöhnten ihr nach . . . um den Operationstisch. -- -- Da schnitt eine
+Stimme herein. Das Licht wurde dreifach, ein Reflektor glühte aus der
+offenen Tür. Weit geöffnet schrie der Mund des hereinkommenden Arztes. Sie
+wurde ohnmächtig. Schwestern, Gehilfen drangen herein. Der Spanier ward
+gefesselt, ein Lepröser in die Zwangsjacke gesteckt, er schäumte. »Still
+hinüber«; zwei kurze Befehle: »Me caco de la puñedra y jodida alma de la
+grandissima puda madre qué te caco . . .« Ein steiler Arm hob sich kurz vor
+Daisy, die ihn unter dem Tisch entdeckte. Hinaus . . . Einen Augenblick
+stand ein Kreis noch erregt plaudernd um den Arzt, der sich in Sublimat
+wusch. Dann gingen Türen. Als alles still war, öffnete sich leis Daisys
+Tür. Naga kam, schmiegte sich auf dem Bett an sie: »Ich kann nicht mehr
+. . .«
+
+Es war dunkel: »Wie lange hast du Kontrakt?«
+
+»Oktober.«
+
+»Geh sofort.«
+
+Doch Augen kamen ihr im Kissen entgegen, die getröstet werden wollten,
+gehalten, die noch nicht gehen wollten: »Aber du kannst es doch. Arbeitest
+du nicht wie Vier. Hast du nicht Kraft, alle Sehnsucht zu verdrängen. Hast
+du dazu nicht mehr gesehen, erlebt wie wir?« Sie zog sie neben sich: »Der
+Wille genügt nicht. Nichts wird vom Ende aus begonnen. Geh, lebe. Kommst du
+nicht wieder, fandest du Gegebeneres für dein Schicksal. Kommst du wieder,
+ist nichts so entsetzlich, du trügest es nicht mit einem Lächeln.« Nagas
+verweintes Gesicht suchte auf dem Kissen nach ihrem. Tränen an ihrem Mund.
+Schluchzen . . . was sollte dies Kind hier. Erst hindurch durch das andere
+. . . was das Leben zärtlich und schön macht. »Geh.« Naga ging schlafen.
+Die Nacht darauf hatte Daisy Wache bei dem Zigeuner. Er stellte sich
+fiebrig, damit sie nicht zum Schlafen komme. Es klirrte im Nebenraum. Daisy
+ging hinein, schloß die Tür hinter sich, reichte Pakete hinaus, ein Kuß mit
+Tränen, die im Mund blieben. »Mut«, geflüstert ein heißes Wort zurück, kaum
+verständlich vor Weinen. Das Fenster geschlossen . . . zurück zu dem
+Zigeuner . . . auch dies vorüber. Naga würde nun fehlen. Kein Lächeln mehr
+im Hause sein.
+
+Der Zigeuner fluchte. Sie lächelte, einzige Antwort. Bosheit verzerrte sein
+Gesicht, er klotzte wie ein Neger. Sie hatte ihn kurz verlassen . . . er
+beschimpfte sie. Sie hatte Unrecht, ihn eine Sekunde zu verlassen, sie nahm
+seinen Vorwurf hin: Du hast recht. Unbeugsam blieb ihr Mund durch seine
+Tücke. Er kam in Raserei, gab ihr jeden Fluch seiner Jugend. »Schlaf«,
+sagte sie mild. Er spie ihr in das Gesicht. »Du Armer.« Sie setzte sich in
+eine Ecke. Dunkel nun im Raum, halb licht vom Morgen. Ganz allein in der
+Nacht ihr Wachen . . . unendliche Stille ausgegossen in ihr. Die
+Fenstergardinen schwankten . . . Di Contis Atem ging mit dem Wind durch den
+Raum. Die Liebe ging auf in ihrem Gesicht. Sie saß bis tief in den Morgen.
+
+Die Sonne kam weiß aus dem Meer. Das Wasser ward spiegelig grau mit einem
+dunklen Rand. Der Sommer auf der Höhe . . . das Wasser stank faulig. Die
+Hitze lag kreiselnd am Himmel. Sand, Meer, Gebirge: eine Ebene
+erstickendster Trockenheit, von der ein giftiger Hauch am Mittag gegen das
+Haus fiel. Aus heißem Bett, schlaflos, fiel sie morgens, die Nerven
+zitternd, in den Operationsraum . . . Puls halten, Apparate reichen . . .
+sie hielt an einer Zange ein Bein. Zwei Finger des Arztes bohrten im
+Fleisch, suchten einen Knochen. Da riß der Gummi des Handschuhs.
+
+»Äther«, schrie der Arzt.
+
+»Hier.« Er riß den Stöpsel ab, leerte es über die Hand, stöhnte auf.
+
+»Jod . . .«, schrie er, die Augen quollen. »Schlafsenkel . . . Gans . . .
+ist das Jod?« Schon verbanden ihn andere. Über dem Waschbecken knurrte er
+weiter. Vor dem Weggehen warf er ihr einen wütenden Blick zu. Unter den
+anderen stehend nickte sie mit dem Kopf. Was war das Unrecht? Hätte sie
+nicht wissen müssen, daß er irrte, klüger sein wie er in der Stunde der Not
+. . . auch dies. War es ein Unrecht . . . sie nahm es mit in den Dienst. Es
+reichte nicht an ihre Ruhe.
+
+Zwanzigmal das Wasser leeren . . . Gestank. Das eitrige Wasser faulte unter
+der Hand. Geruch von Brake und Schlachthaus auf den Korridoren, Schweiß in
+den Krankenräumen . . . ein satanischer Sommer. Die Fenster, weit
+ausgehängt, lauerten auf Zugluft. Aus den Poren der Mauer kam Hitze. Die
+Kranken badeten in ihrem Schweiß, der sie anfraß. Die offenen Schenkel
+wurden brandig. Die Gurgeln wurden trocken, krächzten. Einmal begann einer
+zu schreien, besinnungslos. Sie stand neben ihm, gab ihm Packungen. Sie kam
+zu dem Fiebernden: »Nimm dir Wasser.« Er hob den Hals, konnte sie nicht
+ansehen, die umschlossenen, nie mehr zu öffnenden Augen winselten
+Dankbarkeit. Sie spritzte mit einer Blumenfontäne Wasser ohne Pause in die
+Luft. Dünner Regen kam aromatisch nieder, Trost einer Sekunde. Ein Atemzug
+Glück . . . vorbei. Durch das Zimmer fliegend, sah sie das glanzlose Auge
+des jungen Priesters. Erstaunt: »Auch Sie . . .« Er schüttelte den Kopf,
+kein Kleinmut, er lächelte, solches fiel schwerer ab, was ihm menschliche
+Gewöhnung gelernt, zu schätzen, dies: »Der Geruch.« Ihr linkes Augenlid
+senkte sich kurz. Sie brachte eine Flasche Eau de Cologne. Er entkorkte die
+Flasche, roch sie, Tränen schon in den Augen: dies war die Welt. Er drehte
+sich um. Am Ende bei ihrem Vorbeigehen senkte sich ein maulender struppiger
+Banditenkopf gebändigt. »Ein Gewitter kommt,« sagte sie, mit dem Leinentuch
+wehend zum anderen Ende, »den Abend wird es frisch vom Meer.« Im
+Nebenzimmer, wie Fledermäuse ausgetrocknet, hockten die Matrosen, sangen
+nicht mehr, Hunde mit trockenen Schnauzen. Lächelnd: »Geduld, Struppige
+. . . Wind.« Sie bekamen Ausdruck in die Blickwinkel, schielten sich an,
+stießen die Ellenbogen sich in die Seiten, grinsten, schaukelten auf den
+Stühlen. »Geduld«, sie wehte zeigend mit dem Tuch nach dem Himmel. Alle
+sahen hin, alle in Spannung, sahen nach einer Wolke. Der ganze Saal
+sammelte sich nach dem Himmel, lag auf der Lauer. Sie stand im Zimmer:
+»Mut.« Der Glaube trat aus ihr heraus. Trat in zwanzig Halbverweste.
+Vierzig Augen sahen auf sie, traten in sie ein mit ihrer Hoffnung,
+klammerten sich an sie, schauten gläubig, mit ihrem Mut gestärkt, nach der
+Erlösung. Rochen nicht mehr ihren Eiter, spürten nicht mehr Schweiß, der
+ihr Geschwür biß. Keiner, der haderte, niemandes Schmerzruf . . . ganz
+verhaltene Stille. Der Glaube von zwanzig Unglücklichen ballte sich
+heftiger als von tausend anderen, der Glaube von zwanzig Unglücklichen
+stand in dem Zimmer, wuchs in den Räumen. In allen Zimmern stand er auf.
+Bald das Ende der Qual, bald Wind und Mut, weiter das andere zu tragen. Ein
+kleiner Windhauch nur . . . welch ein Trost. Die Zimmer verbanden sich mit
+einer Schicht Vertrauen, die früher nicht herrschte. Die einzelnen kamen
+sich näher, fühlten sich als Genossen, lachten sich zu. Die Deutschen
+sangen wieder. Freude stand über den Betten. »Dank.« Sie rief zurück:
+»Mut.« Der Tag vorüber, die Nacht rot vor Hitze, der Morgen graublau,
+entsetzliche Last. Durch die Zimmer gehen, immer ein Lächeln. Hinaussehen
+zum Horizont. Die, die nachts nicht geschlafen, die halb irrsinnig waren
+vor Schmerzen, alle, die beginnen wollten zu lästern . . . alle einigten
+sich an diesem Lächeln, unternahmen nichts, wurden still, sahen hinaus auf
+den Horizont. Sie beruhigte, entflammte still, flüsternd von Ohr zu Ohr,
+wenn sie sich bückte: »Geduld . . . es kommt.« Der Glaube wuchs in den
+Zimmern, heftiger, tiefer . . . der Glaube der vierzig Augen stieg, die
+anderen glaubten, wuchs in die Räume, ballte sich den Tag . . . die ganze
+Nacht. Schaum am nächsten Morgen am Meer, am Mittag die lähmendste Stille.
+Gegen Abend wuchs ein Segel, schoß in den Himmel wie ein Gaul, bäumte, riß
+in einem Rad den Himmel als Strudel in sich . . . Blitze zuckten flatternd,
+irr . . . Kühlung kam. Die Augen geschlossen . . . die Hingabe erhob sich
+zu ihr, aller Gefühl: »Dank.«
+
+»Wofür . . .?« Sie starrte hinaus.
+
+Ein Wagen traf ein. Ein Brief.
+
+ * * *
+
+Das Verhängte lockte. Das Elend des Einzelnen, der ihr Blut berührt, riß
+sie von dem, was sie hielt. Der Brief hatte nichts von Gewalt, viel
+Unterwerfung. Ihr Herz rührte sich ihm zu. Sie unterbrach, reiste drei
+Tage, fuhr eine Mauer unter Oliven, hörte das Meer, traf in dem Park vor
+einem kleinen einstöckigen Schloß Stefan, den sie tödlich getroffen
+glaubte, er wandte sich um, warf eine Bananenscheibe weg, kam über den
+Rasen. Sie erstarrte, wandte halb um, voll Schmerz und Wut. Hörte seine
+Stimme. Er log nicht, sie kam nicht umsonst. Sie kannte sein Leben, das
+zwang, niederhielt, bebenden Boden mit den Beinen feststampfte, sieben
+Balken im Schweben hielt. Er hatte Minen um sich gelegt. Flog eine, sauste
+er mit. Er hatte genug, ließ sie fliegen. Es reizte ihn nichts mehr. Er
+lebte allein seit langem. Er wollte sie sehen, ehe er verreckte.
+
+Ihr Herz war festgebohrt. Es genügte nicht. Sie drehte ganz. Seine Stimme
+holte sie ein. Das Raubliebende besaß einen Klang, der sie bannte: »Nimmst
+du mir den Rest Erlösung?« Sie sah das Zerrissene seines Lebens darin, das
+nun der Erfüllung nahe war. Schicksal, vom Tag, wo sie zuerst ihn sah,
+hineingeschrieben in jede Falte des Gesichts, erfuhr unerbittlich seine
+Bestimmung. Wie diese Fahrt seines Blutes nun landete in Reue, sich selbst
+verwarf, und das Starke sich hinschmiß und bat, ergriff sie mit Rührung,
+die alles hinüberneigte zu ihm, zagend und nicht ohne Befremden, doch
+bezaubert: »Gehen wir hinein.«
+
+Sie stellte ihr Leben unter seines, trug im Unbewußten die Last, fühlte
+seinen Schmerz, seine Seligkeit, sah die Grenze, die bald alles schloß,
+kannte sie nicht, roch die Katastrophe, bäumte sich vor ihr, legte in ihn
+hinein, was ihm das Letzte klar machte, beruhigend, sicher, Aufflug und
+Klarheit.
+
+Sie ritt sich die Schenkel wund, er sandte Reithosen und Salbe. Sie rieb
+sich die langen schlanken Beine. Durch Gras, durch Fliederhecken, ein
+Bogen. Ein verfallener Tempel, ein kupferner Mond darauf, Lusthaus der
+Frauen des passierten Jahrhunderts. Dahinter fielen Terrassen. Vor den
+tiefen Fenstern des Schlosses tauchten Tritone auf, warfen Wasserlanzen,
+bliesen aus Hörnern in den blauen Abend. Sie ging zurück, zog sich ins
+Zimmer, speiste, schlief, suchte ihn morgens. Er saß über Papieren,
+schrieb. Sie wich zurück. Er sah den Schatten, fuhr herum: »Du störst
+nicht. Nie.« Das Geschriebene flog vom Tisch. »Doch.« Sie wollte gegen
+seinen Willen, ihm es leicht machen, wandte sich. Er, ihr sich hingebend,
+wußte nichts anderes: »Bleib.« Sie blieb.
+
+Die Luft ward silberblau. Blüten rochen herüber in der Nacht. Im gläsernen
+Bauch des Sommers stand noch der Frühling mit Kastanie und Flieder. Es
+rauschte Tag auf Tag über die Hängematte. Morgens beim Frühstück frug
+Stefan: »Reiten wir?« Sie nickte. Kein Vorschlag, den sie nicht annahm.
+Nach einem Galopp schon sah er die dunklen Ringe unter ihrem Auge, verstand
+sie, ihre Woche, verlangte, daß sie sofort absteige: »Welch ein Irrsinn
+. . .« Doch sie log. Wozu Sorge noch mehr ihm geben, diese Stunden
+vergällen. Lächelnd: »Du irrst.« Weiterreiten unter Schmerzen. Reden mit
+frischen Lippen. Seine Schläfe lief dick an vor Qual.
+
+Sie stand am Morgen früh auf, öffnete die Tür ihres Zimmers, ging hinaus
+auf den Rasen, die hohe Mauer entlang. Der Morgen, dunkelrot, verführte mit
+Pracht, sie ging um das Moorstück mit den dunklen Blumen, bog um den
+Pavillon. Sie stand unter den Palmen, kam zurück auf die Terrasse. An dem
+Rondell setzte ein Schmetterling sich auf ihre Achsel. Sie drehte sich
+herum, da trat Stefan hinter einer Figur vor. »So früh?« sagte er, der spät
+aufstand. »Nicht sehr!« sagte sie, verschwieg den Weg, den er ihr ansah.
+
+Zwischen den Oliven stand die Sonne hell, klar. Der Horizont gewölbt,
+kreisrund und stählern, süß die Luft darunter, schwärmerisch die Verzückung
+des Abends. Eine Lampe auf der Terrasse . . . der samtene Rasen blau in der
+Dämmerung. Eine Syrinx flog über die Mauer. Sie stand auf, müde. Er
+begleitete sie bis an ihr Zimmer. Sie drehte sich halb um . . . er folgte
+nicht.
+
+Sie lag die Nacht wach, in gelber Gardine schwamm der Mond. Das Silber der
+Stutzuhr im Dunkeln . . . Bilder entblößter Damen, degentragender Herren
+steif an den Wänden, undeutlich im Dunkel . . . ein Spiegel glomm tiefer
+und ungründiger in seinen matten Glanz hinein auf dem Toilettetisch . . .
+kein Geräusch. Kein Vogel. Sie horchte auf Laute. Still und abenteuerlich
+der Park. Sie wartete.
+
+Den Morgen blieb sie lange liegen, wartete auf die Stunde seines
+Aufstehens. Als sie hinauskam, sah sie ihn über die Terrasse herkommen. Sie
+errötete. »So früh?« Er sah auf seine verstaubten Schuhe. »Nicht sehr!«
+
+Ein weißer Blitz setzte über ihre Hängematte am Mittag, schoß über das
+Rondell, flitzte in den Mittelpavillon. Sie sprang ihm nach. Nach links war
+der Flügel geschlossen, nach rechts folgten Räume, große Zimmer, vorüber im
+Lauf bemalte Wände, goldene Rebstöcke, japanische Tapeten, Mosaike,
+silberne Leuchter . . . die Fenster gingen bis zu dem Rasen . . . da stand
+Stefan neben einer kleinen Fontäne mitten im Zimmer. Auf seine Schultern
+hatte ein weißer Windhund die Pfoten gelegt, seine Hand fuhr an dem
+geschmeidig zitternden Rücken herunter. Er sah ihr Gesicht in der Portiere,
+ging ungestüm auf sie zu, unterdrückte eine Wallung: »Nimm den Hund. Ich
+gab ihn weg, weil ich zu sehr ihn verzog. Heute kam er zurück --.« »Ach,«
+sagte sie, »nein, ich bitte dich, ihn zu behalten.« Er liebte ihn, wie
+konnte sie ihn nehmen! Blieb fest Beim Abendspeisen sah sie, daß er litt.
+Sie hatte ihn abgewiesen, um ihn zu freuen. »Verzeih«, sagte sie an der
+Schwelle ihrer Tür, berührte schwach seinen Arm, sah über die Schulter.
+Seine Hand zitternd am Pfosten. Die Tür schloß, er folgte nicht.
+Blumengeruch toll die Nacht. Schlaflos bei aufgerührtem Herzen. Wohin
+trieben solche Konflikte, helfen wollen und verletzen . . . annehmen und
+gegen das Opferbereite verstoßen . . . Leid auf jedem der Wege . . .
+Brausen der Springbrunnen in der Nacht . . . diese Erquickung. Sie sprang
+hinaus, löste am Bassin der Tritone die Matinee, tauchte in das Wasser.
+Eine Wasserrose trug eine Tauperle. Sie stieß daran, das Kristall flutete
+vor Licht, zerbrach, der Himmel ward erschüttert von diesem Fall. Die
+Büsche schlugen auseinander. Stefan im Pyjama, den Ginster
+auseinanderbiegend, oben über den Figuren . . sie schloß die Augen zitternd
+. . . sie sah auf. Stefan war fort. Nichts in seinem Gesicht, das davon
+sprach den Mittag. Keine Gebärde anders in diesem Kopf. An seiner Ruhe
+spürte sie die Gespanntheit vor dem Schlag. Sorgen, Trauer, die sein Hirn
+verwüsteten, die Erwartung der tötlichen Minute, vielleicht schon aus dem
+Wipfel eines Baums gezückt. Blieb er unrührbar, lief sie heftiger in ihn
+ein, erschütterte sie seine Haltung unbedingter zu ihm hin. Einmal schoß
+sein Blick unverhüllt von der Seite, sie sah ihn im Spiegel. Sofort
+bändigte er ihn wie ein Tier. Sie spürte, wieviel ihm fehle, was er
+unterdrücke und wie es ihn fast sprengte, daß er sich überwand, sie nicht
+nahm. Ihr Mitleid erreichte die Tiefe, der blitzhafte Aufriß seines
+Herzens, das demütig solche Kraft überwand, wies sie zu vertiefterer
+Aufgabe. Sie mußte den Himmel ihm schöner überrunden, sich unendlicher mit
+dem Blut unter ihn betten, ganz sich verschenken an das, was sie
+verschmähte. In der Nacht, als sie schlief, öffnete ein Gewitterwind die
+nach innen geschliffenen Rundfenster, stürzte sich auf sie, schreiend fuhr
+sie auf, ergriff den Leuchter, rannte los, sah Stefan an einer Portiere,
+lief in seinen Arm, entsetzt von Schlaf und Schrecken. Sein Arm kam.
+Entfesseltes schlang um ihre Taille, noch tastend, zag. Dem Zögernden
+unterzog sie sich, gab sich hinein. Ein seltsamer Ruf, es schwoll heraus,
+ihr Hemd schwand, ein Mund nahm ihren. Hände über ihrem Bauch, die langen
+Beine fuhr es hinunter. Die Kissen schwollen über ihr. Lippen zogen über
+ihren Leib, küßten die Sonne, die um den Nebel lag, alle Strahlen, die rot
+wurden. An jede Hautpore wuchs die Hand, unverlierbar nahm sie, ließ
+wieder, erfaßte Neues. Tiefster Schmerz durchjubelte die Hingabe. »Daisy.«
+Hell, hingegeben dem Schmerzlichen in der heiseren Frage, ohne Zögern:
+»Ja.« Die Hand über den Hüften griff zu, Nebel riß über den Augen. Haare
+lagen zerstört und locker um den Körper, dessen feuchte glänzende Bronze
+das Kerzenflackern überschwemmte. Sie lag, als er schlief. Sie lächelte
+über das Geschenk, das sie ihm gab. Es war das Letzte, was sie konnte. Vom
+verflossenen Gewitter duftet der Garten herein, durchbricht den Raum. Es
+war ihr, sie erreiche die verschlossenste Grenze seines Wesens, habe ihn
+erfüllt. Am Morgen öffnete er ihr den versperrten linken Flügel. »Ich
+sparte es auf bis heute.« Sie trat ein.
+
+ * * *
+
+Das Wappen hielt sie fest, lang. Sie zündete die Kerze an. Schlug das Buch
+auf, zerfuhr es mit den Fingern, blickte um mit einem rätselvollen Gesicht.
+Einen Augenblick trat der Raum hinein. Sie sah nicht die Rebstöcke aus
+Gold. Fontänenwasser kam in die verzehrende perlmutterne Schale. Es kamen
+gerade Herren, golddunkle Bilder, Damen auf der altjapanischen Tapete und
+Jäger mit demantener Agraffe. Es kam ein Degen. Zersplittert, in den
+Trümmern gerahmt ein Spiegel mit dem Pistolenschuß in der Mitte. Es kam auf
+dem Tabourett in Wachs mit blauen Adern ein Kopf, eine rechte Hand. Es trat
+wieder aus ihr hinaus. Sie sah nur das Wappen. Es hielt. Es war das eigene,
+kam herauf aus den gestrichenen Jahrzehnten, wurzelte unten im Schoß der
+Generation. Ihr Blut griff zu, vermählte sich. Saß über holzgeschnittenen
+Signets. Es kamen ungeschickte, gestammelte Worte. Geschnörkelte
+Zeichnungen machten den Übergang unsicher. Hochmütige Sätze kamen,
+Buchstaben großer Form. Der Wahlspruch schien auf: Wenn ihr mit Männern
+spielt, so wißt mit wem . . . Und ist es mit Frauen, um was ihr spielt. --
+Aus dem Buch stieg der Saft des Gelebten. Der Raum erhielt Gewalt. Aus den
+Blättern der Miniaturen quoll der angesammelte Atem der Generationen. Die
+Farbe der Gewänder bekam Gewalt und blühte.
+
+Die Miniaturen platzten unter den Muskeln, die sich reckten. Der Stolz der
+Frauen sprengte die Taillen und die Sanftmut der Elfenbeinfarben. Die
+Wangen röteten sich unter dem Puder und glühten, Lider hoben sich schwarz
+und flammten sie an. Degen und brokatene Mäntel zuckten. Ein kühnes Auge
+traf sie wild. Ein Turban erschien mit den Augen der Gazelle darunter in
+der Galerie der Frauen. Von da ab waren die Köpfe ähnlich wie der ihre, wie
+ihres Vaters.
+
+Sie sah den Ahnen, der dies Haus sich baute. Sein Körper war größer und
+gewandter wie der der anderen. Sein Gesicht glatt und gefurcht von zwei
+großen leidenschaftlichen Linien. Unter dem Feuer seines Auges fingen die
+Spiegel des Raumes zu leuchten an, in ihrem verschleierten Glanz begannen
+weiche Hüften der Frauen zu wiegen, braune Torsos schlangen sich dagegen.
+Atem wilden Genusses rauschte mit Lachen in der Seide. Dies Gesicht führte
+ihr Geschlecht auf den höchsten Punkt ihres Blutes.
+
+Sie sah seine Schrift, seine Briefe. Frauenleiber wandten sich ihm zu und
+sträubten sich auf vor ihm. Ehrgeizige Spiele, sehr erleuchtete gläserne
+Säle . . . ein großer Ritt, der ihn mit Ruhm behängte, glitt durch die
+Luft. An einem heißen Abend begann er, dies Schloß zu bauen für den Sommer
+und die Zärtlichkeit der Frauen. Er stand davor, als er ankam. Die tiefen
+Fenster wühlten in der wollüstigen Nacht. Terrassen bogen sich kühl
+hinunter zwischen dem Taxus und den Hermen. Der Park stand wild voll Duft
+der Rosen und Jasminen. Fontänen bohrten sprühende Lanzen in die blaue
+Blumendämmerung. Ein Zimmer war erleuchtet mit vielen Kerzen. Er trat
+hinein. Am Morgen schrieb er mit vier Sekretären, noch feucht von der Haut
+der Geliebten. Dann ging die Sonne auf, er erhob sich und weckte sie aus
+Träumen von ihm. Da jagte er die Tiere. Die Sommer wechselten und fielen
+heiß herunter einer in die Spur des anderen. Da liebte er Dirnen. Er schoß
+die Saue. Das Pferd rannte unter dem Spiel seiner Schenkel. Kerzen blitzten
+um nächtliche Spiele. Lange Profile hingen wie Glas gegen den Schatten. Die
+Edelleute naher Höfe schwitzten um seinen Kartenschlag. Da fuhr er in
+Wagen. Da schlug er Hunde und küßte die Nägel ungeliebter Frauen. Ein
+einsamer Sommer umgab ihn ganz allein. Er wanderte, die Arme über die Brust
+gekreuzt, die Wege herauf, die Wege herunter. Seine Augenbrauen schoben
+sich im Dreieck zueinander. In einem zitronen trockenen Juli sah er auf der
+Landstraße ein braunes Kind, das in den Himmel lachte und nicht sprach. Er
+nahm es mit sich. Aus heißen Ritten warf er den Körper in das Bassin, das
+kristallen um ihn schäumte. Dumpfe Nächte durchschlief er mit schweißigem
+Haar. Mit großen Orden, den Degen zum Knie gesenkt, empfing er eine
+Fürstin, den Fuß am Schlag. Sie warf ihm Blicke zu durch das Glas ihrer
+Equipage, die er geschmeichelt nahm. Er diktierte Briefe, Befehle, Politik.
+Er arbeitete eine Intrige aus, die in London sich kraus gestaltete. -- Dann
+schlief er allein durch einen ganzen Sommer sich durch, locker in der
+Kleidung, zufrieden und still das Gesicht . . nichts weiter tuend, als den
+Himmel ansehen durch den Regenbogen der Tritone . . .
+
+Das Buch blieb geschlossen, die Lider stellten sich nach innen. Der Raum
+trat aus ihr heraus, wie die Fenster sich öffneten alle in den Parkmorgen.
+Stefan rief herein, sie ging neben ihm. Blätter, Büsche, Esel tanzten
+vorbei. Sie gingen. Das Ende kannte sie, seine Arbeit, seinen Tod. Es hatte
+ihre Jugend durchdrungen, ihrem Dasein Luft gegeben, Liebe. Daher kam sie.
+Das Vorspiel war neu, unwichtig, aber bestimmend. Er ging vor ihr her, die
+gleiche Kurve unten am Rand des Geschlechts, der gleiche Schnittpunkt
+führte sie wie ihn. Aus dem Knax kam sein Werk. Sein Rausch wurde Sinn, als
+die Gegenströmung in seine Sehnsucht sauste. Die Summen zog er aus dem
+Entsagen. Sie reckte sich, spürte sich mit ihm durchblutet. Er ging vor
+ihr, war der Vordere, ließ ihr ein Vermächtnis. Sie lächelte, sicher genug
+in sich, aber die Rechtfertigung ihres Daseins aus dieser mystischen Quelle
+bog sie auf vor Befriedigung. Sie gingen. Luft strömte frischer, die Beeren
+leuchteten. Sie gingen rascher. Er hatte gelitten, geschafft, die Lippen
+zerbissen, ausgeschlagen, sie empfand jede seiner Minuten. Das Vermächtnis
+wuchs. Von Vaudreuils Herzschlag vorwärtsgeschnellt fühlte sie sich
+getrieben. Fortsetzung seines Handelns kam an sie nach der Pause des
+Geschlechts, nach der Ruhe. Sie führte zurück in die Gemeinschaft, was er
+restlos erwarb. Er eroberte. Sie half. Das Angehäufte veredelte nun. Er
+schuf Platz für Menschen, siedelte, schaffte Arbeit. Sie aber befreite, die
+Sklaven geworden in diesem Beruf. In ihrem Blut saß die Vertrautheit seines
+Schicksals so, als habe er sie gezeugt, erzogen, seine Adern hinübergeführt
+in ihre. Und jeder Tropfen Blut trieb, forderte, verhieß Vollendung,
+Wirkung, aufbäumenden Zwang zur Tat. Die neue Kraft, die bestätigte,
+bestürzte sie, machte sie gierig nach Tätigkeit, wenn diese Mission
+vollendet, die sie noch umfing. Sie neigte sich zur Seite, nahm Stefans
+Hand. Es würde vorübergehen. Sie gingen.
+
+Das Gefühl durchdrang den Tag, machte Weichheit hingegebener an das
+Umgebende, das Umgebende tiefer verliebt in sie. Die Riesennelken der Beete
+brachen auf unter ihrer Berührung, die Zinnfiguren trugen ihr Lächeln, die
+Mauern wichen tief vor ihrem Blick in den Himmel. Das Tor fiel auf. Unter
+den Lerchen flog betäubend der Horizont auf. Bienen schossen in dunklen
+Bogen, die Wiese, die sie berührte, flammt gelb und zart. Sie gingen,
+nahmen auf, gaben aus. Liebkosten Rehe, scheuten die Saue auf, lachten sie
+zurück. Nahmen Pferde an der Ferme, trabten durch die Feigen, um den
+dreizackigen Wolkenberg, speisten Zwiebel, Butter, Brot, sanken im tiefen
+Schatten in Schlaf. In die violette Dämmerung ergoß sich ihre Ruhe. Kein
+Wort. Er hielt ihren Halfter, sie gaben die Gäule ab. Ein Fasan lief über
+den Weg, Pfaue gingen in einer Kette. Die Bäume der Allee fielen in rosane
+Glut. Stefan nahm eine Göttin, hob sie auf die Erde ins Gebüsch, stellte
+Daisy auf den Sockel. Sie senkte die Beine in einer von Anmut so erfüllten
+Bewegung, daß ihr Knie seine Stirn traf, dann seinen Mund. Sie spürte ihn,
+war plötzlich allein. Suchte, rief seinen Namen. Kam an den Pavillon,
+verwirrte sich in den Gladiolen, lief in der Gartenstrecke, kam an die
+Lichtung. Die Terrassen hingen beleuchtet. Ein Fest. Die Fenster hell,
+Springbrunnen fluteten durch die Nacht. Atemlose Stille. Ihr Name kam breit
+und voll Sehnsucht geworfen. Sie ging hinein in den Namen, besinnungslos.
+
+Sie verließ ihn, ging hinaus, sah den roten Mond durch die Pappel
+schwimmen. Das Wasser. Das Bassin überschäumte weiß, bläulich ihre Haut.
+Tritone sangen über ihr. Den breiten Guß eines Löwen fing sie mit der
+Brust. Die Blumen schwelgten in der heißen Luft. Das silberne Füllhorn
+schäumte unter der Sichel. Es überkam sie Sehnsucht, mehr ihm sich noch zu
+geben, Furcht, etwas zu versäumen, Schreck, daß das Schicksal niedersause.
+Sie überließ sich dem Wasser. Langsam kam die Ruhe, die einbezog sie in das
+Geschehen der Nacht. Im Stillerwerden der Luft ward es klarer in ihr, bis
+sie den Ausgleich erreichte, wo nichts sie rührte, alles sie verband. Sie
+ging hinein, suchte, traf ihn in seinem Schlafzimmer, die Stirn am Fenster,
+er hatte ihr zugesehen. Sie lächelte. Ihr Blick sah hinter ihm im Kreis der
+Lampe eine Schale. Sie erbleichte. Zog zwei Kugeln heraus, nickte zu einer,
+hielt die andere sprachlos ihm auf der offenen Hand entgegen. Ihr Augen
+säumten sich, wurden klein.
+
+Sie frug mit dem Blick.
+
+Ihre Lippen trugen den Namen.
+
+Heiser sagte er:
+
+»Le Beau.«
+
+ * * *
+
+Befreite er ihn, klappte das Messer, riß die Schlinge, flog die Mine, die
+ihn erledigte. Er hatte noch kurze Zeit, bis das Schicksal fiel, lebte, die
+Uhr in der Hand. Solange bedurfte er die Sicherheit gegen jede Möglichkeit.
+Er hatte Jahre sie gesucht. Paris, Marseille, Kalkutta, Pegu . . . hatte
+sein Leben umgestülpt, auf sie gerichtet, wurde gut an ihr. Was wog die
+Ausnahme gegen das Ganze? Nichts. Das Gewaltige seiner Änderung umfing sie,
+als sie verglich, trieb sie zu ihm, unter ihn: »Ich bin bei dir.«
+
+Nachts stand der andere auf, forderte. Sie tat Unrecht, um Liebe zu
+erweisen. Sie hörte die fadendünne Stutzuhr, sah die Sonne prallen gegen
+die Rideaux. Wischte die Nacht weg. Aus den mähnigen, windgestrählten
+Sonnenblumen trat Stefan. Sie sah über ihm die Katastrophe. Was galt
+Überlegung vorm Tod. Es flog aus ihr, bedingungslos, hinweg.
+
+Sie grübelte den Abend, die Ausnahme drückte sie. Sie maß ihr keinen Sinn
+zu. In der Nacht wurde sie riesig: Es kam nicht an auf die Größe, nur auf
+den Sinn. Da sprang durch die Portiere der Windhund, den er ihr geschenkt,
+weil er ihn liebte, den sie zurückwies aus Rührung. Der schmale lange Kopf
+strich an ihrer Wange. Sie hielt, was Güte an Stefan sie fesselte. Kein
+Gedanke quälte mehr. Im Halbschlaf gegen Morgen fuhr sie auf. Ein Mensch
+litt um sie. Sie ertrug es nicht. Schleifte den Hund aus dem Nebenzimmer
+herein. Der Hund genügte nicht mehr. Sie schwankte, ging herum, besah ihr
+Ohr im Spiegel, pflückte Glyzinen am Fenster, bückte sich, wechselte die
+Farbe. Stieg die Leiter zum Bad hinauf, drehte ab, kam herunter, atmete,
+sah in den Park. Legte sich nieder. Erhob sich, packte einige Dinge in
+einen kleinen Koffer. Ging an die Portiere seines Zimmers, sah ihn
+schlafen, schwer, fest, Mücken um seinen Kopf. Sein Schicksal, das er
+kindlich nahm, wühlte sie so auf, daß sie erbleichte. Als er erwachte,
+konnte sie nicht vermeiden, vorzutreten. Als er den Arm reckte, war seine
+Not eine Sekunde so groß, daß sie ihn nicht verließ, hineinging wieder in
+sein Schicksal. Als sie erwachte in seinem Arm, hob sie den Kopf, lauschte,
+bog die Brust aus seinem Muskel, glitt herunter, sah zurück. Sah nichts
+mehr als das Unrecht, sah nur den Gefangenen, der litt. Nahm das Gepackte.
+Hörte einen Wagen in der Nacht rollen. Holte ihn ein. Kam in das Dorf, in
+die Stadt. Schrieb ein Telegramm, das Le Beau befreite. Hob die Brust, nun
+atmete sie sicher, sah zurück aus dem Wagen. Konnte nicht anders. Das flog
+nun in die Luft. Vorbei. Es mußte sein -- und getragen werden. Von beiden.
+
+ * * *
+
+Der Wagen kam an eine Barriere, einen Bach, einen Fluß. Der Motor stockte.
+Am Mittag saß sie in der Nische über einem kleinen See. Die weißen
+Hotelwände prallten von Sonne . . . Sie denkt: Nun ist Le Beau frei. Er
+fragt: durch wen? Sieht die Depesche. Weiß: durch sie. Macht sich auf. Noch
+einmal fliegt seine Stunde. Das Auge blitzt vor Geist. Er fragt sich durch,
+beschäftigt Menschen. Er kommt an das Hotel, fordert. Sie will auch ihm
+dienen, seiner Enttäuschung sich unterbreiten, dem Geschlagenen nah sein
+. . . Ein Raum schiebt sich zwischen sie und den See. Sie schaut durch die
+geschlossenen Lider. Sie kommt gegangen über die Terrasse, geht durch das
+Zimmer des Ahnen, öffnet das Schiebfach, hebt die Kerze hinein. Sieht
+seinen Kopf, beginnt zu weinen. Eine Stimme aus dem Dunkel: »Ist es
+Sommer?« Sie ist tapfer, sagt hell: »Ja, Claudius.« Sie fährt mit der Hand
+über sein rötliches Haar: »Ché . . . mon ami . . . ché . . . doudoux.« Er
+lächelte: »Mit Gewalt macht es der andere nie.« Sie sagt: »Ich befreie
+dich.« Sie kommt mit einem Dolch, versucht das Fenster aufzubrechen.
+Unmöglich. Sie nimmt den Spaten, gräbt ein Loch von außen. Da steht Stefan
+im Fliederrondell, die Brust leuchtet phosphorisch, die Augen geschlossen.
+Sie stürzt in sein Zimmer, er liegt, schläft. Sie beißt die Zähne, zurück,
+stößt das Messer ins Schloß, das wie ein Kuhmagen gefächert ist, die Spitze
+bricht ab. Er ist bleich, lächelte aus dem verwüsteten Gesicht. Sie schreit
+laut: »Ich befreie dich.« Er lächelt mehr: »Das sollst du nicht.« Fast in
+der Ohnmacht fragt sie: »Was . . . was kann ich tun?« Sie ist außer sich.
+Sein Auge schließt sich:
+
+»Denk an mich.«
+
+»Ja.«
+
+Es gelang. Pappeln gigantisch reckten sich vor bleiernem Himmel, Duft der
+Syringen lüstern auf die Terrassen gestreckt, sie kam aus Gebüsch.
+»Traurig?« »Nein, da du mich liebst.« Sie beginnt mit den Drähten, arbeitet
+eine Stunde, es ist der letzte Plan, in der Pause erschöpft: »Daß du so
+leidest.« Er hebt die an ihren Händen verkrampften Augen: »Leide ich, wenn
+du mich liebst?« Sie beginnt wieder, steif vor Verzweiflung. Sie schafft
+eine halbe Stunde, Uhren schlagen, der Haken faßt, es gelingt die Flucht.
+Ein Gewitter bricht über den Wagen, weiße geballte Kugel saust überm
+Himmel. Nun sind sie vereinigt. Sie haben ein Haus. Fischerboote laufen
+unter ihrem Fenster, Motore überspielen delphinisch die Bucht, der Fjord
+wird größer, schlägt sich auf. Sie sehen sich an. Wochen, Monate. Sie gibt
+sich jedem Druck seiner Seele, scheucht das Gewesene, Trauer fällt ab,
+Stille umgibt sie. Atmet er ruhig, beglückt sie es, streift seine Hand sie,
+fühlt sie sein Glück. Eine Nacht wartet sie auf ihn. Er kommt nicht, sie
+wartet die Minuten, Stunden, zählt die tickende Uhr. Am Morgen erscheint er
+Sie ruft: »Deine Frau?« Er winkt ab. Sie ist erledigt, kein Gedanke streift
+sie. Aber der Schatten gräbt sich in ihre Seele. Sie übergeht ihn. Im
+Unterdrückten wächst er. Sie bekämpft ihn. Sie hat diesen befreit, will ihm
+Jahre ersetzen, Glück, das er Jahre erstrebt, bereiten. Aber ihr Herz
+leidet mit der Verstoßenen, sieht den Ring im Traum an Claudius Hand vor
+der Demonstration, schreit im Schlaf. Sie kann nicht leben auf Kosten der
+Frau. Aber sein Gesicht ist heiß, beschwört sie, fordert Liebe. Sie
+lächelt, gibt ihm aufmerksamer. Doch er will mehr. Er will das Strömende,
+nicht das Bewußte. Nicht das gut Gegebene, will den freiwilligen Akt. Sie
+sieht auf ihre leeren Hände. Sie hat es nicht, verstellt sich, macht, als
+seien sie gefüllt. Allein er sieht ihre leeren Hände, schreit verzweifelt.
+Sie hört den Ton, er reißt den Raum weg.
+
+Sie hebt die Lider . . . . -- --
+
+Ein Traum erließ ihr, was sie mit Stefan an Partie gespielt, verloren,
+dasselbe mit Le Beau.
+
+Die feinen samtenen Lider senkten sich über den eisgrauen Blick. Der
+schmale ovale Kopf hob sich scharf. Schrieb ein Billet, für den Fall, daß
+er käme, sie suche, das ihn zurücktrieb und ihn anfeuerte zugleich. »Du
+bist elend. Bin ich glücklich? Suche nach Befriedigung wie ich. Um dich wie
+um mich stehen Ungezählte. Der Gedanke, daß wir da sind, hilft uns beiden.
+Mehr kann der Einzelne nicht tun.« Sie packte, fuhr. Ihre Mission, ihr
+Abschweifung, war zu Ende. Sie kehrte zurück, der große Schwung riß sie zu
+sich. Die beiden, die ihr Blut unvergeßlich zuerst erregt, fielen aus,
+schieden, sie hatte geirrt, ins Einzelne sich verwirrt, versagt. Erkannte
+die magische Grenze der Kraft, die sie zurückzog. Wollte sich nicht
+verlieren, konnte nicht, apokalyptischer Hure gleich, dem, jenem, diesem,
+Schoß des Mitleids sein, sich verzetteln, sündigen gegen das Ziel. Sie
+reckte sich, befreit, jeder Verantwortung ledig gegen ihr Leben. Die
+beiden, die ihr Dasein immer gekreuzt, bis in die Tiefe der Demut
+durchgelebt ihr Schicksal, stürzten zurück. Was blieb: das Werk. Sie fuhr,
+stieg steiler. Saugte sich voll des Horizonts, der perlgrau vor sie sich
+schmiedete. War voll Gewinnst bis zum Rand. Trieb über die Nächsten ihres
+Bluts, die überwunden, dem Ganzen zu. Wie frei die Bahn vor ihr. Wie
+geschleudert die Straße gegen den Himmel hinaufgestreckt. Fuhr auf den
+Scheitel der Chaussee hinauf, fast schwingend. Gestrafft in jeder Muskel
+der Seele. Sicherer wie jede Sekunde, die sie gelebt. Angezogen auf der
+Sehne des eigenen Blutes ein Pfeil, der sich zum Losschwung spannte. Fuhr
+über den Scheitel der Straße. In der Senkung blieben die beiden: Wegweiser
+-- -- -- hin zu den Menschen. Da standen Tausende.
+
+ * * *
+
+Sie ließ Minsk, kam mit Empfehlungen nach Kiew, sah Contis Liste nach, traf
+die Zentrale, ward nicht abgewiesen, mißtrauisch behandelt, trat in ein
+offizielles Büro, sah die Taktiken, kam durch politische Korridors höher,
+spürte den Gegenschlag, enträtselte ihn nicht ganz, fiel vor der letzten
+Erkenntnis, zog eine Meute Männer, über die sie gesprungen, hinter sich
+her, verschwand. Bedurfte nichts weiter, hatte den Kernpunkt nicht, spürte
+aber die Maschinerie, das System. Es genügte. Gab es nach Minsk, blieb acht
+Tage im Südviertel, schaltete die Organisation nach der offiziellen,
+verzichtete auf Begleiter. Legte das erste Hebelwerk, pumpte es entgegen,
+in der gespanntesten Atmosphäre der Länder, der verfolgenden, war im
+Vorsprung, da die Technik die gleiche, Kenntnis der anderen nur bei ihnen.
+Glitt die Fäden weiter, wechselte Pässe. Sah in den Listen nach, machte
+Abschriften aus Angst, sie zu verlieren, legte die mit Contis Handschrift
+in den Safe einer Mittelstadt. Folgte der Linie, Tyska legatione,
+Stockholm, in Upsala eine Verschwörung gegen Lund, tastete tiefer, traf den
+letzten Zirkel der Jungsozialisten, maß die Spannung zu Wallenberg drüben,
+Undên, Branting auf der Gegenseite. Tauchte in Genua auf, studierte
+Quarantänen, Auswandererbaracken, Krankenhäuser. Erhielt Verstärkung,
+Staffetten, Abwechslung der Reviere. Spannte ein Seil nach Minsk.
+Vervollständigte die Listen, füllte Skizzen aus. Kaufte ein kleines Haus
+Rue du Purgatoire, Genf, aus Holz, vier Zimmer. Setzte Gordon hinein,
+beobachtete durch die Zentrale jede Kaserne, jeden Offizier, Stimmung der
+Eingekleideten, führte darüber Buch, bohrte, trieb, jagte den Geist,
+Auflehnung, Umstülpung, Bessern in jede Lücke. Rue St. Jacques hinter der
+Sorbonne kontrollierte sich die Presse, Gerichte, suchte Menschen auf,
+setzte sie in Stand, sondierte, suchte, setzte sie ein, entflammte. Fühlte
+mit neuen Kräften die äußersten Spitzen radikaler Kräfte ab. Schob Raffaeli
+vor. Trieb weiter, wo Geistiges verkalkte, Soziales verfettete, Unehrliches
+scharfes Ziel verfälschte. Zog die Linie von hüben und drüben. Sah die
+Listen nach. Schuf eine Mauer, machte, wurde klar. Schoß Druckschriften
+durch die Netze, Löcher der zementenen Mauer, hörte die Explosion. Sah
+Bordelle Budapests, Kaschemmen Altonas, Vorhäuser Bergens. Tabellen, Pläne
+verquickten sich, es rollte sich mehr rundend ein Ganzes gegen die Hebel.
+Kam der Schlag, der schleuderte, fuhr es auf, glitt in die neue Form.
+Sauste die Schaukel herunter, flog die andere auf, schmolz die letzte
+Etappe des Unglücks, verengte sich die Distanz unter Menschen, erstickte
+Ungerechtigkeit, irgendwo war Paradies, weiter. Sah vieles, verstand an den
+Wurzeln Gutes, Gemeines -- alles fuhr in das Bild, das Conti in der Pupille
+trug von der Welt, das sein Hirn dachte: Umschwung der Erde. Traf im Coupé
+eine Frau, die zu kreißen begann, gab ihr ein Papier. Ein Mann sprach sie
+an, schlicht, sachlich, vornehm, strich über das schwarze Haar, erbat
+Mittel für eine Mission. Sie lächelte, das linke Auge schloß sich. Der Mann
+erbleichte, begriff ein Überlegenes, ohne daß er verstand. Sie setzte nur
+auf den großen Schlag, hielt dicht die Depots zusammen, verbesserte nicht.
+Wollte ändern. Traf nicht die Haut, wollte das Herz. Gab nicht
+verschlampter heuchlerischer Wohltätigkeit verlogener Gesellschaft einen
+Sou, tat nichts in verlorenes verspätetes Spiel. Sah in die Listen. Spürte
+durch die Zeilen das zischende vulkanische Geräusch aufsteigender Kräfte.
+Sie sagten ihr: Wohlfahrt der Massen. Sagten: Erleichterung der Bürden. Sie
+horchte: Bildung des Volkes. Verzog den Mund, höhnisch. Züchtete junges
+Fleisch, legte nichts mit lächerlicher Gebärde ins Faule. Ein Mann kam,
+eine Mütze mit Metallschild funkelte in den Händen. Sie unterzeichnete ein
+Papier: Administration des Prisons. Empfing ein Paket, »als ihr Eigentum
+bezeichnet«. Öffnete. Es waren die Haare, die Stefan bei der Flucht in die
+Berge ihr abschnitt, daß sie einem Jüngling glich. Er trug sie in seinen
+Kleidern. Sie kamen zurück. Sie lächelte, nur die Augenecken bebten. Führte
+die Fäden in ein Netz, legte es in Raffaelis Hand. Zog neue Linien. Vom
+Grabe Di Contis drang ungeheure Kraft. Gab Wind in sie, Sturm, nie Pause.
+Ging in ihre Sprache, ihre Ordnung, ihren Befehl, ihr Unterwerfen. Sein
+Geist schnellte von ihrer Zunge, trieb hoch, erwählte, forderte Unbedingtes
+-- ging in ihrem Bein, entzündete durch ihr Herz. Bauern starrten blöd auf
+die Agierende, lachten sich an breitmäulig, gespalten, gingen heim,
+vergaßen es nie. Traf mit ihrem Blick ins Schwankende, vollführte die
+Entscheidung. Stieß, wie als Kind die Schlange, Falsches zurück, riß
+Geeignetes an sich, mit sich hoch. Männer nahmen den Blick von ihrer Hüfte.
+Jünglinge gaben sich ihr mit einem Ruck vorbehaltlos: nimm. Sah die Listen,
+ließ die Zentren, teilte Kreise, Quadrate, suchte Provinz, begann Kleines,
+spritzte Agenten aus aufs Land, schuf Agitatoren, die es nicht wußten, ließ
+erkennen, hatte Vertrauensleute, die es nicht ahnten. Warf Summen in die
+Siedepole, weißglühende Spannung, Rußland, Indien. Blieb im Hintergrund,
+schaffte, verbarg sich, war kleine Agentin, wußte nicht, wann ereignet es
+sich, wann gewinnt mein Ziel. Sah in die Listen. Es genügte. Führte sie.
+Sie tat das Vermächtnis. Es war genug.
+
+Trat in eine Förderation, die kleine Huren erquickte, ihren Bauch ausruhte.
+Raffaeli schob den Mund schief im Bart: »Sie sind eine Frau.« Sie
+schüttelte die Haare, lachend, machte die Ausnahme, stellte sich gegen die
+Polizei der Gesinnung, sah das Blödsinnige wohl ihrer Handlung, in diesem
+Falle Aussichtslose der Besserung. Tat es dennoch, hatte zu viel hier
+gesehen, zu sehr selbst erlebt, konnte nicht warten, bis das Leben sich
+umdrehte, empfand Linderung im Gedanken, es werde gelindert. Belog sich,
+wußte es, sah Raffaeli an, er senkte das Auge. Sie zwang Vertrauen auch im
+Traum. Blieb sonst eisig. Blieb verborgen, Reisende, spanische Tänzerin,
+Studentin, Dame. Sah die Listen, folgte der Kurve, sie ging nach aufwärts.
+Noch nicht die Höhe. Erweiterte das Einzelne, vervollkommnete, verlängerte.
+Strich durch, verwarf, erneuerte, erhöhte. Gründete ein Restaurant Rue
+Monsieur Le Prince, wo gegen Ausweis Abgemühte ihres Geistes Essen
+erhielten. Gab Raffaeli das Schloß, bog den Rausch des alten Vaudreuil ein
+in den Sinn ihrer Existenz. Warf die Schatten der Frauen hinaus.
+Geschlagene ihres Schlachtfeldes gingen auf den Terrassen. Sie selbst sah
+es nie mehr. Studierte die Krankenhäuser großer, kleiner Städte, machte
+eine Tabelle, zog eine Gleichung, ward nachdenklich. Machte Verzeichnisse,
+wog ab. Gab unter der Boulmichlaterne einem schmalen Dichter aus Renées
+Genfer Kabarett zwanzig Francs, traf ihn die Nacht mit Mimis im
+Absyntherausch, traf ihn wieder Rue Guijas, schlug ihm Geld ab, gab
+Anweisung auf Brot: »Schwärmen Sie, ich bin nicht Pedant. Aber essen Sie,
+damit Sie tauchen.« Raffaeli schluckte, errötete, schloß die Augen zum
+Schlitz: »Verzeihen Sie wegen der Förderation.« Sie schlug einen Kreis um
+das Grab Di Contis, befreite. Sprach mit einem Sergeanten, ließ ein Haus
+reinigen, gab es einem Balten, machte damit eine Kulisse, brachte die
+Häuser an sich, besiedelte sie mit seinen Leuten, armen Menschen. Empfing,
+ließ gehen, erhielt, gab aus. Reiste, erschien wieder, blitzte auf,
+verscholl, kam mit neuem Plan, dichtete das Netz. Hatte einen Reiz auf
+Menschen, der unwiderstehlich entzündete, gierig machte, umschlug, die
+Augen veränderte, das Leben. Tätig machte mit ihr, fortzog, dienend,
+hochmütig vor Verantwortung. Reiste nördlich. Zog am Todestag Contis die
+Liste heraus. Verglich, zeichnete, ging ans Fenster, sah die Maste und
+Schorne steif nebeneinander, ein Wald gereckt. Schloß die Liste. Legte den
+Kopf zurück: Fast erreicht, fast erfüllt.
+
+Gab sich der Ruhe hin, Tage, Wochen. Lebte, gab sich preis dem Hafen, dem
+ungeheuer Kommenden, Gehenden. Fühlte den Herzschlag des Bodens, Wiegen des
+Horizonts. Mit den Schiffen ging sie hinaus, kehrte sie voll zurück. Traf
+ein kleines braunes Kind, das die Antennen eines Dampfers visierte, wo die
+silbernen Sonnen der drahtlosen Netze blitzten. Nahm es mit, badete es,
+legte es zu sich, hörte die Nacht wieder Herzschlag an ihrem. Wachte, ward
+nachdenklich, suchte die Gleichung, die Tabellen. Fuhr hinauf über
+Christiania, fahles Licht prallte ihr entgegen. Die Schiebetür des
+Lazaretts tat sich auf. Sie sprach den Arzt, die Brillengläser standen
+scharf auf ihr, er prüfte, legte beiseite. Sie blieb ein paar Tage. Ihr
+Zimmer stand leer. Andere Pläne umgaben sie, andere Pflichten. Sie blieb
+dennoch. Sie war nicht draußen nötig, hatte erfüllt, was ihre weibliche
+Kraft konnte: angeschmiegt an die Aufgabe, diese vorwärts getrieben
+unhemmbar. Sie kleidete sich um, schritt hinunter zum Saal: »Ist Naga
+hier?« »Nein.« Am Morgen trat sie in das Zimmer des Zigeuners. Er starrte
+schweigend: »Durst.« Sie brachte Wasser. Er schiffte in die Wanne. Sie
+schöpfte sie aus. Grinsend ließ er seinen Darm hinein. Sie legte die Glocke
+ins Wasser, sog den Schlauch an, ließ altes Wasser heraus, neues hinein. Er
+lallte einen Fluch. Die Zunge gehorchte ihm nicht mehr. Er sprach
+undeutlich. Sie ging in Nagas Saal. Daß sie fehlte. Gut . . . wie schön,
+das Leben heiter und reizvoll zu nehmen. Der Fiebernde zog an den Lidern.
+Sie gingen nicht mehr auf. Dunkelheit immer um ihn. Keine Mutter am Bett.
+»Deine Mutter?« »Tot.« Ihre Hand auf seiner Stirn . . . er erkannte sie.
+Licht ging hoch auf seinem Gesicht. Unruhige Schatten schwankten, wenn sie
+sie löste.
+
+»Sie . . . da«, des Predigers Auge irrte unstät von ihr zum Fenster. Er sah
+die Welt hinter ihr, roch sie in der Luft, die sie noch umgab. Ein Bogen
+schlug sich von ihrer Schulter übers Meer: dort die Welt, unmeßbar gepreßt,
+verführerisch, sein Schicksal! Haß kam in seine Augen, brannte auf sie. Sie
+neigte sich zurück: »Glauben Sie es immer schön . . . leicht?« Er wollte es
+nicht hören: »Nur dort sein.« Sie lächelte: »Und dann?« . . . . . . . . . .
+Weiter. Auf und ab die Räume. Blicke gebannt an ihr . . . . . . die Hitze
+kam. Der Wind ihres Atems brachte Ergebung, Ruhe. »Wasser«, sie eilte,
+kühlte, verband. Wie leicht das Schwerste zu tragen, stand sie daneben.
+Welches Glück im Verzweifeln, sah man sie nur fern. Sie teilte aus,
+schlichtete, sprach zu, freundlich, unbewegt auch durch Trotz, Feindschaft
+prallte ab, ward Neigung. Die große Schwester kam in der Tür mit ihr
+zusammen. »Verzeih,« sagte sie, neigte den Kopf, »daß ich deine Instrumente
+einmal beschmutzte.« »Schon damals verzieh ich.« Die Schwester küßte
+ungeschickt nach ihrer Hand, traf sie nicht, sondern die Klinke. Aus dem
+Garten ein Zug . . . ein neuer Kranker, den Blick wie ein Fisch, resigniert
+ohne Kampf -- -- -- unmögliches Dasein. Sie stachelte ihn auf, zeigte ihm
+täglich das Neue, Buntes, geliebte Landschaft, Bilder von Karussells und
+Kirmis. Seine Sehnsucht wuchs, stieg, ward tödlich. Als sie vorbei war,
+gefestigt in dem Überwundenen, hatte er Heiterkeit. -- -- -- Sie machte
+Schaum aus Soda, Schmierseife, heißem Wasser. Tag auf Tag beginnend mit
+Schüssel und Schüssel . . . trotz der Hitze sangen die Matrosen: »Es kommt
+Gewitter.« Sie sagte es zehnmal, jedesmal mit erneut gesteigerter Kraft. In
+der Unmöglichkeit wuchs der Glaube nur stärker, verbreitete sich, trat aus.
+War das Haus eine Kasematte schmelzenden Bleies in weißer Hitze, lauschten
+schon halb erquickt die Insassen dem Regenfall, den sie versprach. Der
+Glaube der Männer stieg, stand in dem Raum wie eine Wolke. Der Blick des
+Predigers traf sie, erstaunt, ohne Haß. »Ich sollte nicht Kraft haben, zu
+dulden, wo Sie Ungeheures vermögen?« Sie schnitt ihm das Fleisch, legte die
+Messer hin: »Wie gering ist das alles.«
+
+Nachts beim Füllen des Wassers fiel sie ohnmächtig um neben der Wanne des
+Zigeuners. Sie sah auf, erwacht. Die große Schwester drückte ihr ein kaltes
+Wasserkissen auf die Brust, schielte mit den Augen zwinkernd nach der
+Seite, ein noch nie erblicktes Lächeln um den harten Mund. Der Zigeuner saß
+in größter Erregung. Er hatte geschrieen, jetzt beruhigte er sich. Als sie
+allein mit ihm war, stammelte er, Sprechens kaum mehr fähig: »Die . . .
+vorher . . . schlug mich.« Er tanzte im Wasser auf und ab. Die Angst, sie
+zu verlieren, löste ihn. Er schlug in die Hände: »Bitte . . . bitte . . .«
+Dann schwieg er.
+
+Der letzte Sieg. Auch diesen halbverfaulten Kretin, der vor Bösem strotzte,
+überwand sie.
+
+In diesem Augenblick fühlte sie verzweifelt, daß etwas fehle. Schwer atmend
+ging sie durch den schwülen Raum. Die Luft vor der Küste war
+zusammengezogen von silbernen Nebeln. Die Erde, aufgetan, dampfte zarteste
+Glut. Sie ging, erschrak, öffnete sich mit maßlosem Entzücken: das Meer. Es
+lag hinter dem Schleier, schlug groß und dumpf. Ein Vogel flog auf, stob
+über den Boden, setzte sich wieder. Sie erreichte ihn. Er flog zur anderen
+Seite, wischte den Nebel zu großen Strudeln. »Rype«, rief sie ihm. Ein Hase
+mit hell leuchtendem Pelz. Der Bach geschliffen, stählern. Langsam das
+Rauschen einer schwimmenden Otter wie aus der Ferne. Die Gegend ging
+heller, von seinem Dunst ins Gespenstische zugezogen. Möven schlugen sich
+hoch. O Möven. Der Mond fiel platt auf das Wasser. Dunkelblau gemeißelt
+stieg das Meer, ungeheuer gereckt mit metallen gekühlter Wut. Die Möven,
+hochgerollt, hingen eine unbewegliche Schlange vor dem Himmel. Alles trug
+ihren demütigen Sieg ihr zu. Am höchsten Triumph spürte sie die Lücke. Es
+genügte nicht. Das Letzte fehlte. Woher?
+
+Sie hatte Sehnsucht, wußte nicht wohin.
+
+Was Menschliches zu tun war, flammend war es getan. Sie war zufrieden.
+Nichts störte ihr Treiben. Im Lallen des leprosen Idioten formte sich
+glühend ein Glück. Hatte entsagt dem Eigenen. Nichts Einzelnes sog, lockte,
+begehrte. Entwichenes pries nur ihre Unermüdlichkeit. Kein Phantastisches,
+Gewähntes verwirrte. Dennoch fehlt das Letzte, stieg das Sehnsüchtige
+unerträglich. Dreieck spannte sich aus den Brauen, ihr eisgrauer Blick
+streifte das Meer.
+
+Ihr Rücken stieß an etwas.
+
+Ein Baum.
+
+Der Saft zog in sie, ihren Leib, die Schenkel, das Herz. Das Meer ward ein
+Spiegel, scharf, nebellos: Smaragdene Inseln tauchten aus Fächern der
+Sonne. Abends kamen sie ins Freie. »Meer«, schrieen sie. Die Sonne sank
+blutrot über Herden neuer Inseln. Phalux. Der Ottava rauschte, Flöße und
+Feuer. Warum flog der Körper nicht über das Segel. Tausend Klüver wiegten
+auf dem Ontario, schliffen träumerisch den Horizont stahlblau . . . .
+
+Sie senkte die Lider, hielt die Sehnsucht fest im Innern, sie durchdrang
+sie mit dem Saft in jeder Pore. Ihr Leib und der Baum hoben sich,
+ineinandergeflochten, zum schlankesten Instrument der Sehnsucht. Standen im
+Traumgrau der Landschaft aufgerichtet, eine Flöte. Der Klang des Blutes,
+weich sich hebend, nur nach Getrenntem gierig, war Schmerz des Rohrs nach
+der Weide, aus der es geformt. Wurde tigerhaft, stürzte durch die Gefäße,
+ein Aufschrei: zurück zur Heimat.
+
+Der Morgen ging auf.
+
+Ein Segelschiff bootete aus. Sie nahm es. Eine Stadt entschwand. Nebel
+rollten unter der Sonne. Unter braunen Segeln entschwand glühend das
+Kupferbergwerk in die Klippe. Noch einmal standen die Flaggen starr. Dann
+fraß das Meer mit einem Ruck das Ganze.
+
+Stand am Schornstein, ging auf Verdeck mit großen raschen Schritten,
+schaukelte mit jeder großen Woge, ging hinunter, hinauf, es kam ihr
+entgegen. Der magische Pol ihrer Jugend streifte ihr zu, je näher sie
+rückte. Studierte Barometer, Karten, die Lotung. Traf Beamte, frug, sah den
+Kapitän, lächelte. Wind trug ihr Frische zu. Schaum, vom Bug
+heraufgeschlagen, legte sich köstlich auf ihre Haut, Schmelz blühte sie
+hoch. Abends unter der eingeholten Fahne kam es: Sie hatte Kraft
+verbraucht, ihr Leben hingegeben, Stück für Stück vergeben, gezahlt im
+Guten wie im Bösen. Die Spannung blieb wohl, die sie schnellte. Aber erst
+der Saft der Erde, aus der sie kam, durchdrang sie neu, strebte ihr
+entgegen. Kräftigte sie und machte sie schön, glühend, auf langen Beinen
+die zarterhaltenen Brüste, der wilde Zug um den demütigen Mund, die heißen
+großen Lippen: daß sie die Stärke habe, tätig und unermüdlich wachsend und
+handelnd zu warten, Di Contis Vermächtnis erfüllend, daß irgendetwas,
+Erdbeben, ein Komet, die faulige Erde (geschminkt zwar und kokottenhaft
+noch lächelnd in ihrer Raserei), durchwühle und stürze, daß Schicksal sich
+balle und sie selbst zurückkehre, die Maschine zu entfachen in den großen
+Kreis der Tat, gespeist aus dem Atem ihrer Jugenderde zu Mut und
+unentspannbarer Dauer.
+
+Ein Mittag scholl. Klippen. Der Lorenzo. Möven in Spiralen durchwälzten die
+Luft. Kanonen brüllten. Der erste Halteplatz kam. Sie raffte die Plaids.
+Langsam zählte sie die Koffer, etikettierte, ging über den Steg ins Boot,
+ans Land. Das Gepäck häufte sich um sie in der Morgendämmerung, noch grau
+unter Bäumen. Ein Park von Wagen scharrte um sie. »Hinweg . . . hinweg --«,
+ein Diener stieß sie an, rief einen Namen, rief den Namen, rief ihn
+dreimal. Hinter ihr Kommende drückten, kamen vor sie, verdeckten. Da
+dienerte ein Neger. »Nein.« Er lutschte die Zunge zurück, steckte die
+kleinen Finger in die Ohren, wiegte auf den Beinen. Über ihrer Achsel
+schwebte etwas, ein Eselmaul schrie, den Hals hoch neben ihrem Ohr. Etwas
+fiel vor ihr hin, als klatsche ein nasser Fisch auf Stein. Sie bückte sich,
+faßte ihr Paket, sah rasch auf. Ein Schatten blitzte vorüber. Sofort schloß
+sie die Augen, griff namenlos entsetzt an die Brust. Es spielte sich
+beißend ab unter den geschlossenen Lidern: Ein Mann mit Lichtkonturen
+machte eine Bewegung, aber er riß nichts heraus, sondern streifte die Hand
+nach ihr, schob etwas in sie hinein. Eine Beglückung durchfuhr sie, stieg
+in ihre Haut, in die Warzen der Brust. Sie schwebte. Sein Gesicht war
+blond, gescheitelt, das eines Skandinaven, die Figur ihres Traumes, ihrer
+Sehnsucht. Ihre Augen hoben sich, es verschwand, das Erhobene, Blutsüße
+blieb. Gepäckträger häuften ihre Koffer auf einen Wagen. Sonne stach durch
+das Grau, brauste mit einer Welle durch die Zweige. Ein Wagen streifte ihre
+Schulter, schmiß sie fast um. Sie drehte unter der Gewalt des Stoßes sich
+um die Achse. Eine rauhe Stimme brüllte: »Idiot.« Sie steckte das Paket in
+die Manteltasche, wieder blitzte der Schatten, nur ähnlicher, sie
+erbleichte. Zitternd hob sie mit der Hand aus der Tasche die drei achatenen
+Kugeln. Zurück? Sie dreht sich wild herum. Die Wagen scharren alle, bewegen
+sich, ein Gewölk unter den Palmen. Eine Lichtung entsteht.
+
+Da steht darin Caspare Symes. Neben ihm ein Pferd.
+
+Die Kluft ist zu groß -- ihr Herz erstarrt -- zwischen ihm und ihrem Leben.
+Sie hat überwunden, längst. Die unbefangenen Gefühle fehlen zu dem, was im
+Menschlichen ihr am erstrebenswertesten schien. Vorbei. Sie zieht den Mund
+ein.
+
+Als er den Kopf bewegt, hebt sie die Achseln, ein wenig, zuckend. Sie
+schüttelt den Kopf. Nun rast ihr Herz.
+
+Da sieht sie erschreckend, daß sein Gesicht verändert ist. Di Contis Atem
+schlägt ihm aus der Haut, sein Geist vom Auge. Seuche, Leidenschaft,
+Erlebnis haben ihn geschlossen zu unsterblich menschlicher Schönheit.
+
+Da erkennt sie in ihrer tiefsten Minute plötzlich: Daß dies ihr aufgespart
+war, damit sie vor eigenem Glück das Größere, Menschliche erst erfahre. Und
+da sie tapfer gekämpft bis auf die Höhe, schlägt der andere Pol ihres
+Lebens ins Zentrum, wächst, beglückt, ist da, ist da.
+
+Und da sie nicht enttäuscht und feig vom Dasein kam, sondern durch größte
+Bemühung nur der Weisheit näher ein Geringes gekommen, geladen mit Kraft,
+gegen die Welt zu stoßen, sie zu ändern und Contis Hebel aufzuschlagen aus
+dem nun unfehlbaren Gehäuse, wandte sie ihm, der auf sie zuging, kurz und
+heiß die Hand zu:
+
+»Komm.«
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Achatnen Kugeln, by Kasimir Edschmid
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ACHATNEN KUGELN ***
+
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+Produced by Jens Sadowski
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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